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Anweisung zur Bildung angehender Theologen,Anweisung zur Bildung angehender Theologen von D.Doctor Nösselt, Johann August Johann August Nösselt . Erster Band.Erster Band Zweyte vermehrte und verbesserte Auflage.Halle, bey Curt, Johann Jacob Joh. Jac. Curts Wittwe. 1791. Joh. Jac. Curts Wittwe Nach dem Tod des halleschen Verlegers und Druckers Johann Jakob Curt (Curtius) im Jahre 1781 übernahm seine Witwe die Verlagsgeschäfte, ab 1793/1794 die Erben. 12 VorredeVorreden des Verfassers bei der ersten und zweiten Ausgabe.I. Vorrede der ersten Ausgabe Eine der vornehmsten Ursachen, warum UniversitätenUniversitäten, die ganz eigentlich zur Bildung heranwachsender Gelehrten bestimmt sind, das nicht leisten können, was sie sollten, ist die: –die, daß diese so selten richtige Begriffe von dem UmfangUmfange, dem WerthWerthe der Wissenschaften, und von der zweckmäßigsten Art, mitbringen, wie man sie studieren müßte; daß sie sich gemeiniglich so sehr durch ihren eignen Geschmack, durch die Mode, und durch die Vorurtheile AndrerandrerAnderer leiten laßenlassen, gegen die sie eine gewisse Vorliebe haben; kurz, weil sie selten selbst wissenwissen, was was, und wie sie die WissenschaftenWissenschaften, treiben sollen?sollen. Ueberzeugt, daß deswegen oft die besten Köpfe wo nicht verdorben werden, doch die Reife nicht erlangen, und das für die Welt nicht werden, was sie könnten, ja, was noch trauriger ist, selbst Andere gegen nützliche Wissenschaften einnehmen, und ihnen den Geschmack daran verleiden; – gerührt durch so manche Bekenntnisse fleißiger und hoffnungsvollerhofnungsvoller Studierenden, die es am Ende ihrer Laufbahn bedauretenbedauerten, nun erst einigermaßeneinigermassen einzusehen, was sie hätten lernen sollen, und was sie wieder einzubringen entweder keine Gelegenheit mehr vor sich sähen, oder nur mit vielem mühsamen Fleiß hoffen könnten: – hielt ich es für meine Pflicht, seit mehrern Jahren, von Zeit zu Zeit,Zeit denen, die sich mir anvertrauten, eine Anleitung zu geben, was? worüber? warum?was, worüber, warum, und wie man studieren sollte?sollte, um sich zu einem würdigen Lehrer der Religion zu bilden. Vergebens suchte ich ein Buch, das mir dabeydabei zum Leitfaden dientedienen könnte, und den wirklichen Bedürfnissen unsrer Zeit, den großengrossen Fortschritten in den Wissenschaften, selbst in der Theologie, angemessen wäre. Ich mußte eigne kurze Sätze entwerfen, die ich zum Grunde legte; eben die immer erneuerten Zeitbedürfnisse machten eine mehrmalige Umänderung nothwendig; ich glaubte endlich, dieser Entwurf könnte auch andernAndern nützlich werden, die mich nicht hörten; ich arbeitete sieihn also vor kurzem ganz von neuemneuen aus. – So entstand das kleine Buch, das ich meinen Lesern vorlege. Was in einem solchen BuchBuche geleistet werden sollte, und was ich auch selbst zu leisten suchte – darüber habe ich mich schonnäher in der Einleitung erklärt. Wie weit ich diesen Absichten, wie weit ich besonders den Bedürfnissen unsrer Zeit in diesem Stück Genüge gethan habe, mögen die beurtheilen, welche diese Bedürfnisse eben so gut als die Wissenschaften selbst, und wie weit man darin bereits vorwärts oder noch zurück ist, kennen. Ich habe hier meine Beobachtungen, Begriffe und Vorschläge über das StudiumStudium der Theologie, die ich beybei vieljähriger Erfahrung und öfterer Prüfung bewährt fand, so weit zusammengedrängt, als sie sich mir wieder unter dem Schreiben darstelletendarstellten, und wie ich sie für angehende Studierende, oder vielmehr überhaupt beybei wahrhaftig nützlicher Beschäftigung mit den dahin gehörigen Wissenschaften, zuträglich hielt. Denn, obgleich meine Absicht eigentlich auf diejenigen ging, die sich auf Universitäten diesen Wissenschaften widmen:widmen, so wünsche ich doch zugleich auch Andern nützlich zu werden, denen, wenn sie gleich schon in Aemtern stehen, Manches neu oder in ein neues Licht gestelletgestellt scheinen möchte, was ihnen hoffentlich auch noch jetzt erst willkommen seyn dürfte, zumal wenn sie es in diesem Buche, nach dem Titel, nicht erwartet hätten. Nur, eben deswegen, weil Vieles hier bloß beyläufigbeiläufig, oft kaum mit einem oder zweyzwei Worten, gesagt ist, und weil ich fürchten muß, bisweilen, wegen der geflissentlichen Kürze, nicht gleich verstanden zu werden,werden: eben deswegen wünsche ich mir zugleich aufmerksame und bedächtige Leser, denenwelche die Mühe nicht dauretdauert, auch bisweilen beybei einzelnen Worten mit ihrem Nachdenken zu verweilen. Ich bin weder der einzigeEinzige noch der ersteErste, der die Bemerkung macht, daß die Achtung gegen GelehrsamkeitGelehrsamkeit sichtbar zu sinken anfange, oder vielmehr schon gesunken seysei; daß, je weiter sich die Aufklärung ausbreite, sie um so mehr an ihrer Stärke verliere; daß wenigstens der Fleiß, ich meine die Genauigkeit,Genauigkeit mit der man lernt und über Wissenschaften arbeitet, mit dem VielerleyVielerlei, was man treibt, gar nicht gleichen Schritt halte. Die schnöde Verachtung alles dessen, was man Speculation und Gelehrsamkeit nennt, der Unfug, welcher seit einiger Zeit mit dem Namen des Gemeinnützigen getrieben wird, und die immer mehr einreissendeeinreißende Gewohnheit, sich durch vorgegebene Entfernung von PedantereyPedanterei und Wegwerfung des unnützen gelehrten Krams gegen den Vorwurf zu schützen, daß man in den Studien versäumet seysei, und den Gelehrten zu spielen, ohne sich sehr anstrengen zu wollen –wollen; versprechen doch wahrlich der Gelehrsamkeit keine glückliche Aussichten. Ich werde immer mehr überzeugt, daß die täglich zunehmende Menge von Schwärmern auf einer, und von seichten Schwätzern auf der andern Seite, eine Folge der immer mehr sinkenden wahren Gelehrsamkeit, und ohne diese letztere nie zu hoffen seysei, den Verwüstungen zu steuern, die beyde,beide in der Religion, in den Wissenschaften, und selbst in den guten Sitten,Sitten anrichten. Es gehört also zu den Bedürfnissen unsrer Zeit, die Gelehrsamkeit in Schutz zu nehmen, und den großengrossen Einfluß derselben, nebst dem Werth einzelnereinzler Wissenschaften, immer einleuchtender zu machen; die herrschenden Vorurtheile wider sie zu entwaffnen;entwaffnen, und vornemlichvornehmlich junge Studierende zeitig zu deutlichen Begriffen von dem, worüber, und zu deutlichen Gründen, wonach sie urtheilen müssen, zu gewöhnen. Diese Absicht habe ich durchbei Abfassung dieses ganze Buchganzen Buchs vor Augen gehabt, und mich daher bemüht, theils Manches hervor zu ziehenhervorzuziehen, was zu sehr beybei dem Studieren der Theologie übersehen wird, theils den wahren nur zu oft verkannten Werth mancher Studien und Uebungen, besonders durch deutliche BeyspieleBeispiele, einleuchtender zu machen.Und damit mußte freylichfreilich das Buch weitläufigerweitläuftiger werden, als ich anfänglich nach dem ersten Entwurf dachte, so sehr ich auch zusammenzudrängen und selbst der Worte zu schonen suchte. Aber dieser Fehler, wenn es einer ist, bleibt immer verzeihlicher, als wenn ich der beliebten Kürze die Deutlichkeit, die lichtvollere Darstellung der Gründe für die Sachen, und, woran mir so sehr lag, die Bestimmtheit der Begriffe und die Ablehnung alles Mißverstandes aufgeopfert hätte. Daß ich, wie man sieht, ein Dritteldie Hälfte des Buchs auf solche Wissenschaften verwendet habe, die nur auf die eigentliche Theologie vorbereiten sollen, diesdieß bedarf keiner Entschuldigung. Denn,Denn wenn man von den eigentlicheigentlichen sogenannten theologischen Wissenschaften das abzieht, was sich die Sprachkunde, die Philosophie, die Geschichte und die schönen Wissenschaften mit Recht zueignen können: wie groß ist dann der Vorrath, der der eigentlichen Theologie noch übrig bleibt?Schwerer werde ich die überzeugen können, welche meinen, daß man einen künftigen Lehrer der Religion zu viel auflege, wenn er das alles wissen und lernen solle, was ich hier fordere. Das will ich auch gar nicht einmal versuchen, denn ihre und meine Begriffe über diese Sache sind zu weit aus einander, als daß wir könnten zusammenkommen könnten. So gar ernstlich meinen sie es nun auch wohl beybei diesem Mitleiden mit dem Volkslehrer nicht immer. Denn statt dessen, daß sie ihn mit der eigentlichsten Gelehrsamkeit verschont wissen wollen, soll er auch die Stelle des LandarztLandarztes vertreten, den ganzen weiten Umfang der Wirthschaft verstehen, warum nicht auch die nothwendigsten Handwerke?Handwerke, die ihn weit mehr als einen zu Allem brauchbaren Mann seinem Patron und seinen UntergebnenUntergebenen empfehlen werden, als alle alte Sprachen, Philosophie, Geschichte und Gelehrsamkeit überhaupt.überhaupt? Ich dächte doch, es wäre nicht bloß das Volk, für das der Lehrer der Religion bestimmt ist;ist, und dennochdoch bedarf auch das Volk, jetzt zumal, da es immer aufgeklärteraufgeklärter zu werden anfängt, oder es wenigstens glaubt, mehr als dereines bloßenblossen Prediger Prediger Predigers . Doch darüberdarüber, und über die nöthige Einschränkung meiner Forderungen hoffe ich das Nöthigstenöthigste in dem BuchBuche selbst, und vornemlichvornehmlich in der Einleitung, gesagt zu haben. Möcht' es nur nicht auch hier gar zu wahr seyn, daß vieleViele berufen, und nur wenigeWenige auserwählt sind!Wie fern ich hier einige der besten Bücher habe erwehnenerwähnen wollen, wird man in der dritten Anmerkung zum 43. §. angezeigt, und beybei jeder Wissenschaft, wo ich mich auf die Empfehlung weniger Bücher einschränkte, diejenigen angeführt finden, die dergleichen literarische Kenntnisse geben. Sollte man gerade einige der neuesten vermissen, die Empfehlung verdient hätten: so muß ich bemerken, daß ohngefehr die ersten zwölf Bogen dieses Buchs schon fast vor zwey Jahren abgedruckt waren. Daß ich beybei der Abtheilung der philosophischen Wissenschaften die Wolff, Christian von Wolfische beybehieltbeibehielt, ohne den neuesten Vorschlägen einiger scharfsinnigenscharfsinniger Männer zu folgen, geschahegeschah mit Bedacht. Von einigen dieser Vorschläge bin ich noch nicht überzeugt, daß sie besser wären,wären als die alten;alten: und wärewär' ichs auch, so mußte der Eintheilung gefolgt werden, nach welcher junge Studierende auf Universitäten und in Büchern die Philosophie wirklich vorgetragen finden können, und nicht solchen, nach welchen diese Wissenschaften noch nicht, so wenigstens, wie es der Anfänger braucht, ausgeführt sind, auch wohl so leicht noch nicht ausgeführt werden möchten. Den zweyten Theil dieses Buchs, der die eigentlichen theologischen Wissenschaften, nebst der übrigen Anweisung zur Bildung angehender Theologen, enthalten, und ohngefehr eben so stark als der erste werden soll, hoffe ich mit göttlicher Hülfe in einem halben Jahre zu liefern. Noch kankann ich mich – indem ich diese Vorrede schließeschliesse – kaum des Kummers erwehren, waswie wenig eine solche Anweisung fruchten werde, wennwenn, beybei der Erschlaffung unsers Zeitalters,Zeitalters vielleicht die meistenMeisten, die sich äusserlichäußerlich den Studien widmen, keinen Sinn, oder keine Lust, oder keine Aufmunterung haben, diesdieß Gesagte für ausführbar zu halten; wenn unsreunsere meisten gelehrten Schulen, um den bloßenblossen Volksschulen Platz zu machen, immer mehr das zu seyn aufhören, was sie seyn sollten,sollten: Pflanzschulen, wo fester Grund zu den Wissenschaften gelegt, und allgemeine Lust zur wahren Gelehrsamkeit erweckt würde; wenn die Zeit, wo man die akademische Laufbahn durchläuft, immer mehr verengt, und der Umfang der einzelneneinzeln Wissenschaften ins Kurze gezogen wird; wenn die, welche die Wissenschaften durch Vorstellungen, BeyspieleBeispiele und Ermunterungen befördern sollten, und es wegen ihres AnsehensAnsehns vielleicht am meisten könnten, durch größtentheils übertriebneübertriebene Vorstellungen von großergrosser AufklärungAufklärung unserunsrer Zeit, von der bloßenblossen Nothwendigkeit des Gemeinnützigen, und von Entbehrlichkeit der gelehrten Kenntnisse, selbst den aufschießendenaufschiessenden Keim fähiger Köpfe verderben, und ihren Fleiß auf Nebendinge lenken. Was bleibt da da übrig, als an seinem seinem Theil Gutes zu thun, und nicht müde zu werden, und auf den den zu trauen, der doch auch das feine gute Erdreich zur Aussaat bereitet, und die AerndteAernte gewiß nicht wird ausbleiben laßenlassen? Geschrieben Halle, den 30sten des Märzes 1786. daß viele berufen, und nur wenige auserwählt sind Vgl. Mt 22,14. Wolfische beybehielt, ohne den neuesten Vorschlägen einiger scharfsinnigen Männer zu folgen Der später geadelte Universalgelehrte Christian Wolff (1679–1754) darf als bedeutendster deutscher Philosoph zwischen Leibniz und Kant gelten und hat in großem Stile schulbildend gewirkt (Wolffianismus). Nach dem Studium in Jena und der Habilitation im Jahre 1702 wirkte Wolff zunächst in Leipzig, ehe er 1706 als Professor für Philosophie und Mathematik nach Halle berufen wurde. 1723 der Stadt verwiesen, wechselte Wolff nach Marburg, wurde jedoch 1740 von Friedrich II. (1712–1786) nach Halle zurückberufen. Als rationalistischer Philosoph vertrat Wolff das Zusammenwirken von Vernunft und Offenbarung und war zudem einer der bedeutendsten Vertreter des Naturrechts (vgl. I § 207 c). Sein Werk zeichnet sich durch eine streng systematisierende und mathematische Lehrart aus. Mit den „neuesten Vorschlägen“ ist die philosophische Wende in Gestalt Immanuel Kants gemeint (vgl. Vorrede b XIVf.). Was bleibt da übrig […] Aerndte gewiß nicht wird ausbleiben laßen? Vgl. Gal 6,6–10 (vgl. III § 15). Vorrede zur zweyten Ausgabe.I. Vorrede zur zweyten Ausgabe In dieser neuender zweiten Auflage habe ich überall zu verbessern gesucht, wo mir eine Verbesserung nöthig schien, wär' es auch nur im Ausdruck gewesen, der dem Schriftsteller erst dann dunkel oder als eine Gelegenheit zum Mißverstande vorkommt, wenn er nach geraumer Zeit sein Werk von neuem übersieht. Zusätze schien vornemlichvornehmlich der erste Theil am meistenhier und da zu erfordern. Einige Wissenschaften haben seit der kurzen Zeit, wo die erste Ausgabe vom Jahr 1786–89. 1786–1789 erschien, wirklich gewonnen, besonders durch einige Handbücher, welche ich mit Vergnügen zuerst erwähnt, oder an andrerAnderer Stelle gesetzt habe, die ich ehedem in ErmanglungErmangelung besserer aufführen mußte. – Im philologischen Fache hat sich der Streit über den Werth der LectüreLektüre alter griechischer und römischer Schriftsteller, und des Sprachstudiums überhaupt, erneuert; einige unsrer berühmtesten Pädagogikerphilanthropischen Pädagogen haben allesAlles aufgeboten, was, wär's möglich, selbst die überzeugtesten Verehrer dieses Studiums hätte in Verlegenheit setzen können, und,und wie ich weiß, viele, die an der Schwelle standen, zweifelhaft gemacht hat. BeyBei aller Achtung, die ich gegen jene um die PädagogikPädagogik sehr verdienteverdienten Männer hege, glaubte ich daher, so viel ichs vermochte, Wankende stärken, den zum Grunde liegenden Mißverstand durch einige Erinnerungen heben, und übersehene wichtige GesichtspuncteGesichtspunkte etwas mehr ins Licht stellen zu müssen. – Was die Kant, Immanuel Kantische Philosophie für große Erschütterungen hervorgebracht hat, ist allgemein bekannt. Ueber einzelne Grundsätze derselben oder deren AnwendnungAnwendung Anwendung auch mit zu reden, wäre für mich, der ich von ihren Vertheidigern und Gegnern lieber lernen als mitsprechen mag, wenigstens noch zu voreilig und unbescheiden, gewiß aber ganz von dem Zweck dieses Buchs fernefern gewesen. Aber einige Rücksicht darauf zu nehmen, und Einiges daraus zu benutzen, was wenigstens bessere Scheidung der Theile der Philosophie und bessere Lehrart in derselben betriftbetrifft, schien mir nicht bloßes Bedürfniß unsrer Zeit zu seyn. Man hat wirklich schon Versuche auf AkademienAkademieen gemacht, fremdartige Theile in der PhilosophiePhilosophie mehr von einander zu scheiden, und die Lehrart der Vollkommenheit näher zu bringen; ichbringen. Ich wünsche und hoffe auch, man werde, wenn die erste Gährung vorüber ist, in dem Vortrage der Philosophie noch mehrere Rücksicht auf die Verschiedenheit der Köpfe, die auf AkademienAkademieen sollen gebildet werden, auf die Verschiedenheit ihrer Bedürfnisse, und auf das mehr und minder Nöthige für andreandere Wissenschaften nehmen, als bisher geschehen, oder vielleicht gar möglich gewesen ist. – Da ich diesem Buche nicht wohl ein brauchbares Register beyfügenbeifügen konnte, wie ich überhaupt wünsche, daß man es mehr bedächtig studieren möge, als bloß etwas darin nachschlagen wollenwolle: so habe ich mich begnügt, ein vollständigeres Verzeichniß des InnhaltsInhalts zu geben, um die bessere Uebersicht des Ganzen und seiner Theile zu befördern. Halle, den 27sten des Herbstmonats im Jahr 1791. Kantische Philosophie für große Erschütterungen hervorgebracht hat Der Königsberger Philosoph Immanuel Kant (1724–1804) ist einer der einflussreichsten Denker der abendländischen Tradition und die maßgebliche Gestalt der deutschen philosophischen Aufklärung. Die angesprochenen Erschütterungen, die die Kantische Philosophie zwischen der ersten und zweiten Auflage der Anweisung hervorgebracht hat, hängen mit dem Erscheinen der drei Kritiken zusammen: der gegenüber der Erstauflage (1781) in Teilen stark überarbeitete Zweitauflage der Kritik der reinen Vernunft (1787), die Kritik der praktischen Vernunft (1788) und die Kritik der Urteilskraft (1790). Zu Nösselts Sicht auf Kant bemerkt Wilhelm Dilthey, dass Nösselt Kant zwar respektiert, jedoch keine Sympathie für ihn gehegt habe (vgl. Leben Schleiermachers I, in 3. Aufl. hrsg. v. M. Radecker, Teilbd. 2, Berlin 1970 [= Ges. Schr. XIII/2], 108). Ueber einzelne Grundsätze derselben […] gewiß aber ganz von dem Zweck dieses Buchs ferne gewesen Vgl. I § 186. Herbstmonats D.i. September. 3 Innhalt des ganzen Buchs.I. Innhalt des ganzen Buchs Einleitung.I. Würdiger Begriff von einem Theologen. 1. Großer Werth der Religion §. 1. 2. Unterschied einer gemeinen und einer philosophischen Kenntniß derselben §. 2. 3. Was Gelehrsamkeit, und wie sie von andern Künsten und Beschäftigungen verschieden sey? §. 3. 4. Nutzen, Nothwendigkeit und Unschuld der Gelehrsamkeit, in Rücksicht auf Religion §. 4–14. 5. Nothwendigkeit eines besondern gelehrten Standes zur bestmöglichsten Beförderung der Religion §. 15 bis 19. II. Wie viel dazu gehöre den Zweck eines solchen Standes zu erfüllen §. 20. f.folgend 1. Großer Umfang der dazu erforderlichen Kenntnisse §. 21–27. 2. Rechtes Verhalten dagegen §. 28. a. Ausschweifung in dem, was hiebey zu viel §. 29. b. oder zu wenig ist; mit einigen Anmerkungen über den Wahn, daß man nur nach gemeinnützigen Kenntnissen zu trachten brauche, und Untersuchung des so schwankenden Begriffs von dem, was man Gemeinnützig nennt. §. 30–40. c. Richtige Mittelstraße §. 4. 41. III. Hieraus fließende Nothwendigkeit einer allgemeinern Anleitung zum Studium der Theologie §. 42–50. IV. Bücher, die dergleichen enthalten §. 51. V. Entwurf der folgenden Abhandlung §. 52. Erster Theil.Von den Vorbereitungs- und Hülfswissenschaften der Theologie.Einleitung. Wissenschaften und allgemeinere Bücher, die dahin gehören §. 53. 54. Erster Abschnitt: Philologie. I. Was Philologie sey §. 55. II. Unumgängliche Nothwendigkeit des Studiums der Sprachen §. 56 f.folgend 1. Vorurtheile dagegen, und deren Prüfung §. 56 bis 58. 2. Großer Einfluß der Sprachenkenntniß 59, auf einen jeden selbst in Absicht auf Verstand 60–64, und Herz 65, auf die Mittheilung unsrer Gedanken an Andere 66, und auf das, was wir durch sie von Andern lernen 67. III. Worauf es bey dem Sprachenstudium ankomme §. 68. 1. Nothwendigkeit und beste Art, sich Sprachregeln bekannt zu machen 69. 70. 2. Gute Schriften in einer Sprache zu lesen. a. Vortheile dieser Lectüre 71. b. Wie sie anzustellen sey zur Erlangung der Sprachkenntniß, überhaupt? 72. c. Nothwendigkeit der Kritik. Ihre verschiedene Arten. Wie weit sie anfänglich auszusetzen sey 73–75. d. Rücksicht bey dem Lesen, α. um die gebrauchte Sprache verstehen zu lernen 76–81. β. zur Bildung des Verstandes, des Geschmacks und des Herzens 82–85. Nutzen des cursorischen Lesens 86. 2.3. Uebungen im Uebersetzen 87, Schreiben und Sprechen 88. Regeln bey diesen Uebungen 89. 4. Nachfolgende Beschäftigung mit Kritik und dazu dienliche Bücher 90. 5. Welche Sprachen ein künftiger Theologe zu treiben habe und wie? 91. a. Die Muttersprache, namentlich die Deutsche 92–103. b. Die nützlichsten unter den neuern Sprachen 104. c. Die sogenannten alten 105. f.folgend α. was man unter Humanität oder humaniora verstehe 105. β. Großer Werth der lateinischen und griechischen Sprache. א. Angebliche Gründe für die diedie Entbehrlichkeit ihres Studiums 106–110. ב. Empfehlung beyder Sprachen überhaupt 111. 112. und in Absicht auf Theologie insbesondere, sowohl zur Einsicht des Verstandes der h.heilig Schrift 113–120, als zum Behuf der übrigen Theile der Theologie 121. 122. γ . Ueber die beste Art, diese Sprachen zu erlernen 123 f.folgend א. Vorzügliche Nothwendigkeit des Studiums der lateinischen Sprache 124–128. ב. Vornehmste Hülfsmittel bey ihr und der griechischen Sprache 129–134. ג. Vorschläge bey Lesung der alten griechischen und römischen Schriftsteller 135–147. δ. Uebungen im guten Ausdruck in der lateinischen Sprache 148. 149. d. Studium der morgenländischen Sprachen, und Hülfsmittel dabey 150–165. Zweyter Abschnitt: Philosophie. I. Begriff von Philosophie 166–170. II. Ihre Nothwendigkeit. 171. III. Abtheilung derselben. 172. 1. Nach den verschiednen Quellen, woraus sie geschöpft werden kan. Unterschied der Erkenntniß a priori und posteriori oder der Rational- und Empirischen, so wie, bey erstrer, der reinen (Metaphysik im weitern Verstande) und vermischten Kenntniß §. 173–176. 2. Nach den verschiedenen Gegenständen, womit sich die Philosophie beschäftigt 177. a. Mit der Form des Verstandes, Logik, 178 bis 181. b. Mit der Materie desselben. Metaphysik im engern Verstande 182. Eintheilung derselben 183. α. in theoretische Philosophie. Metaphysik im engsten Verstande, oder Met. Metaphysik der Natur und deren Theile 184. 185. א. Ontologie 185. 186. ב. Uebrigen Theile 187. 188. Kosmologie 189. Wissenschaftliche und Empirische Psychologie 190–196. Naturlehre von Gott, transcendentale und natürliche Theologie 197–201. β. in praktische Philosophie. 202. 203, die א. entweder bloß auf reine Vernunft gebaut ist, und alle vernünftige Wesen angeht, Metaphysik der Sitten 204. ב. oder auf Erfahrung und Kenntniß des Menschen, Praktische Philosophie im engern Verstande, praktische Anthropologie 205. und a) sowohl das Naturrecht 206. 207, alsb) die eigentliche philosophische Moral begreift 208. IV. Philosophie der sogenannten gesunden Vernunft 209, und des Lebens 210. V. Vorübungen in der Philosophie 211. und Haupterfordernisse bey dem Studium derselben 212. VI. Kenntniß philosophischer Schriften 213. VII. Geschichte der Philosophie 214. Dritter Abschnitt: Geschichte. I. Begriff davon 216. 217. II. Ihr großer Nutzen 218–221. III. Die dazu nöthigen Eigenschaften, besonders das Pragmatische derselben 222–225. IV. Abtheilung der Geschichte 226. 227. V. Nothwendigkeit ihres Studiums für den künftigen Theologen, und beste Art sie zu studieren, Geographie, Universalgeschichte, Special- und besonders vaterländische Geschichte, Staatskunde; Handbücher zu allem diesen 228–244. VI. Literargeschichte, ihre verschiedne Theile, Vortheile von dem Studium derselben, beste Art sie zu studieren, Hülfsmittel dabey. 245–261 Vierter Abschnitt: Schöne Wissenschaften. I. Begriff und Zweck derselben 262. 263. II. Unterschied der Dicht- und Redekunst 264. 265. III. Nutzen des Studiums der schönen Wiss.Wissenschaften überhaupt 266–271. und für den Gelehrten und Lehrer der Religion besonders 272–274. IV. Wie weit es zu empfehlen sey 275–277. undV. wie die schönen Wiss.Wissenschaften sollten getrieben werden 278–285. Zweyter Theil,(im zweyten Bande.)Von den eigentlich theologischen Wissenschaften. Einleitung. Begriff von Theologie. Was für Wiss.Wissenschaften dazu gehören §. 1–4. Erster Abschnitt: Exegetische Theologie. I. Nothwendigkeit, die Bibel, und zwar mit eignem Fleisse, zu studieren. Besondere Apologie ihrer historischen Theile §. 5–19. II. Schwierigkeiten bey diesem Studium, und vielfältige Kenntnisse, die dazu gehören 20–23. 1. Biblische Kritik, ihre Nothwendigkeit, große Schwierigkeiten, und Hülfsmittel 23–35. 2. Biblische Exegetik 36. Nothwendigkeit a. der Sprachkenntnisse dabey 37. b. der Kenntniß historischer Umstände 38–52. Gelegentliche Wegräumung des Mißbrauchs der Göttlichkeit biblischer Bücher 42 bis 46, historische Einleitungen in das alte und neue Testament 51, und sogenannte Kirchengeschichte des alten Test.Testament 52. 3. Biblische Hermenevtik und Nothwendigkeit der Auslegungsregeln 53–56. 4. Uebungen in Erklärung der h.heilig Schrift. 57–60. a. Rechte Wahl und Benutzung cursorischer und exegetischer Vorlesungen, guter Scholien und Commentare 61–64. b. Eigene Uebungen 65 α. um den Verstand der h.heilig Schrift zu finden 66–73. β. um sie zur Erbauung anzuwenden 74 bis 77. Zweyter Abschnitt: Historische Theologie. I. Begriff von derselben überhaupt 78. II. Insbesondre, 1. von der Geschichte der Religion, und von ihrem Nutzen 79–81. 2. von der Geschichte der christlichen Kirche. a. Begriff davon 82. 83. b. Darstellung ihres ausgebreiteten Nutzens 84. α. in Rücksicht auf alle Theile der Theologie 85–94. und β. auf den Einfluß in die Bildung des Charakters eines Lehrers der Religion 95–98. c. Wie sie zu studieren sey? α. Nothwendigkeit ausführlicher Vorlesungen darüber 99. β. Schwierigkeiten bey diesem Studium, und Vorschläge sie zu vermindern 100–102. γ. Regeln für den, der sie vor sich studieren wollte 103–109 δ. Studium der einzelnen Theile dieser Geschichte 110. א. der Geschichte der Schicksale des Christenthums und der christlichen Kirche 111. ב. der Geschichte der christlichen Lehre 112 bis 115. ג. der sogenannten Patristik 116–120. ד. der theologischen Wissenschaften 121. ה. der Religionsparteyen 122–124. ו. der christl.christlich Kirchenverfassung, oder der sogenannten christl.christlich Alterthümer. 125–131. Dritter Abschnitt: Systematische Theologie. I. Entwicklung ihres Ursprungs und Begriffs 132 bis 137. II. Ihre großen Vortheile 138–141. III. Vorwürfe über die daraus entstandnen Uebel 142. 1. Allgemeinere Beurtheilung derselben. 143. 144. 2. Regeln, wie man diesen abhelfen, und ihnen vorbauen kan durch einen Versuch, dasjenige aus einander zu setzen, was erfordert wird, a. um aus der heil.heilig Schrift die Hauptbegriffe und Hauptsätze der christl.christlich Lehre mit Vorsichtigkeit aufzufinden 145–155. b. um darauf einen zusammenhängenden Lehrbegriff zu bauen 156. α. durch Verbindung dieser Begriffe und Sätze mit einander 157. und β. durch Bestimmung, Aufklärung und Befestigung des einen durch den andern, nach den verschiedenen Absichten, Kräften und Bedürfnissen eines Jeden. 158–161, welche letztre auch durch die Zeitumstände müssen bestimmt werden. Weise Benutzung des Neuen 162–164. 3. Nothwendige Verbindung dessen, was uns hierin vorgearbeitet ist 165. 166 mit eignen Untersuchungen 167. 168, besonders in Rücksicht auf das Praktische, Bestimmung dieses oft mißverstandnen Begriffs 169. 4. Richtige Beurtheilung der sogenannten Schulsprache in der Theologie 170–173. IV. Eintheilung der systematischen Theologie, 1. nach der Verschiedenheit des Vortrags. a. Unterschied der gelehrten und populären oder sogenannten katechetischen Theologie 174. Ihr beyderseitiger Nutzen 175–177. Besondere Vertheidigung der gelehrten Theologie 178. 179. b. Unterschied der gelehrten oder scholastischen und der sogenannten biblischen Theologie 180–185. 2. nach den verschied.verschieden Arten der Lehren, 186. 187. a. Dogmatische oder thetische Theologie, ihr Umfang, Nutzen, und rechtes Studium 188–190 b. Polemische oder Elenchtische, nach eben diesen Rücksichten 191–198. c. Christliche Moral, auf eben diese Art 199 bis 204, und bey dieser von der Casuistik 205, Ascetik 206 und Mystik 207. V. Von der vor dem Studium der systematischen Theologie nöthigen Ueberzeugung von dem göttlichen Ansehn der h.heilig Schrift, und der darin enthaltenen Lehre und Geschichte 208. 209. Vierter Abschnitt: Symbolische Theologie. Ihr Begriff 210. 211. Innhalt u.und Zweck 212. Erfordernisse u.und Hülfsmittel dazu 213. 214. Nothwendigkeit 215. Dritter Theil,(im dritten Bande.)Von der Anweisung zur rechten Führung des Amtes eines Lehrers der Religion. Einleitung. Nothwendigkeit der rechten Anwendung der Religionskenntnisse eines Lehrers zu Anderer Besten §. 1–5. Dahin gehörige Wissenschaften überhaupt 6–12. Erster Abschnitt: Homiletik und Katechetik. I. Vorstellung der so wenig erkannten Wichtigkeit und der Schwierigkeiten des erbaulichen (homiletischen und katechetischen) Vortrags 13–20, so fern sie 1. in der Natur eines solchen Vortrags und den daraus entstehenden Erfordernissen auf Seiten des Lehrers selbst liegen 21–25. 2. in dem Mangel derselben bey dem Lehrer, oder in der Beschaffenheit der Zuhörer 26–28. 3. in unsrer ganzen Erziehungsart und Verfassung 29. 30. II. Wie der erbauliche Vortrag müsse beschaffen seyn, 1. überhaupt 31. 2. Was dazu gehöre, wenn der Vortrag wirklich a. belehren 32–34. b. überzeugen 35. oder die Lehren gegründet 36, interessant 37–40, und ausführbar darstellen soll 41. c. wenn er rühren 42. 43. d. i.das ist sowohl bessern 44–47. als beruhigen soll 48–53. mit Vorschlägen, alles dieses zu bewirken.d. Wie man die gemachten guten Eindrücke könne dauerhaft machen 54–56. III. Hülfsmittel zu einem solchen Vortrag. 1. Wie fern der Unterricht in der Homiletik und Katechetik nöthig sey 57. 2. und der Gebrauch guter Muster. Regeln bey diesem Gebrauch 58. 59. 3. Was bey der eigenen Uebung darin zu thun sey 60–67. Zweyter Abschnitt: Pastoraltheologie u.und Kirchenrecht. I. Pastoraltheologie. 1. Nothwendigkeit der Seelsorge, und des selbst daher nothwendigen gewissenhaften und klugen Betragens eines Lehrers. 68–73. 2. Wie man die dazu nöthigen Kenntnisse erlange. Gebrauch der Kirchenordnungen; eigene Erfahrung; Belehrung von andern erfahrnen und verständigen Geistlichen. Was diese letztre müßten für Eigenschaften besitzen. Hieher gehörige Schriften 74–79. II. Kirchenrecht. 1. Begriff davon 80. 81 2. Verschiedene Arten desselben 82. 83. 3. Wie fern das Studium desselben einem Lehrer der Religion nöthig sey 84–87. 4. Quellen und Hülfsmittel desselben 88–90. Vierter Theil.Von den Fähigkeiten eines künftigen Lehrers der Religion, und allgemeinen Anstalten und Uebungen, um sich dazu zu bilden. Einleitung. Nothwendigkeit dieser Untersuchung 91–93. Erster Abschnitt: Fähigkeiten eines künftigen Lehrers der Religion. I. Begriff und Arten derselben überhaupt 94. 95. II. insbesondere 1. Natürliche Fähigkeiten. a. Kräfte der Seele, ihr Einfluß, nebst einer Anweisung, wie man sich prüfen könne, ob und in wie fern man eine jede derselben besitze 96 bis 105. Verschiedenes Maaß derselben, welches nach Verschiedenheit der Bestimmung eines Lehrers erfordert wird, 106. 107. b. des Körpers 108. c. Gabe, sich wohl auszudrucken 109 2. Nothwendige Gemüthsfassung und Eigenschaften des Charakters, deren Nothwendigkeit und Kennzeichen 110–116. Zweyter Abschnitt: Allgemeinere Anstalten und Uebungen zur Bildung eines Lehrers der Religion. I. Universitäten 1. und deren Zweck 117. 118. 2. Ihre großen Vortheile, deren Abgang weder der gute Kopf, noch der gelehrte Umgang, noch Schulen noch Lectüre, hinlänglich ersetzen können 119 bis 127. 3. Ihre rechte Benutzung. a. Nöthige Vorerkenntnisse, die man dahin mitbringen sollte 128. b. Kluge Wahl der Vorlesungen 129–131. c. und der Lehrer. α) Eigenschaften, worauf man bey ihnen zu sehen hat 132–37. β) Verhütung der blinden Anhänglichkeit und des zu wenigen Vertrauens gegen sie, 138. 139. γ) Benutzung ihres öffentlichen Unterrichts. Regeln zur nützlichen Anhörung ihrer Vorlesungen 140–149. δ) Benutzung ihres Umgangs 150. 151. II. Privatfleiß 152. und dazu nöthige Vertheilung der Zeit 153. 1. Eignes Nachdenken, Nachforschen und Ausarbeitungen 154 2. Gelehrte Uebungen in Gesellschaft unsers gleichen 155. 3. Lesen gelehrter Schriften. Regeln dabey und zum nützlichen Excerpiren 156–158. 153 Druckfehler.I. Druckfehler Band 1. §. 177. Z.Zeile 1. ließ 173. statt 273. S.Seite 219 f.folgend ist einigemal empirisch statt empyrisch zu lesen.Band 2. S.Seite 181 und 313 Abschnitt statt Theil. empirisch statt empyrisch Mit dieser Korrektur wird klargestellt, dass dieser Begriff auf das griechische εμπειρία (Erfahrung) und nicht etwa auf ἔμπυρος (brennend) zurückgeht (vgl. I § 190 c). 154
155

[1] [1] [3]

1.

Wenn die Bestimmung des Menschen und das höchste Ziel seiner Wünsche, wahre und dauerhafte Glückseligkeit, nicht auf dieses Erdenleben eingeschränkt ist; –156 wenn er, als ein vernünftiges Wesen, dieses Ziel anders nicht erreichen kan157, als durch Weisheit und Tugend; –158 wenn 159 Religion beide160 lehrt, unterhält,161 und dazu die kräftigste Ermunterung giebt, ja ohne sie,162 Weisheit, nicht wahre Weisheit, Tugend, nicht beständige Tugend seyn kan: – 163 so giebt es für den edlen165 Geist des Menschen keine würdigere Beschäftigung, als das Bestreben, 166 Religion aufs überzeugendste kennen zu lernen167 und aufs willigste auszuüben168.

2.

Man kan bey der169 Religion 170, wie bey171 allen andern Gegenständen, einen Unterschied zwischen einer gemeinen und einer philosophischen Kennt[2]niß 172 machen. Letztere findet nur alsdann173 statt, wenn ich174 eine Sache im 175 Zusammenhange mit einer176 andern, d. i.das ist so erkenne,177 wie sie der Grund oder,178 die Folge von der andern179 ist, oder, mit andern Worten, wenn ich180 sie mit meiner Vernunft erkenne; und sie181 ist in dem Grade vollkommner182, je mit meh[2]rern Dingen ich183 sie so verbunden denke184 und je mehrere solche185 Verbindungen ich186 zwischen denselben einsehe187.

3.

Eine solche eigentlich zusammenhängende oder philosophische Kenntniß irgend einer Art von Gegenständen, macht eben den Kunstverständiger Kunstverständigen in weiterer Bedeutung aus, so fernsofern er von dem bloß gemeinen Kenner, dem Studierten im weitesten Sinne (homme de lettres,)lettres), dem bloß mechanisch Handelnden oder Arbeitenden unterschieden wird, und sodann jener Name eben sowohl den Gelehrten Gelehrten als den wahrhaftigen Künstler Künstler bezeichnet. Denn eigentliche Kunst (Τεχνην oder Artem) legt man doch nur dem beybei, der seine Kenntnisse in irgend einer Art von Dingen nicht bloß Andern abgelernt oder nur aus Beobachtung geschöpft, sondern auch darüber selbst gedacht, ihren Gründen und Folgen oder möglichen Anwendung nachgeforscht, sich eben sowohl feste und sichere RegelnRegeln, und überhaupt allgemeine Kenntnisse, als deutliche Begriffe von der Art seiner Beschäftigungen,Beschäftigungen erworben hat. FreylichFreilich muß er historische und philosophische Kenntnisse davon zugleich besitzen. Historische, oder einen ansehnlichen Vorrath und Stoff, den er hernach verarbeiten kankann, oder dessen er zur Verarbeitung seiner Kenntnisse bedarf, das heißt: er muß Vieles und davon Viel wissen (multa et multum). Aber eben so nothwendig ist, daß er, was er weiß, gut wisse, und besonders im ZusammenhangZusammenhange oder philosophisch einsehe, weil davon selbst die immer mehrere Vollständigkeit der Kenntniß einer Sache, und noch mehr die Sicherheit und rechte Anwendung derselben, abhängt. – Nicht minder unterscheidet man selbst unter den KunstverständigeKunstverständigen den eigentlichen Gelehrten von dem Nichtgelehrten; und dieser Unterschied scheint sich auf den verschiednenverschiedenen nächsten Zweck zu gründen, wonach man beybei Erwerbung einer gewissen Art von Kenntnissen trachtet. Dieser Zweck besteht immer in der Befriedigung gewisser Bedürfnisse oder des Gefühls von dem Werth gewisser Kenntnisse,Kenntnisse; und diese Bedürfnisse können entweder sinnliche oder geistige seyn, d. i.das ist d. i., entweder den Körper und äusserlicheäußerliche Verhältnisse betreffen, in welchen wir gegen irgend Etwas stehen, was ausseraußer uns ist, und auf unsre GlückseligkeitGlückseligkeit ein Einfluß haben kann, als Gesundheit, Nahrung, Sicherheit, Hülfe von Andern, Vergnügung der Sinne u. d. g.und dergleichen u. dergl.und dergleichen , oder die Vollkommenheit des Geistes, Kenntniß des Wahren, Nützlichen, Guten und Schönen, nebst der Bildung des ganzen Charakters, unsrerunserer Denk- und Handlungsart, befördern. Dienen nun zusammenhängende Kenntnisse einer gewissen Art von Gegenständen,Gegenständen zunächst zur Befriedigung geistiger Bedürfnisse:Bedürfnisse, so macht der Inbegriff solcher Kenntnisse eine Wissenschaft aus. Zielenaus; zielen sie aber zunächst auf Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse ab:ab, so würde der Inbegriff solcher Kenntnisse eine Kunst heissenheißen müssen. Will man also den eigentlichen Gelehrten von dem Nichtgelehrten unterscheiden:unterscheiden, so würde derjenige verdienen ein Gelehrter genannt zu werden, der vorzügliche zusammenhängende Kenntnisse in irgend einer Wissenschaft besitzt, d. i.das ist dergleichen Kenntnisse von solchen Gegenständen, die zunächst geistige Bedürfnisse befriedigen sollen; und Gelehrsamkeit wäre dann vorzüglichegründliche Bekanntschaft mit Gegenständen der so eben beschriebenen Art; da hingegen alle diejenigen müßten zu den Nichtgelehrten gerechnet werden müßten, denen es an Kenntnissen gewisser Arten von SachenArt ganz fehlt, oder die davon keine vorzügliche, oder keine zusammenhängende Kenntnisse (in dem vorhin angegebenen Sinne des Wortes) haben, oder deren Kenntnisse Gegenstände betreffen, welche zunächst nur sinnliche Bedürfnisse betreffen und befriedigen.198

1,
2,
4,
5,
6,
7,
8,
9,
[8] 4.

Daß die gelehrte266 Erkenntniß der Religion an sich einen großen267 Vorzug vor der gemeinen268 habe, wird niemand leugnen269, wer nicht glaubt, Unwissenheit sey270 besser als Kenntniß, mangelhafte Kenntniß besser als vollkommnere. Aber die, welche die gelehrtere Erkenntniß in der Religion für unnöthig oder gar für gefährlich halten –271 wenn [4] sie dies nicht aus Trägheit oder Eigendünkel behauptenbehaupteten –272 haben entweder nie den Nutzen und gewissermassen274 die Unentbehrlichkeit einer solchen Kenntniß recht überdacht, oder stehen in dem [7] Wahn, daß bey275 solchem Streben nach weiterer Aufklärung, die Religion selbst, sowohl die Kenntniß und der Glaube an sie, als die gottselige Gesinnung, leiden möchte276. Gegen jene müßte also der NutzenNutzen277, gegen diese,278 die Unschuld279 der Gelehrsamkeit,280 gezeigt werden.

[5] [8] 5.

Wie nützlich und selbst wie unentbehrlich unter gewissen Umständen gelehrte Erkenntniß der Religion sey299, läßt sich am besten bey300 den einzelnen301 zur Bildung eines angehenden Theologen dienlichen Wissenschaften zeigen. Dies302 ist die Ursach, warum es in dieser Anleitung bis dahin verschoben wird. Hier sey303 es genug304 im Allgemeinen zu bemerken:305 daß es bey306 jeder rechten Kenntniß einer Wahrheit, also auch jeder Lehre in der Religion, auf drey307 Stücke ankomme: daß man sie – recht verstehe – recht beurtheile und – recht anwende. Das dritte setzt das zweyte308, so wie das zweyte309 das erste voraus. Wo es an einem dieser drey310 Stücke fehlt, kann311 die Erkenntniß dieser Lehre nie das seyn, was sie seyn soll, Mittel312 zur WahrheitWahrheit313, und,314 durch diese,315 zur Glückseligkeit zu gelangen. Bey316 Angabe des Nutzens einzelner317 Theile der Gelehrsamkeit in der Religion, müßte also stets ihr Einfluß auf diese drey318 Stücke in Anschlag genommen werden.

6.

Wenn denn aber nun319 Gelehrsamkeit für die Religion gefährlich wäre?320 Das ist sie gewiß nicht; und wer dies gleichwohl meint, macht sich entweder von Gelehrsamkeit, oder Religion, oder von dem, was gefährlich ist, falsche Begriffe. Ohne Wegräumung dieses dreyfachendreifachen Mißverstandes wird man321 wider und für die Unschuld der Gelehrsamkeit mit gleichem Glück streiten323 und die Sache 324 unverglichen bleiben 325.

[6] [9] [10] 7.

Echte Gelehrsamkeit Gelehrsamkeit – reicht sowohltheils den nöthigen Stoff Stoff zur Erkenntniß und Beurtheilung einer Sache,Sache dar, alstheils lehrt sie die Regeln Regeln , wonach dieser beurtheilt, gewürdigt und richtig angewendet werden mußmuß. (§. 3.). 3.) Sie kankann also, ihreihrer Natur nach, dem Wahren und Guten nicht nachtheilig seyn; und wenn sie es wird:wird, so liegt der Grund davon entweder in unvollständigen oder unrichtigen Kenntnissen und RegelnGrundsätzen, wonach man verfährt, oder in dem Gelehrten selbst, so fernsofern er von richtigen Kenntnissen und RegelnRegeln keinen genugsamen und rechten Gebrauch macht. In beydenbeiden Fällen kankann der entstehende Schade nicht der Gelehrsamkeit beygemessenbeigemessen werden, sondern im erstern,ersteren dem Mangel der Gelehrsamkeit, im letzternletzteren aber entweder dem Vorurtheil, nach welchem der Gelehrte von der Gelehrsamkeit Alles erwartet, da sie doch nur den Verstand aufklären und leiten kankann, um dadurch den Weg zur BesserungBesserung des Herzens zu bahnen, oder der Gleichgültigkeit gegen das Gute, die zum Theil selbst aus jenem Vorurtheile, zum Theil aus der Macht sinnlicher Neigungen und Leidenschaften entspringt. *) 326

*) Vertraute Briefe Briefe, die Religion betreffend betreffend, (von Spalding, Johann Joachim J. J. Spalding ), vornehmlich im 4ten und 7ten Briefe. 347
8.

Was ist Religion? – Sind es wahre, gegründete, die strengste Prüfung aushaltende, Gott [10] und das Verhältniß zwischen ihm350 und den Menschen betreffende Sätze? – Oder sind es bloße351 Meinungen und menschliche Einfälle, [11] Zusätze zur Religion, an welchen wir mit352 Zuversicht und Ergebenheit hängen;353 weil sie uns entweder354 von Jugend auf geläufig worden, wir aber das Gegentheil als wahr zu denken ungewohnt355 sind, oder es356 nur als wahr zu vermuthen und zu prüfen, uns nicht einmahl in den Sinn kommt; oder357 weil das Ansehen frommer oder in der Welt vielgeltender Lehrer uns für ihre Richtigkeit Gewähr zu leisten scheint; oder weil wir sie [7] behaglich finden, es sey358, daß sie uns eigne359 Untersuchung und Mühe ersparen, oder wir dabey360 keine nachtheilige, oft361 wohl gar gute,362 Folgen für unsre363 Frömmigkeit und Gemüthsruhe bemerken? – Oder betreffen sie364 ihrer Natur nach, Gott und das Verhältniß zwischen ihm und uns eigentlich, weder mittel- noch unmittelbar, gar nicht; scheinen sie uns vielmehr nur dahin zu gehören, weil wir sie in ehrwürdigen Büchern neben und mit Religionswahrheiten gefunden haben, oder unsre Einbildungskraft sie mit diesen Sätzen der Religion einmal365 so verknüpft hat, daß wir befürchten, eins366 müsse mit dem andern367 stehen oder fallen? – Im ersten Fall kan368 Gelehrsamkeit der Religion nicht nachtheilig seyn; sie bewährt sie eben,369 und hilft jene wahren Lehren von den erdichteten und falschen absondern. Hilft sie im zweyten 370 Fall unächte371 Zusätze zerstören, so ist sie für die wahre Religion wohlthätig und vertilgt das Unkraut, unter dem wahre Religion ersticken würde. Im dritten 372 raubt sie dem Menschen we[11]nigstens nichts von Religion; aber sie macht auch den Gebrauch solcher fremden Lehren, wenn sie ja noch Wahrheit enthalten, für die Religion unschädlich, und zieht den Fleiß der Menschen von entbehrlichern373 Beschäftigungen ab,374 und 375 auf solche, die wichtig und heilsam sind376.

[12] 9.

Was ist gefährlich für Religion? Sicherlich nicht, was jene eben erwähnte unächte377 oder fremde378 Zusätze zerstört oder absondert, hingegen,379 wahre Religionslehren als wahre380 darstellt, bestätigt, [8] ausser381 Zweifel setzt, und nützlicher anwenden lehrt. Zwar kan382 Gelehrsamkeit, wie zugestanden wurde (§. 7 383), durch Zufall und Mißbrauch gefährlich und eine Quelle neuer Uebel werden. Aber – was giebts384 irgend 385, das nicht dergleichen werden kan 386? Empfindlichkeit, selbst Vernunft, der edlere Theil des387 Menschen, selbst Gottseligkeit, machen uns eben so fähig und aufgelegt zu388 Mißvergnügen, Sorgen und Kummer,389 wovon die Thiere und 390 leichtsinnige Menschen nichts oder wenig empfinden,391 als sie auf der andern Seite Quelle392 des höhern und reinern Vergnügens, nothwendiges393 Mittel zur VollkommenheitVollkommenheit394 sind, die das Thier und der Leichtsinnige oder Gleichgültige weder begreift noch erreicht; und395 wer mag mit diesen tauschen? wer lieber hungern als essen, aus Furcht396 seine Gesundheit zu verderben? – Unwissenheit, eingeschränkte Einsichten, Mangel des reifern Ueberlegens sind ihrer Natur nach schädlich,397 wahre Gelehrsamkeit nie. Nur durch zufällige [12] Umstände können jene unschädlich, diese nachtheilig werden. Aber nicht der Zufall, nur die Natur ist der rechte Maaßstab, den Werth der Dinge zu bestimmen. – Endlich läßt sich doch 398 Mißbrauch, laßen399 sich neue400 Uebel, so viel an uns ist,401 verhüten, wenn wir uns402 feste und sichere403 Regeln machen, wonach wir untersuchen; wenn wir in Bestimmung dessen, was wahr und falsch, nützlich oder schädlich ist, nicht weiter gehn,404 als der Stoff (die data)405, den wir zu verarbeiten, oder wonach wir zu urtheilen haben,406 [13] und unsre407 Kräfte reichen; wenn wir unsere Urtheile von dem Maaß408 unserer Kräfte und von dem Werth409 der Dinge in eben [9] dem Verhältnisse berichtigen und verbessern, in welchem sich unsere Einsichten erweitern. *) Aber um alles dieses zu können, müssen wir Vieles410 wissen und viel geprüft haben;411 wir werden also in dem Grade gegen Mißbrauch gesichert seyn, in welchem wir gesucht haben412 immer gelehrter zu werden. 68Thue das Deine und überlaß das Uebrige Gott, der auch unsre413 Fehltritte zum Besten zu lenken weiß!

1,
10.

69„Aber das WissenWissen blähet auf.419“ – Freylich420, wenn Wissen (γνωσις)421, wie es der Apostel nimmt (

1 Kor. 8, 1),422

so viel ist, als die Meinung, daß man woran recht thue, verbunden mit der Meinung, daß man es alsdann423 auch thun dürfe, ohne Rüksicht424 auf unsern unaufgeklärterunaufgeklärtern425 Nächsten, den [13] wir durch unser unvorsichtiges426 Beyspiel427 verleiten, etwas uns nachzuthun, was er nicht für recht428 erkennt; und überhaupt als unreife oder übel angewendete Wissenschaft. Nicht so, wahre Gelehrsamkeit 429, die, weil sie uns unsre Schwächen, Lücken der430 Erkenntniß, 431 Verschiedenheit der Ueberzeugung bey432 verschiedenen Menschen, und Schwierigkeiten bey433 Untersuchungen fühlbar macht, eben sowohl Bescheidenheit als Schonung des Nächsten befördert.

11.

„Viel Wissen, oder Trachten danach, zer[10]streut; wir vergessen die Anwendung aufs Herz; was bloß Mittel seyn [14] sollte, wird zum Zweck gemacht.434“ – Müßiggang, oder nicht genugsame oder unnütze BeschäftigungBeschäftigung, 435 zerstreut auch und läßt Verstand und Herz leer437 (

Matth. 12, 44. 45).438

Eingeschränkte Kenntniß, wonach man doch immer urtheilen und handeln muß, macht verlegen und verursacht entweder Zeitverlust und unnöthige Zerstreuung über dem Suchen desjenigen, was man nicht zu finden weiß, oder gebiert Leichtsinn und Gewissenlosigkeit. Wo nicht Vieles439 im Kopf440 ist, läßt sich auch nicht Vieles441, wenigstens nicht recht, anwenden. Bloß Vielesviel wissen442 ist nicht Gelehrsamkeit444 (§. 3). Bildet445 das Wissen zu dem aus, was wahre Gelehrsamkeit ist (§. 2 446 und 7 447), und der Vorwurf fällt von selbst weg. Je mehr man in wahrer Gelehrsamkeit fortrückt, desto mehr lernt man sich sammlen, verhütet Zerstreuung, und lernt 448 besser anwenden.

[14] 12.

„Aber man glaubt449 um so weniger, je mehr man weiß450; und Gelehrsamkeit ist eine reiche Quelle von Zweifeln.451“ – Aber wer viel glaubt, wird auch viel betrogen; dagegen sichert demnach nichts besser, als daß man Vieles452 und daß man es gut wisse453; also setzt uns wieder Gelehrsamkeit in den Stand454 zu wissen, wo man glauben dürfe oder nicht? –455 Der Gelehrte zweifelt 456 mehr wie der Ungelehrte. Aber Zweifel sind nicht immer schädlich; sie sind ein kräftiger Antrieb zur Untersuchung, wobey457 man immer gewinnt; sie sind sogar das einzige natürliche Mittel, von Vorurtheilen und [11] Irrthümern zurückzukommen. –458 Und in dem Maaß459, wie man in der Gelehrsamkeit wächst, nehmen auch die Kenntnisse zu, um den Ungrund schädlicher Zweifel einzusehen, und es wächst die Fertigkeit, sie aufzu[15]lösen; denn Zweifel entstehen aus Unwissenheit,460 und werden nur schädlich, wenn man mit ihnen nicht umzugehen weiß.

13.

„Gleichwohl lehrt Erfahrung und Geschichte, daß es eben Gelehrte waren, die Irrthümer aufbrachten, die die Religion von ihrer Einfalt zurückführten, die sie ihrer Geheimnisse zu berauben suchten.461“ – Wenn dies Gelehrte gethan haben sollten:462 so müßte erst, ehe man sie verdammen wollte, das ausgemacht werden, was oben §. 8 463 erinnert ist. Aber gewiß sind jene vorgeworfene464 Verderbnisse der Religion mehr465 Folgen der Un[15]wissenheit, des Mißverstandes, der Schwärmerey466 oder des 70aftergelehrten Dünkels, welchen467 eben die468 Gelehrsamkeit entgegen arbeitet469.

14.

„Indessen erschweret470 doch die Gelehrsamkeit,471 und die davon abhängende eingeführte SchulspracheSchulsprache,472 die Kenntniß der Religion.473“ – Wenn sie sonst nöthig oder nützlich ist:474 so müssen uns die Schwierigkeiten nicht abschrecken, sie in unsere475 Gewalt zu bekommen. Kann sie aber jemand ohne Nachtheil der Wahrheit und Gründlichkeit, oder muß er sie, nach seinen Umständen, entbehren:476 so überlaße477 er, ohne Verachtung oder Verun[12]glimpfung, das, was er478 entbehren kann, dem479, der dessen fähig und bedürftig ist.

15.

Denn so sehr es allgemeine Pflicht eines jeden Menschen ist, sich um Religion zu bekümmern, und nach Gottseligkeit zu trachten; so nöthig es ist, nicht nur zu lernen, sondern auch das, was man von der Religion weiß, zu er[16]halten, fester zu gründen480, zu vermehren, zu berichtigen, lebhafter und eindrücklicher zu machen, und von Zeit zu Zeit zu erwecken und anzufrischen: so fehlts481 doch dem größten Theil der Menschen an Fähigkeit, Hülfsmitteln, Muße482, und daher auch mit an Uebung in der Erkenntniß und Gottseligkeit. Um so geläufiger und wirksamer sind bey483 den meisten Unwissenheit oder seichte Kenntnisse in der Religion, [16] Vorurtheile und grobe oder nach jedes Leidenschaften gebildete Vorstellungen von Gott und unsichtbaren Dingen überhaupt, wodurch ihnen alles Ungewohnte befremdlich, jeder aufsteigende oder gehörte Zweifel aber eine neue Nahrung des Leichtsinns oder der Aengstlichkeit wird. Wie sehr darunter erleuchtete Gewissenhaftigkeit und davon abhängende gute Gesinnung und Betragen eines Menschen sowohl als seine wahre Gemüthsruhe leiden müsse, ist leicht zu begreifen.

16.

Es wäre also großes484 und seliges485 Verdienst, wenn, wie in allen andern menschlichen Angelegenheiten, die, so mehr vermögen, den Schwächern [13] oder Zerstreutern, auch hierin zu Hülfe kämen. Und wenn sie durch ihre Umstände in den Stand gesetzt würden, sich ganz diesem Geschäfte zu widmen; wenn sie durch ihre vorzüglichern Kenntnisse, durch die sorgfältigste Anschmiegung an Anderer Bedürfnisse, durch die zärtlichste Sorge für deren Gewissen und Gemüthsruhe, durch Klugheit, durch tugendhaftes und gottseliges Beyspiel486 und durch das auf dieses487 alles gegründete innerliche Ansehen, Weisheit, Tugend und Religion,488 nicht nur lehrten, sondern auch empfählen489; wenn sie dadurch Lehrer, Leiter und Muster für das Gewissen der [17] übrigen Menschen würden: was und490 wie wirksam könnten sie 491 für menschliche Glückseligkeit seyn?492

[17] 17.

Wenn nun in der menschlichen Gesellschaft die, welche es einsehen, daß sie selbst den Fleiß nicht auf Religion und Bildung ihres Verstandes und Herzens danach wenden können, den sie sollten493 und wünschten (§. 15 494), diese Angelegenheit und die ganze Sorge für ihre geistliche Wohlfahrt oder ein495 Theil dieser Sorge, andern496 übertrügen, welchen sie am meisten die vorerwähnte497 Eigenschaften (§. 16 498) zutrauten: so entstünden dadurch in der Gesellschaft die, welche man in Beziehung auf den Unterricht in der Religion,499 Prediger, in Rücksicht auf die Anwendung derselben nach jedes besondern Gemüthsbedürfnissen,500 Seelsorger, und überhaupt Lehrer der Religion zu nennen pflegt. Ein höchst nützlicher und respectabler501 Stand, der nur dem verächtlich oder gleichgültig scheinen kann502, wer503 [14] ihn entweder nicht aus diesem Gesichtspunkt504 betrachtet, oder wem505 Tugend, Gewissen und Religion, so weit es nicht in seine eigennützige506 Absichten schlägt, nichts ist507.

18.

Selbst dem StaatStaat508, wenn er seine Pflichten, Vortheile und Rechte kennt, kan509 dieser Stand, man mag ihn den geistlichen 510 oder wie man will511 nennen, so wenig gleichgültig seyn, als die Sorge512, wie er besetzt wird. – Die Rechte der Menschheit, und unter diesen sind die Rechte des Gewissens die höchsten, können durch keine Art von Verbindungen und Gesetzen aufgehoben werden:513 [18] und wer die Regierung eines Staats übernimmt, der übernimmt [18] auch, ausdrücklich oder stillschweigend, die Pflicht, die Tugend und Religion seiner Unterthanen nicht nur nicht zu kränken, sondern sie auch, so viel er kan514, zu befördern *).515 – Je mehr und je allgemeiner wahre Religion erkannt, je 516 für wohlthätiger517 und unentbehrlicher sie518 zur Glückseligkeit gehalten, je angelegentlicher und genauer sie befolgt wird: desto weniger geschieht den Gesetzen und guten Anstalten, ohne welche keine Gesellschaft bestehen kan519, öffentlicher oder heimlicher Abbruch; desto williger thut jeder, auch ungesehen und unerinnert, Gutes,520 und wirkt desto eifriger zum gemeinen Besten; desto mehr ersetzt sich das, was der Tugend an bürgerlicher Ermunterung abgeht, durch Zufriedenheit des Gewissens, und noch weit mehr durch die Vorstellung des Wohlgefallens Gottes [15] und seiner, selbst über die Gränzen dieses Lebens reichenden, Belohnung.

(Spalding, Johann Joachim J. J. Spalding) über die Nutzbarkeit des Predigtamts und deren Beförderung, zweyte Auflage, Berlin 1773. 8. im ersten Abschnitt, sonderlich S.Seite 33.33 folgg.folgende 521
2,
19.

Unmöglich kan524 die Religion ihrer Natur nach schädlich seyn. Sie wird es bloß durch Mißverstand, Schwärmerey525 und ausschweifende Leidenschaften. Dieses zu verhüten und den unentbehrlichen seligen526 Einfluß der Religion auf die ge[19]meine und besondere Wohlfahrt zu befördern, sind in dem Staat527 Anstalten nöthig, wodurch immer richtigere Begriffe von Sittlichkeit und Religion sowohl528 als wirksamster Antrieb529 sie auszuüben, oder tugendhafte und gottselige Gesinnung530, allgemeiner gemacht werden. Weil aber die, welche fähig seyn möchten, Tugend und Religion richtigst531 und nachdrücklichst532 zu lehren und zu empfehlen, schwerlich dieses Geschäfte533 angelegentlich genug treiben werden, wenn sie sich ihm nicht ganz und unzerstreut widmen können; andere534 hingegen, die genug Eifer haben möchten, nicht immer die dazu erforderlichen Fähigkeiten oder Kenntnisse besitzen, und in diesem Fall der Religion und dem Staat535 mehr schädlich als nützlich werden: [16] so macht dies nicht nur, wie zu andern öffentlichen Angelegenheiten, einen besondern Stand nöthig, dergleichen man auch bey536 allen nur einigermassen537 gesitteten Völkern findet,538 sondern der Staat hat auch die Pflicht und das Recht, für dessen würdigste Besetzung und für Einrichtungen zu sorgen, wodurch das innerliche Ansehen der dazu bestimmten Personen (§. 16. 539) durch äusserliches540 verstärkt,541 und jeder542 derselben in den Stand gesetzt werde, mit gehöriger Angelegenheit543 und aufs wirksamste die ihm obliegende544 Pflichten zu erfüllen.

[20] 20.

Diese einmaleinmahl würdig zu leisten551 und die wichtigen Absichten zu erfüllen553, wozu der geistliche Stand da ist, 554 dazu gehört die gewissenhafteste Prüfung, ob man 555 dazu fähig und fest entschlossen sey, und556 ein ununterbrochenes Bestreben, immer dazu557 fähiger und geneigter558 zu werden. Eine solche Vorbereitung erfordert, daß man wisse: –559 welche Arten von Kenntnissen560 nützlich oder unentbehrlich sind, um sich zu einem561 künftigen Lehrer der Religion zu bilden –562 welche Fähigkeiten563 nöthig sind, um diese zu erlangen und auf das nützlichste zu Anderer Besten anzuwenden – und564 welche Hülfsmittel und Uebungen dazu dienen.

[17] 21.

Alles, was ein künftiger Lehrer der Religion in Absicht auf Kenntnisse565 zu thun hätte, vereiniget566 sich in drey HauptbeschäftigungenHauptbeschäftigungen, – daß und wie er567 sie zu sammlen –568 anzuordnen,569 oder zusammen zu stellen –570 und für andre571 anzuwenden habe. –572 Um sich den nöthigen Vorrath zu einer eignen573 wohlgegründeten Kenntniß und Ueberzeugung von der Religion zu verschaffen, würde574 er sich575 vor allen Dingen um576 Kenntniß der Natur überhaupt 577, und besondersbesonders, nach578 seiner Bestimmung zum Lehrer der Religion, um die Kenntniß der Natur Gottes580 und der geistigen581 Natur des Menschen 582 zu bekümmern haben583, weil ohne diese Kenntniß, welche die Philosophie darreicht, weder eine recht überzeugende Erkenntniß von dem Verhältniß [21] zwischen Gott und den Men[21]schen, womit sich die Religion beschäftigt, erhalten, noch ein richtiger Gebrauch der Vernunft bey584 solchen Untersuchungen gemacht werden könnte585.

22.

Und weil586 das Christenthum sich587 auf die nähere Offenbarung Gottes in der heiligen Schrift gründet; diese aber in der hebräischen oder chaldäischen und griechischen Sprache zu uns gekommen ist; und erstre588 wenigstens ohne Bekanntschaft mit den verwandten Dialekten nicht gründlich verstanden werden kan; ausserdem589 auch die heilige Schrift theils sich590 auf viele historische Umstände bezieht, theils manche historische Kenntnisse zur591 Beurtheilung [18] der Glaubwürdigkeit der heiligen Bücher überhaupt oder in einzelnen Stellen erfordert werden: so würd'592 er nach ausgebreiteter und593 genauer Kenntniß der hebräischen und griechischen, auch594 der mit jener verwandten Sprachen, nach einiger Kenntniß595 der alten Geschichte und anderer596 historischen Hülfswissenschaften trachten, auch sich durch sichere597, auf Vernunft und Beobachtung der Natur gedachter Sprachen, wie sie in der heil.598 Schrift gebraucht sind, gegründete Regeln und fleißige Uebung in Erklärung alter Schriften zu einem gründlichen Ausleger bilden müssen.

23.

So würde auch eine pragmatische Kenntniß der Geschichte überhaupt, und besonders der [22] Veränderungen, die mit der Religion und der darauf gegründeten Kirche vorgegangen sind, ausser599 dem schon erwähnten Nutzen, einen mächtigen Eindruck von dem so weisen600 Gang601 der göttlichen Fürsehung geben, der zur Erweckung der Aufmerksamkeit [22] auf die Religion und ihren unaussprechlichen Werth sowohl,602 als auf die ganze gute603 Gesinnung gegen Gott so unentbehrlich ist. Sie würde den großen604 Einfluß der gebrauchten oder vernachläßigten605 Vorerkenntnisse bey606 der Religion und dem Christenthum, die seligen Folgen einer durch bescheidnen607 und regelmäßigen Gebrauch der Vernunft und der heiligen Schrift aufgeklärten Religion und ihrer gewissenhaften Befolgung, so wie die traurigen Folgen des Gegentheils lehren608, einleuchtend machen,609 und da[19]durch eindrücklich610 zu jenem ermuntern611 und für612 diesem warnen. Sie würde auch zeigen, wie weit man in der gründlichen und heilsamen Erkenntniß der Religion vor- oder rückwärts gekommen sey613, und dadurch zu erkennen geben, was man von Vorarbeiten in der614 Religion benutzen oder wegräumen und615 verbessern 616 müsse.

24.

Um die dazu nöthigen Hülfsmittel sicherer gebrauchen zu können, würde617 nicht nur zum Theil618 die Kenntniß der vorhinerwähnten Sprachen,619 sondern auch die 620 der lateinischen sehr nöthig, vielleicht621 auch die622 einiger andern 623 nützlich seyn; wenigstens in so fern624 als jene,625 die unter Gelehrten am meisten zum Vortrag gelehrter Sachen ge[23]brauchte ist626, in diesen aber 627 erhebliche Aufklärungen über manche Theile der Theologie mitgetheilt sind628. Daß eine genaue Bekanntschaft und besondre629 Fertigkeit in der Muttersprache aus eben diesem Grunde und noch weit mehr zur nutzbarsten630 Mittheilung der Religionskenntnisse an Andre631, unentbehrlich sey632, scheint so wenig einer Erinnerung zu bedürfen, als daß zur Erlangung aller bisher erwähnten [23] Kenntnisse,633 und überhaupt zur Benutzung dessen, was uns von andern634 vorgearbeitet worden, Kenntniß der besten Bücher, sonderlich der in allen Theilen der Theologie geschriebenen, nöthig sey635.

25.

Bey636 dem Studium der Sprachen, Lesung [20] und Auslegung alter Schriften, Beurtheilung der Quellen, woraus man Religions- und andre637 Kenntnisse schöpfen soll, und überhaupt zu der,638 auch bey639 der Religion,640 so nöthigen Unterscheidung des Aechten641 und Unächten, würde642 die Kenntniß und Fertigkeit in der Kritik Kritik, nichts weniger als entbehrlich seyn643. Eben dieses gilt von den schönen Wissenschaften, die sich mit Bildung des guten644 Geschmacks beschäftigen, der auf die Unterscheidung des Schicklichen und Unschicklichen, auf das nützliche645 Studium alter Schriften und der646 Sprachen, auf die gleich weite Entfernung von Schwärmerey647 und Spitzfindigkeit, und auf das Empfehlende des Vortrags, ja selbst des Betragens, einen sehr wichtigen648 Einfluß hat.

[24] 26.

Mit alle dem wäre dies649 eigentlich nur Vorbereitung650 auf das Studium der Theologie,651 und durch Hülfe jener Kenntnisse und Uebungen müßte652 sich erst eine wohl zusammenhängende gründliche Kenntniß der theoretischen und praktischen Religionslehren bilden. Sollte653 diese auf eigner654 gewissenhaftesten Ueberzeugung beruhen:655 so würde656 man selbst die einzeln erlangten Kenntnisse mit einander verglichen, durch einander geläutert, bestimmt und bestätigt haben müssen. Immer würden aber auch Anderer abgehende657 Vorstellungen davon658 sowohl,659 als die Erklärung der Gesellschaft660, zu der man sich, [24] nach vorhergegangener Ueberzeugung,661 daß sie unter allen andern der Vernunft und heiligen Schrift am nächsten komme, bekennt, mit in [21] Anschlag zu nehmen662 seyn. Auf diese Art entstünde663 die Nothwendigkeit der Kenntniß von thetischer Theologie, theologischen 664 Moral, Polemik und Symbolik.

27.

Und nun die fruchtbarste665 Mittheilung und Empfehlung der erlangten Religionskenntnisse an Andre666 durch Unterricht und BeyspielBeyspiel; das gesammte667 Betragen eines Religionslehrers gegen die,668 so669 sich seiner Leitung anvertrauen. Hiezu bedürfte670 es der Kenntniß, wie der Vortrag aufs lehrreichste und eindrücklichste einzurichten wäre671, sowohl der an einander hängende in Predigten, als der mehr zerstückte in Gesprächen über die Religion, kurz,672 [25] Kenntniß der Homiletik und Katechetik. Ferner, der Kenntniß des ganzen vorsichtigenfürsichtigen, weisen673 und erbaulichen Verhaltens675 eines Lehrers und Seelsorgers, oder der sogenannten Pastoral-Theologie. Und endlich676 der Kenntniß geistlicher Rechte und Kirchengesetze, oder der geistlichen Rechtsgelahrtheit.

28.

Schon die Menge und der grosse677 Umfang gedachter Wissenschaften eröffnen678 dem angehende Theologen ein unermeßliches679 Feld,680 und erfordern keine gemeine Fähigkeiten, Uebungen und Hülfsmittel, wenn man es darin zu einiger Vollkommenheit bringen will. Ueberdies681 wird jede dieser Wissenschaften von Zeit zu Zeit reicher und weitläufiger. Und noch ist nicht einmal682 in Anschlag [22] gebracht worden, daß man auch aus diesem Stande gemeiniglich die Lehrer in Schulen [25] nimmt,683 und die Forderungen an sie bis zum Ungebührlichen684 häuft; daß auch noch andre685 Wissenschaften sehr nützlich und nothwendig sind, die entweder nicht, wie die vorhin berührten, einen unmittelbaren Einfluß in das Studium der Theologie haben, oder von dem Lehrer der Religion, nicht als von einem solchen, verstanden zu werden brauchen; und daß es eben so schwer, wo nicht noch schwerer ist, das Falsche und Ueberflüßige686 in diesen Wissenschaften zu entdecken und zu vergessen, als das Wahre und Nützliche zu lernen.

[26] 29.

Aeusserst schädlich und vergeblich687 würde es 688 seyn, wenn man es darauf anlegen wollte, alle diese Wissenschaften, die den angehendeangehenden 689 Theologen bilden können, wenigstens mit gleichem690 eigenen Fleisse691, zu studieren;692 ein Unternehmen, wozu man bey693 dem Gefühl vorzüglicher Kräfte und bey694 herrschender Liebe zu den Wissenschaften, oft auch aus Eitelkeit, leicht versucht werden kan695. Denn –696 nur wenige Menschen besitzen ausserordentliche697 Fähigkeiten, und auch diese haben sie nur vorzüglich zu gewissen Arten von Kenntnissen und Wissenschaften. –698 Nur wenige werden durch günstige Umstände der Muße699 und hinlänglicher Hülfsmittel unterstützt, um jenen Vorsatz, wenns700 ihnen auch nicht an Kräften und rastlosen701 Fleiß fehlte, einigermassen702 durchsetzen zu können. –703 Niemals704 kan705 auch eine solche ins Unbestimmte gehende Wißbe[23]gierde und einiger glückliche706 Fortgang derselben anders,707 als auf Unkosten der Gründlichkeit und Reife der Einsichten –708 anderer oft noch theurer Pflichten – und709 der Leibes- und Gemüthskräfte geschehen; überhaupt710 aber niemand711 sich eine solche Absicht beygehen712 lassen, es in vielerley713 Wis[26]senschaften zur Vollkommenheit zu bringen, wer714 den Umfang der Wissenschaften715, die Größe716 und Schwierigkeiten der dabey717 nöthigen Beschäftigungen, und das eingeschränkte oder sehr erschöpfliche Maaß der menschlichen Kräfte kennt.

30.

Doch unendlich seltner ist dieser Fehler des [27] zu vielen718, als der entgegenstehende Hang und das Vorurtheil, daß man, die Pflichten eines würdigen Lehrers der Religion zu erfüllen, nur wenig brauche;719 ein Vorurtheil, das, ausser720 unrichtigen Begriffen von dem Umfang und Zusammenhang der Gelehrsamkeit und ihrem Einfluß auf gründliche und lebendige Religionskenntnisse, *) durch flüchtiges und seichtes Studieren721 auf Schulen, durch Liebe zur Gemächlichkeit, durch das Studieren722 um guter Tage willen, manchmahl auch durch natürliche Muthlosigkeit, und noch mehr durch üble723 aber mit Ansehen und Reichthümern belohnte Beyspiele Andrer724, sehr unterstützt wird.

1,
[24] [27] 31.

Allein, so736 verschieden die Absichten sind, wozu737 ein angehender Geistlicher bestimmt werden [28] kan;738 so verschieden daher 739 der Grad der Vollkommenheit ist, der, nach jener besondern Bestimmung, von ihm gefordert werden mag;740 und so billig ein Unterschied zwischen einem Prediger und einem eigentlichen Theologen gemacht wird, von welchen jener741 Ungelehrte belehren und leiten, dieser,742 Lehrer selbst743 bilden soll: so ist es – zuvörderst744 wenigstens,745 nicht immer gewiß, wozu man einmahl746 bestimmt werden wird; und es747 ist 748 nicht nur für die Gelehrsamkeit,749 sondern auch für die Religion selbst sehr nachtheilig, wenn die, so sich ein sehr kleines Ziel setzten, und deswegen wenig lernten, hernach750 751 zu ansehnlichern752 Stellen befördert werden753, wo sie künftige Lehrer bilden754 oder befördern sollen. Die Folge davon ist alsdann, daß sie, als Schul- oder akademische Lehrer,Lehrer Andern755 nicht mittheilen können, was sie selbst nicht haben; daß sie das als entbehrlich757 oder verächtlich vorstellen, was sie eigentlich und vornehmlich lehren solltensollen; daß sie durch beydesBeides gelehrte Anstalten,Anstalten in blossebloße Volksschulen oder Anstalten für den künftigen Handwerker oder Geschäftsmann verwandeln, und sie, wie die Gelehrsamkeit selbst, immer mehr vernichten helfen. Sind sie aber als Obere anderer LehrerLehrer angestellt, so sehen sie sich, als selbst Versäumte,758 ungern 763 von denen764, die in der bürgerlichen oder kirchlichen765 Gesellschaft unter ihnen stehen, übertroffen; fordern766 daher auch 767 von ihnen das nicht, was sie selbst nicht besitzen; können nicht mit Weisheit768, oder wollen nicht769 mit Gerechtigkeit,770 jedem seine Bestimmung, nach dem Maaß seiner mehrern [28] oder mindern VollkommenheitVollkommenheit anweisen; werden oft verleitetverleitet, ihre Gewalt zu mißbrauchen, um die, welche ihnen an Kenntnissen überlegen sind, zu unterdrücken oder nieder zu halten;halten: und so sind sie, selbst ihres höhern Postens unwürdig, oft Werkzeuge, fähigere Männer an Ausführung guter Absichten zu hindern, und gute Anstalten, über deren Erhaltung und immer steigenden Flor sie wachen sollten, zu Grunde zu richten771.

32.

Hiernächst ist der Vollkommenheit, wonach jeder, wonach besonders der ringen sollte774, wer andre775 leiten,776 und für sie Muster seyn will, nichts so nachtheilig, als wenn man sich das Ziel so [25] kurz steckt, nach welchem man laufen will. Es verräth schon wenig Trieb, wenig Gefühl seiner Kräfte,777 und wenig Entschlossenheit, folglich auch wenig BerufBeruf,778 sich vor andern779 auszuzeichnen, wenn man sehr eingeschränkte Absichten hat. Je kürzeres780 und 781 leichter zu erreichendes782 Ziel, desto weniger Anstrengung.783 Natürliche Trägheit und aufstoßende784 Hindernisse ziehen ohnehin viel785 vom Fleiß ab. – Und warum bestimmen wir, was und wie viel jemand lernen soll, nur nach Beschaffenheit des Amts, nicht auch eben so sehr nach jedes Fähigkeit Fähigkeit und786 darauf gegründete Neigung 787? Dieses giebt doch eigentlich den wahren göttlichen Beruf zu einer Beschäftigung, worin wir es am weitesten bringen,788 und womit wir gerade am nützlichsten werden können. Wenn denn auch äusserliche789 Umstände uns auf einen andern Posten stellen:790 [30] so hört doch die Verbindlichkeit nicht auf, jene mit und neben unsern äusserlichen791 Beruf zu treiben, es sey792, uns auf [29] einen andern Stand, der unsern Fähigkeiten und Neigungen angemeßner793 ist, vorzubereiten, oder, weil doch die eigentliche Theologie von mehrern794 Wissenschaften Licht und Unterstützung erhalten kan, die 795 Wissenschaften dazu zu benutzen, wodurch wir ihr die meiste Aufklärung und den meisten Eingang verschaffen können.

33.

Unausprechlichen Schaden thun hiebey796 besonders übelverstandne797 Begriffe von Gemeinnützigkeit, die wenigstens so oft zur Decke der Unwissen[26]heit, der Trägheit, der Verachtung unerreichbarer Kenntnisse,798 und des eingeschränkten Eigendünkels dienen müssen. – Gemeinnützig soll doch wohl das heißen,799 was für Jedermann, was also selbst für den großen800 Haufen,801 nutzbar ist,802 oder doch nutzbar gemacht werden kan803; und804 wenn man darauf dringt, der Lehrer der Religion solle nur das Gemeinnützige lehren,805 und darauf studieren806: so will man ohne Zweifel, er solle theils weiter nichts807 von der Religion vortragen, als was Jeder fassen,808 und wovon Jeder Nutzen haben könne, theils darauf bedacht seyn,809 es so810 zu lehren, daß es auch Leuten von den gemeinsten Fähigkeiten einleuchte und nutzbar werde; brauche denn auch weiter nichts zu lernen,811 als jene Jedem faßliche und nützliche Wahrheiten,812 und die Kunst,813 sie für814 Jedem nutzbar zu machen; wonach man seinen Fleiß ohngefähr815 [31] auf die nothdürftigsten Kenntnisse der Glaubens- und Sittenlehre und auf Homiletik und Katechetik einzuschränken pflegt.

816
34.

Daß man dieses schlechterdings treiben817 müsse, 818 daß auch der geringste Lehrer der Religion diese Kenntnisse und Geschicklichkeit nicht entbehren könne, wenn er auch nun einigermaßen ein würdiger Lehrer seyn wolle,819 wer mag das leugnen? und wer820 nicht zugeben, daß das übrige821 nicht in den Vortrag vor dem großen822 Haufen gehöre? Daß der Lehrer aber weiter nichts 823 brauche; daß er seinen wichtigen Pflichten ein Genüge thue, wenn er nur 824 in dem angegebenen Ver[31]stande gemeinnützig [27] zu werden suche; daß er selbst für den gemeinen Mann damit hinlänglich 825 sorge; daß, um dieses gewissenhaft leisten zu können, wenige 826 Kenntnisse erfordert werden,827 und eigentliche Gelehrsamkeit entbehrlich sey828 – wer dies behaupten kan829, möchte wohl über seine Pflichten,830 und über die Mittel sie zu erfüllen, wenig nachgedacht haben,831 oder wenig832 davon zu urtheilen,833 im Stande seyn.

35.

Denn 1)834 ist 835 doch unleugbar836, daß die Religion unsäglichen Schaden leide,837 und wenigstens bey weiten838 den heilsamen Eindruck nicht mache839, den sie machen könnte –840 wenn der geistliche Stand,841 oder wenn Lehrer der Religion verachtet sind,842 und der wird mit aller Arbeit wenig oder nichts fruch[32]ten, der nicht seinem Stande Ehre zu machen,843 und diesen selbst in Achtung zu erhalten weiß. So lange die, welche von ihm Belehrung844 oder Erinnerungen annehmen sollen, denken, es sey845 nichts leichter846 als ein Prediger zu werden – ein Vorurtheil, das sehr leicht entsteht,847 und sich bestärkt, wenn sie sehen, wie viel848 Unwürdige, die nichts gelernetgelernt haben,849 und sich selbst nicht einmahl851 zu regieren vermögen, die es auch wohl selbst nicht verheelen852, wie bald sie mit ihrer sogenannten Vorbereitung und 853 Amtsverrichtungen fertig werden können, ins Amt kommen;854 – so lange sie sich einbilden, das alles855, was sie von ihm lernen sollten856, wüßten sie schon – und das werden sie destomehr857 glauben, wenn der Lehrer weiter nichts als das [28] Gemeine weiß; –858 so lange sie ihm vorwerfen859 können, er spreche bloß860 wie er von andern861 gelernt habe, und es mit Unwillen glauben862, [32] daß er bey Andrer sauren Arbeiten863, für wenige Stunden Unterricht und einige Krankenbesuche864, in Gemächlichkeit das 82 Fett des Landes genieße865: so lange bleibt er, und mit ihm sein Stand und seine Beschäftigung, verachtet. Es ist nicht abzusehen, was ihn, ausser866 dem Bestreben,867 sich andern868 nützlich zu machen, gegen dieses Vorurtheil schützen,869 oder dieses von ihm ablehnen könne, als vorzügliche Einsichten, wodurch andre870 von seiner Ueberlegenheit gewiß werden. In so fern ist ihm Gelehrsamkeit nöthig, verächtlichen Vorurtheilen zu entgehen, sich das so nöthige Vertrauen zu verschaffen,871 und selbst im Stande zu seyn,872 sein Ansehen wirklich geltend zu machen.

[33] 36.

Und schränkt sich denn 2)873 seine ganze Pflicht bloß auf den allgemeinen Unterricht874 ein? Ist nicht die Sorge für das geistliche Beste einzelner875 Menschen, die ihm anvertraut sind, eine eben so wichtige, wo nicht wichtigere, wenigstens noch mühsamere Pflicht? Wenn er nun gelehrtere,876 oder, wie sehr zu wünschen ist, nachdenkende Zuhörer hat; wenn diese auf dunkle Stellen oder Zweifel in der Religion stossen877 – ein Fall,878 der sich bey879 einigem Nachdenken880 bey881 Anwendung des Gelernten auf unsern882 Gemüthszustand, bey883 der immer gemeiner werdenden Aufklärung und Lectüre,884 den ReligionsstreitigkeitenReligionsstreitigkeiten885, in die sich selbst der gemeine Mann mehr,886 wie sonst,887 mischt, [29] und der überhand nehmenden Irreligion, gar nicht selten ereignet –; wenn sie888 ihm dergleichen Zweifel oder Gewissensfälle vorlegen889, es sey890, ihn auf die Probe zu stellen,891 oder wirklich Belehrung und Gewissensruhe zu [33] erhalten: –892 wird er, ich sage nicht bloß, sein Ansehen erhalten, sondern auch für ihre Seele wirklich sorgen können, wenn ihm nicht Gelehrsamkeit, selbst in Sprachen, in Philosophie, in893 Geschichte, zu Hülfe kommt, und er 894 genöthigt ist,895 sie mit allgemeiner Versicherung seines Mißfallens, mit Warnungen für896 Vernunft und897 Nachstellungen des bösen Feindes,898 und mit Forderung eines blinden Glaubens mehr abzuweisen,899 und900 sich verächtlich, die Religion selbst aber verdächtig901 zu machen,902 als ihnen die Zweifel zu benehmen, und ihr Gewissen zu leiten,903 oder zu beruhigen? Oder gehört nicht schon Gelehrsamkeit dazu, um ihnen [34] nur begreiflich zu machen, warum sich keine nähere Belehrung geben lasse, oder daß die wahre und praktische Religion dabey904 nichts einbüße905, wenn die Zweifel gar nicht, oder doch den Fragenden nicht,906 benommen werden können?

907
37.

Warum soll denn auch 3)908 das Gemeinnützige den Maaßstab hergeben, wornach909 man den Werth eines Mannes oder einer Kenntniß schätzen, und worauf man am meisten sehen müsse, wenn man sich einer besonderen Beschäftigung widmen wolle? Gott hat die Gaben und Neigungen sehr [34] mannigfaltig ausgetheilt, ohne Zweifel in der weisen Ab[30]sicht, daß, weil nicht jeder alles kan,910 einer mit seinen besondern Gaben,911 dem, der dergleichen wozu nicht912 hat, in die Hände arbeiten solle. Und es zeigt sich die Weisheit dieser Einrichtung dadurch, daß, wenn alle Einerley913 darum trieben, weil es das Gemeinnützigste wäre, nicht nur unendlich viel Nützliches entbehrt, sondern auch viel Gemeinnütziges gar nicht,914 oder nur sehr unvollkommen erhalten werden würde, wenn nicht das minder Nützliche zu dem Wichtigern mitwürkte915, ja sogar das Gemeinnützige, der Ackerbau (z. B.)zum Beispiel, ungemein viel von seinem Werth bey andern916 verlieren müßte917, wenn sich alle918 darauf verstünden,919 oder alle920 damit beschäftigten. Man muß daher den Werth einer Beschäftigung nicht nach ihren921 ausgebreitetern oder auffallendern unmittelbaren Nutzen, sondern nach den größern922 Fähigkeiten und der Mühe, die sie kostet, [35] und man muß 923 den Werth eines Mannes nicht nach dem beurtheilen, womit 925 er sich beschäftigt, sondern nach dem Fleiß Fleiß,926 den er darauf verwendet hat, um es darin zur möglichsten Vollkommenheit zu bringen. Es ist eine unverantwortliche Empörung gegen Gottes weise OrdnungOrdnung –927 die wir doch überall zum Muster nehmen sollten –928 mit Verachtung auf das herabzusehen, was nicht so gemeinnützig als etwas Andres scheint – zumahl929 wenn das Gemeinnützige anders nichts ist,930 als was zur unmittelbaren Befriedigung körperlicher oder zeitlicher Bedürfnisse dient; –931 dadurch den mannigfaltigen Fleiß zu ersticken, und gerade gegen das am ungerechtesten zu werden, was die seltensten Talente voraussetzt, die größeste932 Anstrengung und Ge[31]nauigkeit erfordert, und meistens die wenigste Ermunterung oder Belohnung findet.

[35] 38.

Sorgt man aber auch 4)933 in der That selbst für den gemeinen Mann hinlänglich, wenn man sich bloß auf das vermeinte Gemeinnützige in der Religion einschränkt? – Nicht zu gedenken, daß es einen großen Unterschied unter dem sogenannten934 gemeinen Mann935 , und noch mehr unter denen936 giebt, die keine Gelehrte von Profession sind,937 und daß938 mancher darunter mehr Fähigkeit und natürlichen Wahrheitssinn (sensus communis) hat, als sich der Lehrer einbildet: sollen wir nur immer seine gegenwärtigen Bedürfnisse befriedigen? uns nur immer an seine jetzige939 Fähigkeiten anschmiegen? [36] ihn nie weiter940 heben? nie941 schlafende Fähigkeiten erwecken? und,942 wenn wir vorhersehen können, daß er, durch unsre Belehrung erweckt943, bald mehr bedürfen werde, 944 nicht schon zum945 voraus dafür sorgen, daß Bedenklichkeiten, die gegen das Vorgetragene entstehen könnten, mehr schon durch den Unterricht abgeschnitten, als veranlaßt,946 und dann947 erst mit Mühe gehoben werden; und daß, wenn er einmahl948 weiter gerückt seyn werde, und unsre Belehrung nicht mehr haben könne, ihm doch gleichwohl schon fürs Künftige geholfen sey949?

39.

Wenn man nun vollends 5)950 gar nicht einmahl951 im Stande wäre, das Gemeinnützige Andern gemeinnützig mitzutheilen 952, ohne vorher recht Vieles953, selbst was man gar nicht vorzutragen hat, und [32] ohne es recht gut gelernt zu haben? – Zuerst muß der Lehrer doch für sich, und er muß gewissenhaft lernen, so daß er von dem,954 was er Andre lehren,lehren 955 und ihnen empfehlen will, selbst wahrhaftig [36] überzeugt,957 und dafür eingenommen sey958, wie wird er sonst zu Andrer959 Ueberzeugung und mit Wärme reden können? Aber dazu gehören viele Kenntnisse, aus welchen, zusammengenommen,960 Ueberzeugung entsteht, viele eigne961 Erfahrungen und viele962 UebungUebung,963 alles964, auch das Entferntere, auf das Herz und zur Bildung seiner eignen965 guten Gesinnung anzuwenden. Und ein Lehrer muß Vieles966 sich bekannt machen, was gar nicht für seine Zuhörer gehört,967 oder, nach der gewöhnlichen Sprache, nicht [37] gemeinnützig ist, um vor968 sich 969 gewiß zu seyn, daß, was er auch ihnen, wegen ihrer Unfähigkeit, nicht beweisen kann oder darf,970 (z. B.)zum Beispiel gewisse Erklärungen von Stellen der heiligen Schrift, er ihnen gleichwohl sicher und auf sein bloßes Ansehen vortragen könne. Es ist auch ganz etwas anders, mit eignen971 Augen sehen, als bloß auf Andrer Credit972 annehmen; und, wenn gleich der gemeine Christ das letztre973 thun darf und muß (§. 15): 15), 974 so ists doch dem Lehrer, der Andern976 vordenken soll, wenn er sich durch sich selbst wovon977 überzeugen kan978, nicht zu verzeihen979, daß er sich nur mit dem begnügt,980 was Andre981 ihm vorgedacht haben. Ja, selbst wenn er auch Anderer Vorarbeit benutzen will:982 so muß er's doch gewissenhaft thun, also, bey983 der so grossen984 Verschiedenheit der Meinungen, beurtheilen können, was das Richtigste sey; und985 wie kan986 er das987 ohne 988 viele dazu gehörige,989 (z. B.)zum Beispiel philologische und historische Kenntnisse 990?

[33] 40.

Soll er ferner nur das Gemeinnützige lehren:991 so muß er die gehörige Wahl992 zwischen dem zu treffen wissen, [37] was er zu sagen hat oder nicht. Diese Wahl erfordert, daß er mehr wisse993 als er zu sagen braucht, sonst läst994 sich nicht wählen,995 und daß er den Werth desjenigen, was er vortragen könnte, zu würdigen verstehe, sonst kann996 er nicht das Gemeinnützige ausheben. Er wird vielmehr entweder aus Armuth an Sachen, was er weiß, ohne Unterschied vortragen,997 und dadurch die Gemeinnützig[38]keit aufgeben, oder das Alltägliche vortragen müssen,998 und dadurch die Zuhörer ermüden,999 oder dem Vortrag1000 nicht das Unterhaltende geben können. – Endlich ist das Schwerste, gemeinnützige Sachen auch gemeinnützig,1001 d. i.das ist 1002 so zu sagen, daß es auch Unverständigern1003, Trägen, Eingenommenen und Gleichgültigen einleuchtend, wichtig und rührend werde. Dazu gehört wieder nicht nur viele, selbst feine, Kenntniß des menschlichen Herzens, um zu wissen, wo und wie man jeder Art Zuhörer1004 am besten beykomme1005, sondern auch die GeschicklichkeitGeschicklichkeit,1006 alles auf mehrern1007 Seiten anzusehn,1008 eine Sache, die sich wieder ohne Mannigfaltigkeit und Reichthum der Erkenntniß nicht erreichen läßt.

Anmerk.Anmerkung Anmerk. 1. Schon das ist sehr übereilt, und, wenn man es besser weiß oder besser wissen könnte, ungerecht, daß man immer das Gemeinnützige Gemeinnützige sogenannten Speculationen Speculationen und gelehrten Kenntnissen gelehrten Kenntnissen oder Untersuchungen entgegen setztentgegensetzt, und beydesBeides für einander hinderlich und unvertragbar ausgiebt. Dieser Wahn setzt schon das voraus, was eben erst untersucht werden müßte, daß gelehrte und speculative Kenntnisse nicht gemeinnützig seyn oder werden könnten; er verwechselt zum Theil das Gemeinbekannte oder Jedermann erkennbarereErkennbarere mit dem Gemeinnützigen; er schlägt den Werth des äusserlichen Wohl's äußerlichen Wohls , mit Vernachlässigung der eigentlichen Geistes-CulturGeistes-CulturGeisteskultur, zu hoch an, oder bringt es allein in Anschlag; er hält sich nur, oder zu sehr, an das, was unmittelbar nützlichnützlich ist, und übersieht was mittelbar, was auf eine entferntere und weniger in die Augen fallende fallenlendefallende Art wirkt, aber oft sehr weit reichende Wirkungen hervorbringt. Haben nicht sehr oft Bemerkungen und Versuche, die anfangs SpielereySpielerei oder SpitzfündigkeitenSpitzfindigkeiten zu seyn schienen, z. B.zum Beispiel in der Naturwissenschaft und Mathematik, auf sehr wichtige und äusserstäußerst gemeinnützig gewordene Entdeckungen geführt? Und was anders, alsHaben nicht oft gelehrte und spitzfündigspitzfindig scheinende UntersuchungenUntersuchungen, willkührlich angenommneangenommene Sätze, die sich bloß durch ihren Nutzen empfahlen, berichtigt, genauer bestimmt, bestätigt, und aus unzuverlässigen in sichresichere und feste verwandelt? 10091049
41.

Zwischen beyden1050 bisher erwähnten Abwegen des zu vielen oder zu wenigen Lernens (§. 29–40) gehet1051 die rechte Straße1052 mitten durch; und die würde man halten können –1053 wenn man sich den Zweck, Inhalt, Umfang1054 und Einfluß einer jeden Wissenschaft oder Art von Kenntnissen auf andre1055, vorläufig recht bekannt machte; –1056 wenn man danach1057 und nach unparteyischunparteyischer1058 Prüfung seiner Fähigkeiten und Umstände, genau untersuchte, [35] worauf man sich hauptsächlich zu legen hätte; –1059 wenn man alsdann1060 von den übrigen Wissenschaften so viel lernte,1061 als zur gründlichen Kenntniß dessen, was man vorzüglich treiben will, unentbehrlich ist; –1062 wenn man sich um die besten Hülfsmittel in jeder Wissenschaft bekümmerte, um diejenigen Wissenschaften, welche man bey1063 Seite laßen1064 müssen, nachholen, und die, welche man bereits getrieben, noch vollständiger lernen zu können; –1065 wenn man endlich, um sich Zeit zu sparen,1066 und alles1067 aufs vortheilhafteste zu treiben, die [41] beste Art kennen zu lernen suchte, wie man, mit Beyseitsetzung1068 des Unnöthigen oder Mindernöthigen, alles1069 aufs kürzeste und sicherste lernte.

[40] 42.

Hiezu würde1070 eine allgemeinere Anleitung, wie sich ein angehender Theologe oder künftige1071 Lehrer der Religion zu bilden hätte1072 sehr dienlich seyn, und diese müßte danndenn 1073 von den Kenntnissen handeln, die er erlangen, von den Fähigkeiten,1075 die er haben, und von den Hülfsmitteln1076 und 1077 Uebungen,1078 die er brauchen müßte (§. 20.). 20.) 1079

Eine solche Anleitung ist weder mit einer theologischen Encyclopädie Encyclopädie Enkyklopädie noch Methodologie zu verwechseln. Erstre giebt mehr einen kurzen Auszug aus allen Theilen der Theologie,Theologie und dient zur allgemeinern Uebersicht des Inhalts einer jeden Wissenschaft. S.Seite Quintilian (Quinctilian) inst. I, 10 Quinctiliani Institut. orator. lib.liber I. c.caputcapitulum 10. und Wowern, Johann von Jo. Wowerii tractation. de Polymathia, 1665. in 8. Cap.CaputCapitulum cap.caputcapitulum 2. Letztre zeigt mehr die Art,Art wie sie und ihre einzle Theile am besten getrieben werden können, und ist in so fernefern ein Theil der hier gemeinten Anleitung. 1081
43.

Eine solche Anleitung müßte –1087 in Absicht auf Kenntnisse oder Wissenschaften, gleichsam wie eine Landcharte,1088 zeigen, welche Wissenschaften zur Theologie in1089 sich oder als nothwendige Hülfswissenschaften gehören; welchen Umfang, welchen [42] Nutzen oder Einfluß eine jede auf die andere hat; wie weit eine jede bisher bebaut ist; wo und welche Lücken in ihr sind; wie sie könnten ergänzt,ergänzt 1090 und wie überhaupt jede, oder wodurch,1092 noch vollkommner1093 werden 1094. – Bey den nöthigen1095 Fähigkeiten müßten1096 ihre Nothwendigkeit, ihre Kennzeichen,1097 und die beste Art,1098 sie möglichst zu ersetzen und zu verbessern, angegeben, und1099 – bey1100 den Hülfsmitteln und Uebungen Uebungen,1101 die besten Bücher, die sichersten Regeln,1102 jede Wissenschaft zu studieren1103, und die vortheilhafteste Art der Uebung vorgestellt werden1104.

1,
2,
3,
44.

Sonach würde dergleichen Anleitung einen großengrossen NutzenNutzen haben, der zugleich zu erkennen gäbegiebt, nach welchem GesichtspunctGesichtspunct man die Theologie oder einzelneeinzle Theile derselben studierenstudiren müsse. In so fern1130 sie zeigte1135, was und wie viel zu einem würdigen Lehrer der Religion gehörte, würde1136 sie uns1137 in den Stand setzen, uns1138 gewissenhaft zu prüfen,1139 ob wir1140 dazu fähig seyn möchten1141 oder nicht. Diese Prüfung kan1142 nie sorgfältig genug seyn. Wie kan man1143 immer mit wahrer Zufriedenheit auf seine getroffne1144 Wahl zurück sehen, – wenn man1145 nicht überzeugt ist, daß uns1146 Gott zu den1147 gewählten Stand1148 berufen hat, daß wir uns1149 seines Wohlgefallens und Segens dabey1150 getrösten können1151, daß wir uns1152 nicht dem StandStand1153 entzogen haben1154, den er uns1155 durch das Maaß der geschenkten Kräfte und der darauf gegründeten Neigungen angewiesen hatte? –1156 wenn man [38] sieht, wie unnütz man ist, [42] wenigstens wie bey weiten1157 nicht so nützlich man 1158 für die Welt seyn kan in dem gewählten Stande,Stande 1159 als in einem andern,1161 und wie lästig man denen fallen muß, die durch uns gezüchtigt werden,1162 und uns äusserlicher1163 Umstände wegen behalten müssen,1164 wie hinderlich zugleich1165 für Andre1166, mit welchen ihnen weit besser gerathen wäre? –1167 wenn man hinterher gewahr wird, daß man nicht nur oft selbst seinem zeitlichen GlückGlücke1168 im Lichte gestan[44]den, sondern – welches1169 noch schlimmer ist – daß uns1170 die Beschäftigungen dieses Berufs schwer und verdrießlich werden,1171 daß man, statt Zutrauen zu haben, verachtet wird,1172 daß man auch wohl oft, wegen gebrauchter schlechten1173 Mittel,1174 sich äusserlich1175 fortzubringen,1176 oder wegen bloß zeitlicher Absichten bey1177 der Wahl seines Berufs, mit Abscheu an sich selbst denken muß?

45.

Wie nun eine solche Anleitung hiedurch1178 den, der keinen Beruf zu einem Lehrer der Religion hätte, noch zu rechter Zeit erinnern könnte, sich einer andern Beschäftigung zu widmen, der er mehr gewachsen wäre,1179 und wodurch er, nach Gottes Absichten, Andern nützlicher werden würde: so könnte sie hingegen den, der sich wirklich aufgelegt dazu fühlte,1180 und seiner ganzen Pflicht, als ein solcher Lehrer, Genüge thun wollte, den Umfang dieser Pflichten und die beste Art sie zu erfüllen, lehren. Die Vorstellung dieses großen1181 Umfangs würde1182 ihn nicht niederschlagen. Denn, wo ihm Schwie[39]rigkeiten aufstießen1183, kämen1184 sie ihm nicht unerwartet; er kennte1185 denn auch schon durch diese Anleitung1186 die Mittel,1187 sie zu überwinden;1188 und dies würde1189 ihn, nebst dem erkannten Nutzen und Einfluß einer Wissenschaft und Beschäftigung auf die andre1190, sogar1191 zu desto mehrern1192 Fleiß ermuntern.

[43] 46.

Da indessen Niemand alles1193 mit gleichem Fleiß und gleich glücklichem Erfolg treiben kann: so würde sie1194 jedem die Beschäftigungen anweisen1195, welche nach seinen Fähigkeiten und Neigungen eigentlich für ihn 1196 gehörten, um sich nicht zu sehr zu zerstreuen, und, indem er seinen Fleiß theilte1197, in keinem Theil der Theologie etwas einigermaßen1198 Vollkommnes1199 zu leisten. Sie würde ihn demnach dennochdemnach , da er1200 keinen Theil der Theologie zu seiner Hauptbeschäftigung ganz entbehren kan,1202 auch 1203 lehren 1204, wie viel er daraus zu seinem Hauptzweck bedürfte1205; wie und wodurch er sich am besten darin forthelfen, und, wenn er etwas hätte bey1206 Seite laßen1207 müssen, das er hinterher noch brauchte, wie er es1208, nach seinen Bedürfnissen, nachholen könnte1209.

47.

Endlich würde1210 sie ihm Zeit, Mühe und Kosten ersparen helfen. Denn man hat schon viel gewonnen, wenn man weiß,1211 was für uns nothwendig und1212 entbehrlich oder minder wichtig ist1213; was uns1214 schon gut vorgearbeitet,1215 oder was1216 zu ergänzen und zu verbessern ist; in welcher Ordnung [40] man jedes aufs Beste vornehmen kan1217; welche Hülfsmittel zu jeder Zeit, beym1218 Anfang oder Fortgang, die dienlichsten sind. Und über dieses alles soll uns eine solche Anleitung unterrichten.

48.

Noch einleuchtender wird ihre Nothwendigkeit, wenn man einen Blick auf die jetzige Verfassung oder vielmehr den Verfall unsrer1219 Schulen und Universitäten wirft. – Unstreitig eilt man [46] jetzt viel früher als sonst, und im Gan[44]zen genommen,1220 viel unbereiteter, von jenen auf diese. Mag's seyn, daß man durch die neuerliche Einrichtung unsrer Schulen mehr auch für den Ungelehrten, für die Bildung des guten Bürgers, für Abschneidung vieler Umwege bey1221 dem Studieren1222, gesorgt hat;1223 für die, welche sich den eigentlichen Wissenschaften widmen sollen, hat man gewiß, im gleichen Maaß1224, nicht gesorgt. Wer dieses Urtheil einer Unbilligkeit zeihen will, den kan1225 man auffordern –1226 wenn er unsre meisten Schulen kennt,1227 und weiß, was zur gründlichen Kenntniß der Wissenschaften gehört – unparteyischunparteyischunpartheyisch 1228 die Fragen zu beantworten: –1230 96Treibt man nicht jetzt zu Vielerley 1231 auf Schulen? – zu1232 viele sinnliche Beschäftigungen,1233 und zu wenig solche, die zur eigentlichen Bildung des Geistes dienen? – unter1234 den Wissenschaften1235 diejenigen zu wenig, welche zur Vorbereitung auf die übrigen nöthig sind, Sprachen1236 (z. B.)zum Beispiel, und die hingegen, welche schon mehr andre1237 Kenntnisse voraussetzen, und den höhern1238 Schulen vorbehalten [41] werden sollten, zu früh oder zu viel? –1239 Sieht man eben so sehr darauf, daß etwas recht gut und gründlich, als daß Vieles1240 gelernt werde,1241 und ists1242 besser, weniger und gut, oder Vieles1243 und obenhin, zu lernen? –1244 Wird die Jugend auch genug geübt, und zu eignem 1245 Nachdenken und 1246 Arbeiten, auch wenn sie beschwerlich sind, angehalten? – Wird sie genug gegen Zerstreuung, Flüchtigkeit und Dünkel1247 verwahrt?

[47] 49.

Wenn in Schulen nicht genug auf1248 Universitäten vorbereitet wird:1249 so kan1250 vieles auf diesen gar nicht von den Lernenden verstanden, ja es kankann 1251 ihnen nicht einmahl1253 die [45] Nothwendigkeit mancher Kenntnisse,1254 und wie viel zur Gründlichkeit des Wissens gehört, recht einleuchtend gemacht werden. Selten verstattet dies, nebst dem Mangel des Geschmacks an Wissenschaften und ihrer gründlichen Kenntniß, dem Mangel der Zeit, und der Menge dessen,1255 was sie erst, oder was sie besser,1256 lernen sollen, das Versäumte nachzuholen; zumal1257 wenn sie nicht gewöhnt worden sind, sich selbst zu treiben. Eilen sie dann1258, wie gewöhnlich, zu schnell wieder von Universitäten weg; finden, bey1259 einer übelverstandnen Freyheit1260, mehr Geschmack an Vergnügungen als an1261 Studieren1262; und kommt die Einbildung dazu, daß sie vieles nicht erst zu lernen bedürften1263, oder gar der Kitzel, sich bald hören zu laßen,1264 und sich dann1265 für reif genug zum Amte zu halten: – was wäre da 1266 auszurichten?

[46] 50.

Die einzige Hülfe – wo sie noch möglich ist,1277 – könnte für die, welche Theologie studieren1278 wollen, von einem Unterrichte1279 über den Umfang der Wissenschaften, die Erfordernisse und Hülfsmittel bey1280 der Theologie, erwartet werden. Er kan1281 doch die so nöthige Selbstkenntniß bey1282 denen, die noch nicht, oder nicht ganz, verdorben sind, und die Kenntniß befördern, wie viel dazu gehöre, um mit Würde den Beruf eines Lehrers der Religion zu führen. Und, –1283 wenn Universitäten die eigentlichen Pflanzschulen künftiger Lehrer sind; –1284 wenn man da am sichersten und vollständigsten1285 erfahren kan1286, wie weit bis jetzt das Feld der Theologie bebaut ist; –1287 wenn so viel davon abhängt, daß [43] man gleich im Anfang seine akademischen1288 Studien gut einrichte;1289 daß man sich nicht durch Mode oder durch1290 selbst noch Rathsbedürfige oder aus Leidenschaften Rathende, sondern durch Verständigere und der Sachen Kundige leiten lasse; daß man frühzeitig lerne, was? warum?1291 und wie?1292 man auf Universitäten hören müsse:1293 – so wird eine solche Anweisung immer nicht nur eine gute Vorbereitung1294 auf das übrige Studieren1295, sondern auch eine große Beyhülfe1296 auf das künftige weitere Fortschreiten nach vollendeten Universitätsjahren1297 seyn.

51.
Unter den Büchern, die einen solchen Unterricht,Unterricht oder vielmehr einige BeyträgeBeiträge dazu,dazu enthalten, und wovon die allermeistensind zwar viele ältere entweder unsernunseren Zeitbedürfnissen,Zeitbedürfnissen oder der AufklärungAufklärung, den Grundsätzen und der Verfassung evangelischerEvangelischer KirchenKirchen, gar nicht angemessen sind, verdienen, wiewohl in sehr verschiedner Absicht, verglichen zu werden: Kirchen nicht mehr angemessen, jedoch enthalten sie zum Theil noch treffliche Winke. Noch weniger fehlt es an neueren, welche jene benutzt und das Bedürfniß der Gegenwart zugleich berücksichtigt haben. Unter den älteren sind vorzüglich schätzbar: Erasmus, Desiderius Desid. Erasmi Roterod. Ratio s. methodus (Compendium) verae Theologiae, beybei seiner zweytenzweiten Ausgabe des griechischen neuen Testaments, von 1519, und nachher oft aufgelegt; in der neuesten Ausgabe recensuit et illustrauit Semler, Johann Salomo Jo. illustravit Io. Sal. Semler , Halae 1782. in gr.groß 8.De recte formando Theologiaetheologiae studio (oder unter dem Titel: de Theologo s. de ratione studii theologici) libri quatuor, Hyperius, Andreas Andr. Hyperio auctore, am neuesten aufgelegt Basileae (1582. (1582) in 8. Jo. Gerhardi Methodus Studii theologici, Jenae 1654. in 8. und schon vorher mehrmals gedruckt. Traité des études monastiques – – par Mabillon, Jean Jean Mabillon , etwas verändert wieder gedruckt à Paris 1692 in zwey Bänden in gr.groß 12. und hernach mehrmalsmehrmahls. Methode pour étudier la Theologie (von Du Pin, Louis Ellies L. E. du Pin ,) aà Paris 1716.1716 in gr.groß 12. Buddeus, Johann Franz Jo. Io. Franc. Buddei Isagoge historico-theologica ad Theologiam vniuersamuniversam singulasque eius partes, Lipsiae 1727. 1727 in 4. mit den Supplementen oder der Historia Theologiae litteraria continuata (1730. (1730) in 4. Koecher, Johann Christoph Jo. Christ. Koecheri Conspectus Theologiae vniuersae, Guelpherb. 1749. 1749 in 8. Walch, Johann Georg Joh. Georg Walchs Einleitung in die theologische Wissenschaften, zweyte und vermehrte Ausgabe, Jena 1753. 1753 in 8. Unter den Neueren: Mosheim, Johann Lorenz von Joh. Lorenz von Mosheims Mosheim kurze Anweisung, die Gottesgelahrtheit vernünftig zu erlernen – – zum Druck befördert von Windheim, Christian Ernst von Christian Ernst von Windheim , Helmstädt 1756. in gr.groß 8. Semler, Johann Salomo Joh. Sal. Semlers Semler's Versuch einer nähern Anleitung zu nützlichem FleißeFleisse in der ganzen GottesgelehrsamkeitGelehrsamkeit, Halle 1757. 1757 in 8. Mosheim, Johann Lorenz von Joh. Lorenz von Mosheim kurze Anweisung die Gottesgelahrtheit vernünftig zu erlernen – – zum Druck befördert von Windheim, Christian Ernst von Christian Ernst von Windheim , Helmstädt 1756 in gr.groß 8., und Briefe, das Studium der Theologie betreffend,betreffend (von Herder, Johann Gottfried von J. G. Herder, Herder ) Weimar 1780 und 81. 81 bisher in 4 Theilen in 8. (auch in dessen Werken zur Religion und Theologie. 9ter und 10ter Theil.) Planck, Gottlieb Jakob G. F. Plank Einleitung in die theologischen Wissenschaften, 1ster und 2ter Theil, Leipzig 1794. 95. und der Auszug zu Vorlesungen 1806. Schmidt, Johann Ernst Christian Schmidt Lehrbuch der theologischen Encyklopädie und Methodologie. Gießen 1810. 1298 Die meisten andern Schriften, die hieher zu gehören scheinen möchten, sind entweder gar zu dürftig, und zeugen zu sehr von zu weniger Bekanntschaft mit diesen Wissenschaften selbst, oder mit unsern Zeitbedürfnissen; oder betreffen, wie die Summe von Erfahrungen und Beobachtungen zur Beförderung der Studien etc. von Schlegel, Gottlieb Gottlieb Schlegel , Riga 1786. in 8. mehr die Zubereitung auf Schulen und Universitäten; oder enthalten, wie der Versuch über das Studium der Theologie in Rücksicht unsrer Zeiten, Leipzig 1790. in 8. mehr Erklärungen über einige neulich in Anspruch genommne Kirchenlehren und das rechte Benehmen dabey, als daß sie sich auf Darstellung des Zwecks theologischer Wissenschaften und die beste Art sie zu treiben, einlassen sollten. 1340
[48] 52.

Alles, was man in einer solchen Anleitung mit Recht erwarten kan, betrift1341 entweder die Kenntnisse, die ein angehender Lehrer der Religion zu erlangen suchen, oder die Fähigkeiten, die er [45] besitzen, oder die Uebungen, die er anstellen muß (§. 42)1342. Und weil alle zu seiner Bildung, als eines Religionslehrers1343, nöthige Kenntnisse oder Wissenschaften entweder Vorbereitungs- und Hülfswissenschaften sind, oder die eigentliche Theologie,1344 (d. i.)das ist die Lehren der Religion und die richtigen Vorstellungen davon selbst, nebst den dazu nöthigen Beylagen1345, enthalten, oder die Mittheilung derselben an Andre,1346 und die ganze weise und nutzbare Führung des Lehramts betreffen: so wird die folgende Anleitung vier Theile begreifen:

  • [52] 1.1347 Von den Vorbereitungs- und Hülfswissenschaften.
  • 2.1348 Von den Theilen der sogenannten systematischen1349 Theologie,1350 und ihren Beylagen1351, der exegetischen1352 und historischen1353 Theologie.
  • 3.1354 Von der Anweisung zur würdigen und zwecksmäßigen Führung des Lehramts, und
  • 4. von1355 den Fähigkeiten und allgemeinern1356 Anstalten und1357 Uebungen, wodurch ein angehender Lehrer gebildet werden kan1358.

[46] [53] [49]

53.

Alle Wissenschaften hängen nicht nur gewissermassen zusammen,gewissermaßen zusammen und so fernefern wäre1364 es für den, der Theologie studiert, nützlich 1367, in keiner derselben ganz Fremdling zu seyn1368, zumahl wenn er manche 1369 unter seinen besondern1370 Umständen, beybei Schulstellen z. B.zum Beispiel,1371 auch abgesehen von der Theologie, nöthiger hätte1373 als andre; sondern manche haben1374 auch einen nähern1375 Einfluß in1376 das gründliche Studium der Theologie,1377 und einige unter diesen sind dazu schlechterdings unentbehrlich. – Wie die1378 Absicht dieses Buchs 1379 sich nur auf die einschränken muß1380, welche in einer solchen nähern Verbindung mit der Theologie stehen: so kan man diese1381 Vorbereitungswissenschaften eintheilen1382 1) in solche, welche 1383 die Quellen der Theologie enthalten, 1384 ohne die sich wenigstens nie sicher aus diesen Quellen schöpfen läßt, die daher auch zur gründlichen Einsicht der Theologie die allerunentbehrlichsten sind;1385 Philologie, meine ich, nebst der mit ihr [54] verbundnen Kritik, und Philosophie; 2) in solche, die zur allgemeineren1386 Uebersicht der Theologie und der vortheilhaftesten Art gehören, wie man sie studieren müsse1387, wohin eine solche Anleitung, wie [47] wir hier versuchen, allenfalls auch eine eigentliche Encyklopädie (§. 42. Anmerk.Anmerkung),1388 zu rechnen wäre1389; und 3) in solche,1390 die mehr HülfswissenschaftenHülfswissenschaften,1391 (d. i.)das ist zur rechten Kenntniß der ganzen Theologie zwar nicht zum voraus, aber doch dabey,1392 und entweder zur Vergründlichung1393 derselben überhaupt,1394 oder bey1395 einem Theil derselben,1396 nothwendig sind. Von dieser letzten Art wäre1397 die Geschichte überhaupt,1398 und besonders 1399 Geschichte der theologischen Wissenschaften 1400 mit der Kenntniß der besten theologischen Bücher, nebst den so genannten1401 schönen Wissenschaften.

1,
2,
3,
54.

Einige allgemeinere nützliche Kenntnisse von den meisten dieser Wissenschaften, nebst heilsamen Räthen und1416 Vorschlägen 1417 über die beste Art,1418 diese Wissenschaften1419 zu treiben, enthalten vorzüglich

  • Jo. 1420 Ludov. Vivis de disciplinis libri XII., unter andern gedruckt Lugduni Bat. 1636 in1421 12.
  • Franc. Baconis de dignitate et augmentis scientiarum libri IX.1422, unter seinen lateinisch übersetzten Werken,1423 Hafniae 1694 1424 (fol.)folio
  • 109De la maniere1425 d'enseigner et d'étudier les belles-lettres1426 par Mons. Rollin, wieder gedruckt à1427 Halle 1752textgrid:251gc in vier Bänden in1428 8.
  • [56] Kurzer Begriff aller Wissenschaften und anderer1429 Theile der Gelehrsamkeit (etc.)et cetera (von Joh. Georg Sulzer , Sulzer ) zweyte 1430 ganz veränderte Auflage, Leipzig 1759textgrid:251gk in 8.1432
  • Jo. 1433 Matth. Gesneri primae lineae Isagoges in eruditionem vniuersalem1434 (etc.)et cetera accedunt praelectiones ipsae per Jo. 1435 Nic. Niclas, in1436 2 Tomis1437, Lipsiae 1774 und 75 1438 in groß 8. und1439

[49] [57] [52]

55.

Philologie begreift –1444 in dem Sinn, wie1445 man das Wort jetzt nimmt –1446 alle Kenntniß der Sprachen und der dabey1447 erforderlichen Hülfsmittel. Sie lehrt also den Ausdruck in einer Sprache verstehen und anwenden;1448 lehrt den Gebrauch des Ausdrucks, 1449 in Absicht sowohl1450 auf die damit verbundenen Begriffe, oder den sogenannten Sprachgebrauch, als auch in Absicht auf die Veränderungen der Wörter und ihre Verbindung, oder die Sprachregeln. In so fern1451 sie das letztere1452 thut, nennt man sie auch Grammatik im engsten Verstande.

56.

Es würde kaum nöthig seyn,1479 zu sagen1480, wie unumgänglich nothwendig die gründliche Bekanntschaft mit Sprachen 1481 sey1482, wenn der Ueberzeugung davon nicht weit mehr, als vielleicht irgend einer andern Wissenschaft, sehr gangbare und herrschende Vorurtheile entgegen stündenentgegenstünden. *) 1483 – Weil der Anfang des Unterrichts bey1485 der Erziehung gemeiniglich mit Sprachen gemacht wird, so mag dies die Ursach seyn, warum vielen1486 dieses Studium bloß für Anfänger zu gehören scheint; so gar anders1487 auch die Art ist, mit der der Verständigere und der Anfänger die nemliche1488 Sache [59] behandeln kan1489, und so sehr auch in jener gewöhnlichen Ordnung bey1490 dem Unterricht, das sehr richtige Geständniß liegt, daß Kenntniß der Sprachen die Grundage von allen andern Kenntnissen sey1491.

*) Man weiß, wie sehr über die Nothwendigkeit des Studiums der Sprachen, namentlich der alten, und der ganzen alten Literatur, wenigstens der frühzeitigen und allgemeinen Beschäftigung damit auf Schulen, noch neuerlich, seit den lebhaften Versuchen, eine gänzliche pädagogische Revolution hervor zu bringenhervorzubringen, gestritten worden ist. Das, theils Scheinbarste, theils Wichtigste, wider diese Nothwendigkeit ist in den beydenbeiden Trapp, Ernst Christian Trappischen Aufsätzen: über„Ueber das Studium der alten classischen Schriftsteller und ihre Sprachen,Sprachen,“ und: über„über den Unterricht in Sprachen,Sprachen,“ zusammengefaßt, wovon jene in der Allgemeinen Revi sion des gesammten Schul- und Erziehungswesens, von einer Gesellschaft praktischer Erzieher, herausgegeben von Campe, Joachim Heinrich J. H. Campe , im 7ten Theil S.Seite 309 f.folgend steht, und diese den 11ten Theil des gedachten Werks einnimmt. So sehr der Streit hiedurchhierdurch und durch die der erstern Abhandlung beygefügtenbeigefügten Anmerkungen einiger gelehrten Männer sowohl, als durch die treflichentrefflichen Rehberg, August Wilhelm Rehbergschen Aufsätze in der Berlinischen Monatsschrift, im Februar 17881788. S.Seite 105 f.folgend, im März S.Seite 253 f.folgend und im Januar 17891789. S.Seite 20 f.folgend f., desgl.desgleichen Heyne, Christian Gottlob Heynens Vorrede zu Hermann, Martin Gottfried Hermans Mythologie, der unpartheyischenunparteiischen Entscheidung näher gebracht ist; so sehr ich auch von dem NutzenNutzen und der Nothwendigkeit einer Läuterung oder wenigstens Darlegung beyderseitigerbeiderseitiger Urtheile und ihrer Gründe überzeugt bin: so erlauben doch die Gränzen dieses Buchs schlechterdings diese nicht. Ich hoffe, daß durch die folgenden kurzen Bemerkungen, und durch die, welche weiter unten §. 106 106. f.folgend vorkommen, vielen Mißverständnissen und Einwürfen schon ehedem vorgebautvorgebaut, und mancher GesichtspunctGesichtspunkt angewiesen seysei, der beybei Beurtheilung dieses Streits nicht sollte übersehen werden; auch scheinen sie mir mit den erst in dieser Ausgabe hinzugefügten hinreichend, nachtheilige Eindrücke zu verhüten oder zu schwächen, die durch jene Bestreitung könnten veranlaßt werden, wenn anders ein Leser unbefangen urtheilen kankann, und sich Mühe geben will, den oft bloß gegebnengegebenen Winken weiter nachzudenken. Ganz habe ich mich indessen auf jene Abhandlungen weder einlassen können noch dürfen, da sie in pädagogischer Hinsicht geschrieben sind, dieses Buch hingegen nur die Bildung angehender Theologen betriftbetrifft. Nur über die Streitfrage, so fernsofern sie hieher gehört, sey folgendes, vornemlichsei Folgendes, vornehmlich in Rücksicht auf jene Aufsätze, hinzugefügt. Wer die Nothwendigkeit des Studiums der Sprachen behauptet, redet ja 1) nicht bloß oder hauptsächlich von Sprachregeln Sprachregeln oder überhaupt vom Bau der Sprachen; noch weniger giebt er das Studium dieses Sprachenbaues für wichtiger aus als den Sprachgebrauch Sprachgebrauch ihren Gebrauch selbst. 2) Eben so wenig sondert er beybei dem Sprachgebrauch Worte und ihren Sinn, d. i.das ist die mit den Worten verknüpften Begriffe, oder, wie es Andre ausdrucken, den Körper und den Geist der Sprache, so, daßals ob er die bloße Beschäftigung mit Worten empfehlen wollte, und die Kenntniß der bloßen Worte für wichtiger ausgeben, als die Kenntniß der damit verbundenen Ideen Ideen. 3) Er schließt nicht einmal die Kenntniß der Sachen aus, so fernesofern ohne sie kein Begrif statt findetBegriff stattfindet, und so fernesofern eine Schrift, durch deren Lesung er hauptsächlich die Sprache gelernt wissen will, ohne sie gar nicht verstanden werden kankann. Er billigt 4) indem er das Sprachenstudium vertheidigt, keinesweges verkehrte Methoden,Methoden sie zu studieren, deren üble Folgen ohne Ungerechtigkeit nicht dem SprachenstudiumSprachenstudium selbst können zur Last gelegt werden können. Wer ihm also irgend etwas von dem bisher erwähntenErwähnten Schuld giebt, läßt ihm nicht Gerechtigkeit wiederfahrenwiderfahren, und ficht entweder mit einem bloßen Schatten, oder glaubt fälschlich fäschlichfälschlich den Werth des Studiums der Sprachen vernichtet zu haben, indem er bloß Mißbräuche beybei diesem Studium gerügt hat. Endlich 5) wer dieses Studium empfiehlt, will damit nicht gleich das Studieren der Sprachen Sprachen , oder gar das Studieren der Alten, Alten allgemein, in alle, selbst die niedrigsten, Schulen eingeführt, oder in Schulen vollendet, oder eigentliche Kinder mit den feinern Theilen und Veränderungen der Sprachen beschäftigt wissen. Sondern 6)wissen (man sehe Gesner, Johann Matthias J. M. Geßner verm. kleine Schulschriften, S.Seite 356 f.folgend); sondern darin stimmen wohlnur 6) alle wahre Kenner des wahren Werthes der Sprachen überein:überein, daß 1) die fleißige und frühzeitige Beschäftigung mit Sprachen, in dem Umfang, wie sie §. 55 55. erklärt wurde, 2) allen Allen , die nach einer feinernfeineren Geistesbildung streben, oder dazu bereitet werden sollen, sehr nützlich, und besonders denen, die sich den Wissenschaften, namentlich der Theologie, widmen wollen, unentbehrlich sey. –sei. Wenn damit anzufangen seysei? wie weit? und wie sie zu diesem Zweck zu treiben sey?sei, läßt sich nicht im Allgemeinen beantworten. Das Nöthige, in Absicht auf die, welchen dieses Buch bestimmt ist, wird unten in diesem Abschnitt angegeben werden. {Man vergl.vergleiche Niethammer, Friedrich Immanuel Niethammers Streit des Humanismus und Philanthropismus. Jena, 1808.} 1492
57.

Wer es der Beschäftigung mit Sprachen zum Vorwurf macht, daß sie so sehr bey Kleinigkeiten verweile;1546 der überlegt nicht, daß man anders nie zur Vollkommenheit aufsteige, als durch den Fortschritt vom Kleinern zum Größern,1547 und daß [51] die Vollkommenheit jeder Erkenntniß, wie jeder Kunst, von dem Fleiß abhänge, mit der man selbst die kleinsten Theile bearbeitet. – Wer sie für unfruchtbare, von allem Vergnügen entblößte 1548 Beschäftigung hält, beurtheilt die Sache zu sehr nach seinem besondern Geschmack, und verräth eine gewisse Kurzsicht1549, die es ihm unmöglich macht, mehr zu sehen, als was gleich vor seinen Augen liegt. Jede Beschäftigung, wäre sie auch nur Uebung unserer1550 Kräfte, führt ihr eigenes1551 Vergnügen mit sich; wer würde sie denn sonst1552 verfolgen, wenn sie nicht ihren besondern Reitz1553 hätte? Der große1554 Nutzen der1555 gründlichen Sprachkenntniß zeigt sich freylich1556 erst späterhin; aber eben der1557 später erkannte Nutzen und die Erinnerung an die Mühe, die es uns,1558 bis dahin zu kommen,1559 gekostet, gewährt ein 1560 so größeres1561 Vergnügen, je unerwarteter der Nutzen1562, und je mühsamer er errungen worden ist1563.

[63] 58.

Und gerade deswegen, weil diese Beschäftigung viele, selbst ins Kleine gehende, Mühe und Fleiß erfordert, an der sich dieser, wie an einem Wetzstein, schärfen kan1564; ge[57]rade darum, weil man da, auf Hoffnung erst mit der Zeit zu erreichender Vortheile, arbeiten lernen muß; und Anfänger nicht genug zum unverdroßnen1565 Fleiß in Ueberwindung vieler Schwierigkeiten1566, zur ausharrenden GeduldGeduld,1567 und zur Hinsicht auf das gewöhnt werden können, was nicht gleich vor Augen ist: sollte man bey1568 diesen Lust zu dieser Beschäftigung zu erwecken suchen, eben um sie an Schwierigkeiten, Zweifel und Verlegenheit, die sich ihnen künftig in ihrem Leben überall darstellen werden, zu gewöhnen, und ihnen dadurch eben sowohl guten Muth zu machen, um sich von dergleichen nie schrecken zu laßenlassen, als sie durch Uebungen zum voraus schon in den Stand zu setzen, alles solcheanfangs Abschreckende glücklicher zu überwinden. Und sieSie 1569 selbst 1573 sollten mehr [52] dem Rath1574 derer folgen, die der Sache kundig sind, als ihrer eigenen Scheu für alles1575, was mühsam ist, oder nicht unmittelbaren Nutzen oder Vergnügungen1576 verspricht, und den Vorspiegelungen dererjenigen1577, die weder Geschmack daran, noch Kenntniß davon haben; zumal weil nichts mehr hinreißt, als herrschende Vorurtheile, und diese Beschäftigung um so schwerer und abschreckender wird, je länger man sie aufgeschoben hat.

[64] 59.

Wie groß der Einfluß der Sprache auf die Bildung der menschlichen Seele, sowohl auf VerstandVerstand,1578 als Herz, sowohl für sich,1579 als durch gegenseitige Mittheilung der Gedanken und Gesinnungen,1580 sey1581, muß einem jeden einleuchten, der selbst zu denken gewohnt ist, und der es darauf anlegt, sich Andern1582 auf eine wirksame Art mitzutheilen. Und1583 noch einleuchtender macht es der auffallende Unterschied1584 zwischen sprachfähigen Menschen und sprachlosen Thieren, zwischen [58] taub- oder stummgebornen1585 und hörenden oder redenden Menschen, zwischen der Cultur solcher Nationen, die eine reiche, und solcher1586, die eine arme Sprache haben, nebst dem gleichmäßigen Fortschritt der Geistesbildung bey1587 Kindern, mit dem schnellern oder langsamern Fortgang in der Sprache. Wer also eine Sprache genau und gründlich kennt,1588 und sie in seiner Gewalt hat, kan1589 in dem nemlichen1590 Grade ein vernünftigerer1591 und besserer Mensch1592 seyn, andre1593 mehr aufklären und bessern, und mehr Nutzen von Andrer1594 Unterricht ziehen, als wem1595 es 1596 daran fehlt; und1597 die verabsäumte1598 genaue Kenntniß und Fertigkeit einer Sprache1599 ist eine Hauptursache1600, warum man theils selbst zurückbleibt, und auf unrichtige Begriffe und Irrthümer fällt, theils andern1601 nicht fort-1602 oder ihren falschen Vorstellungen und üblen Gesinnungen nicht abhelfen kan1603.

60.

Schon erstlichZuerst schon in Rücksicht auf unsern eignen eigenen Vortheil – können wir durch1604 Hülfe der Sprache 1608 [65] die Begriffe festhalten, welche wir durch den Eindruck der Dinge empfangen haben, und uns dadurch nicht nur ihrer wieder erinnern, sondern auch allgemeine Begriffe bilden, verworrene aus einander setzen1609, und eine stete Verbindung unsrer Vorstellungen bewirken. – Die Sprachen leiten sogar auf neue Begriffe und Entdeckungen, legen wenigstens den Grund zu allgemeinen Begriffen und Sätzen, die zu weitern1610 Betrachtungen ermuntern, und eine fruchtbare1611 Quelle neuer Entdeckungen werden können. –1612 Sie befördern den leichtern Uebergang von einem Begriff1613 zum andern, und stellen ihren Zusammenhang besser dar *). – Und wer1614 der Sprache mächtig ist, mehrere Begriffe in Ein Wort, oder mehrere Gedanken in wenige Worte zusammen zu drängen1615 versteht, kan1616 nicht nur schneller im Denken [59] fortrücken, und mehr in der Geschwindigkeit übersehen, sondern auch selbst seine Begriffe anschauender, und ihre Wahrheit einleuchtender machen **).1617

1,
2,
61.

Auf der andern Seite sind 1651 die Sprachen, durch die wir unsere Begriffe bekommen,1652 und sie uns geläufig machen, eine ergiebige Quelle von mangelhastenmangelhaften 1653, verworrenen, irrigen Begriffen und UrtheileUrtheilen. Denn1654 wir müssen eine jede Sprache nehmen,1655 wie sie ist, und, weil diese sich nach den Begriffen dererjenigen1656 gebildet hat, welche sie nach und nach erfanden, ihre mangelhaften, ungeläuterten, unentwickelten, und oft ganz falschen Begriffe in Wörter einkleideten, wenig von der Kunst [55] verstanden, die Sachen durch angemessene Ausdrücke zu bezeichnen, und, um nicht die Wörter zu sehr zu vervielfältigen, sehr oft Einen Ausdruck zur Bezeichnung mehrerer Begriffe brauchten, oft auch, um gewisse Sachen mehr verständlich und anschauend, als bestimmt darzustellen, neuerfundne1657 Ausdrücke den rohern Begriffen des großen1658 Haufens anschmiegen mußten: so theilten sich alle dabey1659 zum Grunde liegende Fehler oder Unbequemlichkeiten der Sprache mit, und wurden durch sie so gangbar, daß es eben so viel Mühe kostet, diese Fehler zu entdecken, als sie durch allerley1660 Gegenanstalten zu heben.

62.

Die1665 Schwierigkeiten vermehren sich zuvörderst 1666 durch die Menge sehr verschiedner1667 Sprachen;1668 und weil bey1669 den Ausdrücken der einen Sprache nicht gerade die Vorstellungen zum Grunde liegen, [56] welche zu den Ausdrücken in der andern Gelegenheit gaben: so ist es oft unmöglich, oft wenigstens schwer, den Ausdrücken in der einen,1670 vollkommen angemessene Ausdrücke in der andern unterzulegen, oder zu verhüten, daß sich der Mißverstand aus einer nicht in die andere fortpflanze.

[57] 63.

Ausser dem Ausserdem giebts1700 in mehrern1702 Sprachen wieder besondere Gattungen, die entweder durch besondere1703 Gegenstände der Erkenntniß, welche in der gemeinen Sprache nicht bezeichnet waren, oder [70] dadurch nothwendig worden1704 sind, daß man das Mangel-1705 und 1706 Fehlerhafte der gemeinen Sprache verbessern wollte. Solche Gattungen sind die Kirchen- und Gelehrten-Sprache; ja gewissermaßen1707 hat jeder in seiner Art originelle Schriftsteller seine eigene Sprache. Hiedurch1708 wird eine Sprache noch weitläuftiger, folglich noch schwerer, und selbst der Mißverstand kan1709 dadurch zunehmen. Denn, weil dadurch die Bedeutungen Eines Ausdrucks vervielfältigt, und die Begriffe in der besondern Sprache von denen in der gemeinen Sprache verschieden werden:1710 so wird auch die Verwechselung leichter. Ja selbst die Bestimmung, welche man in der besondern Sprache einem Ausdruck gegeben hat, ist oft dem Sprachgebrauch in der gemeinen, oder in einer andern besondern Sprache [63] nicht gemäß, und bringt dadurch Mißverstand aus jener in diese.

64.

Wenn nun die Bildung unseres eigenen Verstandes, und1727 die Lücken, Vorurtheile und falschen Wendungen unserer1728 Erkenntniß so sehr von unserer1729 Sprache abhängen:1730 so muß ungemein viel daran liegen, –1731 daß man die Sprache, worin man zu denken gewohnt ist, sorgfältig studiert habe, um dem Mißverstand1732, der daraus entstehen kan1733, auf die Spur zu kommen, und alle Vortheile zu geniessen1734, die eine Sprache giebt; –1735 daß man selbst, wenn man es kan1736, mehrere Sprachen so studiere, nicht nur um das brauchen zu können, was in solchen gesagt oder geschrieben wird, sondern auch um durch die eine die andre1737 mehr aufzuklären, und durch Hülfe der einen das Fehlerhafte oder Unvollständige1738 der andern zu entdecken,1739 und daraus möglichst zu verbessern *);verbessern; *) –1740 daß man endlich den Fehlern sei[64]ner eigenthümlichen Sprache so viel abhelfe, als es ihre Natur und Verständlichkeit für die, welche sie ebenfalls brauchen, erlaubt. 1742

Anmerk.Anmerkung Anmerk. 1. Es ergiebt sich zugleich aus allem bisher gesagtenGesagten: 1) daß das Studium der Sprachen schon an sich, als Sprachenstudium, auch abgesehen (nicht von den damit verknüpften Begriffen, sondern) von den Sachen, die man durch Hülfe der Sprachen, als Zeichen von Vorstellungen, lernt, einen unglaublichen Nutzen habe. 2) Daß – vorausgesetzt: man treibt es mit jungen Leuten zu den vorhin angegebnenangegebenen Absichten, und lenkt immer darauf ihre Aufmerksamkeit – es die beste Vorbereitung zur Bildung des Geistes für künftige Gelehrte, und überhaupt für solche seysei, die sich einmal vorzüglich mit Geistesarbeiten beschäftigen sollen. (Vergl.Vergleiche Rehberg, August Wilhelm Rehberg in der Berlinischen Monatsschrift 1788, Februar, S.Seite 125 f.folgend und 1789, Januar, S.Seite 53 f.folgend Niemeyer, August Hermann Niemeyer's Grundsätze der Erziehung und des Unterrichts, 6te Ausgabe, 2ter Theil, S.Seite 35 f.folgend 84. 85 f.folgend ) Dadurch wird das GedächtnißGedächtniß geübt, gerade zu der Zeit, wo es die meiste Empfänglichkeit für aufgefaßte Eindrücke hat, und wo diese Gedächtnißübungen noch nicht durch die reitzendern Uebungen des bloßen Verstandes verdrängt oder verleidet sind. Es wird zugleich frühzeitig auf unsinnliche Dinge und solche Zeichen gerichtet, welche die Dinge nicht sinnlich darstellen, wodurch verhindert wird, daß man sich in frühernfrüheren Jahren nicht zu sehr an das gewöhne, was bloß vor die Sinne gebracht werden kankann. Durch die Bereicherung des Gedächtnisses bekommt man früh einen ansehnlichen Reichthum von Ideen, ohne welchemwelchen Stoff zum Denken, Genie und Verstand nichts vermag,vermag; und eben der Reichthum von Wörtern befestigt die Ideen und setzt den jungen Geist in den Stand, die dadurch ausgedruckten Begriffe zu behalten, sie sich geläufig zu machen, und Andern wieder mitzutheilen. Seiner natürlichen Flüchtigkeit wird dadurch gesteuretgesteuert, daß beybei dem Sprachstudium die Aufmerksamkeit auch mit auf Kleinigkeiten gelenkt, und die Seele gewöhnetgewöhnt wird, diese überall mit in Anschlag nehmen zu lernen, und sich nicht bloß mit dem Auffallenden oder sich leicht Darstellenden zu begnügen. Ich wiederhole hier die übrigen Vortheile nicht, die das SprachenstudiumSprachenstudium gewähren kankann, welche sich beybei einer noch unverstimmten und feinerer Eindrücke empfänglichern empfängchernempfänglichern jugendlichen Seele wohl eher,eher als beybei andern möchten erreichen laßenlassen. Anmerk.Anmerkung Anmerk. 2. *) Wer jene Vortheile von dem Studium der Sprachen recht beziehen will, muß wenigstens zweyzwei oder dreydrei Sprachen eigentlich studieren, studieren und mit einander vergleichen lernen, solche Sprachen, die, wegen ihres gemeinschaftlichen Ursprungs oder Abstammung von einander, kurz, wegen ihrer Verwandtschaft, viel Eigenes gemein haben, wie die griechische und lateinische, und wieder andreandere, die ganz in ihrer Bildungsart verschieden sind, wie jene und die morgenländischen Sprachen. Mag es seyn, daß Dinge, die sich überall auf einerleyeinerlei Art den Sinnen zeigen, oder daß reine VerstandesbegriffeVerstandesbegriffe, von allen Menschen und Nationen überhaupt auf einerleyeinerlei Art empfunden oder gedacht, also auch durch WörterWörter, die dem Ton oder der Schrift nach ganz verschieden sind, doch so ausgedruckt werden, daß alle, die das Wort verstehen, sich eben dieselbe Sache dabeydabei vorstellen: so gerathen doch manche Nationen oder einzelne aufmerksame, schnell oder fein empfindende oderund denkende Köpfe unter ihnen,ihnen auf Vieles, woran andereAndere gar nicht denken. SeltenereSeltnere, oder unter verschiedenen Gestalten an verschiednenverschiedenen Orten oder in verschiednenverschiedenen Köpfen erschienene oder gedachte Gegenstände,Gegenstände erwecken beybei Verschiedenen auch sehr verschiedene Begriffe. Und selbst gemeine oder alltägliche Gegenstände bekommen in veschiednenverschiedenen Köpfen durch die verschiednenverschiedenen Umstände, unter welchen sie sich ihnen darstellen, und durch die verschiedene besondere Vorstellungskraft oder Art, Dinge zu bezeichnen, gleichsam eine ganz eigenthümliche FarbeFarbe, werden mit mehrernmehreren oder wenigernwenigeren Nebenbegriffen, mit feinernfeineren Bestimmungen, sinnlicher oder unsinnlicher gedacht, zumal je nachdem sich die Einbildungskraft mehr oder weniger einmischt, und der Reichthum von Begriffen größer oder geringer ist. Hieraus ist offenbar, daß durch das Studium mehrerer Sprachen, und selbst origineller SchriftstellerSchriftsteller, ganz neue Ideen erzeugt werden, oder doch schon bekannte Begriffe unter ganz neueneuen Gestalten erscheinen können, worauf wir erst durch die fremde Sprache sind aufmerksam gemacht worden; und je mehr diesdieß, was Einer Sprache eigen ist, in die andere übergetragen wird, und durch unsere Art zu denken und uns auszudruckenauszudrücken, wieder eine etwas veränderte Gestalt bekommt: jedesto mehr muß der Reichthum, und zum Theil die Bestimmtheit und Fruchtbarkeit, unsrerFruchtbarkeit unserer Begriffe und Gedanken zunehmen. Es kankann also dieses Studium eine vortreflichevortreffliche Uebung dem Verstande gewähren, der dadurch geschmeidiger, und für Vieles empfänglicher wird;wird: ein GewinnGewinn, der schwerlich durch etwas Anderes erlangt werden kankann, und augenscheinlich beweiset, wie vortheilhaft das SprachenstudiumSprachenstudium schon an sich seysei. – Was in der oben beybei §. 56. angeführten allgemeinen Revision etc. et cetera Theil 7. S.Seite 420 f.folgend und Theil 11. S.Seite 224 f.folgend dagegen gesagt ist, beruhet theils darauf, daß immer Studium der Sprache als ganz abgesondert von der Erlernung der dadurch mitgetheilten Begriffe Begriffe von Sachen angenommen wird, theils auf dem Wahn, als wenn sich Sprachkenntnisse nicht ließen unterhaltend machen ließen, theils auf einer anderen Einbildung, als wenn Kinder allesAlles unerträglich fänden, und nicht leicht fassen könnten, was ihnen Zeichen darstellt, ohne zugleich die Sache selbst darzustellen, wovon doch Musik und Mathematik und die tägliche Erfahrung selbst in Schulen, wo nur der Sprachunterricht recht lebendig getrieben wird, das Gegentheil beweiset. Anmerk.Anmerkung Anmerk. 3. Daß übrigens ein solches Sprachenstudium nichts weniger als bloßes GeschäfteGeschäft des Gedächtnisses, daß es sehr schwer seysei, und keine gemeine Fähigkeiten und Uebungen, besonders eine sorgfältige Aufmerksamkeit selbst auf Kleinigkeiten, ein feines Gefühl, Geduld und anhaltenden Fleiß,Fleiß erfordere, also auch sein großer NutzenNutzen, Leuten, die bloß auf sinnliche und unmittelbare Vortheile ausgehen, und den Werth der GeistesnahrungGeistesnahrung wenig oder gar nicht zu schätzen wissen, nicht einleuchtend könne gemacht werden könne, bedarf wohl kaum einer Erinnerung. 1743
65.

Und weil unsre1804 Neigungen ganz durch unsre1805 Vorstellungen gestimmt werden, diese Vorstellun[59]gen aber inniglich1806 mit der Sprache verbunden sind: so muß die Sprache selbst über das Herz große1807 Gewalt haben. Je edler ein Ausdruck ist, je anschauender er die Sachen darstellt, je fruchtbarer er ist, das heißt, je mehr Begriffe er erregt, die [76] Licht, Anmuth und Interesse in die Vorstellung bringen, je passender, bestimmter und schöner er ist: desto mehr wirkt er1808 aufs Herz; so wie hingegen unedle, verworrene, kraftlose, unschikliche1809 Ausdrücke das Herz entweder kalt laßen1810, oder gar gegen die beste Sache einnehmen.

1811
66.

Alle Vortheile und Unbequemlichkeiten der Sprache ergießen1812 sich auch 2) (§. 60)1813 in den Vortrag und die Mittheilung Mit theilung der Gedanken an Andere 1814. – Wie viele Irrthümer, unnöthige und verworrene1815 Untersuchungen, selbst wie viele Erbitterung und Argwohn, entstehen aus bloßem Mißverstand, der in den Wörtern liegt?liegt! 1816 der eben sowohl durch unbequeme Ausdrücke erregt,1818 als von Andern aus ihnen geschöpft, und hinwiederum1819 durch schicklichere Wörter oder bestimmtere Erklärungen verhütet oder gehoben werden kan1820. – Wie viel helfen deutliche und unzweydeutige1821 oder von falschen Nebenbegriffen freye1822 Wörter, bestimmte Erklärungen und ClassificationClassification1823 der Dinge, die nur durch Wörter geschehen kan1824, den Begriff1825 deutlich, und Sachen kenntlich zu machen, oder zu vergegenwärtigen? – Wie viel besser drucken1826 sich die Sachen durch bestimmte Wörter, durch bildliche Ausdrücke, durch körnigte1827 Sentenzen, dem Gedächtniß und der Einbildungskraft ein?1828 – Wenn der dunkle, ver[60]wirrte, matte und weitschweifige Vortrag, der immer mit von Armuth und Ohnmacht der Sprache herrührt, den Leser oder Zuhörer1829 ermüdet, ihnen1830 das Denken erschwert, und selbst die vorgetragene1831 Sachen verleidet: so unterhält die Deutlichkeit, die Fülle der Wörter und die gedrängte Kürze, die Aufmerksamkeit, und giebt den Sachen einen gewissen Reitz1832, der die Theilnehmung befördert. – Und wie sehr erweckt der klare, bestimmte und1833 einleuchtende und gleichsam theilnehmende Ausdruck des Redenden,1834 auch das Vertrauen, daß er seine Sache verstehe, von ihrer Wahrheit überzeugt, und von ihrem Werthe durchdrungen sey1835, ein Vertrauen, das1836 für die Wahrheit und TreflichkeitTreflichkeit1837 des Gesagten den Zuhörer sehr einnehmen muß. – Wenn auch kein Andrer1838 so viel Ursache hätte, darnach zu trachten, daß er seiner Sprache mächtig würde: so sollte es der, der Lehrer der [69] Religion seyn will. Wäre auch der Schade so groß nicht, den der Lehrer sonst gegen seinen Willen stiften kan:1839 so thut er zur Empfehlung der Religion bey weiten1840 nicht so viel, als er könnte, wenn er mehr Kraft der Sprache in seiner Gewalt hätte.

67.

Sofern endlich 3) (§. 66.)1841 Sprachen der CanalCanal1842 sind, durch den uns alle Kenntnisse zugeführet1843 werden, die wir von Andern1844 empfangen, sofern theilt sich uns, [61] je nachdem wir solche Sprachen genau oder obenhin verstehen, alles Gute und Nachtheilige mit, was diese Sprachen bey1845 sich führen. Denn, da dasjenige, was in der mittheilenden Sprache liegt, in unsre1846 eigene übergetragen wird, oder die [78] Begriffe, welche der Andere mit seinen Wörtern verknüpft, in unsre eignen1847, immer an Sprache gebundne,1848 Begriffe verwandelt werden müssen: so entgehet1849 uns nicht nur, falls wir jener Sprache nicht recht kundig sind, das, was uns durch sie mitgetheilet werden könnte, und das Fehlerhafte jener Sprache schleicht sich mit in unsre1850 Sprache, und so mit in unsre1851 Erkenntniß, selbst oft in unser Herz; sondern wir selbst vermischen auch dieses Mitgetheilte, wenn es nicht schon vor1852 sich trübe ist, mit so viel1853 fremden Theilen aus unsern1854 Vorstellungen, daß es unmöglich rein zu uns kommen kan.1855 – Soll nun insbesondere ein Lehrer der Religion und des Christenthums seine Kenntnisse vornemlich1856 aus der heiligen Schrift schöpfen; soll er die kirchliche Theologie und die verschiedenen Meinungen über gewisse Lehren verstehen, und selbst das, was von seinen Vorstellungen abweicht, richtig beurtheilen; soll er in der Geschichte und sonst die Quel[70]len der Wahrheit gehörig benutzen: so muß er nothwendig theils die Sprache Andrer1857 so studiert haben, daß er ihr Gutes und Fehlerhaftes genau kenne, theils seiner eignen1858 Sprache so kundig seyn, daß er wisse, ob und wie weit sie mit jener übereinkomme, oder davon abgehe. Sonst ist Mißverstand durchaus unvermeidlich. Man bauet auf Ausdrücke der heiligen Schrift Meinungen und Theorien, an welche [62] die heiligen Schriftsteller nie gedacht haben, und giebt menschliche Irrthümer für göttliche Wahrheit aus, sieht alles1859 aus einem falschen Gesichtspunct1860 an, verwickelt sich in Wortstreit, und bestreitet oft, was man dulden,1861 oder fährt zurück vor dem, was man 1862 mit Dank annehmen sollte. Man erdichtet Begebenheiten und Meinungen, die nie gewesen sind.

1863
68. BeyBei Erlernung der Sprachen Erlernung der Sprachen überhaupt kommt alles an –Alles an: auf genaue Sprachregeln Sprachregeln Sprachregeln, – auf vernünftige Lesung guter Schriften Lesung guter Schriften in einer solchen Sprache –Sprache, und auf eigne eigene Uebung Uebung eigne Uebung im genauerngenaueren Uebersetzen Uebersetzen, Schreiben Uebersetzen, Schreiben oder Reden Reden. – Daß die eigneeigene Uebung dem Lesen nachstehen müsse, versteht sich von selbst. – 69. 1) In Absicht auf dieDie Sprachregeln aberbetreffend, so scheint es weder rathsam, sich damit allein oder weitläuftigweitläufig aufzuhalten, ehe man irgend einen Anfang mit Lesen guter Schriften selbst macht:macht;macht, noch sie ganz auszusetzen,auszusetzen bis man erst eineeinige Fertigkeit erlangt hat, Bücher in einer Sprache zu lesen, oder sich, wenigstens nothdürftig, darin auszudrücken, noch auch sie erst mit dem Lesen zu verbinden. 69. Das erste würde nicht nur, wegen Trockenheit dieser Beschäftigung, die Erlernung der Sprache sehr verleiden; es würden auch die Vortheile verlohren gehnverloren gehen, die aus Verbindung der Regeln mit dem Lesen entspringen, wobeywobei man gleich die RegelnRegeln in der Anwendung, folglich auch ihren NutzenNutzen,Nutzen und die Art, wie sie anzuwenden sind, besser absieht. – Das zweyte zweite ist noch schlimmer. Dennschlimmer; denn es ist unmöglich, recht sicher zu erklären,erklären oder sich recht auszudruckenauszudrücken, wo man keine Regeln vor sich hat, nach welchen man es thut, und wonach man wieder in ähnlichen Fällen verfahren kankann. Auch laßenlassen kan; auch lassen sich angenommene Fehler viel schwerer hinterher ablegen, als gleich anfangs verhüten, und je länger man eine für die meistenMeisten wenig unterhaltende Beschäftigung aufgeschoben hat, je lästiger wird sie hinterdrein, zumahlzumal wenn die Seele, durch fast stete Beschäftigung mit dem, was den Sinnen und der EinbildungskraftEinbildungskraft schmeichelt, verstimmt worden ist. Es ist auch nicht abzusehen, wie man beybei dem Lesen um einer Sprache willen fortkommen könne, ohne das Allgemeine oder die Natur einer solchen Sprache vorläufig zu kennen, vornemlichvornehmlich wenn man eine SpracheSprache vordurch sich selbst lernen muß. Wenigstens ists viel schwerer und unangenehmer, einzelneeinzle Beobachtungen in der Sprache zu fassen, und sie zu ordnen, wenn man noch nicht weißweiß, wohin man sie beziehen, oder an welche allgemeine Begriffe man sie anreihen soll. Viel leichter ists auch,auch und man bekommt eher etwas Ganzes in der Sprache, wenn man RegelnRegeln, die in einer gewissen Beziehung und Zusammenhang unter einander stehen, in diesem Zusammenhang übersieht. Endlich wird selbst das Lesen weit angenehmer, wenn man aus den Sprachregeln gleich Grund anzugeben weiß, warum man die Wörter so oder so verstehen und verbinden müsse,müsse und man gewöhnt sich mehr an eine philosophische Behandlung der Sprache, die dem denkenden KopfKopfe eine gewisse Unterhaltung giebt, welche man beybei der bloß mechanischen Behandlung derselben verliert. – Selbst die dritte Art, erst beybei dem Lesen die Regeln sich beyläufigbeiläufig bekannt zu machen, ob sie gleich weit besser ist als jene beydenbeiden, hat den Nachtheil mit der zweytenzweiten gemein, daß das Lesen aus Mangel der nöthigen grammatischen Vorerkenntnisse sehr erschwert wird, und man den Vortheil der zusammenhängenden Einsicht der Regeln entbehrt. Es zerstreut aber auch zu sehr, wenn man beybei dem Lesen bald auf einzelneeinzle Wörter und ihre Bedeutung in und ausseraußer der Verbindung, bald auf ihre grammatische Bildung und Verknüpfung Acht gebenacht haben muß.Man wird hoffentlich nicht vergessen, daß hier eigentlich von der besten ArtArt, Sprachen zu lernenlernen, nicht für Kinder, sondern für Erwachsene, nicht zur Bildung künftiger Schwätzer, sondern künftiger Gelehrten, die Rede seysei, sonderlich auf den Fall, wenn letztere vor sichdie letzteren Sprachen durch eigenen Fleiß lernen wollen. BeyBei solchen kann man ohnehin schon theils die Kenntniß der nothwendigsten Begriffe von Sprachen und Bekanntschaft mit Behandlung einer Sprache, theils eigenen Trieb und Lust zum Sprachstudium,Sprachstudium voraussetzen; und dadurch fallen die Schwierigkeiten noch mehr weg, die man dem hier gesagten entgegen stellenGesagten entgegenstellen möchte. 1864
70.

Die MittelstraßeMittelstraße1926 würde also auch hier wohl die beste seyn:1927 wenn man erst die nothwendigsten Regeln einer besondern1928 Sprache sich bekannt machte, sich alsdann1929 gleich zur Lesung leichter Schriften [65] [82] wendete, und bey1930 dieser theils auf die Anwendung jener Regeln sähe, theils das Uebrige von den zurückgelaßenen1931 Regeln gelegentlich nachholte. Zu diesem nothwendigsten 1932 könnte man das eigentliche Lesen und die gewöhnlichsten Beugungen und Verbindungen der Wörter, sonderlich die gewöhnlichen Abänderungen der Nenn- und Zeitwörter und die allerersten Regeln des SyntaxSyntax1933 rechnen. Nur müßte man die Regeln sich mit mehrerernmehreren 1934 Beyspielen1935, wodurch jene anschaulich würden, eindrücken, oder vielmehr sie aus solchen BeyspieleBeyspielen1936 abziehen, und, wenn man in einer solchen Sprache Anderer Unterricht genießen1937 könnte, sich in ähnlichen Formen nach solchen Regeln üben.

1938
[74] 71.

Hätte1939 man die nothwendigsten Sprachgesetze in seiner Gewalt:1940 so wäre1941 es Zeit, 2) (§. 68 68. )1942 gleich zur Lesung der Schriften in einer solchen Sprache fortzuschreiten 1944, wodurch man das Meiste, auch in Absicht auf die Sprache, und es1945 aufs beste, lernen kan1946. Das Meiste;1947 weil man, ausser1948 den Sachen, Wörtern1949 mit ihren verschiednen1950 Bedeutungen, Einschränkungen und jedesmaligen schicklichsten1951 Gebrauch, *) weise Mannigfaltigkeit des Ausdrucks, Regeln einer Sprache, ihre Anwendung und ihre Ausnahmen, das Eigenthümliche einer Sprache mit ihrem Unterschied von andern, und die verschiedentlichen1952 Falten und Entwickelungen des menschlichen Geistes und Herzens, welche auf den Ausdruck wirken,1953 und durch ihn veranlaßet1954 [83] werden, zugleich kennen lernt. Aufs beste;1955 [66] weil BeyspieleBeyspiele1956 immer deutlicher, unterhaltender und eindrücklicher sind, und der Umgang mit verständigen, rechtschaffenen und gesitteten Menschen, folglich auch die Beschäftigung mit den Werken ihres Geistes,1957 mehr zur Bildung beyträgt1958, als allgemeine Regeln und Kenntnisse; weil erst durch das fleißige Lesen Sprachkenntniß etwas Ganzes wird; und weil selbst Regeln, so wie einzelne1959 Wörter und Redensarten, erst durch die Verbindung in Schriften recht deutlich werden,1960 und die nöthige Bestimmung und Abänderung bekommen.

72.

Die Frage: Wie soll man Schriften aufs nutzbarste lesen? kommt hier 1964 nur so weit in Anschlag, als durch die[75]ses Lesen unsre1965 Sprachkenntniß gebildet, das heißt, die Geschicklichkeit erlangt werden soll, eine Sprache wohl zu verstehen,1966 und sich darin auszudrucken1967. In dieser Absicht muß man zuerst auf gutgeschriebene, (d. i.)das ist solche Schriften sehen, worin eben so viel Fleiß auf den Ausdruck als auf die Sachen gewendet worden ist, die daher in ihrer Art musterhaft oder classisch classisch heissen1968 können; hernach von den leichtern1969 zu den schwerern1970, (d. i.)das ist zu solchen,1971 fortgehen, die schon mehrere und reifere Kenntniß der Sprache erfordern, in der sie geschrieben sind.

1,
73.

Wenn sich unsre Sprache nach musterhaften Schriftstellern und Schriften1985 bilden soll:1986 so muß man nicht nur wissen, welche,1987 und wie ferne1988 sie, in Absicht auf Sprache, diesen Namen verdienen?1989 sondern man muß auch, falls sie dafür bekannt sind, bey1990 dem Gebrauch solcher1991 Schriften zu dieser Absicht, voraussetzen können, daß diese und daß die darin gebrauchten Ausdrücke durchaus von dergleichen SchriftstellerSchriftstellern1992 herrühren. Hier liegt die Nothwendigkeit der Kritik (im engsten Verstande), die einen Theil der Philologie [76] ausmacht. Kritik ist überhaupt die Geschicklichkeit zu urtheilen, oder1993 das Aechte1994 vom Unächten1995, dasjenige, was wirklich das ist,1996 wofür es gehalten oder ausgegeben wird, und was nur so scheint, zu unterscheiden; oder, als Wissenschaft betrachtet, der [85] Inbegriff1997 der Grundsätze und Regeln, wonach sich unser Urtheil richten muß. In diesem allgemeinen Verstande 1998 erstreckt sie sich auf alles Wahre, Gute, Schöne, Schickliche u. d. gl.und dergleichen 1999 und bekommt besondre 2000 Namen, oder einen eingeschränktern eingeschränkten Verstand 2001, nach den verschiednen2003 Gegenständen, womit sie sich beschäftigt. Daher ensteht eine logische, morali [68] sche, ästhetische, historische, philologische Kritik; wiewohl diese verschiedne2004 Gattungen oft in einander fließen2005, so fern2006 die Gründe der Beurtheilung aus verschiednen2007 Wissenschaften entlehnt werden müssen; und alsdann bekommt2008 sie gemeiniglich den Namen2009 von der Wissenschaft, die das meiste dabey2010 thut.

Anm.Anmerkung Anmerk. Anmerkung 1. Philologische KritikKritik müßte sich eigentlich nur auf Sprache Sprache erstrecken, also nur beurtheilen, ob der Ausdruck in der Sprache, in dem SchriftstellerSchriftsteller, in der Schrift und in der Stelle derselben, wovon die Frage ist, ächt sey?echt sei; müßte dann auch die Regeln begreifen, wonach dieses alles zu bestimmen wäre. Und werWer daher den Namen eines philosophischen Kritikers verdienen sollte, müßte nicht nur diese Regeln kennen, sondern auch die Kenntniß der Sprache, wovon die Frage wäre, die Geschichte ihrer von Zeit zu Zeit erfolgten Veränderungen, und des Schriftstellers, nebst der gehörigen Fertigkeit besitzen, diese sämtlichensämmtlichen Kenntnisse auf einen vorliegenden Fall richtig anzuwenden, folglich auch zu entdecken, ob der Ausdruck in einer Stelle von Abschreibern oder angeblichen Verbesserern verdorben, und wie er wieder herzustellen seysei? Hingegen, ob eine Schrift selbst ächt seyecht sei, die dem vermeinten VerfasserVerfasser, oder der Zeit, worein man sie setzt, in der That zukomme? diesdieß zu entscheiden, gehörtewürde mehr vor demden Richterstuhl der historischen, oder, wenn man will, literarischen KritikKritik gehören. Allein, weil man diese letztere Frage, wenn eigentliche entscheidende Zeugnisse abgehen, oder zweifelhaft sind, nach innern Umständen einer inneren, aus der Schrift selbst geschöpften Gründen beurtheilen muß, und zu diesen Umständenwozu allerdings auch die Sprache gehört, die oft den Verfasser oder die Zeit verräth: so rechnet man diese Kritik über eine Schrift ebenfalls mit zum Gebiete der philologischen Kritik. Anm.Anmerkung Anmerk. Anmerkung 2. Man sieht hieraus:hieraus, daß, weil sich dieser letztreletztere Theil der philologischen Kritik auf den ersternersteren gründet, Niemandniemand recht über die Aechtheit jenerEchtheit einer Schrift urtheilen könne, wer der Kritik des Ausdrucks, oder der eigentlichen SprachkritikSprachkritik, nicht mächtig ist. Anm.Anmerkung Anmerk. Anmerkung 3. Manche nennen die Kritik der Schriften, Schriften den allgemeinen, und die KritikKritik ihres Textes, Textes den besondern besonderen Theil der philologischen Kritik, jene auch die höhere, diese die niedere, oder gar die Wort-Kritik. – Bey Wortkritik. – Bei jener Abtheilung und ihrer Erklärung aber vergissetvergißt man die Kritik der Sprache überhaupt, die ich im Anfang der ersten Anmerkung erwähnte, ohne welche man weder von AechtheitEchtheit der Schriften noch ihres Textes urtheilen kankann. – Die Kritik des Textes ist auch keine bloße Kritik der Worte; denn es können ja eben sowohl unrichtige Sachen, Sachen als Worte,Worte verrathen, daß der Text verfälscht seysei. – Und den Unterschied der niedern niederen und höhern höheren Kritik scheinen wieder Andere für einerleyeinerlei mit dem bloß relativen Unterschiede der gemeinen nndund und feinern der feineren Kritik zu nehmen, sie mag AechtheitEchtheit der Schriften, oder ihres Textes, oder der Sprache überhaupt,überhaupt betreffen. Wenn man die AechtheitEchtheit nach vorliegenden, zumahl sehr bekannten oder leicht erkennbaren,erkennbaren Umstände Umständen, z. B.zum Beispiel beybei einer Schrift nur nach Zeugnissen gleichzeitiger Schriftsteller, auffallenden historischen oder Sprach-FehlerSprach-FehlernSprachfehlern, Spuren des Fehlers oder Mißverstandes in den Zügen oder Abtheilungen der Wörter, ParallellstellenParallellstellen u. d. gl.und dergleichen Parallelstellen u. dergl.und dergleichen zu entdecken vermöchte:vermöchte, so würde diesdieß gemeinere Kritik seyn; feinere aber, wo Spuren des UnächtenUnechten verborgen liegen, und das AechteEchte oder UnächteUnechte nur durch sehr feine Beobachtung und eine Zusammenstellung mannigfaltiger kleinenkleiner Umstände entdeckt werden könnte. So möchte diese feinere Kritik mit sogenannter Conjecturalkritik, wenn sie nicht bloß räth und willkürlich verfährtwillkührlich einem Errathen gleicht, ziemlich einerleyeinerlei seyn. 2011
74.

Kritik im allgemeinern 2063 Verstande ist bey unsern2064 eigenen2065 Vorstellungen und Neigungen sowohl, als bey2066 denenjenigen, die Andre2067 uns mittheilen, folglich auch bey2068 dem Gebrauch ihrer Schriften, schlechterdings nothwendig, wenn wir nicht betrogen werden, Schatten für Wahrheit ergreifen, und zu Irrthümern, Fehlern und Ausschweifungen verleitet seyn wollen. Hänget2069 etwas vom Ansehen des Schriftstellers ab, – und dies [88] ist der Fall, wenn wir uns müssen2070 auf seine Einsicht und Recht[69]schaffenheit verlaßenverlassen,2071 ihn für2073 Kenner, Gesetzgeber und Muster annehmen können: –können –: 2074 so müssen wir vor allen Dingen gewiß seyn, daß eine Schrift, und daß namentlich der Theil derselben, an den wir uns halten sollen, wirklich von ihm komme. – Alsdann2076 ist auch philologische 2077 Kritik 2078 schlechthin unentbehrlich, weil die in seiner angeblichen Schrift gebrauchten Ausdrücke eben dasjenige sind, wodurch wir von ihm lernen; und es ungereimt seyn würde, eine Schrift erklären erklären, oder gar etwas daraus beweisen beweisen zu wollen, ehe man nicht wüßte, daß etwas wirklich ein Theil einer solchen Schrift, und nicht untergeschoben seysei 2079.

Anmerk.Anmerkung Anmerk. Wie nöthig die Kritik beybei dem Gebrauch der heil.heiligen Schrift seysei, wird sich unten beybei der exegetischen Theologie besser zeigen laßenlassen. 2081
75.

Aber deswegen ist es nicht nöthig2088 gleich anfangs, bey2089 dem Lesen einer Schrift um der Sprache willen, uns mit dieser Untersuchung zu beschäftigen. – Ausser demAußer dem, 2090 daß dieses die wirkliche Benutzung einer Schrift ungemein aufhalten und verzögern würde; – 2092 ist es doch keine unwahrscheinliche Voraussetzung2094, daß eine Schrift, die das Zeugniß ihrer Zeitgenossen oder andreranderer Kenner vorfür sich hat,2095 und daß deren einzelne2098 Stellen und Ausdrücke ächt seynsind 2099, weil der Fälle weit mehr sind,2101 wo ein so angegebnerangegebener 2102 Verfasser es auch wirklich ist, [89] als wo er es nicht ist, und weil eine Schrift selten so sehr unter Andrer2104 Händen leidet, 2105 daß nicht das Meiste übrig bleiben sollte. –2106 Sehr oft beruht auch ihr Werth in Absicht auf Sprache nicht auf dem Ansehen ihres Verfassers, sondern auf ihrem Gehalt und ihrer Uebereinstimmung mit andern2107 der besten Schriften in einer solchen Sprache. – Ueber diesUeberdies 2108 erfordert diese Beurtheilung schon große2110 Kenntniß einer Sprache, und wird daher besser bis auf die Uebungen in derselben aufgeschoben, die erst alsdann2111 glücklich unternommen werden können, wenn man sich schon durch das fleißige Lesen der Schriften [70] gebildet hat. Man setze also diese kritischen Untersuchungen lieber aus, begnüge sich mit andrer2112 Kenner Nachrichten,2113 und mit den reinesten2114 Ausgaben von einer Schrift, und wende sich gleich zum Lesen 2115.

2116
76.

Das nächste2117, worauf man beybei diesem Lesen Lesen 2118 zu sehen hätte, wäre: den Ausdruck verstehen zu lernen. Denn ohne dieses könnte man weder zur Kenntniß der in einer Schrift enthaltenen Sachen gelangen, die uns nur durch den Ausdruck mitgetheilt werden können2120, noch würde man durch das Lesen einer Schrift in den Stand gesetzt werden, eine andre2121 in eben derselben Sprache verstehen zu lernen, oder jemals eine solche2122 Sprache in seine Gewalt2123 zu bekommen2124. Aber der gute Schriftsteller bedient sich nicht bloß einer Sprache,2125 er will auch das, was er darin sagt, gut, (d. i.)das ist so [90] ausdrucken2126, daß es sich dem Leser als wahr2127, als gut, als gefällig darstelle, wenigstens daß es sich ihm auf2128 einer dieser Seiten empfehle; und, wie die Sprache Ausdruck der Seele ist, so ergießt sich seine gebildete Empfindung, Verstand und Gesinnung in den Vortrag, der davon seine ganze Farbe bekommt. Man muß daher gutgeschriebenen Schriften, selbst wenn man sie wegen der Sprache lieset, einleuchtende Vorstellung der Wahrheit, Empfehlung guter Gesinnungen, Annehmlichkeit des Vortrags, abzulernen, kurz, dadurch seinen Verstand, sein Herz und seinen Geschmack zu bilden bilden 2129 suchen. Dies nennt man das kritische, so wie jenes, das auf den Verstand des Gelesenen [71] abzielt, das philologische oder grammatische Lesen einer Schrift.

[91] 77.

Bey2144 der Absicht, eine Schrift verstehen zu lernen, möchte alles2145 auf folgende Regeln ankommen.2146 1) Man bemühe sich zuerst, die bestimmte Bedeutung einzelner2147 Wörter und Redensarten recht einzusehen, nach ihrem Umfang, auch Nebenbegriffen, Einschränkung und Unterschied von andern2148, die eben dasselbe zu bedeuten scheinen. Giebt der Schriftsteller die Bedeutung nicht selbst durch Erklärung, Gegensatz, gleichbedeutende Wörter, Beyspiele2149 oder Verbindung an, und kennen wir keine andre2150 ähnliche Stellen desselben, die ein Licht auf das, was wir suchen, werfen könnten:2151 *) so müßte man entweder, zumal wenn die Sprache noch lebendig ist, sich bey2152 denen erkundigen, die feine Kenner einer solchen Sprache sind, oder man müßte gute Wörterbücher, Claves, Wörterregister und Ausleger zu Hülfe nehmen, bey2153 ihrer Wahl aber,2154 [72] und um sie mit Sicherheit brauchen zu können, wohl darauf acht2155 geben, ob sie die Bedeutung be[82]stimmt angeben, und die Richtigkeit derselben, wo sie zweifelhaft seyn kan2156, mit angemessenen deutlichen Stellen oder Beweisen belegen.

1,
78.

Man müßte 2) wohl auf die Verbindung und Ordnung der Wörter Acht2179 geben, als worauf vornemlich2180 das Eigenthümliche einer Sprache beruht, und sowohl die wahre Bedeutung einzelner2181 Formeln bemerken, als in wieferne2182 eine gewisse Verbindung oder Stellung der Wörter und Redensarten, des Sinnes wegen, oder nur den Ausdruck deutlicher oder angenehmer zu machen, gebraucht sey2183. Gute SprachlehrenSprachlehren2184 und andre2185 Bücher, wel[73]che die Idiotismen einer [83] Sprache erklären, oder die Gründe der Sprachregeln untersuchen, können dabey2186 große2187 Dienste thun.

79.

Es würde2188 ferner 3) nöthig seyn, stets dahin zu sehen, daß man nicht bloß den Wörtern und [93] Redensarten, die man verstehen lernen wollte, andre2189 Wörter unterlegte2190, sondern sich auch wirklich Begriffe von dem machte2191, was jene ausdrucken2192. Leicht wäre2193 dieses, wenn wir einen solchen Ausdruck in einen uns geläufigern2194, der ihm völlig entspräche2195, verwandeln, und so den uns schon gewohnten Begriff, der damit verbunden ist, erneuern könnten2196. Wäre dies2197 aber nicht, und bekäme ein Ausdruck eine der Sprache oder dem Schriftsteller eigene2198 Bedeutung daher2199, weil er sich auf besondre2200 Meinungen,2201 Gewohnheiten, Begebenheiten u. d. gl.und dergleichen 2202 bezöge: so müßte man sich vorher diese bekannt machen, oder diejenigen zu Rathe ziehen, welche dergleichen Umstände und darnach gebildete Ausdrücke aufgeklärt hätten2203.

[74] [84] 80.

Weil man aber sehr wohl einzelne2219 Wörter verstehen kan2220, ohne deswegen den ganzen Satz zu [94] verstehen, der aus ihnen zusammengesetzt ist *);2221 auch viele Wörter **),2222 ja ganze Sätze ***), ***) 2223 neue bestimmte Bedeutungen in einer Stelle durch die Verbindung mit andern zu einem ganzen Satz bekommen;2225 und sehr oft Ein Wort nicht geradezu mit Einem Wort aus einer andern2226 Sprache vertauscht werden kan2227, sondern nur der Sinn im Ganzen ausgedruckt2228 werden muß †);2229 so wie bisweilen – und das ist der Fall der Allegorie – anstatt einer Sache, die eigentlich ausgedruckt2230 werden sollte, eine ihr ähnliche gesetzt wird ††),2231 folglich die gemeinte Aehnlichkeit aufgesucht werden muß; so muß man sich auch 4) bemühen, den Sinn des ganzen Satzes, oder mehrere in Eins verbundne2232 Sätze im Ganzen, und das in der Allegorie liegende Eigentliche, zu denken. Gute, freye2233, aber genaue2234 Uebersetzungen und eben dergleichen Umschreibungen sind hier für den, der es noch selbst nicht vermag, die besten Hülfsmittel.

1,
2,
3,
4,
5,
6,
81.

Beynahe2269 das Schwerste würde2270 5) die Vergleichung der Sprache seyn,seyn; 2271 woraus, und der, worein2273 wir übersetzen. Denn2274 bey2275 den vorigen Beschäftigungen, eine Schrift verstehen zu lernen, wär'2276 es allenfalls genug, den richtigen Sinn unterzulegen,2277 oft müßte2278 man damit auch zufrieden seyn; hier aber müßte2279 man eine Sprache der andern aufs möglichste2280 anschmiegen, welches bey2281 Idiotismen selten möglich, vornemlich2282 aber bey2283 [96] Schriftstellern, die recht eigentlich in ihrer Sprache und sie rein schreiben2284, oder gar eine eigenthümliche Art des Ausdrucks haben, sehr schwer auszudruckenauszudrücken ist. Ohnehin2285 muß man der Sprache, in die man übertragen will, und aller ihrer Feinheit und Beugsamkeit, der2287 sie fähig ist, sehr kundig und mächtig seyn. Der vornehmste Nutzen einer so genauen Uebertragung bestünde2288 denn wohl in der Ueberzeugung, daß man das, was jene Sprache ausdruckt2289, genau aufgefaßt hätte2290, und in der Bereicherung oder [86] VervollkommnungVervollkommnung unserer2291 Sprache durch jene. Weil es uns indessen bey2292 dem Verstehenlernen zunächst nur um den Sinn zu thun ist:2293 so könnte2294 dieser schwerere Versuch wohl besser2295 über das Lesen guter Schriften 2296 hinaus verschoben werden.

[76] 82.

Hätte2297 man nun einen guten Schriftsteller verstanden (§. 76.) 76.), 2298 so müßte2300 man ihm auch den guten Ausdruck und Vortrag abzulernen suchen;suchen (§. 76), und dies2301 muß 2303 die Absicht seyn, wenn2304 man wohl geschriebene2305 Schriften zur Bildung des Verstandes, des Geschmacks und des Herzens lieset. Zur Bildung des Verstandes geschieht dieses, – wenn man die Wahrheit dessen, was er sagt, es sey bey2306 allgemeinen Sätzen oder bey2307 Erzählungen, prüft, und bemerkt, worin die Stärke oder die Fehler dessen, was er zur Unterstützung einer Sache sagt, bestehn2308; – wenn man Acht2309 giebt auf alles2310, was zur Kenntniß der Menschen und der [97] Welt, und2311 zur Kenntniß des Ganges dient2312, den die göttliche VorsehungVorsehung2313 und den die Menschen bey2314 ihren Handlungen nehmen, um gewisse Absichten zu erreichen:2315 – wenn man, um jene Ueberzeugung von Wahrheit zu erlangen, auf Ursachen und Mittel, Folgen und Absichten der vorgefallenen Sachen studiert; –2316 wenn man alles dieses, durch Anwendung und Folgerungen, zur Aufklärung der Wahrheit, zur vernünftigen Beruhigung und zur Beförderung eines klugen Betragens gebraucht. Ohne diese Rücksichten und Uebungen kan2317 das Lesen auch der besten Bücher wenig helfen;2318 es unterhält allenfalls auf eine kurze Zeit, bereichert das Gedächtniß, verleitet zur blinden Nachahmung,2319 den Verstand 2320 bildet es nicht.

Auch das, was in der mehmahlsmehrmahls mehrmals angeführten Allgemeinen Revision, Theil 11. S.Seite 84 f.folgend wider die Geistesbildung durch das Sprachstudium überhaupt, und S.Seite 196 f.folgend wider die Geistesbildung zu einem Gelehrten insbesondere, gesagt wird, kankann dem hier Gesagten nicht entgegengesetzt werden. AusserAußer dem schon oft gerügten Irrthum, als wenn Vergleichung Einereiner Sprache mit der Andernandern weiter nichts seysei, als Umtauschung verschiedener Töne oder Schriftzeichen gegen andere, die gerade eben dasselbe ausdrückten, ist hier nicht die Rede vom Studium des bloßen Sprachbaues und Sprachgebrauch Sprachgebrauchs, sondern von dem Nutzen, den die Lectüre guter Schriftsteller gewährt, in so fernesofern diese Sachen gut vortragen. 2321
[98] 83.

So fern2329 indessen das Lesen zur Bildung des [77] Ausdrucks nach guten Schriftstellern unternommen werden sollte, müßte2330 vornehmlich darauf die Aufmerksamkeit gerichtet werden2331, wie ein solcher Schriftsteller das, was er gesagt, dargestellt und eingekleidet, d. i.das ist 2332 in welches Licht er es gesetzt hätte2333, um den Leser zu überzeugen,2334 wie 2335 es angelegt, um ihn dafür einzunehmen; in jener 2336 Absicht also, wie er (z. B.)zum Beispiel seine Sätze bestimmt, durch Beweisgründe unterstützt, durch angegebene und hervorgezogene Umstände glaublich gemacht, in dieser aber, wie er, was er empfehlen will, eindrücklich zu machen, wovon er aber abziehen will, abschrecklich2337 vorzustellen, oder zu verbergen, oder zu mildern gesucht habe. Alles dies kan2338 der Schriftsteller durch deutliche oder sinnliche Vorstellung zu erreichen suchen. Das erste2339 gehört zum Gebiete des Verstandes, daßdas letztre2340 mehr zum Gebiete des Geschmacks.

84.

Wer durch Lesung guter Schriftsteller seinen Geschmack bilden wollte, müßte 1),1) 2347 um keine [99] Schönheit in der Darstellung zu übersehn2349, und sich durch das, was leichter zu übersehen ist, an das zu gewöhnen, was schon feinere Empfindung und mehrere [78] Fassungskraft erfordert, mit dem Einfachern anfangen, und zum Zusammengesetztern fortgehen, erst einzelne2350 Stellen in dieser Rücksicht studieren, und alsdann2351 immer weiter schreiten, bis er das Ganze, sowohl nach der schönen Anlage der Theile, woraus es zusammengesetzt ist, als nach der Schönheit, die ein Theil dem andern mittheilt, übersehen könnte2352. Er müßte2353 2) ein jedes, kleinere oder größere,grössre Ganze,2354 von aller Form entkleiden 2356, um den Hauptgedanken zu finden, und zu2357 entdecken, durch welche Einschränkungen, Erläuterungen, Beyspiele2358, Bilder, Gegensätze u. d. gl.und dergleichen 2359 und wie er dadurch einleuchtend2360, interessant und gefällig dargestellet2361 worden sey.2362 3) Nächstdem2363 stets darauf Acht2364 2365 geben, wie der Schriftsteller auf die Gedanken gekommen, und woher2366 er das geleitet2367 habe, was er zur Ausbildung der Hauptsache gethan; wie er die gefundenen Sachen ausgedruckt2368; und wie er alles2369 so gestellt habe, daß jene Absichten aufs beste erreicht werden konnten2370. Man müßte2371 4) den Gründen nachspüren, warum gerade die Ausführung, der Ausdruck und die Stellung beobachtet wäre2372, und was dieses alles für Wirkung auf das Ganze thäte. Man müßte2373 endlich 5),2374 um den großen2375 Unterschied des Schönern [89] und Schlechtern zu begreifen, und die Mannigfaltigkeit oder die vielerley2376 Arten, wie man die Darstellung einer Sache abändern kan2377, kennen zu lernen, ähnliche Stellen oder Schriften eines sol[100]chen Verfassers oder Andrer2378 zusammenhalten, und bemerken, was jede nach ihrer besondern Absicht Vorzügliches in der Darstellung vor der andern gleiches Hauptinhalts habe, und worin der Grund dieses Vorzüglichen liege.

[79] 85.

Zur Verbesserung des Herzens und unserer ganzen GesinnungGesinnung2379 wird das Lesen guter Schriftsteller vieles beytragen2380, wenn man 1) nicht nur dasjenige bemerkt, was sie unmittelbar zu dieser Absicht alsdann2381 sagen, wenn sie von Sachen reden, die Gott, Religion und Tugend betreffen,2382 wenn sie den Werth und die guten Folgen der letztern, nebst Ehrfurcht und Liebe gegen Gott, es sey2383 durch Gründe oder Erfahrungen oder Beyspiele2384, empfehlen, sondern auch 2) das, was in ihrem Vortrag2385 liegt, und daraus gezogen werden kan2386, zur Kenntniß und Ueberzeugung von Gottes Vorsehung2387, zur Kenntniß des menschlichen Herzens und menschlicher Leidenschaften, der Mittel, diese zu lenken und jenes zu verbessern, zur Ermunterung zu allem Guten, braucht, und 3) –, welches2388 hier bey2389 der Sprache besonders in Anschlag kommt – wenn man auf den Ausdruck acht2390 giebt, und den ihnen abzulernen sucht, wodurch edle und gute Empfindungen können bezeichnet, und so in uns befestigt oder erweckt oder eindrücklich gemacht, und gute Nebenbegriffe erregt werden, die das Gute, vermittelst der Einbildungskraft, auch unserm Herzen empfehlen2391 (§. 60 2392 und 65.).2393

[101] [90] 86.

Freylich2394 erfordert ein so 2395 ausführliches Lesen guter Schriften viele ZeitZeit, die2396 so sehr ins Kleine gehende Aufmerksamkeit wird von dem Ganzen abgezogen, und dem, der noch nicht weit in einer Sprache gekommen ist, muß es schwer, oft un[80]möglich werden, so tief in das Schöne des Ausdrucks einzudringen. Aber, – ausseraußer dem2397, daß der Schriftsteller nur wenige2399 sind, die in Absicht auf Ausdruck und Sprache musterhaft heissen2400 können, und daß anhaltende Uebung uns mit der Zeit in den Stand setzt, den guten Ausdruck schneller zu bemerken, auch Unterricht und Leitung von einem in solcher Lectüre Geübtern,2401 die Aufmerksamkeit und das Fortschreiten hierin unendlich erleichtern kan2402: – so hilft wiederholtes sowohl als cursorisches Lesen eines guten Schriftstellers diesen Unbequemlichkeiten sehr ab, und befördert nicht nur die Uebersicht des Ganzen, sondern gewöhnt uns auch mehr an den ganzen Ton des Schriftstellers, und macht uns mit dem, was ihm eigen ist, macht uns mit Stellen desselben bekannt, die über Sachen und Wörter Licht ausbreiten können. *) 2403

1,
87.

Auf das Lesen guter Schriftsteller in einer Sprache müssen 3) (§. 68 68. und 71.)2411 die Uebungen Uebun gen 2413 in der Sprache folgen, wobey2414 man immer wieder vom Leichtern zum Schwerern fortgehen müßte. Diese Uebungen bestehen im Uebersetzen, Schreiben 2415 und allenfalls Reden 2416, [91] womit noch die Beschäftigung mit den feinern feineren Sprachregeln 2417 und mit der Kritik Kritik im engsten Verstande 2419 (§. 74.) könnte 2420 verbunden werden 2422. Das Uebersetzen ist unstreitig das Leichteste, weil man [81] durch das Lesen guter Schriften schon zubereitet, und seiner Sprache, in die man übersetzt, mächtiger ist als einer fremden, also leichter fremden Wörtern seine, als seinen die Wörter einer fremden Sprache unterlegen kan2423, die uns2424 weniger als die unsere unsere geläufig2425 ist. Bey2427 einer solchen Uebersetzung müßte2428, noch mehr als bey2429 dem Lesen, darauf gesehen werden2430, das, was in der fremden Sprache geschrieben ist, nicht nur aufs genaueste auszudrucken2431, sondern auch, so weit es die Natur unsrer2432 Sprache erlaubt,2433 und nicht2434 auf Unkosten ihrer Deutlichkeit oder ihrer Vorzüge vor einer fremden, unsre2435 der fremden anzuschmiegen.

2436
88.

Viel sichrer2437 ist es auch, sich eher im Schreiben als Reden zu üben, weil man mehr Zeit hat bey2438 dem Schreiben bedächtig auszufeilen, und, wenn man zumal vorher übersetzt,2439 und das Uebersetzte eine Zeitlang2440 weggelegt hat, die Wörter und Wendungen der fremden Sprache uns leichter beyfallen2441. –2442 Zwar ist die Uebung im Schreiben nicht bey2443 jeder fremden Sprache nöthig, wenn wir sie nur [103] verstehen lernen wollen. Aber nützlich kan2444 sie doch immer seyn, theils,2445 um bey2446 der Kritik besser beurtheilen zu können, ob ein Schriftsteller wohl so oder so könne geschrieben haben, wie man es in seinem Text findet, theils,2447 um das Eigenthümliche einer jeden Sprache und den Unterschied von der unsrigen besser einzusehen. 2448 – Findet man nöthig, auch eine Sprache sprechen zu lernen, so unter[82]nehme man es nur nicht eher, als bis man eine Fertigkeit hat,2449 sie gut zu schreiben, weil man sich sonst zu leicht Nachläßigkeit2450 im Ausdruck angewöhnt, und das, was unsrer Sprache eigen ist, in die fremde überträgt; wenigstens müßte man nur mit solchen sprechen, die eine genugsame2451 feine Kenntniß der fremden Sprache besitzen, um unsre Fehler verbessern zu können. Je früher man zu sprechen anfängt, ohne durch das Lesen guter Schriftsteller genug gebildet zu seyn, je mehr werden uns die Fehler im Sprechen anhängen,2452 und je schwerer werden sie sich ausrotten laßen2453.

2454
89.

Bey2455 allen diesen Uebungen versteht sichs2456, daß man immer vom Leichtern2457 zum Schwerern2458 fortgehen, sonach auch im Lesen, Uebersetzen, Schreiben und Reden2459 anfänglich nur auf das Gewöhnlichere und auf die Reinigkeit der Sprache, nach und nach erst auf ihre Feinheit und Zierlichkeit, auf [93] die verborgnere2460 Güte des Ausdrucks, und auf die Schönheit,2461 die sich durch das Ganze ergießt, Acht geben müsse. Sind in einer Sprache Schriften vorhan[104]den, welche die besondere Feinheit einer Sprache entwickeln, oder feine Kritiken über das Schöne musterhafter Schriftsteller enthalten: so kan2462 das fleißige Studieren2463 solcher Schriften, noch mehr aber der musterhaften Schriften in einer Sprache selbst, und die sorgfältige Vergleichung solcher Stellen, wo diese oder andre2464 die nemlichen2465 Gedanken verschiedentlich ausdrucken2466, nebst dem Nachdenken, warum und worin eine Art [83] des Ausdrucks die andre2467 übertreffe, uns in Entdeckung des Feinern2468 in einer Sprache sehr weit bringen.

90.

Und nun erst könnte2469 man sich an die KritikKritik2470 im engsten Verstande wagen, wenn man den Beruf dazu hat. Diesen giebt nur – ein feines GefühlGefühl –Gefühl, eine weitumfassende genaue und geläufige Kenntniß der Sprache –Sprache, und ein reicher Vorrath von historischen Kenntnissen, welche den Verfasser, oder seine Schrift, oder die darin vorkommenden Hindeutungen auf Geschichte, Verfassung und Umstände seiner Zeit und Nation,Nation und der erwähnten Personen und Sachen, betreffen. Hierzu muß aber nothwendig noch kommen: – Bekanntschaft mit alten HandschriftenHandschriften, mit ihrer Schrift,Schrift und den mannichfaltigenmannigfaltigen Ursachen der Verdorbenheit eines Textes, die darin sowohl, als in den Umständen und Absichten der Abscheiber oder Correctoren liegen; – lange und fleissigefleißige Uebung, theils im UmgangUmgange mit guten Kritikern und Beobachtung ihrer Verfahrungsart, theils durch eigene Versuche beybei einem solchen Schriftsteller oder Texte, wo Fehler und die Art sie zu verbessernverbessern, leicht aufzufinden sind, theils in Auffassung sichrersicherer Regeln der Kritik, aus beyderleybeiderlei eben erwähnter Uebung; – endlich vertraute Bekanntschaft mit der Schrift, beybei der man die KritikKritik üben will, und anhaltendes ins Feine gehendegehendes Studium einer solchen Schrift und andreranderer eben desselben Verfassers, mit dem was ihnen eigenthümlich ist.2471

91.

Sprachen zu lernen ist nöthig, entweder weil wir sie bey2535 unserm eignen2536 Denken und den Fortschritten darin nicht entbehren können, oder Andern2537 unsre Gedanken und Gesinnungen mitzutheilen, oder vermittelst der Sprachen uns Anderer2538 Kenntnisse und Leitungen2539 zu Nutz zu machen [107] (§. 59 f.folgend).2540 Dieser dreyfache2541 Nutzen der Sprachen und der mehrere2542 oder mindere2543 Einfluß einer Sprache auf die Beförderung unsrer2544 Haupt- oder Nebenabsichten bey2545 dem Beruf, dem wir uns widmen, muß uns stets leiten,2546 wenn die Frage ist: welche Sprachen wir lernen, und auf welche wir uns vorzüglich legen [85] müßenmüssen? –2547 Hiernach, und vorausgesetzt, theils,2549 daß hier eigentlich auf die Bildung zu einem künftigen Lehrer der Religion und zu einem Gelehrten zu sehen sey, theils, theils 2550 daß die christliche Religionskenntniß aus der richtig verstandnen2552 heiligen Schrift geschöpft werden müsse, theils,2553 daß eine Sprache um so vorzüglicher zu treiben sey2554, je zu mehreren der drey2555 erwähnten Absichten sie nöthig ist:2556 würden –2557 die Deutsche, –2558 die Lateinische, –2559 die Griechische, –2560 die Hebräische, –2561 und,2562 um der letztern2563 willen,2564 die mit ihr verwandten Mundarten – sonst aber die Französische,Französische – Englische –2565 und allenfalls die ItaliänischeItalienische, bey2567 dem, der sich der Theologie widmet, in Anschlag kommen müssen.

92.

Der deutschen, so wie der Muttersprache überhaupt, sollte der vorzüglichste Fleiß gewidmet [108] werden. –2574 Es ist schon unnatürlich,2575 mit seiner Muttersprache, oder mit der, die,2576 unsern Umständen nach,2577 ihre Stelle vertritt, (d. i.)das ist in der wir gemeiniglich2578 denken, weniger bekannt zu seyn,2579 und es ist2580 Undank gegen die göttliche VorsehungVorsehung2581, die uns gerade mit der Nation, wozu wir gehören, in die nächste Verbindung gesetzt, uns, vornemlichvornehmlich 2582 zu ihrem Besten [86] zu arbeiten,2584 bestimmt hat. –2585 Hängt die Bildung unsrer Seele von der Sprache ab:2586 so erfordert unstreitig die Sprache unsre meiste Aufmerksamkeit, in der wir gewöhnlich und am meisten denken –2587 und die wir auch bey2588 denen, mit welchen wir am häufigsten umgehn,2589 oder welchen wir in der Religion weiter forthelfen müssen, am meisten brauchen. –2590 Sind wir in dieser Sprache, die für uns die unentbehrlichste ist, zurück;2591 wer kan2592 sich da des Verdachts erwehren2593, daß wir es in minder nothwendigen Kenntnissen noch mehr seyn werden? wenigstens, daß wir die Wahl zwischen dem Nöthigern2594 und Entbehrlichern2595 nicht zu treffen wissen?

93.

Es ist auch nicht genug, daß wir unsre Muttersprache durch Uebung nothdürftig lernen,2625 sie verdient selbst studiert 2626 zu werden. Schon deswegen, weil sie, wie oben gezeigt worden ist, einen so großen2627 Einfluß, selbst durch Kleinigkeiten, [110] auf unsre Erkenntniß und Gesinnung, auf [98] unsern Vortrag und auf die Benutzung Andrer2628 hat. Und was man bloß durch Uebung lernt, das lernt man auch mit seinen Fehlern, und gewöhnt sich eine Nachlässigkeit2629 an, die um so schwerer abgelegt, selbst um so weniger nur bemerkt werden kan2630, je mehr sie durch den steten Gebrauch zur andern Natur worden2631 ist.

Die Einwendungen gegen dieses Studium der Muttersprache in der Allgemeinen Revision S.Seite 30.30 f.folgend gründen sich auf die Absonderung des Sprachbaues von dem Sprachgebrauch Sprachgebrauch, oder, wie es da heißt, der Wörter und der Worte. Auch ist hier nicht die Rede von dem, was man zu BegriffeBegriffen nothdürftig braucht, sondern was zur höhern Bildung des Geistes dient. 2632
94.
Dieses StudierenStudiren der deutschen Sprache müßtehat sich vornemlichvornehmlich auf die MundartMundart zu erstrecken, die gewöhnlich in Schriften, im gesittetern UmgangUmgange und im VortragVortrage gebraucht wird, d. i.das ist auf das HochdeutschHochdeutsche. Man müßte Hochdeutsche. Dabei muß man sich 1) befleißigen,befleißigen gut aussprechen zu lernen, d. i.das ist d. i., nicht nur verständlich und richtig, sondern auch genau den Sachen und ihrem Ausdruck gemäß;gemäß, Gedike, Friedrich Friedr. Gedike Gedanken über die Uebung im Lesen, wieder gedruckt in dessen gesammleten Schulschriften, Berlin 1789 in 8. 2) einer richtigen Rechtschreibung Rechtschreibung zu folgen, wovon man die besten Grundsätze infolgen. Da das Hochdeutsche die jetzige allgemein angenommene deutsche Schriftsprache ist, so giebt der feinere Sprachgebrauch in den Gegenden, wo man Hochdeutsch spricht, billig die Regel im richtigen Sprechen und Schreiben. Pütter, Johann Stephan Pütters Pütter's BermerkungenBemerkungen Bemerkungen über die Richtigkeit und Rechtschreibung der deutschen Sprache, Göttingen 1780 in1780. 8. und Adelung, Johann Christoph J. C. Adelungs Adelung's Magazin für die d. Spr. Jahrg.deutsche Sprache. Jahrgang 1. St.Stück 1. S.Seite 59 f.folgend St.Stück 33. S.Seite 3 f.folgend f., noch mehr aberauch in dessen vollständiger Anweisung zur deutschen Orthographie, nebst einem kleinen Wörterbuche für die Aussprache etc. et cetera Leipz. 1788 inLeipzig 1788. 8., zweytezweite verbesserte Aufl.Auflage, ebendaselbst 1790 in1790. 8.desselben Grundsätzen der deutschen Orthographie, Leipz. 1782. gr.groß 8. findet. Da das Hochdeutsche die jetzige allgemein angenommne deutsche Schriftsprache ist;ist: so giebt der feinere Sprachgebrauch in den Gegenden, wo man HochdeutschHochdeutsch spricht, billig die Regel im richtigen Sprechen und Schreiben. 2634
95.

Man müßte2668 sich 3) rein ausdrucken ausdrücken lernen2669, (d. i.)das ist so deutsch und frey2671 von ausländischen oder nur einer besondern Mundart eignen2672 Wörtern, Redensarten oder ihren Verbindungen, als es immer die Deutlichkeit und die Nothwendigkeit leidet, das, was man sagen will, vollständig und genau darzu[89] [112]stellen 2673; auch in Wörtern und Redensarten, ihren Bedeutungen, Beugungen und Verbindungen, dem gemäß 2674, was der Sprachgebrauch der obern Classen2675 in den, auch in Absicht auf deutsche Sprache, ausgebildetsten Provinzen2676 mit sich bringt.

96.

Hierzu sind gute Sprachlehren, Wörterbücher und feinere Beobachtungen über deutsche Sprache von großem2685 Nu[100]tzen; – schon deswegen, weil es nirgends nöthiger ist erinnert,erinnert 2686 und auf unerkannte Fehler aufmerksam gemacht zu werden, als in einer bloß durch Uebung erlernten Sprache, wo man so unvermerkt Fehler annimmt und beybehält2688, zumal wenn sie Ansehen für sich haben, und durch Provinzial-Eigensinn verstärkt werden. Noch mehr aber, weil dazu2689 sonderlich wenn man mehr als rein, wenn man auch gut, im ganzen Umfang des Wortes, sich ausdrücken will, nicht nur viel feine Empfindung desjenigen, was schicklich2690 und gut2691 überhaupt ist, sondern auch Bekanntschaft mit dem erfordert wird, was dergleichen nach den conventionellen Begriffen der Nation und derjenigen Provinz ist, deren Ausdruck in die [113] Schriftsprache übergegangen ist. Selbst dazu ist genaue Bekanntschaft [90] mit classischen2692 Schriftstellern der Nation,2693 oder vielmehr kritisches Studium ihrer Schriften, Kenntniß der Abkunft der Wörter und Redensarten, und der Geschichte des Sprachgebrauchs, vornemlich2694 des veredelten, und Philosophie über Sprache überhaupt, wie2695 besonders über das Eigne2696 der deutschen Sprache, nöthig. Wäre2697 das nicht mit Dank anzunehmen, was hierin von Männern, die dieses in ihrer Gewalt hatten, wenigstens theilweise,2698 geleistet worden ist?

97.

Wie fern man sich jemandes Leitung hierin anvertrauen könne, dies2699 muß die Prüfung lehren, ob und in welchem Maaß er die erwähnten Eigenschaften besitze. Denn, weil es vielen2700, die sich dieses Verdienst zu erwerben gesucht haben, mehr oder weniger,2701 an dieser oder jener Eigenschaft fehlt, ihre Grundsätze oft sehr verschieden sind, manche2702 zu früh und zu allgemein entschieden, andre2703 zu viel bloß vorge[101]schlagen, und zu wenig nach Gründen festgesetzt haben, auch bey vielen2704 der Hang zum Sonderbaren viel Gutes verdorben,2705 oder unverständlich gemacht hat:2706 so ist vorsichtige2707 Auswahl sehr nöthig.

98.
Unter den bisherigen Versuchen einer deutschen Sprachlehre Sprachlehre Sprachlehre, behaupten die dahin gehörigen Adelung, Johann Christoph Adelungischen Bücher, Adelungschen Schriften, in Hinsicht auf alle §. 96. erwähnte Eigenschaften den vornehmsten Rang, und sind daher auch von sehr vielen Schriftstellern und Sprachforschern als Auctoritäten angenommen. Deutsche Sprachlehre, zum Gebrauch der Schulen in den Königl. Preußischen Landen, Berlin 1781 in 8. Adelung, Johann Christoph Adelung's deutsche Sprachlehre. 5te Auflage. 1806. 8. Auszug aus der deutschen Sprachlehredeutsch. Spr. L. für Schüler, eben das.daselbst 1782 1782. in ebendas.ebendaselbst 3te Auflage. 1800. 8. und Umständliches Lehrgebäude der deutschen Sprache etc.et cetera Leipzig 17811781. und 17821782., in 2 Bänden in gr.groß 8.8., so wie dessen noch weiter reichendes Werk über den deutschen Styl, Berlin 17851785. und 1786 1786., in drey Theilen in 8.,drei Theilen, 8. und beybei einer dritten vermehrten AuflageAuflage, Berlin 1789 1789., in 2 Oktavbänden,Oktavbänden. in Hinsicht auf alle §. 96 erwähnte Eigenschaften, den vornehmsten Rang. 27082727
[102] 99.
Brauchbare Wörterbücher Wörterbücher in Absicht auf die jetzige schon gebildete deutsche Sprache haben wir nur zwey:Auch Wörterbücher sind dem, der die MutterspracheMuttersprache gründlich lernen will, unentbehrlich. Er wird sehr oft bei der Lektüre und beim Schreiben ihren Rath und ihre Bemerkungen über Etymologie und Sprachgebrauch suchen müssen. Auch hieran ist unsere Literatur nicht arm. Frisch, Johann Leonhard Johann Leonhard Frisch deutsch-lateinischesteutsch-lateinisches Wörterbuch, Berlin 1741 1741. in1741. gr.groß 4., als ein4. Ein allgemeineres,allgemeineres doch mehr zur Geschichte der Sprache dienliches, und den weit vollkommnerndienliches Werk. Versuch eines grammatisch-kritischengrammatischkritischen Wörterbuchs der hochdeutschen Mundart,Mundart (vonvon Adelung, Johann Christoph Joh. Christoph Adelung ,) Adelung ) Adelung , Leipzig 1773–1786, in 51773–1780, bis jetzt in 4 Theilen in1793–1805., in 4 Theilen, neue Auflage. gr.groß 4. Auszug daraus, 4 Theile, Leipzig 1793–1802. Campe, Joachim Heinrich E. H. Campe Wörterbuch der deutschen Sprache, 5 Theile, Braunschweig 1807–1810. Voigtel, Traugott Gotthold Voigtel Handwörterbuch, 3 Theile, Halle 1793–95. 2728
100.
Unter der ziemlichen Menge solcher Bücher, die Beobachtungen Beobachtungen über die deutsche Sprache und über einzelneeinzle Theile derselben,derselben enthalten, sind, in verschiedner Absicht, wenige mitund besonders die Gleichsinnigkeit der Wörter erörtern, zeichnen sich ebenfalls einige durch innern Werth aus, und geben dem philosophischen Forscher eben so vielen Stoff, als dem, welcher die Sprache richtig sprechen zu lernen strebt. Stosch, Samuel Johann Ernst S. J. E. Stosch Versuch in richtiger Bestimmung einiger gleichbedeutenden Wörter der deutschen Sprache, erster Theil, neue Auflage,Aufl. 4 Theile, Frankfurt an der Oder 1777, zweyter,zweyter das.daselbst 1772 und dritter 1773 1773. in gr.groß 8.1779–1785. Ebendesselben kleinenKleinen Beyträgenkleine Beiträge zur nähern Kenntniß der deutschen Sprache, Berlin 1778–1782 1778.1778–1782. in 3 Stücken inStücken. 8. Eberhard, Johann August J. A. Eberhard's Versuch einer allgemeinen Synonymik, 6 Theile, Halle 1795–1800., und der Auszug: Synonymisches Handwörterbuch, Halle 1806. dem Magazin für die deutsche SpracheSprache, von Adelung, Johann Christoph J. C. Adelung , in zweyzwei Bänden, jedemjeder vonbis jetzt erster Jahrgang in 4 Stücken, LeipzigLeipz. 1782 bis 1785 in 8.und 83 in 8, und der1782–1785. 8. deutschenDeutschen Sprachlehre für Damen, in Briefen, von Moritz, Karl Philipp Carl Philipp Moritz , Berlin 1782 1782. in 8. zu vergleichen. 2743
101.

Ausser2782 dem reinen Ausdruck müßte man sich auch 4) gut ausdrucken2783 lernen, d. i.das ist –2784 mit unter[116]haltender Klarheit, die sich von unverständlicher Kürze und ermüdender oder doch entbehrlicher Weitläufigkeit gleich weit entfernt hielte –2785 in einer natürlichen2786 und dem Eindruck, den man machen will, angemessensten Ordnung –2787 mit möglichster Bestimmtheit, die eben so sehr der ganzen Fülle der Gedanken entspräche,2788 als die Gelegenheit zum Mißverstande abschnitteabschneide –2789 in steter Hinsicht auf das,2791 was schicklich,2792 und sowohl der Sache, über die man sich ausdrückt, als dem Zweck, worauf man arbeitet, angemessen ist –2793 und, so weit2794 es diese Sache und dieser Zweck erlaubt, so einleuchtend für den Verstand, so gefällig für den Geschmack, [93] und so eindrücklich für das HerzHerz,2795 als es unserer gebildeten Denkungsart natürlich ist.

102.

Sehr viel und das meiste2796 trägt hiezu der UmgangUmgang2797 mit solchen Personen,2798 und das Lesen,2799 oder vielmehr das, auch in Absicht auf Ausdruck, sorgfältige Studieren2800 solcher deutschen Schriftsteller bey2801, welche die vorhin (§. 94–101. 2802) [104] erwähnte2803 Tugenden in Absicht auf guten deutschen Ausdruck vorzüglich in ihrer Gewalt haben. Denn eben durch sie lernt man die ausgebildetste Mundart; sie läutern die Sprache, heben das Bewährteste aus,2804 und bringen es am meisten in Umlauf; sie theilen auch der Sprache etwas von ihrem Genie, wär'2805 es auch nur durch neue Wendungen, mit, das, wenn es auch nicht üblich wäre, doch werth seyn kan,2806 üblich zu werden,2807 und es durch ihr Ansehen auch wird; sie [117] bilden also in so fern2808 die Sprache allerdings aus *) 2809. Nur haben sie kein Recht, es willkührlich zu thun, und, um ihnen nicht blindlings oder übereilt zu folgen, ist wohl zu untersuchen, ob die, welche Neuerungen wagen, genugsame Sprachkenntniß und geläuterten Geschmack haben?2810 ob ihre Versuche den Regeln und2811 der Analogie der guten deutschen Sprache gemäß sind?2812 ob sie nicht, besonders aus Nachahmung der Ausländer, den Geist der deutschen Sprache umschaffen, und ihr Kraft, Deutlichkeit und Bestimmtheit entziehen?2813 ob sie gute Neuerungen am rechten Ort angebracht,2814 und (z. B.)zum Beispiel nicht Prose2815 und Poesie, komische und ernsthafte [94] Schreibart, verwechselt haben?2816 Eben diesen Unterschied müßte man bey2817 der Nachahmung wohl vor Augen behalten.

*) Hiernach möchte das zu beurtheilen seyn, was in dem Adelung, Johann Christoph Adelungischen Adelungschen Magazin Jahrgang 1,1. Stück 3,3. Aufsatz 4,4 behauptet wird. 2818
103.

Daß man sich auch, um des guten Ausdrucks in seiner Muttersprache mächtig zu werden, in schriftlichen Aufsätzen üben, dabey2823 auf alles bisher Gesagte2824 mit sorgfältigem Fleiß, selbst in Kleinigkeiten, sehen, ja nicht eher an das Schönschreiben denken müsse, ehe man nicht Reinigkeit und die übrigen wesentlichen Tugenden einer guten Schreibart in seiner Gewalt hat; –2825 daß man eben so sorgfältig sich im [105] Sprechen den guten Ausdruck angewöhnen; –2826 sich von Kennern und [118] strengen Beobachtern des guten deutschen Ausdrucks beurtheilen, zurecht weisen laßen,2827 und ihnen mehr als dem Kitzel eines aufwallenden Genies, regellosen Beyspielen,2828 oder der bloßen Mode, folgen müsse;2829 – dieses2830 sollte kaum einer Erinnerung bedürfen.

2831
104.

Unter den übrigen lebendigen2832 Sprachen ist die französische, englische,2833 und allenfalls die italiänische 2834 dem, der sich der Theologie widmet, am nützlichsten. Denn –2835 diese Nationen sind unstreitig, neben der deutschen2836, auch in Absicht auf [95] Sprache, am meisten gebildet; –2837 ihre Sprache ist die Sprache der feinern2838 Welt geworden,2839 und bekommt dadurch selbst den meisten, guten und nachtheiligen,2840 Einfluß auf feinere deutsche Sprache und Sitten; die FranzösischFranzösische insbesondre2841 hat sich auch in Deutschland unter allen,2842 die gebildet heissen2843 wollen, so sehr ausgebreitet, daß es fast Schande ist, es wenigstens nicht zu verstehen; –2844 auch sind diese Sprachen, vor andern ausländischen, die, in welchen die besten Schriften, zur Theologie selbst, vorhanden sind. –2845 Daß nur weder der deutsche Geist, noch das Gute der deutschen Sprache, darunter leide!

2846
[106] 105.

Man kan2847 gewissermaßen zu den lebenden Sprachen2848 noch die lateinische rechnen, weil doch noch lateinisch gesprochen und geschrieben wird, und so fern ist es um vieles nothwendiger, sie, als andre2849 [119] alte und ausgestorbne2850 Sprachen, zu verstehen. Unter diesen behaupten die griechische, und die nach ihr gebildete lateinische, große Vorzüge, welche verursacht haben, daß man beyden,2851 und allen,2852 aus Lesung der alten Schriften2853 in beyden2854 Sprachen geschöpften, Kenntnissen2855 vorzüglich den Namen2856 der (alten2857) Literatur und Humanität gegeben hat.

2870
106.

Freylich2871 wird derjenige schwerlich diesen Namen2872 gerecht finden, der in der Einbildung steht, –2873 daß sie höchstens eine Beschäftigung künftiger Schullehrer seyn müsse, und,2874 seit der 238neuesten versuchten Reformation der Schulen, selbst diesen2875 ziemlich entbehrlich sey –2876 daß ihre Kenntniß allenfalls dem Gelehrten zur Zierde gereiche –2877 [120] daß man, weil grie[107]chische und römische Werke einmüthig für die besten Quellen des guten Geschmacks gehalten werden, Schande halber mit ihnen nicht ganz unbekannt seyn dürfe –2878 daß wir alles2879 jetzt weit besser wüßten, als es die Alten konnten2880. Wer so denkt, den wird man so wenig von den Vorzügen dieser alten Literatur überzeugen können, als,2881 von dem Werth der Gelehrsamkeit und der Bildung des Geistes,2882 den, dessen erste Frage immer ist: ob eine Sache etwas, und ob sie vieles einbringe? Wer sie aber auf die Art studiert2883, die oben (§. 76–85 2884) angegeben wurde:2885 der wird bald gewahr werden, daß sie die hohe Achtung, wonach man sie besonders in Schulen zur Bildung künftiger Gelehrten braucht2886, mit großem2887 Recht verdiene.

[97] 107.

Denn – nicht zu gedenken, daß der künftige Gelehrte, sie, zumal die lateinische Sprache, nach der jetzigen Verfassung der Gelehrsamkeit, nicht entbehren kan2888; und daß durch Unkunde dieser Sprachen ein großer2889 Schatz von Begriffen, der in unsre Wissenschaften durch die aus beydenbeiden 2890 Sprachen entlehnten Kunstwörter übergegangen ist, verlohren2892 geht,2893 oder doch unbrauchbarer wird –2894 so ist schon die Kenntniß dieser Sprachen, als Sprachen betrachtet, ein ungemein großer2895 Gewinn (§. 64. Anm.Anmerkung 1. und 22.)2896, wenn man das voraussetzt, was oben (§. 59 (f.)folgend) von dem großen2898 Einfluß der Sprachen auf die Bildung der Seele gesagt worden ist, und dazu nimmt, daß beyde2899 hier in Unter[121]suchung kommende Sprachen unter die vorzüglich ausgebildeten gehören. Daher ist der Wahn, als wenn man griechische und lateinische2900 Schriftsteller vornemlich,2901 oder nur,2902 um der Sachen willen [108] lesen müsse, und dazu eine nothdürftige Kenntniß dieser Sprachen zureichend sey2903, ein sicherer2904 Beweis, daß man entweder jenen Einfluß oder die Natur beyder2905 Sprachen nicht genugsam kenne.

108.

Dieser große2906 Vortheil wird bey weiten2907 nicht durch Uebersetzungen Uebersetzungen 2908 der alten klassischen2909 Schriftsteller erhalten. Mögen sie immerhin gut genug für die seyn, die der alten Sprachen selbst unkundig, doch den Inhalt Inhalt alter Schriften oder die in ihnen vorgetragnenvorgetragenen Sachen lernen und benutzen wollen; immerhin dazu helfen, einen alten Schriftsteller etwas verstehen zu lernen, und, wenn sie sehr gut sind, uns auf manche unerkannte Schönheit des Originals aufmerksamer zu machen; mögen sie selbst unsere Sprache aus den alten bereichern helfen: so machen sie uns doch das alte OriginalOriginal selbst durchaus nicht entbehrlich.2910 Denn – ausserdem2913 daß es überaus wenige Uebersetzungen giebt, die recht eigentlich genau und mit solchem Fleiß ausgefeilt wären, daß sie das Original wirklich nachgezeichnet dar[98]stellten, und, in Absicht auf den Ausdruck wenigstens, vielleicht gar keine,2914 die man für das Original2915 nehmen könnte –2916 so kankann man nicht einmal den Inhalt selbst ganz ohne eigene feinere Kenntniß der Sprache des Originals verstehen. Denn selbst der Inhalt ist so voll Anspielungen auf Meinungen, Sitten und Verfassungen, setzt wenigstens so viele Kenntnisse dieser Dinge voraus, ohne die man sich in die DenkartDenkart und Lage des Schriftstellers nicht hinein denken kanhineindenken kann, daß es unmöglich ist, ihn recht zu verstehen, ohne unsre eigneunsere eigene Vorstellungen ihm unter zu schiebenunterzuschieben. Und wenn auch einigen dieser Schwierigkeiten durch Anmerkungen kankann abgeholfen werden:werden, so haben sich doch die Ausdrücke eines alten Schriftstellers so sehr nach der besondern Beschaffenheit seiner Nation und Zeit, und selbst nach seinen individuellen Geistes- und äusserlichenäußerlichen Umständen gebildet,gebildet: und dieses alles ist so in seine Sprache übergegangen, daß sie schlechterdings nur in dieser Sprache können ausgedruckt und empfunden werden. – Ueberhaupt2917 bleibt das Eigenthümliche dieser Schriftsteller, zumal im Ausdruck, immer unübersetzbar; bey2926 alten Schriftstellern, die auf den Ausdruck Fleiß gewendet haben, (z. B.)zum Beispiel bey2927 den Briefen des Cicero, kan2928 man sich leicht durch Proben überzeugen. Ist die Uebersetzung eines solchen Schriftstellers auch im Ausdruck, auch in den Wendungen,2929 recht genau:2930 so ist sie gewiß jedem, der einigen Geschmack hat, wegen des Undeutschen und der so ganz fremden Gestalt, unerträglich. Läßt sie sich aber wie ein deutsch2931 Original lesen, oder folgt man der ungereimten Regel, die Alten so reden zu laßen2932, wie sie geschrieben haben würden, wenn sie Deutsche gewesen wären:2933 so müssen nothwendig gerade die eigenthümlichen Züge des Originals verwischt2934 seyn. *) 2935 [123] An Beybehaltung2936 des Reitzes, der sich durch das Ganze ergießt, der vielsagenden Kürze, des harmonischen Baues der Rede, des Numerus, der besondern Uebergänge von Einem aufs Andere, die oft nur in der Sprache liegen, u. dgl.und dergleichen liegen u. dergl.und dergleichen, welches alles2937 so sehr gefällt,2939 und unsre2940 Seele zum Gefühl einer gewissen Schönheit stimmt, die sich in unsrer2941 Sprache nicht gerade eben so ausdrucken2942 läßt, aber doch die Seele zu ähnlichen Ergießungen2943 gewöhnt, ist bey2944 Uebersetzungen gar nicht zu gedenken.

*) S.Siehe (Hottinger, Johann Jakob J. H. Hottingers J. H. Hottinger's ) Etwas über die neuesten Uebersetzerfabriken der Griechen und Römer in Deutschland, 1782 1782. in 8, vornemlich8., vornehmlich S.Seite 81 f.folgend 2945
109.

„Es ist aber doch schon vieles aus diesen alten Sprachen in manche neuere übergetragen,2950 es haben auch diese neuere2951 viel eigenthümliche Vollkommenheit, darin sie die Alten übertreffen,2952 und [99] dadurch scheint das Studium der Alten entbehrlich gemacht zu werden.“ – Entbehrlich nun wohl nicht, wenn auch an dem Gesagten mehr wäre,2953 als nicht2954 ist. – Man ist schon weniger aufmerksam auf das,2955 was uns bekannter, unsrer2956 Denkungsart, Sitten und Ausdruck gleichförmiger, als was fremd oder ungewohnter ist; schwerlich sind wir geneigt, jenes so, bis auf die feinsten Züge der Schönheit, zu studieren2957, als dieses. – Neuere Sprachen haben, eben deswegen,2958 weil sie im Gange sind,2959 und immer an ihrer Bildung gearbeitet wird, weniger bestimmte Schönheit, als die nun keiner [124] schönen2960 Veränderung mehr unterworfnen alten2961 Sprachen 2962. – Je mehr die Schriftsteller, wie dieses der Fall bey2963 den alten ist, in ganz andern Umständen waren, empfanden, dachten, handelten und redeten, als die Unsrigen; je2964 mehr lernen wir, durch den Umgang mit ihnen, die so schwere Kunst, uns in fremde Umstände versetzen, welches unentbehrlich ist,ist um sie recht zu verstehen,2965 zu beurtheilen,2967 und williger von ihnen zu lernen;2968 eine Geschmeidigkeit, die,2969 zumal für einen Lehrer des Christenthums, sehr vortheilhaft ist, der seine Weisheit aus den alten Büchern der heiligen Schrift schöpfen, unverwandt nach Wahrheit und Liebe trachten, und 241 allen2970 Alles werden soll.

[100] 110.

Ist denn aber auch schon so viel aus den alten griechischen und lateinischen Schriftstellern auf die Neuern2975 übergetragen worden? Lassen sie sich, bey2976 so vielerley2977 Rücksichten, in welchen man sie studieren2978 kan2979, wirklich ausstudieren 2980? Und2981 sinds nur einzelne2982 Schönheiten, ists nicht eben ihr ganzer Geist, den wir uns aufs möglichste zu eigen machen sollten, und der eben noch so wenig auf uns ruht,2983 und so wenig ins Allgemeine wirkt?

[125] 111.

Wenn wir auch bloß auf die Sachen Sachen sehen,2984 wie viel ist die alte Geschichte werth, die wir beynahe2985 bloß aus ihnen schöpfen können? so viele feine Philosophie? wenigstens die Kenntniß des Fortgangs und2986 der Entwickelung der Seelenkräfte unter den gebildetsten Völkern des Alterthums? so viel Menschen-2987 und Weltkenntniß? so viel trefliche2988 Sittenlehre und Klugheit? Mögen wir es in manchen Künsten, in Kenntniß der körperlichen Natur und ihrer Kräfte, in dem,2989 was zum äusserlichen2990 Fortkommen und Nahrung gehört, und in guten bürgerlichen Verfassungen,2991 weiter gebracht haben als sie;2992 in dem Uebrigen, in dem, was den Geist bildet – abgezogen was wir von ihnen2993 mittel- oder unmittelbar gelernt haben – wie weit übertreffen wir sie denn? und wie viel haben wir ihnen noch lange nicht abgelernt?

[101] [112] 112.

Am meisten2994 kommt es hiebey2995 nicht so sehr auf die Sache2996 selbst, als auf die Art an, wie sie sie2997 dachten und ausdruckten2998. In Absicht auf den Geschmack Geschmack,2999 sind sie von allen Kennern allgemein als Muster anerkannt; und sie sind es wirklich, in der weitesten Bedeutung,3000 die man dem Wort3001 Geschmack geben kan3002. – Sie schöpften ihre Kenntnisse aus der ersten Quelle, aus der zwar noch nicht so entwickelten,3003 aber auch noch nicht so verstellten Natur, und bildeten sich durch Beobachtung. Bey3004 uns gießt man den Geist von Kindheit an in [126] Formen,3005 überall regiert die Mode Mode,3006 wir bilden uns durch Bücher, und verderben uns frühzeitig durch die Schwelgerey3007 der Lectüre. –3008 Sie, als gleich theilnehmende Glieder Einer zu einerley 3009 Absicht arbeitenden Gesellschaft, lernten durch Handeln,3010 und durch Umgang mit allerley 3011 Arten von Menschen. Dies3012 schärfte den Wahrheitssinn, leitete aufs Gemeinnützige, machte ihre Erkenntniß praktisch; diesdieß erhielt und schärfte das Gefühl der menschlichen Würde und der natürlichen Rechte des Menschen;3013 ihre Philosophie war Philosophie des Lebens, ihre Geschichte eigentlich pragmatisch, (d. i.)das ist auf Bildung zu Geschäften und zu der dazu nöthigen Klugheit angelegt. Bey3015 uns ist diese enge Verbindung der bürgerlichen Gesellschaft beynahe verschwunden;3016 wir haben Staaten, aber wir haben, im bürgerlichen Verstande, kaum ein Vaterland. Wir3017 handeln nach eingeflößten Grundsätzen; gewöhnen uns an hergebrachte Gewohnheiten und Formen, an druckendedrückende Einrichtungen, die oft mehr Gewalt und List, als Weisheit, welche für jeden sorgte, eingeführt, und die bloße Länge der Zeit in angebliche Rechte verwandelt hat; wir vergessen darüber unsere Kräfte, unsern MenschenwerthMenschenwerth, unsere angebohrnenangeborenen Rechte. Unsre3018 Erziehung ist meist in den Händen solcher Leute,3021 die durch nichts weniger als durch gereifte Erfahrung gebildet sind; unsre Gelehrte3022, die fast einzigen,3023 die noch an der wahren [102] Bildung des Geistes arbeiten, sind3024 zu sehr ausgeschlossen von der Welt und dem Umgang mit Geschäftleuten3025, auch zu wenig für die Welt, wenigstens mehr auf [127] Speculation als auf das praktische Leben bedacht; unter ihren Händen gewinnt Philosophie und Geschichte an Wahrheit und Gewißheit, selten wird sie Schule der Weisheit,3026 gemeiniglich zieht sie, weil es ihr an Geschmack und Weltkenntniß fehlt, nicht einmal die Ungelehrten zum Lesen an. – In unsrer Welt ist Bildung des Geistes oft kaum etwas anders,3027 als ausgeartete CulturCultur3028, die nach Ueberfluß und Vergnügungen hascht; Höfe und glänzende Gesellschaften geben den Ton an, theilen die Begierde zu glänzen, den nach Convention geformten Geschmack, Weichlichkeit und Frivolität, allen denen mit, die den Schimpf nicht haben wollen,3029 daß sie nicht zu leben wüßten; Schriftsteller, die nichts mehr wünschen,3030 als von der feinen Welt gelesen zu werden, stimmen ihre Schriften nach diesem Ton,3031 und machen die Seuche allgemeiner. Diese Abgeneigtheit von ernsthaftern,3032 nützlichen Beschäftigungen, der Eckel3033 an nüchternen Untersuchungen,3034 und die leidige Geniesucht vertilgt vollends die wahre Bildung des Geistes zur Weisheit und Tugend. So entsteht eine Philosophie, die von einiger Weltkenntniß oben abgeschöpft,3035 aber durch genaue Untersuchung nicht geläutert ist, bey3036 welcher Witz für Beweis gilt, die sich entweder dadurch empfiehlt,3037 daß sie den Leidenschaften der Menschen schmeichelt, oder dadurch,3038 daß sie natürlich scheint, weil sie alles,3039 was moralisch ist, nicht nach der Natur, sondern nach ihren Ausartungen [103] [114] in der wirklichen Welt, vorstellt; und die Geschichte hört in sofern auf, die Stelle der Erfahrung zu vertreten,3040 und wahre [128] Weisheit zu lehren, als darin nicht Wahrheit, sondern nur Unterhaltung und Belustigung gesucht wird. Wären nicht selbst deswegen die classischen3041 Schriften der Griechen und Römer,3042 – die sich so sehr durch männlichen Geschmack und bewährte Weltkenntniß auszeichnen, deren Geschichtschreiber insbesondre3043 nicht bloß für den Gelehrten, den Staatsmann, den bloß neugierigen3044 und Zeitvertreib suchenden Leser, sondern Weise und Rechtschaffne3045 zu bilden, geschrieben haben – wären die nicht werth,3046 fleißig studiert zu werden, um unserm3047 Geschmack wieder Festigkeit, unsrer Menschen- und Weltkenntniß gesunde Nahrung, und der Weisheit und Tugend wieder Kraft und Ermunterung zu geben?

Anm. Anmerkung 1. S.Siehe ausseraußer den §. 76 76. erwähnten Schriften: Casaubon, Isaak Is. Casauboni Causoboni Zuschrift seines Polybius Polybius an K.König Henri IV. Heinrich 4. (im(in dritten Theil der von Ernesti, Johann August Ernesti Ernesti besorgten Wiener AusgabeAusgabe, 1763 in 8.)8.) – Ernesti, Johann August Ernesti Opuscula Oratoriaoratoria, pag.pagina 3. 20. 184. 197 seq.sequens seq. – Vermischte Beyträge zuzur Beiträge zur Philosophie und den schönen WissenschaftenWissenschaften, Band 2, Stück 2, Aufs.Aufsatz 1. über die Wissenschaft der LiteraturLiteratur, und das Wolf, Friedrich August Wolfsche Museum der Alterthumswissenschaft, Berlin 1810. 30483063
113.

Dem, der sich der Theologie Theologie 3064 widmet, wird, ausser3065 den bisher erwähnten großen Vortheilen,3066 welche ihm die fleißige Lesung der alten griechischen und lateinischen3067 Schriftsteller gewährt, die Kennt[129]niß [104] beyder3068 Sprachen auch dadurch unentbehrlich, daß ohne sie weder der Verstand der heiligen [115] Schrift, auf der doch unsre ReligionReligion beruht,3069 noch andre3070 Theile der Theologie überzeugend erkannt werden können. – Es ist eitler und schädlicher Wahn, daß man, um die heilige Schrift zu verstehen, beyde3071 Sprachen deswegen nicht genau zu verstehen brauche, weil 3072 eine große3073 Menge guter Ausleger uns schon genug vorgearbeitet habe3074. – Die guten Ausleger laßen3075 sich wohl zählen; und wie mag der, welcher sich durch jene Sprachen selbst nicht zum Ausleger gebildet hat, es wagen, über den Werth des einen vor dem andern zu entscheiden, oder sich der Empfehlung von andern3076 blindlings anzuvertrauen? – wie alsdann3077 zu entscheiden, wenn auch gute Ausleger in ihren Erklärungen uneins sind? – wie,3078 ohne große3079 Gefahr zu irren, alsdann entscheiden zu wollen,3080 wenn sie gerade den Sinn für den richtigen ausgeben, der unsern Wünschen und Erwartungen gemäß ist? – Und3081 ist schon alles3082 erschöpft, der wahre Sinn nirgends mehr verborgen, nichts mehr zu läutern, nichts Neues mehr zur Bestätigung des wahren Verstandes zu sagen? Soll3083 man überall, nur bey3084 der heiligen Schrift nicht, mit eignen3085 Augen sehen?

114.

Wie soll denn sonst eine gewissenhafte Ueberzeugung entstehen, daß die heilige Schrift wirklich etwas gesagt habe, und wie verhütet werden, daß man nicht auf schwärmerische Einbildungen von [130] dem Verstande einzelner3086 Aussprüche der (heil.)heilig Schrift ver[105]falle, oder ihr seine eigne3087 Gedanken unterschiebe, oder auf bloßes3088 Gerathewohl einen Sinn annehme, als dadurch, daß wir gewiß wissen, der Sprachgebrauch bringe diesen und keinen andern Sinn mit sich? welches ohne genaue Kenntniß solcher Sprachen schlechterdings unmöglich ist.

[116] 115.

Diese erlangt man so wenig durch flüchtiges Lesen der in solchen Sprachen geschriebnen Bücher3089 als durch Wörterbücher allein. –3090 Jenes mag uns zur nothdürftigen Kenntniß einer Sprache verhelfen; zur genauern, zumal bey3091 schweren3092 Stellen, hilft es gewiß nicht, wie man leicht begreifen wird, wenn man das oben (§. 77. (f.)folgend) gesagte, versteht,versteht 3093 und in genauere Erwegung3095 ziehen will. –3096 Unter den Wörterbüchern sind die meisten ohne genugsame Kenntniß der Sprachen und ohne bestimmte Genauigkeit zusammengetragen;3097 auch die bessern bedürfen noch so mancher Berichtigung, so häufiger Ergänzung von Wörtern oder Redensarten und deren Bedeutungen, sonderlich in einem bestimmten Zusammenhang, so vieler Erklärung der Begriffe selbst,3098 die an einem Worte hängen, daß man sich geradezu nicht auf sie verlassen kan3099. Haben sie auch, –3100 wie dieses zur Ueberzeugung,3101 daß sie alles3102 richtig angäben, nöthig wäre, –3103 ihre Angabe mit Beweisen belegt: wie will man die prüfen, wenn es uns noch an genauer Kenntniß einer Sprache fehlt,3104 und man sich durch sorg[131]fältiges Studieren3105 guter Schriftsteller [106] noch nicht die Fertigkeit erworben hat, selbst den Sinn in einer fremden Sprache zu finden?

116.

Ueberhaupt wird der sehr gewinnen, der sich nicht eher an Erklärung der heiligen Schriften wagt, bis er vorher durch Lesung alter griechischer und lateinischer Schriftsteller wohl geübt ist. –3125 [132] Denn 1) wie es der Anfang aller exegetischen Weisheit ist, nur erst zu fühlen,3126 ob man etwas verstehe oder nicht?3127 so ist schon dies3128 sehr schwer für den, der nicht aus jener Schule zur heiligen Schrift kommt, weil uns die Stellen heiliger Schrift, die wir in [107] der Jugend gemeiniglich ohne Verstand gelesen haben, den Wörtern nach geläufig, ihre Lehren, oder was man dafür zu halten gelernt hat, bekannt sind, und man gemeiniglich mit einem Sinn3129 zufrieden ist,3130 der keinen offenbaren Unverstand enthält, zumal3131 wenn er sich durch Erbaulichkeit empfiehlt. Alles dieses hindert,3132 daß es uns oft nicht einmal3133 in den Sinn kommt,3134 nur zu zweifeln, ob wir auf dem rechten Wege sind. Hingegen bey3135 andern Schriftstellern sind wir weder schon so mit ihren Begriffen bekannt, noch dafür schon so eingenommen, fürchten auch weniger 3136 Vorwürfe von uns oder andern3137, wenn wir von hergebrachten Erklärungen abgehen,3138 oder gestehen,3139 daß wir etwas nicht verstünden.

117.

Ist man 2) nur mit den Umständen, Sitten und dem Sprachgebrauch neuerer Zeiten und Sprachen bekannt:3140 so findet man in alten Schriften Schwierigkeiten,3141 wo keine sind,3142 man sucht sie zu heben, verwickelt sich eben durch diese Bemühung in noch mehrere Schwierigkeiten, fällt auf harte und gekünstelte Erklärungen, wodurch man auf einer Seite den Gegnern der heiligen Schrift Blößen giebt, auf der andern sich gegen [133] natürlichere Erklärungen abhärtet,3143 theils,3144 weil man das für das Natürlichste3145 hält, was unsrer Art zu denken, zu reden und zu handeln am gemäßesten ist,3146 theils,3147 weil man das ungern aufopfert,3148 was uns Mühe gekostet hat, zumal3149 wenn man durch einen vermeintlich gefundnen3150 Sinn der heiligen Schrift neue Bestätigung seines [108] LehrbegriffLehrbegriffs gefunden,3151 oder mehr Zusammenhang in seine Vorstellungen gebracht zu haben glaubt. Wer hingegen schon mit andern alten Schriften ausser3152 der Bibel vertraute Bekanntschaft,3153 und gelernt hat,3154 sich in die Lage alter Schriftsteller zu versetzen, fällt entweder auf solche eingebildete Schwierigkeiten gar nicht,3155 oder er weiß sie leichter aus den Meinungen und Redensarten3156 der Alten zu erklären, schiebt der heiligen Schrift weniger neuere Begriffe unter, und ist demnach fähiger3157 von ihr zu lernen.

118.

3) Den SprachgebrauchSprachgebrauch3158 in todten Sprachen kan3159 man anders nicht zuverläßig lernen,lernen 3160 als aus den Schriften, die in einer solchen Sprache abgefaßt sind, und, wo es der[119]gleichen nicht giebt,3162 oder wo sie nicht zureichen, aus der Analogie andrer3163 mit ihr verwandten Sprachen,3164 oder aus den ErklärungenErklärungen,3165 die der Schriftsteller selbst in einer Stelle oder in ähnlichen Stellen giebt. –3166 Selten ist dieses letzte3167 möglich, weil es seyn kan3168, daß er nur Einmal3169 von einer Sache redet,3170 oder nur Einmal3171 ein Wort und eine Redensart braucht3172. So ein trefliches3173 Hülfsmittel also zur Einsicht des Verstan[134]des ähnliche Stellen sind, so helfen sie doch nicht überall; sicherlich wird auch der3174 die in der heiligen Schrift den meisten3175 unmerkbare feinere Aehnlichkeit leichter empfinden, der dergleichen zu bemerken durch achtsames Lesen alter Schriftsteller sich gewöhnt hat; und überall folgt ein Schriftsteller, wo er nicht sehr dringende Ursachen hat, demjenigen SprachgebraucheSprachgebrauch,3176 der in der Sprache, worin er schreibt, herrscht,3178 wenigstens bildet er, auch da, wo er eigne3179 Ausdrücke wählt, seinen besondern Sprachgebrauch aufs möglichste nach dem allgemeinen. Und dieser, woraus ist der3180 anders zu erkennen,3181 als aus den andern Schriften in eben der Sprache? bey3182 dem neuen Testament also, woher anders, als aus andern alten griechischen Schriftstellern,3183 und zum Theil aus den griechischen Uebersetzern des alten Testaments?

1,
2,
119.

Und wie 4) falsche und nach Schulformen gekünstelte Zergliederungen der Bücher 3223 heil.heilig 3224 Schrift sehr oft den wahren GesichtspunctGesichtspunct3225 verrücken, woraus man die Absichten eines Schriftstellers ansehen sollte, und selbst zu erdichteten Erklärungen seiner Ausdrücke Gelegenheit geben: so ist kein besseres Mittel3226 sich gegen diese willkührliche3227 Spielwerke zu verwahren, als wenn man aus Lesung alter Schriftsteller die gar nicht schulgerechte,3228 sondern natürliche Stellung ihrer Gedanken, ihre oft unscheinbare3229 Verbindungen durch Partikeln, Participial-Constructionen u. dgl.und dergleichen u. d. gl.und dergleichen 3230 und die ganze Einkleidung bemerkt3232, die von unserer3233 oft 3234 sehr abgeht3235.

120.

Auch ist 5) diese sorgfältige Beschäftigung mit alten Schriftstellern ein gutes Verwahrungsmittel gegen die Ver[121]besserungssucht des Textes der heiligen Schrift, sowohl3236 als gegen die unzeitige Aengstlichkeit bey verschiednen3237 Lesearten. Wer jene auch kritisch studiert3238 hat, wird sich durch noch so viele Lesearten, mit welchen gleichwohl die unverfälschte Aechtheit3239 des Textes bestehen kan3240, nicht nur nicht irre machen laßen,3241 er wird auch allein im Stande [111] seyn3242 den Werth derselben abzuwägen. Hat man sich bey3243 jenen Alten3244 an die Beobachtung des feinern3245 Parallelismus gewöhnt;3246 Versuche gesehen,3247 und selbst gemacht,3248 dunkle Stellen zu erklären,3249 und solche, die einander oder andern Schriftstellern zu widersprechen scheinen, mit einander zu vereinigen; und hat nach und nach das Ungegründete und Gezwungne3250 mancher gewagten Veränderungen des Textes, wie die Quellen dieses Fehlers und die verschiedne3251 Arten eingesehen,3252 wie verschiedne3253 Lesearten entstehen können: so wird gewiß dadurch Bescheidenheit so sehr als geschickte Beurtheilung befördert werden. Wenigstens ist es immer sicherer,3254 sich erst in jener Kritik zu üben, wo der Schade bey3255 Fehltritten so beträchtlich nicht ist, als bey3256 der heiligen Schrift, beybei der3257 ohnehin die Vorstellung von ihrer Göttlichkeit leichter verleitet,3259 vor genauerer3260 Untersuchung ParteyParthey 3261 zu nehmen.

1,
[112] 121.

Zur gründlichen Einsicht in andre Theile der Theologie (§. 113 113. )3280 ist die genaue Kenntniß der griechischen3282 und lateinischen Sprache3283 eben so nothwendig. –3284 Die allermeisten Quellen der KirchengeschichteKirchengeschichte3285 sind in einer von beyden3286 Sprachen abgefaßt,abgefaßt und,3287 da selbst der Sprachgebrauch zu verschiednen3289 Zeiten und in verschiednen3290 Gegenden so vieler Verschiedenheit und Veränderung unterworfen war:3291 so ist 3292 um so begreiflicher, wie unzuverläßig3293 die Kirchengeschichte seyn müsse, wenn sich ihre Kenntniß nicht auf die Kenntniß dieser Sprachen gründet. –3294 Alles, was in der Theologie auf Geschichte beruht;3295 die Kenntniß der Kirchentheologie oder der verschiednen3296 Vorstellun[138]gen von den Lehren der Religion,3297 und der Ursachen dieser Verschiedenheit; der Kunstwörter, die aus beyden3298 Sprachen genommen,3299 oder doch darnach3300 gebildet worden 3301, und selbst ein symbolisches Ansehen erlangt haben;3302 des Ursprungs der Irrthümer aus unbequemen Ausdrücken,3303 oder des Mißverstandes derselben, wodurch man ihrer Unrichtigkeit auf die Spur kommen kan3304; der Folgen,3305 die daraus für die Theologie entstanden sind – vornemlich3306 wenn man die Richtigkeit dieser Kirchentheologie gehörig beurtheilen will, – kan3307 dieser Sprachkenntniß nicht entbehren.

122.

Würde nicht auch unsre Katechetik3308 und Homiletik3309 eine bessre3310 Gestalt bekommen, und würde man [113] sich nicht besser zum Unterricht in der Religion bilden, wenn man den Alten, sonderlich der Sokratischen Schule und ihren guten Nachfolgern, ihre Methode in Gesprächen, und den [123] griechischen und römischen Rednern die Kunst3311 Eindruck zu machen3312 und, was man vorstellen oder empfehlen will, von der wirksamsten Seite zu zeigen, so weit ablernte, als es die Natur der Sachen, die Absicht,3313 bleibende Eindrücke hervorzubringen, und unsere Umstände erlaubten.3314

3315
123.

Was oben (§. 68 3316 (f.)folgend) von der besten Erlernung der Sprachen überhaupt gesagt worden ist, gilt bey3317 der lateinischen und griechischen Spra[139]che insbesondre3318, und von ihnen vorzüglich, weil sie unter allen alten Sprachen am meisten gebildet sind. Nur scheinen hier noch einige besondre3319 Anmerkungen darüber nicht unnöthig zu seyn. – Die lateinische Sprache hat das eigne3320 Glück gehabt, die allgemeine Sprache der Gelehrten (in Europa) zu werden;3321 daher sind die meisten gelehrten Schriften in ihr geschrieben,3322 ihre Kenntniß ist für den Gelehrten, nächst der Kenntniß der Muttersprache, die unentbehrlichste, und sie verdient, als allgemeine Gelehrten-SpracheGelehrten-Sprache3323 erhalten zu werden.

3324
124.

Zuerst eben deswegen, weil die meisten gelehrten Schriften lateinischlateinisch3325 abgefaßt sind. Je [114] mehr also der Eifer3326 diese Sprache zu erlernen und ihrer mächtig zu werden, [124] erkaltet, und je mehr sie daher ausser3327 Gang kommt: je3328 mehr verlieren wir die oben erwähnte3329 Vortheile, die aus dem fleissigen3330 Gebrauch der alten klassischen3331 lateinischen Schriftsteller entstehen, verlieren den Zugang zu den meisten Quellen der Geschichte, und, weil uns nichts anzieht3332 was wir nicht verstehen, sogar die Lust daraus zu3333 schöpfen, verlieren einen unschätzbaren Vorrath von Kenntnissen und Vorarbeiten in Untersuchungen 3334.

Anm. Anmerkung 1. Was hier und in dem Nächstfolgenden vorkommt, ist zugleich hinreichend zur Beurtheilung der Einwendungen gegen die Nothwendigkeit der Kenntniß dieser Sprache in der allgemeinen Revision etc. et cetera des Erziehungswesens etc. Theil II. p.pagina 2. S.Seite 234–257, die ohnehin sehr ärmliche Begriffe vom Verstehen des Lateinischen zum Grunde haben. Anm.Anmerkung Anm. 1. Aber man hat ja Aber, sagt man, ist denn nicht schon das GegründetereBeste und NutzbarereNutzbarste aus lateinischen Schriften in deutsche und anderedie neuern Sprachen übergetragen? – – Gewiß kaum mehr als das Nothdürftigste und was man für das Gemeinnützigste hielt, welches gegen die Menge des Uebrigenübrigen für Nichts zu rechnen ist. – Am meisten ists noch in der Geschichte Geschichte geschehen; wie weiß man aber, daß es vollständig, richtig und aufrichtig genug geschehen seysei, wenn man nicht zu den Quellen zurückgehen kankann, ohne welche noch weniger Sicherheit ist, als beybei allen scharfsinnigen Untersuchungen, die nicht auf die ersten Grundsätze der menschlichen Erkenntniß zurückgeführt werden.werden? Eben die gelehrtern und genauern Untersuchungen, wodurch man neuerlich, selbst in deutschen Schriften, die Geschichte ungemein berichtigt, vervollständigt,vervollständigt und ihr eine ganz andere Gestalt gegeben hat, beweisen, wie viel noch Gelegenheit in den Quellen zu sehr schätzbaren schätzrenschätzbaren Entdeckungen übrig seysei. – Je mehr das Ansehen der lateinischen Sprache sinktsinkt, und je fürfür je entbehrlicher man ihre Kenntniß hält:hält; jehält, desto weniger wird sie, höchstens nur als Nebensache, getrieben werden. Aber eine seichte Kenntniß derselben ist gewiß dem Gebrauch der QuellenQuellen und der daraus zu schöpfenden Wahrheit noch nachtheiliger, als wenn man gar nicht daraus schöpft, weil man doch in dem letztern Fall weiß, daß man nur mit fremden Augen, in jenem Fall aber glaubt, daß man mit eigneneigenen Augen gesehen habe. 3335
3,
125.

Zweytens 3377 : Die Gelehrsamkeit verliert viel, und die Entdeckungen und Verbesserungen in derselben gehen oft gänzlich verloren;3378 breiten sich wenigstens viel langsamer und nicht allgemein genug aus, wenn man unter den Gelehrten nicht [116] eine allgemeine Sprache hat, wodurch man sich das Neue und Bessere mittheilen kan. –3379 Wenn [142] man sagt: „so dürften die Gelehrten nur mehrere Sprachen lernen, und [126] allenfalls ersetzte auch dieses die Dienstfertigkeit der Uebersetzer:“ so hat man wohl nicht genug bedacht:3380 daß beydes3381 ein mühsamer Umweg ist, der völlig ersparet3382 werden könte3383, wenn eine allgemeine Gelehrten-Sprache gebraucht würde;3384 ein Umstand, den die, welche die Nothwendigkeit einer solchen, namentlich der lateinischen, Sprache bestreiten, vornehmlich beherzigen sollten, da sie eben Zeit und Mühe gespart,3385 und auf nützlichere Dinge verwendet wissen wollen. Man hat nicht bedacht:3386 daß Uebersetzungen großentheils3387 unzuverläßig3388 sind, und daß sie ungemein viel weniger die Vorstellungen eines Schriftstellers anschaulich darstellen, als er selbst, auch sogar in einer fremden Sprache, wenn er sie nur in seiner Gewalt hat, und in der fremden Sprache nicht bloß schreibt, sondern auch denkt. Man nimmt gegen alle Erfahrung an, daß Ausländer, um unsre Entdeckungen zu benutzen, unsre Werke, in ihre Sprache übersetzt, begierig lesen oder gar deutsch lernen würden. *) 3389

126.

Ist nun aber eine allgemeine Sprache3408 für die Gelehrsamkeit, deren Erhaltung und weitre oder allgemeinere Ausbreitung,3409 sehr nöthig: so müßte3410 man 3411 entweder die, welche es bisher gewesen, nehmlich3412 die lateinische, beybehalten3413, oder eine der neuern Sprachen dazu wählen, oder 269eine ganz neue zu diesem Zweck erfinden. –3414 Dieses letzte3415 würde, wie so viele verunglückte Versuche beweisen, große3416 Schwierigkeiten haben; schwerlich würde man ihr, zumahl allgemeinen3417 Eingang verschaffen können; und wozu eine neue erfinden, da wir schon eine unter den Gelehrten überall angenommne3418 haben? – Diese lateinische ist nicht nur einmahl3419 im Besitz, und, wenn es eben sowohl Pflicht ist, gute Gelehrte als gute Bürger zu ziehen,3420 wenn es uns wahrer Ernst ist, Aufklärung, mithin auch Gelehrsamkeit, möglichst weit auszubreiten:3421 so müssen wir diese Sprache zu erhalten,3422 und ihre Kenntniß bey3423 allen, die Gelehrte seyn wollen, [118] zu befördern suchen, weil sie gerade die bekannteste bey3424 allen Nationen ist, wo eigentliche Gelehrsamkeit blüht. Sie ist auch, eben durch den langen Gebrauch, den bereits erfolgten Erweiterungen und Aufklärungen in den Wissenschaften, mehr als eine andre3425, wenigstens ältere Sprache, und,3426 umgekehrt, es sind diese aufgeklärtern Begriffe dieser Sprache so angeschmieget worden,3427 sie hat auch so sehr alle eigentliche Wissenschaften, namentlich die gelehrten Vorstellungen in der Religion, so durchdrungen,3428 und in allen Wissenschaften ist der Sprachgebrauch so an sie gebunden, daß [128] wir ihre Kenntniß, ohne eine gänzliche Umschmelzung der Wissenschaften, nicht einbüßen3429 können. –3430 Sollte sie auch, wie nicht zu leugnen3431 ist, von manchen neuern Sprachen übertroffen werden: so würde es nicht nur schwer, ja, nach der jetzigen Verfassung der Welt,3432 unmöglich seyn, einer neuern Sprache eben die ausgebreitete Herrschaft zu verschaffen;3433 es würde sogar eben darum nicht rathsam seyn, weil und so lange sie eine lebende Sprache ist. Denn eine solche ist beständigen Veränderungen unterworfen, und nach einiger Zeit, wo nicht3434 den meisten unverständlich, doch wenigstens nicht mehr so reitzend; es gehen zu viele Mängel,3435 einer auch vom gemeinen3436 Volk3437 gebrauchten Sprache, Nebenbegriffe, die den Wörtern anhängen u. d. gl.und dergleichen 3438 in die Wissenschaften über, daß diese darüber ihre Bestimmtheit verlieren; oder man muß diesem Schaden immer so durch [145] neue Bestimmungen entgegenarbeiten, daß die gelehrte Sprache bald wieder eine von der Volkssprache ganz verschiedne3439 wird. [119] Eine todte Sprache hingegen, die noch dazu schon für unsre Wissenschaften bearbeitet ist, hat ihre völlig festgesetzte Gestalt, und es bedarf, bey neuentstandnen3440 Begriffen, weiter nichts, als diese, auf eine der Natur dieser Sprache gemäße3441 Art, zu bezeichnen, wie man das Beyspiel3442 davon an der Naturlehre, der Botanick3443 (u. s. f.)und so ferner hat.

127.

Drittens (§. 125 3472) wäre es allerdings für die Wissenschaften und für die Menschen selbst sehr heilsam, wenn für eigentlich gelehrte Sachen eine den Gelehrten eigenthümliche Sprache, dergleichen die bisher in dieser Absicht aufgenommne3473 lateinische ist, gebraucht würde. – Für die Wissenschaften;3474 zuerst schon deswegen, weil in einer der Gelehrsamkeit besonders gewidmeten Sprache die Wörter bestimmter, folglich zur genauern Kenntniß brauchbarer sind,3475 als in einer solchen, die eben sowohl vom Volk3476 gebraucht wird, wo daher Mißverstand und Uebergang schwankender Begriffe in die Sprache viel leichter ist. Noch [130] mehr aber, weil für die eigentlichen Wissenschaften nichts nachtheiliger ist, als die Verwirrung, die durch Halbkenner angerichtet wird, welche auch [147] mitsprechen wollen, ohne die dazu unentbehrlichen Vorerkenntnisse3477, die nöthige Einsicht in die Beschaffenheit und den Werth scharfsinniger Bestimmungen oder Einschränkungen, und die erforderliche Uebung in gelehrten und ihnen nicht geläufigen Untersuchungen zu haben; wozu sie um so eher versucht werden, je mehr sie sich einbilden3478 die Sache zu verstehen, weil ihnen die Sprache bekannt ist, in der diese ausgedruckt3479 sind.

[121] 128.

Eben so nützlich wäre es für solche Menschen selbst, welche gelehrte Untersuchungen nichts angehen, wenn ihnen der Zugang dazu durch den Gebrauch einer gelehrten Sprache erschwert würde. So erführen sie vieles nicht einmal, was ihre Neugier reitzt, sie zu unnöthigen SpeculationenSpeculationen3480 verleitet, von nützlichern Untersuchungen oder Beschäftigungen abzieht, und sie in schädliche Zweifel oder Irrthürmer stürzt, welchen sie aus den vorhin genannten Ursachen nicht gewachsen sind. Wie viel Zeitverderb3481 und Verwirrung des Volks würde verhütet werden, wenn Gelehrte gleichsam hinter dem VorhangVorhang3482 einer nur ihnen verständlichen Sprache, ohne vom VolkVolk3483 gehört oder gelesen zu werden, erst unter sich, nach reifer Untersuchung ausmachen könnten, was wahr und was gemein zu machen heilsam wäre, und alsdenn3484 nur das Ausgesuchte, Sichere und Gemeinnützige zur Kenntniß der Ungelehrten brächten.3485

1,
3526
129.
Wer eine gründliche Kenntniß der lateinischen lateinischen und griechischen griechischen Sprache erlangen wollte, zumahlwill, zumal wenn er sie vor sich undvorzüglich durch eigneneigenen Fleiß lernen müßte,müßte: würdemuß, wird nun ebenfalls alles das stets, mit allen Einschränkungen und Bestimmungen, vor Augen behalten müssen, was oben (§. 68–90 68.–90. ) von Erlernung der Sprachen überhaupt gesagt worden ist. – In Absicht auf die Sprachlehre Sprachlehre würde manwird er wohl thun, wenn maner sich an eine, die beste welche man finden könnte, gewöhnte; – im Lateinischen z. B.zum Beispiel vorzüglich an Scheller, Immanuel Johann Gerhard J. J. G. Schellers kann, zu gewöhnen sucht. Anm. Anmerkung Unter den lateinischen Sprachlehren zeichnen sich aus: J. J. Scheller's ausführliche lateinische Sprachlehre, drittezweyte vermehrte Auflage, Leipz. 1790 1782 in gr.groß 8. oder, für dennoch mehr vor dem Anfang, an Desselbendesselben Leipzig 1790. gr. 8., oder für den Anfang: Desselben kurzgefaßte lateinische Sprachlehre, dritte vermehrte Auflage, Leipz. 1785 in1780 Leipzig 1785. gr.groß 8. und besonders um Um der sorgfältig gesammleten Beyspielegesammelten Beispiele willen, aus welchen man lernen kan, selbst sichkann, sich selbst die Regeln abzuziehn, an Meierotto, Johann Heinrich LudwigJ. H. L. abzuziehen: J. H. L. Meierotto lateinische Grammatik in BeyspielenBeispielen, Berlin 1785 in 2 Theilen in 8; oder an die practische 1785. 2 Theile, 8. Seyfert, Ernst Joseph Alexander E. J. A. Seyfert's auf Geschichte und Kritik gegründete lateinische Sprachlehre, 1798–1802., auch abgekürzt 1810. Ganz vorzüglich Wenck, Helfrich Bernhard Wenk's lateinische Sprachlehre, besonders nach der neuen Bearbeitung von Grotefend, Georg Friedrich Grotenfend. 1816. Praktische Grammatik der lateinischen Sprache von Bröder, Christian Gottlob C. G. Bröder , Leipz. 1787 in7te Ausg.Ausgabe Leipzig 1808, gr.groß 8, verbunden mit dem kurzgefaßten practischen Syntax von Lehmus, Christian Balthasar C. B. Lehmus , Leipz. 1789 in gr.groß 8.8., so wie die größere, 1812. – im Griechischen etwa an die bekannte Weller, Jacob Wellerische oder Märkische Grammatik, oder, unter den neuesten, vorzüglich an Unter den griechischen zeichneten sich außer der bekannten Wellerischen oder Märkischen Grammatik, nach Bernhardi, August Ferdinand Bernhardi's Bearbeitung, neuerlich aus: Trendelenburg, Johann Georg J. G. Trendelenburg's Anfangsgründe der griechischen Sprache, dritte verbesserte Aufl. 1790 inAuflage, 1790. 8.griechische Sprachlehre - - aufgesetzt von Jehne, Lebrecht Heinrich Samuel Lebr. Heinr. Sam. Jehne , Hamburg 1782 in 8. Buttmann, Philipp Buttmann's oft gedruckte größere und kleinere griechische Grammatik, und Matthiae, August A. Matthiä griechische Grammatik, 1808., nebst dem Auszug, 1809. Auch vergl.vergleicheverglichen mit Hermann, Gottfried E. Hermann de emendanda ratione graecae grammaticae, 1801. 3527
130.
Die feinere Kenntniß der lateinisch lateinischen Sprache, ihres innern Baues und der Gründe, worauf er beruht, könntehat man sich hernachsodann durch die sorgfältige Beobachtung beybei Lesung der lateinischen Schriftsteller, und durch solche Bücher bekannt zu machen, welche das EigneEigene dieser Sprache, oft auch dessen Gründe, erklären,erklären; oder auf gewöhnliche Fehler unsreunsere Aufmerksamkeit lenkenaufmerksam machen. Hieher Anm. Anmerkung Dahin gehören Cellarius, Christoph Christoph. Christoph Cellarii Orthographia latina - -latina – obss. Longolius, Paul Daniel Longolii, Heumann, Christoph August Heumanni, Heusinger, Johann Michael Heusingeri, Schurzfleisch, Konrad Samuel Schurtzfleischii suisque auxit et Corte, Gottlieb Cortii disputationes de usu orthographiae cum orthographia Norisiana typis repetendasrepetendas, curavit Harless, Adolf Gottlieb Christoph Theoph. Christoph Christoph. Harles , Tom. Tomus Tom. I. et II. Altenburgi 1768 1768. 8. – Valla, Laurentius Laurentii Vallensis libri elegantiarum sex, öfters aufgelegt z. B.zum Beispiel Colon. 1522 1522. 4. und in seinen Operibus. Linacre, Thomas Thom. Linacri de emendata structura latini sermonis libri VI. oft aufgelegtaufgelegt, z. B.zum Beispiel Lips. 1556 in1556. 8. und einige andreandere Schriften, die in Ketel, Richard Rich. Ketelii de elegantiori latinitate comparanda Scriptoribusscriptoribus selectis, Amst. 1713 in1713. 4. gesammlet sind. Ferner: Tursellini, Horatio Horat. Tursellini de particulis lat. orationis libelluslibellus, post curas Thomasius, Jacob Jac. Iac. Thomasii et Schwartz, Johann Conrad Jo. Io. Conr. Schwartzii denuo recognitus et auctus, Lips. 1769. 8. und Schütz, Christian Gottfried Christ. Gottf. Godofr. Schütz (noch nicht fortgesetzte) Doctrina particularum lat. linguae, Dessav. 1784 in1784. gr.groß 8.; auch die Abhandlung über die lateinischen EllipsenEllipsen, von Lindner, Johann Gottlieb Joh. Gottlieb Lindnern Lindner , Frankfurt 1780 in1780. 8. – Scioppius, Gasparus, s. Schoppe, CasparSchoppe, Caspar Gasp. Scioppii Grammatica philosophica, nach Herzog, Johann Christian J. C. Herzogs Ausgabe Herzog's Ausgabe, August. Vindel. 1712 in 8, und1712. 8. Sanctius, Franciscus Franc. Sanctii MineruaMinerva s. de caussis lat. linguae liber, cui inserta sunt – quae addidit Scioppius, Gasparus, s. Schoppe, CasparSchoppe, Caspar Gasp. Scioppius et subjectaesubiectae notae Perizonius, Jacobus Jac. Jac . Iac. Perizonii , Edit.Editio 4. Amstel. 1714 in1714. gr.groß 8. – und Nolte, Johann Friedrich Jo. Io. Frid. Noltenii Lexicon latinae linguae antibarbarum, der vermehrten AusgabeAusgabe, Helmst. 1744 in1744. gr.groß 8., Tomus poster.posterior Lips. 1768, (zusammen1768., zusammen wieder unter der Jahrzahl 1780);1780. 1768; wiewohl Doch kann man die meisten zuerst angegebnenangegebenen entbehren kankann, wenn man entweder ein so vollständiges Buch hatbesitzt, wie die vorhin erwähnte Scheller, Immanuel Johann Gerhard Schellerische Schellersche ausführliche lateinische Sprachlehre ist, oder wenn man sich nicht vorzüglich auf das Lateinische legen will Sprachlehre, und dessen Praecepta stili bene latini, 2 Tom.Tomus 1797., oder wenn tieferes Studium des Lateinischen nicht Hauptzweck ist. 3564
[136] 131.
Eben so werdenwird beyBei der griechisch griechischen Sprache der Sprache, wenn man ihren eigenthümlichen Geist und ihre Feinheiten auffassen will, bedarf es ebenfalls, neben der eignen Beobachtung, des Gebrauchs der schon vorhandenen Hülfsmittel. Anm. Anmerkung Zu diesen gehören: Libellus animaduersionumanimadversionum quibus Weller, Jacob Jac. Iac. Velleri Grammatica graeca emendatur, suppletur, illustratur, auctore Fischer, Johann Friedrich Joh. Ioh. Frider. Fischero , Lips. 1750–52 1750–52. in 3 Abtheilungen in 8.;Abtheilungen, 8. Viger, François Franc. Vigeri de praecipuis graecae dictionis idiotismis liber, cum animaduerss.animadverss. Hoogeveen, Hendrik Henr. Hoogeveeni , quibus et suas adiunxitadiunxit et suas Zeune, Johann Karl Jo. Io. Carol. Zeunius , neueste verbesserte Ausgabe Leipz. 1789 in gr.groß 8. –Ausgabe, Leipzig 1789. gr. 8. Lips. 1777. in 8. – Hoogeveen, Hendrik Henr. Hoogeveen doctrina particularum graecarum recens. breuiauitbreviavit et auxit Schütz, Christian Gottfried Christ. Godofr. Schütz , Dessav. 1782 in1782. gr.groß 8. – Devarius, Matthaeus M. Devarii liber de graecae linguae particulis, ed. Reusman 1793. 8. Bos, Lambert Lamb. Bos Ellipses graecae, öfters aufgelegt, sonderlich mit mehrerer Gelehrten Anmerkungen in Schwebel, Nicolaus Jo. Nic. Nic . Schwebelii Ausgabe Norib. 1763 gr.groß 8. – Schäfer, Gottfried Heinrich G. H. Schäfer Ausgabe, Lips. 1808. 8. Weiske, Benjamin Benj. Weiske Pleonasmi graeci. 1807. 8. Graecae linguae dialecti - -dialecti – recognitae opera Maittaire, Michael Mich. Maittaire , nach Reitz, Johan Frederik Jo. post Io. Frider. Reitzii Ausgabe Hag. Com. 1738 in Reitzium , ed. Sturz, Friedrich Wilhelm W. Sturz , 1807. gr.groß 8. oder in dessen ErmanglungErmangelung, das Compendium dialectorum graecarum, concinnauit Facius, Johann Friedrich J. J. concinnavit I. I. Facius , Norib. 1782. 8. von großemgrossen Nutzen seyn. 3622
132.
Zur Kenntniß des lateinisch lateinischen SprachgebrauchSprachgebrauchs übertrift unter den größerngrössern WörterbücherWörterbüchern der NonusNouus Nouus Die vollständigste Kenntniß der lateinischen Sprache und des Sprachgebrauches läßt sich von den großen lexicographischen Arbeiten erwarten, welche dem eigentlichen Philologen ganz unentbehrlich sind, indeß dem Anfänger, und für den gewöhnlichen Gebrauch, allerdings auch die kleineren genügen, und welche bei dem fortgehenden Fleiß der HumanistenHumanisten noch immer an Gehalt und Zuverlässigkeit gewinnen. Anm. Anmerkung Zu den größeren Wörterbüchern gehören: Novus linguae et eruditionis Romanae thesaurusthesaurus, post Stephanus, s. Estienne, RobertusEstienne, Robertus Ro. Rob. Stephani et aliorum curas - -curas – locupletatus a Gesner, Johann Matthias Jo. Io. Matthia Gesnero , Gesnero . Lips. 1749 in1749. 4 Tomis in fol.folio und unter den kleinern Scheller, Immanuel Johann Gerhard Schellers Ausführlichesausführliches Tomi, fol. Forcellini, Egidio Forcellini Lexicon totius latinitatis. T.Tomus I–IV. Patav. 1771. Scheller's ausführliches lateinisches Lexicon, lateinisch-teutscher Theil, zweyte Aufl.Auflage Leipz. 1788 1783 in gr.groß 8., die übrigen bey weiten;7 Bände, 3te Aufl., Leipzig 1804. 8., womit Popma, Ausonius van Ausonii Popmae de differentiis verborum itemque de vsuusu antiquae lectionis libri retractati ab Messerschmid, Johann Christian Jo. Io. Christ. Messerschmid , Dresdae 1769 in1769. 8. und Reitz, Johan Frederik Jo. Io. Frid. Reitzius de ambiguis, mediis et contrariis, Traj. ad Rhen. 1736 in1736. 8. nützlich verbunden werden könntenkönten. Ueber die LatinitätLatinität der mitlernmittlern Zeiten ist für dendem, derlieferte Du Cange, Charles du Fresne Dufresne und Carpentier, Pierre Carpentier großegrosse Glossarien nicht brauchen kan oder mag, (Adelung, Johann Christoph Jo. Glossarien. Ein Auszug davon ist: (Joh. Christoph Adelungs Adelung's ) Glossarium manuale ad scriptores mediae et infimae latinitatis, Halae 1771–84 1772–84 in 6 Tomis in gr.groß 8. hinlänglich.1771–84. 6 Tomi, 8. Zu den kleineren Wörterbüchern gehören: Matthiae, Georg G. Matthiae nov. locupl. Lexicon lat.-germ. e. g. lat., Halae 1775. 8. Scheller, Immanuel Johann Gerhard J. C. Scheller's Handlexicon, nach dem Auszuge von Lünemann, Georg Heinrich G. H. Lünemann , 3 Bände, 1807. gr.groß 8. Bauer, Karl Ludwig L. C. Bauer's deutsch-lateinisches Lexicon, 3te Auflage, 1806. 8. Hiermit sind auch die Schriftsteller zu vergleichen, welche die lateinische Synonymik bearbeitet haben, namentlich: Gardin du Mesnil, Jean-Baptiste Gardin Dumesnils Versuch einer allgemeinen lateinischen Synonymik, aus dem Französischen; bearbeitet von Ernesti, Johann Christian Gottlieb J. C. H. Ernesti , 3 Theile, Leipzig 1799–1800. 8. 3648
[138] 133.
Unter den größerngrössern WörterbücherWörterbüchern über die griechisch griechische Sprache ist der Was von den lateinischen Wörterbüchern (130.) gesagt ist, gilt ebenfalls von den griechischen. Auch hier fehlt es eben so wenig an vortrefflichen Vorarbeiten. Anm. Anmerkung Unter ihnen bleibt bei weitem das wichtigste: Thesaurus graecae linguae ab Stephanus, s. Estienne, HenricusEstienne, Henricus Henr. Stephano constructus, 1572 in 4 Tomis1572. 4 Tomi, fol.folio nebst einem besondern Band, der den Appendix enthält, noch immer das Hauptwerk, so wie unter und von dem itzt in England eine neue Ausgabe veranstaltet wird. Unter den kleinernkleineren das Graecum Lexicon manuale - -manuale – a Hederich, Benjamin Beni. Benj. Hederico institutum - -institutum – locupletatum et -et – emendatum cura Ernesti, Johann August Jo. Io. Aug. Ernesti , neue verbesserte Aufl.Auflage, von Wendler, Carl Christian C. Chr. Wendler Leipz. 1788 in Wendler , Leipzig 1788. Lips. 1767 in gr.groß 8. bis jetzt das einzige recht brauchbare ist. Schneider, Johann Gottlob J. G. Schneider's kritisch griechisch-deutsches Handwörterbuch, 2 Bände, Jena und Leipzig 1805. 4. Riemer, Friedrich Wilhelm F. M. Riemer's griechisch-deutsches Handwörterbuch, 2 Bände, ebendaselbst 1815. 16. gr.groß 8. Reichenbach, Johann Friedrich Jacob J. F. J. Reichenbach's allgemeines griechisch-deutsches Handwörterbuch zum Schulgebrauch, 2 Bände, Leipzig 1801. 2. 3678
134.
Was diesen abgeht, kankann man ergänzen,ergänzen und überhaupt die Kenntniß des griechischgriechischen und lateinischlateinischen SprachgebrauchSprachgebrauchs sehr erweitern –erweitern: entweder aus denen, die das besondern DialekteDialekten EigneeigneEigene erläutert haben, dergleichen das schätzbare Dictionarium Doricum und das Dictionarium Jonicum DonicumJonicum , beyde von Portus, Aemilius Aemil. Porto , Francf. 1603 in gr.groß 8. gedruckt, und Ebendesselben Lexicon Pindaricum, Hanoviae 1606 in 8. ist – oder aus den sogenannten Auctoribus linguae latinae und den verschiedenen lateinischen und griechischen Scholiasten, Glossariis und Lexicis, – oder aus den Anmerkungen gelehrter Männer zu gedachten ältern Wörterbüchern, den Hesychius Hesychius, Pollux (Polydeukes) Pollux, Ammonius Ammonius, Harpokration Harpokration, Timaeus Timäus, Thomas Magister Thomas Magister, Moeris Moeris dem Hesychius, Pollux, Ammonius, Harpokration, Timäus, Thomas Magister, Moeris und andern, oder ihren Anmerkungen und erklärenden Indicibus, die den besten Hand- und andern Ausgaben angehängt sind,sind – oder aus den gelehrten Erläuterungen einzelnereinzler Stellen alter Schriftsteller, wovon unter andern der Catalogus Bibliothecaebibliothecae Bunavianae Tom.Tomus I. p.pagina 1873 sq.sequens ein zahlreiches Schriftsteller. Anm. Anmerkung Ein zahlreiches, obgleich noch vieler Ergänzungen bedürftiges Verzeichniß enthältenthält. –Verzeichniß, enthält der Catalogus Bibliothecae Bunavianae, Tom.Tomus I. p.pagina 1873. sq.sequens Du Cange, Charles du Fresne Carol. du Fresne Glossarium ad Scriptores med. et infimae Graecitatis, Lugd. 1688 1688. in 2 Folianten, ist zur Kenntniß des spätern Griechischen spätern Griechischen unentbehrlich. 3693
135.
Wie die alten SchriftstellerSchriftsteller, und mit welcher Rücksicht, sie gelesen werden müssen?müssen: dies kankann schon aus den obigen allgemeinen Erinnerungen (§. 72–86 72.–86. ) abgenommen werden. Hier noch einige allgemeine Vorschläge, diewelche diese griechischegriechischen und lateinischelateinischen Schriftsteller insbesondreinsbesondere angehen. – – Zuerst müßte man sich eine vorläufige Kenntniß von ihnen und ihren Schriften, von den brauchbarsten AusgabenAusgaben, und von den Sachen erwerben, auf die sie sich beziehen, ohne welche man wenigstens beybei ihrer Lesung gar nicht fortkommen kan. – kann. Anm. Anmerkung Ueber diese Schriftsteller selbst, ihre Umstände und Schriften hat man bis jetzt noch kein ausführlicheres WerkWerk, als Fabricius, Johann Albert Jo. Io. Alb. Fabricii Bibliothecambibliothecam latinam, Edit.Editio 5.5., Hamburgi 17211721. und 22 22. in dreydrei Octavbänden,Octavbänden und, zwar etwas verkürzt, aber besser geordnet und vermehrt von Ernesti, Johann August Joh. Aug. Ernesti , Leipz. 1773Leipzig 1773. und 74 74. in dreydrei Tomm.Tomi gr.groß 8., nebst Fabricius, Johann Albert Fabricii Bibliothecabibliotheca graeca, Hamb. 1705–28 1705–28. in 14 Quartbänden, wovon seit 1790 1790–1809 eine 4te ungemein vermehrte Ausgabe durch Harless, Adolf Gottlieb Christoph Gottlieb Christoph Harles Veranstaltung in gr.groß 4 erscheint. Doch sind 4. erschienen ist. Zu den besten Handbüchern gehören: Quartbänden. Doch ist Harless, Adolf Gottlieb Christoph Theoph. Christoph. Christoph Harles (noch nicht vollendete) Introductiointroductio in notitiam litteraturae Romanae inprimis Scriptorumscriptorum latinorum, Noriberg. 1781 1781. in zwey Theilen inzwei Theilen, gr.groß 8., dessen BreuiorBrevior notitia litteraturae Romanae etc.et cetera etc., Lips. 1789 in 8., so wie1789. 8. Ebendesselben Introductio 8. und Desselben introductio in historiam linguae graecae, Ed.Editio 4. Altenburg. 1778. 8., besser angelegt, mit besserer Wahl gemacht, zweckmäßig vollständiger,vollständiger und überhaupt die besten HandbücherHandbücher, diedas beste doppelte Handbuch, das wir bis jetzt darüber haben. 1792–95. 2 Vol.Volumen 8. Fuhrmann, Wilhelm David W. v. Fuhrmann's Handbuch der classischen Literatur, oder Anleitung zur Kenntniß der griechischen und römischen Schriftsteller der besten Ausgaben, 4 Bände, Rudolstadt 1804–10. 3711
136.

Aus diesen Büchern kan3753 man auch einigermaßen3754 die besten Ausgaben solcher alten Schriften3755 kennen lernen. Der wahre Werth dieser Ausgaben hängt,3756 entweder von der Lauterkeit und Richtigkeit des Textes, oder von der Zweckmäßigkeit der Anmerkungen, (d. i.)das ist davon ab, ob sie gerade so viel enthalten, als nöthig ist, den Autor durchaus zu verstehen. Denn,3757 wer die Absicht hat3758 einen alten Schriftsteller zu lesen:3759 der muß ihn, und er muß3760 [156] ihn verstehen verstehen 3761 lernen wollen; er muß also wünschen3762 durch den, der ihn dabey3763 leiten will, zur Erreichung seiner Absicht, unterhalten,3764 und nicht zerstreuet zu werden; er wird selbst deswegen wünschen, so viel selbst zu thun, als er ohne Anderer Hülfe thun kan3765. Folglich sind, zu seiner Absicht, alle Erläuterungen von Wörtern und Sachen unnütz, unzulänglich,3766 oder gar hinderlich, die seinen [129] Schriftsteller3767 oder die Stellen, die er lieset, nicht angehen; die 3768 der Zweck 3769 der Herausgeber sind, so wie3770 der alte Schriftsteller 3771 nur 3772 Mittel,3773 jene gelegentlich und mit mehrern3774 Anstand unter die Leute zu bringen; die wenigstens die Aufmerksamkeit zu lange auf andere Sachen, als auf den Sinn des Schriftstellers, ziehen; die gemeinbekannte Sachen enthalten, welche der, wer3775 einen gewissen Autor [141] lieset, schon weiß,3776 oder billig wissen muß; die nur einige Schwierigkeiten auflösen3777, welche3778 gerade der Commentator wegzuräumen vermochte; und die, anstatt bloß Winke zu geben, um dem Leser auf die Spur zu helfen, durch Anmerkungen zu Bildung des Verstandes, des Geschmacks und Herzens, den Autor selbst dem Leser aus dem Gesicht rücken. Mögen alle solche Commentare in andrer 3779 Absicht noch so nützlich seyn:3780 so scheinen zu der hier gemeinten3781 diejenigen Handausgaben die besten, welche einen genau geläuterten Text und so viele, auch nur so weit ausgeführte, Anmerkungen enthalten, als die Aufklärung des Sinnes, in Absicht auf Wörter und Sachen, nothwendig erfordert, ohngefähr3782 so,3783 wie wir sie, mehr oder minder, 3784 von einigen neuern Deutschen3785, [157] einem 314 Gesner, 315 Ernesti, 316 Fischer, 317 Heyne, 318 Morus , Wolf, Friedrich August Wolf 3786 und einigen wenigen Andern 3787 haben.

137.
Die SachenSachen, auf welche sich die alten griechischen und römischen Schriftsteller beziehen,beziehen und von welchen man wenigstens einige vorläufige Kenntniß haben muß, wenn man nicht alle Augenblicke anstoßen,anstossen oder jene Schriftsteller nur halb verstehen,verstehen oder sich zur Unzeit beybei ihrer Lesung selbst zerstreuen will, sind in der Geschichte, der alten Erdbeschreibung, der Mythologie, den griechischen und römischen Alterthümern zu suchen. Anm. Anmerkung Zur ersten Grundlage für einen Theil dieser Kenntnisse ist das – Handbuch der klassischenklaßischen Literatur, enthaltend Archäologie, Notiz der KlaßikerKlassiker, Mythologie, griechische Alterthümer, römische Alterthümer, von Eschenburg, Johann Joachim Joh. Joach. Eschenburg , Berlin 1783 in1783. gr.groß 8. – überaus brauchbar. 3788
[142] 138.
Die eigentlich hieherhierher gehörige Geschichte Geschichte betriftbetrifft entweder die bürgerlichen Veränderungen in den alten griechischen und römischen Staaten, oder den Zustand und die Schicksale ihrer Literatur und Künste, besonders der PhilosophiePhilosophie unter Griechen und Römern. So sehr es uns noch an Büchern fehlt, welche, mit Absonderung aller in andreranderer Absicht sehr nützlichen Kenntnisse und Untersuchungen, recht eigentlich dazu eingerichtet wären, die, welche diese alten Schriftsteller in ihren Beziehungen und Anspielungen auf gedachte Gegenstände verstehen wollen, dazu, mit Zusammenfassung der erwähnten Kenntnisse, vorzubereiten: so kann man sich doch schon vor der Hand, – in Absicht auf alte griechische Geschichte,Hand – mit die vorhandenen mit Nutzen gebrauchen. Anm. Anmerkung 1. In Absicht auf die alte griechische Geschichte: Stanyan, Temple Stanyans , unter dem Titel: HistoireTitel Historie de Grece,GreceGrèce, traduite de l'Anglois de Mr. Stanyan, Temple Temple Stanyan , Amst. 1744 in1744. 8. in 3 Tomes nachgedruckten,nachgedruckten Tomes, nachgedruckte, und aus den Quellen selbst geschöpften,geschöpfte Geschichte GriechenlandesGriechenlands bis auf den Tod K.König Philipp II. PhilippsPhilipp invon Macedonien; oder mit demdas Handbuch der griechischen Alterthümer in Rücksicht auf, auf Genealogie, Geographie, Mythologie, Kunst und Geschichte, zum Gebrauch für die Jugend beym beim Lesen der Alten, behelfen, Leipzig 1789 in1789. 8. genügen. Wichtiger ist freylichjedoch Gillies, John John Gillies Geschichte von Altgriechenland, von dessen Uebersetzung UebersetznngUebersetzung aus dem Englischen bereits zweyvier Theile, Leipzig 1787 in1787. gr.groß 8. erschienen sind; desgl.desgleichen Mitford, William Mitford's Geschichte Altgriechenlands, aus dem Englischen, 1ster–6ter Theil, Leipzig 1802 f.folgend und die vortreflichevortreffliche Voyage du jeune Anacharsis en Grèce (vom Abbé Barthélemy, Jean Jacques Barthelemy Barthèlémy ) mit einem Recueil des Cartes, à Paris 1788 in1788. 4 Tomes inTomes, gr.groß 4, und 4. welche mehrmals nachgedruckt, ob es gleich beyauch ins Deutsche übersetzt ist, und bei weitem noch mehr als bloße Geschichte enthält. mit Goldsmith, Oliver Goldsmith's Geschichte der Griechen von den frühesten Zeiten bis auf den Tod Alexander d. Gr. Alexanders des Grossen, aus dem Engl.Englisch übersetzt, Leipzig 1777 in zwey Octavbänden; Robertson, William Wilh. Robertsons Geschichte von Altgriechenland (die noch weiter, bis auf die Verwandlung Griechenlandes in eine römische Provinz geht, und selbst die ältere Geschichte von Großgriechenland, auch etwas von der Erdbeschreibung, der bürgerlichen Verfassung und der Geschichte der Wissenschaften mitnimmt,) aus dem Engl.Englisch übersetzt Leipzig 1779 in gr.groß 8. – und mit Goldsmith, Oliver Goldsmith's Geschichte der Römer - - bis auf den Untergang des abendländischen Kaiserthums, aus dem Engl.Englisch Leipz. 1774 in zwey Octavbänden – behelfen, oder Denina, Carlo Karl Denina Staats- und Gelehrtengeschichte Griechenlands zu Hülfe nehmen, wovon der erste Theil aus dem Ital. übersetzt, Flensburg 1783 in gr.groß 8. herausgekommen ist. 3799
[132] 139.
Woran es uns noch unter den zur griechischen und römischen GeschichteGeschichte gehörigen Schriften fehlt, eben diesesdies vermißt man auch beybei Schriften, welche den Zustand der Künste und Wissenschaften, namentlich der PhilosophiePhilosophie, bey beydenbei beiden Völkern betreffen. Anm. Anmerkung Doch verdienen empfohlen zu werden: Cicero M. Tullii Ciceronis historia philosophiae antiquae, collecta, illustrata et amplificata a Gedike, Friedrich F. Gedike , Berol. 1781 in1781. gr.groß 8. ist die einzige, die hier empfohlen werden könnte. Die mit großem Fleiß ausgearbeitetefast unübertreffbare Geschichte des Ursprungs, Fortgangs und Verfalls der Wissenschaften in Griechenland und Rom, von Meiners, Christoph C. Meiners , wovon zu Lemgo 17811781. und 1782 82 erst zwey Bände in1782. 2 Bände, gr.groß 8. erschienen sind, gehört schon für Leser einer höhern Classe. 3846
140.
Auch beyBei der alten Erdbeschreibung Erdbeschreibung wird man vermuthlich noch lange auf ein Buch warten müssenhat es lange an einem Werke gefehlt, das, beybei der möglichsten Vollständigkeit, nach eignereigener sorgfältigen Untersuchung und mit Benutzung der wirklich sichern und brauchbaren Entdeckungen einiger wenigen eigentlichen Kenner, auch mit möglichster VergleichungVergleichung der ältern und neuern TopographieTopographie, zwischen der weitläufigern Sprache die Mitte hielte. Doch ist besonders durch Mannert, Conrad Mannert und einiger Andere diesem Bedürfniß abgeholfen. Anm. Anmerkung Zu den weitläufigern Werken gehören: fast einzig brauchbaren Notitia orbis antiqui von Cellarius, Christoph Christoph. Cellario mit Schwartz, Johann Conrad Jo. Io. Conr. Schwartzii Anmerkungen, LeipzigLeipz. 17311731. und 1732 32 in zwey Quartbänden, und zwischen der zu magern1732. 4. Geographie ancienne abregée par Mr. Anville, Jean Baptiste Bourguignon d' d'Anville , 3 Tomes, à Paris 1768 in drey Bänden1768. gr.groß 12.12 , oder demden beyden kleinern: Orbis antiqui monumentis suis illustrati primae lineae, duxit Oberlin, Jeremias Jacob Jer. Jac. Oberlinus, Argent. 1776. 8. und dem noch nicht vollendeten Handbuch der alten Erdbeschreibung Erdbeschreibung, zum Gebrauch der eilf größern Anville, Jean Baptiste Bourguignon d' Danvillischen Landcharten Landcharten, (von Hummel, Bernhard Friedrich Hummel, Paulus, Heinrich Eberhard Gottlob Hieron. Paulus, Stroth, Friedrich Andreas Stroth, Bruns, Paul Jakob Bruns und Ditmar, Theodor Jakob Dittmar ,) Nürnb. 1785 und 1786 in zwey Bänden in Bruns , Dittmar .) Nürnberg 1800, 2 Bände, gr.groß Handbuch der alten Erdbeschreibung nach Anleitung der Anville, Jean Baptiste Bourguignon d' d'Anvillischen Landcharten, Nürnberg 1781 in 8. (auch lat.lateinisch Compendium Geographiae antiquae etc.et cetera) das Mittel hielte. Dergleichen ist ohngefehr die sehr schätzbare Geographie der Griechen und Römer - - von Mannert, Conrad Konrad Mannert , wovon aber bis jetzt nur Ein Theil, Nürnberg 1788 und des Zweyten Theils erstes Heft 1789 in gr.groß 8. erschienen ist. – Geographie der Griechen und Römer, von Mannert, Conrad Konrad Mannert , 1ster–6ter Band, Nürnberg 1788–1812. Zu den kürzern Handbüchern: Nitsch, Paul Friedrich Achat J. F. A. Nitsch kurzer Entwurf der alten Geographie, auf's neue herausg.herausgegeben von Mannert, Conrad L. Mannert , 6te Aufl.Auflage 1810. Schlichthorst, Hermann H. Schlichtegroll's Handbuch der alten Erdbeschreibung, Bremen 1794. Schmieder, Benjamin Friedrich Schmieder, Friedrich Gotthelf Benjamin B. F. J. F. Schmieder's Handbuch der alten Erdbeschreibung zum Atlas von 12 Karten, Berlin 1802. Die einzig guten ChartenCharten zur alten GeographieGeographie von Anville, Jean Baptiste Bourguignon d' d'Anville , welche unter dem Titel: Atlas antiquus Anville, Jean Baptiste Bourguignon d' Danvillianus zu Nürnberg 1784 1784. nachgestochen wordenseit letztgedachtem Jahre zu Nürnberg nachgestochen werden, sind wenigstens unentbehrlich;unentbehrlich, sonst muß man sich bloß mit den noch sehr unvollkommenen Charten in Cellarius, Christoph Cellarii Werk oder Köhler, Johann David Jo. Io. Dav. Koeleri Descriptione orbis antiqui in XLIV.XLIV tabulis tabulis, von Weigel, Christoph Weigel in Nürnberg gestochen, begnügen. 3859
141.
Zu der beybei Lesung der Alten so nothwendigen Kenntniß der Mythologie Mythologie , – welche sowohl die Begriffe alter Völker kerVölker in ihrem noch rohen Zustande enthält, die sie sich von übermenschlichen Wesen und Naturbegebenheiten machten, als auch die SagenSagen von den unter ihnen vorgefallenen Ereignissen, – könnte man die sind für den Anfänger die kürzeren Darstellungen der Götter- und Fabelgeschichte am brauchbarsten. Weiterhin mögen auch die mannigfaltigen Versuche, die Mythologie philosophisch zu behandeln, prüfend vergleichenverglichen werden. Anm. Anmerkung Zu den ersten gehören: Einleitung in die Götter- und FabelgeschichteFabel-Geschichte der ältesten griechischen und römischen Welt, durch Damm, Christian Tobias Christ. Tob. Damm , 4te6te Auflage,Aufl. Berlin 1775 in 8., oder1807. 8. Seybold, David Christoph Dav. Christoph Seybolds Seybold's Einleitung in die griechische und römische Mythologie der alten Schriftsteller, 2te Auflage, Leipzig 1784. 8. zum Grunde legen; noch besser in Rücksicht auf DichterDichter und KunstwerkeKunstwerke Ramler, Karl Wilhelm Karl Wilh. Ramlers kurzgefaßte Mythologie, Berlin 1790 in 2 Theilen in 8. Wollte2te Aufl. Leipz. 1784. 8. zum Grunde legen, und, wenn 3te Auflage, Leipzig 1797. 8. Ramler, Karl Wilhelm Karl Wilh. Ramler's kurzgefaßte Mythologie, 2 Theile, Berlin 1790. 8. Hermann, Martin Gottfried M. G. Herrmann's Mythologie der Griechen, 2 Bände, Berlin 1811. 8. Zu der zweiten Klasse: man, doch nur im Allgemeinen, mehr davon wissen: so könntewissen wollte, Banier, Antoine Anton Banier's Erläuterung der Götterlehre und Fabeln aus der Geschichte, mit Schlegel, Johann Adolf Joh. Adolf und Schlegel, Johann August Joh. August Aug. Schlegels Schlegel's , auch Schroeckh, Johann Matthias Joh. Matthias Schröckh's Anmerkungen, Leipzig 1754–1766 Leipz. 1754–66 in fünf groß Octavbänden, auch, als einen Nothhelfer,und Hederich, Benjamin Benj. Hede richs mythologisches Lexicon, verbessert von Schwabe, Johann Joachim Joh. Joach. Schwaben , LeipzigLeipz. 1770 in gr.groß 8. zu Hülfe genommen werdennehmen. 5 Bände, Leipzig 1754–1766. gr.groß 8. Kanne, Johann Arnold J. A. Kanne Mythologie der Griechen, Leipzig 1808. Creuzer, Friedrich Georg C. E. Creuzer Symbolik und Mythologie der alten Völker, 2 Bände, Darmstadt 1811. Ein weit genaueres und sehr nutzbares Handbuch zur allgemeinern Uebersicht sindsind: Saxius, Christophorus Christoph. Saxi Tabulae genealogicae, s. Stemmata deorum, regum, principum - -regum, – principum – qui per tempus - -tempus – mythicum vixisse - -vixisse – creduntur, Ultraject. 1783 1783. in Folio, ob es gleich einen weitern Umfang hat als bloße MythologieMythologie. Hernach würde man, wenn man zumalzumahl Wollte man besonders die alten DichterDichter recht anschaulich verstehen lernen wollte,lernen, so müßte man die DactyliothekDaktyliothek von Lippert, Philipp Daniel Phil. Dan. Lippert , Erstes und ZweytesZweites Tausend, LeipzigLeipz. 1767 in zwey Bänden in 4.in 2 Bänden, Leipzig 1767. 4., und das Supplement dazu 1776 in1776. 4. nebst den dazu gehörigen Abdrücken geschnittener Steine, mit ungemeinen Nutzen zu Rathe ziehen, oder, weil dieser Schatz wegen seiner Kostbarkeit nicht überall zu haben ist, an dessen Stelle den Versuch einer mythologischen Dactyliothek für Schulen - -Schulen – von Klausing, Anton Ernst Anton Ernst Klausing , LeipzigLeipz. 1781 in gr.groß 8. (wovon noch ein zweyter Theil erwartet wird)1781. gr. 8., ebenfalls mit den Abdrücken, brauchen könnenbenutzen. Ueber den Geist dieser Mythologie, oder ihren Sinn, nebst ihrer verschiednenverschiedenen Gestalt und Veränderungen zu verschiednenverschiedenen Zeiten und bey verschiednen Schriftstellernbei verschiedenen Schriftstellern, geben die Heyne, Christian Gottlob Heynischen und Hermann, Martin Gottfried Hermannischen Schriften, welche man §. 313313. der dritten Auflage meiner Anweisung zur Kenntniß der besten Bücher in der Theologie angezeigt findet, die besten Aufschlüsse. 3889
142.
Diese bisher §. 137 f.folgend erwähnten Schriften und Werke enthalten selbst einigesEiniges, das zur bessern Kenntniß der, wenigstens gottesdienstlichgottesdienstlichen, griechischen und römischen Alterthümer Alterthümer dient. Die Kenntniß derselben ist selbst zur Erklärung vieler Stellen des alten und neuen Testaments nothwendig, und kann bei der Lesung der ClassikerClassiker gar nicht entbehrt werden. Anm. Anmerkung In Absicht der griechischen, wo es uns noch so sehr an einem guten und hinlänglichen Handbuch fehlt, ist griechischen macht, griechischen Alterthümer, bemerke man unter den mehr systematischen Büchern, Potter, John Johann Potters vorzüglich: Johann Potter's griechische Archäologie oder Alterthümer Griechenlandes mit Anmerkungen und Zusätzen von Rambach, Johann Jakob Joh. Jac. Rambach , Halle 1775–1778 in drey Theilen in gr.groß 8. die übrigen sehr entbehrlich, und kan in seiner Art das einzige. –einzig heissen. 3 Bände, Halle 1775–1778. gr.groß 8. Desgleichen Nitsch, Paul Friedrich Achat J. F. A. Nitsch Beschreibung des häuslichen, gottesdienstlichen etc. Zustandes der Griechen; fortgesetzt von Höpfner, Johann Georg Christian Höpfner und Köpke, Georg Gustav Samuel Köpke , 4 Bände, Erfurt 1791–1806. 8. Wenn man sich beybei den römischen AlterthümerAlterthümern erst ein kürzeres Lehrbuch bekannt gemacht hat, unter welchen Cellarius, Christoph Christoph Christoph. Cellarii Compendium antiquitatum romanarum c. adnott. Walch, Johann Ernst Immanuel J. E. J. Walchii I. E. I. Walchii , Edit.Editio 3. Halae 1774. 8. Nieupoort, Wilhelm Hendrik Ge. Henr. Hen. Nieupoort Nieupoort, rituum, qui olim apud Romanos obtinuerunt, succincta explicatio, Edit.Editio 13. Berol. 1767 in1767. gr.groß 8.8., auch Edit.Editio 6. (Ultrajectina(Vltrajectina(Ultraiectina) curant. Reitz, Wilhelm Otto Guil. Ottone et Reitz, Johan Frederik Jo. Io. Freder. Reitzio 1774 gr.groß 8. Reitzio , gr.groß 8. 1774., und Gruner, Johann Friedrich Jo. Io. Frid. Gruneri introductio in antiquitates Romanas, Jenae 1748. 8. die besten sind: so kankann man hernach Matern de Cilano, Georg Christian Georg Christian Maternus von Cilano ausführliche Abhandlung der römischen Alterthümer, in Ordnung gebracht von Adler, Georg Christian Georg Christ. Adler , Altona 17751775. und 1776 761776., in vier Theilen inTheilen, 8. (die ein Commentar über den Nieupoort, Wilhelm Hendrik Nieupoort, aber von viel weiterm Umfange ist) dazu nehmen,zu Hülfe nehmen und damit Adler, Georg Christian G. C. Adlers Adler Adler's ausführliche Beschreibung der Stadt Rom, Altona 1781 in1781. 4.; die Schrift: Ueber Sitten und Lebensart der Römer in verschiedenen Zeiten der Republik, von Meierotto, Johann Heinrich Ludwig J. H. L. Meierotto , Berlin 1776 1776. in zwey Theilen in 8.;8. zwei Theilen, 8., und Meiners, Christoph C. Meiners E. Meiner's Geschichte des Verfalls der Sitten und der Staatsverfassung der Römer, LeipzigLeipz. 1782. 8. verbinden. Brauchbare Handbücher sind auch: Nitsch, Paul Friedrich Achat P. E. A. Nitsch Beschreibung des häuslichen etc. Zustandes der Römer, 2 Bände, Erfurt 1790. 8. Adam, Alexander Adam's Handbuch der römischen Alterthümer. Aus dem Engl.Englisch von Meyer, Johann Leonhardt Meyer , 2 Bände, Erlangen 1806. Meyer, Johann Leonhardt J. L. Meyer's Lehrbuch der römischen Alterthümer, Erlangen 1806. Wegen Hinsichts des großengrossen Einflusses der Kenntniß des römischen KriegswesenKriegswesens auf die rechte Einsicht des Verstandes vieler Stellen beybei römischen Schriftstellern sind die Römischen römischen Kriegsalterthümer (von Kriegsalterthümer, von Rösch, Jakob Friedrich von Rösch und Nast, Johann Jakob Heinrich Nast ) Nast , Halle 1782 in1782. gr.groß 8. sehr zu empfehlen. 3936
[164] 143.

Hätte3978 man sich durch die bisher (§. 135 (f.)folgend) erwähnte3979 Kenntnisse zum Lesen griechischer und [136] lateinischer Schriftstel[148]ler vorbereitet:3980 so möchten3981 ferner folgende Vorschläge bey3982 dem Lesen nicht undienlich seyn. 1) Weil der, welcher diese Schriftsteller vor3983 sich lesen will, gemeiniglich schon vorher einen Unterricht in alten Sprachen und, nach unsern Einrichtungen, weit mehr in der lateinischen als in der griechischen, in letzterer oft so viel als gar nicht, bekommen hat; und weil man bey3984 Lesung der römischen Schriftsteller gemeiniglich auch mit die Absicht hat, sich eine Fertigkeit im lateinischen Ausdruck zu erwerben; ja, weil selbst die Hülfsmittel zur Erlernung des Griechischen und die erklärende3985 Anmerkungen in den Ausgaben griechischer Schriftsteller fast durchgehends in lateinischer Sprache abgefaßt sind: so ist es rathsam, lateinische3986 Schriftsteller eher als griechische3987 zu lesen. Wäre man nicht in diesen Fällen:3988 so wäre es viel nützlicher und vernünftiger, mit den griechischen anzufangen. Denn die römischen Schriftsteller haben die griechischen nachgeahmt und copirt, können also weit besser verstanden werden, wenn man diese schon voraus kennt; und man würde auf diese Art die fortschreitende CulturCultur3989 des menschlichen Verstandes und Herzens, auch der davon abhängenden Begriffe, Grundsätze und Sitten, weit besser wahrnehmen.

3990
[149] 144.

So nützlich 2) Chrestomathien3991 oder Excerpte [165] aus mehrern alten Schriftstellern,3992 für den seyn mögen, der keine ganze3993 SchrifstellerSchriftsteller 3994 3995 haben kan3996, [137] oder für den Anfänger, der vorerst den nothdürftigsten Sprachgebrauch lernen,3997 oder einen allgemeinen Vorschmack von mehrern3998 Schriftstellern und ihrem3999 Unterschied4000 erlangen will: so viel besser ist es doch4001, ganze Schriftsteller in eins fort zu lesen, ehe man zu andern fortschreitet. Denn – ausserdem4002 daß es unnatürlich ist und zur Unbeständigkeit gewöhnt, etwas aufzugeben4003 was man angefangen,4004 und was uns gefallen hat –4005 wird man durch das anhaltende Lesen eines guten Schriftstellers besser mit seinen Sachen4006, so wie mit seiner eigenthümlichen Denk- und Schreibart, bekannt, lernt ihn daher,4007 und wenn man einmal im Gange ist, besser verstehen, und gewöhnt sich leichter, wenn man gar die Absicht hat4008 seinen Ausdruck nach einem4009 solchen Schriftsteller zu bilden, an eine gewisse Gleichheit und Reinigkeit des Ausdrucks.

145.

Wollte man – wie hier immer vorausgesetzt wird – alle4010 Schriftsteller vor4011 sich lesen,4012 und wäre im Griechischen oder Lateinischen noch sehr zurück:4013 so wäre 3) zu rathen, daß man – da ein Anfänger zunächst erst des Sprachgebrauchs mächtig werden muß – ganz leichte Schriftsteller läse,4014 und sich dabey4015 solcher Ausgaben bediente, wo in Anmerkungen oder Registern die Bedeutungen der Wörter und Redensarten, auch wohl schwerere Formen, erklärt werden, z. B.zum Beispiel die Aesop Fabulas Aesopicas nach Heusinger, Johann Michael Joh. Mich. Heusingers Ausgabe, vermehrt Eisenach 1771. 8.; Paeonius (Paeanius) Paeanii Metaphras. in Eutropius Eutropium, nach Kaltwasser, Johann Friedrich Salomon F. S. Kaltwassers , Gotha 1780. 8.; Palaephatus Palaephatum de incredibilibus, nach Fischer, Johann Friedrich Joh. Fridr. Frid. Fischers Ausgabe, Leipzig 1761. 8.4016 Ist man etwas weiter:4018 so sind solche Glossarien, wo nur das schwere4019 und dem Schriftsteller eigenthümliche4020 mit we[150]nig Worten erkläret4021 wird, wie die Ernesti, Johann August Ernestischen bey Xenophon Xenophons memorabil. Sokrates Socratis und bey dem Polybius Polybius 4022, zu dieser Absicht,4023 vollkommen zureichend.

146.

Und weil es vernünftig ist, vom Leichtern zum Schwerern fort zu gehen:4024 so ist es 4) auch rathsamer, eher prosaische Schriftsteller, wenigstens leichtere, als DichterDichter4025 zu lesen; selbst deswegen, weil der Geschmack leichter durch die Lesung der letztern verwöhnt,4026 und zu sehr an das Hervorstechende gewöhnt wird; zumahl4027 wenn man durch Lesung der Alten selbst seine Denk- und Schreibart bilden will. – Aus eben diesem Hauptgrunde würde man auf Schriften, welche gemeinbekannte Sachen enthalten, erst Geschichtschreiber, und auf diese erst philosophische Werke folgen laßenlassen müssen;4028 wenn nicht der schwerere Vortrag eines Schriftstellers in jenen erfordert, sie bis nach diesen zu verschieben; im4030 Griechischen würde man auch wohl thun, Schriftsteller von einerley4031 Dialekt zusammen zu nehmen, wenn hier jene angegebene4032 Ursachen nicht wieder eine Ausnahme erforderten.

1,
2,
147.

Bey4090 einer solchesolchen 4091 Menge von griechischen und römischen Schriftstellern versteht sichs von selbst, 5) daß viele, zumahl4092 [152] wenn man sich nicht ganz eigen diesem Studium widmet, nur cursorisch gelesen werden müssen. Je leichter ein Schriftsteller,4093 und vornehmlich je weniger er classischclassisch4094 ist (§. 72), je4095 weniger braucht man sich bey4096 ihm aufzuhalten. – Endlich müßte4097 man sich 6) 4098 hüten, daß der Aufhalt4099 nicht durch Vergleichung gelehrter4100 Commentatoren noch verlängert würde4101. Billig sollte man sie nur da befragen, wo man nicht selbst fortkommen könnte4102. Verlieren sie sich zumahl4103 in weitläufige und gelehrte Erläuterungen, die nicht bloß den zu erläuternden Autor angehen:4104 so ist es weit besser, eine andre4105 Zeit auszusetzen, um diese zu [169] studieren4106, als sich zu sehr von dem Autor selbst ablenken zu lassen.

148.

Uebungen im guten Ausdruck brauchen4107 sich bey4108 den bisher erwähnten zwey4109 Sprachen eigentlich nur auf die lateinische einzuschränken. – Wenn das Studium der alten Griechen und Römer einen [141] großen4110 Werth hat (§. 107 f.folgend),4111 und wenn4112 der sie weit besser versteht, wer4113 sogar seinen Ausdruck in ihrer Sprache mit Fleiß nach ihnen gebildet hat; wenn,4114 nach den oben (§. 123 (f.)folgend) angeführten Gründen,4115 die lateinische Sprache, als allgemeine gelehrte Sprache, unter den Gelehrten erhalten zu werden verdient *);4116 wenn dieses vornehmlich durch Beyspiele4117 dererjenigen geschehen muß, die junge Gelehrte bilden oder sie prüfen sollen, und die durch ihr Beyspiel4118 und Ansehen hauptsächlich dem Strom einreissender4119 der Gelehrsamkeit nachtheiligen4120 Gewohnheiten entgegen arbeiten müssen: so sollten wenigstens alle, die gelehrte Schriftsteller seyn, (d. i.)das ist über Sachen, die zur eigentlichen Gelehrsamkeit gehören, schreiben wollten, und es sollten vorzüglich4121 Lehrer auf Schulen und Universitäten,4122 nebst solchen,4123 die auch Schullehrer zu prüfen und zu leiten haben, eine Fertigkeit besitzen, sich, wo nicht eigentlich schön, doch wenigstens rein und verständlich in der lateinischen Sprache, es sey4124 im Reden oder Schreiben, ausdrücken zu können, und diese Fertigkeit nicht immer mehr aussterben laßen4125.

1,
[142] 149.

Wer nach4140 einer solchen Fertigkeit4141 sich lateinisch auszudruckenauszudrücken trachtete, würde ausser4142 den §. 76 4144 und 129 4145 angeführten Schellerischen Büchern, Scheller, Immanuel Johann Gerhard J. J. 4146 G. Schelleri praecepta stili bene latini, nach der zweytenzweiten vermehrten Ausgabe,4147 Lips. 1784 in 2 Tomis in4149 (gr.)groß 8. mit großem4150 Nutzen brauchen können, um feste Regeln zu haben,4151 woran er sich zu halten hätte4152, und seine Aufmerksamkeit bey4153 wirklicher Lesung der Alten auch in dieser Absicht zu leiten. Denn dieses Lesen und die genaue Aufmerksamkeit auf ihren Ausdruck und das Eigenthümliche ihrer Sprache in seinem ganzen Umfange,Umfange 4154 ist freylich4156 die beste und sicherste Uebung. *) 4157 Ausserdem würde4158 es sehr vortheilhaft seyn, solche neuere Schriftsteller fleißig zu lesen, die den guten lateinischen Ausdruck in ihrer Gewalt haben, und zum Theil Muster seyn können, als, unter theologischen Schriftstellern, Erasmus, Desiderius Erasmus, Melanchthon, Philipp Phil. Melanchthon, Camerarius, Joachim Joach. Camerarius, Calvin, Jean Joh. Calvin, Sturm, Johannes Joh. Sturm, Cano, Melchior Melch. Canus, Osorius, Hieronymus Hier. Osorius, Sadoletus, Jacobus Jak. Sadoletus, Hyperius, Andreas Andr. Hyperius, Ernesti, Johann August Joh. Aug. Ernesti, Morus, Samuel Friedrich Nathanael S. F. N. Morus, Morus 4159 und einige wenige Andre4161; weil man sich dadurch mehr gewöhnt4162 den guten lateinischen Ausdruck unserer Art zu denken, unsern Kenntnissen und Bedürfnissen anzuschmiegen.

*) Ja es Anm. Anmerkung *) Viel lesen ist auch der einzige Weg, wie man eigentliches,eigentliches altes, römisches Latein, und überhaupt wirklich in einer fremden Sprache, kankann schreiben lernen. Denn dazu gehört, daß man in derselben Sprache denken könne; und in jeder Sprache denkt man anders. Wer diesdieß nicht kankann, mag wohl aus einer Sprache in die andere übersetzen, und in der fremden Sprache sich so ausdrucken können, daß man sieht, was er sagen wolle,wolle; aber mit der Sprache, z. B.zum Beispiel rein, ächtecht Lateinisch, wird er nicht zu schreiben vermögen. Andere Vorschläge und Regeln sind schon oben §. 87–89. 87–89 87.–89. berührt worden. 4163
150.

Ausser4173 den bisher erwähnten Sprachen ist für den, der sich der Theologie widmet, die Kenntniß [143] der hebräischen Sprache 4174 am nothwendigsten,4175 nicht nur wegen der Bücher des alten Testaments, 405die meistens in dieser Sprache abgefaßt sind, sondern weil auch in den Büchern des neuen 4176 der Vortrag fast durchaus nach der 406hebräischen Denk- und Sprachart gebildet ist, und sie nicht richtig verstanden werden können, wenn man jene nicht aus dem alten Testament4177 kennen gelernt hat.

[172] 151.

So leicht die hebräische Sprache zu seyn scheint, weil nur Ein Werk in ihr geschrieben ist, und so viele Erleichterungs[155]mittel es auch giebt, wodurch man sie dem bald beybringen kan4178, der sich unter den morgenländischen Sprachen nur auf sie einschränken4179 will,4180 und mit der nothwendigsten4181 Kenntniß derselben zufrieden ist: so große4182 Schwierigkeiten hat sie, wenn man sie wirklich verstehen, und eine sichere und gründliche Kenntniß derselben erlangen will, man mag auf die SprachregelnSprachregeln4183 oder auf den noch weit schwerer zu bestimmenden Sprachgebrauch sehen. Ein Beweis davon sind schon die ehemaligen ungereimten Methoden, die Richtigkeit von jenen und diesem zu entdecken,4184 und es bleibt bey4185 dieser ausgestorbnen4186 Sprache, die noch dazu nur in Einem Werke übrig ist, kein andres sichres4187 Mittel übrig, sie gründlich und mit eigner Ueberzeugung zu lernen, als die Kenntniß der mit ihr zunächst verwandten Sprachen, besonders der chaldäischen, syrischen und arabischen.

[173] 152.

Es wäre daher4195 allerdings rathsam, eher4196 das in Absicht auf Grammatik und Sprachgebrauch leichtere Syrische4197 als das HebräischHebräische4198 zu lernen, alsdann4199 sich das ChaldäischChaldäische4200 bekannt zu machen, welches mit dem Syrischen fast einerley4201 Sprache, und in wenigeren, auch nicht einmal orginellen, Schriften vorhanden ist, hierauf das Hebräische folgen zu laßen4202, und zuletzt das wegen seiner [156] Weitläufigkeit und seines Reichthums schwerere Arabische zu treiben.4203 So würde die Beschäftigung mit der einen die mit der andern erleichtern und unterstützen. Lernte man hiebey4204 auf den Unterschied und die Uebereinstimmung dieser Sprachen unter einander, in Sprachregeln und Bedeutungen der Wörter, merken: so würde der Mißbrauch der Erläuterung einer aus der andern auch leicht verhütet werden können.

153.

Hätte4212 man 4213 keine Gelegenheit gehabt4214 diesen Weg in Erlernung des HebräischHebräischen4215 zu betreten, [174] und dieses letztere4216 schon nothdürftig gelernt:4217 so wäre4218 doch, wenn man anders im Hebräischen4219 selbst sehen lernen wollte4220, rathsam, jene Sprachen, in der angegebenen Ordnung, nachzuholen, oder sie mit jenem zu verbinden. Wem es aber4221 dazu an Neigung, Fähigkeit, Muße oder Hülfsmitteln fehlen sollte:4222 dem bleibt weiter nichts übrig, als bloß Andern zu folgen,4223 und sich mit dem zu behelfen, was Andre4224 entweder in den auf gedachte verwandte Sprachen gebaueten Sprachlehren, oder in Erläuterungen des Alten Testaments mit Hülfe dieser morgenländischen Sprachen, vorgearbeitet haben.

[157] 154.
Wer jenen sichern Wegaber dem oben angedeuteten sicherern Wege zur Erlernung des HebräischHebräischenEbräischen folgen könntekann und wollte, würde am besten bey dem Syrisch Syrischen sich erst die mag, findet zuvörderst für das Syrische sehr schätzbare Vorarbeiten und Hülfsmittel, die bei großem und beharrlichem Fleiß allenfalls einen besondern Unterricht entbehrlich machen können. Anm. Anmerkung Die ersten nothwendigsten Kenntnisse kann man sich aus der Brevis linguae Syriacaesyriacae institutio, auctore Adler, Jacob Georg Christian J. I. G. C. Adler , Alton. 1784 inAltonae 1784. 8. verschaffen; alsdann damit den Syriasmus i. e. Grammatica ling. Syriacae, auct.linguae syriacae, auctore Michaelis, Christian Benedikt Christ. Bened. Michaelis , Halae 1741 in 4. , oder vielmehr die Umarbeitung dieser Sprachlehre in Michaelis, Johann David J. D. Michaelis Grammatica Syriaca, Hal. 1785 in1785. 4. und Vater, Johann Severin S. Vater's syrische Grammatik verbinden. Wenn zum Grunde legen; wenn er Wer sich das Nothwendigste daraus bekannt gemacht hätte, könnte er gleichhat, kann sodann zur Lesung der syrischen Chrestomathie fortgehen, die der Michaelis, Johann David Michaelischen J. D. Michaelis Abhandlung (§. 152. Anmerk.Anmerkung) angehängt ist, wofern er der Anweisung von einem Andern dabey geniessen könnte. Müßtekönnte; müßte er aber vor dabei genießen kann. Muß er für sich diese Sprache lernen, so wäreist ihm die Chrestomathia Syriacasyriaca von Kirsch, Georg Wilhelm Georg. Guil. Kirsch , Hofae 1789 in 81789. 8., besonders auch wegen des beygefügtenbeigefügten Lexicons, und das Psalterium syriacum nach der Dathe, Johann August Dathischen Ausgabe (latine vertit Erpenius, Thomas Thomas Erpenius , notas - -notas – addidit Dathe, Johann August Jo. Io. Aug. Dathe , Halae 1768. 8.) zu empfehlen. Alsdann könntenkann der Pentateuchus Syriace, edidit Kirsch, Georg Wilhelm Ge. G. Kirsch , Lips. 1787 in 41787. 4.,gebrauchen, alsdenn die Syrischen Stücke in Assemani, Giuseppe Simone Jos. Sim. Assemani Bibliotheca Orientali,Orientali nebst der doppelten Syrischen Uebersetzung des N. Test.Neues Testament N. T.Neues Testament sowohl der älteren, welche zuletzt Schaaf, Karl Carl Schaaf Schaaf, Lugd. Bat. 1709 in1709. gr.groß 4. mit einem Syrischen Wörterbuchsyrischen Wörterbuche, als der neueren Philoxenianischen, die White, Joseph Joseph White Oxonii 1778 in1778. 2 Tom.Tomus Tomm.Tomi in 4. über die Evangelien herausgegeben hat, und, wenn er weiter gekommen wäreist, Barhebraeus Barhebraei Chronicon Syriacumsyriacum von Bruns, Paul Jakob P. J. I. Bruns und Kirsch, Georg Wilhelm G. G. Kirsch herausgegeben, Lips. 1789 in1789. 4., die Acta sanctorum martyrum Orientaliumorientalium et Occidentalium - -occidentalium – Assemani, Stefano Evodio Steph. Evod. Assemanus recensuit etc.et cetera Romae 1748 in1748. 2 Tom.Tomus Tomm.Tomi Fol.Folio fol.folio und die drey Syrischendrei syrischen Theile von Ephraem der Syrer Ephraemi Syri WerkenWerken, Romae 1737–43 Fol.Folio 1737.–43. fol.folio folgenlesen. Das beste Syrischesyrische Wörterbuch ist das von Castell, Edmund Edmundo Castello in seinem Lexico hebtaglotto, Londini 1669 1669., so zur Londonschen Polyglotte gehört, und welches Michaelis, Johann David J. D. Michaelis mit seinen eigenen Anmerkungen, Göttingen 1788 in1788. 4. besonders herausgegeben hat. 4225
155.

Auf diese Art müßte4288 hernach die Erlernung des Chaldäischen sehr leicht werden, wenn man [176] sich zuvörderst aus Alting, Jacob Jac. Altingii Synopsi Institutionum Chaldaearum et Aramaearum (Tom.Tomus V. s.sein Opp.Opera Amst. 1687) und noch mehr aus Michaelis, Johann David J. D. Michaelis Grammatica chaldaica, Götting. 1771. 8.4289 die Uebereinstimmung und den Unterschied des Chaldäischen und Syrischen bekannt machte4290, und darauf mit Hülfe mancher hebräischen4291 Wörterbücher, die auch auf das Chaldäische gehen,4292 oder Buxtorf, Johann, d. Ä. Joh. Buxtorfii Lexici Chaldaici etc.et cetera Basil. 1640 fol.folio 4293 die chaldäischen4294 [147] Paraphrasen läse4295, die in der Anweisung zur Kenntniß der besten allgemeinern4296 Bücher in der Theologie §. 49.4297 genennt worden4298 sind.

4299
156.
Bey Erlernung des Arabisch Arabischen hat man weit mehrere Hülfsmittel. Die arabische Sprache ist unter den semitischen bei weitem die reichste, und verdient nicht nur wegen ihrer genauen Verwandtschaft mit der hebräischen, die von Manchen bis zur Uebertreibung zur Erklärung hebräischer Wortbedeutungen angewendet ist, sondern auch wegen so vieler andern Werke, welche in ihr benutzt und unbenutzt zu den Schätzen großer Bibliotheken gehören, von denen, welche die orientalischen Studien überhaupt zu cultiviren Neigung, Muße und Gelegenheit haben, ganz vorzüglich studiert zu werden. Zunächst führt dazu der Gebrauch der Sprachlehren Sprachlehren. Anm. Anmerkung Dahin gehören: Erpenius, Thomas Thomae Erpenii Grammatica Arabicaarabica, die schon Golius, Jacobus Jac. Golius , unter dem Titel: Arabicae linguae tyrociniumtyrocinium, mit einigen angehängten arabischen StückenStücken, Lugd. Bat. 1656 in1656, 4. wieder herausgegeben hatte, Schultens, Albert Alb. Schultens aber, ausseraußer den schon vorhin dabeydabei befindlichen Lôkman (Luqmān) Lokmannischen Fabeln, mit Weglassung der andern Stücke, vermehrt durch Auszüge aus der Hamasa des Abū-Tammām Ḥabīb Ibn-Aus aṭ-Ṭāʾī Abi Temmam, ebendaselbsteben daselbst 1748. 4.4, vermehrt habe. Diese ist ein Muster in ihrer Art, die Quelle aller folgenden guten arabischen Grammatiken, und selbst durch diese noch nicht entbehrlich gemacht. Nebst den Nächst denen §. 152. 152 Anm.Anmerkung erwähnten Rudimentis Erpenius, Thomas Erpenii sind unter denjenigen, die aus ihr geflossen sind, die besten: Hirt, Johann Friedrich Jo. Frid. erwähnten: Ioann. Frider. Hirtii Institutiones Arabicaearabicae linguae, JenaeIenae 1770. 8.;8;8. Erpenius, Thomas Erpenii arabische Grammatik, abgekürzt, vollständiger und leichter gemacht von Michaelis, Johann David Joh. Dav. Michaelis , Göttingen 1771 in 8,8. 1771. 8., verändert 1783. 8. und Hezel, Wilhelm Friedrich W. F. Hetzels Hetzel's erleichterte arabische Grammatik, Jena 1776. 8.8 , wovon jede ihre Vorzüge hat. Jahn, Johann Jahn's arabische Sprachlehre, Wien 1796. gr.groß 8., und Vater, Johann Severin J. S. Vaters Handbuch etc.et cetera 4300
157.

Bey allen diesen4324 finden sich theils prosaische, theils poetische arabische AnthologienAnthologien4325, die, und vornehmlich Hirt, Johann Friedrich J. F. Hirtii Anthologia arabica, Jenae 1774. 8.4326 so lange zur [160] Uebung im Lesen arabischer Schriften dienen können, bis man Gelegenheit und Fertigkeit genug bekommt, den Koran, die arabischen Uebersetzungen des alten4327 und neuen4328 Test.4329 und andre4330, ganz oder stückweise von 425 Erpenius, 426 Edw. Pocock, 427 Joh. Gagnier, 428 Albert und Heinr. Alb. Schultens, 429 Joh. Jac. Reiske, 430 J. D. Michaelis, 431 Eberh. Scheid, 432 Joh. Bernh. Köhler , Paulus, Heinrich Eberhard Gottlob H. C. G. Paulus H. C. G. Paulus, Wilken, Friedrich F. Wilken 4331 und andern herausgegebne4333 arabische Schriftsteller zu lesen.

4334
158.
Von gedruckten WörterbücherWörterbüchern hat man zwar Die vorhandenen großen Wörterbücher der arabischen Sprache sind theils selten, theils kostbar. Doch fehlt es auch an solchen nicht, die wenigstens für den ersten Anfang und zum Verstehen der (§. 157.) angeführten Anthologieen hinreichen können. Anm. Anmerkung 1. Zu der ersten Klasse gehören: Giggeo, Antonio Antonii Giggei thesaurumthesaurus linguae arabicae, Mediolani 1632, in 4 Folianten, Golius, Jacobus Jac. 1632., 4 Tom.Tomus fol.folio Wahl, Samuel Friedrich Günther S. J. G. Wahl's neue arabische Anthologie, Leipzig 1790. Iac. Golii Lexiconlexicon arabico-latinum, Lugd. Bat. 1653 Fol.Folio und seit 1653. fol.folio Seit 1780 hat man auch in Wien angefangen Meniński, Franciszek a Mesgnien Francisci a Mesgnien Meninsky Lexicon arabico-persico-turcicum sehr verbessert und vermehrt wieder herauszugeben. Aber alle diese Werke, das mittelste doch am wenigsten, sind sehr selten und kostbar, so wie das von Castell, Edmund Castello in dem Lexico-heptaglotto (§. 154. 154 ) zu eingeschränkt ist. Für den ersten Anfang und zum Verstande der vorhin erwähnten Anthologien ist doch Scheidius, Jacobus Jac. Anm. Anmerkung 2. Zu der zweiten Klasse gehören: Iac. Scheidii Glossarium arabico-latinum manuale, Edit.Editio altera, Lugd. Bat. 1787 1769 in1787. gr.groß 4. schon eine gute Hülfe; eine noch weit reichendere das noch vorzüglicher aber: Lexicon linguae Arabicaearabicae in Coranum, Haririum et vitam Tīmūr Timuri, auct. Willmet, Johannes Jo. Io. Willmet , Roterd. 1784 in1784. gr.groß 4. eine gute Hülfe. Da hier nur die Frage von dem NutzenNutzen oder vielmehr von der Nothwendigkeit ist, die mit dem HebräischHebräischenEbräischen Hebräischen zunächst verwandteverwandten Sprachen oder DialecteDialekte zu brauchengebrauchen, um das HebräischeEbräische sicher aufzuklären; und andreandere morgenländischmorgenländische Sprachen ausseraußer den genannten, entweder nur in einer sehr entfernten Verwandtschaft mit der hebräischen stehen, oder der Hülfsmittel noch gar zu wenig vorhanden sind, die uns, sie zuverläßigzuverlässig zu lernen, in den Stand setzten, oder der Schluß von dem,dem was in ihnen üblich ist,ist auf das, was man im HebräischenEbräischen annehmen könne, sehr unsicher ist: so sind sie hier nicht mit berührt worden, ohne daß deswegen ihr anderweitiger Nutzen verkenntverkannt oder geleugnetgeläugnet wird. 4335
159.
BeyBei Erlernung des Hebräisch Hebräischen Ebräischen selbst,selbst – man mag unmittelbar dazu kommen oder sich auf jene mühsameremühsamere, aber viel sichereresichrere Art, durch den auf das Syrische Syrische und Chaldäische Chaldäische gewendeten Fleiß dazu vorbereitet haben,haben – ist zuerst, wie beybei allen Sprachen, nöthig, sich einen allgemeinen Begriff von der Natur und dem EignenEigenen der hebräischen Sprache,ebräische Sprache in Absicht auf Bestandtheile und Veränderung der Wörter,Wörter zu erwerben, und deswegen eine GrammatikGrammatik zum Grunde zu legen, die, freyfrei, nicht nur von willkührlichen Beweisen der Regeln, sondern auch von angeblichen Ausnahmen und unregelmäßigen Formen der Wörter, bloß das wirklich Gegründete in der größten Kürze enthält, und auf die Uebereinstimmung mit den verwandten DialekteDialekten gebaut ist; dergleichen z. B.zum Beispiel die hebräischeebräische Grammatik von Pfeiffer, August Friedrich Aug. Friedr. Pfeiffer nach der zweyten Aufl.Auflage Erlangen 1790 in 8., und Diederichs, Johann Christian Wilhelm J. C. W. Diederichs , Lemgo 1778. 8. und noch mehr die Anfangsgründe der hebräischen Sprache von Güte, Heinrich Ernst H. E. Güte , zweyte umgearbeitete und vermehrte Ausgabe, Halle 1791 in1782 gr.groß 8. sind. Wenn man hernach weiter im Lesen und Verstehen leichterer Bücher der BibelBibel gekommen ist, so kankann man das übrige Seltnere und Ungewöhnlichere, das besonders zur nähern Kenntniß des Syntaxes Gehörige, und die auf dem wahren noch in den verwandten Sprachen vorhandnenvorhandenen Sprachgebrauch beruhendeberuhenden Gründe der Regeln, noch immer nachholen, wozu, ausser Vogel, Georg Johann Ludwig Georg Joh. Lud. Vogels Anfangsgründen der hebräischen Sprache, Halle 1769. gr.groß 8., vornemlich8, vornehmlich die Institutiones ad fundamenta linguae hebraeae von Schroeder, Nikolaus Wilhelm Nic. Guil. Schröder Schroeder , Groening. 1766 in gr.groß 8. nachgedruckt Frft.Frf. et Lips. 1778 gr.groß 8;8. die Institutiones ad fundamenta linguae hebraeae von Schultens, Albert A. Schultens, Schultens Lugd. Bat. 1756. 4;4. und in ihrer Art (s.siehe Hallische gel. Zeitungen 1778. S.Seite 282 f.folgend) Hezel, Wilhelm Friedrich W. F. Hezels ausführliche hebräische Sprachlehre, Halle 1778 in gr.groß 8.; und die hebräische Sprachlehre nach den leichtesten Grundsätzen von Hasse, Johann Gottfried Joh. Gottfr. Hasse , Jena 1786 in 8. empfohlen zu werden verdienen. Zu dieser Absicht und selbst zur bessern Kenntniß des hebräischenEbräischen Sprachgebrauchs sind auch Simonis, Johann Joh. Simonis Arcanum formarum nominum hebraeae linguae, Halae 1735 in 4. und vorzüglich nachholen. Anm. Anmerkung Unter den hebräischen Sprachlehren aus früherer Zeit, zeichnen sich die gelehrten Arbeiten von Schroeder, Nikolaus Wilhelm N. G. Schröder (Gröningen 1766.), (neue Aufl.Auflage 1778.) von Schultens, Albert Schultens (Lugd. Bat. 1756.) aus. Auch haben die Sprachlehren von Michaelis, Johann David J. D. Michaelis , Hezel, Wilhelm Friedrich F. W. Hezel (1777.) Pfeiffer, August Friedrich A. F. Pfeiffer (1790.) u. A.und Andere ihr Verdienst gehabt. Zu den neuesten schätzbarsten, und zum Theil auch durch viele neue Ansichten und verbesserte Methoden empfehlungswerthesten, gehören: Vater, Johann Severin J. S. Vater's größere (1797.), kleinere (1807.) und kleinste (1807.) hebräische Sprachlehre, desgleichen Gesenius, Wilhelm W. Gesenius hebräische Grammatik, 3te Auflage, Halle 1817., und Desselben ausführliches grammatisch-kritisches Lehrgebäude der hebräischen Sprache, mit durchgängiger Vergleichung der verwandten Dialekte, 2 Bände, gr.groß 8. 1817. Hiermit sind auch zu vergleichen: Storr, Gottlob Christian Gottlob Christ. Storr ObseruationesObservationes ad analogiam et syntaxin hebraicam pertinentes, Tubingae 1779 in1779. gr.groß 8. sehr brauchbar. 4364 Schon bey der bessern Einrichtung erwähnter SprachlehrenSprachlehren, und hauptsächlich bey der Kenntniß der verwandten DialekteDialekte, fallen die meisten Schwierigkeiten weg, die sich in einigen Formen der Wörter finden; und dieses, nebst fleißiger Uebung in Analyse der Wörter, macht solche Bücher, wie Hirt, Johann Friedrich J. F. Hirtii Biblia hebraea analytica, die vermehrter Jena 1769. 8. gedruckt sind, und wovon desselben Bibliorum analyt. pars Chaldaica, Jenae 1757 1757. 8. eine Fortsetzung ist, entbehrlich, die übrigens dem Anfänger nützlich seyn können, wenn er sie nur da, wo er sich gar nicht selbst zu helfen weiß, nachschlägt, und zumal an die Danz, Johann Andreas Danzischen Grundsätze gewöhnt ist.ist. 4399
160.
So baldSobald man fertig HebräischHebräischEbräisch lesen kan lesen kann, die Bestandtheile der Wörter kennt, und die Paradigmata in seiner Gewalt hat, thut man wohl, wenn man sich gleich zum Lesen der Bücher, von leichtern historischen zu den übrigen,übrigen wendet, oder sich dazu der Chrestomathieen bedient, ohne sich im Anfang, wo es nur bloß um Sprache zu thun seyn muß, beybei solchen Stellen aufzuhalten, die mehr wegen der Sachen, als wegen der Wörter dunkel sind. Für den Anfänger ist ein Buch, Man kann sich dabei theils solcher HülfsschriftenHülfsschriften, welche den Text Schritt vor Schritt begleiten und die Worte einzeln erklären, bedienen, oder sich auch, was bei einiger Uebung vorzüglich seyn dürfte, bald an den Gebrauch guter Wörterbücher gewöhnen. Anm. Anmerkung 1. Hebräische Chrestomathieen haben noch außer Schwabe, Johann Joachim Schwabe und Weckherlin, Carl Christian Ferdinand Weckherlin geliefert: Vater, Johann Severin J. S. Vater im hebräischen Lesebuch, mit einem Wortregister, Leipzig 1809., und Gesenius, Wilhelm W. Gesenius im hebräischen Lesebuch, Halle 1817. Anm. Anmerkung 2. Zu der ersten Klasse der Hülfsmittel gehören Werke, wie Reineccius, Christian Christ. Reineccii Janua hebr. linguae - - emendauit– emendavit, auxit Rehkopf, Johann Friedrich Jo . Io. Friedr. Jo. Frid. Rehkopf , Lips. 1769. 8. selbst um das Nachschlagen zu ersparen1788. 8., und noch weit mehr Leun, Johann Georg Friedrich Joh. Georg Friedr. Leun's Handbuch zur cursorischenkursorischen Lektüre der Bibel A. B., Lemgo 1788–90 in 4 Theilen in 8. immer gut genug. Am besten wäre ein solches, wie 1788–90. 4 Theile, 8. Meisner, Johann Heinrich I. I. Meiners nova V. T. clavis, P.Pars 1. 2., Lips. 1800. 8. und der Philologische Clavis über das Alte Testamentdie Psalmen von Paulus, Heinrich Eberhard Gottlob H. E. G. Paulus , Jena 1791 in 8., ob er gleich vorjetzt nur über die PsalmenPsalmen geht, wofür er aber auch noch Mehreres zum Verstande dieser Psalmen enthält als nur SpracherklärungSpracherklärung, und selbst von Sprachforschern und Auslegern studiert zu werden verdient. Sonst1791. 8. immer gut genug; sonst aber sind bis jetzt die besten Hand-Wörterbucher:Hand-Wörterbucher Simonis, Johann Joh. Simonis Unter den Wörterbüchern aber zeichnen sich aus: Io. Simonis Lexicon manuale hebraicum et chaldaicum,chaldaicum. Halae 1756 in1756. gr.groß 8.8., und Lexicon et commertarius sermonis hebraici et chaldaici, post Coccejus, Johannes Joh. Io. Cocceium et Majus, Johann Heinrich Joh. Ioh. Henr. Maium - - Maium – correctius et emendatius edidit Schulz, Johann Christoph Friedrich Jo. Io. Christ. Frid. Schulz , Lips. 1777 in 2 Bänden in gr.groß 8;8. so wie unter den größerngrössern, wenn man dieses eben zuletzt genannte nicht haben kan, das ältere von Coccejus, Johannes Cocceius , Cocceius und Castell, Edmund Edmundi Castelli Lexic. hebraicum - - annotatis in margine vocum numeris exdas von Castellus in dem Lexico heptaglotto. 2 Bände, Lips. 1777. gr. 8. Michaelis, Johann David J. I. D. Michaelis SupplementisSupplementa ad lexica hebraica, (bisher erst) Pars prima Goetting. 1790 in 4., welche Michaelis, Johann David Michaelischen Supplementa ad L. H. seit 1784 bis jetzt in 5 Partt.Partes in 4. herausgekommen sind. 1784–1792., 6 Partt. 4. und ganz vorzüglich zum Handgebrauch Gesenius, Wilhelm W. Gesenius hebräisch-deutsches Handwörterbuch, 2 Bände, Leipzig 1810. 1811. gr.groß 8., und Desselben neues hebräisch-deutsches Handwörterbuch. Ein Auszug für Schulen, Leipzig 1815. 4402
161.
Da es indessen beybei der Kenntniß des hebräischenEbräischen Sprachgebrauchs nicht bloß auf die Bedeutungen einzelnereinzler Wörter, sondern eben so sehr auf den Verstand ganzer RedeartenRedearten und Formeln ankommt, und es noch an einem Wörterbuch fehlt, welches diese zuverläßigzuverlässig genug, d. i.das ist aus den verwandten DialekteDialekten und den alten Uebersetzungen, erklärte:erklärte; so kanwird man zur Noth Flacius, Matthias Matthiae Flacii Clavem scripturae sacrae, Hafniae 1695 Fol.Folio noch mehr Vatablus, Franciscus Franc. Vatabli Anmerkungen über das alte Testament, die am Ende des §. 159 berührten Bücher, nebst Glaß, Salomon Glassii Philologia sacra nach der Dathe, Johann August Dathischen Ausgabe, Lips. 1776 in gr.groß 8. und einige von den in der Anweisung zur Kenntniß theologischer Bücher §. 95 erwähnten über die HebraismenHebraismenEbraismen, am meisten aber diejenigen neuern Ausleger des alten Testaments zu Rathe ziehn, welche aus den eben genannten zwey Quellen dieses Eigne der hebräischen Sprache erklärt haben, und aus welchen z. B.zum Beispiel Schulz, Johann Christoph Friedrich Jo. Christ. Frid. Schulzii noch nicht vollendeteneulich angefangne Scholia in V. Test. Norimb. 1783 1783. gr.groß 8. manches auszugsweise enthalten. mit Nutzen die Vorarbeiten vergleichen, welche aus den besten Quellen das Eigenthümliche des hebräischen Sprachgebrauchs erläutert haben. Anm. Anmerkung Vorzüglich empfehlenswerth sind hierzu: Rosenmüller, Ernst Friedrich Karl L. F. C. Rosenmülleri Scholia in N. T., Tom. Tomus I.–VI. 1792–1810. 4438
162.

Freylich4449 hängt man hierbey4450 nur von den Kenntnissen und Sagen Andrer ab,4451 und wer recht [183] gewiß seyn will, ob und 4452 wie fern sie den Sprachgebrauch richtig angegeben haben,haben; 4453 noch mehr, wer selbst die Gränzen dieser Kenntnisse erweitern helfen will, der muß nothwendig aus jenen Quellen selbst, muß aus den verwandten Sprachen und den alten Uebersetzungen des alten Testaments schöpfen,4455 und sie daher genau kennen gelernt haben. Diese letztern, sonderlich die griechischen in den 469Hexaplen des [153] Origenes, und namentlich die Alexandrinische, nebst den darnach gemachten4456, sind nicht nur für die Kritik des Textes, sondern auch für die [165] Entdeckung des wahren hebräischen4457 Sprachgebrauchs, folglich nicht bloß zum Verstande des alten Testaments, sondern auch selbst des 470neuen, dessen Griechisches durchaus hebräischartig4458 ist, ungemein wichtig *),4459 und dieser Nutzen wird durch die Concordanzen oder Wörterbücher über diese griechische4460 Uebersetzungen keinesweges entbehrlich gemacht, weil sie alle voll4461 Fehler sind, so sehr sonst dergleichen Werke auch den Gebrauch derselben, und ihre Anwendung auf den Verstand des A.4462 und N.4463 Testaments erleichtern.

1,
163.

Wegen des zuletzt berührten Nutzens wäre sogar4466 aus den §. 116 (f.)folgend angegebnen4467 ähnlichen Ursachen,4468 zu rathen, daß man erst die alten griechischen UebersetzungenUebersetzungen4469 des A. Test.4470, wenigstens die [184] 473 Alexandrinische4471, selbst die sogenannten 474 apokryphischen4472 Bücher des A. Test.T. 4473 studierte, ehe man das neue Testament verstehen lernen wollte. – Aber diese Uebersetzungen wirklich zu den gemeldeten Absichten sicher zu benutzen, muß man sie gehörig zu studieren und anzuwenden wissen. Man muß die Geschichte und Beschaffenheit ihres sehr verdorbnen4475 Textes, –4476 den verschiednen4477 Werth einzelner4478 Uebersetzungen, –4479 selbst von einzelnen4480 Büchern, –4481 und die besondre4482 [154] Uebersetzungsart, der sie folgen, genau kennen; –4483 man muß sie nicht hie und da bloß nachschlagen, sondern sie im Zusammenhang4484 lesen, auf die Art, wie sie einzelne4485 Wörter und Redensarten geben, merken, und sich diese aus oder bey4486 den Concordanzen und Wörterbüchern über diese Uebersetzungen zum künftigen Gebrauch beyzeichnen; –4487 man muß sie nicht aus den oft schlechten [166] neuern Uebersetzungen verstehen lernen wollen, sondern vorher schon der griechischen Sprache4488 und der verwandten morgenländischen kundig seyn, um zu wissen,4489 wie sie zu mancher sonderbar scheinenden Uebersetzung gekommen sind, und ob man sich auf die Richtigkeit des griechischen Textes verlaßen4490 könne.

[185] 164.

Zwar beweisen diese Erfordernisse, daß ein solch nützliches Studium dieser Uebersetzungen nicht die Sache des Anfängers sey; aber sie beweisen doch auch nur, daß man für den Anfang, seinen Absichten dabey,4496 nicht diesen ganzen Umfang geben, sondern sie auf das Leichtere einschränken müsse. Vorausgesetzt also, daß jemand die Alexandrinische Uebersetzung vor4497 sich lesen wollte oder müßte:4498 so [155] müßte er es 1) nicht eher thun, als bis er sich aus den so eben angezeigten Büchern die Beschaffenheit und Uebersetzungsart dieser alten Uebersetzungen im Allgemeinen bekannt gemacht, und 2) wenigstens leichtere,4499 griechische Schriftsteller, im HebräischHebräischen4500 aber diejenigen Bücher schon fleißig gelesen und gut verstehen gelernt hätte, die er nun in der Uebersetzung lesen will. 3) Er müßte mit solchen Büchern anfangen, die als vorzüglich treu und gut übersetzt bekannt sind, vornehmlich mit dem Pentatevchus4501. 4) Wo ihm irgend etwas, das ihm nicht ganz leicht wäre, in Wörtern aufstieße4502, müßte er gleich im hebräischen4503 Text nachsehen, worauf es sich bezöge, ob und was es für eine hebräische4504 Bedeutung hätte; und 5) wüßte er es damit nicht zu reimen, so könnten4505 [167] ihm vielleicht 475 Jo. 4506 Christ. Biel novus thesaurus philologicus, Hag. Com. 17794507 und 1780 4508 in drey4509 (gr.)groß Octavbänden, oder die 476 Kircherschen4510 und Trommischen Concordanzen4511 Auskunft geben, für welches hebräische4512 Wort oder Redensart sonst dieses nehmliche4513 griechische,4514 oder welches hebräische4515 anstatt des nehmlichen4516 griechischen gebraucht würde, und er4517 könnte4518 daraus entweder auf eine falsche Leseart4519 oder darauf schließen4520, daß das Griechische hier nur am unrechten Ort gebraucht wäre. Zeigte sich dieses nicht bald:4521 so müßte dieses Schwierige überschlagen,4522 und auf zukünftige weitere Untersuchung ausgesetzt werden. – Eben so könnte man hernach die 477Hexapla durchgehen;4523 wenn man vorher, so bald4524 man an das Hebräisch-griechische4525 gewöhnt wäre, die apokryphischen Bücher des A. T.4526 gelesen hätte. – Wäre [156] man indessen mit dem N. Test.4527 näher bekannt worden:4528 so würde man sich bald an manche bey4529 Lesung jener Bücher und Uebersetzungen gelernte HebraismenHebraismen4530 erinnern, und bey4531 einer zweyten4532 fleißigern Durchsicht würde man4533 Gelegenheit genug finden,4534 sich noch mehrere auszuheben.

165.

Mit der 479 AccentuationAccentuation4535 der hebräischen4536 Bibel braucht man sich nicht lange aufzuhalten, da es ein erweislich späteres Kunststück ist, das bey4537 dem Verstande der Bibel nur wenige Vortheile gewährt, und4538 oft der richtigen Auslegung hinderlich fällt. Joh. Dav. 4539 Michaelis Anfangsgründe der hebräischen Accentuation, Halle 1741. 8.4540 und eine kleine Uebung, können in sehr kurzer Zeit alles Brauchbare lehren, was man davon zu wissen nöthig hat.

4541

[157] [187] [168]

166.

Man kan4543 über alles4544 philosophiren, wovon sich erkennen läßt, wie es mit etwas anderm4545 zusammenhängt (§. 2.), es mag die Frage das woher? 4546 oder wozu? 4547 Ursachen oder Mittel, Wirkungen oder Absichten, betreffen; und in so fern4548 eine Disciplin innerlich zusammenhängt, findet Philosophie bey4549 derselben statt; es kankann 4550 eine Philosophie der Sprachen, der Geschichte, der Theologie und anderer Wissenschaften geben. Wenn aber Philosophie eine besondere Wissenschaft seyn soll:4552 so muß sie einen gewissen bestimmten Gegenstand haben, wodurch sie sich von andern Wissenschaften unterscheidet; und eben darüber, oder vielmehr über die Gränzen, die man ihr stecken soll, sind4553 die Meinungen so sehr4554 getheilt.

[158] [188] 167.

Natürlich. Denn man4560 hatte längst und viel philosophirt,4561 ehe man an eine besondere Wissenschaft dieses Namens dachte. Man hatte allmählich4562 durch Beobachtung und Nachdenken über das menschliche4563 Leben und Handlungen *), bey4564 den sich stets aufdringenden Fragen: [169] woher und wozu? das Allgemeine und Beständige, was sich bey4565 mehreren einzelnen4566 Dingen und ihren steten Veränderungen wahrnehmen läßt, bemerkt,4567 und von andern Kenntnissen abgesondert, und war, nach dieser Absonderung, auf die Natur der Dinge gekommen, aus der sich allein Rechenschaft geben ließ, wie eines mit dem andern zusammenhänge. So entstand nach und nach eine besondere Wissenschaft, die nur allgemeine und nothwendige Wahrheiten zum Gegenstand hatte, welche man hauptsächlich in Rücksicht auf den Menschen und auf alles4568 betrachtete, was in seine Beschaffenheit und Veränderungen einen Einfluß hatte, so wie diese ganze Wissenschaft aus der Betrachtung des Menschen und der gedachten Dinge geschöpft worden war. Wie sich indessen die Menge der gemachten Entdeckungen über die Natur der Dinge vervielfältigte, und man also für nöthig fand, selbst allgemeine und nothwendige Wahrheiten verschiedener Art von einander abzusondern,4569 und sie in besondere Wissenschaften zu vertheilen; wie man bemerkte, daß es unter diesen allgemeinen und nothwendigen Wahrheiten einige gäbe, welche die Beschaffenheit, andere, welche das Maaß oder [189] die Quantität der [159] Dinge beträfen:4570 so sonderte man, nach diesem Unterschied, diese allgemeine4571 Wahrheiten von einander ab, überließ das, was die Quantität anging, der Mathematik, und4572 behielt 4573 der Philosophie bloß die allgemeine Beschaffenheit der Dinge vor. **) 4574

**) Freylich Anm. Anmerkung 2. Freilich ist der Kant, Immanuel Kantische Begriff (in der Kritik der reinen Vernunft S.Seite 724 f.folgend nach der zweytenzweiten Aufl.Auflage ) noch genauer, wonach, wegen der ganz verschiedenen Art, wie beydebeide Wissenschaften ihre Gegenstände behandeln, die Philosophie eine VernunftwissenschaftVernunftwissenschaft aus Begriffe Begriffen, und die Mathematik eine Vernunftwissenschaft aus Construction der Begriffe ist, oder die den Begriff entsprechende Anschauung a priori, d. i.das ist so darstellt, daß diese allgemeingültig für alle mögliche Anschauungen ist, die unter denselben Begriff gehören. Aber, weil sich doch nur der Begriff von Größen construiren, oder a priori in der Anschauung darstellen läßt;läßt, so kankann auch nur die Quantität ein Gegenstand der Mathematik seyn; und so fern kankann gar wohl Philosophie und MathematikMathematik, auch nach Verschiedenheit der Gegenstände, die sie behaltenbehandeln, unterschieden werden. 4577
168.

Und auch so schien noch immer der Umfang der Philosophie zu groß;4586 so wie man auf einer andern Seite fand, daß er sich noch mehr erwei[190]terte, je nachdem man den Menschen, der doch eigentlich zu aller Philosophie Gelegenheit gegeben hatte, in verschiedenem Zusammenhange und 4587 allgemeinern Beziehungen betrachtete. Man bemerkte, daß er seinem4588 einem Theil 4589 nach, in die ClasseClasse4590 der Körper, dem andern nach aber, in die Classe4591 der vorstellungsfähigen und verständigen4592 Wesen gehörte4593; daß beyde4594 Arten der Dinge, Körper und vorstellungsfähigvorstellungsfähige Wesen oder4595 Geister, zu eingeschränkten4596 Wesen gehörten, die man zusammen Welt nennte4597; daß es auch ein uneingeschränktes4598 Wesen, eine Gottheit, geben könnte,4599 und sich ohne dieses4600 das Daseyn der eingeschränkten4601 und zufälligen Wesen nicht begreifen ließe; daß man bey4602 der Seele des Menschen Vorstellungen und Neigungen unterscheiden könnte4603, wovon jene das Wahre oder Falsche, diese das Gute oder Böse zum Gegenstand hätten; daß man eben sowohl die [171] Natur von beyden4604 untersuchen, als darnach Regeln 4605 be[160]stimmen könnte4606, das Wahre und Gute 4607 zu finden und auszuüben; daß man den Menschen vor sich und4608 in natürlicher Verbindung mit verschiednen4609 Arten von Gesellschaften betrachten könnte.4610 Je nachdem man dieses alles von einander unterschied, und jeder Art solcher allgemeinen Wahrheiten eine besondre Wissenschaft4611 widmete: je nachdem mußten verschiedne Theile der Philosophie, und es mußte, weil4612 man schon4613 einmal gewisse Arten von allgemeinen Wahrheiten von eigentlicher Philosophie ausgeschlossen hatte, die Frage entstehen4614, ob 4615 nicht noch mehrere dergleichen Wahrheiten ganz von der Philosophie könnten abgesondert,könten abgesondert und4616 der Name der Philosophie 4618 nur auf einige Arten4619, und auf welche? eingeschränkt4620 werden 4621?

169.

Diese Verschiedenheit der Meinungen über den Begriff der Philosophie4622 wird dadurch noch mehr befördert, daß einige nichts darin aufgenommen wissen wollen, als sogenannte reine Vernunfterkenntniß, oder nur diejenigen allgemeinen Begriffe, die4623 die menschliche Seele aus sich selbst, aus der Betrachtung ihrer Eigenschaften und Veränderungen schöpfen kan4624, und was sich nach diesen Begriffen streng beweisen läßt. Hiedurch4625 würde das Gebiet der Philosophie sehr beschränkt werden, und man müßte alsdann, – weil man doch Ursach hat, überall, wo sich nur Zusammenhang denken läßt, zu philosophiren, und weil die meisten so nützlichen4626 Kenntnisse der Natur keine solche Evidenz [161] und strenge Herleitung allgemeiner Wahrheiten zulaßen4627 – wieder neue besondere Wissenschaften einführen, die dann4628 doch größtentheils nur in der Methode von der eigentlichen Philosophie unterschieden wären4629.

[172] 170.

Da nun der Sprachgebrauch über den Begriff der Philosophie nicht entscheidend ist, und in dem gegenwärtigen Buche4630 die meiste Rücksicht auf die Gestalt der Wissenschaften genommen werden muß4631, wie sie unter uns und bey4632 den4633 akademischen [192] Studien genommen werden:4634 so scheint es das sicherste4635, die Philosophie nach dem Umfang und 4636 Gränzen zu nehmen, die4637 man ihr seit dem Ursprung der wolfischen4638 Philosophie angewiesen hat; und sonach möchte die Erklärung,4639 oder, wenn man will, Beschreibung der Philosophie durch – die4640 Wissenschaft der Natur oder der allgemeinen Eigenschaften der Dinge überhaupt, und der geistigen, hauptsächlich der menschlichen, insbesondere,4641 – alle dazu gerechneten4642 Theile und ihre allgemeine Absicht am bestimmtesten in sich fassen.

171.

Der Nutzen 4646 der Philosophie ist augenscheinlich. Denn da sie uns über die Natur aller Dinge belehrt;4647 da sie den rechten Gebrauch aller unsrer4648 Kräfte zeigt;4649 da sich endlich alle Fragen, über die sich etwas Entscheidendes4650 sagen läßt, in die allgemeinen Begriffe und [173] Grundsätze auflösen, die sie enthält: so ist sie der Grund aller andern Wissenschaften, in welchen ohne sie keine deutliche Gewißheit, so wie in Gesinnungen und Handlungen, die ja von Erkenntniß abhängen, keine rechte VollkommenheitVollkommenheit,4651 statt findet. Mit Recht heißt sie daher die Königin aller Wissenschaften; und sie verachten, heißt, alle Vernunft und Sicherheit im Denken und Handeln verachten. Ihr vielfältiger Nutzen wird sich noch mehr bey4652 ihren einzelnen4653 Theilen angeben laßen4654.

172.Schon der ungemein große Umfang Umfang der Philosophie macht es nothwendig, die verschiedenen HauptartenHauptarten der Gegenstände, die sie untersuchen soll, von einander abzusondern, und nach Verschiedenheit solcher Hauptarten ihr verschiedene Theile zu geben, d. i.das ist sie in besondrebesondere Wissenschaften einzutheilen. Fast noch mehr sollte die verschiedene Art, wie wir zur Kenntniß dieser Gegenstände gelangen können, mit zu einer solchen Absonderung bewegen. Denn je nachdem diese Kenntniß entweder aus der VernunftVernunft (im engsten Verstande) oder aus der ErfahrungErfahrung geschöpft werden kann: je nachdem kan unsrekann unsere Erkenntniß von der NaturNatur der Dinge allgemeiner und zuverläßigerzuverlässiger werden oder nicht. Soll nun vollends die Philosophie der Grund zu allen andern Arten von Kenntnissen und Wissenschaften werden (§. 171): 171.), so ist es noch nothwendiger, das AllgemeinesAllgemeine von dem, was dergleichen nicht ist, und das Gewisse oder Nothwendige von dem minder ZuverläßigenZuverlässigen zu trennen, damit nicht das Letztere, darum, weil man es willkührlich mit dem Erstern verbunden hat, für eben so gewiß und allgemein gehalten werde, als jenes, oder das AnsehnAnsehen jener vollkommnern Erkenntniß darunter leide, wenn man einsieht, daß die angebliche Allgemeinheit und Gewißheit andreranderer damit in Verbindung gesetztengesetzter Behauptungen ungegründet seysei. 173.Es läßt sich also alle Erkenntniß, und folglich auch alle, welche die Philosophie ausmacht, 1) nach den verschiednenverschiedenen Quellen Quellen abtheilen, aus welchen sie geschöpft werden kankann; und hiedurchhierdurch ensteht der Unterschied zwischen Erkenntniß a priori a priori a priori, oder Vernunfterkenntniß Vernunfterkenntniß, Rationalkenntniß Rationalkenntniß Rationalerkenntniß , und zwischen der a posteriori a posteriori a posteriori, aus der Erfahrung Erfahrung, oder empirisch empirischen Erkenntniß; empirische Erkenntniß: ein Unterschied, beybei dem so viel Mißverstand herrscht, mit dem so schwankende Begriffe verknüpft werden, der selbst eine Quelle so mancher Irrthümer und falschenfalscher Voraussetzungen wordengeworden ist, daß er wohl,wohl auch hierhier, wegen des Folgenden, genauer angegeben zu werden verdient. 174.Wenn wir auf die Geschichte unsrerunserer Vorstellungen und Erkenntnisse, d. i.das ist darauf Acht geben, wie wir sie erlangt haben: so ists immer die ErfahrungErfahrung, unsre eigneunsere eigene oder fremde, aber uns mitgetheilte, Erfahrung,Erfahrung (Wahrnehmung), die uns den Stoff, oder das, was wir erkennen, gegeben hat; und selbst alsdann, wenn man annimmt, daß gewisse Vorstellungen Vorstellungen schon in unsrerunserer Seele liegen, die uns nicht erst brauchen durch die Erfahrung zugeführt zu werden: so können doch diese nie Erkenntnisse Erkenntnisse werden, nie zu unserm Bewußtseyn kommen, nie können sie klar seyn, d. i.das ist nie können wir das, was wir uns vorstellen (die bestimmten Gegenstände unsrerunserer Vorstellung) von der Vorstellung selbst unterscheiden, die wir uns davon machen, wenn nichts vorhanden ist, das auf unsreunsere Seele einen Eindruck gemacht (sie afficirt, Veränderungen in ihr hervorgebracht) hat. Alle unsreunsere ErkenntnißErkenntniß fängt also mit der Erfahrung an, und in so fern könnte man sagen:sagen, daß alle unsreunsere Erkenntniß empirisch empirisch (oder a posteriori erlangt) wäre. Aber dieses berechtigt uns so wenigwenig, sie so zu nennen, als wenn man alle Erkenntniß darum Erfahrungserkenntniß nennen wollte, weil wir sie als Handlung oder Veränderung in unsrerunserer Seele wahrnehmen. Allgemein wird doch ein Unterschied zwischen Erfahrungs- und Vernunftkenntniß, zwischen der a posteriori und a priori, anerkannt; es ist nur genau zu bestimmen, worin er bestehe. 175.Der Deutlichkeit wegen setzen wir hier voraus:voraus, daß alle unsreunsere Vorstellungen entweder aus und durch einen GegenstandGegenstand unmittelbar erzeugt werden, der sich unsrerunserer SeeleSeele (unserm innern Sinn oder den äussernäußeren Sinnen) darstellt, oder nicht unmittelbaroder daß es nicht unmittelbar geschieht. Jene, die sich unmittelbar auf den Gegenstand beziehen, der beybei uns die Vorstellung hervorbringt, nennen wir Eindrücke Eindrücke (Impressionen), oder, wie Andere lieber wollen, Anschauungen Anschauungen, welche innere oder äussere äußere sind, je nachdem sie vermittelst des innern Sinnes oder der äussernäußern Sinne entstehen,entstehen; und das Vermögen, dergleichen Anschauungen zu empfangen, heißt die Sinnlichkeit Sinnlichkeit. Die andern, welche nicht unmittelbar durch unsreunsere Sinne hervorgebracht werden, heissenheißen mittelbare Erkenntisse oder Begriffe, die anders nichts sind, als VorstellungenVorstellungen von Merkmalen der durch die Sinne erkannten Gegenstände:Gegenstände, sie mögen nun bloße Wiederholungen oder Nachbildungen der gehabten Anschauungen, also WerkeErzeugnisse der Einbildungskraft Einbildungskraft, oderund der Vorstellungen von solchen Merkmalen seyn, die wir bey mehrernbei mehreren Gegenständen erkannt, von ihnen abgezogen, und in Einen Begriff vereinigt haben, also allgemeine Begriffe, die ein Werk des Verstand Verstandes sind; von dem auch alle Urtheile, d. i.das ist die Einsicht des Verhältnisses mehrerer Begriffe gegen einander, abhängen. – Ob nun gleich alle diese Erkenntnisse – sie mögen einzelne, d. i.das ist Anschauungen,Anschauungen oder BegriffeBegriffe, oder verbundneverbundene, d. i.das ist UrtheileUrtheile, seyn – Wahrnehmungen oder Erfahrungen voraussetzen, wobey vorhandnewobei vorhandene Gegenstände uns zu den Vorstellungen geleitet haben: so sind doch diese ErkenntnisseErkenntnisse keinesweges alle aus solchen Gegenständen, sondern aus dem ursprünglichen Vermögen der Seele selbst entstanden, so daß diese Erkenntnissedieselben nicht sowohl durch vorhandnevorhandene Gegenstände in die Seele hineingekommen, sondern von der Seele mit ihrem eignendurch ihr eigenes Vermögen entwickelt sind. Es giebt 1) Erkenntnisse, zu deren Erzeugung in uns schlechterdings erfordert wird, daß wir uns ein wirklich vorhandnesvorhandenes ObjectObject vorstellen, z. B.zum Beispiel einen Baum, ein Thier, ein Metall, Schmerz oder Lust, ja selbst ganze Sätze, als: daß die Bäume vom Frühling an grün sind, das Gold gelb und glänzend ist, daß alle Menschen sterben u. d. gl.und dergleichen u. dergl.und dergleichen, und, weil alsdann die Erkenntniß später ist als der Gegenstand:Gegenstand, so nennt man dieses,dieses Erkenntniß a posteriori a posteriori , empirischempirische oder Erfahrungserkenntniß Erfahrungserkenntniß. Es giebt aber auch 2) Erkenntnisse, wozu eine Vorstellung von einem wirklich vorhandnenvorhandenen Object, auf das sich unsreunsere Vorstellung bezieht, nicht erfordert wird, die also von aller Erfahrung schlechterdings unabhängig ist, z. B.zum Beispiel der Begriff von Ursache, NothwendigkeitNothwendigkeit,Nothwendigkeit und allen nicht sinnlichen Gegenständen, als Gott, Geist u. d. gl.und dergleichen u. dergl.und dergleichen, oder das Urtheil:Urtheil, daß jede Wirkung oder jede VerändrungVeränderung eine UrsachUrsache hat. Weil nun hier die Erkenntniß da seyn kankann, ohne daß man sich ein wirklich vorhandnesvorhandenes Object gedenktdenkt, und ehe man noch weiß, ob ein solches Object auch wirklich ist: so nennt man diese, Erkenntnisse a priori a priori, oder auch Vernunfterkenntnisse Vernunfterkenntnisse, weil Vernunft das Vermögen ist, etwas aus Principien, d. i.das ist, das Besondere aus dem AllgemeinenAllgemeinen, zu erkennen, und eben diese Erkenntnisse a priori Gesetze oder Bedingungen sind, die aus der Natur unsersunsres Erkenntnißvermögens fliessenfließen, ohne welche keine Erkenntniß der Objecte möglich ist. Anm. Anmerkung Da uns Erfahrung nur lehrt, daß Etwas so und so beschaffen seysei, aber nicht, daß es nicht anders seyn könnte, und sie uns nur einzelne Fälle vorstellt: so sieht man, daß sie weder zu allgemeinen noch zu nothwendigen Sätzen (beyden(beiden im strengsten Verstande) führe. Nothwendigkeit und Allgemeinheit eines Begriffs oder Urtheils ist also ein sichressicheres Kennzeichen einer Kenntniß a priori. 176.Diese Erkenntniß a priori enthält entweder ganz und gar nichts WahrgenommnesWahrgenommenes; es ist darin ganz von allen sinnlichen Merkmalen abgesehnabgesehen, z. B.zum Beispiel beybei dem Begriff von ZahlenZahlen an sich (nicht den Tönen oder Zeichen, wodurch sie ausgedrucktausgedrückt werden), von Möglichkeit, von Gott etc.et cetera oder beybei dem Satz: jeder Körper ist ausgedehnt; oder es ist in ihr doch etwas Wahrgenommnes (empirisches)Wahrgenommenes (Empirisches) enthalten, wovon wir ohne EmpfindungEmpfindung keinen Begriff haben. In jenem Fall nennt man sie reine VernunfterkenntnißVernunfterkenntniß (Erk.(Erkenntniß, die schlechterdings a priori ist)ist) ; in diesem Fall aber vergleichungsweise oder vermischte Erkenntniß a priori. – Ist die Philosophie, oder ein Theil derselben, durchaus aus reinen Anschauungen oder Begriffen geschöpft, enthält sie lauter reine Vernunftsätze: so verdient sie den Namen einer eigentlichen Wissenschaft im strengsten Verstande. Stützt sie sich aber zugleich auf empirische Begriffe, wenn sie gleich nach reinen VernunftgesetzeVernunftgesetzen verknüpft sind: so ist sie eine empirische oder Erfahrungsphilosophie Erfahrungsphilosophie. Bey Anm. Anmerkung 1. Bei allen bisher erwähnten Erklärungen sind die Kant, Immanuel Kantischen Bestimmungen in der Kritik der reinen Vernunft, zweytezweite Aufl.Auflage Riga 1787 in1787. gr.groß 8. zum Grunde gelegt, woraus man weitere Aufklärung derselben schöpfen kankann. Die reine Philosophie, oder die philosophische WissenschaftWissenschaft, beschäftigt sich also bloß mit dem, was gar kein Gegenstand der Sinne ist, es mögen nicht sinnliche Objecte oder dergleichen Eigenschaften sinnlicher Objecte seyn. Es sollte daher beybei allen Theilen der Philosophie das, was wirklich reine Erkenntniß ist, ganz von allem Empirischen geschieden werden, wenn man auch dieses Letztere, wegen der oben §. 169 angegebnen 169. angegebenen Ursach, mit in eine philosophische Wissenschaft aufnehmen wollte. Indessen giebt es Theile der Philosophie, die ganz reine Erkenntnisse enthalten, oder wenigstens ganz rein seyn können. Welche Theile diesdieß sind oder nicht, wird im Folgenden bemerkt werden. Anm. Anmerkung 2. Folgende Eintheilung des ganzen Gebiets der Philosophie dürfte zur verständigen Uebersicht ihrer einzelnen Theile nicht undienlich seyn. In der Hauptsache trifft sie mit den Ansichten des Verfassers des Werks zusammen. Philosophie. I. Reine Philosophie. A. Formale: 1. reine allgemeine Logik.2. reine allgemeine Aesthetik. B. Materielle: A. Vorbereitende. – Kritik, a. des Erkenntnißvermögens,b. des Gefühlsvermögens,c. des Anschauungsvermögens. B. Abhandelnde. a. Gegenstände des Erkennens: α. allgemeine, trascendentale Philosophie, β. besondere, Metaphysik. aa. Metaphysik der Natur als rationale Körperlehre,rationale Seelenlehre. bb. Metaphysik der Sitten, allgemeine,besondere, Tugendlehre,Naturrecht, b. Gegenstände des Vernunftglaubens, Religionslehre. II. Angewandte Philosophie. A. Formale: 1. angewandte allgemeine Logik.2. angewandte allgemeine Aesthetik. B. Materiale:1. Angewandte Metaphysik der Natur.a. Körperlehre. Physik. b. Seelenlehre. Empirische Psychologie. 2. Angewandte Metaphysik der Sitten.a. Angewandtes Naturrecht, α. Privatrecht, β. Staatsrecht, γ. Völkerrecht. b. Angewandte Tugendlehre. α. entwickelnd die Kräfte des heranwachsenden Menschen zum Ziele der Sittlichkeit. Pädagogik. β. fördernd die fortschreitende Bildung des Erwachsenen. Ethik. Uebrigens stellt fast jede Schule eine andere Classification auf. Der akademische Unterricht bleibt jedoch in der Regel bei den, besonders seit Wolff, Christian von Wolf's Zeiten, beliebten Abtheilungen, und bringt das Ganze unter die Haupttitel: Logik, empirische Psychologie, Metaphysik, Naturrecht, Ethik oder Moral, Aesthetik. A. d. H.Anmerkung des Herausgebers 46554755 177.Wenn man aber 2) (§. 273 173 273. 173. ) die Philosophie nach der Verschiedenheit der Gegenstände Gegenstände, oder vielmehr der Begriffe von diesen Gegenständen, abtheilen will, welche sie untersucht: so beschäftigt sie sich entweder mit der Materie Materie Maderie Materie oder mit der Form Form des Verstandes, d. i.das ist d. i., sie betrachtet entweder die Objecte des Denkens, oder sie sieht von allen diesen ab, und untersucht bloß die Art und Weise, wie sich Objecte denken laßenlassen, die nothwendigen und allgemeinen Regeln des Denkens überhaupt. Jenen Theil der Philosophie kankann man daher den materiellen, diesen den formellen nennen, oder von jenem den Namen der Metaphysik Metaphysik (mit Kant, Immanuel Kant, im engern Sinn) brauchengebrauchen, so wie dieser Theil die Logik Logik oder Vernunftlehre Vernunftlehre ist, die auch beybei den Alten Dialektik Dialektik genennt Dialekt genannt wurde. Anm.Anmerkung Anm. 1. Metaphysik nennt Kant, Immanuel Kant (Kritik(Kritik der reinen Vernunft S.Seite 869869.) im weitesten Verstande die ganze reine Philosophie, selbst die PropädevtikPropädeutik dazu, oder die Kritik der reinen Vernunft, mit einbegriffen;einbegriffen im engern Sinn aber, und noch unterschieden von der Kritik der reinen Vernunft, das System der reinen Vernunft, oder die ganze, wahre sowohl als scheinbare, philosophische Erkenntniß aus R. V. im systematischenreiner Vernunft in systematischem Zusammenhange. Bekanntlich wird Metaphysik auch, sofern sie von Logik unterschieden ist, von der theoretischen Philosophie im Unterschiede von der praktischen genommen, wie man unten (§. 182 182. ) sehen wird; dieswird. Dieß wäre denn die dritte und engste Bedeutung des Worts. Anm.Anmerkung Anm. 2. Die Logik heißt auch die Instrumentalphilosophie Instrumentalphilosophie (Organon); aber dieser letztre Name begreift mehr in sich. Denn wir haben eben sowohl ein Vermögen, gewisse Eindrücke von Gegenständen zu empfangen, als ein Vermögen, das MannichfaltigeMannigfaltige, also gewisse Merkmale eines Gegenstandes, in Eine Vorstellung, mehrere Eindrücke in Einen Begriff, mehrere Begriffe zu Einem höhern oder allgemeinern Begriff, oder in Ein Urtheil, und mehrere Urtheile in EinemEinen Schluß, zu verbinden, mit einenEinem Wort, zu denken. Jenes Vermögen ist die Sinnlichkeit Sinnlichkeit (untern (untere Kräfte der menschlichen Seele), dieses der Verstand Verstand (obern (obere Kräfte), und wir bedürfen eben sowohl einer Wissenschaft der Regeln für jene, als für diesendiese. Aber die Logik Logik ist nur eine Wissenschaft der letzternletzteren; hingegen die erstere müßte die Aesthetik Aesthetik enthalten, in so ferninsofern sie sich nicht, wie man sie seit Baumgarten, Alexander Gottlieb Alex. Gottl. Baumgarten Alex. Gottl. Baumgarten nimmt, sich auf Schönheit die Theorie des Schönen einschränkt, oder Philosophie für dieder schönen Wissenschaften ist, die doch nur empirische Regeln begreifen würde, sondern eine transcendentale zu einer transcendentalen Aesthetik genennterhöht werden könnte. – Selbst die allgemeine allgemeine Grammatik gehört mit Recht zur Instrumentalphilosophie, da wir ohne Zeichen und Wörter nicht denken können, und Mängel oder Fehler der SpracheSprache, selbst dergleichenFehler im Denken nach sich ziehen. Allein noch erwartet diese eine möglichst systematische Bearbeitung, wozu wir, seitdem Harris, James Harris (1751(1751.) mit seinem vortreflichen Hermes vortrefflichen Hermes vorgegangen ist (Hermes, oder oder philosophische Un tersuchung über die allgemeine Grammatik, von Harris, James Jakob Jacob Harris , übersetzt von Ewerbeck, Christian Gottfried C. G. Ewerbeck, Halle 1788 in1788. gr.groß 8.) nurnoch manche BeyträgeBeiträge erhalten haben. Diese Beiträge sind nicht unwichtig, namentlich: Meiner, Johann Werner J. M. Meiner's Versuch einer an die Sprache angebildeten Vernunftlehre, oder philosophischenphilosophische allgemeine Sprachlehre, Leipzig 1781. Bernhardi, August Ferdinand A. Ed. Bernhard allgemeine Sprachlehre, 2 Theile. Berlin 1800–1803., und desselben Anfangsgründe der Sprachwissenschaft. Ebend.Ebendaselbst 1805. Vater, Johann Severin J. S. Vater's Versuch einer allgemeinen Sprachlehre, Halle 1801., nebst dem Auszug: Lehrbuch der allgemeinen Grammatik für Schulen Halle 1806. Sacy, Antoine Isaac Silvestre de A. J. Sylvester de Sacy Grundsätze der allgemeinen Sprachlehre, bearbeitet von Vater, Johann Severin Vater . Halle 1804. Kritik der reinen Vernunft Gemeint ist die zweite Auflage aus dem Jahr 1787 (vgl. I § 167; I § 176). Aesthetik […] wie man sie seit Alex. Gottl. Baumgarten nimmt Als Zögling des Franckeschen Waisenhauses zu Halle studierte Alexander Gottlieb Baumgarten (1714–1762) ebenda Theologie, Philosophie und Schöne Wissenschaften und war nach dem Magisterexamen zunächst als Dozent am Waisenhaus tätig. Ab 1737 lehrte er in Halle Philosophie und wurde 1740 Professor der Weltweisheit und Schönen Wissenschaften in Frankfurt/Oder. Die von Baumgarten hier gehaltenen Vorlesungen zur Ästhetik sind die ersten ihrer Art. Bereits mit seiner Magisterarbeit Meditationes philosophicae de nonnullis ad poema pertinentibus (1735), v.a. aber durch die aus seinen Vorlesungen hervorgegangene, jedoch unvollendet gebliebene zweibändige Aesthetica (1750/1758) ist Baumgarten zum Begründer der Ästhetik als eigenständiger philosophischer Disziplin geworden (vgl. I § 263) und wirkte, indem er das untere Erkenntnisvermögen der Sinne gegenüber Wolff aufwertete und Dichtung als wahre und sinnlich vollkommene Rede verstand, etwa auf Herder oder Schiller. J. M. Meiner's Versuch einer an die Sprache angebildeten Vernunftlehre, oder philosophische allgemeine Sprachlehre, Leipzig 1781 Der Autor des Versuch[s] einer an der menschlichen Sprache abgebildeten Vernunftlehre (1781) ist Johann Werner Meiner (1723–1789). A. Ed. Bernhard allgemeine Sprachlehre, 2 Theile. Berlin 1800–1803 Gemeint ist die zweibändige Sprachlehre (1801/1803) von August Ferdinand Bernhardi (1769–1820). J. S. Vater's Versuch einer allgemeinen Sprachlehre, Halle 1801., nebst dem Auszug: Lehrbuch der allgemeinen Grammatik für Schulen Halle 1806 Gemeint ist Johann Severin Vaters (1771–1826) Lehrbuch der allgemeinen Grammatik besonders für höhere Schul-Classen, mit Vergleichung älterer und neuerer Sprachen (1805), das laut Vorrede gerade kein Auszug aus dem Versuch einer allgemeinen Sprachlehre (1801) sein will, sondern eine Neubearbeitung eines bestimmten Teils desselben als Lehrbuch für Gymnasien. 4756
178.Da die LogikLogik 1) Logik die allgemeinen allgemeinen Regeln, und zwar 2) des Denkens überhaupt Denkens überhaupt , enthalten soll (§. 177): 177.), so muß man darin 1) von allen besondern Arten der Gegenstände absehen, auf die das Denken gerichtet ist, und bloß die Form des Denkens in Anschlag nehmen; sie muß eine allgemeine oder Elementar-Logik seyn, die den allgemeinen Gebrauch des Verstandes lehrelehrt; 2) müßtemuß sie, ohne Rücksicht auf diesen und jenen VerstandVerstand, nur die schlechthin nothwendigen Gesetze des Denkens in sich fassen, ohne die gar kein Gebrauch des Verstandes möglich ist,ist; sie müßtedarf also gar nicht auf Gründen unsrerunserer Erfahrung, sondern auf lauter Grundsätzen a priori beruhen, d. i.das ist d. i., eine reine Logik seyn. Indessen soll sie doch eigentlich den menschlichen Verstand in Erkenntniß der Wahrheit leiten, und daher unsern unseren BedürfnisseBedürfnissen angemessen seyn. Zu diesem Zweck muß sie also Vieles aufnehmen, was wir von unsern Kräften und den Regeln, wodurch diese geleitet werden, von deren Einschränkungen, von den in uns und unsern unseren Umständen liegenden Hindernissen der Erkenntniß der Wahrheit, von den uns möglichen Mitteln, Wahrheit zu finden und Irrthum zu vermeiden, nur aus der ErfahrungErfahrung wissen, und daher Manches aus der PsychologiePsychologie, und überhaupt aus der AnthropologieAnthropologie, entlehnen. Weil nun alsdann die allgemeinen reinen Verstandesgesetze auf den menschlichen Verstand, nach dessen Einschränkungen und Hindernissen, angewendet werden, dergestalt, daß gezeigt werden soll, wie unser Verstand auch beybei diesen Einschränkungen richtig denken solle: so nennen Manche, nach Kant, Immanuel Kant (Kritik der reinen Vernunft S.Seite 77) diese Anweisung, die sich auch mit auf empirische Grundsätze gründet, imzum Unterschiede von der reinen Logik, die allein nur eine Wissenschaft im strengsten Verstande ist, die die angewandte Logik, welche alsdann noch immer eine allgemeine Logik ist, so fernsofern sie den rechten Gebrauch des Verstandes, ohne Rücksicht auf besondre besondere Gegenstände, lehrt, ob sie gleich, ausseraußer den allgemeinen Gesetzen des Denkens, auch die besondern für den menschlichen Verstand in sich faßt. – Der reinen und angewandten Logik zusammen genommen (beydezusammengenommen (beide mögen übrigens besonders vorgetragen oder vermischt werden), könnte man den Namen der Logik im weitern weiteren Verstande geben. Anm.Anmerkung Anm. 1. Billig sollte indeß beybei dem VortragVortrage der Logik die reine von dieser angewandten geschieden, und erst jene besonders, alsdann diese vorgetragen, d. i.das ist d. i., es sollten erst hinterdreinnachher die allgemeinen Gesetze des Denkens auf den Gebrauch des menschlichen Verstandes angewendet werden. Einen Versuch findet man davon gemacht in dem Grundriß der allgemeinen Logik und kritischen Anfangsgründe der allgemeinen Metaphysik, von Jakob, Ludwig Heinrich von Ludw. Heinr. Ludwig Heinrich Jakob , zweytezweite umgearbeitete Auflage, Halle 1791 in1791. 8. Anm.Anmerkung Anm. 2. Mit dem Namen der angewandten Logik belegen auch Manche das, was sie, im Unterschiede von der allgemeinen Logik, die besondere Logik nennen, oder die Methodenlehre Methodenlehre (nehmlich(nämlich die besondrebesondere, nicht transcendentelle transcendentelle , welche letztreletztere einen Haupttheil der Kritik der reinen Vernunft ausmacht), worin Regeln zum rechten Gebrauch des Verstandes, in Rücksicht auf besondre besondere Arten von Gegenständen, vorgetragen werden. Diese bleibt eben hierdurch von der allgemeinen angewandten Logik, die in dem §. beschrieben ist, verschieden. Das meisteMeiste, was zu dieser letzternletzteren allgemeinen gehört, macht den Inhalt desjenigen aus, was man gemeiniglich praktische Logik nennt, und darunter gewisse Uebungen nach den Regeln der Logik, z. B.zum Beispiel im Bücherlesen, Disputiren, VortragVortrage überhaupt u. s. f.und so ferner begreift. Anm.Anmerkung Anm. 3. Die Logik soll also eben sowohl den rechten GebrauchGebrauch des Verstandes lehren, als den unrechten verhindern, folglich auch in dieser letztern Absicht verhüten, daß man nicht das für wahr halte, was nur wahr scheint, scheint (das heißt nicht: was wahrscheinlich ist,ist; denn dies letztre ist wahr, und nur eine mangelhafte ErkenntnißLetztere kann wahr seyn, sondern: was trüglich ist). Da nun die Dialektik Dialektik der Alten auch lehrte, scheinbar etwas darzustellen, oder Blendwerken den Anstrich der Wahrheit zu geben, diesdieß aber unanständig ist; da es sich hingegen sehr der Mühe verlohnt, zu zeigen, wie man Schein von Wahrheit unterscheiden solle: so nennt Kant, Immanuel Kant ( K. d. R. V.Krit. d. reinen Vern., S.Seite 85 f.folgend 249 f.folgend) den Theil der Logik, der eine Kritik des Scheins der Wahrheit enthält, die Dialektik (im engern Verstande also; vergl.vergleicheverglichen §. 177 177. ) oder die Logik des Scheins, und den Theil derselben, welcher den rechten Gebrauch der Vernunft zeigt, die Analytik Analytik (Logik der Wahrheit), weil sie das formale GeschäfteGeschäft des Verstandes in seine Elemente auflöst. –auflößt. Kritik der reinen Vernunft Gemeint ist die zweite Auflage (vgl. I § 167; I § 176). K. d. R. V. D.i. Kritik der reinen Vernunft (vgl. I § 183; I § 199), gemeint ist die zweite Auflage aus dem Jahr 1787 (vgl. I § 167; I § 176). 179.Wenn uns die Logik Logik die allgemeinen und nothwendigen RegelnRegeln des Denkens überhauptüberhaupt, und ihre Anwendung auf den menschlichen Verstand lehren soll (§. 178): 178.), so muß sie erstlich jene Regeln selbst selbst vortragen. Sie muß daher 1) zeigen, wie und nach welchen Gesetzen der VerstandVerstand verfährt (Logische Elementarlehre), und zu dem Ende theils den Unterschied des Verstandes von der Sinnlichkeit (§. 177 177. Anm.Anmerkung 2.), die verschiednenverschiedenen Arten der Vorstellungen, und der Erkenntnisse insbesondre,insbersondere mit ihren verschiednenverschiedenen Vollkommenheiten darstellen, theils die besondern Wirkungen des VerstandesVerstandes, und dessen Wirkungen in Bildung und Beurtheilung der Begriffe, Urtheile und Schlüsse, mit den Regeln, wonach er dabeydabei richtig verfährt, darstellen; und 2) lehren, wie diese einzelnen Wirkungen, Begriffe u. s. w.und so weiter aufs deutlichste gemacht, und in eine solche Vereinigung gebracht werden, daß daraus ein möglichst vollkommnesvollkommenes Ganze oder System der Erkenntniß entstehe (Logische MethodenlehreMethodenlehre). – Hernach muß sie diese Regeln in Hinsicht auf die mannigfaltigen Einschränkungen des menschlichen Verstandes vorlegen, sowas in der angewandten Logik oder in dem Theile derselben geschieht, worin sie, neben jenen allgemeinen Regeln, ErfahrungssätzeErfahrungssätze zu Hülfe nehmen muß. Sie muß diese Einschränkungen selbst erklären, sie mögen von der Sinnlichkeit, welche die Gegenstände dem Verstande zuführt, oder von den Mängeln und Fehlern unsrerunserer Einbildungskraft und unsers Gedächtnisses, oder von der Unvollkommenheit unsrerunserer Aufmerksamkeit, oder den Mängeln und Fehlern der Sprache, und überhaupt der Zeichen, ohne die wir nicht denken können, oder von äusserlichenäußerlichen Umständen herrühren. Sie muß die verschiednenverschiedenen Arten und Quellen des bloßen Scheins der WahrheitWahrheit, der Irrthümer und des Mangels der Ueberzeugung, aufdecken, und zeigen, wie diese Fehler zu entdecken, oder wie ihnen abzuhelfen seysei. Sie muß zugleich die Mittel angeben, wie man die Erkenntniß der Wahrheit erweitere;erweitern, was für Eigenschaften man selbst dazu mitbringen, und wie man einen richtigen Gebrauch von den QuellenQuellen der Wahrheit, sowohl der eigneneigenen und fremden Erfahrung, als auch der Vernunft, machen müsse. Endlich muß sie auch lehren, wie man beybei Mittheilung der erkannten Wahrheit an Andere, zu verfahren habe. 4803 180176. DerIhr NutzenNutzen dieser Wissenschaft ist gar nicht zu verkennen, so baldsobald man nur weiß, was sie istist, und leisten kankann, und den Werth dessen, was sie leistet, zu schätzen weißversteht sonach augenscheinlich, und man kan sie zu keiner Art gründlicher Kenntnisse in den Wissenschaften entbehren. – Was ist der Mensch, der keinen Verstand hat, oder, welches ohngefähr einerleyeinerlei ist, der ihn nicht recht zu brauchen weiß?gebrauchen weiß! Wie unendlich vielen Verirrungen im Denken, und, da hievon auch die Verderbnisse des Herzens oder Willens nebst allen Ausschweifungen abhängen, die aus Fehlern in Begriffen, Urtheilen und Schlüssen entstehen,entstehen: wie sehr der Macht böser Neigungen und Eindrücke ist er ausgesetzt?ausgesetzt, oft und alsdann unvermeidlich ausgesetzt, wenn er den Schein falscher Vorstellungen nicht von WahrheitWahrheit zu unterscheiden weiß.weiß! Die UrsachenUrsachen dieser Mängel, Verirrungen und Blendwerke kennen, und wissen, wie man sie entdecken und vermeiden soll, ist denn doch schonselbst der halbe Weg zur wahren GlückseligkeitGlückseligkeit, auf dendem man wenigstens nie sicher fortschreiten kankann, ohne von richtigen Regeln des Verstandes geleitet zu werden. – Und sind diese Regeln der ProbiersteinProbierstein aller Wahrheit; giebts keine Wissenschaft, wo sie nicht müßten zum Grunde liegen, um allesAlles danach zu prüfen,prüfen und richtig zu verbinden; so bleibt die Logik zu jeder Wissenschaft, wozu sie die Vorbereitung enthält, wie zu aller UntersuchungUntersuchung, unentbehrlich. – Man hat es auch mit Recht als merkwürdig anerkannt, daß sie – wenn man allenfalls die Wegräumung einiger entbehrlichenentbehrlicher Subtilitäten, oder die Verbannung dessen, was andernanderen Wissenschaften angehört, oder einige genauere Bestimmungen und mehrere Regelmäßigkeit im Vortrag,Vortrag abrechnet – seit Aristoteles Aristoteles Aristoteles Zeit keinen Schritt weder habe vor- noch rückwärts habe thun dürfen, undsie also eine fast vollendete Wissenschaft zu seyn schienescheine. – Nur muß man nicht mehr von ihr fordern, oder ihr mehr zuschreiben, als sie ihrer Natur nach liefern kanleisten kann. Denn sie betriftbetrifft doch nur die Form Form der Erkenntniß (§. 177 177. ), und in ihr kommt die MaterieMaterie oder der Stoff zur Erkenntniß gar nicht in Anschlag (§. 178 178. ); dieser muß ihr also erst anderwärtsher gegeben werden, und sie prüft und verbindet ihn nur; auch gehört zur richtigen Erkenntniß eben sowohl Untersuchung ihres Inhalts, als ihrer Form. Ohne Kenntniß und Beobachtung der RegelnRegeln des Verstandes kanVerstandes, kann also zwar keine sichresichere Erkenntniß je erhalten werden; aber allein führt diese Kenntniß zur Wahrheit nicht; und wer es darauf anlegen wollte, ohne anderweitige Erkundigung nach den Gegenständen selbst, bloß mit der Logik die Gegenstände zu beurtheilen, oder gar neue Wahrheit zu erfinden, der würde sich und AndreAndere sehr betrügen, und höchstens die armselige Kunst zur Ausbeute bekommen, was er wollte, mit einigen Schein zu behaupten oder zu bestreiten. 181. Legt Wirft man hingegen dieser Wissenschaft nicht mehr beybei, als bisher gesagt worden ist:ist, so wird man ihr auch nicht mit Recht die Vorwürfe machen können: –können, ihr dagegen vor: – daß sie, wenigstens so wie wir sie in den gewöhnlichen Lehrbüchern haben, das nicht leiste,leiste was sie sollte; – daß sie hingegen mit vielen SpitzfündigkeitenSpitzfindigkeiten und unnützen Dingen angefüllt sey; –sei; daß sie nur Gelegenheit gebe, Armuth an Kenntnissen durch den ScheinSchein tieferer Einsichten zu bedecken; und – daß eine natürliche Logik uns weit mehr werth seysey,seyn müsse, als eine kunstmäßige. – Der dritte Vorwurf trifttrifft doch diese Wissenschaft selbst so wenig, als diejenigen, welche ihren vorhin bestimmten eingeschränkten Zweck und Werth erkennen; er trifttrifft nur die, welche sich von ihr überspannte Begriffe machen, oder, anstatt die RegelnRegeln dieser Wissenschaften zu nutzen, um WahrheitWahrheit von Schein sorgfältig zu unterscheiden, geflissentlich darauf ausgehnausgehen, BlendwerkeBlendwerke statt gegründeter Wahrheit unterzuschieben. – Aus den Lehrbüchern, diewelche diese Wissenschaften vortragen, ist doch schon vieles Entbehrliche und Fremde verbannt, in sie mehr Bestimmtheit und Ordnung gebracht, selbst reine und empyrischeempirische empirische Logik mehr von einander gesondert worden; und man hätte wohl Ursach, erst genau zu untersuchen, ob das, was noch von leerer Spitzfündigkeit sollSpitzfindigkeit zurück geblieben seyn soll, diesen Namen auch wirklich verdiene, ehe man etwas für unnütz oder für leeres Spielwerk erklärt. – Endlich, eine natürliche Logik, die von einer künstlichen unterschieden seyn soll, kankann doch anders nichts seynseyn, als eine Sammlung von richtigen Gesetzen des Denkens, die man sich nur nicht deutlich, oder nicht als Theile eines wohl zusammenhängenden Ganzen, denkt; so wie die kunstmäßige, wenn man sie nicht, aus Unwissenheit, oder um sie nur verächtlich zu machen, anders sich oder Andern vorstellt, als wie sie wirklich ist, nichts anders seyn kankann, als ein wirkliches SystemSystem der Regeln des Verstandes. Und alsdann übertriftübertrifft letztere die erstreerstere eben so sehr, als deutliche und zusammenhängende Erkenntniß die undeutliche und fragmentarische. Eine solche Logik macht uns nicht nur auf Vieles aufmerksam, was wir sonst wohl übersehen hätten, sondern sie sichert uns auch fürvor der Gefahr, Schein für Wirklichkeit zu nehmen; sie führt zu allgemeinen Sätzen, die beybei jeder Art von ErkenntnißErkenntniß, und in allen Fällen, wo wir denken und untersuchen, unentbehrlich sind; sie erspart uns also auch Umwege, und macht unsreunsere Tritte sicherer.die kunstmäßige: so sollte man 1) so gerecht seyn und ihr das nicht zum Vorwurf machen, was man gegen alle menschliche Kenntniß und Wissenschaften sagen kan, daß sie eines steten Wachsthum WachsthumWachsthums fähig sind, und nach und nach erst sich der VollkommenheitVollkommenheit nähern; sich eben diese Mängel dazu ermuntern lassen, ihre Gränzen und deren CulturCultur, wenn man es vermöchte, nach den weitaussehenden Begriffen zu erweitern, die man sich mit Recht von dem macht, was sie leisten sollte; und, könnte man dieses nicht selbst, wenigstens das dankbar brauchen, worin sie unsern Bedürfnissen zu Hülfe kommt. Anm. Anmerkung Unter einer Menge Lehrbüchern der Logik, welche wir in neueren Zeiten erhalten haben, zeichnen sich aus: Kant, Immanuel I. Kant's Logik. Königsberg 1806. Kiesewetter, Johann Gottfried Carl Christian J. G. E. F. Kiesewetter's Grundriß einer allgemeinen Logik, 2 Bände. Berlin 1802. Fries, Jakob Friedrich J. F. Frieß System der Logik. Heidelberg 1811. Maaß, Johann Gebhard Ehrenreich F. E. Maaß Logik. Halle 1800. I. Kant's Logik. Königsberg 1806 Hier dürfte es sich um Immanuel Kants Logik. Ein Handbuch zu Vorlesungen (1800) handeln, das Gottlob Benjamin Jäsche (1762–1842) im Auftrage Kants zum Druck befördert und herausgegeben hat und das daher nicht selten auch als „Jäsche-Logik“ bezeichnet wird. J. G. E. F. Kiesewetter's Grundriß einer allgemeinen Logik, 2 Bände. Berlin 1802 Der erste Band von Johann Gottfried Carl Christian Kiesewetters (1766–1819) Grundriß einer allgemeinen Logik nach Kantischen Grundsätzen ist 1802 in dritter, der zweite Band 1806 in zweiter Auflage erschienen. F. E. Maaß Logik. Halle 1800 Gemeint ist Johann Gebhard Ehrenreich Maaß' (1766–1823) Grundriß der Logik. Zum Gebrauche bei Vorlesungen (1793; 21802; 31806). August Hermann Niemeyer hielt die Leichenpredigt auf Maaß. 4871 182.Indessen istbleibt die LogikLogik Logik doch nur eigentlich der Vorhof Vorhof zur Philosophie, oder sie rüstet den Verstand, der die Natur der der die derder die Natur der Dinge untersuchen will, nur mit den Regeln aus, ohne welche er nicht richtig und sicher verfahren kankann. Die eigentliche Philosophie hingegen enthält die Kenntniß der Natur selbst, oder beschäftigt sich mit Begriffen, die nicht auf die Form des Verstandes, sondern auf die Dinge oder ObjecteObjecte selbst gehngehen. Diese materielle Philosophie (§. 177.) nennen einige:Einige Metaphysik Metaphysik im engern Verstande, weil sie ebendenselben Namen im weitern Verstande, aller reinen Philosophie, die Logik also mit einbegriffen, geben; und sie würde dann eben sowohl das in sich fassen, was man zur praktischen, als was man zur theoretischen Philosophie,Philosophie zu rechnen pflegt. Gemeiniglich aber nimmt man Metaphysik so, daß man sie noch eben sowohl von der praktischen Philosophie, als von der Logik,Logik unterscheidet. DiesDieß wäre also der engste Sinn des Worts (§. 177 177. Anm.Anmerkung 1.), der noch eine weitere Erläuterung verdient. 183.Alle vernünftige Wesen haben, als solche, das Vermögen, sich in ihren Handlungen unmittelbar nach der Vernunft zu bestimmen,bestimmen; und darin besteht eben, was man praktische Freyheit Freyheit Freiheit oder Freyheit Freiheit des Willens nennt, so wie sittlich, moralisch, praktisch, allesAlles was sich auf diese FreyheitFreiheit bezieht. So fernSofern sich die Philosophie mit diesem SittlichesSittlichen beschäftigt, oder mit dem, was nach der Vernunft seyn und geschehen soll, heißt sie die praktische Philosophie, so fern Philosophie; sofern sie aber davon absieht, und das untersucht, was ist oder seyn kan kann , heißt sie die theoretische oder speculative. Soll beyderleybeiderlei Philosophie eine eigentliche Wissenschaft im strengsten Sinn seyn:Sinne seyn, so muß sie sich nur auf Begriffe des reinen Verstandes stützen, und nur reine VernunftsätzeVernunftsätze enthalten (§. 176 176. ). Dergleichen theoretische Philosophie heißt, bey Kant, Immanuel Kant *),bei Kant , *) Metaphysik der Natur, und dergleichen praktische, Metaphysik der Sitten. *) Anm. Anmerkung S.Siehe Kritik der R. V.d. rein. Vern. S.Seite 868 f.folgend f., und in der Vorrede zur Grundlegung der Metaphysik der Sitten, Riga 1785. in gr.groß 8.8. – Anm.Anmerkung 1. Die gedachte Metaphysik der Natur ist eben das, was sonst gewöhnlich Metaphysik oder Metaph.Metaphysik im engsten Verstande heißt (§. 182); nur daß Kant, Immanuel Kant Kant der Metaphysik, wie sie in den gewöhnlichen Lehrbüchern erscheint, diesedie Eigenschaft abspricht, daß sie durchaus reine Vernunft enthalte. Ein Versuch, die reinen Begriffe darin von den empyrischenempirischen empirischen ganz abzusondern, ist schon §. 178 178. Anm.Anmerkung 1. angeführt worden. Uebrigens können manche Theile der Philosophie, der Erfahrungsgrundsätze gar nicht entbehren, und nie Wissenschaften im strengsten Verstande werden. Was dieses für Theile der Philosophie seynseyen, wird sich in der Folge zeigen. Anm.Anmerkung 2. Diejenigen, welche theoretische und praktische Philosophie von einander scheiden, und die Logik zu jener rechnen, begreifen unter dem Namen der theoretischen, Logik und Metaphysik zugleich; sie nennen auch beydebeide Wissenschaften zusammen,zusammen die Philosophiam primam, weil beydebeide vor der praktischen Philosophie vorhergehen, und beybei ihr zum Grunde liegen. Kritik der R. V. D.i. die Kritik der reinen Vernunft (vgl. I § 178; I § 199), gemeint ist die zweite Auflage (vgl. I § 167; I § 176). Grundlegung der Metaphysik der Sitten, Riga 1785 Der Titel lautet Grundlegung zur Metaphysik der Sitten. 49424985
1844986.

Unter dem 4987 Namen der eigentlich sogenannten MetaphysikMetaphysik (§. 183 183. Anmerk.Anmerkung 11.)4988 begreift man,4991 seitdem 4992 Wolf sie4993 bearbeitet hat, die Ontologie, Kosmologie, Psychologie und 4994 natürliche Theologie Theologie; und wie diese Wissenschaften zusammenkommen, desgleichen wie sie von einander verschieden sind, läßt sich auf folgende Art fassen. Die Metaphysik beschäftigt sich entweder mit Begriffen von Dingen überhaupt, oder mit Begriffen von besondern Dingen. Jenem TheilTheile oder Wissenschaft hat man deswegen den Namen der Ontologie Ontologie, auch der Transscendentalphilosophie, zugeeignet; hingegen diesen Theil, der die dreydrei letztgenannten Wissenschaften unter einem gemeinschaftlichen Namen zusammenfassen könnte, nennt Kant, Immanuel Kant rationale Physiologie.4995

185181. Alles was ist, oder alle Dinge, haben Manchesmanches, haben gewisse Eigenschaften, mit einander gemein. Wenn man diesesnun das, was allen Dingen Gemeine absondertegemein ist, absondert, und die allgemeinsten Begriffe und Gesetze in Eine Wissenschaft vereinigtevereinigt: so würdeentsteht daraus die Ontologie Ontologie entstehen, und sie würde Ontologie. Sie wird mit Recht die Grundwissenschaft Grundwissenschaft und Mutter aller Wissenschaften heissengenannt, weil dieses Allgemeine beybei allem Besondern zum Grunde liegen muß, ohne sie also eine eigentliche Wissenschaft nicht einmal nöthigmöglich ist. diese von dem absondert, wordurch sich verschiedne Dinge von einander unterscheiden, und diese allgemeinen Eigenschaften sowohl, als die daraus fliessende allgemeine Sätze, in Eine Wissenschaft verbindet: so entsteht die Ontologie, (Philosophia prima) die daher, durch die Wissenschaft der allgemeinen Eigenschaften der Dinge und der daraus abzunehmenden allgemeinen Sätze, erklärt werden könnte. So bald man Dinge vergleicht, um zu sehen was sie gemein haben, so setzt man voraus, daß sie verschieden sind, und aus ihrer Verschiedenheit entstehen VerhältnisseVerhältnisse gegen einander. Daher gehört der Begriff der Verschiedenheit und des Verhältnisses, in so fern beydes allen Dingen zukommt, mit unter die allgemeinen Eigenschaften der Dinge, und die Ontologie muß daher von der allgemeinen Verschiedenheit der Dinge und den allgemeinen Verhältnissen derselben, die keinen andern Begriff als den von einem Dinge voraussetzen, eben sowohl als von dem handeln, was ganz eigentlich allen Dingen gemein ist. 182. Weil also die Ontologie die allgemeinen Begriffe und Grundsätze enthält, die bey aller menschlichen Kenntniß zum Grunde liegen, daher sie auch die Grundwissenschaft heißt: so verdient sie mit Recht die Mutter aller Wissenschaften genannt zu werden. – BeyBei jeder recht sichernsicheren Erkenntniß müssen die Begriffe und Sätze so weit wieder in andreandere aufgelöset werden, bis man auf solche stößt, die keiner weitern Auflösung fähig oder bedürftig sind; sonst ist man in Gefahr durch Schein hintergangen zu werden; und es ist daher leicht zu begreifen, wie die Ontologie, welchewenn sie dergleichen unauflösbare Begriffe und Sätze enthalten müßtesollte enthält, die Sicherheit der Erkenntniß begründen würde. – Eben so: jebegründe. – Je weiter Zweifel getrieben werden:werden, jewerden, desto nöthiger wird es, um ihren Grund oder Ungrund zu entdecken, bis auf die einfachsten BegriffeBegriffe und solche Sätze zurück zu gehen, die keines weitern Beweises bedürfen, und die eben den Inhalt der Ontologie ausmachen sollten. – Und kommt es auf die Frage von Allgemeinheit Allgemeinheit eines Satzes an:an, so läßt sich diesie sich weder aus der InductionInductionInduction, noch aus der AnalogieAnalogie, sondern bloß aus allgemeinen Begriffen darthun, dergleichen die Ontologie entweder enthält oder unterstützt. – Gewiß ists auch kein geringer Vortheil, den man von dem Studium dieser Wissenschaft hat, daß man,man –man ohne ihre Kenntniß nicht nur Vielesvieles nicht verstehen noch beurtheilen kankann, was aus ihr in andre Wissenschaften, namentlich in die TheologieTheologie, übergetragen worden ist –ist; sondern daß man auch eine Menge sehr bestimmter Begriffe, Sätze und Ausdrücke kennen lernt, die, eben wegen derihrer Allgemeinheit, einen großengrossen Einfluß auf alle wissenschaftliche Kenntniß haben. 4998 186183. Zu verwundern ists indessen nicht, daß diese Wissenschaft so viele ungerechte Verachtung erfahren hat. Dennhat; dahat; denn keine Wissenschaft liegt von den gemeinnützigen Kenntnissen so weit entfernt liegt, und zieht sich so weit auf die einfachsten Begriffe und Sätze zurück zieht, als diese. Die wenigsten Menschen besitzen Fähigkeit oder Geduld genug,diese; da die Wenigsten sich bis zu diesen feinsten und ganz unsinnlichen Vorstellungen zu erheben. Und mancheManche Verehrer der OntologieOntologie aber habenerheben, Fähigkeit oder Geduld haben; und da manche ihrer Verehrer sich so sehr von anschauenden Vorstellungen entwöhnt;entwöhnt, haben sichentwöhnt, und, ohne sich um die Zwischenursachen zwischen diesen abgezogensten Sätzen und den sinnlichsten Erscheinungen, oder um andreandere Gegenstände der menschlichen Erkenntniß so wenig bekümmert;zu bekümmern, die grosse Lücke zwischen beyderley Gegenständen übersprungen, oder gar sich im Stande zu seyn eingebildet haben, über Allesalles zu entscheiden, weil sie sich im Besitz einer ErkenntnißErkenntniß der allgemeinen Beschaffenheit aller Dinge zu seyn glaubten; oder sie haben in dieser Wissenschaft so Vielesvieles zu leisten übernommen, was sie weder wirklich leisteten, noch zu leisten vermochten, daß hinterher diesedie Wissenschaft selbst das entgelten mußte, was nur ihre Verehrer verschuldet hatten *).hatten. *) So wahr es indessen ist, daß man sich nirgends leichter, als bey dieser Wissenschaftauf diesem Gebiet, glaubten. Die Verachtung dieser Thoren berechtigt uns zu keiner Ungerechtigkeit gegen die Wissenschaft selbst. 184. Wahr ists, man kan sich leicht in unfruchtbare Untersuchungen verlieren kankann, wenn man entweder zu wenig Sachen kennt,kennt und zu wenig Stoff hat, aus welchen sich das AllgemeineGeistige abziehen läßt, oder nicht die Gränzen wahrnimmt, wo der menschliche Verstand stillestill stehen muß:muß; so hängt dochmuß. Aber, wenn von der fortgesetzten ZergliederungZergliederung gewisser Begriffe oder Sätze unsre GemüthsruheGemüthsruhe, oder die weitreweitere Entdeckung der Wahrheit so sehr ab, und der rastlose TriebTrieb denkender MenschenMenschen, über die GräntzenGränzen des Sinnlichen hinaus zu gehngehen, ist ihnen so wenig umsonst gegeben, daß selbst die Befriedigung dieses Triebes ihnen die PflichtPflicht auferlegt, wenigstens zu versuchen, wie weit der menschliche Geist in das Gebiet übersinnlicher Dinge eindringen könne, ohne die ihm von der Natur gesetzten Gränzen zu überschreiten.abhängt; und wenn wir sowohl Fähigkeit als Data genug zur Untersuchung haben; wenn man zugleich immer die Regeln befolgt, die weiter unten über das vorsichtige und bescheidene Studium der Philosophie gegeben werden sollen: warum soll es unnütz und nicht sogar Pflicht seyn, auch die Begriffe und Sätze bey unsern Untersuchungen bis zu den ersten Grundstoffe, wohin wir dringen können, zu verfolgen? Anm. Anmerkung *) Ob die Vorwürfe, welche Kant, Immanuel Kants Kant's Kritik der reinen Vernunft den bisherigen Versuchen der Ontologen und Metaphysiker gemacht hat, gegründet sind, und ob ihm sein Versuch in einer so höchst nöthigen Wissenschaft, wie diese Kritik, als PropädevtikPropädeutik der Philosophie, seyn soll, besser gelungen seysei, darüber hier urtheilen zu wollen, würde ganz und gar dem ZweckZwecke des gegenwärtigen Buchs nicht angemessen seyn, wo alles dieses nur braucht historisch angegeben zu werden.werden kann. {Daß der unstreitig viel zu sichere Glaube der Vorzeit an die Lehrsätze der Ontologie, und überhaupt die Metaphysik, durch die Kant, Immanuel Kantsche Kritik sehr gemäßigt ist, ist unläugbar, und die Zweifel daran gehen wenigstens nicht bei Allen von Verachtung oder Unbekanntschaft mit ihrem Inhalt aus. A. d. H.Anmerkung des Herausgebers} Ob die Vorwürfe, welche Kants Kritik der reinen Vernunft […] würde ganz und gar dem Zweck des gegenwärtigen Buchs nicht angemessen seyn Vgl. Vorrede b [XIVf.]. 5034 187.Die übrigen dreydrei Wissenschaften, welche §. 184 184. zur theoretischen Philosophie gerechnet wurden, und darin mit einander übereinkommen, daß sie sich nicht mit Begriffen von Dingen überhaupt, sondern mit Begriffen von besondern Dingen beschäftigen, bekommen eine ganz andere Gestalt, je nachdem man diese Theile der Philosophie entweder zu strengen Wissenschaften erheben, d. i.das ist nur reine AnschauungenAnschauungen, BegriffeBegriffe und Sätze darin aufnehmen, oder oder auch mit auf ErfahrungenErfahrungen und Erfahrungssätze bauen will (§. 176 176. ). – In jenem jenem Fall laßen sich vierhier verschiedene Wissenschaften denken. Denn entweder sind die Gegenstände dieser Wissenschaften Dinge, welche können wahrgenommen oder erfahren werden,werden können (sie sind uns, um mit Kant, Immanuel Kant Kant zu reden, immanent, und gleichsam einheimisch), oder sie können dies gar nicht, sondern gehen über alle uns mögliche Erfahrung hinaus,hinaus (sie sind transscendent). – Im erstern Fall bauet man nicht etwa auf Erfahrung,Erfahrung (denn so wären es ja nicht reine Begriffe), man nimmt nur aus dieser Erfahrung einen Gegenstand des äussernäußeren oder innerninneren Sinnes, mit dessen Untersuchung sich die Wissenschaft beschäftigt, ohne noch etwas Mehreres ausseraußer den bloßen Begriff, aus der Erfahrung zu entlehnen. Und da allesAlles, was wir durch Erfahrung kennen, entweder Materie, etwas Ausgedehntes, oder Geist, etwas Denkendes, ist, und jenes, d. i.das ist die körperliche Natur, durch die äussernäußeren Sinne erkannt wird, dieses aber, nemlichnämlich die denkende Natur, durch innern Sinn: so entsteht eine Wissenschaft der körperlichen Natur, d. i.das ist die Physik Physik, oder vielmehr rationale Physik, oder metaphysische Naturwissenschaft, und eine andere Wissenschaft der denkenden Natur, d. i.das ist rationale Pnevmatologie Pneumatologie , worunter die Wissenschaft unsrer unserer denkenden Natur, oder unsrerunserer SeeleSeele, unter dem Namen der rationalen rationale Psychologie Psychologie, mit begriffen ist. – Wenn hingegen, in dem vorhinerwähnten zweyten zweiten Fall, der besondrebesondere Gegenstand, der in der Metaphysik untersucht werden soll, ausseraußer den Gränzen aller Erfahrung liegt:liegt, so begreift dieser zum Grunde liegende Begriff entweder Alles, was sich als existirend denken läßt, als ein Ganzes betrachtet, das man daher das Universum oder die Welt nennt, oder das Wesen, welches man sich als den absoluten Grund der Welt denkt. Jene Wissenschaft würde die Kosmologie Kosmologie oder transscendentale transcendentale Welterkenntniß; diese, die rationale Theologie, oder transscendental transscendentale GotteserkenntnißGotteserkenntniß seyn. Anm. Anmerkung So findet man überhaupt die Begriffe von dieser Wissenschaft in Kant, Immanuel Kants Kant's Kritik der reinen Vernunft geordnet S.Seite 873 f.folgend, womit noch seine Vorrede zu den metaphysischen Anfangsgründen der Naturwissenschaft, Riga 1786. gr.groß 8. zu vergleichen ist; in welchem Buche selbst er einen Versuch gemacht hat, eine metaphysische Naturwissenschaft zu liefern, die keinesweges mit dem zu verwechseln ist, was man gewöhnlich Physik nennt, als welche Erfahrungsbegriffe und dergleichen Gesetze aufnimmt. – Uebrigens zeigt §. 170 170. , warum wir in dem Folgenden auch die metaphysische Naturwissenschaft übergehen. {Auch sehe man Bendavid, Lazarus L. Bendavids VorlesungenüberVorlesungen über die metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft. Wien 1789. Schelling, Friedrich Wilhelm Joseph von F. M. J. Schelling's Ideen zu einer Philosophie der Natur, 2 Theile. Leipzig 1797. Bouterwek, Friedrich F. Bouterweck Anleitung zur Philosophie der Naturwissenschaft. Göttingen 1803.} Kants Kritik der reinen Vernunft Gemeint ist die zweite Auflage aus dem Jahr 1787 (vgl. I § 167; I § 176). L. Bendavids Vorlesungen über die metaphysischen Anfangsgründe der Naturwissenschaft. Wien 1789 Die Vorlesungen des jüdischen Philosophen und Mathematikers Lazarus Bendavid (1762–1832) sind 1798 erschienen. F. M. J. Schelling's Ideen zu einer Philosophie der Natur, 2 Theile. Leipzig 1797 Dieses Werk stammt von Friedrich Wilhelm Joseph von Schelling (1775–1854). 188.So wahr es indessen ist, daß nur reine Philosophie eine eigentliche strenge Wissenschaft giebt, und so nützlich es daher bleibt, wenn man Wissenschaften in einem weitern Verstande so abhandelt, daß der bloß reine Theil derselben von dem Theile abgesondert werde, der empyrischeempirische empirische Kenntnisse zu Hülfe nehmen muß: so würde doch der Inhalt der Philosophie alsdann, wenn man ihn nur auf reine Kenntnisse einschränken wollte, gar zu dürftig seyn, und für das menschliche LebenLeben zu wenig brauchbar werden (§. 169 169. ); und wohin anders sollte man den reichen Schatz von Kenntnissen, den uns die ErfahrungErfahrung über die Natur darbietet, schlagen, als zur Philosophie? Wir werden also im Folgenden auch immer dieses Empirisches EmpyrischeEmpirische Empirische mit zu den einzelnen Theilen der Philosophie rechnen. Anm. Anmerkung Ich gestehe, daß ich in dem, was §. 183–188. über den Inhalt der Philosophie und der Beziehung ihrer Theile enthalten ist, dem Ideengange des Verfassers nicht überall habe folgen können. Um so weniger aber möchte ich mir erlauben, hierin etwas abzuändern. A. d. H.Anmerkung des Herausgebers Ich gestehe, daß ich in dem, was §. 183–188. […] hierin etwas abzuändern. A. d. H. Vgl. I Vorrede c Hg. [IVf.]. 5077
1895112.

Weil in der Philosophie über unsreunsere SeeleSeele und über GottGott Vieles5113 nicht recht deutlich erklärt werden kan5115, wenn nicht der Begriff von der Welt, (d. i.)das ist 5116 dem Inbegriff5117 aller zu einem Ganzen vereinigten endlichen Dinge, die wirklich sind oder seyn könten5118, vorher entwickelt ist, und ihre Eigenschaften und Gesetze bestimmt sind: so fand Wolf für gut, dieses in eine besondere Wissenschaft zu ziehen, die daher den Namen5119 der allgemeinen Kosmologie bekam, weil sie das, was allen Welten gemein seyn muß, und nicht5120 wie die besondere Kosmologie, nur das, was wir aus Beobachtung der wirklichen Welt erkennen, enthalten sollte. Ihr Nutzen ergiebt sich aus ihrem Verhältniß gegen die eben genannten beyden5121 Theile [219] der Metaphysik von Gott5122 und der Seele des Menschen5123.

[174] 1905124.

Einen viel weit reichendern5125 Nutzen würde die Seelenlehre (Psychologie) selbst haben, da sich5126 kein Theil der theoretischen Philosophie 5127 unsern Bedürfnissen näher andringt5128 als sie 5129. Zu ihrer Kenntniß kan5130 man auf zwey5131 Wegen gelangen. Man kan5132 zuerst die verschiedenen Veränderungen in der Seele beobachten, diese Beobachtungen sammlen5133, mit [198] einander vergleichen, dadurch deutliche Begriffe davon gewinnen, ihre Kräfte, oder vielmehr die verschiednen5134 Arten, wie5135 sich die einzige Kraft der Seele äussert5136, und die allgemeinen Gesetze zu entdecken suchen, nach welchen unsre5137 Seele bey5138 jeder Art ihrer Wirkungen verfährt. So entstünde eine Naturgeschichte der Seele, welche man die empyrische empirische 5139 Seelenlehre nennt, weil sie aus der Erfahrung 5140 geschöpft worden ist. Hätte man jene Kräfte und Gesetze entdeckt, und gefunden, daß sich alle wahrgenommene verschiedene Kräfte derselben auf die einzige Vorstellungskraft zurückbringen laßen5141: so könnte man hernach wieder aus diesem Begriff und den entdeckten Gesetzen, nach welchen sie verfährt, neue Entdeckungen über die Seele herleiten,5142 und daraus eine Wissenschaft bilden, welche den Namen5143 der wissenschaftlichen oder erklärenden Seelenlehre (Psychologiae5144 rationalis) bekommt.

Unsre Anm. Anmerkung Unsere Seele, die Vollkommenheit ihrer Kräfte,Kräfte und ihre Veränderungen hängen, nach allen unsern Wahrnehmungen, so sehr von unserm Körper ab, daß ohne Kenntniß dieses Letztern keine rechte und zuverläßigezuverlässige Erklärung dessen, was in unsrerunserer Seele vorgeht, möglich ist. Verbände man daher diese Kenntniß des Körpers, so weit sie zur Aufklärung der Erscheinungen in unsrerunserer Seele dient, mit der Psychologie, so würde daraus eine Wissenschaft entstehen können, die den Namen einer philosophischen (theoretischen) Anthropologie eher verdiente, als die empyrische empirische empirische Psychologie, welche einigeEinige mit diesem Namen belegen. Ein treflichertrefflicher Versuch davon ist Platner, Ernst Ernst Platners Platner's Neue Anthropologie für Aerzte und Weltweise, wovon leider nur der erste BandBand, Leipzig 1790 in1790. gr.groß 8. erschienen ist. {Außerdem verdienen verglichen zu werden: Ith, Johannes Samuel J. Ith's Versuch einer Anthropologie oder Philosophie des Menschen nach seinen körperlichen Anlagen, 2 Theile. Bern 1794. Kant, Immanuel I. Kant's Anthropologie in pragmatischer Hinsicht. Königsberg 1800. Bernoulli, Christoph Bernoulli Grundriß der Naturlehre des erwachsenen Menschen, nach den neuern Ansichten, 2 Theile. Halle 1804. Wezel, Johann Carl J. K. Wetzel Versuch über die Kenntniß des Menschen, 2 Theile. Leipzig 1784–1785. Cabanis, Pierre Jean Georges J. G. Cabanis über die Verbindung des Physischen und Moralischen im Menschen. Aus dem Französischen von Jakob, Ludwig Heinrich von Jakob, 2 Theile. Halle 1804.} 5145
1915160.

Die Glückseligkeit des Menschen beruht auf der Kenntniß seiner selbst, seiner Kräfte, des Verhält[175]nisses andrer5161 Dinge gegen ihn, und der nützlichen oder schädlichen Wirkungen, welche aus dem verschiednen5162 Gebrauch seiner Kräfte und dem Einfluß andrer5163 Dinge auf ihn5164 entstehen. Diese Kenntniß belehrt ihn über das, was er zu seinem Besten vermag oder nicht; über seine Mängel und Fehler; über seine Fähigkeiten und Vorzüge; und5165 die Mittel jenen vorzubauen, sie zu heben, zu vermindern oder ihnen doch die unschädlichste und vortheilhafteste Richtung zu geben, seine Fähigkeiten hingegen zu verstärken, wirksamer zu machen, und sie zur Erreichung seiner höchst möglichsten Vollkommenheit zu lenken; über den [221] WerthWerth5166 aller Dinge für ihn, der anders nicht als nach ihrem mehrern oder mindern Einfluß auf seine Glückseligkeit bestimmt werden kan5167; endlich über die Mittel, alles ausser5168 sich zu seinem Besten zu verwenden. –5169 Alle unsre5170 Kenntniß der Wahrheit und der wirklichen Beschaffenheit der Dinge sowohl, als die Verschiedenheit des [200] Grades von Deutlichkeit, Gewißheit und Wirksamkeit gewisser Begriffe und Sätze, gründet sich auf die besondre5171 Beschaffenheit unsrer5172 Seele, auf die Gesetze unsers5173 Denkens und Wollens, und auf die größere5174 oder geringere Fähigkeit, nach demselben5175 unsre5176 Seelenkräfte zu gebrauchen. In so fern5177 hängen alle theoretische und praktische Wissenschaften von nichts so sehr ab, als von der rechten Bekanntschaft mit unsrer5178 Seele; diejenigen am meisten, die sich mit dem Menschen und dessen Regierung, mit Beförderung seiner Gemüthsruhe und seiner Besserung beschäftigen. –5179 Für den Lehrer der Religion insbesondre5180, der eben durch die Religion Andre5181, [176] ihren Fähigkeiten und Bedürfnissen nach, aufs weiseste leiten soll, ist sie ganz vorzüglich nöthig, wenn er diese wohlthätige Absicht, wozu er arbeiten muß, erreichen will.

1925182.

Um so mehr muß man stets darnach trachten, die Schwierigkeiten zu überwinden, die sich bey5183 Erforschung der menschlichen Seele in den Weg legen, und eben deswegen sie auch kennen zu lernen suchen; zumal51845185 da der Mensch gemeiniglich in dem Wahn steht, nichts besser als sich selbst zu [222] kennen, –5186 da die Einbildung, ein Menschenkenner zu seyn, immer weiter,5187 und am meisten bey5188 denen um sich greift, die sichs bewußt sind,5189 daß sie wenig Kenntniß der Dinge ausser5190 den Menschen besitzen, –5191 und da5192 die, welche am ersten Gelegenheit und Aufforderung hätten, Menschen kennen zu lernen, (d. i.)das ist die, welche sich mit dem praktischen Leben und mit gleich anwendbaren Untersuchungen beschäftigen, mehrentheils nicht die Geduld haben, erst die Erfahrungen zu zergliedern oder zu läutern, und zu sehr gewohnt sind, Alles5193, was sie beobachtet haben, gleich anzuwenden, als daß sie [201] sich nicht mit oben abgeschöpften, einseitigen und halbwahren Beobachtungen begnügen sollten.

1935194.

Diese Schwierigkeiten zeigen sich entweder bey5195 der Beobachtung selbst, oder bey5196 ihrer Ent[177]wickelung und Anwendung. Zu jener Art gehört unter andern: –5197 daß entweder gewisse Veränderungen unsrer5198 Seele zu selten und zu unerwartet sind, als daß man sie anhaltend und wiederholt beobachten könnte, zumal da sie eben wegen des Ausserordentlichen5199 mehr betäuben, als ein stilles und bedächtiges Anschauen erlauben, oder zu gewöhnlich, als daß sie unsre5200 Aufmerksamkeit genug reitzten; –5201 daß viele Veränderungen und Zustände unsrer5202 Seele sich kaum beobachten laßen5203, weil es uns entweder zu der Zeit, wo sie vorgehen und da sind, am Bewußtseyn, wenigstens am deutlichen Bewußtseyn, fehlt,5204 oder weil sie so [223] schnell auf einander folgen, vorübergehn5205, und unter einander abwechseln, daß man sie nicht genug festfassen kan5206, oder weil selbst durch die angestrengte Aufmerksamkeit ihr Zusammenhang oder doch die Bemerkung desselben unterbrochen wird; –5207 daß insbesondre5208 die dunkeln Vorstellungen der Seele, und alle dadurch bestimmte Neigungen und Abweichungen, sowohl als ihr Zusammenhang mit dem Körper, so ganz oder zum Theil im Dunkeln liegen, und eine so unsichtbare Gewalt über andere Vorstellungen ausüben, daß sich weder sie selbst, noch ihr Zusammenfluß, noch ihre wechselseitig mitgetheilte Stärke, noch die Gesetze, wonach die Seele dabey5209 wirkt, entdecken laßenlassen; –5210 daß endlich bey5212 den Veränderungen der Seele so viele und oft ganz kleine und unmerkbare Ursachen zusammen kommen und in einander fließen5213, die sich unserm Blick entziehen, und die keine Scheidungskunst völlig sondern kan5214.

[178] [202] 1945215.

Ließe5216 sich aber auch dieses aufs Reine bringen, und man hätte allen Stoff von Wahrnehmungen beysammen5217, der nur noch verarbeitet, und denn5218 gebraucht werden dürfte: so würden wieder bey5219 dieser Behandlung des Gesammleten5220 neue Schwierigkeiten entstehen. –5221 Sind uns 5222 alle bey5223 einer Veränderung der Seele zusammenstoßende Umstände, wenn wir sie auch kennen gelernt hätten, bey5224 der einzelnen5225 Betrachtung und bey5226 der nachmaligen Wiederzusammensetzung gleich gegenwärtig?5227 selbst nach ihrem Unterschied, nach ih[224]rem wechselseitigen Einfluß, nach ihrem eingeschränkten Beytrag5228 zur Hervorbringung einer bestimmten Wirkung? und laßenlassen 5229 sich die einzelnen5231 verschlungenen Fäden so aus einander wickeln, daß nicht dadurch das Ganze zerrissen, oder die Einsicht in die Totalwirkung vertilgt wird? –5232 Läßt sich 5233 da, wo alles5234 nach mechanischen Gesetzen zu erfolgen scheint, und nichts von der eignen5235 Mitwirkung der Seele bemerkt wird, auch die Thätigkeit der Seele dabey leugnen? –5236 Läßt sich 5237 auch bey5238 einer Menge von gleichscheinenden Fällen abnehmen, was bey5239 den Ursachen und Wirkungen einer Veränderung wesentlich, und was bloß zufällig sey? –5240 wie weit man allgemeine5241 Schlüsse daraus ziehen könne?

1955242.

Mit alle dem müssen uns5243 diese Schwierigkeiten 5244 nicht muthlos machen; es ist doch ein großer5245 Gewinnst5246, wonach wir ringen, und schon der bisherige, [179] selbst die Erwartung bey5247 so großen5248 Schwierigkeiten übersteigende,5249 glückliche Fortgang solcher Untersuchungen5250 muß uns ermuntern. Je mehr man der5251 Natur auflauren5252, und ihr bey verschiednen5253 Menschen, in sehr verschiednen5254 Lagen, besonders in noch [203] ungebildeten Kinderseelen, nachspüren wird; je mehr der Reichthum, die Bestimmtheit und die wirklich philosophische Behandlung der Wissenschaften überhaupt, besonders der PhysiologiePhysiologie5255, der VernunftlehreVernunftlehre5256, und, was hier am meisten übersehen wird, der Sprachen5257 und ihrer allmähligen Bildung, zunehmen wird; je [225] mehr die, welche sich mit Menschenkenntniß abgeben wollen, sich zur anhaltenden Aufmerksamkeit, zur langsamen, bedächtigen und geduldigen Untersuchung sowohl, als zur Vorsichtigkeit5258 und Bescheidenheit gewöhnen; und je mehrere5259 auf diese Art an der Erweiterung der Seelenlehre arbeiten: je ein5260 weiteres Feld wird sie gewinnen, und je5261 sicherer ihr Eigenthum werden.

1965262.

Ein guter Theil der Mängel und Schwierigkeiten in der Seelenlehre kan5263 durch die Art der Behandlung gehoben werden, die in der erklärenden Psychologie (§. 190 5264) herrscht, und diese dadurch von der empyrischenempirischen 5265 unterscheidet. Denn da sie die Veränderungen der Seele aus dem mit Hülfe ontologischer Grundsätze entdeckten Begriff5266 der Seele und den Gesetzen der Vorstellungskraft erklärt:5267 so ersetzt sie nicht nur die Kenntnisse, die sich nicht aus der Erfahrung ableiten laßen,5268 (z. B.)zum Beispiel [180] die, welche ihr künftiges Schicksal betreffen: sondern sie setzt auch das, was die Beobachtung entdeckt, mehr ausser5269 Zweifel, bestimmt die Allgemeinheit desselben, und bringt5270 dadurch die Seelenlehre einer eigentlichen5271 Wissenschaft näher5272. Freylich5273 ist selbst der Begriff5274 der Seele erst aus Beobachtungen abgeleitet, und es läßt sich nichts bearbeiten, wo kein Stoff dazu vorhanden ist, den die Beobachtung giebt; es läßt sich auch nicht leugnen5275, daß man diese letztre5276, zumal ehedem, zu wenig [204] brauchte, und daß man leicht in Versuchung kommen kan5277, das, was an bewährten [226] Grundsätzen abgeht, durch Hypothesen zu ersetzen, oder die große5278 Kluft zwischen den höhern Grundsätzen und einzelnen5279 Veränderungen der Seele zu überspringen. Aber diese Fehler sind doch vermeidlich, die wohlthätige Einschränkung und Leitung der Phantasie durch jene höhere Grundsätze doch unleugbar5280, und die Verbindung der Beobachtung mit deren Läuterung durch allgemeine Grundsätze kan5281 nicht anders als beyden5282 sehr vortheilhaft seyn.

1,
197.Unter allen GeisterGeistern oder denkenden Wesen ist doch keines, ausserkeines {außer uns selbstselbst}, dessen Erkenntniß so viel Anziehendes hätte, und zu dessen Untersuchung, ob und was es sey?sei, vornehmlich ob und in welcher Verbindung es mit uns stehe? unsrestehe, unsere Vernunft von jeher ein so dringendes Bedürfniß fühlteBedürfniß, ein so hohes Interesse gefühlt hätte, als der allervollkommenste Geist allervollkommenste Geist , den wir uns untermit dem Namen Gott Gottes vorstellenbezeichnen. Es ist einem jeden Menschen, der über sich, sein Schicksal und sein Verhalten nachdenkt, und, vermöge des Dranges, den er als ein vernünftiges Wesen fühlt, nie eher zu ruhen, als bis er dahin gekommen ist, wo ihm keine Frage nach dem Grundeden Grund der Dinge mehr dringend scheint, einem solchen, sag' ich, istszu erforschen, natürlich, mit seinen Untersuchungen bis auf irgend ein Wesen fort zu gehen, beyfortzugehen, bei dem seine Vernunft mit Fragen still stehenstillstehen muß, beybei dem er voraussetzen kankann, daß es nicht wieder von einem andern Wesen abhänge, sondern schlechthin der Grund von allen andern wirklichen Wesen seysei, und daß es solche Eigenschaften habe, ohne deren Voraussetzung sich die Eigenschaften und Veränderungen, die er an sich und in der Welt wahrnimmt, nicht befriedigend erklären laßenlassen. Diese Vorstellung von Gott, die allein ihn in Absicht auf seine vernünftige Erkenntniß Erkenntniß befriedigt, hat eben so natürlich ein großes Interesse für ihn, und wirkt auf seinen Wille Willen. Er sieht bald ein, daß zum Theil seine GlückseligkeitGlückseligkeit in seiner Gewalt stehe; in so ferninsofern ihm seine VernunftVernunft gewisse Gesetze zu erkennen giebt, nach welchen er handeln soll, und denen er auch gemäß zu handelnzuhandeln für nothwendig (für seine Pflicht Pflicht) erkennt; in so ferninsofern er eben sowohl ihnen folgen, als das Gegentheil thun kan kann (d. i.das ist frey frei ist); und in so ferninsofern er, wenn er ihnen folgt, gewiß wohl, und, wenn ers nicht thut, übel fährt. Er findet aber eben sowohlnicht minder, daß er nicht ganz Herr über seine Glückseligkeit seysei, da diese so oft von den Umständen abhängt, die er nicht ändern kankann, sondern sie nehmen muß, wie sie sind. In dieser letztern Hinsicht ist es dem Menschen gar nicht gleichgültig, ob das, was in der Welt vorgeht, und besonders sein Schicksal, vom bloßen Zufall, oder von Nothwendigkeit, gegen welches beydesBeides Vernunft und Gefühl eines freyenfreien Willens so laut spricht, oder von einem eben so höchst weisen und gütigen als allmächtigen Wesen abhängt. Eben so wenig ist es ihm gleichgültig, in Rücksicht auf das erstre Erstere , ob, beybei der Einsicht seiner Pflicht und dem DrangDrange dazu, Pflicht und Glückseligkeit in stetem richtigen Verhältniß stehe, oder nicht; ob, beyob bei dem, oft wenigstens scheinbaren, Widerspruch der Pflicht und Glückseligkeit, jene durchaus zu befolgen, und beybei aller alsdann nothwendigen Aufopferung gewisser Ersatz zu hoffen seysei; ob beybei den unzählichenunzähligen Hindernissen der Befolgung unsrer Pflicht und den mannichfaltigenmannigfaltigen Reitzen, ihr untreu zu werden, durchaus hinlängliche Bewegungsgründe zur Tugend vorhanden sind, wenn wir fürchten müssen, daß unsreunsere ganze Existenz nur auf dieses Leben eingeschränkt seysei, und nicht versichert seyn können, daß es ein über alle Veränderungen der WeltWelt waltendes Wesen gebe, welches auch da, wo es nicht scheint, ganz gewiß für die stete Verknüpfung unsres Wohls mit der Ausübung unsrer Pflicht sorgen werde. 198.Dieses Gefühl der BedürfnisseBedürfnisse unsrerunserer Seele, wenn es auch mehr geahndet als erkannt wurde, mehr auf dunkeln oder verwirrten als auf entwickelten Vorstellungen beruhete, hat den nachdenkenden Menschen immerzu allen Zeiten gedrungen, an eine GottheitGottheit zu glauben, und, beybei reifer gewordnengewordener Vernunft, Gründe aufzusuchen, sich zu überzeugen, daß ein solches Wesen vorhanden seysei, und die Eigenschaften haben müsse, ohne welche sich weder die Erscheinungen und Veränderungen in der Welt erklären ließen, noch eine wahre Beruhigung wegen unsersunseres Schicksals, und eine durchgängige RechtschaffenheitRechtschaffenheit in Gesinnungen und Handlungen Statt fände. Dadurch ist nach und nach die Wissenschaft entstanden, die man mit dem Namen der natürlichen oder Vernunft-Theologie Vernunft-Theologie belegt, so fernsofern sie bloß aus der Natur, und nicht aus einer sogenannten nähern OffenbarungOffenbarung der Gottheit selbst geschöpft wird. Soll die letztere eine sichere Quelle der Erkenntniß des höchsten Wesens für uns seyn:seyn, so müssen wir doch erst zuverläßigzuverlässig wissen, daß dasjenige, was wir für offenbart halten, wirklich von Gott geoffenbart sey,sei; daß es nicht nur dem, was wir aus der Natur von Gott wissen, nicht widerspreche, sondern dem auch gemäß seysei. Wer also die natürliche Erkenntniß Gottes heruntersetzt und verdächtig macht, oder dagegen gleichgültig ist, der untergräbt ohne sein Denken selbst die ZuverläßigkeitZuverlässigkeit der Offenbarung, oder beraubt sich oder AndreAndere, wenigstens da, wo es zweifelhaft wird, ob etwas eine göttliche Offenbarung seysei, oder ob sie eine gewisse Entscheidung enthalte, der so nöthigen GewißheitGewißheit von der Erkenntniß Gottes. DiesDieß und was §. 197 197. gesagt worden ist, setzt die Nothwendigkeit der natürlichen Theologie und ihres sorgfältigen Studiums ausseraußer allem Zweifel. Anm. Anmerkung Je einleuchtender das ist, was über die Unentbehrlichkeit der Anwendung der Vernunft, zur Prüfung der Offenbarung gesagt ist, wenn nicht jede Schwärmerei uns als Offenbarung Gottes aufgedrungen werden soll, desto unbegreiflicher ist es, wie noch immer Bestreitungen und fast Bestürmungen der Vernunft versucht werden können, wobei man sich mit sich selbst in unaufhörliche Widersprüche verwickelt. Es ist ja ganz etwas anders, die Gränzen der Vernunft anerkennen, und die Aussprüche der Vernunft innerhalb ihrer Gränzen achten, und überhaupt jemandem zumuthen, das für gewiß zu halten, was er nicht entweder mit seiner Vernunft fassen, oder in seiner Vernunft überzeugende Gründe finden kann, es für glaubwürdig zu halten. Die bloße Ahndung, von welchen bei manchen neueren philosophischen (z. B.zum Beispiel Fries, Jakob Friedrich Frieß ) und theologischen Schriftstellern (z. B.zum Beispiel De Wette, Wilhelm Martin Leberecht de Wette ) die Rede ist, kann, meinem Bedünken nach, nie in die Reihe der Erkenntnißquellen Erkenntniß quellen gestellt werden, wenn sie gleich auf Vermuthungen Vermuthungen und Wahrscheinlichkeiten Wahrscheinlichkeiten führen kann. A. d. H.Anmerkung des Herausgebers Frieß Der Herrnhuter und nachmalige Fichte-Schüler Jakob Friedrich Fries (1773–1843) wurde 1805 Professor für Philosophie und elementare Mathematik (später auch für Physik) in Heidelberg. 1816 nach Jena berufen und drei Jahre später zwangsemeritiert, hielt er ab 1824 wieder mathematische und physikalische und ab 1838 auch wieder philosophische Vorlesungen. Das Interesse an Fries' philosophischem Werk hat sich bis in die Gegenwart hinein gehalten, besonders hervorzuheben ist der zum philosophischen Prinzip erhobene, an Friedrich Schleiermacher (1768–1834) erinnernde Begriff der Ahndung (des Ewigen im Endlichen). Der an dieser Stelle im Hintergrund stehende Titel ist das in der zugehörigen Vorrede als „der exoterische Theil“ seiner Philosophie bezeichnete Werk Wissen, Glaube, Ahndung (1805). de Wette Wilhelm Martin Leberecht De Wette (1780–1849) zählt zu den literarisch produktivsten Theologen des 19. Jh.s und gilt als einer der letzten theologischen Universalgelehrten. Daneben ist er auch als Prediger und religiöser Schriftsteller hervorgetreten. Nach dem Schulbesuch in Weimar absolvierte De Wette Studium und Promotion in Jena und wurde 1807 zunächst Professor für Altes und Neues Testament in Heidelberg. Ab 1810 bekleidete er als Kollege Friedrich Schleiermachers (1768–1834) einen Lehrstuhl in Berlin, kehrte nach seiner Entlassung im Jahre 1819 – De Wette hatte einen Trostbrief an die Mutter des hingerichteten Mörders August von Kotzebues (1761–1819) verfasst – als Privatgelehrter nach Weimar zurück und nahm 1822 schließlich einen Ruf als Professor für Ethik und Praktische Theologie in Basel an. Bereits in Jena, dann aber auch in Heidelberg empfing De Wette wichtige Impulse von dem zuvor genannten Jakob Friedrich Fries, dessen Trias Wissen, Glaube und Ahndung entscheidenden Einfluss auf sein dogmatisches System hatte. 199.Wenn diese Erkenntniß Gottes den gedachten Nutzen erreichen, und unsern Bedürfnissen ein Genüge thun soll:soll, so muß sie nicht nur die UeberzeugungUeberzeugung gewähren, daß GottGott die Ursache der Welt und das seiner Natur nach nothwendige und ganz unabhängige Wesen, sondern daß er auch der höchste Geist seysei, und den allervollkommensten Verstand und Willen besitze. Jene Theologie, die Gott nur als Weltursache Weltursache betrachtet, nennt Kant, Immanuel Kant (Crit.(Krit. der R. V.rein. Vern. S.Seite 660) transscendentale Theologie, weil darin nur reine Vernunft zum Grund gelegt wird, es seysei, daß die Ueberzeugung auf den bloßen BegriffBegriff des möglichen allerrealsten Wesens (auf OntologieOntologie), oder auch auf ErfahrungErfahrung überhaupt von irgend etwas Existirenden (meinerExistirendem (unserer selbst oder der Welt) gebaut werde (auf KosmologieKosmologie). Diese hingegen, die einen Welturheber Welturheber und Regierer aufsucht, heißt beybei ihm natürliche Theologie (also in einem engern Verstande), und würde sich von jener darin unterscheiden, daß dabeydabei schon der Begriff von einem Geiste oder denkenden Wesen vorausgesetzt werdewird, den wir nur aus der Erfahrung von uns selbst näher angeben, und also erst aus eigner Erfahrung schließen können, wie die Gott beygelegtenbeigelegten VollkommenheitenVollkommenheiten, nach der Analogie mit uns, mit Absonderung aller Einschränkung, näher bestimmt werden müssen. Sie bauet also unsreunsere Ueberzeugung und Kenntniß von Gott auf die Kenntniß unsrer eignenunserer eigenen NaturNatur, und, da wir beybei uns dasjenige, was da ist, von dem, was da seyn soll (§. 183 183. ), oder eigentliche Natur und Freyheit Freyheit Freiheit , unterscheiden können, so schließt sie aus beydenbeiden, also aus Psychologie und Moral, sowohl auf die Existenz als auf die Beschaffenheit Gottes. So fernSofern sie Gott als den vorstellt, auf welchem alle natürliche Vollkommenheit unsrer selbst und der Welt beruht, nennt sie Kant, Immanuel Kant Physicotheologie Physicotheologie, so fern Kant die Physicotheologie; sofern sie ihn aber als den Grund aller sittlichen Vollkommenheit darstellt, Moraltheologie Moraltheologie, die mit theologischer Moral nicht zu verwechseln ist,ist (welche Gott als Weltregierer voraussetzt), sondern sein Daseyn und die Kenntniß seiner Eigenschaften auf sittliche Gesetze gründet. – Anm. Anmerkung Die Physicotheologie, welche aus dem Daseyn und der Vollkommenheit der Welt auf das Daseyn und die Vollkommenheiten, und die Teleologie, welche von der Zweckmäßigkeit ihrer Einrichtung besonders auf die höchste Vernunft und Weisheit ihres Urhebers schließt, ist unter der ersten Benennung besonders vom Engländer Derham, William Derham , deutsch, Hamburg 1764., dann von dem Holländer Nieuwentijt, Bernard B. Nieuwentyt , deutsch von Segner, Johann Andreas von J. A. Segner , Jena 1747. 4., ferner französisch von Bonnet, Charles C. Bonnet in den Betrachtungen über die Natur, übers.übersetzt von Tietz, Johann Daniel Titins Titius , 5te Ausg.Ausgabe, Leipzig 1783., bearbeitet worden. In Deutschland gehören dahin die Schriften von Sander, Heinrich H. Sander über die Güte und Weisheit Gottes in der Natur, Zürich 1790. Ueber das Große und Schöne der Gottheit in der Natur, 2 Th.Theil, Leipz. 1791. Dieterich, Karl Friedrich K. F. Dieterich Schöpfung und Schöpfer, Erfurt 1788. Helmuth, Johann Heinrich J. G. Hellmuth Anleitung zur Kenntniß des großen Weltbaues. Braunschweig 1798. Manche dieser Schriftsteller haben nur den Fehler, daß sie sich in teleologischen Beobachtungen und Vermuthungen verlieren, und der Gottheit ihre oft sehr kleinlichen Ansichten unterlegen. A. d. H.Anmerkung des Herausgebers Crit. der R. V. D.i. die Kritik der reinen Vernunft (vgl. I § 178; I § 183), gemeint ist die zweite Auflage (vgl. I § 167; I § 176). Derham, deutsch, Hamburg 1764 Gemeint ist Johann Jakob Schwabes (1714–1784) Überarbeitung von William Derhams (1657–1735) Physico-Theologie oder Naturleitung zu Gott (1764), die ursprünglich von Christian Ludwig Wiener (geb. 1692) übersetzt und von Johann Albert Fabricius (1668–1736) zum Druck befördert wurde. Das häufig aufgelegte Original Physico-Theology, or, A Demonstration of the Being and Attributes of God from his Works of Creation (1713; 131768) galt als Standardwerk der theologia naturalis und ist in mehrere Sprachen übersetzt worden. B. Nieuwentyt, deutsch von J. A. Segner, Jena 1747 Gemeint ist die einflussreiche, von Johann Andreas Segner (1704–1777) übersetzte Schrift Rechter Gebrauch Der Welt-Betrachtung. Zur Erkentnis Der Macht, Weisheit und Güte Gottes, Auch Ueberzeugung Der Atheisten und Ungläubigen (1747) des niederländischen Philosophen und Mathematikers Bernard Nieuwentijt (1654–1718). Das Original Het regt gebruik der werelt beschouwingen, ter overtuiginge van ongodisten en ongelovigen aangetoont (1715) wurde auch ins Englische und Französische übersetzt und jeweils mehrfach aufgelegt. C. Bonnet in den Betrachtungen über die Natur, übers. von Titius, 5te Ausg., Leipzig 1783 Charles Bonnets (1720–1793) zweibändiges Werk Contemplation de la nature (1764) ist in mehreren Sprachen erschienen und wurde von Johann Daniel Tietz (Titius) (1729–1796) ins Deutsche übersetzt. Die Betrachtung über die Natur ist 1783 nicht in fünfter, sondern in vierter Auflage erschienen. H. Sander über die Güte und Weisheit Gottes in der Natur, Zürich 1790. Ueber das Große und Schöne der Gottheit in der Natur, 2 Th., Leipz. 1791 Heinrich Sanders (1754–1782) Von der Güte und Weisheit Gottes in der Natur ist in unterschiedlichen Auflagen in Karlsruhe bzw. Frankfurt/Leipzig erschienen. Zürich ist als Verlagsort nicht nachzuweisen. Wahrscheinlich ist hier die in Karlsruhe erschienene Zweitauflage aus dem Jahr 1780 gemeint, bisweilen wird in der Sekundärliteratur jedoch auch auf eine Ausgabe aus dem Jahr 1790 verwiesen. Außerdem dürfte Ueber das Grosse und Schöne in der Natur in zwei Bänden (Leipzig 1781/1782) gemeint sein. Dieses Werk ist 1784 in zweiter Auflage erschienen. J. G. Hellmuth Anleitung zur Kenntniß des großen Weltbaues. Braunschweig 1798 Die Erstauflage der Anleitung zur Kenntniß des großen Weltbaues für Frauenzimmer in freundschaftlichen Briefen des Theologen und Physikers Johann Heinrich Helmuth (1732–1813) stammt aus dem Jahr 1791, die Zweitauflage aus dem Jahr 1794. 200.In der natürlichen Theologie natürlichen Theologie im gewöhnlichsten Verstande (§. 198 198. ) werden alle diese verschiednenverschiedenen Arten, auf die Erkenntniß des Daseyns und der Eigenschaften Gottes zu kommen, mit einander verbunden. Dies ist auch nothwendig. Denn 1) die transscendentale Theologie, transscendentale Theologie (um uns, der Kürze wegen, dieses Ausdrucks zu bedienen) – gesetzt auch, daß diese eine wirklich apodiktischapodiktische Gewißheit mit sich führeführte, welches doch wenigstens bezweifelt, hier aberwiewohl hier nicht untersucht werden kankann – leitet doch nur auf die Wirklichkeit GottGottes und die ihm beyzulegendenbeizulegenden Eigenschaften überhaupt; es bedarf aber noch der Kenntniß unsrer selbst, um zu wissen, wie wir uns Gottes geistige Eigenschaften, in Vergleichung mit den unsrigen, vorstellen, und zur Erklärung der Beschaffenheit und Veränderungen in der Welt anwenden sollen (§. 199 199. ). Auch wird durch Hülfe der BeobachtungBeobachtung über uns selbst und die Dinge in der Welt, ihre Einrichtung und ihre Veränderungen, alle Erkenntniß und Ueberzeugung von Gott anschaulich, sonach wenigstens ihr Eindruck sehr verstärkt; und unsre Ueberzeugung praktisch, welches beybei einer solchen Kenntniß, wie die von Gott ist, die auch zu unserm rechten Betragen gegen Gott kräftig und wirksam seyn muß, höchst nöthig ist. Nicht zu gedenken, daß, weil nur Wenige im Stande sind, bloß speculative Vorstellungen zu fassen, und sich zu reinen Begriffen zu erheben, für diese und ihre Bedürfnisse durch reine Philosophie wenig oder gar nicht würde gesorgt werden. 2) Hinwiederum können strengere ontologische ontologische und kosmologische kosmologische Untersuchungen, neben denen, welche die ErfahrungErfahrung zu Hülfe nehmen, große Dienste thun. Denn,Denn wenn auch die Untersuchungen dieser Art wirklich nicht zu strengen Beweisen strengen Beweisen der Wirklichkeit und der Eigenschaften Gottes führen sollten:sollten, so zeigt doch eben dieselbe Kritik, welche diese Beweise als unbündig darstellt, damit auch, daß die vermeinten Gegenbeweise eben so unbündig und ungegründet sind, benimmt dadurch allen speculativen Gründen der Atheisten, Skeptiker etc. alle Kraft, und gründet zugleich die Sicherheit unsers Glaubens an Gott, dem die Gegner nicht nur nichts Vernünftigeres an die Seite stellen können, sondern auch, mit VerleugnungVerläugnung aller Vernunft, selbst alle Begriffe von SittlichkeitSittlichkeit aufgeben müssen. Ueber diesUeberdieß sind alle sogenannte natürliche Eigenschaften Gottes (im Unterschiede von den geistigen, und besonders von den moralischen), als Nothwendigkeit, Ewigkeit, Allmacht u. s. f.und so ferner u. s. f., solche Eigenschaften, welche selbst die reine Vernunft erkennen, und die Begriffe davon reinigen kankann, um alle BeymischungBeimischung der Unvollkommenheit eingeschränkter Wesen zu verhüten. Ja überhaupt kankann sie dieses in Absicht auf alle göttliche Eigenschaften, wenn erst deren Kenntniß anderswoher geleitet ist, wo sie alsdann nicht nur unsre Begriffe davon mehr verdeutlicht und berichtigt, sondern sie auch in einen größern Zusammenhang bringt, und dadurch die Ueberzeugung davon befestigt. 5295 201197. Was hier von der Nothwendigkeit gesagt ist, reine und ErfahrungserkenntnißErfahrungserkenntniß in dieser besondern Wissenschaft zu verbinden: diesverbinden, das gilt, auch ausseraußer derselben, von dem ganzen Bestreben nach der Kenntniß Gottes aus der Natur.Indessen muß man ja die andre Art, durch die Natur zur Erkenntniß Gottes zu gelangen (§. 185.), welche nicht aus vorausgesetzten nothwendigen Begriffen, oder durch keine nothwendige Schlüsse folgert, und nur eine moralische Gewißheit gewährt, besonders die Beweisarten aus der unleugbaren Ordnung und Absichten in der Natur, nicht nur nicht gering achten, sondern sie auch immer mehr aufzuklären und zu benutzen suchen. – Alle ErkenntnißErkenntniß ist doch nur in sofern recht nützlich, als sie uns mehr Kräfte und ErmunterungErmunterungen, Gutes zu thun und zufrieden zu seyn, giebt, und dadurch unsre und Andrer GlückseligkeitGlückseligkeit erweitert und befestigt; die Erkenntniß Gottes ist daher auch nur in dem Grade etwas werth, in welchem sie uns tiefe Ehrfurcht, herzliche Liebe, Vertrauen, Folgsamkeit gegen ihn, Eifer, ihn nachzuahmen,nachzuahmen ihm nachzuahmen und seine allezeit besten Absichten zu befördern, mittheilt. HiezuHierzu ist anschauende, lebhafte Erkenntniß nöthig; und jede Vorstellung, wenn sie gleich nur eine beredende Kraft hätte, und eine unvollendete GewißheitGewißheit erzeugte, vermehrtvermehrte doch die Stärke des Eindrucks, und muß uns schon deswegen nie gleichgültig seyn. – Diese Wirksamkeit der Erkenntniß kankann auch der Deutlichkeit und strengen Gewißheit mehrentheils entbehren, ja diese letztere beschäftigetbeschäftigt gemeiniglich die Aufmerksamkeit so sehr, und gewöhnt so sehr an Speculation oder dürre und nur auf eine entferntere Art nutzbare Untersuchungen, daß sie leicht Kälte gegen die Anwendung und gegen praktische Untersuchungen hervorbringt, und daher um so mehr nöthig hat, durch lebhafte Eindrücke erfrischt,erfrischt und in Verbindung mit der Thätigkeit erhalten zu werden. – Die Lebhaftigkeit der Erkenntniß giebt selbst, indem sie uns den Gedanken von Gott werther macht, mehr Reitz, tiefer einzudringen, und unsereunsre Ueberzeugung durch strengere Beweise zu befestigen,befestigen; und die GewohnheitGewohnheit, Gott überall, auch in seinen kleinsten Anstalten, gleich groß, gütig und weise zu finden, erhebt unsern Verstand und unser Herz zu einer ungewöhnlichen Stärke und Aehnlichkeit mit ihm. – Wollen wir vollends Allen Alles werden, und die seligen Eindrücke von Gott überall befördern:auch bei Andern befördern, so ist nicht nur dieser Weg, zur Erkenntniß Gottes zu führen, jedem, auchselbst von den gemeinsten Fähigkeiten, offen, sondern auf diesem kankann auch jeder am leichtesten, eindrücklichsten, und überall zur Ueberzeugung kommen, weil allesAlles, was ihn umgiebt, Gott und seine Eigenschaften verkündigt, und den Gedanken an Gott unmittelbar an das eigneeigene Interesse eines Jeden anknüpft, so wie ihm, wenn er sich nur erst einmal gewöhnt, allesAlles auf Gott zu beziehen, diese überall zu findenden SpurenSpuren Gottes sich mehr aufdringen, als erst mit Mühe aufgesucht zu werden brauchen. – brauchen. 198. Also studiere man mit allem Fleiß auch die sichtbare, jedem vor Augen liegende,liegende NaturNatur. Man studiere, recht eigentlich in dieser Absicht, dieNatur; man spüre der GeschichteGeschichte nach, in der sich,sich wenn man beybei den Veränderungen der Welt auf den Zusammenhang, die Ursachen und Folgen der DingeDinge, aufmerksam ist, so unverkennbare Spuren der göttlichen Vorsehung darbieten. ManFürsehung darbieten; man nehme so viele treflichetreffliche Bücher zu Hülfe, worin dergleichen Beobachtungen aus dem Reiche der Natur und der Geschichte gesammletgesammelt, und die GesichtspuncteGesichtspunkte angegeben wordenwerden, woraus diese Spuren am leichtesten zu bemerken sind, und der Uebergang von diesen Veränderungen zu dendem, der Alles regiert, erleichtert wird. – Lehrer der ReligionReligion sollten eben deswegen, weil diese ArtArt, Gott zu erkennenerkennen, die gemeinfaßlichste, gemeinnützigste, und zur Beförderung der praktischen Ueberzeugung nothwendigste ist, sie vorzüglich kennen lernen,lernen und brauchen. Siebrauchen; sie sollten aber auch, weil sie andreAndere selbst in der Gewißheit der Erkenntniß übertreffen, und sie eigentlich, was nur wenige AndreAndere können, auch scharfsinnigere und spitzfindige Zweifel aufzulösen im Stande seyn müßtenmüssen, die demonstrativere Erkenntniß von Gott, so viel sie es vermöchtenvermögen, in ihre Gewalt zu bekommen suchen. Anm. Anmerkung Hülfsmittel sind alle Schriften über natürliche Theologie überhaupt, und einzelne Materien derselben (Daseyn Gottes, Vorsehung, Unsterblichkeit), insonderheit. Mit Uebergehung der letztern, welche man in den vollständigen literarischen Werken, z. B.zum Beispiel Ersch, Johann Samuel Ersch Handbuch, Th.Theil 1. S.Seite 255 f.folgend, desgleichen der Bibliothek für Prediger, Th.Theil 1. S.Seite 325 und Th.Theil 4. S.Seite 184 nachgewiesen findet, bemerken wir unter den allgemeinen, außer Wolff, Christian von C. W. Wolf Theologia naturali methodo scientifica pertractata, P.Pars I. II. Francf. et Lips. 1736–1737. 4. Deutsch: Wolff, Christian von Wolf's natürliche Gottesgelahrtheit, über-übersetzt von Hagen, Gottlieb Friedrich H. E. H. , 5 Bände. Berlin 1742–45. Reimarus, Hermann Samuel H. S. Reimarus Abhandlung von den vornehmsten Wahrheiten der Religion, 6te Ausg.Ausgabe Hamburg 1791. Foster, James J. Forster's Betrachtungen über die vornehmsten Stücke der natürlichen Religion. Aus dem Englischen. 3 Bände. Leipzig 1751. Villaume, Peter Villaume , Philothee oder die ersten Lehren der Religion, 5 Theile. Berlin 1788. Heydenreich, Karl Heinrich K. H. Heydenreich Betrachtungen über die Philosophie der natürlichen Religion, 2 Bände. Leipzig 1790. 91. Auch von Jerusalem, Johann Friedrich Wilhelm Jerusalem's Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion, enthält der 1ste Theil bloß die Grundlehren der natürlichen Theologie. Allen Alles werden Vgl. 1Kor 9,22. Ersch Handbuch, Th. 1. S. 255 f. Zu Johann Samuel Erschs (1766–1828) Handbuch vgl. I § 196 c. Innerhalb des Abschnitts Philosophie (aaO 179–262) finden sich im ersten Band unter dem Unterpunkt Praktische Philosophie u.a. Schriften zur Religionsphilosophie und Moraltheologie (aaO 253–262). AaO 255 beginnen die Allgemeine[n] und vermischte[n] Schriften ohne diejenigen Wolffs und anderer älterer Autoren, es folgen Titel zu den Themen Daseyn und Wesen Gottes (aaO 258–260) sowie Unsterblichkeit der Seele (aaO 260–262). Bibliothek für Prediger, Th. 1. S. 325 und Th. 4. S. 184 Zur Bibliothek für Prediger und Freunde der theologischen Literatur vgl. I § 43 c. Im ersten Teil (1796) finden sich an der betreffenden Stelle Specielle Schriften und Abhandlungen über einzelne Lehren der natürlichen Theologie (aaO 325–354), im vierten Teil (1812) Specielle Schriften und Abhandlungen über einzelne Theile der natürlichen Religion (aaO 184–193). Deutsch: Wolf's natürliche Gottesgelahrtheit, übersetzt H. E. H., 5 Bände. Berlin 1742–45 Bei Christian Wolffs fünfbändigem Werk Natürliche Gottesgelahrheit nach beweisender Lehrart abgefasset handelt es sich um die von Gottlieb Friedrich Hagen (1710–1769) besorgte Übersetzung der Theologia naturalis, methodo scientifica pertractata. H. S. Reimarus Abhandlung von den vornehmsten Wahrheiten der Religion, 6te Ausg. Hamburg 1791 Der genaue Titel lautet Abhandlungen von den vornehmsten Wahrheiten der natürlichen Religion. Die sechste Auflage wurde wie schon die fünfte (1781) von Reimarus' Sohn Johann Albert Heinrich Reimarus (1729–1814) besorgt. J. Forster's Betrachtungen über die vornehmsten Stücke der natürlichen Religion. Aus dem Englischen. 3 Bände. Leipzig 1751 Gemeint ist die von Johann Joachim Spalding vorgenommene Übersetzung von James Fosters (1697–1753) zweibändigem Werk Discourses on all the principal branches of natural religion and social virtue (1749/1752). Diese ist unter dem Titel Betrachtungen über die vornehmsten Stücke der natürlichen Religion und der gesellschaftlichen Tugend in zwei Bänden (1751/1753) erschienen. Villaume, Philothee oder die ersten Lehren der Religion, 5 Theile. Berlin 1788 Der Name des Autors lautet Peter Villaume (1746–1825). Jerusalem's Betrachtungen über die vornehmsten Wahrheiten der Religion, enthält der 1ste Theil bloß die Grundlehren der natürlichen Theologie Bei den Betrachtungen (1768–1779) handelt es sich um Johann Friedrich Wilhelm Jerusalems unvollendetes Hauptwerk, das mehrfach neu aufgelegt und in mehrere Sprachen übersetzt wurde. 5397 202.Ein jedes vernünftiges Wesen hat nicht nur VernunftVernunft, in so ferninsofern es aus dem erkannten Allgemeinen (oder aus Principien) das Besondre zu erkennen erkennen vermag,vermag (theoretische VernunftVernunft, §. 175 175. ), sondern auch so fernsofern es nach Principien, d. i.das ist nach Vorstellung der Gesetze, handeln handeln kankann. Dieses Vermögen ist die praktische Vernunft, die mit dem Wille Willen einerleyeinerlei ist, welcher in so fern frey sofern frei heißt, als er sich in seinen Handlungen unmittelbar, d. i.das ist unabhängig von allem Sinnlichen, nach Vorstellung der Gesetze (allgemeiner Sätze)allgemeiner Sätze oder Gesetze bestimmen kankann (§. 183 183. ). Derjenige Theil der Philosophie, der sich mit Bestimmung freyerfreier Handlungen, oder des praktischen, sittlichen,sittlichen Verhaltens beschäftigt, heißt die praktische Philosophie (ebendaselbst), Moral Moral, Ethik Ethik (beyde letztern Wörter Ethik, beide letzteren Benennungen im weitermweitern Verstande genommen).genommen. 5448
[188] 2035466.

An der Wichtigkeit dieser Wissenschaft5467 zweifeln, wäre eben so viel5468, als zweifeln, 5469 ob der Mensch und ein jedes vernünftiges Wesen, immer vernünftig handeln müsse. – Keine Fähigkeiten und keine Umstände haben eigentlichen Werth und machen glücklich, als so fernsofern sie recht gebraucht werden; nur der gute WilleWille ist ohne Einschränkung gut, und kankann mit Recht das höchste Gut genannt werden *).werden. *) – Es ist auch so offenbar, daß wahre, ungetrübte, dauerhafte GlückseligkeitGlückseligkeit nur davon, nur von stetem vernünftigen HandelnHandeln und der NeigungNeigung dazu abhängt, daß man entweder gegen seine höchst möglichste Glückseligkeit gleichgültig seyn, oder glauben müßte, sie ohne vernünftigen Gebrauch seiner Kräfte oder Umstände erreichen zu können, wenn es uns gleich vielgleichviel wäre, ob unser Wille gut seysei oder nicht, oder wenn wir um alle Kenntniß der Beschaffenheit eines wahrhaftig guten Willens, und der Mittel ihn zu erlangen, unbekümmert blieben.5470

*) S.Siehe Kant, Immanuel Kant's Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, S.Seite 1 flg.folgend fg.folgend 5476
204.Wenn man die hieher gehörigen Kenntnisse, welche uns die Natur darbietet, in eine Wissenschaft bringen will:will, so kankann sie entweder bloß auf Begriffe und Sätze der reinen Vernunft oder auch auf ErfahrungssätzeErfahrungssätze gebaut werden. Nur in jenem Fall entsteht eine eigentliche Wissenschaft, die Kant, Immanuel Kant inim eigentlichen und engern Verstande (§. 202 202. ) Moral oder praktische Philosophie, und mit einem besondern Namen Metaphysik Metaphysik der Sitten nennt (§. 183 183. ); in diesem Fall aber, d. i.das ist wenn sie empyrischempirisch empirisch ist, praktische AnthropologieAnthropologie (§. 190 190. Anmerk.Anmerkung). Jene würde lediglich müssen aus dem allgemeinen Begriff eines vernünftigen Wesens hergeleitet werden müssen, und Gesetze enthalten, die nicht bloß für den Menschen, sondern für alle vernünftige Wesen gälten, auch allen andern Gesetzen für den WilleWillen zum Grunde lägen. Daß wir einer solchen reinen MoralMoral bedürfen, ist leicht einzusehen. – Denn woraus kankann man sonst beweisen, daß etwas gut oder böse, PflichtPflicht seysei oder nicht? Beruft man sich deswegen auf Gefühle, oder auf menschliche oder göttliche Gesetze, oder BeyspieleBeispiele, oder erkannte nützliche Folgen, oder was man sonst als verpflichtend anführen mag:mag; so sind ja diesdieß immer subjectivsubjective Gründe, wobeywobei stets die Frage entstehen kankann: ob es nicht Täuschung seysei, ob nicht das Urtheil durch Gründe des Angenehmen oder Nützlichen, statt des Rechtmäßigen, ob es nicht durch Eigennutz, durch Gewohnheit, durch Temperament gestimmt werde? ob die guten Folgen nothwendig aus der Handlung oder aus zufälligen Umständen entspringen? ob die Handlungen also wirklich Lob oder Tadel verdienen? ob jemand das Recht hatte, gewisse Gesetze zu geben, oder sich auf solche, als Gesetze, einzulaßeneinzulassen? selbst beybei vorgegebenen göttlichen GesetzeGesetzen, ob es wirklich göttliche sind? welche Frage anders nicht kannicht anders kann bejahet werden, als so fernsofern dergleichen angeblich göttliche Gesetze mit dem, was ursprünglich recht ist, übereinstimmen; so wie nicht einmal eine Verbindlichkeit, sie zu beobachten, überzeugend erkannt werden kankann, wenn man nicht voraussetzt, daß Gottes Wille höchst heilig seysei, welche Heiligkeit wieder in der durchgängigen Uebereinstimmung seines Willens und der daher fließenden Gesetze, mit jenen Urbegriffen vom Recht- und Unrechtmäßigen besteht. – Wie anders, als durch solche aus dem Begriff eines vernünftigen Wesens geschöpfte Begriffe und GesetzeGesetze, läßt sich auch der nothwendige Unterschied zwischen RechtRecht und UnrechtUnrecht, und der wahre Werth sowohl als die Möglichkeit der TugendTugend darthun,darthun; oder wie kankann man sonst hinlänglich dem Eigendünkel und der Zweifelsucht dererjenigenderer begegnen, die überall an keine Tugend noch an einen solchen sittlichen Unterschied glauben, zumal wenn sie durch die Uneinigkeit der Menschen über diese Gegenstände, durch viele schlimme Erfahrungen, und durch scharfsichtige Beobachtung der menschlichen Schwäche und Scheintugenden, gegen alle Tugend eingenommen sind? – Und wie sehr ist der Mensch geneigt, wenn er seine PflichtenPflichten mit seinen BedürfnisseBedürfnissen und NeigungenNeigungen vergleicht, und in ihrer Befriedigung seine GlückseligkeitGlückseligkeit zu finden glaubt, entweder Pflicht nicht für Pflicht zu halten, weil sie seiner Glückseligkeit im Wege zu stehen scheint,scheint; oder sich Ausnahmen zu erlauben, und diese damit zu rechtfertigen, daß sie nicht allgemein verbindlich sey,sei; oder sie mit seinen Neigungen und Wünschen zu vereinigen, und dadurch Pflicht und Gesetze zu entkräften! undUnd was kankann ihn dagegen sichern, oder seinem hinhin- und her schwankendenherschwankenden GewissenGewissen mehr Festigkeit geben, als die Ueberzeugung von ihrer Allgemeinheit, die nur durch reine Vernunft erwiesen werden kankann? – Ueberhaupt aber erfordert wahre Tugend, daß man nicht nur das Gute thue, sondern auch eben darum, weil es gut ist, und nicht bloß den Gesetzen gemäß, sondern auch aus Achtung Achtung gegen die Gesetze handle. Hiezu dient denn eben die Ueberzeugung von der Verbindlichkeit dieser Gesetze an sich, ohne Rücksicht auf andreandere (subjective) Gründe, die aber freylichfreilich nicht anders, als,als unabhängig von diesen, aus reiner Vernunft bewiesen werden kankann. Anm. Anmerkung Es wäre also höchst nöthig, diese bloß auf reine Vernunft gegründete MoralMoral von aller empyrischenempirischen empirischen getrennt, als einen besondrenbesondern Theil oder Wissenschaft vorzutragen. Die sehr nützliche Wissenschaft, welche Wolff, Christian von Wolf , und nach ihm Andere, unter dem Namen einer allgemeinen praktischen Philosophie aufgestellt haben, untersucht zwar den Willen überhaupt mit den daraus fließenden allgemeinen Grundsätzen; sie schränkt sich aber nicht auf bloß reine VernunftbegriffeVernunftbegriffe ein, sondern nimmt vielmehr ErfahrungsgrundsätzeErfahrungsgrundsätze zu Hülfe. Ganz eigentlich aber hat Kant, Immanuel Kant , sowohl vorläufig in der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten, als noch vielmehr in der Kritik der praktischen Vernunft, Riga 1788 in1788. gr.groß 8.8., dieses beabsichtigt.beabsichtigt, worauf mehrere Schriften dieser Art, zum Theil übereinstimmend, zum Theil abweichend von Heydenreich, Karl Heinrich Heydenreich, Bendavid, Lazarus Bendavid u. A.und Andere gefolgt sind, womit auch Schleiermacher, Friedrich Daniel Ernst F. Schleyermacher's Kritik der bisherigen Sittenlehre, Berlin 1803., zu vergleichen ist. Grundlegung zur Metaphysik der Sitten Gemeint ist die Erstauflage aus dem Jahr 1785 (vgl. I § 183). Heydenreich, Bendavid Zu nennen sind die dreiteilige Propaedevtick der Moralphilosophie nach Grundsätzen der reinen Vernunft (1794) des Leipziger Philosophen Karl Heinrich Heydenreich (1764–1801) sowie die Vorlesungen über die Critik der practischen Vernunft (1796) des jüdischen Aufklärers und Kantianers Lazarus Bendavid (1762–1832). F. Schleyermacher's Kritik der bisherigen Sittenlehre, Berlin 1803 Friedrich Schleiermachers (1768–1834) Schrift trägt den Titel Grundlinien einer Kritik der bisherigen Sittenlehre (1803). 205.Betrachtet man die moralischen Gesetze in Rücksicht auf den menschlichen WilleWillen insbesondreinsbesondere, mit alleallem dem, was in der Natur des Menschen die Ausübung jener Gesetze begünstigt, oder erschwert und hindert: so entsteht daraus die praktische Philosophie in dem gewöhnlichern Sinn, die (nach §. 204 204. ) auch praktische Anthropologie heissenheißen könnte. Diese gründet sich sowohl auf Grundsätze der reinen Moral, daher sie auch Einige angewandte MoralphilosophieMoralphilosophie nennen, als auf die SeelenlehreSeelenlehre. Es mag nun diese Wissenschaft die allgemeinen Grundsätze der Sitten mit aufnehmen, oder, wenn sie diese einer allgemeinen praktischen Philosophie oder der Metaphysik der Sitten überläßt, sich auf die menschlichen Sitten einschränken: so muß sie – die wahre Natur der den Menschen möglichen Tugend und den großen Umfang der Pflichten darstellen, die aus der Natur und den Verhältnissen der Menschen entstehen –entstehen; sie mit überzeugenden Beweisen und dringenden Empfehlungsgründen unterstützen – und ihre Ausführbarkeit klar machen, d. i.das ist sowohl die Hindernisse angeben, die ihrer Ausübung im Wege stehen, und die rechte Art, sie zu überwinden, lehren, als auch zugleich die Mittel vorlegen, wodurch gute Gesinnungen und Handlungen am wirksamsten hervorgebracht, erhalten und vermehrt werden können. – Diese auf MenschenkenntnißMenschenkenntniß gegründete praktische Philosophie kanPhilosophie, kann weit Mehreren faßlich und einleuchtend dargestellt werden, als die sogenannte reine,reine; und selbst diese letztere wird durch jene erst anschaulich. Durch diese Behandlungsart wird allen praktischen Grundsätzen und Lehren weit mehr Nachdruck gegeben und mehr Eingang verschafft. Hier kankann man recht eigentlich praktischen Vorurtheilen entgegen arbeitenentgegenarbeiten, die selbst der überzeugendsten Einsicht unsrerunserer Pflichten beybei der Ausübung so sehr im Wege stehen. Hier hat man besonders die beste Gelegenheit, die Trägheit und Muthlosigkeit aufzumuntern, indem man zeigt, wie gar wohl möglich und wie vortreflichvortrefflich die TugendTugend, und wie ausführbar unsreunsere PflichtenPflichten seynseyen. Hier läßt sich die Anwendung der Pflichten aufs Leben und auf besondrebesondere Fälle näher zeigen, und dadurch das Studium und die Ausübung der Pflichten sehr erleichtern. – Alles dies sind sehr große Vortheile, die dieser Art der Moral selbst einen gewissen Vorzug vor der reinen geben; wenn nur nicht, über das Bestrebendem Bestreben, faßlich zu werden, die Bestimmtheit, und über die Bemühungenden Bemühungen, Eindruck zu machen, die Gründlichkeit im Vortrage vernachläßigtvernachlässigt wird. 5478
[221] 2065544.

5545 Wenn man sich den Menschen im Stande der NaturNatur denkt, das heißt,5546 als bloßen5547 Menschen, vorfür sich oder im Verhältniß gegen Andre, als bloßeandere, in eben diesem Naturstande gedachte Menschen, und in einem Zustande, wo er noch keine andreandere Verbindungen mit ihnen, ausseraußer denen, die die Natur selbst gemacht hat, eingegangen ist: so darf er, nach dem Zweck seines Daseyns,5548 seine Kräfte bestmöglichst brauchengebrauchen, und allesAlles, was er dadurch hervorbringt oder erlangt, ist als das Seinige anzusehen; nur mit der Einschränkung, daß, weil ein jeder andrer Mensch eben dieses darf, kein andrer an dem ebenmäßigen Gebrauch seiner Kräfte und dem Genuß desjenigen, was er dadurch bewirkt oder erworben hat, gehindert werden muß. Jeder Mensch hat also zu dem gedachten Gebrauch und Genuß5553 ein Recht 5556, und in dieser Rücksicht entsteht5557 für jeden Andern 5558 die Pflicht, ihn in dem, was sein5559 ist, [243] das heißt,5560 in dem Gebrauch seiner Kräfte, des dadurch Erworbenen,5561 und der Güter, ohne welche er jene nicht brauchen, dieses nicht genießen könnte5562, nicht zu beeinträchtigen. Dergleichen natürliche Rechte und Pflichten nennt man5563 vollkommene Rechte und Pflichten, weil und sofern sie die Natur mit sich bringt, ohne daß es erst der Einwilligung eines Andern bedarf5564; auch heissen5565 sie erzwingliche Rechte und Zwangs [291[!]] pflichten, weil der, so diese Rechte5566 hat, sie5567 dadurch behaupten5568 darf, daß er den Andern zwinget5569, sie5570 unbeeinträchtigt zu laßen5571. Alle andre5572 Rechte und Pflichten heissen unvollkommne 5573 oder unerzwingliche, auch bloße5574 Gewissenspflichten. Jene Zwangsrechte und Pflichten machen das Naturrecht, diese Gewissenspflichten die Moral oder Sittenlehre im engern Verstande aus. Beyde gehören zu der oben (§. 204 und 5) erwähnten praktischen Anthropologie.5575

1,
[244] 2075590.

Es hat allerdings seinen großen5591 Vortheil für die weise Bestimmung und Handhabung der bürgerlichen Gerechtigkeit, wenn die gedachten vollkommnen5592 und unvollkommnen5593 Pflichten von einander unterschieden werden; und da5594 alle positive Rechte um so gegründeter5595 sind, je mehr sie mit dem Naturrecht übereinstimmen, sie auch eigentlich durch dieses letztere ihre Festigkeit bekommen: so bleibt das Recht der Natur5596 immer eine sehr wichtige Wissenschaft, auch für den, der sich der Theologie widmet; zumal wenn damit, wie von Manchen5597, zugleich im [192] Vortrag die allgemeine praktische Philosophie verbunden wird. Allein da 5598 sich das Naturrecht5599 nur auf Pflichten gegen Andre5600, und noch dazu nur auf ZwangspflichtenZwangspflichten5601 einschränkt, folglich nur Beleidigungen abwehren5602, und äusserliche5603 Sicherheit, also einen zwar sehr schätzbaren, aber doch nur sehr kleinen Theil der mensch[223]lichen, und nur der äusserlichen5604, Glückseligkeit, befördern soll; auch in der eigentlichen5605 Moral eben dieselben Pflichten, nur nicht mit so besondrer5606 Anwendung auf die in der menschlichen Gesellschaft sich ereignenden Umstände, vorgetragen werden;5607 und in der eigentlichen Moral5608 noch dazu mehr auf Liebe und Achtung gegen Andre5609 gearbeitet wird, ohne welche die wahre Gerechtigkeit sehr oft nicht erkannt oder nicht ausgeübt werden möchte: so scheint es für den künftigen Lehrer der Religion räthlicher, beyde5610 Wissenschaften (§. 206 206. )5611 in der Erlernung5613 nicht zu trennen.

Anm.Anmerkung Anm. Wenn man sich statt einzelnereinzler Menschen ganze Völker, und diese als moralische Personen gegen einander, denkt: so entsteht aus dem Begriff eines solchen Volks, auf welches der Inhalt des Naturgesetzes angewendet wird, das sogenannte Völkerrecht Völkerrecht; das aber hier zu unsrer Absicht nicht gehört. 5614
2085617.

Die philosophische Moral also, wenn sie 5618 von der allgemeinen praktischen und von der reinen praktischen5619 Philosophie (§. 204 204. Anm.Anmerkung), aber nicht von dem NaturrechtNaturrecht (§. 206 206. 5620) unterschieden wird, faßt den ganzen Umfang aller besondern Pflichten des Menschen in sich, sofern sie aus der Natur erkennbar sind, und schränkt sich bey5623 Vorstellung der Gründe, womit [293[!]] sie sie empfiehlt, so wie der Mittel, [224] die sie zur Beförderung guter Gesinnungen und Handlungen vorschlägt, auf keine besondre5624 Arten derselben, wie das Naturrecht, ein, wenn nur jene Gründe und diese Mittel aus der Natur erkannt werden können. Sie dehnt sich auch über die Pflichten der Gerechtigkeit aus,5625 – dies hat sie mit dem Recht der Natur gemein –; aber sie begnügt sich nicht mit äusserlicher5626 Gerechtigkeit, sie dringt auch auf innerliche; sie fügt noch die Pflichten des Wohlthuns hinzu, und alle Pflichten, die wir Gott und uns selbst schuldig sind, oder die 5627 irgend aus allen diesen Verhältnissen entstehen. Sie bearbeitet alle diese Pflichten zugleich und eigentlich5628 als Gewissenspflichten, und begnügt sich nicht mit guten Handlun [246] gen, sondern arbeitet auch und vornemlich5629 auf gute Gesinnungen. Kurz, sie bildet den Menschen nicht bloß zum unschädlichen und ehrlichen Mann, sondern sucht ihn auch nützlich oder wohlthätig, redlich und religiös 5630 zu machen. –5631 Da sie so den Menschen eigentlich veredelt,5632 und zu seiner wahren Bestimmung führt:5633 so muß jedem die Nothwendigkeit einleuchten, sie ganz vorzüglich zu treiben. Am meisten müßte der künftige Lehrer der Religion sie sich zu eigen zu machen suchen, da er ganz eigentlich dazu bestimmt ist, Andrer5634 Gewissen zu leiten.

5651
[226] 2095652.
Man spricht auch öfters von einer Philosophie der gesunden Vernunft, oder, etwas bestimmter ausgedrucktausgedrückt, des bloßen MenschenverstandMenschenverstandes, und von einer Philosophie des Lebens, oder der Welt, und empfiehlt sie so, als wenn sie das Studium der eigentlichen bisher beschriebenen Philosophie entbehrlich machte, oder wenigstens ihren Abgang gar wohl ersetzen könnte. – Wenn man sich die Begriffe davon deutlich zu machen sucht, um nur erst zu wissen, was diese Empfehlung eigentlich sagen solle:solle; so kankann doch der gemeine Menschenverstand (sensus communis), oder richtiger: der gemeine WahrheitssinnWahrheitssinn, anders nichts seyn, als das Vermögen, oder vielmehr die Fertigkeit der Seele, die Richtigkeit eines Urtheils unmittelbar, d. i.das ist ohne weitere Entwickelung der Begriffe eines Satzes und ihres Verhältnisses, zu erkennen; und alsdann könnte eine solche Philosophie keine andreandere, als so so erkannte Sätze,Sätze enthalten. Würde dann dieses Vermögen in Absicht auf praktische Sätze und beybei Bestimmung dessen, was rechtmäßig ist, betrachtet:betrachtet, so würde es das seyn, was man moralisches GefühlGefühl oder Gewissen Gewissen, als bloße Empfindung genommen, zu nennen pflegt. Allein Augenscheinlich zeigt sich 3) der grosse Werth der wissenschaftlichen Philosophie, wenn man auf Gewißheit Gewißheit der Erkenntniß ausgeht, ohne welche die Philosophie eine sehr unzuverläßige Führerin bey Untersuchungen und Handlungen ist. Gewiß ist das, wovon das Gegentheil (schlechthin oder unter gewissen Voraussetzungen) undenkbar ist; aber eben die DenkbarkeitDenkbarkeit oder Möglichkeit ist der Gegenstand der wissenschaftlichen Philosophie. Ob etwas denkbar sey, kan anders nicht als durch Entwickelung der Begriffe gefunden, und der Zweifel nicht völlig gehoben werden, ehe nicht der streitige Satz bis auf solche Sätze und Begriffe zurückgeführt ist, die keine weitere Entwickelung leiden. Wenn denn auch die Untersuchung sich, wie in den meisten Fällen, nicht bis zu nothwendig wahren Sätzen treiben läßt: so kan doch die verschiedene Abstufung der Wahrheit, oder die mehrere und wenigere Annäherung eines Satzes an das Undenkbare, mit einem Wort, das Wahrscheinlichere, anders nicht beurtheilt werden, als nach der möglichsten Verdeutlichung der Begriffe von den streitigen Sachen. Anm. Anmerkung 1. Wer dieses leugnen wollte, der müßte auch leugnen, daß man mit bewafneten Augen mehreres in einer Sache und ihre wahre Gestalt besser sehen könne, als mit blossen Augen; daß man nach einem deutlich abgetheilten Maaßstab sicherer messen könne, als nach dem blossen Augenschein; daß ein ScheidekünstlerScheidekünstler mehr von den Bestandtheilen und der wahren Natur der Mineralien entdecken könne, als ein Andrer durch das blosse Beschauen. Anm. Anmerkung 2. So sicher uns in vielen Fällen der Gemeinsinn, (§. 206 Anmerk.Anmerkung) und bey Bestimmung dessen, was Recht ist, das moralische Gefühl, leitet, so sehr wir Ursach habenhaben, gegen die SpeculationSpeculation mißtrauisch zu werden, wenn sie einem von bonvon beydenbeiden widerspricht;widerspricht, so großegrosse Dienste uns der Wahrheitssinn und das moralische Gefühl leistetbeyde thun, wenn wir nicht lange untersuchen können, oder,oder wenn es uns unmöglich ist, auf deutliche Begriffe zu kommen: so haben sie doch 1) nur einen sehr eingeschränkten Nutzen, nemlichnämlich nur in den Fällen, wo das Verhältniß des einen Begriffs in einem Satz gegen den andern Begriff sehr nahe ist, oder auf unsern beständig einerleyensich gleichbleibenden ErfahrungenErfahrungen beruht, oder wo zwischen einander gerade entgegengesetzten oder sehr einfachen Sätzen, nicht aber, wo zwischen vielerleyvielerlei oder zwischen sehr zusammengesetzten Sätzen entschieden werden soll.soll; 2) Undund dennoch 2) können sie beydebeide trügen, theils, theils weil sie zwar auf beständigen, aber oft nur einartigeneinseitigen Erfahrungen beruhen,beruhen (wie z. B.zum Beispiel beybei Einwohnern der heissestenheißesten Erdstriche, die nie die Verdichtung des Wassers durch Kälte wahrgenommen haben,)haben), theils, weil sich unvermerkt Vorurtheile des Temperaments, der Erziehung u. d. gl.und dergleichen u. dergl.und dergleichen einmischen. Natürlich kankann dieser Fehler nur durch Verdeutlichung der Begriffe entdeckt, und ihm abgeholfen werden, wodurch sich danndenn auch zeigt, wie das Wahrheits- oder moralische Gefühl auf Abwege gerathen sey; jener sei. Jener Fehler aber ergiebt sich nur aus neuen Erfahrungen, die zwar von dem Irrthum zurückbringen, aber doch noch auf keine vollständige Induction schließen laßenlassen. 3) Ueberhaupt aber führt dieser Sinn und dieses GefühlGefühl auf keine allgemeinen Sätze, die wir in der Philosophie nöthig haben, es seysei denn daß es analytische Sätze, d. i.das ist solche wären, wo das Prädicat schon in dem Subject eingewickelt liegt.schliessen lassen. 5653
210.Eine ähnliche BewandnißBewandtniß hat es mit der Philosophie des Lebens oder der Welt. Heißt diese so viel als ErfahrungsphilosophieErfahrungsphilosophie, im Unterschiede von der Philosophie der reinen Vernunft, oder heißt siemeint man gar nur derden Inbegriff von solchen allgemeinen Sätzen, die unmittelbar im Handeln können angewendet werden können: so muß beybei Beurtheilung ihres Werthes und ihrer Unzulänglichkeit dasjenige in Anschlag kommen, was oben hin und wieder über den Werth und die Nothwendigkeit der reinen sowohl als aller theore tischen Philosophie gesagt worden ist; nicht zu gedenken, daß diese LebensphilosophieLebensphilosophie im letztern Sinne gar keine Wissenschaft seyn kankann, sondern eine bloße Sammlung ohngefehrohngefähr zusammengeschichteter Sätze, die weder Haltung haben, noch allgemeine Sicherheit in der Ueberzeugung geben. – Soll aber Philosophie des Lebens eine Anweisung zur WeisheitWeisheit und KlugheitKlugheit seyn:seyn, so ist es zwar die PflichtPflicht eines jedenJeden, sich beydebeide zu erwerben, d. i.das ist die Fertigkeit, das Beste zu finden, was in einzelnen Fällen zu thun, und wie es aufs besteBeste auszuführen seysei. Aber dieses kankann in keine Wissenschaft gebracht werden, weil sich allgemeine Sätze nicht aus bloßer Beobachtung abziehen laßenlassen, und weil die einzelnen Umstände, die Lage, in der man zu handeln hat, zu mannichfaltig sind, und ein sehr verschiednesverschiedenes Verhalten nothwendig machen. Eine Sammlung von praktischen MaximenMaximen würde nicht nur keine zusammenhängende Wissenschaft seyn, sondern auch zu vieles Halbwahre enthalten, das im Handeln selbst oft keine Anwendung litte. Weisheit und Klugheit erfordern vielmehr praktischen BeobachtungsgeistBeobachtungsgeist, d. i.das ist Fähigkeit oder Fertigkeit, die Umstände, unter welchen man zu handeln, und die Menschen, die man zu seinen Absichten zu lenken hat, durchzuschauenzu durchschauen, und praktische BeurtheilungskraftBeurtheilungskraft, d. i.das ist Fähigkeit oder Fertigkeit, in den einzelnen Vorfällen die besten Mittel gleich zu erkennen und anzuwenden. Dazu wird Anlage, Fleiß und Uebung erfordert, ohne die selbst alle Wissenschaft uns nichts zu unsrerunserer wirklichen Glückseligkeit hilft; lehren läßt sie sich, als eine eigentliche Wissenschaft, nichtWissenschaft zu lehren, minder unmöglich seyn. Anm. Anmerkung Da indeß viele, selbst unter den Studierenden, zur SpeculationSpeculation und tiefern Ergründung selbst moralischer Materien nicht geeignet sind, auch außerdem gerade die moralischen Wahrheiten ein sehr allgemeines Interesse haben, so sind auch populäre Bearbeitungen der Moral, wenn sie nur von richtigen Principien ausgehen und eine reine Sittenlehre predigen, nicht zu verachten, und mehrere derselben enthalten, namentlich für den praktischen Religions- und Sittenlehrer, reiche Materialien. Dieß gilt z. B.zum Beispiel von Werken, wie Basedow, Johann Bernhard J. B. Basedow's praktische Philosophie für alle Stände. Leipzig 1777. Gellert, Christian Fürchtegott C. F. Gellert's moralische Vorlesungen. Leipzig 1770. Bahrdt, Carl Friedrich K. F. Bahrdt's Moral für alle Stände. Berlin 1797., desgleichen viele der besten Wochenschriften, namentlich der Zuschauer, a. d. Engl.aus dem Englischen, und solche Schriften, welche auf einzelne Stände, auf Geschlecht und Alter Rücksicht nehmen. A. d. H.Anmerkung des Herausgebers Zuschauer, a. d. Engl. Der von Joseph Addison (1672–1719) und Richard Steele (1672–1729) herausgegebene Spectator war eine zwischen 1711 und 1712 täglich erscheinende Zeitschrift (insgesamt 555 Nummern zusammengefasst in sieben Bänden), die sich an das moralphilosophisch interessierte Bildungsbürgertum richtete. 1714 wurde der Spectator von Addison wiederbelebt und erschien nun über einen Zeitraum von sechs Monaten dreimal pro Woche (zusammengefasst in acht Bänden). Unter den hunderten, meist kurzlebigen moralischen Wochenschriften des 18. Jh.s nimmt The Spectator – zusammen mit dem Vorläufer The Tatler (1709–1711) und dem Nachfolger The Guardian (1713) – als Prototyp eine herausgehobene Stellung ein. Zwischen 1739 und 1744 erschien die von Luise Adelgunde Victorie Gottsched (1713–1762) besorgte deutsche Übersetzung Der Zuschauer. 5693
§. 2115719.

EsWas übrigens die Methode des philosophischen Studiums betrifft, so läßt sich auchüberall nicht philosophiren, wenn man nicht den nöthigen Stoff Stoff hat, den man läutern und verarbeiten will. Daher wäre es sehr gut, wennsollten 5721 junge Studierende frühzeitig, besonders auf Schulen,5726 auf Beobachtung der physischen und [207] moralischen Natur, auf den Menschen,5727 und die Vorfälle in der Welt, auf Ursachen und Folgen der Dinge5728 aufmerksam gemacht, zur Reflexion gewöhnt 5729, und dazu besonders beybei dem5730 Lesen classischer5732 Schriftsteller und dem5733 Studium der Geschichte geleitet würdenwerden 5734. Hätten5736 sie so sich geübt5737, und einen guten Vorrath von Kenntnissen [251] gesammlet, alsdenn müßten5738 sie zu den Regeln des Denkens angeführt, und durch bedächtiges Fortschreiten von dem Einfachern zum Zusammengesetztern, zu deutlicher Untersuchung gewöhnt werden. HätteHat man ihnen nachher5739 zugleich eine gute5741 zusammenhängende allgemeine5742 Uebersicht der wissenschaftlichen Philosophie beygebracht5743, so wüßten5744 sie nicht nur5745 was die gründlichsten Forscher ausgekörnt,ausgekörnt und5746 bewährt [230] befunden hätten,5748 sondern sie würden5749 auch, was sie selbst nachgehends5750 durch Nachdenken oder bey5751 den besten Schriftstellern untersucht gefunden, gehörig anreihen,5752 mit mehrerer Sicherheit prüfen, und bestimmter ausdrucken5753 lernen.

2125776.

Uebrigens möchtenDemnach sind die Haupterfordernisse zu einem wahrhaftig nützlichen5777 Studium der Philosophie wohl folgende seyn.zu sehen hat. –5779 Hinlänglicher Vorrath von Kenntnissen der Sache, die man untersuchen will. – Stetes Trachten allein nach WahrheitWahrheit, ohne Rücksicht auf Neues, Berühmtes, Gangbares, oder was unsern Leidenschaften schmeichelt. –5781 Beständiges Streben nach deutlichen und bestimmten Begriffen. – Nicht schnell zum Ziele einer Untersuchung eilen, und bald nach Resultaten haschen.haschen; – Vielmehrvielmehr nicht5782 eher weiter gehen, 5785 bis man von dem deut[209]lich überzeugt ist, was bey5786 der weitern Untersuchung zum Grunde liegen muß. – Im Untersuchen stete5787 Verbindung der wirkenden und Endursachen. – Stete Rücksicht auf Anwendung zum Handeln und zu Aufklärung anderer5788 Wissenschaften, vornemlich5789 derer, denen wir uns vorzüglich widmen. – Bescheidenheit, da stehen zu bleiben, wo wir wegen der Natur der Sache,5790 wegen unsrer eingeschränkten Erkenntniß, und wegen Mangel vonan Vorerkenntnissen,5791 nicht weiter können; ohne weder das zu verwerfen, was wir, jetzt wenigstens, nicht durchzuschauen5793 vermögen, noch schlechthin an deren Aufklärung zu verzweifeln. – Zufriedenheit mit moralischer Gewißheit, wo es uns an höherer Evidenz fehlt, und, wo uns auch nicht einmal5794 jene zu erhalten 5795 möglich ist, in praktischen Sachen, mit Wahrscheinlichkeit, und überhaupt mit möglichster Annäherung an Gewißheit. – Treue Benutzung aller Winke von Andern, zu weiterer Untersuchung.

5796
213216215[!]. Die philosophische Literatur, oder Kenntniß der vornehmsten Schriftsteller, welche sich um die AufklärungAufklärung der Philosophie verdient gemacht haben, und ihre Schriften, kanlernt man schon einigermaßeneinigermassen, wenigstens ihrer Existenz nach, kennen lernen aus aus vorbenannten geschichtlichen Werken kennen; zum Theil ist sie aber auch in mehrern neuern Werken bearbeitet worden. Selbst die philosophischen Wörterbücher sind voll von Notizen dieser Art. Anm. Anmerkung Früherhin bediente man sich dazu der Bibliotheca philosophica Struve, Burkhard Gotthelf Struviana - - Struviana – aucta a Kahle, Ludwig Martin Lud. Mart. Kahlio , Goetting. 1740. in 2 Tomm.Tomi in gr.groß 8. noch mehr Vollständiger aber ist, zumal in Absicht auf neuere LitteraturLiteratur und bessere Wahl der Bücher,noch besser aus derdie Anleitung zur Kenntniß der auserlesenen LitteraturLiteratur in allen Theilen der Philosophie, von Hissmann, Michael Michael Hißmann , Göttingen 1778. 8. welche fortgesetzt zu werden verdient; die merkwürdigsten aber in Absicht auf einzelneeinzle Lehrsätze und Streitigkeiten darüber aus: Philosophia rationalis, auctore Hollmann, Samuel Christian Sam. Christ. Hollmanno , Edit. auct.Editio auctoris Goetting. 1767. 8. Desselbendesselben Prima Philosophia multum aucta, ebendaselbst, 1747. 8. Institutiones Pnevmatologiae et Theologiae naturalis, das.daselbst 1741. 8. Jurisprudentiae naturalis primae lineae, das.daselbst 1751. 8. und Philosophiae moralis,moralis s. Ethices primae lineae, das.daselbst 1768. 8; aus den anthropologischenAnthropologische und pnevmatologischenpnevmatologische Aphorismen, (von Hennings, Justus Christian Just. Christ. Hennings ) Halle 1777. 8. und Desselben Sittenlehre der Vernunft, Altenburg 1782. gr.groß 8., nebst den Feder, Johann Georg Heinrich Federschen Lehrbüchern und den Platner, Ernst Platnerischen Aphorismen, auch den philosophischen Bibliotheken und Magazinen von Windheim, Christian Ernst von Windheim, Hennings, Justus Christian Hennings, Lossius, Johann Christian Lossius , Loßius dann Ernesti, Johann Heinrich Martin J. H. M. Ernesti's encyklopädisches Handbuch einer allgemeinen Geschichte der Philosophie und ihrer Literatur. Lemgo 1807. desgl.desgleichen die oben S.Seite 231 angeführte Heydenreich, Karl Heinrich Heydenreichsche Schrift. Die neueste Literatur liefern zum Theil nur die philosophischen Bibliotheken und Magazine, dergleichen Caesar, Karl Adolf Cäsar, Eberhard, Johann August Eberhard, Feder, Johann Georg Heinrich Feder, Meiners, Christoph Meiners und andern. Meiners, Abicht, Johann Heinrich Abicht, Grolman, Karl Ludwig Wilhelm von Grollmann, Niethammer, Friedrich Immanuel Niethammer, Buhle, Johann Gottlieb Buhle und Bouterwek, Friedrich Bouterweck herausgegeben haben. Unter den philosophischen Wörterbüchern bemerken wir: Lossius, Johann Christian J. C. Lossius neues philosophisches Reallexicon, 4 Bände. Erfurt 1803–1807. Mellin, Georg Samuel Albert G. S. A. Mellin's allgemeines Wörterbuch der Philosophie, 2 Bände, 1805–1807., und Dessen Wörterbuch der kritischen Philosophie, 1. bis 6. Bd.Band Züllichau 1797 fg.folgend A. d. H.Anmerkung des Herausgebers Federschen Lehrbüchern Als mehrfach aufgelegte und weit verbreitete Lehrbücher des nicht zuletzt durch seine Auseinandersetzung mit Kant bekannten Philosophen Johann Georg Heinrich Feder (1740–1821) sind der Grundriß der Philosophischen Wissenschaften nebst der nöthigen Geschichte (1767), die Logik und Metaphysik (1769), das später unter dem Titel Institutiones Logicae et Metaphysicae (1777) ins Lateinische übersetzt wurde, sowie das Lehrbuch der praktischen Philosophie (1770) zu nennen. Platnerischen Aphorismen Gemeint sind die zweiteiligen Philosophische[n] Aphorismen nebst einigen Anleitungen zur philosophischen Geschichte (1776/1782; 31793/1800) des Mediziners und Philosophen Ernst Platner (1744–1818), der als Leibnizianer durch seine Kritik an Kant, aber auch als Mitbegründer der modernen Anthropologie (vgl. I § 190) hervorgetreten ist. Mit dem Lehrbuch der Logik und Metaphysik (1795) lieferte Platner auch einen nachgearbeiteten Auszug der betreffenden Teile der Aphorismen. philosophischen Bibliotheken und Magazinen von Windheim, Hennings, Lossius, Cäsar, Eberhard, Feder, Meiners und andern Gemeint sind die in drei Bänden erschienene Göttingische Philosophische Bibliothek (Hannover 1749–1750), die ihr Herausgeber Christian Ernst von Windheim (1722–1766) unter dem Titel Philosophische Bibliothek (Nürnberg bzw. Hannover 1751–1757) in sechs weiteren Bänden fortführte; die von Johann Ernst Faber (1745–1774) und nach dessen frühem Tod von Justus Christian Hennings (1731–1815) fortgeführte zweibändige Neue Philosophische Bibliothek (Leipzig 1774–1776); Johann Christian Lossius' (1743–1813) Neueste Philosophische Litteratur (Halle 1778–1782) in sieben Bänden sowie als Fortsetzung dessen dreibändige Übersicht der neuesten Philosophischen Litteratur (Gera 1784–1785); Karl Adolf Caesars (1744–1810) sechsbändige Denkwürdigkeiten aus der philosophischen Welt (Leipzig 1785–1788) und dessen in nur zwei zweiteiligen Bänden erschienenen Philosophische[n] Annalen (Nürnberg 1787–1793); das von Johann August Eberhard herausgegebene vierbändige Philosophische Magazin (Halle 1788–1792) zusammen mit dessen zweibändigem Philosophische[n] Archiv (Halle 1792–1795); die vierbändige Philosophische Bibliothek (Göttingen 1788–1791) des kurz zuvor genannten (s.o.) Johann Georg Heinrich Feder (1740–1821) und Christoph Meiners (1747–1810). Nicht wenige dieser gegenüber der ersten Auflage der Anweisung erweiterten Liste von philosophischen Periodika stehen der Philosophie Kants kritisch gegenüber. Als weitere philosophische Bibliotheken und Magazine können Johann Jakob Hottingers Bibliothek der neuesten theologischen, philosophischen und schönen Litteratur (Zürich 1784–1786), Joachim Georg Darjes' Jenaische philosophische Bibliothek (Jena 1759–1760), die Philosophische Bibliothek von Friedrich Just Riedel (Halle 1768–1769) bzw. Johann Tobias Sattler (Leipzig 1771–1772) oder Rudolf Wilhelm Zobels Bibliothek der Philosophie und Litteratur (Frankfurt/Oder 1774–1775) genannt werden. Abicht, Grollmann, Niethammer, Buhle und Bouterweck Gemeint sind das von Johann Heinrich Abicht (1762–1816) gemeinsam mit Friedrich Gottlob Born (1743–1807) besorgte Neue philosophische Magazin. Erläuterungen und Anwendungen des Kantischen Systems bestimmt (Leipzig 1789/1790–1790/1791) in zwei Bänden und das dem Untertitel nach in Gesellschaft mit mehreren Gelehrten herausgegebene dreibändige Philosophische Journal (Erlangen 1794–1795); Karl Ludwig Wilhelm von Grolmans (1775–1829) in nur zwei Heften erschienenes Magazin für die Philosophie des Rechts und der Gesetzgebung (Gießen 1798–1799), das dann in zwei Bänden unter dem Titel Magazin für die Philosophie und Geschichte des Rechts und der Gesetzgebung (Gießen/Darmstadt 1800–1807) bzw. gemeinsam mit Egid Valentin von Löhr (1784–1851) als (Neues) Magazin für Rechtswissenschaft und Gesetzgebung (Gießen 1820–1844) fortgesetzt wurde, sowie die beiden gemeinsam mit Johann Ernst Christian Schmidt (1772–1813) und Friedrich Wilhelm Daniel Snell (1761–1827) herausgegebenen, aber Rudiment gebliebenen Zeitschriften Allgemeine Bibliothek der neuesten philosophischen Literatur (Gießen 1799) und Journal zur Aufklärung über die Rechte und Pflichten des Menschen und Bürgers (Herborn/Hadamar 1799/1800); das 1795 von Friedrich Immanuel Niethammer (1766–1848) gegründete und ab 1797 zusammen mit Johann Gottlieb Fichte (1762–1814) herausgegebene Philosophische Journal einer Gesellschaft teutscher Gelehrten (Neustrelitz bzw. Jena/Leipzig 1795–1800) in zehn Bänden; das von Johann Gottlieb Buhle (1763–1821) und Friedrich Bouterwek (1766–1828) herausgegebene zweibändige Göttingische philosophische Museum (Göttingen 1798–1799) und als dessen Nachfolger das von Bouterwek allein besorgte Neue Museum der Philosophie und Litteratur (Leipzig 1803–1805). J. C. Lossius neues philosophisches Reallexicon, 4 Bände. Erfurt 1803–1807 Im Gegensatz zu den ersten drei Bänden dieses Lexikons ist der vierte Band ohne Jahresangabe erschienen. Er datiert vermutlich bereits aus dem Jahr 1806. G. S. A. Mellin's allgemeines Wörterbuch der Philosophie, 2 Bände, 1805–1807 Der erste Band ist 1806 erschienen. 214217213[!]. Billig müßte aberaber müßte niemand, werkeiner, der die Philosophie studierenstudiren will, unterlaßenunterlassen, sich auch mit der Geschichte Geschichte der Philosophie bekannt zu machen. Sie ist eigentlich die Geschichte des menschlichen Verstandes und seiner fortgeschrittnenfortgeschrittenen Bildung, und die Kenntniß derselben hat sonach den größestengrössestengrößten Einfluß in die Kenntniß der Geschichte und der Veränderungen aller andern Wissenschaften, namentlich der TheologieTheologie und der verschiednenverschiedenen Vorstellungen über die Lehrsätze der Religion, die stets von der jedesmaligen Gestalt und den Veränderungen der Philosophie mit abgehangen haben. Sie kankann uns belehrenkönnte lehren, wie weit man in der Philosophie, auch in AufklärungAufklärung einzelnereinzler Lehrsätze, fortgerückt, und was noch zu leisten übrig seysei, und die Ursachen der VerwirrungenVerirrungen nebst den Mitteln und Hindernissen des weitern Fortschritts begreiflich machen. Sie würde wenigstens auf einer Seite den allesAlles anstaunenden Dünkel, oder den Sectengeist verhindern und niederdrücken helfen, und auf der andern die BilligkeitBilligkeit in der Beurtheilung verschiednerverschiedener Meinungen befördern. 215218214[!]. Wenn sie diesen NutzenNutzen recht leisten sollte:soll, so müßtemuß sie freylichfreilich auf richtige KritikKritik der Quellen, auf genaue Kenntniß und Studium des philosophischen Sprachgebrauchs, nicht nur überhaupt, sondern auch bey einer jeden ParteyParteyParthey, Zeitjeder einzelnen Partei, Zeitperiode und einzelnereinzleneinzelnen Philosophen, folglich auf sehr feine SprachkenntnißSprachkenntniß und Bekanntschaft mit der Geschichte anderer WissenschaftenWissenschaften, gebauet seyn, und die Ursachen, Fortgänge und Folgen aufgeklärtaufgeklärter Begriffe und Lehrsätze deutlich darlegen, also auch gewissermassengewissermaßen mehr Geschichte der innerlichen Bildung der philosophischen Wissenschaften und einzelnereinzler Lehrsätze, als der Personen und Schriften seyn. An diesen Eigenschaften scheintfehlt es den meistenallen bisherigenfrühern Versuchen, die das Ganze dieser Geschichte umfassen sollen, mehr oder weniger zu fehlen, und nur wenige Versuche über einzelneeinzle Stücke dieser Geschichte, z. B.zum Beispiel das §. 139 angeführte Meiners, Christoph Meinerssche Werk, nähern sich dieser Vollkommenheit. – Bis jetzt sind noch immer weniger; aber auch hierin hat die neuere Literatur sehr bedeutende Fortschritte gemacht. Anm. Anmerkung Früherhin waren Brucker, Johann Jakob Jacob Bruckers Brucker's kurze Fragen aus der philosophischen Historie, Ulm 1731–1735 in 7 Theilen in 127 Theile, 12. Ulm 1731–1735., nebst einem Bande Neuer Zusätze, ebendas.ebendaselbst 1737. 12. und Ebendesselben ein Hauptwerk. Noch immer ist's Ebendesselben Historia critica Philosophiae, Lipsiae 1742–44. in1742–1744. 4 TomisTomi oder 5 Bänden in 4Bände 4., mit einem Appendix, als dem 6sten6ten Bande,Bande 1767. (jedes Werk in seiner Art vorzüglich);vorzüglich,) und für Anfänger aber Desselben Desselben Institutiones historiae philosophicae, Edit.Editio 3,3. auctior et emendatior, curavit Born, Friedrich Gottlob Frid. Gottl. Born ,2. Lipsiae 1790 in1756. gr.groß 1790. 8. und (Adelung, Johann Christoph Joh. Christoph Adelung) Geschichte der Philosophie für Liebhaber, Leipz. 1786 und 87 in 3 Bänden in 8, die besten.oder Büsching, Anton Friedrich Anton Friedr. Büschings Grundriß einer Geschichte der Philosophie, Berlin 1771–74. in 2 Theilen in 8. die besten. In neuern Zeiten empfehlen sich als größere allgemeine Werke: Buhle, Johann Gottlieb J. G. Buhle Lehrbuch der Geschichte der Philosophie, 8 Theile. Göttingen 1796–1804., und Desselben Geschichte der neuern Philosophie, 6 Bände. 1800–1805. nicht minder: Tennemann, Wilhelm Gottlieb W. G. Tennemann Geschichte der Philosophie, 1ster bis 8ter Band, 1798–1810., Tiedemann, Dieterich M. Tiedemann's Geist der speculativen Philosophie, 6 Bde.Bände Marburg 1791–1797, und Adelung, Johann Christoph Joh. Christoph Adelung's Geschichte der Philosophie für Liebhaber, 3 Bde.Bände 8. Leipzig 1786 und 1787. als kürzere Lehrbücher: Eberhard, Johann August J. A. Eberhard's allgemeine Geschichte der Philosophie. Halle 1796., wozu des Verfassers Geist des Urchristenthums, 3 Theile, eine Art von Commentar ist. Gurlitt, Johannes J. G. Gurlitt's Abriß der Geschichte der Philosophie. Leipzig 1786., und ganz vorzüglich: Tennemann, Wilhelm Gottlieb Tennemann's Grundriß der Geschichte d. Philos. Leipz. 1812. Jacob Bruckers kurze Fragen aus der philosophischen Historie, Ulm 1731–1735 in 7 Theilen Der siebente Teil ist 1736 erschienen. Zudem folgten 1737 die Neue[n] Zusätze Verschiedener Vermehrungen, Erläuterungen und Verbesserungen Zu den Kurtzen Fragen Aus der Philosophischen Historie. Anton Friedr. Büschings Grundriß einer Geschichte der Philosophie, Berlin 1771–74. in 2 Theilen Der erste Teil ist 1772 erschienen. W. G. Tennemann Geschichte der Philosophie, 1ster bis 8ter Band, 1798–1810 Dieses Werk ist bis zu Wilhelm Gottlieb Tennemanns (1761–1819) Tod in insgesamt elf Bänden erschienen (Leipzig 1798–1819). Der achte Band zerfällt in zwei Teile (1810/1811). M. Tiedemann's Geist der speculativen Philosophie, 6 Bde. Marburg 1791–1797 Der Name des Autors lautet Dieterich Tiedemann (1748–1803). des Verfassers Geist des Urchristenthums, 3 Theile Gemeint ist Johann August Eberhards in Halle erschienenes Werk Der Geist des Urchristenthums. Ein Handbuch der Geschichte der philosophischen Cultur für gebildete Leser aus allen Ständen in Abendgesprächen (1807–1808). 5797

[213] [257]

2165871.

Philosophie 5872, so wie alle menschliche Kenntnisse, gründet sich5873 auf Wahrnehmung dessen, was wirklich ist, und, bey5874 den steten Abwechslungen der Dinge, auf die Beobachtung der verschiednen5875 Ereignisse. Wenn diese Kenntniß uns nutzbar,5876 und 5877 das Allgemeine abgezogen werden soll, um uns weiser und dadurch glücklicher zu machen:5878 so müssen wir einzelne5879 Ereignisse mit andern vergleichen, die zugleich5880 oder vor- oder nachher erfolgten, kurz, sie im Zusammenhang übersehen, um zu entdecken: was war die UrsachUrsach5881 und was die Folge eines Ereignisses? und, wenn es Veränderungen5882 waren, die von vernünftigen Wesen bewirkt wurden,5883 was war die Absicht? Jedes Geschehene, wenn es mit den begleitenden und auf einander folgenden Ereignissen erkannt wird, ist eine Geschichte; und eben diesen Namen legt man einer Wissenschaft bey5884, die uns von den Veränderungen in der Welt im Zusammenhange benachrichtigt.

[258] [236] 2175885.

Aber nicht alles5886, was geschiehet5887, ist wissenswürdig, und der ungeheure Umfang der Verän[214]derungen in der Welt macht ohnehin eine Auswahl des Merkwürdigern nothwendig, welches entweder nach dem bestimmt werden muß, was größere5888 und weitgreifendere Veränderungen hervorgebracht hat, oder nach dem, was denjenigen, der sich mit Aufsuchung dieser Ereignisse beschäftigt, nach seinen besondern Absichten, wozu er diese Kenntniß brauchen will, am meisten interessirt5889. Daher hat man angefangen, die verschiednen5890 Arten der Ereignisse in der Welt von einander abzusondern,5891 und daraus5892 entstehen so viele verschiedne5893 Theile der Geschichte. Schränkt sich diese auf solche5894 Thaten und Veränderungen der Menschen ein, die in das Glück und Unglück der menschlichen Gesellschaft einen Einfluß haben, so heißt sie im eigentlichen Verstande Geschichte oder Historie.

2185896.

Jedermann, wer die Geschichte kennt, muß zugestehen, daß sie eine sehr unterhaltende und höchst nützliche Wissenschaft seyn könne, und sie wird es in dem Grade wirklich seyn, in welchem sie, nebst der deutlichen und treuesten Darstellung der Begebenheiten, dem vorhin angegebnen5897 [259] Zweck entspricht, das heißt, zusammenhängend,5898 und auf die Vorstellung des Einflusses derselben auf die menschliche Wohlfahrt und deren Gegentheil ge[215]richtet ist. Sie vertritt 1) die Stelle der eignen5899 Erfahrung, und erweitert die Kennt[237]niß der Welt und der Menschen ungemein. So fern5900 giebt sie die brauchbarsten Materialien5901, welche die Philosophie verarbeiten kan5902; sie macht aufmerksam auf Umstände, die dem spekulativen5903 Kopf, der immer nach dem Allgemeinen hinsieht, gar zu leicht entwischen5904, und somit die Vollständigkeit der Induction, wie die Sicherheit der Analogie, verhindern; sie beugt dadurch der Unfruchtbarkeit allgemeiner Untersuchungen5905 über die Welt und den Menschen, nebst den zu einseitigen Vorstellungen vor; sie ist eine herrliche Uebung im Untersuchen und Vergleichen; ein reiches Magazin für Philosophie der Welt und des Lebens.

2195906.

Doch nicht bloßes5907 MagazinMagazin –5908 sondern 2) auch SchuleSchule – der Weisheit und Klugheit5909, die nur bey5910 zufälligen oder veränderlichen Dingen statt finden5911, und immer auf5912 Verbindung geschickter Mittel zu5913 guten Absichten sehen5914. Die Geschichte lehrt uns, was gewisse Absichten, die sich Menschen vorsetzten, wenn sie sie auch erreichten, für gute und üble Folgen, also was für Einfluß sie auf wahre menschliche Glückseligkeit hatten; sie zeigt, wodurch gewisse Absichten bewirkt worden sind, und wie viel Grund zu diesem glücklichen [260] Ausschlag oder zu dem Gegentheile, entweder in den Umständen oder in dem Benehmen der Menschen dabey5915, lag. Sie macht uns mit Menschen von sehr verschiedner5916 [216] Art und unter sehr verschiednen5917 Lagen bekannt, zeigt uns die Triebfedern ihrer Handlungen, und die Mittel,5918 Andre5919 am besten zu gewissen Absichten zu lenken. Kurz, sie versieht uns nicht nur mit einem großen5920 Reichthum nützlicher Kenntnisse, und macht uns die Umstände in der Welt und ihren Einfluß auf einander anschaulich,5921 sie schärft auch den praktischen Verstand, [238] ohne welche drey5922 Stücke keine Weisheit und Klugheit möglich ist. Durch den Fleiß, den man auf die Geschichte wendet, gewöhnet5923 man sich zur Aufmerksamkeit auch auf die kleinste5924 Umstände, und selbst ihren unmerklichern Einfluß, zu einer schnellen Uebersicht derselben,5925 und einen festen und sichern Blick auf das, was man jedesmal zu thun habe; man wird mit so vielen sonderbaren Ereignissen bekannt, daß uns 5926 unerwartete5927 Umstände weit weniger5928 befremden, und bey5929 vorkommenden Fällen weniger ausser5930 Fassung setzen; und eben hiedurch5931 gewöhnen wir uns, vermittelst der Geschichte, uns wirklich klug zu betragen. Es mag seyn, daß man auch ohne sie, in gewissen Arten von Geschäften, zu welchen man vorzüglich aufgelegt ist, und mit welchen man am meisten, oder beynahe5932 allein, umgeht, Klugheit genug erlangen könne; aber zur Klugheit für jede Art zu handlen5933, zumal für die Geschäfte, wobey5934 uns schon viel und lange vorgearbeitet ist, kan5935 man schwerlich, ohne Bekanntschaft mit der Ge[261]schichte, gelangen, wenigstens wird die Weisheit und Klugheit, die man sich durch das Studium der Geschichte erwirbt, weiter reichen, sichrer seyn, und [217] mit weit weniger eignen5936 Schaden erworben werden, als ohne Kenntniß der Geschichte5937.

2205938.

Wie sich aber die Geschichte hauptsächlich mit den Handlungen der Menschen, mit den zu ihrer Ausführung genommnen5939 Maaßregeln,5940 und mit deren Erfolge sowohl,5941 als mit den Folgen des Betragens der Menschen beschäftigt: so kann5942 sie 5943 3) sehr viel beytragen, TugendTugend zu befördern,5944 und von5945 Ausschweifungen zurückzuziehen5946. Denn sie zeigt die unausbleiblichen Folgen von beyden5947, sie [239] macht unsre5948 Pflichten durch so viele Beyspiele5949 einleuchtender und eindrücklicher, als es alle Regeln und Beweise vermögen, und erhebet5950 dadurch den Menschen zu edlen5951 Empfindungen. Indem sie aber zugleich 4) den Gang der göttlichen Regierung der Welt5952 vor Augen legt, und gleichsam die Jahrbücher derselben eröffnet,5953 indem sie die Eitelkeit der menschlichen Anschläge, den steten Wechsel der Dinge und die wundersame Art zeigt, wie Gott überall seine weisesten Absichten durchgeführt hat, giebt sie nicht nur den Menschen Muth, Gutes zu thun, und selbst bey5954 den größesten5955 Hindernissen und anscheinendem5956 mißlichen Ausgang,5957 nie müde zu werden,5958 sondern sie macht auch bey5959 dem, der diesem GangGange 5960 der göttlichen VorsehungVorsehung5962 nachspüren will, einen tiefen Eindruck und Ueberzeugung5963 von Gottes höchster Macht, Weisheit und Güte, worin der Grund zur wahren Beruhigung des Gemüths und Zufriedenheit mit allem5964 liegt, was uns [218] begegnet. Sofern daher alle wahre Glückseligkeit des Menschen theils auf stetem Bestreben nach Tugend, theils auf gegründeter Zufriedenheit des Gemüths beruht, und diese eigentlich von wahrer Weisheit abhängt:5965 ist ihr ganzer Einfluß auf unsre wahre Glückseligkeit unverkennbar.

2215966.

Ueberhaupt aber ist 5967 5) Kenntniß der GeschichteGeschichte bey jeder Wissenschaft unentbehrlich, so fern5968 man entweder das benutzen muß,5969 was schon vor uns in einer Wissenschaft entdeckt worden ist, oder so fern5970 eine Wissenschaft den zu verarbeitenden Stoff, wenigstens Erläuterungen, aus der Geschichte entlehnen muß. Jenes muß man aus der Geschichte der Wissenschaften schöpfen, und wenn gleich das Studium dieser Geschichte entbehrlich scheinen möchte, weil die Ent[240]deckungen, wovon uns die Geschichte benachrichtigt, nach und nach schon in den5971 Wissenschaften selbst aufgenommen worden sind, und man das Entdeckte benutzen kan5972, ohne gerade zu wissen, wie alt es sey5973, oder woher es komme: so kan5974 doch auch die Geschichte der Entdeckungen vieles Licht auf die Entdeckungen5975 selbst werfen, so fern5976 sie uns zeigt, wie man auf die5977 Entdeckungen gekommen sey5978, unter welchen Einschränkungen man sie gemacht, wie mit andern Lehrsätzen verbunden habe u. d. gl.und dergleichen 5979 [263] In einigen Wissenschaften, als der Philologie, zumal bey5980 Lesung alter Schriftsteller, der Theologie, der Rechtsgelahrtheit, Staatswissenschaft u. s. f.und so ferner 5981 kurz, wo sich der Inhalt, zum Theil wenigstens, auf5982 nicht nothwendige Dinge, sondern auf menschliche Vorstellungen und willkührliche Anstalten gründet, leuchtet der Nutzen, ja bisweilen die Unentbehrlichkeit von selbst ein; und je mehr überall die Geschichte zu Hülfe genommen wird, je anschaulicher können auch die Lehrsätze 5983, und je näher kan5984 ihre Verbindung mit dem gemeinen Leben gemacht werden.

2225985.

Soll die Geschichte wirklich die angezeigten Vortheile verschaffen:5986 so muß sie 1) der strengsten5987 Wahrheit, so weit sich diese entdecken läßt, nachgehen,5988 mithin auf geprüfter Aechtheit5989 und Lauterkeit der Quellen, woraus man schöpft, und auf geprüfter Glaubwürdigkeit der Schriften oder Denkmahle5990 über gewisse Ereignisse, (d. i.)das ist darauf beruhen, ob ihre Verfasser hinlängliche Fähigkeiten und guten Willen, die gemeldeten Sachen kennen zu lernen, und sie Andern wieder 5991 mitzutheilen, besessen haben; mit einem5992 Wort, sie muß kritisch seyn. Fehlt es an solchen Quellen, oder sind sie bey5993 einzelnen5994 Begebenheiten mangel[241]haft, oder läßt sich ihre Aechtheit5995, Unverdorbenheit und Glaubwürdigkeit nicht darthun:5996 so hat der Geschichtforscher5997 das Recht, durch Vergleichung der Natur der Sachen5998 oder durch Zusam[264]menhaltung glaubwürdiger historischen5999 Anzeigen, Vermuthungen zu wagen, die, bey6000 gebrauchter Vorsicht, und wenn er nicht weiter geht, als die[220]se zwey6001 Hülfsmittel ihn leiten, den Zeugnissen an6002 Werth nichts nachgeben, ja öfters auf die Entdeckung des Unrichtigen oder doch UnsicherenUnsichern 6003 in ausdrücklichen Nachrichten führen.

2236008.

Eine zweyte2te Eigenschaft6009 der guten historischen Erzählung würde6011 die Deutlichkeit seyn6012. Sie wäre6013 aber alsdann6014 deutlich, wenn die Begebenheiten mit ihren besondenbesondern 6015 Umständen vorgestellet würden6016 – wenn nichts erwähneterwehnet würde6017 wovon der Leser nicht einen klaren Begriff hätte6019, oder ihn aus der Erzählung selbst bekommen könnte6020 – und wenn selbst durch die Darstellung die Wahrheit des Erzählten begreiflich würde6021.

2246030.

Sehr viel kömmt6031 auch 3) bey6032 der Geschichte darauf an, daß alle Ereignisse und deren Umstände im Zusammenhange, (d. i.)das ist so vorgestellt werden, daß man die Ursachen und Folgen derselben einsehen kan6033. Dieses setzt nicht nur den Leser in den Stand, die Sachen besser zu behalten – eine Schwierigkeit, über die so oft bey6034 [266] der Geschichte geklagt wird –;6035 es befördert selbst die DeutlichkeitDeutlichkeit;6036 die Prüfung des Wahren, Falschen und Verdächtigen; es6037 macht die Geschichte unterhaltend, und zur6038 Nahrung und Uebung des Geistes.

[222] 2256039.

Hiedurch wird zugleich die vierte4te Tugend6040 der Geschichte befördert, die in dem Pragmatischen besteht. Pragmatisch ist sie, in so fern6042 sie zur Weisheit und Klugheit bilden kan. Dies kan6043 sie aber, wenn der Geschichtschreiber immer das Interesse der Gesellschaft, deren Geschichte er liefert, (d. i.)das ist dasjenige, wozu sie sich vereinigt hat, theils vor [243] Augen behält, theils alles6044 in Beziehung auf dasselbe vorträgt, und die Mittel bemerken läßt, wodurch sie der Vollkommenheit, wonach sie streben soll, immer näher, oder davon weiter abgebracht worden 6045. Da sich indessen6046 der Gebrauch dieser Mittel nach der verschiedenen Lage der Gesellschaft und nach6047 den nicht von ihr abhängenden Veränderungen richten, und eben danach der Werth dieser Mittel beurtheilt werden muß: so müßte6048 sie diese Veränderungen vorzüglich nach allen ihren Umständen darlegen; zeigen, wie man dieselben abzuwenden oder zu befördern, und wie zum Besten oder Schaden der Gesellschaft zu lenken gesucht?6049 wie sich dabey6050 die Gesellschaft durch Gesetze oder andre6051 Anstalten, durch deren strenge oder fehlerhafte Beobachtung,6052 oder auch Abänderung genommen?6053 und was sie dabey6054 für Absicht gehabt?6055 wie, wie weit und wodurch sich [267] der Geist und Charakter der Gesellschaft gezeigt?6056 was einzelne6057 Personen dabey6058 für nachahmungs-6059 oder vermeidungswürdige Beyspiele gegeben?6060 und was alles dieses6061 und wie weit es auf die Wohlfahrt oder die Verschlimmerung [223] der Gesellschaft überhaupt oder einzelner6062 Theile derselben,6063 gewirkt habe?6064

Anm.Anmerkung Anm. 1. Ich bin in Bestimmung des Pragmatischen dem Begriffe der AltenAlten, besonders des Polybius Polybius , gefolgt, und habe ihn nur etwas erweitert, um ihn nicht bloß der bürgerlichen Gesellschaft anzupassen, sondern auch auf andreandere Gesellschaften, auf die Menschheit, auf die Kirche u. s. f.und so ferner auszudehnen. S.Siehe Casaubon, Isaak Isaaci Casauboni Commentar. in Polybius PolybiumPolybium, Tom.Tomus I. p.pagina 742 seq.sequens und 721 sqq.sequentes seq.sequens Was hier von der Geschichte der Gesellschaft gesagt ist, gilt auch in seiner Art von der Geschichte der Religion und der Wissenschaften. Uebrigens versteht sichs, daß der Geschichtschreiber nicht über Weisheit und Klugheit und die damit verbundne übrige Tugend müsse vorerklären wollenverbundenen übrigen Tugenden weitläuftig raisonnirt, sondern die Begebenheiten so zu stellen weiß, daß vielmehr der Leser sie selbst daraus schöpfen lerne. Höchstens darf er durch schicklicheschicklich angebrachte Sentenzen – die Sentenzen, welche der Würde der Geschichte um so angemessener sind, je weniger sie ins Gemeine fallen –fallen, oder durch Winke Winke , welche oft, wie beybesonders bei dem Tacitus Tacitus zum Beyspiel Tacitus , in einzelneneinzlen Worten liegen können, oder, –oder wenn die bloßeblosse Erzählung der Begebenheiten nicht deutlich genug die Uebersicht des Ganzen befördern, oder zu sehr durch allgemeinere AnwendungenAnwendungen unterbrochen werden würde, – durch besondrebesondere ausführliche Abschweifungen (Digressionen(Digreßionen(Digressionen, Excurse), des Lesers Aufmerksamkeit auf das lenken, was zu dieser Absicht dienetdient. Anm.Anmerkung 2. Was einige Neuere Philosophie der Geschichte nennen, scheint im Grunde nichts Anderes als dieses Pragmatische zu seyn; undund, was man historische Kunst Kenntniß Kunst nennt, ist eben die Geschicklichkeit, die bisher angeführten Tugenden oder Haupteigenschaften, wenigstens die dreydrei letztern, einer Geschichte zu geben. Die erste Tugend, Wahrheit, ist mehr der Gegenstand der Geschichtsforschung Geschichtsforschung. 6065
2266095.

Die Geschichte hat einen ungeheuren6096 Umfang. Wollte man nicht auf ihre einzelne6097 Theile einen ganz besondern Fleiß wenden:6098 so würde immer ein sehr dürftiges Ganze herauskommen; man könnte vieles nicht deutlich machen, noch das Merkwürdigste ausheben, wo man nicht das Auslesen hätte, und also vieles und vielerley6099 von der Geschichte wüßte; und wenn6100 vollends die Geschichte zusammenhängend und pragmatisch vorgestellt werden soll:6101 so gehört 6102 nothwendig eine ausführliche6103 und selbst ins Kleine gehende Erkenntniß dazu6104. Aber aus den Theilen muß man doch auch ein wohl concentrirtes Ganze bilden können, um sich eine allgemeine Uebersicht der Weltveränderungen zu verschaffen, um die Geschichte der menschlichen Gesellschaft überhaupt zu verstehen, um einen allgemeinen Faden zu ha[245]ben, daran [269] man die besondere Geschichte knüpft. Dieses alles hat Gelegenheit zu gewissen Abtheilungen der Geschichte6105 gegeben.

2276106.

Man kan6107 diese theils nach den besondern Arten der Veränderungen machen, deren Geschichte man sucht, theils 6108 nach dem weitern oder engern Umfang6109 der Geschichte. In jener Rücksicht ist die [225] Abtheilung in bürgerliche, Religions- und 6110 Kirchengeschichte, und in Literärgeschichte entstanden, je nachdem man dabey6111 auf die Veränderungen der bürgerlichen Gesellschaft, oder der Religion,6112 und der zur Aufklärung und Uebung derselben zusammengetretenen Gesellschaften, oder der Wissenschaften,6113 seine Absicht gerichtet hat. Alle drey laßenlassen 6114 sich wieder nach gewissen Hauptperioden, (z. B.)zum Beispiel die uns bekannte Geschichte in die ältere,6116 (bis auf den Anfang des 9ten Jahrhunderts nach Christi Geburt, oder besser,6117 bis auf die große Völkerwanderung6118 im 4ten 6119 Jahrhundert), in die mittlere 6120 (bis auf den Anfang des 16ten Jahrhunderts)6121 und in die neuere,6122 theilen. Nach dem weitern oder engern Umfang aber6123 pflegt man, wenigstens bey6124 der bürgerlichen Geschichte, die allgemeine Weltgeschichte (Universalhistorie) und die besondre 6125 zu unterscheiden, welche letztre freylich6126, nach den6127 verschiedenen Umfang6128 der Zeit oder der Gesellschaft und Wissenschaft, wieder sehr viele Abtheilungen leidet.

[270] 2286129.

Wenn es dem, der Theologie studieren will, andre6130 Beschäftigungen, die seinen Fleiß fordern, nicht erlaubten6131, sich in das so gar weite Feld der Geschichte zu wagen:6132 so sollte er doch, als cultivirter Mensch, als Christ und Reli[246]gionslehrer, als Gelehrter und Bürger, in der allgemeinen Weltgeschichte6133, der Religions- Menschen-6134 und Literärhistorie6135 und in der Geschichte6136 seines Vaterlandes6137, kein Fremdling seyn; zumal wenn, wie billig scheint, jeder, der Anspruch auf CulturCultur6138 macht, wenigstens überhaupt und in dem Theil der Geschichte, die ihn am nächsten angeht, nicht ganz unwissend seyn darf, und gemeiniglich der Unterricht darin denen anvertrauet wird, die sich dem Studium der Theologie gewidmet haben.

2296153.

Wie6154 man die Geschichte und deren angegebne6155 Theile am vortheilhaftesten studieren solle? – das heißt entweder,6156 auf welche6157 Eigenschaften der [227] Geschichte man sehen6158, zu welchem Zweck6159 man sie studieren müsse?6160 oder wodurch6161 man sich dieses Studium erleichtern könne? – In jenem 6162 Fall muß6163 die Absicht nicht bloß auf die 6164 Befriedigung der Neugier, der Eitelkeit und des Triebes nach Vielwissen6166, oder auf6167 angenehme Zeitkürzung6168 und Unterhaltung der Einbildungskraft gehen, 6169 sondern auf Erreichung des höhern Nutzens, der §. 218 6170 (f.)folgend angegeben ist; und alsdenn6171 wird man aus dem, was gesagt worden ist, leicht abnehmen können, aus welchem GesichtspunctGesichtspunct man sie studieren6172 müsse.

2306189.

Hat aber die Frage den andern Sinn: so betrift sie mehr die Methode und die Hülfsmittel, und dabey möchten folgende Vorschläge nicht undienlich seyn.6190

Anm.Anmerkung Anm. 1. Man sieht aber wohl, daß dieses nicht eine Anweisung für Geschichtsforscher GeschichtschreiberGeschichtsforscher , oder für solche seyn solle, die sich mit vorzüglichem Fleiß dem Studium der Geschichte widmen, und, wie alsdannalsdenn nöthig ist, aus den Quellen schöpfen wollen; sondern für die, welche entweder den ersten Grund hierin legen müssen, oder sich mit der Geschichte mehr als einem Nebenwerke, oder nur so weit beschäftigen, als zur bessern Kenntniß der übrigen, namentlich der theologischen Wissenschaften, nöthig ist. Anm.Anmerkung Anm. 2. Die Religions- und Kirchengeschichte wird hier ganz übergangen; weil ihr unten in einem andern Abschnitt ein besondrerbesonderer Platz bestimmt ist. Anm.Anmerkung Anm. 3. Ueberhaupt muß derjenige, der sich mehr auf die Geschichte einlaßeneinlassen kan und will, zuerst diejenigen Schriftsteller zu Rathe ziehen, welche ein Verzeichniß der dahin gehörigen allgemeinen und besondern Werke und Schriften geliefert haben. Hat er dadurch die besten Geschichtschreiber in den verschiedenen Arten der Geschichte kennen gelernet, so muß er sich, wenn er weiter gehen will, an diejenigen halten, die von diesen als gebrauchte QuellenQuellen oder HülfsmittelHülfsmittel sind angegeben worden. Für Geschichte überhaupt, oder eigentlich für bürgerliche Geschichte, ist das vollständigste Werk die Bibliotheca historica, instructa a Struve, Burkhard Gotthelf Burc. Gotthelf Struvio , aucta a Buder, Christian Gottlieb Christ. Gottlieb Budero , nunc vero a Meusel, Johann Georg Jo. Georg. Meuselio - - amplificata, wovon bis jetzt 5 Volumina, jedes von 2 Theilen, Lipsiae 1782 bis 1791 Vol.Volumen I. Pars I. Lipsiae 1782. P.Pars II. 1784. u.und Vol.Volumen II. P.Pars I. 1785. in gr.groß 8. erschienen sindist. Die Buder, Christian Gottlieb Budersche Ausgabe des ganzen Werks war Jenae 1740 1740. in 2 Bänden in groß Oktav gr.groß 8. herausgekommen. 6191
2316203.

Vor allen Dingen müßte man sich zu orientiren suchen, d. i.das ist sich bekannt machen wo? und wenn die Veränderungen, welche die Geschichte lehren soll, vorgegangen wären, also zuvörderst den Schauplatz kennen lernen. Ohne6204 vorläufige Kenntniß der Geographie Geographie sollte man nie wollen6205 Geschichte studieren. Diese6206 vorläufige Arbeit brauchte nur6207 auf das Allgemeinere zu gehen;6208 weil sonst die Menge der Sachen zerstreuen, oder unnöthig aufhalten, vieles6209 auch nicht einmal verständlich, oder dessen Nutzbarkeit begreiflich seyn würde, was erst durch die Geschichte aufgeklärt werden muß. Vorzüglich müßten unter den wichtigsten Oertern6210 die natürlichen6211 Abtheilungen der Erde durch Meere, Flüsse und Gebürge6212 bemerkt werden, als welche die beständigsten sind, woran [274] sich auch größtentheils die Abtheilungen der Völker und die wichtigsten Städte geschlossen haben, von wo aus selbst die Verbindungen und die Ausbreitung der Völker gegangen sind. 6213 Weil die neuere Beschaffenheit der Länder uns näher angeht, und man von ihr mehr wissen kan6214 als von der vorhergehenden: so würde6215 man 6216 von der neuern6217 Geographie6218 anfangen6219, und 6220 so zur mitlern6221 und ältern fortgehen.6222 Es versteht sich, daß man stets die6223 besten Landcharten, die man bekommen kan, vor sich haben müsse6224.

Bey der neuern Geographie könnte man der vollständigern Kürze wegen Fabri, Johann Ernst J. E. Fabri Handbuch der neuesten Geographie, dritte umgearbeitete Aufl.Auflage Halle 1790 1784. gr.groß 8. und zur Erweiterung in Absicht auf Europa und einen Theil von Asien, Büsching, Anton Friedrich A. F. Büschings Auszug aus seiner Erdbeschreibung, 5te vermehrte Auflage, Hamburg 1780 in 2 Theilen in 8. und 6ste Aufl.Auflage des ersten Theils, 1785,1785. zum Grunde legen; noch mehr aber, wenn die Geographie vorzüglich zum Behuf der Völkergeschichte studiert werden soll, Gatterer, Johann Christoph J. C. Gatterers kurzen Begriff der Geographie, Göttingen 1789 in 2 Oktavbänden, weil er sich neben der Land- auch auf Völkerkenntniß erstreckt, und sie mit großer Sorgfalt classificirt. – In der mittlern mitlern Geographie haben wir eigentlich noch gar nichts Allgemeines, das einigermaßen, nebst Richtigkeit, vollständig heißen könnte. Anville, Jean Baptiste Bourguignon d' D'Anville zugleich richtigeres und vollständigeres als d'Anville Handbuch der mittlernmitlern Erdbeschreibung - - nebst einer Landcharte von der mittlernmitlern Geographie, Nürnberg 1782 1782. in gr.groß 8. ist bis jetzt das einzige zuverläßige, um sich in den für die Geschichte wichtigsten europäischen Staaten, seit der großen Völkerwanderung, überhaupt orientiren zu lernen, ob es gleich kaum über das achte Jahrhundert hinausgehtdie doch nur einige europäische Staaten betrifft. – In der ältern Geographie kankönnen für den Anfang das §. 140 erwähnte Handbuch zum Gebrauch der 140. erwehnte Handbuch nach Anleitung der Anville, Jean Baptiste Bourguignon d' d'Anvillischen Landcharten Landcharten, dienen, womit man stets den vortreflichenwovon der erste Band, über Europa, Nürnberg 1785. in gr.groß 8. vollendet ist, von dem zweyten aber bis jetzt einige Theile von Asien und Aegypten, erschienen sind. Der vortrefliche Atlas antiquus Anville, Jean Baptiste Bourguignon d' Danvillianus verbinden muß Danvillanus , welcher, mit Inbegriff der Tabulae medii aevi, 12 Charten in sich faßtfaßt, ist daselbst 1784. nachgestochen. – Von dieser vorläufigen geographischen Kenntniß muß freylich vieles erst hinterher durch die Geschichte vollständiger und deutlicher, und der Abgang solcher LandchartenLandcharten, welche die Länder nach gewissen besondern Zeiten vorstellen, durch die ersetzt werden, die sich bey manchen genauern Abhandlungen über die Geschichte einzelnereinzler Reiche zu gewissen Zeiten befinden,befinden und hier nicht können besonders angegeben werden können. 6225
2326248.

Nach dieser vorläufig erlangten Kenntniß müßte6249 der Anfang von Erlernung der Geschichte selbst mit einer allgemeinen Uebersicht derselben, also mit der allgemeinen WeltgeschichteWeltgeschichte6250 (§. 227 6251) gemacht werden, wenn man einen Unterricht finden kan, der dieses Namens würdig ist6252. Liegt bey6253 dem Studium der Geschichte keine solche allgemeine Geschichte zum Grunde:6254 so kan6255 man sich in Absicht auf Zeit (§. 231 234 ), wohin6256 jedes ge[231]hört, nicht wohl finden, ja selbst oft nicht einmal [276] in Absicht auf die Länder, wo etwas vorgefallen ist, weil diese, nach verschiedenen Veränderungen in der Geschichte, auch andre6258 Namen, einen andern Umfang, andre6259 Cultur (u. s. f.)und so ferner bekommen haben. Ueberdies6260 greift jede besondre6261 Geschichte in andre6262, ohne deren Kenntniß auch jene nicht deutlich ist, zumal wenn man die Ursachen von besondern Veränderungen in Einem StaatStaat6263 wissen will, die Ursachen mögen vorhergehende oder mitwirkende seyn. Denn dazu ist Kenntniß vorhergehender oder gleichzeitiger Staaten nöthig, und, da man die Geschichte dieser einzelnen6264 Staaten doch nicht auf einmal6265 lernen kan6266: so ist keine andre6267 Hülfe als von der allgemeinen Weltgeschichte6268 zu erwarten. Auch muß man sich gleich Anfangs6269 an Bemerkung des Zusammenhangs in der Geschichte gewöhnen (§. 224 227 ), und lernen6270 das Wichtigere von dem Unwichtigern zu6272 unterscheiden 6273, um über dieses nicht jenes zu vernachläßigen; aber eben6274 diesen Zusammenhang lehrt jene allgemeine Geschichte, und sie6275 macht uns auf das Gewicht und den Einfluß eines Staats und [251] dessen Veränderungen6276 auf gleichzeitige und spätere Veränderungen aufmerksam. Selbst der Blick erweitert sich durch dieses eröffnete6277 weite Feld, und6278 macht einen größern6279 Eindruck von 6280 der Wichtigkeit der Geschichte6281 überhaupt, welches die Lust, sie6282 zu studieren, sehr6283 befördert.

2336295.

Es müßte aber eine6296 Geschichte, die6297 diese Absichten erfüllen sollte, a) bey6298 allem Reichthum der Sachen, 6300 zweckmäßig kurz seyn, (d. i.)das ist nichts enthalten, was nicht entweder zur Kenntniß eines ganzen Theils, Volks oder Staates und dessen merkwürdigerer6301 Veränderungen, oder zur Kenntniß des Einflusses desselben auf andre6302 ganze Theile, Völker oder Staaten, diente6303, und b)6304 doch hinlänglich zur allgemeinen Kenntniß dieser zwey6305 Stücke. Sie müßte6306 sich c)6307 leicht im Zusammenhange übersehen, und d)6308 zum zukünftigen beständigen Gebrauch bey6309 der SpezialgeschichteSpezialgeschichte, sowohl6310 als zur Festhaltung des Totaleindrucks, leicht behalten laßen6311.

[252] 2346312.

Unmöglich ist es, das Ganze deutlich zu übersehen, ehe man nicht vorher dessen einzelne6313 Haupt[233] [278]theile kennen gelernt6314 hat. Also sind gewisse Gränzen oder Abschnitte nöthig, und diese werden bey6315 der Geschichte entweder durch die Zeit oder durch die Gegenstände, (z. B.)zum Beispiel durch die verschiednen6316 Völker, bestimmt, mit welchen sich die Geschichte beschäftigt. Jenes würde die chronologische, dieses die synthetische Anordnung seyn. Bey6317 der erstern kan6318 man die Weltveränderungen in die Länge oder Breite, (d. i.)das ist entweder so stellen, wie sie nach einander,6319 oder wie sie neben einander erfolgten; im erstern Fall würden6320 sie eigentlich chronologisch, im zweyten6321 synchronistisch geordnet. Bey6322 der andern aber käme6323 es auf das6324 an, was man zum Hauptgegenstand6325 machen will, ob das Schicksal der CulturCultur,Cultur und was dazu gehört6326, oder der Länder, oder der Völker6328. Alle diese Methoden laßen6329 sich verbinden. In einer allgemeinen Weltgeschichte, wo es am meisten auf leichte Uebersicht und ZusamhangZusammenhang 6330 ankommt, ists ohne Zweifel am besten, gewisse Hauptveränderungen6331 in der Welt 6332 als Epochen oder Ruhepuncte6333 anzunehmen, und darnach verschiedene PeriodenPerioden6334 zu machen,6335 (die man nachher, wenn sie zu lang, und zu voll von merkwürdigen Revolutionen sind, wieder, nach eben dem Fuß,6336 abtheilen kan6337), in jeder aber die wichtigsten Völker (im politischen Verstande,6338 oder in Einem Staatskörper vereint) und ihre Geschichte,6339 besonders, und daneben den Fortgang der Cultur überhaupt,6340 oder bey6341 jedem insbesondre,6342 aufzustellen.

Weltgeschichte von Schlözer, August Ludwig von A. L. Schlözer , Erster Theil, Göttingen 1785. 8, in der Einleitung, sonderlich S.Seite 79–119. 6343
2,
2356357.
Eine solche bisher erwähnteerwehnte allgemeine Uebersicht der GeschichteGeschichte zu erlangen scheint vor dem ersten Anfang nichts dienlicher, als die dienlicher als: Die schon genannte Schlözer, August Ludwig von Schlözerische Wo gelehrte Schulen und GymnasienGymnasien zweckmäßig eingerichtet sind, darf man erwarten, daß wer zur Universität übergeht, in Besitz einer Grundansicht und Grundkenntniß der Geschichte gekommen seyn werde. Wäre dieß nicht der Fall, und selbst wo er es ist, wird sich, um die Grundlage weiter auszubauen, das Vergessene sogleich wieder zu finden, und überhaupt immer in vertrauter Bekanntschaft mit der Wissenschaft zu bleiben, ein jeder wenigstens mit einigen der besten HülfsmittelHülfsmittel zu versehen haben, an welchen unser Zeitalter keinen Mangel hat. Anm. Anmerkung Für den ersten Anfang eignet sich hierzu ganz vorzüglich: Schlözer, August Ludwig von Schlözer's Weltgeschichte, Erster Theil, Göttingen 1785, Zweyter 1789 in 8. oder 1ster und 2ter Theil, 1785. und 1789. 8. und , da diese nochsie nicht vollendet ist, Schlözer, August Ludwig von Schlözers Desselben Vorstellung der Universalhistorie, zwote Aufl.2te Auflage. Göttingen 1775 in1775. 8. Aber sie enthält Indeß enthält sie doch 8, oder, da beyde Bücher mehr Plan zur allgemeinen Weltgeschichte,W. G. als eine eigentliche Darstellung derselben. Diese letztere findet man ganz vorzüglich inVorstellung derselben enthalten, in Verbindung mit derselben, Gatterer, Johann Christoph Joh. Christoph Gatterers Gatterer's kurzer Begriff der Weltgeschichte in ihrem ganzen Umfange, Erster Theil, Göttingen 1785. gr.groß 8. oder Desselben (größre) Weltgeschichte in ihrem ganzen Umfange, Erster1ster Theil, Göttingen 1785, Zweyter 1787 in1785., 2ter Theil, 1787. gr.groß 88., die sich, durch ihren großen zusammengedrängten Reichthum von Sachen und selbst vielen neuen Aussichten, durch den überall sichtbaren Forschungsgeist, durch eine ungemein lehrreiche Darstellung und stete VerbindungVerbindung, nicht nur der verschiednenverschiedenen Völker mit einander, sondern auch ihrer CulturCultur und VerfassungVerfassung mit ihrer Geschichte, vor so vielen andern auszeichnet. Sie geht aber, so weit sie heraus ist,jedoch auch nur bis zur Zertrümmerung des persischen Reichs durch Alexander d. Gr. Alexander, mit einem Entwurf des Ursprungs und der Verfassung der griechischen Staaten. Man müßtemuß also das Uebrige aus dessen Dessen Umfange. Erster Theil, ebendaselbst 1785. gr.groß 8, oder, da beyde nur bis auf Kyros II. Kyrus reichen, Desselben Abriß der Universalhistorie in ihrem ganzen Umfange, zwote Ausgabe,2 Bände, 2te Ausgabe. Göttingen 1773 in 2 Octavbänden 1773. ergänzen 1773, in 2 Bänden in 8 . Da sich aber auch dieser Abrißsich schon mit der Entdeckung von Amerika endigt: soendigt, könnte man, in Absicht der neuesten GeschichteGeschichte, den Grundriß einer Geschichte der merkwürdigsten Welthändel neuerer Zeit - - von Büsch, Johann Georg Joh. Georg Büsch , zweyte zweyte und umgearbeitete Ausgabe, Hamburg 1783 in 8, oder den Krause, Johann Christoph Krausischen Grundriß (§. 240)1783. 8. zu Hülfe nehmen. Hierzu ist die aus dem Französischen übersetzte Universalhistorie des Abbé Millot, Claude François Xavier Millot , bis auf die neuere Zeit, fortgesetzt von Christiani, Wilhelm Ernst M. F. Christiani , 1ster und 2ter Theil, Leipzig 1771–1791. nicht unbrauchbar. Das reichhaltigste und wohlgeordnetstewohlgeordnetste, bis zur Entdeckung von Amerika gehende Handbuch über die ganze ganze UniversalgeschichteUniversalgeschichte scheint mir dochist aber die Anleitung zur Kenntniß der allgemeinen Welt- und Völkergeschichte, von Beck, Christian Daniel Christian Daniel Beck , Erster Theil, Leipz. 1778, Zweyter 1788 in1ster bis 4ter Theil. Leipzig 1787–1813. gr.groß 8, bis jetzt zwar nur bis auf die Theilung der Carolingischen Monarchie fortgeführt, eben so wie8.; – kürzer: Desselben kurzgefaßte Anleitung zur K. d. a. W. u. V. GeschichteKenntniß der allgemeinen Welt- und Völkergeschichte, ein Auszug aus dem grösserngrößern Werke, Erster1ster Theil, 1789 in1789. gr.groß 8, der, bey aller Vollständigkeit, zu einer kürzern Uebersicht noch brauchbarer ist. Aber das Zurückgebliebene kan man vor der Hand durch8. Desselben Entwurf der allgemeinen W. u. V. GeschichteWelt- und Völkergeschichte der dreydrei letzten Perioden (bis auf die neueste Zeit), Leipzig 1790 in 8. ersetzen.Zeit). Leipzig 1790. Diese Beck, Christian Daniel Beckische Anleitung, Auszug und Entwurf erstreckt Beckischen Werke erstrecken sich nicht nur auf demden politischen, sondern auch auf demden moralischen und literarischenliterärischen Zustand der Welt in verschiednenverschiedenen Zeiten und unter verschiednenverschiedenen Völkern; sie istsind recht eigentlich für Studierende auf Akademien, freylichAkademieen, freilich nicht für gemeineAnfänger, geschrieben, ausnehmend reich an Begebenheiten, an den neuesten und besten Entdeckungen in der Geschichte, und an literarischenliterärischen Notizen, und, wenn man sich erst einmal in die darin beobachtete Ordnung gefunden hat, sehr bequem, sich in dieses Buch oder nach demselben das einzutragen, was man nachher, beybei dem weiternweiteren Studium der Geschichte, von Entdeckungen und dahin einschlagenden Schriften findet. {Außerdem sind sehr empfehlungswerth: Remer, Julius August J. A. Remer's Handbuch der allgemeinen Geschichte, 3 Theile. Braunschweig 1783. Eichhorn, Johann Gottfried J. G. F. Eichhorn's Weltgeschichte, 2 Theile, Göttingen 1804. Müller, Johannes von J. v. Müller 24 Bücher allgemeiner Geschichte, besonders der europäischen Geschichte, 3 Bde.Bände Tübingen 1811. Pölitz, Karl Heinrich Ludwig K. H. L. Pölitz Handbuch der Weltgeschichte, 3 Theile. Leipzig 1805–1806.} 6358
236239237[!]. Diese allgemeine Uebersicht kanDie allgemeine Uebersicht der Geschichte kann ungemein erleichtert, anschaulicher gemacht, und der Eindruck so verschiednerverschiedener Perioden und Völker, nebst ihrem Verhältniß gegen einander, lebhafter und dauerhafter, zugleich aber die gar zu leichte Verwirrung in einer Wissenschaft von so ungeheurem und mannichfaltigem Inhalt verhindert werden, wenn man theils beybei jener kurzen allgemeinen WeltgeschichteWeltgeschichte, theils noch mehr nach Vollendung derselben, sowohl gute chronologische WeltchartenWeltcharten, als auch synchronistisch synchronistische TabellenTabellen zu Hülfe nimmt. Beyderley Anm. Anmerkung Beide Arten enthält die Gatterer, Johann Christoph Gattererische Gatterersche Synopsis historiae vniuersalisuniversalis sex tabulis - -tabulis – comprehensa, der verbesserten Ausgabe,Ausgabe. Göttingen 1769 1769. gr. fol.groß folio In 1769. gr. Fol.groß Folio; in der letztern Art ist Berger, Theodor Theodor Bergers Berger's synchronistische Universalhistorie der vornehmsten europ.europäischen Reiche etc.et cetera nach der 6sten6ten von Jaeger, Wolfgang Wolfg. Jäger verbesserten Ausgabe,verbess. Ausgabe. Coburg 1781 fol.folio 1781. Fol.Folio vorzüglich nutzbar; noch weitreichenderweiter reichend aber sind für die ganze Universalhistorie die Blair, John Blairschen Tafeln, die schon zu London 1756, und wieder 1768 unter dem TitelTitel: The Chronology and History of the World - -World, in LVI Tables, by Blair, John John Blair , in Kupfer gestochen, mit 14 Landcharten herauskamen, und nun endlich auch deutsch übersetzt: (Blair, John J. Blairs J. Blair's synchronistische Tabellen für die allgemeine Weltgeschichte, von Erschaffung der Welt - -Welt, fortgesetzt bis auf Leopold II. Leopold II. von Watteroth, Heinrich Josef Heinr. Joseph Watteroth ,) Watteroth . Wien 1790 in zwey Theilen in1790. 2 Theile. Querfolio erschienen sind. – Ganz vorzüglich aber empfehlen sich für den Handgebrauch: Hübler, Daniel Gotthold Joseph D. G. F. Hübler's synchronistische Tabellen der Völkergeschichte, nach Gatterer, Johann Christoph Gatterer . 3 Lieferungen. 1796–1799. Bredow, Gabriel G. G. H. Bredow's Weltgeschichte in Tabellen, 3te Auflage. Altona 1810. womit Hinsichts der Abstammung der Völker und des Entstehens der Reiche auch verglichen zu werden verdient: Strass, Friedrich F. Straß Strom der Zeiten, oder bildliche Darstellung der Weltgeschichte, nebst des Verfassers Ueberblick zur Erläuterung. Berlin 1803. Unter den nicht minder nothwendigen genealogischen Tabellen sind Gatterer, Johann Christoph J. C. Gatterers E. Gatterer's Stammtafeln zur Weltgeschichte, wie auch zur europäischen Staaten- und Reichshistorie, mit dem größestengrößten Fleiße entworfen. Die erste Sammlung derselben, von 32 Tafeln, ist zu Göttingen 1790 1790. herausgekommen. nutzbar. Auf die europäische Staatengeschichte beschränken sich Voigtel, Traugott Gotthold T. G. Voigtel's genealogische Tafeln. Halle 1811. Theodor Bergers synchronistische Universalhistorie der vornehmsten europ. Reiche etc. nach der 6sten von Wolfg. Jäger verbesserten Ausgabe, Coburg 1781 Aus dem Jahr 1781 stammt die fünfte Auflage, eine sechste Auflage ist nicht zu ermitteln. Blairschen Tafeln, die schon zu London 1756, und wieder 1768 […] in Kupfer gestochen, mit 14 Landcharten herauskamen John Blairs (gest. 1782) The Chronology and History of the World, from the Creation to the Year of Christ, 1753, illustrated in LVI tables ist zuerst 1754 in London erschienen und 1756 nachgedruckt worden. Weitere Ausgaben folgten. Leopold II. Gemeint ist Leopold II. (1747–1792), ab 1790 Kaiser des Heiligen Römischen Reiches. D. G. F. Hübler's synchronistische Tabellen der Völkergeschichte, nach Gatterer. 3 Lieferungen. 1796–1799 Der Name des Autors lautet Daniel Gotthold Joseph Hübler (1734–1805), zugrunde liegt Johann Christoph Gatterers Versuch einer allgemeinen Weltgeschichte bis zur Entdeckung Amerikens (1792). J. E. Gatterer's Stammtafeln zur Weltgeschichte […] Göttingen 1790 Der Name des Autors lautet Johann Christoph Gatterer. T. G. Voigtel's genealogische Tafeln. Halle 1811 Gemeint ist der erste Teil von Traugott Gotthold Voigtels (1766–1843) Genealogische[n] Tabellen zur Erläuterung der Europäischen Staatengeschichte, der zweite Teil erschien erst 1829. 237240236[!]. Ehe man zur SpezialgeschichteSpezialgeschichte fortschrittefortschreitet, oder ehe man, wenn man wollte, sich um eine ausführliche allgemeine WeltgeschichteWeltgeschichte bewürbebewirbt, oder wenn man sich auch beybei der Spezialgeschichte nicht auf die Geschichte mehrerer Staaten einlaßeneinlassen könnte: würdeeinlassen kann, wird man nicht ohne Vortheil ein WerkWerke zu Rathe ziehen können, dasziehen, die mehr als bloß allgemeine Uebersicht gäbegeben, und doch nicht zu weitläufig wäresind, zumal wenn essie zugleich die Geschichte pragmatisch darstellte. Diesesdarstellen. Diese würde jenen allgemeinen Entwurf noch unterhaltender, und die gelernten Sachen durch etwas mehrere Umständlichkeit noch behältlicher machen, zugleich aber Vorbereitung auf die Spezialgeschichte und auf das pragmatischpragmatische Studium der Geschichte seyn. Bis jetzt hat man schwerlich ein besseres und zu diesem Zweck dienlicheres Werk dieser Art als die Elemens de l'histoired'histoire generale par l'Abbé Millot, Claude François Xavier Millot , welche seit 1772 mehrmals, z. B.zum Beispiel zu Bern 1775 in 9 Bänden gr.groß 12. aufgelegt, und in der deutschen Uebersetzung: Millot, Claude François Xavier Millot Universalhistorie alter, mitler und neuer Zeiten, mit Zusätzen und Berichtigungen bis auf gegenwärtige Zeit fortgesetzt von Christiani, Wilhelm Ernst Wilh. Ernst Christiani , wovon bis jetzt Leipzig 1777–91 in 12 Theilen1777–85. 8 Theile in gr.groß 8., noch vollständiger, und selbst mit einer kurzen Kirchengeschichte vermehrt8. erschienen, noch nützlicher worden sind. Der Gebrauch eines solchen Werks wäre auch um so mehr anzurathen, da die §. 235 238 gedachten vortreflichen Entwürfe theils meistens zu Vorlesungen bestimmt, und für den ersten Anfänger nicht ganz verständlich sind, theils einzelneeinzle feine Bemerkungen schon in die Spezialgeschichte schlagen, und nicht für ihn sind, der ihren großengrossen Werth noch nicht zu schätzen weiß. Elemens de l'histoire generale par l'Abbé Millot, welche seit 1772 mehrmals, z. B. zu Bern 1775 in 9 Bänden gr. 12. aufgelegt Claude François Xavier Millots (1726–1785) Werk Eléméns D'Histoire Générale ist in zwei Partien in Paris erschienen. Die vier Bände der première partie stammen aus dem Jahr 1772 und umfassen die histoire ancienne, die fünf Bände der seconde partie umfassen die histoire moderne und stammen aus dem Jahr 1773. 1775 sind beide Partien in Lausanne und auch in Neuchâtel (édition augmentée) erschienen, eine Berner Ausgabe ist nicht nachzuweisen. Millot Universalhistorie alter, mitler und neuer Zeiten […] fortgesetzt von Wilh. Ernst Christiani, Leipzig 1777–91 in 12 Theilen Die von Wilhelm Ernst Christiani (1731–1793) verfassten Teile 10 bis 12 sind auch unter dem Titel Geschichte der neuesten Weltbegebenheiten 1–3 erschienen, der zwölfte Teil datiert aus Christianis Todesjahr. 6421 238241. Nunmehro wäre es Zeit,Von der Universalgeschichte gehe man nun zur SpezialgeschichteSpezialgeschichte fortzugehenfort, und dieses um so mehr, da die meisten bestenbesseren Entwürfe der allgemeinen WeltgeschichteWeltgeschichte auf die gerade die für uns wichtigste neuere Geschichte nicht gekommen sindin den besten Entwürfen der allgemeinen Weltgeschichte ganz übergangen, oder sie mit zu wenig VollständigkeitVollständigkeit, guter Auswahl und Genauigkeit vorgetragen habenist. Wer die Geschichte, wie hier vorausgesetzt wird, nur nach Nothdurft studieren muß, wird schwerlich in der allgemeinen Weltgeschichte weiter gehen können, und sich mit einer weitern Kenntniß weniger Theile der Spezialgeschichte begnügen müssen, und wer auch darin weiter gehen will, wie kan der jetzt anders dazu gelangen,gelangen als durch das Studium der Geschichte einzelnereinzler Staaten? 239242. Unter den Theilen dieser SpezialgeschichteSpezialgeschichte ist ohne Zweifel – wenn nicht besondrebesondere Umstände eine Ausnahme erfordern, z. B.zum Beispiel die alten Schriftsteller vorerst das Studium der griechischen und römischen Geschichte zunächst nothwendig machen,machen – die neuere neuere , beybei dieser die europäischeuropäische europäische , und besonders die vaterländischvaterländische Geschichte,Geschichte die nöthigste. – Sie geht uns am nächsten an, und so fern wir größtentheils die ältere und Geschichte unsers deutschen Vaterlandes die wichtigste. 239. Sowohl die ältere als die ausländische Geschichte lernen wollendoch die Meisten hauptsächlich in der Absicht, um den heutigen Zustand der Welt gründlich aus dem vormaligen zu erkennen, verhält sie sich zu jenererkennen. Sie verhält sich also wie Zweck zu Mitteln; man kankann selbst vieler, vielleicht der meisten Begebenheiten des AlterthumAlterthums und des AuslandAuslandes unkundig seyn, ohne daß uns deswegen die neuere und vaterländische Geschichte undeutlich ist. – Und wennunverständlich würde. Wenn überdieß die Geschichte hauptsächlich Klugheit und unsrebesonders die SittenSitten bilden soll, dabeydabei aber Denkart, Charakter, Bedürfnisse, Anstalten und Umstände erfordert werden, die denen am nächsten kommen, welche die Geschichte darstellt:darstellt; so muß die erwähnteerwehnte Art der Geschichteeine uns näher liegende neuere Geschichte, nothwendig im Ganzen mehr Einfluß auf unsreunsere Bildung als jene haben. – Selbst, wegen der meist mehrerngrößern Gewißheit der ZeitrechnungZeitrechnung und der einzelneneinzeln Begebenheiten, so wie wegen des Reichthums der Nachrichten, hat sie weniger Schwierigkeiten, und giebt mehrere ZuverläßigkeitZuverlässigkeit, nöthigt auch weniger,weniger uns beysich bei unbeträchtlichern Sachen und oft doch vergebenen Grübeleien aufzuhalten, erlaubt mehrere Wahl der Ereignisse, entdeckt mehr die Ursachen und Folgen derselben, und gewährtgewährt, da sie weniger Lücken hat, einen deutlichern ZusammenhangZusammenhang. 6478 240. Man fange also auch hier wieder mit dereiner vorläufigen allgemeinern Uebersicht an, ohne welche die vaterländischvaterländische GeschichteGeschichte eben so wenig recht verständlich ist, und lehrreich genug kan gemacht werden kann, als die Geschichte besondrerbesonderer europäischen Staaten, ohne die Kenntniß derer, aus deren Trümmern sie entstanden sind. Bloße allgemeine WeltgeschichteWeltgeschichte, die schon im Vorhergehenden, als voraus bekannt, angegeben ist, reicht hier nicht ganz zu, weil sie, nach ihrem ZweckZweck, eine allgemeinere Uebersicht der Geschichte zu geben, sich in keine nähere Darstellung (Detail) einlaßen kaneinlassen kann, und doch die Kenntniß solcher nähern Umstände, selbst oft kleiner Ursachen großer WeltveränderungenWeltveränderungen, erfordert wird, wenn man die Geschichte besondrerbesonderer Reiche und Völker verstehnverstehen, und, wie sichs gehört, in einem lehrreichen ZusammenhangZusammenhange übersehen will. Anm. Anmerkung Eine solche vorläufige genauere Einleitung und selbst Uebersicht der neuern europäischen StaatengeschichteStaatengeschichte, die man von der sogenannten großen Völkerwanderung an rechnen kankann, ist vorzüglich der Grundriß der Geschichte der jetzigen, besonders der europäischen Staaten, von Krause, Johann Christoph J. C. Krause, Krause. Halle 1788. in gr.groß 8;8. und, da doch so viel auf eine genügliche und wohlgeordnete Darstellung der merkwürdigern Veränderungen und ihrer Ursachen, so wie der Verfassung der aus oder neben einander entstandnenentstandenen Völker und Staaten,Staaten ankommt, zu deren näheren Kenntniß vielen Liebhabern der Geschichte Zeit und Hülfsmittel fehlen, Desselben bündige und lehrreiche Geschichte der wichtigsten Begebenheiten des heutigen Europa, wovon bis jetzt drey Bände in gr.groß 8. Halle 1789–91. herausgekommen sind. 1ster bis 5ter Bd.Band, fortgesetzt von Remer, Julius August Remer, 6ter u.und 7ter Bd.Band Halle 1789–1803. 8. desgleichen Koch, Christoph Wilhelm C. M. Koch's Gemählde der Revolutionen in Europa, seit dem Umsturz des römischen Kaiserthums. Aus dem Französischen von Sander, Johann Daniel Sander, 3 Theile. Berlin 1807. 8. Remer Gemeint ist Julius August Remer (1738–1803). C. M. Koch's Gemählde der Revolutionen in Europa, seit dem Umsturz des römischen Kaiserthums. Aus dem Französischen von Sander, 3 Theile. Berlin 1807 Der Name des Autors lautet Christoph Wilhelm Koch (1737–1813), bei dem Übersetzer handelt es sich um Johann Daniel Sander (1759–1825). Die ersten beiden Teile sind 1807 erschienen, der dritte Teil folgte 1809. 6527
2416550.
Hiedurch vorbereitetvorbereitet, schreite man zuMan fange also mit der GeschichteGeschichte des gemeinsamen VaterlandVaterlandes, zumit der Geschichte DeutschlandDeutschlandes Geschichte Deutschlands , fortan. Diese Geschichte ist etwas Anderes als Geschichte der deutschen Regenten und Häuser, oder deutsche ReichsgeschichteReichsgeschichte, so sehr auch beyderleybeiderlei Geschichte oft in einander fließt. Wie sind die Deutschen das worden, was sie sind? die cultivirte Nation geworden, die sie itzt sind? Dies zu wissenwissen, ist doch noch allgemein nützlicher, als jenes, so unentbehrlich auch jene Geschichte ist,ist die Geschichte der Nation kennen zu lernen. Anm. Anmerkung 1. {In Zeiten, wo Deutschland aus seiner tiefen Erniedrigung zu einem kräftigen Leben erwacht ist, – welcher Theil des Studiums der Geschichte verdiente wohl mehr Empfehlung als gerade dieser? Wenn dadurch auf der einen Seite die Kraft des deutschen Volks erkannt werden kann, so wird man sich auch vor Einseitigkeit in seiner Schätzung und Bewunderung, und in dem Urtheil der Vorzüge der vergangenen Zeit vor der jetzigen, am besten bewahren können. A. d. H.Anmerkung des Herausgebers } Anm. Anmerkung 2. Unter den Hauptwerken über die deutsche Geschichte bleibt, trotz vieler Mängel und der Unbeholfenheit des Stils, noch immer vorzüglich zu nennen: Noch ist Schmidt, Michael Ignaz Michael Ignaz Schmidts Schmidt's Geschichte der Deutschen, fortgesetzt von Milbiller, Joseph Millbiller , 1ster bis 17ter Band, desgl.desgleichen die erste Uebersicht, Ulm 1778–91,1778–851778–1791., bisher in 106 Theilen in gr.groß 8. und der erste Theil verbessert aufgelegt 1785, eigentlich1785 das einzige WerkBuch dieser Art. – Theilen, gr. 8. – Ein kleines Handbuch, recht deutsch gedacht und geschrieben, ist Kohlrausch, Heinrich Friedrich Theodor Kohlrausch deutsche Geschichte für Schulen, 2 Theile. Elberfeld 1816–1817. Zur Kenntniß der deutschen Reichs- oder vielmehr KaisergeschichteKaisergeschichte, haben wir nichts, was, eben sowohl in richtiger und lehrreicher Darstellung als in bündiger Kürze, Heinrich, Christoph Gottlob Christoph Gottlob Heinrich's teutsche Reichsgeschichte überträfe, (die eigentlich den 9ten Band der Allgemeinen Weltgeschichte nach Guthrie, William Guthrie, Gray, John Gray und Andrer Plan ausmacht), wovon bisher drey Theile, Leipz. 1787–89 in gr.groß 8. (bis auf Kaiser Karl IV. Karl IV.) erschienen sind. Ausführlicher ist schon, obgleich mehr eine kritische Zusammenstellung als pragmatische Zusammenordnung: könnte man, zu dem hier nöthigen Zweck, dem Anfänger Die Geschichte des teutschen Reichs von Heinrich, Christoph Gottlob C. G. H. (Heinrich, Christoph Gottlob Heinrich ), Riga 1778 und 1779 in drey Theilen in gr.groß 8. empfehlen, und hernach Die allgemeine WelthistorieWelthistorie - - in einem vollständigen und pragmatischen Auszuge - - verfertigt von Häberlin, Franz Dominicus Franz Dominicus Häberlin . Neue Historie,Historie. Halle 1767–73, in 12 Bänden in gr.groß 8. Doch wird sie ob diese gleich erst vom 11ten Jahrhundert an beträchtlich wird, und geht nur bis 1546, wo Desselben neueste 1546 geht, da die folgende Neueste teutsche Reichsgeschichte anfängt, die bisher (die Fortsetzung Senkenberg, Renatus Karl von R. K. Freyherrns von Senkenberg mit eingeschlossen) in 2118 Bänden besteht, Halle, 774–90 und bis zum Schluß des 16ten Jahrhunderts führt, aber in gr.groß 8, Halle 1774–85 erschienen, sie nur bis 1594 fortgesetzt, und dem hiesigen Zweck nicht angemessen ist. Zu einer guten Ergänzung der in jener Allgem. Welthist. äusserst kurz berührten ältern Geschichte des teutschen Reichs,Reichs könnten der Versuch einer Geschichte Kaiser Karl I. Karls des GroßenGrossen , Leipz. 1777. 8,8. Geschichte der fränkischen Monarchie von dem Tode Karl I. Karls des Gr. bis zu dem Abgange der Karolinger, Hamburg 1779 1779. gr.groß 8,8. und Geschichte der Teutschen von Konrad I. Konrad I.1. bis zu dem Tode Heinrich II. Heinrichs II.2 , von Hegewisch, Dietrich Hermann D. H. Hegewisch , ebendas.ebendaselbst 1781 1781, gr.groß 8. gebraucht werden, die alle von Einem Verfasser sind. Aber wer giebt uns eine zu dem hiesigen Zweck dienende Geschichte des 16ten, 17ten und 18ten Jahrhunderts? Kaisergeschichte dient ganz vorzüglich: Heinrich, Christoph Gottlob C. G. Heinrichs deutsche Reichsgeschichte, 5 Bände, Leipzig 1787–1789., und Desselben Handbuch der deutschen Reichsgeschichte. Leipzig 1800. 6551
2426593.
Diese deutsche Geschichte deutsche Geschichte recht zu verstehnverstehen und zu beurtheilen, müßtemuß man wenigstens einen allgemeinen BegriffBegrif von der deutschen StaatsverfassungStaatsverfassung haben, oder die deutsche Staatskunde Staatskunde (Statistik) kennen; wozu die Staatskunde von Deutschland im Grundrisse, von Grellmann, Heinrich Moritz Gottlieb H. W. G. Grellmann , deren erster Theil zu Göttingen 1790 in 8. ans Licht getreten ist, vorzüglich dienen könnte, zumal wenn man damit die schätzbare Historische Entwickelung der heutigen Staatsverfassung des teutschen Reichs vom geh.geheim Justitzrath Pütter, Johann Stephan Pütter verbände, von der in drey Theilen eine zweyte Ausgabe, Göttingen 1788 in gr.groß 8. erschienen ist.kennen. Für die hier angenommenen Leser möchten Schmauß, Johann Jacob Joh. Jac. Schmaussens akademische Reden und Vorlesungen über das teutsche Staatsrecht, herausgegeben von Heldmann, Johann Albrecht Hermann Joh. Alb. Herm. Heldmann , Lemgo 1766 in 4. den deutlichsten Unterricht enthalten. kennen, ohne welche theils vieles in dem Laufe der Begebenheiten nicht richtig verstanden, theils die Zeiten und ihre Wechsel in den VerfassungenVerfassungen, nicht genug unterschieden werden können. Anm. Anmerkung Hierzu geben die beste Anleitung Grellmann, Heinrich Moritz Gottlieb H. W. G. Grellmann's historisch-statistisches Handbuch von Deutschland, 1ster und 2ter Theil, und mehr noch Pütter, Johann Stephan J. S. Pütter's historische Entwickelung der heutigen Staatsverfassung des deutschen Reichs, 2 Theile. 1798. 6594
2436600.
Hierauf würdehat man sich mit der übrigen europäischen StaatengeschichteStaatengeschichte europäischen Staatengeschichte , die den nächsten Einfluß in die deutsche Geschichte hat, und mit derselbenselbiger auch sich die StaatsverfassungStaatsverfassung derselben bekannt machen, wozu, wenigstens die Verfassung der meisten kennen zu lernen, die zu machen, welche ohnehin nicht minder denkwürdige Ereignisse aufstellt, und besonders in einzelnen Zeitperioden an Interesse für den philosophischen und pragmatischpragmatischen Geschichtsforscher die vaterländische Geschichte vollkommen an die Seite gesetzt, wo nicht vorgezogen werden kann. Anm. Anmerkung Als Hülfsmittel empfehlen sich: Achenwall, Gottfried G. Achewall's Staatsverfassung der heutigen vornehmsten europäischen Reiche und Völker im Grundrisse, von Achenwall, Gottfried Gottfr. Achenwall , 7te6ste Ausgabe, Erster Theil,2 Theile, 4te Auflage, Göttingen 1790 1771, Zweyter Theil, 1785. 8. und die 1790. Toze, Eobald M. E. Tozen's Einleitung zur allgemeinen und besondern europäischen Staatskunde, entworfen von Toze, Eobald M. E. Tozen , 3te Aufl.Auflage Bützow 1785 1785. in gr.groß 8. (4te Aufl.Auflage, mit Zusätzen von Heinze, Valentin August V. A. Heinze Heinze, 1ster Band,Band. Schwerin 1790 in1790. gr.groß 8.) die brauchbarsten sind. Zur allgemeinen Uebersicht dient vorzüglichkan die Anleitung zur Kenntniß der europäischen Staatenhistorie - -Staatenhistorie – von Meusel, Johann Georg Joh. Georg Meusel , drittezwote Ausgabe, Leipz. 1788 1782. in gr.groß 8 8. dienen Leipzig 1800. 8. , die zugleich die nöthigsten genealogischen Tabellen enthält, und die besten allgemeinen Schriften und Werke anzeigt, welche über die Geschichte eines jeden Staates insbesondre vorhanden sind, und hier, nach unsrer Absicht, nicht berühret werden können.anzeigt. Spittler, Ludwig Timotheus von L. L. Spittler's Entwurf der Geschichte der europäischen Staaten, fortgesetzt von Sartorius, Georg Sartorius , 2 Theile. Berlin 1807. 6601
2446625.

Nun würde6626 es darauf ankommen, welche Theile der übrigen, sonderlich ältern Geschichte, [290] der, welcher sich6627 nicht mit besondern Fleiß auf die6628 Geschichte legen kan6629, zu seinem [262] Zweck und eigentlicheneigentlichem Studium6630 am nothwendigsten fände. Die ältere Geschichte, wenigstens einzelne6632 Theile dersel[242]ben, können für manchen6633 weit nützlicher und unentbehrlicher, als die meisten Theile der neuern seyn; und sie haben selbst das Glück gehabt, weit pragmatischer bearbeitet zu werden, als manche der neuern6634, welche, bey6635 allem Nutzen für den bloß Wißbegierigen, den Staatsmann und Rechtsgelehrten, für andre6636 Leser oft6637 sehr wenig Wissenswürdiges oder Lehrreiches enthalten. Für den, welcher das Studium der Theologie und ihrer einzelnen6638 Theile zu seiner Hauptbeschäftigung macht, kan6639 daher die jüdischjüdische6640 und die damit in Verbindung stehende Geschichte andrer6641 Völker, nebst der griechischen6642 und römischen6643, vorzüglichen Fleiß erfordern. In dieser Rücksicht, selbst wegen des guten Vortrags, verdienen die Elementa historiae antiquae, auctore Baumgarten-Crusius, Gottlob August Gottlob Aug. Baumgarten Crusio , Lips. 1775 1775. 8. wovon nur noch die Fortsetzung fehlt, sehr empfohlen zu werden. Einige die griechische und römische Geschichte betreffende Schriften sind schon oben (§. 138) erwähnterwehnt worden, und wer diese Geschichte, zum bessern VerständnißVerhältniß alter Schriftsteller, noch ausführlicher zu lernen wünschte, könnte sich dazu der Histoire ancienne - - par Rollin, Charles Rollin , die Halle 1756. 57 57. in 4 Voll.Volumina und Ebendesselben noch beßre Histoire Romaine, die ebendaselbst 1753–55 1753–55. in 5 Voll.Volumina in gr.groß 8. nachgedruckt worden ist, und der Histoire des Empereurs, nebst deren Fortsetzung in der Histoire des Empereurs Romains - - jusqu'ajusqu' à Konstantin d. Gr. Constantin, par Crevier, Jean Baptiste Louis J. B. L. Crevier , nachgedruckt Amst. 1750 f.folgend in 12 Bänden gr.groß 12. bedienen. Will man übrigens aus Einem Werk die Spezialgeschichte aller bekannten und merkwürdigern, ältern und neuern, Völker und Staaten genauer kennen lernen, ohne sich in eine sehr ausführliche Untersuchung derselben einzulaßen:einzulassen, so möchte, im Ganzen genommen, kein Werk dazu dienlicher seyn als die Allgemeine Weltgeschichte, von der Schöpfung an bis auf gegenwärtige Zeit, von Guthrie, William Wilh. Guthrie, Gray, John Joh. Gray und andern - - übersetzt - -übersetzt - berichtigt, und mit Anmerkungen versehen, (in einzelneneinzeln Theilen auch durchaus um- oder ganz neu ausgearbeitet, Leipz. 1765 flgg.folgende),1765. flgg.) das sich seiner Vollendung nähert, und bis jetzt aus 4133 Bänden in gr.groß 8. besteht, Th.Theil 1–4. Th.Theil 5,5 Band 1–4.1–4, Th.Theil 6,6 B.Band 1 u.und 2. Th.Theil 7,7 B.Band 1 u.und 2,2. Th.Theil 8. Th.Theil 9, B.Band 1. 2 3. (noch unvollendet)8 u.und 9. Th.Theil 10,10 B.Band 1 u.und 2. Th.Theil 11 u.und 12. Th.Theil 13,13 B.Band 1 u.und 2. Th.Theil 14, 1–3te Abth.Abtheilung Th.Theil 15, 1–4te Abth.Abtheilung Th.Theil 16, 1–9te1–6ste Abth.Abtheilung Th.Theil 17, 1–3te Abth.Abtheilung (auch noch nicht beendigt); wovon einige Theile selbst dem Geschichtsforscher wichtig seyn werden.6644

6666
2456667.

Ein für den Gelehrten besonders unentbehrlicher Theil der Geschichte ist die gelehrte oder Literargeschichte, welche die Schicksale der Wissenschaften und der dazu dienlichen Hülfsmittel [292] vorstellen soll. Fortschritte in einzelnen6668 Wissenschaften, erforderten Fortschritte in der CulturCultur6669 überhaupt, und in der Art der Cultur insbesondre6670, welche unter dem Namen der Gelehrsamkeit (§. 3 6671) begriffen wird. Diese Fortschritte laßen6672 sich aber nicht deutlich angeben, wenn man nicht diejenigen kennt, welche die meisten oder wichtigsten Fortschritte6673 [244] darin gethan, und 6674 dadurch sie bey andern6675 befördert haben. In so fern6676 daher die Literargeschichte das Schick[263]sal der Wissenschaften darstellen sollte, müßte6677 sie – die Geschichte der Cultur, wenigstens der der Wissenschaften überhaupt, – die Geschichte der einzelnen 6678 Wissenschaften, – und die Geschichte der merkwürdigern Gelehrten enthalten.

Anm.Anmerkung Anm. 1. Anm. CulturCultur (Ausbildung(Ausbildung, AufklärungAufklärung) im weitern Verstande, heißt jede VervollkommnungVervollkommnung der Seelenkräfte, sie mag in Erweiterung der Kenntnisse und Neigungen,Neigungen oder in Verbesserung der SeelenkräfteSeelenkräfte,Seelenkräfte durch Berichtigung und Verdeutlichung der Begriffe sowohl,sowohl als durch Bestimmung der Neigungen nach deutlicher Erkenntniß, bestehen. Wird diese erlangte Vollkommenheit der Seelenkräfte zur Beförderung derder, innerlichen oder äusserlichenäusserlichen,äußerlichen GlückseligkeitGlückseligkeit angewendet:angewendet, so entsteht Cultur im engern Verstande, die also nichts anders ist, als Fertigkeit, unsre Seelenkräfte zur menschlichen (innern oder äussernäußern, wahren oder vermeinten,vermeinten) Glückseligkeit anzuwenden. Anm.Anmerkung Anm. 2. Eine Wissenschaft Wissenschaft (objective(obiective genommen) ist ein zusammenhängender InbegriffInbegrif deutlicher Kenntnisse von Gegenständen einer gewissen Art – und, will man sie noch von einer Kunst Kunst unterscheiden, so möchte es, beybei aller Unbestimmtheit dieses Worts, doch wohl dem gewöhnlichengewöhnlichsten Sprachgebrauch am gemässestengemäßesten seyn, diesen Unterschied der Wissenschaften und Künste darnach zu bestimmen, daß diese sich zunächst mit Befriedigung sämmtlicher BedürfnisseGegenständen beschäftigen, jenerdie den Sinnen dargestellt werden können, jenejene aber zunächst mit Befriedigung dermit geistigen (§. 3 3. ), wenigstens solchen Dingendurch solche Dinge, deren Kenntniß nicht auf bloßerblosser Empfindung beruht. – Wissenschaft liche Cultur ist also eine Art der Cultur in weiterm Verstande, und von Cultur der Sitten sowohl als von Volks- oder gewöhnlicher Cultur noch sehr verschieden, ob sie gleich in beydeauf beide einen ungemeinen Einfluß haben kankann. 6679
[264] 2466708.

Zu den Hülfsmitteln, welche zur Kenntniß der Wissenschaften, Künste, und überhaupt nützlicher Sachen, sowohl6709 als zur mehrern Ausbreitung derselben dienlich sind, gehören theils alle schriftliche DenkmahleDenkmahle6710, vorzüglich Bücher, theils alle Anstalten, welche die bessere Entdeckung und Ausbildung nützlicher Kenntnisse6711 oder die Erhaltung desjenigen befördern, was bereits entdeckt und ausgebildet worden ist. Der Theil der Literargeschichte, welcher jene Denkmahle6712 bekannt macht, heißt die Bücherkenntniß Bücherkenntniß 6713. Zu den erwähnten6714 Anstalten aber gehören6715 Schulen, Universitäten, Akademien6716, Bibliotheken, gelehrte Jour[294]nale und dergleichen; man6717 könnte diesen Theil Geschichte der literarischen Anstalten nennen.

2476718.

Die6719 Vortheile, welche 1) der Geschichte überhaupt können6720 zugeschrieben werden 6721 (§. 218 bis 221 221–24 ), kan6722 die Literargeschichte insbesondre6724 in ihrer6725 Art ebenfalls6726 stiften. Sie ist selbst dem Gelehrten, als Gelehrten, weit nützlicher6727, als die meisten übrigen Theile der Historie, namentlich als die bürgerliche Geschichte; weil sie die Art seiner ei[246]genthümlichen Beschäftigungen angeht, ihn mit den ihm nöthigsten Kenntnissen und Hülfsmitteln bekannt macht, ihm die nützlichsten Beyspiele6728 darstellt, nach welchen er sich bilden, durch die er ermuntert oder gewarnet6729 werden kan6730. 2) Es wäre ungereimt für den, der nach immer mehrerer Vollkommenheit strebt, ungerecht gegen Andrer6731 Verdienste, und undankbar gegen die göttliche VorsehungVorsehung6732, wenn man das nicht benutzen wollte, was schon Andre6733 uns [265] vorgearbeitet haben,6734 am ungereimtesten da, wo bloße6735 Beobachtung, Nachdenken oder Genie uns nicht helfen können, (d. i.)das ist in allem6736 was historisch ist. Dieses Vorgearbeitete ist doch in Büchern enthalten, welche uns die Literargeschichte kennen lehrt,6737 und ohne diese Kenntniß weiß man 6738 nicht, woran man sich halten soll, wenn man über eine Wissenschaft oder gewisse Gegenstände derselben unterrichtet seyn will. Mündlichen Unterricht in den Wissenschaften kan6739 man wenigstens nicht immer haben, man [295] kan6740 ihn wenigstens,6741 und6742 man kan6743 selbst erlangte Kenntnisse immer mehr aus Büchern vermehren. Literargeschichte, und besonders Bücherkenntniß, ist das Repertorium für die ganze Gelehrsamkeit; ohne sie bleibt man in Kenntnissen unglaublich zurück.

2486744.

Die Bekanntschaft mit ihr lehrt uns auch 3),6745 den ganzen Umfang der Wissenschaften, wovon immer eine der andern die Hand bietet; sie bringt [247] uns also einen allgemeinen Geschmack und wenigstens Achtung gegen alle Wissenschaften bey6746, verhindert dadurch nicht nur die so schädliche Pedanterey und KleinkreisigkeitKleinkreisigkeit,6747 sie vermindert auch, indem sie uns mit dem Gehalt und Einfluß der Wissenschaften in einander bekannt macht, die für die Wissenschaften so schädliche Trägheit, welche aus Unwissenheit oder Gleichgültigkeit gegen alles6748 entsteht, was uns nicht unmittelbar nützlich ist, nebst der unedlen6749 Einschränkung bloß auf die6750 Studien, wovon man seinen Lebensunterhalt zu ziehen hofft. Und wenn dann6751 auch nur 4) die Kenntniß der Literargeschichte das Studieren erleichterte:6752 so wäre dies6753 schon Gewinnst genug. Es ist doch immer schon lehrreich, auf Andrer6754 Fehltritte und Abwege in den Wissenschaften aufmerksam gemacht zu [266] werden, und sich neue oder vergebliche Arbeit zu ersparen, Andern gute Methoden, gebrauchte Hülfsmittel, und Zeit und Mühe verkürzende Handgriffe abzulernen,6755 zu sehen, was in einer Wissenschaft bereits geleistet worden, oder noch [296] zurück ist,6756 Zeit zu gewinnen, die man über das Lesen schlechter oder doch nicht der besten Bücher einer Art und über unnöthige Arbeit verliert, und seine Kräfte auf das zu verwenden, worin von Andern noch Nichts6757 oder doch das Geschehene6758 nicht gut genug geleistet worden ist.

2496759.

Wenn über dies6760 5) einem jeden Gelehrten daran liegen muß, sich nicht selbst verächtlich zu [248] machen, sondern vielmehr Andrer6761 Vertrauen zu gewinnen und zu erhalten, um mit seinen Kenntnissen desto mehr Nutzen zu stiften: so begreift man leicht, wie sehr es unsrer6762 Achtung bey6763 Andern schade, wenn man oft nicht einmal die bekanntesten Hülfsmittel der Gelehrsamkeit, oder die besten Schriften einer Art,6764 kennt, längst von Andern gemachte Entdeckungen als etwas Neues anstaunt, oder sich ihrer als neuer Erfindungen rühmt,6765 Fehler, die man ohne Kenntniß der Literargeschichte nicht vermeiden kan6766; wie sehr es hingegen Andrer6767 Vertrauen erwerbe und vermehre, wenn man sich gleich zu helfen, und das, woran es uns noch fehlt, gleich durch Hülfe dessen, was Andre6768 in einer Wissenschaft vorgearbeitet haben, zu ersetzen, oder Rechenschaft zu geben wisse, woran es liegt, und warum es nicht möglich ist, gewisse Lücken in der Erkenntniß auszufüllen. 6) Selbst auf den moralischen Charakter und das Betragen eines Gelehrten ist diese literarische Kenntniß nicht ohne Einfluß. Der allgenugsame Dünkel eingebildeter Selbstdenker und Erfinder, welcher we[267]nigstens [297] mit darauf beruht, daß man den Umfang menschlicher Kenntnisse, die mannichfaltigen Schwierigkeiten und verunglückten Versuche in gewissen Untersuchungen, und die Verdienste Andrer6769 zu wenig kennt; die Verachtung oder Gleichgültigkeit gegen alles6770, was man nicht selbst versteht; der ParteygeistParteygeist6771, der Haß oder Verdacht gegen alle6772, die von uns verschieden denken, zumal das schädliche Vorurtheil gegen alles6773, was man für Neuerung hält: alles dieses kan6774 schwerlich bey6775 dem aufkommen,6776 oder [249] sich lange erhalten, der genugsame Kenntnisse der Literargeschichte hat;6777 die hingegen Bescheidenheit und Billigkeit, vernünftige FreiheitFreiheit6778 im Denken, gesetzten Muth und Zufriedenheit bey6779 unsern verkannten Verdiensten oder guten Absichten6780 und Aufmunterung durch gute Beyspiele6781 und durch die wohlthätigen Leitungen der göttlichen VorsehungVorsehung6782, befördern können.

2506783.

Aber Geschichte der Gelehrsamkeit ist nicht Gelehrsamkeit selbst! – Freylich6784 nicht, und wer weiter nichts als jene kennt, der versteht von dieser nicht mehr, als jemand von einem Buch aus dem bloßen6785 Register oder der allgemeinen Anzeige des Inhalts; er kan6786 selbst Vieles6787 in jener nicht recht verstehen oder schätzen, wenn er nicht auch diese kennt. Aber durch diese Anzeige lernt er doch, was er in dem Buch6788 suchen darf, und wenn sie lehrreich genug abgefaßt ist, kan6789 selbst die Uebersicht des Plans und Zusammenhangs für den6790, der ihn gehörig zu brauchen6791 weiß, sehr unterhal[298]tend und nutzbar werden, zumal wenn er der in dem Buch6792 vorgetragenen Sachen6793 schon kundig ist. – Zu dem6794 ist die Literargeschichte kein bloßes6795 Register; sie kan6796 so gut, wie jede andere6797 Art der Geschichte, philosophisch und pragma[268]tisch behandelt, und zum Rang einer Wissenschaft erhoben werden; auch ist nicht abzusehen, warum es mehr Tadel verdienen sollte, wenn jemand ihr vorzüglich seinen Fleiß widmete, als wenn er sich irgend auf [250] eine andere Wissenschaft, auf Sprachen, auf Geschichte, auf Metaphysik (u. s. f.)und so ferner vornemlich6798 legt, falls er dazu vorzügliche Fähigkeit, Neigung und Hülfsmittel hat.

2516820.

Ueberhaupt wird dieser Vorwurf immer mehr von seiner Scheinbarkeit verlieren, je mehr man dahin arbeiten wird, auch diesem Theil der Geschichte diejenigen Eigenschaften zu geben, die oben (§. 222–225 6821) von einer wahrhaftig6822 nutzbaren Geschichte erfordert wurden. Die Natur der Literargeschichte erlaubt es eben sowohl; einzelne6823 gemachte Versuche über besondre6824 Stücke derselben beweisen, wie ausführbar es sey6825; und, wenn es bey6826 manchen besondern Theilen derselben nicht möglich scheint:6827 so liegt die Ursach gewiß in den6828 Mangel hinlänglicher Nachrichten; eine6829 Schwierigkeit, welche die andern Arten der Geschichte nicht minder drückt, ohne daß man deswegen an der philosophischen und pragmatischen Behandlung derselben verzweifelt hätte.

[300] 2526830.

Auch die Literargeschichte6831 läßt sich in die allgemeine und besondre eintheilen; beyde6832 können entweder synthetisch oder analytisch und chronologisch abgehandelt, beyde6833 Methoden auch gewissermassen6834 vereinigt werden (§. 227. 234 234. 6835). Die Haupttheile der besondern gelehrten Geschichte sind vorhin (§. 245. 246 246. ) erwähnt6837 worden. Die Geschichte der Gelehrten läßt sich, wenn sie im Allgemeinen vorgestellt werden soll, am besten mit der [252] Geschichte der besondern Wissenschaften, so wie die Geschichte der gelehrten Anstalten 6839 mit der Geschichte der Wissenschaften überhaupt, verbinden. Die Bücherkenntniß könnte zwar auch mit der Geschichte einzelner6840 Wissenschaften, [270] wohinein6841 die Bücher schlagen, verbunden werden, so fern6842 es darauf ankommt, die fortschreitende Ausbildung einer Wissenschaft durch gewisse Bücher anzugeben. Da aber bey6843 der nützlichen Bücherkenntniß weniger auf diesen Gesichtspunct6844 als darauf zu sehen ist, welche Schriften, und wie weit sie, und6845 noch jetzt, zur Erlernung einer Wissenschaft vorzüglich6846 brauchbar sind: so ist es besser, sie besonders, getrennt von der Geschichte der Wissenschaften, zu betrachten und zu erwerben.

2536847.
Weil dieDie Erlernung der Wissenschaften Wissenschaften selbst doch noch wichtiger istbleibt allerdings wichtiger, als die Erlernung ihrer Geschichte ihrer Geschichte und die Kenntniß der zu jener dienlichen Hülfsmittel; weil man über diesüberdies Hülfsmittel. Man bedarf überdies dieser letztrenletzteren Kenntniß mehr bedarf, um sich selbst in einer Wissenschaft weiter fortzuhelfen,fort zu helfen,fortzuhelfen; sie ist also weniger unentbehrlich ist, wenn man in der Wissenschaft selbstfremden UnterrichtUnterricht genießengeniessen kan; und weilkann. Auch kann die Geschichte einer Wissenschaft nicht recht verstanden, der Werth eines Buchs auch nicht gehörig, wenigstens nach unsermunsrer Bedürfniß, geschätzt werden kan, ehe man nicht der Wissenschaft selbst kundig ist: soist. Daher ist es rathsamer, die LiterargeschichteLiterargeschichte erst alsdannalsdenn zu studieren, wenn man sich schon mit den Wissenschaften bekannt gemacht hat. Sehr gut wär' es zwar, wenn man schon einigen Begriff von den Wissenschaften, den merkwürdigsten Männern, die sich in jeder hervorgethan haben, und den besten allgemeinern Büchern mitbrächte; man wird sonst manches Historische nicht verstehen, was in den Vortrag der Wissenschaft muß eingeflochten werden, und den NutzenNutzen mancher Lehrsätze, oder ihrer Bestimmungen und Erläuterungen, nicht recht einsehen. Aber dieser Unterricht brauchte nur ganz allgemein zu seyn, und mehr das eben genannteGenannte als die Geschichte der Gelehrsamkeit und einzelnereinzler Wissenschaften zu betreffen, ohngefähr so, wie er in der betreffen. Auch pflegen in den Einleitungen in einzelne Wissenschaften dergleichen Notizen gegeben zu werden. Anm. Anmerkung schätzbaren Synopsis eruditionis vniuersaeuniversae concinnata a Meinecke, Johann Heinrich Friedrich Jo. Henr. Frid. Meinecke, Meineke, Meinecke. Quedlinb. 1783. 8. oder von den philosophischen Wissenschaften in weiterm Verstande in der Gesner, Johann Matthias Gesnerischen Auch gehört dahin die (§. 54.) angeführte Gesnersche Isagoge (§. 54) gegeben worden ist. 6848
2546876.

Es ist sehr zu bedauren6877, daß wir bey6878 einem so wichtigen Theile der Historie, wie die Literargeschichte ist, noch kein einziges allgemeines Werk [302] haben, das man dem, der den ersten Grund zu ihrer Kenntniß legen will, empfehlen könnte; da alles6879, was man hieher gehöriges6880 hat, entweder fast bloßes6881 Skelet ist, oder diese Geschichte nicht in ihrem ganzen Umfang6882 begreift, oder gar nicht zur guten Absicht6883 geordnet, oder voll Fehler und unzuverläßig6884, wenigstens nicht auf genugsame Untersuchung gegründet ist. Bey6885 diesen Um[254]ständen scheint Folgendesfolgendes 6886 noch das Räthlichsteräthlichste 6888 zu seyn.

Hier, in diesem Buch, wo Anm. Anmerkung In einem Buche, worin dieses nur angegeben werden darf, wie die Wissenschaften, die in den hiesigenseinen Plan gehören, und wie weit die Hülfsmittel, mit ihnen bekannt zu werden, unter uns vorhanden sind, ist der Ort nicht, Vorschläge über die beste Einrichtung der Handbücher für solche Wissenschaften zu thun. Eher können wir auch keine solche guten Handbücher über die Literargeschichte bekommen, ehe nicht alle einzelne Theile dieser Geschichte vorfür sich gut bearbeitet sind, weil sich unmöglich eine genaue allgemeine Uebersicht des Ganzen geben läßt, wo einzelne Theile noch so sehr im Dunkeln liegen, oder nicht durch die Hände wahrer Kenner der Literatur dieser Theile gegangen sind. Man laße sichs daher nicht befremden, daß die folgenden Vorschläge bloße Nothhelfer Nothhelfer für solche sind, die sich zuerst mit Literargeschichte bekannt machen wollen. 6890
[272] 2556895.
Man lege 1) ein gutes Handbuch der allgemeinen WeltgeschichteWeltgeschichte zum Grunde, wenn dasselbe zugleich mit die Geschichte der Cultur und der Wissenschaften begreift, in welcher Absicht die oben (§. 235 238 235. ) angeführten Gatterer, Johann Christoph Gattererschen und Beck, Christian Daniel Beckischen Schriften unstreitig die besten, oder vielmehr einzig brauchbaren ihrer Art sind. Man kankann sich dadurch wenigstens orientiren lernen, und die Sachen besser behalten, wenn man sie an die Weltgeschichte anschließt. Zu eben diesem Zweck – denn ein Mehreres kankann man beybei einer Art von Kenntnissen, die einen so ungeheuern Umfang haben, wie die literarischen, nicht von den folgenden Büchern erwarten – halte man sich vorerst an ein allgemeineres Lehrbuch, woraus man ohngefähr die Rubriken ersehen kankann, unter die sich Alles,Alles was hieher, wenigstens im Allgemeinen,Allgemeinen gehört, schichten ließe, etwa Heumann, Christoph August Christoph. Aug. ordnen ließe. Anm. Anmerkung Dahin gehören: Christ. A. Heumanni ConspectumConspectus reipublicae literariae, Eben so halte man sich 2) vorerst an ein allgemeineres Buch nach der synthetischsynthetischen MethodeMethode, unter welchen der Conspectus reipublicae literariae von Heumann, Christoph August Christoph Aug. Heumann , Edit.Editio 6. Hanover. 1753 in1753. 8.8. Hannover. 1791–92. , und an den noch reichern Versuchwegen seiner fruchtbaren Kürze, leichten Uebersicht und Genauigkeit; und der Versuch einer Bouginé, Carl Joseph K. J. Bouginé's Handbuch der allgemeinen Literargeschichte, nach Heumann, Christoph August Heumann's Grundriß, 6 Bände. Zürich 1789–1802. Desgleichen die Einleitung in die Geschichte der Kenntnisse, Wissenschaften und schönen Künste, von Wald, Samuel Gottlieb Sam. Gottlieb S. G. Wald , Halle 1784 1784. gr.groß 8.8., wegen der mehrern Vollständigkeit und gebrauchten neuern Hülfsmittel, den Vorzug behauptet. Das beste Buch dieser Art wäre und das Handbuch über die Geschichte der Literatur und der Kunst, von Dahler, Johann Georg Joh. Georg Dahler , J. G. Dahler . Jena 1788 in1788. gr.groß 8., wegen des schönen Eichhorn, Johann Gottfried Eichhornischen Plans, der zum Grunde liegt, wenn es nur nicht durch so viele Druck- oder Schreibfehler verstellt wäre, die gerade hier sollten mit der äussersten Sorgfalt vermieden werden. 8. nach dem Eichhorn, Johann Gottfried Eichhornischen Plan, nur durch zu viel Druck- und Schreibfehler entstellt. Eben diesem Eichhorn, Johann Gottfried Eichhornschen Plan folgt: Wachler, Ludwig L. Wachler's Versuch einer allgemeinen Geschichte der Literatur und der Cultur, 1ster bis 3ter Band. Lemgo 1793–1801. Eichhorn, Johann Gottfried Eichhorn selbst aber hat sich durch die Geschichte der Literatur von ihrem Ursprung bis auf die neuesten Zeiten, 1ster bis 5ter Band. Göttingen 1801–1807. auch um dieses Fach sehr verdient gemacht. 6896
[304] 2566922.

Nach diesem6923 gelegten Grunde scheint es 3) rathsamer, die besondern Theile der Literargeschichte etwas ausführlicher und genauer zu studieren, ehe man etwas größre6924 allgemeinere Werke zu Rathe zieht. Denn diese letztern, wie wir sie jetzt [255] haben6925, sind zu sehr compilirt, zu wenig genau, sich in einzelnen Theilen sich so ungleich,6926 und enthalten so6929 viel Unnützes oder Unausgeführtes, als daß nicht zu besorgen wäre, sie würden auch einen geduldigen und wißbegierigen Leser oft zu sehr ermüden, und ihn hinterher nöthigen, das zu berichtigen, oder mit Mühe wieder zu verlernen, was er daraus geschöpft hat. Man könnte sich also 4) zuvörderst aus dem Versuch einer Geschichte der CulturCultur des menschlichen Geschlechts, von dem Verfasser des BegriffsBegrifs menschlicher Fertigkeiten und Kenntnisse, (Adelung, Johann Christoph Joh. Christoph. Adelung ,) LeipzigKenntnisse ( Joh. Christoph Adelung ), Leipz. 1783. 8.6930 eine allgemeine Uebersicht des Fortgangs der Cultur, besonders der Wissenschaften, erwerben, und sich zugleich etwas an die pragmatische Behandlung dieses Theils der Geschichte gewöhnen. Hernach6933 sich 5) eine ähnliche Uebersicht der Geschichte einzelner6934 Wissenschaften zu verschaffen suchen, je nachdem jeder, zu seinem besondern Behuf, sich mit dieser oder jener Wissenschaft mehr bekannt machen will6935. Nur ist hier wieder zu bedauren, daß wir – ausser einigen guten Schriften, welche die Geschichte dieser und jener besondern  Wissenschaft Wissenschaft enthalten, und die nach der hiesigen Absicht nicht angeführt werden können – nichts einigermaßeneinigermassen Allgemeines haben, als Stolle, Gottlieb Gottlieb Stolle's (sehr unvollständige und seichte) Anleitung zur Historie der Gelahrheit - - zum drittenmal verbessert und - - vermehrt, Jena 1727 in Quart,1727. 4. nebst den ganz neuen Zusätzen, ebendas.ebendaselbst 1736 in Quart1736. 4., von dem auch eine Anleitung zur Historie der medicinischen, juristischen und theologischen Gelahrheit, letzte Jena 1739 in Quart1739. 4., herausgegeben ist, die mehr compilirte Bücherkenntniß als Geschichte der Wissenschaft liefert.6936

6942
[256] [274] 2576943.
BeyBei den folgenden Theilen der LiterargeschichteLiterargeschichte ist es 6) ziemlich gleichgültig, welchen man eher als den andern sich bekannt machen soll, obgleich die Bücherkenntniß Bücherkenntniß , selbst in Absicht auf die Erlernung der Wissenschaften, der wichtigste ist. Anm. Anmerkung Zur Kenntniß des Bücherwesen Bücherwesens im Allgemeinen,Allgemeinen und dessen Geschichte, haben wir kein anderes Buch, welches in gedrängterer Kürze und mit mehrerer Genauigkeit und Vollständigkeit das dahin gehörigeGehörige enthielte, alsals: Denis, Michael M. Denis Einleitung in die Bücherkunde, erster Theil Erster Theil, Bibliographie,2 Theile, Bibliographie. Wien 1777 1777. gr. 4.4; ausser dem 1795. 1796. und Ebendesselben literarisch-bibliothekarische Vorlesungen, 4 Theile. 1792. Außerdem aber, und zur Kenntniß der gelehrten Anstalten überhaupt, dient: Struve, Burkhard Gotthelf Burc. Gotth. Struvii Introductio in notitiam rei literariae, die unter diesem Titel mit den Zusätzen gelehrter Männer zum sechstenmal cura Fischer, Johann Christian Jo. Christ. J. C. Fischeri , Frft. et Lips. 1754 1754. in zwey2 Bändenzwei Bänden, gr.groß 8.,8. und unter dem TitelTitel: Bibliotheca historiae literariae,literariae ganz umgearbeitet von Jugler, Johann Friedrich Jo. Frid. J. Fr. Jugler , Jenae 1754–1763 in1754–1763. 3 Tomm.Tomi gr.groß 8. herausgekommen ist. Diese letztreletztere Ausgabe ist weit vollständiger, und meistens noch genauer, erstregenauer; erstere aber enthält doch VerschiednesVerschiedenes noch verschiednes, was man in dieser vermißt. 6944
2586970.
In diesem Struve, Burkhard Gotthelf Struvischen Werk findet man auch die Werke genannt, aus welchen die Bücherkenntniß Bücherkenntniß geschöpft werden kan. Der zweyte Theil von Denis, Michael Denis Einleitung in die Bücherkunde, Wien 1778 1778. gr.groß 4. soll zwar aus allen Wissenschaften die besten Bücher angeben, nennt aber fast bloß die Titel, und es fehlt sowohl an Wahl als zweckmäßiger Vollständigkeit; welches bey dem großentheilsgrossentheils daraus genommnen Versuch einer Mappe-Monde litteraire von Roth, Christian Friedrich Wilhelm Christian Friedr. Wilh. Roth , Erfurt 1785 in groß Foliogr. fol. eben der Fall ist. Ueberhaupt ist wegen des ungemein großenungeheuren Umfangs der Bücherkenntniß,Bücherkenntniß und der Unmöglichkeit, gar zu viele Bücher genau zu kennen, beyDas Schwierigste ist, bei der unermeßlichen Menge der Bücher, in solchen Werken die Auswahl. Selbst bei den (§. 257. Anm.Anmerkung) angeführten Werken, wird theils diese, theils die Vollständigkeit vermißt. Ein Schriftsteller, der alle Fächer umfassen will, kann bei BücherverzeichnissenBücherverzeichnisse von mehrern oder allen Theilen der Gelehrsamkeit nicht möglich, daß Ein Schriftsteller reifeGelehrsamkeit, schwerlich die strengste Wahl beobachten,beobachten und zuverläßigezuverlässige Beschreibung geben könne, undgeben. Aber ohne dieses beydesbeides können solche Verzeichnisse wenig helfen. Man thut daher besser, sich an Büchereine zu halten, welche sich nur auf einzelneeinzle einzelne Wissenschaften eingeschränkt, und dabeydabei zum wenigsten, nebst zuverläßigerzuverlässiger Genauigkeit, eine sorgfältige Wahl des Besten beobachtet haben. – Anm. Anmerkung In Absicht auf die theologischen Wissenschaften ist dieses in dermeiner Anweisung zur Kenntniß der besten allgemeinern Bücher in allen Theilen der Theologie, dritte Auflage,4te Aufl. Leipzig 1790. 1800. 8.,zwote Aufl. Leipz. 1780. 8. wenigstens meine Absicht gewesen, wo auch in der Einleitung Regeln zur Beurtheilung der Bücher und die Hülfsmittel zur Erweiterung der, zumal theologischen, Bücherkenntniß angegeben sind. Man kankann damit die Predigerbibliothek - - von Niemeyer, David Gottlieb Dav. Gottlieb D. G. Niemeyer , neue Auflage, bearbeitet von Niemeyer, August Hermann A. H. Niemeyer und Wagnitz, Heinrich Balthasar H. B. Wagnitz , 4 Theile, Halle 1782–1784 1782–84 in 3 Theilen,1796–1812. gr.groß 8. sehr nützlich verbinden. Den gesammten Zuwachs in Deutschland, liefert seit den Jahren 1750–1810 mit einer musterhaften Ordnung und Genauigkeit, Ersch, Johann Samuel J. S. Ersch Handbuch der deutschen Literatur, 2ter Band, 8te Abtheilung. Leipzig 1811–1816. 6971
[258] 2596999.
Nicht minder interessant und lehrreich ist aber auch die Geschichte der Männer, welche in allen Zeiträumen als Erfinder oder vorzügliche Beförderer der Wissenschaften sich ausgezeichnet haben, zumal wenn man in das Innere ihres Lebens und Wirkens eindringt, und sich nicht bloß mit allgemeinen biographischen Notizen oder den Titeln ihrer Schriften begnügt. An Werken, die dazu Anleitung geben, fehlt es nicht. Die lexicalischen sind freilich meist trocken und für jenen Zweck unbefriedigend. Anm. Anmerkung Zur Geschichte der Gelehrte Gelehrten hat ein Anfänger,Anfänger und selbst zum Theil der Gelehrtere,Gelehrtere zwey oder drey brauchbare Werke an Hamberger, Georg Christoph Georg Christoph Hambergers zuverläßigen G. Chr. Hamberger's zuverlässigen Nachrichten von den vornehmsten Schriftstellern vom Anfange der Welt bis 1500, Lemgo 1756–64 in1756–64. 4 Theilen inTheile. gr.groß 88., woraus dessen kurze Nachrichten Dessen kurze Nachrichten von den vornehmsten Schriftstellern vor dem 16ten Jahrhundert, ebendas. 1767 inebendaselbst 1767., 2 OctavbändenOctavbände, ein verbesserter und vermehrter Auszug sind, undsind. Ferner an Saxius, Christophorus Christoph. Saxii Onomasticon litterariumliterarium, Traj. ad Rhen. 1775–1791 1775–1782 in1775–1791, 74 Partt.Partes gr.groß 8. welches theils von engernengerm, theils von weiternweiterm Umfang als das Hamberger, Georg Christoph Hambergersche Hambergersche ist, da es sich zwar mehr, sonderlich auf humanistische Schriftsteller, einschränkt, aber auch mehr in kleinere Bücher-NotitzBüchernotiz, und selbstschon bis auf unsreunsere Zeitin die Mitte des vorigen Jahrhunderts geht. Eine treflichetreffliche synchronistische Uebersicht giebt in diesem Fache (obgleich jetzt nur bis an das 16te Jahrhundert) die Synopsis historiae litterariaeliterariae, auctore Eyring, Jeremias Nicolaus Jerem. Nic. Eyring , Goetting. 1738 17831738. und 84 in84. 3 Tomm.Tomi kl.klein 4.4 min.minor Die Kenntniß andreranderer in diesen Werken nicht berührten SchriftstellerSchriftsteller, kanSchriftsteller, kann man aus dem Allgemeinen Gelehrten-Lexicon, herausgegeben von Jöcher, Christian Gottlieb Christian Gottlieb Ch. G. Jöcher , Leipz. 1750 und 51,51 in 4 Theilen,TheilenTheile, gr.groß 4. schöpfen, wovon weit bessere (doch noch nicht zur Hälfte vollendete) Fortsetzungen und Ergänzungen zu diesem Lexicon von Adelung, Johann Christoph Joh. Christoph J. Ch. Adelung , Erster Erster Band, Leipz. 1774, ZweyterZweiter Band, 1787 1787. 1784 gr.groß 44., erschienen sind. Eben so verdienstlich ist die von Rotermund, Heinrich Wilhelm Rotermund unternommene und bereits angefangene Fortsetzung. 70007044
260262.Nunmehr könnte man 7) zur Wiederholung, Ergänzung,Ergänzung und einigermaßeneinigermassen zu mehrerer Zusammenordnung des bisherigen,bisherigen ein etwas größeresgrösseres synthetisches Werk über die LiterargeschichteLiterargeschichte benutzen, dergleichen zwar noch gar nicht, so wie man es wünschen möchte, vorhanden ist;ist, aber bey allen großengrossen Mängeln und Fehlern kan doch hier Morhof, Daniel Georg Dan. Georg Georg. Morhofii Polyhistor, Edit.Editio 4. Lubec. 1747 in 2 Quartbänden, und Fabricius, Johann Andreas Joh. Andr. Fabricii Abriß einer allgemeinen Historie der Gelehrsamkeit, Leipz. 1751–54 751–54 in drey Bänden gr.groß 8. und Bouginé, Carl Joseph Carl Joseph Bouginé Handbuch der allgemeinen Literargeschichte nach Heumann, Christoph August Heumanns Grundriß, Zürich 1789–91 bis jetzt in 4 Bänden in gr.groß 8, vor der Hand nothdürftig dienen. Für die älteste Literatur- und KunstgeschichteKunstgeschichte bis auf Kyros II. Kyrus, und als ein Muster einer wünschenswürdigen allgemeinen Cultur- und Literaturgeschichte verdienen die Untersuchungen von dem Ursprung der Gesetze, Künste und Wissenschaften - - aus dem Französischen des Goguet, Antoine-Yyes Anton Yves Goguet übersetzet, Lemgo 1760–62 in 4. studiert zu werden. Joh. Andr. Fabricii Abriß einer allgemeinen Historie der Gelehrsamkeit, Leipz. 1751–54 in drey Bänden Vgl. I § 259. Untersuchungen von dem Ursprung der Gesetze, Künste und Wissenschaften - - aus dem Französischen des Anton Yves Goguet übersetzet, Lemgo 1760–62 Der Originaltitel dieses dreibändigen Werkes lautet De l'origine des loix, des arts, et des sciences; et de leurs progrès chez les anciens peuples (1758), die Übersetzung stammt von Georg Christoph Hamberger (1726–1773). 7045
[309] 2617058.

Die übrigen hieher gehörigen Kenntnisse, besonders den steten Zuwachs, welchen die Literargeschichte,7059 und was dahin einschlägt, von Zeit zu Zeit erhalten, muß 8) ein jeder selbst aus einzelnen7060 gelehrten Zeit- und andern Schriften, durch fleißigen Besuch und Durchforschung der Büchersäle und Buchläden, und durch den Umgang mit gelehrten Männern zu ergänzen, zu berichtigen und zu [260] vervollständigen suchen. Diese Mühe würde sehr erleichtert, und die vollständigere Uebersicht befördert werden, wenn man von allen Wissenschaften und über die Schriften aus mehrern Zeiten solche Sammlungen hätte, wie die literarischen Annalen der Gottesgelehrsamkeit - - von Eyring, Jeremias Nicolaus J. N. Eyring sind, wovon aber nurerst der Erste Zeitraum von 1778–80, Nürnberg 1782 1782. in 8. herausgekommen ist7061.

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Vierter Abschnitt. Schöne Wissenschaften.Vierter Abschnitt. Schöne Wissenschaften I.4. Schöne Wissenschaften 262264261.Wir kommen zu den sogenannten schönen Wissenschaften, wohin man in der gewöhnlichen Bedeutung Redekunst Redekunst und Dichtkunst Dichtkunst zu rechnen pflegt. – Was habenFrägt man zuerst, was diese vorvon andern Wissenschaften und Künsten eignes? – Darinals eigenthümlich unterscheidet, so ist man wohl darin eins, daß der RednerRedner und DichterDichter nicht bloß etwas vorstellen, bloß lehren oder erzählen, sondern es dergestalt vorstellen wolle, daß er für oder wider die Sache einnehme, Gefallen an der dargestellten Sache,Sache oder MißfallenMißfallen, oder Interesse errege. Dieses läßt sich entweder durch die Sachen selbst bewirken, (die schon in so fern gefallen, als sie unsreunsere Thätigkeit beschäftigen,beschäftigen und unsreunsere WißbegierdeWißbegierde befriedigen,)befriedigen), oder durch die Art,Art wie man sie vorstellt. Dieses letztre kanLetztere kann wieder entweder durch Verdeutlichung oder durch Versinnlichung geschehen. Jenes ist der Zweck der strengern, *) dieses der schönen Wissenschaften und Künste. Die schönen Wissenschaften gehen darauf hinaus, vermittelst der RedeRede, also vermittelst willkührlicher, und nur durch den Gebrauch gebilligter Zeichen, die gedachte Absicht auszuführen; die schönen Künste aber, durch natürliche Zeichen, wodurch eine Vorstellung der Sachen bewirketGegenstände bewirkt werden kankann. Anm.Anmerkung Anm. 1. Jene werden daher auch die redenden, wie diese die bildenden Künste genannt. Abergenannt, und diese Benennung scheint Künste und Wissenschaften zu vermengen. DiesDieß kommt daher, weil Griechen und Römer die Wörter τέχνη und ars von jeder regelmäßigen Fertigkeit und von jedem IngebriffInbegrif der Regeln zu gewissen Verrichtungen brauchten, dergleichen Regeln beybei den Wissenschaften sowohl als beybei den Künsten statt finden; wiewohl sie noch freye freie man hernach die freyen Künste Künste (artes liberales, ἀβάναυσοι τέχναι) von solchen unterschieden, die mehr Hand- als Geistes-Uebungen erforderten, und daher unter jenem Namen meistens eigentliche Wissenschaften begriffen. In neuern Zeiten hat man Wissenschaften und Künste, und unter den letztern schöne und mechanische Künste Künste mehr unterschieden. Der Unterschied der Wissenschaften und Künste scheint darauf zu beruhen, daß jene zunächst zur Befriedigung geistiger, diese zunächst zu Befriedigung sinnlicher Bedürfnisse dienen (§. 3 3. ). Diese sinnlichen Bedürfnisse sind entweder nur körperliche, und die zu ihrer Befriedigung abzielenden Künste sind bloß zur Befriedigung der äusserlichen äußerlichen Sinne bestimmt, oder die Bedürfnisse nähern sich mehr den geistigen, und durch gewisse Künste soll mehr der innre innere Sinn und die Einbildungskraft Einbildungskraft befriedigt werden. Die von der erstern Art scheint man durch den Namen der mechanischen, die von der letztern aber durch den Namen der schönen Künste zu bezeichnen. Man vergleiche nur Philosophie, TonkunstTonkunst oder MalereyMalereyMalerei, und eigentliche HandwerkerHandwerker mit einander, um sich von der Richtigkeit dieses Unterschiedes der Wissenschaften, der schönen und der mechanischen KünsteKünste, zu überzeugenden mechanischen unterschieden hat, deren Zweck Befriedigung bloß körperlicher, wie jener, zugleich oder allein Befriedigung geistiger Bedürfnisse ist. Anm. Anmerkung 2. Hienach läßt sich vielleicht der Unterschied zwischen Wissenschaften und Künsten etwas bestimmter angeben, und erklären, woher die so schwankenden Begriffe von dem Unterschied derselben kommen. Alle Kenntnisse dienen zur Befriedigung der BedürfnisseBedürfnisse, entweder der Seele, die sie belehren, überzeugen oder bewegen sollen, oder des Körpers, oder beyder zugleich. Nimmt man nun Wissenschaften und Künste (objectiue) für den zusammenhängenden Inbegrif gewisser einen gemeinsamen Gegenstand betreffenden Kenntnisse: so entstehen im angegebnen ersten Fall Wissenschaften, im zweyten mechanische, im dritten schöne Künste. Diese letzten sind mit den freyen Künsten der Alten einerley, sofern man bey diesen, welches die Alten nicht thaten, Künste noch von eigentlichen Wissenschaften unterscheidet; sie bringen, z. B.zum Beispiel MahlereyMahlerey und TonkunstTonkunst, zunächst angenehme Bewegungen im Körper oder den äusserlichen Sinnen, zugleich aber auch angenehme Empfindungen des innern Sinnes hervor. Weil nun die schönen Wissenschaften und Künste die Hervorbringung dieser letztern angenehmen Empfindungen mit einander gemein haben; so läßt sich leicht einsehen, wie man habe in Versuchung gerathen können, sie beyderseits unter die freyen Künste zu rechnen. Anm.Anmerkung Anm. 2. Anm. 3. *) Strengere Wissenschaften sind hier in diesem §. nicht mit den Wissenschaften im strengsten Verstande zu verwechseln, als welche letztere nur solche Wissenschaften sind, deren InhaltInnhalt aus der Natur der SachenSache selbst bewiesen werden kankann, und die hierhier, als eine Art (species) mit unter den strengern Wissenschaften,Wissenschaften im Gegensatz gegen schöne Wissenschaften, begriffen sind. Auch ist Verdeutlichung Verdeutlichung hier, im Gegensatz gegen Versinnlichung Versinnlichung, im weitern Verstande genommen, so daß sie nicht nur die Entwickelung desjenigen, was in einem BegriffBegrif liegt,liegt (intensive Verdeutlichung)Verdeutlichung), sondern auch die ausführlichere Vorstellung der Sachen (extensive Verdeutlichung) in sich faßt. Vergl.VergleicheVerglichen §. 223 226 . Tonkunst D.i. die Kunst des Komponisten, nicht die des Töpfers. 263265262.Sonach sind die schönen Wissenschaften solche, welche lehren, wie man den VortragVortrag versinnlichen, und dadurch an dendie Sachen selbst Gefallen oder Mißfallen erregen soll. Sie beschäftigen sich also 1) nur mit Bildung des Vortrags oder des Ausdrucks der Sachen durch Worte. 2) Ihr Zweck ist, Vergnügen Vergnügen, oder das Gegentheil, an den vorgetragenen Sachen zu erwecken, welches übrigens die Belehrung nicht ausschließt, nur daß diese nicht der nächste Zweck ist. Diesen Zweck suchen sie 3) durch die Form der Vorstellung oder die Art des Vortrags und die Einkleidung der Sachen zu befördern, indem sie dadurch 4) die Sachen sinnlich sinnlich darstellen, welcher Vortrag eben durch dieses Sinnliche gefallen, und daher auch Gefallen an den Sachen erwecken soll. Durch das erste Stück unterscheiden sie sich von den schönen Künsten; durch die dreydrei letztern von den strengernstrengen Wissenschaften. – Da sie aber, abgesehen von der Rede, die sie als Mittel zu jener Absicht bilden sollen, einerleyeinerlei allgemeine Regeln mit den schönen Künsten enthalten: so läßt sich eine allgemeinere Wissenschaft entwerfen, welche die Regeln für schöne Wissenschaften und Künste zugleich, oder die RegelnRegeln der Vollkommenheit sinnlicher Erkenntniß und ihres Ausdrucks in sich faßt. Baumgarten, Alexander Gottlieb A. G. Baumgarten hat ihr den Namen der Aesthetik Aesthetik gegeben. Anm.Anmerkung Anm. 1. Man nennt schön im weitern Verstande allesAlles, was vollkommen ist, so fernsofern diese VollkommenheitVollkommenheit sinnlich erkannt wird, undwird; in einem engern Verstande, was, seiner sinnlich erkannten Form Form nach, vollkommen ist. Schöne Wissenschaften und und Künste lehren nicht nur, Sachen, als vollkommen, sinnlich darstellen, sondern auch dieses durch die Art des Ausdrucks, also durch die Form, bewirken; daherbewirken. Daher haben sie ihren Namen bekommen. Anm.Anmerkung Anm. 2. Da schöne Wissenschaften und Künste zeigen sollen, wie Sachen, die nicht selbst dargestellt werden können, vermittelst vermittestvermittelst des Ausdrucks, es seysei durch Wörter oder natürliche Zeichen, vergegenwärtigetvergegenwärtigt werden müssen: so lehren sie,sie für die Einbildungskraft Einbildungskraft arbeiten, die nichts anders ist, als das Vermögen der Seele, sich Dinge, die nicht selbst da sind, durch Vorstellungen zu vergegenwärtigen. Anm.Anmerkung Anm. 3. Wenn beybei uns durch Darstellung gewisser SachenSachen, vermittelst gewisser ZeichenZeichen Wohlgefallen erweckt wird:wird, so empfinden wir dieses entweder über die Art der Darstellung, oder über die so dargestellten Sachen selbst. Jenes kankann zwar wieder ein Mittel werdenwerden, dieses zu befördern, es kankann aber auch allein da seyn ohne dieses. Nur gar zu oft schränkt man den Zweck der schönen Wissenschaften und Künste bloß auf die Hervorbringung jenes Wohlgefallens ein, und erniedrigt dadurch, daß man sie zum bloßenblossen Werkzeug der Belustigung macht, ihren Werth und großegrosse NutzbarkeitNutzbarkeit unglaublich. FreylichFreilich ist ihre Absicht, durch die Art der Darstellung geradezu Vergnügen zu erwecken,erwecken; aber was ist dieser Kitzel der Einbildungskraft werth, wenn das Vergnügen darüber nicht wieder eine Quelle deseines höhern Wohlgefallens an den Sachen selbst wird? A. G. Baumgarten hat ihr den Namen der Aesthetik gegeben Vgl. I § 177. 264266263.So schwer es ist, die Gränzen bestimmt anzugeben, wo sich Werke der RedekunstRede- oder DichtkunstDichtkunst scheiden:scheiden, so läßt sich doch der Hauptcharakter von beyderleybeiderlei Werken beybei einiger Aufmerksamkeit nicht verkennen. Offenbar nähern sich jene mehr den Werken der strengern Wissenschaften,Wissenschaften (§. 262) 264) 262.), diese, den Werken der schönen Künste. Der Charakter dichterischdichterischer Werke ist:ist, allesAlles so gegenwärtig als möglich darzustellen, die Vorstellungen davon so lebhaft zu machen, als es immer die Natur der Sache und der Rede erlaubt, d. i.das ist viele klare oder solche Merkmale der Sachen, die eine Menge von NebenvorstellungenNebenvorstellungen erwecken, wodurch die Sachen selbst klärerklarer oder anzüglicheranziehender werden, auf einmal zum Uebersehen darzustellen. Sie ziehen also oft selbst dunkle Vorstellungen mit ins Spiel; Werke der RedekunstRedekunst hingegen suchen die nemlichenehmlichenämliche Wirkung mehr nach und und nach hervorzubringen, legen das, was zur klaren Vorstellung der Sachen gehört, mehr aus einander, nehmen deutliche Vorstellungen so weit zu Hülfe, als es ohne Schwächung der sinnlichen Darstellung geschehen kankann. Gleichwohl haben beyderleybeiderlei Werke den Zweck, durch sinnliche Darstellung sinnliche Darstellung der SachenGegenstände Gefallen an den Sachenihnen selbst zu erregen, und, da dieses anders nicht als durch VorstellungenVorstellungen geschehen kankann, auch zu belehren. Demnach kankann wohl der wesentliche Unterschied zwischen den Werken der Rede- und der DichtkunstDichtkunst am sichersten nach dem Zweck bestimmt werden, der in beyderleybeiderlei Werken am meisten hervorsticht;hervorsticht: und dieser ist, beybei Werken der Redekunst, BelehrungBelehrung,Belehrung oder extensive DeutlichkeitDeutlichkeit (§. 262. 264. 262. Anm.Anmerkung 2.),3.) wozu Lebhaftigkeit der Darstellung nur als Mittel gebraucht wird, beywird; bei dichterischen Werken aber, Lebhaftigkeit, und Belehrung nur so weit, als sie Lebhaftigkeit befördern kankann. Anfangsgründe einer Theorie der Dichtungsarten (von Engel, Johann Jakob J. J. Engel ), Erster Theil, Berlin 1783. 8. im ersten Hauptstück. Anm.Anmerkung Anm. 1. Die Schwierigkeiten in genauer Absonderung beyderbeider schönen Wissenschaften, und die Gewohnheit, bald Sylbenmaaß, bald Erdichtung, bald das Ungewöhnlichere des Ausdrucks, als den unterscheidenden Charakter der PoesiePoesie anzunehmen, rühren wohl daher:daher, daß, weil dichterische Werke meistens metrisch sind, man Verse und Poesie, ungebundneungebundene Rede und Prose, als ganz einerleyeinerlei angenommen hat; daß Poesie nicht zu allen Zeiten und überall gleich vollkommen war, oft Nebenzwecke, z. B.zum Beispiel Verse zum Gesang, manchmal nur zum bessern Behalten der Gedanken zu brauchen, den Hauptzweck verdrängt haben; hauptsächlich aber, daß, nach gewissen besondern Arten rednerischer und dichterischer Werke, Redekunst an PoesiePoesie, z. B.zum Beispiel in rührenden Reden, und, wie im Lehrgedichte oder poetischen Erzählungen, Poesie an Redekunst streift. Anfangsgründe einer Theorie der Dichtungsarten (von Engel, Johann Jakob J. J. Engel ), Erster Theil, Berlin 1783. 8. im ersten Hauptstück. Anm.Anmerkung Anm. 2. Aus dem hervorstechenden Zweck beybei poetischen Werken läßt sich erklären, warum einförmiges Sylben-Sylben-, Zeilen- und Strophenmaaß, Erdichtung, und bilderreicher,bilderreicher oder überhaupt von dem gewöhnlichen sich entfernender Ausdruck, in dergleichen Werken gebraucht wird; weil nemlichnämlich alles dieses die Lebhaftigkeit befördert;befördert: daher es auch wegfallen muß, wenn die zweckmäßige Lebhaftigkeit schon ohne dieses erhalten werden kankann, oder gar durch diese Dinge gestört werden würde. Es ist hieraus zugleich begreiflich, warum Gedichte mehr Reitz haben als Werke der Prose. Anm.Anmerkung Anm. 3. Man könnte die beschriebene Art der sinnlichen Darstellung, die in dichterischen Werken hervorsticht, die sinnlich sinnlich lebhafte, und die, welche in rednerischen Werken herrscht, die sinnlich deutliche nennen. §. 262 Gemeint ist I § 261 c. §. 262. Anm. 2 Gemeint ist