Zwischen 1805 und 1816.


Bei der Bühnenprobe zu Ifflands »Herbsttag«

Die Probe, welcher als unberufener Zuschauer beizuwohnen ich [Gotthardi] mir die Ehre gab, war die von Iffland's ›Herbsttag‹ ..... Kurz vor Goethes [190] Ankunft war von Genast, welcher in dem Stück den Andres zu spielen hatte, dafür gesorgt worden, daß die Scene geräumt und einstweilen alles für den ersten Auftritt vorbereitet war. Man hätte den Eifer und die Sorgfalt sehen sollen, womit der bewegliche Mann sich diesem Geschäft unterzog, und die Pünktlichkeit, womit ihm gehorcht wurde! Der Anfang ließ nicht lange auf sich warten. Die Leute, das hörte man sogleich, hatten ihre Rollen gut gelernt, oder vielmehr repetirt, und sprachen sie ebenso geläufig und sicher, als mit richtigem Verständniß, ja, sie nahmen sich, wollte mich bedünken, als ständen sie vor den Zuschauern ..... Goethe schenkte keinem und keiner etwas. Bald hatte er zu erinnern, daß die und die Stelle zu schnell, bald daß sie zu langsam recitirt werde; bald rückte der eine dem andern zu nahe auf den Leib, bald hielt er sich von ihm zu fern; bald erfolgte der Abgang dieses Schauspielers zu hastig, bald nicht rasch genug, und sie mußten sich ohne Complimente dazu verstehen, alles, was er zu tadeln fand, nach seinem Willen zu machen. Graff, der den Landhausbesitzer Selbert zu geben und eine sehr starke Stimme hatte, erhob diese an einigen Stellen kräftiger, als es der Charakter dieses über alle Gebühr weichherzigen, weinerlichen, in einem breiten Gefühlsmeer schwimmenden Iffland'schen Vaters vertragen konnte: so in der Scene des ersten Acts mit seiner Schwiegermutter. »Mäßigung! Mäßigung, lieber Graff!« rief [191] Goethe ihm mit lauter und doch sanft warnender Stimme zu: »Dieser Selbert muß als ein sehr leidenschaftsloser, ruhiger Mann gehalten werden.« – Derselbe Schauspieler hatte noch die Gewohnheit, den rechten Arm mit geballter Faust öfter auf den Schenkel fallen zu lassen; es bedurfte nur der kurzen Erinnerung Goethes, dieser Geste sich am unrechten Orte zu enthalten, um ihn für die Folge auf sich aufmerksamer zu machen. Die Beck als Frau Saaler, lebhaft, wie sie war, wurde an manchen Stellen zu laut, scharf aufschreiend, und bewegte – unter anderem in dem Auftritt des zweiten Aufzugs, wo sie sich über das Betragen des zurückgekehrten Fritz beschwert, – den Kopf zu unruhig hin und her. Goethe machte ihr dieses Zuvielthun bemerklich; sie kam sofort zur Erkenntniß und wußte sich von da an besser zu beherrschen; Mal kolmi's Licentiat Wanner, die behaglichste und amusanteste, jedoch angesuchten, unnatürlichen Übertreibungen des Humors leidende Rolle in dem ganz unerträglichen Thränenstück, verleitete ihn einigemal die Worte stärker und rauher hervorzustoßen, sie wie polternd zu prononciren, was ihm Goethe bei den vorkommenden Fällen gelassen verwies ..... Die Lortzing als Marie bekam bei einzelnen Stellen auch ihr Theil weg, worüber ich sie der larmoyanten Rolle wegen, die sie auf dem Halse hatte, ordentlich bedauerte; sie verfiel einpaarmal in eine gedehnte Sprechmanier, die in späteren Jahren, wo sie die Bühne wieder betrat, noch [192] hörbarer wurde, und Goethe unterließ nicht, diesen Fehler schonend zu rügen. Den meisten Spaß machte mir das launige Wort, das er an den allzulebhaften hitzigen Peter-Unzelmann richtete, und worüber, hätte ich mich nicht voller Geistesgegenwart auf die Zunge gebissen, ich gewiß in lautes, herzhaftes Gelächter ausgebrochen wäre, das Wort: »Gemach! gemach! Es geht ja nicht in die Schlacht mit dem Peter! Er soll ja keine Batterie stürmen! Warum denn so gar martialisch?« Es will nämlich dieser courageuse Peter dem ungetreuen Liebhaber seiner Schwester – einem Kerl, den ich ganz ruhig hätte laufen lassen – nach und ihn zurückbringen. Der Anfang der Schlußscene, wo die Landleute mit den Musikanten kommen, mußte zweimal probirt werden, ehe sie so glatt und rund ging, wie Goethe es haben wollte.

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