[][][][][][][[I]]
Briefe eines Verſtorbenen.

Erſter Theil.
[[II]]
[][]
”The cross bones.”
[[III]]
Briefe
eines
Verſtorbenen.

Ein
fragmentariſches Tagebuch
aus
England, Wales, Irland und Frankreich,
geſchrieben in den Jahren
1828 und 1829.

Erſter Theil.

Muͤnchen: .
F. G. Franckh.
1830.

[[IV]][[V]]

Vorwort des Herausgebers.


Die Briefe, welche wir dem Publikum
hiermit uͤbergeben, haben das Eigen-
thuͤmliche
, daß ſie, mit ſehr geringer
und unweſentlicher Ausnahme, zu ihrer
Zeit wirklich ſo geſchrieben wurden, wie
man ſie hier findet.


Man kann ſich daher leicht denken, daß
ſie fruͤher auch zu nichts weniger als zur
[VI] Publizitaͤt beſtimmt waren. Der Schrei-
ber gehoͤrt jedoch nunmehr zu den Seli-
gen, wodurch viele Ruͤckſichten wegfallen,
und da ſeine Briefe, nebſt einigen intereſ-
ſanten Nachrichten, wenigſtens eine reelle
Individualitaͤt ausſprechen, und mit eben
ſo ungeſchminkter Freimuͤthigkeit als voll-
ſtaͤndiger Partheiloſigkeit geſchrieben ſind —
glaubten wir, bei dem nicht zu haͤufigen
Daſein dieſer Elemente in unſrer Litera-
tur, einen Beitrag ſolcher Art nicht uͤber-
fluͤſſig.


Der Verſtorbene hatte, wie ich geſtehen
muß, das Ungluͤck, waͤhrend ſeines Le-
bens Alles anders anzufangen als andere
Leute, weshalb ihm auch wenig gelang.
Viele ſeiner Bekannten hielten ihn aber
fuͤr ein kuͤnſtliches Original, und daran
thaten ſie ihm Unrecht. Niemand war
aufrichtiger in ſeinen Sonderbarkeiten, und
ſchien es vielleicht weniger, Niemand na-
[VII] tuͤrlicher, da wo Alle Abſicht zu ſehen
glaubten.


Dieſes unguͤnſtige Geſchick verfolgt ge-
wiſſermaßen auch jetzt noch die Erſchei-
nung ſeiner Briefe, indem beſondre Um-
ſtaͤnde, die hier nicht erlaͤutert werden koͤn-
nen, uns noͤthigen, das Werk, gegen alle
Gewohnheit, mit den beiden letzten Thei-
len zu beginnen, die nun zu den erſten
werden muͤſſen. Erhalten dieſe indeß Bei-
fall, ſo hoffen wir ihnen bald jene „nach-
folgend vorangehen“ laſſen zu koͤnnen,
und man wird ſie wenigſtens eben ſo ſelbſt-
ſtaͤndig finden. *) Zur Bequemlichkeit der
[VIII] Leſer haben wir jedem Brief eine kurze
Inhaltsanzeige beigefuͤgt, ſo wie einige
Noten ad modum Minelli im Ganzen ver-
theilt, derentwegen wir gebuͤhrend um Ver-
zeihung und Nachſicht bitten.


B … den 30. October 1829.

[[IX]]

Inhaltsverzeichniß
des
erſten Theils
.


BriefXXV.


Abreiſe von London. Cheltenham. Comfort in England.
Trinkquelle. Promenaden. Wie die Themſe entſpringt.
Vergleiche. Lakintonhill. Das Dorf im Walde. Altrö-
miſche Villa. Theegarten. Alleen. Der Bade-Ceremonien-
meiſter. Schlachtfelder vor Tewksbury. Worceſter. Ca-
thedrale. König Johann. Der Templer. Rangordnung
auf Prinz Arthurs Grabmahl. Annehmlichkeit des Rei-
ſens. Nebelbild. Das Thal von Llangollen. Der Kirch-
hof und ſeine Ausſicht. Bergfrühſtück. Die berühmten
Jungfern. Beſuch bei ihnen. Begegnung bei Pont-y-Glyn.
Das hohe Gebürge. Vergleich mit dem Schleſiſchen. Die
Straße. Der Stein-Biſchof. Die Unermüdliche. Scherz
und Ernſt. Penrhyn Caſtle. Die Schieferbrüche. Wie
es da zugeht. Betrachtungen einer fromm gemüthlichen
Seele aus Sandomir oder Sandomich. Seite 1.


[X]

BriefXXVI.


Wilde Fahrt. See von Llangberris. Lachs-Hunde.
Unwetter. Schutz in der alten Burg. Hütte und ihre
Bewohner. Erſteigung des Snowdon. Berg-Pony und
Bergſchaafe. Der verſchleierte Gipfel und mein Doppel-
gänger. Libation unter der Säule. Felſenweg. Ausſich-
ten. Region der Raubvögel. Rückfahrt auf dem See.
Schloß von Caernarvon. Edward’s Geburt. Liſt des Kö-
nigs. Urſprung des engliſchen Wappenmotto’s. Con-
traſt in der Ruine. Der Adlerthurm. Seebad. Billard
von Metall und Dampfkellner. Wetter und Eſſen. Caer-
narvon’s Hebe. Auszug aus der Lammszeitung. Prome-
naden um die Stadt. Bad in Bangor. Beaumaris. Das
Schloß. Craig-y-Don. Meerenge von Angleſea. Die
Kettenbrücke über das Meer geſpannt. Seite 64.


BriefXXVII.


Raubfliegen. Vorſchlag zu einer Parkanlage. Plas-
newyd. Die Cromlechs. Transport in Japan. Druiden-
Cottage. Neues Kaleidoscop. Abſchweifende Erklärungen.
Reiſe ins Innere des Gebürges. Carrs. See von Idwal.
Uebergang am Fuß des Trivaen. Der Walliſer Führer.
Mühſames Steigen. Die rothe Beleuchtung. Das Stein-
thal. Die Adler. Böſe Paſſage. Bergſümpfe. Die Ra-
ſenalp. Capel Cerrig. Thal von Gwynnant. Eliſium.
Dinasemris, der Felſen Merlin’s. Beſtandne Gefahr auf
[XI] demſelben. Verdächtiger Spuck. Die Area. Anmuthiger
Gaſthof in Bethgellert. Der blinde Harfner und ſein blin-
der Hund. Gellert der treue Gefährte Llewellin’s, und
ſein tragiſches Ende. Die Teufelsbrücke. Tan-y-Bwlk.
Schöner Park daſelbſt. Ausgetrocknetes Meer. Der Rie-
ſendamm. Tremadoc. Erinnerungen an Sand, Schmutz
und Vaterland. Abendphantaſie. Philoſophiſche Brocken.
Der Beſitzer v. Penrhyn Caſtle. Weg am Penman Mawr.
Schloß zu Conway mit 32 Thürmen. Die Villa Content-
ment. Das Cloſet der Königin. Der Fiſch Place. Hoo-
kes mit 41 Söhnen. Die Manie des Gothiſchen. Acht-
bare Engländer. Seite 95.


BriefXXVIII.


Vie de Château. Kirche v. St. Aſaph. Das Taber-
nakel. Aechter Glaube. Denbigh Caſtle. Caſino in den
Ruinen. Wettkampf und Chor der Harfner. Romanti-
ſches Thal. Die liebliche Fanny. Ihre Dairy und Aviary.
Vögel Paradies. Spazierritt und phantaſtiſche Gegend.
Kurzer Aufenthalt in Craig-y-Don. Zeitungsſtelle.
Fiſch diné. Glückliche Lage der mittlern Claſſen. Vor-
urtheile über England. Die Inſel Angleſea. Parismi-
nes. Ueber Gewinnung des Kupfers. Neue Erfindung.
Holyhead. Der Leuchtthurm. Grauenhafte Felswände
und flugübende Seemöven. Die Schwebebrücke. Stürmi-
[XII] ſche Ueberfahrt nach Irland. Erſte Eindrücke daſelbſt.
Früchte- und Blumen-Ausſtellung. Die Erſtern werden
verzehrt. Gang in der Stadt und Beſichtigung verſchiede-
ner Merkwürdigkeiten. Palais des Vice-Königs und neu-
gothiſche Capelle. Univerſität. Mein Cicerone. Orgel
der Armada. Archimedes Brennſpiegel. Portraits v.
Swift und Burke. Die Schlacht von Navarin. Der Phö-
nix Park. Charakteriſtiſches vom Volke. Lady B. …
Was in England Charakter heißt. Der Liffey. W. .. Park.
Reizender Eingang. The three rocks. Schöne Ausſicht.
Die halbnackte Bäuerin. Hölzerne Capuziner. Der Dandy.
Gemächliche Einrichtungen engliſcher Ariſtokratie. Beſuch
auf dem Lande. Erſte entrevûe mit Lady M. … Miß-
geſchick auf einem Spazierritt. Noch etwas über die Muſe
Irlands. Seite 138.


BriefXXIX.


Reiſe zu Pferd nach der Grafſchaft Wicklow. Bray.
Studenten-Einrichtung. Frömmigkeit der Engländer. Kil-
ruddery. Glen of the Downes. Pavillon und Tiger.
Thal von Dunvan. Der Rieſe. The devil’s glen. Schau-
rige Schlucht. Kühleborn. Ländliches Mahl in Roſanna.
Die Touriſten. Avondale, ein Eden im Mondſchein, Avo-
ca Inn.
Die Begegnung der Wäſſer. Schloß Howard.
Schönes Portrait der Maria Stuart. Park von Bally-
Arthur. Das Aha. Mein Pferd als blinde Kuh. Shel-
[XIII] ton Abbey. Der Neger Portier. Verluſt meines Taſchen-
buchs. Was ein Gentleman iſt. Das Thal von Glen-
malure. Einfahrt in die Bleiwerke. Die Militär-Straße.
Sonne hinter ſchwarzen Wolkenmaſſen. Die ſieben Kirchen.
Das Epheuthor. Geheimnißvolle Thürme ohne Eingang.
Der ſchwarze See des heil. Kavin. Der Rieſe Fian Mac
Comhal, und die verliebte Königstochter. Ihr tragiſches
Ende und des Heiligen zuweitgetriebene Enthaltſamkeit.
Irländiſche Toilette. Walter Scott und Moore im Munde
des Landmanns. Moraſt und Irrlichter. Eine Nacht auf
Stroh. Neblige Haide. Erſter Sonnenblick über dem
See und Thal von Luggelaw. Romantiſche Einſamkeit.
Das Felſenbild. Der Park von P ..... Intoleranz,
Frömmelei und Sonntag. Der Zuckerhut. Reiche Ge-
gend. Ruhe am Bache. Lord Byron. Seite 177.


BriefXXX.


Häusliches. Die Meſſe zu Donnybrok. Das Lieblings-
paar. Powerscourt. Der Dargle und the lovers leap.
Der Waſſerfall. Gallopade mit dem Führer hinter mir.
Der Mond leuchtet zu Haus. Gaſthofleben zu Bray, mit
Schilderung einiger engliſchen Sitten. Der Großherzog
von W .. Vortheile der Veſchränktheit. Betriebſamkeit
der Bettler. Kingston. Der Hafenbau. Maſchinerien.
Das Geſpenſterſchiff. Geſchmackloſes Monument, dem Kö-
nig errichtet. Schöne Straße nach Dublin. Engliſche
Reiter und vortreffliche Bajazzi. Der Meerpolipen Tanz.
Seite 200.


[XIV]

BriefXXXI.


Der junge Geiſtliche. Reiſe mit ihm nach dem Weſten.
Eigenthümliches Land. Aufenthalt beim Capt. B … Le-
ben ächter Irländer. Sie ſind nicht überſtudirt. Gottes-
dienſt in Tuam. Racecourſe in Gallway. Aehnlichkeit
des irländiſchen Volks mit den Wilden. Die Stadt Gall-
way. Mangel an Lecture daſelbſt. Das Wettrennen.
Unglück des einen Reiters. Gleichgültigkeit des Publi-
kums dabei. Die ſchöne Afrikanerin. Der Badeort Athenrye,
gleich einem Polniſchen Dorfe. Das Schloß König Jo-
hann’s. Die Abtei. Volks-Eskorte. Whiskey. Prag
und Carlsbad böhmiſche Dörfer. Eſel eine Merkwürdig-
keit. Caſtle Hacket. Die Feenkönigin. Sie holt ſich ei-
nen Liebhaber. Prachtvoller Sonnenuntergang. Was Tem-
per heißt. Cong. Irländiſcher Witz. Das Pigeonhole.
Unterirdiſcher Fluß. Meg Merrilis. Erleuchtete Fel-
ſengewölbe. Verzauberte Forellen unter der Erde. Der
See Corrib mit 365 Inſeln. Die Kloſter-Ruine. Ir-
ländiſche Art die Todten zu begraben. Güte des alten
Hauptmanns. Seite 216.


BriefXXXII.


Hors d’oeuvre. Abentheuer mit der Zigeunerin. Wie
man der Seele beikömmt. Mehr über die ſchöne Afrikane-
rin. Piſtolenſchießen. Blaue und ſchwarze Augen. Wie
der Teufel Sonntags angezogen iſt. Herr L. … Die ſtu-
pide Wuth der Orangemänner. Schön erdachte künſtliche
[XV] Waſſerpartieen. Gemälde-Gallerie zu M .. B … Petrus
mit einer ſcharlachrothen Perrücke von Rubens. Winter-
landſchaft v. Ruisdael. Herrlicher Jude von Rembrandt.
Irländiſche Jagdpferde. Abreiſe mit dem Briefpoſtkarren.
Der gefällige Irländer. Oede Gegend. Armuth und Lu-
ſtigkeit des Volks. Sichere Offenbarung. Die Croß-
bones. Geſchichte derſelben. The punchbowl. Park
des Lord Gort. Meine Poſtpferde wünſchen da zu bleiben.
Iriſches Poſtweſen überhaupt. Seite 250.


BriefXXXIII.


Limmerick. Alterthümlicher Charakter dieſer Stadt. Ka-
tholiken und Proteſtanten. Deputation und Anerbietung
des Liberator Ordens. Ein Vetter O’Connel’s. Die Cathe-
drale. Man macht mich zu Napoleons Sohn. Ich ſub-
ſtituire meinen Kammerdiener, und ziehe mich zurück. Un-
terhaltung in der Diligence. Der Shannon gleich einem
amerikaniſchen Fluß. Neue Induſtrie der Bettler in Lis-
dowel. Zwölf Regenbogen an einem Tage. Killarney.
Beſchiffung des Sees im Sturm. Der Dandy und der
Fabrikant. Einige Gefahr zu ertrinken. Die Inſel Inis-
fallen. O’Donnohue’s weißes Pferd. Sein Geiſterleben
und ſeine Geſchichte. Der alte Bootsmann und ſein Aben-
theuer. Modejournal der Hölle. Abtei von Mucruß. Der
große Taxusbaum. Urtel der Prieſterſchaft. Waſſerfall
O Sullivan’s. Das junge Sonntagskind. Die Wette.
Anrede an Roſſ Caſtle. Zwei Engländer zuviel. Der
[XVI] Ritter von der Schlucht. Der Narrenfelſen. Fanferluche.
Park von Brandon Caſtle. Ein Bugleman. Das Adler-
Neſt und Coleman’s Sprung. Das Diner. Friſcher Lachs
an Arbutusſtöcken geröſtet. Heimfahrt. Schwermüthige
Gedanken. Nächtliche Taufceremonie mit Branntwein.
Die Julie-Inſel. Reiſe nach Kenmare. Shileila Kampf.
Ritt bei Nacht nach Glengariff. Seltſamer Weg. Der
kluge Poni. Reizende Bey von Glengariff. Park des
Obriſten W. ein Muſter! Die Familie des Beſitzers.
Lord B … ’s Jagdſchloß. Unwetter. Unheimliche Stim-
mung. Felſenkeſſel, Sturm, Beſchwörung, Erſcheinung
des … Seite 284.

[[1]]

Fuͤnf und zwanzigſter Brief.



Meine theure Julie*).

Um zwei Uhr in der Nacht verließ ich London,
diesmal recht krank, und ſehr widrig geſtimmt, in
Harmonie mit dem Wetter, das, ganz à l’anglaise,
ſtürmte, wie auf der See, und goß, wie mit Kan-
nen. Als aber gegen acht Uhr der Himmel ſich auf-
klärte, ich beim ſanften und raſchen Rollen des Wa-
gens ein wenig geſchlummert hatte, und durch den
Regen erfriſcht, nun alles ſmaragd grün glänzte,
und ein herrlicher Duft von den Wieſen und Blu-
men in das offene Wagenfenſter drang — da ward
Dein von Sorgen gedrückter, grämlicher Freund wie-
der auf einige Augenblicke das harmloſe, in Gott
und der ſchönen Welt vergnügte Kind. Reiſen iſt
in der That in England [äußerſt] ergötzlich — könnte
ich nur Deine Freude daran ſehen, ſie ſelbſt in
Briefe eines Verſtorbenen I. 1
[2] Deiner Begleitung verdoppelt fühlen! Obgleich es
auch ſpäter noch mitunter regnete, wovon ich übri-
gens im zugemachten Wagen nicht viel empfinde, ſo
war doch, bei linder Luft, der Tag ſehr angenehm.
Der erſte Theil des Landes, durch welches unſer
Weg führte, ſtrotzte von üppiger Vegetation, gleich
dem ſchönſten Park; der folgende bot unabſehbare
Kornfelder, und zwar hier ohne Hecken dar, welches
eine Seltenheit in England iſt; und der letzte glich
faſt den reichen Ebnen der Lombardei. Ich kam bei
mehreren großen Beſitzungen vorbei, die ich aber des
ungewiſſen Wetters, und der gemeſſnen Zeit wegen
unbeſucht ließ. Es iſt auch nun, nach meinen langen
Park- und Garten-Jagden durch halb England, nicht
leicht mehr in dieſer Hinſicht etwas Neues für mich
aufzufinden. In Cirenceſter beſah ich eine ſchöne
und ſehr alte gothiſche Kirche, mit einigen leidlich er-
haltenen bunten Glasſenſtern, und merkwürdig ba-
rokkem altem Schnitzwerk. Es iſt Jammerſchade, daß
ſämmtliche gothiſche Kirchen in England, ohne Aus-
nahme, durch geſchmackloſe, moderne Grabſteine und
Monumente verunſtaltet ſind.


[Spät] Abends erreichte ich Cheltenham, einen aller-
liebſten Badeort, von einer Eleganz, die auf dem
Continent nicht angetroffen wird. Schon die reiche
Gaserleuchtung, und die, alle wie neu ausſehenden,
Villaartigen Häuſer, jedes mit ſeinem Blumengärt-
chen umgeben, ſtimmen das Gemüth fröhlich und be-
haglich. Auch komme ich in dieſen Stunden, wo das
Tageslicht mit dem künſtlichen ſtreitet, überall am
[3] liebſten an. Wie ich in den faſt prächtig zu nen-
nenden Gaſthof eintrat, und auf ſchneeweißer Stein-
treppe, die ein Geländer von Goldbronze zierte, über
friſch glänzende Teppiche, von zwei Dienern vorge-
leuchtet, nach meiner Stube ging, gab ich mich dem
Gefühle des Comforts recht con amore hin, das man
nur in England vollkommen kennen lernt. In die-
ſer Hinſicht iſt daher auch für einen Myſantropen,
wie ich bin, das hieſige Land ganz geeignet, weil
alles, was nichts mit dem Geſellſchaftlichen zu thun
hat, alles was man für Geld ſich verſchafft, vortreff-
lich und vollſtändig iſt, und man es iſolirt genießen
kann, ohne daß ſich ein Anderer um uns beküm-
mert *). Sorgenlos und unbefangen von Geſchäften,
mit Dir hier zu reiſen, wäre das ſüßeſte Vergnügen
für mich — wie ſehr entbehre ich Dich überall, und
muß Dich wohl innig lieb haben, Du Gute, weil
ich, wenn es mir übel geht, ſtets einen Troſt darin
finde, daß Du dem Moment wenigſtens entgehſt,
und dagegen wenn ich etwas ſehe oder fühle, das
mich freut, auch immer, gleich einem Vorwurf,
das peinliche Gefühl mit empfinden muß, dies Alles
ohne Dich zu genießen! Eine größere Maſſe mannich-
faltigen Lebensgenuſſes kann man aber gewiß in
England auffinden, als es bei uns möglich iſt. Nicht
umſonſt haben hier lange Zeit weiſe Inſtitutionen
gewaltet, und was den Menſchenfreund vielleicht am
1*
[4] meiſten beruhigt und erfreut, iſt der Anblick ſo all-
gemein größern Wohlſeyns und würdigerer Lebens-
verhältniſſe. Was man bei uns Wohlhabenheit
nennt, findet man hier als das Nothwendige
angeſehen, und durch alle Klaſſen verbreitet. Daraus
entſteht, bis auf die kleinſten Details, ein Streben
nach Zierlichkeit, eine ſorgſame Eleganz und Reinlich-
keit, mit einem Wort: ein Trachten nach dem Schö-
nen neben dem Nützlichen, das unſern geringern
Klaſſen noch ganz unbekannt iſt. Ich glaube, ich
ſchrieb Dir ſchon einmal von Birmingham, daß, als
ich eben dort war, die Londoner Oppoſitions-Blätter
von einer in Birmingham herrſchenden Hungersnoth
unter den Fabrikarbeitern berichteten. Dieſe beſtand
in der Wirklichkeit darin, daß die Leute, ſtatt drei
oder vier Mahlzeiten, mit Thee, kaltem Fleiſch, But-
terbrod, Beefſtakes oder Braten, ſich nun eine Weile,
vielleicht mit einer oder zwei, und blos mit Fleiſch
und Kartoffeln begnügen mußten. Es war aber zu-
gleich Erndtezeit, und der Mangel an Arbeitern hier-
bei ſo groß, daß faſt jeder Preis dafür bezahlt
wurde. Demohngeachtet verſicherte man mich, die
Fabrikarbeiter würden eher alle Maſchinen demoliren,
ja wirklich Hungers ſterben, ehe ſie ſich entſchlöſſen,
eine Senſe in die Hand zu nehmen, oder Garben zu
binden. So [verwöhnt] und eigenſinnig, durch allge-
meines Wohlleben und Sicherheit des Verdienſtes
(wenn man dieſen nur ernſtlich aufzuſuchen Luſt
hat) iſt das engliſche gemeine Volk, und man kann
ſich, nach dem Geſagten, abſtrahiren, was von den
[5] häufigen Artikeln ſolcher Art in den Zeitungen ei-
gentlich zu halten iſt.



Heute früh beſuchte ich einen Theil der öffentlichen
Promenaden, welche ich indeß unter meiner Erwar-
tung fand, und trank den Brunnen, der mit Carls-
bad Aehnlichkeit hat, mich aber ſehr erhitzte. Die
Doktoren ſagen hier, wie bei uns: man müſſe ihn
früh trinken, ſonſt verliere er einen großen Theil ſei-
ner Kraft. Das Spaßhafte iſt aber, daß hier früh,
in ihrem Sinne, gerade da anfängt, wo es bei uns
aufhört, nämlich um zehn Uhr. Das Wetter iſt lei-
der nicht günſtig, jetzt kalt und ſtürmiſch, nachdem
wir früher, ziemlich lange für England, große Hitze
gehabt hatten. Zur Reiſe iſt es aber nicht ſo übel,
und ich fühle mich dabei mindeſtens weit heiterer
als in London, freue mich auch lebhaft auf die ſchö-
nen Gegenden in Wales, denen ich entgegen reiſe.
Sey alſo wenigſtens in Gedanken bei mir, und laß
unſere Geiſter Hand in Hand über Land und Meer
gleiten, zuſammen von den Bergen herab ſchauen,
und der Thäler ſtille Heimlichkeit genießen; denn an
der Schönheit Gottes herrlicher Natur erfreuen ſich
die Geiſter gewiß durch alle Welten, in Formen ſo
unendlich verſchieden, als die Unendlichkeit ſelbſt
grenzenlos iſt.


Ich führe Dich zuerſt zu den ſieben Quellen der
Themſe, die eine Stunde von Cheltenham entſpringen.
In einer Fly, (kleine Art Landau, nur mit einem
[6] Pferde beſpannt) auf deren Verdeck ich ſaß, um die
ſchönen Ausſichten von einem höhern Standpunkte
zu betrachten, hatte ich dieſe Excurſion unternommen.
Nach langem Steigen ſieht man endlich, auf einſa-
mer Bergwieſe, unter ein Paar Erlen, eine ſumpfige
Gruppe kleiner Quellchen, die, ſo weit der Blick ſie
verfolgen kann, als ein unbedeutendes Bächlein hinab
rieſeln. Dies iſt der beſcheidne Anfang der ſtolzen
Themſe. Es ward mir ganz poetiſch zu Muthe, als
ich mir dachte, wie ich erſt vor einigen Stunden
daſſelbe Waſſer, nur wenige Meilen davon, mit tau-
fend Schiffen bedeckt ſah, und wie dort der glorreiche
Strom, obgleich ſein Lauf nur ſo kurz iſt, dennoch
vielleicht mehr Schiffe, mehr Schätze und mehr Men-
ſchen das Jahr über auf ſeinem Rücken trage, als
irgend einer ſeiner coloſſalen Brüder; wie an ſeinen
Ufern die Hauptſtadt der Welt liege, und wie von
ihnen aus allmächtiger Handel vier Welttheile be-
herrſche! — Mit reſpektvoller Verwunderung blickte
ich auf die plätſchernden Waſſerperlen hin, und ver-
glich ſie bald mit Napoleon, der, in Ajaccio incognito
geboren, kurz darauf alle Throne der Erde erzittern
machte — bald mit der Schnee-Lawine, die unter der
Zehe eines Sperlings ſich ablöst, und fünf Minuten
nachher ein Dorf begräbt — oder mit Rothſchild,
deſſen Vater Bänder verkaufte, und ohne den heute
keine Macht in Europa Krieg führen zu können
ſcheint.


Mein Wagenlenker, der zugleich ein beglaubigter
Cheltenham’er Cicerone war, brachte mich von hier
[7] auf einen hohen Berg, Lakintonhill genannt, wo eine
berühmte vûe iſt, nebſt der Zugabe eines freundli-
chen Gaſthofs zur Bewirthung der Beſuchenden. Im
Schutz einer Roſenlaube geborgen *), ſchweifte mein
Blick ſiebenzig engliſche Meilen weit in das Land hin-
ein, eine reiche Ebne mit mehreren Städten und
Dörfern überſchauend, unter denen die Cathedrale
von Glouceſter den ſtattlichſten Ausſichtspunkt bil-
det. Hinter ihr thürmen ſich zwei Bergreihen über-
einander, die von Malvern und von Wales. So
ſchön alles war, erweckten doch die fernen, blauen,
in Duft verſchwimmenden Berge nur ſehnſüchtiges
Heimweh in mir. Wie gern wäre ich, unter Fortu-
nato’s Wünſchhütlein, an Deine Seite geflogen!
Bisher hatten ſich ſchwarze Wolken am Himmel ge-
jagt, gerade als ich die Ausficht verließ, erſchien nek-
kend die Sonne. Sie leuchtete mir durch einen ſchö-
nen Buchenwald zu dem reizenden Landſitz des Herrn
Todd, der mitten im Waldesdunkel in Geſtalt eines
freundlichen Dörfchens angelegt worden iſt — lauter
Hütten, Strohdächer und Moos-Gallerien. Auf grü-
nem Raſenplatz, in der Mitte ſteht die ehrwürdige
Dorflinde, mit der Bank von drei Etagen für eben
ſoviel Generationen, nicht weit davon auf verwitter-
rem Stamme eine Sonnenuhr, und am Bergſaume
nach dem Thale zu, ein ländlicher Ruheſitz, mit einer
[8] Kuppel von Haidekraut, deren Ribben zierlich von
Wurzeln geflochten ſind. Oft wird bei Feſten das
Ganze mit Immergrün und Blumen geſchmückt, und
Abends mit bunten Lampen erleuchtet. In dem da-
neben liegenden Park, den manche ſchöne Parthieen
auszeichnen, findet man die Ruinen einer römiſchen
Villa, die erſt vor acht Jahren zufällig entdeckt wur-
de, und zwar durch das plötzliche Einſinken eines
Baumes. Einige Bäder ſind noch wohl erhalten, ſo
wie zwei Moſaik-Böden, die aber nur eine ziemlich
grobe Arbeit darbieten, und mit pompejiſchen Aus-
grabungen keinen Vergleich aushalten. Die Wände
ſind zum Theil noch mit zwei Zoll dicken, roth und
blau gefärbten Stuck bekleidet, und die Heizröhren
von Ziegeln erbaut, deren Qualität und Dauer un-
übertreffbar iſt. Eine Viertelſtunde davon verfolgt
man deutlich die alte römiſche Straße, die auch noch
zum Theil benutzt wird, und ſich von den engliſchen
Wegen dadurch hauptſächlich unterſcheidet, daß ſie,
gleich einer norddeutſchen Chauſſee, in ſchnurgerader
Linie geführt iſt. Hoffentlich aber war der Geſchmack
der Römer zu gut, um ſie auch mit unabſehbaren Rei-
hen lombardiſcher Pappeln einzufaſſen, wie es bei je-
nen der Fall iſt, deren doppelte Monotonie deshalb
eine wahre Marter für den armen Reiſenden wird.
Welcher Unterſchied mit einer engliſchen Landſtraße,
die man in ſanften Biegungen um die Berge windet,
tiefe Thäler vermeidet und alte Bäume ſchont, ſtatt,
um der fixen Idee der geraden Linie zu folgen, ſie
[9] mit ſechsfach größern Koſten durch dick und dünne,
durch Berge und Abgründe mit Gewalt zu führen.


Auf dem Rückwege nach Cheltenham kam ich durch
ein großes Dorf, wo ich einen ſogenannten Theegar-
ten zum erſtenmal beſuchte. Die Art, wie hier ein
geringer Raum zu hundert kleinen Niſchen, Bänken,
und pittoresken, oft abentheuerlichen, Sitzen unter
Blumen und Bäumen benutzt wird, iſt merkwürdig
genug, und bildet einen ſeltſamen Contraſt mit dem
Phlegma der bunten Menge, welche die Scene, nicht
ſowohl belebt, als ſtaffirt.


Da es noch ziemlich früh war, als ich die Stadt
wieder erreichte, ſo benutzte ich den ſchönen Abend,
um einige andere Brunnen zu beſuchen, wobei ich
gewahr wurde, daß ich heute früh nur auf den un-
bedeutendſten geſtoßen war. Dieſe Anlagen ſind un-
gemein glänzend, vielfach mit Marmor, aber noch
mehr mit Blumen, [Gewächshäuſern] und ſchönen
Pflanzungen geſchmückt. Die Spekulationen in Eng-
land ſteigern ſich enorm, ſo bald eine Sache Mode
wird, und dies iſt hier ſo ſehr der Fall, daß ſich bin-
nen fünfzehn Jahren in der Nähe der Stadt der
Preis eines Acre Landes von vierzig auf tauſend
Guineen erhöht hat. Die für das Publikum beſtimm-
ten Vergnügungsörter ſind hier, und ich glaube mit
Recht, ganz verſchieden von Garten- und Park-An-
lagen eines Privatmannes behandelt. Breite Prome-
naden, Schatten und abgeſonderte Plätze werden mehr,
als Ausſichten und ein großartiges, landſchaftliches
Ganze, bezweckt. Die Art, Alleen zu pflanzen, ge-
fällt mir. Es wird nämlich ein fünf Fuß breiter
[10] Streifen Landes längſt des Weges rigolt, und dicht
an einander ein Gemiſch verſchiedener Bäume und
Sträucher hineingepflanzt. Die am beſten wachſenden
Bäume läßt man ſpäter in die Höhe gehen, und die
andern hält man als unregelmäßigen niedrigen Un-
terbuſch unter der Scheere, welches den Ausſichten,
zwiſchen der Krone der hohen Bäume und dem Ge-
ſträuch, eine ſchönere Einfaſſung giebt, das Ganze
voller und üppiger macht, und den Vortheil gewährt,
daß man, wo die Gegend unintereſſant iſt, die Laub-
wand von unten bis oben dicht zuwachſen laſſen kann.



Entre la poire et le fromage erhielt ich geſtern
den ſchon zweimal abgelehnten Beſuch des hieſigen
Ceremonienmeiſters, des Herren, welcher die honneurs
des Bades macht, und in den engliſchen Badeörtern
eine bedeutende Autoritat über die Geſellſchaft aus-
übt, wogegen er mit ſonſt ganz antiengliſcher Zuvor-
kommenheit und Wortſchwall die Fremden begrüßt,
und für ihre Unterhaltung zu ſorgen ſucht. Ein ſol-
cher Engländer hat in der Regel übles Spiel, und [erin-
nert]
ſtark an den Martin der Fabel, welcher die Ca-
reſſen des Schooshundes nachmachen wollte. Ich
konnte den meinigen nicht eher los werden, als bis
er einige Bouteillen Claret bei mir ausgeſchlürft, und
alles Deſſert, was das Haus lieferte, gekoſtet hatte.
Dann empfahl er ſich endlich, mir noch das Ver-
ſprechen abnehmend, den morgenden Ball ja gewiß
[11] mit meiner Gegenwart zu beehren. Da mir aber
jetzt wenig an Geſellſchaft und neuen Bekanntſchaf-
ten liegt, ſo machte ich ihm faux bond, und verließ
am frühen Morgen Cheltenham. Die Gegend bleibt
fortwährend im hohen Grade lieblich, voller Wieſen-
gründe und tief grüner Baumgruppen, mit im-
mer deutlicher werdenden Anſichten der den Horizont
bekränzenden Berge. Faſt alle Stationen paſſirt man
eine anſehnliche Stadt, der nie ihre hoch hinaus-
ragende gothiſche Kirche fehlt. Beſonders reizend
erſchien mir die Lage der Stadt Tewksbury. Nichts
kann friedlicher, idylliſcher ſeyn, und dennoch ſind
alle dieſe blühenden Fluren, blutige Schlachtfelder
aus den Zeiten der unzähligen engliſchen Bürger-
kriege, woher ſie auch noch jetzt die im Laufe der
Jahrhunderte ſo unpaſſend gewordenen Namen von
Blutſtätte, Mordfeld, Knochenacker ꝛc. führen.


Worceſter, wo ich Dir jetzt ſchreibe, die Haupt-
ſtadt der Grafſchaft, bietet außer ihrer prächtigen
Cathedrale, nicht viel Merkwürdiges dar. Die we-
nigen, in dieſer Kirche noch übrig gebliebenen, alten
Glasmalereien ſind mit neuen ergänzt, welche
ſehr hart gegen das Weiche, und doch Glühende,
der alten Farben abſtechen. In der Mitte des Schif-
fes liegt King John begraben, ſein Conterfei in
Stein gehauen auf dem Steinſarge. Es iſt das äl-
teſte Grabmonument eines engliſchen Königs in
Großbrittanien. Man öffnete den Sarg vor einigen
Jahren und fand das Gerippe noch wohl erhalten,
und ganz ſo gekleidet, wie der König auf dem Sarge
[12] abgebildet iſt. Bei Berührung der Luft zerfiel die
Kleidung in Staub, das Schwert war aber vorher
ſchon in Roſt aufgegangen, und nur der Griff noch
zu erkennen. Ein anderes höchſt merkwürdiges Mo-
nument iſt das eines Templers aus dem Jahr 1220
mit der normänniſchen Inſchrift: Ici aist syr guil-
leaume de harcourt fys robert de harcourt et de
Isabel de camvile
. Die Figur des Ritters (bei-
läufig geſagt in einem ganz andern Coſtüme als des
Grafen Brühl Templer in Berlin) iſt vortrefflich ge-
arbeitet, und liegt mit einer Natürlichkeit, einem
abandon da, welcher eine antike Natur nicht verun-
zieren würde. Die Kleidung beſteht aus Stiefeln
oder Strümpfen, wie man es nennen will, von
cotte de maille, mit goldenen Sporen darüber; das
Knie iſt nackend, und über dem Knie geht wieder
cotte de maille an, die den ganzen [Körper] und auch
den Kopf ſo einſchließt, daß nur das Geſicht frei
bleibt. Ueber dieſem Panzerhemde trägt die Figur
ein langes rothes Faltengewand bis über die Wade
herabhängend, und über dieſes an einem ſchwarzen
Bandelier ein langes Schwerdt in rother Scheide.
Am linken Arme hängt ein ſchmaler ſpitzer Schild
mit dem Familienwappen, nicht dem Templerkreuz,
darauf eingegraben. Dieſes befindet ſich nur am
Sarge. Die ganze Figur iſt, wie Du aus meiner
Beſchreibung inne wirſt, bemalt, und die Farben
immer von Zeit zu Zeit aufgefriſcht worden. Als
größte Sehenswürdigkeit wird dem Fremden zuletzt
das Grabmahl des Prinzen Arthur gezeigt, deſſen
[13] vielverſchlungene Steinverzierungen wirklich der künſt-
lichſten Drechslerarbeit gleichkommen. Auf der einen
Seite der Kapelle ſind fünf Reihen kleine Portrait-
Figuren über einander angebracht. Die Rangord-
nung iſt folgende: Unten Aebtiſſinnen; auf ihnen
Biſchöffe; über dieſen Könige; dann Heilige, und
ganz oben Engel. Quant à moi, qui ne suis encore
ni saint, ni ange, souffrez, que je vous quitte pour
mon diner
.



Wenn ich die Ehre [hätte] der ewige Jude zu ſeyn,
(und Geld muß dieſer doch wenigſtens ad libitum
haben) ſo würde ich ohne Zweifel einen großen Theil
meiner Unſterblichkeit auf der Landſtraße zubringen,
und dies namentlich in England. His so delight-
fall
für Jemand der fühlt und denkt wie ich. Fürs
erſte [ſtört] und genirt mich keine menſchliche Seele;
ich bin, wo ich gut bezahle, überall der Erſte (den
herrſchſüchtigen Menſchenkindern immer ein angeneh-
mes Gefühl) und habe nur mit freundlichen Geſich-
tern, und Leuten zu verkehren, die voll Eifer ſind,
mir zu dienen. Fortwährende Bewegung, ohne Ue-
bermüdung, erhält den Körper geſund, und die ſtete
Veränderung in ſchöner freier Natur, hat dieſelbe
ſtärkende Wirkung auf den Geiſt. Dazu, geſtehe ich,
geht es mir zum Theil wie dem Doctor Johnſon,
der behauptete: das größte menſchliche Glück ſey,
in einer guten engliſchen Poſtchaiſe mit einem ſchö-
[14] nen Weibe raſch auf einer guten engliſchen Chauſſee,
zu fahren. Auch für mich iſt es eine der angenehm-
ſten Empfindungen, in einem bequemen Wagen da-
hin zu rollen, und mich [gemächlich] darin auszuſtrek-
ken, während mein Auge ſich an den, wie in der
laterna magica, immer wechſelnden Bildern ergötzt.
Nachdem ſie verſchieden ſind, erregen ſie meine Fan-
taſie bald ernſt, bald heiter, tragiſch oder komiſch,
und mit großem Vergnügen male ich dann in mir
ſelbſt die gegebenen Skizzen aus; und welche gigan-
tiſche, launige, ſeltſame Geſtalten nehmen ſie dann
oft mit Blitzesſchnelle an, gleich Wolkenbildern vor
meinem Geiſte auf und nieder wogend! Findet ſich
jedoch die Fantaſie einmal träge, ſo leſe und ſchlafe
ich Gottlob mit gleicher Leichtigkeit im Wagen.
Meine Packerei iſt keine Plackerei, um mit dem Ca-
puziner zu reden, ſondern ſo vortrefflich eingerichtet
(durch lange Erfahrung) daß ich ohne embarras,
und ohne meinen Dienern das Leben zu ſauer zu
machen, ſtets im Augenblick das Verlangte erhalten
kann. Zuweilen, wenn das Wetter gut und die
Gegend ſchön iſt, ſpaziere ich auch wohl meilenweit
zu Fuße, enfin ich erlange hier allein vollkommene
Freiheit — und als letztes endlich darf ich den Ge-
nuß, über alles dies meiner Herzensfreundin in ei-
ner Ruheſtunde zu ſchreiben, auch nicht gering an-
ſchlagen. Doch nun zur Sache! Ich fuhr die Nacht
durch, nachdem ich am Abend noch ein ſeltſames
Spiel am Himmel erlebt hatte. Auf der Höhe eines
Berges glaubte ich vor mir ein rieſenmäßiges ſchwar-
[15] zes Gebürge, und am Fuß deſſelben einen unermeß-
lichen See zu erblicken. Es dauerte lange, ehe ich
mich überzeugen konnte, daß ich nur eine optiſche
Täuſchung, durch Nebel und verſchiedene Wolken-
ſchichten gebildet, vor mir hatte. Der obere Himmel
war nämlich lichtgrau und ohne Schattirung, gegen
ihn aber lag eine ganz ſchwarze Wolken-Maſſe in
Form des wildeſten Gebirges, deren obere Linie,
kühn gezeichnet, vielfach auf und nieder ſtieg, wah-
rend die untere durch eine Nebelſchicht völlig horizon-
tal abgeſchnitten war. Dieſer Nebel nun ſchien ein
auf beiden Seiten unabſehbares ſilberweißes Waſſer-
becken zu bilden, und da an ihm, unmittelbar zu
meinen Füßen, ſich der grüne Vorgrund, ein bewal-
detes, ſonniges Wieſenland anſchloß, ſo erreichte die
[Täuſchung] wirklich einen ſeltenen Grad! Nur nach
und nach, wie ich den Berg herabfuhr, verſchwand
das zauberartige Bild in der Luſt. Die ſchönſte
Wirklichkeit erwartete mich dagegen heute früh in
Wales. Der Traum der Wolken ſchien mir im vor-
aus die Herrlichkeit des Thales von Llangollen ver-
künden haben zu wollen, eine Gegend die nach mei-
nem Geſchmack alle Schönheiten der Rheinländer
weit übertrifft, und dabei eine ganz beſondere Origi-
nalität in den ungewöhnlich geformten Spitzen und
jähen [Abhängen] der Berge ausſpricht. Ein reißen-
der Fluß, die Dee, windet ſich in tauſend fantaſti-
ſchen Krümmungen, die dichtes Laubholz überſchat-
tet, durch den Wieſengrund, woraus ſchroff auf bei-
den Seiten hohe Berge empor ſteigen, die bald mit
[16] uralten Ruinen, bald mit modernen Landhäuſern,
zuweilen auch mit Fabrikſtädtchen, deren thurmhohe
Feuereſſen dicken Rauch empor wirbeln, oder auch
mit grotesken, einſam ſtehenden Felſengruppen,
gekrönt ſind. Die Vegetation iſt durchgängig reich,
und Berg und Thal voll hoher Bäume, deren man-
nigfache Farbenſchattirungen ſo unendlich viel zur
Anmuth und dem Maleriſchen einer Landſchaft bei-
tragen. In dieſer üppigen Natur erhebt ſich, mit
um ſo grandioſerem Effect, eine einzige lange,
ſchwarze, kahle Bergwand, nur mit dichtem, dunk-
lem Haidekraut bedeckt, die ſich geraume Zeit längs
der Straße hinzieht. Dieſe prächtige Straße, von
London bis Holy Head (200 Meilen) *) ſo eben wie
ein Parquet, führt hier an der Seite der linken
Bergkette entlang, ohngefähr in der Mitte ihrer
Höhe, und allen ihren Krümmungen folgend, ſo
daß, während man im ſcharfen Trabe und Gallop
dahin fährt, faſt jede Minute ſich die Anſicht [völlig]
umwandelt, und man, ohne ſeinen Sitz zu verän-
dern, abwechſelnd das Thal bald vor ſich, bald ſeit-
wärts, bald rückwärts überſieht. An einem Ort
führt eine Waſſerleitung aus 25 ſchlanken Steinbo-
gen, ein Werk, das den Römern Ehre gemacht ha-
ben würde, mitten durch das Thal und über den
[17] Dee, ſo einen zweiten Fluß, 120 Fuß über dem an-
dern, [hinſtrömen] laſſend. Das Bergſtädtchen Llan-
gollen gewährt nach einigen Stunden ein köſtliches
Ruheplätzchen, und iſt mit Recht ſeiner lieblichen
Gegend wegen ſo häufig beſucht. Die ſchönſte Aus-
ſicht hat man vom Kirchhofe, neben dem Gaſthaus,
wo ich vor einer halben Stunde, auf ein Grab-
monument geklettert, ſtand, und mich, mit herzli-
cher Frömmigkeit, glückſelig des ſchönen Anblicks
freute. Unter mir blühte ein terraſſenförmiges Gärt-
chen mit Wein, Jelänger-jelieber, Roſen und hun-
dert bunten Blumen, die wie zum Bade bis an den
Rand des ſchäumenden Fluſſes hinab ſtiegen; rechts
verfolgte mein Blick die emſig murmelnden gekräu-
ſelten Wellen zwiſchen dicht herabhängendem Ge-
büſch; vor mir erhob ſich eine doppelte Waldregion,
durch Wieſenflächen mit weidenden Kühen abgetheilt,
und über alles hoch oben die kahle coniſche Spitze
eines vielleicht ehemaligen Vulcans, den jetzt die
düſtern Ruinen der uralten welſchen Burg Castel
Dinas Bran,
zu deutſch: die Krähen-Veſte, wie
eine Mauerkrone, decken; links zerſtreuen ſich die
ſteinernen Häuſer des Städtchens im Thal, und ne-
ben einer maleriſchen Brücke bildet der Fluß hier ei-
nen anſehnlichen Waſſerfall; dicht hinter dieſen an-
gelehnt aber ſtellen ſich, gleich Rieſenwächtern, drei
große Bergkoloſſe majeſtätiſch vor, und verſchließen
dem Auge alle fernern Geheimniſſe der wunderbaren
Gegend. Erlaube nun daß ich — vom Romantiſchen
zum vielleicht weniger feinen, aber doch auch keines-
Briefe eines Verſtorbenen. I. 2
[18] wegs zu verachtenden Sinnengenuß zurückkehrend —
mich nach inwärts wende, das heißt, nach der
Stube, wo mein durch die Bergluft ungemein ver-
mehrter Appetit, mit nicht geringem Wohlbehagen,
auf dem ſchön geblümten irländiſchen Damaſttuch,
dampfenden Kaffee, friſche Perlhuhneier, dunkelgelbe
Gebirgsbutter, dicken Rahm, Toaſt, Muffins, *)
und zuletzt zwei eben gefangene Forellen mit zierli-
chen rothen Fleckchen erblickt — ein Frühſtück, das
Walter Scott’s Helden in den high lands nicht
beſſer von dieſem großen Maler menſchlicher Noth-
durft erhalten könnten. Je dévore déja un oeuf —
adieu.



Der Regen der mich von London, mit kurzen In-
tervallen, ſtets begleitet hat, blieb mir auch heute
treu, doch ſcheint ſich nun das Wetter zum Guten
ändern zu wollen. Ich habe indeß allerlei zu [erzäh]-
len, und einen intereſſanten Tag zu beſchreiben. Alſo,
noch zur rechten Zeit, ehe ich Llangollen verließ, fie-
len mir die beiden berühmten Jungfern (gewiß die
berühmteſten in Europa) ein, welche in dieſen Ber-
gen nun bereits über ein halbes Jahrhundert hau-
[19] ſen, von denen ich ſchon einſt als Kind, und jetzt
wiederum in London viel erzählen hörte. Du haſt
gewiß auch durch Deinen Vater Kunde von ihnen
vernommen. Sinon, voilà leur histoire. Vor 56
Jahren kam es zwei vornehmen, jungen, hübſchen
und faſhionablen Damen in London, Lady Elleonor
Buttler und der Tochter des eben verſtorbenen Lord
Ponſonby, in ihre Köpfchen, die Männer zu haſſen,
nur ſich zu lieben und zu leben, und von Stunde
an, als Zweiſiedler in eine Einſiedelei zu ziehen. Der
Entſchluß wurde ſofort ausgeführt, und nie haben
beide Damen ſeit dieſer Zeit auch nur eine Nacht
außer ihrer Cottage geſchlafen. Dagegen reist kein
Menſch nach Wales, der präſentabel iſt, ohne ſich
einen Brief oder Empfehlung an ſie mitgeben zu
laſſen, und wie man behauptet, intereſſirt ſie „scan-
dal“
noch heute eben ſo ſehr, wie damals, als ſie
noch in der Welt lebten, und ihre Neugierde, Alles,
was in dieſer vorgeht, zu hören, ſoll ſich ebenfalls
gleich friſch erhalten haben. Ich hatte von mehreren
Damen zwar Complimente für ſie, aber keinen Brief,
den ich zu verlangen vergeſſen, und ſchickte daher nur
meine Karte, entſchloſſen, wenn ſie meinen Beſuch
ablehnten, wie man mich [befürchten] machen wollte,
die Cottage zu erſtürmen. Rang öffnete aber hier
leicht die Thüren, und ich erhielt ſofort eine gra-
cieuſe Einladung zu einem zweiten Frühſtück. In
einer Viertelſtunde langte ich in der reizendſten Um-
gebung, durch einen netten pleasureground fahrend,
bei einem kleinen geſchmackvollen gothiſchen Häuschen
2*
[20] an, grade der Krähenveſte gegenüber, auf die mehrere
Ausſichten durch das Laub hoher Bäume gehauen
waren. Ich ſtieg aus, und wurde ſchon an der
Treppe von beiden Damen empfangen. Glücklicher-
weiſe war ich bereits gehörig auf ihre Sonderbarkei-
ten vorbereitet, ſonſt hätte ich ſchwerlich gute conte-
nance
erhalten. Denke Dir alſo zwei Damen, wo-
von die älteſte. Lady Elleonor, ein kleines rüſtiges
Mädchen, nun anfängt, ein wenig ihre Jahre zu füh-
len, da ſie eben 83 alt geworden iſt; die andere
aber, eine große und imponirende Geſtalt, ſich noch
ganz jugendlich dünkt, da das hübſche Kind erſt 74
zählt. Beide trugen ihr, noch recht volles Haar ſchlicht
herabgekämmt und gepudert, einen runden Manns-
hut, ein Männerhalstuch und Weſte, ſtatt der inex-
pressibles
*) aber einen kurzen jupon, nebſt Stiefeln.
Das Ganze bedeckte ein Kleid aus blauem Tuch von
ganz beſondrem Schnitt, die Mitte zwiſchen einem
Männer-Ueberrock und einem weiblichen Reithabit
haltend. Ueber dieſes trug aber Lady Elleonor noch
Erſtens: den grand cordon des Ludwigsordens über den
Leib, zweitens: denſelben Orden um den Hals, drittens:
abermals ditto das kleine Kreuz deſſelben im Knopfloch,
et pour comble de gloire eine goldene Lilie von bei-
[21] nahe natürlicher Größe als Stern — alles, wie ſie
ſagte, Geſchenke der Bourbon’ſchen Familie. So
weit war das Ganze in der That höchſt lächerlich,
aber nun denke Dir auch beide Damen wieder mit
der angenehmen aisance, und dem Tone der großen
Welt de l’ancien régime, verbindlich und unterhal-
tend ohne alle Affectation, franzöſiſch wenigſtens eben
ſo gut ſprechend, als irgend eine vornehme Englän-
derin meiner Bekanntſchaft, und dabei von jenem
weſentlich höflichen, unbefangenen und, ich [möchte]
ſagen, naiv heitern Weſen der guten Geſellſchaft da-
maliger Zeit, das in unſerm ernſten, induſtriellen
Jahrhunderte des [Geſchäftlebens] faſt ganz zu Grabe
getragen worden zu ſeyn ſcheint, und mich bei dieſen
gutmüthigen Alten wahrhaft rührend anſprach. Auch
konnte ich nicht ohne lebhafte Theilnahme die unun-
terbrochene und doch ſo ganz natürlich erſcheinende
zarte Rückſicht bemerken, mit der die Jüngere ihre
ſchon etwas infirmere ältere Freundin behandelte,
und jedem ihrer kleinen Bedürfniſſe ſorgſam zuvor
kam. Dergleichen liegt mehr in der Art, wie es ge-
than wird, in ſcheinbar unbedeutenden Dingen, ent-
geht aber dem Gefühlvollen nicht.


Ich debütirte damit, ihnen zu ſagen, daß ich mich
glücklich [ſchätzte], ein Compliment an ſie ausrichten zu
können, das mein Großvater, der vor 50 Jahren
ihnen aufzuwarten die Ehre gehabt hätte, mir an
die ſchönen Einſiedlerinnen aufgetragen habe. Dieſe
hatten nun zwar ſeitdem ihre Schönheit, aber keines-
wegs ihr gutes Gedächtniß verloren, erinnerten ſich
[22] des G .... C … ſehr wohl, brachten ſogar ein altes
Andenken von ihm hervor, und wunderten ſich nur,
daß ein ſo junger Mann bereits geſtorben ſey!
Nicht nur die ehrwürdigen Jungfern, auch ihr [Häus]-
chen war voller Intereſſe, ja mitunter enthielt es wahre
Schätze. Keine merkwürdige Perſon faſt, ſeit dem
vergangenen halben Jahrhunderte, die ihnen nicht
ein Portrait, oder andere Curioſa und [Antiquitäten]
als Erinnerung zugeſchickt hätte. Dieſe Sammlung,
eine wohl garnirte Bibliothek, eine reizende Gegend,
ein ſorgenfreies, ſtets gleiches Leben, und innige
Freund- und Gemeinſchaft unter ſich — dies ſind
alle ihre Lebensgüter; aber nach ihrem kräftigen Al-
ter und ihrem heitern Gemüth zu ſchließen, müſſen
ſie nicht ſo übel gewählt haben. —


Unter unbändigem Regen hatte ich die guten alten
Damen beſucht, und unter demſelben Platzregen ging
jetzt die Reiſe weiter, zuerſt bei der Ruine einer al-
ten Abtei vorüber, und dann bei dem einſtigen
Palaſt Owen Glendower’s, deſſen Du Dich aus Sha-
keſpeare, und meinen Vorleſungen in M ..... erin-
nerſt. Die Mannigfaltigkeit der Gegend iſt außer-
ordentlich; zuweilen iſt man von einem wahren Ge-
tümmel von Bergen aller Formen umringt, dann
glaubt man ſich, das Land weit überblickend, faſt
wieder in der Ebne, bis man von neuem in eine
dunkle enge Waldſtraße eingeſchloſſen wird. Weiter-
hin treibt der Fluß ruhig eine friedliche Mühle, und
gleich darauf braußt er im Abgrunde über Felſen-
blöcke, und bildet in der Tiefe einen prachtvollen
[23] Waſſerfall. Gerade an dieſer Stelle, der Caskade von
Pont-Y-Glyn gegenüber, begegnete ich einer ſehr ele-
ganten engliſchen Droſchke (die ſehr verbeſſerte Aus-
gabe des Wiener Originals) mit vier hübſchen Pfer-
den beſpannt, aber mit einem noch hübſcheren Mäd-
chen darin, die von einer zwar älteren, aber auch
nicht übel ausſehenden, Frau begleitet war. Wir
hielten beide zur Beſichtigung des Waſſerfalles an,
und während unſere Wagen ſo gegenüber ſtanden,
ſchielte das Mädchen neugierig nach mir herüber,
was ich bemerkte, und lachte. Dies erſchreckte die
ſcheue Engländerin, ſie ward über und über roth,
und konnte doch gleich nachher, in jugendlicher Luſtig-
keit, ſich ſelbſt des Lachens nicht über die Pantomi-
men enthalten, welche ich, im Wagen vor der Beglei-
terin verſteckt, ihr adreſſirte. Der Kampf in dem ſie
darüber mit ſich ſelbſt gerieth, machte die Scene noch
komiſcher. In dieſem Moment fielen meine Augen
auf einen Haufen eben von mir geſammelter ſchöner
Bergblumen, und ich ſchrieb ſchnell auf ein ausge-
riſſenes Blatt meines Portefeuille folgende Worte:
„F … M .... empfiehlt ſich den unbekannten Damen
„reſpectvoll und bittet um Erlaubniß, ihnen zwei eben
„gepflückte Sträußer Gebirgsblumen zu ſenden; er
„ſollicitirt als Gegengeſchenk um die Namen der lie-
„benswürdigen Reiſenden, die ihm ſein guter Stern
„bei Pont-Y-Glyn begegnen ließ.“ — Dies befahl
ich meinem Kammerdiener zu übergeben. Es wurde,
wie ich hinter dem herabgezogenen Rouleau ſah, mit
ſatyriſchem Lächeln von der [ältern] Dame, mit Errö-
[24] then von der Jüngern aufgenommen. Die Antwort
lautete: „Sehr verbunden; aber die unbekannten
„Damen müſſen incognito bleiben .... vielleicht —
„ſehn wir uns in London wieder.“


Hierauf erfolgte das Zeichen zur Abfahrt, und da-
hin eilten wir, nur noch ein Paar ungewiſſe Blicke
tauſchend, nach ganz verſchiedenen Weltgegenden hin.
War das nicht der Anfang einer artigen kleinen
avanture? wäre ich noch ein Menſch, der ſeinen Lau-
nen nachgeben kann, ich hätte ſogleich umkehren laſſen
und das Mädchen verfolgt bis ..... doch nichts wei-
ter davon! ſie kam mir aber lange nicht aus den Ge-
danken, denn ſie war zu hübſch, um ſie ſo ſchnell zu
vergeſſen. Auf der nächſten Station erkundigte ich
mich nach ihr, aber niemand wollte ſie kennen. Ich
blieb alſo allein mit dem Ueberreſt meiner Blumen,
und ſchmollte ein wenig, bis neue Gegenſtände wie-
der meine ganze Aufmerkſamkeit in Anſpruch nah-
men. Denn das Thal von Llangollen iſt nur die
Vorrede zu der eigentlichen Epopäe — dem höhern
Gebirge von Wales. Nachdem man hinter dem er-
wähnten Waſſerfall, eine halbe Stunde lang in einer
faſt unbedeutenden, nur durch wenige Hügel unter-
brochenen, Ebne gefahren iſt, tritt man nicht weit
von Cernioge mawr inn mit einem Mal in das Al-
lerheiligſte — ein mächtig ergreifender Anblick! Un-
geheure ſchwarze Felſen bilden rund umher das er-
habendſte Amphitheater, deſſen gezackte und zerriſſene
Zinnen in den Wolken zu ſchwimmen ſcheinen. Un-
ter einer achthundert Fuß tief herabſteigenden Felſen-
[25] wand, bahnt der Fluß ſich ſeinen ſchwierigen Weg,
von Abgrund zu Abgrund herabſtürzend. Vor uns
lag eine perſpectiviſche Anſicht über einander wogen-
der Berge, die endlos ſchien. Ich war ſo entzückt,
daß ich mir durch lauten Ausruf Luft machen mußte.
Und dabei kann man die berrliche Straße nimmer
genug loben, welche, nie jähling ſteigend oder ſinkend,
alle die belles horreurs dieſer Bergwelt ſo gemäch-
lich betrachten läßt. Sie iſt, wo ſie nicht von Felſen
geſchützt wird, durchgängig mit niedrigen Mauern
eingeſchloſſen, und in gleichen Diſtanzen ſind eben-
falls zierlich gemauerte Niſchen angebracht, in denen
die Steine zur Ausbeſſerung aufgeſchichtet ſind, was
weit geordneter ausſieht, als die freiliegenden Stein-
haufen an unſern Landſtraßen.


Das Gebirge von Wales hat einen ſehr eigenthüm-
lichen Charakter, der ſchwer mit andern zu verglei-
chen iſt. Seine Höhe iſt ohngefähr der des Rieſen-
gebirges gleich, es erſcheint aber unendlich grandioſer
in Form, iſt weit reicher an Bergſpitzen, und dieſe
beſſer gruppirt. Auch die Vegetation iſt mannichfal-
tiger an Pflanzenarten, obgleich nicht ſo zahlreich an
Bäumen überhaupt, und es hat Flüſſe und Seen, die
dem Rieſengebirge ganz abgehen. Es fehlen ihm alſo
die majeſtätiſchen, geſchloſſenen Wälder der Heimath
Rübezahls und an einigen Stellen deſſelben hat auch
der Anbau des Menſchen die Mittelſtraße bereits
überſchritten, die meiner Anſicht nach, zu einer voll-
endet ſchönen Landſchaft gehört; dagegen iſt die bö-
here Region, von Capel Cerrig bis einige Meilen
[26] von Bangor, ſo wild und ſchroff, als man es ſich
nur wünſchen kann, und weite Strecken roth und
gelb blühender Haiden, nebſt Farrenkräutern und an-
dern Pflanzen, die in unſerm härtern Clima nicht
fortkommen, bekränzen die Felſen, und erſetzen die
Bäume, welche in dieſer Höhe nicht mehr gedeihen.
Die größte Mannichfaltigkeit des Gemäldes bewirken
aber die coloſſalen, wilden und ſeltſamen Formen der
Berge ſelbſt. Einige ſehen wirklich Wolken weit ähn-
licher, als feſten Maſſen. So iſt unter andern der
Trivaen mit ſo ſonderbar geformten Baſaltſäulen
auf ſeiner Spitze bedeckt, daß alle Reiſende überzeugt
ſind, Menſchen da oben zu ſeh’n, die eben den Berg
erſtiegen, und nun in die weite Ausſicht hineinſchauen
— es ſind aber nur die Berggeiſter, die Merlin auf
ewige Zeiten dahin gebannt.


Geſchmackvoll fand ich es, daß ſämmtliche Chauſſee-
Häuſer ſo ganz im Charakter der Gegend gehalten
waren; aus rohem röthlichen Bruchſtein erbaut, mit
Schiefer gedeckt, von einfacher, ſchwerer Architectur,
und mit eiſernen Thoren verſehn, deren Gitterwerk
die ſich kreuzenden Strahlen zweier Sonnen nach-
ahmt. Der Poſtboy zeigte mir die Ueberreſte eines
alten Druidenſchloſſes, wohin, wie ich in meinem
Buche nachleſe, Caractacus nach ſeiner Niederlage
bei Caer Caredoc retirirte. Die welſche Sprache klingt
ſelbſt wie [Krähengekrächze]. Beinahe alle Namen fan-
gen mit C an, welches mit einem Krach-Laut ausge-
ſprochen wird, den eine fremde Kehle nicht nachma-
chen kann. Dieſe Ruine iſt jetzt in zwei bis drei be-
[27] wohnte Hütten verwandelt, und ihre Lage nicht eben
ausgezeichnet. Bemerkenswerther ſchien mir weiter-
hin ein Felſen, der in der Geſtalt eines Biſchofs mit
Krummſtab und Mitra ſich darſtellte, als ſtiege er
eben aus einer Höhle, um den erſtaunten Heiden das
Chriſtenthum zu predigen. Woher kömmt es wohl,
daß, wenn die Natur ſo ſpielt, es eine faſt erhabne
Wirkung macht, und wenn es die Kunſt nachahmen
will, dies immer lächerlich erſcheint?


Ein kleines tormento im Gebirge ſind die vielen
Kinder, welche, wie Gnomen kommend und verſchwin-
dend, den Wagen mit unbegreiflicher Beharrlichkeit
bettelnd begleiten. Ermüdet von dieſer Zudringlich-
keit hatte ich mir beſtimmt vorgenommen, Keinem
etwas mehr zu geben, weil man ſonſt darauf rechnen
kann, gar nicht mehr von ihnen verlaſſen zu wer-
den; aber eines dieſer kleinen Mädchen bezwang den-
noch alle meine Entſchlüſſe durch ihre Ausdauer. Ge-
wiß eine deutſche Meile lief ſie im ſcharfen Trabe
Berg auf Berg ab, nur manchmal durch Fußwege
abkürzend, mich aber nie aus den Augen laſſend,
neben mir her, wobei ſie unaufhörlich denſelben jam-
mervoll klagenden Ton, gleich einer Seemöve, aus-
ſtieß, der mir zuletzt ſo unerträglich wurde, daß ich
mich gefangen gab, und der nicht zu ermüdenden Lau-
ferin meine Ruhe mit einem Schilling abkaufte. Der
unheilbringende Ton war mir aber, wie der Tik Tak
einer Uhr, die man täglich zu hören gewohnt iſt, ſo
im Ohre geblieben, daß ich ihn den ganzen Tag nicht
los werden konnte.


[28]

Ich habe vortrefflich ausgeſchlafen, und ſitze nun
im Gaſthof am Meere, von der Reiſe ausruhend,
und ergötze mich an den Schiffen, die auf allen Sei-
ten die klare Fluth durchziehen. Nach der Landſeite
zu ragt eine Burg, von ſchwarzem Marmor aufge-
baut, aus den uralten Eichenkronen hervor. Mit
dieſem Schloß werde ich meine Ausflüge beginnen,
und überhaupt hier, wo ich mich ſehr gut aufgeho-
ben ſehe, mein Hauptquartier aufſchlagen. Auch fand
ich hier ganz unerwartet einen unterhaltenden Lands-
mann. Du kennſt den geiſtreichen A …, der ſo ma-
ger iſt, und doch ſo ſtattliche Waden beſitzt, ſo ele-
gant gekleidet und doch ſo ſparſam, ſo gutmüthig
und doch ſo ſarkaſtiſch, ſo engliſch und doch ſo deutſch
erſcheint. Kurz A … frühſtückte zum zweitenmal gu-
ten Appetits mit mir, und erzählte dabei die luſtig-
ſten Dinge. Er kam von S ...., über welches er
ſich ohngefähr ſo vernehmen ließ:


Scherz und Ernſt,


Sie wiſſen, lieber Freund, ſagte er, daß man in
Wien Jedem, der ein gebacknes Hendel eſſen, und
NB bezahlen kann, den Titel Euer Gnaden ertheilt
— in S ..... nennt man dagegen Jeden, der einen
ganzen Rock trägt, in dubio, Herr .... Rath, oder
noch beſſer, Herr Geheimer Rath, unbekümmert ob
es ein wirklicher, oder nicht wirklicher (alſo blos
ſcheinbarer, fantasmagoriſcher) ein halber, d. h. ein
penſionirter, ein ganzer, nämlich voll bezahlter, oder
[29] ein völlig unbefruchteter, eine titulaire Null ſey.
Sonderbar verſchieden ſind dabei die Attribute und
die Functionen dieſes geheimnißvollen Raths-Weſens.
Bald führt ſeinen Namen ein invalider Staatsmann
in der Reſidenz, dem man aus Ehrfurcht für ſeine
Altersſchwäche, und zur Belohnung eines glücklich
erlebten Jubiläums, eben den gelben Greifen um-
gehangen hat; oder ein nicht allzuthätiger, aber deſto
mehr von ſich eingenommener Ober-Präſident in der
Provinz, dem ſeine Verdienſte bei der Durchreiſe
eines fremden Souverains, endlich zu Ehre und
Orden verhelfen; hier iſt es die rüſtige Stütze der
Finanzen, oder ſelbſt der rara avis, ein einflußrei-
cher Mann nahe am Throne und dennoch ein be-
ſcheidener
Mann voller Verdienſt; dort aber ſchon
wieder eine blos vegetirende Excellenz, die kein an-
deres Geſchäft kennt als von Haus zu Haus gehend,
veraltete Späße und Namenverdrehungen aufzutiſchen,
die ſeit einem halben Jahrhundert das Privilegium
haben, die crême de la bonne société in der Haupt-
ſtadt zu entzücken. Jetzt wird abermals ein genialer
Mann daraus, der als Dichter und Menſch erfreut,
und nie einen andern als den geraden Steg betritt,
— weiterhin [repräſentirt] es ein zwar weniger glän-
zendes, aber deſto mehr umfaſſendes Genie, welches,
obgleich der Themis eigen, auch eben ſo gut unter
den Sternen, ſowohl des Himmels als des Theaters,
Beſcheid weiß. Endlich verwandelt ſich dieſer Pro-
teus gar in einen Cameraliſten, berühmten Schaaf-
züchter und Oekonomen, der ſeine Felder — und ſpä-
[30] terhin in einen Doktor der die Kirchhöfe düngt; auch
bei der unüberwindlichen Landwehr iſt er zu finden,
und Poſt, *) wie Lotterie, ja Garderobe ſelbſt, ver-
mögen nicht ohne ihn zu beſtehen. Der Hof-Philo-
ſoph, der Hof-Theologe, der Hof-Jakobiner, alle bie-
ten ſich am Ende die Hand als geheime Räthe — ſie
ſind es, waren es oder werden es ſeyn — kurz kein
Land ſcheint in dieſer Hinſicht mehr berathen, und
zugleich geheimer! denn ſo beſcheiden ſind dieſe zahl-
loſen Räthe — daß ſie oft nichts geheimer halten als
ihr Talent.


Aber eine wahre Freude iſt es dagegen, zu ſehen,
mit welcher unbefangenen, ja rührenden bonhomie ſie
ſich ſelbſt unter einander Titel geben und Ehre er-
zeigen, jeder dem andern ſein Prädicat noch um eine
Stufe höher ſchraubend, zur Dankbarkeit aber, wie
ſich von ſelbſt verſteht, daſſelbe wiederum von ihm
erwartend. Die verſchiedenen Zuſätze und Wendun-
gen, die das arme Wort „geboren“, dabei erleiden
muß, blieben gewiß jedem Fremden, der hier die
deutſche Sprache erlernen wollte, ein myſtiſches
[Räthſel]. Ohne mich in dieſes Labyrinth weiter hin-
ein zu begeben, erwähne ich blos, daß „geboren“
allein, auch der Bettler auf der Straße nicht mehr
[31] ſeyn will, und „Edelgeboren“ eine empfindliche Be-
leidigung für die unteren, ſo wie „Wohlgeboren“
für die obern, auch nicht adlichen, Staatsbeamten
zu werden anfängt. Ich für meine Perſon ſchrieb
hier ſtets an meinen Schneider: Hochwohlgeborner
Herr. Es war dies allerdings ein berühmter Mann,
ein Nachkomme des bekannten Freundes Robinſon
Cruſoës, der durch den kühnen und unnachahmlichen
Schnitt ſeiner Uniformen eine welthiſtoriſche Wichtig-
keit erlangt hat. Er war alſo auf alle Weiſe we-
nigſtens
des Verdienſtadels würdig. *)


Um in ſolcher willkührlichen Titelertheilung und
Empfangung nicht genirt zu ſeyn, iſt es hier auch ſo
vortheilhaft eingerichtet, daß bei der größten Rang-
Sucht doch eine wirkliche bindende Rang-Ord-
nung
gar nicht exiſtirt, weder bei Hofe, noch durch
die Geburt beſtimmt, oder durch geſetzwerdende Mei-
nung und Gewohnheit in der Nation begründet.
Zuweilen iſt es Geburt, öfter das Amt, bald Ver-
dienſt, bald Gunſt, bald auch nur unwiderſtebliche
Impertinenz, welche den Vorrang gewährt, wie es
Zufall und [Umſtände] fügen. Dies giebt nun zu be-
ſondern Anomalieen Anlaß, die einem alten Edel-
manne, wie ich bin, einen Baron von Tunderden-
[32] dronk, qui ne scaurait compter le nombre de ses
ânes,
wie jener P ........ General ſagte —
gar nicht in den Kopf wollen. Klagen, Sorgen und
Noth haben deßhalb auch kein Ende in der Geſell-
ſchaft; nur eine gewiſſe luſtige und vortreffliche alte
Dame weiß einzig und allein, faſt überall, und bei
jeder Gelegenheit, den erſten Rang zu behaupten —
weil ſie mit vielem Geiſt viel körperliche Kräfte und
perſönliche Tapferkeit verbindet, und durch dieſe ver-
einten Eigenſchaften bald mit Witz, bald mit gött-
licher Grobheit, bald auch, wenn nichts anders hel-
fen will, mit einem derben Fauſtſtoß, bei Hof und
andern Feſten ſich als die Erſte gerirt, und die Erſte
bleibt. Ich weiß unter andern von guter Hand, daß
die Gräfin Kakerlack bei einem der Höfe (denn es
giebt deren Mehrere hier) ſich durch eine Hof-Cabale
zurück geſetzt fühlte, und auf den Rath ihres Freun-
des, des Staroſtes von Pückling, ſich direkt an den
ſtets gerechten und billigen Regenten wandte, und
offiziell um die Beſtimmung ihres Ranges bat. Man
ertheilte ihr hierauf auch dieſen, unmittelbar nach
der Fürſtin Bona, welche (hier einmal der Ver-
dienſte
ihres ſeligen Mannes wegen) den erſten
inne hat — und der Großwürdenträger, Fürſt
Weiſe, brachte ihr ſelbſt dieſe Ordre, aber ſagte er:
„Liebſte Gräfin, der Baronin Stolz müßen Sie doch
„den Rang laſſen, denn was wollen Sie mit Ihrer
„ſchlanken Taille gegen die ausrichten? ein einziger
„Ellenbogenſtoß, und Sie ſind lahm auf ewig! Alſo
„laſſen Sie die immer vorgehn, denn Sie wiſſen,
[33] „die Polizei ſelbſt fürchtet ſich vor der, ſeit der fa-
„moſen Einladung, die ſie vor einigen Jahren an
„dieſelbe ergehen ließ.“


Der Kraft muß Alles weichen, und dieß beweiſet
auch wie ſchwierig es iſt, bloß dem Verdienſte, ohne
allgemein ausgeſprochene Regel, den Vorrang zuzu-
geſtehen; denn Verdienſt iſt ja ſo relativ! Wenn der
General, der Miniſter groß ſind, wer kann läugnen,
daß auch der vortreffliche Koch, die liebenswürdige
Operntänzerin ein großes Verdienſt beſitzen? Dieß
haben ja, wie uns die Geſchichte lehrt, ſelbſt Mo-
narchen und Staaten ſtets anerkannt. So muß
z. B. in England, wo in der Regel nur Adelstitel
Rang gewähren (beiläufig geſagt wohl der ſicherſte,
und dem Königthume gemäßeſte Anhalt *) der große
Feldmarſchall und Premier-Miniſter Wellington, dem
kleinen, zwar bekannten, aber keinesweges berühm-
ten, Herzoge von St. Albans nachgehen, weil dieſer
junge Mann ein älterer Herzog iſt, d. h. das Ver-
dienſt ſeiner Ahnfrau, der Schauſpielerin Nell Gwynn,
Maitreſſe Carls des II. — älter iſt, folglich das
Prioritäts-Recht ausübt, vor dem ſpätern Verdienſte
des Herzogs von Wellington.


In der hieſigen Hauptſtadt iſt es anders. Man
Briefe eines Verſtorbenen. I. 3
[34] iſt in der Regel an zu ſchlechtes Eſſen gewöhnt, um
einen guten Koch ſehr hoch anzuſchlagen, und iſt
neuerlich allgemein zu tugendhaft geworden, um
Maitreſſen zu halten. *) Von Verdienſtſchätzung iſt
auch nicht ſonderlich mehr die Rede. Was eigent-
lich und hauptſächlich jetzt hier Rang und Anſehen
giebt, iſt: Diener zu ſeyn, des Staates oder Ho-
fes, n’importe lequel, et comment. Beati possiden-
tes
— denn auch hier waltet das gute deutſche Sprich-
wort: Wem Gott das Amt giebt, dem giebt er auch
Verſtand! Die Bureaukratie iſt an die Stelle der
Ariſtokratie getreten, und wird vielleicht bald auch
eben ſo erblich werden. Schon jetzt kann ſelbſt das
Gouvernement keinen ſeiner Beamten mehr ohne Ur-
theil und Recht entlaſſen, die Stelle im Staatsdienſt,
die jeder inne hat, wird für ſein möglichſt beſtbe-
gründetes Eigenthum angeſehen, und es iſt nicht
zu verwundern, daß überall Beamtete dieſe Einrich-
tung bis in den Himmel erheben. Sonderbar, daß
[35] demohngeachtet alle Staaten mit einer freien Ver-
faſſung, wo nämlich als Prinzip angenommen iſt,
daß die Nation, und kein bevorrechteter Stand,
ſelbſt nicht der ihrer Diener, die Hauptſache ſey,
einem ganz andern Syſteme folgen. *) Der nicht
dienende Bürgerſtand iſt auf andere Weiſe in ſeiner
Unbeachtetheit glücklich. Er genießt ſeine Wohlhaben-
heit con amore, und als Salz des Lebens führt er
Prozeſſe, wozu ihm die Juſtiz gern allen erdenklichen
Vorſchub leiſtet. Auch der Kaufmann, ſowohl chriſt-
lichen als vorchriſtlichen Glaubens findet ſein Conto
und wenn er es anzufangen weiß, auch nützliche Pro-
tektion — ja recht viel Geld zu beſitzen, iſt beinahe
ſo viel werth als wirklicher Geheimerrath zu ſeyn,
und die reichen Banquiers, wenn ſie ein gutes Haus
machen, werden zu den privilegirten Ständen ge-
rechnet, auch manchmal dafür in den Adelſtand er-
hoben.


3*
[36]

So behelfen ſich denn Viele auf’s Beſte; nur mit
dem armen Adel, beſonders dem alten, (inſofern er
nicht auch in den ſichern Hafen der Bureaukratie ein-
gelaufen iſt) ſieht es kläglich aus! Ohne Geld und
freien Grundbeſitz, ſeine Adels-Titel ins Unendliche
vervielfältigend, und ſeine Stammgüter ins Unend-
liche theilend, ohne Antheil an der Geſetzgebung als
den, welcher ihm in einer ſtändiſchen Schule vergönnt
wird, wo man ihn zur graduellen Ausbildung einſt-
weilen nach Quinta geſetzt hat, von ſeinen früher
innegehabten Stiftern und Pfründen ſchon längſt ab-
gelöst, *) von den Behörden mehr als billig gehudelt,
ja oft wegen ſeiner ſo ſchlecht ſoutenirten Anſprüche
nicht nur ausgelacht, ſondern auch angefeindet und
verfolgt, hat er, als Corporation, ſein Anſehen
beim Volke gänzlich verloren, und es bleibt ihm
kaum eine andere weſentliche Eigenſchaft mehr übrig,
als die, zur einzigen Pflanzſchule für Kammerherrn
[37] bei den verſchiedenen reſpectiven Höfen der Hauptſtadt
zu dienen; immer noch ohne Zweifel ein benei-
denswerthes Loos. —


Dieſe letztere Wahrheit wird auch gebührend von
Vielen erkannt, und manches Geiſtreiche darüber, be-
ſonders von einer berühmten Schriftſtellerin als Vor-
fechterin, ausgeſprochen, die ſeit geraumer Zeit mit
ihrem Gemahl in einer Art gemeinſchaftlichen Ro-
manenwettlauf begriffen war, welcher jede Leipziger
Meſſe dem erfreuten Publikum zwei bis drei derglei-
chen Produkte, zu eben ſo viel Bänden das Stück,
zu liefern pflegte. Das Merkwürdigſte dabei war,
daß die Werke des Mannes von der überſchwänk-
lichen Zartheit einer weiblichen Feder, die der
Frau hingegen von etwas ſchwerfälliger männlicher
Vielwiſſerei herzurühren ſchienen, ein Blei, das ſelbſt
die alchymiſtiſche Hand eines liebenswürdigen und
geiſtreichen Prinzen nicht in Gold verwandeln konnte.
Beide Schriften, beſonders die erſtern, haben indeß
ihre vogue erlebt, bis endlich die anmuthig anzu-
ſehenden, und naiv kindlichen Nordlandshelden des
edlen Ritters, die ſich mit Zärtlichkeit duellirten, und
mit klaren blauen Augen dem todtgeſtochnen Freunde
den Friedenskuß aufdrückten, eben ſo wie ſeine wun-
derbaren Roſſe, die über Felſenzacken gallopirten und
durch Meere ihren Herren nachſchwammen, ohnge-
achtet aller dieſer wundervollen Gaben, Walter Scotts
unbehosten Bergſchotten weichen mußten.


Die poetiſchen Kammerjunker und gelehrten Thee-
zirkel der gnädigen Frau waren bereits ſchon lange
[38] vorher, als ein wenig ausgetrocknet, verlaſſen wor-
den. Ein ſolcher Theezirkel war es bekanntlich auch,
in dem Ahasverus, wie wir in den Memoiren des
Teufels laſen, nach ſo langer raſtloſer Wanderung
zum erſtenmal Ruhe fand, und ſelig entſchlief. Seit
dem ſind die dicken Bände der berühmten Schriftſtel-
lerin zu ſchmalen Erzählungen eingeſchwunden, lieb-
liche Ephemeren, die zwar nur einen Tag leben,
aber dafür ſich auch nur an Höfen, in Kammern,
unter Prinzen, Hofdamen und Fräuleins, Kammer-
herren, Kammerjunkern und auch Hofkammerlakayen
(denn nichts was dem Hofe angehört, iſt gering zu
ſchätzen) bewegen. Sogar ſpukende Kammern ka-
men neulich zum Vorſchein; die Geiſter, welche er-
ſchienen, waren aber ſo matt, ſo ſehr ausgemergel-
ten Hofſchranzen [ähnlich], avec un tel air de famille,
daß ſie höchſtens an eine Gänſehaut erinnerten, ohne
ſie jedoch zu erregen. Die Pikanteſte von allen war
ohne Zweifel diejenige, welche einſt die Geſellſchaft
der Hauptſtadt perſifflirte, in der die arme Viola
eine verdächtige Rolle ſpielte, und eine vornehme
Dame auftrat, die jene für große Summen an eine
hohe Perſon verkauft haben ſollte. Dieſe Geſchichte
war mit Recht eine moraliſche zu nennen, denn ſie
erweckte bei jedem Gutgearteten, der ſie damals las,
gewiß gerechten Abſcheu vor Verläumdung und leicht-
ſinniger Verdammung. Böswillige aber ergötzten ſich
auf andere Art daran — und ſo blieb das Ganze
nicht ohne Werth, ein Meiſterſtück aber könnte man
es nennen, wollte man es gegen alle die Mittel-
[39] alterlichen, Tugend- und Jammervollen, Chriſtlichen
und Zotenreißenden, Italiäniſirenden und Deutſch-
thümelnden ꝛc. Erzählungen halten, welche die Be-
dürfniſſe unſerer Journal- und Almanachs-Literatur
jetzt Myriadenweiſe hervorrufen, und von denen man
zum Theil nicht einmal mit Schiller ſagen kann, daß
ſich darin: „wenn ſich das Laſter beſp .... die Tu-
gend zu Tiſche ſetze.“ Es kömmt hier weder zu dem
einen noch dem andern, ſondern von Anfang bis zu
Ende leidet man nur an dem geiſtigen Pendant einer
ſogenannten Ekel-Cur. Nachdem vergebens nach al-
len Seiten gezielt worden iſt, brennt zuletzt das
Ganze dennoch ohne Exploſion von der Pfanne, und
weit entfernt, ſich zu Tiſch zu ſetzen, bleibt der un-
glückliche Leſer für lange Zeit von aller Nahrung
degoutirt. *)


[40]

Doch um auf die gelehrte und liebenswürdige Dame
zurückzukommen, von der eben die Rede war, ſo
ſpielte zu der Zeit, als ich in den dortigen Regionen
verweilte, um die Winterſonne ihres Hof- und
Schriftglanzes, ein ſeltſamer Inſektenſchwarm, in der
großen Welt eine Cotterie genannt — welche, ſoviel
ich weiß, noch jetzt als Grundſatz aufſtellt (wer hätte
heut zu Tage nicht Grundſätze!): daß der Adel wirk-
lich von einer andern Sorte Blut, als andre Men-
ſchen, durchſtrömt werde, und nur höchſtens im
Wege der Impfung ein gemeiner Baum noch ver-
edelt werden möge, z. B. durch natürliche Kinder
großer Herren u. ſ. w. Dieſer Adel bleibe alſo vor
allem rein und abgeſchloſſen, lehrt ſie, er entehre ſich
weder durch Induſtrie noch gemeinnützige Spekula-
tionen, welches eine gewiſſe Frau von Tonne, in
einer fehr gehaltreichen Schrift, als einen Haupt-
grund des Verfalles des Adels im Lande aufführt.
Etwas ſchriftſtellern und künſtlern (auch für Geld,
ja ſelbſt für bürgerliches Geld) bleibt jedoch dem
Adel erlaubt, wie man überhaupt Künſtlern eine
Mittelſtufe zwiſchen Adelichen und Bürgerlichen ge-
ſtattet. Konſtitutioneller, hoher Adel und repräſen-
tative Verfaſſung iſt dagegen keineswegs nach dem
Geſchmack dieſer Parthei, aus dem ſehr natürlichen
Grunde, weil unter ſolchen fatalen Umſtänden ihr
eigner Adel, deſſen Alter ſie ſelbſt allein genau ken-
nen, und deſſen verſchuldeter Landbeſitz ſich in tau-
ſend kleine Antheile bis zur mikroskopifchen Unent-
deckbarkeit verſplittert hat — zu dem ſchrecklichen
[41] Looſe verdammt ſeyn würde, in der Kammer der
Gemeinen (wo noch?) Platz nehmen zu müſſen.
Wer kann es ihnen daher verdenken, wenn ſie in
ſolcher Lage die Kammer des Prinzen vorziehn, be-
ſonders wenn ſie Herren darinnen werden können —
doch das verhüte Gott! Hoffentlich bleiben ſie hier
immer nur titulaire, nicht wirkliche geheime Räthe
und Kammer herren.


(Die Fortſetzung ein andresmal.)



Ich konnte es doch nicht ſo lange aushalten, in
der Stube ſitzen zu bleiben; das Schloß vor meinen
Fenſtern lockte zu mächtig! Ich beſtieg alſo gleich
nach A .... s Abreiſe einen Bergklepper, und ritt
wohlgemuth darauf zu. Dieſes merkwürdige Ge-
bäude iſt von einem in jeder Hinſicht ſtein reichen
Manne aufgeführt; denn ſeine, eine Stunde weiter
im Gebirge liegenden Steinbrüche, bringen ihm jähr-
lich 40,000 L. St. ein. Er hat an einer der vortheil-
hafteſten Stellen, hier am Ufer des Meeres, einen
weitläuftigen Park angelegt, und die ſonderbare,
aber meiſterhaft ausgeführte, Idee gehabt, alle Ge-
bäude darin in dem altſächſiſchen Style zu erbauen.
Man ſchreibt dieſe Architektur fälſchlich in England
den Angelſachſen zu, da ſie doch von den ſächſiſchen
deutſchen Kaiſern herrührt, und gewiß keines dieſer
vielfachen Monumente älter iſt. Schon die den Park
umgebende, wohl eine deutſche Meile fortlaufende
[42] hohe Mauer, erhält dadurch ein ſeltſames Anſehen,
daß in ihrer obern Schicht 3 bis 4 Fuß hohe, auf-
recht ſtehende, unegale, ſpitze Schieferſtücke einge-
mauert ſind, eine zugleich ſehr zweckmäßige Vorrich-
tung. Bei jedem Eingang droht ein thurmartiges
Fort mit Fallgittern u. ſ. w. dem Eindringenden,
(kein übles Symbol für die Illiberalität der moder-
nen Engländer, die ihre Gärten und Beſitzthümer
ſtrenger, als wir unſere Wohnſtuben, verſchließen)
dann muß der Beſucher noch eine Zugbrücke paſſiren,
ehe er den dunklen Thorweg der imponirenden Burg
betritt. Der ſchwarze, nur roh bearbeitete, Marmor
von der Inſel Angleſea, aus dem die großen Maſſen
beſtehen, harmonirt wunderbar mit dem majeſtäti-
ſchen Charakter der Gegend. Bis in die kleinſten
Details, ſelbſt die Stuben der Bedienten, und noch
geringere Plätze nicht ausgenommen, iſt mit genauer
Sorgfalt alles reinerold Saxon style. Im Eß-
ſaal fand ich eine Nachahmung des Dir früher be-
ſchriebenen Schloſſes Wilhelms des Eroberers zu
Rocheſter. Was damals nur ein großer Monarch
ausführen konnte, realiſirt jetzt als Spielwerk, nur
noch größer, ſchöner und koſtbarer, ein ſimpler
Landgentleman, deſſen Vater vielleicht mit Käſehan-
del anfing. So ändern ſich die Zeiten! Der Grund-
plan des Gebäudes, den mir der gefällige Architekt
vorlegte, gab Gelegenheit zu einigen häuslichen
Informationen, die ich Dir hier mittheile, weil faſt
alle engliſche größere Landhäuſer ſo eingerichtet ſind,
und ſie, wie ſo vieles, die Zweckmäßigkeit engliſcher
[43] Gebräuche darthun. Die Dienerſchaft hält ſich nie im
Vorzimmer, hier die Halle genannt, auf, welche immer
wie die Ouverture bei einer Oper, den Charakter des
Ganzen anzudeuten ſucht. Sie iſt gewöhnlich mit Ge-
[mälden] oder Statüen geſchmückt, und dient, wie die
elegante Treppe und alle übrigen Zimmer, nur zum
beliebigen Aufenthalt der Familie und Gäſte, welche
ſich lieber manchmal ſelbſt bedienen, als immer einen
ſolchen dienenden Geiſt hinter ihren Fußſtapfen wiſ-
ſen wollen. Die Bedienten ſind daher alle in einer
entfernteren großen Stube (gewöhnlich im rez de
chaussée
) verſammelt, wo ſie auch zuſammen, ohne
Ausnahme, männliche und weibliche, zu gleicher Zeit
eſſen, und wo alle Klingeln aus dem Hauſe eben-
falls aboutiren. Dieſe hängen in einer Reihe num-
merirt an der Wand, ſo daß man ſogleich ſehen
kann, von woher geklingelt wird; an jeder iſt noch
eine Art pendulum angebracht, der ſich 10 Minuten
lang, nachdem die Klingel ſchweigt, noch fortbewegt,
um den Saumſeligen an ſeine Pflicht zu erinnern!*)
Das weibliche Perſonal hat gleichfalls ein großes
Verſammlungszimmer, worin es, wenn nichts ande-
res vorkömmt, näht, ſtrickt und ſpinnt. Daneden
befindet ſich ein Behältniß zum reinigen der Glas-
[44] waaren und des Porzellains, welches den Mädchen
obliegt. Jede von dieſen, ſo wie die männlichen Die-
ner, haben im oberſten Stock ihre beſondere Schlaf-
zelle. Nur die Ausgeberin (housekeeper) und der
Haushofmeiſter (butler) bewohnen unten ein eignes
Quartier. Unmittelbar an das der Ausgeberin an-
ſtoßend iſt die Kaffeeküche und die Vorrathskammer
für Alles, was zum Frühſtück nöthig iſt, welche, in
England wichtige, Mahlzeit ſpeciell zu ihrem Depar-
tement gehört. Auf der andern Seite iſt ihr Waſch-
etabliſſement, mit einem kleinen Hofe verbunden; es
beſteht aus 3 Piecen, die erſte zum Waſchen, die
zweite zum Plätten, die dritte bedeutend hohe, welche
mit Dampf geheizt wird, zum Trocknen bei ſchlechtem
Wetter. Neben des Haushofmeiſters Logis befindet
ſich ſeine pantry, ein geräumiges feuerfeſtes Zimmer
mit rund umher laufenden Schränken, wo das Sil-
ber aufbewahrt wird, das er auch hier putzt, ſo wie
die zur Tafel nöthigen Glas- und Porzellainwaaren,
die ihm, ſobald ſie von dem Mädchen rein gemacht
ſind, welches alles ſehr pünktlich geſchieht, ſogleich
wieder abgeliefert werden müſſen. Aus der pantry
führt eine verſchloſſene Treppe in die Bier- und Wein-
keller, welche der butler ebenfalls unter ſich hat.


Ein ſehr romantiſcher Weg brachte mich, erſt durch
den Park, dann am Saum eines ſchön bewaldeten
Bergſtroms hin, in einer Stunde nach dem Schiefer-
bruch, der 6 Meilen vom Schloß im Gebirge liegt.
Aus den Dir bereits genannten Einkünften kannſt
Du dir denken, welch’ ein bedeutendes Werk dies iſt.
[45] Fünf bis ſechs hohe Terraſſen von großem Umfang
ſteigen an den Bergen empor, und auf ihnen wim-
melt alles von Menſchen, Maſchinen, Prozeſſionen
von hundert, an einander gehängten, ſchnell auf Ei-
ſenbahnen hinrollenden Wagen, Laſten heraufziehen-
den Krahnen, Waſſerleitungen, und ſo weiter. Ich
brauchte ziemlich lange, um das Ganze nur flüchtig
zu beſehen. Um zu einem entfernteren Theile des
Werks zu gelangen, wo man eben die Felſen mit Pul-
ver ſprengte, was ich zu ſehen wünſchte, mußte ich
mich auf einem der kleinen Eiſenwagen, die zum Trans-
port des Schiefers dienen, durch eine pechſchwarze,
nur vier Fuß hohe und vier hundert Schritt lange,
durch den Felſen gehauene Gallerie auf dem Leibe
liegend fahren laſſen. Dies geſchah vermittelſt einer
Winde. Es iſt eine höchſt fatale Empfindung, ſich
durch dieſe ſchmale Schlucht mit tauſend unregelmä-
ßigen Zacken, welche man, am Eingange wenigſtens,
deutlich ſieht, bei ägyptiſcher Finſterniß mit großer
Schnelle durchreißen zu laſſen, welches Fremde auch
gewöhnlich ablehnen. Man kann ſich des Gedankens
nicht erwehren, daß wenn man, ohngeachtet der be-
ruhigenden Verſicherung des Führers, der zuerſt vor-
aus fährt, nun dennoch an irgend eine dieſer Zacken
anſtieße, man auch ohnfehlbar ohne Kopf auf der an-
dern Seite ankäme. Nach Paſſirung dieſer Gallerie
mußte ich noch auf einem, nur zwei Fuß breiten
Wege ohne Geländer, am Abgrunde hinwandern, bis
ich durch die zweite niedrige Höhle endlich zu dem
gewünſchten, in der That ſchaudervoll [prächtigen] Ort,
[46] gelangte. Hier ſchien man ſich ſchon in der Unter-
welt zu befinden! Die mehrere hundert Fuß hohen,
ſpiegelglatten, abgeſprengten Schieferwände ließen
vom blauen Himmel kaum ſo viel noch ſehen, um
Tag von Dämmerung unterſcheiden zu können. Der
Boden, auf dem wir ſtanden, war gleichfalls abge-
ſprengter Felſen, und in der Mitte bereits ein tiefer
Spalt, von ohngefähr ſechs bis acht Fuß Breite,
ſchon weiter herunter gearbeitet. Ueber dieſe Schlucht
[amüſirten] ſich einige Kinder der Steinarbeiter, hals-
brechende Sätze zu machen, um ein paar Pence da-
für zu verdienen; an den Felſenwänden aber hingen
überall Bergleute, gleich ſchwarzen Vögeln mit ihren
langen Eiſen pickend, und Schieferblöcke mit Ge-
praſſel herunter werfend. Doch jetzt ſchien das ganze
Gebirge zu wanken, lauter Warnungsruf erſchallte
von mehrern Seiten, die Pulvermine ſprang. — Ein
großer Felſen löste ſich nun von hoch oben langſam
und majeſtätiſch ab, ſtürzte gewaltig in die Tiefe,
und während Staub und abſpringende Steinſtückchen
die Luft gleich dickem Rauch verfinſterten, hallte der
Donner im wilden Echo rings um uns wieder. Die-
ſe, faſt täglich an verſchiedenen Orten des Stein-
bruchs nothwendigen, Operationen ſind gefährlich,
daß, nach der eigenen Verſicherung des Di-
rektors,
man bei dem ganzen Werk im Durch-
ſchnitt jährlich auf 150 Verwundete und 7 bis
8 Todte rechnet!
Ein zu dieſem Behuf eigens
beſtimmtes Hospital nimmt die Bleſſirten auf, und
ich ſelbſt begegnete beim Herreiten, ohne es zu wiſſen,
[47] der Leiche eines vorgeſtern Gebliebenen, car c’est
comme une bataille
. Die Leute waren ſo aufgeputzt
und mit Bergblumen geſchmückt, daß ich die Prozeſ-
ſion im Anfang für eine Hochzeit hielt, und faſt er-
ſchrack, als auf meine Frage, wo der Bräutigam ſey,
einer der Begleiter ſchweigend auf den nachfolgenden
Sarg wieß. Nach der Aeußerung des Direktors iſt
jedoch die Hälfte der Unglücksfälle der Apathie der
Arbeiter ſelbſt zuzuſchreiben, die, obgleich jedesmal
gewarnt, dennoch in der Regel zu ſorglos ſind, um
ſich bei der Exploſion zur rechten Zeit und weit ge-
nug zu entfernen, und da der Schiefer ſich ſtets in
platten meſſerſcharfen Stücken ablöst, ſo iſt oft ein
unbedeutendes, in weite Ferne geſchleudertes, Stück
hinlänglich, dem Manne, den es trifft, die Hand, ein
Bein oder gar den Kopf rein abzuſchneiden, welcher
letztere Fall, wie ich hörte, einmal wirklich vorkam.
Da wir ſelbſt von dem foyer nicht zu weit entfernt
ſtanden, ſo benutzte ich den Wink, und machte wieder
linksum, durch die hölliſche Gallerie, um mir die
friedlicheren Arbeiten zu beſehen. Dieſe haben viel-
faches Intereſſe. So kann z. B. Papier nicht zierli-
cher und ſchneller beſchnitten werden, als hier die
Schiefertafeln, und kein Kienblock kann leichter und
netter ſpalten, als dieſe Steinplatten, die der Arbei-
ter mit geringer Mühe durch einen einzigen Schlag
des Meißels in Scheiben wie die dünnſte Pappe, und
von 3 bis 4 Fuß im Durchmeſſer, zertheilt. Der
rohe Stein kömmt aus den eben beſchriebenen Regio-
nen ſämmtlich auf wahren Pariſer Rutſchbergen zum
[48] Verarbeiten herab, und wie dort, bringt die Kraft
der herabrollenden beladenen Wagen auch die leeren
wieder herauf. Die Eiſenbahnen ſind hier nicht, wie
gewöhnlich, concav, ſondern conver, und die Wagen-
räder entſprechend.



Der Tag ging mit Ruhen, Schreiben und Leſen
hin, und bietet daher wenig Stoff dar; ehe ich mich
zu Bett lege muß ich aber doch, der ſüßen Gewohn-
heit folgend, noch ein wenig mit Dir plaudern. Ich
dachte eben an die Heimath und unſern verehrten
Freund L …, der jetzt wieder umher reist, mir aber
neulich ein ganzes Heft ſeiner älteren Bemerkungen
zuſendete. Soll ich Dir einen Echantillon davon mit-
theilen? — alſo böre:


Betrachtungen einer frommgemüthlichen
Seele aus Sandomir oder Sandomich
.
*)



Wie viel beſſer iſt es doch bei uns, als überall in
der Fremde! Freilich erlebt man dort manches Merk-
würdige. Zum Beiſpiel iſt es gewiß ein ſonderbarer
Umſtand (und doch kann ich nach vielfältiger Erfah-
[49] rung nicht mehr daran zweifeln) daß, wenn hier die
Pferde müde und faul ſind, (was leider nur zu oft
ſtatt findet) nur der Poſtillon Schnaps zu trin-
ken braucht, um jene wieder ſichtbar zu erheitern
und muthig zu machen. Die Weisheit der Natur
und ihre verborgenen Kräfte ſind unergründlich! —
Das eben erwähnte Phänomen erklärt ſich indeß viel-
leicht aus der bekannten Erfahrung, daß Wein in den
Fäſſern zu gähren anfängt, wenn der Weinſtock
blüht.*) Auf der letzten Station vor Torgau bekam
mein Begleiter, der Gardelieutenant Graf S … aus
Potsdam, bei dem das Reich der Gnade noch gar
nicht zum Durchbruch gekommen iſt, und der ſich des-
halb auch noch jeden Augenblick über weltliche Dinge
ſo unnütz ereifert — [Händel] mit unſerm Poſtillon,
und ward ſo böſe, daß er ihn, mit dem Stocke dro-
hend, einen Sächſiſchen Hund nannte. „O Jeſes
nein, mein knädger Herr Leutnant“ erwiederte
dieſer recht albern, „da erren Se ſich, mer ſind ja
ſchon ſeit mehr als zehn Jahren Preißiſche Hunde.“
Man ſieht doch, daß es den Leuten hier noch ganz
an unſrer nationalen Bildung fehlt.



Vier Wochen lang konnte ich nicht ſchreiben! dank-
bar und tiefgerührt ergreife ich heute zum erſtenmale
Briefe eines Verſtorbenen. I. 4
[50] wieder die Feder, um die merkwürdige Schickung auf-
zuzeichnen, die ich erlebte! Als ich vorigen Monat
nach M . . . . reiste, ward ich, grade wie der Fremde
in den Kleinſtädtern, immediat vor dem ſogenannten
Chauſſeehauſe ſchrecklich umgeworfen, und brach den
rechten Arm. Mein erſter Ausruf — ich geſtehe es
zu meiner Beſchämung — war ein garſtiger Fluch!
mein zweiter aber ſchon Dank, brünſtiger Dank dem
Schöpfer, daß ich nur den Arm und nicht den Hals
gebrochen hatte! Bei ſolchen Gelegenheiten erkennt
man deutlich die unergründlichen Wege, und
die ſchützende, uns immer zur rechten Zeit Hülfe brin-
gende Hand der Vorſehung. Hing nicht mein Leben
an einem Haare, und wollte mir Gott nicht hier ein-
dringlich beweiſen, daß es nur von ihm abhing, meine
Augen auf ewig zu ſchließen, oder mein junges Leben
noch zu ſchonen, das vielleicht, denn was iſt Gott
unmöglich! noch zu großen und wichtigen Dingen be-
ſtimmt iſt? Ja ihr Philoſophen, innig und jubilirend
fühle ich es: Nur der Glaube macht ſelig!



Gewiß iſt es, daß man nicht eher ins Waſſer ge-
hen ſollte, als bis man ſchwimmen kann, wie ſchon
ein griechiſcher Weiſe ſehr richtig bemerkt hat. Ich
war ſo unvorſichtig, mich ohne dieſe Kenntniß geſtern
zu baden, (denn von dem rebelliſchen Turnen und
Leibesübungen dieſer Art hielt ich mich immer fern)
und wäre, da ich einen Krampf in der Wade bekam,
[51] und darüber etwas die Contenance verlor, vielleicht
jetzt ſchon ein Todter, ohne einen Mann, den der
Himmel wiederum grade um dieſe Zeit herbei-
führen mußte, mich zu retten. Könnte ich gegen ſo
viele Beweiſe ſpeciellen Schutzes blind ſeyn! — Die
ganze Elbe iſt mir dennoch ſeitdem etwas zuwider
geworden. Ich [bekämpfe] dies aber als ein tadelns-
werthes Gefühl, da man bedenken muß, von welchem
Nutzen dieſer Fluß doch für ſo viele unſerer Mitbrü-
der iſt.*) Obgleich die Bemerkung, glaube ich, ſchon
früher gemacht worden iſt, ſo bleibt es doch nicht
weniger beachtungswerth, daß man bei großen Städ-
ten faſt immer auch einen Fluß findet; — aber ſo
weiſe, ſo gnädig hat es die gütige Vorſehung überall
zu unſerm Nutzen eingerichtet, wir Menſchen erken-
nen es nur zu ſelten! Ja für Alle hat die Natur
wie eine gütige Mutter geſorgt! Der Biene gab ſie
ihren Stachel, dem Biber ſeinen Schwanz, dem Lö-
wen ſeine Kraft, dem Eſel die Geduld, dem Men-
ſchen aber ſeinen hohen Verſtand, und wo dieſer,
nebſt der trügeriſchen Vernunft nicht ausreicht, himm-
liſche Offenbarung. O wie dankbar fühle ich mich
immer, wenn ich dies recht bedenke, ich, der ohnedem
für ſo viele geiſtige und körperliche Vorzüge mehr
als viele meiner Mitmenſchen zu danken habe. —
Möge ich es nie vergeſſen! Amen.


4*
[52]

Es hat mich der Zweifel beunruhigt, ob die Juden
wirklich bis an der Welt Ende beſtehen, und ſo wie
jetzt, vom Fluche getroffen, zerſtreut und gedrückt auf
Erden leben, und uns deshalb, fortwährend ſo ſehr
werden prellen müſſen!


Doch, iſt dieſer Zweifel nicht ſchon Sünde, da es
ſo in vielen heiligen Büchern ſteht? Ueberdies geht
ja von unſerm Lande, wo von jeher die größte Auf-
klärung herrſchte, auch jetzo wiederum die Bekehrung
dieſer unglücklichen Verirrten aus. Ach hier drängt
mich ein neuer banger Zweifel! Werden auch gewiß
einſt alle Bewohner der Erde Chriſten heißen? Es
iſt zwar ſo verlündet, aber neulich ſtieß ich bei mei-
nen gelehrten Studien auf eine Berechnung, die mir
zu meinem wahren Schrecken zeigte, daß es überhaupt
unter 800 Millionen Menſchen bis jetzt nur noch et-
was über 200 Millionen giebt, welche ſich nach dem
wahren Namen nennen. Hoffentlich werden indeß die
braven Bibelgeſellſchaften das Ihrige thun und nicht
ermüden. Den Engländern muß es aber doch noch
nicht rechter Ernſt damit ſeyn, da ſie in Indien faſt
noch keinen Einzigen bekehrt haben. Die mögen wohl,
wie gewöhnlich, nur politiſche Zwecke damit verbin-
den *). Uebrigens las ich neulich von einem Miſſio-
[53] nair daſelbſt, daß ihm ein Hindu recht frech geant-
wortet habe: Ich laſſe mich nicht eher von Euch zum
*)
[54] Chriſten bekehren, bis Ihr Euch von mir nicht auch
zum Hindu habt bekehren laſſen — denn ich glaube
*)
[55] an die Wahrheit meiner Religion, Ihr an die Wahr-
heit der Eurigen. Was Einem recht iſt, iſt dem An-
dern billig — und einzelne Fabeln und Mißbräuche
mag es vielleicht in beiden geben, der Geiſt aber wird
wohl aus einer Familie ſeyn. Das ſind noch recht
ſchlechte Ausſichten *)! Ich ſelbſt, der, ohne mich
deshalb rühmen zu wollen, bereits in meiner Vater-
*)
[56] ſtadt einen alten Juden, mit deſſen Handel es nicht
mehr recht fort wollte, zur Taufe vermochte, wofür
er noch jetzt eine Penſion von mir erhält — ſuchte
auch mein Scherflein zu der Sinneswandelung eines
wirklichen Indiers beizutragen, der nach vielen
wunderbaren Schickſalen bis in unſere hyperborei-
ſchen Gegenden verſchlagen worden war, woſelbſt
die Herrnhuter ſich lange, und dennoch vergebens,
mit ſeiner Bekehrung bemüht hatten. Er hörte mir
recht geduldig zu, und ich muß geſtehen, ich bewun-
derte, von der Wichtigkeit des Gegenſtandes hinge-
riſſen, meine eigne Beredſamkeit. Aber was war der
ganze Erfolg? Er ſah mich lächelnd an, nahm mein
Allmoſen, ſchüttelte mit dem Kopf, wie eine Pagode,
und ließ mich ohne alle weitere Antwort ſtehen!



Vor einigen Tagen begab ſich hier eine höchſt merk-
würdige Geſchichte! Es ſind erſt kürzlich zehn Jahre
verfloſſen, daß ein hübſches, und was mehr ſagen
will, auch ein frommes Mädchen in einem hieſigen
Conditorladen angeſtellt war. Obgleich vielen Ver-
[57] ſuchungen bei ihrem ſüßen Metier ausgeſetzt (denn
nicht alle jungen Leute, die den Conditorladen beſu-
chen, beſitzen meine Sittſamkeit) wollte ſie doch auf
Niemand hören, und fand ihre Freude blos in der
Frömmigkeit. Sie verſäumte keine Betſtunde beim
Präſidenten S … oder Andere, wo ſie nur zu einer
ſolchen Zutritt erlangen konnte, und ging vor allen
jeden Sonntag, wenigſtens einmal, in die Kirche.
Eines Sonntags jedoch (es war Martini, wenn ich
nicht irre) vergaß ſie dieſer Pflicht, und blieb, ſich
mit weltlichem Putze beſchäftigend, zu Hauſe. Da
nahte ſich ihr die Nemeſis in Geſtalt eines jungen
Mannes, dem ſie ſchon längſt heimlich geneigt war,
und der an jenem verhängnißvollen Tage es wahr-
ſcheinlich ſehr weit in ihrer Gunſt brachte, denn
kurze Zeit darauf heirathete er ſie. Im Anfang leb-
ten ſie ſehr glücklich, und bekamen mehrere Kinder.
Nach und nach jedoch ließ, in den Zerſtreuungen der
Ehe ihre Frömmigkeit bedeutend nach. Die Unglück-
liche ſchien ihre weltlichen Pflichten als Gattin und
Mutter zu lieb zu gewinnen, und von nun an dem
Genuſſe der Betſtunden und der Lektüre heiliger
Bücher ſogar vorzuziehen, aber die Folgen ihres
Leichtſinns zeigten ſich bald. Ihren Mann traf viel-
faches, wie man verſichert, ſonſt unverſchuldetes Un-
glück, einige ihrer Kinder ſtarben, die Familie verfiel
in Armuth, und der Mann [hierüber] zuletzt in die
tiefſte Melancholie. Letzten Sonntag aber, grade am
zehnten Jahrestag jenes erwähnten Sonntags, wo
das unglückliche Mädchen nicht in die Kirche ging,
[58] hat ihr Mann, in einem Anfall von Wahnſinn, ſich
und ſeine Frau grauſam ermordet! hier erkenne man,
wie die gerechte göttliche Strafe langſam, aber deſto
ſicherer ihr Opfer findet. — Ich enthalte mich aller
ſtrengen Betrachtungen, aber wer durch dieſes war-
nende Beiſpiel nicht gewitzigt wird, nicht einſieht wie
ſtrafbar und gefährlich es iſt, den regelmäßigen Be-
ſuch der Kirche auch nur einmal zu verſäumen --
den bedaure ich! er kann nur durch Schaden klug
werden, und wohl ihm, wenn er es noch dieſſeits
wird! —



Ich bin ſehr unglücklich in der Liebe, eine Sache
die ſchwer zu begreifen iſt, aber dennoch bleibt es
wahr, daß mir ſchon wieder einer meiner wohl an-
gelegteſten [Pläne] mißlungen iſt!


Seit lange ſchon liebte ich Fräulein M . . mit al-
lem Feuer meines ungeſtümen Charakters. Ich wagte
zwar nicht es ihr zu ſagen, aber meine Blicke, die
ich Stundenlang ſchmachtend auf ſie heftete, ſprachen
zu deutlich, um nicht verſtanden zu werden. Dem-
ohngeachtet hatte ich meiner Angebeteten noch kaum
mehr als ein ſpöttiſches Lächeln abgewinnen können,
als endlich eine wichtige Epoche, nämlich ihr achtzehn-
ter Geburtstag eintrat. Ich beſchloß durch eine aus-
gezeichnete Galanterie jetzt ihr Herz zu beſtürmen,
was ich mir um ſo eher, und mit gutem Gewiſſen
erlauben durfte, da ich nie andre als redliche Abſich-
[59] ten hege. Ich dachte nun lange nach, was ich wohl
[wählen] ſollte. Roſenſtöcke und alle botaniſchen Ge-
ſchenke, wie Früchte u. ſ. w. ſind ſo alltäglich, Putz
durfte es nicht ſeyn, denn dies würde einer indirek-
ten Andeutung geglichen haben, daß ich ſie für eitel
halte, noch weniger hätte ich ihr mögen etwas Koſt-
bares anbieten, um ſie nicht für [intereſſirt] zu erklä-
ren, ein frommes Geſang- oder Erbauungsbüchlein
wagte ich nicht zu wählen, um nicht ſündlich bei ir-
diſchen Zwecken Heiliges zu profaniren — nein, nur
etwas Gefühlvolles und zugleich zart auf unſre Ver-
hältniſſe Anſpielendes mußte es ſeyn. — Da fiel mir
plötzlich, wie ein Blitz in dunkler Nacht, der Gedanke
ein, daß die Zeit der friſchen Heringe herannahe.
Dies Wort elektriſirte mich, und mit der gewöhnli-
chen Schnelligkeit meiner Conceptionen, gewahrte ich
im Augenblick was hier alles verborgen liege. So-
gleich ſchickte ich eine Staffette nach Berlin, um dort,
wo alles Neue bekanntlich ſtets zuerſt zu finden iſt,
wo möglich noch vor der jährlichen Annonce in den
zwei löſchpapiernen Zeitungen, beſagte Geſchöpfe Got-
tes zu erhalten. Alles ging nach Wunſch — beide
lagen vor mir, ehe wenige Tage vergingen. Ich ließ
ſie nun noch, ſtatt der Peterſilie, auf einigen Liebe-
vollen Blättern des Clauren’ſchen Vergißmeinnichts
(die nie verblühen) anrichten, und überdachte noch-
mals, was ihre ſtumme Sprache (nämlich der He-
ringe) außerdem noch alles auszudrücken fähig ſey.


Es wäre vielleicht zu weit hergeholt, wenn ich es
geltend machen wollte, wie Hering an Hymen erin-
[60] nere, und beide Worte offenbar eine etymologiſche
Verwandtſchaft haben, weil ſie beide mit einem gro-
ßen H anfangen und auch das kleine n in beiden
vorkömmt — aber deutlicher ſchon ſprach der Um-
ſtand: daß ſie ein Paar waren — die Haupt-
Pointe aus, auf die es abgeſehen war. Die blaue
Farbe, die an den Himmel erinnert, bedeutete unſre
beiderſeitige Sanftmuth, und die ſtarke Einſalzung
die Schärfe unſres Verſtandes und attiſchen Witzes.
Die unverwelkbaren Blätter ſchrieen, ſo zu ſagen:
Vergiß mein nicht: und ſpielten zugleich ſehr deut-
lich auf die nie verſiegende Wonne an, die wir em-
pfinden würden, wenn wir uns erſt ganz beſäßen!
Was aber, glaube ich, der Sache die Krone aufſetzte,
war ohne Zweifel das artige Wortſpiel, welches im
Namen ſelbſt liegt. Hering — her-Ring! deutlicher
und zugleich delikater (in jeder Bedeutung des Aus-
drucks, denn friſche Heringe ſind in Preußen und
Sachſen eine Delikateſſe) konnte ich meine Liebe, und
meine redlichen Abſichten unmöglich erklären. Um
jedoch ganz ſicher zu ſeyn, gehörig verſtanden zu wer-
den, legte ich oben darauf noch eine, auf chineſiſches
Reispapier zierlich gemalte und ausgeſchnittene Roſe,
in deren Blättern ich mit ſchüchterner Hand folgende
kleine Erſtlinge meiner Muſe verbarg:


Wem iſt’s ſo wohlig auf dem Grund,

Wer wird in blauer Fluth geſund?

Der Hering.

[61]
Die Fluth ſind Deine blauen Augen,

O laß hinab in ſie mich tauchen

Als Hering.

Ach, ſo erhöre denn mein Fleh’n,

Laß Schönſte, ach laß es geſcheh’n —

Gieb her-Ring!

Wer ſollte glauben, daß Alles dennoch umſonſt
war! In ſchlichter Proſa antwortete mir die Frau
Mutter ganz ungebunden und kurz: ihre Tochter
bedaure ſehr, von jeher eine idgoſinkratiſche Abnei-
gung gegen Heringe empfunden zu haben, ſo daß ſie
ſelbſt die letzten Theaterſtücke des berühmten Willibald
Alexis nicht mehr ſehen könne, ſeitdem ſie in Erfah-
rung gebracht, daß der Verfaſſer nur Hering heiße.
Sie ſende mir daher meine Fiſche nebſt begleitender
Poeſie mit vielem Danke für die gute Meinung, in
beifolgendem Korbe ergebenſt zurück.


Glücklicherweiſe tröſtet die Frömmigkeit ein wahr-
haft von ihr ergriffenes Gemüth über Alles, aber ich
mußte wohl zwei Stunden in der Bibel leſen, ehe
ich wieder hinlängliche Geduld und Faſſung erhielt
— und obgleich der Wallfiſch, welcher Jonas ver-
ſchlang, und mit dem ich mich heute unterhielt, ſehr
groß war, ſo verſchwand er doch jeden Augenblick in
meiner Phantaſie vor dem verhängnißvollen Herings-
Paar.


In meinem Aerger (den ich leider immer noch
nicht ganz beſiegt habe) muß ich aber den erwähnten
[62] beiden [Löſchpapiernen] nun auch etwas abgeben. Sie
ſollten doch in ihren Annoncen ſich nicht nur richti-
gerer Orthographie befleißigen, ſondern auch auf den
Sinn einige Rückſicht nehmen. Von den ſchmähligen
Wurſtbällen, Wiſotzky, und Jungfern Stechen, will
ich nichts ſagen, aber in einer Sammlung vaterlän-
diſcher Merkwürdigkeiten, die ein Berliner Freund
von mir angelegt hat, finde ich von beſagten Zeitun-
gen einige Blätter mit folgenden zwei Todes-Anzeigen
von demſelben unglücklichen Vater; und einer dritten,
ältern Ankündigung zu einem Concert.



Nun frage ich Jeden, ob das nicht den Tod lächer-
lich machen heißt, gewiß eine ſchwere Sünde, auch
wenn ſie abſichtslos begangen wird.“


Soweit vor der Hand unſer Freund L . .


Aber die Nacht wird bläſſer — ſchon dämmert das
neue Licht. Ich ſage alſo wie das Lied von Moore:
[63] Es iſt ſchon Tag, d’rum gute Nacht. Ich ſende
Dir dieſen langen Brief, den ein Bekannter morgen
früh mit nach London nimmt, durch unſre Geſandt-
ſchaft und ſchließe mit einem herzlichen Kuß, der,
wohl eingeſiegelt, hoffentlich die P . . . . Douanea
unangefochten paſſiren wird.


Dein treuer L . .


[[64]]

Sechs und zwanzigſter Brief.



Geliebte Freundin!

Todtmüde komme ich eben von der Erſteigung des
großen Snowdon zurück, des höchſten Berges in
England, Schottland und Wales, was freilich nicht
allzuviel ſagen will. Vergönne mir alſo Ruhe bis
morgen, wo ich Dir meine fata treulich erzählen
werde. Indeſſen gute Nacht für heut.



Nachdem ich das Paquet für Dich Mr. S. über-
geben und auf das ſorgſamſte empfohlen, verließ ich
vor der Hand Bangor, ſo ſchnell, als vier Poſtpferde
mich davon fahren konnten. Unterwegs beſah ich ei-
nige Eiſengußwerke, die ich jedoch übergehe, da ich
nichts Neues darinnen bemerkte. Ich befand mich
etwas unwohl, als ich im Gaſthof zu Caernarvon
anlangte, wo ein bildſchönes Mädchen mit langen
ſchwarzen Haaren, die Tochter des Wirths, der ab-
weſend war, ſehr anmuthig die honneurs machte. —


[65]

Den andern Morgen um 9 Uhr ſetzte ich mich, bei
ziemlich verſprechender Witterung, auf einen char-a-
banc
mit zwei inländiſchen Pferden beſpannt, die ein
kleiner Junge führte, welcher kein Wort engliſch ver-
ſtand. Wie toll jagte er im train de chasse über
ſchmale Seitenwege durch die felſige Gegend. All
mein Rufen war vergebens, und ſchien ganz entge-
gen geſetz [...] von ihm interpretirt zu werden, ſo daß
wir die neun Meilen bis zum See von Llanberris,
in weniger als einer halben Stunde, über Stock und
Stein, zurücklegten. Ich begreife jetzt noch kaum,
wie Wagen und Pferde es ausgehalten haben. An
den Fiſcherhütten, die hier zerſtreut und einſam lie-
gen, erwartete mich ein ſanfteres Fuhrwerk, [nämlich]
ein nettes Boot, auf welchen ich mich mit zwei rü-
ſtigen Bergbewohnern einſchiffte. Der Snowdon lag
jetzt vor uns, hatte aber leider, wie die Leute es
nannten, ſeine Nachtmütze über den Kopf gezogen,
während die umgebenden niederen Verge im hellſten
Sonnenſcheine glänzten. Er iſt zwar nur gegen vier
tauſend Fuß hoch, erſcheint aber deswegen weit an-
ſehnlicher, weil er ſeine ganze Höhe ohne Abſatz vom
Seeufer hinan ſteigt, während andere Berge dieſes
Ranges ihre Spitze gewöhnlich erſt von einer ſchon
hohen Baſis erheben. Die Ueberfahrt bis zu dem
kleinen Gaſthofe am Fuße des Snowdon iſt drei
Meilen lang, und da der Wind heftig wehte, ging es
ſehr langſam und ſchwankend vorwärts. Das Waſſer
des Sees iſt ſo ſchwarz als Tinte, die Berge kahl
und mit Steinen [beſäet], nur mit wenigen grünen
Briefe eines Verſtorbenen I. 5
[66] Alpenabhängen abwechſelnd. Hie und da ſieht man
am Fuß einige niedrige Bäume, aber das Ganze iſt
wild und düſter. Ohnfern der kleinen Kirche von
Llanterris iſt der ſogenannte Heiligenbrunnen, den
eine einzige ungeheure Forelle bewohnt, die ſeit
Jahrhunderten den Fremden gezeigt wird. Oft läßt
ſie ſich jedoch nicht herauflodern, und es wird für
ein glückliches Zeichen angeſehen, wenn man ſie
ſchnell erblickt. Als ein Feind aller Orakel ließ ich
ſie unbeſucht. Man erzählte mir auch von einer ſon-
derbaren Amazone, die, mit Rieſenſtärke begabt,
hier lange ein wildes Männerleben geführt, und von
großen Bienen, welche die Walliſer ſo hoch ſchä-
tzen, daß ſie annehmen, ſie ſeyen im Paradieſe ge-
boren.


Man fängt hier auch viele und vortreffliche Lachſe.
Die Art des Fanges aber iſt originell, denn ſie wer-
den mit beſonders dazu abgerichteten kleinen Hun-
den gehetzt, die ſie aus dem Schlamm herausholen,
in dem ſie ſich zu gewiſſen Zeiten verkriechen.


Ich beſorgte mir im Wirthshaus ſchnell einen Füh-
rer und Pony, (ein kleines Gebürgspferd) und eilte
mich auf den Weg zu machen, immer noch hoffend,
daß die drohenden Wolken ſich nach Mittag verthei-
len würden. Leider aber geſchah das Gegentheil —
es wurde immer ſchwärzer und ſchwärzer, und ehe ich
noch eine halbe Stunde lang, vor meinen Pony, den der
Führer am Zaume leitete, hinan geklettert war, hüllte
ſchon ein dunkler Mantel Berge, Thäler und uns
[67] ein, und ein derber Regen ſtrömte auf uns herab,
gegen den mein Schirm mich nicht lange ſchützte.
Wir flüchteten endlich in die Ruine einer alten Burg,
und nachdem ich mühſam eine verfallne Wendeltreppe
erſtiegen, gelangte ich auf den Ueberreſt eines Söl-
lers, wo ich unter Epheuranken ein gutes Obdach
fand. Alles um mich her ſah aber gar melancholiſch
aus. Die zerbröckelten Mauern, der Wind, der kla-
gend durch ſie hinrauſchte, der monotone Fall des
Regens, und die ſo unangenehm getäuſchte Hoff-
nung, ſtimmten mich ganz traurig — ich dachte
ſeufzend, wie mir nichts, auch das Kleinſte nicht,
wie ich es wünſche, gelingt, wie Alles, was ich un-
ternehme, das Anſehen des Unzeitgemäßen und Son-
derlingartigen annimmt, ſo daß ich überall wie hier,
was Andere bei Sonnenſchein vollbringen, in Regen
und Sturm durcharbeiten muß. Ungeduldig verließ
ich das alte Gemäuer, und ſteuerte wieder bergan.
Das Wetter wurde aber nun ſo fürchterlich, und der
ſich erhebende Sturm ſelbſt ſo gefährlich, daß wir
von neuem in einer elenden verfallenen Hütte Schutz
ſuchen mußten. In dem [räuchrigen] Innern ſpann
ſtillſchweigend eine alte Frau, und einige halbnackte
Kinder kauten, auf dem Boden liegend, an trocknen
Brodrinden. Mein Eintreten ſchien von der ganzen
Familie kaum bemerkt zu werden, wenigſtens än-
derte es nichts in ihren [Beſchäftigungen]. Ei-
nen Augenblick ſtarrten mich die Kinder ohne
Neugierde an, und fielen dann wieder in die
Apathie des Elends zurück. Ich ſetzte mich auf den
5*
[68] runden Tiſch, das einzige Möbel im Hauſe, und
gab ebenfalls meinen Gedanken Audienz, die nicht
die erfreulichſten waren. Da indeſſen der Sturm
immer ärger wüthete, rieth mir der Führer ernſtlich
umzukehren. Es wäre ohne Zweifel auch das ver-
nünftigſte geweſen, um ſo mehr, da wir noch nicht
den dritten Theil unſeres Weges zurück gelegt hat-
ten. Da ich mir aber ſchon früh vorgenommen,
Deine Geſundheit, gute Julie, auf der Spitze des
Snowdon in Champagner zu trinken, den ich zu
dieſem Behuf von Caernarvon mitgenommen, ſo
ſchien es mir von übler Vorbedeutung, dies aufzu-
geben. Mit der Heiterkeit alſo, die ein feſter Ent-
ſchluß bei großen und kleinen Angelegenheiten immer
giebt, ſagte ich dem Führer lachend: Und wenn es
ſtatt Waſſer Steine regnen ſollte, ich drehe nicht
eher um, bis ich Snowdon’s Gipfel geſehen, und
hiermit beſtieg ich meinen Pony. Der armen Frau
ließ ich ein Geſchenk zurück, das ſie jedoch nur mit
geringer Theilnahme empfing. Der Weg war äußerſt
beſchwerlich geworden, da er fortwährend über loſe
und glatte Steine, die der Regen abſpühlte, oder
über ſehr ſchlüpfrigen Raſen ging. Ich bewunderte,
wie mein kleines thätiges Thier, nur mit glatten
engliſchen Eiſen ohne Griffe beſchlagen, ſo ſicher auf
dieſem Boden fortſchritt.


Es wurde indeß bald ſo ſchneidend kalt, daß ich,
ganz durchnäßt, wie ich war, das Reiten nicht län-
ge[r] aushalten konnte. Ich bin jedoch auch das
Klettern ſo wenig mehr gewohnt, daß mich einige-
[69] mal die Mattigkeit faſt übermannte, ſtets aber hörte
ich dann, wie der Ritter in des weiland Spieß zwölf
ſchlafenden Jungfrauen die encourangirenden Glöck-
chen, ermahnend das mä — mä der Bergſchnucken er-
tönen, die zu Hunderten hier auf den magern Gras-
flecken weiden. Ich unterließ dann nie, mich des
lieben Schäfchens in der Heimath zu erinnern, und
rüſtig weiter zu ſchreiten, bis ich wirklich mich nach
einer Stunde ganz erholt hatte, und friſcher zu füh-
len anfing, als beim Ausmarſch. Ausſichten ent-
[ſchädigten] mich nicht, denn von Wolken ganz um-
ſchleiert, konnte ich kaum 20 Schritt weit vor mir
ſehen, und in dieſem geheimnißvollen clair obscur
erreichte ich auch den erſehnten Gipfel, zu dem man
über einen ſchmalen Felſenkamm gelangt. Ein Stein-
haufen, in deſſen Mitte eine hölzerne Säule ſteht,
iſt als Wahrzeichen aufgerichtet. Ich glaubte hier
der Erſcheinung meines Doppelgängers zu begegnen,
als ein junger Mann aus dem Nebel hervortrat,
der mir ſelbſt völlig glich, NB wie ich ausſah, als
ich vor 16 Jahren in den Schweizer-Alpen umher-
irrte. Er trug, wie auch ich damals, ein leichtes
Ränzchen auf dem Rücken, den Alpenſtock in der
Hand, und einen ſoliden, für Bergreiſen claſſiſchen
Anzug, der allerdings einen eben ſo großen Kontraſt
mit meinen Londner Promenadenſtiefeln, ſteifer
Halsbinde und engem frockcoat abgab, als ſeine
Jugendfriſche mit meinem, in der Stadt vergelbten,
Geſichte. Er ſah aus, wie der junge Naturſohn,
ich wie der ci devant jeune homme. Er hatte von
[70] der andern Seite den Berg erſtiegen, und frug mich
nur, ohne ſich aufzuhalten, angelegentlich, wie weit
der Gaſthof, und wie der Weg beſchaffen ſey? So-
bald ich ihm meine Nachrichten mitgetheilt, eilte er
ſingend und trällernd die Felſen hinab, und ent-
ſchwand bald meinen Blicken. Ich kritzelte unterdeß
meinen Namen, neben tauſend andern, auf einen
großen Stein, und ergriff dann das Kuhborn, wel-
ches mir der Gaſtwirth als Trinkgeſchirr mitgegeben
hatte, und befahl meinem Führer, den Stöpſel der
Champagnerflaſche zu löſen. Sie mußte ungewöhn-
lich viel fixe Luft enthalten, denn der Pfropf flog hö-
her, als die Säule unter der wir ſtanden, und Du
kannſt daher, ohne Münchhauſen etwas abzuborgen,
mit gutem Gewiſſen verſichern, daß als ich am
17. Juli Deine Geſundheit trank, der Champagner-
ſtöpſel gegen 4000 Fuß hoch über die Meeresfläche
geflogen ſey. So wie das Kuhhorn überſchäumend
gefüllt war, rief ich mit Stentorſtimme in die Dun-
kelheit hinein: Hoch lebe Julie, mit neunmal neun
(nach engliſcher Manier). Dreimal leerte ich darauf
den animaliſchen Becher, und wahrlich, durſtig und
erſchöpft wie ich Urſach hatte zu ſeyn, hat mir nie
in meinem Leben Champagner beſſer geſchmeckt. Nach
vollendeter Libation aber betete ich von Herzen. Es
waren nicht Worte — aber innige Gefühle, unter
denen der Wunſch lebhaft hervortrat, daß es doch
Gottes Wille ſeyn möge, es Dir auf Erden gut er-
gehen zu laſſen, und dann auch mir — if possible
und ſiehe! ein zierliches Lamm kam durch die Wol-
[71] kenſchleier heran geklettert, und die Nebel theilten
ſich, und vor uns lag, in zuckenden Sonnenblitzen,
einen Moment lang klar die vergoldete Erde. Doch
nur zu bald ſchloß ſich der Vorhang wieder — ein
Bild meines Schickſals! Das Schöne und Wün-
ſchenswerthe, die vergoldete Erde erſcheint nur
zuweilen, gleich Irrlichtern vor mir; — ſo bald ich
ſie ergreifen will, verſchwindet alles wie ein Traum.


Da nun keine Hoffnung mehr war, daß in den
höchſten und allerhöchſten Regionen ſich das Wetter
heute bleibend aufklären [würde], ſo mußten wir den
Rückweg antreten. Ich fand mich jetzt ſo geſtärkt,
daß ich nicht nur keine Müdigkeit mehr ſpürte, ſon-
dern ſogar das ſeit vielen Jahren nicht mehr ge-
kannte Gefühl wieder empfand, wo das Gehen und
Laufen, ſtatt eine Mühe zu ſeyn, an ſich ſelbſt ein
elaſtiſches Vergnügen gewährt. Ich ſprang alſo,
gleich meinem vorher begegneten Jünglingsbilde, die
Felſen und naſſen Binſenabhänge ſo ſchnell hinab,
daß ich einen Theil des Weges, der mir hinauf an-
derthalb Stunden gekoſtet hatte, in wenig Minuten
zurück legte. Hier trat ich auch endlich aus den um-
gebenden Wolken wieder heraus, und, war ſchon die
Ausſicht weniger prachtvoll, als ſie auf dem Gipfel
ſeyn mag, ſo gewährte ſie dennoch einen großen
Genuß. Ich mochte mich immer noch drittehalb tau-
ſend Fuß über dem Meere befinden, welches ſich ohne
Grenzen vor mir ausbreitete. In ſeinem Buſen
überſchaute ich, wie auf einem Relief, die Inſel An-
gleſea, und in den ſich überall kreuzenden Schluch-
[72] ten des Gebürges in meiner Nähe, zählte ich gegen
zwanzig kleinere Seen; manche dunkel, manche ſo
hell von der Sonne beſchienen, daß die Augen ihren
Spiegelglanz kaum ertragen konnten. Unterdeſ-
ſen war der Führer auch herabgekommen, da ich
aber das Terrain nun vollkommen gut allein beur-
theilen konnte, der Abend ſchön war, und ich noch
keiner Müdigkeit Raum gab — ſo ließ ich ihn und
ſein verſtändiges Pferdchen auf der graden Straße
allein zu Hauſe wandern, und beſchloß mir meinen
einſamen Rückweg über die ſchönſten Punkte ſelbſt
auszuſuchen, et bien m’en prit — denn ſeit der
Schweiz erinnere ich mich keines reizenderen Spa-
zierganges. Ich folgte einem Felſenriß, längs des
wilden Paſſes von Llanberris, berühmt aus den
Kriegen der Engländer und Welſchen, und wo die
Letzteren, unter ihrem großen Fürſten Llewellyn, oft
den Untergang der fremden Eindringlinge, vielleicht
von derſelben Stelle, wo ich jetzt ſtand, betrachten
konnten. Die jählingen Felſenwände, die an vielen
Orten faſt ſenkrecht nach dem Paſſe abfallen, ſind
eine gute Uebung gegen den Schwindel. Ich erſtieg
nach und nach mehrere ziemlich bedenkliche Spitzen
dieſer Art, und fand in dem leichten Schauder, den
die Gefahr einflößte, nur einen Genuß mehr. L’e-
motion du danger plait à l’homme,
ſagt Frau von
Staël. Ganz allein war ich übrigens nicht. Die er-
wähnten Bergſchaafe, weit kleiner als die gewöhn-
lichen, wild und behende wie Gemſen, ſchreckten oft
vor mir nach Art der Rehe, und ſtürzten ſich auf
[73] ihrer Flucht über [Abhänge] hinab, wo ihnen ſo leicht
niemand folgen würde. Die Wolle dieſer Thiere iſt
die gröbſte, aber ihr Fleiſch dagegen das zarteſte
und wohlſchmeckendſte, das es giebt. Auch legen die
Londner Gourmands einen großen Werth darauf,
und behaupten, daß wer nicht Hammelfleiſch vom
Snowdon gegeſſen, gar keinen Begriff davon habe,
welches Ideal ein Schöpſenbraten zu erreichen im
Stande ſey.


Ein anderes mal kam ich faſt in Colliſion mit ei-
nem großen Raubvogel, der, langſam mit ausge-
breiteten Flügeln ſchwebend, den Blick ſo emſig nach
der Tiefe gerichtet hatte, und ſo wenig darauf rechnen
mochte, auf der unzugänglichen Felſenkuppe meine
Bekanntſchaft zu machen, daß er mich nicht eher be-
merkte, bis ich ihn faſt mit Händen greifen konnte.
Jetzt ſchnellte er zwar, wie ein Pfeil hinweg, ver-
ließ aber den Gegenſtand ſeiner unterirdiſchen For-
ſchungen keineswegs, und lange ſah ich ihn noch,
gleich einem Punkt, im blauen Aether ſchiffen, bis
die Sonne hinter den hervorſpringenden Bergen
hinabſank. Ich ſuchte nun in möglichſt grader Linie
zu der Hütte herab zu kommen, in der ich früher
einen Augenblick verweilt hatte. Nicht weit davon
melkte ein Mädchen ihre Kühe, deren friſche Milch
mir ſehr willkommen war, und bei der ich auch mei-
nen Führer wieder antraf. Dies machte ich mir
dankbar zu Nutze, um den Reſt des Weges, in mei-
nen Mantel gehüllt, auf dem ſichern Pony recht
wohlthuend auszuruhen. Nachdem ich mich im Gaſt-
[74] hof umgezogen, eine Vorſicht die man bei Bergreiſen
nicht verſäumen darf, ſchiffte ich mich von neuem
auf den, jetzt vom Abendrothe herrlich glühenden,
See ein. Die Luft war mild und lau geworden,
Fiſche ſprangen oft freudig in die Höhe, und Reiher
umkreisten in zierlichen Bogen die Schilfgeſtade,
während hie und da ein Feuer an den Bergen auf-
flackerte, und der dumpfe Donner geſprengter Felſen
aus den entfernten Steinbrüchen herüber tönte.


Lange ſtand ſchon des Mondes Sichel am dunkeln
Himmel, als mich die ſchwarz gelockte Hebe wieder
in Caernarvon empfing.



Ich war doch ein wenig von den lezten vier und
zwanzig Stunden angegriffen, und begnügte mich
daher beute mit einem Gange nach dem berühmten
hier liegenden Schloſſe, welches von Eduard I., dem
Eroberer von Wales, erbaut und von Cromwell
zerſtört, jetzt eine der ſchönſten Ruinen in England
bildet. Das Einzige, was ich dabei bedaure, iſt,
daß es ſo nahe an der Stadt und nicht einſam im
Gebürge ſteht. Die äußern Mauern, obwohl ver-
fallen, bilden doch noch eine ununterbrochene Linie,
welche ohngefähr drei Morgen Landes umſchließt.
Der innere, mit Gras bewachſene, mit Schutt und
Diſteln jetzt gefüllte Raum, iſt nahe an 800 Schritt
[75] lang. Sieben Thürme, ſchlank und veſt gebaut, von
verſchiedener Form und Größe umgeben ihn. Einer
derſelben iſt noch zugänglich, und ich erſtieg auf ei-
ner hinfälligen Treppe von 140 Stufen ſeine Plat-
form, wo man eine impoſante Ausſicht auf Meer,
Gebürge und Stadt hat. Beim Herabgehen zeigte
man mir die Rudera eines gewölbten Zimmers, in
welchem, der Tradition nach, Eduard II. der erſte
Prinz von Wales, geboren ward. Die Welſchen
hatten nämlich, eingedenk der Bedrückungen engli-
ſcher Hauptleute, in früheren Zeiten partieller und
momentaner Eroberung, dem Könige feſt [erklärt],
daß ſie nur einem Statthalter, der ein Prinz ihrer
eignen Nation ſey, Folge leiſten wollten. Sofort
ließ Eduard, mitten im Winter, ſeine Gemahlin
Eleonor herbeiholen, um heimlich ihre Niederkunft
in Caernarvon Caſtle abzuwarten. Sie gebar einen
Prinzen, worauf der König die Edeln und Vor-
nehmſten des Landes zuſammenberief, und ſie feier-
lich frug: ob ſie ſich der Regierung eines jungen
Prinzen unterwerfen wollten, der in Wales geboren
ſey, und kein Wort engliſch ſprechen könne? Als ſie
dies freudig und erſtaunt bejahten, präſentirte er
ihnen ſeinen eignen, eben gebornen Sohn, indem er
in gebrochenem Welſch ausrief: Eich Dyn, d. h. dies
iſt Euer Mann! — welche Worte ſpäter in „Ich
Dien“ dem Motto des engliſchen Wappens, corrum-
pirt worden ſind.


Ueber dem großen Hauptthore ſteht noch Eduards
ſteinernes Bild, mit der Krone auf dem Haupt, und
[76] einem gezückten Dolche in der Rechten, als wolle er
nach ſechs Jahrhunderten noch die Steintrümmer
ſeines Schloſſes bewachen. Ueber Entweihung hatte
er auch heute mit Recht zu klagen, denn, inmitten
der Ruine, machte auf dem grünen Platze ein Ka-
meel, nebſt Affen in rothem Treſſenrocke, ſeine Kunſt-
ſtücke, und jubelnd ſtand eine zerlumpte Menge um-
her, ſich des jämmerlichen Contraſtes nicht bewußt,
den ſie mit den ernſten Ueberreſten der ſie umgeben-
den Vergangenheit bildete.


Der Thurm, in welchem der Prinz geboren ward,
heißt der Eagletower, (Adlerthurm) aber nicht von
ihm rührt dieſe Benennung her, ſondern von vier
coloſſalen Adlern, welche die Spitze krönten, und
von denen noch einer vorhanden iſt. Man hält ihn
für einen römiſchen, denn Caernarvon ſteht auf dem
Grunde des alten Segontium, das.... doch ich ver-
ſteige mich zu weit, und war auf gutem Wege in
den Ton eines Reiſebeſchreibers von Profeſſion zu
fallen, der ennuyiren zu dürfen glaubt, wenn er
unterrichtet — obgleich er den Unterricht ſelbſt, ge-
wöhnlich erſt durch mühſames Nachleſen der Lokal-
bücher erlangt. Je n’ai pas cette prétention vous
le scavez, je laisse errer ma plume,
unbekümmert
wo ſie mich hinführt.


Der Marquis von Angleſea hat kürzlich hier ein
Seebad angelegt, das von einer Dampfmaſchine diri-
girt wird, und ſehr elegant eingerichtet iſt. Ich be-
nutzte es beim Rückweg vom Schloſſe, und bemerkte
[77] in den Erholungszimmern ein Billard von Metall,
auf Stein geſetzt. Accurater kann man ſich keines
wünſchen, ob die Dampfmaſchine auch die Parthien
markirt, vergaß ich zu fragen. Unmöglich wäre es
nicht in einem Lande, wo kürzlich Jemand ganz im
Ernſte vorſchlug, Dampfkellner in den Caffeehäuſern
einzuführen, und wo es eben nicht viel anders her-
gehen würde, wenn eine Dampfmaſchine mit 40 Pferde-
Kraft auf dem Throne ſäße.


Liebe Julie, einem Reiſenden muß es erlaubt ſeyn,
oft und viel vom Wetter und vom Eſſen zu ſprechen!
Haben doch die Romane des berühmten, einſt Unbe-
kannten, oder einſt berühmten Unbekannten, einen
nicht unanſehnlichen Theil ihrer Reize den meiſter-
haften Schilderungen dieſer Art zu danken. Wem
läuft nicht das Waſſer im Munde zuſammen, wenn
er Dalgetti, den Soldaten der Fortuna, eſſen ſieht,
und noch unbezwinglicher bei Tiſch als in der Schlacht
findet? Es iſt wirklich gar kein Scherz, wenn ich Dir
verſichere, daß ich, bei meinem reizbaren Nervenſy-
ſtem, wenn ich in Folge einer kleinen Indigeſtion den
Appetit verloren hatte, oft nur zwei Stunden im Un-
bekannten zu leſen brauchte, um mich vollkommen
wieder hergeſtellt zu fühlen. Heute bedurfte ich jedoch
dieſer Stimulanz in keiner Art. Es war hinlänglich
den vortrefflichen friſchen Seefiſch, nebſt den berüch-
tigten mountain mutton (Berghammel) auf dem Ti-
ſche dampfen zu ſehen, um mit Heißhunger darüber
herzufallen, denn ein Seebad und die Beſteigung des
Snowdon wirkt noch ſtärker als Walter Scott.


[78]

Mein ſchwarzes [Mädchen], die mich, da ich heute
der einzige Gaſt im Hauſe war, ſelbſt bediente, wurde
zuletzt ungeduldig, mich immer wieder auf beſagten
Hammel zurückkommen zu ſehen, und äußerte mür-
riſch, ich [thäte] nichts als eſſen, wenn ich nicht herum-
liefe. Sie ſelbſt war weit [ätheriſcherer] Natur, und
hatte, ſeit ich hier bin, bereits meine portative Ro-
manenbibliothek zur Hälfte ausgeleſen; jedesmal wenn
ich ſie wieder ſah, [präſentirte] ſie mir einen geiſtig
verſchlungenen Band, und bat ſo ſehnſüchtig um ei-
nen andern, daß ich ein weniger weiches Herz hätte
haben müſſen, um es ihr abzuſchlagen. Auf dieſe
Weiſe begegnete ſich unſer beiderſeitiger Appetit, der
meine nach dem realen, der ihrige nach dem idealen,
auf die unſchuldigſte Weiſe.



Von Bangor hat man mir heute ein großes Paket
nachgeſchickt, in dem ich vergebens Nachrichten von
Dir ſuchte, aber herzlich über einen Brief von L.
lachen mußte, der mir in Verzweiflung ſchreibt, wie
übel es ihm ergangen ſey. Er hat nämlich, wie er
meldet, ſeine Betrachtungen, deren Anfang ich Dir
mittheilte, in Fragmenten drucken laſſen, und eine
gewiſſe Parthei, die ſich zu wund fühlt um nicht
überſüsceptibel zu ſeyn, y a entendù malice. Sie
hat ſogleich in der Lamm’s Zeitung einen wüthenden
[79] Artikel gegen ihn einrücken laſſen, und der arme L.,
der ſeine Leute kennt, fürchtet jetzt ohnfehlbar beim
Examen durchzufallen. Da die gegen ihn gerichtete
Philippika nicht lang iſt, und überdem die Zeit gut
charakteriſirt, ich auch heute Ruhetag habe, ſo ſchrei-
be ich Dir, mit einigen Abkürzungen, die Haupt-
ſache ab.



Hoch- und Hochwohlgeborne, fromme Brüder und
Schweſtern!


Mit Recht ſagt unſer Heiland: Es giebt viel Wölfe
in Schafspelzen! Ein Solcher iſt aber Träger vorlie-
genden Schafpelzes, der ungenannte Verfaſſer der
Betrachtungen ꝛc. ſonder allen Zweifel. Es iſt nicht
ſchwer zu entziffern, daß unter der Maske von Fröm-
migkeit, und einer faſt an Albernheit [gränzenden] Sim-
plicität, hier mit höhniſchem Spott dieſelbe verder-
bende Schlange ziſcht, welche einſt unſere fromme
Mutter Eva verführte, und ſeitdem unſere heilige Re-
ligion unabläſſig mit ihrem Geifer beſprützt, nur ſin-
nend wie ſie Thron und Kirche untergrabe. Wir je-
[80] doch wollen unſrer (allerdings leider etwas zu leicht-
gläubigen) Stammmutter nicht gleichen, ſondern Sa-
telliten des Teufels mit Feuer und Schwert ausrot-
ten, wo wir ſie finden. Ja meine Freunde und Ihr
meine Freundinnen, Ihr wißt es — der Teufel iſt
und lebt — nicht wie die ungläubige Rotte ſagt: in
uns, als Teufel der Leidenſchaften, der Eitelkeit, des
Haſſes, der Sünde — nein, perſönlich ſchleicht er
herum auf der Erde, wie ein brüllender Löwe, mit
Bockshorn und Pferdeſchweif, und peſtilentialiſchem
Geſtank, wo er ſich zu erkennen giebt — wer nicht
ſo an den Teufel glaubt, glaubt auch nicht an Je-
ſus… *) doch warum ereifere ich mich, hier iſt ja
[81] kein Vernünftler, hier kein Verſtändiger der Welt,
hier ſind wir ja Alle nur einfältige Chriſtuslämmer,
eine Heerde und ein Hirt.


Doch iſt Warnung ſtets vonnöthen, und drum rufe
ich heute Allarm! Wir haben bis jetzt zwar nur Bruch-
ſtücke jener giftigen Betrachtungen erhalten, und wiſ-
ſen noch nicht ganz, wo der Verfaſſer eigentlich da-
mit hinaus will, aber auf uns iſt es gemünzt, daran
bleibt kein Zweifel, und Gottlob! finden wir ja auch
ſchon in dem Vorhandenen genug, ihn als Gottloſen
anzuklagen! Iſt es nicht offenbar, daß er frevelnd der
Vorſicht und ihrer Allmacht ſpottet?


Wir hoffen, wir bitten daher gläubig und inbrün-
ſtig, daß dieſe Allmacht auch ihre Rache ſelbſt über-
nehmen, und jener gemüthlichen Seele ſchon hier ei-
nen Vorſchmack von dem geben möge, was ſie ohn-
fehlbar einſt in den ewigen Flammen erwartet; und
der allliebende Gott thue dies bald und ſchreck-
lich, damit kein reines Schaf unſrer Heerde vorher
noch verführt werde von dieſem Unreinen, und ſelbſt
*)
Briefe eines Verſtorbenen. I. 6
[82] ſchmählig zu Falle komme. Gewiß Freunde und
Freundinnen, ein Feind, ein Vampyr, ein Atheiſt
ſchrieb dieſe Worte. Nichts iſt ihm heilig, und nicht
allein die ewige Vorſicht, ja ſelbſt unſern Heiland
greift der Frevler mit verfänglichen Ausdrücken an!
der Verruchte!


Das ſüße Lamm für ihn geſtorben

Rührt ſein verſtocktes Herze nicht!

Drum mit der Seele die verdorben

O Herr! halt’ ſchleunig Strafgericht! *)

O, meine Brüder und Schweſtern! ſchrecklich wird
— wir rechnen mit Zuverſicht darauf, — das Loos
eines Solchen am jüngſten Tage ſeyn, wenn die Lei-
ber auferſtehen, und ſein irdiſches Ohr zum erſten-
mal wieder hört, um den Donner der Poſaunen zu
vernehmen, die ihm ewige Verdammniß ankündigen.
Da iſt kein Erbarmen! da wird ſeyn Heulen und
Zähnklappern! aber hieran ſollen wir uns ein Beiſpiel
nehmen, auch unerbittlich ſeyn wie jenes Strafge-
richt!


Wir glaubten kaum, daß nach allen unſern chriſtli-
chen Bemühungen, in unſrer ſo wahrhaft, ich ſage es
mit Stolz, wahrhaft chriſtlichen Stadt, wo alles an-
gewendet wird, das Gift der Toleranz und des ver-
ruchten Selbſtdenkens zu vernichten — denn wie kann
der elende Wurm, Menſch genannt, ſeine Gedanken
an das Göttliche legen wollen, ſeine Vernunft, die
[83] er ja nur von Gott hat, Gottes eigner, ſpecieller
Offenbarung entgegenſtellen wollen? der Unſinn iſt
zu offenbar! — ich ſage, wir hätten kaum geglaubt,
daß es auch bei uns noch ſolche Menſchen geben
könnte, die es wagen, unbekümmert um fremde Au-
torität, bei Erforſchung der Wahrheit ihren eignen
Weg zu gehen, Freidenker und Heiden, die aber nur
wieder auftauchen, weil die Behörden, (ſelbſt unſre
ſonſt doch thätige Cenſur an der Spitze) noch viel zu
nachſichtig gegen das größte aller Verbrechen, religiö-
ſen Unglauben, ſind. Eine moderate Inquiſition wäre
vielleicht deshalb wohlthätig mit dem neuen Gebet-
buch einzuführen geweſen, um die Rechtgläubigen zu
beſchützen, dieſe wahren Chriſten, dieſe einzigen be-
vorrechteten Lieblinge Gottes, die unbedenklich glau-
ben, was Fürſt und Kirche befiehlt, ohne zu klügeln
noch zu deuten. Nur ſolche auch können für Staat
und Kirche wahren Werth haben, hinweg mit allen
Uebrigen! Sie ſeyen verdammt, wie alle ungetauften
Kinder der Juden und Heiden. — O könnten wir
für immer aus unſern Annalen jene ſchamloſe Zeit
ausmerzen, wo ein Philoſoph (und nicht einmal ein
Ideologe, ſondern ein praktiſcher) auf einem deutſchen
Throne ſaß, und — Chriſten, werdet ihr einſt es
glauben — den Namen des Großen erhielt! Das
Mildeſte was wir jetzt, zum Gnadenreiche der Fröm-
migkeit unter blutigen Thränen zurückgekehrt, über
ihn zu ſagen vermögen, iſt: Gott ſey ſeiner armen
Seele gnädig! Lange werden aber die Frommen und
ihre heilige Legion noch kämpfen müſſen, ehe die
6*
[84] Saat, die dieſer große!!! Mann geſäet, gänzlich
zertreten, ehe die letzte Spur jener elenden Vernunft,
der er huldigte, gänzlich ausgerottet ſeyn wird. Doch
verzweifelt deshalb nicht, meine Brüder in Chriſto;
einem ſo edlen Eifer als dem unſrigen iſt nichts un-
möglich, und weltlicher Lohn erwartet Euch in viel-
facher Geſtalt ſchon jetzt, von den erhabnen Quellen,
an denen wir ſelbſt täglich ſchöpfen — einſt aber noch
größere Glorie im Palaſt des Herrn. Nur hütet
Euch vor dem Vernünfteln in jeder Geſtalt, glaubet
— nicht nach eigner Forſchung — ſondern wie es
Euch vorgeſchrieben iſt, und vor allem hütet Euch vor
Duldung! Liebet Euern Heiland, nicht nur über Al-
les, ſondern auch einzig und allein. Wer aber nicht
für ihn iſt, iſt wider ihn, und mit einem Solchen
habt kein Erbarmen. Ihn verfolgt raſtlos, kann es
nicht offen geſchehen, ſo untergrabt ihn mit böſer
Nachrede, heimlicher Verläumdung, ja ſcheut die gröb-
ſten Lügen nicht, vorausgeſetzt daß ihr ſie ſicher und
im Verborgenen ausbreiten könnt, denn hier heiligt
der Zweck alle Mittel. — Ach! wären wir doch ſtets
in der wahren Communion-Stimmung, um nimmer
in unſerm Eifer zu erkalten! Nur weil ſie weder
warm noch kalt ſind, haben jene Philoſophen die To-
leranz — dieſe Tugend der Heiden — gepredigt. Wir
haben geſehen, wohin ſie uns gebracht, als der wahn-
ſinnige Freiheitsſchwindel die Canaille ergriff, und all-
gemeine Anarchie die Throne, die Kirche, unſern alten
Adel, und alles Ehrwürdige über den Haufen zu wer-
fen drohte — darum fort mit jedem Gedanken an [...]ver-
[85] derbliche Duldung gegen anders Denkende. Chriſtus
ſagt zwar ſelbſt: Segnet die Euch fluchen, und wei-
ter: wenn ihr einen Backenſtreich auf die eine Backe
erhaltet, ſo reicht die andere hin — doch hierüber
habe ich meine eignen Gedanken. — Stellen dieſer
Art müſſen durchaus anders zu verſtehen ſeyn, denn
wie wären ſie mit den unerläßlichſten Geſetzen unſres
Standes zu vereinigen? Gebietet uns nicht die Ehre
unſres Standes, und unſrer Uniform, einen Men-
ſchen, der es wagen ſollte, ſich thätlich an uns zu
vergreifen, ſofort und ohne Zaudern niederzuſtechen
— ja, ich weiß nicht ob ſelbſt ich, der Liebling des
Prinzen, mich nach einer öffentlich erhaltnen Ohrfeige
bei Hofe und allerhöchſten Orts blicken laſſen dürfte?
Höchſt wahrſcheinlich daher meinte unſer Heiland dieſe
Vorſchrift auch nur mit Einſchränkung — mit einem
Wort, für das gemeine Volk, bei dem es auch
gewiß verdienſtlich iſt, wenn es auf eine Backe geohr-
feigt, ſtatt der Erbitterung Raum zu geben, ſofort
die andere hinreicht. Man bedenke übrigens, daß
Chriſtus ſelbſt, bei ſeiner Menſchwerdung, nicht nur
ein adliches, ſondern ſogar ein königliches Geſchlecht
ſich ausſuchte. Wer beweiſt uns auch, daß die Jün-
ger wirklich ſo gemeiner Extraction waren, als man
ſich vorſtellt, und nicht ebenfalls vielleicht alte, blos
herabgekommene, jüdiſche Edelleute geweſen ſeyn kön-
nen? die Sache iſt ja ohnedem in ſo manches hiſto-
riſche Dunkel gehüllt — und ſagt nicht Chriſtus auch
andern Orts: Meine Sendung iſt nicht um Frieden,
ſondern das Schwert zu bringen! Dieſe beiden Re-
[86] den würden ſich ja zu widerſprechen ſcheinen, wenn
man nicht annähme, daß einer Claſſe nur die Dul-
dung, der andern aber der Kampf vorgeſchrieben
ſey! Iſt aber dies eben nicht die uralte Beſtimmung
des Adels? ehemals mit den Waffen, heut zu Tage
mit Wort und Feder! — Darum alſo kämpfet meine
Brüder und Schweſtern gegen die Gottloſen! Gürtet
das Schwert der Zeiten um, und ſtreitet für den Hei-
land, mit Bibel und Jacob Böhme, mit Kammer-
herrnſchlüſſel und Hofmarſchallsſtab, mit Gebetbuch
und Unterrock. Glaubt mir, meine theuren Genoſſen,
ſchon erndten wir die Früchte unſers heiligen Eifers,
ſchon fangen wir an auf ehernem Boden zu ſtehen!
Immer mehr beugt man ſich vor unſerm heimlichen
Einfluß, und unſer feſtes Zuſammenhalten, die reiche
Unterſtützung die wir den Unſrigen zufließen laſſen,
wenn ihre Arbeit im Weinberge des Herrn es ver-
dient, manche Gunſt von oben, deren Vertheiler wir
ſind, vor Allem aber die unerbittliche Frömmigkeit,
die man an uns kennt — halten ſelbſt die Kühneren
in Schranken, und legen die Furchtſamen Haufen-
weiſe zu unſern Füßen.


Wo aber dennoch ein Antichriſt uns anzutaſten
wagt, und jeder der dieſes thut, iſt ein Solcher, da
— ich rufe es Euch nochmals zu — da wachet, da
kämpfet, vernichtet, und ruhet nicht eher, bis Euer
Schlachtopfer gefallen ſey. Es iſt ja Alles doch nur
um der Liebe willen, der letzte Verſuch an einem ar-
men Verirrten, um ihn Jeſum Chriſtum wo möglich
noch erkennen zu lehren. Amen!


[87]

Der adlichen Gemeinde in Chriſto iſt es vielleicht
angenehm, und ihre Herzen rührend, wenn ich ihnen
in hochgeehrtem Auſtrage hiermit melde, daß wir in
dieſem laufenden Monat abermals ſo glücklich gewe-
ſen ſind, 7½ verdammte Seelen zu dem allein ſelig-
machenden Glauben hinzuführen, was uns, im Gan-
zen, nicht mehr als 100 Rthlr. baar, und drei An-
ſtellungen gekoſtet hat. Da wir weltliche Rechnun-
gen über dieſes Geſchäft ablegen, ſo iſt der Kürze
wegen beliebt worden, Kinder unter 12 Jahren als
halbe Seelen aufzuführen. *) Und ſo ſegne denn der
Himmel ferner unſer frommes Bemühen, und den
uneigennützigen Eifer, mit dem die Neubekehrten in
Jeſu Schoos eingezogen ſind. Amen!


Noch kündige ich an, daß nächſten Sonntag Abends,
wiederum um 8 Uhr, in demſelben Lokal bei Fräu-
lein S …, Verſammlung bei verſchloſſenen Thüren
und im Dunkeln gehalten werden wird, um, durch
keine äußern Gegenſtände zerſtreut, den heiligen, ſüß
durchſchauernden Gefühlen hingebender Liebe, gänz-
lich freien Lauf laſſen zu können. Wir hoffen auf
eine reichliche Gemeinde, beſonders auch von Seiten
[88] des zarteren Geſchlechts, dem unſer Conventikel ohne-
hin bereits ſo viel verdankt! .......


So weit war ich in der Lecture gekommen, als die kleine
Eliſa mit meinem Frühſtück erſchien, und mir, nach dem
langen Schlafen, wie ſie ſagte, einen ſchalkhaft freundli-
chen, guten Morgen bot. Sie kam aus der Kirche — war
ſich einer hübſchen Toilette bewußt — und hatte es
mit einem Fremden zu thun — alles Dinge, die Wei-
ber ſehr weich ſtimmen. Sie ſchien daher faſt betre-
ten, als ich ihr meine Abreiſe auf morgen früh an-
kündigte, tröſtete ſich jedoch, ſobald ich ihr meine Bi-
bliothek zurückzulaſſen, und in einer Woche noch ein-
mal ſo viel Bücher ſelbſt mitzubringen verſprach.


Nachmittag beſah ich, von ihr geführt, die Stadt-
promenaden, von denen die eine, ſehr romantiſch, auf
einem großen Felſen angelegt iſt. Wir ſahen von
hier aus den Snowdon in faſt durchſichtiger Klar-
heit, ohne daß nur ein Wölkchen ſeine Reinheit ge-
trübt hätte, und ich konnte nicht umhin mich ein we-
nig zu ärgern, ſo ganz den rechten Tag bei ihm ver-
fehlt zu haben.


Nach dieſen idylliſchen Spaziergängen beſchloß wie-
der „tender mutton“ den Tag, von dem ich bedaure,
Dir nichts Intereſſanteres melden zu können. Doch
fällt mir eben noch eine ziemlich ſeltſame Anekdote
bei, die mir der Wirth heute erzählte. Am 5ten Au-
guſt des Jahres 1820 verunglückte die hieſige Fähre
bei Nacht, und von 26 Perſonen ward nur ein Mann
gerettet. Grade 37 Jahre vorher hatte die Fähre
[89] daſſelbe Schickſal, wobei von 69 Perſonen ebenfalls
nur ein Mann mit dem Leben davonkam. Ein höchſt
ſonderbares Zuſammentreffen iſt es aber, daß bei
beiden Fällen der Name der einzelnen geretteten Per-
ſon, Hugh Williams war.



Auch Bangor iſt ein Badeort, d. h. es ſteht Jedem
frei, daſelbſt in’s Meer zu ſpringen. Die künſtlichen
Anſtalten aber ſind blos auf die Privatwanne einer
alten Frau reducirt, welche in einer elenden Hütte
am Ufer wohnt, und, wenn die Beſtellung eine Stunde
vorher gemacht wird, Seewaſſer auf ihrem Heerde in
Töpfen wärmt, beim Baden ſelbſt aber sans façon
den Fremden auszieht, abtrocknet und wiederum an-
zieht, wenn er keinen eignen Diener zu dieſem Behuf
mitbringt. Nachdem ich, zufällig eintretend, ein ſol-
ches Bad, pour la rarité du fait, genommen, miethete
ich eine kleine Gondel, um mich über den Meeresarm,
welcher Angleſea und Wales trennt, nach Beaumaris
ſchiffen zu laſſen. Hier befindet ſich ein andres von
Eduard I. erbautes und von Cromwell zerſtörtes
Schloß, das einſt noch größer als das in Caernarvon
war, (denn es bedeckt noch jetzt 5 Morgen Landes)
aber als Ruine weniger pittoresk erſcheint, da es alle
ſeine Thürme verloren hat. Um es genau zu beſe-
ben, muß man auf den ſchmalen, und ſehr hohen,
[90] verfallenen Mauern entlang gehen, die durch nichts
geſchützt ſind. Der Knabe mit den Schlüſſeln lief
zwar wie ein Eichhörnchen darauf hin, der Barbier
aus der Stadt aber, der ſich mir beim Debarkiren
als Führer angeboten, und mich bis hierher gebracht
hatte, ließ mich nach den erſten Schritten im Stich.
Dieſe Ruine liegt in dem Park des Herrn Bulkley,
welcher ſehr unpaſſend ein tenniscourt (Ballſpiel)
darin angelegt hat. Von ſeinem Wohnhauſe hat man
eine ſehr gerühmte Ausſicht, die jedoch von einer an-
dern, welche man anderthalb Stunden weiter, bei
einer einfachen aber zierlichen Cottage, Craigg-Y-Don
genannt, antrifft, weit überboten wird. Dieſe letztere
Beſitzung iſt ein wahres Juwel, einer von den we-
nigen geſegneten Oertern, die faſt nichts mehr zu
wünſchen übrig laſſen. Sie liegt zwiſchen dicht be-
buſchten Felſen, hart am Meer. Nicht zu groß, aber
gleich einem boudoir aufgeputzt, mit dem friſcheſten
Raſen und dem Blumenſchmelz aller Farben umge-
ben, das ganze Haus mit ſeinem Strohdach und Ve-
randa von rankenden Monatsroſen und blauen Win-
den überzogen — bildet ſie ſo, zwiſchen Wald und
Felſen hervorlauſchend, einen unbeſchreiblich lieblichen
Contraſt mit der erhabenen Gegend. Labyrinthiſche
Fußwege winden ſich nach allen Richtungen durch das
dunkle und kühle Gebüſch, mannichfach den großen
Ausſichtsſchatz theilend, welchen die glücklichſte Lage
darbietet. Denn unter und vor Dir haſt Du den
tief blau gefärbten Meeresarm, deſſen Brandung
ſchäumend an den ſpitzen Felſen nagt, auf welchen
[91] Du ſtehſt, während weiter hin auf dem ebnen Spie-
gel hundert Fiſcherbarken und Schiffe durch einander
wimmeln, unter denen Du, beſonders hervorſtechend,
den vor Anker liegenden Cutter des Beſitzers, und
zwei Dampfboote gewahr wirſt, von denen das eine,
in weiter Ferne, mit einer ausgebreiteten ſchwarzen
Wolke ſegelt, das zweite, ganz nahe, nur eine ſchmale
weiße Säule gerade empor in die Luft haucht. Auf
der rechten Seite ſiehſt Du eine tiefe Bucht ſich in
das Land hineinziehen, die einen Archipel von kleinen
Inſeln aller Art und Formen bildet; manche belaubt,
andere kahl, und glatt von den Wellen geſchliffen,
einige mit Hütten bebaut, andere wie ſpitze Thürme
hervorragend. Wendeſt Du nun Dein Auge wieder
zurück zum Meeresarm, dieſen auf derſelben Seite
weiter verfolgend wie er ſich allmählig verengt, ſo
erblickſt Du mit Staunen die Ausſicht durch eine
ſtupende Kettenbrücke geſchloſſen, jenes Rieſenwerk,
das man mit Recht das ächte Wunder der Welt
nennt, und welches, der Natur Trotz bietend, zwei
von ihr durch Meeresfluthen getrennte Lánder wie-
der vereinigt hat. Ich werde gleich Gelegenheit ha-
ben, ſie Dir näher zu beſchreiben, von hier ſieht ſie
aus, als ſey ſie von Spinnen in die Luft gewebt.
Haſt Du bei dieſem abentheuerlichen Anblick menſch-
lichen Wirkens
eine Zeit lang verweilt, ſo ſtellt
ſich, Dir gegenüber, eins der mannichfaltigſten und
größten Schauſpiele der Natur dar — die ganze
Kette des Gebirges von Wales, das hier unmittelbar
aus dem Waſſer emporſteigt, — hell und nahe genug,
[92] um Wälder, Dörfer und Schluchten deutlich zu un-
terſcheiden, und in einer Länge von zehn deutſchen
Meilen ſich ausbreitet. — In allen Schattirungen
gruppiren ſich die Berge, manche ſind noch von Wol-
ken bedeckt, manche glänzen frei in der Sonne, an-
dere ſtrecken blaue Hörner noch über die Wolken her-
vor, und Dörfer, Städte, weiße Kirchen, ſchmucke
Landhäuſer und Schlöſſer werden in den Falten der
Abhänge ſichtbar, während blinkende Streiflichter
auf den grünen Matten ſpielen. Der Ruhe bedürf-
tig wendeſt Du Dich endlich dem Norden, der Dir
links liegt, zu. Hier zerſtreut Dich nichts mehr. Der
weite Ocean allein fließt da mit dem Himmel zuſam-
men. Nur kurze Zeit verfolgſt Du noch auf Deiner
Seite die zurückweichenden, waldigen Ufer von Angle-
ſea, wo [hohe] Nußbäume und Eichen mit ihren wei-
ten Aeſten über das Meer hinhängen, dann biſt Du
mit Himmel und Waſſer allein, höchſtens glaubſt Du
in neblicher Ferne die Segel eines Dreideckers zu
unterſcheiden, oder ein Wolkenbild malt Dir phanta-
ſtiſche Geſtalten vor.


Nach einer genußreich hier verlebten Stunde ritt
ich, meinen in Beaumaris gemietheten Klepper nach
Kräften anſtrengend, der großen Brücke zu. Der
beſte Geſichtspunkt iſt unten auf dem Sandgeſtade,
bei einigen Fiſcherhütten, ohngefähr 100 Schritt von
ihr entfernt. Je mehr, je genauer man ſie betrach-
tet, je mehr ſtaunt man, und glaubt zuweilen das
Ganze nur im Traume zu ſehen, aus Filagranarbeit
[93] von einer Fee in die Luft gehangen, ja die Phantaſie
erſchöpft ſich nicht an Bildern; und als jetzt eine
Diligence mit vier Pferden raſch über den 100 Fuß
hohen und 600 Fuß weit geſpannten Bogen fuhr,
halb von dem Kettengewebe verborgen, an dem die
Brücke hängt, ſo ſchienen es eben nur einige im
Netze flatternde Lerchen zu ſeyn. Nicht anders ſahen
die Menſchen aus, welche überall in den Ketten ſa-
ßen, die jetzt zum erſtenmal ihren neuen Oehlanſtrich
erhielten, denn das ganze Werk wurde erſt kürzlich
vollendet. Wer das Berliner Schloß kennt, dem
wird es einen anſchaulichen Begriff von den enor-
men Dimenſionen dieſer Brücke geben, wenn er hört,
daß dieſes bequem unter dem Hauptbogen zwiſchen
dem Waſſer und dem Belag ſtehen könnte, und doch
halten die Ketten den letzterm ſo feſt, daß man auch
bei dem ſchnellſten Fahren, welches keineswegs ver-
boten iſt, und bei der ſchwerſten Laſt, keine Bebung
wahrnimmt. Die Brücke iſt oben in drei Wege ge-
theilt, der eine für das Hin-, der andere für das
Zurückfahren, die Mitte für die Fußgänger. Die
Bohlen ruhen auf einem eiſernen Gitter, ſo daß ſie
leicht, wenn ſchadhaft, abgenommen und erſetzt wer-
den, nie aber durch ihr Brechen eine Gefahr beſor-
gen laſſen können. Alle drei Jahr erhält ſämmtli-
ches Eiſen einen neuen Oehlanſtrich, um den Roſt
zu verhindern. Der Baumeiſter, der ſich hier ei-
nen langen Ruhm gegründet haben wird, heißt
Telford.


[94]

Sur ce, n’ayant plus rien à dire, ſchließe ich
meinen Bericht, und wünſche Dir, meine theure
Julie, alles Glück und Segen, deſſen Du werth biſt,
et c’est beaucoup dire.


Immer dein treuſter L ....


[[95]]

Sieben und zwanzigſter Brief.



Chere et bonne.

Eine kleine Unannehmlichkeit dieſer ſonſt ſo reich
begabten Landſchaft ſind die Wirkungen der Ebbe
und Fluth, welche erſtere einen bedeutenden Theil
des Tages hindurch eine große Strecke des Menai,
wie der hieſige Meerarm genannt wird, austrocknet,
und nur ſchlammigen Sand zurück läßt. Wahrſchein-
lich ſind dieſem Umſtande auch die über alle Vorſtel-
lung hartnäckigen Fliegenſchwärme zuzuſchreiben, die
zu Tauſenden, gleich Bienen ſchwärmend und auf
Raub ausgehend, Menſchen und Vieh attaquiren,
und ihr Opfer nicht leicht wieder loslaſſen. Man
reitet vergebens, was das Pferd laufen kann. Der
Schwarm, in einen Klumpen geballt, wie ein mace-
doniſcher Phalanx, fliegt mit, und zerſtreut ſich über
ſeine Beute, ſobald man wieder anhält, nur dem
Todtſchlagen weichend. Ja ſelbſt in ein Haus hin-
einzutreten, hilft nicht immer. Denn ich habe es auf
Spaziergängen einigemal erlebt, daß dieſe Fliegen,
wenn ſie einen einmal angenommen haben, geduldig
[96] draußen warten, bis man wieder herauskömmt. Das
einzige Mittel iſt, eine Stelle aufzuſuchen, wo ein
ſtarker Zugwind weht, den ſie nicht vertragen kön-
nen. Dies wiſſen auch die an den Bergufern wei-
denden Kühe recht wohl, die man immer an ſolchen
Stellen einſam ruhen und [wiederkäuen] ſieht. Ich
betrachtete heute lange ein ſolches Thier, wie es auf
einer ganz iſolirten Felſenſpitze, die Contoure ſchroff
ſich gegen die Luft abzeichnend, ſtand — unbeweg-
lich, bis auf die leiſe Arbeit ſeiner Kinnladen, und
nur zuweilen mit dem Schwanz ſich an die Seite
ſchlagend. Wie ſchön, dachte ich mir, könnte ein
Künſtler ein ſolches Bild koloſſal und zum Apis er-
hoben, und auch mit dem Mechanismus dieſer ein-
fachen Bewegungen verſehen, nachahmen und welche
Acquiſition wäre dies für einen deutſch-engliſchen
Park in der Heimath! z. B. in Caſſel, dem Herku-
les gegenüber, oder gar in Wörlitz auf dem feuer-
ſpeyenden Berge weidend. Gewiß eine verdienſtvolle
Idee, die du fruchtbar zu machen ſuchen mußt. Er-
innerſt Du Dich noch Clemens Brentano, als ihm und
dem genialen, liebenswürdigen Schinkel der Graf L ..
die Ausſicht von ſeinem Jagdſchloſſe zeigte, von wo man
eine anmuthige aber flache Waldgegend überſieht, und
nun zu den beiden Herren gewandt, der Graf dieſe etwas
einfältig fragte, auf welche Art wohl hier eine recht
große Verſchönerung anzubringen ſey? Brentano
verfiel in tiefes Sinnen, und nach einiger Zeit ſagte
er langſam, den erwartungsvoll zuhörenden [Gönner]
mit ſeinen kurioſen Augen ernſthaft anſtarrend:
[97] „Wie wäre es, Herr Graf, wenn Sie ein Gebürge
aus Brettern aufführen, und daſſelbe mit blauer
Oelfarbe anſtreichen ließen? — Solches aber, wenn
auch nicht ſo grell und handgreiflich, geſchieht im lie-
ben Vaterlande noch täglich, ſelbſt ohngeachtet des
neuen Berliner Gartenvereins.


Geliebte Julie, willſt Du mit mir nach dem Park
des Marquis Angleſea, Plas Newyd, auf Angleſea
fahren? die Phantaſie-Pferde ſind ſchnell angeſpannt.


Wir paſſiren wieder die Rieſenbrücke, folgen eine
kurze Zeit der Chauſee nach Irland, und ſehen ſchon
von weitem die Säule emporragen, welche das dank-
bare Vaterland dem General Paget, damals Lord
Uxbridge, jetzt Marquis von Angleſea und Vicekönig
von Irland, ſtatt ſeinem in Waterloo gelaſſenen
Beine hier aufgeſetzt hat. Eine halbe Stunde weiter
öffnet ſich das Parkthor von Plas Newyd. Das
merkwürdigſte hier ſind einige Cromlech’s, deren
eigentliche Bedeutung unbekannt iſt, die man aber
für Grabmäler der Druiden hält. Es ſind ungeheure
Steine, gewöhnlich nur drei bis vier, die eine Art
rohen Thorweg bilden. Es giebt deren von ſo koloſſa-
ler Größe, daß man kaum begreift, wie man ſie ohne
die komplizirteſten mechaniſchen Hülfsmittel bewegen,
und in ſolche Höhe hinaufbringen konnte. Der menſch-
lichen hohen Kraft, von unumſchränktem Willen oder
Fanatismus angeregt, iſt indeſſen gar Vieles mög-
lich. Las ich doch einſt, daß ein Schiffs-Capitaine,
der an den Ufern Japans hinfuhr, über die ſich da-
ſelbſt hinziehende Bergkette zwei Junken der größten
Briefe eines Verſtorbenen. I. 7
[98] Art, nicht viel kleiner als unſre Fregatten, durch
Tauſende von Menſchen zu Lande transportiren
ſah.


Die hieſigen Cromlech’s, welche nicht zu den größ-
ten gehören, haben wahrſcheinlich Anlaß zu dem Ge-
danken gegeben, an einer paſſenden Stelle, wo man
unter andern eine ſchöne Anſicht des Snowdon hat,
eine Druiden-Cottage zu bauen. Es iſt aber ein ſelt-
ſames Ding daraus geworden, mit alterthümlichen
und modernen [Gegenſtänden], wie ein Chaos, ange-
füllt. In den kleinen, dunkeln piècen war auf ar-
tige Weiſe Licht durch Spiegelthüren hereingebracht,
die in andern Zimmern wiederum dazu dienten, die
vortheilhafteſten Partieen der Landſchaft, wie unter
Rahmen und Glas, zu faſſen. Im Fenſter des Sa-
lons ſtand überdies ein großer Guckkaſten, eine Ca-
mera obscura
und ein Kaleidoſcop neuerer Art,
welches nicht, wie die alten, gefüllt wird, ſondern
dem jeder Gegenſtand, auf den man es hält, ſobald
man es nur bewegt, zum nie aufhörenden Verände-
rungsſpiele dient. Blumen machen beſonders durch
den ſich ewig verſchieden brechenden Glanz ihrer Far-
ben einen wunderbaren Effekt. Sollteſt Du ein ähn-
liches wünſchen, ſo kann ich Dir es von London aus
leicht ſenden laſſen. Es koſtet 8 Guineen. Das
Schloß und die übrigen Anlagen bieten gar nichts Er-
[wähnungswerthes] dar, werden auch ſelten vom
Eigenthümer beſucht, deſſen Hauptſitz in England
liegt.


[99]

Heute erhielt ich mit großer Freude einen langen
Brief von Dir .......................
................................
............... *)


Es freut mich, daß Du L ....’s Scherze nicht
mißdeuteſt, und ihn nicht mit Frömmel für einen
Gottloſen hällſt. Er macht ſich wohl zuförderſt, nur
über den Köhlerglauben jener Menſchen luſtig, die
ſich von dem Unausſprechlichen, dem Weſen aller
Dinge, das wir nur ahnen, nicht begreifen können,
ein ſonderbares Mittelding von menſchlichem Herren,
Schulmeiſter und dienendem Schutzgeiſte bilden, ſich
ſtets am Kinder-Gängelbande von ihm geleitet glau-
ben, und Alles was ſie ſehen und hören, und ſie
irgend angeht, immer für eine, blos auf ihre We-
nigkeit ſich beziehende, Handlung Gottes halten;
wenn ſie aber gar, z. B. ins Waſſer fallen oder das
große Loos gewinnen, dann Gottes Finger un-
widerſprechlich
darin erkennen, und wenn ſie
einer Gefahr entgehen, Gott ſo dafür danken, als
habe eine fremde Kraft die Gefahr, Gott aber nur
wie ein ſorgſam herbeieilender Wächter, durch ſchnel-
les Eingreifen die Errettung gebracht. Sie möchten
doch bedenken, daß von wo die Rettung kömmt,
7*
[100] auch die Gefahr ſich herſchreibt, wo der Genuß auch
die Qual, wo das Leben auch der Tod. Das Ganze
iſt eben Weltleben, und kann nicht nach Willkühr,
ſondern nur nach unwandelbaren Geſetzen gegeben
und geordnet ſeyn. — Solche kleinliche Anſichten,
als die gerügten, ziehen die Idee der Allmacht zu
unſrer Gebrechlichkeit herab. Danken ſollen wir für
alles Seyn der ewigen Liebe, wäre es auch ohne
Worte, — und kein Gebet vielleicht, kann mehr als
dieſes: in Entzücken verſtummende Dankgefühl —
vom Menſchen dargebracht, der Gottheit würdig
ſeyn; — kindiſch aber iſt es, alle jene alltäglichen
und äußern einzelnen Begebenheiten wie Glücks-
und Unglücksfälle, Reichthum, Armuth, Sterben u. ſ. w.,
die den Naturgeſetzen unterthan ſind, oder von uns
ſelbſt, nach dem Maaßſtab unſrer Kräfte herbeige-
führt werden, immer einer ganz beſondern, und der
Himmel weiß überdieß, wie unnützen! Erziehung
unſrer lieben Individuen durch die Allmacht zuzu-
ſchreiben.


Ferner aber ſpottet er über die Chriſten — die
es ganz und gar nicht ſind, und darunter, ſagt er,
ſtehen als Nummer Eins, nicht ſogenannte Atheiſten
(überhaupt eine ſinnloſe Benennung) nicht einmal
wahre Fanatiker, ſondern jene heilloſe Race der mo-
dernen Frömmler, die entweder nervenüberreizte
Schwächlinge, *) oder Heuchler der gottloſeſten Art
[101] ſind von Jeſus erhabener Reinheit entfernter als der
Dalai Lama. Sie ſind die wahren Phariſäer, und
zugleich Händler in der Kirche, die Chriſtus heute
noch zum Tempel hinausjagen würde, und die, wenn
er unter andrem Namen wieder erſchiene, zuerſt
rufen würden: Kreuziget ihn! *)


In allem dieſen muß ich ſelbſt L … ziemlich bei-
ſtimmen, wenn auch bei dem Gegenſtand der erſten
Bemerkungen des vorliegenden Briefes jede Anſicht
nur Hypotheſe bleiben, und in der Wahrheit Alles
viel anders ſeyn muß, als wir es überhaupt zu er-
gründen fähig ſind. Hätten wir es wiſſen können
und ſollen, ſo würde der Schöpfer unſres Daſeyns
*)
[102] auch dies uns offenbart, und zwar ſo unbezweifelt
offenbart haben; als wir es mit Beſtimmtheit wiſ-
ſen, daß wir fühlen, denken und ſind. Was uns nö-
thig war, iſt uns im Innern offenbart, und dies
haben von jeher die größten Geiſter der Erde in mehr
oder minder erleuchteten Worten ausgeſprochen.


Daß die Menſchheit nicht wie eine willenloſe Ma-
ſchine ſtille zu ſtehen, oder im Kreiſe ſich ewig um-
zudrehen brauche, ſondern weiter ſchreite, und aus
ſich ſelbſt fort werde, bis ſie einſt ihren möglichen
Lebenscyclus geendigt, und ihre höchſte Perfektibi-
lität erreicht hat, daran zweifele ich keinen Augen-
blick. Meine Hypotheſe würde dabei nur die ſeyn,
daß die Erde, gleich dem einmal vom Stapel gelaſſe-
nen Schiffe, unter dem Schutz und Zwange unwan-
delbarer Naturgeſetze, nun ihrer eignen Mannſchaft
überlaſſen bleibe. Wir ſelbſt machen hinfort unſer
Leben (ſo weit es vom Menſchen und nicht von jenen
Geſetzen abhängt) ſo wie unſre Geſchichte, im Gro-
ßen wie im Kleinen, durch unſre eigne moraliſche
Kraft oder Schwäche. Keine beſonders eingreifende
Macht iſt meines Erachtens anzunehmen, die z. B.
Napoleon einen harten Winter in Rußland ſchickt,
um ihn zu ſtürzen, ſondern Napoleon ſtürzt an dem
fehlerhaften Prinzip das ihn ſelbſt leitet, und wel-
ches auf die Länge, an dieſer oder jener ſcheinbaren
Urſache, immer untergehen muß. Das Naturereig-
niß tritt, in Bezug auf ihn, nur zufällig ein, an ſich
aber ohne Zweifel in der nothwendigen Folge der
Geſetze, denen es unterworfen iſt, wenn dieſe Geſetze
[103] uns gleich unbekannt ſind. Aus eben dem Grunde
wird es dem Guten, Fleißigen, Sparſamen, Klu-
gen ꝛc. in der Regel der liebe Gott gut gehen, und
vieles was er wünſcht gelingen laſſen, dem Thoren
und Böſen aber, der ſich in Krieg mit der Welt
ſetzt, wird es nicht ſo gut ergehen. Dem, der die
Hand im Eiſe liegen läßt, wird ſie der liebe Gott
höchſt wahrſcheinlich erfrieren, und dem der ſie ins
Feuer hält verbrennen laſſen, es müßte denn der
unverbrennbare Spanier ſeyn. Wer zu Schiffe geht,
wird zuweilen vom lieben Gott die Schickung des
Ertrinkens zugetheilt erhalten, wer aber nie das
Land verläßt, den wird der liebe Gott auch gewiß
nie im Meere umkommen laſſen. Daher heißt es
auch mit Recht: Hilf Dir ſelbſt, und Gott wird Dir
helfen. Die Wahrheit iſt, daß Gott uns ſchon von
vornherein geholfen hat. — Das Werk des Meiſters
iſt vollendet und, ſoweit es beabſichtigt war, voll-
kommen. Es braucht daher keiner fernern extraordi-
nairen Nachhülfe und Corrigirung von oben. In
unſre eignen Hände iſt für jetzt die weitere Entwick-
lung gelegt. Wir können gut und böſe, klug und
thöricht ſeyn, nicht immer vielleicht wie es die In-
dividuen
frei wollen möchten, aber wie ſie die
vorhergehende Menſchheit herangebildet. Tugend
und Sünde, Klugheit und Thorheit ſind ja über-
haupt blos Worte, die ihre Bedeutung hier erſt durch
die menſchliche Geſellſchaft erhalten, und ohne
ſie gänzlich verlieren würden. Der Begriff des Gu-
ten und Böſen entwickelt ſich offenbar nur in Bezug
[104] auf Andere, denn der Menſch, welcher nie einen
Mitmenſchen ſah, kann weder gut noch böſe handeln,
ja wohl kaum ſo fühlen und denken — er beſitzt
allerdings die Fähigkeit dazu, und dies begründet
ſeine höhere geiſtige Natur, aber nur durch ihm
gleichartige Mitgeſchöpfe kann dieſe in Wirkſamkeit
treten, wie Feuer erſt entſteht, oder ſichtbar wird,
wo brennbare Materie vorhanden iſt. Der Begriff
des Klugen und Thörichten entſteht dagegen ſchon
früher, und auch in Bezug auf unſer eignes Indi-
viduum allein, denn auch der einzelne Menſch, im
Conflikt mit der ſogenannten todten Natur, kann
thöricht ſich ſchaden, oder das Gegebne mit Klug-
heit benutzen, und dies an ſich gewahr werden.
Gut ſeyn heißt alſo in jeder Beziehung nichts andres
als: andre Menſchen lieben und ſich ihren Ge-
ſetzen unterwerfen — böſe aber: ſich nicht an dieſe
Geſetze kehren, das Wohl Andrer für wenig oder
nichts achten, und bei ſeinen Handlungen nur die
eigne momentane Gratifikation vor Augen haben.
Klug ſeyn heißt dagegen nur ſeinen eignen Vor-
theil am geſchickteſten zu bewahren wiſſen — thö-
richt
, ihn zu vernachläſſigen, oder falſch zu beur-
theilen. Wir ſehen alſo ſehr bald, daß gut und
klug, böſe und thöricht, in höchſter Potenz, faſt
ſynonim werden, denn wer gut iſt wird in der Re-
gel ſeinen Mitmenſchen gefallen, von ihnen wieder
geliebt werden müſſen, folglich auch klug, für ſich
den wahrſten Vortheil erlangen, der Böſe dagegen
mit ihnen in ewigen Streit gerathen, indem er zu-
[105] letzt den Kürzeren ziehen, folglich Schaden haben
muß. Hat ſich aber das Moralprinzip noch höher
berangebildet, ſo wird der einzelne tugendhafte
Menſch ſich zwar ein eignes Geſetz ſtellen, dem er
folgt, unbekümmert um Vortheil, Gefahr oder Mei-
nung Anderer. Aber die Grundlage dieſes Geſetzes
wird immer das ſeyn, was ich eben geſchildert, Be-
rückſichtigung des Wohlſeyns der Mitmenſchen und
daraus abgezogne Pflicht, die von nun an dem ſelbſt
vorgezeichneten Wege konſequent folgt. Aber auch
dann giebt die innere Ueberzeugung, dieſe Pflicht
erfüllt zu haben, dem geiſtigen Menſchen größere
Befriedigung als alle irdiſchen Güter ihm gewähren
könnten, und es bleibt daher, in einer wie der an-
dern Beziehung, und in jedem Stande der Bildung,
wahr: daß es zugleich die höchſte Klugheit iſt, gut,
die größte Thorheit, böſe zu ſeyn.


Aber freilich treten hier, durch das Gewirr des
Lebens, noch vielfache Nüancen ein. Man kann,
für das Irdiſche oder Aeußere, ſehr wohl durch grö-
ßere Klugheit den Schein erlangen, ohne Realität.
Man kann andere Menſchen täuſchen, und ihnen ſo-
gar glauben machen, man thue ihnen wohl, ver-
diene ihre Achtung und ihren Dank, wenn man ſie
doch nur zu Werkzeugen ſeines eignen Vortheils be-
nutzt, und ihren bitterſten Schaden herbeiführt.
Thorheit bringt nur zu oft die entgegengeſetzte Wir-
kung hervor, nämlich Andere Böſes und üble Mo-
tive vorausſetzen zu laſſen, wo das Gegentheil ſtatt
findet. Aus dieſem folgt ganz natürlich die, auch
[106] durch die Erfahrung, überall begründete, wenn
gleich ſchmerzliche Wahrheit: daß in den irdiſchen
Verhältniſſen
es dem Individuo noch gewiſſeren
Schaden bringt, thöricht, als bös und ſchlecht zu ſeyn.
Die äußern Folgen des Letzteren können durch Klugheit
aufgehalten, ja ganz abgewendet werden, nichts aber
wendet die Folgen der Thorheit ab, die fortwährend
gegen ſich ſelbſt arbeitet. Das Bedürfniß und
die Erfindung poſitiver Religionen mögen dieſer Er-
kenntniß, und der daraus folgenden Unzulänglichkeit
der blos irdiſchen Strafgeſetze großentheils ihre Ent-
ſtehung verdanken, namentlich die Lehre der künfti-
gen Strafen und Belohnungen eines Allwiſſenden,
gegen den die Klugheit nicht mehr ausreicht, und
von dem der Thörichte Mitleiden und Compenſation
erwartet, denn wahrlich der Gute und Kluge braucht
keinen weitern Lohn — er findet ihn ſchon reich und
überſchwenglich in ſich ſelbſt. Wer würde nicht ohne
Bedenken Alles hingeben, um die Seligkeit zu ge-
nießen, vollkommen gut zu ſeyn! Es könnte viel-
leicht eine Zeit kommen, wo alle Staats-Religionen
und Kirchen zu Grabe getragen würden, Poeſie
und Liebe aber, deren Blüthe die wahre Religion,
wie Tugend ihre Frucht iſt — müſſen ewig den
menſchlichen Geiſt beherrſchen, in ihrer heiligen Drei-
einigkeit: der Anbetung Gottes als der Urſach alles
Seyns, der Bewunderung der Natur als ſeines ho-
hen Werks, und der Liebe zu den Menſchen als un-
ſere Brüder. Und das allein iſt ja Chriſtus Lehre
— von Keinem reiner, inniger, einfacher und doch
[107] tiefer ausgeſprochen, wenn auch den Formen und
den Vorausſetzungen ſeiner Zeit gemäß — und dar-
um iſt er auch der Kern geworden, an dem ſich
die Frucht der Zeiten anſetzt
, der wahre Ver-
mittler, deſſen Lehre einſt, wie wir hoffen müſſen,
Chriſtenthum in Wahrheit, nicht blos dem Namen
nach werden wird . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . .


(Hier befindet ſich eine Lücke in dem brieflichen
Tagebuche, welches erſt mit dem 28ſten wieder be-
ginnt.)



Da das Wetter ſich aufklärte, und die Freunde,
die ich erwartete, nicht kamen, ſo beeilte ich mich,
die erſten Sonnenblicke zu benutzen, um noch tiefer
in das Gebirge einzudringen, und fuhr daher gegen
ſieben Uhr Abends, ohne Diener, und nur mit eini-
ger Wäſche, nebſt einem Wechſelanzug in meinem
leichten Mantelſacke, verſehen — in einem irländi-
ſchen carr, mit einem Pferde beſpannt, dem Berg-
paſſe von Capel Cerrig zu. Dieſe Wagen beſtehen
aus einem offnen Kaſten, der auf zwei Rädern ſteht,
auf vier horizontalen Federn ruht, und zwei einan-
der gegenüberliegende Sitzbänke enthält, wo vier
Perſonen bequem Platz finden. Von hinten ſteigt
man ein, da die Thüre zwiſchen den Rädern ange-
bracht iſt; das Ganze iſt ſehr leicht und bequem.


[108]

Der Moment war außerordentlich günſtig. Faſt
eine Woche langer Regen hatte alle Waſſerfälle,
Flüße und Bäche ſo angeſchwellt, daß ſie ſich in ihrer
größten Schönheit zeigten, Bäume und Gras hatten
ihr ſaftigſtes Grün angelegt, und die Luft war
rein und durchſichtig wie Cryſtall geworden. Ich be-
wunderte die reichen Maſſen farbiger Bergblumen
und Eriken, welche in den Felſenſpalten wucherten,
und bedauerte, zu wenig von der Botanik zu verſte-
hen, um ſie noch mehr als mit den Augen genießen
zu können. Bald indeß erreichte ich die ernſteren
Regionen, wo von Blumen nur noch wenig, von
Bäumen gar nicht mehr die Rede iſt. An dem Waſ-
ſerfall von Idwal ſtieg ich aus, um einen kleinen
See zu beſichtigen, der ſich nicht übel für den Ein-
gang des Hades paſſen würde.


Die troſtloſe Oede und Wildheit des tiefen Felſen-
keſſels iſt wahrhaft Schauder erregend. Ich hatte
geleſen, daß es möglich ſey, von hier über den Tri-
vaen (der Berg mit den Baſaltſäulen, von den ich
Dir geſchrieben) und die ihn umgebenden Felſen in
gerader Linie nach Capel Cerrig zu gelangen, die
Paſſage war aber als ſehr ſchwierig, jedoch auch
äußerſt ſchön geſchildert. Da nun eben ein Schaf-
hirte von den Bergen herabkam, ſo fühlte ich große
Verſuchung mit dem Führer, den mir der Zufall ſo
gefällig bot, dieſe Tour zu verſuchen. Ich ließ ihm
meinen Wunſch durch den Poſtillon verdollmetſchen,
er meinte aber, es ſey nun ſchon zu ſpät, und das
Herunterſteigen auf der andern Seite bei Nacht zu
[109] gefährlich; auf weiteres Dringen äußerte er jedoch,
wenn ich ihm rüſtig folgen könne, ſo glaube er, daß
wir, bei dem zu erwartenden Mondſcheine, wohl in
zwei Stunden den Weg zurücklegen könnten, es gäbe
aber ſehr mißliche Oerter zu paſſiren. Ich hatte auf
dem Snowdon meine Kraft zu gut wieder kennen
gelernt, um mich davor zu fürchten, machte daher
alles richtig, und befahl nur zur Vorſicht dem Po-
ſtillon, eine Stunde auf mich zu warten, im Fall
ich doch unverrichteter Sache zurückkehren müßte,
und dann erſt weiter auf der Landſtraße nach Capel
Cerrig zu fahren.


Wir mußten nun gleich von Anfang an ſehr ſteil,
über ſumpfigen Boden und zwiſchen enormen, ein-
zeln zerſtreuten Felſenblöcken, aufwärts klettern.
Es mochte [ohngefähr] halb acht Uhr ſeyn. Von ir-
gend einem gebahnten Fußwege war keine Spur,
der Trivaen erhob ſeine grotesken Gipfel, wie eine
crenelirte Mauer, vor uns, und nirgends war ab-
zuſehen, wie wir da hinüber kommen ſollten. Hier
thaten uns indeß die Bergſchnucken wahre Liebes-
dienſte, denn ſie zeigten, vor uns klimmend, dem
ſelbſt oft ungewiſſen Führer, häufig die gangbarſten
Stellen an. Nach einer Viertelſtunde ſehr ermüden-
den Steigens, mit manchem ſchwindelnden Blick in
die Tiefe, wogegen man aber bald gleichgültig wird,
kamen wir auf ein kleines, nur aus einem Sumpfe
beſtehendes, plateau, wodurch wir, bis an die
Kniee in den weichen Mohr ſinkend, waden mußten.
Hier war eine ſchöne Ausſicht auf das Meer, die
[110] Inſel Mann, und das am Horizont dämmernde Ir-
land. Gleich hinter dem Sumpf erwartete uns wie-
der ganz andrer Boden, nämlich eine vielfach ge-
furchte, ſchräg liegende, compacte Steinwand, an
der wir mit Füßen und [Händen] herankriechen muß-
ten. Die Sonne war ſchon hinter einen ſeitwärts
ſtehenden hohen Berg geſunken, und röthete jetzt die
ganze wilde Gegend, wie die Wand an der wir hin-
gen, mit dunkelrother feuriger Gluth, einer der
wunderbarſten Effecte, die ich je vom Sonnenlicht
geſehen. Es glich einer Theaterdekoration der Hölle.
Jetzt ging es noch durch einen angeſchwollnen Berg-
ſtrom, über den eingeſtürzte Blöcke eine natürliche
Brücke geformt hatten, und dann abermals an nack-
ten Felſen, ohne alle Beimiſchung von Erde, hinan,
bis wir endlich den hohen Kamm erreichten, der ſo
lange vor uns geſtanden, und wo ich das Ende al-
ler Beſchwerlichkeit erwartete. Ich war daher nicht
wenig betreten, als ich von neuen eine andere berg-
tiefe Schlucht vor mir ſah, in die wir erſt hinab,
und dann wieder hinauf mußten, denn auf der, den
kürzeren Weg zeigenden, halbmondförmigen Kante
des Kammes, hätte kein menſchlicher Fuß lange haf-
ten können. Wir hatten nun die frühere Ausſicht
nach dem Meere hin ganz verloren, und ſahen da-
gegen landeinwärts, wo das Gebürge von Wales in
ſeiner ganzen Breite, Gipfel an Gipfel ſich reihend, vor
uns lag — einſam, ſchweigend und gewaltig! Das
ſterile Thal unter uns war mit nichts als umherge-
ſchleuderten Rieſenſteinen angefüllt, und wahrlich:
[111] die Revolution, die einſt hier mit Felſen wie mit
Bällen geſpielt, muß ein Schauſpiel für [Götter] ge-
weſen ſeyn! Während ich, in Betrachtungen verlo-
ren, dieſes Chaos anſtaunte, hörte ich nahe über
mir einen gellenden, mehrmals wiederholten Schrei,
und ſah, aufblickend, zwei majeſtätiſche Adler mit
ausgebreiteten Schwingen über uns ſchweben, eine
Seltenheit in dieſen Gebürgen. Willkommen meine
treuen Wappenvögel! rief ich, hier wo es nur harte
Felſen, aber keine falſchen Menſchenherzen giebt —
wollt ihr mich wie der Vogel Rock in ein Diaman-
tenthal entführen, oder Kunde aus der lieben fer-
nen Heimath bringen? die Thiere ſchienen mit ih-
rem fortwährenden Rufe antworten zu wollen, lei-
der aber bin ich in der Vögelſprache noch nicht hin-
länglich bewandert, und ſo verließen ſie mich, im-
mer höher und höher kreiſend, bis ſie zwiſchen den
[Säulen] des Trivaen verſchwanden. Dieſe wiederhol-
ten Attentionen der Raubthiere für mich, ſehe ich
als ein gutes Zeichen an.


Es war höchſt unbequem, daß ich mit meinem
Führer nicht mehr als mit den Adlern ſprechen
konnte, denn er verſtand kein Wort engliſch. Wir
mußten uns daher nur durch Zeichen verſtändlich
machen. Auf dieſe Weiſe zeigte er jetzt, nachdem wir
eine Weile verhältnißmäßig ganz bequem hinabge-
ſtiegen waren, mit der Hand auf den Ort, wohin
wir nun unſere Schritte lenken ſollten. Hier waren
wir an die „böſe Paſſage“ gelangt. Dieſe beſtand
nämlich in einer ganz ſteilen Wand, von gewiß nicht
[112] weniger als 600 Fuß Tiefe, und über dieſer einen
faſt eben ſo ſteilen Erdabhang, vom Regen abge-
waſchen und mit kleinen loſen Steinen beſäet. Ue-
ber den letztern ſollten wir, wohl 1500 Schritt lang,
hinwegſchreiten. Ich hätte dieſes Unternehmen früher
für unausführbar gehalten, von der Nothwendigkeit
gezwungen, fand ich es jedoch, nach den erſten ängſt-
lichen Schritten, ganz leicht. Es ſah allerdings
halsbrechend aus, aber die vielen Steine und die
feuchte weiche Erde gaben einen feſtern Tritt als ſie
erwarten ließen. Ueberhaupt klingen dieſe Dinge
auch in einer nicht übertriebenen Beſchreibung im-
mer etwas gefährlicher als ſie wirklich ſind. Es iſt
ganz wahr, daß ein Fehltritt hier ohne Rettung
Verderben brächte, aber man hütet ſich eben ſchon
vor einem ſolchen. So müßte man auch im Waſſer
ertrinken — wenn man zu ſchwimmen aufhörte.
Wer alſo gehen kann, und einen feſten Kopf hat,
kann dergleichen ganz ohne Gefahr unternehmen.


Die Dämmerung fing nun an einzutreten, undeut-
licher wurden die Berge, und unter uns lagen, wie
ein Paar dampfende Suppenterrinen, die Nebel
aushauchenden Seen von Capel Cerrig und Beth-
gellert. Wir hatten den höchſten Punkt erreicht,
und eilten ſo viel wir konnten nach dem erſten der
genannten Seen hinab. Noch einmal durchwadeten
wir einen Sumpf, und kletterten wieder über Felſen
hinunter, bis wir an den, am wenigſten ſchwierig
ausſehenden, und dennoch ermüdendſten Theil des
Weges ankamen, eine glatte und feſte Raſenalp,
[113] ſehr ſteil, und mit einem Steinuntergrund, der an
manchen Stellen in weiten Platten zu Tage kam.
Auf dieſem abſchüſſigen Boden mußten wir oft ganze
Stellen mehr hinabgleiten als ſteigen, und die An-
ſtrengung wurde zuletzt ſo ſchmerzhaft in den Knieen,
daß ſowohl der Führer als ich, in der [Dämmerung]
einigemal fielen, ohne uns jedoch Schaden zu thun.
Die hohen umſtehenden Berge hatten den Mond bis-
her verdeckt, der nun groß und blutroth über ihre
Wellenlinien heraufſtieg. Bald darauf verloren wir
ihn jedoch wieder, und erſt nahe am Ziel ſahen wir
ihn von neuem, jetzt goldgelb, klein und klar, ſich
im ſtillen Gewäſſer des See’s ſpiegeln, an deſſen
Ufer unſer Gaſthof liegt. Der letzte Theil des We-
ges wurde auf ebner Landſtraße zurückgelegt, und
bot, im Vergleich mit dem vergangenen, eine ſolche
Bequemlichkeit dar, daß ich darauf [hätte] gehend ſchla-
fen können. Es war als wenn ich willenloſe Schritte
machte, von einem Uhrwerk fortgetrieben, wie die
Kinderſpielwerke welche aufgezogen, unaufhaltſam
auf dem Tiſche umherfahren. In 1 ¾ Stunden hat-
ten wir die Tour vollbracht, und ganz ſtolz auf
dieſe That, zog ich in Capel Cerrig ein, deſſen Wirth
kaum glauben wollte, daß wir den Weg in ſo kur-
zer Zeit bei Nacht zurückgelegt. Ich hatte mich in
den letzten Jahren ſo verweichlicht, daß ich mich faſt
alt geworden glaubte, aber der heutige Tag bewies
mir zu meiner Freude, daß ich nur Anlaß brauche,
um Geiſt und Körper wieder friſchkräftig zu fühlen,
Gefahr und Beſchwerde zeigten ſich ohnedem immer
Briefe eines Verſtorbenen. I. 8
[114] als das mir am beſten zuſagende Element, wenn die
Umſtände mir beides beſcheerten.


Mein post boy war noch nicht mit dem Wagen
angekommen, und ich mußte daher für den nöthigen
Umzug die Garderobe des dicken Wirthes benutzen,
in deſſen Kleidern ich ſeltſam genug ausſehen mag,
während ich, am Kamin die meinigen trocknend,
Dir hier abwechſelnd ſchreibe, und meinen Abend-
thee verzehre. Morgen ſoll ich ſchon um 4 Uhr aus
den Federn um — rathe was — aufzuſuchen: Mer-
lins des Zauberers Felſen, wo er dem König Vor-
tigern die Geſchichte der kommenden Zeiten prophe-
zeihte, und wo ſeine Wunderſchätze, der goldne
Thron, das diamantne Schwerdt noch heut zu Tage
in verborgnen Höhlen begraben liegen. Da gäbe
es noch eine neue, weit ſicherere Spekulation für die
Bergwerksunternehmer in London und Elberfeld!



Bewundere, liebſte Julie, mit mir die Thäler Mer-
lin’s, ſie ſind in der That bezaubernd — aber
an ſeinen Felſen, an Dinas Emris, werde ich ge-
denken! Doch laß mich in der Ordnung [erzählen].


Ich ſtand alſo, obgleich erſt um 1 Uhr zu Bett
gegangen, pünktlich um 4 Uhr auf, und in 10 Mi-
nuten war ich reiſefertig, denn ſobald man Diener
und Luxus abgeſtreift, geht alles leichter und ſchnel-
[115] ler von ſtatten. Das gute Wetter hatte ſich bereits
wieder in den gewöhnlichen Nebel dieſer Gebürge
verwandelt, und mein Regenſchirm, den ich geſtern
als Alpenſtock gebraucht, that mir heute, als Ob-
dach, gute Dienſte im offnen Wagen, ſo wie mein
alter 15jähriger Mantel, die geehrte Reliquie, in
dem ich die Franken mitbekriegen half, und den aus
hohem Luftballon ich einſt mit allem übrigen Ballaſt
herabwerfen mußte, um die Luftfahrt nicht im Waſ-
ſer zu enden.


Im Anfang war die Straße ziemlich todt und un-
intereſſant, bis wir an den Fuß des Snowdon ka-
men, der, [obgleich] eine Wolke unter ihm uns be-
regnete, ſein Haupt doch zu derſelben Zeit großmü-
thig enthüllte. Er ſieht an dieſer Stelle beſonders
majeſtätiſch aus, da er ſich faſt ſenkrecht aus dem
tiefen Thal von Gwynnant erhebt, das hier ſeinen
Anfang nimmt. Dieſes reich bewäſſerte Thal ver-
bindet die blühendſte Vegetation mit den erhaben-
ſten Anſichten. Die höchſten Berge von Wales
gruppiren ſich um daſſelbe in mannichfaltigen For-
men und Farben. Der Fluß, welcher es durchſtrömt,
bildet in ſeinem Lauf zwei Seen, die nur wenig
Breite, aber deſto mehr Tiefe haben, denn das Thal
iſt durchgehends eng, welches die Größe der Coloſſen
darum her, deſto mehr hervorhebt. In dem üppig-
ſten Theile deſſelben beſitzt ein Kaufmann aus Ches-
ter einen Park, den er nicht mit Unrecht „das Eli-
ſium“ benannt hat. An einem hohen, dicht mit
Wald bedeckten Bergrücken, aus deſſen dunklem
8*
[116] Grün vielfache, in ſeltſamen Geſtalten wetteifernde
Felſen hervortreten, ſteht über dem Bergſtrom auf
lichter Wieſe die anſpruchloſe, freundliche Villa.
Vor ihr breitet ſich in der Tiefe der See aus, und
hinter dieſem ſchließt Merlins, ganz iſolirt daſtehen-
der, Wunderfelſen ſcheinbar das Thal, welches hier
eine jählinge Biegung macht. Doppelt unvergeßlich
bleibt mir Dinas Emris, einmal wegen ſeiner ro-
mantiſchen Schönheit, und zweitens weil ich auf
ihm wörtlich zwiſchen Leben und Tod hing. Ob-
gleich nicht höher als 4 — 500 Fuß, wird er doch
nur von einer Seite als zugänglich angeſehen. Ich
hatte einen kleinen Knaben als Führer mitgenom-
men, der aber, an Ort und Stelle angekommen,
ſeiner Sache nicht recht ſicher ſchien. Der Weg, den
er durch das Eichengeſtrüpp nahm, ſchien mir gleich
von Anfang an, wegen ſeiner ungemeinen Steilheit
verdächtig, indeſſen beruhigte er meine Beſorgniß in
gebrochenem Engliſch, und ich konnte nichts andres
thun als der kleinen Gemſe, ſo gut als möglich,
folgen. Merlin ſchien uns zu zürnen, es hatte ſich
ein heftiger Wind erhoben, und die Sonne, die uns
einen Augenblick angeglänzt, lagerte ſich hinter
ſchwarze Wolken, das lange naſſe Gras aber, wel-
ches über die Steinblöcke hing, machte das Klettern
ſehr gefährlich. Den barfußen kleinen Jungen focht
dieß indeß nicht ſehr an, deſto mehr meine von geſtern
noch etwas ſteifen Glieder. Je höher wir uns em-
por arbeiteten, je ſteiler wurden die Felſen, oft war
es nur, mit Hülfe der aus den Spalten wachſenden
[117] Sträucher, und den Blick hinter ſich beſtens vermei-
dend, möglich, ſich heraufzuſchwingen. Endlich be-
merkte ich, daß der Knabe ſelbſt ganz unſchlüſſig
ward und, auf dem Bauche kriechend, ſich bald nach
der, bald nach jener Richtung ängſtlich umſah. Wir
wanden uns nun noch durch einige Spalten rechts
und links, und ſtanden dann plötzlich auf der Spitze
einer glatten hohen Wand, mit kaum ſoviel Raum,
um den Fuß darauf zu ſetzen, und über uns nichts
als eine ähnliche Felsmauer blos mit einzelnen
Grasbüſcheln bewachſen, welche zum Gipfel führte,
den ſie überall zu umziehen ſchien.


Der Anblick war entmuthigend, das Kind fing an
zu weinen, und ich überlegte mit klopfendem Her-
zen, was zu thun ſey. Gern, ich geſtehe es, wäre
ich wieder zurückgeklettert und hätte Merlins
Felſen allen Hexen und Gnomen überlaſſen, wenn
ich es für möglich gehalten hätte, ohne Schwindel
da wieder hinunter zu kommen, wo wir heraufgeſtie-
gen, oder nur denſelben Weg wieder aufzufinden.
Vor uns war aber keine Ausſicht weiter zu gelan-
gen, als die Mauer auf gut Glück zu eskaladiren.
Der Knabe, als der Leichtere und Gewandtere,
mußte alſo voran, ich folgte ihm auf dem Fuße,
und an die Grasbüſchel als einzige Stütze uns hal-
tend, Hände und Füße wie Klauen in jede kleine
Fuge einſchlagend, erſtiegen wie ſo, zwiſchen Him-
mel und Erde hängend, glücklich die halsbrechende
Zinne. Ich war gänzlich erſchöpft, als ich oben an-
kam, und faſt ohnmächtig. Ein Kühnerer mag über
[118] mich ſpotten, aber wenn ein Grasbüſchel, eine Wur-
zel in meiner Hand jetzt zu wanken ſchien, und los-
zureißen drohte, ehe ich mich noch daran hinaufge-
ſchwungen, fühle ich was Entſetzen heißt. Als ich
nun, tiefathmend, auf dem Raſen lag, erblickte ich
eine große ſchwarze Eidechſe, mir gegenüber gelagert,
die mich höhniſch anzublinzeln ſchien — als ſey ſie
der boshafte Zauberer ſelbſt im Morgennegligé. Ich
ließ ſie indeß gern gewähren, und war guter Dinge
ſo wohlfeilen Kaufs davon gekommen zu ſeyn, ob-
gleich ich dem kleinen „Imp,“ der mich, wie ein
neckender Berggeiſt, in die Gefahr gebracht, mit al-
len Schreckniſſen drohte, wenn er nicht zur Rückkehr
den rechten Weg ausfindig mache. Während ſeiner
Abweſenheit beſah ich die Ueberreſte der Area, wie
ſie hier genannt wird, die demolirten Mauern, wo


„Prophetic Merlin sat, when to the British King

The changes long to come, auspiciously he told.“

In dem Steinhaufen wühlte ich umher, in die
verfallnen Gewölbe kroch ich — aber auch mir blie-
ben, gleich andern guten Leuten, die Schätze ver-
borgen! Ohne Zweifel war der rechte Moment noch
nicht gekommen — dafür aber erſchien frohlockend
der Knabe und rühmte die Schönheit des endlich
aufgefundnen Weges. War dieſer nun auch nicht
ganz ſo eben und leicht wie der der Sünde, ſo ge-
hörte er doch wenigſtens nicht zu den inacceſſiblen,
wie der frühere. Merlins Ungnade verfolgte uns
aber noch ferner, in ſtrömenden Regengüſſen, die
[119] mich hier in Bethgellert wieder zwingen, den Kamin
zur Trockenanſtalt zu benutzen. Gar anmuthig iſt
der unter hohen Bäumen völlig verſteckte Gaſthof,
in dem ich ruhe. Nur vor meinem Fenſter grünt
eine friſch gemähte Wieſe, und dahinter brüſtet ſich
ein ungethümer Berg, von oben bis unten mit hoch-
rother Erica bedeckt, die, ohngeachtet des Streifre-
gens und des bedeckten Himmels, wie das Morgen-
roth leuchtet. Indeß man mein Mittagseſſen bereitet
(denn ich eſſe heute, wie Suwaroff, früh 8 Uhr zu
Mittag) ſpielt ein Harfner, beſcheidnes Ueberbleibſel
der welſchen Barden, originelle Weiſen auf ſeinem
uralten Inſtrument. Er iſt blind, und auch ſein
Hund iſt blind, der unermüdlich aufwartend neben
ihm auf den Hinterbeinen ſteht, bis man ſeinem
Herrn ein Stück Geld und ihm ein Stückchen Brod
geſpendet. Beth Gellert heißt Gellerts Grab, denn
Bett und Grab wird poetiſch in der welſchen Sprache
durch daſſelbe Wort ausgedrückt. Daß hier nicht
von dem deutſchen Proſaiker die Rede iſt, hat Dein
Scharfſinn ohne Zweifel ſchon errathen, es handelt
ſich ganz im Gegentheil nur um die Ruheſtätte ei-
nes Windhundes, deſſen Geſchichte aber ſo rührend
iſt, daß ich ſie Dir erzählen will, ſobald mein
déjeuné dinatoire wieder abgetragen ſeyn wird,
denn die Angſt auf dem behexten Felſen hat mich
verzweifelt hungrig gemacht.


[120]

Die verſprochene Geſchichte alſo iſt folgende:


Llewellin der Große, Prinz über Wales, hatte
einen Lieblingshund, mit Namen Gellert, ein Schre-
cken der Wölfe, aber die Freude ſeines Herren. Als
Llewellin ſich indeß ſpäter mit einer jungen und ſchö-
nen Gemahlin [vermählte], trat der Hund, wie billig,
in den Hintergrund, blieb jedoch, wenn auch weni-
ger geliebt, mit Hundestreue (car les hommes ne
sont pas si bêtes!
) ſeinem Herrn ſtets mit gleicher
Anhänglichkeit ergeben. Llewellin’s innigſte Wünſche
wurden erhört, und ein holder Knabe [krönte] ſein
eheliches Glück. Ueberall mußte nun dem überſeeli-
gen Vater der Säugling folgen, deſſen Wiege im-
mer neben ſeinem eigenen Lager aufgeſchlagen ſtand.
Einſt hatte, auf einer Jagdſtreiferei im wilden Ge-
bürge, die Fürſtin, durch Unpäßlichkeit verhindert,
ihren Gemahl nicht begleiten können, dennoch
durfte ſein Sohn, von einer Amme gewartet, ihn
nicht verlaſſen. Man hatte in einer ſchlechten Hütte
übernachtet, und früh auf die Jagd ausziehend,
übergab Llewellin den Knaben auf die wenigen
Stunden der Amme und der Wache ſeines treuen
Gellert, keine Gefahr für ihn, in dem tiefen Frie-
den, der damals im Lande herrſchte, beſorgend. Die
Amme, von gleicher Sicherheit bethört, benutzte
ſchnell die Freiheit, ihren nahen Liebhaber zu ſehen,
nur der Hund folgte ſtreng gehorſam ſeiner Pflicht.
Er ward dadurch des Knaben Retter — denn ein
[121] Wolf, die Einſamkeit des Hauſes bemerkend, hatte
ſich herangeſchlichen und mochte ſchon das ſchlafende
Kind als ſichere Beute anſehen, als Gellert hervor-
ſprang, und nach langem Kampf, ſelbſt ſchwer ver-
wundet, den Feind bezwang und tödtete. Im Blute
ſchwimmend, legte er ſich zu der Wiege Füßen, ab-
wechſelnd des Knaben zarte Händchen und ſeine eig-
nen Wunden leckend. In dieſem Augenblicke kehrt
Llewellin, noch mit dem Jagdſpieß in der Hand zu-
rück, tritt in das Zimmer nnd ſieht mit Entſetzen
die Stube, ſeinen Sohn mit Blut bedeckt, und den
Hund über die Wiege gebeut. Von Schreck und
Zorn bethört, glaubt er, dieſer habe ſein Kind ge-
mordet, und wüthend ſtößt er ihm den wiederge-
hackten Spies in die treue Bruſt. Die Augen kla-
gend auf ſeinen Herren gerichtet, und in letzter Un-
terwürfigkeit noch einmal liebkoſend mit dem Schweife
wedelnd, verſchied mit einem herzzerreißenden Schmer-
zensſchrei das arme Thier — und kaum war ſein
letzter Seufzer verhallt, als Llewellin den getödteten
Wolf, ausgeſtreckt am Boden, und ſeinen Sohn,
ſanft lächelnd, in der Wiege erblickte. Der Sage
nach, verfolgte ſeitdem des treuen Gellert’s Schmer-
zenslaut den betrübten Fürſten bei Tag und Nacht,
ſo daß er zu ſeinem Andenken ein Monument er-
baute, auf deſſen Platz noch jetzt eine alte gothiſche
Kirche ſteht, und wo er lange ſtrenge Bußübungen
verrichtete. Später wollte er ſogar ſeine neue Burg
auf dem nahen Merlin’s Felſen aufführen laſſen,
aber nimmer konnte er ſie zu Stande bringen. Was
[122] am Tage gebaut war, fand man in der Nacht wie-
der in die Erde geſunken — nie erlaubte, damals
und ſeitdem, der neidiſche Zauberer, durch fremde
Behauſung ſeinen Wohnplatz zu entweihen.


Die Sonne ſcheint wieder, denn hier dauert der
April das ganze Jahr, et je pars. Adieu.



Während meines Diner’s in Bethgellert hatte ich
den Harfner fleißig aufſpielen laſſen, und mich, wie
ein Kind, mit ſeinem Hunde amüſirt, dem das
Stehen auf zwei Beinen ſo zur andern Natur gewor-
den war, daß er noch beſſer wie der gerupfte Hahn,
als Platoniſcher Menſch hätte figuriren können. Die
vollkommene Aiſance ſeiner Stellung und ſein ern-
ſtes Geſicht dabei, hatten etwas ſo Lächerliches, daß
man ihm nur in Gedanken einen Unterrock überzu-
ziehen und eine Tabacksdoſe in die Pfote zu geben
gebraucht hätte, um darauf zu ſchwören, es ſey eine
alte blinde Dame. Wie dieſer Hund dem heroiſchen
Gellert, ſo mögen auch die modernen Welſchen den
alten gleichen. Ohne die Energie und Betriebſam-
keit der Engländer, noch weniger von dem Feuer
der Irländer beſeelt, vegetiren ſie arm und im Ver-
borgnen zwiſchen Beiden. Die Einfachheit der Berge
aber iſt ihnen geblieben, und ſie ſind weder ſo grob,
noch prellen ſie ſo unverſchämt wie die Schweizer.
Point d’argent, point de Suisse iſt hier noch nicht
[123] anwendbar. Im Gegentheil lebt man ſo wohlfeil,
daß bankerotte Engländer häufig hier ihre Lebenstage
beſchließen, wo ſie freie Jagd, den Gebrauch eines
Pony, nebſt guter Koſt und Wohnung, für 50 Gui-
neen des Jahres finden [können].


Die Umgebung von Bethgellert iſt die letzte Fort-
ſetzung des herrlichen Thales, welches ich Dir beſchrie-
ben, und das in dieſem Augenblicke durch hundert
Waſſerfälle belebt wird, die in allen Bergſchluchten
ſich, weiß und ſchäumend wie Milch, herabſtürzen.
Eine halbe Stunde hinter dem Dorfe, treten die Fel-
ſen ſo eng zuſammen, daß kaum noch Platz für Strom
und Weg neben einander übrig bleibt. Hier wölbt
ſich die Teufelsbrücke, und ſchließt das Thal, oder
vielmehr die Schlucht in die es ausläuft. Von nun
an nähert man ſich wiederum dem Meer, und die
Gegend nimmt eine Zeit lang einen lachenden Cha-
rakter an. In zwei Stunden erreichte ich das von
den Touriſten ſo viel beſuchte Thal von Tan-y-bwlch
(Tannibulck) deſſen Hauptmerkwürdigkeit ein ſchöner
Park iſt, auf zwei felſigen mit Hochwald bewachſenen
Bergen ausgebreitet, zwiſchen welchen ein reißender
Bach ſtrömt, der mannichfaltige Cascaden bildet. Die
Promenade in dieſer Anlage iſt vortrefflich geführt,
und in gehöriger Gradation und Abwechſelung auf
die verſchiedenen Ausſichtspunkte zu gelangen, wo
bald in der Ferne eine Inſel im Meere, dann ein
naher Abgrund mit dem ſchäumenden Waſſerfall, jetzt
ein entfernter Pik, oder ſpäter eine einſame Felſen-
partie unter der Nacht uralter Eichen ſichtbar wird.
[124] Ich wanderte über eine Stunde lang auf dieſen Gän-
gen, war aber ſehr verwundert, das Ganze in ſolchem
Grade vernachläſſigt zu finden, daß ich an den mei-
ſten Stellen im hohen Graſe waten, und mich durch
die verwachſenen Pflanzungen durcharbeiten mußte.
Auch das Wohnhaus ſchien verfallen. Später erfuhr
ich, daß der Beſitzer ſein Vermögen in London im
Spiel eingebüßt! Da ich fürchtete, zu viel Zeit zu
verlieren, gab ich den Beſuch von Feſtinoig und ſei-
ner berühmten Waſſerfälle auf, nahm einen friſchen
sociable*) und Pferde beim Wirth, und machte mich
nach dem 10 Meilen entfernten Tremadoc auf, eine
ſehr belohnende Fahrt, obgleich der Weg der ſchlech-
teſte war, den ich noch in Groß-Britannien angetrof-
fen. Einige Meilen führt er im Meere fort, nämlich
in einem Theil deſſelben, welchen ein reicher Particu-
lier, Herr Maddocks, durch einen ungeheuren Damm
abgeſchnitten, und dadurch ein fruchtbares Terrain,
von der Größe eines Rittergutes, gewonnen hat.
Von dieſem Damme, welcher 20 Fuß hoch und zwei
Meilen lang, genießt man eine der prächtigſten Aus-
ſichten. Das abgeſchnittene Becken formt einen faſt
regelmäßigen Halbzirkel, deſſen Wände von dem gan-
zen Amphitheater des Gebirges gebildet zu ſeyn ſchei-
nen. Hier hat der Kunſtfleiß des Menſchen den
Schleier vom Meeresboden hinweg gezogen, und
ſtatt der Schiffe zieht jetzt der Pflug ſeine Furchen
durch die weite [Fläche] — aber links deckt noch der
[125] unermeßliche Ocean alle Geheimniſſe ſeiner nie ergrün-
deten Tiefe mit ſchäumenden Waſſerbergen zu. Die
Küſte endet für das Auge in geringer Ferne mit ei-
nem kühnen Felſenvorſprung, auf dem die Ruine
des alten Schloſſes Harlech mit fünf verfallenen
Thürmen über die Fluthen hinaushängt. Vorn, am
Ende des Dammes, öffnet ſich dagegen ein freundlich
ſtilles Thal, unter hohen Bergen gelagert, mit einem
kleinen aber belebten Hafen, neben welchem Trema-
doc ſich an die Felſen ſchmiegt.


Uebrigens würdeſt Du, Herzens-Julie, Dich ſchwer-
lich entſchließen können, über dieſen Damm zu fah-
ren, da ſeine Beſchaffenheit ſich eigentlich nur für
Fußgänger eignet. Er iſt, wie ſchon erwähnt, 20
Fuß hoch aus roh übereinander gethürmten, ſpitzen
und kantigen Schieferblöcken ſteil aufgeführt, und
oben nur 4 Ellen breit, ohne irgend etwas das einer
Lehne ähnlich ſähe. Mit Wuth ſtürmt auf der einen
Seite die Brandung gegen ihn, und ſcheuten davor
die Pferde, ſo ſtürzte man ohnfehlbar in die gleich
Piken aufgerichteten Schieferſpitzen. Die Bergpferde
allein können ſolche Pfade ſicher paſſiren, da ſie die
Gefahr zu beurtheilen ſcheinen, und mit ihr vertraut
ſind. Demohngeachtet ſieht man hier ſelten einen
Wagen; nur eine Eiſenbahn für Steinkarren führt
über den Damm, welche das Fahren mit anderm
Fuhrwerk noch bedeutend erſchwert.


Tremadoc ſelbſt ſteht auf früher durch eine gleiche
Operation gewonnenem Meeresgrund. Es iſt auffal-
lend, wie [ähnlich] dieſer, erſt ſeit einigen Jahrhunder-
[126] ten Land gewordene, Strich auf die kurze Diſtanz
den nördlichen Sandgegenden Deutſchlands iſt, welche
vielleicht auch zum Theil kaum über ein Jahrtauſend
vom Meere frei wurden. Das Städtchen ſelbſt und
ſeine Einwohner, als wenn gleicher Boden auch glei-
chen Menſchencharakter [hervorbrächte], war eben ſo
vollkommen den traurigen Oertern jener Länder ver-
wandt. Oede und vernachläſſigt, ſchmutzig, die Men-
ſchen ſchlecht gekleidet, der Gaſthof nicht beſſer als
ein ſchleſiſcher, und nicht weniger unreinlich, und
um nichts fehlen zu laſſen, auch die Poſtpferde welche
ich beſtellte — auf dem Felde, ſo daß ich ſie erſt nach
anderthalb Stunden erlangen konnte. Wie ſie end-
lich kamen, entſprach ihr Ausſehen, der ſchlechte Zu-
ſtand der Geſchirre, wie die Tracht des Poſtillons,
eben ſo treu dem angeführten Modell. Dies gilt je-
doch nur von dieſem, der See abgewonnenen, Diſtrikt;
ſobald man eine halbe Stunde weiter gefahren iſt,
und die umgebenden Höhen wieder erreicht, ändert
ſich die Gegend von neuem zum Fruchtbaren und
Schönen um. Sie hatte freilich das Wilde und Gi-
gantiſche der früheren verloren, aber nach dem langen
Aufenthalt in den Felſenmaſſen that mir dieſer An-
blick wohl, da überdem heute der heiterſte und klarſte
Abend die Landſchaft beleuchtete. Die Sonne glänzte
ſo golden auf den ſmaragdfarbigen Wieſen, bebuſchte
Hügel lagerten ſich ſo friedlich, wie zur Ruhe, um
ein cryſtallhelles Flüßchen, und einzelne Hütten hin-
gen ſo einladend an ihren ſchattigen Abhängen, daß
man ſich gleich für immer dort hätte ni [...]derlaſſen mö-
[127] gen! Ich war dem Wagen zu Fuß vorangegangen,
und überließ mich, unter einen hohen Nußbaum, auf
weichem Mooſe ruhend, mit Wonne meinen Träume-
reien. Wie ſprühende Funken blitzte das Abendlicht
durch die dichtbelaubten Zweige, und hundert kleine
freudig wimmelnde Inſekten ſpielten in den rothen
Strahlen, während im Wipfel der laue Wind in Me-
lodieen ſäuſelte, die dem Eingeweihten verſtändlich
ſind, der ihnen mit ſüßem Entzücken lauſcht. — Der
Wagen kam — noch einmal warf ich den ſehnſüchti-
gen Blick auf das tiefblaue Meer, noch einmal ſog
ich den Duft der Bergblumen in mich — dann zogen
die Pferde den Zögernden raſch in das flache Land
hinab.


Von nun an hörte alles Romantiſche des Weges
in einer wohlgebauten Gegend gänzlich auf, bis ſich
in der Abenddämmerung die Thürme von Caernar-
von Caſtle über den Waldſpitzen zeigten. Hier ge-
denke ich nun einige Tage auszuruhen, nachdem ich
an dem heutigen, von 4 Uhr früh bis Abends 10
Uhr, theils zu Wagen, 74 engliſche Meilen zurückge-
legt habe.



Dieſen Morgen erhielt ich Briefe von Dir, die mich
traurig ſtimmen! Ja wohl haſt Du Recht — eine
harte Prüfung des Schickſals war es, die das bei-
terſte und ruhigſte Glück, das vollkommenſte Ein-
[128] verſtändniß ſtören, und die am beſten in der Welt
zuſammenpaſſenden Gemüther — beide noch obendrein
im behaglichen Schooße ihrer beiderſeitigen Stecken-
pferde — wie ein Sturm das friedliche Meer aufre-
gen, von einander reißen, ja auf eine Zeit faſt geiſtig
zerſtören mußte, den einen Theil zu raſtloſer Wande-
rung, den andern zu troſtarmer Einſamkeit, beide
zu Kummer, Sorge, Schmerz und Sehnſucht verur-
theilend! Aber war der Sturm nicht vielleicht unum-
[gänglich] nöthig für die Meerbewohner, wäre die nie
bewegte Luft ihnen nicht vielleicht noch verderblicher
geworden? Laſſe uns alſo nicht übermäßig trauern,
nichts Vergangenes bereuen, was immer eitel iſt
— nur vorwärts zum Beſſeren laß uns ſtreben, und
auch im ſchlimmſten Falle nicht uns ſelbſt verlieren!
Wie oft aber ſind die eingebildeten Uebel, die ſchwer-
ſten zu ertragen! welche brennende Schmerzen erregt
gekränkte Eitelkeit, welche peinigende Scham Begriffe
falſcher Ehre. Es geht mir nicht beſſer, und oft
möchte ich mir beinah Falſtaffs Philoſophie über die-
ſes Capitel wünſchen. Die Natur hat mir indeſſen
ein anderes koſtbares Geſchenk verliehen, was ich
Dir mittheilen zu können, mich glücklich ſchätzen
würde. Ich finde in jeder Lage ſchnell, und faſt in-
ſtinktmäßig, die gute Seite derſelben auf, und ge-
nieße dieſe mit einer Friſche des Gefühls, einer kind-
lichen Weihnachtsfreude an Kleinigkeiten, die gewiß
bei mir nie veralten wird. Und wo wäre nicht auf
die Länge Gutes dem Uebeln überwiegend beigemiſcht?
Dieſe Ueberzeugung aber iſt der Grundſtein meiner
[129] Frömmigkeit. Unendlich ſind die Gaben Gottes, und
man könnte faſt ſagen: es iſt nicht zu verantworten,
wenn wir nicht glücklich ſind. — Wie ſehr wir es
wirklich ſelbſt in der Gewalt haben, kann jeder ſe-
hen, wenn er auf ſein vergangenes Leben zurück-
blickt, und ſich da überzeugen muß, wie er faſt alles
Uebele ſo leicht hätte zum Guten wenden können.
Wie ich Dir früher und oft ſagte: Wir machen un-
ſer Schickſal ſelbſt — aber freilich uns ſelbſt haben
wir nicht gemacht, und da liegt eine weite, unbekannte
Vergangenheit, über die jedoch ſich den Kopf zu zer-
brechen zu nichts führen würde. Es thue nur jeder
ſein Möglichſtes, mit friſchem Muthe die äußern
Dinge dieſer Welt ohne Ausnahme leicht anzuſehen,
weil die Dinge dieſer Welt wirklich leicht wiegen, im
Guten wie im Schlimmen. Eine beſſere Waffe giebt
es nicht, nur muß man deshalb die Hände nicht in
den Schoos legen. Dein weiblicher Fehler, gute Julie
iſt bei üblen Zeiten, mit einer ſchwachen Art [Fröm-]
migkeit, Dich auf den lieben Gott und ſeine Hülfe
als Deus ex machina allein zu verlaſſen. Damit
aber geht man, wenn dieſe Hülfe endlich doch aus-
bleibt, ſicher zu Grunde. Doch kann Beides, frommes
Hoffen und rüſtiges Thun ſehr wohl mit einan-
der beſtehen, und kein Zweifel ſogar, daß dann das
erſte das zweite gar ſehr erleichtert; denn iſt auch
jene Art Frömmigkeit, wie ſie die Welt gewöhnlich
verſteht, jene ſichere Zuverſicht auf irdiſchen beſondern
Schutz von oben, jenes Bitten um Güter oder gegen
Uebel, nur eine Selbſttäuſchung — ſo iſt es doch
Briefe eines Verſtorbenen. I. 9
[130] eine wohlthätige, ja in unſrer Natur vielleicht be-
gründete, wie wir deren ſo vielen unterworfen ſind,
und die ohnedem, wenn wir wahrhaft an ſie glau-
ben, auch für uns zur individuellen Wahrheit wer-
den. Es ſcheint, unſre Natur habe das Vermögen,
da wo die Wirklichkeit nicht mehr ausreicht, uns eine
eingebildete ſelbſt gemachte, als helfende Stütze,
ſchaffen zu können. So giebt fromme Zuverſicht
auf ſpeziellen Schutz, ſelbſt in jeder Form des Aber-
glaubens, Muth. Wer mit der Ueberzeugung in die
Schlacht geht: durch einen Talisman feuerfeſt zu
ſeyn, — der kehrt ſich an die Kugeln nicht mehr;
höher aber noch wirkt der Enthuſiasmus für Ideen,
die unſer Ich gebietend über die Außenwelt ſtellen,
und ſo begeiſtert ſah man oft [religiöſe] Schwärmer
die unerträglichſten körperlichen Schmerzen an ſich
mit wahrer Wunderkraft vernichten. So bilden ſich
auch Leidende und Gedrückte beſeligende Hoffnungen
einer künftigen Glückſeligkeit, die ſie ſchon hier entſchä-
digt — alles Wirkungen des mächtigen Triebes der indi-
viduellen Selbſterhaltung im weiteſten Sinne, der
das oben erwähnte Vermögen unſrer Natur in An-
wendung bringt, ſobald er es gebraucht — daher
endlich bei ſchwachen Charakteren die, zwar an ſich
ganz nutzloſen, aber ſie doch beruhigenden Bekehrun-
gen auf dem Todbette. Jeder muß am Ende dieſem
Bedürfniß in einer oder der andern Form ſeinen Tri-
but bezahlen, d. h. jeder macht ſich ſeinen irdiſchen
Gott, und dies iſt auch eine ſich immer wiederholende
Menſchwerdung Gottes. Die Vorſtellung des all-
[131] liebenden Vaters iſt im Allgemeinen gewiß die ſchönſte
dieſer Bildungen, über die hinaus wir auch menſch-
lich nicht weiter ſteigern können, und man muß es
geſtehen, die bloße Idee des zum Unbegreiflichen,
Unnennbaren, höchſten Prinzips aller Dinge Vergei-
ſtigten, ſo zu ſagen Verflüchtigten, erwärmt das füh-
lende, ſeiner Schwachheit ſich bewußte, Menſchen-
herz
nicht mehr mit derſelben Innigkeit. Uebrigens
ſcheint mir oft Alles was den Menſchen und die Na-
tur ausmacht, nur auf zwei Haupt-Elemente ſich zu-
rückführen zu laſſen: Liebe und Furcht, die man auch
Göttliches und Irdiſches nennen könnte. Alle Ge-
danken, Gefühle, Leidenſchaften und Handlungen ent-
ſtehen hieraus, entweder aus dem einen, oder der
Miſchung beider Prinzipien. Liebe iſt die göttliche
Urſach aller Dinge, Furcht ſcheint die irdiſche Er-
halterin. Die Worte: Ihr ſollt Gott lieben und
fürchten, müßte man nur ſo erklären, oder ſie wür-
den keinen Sinn haben — denn ungemiſchte Liebe
kann nicht fürchten, weil ſie das Gegentheil von al-
lem Egoismus iſt, ja ſie wird, wo ſie wahrhaft uns
beſeelt, eins mit Gott und dem Welt-All, und wir
haben Momente, wo wir dieſes fühlen.


Wenn ich den Maßſtab jenes ausgeſprochenen Sa-
tzes an alle menſchliche Handlungen lege, finde ich
ihn überall beſtätigt. Liebe befruchtet, Furcht erhält,
und zerſtört — auch in der ganzen Natur ſehe ich
das Prinzip der Selbſterhaltung oder Furcht (es iſt
eins und daſſelbe) auf das, was wir in der menſch-
lichen
Moral böſe nennen müſſen, nämlich: auf die
9*
[132] Vernichtung einer andern Individualität, gegründet.
Ein Geſchlecht lebt immer von der Zerſtörung des
andern, Leben entſteht nur durch Tod, bis in alle
Ewigkeit der Erſcheinung, welche grade auf dieſe Art
Einheit im [fortwährenden] Wechſel bleibt.


Es iſt auch der Bemerkung werth, daß dieſe Furcht
obgleich uns Allen zu unſrem irdiſchen Beſtehen ſo
unumgänglich nöthig, dennoch, ſelbſt hier, von unſerm
göttlichen Theile ſo ſehr gering geſchätzt wird, daß
faſt kein mögliches Verbrechen uns ſo tiefe Verach-
tung
einflößt als Feigheit. Nichts bezwingt da-
gegen die Furcht beſſer als eine große Idee, die aus
dem Reiche der Liebe entſprießt. Auch Andere reißt
man, ſo beſeelt, dann mit ſich fort und ganze Völker
werden davon, ſich aufopfernd, ergriffen, wenn gleich
nichts Irdiſches ganz rein von Beimiſchung des nied-
rigerern Prinzips ſich erhalten kann. Furcht alſo
wird, in der Zeit und im Raume, Liebe iſt, und
kennt keine Zeit noch Raum. Die Liebe iſt unend-
lich und ſelig, die Furcht ſtirbt eines ewigen Todes.
Die Liebe iſt Gott, die Furcht iſt der Teufel — und
ihm gehört bekanntlich die Erde zur größern Hälfte.



Bei meiner Rückkehr nach Bangor machte ich ge-
ſtern die Bekanntſchaft des Beſitzers von Peurhyn
Caſtle (dem ſchwarzen Sachſenſchloß, das ich Dir be-
ſchrieben), ein Mann der in der Bauleidenſchaft mir
wahlverwandt iſt. Schon 7 Jahr wird an dem Schloß
[133] gearbeitet, wozu jährlich 20,000 Lſt. ausgeſetzt ſind,
und noch vier Jahre mehr vielleicht wird es bis zur
Vollendung brauchen. Während dieſer Zeit lebt der
reiche Mann mit ſeiner Familie in einer höchſt un-
anſehnlichen gemietheten Cottage in der Nähe, mit
wenig Leuten umgehend, aber ſich wöchentlich einmal
an der Beſichtigung ſeiner Feenburg weidend, die er,
an ſo einfaches Leben gewöhnt, wahrſcheinlich nie zu
bewohnen ſich entſchließen können wird. Es ſchien
ihm viel Freude zu machen, mir Alles zu zeigen und
zu erklären, und ich empfand nicht weniger Vergnü-
gen bei ſeinem Enthuſiasmus, der dem ſonſt kal-
ten Manne wohl anſtand.


Um einer Einladung zu folgen, die ich in London
erhalten, und die mir ſeitdem dringend wiederholt
worden war, reiste ich heute früh hieher. Die Straße
führt zuerſt in der fruchtbaren Aue, zwiſchen der See
und dem Fuß des Gebürges hin, zuweilen mit einer
ſich plötzlich öffnenden Bergſchlucht, und reißenden
Waldbächen, die eilig dem Meere zueilen. Am Pennan
Maws verengt ſich aber der in den Felſen geſprengte
Weg zu einem ſchwierigen Paß, deſſen linke Seite,
500 Fuß hoch, ſenkrecht und überhängend zu den
Wellen herabſinkt. Eine ſehr nothwendige Mauer-
brüſtung ſchützt die Wagen. Ich ſaß auf meiner Im-
periale, einen Platz den ich bei gutem Wetter häufig
einnehme, und genoß hier die weite Seeausſicht in
völliger Freiheit. Der Wind ſaußte dazu durch alle
Töne, und mit Mühe erhielt ich meinen Mantel.
Nach einer Stunde erreichte ich Conway, deſſen Lage
[134] eine der reizendſten iſt. Hier befindet ſich das größte
jener feſten Schlöſſer, die alle Eduard gebaut und
Cromwell zerſtört hat. Es iſt zugleich das, welches
durch Umgebung wie eigne [Schönheit], am romanti-
ſcheſten erſcheint.


Die Umfangsmauern, obwohl verfallen, ſtehen noch
ſämmtlich, mit allen ihren Thürmen, deren man bis
32 zählt. Die ganze neuere Stadt, ein ſeltſames
aber nicht unmaleriſches Gemiſch von Altem und
Neuem, findet Platz im Bezirk dieſer Mauern. Seit
kurzem hat man über den Fluß Conway, an deſſen
Felſenufern das Schloß ſteht, eine Kettenbrücke, mit
Pfeilern in Geſtalt gothiſcher Thürme, gebaut, die
das Grandioſe und Fremde des Anblicks noch ver-
mehrt. Die Umgegend iſt herrlich, bewaldete Berge
ſtehen den Ruinen gegenüber, und noch höhere ragen
über ſie hervor. Mehrere Landhäuſer zieren die Ab-
hänge, unter andern eine allerliebſte Villa, die eben
zum Verkauf ausgeboten iſt, und den verführeriſchen
Namen „Zufriedenheit“ (Contentement) führt. In
dem Schloß ſieht man noch die impoſanten Rudera
der Banquethalle mit zwei haushohen Caminen, und
die königlichen Zimmer. Im Cloſet der Königin wird
ein ziemlich gut erhaltner und ſchön gearbeiteter Bet-
altar, ſo wie ein prachtvolles Orielwindow bewundert.
Auch in der Stadt befinden ſich ſehr merkwürdige
alte Gebäude, mit wunderbaren, phantaſtiſchen Holz-
hieroglyphen. Das eine dieſer Häuſer wurde, wie ein
Grabſtein in der Kirche beſagt, von einem gewiſſen Hoo-
kes in 14ten Jahrhundert erbaut, welcher der einundvier-
[135] zigſte Sohn ſeines Vaters war, in der Chriſtenheit ein
ſeltnes Beiſpiel! Ein großes Windelkind, von einem
Storche getragen, und in altem Eichenholz geſchnitzt,
war daher auch ſo oft wie möglich als Zierrath auf
den Wänden angebracht. In gaſtronomiſcher Hinſicht
iſt Conway ebenfalls preiswürdig. Es giebt hier ei-
nen Fiſch, deſſen eben ſo zartes, als feſtes Fleiſch äu-
ßerſt wohlſchmeckend iſt. Er heißt place (Platz) ein
recht paſſender Name, als rief er: Platz für mich,
der beſſer iſt als ihr übrigen! Auch wünſchte ich ihm
öfter den Ehrenplatz an meinem Tiſche einräumen zu
können. Noch bei guter Zeit verließ ich Conway,
über die Kettenbrücke fahrend, der das zerſtörte
Schloß zum ehrwürdigen Stützpunkte dient. Die un-
geheuren Ketten verlieren ſich ſo abentheuerlich in
den felſenfeſten Thürmen, daß man das Neue kaum
bemerken würde, wenn nicht unglücklicherweiſe gegen-
über ein Chauſſeehaus, ebenfalls in der Form einer
diminutiven Burg, aufgebaut worden wäre, das ſich
wie der Harlekin der großen ausnimmt. Je mehr
man ſich St. Aſaph nähert, je milder wird der An-
blick des Landes. In einer faſt nicht zu überſehenden
halbrunden Bucht beſpült das ruhige Meer frucht-
bare Felder und Fluren, reichlich mit Städten und
Dörfern untermengt. Alle Landbeſitzer ſcheinen hier
dem gothiſchen Geſchmack zu huldigen. Dieſe Manier
war ſo weit getrieben, daß ſelbſt eine Schenke an der
Straße mit Fallthoren, Schießſcharten und créneaux
verſehen war, obgleich es keine andere Beſatzung als
Hühner und Gänſe zu beſchützen gab. Hier wäre
[136] Don Quirotte zu entſchuldigen geweſen, und der
Wirth thäte gar nicht übel, wenn er den Ritter von
der traurigen Geſtalt mit eingelegter Lanze und Bar-
bierbecken, zum Aushängeſchild erwählte.


Weiter hin ſchien ein ganzer Bergrücken mit einer
gothiſchen Stadt bedeckt. Es machte von weitem ei-
nen ſo auffallenden Effekt, daß ich mich verleiten ließ
auszuſteigen, und den beſchwerlichen Weg hinanzu-
klimmen. Lächerlich und verdrießlich war es zugleich,
als ich fand, daß der Kern der Spielerei nur ein
kleines ſich durch nichts auszeichnendes Haus war,
das übrige aber bloß verſchiedene, auf den Berg und
Felſenabhängen errichtete Mauern, die bald Thürme,
bald Dächer, bald Zinnen von großen Dimenſionen,
halb im Walde verſteckt, nachahmten, von nahen
aber nur dazu dienten, eine Menge Frucht- und
[Küchengärten] einzuſchließen. Ein Glückspilz, ein durch
Zufall reich gewordener Shop Keeper, hatte dieſe
harmloſe Raubveſte, wie man mir ſagte, in zwei
Jahren erbaut; eine wahre Satyre auf den herr-
ſchenden Geſchmack!


Gegen Abend langte ich bei meinem guten Obriſten
an, einem ächten [Engländer] im beſten Sinne des
Worts, der mich mit ſeiner liebenswürdigen Familie
auf das freundlichſte empfing. Dieſe wohlhabenden
(bei uns würde man ſie ſehr reich nennen) und an-
geſehenen Gutsbeſitzer, die ſich nicht in London zu
ängſtlich zur Faſhion drängen, aber die Liebe ihrer
Nachbarn und Untergebnen zu erwerben ſuchen; de-
ren Gaſtfreundſchaft nicht bloße Oſtentation, und
[137] deren Sitten weder exclusive noch ausländiſch ſind,
ſondern die in einer civiliſirten und durch Reichthum
verſchönten Häuslichkeit ihren Genuß, in ſtrenger
Rechtlichkeit ihre Würde finden — bilden die wahr-
haft reſpektabelſte Claſſe der Engländer. In der gro-
ßen Welt Londons ſpielen ſie zwar nur eine unbe-
deutende, in der Menſchheit aber gewiß eine ehrwür-
dige Rolle. Leider iſt jedoch in England die Ueber-
macht und Arroganz der Ariſtokratie, und über dieſer
noch die der Mode, ſo herrſchend und gewaltig, daß
ſelbſt ſolche Familien wie die hier geſchilderten, wenn
ſie mein Lob läſen, ſich wahrſcheinlich weniger da-
durch geſchmeichelt fühlen würden, als wenn ich ſie
unter denen, die den Ton angeben, aufführen könnte.
Wie weit hierin die Schwäche bei den würdigſten
Leuten in England geht, kann man kaum glauben,
ohne es erfahren und alle Claſſen der Geſellſchaft
davon auf die lächerlichſte Weiſe angeſteckt geſehen
zu haben. Doch ich habe Dir aus dem Foyer der
europäiſchen Ariſtokratie über dieſes Capitel genug
geſchrieben, und will mich daher hier nicht wiederho-
len. Ueberhaupt iſt es wohl Zeit dieſen Brief zu
ſchließen, da ich ohnedem fürchte, unſre Correſpon-
denz könnte Dir am Ende zu lang vorkommen —
denn wenn auch das Herz nicht ermüdet, der Kopf
macht andere Anſprüche. Indeſſen weiß ich, wie weit
ich Deiner Nachſicht in dieſer Hinſicht zumuthen darf. —


Dein ewig treu ergebener L . .


[[138]]

Acht und zwanzigſter Brief.



Meine theuerſte Freundin!

Ich befinde mich hier ſehr wohl. Man lebt auf
comfortable Weiſe, die Geſellſchaft iſt herzlich, la
chair excellente
und die Freiheit, wie überall hier
auf dem Lande, vollkommen. Geſtern machte ich
auf einem unermüdlichen Pferde meines Wirths einen
ſehr angenehmen Spazierritt von einigen zwanzig
Meilen, denn bei den guten Pferden und Wegen
verſchwinden hier die Diſtancen. Ich muß Dir da-
von [erzählen].


Zuerſt ritt ich nach der kleinen Stadt St. Aſaph,
um die dortige Cathedrale zu beſehen, die ein großes
Fenſter von moderner Glasmalerei ziert. Viele
Wappen waren ſehr gut ausgeführt, und man hatte
überhaupt den Fehler vermieden, Gegenſtände dar-
ſtellen zu wollen, die ſich für die Glasmalerei nicht
paſſen, welche grelle Farbenmaſſen und keine ver-
ſchwimmenden Nuancen verlangt. Um mich in der
Gegend beſſer zu orientiren, beſtieg ich den Thurm.
Dort bemerkte ich in der Entfernung von ohngefähr
[139] 12 Meilen ein kirchenartiges Gebäude auf der Spitze
eines hohen Berges, und frug den Küſter, was es
bedeute? er erwiederte in holprigem engliſch: „dies
ſey das Tabernakel des Königs, und wer ſieben Jahre
lang ſich weder waſchen, noch die Nägel abſchneiden,
oder den Bart ſcheeren wolle, dem ſey es erlaubt,
dort zu wohnen, und nach dem ſiebenten Jahre habe er
das Recht nach London zu gehen, wo ihn der König
ausſtatten und zum Gentleman machen müſſe.“
Dies tolle Mährchen glaubte der Mann im vollen
Ernſt und ſchwur auf ſeine Wahrheit. Voilà ce que
c’est que la foi!
Als ich mich ſpäter nach dem wirk-
lichen Verlauf der Sache erkundigte, erfuhr ich von
dem Urſprung der Geſchichte bloß, daß das Haus
zum Regierungs-Jubiläum des vorigen Königs von
der Provinz oder County gebaut worden ſey, und
ſeitdem leer ſtehe, ein Spaßvogel aber einſt am an-
dern Orte eine bedeutende Summe in den Zeitungen
ausgeboten, wenn Jemand die erwähnten Bedingun-
gen in einer ihm zugehörigen Höhle erfülle. Das
gemeine Volk hat nun jene Feuerprobe mit dem
„Tabernakel“ des guten [Königs] Georgs des III. in
Verbindung geſetzt.


Ich bin den Thurm jetzt wieder herabgeſtiegen, und
am Fuße ſanfter Hügel hin, kannſt Du mich weiter
gallopiren ſehen, bis ich einen felſigen einzeln ſtehen-
den Berg erreiche, auf dem die Ruinen von Denbigh
Caſtle ſtehen. An den Seiten des Berges klammern
ſich ringsum die baufälligen Häuſer und Hütten des
ärmlichen Städtchens an, und mit Mühe gelangt
[140] man durch die engen Gaſſen zum Gipfel. Ein Herr
zeigte mir gütig den Weg, welcher ſich mir nachher
als den Herrn Stadt-Chirurgus dekouvrirte, und
mit vieler Artigkeit die Honneurs der Ruine machte.
In ihren Mauern haben ſich die Honoratioren ganz
romantiſch ihr Caſino, nebſt einem ſehr zierlichen
Bulmengärtchen angelegt, von welchem letztern man
eine vortreffliche Ausſicht genießt. Der übrige Theil des
weitläuftigen Schloſſes bietet dagegen nur ein verlaſ-
ſenes Labyrinth von Mauern und Grasplätzen dar,
wo die Diſtel wuchert. Alle drei Jahre wird jedoch
auf dieſem Platz ein großes Nationalfeſt gehalten —
die Verſammlung der welſchen Barden. Gleich den
ehemaligen Minneſängern Deutſchlands, kommen hier
ſämmtliche Harfner aus Wales zum Wettkampf zu-
ſammen. Der Sieger gewinnt einen goldnen Becher,
und ein gemeinſchaftliches Chor von hundert Harfen
hallt zu ſeinem Ruhm in den Ruinen wieder. In
drei Monaten ſollte die Vereinigung ſtatt finden, zu
der man auch den Herzog von Suſſer erwartete.


Von hier kam ich, einer Bergſchlucht folgend, in
ein wunderſchönes Thal. Tiefe Waldesnacht umfing
mich, Felſen ſtreckten wieder, wie alte Bekannte,
grüßend ihre bemosten Häupter aus den Zweigen,
der wilde Fluß ſchäumte wieder, ſpringend und
tanzend durch die Waldblumen, und verborgene,
beimlich glänzende Wieſen leuchteten mir wieder mit
aller Goldfriſche des Gebirges entgegen. Wohl einige
Stunden irrte ich in dieſen Gründen umher, dann
erklomm ich die Höhe auf einem mühſamen Fußpfad,
[141] um zu erfahren, wo ich eigentlich ſey? Ich ſtand
grade über der Bucht und dem weiten ſtillen Meer,
das die ſanften [Bergabhänge] vor mir näher zu rük-
ken ſchienen als es wirklich war. Nach einiger An-
ſtrengung entdeckte ich, unter den Baumgruppen der
Ebne, auch das Schloß von K … Park, und raſch
darauf zutrabend, erreichte ich es noch zur rechten
Zeit für die Mittags-Toilette.



Mit der lieblichen kleinen Fanny, der jüngſten
Tochter des Hauſes, die noch nicht out iſt, *) ſpa-
zierte ich dieſen Morgen, als Alle noch ſchliefen, im
Park und Garten umher, wo ſie mir ihre dairy
(Milchkeller) und ihre aviary (Etabliſſement für Ge-
flügel) zeigte.


Ich ſchrieb Dir ſchon, daß der Milchkeller hier im-
mer eine der Hauptzierden jedes Parkes ausmacht
und von den Kuhſtällen ganz entfernt, für ſich, in
der Form eines eleganten Pavillons beſteht, mit Fon-
[142] taine, Marmorwänden und koſtbarem Porzellain ge-
ſchmückt, deſſen große und kleine Schalen mit allen
Arten der ſchönſten Milch und Milchprodukten ange-
füllt werden. Kein beſſeres Plätzchen als dieſes, um
ſich nach der Ermüdung des Gehens zu erfriſchen.
Es verſteht ſich, daß auch ein Blumengärtchen dabei
iſt, welches der [Engländer] gern jedem Gebäude bei-
fügt. Hier wetteiferte das Steinreich in Pracht der
Farben mit den Blumen. Der Beſitzer hat nämlich
einen Antheil an bedeutenden Kupferwerken in An-
gleſea, und kleine Berge dieſes golden, roth, blau
und grün ſchillernden Erzes dienten ſeltnen Stein-
pflanzen zum prachtvollen Bett.


Das Aviary, ſonſt wohl Goldfaſanen und auslän-
diſchen Vögeln gewidmet, war hier blos wirthſchaft-
licher Natur, nur für Hühner, Gänſe, Pfauen,
Tauben und Enten ausſchließlich beſtimmt, dennoch
aber bot es, durch ſeine außerordentliche Reinlichkeit
und Zweckmäßigkeit, einen ſehr angenehmen Anblick
dar. Deutſche Wirthinnen hört und ſtaunt! Zwei-
mal des Tages wurden die mit den ſchönſten Be-
wäſſerungs-Anſtalten verſehenen Höfe und einzelnen
Kammern, Taubenſchläge und Brütbehälter —
zweimal des Tages wurden ſie geſcheuert — und die
Strohbetten der Hühner waren ſo zierlich, die Sproſ-
ſen, auf denen ſie horſteten, ſo glatt und blank, die
mit Quadern eingefaßten Enten-Pfützen ſo klare
Baſſins, das großkörnige Gerſtenfutter und der ge-
kochte Reis, gleich dem Pariſer Riz au lait, ſo ap-
petitlich, daß man ſich im Paradieſe der Vögel zu
[143] befinden glaubte. Auch waren dieſe alle frei wie
dort, keinen die Flügel verſchnitten, und ein, imme-
diat an ihre Wohnung ſtoßendes, Wäldchen hoher
Bäume diente ihnen zum anmuthigſten Vergnügungs-
ort. Noch wiegten ſich die meiſten von ihnen behag-
lich auf den ſchwankenden Gipfeln, als wir anka-
men; kaum erblickten ſie aber die kleine roſige Fanny,
wie eine wohlthuende Fee mit Leckerbiſſen in der
Schǔrze ihnen entgegentretend, als ſie in brauſender
Wolke herabeilten, und ſich pickend und frohlockend
zu ihren Füßen niederließen. Ich fühlte mich idyl-
liſch gerührt, und trieb zu Haus, um noch vor dem
Frühſtück mich des Feuers meiner Begeiſterung zu
entledigen. Nun waren aber noch die Kindergärten
zu beſehen, und ein Haus der Laune, und Gott
weiß was alles — kurz wir kamen zu ſpät und wur-
den ausgeſcholten. Mit engliſchem Pathos rief Miß
Fanny:


We do but row —

And we are steered by fate.

Wir rudern wohl —

Jedoch das Schickſal ſitzt am Steuer!

mit andern Worten: der Menſch denkt, Gott lenkt
… und Ja wohl, dachte ich, der kleine Philoſoph
hat nur zu Recht! Es kömmt immer anders, wie
man ſich’s vorſtellt, ſelbſt bei ſo wenig bedeutenden
Dingen als die Promenade mit einem hübſchen Mäd-
chen, und das Warten der Eltern beim Frühſtück. —


[144]

Der Nachmittag ſah mich wieder zu Roß. Ich
ſuchte mir ungebahnte Wege in den wildeſten Berg-
gegenden landeinwärts, mehreremal den reißenden
Fluß ohne [Brücke] paſſirend, und oft in den ſchönſten und
überraſchendſten Ausſichten ſchwelgend. Zuweilen be-
gegnete ich einſam arbeitenden Landmädchen, auf-
fallend hübſch in ihrer originellen Tracht, die den
Wuchs hervorhebt und den Buſen ſehr frei zeigt.
Sie ſind aber dabei ſchüchtern wie Rehe und züchtig
wie Veſtalinnen. Alles zeigt die Bergnatur, mein
Pferd auch! unermüdlich, wie eine Maſchine aus
Stahl und Eiſen, gallopirt es über die Steine berg-
auf und bergab, ſpringt mit ungeſtörter Ruhe über
die Heckenthore, welche alle Augenblicke die Feldwege
verſchließen, und macht mich weit eher müde, als es
ſelbſt Müdigkeit fühlt. Das iſt die wahre Art, ſpazieren
zu reiten — viele Meilen weit, in Gegenden, die man
nie geſehen, wo man nicht weiß, wo man hinkömmt,
und ſich den Rückweg ebenfalls von einer andern
Seite ſuchen muß. Heute gerieth ich zuletzt in einen
Park, wo hölzerne, mit weißer Oelfarbe angeſtri-
chene Statüen, ſeltſam mit der erhabnen Natur kon-
traſtirten. Kein Menſch ließ ſich ſehen, nur Hun-
derte von Kaninchen ſtreckten ihre Köpfe aus den
durchlöcherten Bergabhängen hervor, oder jagten
eilig über den Weg. Allerlei wunderliche Dinge ver-
riethen den Beſitzer als einen Sonderling. Am be-
ſten nahm ſich ein ſchwarzer Fichtenwald aus, der
rund umher ein Ring von glanzfarbigen Malven ein-
faßte. Ich kam endlich auf einer kahlen Höhe wieder
[145] heraus, wie ich hereingekommen war, durch ein von
ſelbſt zuſchlagendes Fallthor; überall herrſchte dieſelbe
Einſamkeit, und bald war das verwünſchte Schloß
weit hinter mir.



Ich ſollte einige Wochen in K … Park bleiben,
aber Du kennſt meine Unſtetigkeit — bald drückt
mich das Einerley, wenn es auch gut iſt — ich
empfahl mich daher meinen gefälligen Freunden, be-
ſuchte noch einen andern Gutsbeſitzer, der mich ein-
geladen, auf einige Stunden, ſtatt Tagen, ſah einen
Sonnenuntergang von den Ruinen Conway’s, aß
eine Place, und traf wieder in meinem Hauptquar-
tier ein, das ich nun aber für immer verlaſſe. Ich
befinde mich übrigens leider nicht recht wohl, meine
Bruſt ſcheint von den Fatiguen in der letzten Zeit
etwas angegriffen, und ſchmerzt oft recht empfind-
lich, mais n’importe.



Erinnerſt Du Dich dieſes Namens? Es iſt die
ſchöne Villa, die ich Dir beſchrieben, deren liebens-
würdigen Beſitzer ich ſeitdem kennen gelernt, und
deſſen freundlicher Einladung, bei ihm die letzte Nacht
in Wales zuzubringen, ich nicht widerſtehen konnte.
Briefe eines Verſtorbenen. I. 10
[146] Wegen meinen Bruſtſchmerzen vermochte ich geſtern
Abend nur kurze Promenaden, mit dem Sohne des
Hauſes, in den lieblichen Gärten zu machen, und
der Verſuch, einen nahen höheren Berg zu beſteigen,
bekam mir faſt übel, ſo daß ich nachher bis zum Eſ-
ſen mich mit den Zeitungen amüſiren mußte. In
dem langen Wuſt war ein guter Einfall, den ich
Dir zitire. Der Artikel ſprach von der Thronrede,
worin die Worte vorkommen: „dem Speaker wird
befohlen, dem Volke zu ſeiner allgemeinen Glück-
ſeligkeit zu gratuliren.“ Dies, meint der Berichter-
ſtatter, ſey doch ſo inſolent, ſich ſo offenbar über
dieſes arme Volk luſtig zu machen, obgleich es al-
lerdings gegründet ſey, daß die Wahrheit von ihm
in dergleichen Dingen nie erwartet werden dürfe,
denn, fährt er fort, ſollte wirklich je ein König oder
Miniſter ſo wahnſinnig ſeyn, um die reine Wahr-
heit bei ähnlicher Gelegenheit ſprechen zu wollen, ſo
müſſe er ja gleich im Anfang der Rede, ſtatt dem
gewöhnlichen exordium „Mylords and Gentlemen
ſagen My knaves and dupes. (Mes fripons et du-
pes.“)


Unſer Wirth iſt ein Mitglied des Yacht-Clubs,
und ein leidenſchaftlicher Freund des Meeres. Daher
hätte auch unſer diné jedem Katholiken in der Faſten-
zeit genügen müſſen, denn es beſtand nur aus Fi-
ſchen, vortrefflich auf mannichfache Arten zubereitet.
Eine Auſterbank, unter den Fenſtern, ſandte gleich-
falls dazu ihre ſchlüpfrigen, noch Salzwaſſer feuch-
ten, Bewohner. Zum Deſſert aber lieferten die vor
[147] dem Hauſe weidenden Kühe manche Delikateſſe und
die an den Salon ſtoßenden Treibhäuſer köſtliche
Früchte.


Thut es nun nicht wohl, ſich zu denken, Hundert-
tauſende in England eine ſolche Exiſtenz, einen ſo
behaglichen und ſoliden Luxus, in ihren friedlichen Häu-
ſern froh genießen, freie Könige im Schooſe ihrer Häus-
lichkeit, die ruhig in der Sicherheit ihres unantaſtbaren
Eigenthums leben, Glückliche, die nimmer durch ſchwere
Sendſchreiben unhöflicher Behörden beläſtigt werden,
welche bis in die Wohnſtube und Schlafkammer Al-
les regieren wollen, und dem Staate ſchon einen
bedeutenden Dienſt erzeigt zu haben glauben, wenn
ſie am Ende des Jahres den armen Regierten viele
tauſend Thaler unnöthiges Porto verurſachen konn-
ten, dabei aber auch nicht zufrieden, über den Re-
gierten zu ſtehen, ſich ihnen zugleich entgegen ſtel-
len, Richter und Parthei ſo viel ſie können in einer
Perſon vereinigend; — mit einem Worte, Glück-
liche, die frei von Eingriffen in ihren Beutel, frei
von Unwürdigkeiten für ihre Perſon, frei von un-
nützen Plackereien ihre Macht fühlen laſſen wollender
Büreaukraten, frei von der Ausſaugung unerſatt-
licher Staatsblutigel ſind, und dabei als unum-
ſchränkte Herren in ihrem Eigenthume, nur den
Geſetzen zu folgen brauchen, die ſie ſelbſt mit geben
helfen — wenn man bedenkt, ſage ich, ſo muß man
geſtehen, daß England ein geſegnetes Land iſt, wenn
auch kein vollkommenes. Man kann es den Englän-
dern daher auch nicht ſo ſehr verdenken, wenn ſie,
10*
[148] des Contraſtes mit manchen andern Ländern inne
werdend, Fremden, bei aller ſcheinbaren Höflich-
keit und Verbindlichkeit, doch immer fremd bleiben.
Ihr ganz gerechtes Selbſtgefühl wirkt ſo mächtig,
daß ſie unwillkührlich uns für eine geringere Race
anſehen, ſo wie wir z. B. aller deutſchen Herzlichkeit
ohngeachtet, doch ſchwer uns mit einem Sandwich-
Inſulaner ganz verbrüdern könnten. In einigen
Jahrhunderten haben wir vielleicht die Rollen ge-
wechſelt, aber leider iſt es jetzt noch nicht ſo weit!*)



Ich habe eine üble Nacht gehabt, heftiges Fieber,
ſchlechtes Wetter und holprige Straßen. Das Letz-
tere, weil ich die große Route verließ, um die be-
rühmten Paris mines auf der Inſel Angleſea zu ſe-
hen. Dieſe Inſel iſt der völlige Gegenſatz von Wa-
les, faſt völlig flach, kein Baum, nicht einmal Büſche
[149] und Hecken, nur Felder an Felder gereiht. Die er-
wähnten Kupferbergwerke an der Küſte ſind aber in-
tereſſant. Ich wurde (vom Obriſten H . . . . ſchon
vorher annoncirt) mit Kanonenſchüſſen empfangen,
die wild in den vielfachen Höhlen wiederhallten. Das
Erz wird in dieſen Höhlen gefördert, die, wo das
Tageslicht hereinſcheint, in bunten Farben blitzen.
Ich ſammelte ſelbſt viel ſchöne Stücke. Die Steine
werden nachher klein geſchlagen, in Halden, gleich
dem Alaunerz, aufgeſchüttet und angezündet, wor-
auf die Maſſe 9 Monat lang brennt. Der Rauch
wird zum Theil aufgefangen und ſetzt ſich als Schwe-
fel an. Eine ſonderbare Erſcheinung iſt es für den
Layen, daß, [während] dieſes neunmonatlichen Bren-
nens, welches allen Schwefel austreibt, blos durch
die Kraft der Wahlverwandtſchaft, die durch das
Feuer gemacht wird, das reine Kupfer, welches vor-
her
durch den ganzen Stein vertheilt war, ſich
nachher, in ein Klümpchen zuſammengezogen, kom-
pakt in der Mitte zeigt, ſo daß, wenn man die ge-
brannten Steine zertrümmert, man in jedem das
Kupfer, wie den Kern in einer Nuß, erblickt. Nach
dem Brennen wird das Erz, ebenfalls wie Allaun,
ausgelaugt oder gewaſchen, und das Waſſer, welches
davon abfließt, in Sümpfen aufgefangen. Das
Mehl, was ſich in dieſen abſetzt, enthält 25 — 40
Prozent Kupfer, und das übrig bleibende Waſſer iſt
immer noch ſo ſtark geſchwängert, daß ein eiſerner
Schlüſſel, den man hineinhält, in wenig Sekunden
eine ſchön rothgelbe Kupferfarbe annimmt. Hierauf
[150] wird das Erz mehreremal geſchmolzen und zuletzt
raffinirt, worauf es in Quadrat Stücken von 100 Pfund
geformt, ſo verkauft, oder auf Mühlen zu Schiffs-
platten verarbeitet wird. Bei dem Gießen, das ein
hübſches Schauſpiel gewährt, ereignet ſich auch ein
ſonderbarer Umſtand. Es fließt nämlich die ganze
Maſſe in eine Sandform, welche in 8 — 10 verſchie-
dene Compartiments, gleich einem für mehrere
Thiere beſtimmten Eßtroge, abgetheilt iſt. Die Se-
parationen erreichen nicht ganz die Höhe der Außen-
wände, ſo daß das glühende Erz, welches nur auf
dem einen Ende hereinſtrömt, ſobald der Pfropf her-
ausgeſchlagen iſt, das erſte Compartiment füllen
muß, ehe es in das zweite übertritt u. ſ. w. Das
Sonderbare iſt nun, daß alles wirkliche reine Kupfer,
was im Ofen enthalten iſt, in dieſem erſten Com-
partiment verbleibt, die andern Fächer aber allein
mit Schlacke angefüllt werden, welche nur zum
Straßenbau gebraucht werden kann. Der Grund
des [Phänomens] iſt folgender: Das Erz hat Eiſen
bei ſich, welches ſich im magnetiſchen Zuſtande befin-
det. Dieſes hält das Kupfer zuſammen, und zwingt
es zuerſt auszufließen. Da man nun aus Erfah-
rung ziemlich genau weiß, wie viel reines Kupfer
die in einem Ofen geſchobne Maſſe enthalten müſſe,
ſo iſt die Größe des erſten Compartiments darauf
eingerichtet, es grade faſſen zu können. Der Inſpek-
tor, ein geſcheuter Mann, der aber halb welſch, halb
engliſch ſprach, ſagte mir, daß er dieſe Gußart erſt
erfunden, welche viele Mühe erſpare, weßhalb er
[151] auch ein Patent darauf entnommen. Der Vortheil
der daraus entſteht iſt allerdings einleuchtend, da ſich,
ohne die erwähnten Abtheilungen, das Kupfer, wenn
gleich ebenfalls zuerſt hinausfließend, doch nachher
über die ganze Maſſe verbreiten, und ſchwer ablöſen
muß. Die Ruſſen, welche im Fache der Induſtrie
jetzt nichts verſäumen, hatten bereits einen Reiſen-
den hier, um ſich das Verfahren ganz zu eigen zu
machen, welches auch nicht im Geringſten verheim-
licht wurde, wie denn überhaupt die meiſten Fabrik-
herren hierin ſehr liberal geworden ſind.


Während ich noch am Schmelzofen ſtand, erſchien
ein Offizier, um mich zum Bruder des Obriſten H.,
der ebenfalls Obriſt iſt, und ein in der Nähe ſtatio-
nirtes Huſarenregiment commandirt, für dieſen Mit-
tag und die Nacht einzuladen. Ich befand mich aber
zu ermüdet und unwohl, das Wagniß eines Offizier-
dinèrs in England zu beſtehen, wo, in der Provinz
wenigſtens, der Wein noch mit altengliſchem Maaße
zugetheilt wird; auch wünſchte ich noch dieſe Nacht
mit dem Packetboot nach Irland zu ſegeln, und
lehnte daher die Invitation dankbarlich ab, den Weg
nach Holyhead einſchlagend, wo ich um 10 Uhr an-
kam. Mein gewöhnliches Seeunglück erlaubte indeß
die Weiterreiſe nicht, da es ſo heftig ſtürmte, daß
das Packetboot ohne Reiſende abging. Ich bin je-
doch nicht unwillig darüber, mich einen Tag hier,
in einem ganz comfortablen Gaſthofe, ausruhen zu
können.


[152]

So krank und matt ich bin, hat mir doch die Ex-
kurſion nach dem neu erbauten, 4 Meilen entfernten
Leuchtthurme, ungemein viel Vergnügen gewährt.
Obgleich die Oberfläche der Inſel Angleſea ſehr flach
erſcheint, ſo erhebt ſie ſich doch, am Ufer der [irländi]-
ſchen See, in höchſt maleriſchen, abgeriſſenen Felſen-
wänden, bedeutend hoch aus den ſtets brandenden
Fluthen. Auf einem ſolchen, vom Ufer etwas ent-
fernten, einzeln hervorragenden Felſen, ſteht der
Leuchtthurm. Nicht nur ſenkrecht, ſondern unter ſich
zurückweichend, fallen dieſe, über alle Beſchreibung
wilden Geſtade, mehrere hundert Fuß tief nach dem
Meere hinab, und ſehen aus, als ſeyen ſie durch
Pulver geſprengt, nicht von der Natur ſo gebildet.
Auf einem dichten Teppich von kurzem gelben Gin-
ſter und karmoiſinrother Haide, gelangt man bis an
den Rand des Abhangs, dann ſteigt man auf einer
roh in den Stein gehauenen Treppe, von 4 bis 500
Stufen, bis zu einem in Stricken hängenden Stege
hinab, auf dem man ſich, an die Seitennetze anhal-
tend, über den Abgrund, der beide Felſen trennt, ſo
zu ſagen, hinüber ſchaukelt. Tauſende von Seemöven,
die hier zu brüten pflegen, umſchwebten uns auf
allen Seiten, unaufhörlich ihre melancholiſche Klage
durch den Sturm rufend. Die Jungen waren erſt
kürzlich flügge geworden, und die Alten benutzten
wahrſcheinlich das ungeſtüme Wetter zu ihrer Ein-
übung. Man konnte nichts Graziöſeres ſehen als
[153] dieſe Fluglektionen. Leicht erkannte man die Jünge-
ren an ihrer grauen Farbe und ihrem noch unge-
wiſſen Schwanken, während die Alten, faſt ohne einen
Flügel zu rühren, minutenlang, blos vom Sturm ge-
halten, wie in der Luft verſteinert hingen. Die jun-
gen Vögel ruhten auch öfters in den Felſenſpalten
aus, wurden aber von ihren ſtrengen Aeltern immer
ſchnell wieder zu neuer Arbeit genöthigt.


Der Leuchtthurm iſt völlig dem bereits erwähnten
in Flamboroughhead an der engliſchen Oſtküſte gleich,
nur ohne rothe revolving lights. Auch hier war die
Nettigkeit der Oehlkeller und die außerordentliche
Reinlichkeit der ſpiegelblanken Lampen bewunderungs-
werth. Außerdem bemerkte ich eine ingenieuſe Art
Sturmfenſter, die man ohne Mühe und Gefahr des
Zerbrechens, auch beim heftigſten Winde, öffnen kann,
und eine vertikale Steintreppe, gleich einer gezackten
Säge, die viel Raum erſpart. Beide Gegenſtände
laſſen ſich jedoch ohne Zeichnung nicht ganz anſchau-
lich machen.



Eine [widerwärtigere] Seefahrt kann man nicht be-
ſtehen! Zehn Stunden ward ich, zum Sterben krank,
umher geworfen. Die Hitze, der ekelhafte Geruch des
Dampfkeſſels, die Krankheit aller Uebrigen, es war
eine affreuſe Nacht, ein wahres Carl von Carlsberg-
[154] ſches Bild menſchlichen Elends. Bei einer längeren
Seereiſe aguerrirt man ſich zuletzt, und vielfacher Ge-
nuß wiegt dann die Entbehrungen auf, aber die kur-
zen Ueberfahrten, welche nur die Schattenſeite zeigen,
ſind meine wahre Antipathie. Gottlob es iſt vor-
über, und ich fühle wieder feſten Boden unter mir,
obgleich es mir noch manchmal ſcheint, als ſchwanke
Irland ein wenig.



Dieſes Königreich hat mehr Aehnlichkeit mit Deutſch-
land als mit England. Jene faſt überraffinirte In-
duſtrie und Cultur in allen Dingen verſchwindet hier,
leider aber mit ihr auch die engliſche Reinlichkeit.
Häuſer und Straßen haben ein beſchmuztes Anſehn,
obgleich Dublin durch eine Menge prächtiger Palläſte
und breiter allignirter Straßen geſchmückt iſt. Das
Volk geht zerlumpt; den Leuten von gebildeterem
Stande, denen man begegnet, fehlt auch die engliſche
Eleganz, wogegen die Menge glänzender Uniformen,
die man in London nie in den Straßen ſieht, noch
mehr nach dem Continent verſetzen. Auch die Umge-
gend der Stadt hat nicht mehr die gewohnte Friſche,
der Boden iſt vernachläßigter, Gras und Bäume
magrer. Die großen Züge der Landſchaft aber, die
Bay, die fernen Berge von Wicklow, das Vorgebirge
von Howth, die amphitheatraliſchen Häuſermaſſen, die
quai’s, der Hafen ſind ſchön. So iſt wenigſtens der
[155] erſte Eindruck. Uebrigens befinde ich mich, im beſten
Gaſthofe der Hauptſtadt, weniger comfortable, als in
dem kleinen Städtchen Bangor. Bei aller Größe
ſcheint das Haus ſtill und verlaſſen, während ich
mich erinnere, dort, nur während der Zeit meines
Eſſens, 43 Wagen ankommen geſehen zu haben, die
alle abgewieſen werden mußten. Der Zufluß der
Fremden iſt auf den Hauptſtraßen in England ſo
groß, daß Kellner in den Gaſthöfen nicht für Geld
gemiethet werden, ſondern ſelbſt für ihren Platz
dem Wirth bis zu 300 Pfd. Sterl. jährlich zahlen
müſſen. Dennoch erſetzen ihnen die Trinkgelder dieſe
bedeutende Auslage reichlich. In Irland tritt dage-
gen die Continentalſitte wieder ein. Sobald ich mich
ein wenig erfriſcht hatte, machte ich eine Promenade
durch die Stadt, während der ich bei zwei ziemlich
geſchmackloſen Monumenten vorbei kam. Das eine
ſtellt Wilhelm von Oranien im römiſchen Coſtume
zu Pferde vor; mißgeſtaltet iſt Roß und Reiter.
Das Pferd hat ein Gebiß im Mund und Hauptge-
ſtell am Kopf, aber keine Andeutung der Zügel dar-
an, obgleich die Hand des Königs grade ſo ausge-
ſtreckt iſt, als ob ſie ſie bahnenmäßig hielte. Soll
dies bedeuten, daß Wilhelm keine Zügel brauchte,
um John Bull zu reiten? Das andere Monument
iſt eine coloſſale Statue Nelſons, auf einer hohen
Säule ſtehend, und in moderne Uniform gekleidet.
Hinter ihm [hängt] ein Tau, das einem Schweife ähn-
licher ſieht; dabei iſt die Stellung ohne Adel, und
die Figur zu hoch, um deutlich zu ſeyn. [Später] kam
[156] ich an ein großes rundes Gebäude, wo das Volk ſich
drängte, und Wache vor dem Eingang ſtand. Auf
meine Nachfrage erfuhr ich, daß hier die jährliche
Ausſtellung von Blumen und Früchten ſtatt finde.
Man trug die erſteren zum Theil ſchon hinweg, als
ich eintrat, demohngeachtet ſah ich noch viel ausge-
zeichnet ſchöne Exemplare. In der Mitte dieſer Blu-
men, die eine Art Tempel bildeten, befand ſich ein
durch Barrieren verſchloſſener Raum für die Früchte,
welche zwölf daſelbſt ſitzende Richter mit Wohlbehagen
und ernſter Amtsmiene ſchmatzend verzehrten, um zu
entſcheiden, welcher von ihnen die ausgeſetzten Preiſe
zukämen. Sie mußten lange unſchlüſſig geweſen ſeyn,
denn Melonen, Birnen und Aepfelſchalen, Ueberbleib-
fel von Ananas, Pfirſich-, Pflaumen- und Aprikoſen-
kerne bildeten Berge auf den danebenſtehenden Ti-
ſchen, und obgleich die Blumen von den Eigenthü-
mern nach und nach alle fortgeſchafft wurden, ſo
ſchien doch keine der Früchte ihren Ausgang aus dem
Pomonatempel wieder zu finden.



Da ich nichts anderes zu thun wußte (denn alle
notablen Bewohner der Stadt ſind auf dem Lande)
ſo beſah ich eine Menge show places. Zuerſt das
Schloß, wo der Vicekönig wenn er hier iſt, reſidirt,
und deſſen ärmliche Staatszimmer, mit groben Bret-
terdielen, nicht viel Anziehendes darbieten. Schöner
[157] iſt eine modern gothiſche Capelle, deren Aeußeres ho-
hes Alterthum täuſchend nachahmt; ſie iſt inwendig
mit herrlichen Glasgemälden aus Italien, im 15ten
Seculum gemalt, geſchmückt und reich mit Holzſchnitts-
werk verziert, welches dem alten nichts nachgiebt.
Die ganze Kirche wird mit conduits de chaleur ge-
heizt und ein eben ſo geheizter, mit Teppichen beleg-
ter Gang, verbindet ſie mit der Wohnung des Lord-
Lieutenants.


In den [weitläuftigen] und ſchönen Univerſitätsge-
bäuden diente mir ein Student als Cicerone. Dieſe
müſſen, in dem Bereich der Univerſität, über ihre ge-
wöhnliche Kleidung, einen ſchwarzen Mantel, und
eine hohe wunderliche Mütze mit Quaſſeln von ¾
Ellen Länge tragen, was ihnen ein ziemlich grotes-
kes Anſehen gibt. Auf dieſe Kleidung wird ſtrenger
gehalten, als weiland auf Zopf und Puder von den
ſächſiſchen Staabsoffizieren.


Der junge Mann führte mich in das Muſeum, pro-
duzirte mir das Modell des Brennſpiegels, mit dem
Archimedes die römiſche Flotte verbrannte! die Harfe
Oſſians*) — einen ausgeſtopften indiſchen Chieſtain,
mit Tomahac und Wurfſpieß, und einige reelle Säu-
lenſtücke des Giants Cauſeway, welche in der That
Menſchenhände nicht accurater formen könnten, und
[158] die klingen, wie engliſches Glas. Je vous fais grace
du reste
.


Im großen Saale, wo die Examina gehalten wer-
den, (der Student kündigte mir dieſe Beſtimmung
mit einem leiſen Schauder an) ſteht eine ſpaniſche
Orgel, die auf der großen Armada erbeutet wurde.
Intereſſanter ſind die Portraits von Swift und
Burke. Beide Phyſiognomien entſprechen den be-
kannten Eigenſchaften dieſer Männer. Der Eine
zeigt einen eben ſo feinen und ſchalkhaften, als ge-
diegnen Ausdruck; der andere geiſtreiche und gewal-
tige, faſt grobe, aber doch wohlwollende und ehrliche
Züge, den donnernden Redner verkündend, der auf-
richtig, und ohne Schonung Andrer, für ſeine Mei-
nung focht, aber nimmer blos das eigne Intereſſe
mit künſtlichem Enthuſiasmus übertünchte.


Nachdem ich den Juſtizpalaſt, die Douane ꝛc., nebſt
andern prachtvollen Palläſten beſehen, und mich nun
zu Haus begeben wollte, lockte mich noch die Ankün-
digung eines Peristrephic Panorama der Schlacht
von Navarin. Dies iſt ein ſehr unterhaltendes Schau-
ſpiel, und giebt eine ſo deutliche Idee von dem „un-
gelegnen Ereigniß“ (untoward event) daß man ſich
faſt tröſten kann, nicht dabei geweſen zu ſeyn. Man
tritt in ein kleines Theater, und ſieht bald einen
Vorhang aufgehen, hinter dem ſich die Gemälde be-
finden, welche in einem großen Ganzen die Folge der
einzelnen Begebenheiten der Schlacht vorſtellen. Die
Leinewand [hängt] nicht platt hinab, ſondern iſt im
[159] zurückweichenden Halbzirkel aufgeſpannt, und wird
langſam über Rollen gezogen, ſo daß ſich faſt un-
merklich die Bilder nach und nach verändern, und
man ohne Zwiſchenraum von Scene zu Scene über-
geht, während Jemand die dargeſtellten Gegenſtände
laut erklärt, und ferner Kanonendonner, militairiſche
Muſik und Schlachtgetöſe die Täuſchung noch ver-
mehren. Durch panoramaartige Malerei, und durch
leiſes Schwanken desjenigen Theiles des Gemäldes
der die Wellen und Schiffe darſtellt, wurde oft die
Nachahmung faſt der Wirklichkeit gleich.


Die erſte Scene zeigt die Bay von Navarin, mit
der ganzen türkiſchen Flotte in Schlachtordnung. Am
entgegengeſetzten Ende der Bay ſieht man, auf ho-
hem Felſen, Alt-Navarin und ſeine Feſtung, ſeit-
wärts unter Dattelbäumen das Dorf Pylos, und im
Vorgrund die Stadt Navarin, nebſt Ibrahims La-
ger, wo Gruppen ſchöner Pferde und lieblicher, ge-
fangener, griechiſcher Mädchen, welchen die Soldaten
liebkoſen, die Augen auf ſich ziehen. In weiter Fer-
ne, am Saum des Horizonts erſcheint, wie in Duft
gehüllt, die Flotte der Alliirten. Indem nun dieſes
Bild langſam verſchwindet, wogt nur noch das offne
Meer, dann tritt der Eingang der Bay von Nava-
rin allmählich hervor. Man entdeckt Bewaffnete auf
den Felſen, und erblickt endlich die alliirte Flotte, wie
ſie die Einfahrt forcirt. Durch optiſchen Betrug er-
ſcheint alles in natürlicher Größe, und der Zuſchauer
iſt ſo geſtellt, als befinde er ſelbſt ſich an der Türken
Stelle in der Bay, und [ſähe] jetzt das Admiralſchiff
[160] Aſia mit vollen Segeln auf ſich zueilen. Man be-
merkt Codrington auf dem Verdeck, im Geſpräch mit
dem Capitaine, die andern Schiffe folgen in ſich aus-
breitender Linie und mit ſchwellenden Segeln, wie
zur Attaque bereit — ein ſchöner Anblick! Nun kom-
men auf einander folgend die einzelnen Engagements
verſchiedner Schiffe, die Exploſion eines Feuerſchiffs,
und das in Grundbohren einiger türkiſcher Fregat-
ten, endlich der Kampf der Aſia mit dem ägyptiſchen
Admiralſchiff auf der einen, und dem türkiſchen auf
der andern Seite, welche, wie bekannt, beide nach
hartnäckiger Vertheidigung und mehrſtündigem Feuer
ſanken.


Der Schlacht folgten einige Anſichten von Conſtan-
tinopel, die eine ſehr anſchauliche Idee von dem aſia-
tiſchen Treiben gaben.


Abends beſuchte ich das Theater, ein recht hübſches
Haus mit einem etwas weniger rohen Publikum als
in London. Die Schauſpieler waren nicht übel, je-
doch erhob ſich keiner über die Mittelmäßigkeit. Viele
Uniformen, mit Damen untermiſcht, füllten faſt die
ganze untere Logenreihe, was ſich recht elegant aus-
nahm. Die höhere Geſellſchaft beſucht aber, wie ich
höre, auch hier das Theater nur ſelten.


[161]

Da ich die Stadt nun hinlänglich geſehen, begann
ich heute meine Spazierritte in der Umgegend, die
ſich weit ſchöner entfaltet, als ich bei meiner Ankunft,
grade von der unvortheilhafteſten Seite, vorausſetzen
durfte. Ein Weg mit reizenden Ausſichten, erſtens
auf den Golf, den ein Molo von 3 Meilen Länge
durchſchneidet, und den, gleich zwei Säulen, die
Leuchtthürme von Dublin und Howth ſchließen; dann
auf die bewaldeten Berge von Wicklow, deren einige
wie Zuckerhüte ſich hoch über die andern erheben,
und zuletzt durch eine Allee uralter Rüſtern, längs
des Canales führend, brachte mich in den Phönirpark,
der Prater Dublins, welcher dem Wiener nicht nach-
ſteht weder an Umfang noch ſchönen Raſenflächen
zum Reiten, langen Alleen zum Fahren, und ſchatti-
gen Spaziergängen. Dem Herzog von Wellington
iſt hier ein großer, aber ſchlecht proportionirter, Obe-
lisk errichtet, und der Lord Lieutenant hat, auch im
Bezirk des Parks, einen hübſchen, von Gärten ein-
geſchloſſenen Sommerpallaſt. Ich fand im Ganzen
den Park ziemlich leer, dagegen die Straßen der
Stadt, durch welche ich meinen Rückweg nahm, deſto
belebter von Handel und Wandel. Der Schmuz, die
Armuth und die zerlumpte Tracht des gemeinen
Mannes überſteigt oft allen Glauben. Dennoch ſchei-
nen die Leute ſtets guter Dinge, und zeigten zuwei-
len auf offner Straße Anwandlungen von Luſtigkeit,
die an Verrücktheit gränzten. Gewöhnlich iſt der
Briefe eines Verſtorbenen. I. 11
[162] Whisky daran Schuld; ſo ſah ich einen halbnackten
Jüngling den Nationaltanz mit der größten Anſtren-
gung auf dem Markte ſo lange tanzen, bis er gänz-
lich erſchöpft, gleich einem muhamedaniſchen Derwiſch,
unter des Volkes Jubel bewußtlos hinfiel. Eine
Menge Betteljungen füllen überdies die Straßen,
welche, wie Fliegen um einen herſummend, unaufhör-
lich ihre Dienſte anbieten. Ohngeachtet ihrer ſchreien-
den Armuth kann man ſich doch ganz auf ihre Ehr-
lichkeit verlaſſen, und ſo gedrückt ſie von Elend er-
ſcheinen, mager und verhungert, ſo merkt man doch
ihren offenen, freundlichen Geſichtern auch keine Me-
lancholie an. Es ſind die wohlgezogenſten und ge-
nügſamſten Straßenjungen von der Welt. Ein ſol-
cher Knabe rennt, wie ein regulärer Läufer, viele
Stunden neben dem Pferde her, hält es, wenn man
abſteigt, beſorgt jede Commiſſion, und iſt mit ein
paar Groſchen die man ihm giebt, ſtets nicht nur
zufrieden, ſondern noch voller Dankbarkeit, die er
mit [irländiſchen] Hyperbeln ausdrückt. Geduldiger als
ſeine Nachbarn, durch lange Sclaverei aber etwas
erniedrigt, erſcheint überhaupt der Irländer. Ich war
unter andern Zeuge, daß ein junger Menſch, welcher
einen Comödienzettel falſch angeklebt hatte, von dem
dazukommenden Schauſpieldirektor auf offner Straße
geohrfeigt und mißhandelt wurde, ohne daß er ſich
im Geringſten widerſetzte. Jeder Engländer würde
fogleich Repreſſalien gebraucht haben.


Den Abend brachte ich in dem Familienkreiſe eines
altan Bekannten zu, eines Bruders des Lord Lieute-
[163] nants, der eben auf einige Tage in die Stadt ge-
kommen war. Wir erinnerten uns alter Zeiten, wo
ich ihn viel in London geſehen. Er hat ein beſonde-
res Talent, den ſeligen Kemble nachzuahmen, dem er
auch ähnlich ſieht, und ich glaubte wieder Coriolan
und Lenga zu hören.



Ein andrer Freund, von noch älterem Datum, be-
ſuchte mich dieſen Morgen, um mir ſein Landhaus
zum Aufenthalt anzubieten, Mr. W., dem ich einſt in
Wien einen Dienſt zu erweiſen Gelegenheit gehabt.
Er hatte mich kaum verlaſſen, als man mir meldete,
Lady B., eine irländiſche Peereß, und eine der hüb-
ſcheſten Frauen dieſes Landes, deren Geſellſchaft ich
in der letzten season in der Metropolis ſehr cultivirt
hatte, halte in ihrem Wagen unten am Hauſe und
wünſche mich zu ſprechen. Da ich noch im größten
Negligée war, ſagte ich dem Kellner, einem wahren
Jocrisse, deſſen irish blunders mich [täglich] amüſiren,
ich ſey nicht angezogen, wie er ſähe, würde aber gleich
erſcheinen. Dieſen Zuſtand meiner Toilette richtete
er zwar aus, ſetzte aber de son chef hinzu, Mylady
möge doch lieber heraufkommen. Denke Dir alſo
meine Verwunderung, als er, zurückkehrend, mir mel-
dete, Lady B. habe ſehr gelacht und ließe mir ſagen:
warten wollen ſie recht gern, aber Herren-Morgenbe-
ſuche auf ihrer Stube zu machen, ſey in Irland nicht
gebräuchlich. In dieſer Antwort zeigte ſich ganz der
11*
[164] freundlich heitere, niemals kleinlich-difficile Charakter
der Irländerinnen, den ich ſchon früher lieb gewon-
nen hatte. Eine prude Engländerin würde entrüſtet
fortgefahren ſeyn, und vielleicht die Reputation eines
jungen Menſchen über ein ſolches qui pro quo rui-
nirt haben — denn in der engliſchen Geſellſchaft [ſtößt]
man nicht nur mit Dingen an, die anderwärts ganz
das Gegentheil bewirken, ſondern das „man ſagt
iſt im Munde einer einflußreichen Perſon dort ein
zweiſchneidiges Schwert. He has a bad character*)
iſt genug um einem Fremden hundert Thüren zu ver-
ſchließen. Durch eigne Beobachtung läßt ſich der
[Engländer] weit weniger leiten als man denkt. Im-
mer ſchließt er ſich an eine Parthei an, mit deren
Augen er ſieht.


Die Villa meines Freundes, den ich Nachmittags
beſuchte, um bei ihm zu ſpeiſen, bot das Ziel für
eine ſehr anmuthige Promenade. Sie fing mit dem
Phönix Park an, und folgte dann dem Laufe des
Liffey, deſſelben Fluſſes der durch Dublin fließt, wo
er mit ſeinen ſchönen Quai’s, ſteinernen und eiſer-
nen Brücken, ſo viel zu der Verſchönerung der Stadt
beiträgt. Hier dagegen erſcheint er ländlich und ro-
mantiſch, mit den Fußbreiten [Blättern] der Fuſſilago
behangen, von ſanften Hügeln und friſchem Laubholz
[165] eingefaßt. Einen bettelnden Invaliden, den ich an-
traf, frug ich, wie weit ich noch nach W … habe,
und ob der Weg gleich ſchön bliebe? O! rief er mit
irländiſcher Vaterlandsliebe: Langes Leben Eure
Ehren! Nur getroſt vorwärts, nichts Schönres habt
Ihr noch in dieſer Welt geſehen!


Der Eingang zu W … Park iſt auch, ohnge-
fähr eine Viertel Stunde Wegs weit, wirklich das
Reizendſte was man in dieſer Art ſehen kann. Eine
an ſich ſehr ſchöne Natur iſt durch die Kunſt zum
höchſten Grade ihrer Empfänglichkeit benutzt, und
ohne ihren freien Charakter zu verwiſchen, eine
Mannichfaltigkeit und Reichthum der Vegetation her-
vorgebracht, die das Auge bezaubern. Buntes Gebüſch
und wilde Blumen, der ſaftigſte Raſen und Rieſen-
bäume mit Schlingpflanzen bedeckt, füllen das enge
Felſenthal, durch welches ſich der Weg mit dem be-
gleitenden Waldbach hinzieht. Fortwährend kleine
Waſſerfälle bildend, ſtrömt dieſer, bald ſich unter
dem Dickicht verbergend, bald wie geſchmolznes Sil-
ber im grünen Becken ruhend, oder unter Felſen-
bogen hinrauſchend, die die Natur als Triumph-
Pforten für den wohlthätigen Flußgott des Thales
aufgerichtet zu haben ſcheint. Sobald man indeß
den tiefen Grund verläßt, ſchwindet der Zauber
plötzlich. Der Reſt entſpricht den zu hoch geſpannten
Erwartungen keineswegs. Aridesgras, krüppliche
Bäume, ein unbewegtes, ſchlammiges Waſſer um-
geben ein kleines gothiſches Schloß, das einer ſchlech-
ten Theaterdecoration gleicht. In demſelben findet
[166] man jedoch wieder einiges Intereſſante, unter an-
dern Gemälde von Werth, und den herzlichſten und
beſten Wirth, den man ſich wünſchen kann. Eines
originellen pavillon rustique muß ich noch [erwähnen],
der an einer paſſenden Stelle im pleasure ground
erbaut war. Er iſt ſechseckig, die drei hintern Sei-
ten dicht und mit rohen [Holzäſten] ſehr zierlich in Ro-
ſetten aller Formen, ausgelegt; die andern drei Sei-
ten in durchbrochenen dessins à jour, zwei mit Fen-
ſtern, und in der letzten die Thüre; Der Boden be-
ſteht aus Moſaik von kleinen Flußſteinen; die Decke
aus Muſcheln, und das Dach iſt mit Weizenſtroh
gedeckt, an dem man die vollen Aehren gelaſſen hat.



Ohngeachtet meine Bruſt mich fortwährend ſchmerzt
und der Doctor zuweilen bedenkliche Geſichter macht,
fahre ich doch in meinen Ausflügen fort, die mir
allein wahres Vergnügen gewähren. In der unge-
ſchminkten Natur wird mir wohler als unter den
maskirten Menſchen.


Von den ohngefähr 4 — 5 Meilen entfernten Ber-
gen hatte ich mir ſchon lange den einen ſehnſüchtig
auserſehen, welcher auf ſeiner Spitze drei einzeln
ſtehende Felſen zeigt, und deshalb auch, „the three
rocks“
genannt wird. Die Ausſicht von dort mußte
ſehr ſchön ſeyn — ich machte mich alſo früher wie
gewöhnlich auf, um zur rechten Zeit auf dem Gipfel
anzulangen. Oefters frug ich in den Dörfern, durch
[167] die ich kam, nach dem beſten Weg, konnte aber nie
genaue Antworten erlangen. Endlich verſicherte
man mich in einem Hauſe, das am Fuße des Bergs
lag, man könne nur hinauf gehen, aber nicht rei-
ten. Dies Erſtere wäre bei dem Zuſtand meiner
Bruſt nicht auszuführen geweſen, da ich aber die
Unmöglichkeiten der Leute ſchon hinlänglich kennen
gelernt habe, ſo folgte ich der angezeigten Richtung
ganz getroſt zu Pferde, um ſo mehr, da ich mich auf
meine kleine gedrungene Stute ſehr gut verlaſſen
konnte, und die irländiſchen Pferde, wie Katzen,
über Mauern und Felſen klettern. Eine Zeit lang
verfolgte ich einen ziemlich gebahnten Fußſteig, und
als dieſer aufhörte, das trockne Bette eines Berg-
waſſers, welches mich auch, nach ohngefähr ¾ Stun-
den, ohne beſondre Beſchwerde glücklich hinauf ge-
leitete. Ich befand mich nun auf einem großen kah-
len Plateau, und ſah 1000 Schritt vor mir die drei
Felſen, gleich Hexenſteinen, ihre Kuppen hervorrecken.
Das Ganze ſchien aber nichts als ein weiter un-
gangbarer Sumpf. Ich probirte ſehr vorſichtig, und fand
bald, daß 8 — 10 Zoll tief unter dem Moder überall
eine kieſige Unterlage ruhte. Dies hielt auch aus;
nach einiger Zeit erreichte ich ganz feſten Boden,
und ſtand auf dem höchſten Punkte. Da lag die
erſehnte Ausſicht endlich vor mir. — Irland, wie
eine Landkarte, Dublin, wie ein rauchender Kalk-
ofen in der grünenden Ebne (denn der Steinkohlen-
dampf ließ auch nicht ein Gebäude erkennen) die
Bay aber mit ihren Leuchtthürmen, dem kühn ſich
[168] zeichnenden Vorgebürge Howth, und auf der andern
Seite die bis an den Horizont ausgedehnten Berge
von Wichlow, glänzten alle im Sonnenſchein, ſo
daß ich mich für die kleine Fatigue mehr als belohnt
fand. Aber die Scene wurde noch belebter durch
eine reizende junge Frau, die ich in dieſer Wüſte,
bei dem beſcheidnen Geſchäft des Streumachens,
entdeckte. Die natürliche Grazie der irländiſchen
Bauerweiber, die oft wahre Schönheiten ſind, iſt
eben ſo überraſchend als ihre Tracht, oder vielmehr
ihr Mangel an Tracht, denn ohngeachtet es recht
kalt auf dieſen Bergen war, beſtand doch die ganze
Kleidung der jungen Frau vor mir, aus nichts als
einem weiten, ſehr groben Strohhut und, wört-
lich
, zwei oder drei Lappen aus dem gröbſten här-
nen Zeuge, die ein Strick unter der Bruſt zuſam-
menhielt, und unter welchen ſie die ſchönſten weißen
Glieder mehr als zur Hälfte zur Schau trug. Ihre
Unterhaltung war, wie ich ſchon bei andern bemerkt,
heiter, neckend und witzig ſogar, dabei ganz unbe-
fangen und gewiſſermaßen frei, doch würde man
ſich ſehr irren, wenn man ſie deshalb auch für leicht-
fertig hielte. Dieſe Klaſſe iſt im Gegentheil faſt all-
gemein ſehr ſittlich in Irland, und beſonders auf
eine auffallende Weiſe unintereſſirt, ſo daß, wenn
Einzelne ja einmal vom Pfade der Tugend weichen,
es gewiß höchſt ſelten aus dieſem, bei ſolchen Din-
gen unnatürlichem und niedrigen Beweggrunde des
Eigennutzes geſchieht.


[169]

Nachdem ich den Berg, nun mein Pferd führend,
ſo gut es gehen wollte, auf einer andern Seite wie-
der herabgeklettert war, und eine große Landſtraße
erreicht, kam ich bei einem offenſtehenden Parkthore
vorbei (denn auch hierin gleicht Irland dem Conti-
nent, wo ein Beſitzer ſolcher Anlagen, vom König
bis zum Landedelmann, am Genuſſe des Publi-
kums ſeine eigne Freude vermehrt) und ritt hinein.
Ich gab aber die Unterſuchung bald auf, als ich
zwei rieſenmäßige Capuziner mit Kreuz und Kutte,
aus angemalten Brettern geſchnitten, am Scheide-
wege ſtehen ſah, deren jeder ein Buch von ſich ab-
hielt, auf dem mit großen Buchſtaben geſchrieben
war: Weg zur Faſanerie, Weg zur Abtei. Dieſer
ſchlechte Geſchmack iſt hier ſonſt ziemlich ſelten.


In der Stadt begegnete ich einem Londner Dandy,
der mich anrief, denn ich erkannte ihn nicht, herz-
lich darüber lachte, uns in such a horrid place
mit einander zu ſehen, eine Weile über die Dubli-
ner Geſellſchaft fortſatyriſirte, und am Ende damit
ſchloß, mir zu eröffnen, daß er, durch den Credit
ſeiner Familie, eben eine Directorſtelle hier bekom-
men, die ihm zwar über 2000 L. St. einbringe, auch
nichts zu thun gebe, aber doch zwinge pro forma
eine Zeit lang des Jahres dieſen chokanten Aufent-
halt zu wählen. So, und noch viel reichlicher, wird
mit Sinecuren ohne Zahl überall in England für
die jüngeren Söhne der Ariſtokratie geſorgt — ich
glaube aber, der Krug wird auch hier nicht ewig zu
[170] Waſſer gehen, ohne zu brechen, obgleich man ge-
ſtehen muß, daß dieſe Fehler in der engliſchen Con-
ſtitution, gegen die Willkühr anderer Staaten ge-
halten, immer unr Flecken in der Sonne bleiben,
verſteht ſich, Irland ganz ausgenommen, das faſt
in jeder Hinſicht ſtiefmütterlich behandelt zu werden
ſcheint, und doch faſt den ſtärkſten Beitrag zur
Größe und der Macht des engliſchen Adels geben
muß, ohne dafür einen einzigen Vortheil, wie Eng-
land deren ſo viele, zurück zu erhalten.



Deine Briefe bleiben immer noch ſo trübe, gute
Julie . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
. . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
Du ſiehſt alſo, daß weniger das, was wirklich ge-
ſchieht, als Deine älter werdende, daher ſorgenvol-
lere und hipochondriſchere Anſicht Schuld an dieſem
Trübſinne ſind. Aber freilich! dieſes iſt grade mehr
als alles, ein unabwendbares Uebel! Man iſt nicht
mehr derſelbe der man war, und es bleibt der ewige
Irrthum in der Welt: daß man glaubt, man könne
noch ſich durch Kraftanſtrengung helfen, wo die
Kraft nicht mehr da iſt — eben ſo wenig wie wie-
[171] der jung werden und ausſehn! Auch ich fange ſchon
an dies zu ſpüren, doch nur da, wo mir die Ketten
der Welt angelegt ſind — bin ich mit meinem Gott
und der Natur allein, ſo kann ſelbſt der dunkelſte
Horizont des Lebens meine innere Sonne noch nicht
verfinſtern.


Ich frühſtückte heute auf dem Lande bei einer ſehr
gefeierten jungen Dame, mit der ſchon erwähnten
Lady B. Der Hausherr gab Migraine vor, und ich
mußte daher allein mit den Damen einen langen
Spaziergang in den Anlagen machen. Als wir je-
doch an das Gartenthor kamen, welches uns in die
ſchönſte Waldparthie führen ſollte, war es verſchloſ-
ſen, und kein Schlüſſel zu bekommen, da nach Ver-
ſicherung des alten Gärtners, die Kammerjungfer
der gnädigen Frau hereingegangen und ihn abgezo-
gen habe. Ein Diener mußte über die Mauer ſprin-
gen, um die Schuldige aufzuſuchen, kam aber unver-
richteter Sache zurück. Nun ließ ich eine Leiter brin-
gen, und vermochte die lachenden Weiber hinüber
zu klettern, wobei ſie ſich ſehr ungeſchickt anſtellten,
aber doch allerliebſt ausnahmen. Nach einer Viertel-
ſtunde begegneten wir dem unglücklichen Kammer-
mädchen, und zwar, da ſie ſich ſicher glaubte —
nicht allein, man kann ſich denken in weſſen Geſell-
ſchaft. — Eine ſtumme häusliche Scene erfolgte,
und zu gutmüthig um zu lachen, that es mir von
Herzen leid, durch meine Leiter ſolches Unglück an-
gerichtet zu haben. Ich refüſirte das Diner, und
eilte in die Stadt zurück, um Lady M . . . . . zu
[172] beſuchen, an welche ich einen Brief mitgebracht
und die mir ſchon früher eine artige Einladung ge-
ſendet, die ich jedoch nicht annehmen konnte. Ich
war ſehr begierig auf dieſe Bekanntſchaft, da ich ſie
als Schriftſtellerin ſehr hoch ſtelle, fand ſie jedoch
ganz anders, als ich ſie mir gedacht. Es iſt eine
kleine frivole, aufgeweckte Frau, die ohngefähr zwi-
ſchen 30 und 40 Jahr alt zu ſeyn ſcheint, nicht hübſch,
nicht häßlich, jedoch nicht ohne Prätenſion für das
erſte und mit wirklich ſchönen, ausdrucksvollen Au-
gen. Sie weiß nichts von fausse honte und Verle-
genheit, ihre Manieren ſind aber nicht die feinſten,
und affectiren eine aisance und Leichtigkeit der
großen Welt, der doch die Ruhe und Natürlichkeit
fehlt. Sie hat die ächt engliſche Schwäche: mit vor-
nehmen Bekanntſchaften zu prahlen und für ſehr
recherchirt gelten zu wollen — in zu hohem Grade
für eine Frau von ſo ausgezeichnetem Geiſt, und
wird durchaus nicht gewahr, wie ſehr ſie ſich da-
durch ſelbſt unterſchätzt. Uebrigens iſt ſie nicht ſchwer
kennen zu lernen, da ſie ſich, mit mehr Lebhaftig-
keit als gutem Geſchmack, von Anfang an ganz of-
fen hingiebt, und namentlich ihre Liberalität wie
ihren Unglauben, letzterer etwas von der veralteten
Schule des Helvetius und Condillac, bei jeder Ge-
legenheit auskramt. In ihren Schriften iſt ſie weit
behutſamer und würdiger als in ihrer Unterhaltung,
die Satyre der letzteren iſt aber eben ſo beißend und
gewandt als ihre Feder, und auch eben ſo wenig
gewiſſenhaft, was die ſtrenge Wahrheit betrifft. Du
[273[173]] kannſt Dir denken, daß mit allen dieſen Elementen
zwei Stunden ſehr angenehm für mich verfloſſen.
Ich hatte Enthuſiasmus genug um ihr einiges An-
genehme à propos ſagen zu können, und ſie behan-
delte mich mit vieler Zuvorkommenheit, einmal, weil
ich einen vornehmen Titel hatte, und dann, weil
ſie mich ſtets in der Londner Morning-Poſt als:
auf Almacks tanzend, und bei mehreren Fêten der
Tonangeber gegenwärtig, aufgeführt gefunden hatte
— ein Umſtand der ihr ſo wichtig ſchien, daß ſie
ihn mehrmals wiederholte.



Am geſtrigen Abende ſollte ich eine Soirće bei
Lord C . . . . ., dem Chef einer neuen Familie, aber
einen der älteſten Wit’s von Dublin, beiwohnen,
zu dem mich Lady M . . . ., ſeine Freundin, eingela-
den, wurde aber durch eine tragikomiſche Begeben-
heit daran verhindert. Ich war, den H . . . v. L. auf
ſeinem Schloſſe zu beſuchen (das ſich, entre nous,
ſo wenig wie er und ſeine Familie der Mühe ver-
lohnte), auf’s Land geritten, und es ſchon ſpät ge-
worden, als ich den Rückweg antrat. Um Zeit zu
gewinnen, nahm ich meine Direktion querfeld ein
à la Seidlitz. Eine Weile ging Alles vortrefflich,
bis ich, ſchon bei anbrechender Dämmerung, an ei-
nen ſehr breiten Graben kam, deſſen vor mit liegen-
des Ufer bedeutend höher als das entgegengeſetzte
[174] war, und eine weite Wieſe rund umher einſchloß.
Ich ſprang demohngeachtet glücklich in dieſen Enclos
hinein, als ich aber auf der andern Seite wieder
heraus wollte, refüſirte mein Pferd, und alle Mühe
es zum Gehorſam zu bringen, war vergeblich. Ich
ſtieg ab um es zu führen, dann wieder auf, um
den Sprung an einem andern Ort zu verſuchen,
wendete Güte und Gewalt, alles ohne Erfolg an,
bis es endlich, bei einem ungeſchickten Verſuch mit
mir ins ſumpfige Waſſer fiel, und nur mit Mühe
an der inneren niedrigeren Seite wieder zurück klet-
terte. Jetzt blieb alle Hoffnung verloren, den ver-
zauberten Platz zu verlaſſen, in dem ich mich, wie
in einer Mauſefalle, gefangen ſah — überdem war
es ganz dunkel geworden, ich fühlte mich eben ſo
erhitzt als durchnäßt, und mußte mich endlich ent-
ſchließen, das Pferd zurück zu laſſen, um zu Fuß,
tant bien que mal, über den fatalen Graben zu
ſetzen, und wo möglich eine Wohnung und Hülfe
aufzuſuchen. Der Mond kam glücklicherweiſe dienſt-
fertig hinter den Wolken hervor, um mir zur höchſt
nöthigen Leuchte zu dienen. Nur nach einem recht
ſauren Gange über Aecker und durch hohes naſſes
Gras, gelangte ich nach einer halben Stunde zu ei-
ner erbärmlichen Hütte, in der bereits Alles ſchlief.
Ich tappte hinein (denn verſchloſſen wird hier kein
Haus) ein paar Schweine grunzten unter meinen
Füßen — gleich darauf der neben ihnen liegende
Wirth. Mit Mühe machte ich ihm mein Anliegen
begreiflich, indem ich mit Silbergelde ihm vor den
[175] Ohren klapperte. Dieſer überall [verſtändliche] Klang
erweckte ihn beſſer als mein Rufen, er ſprang auf,
holte ſich noch einen Gefährten, und zurück ging’s
zu meiner Didone abbandonata. Die Irländer wuß-
ten ſich zu helfen — ſie trugen eine verloren aufge-
ſchlagene Brücke in der Nähe ab, legten ſie über
den Graben, und ſo fand ich mich endlich mit dem
befreiten Pferde wieder auf feſtem Wege, kam aber
ſo ſpät und in einem ſolchen Zuſtande zu Hauſe an,
daß ich, der Ruhe bedürftig, es gar nicht ungern
hörte, wie Lady M . . . ., die mich abzuholen gekom-
men, ſchon ſeit einer Stunde verdrüßlich wieder ab-
gefahren ſey. Am andern Morgen trug ich ihr
meine Entſchuldigungen vor, wo ſie mir auch gnä-
dig verzieh, aber verſicherte, daß ich viel verloren,
da Alles was noch Vornehmes und Faſhionables in
der Stadt ſey, jener Soirće beigewohnt habe. Ich
verſicherte mit Aufrichtigkeit, daß ich nur die Ent-
behrung ihrer Geſellſchaft bedauren könne, dafür
aber durch ihre Güte entſchädigt zu werden hoffte,
ſobald ich nur die „ſentimental Journey“ nach der
Grafſchaft Wickkow gemacht, nach der meine deutſche,
romantiſche Seele inbrünſtig verlange, und die ich
morgen früh zu Pferde anzutreten gedenke. Die
Unterhaltung fing nachher an ſehr heiter zu wer-
den — denn ſie liebt das — und endigte zuletzt ſo
läppiſch, daß ſie mir zurief: finessez! wenn ſie zu-
rückkommen, werde ich mich Ihrer blos wie eine
ältere Schweſter annehmen, und ich ihr lachend ant-
wortete: Das kann ich nicht annehmen — je crain-
[176] drai le sort d’Abufar.
Lady M … gegenüber war
das allerdings ein etwas fader Spaß.


Aus Felſen und Bergen erhälſt Du die Fortſe-
tzung. Adieu, und möge der Himmel Dich erheitern,
und alle Worte meiner Briefe Dir zurufen: Treue
Liebe bis in den Tod.


Dein L …


[[177]]

Neun und zwanzigſter Brief.



Geliebte Julie!

Gegen Mittag verließ ich Dublin ganz allein, be-
quem auf meinem guten Gaul etablirt, ließ Wagen
und Leute in der Stadt zurück, und ſandte einen
kleinen Mantelſack mit den nothwendigſten Effekten
durch die Diligence voraus. Leider aber muß mit
dieſem eine Verwechſelung vorgegangen ſeyn, denn
obgleich ich ſeinetwegen den ganzen Tag und die
Nacht, in dem nur 20 Meilen von Dublin entfernten
Bray verweilte, langte er nicht an, und ich habe da-
her, um nicht entweder zurückreiſen, oder noch länger
warten zu müſſen, mir einen ſchottiſchen Mantel, nebſt
etwas Wäſche in Bray gekauft, und die Tour ganz
auf Studentenweiſe angetreten. Ich ſoupirte mit
einem jungen Geiſtlichen von guter Familie, der mich,
bei ſonſt ſehr leichtfertigen Reden, durch ſeine Ortho-
doxie in Religionsſachen lachen machte. Aber ſo iſt
die Frömmigkeit der Engländer beſchaffen, es iſt eine
Partheiſache für ſie und zugleich eine Schicklich-
keitsſitte — und ſo wie ſie im Politiſchen ſtets ihrer
Briefe eines Verſtorbenen. I. 12
[178] Parthei, durch dick und dünn, verſtändig und unver-
[ſtändig], immer gleich unverrückt folgen, weil es ihre
Parthei iſt, oder einer Gewohnheit immerfort ſcla-
viſch ſich unterwerfen, weil es ſo bei ihnen üblich
iſt — betrachten ſie auch die Religion, ohne alle Poe-
ſie, ganz aus demſelben Geſichtspunkt, gehen Sonn-
tags eben ſo ohnfehlbar in die Kirche, als ſie täglich
eine friſche Toilette machen, um ſich zu Tiſch zu ſe-
tzen, und ſchätzen den, welcher die Kirche vernachläſ-
ſigt, faſt eben ſo gering, als Jemand, der Fiſch mit
dem Meſſer ißt.*)


Begleitet von dem jungen Theologen, der eine Zeit
lang denſelben Weg mit mir verfolgte, verließ ich
am andern Morgen Bray ſchon früh um 5 Uhr. In
einer ausgezeichnet ſchönen Gegend paſſirten wir Kil-
ruddery, ein neugebautes Schloß des Grafen Meath,
im Geſchmack der Häuſer aus den Zeiten der Köni-
gin Eliſabeth, welches aber, um einen guten Effect
zu machen, größere Maſſen verlangt hätte. Der Park
iſt nicht ſehr ausgedehnt, lang und ſchmal, die alt-
franzöſiſchen Gärten werden gerühmt, wir wurden
aber, wahrſcheinlich unſres beſcheidenen Aufzugs we-
gen, ſehr unhöflich abgewieſen als wir ſie zu ſehen
wünſchten. In England iſt dies etwas Gewöhnli-
[179] ches, in Irland aber Seltnes, was daher auch keinen
vortheilhaften Schluß auf die Humanität des Beſi-
tzers machen läßt. Mein Begleiter, der ein Anhän-
ger der grace efficace iſt, d. h. feſt überzeugt: daß
Gott im Voraus ſeine Lieblinge für den Himmel,
Andere, die ihm weniger gefallen, aber für die Hölle
beſtimme — zweifelte in ſeinem Zorne nicht, daß der
Beſitzer von Kilruddery zu den letztern gehören müſſe.
„Es iſt eine Schande für einen Irländer!“ rief er
entrüſtet, und ich hatte Mühe, ihm die Pflicht der
Toleranz begreiflich zu machen. Ein zweiter Park,
Bellevûe, einem würdigen alten Gentleman gehörig,
öffnete uns bereitwilliger ſeine Thore. Hier iſt über
dem glen of the downs, einem tiefen Abgrund, hin-
ter welchen zwei ausgebrannte Vulkane wie ſpitze Ke-
gel ſich erheben, ein Ruheſitz erbaut, der in der Luft
zu [hängen] ſcheint. Man hatte dieſen Pavillon ſehr
artig mit rothblühender Haide gedeckt. Weniger gut
ausgedacht war ein im Vorzimmer, wie lebendig da-
liegender, ausgeſtopfter Tiger.


Hier verließ mich mein Reiſekaplan, und ich ritt
allein weiter nach dem Thal von Dunvan, wo in ei-
nem engen romantiſchen Paſſe ein Felſen von 80 bis
100 Fuß Höhe ſteht, der die groben Umriſſe eines
Menſchen darſtellt, und daher von den Landleuten,
die manche Mährchen von ihm erzählen, der Rieſe ge-
nannt wird. Nicht weit davon findet man die Rui-
nen eines ſo ganz mit Epheuſtämmen überwachſenen
Schloſſes, daß man nahe davor ſtehen muß, um es
von den umgebenden Bäumen unterſcheiden zu kön-
[180] nen. Am Ende des Thales wendet ſich der Pfad,
über Wieſen, nach einer bedeutenden Anhöhe, vor der
eine der überraſchendſten Ausſichten ſich erſchließt.
Faſt mit Heimwehgefühlen erblickte ich hier wieder,
im blauen Duft über dem Meer, die Berge von
Wales.


Nachdem ich mich in einem ländlichen Gaſthofe ein
wenig mit Milch und Brod erfriſcht, ſetzte ich meinen
Weg nach the devil’s glen, (der Teufelsſchlucht) fort,
die ihren Namen mit Recht trägt. Die wilde Natur-
ſcene beginnt mit einem gothiſchen Schloß, deſſen von
Rauch geſchwärzte Mauern aus dem Walde hervor-
ragen, dann vertieft man ſich ſeitwärts in ein Thal,
deſſen Wände nach und nach immer höher werden,
ſich immer dichter zuſammenziehen, während im dunk-
len Dickicht der pfeifende Luftzug heftiger, und das
Brauſen des Stroms immer furchtbarer wird. Müh-
ſam auf dem ſchlüpfrigen Boden fortreitend, und un-
aufhörlich von den überhängenden Aeſten beläſtigt
ſieht man plötzlich den Weg durch eine prachtvolle
Cascade geſchloſſen, die, gleich einem weißen Unge-
heuer, über hohe Abſätze ſich niederſtürzt, und in der
Tiefe wühlend verſchwindet. Iſt es nicht der Teufel
ſelbſt, ſo iſt es wenigſtens Kühleborn.


Zu einer ſehr angenehmen Abwechſelung dient es,
daß auf dieſe ſchauervolle Schlucht das liebliche idylli-
ſche Thal von Roſanna folgt, wo ich unter dem
Schatten hoher Eſchen mein Mittagsmahl einnahm.
Ich fand noch zwei regulaire engliſche Touriſten hier,
[181] die, mit Pflanzenbuch und Gebürgshammer bewaff-
net, ſchon ſeit Wochen hier hausten, und eben ſo ord-
nungsmäßig, als in einem Londner Coffeehauſe, ihr
reines Tiſchtuch von dem ſchmutzigen Tiſche zum De-
ſert abnehmen ließen, und eine Stunde bei dieſem
ſitzen blieben, obgleich ſie dazu, ſtatt Claret, nur elen-
den Krätzer, und ſtatt reifer Früchte, nichts als ge-
bratne Aepfel bekommen konnten.


Um 7 Uhr ſtieg ich wieder zu Pferde, und gallo-
pirte 10 Meilen auf der großen Heerſtraße fort, bis
ich noch vor Sonnenuntergang das wunderherrliche
Avondale (Thal des Avon) erreichte. In dieſem Pa-
radieſe iſt wirklich alles Reizende vereinigt. — Ein
endlos ſcheinender Wald, zwei prächtige Flüſſe, viel-
formige pittoreske Felſen, die friſcheſten Wieſen, alle
Arten von Laub- und Nadelhölzern, in höchſter Uep-
pigkeit; fortwährend eine mit jedem Schritt abwech-
ſelnde, aber nie geringer erſcheinende Natur. Ich
hätte, da ich den letzten Theil des Thales bei Mon-
denſchein durchzog, meinen Weg ſchwer aufgefunden,
wenn nicht ein junger Herr, der von der Jagd zu-
rückkam, mit ächt irländiſcher Gefälligkeit, mich wohl
3 Meilen weit über die difficilſten Stellen zu Fuß
begleitet hätte. Die Nacht war äußerſt klar und
milde, der Himmel ſo blau wie am Tage, und der
Mond glänzend wie Edelſtein. Obgleich ich an den
Fernausſichten verlor, gewann ich auf der andern
Seite vielleicht mehr, durch den magiſchen Schein der
die Luft durchdrang, durch die dunkler, aber auch
phantaſtiſcher hervortretenden Contoure der Felſen,
[182] die gedankenſchwangere Stille und ſüßſchauerige Ein-
ſamkeit der Nacht. Um 10 Uhr erreichte ich das Ziel
meiner heutigen Reiſe, Avoca Inn, wo man, mit be-
ſcheidnen Anſprüchen, recht leidliche Bewirthung, und
ſehr freundliche Bedienung findet. Ich traf abermals
einen Touriſten aus London im Speiſezimmer, dies-
mal ein luſtiger und intereſſanter junger Mann, der
in ſeinem Entzücken über die reizende Gegend völlig
mit mir harmonirte, und mit dem ich daher noch eine
Stunde beim Abendthee ſehr angenehm verplauderte,
ehe ich mich hinſetzte, um Dir zu ſchreiben. Aber
nun gute Nacht, denn auf Bergreiſen muß man früh
aufſtehen, und daher nicht allzuſpät das Bett auf-
ſuchen.



Geſtern ritt ich 8 deutſche Meilen, heute 9 —
und meine Bruſt befindet ſich eben nicht ſchlechter
dabei. Aber Vergnügen thut viel, und ich ſah ſo
viel verſchiedene Gegenſtände, daß mir die paar Tage
wie ſo viel Wochen vorkommen.


Ich hatte gut geſchlafen, obgleich das zerbrochene
Fenſter meiner Kammer nur mit einem Kopfkiſſen
zugeſtopft war. Dem ärmlichen Nachtlager folgte
ein beſſeres Frühſtück, und auch mein Pferd fand ich
vortrefflich abgewartet. Ich reiſe, wie die Araber,
Gallop oder Schritt, dies fatiguirt am wenigſten,
[183] und man kommtjava.lang.OutOfMemoryError: Java heap space