Stark wie der Tod ist Liebe. Stark wie der Tod? Gegen wen denn erweist der Tod seine Stärke? Gegen den, den er ergreift. Und die Liebe – gewiß, sie ergreift beide, den Liebenden wie die Geliebte. Aber die Geliebte anders als den Liebenden. Im Liebenden nimmt sie ihren Ursprung. Die Geliebte wird ergriffen, ihre Liebe ist schon Antwort auf das Ergriffensein, Anteros des Eros jüngerer Bruder. Der Geliebten zunächst gilt es, daß Liebe stark ist wie der Tod. Wie nur dem Weibe, nicht dem Manne die Natur es gesetzt hat, an der Liebe sterben zu dürfen. Was von der zwiefachen Begegnung des Menschen mit seinem Selbst gesagt wurde, gilt streng und allgemein nur dem Manne. Dem Weibe, und gerade dem weiblichsten am meisten, kann auch Thanatos in des Eros süßem Namen nahen. Deswegen, um dieses fehlenden Gegensatzes willen, ist ihr Leben einfacher als das des Mannes. Ihr Herz ist schon in den Schauern der Liebe festgeworden; es bedarf der Schauer des Todes nicht mehr. Ein junges Weib kann reif zur Ewigkeit sein, wie ein Mann erst wenn Thanatos seine Schwelle beschreitet. Den Tod der Alkestis stirbt kein Mann. Das Weib, einmal von Eros gerührt, ist, was der Mann erst in Fausts hundertjährigem Alter: bereit zur letzten Begegnung, – stark wie der Tod.
Das ist, wie alle irdische Liebe, nur ein Gleichnis. Dem Tod, der als Schlußstein
der Schöpfung allem Geschaffenen
erst den unverwischbaren Stempel der Geschöpflichkeit, das Wort Gewesen
, aufdrückt, ihm sagt die Liebe Kampf an, sie, die einzig
Gegenwart kennt, von Gegenwart lebt, nach Gegenwart schmachtet. Der Schlußstein des
dunkeln Gewölbes der Schöpfung wird zum
Grundstein des lichten Hauses der Offenbarung. Die Offenbarung ist der Seele das Erlebnis
einer Gegenwart, die auf dem Dasein der
Vergangenheit zwar ruht, doch nicht darin haust, sondern im Lichte des göttlichen
Antlitzes wandelt.
Gott der Lebendige, zu dem, sofern er nicht grade schläft oder über Feld gegangen
ist, die Heiden
schreien, hatte sich in der machtvollen Weisheit seiner Schöpfertat als Gott des Lebens
aufgetan. Darin ist jene einst in
Gottes mythische Lebendigkeit eingemündete schrankenlose Macht wieder hervorgetreten,
aber gewendet von augenblicksverhafteter
Willkür zu wesenhaft dauernder Weisheit. Was aus Gottes Nichts
als Selbstverneinung dieses Nichts sich hervorgerungen hatte,
trat nach dem Eingehen in Gottes lebendiges Etwas
aus diesem heraus, nicht mehr als Selbstverneinung, sondern als
Weltbejahung. Gottes Lebendigkeit wurde so gewissermaßen abermals zum Nichts, einem
Nichts höherer Stufe, Nichts nur mit Bezug
auf das, was ihm entsprang, in sich aber ein Nichts voller Charakter, eben kein Nichts,
sondern ein Etwas. Nichts war sie nur
darin, daß sie, indem sie sich auftat, sofort in neue Gestalten auseinanderbrach,
von denen wir die eine, die wesenhafte
Macht, schon kennen lernten; denn diese neuen Gestalten haben nichts Benennbares hinter
sich, woraus sie hervorgefahren wären;
wollte man Gottes Lebendigkeit als diesen Hintergrund etwa der offenbaren Schöpfermacht
ansprechen, so müßte dem mit Recht
entgegnet werden, daß nicht aus der mythischen Lebendigkeit des verborgenen Gottes,
sondern erst aus ihrer Umkehrung ins
Offenbare jener Hervortritt geschehen konnte; für diese Umkehrung aber fehlt der Name;
sie ist gewissermaßen nur der
geometrische Punkt, aus dem der Hervortritt geschieht.
Zwar war sie auch vor
der Umkehrung nur ein solcher geometrischer Punkt, das Zusammentreten der beiden
Stücke, des Urja und des Urnein des göttlichen Nichts; und die Umkehrung ist nur faßbar
in der Umkehrung der Richtungen, die
eben im einen Fall zusammen-, im andern auseinanderstrahlen. Aber das Ergebnis des
Zusammentritts zweier Linien ist zwar nur
ein Punkt, aber als erzeugter Punkt ein benennbares, ein bestimmtes, ein Etwas, wie
der Punkt x, y innerhalb eines
Koordinatensystems. Dagegen der Punkt, der nur bestimmt ist als der Ausgangspunkt
von Richtungen, ist wie der Ausgangspunkt
eines Koordinatensystems o zwar festgelegt, aber nicht bestimmt, sondern nur Ursprung
der im Koordinatensystem geschehenden
Bestimmung. Daher kommt es, daß der Gott im Heidentum ein höchst lebendiges, sichtbares Antlitz hat
und durchaus nicht als ein verborgener Gott empfunden wird, während der Glaube ganz
deutlich spürt, daß er von einem Gott, der
nicht offenbar würde, gar nichts weiß, sondern Gott an sich ihm ein verborgener Gott
ist, derselbe Gott, der vor seiner
Umkehr aus der Verborgenheit ins Offenbare dem Unglauben gar nicht verborgen schien.
Grade an diesem verschiedenen Verhältnis
zur Offenbarung wird der Standort des Heidentums erkennbar, wie wir ihn im ersten
Teil durchweg bestimmten: zwischen dem
ursprünglichen Nichts als dem Urgrund des ursprünglichen Etwas und diesem ursprünglichen
Etwas als dem zwar nicht offenbaren,
sondern in sich verhüllten, aber dennoch sichtbaren Ergebnis jenes ursprünglichen
Nichts. Sichtbar, obwohl nicht offenbar,
nämlich sichtbar für den, dessen Augen von dem gleichen Dunkel umhüllt sind, in das
sich jenes ursprüngliche Etwas verhüllt,
und also angepaßt an dieses Dunkel.
Wenn aber Gott – und entsprechendes werden wir später auch für die beiden andern Elemente
der Vorwelt
finden – für den Glauben, abgesehen von der Offenbarung, schlechthin verborgener Gott
ist, innerhalb der Offenbarung aber
sofort offenbar wird, also in die Gestalten seines Offenbarwerdens auseinanderfährt,
verlieren wir dann da nicht aus den
Händen, was wir schon zu halten glauben: die elementare Tatsächlichkeit
Gottes? Wenn Gott nur verborgener Ursprung seines
Offenbarwerdens ist, wo bleibt dann in der Offenbarung die gradezu greifbare Wirklichkeit,
die der Gott im Heidentum schon
besaß? Aber besaß er sie denn wirklich? War sie nicht hundertfältig gebrochen durch
die unerschütterte Allmacht des
Vielleicht? Gewiß, die Tatsächlichkeit scheint von dem Vielleicht nicht unmittelbar
betroffen, aber schließlich ist eine
solche Tatsächlichkeit, die sich auf alle Fragen nach ihrem Wie verleugnen läßt, doch
auch keine sehr selbstgewisse. Man darf
vermuten, daß die Offenbarung, indem sie die elementare Tatsächlichkeit Gottes nicht
erkennen zu können behauptet und diesen
Gott als den verborgenen
abtut, statt dessen nach einer ihr gemäßen, nicht in den Elementen, sondern in der
einen Bahn der
einen Wirklichkeit selber begründeten Tatsächlichkeit trachtet, die über alles Vielleicht
in die Höhe schlechthinniger
Sicherheit hinausgehoben wäre.
Und so ist es. Wie der
vor-weltliche
Gott aus seinem Nichts Ergebnis erst geworden war, so ist auch der verborgene Gott,
als den der Glaube jenes Ergebnis der
Vorwelt allein zu sehen bekommt, nur der Anfang eines Geschehens, dessen ersten Akt
wir in der göttlichen Weltschöpfung schon
sahen. Die Schöpfung ist für Gott nicht bloß Schöpfung der Welt, sondern auch
etwas, was
in ihm selber als dem verborgenen vorgeht. In diesem Sinn mußten wir die Schöpfung
schon als ein Offenbarwerden Gottes
bezeichnen. Und zwar offenbart er sich in ihr als Schöpfer, also in lauter Taten,
die nicht mehr wachsen, nicht mehr zunehmen,
sondern im Anfang und einfürallemal und also, was Gott angeht, nicht Taten, sondern
Eigenschaften sind. Soll nun das andre,
was außer
der Schöpfung aus Gottes Verborgenheit hervorgeht, diese einfürallemal freigesetzte,
grenzenlose Unendlichkeit der
göttlichen Schöpfermacht ergänzen in Richtung auf einen Zusammenschluß jener Unendlichkeit
zur tatsachenhaften Einheit, so muß
es etwas sein, was in sich den Trieb hat, die ganze hingebreitete Unendlichkeit der
göttlichen Macht nach und nach zu
durchlaufen, also etwas in sich Wachsendes, in sich Steigerungsfähiges. Wie und wo
es diesen Trieb verwirklicht, kann hier
noch dahingestellt bleiben; notwendig aber ist, und muß schon hier deutlich werden,
daß es ihn hat.
Wie es zuvor die ursprüngliche Freiheit, die ungebändigte Leidenschaft des mythischen
Gottes war, die als
göttliche Schöpfermacht aus dem verborgenen Gott ans Licht des neuen Tages bricht,
so sucht nun auch jenes schicksalhafte
göttliche Wesen, die Moira des Gottes, sich einen Weg ins Freie. Gottes innere Natur
, die unendliche Meeresstille seines
Seins, hatte sich unter dem Anprall der innergöttlichen Tatfreiheit wohl zum Schicksal
verdichtet und vergewichtigt; aber
immer war auch das Schicksal etwas Dauerndes gewesen; die Moira wandelte ihren Spruch
nicht; er mochte wohl erst im Laufe der
Zeit sich enthüllen, aber er gilt von Anfang; das Schicksal ist Urgesetz, seine Künderinnen
sind die ältesten im
Göttergeschlecht, und nicht zufällig meist weiblich; denn das Mütterliche ist stets
das, was schon da ist, das Väterliche
kommt erst hinzu; das Weib ist dem Manne immer Mutter. Diese Dauerhaftigkeit und Uranfänglichkeit
aber muß nun dem Schicksal
verloren gehen, wenn es aus dem Dunkel der göttlichen Verborgenheit jetzt ins Helle
bricht. Als
wesenhaftes, eigenschaftliches Sein war die Tatfreiheit in der Schöpfermacht offenbar
geworden; jetzt muß das
schicksalgebundene Sein in entsprechender Umkehr sich offenbaren als augenblicksentsprungenes
Geschehen, als ereignetes
Ereignis. Schicksal, das ereignishaft mit der ganzen Wucht des Augenblicks hereinbricht,
nicht verhängt von uran, sondern
grade als Verneinung alles von uran Geltenden, ja als Verneinung schon des Augenblicks,
der unmittelbar diesem vorhergeht,
Augenblick, der in seinem eigenen engen Raume die ganze Schwere des Verhängnisses
hegt, eines Verhängnisses, nicht verhängt
,
sondern plötzlich da und in seiner Plötzlichkeit doch unabwendbar, als wäre es verhängt
von uran, – was ist das? Ein Blick auf
das Geschöpf, das in Gottes Gleichnis und Ebenbild erschaffen worden, lehrt uns, wie
wir dies affektgewordene innergöttliche
Schicksal allein nennen können und müssen. Wie Gottes augenblicksgeborene Willkür
sich zur dauernden Macht verkehrt hatte, so
sein ewiges Wesen zur jeden Augenblick neuerwachten, immer jungen, immer ersten –
Liebe. Denn Liebe allein ist so zugleich
schicksalhafte Gewalt über das Herz, in dem sie erwacht, und doch so neugeboren, so
– zunächst – vergangenheitslos, so ganz
dem Augenblick, den sie erfüllt, und nur ihm selbst entsprungen. Sie ist ganz Muß,
ganz – nach den Worten des großen
Liebenden, der seine Liebe und den seine Liebe durch Hölle, Welt und Himmel trug –
deus fortior me
, und doch, nach den
unmittelbar anschließenden Worten, in ihrer Gewalt nicht gestützt auf ein von uran
geschaffenes Verhängnis, ein immerwährendes
Vorlängst ihres Schondaseins, sondern auf das immer neue Soeben ihres Gerade-in-diesem-Augenblick-gekommen-seins:
ecce deus
fortior me qui veniens dominabitur mihi
. Sie ist nichts andres als der Spruch des Schicksals, an dem die Willkür des
mythischen Gottes in ihm selber zerbrach, und sie ist doch verschieden davon, wie
der Himmel von der Erde; denn sie hat sich
verkehrt aus jenem Spruch, der als ein einfaches Ja, ein einfaches So ist es
, So ward es verhängt
, aus dem Nichts
hervortrat, in ein Muß, das als ein Nein, als eine allzeit neue Selbstverleugnung,
unbekümmert um alles, was voranging oder
folgen mag, ganz Geburt des unmittelbar gegenwärtig er-lebten
Augen-blicks
des Lebens, aus der Nacht des verborgenen Gottes ins Offenbare bricht.
Hier beginnt jene Ergänzung des in den Taten der Schöpfung bloß angehobenen göttlichen
Sichoffenbarens,
von der wir vorhin sprachen. Um die Tatsächlichkeit
Gottes, die in seiner Verborgenheit verloren zu gehen drohte,
wiederzugewinnen, darf es nicht bleiben bei seinem ersten Offenbarwerden in einer
Unendlichkeit voll schöpferischer Taten; da
drohte Gott sich wieder hinter der Unendlichkeit der Schöpfung zu verlieren; er schien
zum bloßen Ursprung
der Schöpfung und
damit doch wieder zum verborgenen Gott zu werden, was er eben durch die Schöpfung
aufgehört hatte zu sein. Es muß aus dem
Dunkel seiner Verborgenheit ein andres hervortreten als die bloße Schöpfermacht, etwas,
worin die breite Unendlichkeit der
schöpferischen Machttaten im Sichtbaren festgehalten wird, so daß Gott nicht wieder
hinter diese Taten ins Verborgene
zurückweichen kann. Ein solches Festhalten einer ausgedehnten Unendlichkeit kann nur
so erfolgen, daß diese Breite ganz
durchlaufen wird; als unendliche Breite kann sie aber durchlaufen werden nur von einer
Kraft unendlichen Atems, einer Kraft,
die nicht müde wird. Und diese Kraft muß selbstverständlich ebenfalls unmittelbar
aus der Tiefe der göttlichen Verborgenheit
hervorbrechen; denn nur dann kann sie leisten, was wir hier verlangen: die Sicherung
der in der Schöpfung geschehenden
Offenbarung vor einem Rückfall in die Nacht des Geheimnisses. So verlangt die erste
Offenbarung in der Schöpfung, grade um
ihres Offenbarungscharakters willen, das Hervorbrechen einer zweiten
Offenbarung, einer Offenbarung, die nichts weiter ist
als Offenbarung, einer Offenbarung im engeren, nein im engsten Sinn.
Eine Offenbarung also muß das sein, die nichts setzt
, nichts aus sich heraus ins Leere schafft; ein
solches Offenbarwerden war zwar auch Offenbarwerden, aber nur auch
; wesentlich und vor allem war es Schöpfung; das
Offenbarwerden, das wir hier suchen, muß ein solches sein, das ganz wesentlich Offenbarung
ist und nichts weiter; das heißt
aber: es darf nichts sein als das Sichauftun eines Verschlossenen, nichts als die
Selbstverneinung eines bloßen stummen Wesens
durch ein lautes Wort, einer still ruhenden Immerwährendheit durch einen bewegten
Augenblick. Im
Aufleuchten eines solchen
Augen-blicks
wohnt die Kraft, das geschaffene Sein, das von diesem Aufleuchten getroffen wird,
aus dem geschaffenen Ding
umzufärben in
ein Zeugnis eines geschehenen Offenbarens. Jedes Ding ist ein solches Zeugnis, schon
weil es geschaffenes Ding und die
Schöpfung selber schon die erste Offenbarung ist. Aber eben weil es geschaffenes Ding
von uran ist, bleibt dies, daß es
Zeugnis einer geschehenen Offenbarung ist, hinter ihm im Dunkel eines ersten Anfangs;
erst indem es irgendwann einmal in der
Zeit von dem Aufleuchten einer nicht einfürallemal geschehenen, sondern in diesem
Augenblick geschehenden Offenbarung
überstrahlt wird, erst damit wird ihm der Umstand, daß es einer Offenbarung das Dasein
dankt, zu mehr als einem
Um-stand
,
– zum inneren Kern seiner Tatsächlichkeit. Erst so, nicht mehr Zeugnis einer überhaupt
geschehenen, sondern Äußerung einer im
Augenblick soeben
geschehenden Offenbarung, tritt das Ding aus seiner wesenhaften Vergangenheit in
seine lebendige
Gegenwart.
Und indem dies Aufleuchten
in der Länge der Zeit immer neu von Ding zu Ding weiterfließt, löst es die
Dinge aus ihrer Nurgeschaffenheit und erlöst zugleich die Schöpfung von der dauernd
über ihr schwebenden Angst eines
Zurücksinkens in ihren Ursprung aus dem Nichts einer-, der göttlichen Verborgenheit
andrerseits. Die Offenbarung grade in
ihrer unbedingten Augenblicksentsprungenheit ist so das Mittel, durch welches die
Schöpfung im Gestalthaften befestigt wird.
Der Schöpfer konnte noch hinter der Schöpfung ins gestaltenreiche und grade deshalb
selber gestaltenlose Dunkel zurücktreten;
es blieb ihm gewissermaßen immer die Flucht in die Vergangenheit des Ursprungs
, wo er sich bescheiden hinter ewigen
Gesetzen verbergen konnte
; aber der Offenbarer in seiner allzeitlichen Gegenwärtigkeit kann ihn jeden Augenblick
im Hellen,
Offenbaren, Unverborgenen, eben in der Gegenwart festhalten, und indem er das tut,
läßt er Gottes Verborgenheit endgültig ins
Vergangene sinken; Gott ist nun gegenwärtig, gegenwärtig wie der Augenblick, wie jeder
Augenblick, und damit fängt er an zu
werden, was er als Schöpfer noch nicht wahrhaft gewesen war und was er auch jetzt
erst zu werden anfängt: tatsächlich
, wie
die Götter der Heiden in der ummauerten Burg ihres Mythos.
Es ist die Liebe, auf die alle hier an den Begriff des Offenbarers gestellten Forderungen zutreffen, die Liebe des Liebenden, nicht die der Geliebten. Nur die Liebe des Liebenden ist diese jeden Augenblick erneute Selbsthingabe, nur er verschenkt sich in der Liebe. Die Geliebte empfängt das Geschenk; dies, daß sie es empfängt, ist ihre Gegengabe, aber im Empfangen bleibt sie bei sich und wird ganz ruhend und in sich selige Seele. Aber der Liebende – er entringt seine Liebe dem Stamm seines Selbst, wie der Baum sich seine Zweige entringt, jeder Ast entbricht dem Stamm und weiß nichts mehr von ihm, den er verleugnet; aber der Baum steht da im Schmuck seiner Äste, die zu ihm gehören, ob sie gleich ein jeder ihn verneinen; er hat sie nicht freigelassen, er ließ sie nicht zu Boden fallen wie reife Früchte; jeder Zweig ist sein Zweig und ist doch ganz Zweig für sich, an eigener, nur ihm allein eigener Stelle hervorgebrochen und dieser Stelle dauernd verbunden. So ist die Liebe des Liebenden in den Augenblick ihres Ursprungs eingewachsen, und weil sie das ist, muß sie alle andern Augenblicke, muß sie das Ganze des Lebens verleugnen; sie ist treulos in ihrem Wesen, denn ihr Wesen ist der Augenblick; und so muß sie sich, um treu zu sein, jeden Augenblick erneuen, ein jeder Augenblick muß ihr zum ersten Blick der Liebe werden. Nur durch diese Ganzheit in jedem Augenblick kann sie ein Ganzes geschaffenen Lebens ergreifen, aber dadurch kann sie es auch wirklich; sie kanns, indem sie dieses Ganze mit immer neuem Sinn durchläuft und bald dies, bald jenes Einzelne darin bestrahlt und belebt, – ein Gang, der, alle Tage neu beginnend, nie an sein Ende zu kommen braucht, der jeden Augenblick, weil er ganz in diesem Augenblick ist, auf der Höhe zu sein meint, über die nichts mehr hinausliegt, und dennoch mit jedem neuen Tag erfährt, daß er das Stück Leben, das er liebt, noch nie so sehr geliebt hat wie heute; alle Tage hat Liebe das Geliebte ein bißchen lieber. Diese stete Steigerung ist die Form der Beständigkeit in der Liebe, indem und weil sie doch höchste Unbeständigkeit und nur dem einzelnen gegenwärtigen Augenblick gewidmete Treue ist; sie kann aus tiefster Untreue so zur beständigen Treue werden und nur daraus; denn nur die Unbeständigkeit des Augenblicks befähigt sie, jeden Augenblick wieder für neu zu erleben und so die Fackel der Liebe durch das ganze Nacht- und Dämmerreich des geschaffenen Lebens zu tragen. Sie steigert sich, weil sie immer neu sein will; sie will immer neu sein, um beständig sein zu können; sie kann beständig nur sein, indem sie ganz im Unbeständigen, im Augenblick, lebt, und sie muß beständig sein, damit der Liebende nicht bloß der leere Träger einer flüchtigen Wallung sei, sondern lebendige Seele. So liebt Gott auch.
Aber liebt er denn? Dürfen wir ihm Liebe zuschreiben? Schließt der Begriff der Liebe nicht Bedürftigkeit ein? Und könnte Gott bedürftig sein? Haben wir nicht dem Schöpfer abgesprochen, daß er aus Liebe schafft, um ihm nicht Bedürftigkeit zusprechen zu müssen? Und nun sollte der Offenbarer dennoch aus Liebe sich offenbaren?
Aber weshalb haben wir dem Schöpfer Bedürftigkeit abgesprochen? Weil sein Schaffen
nicht Willkür, nicht
Einfall, nicht Not des Augenblicks sein soll, sondern Eigenschaft und dauerndes Wesen.
Und Eigenschaft und dauerndes Wesen
darf allerdings die Bedürftigkeit für Gott nicht sein. Aber das ist die Liebe ja auch
nicht. Sie ist nicht Eigenschaft des
Liebenden; er ist nicht ein Mensch, der liebt; daß er liebt, ist nicht nähere Bestimmung
eines Menschen. Sondern Liebe ist
momenthafte Selbstverwandlung, Selbstverleugnung des Menschen; er ist gar nichts andres
mehr als Liebender, wenn er liebt; das
Ich, das sonst die Eigenschaften tragen würde, ist in der Liebe im Augenblick der
Liebe restlos verschwunden; der Mensch
stirbt in den Liebenden hinüber und steht in ihm wieder auf. Bedürftigkeit wäre eine
Eigenschaft. Wie aber hätte eine
Eigenschaft Platz in dem engen Raume eines Augenblicks? Ist es denn also überhaupt
wahr, daß Liebe Bedürftigsein bedeutet?
Vielleicht geht es ihr voraus. Aber was weiß sie denn, was ihr vorausgeht? Der Augenblick,
der sie erweckt, ist ihr erster;
mag, von außen gesehen, ihr ein Bedürfnis zugrunde liegen – was heißt das anders,
als daß der Punkt des geschaffenen Daseins,
den sie noch nicht mit ihrem Blick getroffen hat, noch im Dunkel, eben dem Dunkel
der Schöpfung ruht? Dies Dunkel ist das
Nichts, das ihr als geschaffener Grund
zugrunde liegt. Aber in ihr selbst, auf der schmalen Planke ihrer Augenblicklichkeit,
ist für kein Bedürfnis Raum; sie ist, in dem Augenblick, in dem sie ist, ganz erfüllt;
die Liebe des Liebenden ist immer glücklich
; wer wollte ihm sagen, daß er noch etwas bedürfe außer – zu lieben?
So ist Liebe keine Eigenschaft, sondern ein Ereignis, und keine Eigenschaft hat Platz
in ihr. Gott
liebt
heißt nicht, daß die Liebe ihm eignet wie eine Eigenschaft, etwa wie die Macht, zu
schaffen, Liebe ist nicht die feste
unveränderliche Grundform seines Antlitzes, nicht die starre Maske, die der Former
vom Antlitz des Toten abnimmt, sondern das
flüchtige, nie versiegende Mienenspiel, das immer junge Leuchten, das über die ewigen
Züge geht. Liebe scheut davor, ein
Bildnis vom Liebenden zu machen; das Bildnis ließe das lebendige Antlitz zum Toten
erstarren. Gott liebt
ist reinste
Gegenwart – was weiß Liebe selber, ob sie lieben wird, ja selbst, ob sie geliebt hat?
Genug, sie weiß das eine, daß sie liebt.
Sie geht auch nicht ins Breite der Unendlichkeit, wie die Eigenschaft es tut; Weisheit
und Macht sind Allweisheit und
Allmacht, Liebe ist nicht Allliebe; vom allliebenden
Vater weiß die Offenbarung nicht; Gottes Liebe ist stets ganz in dem
Augenblick und an dem Punkt, wo sie liebt, und nur in der Unendlichkeit der Zeit,
Schritt für Schritt, erreicht sie Punkt auf
Punkt und durchseelt das All. Gottes Liebe liebt, wen sie liebt und wo sie liebt;
keine Frage hat das Recht, ihr zu nahen,
denn jeder Frage wird einmal die Antwort werden, indem Gott auch ihn, auch den Frager,
der sich von Gottes Liebe verlassen
glaubt, liebt. Gott liebt immer nur, wen und was er liebt; aber was seine Liebe von
einer Allliebe
scheidet, ist nur ein
Nochnicht; nur noch nicht liebt Gott alles außer dem, was er schon liebt. Seine Liebe
wandelt in immer frischem Trieb durch
die Welt. Sie ist immer im Heute und ganz im Heute, aber alles tote Gestern und Morgen
wird in dieses sieghafte Heute einmal
verschlungen, diese Liebe ist der ewige Sieg über den Tod; die Schöpfung, die der
Tod krönt und schließt, kann ihr nicht Stand
halten; sie muß sich ihr ergeben in jedem Augenblick und darum schließlich auch in
der Fülle aller Augenblicke, in der
Ewigkeit.
Was so als Enge des Begriffes der göttlichen Liebe erscheint, wie ihn der Glaube faßt, nämlich daß diese Liebe nicht wie das Licht als wesenhafte Eigenschaft nach allen Seiten strahlt, sondern in rätselhaftem Ergreifen Einzelne ergreift – Menschen, Völker, Zeiten, Dinge –, unberechenbar in diesem Ergreifen bis auf die eine Gewißheit, daß sie einmal auch das noch Unergriffene ergreifen wird: diese scheinbare Engherzigkeit macht die Liebe erst wahrhaft zur Liebe; nur so, indem sie sich in jeden Augenblick ganz hineinwirft, und sei es, daß sie alles andere darum vergißt, nur so kann sie schließlich alles wirklich ergreifen; ergriffe sie alles mit einem Male, was wäre sie anders als schon die Schöpfung war? Denn auch die Schöpfung schuf alles mit einem Male und wurde so zur immerwährenden Vergangenheit; eine Liebe, die alles von vornherein ergriffen hätte, wäre eben auch nur ein Vonvornherein, nur eine Vergangenheit, und nicht was Liebe erst zur Liebe macht: Gegenwart, reine, unvermischte Gegenwart.
Solche Vergangenheit bestimmt den Begriff des Offenbarers im Islam. Hier ist, genau wie im vorigen Buch der Begriff des Schöpfers, der des Offenbarers unmittelbar, ohne jene vielberufene Umkehr des Ja und des Nein, aus dem lebendigen Gott des Mythos hervorgegangen. Wie sich damals die Schöpferwillkür nicht zur Schöpferweisheit verfestigte, so bleibt jetzt die Offenbarung göttliche Eigenschaft, Notwendigkeit des göttlichen Wesens; der Augenblick kommt nicht über sie; sie wird nicht selbstverleugnende Leidenschaft; sie ähnelt so der Schöpfung, nicht der Schöpfung nach dem Begriff des Islam, welche freie, unnotwendige Tat der göttlichen Willkür ist, aber der Schöpfung nach dem Begriff des Glaubens. So notwendig, so wesenhaft, so eigenschaftlich wie diese wird im Islam die Offenbarung aus Gott herausgesetzt.
Allahs Wesen ist jene Allliebe, die nicht sich in jedem Augenblick der Liebe schrankenlos
wegschenkt, sondern
die Offenbarung wie ein gegenständliches Geschenk aus sich heraus der Menschheit gibt.
Nicht willkürlich ist die Gabe; alles
Augenblickliche – und das wäre ja die Willkür – bleibt ihr fern. Gott ist der Erbarmer,
jede Sure des Korans sagt es; das
Erbarmen ist seine Eigenschaft, sie strahlt wesenhaft über alle Menschen, alle Völker
aus. Der Koran weist den Gedanken der
parteiischen Bevorzugung, etwa eines Volkes, aus dem Begriffe Gottes ab. Jedem Volk,
nicht etwa den Arabern allein, hat Allah
einen Propheten gesandt, jeder von ihnen lehrte sein Volk die ganze Glaubenswahrheit;
daß diese Wahrheit dennoch heute bei den
meisten Völkern verstummt oder verzerrt ist, muß dann freilich erklärt werden; doch liegt die Erklärung
nah: jene Völker haben eben den Propheten nicht geglaubt; an ihnen liegt es, wenn
sie die Offenbarung nicht festhielten; Allah
hat sie auch ihnen gegeben so gut wie jetzt dem Volke Muhameds. Um diese Fiktion aufzustellen,
müssen Prophetengestalten der
Vergangenheit und das Schicksal dieser Gestalten frei erfunden werden; die Grundansicht
verlangts: Allah muß sich offenbaren; das
ist sein Wesen, barmherzig
zu sein, und so hat er sich offenbart. Barmherzig
muß man jenes Wort des ersten Verses der Suren
wohl übersetzen; denn es ist hier aus dem lebendigen Leib der heiligen Sprache, wo
es zwischen Menschen und vom Menschen zu Gott
so gut gebraucht werden kann wie von Gott zum Menschen, herausgeschnitten und auf
die letztgenannte, spezifisch theologische
Anwendung beschränkt, bedeutet also nicht mehr die Liebe überhaupt, sondern eine Liebe,
die nur von Gott zum Menschen gehen kann,
also eben nur das Erbarmen. Und vollständig ist diese Offenbarung von Anfang an; schon
dem Adam und so allen folgenden Propheten
hat Gott den Islam
anbefohlen! die Erzväter, die Propheten, Jesus, sie alle sind Gläubige
im vollen, theologisch offiziellen
Sinn des Wortes. Der Vorzug Muhameds liegt in seinen persönlichen Qualitäten, nicht
etwa darin, daß die größte Fülle der
göttlichen Liebe sich über ihn ergossen hätte; die Fahrt durch die sieben Himmel ist
kein göttlicher Gnadenbeweis, sondern eine
eigene Wundertat des Propheten. Die Fülle dieser Liebe wächst nicht, sie ist eben
einfürallemal der Welt zugewandt; es gibt keine
Steigerung in ihr. So ist ihr alles Momenthafte
, verblendet Parteiische
fern, aber auch alle stets blinde Kraft, wie sie der
echten Liebe innewohnt. Allah könnte nicht wie der Gott des Glaubens den Seinen ins
Gesicht sagen, daß er sie in ihren Sünden und
um sie für ihre Sünden zur Verantwortung zu ziehen, vor allen andern erwählt habe.
Daß die Mängel des Menschen gewaltigere
Erwecker der göttlichen Liebe sind als seine Vorzüge, das ist dem Islam ein unvollziehbarer,
ein widersinniger Gedanke – es ist
der Herzgedanke des Glaubens;
Erbarmen hat
Allah mit menschlicher Schwäche, aber daß er sie liebt vor der Stärke, diese göttliche
Demut ist dem Gott Muhameds fremd.
Und wie zum Zeichen, daß die Offenbarung hier im Islam nicht ein lebendiges Ereignis
zwischen Gott und Mensch ist, ein Geschehen, in das Gott selber eingeht bis zur völligen
Selbstverneinung, göttliches
Sichselberschenken, sondern eine frei hingesetzte Gabe, die Gott dem Menschen in die
Hände legt, ist hier die Offenbarung von
vornherein das, was sie im Glauben sogar für sein eigenes Bewußtsein erst allmählich
und nie ganz wird: ein Buch. Das erste Wort
der Offenbarung an Muhamed lautet: Lies! Das Blatt eines Buches wird ihm gezeigt,
ein Buch bringt ihm der Erzengel in der Nacht
der Offenbarung vom Himmel hernieder. Älter und heiliger als die geschriebene gilt
dem Judentum die mündliche Lehre, und Jesus
hat den Seinen kein geschriebenes Wort hinterlassen; der Islam ist Buchreligion vom
ersten Augenblick an. Das Buch, das vom
Himmel herab gesendet wird – kann es eine völligere Abkehr von der Vorstellung geben,
daß Gott selber herniedersteigt
, selber
sich dem Menschen schenkt, sich ihm preisgibt? Er thront in seinem höchsten Himmel
und schenkt dem Menschen – ein Buch.
Dem Menschen. Er ist der andre Pol der Offenbarung. Auf ihn ergießt sich die göttliche
Liebe. Wie macht
er sich bereit, sie zu empfangen? Denn er muß sich bereiten. Der Mensch, den wir als
den metaethischen
kennen lernten, ist
unbereit; er hört nicht, er sieht nicht – wie soll er da die Gottesliebe empfangen?
Auch seine Verschlossenheit muß sich erst
auftun, auf daß er Gottes Wort hören, Gottes Leuchten sehen lerne. Trotz und Charakter,
Hybris und Daimon waren in ihm
zusammengetreten und hatten ihn zum in sich gekehrten stummen Selbst gebildet. Nun
er aus sich heraustritt, enthüllen sich
auch hier wieder die Kräfte, die ihn bildeten. Und wieder treten sie in der umgekehrten
Reihe ihres Eintritts hervor. Der
trotzige Stolz des freien Willens, der in seinen immer erneuten Aufwallungen den daseienden
Charakter zum Selbst schloß, wird
jetzt das erste, was aus dem Innern des Selbst nach außen tritt, und als ein erstes,
ein Anfang des Nachaußentretens,
notwendigerweise nicht mehr in der Gestalt leidenschaftlicher Aufwallungen, deren
jede einzelne in ihrer Augenblicklichkeit
die ganze Höhe erschwingt, sondern in ruhiger Ausbreitung.
Ein Stolz, der, statt trotzig aufzuschäumen, ruht? Ein Stolz also, der nicht
mit krampfiger Gewalt das Antlitz des Menschen verzerrt, sondern der einfach da ist
und, statt den Menschen bis zur
Unkenntlichkeit zu verwandeln, vielmehr wie ein stilles Gewässer sich um ihn und unter
ihn breitet und ihn trägt. Was ist das
für ein Stolz, der also sich dem Stolz des Trotzes entgegenzusetzen scheint? Ein Stolz,
der nicht in dem Augenblick
seiner Äußerung eine besondere Art Mensch zu schaffen scheint; denn der Trotzige ist
ein besonderes Menschenbild; sondern der
als eine Eigenschaft auftritt, die der Mensch dauernd an sich trägt, ohne daß ihr
eigentliche Äußerungen von besonders
charakteristischer Physiognomie zugehörten, – was ist das für ein Stolz? Es müßte
ein Stolz sein, der nicht stolz auf
dieses
oder jenes wäre, denn dann wäre er zwar Eigenschaft, aber nur Eigenschaft unter Eigenschaften,
nicht wesentliche Eigenschaft,
in der der ganze Mensch zu ruhen vermag. Das Wort Stolz
ist vielleicht zu sehr nach der andern Seite belastet; es klingt zu
viel von Hochmut mit darin, Hochmut, dessen echte Äußerung eben nur der Trotz ist.
Und doch steht der Stolz rein in der Mitte
zwischen Trotz und jener Umkehrung des Trotzes, die wir suchen. Er kann sich äußern
; dann wird er ganz von selbst
hochmütiger Trotz, Hybris; aber er kann auch ganz jenseits allen Gedankens an Äußerung
einfach nichts weiter als sein. Solch
einfach seiender Stolz aber, in welchem dann der Mensch stille ist und sich tragen
läßt, ist nun freilich das reine Gegenteil
des stets neu aufwallenden Trotzes. Es ist die Demut.
Auch die Demut ist ja ein Stolz. Nur Hoffart und Demut sind gegensätzlich. Aber die Demut, die sich bewußt ist, von eines Höheren Gnaden zu sein was sie ist, sie ist so sehr Stolz, daß jenes Bewußtsein des Gottesgnadentums selber geradezu für ein hoffärtiges Bewußtsein gehalten werden konnte. Die Demut ruht im Gefühl des Geborgenseins. Sie weiß, daß ihr nichts geschehen kann. Und sie weiß, daß ihr keine Macht dies Bewußtsein rauben kann. Es trägt sie, wohin sie auch gehen mag. Sie bleibt immer von ihm umgeben. Die Demut allein ist ein solcher Stolz, der vor allen Aufwallungen sicher, aller Äußerungen unbedürftig ist und der für den Menschen, der ihn hat, eine schlechthin notwendige Eigenschaft bedeutet, in der er sich bewegt, weil er es gar nicht mehr anders weiß. Und diese Demut in ihrer stolz-ehrfürchtigen Selbstverständlichkeit ist dennoch weiter nichts als der aus seiner stummen Verschlossenheit heraus- und hervortretende Trotz. Wie dieser, wo er als tragische Hybris sichtbare Gestalt annahm, bei der schaulustigen Menge Schauer der Furcht erregte, ohne doch selber etwas davon zu spüren, so fühlt er sich nun nach der Umkehr selber von Schauern der Ehrfurcht überschauert und doch von ihnen getragen: Das Wort des griechischen Theoretikers der Tragödie und das Wort, das die Offenbarung, als sie griechisch reden lernte, sich wählte, ist ein und dasselbe: Phobos. Die Ehr-furcht reißt die in der Kunst- und Scheinwelt der Tragödie Getrennten, den Helden und den Zuschauer in eins; das leblose Bild wird nun selber erfüllt von dem Leben, das es bisher bloß im Betrachter erweckt, und also lebendig; es kann nun seinen Mund auftun und reden.
Demütig-stolze Ehrfurcht, Gefühl der Abhängigkeit zugleich und des sicheren Geborgenseins,
der Zuflucht
in ewigen Armen – siehe da, ist nicht auch dies wieder die Liebe? Nur freilich nicht
der Liebende ruht in
solchem
Bewußtsein, sondern das Geliebte. Es ist die Liebe des Geliebten, die wir hier beschreiben.
Das Geliebte weiß sich also
getragen von der Liebe des Liebenden und darin geborgen. Was dem Liebenden ein immer
zu erneuernder Augenblick ist, das
Geliebte weiß es als ewig, immer und ewig. Immer
ist das Wort, das über seiner Liebe geschrieben steht. Sie ist nie größer
als im Augenblick, wo sie erweckt wird; sie kann nicht mehr wachsen, aber sie kann
auch nicht abnehmen, sie kann höchstens
sterben: das Geliebte ist treu. Sein Geliebtsein ist die Luft, in der es lebt. Die
Liebe des Liebenden ist ein immer neu sich
ihm entzündendes Licht; der Augenblick des Aufleuchtens gibt ihr die Gegenwärtigkeit.
Die Liebe des Geliebten sitzt still zu
den Füßen der Liebe des Liebenden: ihr gibt Gegenwärtigkeit nicht der einzelne, immer
neue Augenblick, sondern die ruhige
Dauer; weil sie sich immer
geliebt weiß, nur deshalb weiß sie sich geliebt in jedem Augenblick. Nur der Liebende
hat die
Geliebte alle Tage ein bißchen lieber; die Geliebte spürt in ihrem Geliebtsein nichts
von dieser Steigerung. Nachdem sie
einmal die Schauer des Geliebtseins überschauert haben, bleibt sie darin bis ans Ende.
Sie ist zufrieden, geliebt zu sein –
was fragt sie nach Himmel und Erde? Was fragt sie selbst nach der Liebe des Liebenden? Ihr
Wiederlieben ist nur, daß sie sich lieben läßt. Der Liebe des Liebenden antwortet
von ihr kein Dank; dankt das Geliebte, so
kann sich sein Dank nicht auf den Liebenden richten, sondern er muß sich Auswege suchen
nach andern Seiten, symbolische
Auswege gewissermaßen; die Liebe möchte Dankopfer bringen, weil sie fühlt, nicht danken
zu können. Vom Liebenden kann sie sich
nur lieben lassen, weiter nichts. Und so empfängt die Seele die Liebe Gottes. Ja allein
für die Seele und die Liebe Gottes
gilt dies alles im strengen Sinne. Zwischen Mann und Weib gehen, je höhere Blüten
die Pflanze der Liebe zwischen ihnen
ansetzt, je mehr sie recht als ein Palmbaum über sich steigt und sich von ihren unterirdischen
Wurzeln entfernt, die Rollen
des Liebe Gebenden und Liebe Empfangenden hin und her, obwohl von den Wurzeln der
Geschlechtlichkeit her sich immer wieder das
eindeutige Verhältnis der Natur wiederherstellt. Aber zwischen Gott und der Seele
bleibt das Verhältnis immer das gleiche.
Gott hört nie auf zu lieben, die Seele nie, geliebt zu sein. Der Seele wird der Friede
Gottes gegeben, nicht Gott der Friede
der Seele; und Gott schenkt sich der Seele hin, nicht die Seele hier sich Gott; wie
sollte sie das auch? beginnt doch erst in
der Liebe Gottes aus dem Fels des Selbst die Blume der Seele zu wachsen; vorher war
der Mensch fühllos und stumm in sich
gekehrt; nun erst ist er – geliebte Seele.
Geliebt? Ists die Seele? Kann sie es sein? Ist die Liebe Gottes etwas, wovon nichts mehr sie scheiden kann? Kann sie aus diesem Ruhen in Gott nicht mehr herausgestoßen werden? Ist sie immer bei ihm, kann er sein Angesicht nicht von ihr abwenden? Ist ihre Gottgeliebtheit ein so festes Band, daß sie gar nicht fassen kann, daß Gott es auch einmal wieder lösen könnte? Was ist es denn, was dieser scheinbar doch rein passiven Eigenschaft des Geliebt-seins die Kraft gibt, Eigenschaft, wesentliche Eigenschaft, einmal der Seele eigen und nun auf immer untrennbar von ihr zu sein? Solch Passives ist doch sonst nicht Eigenschaft, sondern abhängig davon, ob ein Aktives seine Aktivität an ihm ausübt. Und nun ist hier die Aktivität gar eine augenblickshafte, und dennoch soll ihre Wirkung dem Passiven eine dauernde Eigenschaft verleihen ? Unsere Fragen sind auch hier wieder die Fragen, welche die Dogmatik von Anfang an bei diesem Begriff der Gottgeliebtheit der Seele beunruhigt haben. Wird nicht Gottes Macht hier eine unleugbare Schranke gezogen, wenn die gottgeliebte Seele für sich dauernde Gottgeliebtheit beansprucht? Muß Gott nicht die Freiheit haben, sich von der Seele zurückziehen zu können? Wohl wäre es zu begreifen, wenn er sich solcher Freiheit entäußert hätte gegenüber einer Treue, die ihn hielte. Aber wie kann die Seele sich unterstehen, treu sein zu wollen, wenn sie doch nichts ist als das Geliebte? Ist Treue nicht etwas, was nur der Liebende haben kann, und auch er nicht als Eigenschaft, sondern nur in der Tat der steten Erneuerung seines Liebens? Kann, ja darf Treue dauernde, ruhige Eigenschaft sein wollen? und als solche will das Geliebte sie besitzen.
Antwort auf all diese Zweifel gibt uns die geheime Vorgeschichte der Seele im Selbst.
Gewiß, wäre die
Seele ein Ding, nimmer könnte sie treu sein. Wohl kann auch ein Ding geliebt sein,
und selbst jene Treue der stets erneuerten
Liebe kann ihm gewidmet werden, aber es selber kann nicht treu sein. Die Seele aber
kanns. Denn sie ist kein Ding und hat
ihren Ursprung nicht in der Welt der Dinge. Sie entspringt aus dem Selbst des Menschen,
und zwar ist es der Trotz, der in ihr
nach außen tritt. Der Trotz, der in steten Aufwallungen den Charakter behauptet, er
ist der geheime
Ursprung
der Seele; er ists, der ihr die Kraft des Haltens, des Festhaltens gibt. Ohne die
Stürme des Trotzes im Selbst wäre die
Meeresstille der Treue in der Seele nicht möglich. Der Trotz, dieses dunkel aufkochende
Urböse im Menschen, ist die
unterirdische Wurzel, aus der die Säfte der Treue in die gottgeliebte Seele steigen.
Ohne die finstre Verschlossenheit des
Selbst keine lichte Offenbarung der Seele, ohne Trotz keine Treue. Nicht so, daß etwa
in der geliebten Seele noch selber Trotz
wäre; dieser Trotz ist in ihr ganz Treue geworden; aber die Kraft des Festhaltens,
welche die geliebte Seele gegen die Liebe,
mit der sie geliebt wird, bewährt, diese Kraft der Treue stammt ihr aus dem in sie
eingegangenen Trotz des Selbst. Und weil
die Seele ihn hält, deshalb läßt sich Gott von ihr halten. So gibt die Eigenschaft
der Treue ihr Kraft, dauernd in der Liebe
Gottes zu leben. Und so geht auch vom Geliebten eine Kraft aus, keine Kraft ständig
neuer Antriebe, sondern das stille
Leuchten eines großen Ja, worin das sich allzeit selbst verleugnende Lieben des Liebenden
das findet, was es in sich selbst nicht finden könnte: Bejahung und Dauer. Der treue Glaube der Geliebten
bejaht die im
Augenblick gebundene Liebe des Liebenden und verfestigt auch sie zu einem Dauernden.
Das ist die Gegenliebe: der Glaube der
Geliebten an den Liebenden. Der Glaube der Seele bezeugt in seiner Treue die Liebe
Gottes und gibt ihr dauerndes Sein. Wenn
ihr mich bezeugt, so bin ich Gott, und sonst nicht – so läßt der Meister der Kabbalah
den Gott der Liebe sprechen. Der
Liebende, der sich in der Liebe preisgibt, wird in der Treue der Geliebten aufs neue
geschaffen und nun auf immer. Das auf
ewig
, das die Seele im ersten Überschauertwerden von der Liebe des Liebenden in sich vernimmt,
ist keine Selbsttäuschung,
bleibt nicht in ihrem Innern; es erweist sich als eine lebendige, schöpferische Kraft,
indem es die Liebe des Liebenden selber
dem Augenblick entreißt und sie einfürallemal – verewigt. Die Seele ist in Gottes
Liebe stille wie ein Kind in den
Armen der
Mutter, und nun kann sie über das äußerste Meer und an die Pforten des Grabes – und
ist doch immer bei Ihm.
Diese Stille der Seele in ihrer aus der Nacht des Trotzes auferstandenen Treue ist
das große Geheimnis
des Glaubens, und wiederum erweist sich der Islam als die äußere unbegriffene Aufnahme
dieser Begriffe; wieder hat er sie ganz
– bis auf die innere Umkehr, und wieder also hat er sie gar nicht. Schon daß Islam
Gottergebensein heißt, wie Goethe meint,
ist eine irreführende Übersetzung. Islam heißt nicht gottergeben sein, sondern sich
Gott ergeben, sich zufrieden geben. Das
Wort, das in seiner schlichten Stammform in der heiligen Sprache jenen stillen, seienden
Frieden Gottes bezeichnet, wird in
dem Wort Islam
durch die Vorsilbe in ein Causativ, ein Machen, ein Veranlassen, eine Tat umgewandelt.
Das Gibdichzufrieden
des Islam mündet nicht in ein sei stille
, sondern es bleibt immer weiter beim Sichzufriedengeben, das immer wieder in jedem
Augenblick erneuert werden muß. So behält auch die Demut des Menschen, an den die
Offenbarung geht, im Islam das Vorzeichen
des Trotzes des Selbst, das sich in jedem Augenblick selbst verleugnende Nein. Islam
ist keine zuständliche Haltung der
Seele, sondern eine unaufhörliche Folge von Pflichterfüllungen. Und zwar nicht etwa
so, daß diese Pflichterfüllungen
gewissermaßen nur symbolisch, eben als Zeichen und Ausdruck des befriedeten Seelenzustandes oder als
Mittel zu seiner Erreichung verstanden würden, sondern sie werden an sich gewertet
und sind mehr oder weniger auch derart
rationell, daß eine solche unmittelbare Wertung wohl statthaben kann. So kommt der
Islam zu einer ausgesprochenen Ethik der
Leistung. An der einzelnen sittlichen Tat wird das Maß der Gottergebung geschätzt,
das zu ihrer Vollbringung erforderlich ist.
Je schwieriger die Tat ist, um so mehr wird sie geschätzt, denn um so höher ist die
Gottergebung, die zu ihr erforderlich
war.
Während für den Glauben die sittliche Tat als einzelne eigentlich wertlos ist und höchstens als Zeichen des ganzen Zustands demütiger Gottesfurcht bewertet werden kann. Die Seele selbst wird hier gewogen, die Echtheit ihres Glaubens, die Kraft ihrer Hoffnung, nicht die einzelne Tat. Es gibt keine schweren und leichten Pflichten. Alle sind gleich schwer oder gleich leicht, weil alle nur symbolisch sind. In seiner Schätzung der Schwierigkeit der einzelnen Leistung wird der Islam so, ohne es zu wollen, der Erbe der Ethik des ausgehenden Heidentums, des Stoizismus, wie andrerseits auch ein Vorbote der neuheidnischen Ethik der virtu, wie sie bis in unsre Tage fortlebt. Es gibt bei dem großen Reformator des Islam Gazali eine höchst bezeichnende Auseinandersetzung, in der dieses ganze Verhältnis sowie auch jene historischen Vergleichspunkte unmittelbar ins Auge springen. Er stellt der Keuschheit Jesu die Sinnlichkeit Muhameds gegenüber und rühmt seinen Propheten vor dem der Nazarener: Muhamed beweise sich darin als der größere; denn seine Inbrunst zu Gott sei stark genug gewesen, um über die Befriedigung der Triebe noch hinwegzulodern; der Prophet der Nazarener habe auf diese Befriedigung verzichten müssen, weil seine Frömmigkeit nicht heiß genug gebrannt habe, um nicht darin zu erlöschen. So wird hier das Innerste, die Frömmigkeit selbst, das woran, wenn das Menschen möglich wäre, alle Leistung erst bemessen werden müßte, unter den Gesichtspunkt der Leistung gerückt und nach den überwundenen Hemmnissen bemessen.
Das ist der Mensch, wie er im Islam dem göttlichen Lieben gegenübersteht. Gar nicht
still empfangend,
sondern in immer neuen Taten herandrängend. Aber auch Gottes Liebe war ja hier gar
nicht eigentlich
Liebe,
sondern ein breites Ausströmen der Offenbarung nach allen Seiten. So kennt der Islam so wenig einen
liebenden Gott wie eine geliebte Seele. Gottes Offenbarung geschieht in ruhiger Ausbreitung,
das Empfangen des Menschen
geschieht in stürmischem, unruhigem Drängen der Tat; sollte da von
Liebe die
Rede sein, so müßte Gott das Geliebte, der Mensch der Liebende sein; damit aber wäre
der Sinn der Offenbarung, die von Gott an
den Menschen geht, zunichte gemacht. Und wirklich ist es ja im Islam auch eigentlich
der Mensch, der die Offenbarung erzwingt
in seiner Bedürftigkeit, deren sich Gott erbarmt
. Erbarmen ist eben nicht Liebe. Wie den Offenbarer mit dem Schöpfer, so
vermengt der Islam auch die geliebte Seele mit der bedürftigen Kreatur. Er bleibt
auch hier an den unumgewandelten Gestalten
kleben, die ihm die heidnische Welt zeigte, und meint sie mit dem Begriff der Offenbarung,
so wie sie sind, in Bewegung
bringen zu können. Muhamed war stolz darauf, seinen Anhängern den Glauben leicht gemacht
zu haben. Er hat ihn zu leicht
gemacht. Er meinte, sich und den Seinen die innere Umkehr ersparen zu können. Er wußte
nicht, daß alle Offenbarung mit einem
großen Nein beginnt. Die Umkehr, welche alle Begriffe der Vorwelt beim Eintritt ins
Licht der wirklichen Welt erleiden, ist
nichts andres als dieses Nein. Wie die Schöpfung im Zeichen des Ja, so steht die Offenbarung
im Zeichen des Nein. Nein ist ihr
Urwort. Ihr erstes lautes aber, ihr Stammwort
, heißt Ich.
Ich ist stets ein laut gewordenes Nein. Mit Ich
ist immer ein Gegensatz aufgestellt, es ist stets
unterstrichen, stets betont; es ist immer ein Ich aber
. Auch wenn es unbekannt bleiben will und sich in den schlichten
Mantel der Selbstverständlichkeit hüllt, wenn etwa Luther vor dem Reichstag sein Hingestelltsein,
sein Bestimmtsein, seine
Zuversicht bekennt, und alles drei nicht als das Seine
, – selbst dann verrät das blitzende Auge den vermummten König, und
die Weltgeschichte setzt in der Stunde der Demaskierung drei dicke Striche unter jenes
dreifache Ich. Ich ist eben stets, mag
es wollen oder nicht, Subjekt in allen Sätzen, in denen es auftritt. Es kann nie passiv,
nie Objekt sein. Man frage sich
einmal ehrlich, ob in dem Satze du schlägst mich
oder er schlug mich
, natürlich nicht wenn man ihn liest, sondern wenn man
ihn spricht, wirklich das Du oder Er Subjekt ist oder nicht vielmehr, wie schon ein merkbarer Akzent
in der Betonung verrät, der bei einem gewöhnlichen Objekt ausbleibt, das Ich. Aber
auch vom Urwort selbst, von dem Nicht
anders
, als welches das Urnein in jedem Wort mitspricht, führt die Lautwerdung gradewegs
zum Ich. Ja, hier wird erst
deutlich, warum wir uns nicht nach dem scholastischen Vorbild mit einem Sic et Non
begnügen konnten, sondern ein So und
Nichtanders, für das Non also die doppelte Verneinung eines Nichtanders, behaupten
mußten.
Dem Nicht anders
schlägt unmittelbar die Frage entgegen: nicht anders als was denn?
Es muß antworten:
nicht anders als alles
. Denn schlechthin gegen alles
soll etwas, was als so und nichts anders
bezeichnet wird,
abgegrenzt werden. Und es ist nicht anders
als alles. Als anders als alles ist es schon durch das So gesetzt; das zum So
hinzutretende und nicht anders
meint gerade, daß es, obwohl anders, dennoch auch nicht anders als alles, nämlich
beziehungsfähig zu allem ist. Was ist nun also in diesem Sinn nicht anders
, also zugleich anders
und nicht anders
als
alles? als alles
, also als das All
. Nur das mit dem Sein
des All und jedes einzelnen Gegenstandes identische, also
sowohl einerleie wie ihm entgegengesetzte Denken
– das Ich. Nicht als Wort innerhalb seiner Wortart haben wir hier das Ich
als das lautgewordene Nein entdeckt, wie im vorigen Buch das Gut
als das lautgewordene So, sondern im Frag- und Antwortspiel
des Denkens, als einzelne Antwort auf einzelne Frage. Und so werden wir auch weiterhin
nicht wie bei der Schöpfung von Wortart
zu Wortart fortschreiten, sondern gemäß dem ganz wirklichen Gesprochenwerden der Sprache,
in dem wir uns hier als im
Mittelstück dieser ganzen Schrift aufhalten, von wirklichem Wort zu wirklichem Wort.
Nur reflektierend können wir – und müssen
es freilich – das wirkliche Wort auch als Vertreter seiner Wortart erkennen. Aber
wir finden es nicht als solchen Vertreter
einer Art, sondern unmittelbar als Wort und Antwort.
Dem Ich antwortet in Gottes Innerem ein Du. Es ist der Doppelklang von Ich und Du
in dem Selbstgespräch
Gottes bei der Schöpfung des Menschen. Aber so wenig wie das Du ein echtes Du ist,
denn es bleibt noch in Gottes Innerem, so
wenig ist das Ich schon ein echtes Ich; denn es ist ihm noch kein Du gegenübergetreten;
erst indem
das Ich das Du als etwas außer sich anerkennt, also erst indem es vom Selbstgespräch
zum echten Dialog übergeht, wird es zu
jenem Ich, das wir soeben als das lautgewordene Urnein beanspruchten. Das Ich des
Selbstgesprächs ist noch kein ich aber
,
sondern ein unbetontes, eben ein, weil bloß selbstgesprächliches, so auch
selbst-verständliches
Ich und also, wie wir es schon an dem Lasset uns
der Schöpfungsgeschichte erkannten, in Wahrheit noch kein offenbares Ich,
sondern ein noch im Geheimnis der dritten Person verborgenes. Das eigentliche, das
unselbstverständliche, das betonte und
unterstrichene Ich kann erstmalig laut werden in dem Entdecken des Du. Wo aber ist
ein solches selbständiges, dem verborgenen
Gott frei gegenüberstehendes Du, an dem er sich als Ich entdecken könnte? Es gibt
eine gegenständliche Welt, es gibt das
verschlossene Selbst; aber wo ist ein Du? Ja, wo ist das Du? So fragt Gott auch.
Wo bist Du?
Es ist nichts als die Frage nach dem Du. Nicht etwa nach dem Wesen des Du; das ist
in
diesem Augenblick noch gar nicht in Sehweite, sondern zunächst nur nach dem Wo. Wo
überhaupt gibt es ein Du? Diese Frage nach
dem Du ist das einzige, was von ihm schon bekannt ist. Aber diese Frage genügt dem
Ich, sich selbst zu entdecken; es braucht
das Du nicht zu sehen; indem es nach ihm fragt und durch das Wo dieser Frage bezeugt,
daß es an das Dasein des Du glaubt, auch
ohne daß es ihm vor Augen gekommen wäre, spricht es sich selber als Ich an und aus.
Das Ich entdeckt sich in dem Augenblick,
wo es das Dasein des Du durch die Frage nach dem Wo des Du behauptet.
Sich selber entdeckt es – nicht etwa das Du. Die Frage nach dem Du bleibt bloße Frage.
Der Mensch
verbirgt sich, er antwortet nicht, er bleibt stumm, er bleibt das Selbst, wie wir
es kennen. Die Antworten, die Gott ihm
schließlich abfragt, sind keine Antworten; kein Ich, kein Ich bins
, Ich habe es getan
antwortet der göttlichen Frage nach
dem Du, sondern statt des Ich kommt aus dem antwortenden Munde ein Er-Sie-Es: der
Mensch vergegenständlicht sich selbst zum
Manne
: das Weib, und zwar dieses ganz vergegenständlicht zum Weib, das dem Menschen gegeben
ist, hat es getan, und dieses
wirft die Schuld auf das letzte Es: die Schlange wars. Das Selbst will mit einem stärkeren
Zauber als der bloßen Frage nach
dem Du beschworen sein, auf daß es seinen Mund zum Ich auftue. An Stelle des unbestimmten, bloß
hinweisenden und so vom Menschen auch mit bloßem Hinweise – das Weib, die Schlange
– beantworteten Du tritt der Vokativ, der
Anruf; und jeder Ausweg zur Vergegenständlichung wird dem Menschen abgeschnitten,
indem an Stelle seines Allgemeinbegriffes,
der sich hinter das Weib und hinter die Schlange flüchten kann, das Unfliehbare angerufen
wird, das schlechthin Besondere,
Begriffslose, dem Machtbereich der beiden Artikel, des bestimmten und unbestimmten,
das alle Dinge, wenn auch nur als
Gegenstände einer allgemeinen, keiner besonderen Vorsehung, umfaßt, Entrückte: der
Eigenname. Der Eigenname, der doch kein
Eigen-name
ist, nicht ein Name, den sich der Mensch willkürlich gegeben hat, sondern der Name,
den ihm Gott selber geschöpft hat, und der
nur deshalb, nur als Schöpfung des Schöpfers, sein eigen ist. Der Mensch, der auf
Gottes Wo bist Du?
noch als trotziges und
verstocktes Selbst geschwiegen hatte, antwortet nun, bei seinem Namen, doppelt, in
höchster, unüberhörbarer Bestimmtheit
gerufen, ganz aufgetan, ganz ausgebreitet, ganz bereit, ganz – Seele: Hier bin ich
.
Hier ist das Ich. Das einzelne menschliche Ich. Noch ganz empfangend, noch nur aufgetan, noch leer, ohne Inhalt, ohne Wesen, reine Bereitschaft, reiner Gehorsam, ganz Ohr. In dieses gehorsame Hören fällt als erster Inhalt das Gebot. Die Aufforderung zu hören, der Anruf beim Eigennamen und das Siegel des redenden göttlichen Mundes – das alles ist nur Einleitung, vorklingend jedem Gebot, in voller Ausführlichkeit vorgesprochen nur vor dem einen Gebot, das nicht das höchste ist, sondern in Wahrheit das einzige, Sinn und Wesen aller Gebote, die je aus Gottes Munde kommen mögen. Welches ist dies Gebot aller Gebote?
Die Antwort auf diese Frage ist allgekannt; Millionen Zungen bezeugen sie spät und
früh: Du sollst
lieben den Ewigen, deinen Gott, von ganzem Herzen und von ganzer Seele und aus allem
Vermögen
. Du sollst lieben – welche
Paradoxie liegt hierdrin! Kann denn Liebe geboten werden? Ist Liebe nicht Schicksal
und Ergriffensein und wenn ja frei, dann
doch nur freies Geschenk? Und nun wird sie geboten? Ja gewiß, Liebe kann nicht geboten
werden; kein Dritter kann sie gebieten
und erzwingen. Kein Dritter kanns, aber der Eine. Das Gebot der Liebe kann nur kommen aus dem Munde
des Liebenden. Nur der Liebende, aber er auch wirklich, kann sprechen und spricht:
Liebe mich. In seinem Munde ist das Gebot
der Liebe kein fremdes Gebot, sondern nichts als die Stimme der Liebe selber. Die
Liebe des Liebenden hat gar kein anderes
Wort sich zu äußern als das Gebot. Alles andre ist schon nicht mehr unmittelbare Äußerung,
sondern Erklärung –
Liebes-erklärung.
Die Liebeserklärung ist sehr arm, sie kommt wie jede Erklärung stets hinterher und
also, weil die Liebe des Liebenden
Gegenwart ist, eigentlich stets zu spät. Täte nicht die Geliebte in der ewigen Treue
ihrer Liebe die Arme weit auf, um sie
aufzunehmen, so fiele die Erklärung ganz ins Leere. Aber das imperativische Gebot,
das unmittelbare, augenblicksentsprungene
und im Augenblick seines Entspringens auch schon lautwerdende – denn Lautwerden und
Entspringen ist beim Imperativ eins –, das
Liebe mich
des Liebenden, das ist ganz vollkommener Ausdruck, ganz reine Sprache der
Liebe. Es
ist, während der Indikativ die ganze umständliche Begründung der Gegenständlichkeit
im Rücken hat und daher am reinsten in der
Vergangenheitsform erscheint, ganz reine, vorbereitungslose Gegenwart. Und nicht bloß
vorbereitungslos, auch vorbedachtlos.
Der Imperativ des Gebots trifft keine Voraussicht für die Zukunft; er kann sich nur
die Sofortigkeit des Gehorchens
vorstellen. Würde er an Zukunft oder an ein Immer denken, so wäre er nicht Gebot,
nicht Befehl, sondern Gesetz. Das Gesetz
rechnet mit Zeiten, mit Zukunft, mit Dauer. Das Gebot weiß nur vom Augenblick; es
erwartet den Erfolg noch im Augenblick
seines Lautwerdens, und wenn es den Zauber des echten Befehlstons besitzt, so wird
es sich in dieser Erwartung auch nie
täuschen.
So ist das Gebot reine Gegenwart. Während nun aber jedes andre Gebot, sieht man es
nur von außen und
gewissermaßen nachträglich an, ebensogut auch Gesetz gewesen sein könnte, ist das
eine Gebot der Liebe schlechthin unfähig,
Gesetz zu sein; es kann nur Gebot sein. Alle andern Gebote können ihren Inhalt auch
in die Form des Gesetzes gießen, dieses
allein verweigert sich solchem Umguß, sein Inhalt leidet nur die eine Form des Gebots,
der unmittelbaren Gegenwärtigkeit und
Einheit von Bewußtsein, Ausdruck und Erfüllungserwartung. Deshalb, als das einzige
reine Gebot, ist es das höchste aller
Gebote, und wo es als solches an der Spitze steht, da wird alles, was sonst und von außen gesehen
wohl auch Gesetz sein könnte, gleichfalls
Gebot. So
wird, weil Gottes erstes Wort an die sich ihm erschließende Seele das Liebe mich
ist, alles, was er ihr sonst noch in der
Form des Gesetzes offenbaren mag, ohne weiteres zu Worten, die er ihr heute
gebietet, wird zur Ausführung des einen und
ersten
Gebots,
ihn zu lieben. Die ganze Offenbarung tritt unter das große Heute; heute
gebietet Gott, und heute
gilt es, seiner Stimme zu
hören. Es ist das Heute, in dem die Liebe des Liebenden lebt, – dies imperativische
Heute des Gebots.
Und wie nur aus dem Munde des Liebenden dieser Imperativ kommen kann, aus diesem Munde
aber auch kein
andrer Imperativ als dieser, so ist nun das Ich des Sprechers, das Stammwort des ganzen
Offenbarungsdialogs, auch das Siegel,
das, jedem Wort aufgedrückt, das einzelne Gebot als Gebot der Liebe kennzeichnet.
Das Ich der Ewige
, dies Ich, mit dem als
dem großen, die eigene Verborgenheit verneinenden Nein des verborgenen Gottes die
Offenbarung anhebt, begleitet sie durch alle
einzelnen Gebote hindurch. Dies Ich der Ewige
schafft der Offenbarung im Propheten ein eigenes Werkzeug und einen eigenen
Stil. Der Prophet ist nicht Mittler zwischen Gott und den Menschen, er empfängt nicht
die Offenbarung und gibt sie weiter,
sondern unmittelbar aus ihm tönt die Stimme Gottes, unmittelbar aus ihm spricht Gott
als Ich. Nicht wie der Meister des großen
Plagiats an der Offenbarung läßt der echte Prophet Gott reden und gibt die ihm im
Geheimen geschehene Offenbarung den
staunenden Umstehenden weiter. Er läßt Gott überhaupt nicht reden, sondern indem er
den Mund auftut, spricht schon Gott; der
Prophet kann noch kaum sein So spricht der Ewige
oder das noch kürzere, noch eiligere, selbst die Verbalform sparende
Spruch des Ewigen
herausbringen, da hat Gott schon von seinen Lippen Besitz genommen. Gottes Ich bleibt
das Stammwort, das
durch die Offenbarung als ein Orgelpunkt hindurchgeht, es sträubt sich gegen jede
Übersetzung ins Er, es ist Ich und muß Ich
bleiben. Nur das Ich, kein Er, kann den Imperativ der Liebe sprechen; er muß immer
nur lauten: liebe mich.
Aber die Seele, die bereite, geöffnete, ganz stumm lauschende Seele – was denn kann sie dem Gebot der Liebe erwidern? Denn Erwiderung muß sein; der Gehorsam gegen das Gebot kann nicht stumm bleiben; er muß gleichfalls laut, gleichfalls Wort werden; denn in der Welt der Offenbarung wird alles Wort, und was nicht Wort werden kann, liegt entweder vor oder nach jener Welt. Die Seele also, was antwortet sie dem Liebesverlangen?
Dem Liebesverlangen des Liebenden antwortet das Liebesgeständnis der Geliebten. Der
Liebende gesteht
seine Liebe nicht, – wie sollte ers, er hat gar keine Zeit dazu; ehe er sie gestanden
hätte, wäre sie schon vergangen, nicht
mehr gegenwärtig; versucht ers dennoch, so straft sich die Lüge, die im Bekennen des
Gegenwärtigen liegt; denn alles einmal
Bekannte ist schon ein Bekanntes, rückt damit ins Vergangene und ist nicht mehr das
Gegenwärtige, das in dem Geständnis
gemeint war; deshalb wird das Bekennen des Liebenden alsbald zur Lüge, und es ist
nur recht, und ein Zeichen, wie tief im
Unbewußten dies alles verankert ist, daß dem bloßen Geständnis sich auch der Glaube
versagt und die schon geöffnete Seele der
Geliebten sich wieder verschließt. Wahr spricht der Liebende nur in der Form des Liebesverlangens,
nicht in der des
Liebesgeständnisses. Anders die Geliebte. Ihr wird das Bekennen nicht zur Lüge. Ihre
Liebe ist, einmal geboren, ein Stehendes,
Stetes; so darf sie zu ihr stehen, darf sie gestehen. Auch ihre Liebe ist gegenwärtig,
aber anders als die des Liebenden,
gegenwärtig nur weil sie dauernd, weil sie treu ist. Im Bekenntnis wird sie gestanden
als solch ein Gegenwärtiges, das Dauer
hat, Dauer haben will. Für die Zukunft scheint dem Bekenntnis alles hell und licht;
die Geliebte ist sich bewußt, in Zukunft
nur weiter sein zu wollen, was sie ist: Geliebte. Aber in der Vergangenheit zurück
gibt es eine Zeit, wo sie es noch nicht
war, und diese Zeit der Ungeliebtheit, der Lieblosigkeit, scheint ihr mit tiefem Dunkel
bedeckt; ja weil ihr die Liebe nur als
Treue zum Dauernden wird, also nur im Hinblick auf die Zukunft, so füllt jenes Dunkel
die ganze Vergangenheit bis hart an den
Augenblick des Bekenntnisses heran. Erst das Bekenntnis reißt die Seele hinein in
die Seligkeit des Geliebtseins; bis zu ihm
ist alles Lieblosigkeit, und selbst die Bereitschaft, in der dies beim Namen gerufene
Selbst sich zur Seele öffnete, liegt
noch mit in jenem Schatten. Darum ist es der Seele nicht leicht, zu gestehen. Im Geständnis
der Liebe entblößt sie sich
selbst. Es ist süß zu gestehen, daß man wiederliebt und inskünftige nichts als geliebt sein will;
aber es ist hart zu gestehen, daß man in der Vergangenheit ohne Liebe war. Und doch
wäre die Liebe nicht das Erschütternde,
Ergreifende, Umreißende, wenn die erschütterte, ergriffene, umgerissene Seele nicht
sich bewußt wäre, daß sie bis zu diesem
Augenblick unerschüttert und unergriffen gewesen wäre. Es war also erst eine Erschütterung
nötig, damit das Selbst geliebte
Seele werden konnte. Und die Seele schämt sich ihres vergangenen Selbst und daß sie
nicht aus eigener Kraft diesen Bann, in
dem sie lag, gebrochen hat. Das ist die Scham, die sich vor den geliebten Mund legt,
der bekennen will; er muß seine
vergangene und noch gegenwärtige Schwachheit bekennen, indem er seine schon gegenwärtige
und zukünftige Seligkeit bekennen
möchte. Und so schämt sich die Seele, der Gott sein Liebesgebot zuruft, ihm ihre Liebe
zu bekennen; denn sie kann ihre Liebe
nur bekennen, indem sie ihre Schwachheit mitbekennt und dem Du sollst lieben
Gottes antwortet: Ich habe gesündigt.
Ich habe gesündigt, spricht die Seele und tut die Scham ab. Indem sie es so spricht,
rein in die
Vergangenheit zurück, reinigt sie die Gegenwart von der vergangenen Schwachheit. Ich
habe gesündigt, heißt: Ich war Sünder.
Mit diesem Bekenntnis des Gesündigthabens aber macht die Seele die Bahn frei für das
Bekenntnis: Ich bin ein Sünder. Dies
zweite aber ist schon das volle Geständnis der Liebe. Es wirft den Zwang der Scham
weit weg und gibt sich ganz der Liebe hin.
Daß der Mensch ein Sünder war, ist im Bekenntnis abgetan; zu diesem Bekenntnis hatte
er die Scham überwinden müssen, aber sie
blieb neben ihm stehen, solange er bekannte. Jetzt erst, wo er, trotzdem er die vergangene
Schwachheit von sich getan hat,
gleichwohl bekennt noch Sünder zu sein, weicht die Scham weg von ihm. Ja, daß sich
sein Geständnis in die Gegenwart wagt, ist
das Anzeichen dafür, daß es die Scham überwunden hat. Solange es sich noch im Vergangenen
verweilte, hatte es noch nicht den
Mut, sich voll und vertrauend auszusprechen, es konnte noch an der Antwort zweifeln,
die ihm werden würde; denn allerdings war
der Seele bisher aus Gottes Munde nur Namensanruf und liebeheischendes Gebot gekommen,
noch keine Erklärung
, noch kein Ich
liebe dich
, und es durfte, wie wir wissen, auch keines kommen, um der Augenblicksverhaftetheit des
Liebens willen, in der die Echtheit der Liebe des Liebenden ruht und die ihm im Bekennen,
im stets satzmäßigen Erklären
zugrunde gehen würde, wirklich zugrunde, zugrunde in Gründen
; denn die Liebe des Liebenden ist, im Gegensatz zur Liebe der
Geliebten, die ja in jener ihren Grund hat, grundlos. So zweifelte die Seele, die
bekennen möchte, noch, ob ihr Bekenntnis
Aufnahme finden werde. Erst indem sie aus dem Bekenntnis der Vergangenheit sich in
das Bekennen der Gegenwart hineinwagt,
fallen die Zweifel von ihr ab; indem sie ihre Sündhaftigkeit als noch gegenwärtige
Sündhaftigkeit, nicht als geschehene
Sünde
bekennt, ist sie sich der Antwort gewiß, so gewiß, daß sie diese Antwort nicht mehr
laut zu hören braucht; sie
vernimmt sie in ihrem Innern; nicht Gott braucht sie von ihrer Sünde zu reinigen,
sondern im Angesicht seiner Liebe reinigt
sie sich selber; im gleichen Augenblick, wo die Scham von ihr gewichen ist und sie
im freien, gegenwärtigen Geständnis sich
hingibt, ist sie der göttlichen Liebe gewiß, so gewiß, als ob Gott selbst ihr jenes
zuvor, als sie ihm die Sünden der
Vergangenheit beichtete, ersehnte Ich verzeihe
ins Ohr gesagt hätte; sie bedarf dieser förmlichen Absolvierung jetzt nicht
mehr, sie ist ihrer Last ledig im Augenblick, wo sie sie ganz auf die Schultern zu
nehmen gewagt hat. So braucht auch die
Geliebte das, ehe sie ihre Liebe gestanden, ersehnte Bekenntnis des Liebenden nicht
mehr; im Augenblick, wo sie selber wagt zu
gestehen, ist sie seiner Liebe so gewiß, als flüsterte er ihr sein Bekenntnis ins
Ohr. Das Bekenntnis der noch gegenwärtigen
Sündhaftigkeit, um dessentwillen allein die vergangene Sünde überhaupt gebeichtet
wird, ist schon nicht mehr Sündenbekenntnis
– das ist da vergangen wie die bekannte Sünde selbst –, es bekennt nicht die Liebeleere
der Vergangenheit, sondern die Seele
spricht: ich liebe auch jetzt, auch in diesem gegenwärtigsten der Augenblicke noch
lange nicht so, wie ich mich geliebt weiß.
Dies Bekenntnis aber ist ihr schon höchste Seligkeit; denn es umschließt die Gewißheit,
daß Gott sie liebt. Nicht aus Gottes,
sondern aus ihrem eigenen Munde kommt ihr diese Gewißheit.
Indem die Seele also auf diesem höchsten Punkt ihres Sichselberbekennens, aller Scham befreit, sich ganz vor Gott ausbreitet, ist ihr Bekennen schon mehr als sich selber, mehr als die eigene Sündhaftigkeit bekennen; es wird nicht erst, sondern ist schon unmittelbar Bekennen – Gottes. Wie die Seele sich der Scham begibt und sich zu ihrer eigenen Gegenwart zu bekennen wagt und also der göttlichen Liebe gewiß wird, kann sie nun diese göttliche Liebe, die sie erkannt hat, bezeugen und bekennen. Aus dem Sündenbekenntnis springt hervor das Glaubensbekenntnis; ein Zusammenhang, der unbegreiflich wäre, wüßten wir nicht, daß das Sündenbekenntnis sowohl in seinen Anfängen als Beichte des Vergangenen wie in seiner Vollendung als Bekenntnis der gegenwärtigen Sündhaftigkeit nichts ist als das Liebesgeständnis der Seele in seinem Hervortreten aus den Fesseln der Scham bis zur völligen vertrauensvollen Hingegebenheit. Die Seele, die ihr in der Liebe Sein gesteht, bezeugt damit aufs gewisseste das Sein des Liebenden. Alles Glaubensbekenntnis hat nur den einen Inhalt: der, den ich im Erlebnis meiner Geliebtheit als den Liebenden erkannt habe, – er ist. Der Gott meiner Liebe ist wahrhaftig Gott.
Das Bekenntnis des Islam Gott ist Gott
ist kein Glaubens-, sondern ein Unglaubensbekenntnis; es
bekennt sich in seiner Tautologie nicht zum offenbargewordenen, sondern zum verborgenen
Gott; mit Recht sagt der Cusaner, daß
so auch der Heide, auch der Atheist bekennen könne. Im echten Glaubensbekenntnis geschieht
immer diese Vereinigung zweier sei
es Namen sei es Naturen: es ist immer dies Zeugnis, daß das eigene Liebeserlebnis
mehr sein muß als ein eigenes Erlebnis; daß
der, den die Seele in seiner Liebe erfährt, nicht bloß Wahn und Selbsttäuschung der
geliebten Seele ist, sondern wirklich
lebt. Gleich wie die Geliebte, indem, sie sich ihrer Liebe im seligen Geständnis bewußt
wird, gar nicht anders kann, sie muß
glauben, daß der Geliebte ein rechter Mann ist, sie kann sich nicht begnügen damit,
daß es der ist, der sie liebt, so wird die
Seele sich in ihrer Geliebtheit gewiß, daß der Gott, der sie liebt, wahrhaft Gott,
der wahre Gott ist.
Und wie in diesem Glauben der Geliebten an den Liebenden dieser erst wirklich zum
Menschen wird – im
Lieben erwacht wohl die Seele und beginnt zu sprechen, aber Sein, sich selber sichtbares
Sein gewinnt sie erst im
Geliebtwerden –, so gewinnt nun auch Gott erst hier, im Zeugnis der gläubigen Seele,
von seiner
Seite, diesseits seiner Verborgenheit die schmeck- und sichtbare Wirklichkeit, die
er zuvor, jenseits seiner Verborgenheit,
einst im Heidentum in andrer Weise besessen hatte. Indem die Seele vor Gottes Antlitz
bekennt und damit Gottes Sein bekennt
und bezeugt, gewinnt auch Gott, der offenbare Gott, erst Sein: wenn ihr mich bekennt, so bin ich
. Was antwortet nun Gott
diesem ihn bekennenden Ich bin dein
der geliebten Seele?
Nun, nachdem Gott innerhalb und auf Grund der Offenbarung Sein gewonnen hat, ein Sein
also, das er nur
als offenbarer Gott gewann, ganz unabhängig von allem Sein im Geheimen: nun kann er
sich auch seinerseits zu erkennen geben,
ohne Gefahr für die Unmittelbarkeit und reine Gegenwärtigkeit des Erlebens. Denn das
Sein, das er jetzt zu erkennen gibt, ist
kein Sein mehr jenseits des Erlebens, kein Sein im Verborgenen, sondern es ist ganz
in diesem Erleben großgewachsen, es ist
ganz im Offenbaren. Er gibt sich nicht zu erkennen, ehe er sich offenbart hat, sondern
sein Offenbargewordensein muß
vorangehen, damit er sich zu erkennen geben könne. Ehe ihn die Seele bekannt hat,
kann er sich ihr nicht zu erkennen geben.
Nun aber muß ers. Denn das ists, wodurch die Offenbarung erst zum Abschluß kommt.
Sie muß in ihrer grundlosen Gegenwärtigkeit
nun dauernd auf Grund kommen, einen Grund, der jenseits ihrer Gegenwärtigkeit, also
im Vergangenen liegt, aber den sie selber
sichtbar macht nur aus der Gegenwärtigkeit des Erlebens heraus. Jene vielberufene
Rückbeziehung der Offenbarung auf die
Schöpfung, das ist es letzthin, was wir hier meinen. Aber, wie eben gesagt, nicht
erklärt wird die Offenbarung aus der
Schöpfung; dann wäre ja die Schöpfung gegen sie
etwas
Selbständiges. Sondern die vergangene Schöpfung wird von der lebendig gegenwärtigen
Offenbarung aus bewiesen. Bewiesen,
nämlich gewiesen. Im Lichtschein des erlebten Offenbarungswunders wird eine dieses
Wunder vorbereitende und vorsehende
Vergangenheit sichtbar; die Schöpfung, die in der Offenbarung sichtbar wird, ist Schöpfung
der Offenbarung. Erst an dieser
Stelle, wo der Erlebnis- und Gegenwartscharakter der Offenbarung unverrückbar festgestellt
ist, erst hier darf sie eine
Vergangenheit bekommen, aber hier muß sie es nun auch. Auf das bekennende Ich bin dein
der Seele antwortet Gott nicht ebenso
einfach sein Du bist mein
, sondern er greift zurück ins Vergangene und weist sich aus als der
Urheber und Eröffner dieses ganzen Zwiegesprächs zwischen ihm und der Seele: Ich habe dich bei deinem Namen gerufen. Du bist
mein
.
Das Ich bin dein
der geliebten Seele kann grundlos gesagt werden, ja nur grundlos. Die Seele spricht
es rein aus dem lebendigen Überfluß ihres seligen Augenblicks. Aber die Antwort, das
Du bist mein
des Liebenden, ist als ein
Satz, der nicht das Ich zum Subjekt hat, mehr als nur Wort des eigenen Herzens, es
stellt, und wenn auch nur im engsten,
innersten Kreise, eine Beziehung in die Welt der Dinge hinein. So darf dies Wort nur
gesprochen werden, wenn es sich der Form
der Welt anpaßt. Es muß ihm ein Grund vorangeschickt werden, eine Vergangenheit als
Begründung seiner Gegenwart; denn diese
Gegenwart will nicht mehr bloß die innere unmittelbare Gegenwart sein, sondern behauptet
sich als Gegenwart in der Welt. Der
Liebende, der zur Geliebten spricht Du bist mein
, ist sich bewußt, daß er die Geliebte in seiner Liebe erzeugt und mit
Schmerzen geboren hat. Er weiß sich als den Schöpfer der Geliebten. Und mit diesem
Bewußtsein umschließt er sie nun und hüllt
sie mit seiner Liebe ein in der Welt – du bist mein
.
Indem aber Gott so tut, ist seine Offenbarung an die Seele nun in die Welt getreten
und zu einem Stück
Welt geworden. Nicht als ob mit ihr etwas Fremdes in die Welt träte. Sondern die Offenbarung,
obwohl sie dabei ganz
gegenwärtig bleibt, erinnert sich rückwärts ihrer Vergangenheit und erkennt ihre Vergangenheit
als ein Stück vergangener Welt;
damit aber gibt sie auch ihrer Gegenwärtigkeit die Stellung eines Wirklichen in der
Welt. Denn was in einer Vergangenheit
gegründet ist, das ist auch in seiner Gegenwärtigkeit nicht bloß innerlich, sondern
ein sichtbar Wirkliches. Die
Geschichtlichkeit des Offenbarungswunders ist nicht sein Inhalt – der ist und bleibt
seine Gegenwärtigkeit –, aber sein Grund
und seine Gewähr. Erst in dieser seiner Geschichtlichkeit, dieser Positivität
, findet der selbsterlebte Glaube, nachdem er
aus sich selbst heraus schon die höchste ihm bestimmte Seligkeit erfahren hat, nun
auch die höchste ihm mögliche Gewißheit.
Diese Gewißheit geht jener Seligkeit nicht voran, aber sie muß ihr folgen. Erst in
dieser Gewißheit der vorlängst geschehenen
namentlichen Berufung zum Glauben findet der erlebte Glaube Ruhe. Gewiß, schon vorher konnte ihn
nichts von Gott scheiden, aber doch nur, weil er in seiner Vertiefung ins Gegenwärtige
nichts außer sich sah. Jetzt darf er
ruhig die Augen öffnen und um sich schauen in die Welt der Dinge; es gibt kein Ding,
das ihn von Gott scheiden könnte; denn in
der Welt der Dinge erblickt er in der unverrückbaren Tatsächlichkeit eines geschichtlichen
Ereignisses den gegenständlichen
Grund seines Glaubens. Die Seele kann mit offenen Augen und ohne zu träumen sich in
der Welt umtun; immer bleibt sie nun in
Gottes Nähe. Das Du bist mein
, das ihr gesagt ist, zieht einen schützenden Kreis um ihre Schritte. Sie weiß nun,
daß sie nur
die Rechte auszustrecken braucht, um zu fühlen, daß Gottes Rechte ihr entgegenkommt.
Sie kann nun sprechen: mein Gott, mein
Gott. Sie kann nun beten.
Das ist das Letzte, was in der Offenbarung erreicht wird, ein Überschießen des höchsten
und
vollkommensten Vertrauens der Seele: das Gebet. Es wird hier gar nicht gefragt, ob
dem Gebet Erfüllung wird. Das Gebet selbst
ist die Erfüllung. Die Seele betet mit den Worten des Psalms: Laß mein Gebet und deine
Liebe nicht von mir weichen. Sie betet
um das Betenkönnen, das mit der Gewißheit der göttlichen Liebe ihr schon gegeben ist.
Daß sie beten kann, ist das Größte, was
ihr in der Offenbarung geschenkt wird. Es ist nur ein Betenkönnen. Indem es das Höchste
ist, tritt es schon über die Grenze
dieses Bezirks hinaus. Denn mit dem Geschenk des Betenkönnens ist ihr ein Betenmüssen
auferlegt. In der Gottesnähe des
unbedingten Vertrauens, dessen Kraft Gott ihr mit seinem in der Vergangenheit gegründeten
Du bist mein
verliehen hat, findet
ihr Glaube Ruhe. Ihr Leben aber bleibt in Unruhe; denn was sie als Begründung ihres
Glaubens in der Welt besitzt, ist nur ein
Stück Welt, nicht die ganze. Ihr Erlebnis füllt sie ganz; die geschichtliche Wirklichkeit
aber, die dem Erlebnis in der
Schöpfung zugrunde liegt, ist nicht das Ganze der Welt, sondern nur ein Teil. So wird
ihr Betenkönnen ein Betenmüssen. Gottes
Stimme, die ihr Inneres erfüllt, erfüllt ihre Welt nur zum kleinsten Teil; genug,
um ihrer weltlichen Wirklichkeit im Glauben
gewiß sein zu können; nicht genug, um dieses Glaubens zu leben. Das einmal im Vergangenen
geschehene Grundwunder der
Offenbarung verlangt seine Ergänzung in einem weiteren noch ungeschehenen Wunder.
Der Gott, der einmal die Seele bei ihrem Namen gerufen hat – was feststeht
wie alles Vergangene, aber doch zu keines Dritten Kenntnis
gekommen ist –, er muß es einst abermals
tun, dann aber vor den Augen alles
Leben-digen
.
So muß die Seele beten um das Kommen des Reichs. Einmal ist Gott herniedergestiegen
und hat sein Reich
gegründet. Die Seele betet um die künftige Wiederholung dieses Wunders, um die Vollendung
des einst gegründeten Baus und um
nichts weiter. Die Seele schreit: O daß du den Himmel zerrissest und führest hernieder.
Sehr tief drückt der Sprachgebrauch
der Ursprache der Offenbarung ein solches o daß du ...
aus durch die Frageform: Wer gäbe, daß du . . .
Die Offenbarung
gipfelt in einem unerfüllten Wunsch, in dem Schrei einer offenen Frage. Daß die Seele
den Mut hat, so zu wünschen, so zu
fragen, so zu schreien, diese Vollkommenheit des in Gott geborgenen Vertrauens ist
das Werk der Offenbarung. Aber den Wunsch
zu erfüllen, die Frage zu beantworten, den Schrei zu stillen, das liegt nicht mehr
in ihrer Macht. Ihr eignet das
Gegenwärtige; ins Zukünftige wirft sie nur den Wunsch, die Frage, den Schrei. Denn
anders als in diesen drei Gestalten, die
nur eine sind, erscheint die Zukunft nicht im Gegenwärtigen. Und deshalb ist dies
Letzte, das Gebet, obwohl ihr Höchstes, doch
ihr nur halb angehörig, nur als Betenkönnen und Betenmüssen, nicht als – wirkliches
Beten. Das Gebet um das Kommen des Reichs
ist immer nur ein Schreien und Seufzen, nur ein Stoßgebet. Es gibt noch ein anderes
Beten. So bleibt das Letzte, was ganz dem
Reich der Offenbarung angehört, doch der völlig beruhigte Glaube, die Gestilltheit
der Seele in Gottes Du bist mein
, der
Friede, den sie in seinen Augen gefunden. Die Wechselrede der Liebe ist da zu Ende.
Denn der Schrei, den die Seele im
Augenblick der höchsten unmittelbaren Erfüllung stöhnt, tritt über die Schranken dieser
Wechselrede hinaus; er kommt nicht
mehr aus der seligen Gestilltheit des Geliebtseins, sondern steigt in neuer Unruhe
aus einer neuen uns noch unerkannten Tiefe
der Seele und schluchzt über die ungesehene, doch gefühlte Nähe des Liebenden hinweg
in den Dämmer der Unendlichkeit hinaus.
Im eilenden Hin- und Wiedergang der Rede konnten wir kaum mit genügender Deutlichkeit
die Punkte
bezeichnen, wo die sprechende Sprache der Offenbarung sich von der
fest-stellenden,
er-zählenden,
be-dingenden
Sprache der Schöpfung abschied. Das sei hier zusammenfassend, in gewissermaßen tabellarischer
Kürze nachgeholt. Der Zeitform
der Vergangenheit, in der die Schöpfung als Tat gegründet war und als Ergebnis gipfelte,
entspricht hier beherrschend die
Gegenwart. Die Offenbarung ist gegenwärtig, ja ist das Gegenwärtigsein selber. Die
Vergangenheit, in die auch sie zurücksieht
in dem Augenblick, wo sie ihrer Gegenwärtigkeit die Form der Aussage geben möchte,
wird ihr nur sichtbar, indem sie mit dem
Licht der Gegenwart in sie hineinleuchtet; erst in diesem Blick rückwärts erweist
sich die Vergangenheit als Grund und
Voraussage des gegenwärtigen, im Ich behausten Erlebens. An sich und zunächst aber
ist dem Erlebnis überhaupt nicht die Form
der Aussage eigen wie dem Geschehen der Schöpfung, sondern seine Gegenwärtigkeit wird
befriedigt nur durch die Form des
unmittelbar in einem entspringenden, gesprochenen, vernommenen und vollzogenen Gebots:
der Imperativ gehört der Offenbarung
wie der Indikativ der Schöpfung; nur er verläßt nicht den Kreis des Ich und Du. Was
in jenem allumfassenden, einsamen,
monologischen
lasset
uns
Gottes bei der Schöpfung des Menschen vorausklang, das geht im Ich und Du des Offenbarungsimperativs
in Erfüllung. Das
Er-sie-es der dritten Person ist verklungen. Es war nur der Grund und Boden, aus dem
das Ich und Du hervorwuchs. Dem Erleben,
nicht mehr dem Geschehen dient jetzt das Verb zum Ausdruck. Dadurch wird das Substantiv
aus dem Objekt zum Subjekt; sein Kasus
ist nun der Nominativ statt des Akkusativ. Als Subjekt des Erlebens hört das Substantiv
aber auf, Ding zu sein, und zeigt
nicht mehr den Grundcharakter des Dings als eines Dings unter
Dingen; es
ist, weil Subjekt, nun ein einzelnes; es steht grundsätzlich im Singular. Es ist Einzelnes,
vielmehr Einzelner, wie es
wiederum in der Schöpfung des Menschen, des ersten Einzelnen, des Ebenbilds Gottes
, vorgeklungen war.
Das Ich oder das Du, so in seiner Gegenständlichkeit angesehen, ist Einzelner schlechtweg,
nicht
Einzelner durch Vermittlung irgend einer Vielheit; es ist kein der
, weil es einer
wäre, sondern
Einzelner ohne Gattung. An Stelle der Artikel tritt hier die unmittelbare Bestimmtheit
des Eigennamens. Mit dem Anruf des
Eigennamens trat das Wort der Offenbarung in die wirkliche Wechselrede ein; im Eigennamen
ist Bresche in die starre Mauer der
Dinghaftigkeit gelegt. Was einen eigenen Namen hat, kann nicht mehr Ding, nicht mehr
jedermanns Sache sein; er ist unfähig,
restlos in die Gattung einzugehen, denn es gibt keine Gattung, der es zugehörte, es
ist seine eigene Gattung. Es hat auch
nicht mehr seinen Ort in der Welt, seinen Augenblick im Geschehen, sondern es trägt
sein Hier und Jetzt mit sich herum; wo es
ist, ist ein Mittelpunkt, und wo es den Mund öffnet, ist ein Anfang.
Mittelpunkt und Anfang gab es in der vielverflochtenen Welt der Dinge überhaupt nicht;
das Ich mit seinem
Eigennamen aber, indem es, gemäß seiner Schöpfung als Mensch und Adam
zugleich, in sich selber Mittelpunkt und Anfang ist,
bringt nun diese Begriffe Mittelpunkt und Anfang in die Welt; denn es fordert in der
Welt seinem Erlebnismittelpunkt einen
Mittelpunkt, seinem Erlebensanfang einen Anfang. Es verlangt nach Orientierung, nach
einer Welt, die nicht in gleichgültigem
Nebeneinander liegt, in gleichmütigem Nacheinander hinfließt, sondern eine, die seiner
inneren, es in seinem Erlebnis stets
begleitenden Ordnung den festen Grund einer äußeren Ordnung unterbaut. Der eigene
Name fordert Namen auch außer sich. Adams
erste Tat ist die Namengebung an die Wesen der Welt; nur ein Vorklang ist auch das
wiederum; denn Adam benennt die Wesen, wie
sie ihm in der Schöpfung entgegentreten, als Gattungen, nicht als Einzelwesen, und
er benennt sie selber, so nur seine
Forderung nach Namen ausdrückend; die Forderung bleibt noch unerfüllt; denn die Namen,
die er fordert, sind nicht Namen, die
er selber gäbe, sondern Namen, die ihm geoffenbart werden wie sein eigener, Namen,
an denen die Eigenheit des eigenen Namens
Grund und Boden gewönne. Es ist dafür noch nicht nötig, daß die ganze Welt voller
Name sei; aber wenigstens genug Name muß in
ihr sein, um seinem eigenen Namen Grund zu geben. Das eigene Erlebnis, das am eigenen
Namen hängt, braucht also Begründung in
der Schöpfung, jener Schöpfung, die wir vorhin schon als Schöpfung der Offenbarung,
als historische Offenbarung bezeichneten. Solche Begründung muß, weil in der Welt, raum-zeitlich sein, gerade damit sie
der absoluten
Gewißheit des Erlebens, seinen eigenen Raum und seine eigene Zeit zu haben, Grund
geben kann. Die Begründung muß dem Erleben
also in der Welt sowohl einen Mittelpunkt wie einen Anfang stiften, den Mittelpunkt
im Raum, den Anfang in der Zeit. Diese
beiden zum mindesten müssen benannt sein, mag auch sonst noch die Welt im Dunkel der
Namenlosigkeit liegen. Es muß ein Wo,
einen noch sichtbaren Ort in der Welt geben, von wo die Offenbarung ausstrahlt, und
ein Wann, einen noch nachklingenden
Augenblick, wo sie den Mund auftat. Beides muß, nicht mehr heut, aber einstmals, ein
einziges gewesen sein, ein ebenso in sich
einiges wie heut mein Erlebnis; denn es soll mein Erlebnis auf Grund stellen. Mag
in der Nachwirkung das räumliche
Statt-gefunden-haben und das zeitliche Geschehen-sein der Offenbarung heute in getrennten
Trägern fortleben, in Gottes
Gemeinde jenes, in Gottes Wort dieses, einmal muß es mit einem einzigen Schlage gegründet
sein. Grund der Offenbarung,
Mittelpunkt und Anfang in eins, ist die Offenbarung des göttlichen Namens. Aus dem
geoffenbarten Namen Gottes leben ihr Leben
die verfaßte Gemeinde und das verfaßte Wort bis auf den heutigen Tag, bis auf den
gegenwärtigen Augenblick und bis in das
eigene Erlebnis. Denn wahrhaftig, Name ist nicht, wie der Unglaube immer wieder in
stolz-verstockter Leere wahrhaben möchte,
Schall und Rauch, sondern Wort und Feuer. Den
Namen gilt
es zu nennen und zu bekennen: Ich glaub ihn.
Die Offenbarung ist also gleich notwendig wie die Schöpfung; denn der Name ist gleich
notwendig wie das
Ding und doch nicht auf das Ding zurückzuführen
, wenn auch andererseits das Ding notwendige Voraussetzung und stumme
Voraussage seines Namens ist. Es war der ungeheure Irrtum des Idealismus, daß er meinte,
in seiner Erzeugung
des All sei
wirklich das All ganz enthalten. Jenen Irrtum hatte unsere Zerstückelung des All im
ersten Teil beseitigen sollen. Im Gedanken
der Schöpfung hatten wir dann den Wahrheitsgehalt des Idealismus aufgezeigt und zugleich
begrenzt. Der Idealismus hatte sich
uns erwiesen als eine Konkurrenz nicht mit der Theologie überhaupt, sondern nur mit
der Theologie der Schöpfung. Von der
Schöpfung hatten wir den Weg zur Offenbarung gesucht und waren so in die Helle eines Weltmittags
gekommen, in welcher der idealistische Schatten, den die erschaffenen Dinge im schrägen
Strahl der Weltmorgensonne warfen,
einschrumpfte bis zum völligen Verschwinden. Jene Schatten hatten im Reich der Nacht
sich eine Scheinlebendigkeit anschlafen
können; im Reich der geschaffenen Dinge konnten sie wenigstens als die Begleiter einzutreten
nicht verhindert werden, welche
die runde und bunte Wirklichkeit der Dinge ins Flache zerrten und in gespenstisch
grauen Bildern nachäfften. Aber ins Reich
der offenbarten Namen ist ihnen der Eintritt versperrt; kein Überhaupt, kein Wenn
und So, kein Einerseits und Andrerseits,
kein Irgendwo und Irgendwann tritt durch diese Pforte. Der Gegenstand
sieht seinen Platz drinnen schon von Namen besetzt,
das Gesetz
vom Gebot; so taumeln sie verwirrt von der Schwelle zurück; hier ist ihre Kraft zu
Ende. Aber die Kraft der
Offenbarung fängt hier erst an. Sie war wirksam auch schon im Schöpfungsbegriff, aber
erst hier ist sie im Eigenen.
So erweisen die Kategorien
der Theologie ihren Überschuß über die der idealistischen Philosophie. Diese
idealistischen Kategorien können höchstens das Gebiet der ersten theologischen, der
Schöpfung, zu decken – versuchen. Der
Versuch, ihr Reich weiter auszudehnen, bricht zusammen, ehe er begonnen hat. Die Kategorizität
der Reihe
Schöpfung-Offenbarung-Erlösung erweist sich aus dem Zusammenbruch jenes Versuchs.
Denn unter den Begriffen entscheidet die
Macht und nichts als die Macht den Kampf ums – Dasein. Wenn sich Begriffe gegen andre
als machtlos erweisen, so verlieren sie
eben ihren Kategoriecharakter an jene. Kategoriecharakter haben heißt für einen Begriff
ja weiter nichts als das, daß er als
Begriff unmittelbar auf Dasein bezogen ist, nicht erst mittelbar durch Vermittlung
irgend welcher eintretenden Umstände,
Erfahrung zum Beispiel. Die Kategorie ist Anklage
; sie behauptet etwas, was schon
da-ist,
nicht erst etwas, was erst eintreten muß, um da zu sein.
Indem wir der Reihe Schöpfung-Offenbarung-Erlösung Kategoriecharakter zu und den Begriffen des Idealismus ihn absprechen, reden wir freilich schon die Sprache des Idealismus. In Wirklichkeit sind Schöpfung, Offenbarung, Erlösung nicht Kategorien; Kategorien bilden nie eine Reihe untereinander; sie können höchstens die Grundlagen legen, auf denen eine Reihe in der Wirklichkeit gebildet werden kann. Schöpfung, Offenbarung, Erlösung aber sind als Reihe Schöpfung-Offenbarung-Erlösung selber eine Wirklichkeit, und es ist ein Zugeständnis an die idealistische Denkweise, wenn wir statt der Bindestriche zwischen den dreien Kommas setzen. Weshalb aber machten wir dann überhaupt dies Zugeständnis? Wenn alles Wirkliche in den dreien, als in der Wirklichkeit, dem wirklichen Ablauf des Welttags, mit enthalten ist, wie wir behaupten, was liegt uns dann noch daran, ob dies Wirkliche auch dann ihnen untertan ist, wenn sie bloße Begriffe wären? Eingetanheit ist ja unendlich mehr als Untertanheit, so viel mehr, wie Freiheit mehr ist als Knechtschaft. Und in die Wirklichkeit der Offenbarung eingetan, gewinnt alles die Freiheit, die es, unter die Knechtschaft der Begriffe untergetan, eingebüßt hat. Weshalb also dieses Zugeständnis?
Weil zwar alles Wirkliche zur Freiheit berufen ist, aber nicht das Halbwirkliche,
nicht das Wirkliche
zweiter Ordnung, nämlich wohl alles Wirkende, aber nicht das Gewirkte. Das Werk, das
Gemachte – wohlgemerkt das Nurwerk, denn
selbst der Mensch kann in gewisser Hinsicht Werk sein – also das Nichts-als-Werk erweist
sich als Wirklichkeit zweiter Ordnung
gerade dadurch, daß die Reihe, in die alle Wirklichkeit erster Ordnung eingetan ist,
an ihm aus einer wirklichen Reihe, einer
Abfolge von Bahnpunkten, zu einer bloßen Mehrheit von Kategorien wird. Diesem Halbwirklichen,
diesem bloß als Teil, bloß als
Glied Wirklichen ist die Reihe Schöpfung-Offenbarung-Erlösung nicht sein Haus, in
dem es wohnt, sondern sein zuständiges
Gerichtsgebäude, wohin es bloß gerufen ist, um vernommen zu werden. Die Fragen etwa,
die von der Philosophie in der Logik oder
in der Ethik abgehandelt werden, haben ihren festen Wohnsitz in der Reihe der Wirklichkeit,
wie wir es für die logischen
Probleme und die ihnen durch Intellektualisierung
angeglichenen ethischen ja schon gezeigt haben. Der Mensch ist eben ganz,
wenn er denkt, und auch ganz, wenn er handelt; denn es ist ihm schlechtweg geboten
zu denken und zu handeln, und jedem
Menschen. Aber der Künstler ist kein Mensch, sondern ein Unmensch; was schon daraus
erhellt, daß nicht jedem Menschen geboten
ist, Künstler zu sein. Wie die Künstler nur ein Teil der Menschheit sind, wenn auch
ein notwendiger,
und wie nicht jedem Menschen, aber dem Künstler allerdings, geboten ist, das Kunstwerk
zu schaffen, so sind sie, indem sie es
nun schaffen, auch nicht ganz Mensch. Man hält dem Künstler seine menschlichen Mängel
zugute und gesteht ihm poetische
Lizenzen
und Künstlermoral
zu. Man gesteht eben dadurch, daß man sie nicht als vollwertige Menschen anerkennt,
und es ist
kein Zufall, daß viele große Künstler einmal der Lüge des Künstlerlebens den Abschied
gaben und ihren Zauberstab mit Prospero
ins Meer schleudern, um als einfache Sterbliche in irgend einem Stratford ihr Leben
menschlich zu beschließen. Denn während
der Denker seine Gedanken, der Täter seine Taten einst vor Gottes Thron niederlegen
wird, um mitten unter ihnen gerichtet zu
werden, weiß der Künstler, daß seine Werke ihm nicht nachfolgen und er sie auf der
Erde zurücklassen muß, aus der sie, wie
alles, was nicht dem ganzen Menschen angehört, gekommen sind.
Für die Kunst also werden wie für alles Empirische die Stationen der Wirklichkeit
zu bloßen Kategorien.
Die Kunst ist hier gewissermaßen der Erstling und Repräsentant alles Empirischen
. Denn für alles Halb- und Viertelswirkliche –
und das ist ja das, stets vereinzelte, Empirische – gilt mit, was für sie gilt. Nur
daß an der Kunst allein sich dieser
Kategoriecharakter der Begriffe
Schöpfung, Offenbarung, Erlösung lückenlos aufzeigen läßt; denn sie ist unter allem
Empirischen, allem bloß Gliedwirklichen, das einzige Notwendige. Wenn es keine Schuster
gäbe, dann würden die Menschen barfuß
gehen, aber sie würden auch gehen. Aber wenn es keine Künstler gäbe, dann wäre die
Menschheit ein Krüppel; denn es fehlte ihr
dann die Sprache vor der Offenbarung, durch deren Dasein allein die Offenbarung ja
die Möglichkeit hat, als historische
Offenbarung in die Zeit einmal einzutreten und dort sich zu erweisen als etwas, was
schon von uran ist. Lernte der Mensch
wirklich erst in dem Augenblick sprechen, den wir als den historischen Anfang der
Offenbarung erkennen müssen, so wäre die
Offenbarung das, was sie nicht sein darf: ein Wunder ohne Zeichensinn. Aber weil der
Mensch in Wirklichkeit die Sprache in der
Kunst auch schon zu einer Zeit besitzt, wo ihm sein Inneres noch unaussprechlich ist,
die Kunst eben als Sprache dieses sonst
noch Unaussprechlichen, so ist immerfort und also von der Schöpfung her die Sprache ganz und gar da,
und so wird das Sprachwunder der Offenbarung zum Zeichen der göttlichen Schöpfung
und also zum echten Wunder. Die Künstler
werden also eigentlich geopfert für die Menschlichkeit der übrigen Menschheit. Die
Kunst bleibt Stückwerk, damit das Leben ein
Ganzes sein und werden kann. Und so ist die Kunst uns hier in allen Büchern dieses
Teils, anders übrigens als in den Büchern
der andern Teile, zwar nur Episode, aber eine notwendige. Wenn wir im vorigen Buch
es so ausdrückten, daß sie Gesprochenes
sei, nicht Sprache, so müssen wir also nun hinzufügen, daß sie unter allem Gesprochenen
das ist, was nicht ungesprochen
bleiben dürfte. Wir setzen nun die im vorigen Buch begonnene Darstellung ihrer Grundbegriffe
an Hand der in diesem Buch neu
hinzugekommenen Kategorie
Offenbarung fort.
Genau wie im vorigen Buch die Kategorie der Schöpfung in ihrer Bedeutung für die Kunst
bestimmt werden
mußte durch unmittelbares Zurückgehen auf ihre Wesenselemente, die wir in der Vorwelt
aufgedeckt hatten, so auch jetzt die
Kategorie der Offenbarung. Die Schöpfungsbegriffe der Kunstlehre entspringen in der
Einwirkung des Mythischen
auf das
Plastische
, in dem Hervortreten also des Einzelnen aus dem Ganzen, eines ästhetisch reichen
Wirklichen aus einem ihm
vorangehenden Vorästhetischen, das sich zu jenem verhält wie der Schöpfer zur Kreatur:
er setzt sie frei aus sich heraus ins
Freie. So entspringen die Offenbarungsbegriffe der Kunstlehre in der Einwirkung des
Mythischen
auf das Tragische
, also des
Ganzen auf den zu
ver-dichtenden
seelischen Gehalt. Das ist eine ganz andersartige Einwirkung als jene. Die Beseeltheit
wird nicht geschaffen, nicht
freigesetzt, sondern ringt sich aus der Ganzheit los; das vorästhetische Ganze muß
sich selbst preisgeben um der ästhetischen
Beseeltheit willen. Es ist auch hier nicht so, daß die Offenbarungsbegriffe aus den
Schöpfungsbegriffen entspringen, sondern
sie sind gleich ursprünglich wie jene; sie kommen unmittelbar aus dem im Verhältnis
zu ihnen vorästhetischen Ganzen.
Gleich das oberste Begriffsverhältnis, das wir hier zu betrachten haben, wird uns
das lehren. Das Werk
ist genau so alt wie sein Urheber. Der Urheber selbst wurde Urheber erst, indem er
Urheber des Werks
wurde. Das Genie wird ja, wie wir ausgeführt haben, nicht geboren. Und im Augenblick,
wo das vorästhetische Ganze eines
Menschen, seine Individualität
, seine Persönlichkeit
, den Genius in ihm frei zum Werk macht, ist auch das Werk da. Denn
das Hereinbrechen des Selbst über die Persönlichkeit geschieht gleichzeitig mit der
Konzeption des Werks. Es gibt eben kein
verhindertes
Genie; das könnte es nur geben, wenn das Werk jünger wäre als der Urheber, aber sie
sind gleich alt; wo das
Genie erwacht, beginnt auch das Werk zu erscheinen. So erscheint das Werk also nicht
im Genie und aus dem Genie, obwohl es
begrifflich das Entstandensein des Genies im Menschen voraussetzt; es hat selbst seinen
eigenen Entstehungsgang im Menschen.
Während die Entstehung des Genies Freiwerden einer vorher gar nicht feststellbaren
charakteristischen Bestimmtheit, eben des
Genies, von der vorgenialen Ganzheit des Menschen ist, geschieht die Entstehung des
Werks so, daß jene menschliche Ganzheit
auf sich selbst Verzicht tut
zu-gunsten
eines Etwas, von dem sie selber nicht meint, daß es aus ihr hervorgegangen wäre, sondern
das ihr erscheint wie ein ihr
Gegenüberstehendes, dem sie dadurch, daß sie sich daran weggibt, Leben und Seele einhaucht.
Das Werk wird aus dem
Vorästhetischen, dem Stoff, dem Inhalt, durch den schranken- und bedenkenlos in es
hineinergossenen liebenden Überfluß der
menschlichen Ganzheit, die sein Urheber wird, zum Beseelten; der Stoff wird Werk,
der Inhalt Gehalt. Es ist ganz deutlich, daß
diese Beseelung des Stoffes, dieses Werden des Inhalts zum Gehalt nicht vom Menschen
als Urheber ausgeht, sondern von dem
ganzen Menschen, in dem der Urheber selber erst entstehen konnte. Der Urheber verliert
sich nicht in sein Werk, ganz und gar
nicht; aber der Mensch als vielfältiges Ganzes büßt seine Ganzheit und Geschlossenheit
ein und versenkt sich selbstvergessen
in den schlafenden Stoff, bis der Marmor zum Leben erwacht. Das Genie ist schon viel
zu verengt, um noch so lieben zu können,
wie es dieser Beseelungsvorgang erfordert. Das Werk erwacht zum Leben in der Liebe
des Menschen selber. Die Beseeltheit des
Werks kommt aus der gleichen Tiefe wie die Genialität des Urhebers, doch diese in
einfürallemal geschehenem,
übermächtig-unbegreiflichem Hervorgetretensein, jene in immer erneutem Öffnen der
menschlichen Brust und Preisgeben ihres
Geheimnisses.
Im Urheber selbst hatten wir wiederum als das Grundlegende die Eigenschaften des Poeten
nach dem
ursprünglichen Wortsinn, das Schöpferische erkannt, dies Innerlich-voller-Figur-sein
, die Gemeinsamkeit und gewissermaßen
Familienähnlichkeit der Einfälle. Es ist das, was aus dem Urheber heraustritt, er
weiß selber nicht wie – die notwendige
Voraussetzung des Weiteren. Aber wiederum ist nun das, was zu dieser notwendigen Voraussetzung
hinzutreten muß, nicht aus ihr
abzuleiten, sondern kommt unmittelbar aus dem Charakter des Urheberseins. Das Künstlertum
im engeren Sinn, das Können
entspringt nicht aus dem
Reichtum
der schöpferischen Einfälle. Es genügt nicht, Einfälle zu haben, es gehört auch Fleiß
dazu; wer sich auf jenes allein
verläßt und alles davon erwartet, dem kann es gehen wie dem jungen Spitteler, der
ein volles Jahrzehnt lang die Konzeption
seines ersten Werks nicht auszuführen wagte, weil er meinte, das müsse ebenso von selber
kommen wie die Konzeption. Das
Genie ist
zwar nicht Fleiß, aber es muß Fleiß werden, sich zum Fleiß machen. Das bedeutet eine
Selbsthingabe des Genies.
Während sein Schöpfertum sein Wesen nicht verändert, sondern frei die Gestalten aus
ihm heraus ins Leere treten, zehrt das
Künstlertum ihm am Mark. Als Schöpfer steht das Genie in ruhiger Macht über den Gestalten,
die es aus sich herausgesetzt hat,
als Künstler muß es sich ihnen in leidenschaftlicher Selbstvergessenheit hingeben;
es muß auf seine Ganzheit Verzicht tun,
grade um dessentwillen, was es ist und werden will: nämlich Urheber. Es muß sich in
die ihm jeweils gegenüberstehende
Einzelheit versenken und sie als einzelne mit dem Leben erfüllen, das sie erst durch
diese rundende, liebevolle
Arbeit des
selbstvergessenen Fleißes gewinnen kann. Umgekehrt lohnt die so lebendig gewordene
Einzelheit wiederum dem Urheber den in sie
hineingesenkten, immer frischen, stets so, als wenn nur sie allein da wäre, arbeitenden
Fleiß, indem sie ihn zum Bewußtsein
seiner selbst bringt. Als Schöpfer weiß das Genie nicht, was es tut noch was es ist;
als Künstler, in der ungenialen
,
gewissermaßen handwerklichen Arbeit erwacht es zum Bewußtsein; nicht die Fülle seiner
Geschöpfe, sondern die liebevoll belebte
einzelne Gestalt bezeugt ihm selbst sein Dasein. Sein Schöpfertum ist seine Selbstschöpfung;
er ist schon darin Genie, aber er
weiß es nicht; im Künstlertum aber geschieht ihm seine Selbstoffenbarung.
Gehen wir weiter zum Werk und stellen auch es unter die beiden uns bisher bekannten
Kategorien. Es gibt
ja im Werk ganz allgemeine Eigenschaften
, die jedes Werk, einerlei welcher Art, aufweist. Es sind nicht jene ganz
allgemeinen Eigenschaften, die das Werk erst als Werk überhaupt charakterisieren,
sondern solche, die – das Werk einmal
gegeben – seine Art näher beschreiben. Sie sind alle in jedem Kunstwerk aufweisbar,
aber allerdings in verschiedenen Graden,
und die Eigenart des Kunstwerks beruht auf dem Hervortreten der einen oder andern.
Die drei Elemente des Werks, daß es ein
Ganzes ist, daß es Einzelheiten hat und daß Seele in ihm ist, wirken in ihnen zusammen.
Indem die Ganzheit des Werks, das als
was es konzipiert ist, sich in der Ausführung der Einzelheiten verwirklicht, entsteht
das, was man in jedem Werk als sein
Episches bezeichnen darf, episch
also hier ohne besonderen Hinblick auf die Dichtungsgattung gemeint; im Epos ist
dies
Epische
selber nur eine Eigenschaft. Es gehört zu jedem Kunstwerk eine Fülle von Einzelheiten;
der Gedanke des Ganzen ist
für sich noch gar nichts, ist bloß ein verborgenes
Werk; offenbar wird das Werk erst, indem der Gedanke die Einzelheiten aus
sich heraussetzt. Er bleibt diesen Einzelheiten gegenüber immer der ungeändert über
ihnen schwebende Gedanke, der
Ursprung,
auf dem ihr Dasein in ästhetischer Beziehung allein beruht; aber er kann andrerseits
gar nicht anders als sich in der
schöpferischen Hervorbildung dieser Einzelheiten betätigen, denen gegenüber er dann
als Grund, Ursprung, ästhetischer
Einheitspunkt stehen bleibt. Als episch
dürfen wir diese Eigenschaft des Werks, frei aus dem einen Gedanken des Ganzen
entsprungene Fülle zu sein, wohl bezeichnen, weil es sich hier um das breit – man
spricht nicht umsonst von epischer Breite
– ausgeführte Inhaltliche handelt; das Inhaltliche
nicht als einen vor dem Werk liegenden Inhalt verstanden, sondern im
Gegenteil grade nur als das was im Werk selber alles enthalten ist. Die Frage etwa,
ob diese oder jene Wendung, dieser oder
jener Vers, oder was mir sonst gerade durch den Kopf geht, in diesem oder jenem Werk
vorkommt
, ist die Frage nach dem
Inhalt
des Werks in dem Sinn, wie wir das Wort hier verstehen.
Den Inhalt im anderen Sinn, nämlich als das dem Kunstwerk Vorausgehende, aber im Kunstwerk
nun erst
ästhetisch Beseelte, konnten wir im Gegensatz zu jenem Epischen
als das Lyrische
des Werks
bezeichnen. Denn lyrisch ist ja die Selbsthingabe an den einzelnen Moment, das Vergessen
der eigenen Ganzheit und der Vielheit
der Dinge. Das Ganze des Werks muß eben, wie es einerseits als gemeinsamer ästhetischer
Beziehungspunkt hinter der Fülle der
Einzelheiten steht, andrerseits doch auch über jeder Einzelheit vergessen werden können.
Und diese Einzelheit muß so sein, daß
über ihr alle andern Einzelheiten vergessen werden können. Diese ästhetische Vereinzelung
des Einzelnen, diese
Einzelschönheit
, entsteht in jener Selbstpreisgabe des Ganzen, durch welche die jeweils grade betroffene
Einzelheit selber
zu einem kleinen Ganzen wird; die ganze Tiefe der Beseeltheit kann so in ihr sich
öffnen. Das ist eben die lyrische
Schönheit des Augenblicks, die nur dadurch im Ganzen des Kunstwerks möglich wird,
daß dies Ganze sich ganz in den einzelnen
Augenblick versenkt bis zur völligen Verlorenheit. Aber indem es sich also versenkt,
tritt es selber in jedem einzelnen Fall
aus seiner Verborgenheit heraus: während es der Fülle der Einzelheiten gegenüber erst
bloß ein verborgenes
Ganzes war, wird
es sich jetzt in der Beseelung der Einzelheit selber offenbar; denn die Seele, die
das Einzelne gewinnt, gewinnt es ja nur aus
der eben hieraus sich offenbarenden, gegenüber der Fülle der Einzelheit noch verborgenen
Seele des Ganzen.
Episch
und lyrisch
in diesem Sinn sind Eigenschaften jedes Kunstwerks, aber, wie gesagt, in
verschiedener Mischung. Schon die verschiedenen Künste unterscheiden sich nach dem
verschiedenen Hervortreten dieser
Grundeigenschaften. Überwiegend episch
sind die bildenden Künste, schon aus dem einfachen Grunde, daß sie ihre Werke in
den
Raum setzen. Denn der Raum ist die Form des Nebeneinander und also ohne weiteres die
Form, in der die Fülle der Einzelheiten
unmittelbar mit einem Schlage ästhetisch überblickbar ist. Aus dem entsprechenden
Grund ist die Musik überwiegend lyrisch
,
denn sie stellt ihre Werke in den Fluß der Zeit, und die Zeit ist die Form, die jeweils
immer nur einen einzelnen Augenblick
ins Bewußtsein treten läßt; so daß also das Kunstwerk hier notgedrungen in lauter
kleinsten Partikeln aufgenommen werden muß.
Nirgends spielt denn auch die Einzelschönheit eine solche Rolle wie in der Musik.
Das Aufnehmen der
Musik wird viel eigentlicher als Genuß
empfunden und führt zu einer weit inbrünstigeren, um nicht zu sagen brünstigeren
Selbstvergessenheit als das Aufnehmen von Werken bildender Kunst. Bei diesen ist wiederum
ein Grad von Objektivität beim Genuß
möglich und berechtigt, der sich ebenfalls erklärt aus dem Charakter der bildenden
Kunst, ein mit einem Blick als ästhetisches
Ganzes, also eben wirklich gegenständlich
, Überschaubares zu sein. Der Kenner
ist hier so heimisch wie der Genießer
in
der Musik. Alle diese Unterscheidungen sind natürlich nicht starr, sondern lassen
Raum für Übergänge.
Im einzelnen Werk der bildenden Kunst ist nun das Grundlegende, das, worauf wie auf
einem Skelett das
Werk aufgebaut ist und was doch eben als Skelett noch erst der bloße Anfang, der bloße
Schöpfungstag des Werks ist, etwas was
wir in Ermanglung eines feststehenden Ausdruckes Vision
nennen wollen. Was ist denn der Anfang des Werks der bildenden
Kunst? Doch dies, daß das Ganze des Werks als ein in alle Einzelheiten ausgebildetes
Ganzes mit einem Mal dem Künstler vor dem
inneren Auge steht. Was er da sieht, hat gar keine Beziehung auf die Natur
, selbst wenn dies Aufspringen des Ganzen
scheinbar im Angesicht der Natur geschehen ist. Sondern im Gegenteil: der Natureindruck
muß in diesem schöpferischen
Augenblick völlig verdrängt sein, um dem Aufflammen der Vision Platz zu machen; man
kann sagen: der Künstler, selbst etwa der
Porträtkünstler in der ersten Sitzung, betrachtet seinen Vorwurf
nur deshalb so eindringlich, um über den Eindruck und die
Eindrücke hinauszukommen; er sieht ihn sich also eigentlich nur an, um ihn nicht mehr
zu sehen. In dem Augenblick, wo er ihn
nicht mehr sieht, sondern an seiner Stelle ein von aller Natur losgelöstes Ganzes
von Richtungen, Verhältnissen, Intensitäten,
von Formen
also und Valeurs
, um die Atelierausdrücke zu gebrauchen, erst in diesem Augenblick ist das Bild im
Künstler da.
Es ist ganz da; die Natur gibt, äußerlich betrachtet, gar nichts mehr hinzu; in dieser,
man möchte sagen, rein ornamentalen,
naturlosen Konzeption des ersten Augenblicks ist schon die ganze Ausführung vorweggenommen.
Aber nur vorweggenommen. Genauer
zu reden:
geweissagt. Denn die Ausführung ist nun mit nichten etwa eine einfache mechanische
des in der Vision geschaffenen Bildes,
sondern sie ist ein ebenso ursprünglicher Vorgang wie jene schöpferische Vision selber.
Die Ausführung geschieht angesichts der Natur. In der Auseinandersetzung mit ihr tritt
zur Vision die
Form
, Form in dem Ateliersinn also, wie Hildebrand das Wort in die Theorie eingeführt
hat, wo es die Umformung der Naturform
in die Kunstform bezeichnet. Die Form setzt also das Geschautsein der Vision
voraus; denn ohne dies wäre für den Künstler
gar nicht die Notwendigkeit vorhanden, sich mit einer Naturform auseinanderzusetzen.
Aber die Auseinandersetzung geschieht nun
nicht etwa auf Grund der Vision; sondern unmittelbar und als ob er die Vision vergessen
hätte, tritt der Künstler nun der
Natur gegenüber. Die verborgene Ganzheit des Kunstwerks, die sich in der Vision zur
räumlichen Mannigfaltigkeit gebildet
hatte, stürzt sich nun kopfüber in die sichtbare Natur, wo immer ihr diese grade vorliegt.
Die Einzelheit wird jetzt, anders
als in der Vision, in nächster Fühlung mit der Natur, ja unmittelbar aus ihr heraus,
gebildet. Der Wille zum Werk wird immer
neu und immer ganz in jede Einzelheit, an welcher der Künstler grade im Augenblick
arbeitet, hineinergossen. Dies ist das, was
die Künstler selber sehr gut ausdrücken, wenn sie sagen, irgend eine Einzelheit sei
mit Gefühl
gearbeitet. Dabei ist nämlich
selbstverständlich kein sentimentales, außerkünstlerisches Gefühl gemeint, auch kein
Gefühl für die Ganzheit der
Werkschöpfung, welches in der Vision wohl lebendig war, hier aber grade schweigt,
sondern es handelt sich nur um das Gefühl,
das sich in die einzelne Naturform hineinversenkt und sie durch die Kraft dieses sich
Hineinversenkens aus der an sich nur
verschwommenen, nur in unklarer Vieldeutigkeit sichtbaren, also ästhetisch unsichtbaren,
gewissermaßen stummen Naturform zur
bestimmten, eindeutigen, also ästhetisch sichtbaren, gewissermaßen redenden Kunstform
umformt. Dies ist der zweite Akt in der
Entstehung des bildnerischen Kunstwerks. Zur naturlosen, ästhetisch schöpferischen
Schau tritt die liebevolle Belebung des
natürlichen Vorwurfs durch die künstlerische Form.
In der Musik liegen die Verhältnisse anders schon dadurch, daß, wie vorhin bemerkt,
hier die Zeit
herrscht und also nicht die Einzelheiten mit einem Schlage überblickt werden können.
Die Setzung der
Einzelheiten aus dem Ganzen kann hier also nicht wie in der bildenden Kunst schon
die innerlich geschaute Vision des fertigen
Kunstwerks selber sein; denn solch auch nur innerlich
Alles-miteinemmal-Überblicken
ist hier nicht möglich; nicht die nur durch ihre Naturlosigkeit noch stumme, sonst
aber schon aller Formen und Farben des
schließlichen Werks volle Vision geht voran, sondern wirklich der stumme Teil der
Kunst. Vollkommen richtig also sagt Hans v.
Bülow: Im Anfang war der Rhythmus
. Im Rhythmus, zunächst ganz einfach in der für das Ganze geltenden Taktart, dann
aber auch
in der Ausbildung dieses nur das Gröbste vorwegnehmenden Takts in die immer feineren
Verzweigungen der rhythmischen
Phrasierung ist das ganze Musikwerk in all seinen Teilen da, aber noch als eine stumme
Musik. Wie jene dem Werk bildender
Kunst vorausgehende Vision nicht eigentlich optische Gestalt hat, sondern eher ein
Zusammenhang von Richtungen und
Gewichtsverhältnissen – Gleichgewicht, Übergewicht, Druck, Schweben, Lasten – zu sein
scheint, ein statischer Zusammenhang
also, so nimmt der Rhythmus das Kunstwerk auch noch nicht in musikalischer Gestalt
vorweg, sondern nur in stumm-dynamischer.
Man kann ein Musikwerk taktieren
, das heißt: man kann seine Grundlage tonlos durch eine Folge von Bewegungen darstellen.
Die
Bewegung ist die einzige Möglichkeit, die Zeitfolge, die sonst rettungslos in den
Zeit-Punkt des Gegenwärtigen zusammensinkt,
gegenständlich zu machen; und auf der Möglichkeit dieser Vergegenständlichung beruht
die Musik; nur durch diese Möglichkeit
wird die Auffassung des ganzen Werks als einer Einheit möglich. Der einzelne Ton hat
keinen Rhythmus, wohl aber die kleinste
Folge von Tönen. Es geschieht im Rhythmus wirklich die Schöpfung des Musikwerks in
seiner ganzen Breite; aber auch hier ist
die Schöpfung, obwohl sie alles mit ihrem im Anfang
vorweggenommen hat, doch nur die stumme Weissagung des tönend sich
offenbarenden Wunders.
Diese Offenbarung muß auch hier wieder mit blind vergessener Ausschließlichkeit auf
den einzelnen
Augenblick des Werks niedergehen. Sie muß ihn, und zunächst nur ihn ohne Rücksicht
und Vorsicht auf seine Nachbarn, beseelen,
ihm tönendes Leben einhauchen. Sie kann erst eintreten, nachdem das Ganze aller Augenblicke
im Rhythmus geschaffen ist, aber
sie fragt selber nicht nach dem rhythmischen Werte des einzelnen Augenblicks, sie macht ihn für sich
tönend – ob auf lange oder kurze Zeit, was geht sie das an? Diese Beseelung der Einzelheit
ist das Werk der Harmonie. Die
Harmonie gibt dem einzelnen, im Rhythmus nur erst ein stummes Glied des Ganzen bildenden
Augenblick Ton und Leben zugleich;
sie macht ihn überhaupt erst tönend und beseelt ihn, gibt ihm Stimmungswert, und beides
in einem, recht so wie die Offenbarung
dem stummen Selbst Sprache und Seele in einem verleiht. Wie der einzelne Punkt des
Werks der bildenden Kunst geformt
sein
muß, aber nicht geschaut
sein kann, sondern die Vision schaut schöpferisch die Summe aller Einzelheiten vorweg;
so wird der
einzelne Augenblick des musikalischen Werks harmonisch beseelt mit der ganzen Tiefe
einer eigenen Stimmung, die ihn als
Augenblick und für den Augenblick ganz unabhängig von dem rhythmischen Ganzen zu machen
scheint.
Soweit können wir die Kunstwelt hier darstellen; zum Abschluß kann diese Darstellung, eben wegen der hier bloß kategorialen Anwendung der Grundbegriffe und des dadurch bedingten stammbaumartigen Aufbaues, auch für die Kategorien der Schöpfung und Offenbarung erst im nächsten Buch gelangen. Da wird dann auch deutlich werden, daß schließlich diese ganze Kunstlehre doch noch etwas mehr ist als eine bloße Episode, für die sie hier allerdings gelten mußte. Lenken wir also nun von der Episode wieder in die Hauptlinie zurück.
Wir hatten die Offenbarung als das unter der Liebe Gottes geschehende Mündigwerden
des stummen Selbst zur
redenden Seele erkannt. Wenn Sprache mehr ist als nur ein Vergleich, wenn sie wahrhaft
Gleichnis – und also mehr als Gleichnis
– ist, so muß das, was wir in unserem Ich als lebendiges Wort vernehmen und was uns
aus unserm Du lebendig entgegentönt, auch in
dem großen historischen Zeugnis der Offenbarung, dessen Notwendigkeit wir gerade aus
der Gegenwärtigkeit unseres Erlebnisses
erkannten, geschrieben stehn
. Wiederum suchen wir das Wort des Menschen im Wort Gottes.
Das Gleichnis der Liebe geht als Gleichnis durch die ganze Offenbarung hindurch. Es
ist das immer
wiederkehrende Gleichnis bei den Propheten. Aber es soll eben mehr sein als Gleichnis.
Und das ist
es erst, wenn es ohne ein das bedeutet
, ohne Hinweis also auf das, dessen Gleichnis es sein soll, auftritt. Es genügt also
nicht, daß Gottes Verhältnis zum Menschen unter dem Gleichnis des Liebenden zur Geliebten
dargestellt wird; es muß unmittelbar
das Verhältnis des Liebenden zur Geliebten, das Bedeutende also ohne alle Hindeutung
auf das Bedeutete, im Wort Gottes stehn.
Und so finden wir es im Hohen Lied. Hier ist es nicht mehr möglich, in jenem Gleichnis
nur ein Gleichnis
zu sehen. Hier ist
der Leser, so scheint es, vor die Wahl gestellt, entweder den rein menschlichen
, rein sinnlichen Sinn anzunehmen und sich
dann freilich zu fragen, welcher sonderbare Irrtum diese Blätter in das Wort Gottes
hineingeraten ließ, oder anzuerkennen, daß
hier grade in dem rein sinnlichen Sinn, unmittelbar und nicht bloß
gleichnisweise, die tiefere Bedeutung steckt.
Bis an die Schwelle des neunzehnten Jahrhunderts ist man einhellig den zweiten Weg
gegangen. Man
erkannte das Hohe Lied als Liebeslied und gerade darin unmittelbar zugleich als mystisches
Gedicht. Man wußte eben, daß das
Ich und Du der innermenschlichen Sprache ohne weiteres auch das Ich und Du zwischen
Gott und Mensch ist. Man wußte, daß in der
Sprache der Unterschied von Immanenz
und Transzendenz
erlischt. Nicht obwohl, sondern weil das Hohe Lied ein echtes
,
will sagen: ein weltliches
Liebeslied war, gerade darum war es ein echtes geistliches
Lied der Liebe Gottes zum Menschen.
Der Mensch liebt, weil und wie Gott liebt. Seine menschliche Seele ist die von Gott
erweckte und geliebte Seele.
Es war der Wende des achtzehnten zum neunzehnten Jahrhundert vorbehalten, diese gefühlsmäßig
klare,
weil in der Offenbarung wurzelnde, Ansicht vom Verhältnis des Menschlichen zum Göttlichen,
des Weltlichen zum Geistlichen, der
Seele zur Offenbarung, zu verwirren und zu trüben. Wenn Herder und Goethe das Hohe
Lied als eine Sammlung weltlicher
Liebeslieder in Anspruch nahmen, so war in dieser Bezeichnung weltlich
nicht mehr und nicht weniger ausgesprochen, als daß
Gott – nicht liebt. Und wirklich war ja dies die Meinung. Mochte der Mensch Gott als
das Symbol des Vollkommenen lieben
–
nimmermehr aber durfte er verlangen, daß Gott ihn wieder
-liebe. Die spinozistische Leugnung der göttlichen Liebe zur
einzelnen Seele war den deutschen Spinozisten willkommen; Gott durfte, wenn er denn lieben sollte,
höchstens der allliebende Vater
sein; das echte Liebesverhältnis Gottes zur einzelnen Seele wurde verneint und damit
nun das
Hohe Lied zum rein menschlichen
Liebeslied gemacht. Denn echte Liebe, die eben nicht Allliebe ist, gab es nun nur
zwischen
Menschen. Gott hatte aufgehört, die Sprache des Menschen zu sprechen; er verzog sich
wieder in seine
neuheidnisch-spinozistische Verborgenheit jenseits des vom Gewölk der modi
überzogenen Himmelsgewölbes der Attribute
.
Was diese Erklärung der Sprache der Seele für rein menschlich
bedeutete, wurde erst im weiteren
Verlauf klar. Herder und Goethe hatten unwillkürlich immer noch so viel von der überlieferten
Auffassung bewahrt, daß sie das
Hohe Lied nur als eine Sammlung von Liebesliedern betrachteten, ihm also seinen subjektiven,
lyrischen, seelenoffenbarenden
Charakter ließen. Aber nach ihnen ging man weiter auf der Bahn. War das
Hohe Lied
einmal rein menschlich
zu verstehen, dann konnte man vom rein Menschlichen
auch den Schritt zum rein Weltlichen
tun. Es
wurde also nach Kräften entlyrisiert. Von allen Seiten versuchte man, dramatische
Handlung und epischen Inhalt hineinzudeuten;
die eigentümliche Unklarheit, mit der sichtlich neben dem Hirten noch ein zweiter
Liebhaber, der König
, hineinspielte,
schien ja zu solchen Deutungen herauszufordern und gab ihnen freies Feld. So ist das
neunzehnte Jahrhundert voll von ihnen,
wobei allerdings keine Deutung der andern gleicht; an keinem Buch der Bibel hat die
Kritik solche umfangreichen Umordnungen,
vielmehr Umstürze des überlieferten Textes vorgenommen wie an diesem. Das Ziel war
immer, das Lyrische, das Ich und Du des
Gedichts, in ein episch-anschauliches Er und Sie zu verwandeln. Die Sprache der Offenbarung
der Seele hatte eben für
diesen
alles nach seinem Bilde zum Objektiven, zum Weltlichen umschaffenden Geist des Jahrhunderts
etwas
Unheimliches. Die Verleugnung des Worts Gottes, anfänglich noch geschehen in überschwänglicher
Freude am nun rein
gewordenen
Wort des Menschen, rächte sich alsbald am Wort des Menschen, das, losgelöst von seinem
unmittelbaren, lebendig
vertrauensvollen Einssein mit jenem, zur toten Objektivität der dritten Person erstarrte.
Da kam aus der Wissenschaft selber der Gegenschlag. Die hoffnungslose Willkürlichkeit
und textkritische
Abenteuerlichkeit aller Deutungen ins Objektive des Singspiels
machte die gelehrten Gemüter aufnahmefähig für eine neue
Ansicht. Die eigentliche crux dieser Interpreten war ja das rätselhafte Verhältnis
des Hirten zum König und der Sulamith zu
beiden gewesen. War sie treu? oder untreu? einem? oder beiden? und so fort ins Unendliche
der Kombinationen, in denen
gelehrt-erotischer Spürsinn von je groß zu sein pflegt. Die einfache Lösung der früheren
mystischen
Auffassung, wonach der
Hirt und der König ein und dieselbe Person waren, nämlich Gott, war natürlich längst
überholt. Da entdeckte man mit einem
Male, daß bei den Bauern Syriens noch heutigentags die Hochzeit unter dem Gleichnis
einer Königshochzeit, der Bräutigam also
als der König, die Braut als die vom König erwählte Braut, gefeiert wird. Und nun
war plötzlich das schillernde Nebeneinander
der zwei Personen geklärt: es ist eben wirklich nur eine: der Hirt, der in der Woche
seiner Hochzeit sich als König Salomo in
aller seiner Herrlichkeit fühlen darf. Damit ist nun alle Veranlassung zu einer dramatischen
Ausdeutung gefallen. Es ist nun
alles wieder in der lyrischen Zweieinsamkeit des Liebenden und der Geliebten beschlossen.
Und vor allem ist nun das Gleichnis
schon in den ursprünglichsten
Sinn der Lieder zurückverlegt; schon da überhöht einen sinnlichen Sinn eine übersinnliche
Bedeutung: den Hirten, welcher der Bräutigam ist, der König, als den er sich fühlt.
Das aber ist der Punkt, auf den wir
hinauswollen. Die Liebe kann gar nicht rein menschlich
sein. Indem sie spricht – und sie muß sprechen, denn es gibt gar kein
andres aus sich selber Heraussprechen als die Sprache der Liebe – indem sie also spricht,
wird sie schon ein Übermenschliches;
denn die Sinnlichkeit des Worts ist randvoll von seinem göttlichen Übersinn; die Liebe
ist, wie die Sprache selbst,
sinnlich-übersinnlich. Anders gesagt: das Gleichnis ist ihr nicht schmückender Zubehör,
sondern Wesen. Alles Vergängliche mag
nur ein Gleichnis sein; aber die
Liebe ist
nicht nur
, sondern ganz und gar und wesentlich Gleichnis; denn sie ist nur scheinbar vergänglich,
in Wahrheit aber ewig.
Jener Schein ist so notwendig wie diese Wahrheit; Liebe könnte als Liebe nicht ewig
sein, wenn sie nicht vergänglich schiene;
aber im Spiegel dieses Scheins spiegelt sich unmittelbar die Wahrheit.
Das Vergängliche ist in seiner zeitlichen Gestalt, nämlich als Gegenwart, als pfeilschnell verflogener
Augenblick, im Stammwort Ich gradezu der sichtbare oder unsichtbare Träger aller Sätze
des Hohen Lieds. Es gibt kein Buch in
der Bibel, in dem verhältnismäßig das Wort Ich so häufig vorkäme wie hier. Und zwar
nicht bloß das unbetonte, sondern durchaus
auch das betonte, das ja das eigentliche Stammwort, das lautgewordene Nein, ist. Nur
noch der Prediger, stark angefressen wie
er ist, von dem Geist der stets verneint, zeigt annäherend ein gleich häufiges Vorkommen
des Wortes für das betonte Ich. Die
Kraft jener grundlegenden Verneinung äußert sich auch darin, daß das Hohe Lied als
einziges unter allen biblischen Büchern
anhebt mit einem Komparativ, – besser denn Wein
; die Eigenschaft ist hier verglichene, also perspektivisch von einem alle
andern Punkte verneinenden Standpunkt
aus gesehene, nicht rein in ihrer Gegenständlichkeit daseiende und da, wo sie ist,
seiende. Jenes besser
knüpft den Faden unmittelbar da an, wo ihn das vollendende sehr gut
der Schöpfung fallen gelassen
hatte. Das Wort Ich
also ist nun der Grundton, der bald in der einen, bald, durch das Du übergehend,
in der anderen Stimme
unter dem ganzen melodisch-harmonischen Gewebe der Mittel- und Oberstimmen orgelpunktartig
hinzieht. Es gibt in dem ganzen
Buch nur eine einzige kurze Stelle, wo er schweigt; sie fällt gerade durch dieses
augenblickliche Aussetzen des Grundbasses,
den man sonst infolge seiner Unaufhörlichkeit schon beinahe überhört, ungeheuer auf;
so wie man sich des Tickens der Wanduhr
erst bewußt wird, wenn sie plötzlich stillsteht. Es sind die Worte von der Liebe,
die stark ist wie der Tod. Nicht willkürlich
haben wir mit ihnen zuvor den Übergang aus der Schöpfung in die Offenbarung gekennzeichnet.
Sie sind in diesem Kernbuch der
Offenbarung, als welches wir das Hohe Lied erkannt haben, die einzige nicht gesprochene,
sondern bloß gesagte Stelle, der
einzige objektive Augenblick, die einzige Begründung. In ihnen ragt die Schöpfung
sichtbar in die Offenbarung hinein und wird
sichtbar von ihr überhöht. Der Tod ist das Letzte und
Voll-endende
der Schöpfung – und die Liebe ist stark wie er. Dies ist das einzige, was über die
Liebe gesagt,
aus-gesagt,
er-zählt
werden kann; alles andre kann nicht über
sie gesagt werden
, sondern nur von ihr selber gesprochen. Denn sie ist ganz aktive, ganz persönliche, ganz lebendige, ganz – sprechende Sprache; alle wahren
Sätze über sie
müssen Worte aus ihrem eigenen Munde, ichgetragene, sein. Nur dieser eine Satz, daß
sie stark ist wie der Tod, macht eine
Ausnahme. In ihm spricht sie nicht selber, sondern die ganze Welt der Schöpfung wird
ihr überwunden zu Füßen gelegt; der
Allesüberwinder Tod und der eifersüchtig alles Gestorbene festhaltende Orkus sinken
vor ihrer Stärke und der Härte ihres
Eifers zusammen; die Todeskälte des gegenständlich starren Vergangenen wird von ihren
Feuergluten, Gottesflammen erwärmt. In
diesem Sieg der lebendigen, gottgeliebten Seele über das Sterbliche ist alles gesagt,
was noch objektiv über sie gesagt werden
kann, nämlich nichts über sie selbst, sondern nur über ihr Verhältnis zur Schöpfungswelt;
über sie selbst,
ab-gesehen
von der Welt des Geschaffenen, kann nur sie selber sprechen. Der Grund liegt unter
ihr, nicht versunken, aber überwunden. Sie
schwebt darüber.
Sie schwebt dahin in den flüchtigen Klängen des Ich. Kaum ist ein Ton aufgehallt,
so ist er auch schon
wieder im nächsten verklungen, und rätselhaft und grundlos unerwartet klingt er bald
wieder, um wieder zu verhallen. Die
Sprache der Liebe ist lauter Gegenwart; Traum und Wirklichkeit, Schlaf der Glieder
und Wachen des Herzens, weben sich
ununterscheidbar ineinander, alles ist gleich gegenwärtig, gleich flüchtig und gleich
lebendig gleich dem Reh oder der jungen
Gazelle auf den Bergen. Ein Schauer von Imperativen geht belebend über diese immergrüne
Wiese der Gegenwart nieder, von
verschieden klingenden, doch immer das gleiche meinenden Imperativen: zieh mich dir
nach, tu mir auf, komm, mach dich auf,
eile – es ist immer der gleiche eine Imperativ der Liebe. Beide, der Liebende wie
die Geliebte, scheinen hier auf Augenblicke
die Rollen zu tauschen, und dann sind sie doch wieder deutlich geschieden. Indes er
sich mit immer neuen Blicken der Liebe in
ihre Gestalt hineinsenkt, umfaßt sie ihn ganz mit dem einen Blick des Glaubens an
seine Auserkorenheit unter Tausenden
.
Unendlich zart deutet der Liebende mit der leisen, immer wiederkehrenden Anrede meine Schwester Braut
den Grund ihrer Liebe
in einer der Liebe selbst vergangenen Vorwelt der Schöpfung an und hebt seine Liebe
damit heraus aus der Flüchtigkeit des
Augenblicks; die Geliebte war ihm einst in abgelebten Zeiten meine Schwester oder meine Frau
. Und
hinwiederum ists die Geliebte, die vor ihm, nicht er, der vor ihr sich gering macht;
sie bekennt voll Scham, daß die Sonne ihr
die Haut geschwärzt habe – schauet mich nicht an, meiner Mutter Kinder zürnen mit
mir; aber fast im selben Atemzug rühmt sie
sich der gleichen Schwärze
als ihrer Schönheit – schwarz bin ich, aber gar lieblich gleich Zelten Kedars, gleich
Teppichen
Salomos – und hat aller Scham vergessen. Denn in seinen Augen hat sie Frieden funden.
Sie ist sein, und so weiß sie von ihm:
er ist mein. In diesem seligen Mein, diesem absoluten Singular, erfüllt sich ihr das,
um dessentwillen sie so ängstlich
immerfort die Gespielinnen angefleht hat, die Liebe ihr nicht zu wecken, ehe denn
sie selber erwache: ihre Liebe soll nicht
ein Fall der Liebe sein, ein Fall im Plural der Fälle, den also andre erkennen und
bestimmen könnten; es soll ihre eigene,
unerweckt von draußen allein in ihrem Innern
er-wachte
Liebe sein. Und so ist es geworden. Nun ist sie sein.
Ist sies? Trennt sie nicht noch auf dem Gipfel der Liebe ein letztes? Noch über das
Du bist mein
des
Liebenden, noch über den Frieden, den die Geliebte in seinen Augen gefunden – dies
letzte Wort ihres überfließenden Herzens
– hinaus. Bleibt nicht noch eine letzte Scheidung? Der Geliebte hat ihr im kosenden
Namen seine Liebe gedeutet durch den
Hinweis auf einen geheimen Untergrund geschwisterlichen Gefühls. Aber genügt die Deutung?
Braucht nicht das Leben mehr als
Deutung, mehr als Namensanruf, – Wirklichkeit? Und aus dem selig übervollen Herzen
der Geliebten steigt ein Schluchzen und
formt sich zu Worten – Worten, die stammelnd hinausweisen in ein Unerfülltes, in der
unmittelbaren Offenbarung der Liebe
selber Unerfüllbares: O wärest du mir wie ein Bruder
. Es genügt nicht, daß der Geliebte im zitternden Halblicht der
Anspielung die Braut beim Schwesternamen nennt; der Name müßte Wahrheit sein, im hellen
Licht der Straße vernommen, nicht im
Dämmer kosender Zweieinsamkeit ins geliebte Ohr geflüstert, nein vor den Augen der
Menge vollgültig – wer gäbe
das!
Ja, wer gäbe das? Die Liebe gibt das nicht mehr. Nicht mehr an den Geliebten ist dies
Wer gäbe
in
Wahrheit gerichtet. Die Liebe bleibt ja immer unter Zweien, sie weiß nur von Ich und
Du, nicht von
der Straße. So ist jene Sehnsucht in der unmittelbar gegenwärtig im Erlebnis und nur
im
Erlebnis
sich offenbarenden Liebe unerfüllbar. Das Schluchzen der Geliebten schluchzt in ein
jenseits der Liebe, in eine Zukunft ihrer
gegenwärtigen Offenbarung; es bangt nach einer Verewigung der Liebe, wie sie der allzeitlichen
Gegenwärtigkeit des Gefühls
nimmer entsprießen kann; eine Verewigung nämlich, die nicht mehr im Ich und Du wächst,
sondern im Angesicht aller Welt
gegründet zu werden verlangt. Die Geliebte fleht, der Liebende möge den Himmel seiner
allzeitlieben Gegenwärtigkeit zerreißen,
der ihrem Sehnen nach ewiger Liebe trotzt, und zu ihr herniederfahren, auf daß sie
sich ihm wie ein ewiges Siegel aufs
immerzuckende Herz legen kann und wie ein fest umschließender Ring um den nimmerrastenden
Arm. Ehe ist nicht Liebe. Ehe ist
unendlich mehr als Liebe; Ehe ist die Erfüllung im Draußen, nach der die Liebe aus
ihrer inneren seligen Erfülltheit heraus
die Hand ausstreckt in ohnmächtig unstillbarer Sehnsucht – o daß du mein Bruder wärest...
Diese Erfüllung kann der Seele nicht mehr in ihrer Geliebtheit werden. Diesem Schrei kommt keine Antwort aus dem Munde des Liebenden. Dies Reich der Brüderlichkeit, nach dem die Seele hier, hinaus über die Liebe des Ich zum Du, in der die dunkeln Vorzeichen des unpersönlich gemeinsamen Lebens der natürlichen Blutgemeinschaft herrlich in Erfüllung gegangen waren, verlangt, diesen Bund einer über-natürlichen, ganz persönlich gefühlten, und doch ganz weltlich daseienden Gemeinschaft, stiftet ihr nicht mehr die Liebe des Liebenden, von der sie bisher stets das Stichwort erwartet hatte, um Antwort zu geben. Soll dieser Sehnsucht Erfüllung werden, so muß die geliebte Seele den Zauberkreis der Geliebtheit überschreiten, des Liebenden vergessen und selber den Mund öffnen, nicht zur Antwort mehr, sondern zum eigenen Wort. Denn in der Welt gilt nicht das Geliebtsein, und das Geliebte darf es hier nicht anders wissen, als wäre es allein auf sich angewiesen und ungeliebt, und alle seine Liebe wäre nicht Geliebtheit, sondern ewig – Lieben. Und nur im geheimsten Herzen mag sie bei diesem ihrem Gang aus dem Wunder der göttlichen Liebe heraus in die irdische Welt der Alten Wort bewahren, das dem, was ihr zu tun bevorsteht, durch die Erinnerung des in jenem Zauberkreis Erlebten Kraft und Weihe gibt: Wie Er dich liebt, so liebe Du.