Ich ging der Warne schönbeblümten Strand
Entlang. Wie duftet' er! Wie funkelte
Sein blumiges Gestad' im sanften Strahl
Der Abendsonne. Rechts beschattet' ihn
Der stimmenvolle Hayn; ihn säumte links
Das Gold des Waizens. Droben wölbte sich,
Reinausgeheitert durch des Eurus Hauch,
Der ewge Himmel, spiegelte sich treu
[292]Mit jeder Purpurwolke, die empor
Aus Westen flattert', in der reinen Fluth.
So spiegelt Gott der Herr sich selbst mit Lust
In einer Menschenseele, die noch rein
Und unverfälscht und gut und redlich ist.
Ich lagerte mich an des Flusses Saum,
Von Kalmus rings umduftet. Gottes Hauch
Umsauste mich. — Da rudert' aus dem Schilf,
Voll hohen Anstands, Adels, Majestät,
Doch alles Dünkels, alles Wahnes baar,
Hervor ein königlicher Schwan. Er war
Weiſs angethan, so blendend weiſs, als sey
Sein glänzendes Gefieder aus dem Schaum
Des Meers geblasen. Langsam rudert' er
Und ernst einher. Sein melancholisch Haupt
Auf seine reine Brust gesenkt. So fand
Ich Iden einst das Auge thränenvoll,
Den Schwanenhals auf ihre Schwanenbrust
In stiller Schwermuth einsam hingeneigt.
Ich lag und lauschte. Stille war umher:
Die Sonne sank; die Lerche senkte sich
Tiefkreisend auf ihr Nest im Waizenschlag;
Und Gottes Odem hauchte leiser. — Horch!
[293]Da weht' es süſs, wie Liebeslispel wehn,
Und seeleschmelzend, wie ein Sterbelied,
Das Heil'ge singen, über Strom und Flur.
Ich schmolz in süſse Wehmuth. Zwar vernahm
Ich nicht des Liedes Worte; doch sein Klang
Durchschütterte mich mächtig, wiegte mich
In tiefe Träumereyen ein. Ich sah,
Ich hörte Mütter, die dem Grabe nah,
Die Kinder ihres Herzens segneten,
Und Jungfraun, die zu ew'ger Reinigkeit
Sich Gott gelobten; Bräut' und Jünglinge,
Die Lipp' auf Lippen ihren Lebensgeist
Ins All der Liebe heiſs ausathmeten.
So däucht' es mir; so klang dem Schwärmenden
Des Schwanes melancholischer Gesang.
Und stiller ward der Schwärmer, lauschete
Und athmete noch leiser, daſs ihm nicht
Des Liedes schwächster Laut entschlüpfte. — Schau!
Da stieg ein Schwarm von Geyern, Kranichen,
Von Störchen, Raben, Kibitz, und was sonst
Unreinen Viehs im blauen Äther schwimmt,
Lautkreischend in die Luft. Den klaren Tag
Verdunkelte der Schwarm; des Schwarms Gekreisch.
Sein Rufen, Krächzen, Klappern überschrie
Des schönen Sängers schmelzenden Gesang.
[294]Und ich ergrimmt' im Geist. Unmuthig schwoll
Das Herz im Busen mir, daſs ungestraft
Der dummen Kläffer höhnendes Geschrey
Das heil'ge Lied verschrie; daſs dem Gezücht
Der geistigen Eunuchen, die, entmannt
In Mutterleibe schon, dem Genius,
Des Genius göttlichsten Ausblitzungen
Haſs und Verfolgung schwuren — daſs der Brut
Ihr kirchenschändend gottverläugnend Thun
Auch auf Momente nur frommt' und gedieh.
Ich irrt' entlang den blumenvollen Strand,
Ertrat Violen und Vergiſsmeinnicht,
Entrauft erzürnt dem wilden Rosenstrauch
Sein grünes Haar, und streut' es in den Wind.
Nicht so der Schwan. Groſs, schweigend und
in Ruh
Des Selbstbewuſstseyns rudert' er dahin.
Sein Schneegefieder glänzte durch die Nacht
Der Frevler rings um ihn, wie durch die Welt
Voll Bosheit eine gute Seele glänzt.
Deſs grollten ärger noch die Frevelnden,
Und neue Bosheit keimte, wuchs und reift'
Im Hui! in ihrer neidgeschwollnen Brust.
[295]Sie brausten eilig zum verwandten Koth,
Sie tauchten unter in den zähen Schlamm,
Belasteten Schweif, Schnabel, Schwing' und Krall'
Mit ekelhafter Beute, rauschten schwer
Beladen auf, umstürmten links und rechts
Den silberweissen Schwan, und schüttelten
Und klatschten wüsten Schmuz — wie aus der Ess'
Ein schwärzrer Brodem wirbelt, und die Luft
Verdunkelt — nieder auf den reinen Schwan.
Da wölkte sich sein blendendes Gewand,
Die Lilienweisse der gewölbten Brust,
Der klare Spiegel seiner Schwingen ward
Entstaltet, wie durch Tück' ein schön Gesicht,
Entadelt, wie ein Herz durch Bosheit wird.
Und heisser noch ergrimmt' ich, tiefer noch
Gekränkt, daſs so verächtliches Gezücht,
Zufrieden nicht, des Sängers hohes Lied
Ruchlos verhöhnt zu haben, frecher itzt
Auch seinen Leumund, seiner Sitten Zucht,
Den lautern Sinn, das tadellose Thun,
Des Geistes Einfalt und Rechtschaffenheit,
Dreist zu begeifern sich erfrechen thät.
Entrüstet wandelt' ich den Strand entlang.
Ich schauet' auf zum amethystnen Dom,
Ich nahm zum Zeugen solcher Ungebuhr
3 U
[296]Ihn, der das heil'ge Lied dem Menschen gab
Zum Trost in seinen Mühen, ihn, der selbst
Rein, schuldlos, makellos, des Reinen nur
Sich annimmt, alles Trugs und Schmutzes Feind.
Es fehlte wenig und ich forderte
Heraus den Gott im rohen Ungestüm,
Zurückzuschleudern die verruchte Brut
In ihr Geklüft', zu rein'gen Licht und Luft
Von ihrer Gegenwart Vorwurf und Quaal.
Nicht so der Schwan. Groſs, schweigend und
in Ruh
Der Unschuld tauchete der Herrliche
Hinunter in die Fluth, verzog in ihr
Von Athemzug zu Athemzug, und sieh!
Nur schimmernder, nur reiner noch, denn vor,
Enttauchet' er der Fluth. Hinweggespühlt
War jeder Makel, jedes Schmuzes Spur.
Die dummen Neider sahn ihn, rauschten auf
In ihrer Ohnmacht knirschendem Gefühl,
Und floh'n zum Aas im nächsten Thal zurück.
Der Vogel Gottes aber schwamm getrost,
Voll hohen Anstands, Adels, Majestät,
Doch alles Dünkels, alles Wahnes baar,
Hinab die blauen Fluthen. Angeweht
Von Gottes Hauch, vom letzten rothen Strahl
[297]Des Tags umgoldet, rudert' er dahin
In stillem Ernst. Sein melancholisch Lied
Durchwallte fey'rlicher den dunkeln Forst,
Und stillte siegend mein empörtes Herz.
Erweicht, beschämt, genesen jeder Quaal
Stand ich erröthend, wie der ferne West,
Und thränend, wie der nahe Rosenbusch
Im Abendthau — „Unsterblicher Gesang,
Rief ich begeistert aus, zu dämpfen dich,
Wie zu vermailigen des Sängers Ruf,
Versucht umsonst der Neider dumme Wuth,
Umsonst der Sykophanten Hohngeschrey.
Sein Grimm verschnaubt und ihr Geschrey verstummt.
Du aber, heil'ges Lied, des Gottes voll,
Tönst nieder zu den Enkeln, rührst, entzückst,
Und nennst des Sängers Namen, der vorlängst
Verschwunden, der gerechtern Afterwelt.
O süſse Gabe, rief ich inbrunstvoll
Und sehnsuchtvoll, des Liedes Gabe sey
Gewährt mir für das Leben! Öfter noch
Heb' aus der Wirklichkeit beschränktem Kreis,
Heb' über eitles Lob und schnöden Hohn',
Heb' über alles, was den Sinn verwirrt,
[298]Und ängstiget den Geist, den Strebenden
Hinüber in der Dichtung güldnes Land,
Das Land der Fabel und des Ideals.
O süſse Gabe! rief ich tiefer noch
Erschüttert. Ruhig sank und groſsgeaugt
Die Sonne nieder. Feyernd lag umher
Der Wald, die Flur, der Strand. Der klare Fluſs
Glitt purpurfarbig zwischen Blumen hin.
Froh der Erscheinungen, von Licht und Glanz
Durchstrahlt mein Innerstes, leis' angehaucht
Von ungebohrner Lieder lindem Wehn,
Schied ich erweicht von dannen und erstarkt!