Liebe deinen Nächsten. Das ist, so versichern Jud und Christ, der Inbegriff aller
Gebote. Mit diesem Gebot verläßt
die mündig gesprochene Seele das Vaterhaus der göttlichen Liebe und wandert hinaus
in die Welt. Ein Liebesgebot wie jenes Urgebot
der Offenbarung, das in allen einzelnen Geboten mittönt und sie erst aus der Starrheit
von Gesetzen zu lebendigen Geboten schafft.
Jenes Urgebot konnte Liebe gebieten, weil es aus dem Munde des Liebenden, den wiederzulieben
es gebot, selber kam, – weil es ein
Liebe mich
war. Wenn nun der Inbegriff, das worin alle aus jenem Urgebot entsprungenen Gebote
schließlich münden, gleichfalls ein
Liebesgebot ist, wie vereint sich das damit, daß jenes Urgebot die einzige Liebe gebietet,
die geboten werden kann? Die Antwort auf
dieses Bedenken könnte leicht in einem kurzen Wort vorweggenommen werden. Statt dessen
sei ihr lieber das ganze Schlußbuch dieses
Teils gewidmet. Denn sie enthält, so einfach sie ist, alles in sich, was die beiden
vorangehenden Bücher noch offen lassen mußten.
Die Seele hatte sich in einem unendlichen, einfürallemal gesagten Ja vor Gott hingebreitet.
So war sie
aus ihrer Verschlossenheit im Selbst herausgetreten. Nicht daß sie das Selbst verleugnet
hätte, nein: sie war wirklich nur aus
ihm herausgetreten, heraus aus seiner Verschlossenheit ins Freie; nun lag sie breit
und geöffnet da. Geöffnet, hingegeben,
vertrauend, – aber geöffnet nur nach einer einzigen Richtung, hingegeben nur einem
Einzigen, vertrauend nur Ihm. Die Seele hat
Augen und
Ohren geöffnet, aber nur Eine Gestalt steht vor ihrem Auge, nur Eine Stimme fällt
in ihr Ohr. Sie hat ihren Mund aufgetan,
aber nur Einem galten ihre Worte. Sie schläft nicht mehr den Starrschlaf des Selbst;
aber sie ist
erweckt nur von dem Einen und für Einen. Und so bleibt sie eigentlich auch jetzt noch
taub-blind wie das Selbst, taub-blind
nämlich für alles, was nicht der Eine ist. Ja das geht noch weiter. Wie nämlich Gott,
solange er bloß Schöpfer schien,
eigentlich gestaltloser geworden war, als er zuvor im Heidentum gewesen, und immer
in Gefahr zurückzusinken in die Nacht eines
verborgenen Gottes, so ist jetzt die Seele, solange sie bloß geliebte Seele ist, gleichfalls
noch unsichtbar und ohne Gestalt,
mehr ohne Gestalt als einst das Selbst. Denn das Selbst war zwar ohne jeden Weg und
Trieb nach außen, nicht sehn, nicht
hören
war ihm, wie der Marmorgestalt Michelangelos, einziger Wunsch; aber wenigstens wurde
es als tragischer Held doch selber
sichtbar und in der Vernehmlichkeit seines Schweigens hörbar. Die Seele aber ist nun
zwar aufgetan zu Blick und Wort, aber nur
zu Gott hin; nach allen andern Seiten ist sie noch genau so verschlossen wie zuvor
das Selbst, und dazu hat sie nun auch jene
Sicht- und Hörbarkeit, jene gestalthafte, wenn auch tragisch starre Lebendigkeit verloren,
die das Selbst besaß. Das bloß
hingegebene Selbst ist in der Seligkeit seiner Gottgeliebtheit für die Welt, nein
überhaupt für alles außer Gott, erstorben.
Wie der bloße Schöpfer stets in Gefahr ist, zurück ins Verborgene zu sinken, so die
bloße Seligkeit der in Gottes Liebesblick
versenkten Seele zurück ins Verschlossene. Der verschlossene Mensch, er ists, der
ähnlich wie der verborgene Gott an der
Grenze der Offenbarung steht und sie von der
Vor-welt
scheidet.
Denn zwar war der heidnische Mensch, das Selbst, in sich eingeschlossen; aber deswegen war er doch nicht verschlossen; er war sichtbar; er fand zwar keinen Zugang zur Welt, aber die Welt fand ihren Zugang zu ihm, und obwohl er stumm war, konnte er doch angesprochen werden. Nichts andres ist ja der Chor in der antiken Tragödie als dies Heranwallen der Außenwelt an den Helden, dies Angesprochenwerden der marmorstummen Gestalt. Auf der Bühne dargestellt mußte das werden; es genügte nicht, es dem Empfinden des Zuschauers zu überlassen; denn an sich wäre es allerdings sehr natürlich, wenn dem stummen Helden gegenüber der Beschauer sich verstummen, dem blinden gegenüber auch er sich erblinden fühlte. Aber das soll eben nicht sein; der Held soll sichtbare Gestalt sein, in der Welt stehen, auch wenn er es selbst weder weiß noch wahrhaben will; und eben dies Gefühl, daß es so ist, zwingt dem Beschauer der Chor auf, der den Helden ansieht, anhört, anredet. In sich eingeschlossen also war das Selbst wohl, aber nicht ver-schlossen vor den Blicken der Welt. Der stumme Held stand trotz seiner Stummheit in der Welt. Weil er das tat, nur deswegen war überhaupt irgendeine Welt im Heidentum möglich, trotzdem der Held da war. Denn er stand zwar wie ein Block in ihr da, aber er war ihren Wirkungen nicht schlechtweg entzogen; Tarnkappe und Gygesring sind deshalb so unheimlich und letzthin unheilbringend, weil sie jeden Zusammenhang der Welt sprengen.
Tarnkappe und Gygesring aber scheint nun das Selbst zu tragen, wenn man es allein
als den gottseligen
Empfänger der Offenbarung betrachtet; so wie die in ihrer Götterburg geborgenen, hier
aber voll lebendigen und sichtbaren
Göttergestalten des Heidentums von der Schöpfung allein her gesehen sich zum verborgenen
Gott verdunkelten. Der nur
gottgeliebte Mensch ist vor aller Welt verschlossen und verschließt sich selber. Das
ist das jedem natürlichen Gefühl
Unheimliche und auch objektiv Unheilbringende aller Mystik, daß sie dem Mystiker eine
solche Tarnkappe wird. Seine Seele
öffnet sich Gott, aber weil sie sich nur Gott öffnet, so ist sie aller Welt unsichtbar
und ihr verschlossen. Der Mystiker
dreht in hochmütigem Vertrauen den Zauberring an seinem Finger, und sofort ist er
mit seinem
Gott allein, und für die Welt
nicht mehr zu sprechen. Möglich wird ihm das nur dadurch, daß er ganz und gar nichts
weiter sein will als Gottes Liebling. Um
das zu sein, um also nur das eine Geleis zu sehen, auf dem die Verbindung von ihm
zu Gott, von Gott zu ihm läuft, muß er die
Welt leugnen, und da sie sich nicht leugnen läßt, so muß er recht eigentlich sie
ver-leugnen
; es ist kein Zufall, sondern ganz wesentlich für ihn, daß er sie, da sie nun einmal
da ist, behandelt als ob sie nicht
wahrhaft existierte
, kein
Da-sein
hätte, kein Schondasein; er muß sie behandeln als ob sie nicht – geschaffen wäre (denn
das ist ja ihr
Da-sein),
als ob sie nicht Gottes Schöpfung wäre, nicht von dem gleichen Gott ihm hingestellt,
dessen Liebe er für sich beansprucht; er
darf nicht, sondern er muß gradezu sie behandeln, als wäre sie vom Teufel geschaffen;
oder da der Begriff schaffen
auf ein
Tun des Teufels unanwendbar scheint, so müßte man wohl sagen: er muß sie behandeln, als wäre sie
nicht geschaffen, sondern würde ihm von Augenblick zu Augenblick grade für die zufälligen
Bedürfnisse des Augenblicks, wo er
ihr einen Blick schenkt, fertig zum Gebrauch hingestellt. Dieses grundunsittliche
Verhältnis des reinen Mystikers zur Welt ist
ihm also, will er anders sein reines Mystikertum bewähren und bewahren, schlechthin
notwendig. Der hochmütigen
Verschlossenheit des Menschen muß sich die Welt verschließen. Und der Mensch, den
wir schon sich öffnen sahen, wird, statt als
redende Gestalt lebendig zu werden, in die Verschlossenheit zurückgeschlungen.
Wie mag sich nun diese Verschlossenheit zur Gestalt
er-schließen?
Denn es muß zu einer solchen Erschließung kommen, wenn der tiefste Grund jenes sich
Öffnens der Seele nicht verleugnet werden
soll. Jener Grund war ja die Notwendigkeit, daß die geheime Vorwelt der Schöpfung
sich ins Wunder des Offenbaren verkehren
sollte. Das Selbst mußte aus seiner Stummheit zum redenden Selbst werden. Als geliebte
Seele schien es das schon geworden zu
sein. Aber nun sank uns die geliebte Seele plötzlich wieder ins Gestaltlose zurück,
noch ehe sie recht Gestalt gewonnen hatte.
Das ist die schwere Schuld des Mystikers, daß er das Selbst auf seinem Wege zur Gestalt
aufhält. Der Held war ein Mensch, wenn
auch nur in der
Vor-welt.
Der Mystiker aber ist kein Mensch, kaum ein halber Mensch; er ist nur Gefäß seiner
erlebten Verzückungen. Er spricht wohl,
aber was er spricht, ist nur
Antwort,
nicht Wort, sein Leben nur Warten, nicht Wandeln. Aber nur ein Mensch, dem aus Antwort
das Wort, aus dem Warten auf Gott das
Wandeln vor Gott erwüchse, nur das wäre ein wirklicher, ein voller Mensch. Erst er
könnte dem Helden die Wage halten; denn
erst er wäre ebenso sichtbar und Gestalt wie der Held. Wieder wie bei Gott liegt es
hier so, daß aus der im Heidentum fertig
gewordenen
Gestalt in der inneren Umkehr nicht sofort eine neue Gestalt hervorgeht, sondern
zunächst entspringt ihr nur ein
noch Gestaltloses, ein bloßer eigenschaftlicher Akt, die Schöpfertat Gottes, das Sichöffnen
der Seele; ein Gestaltloses, das
dann erst, indem es in die Bahn des Weltgestirns hineingerissen wird, weiterhin Gestalt
annimmt; erst so werden ja alle
Kräfte, die in jener fertigen Gestalt der Vorwelt zusammengeschlossen waren, wieder wirksam. Die
Gestalt, die der verschlossene Mensch so annimmt, indem er sich in Warten und Wandeln,
in Erlebnis der Seele und seelenhafter
Tat zum ganz erschlossenen Menschen rundet, ist, um es vorweg zu sagen, die des Heiligen.
Der Heilige ist so diesseits der
menschlichen Verschlossenheit wie der Held jenseits; es ist das gleiche Verhältnis
wie zwischen dem offenbaren Gott der Liebe
und dem bloß in sich lebendigen des Mythos, zwischen denen scheidend die Nacht der
göttlichen Verborgenheit steht.
Indem sich der Mensch zum ganzen Menschen erschließt, ist er nun unmittelbar sichtbar
und hörbar
geworden. Er kann ja jetzt sein Gesehen- und Gehörtwerden erzwingen; er ist nicht
mehr starres Marmorbild wie der tragische
Held des Altertums; nein, er spricht. Deswegen fällt in der neueren Tragödie der Chor
als überflüssig weg. Es braucht dem
Zuschauer nicht mehr vor Augen geführt zu werden, daß der Held trotz seiner Blindheit
sichtbar, trotz seiner Taubstummheit
ansprechbar ist; es braucht ihm nicht vor Augen geführt zu werden, er sieht es selbst.
Denn der Held der neueren Tragödie,
der, eben gar nicht mehr im alten Sinne Held
, ihm gar nicht mehr wie die Antike starr entgegenkömmt
, ist mit
Empfänglichkeit und Willen ganz in das
Hin- und
Widerströmen der Welt hineingeworfen, ganz lebendig und voll unverhehlter Scheu vor
dem offenen Grab. Diesen Helden, der sehr
Mensch ist und an allen Gliedern zittert vor lauter Sterblichkeit aus dieser Erde
quillen seine Freuden, und diese Sonne
scheinet seinen Leiden –, diesen Helden sieht der Zuschauer zu voller Lebendigkeit
erwachen im Dialog; da ist – genau
umgekehrt wie im antiken Dialog – alles Wille, alles Wirkung und Gegenwirkung; kein
Raum bleibt für eine über den Augenblick
sich erhebende Bewußtheit. Der Zuschauer kann gar nicht anders; er muß den Helden,
den er wollen und wirken sieht, für
lebendig erkennen; er wird selber im Geiste mit auf die Szene gerissen; nicht aber
das Selbstgefühl des Helden wird in ihm
erweckt und dadurch Furcht und Mitleid, wie beim Zuschauer in der antiken Tragödie,
sondern der Mensch auf der Bühne zwingt
den Menschen im Parkett in das Gefühl seines Mitunterredners hinein; nicht zu Furcht
und Mitleid steigert ihn das Geschehen
auf der Bühne, sondern zu Widerspruch und Mitgerissenheit. Auch im Beschauer wird der Wille
aufgeregt, nicht die wissende Ahnung.
Am deutlichsten wird dieser Unterschied in den Augenblicken, wo der neue Held mit sich selber allein ist. Der antike hatte im Monolog recht eigentlich und am ehesten noch sein Heldentum ausleben können. Hier, mit sich allein, konnte er ganz in sich gesammelter, in sich versenkter Willenstrotz sein, ganz Selbst. Für den neueren sind die Monologe bloße Ruhepunkte, Augenblicke, wo er aus seinem eigentlichen so bewegten wie handelnden Leben, das er in den Dialogen lebt, gewissermaßen ans Ufer tritt und für eine Weile zum Betrachter wird. Selbstbetrachtung, Einordnung der eigenen Existenz in die Welt, Entschlußklärung, Niederschlagung von Zweifeln – immer bedeutet dieser neue Monolog eine Spanne Bewußtsein in der übrigens bewußtseinslosen, in Tat und Leiden ablaufenden tragischen Existenz. Ein Bewußtsein freilich, das obwohl es durchweg von seltsamer, in Wirklichkeit kaum möglicher Klarheit ist, dennoch stets beschränkt bleibt. Es ist stets die Ansicht der Welt und der eigenen Stellung in ihr nur von einem bestimmten Standpunkt, nämlich dem des einzelnen eigenen Ichs.
Und dieser Ichstandpunkte gibt es viele, so viele als Iche. Denn dies ist ein innerster
Unterschied der
neuen Tragödie von der alten, um dessentwillen man sie mit Recht als Charaktertragödie
jener als der Handlungstragödie
entgegengestellt hat: ihre Gestalten sind alle untereinander verschieden, verschieden
wie es jede Persönlichkeit von der
andern ist, weil ja jede Persönlichkeit eine andre Individualität
zugrunde liegen hat, einen andren unteilbaren
Welt-teil,
der ganz von selber also auch einen eigenen Standort der Weltbetrachtung bedeutet.
Das war in der antiken Tragödie anders;
hier waren nur die Handlungen verschieden, der Held aber war als tragischer Held immer
der gleiche, immer das gleiche trotzig
in sich vergrabene Selbst. Dem also notwendig beschränkten Bewußtsein des neueren
Helden läuft die Forderung, daß er überhaupt
wesentlich, nämlich wenn er mit sich allein ist, bewußt sei, zuwider. Bewußtsein will
immer klar sein; beschränktes Bewußtsein
ist unvollkommenes. So müßte er eigentlich ein vollkommenes Bewußtsein seiner selbst
und der Welt haben. Und so treibt die
neuere Tragödie nach einem Ziel, das der antiken ganz fremd ist, nach der Tragödie
des absoluten Menschen in seinem Verhältnis zum absoluten Gegenstand. Die philosophischen Tragödien, die Tragödien,
wo der Held gradezu
Philosoph ist – ein der Antike ganz abenteuerlicher Gedanke –, gelten uns übereinstimmend
als die Höhepunkte der modernen
Tragödie überhaupt: Hamlet, Wallenstein, Faust.
Aber selbst in ihnen empfinden wir noch nicht das Eigentliche erreicht. Es stört uns
noch, daß hier der
Held bloß – Philosoph ist, Mensch also, der zwar dem Absoluten
gegenübersteht, aber doch eigentlich nur gegenüber; der
absolute Mensch müßte im Absoluten leben. Und so werden nun auf diesen Ossa Faust
in immer neuen titanischen Entwürfen neue
Pelions gestülpt, um die Höhe der wahrhaft absoluten Tragödie zu erreichen. Jeder
Tragiker sucht einmal seinen Faust zu
schreiben; im Grunde versuchen sie alle, was einer der ersten versuchte: Faust durch
Don Juan zu ergänzen, die
Weltanschauungs- zur Lebenstragödie zu steigern. Das kaum gewußte Ziel dabei ist dies:
an Stelle der unübersehbaren Vielheit
der Charaktere den einen absoluten Charakter zu setzen, einen modernen Helden, der
ebenso ein einer und immergleicher ist wie
der antike. Dieser Konvergenzpunkt, in dem sich die Linien aller tragischen Charaktere
schneiden würden, dieser absolute
Mensch, der dem Absoluten nicht nur wissend gegenübersteht, sondern der es erlebt
hat und der aus diesem Erlebnis heraus nun
in ihm lebt, dieser Charakter, nach welchem die Fausttragödien nur langen, ohne ihn,
weil sie immer noch im begrenzten Leben
stecken bleiben, zu erreichen, ist kein andrer als der Heilige.
Die Heiligentragödie ist die geheime Sehnsucht des Tragikers, eine vielleicht unstillbare Sehnsucht, denn es könnte wohl sein, daß dieses Ziel in einer der Tragödie undurchmeßbaren Entfernung läge und diese Einheit des tragischen Charakters eine Tragödie, die nun einmal wesentlich Charaktertragödie ist, unmöglich machen würde, so daß also der Heilige zum Helden einer Tragödie nur werden könnte durch den ihm beigemischten Erdenrest der Unheiligkeit. Aber einerlei ob also dies Ziel für den tragischen Dichter noch ein erreichbares Ziel sei oder nicht, jedenfalls ist es, auch wenn für die Tragödie als Kunstwerk unerreichbar, für das moderne Bewußtsein das genaue Gegenstück zum Helden des antiken. Der Heilige ist der vollkommene, nämlich absolut im Absoluten lebende und also dem Höchsten erschlossene und zum Höchsten entschlossene Mensch, im Gegensatz zu dem in der einen immergleichen Finsternis des Selbst verschlossenen Helden. An die Stelle, die in der Vorwelt der Freiherr seines Selbst einnahm, tritt in der erneuten und allzeit sich erneuernden Welt der Knecht seines Gottes.
Diese Gestaltwerdung der gestaltlos in der göttlichen Liebe vergehenden geliebten
Seele aber setzt
voraus, daß zu ihrer bloßen Ausgebreitetheit vor Gott, in der sie zu verfließen droht,
etwas andres hinzutrete, was sie wieder
zusammenreißt. Und zwar muß es eine Kraft sein, die fähig ist, in jedem Augenblick
die ganze hingegebene Seele ganz zu
ergreifen; und in jedem Augenblick, so daß die Seele keinen Raum mehr hat, um zu vergehen
, keine Zeit mehr, um andächtig zu
schwärmen
. Eine neue Kraft also muß aus der Tiefe der Seele selber hervorsteigen, um ihr in
der Inbrunst des Heiligen ihre
Festigkeit und Gestalt zu geben, die sie in der mystischen Brunst einzubüßen drohte.
Solch Hervorsteigen aber geschieht nur,
indem der Zeiger der Weltuhr weiterrückt, wie vorhin bei der Gestaltwerdung Gottes
von der Schöpfung zur Offenbarung, so jetzt
bei der Gestaltwerdung der Seele von der Offenbarung zur Erlösung.
Wie also bricht nun die Pforte, die den Menschen, auch nachdem er den Ruf Gottes vernommen
und in seiner
Liebe selig worden ist, noch vor der Welt verschließt? Wir erinnern uns, daß in das
Selbst nicht bloß der Trotz, der dann als
Treue der geliebten Seele aus vorweltlichem Dunkel ans Licht der Welt trat, eingemündet
war, sondern noch ein andres. Dies
andre war im Gegensatz zu dem heißen kochenden Trotz ein ruhig stehendes Gewässer,
der seiende Charakter, die eigne Art des
Menschen. Indem der Trotz immer aufs Neue diese eigne Art behauptete, entstand das
starre, abgeschlossene Selbst. Dieser
Charakter war es, der, wie er nun einmal angelegt war und wie sich einmal die Elemente
in ihm gemischt hatten, den Helden für
das antike Gefühl zum tragischen Helden machte; denn nicht daß der Held überhaupt
in trotziger Wallung aufschäumte und seinen
Charakter festrammte, rechnete ihm das antike Bewußtsein als Schuld zu, sondern daß
der Charakter, den er festhielt, ungleich
gemischt war und keinen Einklang gab, so daß irgend ein einzelnes Element in ihm vorschlug und das
schöne Maß störte; nur dieser Anlagefehler war das Hamartema, das den tragischen Untergang
des Helden notwendig machte. An
sich ist eben, ein Selbst zu sein, Pflicht und Recht jedes Menschen, und tragisch
zu werden ist mehr ein in der einmal des
Menschen herrgewordenen Anlage bedingtes Unglück als sittliche Schuld, und daher fühlt
sich der Zuschauer zum tragischen
Mitleid hingerissen. Der Charakter also, der Daimon, von dem der Mensch besessen ist,
sucht sich nun seinen Weg ins Freie.
Wieder muß er sich innerlich verkehren, aus einem einfürallemal Bejahten
zum in allzeit neuer Selbstverneinung seines
Ursprungs, des verschlossenen Selbst, sich Hervorringenden werden. Was aber ist das
für ein Charakter, der jeden Augenblick
erlischt und jeden Augenblick wieder frisch hervorbricht? Wir hatten etwas ganz Ähnliches
schon im vorigen Buch bei dem sich
offenbarenden Gott gesehen. Hier war es das Wesen, das innergöttliche Schicksal gewesen,
das in jenem sich Offenbaren die
Gestalt einer jeden Augenblick erneuerten und doch immer schicksalhaft gewaltigen
Leidenschaft annahm. Diese göttliche Liebe,
sollten wir hier ihr menschliches Gegenstück gefunden haben?
Ja und nein! Nämlich allerdings kein Gegenstück. Gegenstück, ja mehr als Gegenstück,
unmittelbares
Gleichnis war die Liebe des menschlich-irdisch Liebenden dem göttlichen Lieben. Aber
was wir hier
fanden,
ähnelt dem göttlichen Lieben nur in seiner Augenblicksverhaftetheit, seiner immer
neuen Gegenwärtigkeit, also eigentlich nur
in dem, was schon bedingt war durch sein Hervortreten unter dem Zeichen des Nein.
Aber was das göttliche und das menschliche
Lieben darüber hinaus unmittelbar gleichmachte, die schicksalhafte Gewalt, mit der
es hervorbrach, das ist in dem Hervorbruch,
den wir jetzt betrachten, gar nicht wirksam. Kein Schicksal steht hinter ihm, sondern
ein Charakter. Kein wesenhaftes Muß
also, sondern ein gleichfalls wesenhaftes Dämonisches. Was war denn der Daimon, der
Charakter, im Unterschied von der
Persönlichkeit? Die Persönlichkeit war Geburtsanlage, der Charakter etwas, was plötzlich
über den Menschen herfiel, keine
Anlage also, sondern gegenüber der breiten Mannigfaltigkeit der Anlagen eine Scheidung,
besser: eine Richtung. Der Mensch, der
einmal von seinem Daimon besessen ist, hat für sein ganzes Leben Richtung
bekommen. In dieser ihn
einfürallemal richtenden Richtung ist sein Wille nun bestimmt zu laufen; indem er
Richtung erhalten hat, ist er in Wahrheit
schon gerichtet. Denn das, was im Menschen dem Gericht unterliegt, der wesenhafte
Wille, ist in seiner Richtung schon
einfürallemal festgelegt.
Festgelegt nämlich, wenn nicht das einzige geschieht, was dieses Einfürallemal wieder unterbrechen und das Gericht mitsamt der Richtung entkräften kann: die innere Umkehr. Und eben die geschieht dem Menschen, wie sie Gott und Welt geschieht, indem sie aus ihrer vor- und unterweltlichen Verschlossenheit ins Licht der Offenbarung steigen. Jetzt bleibt die Willensrichtung Willensrichtung; aber sie ist nun nicht mehr einfürallemal festgelegt, sondern in jedem Augenblick stirbt sie und wird erneut. Dieser allzeit erneuerungsfähige und wirklich sich erneuernde Wille, der aber nichts von kurzlebiger Willkür hat, sondern in jedem einzelnen seiner Akte die ganze Kraft des in ihm eingemündeten festgerichteten Charakters auswirkt, dieser Wille – wie sollen wir ihn nennen? Der schicksalhaften göttlichen Liebe, dem, daß Gott gar nicht anders kann als lieben, wenn auch mit einer Liebe, die als echte Liebe ganz in den Augenblick versenkt ist und weder von Vergangenheit noch von Zukunft unmittelbar etwas weiß, dieser göttlichen Liebe entspricht also jene Kraft, die wir aus dem Menschen hervorbrechen sahen, mit nichten. Denn sie kommt gar nicht wie mit schicksalhafter Übermacht über den Menschen, sondern scheint ihm in jedem Augenblick neu und in jedem Augenblick ganz und gar aus seinem eigenen Innern mit der ganzen Wucht des gerichteten Willens hervorzubrechen. Wie also sollen wir diese aus den Tiefen der eigenen Seele immer neu ins Außen brechende nicht schicksalhafte, sondern willensgetragene Kraft nennen?
Die Antwort kann nicht schwer fallen, wenn wir uns erinnern, daß diese Kraft die in
dem Gebot der Liebe
zu Gott geforderte Hingegebenheit ergänzen soll. Es kann nichts anderes sein als die
Liebe zum Nächsten. Die Liebe zum
Nächsten ist das, was jene bloße Hingegebenheit in jedem Augenblick überwindet und
dennoch stets voraussetzt. Denn ohne diese
Voraussetzung könnte sie nicht sein, was sie ihrem Wesen nach sein muß: notwendig,
trotzdem – ja trotzdem! – sie sich jeden
Augenblick erneuert. Sie wäre bloß Freiheit
; denn ihr Ursprung läge allein im Willen. Es ist ganz
richtig: er liegt allein im Willen; aber der Mensch kann sich in der Liebestat erst
äußern, nachdem er zuvor von Gott
wachgerufene Seele geworden ist. Nur die Gottgeliebtheit der Seele macht ihre Liebestat
zu mehr als einer bloßen Tat, nämlich
zur Erfüllung eines – Liebesgebots.
Hier kommen wir auf die anfangs angeregte Frage zurück. Indem die Liebe zum Menschen
von Gott geboten
wird, wird sie, weil Liebe nicht geboten werden kann außer von dem Liebenden selber,
unmittelbar auf die Liebe zu Gott
zurückgeführt. Die Liebe zu Gott soll sich äußern in der Liebe zum Nächsten. Deshalb
kann die Nächstenliebe geboten werden und
muß geboten werden. Nur durch die Form des Gebots wird hinter ihrem Ursprung, den
sie im Geheimnis des gerichteten Willens
nahm, die Voraussetzung des Gottgeliebtseins sichtbar, durch die sie sich von allen
moralischen Taten unterscheidet. Die
moralischen Gesetze wollen in der Freiheit nicht bloß wurzeln – das will auch die
Liebe zum Nächsten –, sondern keine andre
Voraussetzung anerkennen als die Freiheit. Das ist die berühmte Forderung der Autonomie
. Die natürliche Folge dieser
Forderung ist, daß die Gesetze, die diese Tat bestimmen sollen, allen Inhalt verlieren;
denn jeder Inhalt würde eine Macht
ausüben, durch welche die Autonomie gestört würde; man kann nicht etwas
wollen und trotzdem nur überhaupt
wollen; und die
Forderung der Autonomie fordert, daß der Mensch nur schlechthin, nur überhaupt will.
Und weil so das Gesetz zu keinem Inhalt
kommt, so kommt infolgedessen auch die einzelne Tat zu keiner Sicherheit. Im Moralischen
ist alles ungewiß, alles kann
schließlich moralisch sein, aber nichts ist mit Gewißheit moralisch. Im Gegensatz
zum notwendigerweise rein formalen und daher
inhaltlich nicht bloß zwei-, nein unbegrenzt vieldeutigen moralischen Gesetz braucht
das inhaltlich klare und eindeutige Gebot
der Nächstenliebe, die aus der gerichteten Freiheit des Charakters entspringt, eine
Voraussetzung jenseits der Freiheit: fac
quod jubes et jube quod vis – dem daß Gott befiehlt, was er will
, muß, weil der Inhalt des Befehls hier der ist, zu lieben,
das göttliche schon Getansein
dessen, was er befiehlt, vorangehen. Die gottgeliebte Seele allein kann das Gebot
der
Nächstenliebe zur Erfüllung empfangen. Gott muß sich erst zum Menschen gekehrt haben, ehe der Mensch
sich zu Gottes Willen bekehren kann.
Diese Erfüllung von Gottes Gebot in der Welt ist ja nun nicht ein einzelner Akt, sondern
eine ganze
Reihe von Akten; die Liebe des Nächsten bricht immer neu hervor; sie ist ein Immer
wieder von vorn beginnen; sie läßt sich
durch keine Enttäuschungen
beirren; ja im Gegenteil: sie bedarf der Enttäuschungen, damit sie nicht einrostet,
nicht zur
schematischen organisierten Tat erstarre, sondern immer frisch hervorquelle. Sie darf
keine Vergangenheit haben und in sich
selbst auch keinen Willen zu einer Zukunft, keinen Zweck
; sie muß ganz in den Augenblick verlorene Tat der Liebe sein. Dazu
hilft ihr allein die Enttäuschung, die sie vor der natürlichen Erwartung eines Erfolgs,
der nach Analogie vergangener Erfolge
erwartet werden kann, immer wieder
ent-täuscht.
Die Enttäuschung erhält die Liebe bei Kräften. Wäre es anders, wäre die Tat die Ausgeburt
einer einmal vorhandenen
Willensrichtung, aus der heraus sie nun mit klarem Ziel sich frei in dem unbegrenzten
Stoff der Wirklichkeit erginge, träte
sie also hervor als unendliche Bejahung, so wäre sie nicht Liebestat, sondern Zwecktat,
und ihr Verhältnis zu ihrem Ursprung
in der Willensrichtung des Charakters wäre nicht das augenblickhaft frische Hervortreten,
sondern einfürallemal beschlossener
und entschlossener Gehorsam. Mit andern Worten: sie wäre nicht die Liebestat des Glaubens,
sondern – der Weg Allahs.
Der Begriff des Wegs Allahs ist ganz etwas andres als Gottes Wege. Gottes Wege sind ein Walten göttlichen Ratschlusses hoch über dem menschlichen Geschehen. Das Wandeln auf dem Weg Allahs aber bedeutet im engsten Sinne die Ausbreitung des Islam durch den Glaubenskrieg. In dem gehorsamen Beschreiten dieses Wegs, dem Aufsichnehmen der damit verbundenen Gefahren, dem Befolgen der dafür vorgeschriebenen Gesetze findet die Frömmigkeit des Moslim ihren Weg in die Welt. Der Weg Allahs ist nicht erhaben über den Weg des Menschen, soweit der Himmel über der Erde ist, sondern der Weg Allahs bedeutet unmittelbar den Weg seiner Gläubigen.
Es ist ein Weg des Gehorsams. Das unterscheidet ihn, mehr als sein Inhalt, von der
Liebe des Nächsten.
Der Glaubenskrieg kann und soll durchaus human
geführt werden; die Vorschriften Muhameds sowie
das, was sich auf Grund dieser Vorschriften an Kriegs- und Eroberungsrecht ausgebildet
hat, übertreffen in dieser Hinsicht bei
weitem den zeitgenössischen, auch den christlichen Kriegsbrauch; Toleranz
hat der Islam in gewisser Beziehung gefordert und
geübt, längst ehe das christliche Europa diesen Begriff entdeckte. Und andrerseits
konnte die Nächstenliebe, nicht in
Ausartungen, sondern in legitimer Entwicklung, zu Folgen führen, die in ihre oberflächliche
Auffassung ganz und gar nicht
hineinpassen wollen, wie Glaubenskrieg und Ketzergericht. Im Inhalt liegt also der
Unterschied nicht. Er liegt einzig in der
inneren Form, die auf dem Weg Allahs der Gehorsam des Willens gegen die einfürallemal
gegründete Vorschrift ist, in der Liebe
des Nächsten das immer neue Zerbrechen der Dauerform des Charakters durch das immer
überraschende Hervorbrechen der Liebestat.
Worin diese Tat im einzelnen bestehe, das läßt sich eben deshalb nicht im voraus sagen;
sie muß überraschend sein; wäre sie im
voraus anzugeben, so wäre sie nicht Liebestat.
Der Islam hat solch ein genaues positives Bild vor Augen, wie die Welt durch das Beschreiten
des Wegs
Allahs umgeformt werden soll; eben darin erweist sich seine Welttat als reiner Gehorsam
gegen ein einfürallemal dem Willen
auferlegtes Gesetz. Die Gebote Gottes, soweit sie zur zweiten Tafel
gehören, welche die Liebe des Nächsten spezifiziert,
stehen durchweg in der Form des Du sollst nicht
. Nur als Verbote, nur in der Absteckung von Grenzen dessen, was keinesfalls
mit der Liebe zum Nächsten vereinbar ist, können sie Gesetzeskleid anziehen; ihr Positives,
ihr Du sollst
geht einzig in die
Form des einen und allgemeinen Gebots der Liebe ein. Die ins Gewand positiver Gesetze
gekleideten Gebote sind überwiegend
Gesetze des Kults, der Gebärdensprache der Liebe zu Gott, Ausführungen also der ersten Tafel
. Die Welttat also, und grade
die höchste Tat am meisten, ist ganz freie unberechenbare Liebe, im Islam hingegen
Gehorsam gegen das einmal erlassene Gesetz.
Wie denn auch das islamische Recht überall auf unmittelbare Aussprüche des Stifters
zurückzugehn sucht und so gradezu eine
streng historische Methode ausbildet, während sowohl das talmudische wie das kanonische
Recht nicht auf dem Wege historischer
Feststellung, sondern auf dem logischer Ableitung seine Sätze zu gewinnen sucht. Die Ableitung macht
eben das Gegenwärtige mächtig über das Vergangene; denn sie wird unbewußt bestimmt
von dem Punkt aus, nach dem hin die
Ableitung geschieht, und das ist die Gegenwart, während die Feststellung umgekehrt
die Gegenwart abhängig macht vom
Vergangenen. So ist selbst in dieser scheinbar reinen Rechtswelt noch der Unterschied
von Liebesgebot und Gesetzesgehorsam
erkennbar.
Indem aber die Welttat im Islam Ausübung des Gehorsams ist, wird nun sein Menschbegriff
erst ganz
deutlich. Die Voraussetzung der gehorsamen Welttat ist hier der Islam
, das immer neue, immer gewaltsam-schwere Sichergeben
der Seele in Gottes Willen. Hier, in diesem Sichergeben, das eine, ja das die einzige
Tat der Freiheit ist, die der Islam
kennt, weshalb er mit Recht von dieser Tat seinen Namen nimmt, liegt zwar nicht der
Ursprung der Welttat – der liegt auch hier
im Charakter, in dem zum Gehorsam entschlossenen Charakter. Nicht der Ursprung der
Welttat liegt hier, aber ihre
Voraussetzung. Die Verhältnisse also zu Gott und zur Welt, aus denen sich das Gesamtbild
des Menschen ergibt, haben im Islam
genau die umgekehrten Vorzeichen wie im wahren Glauben; und so ist auch jenes Ergebnis
entgegengesetzt. Im Islam folgt der
freien, immer wieder neu zu erkämpfenden Hingabe der Seele an Gott der schlichte Gehorsam
der Tat in der Welt. Im Kreis der
Offenbarung folgt dem einfürallemal geschehenen demütig-stolzen Eingegangensein der
Seele in den Frieden der göttlichen Liebe
die immer plötzliche, immer überraschende freie Tat der Liebe. So steht an Stelle
des Heiligen und der paradoxen, alle
Erwartung trügenden und übertreffenden, aller Nachahmung spottenden Form seiner Frömmigkeit
das schlicht vorbildliche Leben
des Frommen im Islam. Jede Heiligengestalt hat ihre ganz eigenen Züge: zur Heiligengestalt
gehört die Heiligenlegende. Vom
Heiligen im Islam erzählt man nichts; man ehrt sein Andenken, aber dies Andenken ist
inhaltlos, es ist nur das Andenken einer
Frömmigkeit überhaupt. Und wieder findet diese auf dem Grunde einer freien, mühsam
immer neu gewonnenen Selbstverleugnung
schlicht gehorsame Frömmigkeit merkwürdigerweise ihre genaue Entsprechung in der Weltfrömmigkeit
des freien Sicheinfügens in
das allgemeine Gesetz, wie sie die neuere Zeit etwa in der Ethik Kants und seiner Nachfolger sowie
überhaupt im allgemeinen Bewußtsein gegenüber dem unheimlich unberechenbaren Überschwang
des Heiligen für sich auszubilden
gesucht hat.
Auf die Welt also ist die Tat gerichtet; die Welt ist der andre Pol, nach welchem
die Nächstenliebe
hinstrebt. So wie in dem Gedanken, daß Gott schafft oder daß er sich offenbart, schon
der Hinweis auf etwas
andres
liegt, das er schafft, dem er sich offenbart, so hier der Hinweis auf ein Etwas, das
der Mensch liebt. Dieses Etwas wird im
Gebot bezeichnet als der Nächste, und zwar bedeutet das Wort sowohl in der heiligen
Sprache wie im Griechischen den jeweils,
den grade in dem Augenblick des Liebens Nächsten, der, einerlei was er vor diesem
Augenblick der Liebe war und nachher sein
wird, jedenfalls in diesem Augenblick mir nur der Nächste ist. Der Nächste ist also
nur Repräsentant; er wird nicht um seiner
selbst willen geliebt, nicht seiner schönen Augen wegen, sondern nur weil er grade
da steht, weil er grade mein Nächster ist.
An seiner Stelle – eben an dieser mir nächsten Stelle – könnte ebensogut ein andrer
stehen; der Nächste ist der Andre, der
plesios
der Septuaginta, der homerische plesios allos
. Der Nächste ist also wie gesagt nur Platzhalter; die Liebe geht,
indem sie vertretungsweise auf den ihr in dem flüchtigen Augenblick ihrer Gegenwärtigkeit
jeweils Nächsten geht, in Wahrheit
auf den Inbegriff Aller – Menschen und Dinge –, die ihr jemals diesen Platz des ihr
Nächsten einnehmen könnten, sie geht
letzthin auf alles, auf die Welt. Wie, das lassen wir hier noch außer Betracht. Wir
wenden uns lieber vorerst zu jenem andern
Pol, eben zur Welt.
Hier stellt sich uns nun eine höchst auffallende Schwierigkeit in den Weg, eine Schwierigkeit,
deren
Lösung jedoch ein Licht über den ganzen bisher zurückgelegten Weg werfen wird. Während
nämlich sowohl bei Gott wie beim
Menschen das Hervortreten des Ja
dem Hervortreten des Nein
weltzeitlich voranging, Gott also zuerst
schuf und dann
sich offenbarte, der Mensch zuerst
die Offenbarung empfing und alsdann
sich zur Welttat anschickte, jedesmal also das
einfürallemal Geschehene dem augenblickshaft Geschehenden voranging, liegt dies Zeitverhältnis
für die Welt umgekehrt. Die
Welt macht sich zuerst, nämlich in der Schöpfung, zu dem jeden Augenblick im Ganzen Erneuerten; sie
macht sich selbst zur Kreatur
, den Schöpfer zur Vorsehung. So bleibt ihr für die Erlösung – denn die Offenbarung
geschieht
unmittelbar nicht ihr, sondern ist ein Ereignis zwischen Gott und Mensch nur das Ja
. Was bei Gott und beim Menschen
voranging, die breite Erstellung des eigenen Seins, das dann durch die eigne Tat nur
noch innerlich zusammengefaßt und zur
Gestalt geeinigt wurde, das muß bei der Welt erst folgen. Die selbstverleugnende Tat,
in der sich ihre Augenblicklichkeit, ihr
Ganzsein in jedem Augenblick, offenbart, ist hier das erste; die Ganzheit ihres Seins
aber in der vollen Länge der erfüllten
Zeit muß erst noch entstehen. Paradox gesprochen: ihrem in der Schöpfung geschehenen
Sich-selbst-offenbaren
als Kreatur kann
erst in der Erlösung ihr Geschaffen
-sein sich unterbauen. Oder vielleicht deutlicher: während bei Gott und Mensch das
Wesen
älter ist als das Erscheinen, ist die Welt als Erscheinung geschaffen, längst ehe
sie zu ihrem Wesen erlöst wird.
Der Grund dieser Sonderstellung der Welt liegt nun in dem, was wir schon beim Übergang
vom ersten zum
zweiten Teil ausführten: der Mensch wie Gott sind schon, die Welt wird. Die Welt ist
noch nicht fertig. Es ist noch Lachen und
Weinen in ihr. Noch ist die Träne nicht weggewischt von jeglichem Angesicht. Dieser
Zustand des Werdens, der Unfertigkeit,
läßt sich nun nur fassen durch eine Umdrehung des objektiven Zeitverhältnisses. Während
nämlich das Vergangene, das schon
Fertige daliegt von seinem Anfang bis zu seinem Ende und daher
er-zählt
werden kann – und alles Zählen hebt vom Anfang der Reihe an –, ist das Zukünftige
als das was es ist, nämlich als Zukünftiges,
nur zu
fassen
durch das Mittel der Vorwegnahme. Wollte man auch das Zukünftige
er-zählen,
so würde man es unabwendbar zum starren Vergangenen machen. Das Zukünftige will vorausgesagt
werden. Die Zukunft wird erlebt
nur in der Erwartung. Das Letzte muß hier in Gedanken das Erste sein. So muß in der
Welt als dem noch Werdenden die natürliche
Reihenfolge der Selbstgestaltung, der Weg von innen nach außen, vom Wesen zur Erscheinung,
von der Schöpfung zur Offenbarung,
sich umdrehen; die Gestaltung muß hier bei der sich selbst verleugnenden Erscheinung
anheben und beim schlicht und ganz
bejahten Wesen enden. Das Werden der Welt ist nicht wie Gottes und der Seele Werden ein Werden von
innen nach außen, sondern die Welt ist von Anfang an ganz Selbstoffenbarung und doch
noch ganz unwesenhaft; wie ihr Gerüste,
die Natur
, ist sie ganz am lichten Tag und doch geheimnisvoll am lichten Tag – geheimnisvoll,
weil sie sich offenbart ehe
ihr Wesen da ist. So ist sie jeden Zoll ein Kommendes, nein: ein Kommen. Sie ist das
was kommen soll. Sie ist das Reich.
Im Reich erst wäre die Welt so sichtbare Gestalt, wie es die plastische Welt, der
Kosmos, des Heidentums
gewesen war. Es ist der gleiche Gegensatz wie wir ihn für Gott im mythischen und offenbaren
Gott, für den Menschen im Helden
und Heiligen erkannten. Denn auch die Kreatur ist mitnichten schon Gestalt, die dem
Kosmos Widerpart halten könnte. Es geht
der bloßen Kreatur ähnlich, wenn auch nicht ganz gleich, wie zuvor der gottgeliebten
Seele, dem schöpfungsmächtigen Gott: sie
ist in Gefahr, zu vergehen. Freilich, ihrem besonderen Vorzeichen Nein gemäß, in anderer
Richtung
als jene beiden. Denn während etwa die Schöpfermacht sich hinter der Schöpfung, nach
dem Wort des großen Schillerschen
Freidenkers, bescheiden
wieder zu verbergen drohte und während die Inbrunst der gottgeliebten Seele immer
in Versuchung war,
sich wieder hochmütig in sich zu verschließen, ist die Kreatur nicht etwa davon bedroht,
wieder in jene verlassene
vorweltliche Welt zurückzusinken. Jener plastische Kosmos erscheint, von der in den
Augenblick ihres Daseins geballten
Abhängigkeit der Kreatur her rückwärts gesehen, als ein ungeheuer Starres, in sich
Ruhendes, Unbedürftiges. Nicht verborgen
wie Gott von der Schöpfung her, nicht verschlossen wie der Mensch von der Offenbarung
her rückwarts gesehn, ist dieser Kosmos;
er ist weder unsichtbar wie der verborgene Gott, noch unnahbar wie der verschlossene
Mensch, aber er ist ungreifbar: er ist
eine verzauberte Welt.
Vor dem war jene Welt in sich durchaus be-greifbar gewesen; das war, solange alles Leben in ihr enthalten war; nun hat ein neues Leben begonnen; sie ist in vor- und unterweltlichen Schatten zurückgetreten und scheint, so begreifbar sie vorher war, nun sich jedem Zugriff und Begriff von dem neuen Leben aus zu entziehen. Das antike Weltbild selbst war ja gar nicht magisch gewesen, sondern durchaus selbstverständlich; denn man war in dieser Welt heimisch, und nur in ihr, und fühlte sich also durchaus heimelig. Aber nachdem man nun in die Welt der Offenbarung eingetreten war, wurde dies gleiche zuvor heimelige Bild der alten Welt, dieser platonisch-aristotelische Kosmos, plötzlich eine unheimelige, unheimliche Welt. Der plastische Kosmos erschien nun denen, die nicht mehr in ihm lebten, als eine zauberische, eine verzauberte Welt; gleich wie auch der mythische Gott erst von dem Offenbarungsbegriff der Schöpfung her gesehen ein verborgener Gott, der tragische Mensch erst von der Offenbarung her gesehen der verschlossene Mensch geworden war. In dieser verzauberten Welt nun – vorher, solange sie noch selbstverständlicher Kosmos war, nicht – ist erst die Magie wirklich Zauber geworden.
Magie und Astrologie waren der Antike Künste, die ihr so wenig unheimlich waren wie
der heutigen Welt die
Künste der Technik. Sie wurden es erst, als jenem antiken Weltbegriff ein andrer entgegenzutreten
begann und man in diesem
neuen Begriff lebte und doch gleichzeitig noch die Elemente einer untergegangenen
Welt – denn das war sie nun – am Leben zu
erhalten suchte. Erst der Begriff der Welt als Kreatur hat jene Künste in das fahle
Licht der Sünde gerückt. Denn Gottes
Vorsehung allerdings duldete keine magisch gewaltsamen Eingriffe, keine künstlich
mittelbare Erforschung. Indem nun die neue
Weltwissenschaft sich seit dem siebzehnten Jahrhundert von dem antiken Weltbild abzuwenden
begann, verschwand zwar die
verzauberte Welt mehr und mehr aus dem Gesichtskreis; aber da man nun die Welt einseitig
als Dasein und nur als Dasein, als
momenthaftes, durch den ganzen Raum hindurch in der korrelativierenden Formel zusammengefaßtes
Dasein faßte – denn Korrelation
ist die eigentlich weltanschauungsbegründende Kategorie der neuen Wissenschaft; Substanz
und Kausalität sind nur
Hilfskategorien zur Verarbeitung des Stoffes –, rückte man nun den bloßen Gedanken
der Kreatur an Stelle des runden
gestaltenreichen Kosmos. Und dieser Gedanke des Daseins schloß zwar einen Rückfall
in die Vorstellung der verzauberten Welt
aus, aber er gab der Welt entfernt nicht den Halt, die Eigenständigkeit, wie sie der
antike Kosmos besaß. Das Dasein war so
sehr entzaubert, daß es stets drohte in bloße Vorstellung zu vergehen. Die Entzauberung
ist hier eine ähnliche Gefahr, wie für
Gott das sich wieder Verbergen, für den Menschen das sich wieder Verschließen. Daß es Ent-, nicht
Ver-zauberung
ist, hängt damit zusammen, daß die Kreatur unterm Zeichen des Nein, der Schöpfer wie
die geliebte Seele sich unterm Zeichen
des Ja offenbart. Kreatur allein ist also recht eigentlich das arme Geschöpf
, das, sowie es sich, wie es das als Natur und
überhaupt im Weltbegriff der modernen Wissenschaft tut, aus dem starken Schutz der
göttlichen Vorsehung herauswagt, stets,
weil in sich selbst wesenlos und also bestandlos, ins Nichts wegsinkt. Damit sie Gestalt
werde, Reich und nicht bloß
augenblicksgebunden erscheinendes Dasein, muß sie Wesen kriegen, zu ihrer Augenblicklichkeit
Dauerhaftigkeit, zu ihrem Dasein
– ja was wohl?
In den plastischen Kosmos der Vorwelt waren geistiges Sein und Fülle der Erscheinung, letzthin Gattung und Individuum eingemündet. Sie traten, wie wir zuvor aus dem hier herrschenden Begriff der Zukunft erklärten, in der umgekehrten Reihenfolge hervor, in der es nach dem Vorgang von Gott und Mensch erwartet werden mußte, nämlich in der gleichen Reihenfolge ihres Einmündens, die also grade eine Verkehrung bedeutet. In der Kreatur war die Gattung, das Allgemeine also, herausgetreten, aber unter dem Zeichen des Nein, also in steter Selbstverneinung von Augenblick zu Augenblick: jeder Augenblick enthält den ganzen Reichtum der Kreatur, aber nur für diesen Augenblick. Die Welt hat Da-sein; da wo sie ist, ist sie, aber nirgends anders. Nun muß jenes andre hervortreten, die Fülle, das Individuum; und wenn es als Augenblickhaftes in der ungeheuren Überraschung der Geburt in die plastische Welt eingetreten war, so muß es nun als Dauerndes, Beständiges wieder hervortreten. Was also ist das? eine Fülle, die dauerhaft ist, eine Individualität, die in sich etwas hat, was nicht vergeht, sondern, einmal da, bestehen bleibt? Gibt es in der Welt Individualität, die es nicht bloß ist in der Abgrenzung gegen andre Individualität und also schon deswegen grundsätzlich vergänglich ist, weil sie den Grund ihrer Gestalt nicht in sich hat, sondern außer sich, oder mit anderen Worten: weil sie sich nicht selber begrenzt? Gibt es Individualität, die sich selber begrenzt, ihre Größe und Gestalt aus sich selber bestimmt und von andern nur gehemmt, nicht bestimmt werden kann? Es gibt solche Individualität inmitten der Welt, verstreut und nicht überall und streng abzusondern, aber es gibt sie, und ihre ersten Anfänge sind so alt wie die Schöpfung selbst, – ihr Name ist: Leben.
Das organische Leben in der Natur ist dies irgendwie von uran vorhandene, jedenfalls
aus dem bloßen
Dasein, der bloßen – idealistisch gesprochen – Gegenständlichkeit der Welt Unableitbare.
Es ist nur das sichtbare Zeichen
eines Begriffs von Leben, der seinen Machtbereich weit über die Grenzen der organischen
Natur hinausdehnt. Nicht bloß
Lebewesen, sondern auch Institutionen, Gemeinschaften, Gefühle, Dinge, Werke – alles,
ja wirklich Alles kann lebendig sein.
Was bedeutet denn nun dies Lebendigsein im Gegensatz zum bloßen Dasein? Wirklich nur
das, was wir eben schon sagten: die
selbsteigene, von innen heraus sich bildende und daher notwendig dauerhafte Gestalt.
Tier und Pflanze und so auch jeder
Organismus
im weiteren übertragenen Sinn sind nicht bloßes Produkt und bloßer Schnittpunkt von
Kräften, sondern, einmal
vorhanden, ein Etwas, das sich gegen alle Kräfte in seiner Gestalt zu behaupten sucht.
Leben leistet
Widerstand;
es widersteht, nämlich dem Tode. Das unterscheidet es vom bloßen Dasein, das bloß
Gegenstand ist, bloß gegenübersteht, nämlich
dem Erkennen. Da sieht man schon, was das Leben noch zum Dasein hinzubringt. Es stützt
die kreatürliche Schwäche des an sich
so reichen, so allumfassenden Daseins durch in sich feste, unverrückbare, gestaltete
Wesen; gegen die Erscheinungen
des
Daseins sind die Lebewesen wirklich Wesen
. Während Erkenntnis des Daseins Erkenntnis seiner Veränderungen ist, wäre
Erkenntnis des Lebens Erkenntnis seiner Erhaltung.
Indem aber das Leben seine Dauer durch Widerstehen erhält, zeigt sich nun doch, daß es nicht ganz dem entspricht, was wir hier suchen. Wir suchten ja nicht dauernde Punkte, Brennpunkte gewissermaßen des Lebens in einer übrigens unlebendigen Welt, sondern wir suchten die Dauerhaftigkeit der Welt selber, wir suchten eine unendliche Dauer, die sich dem stets augenblicklichen Dasein unterstellen, ihm zugrunde liegen könnte, eine Substanz also der Welt unter den Erscheinungen ihres Daseins. Wir suchten ein frei stehendes Unendliches, wir fanden allerlei Endliches, unbestimmt vieles; wir fanden ein Endliches, das gradezu seinem Wesen nach Endliches war; denn es erhielt seine Dauer im Widerstand gegen andres.
Wie löst sich dieser Widerspruch? Wieder wie schon alles, was uns bisher hier abweichend
erschien von dem
zuvor Behandelten, durch den einfachen Gedanken, daß das, was wir hier suchen, nicht
ein schon Vorhandenes ist, sondern etwas,
das erst kommt. Wir suchen ein unendliches Leben, wir finden ein endliches. Das endliche,
das wir finden, ist also bloß das
Nochnichtunendliche. Die Welt muß ganz lebendig werden. Statt bloß einzelner Brennpunkte
von Leben wie Rosinen in einem Kuchen
muß die Welt ganz lebendig werden. Das Dasein muß an allen seinen Punkten lebendig
sein. Daß es das noch nicht ist, bedeutet
eben wieder weiter nichts, als daß die Welt noch nicht fertig ist. Und daß diese Unfertigkeit
uns erst hier auffällt und nicht
schon im Begriff des Daseins, liegt daran, daß das Dasein stets nur augenblicklich
ist und also jenseits der Frage fertig
oder unfertig
; denn der Augenblick kennt nur sich selbst; sowie aber die Suche nach dem Dauernden,
dem Einfürallemal,
angestellt wird, das jenem Dasein erst Grund und Halt gibt, zeigt sichs, daß das Gesuchte
– noch nicht da ist, genauer: da ist
als ein noch nicht Daseiendes. Leben und Dasein decken einander – noch nicht.
Die Fülle der Erscheinung, die in den Kosmos hineinprasselte, der unaussprechliche
Reichtum der
Individualität ist es, was sich im Lebendigen zu einem Dauernden, Gestalteten, Festen
macht. Während jene Fülle unter dem
Zeichen des Nein entsprang, also vergänglich an sich war, verlangt das Lebendige,
wie es nun unterm Zeichen der Bejahung
hervortrat, nach Ewigkeit. Es will in seiner Gestalt beharren. Ohne jene bestürzende
Fülle des Kosmos nicht die gegründete
Tiefe des lebendigen Reichtums. Wäre diese Fülle nur starres Gegebenes
, wie es der Idealismus will, so wäre sie nicht der
vorweltliche Boden, auf dem die Lebendigkeit des Reichs wachsen könnte; denn alles
Hervortreten ins Offenbare muß innere
Umkehr sein; aus Starrem könnte also nur Bewegliches, immer sich Verwandelndes wachsen.
Nur aus der stets erneuten Fülle
wächst die ruhig dauernde, ihre Gestalt aus Vergangenheit in Zukunft überliefernde
Lebendigkeit. Nicht die Erzeugung eines
toten Seins aus allgemeinem, denkmäßigem Gesetz, nur der plastische Kosmos in seiner
ganz bunten Tatsächlichkeit kann sich zum
Reich verkehren. Wie der charaktervolle Trotz des Helden allein die Wurzel war, aus
der die Treue des gotthingegebenen und weltzugewandten Heiligen aufschießen konnte, und der lebendige
Gott des Mythos allein der Boden für
den liebenden Gott der Offenbarung, so konnte nur im Weltreich des Kaisers Augustus,
dieser politischen Verwirklichung des
plastischen Weltbildes des Heidentums, das Heraustreten des Reichs Gottes in die Welt
beginnen.
Zur Lebendigkeit bestimmt ist die Welt schon von Anfang. Wie zum Wahrzeichen dieser Bestimmung verliert sich der Anfang des Organischen im Grau der Vergangenheit und ist selbst auf dem Wege des Schließens nicht zu fassen. Aber was so von uran lebendig ist, sind eben nur Zentren des Lebens. Die Lebendigkeit muß also zunehmen, mit innerer Notwendigkeit muß sie es; auch dieses Muß ist von uran. Zwar nicht fertig ist die Welt im Anfang geschaffen, aber mit der Bestimmung, fertig werden zu sollen. Die Zukunft ihres Fertigwerdens ist mit ihr zugleich geschaffen als Zukunft. Oder, um von dem Anteil der Welt allein zu sprechen, auf den das Fertigwerden gelegt ist – denn das Dasein hat sich nur allzeit zu erneuern, nicht fertig zu werden –: das Reich, die Verlebendigung des Daseins, kommt von Anfang an, es ist immer im Kommen. So ist sein Wachstum notwendig. Es ist immer zukünftig – aber zukünftig ist es immer. Es ist immer ebenso schon da wie zukünftig. Es ist einfürallemal noch nicht da. Es kommt ewig. Ewigkeit ist nicht eine sehr lange Zeit, sondern ein Morgen, das ebensogut Heute sein könnte. Ewigkeit ist eine Zukunft, die, ohne aufzuhören Zukunft zu sein, dennoch gegenwärtig ist. Ewigkeit ist ein Heute, das aber sich bewußt ist, mehr als Heute zu sein. Und wenn also das Reich ewig kommt, so bedeutet das, daß zwar sein Wachsen notwendig ist, aber daß das Zeitmaß dieses Wachstums nicht bestimmt ist, ja genauer: daß das Wachstum gar kein Verhältnis zur Zeit hat. Ein Dasein, das einmal ins Reich eingegangen ist, kann nicht wieder herausfallen, es ist unter das Einfürallemal getreten, es ist ewig geworden.
Hier aber zeigt es sich, daß das notwendige Wachsen des Reichs doch nicht einfach einerlei ist mit dem Wachstum des Lebens. Denn das Leben will zwar dauern, aber es kämpft einen Kampf mit unsicherem Ausgang; es ist zwar keine Notwendigkeit, daß alles Leben sterben muß, aber doch eine vielumfassende Erfahrung. So ist das Reich, obwohl es sein Wachstum auf das Wachstum des Lebens baut, doch noch auf etwas andres angewiesen, das dem Leben erst die Unsterblichkeit sichert, die es für sich selber sucht und die das Reich für es verlangen muß. Erst indem Leben unsterblich wird, ist es ein sicherer Bürge des Reichs. Die Welt also verlangt, um offenbare Gestalt zu werden, noch zu ihrem eigenen inneren Wachstum, dem prekären, weil nie seiner Dauer gewissen, Wachstum des Lebens, eine Wirkung aus einem Außen hinzu. Diese Wirkung durchwirkt ihre Lebendigkeit in der Tat der Erlösung. Wie, das werden wir sehen.
Hier werfen wir zuvor noch einen letzten vergleichenden Blick auf den Islam. Wieder wird uns dadurch der Begriff des Lebens, wie er dem Gedanken des Reichs zugrundeliegt, noch klarer werden. Der Islam macht gleichfalls die Welt in ihrer Individualität zum Gegenstand der Erlösung. Der Weg Allahs führt den Gläubigen in die wirklichen Völker der wirklichen Epochen hinein. Wie werden nun hier diese Völker und Epochen gedacht? Im Reich treten sie hervor in einem ständigen, dennoch unberechenbaren Wachstum an Leben; es ist nicht mit Bestimmtheit zu sagen, daß ein Volk, eine Epoche, ein Ereignis, ein Mensch, ein Werk, eine Institution wirklich zu unsterblichem Leben kommt; niemand weiß das; aber einen Zuwachs an Leben, wenn auch nicht ewigem Leben, bedeutet selbst die am Ende doch wieder versinkende Gestalt. Denn in der Erinnerung bleibt auch sie und in Wirkungen, die schließlich doch wieder irgendwann einmal und irgendwo ins Reich eingehen.
Im Islam hingegen steht alle weltliche Individualität noch unter ihrem
vor-weltlichen
Zeichen, dem Nein. Sie ist immer neu, kein allmählich Wachsendes. Hier ist wirklich
jedes Zeitalter unmittelbar zu Gott und
nicht bloß jedes Zeitalter, sondern überhaupt alles Individuelle. So ist auf dem Boden
des Islam seit der Antike wieder das
erste wirkliche geschichtliche Interesse im modernen Sinn, ein recht eigentlich wissenschaftliches
Interesse ohne
geschichtsphilosophischen
Hintergrund, aufgekommen. Während in der christlichen Welt das Interesse an jenem
Hintergrund
vorwaltete und der Wunsch, das Walten Gottes in der Geschichte am Wachstum seines
Reichs menschlichen Augen sichtbar zu
machen, die Geschichtsdarstellung bestimmte und trotz aller Enttäuschungen durch den Gang der
Ereignisse, der immer wieder lehrt, daß Gottes Wege unerforschlich sind, dennoch immer
wieder bestimmt und bestimmen wird.
Jenem mit innerer Notwendigkeit geschehenden Wachstum des Reichs gegenüber bildet
der Islam eine höchst bezeichnende Lehre
aus, die Lehre von den Imamen. Jedes Zeitalter, jedes Jahrhundert
seit Muhamed hat seinen Imam
, seinen geistlichen
Vorsteher; der wird den Glauben seines Zeitalters auf den rechten Weg leiten. Die
Zeitalter untereinander werden also dabei in
gar keine Beziehung gesetzt: es ist kein Wachstum von einem zum andern, kein Geist
, der durch sie alle hindurchgeht und sie
zur Einheit verbindet, und außer dem Rückgriff auf die noch vom Propheten selbst herrührende
Erblehre bleibt, wo sie die
Zeitbedürfnisse im Stich läßt, diesen nur die Zuflucht zum Consensus der lebenden
Gesamtheit – Idschma
–; meine Gemeinde
wird nie in einem Irrtum übereinstimmen
, soll Muhamed verheißen haben. Diese Übereinstimmung ist also wieder etwas rein
Gegenwärtiges, gar nicht zu vergleichen oder vielmehr genau entgegengesetzt dem Gedanken
der unfehlbaren Kirche, die unfehlbar
nur ist als lebendige Hüterin der Erblehre, ebenso entgegengesetzt dem rabbinischen
Begriff der mündlichen Lehre, der dem
gegenwärtigen, rein logisch ermittelten Entscheid einen unmittelbaren Ursprung in
der Sinaioffenbarung selber zuschreibt. Aber
deutlich ist hier wie bei der Imamlehre die auffallende Analogie zur spezifisch modernen
Auffassung des Fortschritts
in
der Geschichte und der Stellung des großen Manns
darin.
Das Wesentliche dieser Analogie ist nun, daß gegenüber dem notwendigen und dennoch,
durch das Mitwirken
jenes erwähnten andern
, unberechenbaren Wachstum des Reichs hier der Gedanke der Zukunft in der Wurzel vergiftet
ist. Denn
zur Zukunft gehört vor allem das Vorwegnehmen, dies, daß das Ende jeden Augenblick
erwartet werden muß. Erst dadurch wird sie
zur Zeit der Ewigkeit. Denn wie sich ja die Zeiten überhaupt in ihrem Verhältnis zur
Gegenwart gegeneinander unterscheiden, so
erhält erst hier der gegenwärtige Augenblick, der von der Vergangenheit das Geschenk
des Immerwährenden, der Dauer, von der
Gegenwart selbst das Sein in jeder Zeit empfangen hatte, die Gabe der Ewigkeit. Daß
jeder Augenblick der letzte sein kann,
macht ihn ewig. Und eben daß jeder Augenblick der letzte sein kann, macht ihn zum Ursprung
der
Zukunft als einer Reihe, von der jedes Glied durch das erste vorweggenommen wird.
Dieser Gedanke der Zukunft nun, dies daß das Reich mitten unter euch
ist, daß es heute
kommt, diese
Verewigung des Augenblicks erlischt in dem islamischen wie im modernen Begriff der
Zeitalter. Hier bilden die Zeiten zwar eine
unendliche Reihe, aber unendlich ist nicht ewig, unendlich ist nur immerzu
. Im islamischen Zeitbegriff, wie er in der
Imamlehre und im Idschmabegriff verborgen ist, wird die Folge der Zeiten in die unendliche
Gleichgültigkeit einer Abfolge
auseinandergezogen, so daß, wenngleich jedes einzelne Glied ganz augenblicklich ist,
ihre Summe, wenn man sie bildet, eher
einer Vergangenheit als einer Zukunft gliche. Daß jedes Zeitalter gleich unmittelbar
zu Gott sei, ist ja eben auch der echte
Gedanke des reinen, zum bloßen Werkzeug der Erkenntnis des Gewesenen ausgelöschten
Historikers. Und im Gedanken des
Fortschritts scheint zwar zunächst wenigstens der Zusammenhang, das Wachstum, die
Notwendigkeit genau wie im Gedanken des
Reichs Gottes lebendig zu sein. Aber alsbald verrät er sein Inneres durch den Begriff
der Unendlichkeit; wenn von ewigem
Fortschritt auch geredet wird – in Wahrheit ist immer nur unendlicher
Fortschritt gemeint, ein Fortschritt, der so immer
weiter fort schreitet und wo jeder Augenblick die verbürgte Gewißheit hat, noch an
die Reihe zu kommen, also seines
Daseinwerdens so sicher sein darf wie ein vergangener seines Schondaseins. Gegen nichts
sträubt sich also dieser echte
Fortschrittsgedanke so wie gegen die Möglichkeit, daß das ideale Ziel
vielleicht schon im nächsten, ja in diesem Augenblick
erreicht werden könnte und müßte. Es ist gradezu das Schiboleth, an dem man den Gläubigen
des Reichs, der nur um die
Zeitsprache zu sprechen das Wort Fortschritt gebraucht und in Wahrheit das Reich meint,
von dem echten Fortschrittsanbeter
unterscheiden kann: ob er sich gegen die Aussicht und Pflicht der Vorwegnahme des
Zieles
im nächsten Augenblick nicht zur
Wehr setzt. Ohne diese Vorwegnahme und den inneren Zwang dazu, ohne das Herbeiführenwollen des Messias vor seiner Zeit
und
die Versuchung, das Himmelreich zu vergewaltigen
, ist die Zukunft keine Zukunft, sondern nur eine in unendliche Länge
hingezogene, nach vorwärts projizierte Vergangenheit. Denn ohne solche Vorwegnahme ist der
Augenblick nicht ewig, sondern ein sich immerwährend Weiterschleppendes auf der langen
Heerstraße der Zeit.
Von zwei Seiten also wird an das verschlossene Tor der Zukunft gepocht. In dunklem, aller Rechnung entzogenem Wachstum drängt das Leben der Welt heran; in heißem Herzensüberfluß sucht die sich heiligende Seele den Weg zum Nächsten. Beide, Welt wie Seele, pochen an das verschlossene Tor, jene wachsend, diese wirkend. Auch alles Wirken geht ja in die Zukunft, und der Nächste, den die Seele sucht, ist ihr immer bevor-stehend und wird nur in dem grade augenblicklich vor ihr stehenden vorweggenommen. Wachsen wie Wirken werden durch solche Vorwegnahme ewig. Was aber ists, was sie vorwegnehmen? Nichts andres als einander. Das in Tat und Bewußtsein ganz dem augenblicklich Nächsten zugewandte Wirken der Seele nimmt bei diesem Wirken doch im Wollen alle Welt vorweg. Und das Wachsen des Reichs in der Welt, wenn es hoffend das Ende schon für den nächsten Augenblick vorwegnimmt – auf was wohl wartet es für diesen nächsten Augenblick, wenn nicht auf die Tat der Liebe? Dies Warten der Welt ist ja selbst ein Erzwingen jener Tat. Würde das Reich nur mit stummem, stumpfem, treibendem Triebe wachsen und so ins Unendliche der Zeit immer fort, immer fortschreitend, ein Ende vor sich nur in der Unendlichkeit, so wäre die Tat gelähmt, und weil ihr das Fernste unendlich fern wäre, so wäre ihr auch das Nächste und der Nächste unerreichbar. So aber, wo das Reich in der Welt mit unberechenbarem Schritte fortschreitet und jeder Augenblick bereit sein muß, die Fülle der Ewigkeit aufzunehmen, ist das Fernste das in jedem nächsten Augenblick Erwartete, und so wird das Nächste, das ja nur der Platzhalter des Fernsten, des Höchsten, des Ganzen ist, in jedem Augenblick greifbar.
So wirken Mensch und Welt hier in unauflösbarer Wechselwirkung aufeinander und miteinander.
Das ist ja
das in allem Handeln Unlösbare: daß die Freiheit gebunden ist an den Gegenstand ihrer
Tat, daß das Gute nur möglich wäre in
einer Welt, die schon gut ist, daß der Einzelne nicht gut sein kann, ohne daß Alle
gut sind – und daß doch andrerseits es in
der Welt, nach dem großen Wort der preußischen Königin, nur gut werden kann durch die Guten. Es ist
unlösbar; denn Mensch und Welt sind nicht von einander zu lösen. Das Wirken entbindet
die Tat aus dem Menschen, aber bindet
die entbundene auch wieder hinein in die Welt. Und das Warten entbindet das Reich
aus der Welt; denn wartete sie nicht, so
schritte sie fort
ins Unendliche und das Reich käme nimmer; aber dies Warten bindet auch wieder das
Entbundene an das Wirken
des Menschen. Aus dieser wechselweisen Bindung können sie also selber sich nicht lösen;
denn indem sie sich selber entbinden,
binden sie sich nur fester in- und aneinander. Sie können sich selber nicht von einander
lösen, sie können nur miteinander –
er-löst
werden, erlöst von einem dritten, der eines am andern, eines durch das andere erlöst.
Zu Mensch und Welt gibt es nur Einen
Dritten, nur Einer kann ihnen Erlöser werden.
Solch Miteinander gibt es nur hier. Von Gott zur Welt, von Gott zum Menschen – das war jedesmal ein Gang in eindeutiger Richtung. Gott mußte sie schaffen, damit die Welt als entzauberte Kreatur sich unter die Fittiche seiner Vorsehung schmiegen konnte. Gott mußte ihn beim Namen rufen, damit der Mensch als erschlossene Seele den Mund auftat. Hier allein sind die beiden Pole von vornherein aufeinander verwiesen, und alles, was zwischen ihnen vorgeht, geht gleichzeitig in beiden vor. Die Entdeckung des Dings geschah in der Reihe der Worte vom Stammwort der Dinghaftigkeit bis hin zum vollendeten Ding. Die Erweckung der Seele geschah in der Wechselrede, die anhub beim erwachenden Stamm-Ich ihres Erweckers. Aber die Erlösung der Seele an den Dingen, der Dinge durch die Seele geschieht im gleichatmenden Zwiegesang der beiden, im Satz, der aus den Stimmen der beiden Worte zusammenklingt. In der Erlösung schließt das große Und den Bogen des All.
Aus dem Und bricht also kein Stammwort hervor, sowie es selber schon für sich kein
Urwort war, sondern
schon selber nur die Brücke der beiden Urworte, das Und zwischen Ja und Nein. Das
vor-sprachliche
Und offenbart sich nicht in einem Stammwort, sondern im Stammsatz, also in einem Satz
aus den zwei Stammworten. Das Und ist,
wie wir uns wohl noch aus der Rolle entsinnen, die es bei den drei Elementen der Vorwelt jeweils
spielte, nicht ursprünglich. Es entsteht kein
Etwas in
ihm, es ist nicht wie Ja und Nein unmittelbar zum Nichts, sondern es ist das Zeichen
des Prozesses, der zwischen den im Ja und
Nein Entstandenen die fertige Gestalt wachsen läßt. Es ist also etwas ganz andres
als die idealistische Synthesis
; diese
ist, wie man in ihrem historischen Ursprung bei Kant am besten beobachten kann, wirklich
schöpferische Synthesis an einem bloß
gegebenen
toten Material
; so wird sie im Verlauf der idealistischen Bewegung schließlich zur Wiederherstellerin
der
Thesis, also zum eigentlich schöpferischen Prinzip der Dialektik; die Antithesis wird
zur bloßen Vermittlung zwischen der
Erstellung und der Wiederherstellung der Thesis, und in diesem ständigen Wiederfinden
der Thesis vollzieht sich der Gang des
Wissens zu immer tieferem Erkennen – eine unendliche Ausführung und zugleich absolut
idealistische Wendung des platonischen
Grundgedankens vom Erkennen als einem Wiedererkennen, der bei seinem Urheber noch
durchaus unidealistisch gemeint war als ein
denkmäßiges Nachschaffen des ungeschaffenen Seins. Diese Auffassung der Synthesis
schließt also ganz wesentlich eine
Mediatisierung der Antithesis ein; die Antithesis wird nur zum Übergang von der Thesis
zur Synthesis, sie ist selbst nicht
ursprünglich. Das Verhältnis wird sofort anschaulich, wenn man etwa an Hegels Auffassung
des Trinitätsdogmas denkt, wo ihm das
Wesentliche ist, Gott als Geist zu erkennen, und der Gottmensch nur das Wie dieser
Gleichung zwischen Gott und Geist bedeutet.
Oder auch an dem obersten Dreitakt seiner Enzyklopädie, wo die Natur nur Brücke ist
zwischen Logik und Geist und aller
Nachdruck auf der Verkoppelung dieser beiden liegt.
Wie nun bei uns die dem Ja allermindestens gleichwertige Ursprünglichkeit des Nein,
die der Schöpfung
gleichwertige Tatsächlichkeit
der Offenbarung, gradezu die Grundkonzeption ist, so muß demnach auch unsre Synthesis,
das
Und, eine ganz andre Bedeutung kriegen; sie darf, eben weil Thesis und Antithesis
beide an sich schöpferisch
sein sollen,
selber nicht schöpferisch sein; sie darf nur das Ergebnis ziehen; sie ist wirklich
nur das Und, nur der Schlußstein des
übrigens auf eigenen Pfeilern errichteten Gewölbes. Sie kann so auch nicht wieder
zur Thesis werden, der Schlußstein kann sich nicht, wie er das bei Hegel muß, wieder in einen Grundstein
verwandeln, es kommt zu keinem
dialektischen Prozeß, sondern soweit diese einmalige Reihe der Zeiten des Welttags
kategoriale Bedeutung annimmt, gelten diese
Kategorien nur für Kategorien im alten Sinn, Maßstäbe, an denen eine Wirklichkeit
gemessen und gegliedert wird, nicht innere
Kraft, mit der sie sich selber bewegt. Im strengen und unmittelbaren Sinn gibt es
nur die eine gar nicht
allgemeinbegriffliche, sondern ganz einmalige und besondere Reihe Schöpfung-Offenbarung-Erlösung.
Das Ende ist wirklich Ende
und hat als solches keine ausgezeichnete Beziehung zu einem der beiden Hervorgänge
im Anfang, sondern höchstens zum Anfang
selber; die Erlösung steht zur Schöpfung nicht intimer als zur Offenbarung und zur
Offenbarung nicht intimer als zur
Schöpfung; nur zu dem, von dem Schöpfung wie Offenbarung ausgehen, hat sie ein engeres
Verhältnis: zu Gott. Gott ist der
Erlöser in viel stärkerem Sinn als er Schöpfer und Offenbarer ist. Denn in der Schöpfung
macht er sich zwar zum Schöpfer, aber
schafft das Geschöpf, und in der Offenbarung macht er sich zwar zum Offenbarer, aber
offenbart sich der Seele, in der Erlösung
hingegen ist er nicht bloß Erlöser, sondern, indem das Werk der Schöpfung und die
Tat der Offenbarung gewissermaßen hinter ihm
liegen und nun selbständig und als ob er nicht da wäre aufeinander wirken, erlöst
er, wie wir noch sehen werden, letzthin –
sich selbst.
Doch wir greifen vor. Hier halten wir erst bei der Entstehung der Gestalt, die das
unterweltliche Und
beim Eintritt in die Oberwelt der Sprache annimmt, beim Stammsatz. Er soll die Stammworte
der Schöpfung und der Offenbarung
zusammenschließen, jenes Nichts-als-Prädikat, das Gut!
, mit jenem Nichts-als-Subjekt, dem göttlichen Ich. Und da es ein Satz
werden muß, der von beiden Seiten gleichzeitig – wirklich zweistimmig – gesprochen
werden muß, so kann jenes Ich nicht Ich
bleiben; Mensch und Welt müssen es gleichen Atems singen können; an Stelle des göttlichen
Ichs, das nur Gott selber sprechen
konnte, muß der göttliche Name treten, den auch Mensch und Welt im Herzen tragen können,
und von ihm muß es heißen: er ist
gut.
Dies ist der Stammsatz der Erlösung, das Dach über dem Hause der Sprache, der an sich
wahre Satz, der
Satz, der wahr bleibt, einerlei wie er gemeint ist und aus welchem Munde er kommt.
Daß zwei mal zwei vier ist, kann unwahr
werden, etwa wenn man es einem Papagei gelehrt hat und der es nun spricht
; denn was ist dem Papageien die Mathematik? Aber
der Satz, daß Gott gut ist, kann selbst in diesem skurrilsten aller möglichen Fälle
seines Lautwerdens keine Unwahrheit
werden; denn auch den Papageien hat Gott geschaffen, und auch auf ihn geht schließlich
seine Liebe. An
diesen
Satz müssen alle andern Sprachformen anzuknüpfen sein. Und zwar, während dem Stammwort
der Schöpfung die Formen folgen in der
Reihe einer sachlichen Entwicklung wie die einzelnen Sätze einer Geschichte und während
das Stammwort der Offenbarung ein
Wechselgespräch eröffnet, müssen hier die Sprachformen alle den Sinn des einen Satzes
tragen und erläutern. Es müssen lauter
Formen sein, die den Zusammenhang der beiden Satzteile deuten und kräftiger schließen.
Durch jede Form muß der Grundbaß des
Satzes durchtönen und die Formen selber müssen in steter Steigerung den Satz immer
hymnischer heben. Statt als Erzählung, die
vom Erzähler zur Sache strebt, statt als Zwiegespräch, das zwischen zweien hin und
her geht, tritt die Grammatik diesmal auf
als strophisch sich steigernder Gesang. Und Urgesang, der stets
Gesang von
mehreren ist; der Einzelne singt nicht; erst wenn das Lied als Lied der Vielen entstanden
ist, füllt es nachträglich die
unsanglichen Formen der Erzählung und des Wechselliedes an und wird zur Ballade des
Sängers am Königshofe und zum Lied der
Liebe. Aber ursprünglich ist der Gesang vielstimmig gleichen Tons und Atems, und über
allem Inhalt des Gesanges steht die Form
dieser Gemeinsamkeit. Ja der Inhalt ist selbst weiter gar nichts als die Begründung
für diese seine Form. Man singt nicht
gemeinsam um eines bestimmten Inhalts willen, sondern man sucht sich einen gemeinsamen
Inhalt, damit man gemeinsam singen
kann. Der Stammsatz, wenn er Inhalt gemeinsamen Gesanges sein soll, kann nur als eine
Begründung solcher Gemeinsamkeit
auftreten; das er ist gut
muß erscheinen als ein denn er ist gut
.
Was ist nun das erste, was also begründet wird? Es kann nur die Gemeinsamkeit des
Gesanges sein, und
diese Gemeinsamkeit nicht als die vollendete Tatsache, nicht als ein Indikativ, sondern erst als
eine grade eben begründete Tatsache. So muß die Stiftung der Gemeinsamkeit dem Inhalt
des Gesanges vorangehn, als eine
Aufforderung also zum gemeinsamen Singen, Danken, Bekennen, daß Er gut ist
, oder vielmehr, wie man in Anbetracht dessen, daß
dies Singen, Danken, Bekennen selber die Hauptsache ist und das Besungene, Verdankte,
Bekannte nur Begründung dafür, richtig
übersetzt: eine Aufforderung zum Singen, Danken, Bekennen weil Er gut ist
. Und diese Aufforderung wiederum darf kein
Imperativ sein, keine Aufforderung des Auffordernden an einen Aufgeforderten, der
der Aufforderung nachzukommen hätte, sondern
die Aufforderung muß selbst unter dem Zeichen der Gemeinsamkeit stehen, der Auffordernde
muß zugleich selber Aufgeforderter
sein, sich selber mit auffordern: die Aufforderung muß im Kohortativ stehen, einerlei
ob dieser Unterschied vom Imperativ
äußerlich erkennbar ist oder nicht; auch die scheinbare Aufforderung, das Danket
, darf nur den Sinn eines Laßt uns danken
haben; der Auffordernde dankt selber mit, ja er fordert nur auf, um selber mit danken
zu können; der Auffordernde, indem er
seine Seele und was in ihm ist, aufruft zu loben, ruft unmittelbar zugleich damit
alle Welt auf, Meere und Flüsse und alle
Heiden und die welche Gott fürchten: Lobet den Herrn! Schon was in ihm ist, gilt ihm
ja, weil es ist
, für ein Äußeres, das er
erst aufrufen muß, und hinwiederum ist das Entfernteste, alle Welt, ihm kein Äußeres,
sondern ein brüderlich mit ihm
Einstimmendes in Lob und Dank.
Lob und Dank, die Stimme der zum Einklang mit aller Welt erlösten Seele und der zu
Mitsinn und Mitsang
mit der Seele erlösten Welt – wie kann die Doppelstimme zur einen zusammenklingen?
Wie konnten sich die Getrennten finden,
außer in der Einheit dessen, vor dem sie singen, den sie loben, dem sie danken? Was
verbindet die eine Stimme des
Auffordernden mit aller Welt? Er ist verschieden von aller Welt, zweierlei Subjekte,
zweierlei Nominative; und auch was er hat
und sieht, ist verschieden von dem, was alle Welt hat und sieht, zweierlei Objekte,
zweierlei Akkusative. Nur der, dem er
dankt, der nicht Objekt für ihn ist und also an ihn gebunden, sondern ein ihm und
allem, was für ihn Objekt werden kann,
Jenseitiges
, nur das ist der gleiche, dem alle Welt dankt; im gegen alles jenseitigen Dativ finden
sich die Stimmen der diesseits getrennten Herzen. Der Dativ ist das Bindende, Zusammenfassende;
wem
etwas
gegeben wird, wie hier der Dank, der wird dadurch nicht Eigentum dessen, was ihm gegeben
wird; er bleibt jenseits des Gebers,
und weil er jenseits des einzelnen Gebers bleibt, so kann er der Punkt sein, wo alle
Geber sich vereinigen können; der Dativ
als dies wahrhaft Bindende kann das wahrhaft Lösende für alles unwahrhaft, alles unwesentlich
Gebundene sein, das
Er-lösende,
– Gott sei Dank.
Im Dativ vereinigt sich aller Dank; der Dank dankt für die Gabe; indem Gott Dank gezollt wird, bekennt man ihn als den Geber und erkennt ihn als den Erfüller des Gebets. Das Gebet des Einzelnen, das Stoßgebet, war das Höchste, wozu sich der Einzelne als Einzelner aufschwingen konnte; aber die Erfüllung lag jenseits; nur insofern sie in der Seele des Einzelnen geschah, war das Gebet, als Betenkönnen, schon selber seine eigene Erfüllung. Aber das Reich, nach dessen Kommen alles Gebet, auch das Stoßgebet des Einzelnen, unbewußt schreit, die sichtbare Darstellung des bloß im Allerheiligsten der Seele Erlebten, kommt nicht in der Offenbarung, und so bleibt das Gebet ein Seufzer in Nacht. Jetzt ist die Erfüllung unmittelbar da; in der im Dank geschehenen Vereinigung der Seele mit aller Welt ist das Reich Gottes, das ja eben nichts ist als die wechselweise Vereinigung der Seele mit aller Welt, gekommen und alles jemals mögliche Gebet erfüllt. Der Dank für die Erfüllung jeglichen Gebets geht allem Gebet, das nicht Stoßgebet aus der zweieinsamen Nähe der Seele zu Gott ist, voraus; die allgemeinsame Anerkennung der väterlichen Güte Gottes ist der Grund, auf dem sich alles gemeinsame Beten erhebt. Von diesem gemeinsamen Gebet gilt also, daß es erfüllt ist, nicht wie das Stoßgebet aus der einsamen Tiefe der Not, indem es sich hervorringt, indem die Seele beten kann; sondern es ist erfüllt, ehe es gebetet wird; seine Erfüllung wird in Dank und Lob vorweggenommen; der gemeinsame Dank ist schon die Erfüllung alles dessen, worum gemeinsam gebetet werden kann, und das Kommen dessen, um wessentwillen allein alle einzelnen Bitten mit der zwingenden Macht der Gemeinsamkeit sich vor das Angesicht Gottes wagen dürfen: nämlich des Reichs. Das gemeinsame Bekenntnis und Lob muß allem gemeinsamen Beten vorangehen als seine Erfüllung.
Aber freilich diese Erfüllung geht nur voran, sie ist nur vorweggenommen. Wäre es möglich, nur um das Kommen des Reichs und um weiter nichts zu beten, so wäre diese im Dank vorweggenommene Erfüllung nicht vorweggenommen, sondern dann wäre Preis und Dank nicht bloß das erste Gefühl, sondern das einzige; denn dann – wäre das Reich schon da; die Bitte um sein Kommen brauchte nicht gebetet zu werden, das Gebet wäre zu Ende mit seinem ersten Wort, dem Lob. Aber so ist es nicht; es ist noch nicht möglich, der Gemeinschaft und dem Menschen in der Gemeinschaft noch nicht möglich, nur um das Kommen des Reichs zu beten; dies Gebet ist noch verdunkelt und verwirrt von mancherlei andern Bitten, um Vergebung der Sünde, um das Reifen der Erdfrucht, kurz um alles das, was die Rabbinen sehr tief als Bedürfnisse des Einsamen bezeichnen. Ja es sind Bedürfnisse des Einsamen. Wäre der Einzelne schon wirklich vereinigt mit aller Welt, wie er es in Preis und Dank vorwegnimmt, so würden all diese Bedürfnisse von ihm abgefallen sein. Sie sind das Zeichen, daß er das Er-löstsein von den Banden des Bedürfnisses in der allgemeinen Ver-bindung seiner Seele mit aller Welt in Preis und Dank nur vorwegnimmt und daß also die Erlösung ganz und gar ein noch Kommendes, Zukunft ist.
Die Zukunft also hat hier die Bedeutung, die für die Offenbarung die Gegenwart, für
die Schöpfung die
Vergangenheit hat. Aber während die Gegenwart für die Offenbarung ein Grundbegriff
ist und also ganz zu Beginn der
Wechselrede
erschien, und die Vergangenheit für die Schöpfung der abschließende Begriff war und
also das Ziel der ganzen
Erzählung
, taucht die Zukunft für die Erlösung nur so mitteninne und fast nebenbei auf. Es
ist eben für die Zukunft
entscheidend, daß sie vorweggenommen werden kann und muß. Diese Vorwegnahme, dies
Heute, diese Ewigkeit des Danks für Gottes
Liebe – denn sie währet ewiglich
–, Ewigkeit, wie wir es erklärten, nicht sehr lange
, sondern heute schon
: das ist der
eigentliche melodische Inhalt der Strophe des gemeinsamen Gesangs, in der die Zukunft
nur wie eine regelmäßig die Melodie
umspielende Begleitfigur auftrat.
Wenn nun ein Nochnicht über aller erlösenden Vereinigung geschrieben steht, so kann das nur dazu führen, daß für das Ende zunächst der grade gegenwärtige Augenblick, für das Allgemeine und Höchste zu-nächst das jeweils Nächste eintritt. Das Band der vollendeten und er-lösenden Verbindung von Mensch und Welt ist zunächst der Nächste und immer wieder nur der Nächste, das zu-nächst Nächste. In den Gesang Aller fügt sich hier also eine Strophe, die nur von zwei einzelnen Stimmen gesungen wird, – von meiner und meines Nächsten. Statt des Plural, der die Dinge als einzelne Vertreter ihrer Art enthält, und statt des Singular, in welchem die Seele ihre Geburt erlebt, herrscht also hier der Dual, jene Form, die in den Sprachen nicht von Dauer ist, sondern im Laufe der Entwicklung vom Plural aufgesogen wird; denn freilich haftet sie nirgends fest außer höchstens an den wenigen Dingen, die an sich paarweise auftreten; sonst gleitet sie von einem Träger zum andern, nächsten weiter, von einem Nächsten zum nächsten Nächsten, und hat keine Ruhe, ehe sie nicht den ganzen Kreis der Schöpfung ausschritt. Aber nur scheinbar gibt sie so ihre Herrschaft an den Plural ab; in Wahrheit hinterläßt sie bei dieser Wanderung überall ihre Spuren, indem sie in dem Plural der Dinge allenthalben das Zeichen der Singularität setzt; wo einmal der Dual gehaftet hat, wo einer oder etwas zum Nächsten einer Seele geworden ist, da ist ein Stück Welt geworden, was er vorher nicht war: Seele.
Aber welche Reihenfolge in dieser Weltwanderung eingehalten wird, das ist ganz unbestimmt. Immer antwortet dem Weckruf die nächste Stimme; welche das ist, das steht nicht in der Wahl des Weckers; er sieht immer nur das Nächste, nur den Nächsten. Ja eigentlich sieht er kaum den Nächsten; er fühlt nur in sich den überquellenden Drang zur Liebestat; welches und ein wie beeigenschaftetes Etwas aus der Fülle des Etwas sich ihm bieten mag, das ist ihm gleichgültig; genug, er weiß, daß jedes Etwas ihm in seiner Eigenschaftlichkeit und Eigenartigkeit durch die Kraft seiner ihm selber entquellenden Tat zum Einzigartigen, Subjektiven, Substantivischen werden wird. Das Verbum erst, indem es als selber unbestimmte Kopula den Satz zusammenbindet, gibt der adjektivischen Allgemeinheit des Prädikats substantivische Festigkeit und Einzigartigkeit und macht das Substantiv zum Subjekt. Wie es denn auch, wenn es als Tatwort selber inhaltliche Bestimmung angenommen hat, immer noch wahllos vom Subjekt aus auf jedes ihm vorgelegte Objekt sich richtet, aber gleichwohl in dieser Wahllosigkeit das Objekt aus seiner passivischen Starrheit zur Bewegung, das Subjekt aus seiner Insichverschlossenheit zur Tat erlöst.
Unbestimmtheit also ist das Zeichen, unter dem die Tat der Liebe sich ihren Gegenstand
zum Nächsten
schafft. In der Schöpfung wurde das Bestimmte auf dem Hintergrunde seines Unbestimmten
im Zusammenwirken der beiden Artikel
geschaffen; in der Offenbarung wird das ganz und nur Bestimmte, der Eigenname des
Einzelnen, der einzig in seiner Art, in
seiner eigenen und nur ihm eigenen Art ist, angerufen. Jetzt erscheint das Unbestimmte,
das Irgendeiner, als solches, ohne
sich wie in der Schöpfung auf ein ihm zugeordnetes Bestimmtes, sein Besonderes, zu
beziehen. Dennoch gilt auch für es eine
Beziehung auf ein Bestimmtes. Aber dies Bestimmte ist ihm nicht unter-, sondern übergeordnet.
Das vollkommen Unbestimmte des
Irgendeiner
bezieht sich auf ein ebenso vollkommen Bestimmtes, wie es selbst vollkommen Unbestimmtes
ist. Vollkommen
bestimmt aber ist nichts Einzelnes, sondern nur das Ganze alles Bestimmten, das All.
Aus diesem Zusammengehören des
Irgendeiner
und des Alle Welt
, wie es durch die Liebe zum Nächsten
getätigt wird, entspringt für die Welt der Erlösung
eine Tatsächlichkeit, die durchaus der im Zusammenwirken des beschränkt Allgemeinen
und beschränkt für die Schöpfung bewirkten
Wirklichkeit entspricht. Die absolute Tatsächlichkeit, die für die Welt der Erlösung
daraus hervorwächst, daß hier jeder grade
mir Nächste mir vollgültig alle Welt vertritt, gerinnt nun in der Schlußstrophe des
Gesanges, in sich die zu Anfang einzeln
wechselseitig jede die andern zum Danken auffordernden Stimmen zum mächtigen Unisono
des einigen.
Das Wir ist stets Wir alle
. Jedenfalls: Wir alle, die wir hier beisammen sind
. Das Wort Wir ist ja
daher nicht ohne Gebärde zu verstehen. Wenn einer Er sagt, so weiß ich, daß einer
gemeint ist, und das gleiche weiß ich auch
im Dunkeln, wenn ich eine Stimme Ich oder Du sagen höre. Aber wenn einer Wir sagt,
so weiß ich, auch wenn ich ihn sehe, nicht,
wen er meint, ob sich und mich, sich und mich und irgendwelche andern, sich und irgendwelche
andere ohne mich, schließlich
welche andern. An sich bezieht das Wir stets den allerweitesten noch denkbaren Kreis ein und erst
die sprechende Gebärde oder der Zusatz – wir Deutsche, wir Philologen – schränkt diesen
größten Kreis von Fall zu Fall auf
einen kleineren Ausschnitt ein. Wir ist kein Plural; der Plural entsteht in der dritten
Person des Singular, die nicht
zufällig die Geschlechtergliederung zeigt; in den Geschlechtern wird ja in mythischer
Vereinfachung die erste begriffliche
Ordnung in die Welt der Dinge gebracht und dadurch die Mehrheit als solche sichtbar
gemacht. Das Wir hingegen ist die aus dem
Dual entwickelte Allheit, die – anders als die nur erweiterbare Singularität des Ichs
und seines Gefährten, des Du, – nicht zu
erweitern, nur zu verengern ist. Im Wir also hebt die Schlußstrophe des Gesangs der
Erlösung an; im Kohortativ hatte er mit
dem Aufruf der Einzelnen, die aus dem Chor hervortraten, und den Responsen des Chors
darauf begonnen; im Dual ging es in einem
zweistimmigen Fugato, an dem sich immer neue Instrumente beteiligten, fort; im Wir
endlich sammelt sich alles zum choralmäßig
gleichen Takt des vielstimmigen Schlußgesangs. Alle Stimmen sind hier selbständig
geworden, jede singt die Worte nach der
eigenen Weise ihrer Seele, doch alle Weisen fügen sich dem gleichen Rhythmus und binden
sich zur einen Harmonie.
Doch immer noch sind es Worte, ist es Wort, auf was sich die Stimmen der beseelten Welt einen. Das Wort, das sie singen, ist Wir. Als Gesang wäre es ein letztes, ein voller Schlußakkord. Aber als Wort kann es so wenig wie irgend ein Wort letztes sein. Das Wort ist nie letztes, ist nie bloß Gesprochenes, sondern immer ist es auch Sprechendes. Das ist ja das eigentliche Geheimnis der Sprache, dieses ihr eigenes Leben: das Wort spricht. Und so spricht aus dem gesungenen Wir das gesprochene Wort und spricht: Ihr. Das Wir umfaßt alles, was es ergreifen und erreichen, ja noch was es sichten kann. Aber was es nicht mehr erreichen und auch nicht mehr sichten kann, das muß es um seiner eigenen Geschlossenheit und Einigkeit willen aus seinem hellen, tönenden Kreise hinaus ins kalte Grauen des Nichts stoßen, indem es zu ihm spricht: Ihr.
Ja, das Ihr ist grauenhaft. Es ist das Gericht. Das Wir kann nicht vermeiden, dies Gericht zu halten; denn nur in diesem Gericht gibt es der Allheit seines Wir bestimmten Inhalt, der doch kein besonderer Inhalt ist, ihm nichts von seiner Allheit nimmt; denn das Gericht sondert ihm gegenüber keinen besonderen Inhalt ab, – keinen andern Inhalt als das Nichts; so daß das Wir alles, was nicht Nichts ist, zum Inhalt gewinnt, alles Wirkliche, alles – Tatsächliche. So muß das Wir Ihr sagen, und je stärker es anschwillt, um so stärker dröhnt aus seinem Munde auch das Ihr. Das Wir muß es sagen, obwohl es doch nur vorwegnehmend es sagen kann, und letzte Bestätigung aus anderm, letztem Munde erwarten muß. Das ist die entscheidende Vorwegnahme, dieses scheidende Gericht, worin das kommende Reich als kommendes wirklich und dadurch die Ewigkeit Tatsache ist. Der Heilige des Herrn muß das Gericht Gottes vorwegnehmen; er muß seine Feinde für die Feinde Gottes erkennen. Es ist furchtbar für ihn selbst; denn indem er es tut, unterstellt er sich selbst dem Gericht Gottes: Herr, richte mich, sieh zu – du erforschest mich und kennest mich –, so prüfe mich und erfahre, wie ichs meine, und sieh, ob Falsch in meiner Seele sei.
Gott selbst muß das letzte Wort sprechen – es darf kein Wort mehr sein. Denn es muß Ende sein und nicht Vorwegnahme mehr. Und alles Wort wäre noch Vorwegnahme des nächsten Worts. Für Gott sind die Wir wie die Ihr – Sie. Aber er spricht kein Sie, sondern er vollbringts. Er tuts. Er ist der Erlöser. In seinem Sie sinken das Wir und das Ihr zurück in ein eines blendendes Licht. Aller Name schwindet. Das letzte, in aller Ewigkeit vorwegnehmende Gericht tilgt die Scheidung, nachdem und indem es sie bestätigt, und löscht die Feuer der Hölle. Im letzten Gericht, das Gott selber in seinem eignen Namen richtet, geht alles All ein in Seine Allheit, aller Name in Sein namenloses Eins. Die Erlösung läßt den Welttag jenseits der Schöpfung wie der Offenbarung enden in den gleichen mitternächtigen Glockenschlag, der ihn begonnen, – aber von dieser zweiten Mitternacht gilt, was geschrieben steht, daß die Nacht Licht ist bei Ihm. Der Welttag offenbart sich in seinem letzten Augenblick als das, was er in seinem ersten war: als Gottestag, als Tag des Herrn.
Die Erlösung hat also zu ihrem letzten Ergebnis etwas, was sie über den Vergleich mit Schöpfung und Offenbarung hinaushebt, nämlich Gott selbst. Er ist – wir sagten es schon – Erlöser in viel schwererem Sinn als er Schöpfer und Offenbarer ist; denn er ist es nicht bloß, der erlöst, sondern auch der erlöst wird. Gott erlöst in der Erlösung, der Welt durch den Menschen des Menschen an der Welt, sich selber. Mensch und Welt verschwinden in der Erlösung, Gott aber vollendet sich. Gott wird erst in der Erlösung das, was der Leichtsinn menschlichen Denkens von je überall gesucht, überall behauptet und doch nirgends gefunden hat, weil es eben noch nirgends zu finden war, denn es war noch nicht: All und Eines. Das All der Philosophen, das wir bewußt zerstückelt hatten, hier in der blendenden Mitternachtssonne der vollendeten Erlösung ist es endlich, ja wahrhaft end-lich, zum Einen zusammengewachsen.
So wird es auch klar, daß das Reich Gottes und das Reich der Welt nicht (wie der Schöpfungsbegriff
des
Glaubens und der Erzeugungsbegriff des Idealismus) miteinander rivalisieren, obwohl
doch die Erlösung anders als die
Offenbarung, die nur dem Menschen wird, an der Welt geschieht gleich wie die Schöpfung.
Aber sie geschieht eben genau so gut
dem Menschen, und so ist das Reich durchaus kein bißchen mehr weltlich als menschlich,
nicht mehr äußerlich als innerlich; so
wird schon dadurch ein Vergleich zwischen beiden Reichen ausgeschlossen. Sie stehen
nie nebeneinander. Das Reich Gottes setzt
sich durch in der Welt, indem es die Welt durchsetzt. Von der Welt aus ist ohnehin,
wie zum Zeichen dieser Unvergleichbarkeit,
nur ein Teil des kommenden Gottesreichs überhaupt wahrnehmbar, nämlich nur der Mittelteil,
der Dual
der Nächstenliebe. Für
den Anfangsteil, das Danket
, ist der Welt das mithörende Ohr nicht geöffnet, für den Schluß, das Wir
, nicht das
vorschauende Auge. So sieht sie nur die Tat der Liebe und vergleicht sie ihrer eigenen
Tat. Und hier sieht und hört sie zwar,
aber mit blinden
Augen und
mit tauben Ohren. Denn was da geschieht, die Durchseelung des wachsenden Lebens der
Welt, das ist von der Welt her unsichtbar,
weil sie zwar, anders als beim Danket
und beim Wir
, hier wohl sieht, daß etwas geschieht, aber nicht was. So sieht sie nur
Anarchie, Unordnung, Störung ihres ruhig wachsenden Lebens. Denn um auch das Was zu sehen, müßte sie
den Ausgangspunkt dieses Geschehens der Beseelung erblicken können, die Seele des
Menschen. Und das kann sie nicht; denn der
Mensch, in welchem die Seele erwacht, gehört ihr nicht an, ehedenn sie selber beseelte
Welt wird – in der Erlösung.
Die Liebestat des Menschen ist ja nur scheinbar Tat. Es ist ihm von Gott nicht gesagt,
seinem Nächsten zu
tun, was er sich selbst getan haben möchte. Diese praktische Form des Gebots der Nächstenliebe
zum Gebrauch als Regel des
Handelns bezeichnet in Wahrheit nur die untere negative Grenze, die es im Handeln
zu überschreiten verbietet, und wird deshalb
auch besser schon äußerlich in negativer Form auszusprechen sein. Sondern der Mensch
soll seinen Nächsten lieben wie sich
selbst. Wie sich selbst. Dein Nächster ist wie du
. Der Mensch soll sich nicht verleugnen. Sein Selbst wird eben hier im
Gebot der Nächstenliebe erst endgültig an seiner Stätte
be-stätigt.
Die Welt wird ihm nicht als ein unendliches Gemeng vor die Augen gerückt, und mit
dem hinweisenden Finger auf dies ganze
Gemeng ihm gesagt: das bist du. Das bist du – höre also auf, dich davon zu unterscheiden,
gehe in es ein in ihm auf, verliere
dich daran. Nein, sondern ganz anders: aus dem unendlichen Chaos der Welt wird ihm
ein Nächstes, sein Nächster, vor die Seele
gestellt, und von diesem und
zu-nächst
nur von diesem ihm gesagt: er ist wie du. Wie du
, also nicht du
. Du bleibst Du und sollst es bleiben. Aber er soll dir
nicht ein Er bleiben und also für dein Du bloß ein Es, sondern er ist wie Du, dein
Du, ein Du wie Du, ein Ich, – Seele.
So macht Liebe die Welt zur beseelten, nicht eigentlich durch das, was sie tut, sondern
weil sie es aus
Liebe tut.
Daß dabei doch etwas geschieht, ein Getanwerden also ohne daß ein eigentliches Tun
dabei wäre, das kommt nicht mehr auf
Rechnung des Menschen, sondern der Welt, denn sie bewegt sich der Liebestat entgegen.
Es ist ein Gesetz wirksam in der
Reihenfolge, in der sich die Dinge so der Liebestat des Menschen zubewegen. Nur vom
Menschen aus ist dies Gesetz nicht
sichtbar. Ihm muß jedes Nächste, was ihm vorkommt, irgend
eines sein, Vertreter jedes andern, aller andern; er darf nicht
fragen, nicht unterscheiden, es ist ihm sein Nächstes. Aber von der Welt aus gesehen,
ist umgekehrt grade die Liebestat des
Menschen das Ungeahnte, Unverhoffte, die große Überraschung. In sich selbst trägt die Welt das Gesetz
ihres wachsenden Lebens. Aber wie dies Leben, das ihr zuwächst und in jedem neu sich
gliedernden Glied Dauer beansprucht,
wirklich zu Dauer kommen soll, ob ihm Unsterblichkeit beschieden sein wird: das ist
von der Welt her dunkel. Die Welt weiß
nur, oder glaubt zu wissen, daß alles Lebendige sterben muß. Und wenn sie Ewigkeit
beansprucht, so tut sie es in Erwartung
einer Einwirkung von draußen, die dem Leben Unsterblichkeit verleiht. Sie selber treibt
ihre Äste, Zweige, Blätter, Blüten und
Früchte des Lebens in gesetzmäßigem Wachstum aus ihrem uralten Stamme hervor, dessen
Wurzeln täglich neu aus dem immer
frischen Brunnen des Daseins bewässert werden. Erst wenn und wo die Glieder dieses
wachsenden Lebewesens von dem beseelenden
Hauch der
Liebe zum
Nächsten angeweht werden, erst da gewinnen sie zu ihrem Leben, was ihnen das Leben
selber nicht geben konnte: Beseelung,
Ewigkeit.
Die Tat der Liebe wirkt sich also nur scheinbar am Chaos eines Irgend
aus. In Wahrheit setzt sie ohne
es zu wissen voraus, daß die Welt, alle Welt mit der sie zu tun hat, wachsendes Leben
sei. Daß sie kreatürliches Dasein habe,
genügt ihr mit nichten; sie verlangt mehr von ihr: gesetzmäßige Dauer, Zusammenhang,
Gliederung, Wachstum, – kurz all das, was
sie selbst in der anarchischen Freiheit, Unmittelbarkeit, Augenblicklichkeit ihrer
Tat zu verleugnen scheint. Grade weil sie
es bewußt verleugnet, setzt sie es unbewußt voraus. Die Seele verlangt als Gegenstand
ihrer Beseelung ein gegliedertes Leben;
an ihm übt sie dann ihre Freiheit aus und beseelt es in all seinen einzelnen Gliedern
und sät in diesen Boden der lebendigen
Gestalt überall Keime aus von Name, seelenhaftem Eigensein, Unsterblichkeit.
So sind alle menschlichen Beziehungen, schlechthin alle, Blutsverwandtschaft, Brüderschaft, Volkstum, Ehe, alle begründet in der Schöpfung; es ist da nichts, was in seinen Wurzeln nicht von uran ist und schon im Tierreich vorgebildet, und alle werden durch die Neugeburt der Seele aus der Offenbarung dann doch in der Erlösung erst beseelt. Sie alle wurzeln in der Blutsgemeinschaft, die unter ihnen wieder das Schöpfungsnächste ist, und beseelt in der Erlösung streben sie alle, zu arten nach dem großen Gleichnis der Ehe, die unter ihnen das Erlösungsnächste ist: ganz allsicht bar daseiende Gestalt gewordnes Geheimnis der Seele, ganz mit Seele erfülltes gegliedertes Leben. Deswegen war es, daß die Seele auf dem Gipfel der Liebe nach der geschaffnen Blutsgemeinschaft sich hinübersehnte; erst in der schicksalshaften, nein gottgegebenen Vereinigung jener und dieser, in der Ehe, findet sie ihre Erlösung. Und über die gleichzeitigen Verhältnisse der Menschen untereinander hinaus: das Reich der Welt, das in sich gegliederte, in sich wachsende nach eigenem Gesetz, der Weltgeschichte in sich selber weitertreibender Gang, der Völker Leben und der diesem Leben umgelegte harte Panzer von Recht und staatlicher Ordnung – das alles ist Schöpfungsgrund, den die Erlösung zum Reich Gottes braucht. Die Liebe greift, erschütternd scheinbar, ein in diesen Gliederbau und löst bald hier und dort ein Glied zu eignem Leben, das den Zusammenhalt des Ganzen zu zersprengen droht. In Wahrheit aber ist es nicht bloß nicht in ihr Belieben gestellt, welches Glied sie so mit ihrer Macht ergreift und aus dem Zusammenhang des Lebens zu seiner Ewigkeit er-löst. Sondern das Gesetz des Wachstums, das ebenso vom Schöpfer her der Welt eingesetzt ist, wie ihr selbst vom Offenbarer her der überfließende Drang ihrer Liebe, dies Gesetz bestimmt, dem Menschen selber unbewußt, der Liebe ihren Weg und ihren Gegenstand. Der blühende Baum des Lebens streckt der beseelenden Liebe immer nur die aufgegangenen Knospen entgegen. Von Gott also nimmt die Erlösung ihren Ursprung, und der Mensch weiß weder Tag noch Stunde. Er weiß nur, daß er lieben soll und stets das Nächste und den Nächsten; und die Welt, sie wächst in sich nach scheinbar eignem Gesetz; und ob sich Welt und Mensch nun heute finden oder morgen oder wann die Zeiten sind unberechenbar, sie weiß nicht Mensch noch Welt; die Stunde weiß allein Er, der das Heute jeden Augenblick erlöst zur Ewigkeit.
Die Erlösung ist also Ende, vor dem alles Angefangene in seinen Anfang zurücksinkt. Nur dadurch ist sie Voll-endung. Alles was noch unmittelbar an seinem Anfang hängt, ist noch nicht im vollen Sinne tatsächlich; denn der Anfang, aus dem es entsprang, kann es auch immer wieder in sich zurücksaugen. Das gilt für die als ja des Nichtnichts entstandene Sache wie für die als Nein des Nichts entstandene Tat. Wahre Dauerhaftigkeit ist stets Dauer in die Zukunft hinein und auf die Zukunft zu. Nicht was immer war, ist dauerhaft: die Welt war immer; auch nicht was allzeit erneuert wird: das Erlebnis wird allzeit erneuert; einzig was ewig kommt: das Reich. Nicht die Sache, nicht die Tat, erst die Tatsache ist sicher vor dem Rückfall ins Nichts.
Diese gestaltgründende, vertatsächlichende Macht des Und ist uns ja wohlbekannt aus
der Bedeutung, die es im
ersten Teil für die Fertigstellung der Elemente
hatte: Wir brauchen es jetzt sowenig mehr ausdrücklich zu sagen, wie wir es
damals, auch wenn wir wollten, hätten sagen können, daß schon dort gewissermaßen vor-
oder
unter-weltlich
eine innere Selbstschöpfung, Selbstoffenbarung, Selbsterlösung jedes einzelnen Elements,
Gott, Welt, Mensch, in sich selber
geschah. So war, was wir dort am Und beobachteten, das gleiche, was wir jetzt für
die Erlösung feststellen: daß erst in ihr das
Fertigwerden geschieht. Noch deutlicher wird dies Verhältnis, wenn wir uns nun auch
in diesem Buch wieder der Welt zuwenden, in
der unsre Grundbegriffe bloß kategoriale Geltung haben, der Kunst.
Auch in der Kunst begreift die Erlösungskategorie das Fertigwerden. Die Schöpfungskategorien hatten durchweg den breiten Grund gelegt, indem sie den Bogen schlugen von einem irgendwie vorausgesetzten Ganzen zu einer der Kunstwelt angehörigen Menge von Einzelheiten. Die Offenbarungskategorien schlugen dann von dem gleichen vorausgesetzten Ganzen einen neuen Bogen, diesmal zur einzelnen Einzelheit, die dadurch gehaltvoll wurde. Von diesem gehaltvollen beseelten Einzelnen zum breiten Ganzen aller Einzelheit wölben nun die Erlösungskategorien den dritten Bogen, indem nun ein gehaltvoller beseelter Zusammenhang und dadurch ein im ästhetischen Sinn Fertiges, Abschließendes zustande kommt.
Das Werk steht da in seiner Einmaligkeit, seiner Losgerissenheit vom Urheber, seiner unheimlichen lebensvollen und doch lebensfremden Lebendigkeit. Ja, es ist wirklich un-heimlich; es hat kein Heim kein Zuhause; es weiß kein Dach einer Gattung, wo es unterkriechen könnte; es steht ganz für sich, – seine eigene Art, seine eigene Gattung; keinem anderen Ding, auch keinem anderen Kunstwerk verschwistert. Auch der Urheber gibt ihm keine Unterkunft mehr bei sich; er hat sich zu andern Werken gewandt; er ist ja mehr als alle seine Werke, ist die ganze Breite, aus der Werke hervorgehen können; das einzelne Werk ist sein, solange er sich damit trug; es ist für ihn erledigt, wenn er sich seiner entledigt hat. Kaum zum Genießen des eigenen Werkes ist er mehr fähig; an eigenen Kohlen wärmt er sich kaum je; eine Übersetzung etwa kann dem Dichter den Abstand zum eigenen Werk geben, der ihm den Genuß möglich macht. Wer also schlägt nun die Brücke vom Werk zum Urheber? Denn daß in beiden die Welt der Kunst erst anfängt, das weist am Werk der Umstand, daß es nur einzelnes Werk, am Urheber der, daß er nur möglicher Urheber ist. Wer schlägt also die Brücke, auf der das Werk aus seiner un-heimlichen Vereinsamkeit einzieht in ein geräumiges menschliches Zuhause, aus dem es nicht mehr herausgerissen werden kann und wo es sich zusammenfindet mit vielen seinesgleichen, die hier gemeinsam und dauernd miteinander leben? Dieser Ort, wo die Werke ein breites, lebendiges, dauerndes Dasein im Schönen gründen und wo die Beseeltheit der einzelnen Werke selber nach und nach ein reiches Ganzes von menschlichem Leben ästhetisch beseelt, ist der Betrachter.
Im Betrachter ist die leere Menschlichkeit des Urhebers und die gehaltreiche, seelenvolle
Unheimlichkeit
des Werks zusammengewachsen. Ohne den Betrachter wäre das Werk, da es ja zum Urheber
nicht spricht
und Pygmalion vergebens
sich den selbstgebildeten Marmor zu beleben sucht, stumm, nur Gesprochenes, nicht
Sprache; erst zum Betrachter spricht
es.
Und ohne den Betrachter wäre es ohne alle dauernde Auswirkung in die Wirklichkeit.
In der Herstellung bemalter Leinwände,
behauener Steine, beschriebener Blätter geht die Kunst ja wahrhaftig nicht ins wirkliche
Leben über. Vandalen
haben noch
immer nur Totes getötet. Sondern um in die Wirklichkeit überzugehen, muß die Kunst
Menschen umschaffen. Die Künstler, diese
paar Unmenschen, die einzeln verstreut unter der Menge leben, sind das aber durchaus
nicht. Schon weil ihre Urheberschaft
ähnlich wie das kreatürliche Dasein der Welt immer nur in dem Augenblick der Schöpfung
des einzelnen Werks wirklich ist; woher
es ja auch kommt, daß zwischen den einzelnen Werken dies Künstlertum des Künstlers
wie erloschen zu sein scheint, bis es in
einem neuen Werk zeigt, daß es immer noch da ist. In den Künstlern, den Bohemevierteln der
Großstädte, den Künstlerkolonien auf dem Lande manifestiert sich also die Kunst genau
so wenig wie in den Sammlungen und
Aufführungen der Werke. Wirklichkeit wird sie erst, indem sie sich Menschen zu Betrachtern
erzieht und sich ein dauerndes
Publikum
schafft. Nicht Bayreuth bezeugt die Lebendigkeit Wagners und seines Werks, sondern
die Tatsache, daß die Namen Elsa
und Eva Modenamen wurden und daß der Gedanke des Weibs als Erlöserin die Form männlicher
Erotik in
Deutschland
jahrzehntelang stark gefärbt hat. Erst einmal Publikum geworden, ist die Kunst nicht
mehr aus der Welt auszuschalten; solange
sie bloß Werk und bloß Künstler ist, lebt sie nur ein höchst prekäres Leben von einem
Tag zum andern.
Greifen wir nun noch einmal auf den Urheber zurück. Wir hatten ihn als Schöpfer und
Künstler erkannt.
Wiederum sind beide einer ohne den andern nicht lebensfähig. Die Bedeutsamkeit, die
der Inhalt des einzelnen Augenblicks in
der bewußten Arbeit des Künstlers
gewinnt, muß sich über den ganzen Bereich der schöpferischen Phantasie des Dichters
verbreiten. Erst wenn so der Schöpfer nicht mehr dem blind speienden Feuerberg gleicht,
dem wahllos Bild um Bild entschießt,
sondern ihm seine Inhalte alle erfüllt sind mit symbolischem Gewicht, erst dann ist
er mehr als bewußter Künstler, mehr als
blinder Schöpfer; erst dann ist er – wenn auch immer in den Grenzen, welche die Kunst
nun einmal dem Menschen zieht, ein
Mensch. Nur zur Verdeutlichung sei etwa beigefügt, daß also beispielsweise Shakespeare,
wie ihn die Stürmer und Dränger sahen,
nur Schöpfer gewesen wäre; Shakespeare, wie ihn die Hamburgische Dramaturgie nahm,
nur Künstler; aber Shakespeare, wie ihn
Brandes darstellte – in der Lebenseinheit von Phantasie und bewußter Kunst, so daß
jene in der Entwicklung des inneren Lebens
dieser entgegenwuchs, diese nach Auswirkung am Stoffe jener drängte – ein Mensch.
Dramatischeim Werk
Für jedes Werk hatten wir grundsätzlich die Begriffe des Epischen
und Lyrischen
aufgestellt, unter
jenem die stofflichen, von der Einheit der Form umschlossenen, unter diesem die seelischen,
die Einheit der Form sprengenden
Qualitäten des Kunstwerks verstanden. Schon dies gegensätzliche Verhältnis zur Form
weist darauf
hin, daß sie beide Halt erst gewinnen, wenn noch ein Drittes über ihnen sich hebt,
worin das Epische
der breiten Stoffülle
und das Lyrische
der unmittelbar zündend überspringenden Gegenwärtigkeit sich verbindet, indem alle
Punkte der epischen
Breite zu solcher Unmittelbarkeit belebt werden. Wenn wir dies Dritte das Dramatische
nennen, so bedarf das Wort, das also
ebenso gut das Dramatische
einer Symphonie, eines Gemäldes, einer Tragödie, eines Liedes bezeichnen soll, wohl
keiner
weiteren Erklärung.
Immerhin steht die Poesie ihrem Wesen nach in einer engeren Beziehung zu dieser Qualität
des
Dramatischen
als bildende Kunst und Musik. Das hängt damit zusammen, daß jene, weil im Elemente
des Raums, ganz von selbst
in die Breite
ging, also zum Epischen
neigte, diese, weil in der Zeit, zur lyrischen
Unterstreichung und erfühlenden
Erfüllung des einzelnen Augenblicks; während die Poesie unmittelbar weder im Raum
noch in der Zeit zu Hause ist, sondern dort,
wo Raum wie Zeit beide ihren inneren Ursprung nehmen, im vorstellenden Denken. Die
Poesie ist nicht etwa Gedankenkunst, aber
das Denken ist ihr Element, so wie der Raum das der bildenden Kunst, die Zeit das
der Musik; und vom Denken her macht sie sich
durch die Vorstellung dann auch die Welt der äußeren und inneren Anschauung, Raum
und Zeit, episch
extensive Breite wie
lyrisch
intensive Tiefe, dienstbar. So kommt es, daß sie die eigentlich lebendige Kunst ist.
Wie denn auch zum großen
Dichter noch unbedingter eine gewisse menschliche Reife gehört als zum Maler oder
Musiker und selbst schon das Verständnis von
Dichtung stark bedingt ist durch einen gewissen Reichtum an Erlebnis. Bildende Kunst
und Musik haben immer noch etwas
Abstraktes; jene scheint gewissermaßen stumm, diese blind zu sein, so daß jener die
sprachliche Offenbarung von Moses ab,
dieser das gestaltbefriedigte Heidentum von Platon ab nie ganz ohne Mißtrauen gegenübersteht.
Der Dichtung gilt solches
Mißtrauen nicht; in ihrer Ausübung begegnen sich der Dichter des neunzigsten Psalms
und des Epigramms auf Aster. Denn die
Dichtung gibt Gestalt wie Rede, weil sie mehr als beides gibt: das vorstellende Denken,
in dem beides in einem lebendig ist.
Die Dichtung ist darum, weil die lebendigste, die unentbehrlichste Kunst; und während
es nicht nötig ist, daß jeder Mensch Sinn für Musik oder Malerei hat oder in einer dieser beiden reproduktiv
oder produktiv dilettiert,
muß jeder volle Mensch Sinn für Poesie haben, ja eigentlich ist es sogar notwendig,
daß er in ihr dilettiert; das mindeste
ist, daß er einmal gedichtet hat; denn wenn einer allenfalls ein Mensch sein kann
ohne zu dichten, ein Mensch werden kann er
nur, wenn er einmal eine Zeit lang gedichtet hat.
Für die bildende Kunst ist es ohne weiteres klar, daß weder Vision noch Form für sich
allein schon das
Kunstwerk machen. Jene ist bloß die unsichtbare Untermalung des schließlich dem Beschauer
sichtbaren Werks im Geist des
Künstlers, diese ist die stets nur einer bestimmten Einzelheit zugewandte Ausführung
in ihrem Verhältnis zur Natur. Erst wenn
diese liebevolle Ausführung die ganze Breite des geistig Geschauten durchmessen hat,
an dem allein doch ihr ins Einzelne
versenktes Gefühl
Gesetz und Richtung gewinnen kann, erst dann ist die sichtbare Gestalt des Kunstwerks
da. Wo ein Überschuß
von Vision über den Willen zur Formung ist, droht die Gestalt im Ornamentalen stecken
zu bleiben. Wo andrerseits der naturnahe
Wille zur Formung des Einzelnen überwiegt und die Vision schwach ist, da bleibt die
Gestalt im Modell stecken; das Werk geht
nicht zusammen
.
Ganz ähnlich hebt sich in der Musik über die stumme das Ganze durchziehende Bewegung
des Rhythmus und die
tönend das einzelne beseelende Harmonie die so bewegte wie tönende Linie des Melos.
Die Melodie ist das Lebendige an der
Musik. Von einem Musikstück mehr als den Charakter
– meist der Rhythmus – und die Stimmung
– meist die Harmonie – behalten,
heißt den Gang seines Melos behalten. Die Melodie ist so sehr das Wesentliche, daß
wir mit Recht Anlehnungen an fremde
Rhythmen, Aufnahme fremder Harmonien bei einer Komposition nicht als unzulässiges
Plagiat empfinden, sondern einfach als
Verwandtschaft
, während wir die geringste Entlehnung einer Melodie sofort als Diebstahl zu brandmarken
geneigt sind.
Die Poesie hat zu ihrer Grundlage etwas, was man wohl als Metrum bezeichnen dürfte,
wenn dies Wort nicht
eine zu enge Bedeutung hätte. Es fehlt in der Theorie der Dichtung eine Unterscheidung,
wie sie die Musik zwischen Rhythmus
und Takt setzt; wo Rhythmus ist, da ist auch Takt, aber nicht umgekehrt. So ist das Metrum nur eine
äußerlich meßbare Teilerscheinung von dem, was wir als Ganzes Klang nennen möchten.
Der Klang ist das, was als die das Ganze
in seiner ganzen Breite umfassende Urkonzeption dem poetischen Werk zugrunde liegt,
der Klang sowohl in rhythmischer wie in
koloristischer Beziehung, also sowohl die Bewegung, die durch das Ganze hindurchgeht,
wie das Verhältnis, in welchem
Vokalklänge sowie auch Konsonantengeräusche untereinander stehen. Es handelt sich
dabei um die nur wenig ins Bewußtsein
tretende eben wirklich zugrunde liegende Eigenart des einzelnen Werks, die es als
Ganzes von allen andern Werken schon vor
aller weiteren Bestimmung unterscheidet. Es muß einem feinen Ohr möglich sein, an
inhaltlich ganz unbezeichnenden Sätzen rein
auf Grund des Klanges
zu unterscheiden, ob sie bei Schiller oder bei Kleist, ja ob sie im Don Carlos oder
im Wallenstein
stehen. Oder noch deutlicher: ein guter Schauspieler müßte den Satz die Pferde sind gesattelt
ganz anders sprechen, wenn er
in der Penthesilea als wenn er in der Natürlichen Tochter vorkäme.
Zu diesem Charakter des Ganzen, den der Klang bestimmt, tritt nun die Versenkung ins
Einzelne, die in
der Wortwahl geschieht. Dies ist das, was man als die individuelle Sprache
des einzelnen Dichters bezeichnet, etwas
äußerlich infolge unserer Schriftgewohntheit leichter zu Fassendes und deshalb auch
schon viel länger Beobachtetes als der
ebenso individuelle Klang
, den eben nur hört, wer sich des Dichters Mahnung Nur nicht lesen, immer singen!
zu Herzen
nimmt.
Aber beides für sich allein wäre noch nicht das Gedicht. Schöner Klang allein wäre
bloßer Ohrenschmaus,
schöne Sprache allein bloße Phrase. Erst die Idee
gibt der Dichtung Leben. Die Dichtung hat wirklich eine Idee
. Bloß die
Anwendung dieses Ausdrucks auf Musik und Malerei hat ihn mit Recht verdächtig gemacht.
Denn freilich die einzige Idee
des
bildenden Kunstwerks wäre die Gestalt, die einzige des Musikwerks sein Melos. Denn
die Idee gilt uns nicht für etwas, was
hinter dem Werk steckt, sondern im Gegenteil grade für das ästhetisch-sinnlich Wahrnehmbare,
das eigentlich Wirkliche und
Wirkende des Werks. Und das ist für die Poesie, für die eben das Denken die gleiche
Bedeutung hat wie das Auge für die
bildende Kunst, das Ohr für die Musik, wirklich nichts andres als die Idee. Die Idee ist das, was
aus der Dichtung zum Beschauer spricht
, wie die Melodie aus dem Musikwerk, die bildhafte Gestalt aus dem Werk der
Augenkunst. Sie steht nicht irgendwo hinter der Dichtung, sondern darinnen. Auch hier
ist die Dichtung wieder unter den
Künsten die, welche mitten auf den Markt des Lebens hinaustritt, ohne ihre Würde ängstlich
wahren zu müssen. Das Element, in
welchem sie existiert, ist eben das gleiche, worin auch das Leben selber zumeist sich
verweilt; denn auch das Leben spricht
mehr die Prosasprache des Denkens als die erhöhte des Gesangs und bildhafter Gebärde.
Diese Umlenkung ins Leben, wie wir sie ja überall unter der Kategorie der Erlösung
in der Kunstlehre
wahrnahmen und wie sie uns erst späterhin in ihrem Sinn ganz aufgehen wird, geschah
für die Kunst überhaupt im Publikum, im
Betrachter. In ihm wird noch einmal alles an- und aufgeregt, was in das Kunstwerk
hineingesenkt war, und indem es in ihm
aufgeregt wird, fließt es ins Leben hinüber. Der Grund der Seele des Betrachters wird
in seiner ganzen Weite ausgefüllt mit
der Summe der Vorstellungen, welche die Kunst in ihm erregt hat. Er ist, wie das Schöpferische
im Urheber, innerlich voller
Figur
. Indem er sich nun der einzelnen Einzelheit zuwendet, wird er an dieser zum Kenner,
gewinnt Bewußtheit. Auch hier
entwickelt sich im Betrachter etwas Entsprechendes wie beim Urheber die Bewußtheit
des Künstlertums. Und so wenig wie dort
Schöpfer und Künstler für sich allein bestehen konnten, so wenig jetzt Phantasie und
Bewußtheit. Die ungeordnete Breite des
Besitzes an künstlerischen Vorstellungen muß ganz von Bewußtsein durchmessen werden,
damit die Kunst dem Betrachter nicht ein
lästiger oder gleichgültiger Besitz von zufällig erworbenen Vorstellungen ist, sondern
der köstliche, in langem Leben
aufgesammelte und liebevoll geordnete innere Besitz und Schatz der Seele. So geht
die Türe auf vom Eigenreich der Kunst und es
öffnet sich der Weg ins Leben.
So war es ja durchweg gewesen: Immer fiel unter die Kategorie der Schöpfung eine gewissermaßen
naturhafte Grundlage, immer unter die Kategorie der Offenbarung das Fachmäßige, Schwierige,
mit Müh und Fleiß zu erwerbende,
das spezifisch Ästhetische
, und immer unter die der Erlösung das Eigentliche, das Sichtbare, das
was schließlich herauskommen
muß und um wessentwillen allein alles andere vorangehen mußte. Der Urheber, das Genie,
muß da
sein, man kann es nicht erzwingen, und im Genie ist wiederum das Schöpferische, die
Phantasie, so wenig zu kommandieren wie
die aufnehmende Phantasie des Betrachters, gegen die auch, wenn sie einmal sich nicht
auftun will, schlechthin nichts zu
machen ist. Innerhalb des Werks wiederum ist das Epische
des Stoffes das Gegebene, und unter den Künsten ist die bildende
wohl in der Geschichte der Menschheit wie in der Entwicklung des Einzelnen die älteste.
Und wiederum sind Vision, Rhythmus,
Klang die eigentlichen Inhalte des Augenblicks der Konzeption und einfürallemal gegeben,
so daß nichts daran zu ändern ist.
Und andrerseits ist das Werk das, woran die Welt der Kunst sofort nach außen erkennbar
wird; es ist ihr Merkmal mehr als der
Urheber und der Betrachter – Genie wie Publikum gibt es auch außerhalb der Kunst.
Im Urheber wiederum wie im Betrachter ist
die Bewußtheit, des Künstlertums dort, der Kennerschaft hier das was er nicht hat,
sondern sich erwerben muß. Und unter den
Qualitäten des Kunstwerks ist die lyrische
die innerlichste, unter den Künsten die Musik die, welche in dem Ruf steht, die
schwierigste zu sein, weil sie die höchstentwickelte und gesichertste und infolgedessen
lehrbarste Theorie besitzt. Und Form,
Harmonie und Sprache sind das, was in den Künsten nur der gelernte
Künstler beherrscht und anzuwenden weiß, während die
innere optische Vision, das rhythmische Motiv, der klangliche Ur-Einfall eines Gedichts
wohl auch einmal dem gewöhnlichen
Menschen kommen mag und wirklich kommt. Und endlich: wie im Betrachter und seinem
Lebenstiefgang die Kunst überhaupt, wie in
seiner Menschhaftigkeit das Genie, in seinem Dramatischen
das Kunstwerk überhaupt, in der Poesie die Künste, in Gestalt,
Melos, Idee die Kunstarten wieder im Leben enden, im gleichen Augenblick, wo sie sich
zu völliger Sichtbarkeit
voll-enden,
also in echter
Voll-endung
das haben wir gesehen.
Hier aber treten wir heraus aus dieser Episode, in die wir in diesem Teil immer wieder, nur um sie als bloße Episode zu erweisen, hatten hineinsteigen müssen. Wenn uns die Kunst nun noch einmal begegnet, dann nicht wieder als Episode. Denn es war selbst der Episode letzte Weisheit, daß sie nicht Episode bleiben dürfe. Das Schattenreich der Kunst, das den Idealismus über die Leblosigkeit seiner eigenen Welt hatte hinwegtäuschen müssen, – es verlangt selber nach Leben. Pygmalion selbst kann seinem Werk kein Leben einbilden, so sehr er sich müht; erst wenn er den Meißel des Bildners weglegt und, ein armer Mensch, auf seine Kniee sinkt, erst dann neigt sich die Göttin ihm hernieder.
Wie die Schöpfung uns in diesem Teil nicht mehr
Vor-welt war,
sondern Inhalt der Offenbarung, so war uns auch die Erlösung noch nicht
Über-welt,
sondern wir nahmen sie gleichfalls nur als Offenbarungsinhalt. So wie die Schöpfung
als Inhalt der Offenbarung uns aus einer Welt
zu einem Geschehen, einem Schon-geschehen-sein wurde, so die Erlösung ebenfalls aus
einer Überwelt zu einem Geschehen, einem
Noch-geschehen-werden. Die Offenbarung sammelt so alles in ihre Gegenwärtigkeit hinein,
sie weiß nicht bloß von sich selbst,
nein: es ist alles in ihr
. Sie selber ist sich unmittelbar gegenwärtiger lyrischer
Monolog
zwischen Zweien. Die Schöpfung wird in ihrem Mund Erzählung. Und die Erlösung? Nicht
etwa Weissagung. Die Weissagung ist das
Band, das diese ganze Mit- und Umwelt des Wunders, als die wir die Offenbarung ansprachen
und zu der auch Schöpfung und Erlösung
als wunderbare Inhalte der Offenbarung gehörten, in ihrer lebendigen Tatsächlichkeit
mit der Vor- und Unterwelt der stumpfen,
stückwerklichen Tatsächlichkeit verknüpft. Auch die Erlösung ist, insofern sie ein
notwendiger Inhalt der Offenbarung ist, mit
der Vor-welt
der Schöpfung verbunden, als Deutung der in dieser
Vor-welt
verborgenen Zeichen; hebt doch die Erlösung nur in den Anblick alles Lebendigen, was
in der eigentlichen Offenbarung als
unsichtbares Erlebnis in der eigenen Seele
vor-gegangen
war.
Nicht die Prophezeiung also ist die besondere Form, in der die Erlösung Inhalt der
Offenbarung sein kann,
sondern es muß eine Form sein, die der Erlösung ganz eigen ist, die also das Nochnicht-geschehen-sein
und
Doch-noch-einst-geschehen-werden ausdrückt. Das ist aber die Form des gemeinsamen
Gesangs der Gemeinde. Die Gemeinde ist
nicht, noch nicht, Alle; ihr Wir ist noch beschränkt, es ist noch verbunden mit einem
gleichzeitigen Ihr; aber sie beansprucht, Alle zu sein – dennoch. Dies Dennoch ist das Wort der Psalmen.
Es macht die Psalmen zum
Gemeindegesangbuch, obwohl die meisten in der Ichform sprechen. Denn das Ich der Psalmen
ist, obwohl ganz wirkliches einzelnes
Ich und in allen Nöten eines einsamen Herzens verstrickt, in alle Engen einer armen
Seele gefesselt, dennoch, ja dennoch ein
Glied, nein mehr als Glied, der Gemeinde: Israel hat dennoch Gott zum Trost
ist der Leitspruch des Psalms, der für den
individuellsten gilt. Das Ich kann nur deswegen ganz Ich sein, ganz in die Tiefen
seiner Einsamen - so nennt der Psalmist
seine Seele – hinabsteigen, weil es sich erkühnt, als Ich, das es ist, aus dem Mund
der Gemeinde zu sprechen. Seine Feinde
Gottes Feinde, seine Not unsre Not, seine Rettung unser Heil. Diese Steigerung der
eigenen Seele zur Seele Aller gibt erst der
eigenen Seele die Kühnheit, ihre eigene Not auszusprechen – weil es eben mehr ist
als bloß die eigne. In der Offenbarung wird
die Seele stille; sie gibt ihre Eigenheit preis, auf daß sie ihr vergeben werde; der
von Gottes Liebe Erwählte verliert seinen
eignen Willen, Freundschaft, Haus und Heimat, indem er Gottes Befehl vernimmt, das
Joch der Sendung auf seine Schultern
auflädt und hinausgeht in ein Land, das Er ihm zeigen wird. Indem er aber damit aus
dem Zauberkreis der Offenbarung in das
Reich der Erlösung eintritt und sein unter der Offenbarung aufgegebenes Ich zum Wir
Alle erweitert, erst da kehrt ihm all sein
Eignes wieder, aber nun nicht mehr als sein Eignes, nicht mehr als seine Heimat, Freundschaft
und Verwandtschaft, sondern als
das Eigne der neuen Gemeinschaft, die Gott ihm zeigt und deren Nöte seine Nöte, deren
Wille sein Wille, deren Wir sein Ich,
deren – Nochnicht sein Dennoch wird.
So ist es in dem Buch der Psalmen die Gruppe der reinen Wir-Psalmen, in denen der
tiefste Sinn des Psalms
ganz licht und offenkundig wird, jene Gruppe vom hundertelften bis zum hundertachtzehnten,
das große Lobsingen, dessen
Kehrreim wir schon als den Stammsatz der Erlösung kennen lernten. Das Wort Psalm selbst
heißt ja in der heiligen Sprache
nichts andres als Lobgesang
, ein Wort von der gleichen Wurzel wie jenes Lobsingen
. Und in dieser Gruppe ist es wieder das
mittelste Stück, der hundertundfünfzehnte.
Er beginnt und schließt als einziger unter allen Psalmen überhaupt mit einem gewaltigen
betonten Wir. Und
von diesen beiden Wir steht das erste im Dativ, im Dativ schlechtweg, nämlich unmittelbar
abhängig von dem Wort Geben
. Es
wird um das Kommen des Reichs gebetet; denn die Wir setzen sich und die Ehre, die
sichtbare Herrlichkeit, die sie für sich
erbeten, gleich mit der Ehre des göttlichen Namens; sie tun es in der einzig zulässigen
Form: indem sie die Gleichsetzung
zugleich ausdrücklich verneinen: Nicht uns, o Herr, nicht uns, sondern deinem Namen
gib Ehre! So wird das Wir in einem Atemzug
in die Vollendung der unmittelbaren Nähe zu dem göttlichen Namen gerückt und von diesem
Ende wieder in das Nochnicht der
Gegenwart – nicht uns, sondern
– zurückgezogen. Diese Nähe aber, dieses bei Gott Sein des Wir ist ganz objektiv
gemeint, ganz
sichtbar: nicht bloß um seiner Liebe willen
soll Gott das Gebet erfüllen; in der vertrauten Zweisamkeit seiner Liebe
stiftete ja schon die Offenbarung solche Nähe; sondern um seiner Wahrheit willen
; die Wahrheit ist offenkundig, sichtbar vor
den Augen alles Lebendigen; es ist eine Forderung an die göttliche Wahrheit, daß den
Wir dereinst Ehre gegeben wird.
Aber weil sie ihnen in der Zeit noch nicht selber gegeben werden darf, weil also die
Wir noch nicht Wir
alle sind, so scheiden sie aus sich aus die Ihr. Und weil der Psalm das bei Gott sein
der Wir vorwegnimmt, so sieht er die Ihr
unwillkürlich mit Gottes Auge an und sie werden zu Sie. Es ist dies der einzige Zusammenhang,
in welchem die Psalmen den bei
den Propheten vielfach wiederkehrenden Spott gegen die Götzenbilder übernehmen, in
denen das Leben der göttlichen Liebe zur
taub-blinden Tat- und Sprachlosigkeit erstarre; aber die Kampfstimmung, welche die
Gegenüberstellung der toten Götzen einer
gleich also
toten Welt und des lebendigen Schöpfers Himmels und der Erde anfangs noch beherrscht,
erlischt mitsamt dem Spott
in dem mächtigen Triumph des Vertrauens. Hoffendes Vertrauen ist das Grundwort, worin
die Vorwegnahme der Zukunft in die
Ewigkeit des Augenblicks geschieht. Gegen das betrogene Vertrauen der Ihr erhebt sich
in drei Stufen das Vertrauen der Wir auf
den Gott, der auf jeder der drei Hülfe und Schild
ist: Israel traut, die Gemeinde der Wir, wie sie als Gottes erstgeborener
Sohn unterm Herzen seiner Liebe ruhte; es traut Aarons Haus, die Gemeinde, wie sie sich priesterlich
verfaßt für den Weg durch Welt und Zeit der Ihr; und es trauen – der feststehende
Name für die Proselyten: – die den Ewigen
fürchten, die einstige messianische Gemeinde der Menschheit, der Wir Alle. Aus dem
Triumph des Vertrauens, das die künftige
Erfüllung vorwegnimmt, steigt nun in genau entsprechendem Aufbau das Gebet, das sie
erbetet, wieder Israel, Aarons Haus, die
Ehrfürchtigen Alle – Klein und Groß
.
Und nun singt der Chor das Wir dieser Erfüllung: das Wachstum des Segens Schritt für
Schritt, je mehr
und mehr
, von einem zum nächsten, von einem Geschlecht zum nächsten: er mehre, füge zu, euch,
euch und euren Kindern. Denn
wohl gegründet ist dies lebendige Wachstum des Segens von uran im Geheimnis der Schöpfung:
gesegnet seid ihr dem Herrn, der
Himmel und Erde geschaffen. Aber frei gegen dieses stille, selbsttätige Wachstum der
Schöpfung bleibt das Liebeswerk des
Menschen auf der Erde; er wirke es, als ob es keinen Schöpfer gäbe, keine Schöpfung
ihm entgegenwachse: Die Himmel sind des
Ewigen Himmel, aber die Erde gab er den Menschenkindern. Den Menschenkindern – nicht
der Gemeinde Israels; in der Geliebtheit
und im Vertrauen weiß sie sich allein, in der Tat der Liebe weiß sie sich nur als
Menschenkinder schlechtweg, kennt sie nur
den Irgendjemand, den andern schlechtweg, den – Nächsten.
Und so kommt die weltfreie Liebestat über die lebendig wachsende Schöpfungswelt. Aber
dies Leben ist ja
von der Schöpfung her dem Tod als seinem Vollender verfallen. Und wie denn? Nimmermehr
stimmt doch das gestorbene Leben noch
ein in den Lobgesang der Erlösung! Das gestorbene nimmermehr. Aber und nun in diesem
Aber steigert sich der Chor zum
ungeheuren Unisono des allstimmigen, alle künftige Ewigkeit ins gegenwärtige Nun des
Augenblicks kohortativ hineinreißenden
Wir: Nicht die Toten, wahrhaftig nicht – aber Wir, wir loben Gott von nun an bis in Ewigkeit
. Dies siegende Aber – Aber Wir
sind ewig
hat unser großer Meister als seiner Weisheit letzten Schluß ausgerufen, als er das
letzte Mal vor Vielen über das
Verhältnis seines Wir zu seiner Welt sprach. Die Wir sind ewig; vor diesem Triumphgeschrei
der Ewigkeit stürzt der Tod ins
Nichts. Das Leben wird unsterblich im ewigen Lobgesang der Erlösung.
Dies ist die Ewigkeit im Augenblick. Ja im Augen-Blick. Dies ist das Schauen des Lichts, davon es heißt: in deinem Lichte schaun wir Licht. Das sei, so lehren die Alten, im Begriff der Erlösung Schöpfung und Offenbarung tiefsinnig verknüpfend, das Licht, das Gott ausschied in der Schöpfung, wo es heißt: Gott schied; damals habe er es ausgeschieden und aufgespart für seine Frommen zum Genuß in der künftigen Welt. Denn also allein wagen die Alten die ewige Seligkeit des künftigen Reichs zu beschreiben, die eine andre ist als der allzeit erneuerte Friede, den die einsame Seele in der göttlichen Liebe fand: es sitzen die Frommen, Kronen auf den Häuptern, und schaun in den Lichtglanz der offenbarwordenen Gottheit.