1814, 9. August.


In de l'Aspées Schule

Soeben, 9. August, läßt sich Goethe melden; es ist halb elf Uhr. Wie freue ich mich! Wenn mir's nur gelingt, daß ich auch vom Guten Gutes, vom Großen Großes sagen kann. Gott helfe mir! Jetzt setze ich zwei Stühle. Er kommt! Adieu! – Er ist soeben und, wie ich glaube, mit großer Zufriedenheit weg. Er blieb bis 1 Uhr. In der Grammatik fragte er manches selbst; besonders interessirte ihn die Kopfalgebra und überhaupt das Kopfrechnen, aber über alles ein Examen über deutsche Sprache. Ich aber fürchtete, das Ganze erscheine ihm als Prunk. (Um zu verhüten, daß die frappanten Resultate dem Uneingeweihten als Auswendiggelerntes und mechanisch Eingeübtes erscheinen, forderte de l'Aspée jeden Fremden und so auch Goethe zum Selbstexaminiren auf). Als er erfreut sagte, (berichtet der wackere Pädagoge weiter) ich möchte doch selbst fortfahren, nahm ich eine neue Sprachseite, von der meine Kinder noch nie [141] etwas gehört hatten, was sie selbst auch laut vor ihm bekannten. Vorerst muß ich sagen, daß sie mir selbst neu war. Aber alles gelingt mir nur mit den Kindern und zwar dann am allerbesten, wenn ich mich in einem für die Methode entscheidenden Augenblick dazu auffordere oder dazu aufgefordert werde ..... Weil mir dieses schon so oft, wie ich glaube, gelungen ist, fürchtete ich mich auch nicht vor Goethe, und die Kinder zeigten sich so kräftig und selbstständig, daß sich Goethes Gefallen an der Sache zunehmend zeigte. Soeben erfahre ich, daß Goethe zum zweiten Mal kommen will, so gut habe es ihm gefallen. Er hat wenig geredet, aber viel über den Gang gefragt. Überhaupt halten die meisten Leute anfangs nichts auf den Gang, sobald sie aber die Kraft gesehen haben, wollen sie nun diesen wissen. Mit ihm waren Oberbergrath Cramer und Fräulein v. Hertling hier. – Goethe sandte dann zur Vertheilung unter die Zöglinge eine Anzahl Exemplare von »Hermann und Dorothea« als Zeichen seiner Zufriedenheit mit ihnen.

[142]

Der annotierte Datenbestand der Digitalen Bibliothek inklusive Metadaten sowie davon einzeln zugängliche Teile sind eine Abwandlung des Datenbestandes von www.editura.de durch TextGrid und werden unter der Lizenz Creative Commons Namensnennung 3.0 Deutschland Lizenz (by-Nennung TextGrid, www.editura.de) veröffentlicht. Die Lizenz bezieht sich nicht auf die der Annotation zu Grunde liegenden allgemeinfreien Texte (Siehe auch Punkt 2 der Lizenzbestimmungen).

Lizenzvertrag

Eine vereinfachte Zusammenfassung des rechtsverbindlichen Lizenzvertrages in allgemeinverständlicher Sprache

Hinweise zur Lizenz und zur Digitalen Bibliothek