Vom Menschen – sollten wir auch von ihm nichts wissen? Das Wissen des Selbst von sich
selber, das
Selbstbewußtsein, steht in dem Rufe, das bestgesicherte alles Wissens zu sein. Und
der gesunde Menschenverstand sträubt sich fast
noch heftiger als das wissenschaftliche Bewußtsein, wenn ihm die wahrhaft und wörtlich
selbst-verständliche
Grundlage des Wissens unter den Füßen fortgezogen werden soll. Dennoch ist es geschehen,
freilich erst spät. Es bleibt eine der
erstaunlichsten Leistungen Kants, daß er dies Selbstverständlichste, das Ich, recht
eigentlich zum Problem, zum
Allerfragwürdigsten, gemacht hat. Vom erkennenden Ich lehrt er, daß es nur in der
Beziehung auf das Erkennen, an seinen Früchten
also, nicht an sich selbst
, zu erkennen ist. Und gar vom wollenden weiß er, daß die eigentliche Moralität, Verdienst
und
Schuld, der Handlungen, selbst unsrer eigenen, uns stets verborgen bleibt. Damit erstellt
er eine negative Psychologie, die einem
ganzen Jahrhundert, dem Jahrhundert einer Psychologie ohne Seele, zu denken gegeben
hat. Wir brauchen kaum zu betonen, daß auch
hier uns das Nichts nicht für ein Ergebnis, sondern für den Ausgangspunkt des Denkens
gilt. Es mußte wohl einmal das Absurde
gedacht werden. Denn es ist der tiefe Sinn des vielmißbrauchten Credo quia absurdum,
daß aller Glaube zu seiner Voraussetzung ein
Absurdum des Wissens braucht. Damit also der Inhalt des Glaubens selbstverständlich
werde, ist es nötig, daß das anscheinend
Selbstverständliche vom Wissen zu einem Absurden gestempelt sei. Das ist der Reihe
nach mit den drei Elementen dieses Inhalts,
mit Gott, der Welt und dem Menschen, geschehen: mit Gott schon in den Anfängen des
Mittelalters, mit der Welt zu Beginn der
Neuzeit, mit dem Menschen zu Beginn des letzten Jahrhunderts. Erst nachdem so das
Wissen nichts mehr einfach und klar ließ, erst
seitdem kann der Glaube das vom Wissen ausgestoßene Einfache in seine Hut nehmen und dadurch selber ganz
einfach werden.
Der Mensch ist unbeweisbar, so gut wie die Welt und wie Gott. Sucht das Wissen gleichwohl eins von diesen dreien zu beweisen, so verliert es sich mit Notwendigkeit ins Nichts. Diesen Koordinaten, zwischen denen jeder Schritt, jede Bewegung, die es tut, sich abzeichnet, kann es nicht entweichen – und nähme es Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer; denn aus der Bahn, die von jenen drei Elementen bestimmt wird, kann es nicht herausspringen. So ist das Nichts des beweisenden Wissens hier immer nur ein Nichts des Wissens und genauer ein Nichts des Beweisens, dem gegenüber die Tatsache, die den Raum mitgründet, worin das Wissen selber lebt und webt und ist, in ihrer ganzen schlechthinnigen Tatsächlichkeit ungerührt stehen bleibt. Und das Wissen kann deshalb hier nichts weiter als den Weg von dem Unbeweisbaren, dem Nichts des Wissens, hin zur Tatsächlichkeit der Tatsache nachgehn – eben das, was wir hier zweimal schon getan haben und nun ein drittes Mal tun.
Auch vom Menschen also wissen wir nichts. Und auch dieses Nichts ist nur ein Anfang,
ja nur der
Anfang eines Anfangs. Auch in ihm erwachen die Urworte, das schaffende Ja, das zeugende
Nein, das gestaltende Und. Und das Ja
schafft auch hier im unendlichen Nichtnichts das wahre Sein, das Wesen
.
Was ist dies wahre Sein des Menschen? Das Sein Gottes war schlechthinniges Sein, Sein
jenseits
des Wissens. Das Sein der Welt war im Wissen, gewußtes, allgemeines Sein. Was ist
gegenüber Gott und Welt das Wesen des Menschen?
Goethe lehrt es uns: Was unterscheidet Götter von Menschen? daß viele Wellen vor jenen wandeln – uns hebt
die Welle, verschlingt
die Welle, und wir versinken
. Und der Prediger lehrt es uns: Geschlecht geht, Geschlecht kommt, doch die Erde steht ewiglich
.
Vergänglichkeit, die Gott und Göttern fremde, der Welt das bestürzende Erlebnis ihrer
eigenen, sich allzeit erneuernden Kraft,
ist dem Menschen die immerwährende Atmosphäre, die ihn umgibt, die er mit jedem Zug
seines Atems einsaugt und ausstößt. Der
Mensch ist vergänglich, Vergänglichsein ist sein Wesen, wie es das Wesen Gottes ist,
unsterblich und unbedingt, das Wesen der Welt, allgemein und notwendig zu sein. Gottes Sein ist Sein in Unbedingten, der Welt
Sein Sein im
Allgemeinen, des Menschen Sein ist: Sein im Besonderen. Das Wissen liegt nicht unter
ihm wie für Gott, nicht um ihn und in ihm
wie für die Welt, sondern über ihm; er ist nicht jenseits der Allgemeingültigkeit
und Notwendigkeit des Wissens, sondern
diesseits; er ist nicht, wenn das Wissen aufhört, sondern ehe es anfängt; und nur
weil er vor dem Wissen ist, kommt es, daß er
auch nachher noch ist und allem Wissen, mag es ihn noch so vollständig in die Gefäße
seiner Allgemeingültigkeit und Notwendigkeit
aufgefangen zu haben wähnen, immer wieder sein sieghaftes Ich bin noch da
zuruft. Sein Wesen ist eben, daß er sich nicht auf
Flaschen ziehen läßt, daß er immer noch da
ist, daß er in seiner Besonderheit stets gegen den Machtspruch des Allgemeinen
auftrumpft, daß ihm die eigene Besonderheit nicht, wie es ihm die Welt wohl zugestehen
möchte, Ereignis ist, sondern gerade sein
Selbstverständliches, – sein Wesen. Sein erstes Wort, sein Urja, bejaht sein Eigensein.
Im grenzenlosen Nicht seines Nichts
gründet diese Bejahung sein Besonderes, sein Eigenes als sein Wesen. Ein Einzelnes
also, aber kein Einzelnes wie das Einzelne der
Welt, das momenthaft in einer unaufhörlichen Reihe von Einzelnen aufschießt, sondern
ein Einzelnes im grenzenlosen leeren Raum,
ein Einzelnes also, das von andern Einzelnen neben ihm nichts weiß, das überhaupt
von einem neben ihm
nichts weiß, weil es
überall
ist, ein Einzelnes nicht als Tat, nicht als Ereignis, sondern als immerwährendes
Wesen.
Diese Eigenheit des Menschen ist also etwas anderes als die Individualität, die er
als einzelne
Erscheinung innerhalb der Welt annimmt. Sie ist keine Individualität, die sich gegen
andre Individualitäten abscheidet, sie ist
kein Teil – und das Individuum bekennt, grade indem es auf seine Unteilbarkeit pocht,
daß es selber Teil ist. Sie ist eben zwar
nicht selbst unendlich, aber im
Unendlichen; sie ist Einzelnes und dennoch Alles. Um sie herum liegt die unendliche
Stille des
menschlichen Nicht-nichts; sie selber ist der Ton, der in diese Stille tönt, ein Endliches
und doch Grenzenloses.
Unsre Symbolsprache hat hier klare Bahn. Die ursprüngliche Bejahung, die stets die
rechte
Seite unsrer Gleichungen setzt, das ursprüngliche So
, hatte in der Physis Gottes ihre
Schlechthinnigkeit, im Logos der Welt ihre Allgemeingültigkeit ausgewirkt; im ersten
Fall also war die Kraft wirksam geworden,
die dem einzelnen Wort einen Sinn überhaupt, im zweiten die, welche ihm die Gleichheit
seiner Bedeutung sichert. Hier tritt
die Richtung des Urja in Kraft, die dem einzelnen Wort nicht bloß einen und immer
den gleichen, sondern seinen besonderen Sinn
begründet, im Unterschied also auch von der Besonderheit, die der einzelne Fall der
Anwendung stets neu bestimmt, die
Besonderheit, die das Wort schon vor aller Anwendung hat. Die Besonderheit nicht als
Überraschung des Augenblicks und
Augen-Blicks, sondern als daseiender Charakter findet ihre Stätte im persönlichen
Ethos des Menschen – nur allein der Mensch
vermag das Unmögliche, er kann dem Augenblick Dauer verleihn
; er kann es, eben weil er selbst gerade das, was den Augenblick
in schwankender Erscheinung schweben
läßt, die Besonderheit, als sein dauerndes Wesen in sich trägt. Ihm allein wird die
Besonderheit nicht zur teilhaften Individualität
, sondern zur unbegrenzten Eigenheit des Charakters
.
Als Besonderes kann die Eigenheit nur durch B bezeichnet werden. Eine Richtung haben
wir
nicht darin feststellen können. Sie ist ebenso richtungslos, so jenseits von aktiv
und passiv, ja in ihrer Endlichkeit ebenso
schlechthin seiend, wie das unendliche Sein Gottes; seinem einfachen, vorzeichenlosen
A tritt sie als ein ebenso einfaches
vorzeichenloses B entgegen. Sein steht hier gegen Sein. Dem erfüllungsbedürftigen,
unendlich formalen Sein der Welt gegenüber
aber ist das unbedürftige, grenzenlos besondere Sein des Menschen nicht gegensätzlich,
sondern ganz geschieden. Zwischen =A
und B gilt gar keine Beziehung. Käme es bloß auf das Wesen an, so wäre zwischen Gott
und Mensch Feindschaft gesetzt; Welt und
Mensch aber lägen auf verschiedenen Ebenen und nicht einmal Feindschaft wäre zwischen
ihnen möglich. Es kommt nicht bloß auf
das Wesen an, aber etwas bleibt von diesem Verhältnis der Elemente auch noch in der
schließlichen Gestalt der Gleichung; da
wird freilich dann auch wirksam, daß gerade zwischen Welt und Mensch doch andrerseits
auch eine besonders enge Beziehung
besteht, nämlich das gleichmäßige Vorkommen der richtungslosen schlechthinnigen Besonderheit,
B, bei der Welt freilich als Nein
, beim Menschen als Ja
, dort als immer neues Wunder der Individualität, hier als das dauernde
Sein des Charakters. Aber es ist immerhin das erste und wie wir sehen werden das einzige
Mal, daß in unsern Gleichungen ein
Glied mehr als ein Mal auftritt. Die Bedeutung dieses Umstandes kann erst später erkannt
werden.
Auch vom Menschen also wissen wir nichts. Und auch bei dem So des Charakters hat es nicht sein Bewenden, sowenig wie bei einem früheren So. Auch an des Menschen Nichts, nachdem es sich im Charakter als ein Nichts, aus dem Bejahung hervorgehen konnte, erwiesen hat, darf sich nun die Kraft des Nein erproben. Wieder gilt es, das Nichts im Nahkampf der Endlichkeit niederzuringen, wieder aus diesem tauben Felsen einen Brunnen lebendigen Wassers fließen zu lassen. Das Nichts der Welt kapitulierte vor dem sieghaften Nein in der sprudelnden Fülle der Erscheinung. Gottes Nichts zerbrach vor seinem Nein zur immer neuen göttlichen Freiheit der Tat. Dem Menschen erschließt sich sein Nichts in der Verneinung gleichfalls zu einer Freiheit, seiner Freiheit, einer sehr andern zwar als der göttlichen. Denn Gottes Freiheit war infolge ihres unendlichen und ganz passiven Gegenstandes, des göttlichen Wesens, ohne weiteres unendliche Macht, das heißt Freiheit zur Tat. Die Freiheit des Menschen aber wird auf ein Endliches, wenn auch Unbegrenztes, nämlich Unbedingtes, stoßen; so wird sie selber schon in ihrem Ursprung ein Endliches sein. Nicht bloß, wie ja auch Gottes Freiheit, endlich in der stets erneuerten Augenblickshaftigkeit ihres Hervorschießens; das wäre die Endlichkeit, die schon gefordert ist durch das unmittelbare Hervorspringen aus dem verneinten Nichts; denn alle Verneinung, soweit sie nicht nur die in der Form der Verneinung geschehende unendliche Bejahung ist, setzt ein Bestimmtes, Endliches. Nicht bloß also eine solche Endlichkeit, wie sie auch Gottes Freiheit hat, sondern eine ihr selber abgesehen von ihrem Hervorgang innewohnende Endlichkeit ist die Endlichkeit der menschlichen Freiheit. Die menschliche Freiheit ist endliche, aber infolge ihres unmittelbaren Ursprungs aus dem verneinten Nichts unbedingte, unbedingte, Nichts und nur Nichts und keinerlei Ding voraussetzende Freiheit. Sie ist also nicht, wie die Gottes, Frei heit zur Tat, sondern Freiheit zum Willen; nicht freie Macht, sondern freier Wille. Das Können ist ihr, im Gegensatz zur göttlichen Freiheit, schon in ihrem Ursprung versagt, aber ihr Wollen ist so unbedingt, so grenzenlos wie das Können Gottes.
Dieser freie Wille ist endlich und augenblickshaft in seinen Äußerungen, wie es die
weltliche Erscheinungsfülle ist. Aber im Gegensatz zu dieser begnügt er sich nicht
einfach mit seinem Dasein und kennt ein
andres Gesetz als das der eigenen Schwere; er stürzt nicht, er hat Richtung. Sein
Symbol ist also wie bei der
Erscheinungsfülle ein B auf der linken Seite der Gleichung, aber zum Unterschied kein
einfaches B, sondern ein B=
. Das
Symbol hat also dieselbe Form wie das Symbol der göttlichen Freiheit, A=
, aber den entgegengesetzten Inhalt, – der freie
Wille ist so frei wie die freie göttliche Tat; aber Gott hat keinen freien Willen,
der Mensch kein freies Können; gut sein
bedeutet beim Gott: das Gute tun, beim Menschen: das Gute wollen. Und das Symbol hat
die entgegengesetzte Form, aber den
gleichen Inhalt, wie das Symbol der weltlichen Erscheinung: die Freiheit erscheint
in der Erscheinungswelt als ein Inhalt
unter andern, aber sie ist das Wunder
in ihr; sie ist unterschieden von allen andern Inhalten.
Kant, den wir ja eben zitierten, hat also mit unleugbar großartiger Intuition das Wesen der Freiheit sichergestellt. Auch die weitere Entwicklung wird uns hier immer wieder in seine Nähe führen, wenn auch immer wieder in die Nähe nur seiner Intuitionen. Wir gehen jetzt zunächst wieder den Weg nach, der vom freien Willen zur Eigenheit führt und auf dem der Mensch, der als freier Wille und als Eigenheit noch eine bloße Abstraktion war, erst Selbst gewinnt. Denn was ist der freie Wille, solange er bloß Richtung, aber noch keinen Inhalt hat? Und was ist die Eigenheit, solange sie bloß – ist? Wir suchen den lebendigen Menschen, das Selbst. Das Selbst ist mehr als Wille, mehr als Sein. Wie wird es dieses Mehr, dies Und? Was geschieht dem menschlichen Willen, wenn er seiner inneren Richtung folgend den Weg zum menschlichen Sein einschlägt?
Er ist von vornherein endlich, und da er Richtung hat, so ist er es mit Bewußtsein; er will gar nichts andres als das, was er ist; er will, wie Gottes Freiheit, sein eigenes Wesen; aber dies eigene Wesen, das er will, ist kein unendliches, in dem die Freiheit sich als Macht erkennen dürfte, sondern ein endliches. Der freie Wille also noch ganz in seinem eigenen Bereich, aber doch schon seinen Gegenstand von ferne sichtend, erkennt sich in seiner Endlichkeit, ohne doch im mindesten etwas von seiner Unbedingtheit preiszugeben. An diesem Punkt seines Wegs, noch ganz unbedingt und doch schon seiner Endlichkeit bewußt, wird er aus dem freien Willen zum trotzigen Willen. Der Trotz, das stolze Dennoch, ist dem Menschen, was dem Gotte die Macht, das erhabene Also, ist. Gleich souverän ist der Anspruch des Trotzes wie das Recht der Macht. Als Trotz nimmt das Abstraktum des freien Willens Gestalt an.
Als Trotz läuft er nun weiter seine Bahn – wir erinnern uns: es handelt sich nur um
innere Bewegungen im
Menschen, das Verhältnis zu den Dingen kommt gar nicht in Frage – bis zu dem Punkt,
wo die Existenz der Eigenheit sich ihm so
fühlbar macht, daß er nicht mehr unverändert weitergehen kann, ohne sie zu beachten.
Diesen Punkt, wo die Eigenheit in ihrer
stummen daseienden Tatsächlichkeit dem freien Willen in den Weg zu liegen kommt –
in den Weg tritt, wäre schon zu viel gesagt –,
diesen Punkt bezeichnet ein Name, den wir schon vorhin, etwas vorgreifend, mehrfach
zur Erläuterung des Begriffs der Eigenheit
gegenüber der Individualität
verwendet haben: der Charakter. Der Wille würde an der Eigenheit sich in Nichts auflösen;
mit dem
Hinweis auf die Eigenheit demütigt ihn Mephistos du bleibst doch immer was du bist
. Am Charakter geschieht dem Trotz nicht wie
dem Willen an der Eigenheit seine Vernichtung, sondern er bleibt noch durchaus als
Trotz erhalten; nicht seine Aufhebung findet
er hier, aber seine Bestimmung, seinen Inhalt. Der Trotz bleibt Trotz, er bleibt formell
unbedingt, aber er nimmt den Charakter
zum Inhalt: der Trotz trotzt auf den Charakter. Das ist die Selbstbewußtheit des Menschen
oder kürzer gesagt: das ist das Selbst.
Das Selbst
ist das, was in diesem Übergriff des freien Willens auf die Eigenheit, als Und von
Trotz und Charakter,
entsteht.
Das Selbst ist schlechthin in sich geschlossen. Das verdankt es seiner Verwurzelung
im Charakter. Wurzelte es
in der Individualität, hätte sich also der Trotz auf die Besonderheit des Menschen
gegenüber andern, auf
seinen unteilbaren Anteil am allgemeinen Menschentum geworfen, so würde nicht das
Selbst, das in sich geschlossene, nicht aus
sich herausblickende, entstanden sein, sondern die Persönlichkeit. Die Persönlichkeit
ist, wie schon der Ursprung des Namens
sagt, der Mensch, der seine ihm vom Schicksal her zugewiesene Rolle spielt, eine Rolle
neben andern, eine Stimme in der
vielstimmigen Symphonie der Menschheit. Sie ist wirklich höchstes Gut der Erdenkinder
, – eines jeden von ihnen. Das Selbst hat
keine Beziehung zu den Menschenkindern, immer nur zu einem einzigen Menschen, eben
dem Selbst
.
Allenfalls
kann auch die Gruppe, wenn sie sich für schlechthin einzig hält, das Volk etwa, dem
alle andern Völker Barbaren
sind, ein
Selbst haben. Vom Selbst gibt es keinen Plural. Die Einzahl Persönlichkeit
ist nur eine Abstraktion, die ihr Leben aus dem
Plural Persönlichkeiten
zieht. Die Persönlichkeit ist immer eine unter andern; sie wird verglichen; das Selbst
vergleicht sich
nicht und ist unvergleichbar. Das Selbst ist kein Teil, kein Unterfall, auch kein
eifersüchtig bewachter Anteil am gemeinsamen
Gut, den aufzugeben
verdienstlich sein könnte. Das sind alles Gedanken, die nur für die Persönlichkeit
gedacht werden können.
Das Selbst ist nicht aufgebbar – wem denn? es ist ja niemand für es da, dem es etwas
geben
könnte; es ist allein; es ist keines
von den Menschenkindern
; es ist Adam, der Mensch selbst.
Von der Persönlichkeit sind zahlreiche Aussagen möglich, so zahlreiche wie von der
Individualität. Sie
folgen alle als einzelne Aussagen dem Schema B=A, in welchem alle Aussagen über die
Welt und ihre Teile vorgebildet sind; die
Persönlichkeit wird stets als einzelne in ihrem Verhältnis zu andern einzelnen und
zu einem Allgemeinen definiert. Vom Selbst
gibt es keine abgeleiteten Aussagen, nur die eine ursprüngliche, B=B; so wie es von
Gott oder der Welt keine Mehrheit von
Aussagen gibt, sondern nur die einen ursprünglichen, in den Gleichungen symbolisierten.
Obwohl doch der Charakter an sich
etwas ebenso Einzelnes ist wie die Individualität und infolgedessen an sich auch durch
das gleiche nackte Symbol B bezeichnet
wird, so ist er doch dadurch, daß er im Gegensatz zur Individualität auf der rechten
Gleichungsseite erscheint, von ihr aufs
vollkommenste unterschieden. Die Individualität ist dadurch, daß sie auf der linken
Gleichungsseite auftritt, als Gegenstand gekennzeichnet. Der Charakter als auf der rechten Seite der
Gleichung stehend erweist sich als selber
Aussage, Behauptung. Daß er Besonderes ist, darauf wird, wie eben dieser Platz in
der Gleichung zeigt, nicht weiter
zurückgekommen; denn das Besondere entwickelt seine Besonderheit, indem es, wie alles
Besondere in der Welt, einschließlich
auch der Individualität, sich zum Gegenstand von Aussagen machen läßt. Ein Besonderes,
das selbst auf die Aussageseite der
Gleichung tritt, verzichtet darauf, daß von ihm Aussagen gemacht werden; es verzichtet
auf die Entwicklung und Darstellung
seiner Besonderheit. Es macht sich selbst zum Aussageinhalt für etwas andres. Das
tut von allem Besonderen nur dies eine, der
Charakter. Der Charakter ist die Aussage, die den freien Willen näher bestimmt
. Was will der freie Wille? den eigenen
Charakter. So wird der freie Wille zum trotzigen Willen, und Willenstrotz und Charakter
verdichten sich zur Gestalt des
Selbst.
Das Selbst, in der Gleichung B=B symbolisiert, stellt sich also unmittelbar dem Gott
gegenüber. Wir
sehen, wie die völlige äußere Gegensätzlichkeit des Inhalts bei ebenso völliger Gleichheit
der Form wie in der fertigen
Gleichung, so schon in der werdenden sichtbar war. Die fertige Gleichung bezeichnet
die reine Insichgeschlossenheit bei ebenso
reiner Endlichkeit. Als Selbst, wahrhaftig nicht als Persönlichkeit, ist der Mensch
nach Gottes Ebenbild geschaffen. Adam ist
wirklich, im Gegensatz zur Welt, genau wie Gott
, nur lauter Endlichkeit, wo jener lauter Unendlichkeit ist, – die Schlange
wendet sich mit gutem Grund an den Menschen allein in der ganzen Schöpfung. Zur Welt
steht der Mensch als fertiges Selbst
nicht mehr in dem komplizierten Verhältnis wie die Elemente vor ihrem Zusammentreten
im Und, sondern ganz einfach als ein
Gleiches, von dem jedoch Entgegengesetztes ausgesagt wird. Das Subjekt B kann entweder
A sein oder B. Im ersten Falle, B=A,
ist es Welt, im zweiten, B=B, ist es Selbst. Der Mensch kann offenbar, so lehren uns
die Gleichungen, beides sein; er ist nach
Kants Wort Bürger zweier Welten
.
Wobei freilich dieser an sich starke Ausdruck auch schon wieder die ganze Schwäche
Kants verrät, über der
sein Unvergängliches zunächst in Vergessenheit geriet: in der Gleichsetzung der beiden
Sphären als Welten
. Welt ist eben nur
die eine. Die Sphäre des Selbst ist nicht Welt und wird es auch nicht dadurch, daß man sie so nennt.
Damit die Sphäre des Selbst Welt
wird, muß diese Welt vergehn
. Der Vergleich, der das Selbst in eine Welt einordnet,
verführt schon bei Kant selbst und ganz offen bei seinen Nachfolgern zur Verwechslung
dieser Welt
des Selbst mit der
vorhandenen Welt. Er täuscht hinweg über den Kampf des Unversöhnlichen, über die Härte
des Raums und die Zähe der Zeit. Er
verwischt das Selbst des Menschen, eben indem er es zu umreißen meint. Unsre Gleichung,
welche die formale Verschiedenheit so
stark betont – durch die Gleichsetzung zweier Ungleicher im einen, zweier Gleicher
im andern Fall –, läuft diese Gefahr nicht;
sie kann deshalb den inhaltlichen Parallelismus, daß in beiden Fällen Aussagen über
ein Gleiches gemacht werden, wenn auch
entgegengesetzte Aussagen, ruhig zur Anschauung bringen.
Das Selbst ist also von außen gesehen nicht von der Persönlichkeit zu unterscheiden. Innerlich aber sind sie genau so verschieden, ja, wie gleich deutlich werden wird, entgegengesetzt, wie – Charakter und Individualität. Wir haben das Wesen der Individualität als einer Welterscheinung verdeutlicht an dem Kreis ihres Laufs durch die Welt. Die natürliche Geburt war auch die Geburt der Individualität; in der Begattung starb sie den Tod in die Gattung zurück. Der natürliche Tod gibt hier nichts mehr hinzu; der Kreislauf ist schon erschöpft; daß das individuelle Leben noch über die Erzeugung des Nachkommen hinaus fortdauert, ist gerade von der Individualität aus unbegreiflich; vollends das Phänomen der Fortdauer des individuellen Lebens sogar über die Jahre der Zeugungskraft hinaus, das Greisentum, ist für eine rein natürliche Ansicht des Lebens ganz unfaßbar. Schon von hier aus also müßten wir auf das Unzulängliche der Gedanken von Individualität und Persönlichkeit zum Begreifen des menschlichen Lebens hingeführt werden.
Hier aber leiten uns die Begriffe von Selbst und Charakter weiter. Der Charakter,
und so das Selbst, das
auf ihm sich gründet, ist nicht die Begabung, welche die Himmlischen bei der Geburt schon
dem jungen Erdenbürger als seinen
Anteil am gemeinsamen Menschheitsgut in die Wiege legten. Ganz im Gegenteil: der Tag
der natürlichen Geburt, der der große
Schicksalstag der Individualität ist, weil bei ihr das Schicksal des Besonderen bestimmt
wird durch
den Anteil am Allgemeinen, dieser Tag ist für das Selbst mit Dunkel bedeckt. Der Geburtstag
des Selbst ist ein andrer als der
Geburtstag der Persönlichkeit. Auch das Selbst nämlich, auch der Charakter hat seinen
Geburtstag; er ist eines Tages da. Es
ist unwahr, daß der Charakter wird
, daß er sich bildet
. Das Selbst überfällt den Menschen eines Tages wie ein gewappneter
Mann und nimmt von allem Gut seines Hauses Besitz. Bis zu diesem Tag – es ist immer
ein bestimmter Tag, auch wenn der Mensch
ihn nicht mehr weiß – bis zu diesem Tag ist der Mensch ein Stück Welt auch vor seinem
eigenen Bewußtsein; die Sachlichkeit des
Kindes erreicht kein späteres Lebensalter je wieder. Der Einbruch des Selbst beraubt
ihn mit einem Schlage all der Sachen und
Güter, die er zu besitzen sich vermaß. Er wird ganz arm, er hat nur sich, kennt nur
sich, niemand kennt ihn; denn es ist
niemand da außer ihm. Das Selbst ist der einsame Mensch im härtesten Sinn des Worts.
Das politische Tier
ist die
Persönlichkeit.
Das Selbst also wird an einem bestimmten Tag im Menschen geboren. Welcher Tag ist
das? Der gleiche, an
dem die Persönlichkeit, das Individuum, den Tod in die Gattung stirbt. Eben dieser
Augenblick läßt das Selbst geboren werden.
Das Selbst, der Daimon
, nicht im Sinne von Goethes orphischer Stanze, wo das Wort grade die Persönlichkeit
bezeichnet,
sondern im Sinn des Heraklitworts Sein Ethos ist dem Menschen Daimon
, dieser blinde und stumme, in sich verschlossene Daimon
überfällt den Menschen das erste Mal in der Maske des Eros, von da an geleitet er
ihn durchs Leben bis zu jenem Augenblick, wo
er die Maske ablegt und sich ihm enthüllt als Thanatos. Dies ist der zweite, und wenn
man so will der geheimere, Geburtstag
des Selbst, wie es der zweite, und wenn man so will erst der offenkundige, Sterbetag
der Individualität ist. Der natürliche
Tod läßt ja auch dem blödesten Auge offenbar werden, daß die Persönlichkeit sich entpersönlichen,
das Individuelle sich
re-generieren
lassen muß. Der Teil des Menschen, an dem die Gattung sich ihr Recht nicht schon hatte
nehmen können, der fällt im Tode dem
nackten, dem übergattungsmäßigen Allgemeinen, der Natur selber zur Beute. Aber während
so in diesem Augenblick das Individuum
den letzten Resten seiner Individualität entsagt und heimkehrt, erwacht das Selbst zur letzten
Vereinzelung und Einsamkeit. Es gibt keine größere Einsamkeit als in den Augen eines
Sterbenden, und es gibt keine trotzigere,
hochmütigere Vereinzelung als die, welche sich auf dem erstarrten Antlitz eines Toten
malt. Zwischen diesen beiden Geburten
des Daimon liegt alles, was uns vom Selbst des Menschen sichtbar wird; was vorher,
was nachher? – das sichtbare Dasein dieser
Gestalten ist gebunden an den Lebenskreislauf der Individualität und verliert sich
ins Unsichtbare, wo es sich in diesem
Kreislauf löst. Daß es nur wie an einen Stoff, an dem es sich sichtbar macht, daran
gebunden ist, das lehrt schon die
entgegengesetzte Richtung, die es in den entscheidenden Punkten dem Kreislauf gegenüber
einhält. Das Leben des Selbst ist kein
Kreislauf, sondern eine aus Unbekanntem in Unbekanntes führende Grade; das Selbst
weiß nicht, woher es kommt noch wohin es
geht. Aber daß die zweite Geburt des Daimon, die als Thanatos, kein bloßes Nachspiel
ist wie das Sterben der Individualität,
das gibt dem Leben über die Grenzen der Gattung, das im Lichte des Persönlichkeitsglaubens
eitel und sinnlos ist, seinen
eigenen Rang: dem Greisenalter. Der Greis hat keine Persönlichkeit mehr zu eigen;
sein Anteil am Gemeinsamen der Menschheit
ist zur bloßen Erinnerung verflüchtigt; aber je weniger er noch Individualität ist,
um so härter wird er als Charakter, um so
mehr wird er Selbst. Das ist die Wesensverwandlung, die Goethe am Faust durchführt:
der alle seine reiche Individualität schon
zu Beginn des zweiten Teils eingebüßt hat und eben deswegen zuletzt im Schlußakt als
Charakter von vollkommenster Härte und
höchstem Trotz, eben wahrhaft als Selbst erscheint, – ein treues Bild der Lebensalter.
Das Ethos ist diesem Selbst zwar Inhalt; das Selbst ist der Charakter; aber es wird
von diesem seinem
Inhalt
nicht bestimmt; es ist nicht Selbst dadurch, daß es dieser bestimmte Charakter ist.
Sondern Selbst ist es schon dadurch, daß
es überhaupt einen, einerlei welchen, Charakter hat. Während also die Persönlichkeit
Persönlichkeit ist durch ihren festen
Zusammenhang mit der bestimmten Individualität, ist das Selbst Selbst durch sein bloßes
Festhalten an seinem Charakter
überhaupt. Oder mit andern Worten: das Selbst hat
seinen Charakter. Eben die Unwesentlichkeit des
bestimmten Charakters wird ja auch in der allgemeinen Gleichung B=B ausgesprochen.
Dieselbe Besonderheit, die in der Gleichung
B=A Individualität, Gegenstand aller Aussagen, Zielpunkt alles Interesses ist, muß
sich hier begnügen, der in seiner
Besonderheit allgemeine Boden zu sein, auf dem sich das stets einzelne und doch immer
gleiche Gebäude des einzelnen Selbst
erhebt.
Indem aber das Selbst die Besonderheit der Individualität so zu seiner bloßen besonderen Voraussetzung
macht, wird nun gleichzeitig auch die ganze Welt ethischer Allgemeinheit, die an dieser
ethischen Besonderheit der
Individualität hängt, in diesen bloßen Hintergrund des Selbst geschoben. Mit der Individualität
zusammen sinkt also auch die
Gattung, sinken Gemeinschaften, Völker, Staaten, sinkt die ganze sittliche Welt zur
bloßen Voraussetzung des Selbst herab.
Dies alles ist dem Selbst nur etwas, was es hat; es lebt nicht darin wie die Persönlichkeit;
es ist ihm nicht die Luft seines
Daseins, in der es atmet; Atmosphäre des Daseins ist ihm nur – es selbst. Die ganze
Welt, und insbesondere die ganze sittliche
Welt, liegt in seinem Rücken; es ist darüber hinaus
, – nicht als ob es sie nicht brauchte, aber in dem Sinn, daß es ihre
Gesetze nicht als seine Gesetze anerkennt, sondern als bloße Voraussetzungen, die
ihm gehören, ohne daß es hinwiederum ihnen
gehorchen müßte. Die Welt des Ethischen ist dem Selbst bloß sein
Ethos; weiter ist nichts von ihr geblieben. Das Selbst lebt
in keiner sittlichen Welt, es hat sein Ethos. Das Selbst ist meta-ethisch.
Das Selbst in seiner gebirgshaft edel-stummen
Einsamkeit, in seiner Gelöstheit von allen Beziehungen
des Lebens, seiner erhabenen Beschränktheit in sich selbst – woher ist es uns bekannt,
wo haben wir es schon mit Augen
gesehen? Die Antwort wird leicht, wenn wir uns erinnern, wo wir den metaphysischen
Gott, die metalogische Welt als Gestalten
des Lebens erblickt haben. Auch der metaethische Mensch ist in der Antike, und vornehmlich
wieder in der wahrhaft klassischen
Antike der Griechen, lebendige Gestalt gewesen. Gerade dort, wo die persönlichkeitenverzehrende
Kraft der Gattung sich in der
Erscheinung der Polis, uneingeschränkt durch Gegenkräfte, Gestalt gab, gerade dort
nahm auch die aller Rechte der Gattung sich
überhebende Gestalt des Selbst in stolzer Vereinzelung ihren Thronsitz ein, wohl auch in den
Ansprüchen der sophistischen Theorien, die das Selbst zum Maß der Dinge machten, vornehmlich
aber, mit der Wucht der
Sichtbarkeit, in den großen Gleichzeitern jener Theorien, den Helden der attischen
Tragödie.
Der antike tragische Held ist nichts andres als das metaethische Selbst. Deswegen ist das Tragische nur dort lebendig geworden, wo das Altertum den ganzen Weg bis zur Erstellung dieses Menschenbildes ausgeschritten ist. Indien und China, die auf dem Wege vor erreichtem Ziel Halt machten, haben das Tragische weder im dramatischen Kunstwerk noch in der Vorform der volkstümlichen Erzählung erreicht. Indien ist nie bis zur trotzigen Gleichheit des Selbst in allen Charakteren gekommen; der indische Mensch bleibt im Charakter stecken; es gibt keine charakterstarrere Welt als die der indischen Dichtung; es gibt auch kein Menschheitsideal, das so allen Gliederungen des natürlichen Charakters eng verhaftet bleibt wie das indische; nicht den Geschlechtern etwa oder den Kasten nur gilt ein besonderes Lebensgesetz, sondern sogar den Lebensaltern; dies ist das Höchste, daß der Mensch diesem Gesetz seiner Besonderheit gehorcht; nicht jeder hat das Recht oder gar die Pflicht, etwa Heiliger zu sein; ganz im Gegenteil ist es dem Manne, der noch keine Familie gegründet hat, gradezu verwehrt; auch Heiligkeit ist hier eine Besonderheit unter anderen, während das Heroische das allgemeine und gleiche innere Lebensmuß eines jeden ist. Wieder greift erst die in Buddha aufgipfelnde Askese hinter diese Besonderheit des Charakters zurück. Der Vollendete ist von allem erlöst, nur von seiner eigenen Vollendetheit nicht. Alle Bedingungen des Charakters sind fortgefallen, es gilt hier weder Alter noch Kaste noch Geschlecht; aber geblieben ist der eine unbedingte nämlich von aller Bedingung erlöste Charakter, eben der des Erlösten. Auch das ist ja noch Charakter; der Erlöste ist geschieden vom Unerlösten; aber die Scheidung ist eine ganz andre als die, welche sonst Charakter von Charakter scheidet; sie liegt hinter diesen bedingten Scheidungen als die eine unbedingte. So ist der Erlöste der Charakter im Augenblick seines Hervorgehens aus – oder richtiger: seines Eingehens in das Nichts. Zwischen dem Erlösten und dem Nichts liegt wirklich nichts weiter mehr als der Beisatz von Individualität, mit dem der Charakter infolge der Weltteilhaftigkeit alles Lebendigen, solange es lebt, versetzt ist. Der Tod, der dies Stück Individualität in die Welt zurückfluten läßt, räumt diese letzte Scheidewand, die den Erlösten vom Nichts scheidet, weg und entkleidet ihn sogar des Charakters der Erlöstheit.
Was Indien dem Charakter und der Besonderheit zu viel gibt, das tut China zu wenig.
Während die Welt hier
reich und überreich an Individualität ist, ist der Mensch, soweit er nicht als Weltteil
gewissermaßen von außen gesehen wird,
der innere Mensch also, gradezu charakterlos; der Begriff des Weisen, wie ihn klassisch
wieder Kongfutse verkörpert, wischt
über alle mögliche Besonderheit des Charakters hinweg; er ist der wahrhaft charakterlose,
nämlich der Durchschnittsmensch. Es
mag zur Ehre des Menschengeschlechts gesagt sein, daß wohl nirgends als nur hier in
China ein so langweiliger Mensch wie
Kongfutse zum klassischen Musterbild des Menschlichen hat werden können. Etwas ganz
andres als Charakter ist es, was den
chinesischen Menschen auszeichnet: eine ganz elementare Reinheit des Gefühls. Das
chinesische Gefühl ist ohne jede Beziehung
zum Charakter, gewissermaßen ohne jede Beziehung zu seinem eigenen Träger, etwas rein
Gegenständliches; es ist, in dem
Augenblick wo es gefühlt wird, und ist, weil es gefühlt wird. Keine Lyrik irgend eines
Volks ist so reiner Spiegel der
sichtbaren Welt und des unpersönlichen, aus dem Ich des Dichters entlassenen, ja gradezu
aus ihm abgetropften Gefühls. Es gibt
Verse des großen Litaipe, die kein Übersetzer ohne das Wort Ich wiederzugeben wagt
und die gleichwohl im Urtext, wie es die
Eigenart der chinesischen Sprache erlaubt, ohne jede Andeutung irgendwelcher Personalität,
gewissermaßen also rein in der
Es-Form, gehalten sind. Die Reinheit des doch ganz augenblicklichen Gefühls – was
ist das anders als der Wille, dem es nicht
beschieden ward, sich an einem Charakter zu verkörpern, die Wallung, die nur Wallung
bleibt ohne irgend ein Substrat. Hinter
diese Reinheit und Unverstelltheit des Gefühls langt nun wieder der große Weise, der
in China selber China überwand, Laotse.
Das Gefühl, so elementar und so charakterentblößt es war, hatte noch Inhalt; so war
es noch sichtbar, aussprechbar, – benennbar. Von Laotse aber heißt es: er wollte namenlos bleiben. Diese Verborgenheit des Selbst
ist es,
die er auch seinem Vollkommenen vorschreibt: Unmerkbarkeit, Unbezeugtheit, ein Gehenlassen
der Dinge; wie der Urgrund selber
so muß auch der Mensch jenseits sein von Tun und Nichttun; er schaut nicht zum Fenster
heraus und deshalb sieht er den Himmel;
er hilft, indem er selber das Nichttun tut, allen Wesen zu ihrem Tun; seine Liebe
ist namenlos und verborgen wie er
selbst.
Zwiefach wie die vollkommene Gottesleugnung und die vollkommene Weltverneinung ist so auch die vollkommene Selbstauflösung in Buddhas Selbstüberwindung, in Laotses Selbstverhehlung. Zwiefach müssen sie alle sein, denn die lebendigen Götter lassen sich nicht leugnen, die gestaltete Welt läßt sich nicht verneinen, das trotzige Selbst läßt sich nicht auslöschen. Nur über die bloßen Elemente, die Hälften, die noch nicht zur Einheit der Gestalt zusammengewachsen sind, haben die Mächte der Vernichtung und Entwesung Gewalt. Im Selbstüberwinden also und Selbstverhehlen geschieht allezeit die Auslöschung des Selbst, die einzige, die hart an das völlige Nichts des Selbst heranführt, ohne doch darin zu verschwinden; denn im Überwinden wie im Verhehlen ist doch immerhin noch der Mensch es, der überwindet und verhehlt. Neben die Gottesangst und den Weltwahn tritt die letzte der elementaren Mächte der Urzeit: der Menschendünkel des Magiers, der sich dem nur über das Selbst gewaltigen Schicksal durch Kraft oder List zu entziehen weiß und so sich den Trotz des Helden erspart. Wieder haben Indien wie China da für immer die beiden einzigen Wege gezeigt, auf die der Mensch allezeit vor seinem Selbst ausweichen kann, wenn er den Mut tragisch zu werden nicht aufbringt. Mag das streng erst für jene beiden letzten Steigerungen dieses urmenschlichen Dünkels, den buddhistischen Erlösten und den Vollkommenen des Laotse gelten, – geschichtlich erzeugt Indiens wie Chinas Boden überhaupt das Gewächs des Tragischen nicht. Die Bedingtheit der Charakterbesonderung dort, die Unpersönlichkeit des Gefühls hier, und die Trennung der beiden von einander – dies alles läßt das Tragische nicht aufkommen; denn das setzt zu seinem Aufkommen die Ineinandergewachsenheit eines Willens und Wesens zur seßhaften Einheit des Trotzes voraus. Statt zum tragischen Heros kommt es auf jenem Boden höchstens zur rührenden Situation. Im Rührenden erstickt das Selbst in seinem Unglück. Im Tragischen verliert das Unglück alle selbständige Macht und Bedeutung; es gehört zu den Elementen der Besonderheit, auf die das Selbst das Siegel seines Trotzes drückt, dies immer gleiche Siegel – si fractus illabatur orbis: Sterbe meine Seele mit den Philistern!
Noch vor Simsons und Sauls tragischem Trotz hat das älteste Vorderasien in jener Gestalt,
die an der
Grenze des Göttlichen und Menschlichen steht, in Gilgamesch, den Urtyp des tragischen
Helden aufgestellt. Gilgameschs
Lebenskurve führt durch die drei festen Punkte: der Anfang ist das Erwachen des menschlichen
Selbst in der Begegnung mit Eros;
es folgt die gerade Linie der tatenreichen Fahrt, die jäh abbricht in dem letzten
und entscheidenden Ereignis, der Begegnung
mit Thanatos. Diese ist hier gewaltig vergegenständlicht, indem es zunächst nicht
unmittelbar der eigene Tod ist, der dem
Helden entgegentritt, sondern der Tod des Freundes; aber er erfährt an ihm die Furcht
des Todes überhaupt. Die Zunge versagt
ihm in dieser Begegnung den Dienst; er kann nicht schreien, kann nicht schweigen
, aber er unterwirft sich auch nicht; sein
ganzes Dasein wird zum Bestehen dieser einen Begegnung; sein Leben bekommt den Tod,
den eigenen Tod, den er im Tode des
Freunds erblickt hat, zum einzigen Inhalt. Es ist gleichgültig, daß ihn zuletzt der
Tod auch noch selber holt; das Eigentliche
liegt da schon hinter ihm; der Tod, der eigne Tod ist beherrschendes Ereignis seines
Lebens geworden; er selbst ist in die
Sphäre getreten, wo die Welt mit ihrem Wechsel von Schreien und Schweigen den Menschen
anfremdet, in die Sphäre der reinen
erhabenen Stummheit, des Selbst.
Denn das ist das Merkzeichen des Selbst, das Siegel seiner Größe wie auch das Mal
seiner Schwäche: es
schweigt. Der tragische Held hat nur eine Sprache, die ihm vollkommen entspricht:
eben das Schweigen. So ist es von Anfang an.
Das Tragische hat sich gerade deshalb die Kunstform des Dramas geschaffen, um das
Schweigen darstellen zu können. In der
erzählenden Dichtung ist das Schweigen die Regel, die dramatische kennt im Gegenteil
nur das Reden, und dadurch erst wird das
Schweigen hier beredt. Indem der Held schweigt, bricht er die Brücken, die ihn mit Gott und Welt
verbinden, ab und erhebt sich aus den Gefilden der Persönlichkeit, die sich redend
gegen andre abgrenzt und individualisiert,
in die eisige Einsamkeit des Selbst. Das Selbst weiß ja von nichts außer sich, es
ist einsam schlechthin. Wie soll es diese
seine Einsamkeit, dieses starre Trotzen in sich selbst, anders betätigen als eben
indem es schweigt? Und so tut es in der
äschyleischen Tragödie, wie schon den Zeitgenossen auffiel. Das Heroische ist stumm.
Wenn die großen aktlangen Schweigen der
äschyleischen Personen bei den Späteren sich nicht finden, so wird dieser Gewinn an
Natürlichkeit
durch einen größeren
Verlust an tragischer Kraft erkauft. Denn es ist mitnichten etwa so, daß die stummen
Helden des Äschylos bei Sophokles und
Euripides Sprache, die Sprache ihres tragischen Selbst, gewönnen. Sie lernen nicht
sprechen, sie lernen bloß debattieren. Hier
überwuchert jene uns heute verzweifelt frostig anhauchende Disputierkunst des dramatischen
Zwiegesprächs, das in endlosen
Hin- und Herwendungen den Inhalt der tragischen Situation verstandesmäßig auseinanderlegt
und dadurch das eigentlich Tragische,
das jenseits aller Situationen trotzende Selbst, dem Blick solange entzieht, bis einer
jener lyrischen Monologe, zu denen das
Dasein des Chors immer wieder den Anlaß gibt, dann doch wieder das Tragische in die
Mitte rückt. Die ungeheure Wichtigkeit
dieser lyrisch-musikalischen Partien in der Ökonomie des dramatischen Ganzen beruht
eben darauf, daß die Attiker im eigentlich
Dramatischen, im Dialog, nicht die Form fanden, das Heroisch-Tragische zum Ausdruck
zu bringen. Denn das Heroische ist Wille,
und der attische Dialog ist, um den Ausdruck des ältesten Theoretikers, des Aristoteles
selber, zu gebrauchen, dianoetisch
,
– verstandesmäßige Auseinandersetzung.
Diese Grenze des attischen Dramas ist nun freilich keine bloß technische. Das Selbst
kann eben nur
schweigen. Allenfalls kann es noch sich lyrisch-monologisch zu äußern suchen, obwohl
ihm schon diese Äußerung, eben als
Äußerung, nicht mehr ganz angemessen ist; das Selbst äußert sich nicht, es ist vergraben
in sich. Aber sowie es ins Gespräch
tritt, hört es auf, Selbst zu sein; Selbst ist es nur, solang es allein ist. So büßt
es im Dialog selbst den Anlauf zu einer
Sprache ein, den es im Monolog schon genommen hatte. Der Dialog bringt keine Beziehung zwischen zwei
Willen zustande, weil jeder dieser Willen nur seine Vereinzelung wollen kann. So kommt
es, daß das attische Drama das
technische Glanzstück des modernen, die Überredungsszene, wo ein Wille einen andern
Willen bricht und lenkt, die Szene etwa,
wo in solcher Laun' ein Weib gefreit
wird, nicht kennt. Auch die vielbemerkte Tatsache, daß der antiken Dramatik die
Liebesszene fremd ist, findet hier ihre letzte, zugleich technische und geistige Erklärung;
die Liebe kann höchstens
monologisch als unerfülltes Verlangen erscheinen; Phädras Unglück des erwiderungslosen
Gefühls ist antik bühnenmöglich, Julias
Glück des wechselweis gesteigerten Gebens und Habens nicht. Vom Willen des tragischen
Selbst führt keine Brücke nach irgend
einem Außen, und sei dies Außen auch ein andrer Wille. Sein Wille sammelt als auf
den eigenen Charakter gerichteter Trotz alle
Wucht nach innen.
Dies Fehlen aller Brücken und Verbindungen, dies nur nach innen Gekehrtsein des Selbst ist es auch, was jene eigentümliche Dunkelheit über Göttliches und Weltliches ausgießt, in der sich der tragische Held bewegt. Er versteht nicht, was ihm widerfährt, und er ist sich bewußt, es nicht verstehen zu können; er versucht gar nicht, in das rätselhafte Walten der Götter einzudringen. Die Hiobsfragen nach Schuld und Schicksal mögen von den Dichtern gestellt werden; die Helden selber, anders als Hiob, kommen gar nicht auf den Gedanken, sie zu stellen. Täten sie es, so müßten sie ihr Schweigen brechen. Das bedeutete aber ein Heraustreten aus den Mauern ihres Selbst, und ehe sie das tun, dulden sie lieber stumm und steigen die Stufen der inneren Erhöhung des Selbst hinan wie Ödipus, dessen Tod das Rätsel seines Lebens ganz ungelöst läßt und dennoch, gerade weil er es gar nicht berührt, den Helden in seinem Selbst ganz einschließt und befestigt.
Überhaupt ist dies der Sinn des Untergangs des Helden. In der Tragödie wird leicht der Anschein erweckt, als müßte der Untergang des Einzelnen irgend ein gestörtes Gleichgewicht der Dinge wiederherstellen. Aber dieser Anschein beruht nur auf dem Widerspruch zwischen dem tragischen Charakter und der dramatischen Fabel; das Drama als Kunstwerk braucht beide Hälften dieses Widerspruchs, um zu bestehen; aber das eigentlich Tragische wird dadurch verwischt. Der Held als solcher muß nur untergehen, weil der Untergang ihm die höchste Verheldung, nämlich die geschlossenste Verselbstung seines Selbst ermöglicht. Er verlangt nach der Einsamkeit des Untergangs, weil es keine größere Einsamkeit gibt als diese. Deshalb stirbt der Held eigentlich auch nicht. Der Tod sperrt ihm gewissermaßen nur die Temporalien der Individualität. Der zum heldischen Selbst geronnene Charakter ist unsterblich. Die Ewigkeit ist ihm gerade gut genug, sein Schweigen wiederzutönen.
Unsterblichkeit – damit haben wir ein letztes Verlangen des Selbst berührt. Nicht
die Persönlichkeit,
aber das Selbst fordert für sich Ewigkeit. Die Persönlichkeit begnügt sich an der
Ewigkeit der Beziehungen, in die sie
ein- und
aufgeht; das Selbst hat keine Beziehungen, es kann keine eingehen, es bleibt immer
es selbst. So ist es sich bewußt, ewig zu
sein; seine Unsterblichkeit ist Nichtsterbenkönnen. Alle antike Unsterblichkeitslehre
kommt auf dies Nichtsterbenkönnen des
losgelösten Selbst hinaus; die Schwierigkeit besteht theoretisch nur darin, diesem
Nichtsterbenkönnen einen natürlichen
Träger, ein etwas
, das nicht sterben kann, ausfindig zu machen. So kommt die antike Psychologie zustande.
Die Psyche soll
das natürliche Etwas sein, das schon von Natur wegen todesunfähig ist. So wird sie
vom Leib theoretisch getrennt und Träger
des Selbst. Aber diese Verkettung des Selbst mit einem letzthin eben doch nur natürlichen
Träger, eben der Seele
, macht die
Unsterblichkeit zu einem höchst prekären Besitz. Die Seele, wird behauptet, kann nicht
sterben; aber da sie in die Natur
verflochten ist, so wird das Nichtsterbenkönnen zur unermüdlichen Verwandlungsfähigkeit;
die Seele stirbt nicht, aber sie
wandert durch die Leiber. So wird dem Selbst in der Unsterblichkeit das Danaergeschenk
der Seelenwanderung mitgegeben und
damit die Unsterblichkeit gerade für das Selbst entwertet. Denn das Selbst, wenn es
denn im Trotz auf die Unbeschränktheit
seines vergänglichen Wesens Unsterblichkeit verlangt, verlangt eine Unsterblichkeit
ohne Wandel und Wanderung; es verlangt
Selbst-Erhaltung. Indem es aber mit der Seele
verkettet wird, der Seele
nach dem antiken Sinn des Worts, der ausdrücklich
nicht das Ganze des Menschen, sondern nur einen Teil
, den nichtsterbenkönnenden, bezeichnet, wird dem Selbst sein Verlangen nur wie zum Hohne erfüllt. Das Selbst bleibt es selbst, aber es geht durch
die
unkenntlichsten Gestalten, denn keine jener Gestalten wird sein Besitz; aber es behält
auch sein Eigenes, den Charakter, die
Eigenart, nur dem Namen nach; in Wahrheit bleibt ihm bei seinem Gang durch die Gestalten
nichts Erkennbares davon übrig. Es
bleibt Selbst nur in seiner vollkommenen Stummheit und Beziehungslosigkeit; die behält
es auch bei seiner Verwandlung; es
bleibt immer das einzelne, einsame, sprachlose Selbst. Eben auf diese Sprachlosigkeit
müßte es Verzicht tun, es müßte aus dem
einsamen Selbst zur sprechenden Seele werden, – Seele aber hier in einem andern Sinn,
wo das Wort ein Ganzes des Menschen
jenseits des Gegensatzes von Leib und Seele
meint. Würde das Selbst zur Seele in diesem Sinn, dann wäre ihm auch
Unsterblichkeit in einem neuen Sinn gewiß, und der gespenstische Gedanke der Seelenwanderung
verlöre seine Kraft. Aber wie das
geschehen sollte, wie dem Selbst die Zunge gelöst, das Ohr erschlossen werden sollte,
das ist vom Selbst aus, wie wir es bis
jetzt kennen, gar nicht vorzustellen. Vom in sich versenkten B=B
führt kein Weg hinaus ins tönende Freie, alle Wege nur
tiefer ins Schweigen des Innern hinein.
Und dennoch, eine Welt gibt es, wo dies Schweigen selber schon Sprache ist, nicht freilich Sprache der Seele, aber dennoch Sprache, eine Sprache vor der Sprache, Sprache des Unausgesprochenen, Unaussprechlichen. Wie das Mythische der metaphysischen Theologie in der ausschließenden Abgeschlossenheit der äußeren Form das Reich des Schönen, wie das Plastische der metalogischen Kosmologie in der Insichgeschlossenheit der inneren Form das Kunstwerk, das schöne Ding, gründete, so legt das Tragische der metaethischen Psychologie in dem beredten Schweigen des Selbst den Grund des wortlosen Verstehens, auf dem die Kunst erst eine Wirklichkeit werden kann. Der Gehalt ist es, der hier entsteht. Der Gehalt ist das, was zwischen dem Künstler und dem Betrachter, ja zwischen dem Künstler als lebendigen Menschen und dem Künstler, der über seine Lebendigkeit hinaus das Werk in die Welt setzt, die Brücke schlägt. Und dieser Gehalt ist nicht die Welt, denn die ist zwar allen gemeinsam, aber so, daß jeder seinen individuellen Anteil, seinen besonderen Standpunkt in ihr hat.
Der Gehalt muß etwas unmittelbar Gleiches sein,
etwas, was
die Menschen nicht untereinander teilen wie die gemeinsame Welt, sondern etwas, was
in allen gleich ist. Und das ist nur das
Menschliche schlechthin, das Selbst. Das Selbst ist das, was im Menschen zum Schweigen
verurteilt ist und dennoch überall sofort
verstanden wird. Es braucht bloß sichtbar gemacht, bloß dargestellt
zu werden, um in jedem andern gleichfalls das Selbst zu
erwecken. Es selber verspürt dabei nichts, es bleibt gebannt in die tragische Lautlosigkeit,
es starrt unverwandt in sein
Inneres; wer es aber sieht, in dem erwachen, wie es wiederum schon Aristoteles voll
ahnenden Tiefsinns formulierte, Furcht und
Mitleid
. Im Beschauer werden sie wach und richten sich sofort in sein eigenes Inneres, machen
ihn zum Selbst. Würden sie im
Helden selber wach, so hörte er auf, stummes Selbst zu sein; Phobos
und Eleos
würden sich als Ehrfurcht und Liebe
enthüllen, die Seele Sprache gewinnen und das neugeschenkte Wort von Seele zu Seele
ziehen. Nichts von solchem Zueinanderkommen
hier. Alles bleibt stumm. Der Held, der Furcht und Mitleid in andern erweckt, bleibt
selber unbewegtes starres Selbst. Im
Beschauer wiederum schlagen sie sofort nach innen, machen auch ihn zum in sich selber
eingeschlossenen Selbst. Jeder bleibt für
sich, jeder bleibt Selbst. Es entsteht keine Gemeinschaft. Und dennoch entsteht ein
gemeinsamer Gehalt. Die Selbste kommen nicht
zueinander, und dennoch klingt in allen der gleiche Ton, das Gefühl des eigenen Selbst.
Diese wortlose Übertragung des Gleichen
geschieht, obwohl noch keine Brücke führt von Mensch zu Mensch. Sie geschieht nicht
von Seele zu Seele – es gibt noch kein Reich
der Seelen; sie geschieht von Selbst zu Selbst, von einem Schweigen zum andern Schweigen.
Das ist die Welt der Kunst. Eine Welt stummen Einverständnisses, die keine Welt ist, kein wirklicher, hin und her lebendiger Zusammenhang der hin und wider ziehenden Rede, und dennoch an jedem Punkt fähig, auf Augenblicke belebt zu werden. Kein Laut durchbricht dies Schweigen, und dennoch kann in jedem Augenblick ein jeder das Innerste des andern in sich selber spüren. Es ist die Gleichheit des Menschlichen, die hier als Gehalt des Kunstwerks wirksam wird, vor aller wirklichen Einheit des Menschlichen. Noch vor aller wirklichen Menschensprache schafft die Kunst als Sprache des Unaussprechlichen die erste und für alle Zeit unter und neben der eigentlichen Sprache unentbehrliche stumme Verständigung. Das Schweigen des tragischen Helden schweigt in aller Kunst und wird in aller Kunst verstanden ohne alle Worte. Das Selbst spricht nicht und wird doch vernommen. Das Selbst wird gesehen. Das reine stumme Schauen vollzieht in jedem Beschauer die Wendung hinein ins eigene Innere. Die Kunst ist keine wirkliche Welt; denn die Fäden, die in ihr von Mensch zu Mensch gezogen werden, laufen nur für Augenblicke, nur für die kurzen Augenblicke des unmittelbaren Schauens und nur am Ort des Schauens. Das Selbst wird nicht lebendig, indem es vernommen wird. Das Leben, das im Betrachter erweckt wird, erweckt nicht das Betrachtete zum Leben; es wendet sich im Betrachter selber sogleich nach innen. Das Reich der Kunst gibt den Boden, wo überall das Selbst erwachsen kann; aber jedes Selbst ist wieder ein ganz einsames, einzelnes Selbst; die Kunst schafft nirgends eine wirkliche Mehrheit von Selbsten, obwohl sie überall die Möglichkeit zum Erwachen von Selbsten herstellt: das Selbst, das erwacht, weiß dennoch nur von sich selbst. Mit andern Worten: das Selbst bleibt in der Scheinwelt der Kunst stets Selbst, wird nicht – Seele.
Und wie sollte es Seele werden? Seele, das hieße heraustreten aus der in sich gekehrten Verschlossenheit; aber wie sollte das Selbst heraustreten? wer sollte es rufen – es ist taub; was sollte es hinauslocken – es ist blind; was sollte es draußen anfangen – es ist stumm. Es lebt ganz nach innen. Die Zauberflöte der Kunst allein konnte das Wunder vollbringen, den Gleichklang des menschlichen Gehalts in den Getrennten erklingen zu lassen. Und wie begrenzt war noch diese Magie! Wie blieb es eine Scheinwelt, eine Welt der bloßen Möglichkeiten, die hier entstand. Der gleiche Klang ertönte und wurde doch überall nur im eigenen Innern vernommen; keiner spürte das Menschliche als das Menschliche in andern, jeder nur unmittelbar im eigenen Selbst. Das Selbst blieb ohne Blick über seine Mauern, alle Welt blieb draußen. Hatte es sie in sich, so nicht als Welt, sondern nur als seinen eigenen Besitz. Die Menschheit, von der es wußte, war allein die in seinen eigenen vier Wänden. Es selbst blieb sich der einzige andre, den es sah, und jeder andre, der von ihm gesehen werden wollte, mußte in diesen seinen Sehraum hineingehn und darauf verzichten, als andrer gesehen zu werden. Die ethischen Ordnungen der Welt verloren so in diesem Sehraum des eigensinnigen Selbst allen eigenen Sinn; sie wurden zum bloßen Inhalt seiner Selbstschau. So mußte es wohl bleiben, was es war, das über alle Welt weggehobene, mit starrem Trotz ins eigene Innere starrende und alles Fremde allein dort im Eignen und also nur als Eignes zu erblicken fähige, – alle ethische Ordnung eingeheimst zum eignen Ethos: so war und blieb das Selbst der Freiherr seines Ethos – das Metaethische.