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An den Grafen Sergej Semenowitschvon Uwarow

Hochwohlgeborner
Insonders hochgeehrtester Herr!

Die Versicherung eines fortdauernden gütigen Andenkens zugleich mit einer so reichhaltigen Sendung[258] hat mich bey dem eintretenden Frühjahre gar freundlich begrüßt, und ich wünsche, daß dasjenige, was ich dargegen anbieten kann, mit Wohlwollen aufgenommem werde.

Daß der edle Moreau einen edlen Lobredner gefunden, der so wahr und zugleich gewandt und kunstreich die Verdienste des in einem so bedeutenden Moment hingerassten außerordentlichen Mannes darzustellen und uns über seinen Abschied zu beruhigen und zu trösten weiß, dieß gehört auch zu den Folgen eines thatenreichen und zugleich sittlichen Lebens, welches noch über sich selbst hinaus in den Nachkommen wirksam ist.

Mit dem Herausgeber des griechischen und übersetzten Gedichtes bin ich völlig einverstanden: denn obgleich das Leben kurz genug ist und wir schon zufrieden seyn dürfen, wenn wir uns mit den besten Werken der Alten bekannt machen und befreunden können, so ist doch für alle diejenigen, welche sich den Kunstbetrachtungen ernsthaft widmen, höchst erwünscht, wenn man ihnen Gelegenheit giebt, auch in diejenigen Zeiten zu schauen, wo zwar noch immer Geist, Leben, Leidenschaft und Talent in dem Menschen wohnen, aber nicht mehr zu einer freyen, reinen Ausbildung gelangrn können, weil gerade die trefflichsten Vorgänger den Nachfolger in Überbildung, ja Verbildung hintreiben. Auf alle Fälle stellt das hier übersetzte Werk einen kräftigen und gefühlvollen und [259] zugleich wundersam sprachgebildeten und rythmisch geübten Poeten dar. Mir und meinen Freunden hat das ganze Heft sehr angenehme Stunden gebracht.

Möge Ew. Hochwohlgeboren beykommendes Bändchens gleichfalls einige Unterhaltung geben und Ihnen gewisse Epochen der deutschen Cultur, für welche Sie sich so gründlich interessiren, vor die Seele stellen.

Ich habe bisher so manche würdige Personen aus Petersburg kennen lernen und von allen Ihr fortgesetztes Wohlbefinden und ununterbrochene Thätigkeit vernommen; besonders aber war mir erfreulich, die einstimmige Hochachtung bemerken zu können, die man Ihren Vorzügen und Verdiensten widmet. Möge doch irgend eine Veranlassung Sie bald auch einmal in unsere Gegenden führen, damit wir uns persönlich und mündlich zu denjenigen gesellen können, welche Ihnen die verdiente Verehrung zollen, welches ich denn hier schriftlich thue, indem ich die Ehre habe mich zu unterzeichnen

gehorsamst

Weimar, den 9. May 1814.

J. W. v. Goethe.

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