1814, Ende (?).


Mit Eduard Genast

Er [Goethe] liebte.. musikalische Unterhaltung, die in früherer Zeit unter Eberwein's Leitung viel ausgedehnter stattfand. Seit diese größern musikalischen Aufführungen in seinem Hause aufgehört, begnügte er sich mit Liedern. Meist wurde dann der Kammersänger Moltke, der eine Menge Gedichte von ihm componirt hatte, herbeigerufen. Auch ich hatte einst die Freude, zu diesem Zwecke zu ihm beordert zu werden; wahrscheinlich wollte er sich überzeugen, ob ich Fortschritte im Vortrag, der bei ihm die Hauptsache war, gemacht habe. Ich sang ihm zuerst »Jägers Abendlied« von Reichardt componirt. Er saß dabei im Lehnstuhl und bedeckte sich mit der Hand die Augen. Gegen Ende des Liedes sprang er auf und rief: »Das Lied singst Du [166] schlecht!« Dann ging er vor sich hinsummend eine Weile im Zimmer auf und ab und fuhr dann fort, indem er vor mich hintrat und mich mit seinen wunderschönen Augen anblitzte: »Der erste Vers sowie der dritte müssen markig, mit einer Art Wildheit vorgetragen werden, der zweite und vierte weicher; denn da tritt eine andere Empfindung ein. Siehst Du so!« (indem er scharf markirte:) »da ramm! da ramm! da ramm! da ramm!« Dabei bezeichnete er zugleich mit beiden Armen auf- und abfahrend das Tempo und sang dies »da ramm!« in einem tiefen Tone. Ich wußte nun, was er wollte, und auf sein Verlangen wiederholte ich das Lied. Er war zufrieden und sagte: »So ist es besser! Nach und nach wird es Dir schon klar werden, wie man solche Strophenlieder vorzutragen hat.« Nachdem ich ihm nun »Zwischen Weizen und Korn« und »Da droben auf jenem Berge« vorgesungen, bat ich um die Vergünstigung, ihm »Willkommen und Abschied« wieder einmal singen zu dürfen, wobei ich bemerkte, daß ich das Lied seit längerer Zeit fleißig studirt habe. Mit einem freundlichen Kopfnicken gewahrte er mir meine Bitte. Die Scene von Lauchstädt [ein zärtliches Erlebniß Genast's] trat lebendig vor meine Seele; ich trug das Lied mit wachsender Empfindung vor, und diesmal sang ich dem Meister mehr zudank.

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