Frage.
Fabel.
Demuth.
Metall.
Zweifelmuth
erreget und geſtillet.
Laß mich in meinen Schranken bleiben,
Bloß deine Wunder zu beſchreiben,
Mein Schoͤpfer, die ſo wunderſchoͤn.
Ach laß aus Hochmuth mich, o Herr!
Aufs Maulwurfs Art, mich nicht vergehn,
Jn deiner Gottheit Glanz zu ſehn,
Und ſo, wie dorten Lucifer,
Mich nicht zu meinem Fall erhoͤhn!
Du ſprichſt, geliebter Menſch, ich thue, was ich kann,
Und dennoch geht auch das, ſo ich, zum guten Ende,
Mir vorgenommen, doch nicht an.
Bald reißt ein Zufall hier die Werke meiner Haͤnde,
Bald dort ein Unfall ein, und dem geraͤth es wohl,
Der doch, mit minderm Witz, mit minderm Fleiß,
Sein eitles Werk betreibt. Fuͤrwahr, ich weis,
Und ich begreife nicht, wie ich das nehmen ſoll.
Den Boͤſen gluͤckt es ſtets, die Redlichen verderben;
Ein boͤſer Bube lebt, und fromme Menſchen ſterben.
Doch halt, verwirrter Geiſt, du uͤbereileſt dich,
Und urtheilſt zu vermeſſentlich.
„Denn, daß ich dieß nicht weis; dieß eben ſtellet mir
„Zugleich, in meinem Nichts, das All der Gottheit fuͤr.
Was
[397]Zweifelmuth.
Was wollte man doch ſonſt zu dieſem Einwurf ſagen,
Der jedem ſchwer zu faſſen faͤllt,
Der ſich den Zuſtand dieſer Welt
Vor ſeiner Seelen Augen ſtellt.
„Wie kann doch Gott, der Herr, der ſo gerecht, ertragen,
„Daß auf dem ganzen Kreis der Erden
„So wenig Redliche gefunden werden?
„Wie kann er doch, die ewge Liebe, leiden,
„Daß nicht allein
„Viel Millionen Heiden,
„Und Millionen Tuͤrken, mehr,
„Als Chriſten ſind, auch ſeit viel tauſend Jahren
„Beſtaͤndig mehr geweſen ſeyn,
„Ja, allem Anſehn nach, noch lange bleiben werden;
„Nein, daß, auch ſelber unter Chriſten,
„Jndem ſie nicht allein ſo aͤrgerlich ſich zwiſten,
„Auch faſt in jeder Sect die meiſten gottlos ſeyn,
„Der guten Chriſten Zahl viel tauſendmal ſo klein,
„Als klein die Chriſtenheit, bey allen Nationen,
„Die dort, ſowohl in Aſia,
„Als Africa, zuſamt America,
„Jn ungezaͤhlten Schaaren, wohnen?
„Wie koͤnnt er doch die Bosheits-vollen Schulden
„So vieler Teufels-Diener dulden?
„Die, ſelbſt den Teufel anzubethen,
„Mit Menſchenblut beſchmitzt, vor ſein Altar zu treten,
„Und Menſchen ihm zu opfern, ſich nicht ſcheuen;
„Daß andere
* die Menſchheit ſo vergeſſen,
„Und ſelbſt ihr’ eigen’ erſtgebohrne Kinder freſſen.
Daß
[398]Zweifelmuth.„Daß andre Menſchenblut, wie Waſſer, ſaufen,
„Und Menſchenfleiſch, auf offnem Mark, verkaufen;
* „Daß andre nur darum den Feind zu fangen trachten,
„Um bloß zu ihren Gaſtereyen,
„Nach tauſend Martern, ihn zu ſchlachten;
„Daß andere ſo weit,
„Durch Aberglauben, ſich vergehn,
„Daß, wenn die Kinder nicht zu einer guten Zeit,
„Der Pfaffen Meynung nach, das Licht des Tages ſehn,
„Sie ſelbige ſobald des Tageslichts berauben,
„So, daß auf dieſe Weiſ (es faͤllt was ſchwer zu glauben,)
„Auf hunderttauſend wohl in einem Jahr allein,
„Ermordet worden ſeyn?
**„Wenn eine Zahl, faſt ohne Zahl
„Von Chriſten, nach erlittner Qual,
„Die ſonder Grauſen nicht zu leſen,
„Jn Japan umgebracht geweſen,
„Und daß derſelbigen Verfolgung ſich,
„Wie die Geſchicht uns eigentlich,
„Der menſchlichen Natur zur Schand, entdecket,
„Auf ſechs und zwanzig Jahr erſtrecket.
„Sind in den Kreuzeszuͤgen nicht,
„Von Schwerdt und Hunger aufgerieben,
„Drey Millionen Chriſten blieben?
„Wenn in der Chriſtenheit ſogar,
„Mit Martern, Sengen, Brennen, Morden,
„Solch eine große Chriſten-Schaar
„Zerfleiſcht und hingerichtet worden,
So,
[399]Zweifelmuth.
„So, daß zu einer Zeit ein ganzes Land und Reich
„Faſt einem Schinder-Anger gleich,
„Und voller Todten-Aeſer war.
„Wenn Chriſten einſt in Engelland,
„Nebſt einer großen Chriſten-Schaar,
„Bloß, weil ſie nicht papiſtiſch war,
„Ein ſchwanger chriſtlich Weib verbrannt,
„Und wie ſie in der Gluht fuͤr Schmerz ein Kind gebahr,
„Man auch das Kind den Flammen erſt entriſſen,
„Es dennoch gleich darauf aufs neu ins Feuer geſchmiſſen,
„Auf geiſtlichen Befehl.
Kein menſchlicher Verſtand kann dieß Verhaͤngen faſſen.
Denn, ob man gleich verſchiednes denken kann:
So wird ſich alles doch von uns nicht heben laſſen;
Und geht es mit den wenigſten wohl an.
Man koͤnnte zwar von aller Heiden Menge,
Durch welche der Verſtand am meiſten ins Gedraͤnge
Und in Verwirrung koͤmmt, vielleicht gedenken:
Daß, wenn die Meng auch groß, ſie doch fuͤr den nur klein,
Der weit mehr Millionen Welte,
Als Haar auf aller Haͤupter ſeyn,
Erſchuf, und ſelbige um ihre Sonnen ſtellte:
So kann doch dieß den Zweifel noch nicht heben.
Vielmehr wird die Vernunft uns hier zur Antwort geben:
Des Schoͤpfers Weisheit, Lieb, und Allmachts-Stral
Muß, weil ja Gott auch groß im Kleinen,
Auch in der allerkleinſten Zahl
Sowohl, als in der groͤßten, ſcheinen.
Es geht die menſchliche Vernunft zwar weit,
Und laſſen Gruͤnde ſich, von Wichtigkeit,
Auch bey ſo ſchreckenden Begebenheiten, finden,
Wovon wir uns, nur eins hieher zu ſetzen,
So
[400]Zweifelmuth.
So mir, als dir zur Lehr, mein Leſer, unterwinden,
Und uns dazu verbunden ſchaͤtzen.
So bilde dir denn ein, und ſtelle dir,
Zum Beyſpiel, eine Feldmaus fuͤr,
Die etwan in der Hoͤh, auf einem Huͤgel, ſaͤße,
Woſelbſt, voll Gram, voll ſchwarzer Traurigkeit,
Und bittrer Unzufriedenheit,
Sie, halb erſtarrt, die Grauſamkeit ermaͤße,
Von einem Menſchen, der ſein Feld,
Jn welchem ungezaͤhlte Schaaren
Von Maͤuſen, ſchon ſeit vielen Jahren,
Den Aufenthalt gehabt, mit Waſſer uͤberlaufen,
Und ganz bedecken hieß, ſie ſaͤhe ſelbſt, mit Haufen,
So alt, als jung, erſticken und erſaufen,
Die Neſter umgekehrt, verheeret,
Die ganze Republik verſtoͤret;
Hieruͤber ganz erſtaunt, fing ſie, voll Eifer, an:
O welch ein grauſames Verfahren!
O welche Tyranney!
Wer lebet auf der Welt, der ſolche Barbarey,
Ohn eine billige Verzweiflung, ſehen kann?
Was meynſt du: Koͤnnte wohl die Maus mit Recht
Nicht Klagen, Seufzen, Gram, Grimm und Verzweiflung ſparen?
Du wendeſt nun vielleicht hiegegen ein:
Wie koͤnnen Maͤuſ und Menſchen doch
Jm Ernſt von dir verglichen ſeyn;
Was vor ein Unterſcheid von Menſchen zu den Maͤuſen?
Der Zwiſchenſtand zum menſchlichen Geſchlecht
Von Maͤuſen, iſt zwar groß: Allein, es iſt annoch
Der Zwiſchenſtand, von uns zu Gott, unendlich groͤßer,
Es bleibt auch, ohn Vergleich, der Menſchen Zuſtand beſſer;
Jndem ſie, wie die Maͤuſ, im Sterben nicht vergehn,
Und ſich vernichtigen, nein, ewiglich beſtehn.
Da
[401]Zweifelmuth.
Da denn anſtatt vorher empfundner Qual und Pein,
Die alle, wenn ſie weg, nicht mehr empfunden ſeyn,
Die Gottheit ja, nach dieſer Zeit,
Jn einer ſeelgen Ewigkeit,
Nach einem bald zu nichts gewordnen Leiden,
Mit unausſprechlich-ſuͤſſen Freuden,
Sie zu erquicken weis, die er, nach ſeiner Liebe,
Macht und Gerechtigkeit, nach dieſem wuͤrdig findet,
Sie zu beſeeligen. Weil er allein ergruͤndet,
Nach ſeiner Liebe, Macht und ewgen Weisheit Licht,
Wer ſeiner Gnade werth, und welcher etwan nicht.
Vergleichet man die Dauer dieſer Zeit,
Von einer noch ſo herben Pein,
(Und waͤr ſie noch ſo lang,) mit der Unendlichkeit:
So wirſt du leicht zu uͤberfuͤhren ſeyn,
Daß alles das, was endlich, was vergehet,
Jm Gegenhalt mit dem, was ewiglich beſtehet,
So gut, als waͤr es nie geweſen.
Bedenke doch, ein Leiden, das vorbey,
Wie wenig es dir jetzo fuͤhlbar ſey.
Der Froſt, der geſtern noch die ſtarre Glieder druͤckte,
Die Hitze, welche dich noch geſtern faſt erſtickte,
Die Wunden, die geheilt, ſogar die wilde Qual,
So auf der Marterbank ein Koͤrper ausgeſtanden,
Die ſind ein wirklich Nichts, wenn ſie nicht mehr vorhanden.
Ja, die Erinnerung, da ſie uns noch einmal
Jm Denken quaͤlen koͤnnt, dient, wenn wirs recht erwegen,
Zur Unluſt nicht, zum Troſt. Ein Uebel, das vergangen,
Vermehret noch die gegenwaͤrtge Luſt,
Abſonderlich, wenn uns gewiß bewußt,
Daß wir, ſtatt jener Pein, ein ewig Gut empfangen.
Br.VI.Th. C cEr-
[402]Zweifelmuth.Erwegſt du dieſes recht, wird wenigſtens zum Theil,
Dein Herz von deiner Sorg und Zweifelmuth geneſen,
Und du biſt deinem Heil
Schon naͤher, als du glaͤubſt.
Was aber die verſchiednen Nationen,
So unterſchiedene Religionen,
Und ihre Zahl betrifft, von welchen man
Den Duldungsgrund nicht faſſen kann:
So zeiget ſich von ſelbſt, wenn Menſchen hier regierten,
Und wir, nach unſerm Witz, der Erde Zepter fuͤhrten,
Wir duldeten dergleichen Jrrthum nicht.
Allein, weil Gott der Herr dieſelben leidet,
Und ſich die Menſchheit ja mit allem Recht beſcheidet,
Daß ihre Weisheit nichts, bey Gottes Weisheits-Licht:
So muͤſſen wir mit Recht die Finger auf den Mund,
Voll Demuth und voll Ehrfurcht, legen,
Und voll Gelaſſenheit, in Andacht, dieß erwegen:
Wir ſehen, daß kein Menſch, ein Gott den Zepter
fuͤhret,
Und daß Gott, als ein Gott, nicht als ein Menſch,
regieret.
Befleißige dich denn ins kuͤnftige darauf,
Jn deinem ganzen Lebenslauf,
Dasjenige, was Gott thut, gut zu finden.
Es iſt der beſte Dienſt, den du in deinem Leben
Dem Schoͤpfer faͤhig biſt, zu geben.
Jn ſein allmaͤchtig All, dein kleines Nichts zu ſenken,
Und in Gelaſſenheit zu ſeiner Ehr, zu denken,
Daß alles, wenigſtens nach ſeinem Endzweck, gut,
Was ein ſo guter Gott geſchehn laͤßt, oder thut.
Durch ſolch Vertrauen kann die Gottheit bloß allein
Am allerwuͤrdigſten von uns verehret ſeyn.
Fernere Betrachtung
des
der Erde ſo nuͤtzlichen Weltmeers.
Nach Anleitung des Spectacl. de la Nat.
Jndem wir nun das weite Meer, als wie ein goͤttlich Werk,
ermeſſen:
Laßt uns deſſelben unbeſchreiblich- und groͤßten Nutzen nicht
vergeſſen.
Wir werden, wenn wir dieß mit Ernſt, und wie man billig ſollt,
ergruͤnden,
Des Meeres und der Sonnen Wunder, zu Gottes Ehr, aus-
nehmend finden.
Unmoͤglich koͤnnt’ der Erdenkreis im Stande, wie er iſt, be-
ſtehn,
Aufs wenigſt muͤßte, was da lebte, unfehlbar ſterben und vergehn,
Wenn wir nicht Fluͤß und Regen haͤtten. Nun zeigt ſich, daß
von Fluͤß- und Regen,
Und von dem, bloß allein durch ſie, bey uns gewirkten Wunder-
Segen,
Das Meer, der Urſprung und die Quelle. Dieß Wunder iſt
wahrhaftig werth,
Daß man die Weisheit, Lieb und Allmacht desjenigen in De-
muth ehrt,
Und die Bewunderns-werthe Ordnung, auf welche Weiſe dieß
geſchicht,
Mit ehrerbietger Luſt betrachtet. Es kommen, durch das
Sonnenlicht,
Br.VI.Th. D dWie
[418]Betrachtung des Weltmeers.
Wie alle Tropfen in dem Regen, auch alle Baͤch und Stroͤme
her,
Aus dem Behaͤlter aller Waſſer, dem ja ſo tief-als weiten Meer,
Wie ſchwer es auch zu glauben ſcheint. Daß ſich, aus Duͤn-
ſtungen allein,
So ungeheurer Fluͤſſe Meng ohn Unterlaß ins Meer ergieſſen,
Von welchen viel, in einer Weite, von mehr als achtzig Meilen,
flieſſen,
Nebſt allen Waſſern auf der Welt, ſcheint keine Moͤglichkeit
zu ſeyn,
Ob ſichs gleich wirklich ſo verhaͤlt. Der hellen Sonnen
Wunderſtral
Zieht aus der weiten Waſſerwelt, dem Meer, und deſſen Ab-
grunds-Thal,
Durch des allmaͤchtgen Schoͤpfers Ordnung, ſolch einen Vor-
rath in die Hoͤh,
Von Duͤnſten, in die duͤnne Luft, daß man die Luft mit Recht
wird koͤnnen,
Ein ungemeßnes Reich von Duͤften, von feuchten Duͤnſten
eine See,
Die groͤßer, als die Tiefe ſelber, und Sammlung großer Waͤſ-
ſer, nennen,
Die aber droben, durch die Duͤnne, in ſolchen Stand geſetzet
werden,
Daß ſie, durch Steigen und durch Sinken, zum Nutz und Be-
ſten unſrer Erden,
Bereitet und erhalten ſind. Aus deren Menge denn allein
Nicht nur die Baͤche, Stroͤm und Fluͤſſe, auch alle andre Feuch-
tigkeiten,
Die allen Pflanzen, allen Thieren, im Trank, die Nahrung zu-
bereiten,
Nur bloß entſtehen, zugerichtet, und wie ſie ſind, formiret ſeyn.
Nun
[419]Betrachtung des Weltmeers.Nun iſt des Meeres Salzigkeit fuͤr uns ein faſt unſchaͤtzbar
Gut,
Und welches ihm, aus weiſer Abſicht, ſo, wie das Licht der
Sonnen Gluth,
Zu Anfang wirklich anerſchaffen, nicht aber, wie man etwan
meynet,
Und wie es, aus verſchiednen Gruͤnden, den Forſchern der Na-
tur-Kraft ſcheinet,
Als ob es ſein ſo noͤthig Salz, von ſeinen Ufern oder Bette,
Und unterirdſchen Gaͤngen zoͤge, und es nicht wirklich in ſich
haͤtte.
Jndem, bey naͤhrer Unterſuchung, wie tief man auch das Meer
ergruͤndet,
Dennoch auf deſſen tiefem Boden, von Salz ſich keine Spur
befindet.
Dieß Meeres Salz nun, daß es nicht in ſteter Stille ſinken
moͤchte,
Und folglich die geſchwaͤchte Kraft der Erden mindern Nutzen
braͤchte,
Wird es, o Wunder! unaufhoͤrlich, und ſtets durch Ebb und
Fluth, geruͤhrt,
Und die beſtaͤndig regen Theile an allen Orten hingefuͤhrt.
Wo etwas unſers Schoͤpfers Weisheit, und ſeine Macht
und Liebe weiſet,
Wo etwas ſeine Abſicht, Ordnung, und nie begriffne Wunder
preiſet,
Wo was Bewunderung verdient: So iſt es warlich Ebb und
Fluth,
Je minder ſie begreiflich iſt. Es hat der Schoͤpfer nicht allein
Dem Meer, das, wenn ſichs nicht bewegt, und immer wuͤrde
ſtille ſeyn,
D d 2Ver-
[420]Betrachtung des Weltmeers.
Verfaulen und verderben wuͤrde, die Wind’ und ihre ſtrenge
Wuth,
Aus weiſer Abſicht zugetheilet. Er hat, weil dieſe noch zu
fluͤchtig
Und ungewiß, ein andres Mittel, das unveraͤnderlich und richtig,
Das Meer in ſtetiger Bewegung zu unterhalten, ausgefunden,
Und dadurch Nutzen und Ergetzen recht unverbeſſerlich ver-
bunden.
Daß wir den eigentlichen Grund von dieſem Wunder nun
nicht faſſen,
Soll jemand, der es unterſucht, ſich billig nicht befremden
laſſen.
Denn, alle Dinge faſſen wollen, iſt ſtolzer Hochmuth; und
hingegen
Das, ſo wir unſerm Schoͤpfer ſchuldig, fuͤr ſeine Fuͤhrung,
nicht erwegen,
Jſt ein faſt mehr als viehiſches Betragen und Unwiſſenheit,
Ja gegen ſeine Macht und Liebe, Verachtung und Undank-
barkeit.
Sind ſolche große Wunderwerke nicht unſerer Betrachtung
werth,
Und daß man deſſen Weisheit, Ordnung, Regierung, Fuͤhrung,
Lieb und Macht,
Der den Zuſammenhang der Dinge geordnet und hervorge-
bracht,
Nach allen unſers Geiſtes Kraͤften, in froͤlicher Bewundrung,
ehrt?
Dieß Meer-Salz nun, das alle Waſſer, auch Fiſch, in ih-
rer Daur erhaͤlt,
Hat, auſſer dieſen Nutzbarkeiten, zu der Erhaltung unſrer
Welt,
Noch
[421]Betrachtung des Weltmeers.
Noch zweyerley, ſo ſehr betraͤchtlich. Das erſte, daß die
duͤnnen Theile,
Ohn alle Hindrung, ſonder Anſtand, und ungehemmt, in ſte-
ter Eile,
Durch die erhoͤhnde Kraft der Sonnen, ſich mit den Duͤn-
ſten aufwerts heben,
Und dadurch Luft und Erd und Pflanzen die Fruchtbarkeit
beſtaͤndig geben.
Das andre, daß die ſchweren Theile, zu ſtarker Duͤnſtung
widerſtreben,
Weil ſonſt zu viele Feuchtigkeiten ſich in die Luft erhoͤhen
moͤchten,
Die denn, in gar zu vielem Regen, gewiß der Erde Scha-
den braͤchten.
Das Salz iſt mit des Waſſers Weſen recht innerlich
vereint und feſt,
Wodurch ſichs, durch der Sonnen Waͤrme, davon nicht gerne
trennen laͤßt,
Und da es, in der duͤnnen Luft, die Wirkungen der Waͤrme
hindert,
Sind, bis zur rechten Regens-Maaße, die Duͤftungen dadurch
gemindert.
Je mehr die Waͤrme Theilchen Salz begegnet, die ihr
widerſtehn,
Je minder ſind der Waſſer Theilchen, die ſich durch ihre Kraft
erhoͤhn,
Da nemlich das vorhandne Salz das Waſſer in ſich ſchwe-
rer macht,
So wird der Waͤrme Zug gemildert, und in die rechte Maaß
gebracht.
D d 3Wir
[422]Betrachtung des Weltmeers.Wir haben denn dem Meer-Salz mehr, als wie man glau-
ben wird, zu danken,
Denn, durch daſſelbe bleibt die Menge des ſuͤſſen Waſſers in
den Schranken,
So ſonſt, durch die zu ſchwere Menge, und von der Feuchtig-
keiten Buͤrde,
Anſtatt uns Fruchtbarkeit zu ſchaffen, den Erdenkreis er-
ſaͤufen wuͤrde.
Wann oben nun gemeldet worden, es kaͤmen, einzig aus
dem Meer,
Die großen Waſſer aller Fluͤſſe, der Regen auch, aus Duͤn-
ſten her,
So faſt unmoͤglich ſcheinen will, da wir ja Waſſerſtroͤme
kennen,
Die mit ſo ungeheurem Guß, der mehr als achtzig Meilen breit,
Mit einer ſchrecklich-ſchweren Laſt, in nimmer unterbroch-
nem Rennen,
Faſt jeden Augenblick ein Meer ins Meer, mit ſtrenger Hef-
tigkeit,
Und einem ſolchen Druck und Drang, ergieſſen, ſtuͤrzen, welzen,
treiben,
Daß es kein Sinn zu faſſen tuͤchtig, und keine Feder zu
beſchreiben:
So iſt es billig unſre Pflicht, um unſers Schoͤpfers Macht
zu preiſen,
Daß alle Fluͤſſe, Teich- und Seen, aus Duͤnſten ſtammen,
zu erweiſen.
Dieß kann, mit groͤßrer Deutlichkeit, mehr uͤberzeuglich
nicht geſchehn,
Als wenn wir, was Erforſchungen, nebſt der Erfahrung, zei-
gen, ſehn;
Es
[423]Betrachtung des Weltmeers.
Es haben viele weiſe Maͤnner, an manchem Ort, ſich unter-
wunden,
Zu unterſuchen, wie viel Regen, in einem Jahr, auf unſre Welt,
Wohl fallen moͤcht, wozu ſie denn, ein groß Gefaͤß hinaus
geſtellt,
Entfernt von Haͤuſern und Gebaͤuden. Da ſie denn mehren-
theils gefunden,
Wenn ſie, nach einem jeden Regen, die Hoͤh bemerkt, ſie auf-
geſchrieben,
Und endlich ordentlich addirt, daß es bey zwanzig Daumen
blieben,
So in Paris ſo wohl, als Zuͤrch, in London und in Amſterdam,
Jn einem Jahr geregnet hab. Aus dieſen laͤßt ſich billig ſchlieſſen,
Daß auf dem ganzen Kreis der Welt, in dieſer Maaſſe un-
gefehr,
Und eins ins andere gerechnet, bald minder und bald etwas
mehr,
Die Duͤnſte, die zu Regen worden, nach allem Anſehn, fal-
len muͤſſen.
Doch, um noch mehrer Richtigkeit, und Ordnung, laßt
uns uns bequemen,
Und bloß nur funfzehn Daumen hoch, anſtatt der zwanzig,
anzunehmen:
So wird ſich dennoch ſo viel zeigen, daß, bloß auf einer Ru-
then Erden,
Auf fuͤnf und vierzig Fuͤſſe Waſſer, in einem Jahre, fallen
werden,
Den Fuß gewuͤrfelt angenommen. Dieß wird auf ſechzig
Meilen nun,
So wie man ſie in Frankreich hat, im Jahr auf vierzehn
mehr noch thun,
D d 4Als
[424]Betrachtung des Weltmeers.
Als ſieben hundert Milliaren, nebſt hundert funfzig Millionen,
Dergleichen Cubſcher Fuͤſſe Waſſern. Nun hat ja Frankreichs
ſtaͤrkſter Fluß,
Die Seine nemlich, ihren Stoff aus einem Dunſt und Regenguß.
Sie haben denn die Seine ſelber bey dieſer Waſſer-Laſt be-
trachtet,
Und daß ſie lange nicht ſo groß, mit vielem Fleiß und Ernſt,
beachtet.
Bequem dazu nun zu gelangen,
Hat ein vernuͤnftger Mariotte ſie ſo zu meſſen angefangen.
Die Louvre-Bruͤcke, ſo die Seine durch Pfeiler in die Enge
ſchlieſſet,
Und unter deren breiten Bogen ihr Waſſer unaufhoͤrlich
flieſſet,
Jſt auf vier hundert Fuͤſſe breit,
Das Waſſer iſt fuͤnf Fuͤſſe tief, woraus zwey tauſend Fuͤß
entſtehn.
Um nun den Raum zu uͤberſehn,
Den die zwey tauſend Fuͤſſe laufen, in einer angeſetzten Zeit,
Warf er ins Waſſer einen Stock, und merkt in deſſen Schnel-
ligkeit,
Zugleich die Schnelligkeit des Waſſers, und fand, daß immer
eine Laͤnge
Auf die zwey hundert funfzig Fuͤſſe, in einer jeglichen Minut,
Durch die gewoͤlbten Bogen-Gaͤnge,
Sich unaufhoͤrlich drang und floß. Allein, wir wollen uns
bequemen,
Und weil der Seine rege Fluth
Nicht immer gleich geſchwinde laͤuft; nicht mehr, als hundert
Fuͤſſe, nehmen,
Anſtatt
[425]Betrachtung des Weltmeers.
Anſtatt zweyhundert funfzig Fuͤſſe: So kann ein jeder leicht
erfahren,
Daß die zweytauſend Cubſche Fuͤſſe, die jetzt noch an der Bruͤ-
cke waren,
Jn einer einzigen Minute ſchon hundert Fuͤſſe ſich entfernt,
Woraus man uͤberzeuglich lernt,
Daß an ſo viel zwey tauſend Fuͤſſen ſie hinter ſich her Raum
gemacht,
Als ſie, auf ihrer ſtillen Reiſe, an Fuͤſſen einzelne vollbracht.
Hierauf nun trifft, ohn allen Zweifel und Fehl, die Rech-
nung richtig ein,
Es muͤſſen von dergleichen Waſſer, an ſolchen wuͤrfelichten
Fuͤſſen,
Jn einer einzigen Minute, auf zweymal hundert tauſend
flieſſen.
Vermehret man nun dieſe Zahl mit ſechzig; ſind, in einer
Stunde,
Zwoͤlf Millionen ſolcher Fuͤſſe, und noch an Millionen, acht,
Mehr als zweyhundert achtzig noch, in einem Tag und einer
Nacht,
Dahin gefloſſen und gefahren:
Jm Jahr ein folglich hundert fuͤnf, an wohlgezaͤhlten Mil-
liaren,
Und hundert zwanzig Millionen daruͤber. Alſo ſie-
het man,
Daß dieſe Zahl, wie groß ſie auch, doch an der Waſſer-
Fuͤſſe Zahl,
Jm Regen, als die ſechsmal groͤßer, auf keine Weiſe rei-
chen kann,
Da ſie auf ſieben hundert vierzehn, von Milliaren, ſich er-
ſtrecket,
D d 5Und
[426]Betrachtung des Weltmeers.
Und hundert funfzig Millionen daruͤber. Hieraus wird
entdecket,
Wie in den Duͤnſten, Schnee und Regen, ſolch eine Laſt vom
Waſſer ſtecket,
Woraus faſt fuͤnfmal ſo viel Fuͤſſe, als wie wir haben, koͤnn-
ten werden.
Wer nun, mit menſchlichem Gemuͤth, die Wunder-Ord-
nung uͤberlegt
Und wie, durch ſolche Macht und Weisheit, der Bau des
Waſſers und der Erden,
Auf eine ſolche weiſe Weiſe, regieret wird, mit Ernſt erwegt,
Und dann kein herrlich Regiment, kein’ Allmacht, keine Gott-
heit ſpuͤrt,
Die ſolche ungeheure Koͤrper, ſo leicht, ſo ordentlich regiert;
Wie wird doch der ſich ſelbſt vernuͤnftig, begabt mit einer
Seele, nennen,
Und, zum verſtaͤndigen Geſchoͤpf, gemacht zu ſeyn, verlangen
koͤnnen?
Des Menſchen Zorn thut nicht
was vor Gott recht iſt.
Die allerlaͤcherlichſte Suͤnd, und ſchaͤdlichſte Gemuͤths-Be-
wegung
Jſt, wenn wir, durch des Naͤchſten Thun, uns das Gebluͤt
in eine Regung,
Und bittre Wallung bringen laſſen, die Aergerniß und Ei-
fer heißt:
Wodurch der Koͤrper nicht allein in Krankheit, auch zugleich
der Geiſt,
Jn eine Art von Raſerey, wie man den Zorn nicht unrecht
nennet,
Sich ungluͤckſelig ſetzen laͤßt. Von allen Laſtern, die man
kennet,
Hat jede, nebſt des Stachels Spitze, doch auch noch Honig;
aber hier
Jſt End und Anfang gallenbitter, und toͤdtlich Gift, durch
welches wir
Uns ſelbſt mit Noth und Pein belegen, anſtatt den Naͤchſten
zu beladen,
Und ſtatt den ſchuldigen zu ſtrafen, faſt niemand, als uns
ſelber, ſchaden.
Die ſchnelle Gluth des regen Eifers iſt Stuͤck- und Buͤch-
ſen-Pulver gleich,
Das oben mehr, als ſeitwerts, ſchlaͤgt, und deſſen toͤdtlich ſtar-
ker Streich,
Des Nachbars Haus oft kaum erſchuͤttert, ſein eignes in die
Luͤfte ſprengt.
Em-
[433]thut unrecht vor Gott.
Empfindlichkeit iſt hier der Schwefel, wozu der Geiz die
Kohlen menget,
Die Eigenliebe den Salpeter, der Eigenſinn und Uebermuth,
Zu dem ſo ſehr gefaͤhrlichen, ſich ſelbſt verzehrnden Stoff, die
Gluht,
Zu eigenem Verderben fuͤget, von welcher Großmuths-vollen
That,
Man denn, ſtatt billiger Belohnung, mit Recht noch Schimpf
und Schande hat.
Man ſeh ein zorniges Geſicht doch einſt mit kalten Sin-
nen an!
Kann wohl zugleich was ſcheußlichers und laͤcherlichers auf
der Erden,
Wie ſolch ein halb Beſeßner macht, und ſich verſtellt, gefun-
den werden,
Als den man ſelbſt, kaum ohne Zorn und Furcht und Mitleid,
ſehen kann?
Die Augen, voll von ſchwarzer Gluht, bemuͤhn ſich gleich-
ſam zu verſtecken;
Die tiefgeſenkten Augenbrahnen, die theils die wilde Scheuß-
lichkeit
Der glimmen Augen zu vermehren, und theils dieſelbe zu
bedecken,
Nach aller Kraft, bemuͤhet ſcheinen, formiren zu derſelben
Zeit,
Aus den ſonſt zierlichen Ovalen, zwo kleine tiefe Moͤrder-
Hoͤhlen,
Wodurch man den verſtoͤrten Sitz der aufgebrachten wilden
Seelen,
Halb fuͤrcht-halb laͤcherlich erblickt. Er wuͤrde, Baſilisken
gleich,
Br.VI.Th. E eWenn
[434]Des Menſchen Zorn.
Wenn die Natur ſo ſtrengen Gift ihm nicht verſaget, ohne
Zweifel,
Den Feind, mit ſeinen Blicken toͤdten; er ſtuͤrzt ihn gar ins
Hoͤllen-Reich,
Und gaͤbe (wie die Zung es ja verraͤth,) ihn in der That
dem Teufel.
Sein ſchaͤumend Maul, bald laut, bald ſtumm, fuͤr Wuth und
uͤbermachten Eifer,
Druͤckt bald in ſeine untre Leffze die ſtumpfen Zaͤhne
voller Geifer;
Bald knirſcht ſein grimmiges Gebiß; bald ſpeyt der aufgeriß-
ne Mund
Verwirrte Schmaͤhwort ohne Zahl, ja ſchreyt und bellet, wie
ein Hund.
Nun ſehe man doch eine Larve, von ſo verzognen Zuͤgen, an,
Ob man von einem Ebenbilde des Schoͤpfers was drin fin-
den kann,
Ja, ob auch nur was menſchliches, in dem Betragen, ſich
entdecke.
Was es noch vor betruͤbte Folgen, im Geiſt und Leib, und
ſonſt erwecke,
Jſt uͤberfluͤßig zu erweiſen. Man weis ja, daß des Eifers
Macht
So viel in Noth und Pein geſtuͤrzet, und endlich gar ins Grab
gebracht.
Ach moͤcht ein Menſch, in ſeiner Hitze, doch einſt vor einen
Spiegel gehn,
Und nur allein die aͤußre Stellung, vom Koͤrper und Geſicht,
beſehn:
So
[435]thut unrecht vor Gott.
So weis ich, wuͤrd er ganz gewiß ein Scheuſal in ſich ſelbſt
entdecken,
Und fuͤr ſein’ eigene Geſtalt, die ihm doch ſonſt ſo lieb, er-
ſchrecken;
Wo nicht, ſo wuͤnſcht ich, daß dieß Lied mit gnugſam kraͤftgen
Farben ihnen,
Ein aͤhnlich Bild des Zorns zu zeigen, ſtatt eines Spiegels
moͤchte dienen,
Damit die ungluͤckſelge Quelle der Bosheit, die Empfind-
lichkeit,
Mit mehrerm Ernſt erkannt, verſtopfet, und gegen ſie, zu aller
Zeit,
Mit Macht geſtritten werden moͤchte. Jch will mich wenig-
ſtens bemuͤhen,
So andern, als mir ſelbſt zum Beſten, die Unſchulds-Mask
ihr abzuziehen,
Um dieß, dem Schein nach, Kind des Himmels, doch in der
Wahrheit, Kind der Hoͤllen,
Jn ſeiner eigentlichen Stellung, und ungeſchminket, vorzu-
ſtellen.
Jch nenne die Empfindlichkeit, von unſerm Naͤchſten nichts
zu leiden,
Die Misgeburth der Eigenliebe, den groͤßten Feind von al-
len Freuden,
Und unſern eignen groͤßten Feind, der, was uns die Natur
geſetzt,
Die Gottes, unſers Naͤchſten Liebe, und unſer eigene verletzt.
Zu viele Liebe vor uns ſelbſt verurſacht, daß wir ſelbſt
uns haſſen,
Daß wir die uns geſetzten Schranken, aus uͤbermuͤthgem Stolz,
verlaſſen,
E e 2An-
[436]Des Menſchen Zorn
Anſtatt, wie es zu unſerm Beſten, Natur und Schrift uns
vorgeſchrieben,
Den Schoͤpfer, uns, und unſern Naͤchſten, uns gleich, gemein-
ſchaftlich zu lieben;
So reiſſen wir uns aus der Mitten, und lieben nichts, als
uns allein,
Wodurch wir denn, ganz uͤberzeuglich, beſtaͤndig ungluͤckſelig
ſeyn.
Mit unſerm Jch allein beſchaͤfftigt, erklaͤrt man ſich fuͤr
aller Feind,
Und zieht, durch einen Wechſel-Handel, der jedermann erlau-
bet ſcheint,
Sich aller Feindſchaft wieder zu. Wie kann mit unſerm
Wohlergehen,
Da die Partey ſo gar nicht gleich, ein ſolch Betragen doch
beſtehen?
Da, wie ein andrer Jsmael, man ſich ſelbſt gegen alle Welt,
Und alle Welt auch gegen ſich, hinwiederum verreizt und
ſtellt.
Wenn man, mit Ernſt, den wahren Urſprung von der Em-
pfindlichkeit erwegt:
So iſt die Wurzel nichts, als Hochmuth, der Samen zu viel
Eigenliebe,
Die Frucht, die dieſe boͤſe Pflanze, und zwar in ſchwerer Men-
ge, traͤgt,
Sind bloß zu unſers Naͤchſten Schaden und Nachtheil ab-
gezielte Triebe,
Wodurch man aber mehrentheils ſich ſelber nur Verdruß erregt,
Und, da man andre ſchlagen will, ſich ſelbſt am allerſtaͤrkſten
ſchlaͤgt.
Nun
[437]thut unrecht vor Gott.Nun koͤmmt vom aufgeblaſnen Stolz, das Mittel, das er
brauchet, mir
So unzulaͤnglich, als auch thoͤricht, und gar zu niedertraͤchtig fuͤr,
Anſtatt, wie er ja immer will, ſich uͤbermuͤthig zu beſtreben,
Vor allen ſich hervorzuthun, ſich uͤber alles zu erheben,
So macht er ſich, durch Zorn und Eifer, veraͤchtlich, laͤcherlich
und klein,
Ja, zeigt dem andern ſelbſt die Wege, daß er ſein Herr und
Meiſter ſeyn,
Und ſeine Ruhe ſtoͤren koͤnne, ſo oft er will. Dieß zu vermeiden,
Jſt dieß das allerbeſte Mittel, die einzge Cur: So bald ihr ſeht,
Daß jemand, er ſey, wer er ſey, worin ſich gegen euch vergeht,
So zwinget euch, die erſte Regung zu unterdruͤcken, ohn zu
leiden,
Daß man, wie ihr getroffen, merke. Dieß zeigt, daß ihr euch
ſelbſt beſitzt,
Es zeigt Verſtand und Weisheit an, es zeiget Großmuth. Eure
Minen,
Die wenn ihr boͤſ, euch ſcheußlich machen, die werden ohne
Zweifel dienen,
Euch Ehr und Beyfall zu erwerben, und eben dieſe Hand-
lung nuͤtzt,
Den Feind zu kraͤnken, zu verwirren, ihn zu beſchaͤmen, klein
zu machen.
Euch wird man loben und bewundern, den andern haſſen und
belachen.
Zu ſolchem kluͤglichen Betragen verbindet euch nun ja ſo ſehr,
Ein zugeblaſner Eigennutz, als der Natur und Bibel Lehr,
Den Naͤchſten, ſo wie euch, zu lieben,
Denn, wenn ihr ſo den Naͤchſten liebet, ſo liebt ihr ihn, doch
euch noch mehr.
E e 3Ge-
[438]Des Menſchen ZornGeſchicht euch Unrecht, und ihr meynet, ihr muͤſſet euch
nothwendig raͤchen:
So denk ich ein’ erlaubte Rache euch hier nicht eben abzu-
ſprechen;
Jch will mit dieſer meiner Lehre, zu eurem Beſten, dieß allein:
Jhr ſollt, anſtatt an euren Feind, euch nur nicht an euch
ſelber machen,
Anſtatt nur ihm, euch wehe thun, nicht euer eigner Henker ſeyn.
Wenn ihr euch noch ſo ſehr erboßt: So wird er eurer Bos-
heit lachen,
Jndem ihr ſeinen Willen thut. Er kann ja, wie er will, euch
lenken;
Jhr plaget euch, auf ſein Geheiß; ihr ſeyd ſein Sclav; er wollt
euch kraͤnken;
Jhr kraͤnket euch, ſo oft er will. Hat ers nun aber nicht gewollt,
Wie es zuweilen wohl geſchicht, und was er that, waͤr aus
Verſehen,
Aus Uebereilung oder Schwachheit, und gar aus Vorſatz nicht,
geſchehen:
So uͤberlegt doch ſelbſt einmal, ob euer aufgebrachtes Blut,
Ob euer Eifern, Schaͤnden, Schmaͤhlen, Verfolgung, Bos-
heit, Zorn und Wuth,
Von Billig- und Gerechtigkeit, auch den geringſten Schein
nur hege,
Und ob man euer Thun fuͤr menſchlich, und fuͤr vernuͤnftig
halten moͤge,
Da ihr, aus Uebereilung, euch und eurem Naͤchſten Schaden thut.
Wer lachet uͤber Hunde nicht, die grimmig in die Steine
beiſſen,
Mit welchen ſie ihr Feind geworfen? da wir hingegen, durch
die Wuth,
Viel-
[439]thut unrecht vor Gott.
Viel toller noch, als Hunde handeln, nicht Feind, nicht Stein,
uns ſelbſt zerreiſſen,
Wenn man, durch aufgebrachte Galle, ſich kraͤnkt und ſich am
wehſten thut.
Wer wollte nun, ſolch einem Feind zu widerſtehn, ſich nicht
bequemen,
Der, wenn er ſiegt, uns laͤcherlich, veraͤchtlich, toll und elend
macht?
Wer wuͤrde wohl das wilde Thier, das man im Buſen hegt,
nicht zaͤhmen,
Wuͤrd es nur recht, nach ſeinem Weſen, die Folg, und die
Gefahr bedacht,
Kurz; ſoll, in deinem ganzen Leben, dich deine Thorheit nicht
gereuen,
So mußt du gleich, ſo bald dein Zorn nur eben ſeinen Anfang
nimmt,
Sobald dir, gegen deinen Naͤchſten, ein Funken in der Bruſt
entglimmt,
Anſtatt ihn eifrig aufzublaſen, nur eilig in denſelben ſpeyen.
Du wirſt dadurch im Stande kommen, durch deines Feindes
eigne Waffen,
Dir wahre Satisfaction, wie man es nennet, zu verſchaffen.
Hingegen bleibt es laͤcherlich, durch ſchnellen Eifer ſich bemuͤhn,
Sich ſelbſt zu ſchaͤnden, ſich zu plagen, ſich Pein und Krankheit
zuzuziehn,
Und wenn ein andrer uns beleidigt, den andern nicht, ſich ſelber
ſtrafen.
Die Werkſtatt
der Seelen.
Nachdem ich juͤngſt, was ich vom Lamms-Kopf geſchrieben,
durchlas, und mein Singen
Von neuen uͤberleget hatte, beſchloß ich weiter noch zu gehn,
Und ließ mir einen Todten-Kopf, aus meinem Cabinette,
bringen,
Um auch von dem den Bau der Knochen, in ſeiner Bildung,
anzuſehn.
Jch ſah ihn erſt, von unſrer Dauer, als einen ſtummen Leh-
rer an,
Der aber, ſonder Zunge, mehr, als der beredſte, ſagen kann.
Doch war dieß nicht mein Zweck allein; ich lenkte meinen Blick
und Sinn
Auf den geweſenen Behaͤlter der Seelen, auf den Schedel, hin,
Und fand ihn rings umher verſchloſſen, als einen Kerker und
ſo dicht,
Daß auſſer, was durch unſrer Sinne Canaͤle, nemlich durchs
Geſicht,
Durchs Ohr, und ſonſt von auſſen dringt; die Seele fern
von allem Licht,
Jm nimmer unterbrochnen Dunklen, ihr unbekanntes Werk
betreibet,
Und daß, ſo lange ſie im Koͤrper, ſie hier ſtets eingeſchraͤnket
bleibet,
Nicht aber, wie mans insgemein, durch Vorurtheil verfuͤh-
ret, meynet:
Daß
[447]Die Werkſtatt der Seelen.
Daß ſie im Himmel, in der Hoͤlle, in Oſt und Weſten, wie
es ſcheinet,
Gedanken von ſich ſenden koͤnne, daß es bald nach America,
Nach Nova Zembla, bald zum Suͤdpol, bald wiederum
nach Aſia,
Sie wegzuſchicken, gar nicht moͤglich; nein, daß die Seele
fort und fort,
Samt ihren Kindern, den Gedanken, beſtaͤndig an demſelben
Ort,
So lang wir leben, bleibt und wirkt. Die Bilder, die ſich
in ſie ſenken,
Durch nie verſchloßner Sinnen Thuͤren, weis ſie auf tauſend
Art zu lenken,
Zu fuͤgen, wiederum zu trennen, ſie zu vergleichen, zu be-
denken,
Sie zu vergeſſen, zu behalten, ſie zu verwerfen, ſie zu waͤhlen,
Sie zu veraͤndern, bald ſich lange mit ihnen gleichſam zu ver-
maͤhlen,
Bald wieder ſich von ihnen ſcheiden, bald recht zu haben, bald
zu fehlen,
Bald ſich an einigen zu aͤrgern, an andern bald ſich zu er-
getzen,
Bald aus verſchiednen ein Gebaͤud errichten, und zuſammen
ſetzen,
Faͤllt ihr zuweilen leicht, bald ſchwer. Dieß ſcheint das wahre
Thun der Seelen.
Die Dunkelheit des Seelen-Sitzes ſcheint etwas helles
zu entdecken,
Und zu derſelbigen Betrachtung ein Licht uns gleichſam an-
zuſtecken.
Kommt
[448]Die Werkſtatt der Seelen.
Kommt, laßt uns denn, ſo viel wir koͤnnen, aufmerkſam in
ihr Jnners gehn,
Und wenigſtens von ihren Grenzen, wo man ſie ſelbſt nicht
ſieht, beſehn.
Des Schedels Bau ſcheint an Figur faſt einem Diſtillir-
Helm gleich,
Woran vermuthlich alle Bilder, die durch die Nerven ihn
beruͤhren,
(Vielleicht ſo wie die Duͤnſt in Kolben, wenn ſie darin ſich
ſublimiren,)
An den gewoͤlbten Boden ſchlagen,) indem ſie wirklich refle-
ctiren,
Uns auch zum reflectiren bringen. Was vor ein Schatzhaus
von Jdeen,
Laͤßt ſich, an dieſer holden Werkſtatt des beinernen Gewoͤlbes,
ſehen,
Die wunderbar und unbegreiflich. Es ſcheinet ja wohl
mehr, als werth,
Daß, weil der Geiſt nicht ſichtbar iſt, man wenigſtens die
Blicke kehrt,
Auf ſeinen Sitz, und ihn betrachtet, ihn bald bewundert, bald
erwegt,
Was vor Erſtaunens-werthe Dinge, und Handlungen er in
ſich hegt,
Auch daß der knoͤcherne Behalter, und dieſe kleine runde
Hoͤhle,
Nicht nur ſo viel man faſſen kann, der eigentliche Sitz der
Seele,
Nein, daß man auch zugleich ſamt ihren, auch ihrer Kinder,
der Gedanken,
So kuͤnſtlichen Behaͤlter ſieht, unkoͤrperlicher Geiſter
Schranken.
Jch
[449]Die Werkſtatt der Seelen.Jch weis gewiß nicht, ob wir uns gar weit vom Weg
der Wahrheit trennen,
Wenn wir den Kolben-foͤrmgen Schedel, lebendge hohle Spie-
gel nennen,
Worin der Geiſt die Bilder fuͤhlt, und ſie bald ordnen, bald
vermiſchen,
Bald wiederum ergreifen kann. Doch bleibt deſſelben wahrer
Stand,
Wie ſcharf man gleich aufs Denken denkt, doch in der That
uns unbekannt.
Es ſcheint uns, wie mit unſerm Aug, auch ſo mit unſerm
Geiſt, zu gehn,
Der Geiſt ſo wohl, als unſer Auge, kann alles, nur ſich ſelbſt
nicht, ſehn:
Es laͤßt jedoch auf dieſe Weiſe, wenn wir des Schedels Ruͤnd
ergruͤnden,
Als ob, wo nicht die Seele ſelber, wir doch derſelben Gren-
zen finden,
Denn daß ſie, in der That, ſich weiter, als ihr Behaͤlter, ſollt
erſtrecken,
Davon kann unſre Seele ſelber, wie ſchon erwaͤhnet, nichts
entdecken.
Jch ſtelle denn den Kopf der Menſchen, als einen kleinen
Schauplatz, mir,
Worauf der Schmuck der ſchoͤnen Welt verkleinert uns ſich
zeiget, fuͤr.
Die Augenlieder ſcheinen Decken, die Bilder-foͤrmigen Jdeen,
Worauf, wenn ſelbe ſich verbinden (ſo wie aus Lettern Wort
entſtehen,)
Br.VI.Th. F fGe-
[450]Die Werkſtatt der Seelen.
Gedanken auch gefuͤget werden, die ſcheinen Spiegel, und
der Geiſt
Laͤßt anders nicht, als wenn nur er die regen Spieler ſpielen
heißt,
Nach dem er ihnen Rolen giebt, nach dem er ſie zuſammen
fuͤget,
Nach dem er ſelber aufgeraͤumt, nach dem ihn etwas ruͤhrt, ver-
gnuͤget,
Empfindlich, lieb iſt oder widrig. Die Vorwuͤrf ſind es
nicht allein,
Doch ſcheint auch er allein der Vater, von den Gedanken, nicht
zu ſeyn.
Die Vorwuͤrf helfen, wie es ſcheint, oft zur Formirung
der Gedanken,
Oft aber thun ſie nichts dazu. Die Umſtaͤnd, Armuth, Reich-
thum, Zeit,
Geſellſchaft, gut und boͤſ Exempel, vermehren, in ihr’, Luſt
und Leid.
O welch ein Schauplatz voll Veraͤndrung! was muͤſſen
nicht, auf dieſer Erden,
Fuͤr viele Luſt und Trauerſpiele, nicht bloß in einem Kopf
allein,
So lang in ihm geſpielet wird, beſtaͤndig vorgeſtellet ſeyn!
Was muͤſſen auf einmal, in allen, vor Scenen aufgefuͤhret
werden!
Ja was ſind nicht auf dieſer Erden, und zwar vom Anbeginn
der Welt,
Auf den Theatern aller Koͤpfe, vor Scen und Acten vor-
geſtellt,
Die
[451]Die Werkſtatt der Seelen.
Die der allein nur ſpielen ſiehet, und ſah, dem unſers Herzens
Grund,
Und die verborgenſten Gedanken ſo gut, als wie uns ſelber,
kund.
Noch mehr, was ſieht dieß große Weſen, was ſo auf Er-
den, als dem Meer,
Noch kuͤnftig wird, an gut und boͤſen, geſpielet werden, ſchon
vorher?
Laßt, um von einem einzigen nur was zu ſehen, uns bemuͤhn,
Jn die Comoͤdie zu gehn, die Deck ein wenig aufzuziehn,
Und was wir ſehen und verſtehn, was wir vernehmen, was
wir hoͤren,
So viel es unſre Kraͤfte leiden, ſo andern, als uns ſelbſt, er-
klaͤren.
Daß ich nun mag, ſo viel mir moͤglich, den vorgeſtreckten
Zweck erzielen,
Und mich und andere belehren: So will ich vor mir ſelber
ſpielen.
Jch kehr das Fernglas auf mich ſelbſt. Auf mit dem Vor-
hang! alles frey!
Damit, was ſich ſo gern verbirgt, was deutlicher zu ſehen ſey.
Und mich kein Vorurtheil verwirre! Wie aber geht denn die-
ſes an,
Daß ich der Schauplatz, Spieler, Schauer, zugleich auf ein-
mal, werden kann?
O ja, daß dieß, wovon ich handle, ſelbſt der Natur der Men-
ſchen eigen;
Davon kann auch ſo gar ein Traum dir eine klare Probe
zeigen.
F f 2Kann
[452]Die Werkſtatt der Seelen.
Kann man nun etwas, wenn man traͤumet, und mit geſchloß-
nen Augen, ſehn;
Warum ſollt es, mit offnen Augen, und wachend, denn nicht auch
geſchehn?
Auf! laßt uns dann, was ſonſt nicht ſichtbar, als ſichtbar, uns
vor Augen legen.
Zu Anfang zeiget ſich in mir, was um und auſſer mir
zugegen.
Wenn ich in einem Zimmer bin, ſeh ich ein Zimmerchen, im
Kleinen,
Das uͤberall dem großen aͤhnlich, im Schauplatz des Gehirns,
erſcheinen.
Waͤr eine Landſchaft noch ſo groß, ſo wird ſie unbegreiflich
klein,
Und ſenkt, mit Farben und Figur, durchs Auge, ſich ins Hirn hinein.
Die uns in ſelbigen entdeckte ſo wunderbar formirte Klein-
heit,
Scheint, ob mans gleich nicht deutlich faßt, doch mit dem
Geiſt zu einer Einheit,
Auf eine Weiſe, zu gelangen, wovon uns alles unbekannt.
Die Schranken des Gehirns, die Haut (die recht als eine
glatte Wand,
Zum Grund und Centro, daß daran die Bilder fallen, aus-
geſpannt,
Die aber, weil ſie ſelber lebet, die Bilder ſelbſt empfin-
den kann,)
Seh ich dadurch, als einen Spiegel, der ſelbſt beſeelt und reg
iſt, an.
Die Seele ſelbſt nun, deren Weſen wir (eben wie ſich unſre
Augen,
Nicht ſelbſt, ob ſie gleich alles ſehn) dennoch nicht recht zu ſe-
hen taugen,
Scheint
[453]Die Werkſtatt der Seelen.
Scheint hier doch am geſchaͤfftigſten; wir koͤnnen hier ihr
wirkend Spielen
Mehr, als an einem Ort im Koͤrper, wenn wir drauf achten,
gleichſam fuͤhlen.
Wenn wir uns hier, von allen dem, was wir von unſrer
Seelen Weſen,
Und Wirkung, bey den Philoſophen geſehn, gehoͤret und
geleſen,
Von allen in derſelben Schriften enthaltnem Vorurtheil ent-
fernen,
Und weil es uns ja ſelbſt betrifft, auch ſelber nachzudenken
lernen:
So treffen wir zwar in derſelben nicht eben ſo viel Klar-
heit an.
Denn, wenn ich mich von allen ab-und auf und in mich ſel-
ber ſenke,
Die Augen ſchließ, und ſo im Dunkeln, auf ſie mit allen
Kraͤften denke:
So, deucht mich, fuͤhl ich eigentlich, von Bildern, Formen
und Figuren,
Wenn ich mich ihr erinnern will, im Hinterhaupte mehr die
Spuren,
Als ſonſt an einem andern Orte in meinem Haupt. Wenn
ich hingegen,
Auf etwas, das nicht leiblich, denke, mit Fleiß und Ernſt wohl
uͤberlegen,
Und gleichſam Schluͤſſe machen will: So deucht mich, daß ich
fuͤhlend ſehe,
Daß es mehr vor-und oberwerts, und nicht an einem Ort
geſchehe.
F f 3Es
[454]Die Werkſtatt der Seelen.Es ſcheint mir, daß, ſo viel ich immer im Denken, davon
fuͤhlen kann,
Man treff, in des Gehirnes Grenzen, der Seelen ſtaͤrkſte Werk-
ſtatt an;
Mich deucht, es ſey, vom Hirn und Hirnchen die Haut, als
ihre aͤußern Schranken,
Der Bildungsort, der Sammelplatz, und auch die Schran-
ken der Gedanken.
So viel, in dieſer dunkeln Kammer, wir nun noch ferner
merken koͤnnen,
So muͤſſen wir, das, was wir, Willen und gar den frey-
en Willen nennen,
Auch hier, und nicht im Herzen ſuchen. So viel ich auch
in meinem Sinn,
Mein Wollen wohl zu unterſuchen, mit Ernſt bemuͤht gewe-
ſen bin:
So deucht mich, daß Verſtand und Wille, und andre Kraͤf-
te ſich nicht trennen.
Daß, da die andern alle droben, und in Gehirn verbun-
den ſeyn,
Man einen ganz beſondern Sitz, fuͤr unſern Willen bloß
allein,
Mit Unrecht niedriger beſtimmet. Da doch, im Willen, bloß
die Suͤnden,
Jm Willen auch die Heils-Ergreifung, der Glaube, ja allein
zu finden.
Nun wollt und ſollt ich billig weiter, um von der Seelen
mehr zu faſſen,
Mich, | in das dunkle Heiligthum, bemuͤhn, mich tiefer ein-
zulaſſen,
Doch
[455]Die Werkſtatt der Seelen.
Doch find ich hier, in meinem Weſen, zwar eine, doch ſo dunk-
le, Klahrheit,
Zwar ein, doch faſt verdecktes, Licht, zwar eine, doch ſo dunk-
le, Wahrheit,
Daß ich, um mich nicht zu verirren, aufs neu der Demuth
Faden nehme,
Und, zu des wunderbaren Toͤpfers Lob, Preis und Ehre, mich
nicht ſchaͤme,
Jn tiefer Ehrfurcht zu bekennen: Dir ſind die Werke
deiner Hand,
Allein, Anbethungs-wuͤrdger Schoͤpfer, allein, und
keinem ſonſt bekannt.
Wobey die Demuth mir zugleich, in unſers Kopfs Be-
trachtung, zeiget,
Daß, allem Anſehn nach, der Geiſt, wie ſehr man ſein Erken-
nen haͤuft,
Doch nimmermehr zu ſolchem Grad, wodurch er Gottes Thun
begreift,
Wie er jedoch ſo gerne wollte, und ſich darnach beſtrebet, ſteiget.
Mir faͤllt demnach auch hier, aufs neu, die oft erwaͤhnte
Wahrheit ein:
Die Gottheit will, auf dieſer Welt, bewundert, nicht
begriffen ſeyn.
Damit inzwiſchen die Betrachtung nicht ſonder Nutz im
Leben ſey:
So faͤllt, beym Schauplatz im Gehirn, mir dieſes Lehrexem-
pel bey,
Wann auf dem Schauplatz wo der Rang der Scen einſt
aus der Ordnung kommen,
Und nicht ſo bald zu aͤndern iſt, wird auf dem Schauplatz ins-
gemein,
F f 4Gleich
[456]Die Werkſtatt der Seelen.
Gleich etwas, um das, was verſchoben, zu recht zu bringen, vor-
genommen,
Ein Mittel-Centrum vorgeſchoben. Wohinter man,
Jndem man etwas Zeit gewinnt, das, was nicht richtig, aͤn-
dern kann.
So muͤſſen wir, wenn die Affecten, bey uns verwirret, uns
bemuͤhn,
Weils ſonſt ſo ſchnell nicht moͤglich, ſchnell ein Mittelcentrum
vorzuziehn,
Uns etwas anders vorzuſtellen, und einen Vorwurf zu erwaͤhlen,
Sollt es auch mit Gewalt geſchehn. Durch welches Mittel
wir der Seelen,
Jn Ordnung wiederum zu kommen, und ſich zufinden, etwas Zeit,
Und ſich ein wenig einzurichten, die noͤthige Gelegenheit,
Am allerſicherſten verſchaffen. Denn unſers Geiſtes Art
koͤmmt mir,
Wenn man ihn ernſtlich unterſuchet, daß er ſtets weiter ge-
het, fuͤr.
Jſt er im Guten; geht er weiter. Dieß thut er auch, wenn er
verwirret.
Jſt er aus ſeinem Gleichgewicht und aufgebracht: So wallt und
irret
Er immerfort; wofern man ihn,
Nicht gleichſam, als mit einem Ruck, bemuͤhet iſt, zu recht
zu ziehn.
Allein, indem ich dieß erwege, faͤllt mir, bey der Betrachtung, bey,
Ob dieß nicht ſehr erniedrigend, fuͤr uns und unſre Seele ſey,
Zu glauben, daß dieſelbige, nebſt ihren Kindern, den Gedanken,
Jn einem knoͤchernen Behaͤlter, und in ſo ſehr verengten
Schranken,
Als wie in einem Kerker, ſtecke. Dieß ſtimmt ja mit dem Glanz
und Schein,
Und
[457]Die Werkſtatt der Seelen.
Und Hoheit, die wir bisher an ihr geglaubt, nicht uͤberein.
Allein, wir duͤrfen ſo nicht denken, wenn wir erwegen, daß
die Seele,
Jn dieſer wirklich knoͤchernen, und in der That ſo kleinen Hoͤhle,
Sich dergeſtalt verſchrenkt nicht finde, daß ſie durch Augen
Mund und Hand,
Jn Minen, Reden, Wirken, Schreiben, nicht den durchdrin-
genden Verſtand,
Als wie im Stral, nicht ſollte ſcheinen und in die Ferne wir-
ken laſſen,
Daß ſie imgleichen, was von weiten, durch Leſen, auch nicht
ſollte faſſen,
Nein, daß ſie auch, in fernen Laͤndern, aus ihrem kleinen Sitz,
regier,
Und uͤber eine große Zahl Geſchoͤpf ein Art von Herrſchaft fuͤhr,
So daß ſie wunderbarlich groß, zugleich auch wunderbar-
lich klein,
Jn beyden folglich unbegreiflich, mit Recht wohl wird zu nen-
nen ſeyn.
Jn dieſer Ungewißheit nun, iſt es ja wohl, in unſerm Leben,
Das allerbeſt, und ſicherſte, wenn wir mit Vorſicht uns beſtreben,
Daß wir, zu unſers Schoͤpfers Ehren, wenn wir der See-
len Stand erwegen,
Zu wenig nicht, auch nicht zu viel derſelben Weſen ſchaͤtzen
moͤgen.
Fabel.
Die geheiligte Luſt.
Unverantwortliches Zanken.
Unbillige freywillige Blindheit.
Gott alles.
Der große Zirkel.
Wunderlicher Handel.
Gottes Allgegenwart.
Schluß.
Die Ehe.
So wie die Pflicht der Naͤchſten Liebe die groͤßte faſt von
unſern Pflichten,
Die uns Natur und Schrift befiehlt, uns ſelbſt zum Beſten, aus-
zurichten:
So iſt, von dieſer Liebes-Pflicht, die ſuͤſſe Neigung in der Eh,
Als wie der Kern der Naͤchſten-Liebe, vor allen die betraͤcht-
lichſte,
Die noͤthigſte von allen andern, da wir ja uͤberzeuglich finden,
Daß ſich die Naͤchſt-und Eigen-Liebe in ihr unmittelbar ver-
binden.
Wie ſehr iſt es denn zu bedauren, und faſt mit Thraͤnen
zu beklagen,
Daß eine von Natur fuͤr uns beſtimmte Quelle vieler Freuden,
Vergnuͤgens, Lieblichkeit und Anmuth, ein rechter Pfuhl von
Qual und Leiden,
Verdruß, Verzweiflung, Bitterkeit, Haß, Thraͤnen Ekel,
Gram und Plagen,
Durch eigene Bemuͤhung, wird. Wir ſelber miſchen Gall
und Gift,
Jn unſrer Ehe ſuͤße Koſt, da es uns denn ja ſelber trifft,
Wenn wir den Tod in Toͤpfen finden. Die allermeiſten Men-
ſchen meynen,
Sie lieben ſich, da ſie jedoch, wenn man es wohl erweget,
ſcheinen,
Ob haßten ſie ſich ſelbſt am meiſten. Dadurch, daß wir am
Naͤchſten nichts,
Als ſeine Schwachheit, ſein Bergehn, und ſeine Fehler nur
betrachten,
Und
[559]Die Ehe.
Und auf das Gute, das er hat, ſo wenig, ja faſt nimmer achten,
Jhn immer von der ſchlimmen Seite beſchauen; dadurch bloß
geſchichts,
Daß wir, durch ihn, uns ſelber quaͤlen. So bald wir ihn
geringe ſchaͤtzen,
Verlieren wir, zu erſt fuͤr uns, ein ſonſt an ihm gehabt Er-
goͤtzen,
Wodurch ſichs Aeuſſer’ an uns aͤndert: Das Feur der Freund-
lichkeit wird kalt,
Dieß zeiget ſich in ſproͤden Minen, die merket jener alſo bald,
Auch wenn er es faſt ſelbſt nicht merkt. Da er ſich denn be-
fuget haͤlt,
Wenn das, was er an dich erblickt, und was du thuſt ihm
nicht gefaͤllt,
Mit gleichem gleiches zu vergelten. Sein Blick wird ſproͤder,
als er war.
Dieß bleibt dir gleichfalls nicht verborgen; und ob du es
gleich ſelbſt erreget,
Und Urſach an der Aendrung biſt; wird es doch ihm zur Laſt
geleget,
Und dergeſtalt wird, zwiſchen euch, der Widerſinn bald of-
fenbar.
Man fuͤhlt, daß man den andern haßt. Um uns nun ſelbſt
zu uͤberfuͤhren,
Daß wir ihn nicht mit Unrecht haſſen: So will die Habe-
Rechterey,
Daß er ein abgeſchmackt Geſchoͤpf, und gar nicht liebenswuͤr-
dig ſey.
Man ſucht, mit aͤuſſerſtem Bemuͤhn, nur ſeinen Fehlern
nachzuſpuͤren.
Man
[560]Die Ehe.
Man kneipt mit Fleiß die Augen zu, fuͤr alle ſeine gute Gaben,
Und will doch nicht, daß er mit uns, auf gleiche Art verfah-
ren, haben.
Wenn es nun erſt ſo weit gediehen: So ſtroͤmt von Aer-
gerniß, Verdruß,
Verlaͤumdung, Zank, Verfolgung, Haß, als wie ein rechter
Ungluͤcks-Fluß,
Von allen Seiten auf uns zu. Man moͤchte faſt, fuͤr Gram,
vergehn.
Dieß iſt nun leider! mehrentheils die Lebensart mit unſerm
Naͤchſten,
Zuſammt der ungluͤckſelgen Folg, in ſtetem Krieg und
Kampf zu ſtehn.
Wenn wir dergleichen Lebensart nun in dem Eheſtand beſehn:
So wird die Plage noch viel groͤßer, und koͤmmt ſo dann die
Noth am hoͤchſten,
Da wir an unſerm Feind verbunden, beſtaͤndig mit ihm um-
zu gehn,
Des Nachts ihn mit zu Bett zu nehmen, des Morgens mit
ihm aufzuſtehn,
Auch lebenslang gezwungen ſind. Mich deucht, ich hoͤr, ob
fragteſt du:
Wie aͤndert man denn dieſes Kreuz? und was iſt doch fuͤr
Rath dazu?
Nimm dir die haͤlfte Muͤhe nur, die du dir nimmſt, Betrug
und Suͤnden,
Und Bosheit bey ihm anzutreffen, was wirklich an ihm guts
zu finden,
Zu ſehn, zu ſuchen, zu betrachten: Ein jeder thu, ſo viel
er kann,
Und ſeh den Gatten in der Ehe, von ſeiner guten Seiten, an.
Du
[561]Die Ehe.Du wirſt, indem du ſo verfaͤhreſt, erfahren, daß er in der
That
Viel beſſer iſt, als du geglaubet, und ſehr viel gutes an ſich
hat.
Das Gute nun, was er beſitzt, beſitzt er weniger fuͤr ſich,
(Wenn du vernuͤnftig dich betraͤgſt, und redlich handelſt,) als
fuͤr dich,
Du wirſt weit mehr noch, als er ſelbſt, von deines Gatten
guten Gaben,
Es ſey am Koͤrper oder Geiſt, Vergnuͤgen, Nutz und Ehre
haben.
Jſt er noch jung und ſchoͤn vom Leibe; laß ſeine liebliche
Geſtalt,
Die dir zu anfangs ſo gefiel, nicht, durch Gewohnheit alſobald
Vernichtiget, fuͤr dich vergehn.
Beſieh mit Fleiß ihr ſchoͤnes Aug. Jſt ihre Bruſt und Farbe
ſchoͤn:
So laß ſie doch fuͤr dich allein,
Da ſie fuͤr andern wirklich ſchoͤn, nicht ungluͤckſelig haͤß-
lich ſeyn!
Vergleiche ſie mit tauſend andern, die minder ſchoͤn ſind, als
wie ſie,
Und denke, wenn du ſie nicht haͤtteſt, du gebeſt dir die groͤßte
Muͤh,
Das, was du haſt, zu uͤberkommen. Wirſt du nun etwan hier
und dar,
Auch eines Fehlers, einer Schwachheit, am Koͤrper und am
Geiſt, gewahr:
Halt alſo bald was guts dagegen,
So du gewißlich finden wirſt, und haͤufe nicht, dir ſelbſt zur
Pein,
Br.VI.Th. N nDie
[562]Die Ehe.
Die Fehler, die, wofern ſie nicht, durch etwas guts, vermin-
dert ſeyn,
Dir unertraͤglich werden muͤſſen. Thu nicht, wie giftge Spin-
nen pflegen,
Die nichts als Gift und Boͤſes ſaugen, ja aͤrger noch, indem
der Gift,
Den Spinnen nuͤtzet, da er dir hingegen tauſend Plagen ſtift,
Und ſchaͤdlich gnug, mit bitterm Graͤmen, dich endlich ſelbſt
ins Grab zu legen.
Ach moͤchte man (bey tauſend Fehlern, wodurch ſie ſich
vom Guten trennen)
Doch von Verliebten ein Verfahren, das faſt der Tugend glei-
chet, lernen,
Wann ſie die Fehler der Geliebten gering zu machen und
ſo klein,
Daß ſie fuͤr ſie nicht mehr vorhanden, ſo willig und ſo ſinn-
reich ſeyn;
Hingegen was ſie gutes haben, durch wiederhohltes Ueberlegen,
Zu etwas unvergleichlichen, zum Wunder faſt zu machen
pflegen.
Ein ſolch Verfahren ſtehet zwar vollkommen nicht in unſ-
rer Macht;
Man brauchts auch nicht ſo weit zu treiben. Sey nur mit
allem Ernſt bedacht,
Nicht blind fuͤr ſein Verdienſt zu ſeyn, und dich in ſo weit
nur zu zwingen,
Beym widrigen, auch etwas guts, von ihm in dir hervor zu
bringen.
Der kleine Zwang iſt nicht fuͤr ihn, zu deinem Beſten bloß
allein.
Jn
[563]Die Ehe.Jn deiner Meynung, (die ja dein,)
Wofern ſie gut, von deinem Gatten, wirſt du in dir ſelbſt
gluͤcklich ſeyn:
Dein Gatte wird dein Gluͤck verdoppeln, wenn du ihm nicht
misfaͤllſt. Hingegen,
Verfaͤhreſt du alſo mit ihm, ſo wie wir zu verfahren pflegen;
So kann man uͤberzeuglich weiſen, daß du in ihm dich ſelber
quaͤleſt,
Jn ihm wahrhaftig dich verfolgeſt. Denn dieſe Wege die
du waͤhleſt,
Die bringen dich in kurzer Zeit dahin, daß du dich wirklich
freueſt,
Wenn du den einſt gehaßten Gatten ſtets neuer Fehl- und
Laſter zeiheſt.
Ein ſolch unbilliges Verfahren nun kann dem andern nicht
gefallen.
Du gieſſeſt in ihn Gift fuͤr dich; ſein Blut wird gegen
dich zu Gallen;
Er haͤlt ſich, durch dich ſelbſt gezwungen, befuget, dich mit
Recht zu haſſen,
Und wird es auch, ſo viel an ihm, dir weh zu thun, nicht un-
terlaſſen.
Um gegen dieſe Plagen nun ein moͤglich Mittel zu erfinden,
So laßt uns von dem Ehſtand einſt, mit etwas mehrerem
Bedacht,
Als wie faſt von den allermeiſten, es in demſelben wird ge-
macht,
Mit mehrem Ernſt bemuͤhet ſeyn, ſo gut-als boͤſes zu er-
gruͤnden,
Der eigentlichſte Zweck, die Urſach und Abſicht, nicht der
Eh allein;
N n 2Von
[564]Die Ehe.
Von uns und aller Thiere Weſen, ſcheint das Vermehrungs-
werk zu ſeyn.
Den großen Zweck nun zu erlangen, ſind die Bemuͤhungen
unglaͤublich,
So die Natur dazu verwandt, ſo kuͤnſtlich und ſo mancherley
Die Reizungen, die Suͤßigkeiten, der Zug, die Wolluſt un-
beſchreiblich,
So die Natur in uns geſenkt. Doch iſt recht wunderbar dabey,
(Damit zu heftiger Gebrauch der Creatur nicht ſchaͤdlich ſey,)
Ein Gegenmittel angewendet, das eben faſt ſo wunderbar.
Ein eingepflanzter Widerſinn, ein’ Abkehr, wenn die Flam-
men ſich,
Jn einem Augenblick geloͤſcht, iſt minder nicht verwun-
derlich,
Als wie der heiſſe Trieb und Druck der ſuͤſſen Brunſt vor-
hero war.
Mich deucht, und zwar mit allem Recht, daß Trieb und Ab-
kehr, beyderley,
Von einer weiſen Abſicht, Ordnung, ein deutlicher Beweisthum
ſey,
Und mehr betraͤchtlich, als man glaubet, wer es erweget, der
entdecket,
Daß ein ſo nuͤtz-als noͤthig Mittel in dieſem weiſen End-
zweck ſtecket.
Wann nun den Thieren, zum Vermehren, mit ſuͤſſem Feur
erfuͤllte Triebe
So wohl, als uns, geſchenket ſind: So iſt doch, in erlaubter
Liebe,
Bey uns die Suͤßigkeit weit groͤßer, da wir nicht in der That
allein,
Nein
[565]Die Ehe.
Nein, durch Jdeen ſchon vorher, zur ſuͤſſen Luſt uns zu be-
bereiten,
Jmgleichen durch Erinnerung der ſchon genoßnen Lieblich
keiten,
Die Ehſtands-Freuden zu verlaͤngern, auch durch Gedanken,
faͤhig ſeyn.
Doch ſind wir mit der noͤthgen Regel, und mit dem ſanften
Joch beladen:
So gegenwaͤrtger Luͤſte brauchen, daß ſie den
kuͤnftigen nicht ſchaden.
Der Grund iſt Maße. Dieſe wirket, daß man der Liebe
Suͤßigkeit
Jn reicher Maße erndten kann, im Ueberfluß auf lange
Zeit.
Wird nun die Maße nur gehalten, hat man gewiß der Eh
Ergetzen,
Als eine ſonderliche Gabe und Wohlthat der Natur zu
ſchaͤtzen.
Zu dieſem noͤthig, nuͤtzlichen und Luſt erfuͤlleten Geſchaͤffte,
Das alle Wolluſt uͤbertrifft, gehoͤrt Erſpahrung unſrer Kraͤfte,
Jn unſrer Jugend ſonderlich; gehoͤret Rein-und Freund-
lichkeit,
So iſt es nicht nur ſuͤß fuͤr ſich; es hebt und tilget man-
chen Streit,
Den Umſtaͤnd uns erregen koͤnnten. Die allerleicht-und be-
ſte Cur,
Fuͤr Zank, fuͤr Misverſtand, iſt dieſes ſo holde Mittel der Natur.
Je mehr daß ich den Stand der Ehe, mit ernſtem Denken,
uͤberlege,
Je mehr ich deſſen Urſprung, Abſicht, Verordnung, Nutz und
Zweck erwege,
N n 3Je
[566]Die Ehe.
Je klaͤrer werd ich uͤberzeugt, je deutlicher daß ich entdecke,
Wie ein recht wunderbar Geheimniß in der Vermehrungs-
Ordnung ſtecke,
Wovon ich aber hier annoch, in ſtiller Ehrfurcht, lieber
ſchweige,
Als daß ich ſie, vielleicht zum Anſtoß verſchiedner Schwachen,
klaͤrlich zeige.
Wohl aber will ich denen, die in bitter-ſuͤſſer Ehe leben,
Des Standes Bittre zu verſuͤſſen, ein Mittel an die Hand
zu geben,
Aus guter Abſicht mich beſtreben.
Daß weder Gott, noch der Natur des Eheſtandes Bit-
terkeit,
Womit ſich Eheleute quaͤlen, nein, bloß der Unbeſonnenheit,
Womit ſie, ſonder Ueberlegung, einander ſuchen umzutreiben,
Zerfoltern und ſich recht zerhenkern, ſey beyzumeſſen, zu zu-
ſchreiben,
Jſt uͤberzeuglich zu erweiſen. Jſt nicht der Menſchen Leib
ein Bild,
Mit mancherley Vollkommenheit, Kunſt, Zier, und Schoͤn-
heit angefuͤllt?
Was kann nicht ein verliebter Geiſt, aus ſchoͤnen und verlieb-
ten Augen,
Fuͤr einen ſuͤſſen Lebensbalſam, fuͤr ſuͤſſen Seelen-Nectar
ſaugen!
Es ſcheint ein rein und geiſtig Feuer faſt aus der Seelen
ſelbſt zu ſteigen,
Und innige Zufriedenheit, ſo wohl von ihr, als dir, zu
zeigen.
Was wird, an wohl formirten Gliedern, an einer zart-und
klaren Haut,
Wo-
[567]Die Ehe.
Wodurch ein Roth, wie Roſen, ſpielt, nicht vor Vergnuͤglich-
keit geſchaut?
Was giebt der Liebreiz eines Mundes, was eine rundgewoͤlb-
te Bruſt,
Die ſich von keuſcher Liebe ſchwellt, ſo Haͤnd-als Blicken nicht
vor Luſt!
Wenn wir als Menſchen ſehn und fuͤhlen, das heißt, wenn wir
zugleich das Denken,
Beym wirklichen Beſitz der Schoͤnheit, auf das, was man be-
ſitzet, lenken;
Wenn wir das, was, eh wir es hatten, ſehr ſchoͤn war, und
noch wirklich ſchoͤn,
Daß es unwiderſprechlich ſchoͤn, bedachtſam und vernuͤnf-
tig ſehn:
Jndem an unſrer wirklichen Zufriedenheit, Vollkommenheit,
Nichts anders faſt zu fehlen ſcheinet, als Dauer und Aufmerk-
ſamkeit.
Das Band, das in erlaubter Liebe, ſo wohl den Geiſt, als
Koͤrper, bindet,
Wenn man das Feuer der Natur, ohn Ueberlegung, nicht
empfindet,
Jſt an ſich ſelbſt ſo ſuͤß, ſo lieblich, daß wenn man recht ver-
nuͤnftig waͤr,
Man billig aller Sinnen Kraͤfte, damit man immer mehr
und mehr,
Es feſt zu ſchlingen faͤhig waͤre, und zum Genuß ſo holder Luͤſte,
Das groͤßte Theil von unſern Kraͤften zu brauchen, ſich beſtre-
ben muͤßte.
Wir ſollte[n], recht mit Fleiß und Ernſt, auf tauſend Art und
Wege denken,
Uns unſre Luͤſte zu verlaͤngern, anſtatt uns ſelbſt mit Muͤh
zu kraͤnken.
N n 4So
[568]Die Ehe.
So aber kehren wir es um. Jndem wir bloß auf Fehler ſehen,
An unſerm Gatten, und an ihm, recht muͤhſam, Unvollkom-
menheit,
(Fuͤr all ſein guts uns ſelbſt verblendend) bemuͤht ſind, an ihm
aus zu ſpaͤhen:
So ſetzen wir uns gegen ihn in eine ſolche Bitterkeit,
Und ihn nicht minder gegen uns, daß wir einander ohne Grauen,
Ohn Abkehr, ohne Grimm und Ekel, Verdruß und Unmuth,
niemals ſchauen,
Und ſo, durch unſer eigne Schuld, einander ſelbſt die Hoͤlle
bauen.
Da, wenn man der gegoͤnnten Freuden, und in der Eh
erlaubten Luͤſte,
Jn rechter Maß, und zwar als Menſchen, das heiſſet ei-
gentlich vernuͤnftig,
Da man, ſo wohl was in der Anmuth ſchon gegenwaͤrtig, als
was kuͤnftig,
Auch was darin vorbey, zu ſpuͤren, im Danken zu gebrauchen
wuͤßte;
Man beyderſeits, mit allem Fleiß, auf manche Weiſe zu ge-
denken,
Jn unſers Ehegatten Luͤſten, uns ſelbſt die groͤßte Luſt zu
ſchenken,
Sich mehrentheils beſchaͤfftgen wuͤrde. Nun iſt ja das, was
koͤrperlich,
Wie angenehm, wie wundervoll, und lieblich es gleich in der Eh,
Wenn man des Geiſts Zufriedenheit dagegen haͤlt, das wenigſte.
Wie kann ein ſanft, ein freundlich Weſen, ein holder Zu-
ſpruch, wenn man ſich
Mit ſuͤſſem Scherzen unterhaͤlt, ſo angenehm die Zeit uns
kuͤrzen!
Was
[569]Die Ehe.
Was kann aufrichtge Redlichkeit, Vertrauen, Huͤlfe, guter Rath,
Wenn etwan rauhe Ungluͤcks-Winde den Baum der Wohl-
fahrt umzuſtuͤrzen,
Und uns zu faͤllen, ſich bemuͤhen, in Worten bald, bald in der
That,
Fuͤr Nutzen und Vergnuͤgen bringen! Was iſt, in einer guten Ehe,
Nicht noch fuͤr tauſendfach Vergnuͤgen! Geſellſchaft, Zuſpruch,
Zeitvertreib,
Wie iſt, nach Syrachs weiſen Lehr, ein aufgeraͤumt und freund-
lich Weib
Ein Schatz, der nimmer gnug zu ſchaͤtzen!
Wenn nun, aus ihren ſuͤſſen Flammen,
Noch allererſt die ſuͤſſen Fruͤchte, worin ſie ſich verjuͤngen,
ſtammen;
Welch eine nie verſiegne Quelle, von Anmuth, bricht ſo dann
herfuͤr!
Sie ſehn in ihnen ſich verdoppelt, ihr Weſen mehret gleichſam ſich;
Sie wiſſen, daß, auch wenn ſie ſterben, ſich ihr Gedaͤchtniß
nicht verlier.
Jhr kindiſch Spiel entzuͤcket ſie. Sie ſuchen ſie gemeinſchaftlich,
Mit Ueberlegen und Bedacht, mit einem froͤlichen Bemuͤhn,
Durch Lehren mehr, mehr durch Exempel, zum kuͤnftgen Wohl-
ſeyn zu erziehn.
Woher entſteht nun gegentheils, an ſo viel Orten, in
der Eh,
Auch bey nicht unvernuͤnftigen, das gleichſam irdſche Hoͤl-
len-Weh,
Das faſt die meiſten unter ſich nicht anders ſind, als Hund
und Katzen?
Woher koͤmmt Hadern, Widerbellen? Woher Zank, Schelten,
Beiſſen, Kratzen?
N n 5Wo-
[570]Die Ehe.
Woher koͤmmt Keifen, Laͤrmen, Wuͤten, das Murren und die
Ungeduld?
Jhr ſeyd an eurem Ungeluͤcke, ſprecht was ihr wollet, beyde
Schuld.
Dadurch, daß ihr den Ehegatten nur von der ſchlimmen
Seite ſehet,
An euch das Gute nur beſchaut; und er auf gleiche Weiſ es
macht;
Aus dieſem ungluͤckſeligen und unvernuͤnftgen Unbedacht,
Aus dem unuͤberlegten Weſen der naͤrrſchen Eigenlieb, ent-
ſtehet,
Statt der gehofften Freuden-Taͤg, ein’ allgemeine Trauer-Nacht.
Soll dieſes Elend ſich nun aͤndern: So thut, was ihr ſonſt nicht
gethan:
Schaut euren Gatten von der guten, euch von der ſchwachen
Seiten an.
Ungereimter Wunſch.
Gedanken uͤber den Tod der Beliſe.
Ernſthafte Gedanken
uͤber den toͤdtlichen Hintritt der nunmehr
ſeligen Beliſe 1736. den 15. Novemb.
zwiſchen A. und B.
A.Wann ich, mit einigem Erwegen, die Bitterkeit, die Folg
und Groͤße,
Von deinem ſchmerzlichen Verluſt, in der Beliſe Tod, er-
meſſe:
So will mir, zur Beruhigung von deiner ſehr gebeugten Seelen,
Es an Beſaͤnftigung gebrechen, an Troſt-und Lindrungs-Gruͤn-
den fehlen.
Daher war erſtlich mein Entſchluß, dich auf die Dichtkunſt
zu verweiſen,
Jndem es mir nicht unbekannt, daß Dichter oft, indem ſie
dichten,
Und allenthalben hin gedenken, zuweilen ihren Schmerz ver-
nichten.
Allein, gedacht ich auch dabey, du ſtellſt, bey dieſem Ra-
the, mir,
Vermuthlich dieß zur Antwort fuͤr:
„Da Canitz ſeiner Doris Lob ſo wunderwuͤrdig hoch ge-
trieben;
„Da Beſſer von der Kuͤhlweininn faſt unverbeſſerlich ge-
ſchrieben;
„Da
[573]Gedanken uͤber den Tod der Beliſe.
„Da Richey ſeiner Charitinen, ein ſolches Ehrenmaal
errichtet,
„Daß weder Zeit, noch Neid verſehrt, zernagt, zertruͤmmert,
noch vernichtet,
„So ſcheint, ob waͤre fuͤr Beliſen kein wuͤrdig Lob faſt
uͤberblieben.
Daher ich, einen andern Troſt dir anzutragen, uͤbernehm,
Der, wenn er deinen bittern Gram, nicht voͤllig iſt geſchickt,
zu lindern,
Doch, wo du ihn nur recht erwegſt, vielleicht mehr, als es
ſcheint, bequehm,
Geſchickt und faͤhig, deinen Schmerz, in etwas wenigſtens, zu
mindern.
Du mußt dich ſelbſt mit Fleiß bemuͤhn, ſtatt ihre Tugend
zu erwegen,
(Zumal dieſelbe ſonſt bereits vorhero ſchon, in Stadt und
Land,
Durch dich ſo wohl, als andre mehr, am meiſten durch ſich
ſelbſt, bekannt,)
Dir, von der trefflichen Beliſe, die ſchwache Seite vor-
zulegen,
So zur Verkleinerung von ihr jedennoch nicht gereichen kann;
Denn ihre ſchwache Seite ſelbſt zeigt dennoch etwas großes an.
Es iſt faſt aller Menſchen Art, daß der Verluſt das Gute
beſſer,
Als es vorher war, ſcheinen macht, wodurch er aber ſelber
groͤßer,
Empfindlicher und herber wird. Da wirſt du nun ja ſelbſt
geſtehn,
Daß, bey ſo viel Vollkommenheiten, die wir mit Luſt an ihr
geſehn,
Bey
[574]Gedanken uͤber den Tod der Beliſe.
Bey ſo viel Leibes- und Gemuͤths-, vor andern ganz beſondern,
Gaben,
Wir oft ein faſt zu ernſthaft Weſen, an ihr auch wahrgenom-
men haben,
Daß ſie, wenn ſie allein, betruͤbt, daß ſie auch in Geſellſchaft
gar,
Von einer ſtillen Traurigkeit, nur ſelten aufzumuntern war,
Daß ſie, durch ein beſtaͤndig Bethen, behindert war, an denen
Schaͤtzen,
Die Gott, durch die Natur, uns beut, im frohen Dank ſich
zu ergetzen,
Wie gern ſie auch zuweilen wollte. Daß ſie an dem, was Gott
uns goͤnnte,
Und zwar in ſolchem Ueberfluß, ſehr ſelten ſich vergnuͤgen
koͤnnte.
B.So fremd, geliebter Agathander, dein Troſt auch iſt;
ſo ſonderlich,
Und unerwartet er mir koͤmmt: Geſteh ich dir; er ruͤhret mich.
Jch find ihn nach des Menſchen Geiſts Natur und Weſen ein-
gerichtet,
Und mich daher, ſo viel mein Leid es mir erlauben will,
verpflichtet,
Den Schluͤſſen weiter nach zu denken, und ſie zu brauchen,
um ſo mehr,
Als ich darin zu meinem Troſt, zugleich auch zu Beliſen Ehr,
Daß, wie im Leben, durch ihr Beyſpiel, ſie auch annoch im
Tode lehr;
Jn ihnen zu entdecken glaube. Wodurch ſie denn, in meinem
Singen,
Zwar
[575]Gedanken uͤber den Tod der Beliſe.
Zwar mir die Ehre lange nicht, die Charitine, Ruͤhl-
weininn,
Und Doris ihren Herrn gebracht in ihren ſuͤſſen Liedern,
bringen,
Und meinen Ruhm erheben wird. Doch hat der Leſer, zum
Gewinn,
Vielleicht Erbauung, Troſt und Nutzen. Jch hab oft bey mir
uͤberlegt,
Was der nun ſeligen Beliſe, da ihr der Schoͤpfer doch
im Leben,
An Leib, an Geiſt, und andern Guͤtern, viel Guts im Ueber-
fluß gegeben,
Sie, vor viel tauſenden, begabt, doch ein ſo oͤfters Leid
erregt.
Jch leugne nicht, daß etwas leiblichs, von andern Gruͤn-
den nichts zu ſagen,
Und achtzehn Wochenbetten wohl, vielleicht ein vieles bey-
getragen,
Da nemlich ihre Lebensgeiſter, und im Gebluͤth des Koͤrpers
Kraͤfte,
Der Muskeln Staͤrke, nebſt den Nerven, und die ſubtilen Lebens-
Saͤfte
Erſchoͤpfet und vermindert worden. Doch ſchreib ich dem
geſchwaͤchten Geiſte,
Durch Vorurtheile, Zaͤrtlichkeit, und ernſten Meynungen das
Meiſte,
Mit groͤßtem Recht vermuthlich, zu. Jch ſetze dieß bey ihr
zum Grunde,
Daß ihr die Gottheit nur gerecht, und liebreich nie, vor Au-
gen ſtunde,
Wor-
[576]Gedanken uͤber den Tod der Beliſe.
Woruͤber ſie, voll ernſter Furcht, in ſtetem Bethen, ſonder
Maße,
Der ganzen Welt, ſich ſelbſt und alles, hierauf allein bedacht,
vergaſſe.
Sie war von einem ernſten Weſen, und einer ſtarken Phan-
taſey.
Es herrſcht, in ihren Miſchungen, am kraͤftigſten Melancholey:
Doch war ſie von Gemuͤth und Geiſt ſo zaͤrtlich, daß ſie
nichts von Quaͤlen,
Von Martern, Schmerzen oder Plagen, in einiger Geſchicht
erzaͤhlen,
Noch etwas davon leſen kunnt, ohn ein Erſchuͤttern innerlich,
Ja ſolch ein Grauſen zu empfinden, daß ſie in vielen Ta-
gen ſich
Von Schrecken kaum erholen kunnt. Wie man nun oft pflegt
vorzutragen,
(Und zwar zuweilen ohne Noth) von den unleidlich herben
Plagen
Verdammter Seelen in der Hoͤll; entſtund ein ſolches Mar-
ter-Bild,
Jn ihrem ſchuͤchternen Gehirn, daß ſie, mit ſteter Angſt er-
fuͤllt,
An jedem Ort, zu aller Zeit, voll Furcht ſich gleichſam ſel-
ber nagte,
Jndem ſie ſich, ohn Unterlaß, mit graͤmlichen Gedanken
plagte.
Es kam in dieſem Zuſtand ihr
Der Schoͤpfer aller Ding, allein als ein geſtrenger Richter, fuͤr,
Der nichts als Straf und Rache droht. Was man von ſei-
nem ewgen Lieben,
Jhr
[577]Gedanken uͤber den Tod der Beliſe.
Jhr ſagt, erzaͤhlt, erwies, war alles, zwar angehoͤrt, doch
gleich vertrieben,
Aus ihrer gar zu bangen Seele, bis daß ſie allen Muth verlohr.
Was ſie erblickte, that und hoͤrte, kam ihr als lauter Suͤn-
de vor.
Sie liebte nur die Einſamkeit. Um aus den vorgeſtellten
Ketten,
Nam ſie ſich endlich ernſtlich vor, durch vieles Bethen, ſich zu
retten.
An allen Orten, wo ſie war, war ſie auf Bethen nur bedacht;
Sie bethet fruͤh, ſie bethet ſpaͤt, ſie bethete die ganze Nacht,
Bis daß ſie endlich dergeſtalt den abgezehrten Koͤrper
ſchwaͤchte,
Daß ſie ins Sterbe-Bette fiel. An ſtatt nun, daß ſie den-
ken ſollte,
Wie ſie den ſchwachen Koͤrper ſtaͤrken, und Ruhe ſich ver-
ſchaffen wollte,
So aͤchzte, ſenfzt und bethete ſie unaufhoͤrlich ganze Naͤchte,
Voll Sorg und Graͤmen, daß zuletzt ſie ganz von allen Kraͤf-
ten kam,
Und, ob ſie, kurz fuͤr ihrem Tode, zuletzt annoch gleich, fuͤr
ihr Leben,
Und laͤnger auf der Welt zu ſeyn, gar gern ich weis nicht was
gegeben,
Doch wie ſie ſahe, daß ihr Gott, dem ſie gedienet, zu ſich rief;
Sie, in beſtaͤndger Zuverſicht auf ſeine Gnade, ſanft ent-
ſchlief,
Und in gelaſſener Geduld den Thraͤnen-wuͤrdgen Abſchied nahm,
So daß ihr zwar Gottlob! im Tod, ihr vorges Graͤmen nicht
gehindert,
Doch hat es ihr, im ganzen Leben, vergoͤnnte Freuden oft
gemindert.
Br.VI.Th. O oDieß
[578]Gedanken uͤber den Tod der Beliſe.
Dieß waren Fruͤchte nun von ihrer zu ſehr geruͤhrten Phan-
taſey,
So uns wahrhaftig lehren ſollte, die klaͤgliche Melancholey
Noch aͤrger, als ein Gift, zu fliehn, noch ſchlimmer, als die Peſt,
zu meiden,
Weil ſie, auch mitten im Vergnuͤgen, ein ſchwarzes Leid, ein
bitter Leiden
Uns zu zufuͤgen, ſich bemuͤht. Man kann Beliſen Stand er-
meſſen,
Und wie ſo groß ihr Gram geweſen, wie unertraͤglich ihre
Pein,
Durch ihr betruͤbt Geſtaͤndniß ſelbſt: Der Worte werd ich nie
vergeſſen:
Was ich auf Erden ausgeſtanden, ſprach ſie, das
weiſt du, Gott, allein.
A.Bey dieſem recht betruͤbten Zufall, faͤllt mir von neuen et-
was ein,
Woruͤber ich mich oft geaͤrgert, daß wir den Tod ſo graͤßlich
machen,
Jhn, als das allerſchrecklichſte von allem Schrecklichen, be-
ſchreiben,
Ja nicht einmal bey dieſer Larv, die wir ſelbſt ſcheuslich ma-
chen, bleiben.
Nein, ſchwarze Teufel noch, mit Hoͤrnern, im angeſchuͤhrten
Hoͤllen-Rachen,
Den Sterblichen vor Augen malen, wodurch, wie auch bey
ihr geſchehn,
Wir oft erbaͤrmliche Spectakel bey zaͤrtlichen Gemuͤthern ſehn,
Da
[579]Gedanken uͤber den Tod der Beliſe.
Da viele, nicht allein im Leben, durch ſolch ein Marter-Bild
von Plagen,
Der ewgen Liebe faſt zur Schande, auch gar im Sterben oft,
verzagen.
Mich deucht, es werd’ (aus ihres Bluts Beſchaffenheit) von
eingen Lehrern,
Hierin gewiß zu weit gegangen, wenn ſie den ungluͤckſelgen
Hoͤrern,
Die allergraͤßlichſten Jdeen, die teufliſch faſt, von einer Hoͤllen,
Voll wahrer Nattern, Baſilisken, die all unſterblich, vorzuſtellen,
Mehr als barbariſch, ſich bemuͤhn. Von ewgen Schlangen,
ewgen Drachen,
Sich einen wahr-und wirklichen, und leiblichen Begriff zu
machen,
Scheint ſchreck-und laͤſterlich zugleich. Es zeugen ſelbſt der
Heiden Lehren
So wunderliche Wunderthiere, Amphiſibenen und Chimaͤren,
Jn ihrem fabelhaften Orcus, bey der Alecto Schwefellicht,
Bey Siſiphus, und Tantalus, in Felſen, Obſt und Waſſer,
nicht,
Als manches graͤmliche Gehirn, voll Zorn und ſchwarzer
Gall, erdacht,
Da er, jedoch von ewger Molchen und ewger Baſilisken Weſen
So wenig im Natur-Buch fand, noch in der Schrift davon
geleſen.
Wodurch er Gott, ſo ſehr nicht ſchrecklich, als haͤmiſch und
voll Bosheit, macht.
Jſt dieß ein wuͤrdig Bild von Gott? Die Gottheit ſcheint hier
boͤſ und klein.
Kann denn die ewge Guͤte giftig, die Lieb ein wahrer Henker
ſeyn?
O o 2Wird
[580]Gedanken uͤber den Tod der Beliſe.
Wird Gott, als ein unendlich All, wofern er Menſchengei-
ſter quaͤlen,
Und nach Verdienſt beſtrafen will, ſo unanſtaͤndge Plagen waͤhlen?
Kann ein verklaͤrter Leib und Geiſt nicht, als von Marter-
Art, auf Erden,
Durch andre Plag und andres Leiden, ſchon ſcharf genug
beſtrafet werden?
Muß ein mit Fleiß verewigt Fleiſch, von einer ewgen
Flamme Pein,
Zertrennet, und doch nicht zertrennet, verbrennt, und nicht ver-
brennet ſeyn?
Scheint dieſes uns nicht uͤberzeuglich recht gegen alle Wuͤr-
digkeit
Der Gottheit, gegen ihre Lieb, auch gegen die Beſchaffenheit
Der ewgen Weisheit? ewge Thiere in ein verzehrend Feur
zu ſetzen,
Um der Verdammten ewge Leiber, und Geiſter ewig zu ver-
letzen?
B.Du uͤbereileſt dich, mein Freund, in deinem Urtheil. Denkſt
du nicht,
Daß ſelbſt die Schrift, an manchem Ort, von Flammen und
von Drachen ſpricht?
A.Jch weis es: Aber weiſt du auch, daß es ja den Orientalen
Ganz eigen iſt, den Sinn der Wahrheit in vielen Bildern
vorzumalen?
Die werden in der ganzen Schrift, daß ſolch ein Bild was
anders lehrt,
Durch die vernuͤnftgen Geiſtlichen vernuͤnftig uͤberall erklaͤrt.
Soll
[581]Gedanken uͤber den Tod der Beliſe.
Soll, bey ſo viel verbluͤmten Stellen, die von der Hoͤllen,
denn allein,
Jn einem eigentlichen Sinn und anders nicht erklaͤret ſeyn?
B.Wie groß iſt nicht, bey rohen Leuten, der Nutz von der ge-
wohnten Lehre!
Und wuͤrden ſie wohl Strafe fuͤrchten, wenn man, daß ſolche
Hoͤll nicht waͤre,
Sie neuerlich bereden wollte. Ob gleich das Beyſpiel der
Beliſe,
Von der zu ſcharf getriebnen Lehre, mir ein erbaͤrmlich Bey-
ſpiel wieſe:
So kann ich dennoch darum nicht, aus vielen Gruͤnden, mich
bequemen,
Die von dir beygebrachten Schluͤſſe, wie du vermeyneſt, an-
zunehmen,
Und wuͤrd ich, mit viel ſtaͤrkern Gruͤnden, dein Denken wider-
legen koͤnnen;
Nur will es jetzt mein Zuſtand mir in meiner Trauer nicht
vergoͤnnen.
Doch werd ich dich von deiner Meynung, mit mehrern Gruͤn-
den, abzufuͤhren,
Bey erſterer Gelegenheit, ſo viel mir moͤglich iſt, probiren.
Jetzt muß ich dir, geliebter Freund, wie, nach der Seligen Er-
blaſſen,
Jch doch, ſo viel mir moͤglich war, in meiner Trauer mich zu
faſſen,
Beſchaͤfftiget geweſen bin, und was mir wiederfuhr, erzaͤhlen;
Geſchicht es gleich ohn aͤuſſern Schmerz, und ſtarker Beugung
meiner Seelen,
O o 3Ohn
[582]Gedanken uͤber den Tod der Beliſe.
Ohn einen noch vertieftern Eindruck, und inniger Erſchuͤtt-
rung, nicht,
Wenn mein noch jetzt bethraͤnter Mund von dieſem herben
Falle ſpricht.
Nach ihrem Tode konnte nichts, ſo lang ihr Sarg geoͤffnet
ſtand,
Sie taͤglich noch zu ſehn, mir wehren. Da ich, in ihren ern-
ſten Zuͤgen,
Noch Spuren ihres nun Gottlob! ſchon uͤberſtandnen Lei-
dens fand,
So ich, mit ſtiller Bitterkeit, und einem klaͤglichen Vergnuͤgen,
Durch immer neue Thraͤnen ſah, die oftermals durch ihre
Menge,
Und der gepreßten runden Tropfen beſtaͤndig quillendes Ge-
draͤnge,
Worin die truͤben Blicke ſchwummen, den bangen Vorwurf
mir verdeckten,
Und meine Schmerzens-Quell fuͤr mich, doch nur auf kurze
Zeit, verſteckten.
Dieß dauret in den achten Tag. Da ich zum letzten zu ihr
kam,
Und, mit ſich haͤufendem Betruͤben, von ihr den letzten Abſchied
nahm,
Jndem es mir unmoͤglich war, dem Schluß des Sarges zu-
zuſehen.
Wie man nun ſelben wirklich ſchloß, fing eben ein ſchon re-
ger Sturm,
Mit einer nie erhoͤrten Kraft, und ſo entſetzlich an zu wehen,
Daß des von mir bewohnten Schloſſes erhabner, feſt-und ſtar-
ker Thurm
Erzit-
[583]Gedanken uͤber den Tod der Beliſe.
Erzitterte. Bald hier bald dort zerborſten Mauren; Fenſter,
Riegel
Zerſprangen; in den Luͤften flogen; es ſtuͤrzten abgerißne Ziegel
Zerſchmettert uͤberall herab. Denn, ob man gleich an dieſem Ort
Der ſchweren Winde wohl gewohnt: So hatte doch der wil-
de Nord,
Bey Menſchen Denken, nie ſo ſtark, ſo gar entſetzlich ſtark ge-
ſtuͤrmet.
Hiedurch nun ward, zu gleicher Zeit, durch der gepreßten
Luͤfte Wuth,
Des Meeres, und durch deſſen Wellen der angehaͤuften Elbe Fluth,
Mit wildem Wallen aufgebracht, und ſo erſchrecklich aufge-
thuͤrmet,
Daß es den allerhoͤchſten Teichen, in einem ſchon geraden
Striche,
Zum Schrecken unſers ganzen Landes, beſchaumt, bereits an
Hoͤhe gliche,
Und einen ſchnellen Untergang dem Lande, Vieh und Menſchen
droht,
Da band, mit meiner eigenen, ſich eine allgemeine Noth.
Wie mir an dieſem truͤben Tage dabey zu Muthe ſey ge-
weſen,
Wird jeder deutlicher gedenken, als ers verlangen kann zu leſen.
Mein Geiſt, der ſich bald auf dem ſchon beſchaͤumt-und uͤber-
ſtroͤmten Rand,
Des Landteichs, der zu weichen drohte, bald um Beliſens Sarg
befand,
War, wie man leichtlich glauben wird, faſt ganz aus ſeinem
Gleichgewicht.
Der bittre Gram, die ſchwarze Furcht, der Winde nicht er-
traͤglich Sauſen,
O o 4Die
[584]Gedanken uͤber den Tod der Beliſe.
Die Sorgen fuͤr das arme Land, der faſt ſchon nahen Wellen
Brauſen
Beſtuͤrmten mich gemeinſchaftlich. Bis ein erfreulicher Bericht,
Gottlob! das Waſſer faͤllt! es ebbt! mir unverhofft gemeldet
wird.
Gottlob! Ließ ich aus meiner Bruſt, die ploͤtzlich leichter ward,
mit allen,
Die aller Sorgen voͤllig frey durch dieſe Nachricht wurden,
ſchallen.
Es kam mir, wie ich die Gedanken, die gleichſam in ſich ſelbſt
verirrt,
Nun wieder auf Beliſen zog, den Augenblick nicht anders fuͤr,
Als daß, da ihr ſo bruͤnſtig Bethen zwar jedem, doch mir mehr,
bekannt,
Jhr geiſt-und feuriges Gebeth annoch fuͤr unſer ganzes Land
Vielleicht erhoͤret worden ſey. Jch ſtelle dieß nun zwar dahin,
Weil ich, von ſo verborgnen Sachen ja nichts zu denken, faͤhig bin.
Doch kam, wie ich in ſolchem Stand, und faſt verwirret war,
es mir
Zu Anfangs, als ein’ Art von Troſt, ohn ernſter Ueberlegung, fuͤr.
Jch ſetzte mich nachhero nieder, bemuͤhte mich, nach mei-
nen Pflichten,
Fuͤr meiner nunmehr ſelgen Haͤlft’ ein Ehren-Denkmaal zu
errichten,
So ich dir hier zu Haͤnden ſtell, und wirſt du aus dem Jnhalt
leſen,
Da ſie ein beſſeres verdient, und ich kein beſſers ihr gemacht,
Wie ſehr mein Geiſt unaufgeraͤumt, wie dunkel meine Trauer-
Nacht,
Wie ſehr mich ihr Verluſt gebeugt, und wie mein Schmerz ſo
groß geweſen.
Epitaphium.
Unterſuchung des Norder-Lichts.
Geſpraͤch.
Ueberſchrift einer moraliſchen Zeichnung.
Ausgeſetzte Beſſerung.
Verſteigen des menſchlichen Geiſtes.
Die neue Art der Schluͤſſe.
Schranken unſrer Vernunf.
Anwendung der Vernunft.
Verſuch einer gewiſſen Lehre.
Das liebreiche Geſetz.
Morgen-Geſang.
Morgen-Lied.
Kurze Abend-Andacht.
Betrachtung der unerkannten Wolthat, ꝛc.
Betrachtung
der unerkannten Wohlthat,
nebſt der darin erſichtlichen Weisheit,
Allmacht und Liebe Gottes, in dem Geſchenk
unſrer Hand, beym 1736 Jahrs-
Wechſel.
Oewige Quelle des Lebens, des Lichts,
Der Weisheit, der Ordnung, der Guͤt und Gerechtigkeit,
Der Wahrheit, der Tugend und aller Vollkommenheit,
Der Liebe, der Seligkeit, oder vielmehr ſelbſtaͤndiges Leben,
ſelbſtaͤndiges Licht,
Selbſtaͤndige Weisheit, und Gnad, und Gerechtigkeit,
Selbſtaͤndige Seligkeit, Allmacht und Liebe, ſelbſtaͤndige Tu-
gend und Ordnung, der nichts,
Als lauter Vortrefflichkeit, lauter Vollkommenheit!
Jch wuͤnſche, bey dieſer ſich wechſelnden Jahres-Zeit,
Nach aller vernuͤnftigen Sterblichen Pflicht,
Von deinen erſchaffenen Wundern zu ſingen,
Und, voller erkenntlichen, froͤlichen Dankbarkeit,
Dir Ehr und Bewundrung zum Opfer zu bringen.
Was ich, zu deiner Ehr, itzt zu bewundern denke,
Jſt dein den Sterblichen gegoͤnnetes Geſchenke,
So von ſo wunderbarem Werth,
Daß man erſchrecken muß, das fuͤr ſo große Gabe,
Der Menſch ſo wenig Achtung habe,
Und daß man dich davor nicht unaufhoͤrlich ehrt.
Dieß
[624]Betrachtung
Dieß iſt das Werkzeug nun, durch welches der Verſtand,
Die Creatur beherrſcht, den Bau der Erden ziert,
Die Thiere zaͤhmt und zwingt, die ganze Welt regiert,
Die, was unmoͤglich ſcheint, oft moͤglich macht, die Hand.
Du wahres Meiſterſtuͤck der wirkenden Natur,
Durch welches ſie ſich ſelbſt verſchoͤnert, beſſert, ſchmuͤcket,
Es wird, in deinem Bau, und Nutzbarkeit, die Spur,
Von einer goͤttlichen und weiſen Macht, erblicket,
Die Ordnung, die Geſtalt, der Nutz, die Pracht der Welt,
Die Wunder, welche ſie in ihrem Kreis enthaͤlt,
Ja alles waͤre faſt zernichtet,
Wo nicht dein Wunderbau, vom Schoͤpfer zugerichtet,
Uns und der Welt geſchenkt, fuͤr uns, und Gott zur Ehre,
So wunderbar formiret waͤre.
Jch hoffe, lieber Menſch, wenn du, mit ernſtem Denken,
Nebſt mir, auf dieſes Werk des Schoͤpfers dich wirſt lenken,
Und was, durch dieſes Glied, fuͤr Wunder hier geſchehn,
Mit mehrer Achtſamkeit betrachten wirſt, und ſehn,
(Da ja, ſo wie dieß Glied, nichts ohne den Verſtand,
Auch der Verſtand faſt nichts verrichtet, ſonder Hand,)
Du werdeſt froͤlich Gott, vor dieſe Gab, erhoͤhn,
Dich dankbar gegen ihn, aus froher Seel erweiſen,
Und ſeine Weisheit, Lieb und Macht, in Ehrfurcht,
preiſen.
Wer unſers Koͤrpers ſchoͤnen Bau, mit uͤberdenkendem
Gemuͤth,
Die regelrechte Symmetrie, der Glieder Maaß und Trefflich-
keiten,
Und ſeine Schoͤnheit, Anſtand, Vorzug, vor allen andern
Thieren, ſieht,
Be-
[625]der Wohlthaten in der Hand.
Befindet, daß ihm die Natur, inſonderheit an beyden Seiten,
Zwey Glieder zubereitet hat, die ſo Bewunderns-werth for-
miret,
So kuͤnſtlich zugerichtet ſind, das bloß die einzge Hand allein,
Durch ihre Bildung, Kunſt und Wirkung, es muͤß ein Gott und
Schoͤpfer ſeyn,
Trotz aller Atheiſten Schwaͤrmen, uns uͤberzeuglich uͤberfuͤhrt.
Wir wollen, ehe wir die Wunder, ſo durch die Kraft der
Hand, auf Erden,
Jn unbeſchreiblich großer Meng und Unterſcheid, gewirket
werden,
Mit Ernſt betrachten und beſehn; ſie ſelbſt, ihr Weſen, die
Geſtalt,
Und kuͤnſtlich Bildungs-Werk beſchauen. Da wir in ihr denn
alſobald,
Daß eine Helfte ganz, die andre, daß ſie ſich fuͤnffach theilet,
finden,
Wovon ein jedes Theil beſonders, an Laͤnge, Kraft und an
Figur,
Geordnet und formiret iſt, in welcher Aendrung wir die Spur,
Von einer wunderbaren Weisheit und eignen Abſicht, nicht er-
gruͤnden.
Wenn ſie von gleicher Laͤnge waͤren, wuͤrd unſre Hand nicht
nur allein
So zierlich nicht, ſie wuͤrde faſt zu allem ungeſchickter ſeyn.
Von jedem Finger zeiget ſich, daß er ein’ eigne Kraft und
Gabe,
Zu unterſchiedlicher Verrichtung vom Schoͤpfer uͤberkommen
habe.
Der Zeiger-Finger iſt, von allen, von ſonderbarer Fer-
tigkeit,
Br.VI.Th. R rZu
[626]Betrachtung
Zu allen Dingen faſt geſchickt, da auf dem kleinen ſich hin-
gegen
Die Hand in mancherley Verrichtung, zumal im Schreiben,
pflegt zu legen,
Ohn daß ſie (wie der Leib die Bein auch nicht beſchwert)
ihn etwa druͤckt.
Der Mittlere, da er der laͤngſte, iſt eben dadurch mehr ge-
ſchickt,
Mehr, als die andern, ſich zu ſtrecken, mehr anzuziehn, mehr
abzuwehren,
Da denn ſein Nachbar ihm zu Huͤlf, um ſeine Staͤrke zu
vermehren,
Sich immer fertig finden laͤßt. Allein zu einem jeden
Werke,
Bezeugt der Daum, (o neues Wunder!) ſelbſt durch die Kuͤrze,
ſeine Staͤrke.
Noch mehr, wenn andre Finger alle von oben unterwerts
ſich bengen:
So kann der Daum von unten aufwerts die allergroͤßte Staͤr-
ke zeugen.
Hiedurch begegnen ſie einander, und koͤnnen dadurch recht
als Zangen,
Erhaſchen, druͤcken, uͤberſpannen, und faſſen das, was wir
verlangen.
So kuͤnſtlich iſt, bey andern Fingern, und ihrer Kunſt, der
Daum formirt,
Daß er ſie gleichſam mit einander bewegt, beherrſchet, lenkt,
regiert,
Wodurch die mancherley Geſchaͤffte um ſo viel fertiger ge-
ſchehen,
Als
[627]der Wohlthaten in der Hand.
Als aller Wirkung insgemein nach einem Mittelpuncte gehen,
Es iſt der Daum daher allein, um kraͤftiger ſich auszudehnen,
Von ſtaͤrkern Knochen, ſtaͤrkern Adern, von feſtern Muskeln,
feſtern Sehnen,
Als wie die uͤbrigen, formirt. Daß nun die Finger bieg-
ſam ſeyn,
Jmgleichen, daß ſie nicht von Knochen, auch nicht von weichem
Fleiſch allein,
Sind drey beſondre Wunderwerke, die wuͤrdig, daß wir un-
ſer Denken
Auf jedes insbeſondere, dem großen Gott zum Preiſe, lenken.
Die Biegſamkeit iſt ſolch ein Wunder, zumal wenn wir die
Art beſehn,
Auf welche Weiſ und wie ſo kuͤnſtlich die vielen Biegungen
geſchehn,
Daß der weit aͤrger, als ein Vieh (wofern man nur darauf
gefuͤhrt,
Und durch Gewohnheit nicht geblendet) mit ſehnden Augen
nichts verſpuͤrt,
Die Menſchheit ganz verleugnen muͤßte; der nicht erſtaunet
muß geſtehn:
Es ſey, in unſrer Finger Bau, der Finger Gottes ſelbſt
zu ſehn.
Kommt, laßt uns ſie mit Fleiß betrachten! Es iſt, in unſerm
Ellenbogen,
Ein ſtarker Muskel feſt gemacht, der, an der Hand ſich vier-
fach theilt,
Und bis zum erſten Glied der Finger, geſpitzet und verduͤnnet
eilt.
Hiedurch nun werden, wenn wir wollen, die Glieder unter
ſich gezogen.
R r 2Da-
[628]Betrachtung
Damit nun aber durch die Sehnen, die wahren Stricken
aͤhnlich ſeyn,
Wenn ſie durch ihrer Muskeln Kraft gedehnet werden und ge-
ſpannt,
Wie ſonſt gewiß geſchehen muͤßt, als wahre Stricke in der
Hand,
Kein Hinderniß verurſacht werde: So flechten ſie ſich kuͤnſt-
lich ein,
Jn eines andern großen Muskels (der auch am Ellenbo-
bogen feſt,)
Auch vierfach eingetheilte Sehnen,
Wovon ſich jede wieder theilt, und jenen einen Durchgang
laͤßt.
Noch mehr man findet kleine Rollen, in einem jeden Glied
formiret,
Wodurch die erſte Sehne denn die fordern Glieder ſo re-
gieret,
Daß ſonder Hinderniß der Sehnen, die Hand, im Biegen
hohl verbleibt,
Und ſie, was ſie ſonſt nicht vermoͤchte, ergreift, beklemmet,
wirkt und treibt,
Was ſie ſich vorgeſetzt zu treiben. Nun moͤgen wir uns ſel-
ber fragen,
Ob alles dieß von ungefaͤhr von ſelbſt ſich alſo zugetragen;
Ob wir nicht einen weiſen Endzweck zu erſt in dieſem Werk
entdecken,
Daß die zween Muskeln, wodurch ſich die Finger biegen,
oder ſtrecken,
So weit von unſrer Hand entfernt, indem, da ſie ſich ſehr
verdicken,
(Wie wir, wenn wir mit unſrer Linken, den rechten Arm um-
ſpannend druͤcken,
Dann
[629]der Wohlthaten in der Hand.
Dann, wann ſie ſich zuſammen ſchließt, der Muskeln Schwellen
ſtark verſpuͤren,)
Wir, wie die Dehnung in der Hand, dieſelbige recht zu re-
gieren,
Noch was zu faſſen, tuͤchtig waͤren. Da nun die Muskeln
ſich entfernen,
Und nur von weiten in ſie wirken: So kann man uͤberzeuglich
lernen,
Daß alles, ſonder weiſe Vorſicht, nicht in den Stand geſe-
tzet ſey.
Den Muskeln tritt nun die Betrachtung der nett-getheil
ten Sehnen bey,
Die, recht als wie durch kleine Pforten, die erſten Sehnen
durch ſich laſſen,
Damit, durch ſie im Zaum gehalten, die Hand um deſto beſ-
ſer faſſen,
Und ihr Geſchaͤfft verrichten koͤnne. Zum dritten ſind die
kleinen Rollen,
Jn den Gelenken, daß die Sehnen ſich und die Haut nicht
dehnen ſollen,
Bewunderns-wuͤrdig zugefuͤget. Wie auch, daß, unten an der
Hand,
Die Sehnen, als durch einen Ring, und recht als durch ein
ſtarkes Band,
Sich ſtark und feſt zuſammen druͤcken, damit ſich die ſonſt
loſen Sehnen,
Die aus den fernen Muskeln ſtammen, nicht koͤnnen von ein-
ander dehnen.
Wenn unſre Finger nun nicht biegſam, und bloß aus Knochen
nur beſtuͤnden,
R r 3Wuͤrd
[630]Betrachtung
Wuͤrd uns die ganze Hand nicht nuͤtzen; wohl aber wuͤrden wir
befinden,
Daß, (weil dieſelbe nicht zu ſchlieſſen, zu nichts ſich zu beque-
men wuͤßten,)
Sie recht, als wie fuͤnf harte Stecken, uns uͤberall verhin-
den muͤßten.
Hingegen, wo ſie ſonder Knochen, nicht fleiſchicht waͤren,
wuͤrden ſie,
Ohn alle Staͤrk und Feſtigkeit, auch mit der allergroͤßten
Muͤh,
Doch auch zu nichts zu brauchen ſeyn. Was waͤr mit ihnen
anzufangen?
Sie wuͤrden Schlang- und Stricken gleich, an uns unbrauch-
bar abwerts hangen.
Wie iſt demnach das Wunderwerk des Schoͤpfers, in der
Hand, ſo groß?
Da fuͤnf und zwanzig Muskeln ſich ein jeder mannichfaltig
ſchlieſſen,
Und zu ſo vielerley Geſchaͤfften verlaͤngern und verkuͤrzen
muͤſſen,
So daß daher die Hand mit Recht ein Werk von einem wei-
ſen Geiſt,
Ein Wunder, ein Beweis der Allmacht unwiderſprechlich
iſt und heißt.
Um in derſelben nun den Nutzen, die Wirkung und den
Zweck zu ſehen,
Und was fuͤr Wunder, durch dieß Werkzeug, im ganzen Bau
der Welt, geſchehen:
So
[631]der Wohlthaten in der Hand.
So laßt uns einmal unſre Welt, wenn keine Menſchen Hand
ſich fuͤnde,
Mit Ernſt und Achtſamkeit beſehn, und merken, wie es um
ſie ſtuͤnde.
Ohn Hand wuͤrd alle Ordnung weg, es wuͤrd’ ein Jrr-
thum allgemein,
Ja Schmutz und Unrath allenthalben und uͤberall Verwir-
rung ſeyn;
Es wuͤrde zwar, durch Sonn und Thau und Regen, Samen
koͤnnen keimen,
Auch Gras und Kraut das Land bedecken, es wuͤrden auch
wohl Fruͤcht entſpringen:
Doch waͤrens meiſt verlohrne Schaͤtze. Was wuͤrd es doch
fuͤr Nutzen bringen?
Wer waͤre, ſonder Hand, geſchickt, es einzuerndten, aufzu-
raͤumen,
Zu pfluͤgen, Unkraut zu vertilgen? Noch weiter, unſre Erde
wuͤrde
Zwar, ſonder unſrer Haͤnde Zuthun, noch wohl verſchiedne
Thiere naͤhren:
Allein wem koͤnnten ſie doch nuͤtzen? Was koͤnnten ſie fuͤr
Dienſt gewaͤhren?
Es wuͤrden nie geſchohrne Schafe, gedruͤckt von ſchmutzger
Wolle Buͤrde,
Die Ueberlaſt kaum tragen koͤnnen. So wuͤrden gleichfalls
Kuͤh und Ziegen,
Von ihrer eignen Milch beſchwehrt, beſtaͤndig ungemolken
liegen.
Die Waͤlder zeugten uns zwar Holz, der Schooß der Erden
gnug Metallen,
R r 4Die
[632]Betrachtung
Die Berge Stein und Marmor gnug: Allein wer wuͤrde von
dem allen,
Wohl das geringſte brauchen koͤnnen, ohn Huͤlf und Zuthun
unſrer Hand?
Es wuͤrde ſelber, ſonder ſie, der ſie regierende Verſtand
Gar viel nicht zu regieren finden. Der Geiſt erdenket,
aber ſie
Verrichtet, was er ausgedacht. Er wuͤrde, ſonder ihre Muͤh,
Viel minder, als man denkt, verrichten. Welch ungezaͤhlter
Werke Menge
Erzeuget eine Menſchen-Hand! Sie macht, durch ihre Kuͤrz und
Laͤnge,
Sich gleichſam ſelbſt zu tauſend Haͤnden. Bald wirkt ſie ganz,
bald nur zum Theil;
Bald haͤlt ſie dieſen Finger ſtill, bewegt die uͤbrigen in Eil;
Auf mehr als Millionen Arten, iſt ſie geſchickt, ſich zu for-
miren,
Und mehr als Millionen Werke iſt ſie ſtets faͤhig, auszu-
fuͤhren.
Sie ſchwinget einen ſchweren Spieß; ſie biegt und kruͤmmt ein
duͤnnes Haar;
Sie graͤbt, ſie ſticket, ſchmiedet Anker, macht kleine Ketten,
die ſo gar
Den kleinſten Floh zu feſſeln taugen; ſie rudert, ziehet auf
dem Meer
Die Laſt von einem ſchweren Holz, nach ihrem Willen, hin und
her.
Sie ſchlaͤgt und ſpielt auch Laut- und Harfen, mit ſolcher
ſchnellen Fertigkeit,
Daß ſie dadurch oft minder nicht das Aug, als das Gehoͤr,
erfreut.
Jhr
[363[633]]der Wohlthaten in der Hand.
Jhr hindert nicht in kleinen Dingen, daß ſie ſo groß, in
großen nicht,
Daß ſie ſo klein; ſie kann ſich ſelbſt, nicht nur vergroͤßern,
ſondern ſie
Verkleint ſich auch, und ziehet gleichſam, in zween Finger, oh-
ne Muͤh,
Die ganze Kraft und Kunſt zuſammen. Jſt etwan einer ein
Gewicht
Zu ſchwer; hilft ihr die andre Hand. Man ſieht ſie gleich mit
Huͤlf erſcheinen,
So daß ſie gleichſam ſich verbinden; es wird aus beyden eine
Hand,
Und zwar die in der That ſo groß, als wie der Raum iſt aus
geſpannt,
Der zwiſchen beyden ſich befindet, indem in ihnen ſich ver-
einen,
Durch einen beyderſeitgen Wechſel, die beyden Kraͤft in eine
Kraft.
Man ſieht daher ſo an der Haͤnde, als an der Finger, Eigen-
ſchaft,
Da ſie getheilt, ein ſonder Wunder. Sie koͤnnten ſich un-
moͤglich trennen,
Wenn ſie vereint, indem ſie jetzt, da ſie zertheilt, ſich fuͤgen
koͤnnen.
Nun laßt uns, was, durch unſre Hand, fuͤr Wunder auf
der Welt geſchehn,
Dem Schoͤpfer, welcher ſie gemacht, und uns geſchenkt, zum
Ruhm, beſehn!
Wer hat ſo Tempel und Altaͤr’ errichtet, als der Menſchen
Hand?
R r 5Wer
[634]Betrachtung
Wer hat Geſetze vorgeſchrieben? Wer fuͤhrt das Schwerdt, um
ſie zu ſtuͤtzen?
Wer baute Staͤdte, Bruͤcken, Daͤmme, und feſte Mauren, uns
zu ſchuͤtzen?
Wer loͤſchte, ſonder ſie, mit Waſſer, den ungefehr entſtand-
nen Brand?
Wer koͤnnte ſonder Hand begieſſen; wer egen, pflanzen, pfluͤ-
gen, ſaͤen?
Wer koͤnnte ſchneiden, binden, laden, wer droͤſchen, duͤngen
graben, maͤhen?
Wer Haͤuſer, Schiff und Thuͤrme bauen, Metallen graben,
ſchmelzen, ſchneiden?
Wer wuͤrde naͤhen, backen, brauen? Wer koͤnnt uns waͤr-
men, decken, kleiden,
Zur Noth und zur Bequemlichkeit? Wer koͤnnte fiſchen, Vo-
gelſtellen?
Wer koͤnnte ſchmieden, mauren, zimmern? Wer Steine
brechen, Baͤume faͤllen?
Wer in der Jugend uns erziehn? wer Koſt und Nahrung uns
erwerben?
Wer uns verſorgen, wenn wir leben? wer uns begraben, wenn
wir ſterben?
Wer uns, auch nach dem Tod, erhalten, als unſre Hand, in klu-
gen Schriften,
Wodurch wir uns, auf ſpaͤte Zeiten, ein ruͤhmliches Gedaͤcht-
niß ſtiften?
Wer kann Gedanken ſichtbar machen, als unſre Hand, die aus
der Luft,
Verſchwundne und vergangne Woͤrter, als aus dem Gra-
be, wieder ruft,
Und ihnen Daur und Leben ſchenkt? Sie ſtellet unſrer Freun-
de Schaar,
Wenn
[635]der Wohlthaten in der Hand.
Wenn ſie auch noch ſo weit entfernt, uns recht als gegenwar-
tig, dar.
Ja, wenn auch gleich beruͤhmte Leute gar aus der Welt gehn
und erkalten:
So kann ſie ſie doch gleichſam lebend, auf viele Jahre noch
erhalten,
Durch eine wohlgebrauchte Hand. Lebt Plato, lebt De-
moſthenes.
Lebt Caͤſar, Cicero, Virgil, Homerus, Ariſto-
teles,
Nicht noch? Sie ſind, ob gleich geſtorben, doch noch unſterb-
lich durch die Hand.
Sie informiren noch; ihr Geiſt wird noch mit großem Nutz
erkannt,
Gefolget, nachgeahmt, bewundert. Wir wuͤrden, ſonder Hand,
den Thieren
Und keinen Menſchen aͤhnlich ſeyn. Wir wuͤrden ohne ſie
verlieren,
Kunſt, Ordnung, Zierde, Wiſſenſchaft. Was einer auf der
Welt allein,
An Weisheit und an Kunſt beſeſſen, kann vielen mitgethei-
let ſeyn,
Als eine Erbſchaft, durch die Hand. Aus unſrer Hand allein
entſtehen
Der Zahl-und Linien Figuren, ſo manche Lettern, deren man,
So viel als Nationen faſt, in unterſchiednen Zuͤgen, ſehen,
Auf ſo verſchiedne Art erdacht, als wie geſchrieben, leſen
kann.
Der weiſen Alten weiſe Reden, der Voͤlker Thaten und
Geſchichte,
Das ſpaͤte Leben und die Dauer der auserleſenen Gedichte,
Hat
[636]Betrachtung
Hat man ja bloß der Hand zu danken. Die Grenzen von der
ganzen Welt
Sind durch die Hand, auf kleinen Carten, zum Nutz verkleint,
uns vorgeſtellt,
Worauf wir, wie ſo große Laͤnder ſich durch ſo große Meere
trennen,
Und wo es eigentlich geſchicht, ohn alle Muͤh, beſchauen
koͤnnen.
Jndem uns Gott die Hand geſchenkt, hat er, was man in
dieſem Leben,
Zur Nahrung, Noth und Luſt gebraucht, in ihr zugleich uns
mitgegeben.
Wir muͤßten, ohne dieſes Glied, nach unſers Leibes Bau, ver-
derben,
Und weil der Mund fern von der Erden, ohn allen Zweifel,
Hungers ſterben.
Zwar hat ein Storch auch lange Bein. Doch einen langen
Schnabel auch,
Sammt einem noch viel laͤngern Hals, der zu dem noͤthigen
Gebrauch,
Anſtatt der Hand ihm dienen muͤſſen, wie viele andre Thiere
mehr.
So aber liefert unſre Hand, die niedrig haͤngt, uns, nach Be-
gehr,
Die Dinge, welche wir gebrauchen, und niedrig an der Er-
de liegen,
Ohn daß wir duͤrfen mit dem Kopf uns unbequem zur Erden
biegen.
Die ganze menſchliche Geſellſchaft koͤnnt ohne Haͤnde nicht
beſtehen,
Wer
[637]der Wohlthaten in der Hand.
Wer koͤnnte ſich und andern helfen? Wir wuͤrden folglich nicht
allein,
Den andern wilden Thieren gleich, in wuͤſten Oertern einſam
gehen;
Wir wuͤrden einzelne Figuren, ja leibliche Geſpenſter ſeyn.
So aber bindet und vereinet uns, durch die Hand, des Schoͤp-
fers Macht,
Daß man, je mehr demſelben Wunder, mit Achtſamkeit, wird
nachgedacht,
Man immer neue Wunder findet. Die Hand, wenn unſre Zun-
gen ſchweigen,
Weis ja ſo gut, und oͤfters beſſer, der Seelen Leidenſchaft zu
zeigen.
Sie weis zu ordnen, zu befehlen; ſie ziert und droht, ſie ſorgt,
ſie fraget,
Bejaht, verneinet, pflichtet bey, verſpricht, verwegert, ruft,
verjaget,
So daß ſie nicht nur alles thut, ſo gar zugleich faſt alles
ſaget,
Und zwar in einer ſolchen Sprache, die allgemein, die, wie
wir ſehn,
Weit beſſer, als der Zungen Rede, auch die Barbaren ſelbſt
verſtehn.
Der Zeiger-Finger lockt herbey. Wenn man ſich recht die
Haͤnde giebet,
Jſt es ein gleichfam fuͤhlbar Zeichen, daß deine Seele meine
liebet.
Die Schwermuth weis ja durch Gebehrden, durch ein erbaͤrm-
lich Haͤnde-ringen,
Oft einen, der ihr helfen kann, zum Mitleid oftermal zu
bringen.
Ver-
[638]Betrachtung
Verzweiflung laͤßt im bittern Schmerz, mit ihrem Muth, die
Haͤnde ſinken.
Der Zorn formiret eine Fauſt. Ein ſehnliches Verlangen
ſtreckt
Sie ausgebreitet himmelwerts; und welcher Gnade ſucht, ent-
deckt
Sein Wuͤnſchen, daß er tief gebogen, die Haͤnde dem zun
Fuͤßen ſenket,
Von dem er Huͤlf und Gnade ſucht. Ja was noch mehr,
wenn mans bedenket,
So dient die Hand ja dem, der lahm, an ſtatt der Fuͤß, auch
einem Blinden,
An Augen ſtatt; er kann den Weg, durch Tappen, mit den
Haͤnden finden.
Wie muͤſſen ſich demnach die Menſchen doch ihres Unver-
ſtandes ſchaͤmen,
Die meynen, als ob die Natur, uns minder, als das Vieh, ver-
ſehn.
Man muß, wofern man Gottes Gab, in unſrer Hand, erwegt,
geſtehn,
Daß wir in ihr ſolch einen Schatz, der alles uͤbergehet,
nehmen,
Jndem der alleraͤrmſte Menſch, zween Diener in den Haͤnden
hat,
Die ihm auf tauſend Arten dienen, zu allen Zeiten, fruͤh
und ſpat.
Wie kann die Hand, zu unſerm Beſten, ſo viele tauſend tau-
ſend Sachen,
Zum Nutz, zum Schutz, zu Wehr und Waffen, und hundert
andre Vortheil machen!
Was
[639]der Wohlthaten in der Hand.
Was ſie fuͤr Werkzeug uns verſchafft, kann man nicht zaͤhlen,
noch erzaͤhlen,
Doch wollen wir nur einige von tauſenden zur Probe
waͤhlen.
Gebiſſe, Zuͤgel, Stuͤhle, Pfluͤge, ſammt Hoͤbel, Meiſſel, Ham-
mer, Beile,
Piſtolen, Bajonetten, Meſſer, Canonen, Flinten, Saͤbel,
Pfeile,
Auch Amboß, Anker, Zangen, Bohrer, ſammt Schloͤſſer, Schluͤſ-
ſel, Ketten, Feile,
Caroſſen, Winden, Wagen, Scheeren, auch Schaufeln, Netze,
Koͤrbe, Seile,
Viel Jnſtrumente zur Muſic, auch Mathematiſche, nebſt
Saͤgen,
Nebſt Karren, Sicheln, Pinſeln, Rechen, imgleichen Spruͤtzen,
Eimer, Egen,
Die alle wiederum der Hand, die ſie gemacht, zu tauſend
Dingen,
Zur Nothdurft, Wehr, Bequemlichkeit, viel tauſendfachen Nu-
tzen bringen.
Jſt es die Hand nicht, die die Thiere, und was ſie ſind,
und was ſie haben,
Uns Menſcheu zuzueignen weis? Jn Luͤften, auf dem Land,
im Meer,
Bezwinget ſie der Thiere Menge, der Voͤgel und der Fiſche
Heer,
Daß ſie uns zum Geſchmack, zur Nahrung, mit ihrem eig-
nen Weſen laben.
Noch mehr, wer kann, zu unſerm Dienſt, den harten Hals der
Ochſen zwingen,
Ca-
[640]Betrachtung
Cameel- und Eſel- Ruͤcken brauchen, ſo ſchnell aufs raſche
Pferd ſich ſchwingen,
Ja ſelber Elephanten zaͤhmen? Wer richtet Hund und Vo-
gel ein,
Fuͤr uns und nicht fuͤr ſich zu jagen, als die geſchickte Hand
allein?
Anſtatt daß wir uns mit den Thieren, mit Baͤr und Woͤlfen
beiſſen muͤßten,
Wenn wir die edle Hand nicht haͤtten, und ſie ſo wohl zu brauchen
wuͤßten:
So brauchen wir der Hunde Zaͤhne, daß ſie fuͤr uns mit ih-
nen fechten;
Daher ſie jener, der den Nutzen, den ſie uns darin bringen,
kannte,
Nicht unrecht ihren Zahn, der Menſchen lebendge Dolch und
Degen nannte.
Man nimmt der Thiere Felle, Federn und Woll und Haar,
mit unſrer Rechten,
Und richtet ſie, zu unſrer Waͤrm und zur Bequemlichkeit der Ruh,
Wie auch ihr Fleiſch zu unſrer Koſt, zu Arzeneyen gleichfalls, zu,
Bis auf die Wunder in dem Meer, die groͤßten Wallfiſch
toͤdten wir,
Es hilft ſie keine Liſt, noch Macht, noch Flucht, noch kecker
Widerſtand,
Es faͤnget, haſchet, uͤberwindet und toͤdtet ſie der Menſchen
Hand.
Wenn wir nun ferner uͤberlegen, was Gott, der weiſe
Schoͤpfer, ihr
Fuͤr Millionen Vorwuͤrf ſchuff, woran ſie Kunſt und Fer-
tigkeit
Kann
[641]der Wohlthaten in der Hand.
Kann ſehen und bewundern laſſen. Welch eine Menge von
Metallen,
Von Marmor, Steinen und Porphier, von Holz, von klaren
Berg-Kryſtallen,
Von Diamant, Sapphier, Rubinen, wovon ſie nach Beſchaf-
fenheit,
Wie ſie ſie braucht, ſie brauchen kann, hat fuͤr der Haͤnde
Kunſt und Macht,
Der Gott, der alles weislich ordnet, und ſie, fuͤr ſie, hervor
gebracht.
Es weis ſo viel kaum zu erfinden der viel erfindende Ver-
ſtand,
Als es geſchickt ins Werk zu ſetzen die kuͤnſtlich-ſtarke Men-
ſchen-Hand.
Was wuͤrden, ſonder ihre Haͤnde, die allerkluͤgſt-und groͤßten
Geiſter,
Auf Erden, wohl verrichten koͤnnen? Wuͤrd auch der aller-
groͤßte Meiſter,
Der in der Baukunſt je geweſen, allein mit Ohren und mit
Augen,
Wofern er keine Haͤnde haͤtte, wohl etwas auszurichten
taugen?
Wir finden, wenn wirs recht erwegen, den Geiſt faſt mit
der Hand vereint,
So daß er faſt in ihr den Sitz, wie im Gehirn, zu haben
ſcheint,
Und alſo zeiget ja die Hand uns allen uͤberzeuglich klar,
Wie Gottes Weisheit, Macht und Lieb allein in ihr ſo wun-
derbar,
Br.VI.Th. S sJa
[642]Betrachtung
Ja daß, da Gott ſie dergeſtalt, da ſie ſo wunderbar ſich
lenket,
Da ſie ſo wunderbar formirt, da ſie ſo wunderbar uns
nuͤtzet,
Uns kleidet, naͤhret und erhaͤlt, verſorgt, ergetzet, ziert und
ſchuͤtzet,
Uns den Gebrauch der ganzen Welt, allein in unſrer Hand,
geſchenket.
Ach laßt uns denn die Wundergabe doch kuͤnftig beſſer,
als wir pflegen,
Und in derſelbigen zugleich des Schoͤpfers weiſe Macht, er-
wegen,
Jn ehrerbietigſter Bewundrung! Auf! laßt uns ſeine Liebe
ſehn,
Die ſich in ihr ſo klaͤrlich zeiget, und Gottes Herrlichkeit
erhoͤhn!
Laßt uns, in der erkannten Wahrheit, ihm oͤfters danken, ihn
verehren,
Jhn lieben, fuͤrchten, ihn vertrauen, in unſrer Luſt, ſein Lob
vermehren!
Ach moͤchten wir den Bau der Hand doch oͤfters, Gott zum
Ruhm, betrachten,
Und in der Bildungs-Kunſt allein, auf deſſen Macht und Weis-
heit achten,
Der ſie ſo wunderbar gebildet. Ach moͤcht uns doch, ſo oft
wir ſpuͤren,
Wie ſie uns tauſendfaͤltig nuͤtzt, die Hand zu unſerm Schoͤpfer
fuͤhren.
Vor allen laſſet uns, mit Ernſt, wenn wir ſie brauchen, uns
bemuͤhn,
Sie
[643]der Wohlthaten in der Hand.
Sie nicht zu Laſtern anzuwenden, und ſie vom Suͤnden-Dienſt
zu ziehn,
Damit ſie, gegen Gottes Ordnung, im ſuͤndlichen Gebrauch
der Erde,
An ſtatt des Segens Werkzeug, uns kein Werkzeug des Ver-
derbens werde.
Ach Gott! gieb mir zu ſo viel Gaben, auch dieſe, daß ich, dir
zur Ehre,
Auch meine Hand recht brauchen mag, und ſelbſt thu, was ich
andre lehre!
So wend ich denn itzt meine Hand, ſo viel als ich in
Schwachheit kann,
Von aller mir erzeigten Gnad, im vorgem Jahr, zu ſchrei-
ben an.
Wie kann ich dir doch gnugſam danken, o Herr, daß im
verfloßnen Jahr,
Du mich nicht nur ſo gnaͤdiglich, fuͤr Krankheit, Plagen und
Gefahr,
So Huld- und Gnaden-reich bewahrt, daß du auch meiner Haͤn-
de Werke
So gnaͤdiglich gebenedeyt! Ach Herr! wenn ich mit Ernſt
bemerke,
Wie vaͤterlich du mich geleitet, wie wunderbar du mich ge-
fuͤhrt,
So werd ich Dank-und Andacht-voll. Es wird mein Jnner-
ſtes geruͤhrt,
So daß ich, da ich ihre Menge, die nicht zu zaͤhlen iſt, nicht
faſſe,
Mit hoͤchſtem Recht dadurch verwirrt, fuͤr Freuden, Thraͤnen
fallen laſſe,
S s 2Von
[644]Betrachtung
Von allen, was wir auf der Welt mit Recht ein wahres
Gluͤcke nennen,
Jſt ja wohl, wenn wir unſre Kinder, im Leben, wohl bera-
then koͤnnen.
Dieß Gluͤck haſt du mir dieſes Jahr, o Gott, in ſolchem Grad
beſchehrt,
Daß ichs nicht beſſer wuͤnſchen koͤnnen. Ein Schwiegerſohn
von ſolchen Gaben,
An Ehre, Reichthum, Redlichkeit, die viele kaum zertheilet
haben,
Jſt heuer meiner aͤltſten Tochter, von dir, o Herr, zum Mann
gewaͤhrt.
Ach gieb, o Vater! ferner hin, zu dieſer Ehe, deinen
Segen,
Und uns abſonderlich die Gabe, daß wir die Gnad erken-
nen moͤgen!
Ach laß uns alle deine Liebe, in dieſer Fuͤhrung, oft er-
meſſen,
Und, im beſtaͤndigen Vergnuͤgen, doch ja des Dankens nicht
vergeſſen!
Jſt es ſo uns, als ihnen, nuͤtz: So laß, o Herr! zu deinen
Ehren,
Auf ſpaͤte Zeiten ihr Geſchlecht, in frommen Kindern, ſich
vermehren!
Gieb ihnen Willen und Vergnuͤgen, daß ſie ſich alles Ernſts be-
muͤhn,
Die bloß von dir geſchenkte Gabe auch dir gefaͤllig zu erziehn!
Wie haſt du ferner, großer Gott, zu meinem neuen Amt und
Stande,
Zu meiner Reiſe, meinem Antritt, zu meinen Leben auf dem
Lande,
So
[645]der Wohlthaten in der Hand.
So reichlich deine Huld geſchenkt, daß ich nicht nur, nebſt al-
len Meinen,
So wohl die Land-als Waſſer-Reiſe geſegnet und begluͤckt ge-
fuͤhrt,
Daß ich, beym Antritt in das Amt, in allen, deine Huld
verſpuͤrt.
Ach laß doch in demſelben ferner mir deiner Gnaden Sonne
ſcheinen.
Zwar hab ich hier, nicht lang hernach, von mich bedrohnden
Krieges-Schaaren,
Nicht kleine Sorgen ausgeſtanden, und viel Verdrießlichkeit
erfahren,
So aber, großer Friedens-Fuͤrſt, bloß durch dein vaͤterliches
Lieben,
Da du das Ungluͤck abgewandt, Gottlob! nur bey der Furcht
geblieben.
Jndeſſen kann ich nicht umhin, wie ich den Zuſtand auf-
geſchrieben,
Damit es nicht vergeſſen werd, und immer ein’ Erinnrung
bleibe,
Hier die Gedanken herzuſetzen, damit es mich noch ferner
treibe,
Fuͤr den, nach Wetter, Sturm und Regen, erwuͤnſcht verſpuͤr-
ten Sonnenſchein,
Dem, der das Schwerdt in Sicheln kehrt, erkenntlich dank-
bar froh zu ſeyn.*Jch habe, dir ſey Dank, o Herr, in dieſem Jahre, meine Hand
Jn meinem Jrdiſchen Vergnuͤgen, es zu vermehren, angewandt
S s 3Daß
[646]Betrachtung
Daß ich dieß mit nicht ſchlechtem Fortgang, zu deinem Ruhm,
verrichten koͤnnen,
Erkenn ich, als ein großes Gluͤck, ſo du mein Gott mir wol-
len goͤnnen.
Laß meines Herzens Dank-Altar noch oͤfters, dir zum Preiſe,
rauchen,
Und laß, zu deinem Dienſt, o Gott! mich meine Hand noch
oͤfters brauchen!
Auch unter ungezaͤhlten Plagen, Kreuz, Ungluͤck, Zufall und
Gefahren,
Von welchen auch die wenigſten (als die uns ſtuͤndlich drohn)
bekannt,
Haſt du, von meinem aͤltſten Sohn, ein großes Ungluͤck ab-
gewandt.
Und ihn, da er ins Meſſer fiel, ihn wunderbarlich zu be-
wahren,
So gnaͤdiglich gewuͤrdiget; ach! laß ihn, da er ſonderlich,
Jn dieſem Jahr, nebſt ſeinem Bruder, auf hohen Schulen
denkt zu reiſen,
Sie beyde dir empfohlen ſeyn, damit ſo wohl ſie beyd, als ich,
Fuͤr deiner vaͤterlichen Guͤte, Gelegenheit, dich, Herr, zu
preiſen,
Mit Dank und Loben haben moͤgen! Es iſt mein kleinſtes
Toͤchterlein,
Der du ſo Geiſt als Leibes Gaben, in großer Maße, mit-
getheilet,
Jn mehr als einer Krankheit, Herr, durch dich in dieſem Jahr
geheilet;
Dir ſey, o Vater, Dank dafuͤr. Sey, einzger Arzt, davor ge-
prieſen,
Daß du dich, in ſo mancher Noth, ſo Huͤlf- und Gnaden-reich
erwieſen,
Da
[647]der Wohlthaten in der Hand.
Da ich, in vieler Kinder Koͤrpern und Geiſt, ſo vieles koͤnnte
leiden:
So giebſt du mir, o Herr! die Gnade, daß ich in vielen viele
Freuden,
Bisher, o Wunder! hab empfunden. Weil ich nun gar nicht
anders weis,
O Vater! dir davor zu geben. So geb ich dir Lob, Ehr und
Preis!
Jch ruffe dich auch ferner an, behuͤt uns auch in dieſem
Jahr,
Wofern es uns erſprießlich iſt, fuͤr allem Unfall und Ge-
fahr.
Ach gieb, zu meinem Regiment, Gedeyen, Weisheit und Ver-
ſtand,
Und ſegne, nebſt den Meinen, mich, und alle Werke meiner
Hand!
Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
in der Betrachtung vom Nichts, nebſt
wiederholter Unterſuchung ſeiner hauptſaͤchlich-
ſten Pflicht der Bewunderung.
Zum Neujahrs-Gedicht auf 1738.
Sanctius ac reuerentius de actis Dei credere, quam ſcire.
tacitvs.
Einzig unbegraͤnztes All! ewigs undurchdringlichs Licht,
Deſſen Liebe, Macht und Weisheit allenthalben, nirgends
nicht,
Gottheit, die in Ewigkeit menſch- und engliſchen Gedanken
Unbegreiflich, unerforſchlich, deſſen Maaße, Ziel und Schranken
Bloß allein das wahre Nichts, da ich itzt zu dieſer Zeit
(Welche vor viel andren Zeiten voll von deiner Herrlichkeit,
Da wir um des Lichtes Quell unſern großen Kreislauf
enden,
Da wir uns, nach deiner Ordnung, wieder zu der Sonne
wenden,)
Dir zu Ehren meinen Geiſt in die tiefſte Tiefe ſenke,
Und vom Anfang eines Etwas, wo das Nichts ſich endet,
denke,
Auch zugleich von unſerm Geiſt, ſeinen Graͤnzen, ſeiner Kraft,
Seinen Pflichten, ſeinem Weſen, ſeiner Abſicht, Eigenſchaft
Noch was nuͤtzliches zu ſchreiben, willens bin, und zu erwegen:
Ach ſo gieb zu dieſem Vorſatz deine Gnade, deinen Segen!
Laß es, nicht zu meines Naͤchſten und zu meinem Nutz allein,
Sondern dir zum Ruhm und Preiſe, wuͤrdig eingerichtet ſeyn.
Das
[675]in der Betrachtung vom Nichts.
Das verborgne Nichts zu kennen, in die bodenloſe Tiefe,
Woraus unſer Gott dem Etwas, daß es werden ſollte, rieſe,
Den, ob dieſer Dunkelheit, ſchwindelnden Verſtand zu ſenken,
Von deſſelben Graͤnz, und Schranken, was vernuͤnftiges ge-
denken,
Und des Etwas Anfang finden, das, wo Nichts, nicht mehr
ſich zeigt;
Scheint ein ſolches Ziel zu ſeyn, das den Geiſt weit uͤberſteigt,
Und ſelbſt zu vernichten droht; Ja ein ſolches Unterfangen,
Wozu auch den Engeln ſelber, kaum erlaubt ſcheint zu gelangen.
Jch erkenn auch meine Schwaͤche dazu mehr, als allzuwohl,
Und es iſt gewiß mein Geiſt nicht ſo eitlen Hochmuth voll,
Sich von ſich ſelbſt einzubilden, dieſe Tiefe zu ergruͤnden,
Und des Etwas wahren Anfang, ſamt dem Schluß vom
Nichts, zu finden.
Dennoch koͤmmt, aus vielen Gruͤnden, dieſes Vorwurfs Jn-
halt mir,
Vor viel tauſend andern noͤthig, nuͤtzlich und betraͤchtlich fuͤr.
Weil vielleicht aus der Betrachtung von dem Nichts ſich
Etwas zeiget,
Wodurch man zu einer Wahrheit, welche ſonſt verborgen, ſteiget.
Jch gedenke denn, mit Gott, in der Spur ſo weit zu gehen,
Als es meine Kraͤft erlauben, und denn gerne ſtill zu ſtehen.
Jch will gerne groͤßern Geiſtern, alles richtiger zu faſſen,
Wenn ich nur die Bahn gebrochen, mit Vergnuͤgen uͤberlaſſen.
Um nun in den tiefen Abgrund des verhohlnen Nichts zu
ſteigen,
Um den Anfang und das Ende des erſchaffnen Stoffs zu ſehn,
U u 2Wird
[676]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
Wird des Stoffs Verkleinerung uns die beſten Wege zeigen,
Und wir muͤſſen Staffel-Weiſe in die hohle Tiefe gehn.
Wie nun die Verkleinerungen koͤrperlicher Ding auf Erden
Jns unendliche faſt kommen, und wohl nie begriffen werden;
Davon hab ich mich bemuͤht, eine Probe vorzuſtellen,
Da ich deutlich denn gezeigt, wie, vom großen Reich der Wellen,
Nur in einem einzigen cubſchen Waſſer-Zoll allein,
Dreyzehn tauſend Millionen Waſſer-Theilchen wirklich ſeyn,
Und in einem einzgen Tropfen zwanzig Millionen ſtecken,
Die wir alle uͤberzeuglich, mit dem Geiſt, darin entdecken.
Ferner haben wir daſelbſt augenſcheinlich dargethan,
Daß, in einem irdſchen Koͤrper, nemlich einem Kupfer-Gran,
Hundert Millionen Theilchen, die noch alle ſichtbar ſeyn,
Jm gefaͤrbten Naß, vorhanden. Gleichfalls giebt der Augen-
ſchein,
Daß, von einer Unze Gold, man oft einen Silber-Drat,
Ueber hundert Meilen lang, uͤberall verguͤldet hat,
Da es neun und funfzig tauſend uͤber tauſend tauſend mal,
Duͤnner, als der duͤnnſte Strich einer Linie ſich findet.
Wer iſt, welcher dieſe Kleinheit, und derſelben Theile Zahl,
Nicht erſtaunenswuͤrdig haͤlt? Aber hier iſt lange nicht,
Jhres Weſens End und Anfang, wie ſichs deutlich zeigt, er-
gruͤndet,
Sondern es giebt die Vernunft uns den klaren Unterricht,
Daß, wie unbegreiflich klein jeder Theil, den wir geſehen,
Es doch bis zu einer Monas, weiter mit ihm muͤſſe gehen,
Als wir bis zu ihm gelangt. Was giebt nun ein Theil vom
Licht,
Das auch koͤrperlich, zu denken! Von demſelben hat man eben,
Jn dem irdiſchen Vergnuͤgen, klaͤrlich den Beweis gegeben,
Wie aus einer kleinen Kerzen eine ſolche Menge bricht,
Daß
[677]in der Betrachtung vom Nichts.
Daß, in jeglicher Secunde, ſechzig tauſend Millionen,
Und annoch ſechs tauſend druͤber, nebſt noch acht und zwan-
zig Nullen,
Welches eine ſolche Zahl, daß der menſchliche Verſtand
Ganz darob erſtaunt und ſtutzt.
* Da ſo viele Koͤrner Sand
Nicht in tauſend malen tauſend Millionen unſrer Erden,
Ungeachtet ihrer Menge, koͤnnen angetroffen werden.
Wann nun einer dunklen Monas (waͤre ſie auch noch ſo klein,)
Durch ein dichtes Glas zu dringen, nimmermehr wird moͤg-
lich ſeyn;
Und wir doch vom Licht die Theilchen, daß ſie durch die Glaͤ-
ſer gehen,
Und zwar ſonder Widerſtand, mit erſtaunten Blicken, ſehen;
Merkt man, daß die dunkle Monas und die lichte zweyerley,
Folglich daß derſelben Kleinheit noch nicht zu vergleichen ſey.
Hier nun ſcheint der Menſchen Geiſt, daß er von ſich ſelbſt
ſich trenne,
Und unmoͤglich in die Kleinheit ſchaͤrf-und tiefer dringen koͤnne.
Hier vergehet ihm das Denken, hier verliſchet ſeines Lichts,
Scharfer und ſubtiler Glanz,
Durch die gar zu große Kleinheit gleichſam unterdruͤckt, faſt
ganz.
Denn indem der Koͤrper Theile wirklich nicht unendlich klein,
Und wie ſehr ſie zu verkleinern, nicht unendlich theilbar ſeyn;
Muͤſſen hier, von dem was iſt, da die theilbarn Theile ſchwinden
Von dem unfuͤhlbaren Etwas, ſich die zarten Graͤnzen finden,
Und was koͤrperlich, ſich enden. Das entſetzlich dunkle Nichts
Scheint hier ſeinen ſchwarzen Abgrund, ohne Grund, ihm zu
entdecken,
U u 3Jhn
[678]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
Jhn nunmehr unwiederbringlich, ſelber mit geheimem
Schrecken,
Zu verſchlingen, zu begraben, zu vernichten. Aber hoͤr,
Spreize dich! beſinne dich! wie wenn gar kein Nichts
nicht waͤr?
Ein wahrhaftig wirklich Nichts, was wir auch von ſel-
bem leſen,
Scheint, nach ernſter Ueberlegung, daß es nimmermehr ge-
weſen.
Denn da Gott von Ewigkeit allenthalben, nirgends nicht,
Und unendlich immer war; iſt, nach unſers Geiſtes Licht,
Nie ein wahres Nichts geweſen. Hoͤre mehrern Unterricht:
„Das kein eigentliches Nichts je von Gott erſchaffen ſey;
„Desfalls faͤllt uns beyden wohl hoffentlich kein Zweifel bey,
„Waͤr es etwas unerſchaffnes; ſcheint es mit den Herrlichkeiten
„Des bloß unerſchaffnen Weſens, dem ſelbſtaͤndgem All, zu
ſtreiten.
„Glauben, daß ein ewigs All, auch ein ewigs Nichts
zugleich,
„Von den grauen Ewigkeiten, ein ſich widerſprechend Reich,
„Mit einander fuͤhren koͤnnen: Wie wir auch das Denken
haͤufen,
„Wird kein menſchlicher Verſtand, ſolch ein Unding nicht
begreifen.
„Daher ſtimmen die Gedanken hoffentlich hierin zuſammen,
„Daß, wie alle Ding urſpruͤnglich einzig aus der Gottheit
ſtammen,
„Sie ſich auch, ohn Zwiſchenſtand, in ihm ſinden und be-
ſchlieſſen,
„Jn ihm, ſo wie ihren Anfang, auch die Graͤnzen haben muͤſſen.
„Ja
[679]in der Betrachtung vom Nichts.
„Ja, mich deucht, daß dieſer Graͤnzen eigene Beſchaffenheiten
„Uns zum Urſprung und zum End aller Ding am klaͤrſten
leiten,
„Und das Nichts ins All verſenken. Aber, wie mich deucht,
ich hoͤre
Dich hier dieſen Einwurf machen: Ob denn nicht die
Bibel lehre:
Daß die Welt aus Nichts erſchaffen? Ja. Doch hoͤre
meinen Schluß,
Welcher dich, mit deinem Einwurf, hoffentlich vergnuͤgen muß.
Dieß Nichts, und was unerſchaffnes, zeigt ſich, daß es
einerley,
Und in ihrer Wirklichkeit gar nicht unterſchieden ſey;
Sondern es gehoͤren beyd’ eigentlich in einen Orden.
Nichts hat eigentlich die Abſicht, auf was, ſo erſchaffen
worden,
Daß es nemlich nichts von dem. Erd und Himmel ſind
gemacht,
Heißts, aus Nichts. Nichts ſo erſchaffen, ſie ſind all her-
vorgebracht,
Aus dem unerſchaffnen bloß und, wie alles, was vorhanden,
Aus erſchaffnem Nichts, das iſt, Unerſchaffenen entſtanden:
So hat alles, was durch Gott und ſein maͤchtig Wort entſtund,
Von dem, was erſchaffen worden, auch auf Nichts noch ſei-
nen Grund,
Das heißt auf dem unerſchaffnen. Aber, dieß nun ausgeſetzet,
„(Sprichſt du) iſt denn deine Meynung? Wird von dir vor
wahr geſchaͤtzet,
„Daß da, wo die Monades oder die Simplicia,
„Welche keine Theile haben, aufgehoͤret, eben da
U u 4„Sich
[680]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
„Sich unmittelbar die Gottheit, mit demſelbigen verbinde?
„Und daß man derſelben Graͤnzen eben in der Gottheit finde?
„Oder, da du von den Geiſtern, daß auch dieſe einfach ſeyn,
„Wie du mir geſaget, glaubeſt; ſtimmſt du darin uͤberein,
„Daß, wo Monades zu Ende, etwas geiſtiges vorhanden?
„Und wird etwan, durch die Meynung, dieß vielleicht von dir
verſtanden,
„Daß, auf welche Weis ein Geiſt in die Koͤrper wirke, man
„Auf die Weiſe deutlicher, als ſonſt nicht, erweiſen kann?
„Denn ein Simplex wuͤrde beſſer in ein anders wirken
koͤnnen,
„Als in das, was wir verbunden, einen groben Koͤrper nennen.
Hiervon kann ich dir ſo leicht, was ich davon zugeſteh,
Nicht erklaͤren, aber doch deucht mich, daß ich ſo viel ſeh,
Wie dieß letzte nicht ſo dunkel und ſo unbegreiflich ſcheinet,
Als, von der praeſtabilita Harmoniâ, man vermeynet,
Da dieſelbe, wie es glaublich, zu dem Endzweck bloß allein,
Mit ſo vieler Muͤh, als Feinheit, auserſonnen ſcheint zu ſeyn,
Um die großen Schwierigkeiten, welche Geiſt und Koͤrper
geben,
Da ſie nicht vereinbar ſcheinen, und es dennoch ſind, zu heben.
Denn, wer weis, auf dieſe Weiſe, ob es nicht viel min-
der ſchwer,
Wie ein Simplex in das andre wirke, zu begreifen waͤr.
Sprichſt du: Laͤßt ſich eine Seele wohl in Monades ver-
theilen?
Sag ich: Darum darfſt du dich nicht im Urtheil uͤbereilen,
Denn es duͤrft, im Geiſtigen, eine Monas ja nur ſeyn,
Die in viele wirken koͤnnte. Hierinn ſtimm ich uͤberein:
Daß, an einer geiſtgen Monas, mehr und andre Eigenſchaften,
Als an vielen koͤrperlichen, ſonder allen Zweifel, haften,
Und
[681]in der Betrachtung vom Nichts.
Und gefunden werden muͤſſen. Dieſe Meynung wird die beyden,
So an Art, als der Natur, deſto beſſer unterſcheiden,
Und zu gleicher Zeit den Zweifel doſto deutlicher erklaͤren,
Als ob Monades im Geiſt theilbar oder fuͤgbar waͤren.
Ja wer weis, ob dieſe Meynung nicht noch weiter fuͤhren
koͤnnte,
Und, wenn man das Vorurtheil erſtlich von der Wahrheit
trennte,
Nicht, wie auch ſo gar den Koͤrpern, dem, der beyde ſchuf,
zur Ehr,
Auch ſich immer zu verbeſſern, moͤglich und erweislich waͤr?
Wenigſtens ſchien hier ein Sprung, wie wir ſonſten nir-
gend ſehn,
Daß ihn die Natur erlaubet, ſo wie ſonſt, nicht zu geſchehn.
Da man ſonſt von Etwas gleich auf das nicht vorhandne
Nichts,
Bey der Koͤrper Graͤnzen, kommen, und daſelbſten finden muͤßte;
Welches nicht begreiflich iſt. Wenn man aber etwan wuͤßte,
Daß der Koͤrper feinſte Theile ſich, auf uns verborgne Weiſe,
Auch in geiſtige verkehren, und ſich ſo verbeſſern koͤnnten,
Daß ſie, da ſie allgemach, von dem vorgen Stand ſich trennten:
Haͤtten wir vom Nichts zum Etwas, die bisher geſuchten
Graͤnzen,
Und man ſaͤh ein neues Licht einer neuen Wahrheit glaͤnzen.
Nichts ſcheint ſo des Schoͤpfers Allmacht, Lieb und Weis-
heit zu vergroͤßern,
Als ſein einſt gemacht Geſchoͤpf unaufhoͤrlich zu verbeſſern.
Wann es nun von ſeines Weſens goͤttlicher Vollkommenheit,
Das Vollkommenſte zu denken, aller Menſchen Schuldigkeit:
Scheint der menſchliche Verſtand dieſes von uns zuverlangen,
Von der Koͤrper Aenderung, dieß zu glauben, anzufangen.
U u 5Doch
[682]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
Doch, verwegner Geiſt, halt ein! wo verſteigeſt du dich hin?
Will dein gar zu ſehr gedehnter und zu ſehr geſpannter Sinn,
Aus den vorgeſchriebnen Schranken, ſich vermeſſentlich erhoͤhn,
Da faſt alles dir verborgen, gar das dunkle Nichts ergruͤnden,
Gar das Ende des Erſchaffnen, gar der Geiſter Anfang finden?
Und, da wir ſo wenig wiſſen, auch ſo gar ein Nichts verſtehn?
Haſt du deine eigne Lehre, daß wir hier ſo wenig faſſen,
Dir, durch uͤbertriebnes Denken, hier denn ganz entfallen laſſen?
Ja, vielleicht hab ich gefehlet, und es waͤr gewiß geſchehn,
Wenn ich alles Richter-maͤßig ſetzen und entſcheiden wollen.
Aber dieſes thu ich nicht, weil mir gar zu wohl bekannt,
Daß wir, Gott, im Werk, bewundern, aber nicht begreifen
ſollen.
Dieß ſcheint unſers Weſens Endzweck, und nothwendger,
als wenn man,
Es ſey ſo und anders nicht, recht monarchiſch ſagen kann,
Und ſich unbetrieglich ſchaͤtzt. Darum will ich lieber hier,
Von den Meynungen vom Nichts, liebſter Leſer, mir
und dir,
Mehr zu ſagen, mich enthalten, weil ich es vor noͤthig achte,
Daß ich, eh ich weiter geh, erſt die wahre Kraft betrachte,
Unſers Geiſtes, unſrer Seelen, und derſelbigen Gedanken,
Von dem Schoͤpfer der Natur glaublich zugegebnen Schranken;
Weil, wofern wir dieſe Schranken zu bemerken, unterlaſſen,
Es mir ganz unmoͤglich ſcheint, etwas gruͤndliches zu faſſen,
Etwas recht zu unterſuchen. Jch muß hier von unſrer Seelen,
Daß ich ſie begraͤnzter halte, als viel andre, nicht
verhehlen,
Und vermeyne, daß wenn man dieſe Meynung feſte ſtellt;
Es zum unleugbaren Beſten, und zum Nutz der ganzen Welt,
Vie-
[683]in der Betrachtung vom Nichts.
Vieles bey zu tragen faͤhig. Daß faſt nichts, als Zank und
Streit,
Jn der gegenwaͤrtigen, ſo wie in vergangner Zeit,
Jn der ganzen Welt geherrſcht, daß ja, faſt in allen Sachen,
Ein beſtaͤndigs Widerſprechen, Haß, Verfolgung, Ketzer
machen,
Leider! uͤberall geraſt und noch raſet, iſt bekannt.
Und von allen ſcheint der Grund, der nicht irrende Verſtand,
Den ein jeder glaubt zu haben. Da doch, bloß durch die-
ſen Satz,
Der uns jaͤmmerlich betriegt und verfuͤhrt, der Wahrheit
Schatz
Ungluͤckſelig ſich verliert. Moͤchten wir, eh wir uns zanken,
Oder einen Satz verfechten, doch vorher die wahren Schranken
Unſers Geiſtes unterſuchen: Ob die Menſchheit, in der That,
Eine Seele, die untrieglich und die Wahrheit kennet, hat.
Sagen doch die Geiſtlichen, daß, nach Adams Fall, der
Seelen
Das vorhin beſeßne Licht und die beſten Kraͤfte fehlen,
Und dennoch verfahren ſie ſo, daß Adam nimmermehr
Haͤtte feſter ſchlieſſen koͤnnen, wenn er nicht gefallen waͤr.
Viele gehen gar ſo weit, daß ſie wuͤrgen und verbrennen
Alle, die nicht ſo, wie ſie, glauben und gedenken koͤnnen.
Da es doch, wenn jene nicht durch der Gruͤnde Kraft beſiegt,
Oft ſowohl an ihrer Gruͤnde-als der Ketzer Schwaͤche, liegt.
Zeigt nicht der uns vorgeſchriebne Glaube deutlich ſelber an:
Daß, durch Kraͤfte der Vernunft, man nur wenig faſſen kann?
Die Philoſophi nicht minder, ob ſie gleich vor Augen ſehen,
Was den alten Seculis von den juͤngern ſtets geſchehen,
Nemlich, daß die neuen Weiſen nimmer eine Buͤndigkeit,
Jn
[684]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
Jn der Alten Meynung funden, und, daß die zukuͤnftge Zeit
Es mit ihnen eben wieder, ſo wie ſie zuerſt gehandelt,
Mit den vorigen verfaͤhrt, ihre Trefflichkeit verwandelt,
Jn Erbarmungs-wuͤrdge Thorheit; ſollten ſie nicht in ſich gehn,
Und aus der Erfahrung, ſchlieſſen, uns wird eben das geſchehn?
Muß nicht jeder, bey dem Zuſtand, in ſich, faſt unſinnge
Triebe
Eines unumſchraͤnkten Hochmuths, einer blinden Eigenliebe,
Fuͤhlen und mit Haͤnden greifen? Oder uͤberfuͤhret ſeyn,
Daß die Gabe zu erkennen, das Talent, zu prophezeyn,
Sey fuͤr ihm abſonderlich und zwar ganz allein verſparet:
Und, was keinem Menſchen ſonſt, ſey ihm dennoch offenbaret.
Kann was aufgeblaſners, dummers, laͤcherlichers auf der
Erden,
Und was weniger gegruͤndet, jemals wohl erſonnen werden,
Als daß ſich ein Sterblicher ſelber uͤber alle ſetzt,
Daß er, und nur er allein, ſeinen Geiſt untrieglich ſchaͤtzt,
Den er doch, wenn ihn ein andrer, eben mit denſelben Gaben,
Etwan uͤberkommen haͤtte, ſelber wuͤrd erniedrigt haben.
Er iſt ſelbſt Partey und Richter und ſein eigenes Gericht.
Welch ein Wunder, daß er immer ein parteyiſch Urtheil
ſpricht!
Jſt uns unſer Geiſt gegeben, und erfordert ſeine Pflicht,
Alle Dinge zu begreifen; warum auch ſich ſelber nicht?
„Was? wird mancher hier zu ſprechen; ſoll die Faͤhig-
keit der Seelen,
„Die Vernunft, des Himmels Gabe, denn betrieglich ſeyn
und fehlen?
„Die uns doch dazu gegeben, daß man ſich in allen wohl
„Unterrichten, Boͤs und gutes, deutlich unterſcheiden ſoll?
„Triegt
[685]in der Betrachtung vom Nichts.
„Triegt ſie uns, kann man durch ſie das, was wahr und
falſch, nicht faſſen,
„Kann man ſich auf ihre Einſicht, Schluͤß und Gruͤnde nicht
verlaſſen;
„Wuͤrde ſie uns faſt nicht brauchbar, und nicht dieſes nur
allein,
„Sondern uns vielmehr ein boͤſes ſchaͤdliches Geſchenke ſeyn.
„Sie wuͤrd uns zu lauter Jrrthum, Suͤnde, thorheit, Zanken,
Streiten,
„Zweifel, Un- und Aberglauben, Anlaß geben und verleiten.
„Wuͤrde mancher ſich dadurch nicht vermeſſen unterſtehn,
„Selbſt den Geber fuͤr den Urſprung dieſes Jrrthums anzu-
ſehn?
Aber hoͤr, im Augenblick, da du ſo denkſt, zeigt dein Jrren,
Wie ſo leicht ſich die Gedanken, durch Vernunft verfuͤhrt, ver-
wirren.
Du beweiſeſt ſelbſt, was ich zu beweiſen ſchuldig waͤr;
Nemlich, daß dein kluger Geiſt von geſunden Schluͤſſen leer,
Und nicht das ſey, was er glaubt; ſondern, daß du ſelbſt die
Maaße
Deines Geiſts dir zugemeſſen, daß dein Stolz ſich ſo vergaſſe,
Und von dem, was von dem Schoͤpfer dir Vortreffliches ge-
ſchenkt,
Daß es faſt unendlich ſey, weil du es beſitzeſt, denkt.
Jſt dein Naͤchſter auch kein Menſch? So wird er dieſelben
Gaben,
Wenn du redlich denken willt, auch von Gott empfangen ha-
ben,
Und du haͤlſt dich dennoch kluͤger, ſieheſt ihre Seelen an,
Als wenn man ſie mit der Deinen nicht mit Recht verglei-
chen kann.
Dieſes
[686]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
Dieſes iſt die erſte Probe deiner uͤbereilten Schluͤſſe,
Und wie wenig man ſich ſelber hierin trauen koͤnn’ und muͤſſe.
Ferner zeiget ſich in allem, ob du noch ſo ſehr dich ſteifſt,
Daß du auch das allerkleinſte, gruͤnd- und wirklich nicht be-
greifſt.
Sage mir, was iſt ein Staub, was iſt Waſſer, Feuer, Erde?
Sprich, wie eine Frucht im Samen wachſ und zugerichtet
werde,
Was die Schwehre, was das Licht, was die Luft? Kurz; al-
lerley,
Was wir an und in uns haben, eigentlich und wirklich ſey?
Kannſt du wiſſen, ob es Gott nicht ſowohl, als wie das Leben,
Auch das Denken, wenn er wollte, der Materie zu geben,
Die du todt glaubſt, moͤglich ſey? Tadelſt du an deinen Augen,
Daß, ob ſie gleich vieles ſehn, alles nicht zu ſehen taugen?
Es behelfen die Gelehrten ſich mit der Wahrſcheinlichkeit,
Die ſich leichtlich finden laͤßt, und der Aufgeblaſenheit
Jhres Geiſtes ſo bequem. Dieſe nennen ſie das Wiſſen.
Kurz; ſie ſind ſich ſelbſt zu taͤuſchen, als auch andre, ſtets ge-
fliſſen.
„Daß du meynſt, wenn die Vernunft ſich betriegen koͤnnt
und irren,
„Koͤnnt und wuͤrde ſie uns ſtets auch betriegen und verwirren,
„Und ſo wuͤrde man ſo dann ſtets getaͤuſcht vom falſchen
Schein,
„Vom Betrug, von Fehl und Jrrthum nimmermehr geſichert
ſeyn.
„Ja man wuͤrde, (wie du ſprichſt,) faſt die Gottheit ſelber
koͤnnen,
„Da ſie uns Verſtand geſchenkt, alles Jrrthums Urſprung neñen:
So
[687]in der Betrachtung vom Nichts.
So erwege, wie ſo wenig wir, ſo gar in Glaubens-Sachen,
Von dem Lichte der Vernunft, die du ſo erhebeſt, machen.
Wie ſo wenig gilt dieß Licht? Muͤſſen wir uns nicht bequemen,
Und mit aller ihrer Kraft die Vernunft gefangen nehmen?
Aber darum bleibt Vernunft doch ein goͤttliches Geſchenke,
Ob ſie gleich nicht alles faßt, was du faſſen willt. Bedenke,
Daß der Misbrauch dieſer Groͤße, dieſer wunderbaren Gabe,
Die unſchaͤtzbar, nur allein Schuld an allem Uebel habe.
Sie iſt uns von unſerm Gott zu der Abſicht nicht gegeben,
Daß wir uns, durch dieſes Mittel, uͤber ihn faſt ſelbſt erheben,
Alle Dinge faſſen ſollen Nein, die Abſicht iſt nur bloß,
Daß wir hier empfinden ſollen, wie ſo liebreich, weiſe, groß,
Aller Ding und unſer Schoͤpfer. Daß, vor allen andern Thieren,
Wir vergnuͤgt verſpuͤren koͤnnen, das und was wir gutes
ſpuͤren.
Daß, geruͤhrt durch alle Proben ſeiner Weisheit, Macht und
Liebe,
Wir, in unſrer eignen Luſt, kindliche vergnuͤgte Triebe,
Von Erkenntlichkeit, von Andacht und Bewunderung empfuͤnden,
Wenn wir, neben dem Genuß, daß nur Gott ihn ſchenkt, ver-
ſtuͤnden.
Wir hingegen haben leider! unſrer Seelen beſte Kraͤfte
Von dem Endzweck abgewandt; unſer einziges Geſchaͤffte
Jſt, die Dinge zu ergruͤbeln, ihre Gruͤnde zu ergruͤnden,
Den Zuſammenhang von allen, welcher zureicht, auszufinden.
Andern unſern Fund zu zeigen, das Geſpinſte der Gedanken
Jhnen eifrig aufzudringen, und mit ihnen trotzig zanken,
Wann ſie etwan eigenſinnig ſich nicht alſobald bequemen,
Unſere vor ihre Wahrheit, anzubethen, anzunehmen,
Uber unſern Witz erſtaunen, auſſer ſich geſetzt. Jndeſſen
Wird die Abſicht der Vernunft, die Bewunderung, vergeſſen,
Da
[688]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
Da dieſelben doch ſo noͤthig, wie wir es im vorgen Jahr,
Jm Gedicht von unſern Pflichten, gegen Gott faſt Sonnenklar,
Nach Vermoͤgen, dargethan, wovon ein paar Stellen hier
Noch einmal zu wiederholen, mein geliebter Leſer, dir,
Hoff ich, nicht misfallen wird.
Wann wir nun unſrer Seelen Kraͤfte, ſo viel uns moͤglich
iſt, ergruͤnden:
So werden wir von der Bewundrung, ganz uͤberzeuglich
dieß befinden,
Daß ſie die allerwuͤrdigſte Beſchaͤfftigung zu Gottes Ehren,
Zu der wir aufgeleget ſeyn, das nichts die Ehrfurcht mehr
zu mehren,
Die Demuth zu vergroͤſſern faͤhig, die Liebe zu erwecken
maͤchtig,
Ja, daß nur ſie allein uns zeige, wie Gott ſo liebreich, weiſ
und maͤchtig,
Wie ihm allein nur Preis gebuͤhr, nicht weniger, wie wir ſo
klein,
So ſchwach, umſchraͤnket, kraftlos, fluͤchtig, uud eitel von uns
ſelber ſeyn.
Nur die Bewunderung erweiſet den Vorzug, den wir
vor den Thieren,
Von Gott, aus Lieb, erhalten haben, und welchen wir in uns
verſpuͤren.
Sie koͤnnen riechen, fuͤhlen, ſchmecken, ſo wohl als wir, ja
ſehn und hoͤren;
Doch weil ſie nicht bewundern koͤnnen, ſo koͤnnen ſie auch Gott
nicht ehren,
Zum
[689]in der Betrachtung vom Nichts.
Zum wenigſten nicht ſo wie wir, da wir im Sehen, Fuͤhlen,
Schmecken,
Wenns mit Bewunderung geſchicht, nicht nur den wah-
ren Gott entdecken,
Zugleich auch in den wunderbaren, und uͤberall vorhandnen
Werken,
Die Allmacht, Weisheit und die Liebe des, welcher alles
wirkt, bemerken.
Nur durch Bewunderung allein, wird unſer Geiſt zu
Gott gefuͤhrt,
Nur im Bewundern giebt man Gott die Ehre, die nur
ihm gebuͤhrt,
Nur die Bewunderung vermag, der Liebe Flammen an-
zufachen,
Von dem, der bloß bewunderns-werth, uns wuͤrdige Begriff
zu machen,
Und nichts kann unſern Gott in uns, und uns in Gott ſo ſehr
erhoͤhn,
Nichts uns mehr Freud und wahre Luſt, auch unſerm Gott
mehr Ehre bringen,
Als wenn wir, mit Bewunderung, den Schoͤpfer im Ge-
ſchoͤpfe ſehn.
Bewundrung iſt ein’ angenehm’ Empfindung, ſo die See-
le ruͤhrt,
Durch ein vernuͤnftiges Betrachten, von ſchoͤn- und wohlge-
rathnen Dingen,
Die Achtung, Ehre, Lieb und Neigung, fuͤr den, der ſie ge-
wirkt, gebiert.
Dieweil nun nichts bewunderns-werthers auf Erden, in
des Meeres Gruͤnden,
Und auch in aller Himmel Himmeln, als das, was Gott ge-
macht, zu finden:
Br.VI.Th. X xSo
[690]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
So fließt von ſelbſt, daß kein Bewundern, in uns, fuͤr jemand
ſo viel Ehre,
Als fuͤr den Schoͤpfer aller Dinge, wenn man ſein
Werk erwegt, gebaͤhre.
Es ſcheinen uns die Sinnen alle zu dieſem großen Zweck
allein,
Sammt der vergleichenden Vernunft, von unſerm Gott, ge-
ſchenkt zu ſeyn.
Uns uͤberfuͤhrt die ganze Welt, es hab uns Gott hier werden
laſſen,
Jn ſeinem Werk ihn zu bewundern, und nicht ſo, wie man
glaubt, zu faſſen,
Was alles, ja Gott ſelber ſey. Daß ſie der Seelen Jnnres
ruͤhre,
Daß ſie, in einem froͤlichen Empfinden, uns zum Schoͤpfer fuͤhre,
Jſt allbereit von uns gemerkt. Jetzt wird noch zu betrachten
ſeyn,
Daß ſie, wie ſie ein Gottesdienſt, auch allen Menſchen all-
gemein,
Daß dem kein Glaube widerſpreche, am wenigſten der wahre
Glaube,
Daß ohne ſie man uns die Menſchheit, ja gleichſam Gott die
Gottheit raube.
Bewunderung iſt eine Handlung, in welcher Acht-
ſamkeit, Vergnuͤgen,
Lob, Ehre, Preis und Ruhm, fuͤr den, der was be-
wunderns-werth veruͤbt,
Wodurch man ihn, zuſammt der Achtung, zugleich ihn hoch-
haͤlt und auch liebt,
Auch
[691]in der Betrachtung vom Nichts.
Auch Demuth deſſen, der bewundert, ſich lieblich mit einan-
der fuͤgen.
So bald wir was bewundern muͤſſen: (indem wir unſre
Schwaͤche kennen,
Woraus die Demuth denn entſpringt,) So werden wuͤrdige
Jdeen
Fuͤr den, der die Bewundrung wirkt, ſogleich in unſrer
Seel entſtehen.
Man wird ihm, nach Beſchaffenheit der Wunder, alle Neigung
goͤnnen,
Wozu die Seele faͤhig iſt. Und hierin bloß allein beſteht,
(Da man den Schoͤpfer aller Wunder im Glauben fuͤrchtet,
liebt, erhoͤht,)
Der allerreinſte Gottesdienſt. So noͤthig nun die Kraft der
Seelen,
Die Gott-gefaͤllige Bewundrung: So noͤthig iſt denn billig
auch
Die uns dazu geſchenkten Sinnen, die unſern Geiſt und Leib
vermaͤhlen,
Jm recht vernuͤnftigen Gebrauch,
Zu ihrem Endzweck anzuwenden, und ſie, zu unſers Schoͤpfers
Preiſe,
Auf eine mit derſelben Abſicht zuſammenſtimmend’ Art und
Weiſe,
Mit Gottes Werken zu vereinen, mit den Geſchoͤpfen zu ver-
binden,
Wodurch wir uͤberzeuglich klar die große Wahrheit gleich be-
finden,
Und deutlich anerkennen werden: Daß Gottes Creaturen
werth,
X x 2Daß
[692]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
Daß ſie von uns betrachtet werden, ja daß, (da
wir der Sinnen Gaben,
Wodurch man ſie betrachten kann, von unſerm
Gott erhalten haben,)
Wir ſelber werth, ſie zu betrachten. Einfolglich,
daß man Gott verehrt,
Wenn man der Creaturen Menge, derſelben Ord-
nung. Schmuck und Pracht,
Und in denſelben deſſen Allmacht, der ſie aus Nichts
hervorgebracht,
Samt ſeiner Lieb und ſeiner Weisheit, zum Vor-
wurf ſeiner Seelen macht.
Man zeige mir auf dieſer Welt von allem, was man je er-
kannt,
Fuͤr Seelen mit Vernunft begabt, doch einen wuͤrdgern Ge-
genſtand?
Sobald wir nun mit dieſem Vorwurf, durch unſre Sinnen,
unſre Seelen,
Jn einer ernſtlichen Betrachtung, verbinden, fuͤgen, ja ver-
maͤhlen:
Entſteht die ſelige Bewundrung, die uns die wahre Gott-
heit weiſt;
Jndem man Weisheit, Macht und Liebe in jeder Creatur ver-
ſpuͤret,
Die einen, der nur menſchlich denkt, auf eine ſolche Weiſe
ruͤhret,
Daß man, in ſeiner eignen Luſt, den Herrn der Creaturen preiſt.
Da wir das Bewundern nun noch einmal mit Ernſt
beſehen:
Muß man ferner des Begriffs Unzulaͤnglichkeit geſtehen,
Wenn
[693]in der Betrachtung vom Nichts.
Wenn man das, was eigentlich das Begreifen ſey, erwegt,
Und daß Eigenliebe nur bloß dazu den Grundſtein legt.
Wenn die Seele ſoll und will, etwas zu begreifen, taugen
Hat ſie bloß ihr eignes Jch, ihre Trefflichkeit, vor Augen;
Sie will finden, ſie will faſſen, ſie will das Vergnuͤgen haben,
Durch ihr’ eigne Kraft und Kunſt, das, was andern ganz ver-
ſteckt,
Und die Wahrheit, ob ſie gleich in den tiefſten Vorn vergraben,
Ganz allein hervorgezogen, ausgefunden, aufgedeckt,
Und allein gefaßt zu haben. Wird die Eigenehr allein
Folglich der alleinge Grund unſrer Wiſſenſchaften ſeyn.
Sage nicht: Es koͤnne dieſes auch bey Gottes Ehr
beſtehen,
Weil wir ihn ja fuͤr den Schoͤpfer unſrer Seelen
anzuſehen;
Folglich, daß je mehr zum Wiſſen ſie die Faͤhig-
keit bekommen,
Gott in ihr geehret wuͤrde. Dieſer Einwurf ſcheinet
zwar,
Sieht man ihn nur obenhin, und nicht auf den Grund an,
wahr.
Aber, wenn (den Grund des Einwurfs vor der Hand noch
ausgenommen,)
Man das menſchliche Betragen mit den Wiſſenſchaften ſieht,
Wie ſich jeder, ſeinen Satz zu befeſtigen, bemuͤht.
Mit des Gegentheils Verſpottung, wie faſt jedermann allein
Seines Gegners Ueberwinder, mit Gewalt der Sieger ſeyn,
Und das Recht behalten will; ſollte man daraus nicht ſchlieſſen,
Und unwiderſprechlich leider! dieß daraus nicht folgern muͤſſen,
Daß, anſtatt des Schoͤpfers Ruhm zu erhoͤhen, zu vermehren,
Man auf anders nichts gedenk, als nur ſich allein zu ehren?
X x 3Hiezu
[694]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
Hiezu koͤmmt nun ferner noch, daß, bey der Rechthaberey,
Man, die Wahrheit zu ergruͤnden, und zu finden, nicht im
Stande,
Nicht geſchickt, kein Unterſuchen moͤglich, und zu hoffen ſey;
Weil, wie man jetzt diſputirt, dem, der nachgiebt, es zur
Schande,
Ja zum Schimpf und Spott gereicht. Da man doch vor dem
wohl ſprach:
Wer vernuͤnftig, laͤßt ſich weiſen; und der Kluͤg-
ſte giebet nach.
Wenn die Menſchen, ehe ſie mit dem Naͤchſten zanken,
fechten,
Und ihn uͤberfuͤhren wollen, und beſiegen, denken moͤchten:
Was hab ich fuͤr Recht dazu, uͤber ihn mich zu erheben?
Fuͤhl ich, und bin uͤberfuͤhrt, daß Gott mir der Weisheit Licht,
Mit dem Ausſchluß aller andern, etwan ganz allein gegeben?
Dahingegen wenn wir ſtraͤflich, was wir nicht begreifen
ſollen,
Und was wirklich unbegreiflich, mit Gewalt begreifen wollen,
Jſt ja, durch ein ſolch Betragen, jedem leichtlich zu begreifen,
Daß wir zanken, diſputiren, Grillen und Chimaͤren haͤufen.
Moͤchten wir, aus aller Beyſpiel und Erfahrung, endlich
lernen,
Daß wir uns durch nichts ſo ſehr von der Wahrheit Pfad ent-
fernen,
Daß man Andacht, Freude, Friede faſt durch nichts ſo ſehr
verliehrt,
Als wenn man, durch Stolz und Hochmuth faſt, wie Lucifer,
verfuͤhrt,
Was
[695]in der Betrachtung vom Nichts.
Was unendlich, was von Engeln ſelbſt ſich nicht kann faſſen
laſſen,
Doch verwegen zu begreifen, und den innern Grund zu faſſen,
Unvernuͤnftig ſich beſtrebt. Mit dem endlichen Verſtande,
Was unendlich, faſſen wollen, das gereicht uns ſelbſt nicht nur,
(Da wir bloß aus Stolz und Hochmuth, wider unſere Natur,
Ohne Fluͤgel fliegen wollen,) faſt der Gottheit ſelbſt zur
Schande,
Da wir doch geſtehen muͤſſen, daß wir, ihm zur Ehr, allein,
Unſern Geiſt empfangen haben, mit Vernunft begabet ſeyn.
Wenn wir unſers Geiſtes Kraͤfte uͤber ihren Werth nicht
ſchaͤtzen,
Wenn wir, wie er Graͤnzen hat, ihm auch wirklich Graͤnzen
ſetzen,
Es erkennen und bekennen, daß er zum Begreifen nicht,
Sondern um dasjenige, was durch Gottes Macht geſchicht,
Zu betrachten, zu empfinden, zu bewundern, zu erheben,
Uns daran in Luſt und Ehrfurcht zu vergnuͤgen, uns gegeben,
So, (und nicht durch das Ergruͤbeln,) handeln wir nach un-
ſrer Pflicht.
Jm erkenntlichen Vergnuͤgen, im Verwundern bloß allein
Kann die Gottheit von der Menſchheit wuͤrdiglich verehret
ſeyn.
Dieſes wirket Ehrfurcht, Andacht, Demuth, Lob und Dank,
Vertrauen,
Ehrerbietge Gegenliebe, wenn wir, in der Werke Pracht,
Einer unbegreiflichen Gottheit Liebe, Weisheit, Macht,
Mit bewunderndem Vergnuͤgen, und mit froher Andacht,
ſchauen.
Ja, wenn wir, auf dieſe Weiſe, uns in vielen andern Dingen,
Deren eine ſolche Menge, mit einander auch begingen,
X x 4Und
[696]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
Und erwegten, daß nur bloß zu des Schoͤpfers Ehr allein,
Uns, zu unſrer Luſt, die Gaben der Vernunft geſchenket ſeyn:
Wuͤrden wir ein’ andre Welt, minſtens bey Gelehrten, finden;
Neid und Streit und Diſputiren wuͤrden alſobald ver-
ſchwinden;
Jeder wuͤrde, was wir Gott ſchuldig, ihm zum Opfer zollen,
Jeder wuͤrde Gott bewundern, keiner was ergruͤbeln wollen.
Selbſt in der Religion wird Bewunderung vor allen,
Als des erſteren Artikels Hauptzweck, Gott nicht misgefallen.
Denn wie kann man Gott, als Schoͤpfer, lieben, fuͤrchten und
vertrauen,
Wenn wir mit Bewunderung ſein Geſchoͤpfe nicht beſchauen?
Ehe wir auf dieſer Bahn nun noch etwas weiter gehn,
Laßt uns die verborgne Quelle der Begreifungs-Sucht be-
ſehn.
Wenn man etwas faſſen will, iſt es nichts, als ein Be-
ſtreben,
Ueber den, der etwas Kuͤnſtlichs ausgedacht, ſich zu erheben,
Und zu zeigen, daß auch wir ja ſo wohl die Faͤhigkeit,
Seiner Kuͤnſte Grund zu finden, und die Vollenkommenheit
Zu ergruͤbeln, auch beſitzen, und wir folglich auch nicht eben
Einen ſonderlichen Vorzug ihm gehalten ſeyn, zu geben.
So, daß das Begreifen wirklich unſer’ eigen’ Ehre mehr
Scheint zum Augenmerk zu haben, als des Allerhoͤchſten Ehr.
Ja es zeigt ſich offenbar, wenn man nur mit Ernſt be-
trachtet,
Wenn wir etwas ausgefunden, ſo wir anfangs hochgeachtet,
Daß es nicht mehr ſo betraͤchtlich, nicht ſo wunderwuͤrdig
ſcheinet,
Und ſo herrlich lange nicht, als wie man zuvor gemeynet.
Nicht
[697]in der Betrachtung vom Nichts.
Nicht, daß es nicht in der That eben ſo vortrefflich bliebe;
Sondern der geſchwollne Stolz unſrer eitlen Eigenliebe
Hebt ſich uͤber es empor. Wer das Triebwerk recht ergruͤndet,
Welches zum Begreifen treibt, und zum Wiſſen, der befindet,
Daß in der Gelehrten Bruſt oft ein kleiner Lucifer,
Jn Erkenntniß ſeiner Wege, gerne waͤr, wie Gott, der Herr.
Dadurch aber wird mit nichten Unterſuchen unterſaget,
Sondern ernſtlich eingeſchaͤrft, weil, wenn wir der Seelen
Kraft,
Die ſo reg iſt, wohl gebrauchen, wir von aller Eigenſchaft
Der Unendlichkeit des Schoͤpfers, aller Himmel und der
Erden,
Jmmermehr noch uͤberwieſen, klaͤrer uͤberfuͤhret werden,
Und (wir moͤgen Gottes Wege nicht begreifen oder finden,)
Dennoch ſehn, daß ſeiner Ordnung weiſer Rath nicht zu er-
gruͤnden.
Durch ein ſolch Erkennen nun wird in uns, zu Gottes Ehren,
Sich ein kindliches Vertrauen, wahre Lieb und Ehrfurcht
mehren.
Aber dieſen wahren Satz muß die Menſchheit unterdeſſen
Nimmer aus den Herzen laſſen, ſondern immer dieß ermeſſen:
Gott hat uns auf dieſer Erden zu der Abſicht
werden laſſen,
Jhn, in ſeiner Wunder Menge, zu bewundern,
nicht zu faſſen.
Es wird zum Beweiſe dienen, der unwiderſprechlich iſt,
Daß nur die Bewunderung goͤttlicher Vollkommenheit
Bloß allein das Mittel ſey, uns zur Ehre zu bereiten,
Aller Ding und unſers Schoͤpfers, wenn man nemlich dieß
ermißt,
X x 5Daß
[698]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
Daß der Stand der erſten Eltern, wenn ſie nicht gefallen waͤ-
ren,
Anders nichts zum Zweck gehabt, als die Gottheit zu verehren,
Jn Bewundrung bloß allein. Jn den wunderbaren
Werken
Des nicht zu begreifenden, ſeine Weisheit, Lieb und Macht,
Jn entzuͤckender Bewundrung, den Zuſammenhang, die Pracht,
Mit geruͤhrtem Blick und Geiſt, allenthalben zu bemerken;
Haͤtte ſonder allen Zweifel, und zwar damals bloß allein,
Die Beſchaͤfftigung von allen Ungefallnen muͤſſen ſeyn.
Ja ihr gaͤnzlicher Begriff, wenn ſie noch ſo viel erkannt,
Haͤtte ſonſten nichts zum Endzweck, als Bewundrung ha-
ben koͤnnen,
Die Bewundrung bloß allein, haͤtt in forſchendem Ver-
ſtand,
Als ein wuͤrdig Opferfeuer, unaufhoͤrlich wuͤrden brennen,
Durch allgegenwaͤrtge Stralen, von der Weisheit, Lieb und
Macht
Jhres Gottes, in den Werken, unaufhoͤrlich angefacht.
Ob nun gleich, nach ihrem Fall, der Gefallnen Schuldigkeit,
Jn dem Werke der Erloͤſung, Gottes Liebe zu erheben,
Und aus allen Kraͤften ſich, ſie zu preiſen, zu beſtreben.
Dennoch ſchließt die letzte Pflicht nimmer die Nothwendigkeit
Erſterer Verpflichtung aus. Sondern, da die letzten Pflichten
Jn der frommen Geiſtlichen, folglich in ſehr guten Haͤnden,
Die inſonderheit mit ſelben alle Sorgfalt anzuwenden,
Alles meiſt zu dieſem Zweck nach Vermoͤgen auszurichten,
Und uns, wenn wir nicht mehr hier, dort, zu einem kuͤnftgen
Leben
Nach Vermoͤgen zu bereiten, ſich mit allem Ernſt beſtreben;
Bleibt
[699]in der Betrachtung vom Nichts.
Bleibt ein jeder doch nicht minder zu der erſten Pflicht ver-
bunden,
Nemlich Gott, der uͤberall im Geſchoͤpfe wird gefunden,
Als den Schoͤpfer, anzubethen, zu bewundern, zu erhoͤhn,
Und zu dieſem Zweck ſein Werk anders, als bisher geſchehn,
Mit genauerer Betrachtung, ehrerbietig anzuſehn.
Hiedurch zeigt ſich, daß wir dort nicht im Himmel nur allein,
Sondern auch ſchon hier auf Erden, Gott zur Ehr, erſchaffen
ſeyn.
Dieſe Pflichten, Gott, als Schoͤpfer, in der Creatur zu
ehren,
Jn Betrachtung ihrer Wunder, ihres Meiſters Ruhm zu
mehren,
Sind bisher, ich weis nicht wie, leider! auch von vielen From-
men
Nicht gebuͤhrend unterſucht, nicht genug in Acht genommen,
Welche doch ſo noͤthig ſind, um dadurch ſo dort, als hier,
Gott zur Ehr, uns zu vergnuͤgen, und an ſeiner Wunder
Gaben,
An derſelben Ordnung, Nutzen, Pracht, Zuſammenhang und
Zier,
Die uns, ihm zum Ruhm, geſchenkt, uns mit frohem Dank zu
laben.
Ob man gleich nun denken moͤchte, es ſey unſrer Lehrer
Schuld,
Daß wir dieß verſaͤumet haben; daß ſie uns des Schoͤp-
fers Huld
Nicht ſo oft und viel gezeigt, nicht ſo deutlich uns erklaͤret,
Nicht ſo oft daran erinnert, nicht mit mehrerm Ernſt gelehret,
Wie wirs anzufangen haben, Gottes Allmacht in den Werken,
Jhm zur Ehr, und uns zur Luſt, mit Erſtaunen, zu bemerken;
Find
[700]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
Find ich doch, wenn ich es recht ſonder Vorurtheil erwege,
Und den Urſprung dieſes Fehlers gruͤnd-und billig uͤberlege,
Daß nicht unſre Geiſtlichen, bloß die Phyſici allein,
An dem ſuͤndlichen Vergehen in der That die Urſach ſeyn.
Wenn ſie, auf den hohen Schulen, die Naturlehr anders
lehrten,
Wenn bey einer jeden Probe, wie es noͤthig, Gottes Ehr,
Gottes weiſe Macht zu zeigen, ihre wahre Abſicht waͤr;
Wenn ſie den Zuſammenhang, und die Ordnungen erklaͤrten,
Die ſich allenthalben finden, wenn ſie allenthalben wieſen,
Wie auch der geringſte Staub, daß ein Gott in ihm geprieſen,
Und bewundert werden muͤſſe, wuͤrdig und betraͤchtlich ſey;
Zeigten ſie, daß, unerachtet ſich ſo viel und mancherley
Wunder uͤberall befinden, doch ein weis und liebreich Weſen
Ueberall ſich ſpuͤren laſſe, daß wir bloß dazu erleſen,
Seine Liebe zu erkennen, zu genieſſen, zu verſtehn,
Daß ein Gott ihr Urſprung ſey, zu empfinden und zu ſehn,
Daß wir nicht nur einen Koͤrper, nebſt der Sinnen edlen Gaben,
Um uns vieles zuzueignen, ſondern den Verſtand, allein,
Jn den Werken, Gott zu ſpuͤren, ſeiner Gnaden uns zu freun,
Jhn zu loben, zu bewundern, eigentlich empfangen haben;
Waͤr in allen ihren Lehren, wie es noͤthig, dieß ihr Schluß:
Daß man ein unendlichs Weſen, wie erſehn, auch ehren muß:
Wuͤrden auch Theologi, anders, als bishero, faſſen,
Wie ſich unſers Schoͤpfers Allmacht nirgend unbezeugt gelaſſen.
Jeder wuͤrde ſich bemuͤhn, Gott, was Gottes iſt, zu geben,
Und nicht ferner, Gottes Ruhm ihrem aufzuopfern, ſtreben;
Keiner wuͤrde fernerhin. von des Schoͤpfers Werken ſchweigen;
Jeder wuͤrd uns, durchs Geſchoͤpf, zu dem Schoͤpfer hinzuziehn,
Sein’ Allgegenwart in ihm darzulegen, ſich bemuͤhn,
Und beym anderen Artikel, etwas auch vom erſten zeigen,
Weil
[701]in der Betrachtung vom Nichts.
Weil es nimmermehr zu glauben, da ſie Gottes Diener ſeyn,
Daß, da Erd und Himmel redet, ſie von ihrem Herrn allein
Ungebuͤhrlich ſchweigen wollten. Keiner wuͤrd aus ihnen ruhn,
Dem mit Eifer nachzufolgen, was bereits verſchiedne thun.
Alſo ſeht ihr Phyſici, wie ſo viel daran gelegen,
Anders, als bisher geſchehn, Gott in Werken zu erwegen,
Daß ihr kuͤnftig, ſtatt zu gruͤbeln, zu verſtehen, zu begreifen,
Und ſtets neue Meynungen, mit den vorigen, zu haͤufen,
Weches nichts, als Zank, erregt, uns nur zum Bewundern fuͤhrt,
Welches eigentlich die Ehre, die als Schoͤpfer, Gott gebuͤhrt.
Ob ich nun von euch noch dieſes, nach der Liebe, glauben muß,
Daß ihr dieſes wahr befindet, und daß ihr vielleicht gedenket:
Wenn ihr erſt begriffen haͤttet, waͤre dieſes euer Schluß,
Aufs Bewundern euch zu legen, und ſo dann den Ueberfluß
Goͤttlicher Vollkommenheiten, nach Vermoͤgen, zu verehren.
Aber dieſes iſt nicht moͤglich, denn die ganze Lebenszeit
Jſt zum faſſen nicht genug, und ich muß euch hier erklaͤren,
Daß gewiß der letzte Tag, wegen der Unzaͤhlbarkeit
Des, ſo ihr begreifen wollet, euch ſchon uͤbereilen wird,
Eh ihr eure Pflicht, den Schoͤpfer zu bewundern, ihn zu loben,
Seiner Huld euch zu erfreun, ihm zum Ruhm, nur angehoben.
Alſo ſeht ihr uͤberzeuglich, daß ihr euch hierin geirrt;
Denn dieß iſt nicht zu verneinen, daß bey euch, auf dieſe Weiſe,
Da ihr bloß zu faſſen ſucht, zu des großen Schoͤpfers Preiſe,
Weil des Faſſens gar kein Ende, des Bewunderns nimmermehr
Koͤnn ein Anfang ſeyn gemacht. Jn der Kraft von unſerm
Geiſte,
Wenn wir alles faſſen wollen, wenigſtens das allermeiſte,
Treffen wir das wahre Nichts klaͤrer, als faſt nirgend an,
Da man minder, als vom Etwas, nichts von Nichts begrei-
fen kann.
Wann
[702]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
Wann nun dieß unſtreitig wahr, daß der Menſch nach ſei-
nen Pflichten,
Nichts, das mehr zu Gottes Ehren zielt, vermoͤgend, zu ver-
richten,
Als in froͤlicher Betrachtung ſeiner Allmacht, in den Werken,
Samt der Weisheit und der Liebe, ſein unendlich All zu merken,
Sein’ Allgegenwart zu preiſen: Ach ſo ſtrebt hinfort ſo ſehr
Nicht nach euerm eignen Ruhm; ſucht allein des Schoͤpfers Ehr,
Als die bloß allein der Zweck, von der Menſchen Seyn und
Leben,
Jn beſtaͤndiger Bewundrung, ehrerbietig zu erheben!
Wann nun die Bewunderung auch zugleich aufs Dan-
ken fuͤhrt,
Und dem wunderthaͤtgem Schoͤpfer billig Lob und Dank gebuͤhrt,
Fuͤr die nicht zu zaͤhlende Meng und Groͤße ſeiner Gaben,
Die wir, im verwichnen Jahr, unverdient empfangen haben:
So fodern nunmehr meine Pflichten, was mir in dieſem
Jahr geſchehn,
Mit Dank gefliſſener Bewundrung, in froher Andacht, zu beſehn,
Und Gottes Lieb und weiſe Macht, im frohen Danken, zu
erhoͤhn,
Als ohne deſſen weiſen Fuͤhrung, in jeder, auch in dieſer Welt,
Auch daß geringſte nicht geſchicht, kein Haar von unſerm
Haupte faͤllt,
Jndem fuͤr einer wahren Gottheit nichts wirklich groß, nichts
wirklich klein,
Und beyde ſeiner Aufſicht nicht zu hoch, nicht zu geringe ſeyn.
Von einer ungezaͤhlten Zahl, mit froher und geruͤhrter
Seelen,
Jn dankbarer Erinnerung, denn einige nur zu erwaͤhlen:
So
[703]in der Betrachtung vom Nichts.
So faͤllt vor andern mir ſo gleich die ganz beſondre Gnade bey,
Daß dieſes Jahr, fuͤr meine Kinder, und mich geſund erle-
bet ſey.
Wir haben es in Ruh und Frieden, und im Vergnuͤgen Tag
und Nacht,
Dir Herr ſey Lob und Preis dafuͤr! ununterbrochen zugebracht.
Zu unterſchiedenen Geſchaͤfften, hab ich, in meinen Ruhe-
Stunden,
Zu mein-auch vieler andern Nutzen und Luſt, Gelegenheit ge-
funden.
Da erſtlich, bloß durch einen Zufall, fuͤr mein mir untergeb-
nes Land,
Zur Zier, zum Nutzen und zur Luſt, ich ein vergnuͤglich Mit-
tel fand;
Jndem ich einen Wald entdeckt, der keinem Menſchen faſt be-
kannt.
Denſelben ließ ich Regel-recht, und nach der Linie durchhauen,
So, daß itzt zierliche Alleen, mit Luſt, in ſelbigem zu ſchauen.
Von ſelbſt aus Caprifolio gewachſne Lauben ließ ich biegen,
Und ſonder alle Muͤh und Koſten natuͤrlich in einander fuͤgen,
Begruͤnte Raſen-Baͤnke machen, die Wege ebnen, Graben ziehn,
Zumal ich eine ſchoͤne Quelle des allerreinſten Waſſers, auch
Jn eben dieſer Gegend, fand, zum noͤth-und nuͤtzlichen Gebrauch,
Nicht nur fuͤr mich, fuͤrs ganze Land, die ich denn ins Gevierte
faſſen,
Und, daß ſie nicht vertreten wuͤrde, mit Brettern rings umſe-
tzen laſſen,
Wovon, wie groß ſo Nutz als Anmuth des Waldes und der
Quell geweſen,
Jn einem eigenen Gedicht, mehr ausgefuͤhret, iſt zu leſen,
*Wo-
[704]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
Wohin ich meine Leſer denn, hier nicht zu lang zu ſeyn, ver-
weiſe,Jndeß, fuͤr die Gelegenheit, und Segen, hier den Schoͤpfer preiſe.
Nachher erinnr’ ich mich, mit Furcht annoch vermiſchtem
Dank, des Brandes,
Der ſo wie erſt zur Angſt und Schrecken, jetzt zur Bewunde-
rung des Landes,
Entſtund, und unſerm ganzen Flecken, zumal bey reger Luft
aus Norden,
Den Untergang mit Schrecken droht, dennoch Gottlob geloͤ-
ſchet worden,
Mit einer einzgen Feuerſpruͤtze, ob gleich die lodernde
Gefahr
Vervielfacht, da an ſieben Stellen es ſchon in lichten Flam-
men war.
Jch hab auch hievon, Gott zum Ruhm, daß uns das Loͤſchen
doch gelungen,
Mit Lob und Dank erfuͤllter Bruſt, an einem andern Ort ge-
ſungen.*Doch fuͤg ich noch, mit wenigen, bey dieſem Zufall, dieß noch bey,
Daß es nicht aus der Acht zu ſchlagen, vielmehr der Dank
zu mehren ſey,
Wenn wir erwegen, daß wir hier, in den drey abgewichnen
Jahren,
Von drey der ſchaͤrfſten Landes-Strafen, als nemlich Krieg
und Fluht und Brand,
Die Ruthe zwar ſehr nah gehabt, dennoch die wirklichen Ge-
fahren,
Und die verheernden blutgen Schlaͤge durch Gottes Gnade, ab-
gewandt,
Die
[705]in der Betrachtung vom Nichts.
Die wir annoch in ihrer Gluht, mit Dank und Demuch an-
erkannt.
Er wolle ſeine Vater Huld uns gnaͤdig ferner auch be-
wahren!
Noch hab ich vorigs Erndte-Feſt, dir Herr ſey Dank da-
vor, erneuret,
Und es noch mit vermehrter Anſtalt, und aͤuſſerlichem Schmuck,
gefeyret,
Da ich denn unter andern auch, den Dank in Verſen abzu-
faſſen*,Es angenehm zu componiren,
Und wohlbeſtellt zu muſiciren,
Das Feſt, mit Schieſſen, einzulaͤuten, und ſonſt viel Freude ſehn
zu laſſen,
Gottlob! Gelegenheit gehabt. O Geber alles guten! dir,
Der, was du ſchufſt, ſo reichlich naͤhreſt, ſey Ehr und Ruhm
und Dank dafuͤr!
Jch hab im abgewichnen Jahr, von den entfernten Kin-
dern zween,
Nach ihrer Mutter Tod, geſund, in meiner Einſamkeit ge-
ſehen,
Die, daß, von ihren Studien, ſie ſich indeß nicht abgeneiget,
Durch unterſchiedne Proben mir ſowohl als andern auch ge-
zeiget,
Abſonderlich da, wie der Juͤngre, im Tempel, oͤfters ſo gelehret,
Daß jedermann geruͤhret worden, nebſt mir, das ganze Land
gehoͤret.
Br.VI.Th. Y yEs
[706]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
Es ſind dieſelben auch nachher, wofuͤr ſo Herz als Kiel dich
preiſet,
Vor allerley Gefahr beſchuͤtzt, ſo angelangt, als abgereiſet.
Ach laß, o Herr! der du ihr Vater und Herr, zu deinen heil-
gen Ehren,
Bey ſtets beſtaͤndiger Geſundheit, ſich auch ihr Wiſſen ſtets
vermehren.
Wie du mir alle meine Kinder, wie ſonſt, auch im vergan-
gnen Jahr,
Fuͤr tauſend unverſehne Faͤlle, und fuͤr ſo mancherley Ge-
fahr
So vaͤterlich bewahret haſt: So haben ihrer zwey vor
allen,
Da einer in des Schloſſes Graben, die juͤngſt in einen Teich
gefallen,
Und beyde gleich gerettet worden, die Huͤlfe bloß durch dich
verſpuͤrt;
Wovor von ihnen, auch von mir, dir Ehre, Preis und Dank
gebuͤhrt.
Durch Setzung vieler jungen Baͤume hab ich des Landes
Schmuck vergroͤſſert,
Die Waſſerleitungen beſorgt, viel tiefe Weg erhoͤht, ver-
beſſert,
Auch zum Behuf von dieſem Ort, ein neues Viehmarkt ein-
gefuͤhrt,
Wodurch denn allbereit das Land nicht einen kleinen Nutzen
ſpuͤrt.
Zu allem nun, was ich dadurch fuͤr viele Gutes ſtiften koͤnnen,
Haſt du mir die Gelegenheit und das Vermoͤgen wollen
goͤnnen,
Jch
[707]in der Betrachtung vom Nichts.
Jch ſeh es auch durch deine Gnad, o guter Gott, nicht an-
ders an,
Als daß ich alles dir nur ſchuldig, und nicht genug verdan-
ken kann.
Daß ferner noch ſo, wie vorhin, auch meine dir geweihte
Schriften
Bey Niedrigen ſowohl, als Hohen, beliebet ſind, und Nutzen
ſtiften,
Davon hab ich verſchiedne Proben, dir Herr ſey Dank dafuͤr!
gezaͤhlet.
Wovon vor andern mir die Schreiben, die du von deiner ei-
gnen Hand,
Gelehrt-und großer Graf von Schaumburg und Lippe, ſelbſt
mir zugeſandt,
Von einer Harmonie begleitet, womit du meinen Text be-
ſeelet,
Die Hendels noch weit uͤbertrifft, und durch ihr reizendes
Getoͤn
Beſtaͤndig mir die Ohren fuͤllten, beſtaͤndig vor den Augen
ſtehn.
Wobey ich eines andern Buchs, als ein durchlauchtiges Ge-
ſchenke,
Von einer Krone der Fuͤrſtinnen, mit ehrerbietgem Dank, ge-
denke,
Was ich von einem großen Geiſt, vom Milord C - - ver-
nommen,
Der Zierde der gelehrten Britten, wird mir nie aus dem Sin-
ne kommen.
Wann ich nun auch in dieſem Jahr, an eines Schenkels
ſchweren Schaden,
Y y 2Durch
[708]Verſuch der Kraft unſers Geiſtes,
Durch einen unverſtaͤndgen Wundarzt, mit Schmerz und mit
Gefahr beladen:
So haſt du mich, o wahrer Arzt, da du allein mir Huͤlf
ertheilt,
Durch des beruͤhmten Carpſers Rath, mich noch zu rechter
Zeit geheilt.
Jch danke dir, fuͤr dieſe Gnade, mit inniglich geruͤhrter Seelen,
Und will, mit Freuden, deine Wunder, auch an der kuͤnftgen
Zeit erzaͤhlen. *Jch bin, bey dieſem meinen Schluß, wohl einſt auf die Ge-
danken kommen,
Ob mir, daß ich von mir ſo viel erzaͤhlet haͤtte, gut ge-
nommen,
Und vorgeworfen werden koͤnnte, daß nur vielleicht die Ei-
genliebe
Von meinem Weſen viel zu ſagen, mich zu dergleichen Aus-
druck triebe,
Jndem ich, wenn ich danken wollte, ja immerhin vor mir
allein
Dem Schoͤpfer koͤnnte dankbar ſeyn:
So deucht mich doch dagegen dieß, wofern mein Leſer bil-
lig iſt,
Wird er mir dieſes nicht verargen, wenn er zu gleicher Zeit
ermißt,
Daß an dem Danken viel gelegen, und daß es gut in dieſem
Leben,
Da
[709]in der Betrachtung vom Nichts.
Da man nur bethet, ſelten dankt, ein gut Exempel abzugeben.
Will er mich aber dennoch tadeln, und daß ihm dieſes nicht
genug:
So will ich lieber vor ihm dulden, daß er mich nach ſich ſel-
ber richtet,
Und mich der Eigenliebe zeiht. Jch achte nicht, daß ich
mit Fug
Des Schoͤpfers Huld verhehlen kann, und habe mich dazu
verpflichtet.
Jnzwiſchen fleh ich deine Guͤte, Quell aller Gnaden, ferner an,
Erhalte mich, zuſammt den Meinen, ſo wie du, Herr, bis-
her gethan,
Und in uns den Bewundrungs-Trieb; laß ihn, zu deinen heil-
gen Ehren,
Jn einer froͤlichen Betrachtung, von deinen Wundern, ſtets
ſich mehren!
Der 148. Pſalm.
Der 18. Pſalm.
Ueberſetzungen.
Ehrenmaal des Marggraf. C. W. zu Baden.
Gedichte an Hrn. Reinbeck.