Seinem
von Almendingen
und
seinem
Grolman.
Schon vor einigen Iahren war dieſes Lehr-
buch entworfen und in ſeinen Haupttheilen
ausgeführt. Allein je weiter der Verfaſſer
fortſchritt, deſto mehr Schwierigkeiten ent-
deckte er, deſto verwickelter wurden die
Haupt- und Nebenunterſuchungen, in die er
beynahe wider ſeinen Willen fortgezogen
wurde: und doch wollten es ihm die [Pflich-]
ten
[VI]Vorrede.
ten gegen ſeine Wiſſenſchaft nicht erlauben,
dem Bedürfniſſe eines Leitfadens für Vorle-
ſungen (ſo dringend dieſes auch bey dem Ver-
faſſer war) die höhern Anfoderungen der
Wiſſenſchaft und des Publicums aufzuopfern.
Er wünſchte gern ſeinen Leſern etwas Vollen-
detes liefern zu können. Er wollte hier das
peinliche Recht — gereinigt in allen ſeinen
Theilen, ſowohl von poſitiven, als philoſo-
phiſchen Irrthümern — in dem ſtrengſten
wiſſenſchaftlichen Zuſammenhange, in ſeiner
höchſten Conſequenz, nach allen Foderungen
der ſyſtematiſchen Einheit, darſtellen. Das
wollte und wünſchte er. Er kannte nur zu
wohl das geringe Maas ſeiner Kräfte im Ver-
hältniſs zu dieſem Ideal; aber, ſich ſelbſt ver-
geſſend, glaubte er ſo arbeiten zu müſſen, als
wenn es möglich wäre, zu erreichen, was
überhaupt oder doch ihm unerreichbar iſt.
Führt Zweifel zur Wahrheit, ſo war der
Verfaſſer auf rechtem Weg. Als er ſich zur
Bearbeitung des peinlichen Rechts entſchloſ-
ſen hatte, war er recht eigentlich befliſſen,
einſtweilen alles zu bezweifeln, was vor ihm
vorhanden war und auch das zu vergeſſen,
was er ſelbſt bisher zu wiſſen glaubte. Er
hielt ſich nun allein bey den Quellen auf; er
laas und ſtudirte, beſonders das römiſche
Recht und die deutſchen Criminalgeſetze,
und philoſophirte über die Principien der
Wiſſenſchaft und ihre Behandlung; denn hier
iſt es weder allein mit hiſtoriſchen Kenntniſ-
ſen, noch allein mit Philoſophiren gethan.
So baute er ſich ſelbſt mühſam das Gebäude
ſeiner Wiſſenſchaft; aber ſeine Mühe wurde
ihm reichlich belohnt. Er gieng zu den Bear-
beitern der Wiſſenſchaft zurück, als er ſchon
genug eingeſammelt hatte, um von ihnen ler-
nen zu können, ohne ihre Verirrungen mit
ihnen
[VIII]Vorrede.
ihnen theilen zu müſſen. Sie waren der Pro-
bierſtein ſeines eignen Syſtems, ſie ſchliffen
die ſcharfen Ecken ſeines Gebäudes ab, ſie füll-
ten manche Lücken aus, die ihm, ſich ſelbſt
überlaſſen, verborgen geblieben waren. Er
erkennt dankbar an, was ſie ihm waren;
möchte er daſſelbe auch ihnen ſeyn!
Dies ſind die Maximen, nach denen der
Verfaſſer gearbeitet hat und über welche er
ſeinen Leſern Rechenſchaft ſchuldig war.
Was er wirklich geleiſtet hat, darüber wird
jeder Kenner leicht entſcheiden können.
Nur bittet er, die Belege für ſein wiſſenſchaft-
liches Beſtreben nicht blos in dem philoſophi-
ſchen Theil zu ſuchen, und auch dieſen nicht
blos für einen Auszug aus der Reviſion des Ver-
faſſers zu halten. Die Wiſſenſchaft in ihrem
ganzen Umfange war der Gegenſtand ſeiner
Unterſuchung und ſo wie er fremde Meynun-
gen
[IX]Vorrede.
gen revidirte, ſo hat er auch ſeine eignen,
ſchon dem Publicum vorgelegten, Ueberzeu-
gungen der Reviſion unterworfen. Ueber
die Methode der Bearbeitung, über die An-
ordnung des Ganzen und der einzelnen Theile,
ſo wie auch über die Grenzen, die der Ver-
faſſer zwiſchen der Philoſophie und dem Po-
ſitiven gezogen hat, darüber wird er vielleicht
in einem beſondern Schriftchen: Theorie der
wiſſenſchaftlichen Ausbildung des poſitiven pein-
lichen Rechts, die Gründe vorlegen können.
Der Verfaſſer glaubt recht gethan zu ha-
ben, daſs er die Praxis (ſo ſehr er auch dieſes
Polſter der literariſchen Trägheit, dieſe Stütze
blinder Willkühr haſst) nicht ganz übergan-
gen hat. Er wieſs ihr aber gröſstentheils ihre
Stelle in den Noten an. Hier hat er es ſich
auch zuweilen erlaubt, wichtige Streitpunkte
kurz zu erörtern und bedeutende, entweder
die
[X]Vorrede.
die ganze Behandlung oder einzelne Lehren
der Wiſſenſchaft afficirende, Irrthümer, zu
widerlegen. Eine Hauptrückſicht war dabey
immer die Wiſſenſchaft: die Nebenabſicht
war Zeiterſparniſs für den mündlichen Unter-
richt. Geſetze und Literatur anzuführen,
hielt der Verfaſſer für ſehr weſentlich bey ei-
nem Lehrbuch, ſo ſehr dieſes auch jetzt aus
der Mode kommen will. Er hat aber nur die
Schriften angeführt, die er aus eigner Anſicht
kennt; blos einige wenige hat er auf Treue
und Glauben der Literatoren angenom-
men.
Nun noch ein kleines Wort an die Geg-
ner des Verfaſſers. Er hat nach der Erſchei-
nung ſeiner Reviſion eine Erfahrung gemacht,
die ihn gar nicht befremdete, weil er ſie er-
wartete und weil ein jeder ſie erwarten muſs,
der ſich nicht in dem Strome der Gewohnheit
fort-
[XI]Vorrede.
forttreiben läſst. Man hat alle Arten von
Waffen gegen ihn gebraucht: man hat ihn in
Abhandlungen und von Kathedern herab —
ſelten auch nur mit Scheingründen, öfters
durch Schimpfworte oder Spott, beſtritten.
Der ermunternde Beyfall des beſſern Theils
ſeiner Zeitgenoſſen und noch mehr die libera-
len Unterſuchungen, zu denen er die Veran-
laſſung war, konnten ihn leicht über jene Be-
gegnung tröſten, wenn er hierüber noch des
Troſtes bedurft hätte. Mit dieſen Grundſätzen
ſieht er der Zukunft kalt entgegen und er
wird ſich niemals wieder zu einer Ant-
wort auf ähnliche Argumente erniedrigen. —
Seinen Streit mit Hrn. Klein hält der Verfaſſer
von ſeiner Seite für geendigt. Er findet keine
Gründe, den neueſten ihm entgegengeſetzten
Abhandlungen dieſes Gelehrten zu antworten.
Einmal ſich auf dem literariſchen Kampfplatz
tummeln, iſt verzeihlich, vielleicht auch gut:
auf
[XII]Vorrede.
auf ihm lange verweilen und immer um die-
ſelbe Sache kämpfen, iſt ermüdend und lang-
weilig für die Streiter, und für die Zuſchauer,
wenigſtens lächerlich. Wäre Ueberzeugung
und Wahrheit der Preis, dann wär es wohl
noch der Mühe werth; aber das nimium alter-
cando veritas amittitur, iſt ja bekanntlich nur
allzuwahr. Herr Klein gehe ſeinen Weg, der
Verfaſſer wird den ſeinigen gehen. Was wir
denken, wollen wir ſagen und, was wir kön-
nen, thun. Die Zeit und das gerechte Gericht
der Welt mag einſt entſcheiden, wer das
meiſte und das beſte that.
Der Verfaſſer.
Ueber den Begriff, die Quellen, Hülfswiſſen-
ſchaften und Literatur des peinlichen Rechts.
Civilgeſetze beſtimmen Rechte der Bürger;
durch Strafgeſetze werden Rechte geſichert.
Den Inhalt jener darzuſtellen, iſt Gegenſtand
des Civilrechts, den Inhalt dieſer, des Criminal-
rechts (peinlichen Rechts) der Strafrechtswiſſen-
ſchaft) *). Jenes iſt daher die Wiſſenſchaft der
Rechte
A
[2]Prolegomena.
Rechte des Bürgers als einer Privatperſon;
dieſes, die Wiſſenſchaft der Rechte des Staats
aus Strafgeſetzen gegen Unterthanen, als Ueber-
treter derſelben.
Aus der Uebertretung der Strafgeſetze
können ſowohl Privatrechte, als öffentliche
Rechte (Rechte des Staats) entſpringen. Aber
blos die öffentlichen Rechte aus Strafgeſetzen
machen den Gegenſtand des Criminalrechts aus.
Dieſes iſt daher nicht ein Zweig des Pri-
vatrechts, ſondern ein Theil des öffentlichen
Rechts.
Das allgemeine peinliche Recht (Philoſophie
des p. R.) iſt die Wiſſenſchaft von den mög-
lichen Rechten des Staats aus Strafgeſetzen:
das poſitive peinliche Recht die Wiſſenſchaft von
den wirklichen Rechten eines beſtimmten
Staats (Deutſchlands) aus gegebenen Straf-
geſetzen.
Die in Deutſchland gültigen gemeinen
Strafgeſetze (leges communes) beſtimmen den
Begriff des gemeinen poſitiven peinlichen
Rechts; ſo wie die für einzelne Theile Deutſch-
lands gegebenen und gültigen Strafgeſetze,
den
*)
[3]Prolegomena.
den Begriff des particulären poſitiven pein-
lichen Rechts beſtimmen.
Lauter Ein-
theilungen ohne Werth und ohne Wahrheit.
Das gemeine poſ. p. R. muſs I. die Rechte
ſelbſt lehren, welche der Staat aus Strafge-
ſetzen hat. — Rein theoretiſcher Theil. Die-
ſer muſs darſtellen 1) die allgemeinen Grund-
ſätze und Grundbegriffe von Beſtrafung rechts-
widriger Handlungen überhaupt, Philoſophi-
ſcher (allgemeiner) Theil d. peinl. R. 2) Die
einzelnen Rechte des Staats in Hinſicht auf
Beſtrafung einzelner Arten rechtswidriger
Handlungen. — Poſitiver (beſonderer) Theil
des p. R. Es muſs II. darſtellen, die Lehre
von der Art, wie der Staat ſeine Rechte aus
Strafgeſetzen verfolgt. — Theoretiſch-prag-
matiſcher Theil. — Criminalproceſs*).
Quellen einer Wiſſenſchaft ſind die Gründe
der Erkenntniſs derſelben. Die Quellen des
gemeinen poſ. CR. ſind I. die Natur der Strafe
und des Strafgeſetzes, ſo weit dieſe nicht in
ihren Folgen ausdrücklichen Verordnungen
widerſpricht. II. Die ausdrücklichen Verordnun-
gen der gemeinen Strafgeſetze Deutſchlands.
Dahin gehören A. fremde in Deutſchland reci-
pirte Geſetze, und zwar 1) des Römiſchen*)
2) des Canoniſchen Rechts **) B Einheimiſche und
zwar 1) die peinliche Gerichtsordnung Carl V. ***)
und
*)
[5]Prolegomena.
und 2) andere Reichsgeſetze *).
Hülfskenntniſſe einer Wiſſenſchaft ſind
Kenntniſſe, die zwar nicht das Object dieſer
Wiſſenſchaft ausmachen, aber doch Bedingun-
gen der Vollſtändigkeit, Deutlichkeit und
Klarheit der Erkenntniſſe in derſelben ſind.
Die Hülfskenntniſſe des gemeinen CR. ſind,
auſſer den übrigen Theilen der poſitiven
[Rechtsgelehrtheit], A. Sachkenntniſſe —
Wiſſenſchaften im eigentlichen Sinn. Von die-
ſen I. die Philoſophie und zwar 1) die Pſycho-
logie**) 2) die praktiſche Philoſophie über-
haupt
***)
[6]Prolegomena.
haupt und insbeſondere das Naturrecht*)
3) das allgemeine peinliche Recht**) 4) die
Criminalpolitik***) II. Hiſtoriſche Wiſſenſchaf-
ten, insbeſondere 1) Geſchichte der Staaten,
in welchen die jetzt geltenden Geſetze ent-
ſtanden ſind, 2) Geſchichte der in Deutſch-
land
**)
[7]Prolegomena.
land gültigen Criminalgeſetze und des Crimi-
nalrechts als Wiſſenſchaft ſelbſt *). 3) Kennt-
niſs der Criminalgeſetzgebung fremder Völ-
ker **). III. Arzneygelahrtheit, beſonders die
gerichtliche Arzneywiſſenſchaft***). — B.
Sprachkentniſſe und zwar I. Sprach-
kennt-
[8]Prolegomena.
kenntniſſe im engern Sinn, beſonders Kenntniſs
der lateiniſchen und altdeutſchen Sprache*)
II. Kenntniſs der altdeutſchen rechtlichen
Sprüchwörter**).
Die zum peinlichen Recht ſelbſt ge-
hörenden Schriften theilen ſich in folgen-
de Hauptrubriken: I. Literariſche Hülfs-
mittel ***), II. Commentarien über die
Quellen ****), III. Syſteme *****), IV. Compen-
dien
[9]Prolegomena.
dien *), V. Vermiſchte Abhandlungen verſchie-
dener Verfaſſer **), VI. Vermiſchte Abhand-
lungen deſſelben Verfaſſers ***) VII. Caſui-
ſtiſche
*****)
[10]Prolegomena.
ſtiſche Schriften *). Schriften über einzelne
Theile oder Gegenſtände an ihrem Ort.
Gallus Aloys Kleinſchrodſyſtematiſche Entwicke-
lung der Grundbegriffe und Grundwahrheiten des peinlichen
Rechts. III Theile. Erlangen. 1794. 1796. 8. zweyte
Ausg. 1799.
P. J. A. FeuerbachReviſion der Grundſätze und Grund-
begriffe des poſitiven peinlichen Rechts. I Bd. Erfurt. 1799.
II Band. Chemnitz 1800. 8.
Carl H. GrosDiſſ. de notione poenarum forenſium.
Erl. 1798.
L. H. v. AlmendingenVerſuch über das Princip des
Strafrechts. (Bibl. des peinl. Rechts. I Bd. 3tes Stück.
Nr. 1.)
FeuerbachIſt Sicherung vor dem Verbrecher Zweck der
Strafe und iſt Strafrecht Präventionsrecht? (Bibliothek d.
peinl. R. I Bd. 2tes Stck. Nr. 1.)
DeſſelbenReviſion etc. I Bd. 1 Kap.
DeſſelbenUeber die Strafe als Sicherungsmittel vor künf-
tigen Beleidigungen des Verbrechers. Nebſt einer nähern
Prüfung der Klein’ſchen Strafrechtstheorie. Als Anhang
zu der Reviſion. Chemnitz 1800.
Gegen die in den genannten Schriften dargeſtellte
Theorie:
Karl Grolmanüber die Begründung des Strafrechts und
der Strafgeſetzgebung etc. Gieſsen 1799.
Der Menſch muſs im ungeſtörten Genuſs
ſeiner Rechte ſeyn, wenn er als vernünftiges
Weſen exiſtiren ſoll. Er muſs daher in einen
Stand treten, wo ihm ſeine Rechte geſichert
ſind. Und ein ſolcher Stand iſt der Stand
der bürgerlichen Geſellſchaft, welche in der
Vereinigung der Kräfte und des Willens Ein-
zelner zur Erhaltung des rechtlichen Zuſtan-
des unter Allen beſteht. Staat iſt weiter nichts,
als eine organiſirte bürgerliche Geſellſchaft.
Der Zweck deſſelben iſt die Errichtung eines
rechtlichen Zuſtandes, der Schutz der wechſel-
ſeitigen Freyheit Aller.
Da der rechtliche Zuſtand Zweck des
Staats iſt (§. 9.), ſo widerſprechen Rechtsver-
letzun-
[13]Darſtel. d. oberſten Grundſ. d. Criminalr.
letzungen jeder Art dem Staatszweck, mithin
iſt es ſchlechthin nothwendig, daſs im Staate
gar keine Rechtsverletzungen geſchehen. Durch
eine Beleidigung (der Staat ſelbſt, oder ein
Glied deſſelben ſey der Gegenſtand der Belei-
digung) wird immer der Staat ſelbſt, wenig-
ſtens mittelbar beleidigt.
Widerſprechen Rechtsverletzungen dem
rechtlichen Zuſtand und dem Staatszweck
(§. 10.); ſo iſt der Staat berechtigt und verbun-
den, Anſtalten zu treffen, durch welche Rechts-
verletzungen überhaupt unmöglich gemacht wer-
den. — Und nun iſt das Problem: wie dieſes
möglich ſey?
Die gefoderten Anſtalten des Staats müſ-
ſen nothwendig Zwangsanſtalten ſeyn. Es
läſst ſich aber ein doppelter Zwang zur Ver-
hinderung von Rechtsverletzungen denken:
1) phyſiſcher Zwang, wenn die äuſſern Kräfte
des Geſetzwidrigen nach mechaniſchen Ge-
ſetzen zur Geſetzmäſsigkeit genöthigt werden,
2) pſychologiſcher Zwang, wenn durch bloſse
Vorſtellungen das Begehrungsvermögen [(]der
Wille) zur Unterlaſſung der geſetzwidrigen
Handlungen beſtimmt wird.
Wer die Leiſtung nicht erfüllt, auf welche
ein anderer ein vollkommnes Recht hat, be-
geht eine negative Rechtsverletzung. Und
Rechtsverletzungen dieſer Art können durch
phyſi-
[14]I. Buch. I. Theil. I. Abſchnitt.
phyſiſchen Zwang verhindert werden, indem
der Staat durch ſeine öffentliche Macht den
Säumigen zur Erfüllung nöthigt. Denn vor
der Vollendung einer neg. Rechtsv. muſs im-
mer die (ausdrückliche oder ſtillſchweigende)
Erklärung, nicht leiſten zu wollen vorhergehen,
welches vollkommen die rechtliche Möglich-
keit zum Zwange gegen den Widerſpenſti-
gen begründet.
Eine Handlung, auf deren Unterlaſſung
ein Andrer Rechte hatte, heiſst eine poſitive
Rechtsverletzung. Iſt das durch dieſelbe ver-
letzte Recht von der Art, daſs die Verletzung
deſſelben ein Aequivalent zuläſst, ſo reicht
phyſiſcher Zwang wenigſtens in ſo ferne zur
Vereitlung der Rechtsverletzung zu, als es
möglich iſt, nach der vollendeten Beleidigung
durch öffentliche Macht, den Beleidiger zum
Schadenserſatz zu zwingen und dadurch die
vollendete Verletzung wieder ungeſchehen zu
machen.
Es giebt aber Rechte, deren Gegenſtand
ſchlechthin keine Vergleichung zuläſst, bey
deren Verletzung alſo Schadenserſatz undenk-
bar iſt. Poſitive Verletzungen an ſolchen Rech-
ten können daher weder durch einen nachfol-
genden, noch durch einen vorhergehenden phy-
ſiſchen Zwang verhindert werden. Nicht
durch nachfolgenden, weil Schadenserſatz un-
denkbar iſt; nicht durch vorhergehenden, weil
hier der Staat von der Rechtsverletzung nicht
eher
[15]Darſtel. d. oberſten Grundſ. d. Criminalr.
eher Kenntniſs erhält, als bis ſie ſchon ge-
ſchehen iſt. Sollen daher ſolche Rechtsver-
letzungen im Staate verhindert werden; ſo iſt
dieſes nicht anders, als durch Anwendung eines
pſychologiſchen Zwanges möglich, welcher der
Vollendung einer Läſionvorhergeht, und
den WillenAllernöthigt ſich zu keiner Rechts-
verletzung zu beſtimmen.
Unſre Deduction begründet das Reſul-
tat: pſychologiſcher Zwang iſt ſchlechthin noth-
wendig gegen poſitive Verletzung ſolcher Rechte,
für welche kein Aequivalent möglich iſt. Dieſes
ſchlieſst aber nicht das Recht des Staats aus,
auch gegen Rechtsverletzungen andrer Art pſy-
chologiſchen Zwang zu gebrauchen. Die De-
duction beſtimmt blos die Vorauſſetzung, unter
welcher der Staat die vollkommne Verbindlich-
keit zum pſychologiſchen Zwange hat und zeigt,
daſs ohne den Gebrauch eines ſolchen kein Staat
denkbar iſt. Zweckmäſsig und rechtlich iſt
es, auch gegen andere Arten von Verletzun-
gen, pſychologiſchen Zwang anzuwenden, wie
in unſrer poſitiven Geſetzgebung wirklich ge-
ſchehen iſt *).
Alle Uebertretungen haben einen pſycho-
logiſchen Entſtehungsgrund, in der Sinnlich-
keit,
[16]I. Buch. I. Theil.
keit, in wiefern das Begehrungsvermögen
des Menſchen durch die Luſt an der Handlung
zur Begehung derſelben angetrieben wird.
Dieſer ſinnliche Antrieb muſs, wenn die That
unterbleiben ſoll, durch einen entgegenge-
ſetzten ſinnlichen Antrieb aufgehoben wer-
den. Solch ein entgegengeſetzter ſinnlicher
Antrieb iſt Unluſt (Schmerz, Uebel), als
Folge der begangenen That. Der Wille der
Bürger wird daher durch pſychologiſchen
Zwang zur Unterlaſſung von Rechtsver-
letzungen beſtimmt, wenn jeder weiſs, daſs
auf ſeine That ein Uebel folgen werde, welches
gröſser iſt, als die Unluſt, die aus dem nichtbe-
friedigten Antrieb zur That entſpringt.
Da der Staat durch pſychologiſchen
Zwang Geſetzmäſsigkeit bewirken ſoll; ſo
muſs er dieſe Ueberzeugung in ſeinen Bür-
gern erwecken. Er muſs alſo I. auf Rechts-
verletzungen durch ein Geſetz ein ſolches Uebel
als nothwendige Folge der That androhen,
mithin Rechtsverletzung durch ſinnliche
Uebel bedingen (Drohung). Da aber eine
Drohung in ſich ſelbſt widerſprechend iſt,
wenn ſie, ſobald ihre Vorausſetzung exiſtirt,
nicht wirklich ausgeübt wird; ſo muſs auch,
damit die Bürger durch das Geſetz wirklich
zur Unterlaſſung der beſtimmten Rechtsver-
letzungen angetrieben werden können, II.
die geſetzliche Drohung zugefügt werden, ſo-
bald die Uebertretung geſchehen iſt, an die
das Geſetz jenes Uebel geknüpft hat. Eine
Drohung, die nicht exequirt wird, iſt eine
leere
[17]Darſtel. d. oberſten Grundſ. d. Criminalr.
leere Drohung, die Niemanden ſchrecken
kann.
Ein von dem Staate wegen einer began-
genen Rechtsverletzung zugefügtes und durch
ein Geſetz vorher angedrohtes Uebel, iſt die
bürgerliche Strafe. (poena forenſis).
Der allgemeine Grund der Nothwendigkeit
und des Daſeyns derſelben (ſowohl in dem Ge-
ſetz, als in der Ausübung deſſelben) iſt die
Nothwendigkeit der Erhaltung der wechſel-
ſeitigen Freyheit Aller, durch Aufhebung des
ſinnlichen Antriebs zu Rechtsverletzungen.
Anmerk. Mündlich von dem Unterſchied der Strafe
von Rache — Schadenserſatz — Züchtigung — Pri-
vatſtrafe.
Anm. Ob es ein natürliches Strafrecht gebe? iſt eine Frage,
die wir, wenn von Begründung des poſitiven peinlichen
Rechts die Rede iſt, gar gut dahin geſtellt laſſen kön-
nen. Wenn es auch ein ſolches Strafrecht des Menſchen
auſſer dem Staate giebt, (wie es ein ſolches wirklich
giebt) ſo iſt es doch ganz unzweckmäſsig, wenigſtens
zwecklos, die Begründung des poſitiven peinlichen
Rechts per ambages mit einer Deduction des Straf-
rechts im Naturſtande anzufangen. Diejenigen freylich,
denen das Strafrecht Vertheidigungsrecht iſt, können
dieſen Umweg nicht vermeiden.
Unter Zweck der Strafe wird die Wirkung
verſtanden, deren Hervorbringung als Urſache
des Daſeyns einer Strafe gedacht werden muſs,
wenn der Begriff von Strafe vorhanden ſeyn
Bſoll
[18]I. Buch. I. Theil. I. Titel. I. Abſchnitt.
ſoll *). I. Der Zweck der Androhung der Strafe
im Geſetz iſt Abſchreckung aller Bürger als mög-
licher Beleidiger, von Rechtsverletzungen. II.
Der Zweck der Zufügung derſelben, die Be-
gründung der Wirkſamkeit der geſetzlichen
Drohung, in wiefern ohne ſie dieſe Drohung
eine leere (wirkungloſe) Drohung ſeyn
würde. Da das Geſetz alle Bürger abſchrecken,
die Execution aber dem Geſetz Wirkung ge-
ben ſoll, ſo iſt der mittelbare Zweck (Endzweck)
der Zufügung ebenfalls bloſse Abſchreckung
der Bürger durch das Geſetz **).
Der Rechtsgrund der Strafe iſt ein Grund,
von welchem die rechtliche Möglichkeit der
Strafe abhängt. Der Rechtsgrund I. der An-
drohung der Strafe, iſt die Nothwendigkeit die
Rechte Aller zu ſichern. II. Der Rechtsgrund
der
[19]Darſtel. d. oberſten Grundſ. d. Criminalr.
der Zufügung iſt die vorhergegangene Dro-
hung des Geſetzes *).
Die bürgerliche Strafe hat daher nicht
zum Zweck und Rechtsgrund 1) Prävention
gegen die künftigen Uebertretungen eines Ein-
zelnen Beleidigers **); denn dieſe iſt gar nicht
Strafe und es zeigt ſich kein Rechtsgrund zu
einem ſolchen Zuvorkommen; 2) nicht mora-
liſche Vergeltung***), denn dieſe gehört in eine
ſittliche, nicht in eine rechtliche Ordnung und
iſt phyſiſch unmöglich; 3) nicht unmittelbare
Abſchreckung durch die Schmerzen des, dem
Miſſethäter zugefügten Uebels ****), denn hiezu
giebt es kein Recht; 4) nicht moraliſche Beſſe-
B 2rung
[20]I. Buch. I. Theil.
rung, dieſes iſt Zweck der Züchtigung aber
nicht der Strafe.
Aus unſrer Deduction ergiebt ſich folgen-
des höchſte Princip des peinlichen Rechts: Jede
rechtliche Strafe im Staat iſt die
rechtliche Folge eines, durch die
Nothwendigkeit der Erhaltung äuſſe-
rer Rechte begrünndeten, und eine
Rechtsverletzung mit einem ſinnli-
chen Uebel bedrohenden, Geſetzes.
Hieraus flieſsen folgende, keiner Ausnahme
unterworfenen, untergeordneten Grundſätze:
Bey der Anordnung der allgemeinen Grund-
ſätze, kommen drey Hauptgegenſtände in Be-
trachtung, nach welchen dieſe Disciplin abge-
handelt werden muſs I. das die That bedro-
hende Geſetz, II. die durch das Geſetz be-
drohte Handlung, III. die durch das Geſetz
gedrohte Strafe. Dieſe Disciplin zerfällt da-
her in die Lehre von der Natur des Ver-
brechens, in die Lehre von der Natur des Straf-
geſetzes und in die Lehre von der Strafe.
Jo. Ge. Clausde natura delictorum. Jenae 1794.
Auſſer dem Staat giebt es nur Beleidigun-
gen, Rechtsverletzungen, Läſionen. Der Begriff
des
[22]I. Buch. II. Theil. I. Titel I. Abſchnitt.
des Verbrechens wird erſt möglich im Staat, wo
der Bürger, durch eine einem Strafgeſetz un-
terworfene Rechtsverletzung, den Wechſel-
vertrag zwiſchen ihm und dem Staate bricht *).
Im weiteſten Sinne, (wo Verbrechen und Ver-
gehen, crimen und delictum gleichbedeutend
find) bezeichnet daher Verbrechen eine durch ein
Strafgeſetz bedrohte, dem vollkommenen Recht
widerſprechende, Handlung. Ein jedes Straf-
geſetz aber ſetzt nothwendig einen Oberherrn,
mithin Staat voraus.
Immoralität — Sünde — Laſter.
Verbrechen im weiteſten Sinne zerfällt I. in
das Verbrechen im engern Verſtande (crimen,
Verbrechen κχτ̕ εξοχην) II. in das Vergehen
(Polizeyverbrechen, delictum). Durch dieſes
werden vollkommne, aber erſt durch Polizey-
geſetze begründete Verbindlichkeiten gegen
den Staat verletzt; durch jenes hingegen die
unmittelbar durch den Gefellſchaftvertrag be-
gründeten Verbindlichkeiten des Bürgers.
Durch
[23]Begriff u. Eintheilung des Verbrechens.
Durch Verbrechen werden die urſprünglichen
Rechte des Staats oder des Bürgers; durch
Vergehen wird nur das Recht des Staats, für
ein beſtimmtes gegebenes Polizeygeſetz Ge-
horſam zu fodern, verletzt. Jene ſind noth-
wendig, dieſe zufällig, weil ſie zufällige Ein-
richtungen des Staats [vorausſetzen]. — Unter
Verbrechen im engſten Sinne iſt eine durch ein
Strafgeſetz bedrohte Verletzung unerſetzlicher
Rechte zu verſtehen.
Alle Verbrechen beleidigen den Staat:
aber einige mittelbar, andere unmittelbar.
Dieſe heiſsen Staatsverbrechen (delicta publica),
weil ſie zunächſt Rechte des Staats ſelbſt zum
Gegenſtande ihrer Verletzung haben; jene Pri-
vatverbrechen (delicta privata), weil ſie zu-
nächſt Rechte von Privatperſonen, und erſt
hiedurch den Staat ſelbſt beleidigen.
Anmerk. Delicta extraordinaria — delicta publica — del. pri-
vata im Sinne des römiſchen Rechts. KochInſtitut-
jur. crim. §. 27. — C. Th. GraunDiſſ. de ſuper-
vacua delictorum diviſione in publica et privata moribus
noſtris. Jenae 1756.
Ein Strafgeſetz kann eine poſitive Hand-
lung, eine wirkliche Aeuſſerung der Thätig-
keit des Menſchen; es kann aber auch eine
negative Handlung, eine beſtimmte Nichtäuſ-
ſerung der Thätigkeit, mit Strafe bedrohen.
Jene poſitiven Handlungen heiſsen dann Be-
gehungsverbrechen (del. commiſſionis); dieſe
nega-
[24]I. Buch. II. Theil. I. Titel. I. Abſchnitt.
negativen, Unterlaſſungsverbrechen (del. omiſ-
ſionis).
J. G. Winkler. Diſſ. de crimine omiſſionis. Lipſ. 1776.
Es giebt Verbindlichkeiten, welche noth-
wendig dem Bürger, als ſolchem obliegen und
Rechte, welche für den Staat gegen alle Bürger
begründet ſind: es giebt aber auch ſolche Ver-
bindlichkeiten des Bürgers und Rechte des
Staats, welche nur durch den Eintritt in einen
beſondern Stand entſtehen. Daraus erklärt
ſich die Unterſcheidung in gemeine (del. com-
munia), und beſondere Verbrechen (del. propria),
von welchen jene, vollkommene Verbindlich-
keiten des Bürgers, als ſolchen, dieſe durch
einen beſondern Stand begründete Verbind-
lichkeiten verletzen.
Wenn ein Verbrechen vermöge der vor-
handenen Strafgeſetze, nicht nach den be-
ſtimmten Grundſätzen ſeiner Gattung beur-
theilt werden darf, ſo iſt es ein geſetzlich aus-
gezeichnetes Verbrechen, welches mit den quali-
ficirten Verbrechen nicht verwechſelt werden
darf. Ein Verbrechen iſt qualificirt, wenn ihm
die Geſetze eine härtere Strafe, als der Gat-
tung drohen, deſſen Art er iſt. Es giebt ge-
ſetzlich ausgezeichnete Verbrechen, welche
nicht qualificirt ſind.
Anmerk Die Beſtimmung der Begriffe von vollendeten,
verſuchten, conçurrirenden Verbrechen etc. gehören in
eine andere Region des peinlichen Rechts. Hier aber
müſſen mündlich noch folgende Benennungen er-
klärt
[25]Begriff u. Eintheilung des Verbrechens.
klärt werden: 1) Delicta excepta — non excepta. —
Brehmde delictis exceptis. Lipſ. 1788. Henr.
Fr. Ferd. HampeDiſſ. de del. except. Halae. 1800. —
2) Delicta atrociſſima, atrocia, levia. J. F. KeesDiſſ.
de diſcrimine inter delicta atrocia et levia rite ſtatuendo.
Lipſ. 1791 — 3) Del. capitalia — non capitalia —
Verbr. an Hals und Hand — an Haut und Haar.
4) Del. ordinaria — arbitraria (ſ. extraordinaria). —
5) Del criminalia — civilia — Criminal- und Civil-
verbrechen. C. G. RobertDiſſ. de diverſo poe-
narum genere ex mente C. C. C. indeque oriente diſcrimine
inter delicta civilia et criminalia. Marb. 1779. (Wieder
abgedruckt mit Kochs Bemerkungen, unter dem
Titel: Ueber Civil und Criminal ‒ Strafen ‒ und Ver-
brechen von Robert und Koch. Gieſſen 1785. — 6)
Del. eccleſiaſtica — ſecularia — mixta. — — 7)
Del. facti permanentis — facti tranſeuntis. — 8) Del.
notoria — occulta. etc. Manche dieſer Unterſcheidungen
ſind veraltet, manche unwahr, manche unnöthig.
Da ein Verbrechen nothwendig ein Strafge-
ſetz vorausſetzt; ſo kann es nur von einem
Menſchen
[26]I. Buch. II. Theil. I. Titel. II. Abſchnitt.
Menſchen begangen werden, der einer höhern
geſetzgebenden und richtenden Gewalt unter-
worfen iſt. Auf eine oberherrliche Perſon,
die in keiner Rückſicht als Unterthan einer
höhern Staatsgewalt unterworfen iſt (Souverain
im eigentlichen Sinne), kann der Begriff eines
Verbrechens nicht angewendet werden. Denn
1) ihren eignen Criminalgeſetzen iſt ſie nicht
unterworfen, weil kein Regent ſeinen eignen
Geſetzen unterworfen iſt *); 2) wenn ſie den
Staat oder das ihr unterworfene Volk beleidigt,
ſo können ihr zwar, unter gewiſſen Voraus-
ſetzungen, die Bürger auf den Fall der Wie-
derholung zur Sicherung ihrer vollkommnen
Rechte gegen den Oberherrn Uebel drohen;
aber nicht in der Form eines Geſetzes, weil
dieſes die geſetzgebende Gewalt vorausſetzt,
die nur dem Oberherrn ſelbſt übertragen iſt **).
Eine ſouveraine oberherrliche Perſon begeht
nur Beleidigungen und Läſionen, aber kein
Verbrechen.
Ueber dieſe allgemeine Frage: Chr. Fr. Ge. Meiſter
de jure quod in delictis perſonarum illuſtrium obtinet.
Goett. 1748. Beleidigung und Verbrechen, Strafe
und bloſse Vertheidigung ſind aber hier durchaus
vermengt, daher dieſe Schrift nirgends befriedigt.
In Deutſchland iſt daher der Kaiſer keines
Verbrechens fähig. Verbrechen können nur
began-
[27]Von d. möglichen Subjecten e. Verbrechens.
begangen werden A. von unmittelbaren Reichs-
unterthanen, ſie mögen Reichsſtände ſeyn oder
nicht. Die einzelnen deutſchen Landesherrn
ſind zwar Oberherrn in Beziehung auf ihre
Territorien; aber Unterthanen *) in Beziehung
auf ihr Verhältniſs zu Kaiſer und Reich und
daher den deutſchen gemeinen Criminalge-
ſetzen unterworfen.
Reichsſtände können drey Gattungen von
Verbrechen begehen I. Staatsverbrechen, Ver-
brechen gegen Kaiſer und Reich. II. Regierungs-
verbrechen, Verbrechen gegen den ganzen Staat,
deſſen Regenten ſie ſind **). III. Privatver-
brechen, Verbrechen gegen Einzelne, dieſe
mögen nun ihre eignen Unterthanen, oder
Unterthanen fremder Territorien ſeyn. Nur
diejenigen Privatverbrechen aber können ſie
begehen, welche ſchon ein deutſches Reichs-
geſetz für Verbrechen erklärt; Strafgeſetze, die
blos in ihrem Territorium gelten, können ſie
nicht übertreten. Uebrigens ſind ſie Reichs-
Criminal-Geſetzen eben ſo gut, wie mittelbare
Reichsunterthanen unterworfen, da weder ein
Geſetz
[28]I. Buch. II. Theil. I. Titel. II. Abſchnitt.
Geſetz, noch die Natur der Sache für ſie eine
Ausnahme begründet *).
Anmerk. Die gewöhnliche Eintheilung in delicta publica
und delicta privata principum reicht nicht zu. Aeltere,
wie Titius Jus Publ. L. VI. c. II. §. 57. theilen
ſie ein in Verbrechen gegen Kaiſer und Reich, Ver-
brechen gegen Mitſtände und Verbrechen gegen ihre
Unterthanen. Aber auch dieſe Eintheilung iſt in vieler
Rückſicht falſch. Zu der zweyten Klaſſe rechnet
z. B. Titius den Landsfriedensbruch; dieſer iſt aber
ein wirkliches Verbrechen gegen das Reich ſelbſt.
Verbrechen können B. von mittelbaren
Reichsunterthanen begangen werden, welche
nicht nur den Reichsgeſetzen, ſondern auch
den Particular-Criminalgeſetzen ihres Teri-
torii unterworfen ſind.
Jedes Subject, welches als Subject eines
Verbrechens betrachtet werden ſoll, muſs noth-
wendig ein Individuum ſeyn. Eine moraliſche
(myſtiſche) Perſon und insbeſondere eine
Univerſitas, als Inbegriff mehrerer zu einem
nichttranſitoriſchen Zweck *) vereinigter Sub-
jecte, iſt keines Verbrechens fähig **). Denn
jede Strafe ſetzt als nothwendige Bedingung
eine Uebertretung voraus (§. 24. II.); könnte
nun eine Univerſitas als ſolche ein Verbrechen
begehen, ſo müſte ſich die Strafe nicht blos auf
die gegenwärtigen, ſondern auch auf alle zu-
künftigen Glieder (die wegen des nichttranſi-
toriſchen Zwecks ſuccediren) erſtrecken, wel-
ches der Vorauſſetzung widerſpricht. Wenn
daher Alle oder die Majorität einer Univerſitas
ein Verbrechen begehen, ſo delinquiren ſie
blos als Einzelne, nicht als Glieder der Gemein-
heit.
Unter Object eines Verbrechens wird der Ge-
genſtand verſtanden, durch deſſen Verletzung
ein Strafgeſetz übertreten wird. — Der unmit-
telbare, nächſte Gegenſtand eines jeden Ver-
brechens iſt das Recht eines Andern, und die
dem Recht correſpondirende Verbindlichkeit:
der mittelbare, entfernte Gegenſtand, iſt eine
Perſon.
Der nächſte Gegenſtand eines Verbrechens
kann entweder ein perſönliches Recht, ein Recht
des Andern auf freye Dispoſition über ſeine
Naturkräfte (perſönliche Verbrechen) oder ein
Sachenrecht, ein Recht des Andern auf freye
Dispoſition über das erworbene Eigenthum
(dingliche Verbrechen) ſeyn. Die dinglichen
Verbrechen werden durch eine auf das Object
des Sachenrechts (die Sache ſelbſt) gerichtete
Handlung begangen. Die Sache an ſich iſt
aber kein Object des Verbrechens; daher kann
durch Verletzung einer Sache nur dann und
in ſo fern ein Verbrechen begangen werden,
als einem andern Rechte auf dieſelbe zukom-
men.
[31]V. d. möglichen u. nothwend. Obj. e. Verb.
men. Verletzung herrenloſer oder derelinquir-
ter Sachen kann nie Verbrechen ſeyn.
Ein jedes Recht ſteht einer Perſon nur ſo
lange zu, als ſie es nicht ſelbſt aufgegeben hat,
oder nicht durch den Staat deſſen verluſtig er-
klärt worden iſt. Eine, einem beſtimmten Recht
widerſprechende Handlung, iſt alſo nur dann [v]er-
brechen, wenn die Perſon, die durch die Hand-
lung äuſſerlich verletzt wurde, noch im Beſitz
jenes Rechts iſt. Denn Strafgeſetze ſind nur
zum Schutz der Rechte (§. 19.) wo alſo keine
Rechtsverletzung iſt, da iſt undenkbar eine
Uebertretung des Strafgeſetzes.
Es iſt alſo I. kein Verbrechen vorhanden,
wenn der Berechtigte die ſeinem Recht wider-
ſprechende und durch ein Strafgeſetz, bedrohte
Handlung ausdrücklich erlaubt (Volenti non fit
injuria *). II. Es iſt kein Verbrechen vorhanden,
wenn die Handlung einem Rechte widerſpricht,
deſſen
[32]I. Buch. II. Theil. I. Titel. III. Abſchnitt.
deſſen die Perſon, gegen welche die Verletzung
gerichtet war, durch den Staat verluſtig erklärt
worden iſt*).
Strafgeſetze eines Staats ſind nur gegeben
zum Schutz der Rechte (§. 21.); es können da-
her Strafgeſetze nur an denjenigen übertreten
werden, die ſich in dem Schutze des Staats
befinden, der die Strafgeſetze gegeben hat.
Könnte auch an denen ein Verbrechen began-
gen werden **) die auſſer dem Schutze des Staats
ſind; ſo müſsten die Strafgeſetze auch zum
Schutz dieſer nicht geſchützten Perſonen vor-
handen ſeyn, welches ſich ſelbſt widerſpricht.
Blos diejenigen ſtehen in dem Schutz eines
Staats, die der höchſten Gewalt in demſelben
unterworfen und nicht ausdrücklich von ſei-
nem Schutze ausgeſchloſſen worden ſind. Es
kann
[33]V. d. möglichen u. nothwend. Obj. e. Verb.
kann daher für Deutſchland blos ein Ver-
brechen begangen werden, I. an deutſchen
Reichsbürgern, die Verletzung mag nun inner-
halb oder auſſerhalb Deutſchlands, von einem
Reichsbürger oder von einem Fremden began-
gen worden ſeyn. Denn ein Staat muſs ſeine
Bürger ohne Rückſicht auf Ort oder Perſonen
ſchützen. II. an Fremden, die ſich in den
Grenzen Deutſchlands befinden und an denen
innerhalb Deutſchland ein Verbrechen be-
gangen wird. Denn nach den Beſtimmungen
des Völkerrechts ſind in der Regel alle, die ſich
in dem Diſtrikt eines Staats befinden, auch der
höchſten Gewalt deſſelben unterworfen; und
alle, welche der höchſten Gewalt unterworfen
ſind, ſtehen in dem Schutz derſelben.
Es kann alſo für Deutſchland kein Ver-
brechen begangen werden I. an denjenigen,
die keine Reichsbürger ſind und auſſerhalb Deutſch-
lands Grenzen verletzt werden. Gleichviel, ob
der Verletzende ein deutſcher Reichsbürger
oder ein Fremder iſt, ob die verletzende Hand-
lung einem in Deutſchland geltenden Strafge-
ſetze oder blos einem Strafgeſetze des Orts der
begangenen That entgegen iſt *).
Da alle einzelnen deutſchen Territorien
zuſammen Einen groſsen Staat unter einem
gemeinſchaftlichen Oberhaupte, ausmachen;
ſo iſt jede unter den (§. 42.) angegebenen Be-
dingungen, vollführte Uebertretung eines
deutſchen Reichs-Straf-Geſetzes, in allen ein-
zelnen deutſchen Territorien Verbrechen, wo
das übertretene Reichs-Straf-Geſetz nicht durch
Partikulargeſetze aufgehoben iſt. Eine auſſer-
halb Deutſchland oder in einem beſtimmten
Territorium begangene Uebertretung iſt aber in
einem andern Territorium kein Verbrechen 1)
wenn die Uebertretung blos gegen Partikular-
geſetze (entweder nur des Orts der begangenen
That, oder nur des andern Territorii, oder bey-
der zugleich) iſt: 2) wenn das Reichsgeſetz, das
die begangene Handlung für ein Verbrechen er-
klärt, entweder an dem Ort der vollbrachten
That, oder in dem andern Territorium, oder
in beyden völlig aufgehoben iſt.
Es kann II. kein Verbrechen begangen
werden, an ſolchen, die der Staat ausdrücklich
auſſer ſeinem Schutze erklärt hat. Dahin ge-
hören vorzüglich 1) diejenigen, welche die
Reichs-
*)
[35]V. d. möglichen u. nothwend. Obj. e. Verb.
Reichsacht getroffen hat. 2) Die Verwieſenen,
die vor Ablauf ihrer Strafzeit in das Terri-
torium zurückkehren.
Jede Handlung, die als Uebertretung be-
trachtet werden ſoll, ſetzt als nothwendige Be-
dingung voraus I. daſs ſie eine äuſſere d. i.
äuſſerlich erkennbare Handlung ſey. Innere
Handlungen des Menſchen ſind nie Rechts-
verletzungen, alſo auch nicht Verbrechen *)
II. Die äuſſere Handlung, welche einen Andern
verletzt, darf nicht ſelbſt die Ausübung eines
wohlbegründeten Rechtes ſeyn. Die Verletzung
eines andern, als bloſſe Folge der Aus-
übung meines Rechts, iſt keine eigentliche
Rechtsverletzung, ſondern ein bloſses dam-
num in conſequentiam veniens, und alſo auch
kein Verbrechen.
Verletzung eines andern zur Abwendung
eines rechtswidrigen Angriffs deſſelben iſt eine
Folge des Rechts der Selbſtvertheidi-
gung (neceſſariae defenſionis). Allein da ſich
der Einzelne im Staat des Rechts der Selbſtver-
theidigung begeben hat, ſo ſetzt die erlaubte
Selbſtvertheidigung im Staate voraus, daſs es
der öffentlichen Macht unmöglich war, das an-
gegriffene Recht zu ſchützen. Auf dieſen
Fall konnte ſich die Entäuſſerung der Pri-
vatgewalt an den Staat nicht erſtrecken. Der
Gebrauch eigner Gewalt eines Bürgers zum Schutz
ſeiner Rechte gegen eine angefangene Beleidigung,
unter einer Vorauſſetzung, wo der Schutz des
Staats unmöglich iſt, heiſst Nothwehr (mo-
deramen inculpatae tutelae, tutela inculpata).
Eine Verletzung des andern aus Nothwehr iſt
daher (§. 46. II) kein Verbrechen *).
Buder Diſſ. de violenta deſenſione privata. Jen. 1740. —
QuiſtorpDiſſ. de homicidio permiſſo, ſpec. de mod.
inc. tut. Roſt. 1764. — F. KnraſiusDiſſ. de jure
defenſionis neceſſariae. Lugd. Bat. 1785.
Eine Verletzung des andern aus Noth-
wehr iſt nur darum rechtlich, weil und wie
ferne ſie die Ausübung des eignen Rechts der
erlaubten Selbſtvertheidigung im Staate iſt.
Es ergiebt ſich daraus, daſs I. die Vertheidi-
gung, in welcher der Andere verletzt wurde,
alle Erfoderniſse der rechtmäſsigen Vertheidi-
gung überhaupt haben muſs, II. daſs ſich der
Angegriffene unverſchuldet in einem Zuſtande
befinden muſte, wo die Erhaltung ſeines Rechts
durch die Staatsgewalt unmöglich war. Eine
Vertheidigung, die nicht alle dieſe Erfoder-
niſſe hat, iſt eine ſchuldhafte Nothwehr (m. de-
culpatae tutelae).
Es wird daher erfodert 1) daſs der abge-
wehrte Angriff ungerecht*) 2) gegenwärtig
(laeſio inchoata), 3) unerwartet**) und 4) auf
die Verletzung eines Guts gerichtet war, das
entweder an ſich unerſetzlich iſt, oder doch
unter den individuellen Umſtänden des ge-
genwärtigen Angriffs (nach Gründen der Wahr-
ſcheinlichkeit) unwiderbringlich verloren gewe-
ſen wäre. Denn im entgegengeſetzten Falle
kann durch nachfolgende Hülfe des Staats der
Zuſtand der Integrität wieder hergeſtellt wer-
den. Bloſse Ehrenverletzung begründet daher
nie***); Angriff auf Güter nur dann das
Recht
[38]I. Buch. II. Theil. I Titel. IV. Abſchnitt.
Recht der Nothwehr, wenn Gefahr des unwie-
derbringlichen Verluſts mit der Vollendung
derſelben verbunden iſt *). Angriff auf die
Rechte der Perſönlichkeit berechtigt immer zur
Gegenwehr. 5) Die dem Andern zur Erhaltung
eigner Rechte zugefügte Verletzung muſte an
ſich die einzige Bedingung der eignen Rettung
ſeyn, es muſte alſo a) nicht möglich, oder
doch nicht ohne Verluſt andrer Güter thunlich
ſeyn, ſich dem Angriff entweder durch Hülfe
anderer, oder durch Entwaffnung des Angrei-
fers
***)
[39]V. d. nothw. Bedingg. e. Verbrechens, etc.
fers oder durch Flucht zu entziehen; b) es
muſte keine geringere Verletzung als die zu-
gefügte, eine gleiche Sicherheit bewirken
können.
Die Verſchiedenheit in der Art der Ueber-
tretung eines Strafgeſetzes iſt theils beſtimmt
durch die Verſchiedenheit der äuſſern Wirk-
ſamkeit zur Uebertretung, (objectiver Grund
der Verſchiedenheit), theils durch die Ver-
ſchiedenheit der Willensbeſtimmung, welche
der Uebertretung zum Grunde liegt (ſubjectiver
G. d. V.)
Die Wirkſamkeit zur Uebertretung eines
Strafgeſetzes kann direct ſeyn, wenn das Ob-
ject, auf deſſen Realiſirung ſie hinwirkt, un-
mittelbar die Realiſirung der Rechtsverletzung
ſelbſt, indirect, wenn ſie blos auf die Beför-
derung der directen Wirkſamkeit eines andern
zur Rechtsverletzung gerichtet iſt. Derjenige,
bey welchem die Rechtsverletzung dasunmit-
telbareObject der Wirkſamkeit ſeiner Hand-
lung iſt, heiſst, wenn die That wirklich geſchehen
iſt,
[40]I. Buch. II. Theil. I. Titel. V. Abſchnitt.
iſt, Urheber (auctor del.); derjenige, bey
welchem die Beſörderung der auf die Rechtsver-
letzung unmittelbar gerichtetenHandlung
eines anderndas unmittelbare Object der
Wirkſamkeit ſeiner Handlung iſt, heiſst Ge-
hülfe (ſocius.).
Coauctores — Complices — Conſortes criminis. J. F.
EiſenhardtDiſſ. de vera criminis ſocii notione.
Helmſt. 1750. — E. C. WeſtphalDiſſ. de conſorti-
bus et adjutoribus eriminum corumque poena etc. Hal.
1760. — Kleinſchrodſyſt. Entw 1. Thl. §. 177 —
206. — FeuerbachReviſion Thl. II. S. 243. ff.
Eine Perſon kann I. dadurch direct auf die
Hervorbringung der That gewirkt haben, daſs
ſie aus eignem Intereſſe an der That den Wil-
len eines andern zur Hervorbringung des
rechtswidrigen Effects determinirt hat. Dann
iſt ſie intellectueller Urheber (a. intel-
lectualis). Es geſchieht dieſe Art der Wirkſam-
keit 1) durch Auftrag*) 2) durch Befehl, 3) durch
Drohungen 4) durch Rath, (conſilium), ſowohl
durch allgemeinen (c. generale) als durch be-
ſondern (c. ſpeciale) **). Hatte aber der An-
dere ſich ſchon vorher zur That beſtimmt, ſo
iſt dieſer intellectuale Concurrent in der Regel
nur Gehülfe. Sie kann II. unmittelbar durch
eigne Kräfte (entweder aus eignem Antrieb,
oder
[41]V. d. verſchied. mögl. Arten e. Strafg. z. übert.
oder durch Anſtiften eines Urhebers) die Hand-
lung, die den Begriff der Uebertretung aus-
macht, begangen haben. Phyſiſcher Ur-
heber (a. phyſice talis — a. in ſenſu ſtro.)
Wenn Mehrere, aus unmittelbarem Intereſſe
an der That ſelbſt, ſich zur gemeinſchaftlichen
Ausführung durch Vertrag verbinden, ſo iſt die-
ſes eine Verſchwörung (conjuratio) oder
Geſellſchaft zur Uebertretung (ſocie-
tas delinquendi) *). Die Perſonen ſelbſt heiſsen
coauctores ex conjuratione. Die bloſse Ver-
einigung mit Andern zum Verbrechen reicht
aber für dieſen Begriff nicht zu; ſondern wer
als coauct. e. conj. betrachtet werden ſoll, muſs
auch durch Handlungen (gleichviel aber,
welche) zur wirklichen Exiſtenz der That mit-
gewirkt haben **). Sonſt iſt er, wenn er
mit in den Vertrag verwickelt iſt, blos des
Verſuchs zu einem Verbrechen aus Verſchwörung
ſchuldig.
Rädelsführer — dux criminis.
Die Beyhülfe (concurſus ad delictum) be-
ſteht (§. 51.) aus der Hinwegräumung der
Hin-
[42]I. Buch. II. Theil. I. Titel. V. Abſchnitt.
Hinderniſſe, welche der Wirkſamkeit des Ur-
hebers entgegen ſtehen. Nach Verſchieden-
heit der Art der Beyhülfe ſind auch die Gehül-
fen ſelbſt verſchieden. I. In Rückſicht der
Gröſse der Hinderniſſe entweder Hauptgehülfe
(ſocius principalis), oder Nebengehülfe. (ſ. mi-
nus principalis). Jener räumt Hinderniſſe hin-
weg, welche die That unmöglich machten, die-
ſer ſolche, welche ſie blos erſchwerten *). II.
In Rückſicht der Handlung ſelbſt, welche die
Beyhülfe bewirkt, entweder poſitiver Gehülfe,
wenn er durch wirkliche Aeuſſerung der Thä-
tigkeit, (concurſus poſitivus) oder negativer
Gehülfe, wenn er durch pflichtwidrige Unter-
laſſung die That des andern befördert oder
möglich macht (conc. negativus). Das letzte
iſt durch unterlaſſene Hinderung oder unter-
laſſene Anzeige des bevorſtehenden Ver-
brechens möglich, ſetzt aber voraus daſs Ge-
ſetz**) oder übernommene Amtsverbindlich-
keit, Anzeige oder Hinderung zur Pflicht
machen. Denn an ſich iſt der Bürger zu
dieſen Handlungen nicht vollkommen ver-
pflichtet.
III. In Hinſicht der Kräfte, welche Bey-
hülfe begründen, kann der Gehülfe intellectueller
Gehülfe ſeyn, (ſoc. intell.) wenn er durch Ge-
brauch der Gemüthskräfte, oder phyſiſcher
Gehülfe (ſ. phyſ. tal. ſ. facultate locomotiva)
wenn er durch Gebrauch der körperlichen
Kräfte wirkt. Man wird intellectueller Gehülfe,
aus denſelben Gründen, aus welchen man in-
tellectueller Autor wird (§. 52.), hier wird aber
immer vorausgeſetzt, daſs ſich der andere ſchon
vorher aus eignem Intereſſe an der That zu dem
Verbrechen beſtimmt habe. Wird er erſt durch
den andern beſtimmt, ſo iſt dieſer intellectu-
eller Urheber.
IV. Wenn die Beyhülfe durch eine Hand-
lung geleiſtet wird, welche die Vollendung
des Verbrechens unmittelbar d. h. ohne die
Dazwiſchenkunft von Mittelurſachen beför-
dert, ſo entſteht eine unmittelbare Beyhülfe
(conc. proximus). Geſchieht die Beyhülfe durch
eine Handlung, die erſt durch Mittelurſachen
die Voſſendung des Verbrechens befördert oder
möglich macht, ſo iſt eine mittelbare Beyhülfe
(conc. remotus) vorhanden *).
V. In Anſehung der Abſicht bey der Con-
currenz iſt der Gehülfe entweder ſpecieller Ge-
hülfe (ſ. ſpecialis), oder allgemeiner Gehülfe (ſ.
generalis). Jener hat bey ſeiner Mitwirkung
dieſelbe Abſicht, welche zum Weſen desjeni-
gen Verbrechens gehört, das von dem Urheber
begangen wird; dieſer concurrirt aus einer
andern Abſicht.
Der Act der Concurrenz kann entweder
vor oder zu gleicher Zeit mit der Ausführung
der Hauptthat geſchehen (c. antecedens — con-
comitans.) Eine nachfolgende Beyhülfe iſt un-
möglich. Hat jemand dem Urheber ver-
ſprochen, nach der Vollendung ihn zu begün-
ſtigen, ſo iſt dieſer, wenn das Verſprechen
noch vor der Vollendung der That geſchah,
in vorhergehender oder begleitender Con-
currenz.
Wer nach vollendetem Verbrechen durch
äuſſere Handlung ein Intereſſe für das Ver-
brechen oder den Verbrecher zeigt, iſt Begün-
ſtiger (fautor delicti). Die Begünſtigung kann
durch Theilnahme an den Vortheilen der That,
durch Billigung und Genehmigung des Ver-
brechens, durch Verbergung oder wiſſent-
lichen Ankauf der durch das Verbrechen ge-
won-
*)
[45]V. d. verſchied. mögl. Arten e. Strafg. z. übert.
wonnenen Sachen *) und beſonders durch
Handlungen geſchehen, durch welche man
den Thäter der ſtrafenden Gewalt zu entziehen
ſucht.
Die directe Wirkſamkeit (§. 51.) zer-
fällt dem Eſſect nach in zwey Hauptarten.
Hat ſie ihr Object realiſirt, ſo daſs nun der
Begriff der im Geſetz vorausgeſetzen Läſion
in concreto vorhanden iſt, ſo iſt das Ver-
brechen vollendet (delictum conſummatum).
Wenn die Rechtsverletzung, auf welche eine
Handlung directe gerichtet war, nicht realiſirt
worden iſt, ſo exiſtirt ein bloſs unternom-
menes Verbrechen.
Die bloſse Unternehmung des Ver-
brechens (Conatus delinquendi im weitern
Sinn) hat verſchiedene Stufen. Sie begreift
in ſich I. die Endigungdes Verbrechens
(perfectio criminis) wenn alle zur Hervor-
bringung des geſetzwidrigen Effects erfoder-
lichen Handlungen geſchehen ſind, ohne je-
doch den Effect bewirkt zu haben **). II. Den
Ver-
[46]I. Buch. II. Theil. I. Titel. V. Abſchnitt.
Verſuchzum Verbrechen (con. del. im engern
Sinn) wenn alle zur Hervorbringung des ge-
ſetzwidrigen Effects erforderlichen Handlungen
noch nicht geſchehen ſind. Dieſer Verſuch
iſt entweder 1) Anfang des Verbrechens,
nächſter Verſuch (inchoatio delicti — cona-
tus proximus) wenn der Verbrecher ſchon in
Begehung derjenigen Handlung begriffen war,
deren Endigung den rechtswidrigen Effect
hervorbringen muſte; oder 2) Vorberei-
tung des Verbrechens — entfernter
Verſuch (attentatio delicti — conatus remotus),
wenn er Handlungen begangen hat, durch
welche er ſich nur auf den Akt der Vollendung
des Verbrechens vorbereitete. Dieſer hat wie-
der verſchiedene Stufen, die nur in concreto
zu beurtheilen ſind.
Die Rechtsverletzung kann von einer Per-
ſon nach unvermeidlichen Natururſachen ohne
Mitwirkung einer geſetzwidrigen Willensbe-
ſtimmung bewirkt worden ſeyn; dann iſt ſie
blos zufällige Urſache des Verbrechens und
das Verbrechen ſelbſt heiſt zufällig (del.
caſuale.) Iſt die Rechtsverletzung verſchuldet
durch eine geſetzwidrige Willensbeſtimmung
derſelben, ſo kann dieſe Verſchuldung begrün-
det ſeyn I. durch Dolus (böſen Vorſatz), die
Beſtimmung des Willens (Begehrungsvermö-
gens) zu einer Rechtsverletzung als Zweck, mit
dem Bewuſtſeyn der Geſetzwidrigkeit des Begeh-
rens: — oder II. durch Culpa (Verſehen),
die
[47]V. d. verſchied. mögl. Arten e. Strafg. z. übert.
die geſetzwidrige Beſtimmung des Willens zu einer
Handlung oder Unterlaſſung aus der nach den
Geſetzen der Natur*), ohne die Abſicht des Sub-
jects, die Rechtsverletzung entſteht**).
Der Culpa liegt nothwendig ein geſetz-
widriges Begehren, d. i. eine Willensbeſtim-
mung zum Grunde, durch welche eine voll-
kommene Verbindlichkeit, verletzt worden iſt.
Denn ohne dieſes iſt Verſchuldung undenkbar.
Dieſe Verbindlichkeit beſteht in der Noth-
wendigkeit, alle Handlungen zu thun oder zu
unterlaſſen, aus welchen, nach Geſetzen der
Natur, eine Rechtsverletzung entſtehen kann.
(Verbindlichkeit zum gehörigen Fleiſse, obl. ad
diligentiam). Da nun bey der Culpa das Sub-
ject durch ſeinen Willen dieſe Pflicht verletzt
haben muſs, ſo ſetzt die Culpa nothwendig
voraus 1) das Daſeyn dieſer Verbindlichkeit
für
[48]I. Buch. II. Theil. I. Titel. V. Abſchnitt.
für jene Perſon überhaupt 2) das Bewuſtſeyn
dieſer Verbindlichkeit bey der Willensbeſtim-
mung zu der Handlung oder Unterlaſſung,
aus welcher der rechtswidrige Effect entſtan-
den iſt, 3 die Erkenntniſs, daſs die unternom-
mene Handlung oder Unterlaſſung unter der
Verbindlichkeit ſtehe, 4) die phyſiſche Möglich-
keit, die Handlung zu thun oder unterlaſſen
und den geſetzwidrigen Effect zu verhüthen.
Wo Eins dieſer Requiſite mangelt, iſt das Ver-
brechen unverſchuldet, weil nur unter dieſen
Bedingungen eine Geſetzwidrigkeit des Be-
gehrens in Rückſicht auf Culpa denkbar iſt. *)
Die Culpa zerfällt in Rückſicht der Hand-
lungen oder Unterlaſſungen, welche die
Uebertretung ohne Abſicht der Perſon be-
gründen können, in vier Arten. Dieſe Hand-
lungen können I. innere Handlungen, und zwar
unterlaſſener Gebrauch des Erkenntniſsvermö-
gens ſeyn. Gebrauchte die Perſon mit Ernſt
ihre Erkenntniſskräfte, um die Erkenntniſs
zu erlangen, aus derem Nichtdaſeyn die Ue-
bertretung entſprang, ſo war ihre Unwiſſen-
heit oder ihr Irrthum unverſchuldet (error-
ignorantia invincibilis), wenn ſie die Erkennt-
niſs überhaupt oder die wahre Erkenntniſs
dennoch nicht erlangte. Denn die Culpa ſetzt
phyſiſche Möglichkeit voraus (§. 63.). Es war
aber der Perſon (ſubjective) unmöglich die
wahre Erkenntniſs zu erlangen, wenn ſie ſie
erhal-
[49]V. d. verſchied. mögl. Arten e. Strafg. z. übert.
erhalten wollte, und ihrer Verbindlichkeit ge-
mäſs, ſie zu erhalten, ihre Kräfte aufgeboten hat.
Der unterlaſſene Gebrauch des Erkenntniſsver-
mögens kann beſtehen 1) in der unterlaſſenen
Erwerbung der Erkenntniſs des Geſetzes, wel-
chem die äuſſere Handlung widerſpricht — Cul-
pa durch Unwiſſenheit des Geſetzes*), 2) in der
unterlaſſenen Reflexion über die Handlung,
um ſie unter das Strafgeſetz zu ſubſumiren —
Culpa durch Uebereilung**) 3) in der unter-
laſſenen Reflexion über den möglichen Cauſal-
zuſammenhang einer äuſſern Handlung mit
einer daraus entſtandenen Rechtsverletzung. ‒‒
Culpa durch Unbedachtſamkeit***) II. Aeuſſere
Handlungen — Culpa aus Fahrläſſigkeit; dieſe
beſteht
D
[50]I. Buch. II. Theil. I. Titel. V. Abſchnitt.
beſteht in der Begehung einer äuſſern Hand-
lung, mit dem Bewuſtſeyn des Subjects von
dem Cauſalzuſammenhang der Handlung
mit einem möglichen oder wahrſcheinlichen
rechtswidrigen Erfolg *).
Anmerk. Von der Klein’ſchen Eintheilung in Hand-
lungen, die aus böſem Vorſatz unternommen ſind, in
vorſätzlich geſetzwidrige, aber nicht boshafte, in ge-
fährliche, in aus Muthwillen unternommene und in
culpoſe Handlung. S. Deſſenpeinl. R. §. 122.
In Rückſicht der Art des Zuſammenhangs
der Handlung oder Unterlaſſung mit dem ge-
ſetzwidrigen Erfolg, iſt die Culpa 1) die
höchſte (c. lata, wenn die Entſtehung des ge-
ſetzwidrigen Erfolgs aus der Handlung oder
Unterlaſſung wahrſcheinlicher war, als die
Nichtentſtehung deſſelben; 2) die mittlere (c.
media ſ. levis), wenn ein gleicher Grad der
Wahrſcheinlichkeit für die Entſtehung, wie
für die Nichtentſtehung vorhanden war; 3)
die geringſte (c. leviſſima ſ minima), wenn die
Vermeidung des geſetzwidrigen Erfolgs wahr-
ſchein-
[51]V. d. verſchied. mögl. Arten e. Strafg. z. übert.
ſcheinlicher war, als die Entſtehung deſ-
ſelben *).
Der Dolus (§. 62.) hat zwey Arten, in wie
ferne entweder der entſtandene geſetzwidrige
Effect der unmittelbare und ausſchlieſsliche
Zweck des Begehrens war; oder die Abſicht
des Verbrechers auf mehrere Rechtsverletzun-
gen einer beſtimmten Art oder Gattung alter-
nativiſch gerichtet war. Jener heiſst beſtimm-
ter Dolus (d. determinatus); dieſer eventueller,
oder unbeſtimmter Dolus (d. indeterminatus ſ.
eventualis. Bey dem letzten war die entſtan-
dene Rechtsverletzung in dem Entſchluſse des
Subjects enthalten, aber in demſelben Ent-
ſchluſse war auch noch eine andere Rechts-
verletzung enthalten und es war dem Subject
gleichviel, welche von dieſen Rechtsverletzun-
gen aus ſeiner Handlung wirklich entſtehe ***).
Es giebt Fälle, wo Dolus und Culpa bey
einer und derſelben Handlung concurriren.
Es findet dieſes ſtatt, wenn ein Verbrecher
einen beſtimmten rechtswidrigen Effect zum
Zwecke hat, aus der Handlung aber, die ihn
realiſiren ſollte, ein anderer rechtswidriger
Effectentſtanden iſt, den er als mögliche Folge
ſeiner Handlung entweder vorhergeſehen hat,
oder doch vorherſehen konnte. Hier iſt Do-
lus, in Anſehung des Zwecks, den er wirklich
gewollt hat iſt; Culpa in Anſehung des Ef-
fects, der ohne die Abſicht des Subjects, aus
der auf einen andern rechtswidrigen Zweck
gerichteten Handlung, entſtanden iſt. Da hier
die Culpa durch einen doloſen Entſchluſs be-
gründet wird; ſo kann man die, einem ſolchen
Fall zum Grunde liegende Willensbeſtimmung
eine durch Dolus beſtimmte Culpa (culpa dolo
determinata) nennen *). Gewöhnlich betrach-
tet man ſie als Art des Dolus, nennt ſie dolus
indirectus und glaubt, daſs der Verbrecher,
indem er die eine Rechtsverletzung directe
will,
**)
[53]V. d. verſchied. mögl. Arten e. Strafg. z. übert.
will, in die entſtandene per indirectum ein-
willige *).
Da bey jeder Handlung eines Menſchen
Abſicht der nächſte Erklärungsgrund, abſicht-
liches Handeln, nach der Natur des menſch-
lichen Geiſtes und nach der Erfahrung, die
Regel, Hervorbringung einer Wirkung durch
eine willkührliche Handlung, ohne daſs jene
Wirkung Zweck der Willkühr war, eine be-
ſondere, auf ungewöhnlichen Vorauſſetzun-
gen beruhende, Ausnahme iſt, ſo muſs auch
ein rechtswidriger Effect, welcher durch Hand-
lungen einer Perſon bewirkt worden iſt, ſo
lange als Zweck des Willens derſelben ange-
nommen werden, bis ſich beſtimmte Gründe
für
[54]I. Buch. II. Theil. I. Titel. VI. Abſchnitt.
für das Gegentheil zeigen (Facta laeſione prae-
ſumitur dolus, donec probetur contrarium*).
Die rechtliche Dauer eines Verbrechens be-
ſteht in dem fortdauernden Rechte der ſtra-
fenden Gewalt, für den Verbrecher eine recht-
liche Folge in Anſehung der begangenen That
zu beſtimmen. Ein Verbrechen dauert daher
ſo lange rechtlich fort, als nicht ein Grund
eingetreten iſt, der jenes Recht der ſtrafenden
Gewalt aufhebt. Dieſe Gründe können ſeyn
1) eine phyſiſche 2) eine rechtliche Unmöglich-
keit, einen Verbrecher wegen einer begange-
nen Uebertretung zu beſtrafen.
Die Rechtsgründe, welche das Verbrechen
rechtlich endigen, ſind I. Die erlittene
Strafe. Ein ſchon beſtraftes Verbrechen iſt
im
[55]Von d. rechtlichen Dauer e. begang. Verb.
im äuſſern Forum durch die Beſtrafung getilgt.
II. Die Begnadigung, ſie iſt eine durch die
höchſte Gewalt im Staat begründete Strafloſig-
keit wegen eines begangenen Verbrechens
als Ausnahme gegen gültige Strafgeſetze. Ge-
ſchieht 1) dieſe Begnadigung vor vollendeter
richterlicher Unterſuchung, ſo heiſst ſie Abo-
lition*), geſchieht ſie 2) nach vollendeter
rich erlicher Unterſuchung, ſo heiſst ſie Begna-
digung im engern Sinn (aggratiatio in ſſu. ſtro.).
Giebt es überhaupt ein Begnadigungs-
recht; ſo darf es doch nur dann ausgeübt wer-
den, wenn die Anwendung des Strafgeſetzes
auf den vorliegenden Fall einen unausbleiblichen
oder höchſtwahrſcheinlichen Nachtheil für den
Staat ſelbſt, in Anſehung ſeines Hauptzwecks
haben würde. Rückſichten auf den Verbrecher
ſelbſt, auf den Regenten, oder auf Neben-
zwecke und zufällige Vortheile für den Staat,
dürfen keine Begnadigung begründen, wenn
nicht die Gerechtigkeit dem Nutzen aufge-
opfert und die Ausübung der Strafgeſetze zum
Spiele geſetzloſer Willkühr werden ſoll.
III. Verjährung*) — Aufhebung der
rechtlichen Folge eines begangenen Ver-
brechens durch den bloſsen Ablauf einer ge-
wiſſen Zeit **). Der Grund der bey Verbrechen
eingeführten Verjährung iſt wahrſcheinlich,
theils der erſchwerte Beweis der Schuld und
der Unſchuld ***) theils die vermutlich getilgte
Erinnerung an die That ****).
Die Präſcription erfordert 1) den Ablauf
einer geſetzlich beſtimmten Zeit und zwar, in
der
[57]Von d. rechtlichen Dauer e. begang. Verb.
der Regel, des Zeitraums von 20 Jahren *). Ver-
brechen aber, die durch geſetzwidrige Befrie-
digung des Geſchlechtstriebes begangen wer-
den, verjähren, wenn ſie nicht zugleich eine
Verletzung perſönlicher Rechte in ſich enthal-
ten, in 5 Jahren **). Nothzucht wird daher
nur in 20 Jahren verjährt. Die Blutſchande
kann zwar in der Regel in 5 Jahren verjährt
werden, ***) allein wenn ſie mit Ehebruch ver-
bunden iſt, ſo trit die gewöhnliche Verjährung
der Verbrechen ein ****).
Die Verjährungszeit läuft von dem Mo-
ment an, wo die Uebertretung geendigt iſt.
Die Verjährung fortgeſetzter Verbrechen läuft
daher von der Endigung des letzten Aktes, die
Verjährung des Verſuchs von der letzten Hand-
lung, bey welcher der Verſuch ſtehen geblie-
ben iſt, das Verbrechen der Hülfsleiſtung bey
einer fremden Uebertretung von der Zeit an,
wo die Hülfe wirklich geleiſtet wurde. Die
Berechnungsart dieſes Zeitraums iſt übrigens
nicht blos in Anſehung ſeines Anfangs, ſon-
dern auch in Anſehung der zu zählenden Zeit-
theile, blos die natürliche (tempus naturale ra-
tione initii-ratione curſus) *). Dabey kommt es
nicht darauf an, ob es dem Gericht, während
dem Zeitlauf möglich war, die Criminalge-
walt gegen den Verbrecher auszuüben, oder
nicht **).
2) Die Verjährungszeit darf nicht unter-
brochen worden ſeyn. Sie wird unterbrochen
durch jede Handlung der richterlichen Crimi-
nalgewalt des Staats, welche in der Abſicht
geſchieht, das begangene Verbrechen zu un-
terſuchen und zu beſtrafen. Sie wird alſo im
Unterſuchungsproceſs ſchon durch die Gene-
ralin-
[59]Von d. rechtlichen Dauer e begang. Verb.
ralinquiſition *), oder im Anklagproceſs durch
Citation des Verbrechers unterbrochen. Hand-
lungen einer Privatperſon, z. B. Ueberreichung
der Klaglibells) unterbrechen ſie eben ſo we-
nig, als Handlungen des Staats, die nicht auf
Beſtrafung des begangenen Verbrechens ab-
zwecken. Von der Endigung der letzten ge-
richtlichen Handlung an läuft die Verjährung
von neuem, ohne Rückſicht, ob der Ueber-
treter der wirklichen Beſtrafung durch eine
rechtswidrige Handlung oder wegen Mangel
der Anzeigen entgangen iſt **).
Der Verjährung ſind alle Verbrechen un-
terworfen ohne Ausnahme, ohne Rückſicht
auf die Gröſse ihrer Strafbarkeit oder auf die
Beſchaffenheit der Perſon ***).
Alle dieſe Gründe heben das Daſeyn des
Verbrechens als eines ſolchen völlig auf. Der
Ver-
[60]I. Buch. II. Theil. I. Titel. VI. Abſchnitt.
Verbrecher muſs daher in ſeine bürgerlichen
Rechte wieder eingeſetzt werden. Keine Zunft
hat ein Recht, ihm die Wiederaufnahme zu
verſagen und wer ihm das Verbrechen vor-
wirft, um ihn dadurch zu beſchimpfen, be-
geht eine Ehrenverletzung. Die privatrecht-
lichen Folgen werden aber durch keinen dieſer
Gründe getilgt. Dieſe ſind nur den Grund-
ſätzen von den Veränderungen der Rechte im
Privatrechte unterworfen.
Der phyſiſche Grund der Tilgung des Ver-
brechens iſt der Tod des Verbrechers. Aber
nicht unbedingt. I. Stirbt der Verbrecher vor
angefangener Unterſuchung oder vor ge-
ſprochener Sentenz; ſo kann nach ſeinem Tod
weder die Unterſuchung eröffnet, noch fort-
geſetzt werden; ausgenommen iſt beſonders das
Verbrechen des Hochverraths *). II. Stirbt er
nach geſprochener verdammender Sentenz, ſo
haftet die Strafe, wenn ſie Geldſtrafe iſt, auf
ſeinem Vermögen und geht mit dieſem auf die
Erben über. Bey beſonders ſchweren Capi-
talverbrechen nimmt auch die Obſervanz eine
Beſtrafung im Tode an.
Der Stand der Ehre und insbeſondere des
guten Namens gründet ſich auf die Rechtlich-
keit des Menſchen. Er muſs ſo lange in die-
ſem Stande geſchützt werden, als er nicht ſeine
Unrechtlichkeit bewieſen hat. Durch ein do-
loſes Verbrechen zeigt eine Perſon Gering-
ſchätzung der Geſetze, Nichtachtung der
Rechte anderer und beweiſt alſo durch Hand-
lungen ihre Unrechtlichkeit. Die nothwendige
allgemeine Folge eines jeden Verbrechens iſt da-
her Verluſt des Standes der Ehre, Ehrloſigkeit*).
Blos bey Privatverbrechen nehmen die Geſetze
eine Ausnahme an.
Die gemeine Volksmeynung in Deutſch-
land betrachtet die Ehrloſigkeit nicht als Folge
eines Verbrechens, ſondern als Wirkung ge-
wiſſer Strafen. In der Regel infamiren da-
her nach ihr nur ſolche Verbrechen, auf de-
nen
[62]I. Buch. II. Theil. I. Titel. VII. Abſchnitt.
nen eine von dem Henkerknecht zu exequirende
Strafe ſteht *). Der Rechtsgelehrte kann aber
nicht nach dieſer Volksmeynung ſprechen,
ſondern muſs, nach den Geſetzen und nach
der Natur der Sache, den Verluſt des Rechts
auf Ehre und guten Namen, mit allen recht-
lichen Folgen dieſes Verluſtes bey jedem öf-
fentlichen Verbrechen anerkennen, ſo lange
nicht entweder beſondere Geſetze, oder ein
Richterſpruch eine Ausnahme machen **)
Vorbehaltung der Ehre.
Strafgeſetz (lex poenalis) im weitern Sinn, heiſst
jedes Geſetz, das ſich auf Verbrechen und de-
ren Beſtrafung bezieht. Im engern Sinn iſt es
ein Geſetz, welches eine Strafdrohung gegen
geſetzwidrige Handlungen zu ſeinem Inhalte
hat und beſteht in der kategoriſchen Erklärung
der Nothwendigkeit eines ſinnlichen Uebels auf den
Fall einer beſtimmten Rechtsverletzung. Dieſes
Strafgeſetz hat eine doppelte Beziehung 1)
auf alle Bürger als mögliche Verbrecher, welche
es abzuſchrecken ſucht; 2) auf die Staatsbeam-
ten, welche die richterliche Gewalt haben,
denen es die Verbindlichkeit zur Anwendung
der Drohung auferlegt.
FeuerbachReviſion. Thl. I. Kap. II.
Aus der Natur eines Geſetzes überhaupt
flieſsen für das Strafgeſetz die Hauptbe-
ſtimmungen: 1) das Strafgeſetz iſt gültig durch
ſich ſelbſt. Seine Anwendung kann nicht erſt
abhängen von einer beſondern Beurtheilung
ſeiner Zweckmäſsigkeit oder Rechtmäſsigkeit.
2) Das Strafgeſetz iſt gültig für alle in demſel-
ben enthaltenen Fälle. Kein Fall, der unter das
Geſetz paſst, iſt ausgeſchloſsen, als wenn er
durch einen geſetzlichen Grund ſelbſt ausge-
ſchloſsen iſt.
Das Medium der Anwendung des Straf-
geſetzes iſt das richterliche Urtheil; die Perſon,
die daſſelbe anwendet, heiſst der Richter. Da
nun das Geſetz für alle in demſelben enthal-
tenen Fälle gültig, der Richter aber nur Diener
des Geſetzes iſt, ſo folgt: daſs jedes richter-
liche Urtheil nur durch geſetzliche Gründe be-
ſtimmt werden darf, und alſo ſelbſt in dem
Willen des Geſetzes gegründet ſeyn muſs. Alſo
kann 1) die Sentenz einen Angeſchuldigten
nur dann losſprechen, wenn das Geſetz ſelbſt
ihn losſpricht und dieſes letzte gewiſs iſt *);
ſie kann ihm aber auch 2) nur diejenige Strafe
zuerkennen, welche geſetzlich nothwendig iſt.
Willkührliche Verwandlung oder Milderung
und
[65]V. d. Strafgeſetzen u. deſſen Anwendung.
und Schärfung der Strafe iſt ungerecht. Zu
dieſen allen muſs ein geſetzlicher Grund vor-
handen ſeyn, der entweder a) in einem aus-
drücklichen Geſetz oder b) in der Natur des
Geſetzes überhaupt zu ſuchen iſt *).
Die verſchiedene Beſchaffenheit des Straf-
geſetzes beſtimmt die Verſchiedenheit des
Umfangs der richterlichen Gewalt. Das Ge-
ſetz kann I. das Strafübel ſpecifiſch beſtimmen,
welches auf die That folgen ſoll — beſtimmtes
Strafgeſetz (lex p. determinata). Es kann aber
auch II. ein Uebel drohen, ohne das Uebel
ſelbſt ſpecifiſch zu beſtimmen — unbeſtimmtes
Strafgeſetz (l. p. indeterm.) In dieſem Fall droht
es 1) entweder verſchiedene Strafen alter-
nativiſch — relativ-unbeſtimmtes Strafgeſetz
(l. p. relative indet.) oder 2) es beſtimmt in
keiner Rückſicht die Strafe — abſolut unbe-
ſtimmtes Strafgeſetz (l. p. abſol. indeterminata).
I. Das beſtimmte Strafgeſetz erklärt die Noth-
wendigkeit, der Verknüpfung eines beſtimmten
Uebels mit einer beſtimmten Uebertretung.
(§. 84.) Da nun die Sanktion des Geſetzes für
alle unter demſelben enthaltenen Fälle gilt
(§. 82.), ſo kann für eine concrete, einem be-
ſtimm-
E
[66]I. Buch. II. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
ſtimmten Strafgeſetz unterworfene Uebertre-
tung die Gröſse der Strafe nur aus und nach
dem beſtimmten Geſetze ſelbſt determinirt
werden.
II. Die Natur des unbeſtimmten Strafge-
ſetzes verſtattet der richterlichen Gewalt einen
gröſsern Spielraum. Das Geſetz beſtimmt hier
nicht ſelbſt vollſtändig das Strafübel; gleich-
wohl kann der Geſetzgeber nicht wollen, daſs
der Richter nach blinder Willkühr ſtrafe Da
nun aber in dem einzelnen Geſetze ſelbſt kein
Princip für die Beſtimmung der Gröſse der
Strafe enthalten iſt; ſo muſs der Richter ſelbſt
nach einem, auſſerhalb des ſpeciellen Geſetzes
liegenden Princip die Gröſse der Strafen be-
ſtimmen. — Bey dem relativunbeſtimmten
Strafgeſetz darf er nur zwiſchen den verſchie-
denen von dem Geſetz angedrohten Strafen
nach jenen Principien wählen: bey dem ab-
ſolutunbeſtimmten Strafgeſetz darf er auf jede
Strafe erkennen*), ſobald ſie nur jenen allgemei-
nen Principien der Strafbarkeit angemeſſen iſt.
FeuerbachReviſion Thl. II. Kap. VI. und VII.
Die Gründe, von welchen die rechtliche
Möglichkeit der Anwendung eines Strafge-
ſetzes überhaupt, alſo der Zufügung einer
Strafe abhängt, heiſsen Gründe der abſoluten
Strafbarkeit und ſind theils objectiv, theils ſub-
jectiv.
I. Der objective Grund aller Strafbar-
keit iſt die Exiſtenz einer Thatſache, welche un-
ter der Drohung eines Strafgeſetzes enthalten iſt.
(§. 24. II.) Eine Handlung, die unter keinem
Strafgeſetze ſteht, hat vor dem Gerichtshof des
E 2äuſ-
[68]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
äuſſern Rechts keine Strafbarkeit *). Die ob-
jective Beurtheilung der Strafbarkeit einer in
concreto vorkommenden Handlung hängt da-
her von der Vergleichung derſelben mit den
Merkmalen der in dem Geſetz vorausgeſetzten
rechtswidrigen Handlung ab. Sie iſt nur dann
Verbrechen, wenn ſie die Merkmale an ſich
trägt, welche in dem Begriffe derjenigen Hand-
lung enthalten ſind, an die das Geſetz die
Strafe als rechtliche Folge geknüpft hat.
Der Inbegriff der Merkmale einer concre-
ten Handlung oder Thatſache, welche in dem
geſetzlichen Begriff von einer beſtimmten Art
rechtswidriger Handlungen enthalten ſind,
heiſst der Thatbeſtand des Verbrechens
(corpus delicti) **). Die objective Strafbarkeit
hängt
[69]V. d. Gründen d. abſoluten Strafbarkeit.
hängt daher von der Exiſtenz des Thatbeſtan-
des eines Verbrechens überhaupt, die Anwen-
dung eines einzelnen Geſetzes auf einen be-
ſtimmten Fall von demjenigen Thatbeſtande ab,
den das anzuwendende Geſetz als Bedingung
ſeiner rechtlichen Folge vorausſetzt.
Der Thatbeſtand der Verbrechen iſt ver-
ſchieden nach Verſchiedenheit des geſetzlichen
Begriffs der Verbrechen. Gewöhnlich gehört
zum Thatbeſtande 1) ein beſtimmter ge-
ſetzwidriger Erfolg der Handlung *); oft aber
auch 2) gewiſſe ſubjective (in dem Gemüth des
Verbrechers liegende) Gründe der rechtswidri-
gen Handlung, welche entweder a) in einer be-
ſtimmten Abſicht**), oder b) in einer beſtimm-
ten Art der Willensbeſtimmung beſtehen ***). —
Immer
[70]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
Immer gehören 3) gewiſſe Merkmale der äuſ-
ſern Handlung an und für ſich ſelbſt, zum
Thatbeſtande eines Verbrechens.
Die Strafbarkeit einer concreten Handlung
hängt davon ab, daſs an ihr der Thatbeſtand
eines Verbrechens vorhanden iſt (§. 89.) Ein
Strafgeſetz, alſo auch eine Strafe, kann
nicht zur Anwendung kommen, wenn nicht
die vorkommende Handlung, unter einem Straf-
geſetze ſteht oder eine unter dem Strafgeſetz
ſtehende Handlung nicht vorhanden iſt. Die
juridiſche Exiſtenz einer Handlung hängt aber
von dem juridiſchen Beweis derſelben ab. Für
den Richter als Richter iſt eine Thatſache, die
nicht juridiſch erwieſen iſt, gar nicht vorhan-
den. Ein Menſch kann daher ſo wenig be-
ſtraft werden, wenn der Beweis der angeb-
lich von ihm vollzogenen und unter einem
Strafgeſetz ſtehenden Handlung, juridiſch un-
vollſtändig iſt, als er beſtraft werden kann,
wenn gar kein Grund für die Exiſtenz der
bedrohten That vorhanden iſt. Strafe bey
unvollkommenem Beweis iſt rechtswidrig,
gleichviel ob man die Strafe des Geſetzes
oder
***)
[71]V. d. Gründen d. abſoluten Strafbarkeit.
oder eine von derſelben abweichende gelindere
(auſſerordentliche) Strafe anwendet *).
II. Der ſubjective Grund aller Straf-
barkeit, beſteht in der Gemüthseigenſchaft des
Uebertreters, vermöge welcher für den vorliegen-
den Fall der Uebertretung in ihm die phyſiſche
Möglichkeit der Wirkſamkeit des Strafgeſetzes
begründet war. Zur Beſtrafung eines äuſſer-
lich dem Strafgeſetz widerſprechenden Fac-
tums wird alſo ein Gemüthszuſtand voraus-
geſetzt, in welchem es möglich war, daſs der
Uebertréter von ſeiner That abgeſchreckt wer-
den konnte. Denn das Strafgeſetz iſt gege-
ben zur Abſchreckung; für den Fall, wo es
unmög-
*)
[73]V. d. Gründen d. abſoluten Strafbarkeit.
unmöglich und undenkbar iſt, daſs es dieſen
Zweck erreiche, kann alſo auch das Strafge-
ſetz nicht gegeben ſeyn. Nun hängt aber die
Möglichkeit der Zufügung einer Strafe davon
ab, daſs der Fall von dem Geſetz bedroht
worden iſt (§. 24. II.); alſo kann nur unter
Vorausſetzung der Abſchreckungsmöglichkeit
ein Rechtsgrund der Zufügung der Strafe vor-
handen ſeyn. Die Gemüthseigenſchaft, welche
die Strafbarkeit eines Menſchen begründet,
heiſst die Imputativität.
Das Strafgeſetz ſoll durch die Vorſtellung des
künftigen Uebels auf das Begehrungsvermögen
wirken und dieſes abhalten, die That zu wol-
len. Die Bedingungen der Imputativität ſind
alſo 1) das Bewuſtſeyn der Strafbarkeit der
Handlung, welches a) die Vorſtellung des
Strafgeſetzes ſelbſt in dem Momente der Wil-
lensbeſtimmung, und b) die richtige Subſum-
tion der Handlung unter das Geſetz, vorausſetzt.
Die andere Bedingung iſt 2) die Möglichkeit
des Einfluſses der Vorſtellung von der Strafbar-
keit auf die Unterlaſſung der That. Konnte
nach Geſetzen der äuſſern oder innern Natur
ſelbſt die gegenwärtige Vorſtellung der Strafe
die That nicht verhindern, ſo iſt keine Straf-
barkeit vorhanden *).
Eine Rechtsverletzung kann begangen
werden, ſowohl aus Dolus, als aus Culpa.
Die
[74]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
Die culpoſe iſt ſo wie die doloſe Verletzung
nur ſtrafbar, weil ſie durch ein Strafgeſetz be-
droht worden iſt. Da nun das Strafgeſetz zur
Beobachtung des gehörigen Fleiſses, als Straf-
geſetz denſelben Zweck der Abſchreckung
haben muſs, wie das Strafgeſetz gegen den
Dolus, ſo ſind (vermöge des §. 92.) die Be-
dingungen der Imputativität überhaupt (§. 93.)
ſowohl Bedingungen der Beſtrafung des Dolus,
als der Culpa.
Vergleiche Titel I. Abſchn. V. §. 63.
Da eine Rechtsverletzung nicht blos dann
ſtrafbar iſt, wenn ſich die Perſon mit dem
Bewuſtſeyn der Strafbarkeit zu derſelben ſelbſt
beſtimmt hat; ſondern auch dann, wenn ſie
ſich, ohne die Rechtsverletzung zum Zweck zu
haben, zu andern Handlungen beſtimmt hat,
aus denen die Verletzung nach Natururſachen
erfolgt (§§. 62—64); ſo iſt diejenige ſtrafbar,
die zwar in einem Zuſtand der Nichtzurech-
nungsfähigkeit das Verbrechen begeht, ſich
aber durch eine zurechnungsfähige Uebertre-
tung des Geſetzes gegen die Fahrläſſigkeit in
den Zuſtand der Nichtzurechnungsfähigkeit
verſetzt hat. Mithin fällt bey einem Verbrechen
nur dann alle Strafbarkeit hinweg, wenn die
Perſon weder die Rechtsverletzung ſelbſt unter den
Bedingungen der Imputativität gewollt, noch auch,
unter denſelben Bedingungen der Imputativität,
ſich zu andern Handlungen oder Unterlaſſungen
beſtimmt hat, durch die ſic in den Zuſtand der
Nichtzurechnungsfähigkeit verſetzt worden iſt.
Zu den einzelnen Zuſtänden, welche die
Imputativität ausſchlieſsen, gehört demnach
(vermöge §§. 93—95.) I. jeder unverſchuldete
Gemüthszuſtand, der das Bewuſtſeyn der Straf-
barkeit der That (die Vorſtellung des Geſetzes
oder die Subſumtion unter daſſelbe) unmög-
lich macht. Mithin wirkt Strafloſigkeit 1) der
natürliche Zuſtand der Kindheit*) 2) der wider-
natürliche Zuſtand der Kindheit (gewöhnlich)
bey Taub- und Stummgebohrnen**) und völlig
kindiſchen Greiſen; 3) Gemüthskrankheit, na-
mentlich Raſerey und Wahnſinn***), nicht
aber bloſse Einfalt, auch nicht partieller Wahn-
ſinn, wenn nicht das Verbrechen in der fixen
Idee ſelbſt, aus welcher dieſer Wahnſinn be-
ſteht, ſeinen Grund hat ****); 4) unverſchuldete
höchſte Trunkenheit; 5) gerechter und im höch-
ſten Grade tobender Aſſect *****), 6) ſchuldlo-
ſer
[76]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
ſer Schlaf; 7) unverſchuldeter Irrthum oder
Unwiſſenheit in Rückſicht auf das Daſeyn des
Strafgeſetzes überhaupt, oder der Subſumtion
der That unter daſſelbe (§. 64.)
II. Jeder unverſchuldete Zuſtand der Perſon, in
welchem der Einfluſs des Strafgeſetzes zur Verhin-
derung der That entweder pſychologiſch oder phy-
ſiſch unmöglich iſt. Die Strafbarkeit fällt daher
hinweg 1) wenn die Perſon durch ein gewiſſes
und gegenwärtiges, dem Strafübel entweder
gleiches oder daſſelbe überwiegendes Uebel zur
That fortgetrieben wird. Ein ſolches Uebel
kann a) durch die Natur bevorſtehen (Noth-
fall) *), oder es kann b) durch Menſchen
bewirkt werden, welches ſtatt findet bey der
compulſiven Gewalt eines andern, mit wel-
cher er zur Begehung eines Verbrechens
nöthigt
[77]V. d. Gründen d. abſoluten Strafbarkeit.
nöthigt *). Sie fällt 2) hinweg, wenn die That
blos durch den Körper bewirkt wurde, ohne
daſs ihr ein Begehren zum Grunde lag. Da-
hin rechne man den Zwang eines andern durch
abſolute Gewalt (vis abſoluta).
Bey einer jeden, dem Geſetz äuſſerlich
widerſprechenden That, wird die Imputativi-
tät ſo lange präſumirt, bis das Gegentheil er-
wieſen iſt. Aus ähnlichen Gründen, aus
welchen auch Dolus präſumirt werden muſs
(§. 68.)
Tiraquellusde poenis legum ac conſuetudinum ſtatu-
torumque temperandis aut etiam remittendis. Venet. 1560.
et in Opp. T. VII.
C. G. StreckerDiſſ. de poteſtate judicis, poenas in delicta
ſtatutas [...]igandi etc. Erf. 1733.
P. J. Heisler. Diſſ. de juſtis poenas mitigandi cauſſis in
criminibus. Hal. 1752.
G. B. HoffmannDiſſ. de poena ordinaria nonnunquam
mitiganda. Lipſ. 1762.
Bey beſtimmten Strafgeſetzen (§. 84. 85.) hat
der Geſetzgeber die rechtswidrige Handlung
in abſtracto beurtheilt und nach dem Grad der
Strafbarkeit, welcher der beſtimmten Art
rechtswidriger Handlungen im Allgemeinen
zukommt, die Art des Strafübels beſtimmt,
welche die nothwendige rechtliche Folge der
That ſeyn ſoll. Bey beſtimmten Strafgeſetzen
kann
[79]Relative Strafb. Milderungsgründe.
kann daher die Gröſse der Strafbarkeit einer
von dem Geſetz bedrohten concreten Ueber-
tretung nicht nach allgemeinen Principien,
ſondern lediglich durch das Geſetz beſtimmt
werden Es kann alſo nur eine ſolche Strafe
zuerkannt werden, welche aus dem beſtimm-
ten poſitiven Geſetzeſelbſt als nothwen-
dig erkannt wird.
Da ein Geſetz das, was es erklärt, mit Noth-
wendigkeit beſtimmt, da das Urtheil des Rich-
ters nicht über dem Urtheil des Geſetzes iſt und
die Anwendung eines Geſetzes nicht erſt von
der Beurtheilung der Zweckmäſsigkeit oder
Rechtmäſsigkeit deſſelben in concreto abhän-
gen kann, (§. 82.); ſo zeigt ſich die Nothwen-
digkeit: daſs die geſetzlich beſtimmte Strafe an-
gewendet werde, ſobald die in dem Geſetz vor-
ausgeſetzten Merkmale des Verbrechens an einer
concreten Handlung exiſtiren — und kein höhe-
rer rechtlicher Grund zur Anwendung kommt,
welcher die Nothwendigkeit einer Ausnahme be-
gründet. Denn das Geſetz hat das beſtimmte
Uebel, an die beſtimmten geſetzlichen Merk-
male der Handlung als nothwendige Folge ge-
knüpft.
Wenn Gründe da ſind, bey einem unter
dem beſtimmten Strafgeſetz enthaltenen Fall
von der geſetzlichen Strafe abzuweichen, ſo
exiſtirt eine Strafänderung. Dieſe iſt Beſtim-
mung einer der Qualität (der Gröſse) nach von
dem geſetzlichen Strafübel verſchiedenen Strafe
für
[80]I. Buch. II. Theil. II. Titel II. Abſchnitt.
für einen unter dem beſtimmten Strafgeſetz ent-
haltenen Fall*). Sie begreift 1) die Straf-
milderung (mitigatio poenae), die Beſtim-
mung eines der Qualität nach geringeren Straf-
übels für einen unter dem beſtimmten Geſetz
enthaltenen Fall **), 2) die Strafſchärfung,
die Beſtimmung eines der Qualität nach
gröſsern Strafübels für einen unter dem be-
ſtimmten Geſetz enthaltenen Fall.
Der Richter kann von der geſetzlichen
Strafe für einen unter dem beſtimmten Geſetz
enthaltenen Fall nur dann abweichen, wenn
ein geſetzlicher Grund dazu vorhanden iſt ***).
Ein
[81]Relative Strafb. Milderungsgründe.
Ein ſolcher rechtlicher Milderungsgrund kann
enthalten ſeyn 1) in der Natur des beſtimmten
Strafgeſetzes ſelbſt, 2) in der ausdrücklichen
Erklärung eines Geſetzes. Ein politiſcher Grund
kann kein rechtlicher Grund der Milderung
ſeyn.
Geſetzliche Gründe, welche eine Milde-
rung bey allen Verbrechen begründen, heiſsen
allgemeine Milderungsgründe (c mit. communes);
ſolche, die nur bey beſondern Verbrechen
Milderung begründen, heiſsen beſondere (c. mit.
propriae). Hier nur jene.
Cauſae mit. extrinſecae — intrinſecae.
A. Aus der Natur des beſtimmten Strafge-
ſetzes, ergiebt ſich als Milderungsgrund der
Mangel an den geſetzlich beſtimmten ausdrück-
lichen Merkmalen*) (Requiſiten) der That,
an
F
[82]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
an welche das Geſetz die ordentliche Strafe ge-
knüpft hat. Denn die Gröſse der Strafe in dem
Geſetz wird beſtimmt durch die Gefährlich-
keit der That, welche aus den in dem Geſetz
benannten Merkmalen erkannt wird. Die
volle Strafe correſpondirt alſo nur allen ge-
ſetzlichen Requiſiten der That zuſammenge-
nommen. Wenn aber gewiſſe geſetzliche
Merkmale der That nicht exiſtiren, während
andere vorhanden ſind, ſo iſt darum die Hand-
lung nicht völlig ſtraflos, weil ſie durch die
noch vorhandenen Requiſite unter dem Geſetze
ſteht und jedes einzelne vorausgeſetze Requiſit
vom Geſetz als ein Grund der Strafbarkeit be-
trachtet wird *). Da nun bey einer ſolchen
Vorauſſetzung die volle Strafe nicht anwend-
bar, auch nicht volle Strafloſigkeit vorhan-
den iſt; ſo muſs eine gelindere Strafe angewen-
det werden.
Aus dieſem Grund findet Milderung ſtatt
1) wenn die Nichtexiſtenz gewiſſer geſetzlichen
Requiſite der That juridiſch gewiſs iſt. — Man-
gel an dem Thatbeſtande; 2 wenn für die Exi-
ſtenz aller geſetzlichen Requiſite der That keine
juridiſche Gewiſsheit vorhanden, alſo ein Theil
der Requiſite erwieſen, ein anderer juridiſch
zwey-
[83]Relative Strafb. Milderungsgründe.
zweifelhaft iſt. — Ungewiſsheit des Thatbeſtan-
des*).
Die Qualität der gemilderten Strafe muſs
beſtimmt werden nach dem Geſetze ſelbſt.
Nämlich, die ordentliche Strafe iſt ein Inbe-
griff gewiſſer Uebel, welcher dem Grad der
Gefährlichkeit correſpondirt, der aus allen
Requiſiten der That zuſammengenommen ent-
ſpringt. Jedes Requiſit einzeln genommen
hat aber für ſich einen gewiſſen Grad der Ge-
fährlichkeit und Strafbarkeit, ihm alſo corre-
ſpondirt nur ein ihm proportionirter Theil der
vollen Strafe. Da nun bey einem beſtimmten
Strafgeſetz, die Strafbarkeit in concreto nach
dem Geſetz ſelbſt beurtheilt werden muſs (§.
99.); ſo kann auch die Gröſse der gemilderten
Strafe nur dadurch beſtimmt werden, daſs
von der vollen Strafe ſo viel abgezogen wird,
als den fehlenden Requiſiten correſpondirte.
Sind daher alle einzelnen Requiſite, der Straf-
F 2barkeit
[84]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
barkeit nach, einander gleich, ſo ſinkt die
Strafe um ſo viele Grade, als der Zahl nach
Requiſite mangeln; ſind ſie ungleich, ſo muſs
die Beurtheilung der Gröſse der Strafbarkeit
des fehlenden Requiſits den Grad beſtimmen,
bis zu welchem die geſetzliche Strafe fällt *).
B. Die poſitive Geſetzgebung beſtimmt nur
zwey allgemeine Milderungsgründe. Dieſe
ſind: 1) wenn der Verbrecher auſſer der Strafe
durch die Staatsgewalt**)ſchon andere unver-
ſchuldete Uebel in Beziehung auf ſeine Uebertre-
tung erlitten hat***). Dahin gehört beſonders
langes oder ſehr hartes unverſchuldetes Ge-
fäng-
[85]Relative Strafb. Milderungsgründe.
fängniſs*) 2 Wenn der Urheber des Verbrechens
noch unmündig war und die That aus jugend-
licher Uebereitung begangen hat**). Zeigte ſich
bey ſeiner That ein hoher Grad von Ueberle-
gung und eingewurzelten rechtswidrigen
Triebfedern (erfüllte die Bosheit das Alter), ſo
fällt der Grund des Geſetzes hinweg ***).
Bey jeder Schärfung werden mit der von
dem Geſetz angedrohten Summe von Uebeln,
noch andere verknüpft. Die Schärfung ent-
hält
***)
[86]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
hält alſo einen Zuſatz, der im drohenden
Geſetze nicht enthalten iſt. Nun ſetzt aber je-
des Strafübel voraus, daſs es durch ein Geſetz
vorher angedroht ſey. Es iſt daher auch jede
Schärfung der Strafe rechtlich unmöglich *).
ReinharthDiſſ. de cauſis, ob quas judex poteſtatem
mitigandi poenas falſo ſibi arrogat. Erf. 1734.
Die Rechtslehrer kennen noch viele
andere Milderungsgründe, welche die Noth
und halbverſtandene Humanität erfunden
hat **). Die wichtigſten ſind I. der verringerte
Grad
[87]Relative Strafb. Milderungsgründe.
Grad der Strafbarkeit in concreto*). Dieſer
wird angenommen 1) wenn der That eine un-
gewöhnlich gute oder unſchuldige Abſicht zum
Grunde liegt **), 2) wenn die Selbſtthätig-
keit des Subjects (die Freyheit) bey der That
beſchränkt iſt. (impedita libertas). Daher ſoll
a) Schwäche des Verſtandes***) b) ſchlechte
Erziehung, in wie fern von ihr die Bildung
des Verſtandes abhängt ****), c) hohes Alter†),
d) Schwäche des weiblichen Geſchlechts, wenn
die That nicht beſondere Kraft zur Ueberwin-
dung weiblicher Schüchternheit erfodert, e)
Aſſect, vorausgeſetzt, daſs er nicht den höch-
ſten Grad erreicht hat, ††) f) Trunkenheit
unter derſelben Bedingung, g) Verführung, h)
heftiger äuſſerer Reitz, beſonders durch zufäl-
lige dargebotene groſse Gelegenheit†††) u. ſ. w.
die Strafe mildern.
Das Hauptargument für dieſen Milde-
rungsgrund, liegt in der Behauptung: daſs,
da jede Strafe dem Grad der Moralität oder
Gefährlichkeit der That in concreto angemeſſen
ſeyn müſſe, um gerecht und zweckmäſsig zu
ſeyn, die geſetzliche Drohung ſelbſt nur auf den-
jenigen ſpeciellen Fall der That angedroht ſeyn
könne, mit welchem ſie in Proportion ſteht,
und mithin eine ſtillſchweigende Vorausſetzung
der ordentlichen Strafe nicht exiſtire, ſobald
die geſetzlich benannte Gattung des Ver-
brechens in concreto einen Grad der Strafbar-
keit zeigt, der mit der ordentlichen Strafe nicht
in Verhältniſs ſteht *). Allein: 1) ein beſtimm-
tes Strafgeſetz knüpft, ſeiner ausdrücklichen
Erklärung nach, die gedrohte Strafe an die
von ihm benannten Merkmale der That, alſo
an die ganze Gattung des Verbrechens **);
2);
†††)
[89]Relative Strafb. Milderungsgründe.
2); die ganze Vorausſetzung, daſs die Strafe
dem Grad der Strafbarkeit in concreto ange-
meſſen ſeyn müſſe, beruht auf irrigen Begrif-
fen von Strafe und Strafzweck, nämlich der
Präventionstheorie oder der Idee einer mora-
liſchen Vergeltung. Jede der Strafbarkeit der
Gattung angemeſſene und geſetzlich angedroh-
te Strafe, iſt auch immer in concreto gerecht,
weil ſie angedroht iſt *). 3) Dieſe Vorſtellungs-
art
**)
[90]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
art iſt nicht nur nicht in den poſitiven Geſetzen
gegründet, ſondern ihnen gerade entgegen *).
Anmerk. Wa hier nur angedeutet werden konnte, wird
ausführlich dargeſtellt und bewieſen in Feuer-
bach Diſſ. de cauſis mitigandi ex capite impeditae liber-
tatis. Jen. 1799. und in deſſenReviſion. Thl. I.
S. 150 422.
Noch werden, jedoch nicht einſtimmig,
als Milderungsgründe angenommen II. der
gute
*)
[92]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
gute Lebenswandel*) III. Reue**) IV. Frey-
williges Bekenntniſs, V. Gewohnheit***) VI. Irr-
thum und Unwiſſenheit in Anſehung der Gröſse
der auf das Verbrechen geſetzen Strafe ****),
VII Glücklicher Erfolg der Handlung†) VIII.
Verwandſchaft des Beleidigers mit dem Belei-
digten ††) IX. Schadenserſatz,†††) X. Ent-
ſagung der Rechte aus der Beleidigung von
Seiten des Beleidigten ††††) XI. Compenſa-
tion
*)
[93]Relative Strafb. Milderungsgründe.
tion*) XII. Ablauf der halben Verjährungszeit
XIII. Geſchicklichkeit des Thäters**) u. ſ. w.
Keiner dieſer Gründe ſtützt ſich auf Geſetze;
faſt jeder widerſpricht der Natur der Sache.
Wegen erhöhter Strafbarkeit in concreto
wird auch Schärfung angenommen. Sie ſoll
eintreten 1) wenn der Verbrecher eine beſon-
dere Bosheit in der Ausführung der That be-
weiſt; 2) wenn die Freyheit des Verbrechers
in einem auſſerordentlichen Grade erhöht war,
wenn er ungewöhnliche äuſſere Hinderniſſe
zu überwinden, auſſerordentliche Beweggrün-
de zu beſiegen hatte; 3) wenn ein unge-
wöhnlich groſser Schade durch die That ent-
ſtanden iſt ***).
FeuerbachReviſion. Thl. II.
Grolmanüber die Begründung des Strafrechts. Drit-
tes Kap. S. 118 — 187.
Für die entgegengeſetzte Theorie beſonders:
Kleinſchrodſyſt. Entw. Thl. I. Kap. IV. §. 43 — 206.
und StübelSyſtem des allg. p. R. Thl. II.
Das unbeſtimmte Strafgeſetz gebietet dem
Richter ſelbſt die Strafe zu beſtimmen; es ge-
bietet ihm aber zugleich die Strafe nach Prin-
cipien zu beſtimmen, weil Zufügung eines
Uebels nach bloſser Willkühr allem Recht und
der Idee eines rechtlichen Zuſtandes im Staate
widerſtreitet. (§. 86.) Dieſe Principien ſind.
Gründe der Strafbarkeit und zwar dieſelben,
nach welchen der Geſetzgeber die Strafbarkeit
beurtheilt. Nur in der Art der Anwendung
dieſer Principien unterſcheidet ſich der Ge-
ſetzgeber von dem Richter, der ein unbeſtimm-
tes Strafgeſetz anwendet: jener beurtheilt nach
denſelben eine Handlung in abſtracto (eine
ganze Art oder Gattung von Handlungen, nach
ihren
[95]Relative Strafb. Milderungsgründe.
ihren allgemeinen Merkmalen), dieſer beur-
theilt eine beſtimmte concrete Handlung (nach
ihren individuellen Merkmalen). Der Richter
ſteht alſo hier auf dem Standpunkte des Geſetz-
gebers ſelbſt und beſtimmt der individuellen
Handlung diejenigen Strafe, welche ihr der Ge-
ſetzgeber, aus den Principien der Strafgeſetzge-
bung beſtimmt haben müſte, wenn er ſie einzeln
mit einer beſtimmten Strafe bedrohen wollte.
Die Darſtellung der Principien der Straf-
barkeit ſelbſt zerfällt in den abſoluten und ange-
wandten Theil. Jener ſtellt die höchſten Grün-
de der Strafbarkeit ſelbſt auf, dieſer wendet
ſie auf beſondere Vorauſſetzungen an.
Der Rechtsgrund des Daſeyns aller bürger-
lichen Strafe iſt die Gefahr für den rechtlichen
Zuſtand im Staat. Die Strafe muſs daher der
Gefährlichkeit der Handlung angemeſſen und
weder gröſser noch geringer ſeyn, als noth-
wendig iſt, um die durch die Handlung be-
gründete Gefahr abzuwenden. Je gröſser alſo
die Gefährlichkeit der Handlung für den recht-
lichen Zuſtand iſt, deſto gröſser iſt die Straf-
barkeit*).
Die Gröſse der Gefahr wird beſtimmt
1) durch die Wichtigkeit des Rechts, welches
gefährdet wird, 2) durch die Mannigfaltig-
keit der Rechte, gegen welche die Gefahr ge-
richtet iſt, 3) durch die intenſive Stärke der
Gefahr, 4) durch die Dauer der Gefahr.
Hieraus folgt: 1) jewichtigerdie Ge-
fahr, je wichtiger alſo das Recht iſt, gegen
welches ſie gerichtet iſt; 2) jeextenſiv-gröſser
die Gefahr iſt, je mehrere Rechtsverletzungen zu
beſorgen ſind; 3) jeintenſiv-ſtärkerdie
Gefahr iſt, je mehr Gründe für die Wahrſchein-
lichkeit und Wirklichwerdung einer Rechtsver-
letzung vorhanden ſind; 4) jepermanenter
die Gefahr iſt, je fortdauernder der Grund der
Gefahr wirkt und je weniger derſelbe durch an-
dere Gründe aufgehoben werden kann, — deſto
gröſser iſt die Strafbarkeit.
Eine Handlung kann betrachtet werden
1) objective, wenn wir auf die derſelben in der
äuſſern Sinnenwelt zukommenden Merkmale
reflectiren 2) ſubjective wenn wir ſie in Rückſicht
der pſychologiſchen Gründe betrachten, die ihr
zum Grunde liegen. Jene Eigenſchaften der
Handlung machen die Quantität derſelben,
diejenige Merkmale, welche durch dieſe pſy-
chologiſchen Gründe beſtimmt werden, ihre
Qualität aus. Eine Handlung kann daher nach
jenen Principien ſowohl in Rückſicht ihrer
Quali-
[97]Gründe d. rel. Strafb. b. unbeſt. Strafg.
Qualität beurtheilt werden. Diejenigen be-
ſondern Gründe der Strafbarkeit, welche
durch die Quantität beſtimmt werden, heiſsen
objective Gründe der Strafbarkeit (rationes ille-
galitatis externae); diejenigen, welche aus der
Qualität hervorgehen ſubjective Gr. der Strafb.
(rat. illeg. internae ſ. ſubjectivae).
Eine Handlung an ſich betrachtet iſt I) um
ſo ſtrafbarer, jewichtigerdas Recht iſt, das
durch ſie verletzt wurde oder auf deſſen Ver-
letzung ſie gerichtet war. (Grundſ. 1. §. 117.)
Ein Recht iſt aber um ſo wichtiger, je mehr
es Bedingung der freyen Exiſtenz des Menſchen
iſt, alſo 1) je mehr freye Handlungen durch
daſſelbe begründet wurden, je mehr alſo durch
die Verletzung deſſelben die Sphäre der recht-
lichen Freyheit beſchränkt ward, 2) je uner-
ſetzlicher das Recht iſt *).
Die Rechte eines Subjects ſind I. urſprüng-
liche Rechte, welche dem Subject zugleich mit
ſeinem Daſeyn zukommen. Dieſe beſtehen 1)
aus dem Recht auf freyen Gebrauch der Kräfte,
welche a) das Recht auf Exiſtenz überhaupt;
(Leben) b) das Recht auf Integrität der Kräfte
(Geſundheit, 3) das Recht auf ungehinderte
Aeuſſerung der Kräfte (phyſiſche Freyheit, in
ſich begreift; 2) aus dem Recht auf Ehre*). II.
Erworbene, welche zu ihrer Exiſtenz ein Fac-
tum vorausſetzen, wohin 1) das erworbene
Recht auf Sachen (Eigenthumsrecht), 2) das er-
worbene Recht auf Leiſtungen (Vertragsrecht)
gehört.
Nach demſelben Eintheilungsgrund ſind
die Rechte einzutheilen, die dem Staat als
einer moraliſchen Perſon zukommen. Der Staat
hat I. urſprüngliche Rechte, die unmittelbar
durch den Bürgervertrag beſtimmt, ihm alſo
mit ſeinem Daſeyn gegeben ſind. Dahin ge-
hört: 1) das Recht auf Exiſtenz überhaupt, 2)
das Recht auf Integrität der Staatskräfte, 3) das
Recht
[99]Gründe d. rel. Strafb. b. unbeſt. Strafg.
Recht auf ungehinderte Aeuſſerung der Kräfte.
(Regierungsrechte). 4) das Recht auf vorzüg-
liche Ehre vor allen, die ſeiner Gewalt unter-
worfen ſind (Recht auf Majeſtät) *). II. Er-
worbene Rechte, welche erſt zu ihrem Daſeyn
ein Factum von Seiten des Staats vorausſetzen.
Dieſe ſind 1) erworbene öffentliche Rechte, deren
Daſeyn durch die Ausübung eines Regierungs-
rechts begründet wird und dem Staat als einer
öffentlichen Perſon zukommt. Ein ſolches iſt
das Recht gegen ein beſtimmtes Policeygeſetz
Gehorſam zu fodern **). 2) Erworbene Pri-
vatrechte, deren Daſeyn durch die Ausübung
eines Privatrechts begründet iſt und welche dem
Staate als einer Privatperſon zuſtehen ***).
Die Rangordnung dieſer einzelnen Rechte
und Verletzungen wird (nach obigem Maas-
G 2ſtab
[100]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
ſtab (§. 119.) durch folgende Ordnung beſtimmt
I. Urſprüngliche Rechte. 1) Eine Handlung, die
auf Verletzung des Rechts auf Daſeyn gerich-
tet iſt, hat den höchſten Grad der Strafbarkeit.
Denn dieſes Recht iſt unerſetzlich und die Be-
dingung aller andern Rechte. 2) Durch Ver-
letzung der Integrität werden Bedingungen
zur Wirkſamkeit für einen beſtimmten Theil
der Freyheitsſphäre auf immer, oder doch auf
eine gewiſſe Zeit lang, aufgehoben und dieſe
Verletzung iſt mit der Gefahr des Verluſts des
Daſeyns ſelbſt verbunden, auch iſt ſie an ſich un-
erſetzlich *); ſie hat daher den zweyten Grad
der Strafbarkeit.
3) Bloſse Störung der Thätigkeitsäuſſerung
eines Subjects iſt zwar an ſich ebenfalls uner-
ſetzlich, beſchränkt aber die Freyheit blos
vorübergehend in Rückſicht beſtimmter ein-
zelner Handlungen, daher hat ſie den dritten
Grad der Strafbarkeit. 4) Ehrenverletzung iſt,
weil ſie ein unſchätzbares Object hat, uner-
ſezlich, beſchränkt aber unmittelbar die Frey-
heit ſelbſt nicht. Weil aber Ehrenverletzung
leicht zur Verletzung aller übrigen Rechte
führt, ſo ſteht ſie im vierten Grad und geht der
Verletzung erworbener Rechte vor. II. Er-
worbene Rechte ſind im niedrigſten Grade ſtraf-
bar, ihre Verletzung enthält keine unerſetz-
liche Rechtsverletzung und die Freyheit wird
blos
[101]Gründe d. rel. Strafb. b. unbeſt. Strafg.
blos in Hinſicht beſtimmter Objecte oder ein-
zelner Handlungen beſchränkt *).
Die Gröſse der Strafbarkeit wird nächſt
dem Princip der Wichtigkeit des Rechts be-
ſtimmt durch die Extenſität der Gefahr. Alſo
II. iſt eine Handlung (äuſſerlich betrachtet)
um ſo ſtrafbarer, aufje mehrRechtsver-
letzungen (der Zahl nach) ſie gerichtet war,
oder je mehr ſie wirklich verletzt hat. Um ſo ſtraf-
barer iſt demnach eine Verletzung 1) auf je
mehr Rechte in einem und demſelben Subject
ſie gerichtet war, 2) in je mehr Subjecten ſie
Rechte verletzt oder zu verletzen geſucht
hat.
Aus dem zweyten Satze folgt, daſs 1)
Rechtsverletzungen, welche Rechte des Staates
ſelbſt unmittelbar zum Object haben, in dem
höchſten, 2) Rechtsverletzungen, welche Rechte
einer Gemeinheit im Staat zum Object haben
oder doch die Rechte aller in der Gemeinheit
gefährden, den mittleren, 3) Rechtsverletzun-
gen an dem Einzelnen, den niedrigſten Grad der
Strafbarkeit haben.
Eine Rechtsverletzung des Staats iſt dem-
nach ſtrafbarer, als eine Verletzung deſſelben
Rechts in einer Privatperſon *). Allein die
Verletzung eines durch Polizeygeſetze erwor-
benen Rechts ſteht jeder eigentlichen Ver-
letzung einer Privatperſon nach, weil der
Schutz der Rechte des Einzelnen unmittelbar
Staatszweck, ein Polizeygeſetz und das daraus
entſpringende Recht des Staats nur ein ent-
ferntes Mittel zu jenem Zwecke, ein Mittel
aber an Wichtigkeit ſeinem Zwecke unterge-
ordnet iſt. Privatrechte des Regenten, als Staats-
repräſentanten, ſtehen mit den Privatrechten
der Unterthanen auf derſelben Stufe und eine
Verletzung des Regenten, in ſo ferne er Pri-
vatperſon iſt, kann nicht ſtrafbarer ſeyn, als
die Verletzung deſſelben Rechts in jedem Un-
terthan **).
Der ſubjective Grund aller Rechtsver-
letzungen liegt in illegalen Triebfedern der
Sinn-
[103]Gründe d. rel. Strafb. b. unbeſt. Strafg.
Sinnlichkeit, welche zu der That beſtimmen.
Dieſe ſind alſo Gründe der Gefahr und ſollen
durch eine entgegengeſetze Triebfeder des
ſinnlichen Begehrens, die Furcht vor der
Strafdrohung, aufgehoben werden. Da nun
die Gröſse der Gefahr (in der Vorſtellung des
Geſetzgebers) die Gröſse der Strafbarkeit in
concreto begründet (§. 113.); ſo iſt es auch die
Gröſse der Gefährlichkeit, dieſer ſinnlichen einer
That zum Grunde Triebfedern, welche die Gröſse
der Strafbarkeit beſtimmt*).
Der Grad der Gefährlichkeit einer ſinn-
lichen Triebfeder hängt ab von ihrer Intenſi-
tät und Stärke, von ihrer Feſtigkeit und In-
corrigibilität und endlich von ihrem Umfange.
Es ergeben ſich hieraus (vermöge §. 127.) fol-
gende Hauptgrundſätze:
Jede Handlung erſcheint in jedem dieſer
Momente und muſs nach jedem beurtheilt
werden. Die Strafbarkeit kann in dem einen
Momente ſteigen, während ſie in dem andern
ſinkt. Die Beſtimmung des wirklichen Grades
der Strafbarkeit des Subjects hängt daher von
der Beurtheilung ſeiner Handlung nach allen
drey Momenten ab, und wird durch die Sum-
me beſtimmt, welche aus den Graden der Gefähr-
lichkeit, nach jenen drey verſchiedenen Mo-
menten einzeln genommen, reſultirt *).
Der Grad der Stärke einer Begierde, welche
dem Verbrechen zum Grunde lag, kann nur
erkannt werden, aus ihren Wirkungen, näm-
lich aus der Stärke der Hinderniſſe, welche der
Begehung entgegenſtanden und welche durch
die Begierde überwunden worden ſind. Dieſe
Hinderniſſe können ſeyn 1) Gemüthskräfte, 2)
Wirkungen von Gemüthskräften, Vorſtellungen
und
[105]Gründe d. relat. Strafb. b. unbeſt. Strafg.
und Gefühle, als Bewegungsgründe zur Un-
terlaſſung der rechtswidrigen Handlung.
Eine Begierde welche die Thätigkeit der
höhern Gemüthskräfte ſelbſt zu unterdrücken
fähig war, muſs ſtärker ſeyn, als eine ſolche,
die nur entgegenſtehende Bewegungsgründe
aus dem Wege räumte. Daher haben Ver-
brechen, die ohne Ueberlegung (durch das
thieriſche Begehrungsvermögen) hervorge-
bracht wurden, wie Verbrechen aus Affect
und aus Gewohnheit, einen höhern Grad der
Strafbarkeit *), als Verbrechen, die mit Will-
kühr (nach vorgängiger Reflexion) begangen
worden ſind. Denn nur dann wird der Menſch
ohne vorgängige Wahl zu einer That getrieben,
wenn die überwiegende Heftigkeit der Begier-
de die höhern Gemüthskräfte in ihrer Thätig-
keit unterdrückt hat.
Handlungen aus thieriſchem Begehren ſo-
wohl, als Handlungen aus Ueberlegung haben
in Rückſicht auf Strafbarkeit wieder ihre ver-
ſchiedenen Abſtufungen. Dieſe werden be-
ſtimmt durch die beſondern Abſtufungen der
Stärke einzelner Hinderniſſe (Bewegungsgrün-
de) welche der Beſtimmung des Begehrens zur
That oder der Ausführung derſelben entge-
genſtanden. Dieſe Hinderniſſe ſind entweder
Natur-
[106]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
Natururſachen, welche der Ausführung der That
entgegenſtehen und (vorgeſtellt) zu Bewe-
gungsgründen der Unterlaſſung werden; oder
Vorſtellungen anderer Gegenſtände, welche
den Willen antreiben, ſich zur That nicht zu
beſtimmen. Jenes ſind äuſſere, dieſes innere
Hinderniſſe.
Daraus folgt 1) je zahlreicher und wichti-
ger die innern Hinderniſſe waren, die den
Verbrecher von der That hätten abhalten müſ-
ſen, und je klärer und deutlicher er ſich dieſe
Bewegungsgründe vorgeſtellt hat, deſto gröſser
iſt die Strafbarkeit, 2) je gröſser die äuſſern
Schwierigkeiten waren, welche der Ausführung
des Verbrechens entgegen ſtanden, deſto
gröſser iſt die Strafbarkeit. Denn deſto ſtär-
ker muſs die Begierde ſeyn, die den Menſchen,
jener Bewegungsgründe ohnerachtet, zur That
beſtimmte, ihn alſo antreiben konnte, dieſe
Hinderniſſe der Ausführung zu überſteigen.
Der Grad der Feſtigkeit einer gewiſſen
rechtswidrigen Begierde kann ſowenig, als
der Grad der Stärke unmittelbar erkannt wer-
den. Allein man kann aus der Gröſse vorhan-
dener Reitze, auf die Gröſse der Feſtigkeit
ſchlieſsen. Je feſter eine gewiſſe ſinnliche
Begierde in dem Menſchen gegründet iſt, deſto
weniger äuſſerer Veranlaſſungen bedarf es, um
ſie in Thätigkeit zu ſetzen; je weniger ſie noch
eingewurzelt iſt, deſto gröſser müſſen die
Auffoderungen und Reitze ſeyn, durch welche
der Menſch zur That beſtimmt werden ſoll.
Es gilt daher die Regel: je geringer und
je weniger dringend die äuſſern Auffoderungen
und Reitze waren, welche zur Uebertretung be-
ſtimmten, deſto mehr muſte der Verbrecher von
Natur zu dieſem Verbrechen disponirt, deſto fe-
ſter gegründet muſte in ihm die illegale Triebfe-
der ſeyn, deſto gröſser iſt alſo ſeine Strafbar-
keit; je gröſser die äuſſern Veranlaſſungen, je
dringender die zufälligen Reitze, deſto geringer
iſt
*)
[108]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
iſt (aus dem entgegengeſetzen Grunde) die
Strafbarkeit*).
Eine Handlung, die aus innerem Antrieb,
ohne Auffoderung heftiger äuſſerer Reitze ge-
ſchieht, kann wieder an Strafbarkeit verſchie-
dene Stufen haben, welche durch folgende
Regeln beſtimmt werden: 1) die Triebfeder
muſte um ſo feſter und herrſchender ſeyn, je mehr
ſie ihr entgegenwirkende, pſychologiſche Hin-
derniſſefortdauerndunterdrückt hat; 2)
die durch die Begehung eines Verbrechens be-
wieſene ſinnliche Trieb eder muſste um ſo feſter
und herrſchender ſeyn, je mehr Natururſachen
dieEntſtehungderſelben gewirkt haben, oder
die fortdauerndeWirkſamkeitderſelben be-
ſtimmen. Bey jener Regel ſchlieſse ich aus der
Wirkung auf die Feſtigkeit der Triebfeder
ſelbſt als Urſache, hier aus der Urſache auf
die Feſtigkeit der Triebfeder.
Da die fortdauernde Unterdrückung pſy-
chologiſcher Hinderniſſe auf die Feſtigkeit der
Triebfeder ſchlieſsen läſst; ſo haben Hand-
lungen aus Gewohnheit den höchſten Grad der
Strafbarkeit, weil hier alle der Begehung ent-
gegenwirkende Vorſtellungen und Gefühle,
in Hinſicht ihrer Wirkſamkeit durch die zur
Gewohn-
[109]Gründe d. rel. Strafb. b. unbeſt. Strafg.
Gewohnheit gewordene Befriedigung der Be-
gierde, aufgehoben ſind.
Je mehr Natururſachen auf die Entſtehung
und Befeſtigung der Triebfeder gewirkt haben,
deſto mehr Feſtigkeit hat auch in der Regel
die Triebfeder wirklich (§. 136.) Deswegen
ſteigt die Strafbarkeit 1) durch böſe Erziehung,
2) durch böſes, von Jugend auf empfangenes
Beyſpiel, welches auf die Erregung und Befe-
ſtigung derſelben Begierde gerichtet war, die
dem gegenwärtigen Verbrechen zum Grunde
liegt *).
Die noch fortwirkenden Natururſachen,
welche das fortdauernde Daſeyn einer gewiſ-
ſen illegalen Triebfeder beſtimmen, ſind ent-
weder poſitive oder negative. Unter jenen iſt
beſonders zu merken die Organiſation des Kör-
pers, in wie ferne dieſe auf das Daſeyn der
Begierde Einfluſs hat Unter dieſem kommt
Schwäche und Stumpfheit der höhern Geiſtes-
kräfte vorzüglich in Betrachtung. Denn durch
dieſe Kräfte wirkt der Geiſt vorzüglich dem
Andringen und dem Wachſen der Begierden
entgegen, ſo wie er durch ſie auf gänz-
liche Zurückweiſung derſelben in die ge-
ſetzlichen Schranken wirkt. Mangel an den
höhern Gemüthskräften iſt daher Mangel der
Kraft
[110]I. Buch. II. Theil. II Titel II. Abſchnitt.
Kraft zur Unterdrückung und Beſchränkung
illegaler Triebfedern *).
Da hier die Gröſse der ſubjectiven Straf-
barkeit durch die Menge von Rechtsverletzun-
gen begründet wird, auf welche die Triebfe-
der gerichtet iſt, ſo folgt, daſs ein Verbrechen
um ſo ſtrafbarer ſey: I. je mehrSubjecte
durch die Triebfeder bedroht werden, welche
ihm zum Grunde liegt, II. auf je mehrRechts-
verletzungen, der Art nach, die ihm zum
Grunde liegende Triebfeder gerichtet iſt.
Hieraus ergiebt ſich 1) Triebfedern, die
ihrer Natur nach auf Hervorbringunggeſetz-
mäſsigerHandlungen gerichtet ſind, begrün-
den den geringſten Grad der Strafbarkeit, da-
hin gehören a) Gefühle und Neigungen, welche
zu
[111]Gründe d. rel. Strafb. b. unbeſt. Strafg.
zu geſetzmäſsigen Handlungen antreiben *).
b) moraliſche Antriebe, welche durch einen
Fehlgriff der Urtheilskraft ein Verbrechen her-
vorgebracht haben. z. E. Verbrechen aus ver-
meintlicher Pflicht.
2) Triebfedern, die ihrer Natur nach zu
geſetzwidrigenHandlungen beſtimmen, be-
gründen einen erhöhten Grad der Strafbarkeit.
Unter den durch ſolche Triebfedern beſtimm-
ten Verbrechen kommen folgende beſonders
in Betrachtung, bey welchen die Gröſse der
Strafbarkeit in folgender Rangordnung ſteht:
a) Verbrechen aus poſitivem Menſchenhaſs, b) aus
Neid, c) aus Rachſucht, d) aus Eigennutz, e)
aus Zorn.
Da die Gefährlichkeit der Handlung die
Gröſse der Strafbarkeit beſtimmt (§. 115.); die
Culpa aber keine poſitive, auf Rechtsverletzun-
gen gerichtete Triebfeder beweiſst; ſo ſind
Handlungen aus Dolus immer ſtrafbarer, als
Handlungen aus Culpa. Dieſe kann an Strafbar-
keit niemals dem Dolus gleich ſeyn, Auch die
durch
[112]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
durch Dolus beſtimmte Culpa iſt in einem ge-
ringen Grade ſtrafbar, weil in Rückſicht auf
die zu beſtrafende Handlung kein Dolus vor-
handen war.
Aus demſelben Hauptgrunde ergeben ſich
die Stufen der Strafbarkeit der verſchiedenen
Arten der Culpa. Nämlich 1) die höchſte Culpa
hat den höchſten, 2) die mittlere einen gerin-
geren, 3) die geringſte Culpa den geringſten
Grad der Strafbarkeit.
I. Das unternommene Verbrechen iſt we-
niger ſtrafbar, als das vollendete *). Die Ge-
ſetze gebieten für den Verſuch willkührliche
Strafe **); die allgemeinen Principien beſtim-
men
[113]Gründe d. rel. Strafb. b. unbeſt. Strafg.
men ihm aber immer geringere Strafbarkeit,
als der Vollendung. Iſt die Vollendung aus
eignem inneren Antrieb des Verbrechers un-
terlaſſen worden, ſo fällt alle Strafbarkeit hin-
weg *). II. Der Gehülfe iſt in der Regel weniger
ſtrafbar, als der Urheber **), III. der Begünſti-
ger weniger ſtrafbar, als der Gehülfe.
A. Grade der Strafbarkeit des un-
ternommenen Verbrechens. Für dieſes
gelten die Regeln 1) je gröſser das beabſichtigte
Verbrechen war***); 2) je näher die Handlung
der
**)
H
[114]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
der Vollendung war, deſto gröſser iſt die Straf-
barkeit (wegen §. 117, 3) Hierausfolgt a) das ge-
endigte Verbrechen iſt ſtrafbarer, als das ver-
ſuchte*), b) das angefangene ſtrafbarer, als das
blos attentirte (§. 61).
B. Grade der Strafbarkeit des
Urhebers. Auſſer den allgemeinen objecti-
ven und ſubjectiven Gründen der Strafbarkeit,
iſt die Art der Wirkſamkeit des Urhebers an
ſich ein Grund, der die Strafbarkeit beſtimmt.
Je mehr Gründe für die Exiſtenz der Rechtsver-
letzung in der Handlung des Urhebers enthalten
waren, deſto gröſser iſt ſeine Strafbarkeit, (nach
§. 61, 2).
Daraus folgt: 1) Wer ſich mit andern,
gleichviel ob Miturhebern oder Gehülfen, zur
Ausführung verbunden hat, iſt ſtrafbarer, als
wenn er ohne dieſe das Verbrechen bewirkt,
2) wenn ein intellectueller Urheber bey derſel-
ben That mit einem phyſiſchen concurrirt,
ſo iſt, wenn nicht beſondere, von der Art der
Wirk-
[115]Gründe d. rel. Strafb. b. unbeſt. Strafg.
Wirkſamkeit ſelbſt verſchiedene Gründe ent-
gegenſtehen *), jene ſtrafbarer, als dieſe. —
Unter den intellectuellen Urhebern hat
der Urheber durch Drohung oder durch
Zwang den höchſten Grad der Strafbarkeit,
auf dieſen folgt der Urheber durch Befehl,
auf dieſen der Urheber durch Noth, und auf
der unterſten Stufe ſteht der Urheber durch
Auſtrag.
C. Grade der Strafbarkeit der
Gehülfen. Für ſie gilt vorzüglich die Regel:
je genauer die Beyhülfe mit dem Verbrechen ſelbſt
zuſammenhängt, und je mehr ſie zur Exiſtenz
der That beyträgt, deſto gröſser iſt die Strafbar-
keit. Daher iſt 1) der Hauptgehülfe ſtrafbarer,
als der Nebengehülfe §. 54.) 2) der Gehülfe, der
ſich durch Vertrag mit dem Urheber verbun-
den hat (ſ. ex compacto) ſtrafbarer, als derje-
H 2nige,
[116]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
nige, der ihm blos zufällige Hülfe leiſtet, 3)
der unmittelbare Gehülfe ſtrafbarer, als der
entfernte, §. 56.) 4) der Gehülfe durch poſitive
Handlungen ſtrafbarer, als der Gehülfe durch
negative Handlungen.
Ob der allgemeine Gehülfe ſtrafbarer iſt,
als der beſondere (§. 57.) hängt von der Beur-
theilung der Abſicht ab, mit welcher er bey
der That concurrirte. 1) War die Abſicht
des Gehülfen gefährlicher als diejenige, die das
Geſetz zum Begriff des Verbrechens erfodert,
welches von dem Urheber begangen wird, ſo
iſt der allgemeine Gehülfe ſtrafbarer, als der
ſpecielle *) 2) War ſie weniger gefährlich, ſo
iſt er weniger ſtrafbar, als der ſpecielle.
Anmerk. Ob die Beyhülfe durch einen concurſus antecedins
oder durch conc. concomitans geſchieht, ob durch Ge-
brauch der Gemüths- oder Körperkräfte, hat an ſich
auf die Strafbarkeit keinen Einfluſs.
W. A. SchöpfDiſſ. de concurſu delictorum. Tub. 1738.
P. Schultzde concurſu del. Hal. 1748
Kleinſchrodſyſt. Entw. Thl. III. §. 101—110.
Wenn mehrere Uebertretungen derſelben
Perſon für eine und dieſelbe Unterſuchung zu-
ſammentreffen, ſo iſt dieſes eine Concurrenz
der Verbrechen (concurſus delictorum). Es ſind
nur drey Hauptarten der Concurrenz nach
Verſchiedenheit der übertretenen Strafgeſetze
möglich. Sind I. durch eine und dieſelbe Hand-
lung oder in Einem ununterbrochenen Akt
verſchiedene Strafgeſetze übertreten worden, ſo
iſt dieſes ideale Concurrenz (Conc[.] del. ſunulta-
neus ſ[.] idealis) II. Sind durch verſchiedene Hand-
lungen verſchiedene Strafgeſetze übertreten wor-
den, ſo heiſst dieſes objective Concurrenz (C d.
objectivus ſ. heterogeneus) III. Wenn durch ver-
ſchiedene Handlungen ein und daſſelbe Straf-
geſetz übertreten worden iſt, dann exiſtirt
eine ſubjective Conc. (C. d. ſubjectivus ſ. homa-
geneus).
Geſchieht die ſubjective Concurrenz an
Einem und demſelben Object, ſo iſt ein fort-
geſetz-
[118]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
geſetztes Verbrechen (del. continuatum); geſchieht
ſie an verſchiedenen Objecten, ſo iſt ein wie-
derholtes Verbrechen (del. reiteratum ſ. repeti-
tum) vorhanden.
Da die Strafe eines jeden Strafgeſetzes
Anwendung findet, ſobald die Vorausſetzun-
gen zur geſetzlichen Strafe vorhanden ſind,
ſo folgt: 1) wenn mehrere Strafgeſetze über-
treten worden ſind, ſo finden die Strafen aller
übertretenen Strafgeſetze ſtatt; 2) wenn Ein
Strafgeſetz mehrmals übertreten worden iſt,
ſo iſt die Anwendung der Strafe deſſelben ſo
vielmahl rechtlich begründet, als es übertreten
worden iſt *).
Iſt es daher 1) der Natur der Strafe nach
möglich, ſie zuſammen oder mehrmals anzu-
wenden, ſo müſſen ſie auch zuſammen oder
mehrmals zugefügt werden. Wenn aber 2) die-
ſes unmöglich iſt, ſo kann nur die volle Strafe
Einer Uebertretung, jedoch mit einem Zuſatz,
angewendet werden, welcher ein Theil der
durch andere Uebertretungen verwirkten Stra-
fen iſt. Bey der concurrirenden Anwendung
mehrerer, dem Grade nach verſchiedener Stra-
fen wird daher auf die ſchwerſte, mit Schär-
fung verbunden, erkannt.
Die Geſetze beſtätigen beſonders dieſe
Grundſätze bey der objectiven Concurrenz*)
und bey wiederholten Verbrechen**). Aber bey
der idealen Concurrenz und bey fortgeſetzten
Verbrechen machen ſie eine Ausnahme, in wie
ferne ſie dort, wenn Verbrechen derſelben
Gattung idealiter concurriren, die Regel auf-
ſtellen: die gröſsere Strafe hebt die geringere
auf
[120]I. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
auf (poena major minorem)*), hier aber die
mehrmalige Uebertretung nur als Eine Ueber-
tretung **) betrachtet wiſſen wollen. Wenn
mehrere Verbrechen verſchiedener Art ideali-
ter concurriren, ſo bleibt es bey der Regel:
es wird auf das Uebel der ſchwerſten Ueber-
tretung, mit einem ſchärfenden Zuſatz ver-
bunden, erkannt ***).
Im Fall einer Schärfung kann nur auf eine
geſetzlich zur Anwendung kommende Strafe
mit
[121]Von concurrirenden Verbrechen.
mit ſchärfendem Zuſatz, nicht aber auf ein
der Art nach verſchiedenes härteres Uebel, er-
kannt werden *).
Jede Strafe hat den nothwendigen (Haupt-)
Zweck, durch ihre Androhung Alle von Ver-
brechen abzuſchrecken. Ein angedrohtes Straf-
übel iſt aber um ſo zweckmäſsiger, je mehr
und je wichtigere Nebenzwecke es noch zu er-
reichen fähig iſt. Dieſe möglichen Neben-
zwecke ſind 1) unmittelbare Abſchreckung
durch den Anblick der Zufügung; 2) Siche-
rung des Staats vor dem beſtraften Verbrecher;
3) rechtliche Beſſerung des Beſtraften.
Die Strafe iſt öffentliche Genugthuung,
ſo wie das Recht, ihre Zufügung zu verlangen,
ein öffentliches Recht iſt. Durch die Zufü-
gung der Strafe werden daher die aus dem
Verbrechen entſtandenen Privatrechte nicht
aufgehoben. Strafe ſchlieſst Schadenerſatz
nicht aus *).
Die Strafe geht aus dem Strafgeſetz hervor.
Die Verſchiedenheit in den Beſtimmungen
eines Strafgeſetzes verändert daher auch die
Beſtimmungen der Strafe. — Eine Strafe
heiſst abſolutlegal (poena abſolute legitima
ſ. legalis), wenn das Geſetz abſolut beſtimmt;
relativ-legal oder relativ-willkührlich (p. ſec.
quid. legitima ſ. arbitraria), wenn es ein rela-
tiv-beſtimmtes Geſetz iſt; ſchlechthin willkühr-
lich (p arbitraria), wenn es ein ſchlechthin un-
beſtimmtes Geſetz iſt (§. 84.)
Poena ordinaria — extraordinaria. — Extraordinaria
durior — extraordinaria mitior.
Nach gemeinem Recht gehört die Zuerken-
nung öffentlicher Strafe blos für die Compe-
tenz
[123]V. d. Strafen überhaupt u. ihrer Eintheil.
tenz des peinlichen Richters *). Aber nach
deutſchem Partikularrecht kann auch der Civil-
richter gewiſſe geringere Verbrechen beſtrafen
und Strafen von geringerem Präjudiz zuer-
kennen. Dieſe Strafen, auf welche auch ein
bürgerlicher Richter ſprechen kann, heiſsen
[Civil-Strafen] (p. civiles); Strafen hingegen, auf
welche blos der Criminalrichter erkennen darf,
Criminal-Strafen (p. criminales)**). Welche
einzelne Strafen jede dieſer Gattungen begreife,
kann keine allgemeine Regel beſtimmen ***).
Poena capitalis — non capitalis. — — Poena commu-
nis — propria. — — Poena eccleſioſtica — ſaecularis.
I. Die Strafe muſs in der Zufügung ein
wirkliches Uebel für den Uebertreter ſeyn. Eine
Strafe, durch deren Zufügung der Uebertre-
ter nicht leidet, iſt in ſich ſelbſt und mit dem
Strafgeſetze im Widerſpruch. Daraus folgt:
1) ein Uebel, das der Verbrecher ſelbſt als ein
Gut begehrt, kann nicht gegen ihn angewen-
det werden, ohne einen Widerſpruch gegen
die Abſicht des Geſetzes *). 2) Die Execution
eines Strafübels in einem Zuſtande des Ver-
brechers, wo dieſer es nicht empfinden kann,
iſt ein Widerſpruch gegen den Begriff der
Strafe. Eine Execution am Leichnam oder im
Bildniſse **) kann nur als Mittel, die Infamie
zuzu-
***)
[125]Regeln für die Anwendung der Strafen.
zuzufügen und als ſymboliſche Vorſtellungs-
art, daſs dem drohenden Geſetz unter allen
Bedingungen Genüge geſchehen müſſe, ge-
rechtfertigt werden.
II. Die Strafe darf blos den Uebertreter und
keinen Unſchuldigen treffen*) (Poena ſuos teneat
auctores). Denn Strafe iſt blos an eigne Ueber-
tretung geknüpft. Daraus folgt: 1) ein Richter
darf bey Anwendung willkührlicher Strafen
keinem Unſchuldigen ein Uebel zuerkennen,
um durch die Leiden deſſelben, den wirklichen
Verbrecher zu beſtrafen **). 2) Keine Strafe
kann zugleich dem Schuldigen und einem
Unſchuldigen auferlegt werden. Bey einem
Verbrechen aller, oder der Majorität der Glie-
der einer Gemeinheit (§. 36) kann daher nicht
die Gemeinheit ſelbſt beſtraft, ſondern die
Strafe muſs blos auf die delinquirenden Glie-
der beſchränkt werden ***).
Es folgt daraus 3) eine Strafe, die nicht
zugleich als öffentliche Schuld auf dem Eigen-
thum des Verbrechers haftet, kann nie auf die
Erben übergehen. Nur Vermögensſtrafen
gehen auf die Erben über, und zwar, wenn
entweder 1) der Verbrecher ſchon bey ſeinen
Lebzeiten condemnirt oder 2) das begangene
Verbrechen ein ſolches iſt, bey welchem, nach
den Geſetzen, mit dem Momente der began-
genen That das Vermögen oder ein Theil deſ-
ſelben ipſo jure dem Staate zufällt *).
III. Die Strafe muſs öffentlich exequirt wer-
den, weil die Execution die geſetzliche Dro-
hung bekräftigen ſoll und mithin in jedem
einzelnen Fall der Uebertretung allgemeine
Gewiſsheit, daſs das rechtliche Uebel der That
gefolgt ſey, vorhanden ſeyn muſs **). Bloſse
Züchtigungsübel, welche die Polizey zur Beſ-
ſerung verhängt, können, und müſſen zum
Theil heimlich ausgeübt werden, weil ſie
blos für den Leidenden ſelbſt berechnet ſind
und die Publicität dem Zweck der Beſſerung
entgegenarbeiten würde.
IV. Die Execution einer jeden Strafe, muſs aus
einem beſtimmten Richterſpruch geſchehen, der die
Art und den Grad des zuzufügenden Uebels be-
ſtimmt. Denn niemand darf mehr Uebel leiden,
als er durch ſeine That verdient hat; würde
aber die Execution der Privatwillkühr überlaſ-
ſen, ſo wäre der Uebertreter der Licenz des
Executors hingegeben, welches der öffentliche
Spruch verhüthen muſs *).
V. Die Strafe muſs unverzüglich exequirt
werden, ſobald der Richterſpruch ihre Nothwen-
digkeit erklärt hat. Ein Aufſchub iſt blos recht-
lich 1) wenn durch die augenblickliche Voll-
ziehung der Verbrecher in Gefahr käme, mehr
Uebel leiden zu müſſen, als ihm Geſetz und
Richterſpruch beſtimmt hat; 2) wenn dadurch
Gefahr für einen Unſchuldigen entſtünde **);
3) wenn ſich bisher noch unbekannte Gründe
zeigen, um an der Gerechtigkeit des Urtheils-
ſpruchs zu zweifeln; 4) wenn die Execution
in dem gegenwärtigen Zuſtande des Ver-
brechens auf das Publikum einen Eindruck
machen müſte, welcher den durch die Exe-
cution (neben bey) beabſichtigten Eindruck
der unmittelbaren Abſchreckung, aufheben
oder ſchwächen würde. An Wahnſinnigen
oder
[128]I. Buch. II. Theìl. III. Titel. III. Abſchnitt.
oder Raſenden können daher Strafen nur wäh-
rend ihren lichten Zwiſchenräume exequirt
werden.
Jac. Döplertheatrum poenarum, ſuppliciorum et execu-
tionum criminalium oder Schauplatz derer Leibes- und
Lebensſtrafen. Sondershauſen. 1693. 4. (Wann
wird endlich eine neuere Schrift dieſes Machwerk
überflüſſig machen?)
QuiſtorpGrundſ. d. peinl. Rechts Thl. I. §. 72. ff.
Kleinſchrodſyſt. Entw. Thl. III. §. 12—100.
Der Richter darf nur auf geſetzlich gebilligte
Strafen erkennen und es ſteht nicht in ſeiner
Gewalt neue Uebel, als Strafen zu erfinden.
Selbſt bey willkührlichen Strafen darf er nur
ſolche wählen, die ſonſt in der Geſetzgebung
angedroht oder durch gegründete Obſervanz
gebilligt worden ſind. Daher die Nothwen-
digkeit der gegenwärtigen Lehre.
Man kann die Strafen im allgemeinen in
benannte und in unbenannte eintheilen. Zu den
unbe-
[129]V. d. einzelnen in Deutſchl. übl. Strafen.
unbenannten gehört der Verluſt gewiſſer Rechte
und Privilegien, das Verbot gewiſſer ſonſt er-
laubter Handlungen und Geſchäfte z. B. die
Unterſagung eines Gewerbes, Suspenſion von
der Advocatur etc. *).
Die benannten Strafen ſind in Rückſicht
auf die Art, wie ſie dem Menſchen zu Uebeln
werden, A. pſychologiſche Strafen, d. i. ſolche,
die vermittelſt bloſser Vorſtellungen das Gefühl
der Unluſt erregen: B. mechaniſche, phyſiſche
Strafen, ſolche, die vornehmlich durch Ein-
wirkung auf den Körper Uebel ſind: C. Mecha-
niſch-pſychologiſche Strafen, ſolche, bey
welchen das Hauptübel ſowohl aus der Ein-
wirkung auf den Körper, als aus der Erre-
gung gewiſſer Vorſtellungen entſpringt.
A. Mechaniſche Strafen ſind I. entweder
ſolche, die einen blos vorübergehenden kör-
perlichen Schmerz verurſachen, Züchtigungen
im engern Sinn (poenae corporis afflictivae in
ſenſu ſtro)**), II. ſolche, welche die Wirkſam-
keit
I
[130]I. Buch. II. Theìl. III. Titel. III. Abſchnitt.
keit der phyſiſchen Kräfte des Menſchen auf-
heben. Dieſe ſind wieder von zweyerley
Art: 1) Sie zerſtören ſie a) entweder dadurch,
daſs der Menſch ſelbſt, in ſo ferne er äuſſer-
lich erſcheint, zerſtört wird, — Lebensſtrafen
(poena capitales); oder b) dadurch, daſs ſie nur
einzelne Kräfte, oder Theile des Menſchen
zerſtören. — Verſtümmelnde Strafen. 2) Sie
beſchränken blos die Kräfte, (Freyheitsſtrafen im
weitern Sinn,) entweder a) ſo, daſs dieſelben blos
in Hinſicht einer gewiſſen Sphäre der Wirkſam-
keit beſchränkt werden — Verweiſung; oder b)
ſo, daſs die äuſſere Freyheit des Menſchen ſelbſt
aufgehoben wird — Freyheitsſtrafen im engern
Sinn.
B. Zu den pſychologiſchen Strafen gehören
blos die [Ehrenſtrafen], bey welchen ein intellec-
tueller Schmerz durch die Vorſtellung des ge-
kränkten Ehrtriebes bewirkt werden ſoll. C. Zu
den mechaniſch-pſychologiſchen Strafen gehören
die Vermögensſtrafen, bey welchen man theils
durch Entziehung oder Verringerung der
Mittel zum Leben, einen körperlichen, theils
durch die Vorſtellung der entzogenen oder
verringerten Mittel der Befriedigung ſinnlicher
Bedürfniſſe einen intellectuellen Schmerz er-
regen will.
I. Lebensſtrafen ſind:
II. Verſtümmelnde Strafen ſind vorzüglich
das Abhauen der Hand, Abſchneiden der Finger
oder der Zunge; Ausſtechen der Augen etc. Die
Humanität brachte dieſe Strafe auſſer Ge-
brauch ***).
III. Zu den Züchtigungen im engern Sinne
(p. corp. affl.) gehört 1) Staupbeſen (ſuſtigatio)
2) öffentliche Züchtigung mit Ruthen oder
dem Stock durch den bloſsen Gerichtsdiener,
3) Stockſchilling (vingindemia), geheime Züch-
tigung durch den bloſsen Gerichtsdiener.
Das Wippen, die tratio di corda war blos ſächſiſches
Gewohnheitsrecht.
IV. Die Freyheitsſtrafe und zwar 1) Ver-
weiſung im weitern Sinn zerfällt a) in die Ver-
ſtrickung (conſinatio), b) in die Verweiſung im
engern Sinn (relegatio, exilium). Dieſe iſt wie-
der Reichsacht, oder Landesverweiſung oder
Stadtverweiſung*). Von der Verweiſung iſt
die Landesräumung zu unterſcheiden **). 2)
Die Freyheitsſtrafe im engern Sinn, oder Ge-
fängniſsſtrafe im weitern Sinn iſt wieder
a) gemeine Gefängniſsſtrafe, wo die Frey-
heit blos negativ beſchränkt wird (ſo daſs
der Verbrecher nicht wider ſeinen Willen zur
Anwendung ſeiner Kräfte beſtimmt wird).
Sie
[134]I. Buch. II. Theil. III. Titel. III. Abſchnitt.
Sie kann bald härter bald gelinder ſeyn *).
b) Zuchthausſtrafe, wenn der ſeiner Freyheit
beraubte zu beſtimmten regelmäſsigen Arbei-
ten genöthigt wird, zu dem Nebenzweck der
rechtlichen Beſſerung **) c) Oeffentliche Arbei-
ten (damnatio ad opus publicum), wenn der
Verbrecher unter enger Verwahrung auf öffent-
lichen Plätzen zum Beſten des Staats arbeiten
muſs. Iſt der Verbrecher in einen Karren
geſchloſſen, ſo heiſst ſie Karrenſtrafe***).
V. Die Ehrenſtrafen überhaupt bewirken
eine Kränkung des Ehrtriebs in dem Menſchen,
und ſind entweder ſolche, die blos das Ehr-
gefühl
[135]V. d. einzelnen in Deutſchl. übl. Strafen.
gefühl kränken, ohne das vollkommne Recht
auf Ehre zu nehmen, oder ſolche, welche die
Kränkung des Ehrgefühls durch Entziehung
des Rechts auf äuſſere Ehre aufheben. Jene
heiſsen Ehrenſtrafen im engern Sinn, dieſe
entehrende Strafen.
A Ehrenſtrafen im engern Sinn ſind 1)
entweder blos beſchämende, welche dehmü-
thigen, ohne verächtlich zu machen, wohin
Kirchenbuſse*)Verweis, Abbitte und Widerruf
gehören **); oder 2) beſchimpfende, welche
wirklich die öffentliche Geringſchätzung zur
Folge haben. — Gemeines Halseiſen oder Straf-
pfahl Laſterſtein — Geige — Austrommeln —
Trillhaus — Spaniſcher Mantel etc. — B. Die
entehrenden Strafen nehmen 1) entweder das
Recht auf vorzügliche Ehre, welches durch
Amtsentſetzung und durch Beraubung der Adels-
rechte geſchieht, oder 2) das Recht auf gemeine
Ehre und den guten Namen, alſo das Recht auf
äuſſere Achtung als Bürger überhaupt und als
rechtlicher Menſch. Infamia — (poena in-
famiae) ***)
Die rechtliche Entſtehungsart der Infamie
iſt verſchieden. Sie iſt I. entweder eine noth-
wendige Folge von andern Strafen oder ſie
wird II. als Principalſtrafe zuerkannt. Hier
wird der Verluſt des Rechts auf Ehre 1) ent-
weder begründet durch die bloſse Erklärung
des Richters, oder 2) durch andere Handlun-
gen des Staats gegen den Verbrecher, welche
die Ehrloſigkeit zur Folge haben. Die letzte
Entſtehungsart der Infamie iſt vorhanden a)
bey der Ausſtellung an den Pranger*), b) dem
Brandmarken, c) der öffentlichen Zerbrechung
des adlichen Wappens durch den Schinder, d)
der Anſchlagung des Namens an den Galgen
und e) dem unehrlichen Begräbniſse.
Infamia mediata und immediata. — Infamia juris und in-
fam. facti.
Die rechtlichen Folgen der Infamie ſind 1)
der Verluſt des Rechts auf vorzügliche Ehre;
denn dieſe ſetzt die gemeine voraus **); 2) der
Ver-
***)
[137]V. d. einzelnen in Deutſchl. übl. Strafen.
Verluſt aller Rechte, deren Ausübung die
Ueberzeugung andrer von unſrer Rechtlich-
keit vorausſetzt. Ein Infamer kann daher aus
Zünften ausgeſtoſsen werden *) und verliert
das Recht, gültiger Zeuge zu ſeyn **).
V. Vermögensſtrafen zerfallen 1) in Geld-
ſtrafen (mulctae), wenn der Verbrecher einen
beſtimmten Theil ſeines baaren Geldes ver-
liert ***); 2) Confiscation, wenn der Verluſt
von Vermögen, (Eigenthum des Menſchen
überhaupt) Inhalt der Strafe iſt ****). Die
Confiscation kann das ganze Vermögen eines
Menſchen, oder nur einen Theil deſſelben be-
treffen (confiſcatio omnium —. quorundam bonor).
Uebrigens ſetzt jede Confiscation die ausdrück-
liche Androhung eines Geſetzes voraus. Still-
ſchweigende Confiſcationen (als bloſse Folge
einer Capitalſtrafe) ſind bey uns geſetzwidrig †).
QuiſtorpVerſuch einer richtigen Beſtimmung des Ver-
bältniſses der gemeinen in Deutſchland üblichen Strafen zu
einander. In deſſen Beyträgen n. A. Nr. XVII. (Noch
das erträglichſte in dieſer beynahe noch gar nicht
bearbeiteten wichtigen Lehre.)
Die Fragen, die wir hier zu beantworten
haben, ſind: 1) Wie ſind die Strafen einander
ſubordinirt, oder, welches iſt die Stufenfolge
der Strafen? 2) welche Strafen ſind einander
coordinirt, oder, welche ſind einander gleich?
Die allgemeine Regel iſt: eine Strafe iſt
um ſo gröſser, je mehr Uebel ſie enthält. Eine
Strafe iſt alſo der andern ſubordinirt, wenn
ſie weniger Uebel, als die andere enthält. Al-
lein die Anwendung dieſes Satzes ſetzt noch
andere Grundſätze voraus, welche uns beſtim-
men, wodurch denn ein Uebel gröſser als das
andere ſeyn könne.
Es kann etwas für den Menſchen auf ver-
ſchiedene Art ein Uebel ſeyn, nämlich I. da-
durch, daſs es das Gefühlvermögen unmittelbar
unangenehm afficirt, alſo unmittelbar, ohne
Reflexion auf die Folgen deſſelben ein Gegen-
ſtand der Verabſcheuung iſt · ſinnliches Uebel
im engern Sinn; II. dadurch, daſs es in ſeinen Fol-
gen den ſinnlichen Zwecken des Lebens wider-
ſpricht Hier wird der Gegenſtand, darum ein
Gegenſtand der Verabſcheuung, weil der Ver-
ſtand auf die entfernteren unangenehmen Fol-
gen reflectirt, die aus ihm herflieſsen. Verſtän-
diges Uebel. Das ſinnliche Uebel iſt thieriſches
Uebel, wenn das Gefühlvermögen durch Einwir-
kung auf den Körper unangenehm afficirt wird,
(wenn es körperlichen Schmerz erregt); in-
tellectuelles Uebel (Uebel der Einbildung), wenn
das unangenehme Gefühl durch bloſse Vor-
ſtellung bewirkt wird *).
Daraus folgt: I. eine Strafeiſt um ſo gröſser,
je mehr das in ihr enthaltene Uebel entweder unmit-
telbar das Gefühlvermögen afficirt, oder je mehr es
in ſeinen Folgen den Zwecken des Menſchen wider-
ſpricht. II. Eine Strafe iſt um ſo gröſser, je zuſam-
mengeſetzer das in ihr enthaltene Uebel iſt. Aus
dem zweyten Satze folgt: 1) diejenige Strafe
iſt die gröſte, die das gröſte ſinnliche und ver-
ſtän-
[140]I. Buch. II. Theil. III. Titel. IV. Abſchnitt.
ſtändige Uebel in ſich vereinigt; 2) eine Strafe,
die mit einer andern in gleichem Grade den
ſinnlichen Zwecken widerſpricht, die aber zu-
gleich mit einem intellectuellen Uebel ver-
bunden iſt, iſt gröſser als dieſe; 3) eine Strafe,
die mit einer andern in gleichem Grade ſinn-
liches Uebel iſt, iſt gröſser, als dieſe, wenn ſie
zugleich in ihren Folgen als Uebel oder gar
als gröſseres Uebel, erſcheint.
Todesſtrafe iſt daher die gröſste Strafe.
Sie iſt mit thieriſchem Schmerz verbunden,
ſie iſt in andrer Rückſicht zugleich Uebel der
Einbildung und iſt das gröſte verſtändige Uebel,
weil ſie alle Wirkſamkeit des Menſchen und
jede Befriedigung irgend eines ſinnlichen
Zwecks durch ihre Folgen unmöglich macht *).
Auf ſie folgen die übrigen Strafen in folgen-
der Rangordnung: 1) ewige Gefängniſsſtrafe,
2) verſtümmelnde Strafe, 3) Infamie, 4) Conſisca-
tion des ganzen Vermögens, 5) körperliche Züch-
tigung, 6) ewige Landesverweiſung, 7) zeitige
Gefängniſsſtrafe, 8) Verweiſung auf beſtimmte
Zeit, 9) Ehrenſtrafen, 10) Geldſtrafe und par-
tielle Conſiscation. — Iſt eine Strafe aus ver-
ſchiedenen dieſer Strafen zuſammengeſetzt, ſo
geht ſie jeder der einfachen Strafen vor, aus
welcher
[141]V. d. Verhältniſs dieſ. Straf zu einand.
welcher ſie zuſammengeſetzt iſt (nach der 2ten
Regel) vor*).
Unter mehrern Strafen, die ein gleiches
Hauptübel enthalten (alſo zu Einer Art oder
Gattung gehören) iſt diejenige die härtere,
welche 1) länger dauert oder 2) mit welcher
gröſsere Nebenübel verbunden ſind.
An ſich giebt es wohl keine Strafe, die
der andern völlig ſubſtituirt werden könnte,
wenigſtens ſind hier für uns die Verhältniſſe
zu fein und die Vergleichungspunkte zu ver-
ſteckt, als daſs wir zwiſchen verſchiedenen
Uebeln eine ſo genaue Parallele ziehen könn-
ten. Wenn daher der Richter genöthigt iſt,
Strafen einander zu ſubſtituiren; ſo muſs er
I. vor allen Dingen ſehen: welche Strafen
durch Geſetz oder Obſervanz einander gleich-
geachtet werden **). Entſcheiden dieſe nichts,
ſo muſs er nach obigen Principien (§. 183—186.)
beſtim-
[142]I. Buch. II. Theil. III. Titel. IV. Abſchnitt.
beſtimmen, welche Strafe der andern am
nächſten komme oder (beyläufig) gleich ſey.
Wenn der Richter für ein gewiſſes Straf-
übel ein demſelben coordinirtes, aber der Art
nach verſchiedenes Uebel ſubſtituirt: ſo heiſst
dieſes Verwandlungder Strafe (permutatio
poenae). Um die Befugniſſe des Richters in
Anſehung dieſer Verwandlung zu beſtimmen,
muſs man zwiſchen einer beſtimmten (geſetz-
lichen) und einer willkührlichen Strafe un-
terſcheiden.
I. Hat das Geſetz eine Strafe beſtimmt,
ſo will es auch, daſs dieſelbe auf den vorkom-
menden Fall angewendet werde und es ſteht
dem Richter nicht eine willkührliche Verwand-
lung frey. Dieſes iſt nur dann rechtlich mög-
lich: 1) wenn die Anwendung der gedrohten
Strafen ſelbſt phyſiſch unmöglich iſt, 2) wenn
ein offenbarer Grund des Geſetzes der Anwen-
dung der Strafe auf den vorliegenden Fall
widerſpricht *).
II. Das unbeſtimmte Strafgeſetz verlangt
weiter nichts, als daſs der Richter der Straf-
barkeit des Verbrechens gemäſs eine Strafe
beſtimme. Der Richter hat daher hier das
unſtreitige Recht, zwiſchen verſchiedenen, dem
Grade
[143]V. d. Verhältniſs dieſ. Straf zu einander.
Grade nach einander gleichen, aber insge-
ſammt mit dem beſondern Grad der Strafbar-
keit übereinkommenden Strafen, zu wählen.
Die Wahl des Richters kann hier beſtimmt
werden 1) durch die Vorſtellung der Billig-
keit a) in Beziehung auf den Verbrecher ſelbſt,
indem er diejenige Strafe wählt, welche ſeinem
Fortkommen, nach ausgeſtandener Strafe, am
wenigſten hinderlich iſt, oder b) in Beziehung
auf andere Perſonen, indem er einer Strafe, die
in ihren Folgen für einen dritten Unſchuldigen,
für die Kinder oder den Gatten, am wenigſten
drückend iſt, vor einer andern den Vorzug
giebt. 2) Die Vorſtellung des öffentlichen Wohls
(politiſche Rückſicht). Er kann daher unter
mehrern, nach Befinden der Umſtände die-
jenige wählen, welche a) die gröſte Ab-
ſchreckung bewirkt, oder b) auf die rechtliche
Beſſerung des Verbrechers am ſicherſten wirkt,
oder c) den Staat vor dem Verbrecher am beſten
ſichert, oder d) ihm einen nützlichen, viel-
leicht unentbehrlichen Bürger für die Zukunft
erhält *).
Eine Strafe kann an ſich einer andern der
Art nach gleich und gleichwohl in Beziehung
auf verſchiedene Subjecte der Qualität nach
verſchieden ſeyn *). Es iſt daher oft in ſoferne
eine Verwandlung nothwendig, als ein, einer
gewiſſen Perſon zuerkanntes und durch ihre
Qualität der Strafbarkeit derſelben angemeſſe-
nes Uebel, bey einer andern Perſon, wegen
deſſelben Grades der Strafbarkeit in eine (in
abſtracto betrachtet) härtere oder gelindere
Strafe verwandelt werden muſs. Die noth-
wendige Gleichheit in der Beſtrafung iſt oft
nur durch Ungleichheit in der Art der Strafe
zu erreichen. Dieſes iſt beſonders bey Ehren-
ſtrafen in Beziehung auf vornehme Perſonen,
beſonders Adliche**) und bey Vermögensſtrafen
in Beziehung auf Reiche und Arme der Fall ***).
Bey beſtimmten Strafgeſetzen kann aber dieſe
Rückſicht auf die nothwendige Gleichheit
nicht eine rechtmäſsige Verwandlung be-
wirken.
Dieſer Theil iſt gröſtentheils analytiſch. Er
beſtimmt und entwickelt den Begriff der ein-
zelnen Verbrechen und determinirt die ihnen
zukommenden Strafen. Die von demſelben auf-
zuſtellenden Begriffe der Verbrechen, als Vor-
ausſetzungen der geſetzlichen Strafen, müſſen
aus den poſitiven Geſetzen ſelbſt geſchöpft,
entweder unmittelbar aus ihnen hergenom-
men, oder durch Exegeſe in denſelben ge-
funden ſeyn. Die Philoſophie hat dabey kein
anderes Geſchäft, als daſs ſie treu den Ge-
ſetzen dient.
Die Verbrechen, welche unſre Geſetzege-
bung kennt, ſind entweder determinirte oder
vage Verbrechen. Jene erfodern zu ihrem Be-
griffe eine Uebertretung Einer Art oder doch
einen beſtimmten geſetzwidrigen Effect. Bey
dieſen gehört eine Uebertretung beſtimmter Art
nicht zu ihrem Begriff, ſondern ſie umfaſsen
verſchiedenartige Rechtsverletzungen und Ue-
bertretungen. Die determinirten Verbrechen
theilen ſich in Polizey-Verbrechen und eigent-
liche Verbrechen, ( §. 27.) von welchen die letz-
ten, (einer Hauptabtheilung nach) wieder in
gemeine und beſondere (§. 30.), die gemeinen
aber wieder in Privat-Verbrechen, und in öf-
fentliche Verbrechen, Staatsverbrechen im weitern
Sinne (§. 28.) zerfallen.
N. H. GundlingSingularia ad Legem Majeſtatis item-
que de ſilentio in hoc crimine. Hal. 1721. 4.
L. Lud. Menken Diſſ. de crimine perduellionis ejusque
poena. Vi [...]eb. 1737.
Henr. von AdrichemDiſſ. de poena perduellionis,
veroque ſenſu L. quisquis C. ad L. Jul. Maj. Lugd.
Bat. 1784.
Kleinſchrodüber den Begriff und die Strafbarkeit
des Hochverraths, nach allgemeinen Grundſätzen. In
Kleins und KleinſchrodsArchiv. Bd. I Stk.
1. Nr. 2.
Feuerbachphiloſophiſch · juridiſche Unterſuchung über
das Verbrechen des Hochverraths. Erf. 1798.
Der Staat hat auf ſein Daſeyn und auf die Exi-
ſtenz derjenigen Einrichtungen, ohne welche
K 2er
[148]II. Buch. I. Theil. I. Titel. 1. Abſchnitt.
er aufhören würde, als Staat überhaupt, oder als
dieſer beſtimmte Staat zu exiſtiren, ein urſprüng-
liches und nothwendiges Recht. Wer es ver-
letzt, iſt Feind des Staats; ein Unterthan, welcher
es verletzt, iſt der gröſte Verbrecher und wird
Hochverräther (perduellis) genannt *). Hoch-
verrath (perduellio iſt die von einem Staats-
unterthan unternommene oder dolos vollendete
Aufhebung der dem Daſeyn des Staats, dem
er unterworfen iſt, nothwendigen Einrichtungen
und Eigenſchaften**). Der Hochverräther iſt
weit gefährlicher und beleidigt mehr, als der
äuſſere Feind des Staats. Durch ſeine Beleidi-
gung, welche auf Unſicherheit aller Rechte
aller Bürger hinwirkt und durch welche er Alle
beleidigt, bricht er den Grundvertrag zwiſchen
ihm und dem Staat und ſtrebt eine Geſellſchaft
zu zernichten, ohne die kein rechtlicher Zu-
ſtand
[149]Von dem Hochverrath.
ſtand iſt und welcher er ſelbſt bisher ſeine eigne
Freyheit verdankte *).
Der Hochverrath ſetzt I. als Object, auf
deſſen Verletzung er gerichtet iſt, ſolche
Einrichtungen und Eigenſchaften des Staats
voraus, von welchen das Daſeyn entweder
des Staats überhaupt oder dieſes beſtimmten
Staats nothwendig abhängt. Einrichtungen
und Beſtimmungen des Staats, welche erſt
durch einen Akt der Regierung entſtanden, alſo
nicht urſprünglich und nothwendig, ſondern
zufällig ſind, ſind kein Object dieſes Ver-
brechens **), ſo wenig als einzelne Regierungs-
akte ſelbſt, denen der Unterthan Unterwerfung
verſagt ***). II. Die Handlung ſelbſt, durch
welche hier die Uebertretung bewirkt wird,
muſs auf Vernichtung ſolcher Einrichtungen
gerichtet ſeyn, gleichviel aber, ob dieſe Ver-
nichtung in der That bewirkt, oder (wenn
auch auf die entfernteſte Art) unternommen
worden iſt ****). III. Das Subject muſs ſeyn,
ein
[150]II. Buch, I. Theil. I. Titel. I. Abſchnitt.
ein Unterthan des Staats. Ob die Unterwer-
fung als Unterthan blos dinglich (forenſis oder
perſönlich iſt, macht keinen Unterſchied *).
IV. Der nothwendige ſubjective Grund iſt Do-
lus. Culpoſe Verletzung des Staats kann zwar
beſtraft werden, der Begriff von Hochverrath
iſt aber nicht anwendbar **).
In Deutſchland kann ein Hochverrath be-
gangen werden I von einem unmittelbaren
Reichsbürger an Kaiſer und Reich, II. von
einem mittelbaren Reichsunterthan an dem
Territorium, deſſen Unterthan er iſt. III. von
einem mittelbaren Reichsunterthan an Kaiſer
und Reich. Dem Kaiſer werden in Anſehung
des Hochverraths die Kurfürſten gleich ge-
ſetzt ***). Ein Hochverrath an ihnen und ihren
Landen iſt daher von ſo verſchiedenen Sub-
jecten möglich, als er an Kaiſer und Reich
ſelbſt möglich iſt.
Die zum Daſeyn eines beſtimmten Staats
nothwendigen Bedingungen ſind I. Vereinigung
mehrerer zum wechſelſeitigen Schutz der
Rechte innerhalb eines beſtimmten Staatsge-
biets; II. ein beſtimmtes Oberhaupt, welches
die
[151]Von dem Hochverrath.
die einzelnen Handlungen der Bürger (als Un-
terthanen) zum Staatszweck beſtimmt. III. eine
beſtimmte Verfaſſung, als Inbegriff derjenigen
geſetzlichen Einrichtungen, welche die Art, den
Umfang und die Grenzen der Regierung be-
ſtimmen. Nach dieſen drey nothwendigen
Eigenſchaften zerfällt auch der Hochverrath
in drey verſchiedene Arten. Es giebt einen
Hochverrath an der Vereinigung, an dem Staats-
oberhaupt und an der Staatsverfaſſung*).
I. Hochverrath an der Vereinigung der
Staatsglieder ſelbſt. Dieſe Hauptart des Hoch-
verraths kann, vermöge ihres Gegenſtandes
(§. 198. I.) begangen werden 1) durch Aufhe-
bung des Zwecks der bürgerlichen Geſellſchaft,
welcher allein die Sicherheit der Rechte Aller
iſt. Wer den Oberherrn zum Despoten machte
oder machen wollte, würde in dieſe Art des
Hochverraths fallen **). 2) Durch Trennung,
der in dem beſtimmten Staat zum Zweck der
bürgerlichen Geſellſchaft vereinigten Theile.
Wer den Staat in Anarchie zu ſtürzen, ihm
unterworfene Perſonen zu entziehen ***), Län-
der
[152]II. Buch. I. Theil. I. Titel. I. Abſchnitt.
der, Feſtungen. etc., die ihm gehören, unab-
hängig zu machen *), oder eine Incorporation
mit einem andern Staat, oder nur eine Unter-
werfung unter denſelben zu bewirken ſucht,
oder bewirkt hat **), iſt dieſes Verbrechens
ſchuldig. Da ein auswärtiger Feind die
Unterwerfung des Ganzen oder doch einzelner
Theile des Staats zu ſeinem Zweck hat, ſchon
der entfernteſte Verſuch aber Hochverrath iſt;
ſo wird durch bloſse Unterſtützung des Fein-
des ***), wie auch durch Aufregung eines
Krieges gegen das Vaterland ****) die Perduel-
lion begangen.
II. An dem Staatsoberhaupte wird das Ver-
brechen begangen, wenn die oberherrliche
Perſon als Regent vernichtet wird: dieſes ge-
ſchieht 1) durch Entthronung, 2) durch Tödung
des Regenten *****), 3) durch jede Handlung,
welche
***)
[153]Von dem Hochverrath.
welche ihm die Ausübung der Regierungs-
rechte unmöglich macht. — Gefangennehmung,
Beraubung des Verſtandes, Entführung*). Auſ-
ſer dem Regenten ſelbſt und der Ehegattin
oder dem Thronfolger, in ſo ferne dieſe Mit-
regentſchaft haben, kann an niemand andern
Hochverrath begangen werden. Miniſter ſind
kein Gegenſtand des Hochverraths **).
Von dem Oberherrn einer Ariſtokratie und Demokratie.
III. Der Hochverrath an der Verfaſſung
geſchieht durch jede verſuchte oder vollführte
rechtswidrige Vernichtung der Grundgeſetze
des Staats. Die Aenderung der beſtehenden
Grundgeſetze iſt rechtswidrig und heiſst Revo-
lution, wenn dieſelbe entweder gegen den
Willen des Regenten, oder gegen den Willen
des Volks geſchieht. Eine Aenderung der
Grundgeſetze auf rechtliche Art heiſst Reform
und begründet keinen Hochverrath. Uebri-
gens
[154]II. Buch. I. Theil. I. Titel. I. Abſchnitt.
gens kann der Hochverrath 1) ſowohl dadurch
begangen werden, daſs die Regierungsform
ſelbſt vollſtändig geändert werden ſoll, als
auch 2) dadurch, daſs nur einzelne Beſtim-
mungen der Conſtitution rechtswidrig zernich-
tet werden ſollen *).
Die Handlungen ſelbſt, durch welche der
Hochverrath begangen wird, können ſeyn I.
wirkliche Thathandlungen, wohin Verſchwö-
rung, Conſpiration u. ſ. w. gehören: aber
auch II. bloſse Worte und Schriften, wenn ſie
in hochverrätheriſcher Abſicht erlaſſen wer-
den, wie es bey Ertheilung des Auftrags, Be-
fehls, Raths, oder bey revolutionären Schrif-
ten, Reden u. ſ. w. der Fall iſt. Freymüthiger,
aber nicht zu Revolutionen auffodernder und
blos auf Reformen abzweckender Tadel der Re-
gierung oder der Verfaſſung, macht keinen
Hochverrath.
Die Strafe des Hochverraths iſt I. das
Viertheilen und bey Weibsperſonen, das Er-
tränken **). II. Das Vermögen des Thäters
fällt
[155]Von dem Hochverrath.
fällt dem Fiscus zu *). III. Seines Namens
Gedächtniſs iſt verdammt (damnata memo-
ria) **). IV. Auch die Kinder trift das Ver-
brechen ihrer Eltern; ſie ſind inſam, können zu
keinen Ehrenſtellen gelangen und niemanden
beerben ***). Blos bey den Töchtern iſt einige
Ausnahme ****).
Der entfernteſte Verſuch *), wie auch die
Beyhülfe, zu welcher hier auch Verſchweigung
und unterlaſſene Verhinderung des Ver-
brechens gehören, ſollen mit der ordentlichen
Strafe belegt werden **). Wer ſich für die-
ſen Verbrecher verwendet, iſt infam ***). Der
Theil-
****)
[157]Von dem Hochverrath.
Theilnehmer an einer Verſchwörung, der ſie
zeitig entdeckt, iſt ſtraflos und kann ſelbſt
Belohnung erwarten *). Andere angebliche
Singularitäten **) beym Hochverrath ſind
theils ungegründet, theils unanwendbar bey
unſrer Gerichtsverfaſſung. Im Zuſtand der
höchſten Noth kann ſich der Staat, ohne lange
Unterſuchung des Verbrechens, von ſeinem
Untergange retten ***).
Der Oberherr als ſolcher d. h. in wie ferne er
in Beziehung auf Regierungshandlungen ge-
dacht wird, hat die höchſte bürgerliche Ehre,
in wie ferne durch ihn der Staatszweck reali-
ſirt wird und ihm durch die ihm zuſtehen-
den Rechte der höchſten Gewalt alle Einzelnen
unbedingt unterworfen ſind. Die vorzügliche
und ausſchlieſsende Würde des Oberherrn als
ſolchen
[158]II. Buch. I. Theil. I. Titel. I. Abſchnitt.
ſolchen, vor allen Bürgern des Staats iſt die
Majeſtät des Oberherrn, und die Verletzung
des Rechts auf vorzügliche Würde deſſelben
vor allen Bürgern des Staats, ohne hochver-
rätheriſche Abſicht, macht das Majeſtäts-
verbrechen imengern Verſtande, das Ver-
brechen beleidigter Majeſtät (cr. laeſae
majeſtatis) aus.
Blos die oberherrliche Perſon ſelbſt, nicht
diejenigen, welche blos zu ſeiner Familie ge-
hören *), ſind Gegenſtand des Verbrechens.
Auch macht die oberherrliche Perſon ſelbſt,
blos in wie ferne ſie als Oberherr und mithin
als öffentliche Perſon zu betrachten iſt, das
Object des Verbrechens aus. Verletzung der
oberherrlichen Perſon, als Privatperſon d. h.
in wie ferne ſie nicht in Beziehung auf Re-
gierungshandlungen gedacht wird **), heiſst
blos Verletzung der Ehrfurcht***).
Die Verletzung der Majeſtät des Regenten,
als ſolchen geſchient, I. dadurch, daſs ein Un-
terthan ſich Rechte anmaſst, welche blos in
der Staatsgewalt enthalten ſind *). Denn der
ausſchlieſsliche Beſitz der Rechte der höchſten
Gewalt beſtimmt die ausſchlieſsliche vorzügliche
Würde des Oberherrn. Durch Anmaſsung
von Regierungsrechten wird daher die aus-
ſchlieſsliche höchſte Würde des Oberherrn
beleidigt, in wie ferne der Unterthan durch
jene Rechte für ſich ſelbſt einen Theil der
Majeſtät begründet und ſich theilweiſe dem
Regenten gleich ſtellt **).
Es wird II. durch Injurien begangen, welche
der oberherrlichen Perſon in Beziehung auf ihre
Regierungshandlungen zugefügt werden. Dies
geſchieht
***)
[160]II. Buch. I. Theil. I. Titel. I. Abſchnitt.
geſchieht 1) wenn man den Regenten während
der Ausübung einer Regierungshandlung in-
juriirt *), 2) wenn Regierungshandlungen Ge-
genſtand der politiven Verachtung ſind, welche
die Injurie enthält, es ſey nun a) daſs man
ſeine Regierung überhaupt ſchmäht **) oder
b) gegen einzelne Regierungshandlungen deſ-
ſelben eine poſitive Verachtung zu erkennen
giebt ***) oder ihm c) fälſchlich Handlungen
andichtet, welche ihn als Regenten ent-
ehren.
Aus den angegebenen Requiſiten folgt 1)
daſs Eigenſchaften und Handlungen der ober-
herrlichen Perſon, welche ihr blos als Menſchen
zukommen und von ihr als einer Privatperſon
begangen werden, kein Gegenſtand der M. V.
ſind, ſo wenig als 2) freymüthige aber beſchei-
dene
[161]Vom Verbrechen beleidigter Majeſtät.
dene Urtheile über den Regenten und ſeine
Regentenhandlungen *).
Die Strafe des Verbrechens iſt willkühr-
lich **). Die Gröſse der Strafbarkeit deſſelben
hat in der Regel folgende Stufen: 1) Realinjurien
an der Perſon des Regenten während der Aus-
übung eines Regierungsakts, 2) Anmaſsung
von Regierungsrechten, 3) Pasquille und
Schmähſchriften gegen Regierungshandlungen
4) einfache ſymboliſche Injurien gegen den
Regenten in Beziehung auf Regierungshand-
lungen. Eine ſchwere Realinjurie kann mit
dem Tode beſtraft werden: Wenn die Maje-
ſtätsverletzung durch eine ſymboliſche Injurie
begangen wird, ſo kann der Richter vor einer
Anfrage bey dem Landesherrn ſelbſt nicht ver-
fahren ***).
J. R. EngauDiſſ. de delictis monetariis. 1750.
IdemDiſſ. de falſo nummario et ſolo et cum uſurpatione
juris monetandi conjuncto. Jen. 1750.
Münze iſt ein Stück geprägtes Metall, welches
als allgemeines Tauſchmittel gebraucht wird
und unterſcheidet ſich ſowohl von dem Gelde
überhaupt, als auch von den Zeichen des Geldes
und der Münze (Papiergeld) und von bloſsen
Schaumünzen oder Medaillen. Das Recht
Mün-
***)
[163]Verbrechen gegen die aufſehende Gewalt.
Münzen zu prägen ſteht bey uns als Regal
dem Oberherrn, vermöge der aufſehenden
Gewalt, zu. Denn zur Lebhaftigkeit des Ver-
kehrs wird erfodert, daſs die Ausmittlung
des Werths der Dinge, welche als allgemeines
Tauſchmittel gelten, keiner langen Unter-
ſuchung bedarf. Auf dem Metall, welches
als Geld gebraucht wird, muſs daher ſein äuſ-
ſerer und innerer Werth bezeichnet ſeyn und
dieſe Bezeichnung muſs unbedingten Glauben
haben, welches nicht anders möglich iſt, als
wenn der Staat in das Mittel tritt und allein
die Metalle bezeichnet. Daher die Münz-
fälſchung (falſum monetarium) welche in
der Verletzung des oberherrlichen Münzregals
durch betrügliche Verfertigung neuer oder Ver-
fälſchung ſchon vorhandener Münzen beſteht.
P. G. O. Art. 111.
I. Das Object iſt Münze. Verfälſchung des
Papiergeldes, oder von Medaillen gehört nicht
hieher *). II. Es müſſen neue Münzen zu[r]
Verletzung des Münzregals verfertigt oder
ſchon vorhandene verdorben worden ſeyn.
Wucher blos mit verrufenen Münzen und
Einführung oder Verbreitung derſelben iſt aus-
geſchloſſen. Ob die Münzen geprägt oder ge-
goſſen ſind, iſt gleichviel. III. Dieſe Hand-
lung muſs in der Abſicht geſchehen ſeyn, die
falſche oder verfälſchte Münze als allgemeines
L 2Tauſch-
[164]II. Buch. I. Theil. I. Titel. II. Abſchnitt.
Tauſchmittel zu gebrauchen *). Daſs die
Münze ſchon ausgegeben und alſo wirklicher
Schade geftiftet worden, fodern die Geſetze
nicht **).
Jede Münzfälſchung ohne Ausnahme ent-
hält zugleich einen Betrug an dem Publikum
und eine Verletzung des Münzregals ***). Sie
zerfällt in folgende Arten. A.) Münzfälſchung
durch Anmaſsung des Münzrechts. Dies kann
geſchehen I von einem Landesherrn, der ohne
kaiſerliche Conceſſion Münzen prägt ****). II.
von
[165]Verbrechen gegen die aufſeh. Gewalt.
von einem mittelbaren Reichsunterthan und
zwar entweder 1) durch Verfertigung guter
Münzen, welche den geſetzlich beſtimmten
auſſern und innern Werth haben, 2) durch
Verfertigung ſchlechter Münzen, bey welchen
der geſetzlich beſtimmte Werth nicht beob-
achtet iſt. — B. Münzfälſchung ohne Anmaſsung
des Münzrechts. Dieſe kann begangen wer-
den l. durch Miſsbrauch des Münzrechts; wenn
eine Perſon, die das Münzrecht hat, die Münz-
geſetze übertritt, worunter ſowohl das Sub-
ject des Münzregals ſelbſt, (der Oberherr) als
auch der, dem die Ausübung deſſelben über-
tragen iſt (der Münzwardein) verſtanden wer-
den muſs. Sie begehen vorzüglich dieſes
Verbrechen: 1) durch Ausprägung ſchlechter
Münzen 2) durch Nachahmung des Stempels
eines fremden Landesherrn, 3) durch Um-
ſchmelzung der Münze eines fremden Landes-
herrn *). II. Durch andere Handlungen, welche
das Recht zu münzen nicht vorausſetzen. Da-
hin gehört vorzüglich 1) die Deterioration
guter Münzen, 2) die Verfälſchung geringerer
Münzſorten, ſo daſs ſie den Schein höherer
Sorten erhalten, 3) Verbreitung von Metall-
ſtücken, welche gar nicht als Tauſchmittel
gelten.
Strafe*). I. Wer falſche Münzen prägt,
ſoll mit dem Feuer beſtraft werden ohne zu
unterſcheiden, ob er das Recht zu münzen hat,
oder nicht **), ob es deutſche oder einheimi-
ſche, Reichs- oder Landmünze iſt. Wer die
falſche Münze wiſſentlich annimmt und wie-
der verbreitet, iſt dem Fälſcher ſelbſt gleich.
II. Die übrigen Arten des Verbrechens werden
willkührlich, an Leib oder Vermögen be-
ſtraft. — Reichsunmittelbare, welche ſich einer
ſolchen Uebertretung ſchuldig machen, ſollen
mit
[167]Verbrechen gegen die auſſehende Gewalt.
mit Suspenſion oder Verluſt des Münzrechts,
oder mit Suſpenſion a ſeſſione et voto beſtraft
werden *).
Die Erlangung eines Amtes ſoll nur von dem
Verdienſt und der Tauglichkeit des Candidaten
abhän-
[168]II. Buch. I. Theil. I. Titel II. Abſchnitt.
abhängen. Derjenige, dem der Staat die Be-
ſetzung eines Amtes anvertraut hat, handelt
rechtswidrig, wenn er durch andere Gründe
ſich zu der Ertheilung deſſelben beſtimmt; und
der Candidat, der es durch andere Mittel als
durch ſein Verdienſt zu erlangen ſucht, belei-
digt ebenfalls den Staat und zwar die anord-
nende Gewalt deſſelben, als welche die Errich-
tung und Beſetzung der Aemter zu ihrem Ge-
genſtande hat. Daher das Verbrechen des
Ambitus, welches in der rechtswidrigen Bewer-
bung um ein Amt oder der Zuſicherung deſſel-
ben aus eigennütziger Abſicht beſteht *). Es kann
begangen werden 1) durch zweyſeitiges Ver-
ſchulden von Seiten des Bewerbers und des Er-
theilers, welches bey der Beſtechung des Amts-
ertheilers von dem Bewerber geſchieht, 2) durch
einſeitige Schuld des Bewerbers, wenn er durch
Zwang
[169]Verbrechen wider d. anordnende Gewalt.
Zwang oder Betrügerey in das Amt ſich zu
ſchleichen ſucht *): 3) durch einſeitige Schuld
des Ertheilers, wenn er ſich für den Candidaten
von einem Dritten beſtechen läſst **).
Das Verbrechen iſt vollendet, ſobald von
Seiten des Bewerbers, oder des Ertheilers die
Handlung vollendet iſt, durch welche der letzte
zur geſetzwidrigen Ertheilung deſſelben be-
ſtimmt werden ſoll. Auf die wirkliche Antre-
tung des erſchlichenen Amtes kommt es ſo
wenig an, als auf die Tauglichkeit oder Un-
tauglichkeit des Ambienten, oder auf die Art
der Mittel, durch welche die Rechtswidrig-
keit dieſer Uebertretung begangen wird.
Der Ambitus überhaupt zerfällt 1) in den
weltlichen (amb. ſaecularis) wenn ein Staats-
amt und 2) in den geiſtlichen (amb. eccleſiaſti-
cus), wenn ein Kirchenamt Gegenſtand des
Verbrechens iſt. Das letzte heiſst nach dem
canoniſchen Recht Simonie, dieſes Wort in
engerer Bedeutung genommen ***).
Die Rechte des Einzelnen müſſen im Staat
durch die richterliche Gewalt mittelſt eines öf-
fentlichen Urtheils verfolgt werden. Wer nach
ſeinem
***)
[171]Verbrechen gegen die richterliche Gewalt.
ſeinem Privaturtheil und durch Gebrauch ſei-
ner individuellen Kräfte ſeine Rechte verfolgt,
der iſt der Selbſthülfe ſchuldig und beleidigt
die richterliche Gewalt, die dem Staat aus-
ſchlieſsend übertragen iſt. Nur dann iſt die
Selbſthülfe erlaubt 1) wenn ſie zur Erhaltung
der Rechte gegen einen offenbar rechtswidrigen
Angriff auf die perſönlichen oder dinglichen
Rechte geſchehen iſt (§. 47 — 50). 2) wenn ſie
zur Wiedereinſetzung in den rechtswidrig ent-
zogenen Beſitz einer Sache geſchehen iſt, vor-
ausgeſetzt, daſs die Privatgewalt unmittelbar
auf die rechtswidrige Beſitzergreifung des an-
dern folgte *).
Die Selbſthülfe iſt A. [einfach], wenn die Pri-
vatgewalt zur Verfolgung ſtreitiger Rechte nicht
auf Verletzung unerſetzlicher Güter des An-
dern gerichtet iſt. B. Qualificirt, wenn ſie auf
die Verletzung ſolcher unerſetzlicher Güter
gerichtet iſt. Dahin gehört, I. das Duell, II.
die Fehde.
A. Die einfache Selbſthülfe iſt vorhanden,
wenn ein Bürger dem andern durch bloſse
Ueberwindung der phyſiſchen Kräfte deſſelben
eine Sache entzieht, auf welche er ein Recht
zu haben glaubt. Die Strafe dieſer Handlung
iſt 1) der Verluſt des Rechts, wenn der Rechts-
anſpruch gegründet, 2) die Bezahlung ihres
ein-
[172]II. Buch. I. Theil. I. Titel. II. Abſchnitt.
einfachen Werths, wenn der Rechtsanſpruch
ungegründet war *).
B. Qualiſicirte Selbſthülfe. I. Duell**).
Es iſt in weiterer Bedeutung ein zwiſchen zweyen
Perſonen unter gegenſeitiger Einwilligung ge-
führter Kampf mit abſoluttödlichen Waffen zur
Privatgenugthuung für eine Beleidigung und
zerfällt 1) in das Duellim engern Sinn, wenn
der Kampf vorher verabredet worden iſt und
2) in den Rencontre, wenn beyde Perſonen
ohne Verabredung, durch gegenſeitige Belei-
digungen gereizt, zu gleicher Zeit einander
angreifen. Durch das Merkmal „gegenſeitige
Einwilligung“ unterſcheidet ſich das Duell
von dem Kampf nach einem rechtswidrigen
unvermutheten Angriff mit abſoluttödlichen
Waffen, der mit der Auffoderung ſich zu ver-
theidi-
[173]Verbrechen gegen die richterliche Gewalt.
theidigen verbunden iſt (Attaque). Dieſer
Kampf iſt nur ſtrafbar von Seiten des Angrei-
fers, wenn der Angegriffene nicht die Grenzen
der Nothwehr überſchritten hat *).
Das Duell iſt vollendet, ſobald der Kampf
begonnen hat, alſo mit dem erſten Gang von
beyden Theilen. Wirkliche Tödung oder
Verwundung wird nicht erfodert. Wenn aber
Tödung erfolgt iſt, ſo iſt die Regel, daſs ſie
durch indeterminirten, alternativen Dolus (§. 66)
begründet iſt. Dieſer muſs, nach der Natur
der Handlung, ſo lange präſumirt werden,
bis entweder bewieſen iſt, daſs die Abſicht
blos auf Verwundung, oder (wie bey dem
Duelle auf Tod und Leben) lediglich auf Tö-
dung gerichtet war, wo denn im erſten Fall
culpa dolo determinata, im letzten dolus de-
terminatus vorhanden iſt **).
Iſt I. in dem Duell Tödung erfolgt, ſo
findet in der Regel die Schwerdtſtrafe ſtatt, weil
die Entleibung, wenn gleich determinirter
oder alternativer Dolus zum Grunde liegen
ſollte, dennoch in der Hitze des Gefechts und
der Gefahr einer eignen Körperverletzung ge-
ſchehen iſt. Der Leichnam des Entleibten
erhält kein chriſtliches Begräbniſs *). II. Wenn
keine Tödung erfolgt iſt, ſo kann es blos will-
kührlich beſtraft werden, wo dann die Gröſse
der Strafbarkeit davon abhängt 1) wer der erſte
Beleidiger 2) ob ein Duell oder bloſser Rencon-
tre vorhanden war und 3) ob Verletzung er-
folgt iſt, oder nicht **)?
Die ordentliche Strafe fällt hinweg, wenn
die Nachläſſigkeit des Landesherrn oder der
Obrigkeit in den Duellanten die Meynung
veranlaſst hat, daſs ihnen das Duell erlaubt
ſey. Die Abſicht, die Ehre durch das Duell
zu erhalten, mindert nichts an der Strafe, da
gewöhnlich alle unſre Duelle Ehrenſachen ſind
und zur Erhaltung der Ehre ſowohl von
Seiten des Provocanten, als Provocaten ein-
gegangen werden ***).
II. Fehde (diffidatio, belium privatum). Sie
beſteht in einer die Verletzung der richterlichen
Gewalt enthaltenden Gewaltthätigkeit durch
Mehrere abſichtlich vereinigte bewaſſnete Men-
ſchen, zur Verfolgung wirklicher oder vermeint-
licher Rechte*). Wenn ein Oberherr durch
bewaffnete Macht gegen ſeine Unterthanen
Rechte verfolgt, ſo fällt der Begriff dieſes Ver-
brechens hinweg, ſelbſt wenn ſeine Anſprüche
ungerecht ſeyn ſollten. Denn da der Oberher
das Recht hat, ſeine Befehle durch die Geſell-
ſchaftsgewalt zu exequiren; ſo iſt hier keine
Verletzung der richterlichen Gewalt denkbar.
Reichsumnittelbare, dieſes Verbrechens ſchul-
dig, ſollen mit der Reichsacht und 2000 Mark
löth. Goldes **): Mittelbare, wenn ſie abweſend
ſind
***)
[176]II. Buch. I. Theil. I. Titel. II. Abſchnitt.
ſind mit der Reichsacht, ſind ſie gegenwärtig,
mit dem Schwerdt beſtraft werden *).
Durch Beraubung der Freyheit eines Menſchen
exequirt entweder der Staat ein Geſetz gegen
einen Uebertreter, oder er ſichert ſich durch
dieſelbe die mögliche Ausübung der Strafge-
walt. In beyden Fällen iſt Gefangenſchaft des
Menſchen Bedingung der Ausübung der rich-
terlichen Gewalt. Da nun der Staat das unbe-
dingte Recht auf die Ausübung ſeiner Gewalt
hat, ſo hat er auch das Recht auf ungeſtörten
Beſitz des Menſchen, dem er, durch einen öffent-
lichen Akt, ſeine Freyheit genommen hat.
Die Verletzung dieſes Rechts heiſst rechts-
widrige Befreyung eines Gefangenen
(unſchicklich: crimen effracti carceris) und kann
begangen werden 1) von dem Aufſeher der
Gefangenen (commentarienſis) und dem Ge-
fangen-
[177]Verbrechen gegen die richterliche Gewalt.
fangenwärter *), 2) vom Gefangenen ſelbſt,
3) von andern.
A. Befreyung durch den Gefangenaufſe-
her oder Wärter. Hat er durch ſein Verſchul-
den den Gefangenen entfliehen laſſen und liegt
1) Dolus ſeiner Handlung zum Grunde, ſo trifft
ihn die Strafe des Verbrechens, um deſſen
willen der Entflohene gefangen ſaſs **); iſt
aber 2) das Entfliehen aus Fahrläſsigkeit ent-
ſtanden, ſo iſt die Strafe willkührlich. ***).
B. Selbſtbefreyung des Gefangenen****). I.
Hat ſich der Gefangene aus dem Sicherungsge-
fängniſſe
M
[178]II. Buch. I. Theil. I Titel. II. Abſchnitt.
fängniſſe befreyt, ſo findet 1) die Todesſtrafe
ſtatt, wenn er ſich entweder durch Gewalt oder
durch ein Complott ſeiner Mitgefangenen; al-
lein 2) blos eine willkührliche Strafe, wenn er
auf andere Weiſe ſich befreyt hat *). II. Bey
der Flucht aus dem Strafgefängniſſe ſoll ent-
weder dieſelbe Strafe geſchärft oder in eine
härtere Strafe verſchiedener Art verwandelt
werden, daſs erſte, wenn der Verbrecher zu
zeitiger, das letzte, wenn er zu ewiger
Beraubung ſeiner Freyheit verdammt wor-
den iſt **).
C. Die Befreyung eines Gefangenen von
einem Dritten, wenn ſie nicht wegen der Art der
Befrey-
****)
[179]Verbrechen gegen die richterliche Gewalt.
Befreyung oder der Perſon des Gefangenen in
ein ſchwereres benanntes Verbrechen über-
geht, ſoll wenn ſie bey Nacht geſchehen iſt,
mit körperlicher Züchtigung und Verdam-
mung zu ſchwerer Bergwerksarbeit beſtraft wer-
den, hingegen mit Züchtigung und gelinder
Bergwerksarbeit auf immer oder auf beſtimmte
Zeit, wenn ſie bey Tag geſchehen iſt *).
Henr. Gottl. Eylenſteintractatus juris criminalis de
jure circa urphedam, Jen. 1754. 4.
Die ehemalige Schwäche der Staaten und der
gänzliche Mangel kräftiger Polizey-Anſtalten
konnte es entſchuldigen, wenn ſonſt der Rich-
ter von dem entlaſſenen Gefangenen eine jura-
toriſche Caution, ſich nicht rächen zu wollen,
verlangte. Eine ſolche eidliche Verſicherung
eines Verbrechers oder Angeſchuldigten, ſich an
dem Gericht, wegen der über ihn ausgeübten Cri-
M 2minal-
[180]II. Buch. I. Theil. I. Titel. II. Abſchnitt.
minal-Iuſtitz, nicht zu rächen, hieſs Urphe-
de*). Sie iſt noch jetzt in Gebrauch, und
das läſst ſich nicht entſchuldigen.
Die Urphede wird von einem aus dem
Gefängniſs zu entlaſſenden Verbrecher oder
Angeſchuldigten abgeleiſtet. Dies iſt der Fall
1) bey der Entlaſſung aus dem Sicherungsge-
fängniſs vermöge einer abſolutoriſchen Sen-
tenz, dieſe mag nun ſchlechthin Strafloſigkeit
erklären, oder blos die Fortſetzung der Unter-
ſuchung ſuspendiren (abſolutio ab inſtantia).
Hier wird aber immer vorausgeſetzt, daſs der
Angeſchuldigte nach einem ſollennen Inquiſi-
tionsproceſs entlaſſen wird **). 2) Bey der
Entlaſſung aus dem Strafgefängniſs und dem
Zuchthaus. 3) Bey der Execution der Strafe
des Exils. In dem letzten Fall iſt mit der eid-
lichen Verſicherung, ſich nicht zu rächen, die
eidliche Verſicherung, vor geendigter Straf-
zeit nicht zurückzukehren urpheda de non
redeundo) verbunden ***).
Wer der Urphede ungeachtet, ſich an der
Obrigkeit rächt, begeht ein Verbrechen und
wird beſtraft, nach Verſchiedenheit der Hand-
lung, durch welche er Rache nimmt. I. Rächt
er ſich durch ein mit einer beſtimmten Strafe
bedrohtes Verbrechen, ſo wird er nach den
Grundſätzen dieſes Verbrechens beurtheilt
und beſtraft, wenn die Strafe deſſelben härter
iſt, als die Strafe des Meineids. H. Rächt er
ſich auf eine andere Art, ſo ſoll er mit Ab-
hauung der Hand oder der Finger beſtraft
werden *). Dieſelbe Strafe iſt auch auf den
Fall anzuwenden, wenn der Exilirte die Ur-
phede de non redeundo verletzt hat **). Ob
der
[182]II. Buch. I. Theil. I. Titel. II. Abſchnitt.
der Verbrecher zum Hohn der Obrigkeit oder
aus andern Gründen zurückgekehrt iſt, darauf
kommt nichts an ***).
Aufruhr und Tumult.
C. Fr. WilliſchDiſſ. de tumultu ac ſeditione. Vit. 1791.
G. A. Schlettweindie in den deutſchen Reichsgeſetzen
beſtimmte weiſe Ordnung der Gerechtigkeit wider Auf-
ruhr und Empörung der Obrigkeit. Leipzig 1791.
Ueber Aufruhr und aufrühriſche Schriften. Braunſchw.
1793.
Jo. Guil. VolkmannDiſſ. de ſeditione. Lipſ. 1797.
Die Unterthanen im Staat haben die Verbind-
lichkeit, den Befehlen der Staatsgewalt zu gehor-
chen und ſich der executiven Macht, durch
welche ſie ausgeführt werden, zu unterwer-
fen. Die Verletzung dieſer Verbindlichkeit
heiſst Widerſetzlichkeit. Dieſe Verletzung kann
geſchehen A. durch bloſse Verweigerung des
Gehorſams gegen einzelne Befehle, ohne Thät-
lichkeit. Dagegen ſind keine Strafen ſondern
bloſse Zwangsmittel begründet B. durch Ge-
brauch oder Androhung phyſiſcher Kräfte zur
thätigen Behauptung des Ungehorſams Dies
geſchieht I. von einem Einzelnen, ohne Bey-
wirkung Anderer — Widerſetzlichkeit im engern
Sinn. Muſs nach den Grundſätzen von der
Gewalt-
[184]II. Buch. I. Theil. I. Titel. II. Abſchnitt.
Gewaltthätigkeit beſtraft werden. II. Von
Mehrern zugleich: Tumult, Aufruhr im
weitern Sinn Dieſer iſt eine in Thätigkeit
ausgebrochene öffentliche Vereinigung Mehrerer
zur gewaltthätigen Behauptung ihres rechts-
widrigen Ungehorſams gegen einen einzelnen be-
ſtimmten Regierungsakt der Staatsgewalt.
Zum Thatbeſtand des Verbrechens gehört
I. Vereinigung mehrerer Unterthanen. Ein Ein-
zelner und Fremde begehen es nicht. II. Der
Zweck der Vereinigung iſt Behauptung in dem
Ungehorſam durch gemeinſchaftliche phyſi-
ſche Kräfte. Dadurch unterſcheidet ſich die-
ſes Verbrechen von dem bloſsen Auflauf, dem
lärmenden Zuſammenfluſs mehrerer zu andern
Zwecken. Ob der Tumult gegen den Ober-
herrn ſelbſt, oder nur gegen die Magiſtrate
deſſelben gerichtet war, iſt an ſich gleichviel *).
III. Die Vereinigung muſs öffentlich ſeyn. Da-
her der Unterſehied des Tumults von der
Verſchwörung und Conſpiration IV. Gegen
rechtmäſsige Befehle der Staatsgewalt. Wi-
derſetzung gegen offenbar ungerechte Befehle
heiſst Inſurection**). V. Gegen einzelne, be-
ſtimmte Regierungsakte. Gewaltſame Wider-
ſetzung gegen den Oberherrn überhaupt, ge-
gen alle Befehle deſſelben iſt Hochverrath. VI.
Die Vereinigung muſs ſchon in Thätigkeit über-
gegan-
[185]Verbrechen gegen die richterliche Gewalt.
gegangen ſeyn. Dies iſt der Fall, wenn die
Menge unter öffentlichem Zuſammenlauf ent-
weder durch drohendes Geſchrey *) oder durch
wirkliche Verletzungen ihre Abſicht, ſich in
dem Ungehorſam mit Gewalt gegen die execu-
tive Macht zu behaupten, zu erkennen gege-
ben hat.
Der Tumult, Aufruhr im weitern Sinn be-
zieht ſich entweder blos auf die Behauptung
in dem Ungehorſam gegen den beſtimmten
Regierungsakt, oder er iſt zugleich darauf
gerichtet, den Oberherrn oder die Obrigkeit
zu einer beſtimmten Regierungshandlung zu
nöthigen. Jenes kann man Tumult im engern
Verſtande, dieſes Aufruhr im engern Verſtande
nennen.
Bey dem Tumult im allgemeinen müſsen
der Urheber, welcher die Zuſammenrottung
erſt bewirkt (Aufrührer) und der Anführer,
der
[186]II Buch. I. Theil. I. Titel. II. Abſchnitt.
der die Ausführung der Abſicht der Zuſammen-
rottung leitet (Rädelsführer) von den übrigen
Theilnehmern, den Tumultuanten, unterſchie-
den werden. Sowohl die Strafe der Aufrührer
und Rädelsführer*), als auch der übrigen Tumul-
tuanten **), iſt blos willkührlich. Dabey kom-
men folgende Momente der Strafbarkeit in Be-
trachtung: 1) Aufruhr im engern V. iſt ſtrafbarer
als bloſser Tumult, 2) Tumult und Aufruhr ſind
ſtrafbarer, wenn durch ſie wirkliche Rechts-
verletzungen entſtanden, als wenn ſie blos
bey andern Handlungen ſtehen geblieben
ſind. Je gröſser die Rechtsverletzung, deſto
gröſser die Strafbarkeit. 3) Die Aufrührer und
Rädelsführer ſind in der Regel ſtrafbarer, als
die Tumultuanten. 4) Unter dieſen beſtimmt
die Gröſse des Antheils an dem Tumult über-
haupt oder an der wirklich entſtandenen Rechts-
verletzung die Gröſse der Strafe ***).
Chriſt. Phil. RichterCommentatio de homicidio.
Jen. 1744.
Ern. J. Fr. MantzelDiſſ. de gradibus homicidiorum.
Roſt. 1754.
Die Verletzung des Rechts auf das Leben, in
ſo ferne ſie Verbrechen iſt, geſchieht durch
Tödung (homicidium). Dieſe iſt eine rechts-
widrige Handlung, welche die zureichende Urſache
des erfolgten Lebensverluſtes eines Menſchen iſt.
Da das Leben Bedingung aller Rechte iſt und
durch die Verletzung deſſelben dem Staat ein
Glied
[188]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
Glied ſeiner Vereinigung völlig entzogen wird,
ſo iſt die Tödung das ſchwerſte aller Privat-
verbrechen.
Zum Thatbeſtande des Verbrechens gehört
I. als Object der Verletzung ein Weſen, welches
die Eigenſchaften und Rechte des Menſchen hat.
Kein Unterſchied der Religion *), der Ab-
kunft **), des Standes ***), u. ſ. w. kommt in
Betrachtung. Auch an einem Embryo, wenn
er ſchon Zeichen des Lebens gegeben hat,
wird dieſes Verbrechen begangen ****). Al-
lein 1) an Toden *****) 2) Miſsgeburten (mon-
ſtris)
[189]Verbrechen der Tödung überhaupt.
ſtris) *) 3) an ſolchen, welche gänzlich vom
Schutz des Staats ausgeſchloſſen ſind (§. 40.),
begeht man kein Verbrechen der Tödung.
II. Der rechtswidrige Effect iſt Berau-
bung des Lebens. Erſt mit der Exiſtenz dieſer
Folge iſt das Verbrechen vollendet. III. Dieſer
Effect muſte in der Handlung der Perſon, als
einer zureichenden Urſache gegründet ſeyn.
Das Verbrechen exiſtirt daher nicht 1) wenn
der auf Tödung gerichteten Handlung eine
von derſelben unabhängige Urſache vorher-
ging, welche den erfolgten Tod in demſelben
Zeitpunkte bewirkt haben würde, in welchem
er auf die Handlung der Perſon erfolgt iſt.
Unter dieſer Vorausſetzung würde ſelbſt eine
abſoluttödliche Verletzung eines Sterbenden
oder eines tödlich verwundeten keine vollen-
dete Tödung ſeyn. Wenn aber auch eine ſolche
Urſache vorherging und in der Handlung einer
Perſon die hinreichende Urſache der Beſchleu-
nigung des Todes gegründet iſt, ſo iſt ſie der
Tödung ſchuldig **).
2) Es darf auf die beygebrachte, an ſich
nicht tödliche Verletzung keine von derſelben
unabhängige Urſache folgen, welche entweder
für ſich allein oder in Verbindung mit jener
Verletzung den Tod bewirkte *). Der einer
körperlichen Verletzung folgende Tod be-
gründet alſo nur dann das Verbrechen der Tö-
dung, wenn die Verletzung abſolut-tödlich
(laeſio abſolute lethalis) iſt, ſie mag nun wegen
ihrer Natur überhaupt (laeſio in abſtracto letha-
lis), oder wegen der individuellen Conſtitution
des Verletzten und äuſſerer bey der Verletzung
concurrirender, mit derſelben aber zugleich
vorhandener Umſtände, (laeſio in concreto leth.)
hinreichende Urſache des erfolgten Todes ſeyn.
War die Verletzung blos durch die Dazwiſchen-
kunft anderer Urſachen tödlich (zufällig töd-
liche Verletzung, laeſ. per accidens leth. *);
ſo
[191]Verbrechen der Tödung überhaupt.
ſo iſt die That nach den Grundſätzen bloſser
Körperverletzungen, und der verſuchten Tö-
dung zu beſtrafen *).
Für den nothwendigen Cauſalzuſammen-
hang der Verletzung mit dem erfolgten Tode,
braucht keine mathematiſche, ſelbſt die Mög-
lichkeit des Gegentheils ausſchlieſsende, Ge-
wiſsheit vothanden zu ſeyn. Eine Verletzung
iſt für abſoluttödlich im juridiſchen Sinne zu
halten, ſobald nur keine beſtimmten Urſachen
ſich zeigen, welche entweder die zufällige
Tödlichkeit wirklich beweiſen, oder doch einen
gegründeten Zweifel an der abſoluten Tödlich-
keit zulaſſen. Im letztern Fall würde zwar
der Begriff der Tödung nicht ausgeſchloſsen,
aber doch, wegen einer Ungewiſsheit des
Thatbeſtandes, keine ordentliche Strafe anzu-
wenden ſeyn.
Das Verbrechen der Tödung kann 1) ſowohl
unmittelbarer, als mittelbarer Weiſe, durch
falſches Zeugniſs, durch ungerechten zum Tod
verdammenden Richterſpruch etc *), 2) ſowohl
durch poſitive, als auch durch negative Hand-
lungen begangen werden. Das letzte ſetzt
aber die Verbindlichkeit zu einer poſitiven
Handlung voraus, deren Unterlaſſung zur noth-
wendigen Urſache des Todes des andern ge-
worden iſt **).
Die Tödung eines Menſchen muſs IV. eine
Uebertretung enthalten, wenn ſie als Ver-
brechen betrachtet werden ſoll. Das Ver-
brechen der Tödung ſetzt daher als Bedingung
voraus 1) daſs die Tödung eine wirkliche
Rechtsverletzung des Bürgers enthalte. Tödung
mit Einwilligung des andern iſt daher kein
Verbrechen (§. 40.) ***), 2) daſs ſie nicht noth-
wendige Bedingung der Erhaltung eigener
Rechte war. Tödung aus Nothwehr wenn alle
Bedingungen derſelben exiſtiren (homicidium
neceſſarium) iſt völlig ſtraflos (§. 47 — 49.):
3) Daſs ſie nicht unter den Bedingungen ge-
ſchah, unter welchen die Geſetze die Tödung
erlau-
[193]Verbrechen der Tödung überhaupt.
erlauben (homicidium permiſſum) *), 4) daſs nicht
die Bedingungen der Zurechnung mangelten
(homicidium caſuale) **).
Die Tödung kann geſchehen aus Dolus,
wenn die Beraubung des Lebens des Andern
Zweck des Handelnden war; aus Culpa, wenn
er ſich durch ſein Verſchulden zu andern Hand-
lungen als Zweck determinirte, aus welchen
die Tödung nach Naturgeſetzen erfolgt iſt ***).
Die Begriffe von beſtimmten und unbeſtimmten
Dolus, von reiner und durch Dolus determinir-
ter Culpa (§. 66.) kommen hier beſonders zur
Anwendung.
Die Präſumtion des Dolus kann verſtärkt
oder geſchwächt werden durch die Art der
Tödungsinſtrumente und der Art ihres Ge-
brauchs
N
[194]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
brauchs bey der Tödung *). I. Iſt die Tödung
geſchehen mit einem abſolut tödlichen Inſtru-
mente, das auf eine ſeiner Beſtimmung ge-
maſse Art gebraucht wurde, ſo iſt dieſes Grund
für determinirten Dolus. II. Ein zufällig töd-
liches Inſtrument, das eben ſo leicht Tod als
Körperverletzung begründen kann, iſt Grund
der Vermuthung für den dolus indeterminatus,
oder die culpa dolo determinata III. Ein abſo-
luttödliches, bey der Tödung nicht auf gewöhn-
liche Art gebrauchtes Werkzeug, bey welchem
zugleich mehr Wahrſcheinlichkeit, daſs es blos
verletze als töde, vorhanden iſt, läſst culpa
dolo determinata vermuthen. IV. Ein zufällig
tödliches Inſtrument, welches entweder an
und für ſich oder wegen der Art ſeines Ge-
brauchs eine Tödung wahrſcheinlicher Weiſe
nicht bewirken konnte, läſst auf bloſse Culpa
ſchlieſsen **).
Das Verbrechen des Todſchlags theilt ſich in
den Todtſchlagim engern Sinn, die im Affect
begangene Tödung und in den qualificirten Tod-
ſchlag, den Mord, die Tödung aus Ueberlegung
und Willkühr*). Der Mord iſt wieder entwe-
der qualiſicirter Mord, wenn der Mörder mit
dem Ermordeten durch beſondere Pflichten
der Liebe oder der Hochachtung verbunden,
N 2oder
[196]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
oder einfacher Mord, wenn eine andere Perſon
Gegenſtand des Verbrechens war *).
Der Mord ſetzt zu ſeinem Begriff, Thätig-
keit der Reflexion und mithin einen Akt der
Willkühr als pſychologiſchen Grund der That
voraus. Dieſes iſt anzunehmen 1) wenn der
Vorſatz mit Ueberlegung gefaſst, obgleich
im Affect ausgeführt worden iſt, 2) wenn zuerſt
der Vorſatz im Affect entſtanden, nachher aber
durch Ueberlegung beſtätigt worden iſt, 3)
wenn der Verbrecher über den Entſchluſs ſelbſt
gar nicht reflectirt, ſondern ihn bloſs in der
Hitze des Affects empfangen, aber mit Ueber-
legung die Mittel zur Ausführung der That
gewählt hat.
Ein Todſchlag exiſtirt alſo nur dann, wenn
1) der Entſchluſs der Tödung im Affect ent-
ſtan-
[197]Verbrechen der Tödung überhaupt.
ſtanden und 2) ohne daſs Ueberlegung, weder
in Anſehung des Entſchluſses ſelbſt, noch in
Anſehung der Mittel zur Ausführung, auf den-
ſelben folgte, ausgeführt worden iſt. Fehlt
eins oder das andere, ſo iſt die Tödung Mord
(§. 249.)
Der Grund des Strafgeſetzes gegen den
Todſchlag iſt, die unüberlegten geſetzwidrigen
Ausbrüche des Affects zu verhindern und durch
die Vorſtellung der Strafe den Menſchen in
den Zuſtand der Reflexion über ſeine Hand-
lungen zu verſetzen Dennoch wird zum Be-
griff des Todſchlags, vermöge der Natur eines
jeden Strafgeſetzes, vorausgeſetzet 1) daſs ſich
der Handelnde in dem Zuſtande der Zurech-
nungsfähigkeit befunden habe. Wer in dem
höchſten Grad des gerechten Affects einen andern
tödet, iſt kein Verbrecher (§. 96) 2) Der im
Affect gefaſste rechtswidrige Entſchluſs muſte,
wenn die ordentliche Strafe ſtatt finden ſoll,
auf Tödung gerichtet geweſen ſeyn. Doch iſt
es gleichviel, ob der Dolus in Beziehung auf
Tödung beſtimmt, oder unbeſtimmt und alter-
nativ war (§. 66.).
Der Endzweck und die Triebfedern zu
dem überlegten Mord haben auf die recht-
liche Beurtheilung des Verbrechens keinen
Einflaſs. Man kann Mörder aus Liebe, aus
Mitleid, ſelbſt aus moraliſchen Gründen ſeyn.
Mord aus Lebensüberdruſs oder aus religiöſer
Schwärmerey, giebt zwar Urſachen des Ver-
dachts
[198]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
dachts einer zum Grunde liegenden, die Im-
putativität ausſchlieſsenden, Gemüthskrank-
heit; iſt aber nicht an ſich Beweis derſelben.
Daſs eine erfolgte Tödung in der Will-
kühr des Subjects gegründet geweſen ſey,
kann nicht mit Gewiſsheit aus der Gröſse des
Zeitraums, der zwiſchen dem Reitz zur That
und ihrer Ausführung vergangen iſt, ge-
ſchloſsen werden. Dieſes kann nur erkannt
werden 1) aus dem Geſtändniſs des Verbrechers,
2) aus der Beſchaffenheit der Handlung ſelbſt,
aus dem Endzweck der ihr zum Grunde lag
oder aus der Art der Ausführung derſelben.
Das letzte begründet gewiſſe benannte Arten
des Mords.
Ein Mord iſt nämlich vorhanden I. wenn
ſich der Verbrecher zur Tödung als einem Mit-
tel zur Erreichung ſinnlicher Verſtandeszwecke
beſtimmt. Der Gegenſtand eines auf Befriedi-
gung der Sinnlichkeit gerichteten, aber nur
durch den Verſtand beſtimmten Zwecks heiſst
ein Vortheil und eine Tödung um eines ſinn-
lichen Vortheils willen, Raubmord (latroci-
nium) *) Dieſer ſetzt daher voraus, daſs ſich
der Verbrecher zur Tödung beſtimme; nicht
blos um dadurch unmittelbar eine einzelne und
momentane ſinnliche Begierde zu befriedigen,
ſon-
[199]Von Todſchlag und Mord.
ſondern um durch den Tod des andern etwas
zu bewirken, was erſt in ſeinen Folgen das
Streben der Sinnlichkeit befriedigt *). Da hier
die Folgen der Handlung Beſtimmungsgrund
des Willens ſind, dieſes aber nothwendig Re-
flexion über die That vorauſſetzt; ſo iſt jede
Tödung um eines Vortheils willen Mord.
Es findet dieſes Anwendung II. der aufge-
tragenen Tödung, welche in der Tödung
eines Menſchen vermöge des Auftrags eines An-
dern beſteht. Sowohl der Bevollmächtiger, als
auch der Bevollmächtigte ſind des Mords ſchul-
dig, der letzte, weil der Grund ſeines Ent-
ſchluſses; der erſte, weil die Art der Ausfüh-
rung ſeines Entſchluſses nothwendig Ueber-
legung und Entſchluſs aus innerem Antriebe
vorausſetzt. Die aufgetragene Tödung enthält
den Banditenmord (aſſaſſinium), die rechts-
widrige, um Lohn unternommene Tödung unter
ſich. Der Bevollmächtiger heiſst beym Aſſaſ-
ſinium Morddinger aſſaſſinator), der Bevoll-
mächtigte Bandit (aſſaſſinus) **).
Dahin gehört III. der Meuchelmord
homicidium proditorium) eine unter abſichtlicher
Täuſchung des Getödeten vollbrachte Tödung.
Dies iſt beſonders der Fall, wenn der Ver-
brecher ſeine mörderiſche Abſicht hinter dem
Schein des Zutrauens und der Freundſchaft
verbirgt *). Der Begriff dieſer Tödung ſetzt
immer Nachdenken über die Mittel zur Aus-
führung voraus. Meuchelmord iſt daher jeder
Zeit prämeditirt **).
Zu der prämeditirten Tödung gehört IV.
der Giftmord,Tödung eines Menſchen durch
Mittheilung eines Stoffs, der den Körper nach
chemiſchen Geſetzen verletzt***). Wer ſich die-
ſes
**)
[201]Von Todſchlag und Mord.
ſes Mittels zur Ausführung ſeiner geſetzwi-
drigen Abſicht bedient, beweiſt Ueberlegung,
weil er durch Verſtecktheit die Aufmerkſam-
keit zu hintergehen ſucht und der Gebrauch
des Mittels Vorbereitungen vorausſetzt.
Unter Giften werden hier 1) ſowohl ſolche
Subſtanzen verſtanden, welche nach ihrer
Natur und nach der Organiſation des menſch-
lichen Körpers überhaupt verborgen nach
chemiſchen Geſetzen verletzen *), als auch 2)
ſolche, welche zwar an ſich unſchädlich ſind,
aber nur unter beſondern zufälligen Bedingun-
gen Verletzung bewirken. Auf die Art der
Mittheilung des Stoffs kommt es nicht an; ſie
kann ſowohl mittelbar, durch Vergiftung an-
derer Gegenſtände, z. B. Brunnen, Waiden.
u. ſ. w. als auch unmittelbar geſchehen **).
Die Strafe***) des Todſchlags iſt das
Schwerd; weil aber die Strafbarkeit des prämedi-
tirten
***)
[202]II Buch. I. Theil. II. Titel I. Abſchnitt.
tirten Mords, wegen der Feſtigkeit der Trieb-
feder erhöht iſt, ſo ſoll der einfache Mord an
Mannsperſonen mit dem Rad, an Weibsper-
ſonen mit dem Ertränken beſtraft werden *).
Dieſe Strafe muſs auch bey dem aufgetrage-
nen Mord, insbeſondere bey dem Banditen-
mord und zwar ſowohl bey dem Morddinger,
als bey dem Banditen eintreten, da jener voll-
kommen Auctor des Verbrechens iſt **). War
der Auftrag blos auf Verwundung gerichtet, ſo
begründet die Ueberſchreitung dieſes Auftrags
von Seiten des Bevollmächtigten die ordentliche
Strafe, nicht aber für den Bevollmächtiger ***).
Wenn mehrere zugleich als Miturheber
Theilnehmer an einer beſtimmten Tödung ſind,
ſo gelten folgende Grundſatze I. Haben ſich
Mehrere
[203]Von Todſchſag und Mord.
Mehrere als Coauctores durch Vertrag zur Tö-
dung verbunden und durch gegenſeitige Hülfe
die Tödung vollbracht, ſo werden alle als Mör-
der mit dem Rad beſtraft. II. Wenn hingegen
Mehrere bey einem zufällig entſtandenen Streit
unabhängig von einander, (alſo ohne vorher-
gehende Verabredung) bey der Tödung eines
Menſchen mit gewirkt haben und 1) nur Einer
den Getödeten tödlich verwundet hat. ſo wird
dieſer allein als Todſchläger mit dem Schwerd
beſtraft. Hat 2) der Getödete von mehrern
Wunden empfangen, von welchen jede an
und für ſich tödlich iſt, ſo wird a) der, welcher
erweiſslich zuerſt verwundet hatte, mit dem
Schwerd, und die übrigen werden auſſeror-
dentlich beſtraft, b) iſt es ungewiſs, wer die
erſte Wunde beygebracht hat, ſo trift alle die
Schwerdſtrafe *). 3) Sind die von mehrern
beygebrachten Wunden blos im Zuſammen-
fluſs tödlich, ſo leiden ſie eine auſſerordent-
liche Strafe **).
Die ordentliche Strafe des Mords und
des Todſchlags ſetzt eine auf Tödung gerich-
tete Abſicht (Dolus) voraus, gleichviel übrigens,
ob die Abſicht beſtimmt oder nur alternativiſch
(§. 66.) auf Tödung gerichtet war. Daraus
folgt aber, daſs die dem ſogenannten indirecten
Dolus zum Grunde liegende Willensbeſtim-
mung, welche blos Verwundung zur Abſicht
hat, wo aber aus den, auf ihre Realiſirung
gerichteten Handlungen Tödung entſpringt,
keineswegs die ordentliche Strafe begründen
könne. Denn hier iſt blos durch Dolus be-
gründete Culpa (§. 67) *).
Die Strafe der gröſsten Culpa iſt, wenn
ſonſt keine Milderungsgründe vorhanden ſind,
ein
**)
[205]Von dem einfachen Todſchlag und Mord.
ein der ordentlichen Strafe am nächſten kom-
mendes Uebel, lebenswierige Beraubung der
Freyheit, oder Staupbeſen, verbunden mit ewi-
ger Landesverweiſung. Dieſe Strafe trifft auch
die durch Dolus begründete Culpa, weil auch
hier die Culpa durch den concurrirenden Do.
lus aggravirt wird. Die mittlere Culpa ſinkt
bis zur 5—10 jährigen Beraubung der Frey-
heit und die geringſte bis zum bloſsen Ver-
weis oder zu einem Gefängniſs von etlichen
Tagen oder Wochen herab *).
Die unternommene Tödung muſs, wenn
die That geendigt iſt, beſonders, wenn ſchon
wirkliche Verletzungen geſchehen ſind, mit
dem der ordentlichen Strafe am nächſten kom-
menden Uebel, alſo bey dem Mord mit dem
Schwerd, bey dem Todſchlag mit ewiger Be-
raubung der Freyheit oder Staupbeſen und
ewiger Landesverweiſung beſtraft werden.
Die Beſtrafung entfernter Verſuche hängt ledi-
glich von der Beurtheilung in concreto ab.
Es treten hier weder beſondere Mil-
derungs- noch Schärfungsgründe ein. Die
Socii werden nach den allgemeinen, bekann-
ten Principien beſtraft.
Ant. SchaafDiſſ. ad L. Pomp. de parricidii crimine
ejusque poena. Gieſſ. 1714.
Abr. de Leeu van CoolwykDiſſ. ad L. un. C.
de his qui parentes vel liberos occiderint. Lugd. Bat.
1754 4.
Jo. Solorzanide parricidii crimine (inEverard
Otton. Theſ. Tom. V. pag. 995. ſqq.)
J. G. F. BoehmerDiſſ. de ſupplicio parricidarum. Frcf.
1761.
Ein Mord, durch welchen die beſondern Pflichten
der Hochachtung oder der Liebe gegen den Er-
mordeten verletzt worden ſind, heiſstVer-
wandtenmord (parricidium) *). Er begreift
1) den Verwandtenmord im engern Sinn 2) den
Kindermord (infanticidium).
Unter dem Verwandtenmordim engern
Sinn*) verſtehen die Geſetze den Mord zwiſchen
nahen Blutsverwandten oder Schwägern,
den Mord zwiſchen Ehegatten und an einer
Perſon hohen Standes, welcher der Verbrecher
unterworfen iſt **). Sind Aſcendenten im er-
ſten
[208]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
ſten Grade Gegenſtand des Verbrechens, ſo
iſt es ein Elternmord (parricidium in ſenſu ſtmo.),
welcher entweder Vater- oder Muttermord
ſeyn kann.
Die Nähe der Verwandſchaft und Schwä-
gerſchaft muſs hier beſtimmt werden nach den
Eheverboten in dem römiſchen Recht *). Denn
die Nähe der Sippſchaft, deren die P. G. O. er-
wähnt, muſs als ein an ſich relativer Begriff be-
ſtimmt werden aus den Geſetzen, dieſe nen-
nen aber nur diejenigen Verwandten, nahe,
zwiſchen welchen die Ehe verboten iſt; und
da Carl überall das römiſche Recht im Blicke
hat, ſo kann er unter den nahe geſippten Freun-
den nur ſolche, zwiſchen welchen nach Röm.
R. die Ehe verboten iſt, verſtanden haben **).
Das Parricidium fände alſo in ſo ferne ſtatt
1) zwiſchen Aſcendenten und Deſcendenten,
2) zwiſchen Collateralen, welche im vierten
Grad römiſcher Computation verwandt ſind,
oder zwiſchen denen reſpectus parentelae iſt,
und 3) zwiſchen Verſchwägerten ***) welche
mit
**)
[209]V. d. qualificirten Mord od. d. Parricidium.
mit dem Verbrecher in elterlichem Verhältniſs
gedacht werden *).
Bey dem Elternmord kommt es ſo wenig
auf Legitimität oder Illegitimität der Ver-
wandſchaft an **), als es darauf ankommt,
ob die Verwandſchaft blos erdichtet oder na-
türlich iſt ***). Auch an Adoptiv-Eltern wird
dieſes Verbrechen begangen. Aber der Mord
von dem Hurenkind (vulgo quaeſitus) an ſei-
nem vermeintlichen Vater iſt kein parrici-
dium.
Unter hohen trefflichen Perſonen ſind Mini-
ſter des Landesherrn oder Perſonen des hohen
Adels, die nicht zugleich Landesherrn ſind,
zu
***)
O
[210]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
zu verſtehen *). Sind dieſe Perſonen Lan-
desherrn und iſt der Verbrecher ihnen unter-
worfen, ſo iſt die That Majeſtätsverbrechen **).
Strafe. Dieſe iſt das Rad, verbunden
mit äuſſerlicher Schärfung entweder durch
Schleifen zur Richtſtätte oder durch Zangen-
reiſſen ***).
J. Henr. WolfartComm. de infanticidio doloſo, ejus-
que ſpeciebus. Erf. 1750.
J. D. CappaunDiſſ. de caede infantis a matre commiſſa.
Arg. 1766.
J. Casp. Heimburgpr. de poena matris, infantis ſui
recens nati ex propoſuo mortem maturantis. Jen. 1766.
Kindermord(infanticidium) iſt eine nach
vorgängiger Verheimlichung der Schwanger-
ſchaft von der Mutter ſelbſt begangene Tödung
ihres neugebohrnen, lebensfähigen, unehelichen
Kindes*). Der Grund der Auszeichnung des
Kindermords zum Zweck der gelindern Be-
ſtrafung, iſt theils die heftige Furcht vor der
Strafe und Schande, wegen des unehelichen
Beyſchlafs, theils die Schwächung der höhern
Gemüthskräfte durch den Akt der Geburth,
theils die noch mangelnde Stärke des Inſtinkts
der mütterlichen Liebe, welcher erſt nach Ver-
lauf einiger Zeit ſich zur vollen Kraft entwickelt
und erſt dann eine mächtige, abhaltende Trieb-
feder iſt.
Zum Thatbeſtand des Verbrechens gehört
1) daſs eine Perſon gebohren hat 2) daſs das
Kind im auſſerehelichem Beyſchlaf erzeugt
und auſſer der Ehe gebohren worden iſt **),
3) daſs das Kind in der Geburth und vor Voll-
endung der rechtswidrigen Handlung gelebt
hat, 4) daſs das Kind vermöge ſeiner körper-
lichen Beſchaffenheit und der Zeit der Schwan-
O 2ger-
[212]II Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
gerſchaft fähig war, auch auſſer der Mutter
ſein Leben fortzuſetzen *) 4) daſs es durch eine,
gleichviel, ob poſitive oder negative, Hand-
lung, der Mutter ſeines Lebens beraubt wor-
den iſt, 6) daſs dieſes kurz nach der Geburth,
ehe noch andere Perſonen auſſer den etwanigen
Vertrauten, von der Geburth Nachricht er-
halten konnten, geſchehen iſt **), und endlich
7) daſs die Mutter die Schwangerſchaft ver-
heimlicht hat, ſo daſs ein ſchon zur Zeit der
Schwangerſchaft gefaſster Vorſatz, das Kind
zu töden, anzunehmen iſt ***).
Ein culpoſer Kindermord wird am häufig-
ſten durch fahrläſſiges Unterlaſſen der Unter-
bindung der Nabelſchnur, oder durch eine
aus Fahrläſſigkeit, beſonders durch Verheim-
lichung der Schwangerſchaft, entſtandene hülf-
loſe Niederkunft begangen.
Die Strafe des Verbrechens iſt das Er-
tränken. Wo aber der Kindermord an einem
Orte ſehr überhand nimmt, da ſoll, gröſserer
Abſchreckung wegen, auch das Pfählen und
Lebendigbegraben, oder Schärfung des Er-
tränkens durch Zangenreiſſen angewendet
werden dürfen *). Die Praxis hat als ordent-
liche Strafe das Schwerd **).
Dieſe Strafe muſs gemildert werden 1)
wenn die Lebensfähigkeit des Kindes mangelt
oder zweyfelhaft iſt, 2) wenn die Mutter die
Schwan-
[214]II. Buch. I. Theil. II Titel. I. Abſchnitt.
Schwangerſchaft nicht verheimlicht hat, oder
es doch gewiſs iſt, daſs ſie die Abſicht, ihr
Kind zu ermorden, nicht vorhergefaſst habe.
Die gewöhnlich hier aufgehäuften Milderungs-
gründe laſſen ſich nicht rechtfertigen *). —
Wenn eine Mutter ihr neugebohrnes eheliches
Kind oder, nachdem die Geburt ſchon zur
Kenntniſs Andrer gekommen, ermordet, ſo iſt
die That ein wahres Parricidium. Bey dem
Mangel der übrigen Requiſite iſt ein verſuch-
ter Kindermord vorhanden **).
J. Chriſt. FalcknerDiſſ. de autochiria. Hal. 1728.
Juſt. J. Chriſtoph WrisbergDiſſ. de eo q. j. e.
circa autochiriam. Gött. 1740.
Car. Got. Winckler tr. de mortis voluntariae prohibi-
tione ac poenis. Lipſ. 1775. 8.
Das Recht der freyen Dispoſition ſelbſt über
das Leben hört auf mit dem Eintritt in den
Staat.
[215]Anhang. Von dem Selbſtmord.
Staat. Der Bürger verpflichtet ſeine Kräfte
und ſein Leben zur Mitwirkung für den öffent-
lichen Zweck. Er darf daher ſo wenig dem
Staate durch Selbſtmord ſich entziehen, als er
ſonſt einſeitig ſeinen Bürgervertrag aufheben
kann *). Aber Beſtrafung der eignen Lebens-
beraubung iſt ſchon darum ungereimt, weil
ſich von keinem Uebel erwarten läſst, daſs es
einen Menſchen abſchrecken werde, der den
Tod ſelber als eine Wohlthat betrachtet **).
Auch giebt es kein allgemeines, anwend-
bares Geſetz, welches den Selbſtmord zu den
Verbrechen zählte. Der vollendete Selbſtmord
iſt nach Röm. R. nie Verbrechen; bey attentirter
Selbſttödung unterſcheidet es, ob der Menſch
ohne Urfache, oder aus einer beſtimm-
ten Urſache, wegen Lebensüberdruſs, Prahl-
ſucht, oder Furcht vor Uebeln ſich des Lebens
habe berauben wollen. Hier fällt, die Solda-
ten ausgenommen ***), alle Strafe hinweg, dort
ſoll
[216]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
ſoll das Attentat willkührlich beſtraft werden *).
Ein Geſetz, deſſen Vorauſſetzung nicht exiſtiren
kann, weil nach pſychologiſchen Geſetzen,
eine dieſer Urſachen immer zum Selbſtmord
beſtimmt. Das Canoniſche Recht verſagt dem
Selbſtmörder nur ein feyerliches Begräbniſs **)
und die P. G. O. erwähnt dieſe Handlung gar
nicht als ein Verbrechen ***).
Die Selbſtentleibung hebt aber die Rechte
nicht auf, die für den Staat durch andre Hand-
lungen des Selbſtmörders begründet wurden.
Das Vermögen eines Selbſtmörders, der ſich
aus Furcht vor einer verwirkten, mit Confis-
cation verbundenen Lebensſtrafe entleibt,
fällt dem Staate zu ****), wenn er auch bey Leb-
zeiten nicht überwieſen, oder condemnirt
wor-
[217]Anhang. Von dem Selbſtmord.
worden iſt *). Nur iſt nothwendig, daſs ſchon
bey ſeinen Lebzeiten, die Unterſuchung an-
gefangen hat **).
Die Praxis ſtraft den attentirten zurech-
nungsfähigen Selbſtmord mit geringer Gefäng-
niſsſtrafe, Relegation oder Verdammung zu
öffentlichen Arbeiten auf kurze Zeit ***). Den
vollendeten Selbſtmord, ſtraft ſie mit dem
Eſelsbegräbniſs, wenn die That wegen eines
Verbrechens oder ſonſt aus einer ſchimpflichen
Urſache begangen iſt. Der Selbſtmörder aus
Wahnſinn, Melancholi, ſoll ſtill an der Mauer
des Kirchhofs verſcharrt werden ****).
Körperverletzung im engern Sinne iſt jede
rechtswidrige nicht mit Lebensberaubung verbun-
dene Störung des körperlichen Gefundheitszuſtan-
des eines andern. Sie kann nur dann als beſon-
dere Uebertretung betrachtet werden, wenn
ſie nicht in der Abſicht zu töden, nicht in einem
Duell und nicht an dem Oberherrn ſelbſt ge-
ſchehen iſt. Uebrigens kann ſie ſowohl durch
Einwirkung auf das Innere des Körpers, als
auch durch Einwirkung auf die äuſſern Theile
deſſelben geſchehen *).
Die Körperverletzung zerfällt in die ein-
fache und qualificirte Körperverletzung. I. die
einfache Körperverletzungbeſteht in
der rechtswidrigen Störung des körperlichen Ge-
ſund-
[219]V. d. Verl. d. Integrität des Körpers.
ſundheitszuſtandes durch Einwirkung auf die
äuſſern Theile des Körpers nach mechaniſchen
Geſetzen. Dies geſchieht vorzüglich dadurch
1) daſs der Körper völlig eines Glieds beraubt
wird — Verſtümmelung 2) daſs der Gebrauch
deſſelben unmöglich gemacht wird — Läh-
mung, 3) daſs die äuſſern Theile des Körpers,
ohne Verſtümmelung, getrennt werden —
Verwundung im eigentlichen Sinn.
Die Strafe dieſer Uebertretung iſt will-
kührlich, Gewöhnlich nur Geldſtrafe oder
Gefängniſs *).
II. Die qualificirte Körperverletzung
beſteht in der Störung des Geſundheitszuſtandes
eines andern durch Mittheilung eines Stoffs, der
dieſe Verletzung nach chemiſchen Geſetzen be-
wirkt — Vergiftung. Es iſt gleichviel, ſowohl
in Anſehung des Begriffs, als auch in Anſehung
der Strafe, ob die Störung der Geſundheit ge-
ring oder groſs, heilbar oder unheilbar iſt **).
Nur kann eine blos momentane Störung der
Geſundheit durch Gift nicht nach der Strenge
dieſes Geſetzes beurtheilt werden **).
Als Strafe droht das Geſetz dem Ver-
brecher die Strafe des Rads für Männer, des
Ertränkens für Weiber *). Der Grund, aus
welchem bloſse Verletzung durch Gift dem
Morde ſelbſt gleich geachtet wird, iſt wohl
theils die Verworfenheit des Subjects, theils
die Gröſse des Reitzes, die in der Hoffnung
nicht entdeckt zu werden liegt, theils die Gröſse
der objectiven Gefährlichkeit, weil die Ver-
ſtecktheit des Mittels die That ſelbſt erleichtert
und die Entdeckung des Thäters erſchwert,
oder auch weil die Ausführung der Abſicht,
durch Gift blos zu verletzen, ſehr nahe an wirk-
liche Tödung gränzt.
Eine doloſe Vergiftung iſt vorhanden,
ſowohl wenn die Abſicht auf Tödung, als auch
wenn ſie blos auf Verletzung gerichtet war **).
Nur,
**)
[221]V. d. Verletzung d. Integrität d. Körpers.
Nur, wenn der ſchädliche Stoff gar nicht in
der Abſicht zu verletzen mitgetheilt wurde,
iſt eine culpoſe Vergiftung anzunehmen *).
Die letzte muſs dann nach den Grundſätzen
der culpoſen Tödung beurtheilt werden.
Die unternommene Vergiftung, ſelbſt wenn
ſie blos in der Abſicht zu verletzen geſchah,
muſs beurtheilt werden nach den Grundſätzen
von dem unternommenen Mord. Das Ver-
brechen der Vergiftung iſt geendigt (perfec-
tum veneficium) 1) wenn der Perſon ein wirk-
liches Gift, jedoch ohne Wirkung, mitgetheilt
worden iſt, 2) wenn der Verbrecher, in der
Abſicht zu verletzen, ein blos vermeintliches
Gift mitgetheilt hat **).
Der Menſch hat mit dem Recht auf ſeinen
Körper überhaupt, auch das Recht auf freye
Dispoſition über denſelben. Wer dieſes Dis-
poſitionsrecht verletzt, indem er ſelbſt es ſich
anmaſst, begeht eine Läſion. Unſere Geſetze
kennen 3 Arten dieſer Verletzung als Ver-
brechen. Sie kann begangen werden 1) durch
bloſse Occupation des Körpers zu unbeſtimm-
ten Zwecken, Plagium. 2) durch Occupation,
verbunden mit Wegführung zum Zweck der
Befriedigung des Geſchlechtstriebes — Ent-
führung 3) durch eigenmächtigen mit Gewalt
erzwungenen Gebrauch der Geſchlechtstheile
einer Perſon, Nothzucht.
C. E. DeylingDiſſ. ad L. Fabiam de plagiariis. Lipſ.
1745.
Leyſer Spec. 624.
Nach Begriffen des röm. Rechts iſt derje-
nige Plagiarius, der wiſſentlich einen Freyen
oder fremden Sklaven in ſeine Herrſchaftsge-
walt bringt, oder ihn ſonſt der Gewalt des
rechtmäſsigen Herrn entzieht. Es konnte da-
her ein Plagium begangen werden 1) wenn
man einen Freyen zum Sklaven machte, oder
einen Sklaven aus dem Beſitz des Herrn nahm.
Aber ohne Gewalt muſste dies geſchehen *):
2) Wenn man einen Menſchen, ohne ihn ſelbſt
geraubt zu haben, mit dem Bewuſtſeyn der
Rechtswidrigkeit, als Sklav behandelte. 3)
Wenn man ſonſt die rechtmäſsige Gewalt des
Herrn über den Sklaven verletzte **).
Da bey uns kein Sklavenſtand iſt, ſo än-
dert ſich auch der Begriff des Verbrechens.
Es kann das Plagium bey uns blos an Freyen
begangen werden und beſteht darin, wenn man
einen Menſchen rechtswidrig in ſeinen (phyſiſchen)
Beſitz bringt und es ſich dadurch möglich macht,
ihn als Sache nach fremden Zwecken zu behan-
deln. Man occupirt den Körper deſſelben als
eine Sache und macht ſich durch dieſen Beſitz
die volle Dispoſition über denſelben möglich.
Indem man den Körper occupirt, occupirt man
die Perſon ſelbſt.
Dieſes Verbrechen kann ſowohl begangen
werden 1) an Perſonen, die unter niemands
Gewalt ſtehen, als auch 2) an ſolchen, die der
rechtmäſsigen Gewalt eines andern unterwor-
fen ſind. Keine beſtimmte Abſicht als noth-
wendiges Merkmal des Verbrechens wird ge-
ſetzlich erfodert. Nur darf nicht Befriedigung
des Geſchlechtstriebs die Abſicht ſeyn. Uebri-
gens kann die Beſitzergreifung des Menſchen
geſchehen ſowohl 1) um ihn in den Zuſtand
der abſoluten Rechtloſigkeit (der Sklaverey)
zu verſetzen *), als auch 2) zu andern Zwecken,
ſelbſt wenn ſie an ſich nicht geſetzwidrig ſind.
Sobald der Verbrecher den Menſchen ſeiner
Gewalt unterworfen hat, ſo iſt das Verbrechen
conſumirt.
Das neuere römiſche Recht beſtraft das
Plagium an einem Freyen, um ihn in den
Stand der Sklaverey zu bringen, mit dem
Tode *). Conſtantin ſchärft dieſe Strafe vor-
züglich in dem Falle ein, wenn an Kindern
bey Lebzeiten ihrer Aeltern dieſes Plagium
begangen wird **). Die Gröſse der Uebertre-
tung und ihr Verhältniſs zu andern Verbrechen,
die unſre Geſetzgebung mit dem Tode beſtraft,
nöthigen uns zur Anwendung dieſer Geſetze,
deren Gültigkeit ſelbſt die Praxis aner-
kennt ***). Geſchieht das Plagium zu einem an-
dern Zweck, als um den Menſchen zum Sklaven
zu machen, ſo muſs eine der Todesſtrafe am
nächſten kommende Strafe ſtatt finden ****).
Henr. Blümner Diſſ. de raptu. Lipſ. 1788.
Andr. Lundſtröm Diſſ. de crimine raptus. Upſala.
1792.
Das Verbrechen der Entführung (crimen
raptus) beſteht in der rechtswidrigen Wegfüh-
rung einer Perſon an einen Ort, wo ſie der Ge-
walt des Entführenden unterworfen iſt, zur Be-
friedigung des Geſchlechtstriebs.
I. Die Perſon muſs von dem Ort, wo ſie
ſich befand, an einen Ort weggeführt werden,
wo ſie der ausſchlieſslichen Dispoſition des Ent-
führers unterworfen iſt. Es kommt nicht auf
die Entfernung des Orts an, ſondern nur dar-
auf, ob er ſicher, d. h. ſo beſchaffen iſt, daſs
der Aufenthalt der Perſon entweder nicht
leicht entdeckt, oder ſie nicht leicht aus dem-
ſelben zurückgeholt werden kann *). Das
Ver-
[227]Verbr. gegen d. freye Dispoſ. üb. d. Körp.
Verbrechen iſt vollendet, ſobald die Perſon an
den beſtimmten Ort wirklich gebracht worden
iſt. II. Die Wegführung muſs rechtswidrig
ſeyn, mithin entweder 1) wider Willen der
Entführten oder 2) wider den Willen derer ge-
ſchehen, deren rechtmäſsigen Gewalt ſie un-
terworfen iſt *).
Die Entführung geſchieht wider Willen
der Entführten 1) wenn ſie durch Betrug von
ihrem Aufenthaltsort weggebracht wird, 2)
wenn der Entführer Gewalt, und zwar entwe-
der phyſiſchen Zwang oder Drohung ſchwe-
rer, augenblicklich zu vollziehender, Uebel
angewendet hat. Bloſse Ueberredungskünſte,
Schmeicheleyen, Verſprechungen u. ſ. w. be-
gründen keine Entführung wider Willen der
Entführten **).
Mit Willen der Entführten geſchieht dieſes
Verbrechen, wenn die Perſon ohne Einwilligung
deſſen entführt wird, deſſen rechtlicher Ge-
walt ſie unterworfen iſt. Dies findet ſtatt 1)
bey dem Eheweib in Beziehung auf ihren
Gatten 2) bey dem Kind in Beziehung auf den-
jenigen, der über daſſelbe die väterliche Gewalt
hat. Nicht alſo fehlende Einwilligung des
Vormunds des Curators *), der Mutter oder
des natürlichen Vaters **) macht Entführung.
An einer Perſon, die niemandes rechtlicher
Gewalt unterworfen iſt, wird, wenn ſie ein-
willigt, keine Entführung begangen ***).
III. Die geſetzlich nothwendige Abſicht
iſt Befriedigung des Geſchlechtstriebes. Ob auſ-
ſereheliche Befriedigung deſſelben oder ehe-
liche Gemeinſchaft Abſicht ſey, iſt gleich-
viel *). Selbſt wer ſeine Braut, um mit ihr
die Ehe zu vollziehen, wider ihren Willen,
entführt, iſt dieſes Verbrechens ſchuldig **).
Blos
***)
[230]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
Blos wider Willen der Vorgeſetzten aber wird
an der Braut kein raptus begangen *). Wer
eine noch nicht mit ihm Verlobte, wider ih-
ren, oder ihrer Vorgeſetzten Willen zur Voll-
ziehung einer Ehe entführt, ſelbſt wenn die
Eltern aus nichtigen Gründen die Ehe ver-
weigern, iſt um ſo gewiſſer dieſes Verbrechens
ſchuldig, da die Geſetze ſchon die Entfüh-
rung einer Braut, auf welche doch der Ver-
führer ſchon Rechte hat, für ein Ver-
brechen erklären **). Ob der Verbrecher
ſeine Abſicht erreicht hat, darauf kommt es
nicht an ***).
Die Entführung kann begangen werden
I. von einer Mannsperſon an einer Weibsper-
ſon und zwar 1) entweder an einer ehrbaren
Weibsperſon (perſona honeſta), oder 2) an ei-
ner unehrbaren Weibsperſon, d. h. einer ſol-
chen, die als Hure lebt, II. von einer Manns-
perſon an einer Mannsperſon ****) und von
einer Weibsperſon an einer Weibsperſon †)
zur
[231]Verbr. gegen d. freye Dispoſ. üb. d. Körp.
zur naturwidrigen Befriedigung des Ge-
ſchlechtstriebs. III. Von einer Weibsperſon
an einer Mannsperſon *).
Einer Mannsperſon, die eine ehrbare
Weibsperſon entführt, droht das römiſche
Recht **), auf das ſich die P. G. O. ***) beruft,
das Schwerd und den Verluſt des ganzen Ver-
mögens, das, nach Umſtänden, der Entführten,
oder deren Eltern und Ehemann, oder dem
Kloſter oder dem Fiscus zufällt ****). Die
Vorgeſetzten der Entführten dürfen den auf
der That ertappten Verbrecher töden. Weil
bey den übrigen Arten der Entführung nicht
alle Bedingungen vorhanden ſind, welche das
Geſetz bey dem mit dem Schwerd bedrohten
Falle vorausſetzt, ſo kann auch dieſelben nicht
dieſe ordentliche Strafe treffen. Da aber hier
nur Eine Bedingung und zwar von der Art man-
gelt,
[232]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
gelt, welche auf die Gröſse der Strafe faſt gar
keinen Einfluſs hat, ſo kann die Strafe nur um
Einen Grad bis zur ewigen Geſängniſsſtrafe ſin-
ken *).
Anm. Die Praktiker wollen nur willkührliche Strafe.
Die Todesſtrafe billigen ſie blos im Fall der Ent-
führung wider Willen der Entführten, durch An-
wendung groſser Gewaltthätigkeit, ſo daſs mit der
Entführung noch andere Verbrechen concurriren.
Der Verluſt des Vermögens ſoll wegen des Art.
218. P. G. O. (der von dieſer Art des Vermögensverlu-
ſtes gar nicht redet) ganz hinwegfallen. Quiſtorp.
Thl. l., §. 514 Kleinpeinl. R., §. 413. — Stru-
ben Th. IV. Bed. 79. Das Recht der Tödung läug-
nen ſie ebenfalls. Meiſter jun. pr. jur. crim. §.
305. Not. d.)
Gehülfen ſind **) nach den allgemeinen
Grundſätzen der Strafbarkeit in concreto zu
beſtrafen, ob ſie gleich das römiſche Recht,
wenn ſie in einem concurſus concomitans begrif-
fen ſind, dem Urheber gleich beſtraft wiſſen
will.
[233]Verbr. gegen d. freye Dispoſ. üb. d. Körp.
will. — Es giebt hier eben ſo wenig beſon-
dere Milderungsgründe *), als es beſondere
Schärfungsgründe giebt. — Der Conat iſt
willkührlich zu beſtrafen **)
Jo. Sam. Fr. Boehmer Diſſ. de rigore juris in ſtu-
pratores violentos. Frcf. 1762.
LeyſerSpec. 584.
Die unfreywillige Schwächung (ſtu-
prum non voluntarium) iſt Beyſchlaf, ohne freye
Ein-
[234]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
Einwilligung des andern Theils und zerfällt 1)
in die Nothzucht (ſtuprum violentum) den
durch rechtswidrige Gewalt erzwungenen Bey-
ſchlaf mit einer unverläumdeten Perſon*), 2) die
unfreywillige Schwächungim engern
Sinn (ſtuprum nec voluntarium nec violentum)
Beyſchlaf mit einer Perſon, ohne ihre freye Ein-
willigung, jedoch ohne Gewalt.
Die unfrey willige Schwächungim
engern Sinn ſetzt eine Perſon als Gegenſtand vor-
aus, die zur Zeit des Beyſchlafs entweder kein Be-
wuſstſeyn hat oder über keins ihrer Rechte mit
rechtlichem Erfolg disponiren kann. Dieſe
Schwächung wird alſo begangen 1) an Schla-
fenden, 2) an völlig Betrunkenen, 3) an Wahn-
ſinnigen und Raſenden **), 4) an einer Unmündi-
gen, deren Gemüthskräfte noch nicht ſo weit
entwickelt ſind, daſs ihr der Beyſchlaf zugerech-
net werden kann ***). Die Strafe dieſes Ver-
brechens iſt willkührlich, doch muſs ſie härter
als freywillige Schwächung beſtraft wer-
den.
Die Nothzucht ſetzt voraus, I. als Gegen-
ſtand eine unverläumdete *) Weibsperſon,
die noch nicht durch Handlungen erklärt hat,
daſs ſie ihren Körper als Werkzeug der Wol-
luſt eines jeden betrachte. An einer Hure kann
daher keine Nothzucht begangen werden.
Denn bey ihr fällt der eigentliche Grund der
geſetzlichen Auszeichnung dieſes Verbrechens
hinweg. Ihre Perſönlichkeit wird dadurch
nicht verletzt, daſs man ſie in Anſehung der
Geſchlechtsbefriedigung als Sache behandelt,
da ſie ſich ſelbſt zur Sache hingegeben hat.
Die Nothzucht kann alſo nur begangen wer-
den, entweder an einer Perſon, die noch nie
geſetzwidrig den Geſchlechtstrieb befriedigt
hat, oder an einer bloſs Geſchwächten, oder
an einer Perſon, die ehemals als Hure gelebt,
aber nachher völlig und notoriſch ihre Lebens-
art geändert hat **).
Anm. Kann an einer Mannsperſon von einer Weibsperſon
ein ſtuprum viol. begangen werden? cf. Quiſtorps
Beyträge Nr. 3.
II. Es muſs der Gebrauch der Geſchlechts-
theile dieſer Perſon blos in der Gewalt des
Nothzüchtigers gegründet ſeyn, ſo daſs dieſe
Gewalt allein, nicht ihr eigner durch Ge-
ſchlechtsluſt beſtimmter Wille, Urſache ihrer
Hingebung war. Man erkennt dieſes aus der
Art und der Dauer des Widerſtandes, der dem
Stuprator geleiſtet worden iſt *).
Die Gewalt, durch welche die Perſon ge-
nöthigt wird, kann ſeyn 1) phyſiſche Gewalt
(vis abſoluta) wenn der Verbrecher durch ſeine
Körperkraft die Körperkräfte derſelben über-
windet **) 2) durch pſychologiſche Gewalt (vis
compulſiva) wenn er ihr Begehren durch Vor-
ſtellung von Uebeln zur Hingebung beſtimmt.
Dieſe Uebel müſſen aber a) mit der Gefahr augen-
blicklicher Vollziehung verbunden ſeyn ***),
b) ſie müſſen mit dem Uebel der Verletzung
jungfräulicher Ehre entweder in gleichem Ver-
hältniſſe ſtehen, oder ſie müſſen daſſelbe über-
wiegen. Die Drohung darf alſo wohl kein
geringeres Uebel, als ſchwere körperliche Ver-
letzung oder Verluſt des Lebens enthalten.
Mündlich von den Kennzeichen der Beurtheilung ei-
ner angeblich vorgefallenen Nothzucht in concreto
cf. Boehmer ad Art. 119. C. C. §. 7.
III. Die angewendete Gewalt zur Unter-
werfung unter die Begierde muſs rechtswidrig
ſeyn. Wer, wie der Ehemann, auf den Bey-
ſchlaf ein vollkommenes Recht hat, begeht
durch angewendete Gewalt keine Nothzucht,
wenn er gleich wegen des Exceſſes ſtrafbar ſeyn
kann. IV Der mit Gewalt erzwungene Bey-
ſchlaf muſs vollendet ſeyn. Bloſse Vereinigung
der Geſchlechtstheile iſt daher eben ſo wenig
hinreichend, als bloſse emiſſio ſeminis*).
Denn, wenn gleich die Gewalt der Haupt-
punkt
***)
[238]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
punkt dieſes Verbrechens iſt, ſo iſt er doch
nicht der einzige. Die Geſetze denken ſich
offenbar unter der Nothzucht einen durch Ge-
walt erzwungenen Beyſchlaf; da aber der voll-
ſtändige Begriff des Beyſchlafs immiſſio ſemi-
nis in ſich faſst, ſo müſſen wir auch dieſes
zum Begriff der Nothzucht zählen, da die Ge-
ſetze nicht ausdrücklich den Begriff beſchrän-
ken *).
Bey der Nothzucht iſt nicht das Weib **),
ſondern allein der Mann der ſtrafbare Theil,
der nach Carls Verordnung ***), einem Räu-
ber gleich, beſtraft werden ſoll; eine Verord-
nung, welche gleichwohl von den Praktikern
ganz ungebührlich, und ohne allen Grund,
ſelbſt ohne Stütze der Praxis limitirt
wird ****).
Es giebt hier, weder nach der Natur der
Sache, noch nach poſitiven Geſetzen beſondere
Milderungs ‒, oder beſondre Schärfungs-
gründe *).
Ad. Dietr. Weberüber Injurien und Schmähſchrif-
ten. I. ‒ III. Abthl. zweyte Aufl. Schwerin und
Wismar. 1797 — 1800.
Carl Grolmanüber Ehre und guten Namen. (In dem
Magazin für die Phil. d. Rechts, 1. Bd. 1. Hft. N. 1.)
KleinſchrodGrundzüge der Lehre von Injurien. (In
Kleins u. Kleinſchrods Archiv, 1. Bd. 4. St.
Nr. 1.)
Chriſt. Gotth. Hübnerüber Ehre, Ehrloſigkeit,
Ehrenſtrafe und Injurien. Ein Beytrag zur Berichtigung
der poſitiven Rechtswiſſenſchaft. Leipz. 1800.
Achtung iſt die innere Anerkennung
(das Gefühl) des Werths eines Menſchen.
Ehre
[240]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
Ehre iſt die äuſſerlich erſcheinende Achtung.
Sie beſteht in der äuſſern Anerkennung des
Werths eines Menſchen, in ſoferne ſie als das
Reſultat der zuſammenſtimmenden Anerkennung
Vieler betrachtet wird. Den Verkannten, deſ-
ſen Werth nur Wenige anerkennen, wird ſich
niemand in dem Stand der Ehre denken *)
In Rückſicht der Art der Anerkennung des
Werths iſt die Ehre entweder poſitive oder
negative Ehre. Jene beſteht in der Aner-
kennung eines fremden Werths durch wirk-
liche Handlungen oder Aeuſſerungen des Ur-
theils, welche den Werth der Perſon erklären;
dieſe beſteht in der Anerkennung eines fremden
Werths durch Unterlaſſung von Handlungen
und Urtheilen, welche den Unwerth der Per-
ſon erklären.
Der Bürger kann als Menſch und als Bür-
ger, und in jenem Fall, als Menſch überhaupt
(als bloſses menſchliches Gattungsweſen) oder
als Individuum betrachtet werden. Daraus ge-
hen verſchiedene Arten der Ehre in Anſehung ih-
res Objects hervor. Die Anerkennung desjenigen
Werths, der für den Andern durch ſeine Eigen-
ſchaften als Menſch begründet wird, nennt man
die urſprüngliche Ehre. Dieſe urſprüng-
liche Ehre kann beſtehen I) in der äuſſern An-
erkennung des Werths, der dem Andern blos
wegen ſeiner Menſchennatur überhaupt zu-
kommt. — Allgemeine Ehre. Aber ein
Menſch kann, auſſer dem allgemeinen
Menſchencharakter, auch noch beſondere,
nicht allen Menſchen gemeinſchaftliche, Ei-
genſchaften haben, welche demſelben einen
beſondern Werth geben. Daher II) die be-
ſondere Ehre, welche in der äuſſern Aner-
Qken-
[242]II Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
kennung des durch beſondere Eigenſchaften ei-
nes Menſchen begründeten Werths beſteht.
Dieſe Ehre kann ſich beziehen 1) auf ſeine
theoretiſchen Eigenſchaften, auf Eigenſchaften
des Verſtandes, der Vernunft und der Urtheils-
kraft *) 2) auf die Eigenſchaften ſeines Willens
und zwar a) entweder auf ſeinen moraliſchen
Werth, oder b) auf ſeinen rechtlichen Werth.
Die äuſſere Auerkennung der Rechtlichkeit ei-
nes andern, heiſst der gute Name.
Betrachten wir den Werth eines Men-
ſchen, welcher durch ſeine bürgerlichen Eigen-
ſchaften beſtimmt wird, ſo entſteht B. die
bürgerliche Ehre, welche in der Anerken-
nung eines Werthes in Andern beſteht, der ihnen,
als Bürgern, zukommt. Schon der bloſse Cha-
rakter eines Menſchen, daſs er Bürger iſt,
giebt ihm einen Werth und einen Anſpruch
auf äuſsere Achtung. Dieſe iſt allen Bürgern,
blos in ſo ferne ſie Glieder der bürgerlichen
Geſellſchaft ſind, gemein. Aber durch Erlan-
gung eines beſonderen Standes im Staat, kann
er als Glied dieſes Standes einen beſondern bür-
gerlichen Werth bekommen, durch welchen
er
[243]Verletzung des Rechts auf Ehre.
er ſich vor andern Bürgern auszeichnet. Da-
her begreift die bürgerliche Ehre I. die ge-
meine Ehre, welche ſich auf den Werth be-
zieht, der dem Bürger, blos in ſo ferne er
Bürger iſt, zukommt; II) die vorzügliche
bürgerliche Ehre, Standes-Ehre, wel-
che ſich auf den vorzüglichen, durch einen
beſondern Stand im Staat begründeten Werth
bezieht.
Injurieiſt die Verletzung des vollkomm-
nen Rechts auf Ehre. Zum Thatbeſtand der
Injurie gehört daher A) ein wirkliches Zwangs-
recht des Andern auf äuſſere Anerkennung
desjenigen Werthes, durch deſſen Nichtaner-
kennung die Ehre verletzt wurde: B) eine
äuſſere Handlung, welche an ſich eine Ver-
letzung der Ehre in ſich enthält: C) die Ab-
ſicht, des andern Ehre zu verletzen, oder
doch das Bewuſstſeyn, daſs dieſelbe durch die
Handlung verletzt werde (animus injurian-
di). *)
A.) Da die Injurie ein wirkliches Zwangs-
recht des Andern auf Ehre vorausſetzt, ſo-
kann die Injurie blos umfaſſen I. die Verletzung
des Rechts auf den guten Namen und II. die Ver-
letzung der bürgerlichen Ehre, ſowohl der ge-
meinen, als der vorzüglichen. Eine Verle-
tzung der bürgerlichen Ehre heiſst Injurie
im engern Sinne; eine Verletzung des
Rechts auf guten Namen, Verläumdung
(Calumnie).
Auf die Anerkennung des theoretiſchen
und moraliſchen Werths, als eines ſolchen, kann
der Staat kein vollkommnes Recht ertheilen.
Eine Handlung, welche blos eine Nichtaner-
kennung dieſes Werths enthält, kann daher
keine Injurie ſeyn. Nur dann und in ſo ferne
iſt ſie es, wenn und in wie ferne ſie zugleich
eine Verletzung der bürgerlichen Ehre in ſich
enthält (§. 311). — Die Anerkennung des
Werths, welche der allgemeinen Ehre zum
Grunde liegt (§. 310) beſteht blos in der Un-
terlaſſung von Läſionen, von wirklichen Be-
ſckrän-
*)
[245]Verletzung des Rechts auf Ehre.
ſchränkungen der Freyheit. Ich ehre den
Menſchen als ſolchen nur, wenn ich deſſen
Rechte achte. Die Verletzung dieſer Ehre ge-
hört daher zu andern Verbrechen *).
B. Die Handlung muſs an und für ſich ſelbſt
die Ehre wirklich verletzen. Eine Handlung
muſs alſo, äuſſerlich betrachtet, entweder ver-
möge ihrer Natur, oder nach der Volksmeynung
oder der allgemeinen Vorſtellungsart des Stan-
des des Beleidigten, eine Ehrenverletzung ent-
halten. Es exiſtirt alſo keine Injurie 1) wenn ſie
blos der Gekränkte, nach ſeiner individuellen
Vorſtellung, als eine Ehrenverletzung betrach-
tet, 2) wenn eine an ſich nicht injuriöſe Hand-
lung, in der Meynung und Abſicht, des an-
dern Ehre zu verletzen, oder ihm unangeneh-
me Empfindungen zu erwecken, geſchehen
iſt **).
Die Ehre einer Perſon kann überhaupt
auf zweyerley Art verletzt werden: wenn
nämlich 1) der Beleidiger eine an ſich injuriöſe
Handlung (§. 315.) vornimmt, wodurch er
blos für ſeine Perſon die Nichtanerkennung des
Werths erklärt, auf deſſen äuſſere Anerken-
nung jener ein Recht hat *). Privatinjurie.
Die Ehre iſt das Reſultat der Anerkennung
Vieler (§. 308.); der Einzelne, welcher das Recht
des andern für ſich nicht anerkennt, entzieht
ihm einen Theil der Ehre, weil auch ſeine Aner-
kennung ein Theil ſeiner Ehre iſt. 2) Wenn
der Beleidiger Handlungen unternimmt, durch
welche Andre determinirt werden, ebenfalls
den Werth des Beleidigten nicht anzuerken-
nen — Beſchimpfung.
Dieſe Beſchimpfung geſchieht theils da-
durch, daſs in Andern unmittelbar die Vor-
ſtellung erweckt wird, dem Beleidigten kom-
me der Werth nicht zu, den er doch noch
wirklich hat **), theils dadurch, daſs in Andern
Vorſtellungen und Gefühle erregt werden,
welche, nach pſychologiſchen Geſetzen, Ver-
ach-
[247]Verletzung des Rechts auf Ehre.
achtung der Perſon, und dadurch auch äuſſere
Bezeugung dieſer Verachtung zur Folge haben,
wie wenn ich einen andern als Bürger dem
Geſpötte und öffentlichen Gelächter. Preis
gebe.
Die (§. 316. 317.) genannten Arten können
bey jeder Injurie vorkommen: die beſondern
Arten bürgerlich anerkannter Ehre haben noch
eigenthümliche Verletzungsarten. I. Der gute
Name wird verletzt durch Verläumdung,
d. i. durch Andichtung von rechtswidrigen Hand-
lungen. Es iſt gleichviel, ob eine ſolche Hand-
lung an ſich, oder nur unter Vorausſetzung
der Geſetze des Staats rechtswidrig iſt, ob ich
ſie dem andern ausdrücklich beylege, oder ob
in einer Aeuſſerung oder Handlung die falſche
Beſchuldigung einer Rechtswidrigkeit deſſel-
ben implicite enthalten iſt. Auch kommt es
nicht darauf an, ob eine ſolche Andichtung
verbreitet wird, oder nicht. *)
II. Die gemeine bürgerliche Ehre wird ver-
letzt durch jede Aeuſſerung (in Worten oder
Handlungen) welche die Erklärung einer poſi-
tiven
[248]II. Buch. I. Theil. II. Titel I. Abſchnitt.
tiven Verachtung in ſich enthalten*); es ſey
nun, daſs er dadurch vor andern beſchimpft
wird, oder daſs der Beleidiger nur für ſeine
Perſon denſelben unter ſich herabſetzt und
deſſen abſoluten Unwerth erklärt **). Eine
Aeuſſerung kann daher ihrem Inhalte nach ganz
ſchuldlos, ihrer Form nach aber Injurie
ſeyn ***).
III. Die vorzügliche bürgerliche Ehre kann
verletzt werden 1) durch Unterlaſſung derje-
nigen Handlungen, welche der Andere als Zei-
chen ſeiner vorzüglichen Ehre zu fodern be-
rech-
[249]Verletzung des Rechts auf Ehre.
rechtigt iſt *) 2) durch Andichtung ſolcher
Thatſachen, welche nothwendig die Erklä-
rung der Untauglichkeit des andern als Mit-
glied ſeines Standes, in ſich enthalten **).
C. In Anſehung des animus injuriandi iſt es
im Allgemeinen gleichviel, ob die Ehrenver-
letzung Zweck der Perſon war, oder ob ſie die
injuriöſe Handlung mit dem Bewuſstſeyn die-
ſer Eigenſchaft, blos als Bedingung zur Errei-
chung eines andern Zwecks unternahm. Al-
lein bey Privatinjurien (§. 316.), welche blos als
Ehrenverletzung unerlaubt ſind, und in keiner
andern Rückſicht eine Läſion enthalten, wird
nicht blos das Bewuſstſeyn der injuriöſen Ei-
genſchaft, ſondern auch die wirkliche Abſicht,
die Ehre zu kränken, erfordert ***). Hier hebt alſo
Scherz die Injurie auf; bey andern Arten der
Injurie nicht.
Da jede Injurie eine an ſich die Ehre ver-
letzende Handlung vorausſetzt, bey einer
rechtswidrigen Handlung aber Dolus zu prä-
ſumiren iſt (§. 68., ſo iſt auch bey einer
bewieſenen äuſſerlich injuriöſen Handlung der
animus injuriandi ſo lange als vorhanden anzu-
nehmen, bis der Beleidiger das Gegentheil
bewieſen hat *)
Die Injurie ſteht unter den Bedingungen
eines Verbrechens überhaupt. Eine Handlung
iſt daher nicht Injurie I, wenn ſie dem Subjekt
nicht zugerechnet werden kann **); II, wenn
die Perſon zu der Handlung berechtigt war,
entweder 1) weil ihr die Handlung von dem-
jenigen, gegen den ſie gerichtet iſt, ausdrück-
lich
***)
[251]Verletzung des Rechts auf Ehre.
lich erlaubt wurde (§. 40.) *), oder 2) weil
ſie aus einem beſonderen, durch ihre Amts-
pflicht und ihr Verhältniſs zu dem Andern,
beſtimmten Rechtsgrunde dazu berechtigt war.
Nur wird dabey immer vorausgeſetzt, daſs
ſie die Grenzen ihres Rechts nicht überſchrit-
ten hat **).
Wenn der Inhalt einer Auſſage allein
ehrenkränkend iſt, ſo hebt die Wahrheit des
Inhalts die Injurie auf. Denn ich habe ein
Recht unter allen Bedingungen Wahrheit zu
ſagen ***). Wenn aber die Form der Erklärung
die Ehre verletzt, ſo iſt es Injurie, mag nun
der Inhalt wahr ſeyn oder nicht †).
Iſt der Injurie eine Bedingung hinzugefügt,
und ſteht die Bedingung mit der Auſſage in
dem Zuſammenhang, daſs ich berechtigt bin,
die kränkende Auſſage zu thun, ſobald die Be-
dingung wahr iſt, ſo fällt, unter Vorausſetzung
der Wahrheit der Bedingung, die Injurie hin-
weg *). Iſt aber die Bedingung nicht wahr,
oder darf ich die Auſſage nicht thun, die Be-
dingung mag wahr ſeyn oder nicht, ſo iſt eine
Injurie vorhanden **).
Von einem jeden, der Rechte zu verletzen
fähig iſt, kann Injurie begangen werden.
Auch diejenigen machen ſich derſelben ſchul-
dig, die ſonſt über den Beleidigten Gewalt
oder ein Recht zu der Handlung hatten, ſo-
bald ſie die Grenzen ihres Rechts überſchrei-
ten. Die Obrigkeit, ſelbſt die oberherrliche
Perſon, wenn ſie in Privatverhältniſſen Un-
terthanen injuriirt, kann dieſes Vergehens
ſchuldig ſeyn. — An allen, welche ein Recht
auf Ehre haben, an Gemeinheiten und an In-
dividuen, auch an ſolchen, welche nicht fä-
hig ſind, die Kränkung einer Injurie zu em-
pfin-
[253]Eintheilung d. einſachen Inj. u. deren Strafe.
pfinden *) kann Injurie begangen werden. An
Menſchen, die gar nicht im Schutze des Staats
ſtehen, kann in keiner Rückſicht, an blos
Ehrloſen aber nur in ſo fern keine Injurie be-
gangen werden, als nicht die Ehrenverletzung
mit andern Rechtsverletzungen verbunden iſt.
Denn dieſe haben zwar kein Recht auf Ehre;
aber andre Rechte ſind ihnen nicht genom-
men **).
Die Injurie kann begangen werden I. durch
Verletzung anderer Rechte des Bürgers, dieſe
mögen nun perſönliche Rechte oder Rechte
an Sachen ſeyn — Realinjurien. II. Durch
ſolche Handlungen, welche blos die Ehre,
aber
[254]II. Buch. I. Theil. II Titel. I. Abſchnitt.
aber zugleich kein anderes Recht verletzten —
Symboliſche Injurien. Dieſe können
begangen werden, 1) ſowohl durch Worte,
ſchriftlich oder mündlich — Wortinjurien
(injuriae verbales), oder durch andere Zeichen
der Gedanken — ſymboliſche Injurien
im engern Sinne *).
Die Realinjurien ſetzen nothwendig vor-
aus, daſs die ein andres Recht verletzende
Handlung an und für ſich eine Ehrenverletzung
ſey, alſo entweder eine Verläumdung in ſich
enthalte **) oder den Andern beſchimpfe, oder
doch, nach der gemeinen Vorſtellungsart, als
Zeichen einer poſitiven Verachtung betrachtet
werde ***). Eine Rechtsverletzung, die dieſe
Eigenſchaften nicht hat, wird nicht dadurch
zur Injurie, daſs ſie in der Abſicht, die Ehre
zu kränken, zugefügt worden iſt ****).
Die Ehrenverletzung durch wörtliche In-
jurie kann begründet werden, a) durch die Form
(die Art) der Aeuſſerung, formelle wörtliche
Injurie, b) durch den Inhalt derſelben, ma-
terielle wörtliche Injurie. c) durch beydes zu-
gleich, relative formelle wörtliche Injurie.
In Rückſicht des beleidigten Subjects iſt
die Injurie I) unmittelbare Injurie (inju-
ria immediata) wenn das beleidigte Subject
ſelbſt der unmittelbare Gegenſtand der Inju-
rie iſt, II. mittelbare (injuria mediata),
wenn die Ehre eines Subjekts durch die Inju-
rie an einem andern Subjecte verletzt wird *).
Eine mittelbare Injurie iſt vorhanden, 1)
wenn die Injurie an einer Perſon, durch ih-
ren Inhalt zugleich die Ehrenverletzung eines
Dritten in ſich faſst; 2) wenn ein Dritter mit
dem Injuriirten in einem ſolchen Rechtsver-
hältniſſe ſteht, daſs er denſelben zu vertreten,
oder doch deſſen Ehre zu vertheidigen, ver-
pflichtet oder doch berechtigt iſt. Dies iſt die
mittelbare Injurie im eigentlichen Sinne. In
der letzten Rückſicht injuriirt man a) die Eltern
durch ihre Kinder *), b) den Ehemann durch
ſeine Frau **) c) den Bräutigam durch ſeine
Braut ***), d) den Erben durch den Erblaſ-
ſer ****) e) den Herrn durch ſeinen Sklaven †).
Auf andere Perſonen gilt keine Ausdeh-
nung ††).
In Anſehung der Strafbarkeit zerfällt die
Injurie in ſchwere (inj. atroces) und in leichte
(inj. leues). Jenes ſind ſolche, bey welchen der
Grad der Strafbarkeit beſonders erhöhet iſt,
wel-
[257]Eintheilung d. einfachen Inj. u. deren Strafe.
welches vorzüglich beſtimmt werden muſs,
1) nach dem Verhältniſs des Injurianten gegen
den Injuriirten, wenn jener dieſem beſondre
Achtung ſchuldig war, 2) nach dem Ort und
der Zeit der Beleidigung, 3) nach der Beſchaf-
fenheit der Injurie ſelbſt*). Vermöge des letz-
ten Geſichtspunktes müſſen Realinjurien, wel-
che durch Verletzung perſönlicher Rechte be-
gangen werden, Beſchimpfungen, und Ca-
lumnien, welche den Vorwurf entehrender
Verbrechen enthalten, zu den ſchweren In-
jurien gerechnet werden.
Die Strafen der Injurien ſind von zwey-
erley Art, I. relativ-öffentliche Strafen, welche,
indem ſie dem Beleidigten Genugthuung ge-
ben, zugleich den Beleidiger demüthigen und
dadurch eine öffentliche Genugthuung enthal-
ten; II. blos öffentliche Strafen, welche nur
auf öffentliche Genugthuung abzwecken.
I. Die relativ-öffentlichen Strafen **) ſind
A) Widerruf (recantatio, palinodia) Erklärung des
Be-
R
[258]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
Beleidigers gegen den Beleidigten, daſs er die
Unwahrheit geſprochen habe: B) Abbitte (de-
precatio) Erklärung der Reue und Bitte um
Vergebung von dem Beleidigten. G) Ehren-
erklärung (declaratio honoris), ausdrückliche Er-
klärung des Beleidigers, daſs er den Werth
des Beleidigten anerkenne.*)
Die Anwendung dieſer Strafen wird durch
folgende Regeln beſtimmt: 1) Widerruf findet
Statt, wenn die Ehrenverletzung durch Andich-
tung unwahrer Thatſachen begründet worden
iſt, 2) Abbitte, bey andern, ganz unzweyfelhaften
Injurien. 3) Ehrenerklärung bey einer in An-
ſehung der äuſſern Handlung unzweyfelhaf-
ten, aber in Anſehung des animus injuriandi
noch etwas zweyfelhaften Injurie.**)
Anm. Mündlich von der Grundloſigkeit der gewöhnlichen
nach dem Stand der Perſon beſtimmten Regeln.
Dieſe Strafen können nach verſchiedenen
Abſtufungen verfügt werden. Sie können ver-
fügt werden vor Gericht oder auſſergerichtlich,
ſowohl ſchriftlich als auch mündlich. Wegen
erhöhter Strafbarkeit der Injurie können Wi-
derruf und Abbitte (nur nicht Ehrenerklärung)
auf eine beſonders feyerliche Art abgelegt wer-
den, wie wenn ſie vor offnen Thüren des Ge-
richts, oder knieend geſchehen. Beſonders
wird der Widerruf durch Hegung des hoch-
nothpeinlichen Halsgerichts in Gegenwart des
Scharfrichters, qualificirt, in welchem Falle
er denn für infamirend zu halten iſt.
Mit dieſer [Strafe] concurrirt elective*) II. ei-
ne willkührliche blos öffentliche Strafe, welche
in Relegation, Gefängniſs- Zuchthaus- oder
R 2kör-
**)
[260]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
körperlicher Strafe beſtehen kann. Sowohl
ſchwere als geringe Injurien können derſelben
unterworfen werden *)
Auf keine dieſer Strafen kann der Richter
anders, als nach vorhergehender Auffoderung
von Seiten des Beleidigten erkennen, Nicht
auf eine der relativ-öffentlichen Strafen; weil
niemanden Genugthuung aufgedrungen wer-
den kann, und es in der Willkühr eines jeden
ſteht, ob er ſeine Privatrechte aus einer Belei-
digung verfolgen will, oder nicht: nicht auf
eine rein öffentliche Strafe, weil die Geſetze
es gebieten. **)
Anm. Mündlich von dem angeblichen Recht der Re-
torſion.
A. Conr. Stockmann Diſſ. famoſis libellis. Lipſ.
1799.
Deſſelben Diſſ. famoſi libelli, utrum in civitate fe-
rendi ſint. Lipſ. 1800.
Pasquillim weitern Sinn iſt eine durch blei-
bende Zeichen erklärte und in dem Publikum
verbreitete ſymboliſche Injurie. Jede Injurie,
der Urheber mag ſich genannt haben, oder
nicht, wenn ſie nur die übrigen angegebenen
Requiſite hat, wird von jenem Begriff umfaſst.
Es iſt eine Art der ſchweren Injurien, da hier
ſowohl die Dauer, als auch der Umfang des
Einfluſſes der Beſchimpfung die Strafarkeit
erhöht.
Das Pasquill hat als Unterarten *) I, das
Pasquill im engern Sinn, die in einer Er-
klärung durch bleibende Zeichen, enthaltene und
verbreitete Verletzung des Rechts auf bürgerliche
Ehre**). II. Schmähſchrift (libellus famo-
ſus) ein durch bleibende Zeichen erklärter, ano-
nymer und verbreiteter Vorwurf eines begangenen
Verbrechens.***)
Das Pasquill verletzt nicht den guten
Namen, ſondern die bürgerliche Ehre und
kann durh Schriften, Gedichte, Gemählde u.
ſ. w. begangen werden. Auf unterlaſſene Na-
mensunterſchrift kommt es ſchlechthin nicht
an. Es iſt den gewöhnlichen aber geſchärften
Strafen der Injurien unterworfen; auſſerdem
aber ſoll der Pasquillant des Rechts, ein Teſta-
ment
[263]Von den qualiſicirten Injurien.
ment zu machen und zum Erben eingeſetzt zu
werden, verluſtig ſeyn. *)
Die Schmähſchrift muſs nothwendig
den Vorwurf eines öffentlichen Verbrechens
in ſich enthalten. **) Auch wird weſentlich
die Anonymität des Verfaſſers erfordert. Der
Mangel dieſes Requiſits begründet einen Man-
gel an dem Thatbeſtand. ***)
Strafeder Schmähſchrift.****) Iſt der
Vorwurf des Verbrechens gegründet, ſo iſt die
Stra-
[264]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
Strafe willkührlich; iſt ſie falſch, ſo iſt Talion
angedroht. Die Praktiker erkennen jene Ver-
ordnung nicht an, ſondern wollen unbedingt
willkührliche Strafen. *) Geſetz und Praxis
kommen aber in der Confiscation gedruckter
Schmähſcriften oder Pasquille mit einander
überein. **)
Ern. TenzelDiſſ. de eo q. j. e. circa blasphemiam.
Erf. 1727.
I. Rud. Engau pr. de blasphemia illiusque poena. Ien.
1736.
C. C. Stübel Diſſ. quatenus actiones religioni non con-
venientes ex principiis juris publici univerſalis poenis
criminalibus coerceri poſſint. Vitenb. 1791.
Daſs die Gottheit injuriirt werde, iſt unmög-
lich, daſs ſie wegen Injurien ſich an Menſchen
räche, iſt undenkbar, daſs man ſie durch
Strafe ihrer Beleidiger verſöhnen müſſe, iſt
Thorheit. *) Aber die Kirche hat, als mo-
raliſche Perſon, ein Recht auf Ehre. Sie exi-
ſtirt
[266]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
ſtirt als Geſellſchaft durch ihren Zweck. Wer
dieſen entwürdigt, der entwürdigt die Geſell-
ſchaft ſelbſt; wer die Religion ſchmäht, die
ihrer Vereinigung zum Grunde liegt, ſchmäht
ſie ſelbſt. Und dieſes macht die Blasphemie
aus. Sie iſt eine an der kirchlichen Geſellſchaft
begangene Injurie durch eine dem Gegenſtand ih-
rer Verehrung äuſſerlich bewieſene poſitive Ver-
achtung.
Anm. Etymologie des Worts Blasphemie, welche man nicht
mit Gottesläſterung ſynonym nehmen darf.
Jeder Gegenſtand der Verehrung von einer
im deutſchen Reich privilegirten Religions-
parthey, kann Objekt dieſes Verbrechens ſeyn;
je heiliger der Kirche der Gegenſtand iſt, deſto
ſtrafbarer iſt die Verletzung. Am ſchwerſten
ſind daher Schmähungen gegen die Gottheit
ſelbſt, (Gottesläſterung) wenn man ſie durch
Entziehung der ihr zukommenden Prädicate,
oder durch Beylegung ihr nicht zukommender
Merkmale entwürdigt*), oder aber ſonſt durch
Worte oder Handlungen ihr äuſſerlich Verach-
tung beweiſst. Weniger ſtrafbar iſt Schmä-
hung oder Beſchimpfung anderer, der Kirche
heiliger Gegenſtände, z. B. der Bibel, der Sa-
cra-
[267]Von den qualiſicirten Injurien.
cramente, der Heiligen, der Engel, der Ma-
ria u. ſ. w.
Die Blasphemie iſt eine Art der Injurie.
Sie muſs alſo in einer, auf den Gegenſtand
der kirchlichen Verehrung gerichteten inju-
riöſen Abſicht geſchehen ſeyn. Wer daher aus
bloſser Ueberzeugung von Gegenſtänden der
Religion anders, als die Kirche ſpricht, iſt
kein Blasphemant, er ſey nun Glied dieſer
Kirche, oder nicht. Unter Vorausſetzung die-
ſer Abſicht aber können auch Glieder einer
fremden Religionsparthey an der chriſtlichen
Kirche Blasphemie begehen, vorausgeſetzt,
daſs nur die Handlung an ſich als injuriös be-
trachtet werden kann *).
Strafe. **) Nach dem R. A. v. I. 1530.
auf den ſich zunächſt die P. G. O. Art. 106. be-
ruft,
[268]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
ruft, ſtraft die Blasphemie, welche die Gottheit
ſelbſt zum Object hat, mit dem Leben oder mit
Verſtümmelung einiger Glieder, wenn der Ver-
brecher, nach vorhergehender zwiefachen Be-
ſtrafung, zum drittenmal das Verbrechen be-
gangen hat. Andre Arten der Blasphemie ſol-
len an Leib oder Gut mit Rückſicht auf die be-
ſondern bey der That concurrirenden Umſtän-
de beſtraft werden. Neuere Reichsgeſetze
enthalten einige Modificationen *). Die neu-
ern Praktiker erkennen keine verſtümmelnden
und keine Lebensſtrafen an, und wollen blos
willkührlich ſtrafen **).
Die Geſetze verweiſen hier ſelbſt auf die be-
ſondern Umſtände der That ***). Es ſinkt daher
die Strafbarkeit 1) wegen der objektiven Beſchaf-
fenheit der Blasphemie ſelbſt 2) wegen der ſub-
jektiven Urſachen welche die Strafbarkeit her-
abſetzen, in welcher Hinſicht Trunkenheit****),
Lei-
**)
[269]Von den qualiſicirten Injurien.
Leidenſchaft, *) u. ſ. w. die Strafbarkeit min-
dern. Auf den Stand der Perſon iſt blos in
Anſehung der Wahl der Strafen, nicht in An-
ſehung der Gröſse derſelben Rückſicht zu neh-
men **), und Reue hat nur in ſo fern Einfluſs,
als man aus derſelben auf Uebereilung ſchlie-
ſsen kann ***).
Auſſer den gewöhnlichen Arten der Bey-
hülfe iſt hier auch Concurrenz durch unter-
laſſene Denunciation des Verbrechens mög-
lich ****). Obrigkeiten und Landesherrnn, wel-
che nicht ernſtlich die Blasphemie beſtrafen †),
wie auch ſolche, die nach begangener That
den Verbrecher wiſſentlich begünſtigen, ihn
in Dienſt nehmen, oder ſonſt durch Handlun-
gen ihre Nachſicht gegen den Uebertreter be-
weiſen, ſollen ebenfalls willkührlich beſtraft
werden. ††)
Auſſer den Injurien, welche an der Kirche
durch Blasphemie begangen werden, kann
ſie noch auf andre Art Objekt einer Ehrenver-
letzung ſeyn. Dies iſt möglich 1) da-
durch, daſs der Inbegriff der zu einer be-
ſtimmten Religionsgeſellſchaft gehörenden
Glieder, in ſo ferne ſie eine gewiſſe Kirchen-
Geſellſchaft ausmachen, injuriirt wird *). 2)
Dadurch, das Kirchendiener, in ſo ferne ſie
in der Ausübung ihres Kirchenamtes begriffen
ſind, injuriirt werden. Eine Injurie der letz-
ten Art ſoll mit körperlicher Züchtigung und
Landesverweiſung beſtraft werden **). Injurien
der erſten Art, wenn ſie nicht ſelbſt den Got-
tesdienſt ſtören, können blos mit den gewöhn-
lichen, gleichwohl geſchärften, Strafen der
Injurien geahndet werden.
Von dieſen Injurien iſt die Störung des
Gottesdienſtes (turbatio ſacrorum) zu un-
terſcheiden, welche durch jede rechtswidrige
gewaltthätige Handlung begangen wird,
durch welche man abſichtlich den Gottesdienſt
hindert, unterbricht oder aufhebt. Die Ge-
ſetze drohen ihr Capitalſtrafe ***).
Ein rechtswidriger Schade (damnum
injuria datum) iſt die verſchuldete Verletzung
einer in dem Eigenthume eines Andern [befindlichen]
Sache. Dies iſt theils dadurch möglich, daſs
ich ſie durch Vernichtung derſelben ganz aus
dem Beſitze des Eigenthümers bringe, theils
dadurch, daſs ich blos ihre Tauglichkeit zu
den Zwecken deſſelben verringere (bloſse Be-
ſchädigung) Von welcher Beſchaffenheit die
verletzende Handlung ſey, iſt gleichviel, wenn
ſie nur nicht gewaltthätig iſt. Dolus oder
Culpa muſs ihr immer zum Grunde liegen,
weil ſonſt keine Verſchuldung denkbar iſt;
eine beſtimmte Abſicht aber gehört zu dem
Begriff des Verbrechens nicht, nur darf die
Ab-
[272]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
Abſicht bey der Eigenthumsverletzung nicht
auf Realiſirung eines beſondern, ſchwereren
Verbrechens gerichtet ſeyn. *) Sonſt iſt die
Handlung als Verſuch zu dieſem Verbrechen
zu beurtheilen.
Geht die Stiftung eines rechtswidrigen
Schadens nicht in ein beſonderes benanntes
Verbrechen über, ſo iſt die Strafe willkühr-
lich **) Es kömmt in Anſehung der Gröſse der
Strafbarkeit beſonders auf die Gröſse und die
Erſetzlichkeit oder Unerſetzlichkeit des Scha-
dens, auf das Alter der Perſon und (bey dem
Dolus) auf die Abſicht derſelben an. Ver-
letzung aus Rache iſt härter zu beſtrafen, als
aus bloſsem Muthwillen. Verletzung durch
Privatgewalt wegen eines wirklichen oder ge-
glaubten Rechtsanſpruchs verdient die gelin-
deſte Strafe.
Tob. Jac. Reinharth Diſſ. de diverſa furti ſecunduns
jus civile et germanicum idea. Erf. 1729.
KleinſchrodDiſſ. de furtivere talis notis characteriſti-
cis, conſummatione atque ſupplicio. Wirceb. 1792. Ue-
berſetzt und verbeſſert, unter dem Titel: über den
Begriff, das Weſen und die Beſtrafung des Diebſtahls.
InDeſſen Abhandlungen aus dem peinl. R. und peinl.
Proceſs, Thl. II. Nr. 8. (Vergl. FeuerbachsRe-
cenſion in der A. L. Z. 1800. Nr. 43.)
Das Verbrechen der Entwendung beſteht
in einer ſolchen widerrechtlichen Zueignung
fremder Sachen, wegen eines Vortheils in Anſe-
hung des Vermögens.*)
I. Der Gegenſtand der Entwendung iſt
eine fremde Sache. An einer gemeinſchaftli-
chen Sache, in Anſehung des fremden An-
theils iſt ebenfalls Entwendung möglich *).
Die fremde Sache ſelbſt kann ſeyn 1) eine un-
körperliche Sache und zwar insbeſondere ein
Recht. Entziehe ich a) dem Andern das Beſitz-
recht an meiner eignen Sache, ſo begehe ich
eine Beſitz ‒ Entwendung (furtum poſſeſſionis)
wenn ſich nur das Recht zum Beſitz auf ein
ding-
*)
[275]Verletzung d. Eigenthums durch Entwend.
dingliches Recht gründet *); eigne ich mir b)
widerrechtlich ein Gebrauchsrecht an einer Sa-
che zu, die ich entweder zu keinem oder zu
einem andern rechtmäſsigen Gebrauch beſitze,
ſo bin ich der Gebrauchs-Entwendung (furtum
uſus) ſchuldig **). Vornemlich aber iſt 2) eine
körperliche Sache Gegenſtand der Entwendung,
(furt. rei ipſius) welche dann immer beweglich
ſeyn muſs. An einer unbeweglichen wird
keine Entwendung begangen ***).
Unſre deutſchen Strafgeſetze ſetzen zum
Begriff der Entwendung überall die Beſitzer-
greifung einer körperlichen Sache zum Nachtheil
der Rechte eines Andern voraus. Es kann da-
her bey uns nur die Entwendung der Sache
ſelbſt (furtum rei ipſius) und die Beſitzentwen-
dung, in wie ferne ſie durch wirkliche Ergrei-
fung einer körperlichen Sache geſchieht, als
Verbrechen den öffentlichen Strafen der Ent-
wendung unterworfen werden. *) Die Ent-
wendung des Gebrauchs kann daher blos die
Klage auf die römiſchen Privatſtrafen bewir-
ken, wenn man anders noch die Gültigkeit
dieſer Privatſtrafen annehmen kann.
II. Der Akt, durch welchen das Verbre-
chen begangen wird, iſt Zueignung im wei-
tern Sinn, worunter Beſitzergreifung, ver-
bunden mit der Abſicht, an der Sache ein
Recht auszuüben, verſtanden wird. Es wird
daher erfodert 1) eine äuſſere Handlung, durch
welche die Sache der Macht (Dispoſition) des
Subjects unterworfen wird (Apprehenſion) **);
2) eine
[277]Verletzung d. Eigenthums durch Entwend.
2) eine Willensbeſtimmung, welche auf An-
maſsung eines Rechts an der Sache gerichtet
iſt *). Weder das eine, noch das andre al-
lein genügt zur Entwendung. Die Abſicht
kann übrigens gerichtet ſeyn 1) auf Ausübung
des Eigenthumsrechts (animus rem ſibi habendi),
oder auch 2) auf Ausübung eines andern
Rechts an der Sache, wie bey der Beſitzent-
wendung**). Mit Endigung des Aktes der
Zueignung iſt das Verbrechen vollendet. Bloſse
Berührung ***) der Sache iſt daher ſo wenig hin-
reichend, als die Wegbringung von einem
Orte zum andern zur Vollendung nothwendig
iſt †).
III. Die Zueignung muſs eine Störung
der Rechte des Andern durch den Verluſt ſei-
nes Beſitzes bewirken. Es muſs alſo 1) einem
andern der Beſitz des Gegenſtandes entzogen
werden *). Dieſer Beſitz kann ſeyn a) der
bloſse Civil- und Mentalbeſitz, welches beſon-
ders geſchieht, wenn ich an einer in meinem
phyſiſchen und natürlichen Beſitz befindlichen
Sache eigenmächtig den Grund des Beſitzes
cau-
†)
[279]Verletzung d. Eigenthums durch Entwend.
(cauſam poſſeſſionis) verändere *). b) Der phy-
ſiſche Beſitz des andern, dieſer mag nun blos
ein natürlicher **) oder Civilbeſitz ***) ſeyn,
der Verluſt des Beſitzes mag durch Beywir-
kung von Handlungen des Beſitzers geſche-
hen ſeyn, oder nicht †); ſelbſt die nuda deten-
tio, wenn nur durch den Verluſt derſelben an-
dere Rechte der Perſon gefährdet werden ††).
2) Der
[280]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
2) Der Beſitz des andern muſs rechtmäſsig
ſeyn, durch Entziehung deſſelben müſſen ihm
alſo Rechte entzogen werden *). Die Beſitz-
nehmung muſs wider den Willen des Beſitzers
geſchehen ſeyn; ob heimlich oder öffentlich,
in ſeiner Gegenwart, oder Abweſenheit, iſt
gleichviel **).
IV. Zum Weſen der Entwendung gehört
Dolus, alſo das Bewuſstſeyn der Rechtswidrig-
keit (§. 62.) der Beſitzergreifung. Eine
culpoſe Entwendung iſt zwar nach allgemei-
nen Principien ***), aber nicht nach unſern
Geſetzen möglich †). Uebrigens braucht Do-
lus nach einer geſchehenen Entwendung nicht
erwieſen zu werden; der Entwender muſs den
Beweis der Culpa führen (§. 68.) ††).
V. Der Thatbeſtand fodert die Abſicht,
durch die Zueignung einen Vortheil in Anſe-
hung des Vermögens zu erhalten (animus lucri
faciendi) *). Alſo nicht jedes ſinnliche Inter-
eſſe und nicht jeder Vortheil begründet den
Begriff der Entwendung **). Sey übrigens der
Vortheil poſitiv oder negativ, direct oder indi-
rect, der Vortheil ſey wirklich gezogen, oder
nicht, der Endzweck und der Gebrauch***) ſey
welcher er wolle; dies iſt indifferent.
Der Zuſtand der höchſten Noth (§. 97.)
ſchlieſst hier nach ausdrücklichen Geſetzen die
Strafbarkeit aus †). Dieſer Nothſtand iſt vor-
handen, wenn die Entwendung fremden Eigen-
thums unverſchuldet die einzige Bedingung zur
Erhaltung des Lebens des Entwenders oder ſeines
Weibes und ſeiner Kinder war. ††) Es wird alſo
vor-
[282]II. Buch. I. Theil. II. Titel I. Abſchnitt.
vorausgeſetzt 1) die höchſte Noth (rechte Hun-
gersnoth), nicht bloſse Armuth, 2) der Ent-
wender muſste keine andern rechtlichen Mit-
tel zur Rettung haben *), 3) die Noth muſste
unverſchuldet **), 4) der Gegenſtand der
Entwendung muſsten Eſswaaren ſeyn ***), 5)
Er muſste nicht mehr genommen haben, als zur
Abwendung der Noth erforderlich war, 6) er
muſste nicht härtere Mittel angewendet ha-
ben, als nöthig war, um die Entwendung zu
vollenden. Jede Art der Entwendung, ſelbſt
gewaltſame, wirkt unter dieſen Bedingungen
Strafloſigkeit. Den Beweis der Noth führt
der Entwender. †)
P. G. O. Art. 166.
Für den Beſitzer iſt gegen den Dieb das
Recht der Nothwehr begründet. Wen ich
aber des Nachts in diebiſcher Abſicht in mei-
nem Hauſe [finde], den zu töden, habe ich unbe-
dingt
[283]Verletzung d. Eigenthums durch Entwend.
dingt das Recht. Bey einer unter einer ſolchen
Bedingung entſtandenen Tödung brauche ich
nicht die Requiſite der Nothwehr, ſondern
nur den nächtlichen Aufenthalt des andern in
meiner Wohnung aus diebiſcher Abſicht zu
erweiſen *).
Die Entwendung kann durch Verletzung
angebohrner Rechte (Raub) oder ohne dieſelbe
geſchehen (Diebſtahl im engern Sinn). Dieſer
iſt entweder geſetzlich ausgezeichnet, oder nicht
(gemeiner Diebſtahl). Zu dem gemeinen Dieb-
ſtahl gehört jede Art des Diebſtahls, auf wel-
che von den Geſetzen eine willkührliche Strafe
oder doch nicht die Todesſtrafe durch ein be-
ſtimmtes Strafgeſetz angedroht iſt. Die ge-
ſetzliche Auszeichnung hängt ab 1) von der
Gelindigkeit der Beſtrafung, welche als Aus-
nahme durch die Geſetze beſtimmt iſt: privile-
gir-
[284]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
girter Diebſtahl, 2) von der Härte der Beſtra-
fung, welche wegen erhöhter Strafbarkeit von
den Geſetzen beſtimmt iſt (qualificirter
Diebſtahl) Der Diebſtahl iſt qualificirt a) we-
gen der ſubjectiven Concurrenz. — Dritter
Diebſtahl; b) wegen der Art der Ausführung —
gefährlicher Diebſtahl; c) wegen des durch den-
ſelben verletzten Subjects — Kirchendiebſtahl
oder Kirchenraub.
Anm. Furtum manifeſtum — nec manifeſtum.
Der gemeine Diebſtahl iſt eine Entwen-
dung, welche nicht durch Gewalt an der Perſon, nicht
an einem heiligen Ort und an einer heiligen Sache,
nicht zum drittenmahl und nicht auf gefährliche
Art begangen worden iſt.
Der gemeine Diebſtahl heiſst groſser Dieb-
ſtahl furtum magnum) wenn der Werth der
geſtohlnen Sache fünf Gülden (ſolidos) oder
noch mehr beträgt. *) Unter Gülden verſteht
die
[285]Verletzung d. Eigenthums durch Entwend.
die Praxis einen ungriſchen Ducaten, nebſt
dem Agio zur Zeit und an dem Ort des be-
gangenen Verbrechens *). Daſs der Werth
des Objects fünf Gülden überſteigen müſſe, iſt
nicht nothwendig **). Auch iſt es gleichviel,
ob in Einer Uebertretung ein Object dieſes
Werths geſtohlen wird, oder ob das Object
zweyer Diebſtähle, welches einzeln gering
iſt, mit dem andern zuſammengenommen,
die Summe des groſsen Diebſtahls erreicht ***).
Wird nicht Geld, ſondern eine andre Sache
geſtohlen, ſo muſs ihr Werth nach dem wah-
ren, gemeinen Werth der Sache zur Zeit des
begangenen Verbrechens beſtimmt werden.
Weder der Affectionspreis, noch der ſonſtige
Schaden des Beſtohlnen, noch die Summe, die
er dafür gegeben oder der Dieb dafür empfan-
gen hat, können zum Maasſtab genommen
werden †).
II. F. 27. §. 8. P. G. O. Art. 160.
Iſt die geſtohlne Sache noch gegenwär-
tig, auch noch mit Gewiſsheit in dem Zu-
ſtand zur Zeit des begangenen Verbrechens,
ſo wird durch vereidete Kunſtverſtändige
der Werth der Sache beſtimmt. Im entgegen
geſetzten Fall muſs der Eigenthümer, oder
wenn dieſer nicht ſchwören könnte, ein an-
drer, der die Sache kannte, den Werth der
Sache eidlich erhärten *). Der Eigenthümer,
welcher den Schwur verweigert, kann vom
Richter dazu genöthigt werden. **) Im Zwei-
fel wird für kleinen Diebſtahl präſumirt ***).
Wer das Strafgeſetz gegen den Diebſtahl
zum erſtenmahl übertritt, begeht den erſten
Diebſtahl (furtum primum), wer es zum zwey-
tenmahl übertritt, begeht den zweyten Diebſtahl
(furtum ſecundum). Es iſt gleichviel ob die
zweyte Uebertretung Fortſetzung (furtum con-
tinua-
[287]Verletzung d. Eigenthums durch Entwend.
tinuatum) oder Wiederholung iſt (f. repetit.). *)
Auf Ort und Zeit kommt es ebenfalls nicht an,
wenn nur nicht der zweyte Diebſtahl aus ei-
nem und demſelben Antrieb in einem unun-
terbrochenen Akt begangen wurde.
P. G. O. Art. 157. 158. 161.
I. Iſt der erſte kleine Dieb nicht ertappt
worden, ſo wird er mit der Privatſtrafe des dop-
pelten, oder, wenn er dieſe nicht erlegen kann,
mit Gefängniſs bedroht **). Der auf der That er-
tappte erſte kleine Dieb ſoll mit Pranger, Staup-
beſen und Landesverweiſung beſtraft werden.
Ein vornehmer Dieb aber, der zur Beſſerung
Hoffnung giebt, zahlt den vierfachen Werth ***).
II. Der kleine zweyte Diebſtahl, ſoll ohne Rück-
ſicht auf Handhaftigkeit oder Nichthandhaf-
tigkeit deſſelben, mit Stellung an den Pranger
und
[288]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
und Landesverweiſung oder lebenswieriger
Verſtrickung beſtraft werden. *)
III. Der groſse Diebſtahl ſoll an Leib oder
Leben geſtraft werden. **) Der Richter ſoll
Rückſicht nehmen 1) auf den Unterſchied zwi-
ſchen handhaftem und nichthandhaftem Dieb-
ſtahl, 2) wie ſchädlich dem Beſchädigten der
Diebſtahl, 3) wes Standes der Verbrecher ſey.
Die Todesſtrafe kann alſo nach den Geſetzen
wohl nur dann Statt finden, wenn der Ver-
brecher auf der That ertappt, der Diebſtahl
dem Beſtohlnen ein groſser Verluſt und der
Verbrecher entweder geringern Standes und
unverbeſſerlich oder zwar vornehm aber doch
unverbeſſerlich iſt ***).
P. G. O. Art. 160.
Bey dem erſten kleinen nicht handhaften
Diebſtahl können nach der Natur der Strafe
keine Milderungsgründe in Betracht kom-
men †). Bey dem handhaften erſten kleinen
Dieb-
[289]Verletzung d. Eigenthums durch Entwend.
Diebſtahl verweiſt das Geſetz den Richter auf
die Beurtheilung der Verbeſſerlichkeit des Die-
bes *) Alle Gründe, welche ihn verbeſſerlich
zeigen, wohin alle Urſachen einer verringer-
ten Strafbarkeit gehören, mildern daher die
Strafe. Bey dem zweyten kleinen Diebſtahl er-
wähnt das Geſetz keiner beſondern Milde-
rungsgründe; blos die gemeinen können da-
her hier zur Anwendung kommen **).
Bey dem groſsen Diebſtahl ſinkt die Straf-
barkeit (vermöge §. 369.) 1) wenn die ent-
wen-
†)
T
[290]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
wendete Summe für das Vermögen des Be-
ſtohlnen geringfügig iſt, er alſo die Summe
entbehren kann, ohne drum in ſeinen Zwe-
cken ſehr beſchränkt zu werden *) 2) wenn
Beſſerung von dem Diebe zu erwarten iſt,
welches bey allen die Strafbarkeit herabſetzen-
den Gründen angenommen werden muſs; end-
lich 3) nach Carls Beſtimmung, wenn der
Dieb nicht auf der That ertappt worden iſt.
Die Erſetzung des Schadens oder die Wieder-
erſtattung mildert die Strafe nur dann, wenn
ſie ein Beweis der geringen Bosheit und alſo
der Verbeſſerlichkeit des Diebes iſt. Dies iſt
nur dann der Fall, wenn der Dieb noch vor
angefangener Unterſuchung freywillig die
Sache
**)
[291]Verletzung d. Eigenthums durch Entwend.
Sache wieder erſtattet oder ihren Werth er-
ſetzt *).
Zu den qualificirten Diebſtählen gehört A.
der dritte Diebſtahl, (f. tertium) die zum
drittenmahl begangene Uebertretung eines
Strafgeſetzes gegen den Diebſtahl. Den Ge-
ſetzen iſt es gleichviel, ob dieſe Entwendun-
gen fortgeſetzt oder wiederhohlt ſind *), jedoch
unter den Bedingungen des zweyten Dieb-
ſtahls (§. 367). Daſs die Entwendungen in
demſelben Gerichtsſprengel begangen ſind **),
oder zuſammengenommen die Summe des gro-
ſsen Diebſtahls ausmachen müſſen, ***) iſt eben
ſo
[293]Qualificirte Diebſtähle.
ſo wenig nothwendig, als daſs wenigſtens ein
Diebſtahl vorher müſſe beſtraft worden ſeyn *).
Der dreymahlige Dieb wird von den Geſetzen
für unverbeſſerlich gehalten (ein „mehrer ver-
läumbdter Dieb) und ſoll daher mit dem Tod,
das
***)
[294]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
das Weib mit dem Waſſer, der Mann mit dem
Strang beſtraft werden. *)
P. G. O. Art. 162.
In Anſehung der Art der Handlung iſt
qualificirt B. der gefährliche Diebſtahl
(f. periculoſum) **). Er iſt ein Diebſtahl, bey
wel-
[295]Qualificirte Diebſtähle.
welchem die Art der Entwendung ſelbſt entweder
einen beſonders gefährlichen geſetzwidrigen Wil-
len beweiſst, oder die Gefahr der körperlichen Ver-
letzung einer Perſon begründet. Dieſer zerfällt
I. in den objectiv gefährlichen, wenn die Art
der Entwendung die körperliche Verletzung
einer Perſon befürchten läſst; II. in den ſub-
jectiv-gefährlichen (den gefliſſenen, gefährlichen
Diebſtahl), wenn die Art der Entwendung ei-
nen beſonders gefährlichen, rechtswidrigen
Willen zu erkennen giebt *).
P. G. O. Art. 159.
I. Ein objectiv gefährlicher Diebſtahl iſt
vorhanden, wenn der Diebſtahl bewaffnet ge-
ſchehen iſt Daher heiſst er auch bewaffneter
Diebſtahl (furtum armatum) **). II. Der ſubjec-
tivgefährliche Diebſtahl wird begangen 1)
durch Einbruch, wenn die Entwendung durch
Aufbrechung eines Hauſes oder eines Behält-
niſſes geſchehen iſt, 2) durch Einſteigen, wenn
durch Einſteigen in ein Haus oder ein Behält-
niſs
**)
[296]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
niſs die Entwendung begangen worden iſt *).
Der Grund der geſetzlichen Auszeichnung der
beyden letzten Arten iſt blos die Gröſse der
Bosheit und der Feſtigkeit des böſen Willens,
welche aus der Gefliſſenheit, die der Dieb bey
Ueberwindung ſolcher Hinderniſſe bewoiſst,
erkannt wird **).
I. Der Diebſtahl durch Einbruch ſetzt
voraus 1) eine gewaltſame Trennung der
Theile eines Hauſes oder eines Behältniſſes.
Unter Behältniſſen ſind nur Gebäude, nicht
aber andre zur Aufbewahrung von Sachen be-
ſtimmte Behältniſſe zu verſtehen *). Auf den
Grad der Gewalt kömmt es beym Begriff des
Verbrechens nicht an **), ſo wenig, als es auf
die
**)
[298]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
die Mittel ankommt, durch welche das Auf-
brechen bewirkt wurde. Gleichviel alſo, ob
der Verbrecher durch Pulver die Sache auf-
ſprengte, oder ob er ſich eines tödlichen
Gewehrs dabey bedient hat *). Auch der Ort
ſelbſt iſt gleichgültig **). Das Aufbrechen
muſs dem Akt der Entwendung vorhergehen:
folgt es auf ihn, ſo fällt der Begriff des Ver-
brechens hinweg ***).
II. Der Diebſtahl durch Einſteigen beſteht
in jeder Entwendung, welche durch Einſtei-
gen in eine Behauſung oder in ein Behältniſs
begangen wird. Bloſses Hinaufſteigen ge-
nügt noch nicht. Gleichgültig iſt es, da das
Geſetz unbedingt redet, ob die Behauſung
bewohnt oder unbewohnt, der Ort frequent
oder infrequent war †), ob der Dieb ins obere
oder ins untere Stockwerk ††) auf einer Leiter
oder
[299]Qualificirte Diebſtähle.
oder auf einem andern Wege *) eingeſtiegen,
ob er hinab oder hinauf geſtiegen, ob er, als
er über der That ertappt wurde, Gewalt ge-
braucht hat, oder nicht **).
III. Der bewaffnete Diebſtahl ſetzt voraus
1) daſs der Dieb mit Inſtrumenten verſehen
war, mit welchen er eine körperliche Ver-
letzung bewirken konnte (Waffen). Auf die
Art des Inſtruments kömmt es nicht an ***), auch
darauf nicht, ob er die Waffen in der Abſicht
zu verletzen bey ſich hatte oder nicht †). 2)
Die
††)
[300]II. Buch. I. Theil II. Titel. I. Abſchnitt.
Die Entwendung ſelbſt muſs mit Waffen ge-
ſchehen. Bewaffnung nach vollendeter Ent-
wendung iſt ausgeſchloſſen. Gleichviel iſt es
aber, ob ſich der Dieb vorher mit Waffen ver-
ſehen hat, oder ob die Bewaffnung erſt an
dem Ort der That geſchah. *)
Strafe. Das Geſetz droht dem gefähr-
lichen Diebſtahl überhaupt als ordentliche
Strafe den Tod, dem Manne den Strang, dem
Weib das Ertränken **), ohne Rückſicht, ob
der Diebſtahl groſs oder klein iſt ***). Gleich-
wohl
[301]Qualificirte Diebſtähle.
wohl erlaubt es auch nach Befinden der Um-
ſtände eine auſſerordentliche Strafe, welche
nur in dem Fall Statt findet, wenn zwar der
Begriff des Verbrechens, aber nicht der Grund
deſſelben in concreto vorhanden iſt *).
I. Da der Grund der geſetzlichen Aus-
zeichnung des bewaffneten Diebſtahls Gefahr
der Verletzung oder Vergewaltigung einer
Perſon iſt, ſo iſt die Todesſtrafe ausgeſchloſ-
ſen 1) wenn wegen der perſönlichen Eigen-
ſchaft des Diebes, oder wegen der Beſchaffen-
heit des Ortes kein Gebrauch der Waffen zur
Verletzung zu beſorgen, oder doch ganz un-
wahrſcheinlich war. Dies iſt anzunehmen
a) wenn ein an an ſich äuſſerſt furchtſamer,
oder bey Begehung des Verbrechens als ſolcher
ſich
[302]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
ſich zeigender Dieb *), ohne Abſicht der Ver-
letzung, Waffen bey ſich hatte; b) wenn an ei-
nem unbewohnten, von Menſchen entfernten
Ort der Diebſtahl vollzogen worden iſt.
II. Der Grund der Auszeichnung der ſub-
jectiv gefährlichen Diebſtähle iſt ein, aus dem
Einbruch oder Einſteigen erkannter, ſo hoher
Grad der Gefliſſenheit und Feſtigkeit der rechts-
widrigen Geſinnung, daſs mit demſelben die
Todesſtrafe im Verhältniſſe ſteht. Mithin fin-
det dieſe nicht Statt, ſobald, ungeachtet der
Exiſtenz des geſetzlichen Begriffs, ein geringerer
Grad der Gefliſſenheit und Feſtigkeit des böſen
Willens vorhanden, als zur Erkennung der To-
desſtrafe nothwendig iſt. Dieſes iſt anzuneh-
men 1) wenn ein zufällig entſtandener hefti-
ger äuſſerer Reiz den Verbrecher zur That be-
ſtimmte **), 2) wenn die durch Einſteigen oder
Einbrechen überwundenen Hinderniſſe ſo ge-
ring waren daſs man nicht auf jenen hohen
Grad der Gefliſſenheit ſchlieſsen kann, wie
es beym Einſteigen blos in das unterſte Stock-
werk, beym Aufbrechen blos mit der Hand etc.
der Fall iſt.
Da der gefährliche Diebſtahl eine Art der
Entwendung überhaupt iſt, ſo werden auch alle
Requi-
[303]Qualificirte Diebſtähle.
Requiſite der Entwendung bey ihm vorausge-
ſetzt. Erſt mit der Endigung des Aktes der
Zueignung iſt er mithin vollendet und auſſer-
dem iſt ein bloſser Verſuch zu einem gefährli-
chen Diebſtahl vorhanden. Der nächſte Ver-
ſuch iſt vorhanden, wenn der Dieb in dem
Akt der Bemächtigung ſelbſt, ohne jedoch
denſelben zu vollenden, begriffen war. Er
kann aber nie mit der ordentlichen, ſondern
nur mit einer dem Tod am nächſten kommen-
den Strafe belegt werden, vorausgeſetzt, daſs
im Fall der Vollendung die ordentliche Strafe
begründet geweſen wäre *).
Der letzte qualificirte Diebſtahl iſt C) der
Peculat im weitern Sinn, nemlich die [Ent-
wendung] des öffentlichen Eigenthums (im Ge-
genſatz des Eigenthums der Privatperſo-
nen) **). Der Peculat umfaſst 1) den Kirchen-
raub
[304]II. Buch. I. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
raub (crimen ſacrilegii) 2) den Peculat im engern
Sinn, die Verletzung oder Entwendung des
Staatseigenthums von einer Perſon, die es
nicht zu verwalten hat, und 3) das crimen de
reſiduis, die Verwendung des anvertrauten
öffentlichen Eigenthums zu Privatzwecken.
Das crimen de reſ. gehört zu den beſondern Ver-
brechen der Staatsbeamten; das Peculat im
engern Sinn kann bey uns nicht mehr beſon-
deres Verbrechen ſeyn und iſt unter dem Dieb-
ſtahl überhaupt enthalten. *)
Kirchenraub (ſacrilegium) **)iſt eine Ent-
wendung, durch welche eine von den drey im deut-
ſchen Reich recipirten Religionsgeſellſchaften
verletzt wird. Eine ſolche Verletzung ge-
ſchieht 1) durch Entwendung einer zum Got-
tesdienſt beſtimmten Sache aus einem zum
Gottesdienſt beſtimmten Ort, 2) einer profa-
nen Sache aus einem zum Gottesdienſt beſtimm-
ten
[305]Qualificirte Diebſtähle.
ten Ort, 3) einer zum Gottesdienſt beſtimm-
ten Sache aus einem profanen Ort *).
P. G. O. Art. 171.
Der Grund der geſetzlichen Auszeichnung
iſt bey den Katholiken, die den geweihten
Sachen inwohnende göttliche Kraft (ſanctitas
interna) **), deren Verletzung als Beleidigung
der Gottheit ſelbſt betrachtet wird. Nach pro-
teſtantiſchen Grundſätzen haben kirchliche Sa-
chen eine äuſſere Heiligkeit (ſanct. externa) in
wie ferne die Kirche ſelbſt, als Stütze des
Staats, in dem unmittelbaren vorzüglichen
Schutze deſſelben ſteht, und die ehrwürdige
Beſtimmung dieſer Sachen auf ſie ſelbſt einen
Schein von Heiligkeit ergieſst. Dieſs macht
den Kirchenraub vorzüglich ſtrafbar, woraus
denn folgt, daſs an den Sachen oder Orten ei-
ner nicht im Reiche recipirten Religionsge-
ſellſchaft kein Kirchenraub, ſondern blos ge-
meiner Diebſtahl begangen wird.
Strafe. I. Auf die Entwendung der
Monſtranz mit der geweihten Hoſtie folgt die
Feuerſtrafe. II. Ein gefährlicher Kirchendieb-
ſtahl, gleichviel ob die Entwendung aus einem
heiligen oder profanen Ort *), an einer Sache
von gröſserem oder von geringerem Werth **)
geſchehen iſt, wird unbedingt mit dem Tode
bedroht, die Wahl der Todesart dem Richter
überlaſſen ***). Auch kann der qualificirte
Kirchendiebſtahl ſo gut durch Einſteigen und
mit Waffen als durch Einbruch geſchehen ****).
P. G. O. Art. 172. 173. u. 174.
III. Bey dem einfachen Kirchendiebſtahl
an heiligen Sachen, die wenigſtens den Werth
eines groſsen Diebſtahls betragen, finden die-
ſel-
[307]Qualificirte Diebſtähle.
ſelben Grundſätze ſtatt *). IV. Einfache Ent-
wendung profaner oder auch heiliger Sachen,
die den Werth eines kleinen Diebſtahls
ausmachen, ſollen nach Grundſätzen des
gemeinen Diebſtahls beſtraft werden; doch
mit der Einſchränkung, daſs dieſe Ver-
brecher die beſondern Vergünſtigungen nicht
erhalten, welche ſonſt den Angeſchuldigten
im Criminalproceſs verſtattet werden **). Be-
U 2ſteh-
[308]II. Buch. I. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
ſtehlung des Almoſenkaſtens wird nach den
Grundſätzen des Kirchenraubs beſtraft *).
Die Gründe, welche den Kirchenraub als
ein beſonderes Verbrechen auszeichnen (§.
384.) begründen die Gültigkeit der Grund-
ſätze über dieſes Verbrechen nach der heuti-
gen Praxis. Nur die Entwendung einer Mon-
ſtranz kann von keinem proteſtantiſchen Ge-
richtshof als ausgezeichnete Art des Kirchen-
raubs mit der Feuerſtrafe belegt werden, weil
die Proteſtanten nach ihren Religionsgrund-
ſätzen die ratio legis nicht anerkennen **).
Das römiſche Recht kennt noch verſchie-
dene qualificirte Diebſtähle, welche aber bey
uns entweder nur als gemeine Diebſtähle be-
urtheilt, oder zu einer andern Claſſe von Ver-
brechen gezählt werden müſſen. Dahin gehört
1) der Abigeat, Diebſtahl an einer beſtimmten
Anzahl und Gattung von Thieren ***); 2) der
Dieb-
[309]Qualificirte Diebſtähle.
Diebſtahl aus Bädern (f. balnearium) *); 3) der Pe-
culat**), 4) die Beraubung einer Erbſchaft,
welche von einer Perſon, die nicht Miterbe
iſt, begangen wird (crimen expilatae heredita-
bis) ***), 5) die Verletzung der Gräber (ſepulcri
violatio) welche aber noch weit mehr, als Dieb-
ſtahl an Grabmählern in ſich faſste †); 6) das cri-
men de reſiduis. — Nach Particulargeſetzen
iſt gewöhnlich ausgezeichnet der Pferdedieb-
ſtahl und der uneigentlich ſogenannte Wild-
diebſtahl††).
Die Geſetze nehmen von den gewöhnlichen
Grundſätzen der Beſtrafung des Diebſtahls
aus I. die von einem Miterben begangene Ent-
wendung aus der Erbſchaft. Dieſer ſoll nicht
als Dieb beſtraft werden: die Handlung hat
nur privatrechtliche Folgen *).
Es gehört dahin II. Familiendiebſtahl (f. do-
meſticum proprium) welcher von Ehegatten an
Ehegatten, oder an nahen Verwandten began-
gen
[311]Geſetzl. ausgezeichnete, nicht qual. Diebſt
gen wird *). Unter dieſen Verwandten ſind
nur Blutsverwandte begriffen und zwar ſolche,
welche die nächſten Erben des Beſtohlnen
ſind. Dem Familiendiebſtahl ſteht der Haus-
diebſtahl (f. domeſt. improprium) entgegen.
Dieſer wird von bloſsen Familiengenoſſen an
Per-
[312]II. Buch. I. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
Perſonen der Familie, beſonders von Dienern
an dem Herrn begangen *).
Die [deutſchen] Geſetze **) beſtimmen, 1) daſs
der Richter bey dem Familiendiebſtahl nicht
von Amtswegen verfahren, und 2) wenn des-
wegen Klage erhoben wird, nach dem gemei-
nen Recht entſcheiden ſoll. Dieſes gemeine
(nämlich römiſche) Recht ſetzt auf den Fami-
liendiebſtahl nicht nur keine Strafe, ſondern
ſchlieſst ſogar bey demſelben die gerichtliche
Diebsklage (actio furti) aus, und läſst bloſsen
Schadenerſatz zu ***). Nimmt eine nicht zur
Familie gehörende Perſon an dem Familien-
diebſtahl Antheil, ſo iſt ſie nach den gemeinen
Grund-
[313]Geſetzl. ausgezeichnete, nicht qual. Diebſt.
Grundſätzen des Concurſes zu einem Diebſtahl
zu beſtrafen *).
Bey dem Diebſtahl des Geſindes an ihren
Herren iſt verordnet, daſs geringfügige Dieb-
ſtähle von dem Herrn der Familie ſelbſt, und
nur wichtige Diebſtähle von den Gerichten
des Staats beſtraft werden ſollen. Die Art der
Beſtrafung iſt nicht angegeben **). Dieſe Be-
ſtimmung iſt noch anzunehmen. In Anſehung
der öffentlichen Beſtrafung iſt zu unterſchei-
den, ob der Hausdieb eine unter einem be-
ſtimmten, oder eine unter einem unbeſtimmten
Strafgeſetz ſtehende Entwendung begangen
hat. Im erſten Fall bleibt es bey der Strafe
des Geſetzes; im letzten iſt das Verhältniſs des
Diebes zu dem Beſtohlnen, vermöge der ver-
letzten Treue, ein Grund der Erhöhung der
Strafe.
Noch iſt geſetzlich ausgezeichnet III. die
Entwendung an Früchten auf dem Feld. Iſt der
Schade nicht beträchtlich, der dem Beſtohlnen
dadurch geſtiftet worden iſt, ſo ſoll eine bloſse
Privatſtrafe angewendet werden ***).
M. Gottl. Pauli Diſſ. de vera rapinae indole. Vit.
1777.
Leyſer Sp. 539.
Wenn die Verletzung des Rechts an Sachen
durch Verletzung der perſönlichen Rechte be-
gründet wird, ſo entſteht das Verbrechen des
Raubes *)Raub (rapina, depraedatio, graſſatio,
robbaria) iſt Entwendung durch Gewaltthätigkeit
an der Perſon des Beſitzers der Sache, jedoch
ohne Verletzung ſeines Lebens**). Sonſt iſt es
Raubmord (latrocinium) ***).
P. G. O. Art. 126.
Der Raub iſt I. eine Art der Entwendung.
Es wird alſo vorausgeſetzt 1) diebiſche Abſicht,
2) eine fremde Sache. Wer ſeine eigene Sache,
ohne zu wiſſen, daſs ſie ſein iſt, nimmt, iſt
eben ſo wenig Räuber, als derjenige, der mit
der Ueberzeugung eines Rechtsanſpruchs ei-
ner fremden oder eignen Sache mit Gewalt
ſich bemächtigt. Dort iſt Conat zum Raube,
hier eigenmächtige Selbſthülfe vorhanden *).
3) Gehört zum Raub eine bewegliche Sache.
An einer unbeweglichen Sache wird das Ver-
brechen der Gewaltthätigkeit begangen, wenn
die Bemächtigung ohne wirklichen oder ver-
meintlichen Rechtsanſpruch an die Sache ge-
ſchehen iſt **). 4) Der Akt der Bemächtigung
der Sache muſs vollendet ſeyn. Sonſt iſt der
Raub blos verſucht.
II. Die Zueignung muſs durch Gewalt an
der Perſon des Beſitzers geſchehen ſeyn. Es wird
daher erfordert 1) daſs es der Räuber dem Be-
ſitzer entweder mechaniſch oder pſychologiſch
unmöglich gemacht habe, die Entziehung des
Seinen zu vereitlen. Raub kann alſo ge-
ſchehen durch Ueberwindung der körperlichen
Kräfte des Beſitzers (vis ablativa ſ. abſoluta) oder
durch Ueberwindung ſeines Willens durch er-
weckte
[316]II. Buch. I. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
weckte Furcht vor Uebeln (vis compulſiva) *),
Die Drohung muſste aber mit der Gefahr der
augenblicklichen Vollziehung derſelben ver-
bunden ſeyn **). Auch dürfen die Drohungen
nicht minae juris ſeyn, weil ſonſt die Handlung
in ein anderes Verbrechen übergeht ***).
2) Der Akt der Entwendung ſelbſt muſste
erſt durch Gewalt bewirkt und möglich ge-
worden ſeyn. Der wirklichen Entwendung
muſs alſo die Verletzung des Rechts der Per-
ſönlichkeit vorhergehen. Wenn nach vollen-
deter Entwendung der Verbrecher ſeine Per-
ſon oder die geſtohlne Sache vertheidigt, ſo iſt
ein bewaffneter Diebſtahl vorhanden, wenn der
Ver-
[317]Geſetzl. ausgezeichnete, nicht qual. Diebſt.
Verbrecher während der Entwendung ſelbſt
ſchon die Waffen führte *).
Wer gewaltſam ſeine Sache mit der Sa-
che eines andern vertauſcht, iſt vollkommner
Räuber, ſobald die Abſicht zu gewinnen vor-
handen war **). Uebrigens kömmt es bey die-
ſem Verbrechen weder auf die Perſon an, die
es begeht, noch auf den Ort, oder die Art oder
den Grad der Gewalt ***).
Strafe. ****) Das römiſche Recht unter-
ſcheidet den Räuber ſchlechthin von demjeni-
gen Räuber, der auf Landſtraſsen den Raub
als Gewerbe treibt (graſſator) †) Nur dieſer
wur-
[318]II Buch. I. Theil. II. Titel II. Abſchnitt.
wurde mit dem Tod; jener nach dem Iuliſchen
Geſetz gegen die Gewaltthätigkeit beſtraft.
Das deutſche Recht des Mittelalters unter-
ſchied zwiſchen geſetzmäſsigem und geſetzwi-
drigem Raub (depraedatio-rapina) — ein Unter-
ſchied den der allgemeine Landfriede von
1495 aufgehoben hat. Die Carolina ſanktio-
nirt dieſes Reichsgeſetz von neuem und be-
ſtraft jeden Räuber (ohne Unterſchied zwi-
ſchen rapina und depraedatio) mit dem Schwerd. *)
In dieſer Rückſicht beruft ſie ſich auf die Sa-
gen der Vorfahren (Maximilians Landfrie-
den) und auf das römiſche Recht.
L. Andr. Hamberger Diſſ. II. de incendiis. Ien.
1712. (In deſſen Opusc. Frcf. et Lipſ. 1745. Diſſ.
1.)
Conr. Wilh. Strecker Diſſ. de incendiis. Erf. 1733.
Brandſtiftung(crimen incendii) beſteht in
der Anzündung einer Sache, wodurch für viele
Le-
*)
[320]II. Buch. I. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
Lebensgefahr und Gefahr des Verluſtes ihrer
ganzen Habe begründet wird. Das Verbrechen
wird daher begangen, wenn eine Sache ange-
zündet wird, welche einem Inbegriff menſchlicher
Wohnungen das Feuer mittheilen kann.
I. Der unmittelbare Gegenſtand des Ver-
brechens iſt eine Sache, gleichviel ob ſie dem
Verbrecher ſelbſt oder einem andern gehört *),
ob ſie beweglich oder unbeweglich iſt, ob die
unbewegliche Sache zur menſchlichen Woh-
nung oder zu anderm Gebrauche dient **).
II. Dieſe Sache muſs mit einem Inbegriffe
menſchlicher Wohnungen in einem ſolchen
räumlichen Verhältniſſe ſtehen, daſs ſie das
an ihr entſtandene Feuer dieſem mittheilen,
und dadurch Gefahr für Leben und alles Ei-
genthum begründen kann. Wenn eine beweg-
liche oder unbewegliche Sache, dieſe ſey nun
Wohnung oder nicht, von dem Inbegriff
menſchlicher Wohnungen abgeſondert iſt, ſo
iſt der volle Begriff der Brandſtiftung nicht
vorhanden. Steht ſie aber in dieſem Verhält-
niſſe, ſo kömmt es auf die beſondere Beſchaf-
fen-
[321]Von der Brandſtiſtung.
fenheit der angezündeten Sache nicht an.
Wälder, Scheunen, bewegliche Sachen *).
III. Anzündung der Sache, welche dem
Inbegriff von Wohnungen das Feuer mitthei-
len kann. In dem Moment, in welchem dieſe
Sache Flamme gegeben hat, iſt auch die That
vollendet. Daſs ſchon die Flamme eine Woh-
nung ſelbſt ergriffen habe, iſt ſo wenig noth-
wendig, als daſs die Wohnung oder ein Theil
der-
X
[322]II. Buch. I. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
derſelben niedergebrannt iſt *). Wenn aber
blos das Materiale gebrannt hat, durch wel-
ches das Feuer mitgetheilt werden ſollte, ſo
iſt die That noch nicht vollendet, wenn
es gleich ſchon mit der Sache vereinigt wor-
den iſt.
Die Brandſtiftung iſt entweder dolos oder
culpos, jenes wenn die Anzündung der Sache
in der Abſicht geſchieht, mit gemeiner Gefahr
die Rechte anderer zu verletzen. Wer ſein
Eigenthum anzündet, iſt der doloſen Brand-
ſtiftung nicht ſchuldig, wenn er nicht zu-
gleich die Abſicht hat, daſs ſich das Feuer
fremden Wohnungen mittheile **).
Die Strafe der doloſen Brandſtiftung, iſt
das Feuer, ohne Unterſchied zwiſchen Brand
und Mordbrand ***). Denn wenn gleich dieſe
Unter-
[323]Von der Brandſtiftung.
Unterſcheidung ſelbſt vor Carl herkömmlich
und geſetzlich war und man hieraus ſchlieſsen
könnte, Carl würde beſtimmter geſprochen
haben, wenn er dieſen Unterſchied hätte auf-
heben wollen, ſo kann dieſes doch darum
nicht in Betracht kommen, weil 1) die P. G. O.
wie ſich aus der feſtgeſetzten Strafe ergiebt,
das R. R. im Blicke gehabt hat *) und 2) die
Begriffe, welche man mit jener Unterſchei-
dung verband, immer von einander abweichen
und ſich widerſprechen **).
Ein conatus proximus der Brandſtiftung
iſt vorhanden, wenn die Materie, welche
den Brand erregen ſollte, ſchon an Ort und
Stelle gebracht, aber durch äuſſere Urſache
X 2die
[324]II. Buch. I. Theil. II Titel. II. Abſchnitt.
die wirkliche Anzündung der Sache verhindert
worden iſt. Er muſs mit dem Schwerd, als einem
mit der Strafe der Vollendung im nächſten Grad
ſtehenden Uebel belegt werden *) Den ent-
fernteren Verſuch muſs, nach Verſchiedenheit
der Nähe oder Entfernung deſſelben von der
Hauptthat, Gefängniſs, Staupbeſen etc. tref-
fen.
Nicht jede culpoſe Brandſtiftung wird be-
ſtraft. Nur culpa lata, wenn durch ſie wirk-
lich fremdes Eigenthum verletzt worden iſt,
kann einer öffentlichen Strafe unterworfen
werden **). Die culpa lata wird, wenn ein
groſser Schade daraus entſtanden iſt, mit Ru-
thenzüchtigung im Gefängniſs oder vor Ge-
richt ***) oder auch mit Gefängniſs und öffent-
lichen Arbeiten auf beſtimmte Zeit †) beſtraft.
Auf
[325]Von der Brandſtiftung.
Auf einen durch culpa lata geſtifteten gerin-
gern Schaden folgt gerichtlicher Verweis *).
Die Strafe muſs gemildert werden, wenn
der Grund des Geſetzes entweder gar nicht,
oder doch nicht vollkommen exiſtirt. Dies
iſt der Fall, wenn entweder gar keine oder
doch nur eine ganz entfernte Gefahr für einen
Inbegriff menſchlicher Wohnungen vorhanden
iſt **). Der aus dem Verbrechen entſtandene
wirkliche Schade hat ſo wenig, als thätige
Reue nach vollendetem Verbrechen auf die
Strafbarkeit Einfluſs ***).
Eine vorſätzlich bewirkte Ueberſchwemmung
[mittelſt] Durchſtechung von Dämmen hat mit
der Brandſtiftung ſelbſt in Anſehung der Ge-
fährlichkeit und des Gegenſtandes Aehnlichkeit.
Sowohl das Vermögen, als das Leben von Men-
ſchen kömmt dadurch in Gefahr. Nach Particu-
largeſetzen wird daher dieſe Handlung als be-
ſonderes Verbrechen betrachtet *) Aber nach
gemeinem Recht kann dieſe Handlung, weil
uns beſondre für uns anwendbare Geſetze
mangeln **), nur nach den Grundſätzen von
dem
[327]Verletzung des Rechts aus Verträgen.
dem damnum injuria datum oder dem Verbre-
chen der Tödung beurtheilt werden *).
Da Rechte aus Verträgen hauptſächlich durch
Entziehung der verſprochenen Leiſtung ver-
letzt werden, wo phyſiſcher Zwang der
Rechtsverletzung zuvorkommen, oder, wenn
ein wirklicher Schade entſtanden iſt, durch
Zwang zum Erſatz den vorigen Zuſtand wie-
der herſtellen kann (§. 13.); ſo iſt eine Vertrag
brechende Handlung in der Regel nicht mit
Strafen bedroht. Aber theils wegen der Wich-
tigkeit des Gegenſtandes, theils wegen der
Leichtigkeit eine Verletzung zu begehen, oder
der
**)
[328]II. Buch. I. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
der Schwierigkeit, ſie zu entdecken und der
Gefahr eines unerſetzlichen Verluſtes, theils
aber auch wegen der Gröſse des zum Grunde
liegenden böſen Willens, die durch Täuſchung
eines beſondern Zutrauens bewieſen wird,
ſind vier Verträge von dieſer Regel ausgenom-
men.
Dieſe Verträge ſind 1) der Bevollmächti-
gungsvertrag, 2) der Niederlegungsvertrag,
3) der Quaficontract der Vormundſchaft, und
4) der Geſellſchaftsvertrag. Die Perſon, wel-
che durch dieſe Verträge zunächſt und unmit-
telbar verpflichtet iſt, (gegen welche die actio
directa Statt findet) wird wegen einer dolo-
ſen Verletzung dieſer Verbindlichkeit ehrlos*).
Bey dem Geſellſchaftsvertrag iſt gegenſeitige
Verbindlichkeit vom Anfange an vorhanden:
die vorige Beſtimmung gilt daher von den Ge-
ſellſchaftsgliedern gegenſeitig **). Die Ehrlo-
ſigkeit iſt nothwendige Folge der durch ein
richterliches Urtheil erklärten Unredlichkeit.
Iſt die Treuloſigkeit der Perſon von der
Art, daſs ſie eignen Strafgeſetzen unterworfen
iſt, wie bey der Unterſchlagung des anvertrau-
ten
[329]Verletzung des ehel. Vertrags. Ehebruch.
ten Gutes (§. 358.) und der Entwendung einer
gemeinſchaftlichen Sache (§. 355.) ſo iſt ſie
nicht als bloſse Verletzung eines Vertrags auf
Treu und Glauben zu betrachten, ſondern
nach dem Begriff und den Grundſätzen des
ſchwereren Verbrechens zu beurtheilen.
G. A. Kleinſchrodobſervationes ad L. Iul. de adul-
teriis coercendis. Wirceb. 1795.
DeſſenBeyträge zur Lehre vom Ehebruch. In den Ab-
handl. aus dem peinl. Recht und peinl. Proceſs. II. Bd.
Nr. X. (Iſt die Ueberſetzung von der angeführten
Diſſertation.)
Durch den Ehevertrag, der ein zweyſeitiger,
eine gleiche Geſellſchaft begründender Vertrag
iſt, erwerben ſich beyde Theile das Recht auf
den ausſchlieſslichen naturgemäſsen Gebrauch
der Geſchlechtstheile. Dieſes Recht heiſst
das Recht auf eheliche Treue, und die Verletzung
deſſelben durch Beyſchlaf Ehebruch (adul-
ter-
[330]II. Buch. I. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
tertium) *). Dieſer wird daher begangen durch
fleiſchliche Vermiſchung einer verheiratheten
Perſon mit einer andern, mit der ſie nicht verhei-
rathet iſt.
L. XLVIII. tit. 5 Dig. L. IX. tit. 9. Cod. L. V.
tit. 16. Decretal. Greg. IX. P. G. O. Art. 120.
Des Ehebruchs iſt daher ſchuldig I. die un-
verheirathete Perſon, die mit der verheirathe-
ten concumbirt, ſie mag nun eine Mannsper-
ſon oder eine Weibsperſon ſeyn **); II. die ver-
heirathete Perſon ſelbſt, die mit der dritten con-
cumbirt, und zwar 1) ſowohl der Ehemann***),
als auch 2) die Ehefrau, denn beyde Theile
ſind
[331]Verletzung des ehel. Vertrags. Ehebruch.
ſind nach heutigem Recht zur ehelichen Treue
gegenſeitig verpflichtet. *).
Zum Thatbeſtand des Ehebruchs gehört
I. ein ſchon wirklich abgeſchloſſener Ehever-
trag. Bloſse Sponſalien begründen noch keine
Verbindlichkeit zur ehelichen Treue. Von
Braut oder Bräutigam und mit ihnen wird kein
Ehebruch begangen **). II. Die Ehe muſs recht-
lich
***)
[332]II. Buch. I. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
lich gültig ſeyn. Bey einer nichtigen Ehe iſt
dieſes Verbrechens unmöglich *).
III. Zur Zeit des begangenen Beyſchlafs
muſste noch die eheliche Vereinigung fort-
dauern. Bey einer durch Scheidung getrenn-
ten Ehe läſst ſich kein Ehebruch denken **). Ue-
brigens iſt es für den Begriff des Verbrechens
gleichviel, ob die Ehefrau als Hure lebt, oder
nicht ***), ob der Gatte in den auſserehelichen
Bey-
**)
[333]Verletzung des ehel. Vertrags. Ehebruch.
Beyſchlaf willige, oder nicht *)Conſumirt wird
der Ehebruch erſt mit Einlaſſung des Saa-
mens **).
Der Ehebruch iſt in Rückſicht der durch
die Handlung begründeten Bechtsverletzung
entweder doppelter Ehebruch (adulterium duplica-
tum, Oberhurercy) wenn beyde concumbirende
Theile das Recht auf eheliche Treue zweyer ver-
ſchiedener Subjecte verletzen; oder einfacher Ehe-
bruch, wenn in der Handlung beyder blos die
Verletzung dieſes Rechts in Einer Perſon ent-
halten iſt. Bey jenem müſſen daber beyde
Concumbenten, bey dieſem darf nur Einer
verheyrathet ſeyn.
Der Ehebruch kann ſo gut aus Culpa, als
aus Dolus begangen werden ***). Der doloſe
Ehebruch ſetzt, vermöge des Begriffs von Do-
lus,
[334]II. Buch. I. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
lus, das Bewuſstſeyn der Perſon voraus 1)
daſs ſie mit der andern Perſon, mit welcher
ſie concumbirt, nicht in der ehelichen Geſell-
ſchaft lebe, 2) das Bewuſstſeyn, daſs ſie ſelbſt
oder der andere Theil in einer gültigen und
noch fortdauernden Ehe lebe. Zum culpoſen
Ehebruch wird 1) der Mangel eines der vorher-
gehenden Requiſite, 2) das Verſchulden dieſer
Unwiſſenheit, (alſo error oder ignorantia vinci-
bilis) erfodert. Unverſchuldeter Irrthum be-
gründet ein caſuelles Verbrechen und hebt
alle Strafbarkeit auf *). Beyde Theile können
im Dolus oder in Culpa ſeyn: es iſt aber auch
Culpa von der einen, und Dolus blos von der
andern Seite; oder keins von beyden auf der
einen und Verſchulden durch Dolus oder
Culpa auf der andern möglich.
Strafe**). Das römiſche Recht ***) droht
dem Ehebrecher die Strafe des Schwerds, der
Ehebrecherin Verſtoſsung in das Kloſter nach
vorgängiger Ruthenzüchtigung, doch ſo daſs
ſie der Ehegatte innerhalb zwey Jahren zurück-
fodern
[335]Verletzung des ehel. Vertrags. Ehebruch.
fodern kann *). Die Carolina **) beſtätigt durch
ihr Berufen auf das röm. Recht ***) dieſe Ver-
ordnung ſowohl bey dem Ehebruch der Gattin,
als auch des Ehemanns †). An die Stelle der
Ver-
[336]II. Buch. I. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
Verſtoſsung in das Kloſter müſste heut
zu Tage Zuchthaus treten, ſo daſs wir,
nach den Geſetzen, folgendermaſsen ſtra-
fen müſsten: I. Schwerd bey der Mannsper-
ſon, ſie ſey ledig und concumbire mit einer
Ehegattin, oder ſey Ehegatte und concumbire
mit einer ledigen Perſon. II. Zuchthaus mit
Willkomm ſowohl dem Eheweib als der ledi-
gen Weibsperſon, die mit einem Ehemanne
concumbirt.
Häuliches Glück iſt die Stütze des Staats,
Familienzerrüttung führt auf Zerrüttung der
bürgerlichen Geſellſchaft. Darum ſcheint
Todesſtrafe in zweckmäſsigem Verhältniſs mit
dem Ehebruch zu ſtehen. Aber Ehebruch
ſetzt ſchon Störung der häuslichen Ordnung
voraus, und nicht die Unterlaſſung der äuſſern
Handlung des Ehebruchs, ſondern häuslicher
Sinn und gegenſeitige Hingebung der Gemü-
ther, welche durch keine Strafe erzwungen
werden kann, iſt jene Grundſäule des Staats.
Todesſtrafe iſt daher hier zwecklos. Nur kann
die Unklugheit der Geſetzgeber nicht die zahl-
loſen Milderungsgründe rechtfertigen *), die
man
[337]Verletzung des ehel. Vertrags. Ehebruch.
man zur Umgehung des Geſetzes, und zu Be-
gründung einer blos willkührlichen Beſtrafung,
welche die Praktiker behaupten *), erfunden
hat.
Damit nicht die Auſſöhnung wegen eines
begangenen Ehebruchs verhindert und nicht
der häusliche Friede, vielleicht auf bloſsen
Verdacht eines Fremden geſtört werde, ſo er-
lauben die Geſetze nur dann einen Criminal-
proceſs wegen begangenen Ehebruchs, wenn
der beleidigte Theil oder einer der nächſten
Anverwandten deswegen Anklage erhoben
hat *). Dies beſtätigt auch die P. G. O. **), ob-
gleich die ältere Praxis dieſes nicht anerken-
nen will ***).
Dem Ehemann giebt das römiſche R.
die Gewalt, den in ſeinem Hauſe auf der
That ertappten Ehebrecher zu tödten. Der
Vater der Ehebrecherin, wenn dieſe noch in ſei-
ner
*)
[339]Verletzung des ehel. Vertrags. Ehebruch.
ner väterlichen Gewalt ſich befindet, hat das
Recht, ſeine Tochter und mit ihr den Ehebre-
cher zu tödten, ſowohl wenn er ihn in ſei-
nem, als auch wenn er ihn in ſeines Schwie-
gerſohns Hauſe ertappt. An dem Verbrecher
allein kann er ſich durch den Tod nicht rächen,
aber wohl allein an ſeiner Tochter *). Dieſel-
ben Grundſätze beſtätigt die P. G O., ohne die
Strafloſigkeit der Tödung des Ehebrechers auf
den höchſten Grad des Affects einzuſchrän-
ken **).
Chr. Thomaſius Diſſ de crimine bigamiae et de bi-
gamiae praeſcriptione. Lipſ. 1685. rec. 1749.
A. Fr. Schott Diſſ. de poena bigamiae ordinaria. Lipſ.
1771.
I. E. Eſchenbach Diſſ. de poena bigamiae. Roſt.
1787.
I. G. Gonnevon dem Unterſchied der Caroliniſchen und
Bamberg. P. G. O. in Beſtrafung der zwiefachen Ehe.
In Schotts juriſt. Wochenbl. I. B. S. 513. ff.
Grolmanüber die Strafe der Bigamte. In d. Bibl. d.
peinl. R. I. Bd. 1. Stck.
Die vielfache Ehe beſteht in einer Ver-
letzung des Rechts auf eheliche Treue durch Voll-
ziehung
**)
[341]Verletzung des ehel. Vertrags. Bigamie.
ziehung einer neuen Ehe. Sie heiſst Bigamie,
wenn der Uebertreter zu gleicher Zeit in zwey
verſchiedenen Ehen lebt. Es enthält dieſes
Verbrechen eine dreyfache Uebertretung,
nämlich: die Verletzung des Privatrechts auf
eheliche Treue, eine Verletzung der Ehegeſetze
des Staats, weil die Form der Ehe zu einem
geſetzwidrigen Zweck miſsbraucht wird, und
endlich einen Betrug, weil der Ehebruch un-
ter dem täuſchenden Schein einer rechtlichen
Verbindung verborgen wird *).
P. G. O. Art. 121.
Das Verbrechen ſetzt voraus I. eine noch
fortdauernde rechtlich gültige Ehe. Wer nur
erſt verlobt iſt *), wer in einer rechtlich ungülti-
gen Ehe lebt, weſſen Ehe durch Scheidung
oder durch den Tod wieder getrennt iſt **),
wird durch Eingehung einer zweyten Ehe
nicht dieſes Verbrechens ſchuldig. Ob der
frühere Ehegatte einwillige oder nicht, ändert
hier eben ſo wenig, als bey dem Ehebruch ***).
II. Die Handlung, durch welche das Verbre-
chen begangen wird, beſteht in der Vollzie-
hung einer neuen Ehe. Es müſſen alſo 1) die
zur Gültigkeit des Ehecontrakts erfoderlichen
Sollennitäten beobachtet ****), 2) die Ehe muſs
durch Beyſchlaf, und zwar mit Einlaſſung des
Saamens, wirklich conſummirt worden ſeyn †).
Auch hier ſind, wie beym Ehebruch, ſo-
wohl die verheirathete, als unverheirathete
Perſon des Verbrechens ſchuldig ††), und die
Beſtimmungen in Anſehung des Dolus und der
Culpa beym Ehebruch (§. 420.) finden auch
hier vollkommen Anwendung. Da der Staat
nur
[343]Verletzung des ehel. Vertrags. Bigamie.
nur die einfache Ehe als rechtlich anerkennt,
ſo iſt jeder im Staat den Geſetzen der Bigamie
unterworfen, ſelbſt wenn die Grundſätze ſei-
ner Religion ihm die Polygamie erlaubten *).
Strafe**). Das römiſche Recht betrach-
tet die Bigamie wie Ehebruch ***), weil aber
Carl, nach einem damals allgemeinen Irr-
thum, glaubte, daſs das römiſche Recht hier
gelinder ſey, ſo bemerkt er die Unſchicklich-
keit dieſer vermeintlichen Dispoſition, erklärt,
daſs genau genommen Bigamie ſogar noch
ſtrafbarer ſey, als Ehebruch, und ſetzt daher
dieſes Verbrechen in der Beſtrafung dem Ehe-
bruche gleich ****). Er erklärt es für ſtrafba-
rer,
[344]II. Buch. II. Theil. I. Titel. I. Abſchnitt.
rer, nur um die groſse Inconſequenz des röm.
Rechts zu zeigen; er ſtraft es aber nicht här-
ter, weil es ihm das Anſehen des römiſchen
Rechts nur erlaubte, aus Principien dieſes Ge-
ſetzbuchs ſelbſt einen offenbaren Irrthum deſ-
ſelben zu verbeſſern, vielleicht auch, weil er
die Strafe des Ehebruchs ſchon für hart genug
hielt, als daſs er dieſelbe noch hätte überſtei-
gen können *).
Anm. Vergl. die angeführte Grolmaniſche Abhand-
lung.
Die vagen Verbrechen theilen ſich in formelle
und materielle. Jene fodern zum Thatbeſtande
weder ein beſtimmtes Object, noch einen be-
ſtimmten geſetzwidrigen Effect, noch einen
geſeztlich beſtimmten Zweck der Perſon, und
werden blos durch die Form der Handlung
ſelbſt
****)
[345]Materielle vage Verbrechen. Kinderausſ.
ſelbſt zur Uebertretung; dieſe fodern zwar ei-
nen beſtimmten Gegenſtand, aber die Ver-
letzung ſelbſt iſt nicht beſtimmt, indem die
Uebertreibung in denſelben bald eine wirkliche
Rechtsverletzung iſt, bald nicht, und in jenem
Falle die Verletzung verſchiedener Rechte in
dem Begriff des Verbrechens enthalten iſt.
Ier. Zange Diſſ. de expoſitione infantum ejusque poen [...]
veteri. Gieſſ. 1713.
Rud. Chriſt. Henne Diſſ. de expoſitione infantum.
Erf. 1756.
Kinderausſetzung (expoſitio infantum) iſt
die durch Aeltern, auf eine nicht unmittelbar töd-
liche Art begangene Weglegung unerwachſener
Kinder an einen nicht nothwendig tödlichen Ort,
wo ſie der Hülfe der Eltern entzogen ſind. *) Er-
wachſene Kinder, die ohne älterliche Hülfe
ihre Exiſtenz behaupten können, ſind kein
Ge-
[346]II. Buch. II. Theil. I. Titel. I. Abſchnitt.
Gegenſtand dieſes Verbrechens. Das Leben
des Kindes wird zwar durch Ausſetzung im-
mer gefährdet und das Verbrechen bleibt in
ſeinem Begriff, wenn auch das Kind durch
Auſſetzung in eine dringende Lebensgefahr
gerathen ſollte. Wenn aber entweder die Art
der Weglegung ſelbſt eine an ſich tödliche
Handlung iſt, oder wenn das Kind nach der
Natur des Orts (falls nicht zufällige auſſeror-
dentliche Umſtände dieſes hindern) das Leben
verlieren muſste, ſo ſteht die Handlung unter
dem Begriff von Tödung. *)
War die Auſſetzung Urſache von dem
Tode des Kindes, ſo geht ſie in das Verbre-
chen der Tödung über, und muſs, wenn die
Abſicht auf Tödung gerichtet war, wie Mord,
wenn eine andere Abſicht zum Grunde lag,
wie eine aus culpa dolo determinata begangene
Tödung beſtraft werden. Blieb das Kind beym
Leben und geſchah die Auſſetzung nicht um
das Kind zu tödten, ſo iſt die Strafe blos will-
kührlich; bey entgegengeſetzter Abſicht ſind
die Grundſätze von unternommener Tödung
anzuwenden. **)
I. H. Boehmer Diſſ. de caede infantum in utero. Hal.
1732. rec. 1740. (et in Exerc. ad D. Tom. VI. Ex.
99.)
Chr. L. Lieberkühn Diſſ. de erimine procurati
abortus. Hal. 1772.
Das Verbrechen des Abtreibens (abortus
procuratio) beſteht in der verſchuldeten zu früh-
zeitigen Abſonderung eines nicht lebensfähigen
Embryo.*) Zum Thatbeſtande des Verbre-
chens gehört alſo 1) eine Handlung, welche
die zureichende Urſache von der Abſonderung
eines Embryo war, 2) daſs dieſe Abſonderung
vor der Zeit geſchah, welche die Natur zur
Geburt eines reifen Kindes beſtimmt hat und
endlich 3) daſs der Embryo auſſer der Mutter
ſein Leben nicht fortſetzen konnte.
Dieſes Verbrechen kann begangen wer-
den I. als bloſse Läſion des werdenden Men-
ſchen, wenn nämlich die Mutter ſelbſt oder
eine andre mit ihrem Willen die Frucht ab-
treibt.
[348]II. Buch. II. Theil. I. Titel. II. Abſchnitt.
treibt; II. als Läſion der Perſönlichkeit der
Mutter und des werdenden Menſchen zugleich,
wenn die Abtreibung von einer andern Perſon
wider Willen der Mutter geſchehen iſt. —
Das Abtreiben ſelbſt kann ſowohl durch äuſ-
ſere Einwirkung auf den Fötus nach mechani-
ſchen, als auch durch innerliche Einwirkung
auf denſelben nach chemiſchen Geſetzen er-
folgen *).
Auch der Embryo iſt ein Menſch **) und
wenn gleich der Staat nicht verpflichtet
iſt, ihn zu ſchützen, ſo iſt er doch berechtigt,
ſich in ihm einen künftigen Bürger zu erhal-
ten. Die Geſetze ſtrafen daher ſeine Ver-
letzung und unterſcheiden zwiſchen der Ab-
treibung eines ſchon belebten und eines noch
unbelebten Fötus (f. animatus ſ. ſormatus — non-
dum animatus ſ. non formatus). In jenem Falle
ſoll doloſe Abtreibung mit dem Schwerd an
einem Manne, mit dem Ertränken an einer
Weibsperſon; im letzten Falle aber willkünr-
lich beſtraft werden ***).
Unter einem belebten Fötus können wir
uns nicht mit Carl einen Fötus denken, in dem
ſchon eine menſchliche Seele iſt; noch können
wir den von den Gloſſatoren als Zeitpunkt der
eigentlichen Beſeelung erträumten Zeitraum
von 40 Tagen nach der Empfängniſs aufnehmen,
weil die letzte Vorſtellungsart, welche die
erſte näher beſtimmen müſste, ſo ungereimt
iſt, als dieſe *), ſondern wir können uns unter
einem belebten Fötus nur einen ſolchen denken,
der ſchon durch Muskularbewegung äuſſere
Zeichen des thieriſchen Lebens gegeben hat **).
Wegen der Schwierigkeit, den Thatbe-
ſtand zur Gewiſsheit zu bringen, kann die
ordentliche Strafe wohl nie ausgeübt werden.
In dem Geſetz, welches das Verbrechen des
Abtreibens begründet, iſt zugleich die Tödung
lebensfähiger Kinder im Mutterleib für Ver-
bre-
[350]II. Buch. II. Theil. I. Titel. III. Abſchnitt.
brechen erklärt *). Hier hat der Thatbeſtand,
beſonders wenn das Kind in der Geburt ge-
tödtet worden iſt, geringere Schwierigkeiten
und da muſs ohne Zweifel die ordentliche
Strafe eintreten.
Die Zerſtörung des Fortpflanzungsvermö-
gens eines Menſchen (ſterilitatis procuratio) wird
nach einer Fiction der Geſetze als eine wirk-
liche Tödung der künftig zu erzeugenden
Menſchen betrachtet **). Sie kann geſchehen
an Männern und ſoll auch geſchehen können
an Perſonen weiblichen Geſchlechts ***).
Das Geſetz ****) droht in beyden Fällen die
Todesſtrafe und wenn gleich der wahrſchein-
liche
[351]Formelle vage Verbrechen. Crimen vis.
liche Grund deſſelben ungereimt iſt, ſo kann
doch die Verordnung ſelbſt durch willkührli-
ches Berufen *) auf einen angeblichen unbe-
zweifelten Gerichtsbrauch nicht ausgelöſcht
werden. Die Ausmittelung des Thatbeſtandes
in Rückſicht auf Perſonen männlichen Ge-
ſchlechts iſt leicht und die That, wenn ſie an
andern Perſonen verübt wird, bleibt immer
ein höchſt ſtrafbares Verbrechen.
Das Verbrechen der Gewaltthätigkeit (cri-
men vis) bedeutet im röm. R. jede rechtswi-
drige Anwendung körperlicher Kräfte zur
Ueberwindung eines Hinderniſſes in einer
Per-
[352]II. Buch. II. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
Perſon oder Sache *) und begreift ſelbſt alle
benannten Verbrechen, welche durch Anwen-
dung phyſiſcher Gewalt geſchehen **). Allein
dieſe letzten wurden durch ſpätere Geſetzge-
bungen beſonders ausgezeichnet und müſſen
dadurch aufhören, blos als ſpecies von dem
crimen vis behandelt zu werden. Unter dem
Verbrechen der Gewaltthätigkeit
kann daher heut zu Tage nur diejenige rechts-
widrige Anwendung phyſiſcher Kräfte verſtanden
werden, welche nicht in ein beſonderes, benann-
tes Verbrechen übergeht. Uebrigens kann die-
ſes Verbrechen ſowohl 1) an Perſonen, als
auch 2) an Sachen begangen werden,
Die Römer unterſcheiden zwiſchen öffent-
lichen Gewaltth. (vis publica) und zwiſchen
Privatgewaltthätigkeiten (vis privata) und be-
ſtraften jene mit dem Exil***), dieſe mit der
Confiscation des dritten Theils des Vermögens
und der Unfähigkeit zu Staats- und Ehrenäm-
tern ****). Da aber die Grenzen zwiſchen der
öffentlichen und Privatgewaltthätigkeit unbe-
ſtimmt ſind, mithin die geſetzliche Voraus-
ſetzung zu dieſen beſtimmten Strafen unbe-
kannt
[353]Unbeſtimmte Verbrechen. Gewaltthätigkeit.
kannt iſt *), ſo ſind dieſe Verordnungen als
nnbeſtimmte Srafgeſetze zu betrachten. Die
Strafe iſt demnach willkührlich.
Die Strafe der Gewaltth. kann eine kurze
Gefängniſs- oder Geldſtrafe nicht überſteigen,
wenn nicht wegen beſonderer Gründe die
Strafbarkeit erhöht iſt. Zu dieſen Gründen
der Straferhöhung gehört 1) die Eigenſchaft
der Perſon, welche die Gewaltth. ausübte.
Oeffentliche Perlonen find ſtrafbarer, als an-
dere **), 2) die Art, wie die Gewaltth. began-
gen wurde ***). 3) Der Gegenſtand, an wel-
chem ſie begangen wurde, wenn öffentliche
Perſonen, die unmittelbar im Dienſte des
Staats ſind, den Gegenſtand des Verbrechens
ausmachen ****). Dahin gehören obrigkeitliche
Perſonen und Miniſter des Regenten, vorzüg-
lich während der Ausübung ihres Amtes b)
Diener obrigkeitlicher Perſonen, in ſo fern
ſie zur Vollſtreckung ihrer öffentlichen Befehle
beſtimmt ſind. c) Soldaten, wenn ſie auf ih-
ren Poſten ſind, beſonders in Kriegszeiten.
4) Die beſondere Beſchaffenheit des Orts, an
welchem und in welchem die Gewaltth. began-
gen
Z
[354]II. Buch. II. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
gen wird. Dahin gehören alle Orte, welche
in dem beſonderen Schutze des Staats ſte-
hen, nämlich a) die Wohnung eines jeden
Bürgers (Hausfriede) b) jeder Ort, in wel-
chem öffentliche, auf den Staat ſich beziehende
Handlungen vorgenommen werden. c) Die
Wohnung des Oberherrn (Burgfriede) *). d)
Der Verſammlungsort einer im Staate herr-
ſchenden Religionsparthey.
Landfriedensbruch (crim. fractae pacis
publicae) iſt eine vorſätzliche Störung der allge-
meinen Rechtsſicherheit in Deutſchland durch eine,
von zuſammengerotteter, bewaffneter Mann-
ſchaft begangene Gewaltthätigkeit, an einer Per-
ſon, die dem zwingenden nicht unterworfen
iſt**).
Anm. Von der Verletzung desReligionsfriedens.
Zum Thatbeſtande gehört 1) wirkliche Ge-
waltthätigkeit. Durch Drohungen wird kein
Landfriedensbruch vollendet. Welchen Ef-
fect aber die Gewalt hatte, und ob ſie zunächſt
am Eigenthum oder an den Perſonen verübt
wurde, ob an einzelnen oder an einer Gemein-
heit*), iſt gleichviel. An Perſonen derſelben
Gemeinheit und in dem Gebiete derſelben kann
aber dieſes Verbrechen nicht begangen wer-
den, ſondern die Gewalt geht hier in andre
Verbrechen über. **) 2) Rechtswidrige Gewalt-
that. Ausgeſchloſſen iſt daher Gewalt zur
Selbſtvertheidigung gegen einen gegenwärti-
gen Angriff oder eine das Recht ſonſt gefähr-
dende Handlung.
3) Die Gewalt muſs durch eine zuſam-
mengerottete Menge begangen ſeyn. Wie
viele? dazu gehören, kann keine allgemeine
Regel entſcheiden.***) Einer allein begeht das
Verbrechen nicht. 4) Dieſe Mehreren müſſen
ſich abſichtlich und mit Ueberlegung zur Ge-
waltthat vereinigt haben oder von einem Drit-
ten vereinigt worden ſeyn. Dadurch iſt Ge-
Z 2walt-
[356]II. Buch. II. Theil. II. Titel. I. Abſchnitt.
waltthätigkeit bey einem plötzlich entſtande-
nen Streite ausgeſchloſſen *).
Es wird 5) bewaffnete Mannſchaft erfo-
dert **). Alle Inſtrumente, welche eine Kör-
perverletzung bewirken können, ſind unter
Waffen begriffen. 6) Der Gezwungene darf
nicht mit dem Zwingenden im Verhältniſſe ei-
nes Unterthans ſtehen. Gegen den Oberherrn,
der rechtswidrige Anſprüche gegen Untertha-
nen unterſtützt, giebt es nur mandata cum und
ſine clauſula.
Die Strafe der Reichsunmittelbaren iſt
die Reichsacht, und wer Friedbrecher begün-
ſtigt, ſoll mit 2000 Mark feinen Goldes ge-
ſtraft werden ***). Mittelbare Friedbrecher
werden mit dem Schwerd geſtraft †).
Anm. Von dem angeblichen beſondern Verbrechen der
Wegelagerung. — DerLandzwanggehort
zu denPolizeyverbrechen.
Leyſer Sp. 615.
Kleinſchrodüber den Begriff und die Erforderniſſe
des Verhrechens der Verfälſchung. In Klein’s und
KleinſchrodsArchiv. II. Bd. 1ſtes Stck. Nr. 6.
Io. Chriſt. FranckeDiſſ. de judicio falſi ejusque in
vindicatione limitibus. Viteb. 1799.
Das Verbrechen der Fälſchung überhaupt
beſteht in einer abſichtlich bewirkten rechtswidri-
gen Täuſchung Anderer*).
Zum Thatbeſtand des Verbrechens gehört
I. eine in andern bewirkte objectiv falſche Vor-
ſtel-
[358]II. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
ſtellung. Dieſes geſchieht ſowohl 1) negativ,
wenn man einem Andern ein mögliches Object
der Erkenntniſs zum Nachtheil ſeiner Rechte
entzieht (die Wahrheit unterdrückt), hiermit
alſo die Vorſtellung, als wenn jenes Object
nicht exiſtire, in ihm erhält: als auch 2) po-
ſitiv, wenn man irrige Vorſtellungen, welche
er noch nicht hat, in ihm erweckt (die Wahr-
heit verändert). *)
II. Der Irrthum muſste zum Nachtheil der
Rechte eines Andern geſchehen ſeyn; es muſste
alſo die Täuſchung entweder 1) eine wirkliche
Verletzung der Güter, welche den Gegenſtand
ſeiner Rechte ausmachen, (alſo einen wirkli-
chen Schaden) bewirkt haben, oder 2) es
muſste jemand ſonſt ein vollkommnes Recht
haben, die Unterlaſſung der Handlung zu fo-
dern, welche die falſche Vorſtellung bewirkt**).
Eine
[359]Verbr. durch Täuſchung eines andern.
Eine bloſse Lüge iſt daher kein Verbrechen,
wenn nicht der Andere (wie die Obrigkeit bey-
ausdrücklicher Aufforderung der Auſſage eines
Bürgers) aus beſondern Gründen ein Recht
auf die Wahrhaftigkeit des Auſſagenden hat,
oder kein Nachtheil an den Gütern einer Per-
ſon entſtanden iſt. Daher auch die Unterdrü-
ckung eines falſchen Documents kein Falſum
ſeyn kann, weil aus einem ſolchen niemand
Rechte abzuleiten vermag. *)
III. Dolus: die täuſchende Handlung
muſste mit dem Bewuſstſeyn dieſer Eigen-
ſchaft und mit dem Bewuſstſeyn der Strafbar-
keit begangen worden ſeyn. Ein culpoſes Fal-
ſum, obgleich an ſich denkbar, widerſpricht
den Geſetzen **). Es mangelt alſo der Begriff
des
**)
[360]II. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
des Verbrechens 1) wenn der Handelnde nicht
weiſs, daſs er in andern eine ſolche Vorſtel-
lung bewirke und alſo das, was er für wahr
ausgiebt, ſelbſt für Wahrheit hält: 2) wenn
er zwar die betrügeriſche Handlung mit dem
Bewuſstſeyn der Betrügerey unternimmt,
aber ihm das Bewuſstſeyn der poſitiven Straf-
barkeit derſelben mangelt *). Auf die Trieb-
feder zur Handlung, mag dieſe Eigennutz,
oder was ſonſt ſeyn, kömmt es nicht an.
Das Falſum iſt vollendet, ſobald die
Rechtsverletzung, welche zum Effect des Falſi
gehört, wirklich exiſtirt. Dies iſt der Fall
1) bey negativen Fälſchungen, ſobald als das
Object der möglichen Erkenntniſs dem andern
wirklich entzogen worden iſt, dieſe Unter-
drückung mag nun fortdauern oder gehoben
werden. 2) Bey poſitiven Fälſchungen, ſobald
die Handlung, welche die Täuſchung bewir-
ken muſste, mit dem Effect der Rechtsver-
letzung geſchehen iſt.
Die Fälſchung überhaupt enthält als Arten
I. die Fälſchung im engern Verſtande, Täu-
ſchung durch Veränderung der Merkmale einer
Sache
**)
[361]Verbr. durch Täuſchung eines andern.
Sache| zum Nachtheil der |Güter eines andern*),
Dahin gehört vorzüglich 1) Verfälſchung der
Waaren, 2) der zum wechſelſeitigen Verkehr
geſetzlich beſtimmten Maaſse **). 3) Die Verfäl-
ſchung an ſich gültiger Documente, durch
Hinzuſetzen, Ausſtreichen u. ſ. w. ***) II. Der
Betrug, wenn die Täuſchung auf eine andere
Art, als durch Verfälſchung einer Sache geſche-
hen iſt. Dies geſchieht vornehmlich 1) durch
täuſchende Veränderung der wahren Merk-
male einer Perſon****), 2) durch den Gebrauch†)
oder die [Verfertigung] einer Sache ††), welche
den Schein einer andern an ſich trägt, 3) durch
unwahre Auſſagen oder täuſchende Handlun-
gen,
[362]II. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
gen, welche zwar nicht eine falſche Verände-
rung des perſönlichen Zuſtandes enthalten,
aber doch den Rechten eines andern wider-
ſprechen *).
Nach gemeinem Recht iſt jede Fälſchung
im weitern Sinne ein Verbrechen **), wenn
gleich die P. G. O.***) nur von einigen der gefähr-
lich-
[363]Verbr. durch Täuſchung eines andern.
lichſten Arten dieſes Verbrechens handelt. Die
Strafe iſt willkührlich, doch ſo, daſs auch die
Todesſtrafe ausdrücklich gebilligt worden iſt,
wenn 1) das Verbrechen wiederholt, 2) die
objective Verletzung beſonders groſs iſt und
3) ein beſonders hoher Grad ſubjectiver Ille-
galität des Verbrechens entweder aus der Art
der Handlung ſelbſt oder aus andern Grün-
den erkannt wird *). Dieſe Vorausſetzung
iſt da, wenn der Verbrecher aus innerem An-
trieb, ſey es um eigennütziger oder anderer
Zwecke willen, durch ſein Falſum entweder
den öffentlichen Glauben, oder wirkliche
Güter der Privatperſonen, ſie mögen nun äuſ-
ſere oder innere Güter ſeyn, auf unerſetzliche
Art mehrmals verletzt hat. Fälſchungen, wel-
che keine eigentlichen Güter verletzen, ſon-
dern nur ſonſt den Rechten anderer widerſpre-
chen, ſteigen nie bis zur Todesſtrafe **).
Unter der Fälſchung |überhaupt ſind einige
Arten begriffen, welche die Geſetze ausge-
zeichnet und qualificirt haben. Dahin gehört
1) der Meineid, 2) die Grenzverrückung, 3) die
Prävarication, 4) die Calumnie, 5) die Concuſ-
ſion, 6) zum Theil des Falſchmünzen. Von
dem letzten muſste unter den Staatsverbrechen
gehandelt werden, weil der Hauptpunkt bey
dieſem Verbrechen die Verletzung der Staats-
gewalt iſt. Die Requiſite der Fälſchung über-
haupt ſind auch Requiſite der benannten Fäl-
ſchung.
A. Meineid. Imweitern Sinn beſteht die-
ſes Verbrechen in der Verletzung einer Verbind-
lichkeit, welche erfüllen zu wollen oder erfüllt zu
haben, eine Perſon durch einen Eid verſichert
hat.*) Es zerfällt I. in den Meineid im en-
gern
[365]Verbr. durch Täuſchung eines andern.
gern Verſtande (pejeratio), die Verletzung
der durch einen Eidſchwur beſtärkten Verbindlich-
keit, die Wahrheit von einem vergangenen Factum
auszuſagen. Dieſe Verletzung des aſſertori-
ſchen Eides ſetzt voraus 1) eine objectiv falſche
Auſſage, verbunden 2) mit dem Bewuſstſeyn
der Unwahrheit derſelben ſubjective Falſch-
heit der Auſſage). II. In den Eideſ-
bruch (perjurium in ſpecie) die Verletzung einer
durch Eidſchwur beſtärkten Verbindlichkeit zu einer
künftigen Leiſtung. Dieſe Verletzung des pro-
miſſoriſchen Eides geſchieht 1) durch Nichtlei-
ſtung der verſprochenen Handlung, voraus-
geſetzt, 2) daſs ſie wiſſentlich und abſichtlich
nicht erfüllt wurde.
P. G. O. Art. 107.
Jeder Meyneid im weitern Sinne ſetzt
voraus I. einen feyerlichen, unter Autorität der
Staatsgewalt abgelegten Eid. Das Verbrechen
iſt daher nicht begründet, 1) durch bloſse
feyerliche Privatverſicherungen (Verwün-
ſchungen, Schwüre etc.) *); 2) durch feyerliche
unter Autorität der Staatsgewalt abgelegte Ver-
ſicherungen an Eides Statt **), 3) durch Eide,
die
*)
[366]II. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
die nicht nach den Religionsbegriffen des
Schwörenden abgelegt worden ſind, weil hier
eigentlich gar kein Eid vorhanden iſt *). 3)
Bey Eidſchwüren ſolcher Perſonen, die ent-
weder überhaupt **) oder zur Zeit des Eid-
ſchwurs keine Einſicht in die Grundſätze ihrer
Religion oder in die Wichtigkeit des Eides
haben.
II. Eine vollkommne Verbindlichkeit, wel-
che durch Handlungen des Schwörenden ver-
letzt worden iſt. Wenn alſo 1) vom Anfang
an keine Verbindlichkeit vorhanden iſt, und
die Bedingungen nicht exiſtiren, unter wel-
chen der Eid eine urſprünglich nicht vorhan-
dene Verbindlichkeit begründet ***) oder 2) die
anfangs
**)
[367]Verbr. durch Täuſchung eines andern.
anfangs exiſtirende Verbindlichkeit aufgelöſt
worden iſt *) ſo iſt kein Meyneid möglich.
Strafe. Die P. G. O. **) welche römiſche
Ver-
***)
[368]II. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
Verordnungen *) und deutſche Obſervan-
zen **) hier verſchmolzen hat, beſtimmt fol-
gende Grundſätze in der Beſtrafung. I. Wenn
jemand gegen einen peinlich Beklagten fälſch-
lich als Zeuge geſchworen hat, Talion. II. Hat
der gebrochene Eid einen andern Gegenſtand
und iſt derſelbe 1) in Perſon vor Gericht nach
vorgängiger Warnung vor dem Meyneid abge-
legt worden, ſo iſt Infamie nebſt ihren Folgen
und Abhauung der Finger, mit welchen der
Verbrecher geſchworen hat, die Strafe. Dieſe
Strafe trifft alſo a) die Verletzung aller Eide, wel-
che zur Förmlichkeit des Proceſſes oder zur Ent-
ſcheidung deſſelben gehören, b) aller promiſſo-
riſchen Eide, welche von einem Richter abge-
nommen worden ſind. Perception, oder Inten-
tirung eines Vortheils wird ſo wenig erfo-
dert ***), als ein durch den Meineid geſtifte-
ter
**)
[369]Verbr. durch Täuſchung eines andern.
ter Schade vorausgeſetzt wird *). 2) Die
Strafe der Verletzung eines nicht im Gericht
abgelegten, oder nicht ſolennen, oder nicht
in Perſon geleiſteten Eides iſt willkührlich.
Anm. Die Praxis will blos den Talion, wenn der
Meineid die wirkliche Verdammung des Ange-
ſchuldigten zur Strafe oder zur Tortur bewirkt hat.
(Boehmer ad Art 68. §. 1.) In dem zweyten
Hauptfall verwirft ſie das Fingerabhauen (Hom-
melKhapſ. Quaeſt Call. 4. StrubenThl. IV.
Bed. 87.) und will, ſtatt deſſen, auſſer der Infamie,
Geldſtrafe, Gefängniſs, Landesverweiſung, Staup-
beſen, oder Zuchthaus und Feſtungsbau, mit
vorhergehendem Ausſtellen an den Pranger. ſ.
QuiſtorpThl. I. §. 133. u. 134. Malblancde
jurej. p. 406.
B. Grenzverrückung (crimen ter-
mini moti) beſteht in der ſchädlichen Verände-
rung eines durch öffentliche Autorität beſtimmten
Zeichens der Grenzen eines Grundſtücks. Die
Gefährlichkeit dieſes Verbrechens bezieht ſich
auf die Unſicherheit des Eigenthums, welche
dadurch ſteigt, daſs durch die Handlung zu-
gleich die öffentliche Autorität verletzt wird.
Sind die veränderten Grenzzeichen blos durch
Convention unter Privatleuten geſetzt wor-
den, ſo iſt der volle Begriff des Verbrechens
nicht vorhanden. **) Ob aber dieſe Zeichen
die
A a
[370]II. Buch. II. Theil. II Titel. II. Abſchnitt.
die Grenzen des öffentlichen oder des Privat-
eigenthums bezeichnen, aſſicirt den allgemei-
nen Begriff keineswegs.
Die Strafe des Verbrechens iſt eine
Leibesſtrafe, *) worunter auch die Todesſtrafe
begriffen iſt. Da bey der gemeinen Fälſchung
die Strafe abſolutarbiträr iſt, ſo iſt die Strafe
der Grenzverrückung härter, weil dort der
Richter auch geringere Uebel, als Leibesſtra-
fen, anwenden darf, hier aber ausdrücklich
nur auf eine beſtimmte Gattung von Strafen
beſchränkt iſt. Die Verrückung der Staats-
grenzen kann in Hochverrath übergehen, und
dann finden die Grundſätze dieſes Verbrechens
ſtatt.
Anm. Die Praktiker behaupten abſolute Willkühr-
lichkeit der Strafe. cf. BoehmeradCarpzov
Q. 83. obſ. 3. Meiſter jun. pr. jur. crim. §. 249.
Quiſtorp Thl. I. §. 212. — Koch l. c. §. 553.
C. Prävarication. Dieſes Verbrechen
wird I) im urſprünglichen und eigentli-
chen Sinne von dem Ankläger begangen, wenn
er den eines öffentlichen Verbrechens ange-
ſchuldigten Beklagten durch Uebertretung der
Pflichten des Anklägers begünſtigt. **) In die-
ſer
[371]Verbr. durch Täuſchung eines andern.
ſer Bedeutung wird heut zu Tage Prävarica-
tion begangen 1) von öffentlichen Anklägern,
Fiscalen, 2 von Privatanklägern. *) II. Im ab-
geleiteten Sinn iſt derjenige der Prävarication
ſchuldig, der, während er die ſtreitigen Rechte
einer Perſon zu ſchützen hat, vorſätzlich die Gegen-
parthey zum Nachtheil ſeiner Parthey begünſtigt.
Zu dieſen gehören 1) gerichtliche Procuratoren
(procuratores judiciales), **) ſie mögen nun öf-
fentliche oder Privatprocuratoren ſeyn, 2)
Advocaten***)
P. G. O. Art. 115.
Die Prävarication im abgeleiteten Sinn
ſetzt voraus, 1) daſs man die Verbindlichkeit,
die Rechte einer Perſon zu ſchützen, übernom-
men habe. Wenn dieſe Verbindlichkeit noch
nicht übernommen, oder wieder aufgelöſst iſt,
ſo fällt das Verbrechen hinweg. Daraus folgt,
daſs dieſes Verbrechen nicht begangen wird
1) von dem Defenſor im civiliſtiſchen Sinne, 2)
dem Advocaten, der in einer andern Sache
dem Gegner ſeines Clienten dient, oder 3) der
vor der Erklärung, die Sache zu übernehmen,
zum Gegentheil übergeht, *) oder 4) nach
übernommener Sache, aus Ueberzeugung ihrer
Ungerechtigkeit ſeine erſte Parthey verläſst **)
und die Gegenparthey ergreift. ***) Auch kön-
nen
***)
[373]Verbr. durch Täuſchung eines andern.
nen 5) Richter und Facultäten, als ſolche, die-
ſes Verbrechen nicht begehen. *)
II. Die zu beſchützende Rechte müſſen
ſtreitige Rechte ſeyn. **) III) Eine Handlung
zum Vortheil des Gegners und zum Nachtheil
der Rechte der eignen Parthey. Iede Treuloſig-
keit an der anvertrauten Sache, ſie geſchehe
nun durch poſitive oder durch negative Hand-
lungen, iſt darunter begriffen. Mittheilung
ſolcher Einſichten, welche die [unzweiſelhaften]
Rechte und Verbindlichkeiten des Gegners be-
treffen, ohne daſs durch Mittheilung derſel-
ben für die rechtliche Behauptung der Befug-
niſſe der eignen Parthey Gefahr begründet
wird, machen keine Prävarication, ſelbſt wenn
dadurch ein Nachtheil von dem Gegner abge-
wendet würde. ***) Denn hier iſt weder ein
poſitiver Vortheil für den Gegner, noch eine
Handlung, welche auf eigentlichen Schaden
für die Rechte der eignen Parthey gerichtet
iſt. †) Daſs durch die Präv. ſchon ein wirkli-
cher
[374]II. Buch. II. Theil. II. Titel. II. Abſchnitt.
cher Schade entſtanden ſey, wird zum Thatbe-
ſtande nicht erfodert. *)
Anm. Mündlich von der quaſipraevaricatio.
Die Strafe der eigentlichen, urſprüngli-
chen Präv. iſt willkührlich: **) die Strafe der
Präv. in abgeleiteter Bedeutung der Pranger,
verbunden mit Staupenſchlag und Landesver-
weiſung, doch ſo, daſs andere der Qualität
nach gleiche Strafen nicht ausgeſchloſſen
ſind ***)
Anm. Die ältere Praxis blieb bey den Geſetzen.
Leyſer Sp. 554. m. [...]. ſq. — Die neuere will,
(wenn anders die Praxis etwas wollen kann) Sus-
penſion von der Advocatur, Gefängniſs- oder Geld-
ſtrafe. Quiſtorp Thl. I. §. 433.
C. Calumnie. Sie wird zunächſt von
demjenigen begangen, der einen andern
fälſchlich eines Verbrechens anklagt, *) und kann
ſowohl von einem öffentlichen Ankläger (ei-
nem Fiscal) als auch von einem Privatanklä-
ger begangen werden. Eine fälſchliche De-
nuntiation iſt blos ein gemeines Falſum. Das
Verbrechen ſetzt voraus: 1) daſs der Ange-
klagte des Verbrechens nicht überwieſen und
2) die Anklage mit dem Bewuſstſeyn, daſs der
Beklagte unſchuldig ſey, unternommen wor-
den iſt. **) Die Strafe der Cal. iſt, wenn die
Strafe des angeſchuldigten Verbrechens be-
ſtimmt iſt, die Talion; ***) iſt die Strafe des
Ver-
[376]II. Buch. II. Theil II. Titel. II. Abſchnitt.
Verbrechens unbeſtimmt, ſo iſt auch die
Strafe der Cal. willkührlich. *) Dem falſchen
Ankläger iſt derjenige gleich, der ihn ange-
ſtellt hat, **) denn dieſer iſt auctor intellectua-
lis.
Anm. Mündlich von der Tergiverſation.
D. Concuſſion***) beſteht in der Er-
preſſung eines Vortheils von einem andern durch
den Vorwand oder den Misbrauch eines Rechts.
Unter dem Vortheil iſt nicht blos ein Geldvor-
theil zu verſtehen: ſogar die Erpreſſung eines
Kaufs oder Verkaufs gehört hieher. Sie kann
begangen werden ſowohl von Privatperſo-
nen,
***)
[377]Verbr. durch Täuſchung eines andern.
nen, *) als auch von Staatsbeamten. Uebri-
gens iſt das Verbrechen erſt dann vollendet,
wenn der Vortheil ſchon wirklich percipirt
worden iſt. **)
Die Polizey hat zum Gegenſtand die Realiſi-
rung der entfernteren Mittel zum Staatszweck.
Sie zerfällt 1) in die Criminal-Polizey, deren
wichtigſtes Geſchäft Verhüthung der Verbre-
chen, durch Aufhebung ihrer entfernteren
Gründe iſt; 2) die Güter-Polizey, welche die
Erhaltung und Vermehrung des Eigenthums
der Bürger zum Gegenſtande hat; 3) die Be-
völkerungs-Polizey, welche auf Vermehrung
und Erhaltung der Volksmenge im Staate hin-
wirkt; 4) die Sitten-Polizey, welche Sittlich-
keit, ſo weit auf ſie durch Anſtalten gewirkt
werden kann, zu bewirken ſucht.
Landzwang beſteht in der Drohung künf-
tiger Verbrechen, verbunden mit ſolchen Hand-
lungen, aus denen man auf die Ernſtlichkeit der
Drohung ſchlieſsen kann.*)
Zum Thatbeſtand gehören 1) Drohungen,
auf welches Verbrechen ſie übrigens gerichtet
ſeyn mögen (Fehdebriefe — Brandbriefe), ohne
Rückſicht auf das bedrohte Subject, ob es ein
einzelner oder eine Gemeinde iſt. **) 2) Hand-
lungen, welche für die Vollziehung der Dro-
hung bürgen. Das Geſetz erfodert deswegen
a) daſs die Drohenden austreten und ſich an
verdächtige Orte begeben ***) und ſich b) mit
Ver-
[380]II. Buch. III. Theil. I. Titel.
Verdächtigen oder anerkannten Verbrechern
vereinigen. Die Strafe der Landzwinger
iſt das Schwerd, *) welche Strafe nach den
Rechtslehrern dann gemildert werden ſoll,
wenn der Verbrecher vor der Entdeckung und
Ausführung der That thätige Reue bewieſen
hat.
Gegen den Drohenden, deſſen Handlung
wegen Mangel der übrigen Requiſite zur or-
dentlichen Strafe nicht berechtigt, geſtattet
das Geſetz in Anſehung der bedrohten Perſo-
nen Sicherungsmittel anzuwenden. Der Ge-
fährliche muſs entweder Caution leiſten, oder,
wenn er dieſe zu leiſten unfähig iſt, ſo ſoll er
im Gefängniſſe verwahrt werden, bis der Be-
drohte völlig vor der Ausführung des gedroh-
ten Verbrechens geſichert iſt. **)
Io. Tob. Reinharth Diſſ. de uſuraria pravitate,
tem vera et palliata, quam putativa ſive imaginaria. Erf.
1727.
von Quiſtorpvon den Strafen der Wucherer nach äl-
teren und neueren Geſetzen, wie auch von den Zinſen-
zahlungen nach älteren Geſetzen und dem heutigen Ge-
richtsbrauch überhaupt. In deſſen Beyträgen Nr. XXV.
Das Verbrechen des Zinswuchers
(cr. uſurariae pravitatis) beſteht in der Ueber-
ſchreitung der in Anſehung derQuantität
geſetzlich beſtimmten Grenzen des Zinſenneh-
mens.*) Andere Arten des unerlaubten Zin-
ſennehmens haben zwar rechtliche Folgen,
ſind aber keinen Strafgeſetzen unterworfen **)
Erſt
[382]II. Buch. III. Theil. II. Titel I. Abſchnitt.
Erſt mit der Entrichtung der Zinſen, nicht
durch den bloſsen Contrakt wird das Verbre-
chen vollendet. *)
Nach den Geſetzen ſind in der Regel nur
6 pr. C., bey dem Rentenkauf nur 5 pr. C. er-
laubt. **) An dieſe Grenzen ſind aber alle die-
jenigen Contrakte nicht gebunden, bey wel-
chem die Perſon eine groſse Gefahr in Anſe-
hung des Capitals übernimmt Wie der
Wucher geſchehe, ob unter dem Schein eines
rechtlichen Contrakts verborgen, oder nicht,
iſt gleichviel. ***)
Das Canon. R. ſtraft den Zinswucher mit
der Excommunication, dem Verluſt der Te-
ſtamentsfähigkeit und der Verſagung eines
chriſtlichen Begräbniſſes. †) Die deutſchen
Reichsgeſetze drohen den Verluſt des vierten
Theils
[383]Verbr. gegen die Güter-Polizey. Wucher.
Theils des Kapitals, in welchen ſich die Obrig-
keit des Creditors und des Debitors theilt. *)
Eine andere öffentliche Strafe kennen die Ge-
ſetze nicht. **)
Dem Verbrechen des Zinswuchers iſt
gleich der Kauf von Früchten auf dem Halm,
wenn der Kaufpreiſs nicht nach dem Markt-
preiſs zur Zeit des geſchloſſenen Contrakts,
oder dem Marktpreiſs 14 Tage nach der Erndte
beſtimmt iſt. Der Käufer verliert, wenn der
Beſchädigte klagt, das ganze Capital und
wenn er nicht klagt, ſo ſoll die Obrigkeit will-
kührlich eine Strafe an Leib oder Gut verhän-
gen. ***)
Dardanariatiſt unerlaubte Vertheue-
rung der Waaren in eigennütziger Abſicht.*)
Alle Waaren ſind Gegenſtand dieſes Verbre-
chens. Wenn es aber an Waaren, die zur
Ernährung des Körpers beſtimmt ſind, began-
gen wird, ſo heiſst es crimen [fraudatae] anno-
nae.**)
Die Vertheurung kann geſchehen I) durch
bewirkte Seltenheit der Waaren, indem man
die Zufuhr derſelben verhindert, ***) die
Waaren aufkauft und ſich ein Monopolium
beylegt, †) oder ſelbſt eigne Früchte zurück
behält, um zur Zeit der Theuerung damit wu-
chern
[385]Verbr. geg. d. Güter-Poliz. Dardanariat etc.
chern zu können. *) Durch wirklichen Ver-
kauf der Waaren nach einem falſchen Maas,
ſo, daſs die Waare betrüglich theurer verkauft
wird. **)
Strafe. ***) Dieſe iſt, wo die Natur des
Verbrechens es verſtattet, Verluſt der Waa-
ren, und überdies Landesverweiſung und an-
dere willkührliche Strafen. Die Obrigkeit,
die ſich gegen dieſe Uebertretung nachſichtig
beweiſst, ſoll mit 200 Mark löth. Goldes geſtraft
werden. †)
Zu den Polizeyverbrechen werden noch
von einigen Rechtslehrern ††) die Hazard-
ſpiele und Wetten gerechnet. Die Ge-
ſetze
B b
[386]II. Buch. III. Theil. III. Titel.
ſetze *) kennen aber dieſe Handlungen nicht
als eigentliche bürgerliche Uebertretungen:
ſie beſtimmen in Anſehung derſelben blos pri-
vatrechtliche Folgen, ſtrafen blos dann, wenn
ſie mit wirklichen Läſionen concurriren und
beſtimmen blos gegen Geiſtliche, zur Auf-
rechthaltung der Kirchenzucht eine kirchliche
Strafe. **)
Schwören und Fluchen — Zutrinken —
Betteley.
Als Handlung der Unſittlichkeit, welche
theils als Quelle von andern Laſtern und wirk-
lichen Läſionen, theils aus andern politiſchen
Rückſichten Hinderniſs der ſichern Errei-
chung des Staatszweckes iſt, wird von den
Geſetzen verboten I. das Zutrinken und
das übermäſsigeTrinken. Unter dem über-
mäſsigen
[387]Verg. geg. Geſetzed. Sittenpoliz. Schwör. etc.
mäſsigen Trinken muſs der Gebrauch berau-
ſchender Getränke, welcher den höchſten
Grad der Berauſchung zur Folge hatte, ver-
ſtanden werden. Ihm iſt eine willkührliche,
aber doch ſtrenge Beſtrafung angedroht. *)
II. Fluchen und Schwören beſteht
in einer Betheurung durch Miſsbrauch der Vor-
ſtellung heiliger Gegenſtände. Im engern Sinn
heiſst Fluchen, einem andern von der Gottheit
Uebel anwünſchen. Auſſer der Herabwürdi-
gung ehrwürdiger Gegenſtände, iſt Rohheit
und Verwilderung des Charakters, welche aus
der Duldung dieſer Handlungen flieſst, Grund
der Geſetze, welche ſie unter Strafe verbieten.
Der Uebertreter ſoll mit Gefängniſs oder Geld-
buſse beſtraft werden. **)
III. Muthwillige Bettler, worunter
ſolche zu verſtehen ſind, die aus Müſſiggang
die Betteley als Handwerk treiben, ſollen will-
kührlich beſtraft werden. ***)
I. Iac. Cellavon Verbrechen und Strafen in Unzachts-
fällen. Leipz. 1785. 8.
Fleiſchesverbrechen (delicta carnis)
überhaupt ſind Verbrechen, welche durch ge-
ſetzwidrige Befriedigung des Geſchlechtstriebes
begangen werden. Im engern und eigentli-
chen Sinn ſind alle diejenigen geſetzwidrigen
Befriedigungen des Geſchlechtstriebes ausge-
ſchloſſen, welche ſchon in ihrem Begriff die
Verletzung wirklicher Rechte einer Perſon ent-
halten.
Die Geſetzwidrigkeit der Befriedigung
des Begattungstriebes, in wie ferne daraus ein
Polizeyverbrechen entſteht, wird begründet I.
durch naturwidrigen Gebrauch der Ge-
ſchlechtstheile — Sodomie; II. durch die
Nähe der Verwandſchaft oder Schwägerſchaft
zwiſchen den concumbirenden Perſonen bey-
derley Geſchlechts — Inceſt, Blutſchande; III.
durch den bloſsen Mangel der ehelichen
Verbindung. Geſchieht A) die Befriedigung
auſſer der Ehe, jedoch in einer durch Vertrag
errichteten Beyſchlafsgeſellſchaft, ſo iſt es
Concubinat; geſchieht ſie B) auſſer der Ehe,
und auſſer einer Beyſchlafsgeſellſchaft, ſo iſt
es Hurerey im weitern Sinn. Dieſe iſt entwe-
der 1) Hurerey (fornicatio) wenn die concum-
birende Weibsperſon ohne beſtimmte Zunei-
gung ſich einem jeden hingiebt, oder 2)
Schwächung, Schändung (ſtuprum), wenn die
Weibsperſon aus Neigung und beſtimmter
Wahl in den Beyſchlaf willigt. — Die Bey-
hülfe zu einem Fleiſchesverbrechen in weiterer
Bedeutung iſt ein beſonderes Verbrechen
(lenocinium).
Der Punkt der Conſummation dieſer Ver-
brechen wird durch zwey Regeln beſtimmt: I:
bey einem Fleiſchesverbrechen, deſſen Strafbar-
keit nicht durch naturwidrigen Gebrauch der Ge-
ſchlechtstheile beſtimmt wird, gehört alles, was zum
Begriff eines naturgemäſsen Beyſchlafs gehört,
zum
[390]II. Buch. III. Theil. IV. Titel. 1. Abſchnitt.
zum Begriff des Verbrechens, mithin wird es
erſt conſummirt durch Einlaſſung des
Saamens (immiſſio ſeminis II. Ein jedes
Fleiſchesverbrechen, deſſen Strofbarkeit aus ſei-
ner Naturwidrigkeit hervorgeht, wird durch
bloſseAuslaſſung des Saamens(emiſſio
ſeminis) conſummirt. *) Denn die zweckloſe,
der Erzeugung eines Menſchen widerſpre-
chende Art der Ausſchüttung des Saamens,
iſt die Urſache aller nachtheiligen Folgen,
welche aus dieſer Handlung für den Staat ent-
ſtehen und der Grund des Geſetzes gegen dieſe
Verbrechen.
Io. Iod. Beck diſſ. de co q. j. e. circa ſtuprum.
Norimb. 1743.
Theod. KretſchmannComment. de ſtupro volun-
tario. Stuttgard. 1791.
Schwächung(ſtuprumin ſenſuſtricto) iſt ein
auſſerehelicher naturgemäſser Beyſchlaf zwiſchen
einer ledigen Mannsperſon und einer ehrbaren,
nicht in verbotenem Grad mit dem Concumbenten
verwandten, Weibsperſon. Unter einer ehrba-
ren Weibsperſon, ſie ſey Iungfrau oder Witwe,
iſt nur eine ſolche zu verſtehen, die ſich nicht
ohne Wahl einem jeden Preis giebt, ſelbſt
wenn ſie ſchon mit Verſchiedenen den Bey-
ſchlaf
[392]II. Buch. III. Theil. III. Titel. II. Abſchnitt.
ſchlaf geſetzwidrig befriedigt hat. Eine
Weibsperſon, welche die entgegengeſetzten
Eigenſchaften hat, heiſst Hure (meretrix),
gleichviel, ob ſie um Geld *) oder aus bloſser
Wolluſt ſich Preiſs giebt. Der Beyſchlaf mit
ihr, unter den Merkmalen der Schwächung,
iſt Hurerey (fornicatio).
Von Seiten des Mannes ſind in der Regel
nach allgemeinen Principien beyde Vergehen
einander gleich. Nicht ſo von Seiten des
Weibes. Das Vergehen der Stuprirten ent-
ſpringt aus Schwäche, das Vergehen der Hure
aus Niederträchtigkeit; jene iſt gewöhnlich die
Verführte, dieſe iſt Verführerin und verbrei-
tet das verheerende Gift ihres Laſters.
Strafe Nach röm. R. wird Hurerey
an dem Manne nie, an dem Weibe nur dann
beſtraft, wenn ſie von der Polizey (dem Aedi-
lis) nicht zum Hurenhandwerk privilegirt wor-
den iſt. Wer eine Freygebohrne ſchwäch-
te, wurde mit der Hälfte ſeines Vermögens,
oder, wenn er perſona humilior war, mit Lei-
besſtrafe
[393]Verg. geg. d. Bevölk. u. Sittenp. Schwäch. etc.
besſtrafe und Relegation beſtraft. *) Auch
die Weibsperſon war der Strafe unterwor-
fen. **) Das Canon. R. verfügt bey der Schwä-
chung Kirchenbuſse. ***)
Die Beſtimmungen des Röm. R. ſind nicht
mehr anwendbar, weil ſie ſich lediglich auf
römiſche Polizey-Einrichtungen und Standes-
unterſcheidungen gründen. Die Strafe iſt
jetzt nach gemeinem Recht arbiträr †) Die
deutſchen Reichsgeſesze wollen Betrafung,
ſie
[394]II. Buch. III. Theil. III. Titel. II. Abſchnitt.
ſie beſtimmen aber das Strafübel nicht. *) Ein
kurzes Gefängniſs oder eine mäſsige Geld-
buſse **) darf die Ahndung nicht überſteigen.
Gegen unverbeſſerliche Huren kann aber wohl
ewige Landesverweiſung oder beſſer Zucht-
haus angewendet werden.
Zur Beſtimmung der Momente der Be-
ſtrafung dienen folgende Regeln: 1) Die Hure
iſt ſtrafbarer, als die Geſchwächte, 2) bey der
Schwächung iſt die Mannsperſon ſtrafbarer
als die Geſchwächte, ***) 3) bey der Hurerey iſt
die Hure ſtrafbarer, als die mit ihr concumbi-
rende Mannsperſon. — Den Beyſchlaf zwi-
ſchen Verlobten für ſtrafbar zu halten, giebt
es keinen Grund. †)
Die Strafbarkeit dieſer Handlungen wird
beſonders erhöht: 1) von Seiten derjenigen
Perſon,
[395]Verg. geg. d. Bevölk. u. Sittenp. Schwäch, etc.
Perſon, welche die andere durch Betrug und
Hinterliſt zum Beyſchlaf beſtimmt hat, *). 2)
wegen des beſondern Verhältniſſes des Stupra-
tors zu der Geſchwächten, **) 3) wegen der
durch den Beyſchlaf verletzten Rechte eines
Dritten, ***) oder wegen der Furcht einer ſol-
chen Verletzung, wie bey dem Beyſchlaf der
Witwe während der Trauerzeit, †) 4) wegen der
Gefahr eines hohen Nachtheils für die Sittlich-
keit und die Geſundheit der Geſchwächten, wie
bey der Schwächung eines unreifen Mädchens
††) 5) wegen einer, mit dem Beyſchlaf verbun-
denen wirklichen Körperverletzung, wie wenn
eine Hure, ihrer Anſteckung ſich bewuſst, con-
cumbirt und das Gift verbreitet. †††)
Chriſt ThomaſiusDiſſ. de concubinatu. Hal. 1713.
rec. Ienae 1748.
G. Zach. WincklerDiſſ. de genuino concubinatus
ex mente legum romanarum conceptu. Lipſ. 1744.
LeyſerSpec. 585.
An ſich iſt Ehe (matrimonium, nuptiae) eine
zwiſchen Perſonen verſchiedenen Geſchlechts auf
lebenslang eingegangene Geſellſchaft zum aus-
ſchlieſslichen naturgemäſsen Gebrauch der Ge-
ſchlechtstheile. Im Staat verengert ſich der Be-
griff von Ehe. Der Ehevertrag, als einer der
wichtigſten und folgenreichſten Verträge im
Staat, muſs an äuſsere, öffentliche Formalien
gebunden werden, welche die Abſchlieſsung
deſſelben zu allgemeiner Kenntniſs bringen
und allen Zweifel über die Wirklichkeit des
geſchloſſenen Ehevertrags unmöglich machen.
So entſteht nun der Unterſchied zwiſchen
rechtlich-gültiger Ehe, Eheſchlechthin, und Con-
cubinat. Dieſer iſt eine zur Befriedigung
des Geſchlechtstriebs eingegangene Geſellſchaft
zwiſchen Perſonen verſchiedenen Geſchlechts,
ohne
[397]Verg. geg. d. Bevölk. u. Sittenp. Concubin.
ohne die für den Ehevertrag geſetzlich beſtimm-
ten Formalitäten.*)
Der Concubinat kann fortdauernd ſeyn
(conc. perpetuus ſ. individuus) wenn die Geſell-
ſchaft auf lebenslang eingegangen iſt; **) oder
temporell (conc. tempor. ſ. individuus), wenn ſie
auf längere Zeit, aber nicht auf lebenslang ein-
gegangen iſt. Iener iſt eine wirkliche, aber
blos natürliche, und daher (wegen §. 490) in
Beziehung auf den Staat, eine rechtlich und
kirchlich ungültige Ehe. ***)
Da bey Katholiken die Erklärung des
Eheconſenſes (verba de praeſenti) vor zwey
Zeugen und dem competenten Prieſter, †) bey
den Proteſtanten aber prieſterliche Einſegnung
zur
[398]II. Buch. III. Theil. III. Titel. II. Abſchnitt.
zur Gültigeit des Ehevertrags gehört; *) ſo iſt
es ein Concubinat I. wenn ſich ein Proteſtant
in Deutſchland ohne alle Trauung, ein Katho-
lik ohne jene feyerliche Erklärung des Ehe-
conſenſes mit einer Perſon, in eine Beyſchlaf-
geſellſchaft begiebt. II. Wenn dieſe Solenni-
täten nicht vollſtändig oder nicht ſo vollzogen
worden, wie ſie geſetzlich vorgeſchrieben
ſind **). — Durch wirklichen Beyſchlaf und
Einlaſſung des Saamens wird er erſt vollendet.
Nach dem Röm. R. ***) war der Concu-
binat eine erlaubte Geſellſchaft, wenn ſie gleich
nicht alle rechtlichen Folgen der Ehe hatte. †)
Bey uns iſt jede auſſereheliche Befriedigung un-
erlaubt, und jede Beyſchlafsgeſellſchaft ohne
die
[399]Verg. geg. d. Bevölk. u. Sittenp. Inceſt.
die geſetzlichen Formalitäten, nicht nur als Ehe
nichtig, ſondern auch als auſſerehelicher Bey-
ſchlaf ſtrafbar. Die Geſetze drohen aber blos
eine willkührliche Strafe. *)
Ph. Iac. HeiſslerDiſſ. de inceſtu. Hal. 1780.
Car. Chr. HofackerDiſſ. ſiſtens hiſtoriam et ratio-
nem juris inceſtum probibentis. Tub. 1787.
Um der Gelegenheit zu geſetzwidrigem Bey-
ſchlaf zwiſchen verwandten, durch vertrau-
ten und zurückhaltungsloſen Umgang, nahen
Perſonen entgegen zu wirken, und um die
natürlichen Gefühle der Ehrerbietung und der
Verwandtenliebe, welche durch die Befriedi-
gung der Geſchlechtsluſt an dieſen Perſonen
geſchwächt und zernichtet werden, in ihrer
Kraft aufrecht zu erhalten, haben die Geſetze
nicht nur auſſerehelichen Beyſchlaf unter die-
ſen Perſonen mit erhöhter Strenge verboten,
ſondern ſelbſt die Ehe unter denſelben für eine
ſtraf-
[400]II. Buch. III. Theil. III. Titel. II. Abſchnitt.
ſtrafbare Verbindung erklärt. *) Daher das
Polizeyverbrechen des Inceſts, der Blut-
ſchandeim weitern Sinn, welche in dem Bey-
ſchlaf mit einer Perſon beſteht, mit welcher die
Ehe wegen der Nähe des Grades der Verwand-
ſchaft oder Schwägerſchaft verboten iſt.
Der Inceſt kann begangen werden I. un-
ter der Form einer an ſich rechtmäſsigen
Ehe — einfacher Inceſs (inc. ſimplex) II. durch
eine an ſich geſetzwidrige Handlung — qua-
liſicirter Inceſt. (inc. qualiſicatus ſ. conjunctus.
Dahin gehört 1) der inceſtuoſe Ehebruch, 2)
die inceſtuoſe Bigamie, 3) der inceſt. Concu-
binat, 4) die inceſt. Schwächung, 5) die inceſt.
Hurerey.
Das Röm. R. unterſcheidet zwiſchen ince-
ſtus juris gentium und inc. juris civilis.**) Iener
Be-
[401]Verg. geg. d Sitten u. Bevölkerungsp. Inceſt.
begriff die Arten des Inceſts, welche, nach ih-
rer Vorſtellungsart, bey allen Völkern als In-
ceſt anerkannt waren und deſſen Verbot im
römiſchen Staat durch unabänderliche Sitten
begründet war: dieſer gründete ſich auf zu-
fällige Einrichtungen und Geſetze des römi-
ſchen Staats. *) Zum inc. jur. civ. rechnete
man daher blos den Beyſchlaf zwiſchen Perſo-
nen, unter denen eine fingirte Verwandſchaft
oder Schwägerſchaft exiſtirte; **) der inc. jur.
gent. hatte wirkliche verwandte oder ver-
ſchwägerte Perſonen zum Gegenſtand und
wurde vornämlich begangen 1) zwiſchen Aſ-
cendenten und Deſcendenten ***) 2) zwiſchen
Blutsverwandten oder Verſchwägerten, von
welchen der eine zu dem andern im älterli-
chen
**)
C c
[402]II. Buch. III. Theil. IV. Titel. II. Abſchnitt.
chen Verhältniſſe ſteht *) 3) zwiſchen Ge-
ſchwiſtern. **)
Strafe. Die P. G. O. ***) beruft ſich auf
das Röm. R. Allein nach den Pandekten iſt
die Strafe unbeſtimmt, vieldeutig und dun-
kel †) und Juſtinians Verordnung ††) iſt zwar
beſtimmt in Anſehung der Strafe, aber unbe-
ſtimmt in Anſehung der damit bedrohten Fälle
und Perſonen. Alle dieſe Geſetze enthalten
daher keine Norm für uns und müſſen als
unbeſtimmte Strafgeſetze betrachtet werden.
Nach allgemeinen Principien würde daher
der qualificirte Inceſt mit der erhöhten Strafe
desjenigen Verbrechens, mit welchem er con-
cur-
[403]Verg. geg. d. Bevölk. und Sittenp. Inceſt.
currirt: der einfache Inceſt in einem indis-
penſibeln Grade höchſtens mit 10jährigem
Zuchthaus, in andern Graden mit noch gerin-
gern Strafen belegt werden müſſen. *)
Die Culpa kann bey dieſem Verbrechen
begründet werden 1) durch verſchuldete Un-
wiſſenheit über die Thatſache, daſs der con-
cumbirende Theil in dem beſtimmten verbo-
tenen Grad mit ihm verwandt ſey, 2) durch
verſchuldete Unwiſſenheit des Geſetzes, welches
den Beyſchlaf mit einer, in einem gewiſſen
Grad verwandten Perſon, unter Strafe ver-
bietet.
Ern. Tentzelpr de Sodomia Erf. 1723.
Ant. van Goud. — OeverDiſſ. de nefanda lihidine.
Ultraj. 1731.
1. Chr. Eſchenbach pr. dubia in applicatione art.
116. C. C. C. obvenientia. Roſt. 1787.
Die Sodomieim weitern Sinn*) beſteht in
der naturwidrigen Befriedigung des Geſchlechts-
triebs. Der hohe Grad von Verworfenheit,
den dieſes Lafter begründet und vorausſetzt,
die aus ihm entſpringende Verachtung der
Ehe, welche Entvölkerung und Schwächung
und zuletzt Auflöſung der Macht des Staats er-
zeugt, **) endlich die körperliche Entnervung
der Bürger, welche ſie zur Beywirkung zum
Zweck des Staats unfähig macht: dies find die
Gründe, wodurch die Polizey zum Verbot
dieſer
[405]Verg. geg. d. Bevölk. u. Sittenp. Sodomie.
dieſer Handlungen und zur Beſtrafung derſel-
ben aufgefodert wird.
Die gemeinen Rechte *) begreifen unter
der Sodomie I) den Beyſchlaf eines Menſchen
mit einem andern lebenden Menſchen deſſel-
ben Geſchlechts (ſodomia ratione ſexus), wel-
cher 1) den Beyſchlaf des Mannes mit einem
Manne und 2) den Beyſchlaf eines Weibes mit
einem Weibe **) unter ſich enthält II.) den
Beyſchlaf des Menſchen mit einem Weſen
verſchiedener Gattung (ſod. ratione generis,
Beſtialität). ***)
Die Strafe des gemeinen Rechts iſt das
Feuer, ohne zwiſchen den verſchiedenen Ar-
ten
[406]II. Buch. III. Theil. IV. Titel. II. Abſchnitt.
ten der Sodomie zu unterſcheiden. *) Da das
gemeine Recht die uneigentliche Sodomie und
die Sodomie gegen die Ordnung der Natur
nicht als Verbrechen kennt, ſo kann auch von
einer Strafe derſelben nach gemeinem Recht
nicht geredet werden. Partikulargeſetze müſ-
ſen entſcheiden. **)
Auſſer den übrigen gemeinen Milderungs-
gründen, begründet theilweiſe Ungewiſsheit
des
[407]Von d. Beyhülfe zu Fleiſchesverbr. Kuppeley.
des Thatbeſtandes, beſonders Ungewiſsheit
der enuſſio ſeminis Milderung der Strafe. *)
Das Bekenntniſs des Verbrechers von der ge-
ſchehenen Auslaſſung des Saamens begründet
keinen vollen Beweis; ſondern das Bekennt-
niſs muſs noch durch andre Gründe der
Wahrſcheinlichkeit unterſtützt werden. **)
Chr. Gottf. Sulzberger Diſſ. de lenocinio conju-
gum. Erf. 1693.
Ephr. GerhardDiſſ. de lenocinio. Ien. 1711.
Die abſichtliche Beförderung der geſetzwidrigen
Befriedigung des Geſchlechtstriebs Anderer, be-
gründet
[408]II. Buch. III. Theil. III. Titel. II. Abſchnitt.
gründet das Vergehen der Kuppeley (leno-
cinii). Der Kuppler iſt, an ſich, blos Gehülfe;
ſeine Handlung geht aber hier in ein beſonde-
res Verbrechen über, das oft härter, als die
Handlung des Autors ſelbſt beſtraft wird. Der
Kuppler iſt gewöhnlich Verführer und Anlo-
cker zum Verbrechen, er breitet das Laſter aus,
während die Wolluſtbefriedigung gewöhnlich
nur bey den Uebertretern ſelbſt ſtehen bleibt,
die, durch Leidenſchaft gefallen, blos die Be-
friedigung ihrer Begierde wollen.
Zum Thatbeſtand des Verbrechens gehört
I. eine Handlung, durch welche die Wolluſt-
befriedigung anderer befördert oder möglich
gemacht wird. Durch eine, dem geſetzwidri-
gen Beyſchlaf anderer, nachfolgende Hand-
lung, kann daher keine Kuppeley begangen
werden; ausgenommen, wenn ein Ehe-
gatte, um eines Vortheils willen, ſeiner Gat-
tin einen Ehebruch verzeiht. *) Uebrigens
kann die Kuppeley ſowohl durch poſitive, **)
als durch negative Handlungen (Unterlaſſun-
gen
[409]Von d. Beyhülfe zu Fleiſchesverbr. Kuppeley.
gen) begangen werden. Das letzte ſetzt die
Verbindlichkeit voraus, über die Tugend des
Andern zu wachen. *) II. Die Wolluſtbefrie-
digung des Dritten muſs vollendet ſeyn ſonſt
iſt das Verbrechen nur attentirt **) III. Do-
luſ. Ein culpoſes lenocinium iſt geſetzlich un-
möglich. ***)
Die Kuppeley im weitern Sinne iſt ent-
weder Hurenwirthſchaft (lenocinium vul-
gare) wenn jemand die Wolluſtbefriedigung An-
derer als Gewerbe treibt, †) oder Kuppeley im
en-
[410]II. Buch. III. Theil. III. Titel. II. Abſchnitt.
engern Sinne, wenn dieſes nicht der Fall
iſt. — Beyde zerfallen wieder in die qualiſi-
cirte Kuppeley, wenn jemand aus eigennützi-
ger Abſicht entweder ſein Eheweib oder ſeine
Kinder verkuppelt *) und in die einfache Kup-
peley, wenn entweder eine andere Perſon Ge-
genſtand des Verbrechens iſt, oder eine andere
Abſicht zum Grunde liegt.
Die qualiſicirte Kupp. kann auf keine an-
dere Perſon, als die genannten ausgedehnt
werden. **) Unter Kindern ſind aber ſowohl
Söhne
[411]Von d. Beyhülfe zu Fleiſchesverbr. Kuppeley.
Söhne als Töchter *), ſowohlleibliche als Adop-
tiv-Kinder, **) ſowohl legitime, als illegitime
Kinder zu verſtehen, die letzten aber blos in
Beziehung auf die Mutter. Die eigennützige
Abſicht braucht ſich nicht blos auf einen Vor-
theil in Anſehung des Vermögens, ſie kann
ſich auch auf was immer für einen andern
ſinnlichen Zweck, beziehen. ***)
Die Strafe der einfachen Kuppeley iſt
willkührlich, jedoch mit Ausſchluſs der To-
desſtrafe. †) Der qualificirten Kuppeley iſt,
auſſer der Infamie, die Todesſtrafe angedroht.
Denn, wenn es gleich ſehr zweifelhaft iſt, ob
das Röm. R., ††) auf das ſich Carl beruft,
die Todesſtrafe enthalte, ſo iſt es doch gewiſs,
daſs
**)
[412]II. Buch. III. Theil. III. Titel II. Abſchnitt.
daſs man allgemein zu Carls Zeiten in dem
Röm. R. die Todesſtrafe fand, *) und mithin
auch Carl dieſe Strafe vor Augen hatte. **)
Bey Beſtimmung der willkührlichen
Strafe der einfachen Kuppeley kommt es auf
folgende Regeln an I. Huremvirthſchaft iſt
ſtrafbarer, als Kuppeley. II. Um die einzelnen
Grade der Strafbarkeit dieſer beyden Arten zu
beſtimmen, kommt es an: 1) auf die Beſchaf-
fenheit der verkuppelten Perſon, 2) auf die Art,
wie die Kuppeley geſchieht, welches nach den
Regeln von der Beſtrafung der Gehülfen über-
haupt zu beurtheilen iſt, und endlich 3) auf
die Beſchaffenheit des Verbrechens, zu wel-
chem die Beyhülfe geleiſtet wird. ***)
Als beſondere Verbrechen der Staatsbeamten
ſind nur zwey in den Geſetzen des gemeinen
Rechts gegründet I. das erimen repetundarum
II. das crimen de reſiduis. Die zahlloſen unge-
nannten Verbrechen der Staatsbeamten, welche
von den Rechtslehrern aufgeführt werden *),
ſind zwar unerlaubte Handlungen, aber nicht
Verbrechen.
Henr. Bodinus Diſſ. de barattaria Marp. 1639.
rec. Viteb. 1743.
God. Lud. Menken Diſſ. de crimine barattariae
ſen repetundarum. Viteb. 1729.
Das Verbrechen der Beſtechung (cr. repe-
tundarum ſ. barattariae) wird begangen, wenn
Staatsbeamte einen Vortheil annehmen oder, ſich
verſprechen laſſen, in Beziehung auf ihre Amts-
verbindlichkeit.*)
Das Verbrechen wird begangen I. von ei-
nem Staatsbeamten, nicht aber von dem Offi-
cianten einer Privatperſon, **) ſelbſt nicht von
demjenigen, dem von einem Staatsbeamten
die Verwaltung ſeiner Amtsverbindlichkeiten
übertragen worden iſt. Der Begriff erſtreckt
ſich
[415]Von beſondern Verbrechen Beſtechung.
ſich aber auf Staatsbeamten jeder Art, ſelbſt
auf Miniſter und Geſandte. *) Es ſetzt vor-
aus II. irgend einen Vortheil, den der Beamte
entweder erhalten, oder den er in einem Ver-
ſprechen acceptirt hat. Ob er den Vortheil
mittelbar oder unmittelbar gezogen hat, ob
dieſer groſs oder gering, oder von welcher
Art er war, hat auf das Verbrechen keinen
rechtlichen Einfluſs. **) Auch die Zeit des
empfangenen oder acceptirten Vortheils iſt
völlig indifferent. ***)
III. Die Vortheile müſſen in Beziehung
auf die Erfüllung der Amtsverbindlichkeit gege-
ben oder verſprochen worden ſeyn; das Ver-
brechen iſt daher ſowohl 1) begründet, wenn
das Geſchenk die Nichterfüllung der Amtsver-
bindlichkeit zum Zweck hat, †) als auch 2)
wenn es angenommen worden iſt, als Beſtim-
mungsgrund, die Amtsverbindlichkeit wirk-
lich zu erfüllen. ††) Wer einen Vortheil an-
nimmt,
[416]II. Buch. IV. Theil. I. Titel. I. Abſchnitt.
nimt, um eine in ſeiner Amtsverbindlichkeit
nicht enthaltene Handlung zu thun, iſt dieſes
Verbrechens nicht ſchuldig.
Die Strafe iſt im allgemeinen nach röm.
R. willkührlich.*) Hingegen einen, in einer
Civilſache beſtochenen Richter bedrohen die
Geſetze mit der Strafe des dreyfachen; in ei-
ner Criminalſache aber mit Amtsentſetzung,
Exil und Confiscation des Vermögens. **) Die
Praktiker wollen überall blos eine willkühr-
liche Strafe, — Amtsentſetzung, Leibesſtrafe,
Verweiſung nach Befinden der Umſtände. ***)
Das Verbrechen der Unterſchlagung öf-
fentlicher Gelder (crimen reſidui ſ. de re-
ſiduis) beſteht in der rechtswidrigen Verwendung
des Staatsvermögens zu Privatzwecken von einer
Perſon, der die Verwaltung derſelben vom Staat
anvertraut iſt.*)
I. Das Object des Verbrechens iſt das Ver-
mögen, und kann nicht auf die Privatkaſſe des
Landesherrn oder auf das Vermögen anderer
Gemeinheiten im Staate ausgedehnt wer-
den. **) II. Das nothwendige Subject iſt ein
Staatsbeamter. Ein anderer, ſelbſt der Ge-
hülfe oder Subſtitut des Beamten, wenn die-
ſer
D d
[418]II. Buch. IV. Theil. I. Titel. II. Abſchnitt.
ſer nicht von dem Staat ſelbſt verpflichtet iſt,
iſt durch Veruntreuung nur des Peculats
ſchuldig.
III. Das Vermögen muſs rechtswidrig zu
den Privatzwecken des Verwalters verwendet
werden. Daher exiſtirt das Verbrechen nicht
1) wenn der Verbrecher das Geld zu andern
öffentlichen Zwecken verwendet, als zu wel-
chen es beſtimmt iſt, obgleich dieſer auſſeror-
dentlich geſtraft werden kann, *) 2) wenn er
ein gegründetes Recht zu jener Handlung hat,
wie, wenn er als Gläubiger des Staats ſich
ſelbſt zu rechter Zeit und in der gehörigen
Summe aus der öffentlichen Kaſſe bezahlt und
hierauf vom Staate ausdrücklich angewieſen
iſt. Wenn nur eins dieſer Requiſite mangelt,
ſo exiſtirt das Verbrechen. Weder die Abſicht
und die Fähigkeit wieder zu reſtituiren, noch
der Mangel der eidlichen Verpflichtung modi-
ficiren den Begriff des Verbrechens
Strafe. — Das Röm. R. **) ſetzt auf
das Verbrechen eine Capitalſtrafe, wobey es
jedoch ungewiſs iſt, ob damit die Todesſtrafe
oder
[419]Vonbeſond. Verbrechen. Militärverbrechen.
oder nur überhaupt eine poena capitalis im rö-
miſchen Sinne gemeynt ſey. Die Praktiker
wollen eine ſchlechthin willkührliche Strafe. *)
Anm. Von den hier erſonnenen Milderungsgründen.
Ioh. Heinr. BeermannsGrundſätze des heutigen
deutſchen Kriegsrechts. Erſten Teils zweyte Abtheilung.
(handelt ausführlich von den Militarverbrechen).
Militärverbrechen überhaupt ſind Ver-
brechen, welche von den Soldaten, als ſolchen,
begangen werden.**) Alle diejenigen Ueber-
tretungen, welche auch von andern Untertha-
nen geſchehen können, ſelbſt wenn ſie vorzüg-
lich von Soldaten begangen würden, ſind aus-
geſchloſſen. Iede Uebertretung der Dienſt-
pflicht aber iſt bey dieſem Stande Verbrechen,
D d 2und
[420]II. Buch. IV. Theil. II. Titel.
und wird mit härtern oder geringern Strafen
geahndet. *)
Die in dem gemeinen Recht **) beſonders
begründeten Militärverbrechen können in ge-
meingefährliche und in individuellgefährliche
getheilt werden, von welchen jene, vermöge
ihres Begriffs, ein ganzes Heer, oder einen be-
trächtlichen Theil deſſelben den Zwecken des
Kriegsherrn entziehen können.
I. Zu den gemeingefährlichen Verbrechen
gehört 1) die Meuterey, welche in allen
Handlungen beſteht, durch welche ein Aufruhr
der Soldaten vorbereitet oder veranlaſst wird.***)
Schon durch lauten Tadel der Befehle, am
meiſten aber durch wirkliche Auffoderung
zum Ungehorſam und Widerſtand gegen das
Commando wird das Verbrechen begangen.
Es ſoll mit dem Tode beſtraft werden, wenn
es
[421]Von beſond. Verbrechen. Militärverbrechen.
es einen groſsen Aufruhr der Soldaten zur
Folge hatte; *) ſonſt iſt die Strafe willkühr-
lich. **)
2) Soldatenaufruhr beſteht in dem
Aufſtande des Heers oder eines beſtimmten Theils
deſſelben gegen ſeinen Anführer und Vorgeſetz-
te. Schon durch bloſse Anfoderungen mit
Geſchrey, vorzüglich aber durch ausdrückli-
che Verweigerung des Gehorſams oder thätliche
Widerſetzung iſt die That vollendet. Die
Strafe iſt in den letzten Fällen die Todes-
ſtrafe, ***) welche aber nicht an allen exequirt
wird †), und in dem erſten willkührlich ††).
II. Individuellgefährliche Verbrechen ſind 1)
Inſubordination, welche durch jede
Handlung begangen wird, die der Pflicht der
vorzüglichen Achtung und dem unbedingten Ge-
horſam gegen die Befehle der militäriſchen Vor-
geſetzten widerſpricht. Durch bloſses Klügeln
und Raiſonniren über die gegebene Ordre,
durch
[422]II. Buch. IV. Theil. II. Titel.
durch Reſpectwidriges Betragen, *) am mei-
ſten aber durch jede Art des geringſten Unge-
horſams gegen die Ordre des Vorgeſetzten,
wird der Soldat der Inſubordination ſchuldig.
Die letzte Art wird, gleich den Realinjurien,
mit dem Tode beſtraft. **)
2) Verlaſſung des Poſtens wird in
der Regel willkührlich beſtraft; ***) wer aber
ſeinen Poſten vor dem Palatium oder vor der
Wohnung eines Vorgeſetzten verllieſs, ſollte
mit dem Tode beſtraft werden. †) Dieſem
Verbrechen iſt es gleich zu achten wenn der
Soldat ſeinen Poſten ſo verſieht, daſs dadurch
die bezweckte Sicherheit nicht erreicht wer-
den kann, wie wenn er ſchläft u. ſ. w.
3) Treuloſigkeit mit den Fahnen
(Verletzung der Fahnen) wird began-
gen durch Verlaſſung des Gliedes ohne rechtmä-
ſsige Urſache während des Anmarſches gegen
den Feind oder während der Aktion. ††) Wer
nur
[423]Von beſond. Verbrechen. Militärverbrechen.
nur aus dem Gliede heraustritt, ſoll mit kör-
perlicher Züchtigung oder Degradation *) und
wer im Angeſicht des Heers zuerſt die Flucht
ergreift, mit dem Tode beſtraft werden. **)
4) Deſertion iſt rechtswidrige Verlaſſung
des Regiments, in der Abſicht, ſich dem Dienſte
deſſelben zu entziehen, ſelbſt wenn der Soldat
ſich bey einem andern Regiment deſſelben
Kriegsherrn anwerben laſſen wollte. Die an-
gegebene Abſicht muſs nothwendig vorhanden
ſeyn; wenn daher der gefangene Soldat aus
dem Gefängniſſe entflieht, ſo iſt er nicht De-
ſerteur. ***) Ob er ſchon zu den Fahnen ge-
ſchworen hat, iſt gleichviel: wenn er nur
nicht rechtswidrig zum Soldatendienſt ge-
zwungen ward, oder die Zeit der Verpflich-
tung verfloſſen iſt. Die Strafe der Deſer-
tion iſt unter einigen Vorausſetzungen der
Tod. †). Ueberläufer, (transfugae) als qua-
liſicirte Deſerteurs ſollen, nach vorgängiger
Beraubung des Soldatenſtandes (exauctorati)
gefoltert und mit dem Kreuz oder damnatio ad
beſtias beſtraft werden. ††)
5) Wer ſich rechtswidrig von der Fahne ent-
fernt hält, jedoch in der Abſicht zurück zu keh-
ren, iſt emanſor. *) Er wird nur willkührlich
beſtraft. **) 6) Das Verkaufen oder der Verluſt
der Waffen wird mit dem Tode beſtraft; doch
iſt das Verkaufen geringerer Waffenſtücke nur
körperlicher Züchtigung unterworfen. ***)
Anm. Von andern heut zu Tage nicht mehr anwend-
baren Verbrechen, z. E. der Ueberſteigung von Wall
und Graben, dem Ankauf von Grundſtücken u. ſ. w.
I. P. Kreſſ. Diſſ. de variis jurisdictionis criminalis in
Germania generibus. Helmſt. 1730.
Fr. Eſ. de Pufendorfde jurisdictione germanica
Lemg. 1740.
Die Criminalgerichtsbarkeit
(jurisdictio criminalis) in weiterer Bedeu-
tung
[426]III. Buch. Einl. I. Titel.
tung und zwar im Sinne des gemeinen Rechts,
beſteht in der Gewalt des Staats, gegebene Hand-
lungen nach Strafgeſetzen rechtsgültig zu beur-
theilen. Die Criminalgerichtsbarkeit umfaſst
daher in dieſem Sinne alle mit öffentlichen
Strafen bedrohte Handlungen. *) Da aber
nach Partikulargeſetzen und Gewohnheiten
geringere Verbrechen und Strafen als Objecte
des Civilgerichts betrachtet werden, ſo iſt die
Criminalgerichtsbarkeit nach deutſchem Partiku-
larrecht von geringerem Umfang und beſteht
als beſondere Iurisdiction in der Gewalt, nach
Geſetzen, welche mit peinlichen Strafen drohen,
gegebene Handlungen zu beurtheilen. **)
Anm. Von den Benennungen hohe Gerichtsbarkeit.
Fraiſs, laut, Blutbann, Malefizgericht u. ſ. w. und
deren verſchiedenen Bedeutungen.
Vor die deutſche Criminalgerichtsbarkeit
gehören daher blos peinliche Sachenim
engern Sinn, d. i. Gegenſtände der Beurthei-
lung, welche entweder in abſtracto (in theſi)
oder doch nach den beſondern Umſtänden (in
hypotheſi) eine beſonders ſchwere Strafe zur
Folge haben. Handlungen, welche Leibes-
ſtrafen, verſtümmelnde Strafen, Confiscation
des ganzen Vermögens und ewiges Gefängniſs
oder lebenswierige Verweiſung begründen,
gehören wohl überall zu den peinlichen Sa-
chen.
[427]Von der Criminaljurisdiction überhaupt.
chen. Nähere Beſtimmungen aber müſſen
Partikulargeſetze und Gewohnheiten geben.*)
Im Zweifel gehören alle Straffälle zur peinli-
chen Gerichtsbarkeit, weil Ausübung der Cri-
minalgewalt von einem Civilgericht eine Aus-
nahme von dem gemeinen Recht und von der
Natur der Sache iſt.
In der Natur der Criminalgerichtsbarkeit
iſt enthalten 1) das Recht, an dem vorkommen-
den Fall die Merkmale der geſetzlichen Vor-
ausſetzung aufzuſuchen — Recht der Unterſu-
chung, 2) das Recht, die Nothwendigkeit der
Anwendung oder Nichtanwendung der recht-
lichen Folge rechtsgültig zu erklären — Recht
der Entſcheidung. — Das Recht der Execution
iſt zwar mit der Criminalgerichtsbarkeit ge-
wöhnlich verbunden, aber nicht in ihrer Na-
tur enthalten — und iſt öfters davon auch
wirklich getrennt.
Aus dem Beſitz der Criminaljurisdiction
flieſsen I. abgeleitete Rechte, nämlich 1) das
Recht zu allen Handlungen, welche die Aus-
übung der Gerichtsbarkeit möglich machen,
in ſo ferne dadurch nicht Rechte eines andern
verletzt werden,**) 2) das Recht zur Ernen-
nung
[428]III. Buch. Einl. I. Titel.
nung der Perſonen und zum Beſitz der Sachen,
welche die Bedingung der Ausübung dieſer
Handlungen ſind, *) 3) das Recht auf die Ein-
künfte, welche aus der Beſtrafung entſprin-
gen. **)
Anm. Von den zufälligen Rechten der Criminaljuris-
diction ſ. Malblancconſpectus rei jud. R. G. §. 102.
II. Die Verbindlichkeiten, die aus der Cri-
minalgerichtsbarkeit flieſsen, ſind vorzüglich
1) die Beſoldung der Gerichtsperſonen, und
die Errichtung und Ausbeſſerung der nöthigen
Sachen auf eigene Koſten, 2) die Ueberneh-
mung der Prozeſskoſten, wenn der Angeſchul-
digte, oder andere Perſonen, die dazu ver-
pflichtet ſind, ſie nicht tragen können. ***)
Da in Deutſchland eine doppelte Staatsge-
walt, die Reichsſtaatsgewalt und die Territorial-
ſtaatsgewalt. (Landeshoheit) gegründet iſt, ſo
giebt es auch eine doppelte Criminalgerichts-
barkeit, nämlich I. die Criminaljurisdiction von
Kaiſer
[429]Von der Criminaljurisdiction überhaupt.
Kaiſer und Reich, welche ſich aber blos 1) über
Reichsunmittelbare 2) über ſolche Verbrechen
der Mittelbaren erſtreckt, welche an dem gan-
zen Reich begangen werden. *) II. Die Cri-
minalgerichtsbarkeit der einzelnen Territorien,
welche in der Landeshoheit nothwendig ent-
halten iſt.
Die Criminaljurisdiction der einzelnen
Territorien erſcheint unter verſchiedenen Mo-
dificationen, welche verſchiedene Eintheilun-
gen begründen. A. In Anſehung des Um-
fangs kann ſie ſeyn I. vollſtändig (jur. illimitata),
wenn ſie blos an die nothwendigen, durch die
Natur der Criminaljurisdiction beſtimmten
Schranken gebunden iſt, II. unvollſtändig, be-
ſchränkt (j. limitata), wenn ſie auſſerdem noch
an zufällige Schranken gebunden iſt. Sie
kann aber limitirt ſeyn 1) in Rückſicht der Art
der Verbrechen 2) des Orts, 3) der Perſonen,
von welchen ſie begangen werden, 4) in Anſe-
hung der Theile der criminalrichterlichen Gewalt
ſelbſt **) 5) in Anſehung ihrer Ausübung,
welches eintritt bey einer gemeinſchaftlichen
oder concurrenten Gerichtsbarkeit. ***)
Anm. Iurisdictio ſolitaria — ſimultanea — communis und
ſeparata.
B Nach der Art des Beſitzes theilt ſie ſich
I. in die urſprüngliche Cj (jur. ſublimis ſ. pro-
pria), welche einer Perſon vermöge der ober-
herrlichen Gewalt zuſteht, II. in die abgelei-
tete (j. delegata, welche für eine Perſon durch
Verleihung des Landesherrn begründet iſt.
Dieſe iſt 1) adminiſtratoriſch, perſönlich (jur.
perſonalis ſ. adminiſtratoria), wenn ſie als öf-
fentliches Recht beſeſſen und im Namen der
Staatsgewalt ausgeübt wird, 2 reell (j. realis),
wenn ſie als Privatrecht beſeſsen und von ei-
nem Unterthan in eignem Namen ausgeübt
wird. Dies findet beſonders ſtatt a) wenn ſie
an eine Familie b) an eine Gemeinde auf un-
beſtimmte Zeit verliehen, oder c) an ein ge-
wiſſes Grundſtück gebunden iſt. (jur. praedia-
lis). *)
Der Inbegriff der zur Ausübung der Crimi-
naljurisdiction vereinigten Perſonen, heiſst
das Criminalgericht (judicium criminale).
Zur rechtlichen Gültigkeit der von ihm aus-
zuübenden öffentlichen Handlungen iſt die
geſetzlich beſtimmte äuſsere Form deſſelben
nothwendig, welche darin beſteht, daſs es
aus den Perſonen zuſammengeſetzt iſt, deren
Gegenwart die Ueberzeugung der Geſetz-
mäſsigkeit der gerichtlichen Handlungen be-
gründet. Die Geſetze fodern daher zu dieſer
äuſsern Form 1) einen Richter, 2) einen Aktu-
arius und 3) Schöppen.
I. Der Richter iſt die Hauptperſon
des Gerichts, in wie ferne er die gerichtli-
chen Handlungen leitet und zum Zweck die
Anwendung der Strafgeſetze beſtimmt. Die
rechtliche Gültigkeit ſeiner Handlungen
hängt von ſeiner Vereydung vor Antretung
ſeines Amtes ab *). Auſſerdem muſs er die
phyſi-
[432]III. Buch. Einl. II. Titel.
phyſiſchen Eigenſchaften beſitzen, welche
die Geſetze zur Führung des Richteramts
fodern *) und es darf weder ſein Verſtand,
noch ſein Wille die gerechte Furcht der ge-
ſetzwidrigen Iuſtizverwaltung begründen **).
Kein Angeſchuldigter braucht einen Richter
anzuerkennen, dem eine dieſer Eigenſchaften
mangelt ***).
Die Schöppen (Urtheiler, Faide, ſca-
bini) *) haben nach den Geſetzen wirkli-
chen Antheil an der richterlichen Gewalt.
Ihr wichtigſtes Geſchäft iſt, in Gemeinſchaft
mit dem Richter die rechtliche Folge der
Handlung zu beſtimmen **). Nach Ver-
ſchiedenheit der gerichtlichen Handlungen
ſind bald mehr, bald weniger Schöppen noth-
wendig: die geringſte Zahl ſind zwey ***).
Heut zu Tag wird ihre Gegenwart blos des
Bewei-
[433]Von der äuſſern Form eines Criminalgerichts.
Beweiſes und der Sollennität wegen erfodert
und dürfen daher mit den Beyſitzern höherer
Gerichtsſtellen nicht verwechſelt werden.
Der Eid macht ſie erſt zu öffentlichen Per-
ſonen *).
III. Der Aktuarius (Gerichtsſchreiber)
welcher alles, was im Gericht vorgeht, aufzu-
zeichnen, die Verpflichtung hat **). Er muſs
vor Antretung ſeines Amtes vereidet ſeyn ***),
und daſs er in der Perſon des Richters verei-
nigt ſeyn könne, widerſpricht den Ge-
ſetzen ****). Der Mangel eines dieſer Requi-
ſite raubt dem Protokoll den öffentlichen
Glauben.
Als Diener des Gerichts kommen vor
1) der Gerichtsdiener, Pedell (apparitor).
2) Der
E e
[434]III. Buch. Einleit. III. Titel.
2) Der Geſangenwärter und Aufſeher der Ge-
fangenen, 3) der Büttel oder Gerichtsknecht
(lictor), 4) der Scharfrichter*). 5) Der Hen-
ker, mit welchem der Schinder und Abdecker
nicht zu verwechſeln iſt **). Verſchiedene
dieſer Perſonen ſind oft in einem Subjekt
vereinigt.
Nicht jedes Gericht darf über jeden die Ge-
richtsbarkeit ausüben. Es müſſen Gründe
vorhanden ſeyn, welche für ein beſtimmtes
Gericht die Befugniſs, über eine gewiſſe Per-
ſon wegen eines beſtimmten Verbrechens,
die criminalrichterliche Gewalt auszuüben,
begründen. Das durch dieſe Befugniſs be-
gründete Verhältniſs zwiſchen einem Gericht
und einer Privatperſon heiſst der Gerichts-
ſtand (forum). Die, dieſes Verhältniſs be-
ſtim-
[435]Von der Competenz des peinlichen Gerichts
ſtimmende Befugniſs des Gerichts ſelbſt, heiſst
die Competenz deſſelben (fori compe-
tentia).
Der Gerichtsſtand, welcher durch Vor-
auſſetzungen begründet wird, die bey allen
eintreten können, welche ein Verbrechen
begehen, heiſst der gemeine Gerichts-
ſtand (forum commune): derjenige, welcher
als Ausnahme, nur für Einzelne, wegen
ſpecieller Vorauſſetzungen begründet iſt, heiſst
ein privilegirter Gerichtsſtand (for.
privilegiatum).
A. Das gemeine Forum in Anſehung
eines begangenen Verbrechens wird durch
drey Vorauſſetzungen begründet, durch die
Uebertretung des Strafgeſetzes, durch den
Wohnort des Verbrechers und durch den
Aufenthalt deſſelben *). Es giebt daher
1) einen Gerichtsſtand des begangenen Verbre-
chens (f. del. commiſſi). Dieſer iſt vor dem
Gericht, in deſſen Sprengel der Akt der Ueber-
E e 2tre-
[436]III. Buch. Einl. III. Titel.
tretung begangen worden iſt, welcher zu-
nächſt den Gegenſtand der Unterſuchung aus-
macht. Auf den Ort, wo erſt die rechtliche
Folge zur Wirklichkeit kam, oder wo die
vorbereitenden Handlungen geſchahen, iſt
nicht zu ſehen. Bey einem unternommenen
Verbrechen beſtimmt der letzte Akt den Ge-
richtsſtand.
Es giebt 2) einen Gerichtsſtand des Wohn-
orts (for. domicilii). Dieſer iſt an dem Gericht
des Orts, wo der Verbrecher, in der Abſicht
eines beſtändigen Aufenthalts, ſich nieder-
gelaſſen hat. 3) Der Gerichtsſtand der Depre-
henſion, iſt vor dem Gericht, in deſſen Spren-
gel ſich der Verbrecher nach der begangenen
That aufhält. Nicht erſt durch Ergreifung
und Incarceration wird alſo dieſer Gerichts-
ſtand begründet *).
Da in Deutſchland viele einzelne Ge-
richte vorhanden ſind, ſo können dieſe in
Anſe-
[437]Von der Competenz des peinlichen Gerichts.
Anſehung eines begangenen Verbrechens colli-
diren. Eine Colliſion der Gerichtsſtände
überhaupt exiſtirt, wenn bey verſchiedenen
Gerichtsſprengeln die Bedingungen, welche den
gemeinen Gerichtsſtand begründen, vorhanden
ſind. Die Colliſion muſs getheilt werden
1) in die ſubjective Colliſion, wenn dieſelbe
Vorauſſetzung bey verſchiedenen Gerichts-
ſprengeln eingetreten iſt *), 2) die objective
Colliſion, wenn verſchiedene Vorauſſetzungen
bey verſchiedenen Gerichtsſprengeln exiſtent
geworden ſind **).
Im Fall einer ſolchen Colliſion werden,
auſſer den allgemeinen Gründen, welche den
Gerichtsſtand überhaupt beſtimmen, noch
beſondere Bedingungen vorausgeſetzt, wel-
che dem einen Gericht einen Vorzug vor dem
andern geben, oder ſonſt den Widerſtreit
aufheben.
Es gelten zur Aufhebung dieſes Wider-
ſtreits ſowohl für die ſubjective, als ob-
jective Colliſion, folgende allgemeine Regeln:
I. Wenn Vertrag, Geſetz oder Obſervanz
entſcheidet, ſo geht das forum, für welches
entſchieden iſt, unbedingt dem andern vor.
II.
[438]III. Buch. Einleit. III. Titel.
II. Wenn hierin kein Entſcheidungsgrund
liegt, ſo hat das prävenirende Gericht den Vor-
zug *). Die Prävention geſchieht durch rich-
terliche Handlungen, welche die Rechtshän-
gigkeit der Sache bewirken und dieſe wird
im peinlichen Recht bewirkt durch Citation**)
und durch diejenigen Handlungen, welche
die Gegenwart des Verbrechers vor Gericht zum
Zweck haben, alſo die Stelle der Citation ver-
treten ***) III. Collidiren die Präventionen
ſelbſt, ſo muſs ein gemeinſchaftliches Ge-
richt niedergeſetzt oder ſonſt, durch Ver-
gleich u. ſ. w. der Streit entſchieden wer-
den ****).
B. Ein privilegirter Gerichtsſtand
hängt nach dem gemeinen Rechte blos von
dem beſondern Stand der Perſon ab *). Ei-
nen ſolchen Gerichtsſtand haben 1) alle,
denen Landeshoheit zukommt, alſo auch die
Reichsritter **) vor den Reichsgerichten ***),
2) Geſandte vor den Gerichten ihres Princi-
pals, 3) Soldaten vor den militäriſchen Ge-
richten in Anſehung ihrer Dienſtverbre-
chen ****), 4) Geiſtliche vor den geiſtlichen
Gerich-
****)
[440]III. Buch. Einl. IV. Titel.
Gerichten *), welches jedoch bey proteſtan-
tiſchen Geiſtlichen in Rückſicht der ganzen
Unterſuchung bey peinlichen Verbrechen
nicht anzunehmen iſt **), 5) Cammergerichts-
beyſitzer vor dem Cammergericht ***).
Der Inbegriff der geſetzlich beſtimmten Hand-
lungen, durch welche der Staat ſeine Rechte
aus Strafgeſetzen gegen Uebertreter verfolgt,
iſt der Criminal-Proceſs. Dieſe Hand-
lungen haben die Entdeckung der Schuld und
der Unſchuld eines Angeſchuldigten gleich-
mäſsig zum Zweck und ſind theils Handlun-
gen des Gerichts, theils Handlungen des An-
geſchuldigten ſelbſt. Sie ſind geſetzlich be-
ſtimmt, damit nicht Privatwillkühr, dem
Inte-
[441]Von d. verſch. Formen d. gerichtl. Verfahr.
Intereſſe des Staats das Intereſſe des Ange-
ſchuldigten, oder dieſes jenem aufopfere.
Quellen des Criminalproceſſes.
Es ſind zwey Hauptformen des gerichtli-
chen Verfahrens durch das gemeine Recht
eingeführt *). I. Ein Bürger (der Beleidigte
oder ein anderer) verfolgt vor Gericht im
Namen des Staats die Rechte deſſelben —
Anklage-Prozeſs. II. Der Richter ſelbſt
verfolgt als Richter die Rechte des Staats ge-
gen den Uebertreter — Inquiſitions-Pro-
ceſs. Beyde Formen beſtehen ſo neben ein-
ander, daſs, wenn ein Ankläger mangelt,
der Richter ſelbſt, durch den Inq. Pr. an deſſen
Stelle tritt **).
Seinem Inhalte nach theilt ſich der Inq. Pr.
in den ſollennen und ſummariſchen. I. Der
ſollenne begreift ſowohl diejenigen Hand-
lungen, von denen die rechtliche Möglich-
keit eines Straferkenntniſſes überhaupt ab-
hängt, als auch ſolche, die blos darum ein-
geführt ſind, um aller Uebereilung auf das
entfernteſte vorzubeugen. II. Der ſumma-
riſche Cr. Pr. begreift nur diejenigen Hand-
lungen, ohne welche ein Straferkenntniſs
rechtlich unmöglich ſeyn würde. Handlun-
gen der letzten Art ſind hey jeder Proceſsart
weſentlich. Wegen der Gröſse der Gefahr
für den Angeſchuldigten wird der ſoll. Cr. Pr.
bey Criminalverbrechen, der ſummariſche
bey Civil- und Polizey-Verbrechen ange-
wendet.
Die Rückſicht auf den Gegenſtand des
Verfahrens beſtimmt den Unterſchied der Cr.
Pr. in den reinen und gemiſchten, Ad-
häſions- (oder Denunciations-) Proceſs. Er
iſt jenes, wenn blos die durch eine Uebertre-
tung begründeten Rechte des Staats der Ge-
genſtand des Verfahrens ſind; er iſt dieſes,
wenn nächſt den öffentlichen Rechten, zu-
gleich die Privatrechte der durch das Ver-
brechen,
[443]Von d. verſch. Formen d. gerichtl. Verfahr.
brechen beleidigten Privatperſon, in einem
und demſelben Verfahren verfolgt werden *).
Die geſetzlich beſtimmten Handlungen
müſſen, um ein Straferkenntniſs zu begrün-
den, nicht nur wirklich, ſondern auch auf
die geſetzlich beſtimmte Art geſchehen. Dazu
gehört: 1) daſs ſie an ſich die Eigenſchaften
haben, welche die Geſetze von ihnen fo-
dern **), 2) daſs ſie von den geſetzlich be-
ſtimmten Perſonen geſchehen, daſs alſo a) kei-
ne dieſer Perſonen mangelt, b) daſs dieſe
Perſonen die geſetzlichen Eigenſchaften, von
welchen die Glaubwürdigkeit ihrer Handlun-
gen abhängt, an ſich tragen.
Ein Fehler, in dem Verfahren, der aus
einem dieſer Gründe hervorgeht, macht die
gerichtlichen Handlungen nichtig, in Anſe-
hung welcher derſelbe vorhanden iſt. Per-
ſönliche Eigenſchaften der richterlichen Per-
ſonen, welche nur die Gefahr der geſetzwi-
drigen Verwaltung der Iuſtiz beſtimmen,
machen
[444]III. Buch. Einl. IV. Titel.
machen das Verfahren an ſich nicht ungül-
tig *). Erſt wenn ſich beſondere Gründe
für die Rechtswidrigkeit des Verfahrens
zeigen, hat ein ſolcher Mangel rechtliche
Folgen.
Iac. Fr. LudoviciEinleitung zum peinlichen Prozeſs.
Mit Anmerk. vonIoh. Gerh. Schlitten. Halle
1750. 4.
I. Ern. Piſtoriitract. de proceſſu criminali, tam in-
quiſeitorio, quam accuſatorio etc. Tub. 1764. 8.
Chr. Fr. Georg. Meiſterausführliche Abhandlung
des peinlichen Prozeſſes in Deutſchland 1 — 5. Thl.
Unter dem allgemeinen Titel: Vollſtändige Einleitung
zur peinl. Rechtsgel. in Deutſchland I. Bd. Gött. 1764.
neue Ausg. 1776. 4. Meiſtersauführl. Abhandl.
u. ſ. w. Nach einem veränderten Plane fortgeſetzt von
I Chr. Eſchenbach 6 Thl. Schwerin und
Wismar 1795. (Auch unter dem Titel: Ausführl.
Abhandl. der Generalinquiſition. 1. Thl).
Die Ausübung der Criminaljurisdiction
ſetzt die Gegenwart des Angeſchuldigten vor
Gericht voraus. Der Criminalrichter hat
daher nothwendig das Recht zu ſolchen Hand-
lungen, durch welche er die Gegenwart
deſſelben vor Gericht bewirken kann *). Iede
dieſer Handlungen ſetzt als nothwendige allge-
meine
[447]Von d. Theilen d. Criminalproc. überhaupt.
meine Bedingung voraus: 1) daſs entweder
Gewiſsheit oder doch hohe Wahrſcheinlich-
keit des begangenen Verbrechens an ſich
2) daſs zureichender Verdacht vorhanden iſt,
daſs die Perſon des Verbrechens ſchuldig ſey.
Ein Richter, der ohne dieſe Vorauſſetzungen,
irgend eine dieſer Handlungen gegen eine
beſtimmte Perſon vornimmt, verletzt ihren
guten Namen und wird der Injurie ſchuldig.
Dieſe Handlungen des Richters ſind noth-
wendig verſchieden, je nachdem der Ange-
ſchuldigte in dem Gerichtsſprengel gegen-
wärtig oder abweſend, und in dieſem Falle
der Flucht verdächtig iſt, oder nicht. Ueberall
gilt aber die allgemeine Regel: Der Richter
hat zu einer, auf die Unterwerfung unter die
Gerichtsgewalt gerichteten, Handlung nur in ſo
weit ein Recht, als ſie ein nothwendiges Mittel
der Ausübung der Criminalgerichtsbarkeit iſt.
A. Handlungen gegen den anweſenden Verbre-
cher. I. Wenn Gründe vorhanden ſind, daſs
ſich der Angeſchuldigte der Iuſtiz freywillig
unterwerfe, ſo iſt der Richter zur bloſsen
ordentlichen Citation d. i. dem Befehl des Rich-
ters in dem Gericht zu erſcheinen, berechtigt.
Iedes andere härtere Mittel enthält eine Läſion
des Angeſchuldigten.
II. Sind Gründe der Vermuthung vor-
handen, daſs ſich der Angeſchuldigte der
richterlichen Gewalt entziehen werde, ſo iſt
der Richter berechtigt und verpflichtet, ſich
durch Anſtalten der fortdauernden Gegen-
wart des Angeſch. zu verſichern. Der Ver-
dacht zur Flucht wird begründet 1) durch
die Eigenſchaft der Perſon, wenn dieſe durch
kein beſonderes bleibendes Intereſſe an den
Ort des Gerichts gebunden iſt. Dieſes iſt vor-
züglich der Fall, wenn ſie von geringerem
Stand und zugleich nicht mit liegenden Grün-
den im Gerichtsſprengel angeſeſsen iſt. 2) Die
Eigenſchaft des Verbrechens, wenn die dem-
ſelben gedrohte Strafe ſo ſchwer iſt, daſs ſie
jedes Intereſſe, welches etwa die Perſon an
den Gerichtsſprengel knüpft, zu überwinden
fähig iſt.
Hieraus folgt: gegen einen Menſchen,
bey welchem weder die Gröſse der ihm be-
vorſtehenden Strafe, noch deſſen perſönliche
Eigenſchaft die Gefahr einer Flucht begrün-
det, iſt keine Art von Sicherungsmittel er-
laubt. Dieſe iſt aber rechtlich 1) wenn beyde
Gründe eine Flucht befürchten laſſen, 2) wenn
zwar nicht die Eigenſchaft der Perſon, aber
doch die Gröſse der bevorſtehenden Strafe
und 3) wenn zwar nicht die Gröſse der Strafe,
aber doch die perſönliche Eigenſchaft die
Gefahr einer Flucht begründet.
Die Sicherungsmittel vor der Gefahr der
Flucht ſind: I) Caution II) Gefängniſs, Incar-
ceration des Angeſchuldigten. Welches von
beyden Sicherungsmitteln ſtatt finden müſſe,
iſt aus der Regel §. 555 zu beſtimmen. Aus
dieſer folgt 1) Caution findet als Sicherungs-
mittel ſtatt, a) wenn jemand eines geringeren
Verbrechens angeſchuldigt iſt und ihn blos
ſeine perſönliche Eigenſchaft der Flucht ver-
dächtig macht *), b) wenn Gründe der Ver-
muthung vorhanden ſind, daſs die ſchwere,
dem Verbrechen an ſich gedrohte Strafe, im
vorliegenden Fall nicht zur Anwendung kom-
men werde. 2) Es muſs Gefängniſs ange-
wendet werden, a) wenn zwar an ſich nur
Gründe zur Caution exiſtiren, dieſe aber von
dem Angeſchuldigten nicht geleiſtet werden
kann, b) wenn die Gröſse des Verbrechens
(auf dem entweder eine Capital- oder ſchwere
Leibesſtrafe ſteht) entweder allein, oder ver-
bunden mit den perſönlichen Eigenſchaften,
Gefahr einer Flucht begründet. Denn die
Gröſse des bevorſtehenden Uebels iſt hier fähig,
jeden Vortheil zu verdrängen, der mit dem
Bleiben etwa verbunden iſt **).
Das Gefängniſs darf keine Eigenſchaft
eines Strafgefängniſſes haben. Mit dem Ge-
fangniſs dürfen daher nicht mehr Uebel für
den Gefangenen verbunden ſeyn, als nöthig
iſt, um ihm die Flucht zu vereiteln *). Daſs
das Gefängniſs verſchärft wird, wenn die
Anzeigen ſteigen, iſt eine vernunft- und ge-
ſetzwidrige Praxis.
Iuratoriſche Caution kann nie den Richter
ſichern, weil der verdächtige Verbrecher
auch nothwendig der Nichtachtung ſeines
Eides verdächtig iſt. Blos 1) Caution durch
Pfänder, 2) durch Bürgen leiſten dem Staate
Sicherheit. Die Bürgen verpflichten ſich, den
Angeſchuldigten auf Verlangen des Richters
jederzeit zu ſtellen, um, im Fall er ſich dem
Gericht entzöge, eine gewiſſe Geldſumme
zu bezahlen. Dieſe Summe iſt blos cautio de
judicio ſiſii und muſs, wenn ſie nicht durch
Geſetz oder Obſervanz oder durch den Bürg-
ſchaftsvertrag ſelbſt beſtimmt iſt, durch den
Richter beſtimmt werden **). Sie iſt verfallen,
wenn
[451]Mittel d. Angeſch. d. Gericht z. unterwerf.
wenn die Bürgen durch ihr Verſchulden Urſache
ſind, daſs der Verdächtige ſich dem Gericht
entzieht. Wenn ſie ihm doloſe zur Flucht
behülflich waren, ſo können ſie auſſerdem
willkührlich beſtraft werden. *)
B. Handlungen gegen den flüchtigen Ver-
brecher. Der Richter iſt unter dieſer Voraus-
ſetzung zu allen an ſich rechtmäſsigen Hand-
lungen berechtigt, durch welche er den
Flüchtigen ſeiner Gewalt unterwerfen kann.
Die Mittel ſind entweder 1) ſolche, welche
nothwendig die Bedingungen zur Incarcera-
tion (§. 557.) vorausſetzen, oder ſolche, wel-
che dieſelbe nicht nothwendig vorausſetzen.
Zu der letzten Art gehört allein die Edictalcita-
tion, alle übrigen gehören blos zur erſten
Claſſe: der Richter kann ſie daher nicht eher
anwenden, als wenn dieſe Requiſite zur Incar-
ceration vorhanden ſind.
Dieſe Mittel ſind in Rückſicht ihrer Zweck-
mäſsigkeit I. primäre Mittel, (media primaria)
F f 2welche
**)
[452]III. Buch. I. Titel. I. Abſchn. I. Abth.
welche der Richter zunächſt anwenden muſs,
weil er durch ſie ſeinen Zweck am ſicherſten
erreicht II. ſubſidiariſche, ſecundäre (med. ſub-
ſidiaria), welche er erſt dann anwenden darf,
wenn er durch die Mittel der erſten Art ſeinen
Zweck nicht erreichen kann.
I. Die primären Mittel ſind 1) Hausſu-
chung, wenn Vermuthung vorhanden iſt,
daſs der Verbrecher noch innerhalb des Ge-
richtsſprengels verborgen ſey. Iedes Haus,
auf welches Verdacht fällt, iſt dieſer Unterſu-
chung unterworfen. Iſt der Verdacht nicht
auf ein beſtimmtes Haus gerichtet, ſo kann
das Gericht in verſchiedenen, oder in allen ei-
nes gewiſſen Orts die Nachſuchung anſtellen.
Auch noch zu andern Zwecken der richterli-
chen Gewalt kann die Hausſuchung gebraucht
werden, ſobald nur Gründe da ſind, daſs ſie
in dem gegebenen Fall ein Mittel ſeyn
werde. *)
2) Die Nacheile, Amtsfolge (ſeque-
la praefectoria). Sie beſteht in der Verfolgung
des flüchtigen Verbrechers durch die Diener des
Gerichts. Das Recht der Nacheile erſtreckt ſich
nicht weiter, als bis zur Grenze deſſen, der die
Criminaljurisdiction beſitzt, welcher ſich der
An-
[453]Mittel d. Angeſch. d. Gericht z. unterwerf.
Angeſchuldigte durch die Flucht entzogen hat.
In das Gebiet einer fremden Gerichtsbarkeit
den Flüchtigen verfolgen, iſt widerrechtlich *),
wenn nicht Verträge oder Geſetze **) es erlau-
ben. Kann die Nacheile nicht angewendet
werden und iſt der Aufenthaltsort des Ver-
dächtigen unbekannt, ſo werden 3) Steck-
briefe erlaſſen. Dieſes ſind öffentliche und
offene Urkunden, worin ein Richter von andern
Obrigkeiten Ergreifung und Auslieferung des
Flüchtigen verlangt. ***)
Wenn der Auffenthaltsort des Flüchtigen
bekannt iſt, ſo bedient man ſich 4) der Re-
quiſitorialien. Dieſes ſind Schreiben,
welche von dem Richter an ein anderes beſtimmtes
Gericht erlaſſen werden und in welchen die Er-
greifung und Gefangennehmung des Flüchtigen
(befehls- oder bittweiſe) verlangt wird. Die
Req. kommen in Anſehung der innern Erfor-
derniſſe mit den Steckbriefen überein, nur
daſs die Gründe zur Incarceration ſpeciell an-
gegeben werden müſſen. †)
Mit den übrigen Mitteln kann 5) der Be-
ſchlag der Güter (annotatio bonorum) verbun-
den werden. Dieſer Güterbeſchlag iſt eine
richterliche Handlung, mittelſt welcher das
Vermögen des Angeſchuldigten inventirt und
demſelben das Dispoſitionsrecht darüber ent-
zogen wird. Der Hauptzweck iſt, dem Flüch-
tigen den Lebensunterhalt zu entziehen und
ihn dadurch zur Rückkehr zu nöthigen. *) Die
Aufzeichnung muſs in Gegenwart des Rich-
ters, zweyer Schöppen und derjenigen Perſo-
nen geſchehen, welche die nächſten Erben des
Flüchtigen ſind. Die inventirten Sachen
werden entweder im Gericht niedergelegt,
oder einem Verwalter übergeben, der, auſſer
den gewöhnlichen Pflichten des Verwalters,
beſonders die Verbindlichkeit übernimmt,
den Flüchtigen nicht aus dem Vermögen zu
unterſtützen.
II. Die ſubſidiariſchen Mittel ſind 1) die
Edictalcitation 2) das ſichere Geleit (ſal-
vus conductus), das richterliche Verſprechen der
Befreyung vom Gefängniſſe unter der Bedin-
gung, daſs ſich der Angeſchuldigte geſetzlich
verhalte und perſönlich im Gericht erſcheine. **)
Das
[455]Mittel der Angeſch. d. Gericht z. unterwerf.
Das ſ. G. kann vollkommen ſeyn, wenn ſich
die Befreyung vom Gefängniſſe auf die ganze
Zeit der Unterſuchung erſtreckt, oder unvoll-
kommen, wenn, die Zeit der Befreyung kürzer
iſt.
Das Verſprechen des Richters iſt bedingt
durch das Verſprechen des Angeſchuldigten
ſich vor Gericht zu ſtellen. Mit dem S. G. iſt
daher nothwendig Caution verbunden, wel-
che dem Richter die Erfüllung dieſes Ver-
ſprechens guarantirt. Dieſe C. kann geleiſtet
werden 1) durch Pfänder, am ſicherſten aber
2) durch Bürgen. Was §. 561. von Bürgen ge-
ſagt wurde, gilt auch hier.
Das S. G. wirkt Freyheit vom Gefängniſs,
innerhalb der Zeit, für welche und während
der Exiſtenz der Bedingungen, unter welchen
es verſprochen wurde. Es erliſcht alſo 1)
mit dem Verlauf der Zeit, innerhalb welcher
es ertheilt wurde, 2) mit dem Geſtändniſs oder
der Ueberführung des Verbrechers *), 3) mit der
Eröffnung eines peinlichen Urtheils, 4) mit der
Uebertretung was immer für eines Strafgeſe-
tzes, 5) mit dem Ungehorſam gegen die rich-
terliche
[456]III. Buch. I. Titel. I. Abſchn. II. Abth.
terliche Ladung. Das S. G. iſt ganz nichtig,
wenn es durch Betrug erſchlichen worden iſt. *)
Die richterlichen Handlungen hängen von
Thatſachen ab, aber dieſe Thatſachen ſind für
den Richter nur in ſo ferne vorhanden, als
er ſie erkennt. Die Gründe des richterlichen
Erkennens machen daher die zweyte Bedin-
gung der Ausübung der Criminaljuſtiz aus.
Es ſind dieſe Gründe von zweyerley Art: 1)
Gründe der Vermuthung — Indicien, 2) Grün-
de der juridiſchen Gewiſsheit — Beweismittel.
Thomae Nani Valtellinenſisde indiciis,
eorumque uſu in cognoscendis criminibus liber ſingula [...]ſ.
Ticini Regii. 1781, 8.
I. L. E. Püttmann Diſſ. de lubrico indiciorum.
Lipſ. 1785. (in Opuſc. jur. crim. p. 221).
WoltaerDiſſ. quae ſemiologiac criminalis quaedam capita
tractat. Hal. 1790.
Es laſſen ſich in unſerm Erkenntniſsvermö-
gen in Anſehung der Objecte der Erfahrung
drey Beſtimmungen unterſcheiden. I. Die
Unwiſſenheit, Unkenntniſs (ignoran-
tia), wenn uns für das Daſeyn einer Thatſache
gar keine Gründe gegeben ſind, II. die Unge-
wiſsheit, wenn uns die Gründe für ihr
wirkliches Daſeyn nicht vollſtändig gegeben
ſind. III. Die Gewiſsheit, wenn uns alle
Gründe gegeben ſind, welche in unſrer Vor-
ſtellung die Wirklichkeit und Wahrheit der
Thatſache beſtimmen.
Die ungewiſſe Erkenntniſs hat drey Grade
1) die Wahrſcheinlichkeit, wenn mehr
Gründe für die Wahrheit einer Thatſache, als
gegen dieſelbe gegeben ſind, 2) die Zweifel-
haftigkeit
[458]III. Buch. I. Titel. I. Abſchn. II. Abth.
haftigkeit, wenn die Gründe für die Thatſache
den Gründen gegen dieſelbe gleich ſind, 3) die
Unwahrſcheinlichkeit, wenn wir weni-
ger Gründe für die Thatſache, als gegen die-
ſelbe haben. Der Zuſtand des Gemüths bey
der Wahrſcheinlichkeit und Zweifelhaftigkeit
heiſst Vermuthung, welche mit der Muth-
maſsung nicht verwechſelt werden darf.
Man muthmaſst eine Thatſache, wenn man
die Möglichkeit oder Wahrſcheinlichkeit der-
ſelben annimmt, ohne ſich der Gründe dafür
bewuſst zu ſeyn. Der Muthmaſsung geht das
Rathen (Conjecturiren) vorher.
Eine Thatſache, welche die Vermuthung für
eine andere Thatſache begründet, von der die
Anwendung eines Strafgeſetzes abhängt, heiſst
Anzeigung, Indicium. Dieſes beſteht
daher in einer Thatſache, welche den Grund
für die Wahrheit einer andern, die Anwen-
dung eines Strafgeſetzes beſtimmenden That-
ſache enthält, ohne daſs in derſelben alle
Gründe zur vollſtändigen Gewiſsheit gegeben
ſind. Aus Indicien kann Gewiſsheit hervor-
gehen, ein Indicium ſelbſt aber beſtimmt die-
ſelbe nicht.
Indicia auctoris — indicia delicti.
Ein Indicium muſs eine ſolche Thatſache
ſeyn, von welcher man auf das Verbrechen
oder deſſen Urheber ſchlieſsen kann. Dieſes
iſt
[459]Von d. Gründ. d. Vermuth. od. von Indicien.
iſt nicht anders möglich, als wenn die be-
kannte Thatſache mit der unbekannten, auf die
wir ſchlieſsen, in einem urſachlichen Zuſam-
menhange ſteht. Dieſem nach zerfallen die
Indicien in vier Claſſen: 1) in ſolche Thatſa-
chen, welche nach der Erfahrung Urſachen
von Verbrechen ſind, von welchen man alſo
auf das Verbrechen als Wirkung oder auf ein
beſtimmtes Subject dieſer Wirkung ſchlieſst,
2) Thatſachen, welche die Wirkungen und
Folgen eines begangenen Verbrechens ſeyn
können, von denen man alſo auf das Verbre-
chen, als Urſache ſchlieſst, 3) Thatſachen,
welche die Bedingung (nothwendige Voraus-
ſetzung) des begangenen Verbrechens ſind,
4) Thatſachen, welche ein Verbrechen als Be-
dingung vorausſetzen, von denen man alſo auf
das Verbrechen als das Bedingende den Schluſs
macht. *)
Eine Thatſache, die nur auf ein Indicium
ſchlieſsen läſst, heiſst ein mittelbares Indic.
(ind. indicii) und ſteht dem unmittelbaren, ei-
gentlichen Indicium entgegen, welches ohne
Zwiſchenthatſachen auf den Urheber oder den
Verbrecher führt.
Die einzelnen Indicien können nicht
erſchöpft werden; aber alle Arten laſſen ſich
erſchöpfen, ſo daſs kein ſpecielles Indicium
möglich iſt, das nicht unter einer dieſer
Gattungen enthalten wäre. Sie laſſen ſich
nach zwey Hauptgattungen, auf welche man
die allgemeine Eintheilung (§. 575) reduciren
kann, claſſificiren.
A. Indicien, welche eine beſtimmte Bedin-
gung oder Urſache des Verbrechens in ſich ent-
halten, wo man alſo von einer Thatſache als
Urſache oder Bedingung eines Verbrechens auf
das Verbrechen oder den Thäter ſchlieſst.*)
Dieſe
*)
[461]Von d. Gründ. d. Vermuth. od. von Indicien.
Dieſe ſind: I. ein beſtimmtes ſinnliches Intereſſe
an dem einzelnen gegenwärtig vorgefallenen
Verbrechen. Dahin gehört 1) ein Affect,
der zu dem gegenwärtigen Verbrechen de-
terminiren konnte, wie Feindſchaft gegen
den Verletzten, *)Liebe gegen das genoth-
züchtigte oder entführte Mädchen. 2) Wenn
für eine Perſon aus dem begangenen Ver-
brechen ein Vortheil entſprang, der ſo
bedeutend war, um die Furcht vor der Strafe
überwinden zu können **).
II. Eine Neigung zu Verbrechen derſel-
ben Art, welches gegenwärtig begangen
worden iſt. Dieſe Neigung iſt anzunehmen
1) wenn eine Perſon ſchon ehemals Verbre-
chen derſelben Art begangen oder unternom-
men
*)
[462]III. Buch. I. Titel. I. Abſchn. II. Abth.
men hat, oder doch durch den Ruf deſſelben
bezüchtigt wird *). Nur muſs der Ruf be-
ſtimmt und die Quelle deſſelben nicht grund-
los ſeyn. 2) Wenn eine Perſon Verbrechen
der beſtimmten Art, oder das ſpecielle, jetzt
entſtandene Verbrechen, als Verbrechen, ge-
billigt hat. Man billigt nur die Handlung,
die man ſelbſt zu unternehmen fähig iſt. —
Ein mittelbares**) Indicium iſt hier das gegen
Verbrecher bewieſene Intereſſe: wenn man
ihnen Beyſtand leiſtet, und für ſie nicht auf
dem Wege des Rechts (z. E. durch Beſtechung)
intercedirt oder mit ihnen im vertrauten Um-
gange iſt ***). Handlungen, durch welche
man nach der That einen Verbrecher in dem
Genuſs des Verbrechens ſelbſt unterſtützt. †)
ſind als Erklärungen der Billigung des Ver-
brechens ſelbſt zu betrachten.
III. Handlungen aus welchen auf den
Willen, das entſtandene Verbrechen begehen
zu
[463]Von d. Gründ. d. Vermuth. od. von Indicien.
zu wollen, geſchloſſen werden kann. Dahin
gehört 1) die Erklärung, das entſtandene Ver-
brechen begehen zu wollen, welche entwe-
der a) in der ernſtlichen Androhung einer
Perſon *) oder b) in der einfachen Erklärung
der zukünftigen Uebertretung enthalten iſt.
Es ſind 2) Handlungen darunter enthal-
ten, welche zu dem erfolgten Verbrechen
die Vorbereitungen ſind. Beyſpiele ſind das
Bereiten oder Kaufen von Giften, bey einer
vorgefallenen Vergiftung **), das Kaufen und
Zubereiten von Waffen bey offenbarem Mord,
die Verhehlung der Schwangerſchaft, als In-
dicium des Kindermords, Gebrauch unge-
wöhnlicher Kleider vor der That, Vermum-
mung u. ſ. w. Aus demſelben Grund iſt es
3) ein Indicium, wenn eine Perſon vor einem
Verbrechen ein Benehmen zeigte, welches auf
das Bewuſstſeyn eines böſen Vorſatzes ſchlieſsen
läſst ***).
IV. Wenn bey einer Perſon die Bedin-
gungen vorhanden ſind, welche zu dem vor-
ge-
[464]III. Buch. I. Titel. I. Abſchn. II. Abtheil.
gefallenen Verbrechen vorausgeſetzt werden,
ſo iſt auch dieſes gegen ſie ein Indicium.
Dahin gehört 1) Gegenwart an dem Ort und
zur Zeit des begangenen Verbrechens *). Aus
der ungewöhnlichen Abweſenheit von dem
gewöhnlichen Aufenthaltsort der Perſon zur
Zeit der That, und aus dem Finden, der, einer
Perſon zugehörenden Sache, an dem Ort der
That **), kann auf die Anweſenheit an dem
Ort der That geſchloſſen werden. 2) Beſitz
der Werkzeuge, die zur Ausführung erfodert
wurden, wenn entweder die Werkzeuge an
ſich, oder in Beziehung auf die beſitzende
Perſon oder den Ort und die Zeit des Ge-
brauchs ungewöhnlich ſind.
B. Indicien, welche das Verbrechen als Be-
dingung oder Urſache vorausſetzen, wo man
alſo eine gegebene Thatſache aus einem Verbre-
chen als Urſache oder Bedingung der Thatſa-
chen erklärt. Dieſe ſind I. ſolche Thatſachen,
die als Folgen eines Verbrechens mit demſel-
ben in einem phyſiſchen Zuſammenhange
ſtehen.
Es iſt daher 1) ein Indicium, wenn ſich
an einer Perſon oder an einer mit der Perſon
im Verhältniſs ſtehenden Sache, Veränderun-
gen
[465]V. d. Gründ. d. Vermuth. oder von Indicien.
gen zeigen, welche die Wirkungen eines be-
ſtimmten Verbrechens ſeyn können. Blutige
Kleider oder Waffen können Anzeigungen
der Tödtung ſeyn *). 2) Wenn eine Perſon
Sachen beſitzt oder beſeſſen hat, deren Beſitz
entweder an ſich **) oder wegen der Art des
Beſitzes ***), oder der Lage des Beſitzers ****)
aus einem beſtimmten Verbrechen erklärbar iſt.
Unter den Indicien der zweyten Claſſe
(§. 583.) ſind II. ſolche Thatſachen enthalten,
die als Folgen eines Verbrechens mit dem-
ſelben in einem pſychologiſchen Zuſammen-
hange ſtehen. Es finden ſich keine andere
Indicien dieſer Art, als ſolche, die auf das
Bewuſtſeyn der begangenen That ſelbſt ſchlie-
ſsen laſſen. Sie theilen ſich in Indicien, wel-
che das Bewuſtſeyn des Urhebers ſelbſt, und
in ſolche, welche das Bewuſtſeyn eines dritten
von der That, erkennen laſſen.
1) Die Anzeigungen, welche auf das Be-
wuſtſeyn eines Subjects als Selbſt-Urhebers
der That, ſchlieſsen laſſen, ſind a) das Ge-
ſtänd-
G g
[466]III. Buch. I. Titel. I. Abſchn. II. Abth.
ſtändniſs einer Perſon, daſs ſie ein Verbrechen
begangen habe, vorausgeſetzt, daſs daſſelbe
nicht die Eigenſchaften hat, welche juridi-
ſche Gewiſsheit begründen *). b) Unabſicht-
liche Handlungen oder Unterlaſſungen, welche
Zeichen eines böſen Bewuſtſeyns ſind. Ver-
wirrungsvolles Betragen, Erblaſſen, ſtottern-
de Antworten, ſelbſt bloſses Stillſchweigen
und ungewöhnliche äuſsere Unthätigkeit bey
Verbrechen, die den Verdächtigen beſonders in-
tereſſiren müſsten. c) Abſichtliche Handlungen,
die zur Abwendung der Folgen dienen, welche
durch die Geſetze an Uebertretungen geknüpft
ſind, Flucht **), verſuchte Verhinderung der
öffentlichen auf Verfolgung des Verbrechens
gerichteten Handlungen, durch Beſtechung,
Gewalt u. ſ. w.
2) Als Anzeigung, welche das Bewuſt-
ſeyn eines dritten von der That erkennen läſst,
kommt beſonders die Auſſage von Zeugen in
Betrachtung, vorausgeſetzt, daſs dieſelbe
nicht die Eigenſchaften eines vollen Beweiſes
hat ***). Die Auſſage eines Mitſchuldigen als
Zeugniſs, iſt zwar von geringerem Gewicht,
gilt aber an ſich als Grund der Vermu-
thung ****). Eben ſo die Ausſage des Belei-
digten †).
Die Stärke oder Schwäche der Indicien
hängt ab: A) von dem Verhältniſs derſelben
zu den entgegenſtehenden Gegenindicien. Es
gilt demnach die Regel: je mehr Gründe dem
Indicium entgegenſtehen, deſto mehr wird es ge-
ſchwächt; je weniger ihm entgegenſtehen, deſto
gröſser iſt die Vermuthung*). Dieſe Grund-
regel beſtimmt ſowohl die Beurtheilung ein-
zelner Indicien als auch die Beurtheilung
concurrirender Indicien.
Die Gegenindicien können doppelter Art
ſeyn: 1) directe Gründe der Vermuthung des
Gegentheils von demjenigen, was aus den
Anzeigungen geſchloſſen worden iſt — Con-
tradictoriſche Gegenindicien. Dieſe beſtehen in
erwieſenen oder wahrſcheinlichen Thatſachen,
welche auf das Gegentheil ſchlieſsen laſſen **).
2) Indirecte Gründe, d. i. ſolche, welche
die Möglichkeit des entgegengeſetzten Schluſſes
begründen, es alſo unmöglich machen, aus-
ſchlieſsend und nothwendig von der gegebenen
G gThat-
[468]III. Buch. I. Titel. I. Abſchn. II. Abtheil.
Thatſache auf das Verbrechen oder den
Urheber zu ſchlieſsen — Conträre Gegenin-
dicien*).
Das Verhältniſs der Indicien zu den Ge-
genindicien begründet nach der Regel des
(§. 588.) zwey Hauptſtufen des Verdachts:
I. der gröſste Verdacht iſt vorhanden, wenn in
den Indicien mehr Grund für die aus ihnen abge-
leitete Thatſache enthalten iſt, als in den Gegen-
indicien, für das Gegentheil, dieſe alſo geringer
ſind, als jene. In dieſem Falle machen In-
dicien einen halben Beweis, der alſo mit der
Wahrſcheinlichkeit (§. 573) eintritt. Es iſt dies
der Fall: 1) wenn die Contradictoriſ[c]hen Ge-
genindicien, geringer ſind **), 2) bey conträren
Indicien, wenn ſich die gegebene Thatſache
auch aus andern Urſachen, als aus dem Ver-
brechen, oder das Verbrechen aus andern
Gründen, als aus den gegebenen gravirenden
That-
[469]V. d. Gründ. d. Vermuth. oder von d. Indicien.
Thatſachen erklären läſst, allein mehr Gründe
vorhanden ſind zum Schluſs auf das Verbre-
chen oder die beſtimmte Perſon, als Urhebe-
rin deſſelben *).
II. Ein Indicium bewirkt nur entfernten Ver-
dacht, wenn die in demſelben enthaltenen
Gründe den Gegengründen gleich ſind, wenn
alſo dem Indicium ein gleiches contradictori-
ſches Gegenindicium entgegenſteht **), oder
nicht mehr Gründe da ſind, um aus der gege-
benen Thatſache auf das Verbrechen, als auf
das Gegentheil zu ſchlieſsen ***).
B. Hängt die Stärke der Indicien von dem
Beweis derſelben ab. Nämlich I. ein Indicium
kann den, aus ihm an ſich hervorgehenden Grad
des Verdachts, nur dann begründen, wenn es
ſelbſt vollſtändig erwieſen iſt. II. Iſt das Indi-
cium nicht vollſtändig erwieſen, ſo ſinkt der,
aus demſelben an ſich hervorgehende Verdacht,
um ſo viel, als an dem vollen Beweis der Anzei-
gung mangelt, Indicien, die, wenn ſie voll-
ſtändig erwieſen wären, einen nahen Verdacht
begründen würden, wirken nur entfernten
Verdacht, wenn ſie halb oder noch weniger
bewieſen ſind. — Die Regeln von den Indi-
cien gelten auch für die mittelbaren Indi-
cien.
Ein Indicium verliert alle Kraft: 1) wenn
eine Thatſache erwieſen iſt, aus welcher die
Unmöglichkeit der Begehung des Verbrechens
durch die gravirte Perſon erkannt wird, wo-
hin bey gewiſſen Verbrechen der Beweis der
Abweſenheit (la preuve de l’alibi) gehört;
2) wenn durch eine Thatſache der ganze Grund
der Anzeigung aufgehoben wird *); 3) wenn
die
***)
[471]Von d. Beweis u. d. Beweismitteln überh.
die Gegengründe das Indicium vollkommen
überwiegen, die Wahrſcheinlichkeit alſo auf
die Seite des Gegentheiſs tritt; 4 wenn die
Unwahrheit der gravirenden Thatſache ſelbſt
erwieſen iſt.
Beweis im weitern Sinn iſt der Inbegriff der
Gründe für die Wahrheit einer Thatſache. Im
engern Sinn, verſteht man den Inbegriff der
Gründe für die Wahrheit einer Thatſache, in
ſo ferne durch dieſelben eine volle Gewiſsheit
begründet wird. Es muſs dann in dem Inbe-
griff jener Gründe kein Grund mehr mangeln,
der die Wahrheit der Thatſache beſtimmt
(§. 572). Der Begriff Beweis, im weitern
Sinn genommen, macht eine Unterſchei-
dung in vollſtändigen und unvollſtändigen
Beweis (probatio plena — minus plena) mög-
lich. Der vollſtändige Beweis iſt durch den
Be-
[472]III. Buch. I. Titel. I. Abſchn. II. Abtheil.
Begriff von Beweis im engern Sinn beſtimmt;
der unvollſtändige ſetzt voraus, daſs
nicht alle Gründe für die Wahrheit der That-
ſache exiſtiren.
In Anſehung des Beweiſes in peinlichen
Sachen überhaupt gelten folgende Grundſätze:
I. ein vollſtändigerBeweis allein kann eine
verdammende oder vollkommen abſolvirende Sen-
tenz begründen. Dort muſs voller Beweis der
Schuld, hier voller Beweis der Unſchuld vor-
handen ſeyn *). II. Die volle juridiſche Ge-
wiſsheit der Schuld kann nur durch einennicht-
künſtlichenBeweis begründet werden**), ohne
Rück-
[473]Von d. Beweis u. d. Beweismitteln überh.
Rückſicht auf die Gröſse des Verbrechens *),
oder die Art der zuzuerkennenden Strafe **).
III. DieUnſchuldkann auch durch einen
vollſtändigen künſtlichenBeweis erwie-
ſen werden***), ſowohl wenn gar kein nicht-
künſtlicher Beweis der Schuld vorhanden iſt,
als auch, wenn ein nichtkünſtlicher, unvoll-
ſtändiger oder vollſtändiger Beweis, dem Be-
weis der Unſchuld entgegenſteht. Der Be-
weis der Schuld wird dann durch den Beweis
der Unſchuld aufgehoben.
Ein vollkommner künſtlicher Beweis ent-
ſteht aus einzelnen Gründen der Vermuthung.
Es wird hier eine Concurrenz mehrerer Ver-
muthungsgründe vorausgeſetzt, welche, nach
der Erfahrung, alle Gründe zur Wahrheit der
That-
**)
[474]III. Buch. I. Titel. I. Abſchn. II. Abheil.
Thatſache in ſich enthalten. Dieſes iſt der
Fall, wenn 1) gar kein directer Grund gegen
die angenommene Thatſache und auch 2) kein
beſtimmter (auch nur hypothetiſch anzuneh-
mender) Grund vorhanden iſt, der eine an-
dere zuſammenhängende Erklärungsart der
concurrirenden Thatſachen (Indicien oder Ge-
genindicien) möglich machte. *)
Die Beweismittel, aus welchen ein unkünſt-
licher Beweis hervorgeht, ſind 1) Ocularinſpec-
tion, 2) Zeugen, 3) Documente, 4) Ausſage des
Angeſchuldigten.
Ocularinſpection, Augenſchein iſt
die eigne Sinnenerkenntniſs des Richters von einer
die Ausübung der Strafgewalt beſtimmenden
Thatſache. Bey einer ſinnlicherkennbaren
That-
[475]Von d. einzelnen Beweismitteln insbeſondere.
Thatſache die um vollſtändig erkannt zu wer-
den, die Anwendung von Kunſtregeln vor-
ausſetzt, muſs der Richter unter Mitwirkung
beeidigter Kunſtverſtändigen, die Beſichtigung
vornehmen, wenn daraus juridiſche Gewiſsheit
entſtehen ſoll.
Eine Perſon, die ihre Erkenntniſs von einer,
eine andere Perſon betreffenden Thatſache ge-
richtlich erklärt, heiſst ein Zeuge. Die Grund-
ſätze von der Zuläſſigkeit und Gültigkeit der
Zeugen überhaupt, ſind auch hier vollkom-
men anwendbar *), nur mit dem Unterſchied,
daſs auch ungültige Zeugen abgehört werden
können, um dem Richter Stoff zum weitern
Nachforſchen zu geben, und daſs die Eides-
mündigkeit auf zwanzig Iahre feſtgeſetzt iſt **).
Zwey vereidete, über alle Einwendung
erhobene, Zeugen geben vollen Beweis für
eine jede Thatſache, die der Gegenſtand ihrer
einſtimmigen, durch eigne Sinnenerkenntniſs
begründeten, Ausſage iſt. Die Ausſage von
vier oder mehrern verdächtigen Zeugen kann
nie gegen einen Angeſchuldigten als voller
Beweis gelten, weil ein ſolcher Beweis ein
künſt-
[476]III. Buch. I. Titel. I. Abſchn. II. Abth.
künſtlicher Beweis aus Indicien ſeyn
würde (§. 595).
Durch Zeugen kann, auſſer andern That-
ſachen, vollſtändig bewieſen werden 1) der
Thatbeſtand des Verbrechens, wenn er mög-
licher und wirklicher Gegenſtand der Sinnen-
erkenntniſs der Zeugen war *), 2) das Subject
des Verbrechens, wenn er von den Zeugen,
durch eigne Sinnenerkenntniſs, als Thäter er-
kannt wurde.
Document (Inſtrument) iſt im weitern
Sinn jede Sache, welche durch Anſchauung un-
mittelbar die Exiſtenz eines Factums beweiſst. Im
engern Sinn verſteht man darunter das Werk
einer Perſon, in ſo ferne daraus unmittelbar eine
Thatſache erkannt werden kann**). Es giebt
ſchriftliche und nichtſchriftliche Documente.
Durch ein Document kann bewieſen wer-
den 1) der Thatbeſtand des Verbrechens, wenn
durch das Document die That ſelbſt begangen
wurde, 2) das Subject des Verbrechens mit
dem Verbrechen ſelbſt, wenn das Document
Thatbeſtand des Verbrechens und der Urheber
deſſelben gewiſs iſt, endlich 3) ein Indicium,
wenn die Anzeige eines Verbrechens den In-
halt deſſelben ausmacht.
Von dem Beweis der veritas documenti.
Iſt I. die Urkunde das corpus delicti ſelbſt,
und iſt die Wahrheit des Documents voll-
ſtändig erwieſen, ſo iſt das Verbrechen
ſelbſt und, daſs die beſtimmte Perſon Urhebe-
rin deſſelben ſey, vollſtändig bewieſen. II.
Iſt der Inhalt des Documents ein Indicium, ſo
hat es, wenn ſeine Wahrheit vollſtändig er-
wieſen iſt, zum Beweis des Verbrechens und
ſeines Urhebers, ſo viel Kraft, als das Indi-
cium, das ſeinen Gegenſtand ausmacht. Denn
nun iſt das Indicium vollſtändig erwieſen III.
Iſt die Wahrheit der Urkunde nicht vollſtändig
erwieſen, ſo kann ſie für das zu erweiſende
Verbrechen nie mehr als höchſtens einen hal-
ben Beweis begründen.
Unter Ausſage (noch nicht Bekenntniſs)
des Angeſchuldigten, iſt jede Erklärung ſeiner
Gedanken über eine, auf die Uebertretung ſich
beziehende Thatſache zu verſtehen. Sie zer-
fällt
[478]III. Buch. I. Titel. I. Abſchnitt. II. Abth.
fällt, nach Verſchiedenheit ihres Gegenſtandes
1) in das Bekenntniſs, Geſtändniſs
(conſeſſio), die eigne Erklärung des Verbrechers,
daſs er die ſtrafbare That begangen habe*) und
2) in die Ausſage ſchlechthin, wenn er ſich
über einen andern Umſtand erklärt.
Das Geſtändniſs iſt qualificirt, wenn es
durch einen Umſtand beſchränkt wird, der
alle, oder die ordentliche Strafe ausſchlieſst **).
Ihm ſteht das reine, unumwundene Geſtändniſs
entgegen
Confeſſio judicialis — extrajudicialis.
Die Ausſage eines Angeſchuldigten, wel-
che eine ihm vortheilhafte Thatſache zum Ge-
genſtande hat, kann als ſolche gar keine juridi-
ſche Glaubwürdigkeit haben. Wenn ſie aber
einen dem Angeſchuldigten nachtheiligen Um-
ſtand erklärt, dann kann ſie vollen Beweis be-
gründen Nur müſſen Gründe da ſeyn, an-
zunehmen: 1) daſs der Ausſage nicht eine
Täuſchung der Sinne oder ein Miſsgriff der
Urtheilskraft zum Grunde liege, 2) daſs der
Angeſchuldigte nicht, um die Strafe zu leiden,
oder
[479]Von d. einzelnen Beweismitteln insbeſondere.
oder aus andern Urſachen, wiſſentlich eine
ihm nachtheilige Ausſage thue.
Durch die Ausſage des Angeſchuldigten
kann erwieſen werden I. der Thatbeſtand des
Verbrechens, und zwar eines jeden Verbre-
chens *). Zur vollen Beweiskraft deſſelben
wird aber, (nach §. 607.) erfodert: 1) daſs ſich
eine vollſtändig befriedigende und erwieſene
Urſache zeigt, warum der Thatbeſtand des ge-
genwärtigen Verbrechens auf keine andere
Weiſe erkennbar iſt, 2) daſs ſonſt noch Gründe
vorhanden ſind, welche die Glaubwürdigkeit
der Ausſage beſtimmen. Dahin gehört: a)
es muſs der Angeſchuldigte die beſtimmten
Gründe der Erkenntniſs der ausgeſagten That-
ſachen und die einzelnen Merkmale derſelben
angeben, b) es muſs die Ausſage nicht mit
ſich ſelbſt und nicht c) mit andern erwieſenen
Thatſachen im Widerſpruche ſtehen **).
Der vorzüglichſte Gegenſtand der Ausſage
iſt II. das Subject der That [...] Die Ausſage, die
dann Bekenntniſs heiſst (§ 605.) ſetzt ebenfalls
gewiſſe
[480]III. Buch. I. Titel. I. Abſchnitt. II. Abth.
gewiſſe rechtliche Bedingungen voraus, wenn
ſie einen vollen Beweis begründen ſoll und
heiſst dann, wenn ſie alle dieſe Bedingungen
erfüllt, ein rechtsgültiges Bekenntniſs, (confeſ-
ſio legitima).
Ein rechtsgültiges Bekenntniſs (§. 609.) erfo-
dert 1) Gewiſsheit des Thatbeſtandes, dieſe Ge-
wiſsheit mag nun durch die Ausſagen (§. 608.)
oder durch andere Beweismittel beſtimmt ſeyn.
Es muſs 2) vor gehörigbeſetztem und compe-
tentem Gericht, 3) mit Bewuſstſeyn, frey und
ernſtlich, dabey auch 4) umſtändlich und 5)
ohne eine wahrſcheinliche Einſchränkung ab-
gelegt ſeyn, endlich aber 6) mit ſich ſelbſt und
andern erwieſenen Thatſachen zuſammenſtim-
men. Ein Bekenntniſs wirkt unter dieſen Be-
dingungen einen vollkommnen Beweis, auf
welchen jede Strafe erkannt werden kann.
Ein nicht rechtsgültiges Bekenntniſs kann nie
vollen Beweis wirken und zu keiner Art von
Strafe berechtigen.
Wenn der, durch Indicien gravirte Ange-
ſchuldigte, weder überführt, noch geſtändig
iſt, ſo tritt die Nothwendigkeit eines Mittels,
des Angeſchuldigten Geſtändniſs zu bewirken,
(medium eruendae veritatis ein. Das Geſtänd-
niſs kann bewirkt werden I. durch körperliche
Uebel — Tortur II. durch bloſse Vorſtellung
und intellectuelle Gefühle, 1) durch Ueberra-
ſchung — Confrontation, 2) durch Furcht
vor Uebeln und zwar a) durch die Furcht vor
gegenwärtigen körperlichen Schmerzen —
Territion, b) durch die Furcht vor göttli-
cher Strafe — Reinigungseid.
Es kann, wie aus der Natur der Sache
flieſst, auf kein medium eruendae veritatis er-
kannt werden, wenn nicht 1) die Exiſtenz des
Verbrechens an ſich gewiſs oder doch wahr-
ſcheinlich, und 2) die Perſon nicht durch zu-
H hrei-
[482]III. Buch. I. Titel. I. Abſchn. II. Abth.
reichende Indicien verdächtig iſt. Das Ver-
hältniſs der einzelnen Mittel die Wahrheit zu
erforſchen, hängt von der Regel ab: je ſchwe-
rer das Verbrechen iſt und je ſtärker die Indicien
gegen den Angeſchuldigten ſind, deſto härter
darf das medium eruendae veritatis ſeyn. Das
Mittel der Wahrheitserforſchung muſs immer
ein geringeres Uebel in ſich enthalten, als die
Strafe, die den Verbrecher nach vollkomm-
nem Beweiſe treffen würde.
Anm. Anwendung dieſer Regel auf die einzelnen
media er. veritat.
Erregung körperlicher Schmerzen kann
als Mittel, den Ungehorſam eines Angeſchul-
digten zu beugen, angewendet werden. Dies
iſt nicht eigentliche Tortur. Tortur, Mar-
ter, peinliche Frage, beſteht in der Er-
regung körperlicher Schmerzen, um eine beſtimm-
te Ausſage des Angeſchuldigten zu erpreſſen.
Die Vernunft verwirft ſie *), Geſetze haben ſie
ſanktionirt **), und der Gebrauch oder Parti-
kular-
[483]Von d. Mitt. ein Geſtändn. d. Verbr. zu bewirk.
kulargeſetze haben ſie entweder aufgehoben
oder gemildert.
Die Obſervanz nimmt drey Grade der
Tortur an. Die Beſtimmung derſelben iſt
aber verſchieden, nach den verſchiedenen
Territorien. Eben ſo wenig hat das gemeine
Recht die bey der Marter anzuwendenden In-
ſtrumente beſtimmt. Eine Stunde iſt nach der
Praxis die längſte Dauer der Tortur *).
Wenn der Angeſchuldigte, ohne zu be-
kennen, die Marter überſteht, ſo werden alle
Indicien getilgt und er iſt juridiſch für unſchul-
dig zu halten **). Geſteht er nachher dennoch,
ſo kann er geſtraft werden ***).
Die während des Folterns gethane Ausſage
iſt ohne alles Gewicht. Der Angeſchuldigte
darf daher in dieſer Zeit nicht ſpeciell gefragt,
H h 2und
[484]III. Buch. I. Titel. I. Abſchnitt. II. Abth.
und ſeine Ausſage darf nicht zu Protocoll ge-
nommen werden *). Erſt diejenige Ausſage
gilt, die er thut, wenn die Marter nachgelaſ-
ſen worden iſt. Doch wird zur juridiſchen
Glaubwürdigkeit dieſer erpreſsten Ausſage
erfodert: 1) daſs ſie umſtändlich iſt und ſolche
Thatſachen enthält, die nicht leicht ein Un-
ſchuldiger wiſſen kann **), 2) daſs ſich die Wahr-
heit der angegebenen einzelnen Umſtände ent-
weder aus andern Gründen beſtätigt, oder doch
keine ihr entgegenſtehenden Gründe vorhan-
den ſind ***), 3) daſs der Verbrecher frey von
der Marter und von der Furcht derſelben ſeine
Ausſage ratificirt.
Die Ratification des gleich nach der Mar-
ter abgelegten Geſtändniſſes, heiſst die Ur-
gicht†). Sie muſs zwey oder drey Tage
nach der Tortur, vor einem gehörig beſetzten
Criminalgericht, in Abweſenheit des Peini-
gers und an einem von der Marterkammer ver-
ſchiedenen Ort geſchehen ††). Das ratificirte
Ge-
[485]Von d. Mitt. ein Geſtändn. d. Verbr. zu bewirk.
Geſtändniſs kann nicht widerrufen werden,
ſondern ihm folgt die verdiente Strafe *).
Anm. Gründe zur Wiederholung der Tortur. P. G.
O. Art. 55. 57.
Die Territion, eine Erfindung der Pra-
xis, beſteht in der lebhaft erregten Furcht vor
der Tortur und wird in die reelle und wörtliche
Territion eingetheilt. Dort wird der Be-
ſchuldigte angegriffen und die Marterinſtru-
mente werden ihm, jedoch ohne Schmerzen,
angelegt; hier ſoll ihm blos durch Vorzei-
gung der Inſtrumente, nebſt wörtlicher Dro-
hung, Furcht erweckt werden.
Die Confrontation überhaupt iſt die
gerichtliche Handlung, wodurch zwey, in ihren
Ausſagen von einander abweichende Perſonen,
einander unter die Augen geſtellt werden, damit
ſie über den ſtreitigen Satz ſich bereden**). Die
Confrontation in dieſer weitern Bedeutung
kann angeſtellt werden 1) zwiſchen Mitſchul-
digen,
[486]III. Buch. I. Titel. I. Abſchn. II. Abth.
digen, 2) zwiſchen Zeugen und 3) zwiſchen
Zeugen und Angeſchuldigten.
Canfrontant — Confrontat.
Der Zweck der Confrontation kann ſeyn,
1) einen bloſsen Zweifel des Richters, der aus
dem Widerſpruch verſchiedener Ausſagen
entſtanden iſt, dadurch aufzuheben, daſs lich
die Diſſentirenden gegenſeitig verſtändigen.
2) Der Hauptzweck derſelben iſt, einen Läug-
nenden dadurch, daſs ein anderer ihm die
Wahrheit unter die Augen ſagt, zu überra-
ſchen, in ihm das lebhafte Gefühl der Schuld
zu erregen und ihn dadurch zum Geſtändniſs
zu nöthigen. Die Gegenſtellung zu dieſem
Zweck iſt die Confrontation im engern
Sinn, welche eigentliches medium eruendae ve-
ritatis iſt. Es kann dieſe, ihrer Natur nach
blos zwiſchen Mitſchuldigen, und zwiſchen
Zeugen und dem Angeſchuldigten, eintreten.
Der Reinigungseid (jur. purg. tor-
tura ſpiritualis, purgatio canonica) iſt die von
dem Verdächtigen abgelegte eidliche Verſiche-
rung ſeiner Unſchuld*). Die Auferlegung
deſſelben
[487]Von d. Mitt. ein Geſtändn. d. Verbr. zu bewirk.
deſſelben hat Erpreſſung des Bekenntniſſes
durch die Furcht vor den göttlichen Strafen
des Meineids zum Zweck. Auf die von den
Geſetzen beſtimmte Art iſt er nicht mehr im
Gebrauch. Die Sollennitäten, welche ſchick-
lich mit demſelben verbunden werden, und
beſonders auf lebhafte Erweckung des Gewiſ-
ſens und der Phantaſie abzwecken, muſs
die Gewohnheit eines jeden Orts beſtimmen.
Die Abſchwörung des Reinigungseides tilgt
die Indicien, die dem Angeſchuldigten entge-
genſtanden. Verweigert er den Eid bey einem
geringeren Verbrechen, ſo wird er für über-
wieſen gehalten *); die Verweigerung des Ei-
des bey Capitalverbrechen erhöht die vorhan-
denen Indicien, ſo daſs nun auf Tortur erkannt
werden kann. Daſs eine auſſerordentliche
Strafe in dieſem Falle angewendet werden
dürfe, kann nicht erwieſen werden.
In jedem Criminalproceſs kommen noth-
wendig vier verſchiedene Arten von Handlun-
gen, als Theile des Proceſſes vor. Dieſe ſind:
I. die Unterſuchung; II. die Beweisführung;
III. die Defenſion; IV. die Sentenz.
Die Unterſuchung beſteht in dem In-
begriff von Handlungen, durch welche der
R[ichter] die Thatſachen aufſucht, von welchen
die Anwendung oder Nichtanwendung von Straf-
geſetzen abhängt Die Unterſuchung iſt ſo-
wohl auf die Schuld, als auf die Unſchuld
gerichtet.
Es giebt nothwendig zwey Hauptobjecte
einer jeden Criminalunterſuchung: I. Die
Exiſtenz einer Uebertretung an ſich — Berich-
tigung des Thatbeſtandes. Dieſe Un-
terſuchung beantwortet drey Fragen: 1) iſt
ein Verbrechen begangen worden? 2) welches
Verbrechen iſt begangen worden? 3) welches
ſind die beſondern Umſtände, unter welchen
es begangen worden iſt? II. Das Subject der
Uebertretung. Hier beantwortet ſie die Fragen:
1) wer iſt der Urheber des Verbrechens? 2) Con-
curriren Gehülfen und welches ſind dieſe?
Nach Verſchiedenheit der Verbrechen iſt
entweder I. die Unterſuchung des Thatbeſtan-
des von der Unterſuchung des Subjects ge-
trennt, oder II. beyde ſind in einer und der-
ſelben Handlung nothwendig verbunden.
Dieſes iſt der Fall, wenn die Wahrſcheinlich-
keit oder Gewiſsheit des Verbrechens durch
dieſelben Gründe beſtimmt wird, welche die
Wahrſcheinlichkeit oder Gewiſsheit der Per-
ſon des Uebertreters begründen *); jenes,
unter der entgegengeſetzten Bedingung, wel-
che nur eintreten kann 1) bey ſolchen Ver-
brechen, zu deren Thatbeſtand ein beſtimm-
ter äuſſerlich erkennbarer Effect gehört, der
auch jetzt noch wirklich exiſtirt **), 2) bey
ſol-
[490]III. Buch. I. Titel. II. Abſchn. I. Abth.
ſolchen, die zwar an ſich keine ſinnlich er-
kennbare Wirkung zu ihrem Begriff erfodern,
aber doch zufällig eine Thatſache zurückge-
laſſen haben, aus der man auf die, den That-
beſtand ausmachende, vorübergegangene
Handlung ſchlieſsen kann *).
A. Die Unterſuchung des Thatbe-
ſtandes kann, nach Verſchiedenheit der
Fälle, verſchieden ſeyn. Sie kann geſchehen
I. durch ſinnliche Erkenntniſs (Ocularinſpection)
welche vorausſetzt, daſs entweder eine ſinn-
lich erkennbare bleibende Thatſache, welche
zum Thatbeſtande gehört, oder doch auf den-
ſelben ſchlieſsen läſst, objectiv erkennbar**)
vorhanden iſt.
Am nothwendigſten iſt die Berichtigung
des Thatbeſtandes durch ſinnliche Erkenntniſs
bey der Tödung. Hier heiſst die Ocularin-
ſpection Leichenſchau und, weil nicht
blos
[491]Von der Unterſuchung.
blos äuſſere Beſichtigung hinreichend, ſon-
dern auch Unterſuchung der innern Theile
nothwendig iſt, Legal-Section*). Sie
muſs geſchehen von einem oder mehrern beei-
digten Aerzten oder Wundärzten in Gegen-
wart des Richters, des Actuars und zweyer
Schöppen.
P. G. O. Art. 147. 149.
Noch iſt ſinnliche Erforſchung des That-
beſtandes möglich: 1) bey der Brandſtiftung,
2) bey dem Diebſtahl und zwar a) bey dem
nicht gefährlichen Diebſtahl, wenn die Sache
ſelbſt gefunden wird, und ſich aus ſinnlich
erkennbaren Thatſachen ergiebt, daſs ſie
rechtswidrig aus dem Beſitz gekommen ſey;
b) bey dem gefährlichen, wenn ſolche Spuren
ſich zeigen, welche entweder die Handlung
des Einbrechens, oder des Einſteigens oder
des Gebrauchs der Waffen zu erkennen geben;
3) bey der Fälſchung, wenn die verfälſchte
Sache exiſtirt, welches auch auf die Münzfäl-
ſchung anzuwenden iſt; 4) bey Fleiſchesver-
brechen, wenn Schwangerſchaft erfolgt iſt; 5)
bey
[492]III. Buch. I. Titel. II. Abſchn. I. Abth.
5) bey der Nothzucht, wenn Zeichen angewen-
deter Gewalt vorhanden ſind, beſonders an den
Geſchlechtstheilen der Perſon.
II. Auf rationelle Art wird der Thatbe-
ſtand in dem Falle ausgemittelt, wenn die
Kenntniſs deſſelben durch keine von dem Ver-
brechen ſelbſt bewirkte Thatſache begründet
wird. Es geſchieht dann dieſe Unterſuchung,
wenn der Richter durch Zeugen, durch die
Ausſage des Thäters oder durch Urkunden die
Kenntniſs von dem Verbrechen ſelbſt oder von
Anzeigungen deſſelben zu erhalten ſucht. Die
ſinnliche Erforſchung des Thatbeſtandes geht
der rationellen Erforſchung vor und darf nicht
verſäumt werden.
B. Unterſuchung des Subjects
der That. Sie kann geſchehen I) durch
ſinnliche Erkenntniſs, beſonders in wie ferne
der Richter durch ſie zur Kenntniſs von Indi-
cien des Urhebers zu gelangen ſucht, wie es
bey der Hausſuchung geſchehen kann.
II) Auf rationelle Art durch Aufſuchung und
Befragung von Zeugen, durch Aufſuchung
und Einſicht von Urkunden, beſonders aber
durch Befragung des ſchon verdächtigen Ur-
hebers ſelbſt *).
Die Beweisführungiſt die förmliche
Darſtellung der Gründe für die Wahrheit gewiſ-
ſer Thatſache, vor Gericht. Es unterſcheidet
ſich die Beweisführung im peinlichen Proceſſe
vorzüglich dadurch, daſs hier die im Civil-
proceſſe geſetzlichen Förmlichkeiten und Fa-
talien nicht anwendbar ſind. Nur das muſs
beobachtet werden, was auf die Gewiſsheit
ſelbſt, unmittelbaren oder entfernten Einfluſs
hat *).
Die Beweisführung durch Zeugen ge-
ſchieht durch Befragung derſelben über Arti-
kel, welche aber nicht ſuggeſtiv ſeyn dürfen
und ſich nicht, wie im Civilproceſs, mit: wahr
anfangen. Der Beklagte hat das Recht den
Zeugen Interrogatorien vorzulegen, welches
von allen Arten des peinlichen Proceſſes gilt,
aber doch nur im Accuſationsproceſs abſolut-
noth-
[494]III. Buch. I. Titel. II. Abſchn. III. Abth.
nothwendig iſt *). Bey Widerſprüchen der
Zeugen unter ſich oder mit dem Angeſculdig-
ten tritt die Confrontation zur Ausgleichung
dieſer Widerſprüche ein.
Io. Dav. Thönnickeradvocatus prudeus in foro
criminali etc. Chemn. et Lipſ. 1720. 4.
I. C. KochAnleitung zu Defenſionsſchriften. ate Aufl.
Gieſſen 1779.
Alex. OckhartAnweiſung zu Vertheidigungsſchriften
Leipz. 1780.
Die Defenſionüberhaupt beſteht in der
Darſtellung von Rechtsgründen zur Abwen-
dung einer dem Angeſchuldigten nachtheiligen
gerichtlichen Handlung. Sie iſt in allen Pro-
ceſsarten, bey allen Verbrechen nothwendig
und zwar ſo, daſs der Richter ſelbſt zur Aufſu-
chung der Gründe der Verantwortung ver-
pflichtet iſt, wenn der Angeſchuldigte ſich
nicht vertheidigen wollte, oder nicht könnte
aus Geiſtesſchwäche **).
Die Defenſionim engern Sinn, (förm-
liche Defenſion) beſteht in der Darſtellung und
Ausführung dieſer Rechtsgründe durch einen
Rechtsverſtändigen Advokaten (Defenſor).
Dieſe iſt nach den Geſetzen nie nothwendig,
ſondern es iſt der Angeſchuldigte nur berech-
tigt, eine ſolche Vertheidigung zur Abwen-
dung oder Milderung der Strafe zu verlangen *).
Die Praxis aber nimmt an: 1) daſs bey Ver-
brechen, auf denen eine Leibes- oder Lebens-
ſtrafe ſteht, gegen alle Arten präjudicirlicher
gerichtlicher Handlungen ein Defenſor zu
verſtatten, und 2) eine förmliche Defenſion
zur Abwendung oder Milderung der Strafe
und zur Abwendung oder Milderung der
Tortur, nothwendig ſey **).
Den Stoff zur Defenſionsſchrift liefern
1) die Akten, die daher dem Defenſor und
zwar im Original mitgetheilt werden müſſen.
Dazu dient 2) die Unterredung mit dem In-
quiſiten, die, wenn nicht beſondere Gründe
des Verdachts zu Colluſionen vorhanden ſind,
ohne Beyſeyn von Gerichtsperſonen verſtattet
wer-
[496]III. Buch. I. Titel. II. Abſchn. IV. Abth.
werden muſs *): 3) die Abhörung von Defenſi-
onalzeugen und die Aufſuchung andrer Be-
weismittel für die, dem Angeſchuldigten
vortheilhaften Thatſachen.
Criminalurtheil iſt jede Entſcheidung
des competenten Richters in einer Criminalſache.
Es zerfällt 1) in das Endurtheil (ſent defini-
tiua) welches die Nothwendigkeit der An-
wendung oder Nichtanwendung des Strafge-
ſetzes erklärt, 2) in das Interlocut (ſent.
interloc.), durch welches nur das Endurtheil
vorbereitet werden ſoll.
Wenn das Endurtheil 1) die Nothwen-
digkeit der Anwendung eines Strafgeſetzes
erklärt, ſo heiſst es verdammendes Urtheil
(ſent. condemn), wenn es aber 2) die Noth-
wendigkeit der Nichtanwendung deſſelben
erklärt, ſo iſt es losſprechendes Urtheil (ſent.
abſol). Dieſes kann a) den Angeſchuldigten
ſchlechthin für unſchuldig erklären (ſentent.
abſolut. ſtr. ſ. d. ſeu a tota cauſa), oder es
kann b) nur die Nothwendigkeit erklären,
für jetzt gegen den Angeſchuldigten kein
Verdammungsurtheil zu fällen (ſent. ſec. quid
abſol. ſ. abſol. ab inſtantia) *).
Die condemnatoriſche Sentenz ſetzt vollen
juridiſchen Beweis der Schuld; die ſchlechthin
abſolutoriſche Sentenz volle juridiſche Gewiſs-
heit der Unſchuld; die Abſolution von der in-
ſtanz, Ungewiſsheit der Schuld und der Un-
ſchuld voraus. Das letzte findet daher ſtatt,
1) wenn Indicien da ſind, aber kein Beweis
der Schuld vorhanden und auch 2) gegen-
wärtig nicht zu hoffen iſt. Sie vertritt mit Recht
öfters die Stelle eines Mittels die Wahrheit
zu erforſchen, beſonders aber des Reinigungs-
eides.
Die ſchlechthin abſolutoriſche Sentenz,
wenn ſie nicht mit abſoluter Nichtigkeit be-
haftet iſt, tilgt für immer die bisher vorhande-
nen Indicien und nur, wenn neue Indicien
ſich zeigen, kann ein neuer Proceſs, jedoch
ganz getrennt von dem vorhergehenden, wie-
der angefangen werden. Die Abſolution von
der Inſtanz ſuspendirt nur den Proceſs, der,
wenn ſich mit den alten Indicien neue ver-
binden und nun Hoffnung eines vollen Be-
weiſes eintritt, wieder aufgenommen werden
kann.
Anm. Mündlich von der Rechtskraft peinlicher Ur-
theile. C. C. Stübelpr. de opinione vulgari, ſen-
tentias abſolutorias in proceſſu inquiſitorio, ſimulac cum
reo communicatae ſint, in rem judicatam tranſire, e ju-
risprudentia criminali eliminanda. Wittenb. 1798.
Beſonders Kleinſchrodüber die Rechtsſtrafe pein-
licher Urtheile. ImArchiv, II. Bd. 3. Stück Nr. 2.
Da in der richterlichen Gewalt das Recht
der Entſcheidung enthalten iſt; ſo hat auch
jedes peinliche Gericht das Recht, alle Arten
von Criminalurtheilen zu fällen, vorausge-
ſetzt, daſs daſſelbe mit der gehörigen Anzahl
rechtsverſtändiger Beyſitzer beſetzt iſt. Nur
in zweifelhaften Fällen oder wenn der Ange-
ſchuldigte es verlangt und kein Verdacht der
Chikane eintritt, ſoll es bey ſeinem Oberhof,
oder einem höchſten Landescollegium, oder
einer
[499]Von der Sentenz.
einer Univerſität ein Urtheil verlangen *).
Nach der Praxis muſs jedes niedere Gericht
bey ſchweren Verbrechen und in Anſehung
beſonders präjudicirlicher gerichtlicher Hand-
lungen, entweder bey einem höhern Colle-
gium oder von einer Univerſität ein Urtheil
einholen **).
Anm. Von der Art der Verſchickung und den dabey
vorkommenden Rech [...]sſatzen.
Das gefällte oder eingegangene Urtheil muſs
dem Delinquenten publicirt werden ***).
Be[y] verdammenden Urtheilen geſchieht die
Publication in Gegenwart des Defenſors, in
Fällen, wo eine förmliche Defenſion ſtatt
gefunden hat. Nie darf der Richter eine ein-
gegangene Sentenz aus eignem Gutdünken
unterdrücken †).
Intimatio ſententiae.
Gegen eine Sentenz hat der Angeſchul-
digte folgende Rechtsmittel I. die Appellation,
ſowohl im Accuſations ‒ als Inquiſitions-
proceſs *), aber nur an die höhern Landes-
collegien, nie, in eigentlich peinlichen Sachen,
an die höchſten Reichsgerichte **). II. Die
Nichtigkeitsbeſchwerde (rem. nullitatis), die bey
den höhern Landes- und bey den höchſten
Reichsgerichten angebracht werden kann.
III. Die weitere Vertheidigung, welche an
vielen Orten die Stelle der Appellation ver-
tritt und in Capital-Sachen ſelbſt bis zum
viertenmal verſtattet wird.
Supplication an dem Landesberrn.
Der Publication der Sentenz folgt die
Execution. Die Execution der abſolutoriſchen
Sentenz, wie auch geringerer Strafen, ge-
ſchieht gleich nach der Publication, wenn
ſich nicht, beſonders in Anſehung der letzten,
rechtliche Gründe des Aufſchubs zeigen
(§. 166.
[501]Von der Sentenz.
(§. 166). Eine Capitalſtrafe aber muſs wenig-
ſtens drey Tage vor der Execution dem Miſſe-
thäter bekannt gemacht werden *).
Der wirklichen Hinrichtung geht das
Hochnothpeinliche Halsgericht vorher, wo dem
Verbrecher, unter langweiligen Sollemni-
täten, das Urtheil feyerlich publicirt und
der Staab gebrochen wird **). Widerruft der
Verbrecher ſein Bekenntniſs vor dem hoch-
nothpeinlichen Halsgericht oder auf dem
Richtplatz, ſo muſs er, wenn er auch keine
Gründe anführt, zurückgebracht und ihm eine
weitere Defenſion verſtattet werden ***).
Ioh. Brunnemanntractatus de inquiſitionis proceſſu
ed. emendata Frcf. et Lipſ. 1732. (damit ſind zu ver-
binden: Annotationes adBrunnemannitracta-
tum etc. Frcf. et Lipſ. 1747.) 4.
Chr. Iac. Heiljudex et defenſor in proceſſu inquiſi-
tionis. Lipſ. 1717. 4.
Chr. Gotth. Hübnerprincipia proceſſus inquiſitorii etc.
Lipſ. 1799. 8.
Der Richter iſt hier als dreyfache Perſon zu
betrachten, als Repräſentant des beleidigten
Staats, indem er an deſſen Statt die Rechte
aus Strafgeſetzen verfolgen muſs; als Reprä-
ſentant des Angeſchuldigten, indem er alles,
was die Schuldloſigkeit oder die geringere
Strafbarkeit deſſelben begründen kann, auf-
ſuchen und darſtellen muſs, und endlich als
Richter, in wie ferne er das Gegebene zu
beurtheilen und zu entſcheiden hat.
Ehe ein Menſch als wirklicher Verbrecher
behandelt werden kann, wird er als Verdäch-
tiger behandelt, weil der Verdammung noth-
wendig die Unterſuchung gegen eine be-
ſtimmte (alſo verdächtige Perſon vorangehen
muſs. Ehe aber ein Menſch als verdächtig
behandelt werden kann, müſſen Gründe des
Verdachts und Gründe für die Exiſtenz des
Verbrechens überhaupt vorhanden ſeyn: das
letzte, weil ſonſt aller Grund zum Criminal-
proceſs hinwegfällt, das erſte, weil ſonſt das
richterliche Verfahren eine Läſion enthalten
würde. Der Inquiſitionsproceſs wird daher
durch die Generalinquiſition eröffnet,
worin der Richter die Gründe für die Exiſtenz des
Verbrechens überhaupt und des Verdachts gegen
ein beſtimmtes Subject der That aufſucht. Sie
bereitet die Specialinquiſition vor, in
welcher der Richter gegen den als verdächtig be-
handelten einen vollen Beweis der Schuld oder der
Unſchuld zu begründen ſucht*).
Zur Generalunterſuchung muſs der Rich-
ter erſt veranlaſst werden. Dieſe Veranlaſ-
ſung
[504]III. Buch. II. Titel. I. Abſchn.
ſung heiſst das Fundament der Unter-
ſuchung und beſteht aus den Datis, aus
welchen der Richter die Nothwendigkeit
erkennt, eine Unterſuchung anzufangen.
Dieſe Nothwendigkeit erkennt der Richter 1)
wenn er unmittelbar von dem Verbrechen
ſelbſt oder deſſen Urheber Kenntniſs erhält, 2)
wenn er Indicia eines Verbrechens oder des
Urhebers erfährt. Dieſe Objecte der Erkennt-
niſs kann man das unmittelbare Fundament der
Unterſ. nennen. Zur Erkenntniſs jener Ob-
jecte kann der Richter geiangen, 1)
durch eigne Erfahrung, 2) durch die Angabe
des Thäters ſelbſt, 3) durch Denunciation eines
Dritten und endlich 4) durch das öffentliche
Gerücht und die Notorietät*). Dieſe Mittel
zur Erkenntniſs des unmittelbaren Funda-
ments kann man das mittelbare Fundament
nennen.
Mündlich von dem Denuncianten — deſſen Pflichten u. ſ. w.
Wenn eine ſolche Veranlaſſungsurſache
eingetreten iſt, ſo beſteht das erſte Geſchäft
des Richters darin, daſs er dieſe Urſache ſelbſt
und ihr Gewicht unterſucht. Giebt ſich der
Thä-
*)
[505]Von dem inquiſitoriſchen Proceſs.
Thäter ſelbſt an, ſo muſs er unterſuchen, ob
ſein Angeben Wahrſcheinlichkeit habe, ob er
mit Bewuſstſeyn und mit geſundem Verſtand
ſich ſelber denuncire. Die Glaubwürdigkeit
des Denuncianten muſs er erforſchen, ſo wie
den Grund ſeiner Wiſſenſchaft. Bey dem öf-
fentlichen Gerücht muſs er ſich beſonders nach
der Quelle deſſelben erkundigen — Findet
er nun dieſe Urſachen nichtig, ſo iſt alles wei-
tere Inquiriren ausgeſchloſſen. Im entgegen-
geſetzten Fall geht die Unterſuchung fort.
Das Fundament d. Unt. muſs zu Protocoll ge-
nommen werden.
Hat nun das Verbrechen Spuren zurück-
gelaſſen, ſo muſs dieſe, ſobald wie möglich,
der Richter aufſuchen und durch ſinnliche
Erkenntniſs den Thatbeſtand des Verbrechens
an ſich, zu berichtigen ſuchen (§. 625. ff). Die
Erforſchung des Urhebers (§. 631.) und der
zum Anfang der Specialinquiſition hinreichen-
den Indicien gegen denſelben iſt das zweyte
Geſchäft. Er muſs daher beſonders nach Zeu-
gen forſchen und dieſe Zeugen abhören, wel-
che aber hier nicht über Artikel vernommen,
gewöhnlich auch nicht vereidet werden *).
Hat er Muthmaſsung oder ſchon entfernten
Verdacht gegen eine Perſon, ſo darf er ſie dar-
um nicht den Zeugen nennen; aber erlaubt
iſt es ihm, ſie als Zeuge mit zu vernehmen,
damit ſie ſich vielleicht durch ihre Ausſagen
noch
[506]III. Buch. II. Titel. I. Abſchn.
noch mehr verdächtig mache. Auch iſt er
verpflichtet, ſie im Stillen beobachten zu laſ-
ſen, damit ſie ſich der künftigen Specialunter-
ſuchung nicht entziehen können Wenn ſich
die Zeugen in weſentlichen Punkten, von de-
nen der Anfang der Specialinquiſition ab-
hängt, widerſprechen, ſo müſſen ſie jetzt ſchon
confrontirt werden.
Es kann oft mit der bloſsen Unterſuchung
der Glaubwürdigkeit des Fundaments die Ge-
neralunterſuchung beendigt ſeyn, wenn näm-
lich in dem Fundament der Unterſuchung
ſelbſt ſchon hinreichende Gründe für die Exi-
ſtenz der That und des Verdachts gegen eine
Perſon enthalten ſind *). Wo dieſes nicht iſt,
da iſt die Aufſuchung und Erforſchung dieſer
Gründe das Hauptgeſchäft der Generalinqui-
ſition.
Wenn hinreichende Verdachtsgründe ge-
gen eine Perſon vorhanden ſind, ſo
folgt die Specialinquiſition, deren An-
fang ſogleich anzunehmen iſt, als der Richter
durch eine wirkliche Handlung eine beſtimmte
Perſon für verdächtig erklärt. Wenn daher
der
[507]Von dem inquiſitoriſchen Proceſs.
der Richter eine Perſon, als des Verbrechens
verdächtig, öffentlich ſeiner richterlichen Ge-
walt zu unterwerfen ſucht, wenn er ſie citirt,
Steckbriefe erläſst, incarcerirt etc. §. 554 ff)
ſo iſt hiemit die Specialinquiſition eröffnet.
Der eigentliche Zweck der Specialinqui-
ſition iſt, vollkommner Beweis der Schuld
oder der Unſchuld (§. 647.). Das Hauptge-
ſchäft derſelben iſt daher: I) das Verhör des
Angeſchuldigten, II) die Aufſuchung und
Darſtellung ſolcher Beweismittel, welche ent-
weder an ſich vollen Beweis der Schuld be-
gründen, oder dazu dienen, durch Vorhal-
tung den Verdächtigen zum Geſtändniſſe zu
bringen oder auch ihn zu vertheidi-
gen.
Der Zweck eines jeden peinlichen Ver-
hörs iſt: 1) durch Befragung des Verdächtigen
das Geſtändniſs ſeiner Schuld zu bewirken, 2)
durch ſeine Antworten andere Beweismittel
gegen ihn zu entdecken und endlich 3) die
Thatſachen zu erfahren, auf welche er ſeine
Verantwortung ſtützen kann *).
Die Fragen des Richters dürfen daher: 1)
nicht captiös d. h. von der Art ſeyn, daſs
der Angeſchuldigte durch ſeine Antwort auch
ohne ſeine Abſicht und ſeinen Willen, einen
ihn gravirenden Umſtand eingeſtehen kann. 2)
Sie dürfen keine ſchädlichen Suggeſtio-
nen enthalten. Eine Suggeſtivfrage
überhaupt iſt eine Frage, in welcher ſchon die
Antwort auf dieſelbe beſtimmt enthalten iſt*).
Sie iſt ſchädlich und unerlaubt **), wenn die
Antwort auf ſie, unmittelbar ſelbſt eine nach-
theilige Folge für den Angeſchuldigten oder
einen Dritten begründen ſoll. Der Name ei-
nes Gehülfen oder ein ſpecieller Umſtand des
Verbrechens, der noch nicht vollſtändig er-
wieſen iſt, darf daher nicht ſuggerirt werden.
Ein durch ſolche Suggeſtionen bewirktes Ge-
ſtändniſs iſt null.
In dem ſollennen Inquiſitionsproceſs zer-
fällt die Specialinquiſition in zwey Theile
I. die ſummariſche Unterſuchung,
in welcher der Richter die Beweiſe für und gegen
den
[509]Von dem inquiſitoriſchen Proceſs.
den Angeſchuldigten aufſucht und ſammelt*).
II. Die articulirte Unterſuchung, die
Specialinquiſitionim engern Sinn, wo
die Beweiſe förmlich dargeſtellt, und alle, auf
die Beſtrafung Einfluſs habende Punkte, ein-
zelnbewieſen werden ſollen.
Das erſte Geſchäft der ſummariſchen
Unterſuchung iſt das ſummariſche Ver-
hör**) des Angeſchuldigten, das ſogleich
vorgenommen werden muſs, als der Richter
des Angeſchuldigten habhaft iſt. Der Ange-
ſchuldigte, der hier Inculpat, Comparent, Con-
ſtitut, Arreſtat heiſst, wird hier im allgemei-
nen über das Verbrechen befragt, damit er ſelbſt
zuſammenhängend die Geſchichte ſeiner Ueber-
tretung erzähle. Zweckmäſsig eröffnet der
Richter dieſes Verhör, mit Fragen nach dem
Lebenslauf des Angeſchuldigten, damit er
ihn kennen lerne. Im Allgemeinen hält er
ihm den Verdacht gegen ihn vor, ohne ihm
jedoch
[510]III. Buch. II. Titel. I. Abſchn.
jedoch die einzelnen Indicien vollſtändig zu
nennen. Bey Dunkelheiten muſs er Aufklä-
rung, bey Widerſprüchen Vereinigung der-
ſelben fodern, offenbare Unwahrheiten muſs er
ihm vorhalten und, daſs ſie es ſind, ihm zeigen.
Ueber die Wahrheit der Thatſachen, die
Inculpat angiebt, muſs der Richter nachfor-
ſchen, theils indem er ſie an lich, nach
ihrem innern Zuſammenhange und nach
ihrem Verhältniſſe zu andern erwieſenen That-
ſachen prüft, theils indem er von Zeugen
oder auf andre Art, die Wahrheit oder Un-
wahrheit derſelben zu erfahren ſucht. Wenn
er es für nothwendig findet, kann er alle
Arten der Confrontation ſchon hier vor-
nehmen.
Die ſummariſche Unterſuchung iſt ge-
ſchloſſen, wenn der Richter Gründe hat, an-
zunehmen, daſs er keine neuen Beweiſe
mehr auffinden werde. Wenn der Proceſs
ein Civilverbrechen betrifft, ſo wird er durch
die ſummariſche Unterſuchung geendigt.
Bey vollem Beweis der Schuld erfolgt die
Verdammung, ſo wie die Losſprechung bey
vollem Beweis der Unſchuld, oder der Rei-
nigungseid, bey unvollſtandigem Beweis der
Schuld. Wenn bey Criminalverbrechen ſchon
in der ſummariſchen Unterſuchung die Indi-
cien getilgt werden, ſo muſs ebenfalls eine
abſolutoriſche Sentenz unmittelbar der ſ.
Unterſuchung folgen.
Iſt das Verbrechen 1) ein Criminal ‒ be-
ſonders ein Capital- Verbrechen und ſind 2)
Indicia vorhanden, welche wenigſtens einem
halben Beweiſe gleich ſind *), ſo folgt die
articulirte Unterſuchung auf die ſum-
mariſche, ohne daſs volle Gewiſsheit des
Thatbeſtandes nothwendig vorausgeſetzt
wird **). Sie iſt in ſolchen Fällen auch dann
nothwendig, wenn der Angeſchuldigte ſchon
überführt oder geſtändig iſt. Der Richter
ſelbſt beurtheilt die Gründe zur articulirten
Unterſuchung und beſchlieſst dieſelbe. Iſt
er zweifelhaft, ſo muſs er von einem höhern
Gericht oder einer Academie ſprechen laſſen.
Die Theile der articul. Unterſuchung ſind
I. das articulirte Verhör des Angeſchul-
digten, in welchem derſelbe punktweiſe über
die einzelnen Umſtände der That befragt wird.
Dieſe Fragen heiſsen Inquiſitionalartikel und
werden von dem Richter ſelbſt vorher ent-
entworfen, wozu ihm die Generalinquiſi-
tion und die ſummariſche Unterſuchung den
Stoff darbieten. Während des Verhörs ſelbſt
kann er, ſobald es die Zweckmäſsigkeit er-
fodert, davon abweichen und die Artikel,
welche er zuſetzt, heiſsen dann Additional-
artikel.
Die Artikel betreffen 1) die perſönlichen
Eigenſchaften des Angeſchuldigten — General-
artikel (art. generales) 2) das Verbrechen ſelbſt
und die Umſtände deſſelben — Specialartikel
(art. Ipec.). Dieſe dürfen immer nur auf
Einen Umſtand gerichtet ſeyn und daher nicht
mehr, als Eine Propoſition enthalten, dabey
müſſen ſie zuſammengenommen alle Umſtände
umfaſſen, die auf die Beſtrafung Einfluſs
haben können, ſowohl die gravirenden, als
die vortheilhaften. Suggeſtive und cap-
tiöſe Artikel ſind ſchlechthin verwerflich
(§. 655.).
Das Verhör ſelbſt muſs vor gehörig be-
ſetztem Criminalgericht geſchehen. Der An-
geſchuldigte muſs in Perſon und zwar münd-
lich, dabey beſtimmt und categoriſch antwor-
ten, ohne daſs es ihm erlaubt iſt, ſich blos
auf ſeine Auſſagen im ſummariſchen Verhör
zu berufen. Zuerſt wird er über die General-
dann über die Specialartikel vernommen.
Das Benehmen des Richters iſt im Ganzen
daſſelbe, wie bey dem ſummariſchen Verhör
(§. 657.). Der Aktuar muſs alle Antworten,
mit des Angeſchuldigten eignen Worten auf-
zeichnen.
Fragen am Schluſs des Verhört.
Der Angeſchuldigte, über den das arti-
culirte Verhör verhängt iſt, und der nun
Inquiſit heiſst wird nach dem gemeinen Vor-
urtheil ſchon als wirklicher Verbrecher ange-
ſehen, ſo daſs das artic. Verhör eigentliche
Folgen der Infamie begründet *). Die Praxis
verſtattet daher eine beſondere Defenſion zur
Abwendung des articulirten Verhörs (def. pro
avertenda inq. ſpeciali), welche aber nur dann
von dem Richter zuzulaſſen iſt, wenn wenig-
ſtens ſcheinbare Gründe zur Abwendung des
articul. Verh. vorhanden ſind.
Auf das articulirte Verhör des Inquiſiten
folgt II. das förmliche Zeugenverhör. Die
Zeugen werden hier vereidet und über Artikel
vernommen, zu denen ebenfalls die General-
unterſuchung und die ſummariſche Unter-
ſuchung die Materialien liefern. Der Richter
verfertigt ſie, communicirt ſie aber vorher
dem Defenſor, damit dieſer Fragſtücke (§. 633.)
entwerfen kann. Die Erfoderniſſe der In-
quiſitionalartikel (§. 655.) ſind auch auf die
Zeugenartikel auszudehnen.
Sind III. Gründe zu mediis eruendae verita-
tis vorhanden §. 611. ff.), ſo machen dieſe die
dritte Haupthandlung in der art. Unterſ. aus,
nachdem gewöhnlich vorher der Inquiſit eine
Vertheidigung zur Abwendung derſelben ge-
führt hat. Die Defenſionen, die hier vor-
kommen können, ſind 1) Defenſion zur Ab-
wendung oder Milderung der Tortur, 2) zur
Abwendung des Reinigungseides 3 zur Ab-
wendung der Confrontation. Iſt der Richter
über die Zuerkennung eines medii er. ver.
zweifelhaft, ſo verſendet er die Akten an
eine Univerſität oder wendet ſich an ein
höheres Gericht.
Ehe in einem förmlichen Unterſuchungs-
proceſs die Sentenz gefällt werden kann,
muſs nach der Praxis IV. der Inquiſit ſeine
Hauptdefenſion geführt haben (§. 635. Erſt
nach ihrer Ablieferung iſt die artic. Unterſ.
für geſchloſſen zu halten.
Alle vorhergehenden Handlungen haben
den Endzweck, ein Endurtheil (§. 637.) vor-
zubereiten. Iſt dieſes verdammend, ſo ſteht
es dem Inquiſiten frey, ſich dagegen gehö-
riger Rechtsmittel (§. 643.) zu bedienen. Hat
er dieſe eingewendet und ausgeführt, ſo
muſs eine neue Sentenz entſcheiden, welche
entweder das vorige Urtheil verwirft, oder
beſtätigt. Das Ende des Proceſſes iſt die
Execution (§. 644.).
In dem Accuſationsproceſs tritt eine von
dem Richter verſchiedene Perſon auf, welche
die Rechte des Staats gegen einen Uebertreter
verfolgt, und der Ankläger heiſst. Dieſer
und der Angeklagte ſind die Partheien, wel-
che ihre Streitſache vor dem Richter verhan-
deln. Ieder, den nicht die Geſetze von der
Anklage ausſchlieſsen *), iſt zu der Anklage
berechtigt, der Beleidigte, wie ein anderer;
Oeffentliche Ankläger (Fiscale) kennt das ge-
meine Recht nicht. Niemand kann zur An-
klage gezwungen werden; wo kein Ankläger
iſt, da inquirirt der Richter **).
Dieſer Proceſs wird eröffnet mit der
Anklage, worin der Richter zur Unterſuchung
K k 2und
[516]III. Buch. II. Titel. II. Abſchn.
und Beſtrafung aufgefodert wird. Sie kann
mündlich geſchehen, geſchieht aber in der
Regel durch ein articulirtes Klaglibell.
Da die Anklage gegen eine beſtimmte
Perſon gerichtet und dieſe öffentlich für ſtraf-
fällig oder doch eines Verbrechens verdächtig
erklärt wird, ſo ſetzt die Anklage alle Gründe
zur Specialinquiſition voraus welche in dem
Libell angeführt werden müſſen, um das Pe-
titum zu begründen. Der Anklage muſs
daher eine Art von Generalinquiſition vorher-
gehen, welche aber der Ankläger führt, um
ſeine Anklage vorzubereiten und möglich zu
machen. Der Richter muſs das Fundament
der Anklage prüfen und die Anklage, wenn
ſie unhaltbar iſt, verwerfen.
Der Ankläger muſs nach angebrachter
Klage Caution leiſten Dieſe Caution geht
auf die Fortſetzung und die Koſten des Pro-
ceſſes, auf den Schaden und die in der Anklage
enthaltene Injurie des Angeklagten, im Fall
der Ankläger das Fundament ſeiner Klage
nicht beweiſen kann. Kann er keine Caution
leiſten, ſo ſoll er gefangen gehalten werden,
bis er wenigſtens die Indicien gegen den An-
geklagten vollſtändig erwieſen hat *).
Inſcriptio in crimen.
Auf die Anklage antwortet der Angeklagte
mündlich vor Gericht. Er conteſtirt litem und
ſchützt ſeine Einreden vor, welche dieſelben
Eintheilungen zulaſſen, wie im Civilproceſs.
Auf das erſte Verfahren folgt der Beweis,
den der Ankläger in Anſehung derjenigen
Thatſachen führt, die der Angeklagte abgeläug-
net hat. Wenn Gründe zu mediis eruendae verita-
tis vorhanden ſind, ſo ſtellt dieſe der Ankläger
dar, und trägt auf Erkennung derſelben bey
dem Richter an. Der Beklagte führt den Ge-
genbeweis, indem er entweder ſeine Exceptio-
nen beweiſst, oder direct den Beweis des An-
klägers zu zerſtören ſucht. Alles übrige hat
der Accuſationsproceſs entweder mit dem bür-
gerlichen, oder dem Inquiſitionsproceſs
gemein.
I. H. BoehmerDiſſ. de expenſis criminatibus. Hal. 1716.
F. I. HeislerDiſſ. de expenſis crimin. in proceſſu inq.
Hal. 1769.
Ioh. Tob Carrachvon der Schuldigkeit, die Koſten
einer Inquiſition zu tragen. (In PlittsRepertorium.
I. Thl. S. 128 — 153).
I. Chr. Eſchenbachpr. de expenſis criminalibus
ſtricte ſie dictis. Roſt. 1781.
Criminalkoſten, im weiteſten Sinn, ſind
alle Unkoſten, welche durch einen Criminalpro-
ceſs veranlaſst worden ſind. Sie ſind I Cri-
minalkoſtenim engern Sinn, welche durch
Ausübung der Criminaljuſtiz ſelbſt entſtanden
ſind. II. Criminalkoſtenim uneigentlichen
Sinn, welche von dem Gericht zur Ernährung,
Kleidung oder Heilung des Angeſchuldigten aus-
gelegt worden ſind.
Die Criminalkoſten im engern Sinn
(§. 675.) zerfallen 1) in peinliche Pro-
ceſskoſtenexp. proc. criminalis) und 2 in
peinliche Koſten. Ienes ſind die Koſten
der
[519]Von den Criminalkoſten.
der Unterſuchwig und Entſcheidung, dieſes die
Koſten der Vollziehung des Urtheils.
Expenſae proc. crim judtciales — extrajudicia es.
Wer die Criminalkoſten trage, wird
durch folgende Regeln beſtimmt: I. dem-
jenigen, der die Koſten durch Dolus oder
Culpa veranlaſst hat, fallen ſie auch zur Laſt,
II. derjenige, zu deſſen Vortheil die Koſten
gemacht worden, hat die Verbindlichkeit,
ſie zu tragen.
Daraus folgt: 1) die Criminalkoſten im
uneigentlichen Sinn liegen in der Regel dem
Angeſchuldigten ob. 2) Peinliche Koſten (§. 676.)
die zum bleibenden Vortheil des Gerichts
gemacht worden ſind, fallen dem Gericht zur
Laſt. 3) Was die Criminalproceſskoſten und
diejenigen peinlichen Koſten betrift, die nicht
dem Gericht zum bleibenden Vortheil gerei-
chen, ſo muſs unterſchieden werden: a) iſt
eine condemnatoriſche Sentenz erfolgt, ſo
verfällt der Verbrecher in alle Koſten, b) iſt
er losgeſprochen und hat zu gegründetem
Verdacht gegen ſich die Veranlaſſung gegeben,
ſo trägt er die Koſten; wenn aber c) das letzte
nicht der Fall iſt, ſo iſt derjenige zu den
Koſten verpflichtet, der den Proceſs aus Dolus
oder Fahrläſsigkeit erregt hat — der Anklä-
ger, Denunciant oder Richter. In ſubſidium
iſt immer das Gericht zu den Koſten verpflichtet.
Anm Von er Verbindlichkeit der Gerichtsuntertha-
nen zu den Criminalkoſten beyzutragen.
Druckfehler.
Folgende Druckfehler ſind dem Vf. aufgefallen. Er
bittet die übrigen, die ſich etwa noch finden ſollten,
ſelbſt zu bemerken.
S. 5. Anm. *) ſtatt Gerſtlacher etc. IX. Thl. lies
XI. Thl.
— 24. §. 31. Z. 3. v. unten, ſtatt: deſſen Art er iſt, lies:
deren Art es iſt.
— 42. Anm. **) Z. 1. v. oben ſt. Corn. de Sic. l. Corn.
de Falſis.
— 183. in der Rubrik, ſtatt: Dritte Abtheilung, lies:
Vierte Abth.
— 422. §. 524. Z. 1. v. oben ſt. mit, l. an.
— 466. Anm. Z. 2. ſt. laut, l. Cent.
— 432. §. 537. Z. 1. v. oben ſt. Faide, l. Finder.