Denen
Hochverordneten Obrigkeiten
und
Haͤmtlichen Mitgliedern
eines
Hochanſehnlichen Ritterſtandes
der
zu der vormaligen hochberuͤmten lieflaͤndiſchen Ordensprovinz
gehoͤrigen Herzogtuͤmer
Lief-Eſth-und Curland
wie auch
der Provinz Oeſel
widmet
dieſen andern Theil der lieflaͤndiſchen Chronik
in ſubmiſſem Gehorſam
der Verfaſſer.
Ew. Hochwolgebornen geruhen der pflicht-
maͤßigen Zuſchrift dieſes andern Theils der lief-
laͤndiſchen Chronik deſto geneigtere Aufname
zu ſchenken, je naͤher mich mein Beruf ans kaiſerliche Lyceum
zur Hiſtorie, und ſonderlich zur einheimiſchen Geſchichte des Lan-
des verbindet, und welcher wegen Kuͤrze unſrer nicht mehr um
Geld feil ſtehenden Scribenten eine genauere Unterſuchung der
alten Ordensverfaſſung von mir erfordert.
Die Anfechtung wurde im vorigen Jahrhundert manchem
die erſte Lehrmeiſterin der Landesgeſchichte, und Liefland hatte
die betruͤbte Erfarung damals in Haͤnden, was die Gleichguͤl-
tigkeit oder Kaltſinnigkeit gegen dis edle Studium fuͤr uͤble Fol-
gen nach ſich zoͤge. Der Mangel der Huͤlfsmittel aber trug
Schuld, daß ein Cavalier nicht eher an die Hiſtorie ſeines Va-
terlandes mit Ernſt denken konte, als bis er nach Niederlegung
oͤffentlicher Aemter und Kriegesdienſte auf ſeinen Landguͤtern
ein ruhig und unbeſchaͤftigt Alter abwartete. Nunmehr wer-
den auch die juͤngern Gelegenheit haben, ihr Vaterland eigentli-
cher zu kennen, und mit dieſer Kentnis die Reiſen in fremde Laͤn-
der deſto nuͤtzlicher und fruchtbarer anzutreten.
Die Verdienſte, Hochwolgeborne Herren, die theils
Dero ruhmwuͤrdige Vorfahren und Anherren, theils Dero
hohen Anverwandte durch das Regiment der Kirche und des
Ordens ſich erworben, bleiben unvergeslich. Die Wirkungen
derſelben liegen am Tage, ob uns gleich die Parteilichkeit oder
Scheelſucht damaliger Geſchichtſchreiber viel namhafte Thaten
verhelet, oder ſie auf der unrechten Seite vorgeſtellet. Haben
nicht dieſe Helden der alten Zeit ein blindes und aberglaͤubi-
ſches Volk von unterſchiedenen Sitten und Sprachen durch
das Gluͤck der Waffen zur Annemung der geoffenbarten Reli-
gion gebracht, und nach den Grundſaͤtzen ihrer Kirche durch
noͤtige Zwangsmittel vor dem oft gewagten Ruͤckfal verwa-
ret? Haben ſie nicht mit Verleugnung aller Gemaͤchlichkeit
und Ruhe ſich an die Spitze der Heere geſtellet, wenn ſie ent-
weder das Chriſtentum auszubreiten oder zu beſchuͤtzen hat-
ten? Und wie gluͤcklich ſind nicht dieſe Unternemungen abge-
laufen, bis die groſſe Vorſicht die Kriegesſchule aͤnderte, und
ihnen unter der Anfuͤrung gekroͤnter Haͤupter andere Ritter-
dienſte anwies?
So viel glorwuͤrdige Koͤnige der Pohlen und Schweden
die einzelnen Theile des alten Lieflandes beherrſchet, ſo viel
Ehrenbuͤhnen oͤfneten ſich dem lieflaͤndiſchen Adel, Uebungen
eines ritterlichen Heldenmuts zu zeigen. Jch berufe mich auf
das Vertrauen der groͤſten Potentaten zu der Pflicht und dem
Wohlverhalten eingeborner Lieflaͤnder, die unter ihren Armeen
Dienſte genommen, und auf dem Bette der Ehren ſichs zur
Unſterblichkeit angerechnet, Blut und Leben fuͤr ihren Koͤnig,
nicht ihre Treue zu verlieren. Wie wichtige Bedienungen des
Staats, des Hofes und Landes in erlauchten Collegien und
Regierungen haben nicht Dero an Wiſſenſchaft und Klugheit
beruͤmte Vorfaren verwaltet, die entweder durch neue Ver-
dienſte den alten Adel erhoͤhet, oder einen neuen auf ihre Nach-
kommen fortgepflanzet? Hier verſchweige ich dieſe Namen, die
in der fernern Folge der lieflaͤndiſchen Chronik eine anſehnliche
Zierde geben, mit Ehrerbietung, aus Beiſorge bey ſo zalreicher
Menge derſelben einige zu uͤbergehen.
Was ſol ich von jenen wohlverdienten Maͤnnern ſagen,
welche das Gluͤck hatten, Zeugen der Siege eines unſterblich
groſſen Petrus zu ſeyn; die dieſem nunmehr verewigten Helde
in ſeinen Feldzuͤgen durch unuͤberſteigliche Gefaͤrlichkeiten nach-
ſchritten, und von ſeiner allerhoͤchſten Perſon die Kriegeskunſt
lernten; die er wuͤrdig fand, ſeiner hohen Weisheit in Rath-
ſchlaͤgen theilhaftig zu machen, und ihnen nach wohlgepruͤf-
ter Faͤhigkeit das Ruder des Regiments und Staats in Mili-
tair- und Civilgeſchaͤften anzuvertrauen? Sie haben den Nach-
ruhm
[] ruhm und Lohn rechtſchaffener Patrioten: und die jetzo von den-
ſelben ſich noch am Leben befinden, werden ihre Verdienſte ums
Reich und das Vaterland nach dem Wechſel der Zeit mit der
Ewigkeit in der Hiſtorie unverweslich erhalten.
Die Ordnung der Gedanken fuͤret mich auf die gluͤckſe-
lige Regierung der unvergleichlichen Eliſabeth, der glorwuͤr-
digſten Kaiſerin und Selbſtherſcherin aller Ruſſen. Sie,
Hochwolgeborne Herren, genieſſen die vorzuͤgliche Gna-
de, der allergnaͤdigſten und ſanftmuͤtigſten Monarchin zur
Hand zu ſeyn, ihren Laͤndern weislich zu rathen, ihre Befele
zu befolgen, ihren Unterthanen Gerechtigkeit zu verſchaffen,
und zum Theil unter ihren Siegesfahnen in Dienſten zu ſte-
hen. Sie widmen nicht nur wackere Soͤhne fuͤr den Staat
und die Heere unſerer allerhoͤchſten Souveraine, ſondern er-
ziehen ſie auch zu dieſen Ehrenaͤmtern gelehrt und rittermaͤßig.
Sie koͤnnen nicht ohne empfindliche Ruͤhrung und Dankbar-
keit bleiben gegen die hoͤchſte Vorſicht GOttes und gegen ſei-
ne Geſalbte, die eine an Verdienſten ſo glaͤnzende Ritterſchaft
bey den theuer hergebrachten Privilegien nicht nur erhaͤlt, ſon-
dern dieſe Freiheiten aufs grosmuͤtigſte vermeret; die den
Wohlſtand des Landes mit ausnemender kaiſerlichen Huld ver-
beſſert und uns den unſchaͤtzbaren Frieden erhaͤlt. Der al-
maͤchtige Arm des Hoͤchſten unterſtuͤtze die Schultern, welche
die Regierungslaſt ſo weitlaͤufiger Reiche und Provinzen tra-
gen, mit auſſerordentlicher Kraft, und begluͤcke das allerhoͤch-
ſte |kaiſerliche Haus mit alle dem Gute, was die von tiefſter
Ehrfurcht und treueſter Liebe geruͤhrte Vaſallen und Untertha-
nen vom Himmel erbitten. GOtt goͤnne auch unſern Nach-
barn die Fruͤchte eines ſo geſegneten Regiments, und laſſe inſon-
derheit Curland unter dem Scepter eines allerweiſeſten Auguſts
bey dem Fette und der Fruchtbarkeit ſeiner Felder mit uns uͤber
die Tage des ewigen Friedens vergnuͤgt und froͤlich ſeyn.
Die Betrachtung ſolcher Vorzuͤge, Hochwolgeborne
Herren, beweget mich, dieſe wenigen Nachrichten, die Krieg,
Brand, Verwuͤſtung und andere Ungluͤcksfaͤlle uns uͤbrig gelaſ-
ſen, Denenſelben zu beſondrer Geneigtheit zu empfelen; weil
ſie auſſer buͤrgerlichen Haͤndeln auch das Andenken Dero beſt-
verdienten Vorfaren der Nachwelt aufheben. Nicht meine
maͤßige Wiſſenſchaft, ſondern Dero edelmuͤtigen Befoͤrderung
iſt es zuzuſchreiben, daß aus der Zeit des Ordens mehreres be-
kant geworden, daß man einige lateiniſche Documente zum Nu-
tzen der ſtudierenden Jugend auf behalten, und daß wir die be-
ruͤmte rußiſche Nation, aus den Zeugniſſen vernuͤnftiger Ge-
ſchichtſchreiber, in ihrer wahren hoͤchſt wuͤrdigen Geſtalt der
)( 2Welt
[] Welt darſtellen koͤnnen. Es wuͤrde aber manches aus den alten
Zeiten in groͤſſere Deutlichkeit geſetzet worden ſeyn, wenn eine
ſo fuͤrtrefliche Ritterſchaft nach dem Exempel des uͤbrigen euro-
paͤiſchen Adels Belieben faͤnde, Dero Geſchlechtsregiſter zum
Gedaͤchtnis ſo hochberuͤhmter Vorfaren im Druck kund zu ma-
chen. Was hier und da dem groſſen Univerſallexico einverlei-
bet worden, iſt zu abgebrochen, und enthaͤlt zu wenig aufs
Ganze, zu geſchweigen, daß dieſes weitlaͤuftige Werk in den
Haͤnden der meiſten Praͤnumeranten ſich unvolſtaͤndig befin-
det. Die andern Familiennachrichten kleinerer Buͤcher zeigen
uns den lieflaͤndiſchen Zweig nur durchs Fernglas, oder beken-
nen ihre Unwiſſenheit, weil ſie erſt aus Liefland den Zuſammen-
hang erwarten.
Die Muͤnzen der Ordenszeit ſind von Liebhabern fleißig
genug geſamlet. Da nun noch eine gute Anzal derſelben zer-
ſtreuet, dieſe aber auſſer ihrer Ordnung und Zeitfolge wenig
vorſtellen: ſo waͤre allerdings zu wuͤnſchen, daß ſie entweder
aus vielen Haͤnden in ein Cabinet geriethen, oder daß eine
hinlaͤngliche und nach den Jahren eingerichtete Samlung an
einem oͤffentlichen Orte zum Beſehen aufgeſtellet, und durch
dieſes Aufheben ihrer Vergeſſenheit und ihrem Untergang ent-
riſſen wuͤrde. Sie ſind die unverwerflichſten Denkmale, daß
Liefland wirklich das geweſen, wie es die Geſchichte be-
ſchreiben.
Jch weis keine angenemere Belonung meiner eigenen Ar-
beit, als Dero Beifal, den mir aufs zuverſichtlichſte ausbitte,
und fuͤr den ich mit begierigſter Gegenerkentlichkeit bin,
Gnaͤdige Herren,
Ew. Hochwolgebornen
Riga, den 25ſten April 1753.
unterthaͤniger und gehorſamſter Diener
Johann Gottfried Arndt.
Die Seltenheit unſerer Geſchichtſchreiber kan die Ausar-
beitung einer neuen Ordensgeſchichte von Liefland
zur Gnuͤge rechtfertigen, die bey ſo bewandten Um-
ſtaͤnden keine unnoͤthige Arbeit ſeyn kan. Wenige Lieb-
haber beſitzen die theuren Werke des Huitfelds, des
Pontanus und Chytraͤus, welche Schriftſteller doch noch nicht einmal
zur Hauptabſicht gehabt, die Haͤndel des lieflaͤndiſchen Ordens aus-
fuͤhrlich zu erzehlen. Die Menge der pohlniſchen und preußiſchen Ge-
ſchichtſchreiber treiben ſie gleichfals bey andern Materien nur als ein Ne-
benwerk. Die ſo den Staat von Rusland beſchrieben, bleiben nur bey
den neueſten lieflaͤndiſchen Begebenheiten. Unſere einheimiſchen Ge-
ſchichtſchreiber, Ruſſow*) und Kelch**), ſind bey uns ſo ſelten, daß ſie auf
aden
[]Vorrede.
den oͤffentlichen Buͤcherauctionen um 3 bis 4 Dukaten erſtanden werden;
daher ſie ſchwerlich jungen Leuten in die Haͤnde gerathen; zu geſchweigen,
daß ſie ſich bey den Zeiten des Ordens nur kurz aufgehalten. Die beiden
Herren Schurtzfleiſche*) in Wittenberg haben zwar die Ordensge-
ſchichte eigentlich zu ihrem Zweck erwehlet**); allein die Huͤlfsmittel, de-
ren ſie ſich bedienet, waren nicht von der Beſchaffenheit, daß ſie dieſelbe zu-
verlaͤßig darnach abhandeln konten.
Nachdem der koͤnigliche grosbrittanniſche geheime Juſtizrath, Hi-
ſtoriographus, und Bibliothekarius zu Hannover, Herr Daniel Gru-
ber, durch ſeine Entdeckungen in den Originibus Liuoniae der Ordenshi-
ſtorie von Liefland die Bahn gebrochen; ſo ſchien es nicht ganz unmoͤglich,
dieſen Fuſtapfen nachzuſpuͤren, zumal da in dem ſchoͤnen gruberſchen
Werke eine ganze Bibliothek zur lieflaͤndiſchen Hiſtorie angewieſen wor-
den. Der Herr Rittmeiſter Otto Magnus von Aderkas auf Kuͤrbis
bot auch gleich aus freien Stuͤcken durch Vorſchub gedruckter und unge-
druckter Schriftſteller, die nur einiger maaſſen in die Geſchichte des Landes
einzuſchlagen ſchienen, die erſte huͤlfreiche Hand dazu an. Wir haben eine
ſo ruͤmliche Beihuͤlfe nicht obenhin angenommen, ſondern ſie zur Ermun-
terung gebraucht, ſelbſt Hand ans Werk zu legen, und ſind aus mehr
als einer Bibliothek mit den benoͤthigten, theils geſuchten, theils unge-
ſuchten Huͤlfsmitteln verſehen, und alſo zur Ausarbeitung dieſes Theils
gleichſam berufen worden.
Die Quellen, daraus die Geſchichte des Ordens geſchoͤpfet werden
muſte, und worauf alles ankam, waren verſiegen, oder doch hinter ſolche
Zaͤune verleget, zu denen der Zugang hoͤchſt ſchwer war. Man hatte uns
zwar
**)
[]Vorrede.
zwar dieſen und jenen Canal angewieſen: allein wie ſolten ſolche kleine
Stroͤmgen das leere Meer der hiſtoriſchen Begebenheiten fuͤllen koͤnnen,
welches durch gar zu ſtarke und oͤftere Ableitungen bis auf den Grund
ausgetrocknet war? Der wichtigen und ſchon bekanten Zerſtoͤrung des al-
ten erzbiſchoͤflichen Archivs zu Kokenhauſen nicht zu gedenken, ſo hat die
buͤrgerliche Geſchichte durch den 1532 entſtandenen Brand in Riga und
den Verluſt der Gildeſtubenbuͤcher einen anſehnlichen Abgang erlitten.
Aus dem rigiſchen Archiv holten die Pohlen 1620 ein ſtark Packet Ori-
ginale weg. Jm Jahr 1621 wurden aus Mitau durch die Schweden
viele daſelbſt verwarte lief- und eſtlaͤndiſche Documente nach Stock-
holm gebracht, dergleichen 1710 den oͤffentlichen Archiven der Regierung,
des Burggerichts und des Conſiſtorii zu Revel ſo gar mit Wegnehmung
aller hiſtoriſchen Privatſamlungen in Eſtland wiederfuhr. Jm Jahr
1674 den 9ten Febr. gerieth das Obertheil des rigiſchen Rathhauſes in
Brand, wodurch die Protocolle bis 1660 zu Aſche wurden, welchen Ver-
fal der Hr. Oberpaſtor, Mag. Brever in einer beweglichen Predigt uͤber
AmosVII, v. 4. 5. 6 den Tag darauf beklagte. Laut des hard-
tiſchen Verzeichniſſes giengen recht alte und wichtige lieflaͤndiſche Brief-
ſchaften bey ploͤtzlicher Abbrennung des koͤniglichen Schloſſes zu Stock-
holm 1697 in Rauch auf, die uns 3 Jahrhunderte hindurch Licht gege-
ben haͤtten. Weil auch bey den unruhigen Kriegeszeiten das Ritterſchafts-
archiv von Haus zu Haus, ja wol gar zu Lande herum wandern muͤſſen,
ſo iſt manches ſchoͤne Original daruͤber verloren gegangen. Denn ob ſich
wol dann und wann ein Ulyſſes nach langen Umſchweifen und zwar ganz
unkentlich wieder zu Hauſe eingefunden; ſo haben doch viele durch die uͤble
Haushaltung des Mars ihren Reſt, oder in den Briefladen der Privat-
leute ein unrecht angewieſenes Quartier bekommen, und in ſolchem un-
ſchuldig vermodern muͤſſen.
Dieſer Verluſt waͤre einigermaſſen zu verſchmerzen, wenn ſich die al-
ten Aufſaͤtze der Pfaffen finden wolten, welche zur Zeit der Ordensregie-
rung merkwuͤrdige Veraͤnderungen erlebet haben. Auch dieſen Papieren
haben die Regenten das Garaus gemacht. Der culmiſche Kanzler Lu-
cas David berichtet, daß der Orden alle preußiſche Chroniken auſſer
den Duisburger und Jeroſchin verbrant habe. Der Hochmeiſter Mi-
chael von Sternberg lies alle Chroniken vertilgen, weil ſie den Hußiten
das Wort redeten, daher viele ihre Chroniken vermaurten. An Kettlern
ſelbſt haben manche bemerken wollen, daß er keine Chroniken leiden koͤn-
nen, weil die Moͤnche gemeiniglich der Cleriſey Recht gegeben.
Die Privilegien der Staͤdte, ſo die Vorſicht ihres Magiſtrats meh-
rentheils in Urſchriften aufgehoben, gehen hie und da in Abſchriften durch
die Haͤnde, und erlauben uns noch einige Blicke in die verloſchenen Zeiten
des Alterthums. Doch liegen noch manche unter dem Namen der henſi-
ſchen Vertraͤge, oder wolmerſcher und wendenſcher Receſſe, in ſtarken
Stoͤſſen unaufgeloͤſt und unberuͤret. Sie werden auch in dieſer langen
Ruhe ungeſtoͤrt bleiben. Jhre Schrift erfordert mehr als 2 Augen, und
die Durchſicht derſelben eine Freiheit von andern oͤffentlichen Geſchaͤften.
Da ſie keinen andern Gehalt als ein kleines Vergnuͤgen fuͤr die Neubegier-
de gewaͤhren, ſo duͤrfte wol der Tag ihrer Auferweckung ſo bald noch
nicht anbrechen.
Bey ſo oftmaliger Ausleerung der Archive koͤnnen die einheimiſchen
Urkunden wenig Stof zur Hiſtorie ertheilen. Es iſt daher kein Wunder,
wenn die zahlreiche Samlung unſerer Handſchriften nichts beſonders ent-
haͤlt, und die Liebhaber der Hiſtorie die angewandten Schreibekoſten als
a 2ein
[]Vorrede.
ein anſtaͤndiges Almoſen anſehen muͤſſen. Wir berufen uns auf die Erfah-
rung aller geſchickten Kenner, ob ſie in dergleichen Abſchriften was anders
finden, als eine magere Geſchichte der alten Zeiten, die ihres gezerreten
und uͤbel ausgedehnten Vortrags halber mit altvaͤteriſchen Formeln we-
nig oder nichts ſagen, und einen lehrbegierigen Leſer von einem Blat zum
andern auf ein leeres Jch weis nicht warten laſſen. Jn dem vorigen
Jahrhundert, da das Chronikenſchreiben in Liefland recht zur epidemi-
ſchen Krankheit geworden, haben die Verfaſſer nicht fuͤr die gelehrte Welt,
ſondern zu ihrem Zeitvertreib geſchrieben, oder nur die Abſicht gehabt, die
Begebenheiten ihrer Zeiten zu bemerken; daher ſie entweder die alte Hi-
ſtorie fluͤchtig uͤberhuͤpfen, oder den alten Ruſſow und Henning bald ſtuͤck-
weiſe, bald ganz ausſchreiben, nach dem einer vor dem andern was zuſam-
menhaͤngendes liefern wollen. Selbſt Neuſtaͤdt bindet ſich im Anfang
ſeiner Geſchichte an keine Ordnung, und Thomas Hiaͤrne*), der unſern
Livius vorſtellet, bringt auſſer den kurzen Auszuͤgen aus der gruberi-
ſchen Handſchrift und den daͤniſchen Geſchichtſchreibern wenig erhebli-
ches von der Regierung der Erzbiſchoͤfe und des Ordens vor. Hierzu
komt noch, daß ſeine Handſchrift in denen Documenten aus dem Huitfeld
und Pontanus durch unlateiniſche Schreiber oft bis zur Unverſtaͤnd-
lichkeit gemishandelt worden.
Solchen Hauptmaͤngeln der Handſchriften haben gelehrte und tuͤchti-
ge Maͤnner durch Hervorſuchung der noch vorhandenen oder auswerts be-
findlichen Urkunden abzuhelfen geſucht. Weil aber hierdurch die Hiſtorie
ein geraumiges Feld bekommen, und die letzten Jahre von 1560 bis auf
ihre Zeiten an Documenten ſehr fruchtbar ſind, ſie aber den ganzen Um-
fang auf einmal durchzuarbeiten ſich vorgeſetzet; ſo hat ſie der Tod bey ſo
weit geſtecktem Ziel ohne Uebereilung abholen koͤnnen.
Der gelehrte rigiſche Rathsherr, Herr Johan Witte**), hat mit
auſſerordentlichem Fleis und erſtaunlicher Arbeitſamkeit das Archiv der
Stadt
[]Vorrede.
Stadt Riga durchſucht, und auſſer vielen herrlichen Huͤlfsmitteln, durch
hohen Vorſchub aus Schweden einen ziemlichen Vorrath von Urkunden
ſich abgeſchrieben, die doch mit ſeinem Abſterben der Nachwelt eben ſo bald
durch Verſchlieſſung, als ſeine Perſon durch den Tod entzogen worden.
Der Vicepraͤſident des rußiſch-kaiſerlichen Juſtizcollegii, Herr Her-
man von Brevern*), ein Vater zweier hochverdienten Staatsminiſter,
bbeſas
**)
[]Vorrede.
beſas den groſſen Geiſt, der ſich an die merkwuͤrdigſten Sachen des Alter-
thums und an die Urkunden des Landes ohne Schwachheit wagen konte.
Sein aufgeweckter und lebhafter Witz, der ſich ſchon in ſeinen kleinern
Schriften zeiget, wuͤrde uns was ausnehmendes geliefert haben, wenn
das oberſte Verhaͤngnis nicht ſeinem Leben ein enger Ziel als ſeinen Ab-
ſichten haͤtte ſetzen wollen. Einige ſeiner durch Erbſchaften zerſtreueten
Papiere ſind in Abſchriften der Vergeſſenheit gluͤcklich entzogen; dahinge-
gen die uͤbrigen ſamt den rareſten Muͤnzen von ihren jetzigen Beſitzern aus
ſonderlicher Liebe geheimer gehalten werden, als es der Hiſtorie zutraͤg-
lich iſt.
Der Secretair des Generalgouvernements von Eſtland, Herr
Bernhard Rieſemann, hatte ſich in den eſtlaͤndiſchen und revelſchen
Documenten wohl umgeſehen. Er ſuchte bey ſeinem erfahrnen Alter, und
in der nach vielen Amtsgeſchaͤften erbetenen Ruhe, ſein Vergnuͤgen darin,
die Hiſtorie des Landes zu erweitern. Wir wuͤrden ſeinem freiwilligen
Verſprechen zu Folge ſeine Beitraͤge mit erhalten haben, wenn ihn nicht
nach einer kurzen Krankheit ein uns, nicht ihm, unerwarteter Tod den
11ten April 1750 die Feder haͤtte niederlegen heiſſen. Die Erben, welche
ſeine Arbeit, die groͤſtentheils die Rechte und Privilegien von Eſtland be-
trift, nicht zerſtreuen wollen, werden ſie mit der Zeit vielleicht der Welt
mittheilen.
Unter denen, welche zur Ausfuͤhrung und Herbeiſchaffung der ver-
lohrnen Hiſtorie von Liefland das meiſte beigetragen, macht der Land-
rath und Praͤſident des lieflaͤndiſchen Oberconſiſtorii, Herr Carl Guſtav
Clodt von Juͤrgensburg, die erſte Perſon aus. Die Veranlaſſung war
folgende. Die Provinzen und Staͤdte des Koͤnigreichs Schweden mu-
ſten bey dem Leichenbegaͤngnis des hoͤchſtſeligen Koͤnigs Carls des XIten
und der damit verknuͤpften Gluͤckwuͤnſchung wegen der Thronfolge ſich.
im Jahr 1697 durch ihre Abgeordneten in Stockholm einfinden. Das
damals hochbedraͤngte Liefland hatte, auſſer andern politiſchen Anfechtun-
gen, eine recht gefaͤhrliche Obſervation wegen des ſo genanten Biſchofszehnden
von ſich abzulehnen. Eine Unterſuchung, die dem groͤſten Theil des
Adels den Verluſt der Guͤter und den gaͤnzlichen Untergang drohete;
weswegen derſelbe entſchloſſen war, durch eine beſondere Botſchaft nach
Rom uͤber dieſen Zehnden eine naͤhere Belehrung einzuziehen, wenn es
wegen Kuͤrze der Zeit und ohne Aufſehen geſchehen koͤnte. Die auf das
Ausſchreiben des koͤniglichen Generalgouverneurs auf dem Landtage zu
Wenden verſamlete Ritterſchaft bemuͤhete ſich um drey angeſehene Mit-
glieder, die dieſen Verrichtungen am ſchwediſchen Hofe bey ſo gefaͤhrli-
chen Umſtaͤnden gewachſen waͤren. Sie fiel mit einhelliger Stimme
auf den Herrn Praͤſidenten Clodt von Juͤrgensburg und ernante ihn zu
ihrem Abgeordneten, tanquam (wie die lateiniſchen Worte des deut-
ſchen Receſſes lauten,) ad hunc actum maxime idoneum. Dieſer treue
Patriote war fuͤr die algemeinen Angelegenheiten des Landes eben ſo be-
muͤhet, als fuͤr die Ausfuͤhrung der ihm uͤbertragenen Staatsgeſchaͤfte.
Allein das nach Schweden weggebrachte herrmeiſterliche Archiv, ſo
Kettler in Mitau verwahret, und das Stilſchweigen der Hiſtorie mach-
te der lieflaͤndiſchen Ritterſchaft den Hauptbeweis ſchwer, und ſo lange
un-
*)
[]Vorrede.
unmoͤglich, bis aus tuͤchtigen Urkunden der Grund oder Ungrund der
vorgegebenen Frage klaͤrlich dargethan wuͤrde. Zu dem Ende wirkte der-
ſelbige durch inſtaͤndiges und anhaltendes Bitten, den 15ten Merz 1698,
an den damaligen Canzleyſecretair und Archivarius, Herrn Sven Ley-
onmarck, den hohen koͤniglichen Befehl aus, vermoͤge deſſen er alle zu
ſeinem Unterricht dienliche Urkunden aus dem Reichsarchiv zur Abſchrift
erhielt, in welchem zugleich eine Menge eſtlaͤndiſcher, curlaͤndiſcher,
preußiſcher und pohlniſcher Briefſchaften verwahret lagen. Der ge-
ſchickte Altertumskundige in Stockholm, Herr Richard von der
Hardt, beſorgte dieſe Abſchrift, und unſer redlicher Patriot ſchonete kei-
ne Koſten und Geſchenke zur Vergeltung einer ſo vieler Sorgfalt benoͤ-
tigten und weitlaͤufigen Arbeit. Dieſe Freigebigkeit aber ermunterte den
Abſchreiber, auch einen ziemlichen Theil der vom Herrn Hiaͤrne abge-
nommenen Documente wieder herbey zu ſchaffen, durch welche der alten
und neuern Hiſtorie von Liefland konte aufgeholfen werden.
Der Sohn deſſelben, der Herr Kammerjunker Jacob Guſtav
Clodt von Juͤrgensburg, war nicht nur der einzige Erbe dieſer Stoͤſſe
von Schriften, ſondern beſas auch den patriotiſchen Trieb ſeines Herrn
Vaters, dieſelben brauchbar und nuͤtzlich zu machen. Er lieferte ſelbige
nach genommener deutlichen Abſchrift in das Archiv der Ritterſchaft ein,
und vermehrte ſeinen Vorrath mit vielen andern Handſchriften. Wir
finden bey ihm die Folge faſt aller gedruckten und ungedruckten Geſchicht-
ſchreiber, die nur irgend in die lieflaͤndiſche Hiſtorie einſchlagen; inſon-
derheit aber das wohlgeordnete Kabinet der alten lieflaͤndiſchen Muͤn-
zen, ſo unſers Wiſſens das ordentlichſte und volſtaͤndigſte in ſeiner Art
genennet zu werden verdienet. Der Freigebigkeit des Herrn Kammer-
junkers haben wir hier oͤffentlichen Dank abzuſtatten, der ſo theuer an-
geſchafte Schriften faſt allein und umſonſt hergegeben, die man zum Ge-
brauch unſerer Leſer in dieſem Werke auszugsweiſe angefuͤhret, oder vol-
ſtaͤndig mitgetheilet.
Den vortreflichen clodtiſchen Samlungen fuͤgen wir billig die aus-
erleſenen Beitraͤge des Herrn Peter von Schievelbein, Obervogts der
Stadt Riga, bey. Durch die ruͤhmliche Vorſorge dieſes in unſerer Ge-
ſchichte wohl bewanderten Mannes haben wir manches ſeltene Origi-
nal zu Geſichte, und manche alte Abſchrift in die Haͤnde bekommen. Da
auch zur Zuſammenhaltung und Bergleichung einiger Abſchriften meh-
rere Exemplare noͤthig geweſen, ſo hat der Staatsſecretair des kaiſerli-
chen Generalgouvernements von Liefland, Herr D. Bernhard Theodor
Hausdorf, nach ſeiner Liebe fuͤr die ſchoͤnen Wiſſenſchaften, dieſelben her-
beizuſchaffen ſich Muͤhe gegeben. Eine gleiche Art der Beihuͤlfe iſt
uns durch den muntern Fleis des Herrn Ernſt Wilhelm Rour, Secre-
tairs der Stadt Mitau, zugefloſſen.
Was von buͤrgerlichen Sachen der Stadt unter den Briefſchaften
der groſſen Gildenſtube verwahrlich aufgehoben worden, hat der Elte-
ſte, Herr Bernhard von Huickelhaven, ſo wie die Doeumente der kleinen
Gilde, derſelben Elterman Herr Johan Chriſtoph Kleeburg, uns
mit vieler Willigkeit zu unſerm Gebrauch in der Geſchichte uͤberlaſſen
wollen.
Aus dieſen allen hat man die ordensmeiſterliche Geſchichte zu Stan-
de gebracht, viele Jahrzahlen verbeſſert, die verlornen Namen wieder
b 2her-
[]Vorrede.
hergeſtellet, und alten Berichten ihre Gewisheit verſchaffet. Zwar iſt
die alte Hiſtorie von Liefland fuͤr die Ehre eines Schriftſtellers gefaͤhr-
lich genug; weil ſie ſelbſt in den Urkunden durch ſo viele Luͤcken ganzer
Jahrzehnde durchbrochen iſt, zumal wenn unſere Leſer getrennete Bege-
benheiten in einer anmuthigen Erzehlung und richtigem Zuſammenhang
von uns verlangen ſolten. Allein da die witzigſten Einfaͤlle am leichte-
ſten ſtraucheln koͤnnen, ſo hat man ſich derſelben mit gutem Bedacht
enthalten, und lieber den Titel einer Chronik erwehlet, auch nicht den
Text nach den Jahren, ſondern die Jahre nach dem Text eingerichtet,
wenn gleich dadurch mehrere Luͤcken entſtanden. Denn Kauf- und Han-
delsbriefe in die ledigen Stellen einzuſchieben, die die Jahre haͤtten zur
Noth fuͤllen koͤnnen, wuͤrde ſo wol jedermans Erwartung als un-
ſerm Endzweck zuwider geweſen ſeyn. Wir geben ſelbſt dieſe Materien
fuͤr weiter nichts als einige vom algemeinen Schifbruch uͤbrige Truͤmmern
aus. Verungluͤckte oder verſchlagene Leute ſehen ſich nach ein paar Bret-
tern um, wenn ſie ihr altes Vaterland wieder finden wollen. Ein
Haus aus alten Werkſtuͤcken komt der Natur am aͤhnſichſten. Die
Kentnis der Knochen an einem Gerippe iſt eben ſo noͤthig, als die Kentnis
der fleiſchichten und feſten Theile des Koͤrpers. Vielleicht finden ſich
nach unſern Tagen Kuͤnſtler, welche uͤber dieſe Gebeine eine ſaubere
Haut ziehen. Wir haben uns der vorhandenen Documente nicht weiter
bedienet, als es unſere Abſicht, Faͤhigkeit, Kraͤfte und Nebenſtunden zu-
gelaſſen. Manche gar beſondere Nachrichten ſind um des lieflaͤndiſchen
Leſers willen unumgaͤnglich nothwendig geweſen.
So trocken die alte Hiſtorie an ausfuͤhrlichen Begebenheiten iſt; ſo
fruchtbar wird ſie nach der Zeit des Ordens an Feldzuͤgen, Belagerun-
gen, Streifereien, Scharmuͤtzeln, beruͤhmten Perſonen und merkwuͤr-
digen Veraͤnderungen; nicht als ob es vorher an dergleichen Vorfaͤllen
gefehlet, ſondern weil die Moͤnche zu gemaͤchlich und neidiſch geweſen, die
haͤufigen Siege der Ordensherren und ihrer Ritterſchaft umſtaͤndlich und
ruͤhmlich zu melden. Was auch von Moͤnchsarbeiten noch zu Papier ge-
bracht worden, hat nicht immer Gedeihen gehabt. Vermuthlich iſt
mancher Aufſatz von dem Orden unterdruͤckt, weil mehrentheils die Geiſt-
lichen, als der beleidigte Theil, ihr Unrecht und die erlittenen Bedraͤngniſ-
ſe zu lebhaft beklagten. Dazu komt noch, daß die Stadt Riga in den er-
ſtern Zeiten wenig mit den Meiſtern zu thun gehabt. Es giengen 130
Jahr vorbey, ehe die Buͤrgerſchaft, der ſchon das ſanfte Regiment des
Krumſtabs beſchwerlich fiel, auch noch uͤber dem das harte Joch des
Kreuzes, wiewol nicht ohne Murren, auf ſich nahm, und dem Meiſter
ſo wol als dem Erzbiſchof huldigen muſte. Daher auch die Zahl der
Ordensmeiſter des dreizehnten Jahrhunderts ſo wenig, als ihre Na-
men, von unſtreitiger Richtigkeit ſind, auch nicht aus dem Archiv der
Stadt hergeſtellet werden koͤnnen.
Der Oberſte unter den Ordensgebietigern hies der Meiſter. Die
Hoͤflichkeit der mitlern Zeiten ſetzte das Ehrenwort Herr davor, daher
ſie HerrmeiſterDomini Magiſtri, keinesweges aber Heermeiſter,Duces
exercitus, genennet worden. Jn dem 16ten Jahrhundert ſagte man
auch Vorſtenmeiſter, nachdem Plettenberg die Fuͤrſtenwuͤrde erhalten.
Wir haben ſie, um den harten und zweideutigen Ausdruck des Alter-
thums zu vermeiden, Ordensmeiſter betiteln wollen. Hochmeiſter,
Magiſtri generales, waren allein in Preuſſen zu ſuchen, welche ih-
ren
[]Vorrede.
ren Landmeiſter unter ſich hatten, obgleich dieſer letztere Name auch
in alten Zeiten dem Meiſter von Liefland beigeleget worden.
Die Eigenſchaften dieſer Helden ſind bey den alten Chronikenſchrei-
bern durch die Beinamen eines alten, frommen, tapfern, beſcheidenen,
erfahrnen und braven Mannes ausgedruckt. Der Herr Hofrath
Schurzfleiſch ſchildert ſie gleichſam, wie ſie vor oder nach der Schlacht
ausgeſehen, nachdem ſie gluͤcklich oder ungluͤcklich gefochten. Da dieſe al-
gemeine Abbildungen zu ſchwach ſind, die meiſten ihre Rolle ſehr kurz ge-
ſpielet, auch ihre Handlungen nicht im Zuſammenhang bekant geworden;
ſo hat man lieber keine Charactere beibringen wollen. Geſichtsbildungen
entwerfen, oder bey jeder Polizeiverordnung ihre Weisheit, Staatskunſt
und Einſicht ruͤhmen, hieſſe in den Verſtand unſerer Leſer ein zu groſſes
Mistrauen ſetzen, deren Nachdenken und Urtheil manches uͤberlaſſen
werden muͤſſen.
Die Abhandlung dieſer Geſchichte beſtehet aus einer fortlaufenden
Erzaͤhlung, die man ohne Anſtos fortleſen kan. Die Urkunden zum Be-
weis oder zur Erlaͤuterung ſind in die Anmerkungen gebracht. Aus
dieſen iſt manches in den Nebenanmerkungen erklaͤret worden, worin
manche Urtheile uͤber unſere Geſchichtſchreiber mit vorkommen. Hier-
durch hat dieſes Werk zufaͤlliger Weiſe eine Aehnlichkeit mit dem erſten
Theil empfangen. Die wenigen Materien, ſo wider die Ordnung ein-
geſtreuet und doch mit einem Sterngen bezeichnet worden, ohnerachtet
ſie fuͤglicher in die Anmerkungen ſelbſt gehoͤret haͤtten, ſind Spaͤtlinge,
mit welchen man wegen der ohnedem ſchon ſtark beſchriebenen Hand-
ſchrift dem Drucker die Arbeit nicht noch verworrener machen durfte.
Die Urkunden der aͤlteſten Zeiten haben den Text lateiniſch, davon
man einige, die zum Beweis gehoͤren, der ſtudirenden Jugend wegen
beibehalten. Unter den deutſchen ſind wol auſſer einigen buͤrgerlichen
Geſetzen die monheimiſchen Briefe an die Stadt Riga 1330 die er-
ſten. Sie ſind alle in der platten Sprache abgefaſt, die man in etlichen
in die hochdeutſche Mundart uͤberſetzet, doch ſo, daß man die alten Wort-
fuͤgungen, ſo viel moͤglich, beibehalten wollen. Es war daher nicht noͤ-
tig, denenſelben eine neue Ueberſetzung an die Seite zu ſetzen, wie der
Herr Landrath von Ceumern bey dem ſylveſtriſchen Privilegio thun
muͤſſen. Einige platteutſche hat man zwar zur Probe mit angebracht;
wir bitten aber der Rechtſchreibung wegen um Verzeihung, weil eine ans
hochdeutſche gewoͤhnte Hand mit ſolchen Abſchriften ungemein ſchwer
zurechte komt. Die hochdeutſchen Urkunden fallen ſchon gelaͤufiger;
von welchen der Ordensmeiſter Galen 1553 zu Wenden, Montags
nach Catharinen, die erſte niederſchreiben laſſen, da die vorhergehenden
von eben dem Jahr noch plattentſch abgefaſſet ſind. Doch unterzeichne-
ten die Herren Meiſter die hochdeutſchen Briefſchaften noch platteutſch,
als: Goͤddert Kedler, Meiſter, myn Handt, oder: Goͤddert,
myn egen Handt.
Bey den Auszuͤgen der Urkunden haben wir auſſer dem Jahr und
Tage hauptſaͤchlich auf den jedesmaligen Endzweck, die vornemſten Stuͤcke
des Jnhalts, und auf die Zeugen geſehen. Damit aber bey der Menge
ſo vieler Namen die oͤftere Wiederholung derſelben in den hintereinander
folgenden Documenten kein Misvergnuͤgen erwecke, ſo hat man ſolche
lieber weglaſſen, als zehnmal einerley Perſonen namhaft machen wol-
clen;
[]Vorrede.
len; zumal da dieſe Sorgfalt hoͤchſtens nur zur Ausfuͤrlichkeit der Ge-
ſchlechtsregiſter dienen koͤnnen. An einigen Stellen hat man die ſonder-
baren feierlichen Ausdrucke, weil ſie was beſonders haben, mit unterlau-
fen laſſen. Man erkennet ſie gleich an der Seltſamkeit oder an der ihren
Zeiten ganz eigenen Einfalt.
Die angehengten fuͤnf Tabellen haben jede ihre beſondere Vorerinne-
rung. Wir wuͤnſchten, die von den Muͤnzen und Sigillen durch Kupfer-
ſtiche beleben zu koͤnnen. Was die Muͤnzen betrift, ſo koͤnte man Hof-
nung haben, dieſelben durch die geneigte Bemuͤhung eines vornemen Goͤn-
ners in Kupfer abgeſtochen zu ſehen, wenn diejenigen, ſo dieſe und mehre-
re Arten beſitzen, durch Mittheilung der vorhandenen Stuͤcke dazu be-
huͤlflich ſeyn wolten. Wie die Beſitzer dadurch ihres Schatzes nicht be-
raubet werden, ſondern ihn in vieler Haͤnden vervielfaͤltiget wieder fin-
den; ſo wollen wir alle diejenigen, welche ſolches ſchoͤne Vorhaben zu be-
foͤrdern gedenken, hiemit aufs ergebenſte erſuchen, die bey ihnen vorraͤti-
gen und hier nicht namhaft gemachten Muͤnzen an uns nach Riga einzu-
ſenden; wofuͤr man auſſer der Erlegung des Werths ſich ihnen fuͤr ganz
beſonders verpflichtet erkennen wird. Die Altertuͤmer der herrmeiſterli-
chen Leichenſteine in der Domkirche zu Wenden, und dieſe Zeugen von
der ehemaligen Ordensregierung, ſolten billig bey den Liebhabern oder
den noch vorhandenen Familien in ſolchem Werth ſeyn, daß man ſie in
natuͤrlichen Abbildungen dem ſo nahen Untergang entzoͤge. Wie vieles
lieſſe ſich nicht dagegen an nuͤchternen und uͤbel ausgearbeiteten handſchrift-
lichen Aufſaͤtzen erſparen?
GOTT wolle uͤbrigens auch dieſer Arbeit den zur Abſicht gehabten
Nutzen in Gnaden angedeihen laſſen, deſſen Schirmwaltung wir un-
ſere Leſer empfehlen. Geſchrieben zu Riga den 25ſten April
1753.
Er war der erſte Grosmeiſter des vom Biſchof Albert in die-1201
ſem Jahre geſtifteten Ordens der Schwerdtbruͤder. Sei-
ne Herkunft, Thaten und Regierung ſind von den Ge-
ſchichtſchreibern, der damaligen Schwaͤche dieſes neuen Or-
dens wegen, in wenige oder gar keine Betrachtung gekommen.
Die Geſchichte ſeiner Ordensbruͤder, die er als ein tapfrer
Vorgaͤnger angefuͤhret, und ſeinen gewaltſamen Tod haben wir unter dieſen Jah-
ren im erſten Theil dieſer Chronik zu ſuchen c)
[6]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1208c).
Der groſſe Biſchof Albert ſparte keine Klugheit, die neue Republik in Flor1208
zu bringen, und das wichtige Werk der Heidenbekehrung zu erleichtern. Er
ſorgte zuerſt fuͤr die Schiffart, um viele Buͤrger nach Riga zu ziehen; ſo wie er
bisher der Ritterſchaft und der Cleriſey viele Freiheiten zugeſtanden. Um die
neue Stadt volkreicher zu machen, und ſie mit allen Beduͤrfniſſen zu verſehen,
findet ſich folgende Verordnung von ihm (dabey aber ſowol der lateiniſchen Ur-
ſchrift als der altdeutſchen Ueberſetzung die Jahrzahl fehlet): Alle Kaufleute,
ſonderlich die gothlaͤndiſchen (Gutlenſes) beſchiffen die Duͤne Zolfrey. Al-
le Hafen in Liefland werden zu Freyhafen erklaͤret. Kein Buͤrger oder Deut-
ſcher traͤget das gluͤende Eiſen, oder hat noͤthig ſich in einen Zweikampf einzulaſ-
ſen. Die ſchifbruͤchigen Guͤter darf niemand ihnen abnehmen. Keine Gil-
de (Gilda) darf ohne biſchoͤfl. Auctoritaͤt angeleget werden. Vier und eine halbe
Mark an Denarien machen eine gothlaͤndiſche Mark Silber aus. Zwey Oer
davon bekomt der Muͤnzer. So viel ſollen auch die rigiſchen Pfennige (dena-
rii) gelten, und an Gewichte, doch nicht an Geſtalt, den gothlaͤndiſchen gleich
ſeyn. Ein Todtſchlaͤger erleget ohne Unterſchied 40 Mark an Denarien. Dieſe
Ordnung iſt von dem Biſchof Bartholomaͤus zu Paderborn, dem Biſchof
Peter zu Ratzeburg, Bruder Bernhard Graf von der Lippe, Heinrich
Graf von Pleſſe, Alexander von Luͤneborch, Daniel dem Prieſter, Ru-
dolph Lange (Longus), Philip Joh. Travemann, Weſſel Born-
ſchatte, Engelbert Enervorn und andern mehr unterſiegelt.
Ein in ſeinen Unternehmungen gluͤcklicher Herr, weil er die im Kriege
ſo noͤthige Beobachtung des rechten Zeitpunkts niemals aus der
Acht lies. Seine Reiſe nach Rom der Theilung Lief- und
Lettlands halber, ſein Widerſtand gegen die Litthauer, ſein
doppelter Einfal in Harrien, ſein Feldzug nach Jerwen, ſei-
ne Streitigkeiten wegen Eſtland, die Verjagung der Eſten aus den lettiſchen
Grenzen, ſein bey Winterszeit unternommener Feldzug uͤber das Eis nach Oeſel,
und mehrere Umſtaͤnde von ihm befinden ſich ſchon in unſerm erſten Theile.
Nachdem der Biſchof Albert allen Buͤrgern ſeiner neuen Stadt Riga die
Plaͤtze zu ihren Haͤuſern angewieſen, und ſich einen neuen Platz zur Domkirche
gewaͤlet, ſo gieng er am Tage des Apoſtels Jacobi in voͤlligem Ornat, mit den
Reliquien, Kreutzen, und der geſamten Proceßion der Geiſtlichen und Laien auſ-
ſerhalb der Stadtmauer hinaus, und weihete den Raum, wo die Liven wohn-
ten, zur Anlage eines Kloſters und der Kapitelshaͤuſer zur Ehre der heil. Jung-
frau und zum Dienſt der Domkirche ein; zu welchem Platz alles gehoͤrte, was
zwiſchen der Mauer, der Duͤne und dem Graben lag. Die daſelbſt ſtehenden
Haͤuſer der Deutſchen und Liven kaufte er an ſich, oder wies ihnen andre Woh-
nungen an und legte einen ſchweren Fluch auf die, ſo dem Kapitel dieſen Platz
ſtreitig machen wuͤrden. Die deshalb ausgefertigte Urkunde iſt vom 25ſten Jul.
unterzeichnet*).
Zur Zeit der Meiſterſchaft dieſes Volquins, wolte der Biſchof Philip
von Ratzeburg mit dem eſtlaͤndiſchen Biſchof Dietrich die Kirchenverſam-
lung zu Rom beſuchen. Sie ſegelten beide von Riga ab, kamen aber auf Oeſel
in Gefahr, woraus ſie durch Vorſchub ihres Schiffers b) errettet wurden.
Doch
[9]Biſch. Albert. zur Zeit der Regierung des Volquin.
Doch konte Philip Rom ſelbſt nicht erreichen, ſondern ſtarb unterweges zu1214
Veronac).
Eſtlandd) ſol nach dem Zeugniß des rothen Buchs in Revel ſein erſtes
ſchriftliches Lehnrecht vom Koͤnig Waldemar dem Zweiten in Daͤnnemark erhal-
ten haben. Es beſteht aus 53 Puncten, und erſtreckt ſich auf alle angeſeſſene Maͤn-
ner in Riga, Doͤrpt, Oeſel und in den Bruderlaͤndern. Die Guͤterfolge
bleibt
c)
[11]Biſch. Albert. zur Zeit der Regierung des Volquin.
bleibt bey dem maͤnnlichen Geſchlecht in abſteigender Linie, nach welcher ungetheil-1215
te Bruͤder einer auf den andern erben. Das Lehngut faͤlt, im Fall keine maͤnnliche
Erben vorhanden ſind, an den Lehnsherren zuruͤck, ohne deſſen Einwilligung es
nicht veraͤuſſert werden kan e).
Desgleichen ſoll Koͤnig Waldemar einen lundiſchen Geiſtlichen, Na-
mens Ernemod nach Curland geſchickt haben, welcher das Schlos Pilten
angelegt, und in der neubekehrten Lande den erſten Biſchof abgegeben. Dieſer
Be-
e)
*)
[13]Biſch. Albert. zur Zeit der Regierung des Volquin.
Bericht der daͤniſchen Geſchichtſchreiber ſtimmet ebenfals mit der wahren Hiſto-1219
rie nicht uͤberein f).
Der Graf Adolph von Daſſel begab ſich auf die Ruͤckreiſe nach Deutſch-1220
land. Unter den ankommenden Pilgrimen hingegen befand ſich auch ein edler
Herr Bodo von Hohenborgg), welcher nebſt andern Fremden eine Bruͤcke
uͤber
[14]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1220uͤber die rodenpoiſiſche See ſchlagen muſte. Weil ihnen der Biſchof Albert,
mit Einwilligung des Ordensmeiſters, dieſe Arbeit als eine Bedingung der Ver-
gebung der Suͤnden aufgetragen, ſo verbot auch ſelbiger bey Strafe des Bannes,
keinem von den Uebergehenden das Bruͤckengeld abzufordern.
Der Biſchof ſtiftete in dieſem Jahr das Hoſpital St. Juͤrgen. Jn dem
Stiftungsbriefe wird zwar der Gottesdienſt im Hauſe verſtattet, nur ſol aus der
Kapelle keine Pfarrkirche gemacht, noch ein Gottesacker dabey angeleget werden.
Der rigiſche Biſchof Albert ſowol als ſein Bruder Herman, Biſchof
zu Doͤrpt, erhielten vom roͤmiſchen Koͤnig Heinrich ihre Jnveſtitur h) nebſt
der
****)
[15]Biſch. Albert. zur Zeit der Regierung des Volquin.
der voͤlligen Gewalt, in der rigiſchen Gegend und an andern Orten eine Stadt1224
anzulegen und Muͤnzen zu praͤgen i).
Der Biſchof belehnte hinwieder den Ordensmeiſter Volquin und ſeine Or-
densverwandten fuͤr ihre treuen Dienſte mit den Laͤndern Sotakele, Leale,
Hanhele, Lodhe, Rotalewien, der ganzen Wyk, und der voͤlligen geiſtli-
chen und weltlichen Gerichtsbarkeit uͤber dieſe Laͤnder. Jhre Namen haben unter-
ſchrieben Johann, Probſt zu Riga, und ſein Kapitel; Albert, Prior von
Duͤnemuͤnde, Rothmar, des Biſchofs leibl. Bruder, Thomas, Pfarrer
von Luͤneburg, Graf Burchard von Altenburg, Daniel von Lennewar-
de, Conrad von Ykeskole, Joh. von Dahlen, Walther Truchſes,
Wilhelm von Pnoch, Didrich von Eſcherd, Ludgert von Hardorpe,
Advocat der Pilger. Helmold von Luͤneborch, Heinrich von Lith, Joh.
v. Bikishovede, Engelbert von Tiſenhauſen; Jacob von Stade, (de
vrbe) Bernhard von Deventer und Albert uth Norden unſere Buͤrger.
Der Biſchof nennet den Rothmar und Herman von Doͤrptgermanos ſuos.
Der Orden verbindet ſich noch weiter fuͤr die Aufnahme der Kirche GOttes zu
fechten. Geſchehen am 24ſten Julius.
Der doͤrptiſche Biſchof Hermann verlegte mit Genehmhaltung des paͤpſt-
lichen Legaten, Wilhelms, ſeines Vorfahren Dietrichs Sitz von Leal nach
Doͤrpt, bey welcher Gelegenheit er auf Anrathen des rigiſchen Biſchofs und
ſeines Kapitels, nach Einwilligung der Pilger und Buͤrger zu Riga, mit den Bruͤ-
dern der Ritterſchaft einen Vertrag machte, daß ſie mit ihren Nachkommen bey.
nahe die Helfte ſeines Landes mit Kirchen, Zehenden und allen zeitlichen Nutzungen zu
ewigen Beſitz inne haben und gebrauchen ſolten, nemlich Saccala, Nurme-
gunde, Mocke, Alumbus, und Waigele, doch den geiſtlichen Rechten unbe-
ſchadet. Als Zeugen waren dabey der Biſchof Albrecht, Johann der Propſt,
und andre mehr, Rothmar der Propſt und das ganze doͤrptiſche Domkapi-
tel k). Gregorius der IXte beſtaͤtigte dieſen Vergleich zu Perugia am 2ten
D 2November
h)
[16]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1224November 1229 im 3ten Jahr ſeiner Regierung, und wurde Uggenois, (Ungan-
nien) Otela und Sobolit noch dazu dem Orten abgetreten. Die Ritter-
ſchaft ſtellet dem Biſchof die Geiſtl. zur Jnveſtitur vor. Sie erhielten auch den
freien Flus Emmajoͤggi und das halbe Fiſchwehr, das ſonſt dem Koͤnige gehoͤret.
Dagegen mus ſie den Biſchof und ſein Land ſchuͤtzen, ihm auch in geiſtlichen Din-
gen unterthan ſeyn.
Der modeneſiſche Biſchof Wilhelm war etliche Jahr im Lande. Sei-1225
ne Geſchaͤfte, welche er mit Volmacht und im Namen des Papſts gluͤcklich und
zum Beſten von Liefland ausrichtete, beſtanden auſſer andern erbaulichen Ar-
beiten auch in Beilegung der Grenzſtreitigkeiten, wobey er der Stadt Riga
durch Anweiſung einer richtigen Mark und Grenze beſondere Dienſte gethan,
weil ſie in allen folgenden Grenzirrungen fuͤr entſcheidend angenommen wor-
den. Jn der Jacobi Kirche entſchied er den Streit zwiſchen dem Biſchof und
Meiſter uͤber die Worte: „Mit aller weltlichen und geiſtlichen Gerichtbarkeit‟ alſo:
der Meiſter hat das Gericht uͤber die Bruͤder und deren Geiſtliche in weltlichen Haͤn-
deln: im Geiſtlichen ſtehen alle, ja der Meiſter ſelbſt, unter dem Biſchof, an
welchen auch die Apellation ergehet. Als Zeugen davon waren zugegen Albert
Biſch. z. Riga, Lambert B. z. Semgallen, Mag. Ludolph, Domherr zu
Luͤbeck, Siegfried Domherr zu Hildesheim, Arnold, Kapellan des Bi-
ſchof Alberts, im Auguſt in der 13 Jndiction.
Am 8ten April ſprach er Volquin das Jus patronatus auf die damals1226
in der Vorſtadt gelegene Jacobskirche ab, weil der Biſchof dieſes Recht durch
beſondere Briefe des Papſts erhalten. Den Bruͤdern wird die Juͤrgenskirche
angewieſen, doch ohne eine Parochie dabey zu haben. Auſſer den vorhin gedach-
ten war noch Hr. Dietrich Abt zu Duͤnemuͤnde zugegen l).
Als die Deutſchen auf Oeſel mit der groſſen Heidenbekehrung zu thun
hatten, ſo paſſeten die Semgaller ihre Zeit ab, und gaben bey der ſchoͤnen
Winterbahn den Rigiſchen in ihrer Abweſenheit einen unangenehmen Beſuch.
Sie zerſtoͤrten das duͤnemuͤndiſche Kloſter, den Clausberg, machten die Pfaf-
fen nieder, und veruͤbten allen Muthwillen. Volquin hatte alſo nicht Zeit,
das
l)
[19]Biſch. Albert. zur Zeit der Regierung des Volquin.
das Schworbiſche von Oeſel, wo die Seeraͤuber recht ihr Neſt hatten, zu1226
erobern, ſondern eilte nach Hauſe, alwo er die Seinigen erſt ausruhen lies und
ſo dann in Semgallen den Gegenbeſuch abſtattete, wo er bey 1600 Feinde er-
ſchlug, und viel Beute machte, aber auch 300 Mann ſchwaͤcher in Riga an-
kam. Albert von Stade meldet die Begebenheit, da die Moͤnche zu Duͤne-
muͤnde von den Heiden zu Maͤrtyrern gemacht worden, zwey Jahre ſpaͤter.
So bald die See wider aufgegangen war, gieng der Herzog Barmm von
Pommern und der Graf von Arnſtein nebſt einer zahlreichen Pilgergeſel-
ſchaft wieder nach Deutſchland. Hierauf hatte ſich der Semgaller Aelteſte,
Weſthard, geſpitzet. Er verband ſich alſo mit den Litthauern, uͤberfiel
Aſcherade, und verheerte die ganze Gegend. Der Schlosvogt, Marquard
von Buͤhrbach, ein braver und geſetzter Mann, nahm ſo viel Lieflaͤnder und
Letten, als er aufbringen konte, ſetzte dieſen Freibeutern des Morgens nach, jagte
ihnen den Raub ab, und ſtreckte bey 500 ins Gras. Weſthard, der eben
beim Fruͤſtuͤcken uͤberrumpelt wurde, nahm gleich einen Brand aus dem Feuer,
und ſchlug den Schlosvogt damit ſo derb ins Geſicht, daß ihm die Zaͤhne aus
dem Munde fielen. Hierdurch bekam er Zeit zu entwiſchen. Die von Aſche-
rade gewonnen das Feld und lieſſen 200 Mann im Stiche. Volquin gab auf
erhaltene Nachricht von dieſem vortheilhaften Scharmuͤtzel Weſtharden noch
weiter das Geleite, holte auch die Semgaller ein, erbeutete uͤber 1500 Pferde
und erlegte 2000 Feinde. Doch koſtete ihm dieſer Sieg gleichfals 600 von den
Seinigen.
Jn eben dem Jahr ſandte der Ordensmeiſter einen luͤbiſchen Domherren,
Joh. Volckarſon, und die Buͤrger zu Luͤbeck, Wilhelm Bertholſon,
und Joh. von Bremen an den Kaiſer Fridrich den IIten, um denſelben im
Namen der Bruͤder vorzutragen, wie noͤthig es dem Orden zur Beſchuͤtzung der
neuen Republic ſey, daß ihm alle Guͤter und Rechte, ſo ihnen die Biſchoͤfe von
Liefland und Leal auf eine rechtsbeſtaͤndige Weiſe ertheilet oder noch kuͤnftig
ertheilen moͤchten, beſtaͤtiget, und alles Metal in und uͤber der Erde, das ſonſt
zur kaiſerl. Kammer gehoͤre, zugeſprochen wuͤrde. Der Kaiſer wilfahrete dem
Orden in Betrachtung des Todeskampfes, welchen die Bruͤder taͤglich auszuſtehen
haͤtten, und verbot durchs ganze roͤmiſche Reich bey 50 Mark reines Goldes,
daß niemand ſie in ihren Grenzen beunruhigen ſolte. Der Urbrief davon iſt
bey Parma im Maymonat des 14ten Jndictionsjahrs unterzeichnet. Als Zeu-
gen waren dabey gegenwaͤrtig die Erzbiſchoͤfe, Albert von Magdeburg, von
Meiland und der von Jvrea, der Biſchof von Chur und Abt zu St. Gal-
len, die Biſchoͤfe zu Zeitz, Hildesheim, Jacob von Turin und M. von
Ymola, der Hochmeiſter Herman Landgraf von Thuͤringen, Herzog zu
Sachſen, Renald Herzog von Spoleto, ein Graf von Wien, von
Queurenberch, von Evreſteen, deſſen Bruͤder und andre mehr m).
Der paͤpſtliche Legate Wilhelm endigte die Streitigkeiten zwiſchen der Cle-
riſey, dem Orden und der Stadt durch eine neue Verordnung, die wir der vielen
darin feſtgeſetzten Stuͤcke wegen ganz beibringen wollen n).
Noch eine neue Grenzeinrichtung von dieſem Legaten, in Abſicht der Stadt-1227
mark, verdienet hier aufgehoben zu werden. Sie iſt zwar vom 13 Merz unter-
ſchrieben. Doch hat ſie der Papſt Honorius der IIIte in einer eigenen Bulle
aufbehalten; und da die Urkunde des Legaten, ſo in hieſigen Archiven mit 5 Sie-
geln bekraͤftiget lieget, im geringſten nicht volſtaͤndiger iſt, ob ſich gleich der
Papſt darauf beziehet, ſo mag zur Abwechſelung die paͤpſtliche Bulle ihre Stelle
vertreten. o)
Der roͤmiſche Koͤnig, HeinrichVII, ſchenkte die Stadt und das Schlos Re-
vel nebſt den Provinzen Jerwen, Harrien und Wirland, als ihm und dem Reich
zuſtaͤndige Laͤnder, dem Meiſter und Ordensbruͤdern in Liefland, zum Loͤſegelde
fuͤr die Seelen ſeiner durchlauchtigſten Vorfahren. Bey dieſem Schenkungs-
briefe,
o)
[23]Biſch. Albert. zur Zeit der Regierung des Volquin.
briefe, der bey Nuͤrnberg vom 1 Jul. im erſten Jndictionsjahre unterſchrieben1228
worden, ſtunden als Zeugen, der hochwuͤrdige Biſchof Herman von Wuͤrtz-
burg, Conrad Burggraf von Nuͤrnberg, Fridrich von Brahendingen,
‒ ‒ von Tannenrode, Eberhard Truchſes von Waldpurg, Conrad
Schenke von Winterſtaͤdt, Ulrich von Truchtelingen, 4 Bruͤder und Rit-
ter von Grindelahe, ‒ ‒ genant Rindesmule, Cunrad von Bergen und
andre mehr.
Jn dieſem Jahre erhielt die Stadt Riga inrußiſcher und lateiniſcher Spra-
ein herlich Handelsprivilegium, welches des Koͤnigs David in Smolensko
Sohn Mcislaus im Namen der Koͤnige von Polocz und der Rußen in Wi-
tebeck unterzeichnet hatte.
Der Biſchof Albert richtete nach Masgebung der ſaͤchſiſchen Rechte das
erſte und aͤlteſte Ritter- und Landrecht ein, deßen 67 Artikel die Biſtuͤmer Ri-
ga, Doͤrpt, Oeſel, Curland und die Ordenslaͤnder angiengen. p)Es wird ihm
F 2auch
[24]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
p)
*)
[25]Biſch. Albert. zur Zeit der Regierung des Volquin.
p)
**)
[26]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
p)
[27]Biſch. Albert. zur Zeit der Regierung des Volquins.
p)
[28]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1228auch die Verfauſſng des weltlichen Bauerrechts zugeſchrieben, wie ſolches von den
aͤlteſten Liven fuͤr Burgrecht gehalten worden q). Zu welcher Zeit aber das alte
geſchrie-
p)
[29]Biſch. Albert. zur Zeit der Regierung des Volquin
q)
[30]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter.
1228geſchriebene Stadtrecht r)eingefuͤhret ſey, laͤſt ſich ſo wenig mit Gewisheit ſagen,
als
q)
[31]Biſch. Albert. zur Zeit der Regierung des Volquin.
r)
[32]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter.
1228als man von dem in Gerichte eingefuͤhrten Eide der alten Letten, ſ) den eigentlichen
Zeitpunkt beſtimmen kan.
Der Biſchof Albert ſtarb nach einer 31 jaͤhrigen gluͤcklichen Regierung, wel-1229
cher ſeiner wichtigen Dienſte halber unter den geiſtlichen Oberhaͤuptern von Lief-
land, ſo wie Plettenberg unter den Ordensmeiſtern, den Beinamen des Groſ-
ſen verdienet haͤtte, wie ſie denn ihr Regiment am gluͤcklichſten verwaltet. Sein
Leichnam ward in die von ihm erbauete Domkirche beigeſetzet. Der toͤdliche Hin-
trit dieſes klugen Mannes war eine mit von den Urſachen, welche den Volquin
bewogen, die Vereinbarung des Schwerdtbruͤderordens mit dem in dem benach-
barten Preuſſen in Aufnam gekommenen deutſchen Orden zu ſuchen. Er fer-
tigte alſo an den Hochmeiſter Herman von Salze, welcher ſich damals in Ve-
nedig aufhielt, eine Botſchaft ab. Allein es ſey nun, daß demſelben die Lieflaͤn-
der ſchlecht abgemahlet worden, oder daß er geglaubet, man muͤſſe ſich bey einem ſo
wichtigen Werk nicht uͤbereilen, deſſen Bereuung beiden Theilen zu ſchlechtem Ruh-
me gereichen duͤrfe; ſo verzog er eine geraume Zeit, ſich deshalb zu erklaͤren.
Eine andere Folge von dem Abſterben des Biſchofs war der Vergleich, den1230
die rigiſche Kirche mit den heidniſchen Curlaͤndern eingehen muſte, worin
denſelben die bisherige jaͤhrliche Abgabe gemildert ward.
Nicolaus von Magdeburg erhielt die biſchoͤfliche Wuͤrde durch die ein-1231
ſtimmige Wahl des Domkapitels in Riga, welches des Widerſpruchs, den der
bremiſche Erzbiſchof Gerhard der IIte dagegen machte, ohnerachtet, den Pro-
ces am paͤpſtlichen Hofe gewan; und empfing von Gregorius dem IXten die Be-
ſtaͤtigung daruͤber. Er hat ſich bey der Stadt den Nachruhm eines guͤtigen und
verſtaͤndigen Regenten erworben, die ihn auch laͤnger in ihren Mauren herſchen
geſehen, als verſchiedene von unſern Geſchichtſchreibern melden. Die Buͤrger-
ſchaft machte er ſich durch viele Wohlthaten, ſonderlich durch Ertheilung des
gothlaͤndiſchen Rechts und durch die Losſprechung von dem zu errichtenden
Zehnden verbindlich t), welche Urkunde die Stadt treflich zu gebrauchen wuſte,
Jals
[34]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1231als ſie in den neuern Zeiten, wegen unterlaſſenen Abtrages des Biſchofszehnden, ſich
zu erklaͤren hatte, dahingegen die Ritterſchaft ihren Beweis nicht ſo klar fuͤhren
konte.
Herzog Albert von Sachſen begnadigte die ganze Gemeine der rigiſchen
Kaufleute mit eben dem Recht und Freiheiten in ſeinen Laͤndern, welche ſie zur Zeit
der Biſchoͤfe Alberts und Wilhelms von Modena genoſſen; und ſprach ſie
auch von allen Ungeldern (Ungeldo), Zoͤllen und Strandgeldern frey. Alle vom
Schifbruch gerettete Guͤter ſollen ihnen wieder ausgeliefert werden.
Die vom paͤpſtlichen Geſandten zur Grenzeinrichtung der Stadt verordne-
ten Schiedsmaͤnner, Dietrich von Berenwig, und Johann von Huren-
huſen, ſprechen den neuen Anbauern in Riga gewiſſe Haken Landes zu, die ſie
8 Jahr lang, ohne alle Abgaben, beſitzen ſollen. Nach deren Verlauf zahlen ſie
fuͤr jeden Haken jaͤhrlich einen halben Ferding (dimidium Tertonem) und fuͤr ei-
nen halben Haken ein Loth, dagegen ſie es ihren Kindern und Freunden erblich
uͤbergeben, im Fal des Verkaufs aber weder an Pilger noch Kloſterleute, ſon-
dern nur an Mitbuͤrger ablaſſen koͤnnen. Nicolaus beſtaͤtigte dieſes zu Riga;
und ſteht Helenwick, ein Schiffer (nauta) als Zeuge beigeſchrieben. Jn eben
dem Jahr zog der Biſchof nach Wisby, weil die rigiſchen Buͤrger ohne Ein-
willigung derer zu Wisby keine Synodalzeugen waͤhlen wolten, und verſiegelte
daſelbſt in der Marienkirche am 6ten May mit den daſigen Buͤrgermeiſtern die
eingeholte Bewilligung, doch mit der Bedingung, daß der Stadt Riga im Sy-
nodalgerichte kein Nachtheil (nulla Vara) daraus zuwachſen ſolle.
Der doͤrptiſche Biſchof Herman, erbauete das Dominicanerkloſter
Falkenaw an der Embach, damit die Bruͤder immer Fiſche haben koͤnten.
Da dieſes Kloſter bey wenigem Einkommen viele Baͤuche fuͤllen muſte, ſo ſchickten
die Moͤnche 2 aus ihrem Mittel an Se. paͤpſtl. Heiligkeit, um bey derſelben eine Ver-
guͤnſtigung auszuwuͤrken, vermoͤge welcher ihnen der Biſchof einen fettern Unterhalt
ausmachen ſolte. Dieſe erzehlten dem Papſt, ſie bekaͤmen nichts anders als den ekeln
Jas, (ein weiſſer langer und niedlicher weicher Fiſch, welcher haͤufig bey Doͤrpt
gefangen, und lieber gebraten als geſotten wird) und grobes Brod zu eſſen,
und Gerſtenbier mit Wermuth zu trinken, zu geſchweigen wie ſie woͤchentlich ih-
ren Leib caſteyen muͤſten. Der Papſt ſchickte einen Jtaliaͤner mit, der von
dieſer ſtrengen Lebensart warhaften Bericht einſenden ſolte. Man ſetzte dieſem
einfaͤltigen Kloſterbeſichtiger lauter gedoͤrten Jas und Bier vor, in welches Bors,
ein bitteres Waldkraut, an ſtat des Hopfens geleget war, ſo dem auswertigem Ge-
ſchmack ziemlich fremd vorkam. Des Sonnabends fuͤhrten ſie den neuen Gaſt in
ihre Badſtube, goſſen zur Verſtaͤrkung der Hitze haͤufig Waſſer auf die gluͤhenden
Steine, nahmen groſſe Quaſten, goſſen auch wol kalt Waſſer zu, und peitſch-
ten auf den von Schweis geſamleten Unflat ganz unbarmherzig los. Wie bey
dieſer Zucht die Reihe den zaͤrtlichen Jtaliaͤner treffen ſolte, ſo lief er aus dem
Bade weg, und ſchrie: Proh Deum! auſtera nimis haec vere eſt vitae regula,
vix audita ab hominibus! Mein GOtt! das iſt eine unerhoͤrte und unertraͤgliche
Diſciplin! brachte es auch bey dem Papſt ſo weit, daß das Kloſter mit mehrern
Guͤtern verſorget wurde u).
Nach Alberts von Stade Bericht, ſol in dieſem Jahr in Liefland eine ſo
groſſe
t)
[35]Biſch. Nicolaus. zur Zeit der Regierung des Volquin.
groſſe Hungersnoth geweſen ſeyn, daß ein Menſch den andern gefreſſen, und der1233
Diebe am Galgen nicht geſchonet worden.
Der ſemgalliſche Biſchof Balduin bezeuget, daß im vorhergehenden1234
Jahr der Vogt, die Buͤrgermeiſter und ganze Buͤrgerſchaft zu Riga ihm ihr An-
theil und Recht auf Curland und Semgallen ſamt 70 ihrer Lehnsleute abge-
treten, dagegen er ihnen auf erhaltene paͤpſtl. Volmacht, auf den Fus des mit
dem vorigen Biſchof Lambert in Semgallen getroffenen Vergleichs, die
Grenzen ihrer Stadt anſehnlich erweitert.
Auf Anſuchen der Schwerdtritter w) ſandte endlich der Hochmeiſter Her-1235
man von Salze, 2 deutſche Ordensritter nach Liefland, nemlich den
Comtur zu Altenburg, Ehrenfried von Neuenburg, und den Comtur zu
Negelſtaͤdt, Arnold von Dorf oder Neuendorf, die von dem Verhalten
der Schwerdtbruͤder naͤhere Nachricht einziehen ſolten. Die Geſandten muſten
wegen des fruͤhen Winters ihre Ruͤckreiſe bis aufs Fruͤhjahr verſchieben.
Sie reiſeten ſo dann, ſo bald das Waſſer aufgegangen, ab, und der Ordens-1236
meiſter Volquin gab ihnen 3 von ſeinen Ordensbruͤdern mit, nemlich den Vogt
zu Wenden, Erdmund oder Reimund; den Ordensmarſchal Joh. Sa-
linger und Joh. von Meydeburg. Der Vicemeiſter, Ludwig von Oet-
tingen, nahm ſie zu Marpurg in Empfang, bey welchem erſten Gehoͤr ſich 70
J 2deut-
[36]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1236deutſche Ordensbruͤder gegenwaͤrtig befanden: doch konten die Lieflaͤnder mit
dem Hochmeiſter ſelbſt nicht zur Unterredung kommen, weil derſelbe eine Reiſe an
den kaiſerl. und paͤpſtl. Hof unternehmen muͤſſen. Man machte ihnen mit Fleis
die Aufnahme ſchwer, damit dieſelbe als eine hohe und wichtige Wohlthat angeſe-
hen werden moͤchte. Man erkundigte ſich nach ihren Ordensgeſetzen, nach ihren
Vorrechten, nach ihren Laͤndern, nach ihrem Leben, und lies den beiden zuruͤck-
gekommenen Geſandten Bericht abſtatten, wie ſie es in Liefland gefunden
haͤtten.
Der Bruder Ehrenfried war nicht am beſten auf die Bruͤder der Ritter-
ſchaft Chriſti in Liefland zu ſprechen. Es ſind ſagte er, eigenſinnige nnd muth-
willige Koͤpfe, die ſich nicht gern an die Ordensregeln binden. Sie begehen ſelt-
ſame Dinge, und ſehen mehr auf ihren Eigennutz als auf die gemeine Wohlfarth.
Dabey wies er vor dem Vicemeiſter auf 2 von den lieflaͤndiſchen Abgeordneten
mit dem Finger, und fuͤgte hinzu: dieſe nebſt 4 andern, welche ich kenne, ſind
die alleraͤrgſten. Dieſe ſchoͤne Empfelung begleitete der zweite Geſandte, Arnold,
mit einem neuen Lobſpruch: Alles, fieng er an, was dieſer mein Reiſegefaͤhrte
hier vorgebracht, hat ſeine Richtigkeit. Da aber die Schwerdtbruͤder unſern
Orden annehmen und allen Misbrauch fahren laſſen; ſo wollen wir das Beſte
hoffen. Jndeſſen wollen wir ihnen durch unſern Wandel ein Muſter der Nach-
folge vorſtellen.
Der Vicemeiſter fragte nach der Reihe herum, was die deutſchen Bruͤder
zu dieſer Vereinigung gedaͤchten. Alle Anweſende gaben dem Bruder Ehrenfried
Beifal, und wiederriethen ſie als die gefaͤhrlichſte Sache. Ganz zuletzt kam das
Wort an einen damals noch jungen Bruder, aber nachmaligen Hochmeiſter,
Herman von Heldrungen, der dieſen kuͤtzlichen Handel bis zur Ruͤckkunft des
Hochmeiſters auszuſetzen rieth. Arnold von Neuendorf ergrif dieſen Vor-
ſchlag, und bat die Bruͤderſchaft, auf die Stimme dieſes jungen Ritters Acht zu
geben. Man beſchlos alſo das Anbringen der lieflaͤndiſchen Geſandſchaft un-
eroͤrtert zu laſſen, bis der Hochmeiſter in Perſon zugegen waͤre. Der Vogt zu
Wenden, Erdmund, und der Ordensmarſchal Joh. Salinger, beur-
laubten ſich hierauf bey dem Vicemeiſter, Ludwig von Oettingen, und zo-
gen wieder nach Hauſe, von denen doch der Ordensmarſchal unterwegens ſtarb.
Der dritte Schwerdtbruder Joh. von Meydeburg ſolte inzwiſchen die Ankunft
des Hochmeiſter Hermans mit Geduld abwarten.
Der Vicemeiſter ward beim Auſſenbleiben ſeines Principals, zumal, da
ihn der lieflaͤndiſche Abgeordnete faſt taͤglich uͤberlief, auch ungedultig, und
reiſete ſelbſt an den kaiſerl. Hof, wohin er den Abgeordneten mit nahm, und vom
deutſchen Orden die Bruͤder Ulrich von Doͤre, Wichmannen von Wuͤrz-
burg und Hermannen von Heldrungen zur Begleitung bey ſich hatte. Sie
fanden den Hochmeiſter ziemlich willig. Doch wolte er alles auf die paͤpſtl. Ein-
willigung ankommen laſſen; da denn um dieſelbe einzuholen, der Hochmeiſter mit
dem Abgeordneten Herman von Heldrungen ſich zum Papſt Gregorius dem
IXten verfuͤgte, der zu Viterbo, nicht aber zu Salerno, oder gar, wie Waiſ-
ſel ſchreibt, zu Lucern, ſeine Hofſtadt aufgeſchlagen.
Am paͤpſtl. Hofe machte der daͤniſche Geſandte viele Schwierigkeiten, weil
Waldemar der IIte weder Muͤhe noch Koſten ſparen lies, den Papſt dahin zu
vermoͤgen, daß derſelbe das Schlos Revel dem Koͤnig zuſprechen ſolte x). Der
Papſt
[37]Biſch. Nicolaus. zur Zeit der Regierung des Volquin.
Papſt ſchrieb auch an ſeinen Botſchafter nach Liefland, er ſolte dieſes Geſchaͤfte1237
zu Stande zu bringen ſuchen; wogegen der Orden durch ihren Abgeordneten an-
haltend proteſtirte. Doch die ungluͤckliche Niederlage, in welcher Volquin mit
manchem braven Streiter ins Gras beiſſen muſte, machte den Lieflaͤndern die
Tractaten leichter; daher ſie einen andern Bruder, Gerlach Fuchsy), nach
Viterbo abſchickten, die Vereinigung beider Orden inſtaͤndiger zu ſuchen, die
Abtretung Eſtlandes an Daͤnnemark beſtmoͤglichſt zu hintertreiben, und fuͤr
den groſſen Verluſt ſo braver Maͤnner Troſt zu ſuchen z). Der Hochmeiſter ſahe
als ein ſtaatsverſtaͤndiger Kopf wol ein, daß der Papſt dem Koͤnig von Daͤnne-
mark in ſeinen Anſpruͤchen auf Revel nicht entgegen ſeyn, ſondern dadurch die-
ſen Herrn deſto mehr an die Vortheile der Kirche binden wolte. Er merkre aber
auch, daß wenn er den Lieflaͤndern die paͤpſtl. Abſichten entdeckte, der ganze
heilſame Vereinigungshandel, woran uͤber 6 Jahr vergeblich gearbeitet worden, krebs-
gaͤngig werden, und Muͤhe und Koſten vergeblich ſeyn duͤrften. Um aber doch
dieſes gute Werk zu befoͤrdern, ſagte er den Abgeordneten viel angenehme Dinge
vor, in Hofnung, er wuͤrde die Lieflaͤnder bedeuten koͤnnen, nach getroffener
Vereinigung, ſich gegen Daͤnnemark nicht zu ſperren, ſondern dieſer Krone,
wenn ſie die Kriegeskoſten dem Orden erleget, in dem weitlaͤuftigen Lieflande
einen feſten Fus zu goͤnnen.
Er ſuchte demnach Gehoͤr beim Papſt, welches ihm auch, wiewol oh-
ne Gepraͤnge, zugeſtanden wurde. Es befanden ſich nur 4 Perſonen um
Se. Heiligkeit, nemlich der antiocheniſche Patriarch; der Biſchof von
Bari; Conrad von Strasburg, ein Bruder vom deutſchen Orden
und Marſchal des Papſts; und der paͤpſtliche Kaͤmmerling, ein Johanniter-
Kritter.
107
[38]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1237ritter. Die beiden Lieflaͤnder traten hierauf ins Audienzzimmer, und erhielten
vom Papſt das Jawort, welcher ſie auch vor ſeinem Stuhl niederknieen hies.
Er ertheilte ihnen Vergebung aller ihrer Suͤnden, ſprach ſie von dem Eid und
den Regeln ihres Ordens los, ermahnte ſie zur|Tapferkeit und ertheilte ihnen nebſt
den neuen Ordensregeln den paͤpſtl. Segen mit der Jnveſtitur. Sie legten ihre
vorigen Maͤntel mit dem Schwerdte ab, und lieſſen ſich die neuen weiſſen mit dem
ſchwarzen Kreuz umhaͤngen. Die Lieflaͤnder wechſelten anfaͤnglich einige Wor-
te mit dem Kaͤmmerling, welcher die Ceremonien verrichtete, und wolten die al-
ten Maͤntel mit nach Hauſe nehmen. Allein der paͤpſtl. Marſchal bedeutete den
Bruder Gerlach, daß ſie dem Kaͤmmerling mit Rechte verfallen waͤren, daß er
alſo ſeinen geliebten Mantel fahren laſſen muſte.
Nach volbrachter Jnveſtitur begleiteten die neu aufgenommenen Ritter den
Hochmeiſter nach Hauſe, und erhielten des Papſts Befehle, welcher fuͤr gut ange-
ſehen, daß die Lieflaͤnder Revel an Daͤnnemark wieder abtreten, dagegen
aber die Unkoſten ausgezahlt bekommen ſolten, die ſie darauf gewandt, die aufruͤ-
rigen Eſten aus Revel zu vertreiben. Dieſes Anmuthen war fuͤr die Lieflaͤn-
der ein Donnerſchlag. Der Abgeordnete und neue Ordensbruder Gerlach,
ſchlug fuͤr Eifer an die Bruſt, und brach gegen den deutſchen Ordensbruder,
Herman von Heldrungen in die Worte aus: Waͤre es nicht geſchehen,
es geſchaͤhe nun und nimmermehr, das ſage ich, warlich! Doch es
ſtund nicht mehr zu aͤndern, und die Abgeordneten muſten wieder Willen mit
des Hochmeiſters Erklaͤrung zu frieden ſeyn.
Der Hochmeiſter fertigte dieſen Herman und Gerlach gleich an den Vi-
cemeiſter Ludwig nach Marpurg ab, mit Befehl, in der Eil 60 Ritter zu weh-
len, und die Stellen der erſchlagenen in Liefland damit zu beſetzen. Er ſelbſt
reiſete mit Joh. von Meydeburg an den kaiſerl. Hof Friedrichs und ſtattete
von ſeiner wohl abgelaufenen Verrichtung Bericht ab, wo ihm der Kaiſer 60 Mk.
Goldes, oder nach Waiſſeln 1500 Mk. mit gab, um ſelbige den lieflaͤndi-
ſchen Ordensbruͤdern zur Beiſteuer zu verehren.
Nachdem der Hochmeiſter in Marpurg angekommen, brachte er ein Ka-
pitel zuſammen und machte Anſtalt, die erwehlten 60 Ritter mit einer andern
Anzahl Reuterey nach Liefland abzufertigen, ernante auch Dietrich von Gruͤ-
ningen zum Meiſter von Liefland. Als aber das Kapitel vorſtelte, daß es
nicht rathſam ſey, ſolchen tapfern und verſuchten Maͤnnern in Liefland einen ſo
jungen Ritter zum Haupte zu geben; ſo bedachte er ſich anders, und ernante an
deſſen ſtat Herman Balken, ein altes redliches und beruͤhmtes Mitglied des
deutſchen Ordens, der ſchon vorher in Preuſſen Landmeiſter oder Proviſor
des Ordens geweſen, und welcher alſo der dritte unter den Ordensmeiſtern in
Liefland, vom deutſchen Orden aber der erſte iſt a)Und damit ward die
Jncorporationsacte volzogen b),*).
[39]Biſch. Nicolaus. zur Zeit der Regierung des Volquin.
a).
Er brachte vor allen Dingen am koͤnigl. daͤniſchen Hofe die Ceßions-
acte wegen Eſtland zu Stande, welche der Koͤnig Waldemar
am 7ten Jun. zu Stenby ausfertigen laſſen. Der Koͤnig be-
ſchweret ſich, daß der Urteilsſpruch des Papſtes und der ganzen
Cardinalverſamlung, worin man ſein Recht auf das Schlos und die Stadt Re-
vel, Jerven, Wirland und Harrien fuͤr guͤltig erkant, ſeit 2 Jahren her
nicht zur Volziehung gekommen, und er daher genoͤthiget worden, zu einem aͤrgerli-
chen und ſeelenverderblichen Kriege, eine Flotte auszuruͤſten, und ſich ſelbſt Recht
zu ſchaffen. Doch habe er, auf Vermittelung des Legaten Wilhelms und des
lieflaͤndiſchen Gebietigers Hermans, nachſtehende Punkte beliebet, deren
unverbruͤchliche Volziehung, mit gegebenem Handſchlag, gemeinſchaftlich verſichert
worden. Zum erſten, der Orden ſol dem Koͤnig die Heiden bezwingen helfen, da-
gegen behaͤlt der Orden den dritten Theil des Eroberten auf gemeinſchaftliche Un-
koſten. Zum zweiten, der Orden raͤumet ſo gleich das Schlos Revel, und ziehet
mit Haab und Gut davon, ohne das Geringſte nachzulaſſen, dafuͤr der Koͤnig das
Land Jerwen dem Orden abtrit, mit beigefuͤgter Bedingung, daß der Orden
darin keine Veſtung ohne koͤnigl. Einwilligung anlege, und deſto williger den Koͤ-
nig in ſeine Fuͤrbitte zu GOtt einſchlieſſe. Zum dritten, der Erzbiſchof von Lund
uͤber-
b
[41]Biſch. Nicolaus. zur Zeit der Regierung Herman Balckens.
uͤberlaͤſt dem Orden das geiſtl. Recht uͤber Jerwen, wie es ſonſt die Biſchoͤfe1238
von Eſtland haben. Zum vierten, der Koͤnig wil den Orden in der Wyck und auf
Oeſel nicht beunruhigen. Zum fuͤnften, beide Theile unterwerfen ſich in den
Grenzſtreitigkeiten den Ausſpruͤchen der Biſchoͤfe von Liefland von Eſtland frei-
willig. Zum ſechſten, dem Orden wird zuletzt die Auszahlung aller bisher gehobenen
Einkuͤnfte aus Eſtland im weltlichen und geiſtlichen erlaſſen b).
Die anwachſende Macht der Schwerdtbruͤder wolte den herſchſuͤchtigen Geiſt-
lichen nicht laͤnger anſtehen. Der Ausgang hat gewieſen, daß die Biſchoͤfe mit dem
deutſchen Orden noch ſchlimmer angekommen. Die erſten ſind es aber, uͤber wel-
che der Biſchof Heinrich von Oeſel, ſich in einem Briefe unterm 1ſten Merz be-
ſchweret, daß ſeine Vaſallen die Kirchenguͤter mit Gewalt an ſich riſſen und ſich aus
dem Ban der Kirche nichts mehr machten. Er meinet auch, der Unfug dieſer Leute
koͤnne nicht beſſer gezaͤhmet, noch der Kirche eher geholfen werden, als durch die Ma-
rienbruͤder vom deutſchen Hauſe, daher er, auf erhaltene Volmacht von dem
apoſtoliſchen Legaten Wilhelm, mit dem Ordensmeiſter Herman den Vertrag
gemacht, daß deſſen Ordensbruͤder den 4ten Theil von der Wyk inne haben ſolten,
nemlich 7 Kilegunden, und 50 Haken, mit allen Zehnden und Gerechtſamen; nur
daß der Biſchof ſich die geiſtliche Obergewalt daruͤber vorbehaͤlt. 300 Haken werden
zur Stiftung einer Domkirche beſtimmet, deren Einkuͤnfte 3 Jahr lang auf die Er-
bauung eines Schloſſes, Steenberg genant, verwendet werden. Fuͤr dieſe Gefaͤl-
ligkeit ſchenken die Bruͤder den 4ten Theil von Mone an den Biſchof. Obbeſagtes
Schlos mit ſeiner Vorſtadt wird auf gemeine Koſten erbauet und gleich getheilet. Je-
der Theil haͤlt wenigſtens 10 Mann zur Beſatzung darin. Den Thurm und das
Schlosthor beſetzt der Biſchof mit ſeinen Leuten, ohne deſſen Einwilligung die Bruͤder
auf ihrer Seite keinen Thurm anlegen duͤrfen. Die Ordensbruͤder geloben an, die un-
rechtmaͤßig entzogenen Kirchenguͤter in Jahr und Tag denen Verbanneten wieder ab-
zunehmen und den Biſchof in allem zu ſchuͤtzen. Papſt Clemens der IVte beſtaͤtig-
te dieſes den 28ſten May 1625 zu Viterbo.
Jn dieſem Jahr ſprengeten 2 lieflaͤndiſche Schiffe mit ausgeſpanten Segeln
die ſtarke Kette, welche der Koͤnig von Daͤnnemark vor der Muͤndung der Trave
ziehen laſſen, als er mit dem Grafen Adolph von Holſtein die Stadt Luͤbeck ein-
ſperrete. Die Lieflaͤnder zogen dadurch in ihrer Handlung von der Stadt viele
Vortheile. Cranzlib. VII, c. 12 haͤlt dieſes fuͤr luͤbiſche Schiffe, die nur aus Lief-
land gekommen, weil die neuangelegten Staͤdte Revel und Riga noch zu ſchwach ge-
weſen, eigene Schiffe zu halten. Allein Luͤbeck war auch ſo alt nicht. Zur Zeit des
Ordens aber hat die Stadt Riga gar ihre eigene Kriegesſchiffe ausgeruͤſtet, warum
ſolte ſie denn nicht auch Kaufmansſchiffe haben halten koͤnnen? Ob aber die Stadt
Riga mit dem daͤniſchen und holſteiniſchen Hofe es der Handlung wegen ver-
derben wollen, iſt eine andre Frage.
Unter den vornehmen Feldzuͤgern in Liefland befand ſich dieſes Jahr auch,
nach Alberts von Stade Zeugnis, der Graf Adolph von Schauenburg.
Er hatte, wie der Dominikanermoͤnch, Herman von Leerbach, in der Chro-
Lnik
[42]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1239nik der Grafen von Schauenburg berichtet, ſeine Gemahlin Helwig, eine Toch-
ter Hermans Grafen von der Lippe, zur Reiſegefaͤrtin. Jm folgenden Jahr
gieng er wieder nach Hauſe, und zog am 13ten Aug. am Tage Hippolyti die
Franciskanerkutte an.
Der Koͤnig Woldemar befahl allen Lehnsleuten in Eſt- und Wirland
unterm 14ten Jul. von Wartinsborg, von allen Zehnden, welche die Eſten
erlegen muͤſten, wieder den Zehnden dem revelſchen Biſchof ins Haus zu ſchi-
cken. Er beſtimte auch dem Torchill zum Nutzen des revelſchen Stifts 80 Haken
im Revelſchen, und 40 Haken in Wirland, welche letztern doch, ſo bald Wir-
land einen eigenen Biſchof bekommen wuͤrde, ſo gleich wieder an das wirlaͤndi-
ſche Stift fallen ſolten. Gegeben zu Eresborg am 16ten September.
Die oeſelſchen Bauren hatten das Joch des Chriſtenthums abgeſchuͤttelt,
wurden aber von Andreas von Velven bald wieder gedemuͤthiget c), und muſten
ſich
[43]Biſch. Nicolaus. zur Zeit der Regierung Herman Balckens.
ſich ihrem Biſchof Heinrich unter ſchweren Bedingungen aufs neue unterwerfen.1241
Doch die Ordensbruͤder thaten dabey das Beſte; und dafuͤr vermachte ihnen der Bi-
ſchof Heinrich den Strich Serwen*) zu ihrem Antheil auf Oeſel, mit der
Bedingung, daß der daſige Hafen fuͤr jederman frey und offen bleiben ſolte, eben
ſo wie alle Hafen in der Wyk. Er ſchenkte ihnen auch die Helfte des Dorfs Lo-
de, nicht weit vom biſchoͤfl. Schloſſe.
Der Koͤnig von Daͤnnemark, Erich der Vte, genant Plogpenning,1242
errichtete mit dem Biſchof zu Revel den Vergleich, daß der revelſche, nach
dem Beiſpiel des doͤrptiſchen Biſchofs, von 20 Haken Landes zwey gewogene
Schifpfund Korn, halb an Rocken, halb an Gerſte, ſowol von den Kron- als
Lehnguͤtern zu empfangen habe: gegeben zu Nachſchouf am 22ſten Jun. d).
Erich der Vte vermachte dem revelſchen Biſtum noch 14 Haken, zu
Lund, ohne beigefuͤgte Zeitbeſtimmung. Gegen die Ruſſen war Balcke gluͤck-
lich,
123
[45]Biſch. Nicolaus. zur Zeit der Regierung Hermans Balcke.
lich, und erlegte ihrer in einem Treffen bey Jſebursky, 2 Meilen von Pit-1243
ſchuer, 600 Mann, verband ſich hierauf mit dem doͤrptiſchen Biſchof, ruͤck-
te vor die Stadt Pleskow, und verſahe ſie mit guter Beſatzung, weil der ruſ-
ſiſche Czaar Gerpold kapituliret hatte und mit ſeiner Beſatzung abgezogen war.
Albert der Abt berichtet, daß Graf Adolph von Holſtein den Lieflaͤndern
damals mit einer ziemlichen Macht beigeſtanden habe.
Des Alters und der Ruhe halben begab ſich dieſer Meiſter nach Deutſch-
land, wo er 2 Jahr nachher geſtorben und begraben worden e).
Seine ſchwaͤchliche Leibesbeſchaffenheit ſowol, als die verworrenen Um-
ſtaͤnde in dem unruhigen Deutſchland, erhielten dieſen ſonſt wuͤr-
digen Regenten in ſtillen Friedensgedanken, deswegen von ſeinen
Thaten nichts in die Geſchichtbuͤcher gekommen.
Der Groskoͤnig von Nogarden, Alexander, ruͤckte vor Pleskow,
in welchem Ort er, trotz aller Gegenwehr, 70 Ordensbruͤder und manchen Deut-
ſchen niedermachte, 6 aber, die er lebendig bekam, uͤber die Klinge ſpringen lies.
Der Orden fertigte nach dieſem Verluſt eine Botſchaft nach Daͤnnemark
ab, in Begleitung des koͤnigl. Statthalters von Eſtland. Der Koͤnig brachte
auch ſchon zu Yſtaͤdt eine maͤchtige Flotte zuſammen, nach Eſtland zu ſegeln,
und uͤbertrug ſeinem Bruder Abel die Anfuͤrung derſelben, weil er ihn im Rei-
che nicht ohne Furcht zuruͤck laſſen konte. Doch der Koͤnig und ſein Bruder ſtel-
ten auf die andre Botſchaft, daß Alexander ſich zuruͤck gezogen, die Reiſe ein,
und begnuͤgten ſich, einige Truppen zur Verſtaͤrkung der Beſatzung in die Grenz-
veſtungen nach Eſtland zu ſchicken.
Der ehemals modeneſiſche und damals ſabiniſche Biſchof, Wilhelm,
machte am 7ten Febr. im 2ten Jahr der Regierung Jnnocentius des IVten zu
Lyonb) 2 Theile von Curland dem Orden, und dem Biſchof den dritten aus,
wobey man die in Preuſſen getroffene Einrichtung zum Muſter anfuͤrete, weil
die Vorrechte des deutſchen Ordens, durch der Schwerdtbruͤder Vereinigung,
mit auf die Lieflaͤnder gekommen ſeyn. Der Orden hatte nicht nur Curland
wieder erobert, nachdem die abgefallenen Curen ihren Biſchof Engelbert umge-
bracht; ſondern auch das Schlos, ſo ehmals Goldingen, anjetzo aber Jeſus-
bore heiſt, daſelbſt erbauet.
Jn demſelben Jahre vermachte der rechtmaͤßige Erbe des Fuͤrſtententhums1254
Pleskow, Jaroslaw, den halben Theil ſeines Landes an die Kirche zu
Doͤrptc).
Nach einer zweijaͤhrigen Regierung noͤthigte den Ordensmeiſter ſeine Unpaͤs-
lichkeit nach Deutſchland zu gehen, und der Ruhe zu genieſſen.
Er brachte den groͤſten Theil ſeiner Regierung mit den unruhigen Curen1246
zu. Dieſen Leuten wolte es nicht recht in den Kopf, mit der Taufe
zugleich die Knechtſchaft der Deutſchen anzutreten, und hiengen
ſich daher an die Litthauer, welche auch unter ihrem Grosfuͤrſten
Myndow aufbrachen, und Curland von der fremden Re-
gierung erloͤſen wolten. Am 25 May verſtattete Johann, Herr von Meck-
lenburg, den rigiſchen Buͤrgern zu Wismar und in andern Oertern ſeines
Gebietes, eben die Freiheit, welche die Luͤbecker genieſſen. Herr Gottfried
Buͤlow, Herr Johann ſein Bruder, Herr Bernhard von Walie, Herr
Dietrich Clawe, Herr Ulrich ſein Bruder, Ludecke von Ham, Zolein-
nehmer, Heinrich von Dortmund, Buͤrgermeiſter, Dittmar von Buco-
M 2we,
[48]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1246we, Ulrich und Niclaus von Cusveld, Wizzel Kleine(Paruus)Hin-
rich von Bucow, Hildebrand von Pole; rigiſche Buͤrger, waren
Zeugen.
Auf eingelaufene Nachricht, daß die Curen und Litthauer mit einem
Heer von 30000 Man Ampoten belagert, machte ſich der Ordensmeiſter in
Perſon auf, uͤberrumpelte die Belagerer, und jagte ſie nach einem Verluſt von
500 Mann nach Hauſe, doch blieben beim Entſatz vier Ordensritter und 10
andre Lieflaͤnder. Der Ordensmarſchal Berwart ſol dieſer Unternehmung
mit beigewohnet haben. Dietrich drang hierauf in Litthauen ein, wo er
ſengte und brente, aber auch manchen Kopf verlor.
Der daͤniſche Koͤnig Erich beſtaͤtigte zu Rotſchild dem Ciſtercienſer-
kloſter Gudwall in dem Biſtum Linkoͤping,b) die vom Herzog Cnut er-
haltenen Privilegien, und erhandelte zum Nutzen deſſelben von den Deutſchen
in Eſt- und Wirland die Doͤrfer Kale, Xalemachi, Ugri, Culmias,
Sicudal, Adalica, Kallis, Wonei, und Perniſpaͤ. Doch muſten die
Bauren auf das Schlos nach Revel froͤnen, und in Kriegszeiten ſich wie Sol-
daten gebrauchen laſſen. Er ſegelte auch ſelbſt nach Eſtland, beſorgte die noͤ-
thigſten Anſtalten im Geiſtlichen und Weltlichen, machte allerhand geiſtliche Stif-
tungen und ſchenkte, als er wieder nach Lund kam, am 8ten April dem eſtlaͤndi-
ſchen Biſchof Torchill 14 Haken im Dorfe Kawwel, ſo Ulrich Schuͤ-
tzen gehoͤrte, beſtaͤtigte auch das gottſelige Vermaͤchtnis, in welchem ſein Vater
vor 9 Jahren das Biſtum Revel ſo reichlich beſchenket hatte, geſchehen zu War-
tinsborg, am 11 September c) Dem Orden in Preuſſen und Liefland
aber
[49]B. Nicolaus. zur Zeit der Reg. Dietrichs v. Gruͤningen.
aber unterſagte er in einem eigenen Schreibenden Eingrif in die koͤniglichen Guͤter1249
in Eſtland.
Nach einigen Verdrieslichkeiten mit dem Erzbiſchof Albert, dankte Die-1250
trich ab, und begab ſich nach Lyon, wo er fuͤr den Orden manches Gute aus-
richtete. Der Papſt Jnnocentius der Iſte lies durch die Biſchoͤfe, Peter von
Alba und Wilhelm von Sabina zwiſchen ihm und dem Erzbiſchof einen
Vergleich ſtiften, der auch im folgenden Jahre am 24 Febr. zu Stande kam,
darin alle Beleidigungen gegen einander aufgehoben werden. Der Erzbiſchof
ſol das Kreutz und Glaubensgeſchaͤfte durch Predigen und Rathen befoͤrdern, die
Ordensprivilegien unangefochten laſſen, ſich nach des modeneſiſchen Biſchofs
Urtheil mit einem Theil in Preuſſen und Curland begnuͤgen laſſen, den Or-
densbruͤdern das Loͤſegeld von den Geluͤbden abgeben, ihnen nichts zu Leide thun, oder
thun laſſen, ſich weder mit Chriſten noch Heiden gegen den Orden verbinden,
dagegen die Bruͤder dem Erzbiſchof ſeinen gebuͤhrenden Reſpect geben, keine Ver-
bannten in Schutz nehmen und alle Neubekehrten freundlich und gelinde halten
muͤſſen.
Jhm wird ſonſt die Erbauung der Schloͤſſer Ampoten und Curlandd),1251
zugeſchrieben.
Die Grafen Johann und Gerhard von Holſtein, Wagrien und
Stormarn gaben den Buͤrgern und Kaufleuten zu Riga die
Freiheit unterm 7. Aug. daß, wenn ſie nach Hamburg oder ſonſt
in ihre Lande kaͤmen, ſelbige von Zoll und Unpflichten ewig und
gaͤnzlich los ſeyn ſolten. Der Brief iſt unterzeichnet vom Bruder
Adolph, ihrem Vater, Gervaſius dem Kapellan, den Rittern Vrowin, ih-
rem Lehnsmanne Otto von Luͤneborch, Albrecht von Medebeke und an-
dern mehr. An der Urkunde henget an einer gelben ſeidenen Schnur von gemei-
nem Wachs ein Siegel, in deſſen Mitte das Bild eines geharniſchten Reuters,
der in der Rechten den bloſſen Sebel, mit der Linken hingegen den Zaum des Pfer-
des haͤlt: umher ſtehet die Umſchrift: S. Iohannis Comitis Stormarie, Wagrie et
Holtzatie. Das andre Siegel haͤlt eine rothe ſeidene Schnur, mit einem
Schilde in Geſtalt eines gezackten Neſſelblats, nebſt den Buchſtaben am Rande:
S. Johannis et Gerhardi Comitum de Schowenburg. Dieſer Freiheitsbrief iſt
etlichemal, und unter andern vom Erzbiſchof Sylveſter, in Abſchrift genommen
worden. Der Koͤnig von Daͤnnemark, Abel, uͤbertrug dem Biſchof Her-
man von Oeſel und der Wyck den ewigen freien und voͤlligen Beſitz des oͤſel-
ſchen und wyckiſchen Biſtums, entſagte ſich aller Anſpruͤche darauf, und
der Koſten, welche der Biſchof dem Koͤnige nach gewonnenen paͤpſtlichen Ur-
theil auszahlen muͤſſen. b) Gleichfals trat Abel dieſem Ordensmeiſter Andreas
ſein
*)
[51]B. Nicolaus. zur Zeit der Reg. Andreaͤ v. Stuckland.
ſein ganzes Recht auf Gerwen, Alenpoys, Normegunde, Moche und1251
Waigele ab, damit das Reich GOttes durch Einigkeit erbauet wuͤrde zur Ver-
gebung ſeiner Suͤnden. c)
Die Litthauer verſuchten ihr Heil durch eine neue Streiferey in Liefland,1252
wurden aber mit blutigen Koͤpfen nach Hauſe begleitet. Die Lieflaͤnder hinge-
gen ruͤckten gar in Samogitien, und zogen durch Semgallien, nachdem ſie
in beyden Laͤndern fette Beute geſamlet, wieder nach Hauſe. Der Koͤnig Min-
dow in Litthauen bekam hiedurch Friedensgedanken, ſtellte ſich auch auf der
Deutſchen Einladung zu einer Unterredung ein, in der er ſeine Neigung zum
Chriſtenthum entdeckte, welches dem Papſt Jnnocentius dem IVten hinter-
bracht wurde. Der Papſt ſandte zwey Kronen, oder lies ſie auch in Riga ver-
fertigen, die der lieflaͤndiſche Erzbiſchof an ſeinen Bruder Heinrich, Biſchof
zu Culm, in Begleitung des Ordensmeiſters nach dem koͤniglichen Wohnſitz in
Litthauen ſchickte, wo Heinrich den Mindow nebſt ſeiner Gemahlin, wel-
che in der Taufe Martha genennet wurde, nach geſchehener Taufhandlung zum
Koͤnig und zur Koͤnigin von Litthauen kroͤnete. Der Biſchof belehnte auch
den Mindow im Namen des Papſts mit Litthauen; da denn dieſe feierliche
Handlung bey allen Hofleuten einen ſolchen Eindruck machte, daß uͤber 600 vor-
nehme Litthauer ſich mit taufen lieſſen, obgleich die uͤbrigen Unterthanen auf
dieſe Unterwerfung ſchlecht zu ſprechen waren. d)
Der Ordensmeiſter Andreas unterſiegelte nebſt dem Biſchof Heiden-
reich in Preuſſen und dem rigiſchen Dompropſt Hezelin, den andern Tag
nach Lucaͤ des Evangeliſten, auf dem Schloſſe zu Goldingen 1252 einen Ver-
trag, in welchem der Biſchof Heinrich von Curland und der Ordensgebietiger
Eberhard von Seine, auf Anſuchen des rigiſchen Propſts die Worte eines
Briefes: daß ohne Genemhaltung des Biſchofs und der Bruͤder keine Staͤdte in
Curland angeleget werden, die Bruͤder hingegen zwey Theile und der Biſchof ei-
nen Theil haben ſolle, blos von der Stadt Memelburg wollen verſtanden wiſ-
ſen, welche Stadt zwiſchen der Memel und Daughe liege. Die Muͤnze, ſo
zu Memel gepraͤget iſt, wird durch ganz Curland fuͤr guͤltig erklaͤret.
Der lieflaͤndiſche Erzbiſchof Albert, der bis jetzo noch Diener der Kirche
zu Luͤbeck war, ſandte einen Bannbrief herein wider die Strandkaper, die
ſich die Schiffe, welche zwiſchen Luͤbeck, Gothland und die Duͤne hinauf,
oder nach Lief- und Eſtland ſegelten, nach der Strandung zu pluͤndern unter-
ſtehen wuͤrden, vermoͤge deſſen auch andere, ſo durch kaͤufliche Erſtehung, Ein-
tauſchung oder Bergung etwas von dem Geſtrandeten an ſich gebracht, als muth-
willige Todtſchlaͤger angeſehen, und ſo lange von der Kirchengemeinſchaft ausge-
ſchloſſen wurden, bis ſie das Geraubete doppelt erſetzet. Luͤbeck im Monat
Junius. e) Der littauiſche Koͤnig Myndowe gab den rigiſchen Kaufleuten
ein anſehnlich Handelsprivilegium in ſeinen Landen.
Nachdem der letzte rigiſche Biſchof Nicolaus die Augen zugethan, ſuchte1254
ſich das Domkapitel, dem der Orden ſchon zu Haupte gewachſen, einen bey dem
Papſt beliebten Mann aus, und fiel mit einmuͤthiger Wahl auf den um Liefland
ſehr verdienten Albert,f) welcher um ſeiner wichtigen Aemter willen, vom Papſt1255
Alexander dem IVten zu Neapolis am 20 Jenner die Volmacht erhielt, in
welcher das bisherige Biſtum zu Riga in ein Erzbiſtum verwandelt wurde. g)
Der Papſt giebt ihm nun den Titel von einem gewiſſen Sitze als rigiſchen Erz-
biſchof, nachdem er vorher nur Erzbiſchof uͤber Lief-Eſtland und Preuſſen
geheiſſen.*) Weil ſich Albert mit dem bloſſen Beifal ſeiner Suffraganen
zum
e)
O
[54]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1255zum Erzbiſchof von Riga gemacht, ſo bedinget der Papſt ordentlich dabey aus,
daß dergleichen inskuͤnftige weder den Vorrechten der roͤmiſchen Kirche, noch
ſeinen lieben Soͤhnen, dem Meiſter und ſeinen Bruͤdern zum Nachtheil gereichen
ſolle. der Ordensmeiſter hatte ſich mitlerweile mit den Oeſelern herum zu tum-
meln, die er auch gluͤcklich zu Paaren trieb.
Seine kurze Regierung hat ihn nicht ſonderlich beruͤhmt werden laſſen;
doch ſcheinet der Orden unter ihm in ziemlichen Anſehen geſtanden
zu haben. Alexander der 4te beſtaͤtigte am 15ten May im La-
teran ſeinen lieben Soͤhnen, den Buͤrgern in Riga, alle ihre eh-
maligen Freiheiten, nahm ſie in ſeinen und des heiligen Peters beſondern Schutz,
ſprach ſie auch ihrer Buͤrgerſchaft halber von Entrichtung des Zehnden frey,
und ſchlichtete das Jahr darauf verſchiedene Haͤndel, die zwiſchen dem Erzbiſchof
und der Stadt vorgefallen. Der Erzbiſchof Albert ſelbſt verordnete zur mehrern
Aufnahme der Buͤrgerſchaft, daß der Orden kein Haus an ſich bringen, ſondern
nur den Werth des Vermaͤchtniſſes heben koͤnte, Grund und Boden aber unter
dem weltlichen Richter ſtehen ſolten. Er verglich ſich auch mit dem Orden,
wegen des dritten Theils des Schloſſes Gercike deſſen Grenzen er beſtimmte. b)
Barwin, Herr von Roſtock, gab am 17 Junius den rigiſchen Buͤrgern1257
in ſeinen Haͤfen die Zolfreiheit, mit dem Vorbehalt, alle Jahr fuͤr ihn gegen die
Heiden einen gewapneten Mann ins Feld zu ſtellen, wie ſie fuͤr die Seele ſeines
Vaters und Grosvaters bisher zu thun gewohnt geweſen. c)
Der Biſchof von Wirland Diedrichd) ernannte einige Domherren zu
Hildesheim, ſeinen letzten Willen zu volziehen, und mit ſeiner Verlaſſenſchaft
O 2ſo
b)
[56]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1257ſo umzugehen, wie ſie es fuͤr der ſtrengen Unterſuchung des ewigen GOttes zu ver-
antworten gedaͤchten. Er ſpricht dem Biſchof von Paderborn und dem Abt von
Corbey das Recht uͤber ſein Vermoͤgen ab, weil ers nicht durch ſein Biſtum,
noch von den Kirchenguͤtern, ſondern durch Beitrag redlicher Leute und durch
Schenkung der Adelichen fuͤr ſeine Arbeit und Dienſte geſamlet. Gegeben am
Sonntage Oculi.
Der litthauiſche Koͤnig Myndow vermachte aus Erkentlichkeit dem Or-
den ein anſehnliches Stuͤck ſeiner Laͤnder, weil ſelbiger dem Koͤnig gegen ſeine auf-
ruͤhrigen Unterthanen getreue und nachbarſchaftliche Huͤlfe geleiſtet e)
Das unvermoͤgende hohe Alter noͤthigte den Ordensmeiſter nach Deutſch-
land zu gehen, nachdem er nur 3 Jahr in Liefland zugebracht.
Er hatte ebenfals mit den Litthauern und Samogiten und Cu-
ren vieles zu thun, um den Myndow aufm Throne zu erhal-
ten, mit deſſen Chriſtenthum nicht alle Unterthanen zufrieden wa-
ren. Die Feldzuͤge giengen auf Seiten der Deutſchen nicht ſo
gar trocken ab. Doch erwies ſich Myndow bey dem Verluſt des Ordens,
durch Schenkung ſeiner Laͤnder, wieder dankbar.
Am 7. Auguſt vermehrte alſo Myndow die vorige Schenkung, damit der1529
Orden ihn und ſeine rechtmaͤßigen Erben beym Reiche ſchuͤtzen moͤchte. Er ver-
machte uͤber dis ganz Denow, ſo auch einige Jecweſin*) nennen, an denſel-
ben, doch behielt der Koͤnig Sentane, Dernen, Croſinen, den Hof Gri-
bunthin, und drey andre Doͤrfer in Weltzow fuͤr ſich: weiter verſchenkte er
ganz Schalowen, ganz Samoythen, auſſer was im letztern Lande dem Bi-
ſchof von Litthauen gehoͤret, beſtaͤtigte auch dem Orden den kuͤnftigen Beſitz aller
beweglichen und unbeweglichen Guͤter, die ſeine Erben einmal ganz, oder zum Theil,
den Bruͤdern vermachen wuͤrden.
Jn Betrachtung der von dem Orden auf ſein Reich gewandten Unkoſten,1260
vermachte Myndow, im Fall er ohne Erben abgehen ſolte, ſein ganzes Koͤnig-
reich Litthauen nebſt allen herumliegenden Laͤndern, mit Genehmhaltung ſeiner
Erben und edlen Maͤnner, an den Orden in Liefland, doch ohne Nachtheil der
biſchoͤflichen Laͤnder und Rechte. Gegeben auf dem koͤniglichen Schloſſe Lit-
thauen mitten im Junius. Als Zeugen ſind angefuͤhret der Biſchof von Culm,
Meiſter Andreas und ſeine Bruͤder, Langutin, des Koͤnigs Schweſtermann,
Lygeike, Schabbe, Bie, Bune, deſſen Barone und Blutsverwandte,
Parbuſe von Neraͤ, Gerdine von Nailſaͤ, Vege, Veſegele und Parbu-
ſe der juͤngere. Von den Predigermoͤnchen, Bruder Snideram, von den
Minoriten, Bruder Adolph, ſeine Gehuͤlfen und andere Redliche mehr.
Jm dritten Jahre ſeiner Meiſterſchaft ward er nach Preuſſen an die Stelle
des alten Pappo von Oſterna zum Hochmeiſter berufen, wobey er noch groſſen
Ruhm erworben. b)
Dieſen Herrn mahlet uns Pet. v. Duisburg als einen ſehr leutſeligen1261
und bey jederman beliebten Man ab, dem es aber andre als eine
Verwegenheit auslegen, daß er ſich 3 wilde Nationen, die
Semgallier, Litthauer und Samogiten auf einmal auf
den
a)
P
[58]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1261den Hals gezogen. Er war erſtlich Comthur zu Koͤnigsberg, und bauete auf
gemeinſchaftliche Koſten der Preuſſen und Lieflaͤnder ein Schlos auf dem
Berge des heiligen Georgs, im Carſauiſchen Gebiete in Curland,b) wel-
ches auch nachher eine Gelegenheit zu ſeinem Tode geworden.
Seine erſte Beſichtigung der Schloͤſſer in Curland, wohin er ſich mit 40
Ordensbruͤdern und 500 Reutern begeben hatte, lief ſehr mislich ab, indem ihm die
verſteckten Litthauer und Samogiten aufpaſten; worauf er nach einem hitzigen
Gefechte, mit Verluſt von 20 Bruͤdern, ſelbſt ſtark verwundet, ſeine Zuflucht nach
Memel nahm. Er befeligte hierauf Bernhard von Zewen, mit der ganzen
lieflaͤndiſchen Macht aufzubrechen, welcher auch ſchon auf dem Schlachtfelde
ſtand, als eben durch Vermittelung des rigiſchen Erzbiſchofs Albert ein zwei-
jaͤhriger Stilſtand ausgerufen wurde, indem Albert fuͤr ſein neuerbautes Ron-
neburg ſo wol, als Myndows fetter Schenkung halber bange war, und dem
Anwachs des Ordens nicht viel Gutes zutraute.
Der Erzbiſchof Albert uͤberlies der Stadt Riga das an der Rodenpoy-
ſer See gelegene Haus, ſo die Buͤrger bisher im Bau erhalten: doch ſol die of-
fentliche Glocke darinne abgeſchaffet werden. Die 3 beeideten Perſonen, ſo die ri-
giſche Stadtmark beſorgen, legen und beſſern die Bruͤcke, und haben uͤber die
daran ſtoſſenden Aecker und Wieſen die Aufſicht.
Die Aebtißin und der ganze Convent der Nonnen erhielten auf gemeinſchaft-
liches Anſuchen der Parochialien bey St. Jacob die Freyheit, eine Mauer gerade
durchs Kloſter, durch alle alte Gebaͤude zu ziehen, und die Fenſter bequemer an-
zulegen, nur an der Loͤbe (Lobia) und Thuͤren mus nichts geaͤndert werden, da-
fuͤr ſie die alten Gebaͤude an dem Kirchhofe, innerhalb 10 Jahren, ganz wegzuſchaf-
fen verſprechen. Riga am 14 Auguſt.
Peter von Duisburg meldet uns bey dieſem Jahre einen Handel mit den
Samlaͤndern. Die koͤnigsbergiſchen Ordensbruͤder getraueten ſich nicht al-
lein die Gegend von Bethen anzugreifen. Denn es wohnten wilde Menſchen
da, und oft bey 500 in einem Dorfe. Sie baten daher den Ordensmeiſter in
Liefland, gemeinſchaftliche Sache mit ihnen zu machen, beſtimten ihm auch
Tag und Ort zum Treffen. Die Koͤnigsberger kamen, ſahen aber keine Lief-
laͤnder. Sie wurden daher uͤbermannet nnd zum Weichen genoͤthiget. Eben
da es ans Laufen gehen ſolte, ruͤckte das Heer der lieflaͤndiſchen Bruͤder an, die
alle groſſe und ſchoͤne Sattelpferde bey ſich hatten. Hierauf wandten ſich die
Koͤnigsberger, erlegten alle Manſchaft mit der Schaͤrfe des Schwerdts, nah-
men Weib und Kinder gefangen, und ſteckten Doͤrfer und Huͤtten in Brand.
Wilhelm, Abt in Duͤnemuͤnde, Ciſtercienſerordens, macht ſich
anheiſchig, die Stelle ſeines Kloſters und deſſen Laͤnder von der Semgallen
Aa an, bis an den Flus Thoraida,*) ohne des rigiſchen Magiſtrats Vor-
wiſſen niemals weder durch Tauſch noch Verkauf zu veraͤuſſern, noch auch in die-
ſen
a)
*)
[59]Erzb. Albert. zur Zeit der Regierung Burchards v. Hornhauſen.
ſen Grenzen Haͤuſer zu errichten, welche der Stadt Eintrag thun koͤnten. Zeu-1263
gen waren Herman der Prior, Gottfried der Kellermeiſter, Dietrich der
Cantor, Heinrich der Unterprior, Johann der Kuͤſter, Gerhard der Spit-
ler, Engelbert der Gaſtwirth, Winand der Krankenwaͤrter, Conrad Yſen-
bat, Johann Meiſter der Novitien, Conrad, Ulrich der Kaͤmmerer.
Als die Bruͤder von Liefland und Preuſſen, unter einer ſtarken Bede-
ckung, den Bruͤdern auf der neuen Juͤrgensburg Lebensmittel zufuͤhren wolten,
lief die Nachricht ein, daß 4000 Litthauer in Curland eingefallen, viel Chri-
ſtenblut vergoſſen, und Weiber und Kinder in die Gefangenſchaft weggefuͤhret.
Wie nun der Ordensmarſchal Heinrich Botel, einen edlen Pomeſanier,
Macto, Pipins Sohn fragte, wie man den Feind angreiffen muͤſte, antworte-
te dieſer: Wir wollen unſre Pferde eine gute Ecke von uns weg anbinden, und
auf den Schwarm zu Fuſſe losgehen, ſo wird man deſto eher Stand halten. Al-
lein die Daͤnen aus Revel wandten ein, ſie koͤnten es in der ſchweren Ruͤſtung
ohne Pferd nicht aushalten. Die Curen baten um Rettung ihrer entfuͤhrten
Weiber, erhielten aber zur Antwort, daß man mit ihnen nach Kriegsgebrauch
umgehen werde, weil ihre treuloſe Maͤnner auf die Chriſten von hinten zu ge-
hauen, wenn dieſe von forne her von den Litthauern Stoͤſſe bekommen. Ein
edler Samlaͤnder aber von Quedenow, Namens Sclodo, Nalubs
Vater, ermunterte ſeine nechſten Freunde zur Schlacht, da es denn zum Hand-
gemenge kam; und obgleich die Deutſchen wie die Maccabaͤer fochten, ſo
wurden ſie doch am Fluſſe Durbin uͤbermannet, daß am Margaretentage
der Ordensmeiſter Burchard, der preußiſche Marſchal nebſt 150 Bruͤdern
auf der Wahlſtadt blieben, auſer einer ziemlichen Anzahl Gemeiner. Die Furcht
und Beſtuͤrzung war unter den Chriſten ſo gros, daß 3 oder 4 verwegene Kerls
wol 100 auf der Flucht niedermachten, oder zum Ausreiſſen brachten. Andre
fuͤgen hinzu, daß die Feinde von den gefangenen 14 Rittern 8 ihren
Goͤtzen geopfert, den uͤbrigen Arme und Beine abgehauen, und den Leib gevier-
theilet. c)
Ehmaliger Comthur zu Sygewalde, hatte gegen die Litthauer und1264
Samogiten auch kein beſonder Gluͤck; doch kam er dem preußi-
ſchen Orden noch zu rechter Zeit zu Huͤlfe, welcher im Treffen
mit den Samlaͤndern zum Weichen genoͤthiget worden, weil er der Lieflaͤn-
der verzoͤgerte Ankunft nicht abwarten wolte. Daher fing man die Schlacht von
P 2neuen
[60]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1264neuen an, und bauete nach geſaͤubertem Lande, die Feſtungen Tapiaw und Loch-
ſtedt den Samlaͤndern zur Brille auf die Naſe.
Der Papſt Clemens der IVte beklaget in einem aus Perugia an den Bi-
ſchof zu Marienwerder in Pomerellien abgelaſſenen Schreiben mit Thraͤnen
die ungluͤckliche Zeitung von den in Liefland, Curland und Preuſſen erſchla-
genen 500 Ordensbruͤdern, beſtimmet auch fuͤr dieſe 3 Laͤnder die ſonſt nach dem
gelobten Lande reiſenden Pilger aus Boͤhmen, Daͤnnemark, Norwegen,
Schweden, Friesland, Polen, Pommern, Gotland und der Pro-
vinz Bremen, welche der Biſchof zur Reiſe nach Liefland ermuntern ſolte.
Wer unter dieſen den Kreuzbruͤderorden traͤgt, aus Schwachheit oder Armuth aber
nicht in Perſon die Reiſe antreten kan, iſt zwar von dem Geluͤbde des Kreuzes
losgeſprochen, mus aber von ſeinen Guͤtern, nach Vermoͤgen, eine verhaͤltnismaͤßi-
ge Beiſteuer entrichten. Alle Guͤter derer, ſo tuͤchtige Krieger auf ihre Unkoſten
dahin gefuͤhret, bleiben ſo lange unter genauem apoſtoliſchem Schutz, bis gewiſſe
Nachricht von ihrem Tode oder ihrer Ruͤckkunft eingelaufen. Die, ſo auf fremde
Koſten dahin gegangen, mitſſen wenigſtens ein Jahr Dienſte thun; denen aber,
ſo die Reiſe in Perſon thun, werden an der aufgelegten Buſſe 40 Tage erlaſſen.
Die Koͤnigin Margaretha Sambiria in Daͤnnemark ſchrieb unter
dem 13ten Auguſt, bey noch waͤhrender Minderjaͤhrigkeit ihres Kronprinzen
Erichs des VIten, an die Herren Odward von Lode, und an die beiden Bruͤ-
der Hohenreich und Egbert von Beſchoneck, daß ſie mit Zuziehung des
Schloshauptmanns und einiger andern von Adel, die Wieſen und Heuſchlaͤge der
Stadt Revel und der Kronguͤter mit Grenzſteinen bezeichnen ſolten, damit
weder die Stadt noch das Schlos etwas leiden duͤrfte. Sie ertheilte auch in dem-
ſelben Jahre der Stadt die Muͤnzgerechtigkeit, mit angehengtem Befehl, aus einer
Mark reines Silbers 6 Mark und 2 Oer an Denarien zu praͤgen. a) Kein koͤ-
niglicher Advocat oder Vogt ſoll ſich mit dem Stadtweſen befaſſen, die Muͤnzver-
faͤlſcher aber nach dem luͤbiſchen Rechte geurtheilet werden.
Die unruhigen Oeſeler trieb dieſer Ordensmeiſter in der gluͤcklichen
Schlacht bey Carmel wieder zu Paaren, daß ſie zum Kreuze kriechen und die ge-
woͤhnliche Gerechtigkeit wieder erlegen muſten. Nach dieſem dankte er ab, und
genos der Ruhe, nachdem er das Schlos Helmet erbauet, und ſeinem Amte ins
dritte Jahr vorgeſtanden.
Dieſer Regent hatte mit den Litthauern und deren Bundsgenoſſen
verdriesliche Haͤndel. Der litthauiſche Koͤnig Myndow
hatte ſeine uͤbertriebene Freigebigkeit an den Orden, ſeit einiger
Zeit, ſchon heimlich bereuet, war aber von ſeiner Gemalin, Mar-
tha
c)
[61]Erzb. Albert. zur Zeit der Regierung Werners v. Breithauſen.
tha bisher noch zufrieden geſprochen worden. Nun kam der Samogiten An-1267
fuͤhrer Tramate darzu, und verwies ihm ſeine Dumheit nachdruͤcklich, daß er
als ein freigeborner Herr ſein Erbreich vom Papſt und dem Orden zum Lehn ge-
nommen, und ſelbiges ſeinem nechſten Erben entwandt haͤtte. Myndow brach
hierauf los, lies alle Chriſten in ſeinem Lande niedermachen, und verband ſich mit
dem Czaar von Rusland wider alle Lieflaͤnder, ruͤckte auch vor Wenden,
wo beide Heere, der genommenen Abrede gemaͤs, zuſammen ſtoſſen ſolten: als aber
die Ruſſen nicht zu rechter Zeit eintrafen, verwuͤſtete er das ganze Land, und
lies die Fuſtapfen einer Grauſamkeit nach, die ein abgeſchworner Feind des chriſt-
lichen Namens nur veruͤben konte.
Nach Abzug der Litthauer ſtelten ſich die Ruſſen ein, die im Ruͤckwege
Doͤrpt in Brand ſteckten, und mit reicher Beute wieder nach Hauſe giengen.
Werner holte ſie noch ein, nahm ihnen die Beute ab, und drang mitten in
Rusland, wo ſeine Leute es nicht beſſer als die Ruſſen im Doͤrptiſchen
machten. Eine Unpaͤslichkeit noͤthigte ihn hierauf nach Hauſe zu gehen.
Unterdeſſen hatte Tramate mit ſeinen Samogiten einen Einfal in die1268
Wyck unternommen, das alte Pernau zerſtoͤret, und den Einwohnern nicht gerin-
gen Schaden zugefuͤget. Werner lauerte ihnen alſo mit den Bruͤdern und
Buͤrgern in Riga auf dem Heimwege auf, ertapte ſie des Nachts beim Klo-
ſter zu Duͤnemuͤnde und richtete bey hellem Mondſchein ein entſetzliches Blut-
bad unter ihnen an. Tramate flohe nach Litthauen, die Deutſchen aber
verloren 9 Bruͤder und einige Buͤrgerknechte.
Der Erzbiſchof und Ordensmeiſter verglichen im December die Stadt und
das Kapitel uͤber gewiſſe Stuͤcke, unter andern, daß beide Theile die entſtandenen
Zwiſtigkeiten durch den ordentlichen Richter, oder einen beliebig erwehlten
Schiedsmann entſcheiden laſſen wollen, ohne bey einem Fuͤrſten oder am paͤpſt-
lichen Hofe ein Urtheil zu erſchleichen, und zu beider Theile Schaden zu erringen.
Auch ſolle das Kapitel keinen Fuͤrſten oder Herrn, der maͤchtig (potens) ſey, ins Land
verſchreiben, uͤbrigens aber die canoniſche Wahl ungeſtoͤhrt behalten. Eine bedenk-
liche und fruͤhzeitige Behutſamkeit!
Werner bekriegte die abtruͤnnigen Curen, denen er drey Veſtungen und1269
darunter Durbin zerſtoͤrte; bey anhaltender Leibesſchwaͤchlichkeit aber beurlaubte
er ſich vom Amte und zog nach Deutſchland.
Er verlohr in einem Gefecht mit den moscoviſchen und novogo-1270
rodiſchen Ruſſen, Samogiten und Litthauern uͤber 600
Mann und 20 Ordensbruͤder. Ein andermal kam er ſelbſt in
Gefahr, und buͤſte 10 Ritter ein. Den Semgallen legte er
das Handwerk, in dem Rigiſchen zu ſtreifen, und verſahe die
Grenzen mit tuͤchtigen Veſtungen.
Der Koͤnig in Daͤnnemark, Erich der VIte b) ſandte den Revelſchen
ſeinen Reichsdroſten Matthias zu Huͤlfe, welcher den uͤber die Ruſſen und ih-
re Bundsgenoſſen erfochtenen Sieg mit dem Leben bezahlen und auf der Wahlſtat
bleiben muſte.
Myndow ward von ſeines Bruders Sohn Tramaten auf dem Bette
ermordet, und von ſeinen Erben kein einziger am Leben gelaſſen. c) Der Ordens-
meiſter befand nicht vor gut, deſſen ehmaliges Teſtament zu volziehen, ſondern er-
wehlte das Privatleben, und gieng nach Deutſchland. Es war aber auch nie-
mand, der etwas heraus zu geben geſonnen war.
Der Koͤnig Waldemar in Schweden beſtaͤtigte der Stadt Riga die
von ſeinen Vorfahren ihr ertheilten Vorrechte, daß ſie ohne Durchzugsgelder
(ſine pedagio) Zoll und Abgaben frey handeln und wandeln koͤnten, weil die
Schweden in Riga gleiches Recht genoͤſſen. Zur Verhuͤtung des Unter-
ſchleifs ſolten die Buͤrger das aͤchte Siegel ihres Erzbiſchofs bey ſich haben. Nach
vier Jahren beſtaͤtigte dieſes der Koͤnig Magnus zu Lincoͤping.
Sein Feldzug wider die Ruſſen lief nicht zum gluͤcklichſten ab. Denn ob er
gleich das Feld behielt, und 5000 von den Feinden niedermachte, ſo ließ er
doch auch an 1350 Mann von ſeinen Leuten ſitzen. Der Biſchof Ale-
xander von Doͤrpt hatte ſeinen Hirtenſtab ſo lange abgeleget und das
Schwert dafuͤr um ſich geguͤrtet, welcher unbedungene Beruf aber ihm
das Leben koſtete.
Jn Riga gieng der Erzbiſchof Albert mit Tode ab, und ward in die Dom-1272
kirche unter dem hohen Altar begraben. b) Vor ſeinem Ende ſchenkte er der rigi-
ſchen Buͤrgerſchaft das Land von Ekowemuͤnde bey der Semgallen Aa,
wie auch das Land zwiſchen dieſer Aa, dem Waſſer Ekow und dem Waſſer
Miſne bis an die Grenzen des Herrn Joh. v. Dalen. Jhm folgte Johannes
von Luͤnen, der doch erſt nach zwey Jahren den Stuhl beſetzte.
Der Ordensmeiſter ſtreifte mit 18000 Mann, und noch etlichen Tauſenden,1273
die auf Schuͤten uͤber die Peipus ſetzten, in Rusland, verbrante Jſenburg,
und beſtuͤrmete Plescow mit geſamter Macht; doch auf Vermittelung des
Groskoͤniges von Nogarden ward die Belagerung nach getroffenem guͤtlichen
Vergleich aufgehoben. welchen der Knees Jerian bewirken helfen.
Otto gab der Stadt die Verſicherung, daß die angelegten Veſtungen ihr
nicht zur Hindernis ſondern zur Befoͤrderung gereichen, und die Buͤrger in dem
Ordensgebiete, wie zu Volquins Zeiten, frey Gewerbe treiben ſollen. Andre
ſchreiben dis richtiger Woltern von Nordeck zu.
Waͤhrender Zeit, da die Lieflaͤnder in Rusland ſtunden, hatten die1274
Litthauer und Semgallen einen Streif bis ganz nach Oeſel unternommen,
daher ſich Otto mit dem koͤniglich daͤniſchen Statthalter in Revel, Sig-
frid, wie auch mit den Biſchoͤfen Friedrich in Doͤrpt und Herman auf
Oeſel verband, und ihnen bey Karkus auf dem Eiſe aufpaſte. Allein den
Feinden waren die Haͤnde nicht gefroren, ſondern ſie ſtreckten den Ordensmeiſter
nebſt 52 Bruͤdern und 600 Deutſchen auf dem ſchluͤpfrigen und glatten Schlacht-
felde nieder. Nach Huitfelds Bericht blieb der Biſchof Herman von Oeſel
auch, oder ward vielmehr halb verblutet nach Hauſe getragen. c)
Sein Gluͤck wolte ihm nicht aus Preuſſen mit folgen, wo er als Or-
densmarſchal ſchoͤne Proben der Tapferkeit abgeleget. Die Lit-
thauer und deren Bundsgenoſſen machten ihn und 20 ſeiner Bruͤ-
der zum Ziel ihrer Pfeile, welcher Schaden doch einigermaſſen von
dem preußiſchen Hochmeiſter Anno von Sangerhauſen durch drey erfochte-
ne Hauptſiege bey Chriſtburg, Kreuzburg und Brandenburg erſetzet ward.
Der doͤrptiſche Biſchof Friedrichb) ertheilte den Kaufleuten in Lief- und
Q 2Eſt-
[64]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1274Eſtland ein Privilegium, vermoͤge deſſen alle auf der Peipus verungluͤckte
Waaren, nach Entrichtung der Bergegelder, ihren Eigenthuͤmern oder deren Erben
abgefolget werden. Alle Schiffe ſind zolfrey; das Holz wird am Peipus-
ſtrande zur Ausbeſſerung der Schiffe ohne Entgeld gefaͤllet. Doͤrpt, vom 3ten
April.
Er bezwang die Samogiten und Semgallen, zerſtoͤrte Tarweyte
und Meſoythen, und ſchenkte die Helfte von ſeinen Eroberungen
der rigiſchen Geiſtlichkeit.
Der Erzbiſchof bewilligte, daß der gewoͤhnliche Advocat in Ri-
ga oder zeitliche Richter ſich ſelbſt einen Subſtituten ſetzen koͤnne,
damit der neue Nachfolger die Jnveſtitur nicht von neuen zu ſuchen noͤthig habe.
Desgleichen vermehrte er im dritten Jahr ſeiner Regierung den 8ten Nov.
die Stadtmark mit der ganzen Gegend von dem Ort, wo die Naba von Babat
in den Flus der Semgallen faͤlt, den Strom hinauf bis an das Dorf Putule-
ne. Der Koͤnig von Schweden, Magnus, aber beſtaͤtigte den Rigiſchen die
freie Handlung auf dem Fus, wie ſie Gothland und Luͤbeck hat. Aarhus,
im erſten Jahr ſeiner Regierung.
Erich der VIte, Koͤnig von Daͤnnemark, erklaͤrte die Buͤrger von Riga in
ſeinem Reiche fuͤr zollfrey, auſſer auf dem ſchoniſchen Markte; die Guͤter der
Schifbruͤchigen werden dem Eigenthuͤmer zuerkannt. Gegeben zu Nykioͤping,
am Tage Johannis des Apoſtels und Evangeliſten.
Die Koͤnigin Margarethab), als Frau von Eſtland, gab am erſten
Septemb. zu Wardingsburg den revelſchen Domherren die Freiheit, ſich
ſelbſt einen Biſchof zu wehlen, und fuͤr ſeinen Unterhalt anſtaͤndige Sorge zu
tragen.
Die Abhaͤnglichkeit der revelſchen Kirche von der Metropolitankirche zu
Lunden ward aufgehoben, dem Biſchof und Kapitel die Gemeinheit der Felder,
Waͤlder und Heuſchlaͤge, die Erlaſſung aller Steuern und Ungelder zugeſtanden,
bis es ihr Sohn der Koͤnig beſtaͤtigen wuͤrde.
Wolther gieng nach getroffenen guten Anſtalten nach Preuſſen und legte
im dritten Jahre ſeine Regierung nieder. Eine ſeiner Urkunden haben verſiegelt
Bru-
b)
[65]Erzb. Joh. v. Luͤnen. zur Zeit der Reg. Ernſts v. Ratzeburg.
Bruder Joh. von Magedeborch, Comtur zu Riga, Bruder Heinrich von1277
Arnesberch, Bruder Heinrich Sturmann, und Bruder Rembold.
Ein witziger und arbeitſamer, aber nicht gar gluͤcklicher Regent.1277
Der rigiſche Erzbiſchof Johan, der oͤſeliſche Biſchof Her-
man und dieſer Meiſter ertheilten am Oſtertage allen, ſo nach
Liefland handeln, die Erlaſſung von Zol und Ungeldern,
nebſt folgenden Vortheilen: Die auf der See oder in der Duͤne verungluͤckten
Guͤter werden nach Erlegung des Bergegeldes frey verabfolget, Hafen und Ufer
in bequemen Stand geſetzet; die Weide fuͤr die von auswaͤrts eingekommenen
Pferde iſt offen, nur daß ſie kein Kornfeld oder Heuwachs verderben. Holz
zum Brennen und zur Ausbeſſerung der Schiffe duͤrfen ſie frey faͤllen; wer aber
zum Bau neuer Schiffe Holz haben wil, mus der Obern Einwilligung ſuchen.
Jn Strand- und Seezwiſtigkeiten wehlen ſich die Parteien einen Richter, der
nach gothlaͤndiſchem Rechte ſchlichtet. Haben die Fremden mit den Buͤrgern
Verdrus, ſo verſchaft ihnen der Aelterman nach rigiſchem Rechte Genugthuung,
oder es ſollen beſondere Gevolmaͤchtigte geſetzet werden, Fremde gegen die Buͤrger
zu ſchuͤtzen b). Der Erzbiſchof belehnte ſeiner Schweſter Man Johan von Lu-
nen und deſſen Erben mit den Doͤrfern Viderſele, Cauſele und Morikas,
nach Lehnsrechte. Zeugen waren Heinrich von Wrangel, Johan von Tie-
ſenhauſen, Otto und Helmold, Bruͤder, genant von Luͤneborch, Ale-
xander, Rodolph von Ungern, (de Ungaria) Johan von Adrikas,
Hinrich von Pickever, Vaſallen der Kirche. Weil des Erzbiſchofs Schwa-
ger den Beinamen von Luͤnen gefuͤhret, ſo ſind einige auf den Zweifel gefallen, ob
auch der Erzbiſchof wuͤrklich ein Herr von Luͤnen ſeyn koͤnnen.
Die Litthauer und Samogiten droheten das von Ernſten neu ange-1278
legte Duͤneburg zu ſchleifen, welches den Ordensmeiſter noͤthigte, mit dem koͤ-
niglichen Statthalter in Revel, Elert, ſich zu verbinden, und mit lieflaͤndi-
ſchen und daͤniſchen Truppen in Litthauen einzuruͤcken. Dieſe ſiegenden
Voͤlker wolten nicht gerne mit leeren Haͤnden nach Hauſe gehen, und ſchlepten
alſo mit, was ſich fortbringen lies, lockten aber eben daher die Litthauer mit ſich
nach Liefland, die wie die Barbaren Haus hielten, und ſich fuͤr ihren Schaden be-
zahlt machten. Sie ruͤckten im erſten Schrecken vor Aſcherade, wo es den1279
Son-
R
[66]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1279Sontag nach Laͤtare zum Handgemenge kam, und worin dieſe erbitterten
Feinde alles zertraten nnd niederſebelten. Ernſt verlohr nebſt 71 Ordensrittern
und vielen Gemeinen das Leben. Die uͤbrigen machten ſich auf die Flucht, als
ſie durch den Fal des tapfern Heinrichs von Tieſenhauſen die Marienfahne,
in welcher das Bild der Mutter GOttes ſehr koſtbar geſticket war, in die feind-
lichen Haͤnde gerathen ſahen. Elert wolte zwar mit ſeinen Leuten die Fahne wie-
der erobern, wurde aber von ihnen im Gedraͤnge gelaſſen, und muſte alſo, nach-
dem ihm ſein Pferd unterm Leibe getoͤdtet worden, mit vielen Wunden uͤbel zuge-
richtet, den Seinigen nacheilen. c)
Unter ſeiner Regierung ward den eſtniſchen Bauern zuerſt auferleget, von
ihren Feldern ſtatt des Tributs ein gewiſſes Maas Getreide zu entrichten, wel-
ches in ihrer Sprache Kuͤlmetd) genennet wurde.
Die Semgallen machten ihm groſſes Herzeleid, nachdem ſie ihm
und dem Erzbiſchof den Tribut aufgekuͤndiget, daher dieſe beide
Regenten ihre Kraͤfte vereinigten, und dieſen trotzigen Feinden
eins beibrachten, aber auch eben keine Seide dabey ſponnen.
1281Er wurde des Handels bald uͤberdruͤßig und gieng nach Preuſſen, wo ihm die
hohe Wuͤrde des Hochmeiſterthums zu Theile ward.
Ward ſeiner bekanten Tapferkeit halber von den Rittern auf dem zu Vel-1281
lyn gehaltenem Landtage erwehlet, und ſetzte ſich gegen die feindliche
Macht, durch Werbung neuer Voͤlker, gleich anfangs in gute Ver-
faſſung.
Der rigiſche Fuͤrſt Wiczlaus verſtattete den rigiſchen Kaufleuten, die1282
in den Grenzen ſeiner Herrſchaft anlanden wuͤrden, von allen ihren Guͤtern die
Angaria und Perangaria, die Freiheit von Zol und von der Schepwracke; beſtaͤ-
tigte ihnen auch die Privilegien ſeiner Vorfahren. Unterzeichnet zu Riga am
19ten April.
Der Koͤnig Erich beſtimte am Sontag Trinitatis zu Lunden der revel-1283
ſchen Kirche 60 Haken Landes von den Hoͤfen Wartel und Kadjal, und be-
fahl dem eſtlaͤndiſchen Adel, von jedem Haken zwey Kuͤlmet Getreide nach der
alten Gewonheit zu entrichten, deſſen ſich die Ritterſchaft bisher entſchuͤttet hatte.
Der Ordensmeiſter war gegen die Semgallen anfaͤnglich ziemlich gluͤcklich,1284
und wies ihnen einen Huͤgel, auf dem er ein Crucifix ſetzte, zur gottesdienſtlichen
Verſamlung an, bey welchem das Volk ſeine Andacht haben, die Predigt hoͤren
und Betſtunden halten konte, und den man nachher Heiligenberg nante. Bey
den Streitigkeiten zwiſchen dem Koͤnig Erich in Norwegen, und den Staͤdten
an der Oſtſee, Lybikh, Roczſtok, Vismarh, Stralaſund, Grips-
woldh, Riga und den Deutſchen in Wisby, 1285, ſetzte der Koͤnig
Magnus von Schweden um Michaelis zu Calmar vier Commiſſarien
nieder, von ieder Seite zwey, daruͤber er ſich jedoch die endliche Entſcheidung vorbe-
hielt. Der Erzbiſchof erbaute unterdeſſen die beruͤhmte Kirche zu Wenden;
nach deren Vollendung er aus dieſer Welt Abſchied nahm, und im rigiſchen
Dom vor dem Catharinenaltar begraben wurde. An ſeine Stelle kam Jo-1286
hann von Fechten.
Dieſer Ordensmeiſter ſahe ſich uͤbrigens genoͤthiget, mit den Litthauern,1287
Samogiten und den unruhigen Semgalliern zu ſchlagen, deren Heerfuͤhrer
auch das Leben verlohr. Er wurde aber von der uͤberlegenen Macht der Feinde
umzingelt, und ſtandhaft entleibet, nachdem von ſeinen Rittern 33 erſchlagen,
und 16 gefangen worden, die man theils nacket auf Pferde band, und mit Knuͤt-
teln zu Tode pruͤgelte, theils auf hoͤlzernen Roſten uͤber dem Feuer langſam
briet. b)
Die uͤbermuͤthigen Feinde verfolgten ihren Sieg bis in Liefland, er
beſchnit ihnen aber die Fluͤgel, und nahm ihnen Doblin, Ra-
ten und Sidropien weg. Die Litthauer verlohren bey der
Niederlage der Semgallen ihren Muth dergeſtalt, daß ſich
keiner ſich zu regen getraute. Ruſſov haͤlt ihn daher fuͤr gluͤcklich,
daß er die Semgaller voͤllig bezwungen, gegen welche alle ſeine Vorfahren ver-
geblich zu Felde gelegen. Es bemerket aber Hartknoch aus dem Duisburger,
daß die Semgallen noch fernere Unruhen erregt.
Er gieng nach einer zweijaͤhrigen Regierung aus der Welt, und wurde von
vielen, ſeiner ruͤmlichen Amtsfuͤhrung wegen, bedauret. b)
Unter demſelben giengen bey der Ruhe von auswaͤrtigen Feinden die
innerlichen Haͤndel an, woruͤber die Gemuͤther der Weltlichen ſo
wol als der Geiſtlichen gegen einander erbittert wurden, und bei-
de einander weit auſſehende Abſichten vorwarfen. b)
Der curiſche Biſchof Emund uͤberlies ihm das Schlos1290
Memel und eine dabey gelegene Muͤhle; doch durfte an dieſem Bach keine neue
Muͤhle angeleget werden. Die Kirche dabey laͤſt- darin ohne Entgeld mahlen
und giebt auch nicht die Metze (ſine moletro, quod vulgo Methe dicitur).
Der Koͤnig Erich der VIIte verliehe den Bruͤdern in Duͤnemuͤnde alle1291
Guͤter des Dorfs Arrenkuͤlle, welche ſie von Peter Saxen rechtmaͤßig erkauft,
mit eben dem Lehnrecht, wie ſie der erſte Beſitzer vom Koͤnig empfangen. Als
Zeugen haben ſich unterſchrieben, Peter Jndeß, ehmaliger Droſt, Skielm
Stigh, dermaliger wirklicher Droſt, Otto von Roſen, Nicolaus Abſo-
lonsſohn und Odward von Revel. Die Urkunde iſt deswegen merkwuͤrdig,
weil der Koͤnig ſie am vierten Tage vor Mariaͤ Magdalenaͤ zu Revel in Ge-
genwart ſeiner geliebten Mutter unterzeichnet, von deren damaligem Aufenthalt
in Eſtland die daͤniſchen Geſchichtſchreiber nichts erwehnen. Der Erzbiſchof
lies zur Anlegung der St. Nicolaikirche zu Penninckholm eine Collecte ſam-
len, und erlies denen, ſo einen willigen Beitrag dazu thaten, 40 Tage und einen
Faſttag an der Buſſe. Zu Riga in der Oſterwoche.
Der in der Stadt Riga entſtandene Brand veranlaſte die erſte Bauord-1293
nung von 10 Artikeln, deren Vorrede alſo lautet: Dat ſy witlick alle, de
nu ſyn vnde thokamende, dat na Bort unſes Heren 1293 in Suͤnte
Martens Nacht brande de Stad tho Riga, do wilkoͤrde de Raht
vnd de Menen Boͤrgere deſe Ding holdende, de hirna beſchreven
ſtat.
Philip der IVte, Koͤnig in Frankreich, gab der Stadt Riga nebſt 8 an-
dern Staͤdten die Handelsfreiheit in ſeinen Haͤfen, nach der ſie nichts mehr, als
den gewoͤnlichen Zol entrichten durfte.
Die Haͤndel zwiſchen dem Ordensmeiſter und Erzbiſchof gediehen endlich ſo
weit, daß dieſer einen langwierigen Arreſt bekam, wozu die Ritterſchaft des Erz-
ſtifts das Jhrige mit beitrug, die an dieſen Praͤlaten bisher eine mehrere Nei-
gung gegen die Pfaffen, als gegen die Ritterſchaft bemerkt haben wolte. Doch
der Tod trente dieſe Partheien, und ſchafte den Meiſter in der beſten Arbeit zur Ruhe.
Er ſchafte ſich gleich den doͤrptiſchen Biſchof Bernhard durch einen
guͤtlichen Vergleich vom Halfe, welches den einſamen Erzbiſchof ver-
anlaſte, ſich hinter die Litthauer zu ſtecken, und gewiſſe Betſtun-
den anzuordnen, in welchen er den Ordensmeiſter und ſeine Ritter-
ſchaft wolte zu Tode beten laſſen. Der Tod aber faſte zuerſt den Erzbiſchof beim
Mantel, und wanderte im folgenden Jahr mit ihm aus der Welt.
Das revelſche Kapitel muſte ſeine Domherren, Peter Degen, Jacob
Cimeterraͤ, Johan Terristerraͤ und Johan von Ymbria nach Roth-
ſchild abfertigen, wo ſie in Gegenwart des daſigen Biſchofs Johannes das
Bekentnis ablegten, daß weder ſie, noch ihre Vorfahren ſich der freien Biſchofs-
wahl bedienet. Sie verſprachen auch, weil es ein Regale waͤre, in dergleichen
Faͤllen nie etwas gegen die koͤnigl. Vorrechte zu wagen. Rothſchild am 25ten Julii.
Die Kapitelsherren in Curland umzogen Pilten mit einer Mauer, weil
ſich deutſche Kaufleute daſelbſt niedergelaſſen. Der Orden aber bezog das Ha-
kelwerk vor dem Schloſſe Neu- Pernau, welches eine alte preußiſche Chro-
nike ein Jahr vorher meldet.
Der Meiſter folgte dem Erzbiſchof Johan von Fechten bald nach, und ſtarb.
Der neue Erzbiſchof, Johannes Graf von Schwerin, ſetzte das
Buͤndnis mit den Litthauern gegen den Orden fort, auf welche
Gelegenheit der Grosfuͤrſt Vitenes laͤngſt gewartet hatte. Um aber die
Buͤrgerſchaft mit in ſeine Vortheile einzuflechten, bekraͤftigte er alle
von
[71]Erzb. Joh. v. Schwerin. zur Zeit der Reg. Gottfrieds v. Rogga.
von ſeinen Vorfahren ihnen ertheilte Freiheiten, mit dem Zuſatz, daß der Stadt-1296
vogt ſich einen Nachfolger ernennen koͤnne, ohne daß derſelbe die Jnveſtitur zu
ſuchen noͤthig habe. Zu Riga im April.
Die Kaufleute zu Wisby kamen bey dem Koͤnig in Daͤnnemark, Erich,
klagbar ein, daß ihnen die Eſtlaͤnder einige Kaufmansguͤter vorenthalten,
worauf derſelbe an ſeinen Stadthalter in Revel, Nils Axelſon, und an die
Raͤthe uͤber Eſtland, die Herren Henrich von Lode, Herman von Bux-
thoͤveden, Woldemar Roſen und Helmold von Lode, Befehl ſtelte, die-
ſen Buͤrgern zu ihrem Rechte zu verhelfen, wodurch die Zwiſtigkeiten gehoben
wurden. S. Strelovs gothlaͤndiſche Chronik Bl. 147.
Bruno zerfiel mit den Buͤrgern zu Riga einer Bruͤcke halber, welchen1297
Streit der Erzbiſchof und der Biſchof Bernhard von Doͤrpt ſo ſchlichteten,
daß die Buͤrger zwar am Bau zum gemeinen Beſten nicht gehindert werden, aber
auch keine Muͤhlen und Wehren (gurguſtia) ohne Einwilligung des Ordens an-
legen ſollen.
Der litthauiſche Grosfuͤrſt Vithenes ruͤckte indeſſen mit ſeinem Heere in
Liefland ein, da der Erzbiſchof und die Buͤrgerſchaft das Rauhe heraus kehr-
ten, und mit dem Orden in anderthalb Jahren 9 Schlachten wagten. Die
letzte bey Treyder-Aa am erſten Junius war entſcheidend, und Bruno ſamt
60 Rittern und vielen Gemeinen blieben in derſelben. Die Sieger machten ſich
hierauf an die Belagerung des Ordensſchloſſes Neuermuͤhlen,b) hatten aber
auch faſt 3000 Chriſten aus ihren Haͤnden reiſſen, und von ihren eigenen Leuten
800, oder wie andre leſen, 1800 ſitzen laſſen muͤſſen.
Er erhielt aus Preuſſen noch zu rechter Zeit eine gute Anzahl neu-1298
geworbener Soldaten, welche der tapfere Berthold von Oe-
ſterreich, mit dem Zunamen Bruͤhan, anfuͤhrete. Sie ruͤck-
ten miteinander zum Entſatz vor Neuermuͤhlen an, und fielen
S 2am
a)
[72]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1298am Tage Petri und Pauli mit ſolcher Verbitterung auf die Belagerer, daß uͤber
4000 theils in den Strom geſprenget, theils durchs Schwert niedergemacht
wurden.
Jnzwiſchen ſuchten die Litthauer den Bruͤhan aus Liefland zu ziehen,
und thaten deshalb einen Einfal in Preuſſen, wo ſie gar ſeltſam wirthſchafteten.
Doch Bruͤhanb) kam ihnen unvermuthet auf den Hals, und wies dieſen frem-
den Gaͤſten nach etlichen Scharmuͤtzeln den Ruͤckweg.
Der Erzbiſchof hatte ſich muͤſſen gefangen geben. Als aber die Buͤrgerſchaft
nach Bruͤhans Abzuge Luft bekommen, ſengte und brente ſie ſo lange in dem
Gebiete des Ordens, bis der Erzbiſchof auf freien Fus geſetzt wurde.
Erich der VIIte Koͤnig in Daͤnnemark erklaͤrte, daß wer ſich ihm gefaͤllig
erweiſen wolte, die Buͤrger zu Riga in- und auſerhalb des Reichs, guͤnſtig auf-
nehmen, guͤtlich bewirthen, und ihre Abſichten befoͤrdern moͤchte. Kein Rich-
ter (Aduocatus) oder Unterthan ſolte ihnen etwas in den Weg legen, bey koͤnig-
licher Ungnade uud Ahndung an ihren| Guͤtern oder Perſonen. Worthingburg,
am Tage vor Antonii des Bekenners.
So bald der Erzbiſchof ſich in Freiheit ſahe, war ſeine erſte Verrichtung eine
Reiſe nach Rom, ſein Aufenthalt aber daſelbſt ziemlich kurz, indem ihn das
Jahr darauf der Tod aus der Welt forderte. Der Papſt Bonifacius derIIXte
ſandte hierauf ſeinen Kapellan, den Prior des Auguſtinerkloſters zu Bene-
vent, Namens Jſarnusc), nach Liefland, und beſtaͤtigte ihm das rigiſche
Erz-
[73]Erzb. Jſarnus. zur Zeit der Reg. Gottfr. v. Rogga.
Erzbiſtum. Allein er hatte ein zu redliches Herz, als daß er dieſem ewigen Ge-
zaͤnke lange zuſehen konte; daher ihn der Papſt zum Erzbiſchof von Lunden er-
nante, dem lundenſchen aber, Johannes Grand, das rigiſche Erzbiſtum
auftrug. Doch Johannes bedankte ſich fuͤr dieſe unruhige Ehrenſtelle, und
Jſarnus muſte in Daͤnnemark noch eine kleine Zeit unter dem Namen eines
paͤpſtlichen Legaten warten, bis die lundenſche Stelle erlediget wurde.
Den heiligen Abend vor Jacobi lies dieſer Gottfried den Luͤbeckern,
aus Dankbarkeit fuͤr ihre Bemuͤhungen, zum Aufkommen des Ordens alle An-
ſtalten vorzukehren, ein gar ſchoͤnes Handelsprivilegium ausfertigen, in welchem
den luͤbiſchen Kaufleuten zugeſtanden wird, auch in Kriegszeiten mit den Ruſ-
ſen zu handeln, ja ihren Handel zu Lande bis Preuſſen zu treiben, ohne von
den Lieflaͤndern geſtoͤret zu werden. Jn See- und Hafenverbrechen ſollen die
Schuldigen nach luͤbiſchem Rechte, in Stadtſachen aber durch den zeitigen Ael-
termann (Oldermannum) gerichtet werden. d)
Jſarnus kam nach Liefland, wo er 6 Tage vor Reminiſcere die alten1300
obſchwebenden Zwiſtigkeiten auf dieſen Fus abthat: Der Erzbiſchof und der Or-
den heben die Koſten gegen einander auf. Wolmar von Roſen erhaͤlt ſein
Schlos wieder. Der Orden braucht die St. Juͤrgenskirche zu Riga zum
Gottesdienſt, nur daß niemals uͤber 10 Bruͤder in der Stadt bleiben, noch viele
Bediente bey ſich haben, oder oͤffentliche und heimliche Zuſammenkuͤnfte halten,
keine Thuͤrme oder Schanzen in der Stadtmark oder Grenze anlegen. Die Or-
densſchiffe haben durch die Bruͤcke der Buͤrger freie Durchfahrt. Das ganze
Land gehoͤret dem Papſt, und iſt den Bruͤdern nur zur Fortpflazung des chriſtli-
chen Glaubens verliehen; daher duͤrfen keine neue Zoͤlle eingefuͤhret werden.
Uber die Guͤter, ſo die Buͤrger dem Orden im Stadtgebiete abgezwacket, und
welche der Orden der Buͤrgerſchaft zu Riga in Lief- und Curland weggenom-
men, wird der Papſt den Ausſpruch thun. Das Kirchenregiment beruhet allein
anf dem Erzbiſchof und ſeinen Nachfolgern. Biſchof Heinrich von Revel,
Esger
c)
T
[74]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
Esger Jul, Domherr zu Rypen, Bernhard Virolettus, Biſchof zu
Karkes, Heinrich von Lubeke, Canonicus zu Rypen, Porrius von
Cuſa, Jacob von Caſulis, Pero von St. Benedicto, Rechtsgelehrte
und Advocaten des roͤmiſchen Hofes nebſt andern mehr, e) haben ſich dabey unter-
ſchrieben.
Die eſtlaͤndiſche Ritterſchaft verſamlete ſich zu Weſenberg, wo ſie in
einer Schrift mit 31 angehengten Siegeln an Erich den VIIten berichtet, daß
ſie zwar Eſtland dem revelſchen Biſchof Heinrich zugeeignet, doch unter der
Bedingung, daß es nie von der Krone Daͤnnemark veraͤuſſert werde.
Drr Ordensmeiſter ſahe ſich gezwungen, die aufruͤhrigen Oeſeler zu demuͤ-
thigen, welches der Biſchof fuͤr einen Eingrif in fremde Rechte anſahe. Gott-
fried lies ſich daher von der Nothwendigkeit dieſes Krieges von etlichen Rittern
und Hofleuten des Stifts Doͤrpt, wie auch von dem Ritter des Stifts Oeſel,
Johan von Yxkul, ein Zeugnis ertheilen, womit er dem oͤſelſchen Biſchof
Conrad den Mund ſtopfte, daß ſelbiger mit ſeiner Klage beim Papſt kein Ge-
hoͤr fand. Conrad erhielt indeſſen keine ſonderliche Genugthuung, und am
paͤpſtlichen Hofe war man gegen alles taub. Zuletzt ernante der Papſt Bene-
dictus der XIte einen Minoritenmoͤnch, Namens Friedrich, einen gebornen
1302boͤmiſchen Bannerherrn, zum Erzbiſchof von Riga, welcher den Streit zwi-
ſchen dem Orden und dem oͤſelſchen Biſchof beilegte. f)
Erich der VIIte belehnte ſeinen Bruder den Herzog Chriſtoph auf 61303
Jahr mit Eſtland, um ſolches vor den Unglaͤubigen unter koͤniglichem Beiſtand
zu ſchuͤtzen, wogegen der Herzog verſpricht, ein getreuer Lehnsman zu ſeyn, und
dem Koͤnig im Nothfal mit 50 bewehrten Leuten zu dienen.
Jm Maͤrzmonat verſamlete ſich der Meiſter, der Landmarſchal und alle Be-1304
fehlshaber des Ordens zu Doͤrpt, wobey ſich die daͤniſchen Vaſallen von der
eſtlaͤndiſchen Ritterſchaft mit einfanden, und ſchloſſen dieſes ewige Buͤndnis,
daß ſie keine daͤniſche Vaſallen abſpenſtig machen wolten, weil dieſelben noch
vom Heidenthum her zu dieſer Krone gehoͤret, ingleichen daß keiner ohne den an-
dern eine Verbindung errichten ſolte. Die Biſchoͤfe von Doͤrpt und Oeſel
ſollen mit dem Ordensmeiſter den rigiſchen Erzbiſchof bereden, gemeinſchaftliche
Sache zu machen. Welcher Ort nun zwiſchen der Duͤne und Narve ſich dieſem
Bunde nicht unterwerfen wuͤrde, dem ſolle feindſelig begegnet werden. Wer das
Land unter fremde Herrſchaft zu bringen trachtet, mit einem ſolchen wird als ei-
nem Verraͤther umgegangen. Wenn obgemeldte Biſchoͤfe und der Orden mit
den Ruſſen in Verdrieslichkeit gerathen, ſo giebt eine Commißion den Aus-
ſchlag, worin 3 von Riga, 3 von Oeſel, 6 von Doͤrpt, 6 koͤnigliche
Lehnsmaͤnner und 6 Ordensbruͤder ſitzen. Werden dieſe Verbundene unter ſich
uneins, ſo thun 6 Commiſſarien von Doͤrpt und Oeſel, 6 koͤnigliche Lehns-
maͤnner und 6 Ordensbruͤder den Ausſpruch, wobey es ſein Bewenden haben
mus. Thut jemand den Ruſſen zu viel, und wil nach ſeinem Kopfe mit ihnen
anbinden, der ſol ohne Beiſtand bleiben und ſeine Gefahr ſtehen g).
Der lundenſche Erzbiſchof Jſarnus legte in dieſem Jahr die zwiſchen dem
Orden und der Stadt noch obwaltenden Zwiſtigkeiten bey.
Der Erzbiſchof Friedrich aber beſtaͤtigte am 9ten October der letztern alle1305
Rechte und Freiheiten, insbeſondre das gothiſche Recht, nebſt der Befreiung
vom Kampfſchlagen, vom Zol, vom gluͤenden Eiſen und den Strandungsko-
ſten. Zum gothiſchen Rechte wird gerechnet, daß ſich die Buͤrger einen
Stadtrichter wehlen, den erwehlten aber dem Erzbiſchof zur Jnveſtitur vorſtellen
ſollen. Dieſer Stadtrichter entſcheidet alle weltliche Sachen, doch iſt kein ſtifti-
ſcher Lehnsman an dieſes Gericht gebunden. Der Erzbiſchof behaͤlt die Muͤnzge-
rechtigkeit, die Buͤrger hingegen ſind frey vom Zehnden und andern Abgaben.
Alle die in die Stadt kommen, ſind des Buͤrgerrechts faͤhig, und mit der Dar-
ſtellung des Stadtvogts wird es ſo genau nicht genommen. Unterſchrieben ſind:
Bruder Bernhard, Unterprior der Predigermoͤnche, Bruder Johannes von
T 2Oeſel,
f)
[76]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
Oeſel, von eben dem Orden in Riga, Bruder Friedrich, Vicegardian der
Minoriten in Riga, Bruder Johan von Pohlen, Leſer, Bruder Wen-
ceslaus, Bruder Gerhard, ebenfals Minoriten. Herr Gerlach, Herr
Lambert, Johan von Oſtinghuſen und Magiſter Marcus von St. Ger-
mano.
Als die Stadt den St. Juͤrgenshof zerſtoͤret, und in eine Strafe von
1000 Mark verfallen war, weil es bisher die ordensmeiſterliche Reſidenz geweſen;
ſo erlegte ſie fuͤr allen Schaden uͤberhaupt 800 Mark, woruͤber ſie der Meiſter
Gottfrid, ſein Marſchal Cono, und der wendenſche Comtur Albert, ge-
nant Pladere, in der Octave Petri und Pauli voͤllig quitiret.
Der Biſchof Conrad von Oeſel hatte die rigiſchen Buͤrger zu Beſchu-
tzern ſeiner nach Riga gefluͤchteten Leute und Guͤter beſtellet. Da aber ein ver-
ungluͤcktes Schif auf den oͤſelſchen Kuͤſten wider den Freiheitsbrief keine Sicher-
heit genos, ward die Stadt erbittert, nnd nahm was ihr im Weg kam, erſchlug
auch einige Bedienten des Biſchofs. Doch das Jahr drauf ward zu Leal am
Tage Philippi u. Jacobi die Sache verglichen. Beide Theile genieſſen in des an-
dern Grenzen Sicherheit, und die Rigiſchen liefern die genommenen Pferde
und Waffen zu Neuermuͤhlen oder Duͤnemuͤnde aus. Ueber den Todſchlag
iſt der Erzbiſchof Richter. Als Mitler waren zugegen, Bruder Cuno von Ol-
denborch, Comtur zu Leal, Bruder Ravo, daſiger Prieſter, Bruder Jo-
han, genant Holſathen, Vogt in der Wyck, Herr Wal, Ritter, genant
von Wranghel; Herr Gerlach, genant Reiſe, Herr Lambert, genant
Seyme, Burgermeiſter der Stadt Riga.
Am 26 Maͤrz traten die eſtlaͤndiſchen Landraͤthe mit der Ritterſchaft zu-
ſammen, machten eine naͤhere Landesordnung, deren Handhabung ſie auch be-
ſchworen, und uͤbergaben ſie dem revelſchen Biſchof Heinrich zur Beſtaͤtigung,
der ſie auch auf zwey Jahr bis zur koͤniglichen Genehmigung beſtaͤtigte. Die
Namen derer, ſo dabey zugegen geweſen, ſind: Wolmar Roſen, Heinrich
von Lode, Diedrich Thoys, Diedrich Kiwel, Bruno von Dolle,
Ludolph Fahrensbach, Johan von Loͤwenwolde, Johan Uxkuͤl,
Woldemar Wrangel, Johan Waigithe, Leo Orgies, Johan Wa-
ckolt, Nicolaus Askerſon, Johan Weſenberg, Otto von Kiwel,
Nicolaus von Haffwesforde, Odoard von Revel, Conrad Soͤge,
Heinrich von Lechtes, Albert und Nicolaus von Dohlen.
Am St. Moriztage uͤbertrugen vorerwehnte Herren Landraͤthe und Rit-
ter auf einem Landtage zu Weſenberg dem Biſchof Heinrich in des Koͤnigs Na-
men ganz Eſtland. Der Biſchof ſandte die Reſignation dem Koͤnig zu, und
legte die ſchoͤnen Zeugniſſe bey, worin der Adel des Biſchofs Treue und Eifer ge-
gen den Koͤnig ungemein geruͤhmet hatte. Jnsbeſondre war mit ausbedungen
worden, daß Eſtland auf keinerley Weiſe von Daͤnnemark veraͤuſſert werden
ſolle. h)
Er erhielt unter der Anfuͤhrung des tapfern Conrad Keſſelhuts,
Schatzmeiſters und nachmaligen Landmarſchals, eine ziemliche
Verſtaͤrkung von preußiſchen Ordenstruppen, mit welchen er
Plescow eroberte, und die Ruſſen zum Frieden noͤthigte.
Hieauf gieng er dem Biſchof von Oeſel zu Leibe, und nahm im erſten Schrecken
Hapſal, Lode, Leal und die ganze Wyck weg, weil die Litthauer als der
Geiſtlichen Bundesgenoſſen nicht abkommen konten, indem ſie in Preuſſen alle
Haͤnde vol zu thun hatten. Doch kam es bald zum Vergleich, und muſte die
nach Riga entfuͤhrte Beute, oder der Werth derſelben, zu Neuermuͤhlen oder zu
Duͤnemuͤnde wieder ausgeliefert werden.
Der Koͤnig von Daͤnnemark ſandte Johan Kanen nach Revel, unter1310
welchem die Mauren der Stadt auf der Nord- und Oſtſeite erweitert, erhoͤhet,
und mit Thuͤrmen, Schanzen und Graben beveſtiget werden ſolten. Hierdurch
kam das beruͤhmte Nonnenkloſter St. Michaelisb) mit in den Bezirk der
Stadt; die Nonnen aber erhielten Erlaubnis, ſo nahe an die Stadtmauer zu
bauen, als ihr Grund gienge.
Der Erzbiſchof ertheilte der Stadt die Erlaubnis, die Pforte und alle Thuͤren
auf dem Stiftshofe zu vermauren, und verbot den Domherren, kein Thor, kein
Fenſter oder ſonſt eine Oefnung in die Mauer zu brechen, weil es die Stadt-
mauer ſey; widrigenfals waͤre die Stadt berechtiget, ſolche ungehindert zuzumau-
ren. Riga vom 15 Dec.*)
Das Kapitel, der Erzvoigt und die Burgemeiſter zu Riga trafen einen
Vergleich wegen der eine Zeitlang verſchloſſen gehaltenen Kapitelpforte. Die
Schluͤſſel werden den Herren Burgemeiſtern eingehaͤndiget, doch ſo, daß im
Nothfal das Kapitel ſelbige gebrauchen koͤnne. Wenn auf erforderndem Fal an-
dre Stadtthore zu verſchlieſſen ſind, und das Kapitel zaudert, ſo koͤnnen die Bur-
gemeiſter auch dieſe Kapitelpforte ſchlieſſen.
Nachdem der koͤnigliche Stadthalter zu Revel, Johan Waigithe in Un-
gnade gefallen, und deſſen Nachfolger Age Saxeſon entweder geſtorben oder
nach Hauſe gezogen war; ſo kam Heinrich Pernawer zur revelſchen Stadt-
hal-
b)
[79]Erzbiſchof Friedrich. zur Zeit der Reg. des Gerdt v. Jocke.
halterſchaft. Jhm wird die Verordnung mit zugeſchrieben, daß, wenn ein an-1313
beerbter ſeine Guͤter verkaufe, um anderwerts ſich nieder zu laſſen, unterdeſſen
aber vom Tode uͤbereilet werde, der Kaufſchilling an den koͤniglichen Fiſcus ver-
fallen ſeyn ſolle.
Am Tage Viti und Modeſti nahm der Koͤnig mit dem Ordensmeiſter die1314
Verabredung, daß die Grenzſtreitigkeiten zwiſchen den koͤniglichen und Ordens-
unterthanen durch den revelſchen Befehlshaber, vermittelſt drey koͤniglicher
Lehnsmaͤnner und vier Ordensbruͤder, entſchieden werden ſolten. Bey der Ge-
legenheit erhielt die harriſche Ritterſchaft die Beſtaͤtigung ihrer Briefſchaften,
und die Cleriſey auf ihre angebrachte Klage den Troſt, daß ihr jeder den Zehenden
nach dem alten groͤſſern Maas entrichten muͤſſe, wer nicht als ein Verfaͤlſcher des
Maaſſes beſtrafet ſeyn wolte. Ueber das letzte ward drey Tage vor Matthaͤi zu
Stenloß ein eigener Befehl ausgefertiget.
Der Koͤnig Erich der VIIte beſtaͤtigte der revelſchen Buͤrgerſchaft ihre1315
Freiheiten, die ſie Zeit ſeiner Minderjaͤhrigkeit erhalten, und vergab ihnen alle
Beleidigungen. Nur die Stadtmauren ſolten, im Fal ſie dem Schloſſe
nachtheilig fielen, eingeriſſen werden. Waldemars des IIten Ritterrechte fuͤr
das Herzogthum Eſtland wurden gleichfals wohl verbeſſert.
Papſt Johannes der XXIIte zu Avignon, machte die Erzbiſchoͤfe von1316
Coͤln und Magdeburg, nebſt dem Biſchof zu Utrecht, zu Beſchirmern des
deutſchen Ordens in Liefland. Die Schirmherren koͤnnen den weltlichen
Arm gegen die Beleidiger des Ordens zu Huͤlfe rufen, ohne ſich an Bonifacius
des IIXten Bulle zu kehren. d)
Der Koͤnig von Daͤnnemark Erich der VIIte, erlaubte am fuͤnften Ta-1317
ge nach Trinitatis dem Abt und Convent zu Stolpe, das Ciſtercienſerklo-
ſter Padisc) in Eſtland, GOtt und der heiligen Jungfrau zu Ehren von
U 2Stei-
[80]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1317Steinen aufzufuͤhren. Die Mauren ſollen 4 Ellen hoch und dicke ſeyn. Der
Abt kan mit den Nonnen zu Leal 30 Hacken Land, die ihm gelegener fallen, um-
tauſchen, ſol aber die paͤpſtliche Beſtaͤtigung deshalb einholen. Jm Fal das
Kloſter dem Lande Eintrag thut, mus ſelbiges an die Krone wieder zuruͤck fallen.
Die Aebte des Kloſters Johan, Michel und Juͤrgen, ſchwuren dem revel-
ſchen Biſchof Nicolaus den Eid der Unterthaͤnigkeit, welchen Huitfeld S.
396 und Pontan S. 419 lateiniſch liefern. e)
Er ſchrieb auch an die Ordensherren nach Liefland, ſie moͤchten in ihren1318
Zaͤnkereien mit dem Erzbiſchof nicht ſo weit gehen, daß Eſtland davon Scha-
den haͤtte. Sonſt nahmen viele eſtlaͤndiſche Herren zu Coldingen ihre Erb-
guͤter von ihm zu Lehen, nemlich: Engelbrecht, Wolmar, Niclas und
Thile von Dolen, Johan von Weſenberg, Gottſchalck Preen, Hincko
Raliken, Simon Nilsſon, Floͤrike und Henrich Balcke, Gott-
ſchalck Capelle, Adeke Hansſon, Henrich von Aruſel, Johan Goͤdi-
cke von Oerzen, Luder von Brunswich, Lambert Birckhahn, Hen-
rich Witte, Wolmer, Niclas und Helmold von Lode, Conrad Soͤ-
ge, Wilhelm Fahrensbach, Gerdt Hohenbeck, Otto Roſen, Her-
man Orgies, Thile von Kiwele, Otto Bikishovde, Bertram und
Conrad Fahrensbach, Johan Orgies, Thile Mekis, Johan Hah-
ne, Evert Mekis, Thile Valderſen, Henrich Lechtis, Thile Thoys,
Uldelempe von Guldene, nebſt den Herren von Luͤdinghauſen, Vorkele,
Hildenſen, Risbyten, Racheln, Sorſevere, Pekelen, Wacke, As-
ſen, Tanckes, Nattemuͤhlen, Alven, Roſenheim, von Moer, und
Wolmer von Dolen.
Eben dieſer Koͤnig legte den Grund zu einem Gymnaſio der Stadt Revel,1319
ſchafte die Winkelſchulen ab, und befahl den Einwohnern bey Strafe von 10
Mark Silber, ihre Kinder in keine andre Schule zu ſchicken; welche Strafgel-
der innerhalb 14 Tagen erleget werden muſten, nemlich 4 Mark zum Schlos- 3
Mark zum Kirchen- und 3 Mark zum Maurenbau, uͤber welche Verordnung
der Biſchof, der Statthalter und der geſamte Magiſtrat halten ſolten.
Die ſchwediſche Herzogin Jngeburg, Herzog Erichs Witwe, ſprach1320
in ihrem, des Reichs und ihres Sohnes Magni, Koͤnigs von Schweden
und Norwegen, Namen die rigiſchen Buͤrger, weil ſie mit Korn bezahlet,
von Lieferung des Pelzwerks frey, welches ſie ihrem ſeligen Gemahl dem Herzog
Erich zu liefern ſich verbindlich gemacht. Bagenhuus, 4 Tage nach Mi-
chaelis. Der oͤſelſche Biſchof Hartwig und ſeine Canonici ſchickten ihren
Scholaren Gottfried von Memel an den Papſt, um von dem Orden fuͤr
allen erlittenen Schaden Genugthuung zu fordern. Die Volmacht, welche die
bitterſten Klagen, wiewol nur in algemeinen Ausdruͤcken, enthaͤlt, iſt unter-
zeichnet in der dritten Jndiction, am 23 Auguſt, zu Hapſal (Hapizalis).
Hingegen erwies er den Ciſtercienſern zu Padis deſto mehr Liebe, und ver-
ehrte ihnen, zum Bau ihres Kloſters, die Doͤrfer | Karrinemme und Metzen-
kuͤlle, wofuͤr er kuͤnftig als der Stifter des Orts angeſehen ſeyn wil. Er ver-
kaufte ihnen zugleich die Doͤrfer Normes, Tragereverre, Wattele und Ho-
veſelle, die alle, wie die vorigen, im lealſchen Gebiete liegen, und zwar um
500 Mark rigiſches Silbers. Beſchloſſen zu Duͤnemuͤnde, am Sabbath in
der Octave der Himmelfart Chriſti.
Der Koͤnig in Daͤnnemark, Chriſtoph der IIte, beſchied die edlen1321
Maͤnner, Ritter und Wapener in Eſtland, durch ihre Abgeordnete, Herrn
Friedrich von Wrangel, Karſten von Scharenberg, Johan von Saſ-
ſure und Bartholomaͤus von Vellyn, innerhalb Jahr und Tag das Lehn
auf ihre Guͤter zu ſuchen, es waͤre denn, daß der Ruſſen Einfal ihre Reiſe hin-
derte. Wartinsborg, Dienſtags in Pfingſten. Doch die eſtlaͤndiſche Rit-
terſchaft ward dieſer weiten Reiſe uͤberhoben, indem der Koͤnig ganz Eſtland
mit allen Staͤdten und Schloͤſſern dem Herzog von Halland und Samſoe,
XNa-
225
[82]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1321Namens Cnutf) in einem feierlichen offenen Briefe, als ein freiwilliges Ge-
ſchenk uͤbertrug. Geſchehen zu Ringſtadt am Martinstage.
Die Litthauer ſtreiften bis Eſtland, und erſchlugen im Biſtum Doͤrpt1322
5000 Chriſten, und ſchlepten auch viele als Gefangene mit. g)
Der koͤnigliche Stadthalter Johan Kanna in Revel, verſprach, auf be-1323
ſondern Befehl des Koͤnigs in Daͤnnemark, allen, die nach Nogarden han-
deln wuͤrden, voͤllige Sicherheit, ſo lange die nogardiſchen Buͤrger mit den
Chriſten Freundſchaft halten wuͤrden. Die Schifbruͤchigen koͤnnen ihre Guͤter in
des Koͤnigs Land in Sicherheit bringen. Am Tage Mariaͤ Geburt.
Der fuͤr die Stadt ſo noͤthige Friede mit den Litthauern kam zu Vilna,
Sontags nach Michaelis zur Verſiegelung. Der Koͤnig Gedimin erlaubt
freien Handel, und liefert die Entlaufenen wieder aus, laͤſt auch den Lieflaͤn-
dern in ſeinem Reiche das rigiſche Recht genieſſen. Die nach Vilna abgefer-
tigten Boten waren Herr Arnold Stoyver, des Biſchofs Vicarius, Herr
Woldemer von Roſen, von Seiten des Kapitels; Herr Johan Muͤhlen,
(Molendinum) und Herr Thomas, von Seiten des oͤſelſchen Stifts; Herr
Barth. von Vellyn und Herr Ludolf von dem Vitenhawe, Domherr von
Hapſal; Herman Lange von Seiten des doͤrptiſchen Stifts; Arnold,
Prior von Revel, und Herr Hinrich von Parenbeke, von Seiten des Koͤ-
nigs von Daͤnnemark; Von dem Meiſter der Bruͤder, Johan von Leu-
wenbroke, der Comtur von der Mitau, und Bruder Otto Bramhorn;
von Seiten der Stadt auſſer den Burgemeiſtern auch noch Bruder Weſſel, der
Prediger Prior, und Albert Sluk, Minoritenbruͤder.
Der Koͤnig Chriſtoph vermaͤhlte ſeine Prinzeßin Tochter Margarethag)
mit dem Marggrafen von Brandenburg, Ludwig, einem Sohn Kaiſer
Ludwigs von Bayern, und verſchrieb ihm 12000 Mark zum Brautſchatz,
welche aus gewiſſen Guͤtern in Eſtland gehoben werden ſolten; die nachher ſein
Sohn Woldemar wieder ausloͤſete.
Bey dieſem Jahr meldet Peter von Duisburg, daß der Papſt Johan
der XXIIſte zwey angeſehene Praͤlaten nach Liefland abgeſchickt, weil der Erzbi-
ſchof und die Buͤrger zu Riga in ganz Europa ausgeſprenget, der Koͤnig der
Litthauer wolle ſich taufen laſſen. Die Praͤlaten kamen zu Riga am Tage
Matthaͤi des Apoſtels und Evangeliſten an, und brachten den Frieden zwiſchen
den Litthauern und dem Orden zu Stande. Sie ſchaͤrften den Litthauern
ein, wer den Frieden braͤche, ſolte ſich in Zeit von einem Vierteljahre zu Rom
demuͤthigen. Sie lieſſen auch durch ausdruͤcklich dazu abgefertigte Perſonen den
Koͤnig Gedimin zur Taufe einladen, der ſich aber anders bedachte, und weg-
blieb.h)
Den dritten Tag nach dem Fronleichnamsfeſte machte ſich die eſtlaͤndiſche1325
Ritterſchaft anheiſchig, dem Koͤnig Chriſtoph in Daͤnnemark und ſeinem
Prinz Erich 2000 Mark Silber zu zahlen, welche ſie ſeinem Vater dem Koͤnig
Erich abzutragen angelobet. Unterzeichnet ſtehen aus Harrien: Johan und
Hennike Risbyt, Johan von Lemed, Hennike von Napale, Role von
Herkula, Thilo von Kirkuta, Thilo von Hoppanima, Hennike von
Sylkula, Hincke von Rokula, Palno Tuveſoen, Henneke von
Hunkimpa, Henneke von Sagemuͤle, Eylard von Eiſenberg, Ever-
hard von Engila, Hennike Raffven, Lippold von Altenthorn, Hen-
neke von Hemſebeck, Bysle von Orgyle, Hennike von Kirkuta, Hen-
nike von Waras; Aus Wirland: Wilke von Embeke, Ridder, Hinke
von Revel, Berthold von Lechtes, Henneke von Brakel, Goͤdeke von
Brakel, Floͤrke von Hafvesforde, Hincke Moer, Gerhard Skye,
Hennike von Knudes, Hennike von Roſenhagen, Odward von Refel,
Thilo von Poll, Hennike von Ylſen, Andreas von Poll, Hennike von
Walck, Simon Moer, Hinrich Hafvesforde, Berthold von Wirks,
und Conrad von Hyrmen.i)
Den Tag nach Mariaͤ Himmelfahrt verſprach der Koͤnig und ſein Kronprinz,
die Kirche unſrer lieben Frauen auf dem Schloſſe zu Revel, ſamt dem Biſchof
und Kapitel bey ihren vorigen Freiheiten zu erhalten.
Der Burgermeiſter und etliche Buͤrger aus Riga fanden an einem Morgen
die Kapitelspforte offen, und weil die Buͤrgerſchaft eine Verraͤtherey beſorgte, ſo
verſchuͤtteten ſie das Thor mit Steinen, und verlangten, daß ſolches durchaus
nicht wieder geoͤfnet wuͤrde. Dieſes gab Gelegenheit zu langwierigem Gezaͤnke.
Die Unterſuchung ward den Herren Johan Brelo, Domherrn zu Oeſel,
Volquin von Oſtinghuſen, Domherrn zu Doͤrpt, Arnold Stoyvern,
Pfarherrn der Kirche St. Paul zu Kokenhauſen, den Rittern Wolmern
von Roſen, Rudolph von Ungern nnd Barthol. von Vellyn aufgetragen.
Da nach vielem Beſchicken das Kapitel nicht nachgeben wolte, bediente ſich die
Stadt der Appellation; daruͤber im Notariatsinſtrument unter andern ein Her-
man Molling, Pfarrer zu Papendorp in der rigiſchen Dioͤces, als Zeuge
angegeben wird. Dieſes wurde am 12ten Febr. etwan um 3 Uhr errichtet. Doch
der Biſchof Engelbert zu Doͤrpt lies den Handel durch Diedrich Schwar-
zen (Niger) ſeinen Domherrn, durch Conrad Kruſen (Criſpus) ſeinen Lehns-
man, und durch den doͤrptiſchen Burgemeiſter Heinrich Schelen dergeſtalt
beilegen, daß die Mitler die Steine wegwelzen laſſen, und die Schluͤſſel dem
Probſt ehrerbietig ausliefern, der ſie dem Burgemeiſter und Buͤrgern geneigt zu-
ruͤck giebt, bis auf die Ankunft des Erzbiſchofs. Geſchehen am Sontag Qua-
ſimodogeniti. Dieſe Kapitelspforte oder das ietzige Stifthor hat mit ſeiner groſ-
ſen und kleinen Thuͤre beſtaͤndigen Lerm zwiſchen der Stadt und den Pfaffen ver-
anlaſſet.
Vier Tage nach Oſtern verglich der Biſchof zu Doͤrpt, Engelbert, als
Mitler, den Biſchof Jacob zu Oeſel, und den Ordensmeiſter, welcher das
vierte Theil von der Wyk hatte, daß ſelbiges durch vier gute Maͤnner beſichtiget
werden ſolte. Der Vertrag iſt auf dem Schloſſe Leal unterzeichnet. k)
Nach allerhand uͤberſtandenen Widerwaͤrtigkeiten legte ſich der Ordensmeiſter
Gerdt nieder und ſtarb, im 21ſten Jahr ſeiner Regierung.
Nach dem Tode ſeines Vorgaͤngers fertigte der Orden ihn als gol-
dingiſchen Comtur an den Landmarſchal Johan von Ungna-
de, und Dirik Bock an den Hochmeiſter Werner von Orze-
la ab, um demſelben das Schlos und Gebiete Memelb) zu
uͤbertragen; weil es den Lieflaͤndern zur Beſchuͤtzung etwas zu weit abgelegen
waͤre. Dafuͤr erklaͤret der Hochmeiſter den goldingiſchen Comtur Eberhard
von Monheim zum Meiſter in Liefland, und uͤbernimt das Land nach dieſer
Grenzmeſſung: Von der Muͤndung der heiligen Aa bis an ihre Quelle, von da
nach der Quelle Emme, von da nach der Emmebach bis an eine See, wo die
Meme einflieſt. Weiter die Meme herauf bis an das Land Letthowie, an
eine See, die aus der Meme komt, Haſenpot genant. Das ganze Land der
Carſowiten gehoͤret alſo mit Memel zu Preuſſen. Damit aber das Schlos
Goldingen an Fiſchen keinen Mangel leide, ſo muͤſſen die Fiſcher zu Memel ein
gros Schock und eine Geſpe von eingeſalzenen Streckfoͤten (Sternipedes) um 3
Mark preußiſcher Pfennige, und das hundert Hechte fuͤr 2 Mark verkaufen,
welche die in Goldingen mit eigenem Salze einpoͤckeln muͤſſen. Geſchehen zu
Elbingen, am Tage Urbani. Er wohnte auch der algemeinen Ordensverſam-
lung zu Marienburg in Preuſſen bey, deren Statuta uns Waiſſel S. 105
aufgezeichnet hinterlaſſen.
Am Tage Matthiaͤ des Apoſtels bezeuget Chriſtoph der IIte in einem1329
Schreiben, daß Eſtland mit allen ſeinen Staͤdten, Schloͤſſern, und was wei-
ter dazu gehoͤret, weder durch ihn noch durch ſeine Nachfolger verkauft, verpfaͤn-
det, vertauſcht, oder auf einige Weiſe iemals von der Krone veraͤuſſert werden
ſolte. Jn ſelbigem Briefe verleihet er aus Hochachtung gegen die Jungfrau Ma-
ria und um ſeiner Seelen Seligkeit willen den Toͤchtern in Eſtland das Recht
von ihren Eltern zu erben, doch faͤlt nach deren Tode die Erbſchaft an den Koͤnig
oder deſſen Nachfolger. Der nechſte Blutsfreund iſt Vormund der nachgebliebe-
nen unmuͤndigen Soͤhne. Die Herren Landraͤthe bleiben im vorigen Anſehen und
in der Gewalt Gerichte zu halten, wie ſie ehmals zu thun pflegen, ohne daß an
hoͤhern Ort appelliret werde Den koͤniglichen Befehlshabern wird genau verbo-
ten, dagegen zu handeln. Der Biſchof Olaus unterzeichnete es zu Copenha-
gen in Gegenwart der koͤniglichen Raͤthe. c)
Dieſes Jahr war fuͤr die Stadt Riga insbeſondre ungluͤcklich, indem ſie1330
mit dem Ordensmeiſter einen nachtheiligen Tractat eingehen muſte. Die Buͤrger-
ſchaft ſahe, wie ſchlecht der Orden ſein dem oͤſelſchen Biſchof gegebenes Wort
gehalten, woruͤber die noch nicht voͤllig geheilte Wunde der vorigen Beleidigung
Y 2von
[88]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1330von neuen aufbrach. Sie faſten alſo einen Anſchlag auf Dunemuͤnde, wur-
den aber zuruͤck getrieben. Eberhard lies es bey dem Entſatz nicht bewenden,
ſondern ruͤckte vor die Stadt Riga ſelbſt, der er auch auf allen Seiten faſt ein
Jahr lang die Zufuhr abſchnit, und ſie nicht eher zu beſtuͤrmen auf hoͤrte, als bis er
ihr auf Vermittelung des Landmarſchals gewiſſe Stuͤcke eines Vergleichs zugeſtand.
Denn weil ſich keine Litthauer zur Huͤlfe einfanden, und der Ordensmeiſter vor-
her kein Thor zum Einzuge erhalten konte, muſte ſie 30 Faden von der Stadt-
mauer einreiſſen, um die Straſſe recht breit zu machen. d) Sie ergab ſich am
Ger-
[89]Erzbiſch. Friedrich. zur Zeit der Reg. des Eberhard v. Monheim.
Gertrudentage, und lies keine Gelegenheit aus den Haͤnden, den ihr ſo1330
nachtheiligen Soͤhnebrief almaͤlig in ſeinen haͤrteſten Punkten todt zu machen, zu
tilgen oder den Stachel zu benehmen.
Die rigiſchen Buͤrgermeiſter verkauften am St. Stephanstage dem
Prior und ganzem Convent der Predigermoͤnche einen Platz innerhalb der Stadt
und St. Juͤrgenshof fuͤr 6 Mark, jede Mark zu 48 Oer gerechnet, und er-
laub-
d)
*)
[91]Erzbiſch. Friedrich. zur Zeit der Reg. des Eberhard v. Monheim.
laubten ihnen die Stadtmauer zwiſchen dem Kloſter und Juͤrgenshoſpital (infir-1330
maria*) nach eigenem Gefallen zu gebrauchen, nur daß ſie keine niedrigere Mau-
er
d)
[92]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1330er ziehen, ſondern eine Loͤbe oder Altan darauf bauen ſolten. Dahingegen ver-
ſtattet das Kloſter den Herren Buͤrgermeiſtern den St. Thomasaltar in ihrer
Kirche zu etlichen Seelmeſſen. Damit ſol der Zank gehoben ſeyn.
Otto von GOttes Gnaden, Kronprinz von Daͤnnemark (Danorum
Domicellus)*) Herzog von Eſt- und Laland, trat nach erhaltener Einwilli-
gung ſeines Bruders Woldemars, dem Marggrafen Ludwig von Bran-
denburg, als ſeinem Schweſtermanne, in Anſehung ſeiner Heirath das ganze Land
Revel, das Recht, einen Biſchof vorzuſchlagen, alles Antheil an dieſem Bi-
ſtum, alle Veſtungen im Lande, und was ſonſt dazu gehoͤret, auf ewig ab; der-
geſtalt, daß der Marggraf gleiche Gewalt daruͤber haben ſolte, als vormals die
Koͤnige von Daͤnnemark beſeſſen, auch daſſelbe Land frey und ungehindert ver-
kaufen, verſchenken oder vertauſchen koͤnne, auch ſolle es niemals wieder an Daͤn-
nemark kommen, wo nicht Ludwig oder deſſen rechte Erben aus gutem Willen
es dieſer Krone wieder verkaufen wollen; doch duͤrfe aus dieſer Verſchenkung ſei-
ner lieben Schweſter Margaretha kein Nachtheil zuwachſen. Als Zeugen ſte-
hen dabey angefuͤhret, Herr Lorenz Johanſon, Reichsdroſt, Herr Conrad
Preyn, Ritter, Herr Gerlach, Propſt der Lande Errien und Thosland,
Sigfried genant von Orreby, Hofmarſchal, Boetius genant Valcke, Johan
genant Becker, Advocat in Laland. Gegeben zu Saxekioͤping am 4ten
Tage vor Dioniſii und der andern Maͤrterer.
Da dieſe Schenkung die ſo oft wiederholten Verſicherungen der Koͤnige von
Daͤnnemark uͤbern Haufen warf, ſo war dieſelbe ſo wenig nach dem Geſchmack
der Eſtlaͤnder, als diejenige Abtretungsacte, worin der revelſche Stadthal-
ter, Herr Marquard Breyde, ſich gemuͤßiget ſahe, nach Koͤnig Chriſtof-
fers Tode, bey den damaligen weitauſſehenden Unruhen in der daͤniſchen ſieben-
jaͤhrigen Thronerledigung, Eſtland den lieflaͤndiſchen Ordensherren zu uͤber-
geben, weil er daſſelbe nicht laͤnger behaupten konte. Die Urkunde davon iſt
ſchon oben bey Nerona angefuͤhret. Alſo blieb Eſtland eine Zeitlang ohne
Koͤnig, Herzog und Stadthalter; vielweniger bequemte es ſich den Ordensmei-
ſter Eberhard fuͤr ſein Haupt zu erkennen, ſondern wurde durch ſeine Landraͤ-
the unumſchraͤnkt beherſcht.
Der Ordensmeiſter Eberhard gedachte dem Orden in Preuſſen Luft zu
machen, gegen welchen der litthauiſche Grosfuͤrſt Gedimin mit ſeinem Bun-
desgenoſſen, dem rußiſchen Grosfuͤrſten Satates, zu Felde lag. Er brach alſo
in Rusland ein. Doch dieſe vereinigten Maͤchte beſuchten Liefland indeſſen, da-
her Eberhard umkehrte und ſie auch dergeſtalt in die Enge trieb, daß ſie um gut
Wetter bitten muſten. Er ruͤckte hierauf wieder in Rusland, und brachte
Plescow
d)
[93]Erzbiſch. Friedrich. zur Zeit der Reg. Eberhards v. Monheim.
Plescow zum Gehorſam, wobey ihm der Graf von Arensborge) mit etlichen1334
preußiſchen Rittern huͤlfliche Hand leiſtete. Die vom Kriege abgemuͤßigte Zeit
wandte er aufs Bauen, wie denn unter ihm auſſer dem rigiſchen Schloſſe auch
das dobblenſche und mitauiſche in Semgallen zu Stande kam.
Bisher hatte Eſtland noch keinen andern Oberherrn als ſeine Landraͤthe.1339
Nunmehr aber ſchrieb der Kaiſer Ludwig an den preußiſchen Hochmeiſter
Dietrich von Aldenburg, daß ſelbiger mit ſeinen Mitbrudern und Untertha-
nen das Land und Biſtum Revel und die Provinz Eſtland angreifen, wegneh-
men und wieder unter den Gehorſam des Koͤnigs Waldemarsf) in Daͤnne-
mark bringen, es auch ohne Wiederſpruch auf kaiſerl. oder koͤnigl. Befehl auslie-
fern ſolte, wobey dem Hochmeiſter die Kriegeskoſten erſtattet werden ſolten. An
den lieflaͤndiſchdeutſchen Orden ergieng ein anderes Schreiben von gleichem
Jnhalt. Das dritte Schreiben, auch an den Orden in Liefland, enthaͤlt den Be-
fehl, daß Eſtland, wenn es eingenommen ſey, keinem andern, als dem Koͤnig
Waldemar oder dem kaiſerl. erſtgebornen Sohn, dem Marggraf Ludwig
von Brandenburg uͤberlaſſen, und deren Gevolmaͤchtigten abgetreten werden
ſolle, weil dem letztern die Morgengabe von Seiten ſeiner Gemahlin (conthora-
lis) aus Eſtland zukomme, wogegen der Kaiſer nach Vermoͤgen ſeine Erkent-
lichkeit verſichert. Alle 3 Briefe hat der Kaiſer zu Frankfurt 3 Tage vor Judi-
ca im 25ſten Jahr ſeiner Regierung und im 12ten ſeines Kaiſerthums unter-
zeichnet.
Waldemar, erwehlter Koͤnig von Daͤnnemark verſchrieb ſeinem Schwa-1340
ger Ludwig, Marggrafen zu Brandenburg, das ganze Herzogthum Eſt-
land, das iſt, das Biſtum, Schlos und Stadt Revel, das Schlos und die
Stadt Weſenberg, das Schlos und die Stadt Narva, ſamt den Provinzen
Harrien, Wierland und Allentaken mit allen Weichbilden, Vorwerken,
Doͤrfern, Lehnguͤtern, Frohndienſten, Weiden, Wieſen, Heuſchlaͤgen, Waͤl-
dern, Heiden, Buͤſchen, Aeckern, Gold- Silber- Kupfer- und andern Metal-
gruben, die jetzo oder kuͤnftig moͤchten gefunden werden, wie auch allen Wildbah-
nen, Waſſern, Fluͤſſen, Muͤhlen, Bruͤchen, Fiſchereien, Zoͤllen, Muͤnzfrei-
heit, Steuren und Renten auf immer und ewig; verſpricht auch, ſo bald die koͤ-
nigl. Kroͤnung werde vor ſich gegangen ſeyn, in einem feierlichen Briefe ſolchen
Handel von neuen zu beſtaͤtigen. Geſchehen zu Spandow am Sontage
Oculi. Zugegen waren Sveno Biſchof von Aarhus, Graf Guͤnther von
Schwarzburg, Heinrich von Reiſchach Haushofmeiſter, Hr. Joh. von
Buch, Stadthalter, Beringer Helo Marſchalk, die Ritter Gerike Wolf,
Haſſo der aͤltere von Wedel, nebſt andern glaubwuͤrdigen Maͤnnern.
Der roͤmiſche Kaiſer Ludwig, ertheilte zu Landshut ſeinem Sohn,
dem Marggrafen Ludwig, die Volmacht, mit dem deutſchen Orden um das
Land zu Ryvel (Revel) zu handeln und zu dingen, am Sontage Laͤtareg).
Der Erzbiſchof Friedrich ſtarb am paͤpſtl. Hofe zu Avignon; Benedi-
ctus der XIIte beſtaͤtigte den bisherigen Biſchof zu Doͤrpt, Engelbert von
Dahlenb), in dem rigiſchen Erzbiſtum, welcher aber die rigiſche Luft nicht
lange vertragen konte.
Sontags nach Jacobi brachte der revelſche Hauptman, Conrad Pfreen,
einen Vergleich zwiſchen der Ritter- und Buͤrgerſchaft wegen gemeinſchaftlicher
Heuſchlaͤge, von der See Jerwekuͤlle und Mullen an, bis an die Salzſee zu
ſtande. Der Hauptm. Cordt Pfrein, Herm. von Thoys, Otto von Ro-
ſen, Bartholom. von Vellyn, Helmich von Zoͤge, Heinr. und Joh.
Fahrensbeke, Claus Riſebyter, Barthel von Lechtes, Ritter; Be-
rend von Thoys, Robekin von Alven, und Aſſerie von Niehawen,
achtbare Maͤnner, haben ſich dabey unterſchrieben. Der Brief iſt von dem Abt
Berthold zu Padis am Michaelistage 1383, durchſichtiget und beſtaͤtiget.
Der Ordensmeiſter Eberhard dankte endlich ab, und gieng nach Deutſch-
land. Die Ordensritterſchaft verlor an ihm einen tapfern Vorfechter.
Er ſuchte gleich nach angetretenem Amt den ſtreifenden Ruſſen durch
Anlegung der Schloͤſſer Marienburg und Frauenburg in
Liefland den Weg zu verſperren, welches dieſen Nachbarn
dergeſtalt empfindlich fiel, daß ſie vor Marienburg ruͤckten, und
die Beſatzung mit Schmauch und Dampf zu verjagen trachteten, aber auch 28
Man davor einbuͤſten. Der nachmalige tapfere Comthur, Arnold von Vie-
tinghoff, kam mit ihnen endlich zu rechte, weswegen ſie ſich zur Ruhe be-
quemten.
Heinrich, Biſchof von Oeſel, verſtattete allen Schiffen in den Haͤfen ſei-1341
ner Dioͤces die Zolfreiheit, und die Erlaubnis am nechſten Ufer zur Ausbeſſe-
rung der Schiffe Holz zu ſchlagen. Alle geſtrandete Guͤter, ſo innerhalb Jah-
resfriſt abgefordert werden, kommen ohne Vorbehalt an die rechtmaͤßigen Erben.
Die Herren von Scherenbeck ſetzten am 28ſten May in Beiſeyn des
Wapners, Herman Risbyters, dem Abt Nieolaus zu Padis die Doͤrfer
Puggete und Yarnſelle zu Grenzen ſeines Kloſters an, von welchem Briefe der
Anfang merkwuͤrdig ſcheinet, wenn ſich dieſe Grenzrichter Nos Chriſtianus, mi-
les, et Willekinus armiger, fratres Domini de Scherenbecke ſchreiben. Es ge-
ſchiehet darin Erwehnung eines Grabens Lambivaha cayvanda, eines Hofes
Taghe, eines Orts Tycderden Mecke kako, einer See Karjawomees
und eines Schloſſes Lepoyo.
Freitags vor Mariaͤ Geburt fertigte Koͤnig Magnus von Schweden
und Norwegen die eſtlaͤndiſchen Abgeordneten Joh. von Wieder, Hein-
rich von Loden und Heinrich Lucasb), Wapentraͤger, und von Seiten der
Stadt Wennemar Kahtern zu Revel, mit einer Amneſtie wegen dem was
zwiſchen ſeiner Stadt Wieborg und der koͤnigl. Stadt Reval vorgegangen, zuruͤck,
und verlangte dagegen, daß, wenn die Revelſchen und Wiburgiſchen mit
einander Haͤndel haͤtten, jeder Partey in des andern Lande innerhalb Monats-
friſt Recht verſchaffet werden moͤchte.
Dieſes und das folgende Jahr iſt wegen des algemeinen Baurentumults
recht denkwuͤrdig. Die Bauren in Harrien machten den Anfang, und erſchlu-
gen in der St. Juͤrgens Nacht uͤber 1800 daͤniſche und deutſche Herren.
Die Bauerſchaft in der Wyck und in Wirland folgten dieſem ungluͤcklichen
Beiſpiel nach, und ermordeten ohne Unterſchied des Alters und Geſchlechs alles,
was nur einen deutſchen Othem hatte. Manche entſprungen noch, und fluͤch-
teten nackend und blos nach Revel oder Weiſſenſtein, wo ſie unterwegens zum
Theil vor Hunger ſturben. Jm Kloſter Padis wurden allein 28 Moͤnche ge-
toͤdtet. Die oeſelſchen Bauren machten ſich um Jacobi mit uͤber ihre Her-
ſchaften her, und ſchlugen erſt alle Auslaͤnder todt, und darauf auch den Or-
densvogt, ſamt allen Kloſtermoͤnchen zu Peude, denen ſie in der Belagerung
zwar freien Abzug verſprochen hatten, ihr Wort aber als Barbaren hielten. Sie
vereinigten ſich hierauf mit denen in der Wyck, wo ſie etliche vor Hapſal ruͤcken
lieſſen, den Biſchof mit ſeinen Leuten einzuſperren. Die andern zogen weiter und
brachten unterwegens einen Schwarm von etwa 10000 Man zuſammen, die das
Schlos Revel umringten, und durch eine Botſchaft den Biſchoͤfen zu Abo und
Wiborg verſicherten, die Stadt den Schweden in die Haͤnde zu ſpielen, wenn
ſie ihnen Huͤlfsvoͤlker zuſchicken wolten. Der Ordensmeiſter Burchard eilte
hierauf zum Entſatz herbey, zerſtreute dieſes aufruͤrige Geſindel, von denen die
wenigſten ihre Heimat wieder zu ſehen bekamen, ob ſie gleich angeloben lieſſen,
dem lieflaͤndiſchen Orden ſich gutwillig zu ergeben, wenn ſie nur nicht Sclaven
der Edelleute ſeyn duͤrften c). Er legte alſo Goswinen von Herike nebſt etlichen
Rittern
[96]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1343Rittern und Kriegesleuten in das revelſche Schlos zur Beſatzung, und machte
auf ſeinem Ruͤckzuge dem in Hapſal belagerten Biſchof Luft, durch welche Ret-
tung Burchard dem deutſchen Orden die Zuneigung der Eſtlaͤnder zu
wege brachte. Als indeſſen die finniſchen Schuͤten in den revelſchen Hafen
einliefen, die Stadt in Empfang zu nehmen, ſo war niemand mehr da, der ihnen
die Reiſe bezahlte. Denn die Raͤdelsfuͤhrer waren ſchon nach Verdienſt belohnet,
die Entwiſchten aber ſtacken in den Waͤldern und Moraͤſten verborgen, wo ſie ih-
ren Hunger mit Wurzeln und Baumrinden ſtilten, weil keiner ſich auf oͤffentli-
cher Straſſe zeigen durfte. Das ganze Protocol von dieſem Baurenkriege iſt im
Brande zu Stockholm drauf gegangen.
Bey dieſem Lerm der abtruͤnnigen Bauerſchaft ſahe ſich Eſtland nicht mehr
im Stande ſich ohne Schutzherren zu behelfen. Alſo traten Joh. von Sorſe-
vere, Herm. von Thoys, Otto von Roſen, Heinr. und Joh. von Fah-
rensbeck, Heinr. von Wirks, Heinr. von Lode, Dietr. Toltz, Ritter,
Joh. von Mekes, Joh. Wacke, Robert von Alwen, Chriſtian von
Scharenbecke, Aſſverus von Neuenhoff, Tilo von Sorſevere Hinr.
von Bikirhovede, Wapener und Raͤthe des Koͤnigs und der Krone Daͤnne-
mark, wie auch Heinr. Lechtes, Joh. von Fahrensbeke, Bernhard von
Thoreyde, Heinemann Risbyter, Lippold von Aydes nebſt allen koͤ-
nigl. Vaſallen, zuſammen, und unterzeichneten zu Revel am Tage vor Chriſti
Himmelfart einen Vertrag, laut deſſen ſie dem Ordensmeiſter Revel und We-
ſenberg zur Vormundſchaft uͤbergeben, um dieſe Plaͤtze der Krone Daͤnne-
mark zum Beſten zu erhalten. Sie berufen ſich auf ihr gut Gewiſſen, und be-
zeugen bey dem Worte der Warheit daß ſie hiebey im geringſten nicht gewilliget ſeyn,
Daͤnnemark nachtheilig zu fallen, ſondern daß ſie es nur darum thun, damit
das Land nicht auf ewig Daͤnnemark entriſſen werde. Wenn ſie es einhellig
wiederfordern, ſol es der Orden in Monatsfriſt wieder raͤumen. Heinrich
von Bikshoͤveden, die Ritterſchaft und revelſchen Buͤrgermeiſter wiederholen
dieſes am Tage vor Simonis und Judaͤ noch einmal, und bezeugen zugleich,
daß ſie nach dieſer entſetzlichen Empoͤrung, von der ſie allein uͤbrig geblieben, und
durch welche die Neubekehrten im Glauben wankend geworden, aus Noth
ſich an den Ordensmeiſter in Liefland gewand, und obbeſagte Laͤnder ihm in
Schutz gegeben.
Dem Koͤnig von Daͤnnemark war mit dieſer fremden Beſatzung in Revel
wenig gedienet. Er ſchrieb daher am Johannistage dem Orden in Liefland,
daß er ſich zwar fuͤr ihre Treue und Gehorſam bedanke, die ſie jederzeit ihm und
ſeinen Vorfahren erwieſen, insbeſondere daß ſie in der groſſen Gefahr ſeine
Schloͤſſer in Schutz genommen; aber weil ſie oft verſichert, auf das erſte Erfor-
dern dem Koͤnig ſie wieder auszuliefern, ſo ſchicke er ſeinen Rath und Ritter Hr.
Stigot Anderſſon als Stathalter nach Revel, in deſſen Haͤnde die Ueberga-
be geſchehen ſolle. Geſchrieben zu Aalburgd).
Nichts deſto weniger ſahen ſich obgenante eſtlaͤndiſche Raͤthe gedrungen,1345
auch das Schlos Narva gegen ein Darlehn von 1423 Mark rigiſchen Silbers
dem lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter zu verſchreiben. Weil die unglaͤubigen und
abtruͤnnigen Eſten ihren Verwandten und Blutsfreunden unmenſchliche Marter
angethan, und ihre Guͤter und faſt ganz Harrien verwuͤſtet, ihre Kraͤfte aber
zum Widerſtande nicht zureichen, und noch mehr Unruhe zu befuͤrchten ſeyn
duͤrfte; ſo behaͤlt der Orden das Schlos 1 Jahr in Verwahrung fuͤr den Koͤnig
von Daͤnnemark. Bleibet die Zahlung aus, ſo erſcheinen die Unterſchriebenen
in Vellin und machen da Richtigkeit, ſtehen aber fuͤr keine Ausbeſſerungskoſten.
Gezeichnet in Revel am Tage Pauli Bekehrung.
Dieſes alles noͤthigte Woldemarn in eigner Perſon nach Eſtland aufzu-
brechen e), und ſeine Unterthanen durch ſeine Gegenwart zu troͤſten, wo er auch
den Winter uͤber zubrachte, die Einkuͤnfte des Kapitels vergroͤſſerte, Kirchen und
Kapellen anlegte, den Staͤdten ihre Priviligien beſtaͤtigte und auf dem Schloſſe
zu Revel die Kirche unſrer lieben Frauen ſtiftete. Er ſorgte auch fuͤr die Stadt
Narva, und gab ihrer Kirche, die wenig Einkuͤnfte hatte, und von den Ruſ-
ſen etliche mal abgebrant worden, am Mariaͤreinigungstage in Stigot An-
derſons Gegenwart den Gnadenbrief, daß der Oberrichter (Advocatus) oder
Befelshaber, den Pfarrherrn, nebſt ſeinem Kapellan und Scholaren an ſeinen
Tiſch nehmen, ihnen alle Jahr einen Rock von ſchoͤnem Tuche, alle 2 Jahr einen Prie-
ſterrock nebſt andern Nothwendigkeiten, wie auch Heu und Haber auf 2 Pferde
zum Beſuch der Neubekehrten geben, und ihnen bey koͤnigl. Ungnade nichts davon
abbrechen ſolle. Das daran befindliche Siegel iſt in weiſſem Wachs in einer waͤch-
ſernen Kapſel (preſſula), und ſtelt auf einer Seite den Koͤnig auf dem Thron mit
dem Scepter und Reichsapfel ſitzend vor, mit der Umſchrift: Woldemarus Dei
G. Danorum Slavorumque Rex et Dux Eſtoniæ. Auf der andern Seite ſtehen 3
Leoparden, einer groͤſſer als der andre; am Rande lieſet man: Clypeus Woldemari,
D. Sq; R. et D. E.
Die narviſche Buͤrgerſchaft f) nahm er am Tage Jacobi gleichfals in
ſeinen genauern Schutz, beſtaͤtigte ihre von ſeinem Grosvater Erich erhaltene
Vorrechte, ſo wie ſeine revelſchen Buͤrger ſich derſelben frey bedienet, ſchuͤtzte ſie
bey
B b
[98]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1345bey ihren Grenzen, Aeckern, Wieſen, Heuſchlaͤgen, Holzungen, Waſſern und
Fiſchfang ober- und unterhalb des Schloſſes, vornemlich bey dem Verkauf der
Aale. Kein Kaufman darf uͤber dem Waſſer Lauke Handel treiben, wenn er
ſich nicht unter den Schutz der Krone und der Stadt begiebt. Solte die Stadt
von den Ruſſen zerſtoͤret werden, ſo begeben ſich die Einwohner nach dem
Schloſſe, bauen ſich da Buden und Haͤuſer auf, und handeln ſo lange auſſerhalb
der Stadt nach aller Freiheit, worinne ſie kein koͤnigl. Richter ſtoͤren ſol. Beide
Briefe hat der Koͤnig zu Revel unterzeichnet.
Die harriſchen und doͤrptiſchen Bauren ſaſſen noch nicht ſtille, ſondern
hetzten die Ruſſen auf, denen Burchard bey Odenpeh nach einem ziemlichen
Verluſt den Weg verlegte, dabey aber nebſt einigen Rittern den tapfern Joh.
von Loͤwenwolde einbuͤſte. Die Bauren machten hierauf einen Anſchlag Vel-
lin zu uͤberrumpeln, und da ſie am Thomasabend ihre Gebuͤren abtragen ſolten,
ſo ſteckten ſie in jeden Kornſack einen vierſchroͤtigen verwegenen Kerl. Doch ein
altes Muͤttergen, die ihren Sohn gern verſchonet wiſſen wolte, entdeckte dem
Comthur den ganzen Handel, bat fuͤr ſein Leben, und gab das Zeichen an, in
welchem Sacke der Junge laͤge. Die Deutſchen hielten ſich indeſſen bereit, die-
ſe lebendige Gebuͤren mit langen Spieſſen auszumeſſen, wodurch den uͤbrigen der
Kitzel vergieng, die vor der deutſchen Heimſuchung gern in die Erde gekrochen
waͤren. Doch dieſes half nichts, das Joch wurde ſchwerer und die Reihe kam
nun auch an die oͤſelſchen Bauren. Die Ordensvoͤlker ſchlugen ihr Lager zu
Karris auf, durchſtreiften die Jnſel, und muſten bey 9000 uͤber die Klinge ſprin-
gen. Jhr abgenommenes Gewehr ward nach Leal gebracht. Diejenigen ſo
um Leben ihr baten, muſten ſich ſelbſt zur Strafe das Schlos Sonneburgg)
zum Kapzaum aufbauen.
Der Abt Nicolaus zu Padis verkaufte an Peter Roͤver, Harald
Roͤdeger, Hinko Rudolph, Haquin Chriſtiani, Simon Clementis
und ihre rechte Erben die Jnſel Daghoe nach ſchwaͤbiſchem Rechte um 34
Mark Silber, doch behaͤlt ſich das Kloſter das Recht Bandholz zu faͤllen, allein
vor. Fuͤnf Tage nach Cantate.
Die Litthauer und Samogiten verſalzten dem Orden dieſe Freude.
Dieſes unruhige Volk fiel gegen die Faſtenzeit in Semgallien ein, eroberten
nach vielen Grauſamkeiten das Schlos Tarweten am Sontage Reminiſcere,
ermordeten darin 7 Ritter nebſt einer Beſatzung von 160 Man. Von da zogen
ſie vor Mitau, nahmen die Vorburg weg, ſteckten die Palliſaden in Brand,
davon das Schlos Feuer fieng, daß 600 Man nebſt manchem braven Ritter im
Rauche erſtickten. Sie zogen neben Riga vorbey, beſetzten Neuermuͤhlen,
giengen
[99]Erzb. Engelb. v. Dahlen. zur Zeit der Reg. Goßwins v. Herike.
giengen auf Segewolde zu, ſchliefen 2 Naͤchte zu Walck, und ſchlepten uͤber1345
1200 Menſchen mit Vieh und Guͤtern in die Gefangenſchaft b).
Die eſtniſche Ritterſchaft in Harrien und Wierland machte am 5ten1346
Tage nach Quaſimodogeniti mit den revelſchen den Vergleich, daß wer auf
ſeine Einkuͤnfte 10 Mark Silber ſchuldig ſey, einen Haken Landes nebſt den dazu
gehoͤrigen Pferden und Ochſen zum Pfande verſchreiben muͤſſe. Der Ritter und
Statthalter Stigot Anderſon, die Ritter Heinrich Lode, Heinr. Lechtes,
Diedr. Tolck, Chriſtian Scharenbeke, Gottfr. von Fahrensbeke, die
koͤnigl. Raͤthe Joh. Mekes, Joh. Wakke, Diedr. Wirks, Heinr. Ha-
veſforde, Aſſverus von Neuem Hofe, Tidemann Kele, Herm. Ris-
byter, Joh. Wolderſo, Hartekin Kirkotoy, Odward Sorſevere,
Nicl. Minnekrop, und Didrich Wrangel, der Vogt, die Buͤrgermeiſter
und Rathsherren der Stadt Revel, Herm. Moremann, Reineking Ko-
wel und Wennemar Hollogher haben ſich unterſchrieben. Der Koͤnig Wol-
demar beſtaͤtigte nachher dieſen Vertrag. Nach des Herrn von Lode Zeugnis
liegt dieſe Urkunde mit dem koͤnigl. Jnſiegel in dem revelſchen Stadtarchiv. Jn
dieſem Jahr gieng der Ordensmeiſter mit Tode ab, und folgte ihm
Seine erſte Unternehmung war, daß er dem preußiſchen Orden Huͤlfs-1347
voͤlker zufuͤhrte und in Litthauen einbrach. Der litthauiſche
Grosfuͤrſt Olgerd, Gedimins Sohn ruͤckte unter Beiſtand der
Ruſſen von Smolensko, Polocz und Witepski auch ins
Feld, wo es am 2ten Febr. zum Treffen kam, in welchem der Orden ſiegte, und
nach Auſſage der preußiſchen Geſchichtſchreiber 22000 Feinde erlegte, welche
Zahl Michov auf 18000, Guagnini aber auf 10000 herunter ſetzet. Den
B b 2Sa-
c)
[100]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1347Samogiten wurden die Veſtungen Kylabeſyne, Dobbeſyne und Ze-
la zerſtoͤret.
Jm Sommer zog der Koͤnig von Daͤnnemark Woldemar der IIIte uͤber
Luͤbeck nach Preuſſen, um einen Zug gegen die unglaͤubigen Litthauer zu
thun, fand aber den Krieg ſchon beigeleget. Er gieng hierauf nach dem gelobten
Lande, zu welcher Walfarth er einen ſtarken Reiſepfennig brauchte. Er brachte
daher mit Einwilligung ſeiner Getreuen die ſchon laͤngſt entworfene Acte zu Stan-
de, in welcher er dem Hochmeiſter Henrich Duſemer das ganze Herzogthum
Eſtland mit allen Zubehoͤrigen und Einkuͤnften um 19000 Mark reines Silbers
coͤlniſchen Gewichts kaͤuflich uͤberlaͤſt, und den Unterthanen entdecket, daß ſein
aͤlteſter Bruder, Junker Otto, um ſeiner Seelen Seligkeit willen, und um
ſich GOtt zu opfern und zu heiligen, in den deutſchen Orden zu treten ſich ent-
ſchloſſen habe. Der Ritter Stigot Anderſſon, Hauptman des Landes Re-
vel, und Friedrich von Lochen, geweſener Marſchal, haben als Zeugen ihr
Siegel beigedruckt. Geſchehen zu Marienburg am Tage der Enthauptung
Johannis des Taͤufers, durch Veranſtaltung des wartinsborgiſchen Kirch-
herrns Hinrich Luneborchs, ſeines Kanzlers, der Ritter Hinrich Lode von
Lechtis, Goedekens von Fahrensbeck, des Wapeners, Thilo Soerſe-
vers, Arnolds von Coͤlln und Wieckenhauſen und vieler andrer Wuͤr-
digen des Glaubens. Der Papſt Clemens der VIIte beſtaͤtigte den Kauf
noch in demſelben Jahr, der Hochmeiſter lies aber Eſtland gar bald wieder an
Goswin von Heriken kaͤuflich uͤber, der auch des vorigen Ordensmeiſters ſeinen
Vetter, Burchard von Dreylewen, zum Comthur auf Revel verordnete.
Die Beſitznehmung des Ordens geſchahe am Tage Aller Heiligen, und das daͤni-
ſche Regiment uͤber Eſtland, ſo von Waldemar dem IIten bis Woldemar
dem IIIten beherrſchet worden, nahm ſolcher geſtalt ſein Ende b).
Tuſmer beſtaͤtigte alle daͤniſche Privilegien ingleichen das Succeßionsrecht1347
fuͤr die Fraͤuleins in Eſtland, nach deren Abgang die Guͤter erſt an den Orden
fallen.
b)
[102]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1347fallen. Der nechſte Blutsfreund iſt aller Muͤndel Vormund, und die Landraͤthe
behalten das vorige Anſehen. Marienburg im groſſen Kapitel, in der Octave
des Fronleichnamsfeſts 1347.
Durch den Beſitz von Eſtland gewan der Ordensmeiſter ein groͤſſeres An-
ſehen, und die erzbiſchoͤfliche Hoheit wurde auch in Riga zu einer altvaͤteriſchen
Sache. Der Erzbiſchof Engelbert hatte ſich lange genug zu Avignon aufge-
halten, und fuͤr ſich und ſeine Praͤlaten gefochten. Er fand aber den Papſt
Clemens den VIten ſo parteiiſch, daß er ſich fuͤr Aergernis niederlegte und ſtarb.
Jhm folgte Fromhold von Fyfhuſen. Die Stadt Riga erlegte an das
Schlos Riga damals jaͤhrlich 100 Mark, wie Goswins Quitungen daruͤber
ausweiſen. Am Sontag nach Philippi und Jacobic).
Zwey Urkunden von dieſem Ordensmeiſter verdienen alhier mitgetheilet zu1349
werden. Die lateiniſche iſt ein Freiheitsbrief fuͤr Eſtland,d) die deutſche
ein Vergleich zwiſchen der Stadt und zwiſchen ſeinen Liven von Kirchholm,
C c 2wegen
c)
[104]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
wegen etlicher Honigbaͤume. e) Beyde koͤnnen zur Erlaͤuterung der Geſchichte et-
was beitragen.
Am 6ten Septembr. verliehe der Erzbiſchof Fromhold den fremden Kauf-
leuten das Vorrecht, daß ihre Rechtshaͤndel zwar von einheimiſchen Richtern,
aber doch nach dem Jure patriae geſchlichtet werden ſollen.
Magnus Koͤnig von Schweden und Norwegen, Herr von Hal-
land und Schonen gab der rigiſchen Kaufmanſchaft einen anſehnlichen
Schutzbrief, und verſprach ihnen in Anſehung ihrer Perſonen und Guͤter allen
Vorſchub in ſeinen Landen, wenn ſie nur einen Pas vom Ordensmeiſter oder von
dem Comtur des Schloſſes Duͤnemuͤnde bey ſich haͤtten. Riga, (alwo ſich
Magnus damals aufhielt) am 20 Febr.
Der Ordensmeiſter Goswin verkaufte der Stadt die heutigen beiden Gil-
denſtuben, die groſſe, das Haus von Muͤnſter, und die kleine, das Haus
von Soͤſt genant. Der daruͤber ausgefertigte Brief iſt am St. Eliſabeth
Abend unterſchrieben. Auch in dieſem Namen hat uns die rigiſche Buͤrgerſchaft
ihre erſte Heimat entdecken wollen. Zugleich aber dienen dieſelben zur Erklaͤ-
rung einiger Stellen in den buͤrgerlichen Privilegien, und belehren uns, wo wir
den Oldermann van Muͤnſter, und den Oldermann van Soeſt zu ſu-
chen haben. Doch iſt die Stube von Muͤnſter und die von Soeſt viel aͤlter
als dieſe Kapellen, davon die eine der Jungfrau Maria, die andre dem heiligen
Jo-
275
[105]Erzb. Fromhold. zur Zeit der Reg. des Arnold v. Vietinghof.
Johannes gewidmet war. Sie wurden erſt das Jahr nachher am Tage der
Reinigung Mariaͤ abgetreten, weil der Meiſter ſie fuͤr eine andre Schuld ver-
pfaͤndet hielt. Jm lateiniſchen heiſſen ſie Stubae de Monaſterio et de Zoſato.
Ganz nahe an dem erſten lag das Moͤnchskloſter zu St. Catharinen.
Am Dienſtage nach Jubilate brachte der Ordensmeiſter die Grenzſchei-1355
dung der Stadt Goldingen zu Stande.
Der Erzbiſchof Fromhold hatte durch Verpfaͤndung der beiden Schloͤſſer1356
Pebalgen und Serben an den Ritter und Stiftsvogt zu Treyden, Herrn
Berthold von Tieſenhauſen, ſich Geld geſchaft, mit welchem er an den paͤpſt-
lichen Hof nach Avignon zog, und ein ſo geneigtes Gehoͤr fand, daß der Papſt
Jnnocentius derVIte den Orden in nicht gar zu guͤnſtigen Ausdruͤcken vor ſich
lud. Er wandte ſich auch an den Kaiſer Carl den IVten, der ihm das Diploma
der Biſchoͤfe Alberts zu Riga, und Hermanns zu Doͤrpt, welches ſie 1224
vom Kaiſer Heinrich dem VIIten als Reichsfuͤrſten erhalten, beſtaͤtigte, ihn und
ſeine Nachkommen dabey zu ſchuͤtzen verſprach, und die Koͤnige von Daͤnne-
mark und Pohlen zu Schutzherren ernante. Hierdurch fiel dem Erzbiſchof die
Hoheit uͤber die Stadt Riga wieder zu, welche ſich der Orden eine Zeitlang allein
angemaſſet hatte. Der Biſchof Johan von Doͤrpt genos davon auch ſeine
Vortheile, und zog den Ordensbruͤdern in ſeinem Stifte etwas engere Grenzen.
Der Duͤneſtrom drang durch Daͤmme und Thore in die Stadt, und das1358
Waſſer ſtund uͤber Mannes hoch im Kreutzgange des Doms, wo noch lange ein
eiſern Kreuz mit der Jahrzahl zu ſehen geweſen.
H. Rebdorf berichtet uns bey dieſem Jahre, daß der Koͤnig des heidni-
ſchen Lieflandes im Julius durch ſeinen Bruder dem Kaiſer Carl dem IVten
nach Nuͤrnberg melden laſſen, daß er ein Chriſt werden und die Taufe anneh-
men wolle. Der Kaiſer habe den Erzbiſchof von Prag und den Hochmeiſter an
ihn abgeſchickt, welchen der Koͤnig verſprochen, ſich auf Weinachten in Breslau
einzufinden, wo ſich auch der Kaiſer hinbegeben, dieſer Handlung beizuwohnen.
Endlich habe der Koͤnig Geſandten geſchickt und melden laſſen, daß er nicht eher
kommen wuͤrde, bis ihm der preußiſche Orden die entzogenen Laͤnder wieder ab-
getreten. Der Kaiſer ſey alſo unverrichteter Sache wieder nach Hauſe gegangen.
Darin begehet aber Rebdorf einen Fehler, daß er aus dem Koͤnig von Lit-
thauen einen Koͤnig im heidniſchen Liefland macht.
Goswin dankte endlich ſeine Ordensmeiſterwuͤrde ab, und hat ſich den1360
Nachruhm eines klugen, tapfern und wohlverdienten Regenten erworben, dem
viele Staͤdte ihre Privilegien zu danken haben.
Ehmaliger Comthur auf Marienburg, ein braver und geſchickter Regent,1360
welcher dem gemeinen Weſen mit algemeinem Beifal vorſtand. Er
muſte zur Huͤlfe des preußiſchen Ordens im Winter einen
Feldzug wider die Litthauer vornehmen, in welchem er den
unruhigen Grosfuͤrſten Kieyſtut, das iſt, Conſtantin, gefangen bekam, und
D dnach
[106]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1361nach Marienburg ſchafte, nachdem er 2000 Feinde erleget. Doch Kieyſtut
fand ein Mittel, die deutſche Wache zu blenden, und langte in verkapter Klei-
dung nach dreitaͤgigem Herumſchweifen in Litthauen an, wo er ſeine Leute
wieder zuſammen rafte, mit denſelben in Preuſſen einfiel, das Land verwuͤſtete,
ſich aber bey den Abſchiedscomplimenten ſo lange aufhielt, daß ihn Cuno von
Bartenſtein und Raſtenberg zum andernmal beim Kopf nahm und gefangen
ſetzte. b)
Der Stadt Goldingen erlaubte er, die Gerichtbarkeit uͤber die neue cu-
riſche Stadt, ſo wie uͤber die alte zu gebrauchen; verordnete auch, daß kein
Todſchlaͤger weiter Sicherheit finden ſolte, als allein auf dem Kirchhofe, derſel-
ben Stadt, oder in der Vorburg und in dem Schloſſe. Gegeben Freitags vor
Vocem Jucunditatis.
Der Ordensmeiſter drang bey dem Gluͤck des preußiſchen Ordens immer
weiter in Litthauen ein, und nahm das feſte Schlos Canen ein, nachdem er
Kieyſtuts Bruder Olgerden, der zum Entſatz angeruͤckt war, aus dem Felde
geſchlagen. Kieyſtuts juͤngſter Prinz, Woidat, und 36 vornehme Lit-
thauer muſten ſich gefangen geben, die uͤbrigen von der Beſatzung lieſſen ſich zu
Tode ſchmauchen und verbrennen.
Nach den Geſchlechtsnachrichten der Grafen von Brahe ſol dieſes Jahr
Jſrael Birgerſon, Reichsrath in Schweden, Lagmann von Upland
und ernenter Koͤnig von Schweden zu Riga geſtorben, und ſeine Leiche nach
Upſal gebracht worden ſeyn.
Die Haͤndel mit der uͤbermuͤthigen litthauiſchen Nation waren ſo weit
ausſehend, daß Arnold, ehe es noch zum Frieden kam, bey einem alzuhitzigen
Anfal auf die Feinde, ſein Leben in Gefahr ſetzte, und nach einer kurzen Regie-
rung das Amt ſeinem Nachfolger hinterlies. c)
Er ſetzte den Krieg wider die Litthauer ſo lange fort, bis die Feinde
den Frieden ſuchten. Er ſprach auch den Ruſſen und Semgal-
len zu, die er nach einem ſauren und beſchwerlichen Zuge zur Ruhe
zwang. Nur mit der Cleriſey konte er nicht fertig werden. Der
Erzbiſchof Fromholdb) hatte ſeine Bittte auch bey dem Papſt
Urbanus dem Vten ſo fein eingefaͤdelt, daß dem Orden die lan-
desherrliche Gewalt uͤber die Stadt Riga gleichfals abgeſprochen wurde, doch
gieng es mit Volziehung dieſes Urtheils in Liefland langſamer als die Geiſtlichkeit
wuͤnſchte.
Als Woldemar, Koͤnig in Daͤnnemark, mit den Hanſeeſtaͤdten einen1365
Waffenſtilſtand getroffen; ſo machte ſich der Magiſtrat zu Riga, Wenden und
Wolmer anheiſchig, uͤber dieſe Vereinigung zu halten, und die Buͤrgſchaft
uͤber ſich zu nehmen. Am Palmſontage.
Wratislaus der Vte, Fuͤrſt des Landes Pommern, verehrte der Com-
pagnie der ſchwarzen Haͤupter*) in Riga die Rippe eines zu Uſedom gefangnen
D 2groſ-
[108]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
groſſen Walfiſches, welche noch jetzo auf dem Hofe des neuen Hauſes bey der
Mauer an Ketten aufgehaͤnget iſt. Aus dieſer Seebeſtie wurden 300 Tonnen
Speck gehauen und zu Tran geſotten, einige uͤbrige Rippen aber ſchickten die Her-
zoge als eine Seltenheit nach Wittenberg, Stettin und Stralſund.
Am 7ten May muſte ſich endlich der deutſche Orden, der zu Danzig
verſamlet war, der Gerichtbarkeit auf die Stadt Riga foͤrmlich entſagen, doch
behielt er ſich laut des Suͤhnebriefes die Dienſte der Heerfahrt vor, doch ſo, daß
jederzeit die erzbiſchoͤfliche Einwilligung daruͤber eingeholet wuͤrde. Fromhold
begab ſich dagegen aus gutem Willen, wie es heiſt, aller Anforderung auf die
Schloͤſſer und Veſtungen, welche der Orden bisher in Beſitz gehabt, wolte auch
von dem Ordensmeiſter den Huldigungseid nicht weiter annehmen. Der Hoch-
meiſter Kniprode hoͤrte das Urteil in Danzig ſehr gelaſſen vorleſen, und weil
gegen Carls des VIten kaiſerlichen Ausſpruch kein Appelliren half, muſte ſich
Wilhelm in die Zeit ſchicken.
Die lieflaͤndiſchen Hanſeeſtaͤdte, Riga, Doͤrpt, Revel und Vernaw
erhielten nach beigelegter Unruhe von dem Koͤnig der Schweden und Gothen,
als Herrn des Landes Schonen, mit Genehmigung der Biſchoͤfe und Reichsraͤ-
the ein anſehnliches Handelsprivilegium.
Am 3ten Auguſt ſtelten Johan Barſowen, Secretair, und Diedrich
Vrygenſteen, Rectores der Kirche zu St. Jacob in Riga, dem Erzbiſchof
Fromhold, ihren neuerwehlten Propſt Didrich von Freden zur Beſtaͤtigung
vor; woruͤber das Kapitel durch ſeinen oͤffentlichen Notarius, Johan von
Biſcopenrode, einem mindenſchen Geiſtlichen in Beiſeyn Sigfrid The-
keneborchs und Heinrich Luchowens, ein Jnſtrument errichtete, und es
Fromholden nach Rom zuſchickte. Der Erzbiſchof heiſt: Reuerendiſſimus in
Chriſto pater, gratioſiſſimus Dominus, und im Context: Reuerendiſſima
paternitas Veſtra. Den Rathmaͤnnern in Goldingen gab Wilhelm Mon-
tags nach Allerheiligen zu Wenden die Volmacht, von ihren Buͤrgern einen
Schoß zu heben.
Der Erzbiſchof Fromhold ward von dem Orden nicht ſonderlich genoͤ-
thiget nach Riga zu kommen, ſo daß ihn daruͤber der Tod zu Rom ſchlafen
legte, alwo er auch jenſeit der Tiber in der Kirche unſrer lieben Frauen beige-
ſetzt ward. Sein Nachfolger war Sigfrid von Blomberg.
Obbeſagte Hanſeeſtaͤdte in Liefland ſchickten ihre Gevolmaͤchtigten nach
Stralſund, alwo der Koͤnig Woldemar durch ſeine Raͤthe am Tage nach
Chriſti Himmelfahrt allen Hanſeeſtaͤdten verſichern lies, daß er ihnen zur Wie-
dererſetzung ihres vielfaͤltigen Schadens faſt ganz Schonen zum Pfande gebe,
welches ſie nach 16 Jahren wieder ausliefern, indeſſen aber der freien Schif-
fart auf alle ſeine Laͤnder genieſſen ſollen. c)
Der Orden gerieth in eine neue Verbitterung gegen die Cleriſey, als der1371
Erzbiſchof Sigfried und ſeine Domherren beim Papſt Gregorius dem XIten
mit ihrem Geſuch durchdrangen, und ihren bisherigen Praͤmonſtratenſerhabit
mit den Ordenskleidern der Auguſtinermoͤnche vertauſchen durften. Dieſe Neue-
rung ſchien dem Ordensmeiſter Wilhelm gefaͤhrlich zu ſeyn; und weil er die
Geiſtlichen bey einer mit dem Orden gleichfoͤrmigen Tracht erhalten wolte, ſo mu-
ſten die erzſtiftiſchen Guͤter uͤber der Duͤne in Semgallen und Oliva herhal-
ten, davon er die Einkuͤnfte in die Ordenskaſſe nahm. Sigfried gieng nach
Avignon, konte aber daſelbſt nichts ausrichten. Endlich nahm ihm der Tod den
neuen Ordenskittel zugleich mit dem Leben, da er denn daſelbſt bey den Prediger-1373
moͤnchen begraben wurde. Jhm folgte Johan von Sinten. Der Ordensmei-1374
ſter legte ſich faſt zu gleicher Zeit nieder und ſtarb.
Unter ihm brachte der Rath zu Riga die ſogenante Buurſpracheb),1376
zum Beſten der Stadt zu Stande. Dieſe wilkuͤhrlichen Geſetze
des Raths heiſſen auch die Bauerſprache, oder Buͤrgerſprache,
auf lateiniſchCiuiloquium, und beſtehen aus 96, oder nach
Meniiprodrom. S. 6, aus 100 Artikeln, deren Anzahl nach Beſchaffenheit der
Umſtaͤnde manchmal vermehret oder vermindert worden. Sie werden noch alle
Jahr am Sonntage vor Michaelis nach geendigter Fruͤhpredigt mit eini-
gen
c)
E e
[110]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1376gen uͤblichen Ceremonien durch den Herrn Oberſecretair der Stadt aus dem Fen-
ſter
b)
[111]Erzb. Joh. v. Sinten. zur Zeit der Reg. Robins v. Eltzen.
ſter des Rathhauſes abgeleſen, c)
Der Has des Ordens gegen die Geiſtlichen ward durch einen neuen Grol1378
noch mehr entzuͤndet. Johann Damerow, ein Canonicus, war nemlich von
dem doͤrptiſchen Domkapitel zum Biſchof erwehlet und vom Papſt Urban dem
VIten, deſſen Wahl die vornehmſten Haͤupter der Chriſtenheit fuͤr rechtmaͤßig
hielten, beſtaͤtiget worden. Der Ordensmeiſter drung aber dem Stifte einen
neuen Biſchof Namens Johan Hebet auf, den er auch auf erhaltene Beſtaͤ-
tigung vom Gegenpapſt Clemens dem VIIten mit gewafneter Hand in die Dom-
kirche fuͤhrte, den erſtern Biſchof aber wieder zum Domherrn machte. Nachdem
aber Hebet die alten Rechte ſeines Stiftes gegen den Ordensmeiſter hervor ſuchte,
auch nicht zu allen Zunoͤthigungen dieſes Herrn Ja ſagte; ſo entſtunden daraus
allerhand und endlich blutige Verdrieslichkeiten. Cranz, der uns dieſe Geſchich-
te aufbehalten, giebt den Ordensbruͤdern das Zeugnis, daß ſie alle lieflaͤndi-
ſche Biſtuͤmer unter den weiſſen Mantel zu ziehen getrachtet haͤtten; doch habe
es ihnen mit dem oͤſelſchen, doͤrptiſchen und revelſchen nimmer recht gelin-
gen wollen. Der Erzbiſchof Johan von Sinten ruhete aber doch nicht eher,
als bis er dieſen Guͤnſtling des Ordens wieder vom biſchoͤflichen Stuhl herunter
geworfen.
Der Czaar von Moskau belagerte das Schlos Nienhus in eigner Per-1381
ſon mit einem Heer von 300000 Mann. Da die Veſtung ſchon an dem war ſich
zu ergeben, ſo warf ſich der Befehlshaber an einem Freitage vor dem Altar auf
ſeine Knie und bat, GOtt moͤchte doch den Ort ſelbſt entſetzen. Mit der Son-
nen Aufgang, da die Ruſſen eine unfehlbare Eroberung vermutheten, nahm der
Befehlshaber ſeinen Bogen mit einem geſpitzten Pfeile, und ſchos ihn aus dem
Fenſter ſeiner Burg, mitten unter die Belagerer, womit er dem Grosfuͤrſten das
Herz traf, worauf das geſamte Heer voller Beſtuͤrzung mit der Leiche nach Mos-
kau zuruͤck gieng. d)
Der Papſt Urbanus der VIte uͤbrrtrug das Urtheil uͤber den oͤſelſchen
Domherrn, Herman Balne, weicher den Biſchof grfaͤnglich ſetzen und wuͤrgen
laſſen, an den Erzbiſchof zu Riga, der ſich auch, wiewol ohne ſonderlichen Eifer,
an die Unterſuchung machte. e)
Der Ordensmeiſter Robin half um dieſe Zeit dem Grosfuͤrſten Sirgall,
welchen ſeine aufruͤhriſchen Unterthanen aus Ploscow verjaget hatten. Ob nun
gleich die Ruſſen ſich dem Ordensmeiſter zu ergeben verſprachen, wenn er ſeine
Verbindungen mit dem Sirgall aufheben wolte, ſo blieb derſelbe doch da-
bey, fand aber auch die Ploscower ſo hartnaͤckig, daß er und Sirgall weiter
nichts ausrichteten, ſondern wie Cranz ſchreibet, unverrichteter Sache abzogen.
Die oͤſelſchen Domherren, Johan Lowenborch, Vicedechant, Gott-
fried von Metzepole, Jacob von Hapſal, Johan Gracian, Henrich
Bornſtaͤdt, der Ritter f)Niclaus Yxkuͤl, Claus und Johan Wyklen,
Bruͤder, Evert von Herkuͤl, genant Herr Paſchetag, Vicko Wran-
gel, Barthol. von Vellyn, Johan Trychtleven, Henke Pyther,
Gerard Thuwe, Thile Paſſe, Arnold Udenoys, Kerſten Guz-
leve, Hinr. Trychtleven, Hennike Lennold, Vaſallen der oͤſelſchen
Kirche, ſtelten am 15ten November zu Wolmer dem Ordensmeiſter und Erz-
biſchof aufs angelegentlichſte vor, daß der Biſchofshof und das Schlos zu Hap-
ſal erbrochen, und alle canoniſche Buͤcher und Schaͤtze entfuͤhret worden. Ob
gleich Didr. Jxkuͤl und Johan Scharenbecke Beſſerung angelobet, ſo haͤt-
ten ſie doch das Schlos Hapſal wieder mit Leitern erſtiegen, Geiſtliche und
Laien erſchlagen, die Kirche und das Zeughaus| gepluͤndert, das Schlos in Brand
geſteckt und die Domherren verjaget. Weil der Erzbiſchof ſich ſehr laulich be-
zeigte, erſuchten ſie den Herrmeiſter, ſich ins Mittel zu ſchlagen, welches dieſer
auch
e)
[113]Erzbiſch. Joh. v. Sinte. zur Zeit der Reg. Robins v. Eltzen.
auch zuſagte; wogegen ihm denn die Domherren alle Unkoſten, welche auf die-
ſen Beiſtand in geiſtlichen und leiblichen verwendet werden moͤchten, zu verguͤten
verſprachen. Aus den Documenten erhellet, daß der Ordensmeiſter bey Anhoͤ-
rung dieſer Klagen bitterlich geweinet, und ſolchen Kirchenraͤubern die Guͤter zu
nehmen gedrohet. Sie ſind durch die Vaſallen der oͤſelſchen Kirche, Henneke
Mekes, Rudger Breme und Nic. Yxkuͤl beglaubiget. Die Biſchoͤfe von
Liefland, die alle gegenwaͤrtig waren, leiſteten ihrem Mitbruder nachdruͤckli-
chen Beiſtand.
Die Staͤdte Riga und Doͤrpt ſchickten ihre Abgeordneten nach Luͤbeck,1385
alwo ſich der Koͤnig Albrecht von Schweden und die Koͤnigin Margare-
tha von Daͤnnemark befanden, um die an die Hanſeeſtaͤdte verpfaͤndeten
Schloͤſſer in Schonen dem Koͤnig Olaus von Daͤnnemark wieder abzutre-
ten, und den Handel auf Liefland und Schonen fuͤr beiderſeitige Unterthanen
ordentlich einzurichten.
Robin erweiterte die Mark der Stadt Goldingen mit einigen Aeckern am1386
Tage vor dem Feſt der 11000 Jungfrauen.
Um dieſe Zeit gerieth der Orden mit den Litthauern in Verdrieslichkeit.
Der hochmuͤthige Vitold hielt ſichs fuͤr ſchimpflich, den Skergelo als
Grosfuͤrſten von Litthauen herrſchen zu ſehen. Er wandte ſich, wie Guagni-
ni Band I S. 329 berichtet, unter andern Parteien auch an die Kreuzherren, die
durch ihn zu Litthauen und Samogitien zu kommen gedachten. Er verheer-
te vermittelſt ihrer Huͤlfsvoͤlker das ganze Grosfuͤrſtenthum. Doch da er die Ab-
ſichten der deutſchen Herren merkte, ſoͤhnte er ſich mit ſeinem Vetter Jagello
aus, und lies ſich von ihm eine Verſprechung auf Litthauen geben. Um den
Polen aber eine Freude zu machen, ſo verkleidete er ſich wie ein Ordensbruder,
bemaͤchtigte ſich der Schloͤſſer Juͤrgensburg, Marienburg und Neuhaus,
ſteckte ſie in Brand, hieb die Beſatzung nieder, und fuͤhrte die Comture gefangen.
Dis machte ihn ſo ſtolz, daß er auch auf Vilna Anſchlaͤge ſchmiedete, weil der Koͤ-
nig Jagello in Polen mit Litthauen nicht gleich heraus ruͤckte. Hieruͤber mu-
ſte er nach Preuſſen fluͤchten. Man gab ihm daſelbſt ein Heer, der Ordens-
meiſter von Liefland fuͤhrete ſeine eigne Huͤlfsarmee, der Hochmeiſter Wallen-
rod machte mit ſeiner Macht den dritten Haufen aus, uud ſo gieng der Zug
nach Litthauen. Weil ein jeder ſich in dieſem Rohr ſeine Pfeiffe ſchneiden wolte,
war ihnen Vitold zu liſtig, und wies beide mit ziemlichen Verluſt nach Hauſe.
Durch Vorſchub des Koͤnigs von Pohlen kam alſo Vitold zur Regierung.
Ein geſchickter, aber fuͤr die Abſichten der damaligen Cleriſey gefaͤhrlicher1392
Herr, der deshalb mit ihm ſo wenig als mit dem preußiſchen Hochmei-
ſter Conrad von Wallenrode zufrieden war. b) Weil es dem Orden
gelungen, dem Stift Oeſel ein Geſchoͤpf ſeines Willens aufzudringen; ſo gieng es
F fnun
[114]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1392nun auch uͤber den rigiſchen Erzbiſchof Johan von Sinten her. Der Hochmei-
ſter ſchien ihn darin zu unterſtuͤtzen, weil er ſo wenig mit den Geiſtlichen, als dieſe mit
ihm, ſich vertragen konte. Zwar lieſſen ſich der Biſchof Eberhard zu Luͤbeck,
der Comtur zu Bremen und andre, mit Beihuͤlfe des luͤbiſchen Magiſtrats, ſehr an-
gelegen ſeyn die Streitigkeiten beizulegen. Sie ſchickten auch den rigiſchen Dom-
propſt mit dem Plan des entworfenen Vergleichs nach Liefland zuruͤck, den aber
die uͤberal ſtreifenden Ordensbruͤder auf der Reiſe auffiengen und in Verhaft nah-
men. Der Erzbiſchof hielt deswegen ſeine eigene Perſon nicht mehr fuͤr geſichert,
ſondern begab ſich heimlich zu Schiffe, gieng nach Luͤbeck und ſahe eine gute
Weile zu, wo die Sache hinaus wolte. Wennemar erklaͤrte nach deſſelben
Abzuge das Erzſtift fuͤr erledigt, ſequeſtrirte deſſelben Guͤter, und ſtelte zugleich
Ordensmeiſter und Erzbiſchof vor. Johan von Sinten wandte ſich an den
Kaiſer Wenceslaus, und fand bey demſelben ein ſo gnaͤdiges Gehoͤr, daß der
Kaiſer alle deutſche Ordensguͤter in Boͤhmen mit der Sequeſtration belegte, und
dem Erzbiſchof ein Empfehlungsſchreiben an den Papſt mit gab, auch ſelbi-
gen bat, mit dem Bannſtrahl gegen den Orden loszubrechen. Allein bey Boni-
facius dem IXten machte die kaiſerliche Fuͤrbitte wenig Eindruck, auſſer, daß er
dem Erzbiſchof das Patriarchat von Antiochia auftrug, welches dieſer mit Freu-
den annahm, und dieſe Art von Landesverweiſung willig antrat. Die Procura-
tores des preußiſchen Hochmeiſters Johan von Felde (a Campo), Arnold
Stapul, und des lieflaͤndiſchen Herrn Meiſters Wolmer Hafvesvorde
ſtelten dem Papſt die Sache des Ordens ſo vortheilhaft vor, daß Bonifacius
der IXte in einem Schreiben vom 10ten Merz, und in einem andern vom 24ten
Sept. im 4ten Jahr ſeiner Regierung ſich gegen Wenemarn erklaͤrete, er habe wohl
gethan, daß er die erzſtiftiſchen Staͤdte, Schloͤſſer und Doͤrfer der rigiſchen
Kirche wider die Ruſſen und andre Nachbarn in Schutz genommen, und ein
Jnventarium daruͤber gemacht, nachdem ſie der alexandriniſche Patriarch ver-
laſſen, und in entfernte Laͤnder gezogen. Der Orden in Liefland habe zwar ein
gros Suͤndenregiſter, und ſein Verbrechen gegen die Geiſtlichen ſey ziemlich gros,
weil ſie es aber gleichwol abbaͤten, und die Einkuͤnfte des Erzſtifts an 11500 Gold-
guͤlden jaͤhrlich der paͤpſtlichen Kammer entrichten wolten, keinem Busfertigen
aber Vergebung der Suͤnden abgeſchlagen werden koͤnne, ſo ſpreche er die Lief-
laͤnder von dem Banne los, und vergebe die peccata captionis, injectionis,
contumaciarum exceſſuum, criminum, delictorum et damnorum praemiſ-
ſorum aufs volkommenſte.
Am 13ten Octob. legte der Ordensmeiſter Wennemar die Grenzſtreitigkei-
ten bey, welche der Biſchof Johan Rekelings zu Revel, und der Abt Johan
von Padis uͤbee Sagentake und Roſeke zu Wenden entſcheiden lieſſen.
Der Landmarſchal Johan von Ole, Arnold von Altena, Comtur zu Revel,
Werner von Oilſe, Vogt zu Jerwen, waren als Mitler dabey zugegen.
Didr. Hoͤvelmann zu Goldingen, Conrad von Vitinghof zu Aſchera-
de, Didr. von Wylberg zu Mitau, Comture, Nicl. Hahn, Pfarrer in
Wenden und Mag. Marquard von Warſten, haben c) ſich als Zeugen un-
terſchrieben.
Das gute Wetter fuͤr die Bruͤder dauerte in Rom nicht gar lange. Bo-1393
nifacius der IXte ſchrieb im fuͤnften Jahr ſeiner Regierung am 13ten Maͤrz an
den Meiſter und ſeinen Orden, ſie moͤchten ſich mit der Bezahlung und Rech-
nung einfinden, weil er nach Abzug des Patriarchen und Hirten zu Antiochiend)
in weit abgelegene Laͤnder, und nach der Flucht einiger Domherren, eine Beſatzung in
die erzbiſchoͤflichen Guͤter geleget, welche jaͤhrlich 11500*) Goldguͤlden eingebracht,
worauf nur 5000 entrichtet waͤren. Wennemar ſolte den Reſt der 6500 Gold-
guͤlden zwiſchen hier und dem letzten October in die apoſtoliſche Kammer liefern,
ſonſt wuͤrde der Bann erfolgen, und man den weltlichen Arm zu Huͤlfe rufen.
Allein vorerwehnte Procuratores des Ordens gewannen mit ihrer Vorſtellung ſo1394
viel, daß ihnen der Papſt den Reſt der ausgefegten Ordenskaſſe ſchenkte, und
am 26ten Maͤrz dem Orden eine algemeine Vergebung der Suͤnden zukommen
lies. Er ſandte auch des Hochmeiſters Bruder, Johan von Wallenradee),
nach Riga, die erzbiſchoͤfliche Stelle zu bekleiden: weil aber ſelbiger ſeiner Nei-
gung gegen den Orden wegen bey den Domherren und Vaſallen des Erzſtifts ver-
daͤchtig war, muſte er eine Zeitlang auf die Huldigung warten.
Jn dieſem Jahr nahm die Stadt Revel nebſt 6 andern Staͤdten eine be-
denkliche Buͤrgſchaft auf ſich, mit welcher es folgende Bewandnis hatte. Die
Stadt Luͤbeck nebſt andern Abgeordneten der Hanſeeſtaͤdte hatte 2 Buͤrgermei-
ſter, Hinrich Weſthoffen und Johan Nieburen an die Koͤnigin Marga-
retha nach Schonen abgefertiget, die um die Erledigung des gefangenen
F f 2ſchwe-
c)
[116]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1395ſchwediſchen Koͤnigs Albrechts und deſſen Prinzen Erichs anhalten muſten.
Die Koͤnigin erklaͤrte ſich endlich zu Lindholm, ſie wolle die beiden koͤnigl. Gefan-
genen an obbemeldte Hanſeeſtaͤdte liefern; verlange aber dagegen, daß Revel nebſt
den andern 6 Haͤnſeeſtaͤdten innerhalb drey Jahren von Michaelis an, die Loͤſe-
gelder erlege, widrigenfals ſollen ſie beide Gefangene wieder ſtellen, oder 6000
Mark erlegen, oder ihr auch Stockholm ſamt allen Feſtungen einraͤumen, wel-
che Plaͤtze die Staͤnde des Reichs den Hanſeeſtaͤdten fuͤr ihre Buͤrgſchaft zum Un-
terpfande uͤbertragen hatten. Der Koͤnig Albrecht ward ſodann nach Roſtock
und ſein Sohn Erich nach Wismar gebracht.
Am 23 April gab Bonifacius der IXte den Ordensmeiſtern in Liefland
Volmacht, ihre Bedienten (familiares) in Faͤllen da ein Bruder dem andern ver-
geben kan, von ihren Suͤnden loszuſprechen, und ihnen eine heilſame Buſſe aufzu-
legen. f)
Der Ordensmeiſter Wennemar, der, wie ſein Vorgaͤnger, mit dem Um-
ſturz des geiſtlichen Regiments in Liefland ſchwanger gieng, verſuchte ſein Heil
nun auch an dem Biſchof Diedrich zu Doͤrpt, welcher dem Orden einen jaͤhr-
lichen Tribut entrichten oder ſeine Stiftsguͤter raͤumen ſolte. Der Biſchof wagte
alles fuͤr die Freiheit ſeines Stifts, und weil er den Orden nicht aͤrger kraͤnken
konte, ſo begab er ſich mit den benachbarten Ruſſen von Plescow mit den Lit-
thauern und Samogiten in ein Buͤndnis, die ſich auch willig zu ſeinem Schu-
tze einfanden. Wennemar gewan zwar das Feld, war aber zu ſchwach ſich den
Sieg recht zu Nutze zu machen. Doch brauchte er ſeine uͤbrige Macht gegen die
rigiſchen Domherren, welche bisher Bedenken getragen hatten, Johan von
Wallenrode fuͤr ihren Erzbiſchof zu erkennen.
Die Ritter und Herren Bartholomaͤus und Johan von Tieſenhauſen
hatten das Ungluͤck, daß ihnen ihre Schloͤſſer, Kokenhauſen und Berſon,
welche ſie ſeit des Biſchof Alberts Zeiten beſeſſen hatten, eingezogen wurden.
Sie ſelbſt entwichen auf ihre Guͤter ins Doͤrptiſche. Der Hochmeiſter, der
Biſchof von Pomeſanien, ein Herzog von Lignitz und andre hohe Haͤupter
ſolten ſich zwar als Mittelsperſonen gebrauchen laſſen; man erklaͤrte ſie aber fuͤr
parteiiſch. Jndeſſen bewilligten doch beide Theile einen Compromis, wozu die
Biſchoͤfe von Beursberg und Doͤrpt, wie auch die Stadt Luͤbeck erbeten
1397wurden. Der Vergleich kam auch am 4ten Jul. zu jedermans Vergnuͤgen zu
Stande. Die Artikel deſſelben enthielten folgendes: Alle Entwichene vom Adel
ſollen wieder ins Stift kommen, dem Erzbiſchof die Huldigung leiſten, und den
Beſitz ihrer Guͤter wieder antreten. Die Herren von Tieſenhauſen laſſen ihr
Recht an Kokenhauſen fahren; dagegen werden ſie mit andern Landguͤtern be-
friediget, erhalten Berſon wieder, und duͤrfen das angefangene Schlos Erla un-
geſtoͤrt ausbauen.*)
Um die Zeit machten die ſo genanten Vitalienbruͤder g) den |Hanſeeſtaͤdten1397
viel Ungelegenheit und unterbrachen die Sicherheit ihres Handels. Unter andern
fiel ein Schif, ſo zu Revel mit Pelzwerk, Wachs und Kupfer befrachtet worden,
in ihre Haͤnde, welches die Jntereſſenten aber vor 8000 Roſenobel wieder erhan-
delt, indem der Werth der Ladung ſich wol fuͤnfmal ſo hoch belief.
Der Hochmeiſter Conrad von Jungingen beſtaͤtigte am Margarethen-
abend zu Danzig ſeinen lieben Getreuen, den Rittern und Knechten der Lande
Harrien und Wierland alle Rechte, Begnadigungen und Freiheiten, die ihnen
von Alters her gegeben und verlehnet ſind. Am Tage nachher verſiegelte er ihnen
das ſo genante barriſche und wiriſche Recht h), in welcher er der Schwerd-
ſeite ſo wie der Spillſeite bis ins 5te Glied i) die Erbſchaften uͤber bewegliche und
unbe-
*)
G g
[118]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1397unbewegliche Guͤter zuſpricht. Wennemar von Bruͤggenei, Gebietiger zu
Liefland, Wilhelm von Helferſen, Groscomtur, Werner von Oettingen,
oberſter Marſchal, Graf Conrad von Kriezburg oberſter Spittler und Com-
tur von Elbingen, Joh. von Breffarod oberſter Trappier und Comtur zu
Chriſtburg, Borchard von Webeke, Threſeler, Graf Albrecht von
Schwarzenburg, Comtur zu Danzig, Conrad von Vietinghoff, Com-
tur zu Vellyn, Diedrich von Willborg Comtur zu Revel, Franck Spa-
de Vogt zu Wenden, Herr Nicol. Holland, unſer Kapellan, Barthel von
Truchburg, und Eberhard von Wollenfels, unſer Compan, Matthias
und Heinrich, unſre Schreiber, und viel andre ehrſame und treuwuͤrdige Leute
haben ſich als Zeugen unterſchrieben.
Der Ordensmeiſter war bisher den Samogiten fuͤr ihren dem doͤrp-
tiſchen Biſchof geleiſteten Beiſtand eins ſchuldig geblieben. Er fiel alſo bey da-
maligem harten Winter mit 15000 Man in ihr Land, erſchlug alles, was ſich
zur Wehre ſetzte und ſchlepte einen groſſen Haufen als Knechte mit ſich nach
Liefland. Nach vielen Verdienſten um die Macht ſeines Ordens gieng er den
Weg aller Welt.
Er war ehmaliger Comtur zu Vellin. Der Anfang ſeines klugen und
tapfern Regiments wurde durch einen Einfal der Litthauer ſehr be-
unruhiget. Dieſe Leute gaben den Lieflaͤndern einen Gegenbeſuch,
eroberten das Staͤdtgen und Schlos Duͤneburg, ſteckten es in Brand, pluͤn-
derten und entfuͤhrten viel 1000 arme Menſchen. Doch der preußiſche Orden
machte es mit Conrads Huͤlfsvoͤlkern in Litthauen nicht beſſer, ſondern wirth-
ſchaftete ſo lange auf gut ſoldatiſch, bis der Koͤnig von Pohlen Jagello den
Frieden zu Radzis eingieng, in welchem er Dobrin von den Ordensherren um
50000 Goldguͤlden einloͤſte, Samogitien an den Orden abtrat, und dieſer hin-
gegen ſich aller Anſpruͤche auf Litthauen begeben muſte. Und obgleich noch andre
nach-
i)
[119]Erzb. J. v. Wallenrade. zur Zeit der Reg. Conrads v. Vietinghof.
nachbarſchaftliche Verordnungen bedungen wurden, ſo war dennoch der Vergleich1404
von ſchlechtem Beſtande.
Der Ordensmeiſter wohnte einem Generalkapitel in Preuſſen bey, welches1405
der Hochmeiſter Conr. von Jungingen zu Marienburg hielt, und worin die
alten Ordnungen beſtaͤtiget, folgende neue aber hierzu gethan wurden. Erſtlich,
nur den Ordensbruͤdern werden die Aemter des Landes verlehnet. Zweytens, kein
Bruder haͤlt mehr als 10 Pferde, ein Comtur nicht uͤber 100, auſſer denen ſo
zum Ackerbau gebraucht werden. Drittens, nur rittermaͤßige Leute fuͤhren Ge-
wehr, Waffen oder Geſchos. Viertens, an den Feiertagen komt aus jedem
Hauſe wenigſtens eine Perſon in die Kirche. Fuͤnftens, kein Verurtheilter wird
abgethan, ehe er gebeichtet und das Sacrament empfangen. Sechſtens, Wahr-
ſager, Zauberer und Teufelskuͤnſtler werden lebendig mit Feuer verbrant. Sie-
bentens, Gewerke und Gilden halten nur einmal des Jahrs ihre Zuſammenkunft.
Achtens, jeder greift ſein entlaufenes Geſinde, wo ers antrift. Neuntens, ein in
die Acht Erklaͤrter iſt vogelfrey. Zehntens, an heiliger Staͤdte begehet niemand
Unfug, bey Verluſt Leibes und Gutes. Eilftens, wer an heiliger Staͤdte einen
ſchlaͤget oder verwundet, verlieret die Fauſt. Zwoͤlftens, die Handwerker brau-
chen die Wrake, um die Faͤlſcherey zu erkennen. Dreyzehntens, wer eine Jung-
frau entfuͤhret, wird des Landes verwieſen; williget ſie darein, ſo verlieret ſie alle
Erbguͤter. Vierzehntens, wer eine Jungfrau nothzuͤchtiget, heirathet ſie oder
verlieret den Kopf. Fuͤnfzehntens, wer ſeinem Pfarrherrn den Zehnden verſaget,
wird fuͤr ehrlos gehalten und in keinem Gerichte zu Rechte verſtattet.
Conrad bekam bald darauf eine andre Verrichtung in Samogitien.1406
Dieſes dem Orden abgetretene Land ſehnte ſich nach ſeinen alten Herrn wieder, da-
her der daſige Comtur Martialis von Helfenbach einigen Bojaren die Koͤpfe
abſchlagen lies. Um aber den uͤbrigen die Rechtmaͤßigkeit ſeines Verfahrens ge-
gen die Aufruͤrer darzulegen, ſo lies er die Vornehmſten unter ihnen zuſammen
fordern, denen denn der Dolmetſcher aus Liſt oder Ungeſchicklichkeit die Sache ſo
vorſtelte, daß ſie ihr Misvergnuͤgen deutlich merken lieſſen; Helfenbach be-
fahl daher ſie alle auf dem Schloſſe Friedeburg in gefaͤngliche Haft zu nehmen.
Allein der Kerkermeiſter lies ſeine Gefangenen frey, die denn aus Rache den Landcom-
tur und alle Deutſchen die Nacht uͤber, da ſie im tiefſten Schlafe waren, ermor-
deten, und noch mehr Plaͤtze verwuͤſteten. Der lieflaͤndiſche Ordensmeiſter
aber machte den Schuldigen einen kurzen Proces, und lies etliche Schloͤſſer von
neuen aufbauen, um dieſe gefaͤhrliche Nachbaren und Ordensunterthanen enger
im Zaum zu halten.
Jn Riga ward die ſteinerne Peterskirche zu bauen angefangen und 10
Mark rigiſch golten damals 9 Roſenobel und 1 Ferding*).
Unter dem revelſchen Biſchof Johan Ocke legten 3 beguͤterte Kaufleute
aus Revel, nemlich Heinrich Schwalberg, Heinrich Huͤxer, und Gerlach
Kruſe am St. Vitustage das Brigittenkloſter Marienthal eine Stunde von
Revel an, welches erſt nach 29 Jahren fertig, und von Moͤnchen und Nonnen
bewohnet wurde. Die Stifter deſſelben wurden die erſten Kloſterbruͤder b).
Nachher gerieth Conrad mit den Ruſſen aus Plescow in Verdrieslich-
keiten
*)
[121]Erzb. J. v. Wallenrade. zur Zeit der Reg. Conrads v. Vietinghof.
keiten. Er erlegte 7000 derſelben, davon viele in der Moddac) erſaufen mu-1408
ſten. Des Hochmeiſters wiederholte Befehle, Preuſſen gegen die Litthauer
ſchuͤtzen zu helfen, hielten ihn ab, etwas weiters zu unternehmen, welchen er auch
gehorſamte.
Die Samogiten nemlich ſaſſen niemals ſtille, und lieſſen ſich, ſo oft ſie1410
auch bezwungen waren, nicht zinsbar machen. Sie jagten jetzo die Marianer
oder preußiſchen Ordensritter aus dem Lande, welcher Streich ihnen um ſo viel
beſſer gluͤckte, weil ſie von Vitold ſowol als dem Jagello unterſtuͤtzet wurden.
Der neue Hochmeiſter Ulrich von Jungingen, ein leiblicher Bruder ſeines
Vorgaͤngers Conrads von Jungingen, war zu hitzig, und wolte gegen alle gut-
gemeinte Warnungen nicht einen Schrit nachgeben. Jagello ſtand mit 40000
Tartern, 21000 Boͤhmen, und 60000 Pohlen fertig. Hierzu brachte Vitold
42000 Man auf die Beine; gegen welches zahlreiche Heer von 163000 Man der
Hochmeiſter Ulrich mit 82000 anruͤckte. Es kam alſo zwiſchen beiden Theilen
zu der fuͤr den Orden hoͤchſt ungluͤcklichen Schlacht bey Tannebergd), in welcher
bey 40000 Deutſche blieben, weil bey einiger Ermuͤdung der Litthauer und
Samogiten, immer friſche Pohlen anruͤckten, und die Deutſchen duͤnne
machten. Nachdem die Lieflaͤnder dazu kamen, und auf der andern Seite die
Ungern einzufallen droheten; ſo zogen die Pohlen vor Marienburg ab, und
trafen einen Frieden, kraft deſſen Samogitien wieder an Litthauen verfiel.1411
Jagello lieferte zwar die eroberten Plaͤtze dem Orden wieder aus, erhielt aber zur
Erſetzung der Kriegskoſten 100000 Schock alte boͤhmiſche Groſchen.
Der Ordensmeiſter zog hierauf die Heerſtraſſe zuruͤck, und verſchrieb zu der
Liwa, das iſt zu Liebau 3 Kindern eines gewiſſen Lorentz Grote ein Stuͤck
Landes nach Lehnguͤterrechte nebſt einem Heuſchlage bey dem Baͤrenbuſche.
Nach 3 Jahren gieng Conrad mit Tode ab.
Er hatte das Gluͤck, daß unter ihm Liefland von innen und auſſen im geiſt-
und weltlichen Stande Friede hatte, indem alle Staͤnde hoften, ihre Be-
ſchwerden wuͤrden auf der algemeinen und groſſen Kirchenverſamlung
zu Coſtnitz entſchieden werden. Auf dieſes Concilium begab ſich der
Erzbiſchof Johan von Wallnrade mit einem ziemlichen Staat von 180 Pfer-
den, welches dem Stifte groſſe Koſten verurſachte.
Wallenrod ſtelte auf dem Concilio recht eine Hauptperſon vor. Er war
unter andern Abgeordneten der erſte, welcher den Joh. Huß im Gefaͤngnis zur
Abſchwoͤrung der von ihm bekanten Warheiten bewegen ſolte, erhielt aber weiter
nichts als einen Zettel welchen ihm Huß am 1ſten Jul. zuſchickte, und worin er bat,
man moͤchte ihn von der Unrichtigkeit ſeiner Lehrſaͤtze aus dem Worte GOttes
uͤberweiſen. Die Vaͤter dieſer Kirchenverſamlung ſchickten ihn am 23ſten Aug. an
den Koͤnig Sigismund, bey dem er in groſſen Gnaden ſtand, und der ſich da-
mals in Frankreich aufhielt, um ihn zu bewegen, daß er ſich bey der Vermitte-
lung zwiſchen dem Koͤnig von Frankreich und dem Koͤnig von England nicht
laͤnger aufhalten, ſondern je eher je lieber zum Koͤnig Ferdinand von Arrago-
nien aufbrechen moͤchte, damit die Vereinigung der Kirche befoͤrdert wuͤrde.
Mitlerweile fanden ſich auch von Seiten des Herrmeiſters Gevolmaͤchtigte
ein, und beſchwerten ſich auf dem Concilio uͤber des Erzbiſchofs und ſeiner Cleri-
ſey Kuͤhnheit, daß ſie den aͤuſſern Habit mit dem Ordenskreuz abegelegt, da es
doch dem Orden groſſe Summen gekoſtet, ehe er bey Bonifacius dem IXten
ſo viel auswuͤrken koͤnnen, daß alle Geiſtliche in Liefland zum Zeichen ihrer Un-
terwerfung unter den Orden auch die Ordenskleider tragen muͤſſen. Dieſe ernſt-
liche Vorſtellung fand bey den Praͤlaten und andern hohen Haͤuptern auch nicht
den geringſten Eingang. Die hardtiſchen Acten des coſtnitzer Concilii ent-
hal-
[123]Erzb. J. v. Wallenrade. zur Zeit der Reg. Sif. Landers v. Spanheim.
halten die Antwort der lieflaͤndiſchen Geiſtlichkeit, in deren Namen Wallen-1414
rod nachdruͤcklich und mit algemeinem Beifal erwies, daß der Orden die Kirche zu
Riga wiederrechtlich zur Magd mache, da ſie vorher Frau geweſen. Er verklag-
te die Bruͤder des Ordens, daß ſie nicht mehr wie vormals wider Heiden und
Unglaͤubige, ſondern gegen die Chriſten foͤchten, die ihre Nachbaren, keinesweges
aber ihre Unterthanen waͤren. Sie lieſſen, hies es, keinen Menſchen zufrieden,
und was das ſchlimſte waͤre, ſo packten ſie mit Gewalt an, was ihnen anſtuͤnde,
ohne geringſte Achtung fuͤr die Freiheit und Vorrechte der Kirche zu bezeugen.
Kein Menſch koͤnne es glauben, als wer es perſoͤnlich angeſehen. Sie wuͤſten
glimpflich mit den Bauren umzugehen, und wuͤſten wol hundert Wege, ſich un-
aufhoͤrlich zu bereichern. Das einzige ruͤhmte doch Wallenrod an dieſen ſo uͤbel-
beſchriebenen Ordensherren, daß ſie ihr Land und Volk vor den feindlichen Ueber-
faͤllen wacker und gut vertheidigten.
Hieruͤber ſtarb der Ordensmeiſter Torck nach einer kurzen aber loͤblichen
Regierung. Jhm folgte
Jm erſten Jahr ſeiner Regierung hielt er einen Manntag auf Ronne-1416
burg, wo er in Abweſenheit des Erzbiſchofs ſich des erzbiſchoͤfli-
chen Vicariatſiegels bediente*).
Er und ſeine Ordensherren lieſſen ſich Montags vor Maria Magdale-1417
na durch den Erzbiſchof uͤber die von dem Orden 12 Jahr gefuͤhrte Vormund-
ſchaft des Erzſtits quitiren. Der Erzbiſchof, welcher ſchon abgereiſet war, be-
volmaͤchtigte dazu den Dechanten Peter Valkenberg, die Kirchenprocuratoren
Jsbrand Koskuͤl, Vogt zu Treiden, Juͤrgen Gudslef, Vogt zu Koken-
hauſen, Hinr. Aderkaſſe, Hr. Hinr. von Vitinghove, Rittern, Hinrich
Saſſe, Hans Wideburg, Maͤnner der Kirche, den Vicarius Joh. Noͤllen-
H h 2borg,
[124]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1417borg, Joh. Pfarrern zu Lemſel, und Joh. Brakel, Kirchherrn zu Seſſ-
wegen.
Der Erzbiſchof Wallenrod uͤbertrug zu Coſtnitz in ſeinem und das Kapi-
tels Namen den Soͤhnen der hochgedachten Herren und Ritter von Tieſenhau-
ſen, namentlich Herren Engelbrecht und Peter, das Recht der geſamten Hand
oder Stamlehnsgerechtigkeit (beneficium coniunctae manus et fimultaneae inve-
ſtiturae), wogegen ſie ſich ihrer Anforderung auf Kokenhauſen nochmals
begaben.
Wallenrod kam nicht wieder nach Liefland. Denn nachdem der Papſt
Joh. der XXIIIſte auf dem Concilio abgeſetzet und gefangen genommen war; ſo
beſchlos die Verſamlung, daß kuͤnftig kein Papſt mehr gewehlet werden ſolle. Die
Cardinaͤle aber, die mit Gewalt einen Papſt verlangten, wiederſprachen dieſem
Schlus und zogen die Franzoſen, Spanier und Longobarden auf ihre Seite.
Sie gewannen auch die Englaͤnder, nachdem der ſtandhafte Erzbiſchof Robert
von Salisbury geſtorben war. Nun fehlte ihnen noch die Stimme der deut-
ſchen Nation, welche vornemlich auf den rigiſchen Erzbiſchof und den Biſchof zu
Chur in Graubuͤndten ankamen. Allein die Cardinaͤle griffen dieſe beiden
Maͤnner auf der ſchwaͤchſten Seite an. Sie fuͤhrten Wallenroden die ewigen
Verdrieslichkeiten der rigiſchen Erzbiſchoͤfe mit dem Orden zu Gemuͤthe, und
verſprachen ihm das fette und ruhige Biſtum Luͤttich, der kleine Biſchof zu
Chur aber Johannes Habundi, dem ſeine Buͤrger auch das Leben ſauer mach-
ten, ſolte ein groſſer Erzbiſchof zu Riga werden. Dadurch erhielten die Cardi-
naͤle ihren Willen, und Wallenrode befoͤrderte die Wahl Martins des Vten
zum Papſt b). Unſre Documente melden dieſe Begebenheiten ein Jahr fruͤher,
als das hardtiſcheConcilium Conſtantienſe.
Am 26ſten Jenner gab Martin der Vte dieſem Wallenrod ſamt den Bi-
ſchoͤfen von Paſſau und Brandenburg die Volmacht aus den Kirchenguͤtern in
Deutſchland den zugeſtandenen Zehnden fuͤr den Kaiſer einzutreiben, derglei-
chen Befehl auch unterm 2ten May deſſen Nachfolger und nunmehrigem Erzbi-
ſchof zu Riga Joh. Habundi uͤbertragen wurde. Doch auf die Vorſtellungen
der Deutſchen gerieth dieſer Befehl ins Stecken und kam zu keiner Volziehung.
Wallenrod gieng das Jahr darauf zu Luͤttich mit Tode ab.
Der neue Papſt las den Pohlen nach der greulichen Niedermetzelung der
Ordensbruͤder in der tannebergiſchen Schlacht einen harten Text, und rieth
ihnen, kuͤnftig lieber ihre Sebel an den Tuͤrkenkoͤpfen zu wetzen.
Die Staͤdte Riga, Doͤrpt und Revel ſandten ihre Abgeordneten nach
Luͤbeck, woſelbſt ſie nebſt vielen andern Botſchaftern der Hanſeeſtaͤdte auf den
Koͤnig von Daͤnnemark warteten, bey deſſen Auſſenbleiben aber der Handlung
wegen unter andern Stuͤcken auch dieſe ausmachten:
Zum erſten, niemand ſol in 2 Staͤdten zugleich Buͤrger ſeyn, auch nicht
Aelterman werden koͤnnen, wenn er nicht aus einer Hanſeeſtadt iſt. Zum zweiten,
niemand ſol ungefaͤrbtes Tuch aufkaufen, und es anderwerts zu faͤrben hinfuͤhren,
bey
[125]Erzb. Joh. Habundi. zur Zeit der Reg. Sif. Landers v. Spanheim.
bey Verluſt des Tuchs. Zum dritten, kein Buͤrger oder Fremder ſol das beſſere1418
und uͤberwichtige Geld von dem leichtern und ſchlechtern um Gewinſtes willen ab-
ſondern, bey Verluſt des hanſeeiſchen Privilegii. Zum vierten, kein Kaufman
oder Schiffer ſol Getreide (bladum)*) kaufen, ehe es gewachſen, noch Stroͤm-
linge (alleca Strumlin)**) vor dem Fang oder Tuch vor dem Weben bey Strafe
10 Mark. Zum fuͤnften, kein Schiffer darf ſein Schif uͤberladen bey Strafe der
Erſetzung des Schadens; und wenn auch kein Schade daraus entſtuͤnde, ſol er
dafuͤr doch keine Fracht erhalten. Zum ſechſten, kein Schiffer ſol nach Martini
in die See gehen oder vor Petri Stuhlfeier aus dem Winterhafen ſegeln, auſſer
die Bier- und Heringsſchiffe, die noch nach St. Nicolai befrachtet und ſchon
auf Mariaͤ Reinigung aus den Hafen gelaſſen werden koͤnnen c).
Dieſem Sifert hat die Stadt Pernaw etliche ihrer ſchoͤnſten Privilegien
zu danken. Er ſandte auch ſeine Boten, nemlich den Comtur von Vellin, Gos-
win, und den Vogt von der Narve, Herman, ſamt ihrer Geſelſchaft, an den
Groskoͤnig Waßili Demetrowitz, an den Koͤnig Conſtantin Demetro-
witz, an den Erzbiſchof und die ganze Gemeine zu Nogarden. Die Ruſſen
ſandten den Kneſen Feodor Petrowitz nebſt andern erfahrnen Handelsleuten
nach dem narviſchen Bache, die Grenzen einzurichten und die Handlung mit
Liefland in Richtigkeit zu bringen. Der Landmarſchal Walrabe, der revel-
ſche Comtur Didrich und Joh. Vogt zu Wenden, haben dieſen Vergleich
unter Kuͤſſung des Kreutzes beſchworen, an welchen 6 Siegel gehaͤngt worden.
Nachdem der Erzbiſchof Johannes der VIte, der Stadt Riga unter an-1421
dern die alte Freiheit zu muͤnzen und ihre Freiheiten, Rechte und Gnadenbriefe al-
le mit einander und jeden insbeſondere 5 Tage vor Urbani zu Lemſel beſtaͤtiget
hatte, ſo uͤbergab der Rath dem Propſt, Dechanten und Kapitel eine Monſtranz
von reinem Golde, reich mit Perlen beſetzt, die Wendele von Pithofere zum
Nutzen dieſer Kirche machen laſſen. Freitags nach Bonifacius.
Der Ordensmeiſter legte in Revel etliche Jrrungen zwiſchen der Stadt1422
und dem Jungfernkloſter in der Guͤte bey.
Der Erzbiſchof Johan ſtarb in dieſem Jahr zu Ronneburg und ward zu1243
Riga im Dom begraben. Nach ihm kam der ehmals geweſene rigiſche Dom-
propſt Henning Scharfenberg, welcher ſeine Jnveſtitur vom Papſt Mar-
tin dem Vten am 11ten October im 7ten Jahr ſeiner Regierung erhielt, und ganz
unrichtig in einer alten geſchriebenen Chronik von Preuſſen Heinrich von Ber-
bohm genennet wird. Weil ihn das Kapitel einmaͤchtig gewehlet, ſo gieng der
Papſt ſchwer an das Jawort.
Mitwochs nach Jubilate ſchickte der Kaiſer Sigismund dem Erzbiſchof1424
zu Riga und andern Praͤlaten in Preuſſen und Liefland aus Blindenburg
die geſchaͤrfte Erinnerung zu, daß ſie die Hochmeiſter in Preuſſen und Liefland
an ihren Rechten und Handfeſten nicht kraͤnken ſolten, ſo lieb ihnen die Vermei-
dung
[126]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1424dung des Kaiſers und des Reichs ſchwerer Ungnade ſey. Widrigenfals wil er ſchon
ſolche Maasregeln nehmen, daß die Cleriſey den Orden wol ungekraͤnkt laſſen ſol.
Auf dieſe deutſche Ermahnung erfolgte noch ein lateiniſcher Freiheitsbrief an
die Unterthanen des Ordens, daß dieſelben nicht vor das kaiſerl. Gerichte ſollen
citiret werden koͤnnen, welchen Brief der Biſchof Caſpar zu Pommern in eben
dem Jahr tranſſumiret. Die folgenden Zeiten belehren uns, daß der Orden ſich
dieſer Beguͤnſtigungen vortheilhaft genug zu bedienen gewuſt.
Jhm folgte nach einer 7 jaͤhrigen Regierung d)
Am Tage Criſpini und Criſpiniani errichteten die geiſtlichen und
weltlichen Staͤnde zu Walk einen Reces, laut welchem der Land-
und Zinsman alle ſeine jaͤhrlichen Zinſen als Kuͤhe- und Ochſen-
haͤute, Kornſchuld und andre Gerechtſamen mit neuen Paga-
ment bezahlt. Wegen der Drillen (das ſind Leute, die von einer Herrſchaft zu
der
[127]Erzb. Henn. Scharfenberg. zur Zeit der Reg. Cyſſens v. Rutenberge.
der andern ziehen) wird beſchloſſen, daß ſie der Herr behalten mag, wenn er ihre1424
Drillſchaft mit einer Mark loͤſet. Die Drillen aus der unglaͤubigen Lande wer-
den auf Begehren ihres Herren wieder ausgeantwortet. Ein Todſchlag wird mit
10 Mark rigiſch gebeſſert. Alle Schulden und Geldbuſſe vor dieſem Reces wird
nach alten Muͤnzfus, die neuen aber nach dem neuen Pagament bezahlet, derge-
ſtalt, daß ein Mark neues Geld bezahle 4 Mark altes Geld am luͤbiſchen*).
Alle Jahr mus durch einen Muͤnzherrn die Muͤnze probiret werden. Hierbey
waren zugegen auſſer den Biſchoͤfen von Liefland und Meiſter Cyſen, Gos-
win von Pahle zu Vellin, Goswin von Velmeck, zu Revel, Comture.
Helwich von Gilſen zu Jerwen, Joh. von Tircht zu Wenden, Wer-
ner von Neſſelrade zu Carkus, Joh. Voßinger zu Weſenberg, Voͤgte.
Tanne Wulf von Spanheim, Comtur zu Marienburg. Henning
Scharfenberg, Electus und Dompropſt, Martin Kegeter, Domherr und
Oeconomus, Joh. Treppe, Domherr zu Riga, Hinr. von Vitinghofe,
Ritter und Helfer derſelben Vereinigung, Joh. Wildenborg, Vogt, Gott-
ſchalck von der Pahl, Hovetman zu Treyden, Juͤrgen Gutsleff, Vogt
zu Kokenhuſen, Kerſten von Roſen, Bertram von Jxkuͤl, Hinrich
Aderkaß und Odert Orges von Seiten des Stifts zu Riga.
Die Stadt Riga muſte bisher zu einer Vicarie dem Orden jaͤhrlich 12 gute1426
neue Mark rigiſch entrichten, weil ſie an den vorhergehenden Ordensmeiſter
Syfrid in der Domkirche einen Uebermuth begangen. Hans Schaffrode,
der Groſſen Gildenſtube, und Werner Herzveld, der kleinen (luͤttiken) Gil-
denſtube Eltermaͤnner, ſtelten die Armuth der Stadt Cyſſen vor, welcher ih-
nen auch 6 Mark erlies. Die uͤbrigen 6 Mark ſollen jaͤhrlich an den Comtur zu
Duͤnemuͤnde, und zwar 3 auf Weinachten und 3 auf Johannis, entrichtet
werden. Der Landmarſchal Diedrich Kraa, der Vogt zu Wenden Joh.
von Trecht; die Comture Lambrecht von Merkenich zu Aſcherade, Fran-
cke von Vorſſen zur Mitau, und Wolter von Plettenberg zu Dobblen,
waren als Zeugen dabey. Riga am Thomastage.
Cyſſe machte ſich um die Stadt Narva durch Ertheilung eines beſondern
Siegels und Wapens wie auch eines herlichen Privilegii verdient. Desgleichen
machten am Sontage vor Fabian Sebaſtian die geiſtlichen und weltlichen Her-
ren von Liefland eine eigene Muͤnzordnung zu Walck. Den Schilling**) ſol
J i 2man
a)
[128]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1426man einen Artig, und den Sechsling einen Scherf nennen. Drey luͤbiſche
Pfennige ſollen auf einen neuen Artig gehen, und keine andre Muͤnze im Schwan-
ge gehen als Artige, Luͤbiſche und Scherfe. Damit man Scheidemuͤnze be-
komme, werden neue Scherfe geſchlagen. Wer nach Laͤtare ſich der alten
Muͤnze bedient, buͤſſet 100 Mark Goldes, davon ein Viertel an die paͤpſtliche
Kammer, ein anderes an die Reichskammer, das dritte an des Uebertreters Ober-
herrn, das vierte an den Erzbiſchof, die Biſchoͤfe und den Orden verfaͤlt.
Der Papſt Jnnocentius der IIIte, hatte ſchon vor mehr als zweihundert
Jahren der Geiſtlichkeit in Liefland die Erlaubnis ertheilet, ſich in ihrer Klei-
dung von dem Orden zu unterſcheiden, damit das Gegentheil keine Unterwerfung
anzeige, und der Orden ein Recht daraus mache. Doch wurden die Geiſtlichen
und ſonderlich die Moͤnche auch ermahnet, um der Schwachheit der Neubekehr-
ten willen allen Unterſchied in ihren Moͤnchstrachten aufzuheben, und einerley
Kleider zu tragen, weil es ſonſt die Schwachglaͤubigen fuͤr eine Mishelligkeit in
Glaubensſaͤtzen anſehen duͤrften. Der Orden hielt es mit der Zeit ſeiner Hoheit
fuͤr verkleinerlich, wenn die Praͤlaten und Prieſter ſich durch eine beſondere Tracht
und Farbe unterſchieden, gewan aber endlich am paͤpſtlichen Hofe den langweili-
gen Rechtshandel, indem Martin der Vte die ſo berufene Bulla habitus*) heraus
gab, mit gemeſſenem Befehl, daß kuͤnftig von der Geiſtlichkeit durch ganz Lief-
land die Uniform des Ordens ohne Ausnahme getragen werden ſolle.
Die Ruſſen von Plescow fielen in dieſem Jahr ins Doͤrptiſche ein,
wobey der Ordensmeiſter ſo gelaſſen war, daß er nur auf die erwuͤnſchte Stunde
hofte, wenn der Biſchof ihn um Huͤlfe erſuchen und dabey ſich zur Unterwer-
fung anbieten wuͤrde. Doch der Biſchof erſparte das Compliment, und wandte
ſich an die Litthauer, deren Grosfuͤrſt Vitold nicht nur dem Biſchof Die-
drich Luft machte, ſondern auch Plescow ſelbſt pluͤnderte. Dieſes Buͤndnis
mit den Litthauern gab den Orden wieder zu allerhand Ubermuth gegen die
Geiſtlichkeit Anlas. Der Erzbiſchof Henning konte ſich nicht laͤnger halten,
und berief eine algemeine Verſamlung, auf welcher dem Domdechanten zu Re-
vel und den Domherren zu Doͤrpt aufgetragen ward, dem Papſt das Elend der
lieflaͤndiſchen Cleriſey muͤndlich vorzuſtellen, zu welcher Reiſe ihnen verſtattet
wurde, einige Collegen zu Gefehrten auf dem weiten Wege mit zu nehmen.
Einige Rathsherrnſoͤhne von Revel und Doͤrpt unternahmen eine gemein-
ſchaftliche Reiſe, um ſowol Rom zu beſehen als in Jtalien zu ſtudiren. Dieſer
Geſelſchaft von etwa 16 Perſonen laurte an dem Pas des Waſſers Liba ein Hau-
fen Reuter auf, welche Goswin von Aſchenberg, Vogt zu Grubin, anfuͤhrte,
der ihnen ihre Briefſchaften abnahm, das Reiſegeld einſteckte, und die dabey be-
findlichen Domherren mit gebundenen Haͤnden unter das Eis werfen lies. Dieſe
That berichtete er an die Biſchoͤfe des Landes, unter ſeinem Namen, weil er mit
ſolchen Verraͤthern des Landes nicht anders umgehen koͤnnen. Ob Cyſſe davon
Kundſchaft gehabt, laͤſt ſich nicht ſagen. Wenigſtens kraͤhete kein Hahn dar-
nach, und der Ordensmeiſter lies nach eingelaufenem Bericht weder die Sache
recht zur Unterſuchung, noch den Thaͤter vor Gericht ziehen; ja da die Sache rege
gemacht
**)
[129]Erzb. Henn. Scharfenberg. zur Zeit der Reg. Cyſſens v. Rutenberge.
rege gemacht wurde, erhielt der beleidigte Theil nicht einmal die gewoͤhnliche Ge-1426
nugthuung.
Auf Mariaͤ Himmelfart nahm der Erzbiſchof Henning mit dem Orden1428
zu Walke wegen des Ordenshabits Verabredung.
Der Landmarſchal Werner von Eſchelraden, der revelſche Comtur
Goswin von Veldmede, Hr. Otto Brakel, Ritter zu Ronneburg von
Seiten des Ordens; und Juͤrgen Gutslef, Vogt zu Treiden, Bertram Uxkul
zu Roſenbeck und Gottſchalck von der Pahle von Seiten des Erzbiſchofs und
Kapitels vertrugen ſich am Tage der Himmelfart Mariaͤ zu Walke folgender ge-
ſtalt: Der ehrwuͤrdige Herr von der Rige ſol den Meiſter und ſeine Ordensleute
der Aenderung ihrer Tracht wegen um Vergebung bitten; und, wenn es der Meiſter
begehret, auf ihr Gewiſſen bezeugen, daß ſie nicht dem Orden zum Hohn noch zur
Schmach die Kleider verwechſelt. Die Domherren von Riga begehen alle Jahr Mon-
tags nach Laͤtare eine ehrliche Begaͤngnis mit Vigilien und Meſſen, zu ewigen Zei-
ten, fuͤr alle verſtorbene Meiſter und Bruͤder des Ordens, auch fuͤr die, ſo noch ſter-
ben moͤchten, zu einer Erleichterung fuͤr die Mishelligkeiten, die dem Orden durch
Ablegung ihrer Kleider geſchehen iſt. Wegen der todgeſchlagenen Boten der Praͤ-
laten ſollen weder der Erzbiſchof, noch die andern Biſchoͤfe den ehrwuͤrdigen Meiſter
und ſeinen Orden in- und auſſerhalb Landes belangen, weil ſowol der Hochmei-
ſter in Preuſſen als der Meiſter in Liefland ſich entſchuldiget haben. Wer
Leute und Geld verlohren, ſol ſich an Goswin von Aſcheberg und ſeine ſchul-
digen Mitgehuͤlfen halten, wo ſie auch gefunden werden. Findet ſie jemand,
ſo wil man ſie nicht hegen, ſondern uͤber ſie Gericht halten. Die Praͤlaten haben
beim Papſt und roͤmiſchen Koͤnig auszumachen, warum der Zuſchus auf die
Ketzer in Boͤhmen nach Entbietung des Legaten verſaͤumet worden. Der Pro-
ces am roͤmiſchen Hofe wegen der Kleidertracht mag inzwiſchen fortgeſetzet wer-
den, und kan jeder Theil ſich ſeiner Bullen und Privilegien dabey bedienen.
Auſſer oberwehnten haben ihr Siegel noch beigedruckt Hinrich von Vitinghof,
Ritter, Odert Orges, Vogt zu Kokenhauſen, Wollmer Wrangel
und Hans Lode, Helmolds Sohn; Hr. Joh. von Lechtes, und Koſt
von Borſtel Buͤrgermeiſter zu Revel, Herman Soye, Claus Soye, Ot-
to Soye, William Lode*), Hans Tuwe, Hinrich Metzetake und
K kHans
[130]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1428Hans Soye von einer Seite, und Herr Engelbrecht von Tiſenhuſen, Pe-
ter von Tiſinghuſen, Kerſten von Roſen, Didrich Uxkul, Fridrich
Schwarthoff, Claus Mekes, Eilerd Kruſe, und Rolof Perſewall
als Gevolmaͤchtigte des andern Theils.
Der Ordensmeiſter befahl ſeinem Landmarſchal, nach Litthauen aufzu-
brechen, um den Svidrigell gegen ſeinen Bruder den Koͤnig in Pohlen Ula-
dislaus oder Jagello beim Grosfuͤrſtenthum zu erhalten, welcher auch mit ſei-
nen Lieflaͤndern nebſt dem preußiſchen Landmeiſter und Grosmarſchal aus
Koͤnigsberg in der litthauiſchen Coya ſo Haus hielten, daß 24 Staͤdte im
Rauch aufgiengen und gepluͤndert wurden. Die Pohlen wolten auch etwas von
der litthauiſchen Beute erſchnappen, und uͤberfielen die Lieflaͤnder bey ihrem
Zaudern ſo heimlich, daß ſie den Landmarſchal beim Fluͤgel bekamen und uͤber 800
ſeiner Leute niederſaͤbelten. Der Landmarſchal ward gegen etliche vornehme Lit-
thauer los gegeben, Svidrigell aber ſeiner uͤblen Regierung wegen von ſeinen
Unterthanen aus dem Lande gejaget b).
Der Biſchof auf Oeſel, Chriſtian Gorband, ein beim Papſt Mar-
tin dem Vten wohl gelittener Man lernte auf der Viſitation ſeines Kirchenſpren-
gels die ſchaͤdlichen Abſichten des Ordens wider ſein Biſtum genauer kennen,
und uͤbertrug auf ſeiner Hinreiſe nach Rom dem Koͤnig in Daͤnnemark die Vor-
ſorge fuͤr ſein Stift und die Beſchuͤtzung ſeiner Praͤlaten. Doch Cyſſe nahm den
Vorſprung, und beſetzte die Schloͤſſer des Stifs mit ſeiner Manſchaft, welches
ein neuer Zunder zu kuͤnftigen Gewaltthaͤtigkeiten zu werden ſchien. Allein die
Kapitelsherren richteten daruͤber einen Vertrag auf, und uͤbergaben dem Orden
das Schlos Arensburg in treue Hand bis auf die Ankunft eines neuen Herrn zu
Oeſel, worauf 12 Man zur Beſatzung hineingeleget wurden.
Der Biſchof Chriſtoph zu Lebus, Balzer von Schlieben, Meiſter
des St. Johannisordens in der Mark und Pommern, Peter von Borch-
ſtorf, Dechant, und das Kapitel zu Fuͤrſtenwalde, Merten Winſe und
Entze Brandenburg, Buͤrgermeiſter zu Frankfurt an der Oder, errichteten
einen Vergleich zwiſchen Herrn Niclas Wilpergen, Biſchof zu Fernen, St.
Johannisordens, und den Stadtſchreiber von Rige, welcher erſtere etliche rigi-
ſche Kaufleute mit Huͤlfe der ehrbaren Raͤthe zu Francford, Berlin und
Coͤlln einer Schuld wegen von 1000 Gulden zu Fuͤrſtenwalde anhalten laſſen.
Gegeben zu Fuͤrſtenwalde am Abend des heil. St. Johannistages.
Die Stadt Revel betraf am 11ten May das unvermuthete Ungluͤck, daß ih-
re Haͤuſer ſamt den Vorſtaͤdten durch eine wuͤtende Feuersbrunſt in die Aſche gele-
get wurden. Die Moͤnche haben uns die Jahrzahl in dieſem Verſe aufheben
wollen:
tVnC IaCet eXVſta MaIo reVaLIa pVLChra.
Der damalige Biſchof Heinrich von Uxkuͤl bauete das Jahr nachher den ſo
genanten Biſchofshof aufm Dom, und weihete im dritten Jahr das Brigitten-
kloſter Marienthal ein, in welchem Moͤnche und Nonnen durch eine Mauer
unterſchiedene Zellen hatten.
Der Ordensmeiſter Cyſſe war indeſſen wider die Litthauer auf Rache be-1434
dacht, und bot die ganze lieflaͤndiſche Ritterſchaft bey 600 Perſonen auf, dar-
unter ein Comtur 100, ein Ritter aber 10 von ſeinen Leuten mitnahm, wozu
der weltliche Adel ſowol als die Staͤnde und Biſtuͤmer ihre Manſchaft mit
hergaben. Er brach auch mit ihnen nach Litthauen auf, die Feinde wichen
aber, und lieſſen der Lieflaͤnder erſte Hitze beim Rauben und Pluͤndern verrau-
chen. Er wuͤrde ohne Zweifel in 12 Wochen fertig geworden ſeyn, wenn nicht
ein maͤchtigerer Feind, nemlich die rothe Ruhr ins Lager gekommen, an welcher
er nebſt vielen neuangekommenen Herren aus Geldern und Weſtphalen ſter-
ben muſte. Der Hochmeiſter Paul Pelnitzer von Rusdorf, den die Poh-
len ſeines frommen Gemuͤths wegen nur Sanctum Spiritum nenten, drung den
Lieflaͤndern nach Cyſſens Tode ſeinen Verwandten auf. Dieſer war
Er begab ſich gleich zu dem Heer, welches in Litthauen noch ſtreifte,
lies ſich aber ſo tief in die Wildnis heinein locken, daß weder Zufuhr
noch Ruͤckweg offen blieb. Die Waͤlder waren verhauen, die Paͤſſe
ſtark beſetzet, keine Lebensmittel im Lager, und die feindliche Macht
vor Augen. Das Gefecht war unvermeidlich und die Niederlage fuͤr die Lief-
laͤnder ſo ungluͤcklich, daß der Landmarſchal Heinrich von Buckenvorde froh
war, den wenigen Reſt der Manſchaft mit unſaͤglichem Ungemach durch lauter
Wuͤſteneien zuruͤck zu fuͤhren. Hierdurch gerieth der lieflaͤndiſche Orden in ein
ſolches Bad als der preußiſche in der Schlacht bey Tanneberg; die vornehm-
ſten Haͤuſer in Deutſchland aber in Beſtuͤrzung und Trauer b).
Am Tage der heil. Jungfrau Barbara errichtete dieſer Ordensmeiſter zu
Walck mit Vorwiſſen, Vollbort und Willen ſeiner ehrſamen Gebietiger als
Gottfrieds von den Roddenberge, Landmarſchals, Thomas von Hun-
gersdorp, anders geheiſſen Greversmuͤhle zu Vellin, Heinrich von der
Vorſte zu Revel, Simons Langeſchinckel zu Goldingen Comture, Mat-
this von Bouningen zu Jerwen, Heidenreichs Vincke zu Wenden Vog-
te, einen guͤtlichen Vergleich mit dem rigiſchen Dompropſt Arnold von
dem Brincke wegen der Laͤnder an der Duͤne gegen Kirchholm und Dah-
len zu. Der Propſt entſaget allen Anſpruͤchen uͤber die Guͤter von der Berſe-
bach an bis an die uxkuͤlſche Scheidung, dagegen erhaͤlt er vom Meiſter den
Hof Alpe, Duͤvelshof genant, auſſer der Kalkpforte vor der Stadt Riga
und Sarendorf bey der Duͤne uͤber dem Ziegelhauſe des Ordens gelegen; in-
gleichen 1000 Mark rigiſch nach Werth des alten Pagaments, wofuͤr der Propſt
in dem Lande des Ordens ſich ein ander Gut ankaufen kan. Der Propſt laͤſt
auch ſein Recht fahren an dem ſo genanten oͤſelſchen Wehr auf der Duͤne, wo-
gegen ſich der Orden ſeines Antheils an dem oͤſtingholmiſchen Wehre begiebt.
Dem Propſt werden die Guͤter Memorgha und Kekowe eingegraͤnzet, von
der berſebeckiſchen Muͤnde, die in die Duͤne faͤlt, bis an die Berſemuͤhle,
welches Muͤhlhaus der Orden behaͤlt, von dem Muͤhlenteiche weiter zur Berſe-
ſee um das Dorf Polkarden bis an die Muͤſſe, von der Muͤſſe bis an die Stadt-
guͤter zu Riga. Das Erzbiſchofs Hennings Siegel befindet ſich am Original
mit dabey, der die Privilegien der Stadt Riga ſelbigen Tages beſtaͤtigte.
Jn dieſem Jahr gieng die engliſche und flaͤmiſche Kaufarteiflotte aus
Duͤnemuͤnde unter Segel, zu welcher auch einige wohl beladene Schiffe mit
Stuͤckguͤtern aus Liefland ſtieſſen die nach den Abendlaͤndern handeln wolten,
muſten aber widrigen Windes halben auf der Rhede liegen. Die Lieflaͤnder
wurden von den Engliſchen an Bord zu kommen genoͤthiget, bey ihrem Beſuch
aber von den Englaͤndern aus Neid uͤber dieſen Handel im Schifsraum verſper-
ret, und nachgehends uͤber Bord geworfen. Die Schiffe und Waaren nahm
man mit nach England. Ob nun gleich die Englaͤnder eine Summe Geldes
zu Cadix dafuͤr zu zahlen verſprachen, ſo wil ſich doch die Nachricht von der Er-
ſtattung nirgends ſinden c).
So kreuzten auch die Englaͤnder auf die Preuſſen, um ihnen den Han-
del nach Frankreich zu wehren d).
Er wurde als geweſener Landmarſchal von der Ritterſchaft ſelbſt erweh-
let, weil ſie ſich aus Preuſſen keinen mehr wolte aufbuͤrden laſſen;
welche Wahl aber der Hochmeiſter Paul fuͤr unguͤltig erklaͤrte, bis
er auf ſtandhafte Vorſtellung der Lieflaͤnder ſich zur Beſtaͤtigung
derſelben bewegen lies.
Dieſer Meiſter Schungel legte die Streitigkeiten zwiſchen dem Orden und
der Geiſtlichkeit mit vieler Maͤßigung bey. Der Orden trat die in Beſchlag ge-
nommenen erzſtiftiſchen Guͤter wieder ab, und entrichtete dem Erzbiſchof 20000
Mark rigiſch, jedes zu 7 Loth Silber, fuͤr etliche uͤberduͤniſche Laͤnder, die Lief-
land zur Vormauer dienen ſolten, und hiermit war die Sache fuͤr dieſes mal
beigelegt. b)
Nach ſeinem Tode fuhr der Orden fort ſeine Herren Meiſter zu waͤhlen, oh-1438
ne auf die preußiſche Beſtaͤtigung zu warten. Die Gebietiger ernenneten ſo
lange Heidenreich Vincken von Oberbergen, geweſenen Vogt zu Wenden,
zu ihren Meiſter, und verſprachen ihm allen Gehorſam, den man ſonſt einem or-
dentlich beſtaͤtigten Meiſter in Liefland zu leiſten pflegte, bis zu einem gemeinen
und groſſen Kapitel. Jndeſſen wollen alle den Statthalter bey ſeinem Anſehen
ſchuͤtzen, und wer dagegen handelt, ſol ſeines Dienſtes entſetzet ſeyn. Hieruͤber
verglichen ſich am Donnerſtage nach Michaelis zu Walck, der Vogt zu Jer-
wen, Heinrich von Nothleven, der Comtur zu Mitau, Hinrich
Schleregen, die Voͤgte Johan Boͤſinger zu Weſenberg und Matthias
von Boͤninghen zu Roſiten, welche mit dem Landmarſchal Gottfried von
Radenberge, und andern Gebietigern, unter Vermittelung des Erzbiſchofs
Hen-
d)
L l
[134]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1438Henning, des doͤrptiſchen Biſchofs Theodors, des oͤſelſchen Dechanten
Mag. Walter Remelingraden, und des Domherrn Ludolp Green, die-
ſen Stathalter beſtaͤtigten. Von den Oeſelern haben ſich noch unterſchrieben,
Conrad Jxkole, Hans Ditwer und Otto Lode, Sendeboten. Von
Harrien, Hinrich Scherenbeck, Ritter, Hermann Soye, Hermann
Toydewen, Ebert Weckebrodt, Otto Soye, Hans Threyden.
Von Wirland, Claus Meks, Thile Lode, Hans Lode, Didrich
Wirks, Hinrich Meks, Odert Lode, Hans Sorſevere, Hans We-
deweſt, Hans Luggenhuſen. Von Liefland, Hinrich von Hofe, Rit-
ter, Gert Goes, Ritter, Bartholomaͤus Steigemeß, Ewald von
Velde, Didrich Peetz, Herman von Gilſen, Didrich Mezentake,
nebſt Buͤrgermeiſter und Rathmaͤnnern der Stadt Revel.
Vincke machte in eben dem Jahr als Statthalter des Meiſters in Liefland,
mit dem Biſchof Johan von Oeſel, eine Grenzſcheidung zu Arensburg, und
waren Ludolph Green, wie auch Gert Herkel, Mann der Kirche zu Oeſel,
von Seiten des Kapitels, der lealſche Comtur aber, Henrich von dem Fur-
ſte, von Seiten des Ordens Commiſſarien. Auſſer dem Landmarſchal erſchie-
nen dabey Thomas Grevesmoͤle zu Vellin, Wolter von Loo zu Revel,
Comtur, Hinrich Nothleve zu Jerwen, und Peter Wesler zu Suͤnne-
burg, Voͤgte. Der Streit uͤber die Kirchſpiele Kilegunde, Kaͤrgel und
Carmel wird beigelegt. Die Grenze der Ordenslaͤnder gehet an laut eines zu
Arensburg zerſchnittenen Briefes, uͤber der oltleviſchen See, an der Muͤn-
dung des joͤggiſchen Bachs, durch die See bis an die mit Kreuzen bezeichneten
Steine, von da weiter uͤber die poydiſche See bis an einen bekreuzten Birken-
baum. Die Kirchſpiele Walke und Poyde bekommen ihre Scheidung von den
Bauren im Stifte Wilsdeck nach dem Sunde und Payenpaͤh zu, bis an das
Dorf Sall.
Der Vergleich, welchen der Ordensmeiſter Heinrich Schungell1436
auf dem Hofe zu Laukoe geſchloſſen, ward hierbey zum Grunde geleget.
Nach reifer Ueberlegung ernante ihn der Orden zu ſeinem Fuͤhrer, und fol-
get alſo
Sontags nach Petri Kettenfeyer verband ſich der geſamte Orden
zu Wenden uͤber alle die Geſetze mit Ernſt zu halten, welche
der ehmalige Hochmeiſter Werner von Urſula, der Meiſter
deutſcher Lande, Wolfram von Stilleborg, und der
Meiſter von Liefland, Eberhard von Monheim, in einem groſſen Kapitel
zu Marienburg in Preuſſen, abgefaſſet. Dieſes war die Vorbereitung den
Hochmeiſter Paul von Rußdorf, weil er das lieflaͤndiſche Geld nicht aus-
zahlen wolte, foͤrmlich abzuſetzen. Eberhard von Sanenſchein, Meiſter
deut-
[135]Erzb. Henn. Scharfenberg. zur Zeit der Reg. Heidenr. Vinkens.
deutſchen Ordens in deutſchen und welſchen Landen, verband ſich alſo am1439
Freitage nach St. Veit mit dem ehrwuͤrdigen Meiſter Heinrich Fincken zu
Liefland, und ſprachen Paul von Rusdorf ſein Amt ab, kraft eines zu Mer-
geteheim verſiegelten Geſetzes, welches ſie vorzeigten, und dieſes Jnhalts war:
„Da ein Hochmeiſter unrechtig und unredlich regieret, daß ſie denſelbigen zu recht-
„fertigen haͤtten, und da ein Hochmeiſter mit Tode abgienge, oder um ſeiner Un-
„gerechtigkeit willen fuͤr untauglich erkant wuͤrde, und er bey ſolchem Amte mit
„Gewalt vermeinte zu bleiben, daß der Meiſter deutſchen Ordens in Deutſch-
„land ſamt ſeinen Nachkommen ein Statthalter ſeyn ſolle bis auf einen kuͤnftigen
„Hochmeiſter, der durch die Dreizehn ernennet werden muͤſſe.
Sanenſchein und Fincke arbeiteten an der Abſetzung des Hochmeiſters ſo1440
ernſtlich, daß am 19ten October 1440 zu Danzig eine algemeine Verſamlung
zuſammen berufen ward, wo man bald die Ausſoͤhnung, bald den Compromis
verſuchte. Allein der Landtag zerſchlug ſich unfriedlich. Daher kam Rusdorf
weitern Spaltungen zuvor, dankte nach dieſem ſelbſt ab, und ſtarb nach 29 Ta-
gen, womit beiden Theilen am liebſten gedienet war. Als die beiden Ordensmei-
ſter unterweges die Nachricht von der Wahl eines neuen Hochmeiſters erhielten,
kehrten ſie gleich wieder zuruͤck, und ſuchten fuͤr ihre Laͤnder einige Vortheile, wie
auch die Beſtaͤtigung ihrer alten Privilegien.
Der Koͤnig von Daͤnnemark, Chriſtoph, ertheilte nicht nur den Han-1441
ſeeſtaͤdten in Liefland die Beſtaͤtigung aller Freiheiten in ſeinen Laͤndern, ſondern
der roͤmiſche Kaiſer, Friderich, bezeugte ebenfals, daß er alle ſeine und ſeiner1442
Vorfahren Privilegien, welche ſie dem Lande ertheilet, fuͤr genehm hielte. b) Die
Stadt loͤſete zwey Haͤuſer in der Kalck- und Kuͤterſtraſſe aus, die durch den Tod
des ſeligen Henricks, ehmaligen Buͤrgers und nachmaligen Hauscomthurs dem
Orden zugefallen waren, woruͤber Vincke am Aſchertag quitiret.
Der Ordensmeiſter Fincke wagte gegen die Ruſſen einen Feldzug, wobey
er aber ſchlecht ſeine Rechnung fand. Die Ruſſen lockten die Lieflaͤnder durch
eine verſtelte Flucht in die Enge, fielen ihnen in den Ruͤcken, und machten dem
kleinen Ueberreſt den Heimweg von Herzen ſauer.
Nach einiger Zeit verſuchte er ſein Heil bey einem andern Zuge, der aber
nicht gluͤcklicher ablief, als der erſte; weil die Ruſſen das Land wohl beſetzt hat-
ten und keinen lebendig durchlieſſen: daher er ſich an einigen Parteigaͤngen und
Pluͤndern begnuͤgen muſte c). Litthauen und Samogitien lies er in Ruhe,
um es nicht mit Pohlen zu verderben.
Nach Huitfelds Zeugnis hatteſich der Koͤnig Chriſtoph von Daͤnnemark,
Schweden und Norvegen von glaubwuͤrdigen Maͤnnern ſeines Reichs vor-
tragen laſſen, daß die Kirche zu Oeſel, ſo unter das Biſtum Ripe gehoͤrt, von
ſeinem Vorfahren auf gethanes Erſuchen immer ſey beſchuͤtzet worden, theils we-
gen einiger beſondern Befehle vom apoſtoliſchen Stuhl, theils wegen vieler Ge-
faͤlligkeiten, welche die vorigen Biſchoͤfe, und noch der jetzige Herr Ludolph der
Krone Daͤnnemark erwieſen; daher nahm er deſſen Perſon, Kirche, Kapitel,
Vaſallen, Schloͤſſer, Guͤter und Unterthanen in ſeinen Schutz, und verſprach
die canoniſche Wahl des Kapitels zu unterſtuͤtzen, den Boten des Biſchofs in ſei-
nen Reichen freien Zutrit, Stand und Gang zu verſtatten, und keinen Freveler
wider den Biſchof zu hegen, ſondern aus dem Reiche nachdruͤcklich wegzujagen.
Er unterzeichnete dieſen Freiheitsbrief am 16 Jul. auf dem Schloſſe Stockholm.
Wie das letztere wol ſeyn kan, ſo iſt das erſte ganz falſch, daß Oeſel zum Biſtum
Ripen gehoͤret, wenn auch noch ſo viel warhaftige Orakel es dem Koͤnig vorgeſa-
get haͤtten. Vielleicht hat man aus Rige und Ripe ein Biſtum gemacht.
Am Andreastage weihete der Biſchof Heinrich von Revel, auf Anſuchen
des Abts Johan Greves, das Kloſter Padis ein, und widmete ſelbiges der
heiligen Dreifaltigkeit, der Mutter GOttes, dem heiligen Kreutz, Johan
dem Taͤufer, Johan dem Evangeliſten, wie auch dem Apoſtel Bartholo-
maͤus, den Maͤrterern Lorenz und Georg, den Bekennern Georg, Nico-
laus, Bernhard, Anton, den heiligen Jungfrauen Catharina und
Barbara, der heiligen Witwen Maria Magdalena und St. Anna, nebſt
allen Heiligen. Wer dem Kloſter Gutes thut, und oft Walfarthen dahin an-
ſtellet, bekomt 40 Tage von der aufgelegten Buſſe erlaſſen. das Jnſtrument
daruͤber iſt auf dem groſſen Schloſſe zu Revel ausgefertiget.
Der Erzbiſchof Henning von Scharfenberg ſtarb nach einer 24 jaͤhrigen
Regierung; und nach ihm ward der 14te Erzbiſchof, Sylveſter Stobwaſſer,
ein Preuſſe aus Thorn, des Hochmeiſters Kanzler und bisheriger Ordensbru-
der, am Johannistage erwehlet. Das rigiſche Kapitel ſandte den Probſt
Diedrich Nageln und die Maͤnner der Kirche, Carl von Vietinghof und
Ewold Patkuͤln an ihn, die ihn ſo weit brachten, daß er am Mitwochen in
1449den heiligen Oſtertagen zu Marienburg die ſchriftliche Verſicherung ausſtelte,
nach loͤblicher Gewonheit ſeiner Vorfahren keine Kriege anzufangen oder zu belie-
ben, wo es nicht mit des Kapitels und der Ritterſchaft Einwilligung geſchaͤhe.
Wobey er zugleich ihre alten Rechte, Freiheiten und Gewonheiten lieber zu vermeh-
ren als zu mindern angelobet. Am Johannistage ward er in der Domkirche
zu Riga vorgeſtellet. Der Stadt Riga beſtaͤtigte er das Jahr darauf zu Ko-
1450kenhauſen, am Tage Jacobi, alle ihre Privilegien, Rechte und Gewonheiten
unter hohen Betheurungen.
Seine erſte Sorge gieng dahin, ſich die Klagen der Pfaffen uͤber den
Orden vom Halſe zu ſchaffen. Daher trat er unter Vermittelung
des Hochmeiſters mit dem Erzbiſchof Silveſter zuſammen, und
verglich ſich zu Wolmer Dienſtags nach Mariaͤ Heimſuchung,
uͤber folgende mit 17 Siegeln beſtaͤtigte Punkte. Der Hochmeiſter
und
c)
[137]Erzb. Silveſt. Stobwaſſer. zur Zeit der Reg. Joh. Mengdens.
uud er verzeihen ſich aller Bullen und Briefe, die Bonifacius der IXte dem1451
Orden uͤber die rigiſche Kirche gegeben. Der Erzbiſchof begiebt ſich aller Bul-
len
a)
M m
[138]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1451len und Briefe, die der Papſt Martinus der Vte ihrer Kirche ertheilet, ſeitdem
er ihnen die Kleidung des Auguſtinerordens zugeſtanden; jeder Theil hebt die am
paͤpſtlichen Hofe errungenen Vortheile gegen einander auf, bleibet aber im Genus
der alten Privilegien, und beſtaͤtiget den walker Frieden von 1435. Der Orden
wil ſich keiner Gerichtbarkeit oder Viſitation in Abſicht der Geiſtlichen anmaſſen,
ſondern den Propſt und Dechanten zu ihren heimlichſten Freunden und Rathge-
bern ernennen, die freie Wahl eines Erzbiſchofs nicht hindern, und den Hafen in
Duͤnemuͤnde jedem zum Ein- und Auslaufen offen laſſen. Der Vergleich zwi-
ſchen dem Ordensmeiſter und Propſt wegen des Landes uͤber der Duͤne gegen
den Holm Dalen zu, und gegen die Wehre der Duͤne wird beſtaͤtiget. Die
Neunaugenwehre in der Treyder Aa, ſol der Meiſter ein Jahr und das Kapi-
tel das andre Jahr beſchlagen. Die Kirchenſchloͤſſer Lennewarde und Ko-
kenhauſen genieſſen frey Bau- und Brennholz. Zur Beſtaͤtigung deſſen hat
der Meiſter das Begraͤbnis im Dom unter dem Chor erwehlet. Die Geiſtlich-
keit verbindet ſich hauptſaͤchlich, Kleider von gleicher Farbe mit dem Orden zu tra-
gen, und erneuern die Bulla habitus, daher dieſer Vergleich auch noch die Bulla
habitus oder der wolmerſche Brief heiſt.
Der Kaiſer Friedrich der IIIte beſtaͤtigte den lieflaͤndiſchen Staͤnden die
vor 10 Jahren abgefaſte Ratification aller Privilegien, ſo jenen von ihm, ſeinen
Vorfahren und andern Herren gegeben ſeyn, von neuem mit Vernichtung aller
andern Freiheiten, die dieſem zuwider laufen.
Nachdem der Ordensmeiſter den Erzbiſchof nebſt ſeinen Geiſtlichen wieder
in ihre alte Kleidung gebracht, gab er ſich die aͤuſerſte Muͤhe, die halbe Gericht-
barkeit uͤber die Stadt Riga zu erringen. Silveſter muſte ſich von den kaiſer-
lichen Privilegien Carls des IVten auch losſagen. Nach langen Gezaͤnke kam es
zu dem berufenen Vergleich, welcher von ſeinem Stiftungsort der kirchholmi-
ſche Vertrag genant wurde, den man billig zu den Tractaten rechnen kan, welche
der Republik den letzten Stos gegeben; weil die Erfahrung gelehret, daß nicht
allein Ruhe, Sicherheit und viel Gutes gehindert, ſondern auch von Seiten der
Stadt den Ordensmeiſtern ſowol als den Erzbiſchoͤfen viel Herzeleid und Kraͤn-
kung zugefuͤget worden. b)
Dienſtags vor Oſtern ertheilte der preußiſche Hochmeiſter Ludwig von1452
Erlinghauſen, der Ritterſchaft von Harrien und Wirland die Beſtaͤtigung
M m 2ihrer
b)
[140]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1452ihrer Handfeſte, ſo ihnen der ehrwuͤrdige Herr Conrad von Jungingen, vor
55 Jahren uͤber ihr Recht gegeben. Der Gnadenbrief iſt ausgeſtellet zu Ma-
rien-
b)
[141]Erzbiſchof Silveſter. zur Zeit der Reg. Johan Mengdens.
rienburg, und auſſer den preußiſchen Ordensherren von dem oberſten Gebie-1452
tiger in Liefland, Johan von Mengden, anders Oſthof genant, Peter
Wes-
b)
N
[142]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1452Weslern, Comthur zu Vellin, Berend von Heyden, Vogt zu Jerwen,
Thomas von Jungersdorf, Andreas Grewesmuͤhl, Comthur zu Duͤ-
nemuͤnde, und Eberhard Voigt, Comthur zur Pernau, unterſchrieben.
Der Erzbiſchof gab zu Treyden, Donnerſtags vor dem Sontage Oculi,1452
dem Domherren Detmer, Roper, Engelbrecht von Tieſenhauſen und
Didrich von Vietinghof Volmacht, ſich in neue Unterhandlungen mit der
Stadt einzulaſſen. Sonderlich tilgete und toͤdtete er den ganzen kirchholmi-
ſchen Vergleich, im Beiſein des ganzen Kapitels und der Herren Juͤrgen Per-
ſevall, Juͤrgen Yxkuͤl, Engelbrecht von Tieſenhauſen und Mertens
von Ungern, in einer Urkunde mit 6 Siegeln, zu Riga am Sontage Judica.
Doch das gute Wetter war von keiner Dauer.
Da die Ordenslaͤnder und Staͤdte in Preuſſen dem Hochmeiſter Ludwig
von Erlinghauſen, ihrer empfindlichen Bedraͤngnis wegen, Eid und Pflicht auf-
gekuͤndiget, und ſich dem Koͤnig von Pohlen, Caſimir dem IVten in die Arme
geworfen hatten; ſo machte dem lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter ein Beiſpiel von
der Art nicht wenig Beſorgnis. Er wandte ſich alſo an den Koͤnig Chriſtiern
von Daͤnnemark, und lies ihm durch ſeine Geſandten, Conrad von Vie-
tinghof, Reinholden zu Aſcherade, Brune von Wettbergen und Rein-
hold Stormich, 1000 Mark gutes reinen loͤthigen Silbers entrichten, und
N n 2zu-
b)
[144]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
zugleich verſprechen, daß ſie auſſer dieſen 1000 Mark loͤthigen Silbers noch 5000
Gulden rheiniſch innerhalb 5 Jahren in Luͤbeck an die koͤniglichen Gevolmaͤch-
tigten abtragen wolten, nemlich alle Johannistage 200 Mark und 1000 rhei-
niſche Gulden. Der Hochmeiſter lies gleichfals durch ſeinen Gevolmaͤchtigten,
Herrn Walter von Kokeritz, 60000 ungariſche Gulden uͤbergeben. Da-
gegen machte ſich Chriſtiern verbindlich, dem Orden wider die ungehorſamen
1455Lande und Staͤdte in Preuſſen mit allem Vermoͤgen beizuſtehen, und den Fein-
den des Ordens ſein Reich, Laͤnder, Waſſer, Stroͤme und Haͤfen zu verbieten,
auch ſelbigen allen erſinlichen Abbruch zu thun. Der Brief iſt auf dem Schloſſe
zu Kopenhagen am St. Brigittentage ausgefertiget, und mit dem koͤniglichen
wie auch des Biſchofs zu Skalhold, Marcellus, Petſchaft verſiegelt. Dabey
ſtehen noch die Siegel des Hofmeiſters Nils Erichsſon, und des Ritters
Hartwich Cromdich.c)
Dieſe ausgeſtelte Recognition ſahe der Koͤnig der Schweden, Norwe-
gen und Gothen, Carl Cnutſon, als eine Verhandelung des Landes an
Daͤnnemark an: hierzu kam noch, daß die Eſtlaͤnder ſich von Chriſtiern
ſeiner Vorfahren Privilegien erneuern lieſſen, in welchem Briefe er die revelſche
Kirche eine Suffraganin der Metropolitankirche zu Lunden nennet, und ſich
das Patronatrecht vorbehaͤlt. Cnutſon warnte daher ſeine ehrſamen und lieben
Freunde, die beiden Buͤrgermeiſter in Revel, Joſt von Borſten und Albrecht
Rumoren, ſich dem Verkauf der Lande Harrien und Wierland zu widerſe-
tzen, wo ſie nicht einen oͤffentlichen Krieg von Schweden ſich ankuͤndigen, und
Revel eben ſo, wie neulich Wisby zerſtoͤren laſſen wolten. d) Doch die Abſe-
tzung dieſes Koͤnigs befreiete Eſtland von dieſer unnoͤthigen Furcht. Dagegen
fertigte der neuerwehlte Koͤnig Chriſtiern in Daͤnnemark, Schweden und
1457Norwegen, am Tage St. Luciaͤ durch den Hofmeiſter im Reiche Schwe-
den, Erich Axel, den Marſchal in Daͤnnemark, Claus Reinhold, und
den Amtman zu Stockholm, Magnus Green, ſaͤmtliche Rittere, einen
Schutzbrief aus, in welchem er den lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter namentlich
15 Jahr lang in ſeinen Schutz nimt, 300 oder 500 wehrhafte Mann dem Orden
zu ſtellen verſpricht, und dafuͤr alle Jahr 1000 gute rheiniſche uͤberlaͤndiſche
Goldgulden empfaͤnget. Dieſer Schutz ſol dem Meiſter und Orden an ihrer
Herrlichkeit und Privilegien unſchaͤdlich ſeyn. Die Manſchaft wird 4 Wochen
nach ihrer Abſegelung aus dem Reiche vom Koͤnig verproviantiret, in Liefland
aber wird ſie von dem Orden auf daͤniſchen Fus gehalten. e)
Am 6ten Febr. als am Dorotheentage gab der Erzbiſchof Silveſter auf1457
ſeinem Kirchenſchloſſe Ronneburg, der getreuen Ritter- und Manſchaft des
Erzſtifts Riga, um ſie der Ritter- und Manſchaft in den Landen Harrien und
Wierland gleich zu machen, die ſo genante ſtiftiſche Begnadigung oder das neue
Manrecht, (feudum gratiae) damit ſie unter einander als geborne Freunde ein
gleiches Erbrecht genieſſen moͤchten, wofuͤr dieſelben eine namhafte Summe Gel-
des zu Ausloͤſung, Steuer, Huͤlfe und Erbauung etlicher Kirchenſchloͤſſer erleget
hatten. Vermoͤge dieſer Begnadigung koͤnnen und ſollen ſelbige zu ewigen Zeiten
alle ihre Guͤter, liegende Gruͤnde, Geld, fahrende Habe, und alle bewegliche
Guͤter erben bis ins 5te Glied maͤnlichen und weiblichen Geſchlechts. f)
Nachdem die Ritter- und Manſchaft der Lande Harrien und Wierland
eine betraͤchtliche doch gutwillige Beiſteuer zur Rettung des Ordens wider die ver-
bundenen Staͤdte und Lande in Preuſſen hergegeben, ſo erklaͤret der Ordens-
meiſter Johan von Mengden, daß er beſagte Ritter und Manſchaft nach wie
vor von aller Schatzung frey ſpreche, und verſichert, daß die geleiſtete Huͤlfe nicht
zur Gewonheit werden ſolle. Gegeben zu Waldemar (Wolmar), am Tage
Valentins des Maͤrtirers.
Desgleichen vereinigte ſich der Ordensmeiſter mit dem Erzbiſchof zu Walck,
am Tage Agnetaͤ, und verſiegelte nicht nur einen Friedensbrief auf 10 Jahr,
ſondern verband ſich auch mit demſelben wider alle auswaͤrtige Feinde, welcher
letzte Brief Sonnabends nach Dorotheentage von beiden Theilen unterſchrieben
wurde g).
Die Stadt Danzig ſchickte bey der Unruhe mit dem Orden einige Kapers1458
nach Oeſel, die auch ans Land ſtiegen und auf den Guͤtern des ehmaligen Ordens-
O o 2procu-
g)
*)[148]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
procurators am paͤpſtlichen Hofe, und nunmehrigen Biſchofs Joſt, wie auch
auf den Guͤtern des Ordensvogts zu Sonneburg, ſchlecht Haus hielten. Sie
wichen endlich auf Vorſtellung, daß das Stift Oeſel keinen Theil an dem Or-
denskriege naͤhme, da zumal der Biſchof Joſt einen Stilſtand von 20 Monaten
zwiſchen dem Koͤnig Caſimir in Polen, deſſen Partey ſie ergriffen, und zwiſchen
dem Orden vermittelt haͤtte. Als nachher Danzig ins Gedraͤnge kam, wolte
ſie der oͤſelſche Landshauptman, Hans von Wallſtein, mit gleicher Muͤnze
bezahlen, und ſchickte ſeiner Seits etliche Kaper aus, die aber von den Danzi-
gern gefangen und mit dem Schwerte hingerichtet wurden.
Montags nach St. Michaelis confirmirte Silveſter den ihm zum erſten-
mal vorgeſtelten Stadtvogt Johan Soltrump, und verſpricht, ihn Sontags
nach Omnis terra zu inveſtiren, und dat Ambacht des Rigiſchen Rechtens
to vullenforende unde to vorſtande. Unter andern haben unterſiegelt
Peter von der Borch, Vogt zu Treiden, Hinrich von Ungern, Hans von
Tieſenhauſen und Ewold Patkuͤl.
Die beſondere Treue, welche Johan von Mengden ſeinem Hochmeiſter
in den gefaͤhrlichſten Zeiten bewieſen, bewog den Hochmeiſter Ludwig von Er-
linghauſen, dem Orden in Liefland in einer feierlichen Urkunde die oberherr-
liche
g)
[149]Erzb. Silveſt. Stobwaſſer. zur Zeit der Reg. Joh. Mengdens.
liche Gewalt uͤber ganz Eſtland aufzutragen, welche ihres Jnhalts wegen hier1459
einen Platz verdienet. h)
Dienſtags nach Johannis Geburt quitirt der Koͤnig Chriſtiern von
Daͤnnemark, den Ehrenbornen Herrn Gerdt von Mellingrode, Comtur
zu Revel, auf 4000 Mark, welche der Koͤnig auf das Gut Danhof vorge-
ſchoſſen; unterzeichnet zu Kopenhagen mit dem koͤniglichen Jnſiegel.
Joh. Vatelkanne, Electus der Kirche zu Oeſel, gab am Tage vor Kreuz-
erhoͤhung dem Meiſter das dem Orden ehmals abgenommene Antheil des Schloſ-
ſes Leal wieder, damit nicht weiteres Blutvergieſſen daraus erfolge. Der
Landmarſchal Godert von Plettenbeege erklaͤret Vatelkannen im Namen des
Herrn Meiſters fuͤr den rechten Biſchof von Oeſel, dem Joſt Hagenſtein
weichen ſolle, ohnerachtet der Papſt Pius der Iſte des Vatelkanne Erwehlung
vor 3 Jahren vernichtet haͤtte. Doch nach etlichen Jahren ſahe ſich Jodocus
oder Joſt durch Beiſtand des Meiſters wieder in Beſitz des Biſtums; und Va-
telkanne muſte abziehen, weil der Erzbiſchof und uͤbrige Biſchoͤfe mit Oſthofen
gemeinſchaftliche Sache machten.
Der Koͤnig Carl von Schweden erſuchet zu Danzig, am Abend der
heil. drey Koͤnige, den Landmarſchal und die Gebietiger in Liefland, daß ſie die
hagerſchen Guͤter zu Ripe in Jutland, ſo dem Orden gehoͤren, Hans
Schenckeln uͤberlaſſen moͤchten, welcher dem Orden huldigen und alle Dienſte
leiſten ſolle. Die Briefe, welche Fridr. Depenbrock auf dieſe Guͤter unter des
Koͤnigs Namen angewieſen, erklaͤret Carl fuͤr untergeſchoben, ob man ſie gleich
vor 2 Jahren durch eine Liſt von ihm erſchleichen wollen.
Nach faſt unaufhoͤrlichen Zaͤnkereien muſte die Stadt Riga endlich dem
Ordensmeiſter nachgeben. Fuͤr dieſe Verleugnung erhielt ſie von Oſthoffen
am Sonnabend vor Martini einen fuͤrtreflichen Freiheitsbrief, den zwar einige
Abſchriften 10 Jahr aͤlter machen, die richtigſten aber in dieſes Jahr ſetzen, ſo
mit der Zeitrechnung und den Umſtaͤnden am beſten uͤbereinſtimt. Die Staͤdte
Revel und Doͤrpt haben ihre Siegel mit angehaͤnget. Der Ordensmeiſter be-
ſtaͤtiget der Stadt die alte Mark auf beiden Seiten der Duͤne, wie ſie ſelbige
durch den Biſchof Wilhelm von Modena vor Alters erhalten, auſſer das Ge-
hege Lutzenhagen und die Koppel unter dem Berge, die zur Nothdurft des
Schloſſes gehoͤren. Die Honigweide bleibt nach dem Alten. Wenn der Herr
Meiſter reiſet, ſo giebt ihm die Stadt 30 Reiſige zu Pferde gegen inlaͤndiſche Fein-
de, gegen die auswertigen hilft ſie ihm mit aller Macht. Die uͤbrigen Beſchwerden
wegen der Huͤlfe, welche die Buͤrgerſchaft dem Orden nach dem vorigen Soͤhnebrief
leiſten mus, fallen weg, nur daß die Stadt dem Orden nicht entgegen iſt. Der
Wahrzins wird der Stadt wieder gegeben, und ihr von den 5 Vicarien nur 3 zu
halten erlaubet. Er goͤnnet der Stadt eine ziemliche Mauer, 5 Faden dicke, doch
ohne Thuͤrme, zwiſchen der Vorburg des Schloſſes und der Staͤdtmauer. Zur
groſſen Pforte behaͤlt die Stadt die Schluͤſſel, um ſie zu gewoͤhnlichen Zeiten zu
oͤfnen, auch zum Behuf der Ordensgebietiger ſie Tag und Nacht aufzuſchlieſſen.
Den Schluͤſſel zur kleinen Pforte verwahret der Hauscomtur. Der Haberthurm
ſol bey der Vorburg bleiben und nicht wieder gebauet werden. Auch die neuen
Thuͤrme bey der St. Andreaskapelle am Schlosgraben ſollen nicht hoͤher gemau-
ret
h)
[151]Erzb. Silveſt. Stobwaſſer. zur Zeit der Reg. Joh. Mengdens.
ret werden. Es ſtehet den Buͤrgern frey, die Roboysmuͤhle zu bauen und1464
2 Windmuͤhlen dazu zu machen. Das Stuͤck Wieſewachs hinter des Hauscom-
turs Hofe und die freie Fiſcherey behaͤlt die Stadt nach dem alten Fus. Der
Kaufman kan zu Waſſer und Lande die Duͤne auf und nieder handeln. Die Zie-
gelkoppel iſt der Stadt, der Ziegelholm an der Schlosweide aber, der an dem Holm
Koͤgenlage ſtoͤſt, und woruͤber in vorigen Zeiten lange geſtritten worden, bleibt
zum Behuf des Schloſſes. Die Buͤrger und ihre Nachkoͤmlinge ſollen zum Nu-
tzen der Stadt freie Holzung haben auf der Palen, ſo ferne ſie darauf redlichen
Beweis fuͤhren. Die 100 Mark, welche die Stadt nach dem Soͤhnebriefe jaͤhr-
lich ans Schlos gezahlt, und die ſie in ihren Zeiten abgekauft, ſind vertragen.
Aus beſonderer Gunſt giebt Oſthoff noch der Stadt einen Brief auf 800 Mark,
den ſie zu ihrem Nutzen verwenden kan. Von Seiten des Ordens haben God-
dert von Plettenberge, Landmarſchal, und Conrad von Vietinghoff, Com-
tur zu Aſcherade zu Riga unterſiegelt.
Um Pauli Bekehrung ſandte Joh. von Mengden den preußiſchen Or-1466
densbruͤdern 700 Reuter und einiges Fusvolk zu Huͤlfe, die aber durch die von
den Samogiten verhauenen Waͤlder nicht durchdringen konten. Sie ſchlugen
ſich auf die rechte Seite, um den Strandweg zu nehmen, allein auch dieſen hat-
ten die Samogiten mit tiefen und bedeckten heimlichen Gruben unſicher ge-
macht, wo die Lieflaͤnder herein fielen, und gefangen oder erſchlagen wurden.
Die Zerſtreueten wurden in dem dicken Buſche durch Hunger und Kaͤlte aufgerie-
ben, etliche nahmen ihre Zuflucht auf das Eis, welches aber einbrach, und die
Fluͤchtlinge in der See umkommen lies. Wie denn auch den Herbſt vorher 40
Schiffe, welche mit Kriegesvolk, Munition, und Proviant beladen waren, und
aus Liefland nach Preuſſen giengen, unweit Choinitz am curiſchen Stran-
de ſcheiterten, und durch ihr Auſſenbleiben den Frieden des preußiſchen Ordens
mit den Pohlen befoͤrderten i).
Dieſer Ordensmeiſter hatte das Gluͤck, daß ſeiner Genuͤgſamkeit wegen al-
les unter ihm in Liefland ruhig wurde; daher konte er ſeine Augen in Frieden
ſchlieſſen, wie denn ſein Ende bald nachher erfolgte.
Sein gar kurzes Regiment von anderthalb Jahren hat ihn auſſer eini-
gen Lehnbriefen wenig bekant werden laſſen, wie denn auch ſein
friedfertiges Naturel ihm den Argwohn zuzog, daß er mit den Ruſ-
ſen einige Tractaten pfloͤge. Man nahm ihn kurz vor Oſtern zu
1471Helmet beim Kopf, und brachte ihn nach Wenden, wo er ſich im Gefaͤngnis
mit ſeinem guten Gewiſſen troͤſtete und nach einiger Zeit den Geiſt aufgab.
Jm andern Jahr ſeiner Regierung reiſete die am paͤpſtlichen Hofe1472
zu Rom erzogene Prinzeßin des griechiſchen Kaiſers Ma-
nuels, Namens Sophia, uͤber Luͤbeck, und langte mit ei-
nem praͤchtigen Schiffe zu Revel an, von dannen ſie nach em-
pfangenen ſtandesmaͤßigen Ehrenbezeugungen nach Doͤrpt gefoͤrdert ward.
Hier
[154]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1472Hier ward ſie von dem rußiſchen Abgeſandten als verlobte Braut des Czaars,
Jvan Baſilowitz weiter bis Moſkau begleitet, wo ſie wider alles Vermu-
then des Papſts Sixtus des IVten die roͤmiſchcatholiſche Religion niederlegte
und ſich aufs feierlichſte zur griechiſchen Kirche bekante.
Der Ordensmeiſter ertheilte unter andern Freiheiten der Staͤdte Doͤrpt
und Revel auch der Stadt Riga folgende vorzuͤgliche Privilegien: Die Stadt
bleibt bey ihren alten Vorrechten, und darf keine Vicarien halten; der kirchhol-
miſche Vertrag wird vernichtet; und weil ſie ſich gutwillig dem Orden ergeben,
ſo werden ihr alle Beleidigungen mit Schieſſen, Stuͤrmen und Brennen gegen
den Orden, das Schlos und die Vorburg uͤberſehen. Beide Theile leiſten ſich
gemeinſchaftlichen Beiſtand. Jm Fal eines Einbruchs iſt die Stadt an keinen
Vertrag gebunden. Dieſe Tilgung des kirchholmiſchen Vertrags geſchahe
Sonnabends vor Calixti. Jhre Siegel haben mit angehaͤnget Cordt von Her-
tzenrade, Landmarſchal, Didrich von der Dornenburg, genant von der
Laye, zu Vellin, Gerd von Mellingrade zu Goldingen, Gerdt von
Ylſen zu Aſcherade, Otto Hocheler zu Mitau, Willem von Boink-
huſen zu Dobblehn Comture, und der Vogt zu Karkus, Evert Lappe
von der Roer haben ihre Siegel mitangehaͤngt. Hierauf leiſtete die Stadt die
Huldigung, und fertigte eine eigene Urkunde daruͤber aus, die unter andern der
Buͤrgermeiſter Hr. Joh. von der Borch unterſchrieben. So verglich er ſich
auch mit den Biſchoͤfen und ihren Kapiteln, daß innerhalb 10 Jahren alle Zwi-
ſtigkeiten ohne Lerm und Aufruhr in der Guͤte abgethan, und mitlerweile dasjeni-
ge beobachtet werden ſolle, was ſaͤmtliche Staͤnde fuͤr jetzo zu Walck am Tage
Agnetis beliebet haͤtten.
Auſſer dem Erzbiſchof, Biſchoͤfen und Meiſter traten der Landmarſchal
Cordt von Herzenrade, die Camture, Didrich von der Laye anders genant
von der Dornenborg zu Vellin, Johan Freydag zu Revel, und Cordt
von Vitinghof zu Pernow dieſer Sache wegen in Unterhandlung; wozu von
Seiten des Stifts zu Riga, Juͤrgen Jxkul, Engelbrecht von Tiſen-
hauſen, Ewold Patkul und Hinrich von Ungern; aus dem Stifte
Doͤrpt, Barthol. von Tiſenhauſen, Bertold Wrangel, Peter
Jxkul, Juͤrgen Luggenhuſen; vom Stift Oeſel, Didrich Fahrensbe-
cke, Hinrich Bixhofden, Vogt in der Wick, Wolmar Jxkul, Herrn
Conrads Sohn, und Juͤrgen Herkel; aus Harrien und Wirland,
Goswin Doͤnhof, Hans Lode von Kochtel, Didr. Thuͤne, Didr.
Brakel, Wolmar Thuͤne, und Berend Thuͤne; wie auch die Buͤrgermei-
ſter der Staͤdte Riga, Doͤrpt und Revel kamen. Dieſe vereinbarten ſich, alle
Streithaͤndel kuͤnftig unter ſich auszumachen, und gegen den, ſo einen fremden
Richter ſuche, los zu ſchlagen. Die Domkapitel behielten das Recht ihre Praͤla-
ten ſelbſt zu waͤhlen. Wer Krieg anfienge, ſolte alle wider ſich haben. Dabey
iſt
a)
[155]Erzb. Silveſt. Stobwaſſer. zur Zeit der Reg. Bernh. v. der Borg.
iſt merkwuͤrdig, daß die einzige Stadt Riga ihr Siegel nicht beigeſetzt hat, ob-1472
gleich noch Platz auf dem Pergament war.
Zu Stregnaͤs auf U. L. F. Tag verglichen ſich der upſalſche Erzbiſchof1477
Jacob, der ſtregneſiſche Biſchof Johan, die Reichsraͤthe Steno Sture,
Niclas Sture, und Guſtav Carlſſon mit dem Ordensmeiſter, daß ſie des
Gefaͤngniſſes, darin Erich Rawaldſon geleget worden, nimmermehr geden-
ken wolten.
Der Propſt, Dechant und das Kapitel hatte vom Papſt ſchon vor 24 Jahren1478
die Guͤter und das Land Titigerb) gegen Dahlen und Steinholm, uͤber der
Duͤne, geſchenkt bekommen, ſelbige auch nebſt andern in und auſſer der Stadt
gutwillig und zur Erhaltung guter Freundſchaft abgetreten, und der Stadt wieder
zum Beſitz uͤberlaſſen. Auf Befehl des Papſts Sixtus des IVten muſte der Pre-
digerorden dieſelben von neuen dem Magiſtrat verſchreiben laſſen, damit der Erz-
biſchof keinen Anſpruch darauf machen koͤnte.
Desgleichen verſtattete der Papſt, daß ein jeder Erzvogt (Pro-Conſul) und
Buͤrgermeiſter waͤhrend ſeines Amts einen Tragaltar mit gehoͤrigen Zierrathen ge-
brauchen duͤrfe, an dem er in Beiſeyn ſeines Hausgeſindes und anderer die Meſſe
und den uͤbrigen Gottesdienſt auch vor Tage, doch in der Fruͤhſtunde, durch ſei-
nen eigenen oder fremden Prieſter, halten laſſen koͤnne. Rom am 10ten Febr.
Hierbey folgte eine andre Bulle, worin der Stadt verſtattet wird, die Acciſe ein-
zufuͤhren, Maas und andre Ordnungen einzurichten, und die Guͤter dererjenigen
zu erben, die ohne Erben und ohne Teſtament ſterben, ihre Bedienungen zu ver-
geben, doch ohne Nachtheil der Geiſtlichkeit. So gab auch der General des Pre-
digerordens Leonhardde Manſvetis de Peruſio der Stadt wegen ihrer reichlichen
Gaben und Almoſen den freien Zutrit zu ihren gottesdienſtlichen Uebungen, der
Meſſe, Betſtunden, geiſtlichen Aemtern, Leſen, Andacht, Betrachtungen, Pre-
digten, Seufzen, Thraͤnen und Wachen, welche zu gewiſſen Stunden gehalten
werden; und verſtattete ihr ein Antheil an allen Faſten, Enthaltungen, Zucht,
Pilgerſchaften, Arbeiten, Buſſe, Gehorſam und andern guten Werken.
Die Geiſtlichen, der Vogt und die Buͤrgermeiſter in Riga beſchwerten ſich1479
am 21ſten Febr. bey dem Papſt Sixtus den IVten uͤber das ungerechte Execu-
tionsurtel, ſo der Erzbiſchof zur Volziehung gebracht, da er ſich doch lange von
der Gerichtbarkeit uͤber die Stadt losgeſaget. Weil Silveſter ihre rechtmaͤßige
Appellation nicht achtete und viel Unſchuldige in den Ban that; ſo verordnete der
Q q 2Papſt
[156]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1479Papſt den neapolitaniſchen Cardinal und Biſchof von Albanien zum Schieds-
man, und gab ihm Compulſoriales mit, daß alle bey Strafe des Bannes die
Briefſchaften des Erzbiſchofs ausliefern ſolten.
Der Erzbiſchof Silveſter, Metropolit der Lande Lief-Eſt-Lett-Cur-
land und Preuſſen, des heil. roͤmiſchen Kaiſerreichs Fuͤrſt, ingleichen
Georg, Doctor der geiſtlichen Rechte und Propſt, Ditmar, Dechant, und
das ganze Kapitel, desgleichen die Ritter Hr. Hinrich von Hohenberge,
Hauptman, Hr. Engelbrecht von Tiſenhauſen, Hr. Detlef von Tieſenhau-
ſen, Hr. Engelbrecht Same, Hinrich von Ungern, Wollmar Uxkuͤl,
Kerſten von Roſen, Vogt zu Treyden, und Juͤrgen Curſell, Vogt zu
Kokenhauſen, traten dis Jahr in ein bedenkliches Buͤndnis mit dem Erzbiſchof
Jacob zu Upſal, dem Biſchof Johan zu Stregnes, dem Herrn Steno
Sture, des Reichs Schweden Vorſtaͤnder, Hrn. Nils Sture, Hrn.
Guſtav Carlſſon und andern Reichsraͤthen. Jene klagen, daß der Meiſter
Berend von der Borg auſſer der Stadt Riga ihre Schloͤſſer, Leute, Laͤnder,
Gewaͤſſer und Stroͤme abgedrungen, und weder der Orden noch die Stadt
ſich an die paͤpſtlichen Bullen, noch an die erzbiſchoͤflichen guten lateiniſchen
Vermahnungen etwas kehren wollen; daher ſie aus Noth obige von paͤpſtlicher
und kaiſerlichen Gewalt verordnete Kirchenbeſchirmer um Huͤlfe erſuchen muͤſſen.
Sie verſprechen den uͤberſchickten Huͤlfsvoͤlkern vor allem Schaden und Gefaͤng-
nis zu ſtehen, bedingen ſich aber ein gleiches fuͤr ihre Voͤlker aus, wenn ſie
Schweden zur Behauptung ihres vermeinten Rechts auf Harrien und Wier-
land, helfen ſolten. Sie wollen mit Schweden die Helfte der wiedereroberten
Stiftsguͤter theilen, welche bisher der Orden unrechtmaͤßiger Weiſe in ſeine Ge-
walt bekommen. Dieſer Bund brachte aber den Orden erſt recht in die Hitze.
Der Meiſter holete den Erzbiſchof ſelbſt von Kokenhauſen weg, und verbrante
mit dem Schloſſe das ganze ſchoͤne Archiv; Silveſter war in der Gefangenſchaft
und ſtarb vor Gram, oder, wie einige faͤlſchlich muthmaſſen an beigebrachtem
Gifte c), am St. Margarethenabend, und ward vor dem hohen Altar im Dom
zu Riga begraben, nachdem er 30 Jahr ſeinem Amte vorgeſtanden.
Papſt Sixtus der IVte ſandte noch in eben dem Jahre den geweſenen Re-1479
ſidenten des rigiſchen Stifts zu Rom und bisherigen Biſchof zu Doͤrpt, oder
beſſer nach andern zu Troja in Neapolis, Stephan von Gruben, nach
Riga, dem Erzſtifte vorzuſtehen und ermahnte die Stadt ihn als einen Vater
und Seelenhirten aufzunehmen. Allein der Orden bedankte ſich fuͤr die Em-
pfelung und wolte dieſen Stephan nicht einlaſſen; daher Sixtus der IVte den
Biſchoͤfen von Uladislav, Doͤrpt und Oeſel die Einfuͤhrung dieſes Mannes1480
mit Ernſt anbefehlen muſte, weil die Rigiſchen ſtarke Hofnung auf ihn ſetzen d).
Die Rigiſchen, welche der Aufhebung des kirchholmiſchen Vertrags
halben dem Ordensmeiſter gegen den vorigen Erzbiſchof geholfen hatten, giengen
daruͤber ihres dritten Theils auf Oeſel zur Haͤlfte verluſtig, weil der daſige Bi-
ſchof ſie ſequeſtirte. Doch des Meiſters Bruder Simon von der Borg, Bi-
ſchof zu Revel, lud den oͤſeiſchen Biſchof im Namen des Papſts vor ſich, und
verlangte ausdruͤcklich, daß beſagte Guͤter der rigiſchen Buͤrgerſchaft wieder frey
gegeben werden ſolten. Dem ohnerachtet gieng es damit langſam zu, und muſte
der paͤpſtliche Legat 9 Jahr nachher den Dechanten zu Riga und den Propſt zu
Doͤrpt daruͤber zu Schiedsmaͤnnern beſtellen e).
Auf Jacobi wurde der ſo genante Weinbrief fertig. Der Herr Meiſter
verliehe der Stadt die Bruͤche und Poͤne, die Wedde genant; wofuͤr die Stadt
2000 Mark erlegte, und dem Meiſter jaͤhrlich auf Jacobi mit 4 Ohmen Rhein-
wein ein Geſchenk zu machen verſprach.
Nachdem der Czaar Jwan Baſilewitz das Jahr vorher das Grorfuͤrſten-
thum und deſſen Hauptſtadt Naugardenf) erobert, kam ein Theil des ſiegen-
den
e)
[159]Erzb. Steph. v. Gruben. zur Zeit der Reg. Bernh. v. der Borg.
den Heers mit nach Liefland, welcher Einfal im ganzen Lande Schrecken und1480
Verwuͤſtung anrichtete. Bernhard von der Borg dachte nun auf Rache. Er
bot die geſamte Macht von Lief- und Eſtland auf, und that mit ſelbiger einen
Zug gegen die Ruſſen, ſteckte die Vorſtadt zu Plescow in Brand, und wol-
te ſich von der Stadt ſelbſt Meiſter machen. Doch ſein Bruder, der revelſche
Biſchof Simon, las erſt eine ſo lange Meſſe, daß ſich die Ruſſen daruͤber ver-
ſtaͤrkten; daher der doͤrptiſche Biſchof aus Furcht eines Ueberfals ſich nach
Hauſe machte, und ſeine Schloͤſſer beſetzte. Bernhard zog mit verdrieslichem
Muthe ab, und beſchwerte ſich uͤber des Biſchofs Trennung, der nun allein der
arme Suͤnder ſeyn ſolte. Die Ruſſen gaben den Lieflaͤndern das Geleit, nah-
men Fellin mit ſtuͤrmender Hand weg, eroberten Tarweſt am See Ferſcher,
ſonſt Wortzjerwe genant, fuͤhrten viele in die Gefangenſchaft, und machten
aus Verbitterung die ganze Gegend zur Einoͤde. Die traurigen Folgen dieſes
mislungenen Unternehmens leitet Cranz aus der Unvorſichtigkeit her, daß man
die Nachbaren die groͤſte Macht zu unrechter Zeit in Augenſchein nehmen laſſen.
Von dieſer dem Vorgeben nach ungeheuren Armee g) hatte jeder ſchon den
Heimweg gefunden. Mit dem Ueberreſt derſelben langte Bernhard vor der
Stadt Riga an, die ſich auch des beſten nicht verſahe, ſondern die Thore ſperrete,
und wiederum die ſchwaͤchere erzbiſchoͤfliche Partey ergrif. Die Buͤrgerſchaft
R r 2wehrte
f)
[160]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1480 wehrte ſich tapfer, und noͤthigte den Ordensmeiſter zum Abzuge, wie denn auch
die Schloͤſſer Berſon und Hochroſen von der Ritterſchaft des Erzſtifts mit vie-
lem Gluͤcke vrrtreflich vertheidiget wurden.
Der Papſt Sixtus der IVte und der roͤmiſche Kaiſer bemuͤheten ſich recht
um die Wette, der erſte ſeinen Erzbiſchof, und der andre den Ordensmeiſter bey An-
ſehen zu erhalten. Friedrich der IIIte ertheilte Berndten von der Borg und
ſeinen Nachkommen des Stifts Regalien und Weltlichkeit, und gebot der Stadt
Riga bey Strafe von 100 Mark loͤthigen Goldes ihn von der kaiſerl. Maj. und
des Reichs wegen fuͤr ihren rechten natuͤrlichen Herrn zu halten und in allen ziem-
lichen Geboten treu und gehorſam zu ſeyn: Wien am 22ſten April. Den
Brief machte der Biſchof Simon von der Borg, am 13ten November deſſel-
bigen Jahrs, zu Wenden in Gegenwart des paͤpſtlichen und kaiſerlichen Notarius,
Eberhard Szelle von Aſcherade, bekant. Der Biſchof nennet ſich in demſel-
ben der heil. rigiſchen Kirche Poſtulaten, und erbittet ſich die Vaſallen, Gerhard
Patkuͤl und Bernd Nienborgen, rigiſche und wendiſche Clericos, zu Zeugen.
So ſchrieb auch der Kaiſer unterm 20ſten April an Caſimir den IVten, Koͤnig in
Pohlen, an Chriſtiern Koͤnig von Daͤnnemark und Schweden, und an
den Grosfuͤrſten zu Litthauen; gebot auch allen Reichsfuͤrſten bey Verluſt kaiſerli-
cher Gnade und Bedrohung ſchwerer Strafe, den Meiſter zu Liefland bey dem
Stift Riga zu handhaben und zu ſchuͤtzen, wo das unordentliche Regiment, das
boͤſe Vornehmen und Uebungen der Erzbiſchoͤfe bisher gros geweſen; ſintemal ihm
als roͤmiſchem chriſtlichen Kaiſer, von dem des Stifts Riga Regalien und
Weltlichkeit zum Lehn herruͤhre, ſolchen zuvor zu kommen, und chriſtlichen Glau-
ben zu vermehren, wie auch bey Aufnehmen und Ruhe zu erhalten gebuͤhre.
Der Papſt hingegen befahl dem Rath und der Stadt, daß ſie den excommu-
nicirten Meiſter nicht fuͤr ihren Herrn erkennen, dem Erzbiſchof Stephan aber
als ihrem rechtmaͤßigen Befehlshaber gehorchen ſolte, Rom am 11ten September.
Ein gleiches ergieng an die Lieflaͤnder, dem Ordensmeiſter bey Strafe des Bans
keine Huͤlfe zu leiſten. Der Papſt gab ſo gar ein Warnungsſchreiben an den
1482Kaiſer aus, und verlangte, Fridrich ſolte die Verſchenk[u]ng der Stadt Riga,
der kleinen Staͤdte und der Doͤrfer als unrechtmaͤßig und unbillig aufheben, weil
er von dem Orden mit falſchen Berichten hintergangen waͤre, Rom am 25ſten
Junii; welche apoſtoliſche Breves der Erzbiſchof Michael nach 6 Jahren in
umſtaͤndlichen Tranſſumten aufnahm.
Bey dieſen Unruhen fand der Ordensmeiſter fuͤr rathſam, ſich zum Ziel zu
legen. Er ſchlos alſo mit der Stadt einen Stilſtand auf 2 Jahr, ſetzte auch auf
Petri und Pauli eine Mahlſtat an, und was da nicht verglichen wuͤrde, das
ſolten verſchriebene Commiſſarien von Luͤbeck und andern wendiſchen Staͤd-
ten, wie auch von Danzig ausmachen. Jndeſſen ſol der Handel und Wandel
zu Waſſer und Lande offen ſtehen. Doch auf den geſetzten Termin verglichen ſich
die Parteien ſo, daß jeder Theil die im Kriege gewonnenen Schloͤſſer wieder
abtrat h).
Zu Waimel, einem Dorfe bey Karkus, trat in dieſem Jahr der Aus-1482
ſchus des lieflaͤndiſchen Adels zuſammen, welchem das Elend von Liefland
am nechſten zu Herzen gieng. Jhre Beſchwerden waren kurz und gut dieſe: Die
Biſchoͤfe bekuͤmmerten ſich wenig um den Gottesdienſt, und ſuchten nur Kuͤche
und Keller zu ſpicken; der Meiſter und ſein Orden arbeiteten an der Unterdruͤ-
ckung ihrer Mitbruͤder und der andern Staͤnde, und machten nur durch ihre
Wechſel an ihre Guͤnſtlinge zu Rom das Land arm; die Bauren wuͤrden un-
gerechter Weiſe ausgeſogen; die Kaufleute und Fremden fuͤhrten das Korn aus
dem Lande, und verkauften es bey Miswachs und Kriegszeiten dreimal ſo theuer
an die Bauren zuruͤck, woruͤber viele Hungers ſterben muͤſten. Sie legten auch
3 Faſttage an am Fronleichnams-Mariaͤ Heimſuchungs- und Aller Heiligen
Abend, an welchen alle die uͤber 12 Jahr alt waͤren bey Waſſer und Brod faſten,
oder an die Kirche einen Schilling entrichten ſolten i). Es blieb aber bey den
bloſſen Entwuͤrfen.
Als die Ordensherren in Riga wieder eingelaſſen wurden, ſo war ihre erſte1483
Arbeit dieſe, den neuen Erzbiſchof um ſeine Gerichtbarkeit uͤber die Stadt zu brin-
gen. Sie bemaͤchtigten ſich ſeiner Perſon; ſetzten ihn mit verbundenen Augen
ruͤckwerts auf eine Stute, und fuͤhrten ihn zum Thore hinaus; woruͤber der Erz-
biſchof in eine tiefe Schwermuth verfiel, 22 Wochen nachher, nemlich am
22ſten December ſtarb, und an Silveſters Seite im Dom begraben wurde.
Allein Cranz, der doch ſonſt der Cleriſey nicht gern entſtehet, meldet nur, daß
Stephan aus Melancholie uͤber ſeine Duͤrftigkeit geſtorben k).
Der rigiſche Dompropſt Heinrich Heiligenfeld legte ſeinen weiſſen
Chorrock ab und zog den Harniſch an, eroberte auch mit ſeinen Leuten etliche Or-
densſchloͤſſer; bey welchem Tumult die Rigiſchen auch ein Herz faſten und die
Burg zu Riga, weil ſie der Stadt zu nahe gebauet war, niederriſſen und der
Erde gleich machten. Die Biſchoͤfe von Doͤrpt, Oeſel und Curland nahmen
indeſſen mit dem Kapitel Abrede, wie es mit Kokenhauſen und andern Schloͤſ-
ſern bis auf die Wahl eines neuen Erzbiſchofs ſolte gehalten werden. Die Rigi-
ſchen ruͤckten gar vor Duͤnemuͤnde, und lieſſen keinen Stein auf den andern.
Ja ſie ſchickten Kalk und Steinſtuͤcke ſtat der gewoͤhnlichen Birk- und Haſelhuͤner
an ihre Correſpondenten noch Luͤbeck zum Praͤſent, welche von dem wichtigen
Siege uͤber ihren ſonſt maͤchtigen Oberherrn die Gewisheit uͤberbringen muſten l).
Der Kaiſer Fridrich ſahe ſich genoͤthiget, aus Graͤtz an den Rath zu
Wismar zu ſchreiben, daß die Stadt bey Strafe von 1000 Mark loͤthigen Goldes
den Rigiſchen keine Huͤlfe leiſten ſolte, weil ſie den Herrn Meiſter bekrieget und
ſich einen neuen Erzbiſchof Stephan Gruben zum Oberherrn erwehlet, auch
auf vorhergegangene Vorladung vor das Kammergerichte nicht erſchienen waͤren.
Die Appellation an den Papſt helfe nichts; weil er in weltlichen Sachen nicht
Richter ſeyn koͤnne m). Dahingegen verſprachen der Erzbiſchof Jacob von Up-
ſal,
k)
[163]Erzb. Michael Hildebrand. zur Zeit der Reg. Bernh. v. der Borg.
ſal, der Biſchof Conrad von Stregnes und der Regent in Schweden,1484
Steno Stuure, dem Erzbiſchof Stephan allen Beiſtand, wenn die an den
Meiſter abgefertigten Sendeboten nichts ausrichten wuͤrden; welcher Troſt fuͤr
den bereits geſtorbenen Biſchof zu ſpaͤte kam.
Am 4ten Jun. ward am paͤpſtlichen Hofe Michael Hildebrand, eines
revelſchen Buͤrgers Sohn, zum Erzbiſchof nach Riga beſtimmet, weil der
Graf von Schwarzenburg ſich fuͤr die damit verknuͤpfte Weitlaͤuftigkeiten
bedankte, muſte ſich aber auch gegen den Orden und die Stadt erklaͤren alle vor-
gelegte Punkte einzugehen. Die lieflaͤndiſchen Unruhen machten ihm aber den-
noch eine Pauſe in ſeiner Abreiſe nach Riga. Bey ſeiner Ankunft wurde er
gleich der Stadt verdaͤchtig, die ihm die Kleidung worin er aufzog vorwarf, und
nicht glauben konte, daß ein Erzbiſchof, der die Kleiderfarbe des Ordens truͤge, es gut
mit ihr meinen koͤnte. Dieſer Argwohn ward auch mit ihrem groͤſten Schaden
gegruͤndet befunden, weil er die ſchwediſchen Soldaten in Riga, die doch
der Stadt und dem Stift helfen ſolten, gar vortheilhaft zu gebrauchen wuſte.
Mit der Zeit verlor Meiſter Berendt auch alles Anſehen bey ſeinen Mit-1485
bruͤdern, die ihn zum Dank fuͤr ſeine wichtigen Dienſte, ohne den Kaiſer darum zu
begruͤſſen, mit einer herzhaften Entſchlieſſung abſetzten. Sie verſamleten ſich zu
Wenden in eines Buͤrgers Hauſe, welches ſchon den Ordensmeiſter befremdete;
und darauf nahmen ſie ihn mit in die Rathſtube hinauf. Herr und Bruder Be-
rend, hies es, die Comturen zaͤhlen euch vom Amt los, und ſprechen es dem
Bruder Johannes zu, im Namen der heil. Jungfrauen. Sein Vetter Si-
mon, Biſchof zu Revel, ſuchte ſich gleich eine andre Herberge. Der Meiſter
bat um das Schlos Marienburg zu ſeinem Leibgedinge, welches ihm unverwei-
gert zugeſtanden ward. CranzWandal. B. XIII, K. 16.
Hatte bisher den Comturen in Revel vorgeſtanden, und die Stat-1486
halterſchaft des Meiſters dabey gefuͤhret, welche beide Titel in
den Urkunden dieſer Zeit von ihm gebraucht werden.
Er verglich ſich von neuen mit dem Erzbiſchof Michael,
deſſelben Kapitel und der Stadt auf dem vorigen Fus. Der Papſt ſol die Stadt
S ſ 2Ko-
m)
[164]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1486Kokenhauſen mit der Vorburg und den dahin gehoͤrigen Schloͤſſern Kreutz-
burg, Pebalgen, Seswegen, Serben, Uxkuͤl und Lenewarden bis
zur Ankunft eines rechtmaͤßigen Erzbiſchofs in Verwahrung haben; der Rath
nimt das Gebiete Duͤnemuͤnde zu Waſſer und zu Lande, das Schlos zu Riga
mit allem Zubehoͤr bis an die Bulderaa, und uͤber die Aa nach der Schlocke
und Bulle hin bis zu einem Landtage; der Orden beſitzet Calven und Deger-
hoͤfden pfandweiſe, bis man erſt den confirmirten Herrn ſiehet und abwartet.
Dienſtags nach Judica gelobte er zu Blumenthal der Stadt alle Gefan-
gene im Briefe, der Borge Tucht genant, in 8 Tagen vom erſten Landtag an-
gerechnet, auszuliefern: wo nicht, ſo ſolle der Orden in Poen von 20000 rhei-
niſchen Gulden verfallen ſeyn. Die Rigiſchen beſitzen die in der Fehde vom
Orden beſchlagenen Guͤter frey und friedſam, bis die Gefangenen oder die Poen
geliefert worden; alsdenn mag der Herr Meiſter die Rigiſchen in den gewoͤhn-
lichen Landtagen der vorgeſchriebenen Guͤter wegen beſchuldigen. Was bey Kapi-
tel und Rath nicht entſchieden werden kan, ſol man bey dem Papſt ſuchen, oder die
6 wendiſchen Staͤdte dazu berufen. Alle Straſſenfreiheit zu Waſſer und zu
Lande auf der Duͤne, den beiden Aaen in Curland und auf der Narve bleibt
ungeſtoͤrt. Welcher Theil ſich nicht an ſeinem Rechte genuͤgen laͤſt, dem ſol das
ganze Land entgegen ſeyn und dem Richtigen mit Leib und Gut beifallen.
Die Biſchoͤfe von Doͤrpt, Oeſel und Curland thaten zwar ihr moͤglich-
ſtes das Schwert in der Scheide zu halten, und den Ordensmeiſter zur Erfuͤllung
ſeiner Zuſage zu bringen, welcher aber auf die Abdankung der ſchwediſchen Voͤl-
ker in Riga drang, und ſich unter den Waffen keine Geſetze vorſchreiben laſſen
1487wolte. Es kam alſo bey Treyden zum Handgemenge, worin die Rigiſchen
6 Comture erlegten, viele Ordensſoldaten todt ſchlugen und 6 Comture im Tri-
umph nach Riga fuͤhrten. Der Ordensmeiſter verſperte den Rigiſchen den
Pas, durch Beſetzung der Jnſel Parwalck, und uͤberwaͤltigte auch das Block-
haus, ſo die Buͤrger an dem andern Arm der Duͤne angelegt. Die Soldaten
der Stadt capitulirten darin, den armen Bauren aber gieng es elend. Sie wur-
den unters Eis geworfen, und weil ihnen die Haͤnde geſchnuͤret waren, machten
ſie mit den Beinen das Kreuz uͤber ſich, und fuhren ganz gelaſſen hinunter
zum Tode. Dieſe geſperte Handlung benahm der Stadt Muth und Kraͤfte, ſo
daß ſie nicht lange darauf ſich zu Friedensunterhandlungen bequemte; dazu kam
noch, daß die ſchwediſchen Soldaten in der Stadt ſelbſt viel Uebermuth be-
giengen und ihr zur Laſt wurden, daß eine rigiſche Partey in dem Scharmuͤtzel
bey Neuermuͤhlen den kuͤrzern zog, daß viele Gefangene, und darunter der Com-
tur von Mitau, und der von Goldingen entwiſchten, welcher letztere doch ins
Eis einbrach und erſticken muſte.
Es kam derohalben auf dem Preſtholm zu Ratzeborg an der Mitwoche
vor Petri Kettenfeier zwiſchen den kriegenden Parteien zum Frieden. Gregor
Matthieſſon, Age Joͤenſon, Erich Ottſon, Ritter, Magnus Nico-
lai, Dompropſt zu Abo, Erich Ramelſon, Joh. Kuhle, Magnus
Schwenſon, Claes Hindrichſon, und Jacob Flemming, Wapener,
Reichs-
a)
[165]Erzb. Mich. Hildebrand. zur Zeit der Reg. Joh. Freit. v. Loringhof.
raͤthe und Maͤnner zu Schweden, bekennen, daß ſie als Mitler zwiſchen dem ed-1488
len und wohlgebornen und geſtkengen Herrn Steno Sture von Gryps-
holm, ihrem wuͤrdigen Hauptman, eines Theils, und zwiſchen dem wuͤrdigen acht-
baren Herrn Joh. Stael von Hollſtein, Vogt zu Weſenberg, den ehrba-
ren und wohltuͤchtigen Maͤnnern Kerſten Radmann und Thomas Maydeln,
Wapener, und den ehrſamen wohlweiſen Herren Heinrich Hoͤnerjaͤger und Die-
drich Hagen, Rathmaͤnnern der Stadt Revel, als Gevolmaͤchtigten des hoch-
wuͤrdigen und grosmaͤchtigen Herrn Joh. Frid. von Loringhoffe, andern Theils,
dieſen Vergleich getroffen: 1. Ueber Jahr und Tag auf Johannis ſollen die
6 wendiſchen Staͤdte alle Unordnungen ſchlichten, wozu der Reichsvorſteher
Steno auch ſeine Boten hinſenden wil. 2. Der Ordensmeiſter erfuͤllet die zu
Blumenthal bey Riga geſchloſſenen Tractaten, und verbindet ſich 3 zur Ehre
der gebenedeiten Mutter Gottes gegen die Ruſſen gemeinſchaftlich den Krieg
anzufangen b).
Der rigiſche Dompropſt Heiligenfeld brachte dieſes Jahr mit ſeinem Erz-
biſchof Michael einen dem Kapitel und ihm vortheilhaften Vertrag zu Stande.
Der Erzbiſchof machte ſich anheiſchig, alle Schulden, die der Propſt bey Deut-
ſchen und Ruſſen gemacht, zu bezahlen und den Propſt bey der Propſtey zu
ſchuͤtzen; alle der Kirche nachtheilige Verſchreibungen und Verſiegelungen zu ver-
nichten; auf die vom Orden zuruͤck gegebenen Schloͤſſer, wie auf Kokenhau-
ſen und Creutzburg, eigene Hauptleute zu ſetzen; an die Krone Schweden,
als Beſchuͤtzerin, und an den Papſt, im Namen der 3 Staͤnde des Kapitels der
Manſchaft und der Stadt, Sendeboten abzufertigen; dahin zu ſehen, daß der Or-
den der Kirche und den 3 Staͤnden Gnugthuung verſchaffe; dem monitorio poe-
nali zu folgen, im Fal der Orden ſich nicht vertragen wolle; den Rath aus allen
3 Staͤnden wehlen zu laſſen; alle bey des Erzbiſchofs Stephans Privilegien zu
ſchuͤtzen; die kaiſerliche Acht zu entkraͤften; alle erweisliche Schulden vom Erzbi-
ſchof Stephan, dem Propſte und dem Kapitel zu bezahlen; den Parteien Recht
zu ſchaffen, und ſich nach den Rathſchlaͤgen ſeines geſchwornen Raths und der Kir-
che zu richten; den Kokenhaͤuſern, die es mit dem Proſt gehalten, zu verge-
ben;
T t
[166]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1488ben; alle Staͤnde der Kirche zu Riga bey ihrem Herkommen zu erhalten; keiner
Partey etwas abzubringen; den Kirchenparten alle Anklage nachzugeben; dem
Kapitel das Schlos Suntzel, auch andern von Adel laut des monitorii ihre
Guͤter wieder zuzukehren; die kaiſerlichen Briefe uͤber die Regalien den Gliedern
der Kirche auszuantworten; und keine Amtleute, welche den Orden tragen, ins
Stift zu ſetzen. Riga, vom 2ten Merz.
Montags vor Eliſabeth verglich der Erzbiſchof die Krone Schweden
und den Ordensmeiſter wegen des Schadens und Geldverluſts mit einander, den
Schweden mit Einbuͤſſung vieler Leute in Liefland erlitten, daß kuͤnftig keiner
Forderungen mehr gedacht werde. Geſchehen zu Revel.
Am Michaelisabend uͤbertrug der Rath zu Riga die Kirche des heiligen
Geiſtes, gegen der Peterskirche uͤber, an die Franciſcaner der dritten Regel, un-
ter welchen Claus Schriner von Eppenſteen, Hans Wulf, Sywert
Holtſadel und Merten Oeſthoff die erſten Bruͤder waren. Der Bruͤder
durften nicht uͤber 13 ſeyn, ſie ſtunden aber unter den Franciſcanern von der er-
ſten Regel. Sie muſten im Fal eines Krieges die Schluͤſſel zu ihrer Pforte in der
Stadtmauer an die Stadt uͤberantworten, keine Kaufmanſchaft oder Handthie-
rung treiben, und auf ihre Koſten das Bolwerk auſſer der Stadt bauen, ſo weit
ihre Hoſte kehret. Die grauen Schweſtern von der 3ten Regel Franciſci ſollen
bey ihrer Aufnahme nicht unter 15 Jahr und nicht uͤber 30 Jahr ſeyn. Welche
unter 15 Jahren ins Kloſter gehen, bezahlen die Koſt. Zwey Stellen bleiben of-
fen zur Aufnahme der Buͤrgertoͤchter, wenn etwan auch eine oder die andre die
Welt verſchmaͤhen und GOtt dienen wolte.
Der Papſt Jnnocentius der IIXte erlaubte der Stadt Riga, ihrer ſchwe-
ren Ausgaben wegen, auf Meth, Wein und Bier eine neue Acciſe zu legen, von
der aber die Geiſtlichen und die ſo geiſtliche Vorrechte genieſſen ausgenommen
werden; er beſtaͤtigt ſie auch in dem Recht zu erben, wenn keine natuͤrliche Erben
oder kein Teſtament vorhanden, Maas und Gewicht anzuordnen und die Stadt-
bedienungen zu beſetzen; er ſpricht auch den Rath von allen Arten des Bannes
und der Kirchenzucht frey. Rom am 20ſten Junii.
Nachdem der Erzbiſchof von dem Orden Genugthuung erhalten, und ſelbi-
gem Vergebung ertheilet, gieng der Lerm mit der Stadt wieder an, welche den
paͤpſtlichen Ausſpruch nicht fuͤr guͤltig erkennen wolte. Der Biſchof von Revel,
1491Simon von der Borch, aber gab dem Erzbiſchof das Zeugnis, daß ſein Be-
richt in allen Artikeln wahr ſey, und der rigiſche Rath den apoſtoliſchen Stuhl
verachte. Simon nennet ſich, Biſchof von Revel, Jnnocentius des IIXten
und ſeines Stuhls Legaten de latere an die Reiche Daͤnnemark, Schweden,
Norwegen und ihre Gebiete, Nuncius und Orator an Preuſſen, Liefland,
Litthauen, die Staͤdte und Flecken in Semgallen und deren Nachbarſchaft,
gegeben zu Fegefeuer (Vegevuͤr). Bey ſo bewandten Umſtaͤnden muſte die
Stadt Riga alles uͤber ſich hergehen laſſen. Das Urtheil der Geiſtlichen in Sa-
chen des Ordens fiel fuͤr ſie hoͤchſt mislich und widerſinniſch aus, und ſie muſte ſie
dieſes Jahr ſich nicht allein eine bedenkliche Unterwerfung vorſchreiben laſſen, ſon-
dern auch das Jahr darauf den ſchon vernichteten kirchholmiſchen Vertrag be-
kant machen und von neuen genehmigen. Um den Loͤwen aus ſeinen Klauen ken-
nen zu lernen, wollen wir dieſen zu Wolmer errichteten ſchmaͤhligen Vertrag hier
ganz mittheilen c). Er war fuͤr die Stadt ſo gefaͤhrlich daß ſie ihn nicht auf die
Naͤhe
[167]Erzb. Mich. Hildebrand. zur Zeit der Reg. Joh. Freit. v. Loringhof.
Naͤhe kommen, ſondern ohne Aufnahme in dem Hauſe ſeines alten Herren das1491
Lager beziehen hies.
Zu Revel ward in Gegenwart des Ordensmeiſters ein Ausſpruch oder eine
Beliebung niedergeſchrieben, fuͤr Geiſtliche ſowol als Weltliche, daß welcher
Schuld-
c)
[169]Erzb. Mich. Hildebrand. zur Zeit der Reg. Joh. Freit. v. Loringhof.
Schuldner im Lande in Jahr und Tag, und auſſer Landes in 3 Jahren bey dem1491
Kaͤufer eines Gutes ſich nicht melde, oder ihn belange, ſelbiger alsdenn ſich an den
Ver-
c)
[170]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1491Verkaͤufer halten muͤſſe, und das Gut frey ſey. Wer 2 Briefe auf ein Pfand
verſiegelt, ſol aufs hoͤchſte gerichtet und geſtraft werden.
Der Papſt Alexander der VIte trug dem Prior von Duͤnemuͤnde die1492
Commißion auf, daß er den Zwiſt zwiſchen dem rigiſchen Rath und dem
oͤſel-
c)
[172]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1492oͤſelſchen Biſchof beilege, und keinem Theil die Appellation nach Rom erlaube.
Dieſer Lerm betraf die Einziehung der rigiſchen Stadtguͤter auf Oeſel.
Die Praͤlaten und Oberſten des Koͤnigreichs Schweden erklaͤrten ſich in1492
einem lateiniſchen Briefe vom 22ſten October aus Stockholm, daß dis
Buͤndnis, welches ihre Abgeſandten mit den Lieflaͤndern wider die Ruſſen ge-
troffen, unwiederruflich, bey gutem chriſtlichen Glauben, gehalten werden ſolte.
Die lateiniſche Urſchrift iſt vom erſten Jahre des Papſts Alexanders des VIten
unterzeichnet.
Montags vor Urbani verglich ſich der Erzbiſchof mit der Stadt. Er zahlte
fuͤr ihre aufgewandte Koſten 1000 Mark und gab ihr einen Brief von 100 Mark
nebſt 30 Mark an fuͤnfjaͤhriger ruͤckſtaͤndiger Zinſe zuruͤck, den Henrich Ronne in
ſeinem letzten im Namen der Stadt gegeben hatte. Auch wurden die Schwe-
den dafuͤr bezahlt, daß ſie den Thurm zu Salzmuͤnde eingenommen.
Der Ordensmeiſter Joh. Freytag gieng endlich den Weg alles Fleiſches
und ward in der St. Johanniskirche zu Wenden, nach einigen, am Palmſontag
recht fuͤrſtlich beerdiget. Seine Grabſchrift daſelbſt iſt: Jnt. Jar.XVII.deß.
mandageß. na. de. hilligen. Drevoldicheit. do. ſtarf. Her. Johan.
Fridach. van. Lorinkhoven. meſter. to. Liflant. duſches. Ordenß.
den. got. gnade.d).
Nach den auf ſeinem Leichenſtein angegebenen 44 Jahren ſeines Re-
giments ſolte man wol den Antrit deſſelben 3 Jahr fruͤher ange-
ben, wenn es andre Schwierigkeiten nur verſtatten wolten. Sein
weiſes gluͤckliches und langwieriges Regiment, nebſt der daraus
entſtandenen Ruhe und Aufnahme des Landes, macht dieſem loͤblichen Regenten
unter
d)
[175]Erzb. Mich. Hildebrand. zur Zeit der Reg. Wolther v. Plettenberg.
unter allen Herren Meiſtern den wohlverdienten Beinahmen des Groſſen un-1494
ſtreitig. Die Stadt erkante ihn kurz vor Faſtabend fuͤr ihren Oberherrn und lei-1495
ſtete ihm den Huldigungseid. Nach geſchehener Wahl waren ſeine erſten Verrich-
tungen, daß er den Beſchwerden der Buͤrgerſchaft abhalf, Duͤnemuͤnde befe-
ſtigte, Wenden mit 3 ſtarken Thuͤrmen verſtaͤrkte, und dem bisherigen Natio-
naliſmus durch eine Verordnung das Ende machte, nach welcher die hoch deut-
ſche Nation allein in Preuſſen; die niederſaͤchſiſche und weſtphaͤliſche hin-
gegen blos in Liefland aufgenommen und befoͤrdert werden ſolte.
Die Ruſſen veruͤbten um Narva, Doͤrpt und Oeſel herum verſchiede-1499
ne Streifereien, daher die Staͤnde in Liefland beſchloſſen, mit des Czaars
Schwiegerſohn, dem Grosfuͤrſten zu Litthauen, Alexander, ein Buͤndnis
einzugehen, nach deſſen Beſchwoͤrung auch der Erzbiſchof Michael zu Riga, der
Biſchof Johan zu Oeſel, Johan Electus zu Doͤrpt, Nicol. Lemborch,
Dechant der Kirche Curland, und Joh. Freſe, bevolmaͤchtige des Biſchofs zu
Curland, desgleichen Wolter von Plettenberg Meiſter, Wilmer von
Delwich, Comtur zu Vellin, mit den Abgeordneten des Koͤnigs von Daͤn-
nemark, Schweden und Norwegen ein Buͤndnis eingiengen, daß einer dem
andern wider den Ruſſen beiſtehen und helfen ſolte. Geſchehen zu Walck auf
dem gemeinen Landtage, Donnerſtags nach Mariaͤ Geburt.
Die Lieflaͤnder hatten ſich in dem ſchwediſchen Kriege wider Rußland1501
ziemlich unparteiiſch aufgefuͤhret, nnd konten ſich daher keine ſonderliche Huͤlfe ver-
ſprechen. Der litthauiſche Grosfuͤrſt Alexander wurde an ſeines Bruders ſtat
zum Koͤnig von Pohlen erwehlet, welches Plettenbergen ungelegen kam, der
das Buͤndnis mit Pohlen eben ſo gefaͤhrlich hielt, als den uͤbereilten Frieden mit
Rußland. Er war alſo gezwungen ſeine eigene Macht zuſammen zu ziehen und
weder auf Schweden noch Litthauen zu warten. Plettenberg brach mit
ſeiner Macht von Vellyn auf, lagerte ſich zu Maholm, 3 Meilen von We-
ſenberg, 2 Meilen vom Strande und 12 von Narva, hoͤrte in der auf freiem
Felde ſtehenden Kreuzkapelle die Meſſe, grif die Ruſſen am 7ten Sept. Mor-
gens um 9 Uhr recht wuͤtend an, und trente ihre zahlreiche Reuterey, verfolgte
auch die Fluͤchtigen auf 3 Meilen, bis der Abend einbrach, und bauete auf der
Wahlſtat die Marienkirche zum Andenken des Sieges, den 4000 Reuter nebſt
einer ziemlichen Anzahl Lanzknechte und Bauren uͤber 40000 ihrer Feinde erfoch-
ten hatten, wobey das grobe Geſchuͤtz das Beſte gethan. Der Ordensmeiſter
that ſelbſt einen Zug nach Rußland, und zerſtoͤrte die Schloͤſſer Oſtrowa,
Kraſnowa, und Jſeburg, brante Jvanogrod ab, und erſchlug alles, was
ſich ihm widerſetzte. Doch Plettenbergen kam ein andrer Feind ins Lager,
nemlich die rothe Ruhr, weil es den Truppen an Salz gefehlet, und einige die
rohen und unreifen Fruͤchte zu begierig verſchluckt hatten, weswegen er mit ſeinen
Soldaten in die Winterlaͤger eilte, die aber nicht alle ſo weit kamen; indem viele
auf den Doͤrfern Pflege zn ſuchen genoͤthiget waren. Der Ordensmeiſter ſelbſt
konte kaum ſein Schlos erreichen. Der Erzbiſchof Michael, welcher im Treffen
Plettenbergen immer zur Seite geweſen, hielt ſich noch am maͤnlichſten, und
kam geſund und wohl behalten in Riga wieder an.
Die Ruſſen machten ſich dieſen Zufal der Lieflaͤnder, die nicht aus den1502
Betten ſteigen konten, zu Nutze, und thaten in der Faſtenzeit einen neuen Einfal.
Sie fanden weder Grenzwachen noch Vorpoſten, und alſo eine ofne Thuͤr das
ganze oͤſtliche Liefland zu uͤberfallen, wo ſie auch alles, was die Ruhr uͤbrig ge-
laſſen, mit der Schaͤrfe des Schwerdts aufrieben. Es ſollen, wie Venator will,
40000 Menſchen auf ſolche Art an der Ruhr geſtorben oder vom Feinde nieder-
gemacht und die andern in die Gefangenſchaft gefuͤhret ſeyn. Von feſten Schloͤſ-
X x 2ſern
a)
[176]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1502ſern wurde dismal keins erobert. Der Kneſe Alexander Opalinsky belagerte
zwar Helmet, er ſol aber von einen zum Entſatz herbey eilenden Haufen ſamt
1500 ſeiner Leute davor erſchlagen ſeyn.
Wie nun hierbey jeder auf Plettenbergs Geneſung hofte, und des Herrn
Meiſters Geſundheit wieder hergeſtellet war; ſo zog dieſer das zerſtreute Heer wie-
der an ſich, zahlte ihnen die Loͤhnung voraus, brachte 7000 Man Reuter, 1500
deutſche Fusgaͤnger, 5000 curiſche und lettiſche, auch etliche 100 eſtniſche
Bauren auf die Beine, verſahe ſich mit groben Geſchuͤtz, und nahm den Weg
nach Plescow zu. Zwey aufgefangene Ruſſen gaben die feindliche Macht auf
90000 Man an, die auch am 13ten September gegen die Lieflaͤnder anruͤckten,
und ſich in 12 Haufen zeigten. Die ſtarke Artillerie des Ordensmeiſters machte
unter den Ruſſen viele Unordnung, und ſollen von ihnen 40000 geblieben ſeyn,
da hingegen von Seiten der Lieflaͤnder nur 400 gemeine Soldaten, etliche Reu-
ter, ein Hauptman mit Namen Matthias Pernauer, ſein Bruder der Lieut.
Heinrich Pernauer und der Faͤhnrich Conrad Schwarz geblieben. Die-
ſer ungleiche Vortheil brachte die Ruſſen zum Weichen, das Ordensheer aber
ruhete 3 Tage auf dem Schlachtfelde aus, weil es zum Nachſetzen zu muͤde war b).
Doch
[177]Erzb. Mich. Hildebrand. zur Zeit der Reg. Wolthers v. Plettenberg.
Doch beide Theile ſehnten ſich nach dem Frieden, deſſen Bedingungen dem Czaar1503
mit der Poſt zugeſchickt wurden, welcher ſie auch gleich bewilligte. Die czariſchen
Geſandten kamen nach Giſelern, wo ſie der Herrmeiſter praͤchtig bewirthete.
Man hatte dabey die alten Kreutzkuͤſſungen zum Grunde gelegt, aus welchen der
Punkt von dem Zins des rechten Glaubens die Hauptmaterie war, den ſich der
Czaar um ſo viel weniger abſtreiten lies, je ſteifer ſeine Vorfahren darauf gehal-
ten, und ihn alſo unumgaͤnglich wolte beſtaͤtiget wiſſen. Zu Plescow ward
dieſer Friede unter Losbrennung der Stuͤcken und Laͤutung der Glocken, bekant
gemacht; und Liefland genos ſodann einer Ruhe von mehr als 50 Jahren. Die
Tractaten waren im Septemb. unterzeichnet. c)
Bey einer ſo dauerhaften Ruhe des Landes legte Plettenberg den aͤlteſten1504
Ordensrittern eine Walfahrt nach dem heiligen Grabe auf; unter dem Vorwande,
daß er in dem Treffen gegen die Ruſſen, ſelbige in eigner Perſon zu verrichten,
ſich bey der heiligen Jungfrau Maria anheiſchig gemacht, ſeiner Schwaͤchlich-
keit halben aber dieſe heilige Reiſe andern anpreiſen muͤſte. Allein die Ordensher-
ren waren gemaͤchlicher als ihr Meiſter. Sie bedienten ſich gleiches Rechts, zu
Hauſe zu bleiben und der Fruͤchte des Friedens zu genieſſen. Der einzige Com-
thur
b)
Y
[177]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
thur Rupert zu Vellyn erbot ſich zur Walfahrt, wenn man ihm den Character
eines Ordensgeſandten zugeſtehen wolte. Er gieng auch auf Koſten der Ordens-
kaſſe fort, und nahm den damaligen beruͤhmten Ordensſyndicus, Dionys Fa-
bri, als Worthalter mit ſich. Beide begaben ſich mit einer Bedeckung von 50
Reutern an den paͤpſtlichen und kaiſerlichen Hof, wo ſie Paͤſſe erhielten, und
nach einiger Zeit aus Jeruſalem gluͤcklich wieder in Liefland anlangten.
Der roͤmiſche Kaiſer Maximilian gab dem Ordensmeiſter auf drey Jahr
die Zolgerechtigkeit, vermoͤge welcher alle deutſche Schiffe von 1000 Fl. den
zwanzigſten Pfennig, von 10000 den 30ſten, von groͤſſern Summen den 40ſten
Pfennig zur Erholung der Staͤnde abgeben muſten. Die Ungehorſamen fallen
in Reichsarreſt und Oberacht, die Obrigkeit aber, ſo nicht daruͤber haͤlt, in
Strafe von 100 Mark loͤthigen Goldes. Gegeben zu Bruͤſſel, am 13ten
Sept. und wiederholet zu Mecheln, den 19ten Sept. Dergleichen Verſiche-
rung gaben auch vier Churfuͤrſten Freitags nach Cantate zu Oberweſel,
1506auf ihre Unterthanen, daß ſie in den lieflaͤndiſchen Haͤfen den Zol nach dieſer
kaiſerlichen Taxe erlegen ſolten.
Als Plettenberg durch dieſe ausgewuͤrkte Verordnung dem Lande gerathen
ſahe, ſo legte er ſich weiter auf die Verbeſſerung der Policey, und ſchafte die liefl. alt-
1507deutſchen Misbraͤuche mit Ernſt ab. Er verfaſte zu Wolmer, am St. Ja-
cobitage, in 11 Artikeln einen Befehl uͤber die Morgengabe und Begiftung
auf Hochzeiten, deren vornehmſter Jnhalt iſt: Die Braut ſol an Geſchmeide
nichts mehr erhalten als 10 Mark loͤthig, und niemand mehr beſchenken auſſer der
Braut und des Braͤutigams Mutter, jede mit einem Nobel, (Roſenobel) jede
von der Braut Schweſtern mit einem rheiniſchen Gulden, den Braͤutigam mit
einem Hemde, von Werth eines rheiniſchen Guldens, jeden Knecht mit einer
Mark; welche Verordnung doch nicht mit auf Harrien und Wierland aus-
zudehnen iſt, als deren Privilegien zu unwiederruflichen Zeiten aufs neue hiermit
beſtaͤtiget werden. Die Appellation in fremde Lande ward hart verboten*).
Die Staͤnde in Liefland ſandten ihre Boten Johan Hildorp, Meiſter
1509Johan Oldenſon, Kanzler, Johan Kammern und Karſten Soͤge,
an den Kaiſer und Herrn aller Reuſſen, Waßilie, mit welchem folgendes ver-
abredet ward. Die alten Kreuzkuͤſſungen bleiben in Wuͤrden. Die Kaufman-
ſchaft wird auf altem Fus getrieben. Die Lieflaͤnder verſprechen, mit Pohlen
und Litthauen kein Buͤndnis zu errichten. Die rußiſchen Kaufleute genieſſen
gute Aufnahme und allen Schutz. Die rußiſchen Kirchen in Liefland wer-
den reinlich und unbeſchaͤdigt gehalten, alles nach dem alten Gebrauch. Wie
dieſer Brief auf die Einwohner von Grosnogarden gerichtet iſt; ſo iſt zu
gleicher Zeit einer von eben dem Jnhalt fuͤr die plescowiſchen Ruſſen ausgeſtel-
let. Beide ſind unterzeichnet: Grosnogarden, den 25 Merz im 7017ten
Jahr d).
Der Erzbiſchoſ Michael ſtarb bald darauf nach einer 25 jaͤhrigen Regierung,1509
am Abend Dorotheaͤ, und ward ſeinem Begehren nach zu Riga am Kreutz-
gange des Doms auf dem Kirchhofe beerdiget. Das Domkapitel erwehlte hierauf
am Sontage Jnvocavit den geweſenen Domdechanten, Caſpar Linde, zum
Erzbiſchof, welcher aus Cham in der Pfalz, oder, wie Chytraͤus lieber wil,
aus Weſtphalen gebuͤrtig war. Er holte zu Rom die Beſtaͤtigung unterm
23ſten May, kam am 5ten Septemb. in Riga wieder an, und wohnte Tages
darauf dem Leichenbegaͤngnis ſeines Vorgaͤngers bey. Er war ein Liebhaber vom
Bauen, verſahe die Schloͤſſer Kokenhauſen und Ronneburg mit hoͤhern
Mauren und gutem Geſchuͤtz. Marienhauſen fuͤhrte er von Grund aus neu
Y y 2auf,
d)
*)
[179]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1509auf, lies fuͤr die Kirchen viel Geſchmeide und Zierrathen machen, und ſchenkte
der rigiſchen Domkirche ein groſſes ſilbernes Marienbild. Bey allem dieſen
Staat lies er volle Magazine und Kaſſe nach, welches lauter Fruͤchte des Friedens
und der bluͤhenden Handlung waren. Der hohe Thurm zu Ronneburg, der
nachher einfiel, hies nach ſeinem Namen der groſſe Caſper.
Plettenberg unterzeichnete am Johannistagee) eine Einigung wegen
der Bauren, welche der revelſche Biſchof Gottſchalck Hagen mit ſeinen
geiſtlichen Herren und allen Comturen und Gebietigern von Eſtland, die von
Harrien und Wierland mit eingeſchloſſen, verabredet hatte. Sie enthaͤlt 17
Artikel, und wird darin den Hakenrichtern die Gerichtsbarkeit uͤber verlaufene
Bauren, Fuͤßlinge und Lostreiber mit uͤbertragen. Alle unter 30 Jahren Ver-
laufene werden an den Eigenthuͤmer eingeliefert. Wer ſeine Leute an Hals und
Haut richten wil, nimt zwey des Herrmeiſters Maͤnner dazu, denen das Land-
recht bekant iſt. Die Schweden bleiben bey ihrem alten Rechte. Der
Hakenrichter ſind nur zwey, einer in Harrien und der andre in Wierland,
die ſich deſſen nicht weigern duͤrfen bey 6 Mark Strafe, denen nachher der dritte
zu Jerwen beigefuͤget wird. Dieſe laſſen in angeſchuldigten Halsverbrechen den
Bauren das heiſſe Eiſen tragen; der Klaͤger ſetzt nach alter Gewonheit eine neue
Mark entgegen f).
Am Tage des heiligen Moriz publicirte er zu Vellyn auf Anſuchen der1510
eſtlaͤndiſchen Gebietiger in 6 Artikeln eine Landesverordnung, daß niemand zum
Scha-
f)
[182]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
Schaden des lieflaͤndiſchen Rechts ſein Recht freventlich an auswaͤrtigen Orten
und auſſer Landes ſuchen, keiner auf die Gebietiger des Ordens, noch auf ehrli-
che Frauen und Jungfrauen uͤble Reden fuͤhren, keiner mit alten verlegnen Te-
ſtamenten dreißigjaͤhrige Beſitzer beunruhigen, fremde Sachen zum Nachtheil der
rechten Erben an ſich handeln, noch auf den Bierbaͤnken und in den Kruͤgen
Heimlichkeiten ausplaudern ſolle. Der Uebertreter ſol aufs hoͤchſte gerichtet wer-
den.
Der Ordensmeiſter hielt ſich in Tuckum auf, wo er Sonnabends nach
Bartholomaͤi die Verordnung unterſiegelte, daß, welcher gute Man ein
Haus in Goldingen habe und handle oder kriege, derſelbige auch buͤrgerliche
Abgaben tragen ſolle.
Donnerſtags nach Jubilate unterzeichnete der Herzog Bugslaff zu
Stettin fuͤr die Geſandten der Staͤdte Rige, Doͤrpt und Revel das Geleite
durch ſeine Lande.
Weil kein Erzbiſchof befugt geweſen, zum Schaden ſeiner Nachfolger ohne
paͤpſtliche Einwilligung Tafelguͤter zu veraͤuſſern, dem ohnerachtet aber der Erzbi-
ſchof Henning dergleichen gethan; ſo loͤſete der Erzbiſchof Caſpar um mehrerer
Sicherheit ſeines Gewiſſens willen die veraͤuſſerten Guͤter wieder ein, und unter
andern das Gut Audern, welches er vor 4000 Mark rigiſch erkaufte, und
wieder zur Tafel ſchlug.
Am erſten Dec. beſtaͤtigte der Papſt Leo der Xte alle Privilegien, welche
der deutſche Orden vom Honorius dem IIIten an bis auf ſeine und aller kuͤnfti-
tigen Paͤpſte Zeiten erhalten hatte, oder noch erhalten moͤchte. Die Hauptſumme
aller Privilegien wird unter jedem Papſt angefuͤhret. Ein unverwerfllicher
Beweis, daß das paͤpſtliche Anſehen in Preuſſen und Liefland ſehr gewanket.
Leo der Xte lies den Landmarſchal Johan Plater nach Rom fordern,
weil ſelbiger der Stadt die Guͤter Babat ſtreitig machen wolte. Die Stadt
erhielt
f)
*)
[183]Erzbiſch. Caſpar Linde. zur Zeit der Reg. Wolthers v. Plettenberg.
erhielt ſie auf 7 Jahr, und die Einkuͤnfte wurden ſequeſtriret. Nach zwey1515
Jahren wurden gegen Quitung dem Kapitel 140 Mark, 33 Schillinge und 2
Pfennige, laut der wolmerſchen Abſprache, abgegeben.
Der revelſche Biſchof Johan von Blanckenfeldg), verglich ſich mit1516
dem Ordensmeiſter am Tage Petri und Pauli zu Wolmer auf den Fus, daß
alle geiſtliche Klagen kuͤnftig an die Biſchoͤfe verwieſen werden ſolten. Waͤre
auch ſelbſt Klage uͤber den Biſchof um Landguͤter und Bauerſachen, ſo muͤſte
das Loos den Ausſpruch thun, im Fal daß 8 Richter ſich daruͤber nicht vertra-
gen koͤnten.
Der Ordensmeiſter ſante ſeine Gevolmaͤchtigten nach Berlin, welche ſich1518
mit dem Hochmeiſter zur gemeinſchaftlichen Fuͤhrung des Krieges gegen Pohlen
verbanden. Kraft dieſes Vergleichs ſchickte Plettenberg einige von ſeinen Voͤl-
kern nach Preuſſen, deren etliche bey Barthenſtein von den Pohlen nieder-
gemacht, der Hauscomtur von Riga und der von Goldingen aber gefangen1520
genommen wurden.
Der Hochmeiſter, Marggraf Albrecht, beſtaͤtigte zu Koͤnigsberg auf
Michaelis den Mitgebietigern in Liefland, in Betrachtung ihrer bis-
herigen vielen Dienſte, die voͤllige Gewalt, ſich einen oberſten Gebietiger oder
Ordensmeiſter nach Belieben zu erwehlen, und nicht mehr zwey Perſonen in
Vorſchlag zu bringen, oder ſie dem Hochmeiſter zur Wahl vorzuſtellen, weil die-
ſer Zwang in Liefland immer viele Verdrieslichkeiten erreget hatte, und man
ſchon viermal davon abzuweichen gezwungen worden. Doch ſol der Candidat eine
tugendhafte verdiente Perſon vom Orden ſeyn, welche der Hochmeiſter ohne
Aufenthalt confirmiren wil. Hierbey iſt zugleich die Ceßionsacte aus Eſtland,
welche Ludw. von Erlinghauſen dem Orden in Liefland ausgeſtellet, voͤllig
transſumiret und erneuert, auch noch einmal der Beſitz der Lande Eſtland,
Harrien und Wirland, nebſt den Schloͤſſern und Staͤdten Revel, Narva,
Weſenberg und Tolsburg mit allem Zubehoͤr beſtaͤtiget worden. Unterſchrie-
ben haben nebſt vielen andern Friedrich Truchſes, Herr zu Waldburg, un-
ſer Compan, und Simon von Drache, Groscomtur h).
Die Kreutzkuͤſſung eines neuen Kaufmansfriedens geſchahe auch in dieſem1522
Jahr durch Johan Buck, Arend von Lohne aus Doͤrpt, wie auch durch
Johan Brandt und Johan Roͤtcher aus Revel, im Namen der 73
Staͤdte. Die Grenzen im Narvaſtrohme werden nach den alten Kreutzbriefen
beſtimmet. Die Nogarden geben fuͤr die Waaren, ſo aus den deutſchen
Schiffen in die Lodigen geladen werden, keinen Zol noch Wagegeld, und erhalten
auf Begehren Tolck (Dolmetſcher) und Wegweiſer. Die Deutſchen genieſſen
Z z 2in
[184]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1522in Rußland gleiche Freiheit, nur daß ſie kein Salz in Rusland fuͤhren. Die
auswertigen Geſandten haben freien Pas und Geleite. Ein Deutſcher, ſo ei-
nen Ruſſen an den Bart greift, iſt nach dem alten Rechte bruchfaͤllig.
Nach Verlauf des vor 14 Jahren getroffenen Friedens ward auch zu Ples-
cow ein neuer errichtet. Der rußiſche Kaiſer Waſili, die Fuͤrſten Alexan-
der Wolodemirewitz, Michael Waſilewitz und Peter Simonewitz,
nebſt den Elterleuten zu Plescow, bezeugen, daß von dem edlen Fuͤrſten zu
Liefland, Wolthern von Plettenberg, Boten gekommen, nemlich Timen
von der Borch, und Johan Lode, welchen auf 10 Jahr, nemlich von
7030 bis 7040, folgendes zugeſtanden worden: Keiner ſol auf der plescowi-
ſchen See in des andern Grenzen fiſchen, und kein Deutſcher auf dem Klit-
ſari Holm treten. Wer auf fremd Waſſer und Land trit, dem ſol man das
Leben nicht laſſen. Die Plescower koͤnnen in den Buͤſchen an der Embach
ihr Holz ungehindert hauen. Das alte, wie es Kaiſer Jvan und ſein Sohn
der Kaiſer Waſili angeordnet, bleibet ungeaͤndert. Die rußiſchen Kirchen
GOttes ſollen nicht beſchaͤdiget, das Geraubte aber derſelben nach der Kuͤſſung
des Kreutzes erſtattet werden. Welcher Deutſche dem Plescower ſeinen
Bart ausrauft, ſol hart geſtrafet werden. Jvan Conſtantinowitz, Herr-
meiſter *) zu Grosnogarden, hat ſich noch unterſchrieben. Die Siegel des
Czaars, Erzbiſchofs und des Ordensmeiſters ſind angehengt; Plettenbergen
aber wird der Titel des Vorſtenmeiſters beigeleget.
Nachdem GOtt in Deutſchland durch ſein geſegnetes Ruͤſtzeug D. Mar-
tin Luthern, das Licht des Evangelii angezuͤndet hatte, ſo drang der Glanz
deſſelben auch in Liefland, und zeigete nach ſo langer Finſternis eine angenehme
Morgenroͤthe. Man hatte ſich nach dem Anbruch dieſes Tages lange geſehnet,
allein viele waren daruͤber hingeſtorben, indem der Papſt ſo wol, als die Bi-
ſchoͤfe in Liefland, die Unterſuchung der herſchenden Misbraͤuche der Religion,
auf ſo vielfaͤltige Beſchwerden der Buͤrgerſchaft und anderer redlich geſinten Leute,
auf ein algemeines Concilium ausſetzte, welcher Punkt ſeit vielen Jahren in allen
Huldigungsbriefen und oͤffentlichen Landesreceſſen war verſprochen worden. Bey
den Greueln aͤrgerlicher Menſchenſatzungen, hatten die aus Riga kein Herz
mehr ihre Kinder den Moͤnchen zur Unterweiſung anzuvertrauen, und ſchickten
ſelbige auf die damals beruͤhmte Schule zu Treptow in Pommern, woran Jo-
han Bugenhagen und Andreas Knoͤpken, zwey treue evangeliſche Lehrer,
als Arbeiter ſtunden. Der caminſche Biſchof, Eraſmus Manteufel, ver-
jagte dieſe wuͤrdigen Bekenner der unverfaͤlſchten Lehre Chriſti und ſeiner Apoſtel;
daher Knoͤpken mit ſeinen Schuͤlern ſich nach Riga wandte, und ſeinen Bru-
der Jacob Knoͤpken, einen rigiſchen Domherren beſuchte. Man berief ihn
gar bald zum Archidiaconus an die Peterskirche, in welcher er am 23ten Octob.
1522 ſeine Antritspredigt hielt. Seine Beſcheidenheit und ſein ſanftmuͤthiger
Sinn erweckte ihm bey den Buͤrgern Liebe und Zuneigung, und ſelbſt bey denen
eine Hochachtung, die aus beſondern Abſichten mit ihrem Beitrit zur evangeli-
ſchen Kirche an ſich hielten. Einige nennen ihn mit Grunde den rigiſchen
Apoſtel, deſſen ſchoͤne Kirchengeſaͤnge vol Geiſt und Glauben ſind, wovon unter
vielen andern das herrliche Lied: HErr Chriſt, der einige GOttes Sohn,
zum Beweiſe dienet. Er lies ſich ſo gar mit den Moͤnchen in eine Diſputation
ein, welche unter Beiſitz und Schutz des Buͤrgermeiſters Conrad Durkop,
in dem Chor der Peterskirche gehalten wurde, wobey er vielen Ruhm erhielt.
Dieſen erwuͤnſchten Anfang unterbrach ein Zufal, welchen jedoch die goͤttli-1522
che Regierung zur weitern Befoͤrderung der reinen Reiligion zu lenken wuſte.
Knoͤpken erhielt aus Roſtock einen Mitarbeiter, der eine Erbſchaft von ſeinem
Bruder zu heben ohngefehr angekommen war. Dieſer war Sylveſter Teget-
meier, ein Mann von groſſer Beredſamkeit, geweſener Prediger an der Jaco-
bigemeine zu Roſtock; welcher den erſten Advent ſeine erſte Predigt uͤber Luc.
XIX, 6 in der Jacobikirche gehalten. Seine zu hoch geſpanten Ausdruͤcke und
uͤbertriebenen Redensarten von der evangeliſchen Freiheit, und von dem Goͤtzen-
tand und Misbrauch der Bilder, wurden von dem gemeinen Mann noch unrich-
tiger verſtanden, welcher daraus Anlas zu vielen Ausſchweifungen nahm, ſeinen
Eifer an den Bildern auslies, die Leichenſteine zerbrach, und dadurch bey andern,
die vielleicht noch zu gewinnen geweſen waͤren, viel Aergernis anrichtete i). Sei-
ne Amtsgaben machten ihn indeſſen doch zu einem brauchbaren Manne, wie ſein
eigner Aufſatz von ſeinen merkwuͤrdigen Lebensumſtaͤnden bezeuget k).
Dergleichen Verfahren muſte bey dem Erzbiſchof Caſpar ein groſſes Auf-
ſehen machen. Er verwarf nicht nur die Bitte des Raths, welcher ihm vorſtelte,
um des Heils ſo vieler Seelen willen ſelbſt eine Reformation vorzunehmen, ſon-
dern ſandte auch heimlich drey Monche an den kaiſerlichen Hof, die bey dem kai-
ſerlichen Statthalter, Marggraf Philip zu Baden, einen Befehl auswuͤrkten,
daß in Riga alles, bey Strafe der Oberacht, in vorigen Stand ſolte geſetzt
werden. Die Rigiſchen paſten dieſem unaluͤcklichen Boten auf der Ruͤckreiſe
auf; und weil der eine bereits zu Duͤnemuͤnde ans Land getreten, ſo holtenſie
die beiden andern vom Schiffe, von denen einer uͤber ein Jahr im Gefaͤngnis ſas,
der andre Burchard Waldis aber nach etlichen Wochen los kam, weil er nicht
mehr Luſt zur catholiſchen Religion hatte. Der Schloshauptmann zu Riga,
Hermann Hoyte, ſandte eine Knotenpeitſche l) auf das Schwarzehaͤupterhaus,
und lies daſelbſt der verſamleten Buͤrgerſchaft anſagen, dieſe Karbatſche gegen
die Pfaffen und Moͤnche zu brauchen, wenn ſie Friede haben wolten. Die Cle-
riſey zog aber lieber am Charfreitage mit fliegender Fahne und harten Drohworten
freiwillig aus der Stadt, kam aber, als der erſte Schrecken voruͤber war, einer
nach dem andern in aller Stille wieder zuruͤck.
Dieſe ſo geſchwind zuruͤck gekommenen Pilger lagen dem alten Erzbiſchof
Caſpar ſo lange in den Ohren, bis er ſichs gefallen lies, den doͤrptiſchen
Biſchof Johan zu ſeinem Coadjutor zu nehmen, wogegen doch die Stadt auf
des Erzbiſchofs Anfrage einwandte: wofern der neue Stuhlfolger nicht ange-
lobte, die Lehre des reinen Evangelii zu beſchuͤtzen, ſo waͤre ſie nie geſonnen, ihn
fuͤr ihren Erzbiſchof zu erkennen und anzunehmen.
Die Ritterſchaft that dieſes Jahr dem Verkauf verſchiedener Guͤter in die ſa-
mende Hand, durch eine zu Lemſel aufgerichtete Vereinigung Einhalt, ſo ihnen
gleich
k)
[187]Erzb. Caſpar Linde. zur Zeit der Reg. Wolther v. Plettenderg.
gleich darauf durch obrigkeitliches Anſehen verſichert worden. m). Der Erzbi-1524
ſchof gieng auf Petri und Pauli aus dem Getuͤmmel zu ſeiner Ruhe, und ward
A a a 2im
[188]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1524im Chor des Doms, am Abend Kiliani, unter einen meßingenen Grabmal
begraben. Jhm folgte alſo ſein erwehlter Coadjutor, bisheriger 8 Jahr regieren-
der Biſchof zu Revel und Doͤrpt, Johan Blanckenfeld, von Geburt ein
Berliner, welcher Doctor und Profeſſor der Rechte auf der Univerſitaͤt zu
Frankfurt an der Oder geweſen, und ſich bey einem hohen und herrſchſuͤchtigen
Geiſte zu den Ehrenſtellen, die er bekleidete, empor geſchwungen. Er dachte
ſich durch ſem Anſehen mit einer vorher uͤberſandten ſeichten Beſtaͤtigung aller ri-
giſchen Privilegien, die Pforten der Stadt zu eroͤfnen, und begehrte auch die
Erſtattung zweier Kirchen. Jn Lemſel ſetzte er den Stadtprediger aus dem
Dienſte. Jn ſeiner Reſidenzſtadt Kokenhauſen verjagte er ſo gleich die beiden
Prediger Bernhard Bruͤgmannen, Paul Bloshagen, und den Rector
der Schule Gisbert Schoͤslern, da er doch den Kokenhaͤuſern alle Reli-
gionsfreiheit verſichern laſſen. Aus dieſem Betragen lernten die zu Riga den
Erzbiſchof kennen, und wandten ſich an ihren beliebten Herrn Meiſter, dem ſie
mit Ausſchlieſſung des Erzbiſchofs allein die Huldigung leiſteten, und ſich ver-
pflichteten, mit ihm gegen alle Einſprache gemeinſchaftliche Sache zu machen.
Blankenfeldds doppelte Botſchaft wieſen ſie zuruͤck, woruͤber den Domherren in
Riga der Muth dergeſtalt entfiel, daß ſie mit Sack und Pack heimlich weggien-
gen, auch das Geſchuͤtz von dem Thurm und den Mauren hinter ſich nachkommen
laſſen wolten, welches aber der Rath hinderte, und alle liegende Gruͤnde, Haͤu-
ſer, Muͤhlen, oder was ſonſt bey der Stadt lag, ſequeſtrirte, den Domher-
ren aber doch freies Gewerbe in der Stadt zu treiben erlaubte.
Jn Revel trieben die redlichen Knechte GOttes, Zacharias Haſſe, Jo-1524
han Lange und Heinrich Boͤckhold, das Werk des Evangelii mit vielem
Segen; ſo wurden auch die Einwohner auf Oeſel gegen die reine Lehre geneig-
ter, und nahmen ſich derſelben mit ſonderbarem Eifer an.
Der oͤſelſche Biſchof Johan Kiewel begnadigte ſein Land mit dem ſo be-
ruͤhmten Freiheitsbriefe, welchen er am Donnerſtage nach Luciaͤ zu Hapſal ver-
ſiegelte. Der weitlaͤufige Jnhalt deſſelbigen laͤuft auf folgende kurzgefaſte
Punkte hinaus. Die Tafelguͤter fallen nach dem Lehnrechte wieder ans Stift.
Der Adel iſt frey vom Aufgebot, und kan ſeine Guͤter nach Belieben verkaufen.
Das gnadenreiche Wort GOttes und des heiligen Evangelii wird nach Jnhalt
des neuen und alten Teſtaments gelehret, wie es Chriſtus ſelbſt geprediget. Der
Biſchof wil gute Paſtoren auf den Kirchſpielen verordnen, die alda ihren unter-
thaͤnigen Schaͤfgen, den armen Bauren, den chriſtlichen Glauben lehren, das
heilige Evangelium predigen, und den Kirchſpielen ſonder einige Beſchatzung,
Redlichkeit thun. Die Ritterſchaft praͤſentirt fromme und gelehrte Leute dazu,
welche nach ihrer Verhoͤrung vom Biſchof und Kanzler wohl beſtaͤtiget werden und
auf den Paſtoraten bleiben, ſo lang ſie nuͤtzlich ſeyn. Der Biſchof und das Ka-
pitel koͤnnen zu Rechte geladen werden, es mus aber durch vier geſchworne Raͤthe
des Kapitels, und 10 Geſchworne von der Ritterſchaft geſchehen, doch behalten ſie
ſich die Appellation an den roͤmiſchen Kaiſer vor. Jeder bindet ſeine Waffen ab,
wenn der Feind gebannet und man vor Gerichte iſt. Die Praͤbenden bleiben
bey denen von Adel auf ewig, ſie muͤſſen aber auch ihre Kinder fleißig zur Schule
halten. Die Ritterſchaft iſt der Warte und Wache frey, darf aber nicht auſer-
halb Landes dienen. Der grauſame Mord und Todtſchlag wird peinlich beſtra-
fet. Zuletzt verſpricht der Biſchof dieſen Brief auf Pergament auszuſtellen, den
man in Ermangelung deſſelben itzo auf Papier geſetzet. Kaiſer Carl der Vte be-
ſtaͤtigte ihn am 30 Octob. 1527 zu Speier, auf Erſuchen der oͤſelſchen Dom-
herren, Georgs von Ungern, von Puͤrkel und Johan Balcks zu Oeſel.
Ein gleiches that das Jahr darauf auch der Erzbiſchof Georg von Tieſenhau-
ſen zu Hapſal, am Tage Mariaͤ Reinigung. Der Biſchof nennet ſich aus
Gnaden der kaiſerlichen Majeſtaͤt in der Wyck und auf Oeſel Fuͤrſt.
Der rigiſche Erzbiſchof Blanckenfeld war bisher vom Herzog Albrecht1525
in Preuſſen angegangen worden, deſſen Bruder, den Marggraf Wilhelm
von Brandenburg, bisherigen Domherrn der Stifte Mainz und Coͤln, zu
ſeinem Coadiutor in Vorſchlag zu bringen. Wilhelm ſtelte ſich auch auf dem
Landtage zu Wolmer mit vortreflichen Empfelungsſchreiben ein, in Hofnung,
daß ihm viele Stimmen zu Theil werden ſolten. Allein die Religionsſtreitigkeiten
hinderten alles, und der Marggraf muſte viele Jahr auf die Coadiutur das Nach-
ſehen haben, weil ſelbſt der Erzbiſchof in Verdrus kam. Denn Blancken-
felds uͤbermuͤthiges Betragen und unzeitiger Eigenſin zog ihm den Has des ge-
ſamten Volks auf den Hals, ſo daß an ſeinem Ungluͤck nichts mehr fehlte als die
Beſchuldigung eines heimlichen Verſtaͤndniſſes, welches er mit den Ruſſen haben
ſolte. Man ſprengte aus, er habe den Czaar aufgehetzet, die Evangeliſchen we-
gen Niederreiſſung der griechiſchen Kirche abzuſtrafen, und deswegen mit den
Doͤrptiſchen und dem Orden anzubinden. Kaum hatte man angefangen dieſes
auszuſtreuen, als die doͤrptiſche Ritterſchaft von der Partey ihres Biſchofs ab-
trat, und ſich der biſchoͤflichen Schloͤſſer bemaͤchtigte. Der Adel des Erzſtifts fand
es fuͤr noͤthig, ſich Blanckenfelds eigner Perſon zu verſichern und nahm ihn
Freitags vor Weihnachten zu Ronneburg in Verhaft, alwo er uͤber ein halb
Jahr auf ſeine Freiheit wartetete. Doch kam Blanckenfeld dismal noch gut
von Wolmer weg*).
Freitags auf Fabian und Sebaſtian trug der Hochmeiſter Albrecht dem
ehrwuͤrdigen und geiſtlichen Herrn Wolter von Plettenberg, oberſten Gebie-
tiger in Liefland in Betrachtung ſeiner dem preußiſchen Orden geleiſteten
Willigkeit, Guͤte und Treue die voͤllige Oberherſchaft uͤber Wirland, Har-
rien und Allentaken auf, wobey zugleich die vorigen Abtretungsacten beigele-
get und mit verſiegelt ſind, geſchehen zu Memeln).
Den Unterthanen beſagter Provinzen ſchickte er aus Presburg den Befehl1525
zu, dem Herrn Meiſter allein zu huldigen, und erlies ſie ihres bisherigen Eides;
von welchem Handel die Urkunden auf dem Hofe zu Alp von dem revelſchen
Biſchof Georg tranſſumiret worden, Donnerſtags nach Valentini in eben dem
Jahr. Der Abt Eberhard von Padis empfieng von Plettenbergen die Be-
ſtaͤtigung aller hochmeiſterlichen Privilegien ſeines Kloſters, Revel, Montags
nach Laͤtare, an welchem Tage alle eſtlaͤndiſche Privilegien von dem Meiſter
im Beiſeyn des Landmarſchals, Johan Plater anders genant von dem Broͤle,
des vellinſchen Comturs, Robert Grave, des revelſchen, Didrich
Bock, des jerwiſchen Vogts Joh. Clodt*) und des Comturs zu Goldin-
gen, Gerdt von der Bruͤggeno), beſtaͤtiget worden.
Nachdem Plettenberg in Wenden angekommen, ſchickte die Stadt Ri-
ga ihre Abgeordnete dahin, mit Erſuchen, ſie von der Bedingung des kirchhol-
miſchen Vertrags zu befreien, vermoͤge welcher ſie bisher dem Erzbiſchof mit
hul-
o)
[193]Erzb. Blankenfeld. zur Zeit der Reg. Wolther v. Plettenberg.
huldigen muͤſſen. Sie erkennete den Ordensmeiſter fuͤr ihren rechten natuͤrlichen1525
und einigen Landesherrn, dem ſie allein ſchwoͤren wolten. Dagegen verſichert
Plettenberg mit den buͤndigſten Ausdruͤcken, die Stadt bey der Lehre neues und
altes Teſtaments zu ſchuͤtzen, ihre Privilegien von neuem zu beſtaͤtigen, nnd ſie
bey des Cardinal Biſchofs von Modena, Wilhelms, Grenzeinrichtungen ge-
gen alle Anſpruͤche zu ſchuͤtzen. Er erlies ihr nicht nur den kirchholmiſchen
Vertrag, ſondern uͤbergab auch der Stadt die Guͤter Titiger. Sontags nach
Bartholomaͤi, unter 36 Siegeln. Hierdurch erhielt die Stadt alle zwiſchen dem
Kapitel und ihr ſtreitige Guͤter, und ſahe es fuͤr ihren geiſtlichen und zeitlichen
Vortheil an, ſich allein an den Herrnmeiſter zu halten. Er beſtaͤtigte es auch zu
Riga, am Tage Matthaͤi des Apoſtels.
Doͤrpt hatte in dieſem Jahr das Ungluͤck, bey dem Segen des Evangelii
durch einen Schwaͤrmer verfuͤhret zu werden, der mit erſtaunlicher Verwegenheit
die gefaͤhrlichſten Haͤndel unternahm und der Sache GOttes viele Laͤſterungen zu-
zog. Dieſer war ein ſchwaͤbiſcher Kuͤrſchner, der aus Wittenberg kam. Er
hies Melchior Hofmannp), und nante ſich nur den armen Laienpelzer, hin-
ter
[194]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1525ter welcher Demuth aber 7 Teufel ſteckten. Er gab ſich fuͤr Luthers Schuͤler aus,
hielt in Doͤrpt am Frohnleichnamstage Winkelpredigten, brachte einige junge
Kaufgeſellen auf ſeine Seite und lies ſich durch dieſe neu geſamlete Gemeine in der
Schloskapelle zu U. L. Fr. auf die Kanzel ſetzen. Gleich den naͤchſten Sontag
darauf jagten dieſe verfuͤhrten Neulinge die Prieſter und Saͤnger aus der Kapelle,
riſſen die Bilder herunter, und verbranten ſie auf dem Markt. Hierauf wandte
ſich der Schwarm nach der Johanniskirche, brach die Orgel in Stuͤcken, und
ſchlepten die Bilder mit zum Scheiterhaufen. Von hier ranten dieſe Stoͤrer zum
Dominicanerkloſter, gaben den Moͤnchen den Laufzettel und lieſſen ihnen weiter
nichts als ihre Gebetbuͤcher mit nehmen. Nun kam die Reihe ans Minoriten-
kloſter, wo ſich der Pater Gardian mit den Moͤnchen vorher aus dem Staube
gemacht hatte. Endlich gieng es uͤber das Nonnenkloſter Franziſcanerordens
her, wobey doch nur den Nonnen angedeutet wurde, daß diejenigen, ſo ordentlich
heirathen wolten, bleiben koͤnten; auch erhielt ein jeder das Buͤrgerrecht, welcher
die Moͤnchskutte ablegte. Jn dieſer Blindheit vergrif man ſich auch an der grie-
chiſchen Kirche, und weil dergleichen zu Riga und Revel ſchon vorhin geſche-
hen, wurde der Czaar von Rußland ſo empfindlich, daß er in die Worte aus-
brach: Wenn der Papſt und Kaiſer ihre Pfaffen ſo uͤbel tractiren laſſen, ſo wol-
len wir es doch an unſrer Religion nicht leiden, und dieſen Bilderſtuͤrmern den
Krieg ankuͤndigen, ſo bald die Friedensjahre verlaufen ſeyn werden. Kurz nach-
her zog dieſer unruhige Kuͤrſchner etliche hundert gemeine Leute zuſammen und wol-
te die Domherren, welche man ihres Standes wegen bisher geſchonet, ebenfals
zu Paaren treiben. Sie ſtiegen alſo den Domberg hinauf, alwo ſie der Commen-
dant mit 13 ſeiner Trabanten erwartete, aber auch ſo unſanft empfieng, daß ih-
rer 4 blieben, 20 verwundet wurden, und die uͤbrigen den Ruͤckweg vom Berge
mehr herunter ſtuͤrzten als liefen. Bey ihrer Ankunft in die Stadt zogen ſie die
Sturm-
p)
[195]Erzb. Blankenfeld. zur Zeit der Reg. Wolther v. Plettenberg.
Sturmglocken, jeder lief ins Gewehr, ſie fanden aber den Befelshaber nicht zu1525
Hauſe, weil er ſich auf die biſchoͤfliche Reſidenz verſteckt hatte. Der Poͤbel brach
mit deſto groͤſſerer Furie in die Kirche ein; und da gieng es uͤber die armen Bilder
her. Nach deren Zerſtuͤmmelung gab man in den Haͤuſern der Domherren alle
Eswaaren preis. Zuletzt ward dieſer Lerm mit den Domherren in ſo weit vergli-
chen, daß dieſe in ihrer Kirche den Gottesdienſt ungeſtoͤrt verrichten ſolten. Der
Rath gab an ſeinem Theil ſcharfen Befehl, daß kein Buͤrger bey Strafe 10 Mark
in der Domkirche Meſſe oder Predigt hoͤren durfte, welches auch 30 Jahr hinter-
einander genau beobachtet worden. Man ſchonte auch des Nonnenkloſters auf
dem Dome, in Betrachtung, daß viele Standesperſonen des Landes in ſelbiges
aufgenommen ſeyn.
Freytags vor Johannis zog man den gefangenen Erzbiſchof Blanken-1526
feld aus ſeiner gefaͤnglichen Haft zur Verantwortung auf dem Landtag zu Wol-
mer, alwo er nunmehr aus einem gelindern Thon redete, auch verſchiedene Be-
dingungen eingieng, die er aber nachher wieder umgeſtoſſen. Er lies auch eine
Proteſtation nach, that aber in eigener Perſon eine Reiſe zu dem Kaiſer Carl
den Vten nach Madrit. Allein als er nur noch vier Meilen von Placenz, oder
2 Tagereiſen von Madrit war, ward er von der Ruhr befallen, und muſte den
9ten Novemb. ſterben q). Der Kaiſer beklagte ſeinen Tod, daß ein ſo vornehmer
Praͤlat nach der langwierigen hoͤchſt beſchwerlichen Reiſe ihn nicht ſprechen ſollen.
Doch lies er ſich deſſen bey ſich habende Briefſchaften vorlegen, in welchen das Ka-
pitel zu Riga den coͤlniſchen Dompropſt, Herzog Georgen von Braun-
ſchweig und Luͤneburg zum Poſtulaten, und den kaiſerlichen Vicekanzler, Balzer
Waldkirchen zum doͤrptiſchen Biſchof vorgeſchlagen hatte. Kaiſer Carl1527
ſchickte ſeinen Gevolmaͤchtigten nach Liefland, die Unruhe beizulegen, die Lief-
laͤnder in Religionsſachen aufs algemeine Concilium zu vertroͤſten und den Her-
zog Georg nachdruͤcklich zu empfelen, dabey er alles verwarf, was der Erzbiſchof
zu Wolmer gezwungener Weiſe verſprechen muͤſſen. Allein in Liefland litten
es weder des Ordens noch der Stadt Vortheil, Geiſtliche anzunehmen, deren
Verwandſchaft ſo hoch und ſo maͤchtig war; und von des Kaiſers gnaͤdigem Regi-
mente ſtund zu glauben, daß er in Gewiſſensſachen dem Lande keinen Zwang an-
thun werde. Man ſchritte alſo den 8ten Sept. zur neuen Wahl, und nahm des
geweſenen rigiſchen Buͤrgermeiſters und Erzvogts Johan Schoͤnings Sohn,
C c c 2Tho-
[196]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1527Thomas Schoͤning, geweſenen Dechanten zum Erzbiſchof. Das Stift
Doͤrpt wehlte eines daſigen Buͤrgers Sohn Johan Beyen zu ſeinem geiſtlichen
Haupte. Doch beide waren keine in ihrem Vaterlande ſonderlich beliebte
Propheten.
Der neue Erzbiſchof Thomas befand ſich unterdeſſen in Deutſchland,
wo er den vom Kapitel poſtulirten Herzog Georg mit Gelde befriedigen ſolte;
worein die rigiſchen Domherren leicht willigten, indem Plettenberg ihnen beim
Magiſtrat die Erſtattung ihrer verlornen Guͤter auszuwirken verſprochen hatte.
Bey ſeiner Zuruͤckkunft drang er auf die Erfuͤllung, mit der es aber langweilig
zugieng, ſo, daß Plettenberg daruͤber vors ſpeierſche Kammergericht gela-
den wurde.
Am 6ten Jul. uͤberreichten die erzbiſchoͤflichen Raͤthe den kaiſerlichen Befehl
von Einraͤumung der Stiftsguͤter, welcher nebſt den Vorſtellungen des Biſchofs
zu Doͤrpt den Ordensmeiſter bewog, daß er die wolmerſchen Haͤndel mit
Blanckenfelden auch fuͤr unguͤltig erkante, dem Erzbiſchof die halbe Gerichtbar-
keit uͤber Riga wieder uͤberlies, beim Herzog Albrecht aber die Poſtulation ſei-
nes Bruders zum Coadiutor zu hintertreiben ſuchte. Die Stadt willigte im Au-
guſt zu Dahlen auf einer Zuſammenkunft in die Zuruͤckgabe der Stiftsguͤter,
wolte aber dem Erzbiſchof, als einem Paͤpſtler, keine Gewalt uͤber die Kirchenſa-
chen zugeſtehen, ſondern ſich bey der evangeliſchen Lehre geſchuͤtzet wiſſen, wozu
D. Johan Brismann von Koͤnigsberg von Seiten der Stadt verſchrieben
war r). Doch da die Cleriſey nicht nachgab, ſo wurde auf Unterhandlung etli-
cher Fuͤrſten wegen der Unkoſten, des Schadens und anderer unausgemachten
Punkte auf beiden Seiten ein Anſtand von 2 Jahren genehmiget. Die verſam-
leten Biſchoͤfe und der Ordensmeiſter nahmen Sonnabends nach der Apoſtel Thei-
lung zu Wolmer ſichere Abrede, wie es nach Thomaͤ Tode mit der Stuhlfolge
ſolte gehalten werden. Der Erzbiſchof war dabey in vielen Artikeln uͤbergangen,
auch nicht einmal gegenwaͤrtig.
Carl der Vte lies durch den maͤynziſchen Cardinal Albert, als Erzkanzler,
durch den Vicekanzler Waldkirch und den Secretair Alexander Sweich am
5ten Auguſt zu Augſpurg Plettenbergen das wichtige Diploma uͤber alle
lieflaͤndiſche Vorrechte in den nachdruͤchlichſten Ausdruͤcken ausfertigen, und
unter andern die freie Meiſterwahl, die Zoͤlle, Acciſe und Einkuͤnfte dem Orden
in Liefland vergewiſſern. Der Rath der Stadt Luͤbeck hat Montags nach
Remigii dieſes Diploma noch daſſelbe Jahr in einem Tranſſumt aufgenom-
men ſ).
Ob nun gleich die Ritterſchaft und Staͤnde gegen den neuen Coadiutor1530
Wilhelmen proteſtirten, daß er ohne ihre Einwilligung und wider die aufge-
richteten Receſſe erwehlet worden; ſo fand ſich Wilhelm dem ungeachtet ein,
und nahm Mitwochs nach Michaelis von dem Schloſſe Ronneburg Beſitz.1531
Auſſer dem behielt er auch noch die Schloͤſſer Schmilten, Pebalg, Serben,
Wainſel, Lemſel und Salis. Der Erzbiſchof Thomas aber behalf ſich
mit Treyden, Uxkuͤl, Lennewarden, Kokenhauſen, Creutzburg, Lau-
don, Seswegen, Schwanenburg, Marienhauſen und Lubant).
Carl der Vte ertheilte am 16ten Jul. zu Bruͤſſel Georgen von Ungern
Herrn zu Puͤrkel den gar anſehnlichen Gnadenbrief, worin et ihn, ſeine Haus-
frau, Kinder, Schloͤſſer, Guͤter, Leute und Unterthanen in ſeinen und des heil.
roͤmiſchen Reichs Vorſorge, Schutz und Schirm nimt, dem Beleidiger aber
20 Mark loͤthigen Goldes zur Poen aufleget.
Jn Revel ward der groſſe Thurm Kiek in de Koͤke gebauet. Die Stadt1532
verlor durch eine anſteckende Seuche bey 2000 Einwohner, durch eine unvermu-
thete Feuersbrunſt aber ihr ſchoͤnſtes Kloſtergebaͤude und die Kirche der Moͤnche.
Jn Riga hatten die Stadtgemeinen das Ungluͤck, daß in ihres Eltermans Kar-
ſten
t)
[200]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1532ſten Schlottmakers Hauſe die Buͤcher der Gildeſtube ſamt allen Privilegien
auſſer den Schragen in einem ploͤtzlichen Brande eingeaͤſchert wurden. Am 4ten
Merz ſuchte der Erzbiſchof den verlegenen Tractat zu Kirchholm vor, und ver-
langte die Huldigung von der Stadt, wozu ihm die Staͤnde behuͤlflich zu ſeyn ver-
ſprachen.
t)
[201]Erzb. Thom. Schoͤning. zur Zeit der Reg. Wolther v. Plettenberg.
ſprachen. Als der zweijaͤhrige Stilſtand im Auguſt vorbey war, berief er die Ri-1532
giſchen nach Kokenhauſen, die ſich auch einfanden, aber ohne vorher aus-
gemachte Sicherheit der evangeliſchen Religion von keiner Huldigung etwas
wiſſen wolten. Jm October ward dieſe Handlung noch einmal zu Dahlen
vorgenommen, wo ſich die von Riga mit der auf dem Convent zu Nuͤrnberg
vom Kaiſer zugeſtandenen Gewiſſensfreiheit ſchuͤtzten, durch welche die vorigen
Befehle des Kaiſers ſo lange aufgehoben waͤren. Der Erzbiſchof ſteckte ſich hin-
ter den Ordensmeiſter, dem er ſchon Montags nach Oculi die Beſtaͤtigung des
wolmerſchen Receſſes ausgeſtellet. Die Stadt lief hierbey Gefahr, und verſi-
cherte ſich alſo von neuem aller Haͤuſer der Domherren, des Biſchofes, und der
Stiftsguͤter, die ſie vor 2 Jahren nach Jnhalt des kaiſerlichen Befehls zuruͤck ge-
geben hatte. Sie ſchickte auch ihrem Anwald Joh. Hofman zu Speier den
Verlauf der Sache zu, mit der Anweiſung, daß er ſich auf den im roͤmiſchen
Reiche bekant gemachten Religionsfrieden beziehen ſolte. Die Stadt ſelbſt ſuchte
immittelſt die Aufnahme in den ſchmalkaldiſchen Bund, und erhielt vom Koͤ-
nig Fridrich von Daͤnnemark die Beſtaͤtigung aller Privilegien ſeiner Vorfah-
ren in daͤniſchen Landen, dafuͤr ſie ihm nach langen Bedenklichkeiten ein Schif und
ein Fahrzeug mit Kraut und Loth, Proviant und Bootsleuten unter dem Seeca-
pitain Cord Durkop zuſchickten. Der Koͤnig verlangte von der Stadt 5 Or-
logſchiffe, die er im Sunde mit Manſchaft beſetzen wolte. Durkop lag uͤber
4 Wochen im Sunde, weil ihm der Wind entgegen war, und kam alſo zu ſpaͤte;
weil Fridrich den verjagten Koͤnig Chriſtiern ſchon in Norwegen gefangen
bekommen hatte. Gleichwie die deutſchen Fuͤrſten der Religion wegen zuſam-
men getreten waren, ſo machten es in dieſem Jahr, am Donnerſtag nach Chriſti
Beſchneidung, auch die Staͤnde in Liefland. Plettenberg ſelbſt und die vor-
nehmſten des Adels verbanden ſich mit dem Rath und der Buͤrgerſchaft in Riga
bey der reinen Religion alten und neuen Teſtaments zu bleiben und fuͤr einander
zu fechten. Der Marggraf Albrecht, Herzog in Preuſſen, nahm die Rigi-
ſchen als ſeine Bundesgenoſſen um des heil. Evangelii willen in genauen Schutz,
davon ſich 2 chriſtliche Vereinigungen finden. Wilhelm von der Pahlen, ge-
nant Fleck, Comtur zu Windau, verband ſich mit dem Rath zu Riga der aug-
ſpurgiſchen Confeßion wegen, welches ſo gar die Ritterſchaft des Erzſtifts Ri-
ga nachmachte: da denn jeder Theil dem andern huͤlfliche Hand zu leiſten verſprach,
im Fal er dem Religionsfrieden zuwieder angefochten werden ſolte, Riga am
Dienſtage nach Pauli Bekehrung n).
Der Coadiutor konte aus des Erzbiſchofs Begegnung ſein kuͤnftiges Schick-
ſal bereits abnehmen, und nahm daher den Ruf der wickiſchen Ritterſchaft zu
ihren Biſchof mit beiden Haͤnden an, obgleich der Ordensmeiſter und der Erzbi-
ſchof
E e e
[202]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1532ſchof ihm ſolches im Ernſt wiederriethen. Er trat alſo in die Stelle des abgeſetz-
ten Reinholds von Buxthoͤveden und ſchrieb ſich nunmehro: „Wir von
GOttes Gnaden Wilhelm des erzbiſchoͤflichen Stifts Riga, confirmirter Coad-
iutor und Succeſſor, poſtulirter Herr des Stifts zu Oeſel, und Marggraf zu
Brandenburg‟. Hierdurch machte ſich dieſer ſonſt kluge Herr noch fuͤrchterli-
cher, und ſeine Gegner wandten alles dran, ſeine wohlgemeinten Abſichten zu
hintertreiben.
Das Stift Doͤrpt und deſſen Biſchof Johan verbanden ſich Donnerſtags
nach Pauli Bekehrung mit dem Ordensmeiſter gegen alle Gewalt und Wider-
waͤrtigkeit deſto veſter. Plettenberg drang darauf, daß Wilhelm am 1ſten
April zu Wenden verſprechen muſte, die Religion nach der heil. Schrift zu ver-
kuͤndigen, des ungebraͤuchlichen Scheltens ſich zu enthalten, keinen Krieg anzu-
zetteln, keinen auswertigen Potentaten in ſein Jntereſſe zu ziehen, die freie Wahl
und Poſtulation den Staͤnden nicht zu hindern, und vornehmlich ſeine erſte Zuſage
bey ſeiner Ankunft ins Land beſtens zu beobachten.
Der alte Plettenberg ſchickte auch nach eingeholter Einwilligung des deut-
ſchen Ordensadminiſtrators, Walters von Groͤnberg, ſeine Bevolmaͤchtigten,
den Vogt zu Roſiten, Dietrich von Galen und Dietrich Schneebergen
an den roͤmiſchen Koͤnig Ferdinand mit Erſuchen, daß ſein Landmarſchal Her-
man von Bruͤggeney ihm noch bey ſeinen Lebzeiten als ſein Nachfolger und
Meiſter beſtaͤtiget wuͤrde. Der Koͤnig Ferdinand ertheilte ihm auch am 8ten
Jul. zu Wien die Beſtaͤtigung daruͤber, und zwar im Namen des Kaiſers ſeines
Bruders. Da dieſe aber auch fuͤr Hermannen von Bruͤggeney um die Be-
lehnung der Regalien anhielten, ſchlug es Ferdinand am 9ten Jul. ab, und er-
bot ſich aber ſo bald ſie beſſere Volmacht haͤtten, oder ihm von Plettenbergs
Tode ein Schein vorgezeiget wuͤrde, dem Herrn Meiſter das Lehn und die Re-
galien gern zu reichen w).
Der Coadiutor Wilhelm ſuchte mit Ernſt den Verdacht von ſich abzuleh-1533
nen, den man bisher gegen ſeinen hohen Stand gefaſſet, und verband ſich daher
mit den Staͤnden, mit geſamten Kraͤften uͤber den Schriften alten und neuen Te-
ſtaments zu halten, das Wort GOttes lauter verkuͤndigen zu laſſen, und die Jr-
lehrer
w)
[204]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1534lehrer nach dreifacher vorgaͤngiger Ermahnung gebuͤhrlich zu beſtrafen. Den Ver-
gleich unterzeichneten die Herrn Henrich von Tulen zu Jerwen, Hinrich
von Galen zu Goldingen, Joh. von der Recke zu Marienburg, Loff
von Loh zur Pernau, Joh. von Ekell zu Duͤneburg, Melchior von
Gahlen zu Karkus, Juͤrgen von Hoyten zu Dobbelehn Comture. Ebert
von Schuren Hauscomtur, Kerſten von Roſen, Meyneke von Schier-
ſtaͤdt Hofmeiſter, Herr Matth. Unverfehrt Domherr, Joh. von Tieſen-
hauſen Hauptman, Heinrich von Ungern, Jurgen von Roſen zur Nabbe,
Reinhold von Roſen, Heinrich von Tieſenhauſen, Wolf von Schier-
ſtaͤdt und Wolf Loß des Erzſtits Riga. Juͤrgen von Ungern Herr zu
Puͤrkel, Hr. Johan Lode Domherr, Otto Yxkuͤl zu Fickel des Stifts
Oeſel. Hartwig Plater, Lorenz Schungel, Joh. Bockhorſt Raͤthe.
Hr. Paul Dreling, Hr. Hinrich Ulenbrock Buͤrgermeiſter, Conrad Dur-
kop Rathsfreund, Mag. Joh. Lohmuͤller Syndicus und Joh. Tiſeler Se-
cretarius, Verordnete der Stadt Riga. Der Propſt Heineman Rode ent-
ſchlos ſich auch zu einem guͤtlichen Vergleich mit dem Rath zu Riga, deſſen Guͤ-
ter ſo wie die erzbiſchoͤflichen in Sequeſter blieben; wie er ſich denn nicht gegen die
Sache des Evangelii auflehnen durfte.
Zur Befoͤrderung des Handels gab Plettenberg zu Wenden an Petri
und Pauli Abend die Straſſe nach Litthauen von Riga nach dem langen Stei-
ne, von da auf die Rekow, von der Rekow auf die Muͤſſe, von der Muͤſſe
auf die Ekow, von da nach Bauskenburg bis uͤber die Grenze in Litthauen
frey. Der Termin wird von Michaelis an auf 3 Jahr gerechnet. Ueber das
geſetzte werden keine Pferde ausgebracht. Kein Deutſcher und Litthauer darf
ein Pferd uͤber 14 Meilen, kain Bauer uͤber 10 Meilen uͤber die Grenze fuͤhren,
oder ſol daſſelbige miſſen. Dem Vogt zu Bauskenburg wird fuͤr jedes gekauf-
te Pferd 12 Schilling und dem Tolk 2 Schillinge entrichtet. Kein Schiespulver,
Kraut, Loth, trockne und ſalzige Fiſche duͤrfen uͤber die Grenze gefuͤhret werden.
Geſchenkte Guͤter gehen frey heraus, und alles kan ohne Bedenken herein kommen.
Die Muͤſſe ſtehet jedem zum Durchzuge offen.
Am 21ſten November langte der Coadiutor Wilhelm als poſtulirter oͤſel-
ſcher Biſchof in der Wyk an, und beſahe ſeine neue Domkirche zu Hapſal.
Er nahm die Schloͤſſer Lode, Leal und andre Stiftsguͤter in Beſitz, ob ihm
gleich
w)
*)
[205]Erzb. Thom. Schoͤning. zur Zeit der Reg. Wolther v. Plettenberg.
gleich in Riga keine lange Dauer dieſer Wuͤrde prophezeiet wurde, indem der al-1533
te Biſchof Reinhold ſich nach Arensburg auf das Schlos begab, weil ihm
die Ritterſchaft auf Oeſel zugethan blieb, und ſeinem Nachfolger in Ha-
pſal die Behauptung dieſer Stelle ziemlich ſchwer machte. Wilhelmen
ward dieſe Art ſich ins Amt zu dringen von jederman uͤbel ausgelegt. Der Erz-
biſchof Thomas ſelbſt trat mit den Biſchoͤfen zu Doͤrpt, Curland und Re-
vel am 13ten Febr. zu Fellin zuſammen, lies ſich auch mit dem Ordensmeiſter1534
und deſſen Landmarſchal genauer ein; indem beliebet wurde, daß keiner des Sei-
nigen gewaltthaͤtiger Weiſe beraubet werden ſolte, wenn es nicht nach ordentli-
chem Rechte geſchaͤhe, und es alle Herren und Staͤnde auf einem algemeinen
Landtage bewilliget haͤtten. Bey ſich eraͤugnenden Empoͤrungen und Unruhen
verſprachen ſie ſich gemeinſchaftlichen Rath und Beiſtand. Wolte der Marggraf
Wilhelm nach endlicher Schlichtung und Beilegung des oͤſelſchen Zwieſpalts
mit in dieſes Buͤndnis treten, ſo ſol es ihrer fuͤrſtl. Gnaden ungeweigert frey und
offen ſtehen. Dieſe Verordnung machte dem oͤſelſchen Biſchof Reinhold Luft,
der die Wyk mit einigen Kriegesvoͤlkern beſetzt hielt und Wilhelmen von Hap-
ſal wegzuziehen noͤthigte, zumal da der wykiſche Adel die Huldigung zu leiſten
Bedenken trug. Wilhelm fand bey ſeiner Zuruͤckkunft auch da die Gemuͤther
gegen ihn kaltſinnig, welche geſamte Widerſetzlichkeit ſamt dem eilfertigen Abzug
aus der Wyk, und der daraus erfolgten Geringſchaͤtzung ſeiner Perſon und Ga-
ben weder ſeinem Willen noch gnaͤdigen Betragen, ſondern blos der Hoheit ſeiner
Geburt und der Hitze ſeiner Raͤthe zuzuſchreiben war.
Am Sontag Oculi nahm der durch ſeine Froͤmmigkeit ſowol als durch alle1535
einen Regenten zierende Eigenſchaften warhaftig groſſe Wolter von Plettenberg
ſeinen Abſchied aus dieſer Welt und gieng unter vielen groſſen Bemuͤhungen fuͤr
das Wohl des Landes zu ſeiner Ruhe x). Jhm folgte
Am Freytage nach Mariaͤ Magdalenaͤ unterzeichnete derſelbe, nebſt
dem Landmarſchal Hinrich von Galen und dem goldingiſchen
Comtur Ernſt von Moͤnninckhuſen, den Huldigungsbrief an die
Stadt Riga. Er preiſet darin die goͤttliche Vorſehung, daß er
noch bey Lebzeiten ſeines Vorgaͤngers in das Meiſteramt eingeſetzet worden. Der
Stadt giebt er auf Anſuchen ihrer ſtatlichen Botſchaft aus dem Rath und der Gemei-
ne die Erlaubnis zu huldigen, mit beigefuͤgter Eidesformel. Dagegen gelobet er an,
die Lehre des Evangelii und alle buͤrgerliche Freiheiten nachdruͤcklich zu ſchuͤtzen,
und die ſchaͤdlichen Gebaͤude zu Neuermuͤhlen weg zu ſchaffen. Dem alten Doͤm-
dechanten Joh. Norbeck wird bey deſſen lebendigen Tagen eine Vicarie beſtan-
den,
F f f
[206]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1535den, nach deſſen Tode dieſelbe nebſt andern Seelmeſſen der Stadt uͤberlaſſen wird,
ſie zur Ehre GOttes zu gebrauchen. Er erlaubet den Wall zwiſchen der Sand-
und Jacobspforte feſter zu bauen, verbietet alle Vorkaͤuferey, laͤſt den an der
Stintſee angeſeſſenen Stadtbauren die Holzung in dem Ordenswalde frey, und
kein Buͤrger darf ohne Haupturſache gefangen oder arreſtiret werden. Die Stadt
behaͤlt die Wedde zu ihrem Selbſtnutz, dafuͤr ſie jaͤhrlich auf Jacobi dem Haus-
comtur zu Riga 100 Mark zu entrichten hat. Die Straſſe nach Litthauen
uͤber Bauske bleibet noch 4 Jahr offen.
Jn Eſtland entſponnen ſich zwiſchen dem Adel und der Buͤrgerſchaft recht ge-
faͤrliche Mishelligkeiten. Am Tage Mariaͤ Heimſuchung nahm Bruͤggeney zu
Revel die Huldigung an, worauf ihn die Stadt auf dem Rathhauſe mit einem praͤch-
tigen Gaſtmal bewirthete. Jn dem dabey gehaltenen Turnier gelung es einem
jungen Kaufgeſellen, daß er einen Landjunker aus dem Sattel hob, woruͤber die
Buͤrger ihr Vergnuͤgen zu ausgelaſſen bezeugten, und dadurch die ſchon vorher em-
pfindlichen Gemuͤther des Adels in noch groͤſſere Hitze brachten. Denn die Stadt
hatte ein Jahr zuvor einen gewiſſen Johan Uxkuͤl, Herrn von Rieſenberg,
durch ihren Boten Schroͤder in Verhaft nehmen laſſen, weil er einen von ſei-
nen Bauren erſchlagen, deſſen Verwandten ihm das Geleite geſperret. Ja ſie
lies ihm gar am 7ten May 1535 zwiſchen den Stadtthoren den Kopf abſchlagen,
ob er gleich ein ziemlich anſehnliches Loͤſegeld darbot. Dieſes Unterfangen nun
kam dem Adel bey dem Thurniere wieder in friſches Andenken, es kam zu Strei-
chen, und einige waren ſchon wirklich toͤdlich verwundet. Die Wuth machte ſie
gegen das Verbot des Herrn Meiſters blind und taub, ob er gleich mit Hut,
Brod und Teller unter die erhitzten Parteien zum Fenſter herunter warf. Nur
der wackere Thomas Fegeſack, Buͤrgermeiſter der Stadt, redete den Laͤrmenden
ſo nachdruͤcklich zu, daß der Tumult ſich legte, wobey er ihnen die Vertroͤſtung
gab, daß alles gruͤndlich unterſucht werden ſolte. Wie nun der Adel nach erhal-
tenem nicht angenehmen Beſcheide dem Ordensmeiſter Parteilichkeit vorwarf, wur-
den einige in Verhaft genommen, die alles Widerſpruchs ohnerachtet einige Jahr
ſitzen muſten. Dieſe Haͤndel griffen zwar noch weiter um ſich, wurden aber durch
das kluge Betragen des Ordensmeiſters nach und nach gluͤcklich abgethan b).
Am Michaelistage unterſchrieben der Erzbiſchof, ſein Coadiutor, die uͤbri-1537
gen Biſchoͤfe ſamt dem Ordensmeiſter und dem Landmarſchal zu Wolmer einen
Reces, in welchem ſie ſich zur Ehre GOttes verbindlich machen, die Kirchen im bau-
lichen Weſen zu erhalten, ſelbige mit tauglichen Perſonen zu beſetzen, alle Untu-
genden abzuſchaffen und unter ſich Friede und Einigkeit zu halten. Der fellin-
ſche vor 3 Jahren geſchloſſene Reces wird zum Grunde gelegt. Jeder Stand
behaͤlt das freie Wahlrecht. Die Kleiderbulle und der kirchholmiſche Vertrag
bleiben in ihren Wuͤrden. Die Geiſtlichen duͤrfen ihre Guͤter an keine weltliche
Hand bringen; keiner ohne der Staͤnde Mitwiſſen Krieg anfangen; Fiſchwerk,
Ochſen, Pferde und allerley Proviant ſol nicht zum Nachtheil des Landes nach
Deutſchland, Rußland oder Litthauen verfuͤhret werden; niemand ſol bey
Verluſt ſeiner Waaren einen ungewoͤhnlichen Weg reiſen, oder ungewoͤhnliche
Kruͤge halten. Bauren und Undeutſche ſollen mit der Kaͤuferey nichts zu thun
haben; kein Bauer darf Geld auf die Hand nehmen, Waaren aufzukaufen. Die
Erbbauren werden von den Herrſchaften ausgeantwortet. Weil endlich der Marg-
graf ſich mit in dieſe Vereinigung begeben, ſo verſehe er ſich des Beſten, daß wie
er gegen die Staͤnde, alſo auch die Staͤnde gegen ihn allen Verdacht und Arg-
wohn werden fahren laſſen.
Am Sonnabend nach heil. drey Koͤnige ſchickte Bruͤggeney den Landmar-1538
ſchal Heinrich von Galen, den vellinſchen Comtur Joh. von der Recke, den
Vogt zu Jerwen Heinrich von Teile, die Herren Joh. von Brockhorſt,
Hartwich Plater, Peter Robel und Wolter von Plettenberg als Com-
miſſarien nach Eſtland, die zu Weiſſenſtein einen Vergleich zwiſchen der Rit-
ter- und Buͤrgerſchaft in Revel trafen. Der revelſche Comtur hatte Andreas
Deken und ſeine Soͤhne auf Befehl des Ordensmeiſters in Beſtrickung genom-
men, welches der Adel dem revelſchen Rath zur Laſt legte, und daher drohete
die Buͤrger in Stuͤcken zu zerhauen. Beide Theile erklaͤrten ſich zur gemeinſchaft-
lichen Befriedigung, welche von dem Ordensmeiſter, Montags nach Mariaͤ Em-
pfaͤngnis, zu Wolmer ihre Beſtaͤtigung erhielt. Und in einem beſondern Geſetze
ward die Laͤſterung der hohen Obrigkeit aufs haͤrteſte verboten.
Am 11ten Febr. gab Kaiſer Carl der Vte den Herren Meiſtern das Privile-
gium uͤber die Regalien, welche dieſelben 4 Jahr nach angetretenem Meiſteramte
empfangen ſolten; und am 28ſten dieſes Monats einen verſiegelten Brief, in wel-
chem der Kaiſer der Entlegenheit der Laͤnder wegen fuͤr Liefland den Erzbiſchof
zu Coͤln, die Herzoge zu Sachſen, die Marggrafen zu Brandenburg, den
Erzbiſchof zu Bremen, den Biſchof zu Muͤnſter und Osnabruͤgge, alle Her-
zoge zu Julich, die Herzoge zu Braunſchweig und Luͤneburg, Mecklen-
burg, Stettin und Pommern nebſt der Stadt Luͤbeck zu Conſervatoren
und Handhabern auf 6 Jahr ernennet. Beide ſind gezeichnet zu Barcinone,
(Barcellona).
Der Stadt Goldingen ertheilte Bruͤggeney zu Riga, am Dienſtage
nach Laurentii, denjenigen Brief, der ſie mit Wenden und Wolmer in allem
gleich macht, auch ihr alle Wochen einen gemeinen Markt zu halten verſtattet.
Der Erzbiſchof Thomas ſegnete auf ſeinem Schloſſe Kokenhauſen, am
Tage Laurentii, das Zeitliche, und ward den Sonnabend darauf in daſiger
Pfarrkirche begraben. Die Rigiſchen drungen ſo gleich auf die Beſetzung des Ha-
fens, welche ihnen der Ordensmeiſter zugeſtand. Sie zogen die 4 Kloͤſter der Mino-
riten, der Dominicaner, der Franziſcaner, und der Benedictinernonnen
bey der St. Catharinenkirche, welches 1251 geſtiftet worden, auf einmal ein, und
bemuͤhten ſich indeſſen um die Aufnahme in den ſchmalkaldiſchen Bund, ver-
ſagten hingegen dem neuen Erzbiſchof Wilhelm die Huldigung und Wiederer-
ſtattung der Domguͤter, bis ihnen hinlaͤngliche Sicherheit wegen der Religion
ausgeſtellet wuͤrde. Dem Domkapitel ſelbſt war wegen der Wankelmuͤthigkeit
des Coadiutors in der Religion bange: da aber auf dem Reichstage zu Regen-
1540ſpurg alle Beiſorge gehoben wurde, erkante es dieſen Wilhelm, Marggrafen
zu Brandenburg, in der erzbiſchoͤflichen Wuͤrde ohne die geringſte Schwierigkeit
fuͤr ſein Oberhaupt.
Die Ritterſchaft des Stifts Doͤrpt hatte ihre Erbſchaftsprivilegien durch
einen Dechanten, dem ſie dieſelben anvertrauet, von Handen kommen laſſen, da-
her ſie ihrem Biſchof Johan anlag, ihre Gnade zu erneuren und zu vermehren;
welche denn auch der Biſchof unterm 16 December in Doͤrpt auf folgende Punk-
te ausſtelte. Die Soͤhne erben die vaͤterlichen und muͤtterlichen Guͤter, und in
deren Ermangelung erben die Toͤchter. Die berathene Tochter erbet nicht, ſo
lange Soͤhne und unberathene Toͤchter vorhanden ſind. Die unberathenen Toͤch-
ter erben auch nicht, ſondern werden von den Soͤhnen abgefunden nach ihrem
Vermoͤgen. Toͤchter gehen, wo keine Soͤhne ſeyn, unter ſich in gleiche Thei-
lung. Der berathenen Schweſter Kinder theilen ſich ins vaͤterliche und bruͤderli-
che Erbe ihrer Mutter in gleiche Theile. Der unbeerbten Frau bleibet alle fahren-
de Habe, Hausgeraͤthe, Kleinodien, und alles Korn im Hofe, was aber auſſer
den 4 Pfaͤlen iſt, bleibt bey den Erben. Doch ſitzt ſie Jahr und Tag im Genus
der Guͤter, bis ſie nach geſetzten Terminen ihre eingebrachte Morgengabe zuruͤck
empfaͤnget. Bey dem erſten Termin raͤumet ſie Hof und Gut. Wird ihr die
Morgengabe nicht entrichtet, ſo bleibt ſie ſo lange im Gute ſitzen. Die Hausfrau
mit Kindern erbet Kindestheil, zu ihrer Leibzucht aber das vorraͤthige Korn im
Hofe und was an Winter- und Sommerſaat faͤlt. Die Guͤter eines unbeerbten
Mannes fallen an die naͤchſten Freunde maͤnlichen und weiblichen Geſchlechts.
Wenn den Einwohnern der Stadt Doͤrpt auf dem Lande an Ritterguͤtern etwas
zuſtirbt, ſo ſollen ſie nach Jnhalt der Gnade davon nicht ausgeſchloſſen werden.
Die Ritterſchaft hat freie Hand, Guͤter zu kaufen und zu verkaufen. Alle Jahr
wird ein Manntag gehalten. Keiner von Adel wird gefaͤnglich eingezogen, wenn
nicht die offenbare That vor Augen iſt. Die ritterliche Hand ſol ſein Buͤrge ſeyn.
Der Abt Gerhard und das ganze Convent des Gotteshauſes Valckena wird
bey allen Privilegien geſchirmet und gehandhabet. Dieſes alles verſpricht der Bi-
ſchof
[209]Erzb. Wilhelm. zur Zeit der Reg. Herman v. Bruͤggeney.
ſchof als Landesfuͤrſt bey ſeinen fuͤrſtlichen Ehren zu halten. Donnerſtags nach1540
Luciaͤ, mit dem biſchoͤflichen und des Kapitels Siegel.
Durch das Jawort des Domkapitels ward indeſſen des Erzbiſchofs Sache bey1541
den andern Staͤnden nur verſchlimmert. Die Ritterſchaft in der Wyk und
Oeſel erklaͤrte ſich durch ihren Adminiſtrator den Biſchof von Curland, daß ſie
laut der Receſſe ſich von den andern Staͤnden nicht abſondern, ſondern mit ihnen
und dem Herrn Meiſter leben und ſterben wolte. Der Biſchof Arnold zu Re-
vel erwehnet gar in einem verſiegelten Briefe, daß man bisher die Laͤnder dem
roͤmiſchen Reiche zu entziehen und fremde Regenten einzufuͤhren bemuͤhet gewe-
ſen; weswegen er ſich mit an den Kaiſer zu wenden gemuͤßiget werde, den Herrn
Meiſter dergeſtalt zu begnadigen, daß kein Auslaͤnder oder anderer zu einigem
Stift oder obrigkeitlichen Amte erhoͤhet werde, es geſchehe denn mit Bewilligung
des ganzen Ordens.
Sontags nach Aller Heiligen empfieng die Stadt Riga den ſo lange geſuch-
ten Bundesbrief, welchen der Churfuͤrſt Joh. Friedrich zu Torgau ſelbſt ver-
ſiegelt, wobey die Abſchrift des ſchmalkaldiſchen Bundes nebſt der zehnjaͤhrigen
Verlaͤngerung deſſelben angehaͤnget iſt. Weil die Stadt um die feierliche Auf-
nahme in daſſelbe Buͤndnis bey den Bundeshaͤuptern fleißige und dienſtliche An-
ſuchung gethan, und zu Luͤbeck ſchon 1400 Fl. erleget, die man bey der groſſen
Anlage zu Braunſchweig berechnet, ſo haben alle Bundesgenoſſen vermoͤge
des arnſtaͤdtſchen Abſchiedes darein gewilliget; hingegen erklaͤret ſich auch die
Stadt, ſich mit Zuſetzung Leibes und Gutes dem Verſtaͤndnis gemaͤs zu be-
zeigen c).
Jn Riga lies der Rath eine in 20 Punkten abgefaſte neue Kriegs- und Feu-1542
erordnung bekant machen. Jn Revel verglichen ſich Donnerſtags nach Oculi
der Biſchof ſamt den Herren Gebietigern und der Ritterſchaft wegen des ſo ge-
nanten Sendekorns, welcher Vertrag ein Jahr nachher auf Johannis ſo weit
ausgedehnet wurde, daß der Biſchof und ſein Kapitel das Sendekorn gaͤnzlich erlies.
Jn dieſes Jahr faͤlt die kurz vorher in den Anmerkungen gemeldte Commiſ-1543
ſion zwiſchen der Ritterſchaſt und den Buͤrgern in Revel. Nach 8 Jahren be-
ſchickten die Rigiſchen den wolmerſchen Landtag, um dem Ordensmeiſter
Bruͤggeney nach angenommenem Habit des ritterlichen Ordens, dem Jnhalt der
Kleiderbulle zu Folge, die Huldigung zu leiſten. Weil aber die Bevolmaͤchtigten
nicht gehoͤrig unterrichtet waren, ſo ſolte zu dieſer Handlung um Johannis oder
Jacobi ein eigner Tag beſtimmet ſeyn, an welchem der Meiſter ſich perſoͤnlich in
Riga einfinden wuͤrde. Der revelſche Comtur Remmert von Scharen-
berg verliehe dem Kloſter Padis und deſſen Abte Eberhard die Gewalt, alle
Miſſethaͤter durch deutſche und ehrliche Unterſaſſen richten zu laſſen; weil durch
die Verſchreibung der Richter aus Revel und ihrer langſamen Ankunft viele Ver-
brecher Zeit zum Entwiſchen bekommen. Gegeben am Tage Laurentii.
Der alte Koͤnig von Pohlen Sigismund der Iſte ſchrieb mit eigner Hand1544
an die Stadt Riga, daß dieſelbe dem Erzbiſchof die Domkirche, den Minoriten-
Nonnen und andern Orden aber die Guͤter wieder einraͤumen moͤchte: da aber
die Verſicherung wegen der Lehre des Evangelii nicht mit uͤberſandt wurde, ſo wol-
te die Stadt erſt naͤhere Sicherheit erwarten. Jndeſſen bewilligte der Koͤnig das
Anſuchen des Landes, daß zwiſchen Litthauen und Liefland eine richtige
Grenze gezogen wuͤrde.
Donnerſtags nach Laͤtare traten die Staͤnde des Landes aus eigener Bewe-
gung zu Wolmer zuſammen, um ihre Gebrechen zu wandeln, und wieder in gute
Ordnung zu bringen, auf welchem Landtage nachſtehende Artikel beliebet und nie-
dergeſchrieben wurden. Weil das Land durch uͤberfluͤßige Bekoͤſtigung, Kindel-
biere, ſeidene Kleidung, Begiftigung und andre Unkoſten in Theurung und Ver-
derb geſetzet wird, ſo ſol jeder von Adel in ganz Eſtland ſeine Tochter nach ſeinem
Vermoͤgen berathen. Den unbeerbten Witwen werden auf 400 Mark Mitgabe,
800 Mark Morgengabe, doch in Terminen, zugelegt, und ſo nach Proportion.
Niemand ſol ſeiner Tochter aufs allerhoͤchſte mehr denn 10 Mark Silbers, wor-
unter das Hauptgeſchmeide mit begriffen iſt, mit geben. Ein Aermerer giebt we-
niger. Die beſtickten und belegten uͤberfluͤfligen ſeidenen Roͤcke ſamt allen theu-
ren Geſchmeiden, Perlen, Silber und Unzengolde werden bey Maͤnnern und
Frauen abgeſchaffet. Stat der geſtickten Kragen mag jeder von Adel ſeiner Toch-
ter eine guͤldene oder ſilberne Kette mit geben. Den Frauen und Jungfrauen
wird an Muͤtzen und Legeperlen, ſonderlich den Jungfrauen ein beſtickter Perlen-
kragen zu tragen zugelaſſen. Der Braͤutigam giebt ſeinem Vater, Bruder und
Diener ferner hin nichts denn Hemden mit weiſſen geneheten Kragen, ohne alle Per-
len oder Gold. Die Frauen in Weichbilden und Pfalzen duͤrfen ſich den Adli-
chen nicht gleich kleiden bey wilkuͤhrlicher Strafe. Allen andern unzuͤchtigen und
mit Warheit beruͤchtigten Weibesperſonen, ſonderlich den Meyerinnen iſt nicht
nachgelaſſen, ſich den ehrlichen mit Kleidung und Geſchmeide gleich zu zieren, oder
auch in loͤbliche Geſelſchaften neben her zu treten, ſondern ſich bey gebuͤhrlicher
Strafe ihrem Stande gemaͤs zu halten. Die Koͤſte des Freytages vor der Koͤſte
iſt ganz abgethan. Der Braͤutigam wird nicht eher als des Sonnabends im Felde
empfangen, wobey niemand mit Ausruͤſtung und Kleidung in ſeiner Farbe be-
ſchweret werden ſol. Der Braͤutigam giebt der Braut nicht mehr als ein lieflaͤn-
diſch Paternoſter *), eine beſchlagene Scheide mit Meſſer, eine ſamtene Taſche
mit einem ſilbernen Ringe, und an 300 Mark am Gelde oder Silber zum Geſchenk.
Die Koͤſte ſol nicht laͤnger, denn den Sonnabend, Sontag und Montag waͤhren,
und damit ein Ende haben. Wein und Kraͤuter werden in Brautkammern, Wil-
kommenheiten, Kindelbier, Badſtuben und Hausbringungen ganz abgethan, aus-
genommen Sontags und Montags in der Koͤſte, und Sontags in den Kindel-
bieren zur Mittagsmalzeit, doch in ziemlicher und nicht uͤberfluͤßiger Maſſe. Auf
Manntagen, Handlungen und Zuſammenkuͤnften des Adels ſind Wein und
Kraͤuter voͤllig zu meiden. Die Witwe, ſo ſich ohne Wiſſen der Freundſchaft
mit einem ſchlechten Geſellen verehliget, die Ehefrau, die auſſer ihren Stande
ſich unehrlicher Weiſe verſiehet, ſollen aller ihrer fraͤulichen Gerechtigkeit entbeh-
ren, welche ſo dann an die naͤchſten Freunde erblich verfaͤlt. Wenn ein wohlge-
borner Knecht eine Jungfrau mit geliebten oder behenden Worten an Ehren
ſchwaͤchet und zu Fal bringet, ſol er ſich mit ihr echtigen laſſen. Wenn Bauren
ſich tod ſchlagen, wird der Thaͤter am Halſe gericht, und wer dem Thaͤter beiſte-
het, ſol auch am Halſe brechen. Entfuͤhrt ein Bauer eine Dirne ohne der Freun-
de Wiſſen, den richtet man am Hals. Der Bauer, welcher Gewehr bey ſich
traͤgt ohne Zeichen der Herrſchaft, verlieret daſſelbe. Ledige unbeſeſſene Bauer-
knechte ſollen keinen Acker haben, ſondern um Lohn ſich auf ein Jahr vermiethen,
verlaufen ſie, ſo fallen ſie in gebuͤhrliche Strafe. Weil die Muͤnchskloͤſter zur
Unterweiſung der Undeutſchen, und die Jungfernkloͤſter fuͤr adeliche Toͤchter zur
Erler-
[211]Erzb. Wilhelm. zur Zeit der Regiegung Herman v. Bruͤggeney.
Erlernung der Gottesfurcht, Kuͤnſte und guten Sitten nicht entbehret werden1545
koͤnnen, ſo bleiben ſie in Schutz der Obrigkeit, nur daß alle Unordnung, alles
Ein- und Auslaufen abgeſchaft ſey, und die Freunde nicht, wie bisher, ſelbige
ausnehmen, ſondern daß ſie von den Conventsguͤtern ziemlich und nothduͤrftig er-
halten werden. Alle adliche Jungfrauen enthalten ſich andern zum Exempel alles
Affens (Apens) ſonderlich im Tanzen; die gemeinen Diener zumal enthalten ſich
des unhoͤflichen Scherzens und Handgeberden mit denſelben, laſſen das Affen
nach, und erzeigen ſich ihrem Stande gleichmaͤßig. Niemand ſpannet des andern
Diener ab, und nimt ſie ohne Pasbrief auf. Die Ritterſchaft des Erzſtifts Ri-
ga appelliret von einem Manntage bis zum andern an die hohe Obrigkeit; die in
den uͤbrigen Stiften halten es mit der Apellation nach dem alten. Die in Harrien
und Wirland richten ſich nach ihren koͤniglichen Privilegien. Die 2 oder 3 mal
in ein Pfand verſiegeln, ſind Ehrenlos. Wer unleidliche Schmaͤhworte braucht,
wird nach kaiſerlichen und Landsrechten geſtrafet. Wer Waldener iſt, und mit
dem Rechte der Landesobrigkeit ſich nicht begnuͤget, faͤlt in Strafe des Rechts.
Solten Frau, Soͤhne, Toͤchter, Knechte, Geſinde und Nachkommen gegen
dieſe Geſetze freveln, ſo iſt ihnen eine Poen von 200 rheiniſchen Guͤlden ange-
ſetzt. Unterzeichnet haben aus dem Erzſtift Riga Juͤrg Kruͤdner zu Roſen-
beck, Juͤrg. von Roſen zu Nabbe, Goͤddert von Theilen zu Treiden
und Kokenhauſen Stiftsvogt, Joh. von Roſen zu Hochroſen, Jac. von
der Pahle, Didr. von Roſen. Aus dem Stift Doͤrpt. Johan Wran-
gel zu Regel und Rogel, Pet. Stakelberg, Heinrich und Fabian von
Tiſenhauſen Raͤthe, Juͤrgen Kurſel, Joh. Meks und Elerd Kruſe.
Aus dem Stift Oeſel Otto Uxkuͤl zu Vickel, Wolm. von Treiden, Joh.
Farensbeke, Didr. Brakel, Claus Uxkuͤl, Claus von Ungern. Aus
Harrien, Johan Taube zu Mart, Lorentz Ferſen, Johann Bre-
men, Ebert Duͤcker. Aus Wirland Jacob von Loͤwenwolde, Thu-
we von Bremen, Otto Gilſen, Arend von Aſſeri. Aus dem Stifte
Curland Otto von Sacken. Etliche Junker und gute Maͤnner aus Jer-
wen, Curland, aus allen Gebietern und aus den Lehnrechten in Volmacht der
gemeinen Ritterſchaft: Johan von Bockhorſt, Lorentz Schungel, Pe-
ter Robel, Wolt. von Plettenberg, Philip von der Bruͤggen, Juͤrg.
von dem Velde, Johan Wrangel von Wedema, Joh. Firx, und Gerd
Doenhoff.
Bruͤggeney fand bey den ſchweren Regimentsſorgen und ſeiner Schwach-
heit fuͤr rathſam, einen Coadiutor anzunehmen, zu welchem Amte denn Johan
von der Recke erkohren ward. Die Stadt Riga verſtand ſich auch zu deſſen Huldi-
gung, woruͤber zu Neuermuͤhlen Sontags nach Luciaͤ ein Vergleich errichtet1546
wurde, wie es dabey gehalten werden ſolte. Sie hielt es zugleich fuͤr gefaͤhr-
lich, dem Orden allein zu huldigen; weswegen ſie den Erzbiſchof den 16 Jahre
lang verweigerten Eid gutwillig anbot. Es ſchien dabey ihre Abſicht zu ſeyn, ei-
ner von beiden Parteien durch ihren Beitrit das Uebergewicht zu geben, oder we-
nigſtens das Gleichgewichte unter ihnen zu erhalten, und ſolchergeſtalt zwiſchen
beiden Eiferſucht zu erwecken und von einer jeden das zu erlangen, was ihrer Si-
cherheit zutraͤglich ſeyn konte. Hierzu kam der almaͤlig eingegangene ſchmalkal-
diſche Bund; weswegen die Stadt von Seiten des Erzbiſchofs nicht nur Ver-
drus beſorgte, ſondern auch bald die Wirkungen davon erfuhr; und die erzbiſchoͤ-
fliche Titulation eines Marrggrafen zu Brandenburg, zu Stettin, Pom-
mern, der Caſſuben, und Wenden Herzogs, Burggrafens zu Nuͤrnberg und
Fuͤrſten zu Ruͤgen, wie ſich Wilhelm zu ſchreiben pflegte, hatte einen gar zu lan-
gen und gehaͤßigen Klang. Auſſer dem hatte ſich ſchon der Erzbiſchof, die Biſchoͤfe
und der Ordensmeiſter nebſt ſeinen Comturen am 28ſten Jul. zu Wolmer aufs
beſte erklaͤret, den uͤbrigen Staͤnden zum Verdrus keinen Befehl auszuwirken,
die von der Art bereits vorhandenen zu vernichten, und blos bey der Kleiderbulle
G g g 2und
[212]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1546und dem lemſelſchen Vergleich zu bleiben, ein ander gemeinſchaftlich gegen den
Feind zu beſchirmen, und keinen Coadiutor auſſer Landes von Macht und Anſe-
hen und fuͤrſtlichem Stande einzuverſchreiben; welcher letztere Punkt in allen Land-
tagen verſchrieben, aber auch am wenigſten gehalten wurde.
Am Freitag nach Pauli Bekehrung gab der neue Coadiutor der Stadt Ri-
ga vor ſeinem Einzuge in dieſelbe zu Neuermuͤhlen mit den feierlichſten Verbin-
dungen die ſchriftliche Verſicherung, die Stadt bey dem allein ſeligmachenden
Worte GOttes und dem Evangelio, nebſt den Ceremonien ihres chriſtlichen Got-
tesdienſtes und allen Privilegien, zu ſchuͤtzen, die Klagen wegen des Thorſchlieſſens
abzuſtellen, und die alte Gerichtbarkeit des Raths gegen das unzeitige Appelliren
zu handhaben. Der Erzbiſchof ſtellete ſchon am Freitage nach Mariaͤ Reinigung
eine gleiche Verſicherung von ſich, daß die Stadt ihm gutwillig den Eid geleiſtet,
daher er alles wie der Herr Meiſter zu halten angelobet, und die jetzige reine Re-
ligion der Stadt mit ſeinem groͤſſern Jnſiegel beſtaͤtiget. Der Ordensmeiſter
Bruͤggeney, ſein Coadiutor Recke, und der Erzbiſchof Wilhelm hielten hier-
auf den praͤchtigſten Einzug mit 2200 Pferden; die Stadt legte an den Coadiu-
tor Recke den Eid ab, und raͤumte die Haͤuſer der Domherren der Geiſtlichkeit
wieder ein, welche ſie doch nur auf eine kurze Zeit bezogen. Denn am Sontag
Exaudi entſtund durch Unvorſichtigkeit einer Buͤrgerstochter, die ihrem Vater
Klotwachs, oder Wachs im Klumpen ſchmelzen ſolte, aber dabey einen jungen
Geſellen zu ſprechen hatte, ein Feuer in der Vorburg. Die im Rauch haͤngenden
Speckſeiten flogen nach der Stadt zu, und eine davon zuͤndete den Thurm der
Domkirche an, und legte die herrlichſte Spitze an der Oſtſee in die Aſche *).
Von dem Thurme flog das Feuer in die Vorſtadt, wo die Korn und Flachsſpei-
cher drauf giengen, die Stiftsſtraſſe und Kaufmansgaſſe kam zum Theil mit in
Brand, und wenig Haͤuſer der Domherren wurden gerettet, wodurch dem Propſt
Matthias Unverfehrt der Vergleich mit der Stadt leichter wurde. Nach
Schmelzung der groſſen Glocken fiel ein Balken ins Kirchengewoͤlbe, der 6 Faden
tief in die Erde drang, wobey man dieſe Worte zeichnete: Den 21ſten May
1547 fiel dieſer Balken vom Thurm herunter.
Jn dieſem Jahr legten die Lieflaͤnder dem Czaar in Rußland wieder ei-
nen Stein des Anſtoſſes in den Weg. Dieſer in der Staatsoͤconomie erfahrne
Herr lies durch ſeinen Geſandten Hans Schlitte im roͤmiſchen Reiche an 300
Gelehrte und Kuͤnſtler mit Anweiſung anſehnlicher Beſoldungen fuͤr ſeine Laͤnder
aufſuchen. Aerzte und Weltweiſe, Papiermacher, Bergwerksverſtaͤndige,
Bauleute, Goldſchmiede, Glockengieſſer, Brunnenmeiſter und dergleichen wa-
ren in Deutſchland fertig, mit kaiſerlicher Erlaubnis nach Rußland zu gehen,
doch unter dem Vorbehalt, weder unter Tuͤrken noch Tartern dergleichen Kuͤn-
ſte einzufuͤhren, noch ſie zum Schaden der Deutſchen zu gebrauchen. Es ward
ſolches von dem roͤmiſchen Kaiſer deſto eher bewilliget, je mehr man ſich die
eitle Hofnung machte, es wuͤrde der Czaar und deſſelben Kronprinz zur lateini-
ſchen Kirche treten. Allein auf der andern Seite glaubten die Lieflaͤnder, daß
dieſe Maximen des rußiſchen Hofes fuͤr ihren Staat gar gefaͤhrlich ausfallen
koͤnten. Der Orden hatte auch wirklich ſo viel beim Kaiſer ausgewirkt, daß die-
ſem Schlitte mit ſeinen Leuten die Paͤſſe in Luͤbeck abgenommen und zuruͤck ge-
ſandt wurden, woruͤber man in Rußland nachdruͤckliche Beſchwerden fuͤhrete,
die aber kein Gehoͤr fanden. Die Kuͤnſtler ſelbſt nahmen den Heimweg, ohne
eine neue Erlaubnis vom Kaiſer abzuwarten, wiewol ſich auch viele nachher heim-
lich in Rußland hinein ſtahlen. Sal. Henning beſchreibet Schlittens Rei-
ſege-
[213]Erzb. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Herman v. Bruͤggeney.
ſegeſelſchaft noch anſehnlicher, und rechnet noch Leute, die im Waſſer ſuchen kon-1547
ten, Steinmetzen, Maͤnner die zierliche Kirchen bauen konten, Waffenſchmie-
de, Panzermacher, Rothgieſſer, Mahler, und Bildſchnitzer. Noch andre fuͤ-
gen Gottesgelehrte, Rechtsgelehrte und Staatsleute hinzu, welche die jungen
Ruſſen im Lateiniſchen, in Kirchenceremonien und guten Sitten unterweiſen ſolten,
wie auch etliche Jngenieurs, um an den tartariſchen Grenzen Veſtungen an-
zulegen. Der Kaiſer ſchrieb ſelbſt an den Herrn Meiſter, daß er dieſe Reiſende
bis auf weitern Beſcheid in Liefland auf halten moͤchte. Da der rußiſche Mo-
narch auf die Verbeſſerung ſeiner Laͤnder und die Ausbildung ſeiner Nation bedacht
war, hierdurch aber ſeine wohlgemeinten Abſichten ein uͤbles Anſehen gewannen;
ſo muſten ihn dieſe Hinderniſſe freilich in Zorn jagen, den er aber doch damals mit
vieler Klugheit und Maͤßigung zu verbeiſſen wuſte d).
Am 5ten Feiertage nach Martini gieng der rigiſche Superintendent und1548
Rector der Schule, Herr Magiſter Jacobus Battus mit Tode ab e).
Die Peſt, welche Liefland 5 Jahr hinter einander um ſeine Einwohner1549
brachte f), ergrif nun auch den Ordensmeiſter und machte ſeinem Leben nach ei-
ner 14 jaͤhrigen Regierung ein Ende. Er liegt in der Domkirche zu Wenden
begraben, alwo man auf ſeinem Grabmal folgendes lieſt: Anno 1549 man-
dach na Marie Lichtmeſſen iſt Herr Hermann von Bruggenei genant
Haſenkampf des ritt. d. o. Meiſter zu Liefland in Gott ſelliglich
vorſtorben, hat chriſtl. und wol regiert 14 Jahr.
Von ſo kurzer Dauer auch das Regiment dieſes Meiſters war, indem es
nur zwey Jahr waͤhrete, ſo beſas er doch Weisheit und Geſchicklich-
keit genug, die vorgenommene Vereinigung aller Staͤnde ruͤckgaͤngig
zu machen.
Der Churfuͤrſt zu Maynz fertigte als Erzkanzler des Reichs zu Maynz
dem Orden unterm 13ten Auguſt eine Schrift aus, in welchem Liefland auf
dem Reichstage zu Regenſpurg wegen ſteter Gefahr von den Ruſſen von dem
gemeinen Anſchlag und Abgaben ans Reich frey geſprochen wird. Jns Kam-
mergericht ſol der Meiſter zur Unterhaltung gemeinen Friedens jaͤhrlich 50 Fl. ge-
ben, ſeiner und ſeiner Lande Exemtion, Privilegien und Appellationsfreiheit un-
beſchadet.
Am Donnerſtage nach Judica erneuerte der Ordensmeiſter zu Vellin der
eſtlaͤndiſchen Ritterſchaft die derſelben ſchon ehmals ertheilte Befreiung von al-
ler Schatzung und Beſchwerde, auf welche ſie von ſeinem Vorfahren Schutzbrie-
fe erhalten. Diejenigen ſo uͤberfuͤhret werden, daß ſie wider das Beſte der Lan-
de gehandelt, verfallen in das Urtheil der Gebietiger zu Revel und Weſenberg,
und werden mit Zuziehung der Raͤthe und Ritterſchaft aufs hoͤchſte geſtraffet.
Am 31ſten Jenner, Nachmittags um 3 Uhr, erſchien der Secretarius der
Stadt Riga, Hr. Bernhard Bruel in Wolmer und wies die Vorſchrift
auf, mit welcher der daſige Rath ſeine Geſandten, den Rathsherrn Hinrich
Kinwitz, Hans Lembken aus der groſſen und Juͤrgen Zabel aus der klei-
nen Gilde auf die Vorladung des Erzbiſchofs nach Kokenhauſen abgefertiget:
Sie proteſtirten bey Jhro ehrwuͤrdigen Vaͤterlichkeit gegen den kirchholmiſchen
Vertrag, als der von Schickung GOttes des Almaͤchtigen und der Lande zu
Preuſſen kraftlos, machtlos und von keinem Werthe ſey, indem ſeine Vaͤter-
lichkeit wol wiſſe, daß ſie ſeit Anbegin der Stadt weder Biſchof noch Erzbiſchof
gehuldiget, ſondern allein dem Herrn Meiſter den Eid gethan. Hieruͤber fertig-
ten Jochim Werneke und Joh. Topf, der Staͤdte Doͤrpt und Revel Se-
cretarien, ein eigen Jnſtrument aus. Der Erzbiſchof hat hierauf der Stadt die
Domkirche bis zu einem algemeinen Concilio zugeſtanden, dafuͤr ſie 3 Jahr nach
einander jedes Jahr 6000 Mark zahlte, den Thaler zu drey und einer halben Mark
gerechnet. Die Streitigkeiten der Stadt mit der Aebtißin des St. Magdale-
nenkloſters, Alheit Wrangelb), und dem Convent des Kloſters zu Riga wur-
den
[215]Erzb. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Joh. von der Recke.
den Donnerſtags nach Bartholomaͤi auch geſchlichtet. Die blumenthalſche1551
Grenze gab zu dieſem Lerm Anlas, wobey der Vogt zu Bauskenburg Joſt
Wolrave, der Hauscomtur zu Riga Georg Sieberg zu Wiſchlingen,
der zu Duͤnemuͤnde Georg von Brabeck, Otto Klokmann, Thomas
Grothaus, und Matthias Huroder, von dem Herrmeiſter zu Commiſſa-
rien ernennet waren.
Nach ſeinem Tode zu Vellin folgte
Unter dieſem Meiſter ſuchten die roͤmiſch kaiſerlichen Commiſſa-
rien die Sache des Erzbiſchofs beizulegen. Es wurden auch von
den in Vorſchlag gebrachten Artickeln achte bewilliget, aber
nicht lange gehalten.
Am 13ten Jenner verlangten des Herrn Meiſters Gevolmaͤch-1552
tigte, der Comtur zu Revel Rolof Genſerad, der rigiſche Hauscomtur Didr.
von der Steinkuhle, Joh. Wrangel von Wedema, Helmet Anrep; Joh.
Viſcher und Simon Grasmann, ſeine Secretarien, von der Ritterſchaft
und der Stadt Revel die Huldigung, zeigten auch die Formalien des vorgeſchrie-
benen Eides vor, und entſchuldigten ihren Principal, daß er ſich ſelbſt nicht ein-
finden koͤnne, weil er ſich gegen die Feinde ruͤſte, und eine Geſandſchaft aus Poh-
len abwarte. Da die Stadt ſich uͤber das Auſſenbleiben des Meiſters beſchwerte,
wurden ihr Reverſalien ausgeſtelt, daß es wegen des Kuͤnftigen von keinen Folgen
ſeyn ſolte.
Mitlerweile lies der Herr Meiſter durch ſeinen Gewalttraͤger Franz von
Stiten dem roͤmiſchen Kaiſer den Lehnseid ablegen, wogegen er zu Jnſpruck
an 22ſten Jenner die Regalien, Weltlichkeit und Lehn uͤber alle Lande in Lief-
land, Eſtland, Harrien, Wirland, Allentaken, Jerwen, Oeſel,
Dagdoͤ, Mohn, Wyck, Sochale, Waigel, Revel und Curland, ſamt ihren
Zubehoͤrungen, Landen, Staͤdten, Schloͤſſern, Maͤrkten, Doͤrfern, Guͤtern,
Ritterſchaften, Manſchaften, Herrſchaften, Lehnſchaften, geiſtlichen und welt-
lichen, mit allen Erzbergwerken, Fiſchereien, Wildbahnen, Waſſern, Weiden,
H h h 2Wacken-
b)
[216]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1552Wackengelde, Bruͤckenzoll, hohen Gerichten, Gerichtszwange, alles nach Art
ſeiner Vorfahren, bey Strafe 50 Mark Goldes fuͤr den, ſo ihm dieſes beeintraͤch-
tiget, beſtaͤtiget erhielt.
Die Stadt Luͤbeck ſuchte die alten Commercientractate mit Revel zu erneu-
ren, und ſchickte zu dem Ende 2 von ihren Rathsherren, D. Herman Volcken
und Albrecht Kleinen, wie auch 2 Buͤrger Hans von Renteln und Hans
Grentzen dahin ab, die aber in Revel wenig ausrichteten. Bey der andern
Botſchaft befanden ſich Herman Ploͤnnies und Gottſchalck von Wykeden,
bey der dritten Herman Boytyn, der nachher nach Rußland gieng. Hier-
durch entſtand eine ziemliche Kaltſinnigkeit, die Handlung zu Jvanogrod nahm
zu, dabey aber muſten die Luͤbecker ſich aus Uebereilung nachſagen laſſen, daß
ſie zum Untergange der Provinz Liefland vieles beigetragen.
Der Erzbiſchof Marggraf Wilhelm fand der Schwaͤche des Landes und
ſeines Alters halber fuͤr noͤthig, einen Coadiutor anzunehmen, und brachte des-
halb Herzog Chriſtophern von Mecklenburg in Vorſchlag, in Hofnung, der
Koͤnig von Pohlen Siegm. Auguſt, ſeiner Mutter Bruder, wuͤrde ſolches durch
hohe Vermittelung am bequemſten durchtreiben. Allein dieſe wohlgemeinte Ab-
ſicht machte die ſchwuͤrigen Gemuͤther noch empfindlicher, weil der ganze Anſchlag
gegen die wolmerſchen Receſſe lief. Der Ordensmeiſter trat alſo mit den geiſt-
lichen und weltlichen Staͤnden von Liefland zuſammen, und ſandte ſeine Gevol-
maͤchtigten, den Ordensverwandten Joh. Hoywen und ſeinen Kanzler Chri-
ſtoph Boͤdekern auf den Reichstag nach Ulm, denen ihre Volmacht zu Wen-
den am Montage nach Laurentii ausgefertiget wurde. Unter allen gab ſich der
Biſchof Herman von Doͤrpt die meiſte Muͤhe, den Kaiſer und das Reich in
die lieflaͤndiſchen Vortheile zu ziehen. Zu dem Ende fertigte er ſeinen Stifts-
kanzler und Geſandten Herrn Georg Holtzſchuherb), einen edlen Francken,
nach Bruͤſſel an Carl den Vten ab, welcher die triftigſten Vorſtellungen that, aber
auch voraus ſahe, wo es bey der Kaltſinnigkeit des Kaiſers hinaus wolte. Der
Kaiſer entſchuldigte ſich mit der Macht der Tuͤrken, daher er allein nicht im
Stande ſey Liefland zu ſchuͤtzen. Der groͤſte Troſt, welchen Carl den lieflaͤn-
diſchen Geſandten ertheilte, beſtand in 3 Briefen, an welche die kaiſerliche guͤl-
dene Bulle gehaͤnget war. Jn dem erſten beſtaͤtiget der Kaiſer die doͤrptiſchen
Privilegien fuͤr die Stadt und das Stift, in dem andern verbietet er die Einfuͤh-
rung des Metals, der Panzer und der Kriegesruͤſtungen in Rußland, in dem
dritten empfielt er die Lieflaͤnder dem Koͤnig in Schweden in ſeinen beſondern
Schutz. Dieſe Briefe ſind zu Bruͤſſel vom 27ſten Jun. unterzeichnet.
Am Sontage Exaudi kam auf dem Dom zu Revel bey einem Fleiſcher,1553
welcher am Sontage Bier braute, Feuer aus, wodurch die meiſten Haͤuſer des
Doms, und viele in der Stadt bis in die Staveſtraſſe verzehret, und der
Hochzeitſchmaus auf der groſſen Gildenſtube manchem verſalzen wurde.
Jn dieſem Jahr ſandten die Staͤnde eine Geſandſchaft nach Moskau, den
Frieden mit dieſer Krone zu verlaͤngern. Allein ſie kam unverrichteter Sache wie-
der zuruͤck, weil ſie wegen des Zinſes des chriſtlichen Glaubens keine Verhal-
tungsbefehle gehabt.
Auf dem Landtage zu Wolmer erwehlten die Staͤnde am 6ten Jenner den1554
jungen Gotthard Kettler fuͤr ſeine dem Orden oft mit Lebensgefahr geleiſteten
Dienſte zum Comtur zu Duͤneburg, wozu ihm der ehmalige Comtur zu Vellin,
Henrich von Thulen, der zu Tarvaſt ſein Alter in Ruhe zubringen wolte,
ſeinen ganzen Staat an Meublen, Geſchmeide und Pferden verehrte, damit der
Empfang der pohlniſchen Geſandtſchaft dadurch praͤchtiger und die ſtarke Aus-
gabe fuͤr die freie Zehrung ſo anſehnlicher Durchreiſenden, weil Duͤneburg das
Grenzſchlos gegen Litthauen war, einiger maſſen erſetzet wuͤrde. Auch dieſer
Umſtand fiel gleich dem Orden verdaͤchtig, indem man den Ueberlauf der Pohlen
nicht noch mehr befoͤrdern wolte, als deren Koͤnig, Sigism. Auguſtus, den
Herzog Chriſtoph von Mecklenburg durch ſeinen Geſandten Caſper Lonski
nachdruͤcklich und mit allen Rednerkuͤnſten zum Coadiutor des Erzbiſtums empfe-
len lies.
Am 17ten Jenner faſten der Erzbiſchof, die Biſchoͤfe und der Ordensmeiſter
von Liefland zu Wolmer einen Schlus ab, worin feſt geſetzt ward, daß man der
Religion bis zur Eroͤrterung eines algemeinen Concilii freien Lauf laſſen, keine
Prediger und Seelſorger ohne rechtmaͤßigen Beruf und Zeugnis von ihrer Lehre und
Leben annehmen, die unehlichen Beiwohnungen unter den Bauren mit Ernſt ab-
ſchaffen; in keine bis ins 4te Glied verbotene Grade des Gebluͤts heirathen, und
keine neue Stroͤme und Hafen verſtatten wolte. Wegen der Muͤnzen wird ein
geſchworner Wardein beſtellet, der nur halbe Marke, ganze Ferdinge und das
Drittheil an Schillingen und Pfennigen praͤgen laͤſt. Jeder Kaufman mus den
6ten Theil ſeines Silbers auf die Muͤnze liefern. Aller Aufwechſel mit kleinem Gol-
de iſt verboten. Den Botſchaftern nach Rußland ward Volmacht ertheilet,
einen Frieden auf 30 Jahr beim Czaar zu ſuchen, nur daß ſie wegen der Zufuhr
der verbotenen Waaren nichts nachgeben, in keine Paͤſſe fuͤr die Auslaͤnder und
fuͤr die fremde Kriegsruͤſtung willigen, und daß der Ruſſe ſeine Waaren verlie-
re, wenn er ſie von den Lieflaͤndern kaufe, dafuͤr dieſe hoch geſtrafet werden
muͤſten. Lauter Verhaltungsbefehle, die zur Verlaͤngerung des Friedens ſehr zu-
traͤglich geweſen ſeyn wuͤrden, wenn nicht der Czaar, alles puͤnktlich bey dem Alten
zu laſſen, ernſtlich verlanget haͤtte.
Jn der Faſtenzeit giengen alſo die Geſandten ab, nemlich Joh. von Bock-
horſt, Otto Grothuſen, Benedict Foͤrſtenaw, und der Dolmetſcher
Melchior Grothuſen von Seiten des Erzbiſchofs und Herrn Meiſters. Der
Biſchof von Doͤrpt ſandte Wolmer Wrangeln, Didrich Kawern, und
Blaſius Becke, die nichts weiter als einen Stilſtand auf 15 Jahr erlangten,
und innerhalb 3 Jahren ſich mit der Zinſemuͤnze einfinden ſolten c).
Ein Jahr vor Schlieſſung dieſes Friedens ſuchte der Ordensmeiſter durch
eine abgefertigte Geſandſchaft den Koͤnig Guſtav den erſten in Schweden
zur Allianz zu bewegen, der auch mit den Ruſſen gebrochen hatte, und von ſelbi-
gem Feinde in Carelen ziemlich beunruhiget wurde. Nunmehro, da die Schwe-
den dem Orden anſehnliche Anerbietungen thaten, und von den Lieflaͤndern
unterſtuͤtzt ſeyn wolten, gab Hinrich von Galen dem jerwiſchen Vogte,
Berndt von Smerten, Wolthern von Plettenberg und Rembert Wils-
heimen, beider Rechte Doctorn, als neuen Geſandten die Volmacht, den Koͤnig
in Schweden dienſtfreundlich und nachbarlich zu begruͤſſen, und den Orden zu
entſchuldigen, daß er nicht helfen koͤnne, weil er mit den Ruſſen einen hoͤchſtbe-
ſchwerlichen Frieden eingehen muͤſſen. Er beſorge ſich eines Krieges, weil nach
3 Jahren kein Zins einkommen werde, und getroͤſte ſich der koͤnigl. Huͤlfe. We-
gen des Einfals in Carelen bezeugen ſie ihr herzliches Mitleiden, verſtatten auch
dem Koͤnige, in Liefland auf eigne Koſten Reuter und Knechte werben zu laſſen,
ſo viel ohne ſonderliche Entbloͤſſung des Landes moͤglich ſey. Er verſpricht ſeine
Vermittelung, wenn der Koͤnig mit andern chriſtlichen Potentaten zerfallen ſolte,
und verſichert ihn freundlicher, wahrer, treuer Nachbarſchaft. Dieſe Volmacht
iſt unterzeichnet zu Wenden, am Margarethen Abend. Die ganze Handlung
ſchrieb man ſich in Schweden hinters Ohr, und man ſahe wohl, daß der Or-
densmeiſter mehr Luſt hatte mit eingebildeten nahen Feinden zu fechten, die auch
am leichteſten zu bezwingen waren. Hierzu gab der Einzug des neuen Coadiutors
Chriſtophs, Herzogs zu Mecklenburg, eine neue Gelegenheit, welcher im
Sommer zu Kokenhauſen ankam und am 25ſten Nov. in Riga unter groſſem
Gepraͤnge des ſtiftiſchen Adels einritte.
Jn der Faſtenzeit nahm der duͤnemuͤndiſche Comtur, Gotth. Kettler, laut
des wendiſchen Herrentages ſeinen Weg durch Litthauen, Pohlen, Schle-
ſien und Sachſen auf Luͤbeck, deutſche Soldaten ins Land zu ſchaffen. Er
gerieth deshalb zu Brieg und Breßlau in einige Ungelegenheit, half ſich aber doch
durch ſeine Behendigkeit los, er brachte 4 volſtaͤndige Compagnien d) auf die Bei-
ne, die im Fruͤhjahr von Travemuͤnde aus unter Segel giengen, und in Riga
durch den jerwiſchen Vogt Bernhard von Smerten gemuſtert wurden.
Das bevorſtehende Ungluͤck hatte einen Cometen zum Vorboten, welcher ſeine
Stralen wie ein langer Beſen von ſich ſtreuete. Er gieng mit Anfang des Merz-
monats in dem der Sonne gegenuͤber ſtehenden Zeichen der Jungfrau auf, nahe
bey
c)
[219]Erzb. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Hinrichs von Galen.
bey dem Stern von der dritten Groͤſſe ihres Fluͤgels. Von da eilte er nach den1556
Arcturus, dem Cepheus, der Andromeda, naͤherte ſich dem Nordpol,
und beugte von da nach den Widder, worauf er im April mit dem Saturn,
Mars, der Venus und Sonne zuſammen kam, ſich noch einige Zeit vor der
Sonnen Aufgang ſehen lies, und kurz darauf verſchwand e).
Mitlerweile wurden des Erzbiſchofs mit Ziffern und Caracteren geſchriebene
Briefe an ſeinen Bruder, Herzog Albrecht zu Preuſſen, in welchen er denſel-
ben um Huͤlfstruppen erſuchet, und ihnen die Haͤfen Duͤnemuͤnde, Pernaw und
Salis zur Landung der Voͤlker angewieſen hatte, in Curland aufgefangen. Da ein
Ordensſecretarius dieſes Geheimnis wolte entdeckt haben; ſo wurde ſogleich uͤberal Lerm
geblaſen, der Erzbiſchof von den Staͤnden fuͤr einen Feind des Landes erklaͤret, und
ihm von der Stadt der Eid aufgekuͤndiget, woruͤber Galen am 8ten Jun. zu
Wenden eiren Revers ausſtellete. Dieſer nahm indeſſen zur Ausfuͤhrung ſeines
Unternehmens den Comtur zu Vellin, Wilhelm von Fuͤrſtenberg zum Coad-
iutor in dem Meiſteramte. Der Landmarſchal Caſpar von Muͤnſter, welcher
ordentlicher Weiſe die naͤchſte Anwartſchaft darauf hatte, proteſtirte gegen dieſe Wahl,
und ſetzte an Fuͤrſtenbergen aus, daß er ſich mit den Pohlen nicht vertragen
koͤnne, wie er denn ſchon als Comtur des Grenzſchloſſes Duͤneburg ſich zu ver-
ſchiedenen Malen mit dieſen Nachbarn uͤberworfen haͤtte. Daher rieth er, man
moͤchte lieber Gotthard Kettlern annehmen; welcher Meinung auch bald meh-
rere von den Mitgebietigern beipflichteten. Und dieſer Rath waͤre fuͤr Liefland
damals freilich der beſte geweſen.
Um aber doch ſeinen Willen zu haben, und dem Ordensmeiſter einen Poſſen
zu ſpielen, ſo ruͤckte der Landmarſchal Muͤnſter mit ſeinen Hofleuten in Sege-
wolde vor das Schlos Dunemuͤnde, und als der daſige Comtur Juͤrgen
von Brabeck auf geheimen Befehl des Ordensmeiſters Feuer zu geben drohete,
wandte er ſich nach Aſcherade. Hier wolte ihn auch niemand einlaſſen, wes-
halb er ſich denn zu der erzbiſchoͤflichen Partey ſchlug, und nach Kokenhauſen
gieng. Nun wolte ihn zwar der Orden als einen oͤffentlichen Feind ausgeliefert
wiſſen; allein der Erzbiſchof erwies den zu Lemſel verſamleten Stiftsraͤthen die
Rechtmaͤßigkeit ſeiner Beſchuͤtzung, und ſchickte den Landmarſchal Muͤnſter als
ſeinen Geſandten nach Preuſſen. Hier gab man ihm Schuld, daß er daſelbſt
wichtige Haͤndel angeſponnen, die das gemeine Geſchrey in Liefland noch groͤſſer
machte, ob er gleich in der That nur aus einer perſoͤnlichen Rache gegen die Or-
densgebietiger, die ihn in der Wahl uͤbergangen, die Vortheile des Erzbiſchofs et-
was zu hitzig verfochte, aber ſchlechten Dank dafuͤr erlangte f).
Runmehro gieng alles nach den hitzigen Anſchlaͤgen des Coadiutors Fuͤr-
ſtenbergs. Der roſitenſche Vogt, Herr Werner Schall von Bell, ward
mit einigen Voͤlkern nach dem Hofe Setzen befehligt, die Malve zu halten und
dem Erzbiſchof den Briefwechſel nach Pohlen und Preuſſen zu ſperren. Der
pohlniſche Geſandte, Caſpar Lonsky, reiſete eben dieſelbe Straſſe, wurde aber
in Ermangelung eines herrmeiſterlichen Paſſes zuruͤck gewieſen. Stanislaus
Vodt gab ihm den Rath, ſich heimlich durchzuſchleichen. Man ſetzte ihm aber
nach, beraubte ſein ganzes Gefolge, und verwundete den koͤniglichen Geſandten
ſelbſt ſo gefaͤhrlich, daß er den dritten Tag davon ſtarb. Dieſe Beleidigung em-
pfand der Koͤnig hoͤher, als die Haͤndel wider den Erzbiſchof ſelbſt.
Am 16ten Junii ſchickten die Biſchoͤfe von Doͤrpt, Oeſel und Curland,
der Ordensmeiſter, und die Stadt Riga dem Erzbiſchof das Manifeſt von dem
groſſen kokenhauſiſchen Kriege zu, deſſen Ueberbringer von dem Erzbiſchof ein
Geſchenk erhielten. Was dieſelben dabey am meiſten befremdete, war die Ueber-
eilung der Rigiſchen. Denn man hatte der Buͤrgerſchaft eingebildet, daß ſchon
wirklich 10000 Preuſſen durch Curland nach Riga auf dem Wege waͤren,
und etliche Kriegsſchiffe den Hafen von Revel geſperret hielten. Der Erzbiſchof
wolte ſeinem Herrn Bruder davon Kundſchaft geben; allein ſein Abgeordneter,
Georg Taube von Lemſel, ward an der Muͤndung des Salisſtroms da er eben
ins Boot ſteigen wolte, am 18ten Junii erſchoſſen. Der ſegewoldiſche Com-
tur nahm dem Erzbiſchof Cremone weg, und die Herrmeiſterlichen verbranten
Ronneburg, welches ſich am 21ſten Jun. ergab. Der alte Galen hatte Fuͤr-
ſtenbergen ſchon zu viele Freiheit gelaſſen, der daher bey allen Erinnerungen ſei-
nes Vormannes nicht zu regieren war g).
Fuͤrſtenberg ruͤckte am 28ſten Junii vor Kokenhauſen, wo ſich die Ri-1556
giſchen den Tag darauf mit einfanden. Der Coadiutor Chriſtoph von Meck-
lenburg, welcher mit bey dem Erzbiſchof war, lies ſich gleich zu den alten Galen
nach Wenden bringen, der ihn auch mit etlichen Pferden einholete, und ihm bey
ſeiner Fortbringung nach dem Schloſſe Treyden etliche Hengſte und verguͤldete
Pferdedecken verehrte, in welchem Arreſt der Coadiutor doch Erlaubnis hatte, ſich
durch eigene Boten die Vermittelung des Koͤnigs in Pohlen und der Herzoge
von Preuſſen und Mecklenburg auszubitten. Der Erzbiſchof ergab ſich am
30ſten Junii an Fuͤrſtenberg, und uͤberlieferte ihm zugleich die Schluͤſſel zu
ſeiner Reſidenz, worauf er mit 100 Pferden nach Smilten und von da nach
Azel gefuͤhret wurde, wo man eben nicht gar zu freundlich mit ihm umgieng; in-
dem der marienburgiſche Comtur Philip Schall von Bell beſchuldiget
ward, daß er die zum erzbiſchoͤflichen Unterhalt ausgeſetzten Gelder in ſeinen Beutel
geſtrichen und ſeinen hohen Gefangenen Noth leiden laſſen. Doch konten beide
Gefangene zur Luſt ſpatziren, wohin ſie wolten. Auf eingelaufene Nachricht von
der Gefangenſchaft des Coadiutors, ſchickte der Koͤnig von Pohlen einen neuen
Geſandten, ſich zu erkundigen, ob Chriſtoph lebendig oder tod waͤre. Er
hatte aber bey ſeinem Gehoͤr ſo viele Zugeordnete bey ſich, die auf alle ſeine Reden
genau Acht geben muſten, daß er ſeines Principalen Troſt weder dem Herzoge
noch dem gefangenen Erzbiſchof, den er ebenfals beſuchte, oͤffentlich ertheilen
konte. Den Lieflaͤndern ſelbſt war bey dieſer Unruhe nicht wohl zu Muthe.
Sie erſuchten Coͤlln, Juͤlich und Muͤnſter, als Reichsſtaͤnde, die Staͤdte
Luͤbeck, Hamburg, Luͤneburg, Bremen und andre, der Handlung zum
beſten die Freiheit des Landes zu ſchuͤtzen. Der ganze Beiſtand der Gefangenen
beſtund in Abfertigung etlicher Geſandten, die ſich theils keine uͤberfluͤßige Muͤhe
gaben, theils mit etlichen |leichten Troͤſtungen vorlieb nahmen. Des Hochdeutſch-
meiſters Abgeordnete, Hans Wilhelm Nothoff, Comtur zu Mergentheim,
und ein Herr von Bevern nahmen ſchon in Luͤbeck ihren Ruͤckweg, wo ſie von
den daſelbſt ſich aufhaltenden Comturen von Duͤneburg und Riga, Gott-
hard Kettlern und Georg Sieborgen, zu Wiſchlingen die noͤthige Beleh-
rung und gute Nachricht empfiengen. Die pommerſchen Geſandten, nemlich
der blumenthaliſche Comtur D. Matthias Boes und Joh. Wulf erhiel-
ten nach dem am 21ſten Auguſt beim Erzbiſchof erlangten Gehoͤr von dem Herrn
Meiſter ſo viel, daß er die vorgeſchlagene Vermittelung des Koͤnigs in Daͤnne-
mark, des Churfuͤrſten zu Brandenburg, der pommerſchen und juͤlichſchen
Herzoge, und der Stadt Luͤbeck genehmigte. Die daͤniſchen Geſandten und
Ritter, Otto Krump, Johan Ochſe, Elert Krabbe und D. Johan
Strubbe wirkten endlich ſo viel aus, daß das Erzbiſtum den Biſchoͤfen zu
Doͤrpt und Oeſel in ſo ferne zum Sequeſter uͤbertragen wurde, wenn der Koͤ-
nig in Pohlen, und der Herzog in Preuſſen damit zufrieden waͤren h).
Die ernſtlichen Kriegesanſtalten, womit die Pohlen Liefland bedrohe-
ten, verurſachten zuletzt ſo viel, daß der alte Galen an einem Vergleich mit dem
Erzbiſchof und deſſen Coadiutor arbeiten lies. Er ſtelte am 12ten Febr. zu Wen-
den, den eingezogenen Capitelsherren Johan von der Palen, auf Fuͤrbitte des
Koͤnigs in Daͤnnemark, auf freien Fus, unter der Bedingung, daß der entle-
digte nichts gegen das Land handeln oder ſchreiben ſolte. Es kam auch am 10ten
Merz mit allen intereßirten Parteien zu Unterhandlungen, in welchen die Befrei-
ung des Marggrafen und Herzogs die Hauptmaterie war, die in den Beſitz der
erzſtiftiſchen Guͤter wieder eingeſetzet werden ſolten. Die Stadt verſprach dem
Herzog Chriſtoph zu huldigen; doch wurde alles ans deutſche Reich zur Eroͤr-
terung verwieſen. Allein dieſer Richter ſchien dem Koͤnige von Pohlen ein wenig
zu entlegen zu ſeyn; daher er ſich in der Zuruͤſtung gegen die Lieflaͤnder nicht
aufhalten lies, obgleich die daͤniſchen Geſandten die Einſtellung dieſes Feldzuges
zu bewirken ſich viele Muͤhe gaben.
Der alte Ordensmeiſter, welcher ſich ſchon vorher aus dieſen Haͤndeln aus-
gewickelt, fand nicht vor gut die Ankunft des Koͤnigs von Pohlen abzuwarten;
ſondern ſtarb am 3ten May, und hinterlies ſeine Wuͤrde dem vorher dazu erſehenen
Coadiutor i).
Ein Herr, der in allen ſeinen Unternehmungen Unerſchrockenheit und1557
Herzhaftigkeit bewies, aber dabey zu haͤrtern Mitteln ſchritte, als
die damaligen kuͤtzlichen Zeiten erlaubten. Die Stadt huldigte
ihm zu Neuermuͤhlen, Mitwochs nach Bartholomaͤi.
Nachdem Sigismund Auguſt den zu Wolmer getroffe-
nen Vergleich zu ſeichte befunden, und ihn nicht fuͤr guͤltig erklaͤren wollen; ſo
K k k 2ſchlu-
[224]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1557ſchlugen ſich der Kaiſer, das Reich, und die Herzoge Barnim und Philip von
Stettin und Pommern ins Mittel, und trafen durch ihre Bevolmaͤchtigten
Wetzlaff Michaelowitz von Neuenſchloß, Valentin Saurmann zur
Fels, wie auch D. Lorentz Otto und Henning von Wolde zu Laſen am
12ten Julii zu Wolmer einen neuen Vergleich, worin der erſtere zum Grunde
geleget, die Kriegeskoſten gegen einander aufgehoben, der Herr Meiſter fuͤr un-
ſchuldig an dieſem Kriege erkant, den erzbiſchoͤflichen Unterthanen, die ſich in
Schutz des Herrn Meiſters begeben, Vergebung ertheilet, dem Coadiutor Chri-
ſtoph wegen ſeines minderjaͤhrigen Alters zwey Raͤthe aus dem Capitel und zwey
aus der Ritterſchaft des Erzſtifts zugeordnet, und alle beſtrickte und verbuͤrgte
Perſonen los gegeben werden. Weil auch hier manches dem Koͤnig nicht anſtand,
zumal da der Herr Meiſter die Huldigung der Stadt an den Erzbiſchof noch durch
Proceſſe verzoͤgern, und den Ausgewichenen keine Amneſtie zuſtehen wolte, womit
auf den Landmarſchal gedeutet wurde; ſo lief die Unterhandlung gleichfals frucht-
los ab.
Am 23ſten Auguſt ſchickte die Stadt ihre Botſchaft nach Neuermuͤhlen,
die mit dem Ordensmeiſter die noͤthige Abrede wegen der Huldigung nahm. Am
24ſten kam Fuͤrſtenberg ſelbſt nach Riga, und empfieng den Tag darauf den
gewoͤhnlichen Eid, wogegen er ſich der Lehre das Evangelii aͤuſſerſt anzunehmen,
und die Stadt bey allen alten und neuen Privilegien zu ſchuͤtzen ſich anheiſchig
machte. Er erlaubet zugleich den Ordensbauren, das Jhrige frey und ungehindert
nach der Stadt zu fuͤhren, leget den Amtleuten des Ordens die ungewoͤhnliche
Kaufmanſchaft, und bedinget ſich aus, beim Schloſſe etliche Fiſcher, Becker, Zim-
merleute, Maurer und Brieftraͤger hinzuſetzen, welche doch der Stadt zum Nach-
theil keine Kaufmanſchaft treiben ſolten. Der Landmarſchal Chriſtoph von
Neuenhoff genant von der Laye, und der goldingiſche Comtur Heinrich
Steding haben ſich dabey mit unterſchrieben. Mitwochs nach Bartholomaͤi.
Die pohlniſche Armee ruͤckte in Litthauen immer weiter, und ſtand nur
7 Meilen von Bauske zu Paswal nahe bey Birze in Samogitien. Ge-
gen dieſe 80000 Man hatten die Lieflaͤnder ſich nicht gewafnet, ſondern uͤber-
lieſſen dem Koͤnig die Verbeſſerung des wolmerſchen Friedensſchluſſes nach ſei-
nem eignen Gefallen, der denn auch am 5ten Sept. die berufenen Pacta Poſſolien-
ſia aufſetzen, und nach deren willigen Annehmung mit dem Orden unterſchiedliche
wichtige Sachen in Richtigkeit bringen lies. Der Jnhalt des paswaliſchen
Vertrags iſt folgender: Der Erzbiſchof erhaͤlt die Reſtitution und halbe Jurisdi-
ction uͤber die Stadt nach dem alten, nebſt Meublen, Muͤtze, Stab, Privile-
gien, Buͤchern, Canonen, Panzer, Gewehr, Kugeln, Kriegsvorrath und 100
Laſt Rocken laut des Jnventarii; was daran ſchadhaft geworden, wird ergaͤnzet.
Weil der Erzbiſchof den Bedienten des Coadiutors Unterhalt verſchaffen muͤſſen,
werden zu Verguͤtigung deſſelben uͤberhaupt 50 Laſt Rocken zugeſtanden. Die Ein-
kuͤnfte des Erzſtifts bleiben bis zu weiterm Vergleich in Sequeſter. Die Unter-
thanen des Erzbiſchofs thun keinen neuen Eid, weil ſie nicht freiwillig ſondern ge-
zwungen ſeine Partey verlaſſen. Der Coadiutor wird beſtaͤtigt, und iſt ungezwei-
felter Stuhlfolger, mus ſich aber des Verdachts wegen in Preuſſen oder Meck-
lenburg bis zum Tode ſeines Vorfahren aufhalten b).
Den 14ten und 15ten Septemb. brachte man zu Paswal mit einem neuen1557
Buͤndnis gegen die Ruſſen zu. Der Ordensmeiſter verlanget innerhalb 12 Jah-
ren keinen Beiſtand von Pohlen; wil aber auch nach deren Verlauf ohne koͤni-
gliche Einwilligung keinen neuen Frieden mit Rußland eingehen. Am 20ſten
Septemb. ſchickte der Herzog Albrecht die Beſtaͤtigung des paswaliſchen Ver-
trags ein. Allein andrer Seits ſetzte es bey dieſer Sache noch verſchiedene
Schwierigkeiten. Der Koͤnig hatte unter den vorlaͤufigen Bedingungen 20000
Thlr. Kriegeskoſten und eine voͤllige Genugthuung wegen ſeines erſchlagenen Ge-
ſandten begehret. Dazu konten mit vieler Muͤhe kaum 15000 Thlr. in Riga zu-
ſammen gebracht werden, ob man ſie gleich auf heil. Drey Koͤnige wieder zu zahlen
verſprach. Die beiden rigiſchen Herrn Buͤrgermeiſter Joh. Butte und Juͤr-
gen Padell ſchoſſen dieſe Summe von 15000 Thlrn. auf Wiederbezahlung der Rit-
terſchaft und Verbuͤrgung der ſaͤmtlichen Landesſtaͤnde vor; bedungen aber auch zu
Wenden, daß ſelbige in keiner Contribution oder Zulage zuruͤck gehalten noch ihnen
abgekuͤrzet werden moͤchten. Der Vogt zu Roſiten ſolte nach Wilda kommen, und
dem Koͤnig demuͤthige Abbitte thun, den Verwandten des Entleibten Lonsky aber ei-
ne Geldbuſſe erlegen und nachher ins Gefaͤngnis wandern. Doch der Befehlshaber
in Wilda, Kettlers guter Freund, vermittelte es bey dem Koͤnige dahin, daß
alles unterblieb, nur muſte er bey dem Koͤnige ſein Verſehen erkennen. Der Vogt
zog ſodann wieder nach Roſiten, und bedankte ſich ins kuͤnftige vor den Commiſ-
ſionen
b)
L l l
[226]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1557ſionen des Ordens nach Litthauen, wenn ſein Principal, der Herr Meiſter, ſeine
Gebietiger nicht beſſer ſchuͤtzen koͤnte.
Am 5ten October ward der Erzbiſchof und ſein Coadiutor des Arreſts entle-
diget, und beide hielten in Wolmer, wohin das ganze Land verſchrieben war,
ihren praͤchtigen Einzug mit 300 Pferden, in Begleitung des erzſtiftiſchen Adels
und der Herren Raͤthe. Nach etlichen Tagen kam der Erzbiſchof mit den Herren
Raͤthen auf die Rathsſtube, gruͤſte den Herrn Meiſter, welcher auch den Erzbi-
ſchof freundlich wilkommen hies, worauf ſich beide zum Vertrag die Haͤnde gaben.
Wie der Erzbiſchof nach Riga kam, ſetzte er ſich im Dom nach geendigter Pre-
digt aufs hohe Chor in einen Seſſel. Der Rath zu Riga trat zuerſt hin, und
bat nach einer kurzen Begruͤſſung um Vergeſſenheit des Vergangenen, damit es
der Stadt nicht zur Laſt fiele. Er reichte dem Rathe ſitzend die Hand, und ant-
wortete nur kurz, ſie haͤtten es koͤnnen anders machen, doch ſolle es die gute Stadt
nicht entgelten, wenn ſie ſich nur ferner hin treu erweiſen wuͤrde. Nach Abtre-
tung des Raths naͤherte ſich der Elterman der groſſen Gilde, Jaſper Romberg,
nebſt dem Elterman und Elteſten der kleinen Gilde, wuͤnſchten eine gluͤckliche Zu-
ruͤckkunft und Regierung, baten um Vergeſſung des Geſchehenen und um Fortſetzung
der fuͤrſtlichen Gnade gegen die Stadt. Der Erzbiſchof ſtand hierbey auf, bot
den Elterleuten die Hand, und verſetzte: Lieben Elterleute und Getreuen, wir
nehmen die Entſchuldigung wegen der guten Gemeine in Gnaden an, wir kennen
auch die doppelten Herzen wohl, es ſollen ſich aber dennoch Elterleute und Elteſten mit
der ganzen Gemeine zu uns nichts anders als aller vaͤterlichen Gnade und Guͤte zu
verſehen haben. Hierauf reichte er allen insbeſondre die Hand, und begab ſich
vom Chor nach dem erzbiſchoͤflichen Hofe. Am 12ten Dec. brachen der Erzbiſchof,
der Coadiutor und der Herr Meiſter nach Litthauen auf, wo ſie ſich auch in des
Koͤnigs Gegenwart die Haͤnde gaben, und ſich einer ewigen Freundſchaft ver-
ſicherten.
Mitlerweile, da der dreijaͤhrige Termin zu Ende lief, in welchem die doͤr-
ptiſchen dem Czaar den Tribut erlegen ſolten, und die Ruſſen ſich zum Feldzu-
ge ruͤſteten, war aus Riga und Wenden wenig Troſt zu erwarten, weil der
Ordensmeiſter mit ſeinem Marggrafen und Herzog, ja ſelbſt mit dem Koͤnig von
Pohlen beide Haͤnde vol zu thun hatte. Sie muſten alſo allein fuͤr ihre Sicher-
heit ſorgen, und damit ſie die Ruſſen etwas aufhielten, fertigten ſie eine Bot-
ſchaft nach Moſcau, die frey Geleite fuͤr eine groſſe Geſandſchaft auswirken ſol-
te. Dieſe Botſchafter waren Hr. Jacob Steinweg und Hr. Franz Neu-
ſtaͤdt. Sie fanden in Rußland alles zum Feldzuge fertig; viel 1000 Schlit-
ten mit Proviant, Kraut, Loth und Geſchuͤtz ſtunden an den Grenzen. Die Poſt-
hoͤfe, die 4 oder 5 Meilen von einander lagen, waren mit doppelten neuen Herber-
gen und Stallungen fuͤr 50 und 100 Pferde verſehen, und neue Bruͤcken, eine
viertel Meile lang und 4 Faden breit, geſchlagen. Dem ohnerachtet nahm der
Czaar dieſe Botſchaft ſehr guͤtig auf, und fertigte ſie nach 7 Wochen mit freiem
Geleite fuͤr die neuen Geſandten ab. Elerd Cruſe und Claus Francke nah-
men dieſe Geſandſchaft auf ſich, hatten aber keine ſolche Geſchenke mit, als die
ſchwediſchen Geſandten, die dem Czaar einen verguldeten Credenztiſch mit dem
praͤchtigſten Aufſatz an Trinkgeſchirren verehrten. Die Lieflaͤnder fanden die
erſte Unterhandlung ſehr ſchwer, weil ſie von neuem den ſchon durch Briefe und
Siegel ausgemachten Zins ableugneten, den ihnen der Czaar aus den alten Creuz-
briefen erwies, und ſo lange ſtehen gelaſſen hatte. Auf ihr Achſelzucken lies der
Czaar noch den plettenbergiſchen Friedensſchlus vorzeigen, und ſchalt ſie fuͤr
Leute ohne Treue und Redlichkeit. Jhm gehoͤre fuͤr jeden Kopf eine rußiſche
Mark oder 10 Dennißken. Ob ſie denn nicht wuͤſten, daß ſeine Vorfahren ihnen
das Land um gewiſſen Tribut zu bewohnen uͤbergeben. Er ſaͤhe wohl, daß man
in Liefland fuͤr das Siegel der Geſandten keine Achtung mehr habe, er wolle es
von nun an aus der Hand des Herrn Meiſters und Biſchofs ſelbſt empfangen,
und
[227]Erzb. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Wilhelms v. Fuͤrſtenberg.
und zu dem Ende noch ſeinen Geſandten abfertigen, ehe er zu haͤrtern Mit-1557
teln ſchritte.
Es langte auch der rußiſche Botſchafter Kelar Terpigore mit dem von
der lieflaͤndiſchen Geſandſchaft verſiegelten Zinsbriefe im Junio zu Doͤrpt an.
Man wies ihm Andreaͤ Waſſermans Haus am Markte zur Wohnung an.
Der Biſchof ertheilte ihm auf dem Schloſſe Gehoͤr, im Beiſeyn aller Herren Land-
raͤthe, des Ausſchuſſes aus dem Rath und der Buͤrgerſchaft, nebſt etlichen Nota-
rien die ſeine Gewerbe urkundlich niederſchreiben muſten.
Er uͤberreichte dem Biſchof ein ſeiden Jaͤgernetz, ein paar moskoviſche
Jagdhunde und einen koſtbaren Teppich zum Geſchenk. Sein Anbringen beſtand
in Erhebung der Langmuth ſeines Principals, der Liefland bey den innern Un-
ruhen dieſes Landes laͤngſt den Garaus machen koͤnnen. Der Grosfuͤrſt und Kai-
ſer aller Reuſſen verlange nun, daß der Biſchof und Fuͤrſtenmeiſter, der genom-
menen Abrede gemaͤs, ihrer Geſandten Siegel von dem Zinsbrief abſchneiden,
und ihr eignes daran haͤngen ſolten. Man lies hierauf den Geſandten eines gu-
ten Beſcheides verſichern und ihn bitten, in der ihm angewieſenen Wohnung ab-
zutreten c).
Jm Schloſſe war guter Rath theuer. Man war nur auf die lieflaͤndi-
ſchen Geſandten ungehalten, die ſich mit der Unterſchrift uͤbereilet haͤtten. Der
rußiſche Botſchafter wurde bey der Unentſchloſſenheit der Doͤrptiſchen unge-
duldig, und wolte auch ohne Beſcheid aufbrechen. Jn dieſen Berathſchlagungen
ſtelte der alte Jacob Krabbe ſo wol als der Buͤrgermeiſter Hencke die Noth
vor, die aus der Verſiegelung entſtehen wuͤrde; und doch fand ſich keiner, der ſie
abſchlagen oder einen andern Ausweg zeigen konte. Bey dieſer Verlegenheit, bey
dieſem algemeinen Stilſchweigen, bey der Eilfertigkeit des rußiſchen Botſchaf-
ters trat endlich der biſchoͤfliche Kanzler, Herr Georg Holtzſchuher auf und
ſagte: Lieben Herren, ſo reifliche Ueberlegung dieſer Handel ſonſt erfordert, ſo
muͤſſen wir uns doch dismal in die Zeit ſchicken. Wir wollen durch unſre Nota-
rien und den Orator dem grosfuͤrſtlichen Geſandten vorſtellen: wir haͤtten uns
dieſer Uebereilung nicht verſehen; wir koͤnten nichts ohne Einwilligung Sr. roͤ-
miſch kaiſerlichen Majeſtaͤt als unſers oberſten Lehnsherrn thun; wir proteſtirten
aber indeſſen gegen den Zins. Was aber die Verſiegelung betrift, ſo koͤnnen wir
uns derſelben unmoͤglich entſchuͤtten d). Dieſer Entſchlus fand durchgaͤngigen
Bey-
c)
[229]Erzb. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Wilhelms v. Fuͤrſtenberg.
Beyfal, und es wurde gleich ein beſonderer Bote an den roͤmiſchen Kaiſer abge-1557
fertiget, damit durch deſſen hoͤchſte Vermittelung und Geſandſchaft die Ungnade
des Czaars von Liefland abgewendet wuͤrde.
Als der Botſchafter Kelar Terpigorre nachher aufs Schlos kam und den
verſiegelten Zinsbrief empfing, ſo befahl der Orator den Notarien die Proteſta-
tion nieder zu ſchreiben. Da ſich der Botſchafter davon durch den Dolmetſcher
verſtaͤndigen lies, ſprach er: Was hat mein Herr mit dem roͤmiſchen Kaiſer zu
ſchaffen? Gebt mir den Brief. Komt die Zinſe nicht, ſo wird ſie mein Herr zu
holen wiſſen. Einige Hofjunker begleiteten ihn ſo dann nach ſeinem Quartier,
welchen er nach Gewohnheit den Brantewein vorſetzte. Er ſelbſt ſprang auf den
Tiſch, und zog die Briefe aus dem Buſen, die ſein Diener vor ſeinen Augen in
einen ſeidenen Schleier wickeln und in eine beſchlagene Lade legen muſte, zu dem
er noch die Worte ſagte: Verwahre und hege mir das Kalb wohl, damit es gros
und fet werde. Der Biſchof ſchickte ihm hierauf ein Geſchenk von Fiſchen, Fleiſch,
weiſſem Brodt, Eyern, Gewuͤrze und allerhand Getraͤnken, weil der Czaar den
lieflaͤndiſchen Geſandten ein gleiches zu thun pflegte. Der Magiſtrat wartete
ihm ebenfals mit einigen Erfriſchungen auf, lies durch den Stadtkoch einige wohl-
bereitete Gerichte auftragen, und dabey zuentbieten, wenn es ihm gefaͤllig ſey,
wolte er ihm 2 Perſonen zur Geſelſchaft an die Tafel mit geben; welches dem Bot-
ſchafter recht angenehm war.
Kurz vor ſeinem Abſchiede legte der rußiſche Botſchafter bey dem Magi-
ſtrat noch ein Gewerbe ab, da man ihn denn in der Kaͤmmerey mit Confect tractirte,
hernach in den Reventer auf einen Seſſel nieder zu ſitzen noͤthigte, um ſeinen Vor-
trag zu thun. Er hatte einen Ruſſen bey ſich, deſſen Bruder auf dem plesco-
wiſchen Wege erſchlagen worden, und der deshalb bey dem Biſchof um eine Be-
friedigung von etlichen 100 Thalern, aber vergeblich, angehalten. Nun muſten
in Ruß- und Liefland, beſage der alten Kreuzbriefe, die Nachbaren, in deren
Bezirk Raub oder Mordthaten begangen worden, dem Anverwandten des Erſchla-
genen entweder die geraubten Guͤter erſtatten, oder den Thaͤter liefern; der Bi-
ſchof hatte aber mit dem Rechte gegen dieſen Ruſſen etwas ſaumſelig verfahren.
Man erſuchte alſo den Botſchafter um Geduld, bis die Nachbarn derſelben Ge-
gend nach Doͤrpt verſchrieben wuͤrden. Der Botſchafter muthete der Stadt zu,
das Geld ſo lange auszulegen, weil ſie wol 12 Tonnen von dieſer Waare unter
dem Rathhaus liegen habe. Ob nun gleich dieſes ein falſches Geruͤchte war; ſo ver-
ſetzte doch der Buͤrgermeiſter Joh. Dorſtelmann: Wenn auch ſo viel Geld da iſt,
ſo haben doch die Staͤdte Riga und Revel den Schluͤſſel mit dazu. Der Botſchaf-
ter erinnerte alſo noch die baldige Abtragung des Zinſes, nahm Abſchied von dem
Rath, und zog wieder nach Moſcaue).
Jn Liefland uͤbereilte man ſich mit nichts weniger als mit Herbeiſchaffung1558
der Zinſe. Dieſes bewog den Czaar bey Pleſcow eine Kriegsmacht von 40000
Man zuſammen zu ziehen. Die Oberbefehlshaberſtelle uͤber dieſes Heer trug er
einem tattariſchen Herrn, Namens Czaar Czigaley auf f), einem von Per-
ſon
[230]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1558ſon anſehnlichen und groſſen Manne, von vielem Verſtande und Beſcheidenheit, der
am 25ſten Jenner mit dieſen Voͤlkern in 3 Haufen in Liefland einbrach, und die
Grenzen von Doͤrpt, Wirland und der Narve durchſtreifen lies, wobey die
Vortruppen und Freicompagnien uͤberal Furcht und Schrecken ausbreiteten. Er
ſelbſt zog ſich gleich wieder nach Pleſcow zuruͤck.
Aus Pleſcow ſchickte er ein Schreiben an den Biſchof zu Doͤrpt, in wel-
chem er ihm und den Staͤnden die Unbeſonnenheit vorſtelte, wodurch ſie das Blut
ſo vieler Unſchuldigen auf ſich ladeten. Da ſie ſich doch nicht im Stande befaͤn-
ben Gegenwehr zu thun, ſo moͤchten ſie fernerm Unheil vorbeugen, und durch ih-
re Geſandten den Zins einliefern, er wolle denſelben durch ſeine Fuͤrſprache beim
Czaar zu mindern und einen anſtaͤndigen Frieden zu vermitteln ſuchen. Dis
Schreiben fruchtete nebſt andern Zwangsmitteln gleichwol ſo viel, daß die geiſtli-
chen und weltlichen Staͤnde ſich zu Wenden auf Oculi verſamleten, und Dien-
ſtags nach Judica verſchiedene Sachen ausmachten. Man verglich ſich dahin,
daß eine Reformation angeſtellet und alle Misbraͤuche der Lehre und Cerimonien
abgeſchaffet wuͤrden. Man beſtimte die Geſandten nach Rußland, und im Fal
kein Friede zu erhalten, wurde berathſchlaget, wie viel man Compagnien anwerben
muͤſſe. Man ſchickte einige Abgeordnete nach Moſcau ein frey Geleite auszu-
wirken, die auch bald wieder zu Hauſe eintrafen; worauf die Geſandten, unter
welchen Chriſtoph Luggenhuſen und der Stadtſecretair Groß mit war, den
Frieden beim Czaar um 60000 Thlr. behandelten. Der Biſchof von Doͤrpt hatte
ſeinen Bedienten Chriſtoph Luſtfer durch einige Verſprechungen dahin ver-
mocht, daß er mit gieng, und das Beſte ſeines Stiftes mit in Obacht nahm, zu-
mal da in Doͤrpt der traurige Anblick ſo vieler ungluͤcklichen Leute die groͤſte Be-
ſtuͤrzung verurſachte. Denn da Czigaley ins Doͤrptiſche ruͤckte, gieng es an
ein ſo entſetzlich Fluͤchten von 10 bis 20 Meilen her nach der Stadt, daß alle
Straſſen, Kirchhoͤfe und Vorſtaͤdte von elenden Menſchen wimmelten, deren
bey 10000 mit Weib und Kindern in den Stadtgraben zu Doͤrpt lagen, und
wegen des ſtrengen Winters theils erfroren, theils verhungerten, theils von den
annaͤhernden Ruſſen niedergehauen wurden. Die Leute in der Stadt konten nie-
mand einnehmen, ſondern verkrochen ſich ſelbſt, und dankten GOtt, daß ſie den
Feind mit dem groben Geſchuͤtze von den Mauren abhalten konten. Der laͤngſt
erwuͤnſchte Friede war nun in Rußland zu Stande gekommen; da es aber zum
Geldzahlen kam, war nichts bey der Hand. Die Geſandten vermeinten zwar
von den rußiſchen Kaufleuten in Moſcau ſo viel aufzunehmen; allein der Czaar
hatte ſeinen Unterthanen bey Leibesſtrafe allen Vorſchus unterſagen laſſen: weil
er befuͤrchtete, die Lieflaͤnder wuͤrden ſeinen Leuten das Wort eben ſo langſam
halten als ihm; wie er denn auch den Geſandten ihre Taͤuſchung in heftigen Aus-
druͤcken vorwarf, ſie bis zur Ankunft des Wechſels als Geiſſel dazu bleiben noͤ-
thigte, und 6 Meilen von Moſcau nach Zerna verſchickte.
Den Geſandten blieb alſo nichts mehr uͤbrig, als daß ſie einen Ruſſen heim-
lich um 60 Thlr. erkauften, welcher des doͤrptiſchen Secretairs Fridrich
Groſſens Bericht ſchriftlich uͤberbringen muſte. Der Ruſſe gab den Brief in
Pleſcow an Luſtfern ab, der ihn dem doͤrptiſchen Secretair Valentin
Neu-
f)
[231]Erzb. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Wilhelms v. Fuͤrſtenberg.
Neuherz wieder einlieferte. Man ſetzte ſo gleich zu Wolmer einen neuen Land-1558
tag an, und nahm Abrede, daß jeder Haken 4 Mark, und wo die Hakenzahl
nicht uͤblich ſey, jedes Geſinde gut und boͤſe, 4 Mark rigiſch die Staͤdte und
Landſaſſen aber von jedem 1000 viere auf Trinitatis zu Wolmer erlegen ſolten.
Der Herr Meiſter erbot ſich zu 12000 Thalern, Harrien und Wirland bewil-
ligte 10000 Mark, das Erzſtiftskapitel, Raͤthe und Ritterſchaft 7000 Mark,
das Stift Doͤrpt 10000 Mark, die Staͤdte Riga, Doͤrpt und Revel 10000
Mark innerhalb 8 Tagen zu Doͤrpt zu erlegen. Fuͤr den Reſt wolte der Erzbi-
ſchof ſorgen, und die Stadt Riga uͤberdis noch ein Darlehn von 15000 Thlr.
Montags nach Trinitatis zuſammen bringen. Dabey ward dem ganzen Lande
angedeutet, daß jeder mit der erſten Graſung aufſitzen und dem Herrn Meiſter
folgen ſolte.
Ein anderes Heer aus Rußland nahm ſeinen Zug nach Narva, welche
Stadt nach vergeblich gethaner Aufforderung 9 Tage vor Oſtern mit einer ent-
ſetzlichen Bombardirung beaͤngſtiget wurde, weil der Czaar vorher eine ſtarke Ar-
tillerie nach Jvanogrod abfuͤhren laſſen. Taͤglich flogen 300 Kugeln in die
Stadt, unter welchen einige Bomben wol 13 Lispfund wogen. Jn Narva waren
wenig Buͤrger und Landsknechte, und ſolte der arme Ort in Oſtern geſtuͤrmet wer-
den. Da nun an keinem Entſatz zu denken war, trat der Vogt Ernſt von
Schnellenberg mit dem Rath, der Gemeine und dem revelſchen Hauptman
Wolf von Strasburg zuſammen, und bewirkten bey den Waywoden Alexei
Danielowitz Bafmanof und Paul Pietrowitz Sabelinski einen vier-
monathlichen Stilſtand, um ihre Botſchafter an den Czaar abzufertigen, in ſiche-
rer Vermuthung, es werde den Staͤnden in Liefland gelingen, einen General-
frieden auszudingen oder um Geld zu erkaufen. Man zwang auch die beiden
Kaufleute Jochim Krumhauſen, und Arnd von Deden im Namen der
Stadt Narva mit dem Czaar zu tractiren, unter ſicherer Verſprechung, ſie
ſchadlos zu ſtellen, ob gleich erſterer die Bemuͤhung mit 1000 Thlr. abzukaufen
ſich beſtrebte. Dieſe Gevolmaͤchtigten erreichten Novogrod und langten in
Teſſowe an, als ihnen die geſamte rußiſche Macht begegnete. Der Genera-
lißimus that ihnen die Ehre und ſandte ſie auf Poſtpferden nach Moſcau, wo ſie
mit ihrem Anbringen nicht ſonderlich wilkommen waren; indem man des Stat-
halters zu Jvanogrod Schreiben ſo auslegte, als ſey der Stadt deswegen ein
Stilſtand bewilliget, weil die Buͤrger die Stadt und das Schlos zu uͤbergeben
verſprochen. Der Czaar drohete Narva umzukehren, im Fal der Uebergabe aber
ihr die herrlichſten Privilegien zu ſchenken, wobey er die uͤberſchrittenen Tractaten
der Stadt, welche ſie oft mit Rußland auf dem Narvaſtrom errichtet, vorle-
gen lies. Die Deputirten boten eine Summe Geldes fuͤr den Frieden, ſo bald
die Beſtaͤtigung davon aus Narva einlaufen wuͤrde; welches der Czaar ſchlechter-
dings verwarf.
Nun hatte zwar Krumhauſen der Handlung auf Rußland wegen
durch des Czaars Beichtvater und deſſen Fuͤrbitte einen anſehnlichen Freiheitsbrief
fuͤr ſeine Perſon erhalten, den er auch manchem Deutſchen in friedlichen Zeiten
auf ſeinem Namen geliehen und zu gebrauchen gegeben. Allein da er ſich in die-
ſer Geſandſchaft blos auf des Befehlhabers in Jvanogrod Zuſage berief, und
von dem Czaar kein ſicher Geleite aufzuweiſen hatte; ſo wurde beiden Abgeordne-
ten der Arreſt angekuͤndiget, ohnerachtet die Stadt bey der Abreiſe dieſer Maͤnner
eigene Geiſſel zu Jvanogrod eingeliefert hatte. Doch der Czaar aͤnderte ſeine
Meinung, und befahl ſeinen Miniſtern einige Punkte aufzuſetzen, die einen gar
leidlichen Accord fuͤr die Stadt in ſich enthielten. Die Abgeordneten wuſten wohl,
wie halsbrechend es in Liefland war, etwas anzunehmen, was von einer Ueber-
gabe handelte. Sie konten es aber auch nicht ausſchlagen, weil ihre Freiheit da-
von abhieng; und Krumhauſen muſte ſich noch dazu verbindlich machen, ſo
lange im Ruͤckwege auf Jvanogrod in Arreſt zu bleiben, bis Deden den czaa-
M m m 2riſchen
[232]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1558riſchen Gnadenbrief den Narviſchen uͤberbraͤchte. Und alſo beurlaubten ſich bei-
de Abgeordnete, fanden aber bey ihrer Zuruͤckkunft die Stadt in ganz andern
Umſtaͤnden.
Der vellinſche Comtur, Gotthard Kettler, und der revelſche Comtur
Franz von Segehafen, genant Azel, waren mit etlichen 800 Man und einigem
Feldgeſchuͤtze auf dem Wege Narva zu entſetzen; dieſes machte einige Conſtabler
von der narviſchen Beſatzung ſo uͤbermuͤthig, daß ſie auf eine hoͤchſt unbeſonne-
ne Weiſe unter die in Jvanogrod an einem Feſttage bezechten Ruſſen ihr gro-
bes Geſchuͤtz losbranten, und viele toͤdteten. Die Ruſſen geriethen daruͤber in
groſſe Beſtuͤrzung, und holten von ihren Befehlshabern Befehl zur Gegenwehr
ein’ weil ſie den Stilſtand zu beobachten hatten. Zum Ungluͤck der armen Stadt
kam in des Barbiers Cordt Ulken Hauſe ploͤtzlich Feuer aus, welches unter den
mehrentheils hoͤlzernen Haͤuſern recht wuͤtend um ſich grif und ſie in Aſche legte.
Bey dieſer Unordnung ſchwammen die Ruſſen uͤber den Strom, drungen in die
Stadt hinein, beſetzten die Thore und halfen noch manches retten. Die Buͤrger-
ſchaft und Beſatzung fluͤchtete nach dem Schloſſe. Hier erboten ſie ſich ſo gleich
zur Uebergabe, unter der Bedingung eines freien Abzugs, welcher ihnen auch von
den Ruſſen zugeſtanden wurde. Kettler lag 3 Meilen von der Stadt hinter
3 Bergen, ſahe ſich aber viel zu ſchwach den Entſatz zu wagen: doch glaubte er,
dieſe Vormauer von Eſtland koͤnne ihrer Veſtigkeit wegen den grimmigſten An-
grif aushalten, zumal da eine auf Kundſchaft ausgeſchickte Parthey die Nachricht
uͤberbrachte, daß ſie nur eine halbe Meile von der Stadt geweſen, in welcher das
Feuer gluͤcklich gedaͤmpfet worden, und alles auſſer Gefahr ſey. Doch da man
im Lager erſt recht ruhen wolte, ſo kam ſchon die Buͤrgerſchaft und Garniſon aus
Narva bey ihnen an, und legte von ihrer Uebergabe den warhaftigen Bericht ab.
Die Narviſchen beklagten ſich uͤber die ausgebliebene Huͤlfe, Kettler hingegen,
der dieſen ſo unvermutheten Verluſt nicht begreifen konte, fiel auf die Gedanken,
die Stadt muͤſte durch Verraͤtherey uͤbergeben ſeyn, davon er die Urheber zu ent-
decken ſich bemuͤhte. Die Eroberung dieſes haltbaren Platzes, ſo am 12ten May
geſchahe, verurſachte in den benachbarten Oertern ein ſolches Schrecken, daß eine
Unordnung auf die andre folgte, und man dieſelbe billig fuͤr den Anfang aller wi-
derwaͤrtigen Begebenheiten damaliger Zeit halten kan.
Zwey Tage nach Einaͤſcherung der Stadt Narva kamen die Abgeordneten,
Krumhauſen und Deden, aus Moſcau mit dem czaariſchen Gnadenbriefe
zuruͤck, und ſahen ihr Hab und Gut unter der noch rauchenden Aſche verzehret.
Sie begaben ſich laut ihrem Verſprechen nach Jvanogrod und baten um die Frei-
heit der eingelieferten Geiſſeln, weil der Czaar die Stadt ſeiner Gnade verſichert.
Man verſprach auch ſie loszugeben, wenn Krumhauſen den Gnadenbrief den
ausgezogenen Einwohnern den Augenblick nachſchicken wuͤrde, damit ſie ſich wieder
anbauen und die Handlung nach Rußland fortſetzen moͤchten. Ein Buͤrger,
Namens Hans Bernd, ſtelte vor, daß es keine Lieflaͤnder, ſondern nur
Fremde waͤren, die bisher nach Rußland gehandelt haͤtten, worauf er auch in
Freiheit kam, dabey aber angeloben muſte, die czaariſche Begnadigung der Stadt
an Kettlern abzugeben. Der unſchuldige Man erhielt ein ſchlechtes Botenlohn,
indem ihn Kettler nach Revel abfuͤhren lies, wo er auf dem Schloſſe lange Zeit
gefangen ſitzen muſte. Die Beſchuldigung der Verraͤtherey traf endlich Krum-
hauſen ſelbſt, in welchen Verdacht ſo gar der Vogt, der Rath und die ganze
Gemeine verwickelt wurde g). Denn die in Jvanogrod nachgebliebenen Geiſ-
ſeln
[233]Erzb. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Wilhelms v. Fuͤrſtenberg.
ſeln hatten Bernd Briefe an ihre Angehoͤrigen mit gegeben, und ihnen aus des1558
Czaars Begnadigungsbriefe Troſt eingeſprochen und Hofnung zur Ruͤckkunft ge-
macht, welches Kettler fuͤr heimliche Tractaten des Krumhauſen mit dem
Czaar anſahe, da man doch Krumhauſen zu Jvanogrod hart genoͤthiget, durch
ſeinen Sohn dem Vogt zum Neuenſchloſſe, Diedrich von der Steinkuhle, eine
Abſchrift von der Begnadigung einzuhaͤndigen, und ihn zur Uebergabe zu bereden.
Jn Doͤrpt machte man aus der Einpackung der 60000 Thlr. endlich ein-
mal Ernſt, wobey ſich die Herren Fabian und Heinrich von Tieſenhauſen,
der Stiftsvogt Elhard Kruſe, der Buͤrgermeiſter Joh. Dorſtelman, die
Rathsherren Heinrich Cornelius, Herman von Embden, Johan En-
gelſtaͤdt und andre mit willigem Vorſchus ſehen lieſſen, des Hrn. Neuſtaͤdts
Schwiegervater Dittmar Meier aber noch 500 Thlr. zulegte. Die Geſandten
giengen der Eil wegen mit erſtem ofnen Waſſer nach Pleſcow, unter welchen
ſich D. Wolfgang Zaber, ein Man, den man wegen ſeines Anſehens nur den
lieflaͤndiſchen Papſt zu nennen pflegte, mit befand, welcher aber unterwegens
von dem Tode eine andre Geſandſchaft zu beſtellen bekam. Seine Stelle vertrat
Johan Taube von Uxkuͤl.
Jn Liefland glaubte man, daß dieſes Geld alle erwuͤnſchte Wirkung thun
wuͤrde, und man nicht eben ſo ſchnel zu ſatteln noͤthig haͤtte, obgleich der Biſchof
von Doͤrpt in oͤftern Briefen auf den Schutz drang, den man ihm in ſo vielen
Vertraͤgen feierlich zugeſagt. Einige hielten es nicht fuͤr warſcheinlich daß der
Czaar gegen Liefland Ernſt gebrauchen wolle, weil ers mit dem roͤmiſchen
Kaiſer nicht verderben wuͤrde, auch keiner ihrer Correſpondenten aus Rußland
etwas von dem Einfal der rußiſchen Voͤlker ſchriebe. Der Biſchof von Doͤrpt
war der erſte, welcher mit 270 Pferden ins Lager bey Kyrnpeh ruͤckte. Der
Ordensmeiſter Fuͤrſtenberg kam auch mit 200 Man zu Pferde; und eine glei-
che Anzahl brachte ſein Ritmeiſter Metzauge herbey. Almaͤhlig langte auch der
Propſt Ulrich Beer wegen des Stifts Curland mit 80 Pferden, und der
Vogt von Bauske und Seeleburg, der Comtur von Goldingen, Ma-
rienburg und Dobblen mit ihrer Macht an, wobey 1500 Bauren, Schuͤtzen
und Feldgeſchuͤtz mit kamen, welche dem maͤchtigſten Feinde den Pas wehren ſol-
ten,
g)
N n n
[234]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1558ten, da ſie an ſtreitbarer Manſchaft noch keine 1500 Man ausmachten. Die
Voͤlker des Erzſtifts Riga hielt man fuͤr eben ſo ſtark, und wartete ſehnlich
nach ihrer Ankunft; allein der Erzbiſchof fand ſich mit einer Entſchuldigung ein,
welchem Beiſpiel die Biſchoͤfe von Oeſel, Harrien und Wirland folgten.
Das Gebiet von Vellin aber muſte bey Kettlern in Eſtland bleiben. Dieſer
Umſtand ſetzte Fuͤrſtenbergen in groſſe Verlegenheit, ſo daß er den Ruſſen
ſchon etliche Veſtungen uͤbergeben wolte, welches jedoch die Doͤrptiſchen durch
vieles Bitten noch hintertrieben. Die Unordnung und das Gezaͤnke kam gar ſo
weit, das wenig daran fehlte, daß der Orden und die Doͤrptiſchen ſich uͤbern
Haufen geworfen, und ſelbſt erwuͤrget haͤtten, wie denn etliche toͤdlich verwun-
det, viele aber in die groͤſte Lebensgefahr geſtuͤrzet wurden. Der Biſchof von
Doͤrpt eilte nach ſeiner Stadt zu, um ſelbige in Vertheidigungsſtand zu ſetzen,
welches alles dem Orden wenig Luſt machte, im Felde zu bleiben, im Gegentheil
vielmehr Anlas gab, daß man alles Unheil unſchuldigen Leuten zur Laſt legen wol-
te, und ihnen den damals nicht ungewoͤhnlichen Namen der Landesverraͤther zur
Beſchimpfung anhieng.
Die rußiſche Armee wandte ſich von Narva nach dem Schloſſe Neuen-
haus, in welchem ſich eine Beſatzung von 80 Man und etlichen Bauren befand,
uͤber welche Georg Uxkuͤl von Padenorm Hauptman war. Die Ruſſen
lagen 6 Wochen lang davor, waͤhrend welcher Zeit durch das unaufhoͤrliche Be-
ſchieſſen die Bruſtwehre, die Mantelmauer und ein Thurm eingeſchoſſen, etliche
Manſchaft getoͤdtet, und den Belagerten ein vortheilhafter Vergleich war angebo-
ten worden. Ob nun gleich der tapfere Uxkuͤl von keiner Uebergabe hoͤren wol-
te, ſo konte doch niemand vor Muͤdigkeit mehr fechten; ja die Soldaten droheten
gar ihren Hauptman uͤber die Mauren zu henken, wenn er die angebotenen Be-
dingungen ausſchlagen wuͤrde. Er muſte ſich alſo in die Zeit ſchicken, und behielt
beim Auszuge wenige von ſeinen Leuten bey ſich, weil die meiſten von freien Stuͤ-
cken bey den Ruſſen Dienſte nahmen. Der Biſchof hielt dieſes Neuenhaus
fuͤr den Schluͤſſel zu Doͤrpt; da es alſo Fuͤrſtenberg nicht entſetzen konte, ob ſich
gleich der Biſchof Rechnung darauf machte, ſo wuͤrkte dieſes auf beiden Seiten
ein neues Misverſtaͤndnis. Der Biſchof hatte unterſchiedliche Unterredungen
mit Chriſtoph Muͤnnichhauſen und Johan Soͤgen, ſeinen Raͤthen, wo-
zu er auch den Stiftsvogt Kruſen aus dem herrmeiſterlichen Lager verſchrieben;
auf die Nachricht von der Uebergabe des neuen Hauſes aber war es zu ſpaͤt, das
neue Project auszufuͤhren, und den Koͤnig von Daͤnnemark Chriſtian den
IIIten um Schutz und ſchleunige Huͤlfe anzurufen.
Die Eroberung dieſes wichtigen Platzes zog viele andre Wiederwaͤrtigkeiten
nach ſich. Der Ordensmeiſter trauete denen in Doͤrpt ſo wenig als den Ruſ-
ſen, und brach in moͤglichſter Eil vor Kyrenpeh auf, zog ſich nach Walck in
ſein Ordensgebiete, und Kettler muſte mit eigener groſſen Gefahr dieſen Ruͤckzug
bedecken. Das Schlos Kyrenpeh, worinnen aller Lebens und Kriegsvorrath
aufgeſchuͤttet lag, wurde auf Fuͤrſtenbergs Befehl in Brand geſtecket, und die
deutſche Beſatzung herausgezogen. Die Bauren hingegen liefen wieder hinauf,
loͤſchten die Glut, ſoffen ſich in Meth, Wein und Bier tol und vol, ſchickten
nachher einen aus ihrem Mittel an die Ruſſen ab, mit Vermelden, die Deut-
ſchen waͤren weg; ſie koͤnten das Schlos beſetzen. Die Ruſſen ſaͤumten nicht,
ſchickten aber eine Parthey von ihren Voͤlkern dem fluͤchtenden Ordensheer nach,
die auch mit dem Nachtrab der Deutſchen blutige Scharmuͤtzel hatten; wobey
Kettler, weil er vom Pferde ſtuͤrzte, bald gefangen worden waͤre, wenn nicht
Fuͤrſtenberg ſich umgewandt und zur Unterſtuͤtzung deſſelben herbey geeilet waͤre.
Die Hitze war fuͤr Menſchen und Pferde ſo gros, daß etliche in ihrem Harniſch
erſtickten, und umfielen. Man erreichte nach Abwerfung einiger Bruͤcken einen
Heuſchlag bey der olzenſchen See, und lagerte ſich den folgenden Tag zu Wal-
ke. Hier faſten die Staͤnde einen geſchwinden Entſchlus, und noͤthigten bey
Fuͤr-
[235]Erzb. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Wilhelms v. Fuͤrſtenberg.
Fuͤrſtenbergs hohem Alter den bisherigen Comtur zu Vellin, Gotthard1558
Kettlern, einen noch jungen aber verſuchten Held, die Coadiutur anzunehmen.
Die ſchlechte Beſchaffenheit der zur Erhaltung des Landes noͤthigen Mittel, der
elende Zuſtand der Ordenscaſſe, die Uneinigkeit der Staͤnde, von welchen allen
Kettler die beſte Kentnis hatte, gaben ihm Entſchuldigungen genug an die Hand,
dieſe Buͤrde auszuſchlagen. Das Vertrauen aber, ſo jederman in ſeinen Helden-
muth geſetzet hatte, und die Liebe, ſo ihm jederman ſeiner Eigenſchaften wegen erwei-
ſen muſte, brachten ihn dahin laut der Ordensregeln dieſen Antrag zu genehmi-
gen, welches er am 9ten Jul. fruͤh um 7 Uhr unter Vergieſſung ſeiner Thraͤnen
einzugehen ſich gezwungen ſahe.
Man kan leicht erachten, daß, wenn die Vormauern des Landes, die noch
am beſten verſehen waren und Entſatz hoffen konten, verloren giengen, die andern
nicht ſo haltbaren Plaͤtze gewis nicht werden im Stande geweſen ſeyn die rußiſche
Macht aufzuhalten. Gerd Huen von Anſterath, Vogt zu Weſenberg, Die-
drich von der Steinkuhle, Vogt zum Neuenſchloſſe, und Heinrich von Kal-
lenbach, Vogt zu Tolsburg, zogen ſich mit ihren Leuten ins Feld, welches man
ſein Haus verlaufen nante, und mit welchem Titel damals mancher braver
Man beſchimpfet wurde, der ſein und der Seinigen augenſcheinliches Verderben nicht
abwartete. Die Ruſſen beſetzten das Schlos Weſenberg, und befeſtigten es
beſſer; die Stadt, ſo dabey lag, ward mit Kirchen, Rathhaus und Gildenſtu-
ben dem Erdboden gleich gemacht. So legten ſie auch ihre Voͤlker in Lais,
Oberpahlen, Ringen, Kawelecht und andere Oerter mehr, welche die
Deutſchen gleichfals verlaſſen hatten, weil das Schrecken und die Verwirrung
weder Rath noch Huͤlfe verſtattete. Fuͤrſtenberg ſchrieb nach Doͤrpt, er wol-
le mit ſeinen Voͤlkern in die Stadt ruͤcken, dafuͤr ſich die Stadt und Stift zu al-
ler unterthaͤnigen Treue gegen den ritterlichen Orden erbot; er machte ihr auch
ſonſt viele Hofnung von einem tapfern Beiſtande, ſo aber alles aufs neue durch
allerhand Mistrauen geſtoͤret und krebsgaͤngig gemacht wurde.
Der Biſchof, welcher zuvor mit 270 Pferden ins Feldlager bey Kyran-
peh geruͤcket war, hatte bey ſeinem Ruͤckzuge lange nicht die Helfte mehr uͤbrig.
Einige davon zwang der Ordensmeiſter bey ihm zu bleiben, und von dem Stiftsa-
del folgten dem Biſchof nur 17 Man in die Stadt, worunter doch etliche noch
ohne Abſchied, andre unter mancherley Entſchuldigungen abzogen. An Reute-
rey waren noch 80 Man vorhanden, die nebſt 80 Landsknechten den Dom und
ein weitlaͤuftiges Schlos beſetzen und vertheidigen ſolten. Das groͤſte Ungluͤck
war daß auch die Geſandten zuruͤck kamen, und den Beſcheid mitbrachten, der
Czaar wolle kein Geld nehmen, ſondern verlange in den Beſitz der eroberten Plaͤ-
tze zu bleiben, weil man es durch das lange Zaudern aufs hoͤchſte kommen laſſen.
So aͤngſtlich das Stift und die Stadt an Fuͤrſtenbergen ſchrieb und ihn ſeiner
Zuſage von neuem erinnerte; ſo lies ſich der alte Ordensmeiſter doch von ſeinen
Gebietigern zum Gegentheil bereden, und ruͤhrte ſich alſo nicht aus der Stelle.
Ja der marienburgiſche Comtur, Schall von Bell, lies ſich gar oͤffentlich ver-
nehmen, dem Orden waͤre das Hemde naͤher als der Rock; daher muͤſſe der Mei-
ſter mehr die Ordenslaͤnder als die Stiftsguͤter zu ſchuͤtzen trachten.
Da die Ordensgebietiger im Lager bey Walck ſich mit Abfertigung neuer
Geſandten um kaiſerliche und daͤniſche Huͤlfe beſchaͤftigten, kam die rußiſche
Armee der Stadt Doͤrpt immer naͤher. Das ſchwere Geſchuͤtz ward auf der
Peipus nach der Stadt gebracht, und das Schlos Werbeck bey Nacht durch
300 Coſaken uͤberrumpelt. Die Beſatzung hatte ſich den Abend vorher in Wer-
beck ſtark bezecht, und daher das Feuer nicht wahrgenommen, welches dieſes
ſtreifende Volk mit Pergel und Stroh an die Pforte gebracht. Der Burggraf
Claus Gelmuth ergab ſich gleich nebſt etlichen andern, welche dem rußiſchen
Feldherrn den Zuſtand der armen Stadt Doͤrpt entdecken muſten. Am 11ten
Julii als den zweiten Pfingſtag ward die Stadt Doͤrpt von dem Feinde berennet.
Die Ruſſen warfen 2 Schanzen auf, eine vor der Drenspforte, die an-
dre an der Deutſchen Pforte uͤber der Embach, auf der Balbahne, welche man
aus der Stadt des dicken Nebels wegen in 3 Tagen nicht ſehen konte. Der an-
fuͤhrende Feldherr Knees Peter Jvanewitz Zuski forderte die Stadt auf,
und bot den Einwohnern einen ſehr leidlichen Vergleich an, der aber von Seiten
des Biſchofs ausgeſchlagen wurde. Auf die erſte Lage mit dem Geſchuͤtz fluͤchte-
ten die Domherren und der ſtiftiſche Adel des Nachts aus der Stadt, und nah-
men ihren Weg nach Riga, wo ſie nicht ſonderlich wilkommen waren. Der
Magiſtrat entdeckte dem Biſchof ſo gleich die Schwaͤche der Gegenwehr, und wie
wenig man ſich auf den Entſatz des Herrn Meiſters verlaſſen koͤnne. Von ihren
Soldaten, deren 200 in voͤlliger Bereitſchaft ſeyn ſolten, waͤren viele krank und
geſtorben. Die Bruſtſeuche habe manchen jungen Buͤrger weggeraffet, und die
Handwerksburſche waͤren ſchon vorher nach Deutſchland gezogen. Der Bi-
ſchof frug, ob auch das feindliche Schieſſen Schaden angerichtet, worauf der
Magiſtrat verſetzte, daß ihrem Quartiermeiſter Eberhard Starcken auf dem
Drensthurm ein Schenkel abgeſchoſſen, zwey Handlanger getoͤdtet und etliche an-
dre bey dem Ausfal verungluͤcket waͤren. Die Tag und Nacht zu haltende Wa-
che fiele der Buͤrgerſchaft und Beſatzung zu ſchwer; indeſſen haͤtten ſie 2 Bauren
erkauft, die ſich bereden laſſen dem Ordensmeiſter einige Bitſchreiben um baldige
Huͤlfe zu uͤberbringen; welchen Vorſchlag ſich denn der Biſchof gefallen lies.
Die beiden Bauren wurden in der Nacht 3 Stunden von einander mit einem
Schreiben an den Meiſter abgeſchickt, die auch beide ankamen, aber keine andre
Antwort zuruͤck brachten, als den aufrichtigen Wunſch, die Doͤrptiſchen moͤch-
ten ſich heldenmuͤthig betragen, und ſich nach Moͤglichkeit wehren; der Orden
koͤnne nicht helfen, der Meiſter wolle fuͤr ſie beten, und zur Herbeiſchaffung eini-
ger neu angeworbenen Manſchaft Anſtalt machen. Das war der ganze Troſt in
in einer Noth, da der Feind nur 5 oder 6 Faden weit von den Thoren ſeine Schan-
zen errichtet, und den Sandberg unter dem Schloſſe ſchon untergraben hatte.
Der Feldherr Zuski, dem Neuſtaͤdt das Zeugnis eines frommen und ſit-
ſamen Mannes giebt, lies die Gnade ſeines Czaars nochmals unter Trompeten-
ſchal bekant machen, und der Stadt verſichern, ſein Herr werde ſie als ein chriſt-
licher Kaiſer und Grosfuͤrſt bey ihrer Religion und Rechten nach dem alten Her-
kommen ſchuͤtzen; wie er denn auch allen, die abziehen wolten, freien Pas und
freie Ruͤckkehr erlaubte. Der Magiſtrat nebſt der Buͤrgerſchaft lagen dem Bi-
ſchof ſehr an, er moͤchte ſich bey ſo herrlichen Vortheilen zu Unterhandlungen ver-
ſtehen, zumal da Zuski der Stadt auf 2 Tage einen Stilſtand bewilligte; ſie er-
boten ſich aber dabey ſich zu wehren und zu fechten, ſo lange ein Schluͤſſel an der
Wand und ein Loͤffel im Schranke ſtecke, wenn nur dieſes Verfahren den Na-
men einer vernuͤnftigen Tapferkeit und keiner verwegenen Unbeſonnenheit verdiene.
Ein gleiches verſicherte die Beſatzung, und verlangte ein Zeugnis von ihrem Wohl-
verhalten nebſt einem ordentlichen Reiſepas. Die Prieſterſchaft verbot gleichfals
alle Widerſpenſtigkeit, wodurch die Ruſſen erbittert werden koͤnten. Die Ge-
meinde hielt nur theils um die Sicherheit ihrer Habe und Guͤter, theils um freien
und ungehinderten Abzug an h).
Am 16ten und 17ten Julii, als unter waͤhrendem Stilſtande, machten ſich1558
die Ruſſen zum Sturme fertig, ſie muſten aber noch den dritten Tag abwarten,
den der rußiſche Feldherr auf Bitte der Stadt zu weiterer Verabredung noch
verwilliget hatte. Am 18ten alſo, des Morgens fruͤh, ward nach langem Ueber-
legen endlich beſchloſſen, daß Zuski am 19ten die Capitulation zur Unterzeich-
nung erhalten ſolte, wobey die Prediger wegen der Kirche und Schule ein wachſa-
mes Auge hatten. Der alte Buͤrgermeiſter Anton Thyle hielt vor der voͤlligen
Abfaſſung eines Entſchluſſes an den Biſchof noch eine Anrede. Erlauchter,
hochwuͤrdiger Fuͤrſt und Herr, ſagte der brave Man, wenn etwan jemand mein-
te, daß durch Wehr und Waffen die Stadt Doͤrpt noch erhalten werden moͤch-
te, bey dem erbiete ich mich zu ſtehen und Leib und Leben zu laſſen. Sein Vor-
trag
h)
O o o
[238]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1558trag machte einiges Aufſehen. Der Biſchof faſte ſich gleich und antwortete: Ehr-
barer, hochweiſer Herr Buͤrgermeiſter, es ſol dieſe Handlung der Uebergabe kei-
ner Privatperſon ſchuld gegeben und beigemeſſen werden. Hierauf wurde unten-
ſtehende Capitulation zum Feldherrn ins Lager gebracht, der ſie durch ſeinen Dol-
metſcher uͤberſetzen lies, nachher aber des Biſchofs und Magiſtrats Anforderun-
gen unterzeichnete, welche groͤſtentheils in alten Gewohnheiten beſtunden. Die-
ſer wakere und vernuͤnftige Feldherr gab nicht nur dem Biſchof zu ſeiner ſichern
Fortbringung nach Falckena eine anſehnliche Bedeckung von 200 Pferden zu,
ſondern lies auch die Buͤrger, welche ausgezogen, mit ſicherer Manſchaft durch
die ſtreifenden Coſaken begleiten. Ja er handelte ſo billig, daß er um der ſchuͤch-
ternen Weiber und Kinder willen ſeine Voͤlker nicht einmal in die Stadt lies, ſon-
dern ein Piquet in die Thore ſtelte, damit die betruͤbten Einwohner bey ihrem
Einpacken durch nichts beunruhiget wuͤrden. Jndeſſen wurde in Doͤrpt die
Stadtwache bezahlt, und die nicht bleiben wolten, kramten das Jhrige zuſammen,
wodurch das Fuhrwerk ſehr ſelten wurde, und mancher Freund den andern ver-
lies i).
Da alles vorbey war, ſo hielt der Feldherr ſeinen Einzug, nachdem 2 Ka-1558
pitelherren, etliche Abgeordnete des Magiſtrats und der Buͤrgerſchaft ihm im La-
ger die Schluͤſſel zum Schlos und der Stadt uͤberreicht hatten. Ein Woywode
mit der Friedensfahne ritte voraus; die obgedachten Deputirten aber hatten den
Feldherrn in der Mitte. Die Straſſen waren mit dem Leibregimente des Czaars
beſetzt. Die ſcharfe Manszucht und Ordnung, welche Zuski beobachtete, brachte
der erſchrockenen Buͤrgerſchaft almaͤlig friſchen Muth bey. Der Magiſtrat und
die Gemeine ſchickte dem Feldherrn Wein, Bier, Fiſche, Erfriſchungen, Haber,
und ein guͤldenes Trinkgeſchir zur Verehrung, welches er auch mit den verpflichte-
teſten Ausdruͤcken annahm, und ſich erklaͤrte, daß ſeine Stube und Ohren jedem
offen ſtuͤnden; er ſey deswegen da, die Uebelthaͤter zu ſtrafen und die Tugendhaf-
ten zu ſchuͤtzen. Dieſes verſicherte er nochmals auf ſeinem groſſen Gaſtgebote,
welches er auf dem Schloſſe dem Rath, den Elterleuten und Elteſten gab, der-
gleichen gnaͤdige Verſprechungen er einige mal wiederholte. Doch der Biſchof
Herman ward auf Befehl des Czaars durch einen abgeſchickten Haufen von Fal-
ckena wieder abgeholet, und bis zum Ausgang des Krieges nach Moſcau gefuͤh-
ret, weil man dadurch den Frieden zu beſchleunigen hofte.
Nachdem ſich Doͤrpt am 19ten Jul. ergeben hatte, fertigte Zuski Bevol-
maͤchtigte ab, die die Stadt Revel zur Uebergabe auffordern und ihr die ſchoͤn-
ſten Bedingungen anbieten ſolten. Die Stadt aber, die ſich auf weit feſtere und
von der Natur verſtaͤrkte Werke verlaſſen konte, dergleichen Doͤrpt nicht hatte,
ertheilte 2 Meilen von Revel in des Raths Hofe den rußiſchen Unterhaͤndlern
die kurze Antwort, daß ſie als eine herrmeiſterliche Stadt zum Capituliren keine
Erlaubnis habe.
Da der Orden in Liefland wegen der Uebergabe kleinerer Plaͤtze ſchon ſo
viel Aufhebens machte, ſo iſt leicht zu begreifen, warum dieſes ein wenig befeſtigte
Doͤrpt, das man mit Gewalt fuͤr eine Vormauer des Landes ausgab, bey ſei-
ner Ergebung noch viel mehr Reden und Verwirrung verurſachte. Man nante
die Einwohner deſſelben reiche und bemittelte Leute, die ihr Vermoͤgen zur Ret-
tung des ganzen Landes haͤtten anwenden ſollen. Man ſchaͤtzte die Baarſchaft an-
ſehnlicher Stiftsraͤthe, denen man Geitz und Eigennutz vorwarf. Die Aermern
beſchuldigte man der Schwelgerey und des Durchbringens. Man redete von
Verraͤthern, man ſpottete der Ungluͤcklichen, und verfuhr nicht anders, als ob
die Rechnung ſchon richtig waͤre, daß ein jeder Doͤrptiſcher wol 100 Ruſſen
auf ſich nehmen koͤnte.
Das erſte Gericht hielt man uͤber die aus Moskau zuruͤckgekommenen Gel-
der, die zu Riga in der Maſſelſtraſſe in dem Hauſe des Herrn Joh. Uxkuͤls
von Mentzen niedergeleget waren, wovon denen Doͤrptern wenig wieder in die
Haͤnde kam. Man ſahe ſie als Gelder an, welche nun rußiſch waͤren, und die
man daher nicht zuruͤckgeben duͤrfte. Selbſt diejenigen Gelder, welche die aus
Doͤrpt wegziehenden Einwohner aus Verkaufung ihres Geraͤthes geloͤſet, wur-
den fuͤr feindlich erklaͤret, und dieſen fluͤchtigen Leuten auf dem Wege nach Re-
vel durch den Gebietiger Wilhelm Wifferling abgenommen.
Der Ordensmeiſter Fuͤrſtenberg, bey welchem der gegen den Biſchof ge-
faſte Argwohn bey dieſem Verluſt gleichſam von neuem aufwachte, ruhete nicht
eher, bis er die vermuthete Verraͤtherey entdecket hatte. Man nahm den biſchoͤfli-
chen Bedienten Chriſtoph Luſtvern in Verhaft, und brachte ihn nach Wenden
in den Peinthurm. Dieſer der Tortur ungewohnte Hoͤfling that eine ziemlich un-
ordentliche Auſſage, und muſte ſie nach empfangenem Abendmahl den 25ſten Jul.
in Gegenwart des roͤmiſch-kaiſerlichen Notarii Thomas Tarnow in der
hauscomturlichen Kammer Vormittages um 8 Uhr guͤtlich bekraͤftigen, woruͤber
der Ordensſecretarius Baſtian Dittmarſchen das Protocol fuͤhrete. Die
Auſſage des Weinſchenken in Wenden, Reinhold Fackens, hieng nicht ordentli-
cher zuſammen; gleichwol machte des erſtern Bekentnis, daß man den ehrlichen
Kanzler Georg Holtſchuher in Hapſal einzog, deſſen Auſſage man wieder
ſo drehete, als ob der Biſchof mit Fleis und Vorſatz die Ruſſen ins Land einge-
locket, und ihnen die Feſtungen in die Haͤnde geſpielet habe. Dis Verfahren
machte den uͤbrigen doͤrptiſchen Kapitelsherren geſchwinde Fuͤſſe nach ihrem Va-
terlande, damit ſie nicht auch das Ungluͤck haͤtten, unſchuldiger weiſe mit in die
Jnquiſition uͤber die ſo genanten Landesverraͤther zu gerathen. Luſtver fiel ſelbſt
uͤber ſeine Ausſage in Verzweifelung und erhieng ſich im Gefaͤngnis k).
Haͤtte ſich Fuͤrſtenberg im Felde halten, und die noch uͤbrigen nothleiden-1558
den Schloͤſſer beſchuͤtzen koͤnnen; ſo wuͤrde der erſte Schrecken nach dem Verluſt
von Doͤrpt keinen beſondern Eindruck gemacht haben. Allein da es mit dem gruͤ-
nen Holze ſo gieng, ſo war das duͤrre nicht mehr ſicher, und der Vogt Bernhard
von
k)
[242]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1558von Smerten, verlies das feſte Wittenſtein, deſſen Lebensmittel ſich die aus
Doͤrpt ausgezogene Beſatzung zu Nutze machte, und ſich den darin befindlichen
Wein und Bier wohl ſchmecken lies, ohne doch lange an einem ſo wohl geſpickten
Orte zu verweilen. Doch der junge Caſper von Oldenbockum beſetzte das
ausgelerte Schlos gleich mit einiger friſchen Manſchaft, und hielt aus ſelbigem
die herumſchweifenden Freibeuter vom rußiſchen Heer noch etwas im Zaum.
Jn Revel wurde die Verwirrung noch groͤſſer. Der Domberg, auf wel-
chem der Orden ein von Natur und Kunſt wohlbefeſtigtes Schlos hatte, ward
bey der durchgaͤngigen Furcht von dem daſigen Comtur, Franz Segehaven von
Anſtel, in Hofnung auf koͤniglichen daͤniſchen Schutz, an einen Edelman aus
der Wyk Chriſtoph von Moͤnnichshauſen, einen Gevolmaͤchtigten des Koͤ-
nigs von Daͤnnemark, uͤbertragen, der auch gleich die in Beſatzung liegende
Compagnie der Ordensſoldaten ſeinem Koͤnig ſchweren lies. Dieſer unerwartete
Streich veranlaſte den Adel in Harrien und Wirland zu einem neuen Ent-
ſchlus, daß ſie ihre Geſandten Fabian von Tieſenhauſen und Bruno von
Wedbergen nach Daͤnnemark abfertigten, in der Zuverſicht, der Koͤnig
Chriſtian der IIIte werde ſeinen Beiſtand dem Lande um ſo viel weniger verſa-
gen, je laͤnger dieſe Krone in dem Beſitz von Eſtland geweſen. Die Stadt
Revel lies ein gleiches durch ihre Abgeordneten Jvo von der Hoͤge, und den
Rathsherrn Caſpar Breitholtz ſuchen; bey welcher Geſandſchaft der geſchickte
und beliebte Syndicus Joſt Clodt das Wort fuͤhrte. Der alte Koͤnig leh-
nete aber nach einigem Bedenken das ganze Anbringen mit der Entſchuldigung von
ſich ab, daß ihm GOtt Laͤnder und Staͤdte genug zu regieren gegeben, und eine
groͤſſere Buͤrde aufgeleget, als ſein graues Alter ihm zu tragen erlaube. Doch
ſchickte er den Ordensherren zur Beihuͤlfe 20000 Thaler, wofuͤr dieſe Geſchuͤtz,
Pulver und Lebensmittel ankauften. Tieſenhauſen ſtarb in Daͤnnemark, und
Wedberg auf dem Schiffe, von denen der letztere in Revel begraben wurde.
Moͤnnichhauſen der koͤniglichen Befehl erhielt, den Dom dem Orden zuruͤck zu
geben, gerieth auf einen andern Ausſchlag, und bot denſelben der Stadt um eine
Summe Geldes an, die aber auch Bedenken trug ſich in Weitlaͤuftigkeiten einzu-
laſſen; daher Moͤnnichhauſen ſeinen Schatz auf eigne Gefahr zu bewahren hat-
te, bis im Herbſt Gotthard Kettler durch Vermittelung des Herrn Diedrich
Behr und Heinrich Uxkuͤl von Fickel das Schlos Revel dem Orden wieder
unterwuͤrfig machte. Endlich ſties Fridrich Voͤlckerſam, Domproſt und
Obriſter uͤber die Voͤlker des Erzbiſchofs, zu Kettlers Armee, und wagte noch den
Sommer die Berennung des Schloſſes Ringen, aus welchem er die Ruſſen
verjagte, und mit ihnen beim Dorfe Torrifer ein gluͤckliches Scharmuͤtzel hielt.
Ein vornehmer rußiſcher Herr, der einige toͤdliche Wunden bekommen, bat ihn
in lateiniſcher Sprache ſeiner Heilung wegen Sorge zu tragen und ſagte: Rogo
dominationem tuam, intercedat pro me apud Dominum ſuum, Magnum Li-
uoniae
k)
[243]Erzb. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Wilhelms v. Fuͤrſtenberg.
uoniae Magiſtrum, vt me in ciuitatem ſuam ad medicos mittat, quia grauiter et1558
letaliter ſum vulneratus. Er verſchied aber unter ſeinen Haͤnden. Das Schlos
Ringen ward alſo von Kettlern erobert, und weil er 400 Ruſſen in ſelbigem
niederhauen lies, verdros ſolches den Czaar dergeſtalt, daß er auſſer den Biſchof
Herman alle Buͤrger und junge Leute aus Doͤrpt nach Pleſcow zu fuͤhren
befahl, die doch aber bald wieder zuruͤck gebracht wurden.
Noch erwies der gottſelige Koͤnig von Daͤnnemark Chriſtian der IIIte
kurz vor ſeinem Hintrit aus der Welt den Lieflaͤndern die Gefaͤlligkeit, daß er
durch ſeine Geſandten Claus Uhr, Waslaff Wobeſſer, Peter Bilde und
D. Hieronymus Tennern bey dem Czaar um einigen Stilſtand fuͤr die Lief-
laͤnder anhalten lies, der aber von den Ruſſen nicht laͤnger als auf ein halbes
Jahr genehmiget wurde. Jm roͤmiſchen Reiche verfuhr man weit kaltſinniger,
indem der Kaiſer ſeinen ganzen Beiſtand auf einige Ermahnungsſchreiben an die
Staͤdte Luͤbeck und Hamburg einſchraͤnkte, daß ſelbige den Ruſſen nach
Narva keine Contrebande zufuͤhren moͤchten; die aber nicht geſonnen waren ſich
ſo genau darnach zu richten. Die Lieflaͤnder ſelbſt erhielten keinen weitern Troſt,
als ſich an Schweden zu halten. Die Chriſtenheit ſey gros, und koͤnne weder
er noch das Reich der Tuͤrken wegen die Chriſten aller Orten ſchuͤtzen l).
Der Czaar unterlies mitlerweile nicht, dem roͤmiſchen Kaiſer Ferdinand
dem Iſten die Urſachen vorzulegen, die ihn zu dieſem Kriege mit Recht gereitzet.
Jhr Hauptinhalt lief darauf hinaus, daß die Staͤnde den Tribut, der alle 3 Jahr zu
erlegen geweſen, nicht gehoͤrig abgetragen, den rußiſchen Handel geſtoͤret, aus
den griechiſchen Kirchen Zeughaͤuſer und Cloaken gemacht, ſich an ſeine Warnun-
gen nicht gekehret, ſondern wie Pharao verſtockt geblieben waͤren; weswegen er
ſie mit Feuer und Schwerdt heimzuſuchen berechtiget ſey.
Die Lieflaͤnder wandten ſich in dieſem Gedraͤnge um Jacobi an die Kro-
ne Schweden, und ſandten nebſt Salomon Henning, D. Rembert
Gilſen und dem Secretair Michael Brinckmann, den duͤnemuͤndiſchen
Comtur Georg Brabeck nach Abo an den Grosfuͤrſten Johannes in Finn-
land, welcher nicht abgeneigt war auf Verpfaͤndung einiger Schloͤſſer ein Dar-
lehn von 200000 Thlr. zu thun, und dem Lande mit Volk, Munition und Pro-
viant beizuſpringen, in Hofnung, ſolchergeſtalt einen feſten Fus in Liefland
zu erhalten. Er gab den Geſandten zwar eine Befoͤrderung an ſeinen Herrn Va-
ter mit, verwies ihnen aber die Unachtſamkeit, welche in der lieflaͤndiſchen
P p p 2Kanzley
[244]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1558Kanzley mit dem koͤniglichen Titel begangen war, da man den Koͤnig im Lateini-
ſchen nur Jhro Erlauchten genant, und ſagte: Die koͤnigliche Majeſtaͤt von
Schweden iſt durch GOttes Gnade ſo verfinſtert nicht, daß ſie auf die Er-
leuchtung der Lieflaͤnder wartet. Jn Stockholm erwies der Stathalter
Lorenz Flemming den Geſandten alle Ehre und guten Willen, befoͤrderte ſie
auch zu dem Koͤnig nach Suderkioͤping in Oſtergothland, bey dem ſie aber
nicht ſonderlichen Eingang fanden, indem Guſtavus der Iſte ihnen den bey vo-
rigen Kriegen bewieſenen Wankelmuth vorwarf, da die Schweden ſich ehmals
der Lieflaͤnder wegen in einen weitlaͤuftigen Krieg verwickelt, und durch den ein-
ſeitigen Frieden des Meiſters mit Rußland im Stich gelaſſen waͤren. Er war-
nete auch ſeinen Prinzen Johan ſich mit den Lieflaͤndern auf nichts einzulaſſen;
die Verpfaͤndung erwecke bey Rußland nur Eiferſucht, welches dieſen Handel
fuͤr einen Friedensbruch der Schweden auslegen wuͤrde. Man werde ſich den
Neid des roͤmiſchen Reichs, der Krone Pohlen, und Daͤnnemark, ja aller
wendiſchen Staͤdte auf den Hals laden. Die Erhaltung der Pfandſchloͤſſer
ſey mit vielen Koſten verbunden, und das Pfand oft nicht ſo viel werth als das
Darlehn. Doch hatte der Koͤnig eine Fuͤrſprache bey Rußland einzulegen ver-
ſprochen, welche der eine Geſandte nach der Heimreiſe des andern abwarten wolte.
Es gieng aber auch dieſes zuruͤck, als der Koͤnig erfuhr, daß Daͤnnemark einen
Stilſtand bewirken wolle, und den ſchwediſchen Unterthanen auf ihrer Farth
nach Narva mancherley Beunruhigungen im Weg geleget worden. So viel ver-
ſprach gleichwol der Koͤnig, daß er Liefland aufs moͤglichſte helfen wolle, wenn
der Herr Meiſter Revel und andre Plaͤtze an Schweden verpfaͤndete. Jn
Riga thaten ſich viele durchs Evangelium geruͤhrte Perſonen zuſammen, und
ſtifteten die ſo genante milde Gift, ſo der Stadt einen ewigen Nachruhm zu
wege gebracht m).
Jm Hornung unternahmen die Ruſſen eine erſchreckliche Streiferey durch1558
Liefland, und erlegten den tapfern Dompropſt Voͤlckerſam nebſt vielen aus
dem vornehmſten Adel bey Tyrſen, deſſen Leiche nach Riga gefuͤhret und im
Dom beigeſetzet ward. Sie ruͤckten vor Riga vorbey in Curland bis an die
litthauiſche Grenze, und waͤren bis Memel gezogen, wenn nicht ein blinder
Lerm entſtanden waͤre, daß der mit etlichen hundert Reutern in Curland ange-
kommene Coadiutor des Erzſtifts, Chriſtoph, Herzog von Mecklenburg, ein
faſt unzehlbares Kriegesheer bey ſich fuͤhre. Die Ruſſen erhielten zugleich Nach-
richt von des Czaars Einwilligung in den durch daͤniſche Vermittelung verſchaf-
ten
m)
[246]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1559ten Stilſtand, daher ſie nach vielen zuruͤckgelaſſenen Fusſtapfen eines erbitterten
Feindes eilfertig wieder nach Moskau kehrten.
Da ſich die erwuͤnſchte Huͤlfe fuͤr Liefland aus keinem Theile der Welt ein-
finden wolte, ſo wandten ſich die Staͤnde an ihren Paswaliſchen Bundesver-
wandten, den Koͤnig Sigismund Auguſt von Pohlen, und ſtelten ihm die
Gefahr vor, welche durch den Untergang von Liefland auch ſeinem Reiche naͤ-
her traͤte. Allein die Herren Pohlen hatten auch nicht Luſt ihre Pferde fuͤr die
Lieflaͤnder umſonſt zu ſatteln, und gedachten den Frieden mit Rußland nicht
ſo leichtſinnig zu brechen; daher die Geſandten auf dem Reichstage zu Peterkaw
nicht einmal zum Gehoͤr gelaſſen wurden, ſondern dem Koͤnig nach Cracau fol-
gen muſten. Um aber Zeit zu gewinnen, nahm der Coadiutor Kettler von dem
Ordensmeiſter eine hinlaͤngliche Volmacht, und gieng auf der Poſt mit etli-
chen Ordensraͤthen in eigener Perſon nach Cracau. Jn Pohlen lies ſichs
ziemlich zur Huͤlfe an, doch wolte der Koͤnig erſt die Meinung der Republik ver-
nehmen,
m)
[247]Erzb. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Wilhelms v. Fuͤrſtenberg.
nehmen, beſtelte demnach Kettlern auf den 24ſten Junii nach der Stadt1559
Wilda.
Kettler war willens den Reichstag zu Augſpurg unterdeſſen zu beſuchen;
woran ihn aber der zu Wilda angeſetzte Termin hinderte. Doch ſprach er in
Wien ein, wo er dem Kaiſer die Abſicht ſeiner Reiſe nach Pohlen umſtaͤndlich
eroͤfnete, und auf die neuen Zuruͤſtungen der Ruſſen, weil der halbjaͤhrige Stil-
ſtand verlaufen, auch neue Anſuchung um Huͤlfe that. Der Kaiſer lehnte dieſes
mit vieler Gelaſſenheit ab, und verwies ihn auf den Reichstag. Der Bevol-
maͤchtigte des Ordens, Georg Sigeburgn), that auch zu Augſpurg ſo triftige
Vorſtellungen, daß die Reichsſtaͤnde auf ſo viele Fuͤrſprache andrer chriſtlichen Ge-
ſandten in eine Beiſteuer von 100000 Ducaten willigten, aber keine ſichere An-
weiſung darauf gaben, ſo noͤthig auch Liefland dieſe Mittel damals brauchte.
Kettler reiſte wieder nach Pohlen, und ſetzte ſein Geſuch fort, doch alles auf
dem Fus, daß dem roͤmiſchen Reich an ſeiner Oberherrſchaft uͤber Liefland
kein Eintrag geſchehe. Da Kettler in auswaͤrtigen Landen die Vortheile von
Liefland beſorgte, ſo richtete der alte Ordensmeiſter Fuͤrſtenberg es bey den
Gebietigern in die Wege, daß ſie Kettlern das Meiſteramt uͤbertrugen, daß er
mit ſeinen Unterhandlungen in Pohlen deſto ungehinderter und freier fortkom-
men koͤnte. Es wurde alſo Kettlern von ſeinem Vorfahren das Patent nach
Wilda zugeſchicket, und Fuͤrſtenberg ſchrieb ſelbſt einen Brief an den Koͤnig
von Pohlen, worin die Ordensgebietiger ihre Volmacht mit beigeleget, daß,
weil Fuͤrſtenberg Alters und Schwachheit halber die Regierung verbeten, ſie
Kettlern an ſeine Stelle genommen, welcher alſo als Oberhaupt Befugnis ha-
be alles zu handeln und zu ſchlieſſen, was zur Errettung von Liefland irgends
dienlich und noͤthig ſeyn koͤnne.
Fuͤrſtenberg erwehlte Vellyn zu ſeiner Ruhe, wo er eine Campagnie
deutſche Soldaten, ſeine alten Bedienten, und das grobe Geſchuͤtz bey ſich hatte;
womit er ſich doch ſchlecht genug ſchuͤtzen konte. Alſo folget
Ein in ſeinen Voreltern und Nachkommen groſſer Herr, deſſen un-
gemeine Regententugenden ihn deswegen uͤber den groſſen Plet-
tenberg erheben, weil ſein Regiment in die elendeſten und verwor-
renſten Zeiten in Liefland fiel, und er waͤrend ſeiner kurzen Regie-
rung der bedraͤngten Republik mehr Dienſte leiſtete, als jener in langen Jahren Ge-
Q q q 2legen-
[248]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1559legenheit gehabt hatte. Er war damals der einzige, den man, ſeiner Staats- und
Kriegserfahrenheit und ſeines wahren Heldenmuths halber, zu dieſer Wuͤrde am
tuͤchtigſten befand.
Er hatte zu Wilda am 3ten September den Tractat unterzeichnet, in wel-
chem der Koͤnig ſich zu aller Huͤlfe gegen die Ruſſen verbindet, wogegen der Erz-
biſchof der Kron Pohlen die Schloͤſſer, Lenewarden, Marienhauſen,
Berſon und Luban, der Meiſter aber ein Stuͤck von Aſcheraden, die Schloͤſ-
ſer Lutzen, Roſiten, Duͤneburg, Seleburg und Bauſchkenburg fuͤr
die aufzuwendenden Kriegeskoſten verpfaͤndet. Bey kuͤnftiger Wiedereinloͤſung
derſelben bezahlet der Erzbiſchof auf ſeinen Theil 100000, und der Meiſter 600000
Gulden, jeden zu 24 Groſchen litthauiſch gerechnet. Solte indeſſen Lief-
land Friede erhalten, ſo laͤſt ſich der Koͤnig mit einer geringern Erſtattung be-
gnuͤgen b). Die Stadt Riga, welche dieſes Buͤndnis fuͤr den erſten feſten Fus
der Pohlen in Liefland hielt, und fuͤr ihre Freiheit, noch mehr aber fuͤr die
Religion beſorgt war, bezeugte uͤber die Tractaten keine ſonderliche Freude, ſondern
nahm es noch in Bedenken, ob man die Huldigung nicht aufſchieben ſolte, wel-
che doch der Orden an Kettlern bey ſeiner Zuruͤckkunft aus Pohlen ſchon abge-
leget hatte. Kettler kehrte ſich daran nicht, ſondern uͤberlies dem Erzbiſchof
Wilhelm immittelſt die Stadt zur Beſchuͤtzung uͤber, der mit dem Koͤnig am be-
ſten zu rechte kommen wuͤrde. Er ſelbſt entſchlos ſich, in Eſtland den weitern
Einfaͤllen der Ruſſen Einhalt zu thun, und den Untergang der Provinz abzu-
wehren.
Dazu war Geld noͤthig; und gleichwol war die Ordenskaſſe leer. Er ver-
pfaͤndete demnach an den Herzog Albrecht von Preuſſen das Schlos Gru-
bin auf 5 Jahr um 50000 Gulden, und den Hof Kegel an die Stadt Revel um
46000 Mark, weil Fuͤrſtenberg ſchon 60000 Mark darauf gehoben. Jnglei-
chen bediente er ſich der aus Rußland zuruͤckgekommenen Gelder, und lies auch
viel Silber, Geſchmeide und Wagen wegnehmen, mit welche die Doͤrpti-
ſchen ſich unter der Hand aus dem Lande machen wolten. Ein alter Kaufgeſelle
zu Riga, Billerbeck ſtreckte ihm gegen Handſchrift 30000 Mark vor. So
kam es auch am 5ten October mit der alten Anforderung des Ordens auf die Guͤ-
ter des Kloſters Padis zur Richtigkeit. Der Abt Georg empfaͤngt freien Un-
terhalt auf Lebenszeit, nebſt 200 Mark rigiſch, eine Kammer auf dem Hauſe,
eine Badſtube auf dem Holm mit freiem Holze, das Geſinde Raßibold, wenn
er Leute zum verſchicken gebraucht, einen Garten, Futter fuͤr 2 Pferde, eine
Magd, einen Jungen, jaͤhrlich 2 Pf. Pfeffer, 1 Pf. Safran, von Hausgeraͤ-
the, was ihm anſteht, wie auch die Freiheit, ſeine Verlaſſenſchaft nach ſeinem To-
de an die naͤchſten Erben zu vermachen. Den uͤbrigen Geiſtlichen kam dieſe Ueber-
laſſung des Kloſters der Nachahmung wegen bedenklich und gefaͤhrlich vor.
Bey der Huldigung, welche er in der Mittwoche nach St. Gallen in Re-1559
vel annahm, ſprach er alle Eſtlaͤnder von der Schatzung und andern Be-
ſchwerden fuͤr ſich und ſeine Nachkommen los, weil ſie den Ruſſen mit groſſem
Schaden ihrer Guͤter ſtandhaften Widerſtand gethan.
Mit den zu Revel gehobenen Geldern zog der Ordensmeiſter Kettler auf
Martini auf den ſchlimſten Wegen, wo weder Geſchuͤtz noch Reuter durch kon-
ten, gegen die Ruſſen zu Felde, und ſchlug ſein Lager 3 Meilen von Doͤrpt bey
der Kirche zu Nugge auf, hielt auch ein gluͤcklich Gefechte bey Ruyn, weil ihn
des Erzbiſchofs Coadiutor mit Manſchaft unterſtuͤtzte. Bey Doͤrpt ſelbſt kam
es auch zu einigen Scharmuͤtzeln, in deren einem der Hauptman Lucning von
den Thuͤrmen der Stadt durch die Ruſſen erſchoſſen ward. Die Lieflaͤnder
waren zu ſchwach, ſonſt haͤtten ſie damals in Doͤrpt mit eindringen koͤnnen.
Der Befelshaber der Stadt lies die Buͤrgerſchaft indeſſen auf dem Rathhauſe ver-
ſchlieſſen, aber doch wohl verſorgen, bis das Lager bey Nugge aufgehoben war,
womit die Buͤrger ziemlich zu frieden zu ſeyn ſchienen, in Betrachtung, daß ſonſt
die Quartiere in Plescow viel beſchwerlicher geweſen ſeyn wuͤrden. Lais wur-
de von Kettlern auch zweimal beſtuͤrmet: doch gerieth die Belagerung bey anbre-
chendem Winter ins Stecken, weil die Soldaten nicht mehr im Felde dauren kon-
ten. Die groſſen Stuͤcke wurden nach Vellyn gefuͤhret, wo ſie bey dem dritten
Einfal den Ruſſen in die Haͤnde geriethen. Vor Lais wurde mancher braver
Soldat und Gebietiger aufgeopfert, worunter der revelſche Hauptman Wulf
von Strasburg auch ſein Ende fand, weil der Coadiutor ſchon mit ſeinen Leu-
ten in die Winterlaͤger aufgebrochen, und Kettler ſich den Siegeskranz ein we-
nig zu hitzig erfechten wolte. Der gemeine Soldat war des lieflaͤndiſchen
Winters ungewohnt, hatte auch nichts zu leben, weswegen die Beſatzung auf
Oberpahlen mit aufſaͤtzig wurde, und Geld oder den Abſchied forderte. Doch
Kettler wuſte ſie mit guten Worten zu befriedigen, und wies ſie in die Winter-
laͤger. Ein ſchoͤnes Mittel auf eine kurze Zeit!
Der misgelungene Anſchlag auf Lais zog Kettlern wieder ſein Verſchulden
uͤble Nachreden zu. Jndeſſen bekam er zu ſeiner Ermunterung in Vellyn ein
erzbiſchoͤfliches Schreiben, darin ihn Wilhelm zu friſcher Hofnung ermunterte,
ſo lange ihm Riga und Revel noch den Ruͤcken geſichert hielten. Den alten Fuͤr-
ſtenberg lies der roͤmiſche Kaiſer auch nicht ungetroͤſtet. Er ſchickte ſeinen
Kammerherrn Zacharias Hofmann an denſelben ab, der das kaiſerliche Schrei-
ben an den Czaar von Rusland vorzeigte, und eine nachdruͤckliche Veraͤnderung
verſprach. Etwas unangenehmer fiel Kettlern der Brief des Koͤnigs in
Schweden Guſtavs, unterm 30ſten November, als welcher die Schadlos-
haltung der koͤniglichen Unterthanen von dem Orden mit mehrerm Nachdruck be-
gehrete. Mit den Haͤndeln, welche in dieſem Jahr zwiſchen Schweden und
Liefland vorgefallen, hat es folgende Bewandnis. Der Czaar hatte ſich bis-
her die Buͤrger in Doͤrpt durch gar betraͤchtliche Vorzuͤge in ſeinen Landen ver-
bindlich gemacht, um durch dieſelben den andern Staͤdten beſſere Gedanken von
ihm beizubringen, und ſie zur Unterwerfung zu bereden. Als dieſes Mittel den
geſuchten Zweck nicht erreichte; ſo ſchickte er der Stadt Revel einen ſo genanten
Abſagebrief zu: worauf die Stadt ſich in guten Vertheidigungsſtand ſetzte, in
aller Eil das groſſe Rundel bey der Schmiedepforte, viele Waͤlle, Mauren, Gra-
ben und Steinwehren verfertigte, bey welcher Arbeit Buͤrger und Geſellen die
Hand anlegen muſten. Die Buͤrgerſchaft hatte auch einige Kaper in See ſte-
chen, und etliche rußiſche Loddigen oder Fahrzeuge pluͤndern laſſen, die auf dem
ſchwediſchen Fahrwaſſer bey Biorkioͤ, (Borgo) und andern Hafen in
Nyland Handlung trieben. Dieſe Kaper hatten ſich aber endlich auch an ſchwe-
diſchen Schiffen vergriffen, weil ſie den Ruſſen nach Narva Salz zugefuͤh-
ret, und den Schiffer Veit Olden gepluͤndert, den andern aber Hans Gam-
la unter Eckholm auf den Strand gejagt; wodurch der Gouverneur in Wi-
R r rburg
[250]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1559burg, Clas Chriſterſon Horn, ſich genoͤthiget ſahe die Kaufleute aus Re-
vel, Berlhold Buſſen, Meinhard Frilſen und Diedrich Reſenkam-
pen zu Wiburg in Verhaft zu nehmen. Der Koͤnig ſelbſt lies einige Kriegs-
ſchiffe zur Bedeckung ſeines Handels in dem finniſchen Meerbuſen kreutzen.
Der Koͤnig bezeuget dem Ordensmeiſter, daß an dieſem Unfug nicht die Zufuhr
Schuld habe, indem man ja aus Riga uͤber Plescow weit ſtaͤrker mit Ruß-
land handele, ſondern der Neid, daß Schweden hierdurch etwas gewinne.
Er verſichert, die Gefangenen in Wiborg nicht eher los zu geben, bis ſeine ge-
pluͤnderten Unterthanen befriediget worden; zuletzt verlanget er auch fuͤr die auf
ſchwediſchen Kuͤſten beraubten Ruſſen eine Genugthuung. Allein die Kriegs-
unruhen verſtatteten den Lieflaͤndern nicht dieſes alles zu volziehen.
So ſchlecht muſten ſich auch die Luͤbecker befriedigen laſſen, denen man
etliche Schiffe wegnahm, und die Waaren fuͤr Contrebande erklaͤrte. Die Sa-
che kam fuͤr die Hanſeeſtaͤdte. Dieſe thaten nun zwar den Ausſpruch zum Vor-
theil der Stadt Revel; allein die Luͤbecker lieſſen ſichs nur in ſo weit gefallen,
wenn andre Nationen auch den Handel nach Wiborg und Narva unterlieſſen.
Sie beriefen ſich zugleich auf das kaiſerliche Privilegium, vermoͤge deſſen ſie bis
an die Newa nach Nyen handeln koͤnten; ingleichen auf des Herrn Meiſters
Gottfrieds Brief, worin ihnen ſo gar in feindlichen Zeiten mit Rußland der
Handel offen gelaſſen worden. Sie gewannen auch das Urtheil bey Ferdinan-
den, welcher bey Kettlern auf die Wiedererſtattung der Guͤter drang. Der
Ordensmeiſter wolte von Vellyn nach Revel gehen und die Haͤndel naͤher unter-
ſuchen, weil faſt alle Nationen nach Narva fuhren und die Kaufmanſchaft zu
Revel verderbten. Allein die Ankunft der pohlniſchen Geſandten, Sta-
nislaus Narkuski, Praͤpoſitus zu Vilna, und des litthauiſchen Schatzmei-
ſters Nicolaus Naruscewitz, noͤthigten ihn nach Riga zu reiſen, woruͤber der
Handelsproces ins Stecken gerieth, und an keine Ruͤckgabe mehr gedacht wurde.
Sonſt meldet Ruſſov bey dieſem Jahre noch, daß der Tater Cham auch ſeine
Botſchafter an den Ordensmeiſter geſandt, und Huͤlfe gegen den Ruſſen ver-
ſprechen laſſen, wobey aber die Botſchafter begehret, ihren Herren mit Geſchen-
ken und Boten wieder zu beſuchen. Allein auf dieſen Rohrſtab wolte Kettler
ſich nicht ſtuͤtzen.
Mit Anfang des neuen Jahrs brach die geſamte rußiſche Macht in Lief-
land ein, nachdem ſie ſich noch eine Zeitlang uͤber den Ablauf des Stilſtandes
geduldet hatte. Der Comtur von Marienburg, Caſpar Sieburg, der ſich
dieſes unvermutheten Ueberfals nicht verſehen, ſich auch nicht im Stande der Ge-
genwehr befand, capitulirte gleich, wurde aber von Kettlern nach Kirchholm
ins Gefaͤngnis geſchickt, worin er bis an ſein Ende liegen muſte.
Der Ordensmeiſter fertigte nach genommener Abrede mit dem Pohlni-
ſchen Geſandten ſeinen Bevolmaͤchtigten mit an den Koͤnig ab, welcher bisher den
Lieflaͤndern ganz kaltſinnig begegnet war, und mit Verlegung ſeiner Truppen
in die geraͤumten Pfandhaͤuſer ſehr langſam verfuhr, theils den Ruſſen keine Be-
ſchwerden zu verurſachen, theils die Staͤnde in Liefland etwas zappeln zu laſſen,
und zu billigern Bedingungen zu bewegen. Ja es lies ſich jetzo mehr als ſonſt da-
zu an, daß dieſe Ordensrepublik nicht lange mehr wuͤrde beſtehen koͤnnen. Der
Czaar war wegen eines dauerhaften Friedens unſicher, und wolte die Handlung
ſeiner Unterthanen nicht gern ſtoͤren laſſen. Die Schweden waren ſchon zur
See beunruhiget worden, ohne Genugthuung zu erhalten. Die Daͤnen wolten
ſich auch nicht umſonſt eine Laſt aufbuͤrden. Der Kaiſer hatte noch naͤhere Sor-
gen. Des roͤmiſchen Reichs Staͤnde fanden ſich dadurch beleidiget, daß man
in Liefland keine andere Nation als Weſtphaͤlinger aufnahm. Die Hanſeeſtaͤd-
te waren eiferſuͤchtig, weil Liefland ihnen ihren Handel nach Rußland beneidete,
und ihren Schiffen feindlich begegnete. Es war niemand, der ſich des Landes in
ſeiner Armuth und Noth annahm, ohne einen Vergleich, der dem Orden nach-
thei-
[251]Erzbiſch. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Gotthard Kettlers.
theilig fiel. Und ſo machten es auch die Pohlen, die doch endlich nach langem1560
Zaudern den Kronunterkanzler Philip Padenewski und den Waywoden von
Vilna, Nicolaus Radzivil, Herzog von Olika, nach Seleburg ſchick-
ten, welche mit den Haͤuptern des Landes in naͤhere Unterhandlung traten, die
haltbarſten Plaͤtze beſichtigten, und nach und nach den Beſatzungsvoͤlkern Befehl
zum Anzuge ertheilten. Kettler muſte auch die 4 Schloͤſſer Goldingen, Ha-
ſenpot, Durben und Windau um 80000 Gulden an Pohlen verſetzen,
um nur ſo viel in die Haͤnde zu bekommen, daß er die deutſchen Soldaten be-
friedigen konte, die nicht mehr von guten und boͤſen Worten leben konten, und
deren etliche ſchon mit fliegenden Fahnen aus dem Lande ziehen wolten. Jm Lan-
de war fuͤr dieſe armen Leute auch um Geld nicht viel zu haben, da alles verheeret
lag, und viele adeliche Beſitzer nicht mehr den Roßdienſt zu leiſten im Stande
waren. Der Hunger, welcher ſonſt den beherzteſten Kerl feige machen kan,
band ſelbſt dem Ordensmeiſter die Haͤnde, daß er dasjenige mit ſeinen Soldaten
nicht auszufuͤhren vermochte, wozu ſein nie gebeugter Muth den gehoͤrigen Nach-
druck und Standhaftigkeit beſas.
Solche kuͤmmerlichen Umſtaͤnde brachten dieſen um das Wohl des Or-
dens beſorgten Herrn wie ſchon ehemals alſo auch jetzo in unterſchiedliche Verſuchun-
gen. Er ſahe ſo gar den Herzog Albrecht von Preuſſen fuͤr einen Mitwerber
um Liefland an, welche Furcht er doch ziemlich fahren lies, als ihm der Herzog
unterm 17ten Merz ſchriftlich verſicherte, daß er fuͤr ſeine Perſon, Erben und
Nachkommen Liefland alle freundſchaftliche Nachbarſchaft verſpreche, und ſich
des Adels und der Unterthanen auf der ihm verſetzten Vogtey Gruben nicht wei-
ter, als die Pfandverſchreibung enthalte, anmaſſen wolle.
Die Ankunft des Herzogs Magnus von Hollſtein, welcher am 14ten
April in den Oſtertagen zu Arensburg ans Land ſtieg, um von der Jnſel Oeſel
Beſitz zu nehmen, duͤnkte Kettlern weit gefaͤhrlicher und bedenklicher zu ſeyn c).
R r r 2Der
[252]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1560Der Vater dieſes Herrn, Koͤnig Chriſtian der IIIte von Daͤnnemark, hatte
ſchon vor 2 Jahren fuͤr dieſen ſeinen zweiten Prinz um die Wyk und Oeſel ge-
handelt, den Kauf aber nicht zu Stande gebracht. Als nun, nach Abſterben des
alten Koͤnigs, der Herzog Magnus von ſeinem Herrn Bruder, dem folgenden
Koͤnige Fridrich dem IIten, fuͤr ſein Antheil an Hollſtein befriediget ſeyn wolte,
ſo trieb Friedrich den Handel im vorigen Jahr ernſtlicher, und kaufte von dem
daſigen Biſchof Johan von Muͤnchhauſen das Biſtum. Das Kapitel, die
Raͤthe und die oͤſelſche Ritterſchaft nahmen den neuen Biſchof begierig an; weil
ihnen der Koͤnig ſchon ſeit einem Jahre allen Schutz zugeſaget und in einer zu
Nieburg abgefaſten Urkunde die freie Wahl eines Biſchofs aus ihrem Kapitel
zugeſtanden. Ob nun wol der Orden beſagten Johan von Muͤnchhauſen
auf Fuͤrſprache ſeines Verwandten Ernſts von Muͤnchhauſen, Comturs auf
Goldingen, nur mit der Bedingung zum Biſtum gelaſſen, daß er ohne Ein-
willigung des Ordens ſein Stift nicht veraͤndern ſolte, welches auch der Kaiſer
unterm 4ten May 1541 beſtaͤtigen muͤſſen; ſo wolte ſich doch der Biſchof nichts
vorſchreiben laſſen, ſondern nahm die 20000 Thlr. und gieng damit nach Hauſe.
Der koͤniglich daͤniſche Bevolmaͤchtigte, Ulrich von Baͤhr, ſetzte den Handel
auf das Stift Curland fort, womit es aber langſam hergieng. Und damit der
regierende Koͤnig Friedrich fuͤr ſich und ſeinem Bruder um ſein baares Geld noch
mehr Verdrieslichkeiten erhandelte, ſo brachte er auch das Biſtum Revel von dem
Biſchof Moritz Wrangel kaͤuflich an den Herzog Magnus. Ja Magnus
hatte das Gluͤck, daß der Ordensvogt Hinrich von Luͤdinghuſen, genant Wolf
auf Sonneburg, ihm ſein Schlos gutwillig uͤbergab, unter dem Vorwand, daß
Magnus es gegen die Schweden vertheidigen und dem Orden wieder uͤberlie-
fern ſolte, wobey ſich aber der Vogt uͤbel bettete.
Kurz vor ſeiner Ankunft gieng Kettler in Riga mit den Staͤnden des Lan-
des zu Rathe, und machte den 5ten April dieſen Abſchied: Alle wollen GOtt
bitten, daß ihr bisheriges ſuͤndliches Leben in ein chriſtliches busfertiges Weſen
moͤge verkehret werden. Da ihre Bemuͤhung auswaͤrtige Huͤlfe zu ſuchen, frucht-
los abgelaufen, und ſie ſich ein Gewiſſen machen, Liefland zum Schaden der
Chriſtenheit in andre Haͤnde gerathen zu laſſen; ſo wollen ſie zu guter letzt noch
einmal ihre Kraͤfte anwenden, und bey chriſtlichen Potentaten auf allerley Be-
dingungen Huͤlfe, Troſt, Errettung und Geld ſuchen, dabey es denn ſein Be-
wenden haben ſolle. Koͤnte der Herr Meiſter durch eine chriſtliche Heirath zum
Heil der bedruͤckten Lande etwas ausrichten, ſo bewilligen ſie nicht nur dieſes, ſon-
dern laſſen ſichs auch gefallen, wenn er die Ordenslande erblich und eigen als ein
natuͤrlicher Erbfuͤrſt bey dem zutraͤglichſten Potentaten erhalten kan, nur daß alle
Einwohner bey dem Beſitz ihrer Guͤter gehandhabet werden. Solten aber keine
huͤlfliche Mittel ausfuͤndig gemacht werden koͤnnen, ſo wollen ſie ſich an den Koͤ-
nig von Pohlen wenden, weil ſie ſich mit demſelben ſchon durch ein doppeltes
Band
c)
*)
[253]Erzbiſch. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Gotthard Kettlers.
Band ſo wol des paswalkiſchen Vergleichs als der Pfandſchloͤſſer verbun-1560
den d).
Kettler hatte ſich bisher wieder den Verkauf des revelſchen Biſtums hart
geſtraͤubet, gleichwol aber den Handel nicht hintertreiben koͤnnen. Er ſchickte ei-
nige Reuter nach Oeſel, die Sonneburg wieder beſetzen und den Vogt abho-
len ſolten, woruͤber bald ein einheimiſcher Krieg entſtanden waͤre. Denn Ma-
gnus lies die Schuͤten oder Fahrzeuge beſchlagen, die Ordensperſonen verſtri-
cken, und legte ſeine Manſchaft bey den Domherren in die Haͤuſer. Doch weil
Magnus von ſeinem Herrn Bruder ein Empfelungsſchreiben an Kettlern hat-
te, ſo beehrte ihn der Ordensmeiſter mit einer Geſandſchaft, die ihn bewilkomme-
te, und alle gute Verſicherungen ſeines Wohlmeinens empfing. Nur dieſes fiel
den Geſandten verdrieslich, daß ſeine Raͤthe ſich in einer Geſelſchaft etwas leiſe
beſprachen, und der Herzog nebſt unterſchiedlichen andern Punkten auch die Ab-
tey Padis heraus forderte, welche der Orden bisher ſequeſtriret hielt.
Um Pfingſten fiel der Feind mit 16000 Man in Harrien ein, woſelbſt er
das biſchoͤfliche Schlos Fegefeuer, nebſt vielen adlichen Hoͤfen und Doͤrfern
verbrante. Da er noch in dem Kirchſpiel Koskuͤl ſtand, verſamleten ſich einige
von Adel mit ihren Leuten und fielen zu Neuenhof bey neblichtem Wetter mit
95 Pferden auf einen Haufen Ruſſen mit ziemlichem Gluͤck. Als es aber heiter
wurde, ruͤckte eine ſtaͤrkere Macht an, die ſich in einem Hegewalde ohnweit Neu-
enhof verborgen hatte, und trieb dieſe hitzigen Streiter aus dem Felde, die meh-
rentheils unterweges blieben, und unter denen man den tapfern Ebert von Del-
wig bedauerte. Der Reſt fluͤchtete in die koskuͤlſche Kirche, wo ihrer 32 ſich
gefangen geben muſten. Die Ruſſen, welche bisher der Kirchen im Lande geſcho-
net hatten, ſteckten dieſe in Brand, und eroberten | Neuenhof, woraus der erſte
Anfal auf ſie geſchehen. An ſich fruchtete ſolche ſchwache und kraftloſe Gegen-
wehr weiter nichts, als einen erzuͤrten Feind noch erbitterter zu machen.
Da es nun mit dem Ordenslande auf allen Seiten mislich ſtand, fand
Kettler fuͤr dienlich, der Stadt Riga behutſamer zu begegnen, und gegen Ver-
ſicherung ihrer Privilegien die Huldigung anzunehmen, welche ihm an 24ſten
Junii zu Riga geleiſtet wurde e). So ſuchte er auch den Anforderungen des
Her-
[254]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1560Herzogs Magnus ein Gnuͤge zu thun. Zu Pernau war im Julius ein Land-
tag angeſetzet, auf welchen der Erzbiſchof, der Coadiutor, der Herzog und Kett-
ler
e)
[255]Erzbiſch. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Gotthard Kettlers.
ler mit aller Genehmhaltung am 6ten Auguſt einen Anſtand oder Vertrag unter-1560
S s s 2zeich-
e)
[256]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1560zeichneten f). Der ſteife Sin des Herzogs, dem Kettler bey dieſem Vergleich in
allem zu willen ſeyn muſte, war dieſem jungen Herrn vermuthlich durch die alten
biſchoͤflichen Raͤthe des Stifts Doͤrpt, von denen er einige um ſich hatte beigebracht,
weil ſie hierdurch Gelegenheit hatten ſich wegen der ihnen Schuld gegebenen Ver-
raͤtherey an den Orden zu raͤchen, und ihren alten Widerwillen auszulaſſen.
Die Geſchichtſchreiber, ſo fuͤr den Orden geſinnet ſind, beurtheilen dieſe Hand-
lungen des Herzogs und ſeiner Raͤthe freilich ungleich; darin aber ſind ſie einig,
daß wenn die Ruſſen auf Pernaw losgegangen waͤren, ſie die Standeshaͤupter
des Landes gleichſam im Sacke fangen und dem ganzen Kriege ein geſchwindes En-
de machen koͤnnen.
Doch die rußiſche Armee nahm ihren Weg unter Anfuͤhrung des Kneſen
Andrei Kurpſche nach dem Ordensſchloſſe Ermis, wo ſie auf die erzbiſchoͤfli-
chen und Ordensvoͤlker ſties, 500 von denenſelben erlegte, und den Landmar-
ſchal und Comtur zu Segewolde, Philip Schall von Bell, ſeinen Bruder den
Comtur von Goldingen, Werner Schall von Bell, den Vogt zu Baus-
ke, Hinrich von Galen, den Vogt zu Candau, Chriſtoph Sieborgen
und einen vornehmen Stiftsadlichen, Namens Reinhold Saſſe, ſamt an-
dern mehr gefangen bekam und nach Moskau ſchickte g). Hierauf gieng der
Zug
[257]Erzbiſch. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Gotthard Kettlers.
Zug nach Vellin. Der Ort wurde am Tage Mariaͤ Magdalenaͤ beſchoſſen,1560
die Mauren eingeworfen, und das Staͤdgen bis auf 5 Haͤuſer verbrant. Die einzige
Compagnie Soldaten hielt ſich auf dem Schloſſe noch 4 Wochen. Als ſie weiter
nichts als die unausbleibliche Gefangenſchaft zu erwarten hatten, ſprachen ſie von
Unterhandlungen. Ob nun wol der alte Fuͤrſtenberg, welcher ſich hier der Ruhe
halber niedergelaſſen, alle ſein Gold und Silber den murrenden Soldaten ſo lan-
ge anbot, bis er ſie mit gepraͤgter Muͤnze wuͤrde befriedigen koͤnnen, auch an
Vorrath noch kein Mangel war; ſo war doch weder aus der Naͤhe noch Ferne ein
Entſatz zu hoffen. Die Beſatzung bedung ſich alſo freien Abzug, und lies trefliches
Geſchuͤtz im Stiche. Doch wolte ſie ſich wegen des ruͤckſtaͤndigen Soldes ſelbſt
bezahlt machen, und erbrach Kiſten und Kaſten, in welche der alte Fuͤrſtenberg
und viele vom Adel aus der Naͤhe ihre Geraͤthe eingepacket hatten, in der Mei-
nung ſelbige zum Reiſegelde zu gebrauchen. Allein die Ruſſen bekamen Wind
davon, jagten den unrechtmaͤßigen Jnhabern die gepluͤnderten Schaͤtze wieder ab
und ſandten die Leute nackend und kahl nach Riga. Hier machte ihnen Kettler
einen kurzen Proces, und lies ſie als Verraͤther aufhaͤngen. Fuͤrſtenberg wur-
de ſamt ſeinem Diener von den Ruſſen nach Moskau auf das Schlos Lubin
gefuͤhret, und ihm ſelbiges Zeitlebens zum Leibgedinge uͤberlaſſen, wo er auch To-
des verblichen h).
Als Vellin am 22ſten Auguſt uͤbergegangen, theilte ſich das rußiſche Heer in
3 Haufen. Die kleinſte Partey ruͤckte im September vor Weiſſenſtein, wel-
ches der obgemeldte Caſper von Oldenbockum tapfer vertheidigte, und beſchos
das Schlos 5 Wochen. Die umliegende Gegend wurde verheeret, dem Schloſ-
ſe aber war nicht beizukommen. Ein andrer Haufen gieng; nach Wenden und
Wolmar. Die Buͤrgerſchaft von Wolmar that mit 3 Rotten Schuͤtzen einen
Ausfal, um das weggetriebene Vieh zu erbeuten, wagte ſich aber ſo unvorſichtig,
daß ſie voͤllig umringet und gefangen genommen, auch ſo gleich nach Moskau
geſchickt wurde. Die dritte Abtheilung ſchlug ſich nach der Wyk, wohin die
Harriſchen ihr Vieh und ihre Koſtbarkeiten geſchaffet, weil man dieſes Land,
des Herzogs Magnus wegen fuͤr ſicher hielt, allein weil Magnus mit auf dem
pernauiſchen Landtage geweſen, und ſich bey den Ruſſen verdaͤchtig gemacht,
ſo wurden auch aus dieſem Kreiſe die Einwohner nach Moskau gebracht. Selbſt
Magnus hielt ſich in Hapſal nicht ſicher, ſondern ſtieg ins Boot und fuhr
nach
h)
[259]Erzbiſch. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Gotthard Kettlers.
nach Oeſel. Aus der Wyk zogen die Ruſſen mit der Beute fuͤr Revel vor-1560
bey, und ſchlugen 2 Meilen davon auf dem Hofe Harke ihr Lager auf. Die
Revelſchen wolten gern von dem Weggebrachten etwas retten, und wagten ſich
am 11ten September Morgens fruͤh zu Pferde und zu Fus aus der Stadt, wo
ſie ſich zwar einiger Gefangenen und etlicher 1000 Stuͤck Rindvieh bemaͤchtigten: weil
aber die Fusgaͤnger mit dem Geſchuͤtz nicht ſo geſchwind herbey eilen konten; ſo
kam ihnen die feindliche Macht gar zu ſtark auf den Leib, ſo daß ſie ſich in der
groͤſten Unordnung wieder zuruͤck ziehen, und den nachſetzenden Ruſſen Beute
und Stuͤcke ſamt den Rathspferden uͤberlaſſen muſten. Von Adelichen vermiſte
man inſonderheit Johan von Galen, Juͤrgen von Ungern und Lorenz
von Ermis, von den Staͤdtſchen den Rathsherrn Luͤtke von Oyten, den
Buͤrger Blaſius Hochgref ſamt andern Buͤrgern und Kaufgeſellen. Viel
brachte man hart verwundet nach der Stadt. Die Ruſſen ſelbſt konten ſich uͤber
die Unbeſonnenheit dieſes Ausfals nicht genug verwundern. Die Ruſſen ſuchten
alle Todten zuſammen, ſchlepten ſie nach den umliegenden Doͤrfern, verbranten
die Koͤrper, ſo daß die Doͤrfer daruͤber mit im Rauch aufgiengen, und ſchlugen
ſich hierauf nach der Gegend von Wittenſtein.
Der Erzbiſchof, der zur Errettung des Landes auch was thun wolte, brachte
es beim Koͤnig von Pohlen ſo weit, daß ihm 200 Man Reuterey geſchickt wur-
den, die, wie es in den Tractaten heiſt, zum Troſt des roͤmiſchen Reichs und
zum Schutz der geſamten Chriſtenheit ihre Tapferkeit beweiſen ſolten. Die Stadt
machte aber gegen ihre Aufnahme ſo viel Ausfluͤchte, daß ſie ſich vom Erzbiſchof
unterm 3ten December und vom Herrn Meiſter unterm 21ten Decemb. eigene Si-
cherheitsbreife geben lies, worin beide die theureſten Verſicherungen wegen der
evangeliſchen Religion unterſchrieben, und der Stadt zur Sicherheit die herrlich-
ſten Vortheile zugeſtehen muſten.
Die harriſchen und wykiſchen Bauren wolten Schutz oder Freiheit ha-
ben, und rotteten ſich daher haufenweiſe zuſammen, pluͤnderten die adlichen Hoͤfe
aus, und erſchlugen die Herren Jacob Uxkuͤl von Luͤmmat, Otto Uxkuͤl
von Kirketa, Juͤrgen Risbyter, und Hinrich (nach andern Diedrich) von
Liwen, ſandten auch einige aus ihrem Mittel nach Revel, und boten der Stadt
ein Buͤndnis an, wovon der Adel ausgeſchloſſen werden ſolte. Als der Rath ih-
nen die Unbeſonnenheit vorruͤckte, und ſie zum Gehorſam ermahnte, belagerten
ſie das Schlos Lode, wohin viele von der Ritterſchaft ihre Zuflucht genommen
hatten. Chriſtoph (oder nach andern Wilhelm) von Muͤnchshauſen trieb
aber die ungedungenen Krieger ſo gluͤcklich zuruͤck, daß eine ziemliche Menge von
ihnen auf dem Platze blieb. Die Raͤdelsfuͤhrer, welche man gefangen bekommen,
wurden theils vor Lode theils vor Revel hingerichtet.
Waͤhrend dieſer recht aͤngſtlichen Zeit gereichte dem Lande zu einem wiewol
kurzen Troſt, daß der Koͤnig von Schweden Guſtav der Iſte die Staͤnde er-
mahnen lies, weder der Macht von Rußland noch den Liebkoſungen der Kron
Daͤnnemark nachzugeben, ſondern bey dem Herrn Meiſter treulich auszuhal-
ten; wobey die Geſandten, die mit 3 Galeien angekommen, noch verſicherten, daß
ihr Koͤnig keinem andern Potentaten das Land goͤnnen wuͤrde; er wolle ſie mit Le-
bensmitteln und Kriegsvorrath verſehen, und im Fal einer Belagerung koͤnten die
Revelſchen Weib und Kinder nach Finnland ſchicken, woſelbſt ſie Verſorgung und
Sicherheit finden ſolten. Der Ordensmeiſter ſchickte denn auch ſo gleich Geſand-
ten nach Stockholm, wohin ſie der pohlniſche Geſandte Chriſtoph Co-
narski begleitete. Sie kamen dahin, fanden aber nach einer vierwoͤchentlichen
Reiſe zur See den Koͤnig Guſtav in letzten Zuͤgen, welcher ſie deshalb an ſeine
Prinzen und Reichsſtaͤnde verwies. Den Geſandten war in ihrer Vollmacht auf-
getragen, entweder Huͤlfe, oder Vermittelung eines Friedens, oder Geld auszu-
wirken. Der Herzog Erich, welcher an des nunmehr verſtorbenen Guſtavs
Stelle kam, gieng mit der Antwort ſehr bedaͤchtig zu Werke, daß auch die Stadt
T t t 2Re-
[260]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1560Revel, welcher die Zeit zu lange waͤrete, aus Furcht fuͤr der rußiſchen Belagerung
ihre eigenen Deputirten den Rathsherrn Johan Schmiedemann und den Elte-
ſten der groſſen Gilde Claes tor Hake den 5. Sept. nach Stockholm abfertigten,
eine gewiſſe Summe Geldes auszuwirken. Weil dieſe mit den herrmeiſterlichen
und pohlniſchen Geſandten alles uͤberlegten, ſo fand es der Koͤnig fuͤr rathſam,
die Revelſchen allein zu ſprechen, und die Herrmeiſterlichen mit der kurzen Ant-
wort zu beurlauben: er traue den Lieflaͤndern nicht, weil ſie Schweden ſchon
einmal ſitzen laſſen; doch wolle er ihnen gegen Verpfaͤndung der Stadt Pernaw
60000 Thlr. vorſchieſſen, verlange aber fuͤr die Kaperey auf die Schiffe ſeiner
Unterthanen noch vor Oſtern eine hinlaͤngliche Genugthuung. Alſo kam aus
Schweden nichts, und aus Deutſchland nichts beſſers, ohnerachtet der
deutſche Hochmeiſter durch ſeine Geſandten, den Landcomtur der Balley Heſſen
Johan von Rehen, Georg Hund von Wenckheim, Comtur zu Frank-
furt und den Doctor der Rechte, Thomas Meyerhoͤfer, auf dem Reichstage
zu Speier wegen der Errettung der Republik Liefland die triftigſten Vorſtel-
lungen thun laſſen. Die herrmeiſterlichen Geſandten hatten bey ihrer Ruͤckreiſe
aus Schweden noch das Ungluͤck, daß, da ſie in der Mitten des Jenners von
1561Helſingfors nach Revel uͤber das Eis wolten und des Abends die Jnſel Nar-
joͤ 3 Meilen von Revel erreichten, des Nachts ein ſo ploͤtzliches Thauwetter ein-
fiel, daß ſie mit genauer Noth auf einem Bote die ſchlechte Antwort des Koͤnigs
ihrem Meiſter uͤberbringen konten.
Sodann bot Koͤnig Erich den revelſchen Geſandten ſeinen Schutz, Huͤl-
fe und Geld unter der Bedingung an, wenn die Stadt ſich ſeiner Botmaͤßigkeit
unterwerfen wolle: doch meinte er noch ſicherer zu gehen, wenn ganz Eſtland
die Unterwerfung unter den ſchwediſchen Scepter annaͤhme, gleichwie Lief-
land mit den Pohlen in Tractaten ſtand; indem es doch dem Czaar bedenklich
fallen wuͤrde, ſich um dieſer Laͤnder willen zwey maͤchtige Nachbarn zu Feinden zu
machen. Die Stadt Revel uͤberlegte die Willensmeinung des Koͤnigs mit der
Ritterſchaft von Harrien und Wirland, und ſodann ſchickte der Adel Her-
man Szoͤgen und Rembert von Gilſen, die Stadt aber den Buͤrgermeiſter
Johan Koͤnig, den Rathsherrn Juͤrgen Huͤnerjaͤger, und den Secretair
Lorenz Schmidt an den Ordensmeiſter Kettler ab, und entdeckten ihm
nach ihrem langen und vergeblichen Ausſehen um Huͤlfe ihren gefaſten Entſchlus,
Schweden zum Oberherrn anzunehmen. Kettlern gieng es freilich nahe; er
that daher wieder gute Verſprechungen, ſchickte auch eine Compagnie Pohlen
mit, die aber mit den Buͤrgern ſo viel Lerm machten, daß der Magiſtrat ihnen
eine Belohnung austheilen und ſie wieder zum Thore hinaus ziehen lies.
Jn der Faſtenzeit am 25ſten Merz fanden ſich von ſchwediſcher Seite
die Gevolmaͤchtigten ein, welche die Unterwerfung des Herzogthums Eſtland
unter die Kron Schweden gluͤcklich zu Stande brachten. Sie hieſſen Clas
(Claudius) Chriſterſon, Herr auf Amine, Hans Larſſon zu Jsnes,
nebſt dem koͤniglichen Secretair Herman Bruſer. Jhr erſtes Anbringen be-
ſtand in der Zuruͤckforderung der geraubten Kaufmansguͤter, dem ſie durch Vor-
weiſung des koͤniglichen Befels Nachdruck gaben, und vermoͤge welcher die ſchwe-
diſchen Hauptleute Hans Kyle, Erich Timmeſon, Caſper Wittenberg
und Lille Marten, die mit einigen Kriegesſchiffen und Voͤlkern in Finnland
lagen, befehliget wurden, auf Anforderung der Herren Commiſſarien ſich fertig
zu halten. So wurde auch Anders Peerſon zu Ferdahl aus dem beruͤhmten
Geſchlechte der Lilienhoͤeke mit einigen Schiffen, Geſchuͤtz, und andrer Kriegs-
geraͤthſchaft, und 3 Compagnien Soldaten nach Revel geſchickt. Kettler war
nicht geſonnen auf dieſe Nachricht nach Revel zu kommen, daß es alſo den Com-
miſſarien leicht fiel, den Einwohnern die Annehmung des ſchwediſchen Schu-
tzes angenehm und ſuͤs vorzuſtellen.
Die Staͤnde des Herzogtums Eſtland giengen allerdings mit ſchwerem1561
Herzen daran, ſich von ihrem lieben Ordensmeiſter loszureiſſen. Sie bemerkten
aber bey ihren Mitbruͤdern in Liefland ſelbſt kein gros Vertrauen zu den Poh-
len, uͤberdem waren ſie der weiten Entfernung halber beſorgt, daß die pohlni-
ſche Huͤlfe zu ſpaͤt kommen moͤchte, noch vielweniger konten ſie die Vortheile der
Kaufmanſchaft hoffen, welche Riga gaͤnzlich an ſich gezogen. Die Nation war
ihnen fremder, hatte andere Sitten und Sprache, und was das Vornehmſte
war, eine verſchiedene Religion, und ihre Soldaten waren zu uͤbermuͤthig.
Von Daͤnnemark waren ſie abgewieſen, und der Herzog Magnus kam mit
ſeinen ſchwachen Vorſtellungen zu ſpaͤt. Schweden hatte nicht nur einerley
Religion, ſondern war ihnen auch zum Beiſtande im Kriege, und zur Handlung
uͤberaus wohl gelegen i). Da nun die Ritterſchaft von der Stadt nicht abtreten,
ſondern mit ihr gleiches Schickſal erwarten wolte; ſo fertigte jene Reinholden
von Lode*), dieſe aber den Rathsherrn Johan Winter an den Herrn Mei-
ſter
U u u
[262]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1561ſter nach Mietau ab, welche demſelben den bisher beobachteten Eid aufkuͤndigten,
und rund heraus ſagten, das ſie nicht mehr herrmeiſterlich ſondern ſchwediſch
waͤren. Kettler gab davon dem Koͤnig in Pohlen durch einen Curier ſchleunige
Nachricht, und ſchickte auch Heinrich von Dohna, Johan Fiſcher ſei-
nen Kanzler, und Joſt Clodtk) ſeinen Rath eiligſt nach Revel, um einen
kur-
[263]Erzbiſch. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Gotthard Kettlers.
kurzen Stilſtand zu treffen, bis er den Koͤnig von Schweden ſelbſt darum be-1561
ſprechen laſſen. Eſtland aber wartete ſolches nicht ab, ſondern leiſtete den
ſchwediſchen Commiſſarien den 4ten Junii die Huldigung, die Stadt that ein
gleiches den 6ten Junii. Das daruͤber errichtete Jnſtrument enthaͤlt der Geſand-
ten Bekentnis, daß Erich, ihr Oberherr, Eſtland und die Stadt Revel auf
Anſuchen der Herrn Raͤthe, Ritterſchaft und Adel der Kreiſe Harrien, Wir-
land und Jerwen in ſeinen Schutz nehme; wovon die Commiſſarien die Beſtaͤ-
tigung herbey zu ſchaffen angeloben. Kettlers Abgeordnete wurden in Revel
nicht einmal recht vorgelaſſen, und als man den von Dohna allein aufs Rath-
haus beſchied, behielt er ſein Gewerbe im Buſen, proteſtirte aber gegen das Un-
ternehmen als eine unbefugte Handlung. Alſo geriet dieſes Herzogtum in ſchwe-
diſche Gewalt, und erhielt dieſelben Vortheile von Schweden erfuͤllet, die
Liefland von Pohlen nur verſprochen bekam. Der junge Caſper von Ol-
denbockum, welcher Weiſſenſtein ſo wohl vertheidiget, war von Kettlern
zum Comtur auf Revel ernennet, und wolte den Schweden das Schlos nicht
uͤbergeben. Allein die koͤniglichen Commiſſarien beaͤngſtigten ihn mit Carthaunen
und Schlangen 6 Wochen lang; und weil kein Entſatz zu hoffen, auch der Vor-
rath zu Ende war, ſo capitulirte er am Johannistage, und erhielt freien Abzug l).
Unterdeſſen ſandte die eſtlaͤndiſche Ritterſchaft ihren Geſandten Claes
Meck, und die Stadt ihren Buͤrgermeiſter Johan Peperſack, die Rathsher-
ren
l)
[265]Erzbiſch. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Gotthard Kettlers.
ren Johan Schmiedemannen und Johan Bettholtz nach Schweden,1561
welche nach der zu Upſala am 29ſten Junii volzogenen Kroͤnung dem Koͤnig
Erich
l)
[266]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1561Erich in Stockholm vorgeſtellet wurden. Claes Meeks*) ward am 13ten
Julii vom Koͤnig zum Ritter geſchlagen, und erhielt fuͤr das Land eine anſehnli-
che Summe Geldes; der Stadt aber entrichtete der Koͤnig die 106000 Mark,
wel-
l)
[267]Erzbiſch. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Gotthard Kettlers.
welche ſie den Ordensmeiſtern auf Kegel vorgeſchoſſen, mit 30000 Thlr. wieder.1561
Eſtland bekam viel Proviant, das revelſche Schlos alle erforderliche Noth-
durft; ja viele Eſtlaͤnder, welche nach Schweden reiſeten, um dem Koͤnig
ihren Schaden, den ſie an ihren Guͤtern vom Feinde erlitten, zu zeigen, em-
pfiengen theils Geld, theils Landguͤter, und keiner gieng misvergnuͤgt nach
Hauſe.
Kurz vor der Kroͤnung ſchickte Erich ſeine Geſandten nach Rußland,
nemlich Hrn. Nils Krummen zu Oerboͤholm, Mag. Erich Biſchof zu
Linkoͤping, Johan Peterſon Both zu Sigtuna, Nils Himning zu
Thyrſoe, und den Secretair Olof Larſſon, welche dem alten Gebrauch nach
den Frieden beſtaͤtigen und dem Czaar die Urſachen eroͤfnen ſolten, weswegen er
Eſtland in ſeinen Schutz genommen, damit dieſes Herzogtum auch mit in den
Frieden eingeſchloſſen wuͤrde. Gegen den Herbſt kamen die Geſandten wieder zu-
ruͤck, mit dem Gegenbericht, der Czaar wolle dem Reiche einen zweijaͤhrigen Stil-
ſtand gewaͤren, und ſeine Legaten nach Schweden abfertigen; da denn wegen
Eſtland und Revel durch ſelbige naͤherer Beſcheid erfolgen ſolte.
Am 20ſten Julii kam der pohlniſche Geſandte, Graf von Tensky in
Stockholm an, welcher ein Buͤndnis wider Rußland errichten, zum Kriege
100000 Thaler aufnehmen, und eine Vermaͤhlung mit der pohlniſchen Prin-
zeßin Catharina, des Koͤnigs Schweſter, und dem Herzog Johannes, nach-
maligem Koͤnige, in Vorſchlag bringen ſolte. Dem Grafen wurden zwar guͤtige
Verſicherungen gegeben, doch begehrte Erich dabey, daß die Pohlen ihre Be-
ſatzung aus den ordensmeiſterlichen Feſtungen herausnehmen ſolten, weil Kettler
ſein Feind ſey, dahingegen er die Pfandhaͤuſer m) unbeſtritten laſſen wolte. Zum
X x x 2Vor-
l)
[268]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1561Vorſchus der Gelder ward gleich Rath geſchaft, ſo bald die Pohlen Duͤne-
muͤnde, Wollmer und Wenden zur Hypothek einraͤumten.
Jn Harrien fielen den Schweden immer mehr Plaͤtze zu. Fegefeuer
und Borgholm wurden eingenommen. So muſte ſich auch im Herbſt das
ziemlich befeſtigte Kloſter Padis in welchem der Ordenscomtur Engelbrecht
von der Lippe bisher zur Vertheidigung gelegen hatte, an den koͤniglich ſchwe-
diſchen Obercommiſſarius Clas Chriſterſon Horn ergeben.
Am 2ten Auguſt unterzeichnete der Koͤnig Erich zu Norkioͤping den
Schutzbrief fuͤr die Provinzen Harrien, Wirland, Jerwen und die Stadt
Revel, welchen die Commiſſarien vorher verſichert hatten, nebſt den angeheng-
ten Bedingungen des Vergleichs, vermoͤge deſſen alle Einwohner bey der Lehre
des Evangelii geſchuͤtzet werden ſolten. Die Land- und Stadtſuperintendenten
haben Macht Pfarrherrn zu verordnen und einzuſetzen, die untuͤchtigen Lehrer
aber abzuſchaffen. Alle alte Privilegien bleiben in ihrem Gange. Die 2 Jung-
frauenkloͤſter in und auſſer der Stadt werden nach Abſchaffung der Abgoͤtterey in
ihrem Weſen gelaſſen, und der Ritterſchaft die Vergeltung ihrer treuen Dienſte
zugeſaget, wie ſie ſolche in herrmeiſterlichen Zeiten belohnet bekommen n). Den
Frei-
m)
[269]Erzbiſch. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Gotthard Kettlers.
Freiherrn zu Sundby, Lorenz Flemmingen, beſtaͤtigte er zum erſten Gou-1561
verneur, Clas Chriſterſon zum oberſten Feldmarſchal, Erich Hakenſon zum
Schlosvogt zu Revel, und Johan von Geldern zum Superintendenten der
Stadt. Doch der Gouverneur ſtarb am 27ſten Febr. bald nach ſeiner Ankunft;
ſo giengen auch in der Fiſchermaye etliche 1000 Schweden an einer anſteckenden
Seuche darauf, die aber nicht unter die Buͤrger kam, woraus der gemeine Man
den Schweden wenig Gluͤck in Eſtland prophezeiete.
Da es Schweden ſo leicht geworden, Eſtland unter ſich zu bekommen,
ſo wolten die Pohlen auch Liefland nicht ſo theuer einkaufen, zumal da ſie
die Schwaͤche des Landes naͤher kanten. Sie verſtunden ſich alſo weiter zu nichts,
als zu den ausgemachten Beſatzungsvoͤlkern; im Fal aber Liefland weiter Huͤlfe
brauchte, verlangten ſie ſchlechterdings die Unterwerfung. Kettler kam hieruͤber
ins Gedraͤnge. Der Mitwerber um Liefland waren viel, und er durfte den
rechten Zeitpunct nicht verſaͤumen, ein Erbfuͤrſtentum zu erhalten, zumal da die
Ritterſchaft gut pohlniſch geſinnet war, und nicht viel Bedenklichkeiten hatte
Sigismund zum Schutzherrn anzunehmen. Nur Riga trauete gleichſam aus
einer geheimen Ahndung den Pohlen nicht. Jngleichen war der Coadiutor des
Erzbiſchofs, Herzog Chriſtoph von Mecklenburg dem Unterwerfungshandel
entgegen, obgleich der Koͤnig von Pohlen, ſein naher Anverwandter, ihm zur
Behauptung ſeiner Wuͤrde in voriger Zeit behuͤlflich geweſen war. Er begab ſich
am 18ten Julii auf die Reiſe an den kaiſerlichen Hof, und walfartete bey ſchlech-
ter Vertroͤſtung uͤberal herum, bis er doch endlich den Pohlen nicht laͤnger ent-
gehen konte o).
Die Unterwerfung unter Pohlen war alſo die Frucht aller Geſandſchaften,
mit welchen die Lieflaͤnder einige Jahr her alle Reichstage und Landesverſamlun-
gen zu Cracau, Peterkau, Warſchau, Parſchoff, Lublin, Vilna
und Grodno beſchicket hatten. Sie war der ganze Troſt, welchen der koͤnigli-
che Gevolmaͤchtigte Nicolaus Radzivil in Begleitung etlicher 100 pohlni-
ſcher Reuter nach Liefland uͤberbrachte. Dieſer gar gnaͤdige, anſehnliche und
beliebte Herr ruͤckte mit dem grosmuͤthigſten Anerbieten koͤniglicher Huld und Huͤl-
fe vor Riga, ſchlug ſein Hoflager auf Kellers Acker auf, und verſicherte aufs
edelmuͤthigſte, der Stadt auf alle ihr Anſuchen die koͤnigliche Einwilligung zu
ſchaffen, welchen Vorſtellungen des Radzivils der Herr Meiſter durch ſein An-
ſehen und ſanftes Zureden noch mehrern Eingang verſchafte. Auf ſolches gefaͤlli-
ge Verſprechen, erlaubte ihm der Rath die Stadt durchzureiten und alles in Au-
genſchein zu nehmen. Die Armenier, Tuͤrken, Tatern, Ukrainer, Ruſ-
ſen, Wallachen, Deutſchen, Pohlen und Litthauer, und wer weis
was ſonſt noch fuͤr Fremde Nationen, die unter dieſem Gefolge waren, machten
bey ihrem Einzuge mit Gewehr, Kleidung, Muſik und Waffen ein ſo ungewohn-
tes Aufſehen, daß ſich der gemeine Man darin vergafte, die Buͤrger aber nicht
ohne naſſe Augen dieſen ihrer Freiheit drohenden Aufzug mit anſahen. Radzi-
vil bezog hierauf ſein Hoflager wieder, und begab ſich zum Koͤnige, nachdem er
der Stadt unterm 8ten September die ſo genante erſte radziviliſche Caution
ausgeſtellet, und ihr die Freiheit von der roͤmiſchen Reichsacht, die Beibehal-
tung der evangeliſchen Religion und die Beſtaͤtigung ihrer Privilegien bis zur
weitern Erlaͤuterung des Koͤnigs verſiegelt hatte p).
Vilna war der Ort, wo man die Freiheit der Ordens zu Grabe trug, und1561
wo der Unterwerfungshandel zu Stande kam. Sigismund Auguſt begab
ſich mit den litthauiſchen Magnaten gleich im Anfang des Octobers dahin, und
machte dazu die erforderlichen Zuruͤſtungen. Nicht lange hernach fand ſich der
Erzbiſchof zu Riga, Marggraf Wilhelmq) und der Ordensmeiſter Kettler
Y y y 2zu
p)
[272]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1561zu benanten Vilna ein. Jm Namen der Ritter- und Landſchaft hatten Philip
von Oldenbockum, turiſcher Manrichter, Johan Wrangel von Wai-
demar, Otto Grothaus, Valentin Hane, Johan Treiden, Johan
Plettenberg, Sander Nettelhorſt, Claus Wahl, Johan Smoͤ-
ling, Johan Anrep, Chriſtoph von der Rope, Dionyſius von Oelſen
mit Genehmhaltung des Herrn Thies von der Recke und anderer Or-
densverwandten deſſelben ſchon am 12ten September ihren Gevolmaͤchtigten die noͤ-
thigen Verhaltungsbefehle mit dem Koͤnig zu handeln ertheilet. Weil ſie vom
roͤmiſchen Reiche ohne Troſt geblieben und klaͤglich und erbaͤrmlich verlaſſen, auch
von denen, die ſie retten ſolten, feindlich angegriffen waͤren, ſo bitten ſie, daß
ſie nach ihrer Unterwerfung unter Pohlen bey der Religion, Kirchenordnung
und Kirchenguͤtern, alten Freiheit, deutſchen Obrigkeit und altem Erbrechte
bleiben moͤgen. Die Gevolmaͤchtigten, nehmlich der Doctor der Rechte Rem-
bert Gildesheim, Georg Francke, Heinrich Plater, Johan Meden,
und Fabian von der Borg erſuchen alsdenn, was Radzivil verſprochen, zu
beſtaͤtigen, als: daß die Kirchenordnung unveraͤndert bleibe, die untergeſchlage-
nen Kirchenguͤter wieder herbey geſchaffet, alle Rechte und Gewohnheiten beſtaͤti-
get, und das Erbſchaftsrecht auf das maͤnliche und weibliche Geſchlecht beibehal-
ten werde, wogegen ſie den Eid der Treue angeloben laſſen. Des kranken
Platers Stelle muſte nachgehends Heinrich von Meden vertreten r).
Am 19ten October, welches der fuͤnfte Tag nach ihrer Ankunft war, hatten1561
ſie ſaͤmtlich das erſte Gehoͤr beim Koͤnig. Nach vielen Unterredungen kam endlich
dieſes wichtige Werk zu ſeiner Reiffe, und Sigism. Auguſt unterzeichnete am 28.
Nov. das recht herrliche und Liefland ſo heilſame Privilegium, deſſen Fruͤchte die
Lieflaͤn-
r)
[274]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1561Lieflaͤnder in allen nachfolgenden Zeiten zu genieſſen hoften. Der ſummariſche
Jnhalt deſſelben betrift ſonderlich nachfolgende Stuͤcke. Der Koͤnig ſorget, daß
die Unterwerfung Lieflands demſelben vom roͤmiſchen Reiche keine Verdries-
lichkeiten zuziehe. Die evangeliſche Religion nach Masgebung der augſpurgi-
ſchen Confeßion bleibt ungekraͤnket. Alle Gerechtigkeiten, Lehne, Privilegien,
die Erbfolge maͤnlichen und weiblichen Geſchlechts, alle Superioritaͤt, Vorzug,
Wuͤrden, Beſitz, Freiheit, Vertraͤge, Wilkuͤhr und Jmmunitaͤten, ja die gan-
ze Jurisdiction nach den alten Geſetzen und Gewohnheiten werden beſtaͤtiget.
Die koͤniglichen Gerichte und Aemter werden nach dem Exempel des Herzogtums
Preuſſen aus dem deutſchen und lieflaͤndiſchen Adel, die Stadtgerichte aber
aus den angeſeſſenen von der Buͤrgerſchaft beſetzet. Der Herr Meiſter Gott-
hard Kettler wird zum Herzog von Curland und Semgallen erklaͤret. Die
Grenzen ſeines Landes werden ſo gezogen, daß alles, was diſſeits der Duͤne,
zwiſchen Samogitien und Litthauen dem Orden gehoͤret, dem Herzog zufal-
le, die Gegenden uͤber der Duͤne aber, und vornehmlich dei Stadt Riga der Kron
Pohlen| zuſtaͤndig ſey. Der Herzog wird zugleich Stathalter des Erzſtifts Ri-
ga. Der koͤnigliche Burggraf wird aus dem Stadtrath erwehlet, wie der zu Dan-
zig vom Koͤnig beſtaͤtiget, und ſchweret dem Koͤnig. Die biſchoͤflichen Guͤter in
Curland behaͤlt der neue Herzog, fuͤr welchen Abgang Herzog Magnus von
Hollſtein mit den Schloͤſſern Sonneburg, Leal und Hapſal befriediget
wird. Das Recht auf der Helfte der Duͤne zu fiſchen, behaͤlt der Herzog, wel-
cher
r)
[275]Erzbiſch. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Gotthard Kettlers.
cher mit ſeiner Ritterſchaft, ſo wie Liefland, von der gegenwaͤrtigen Kriegeslaſt1561
frey bleibet. Zum Abtrag ſeiner in-und auslaͤndiſchen gemachten Schul-
den verſichert der Koͤnig alle Beihuͤlfe. Der Herzog praͤget auf ſeine Muͤnzen
das Bild des Koͤnigs, oder das Reichswapen, auf der andern Seite ſein eigen
Bildnis oder das kettlerſche Wapen. Der Herzog kan Aemter verkaufen oder
verpfaͤnden, doch behaͤlt ſich der Koͤnig in ſolchem Fal das Naͤherrecht. Wenn
der Koͤnig Eſtland einbekomt, ſo empfaͤngt der Herzog nach Abzug der Krieges-
koſten die Helfte davon. Der Koͤnig ſchaft nach geendigtem Kriege bey Raͤumung
der Staͤdte und Schloͤſſer, das vorhandene Geſchuͤtz wieder von gleicher Groͤſſe
und Guͤte. Die Juden ſollen in Liefland nicht handeln, noch Zoͤlle pachten.
Dieſe Stuͤcke beſchwor der Koͤnig, dagegen ihm ſeine neue Provinz Liefland den
Huldigungseid ablegte.
Am 3ten Tage nachher, ward der Koͤnig mit dem, was er mit dem Erzbi-
ſchof, dem Meiſter, und Staͤnden des Landes inſonderheit in Richtigkeit zu brin-
gen hatte, fertig. Viele Punkte des vorigen wichtigen Privilegii wurden in ein
mehreres Licht geſetzet, uud die Materien von Verſorgung der Waiſen, von den
Jungfernkloͤſtern, dem algemeinen Land-und Lehnrechte, den verlohrnen Privi-
legien, der Soldatenloͤhnung, den Ackergrenzen nach der Hakenzahl, den Roß-
dienſtsgeldern, den Policey-und Handelsſachen, dem Landweſen und Bauren,
der Muͤnze, der Domaine und mehrere Stuͤcke in 26 Artikeln genauer erlaͤutert
und vom Koͤnig bekraͤftiget ſ). Ob es gleich der Koͤnig 3 Tage nach dem vorigen
verſiegelt, ſo wird doch das Datum nicht der 30ſte November, ſondern der 6te
Tag nach Catharinen genant, und dieſer Unterſchrift wegen heiſſen es die
LieflaͤnderPriuilegium Sigism. Auguſti feria ſexta poſt feſtum S. Catharinaet).
Das darin beſtaͤtigte Erbrecht auf alle Lehnguͤter iſt der unſchaͤtzbare Preis fuͤr ih-
re gutwillige Unterwerfung geweſen. Als die Republik und folgende Koͤnige in
ſo koſtbaren Kriegen mit den Ruſſen Liefland gleichſam von neuen kaufen mu-
ſten; ſo ſchienen die Pohlen mit dieſem von Sigismund verſiegelten Diplo-
ma nicht gaͤnzlich zu frieden zu ſeyn.
Mit dem Schlus des Hornungs langte der zur Annehmung des Unterwer-1562
fungseides gevolmaͤchtigte koͤnigliche Geſandte zu Riga an, der ſo gleich die Lan-
desſtaͤnde verſchreiben und den 5ten Merz zur Huldigung nach der Stadt berufen
lies, nachdem der Ordensmeiſter den 3ten Merz der Stadt Riga ihren bisheri-
gen Eid erlaſſen n). Nicolaus Radzivil, Herzog zu Olika, welchen ſein
Koͤnig
t)
[290]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1562Koͤnig zu dieſem anſehnlichen Geſchaͤfte ernennet hatte, verſicherte nach einer kur-
zen Anrede nochmals allen die ausnehmende koͤnigliche Huld und betheurte mit ei-
nem foͤrmlichen Eide, ſoͤ wahr ihm GOtt helfe und dieſe heiligen Evangelia, wel-
che Worte er in die Seele ſeines Principalen ſchwur, daß alle vorerwehnte und
nunmehr mit des Koͤnigs Hand unterzeichnete Artikel nach ihrem ganzen Jnhalt ge-
treulich und ohne Gefehrde gehalten werden ſolten. Er nahm hierauf Kettlern
den Eid der Treue ab, welcher ſein Ordenskreutz, das groſſe Siegel, die kaiſerli-
chen und koͤniglichen Urkunden und Gnadenbriefe, die Schluͤſſel zum Schlos und
der Stadt, zuletzt aber mit ſeinem Gebietigern den Ordensmantel ablegte, und
alles unter vielen Thraͤnen der ſaͤmtlichen Anweſenden in die Haͤnde des koͤniglichen
Gevolmaͤchtigten uͤberreichte. Die Comturen und Voͤgte, die Ritterſchaft und
Vaſallen, die Buͤrgermeiſter der Staͤdte mit der geſamten Buͤrgerſchaft ſchwuren
ihren beſondern Eid. Zuletzt verlas der Herzog Radzivil das koͤnigliche Diplo-
ma, laut welchem der bisherige Ordensmeiſter Gotthard Kettler zum Herzog
von Curland und Semgallen beſtaͤtiget war, worauf der Landadel hinzu trat,
und dem Herzog huldigte. Den Tag nachher, als den 6ten Merz, fuͤhrte Rad-
zivil den neuen Herzog als immerwaͤhrenden koͤniglichen Gouverneur der Pro-
vinz Liefland auf dem Rathhauſe der Stadt ein, und uͤberreichte ihm die Schluͤſ-
ſel der Stadt von Seiten des Koͤnigs in treue Haͤnde. Solchergeſtalt fiel dieſe
ſchoͤne Provinz der Kron Pohlen anheim. Die Lieflaͤnder, ſamt der Stadt
Riga, hatten an der pohlniſchen Regimentsform viele Jahre zu lernen, und
konten ſelbiger doch nie recht gewohnt werden; daher ſich die Stadt Riga bey
Unterwerfung des ganzen Landes allein an das roͤmiſche Reich hielt, und dem
Koͤnig den Eid zu thun, ſich faſt 20 Jahr weigerte w).
Nunmehr ſtand das zertheilte weitlaͤuftige Liefland unter 5 gebietenden1562
Herren, die ihren neuen Unterthanen das veraͤnderte Regiment durch mancherley
zugeſtandene Vortheile ertraͤglich zu machen ſuchten. Der Czaar von Rußland,
Jvan Baſilowitz, welcher auſſer der Stadt Narva das ganze Stift Doͤrpt,
D d d d 2Allen-
w)
*)
[292]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1562Alentacken, einen Theil von Wirland und Jerwen, ja alle Schloͤſſer und
Oerter laͤngſt der rußiſchen Grenze erobert hatte, zog viele Buͤrger und Kauf-
leute ins Land, und befoͤrderte die Handelſchaft. Der Koͤnig von Schweden
Erich der XIVte, welchem die Provinz Harrien mit der Hauptſtadt Revel und
einem
w)
[293]Erzbiſch. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Gotthard Kettlers.
einem Theil von Wirland zugehoͤrte, that ein gleiches, und berief die ausgetre-1562
tene Ritterſchaft aus Rußland zuruͤck, mit Verſicherung, daß ein jeder die Guͤter
erblich beſitzen ſolte, die er den Ruſſen abnehmen wuͤrde. Der Herzog Mag-
nus von Hollſtein, welcher Herr uͤber die Jnſel Oeſel und die Wyck war,
ver-
w)
[294]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
1562verſchafte ſeinen Unterſaſſen ſchoͤne Freiheiten, welche ſein Herr Bruder, der Koͤ-
nig Fridrich von Daͤnnemark, den 14ten Merz verſiegelte. Der Koͤnig von
Pohlen Sigismund Auguſt, raͤumte ſeiner Provinz Lettland, in welcher
der Erzbiſchof Wilhelm nur noch wenige Guͤter hatte, ein Vorrecht nach dem
andern ein. Curland und Semgallen genoſſen unter ihrem Herzog Gott-
hard ein gar gnaͤdiges und gluͤckliches Regiment. Jedoch da dieſe Theilung un-
gleich und nicht nach jedermans Geſchmack war, ſo legte ſie den Grund zu vielen
ſchaͤdlichen Unruhen, und machte das ausgemergelte Liefland noch lange Zeit zu
einer betruͤbten Schaubuͤne blutiger und landverderblicher Kriege x)
589
[295]Erzbiſch. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Gotthard Kettlers.
x)
[296]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
x)
[297]Erzbiſch. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Gotthard Kettlers.
x)
[298]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter,
x)[299]Erzbiſch. Wilhelm. zur Zeit der Regierung Gotthard Kettlers.
x)
[300]Leben und Thaten der lieflaͤndiſchen Ordensmeiſter.
x).
Dieſe Tabelle iſt aus etlichen tauſend Kauf- und Lehnbriefen ausgezogen, und aus gedruckten Schriftſtellern volſtaͤndiger gemacht. Wer das Gluͤck kuͤnftig hat, mehrere alte Briefſchaften zu brauchen, wird in manchen Claſſen noch
einen und den andern hinzuzuſetzen finden.
Mit dem Antritsjahr der Erzbiſchoͤfe und Herrmeiſter hat es groͤſtentheils ſeine Richtigkeit, weil die erſtern ihren Briefen das Jahr ihres Regiments gewoͤhnlich beigeſchrieben, beide Regenten aber beim Antrit ihrer Re-
gierung die Privilegien der Stadt Riga beſtaͤtigen muͤſſen. Anders aber verhaͤlt es ſich mit den Biſchoͤfen, denen man nur das Jahr ihrer erſten bekanten Urkunde beigelegt, daher ihr Antritsjahr, zumal in aͤltern Zeiten, ungewis geblieben.
Die Biſchoͤfe von Curland durchs 14te und 15te Jahrhundert bis auf Martinum ſind in ihren Jahren noch ungewiſſer. Man hat ſich blos eines alten Verzeichniſſes bedienen koͤnnen, das die Laͤnge ihres Regiments an-
giebt, denen alſo von Martino an, deſſen Antritsjahr man beſtimmen konte, eine etwanige Jahrzahl durch das Zuruͤcktechnen beigefuͤget worden.
Dieſe Jnfiegel befinden ſich groͤſtentheils unter den clodiſchen Documenten, und ſind
von der geſchickten und genauen Feder des Herrn Richards von der Hardt von den
Originalen abgeriſſen. Von dieſem in alten Papieren und Urkunden bewanderten
Man, deſſen Gelehrſamkeit aus ſeinem beliebten Werke: Holmia litterata, mit erhellet,
hat ſchon der halliſche Superintendent D. Joh. Michael Heinecciusin Syntagm. de
Veterum Sigillis part. I, c. XIII, §. 12, p. 155 die erhaltenen Siegel des Herrmeiſters und
des Hauscomturs von Liefland in Kupfer ſtechen laſſen. Wir haben uns nur der oͤffentli-
chen Sigille bedienet, die vielen Privatſiegel der alten lieflaͤndiſchen Ritterſchaft aber mit
Fleis weggelaſſen, weil die meiſten heutigen Nachkommen das alte Wapen ihrer beruͤhm-
ten Ahnherrn aus der Ordenszeit beibehalten und mehr verzieret haben; welche Samlung der
Wapen und genealogiſchen Stamtafeln ein eigenes und koſtbares Werk erfordert, in einer
Chronik aber gar nicht angebracht werden kan.
Einige Ordensſiegel, als die Geburt Chriſti, deſſelben Flucht in Egypten, und
dergleichen laſſen ſich kurz beſchreiben. Man ſiehet ſie faſt in allen Kirchengemaͤhlden, oder
Bilderbibeln. Auch die Kinder kennen ſie aus ihren Evangeliumbuche. Die Andacht der
damaligen Zeit fand in dieſen bibliſchen Geſchichten und ihrer natuͤrlichen Abbildung ein fuͤr
ihren geiſtlichen Ordensſtand uͤberaus bequemes Sinbild.
Die dabey ſtehende Jahrzahl iſt das Jahr der Urkunde, unter der ſie vorkom-
men. Wo daſſelbe gefehlet, da iſt auch dem Siegel keines beigeſetzet. Jn den neuern
Zeiten des Ordens ſcheinen die Hauptſiegel unveraͤndert geblieben zu ſeyn, ob ſie gleich in aͤltern
Zeiten einige Veraͤnderung gelitten. Aus Verſehen des Nachſchreibers ſind die Abbreviatu-
ren der Moͤnchsſchrift nicht uͤberal beobachtet, ſondern ausgeſchrieben. Dahin gehoͤret auch
das der Hand ſo gelaͤufige ae, dafuͤr die Moͤnche ein ſchlechtes e gebrauchten.
Verblichene Siegel ſind von der hardtiſchen Feder mit einer Figur bezeichnet,
die ſich in ihren ungewiſſen Linien, die noch dazu zertruͤmmert und im Graus lagen, ſo
ſchwer als gar keine errathen lies. Dieſen durch die Einbildungskraft eine Figur zu geben,
waͤre zu dreiſt gehandelt; daher man ſie gar weglaſſen: die aber, ſo noch kentbar geſchienen,
lieber mit algemeinen Ausdruͤcken einer Perſon und eines Heiligen benennen, als ſie genauer
beſtimmen wollen. Doch haben wir verſchiedene darunter aus einer betraͤchtlichen Menge
Originalſiegeln ergaͤnzen koͤnnen, die uns zu dieſem Endzweck von geneigter Hand erlaubet
worden.
Von den Stiftsſiegeln der Erz- und Biſchoͤfe waͤre noch zu merken, daß ſie
faſt alle den Biſchofsſtab zur Rechten, das lange Kreuz aber oder den Patriarchenſtab zur
Linken, beide en ſautoir, haben.
Die Siegel und Wapen der Staͤdte haben wir der ſchoͤnen Samlung des Herrn
Obervogts von Schievelbein, und die Wapen der herrmeiſterlichen Familien den ſaubern
Abzeichnungen des Herrn Buͤrgermeiſters Gotthard von Vegeſack in Riga zu danken.
Sie ſind hier in der Ordnung angebracht, wie ſie mit vieler Muͤhe haben angeſchaft werden
koͤnnen. Mit der Zeit kan man eine volſtaͤndige Samlung derſelben hoffen.
Die groͤſten Jnſiegel ſind mit O bezeichnet. Die andern haben dieſe Geſtalt
und Groͤſſe.
Hinricus Dei gratia Romanorum Rex et Semper Auguſtus. Ein groſſes rundes Siegel in
weiſſem Wachs, auf welchem der Koͤnig in ſeiner koͤniglichen Reſidenz und Krone mit
ausgereckten Armen ſitzend, in der Rechten das Scepter mit dem Kreuz an der Spitze,
in der Linken den Reichsapfel mit dem Kreuz haͤlt. Aus der Beſchreibung des Tranſ-
ſumts, welches der luͤbiſche Biſchof Eberhard, auf Vorzeigung des rigiſchen Dom-
herrn, Johannis Bocheym, durch den kaiſerlichen Notarius Joh. Lenardi, bre-
miſchen Clerikus, abnehmen laſſen. Der Urkunde iſt Indictio XIV beigeſchrieben.
Die uͤbrigen kaiſerlichen Briefe haben nur diejenige Chifre, wie ſie Muͤnſter in der
Cosmographie abnehmen laſſen.
Sigillum Waldemari Dei Gratia Danorum Regis, Ducis Aeſthoniae. Der Koͤnig mit der
Krone, dem Scepter und Reichsapfel, unter einem Baldachin ſitzend, auf einem Thron
oder Zelte, ſo auf 4 Saͤulen ruhet. Auf der andern Seite ſiehet man 3 Leoparden uͤber-
einander, die hier gekroͤnet ſcheinen, und eben die Umſchrift haben.
Ein anderes Siegel von eben demſelben, wo der Koͤnig ſtehend und Apfel und Scepter
mit ausgerecktem Arm haltend abgebildet iſt. Beide haͤngen an den eſtlaͤndiſchen Ceſ-
ſionsacten von den Jahren 1346 und 1352.
Sigillum Magiſtri Livonie, auf welchem nach den aͤlteſten Documenten die Geburt Chriſti
abgebildet iſt, dergleichen Siegel 1349 unter den Briefen Goswins von Herike erſchei-
net. Noch 1426 bediente ſich Syſe von Rutenberg dieſes alten Sigils. Allein nach-
her erwehlte man die Flucht Chriſti in Egypten, da Maria mit dem Kinde auf dem
Eſel reitend vorgeſtellet wird, dergleichen ſich unter den Briefen Heidenrik Vinckens von
1442 findet. Auf den folgenden begleitet Joſeph das Kind, oder leitet den Eſel, z. E.
1451 unter Johannis von Mengede Documenten. Sie ſind insgeſamt auf roth Wachs
gedruckt; die alten aber haben recht ungeſchickte Figuren. Das kleinere von der dritten
Groͤſſe brauchte Plettenberg in unterſchiedlichen Briefen und Handſchreiben.
So findet ſichs in den Originaldocumenten der Stadt Riga. Jn denen ritterſchaft-
lichen hat ſchon Cyſe von Rutenberg den walckiſchen Vertrag 1424 mit dem neuen
herrmeiſterlichen Siegel unterzeichnet. Gemeiniglich lieget das Ordens- und Geſchlechts-
wapen, jedes in eigenem Schilde, darunter.
Sigill. Landmarſchalki in Liuonia. Ein geharniſchter Ritter zu Pferde in vollen Spruͤngen
mit ausgeſtrecktem Speer oder Lanze, zur Linken mit dem deutſchen Ordensſchilde bedeckt.
1364 in gruͤnem Wachs.
Dieſes Siegel fuͤhrte auch der Grosmarſchal des deutſchen Ordens in Preuſſen, aber
in rothem Wachs.
Sigill. Commendatoris Domus Theutonicorum in Lyuonia. Die Geburt Chriſti 1277
rothem Wachs.
Sigillum Commendatoris Dom. Teuton. in Liuonia. Ein im Bette liegender Kranker, zu
deſſen Haupt ein Engel, zu den Fuͤſſen aber ein Pilger mit dem Wanderſtab ſtehet: oben,
wohin der Kranke die Augen ſchlaͤget, ſiehet man das Kriplein Chriſti mit hervorragenden
Ochſen und Eſel. 1320.
Der Groscomtur in Preuſſen hat das Jeſusbild, ſo Mariam ſegnet, in gruͤnem Wachs.
1451.
Sigill. Commendatoris de Vellin. Der Koͤnig Ahaſverus, der den Scepter zur Eſther
neiget, 1320; oder in gelbem Wachs den Vater, der Mariam ſegnet 1451.
Sigillum Commendatoris in Dunemunde. Eine Jungfrau mit der Maͤrtererkrone, welche
in der Rechten ein zur Erde geſenktes Schwerdt, und in der Linken das Rad haͤlt. 1347.
Sigillum Commendatoris in Wenden. Das juͤngſte Gericht. 1347.
Sigillum Commendatoris de Segewolde. Ein Mandelbaum. 1320.
Sigillum Commendatoris de Leal. Ein Adler der nach der Linken zu ſiehet. 1320.
Sigillum Commendatoris in Wittenſtene. Der auferſtandene Heiland, mit der Siegesfah-
ne in der Rechten. Dieſes iſt uns von dem oͤſelſchen Biſchof Winrich in einem Trans-
ſumt beſchrieben.
Sigillum Commendatoris in Goldingen. Der barmherzige Samariter, welcher die Wun-
den des Menſchen von Jericho auswaͤſchet, 1347, in gelbem Wachs.
Sigillum Commendatoris de Revalia. Die Anferſtehung JEſu Chriſti mit den beim Gra-
be beſtuͤrzten und zu Boden gelegten Waͤchtern, 1364, in gruͤnem Wachs.
Sigillum Commendatoris de Perona. Ein Ordensbruder in Ruͤſtung, der in der Rechten
den Spies, und in der Linken das Ordenswapen mit dem Kreuze haͤlt. 1347.
Sigillum Commendatoris de Windau. Ein Eichenzweig, zwiſchen zwey ruͤckwerts geſetzten
Voͤgeln, die ſich nach einander umſehen. 1347.
Das Siegel der Comture von Mitau war ausgefallen.
Sigillum Ducatus Livoniae. Ein ſilberner Grelf mit dem Schwerdt im rothen Felde, auf
deſſen Bruſt der gekroͤnte guͤldene Namenszug des geſalbten Oberhaupts zu ſehen iſt.
Sigismund Auguſt ertheilte dem Lande dieſes Wapen in dem Privilegio von 26ſten
Septemb. 1566. Aus dem Kajolawitz iſt erweislich, daß die Lieflaͤnder den Greif
aus Gefaͤlligkeit gegen den erſten pohlniſchen Generaladminiſtrator und Freiherrn Joh.
Chotkiewitz, der ihn auch fuͤhrte, ins Wapen genommen. Der Herr Landrath von
Ceumern hat das Wapen von Liefland vor ſeinem Theatridio, mit dieſem Diſticho:
In campo erigitur rubro Gryps enſifer albus;
Cor Regis titulos et diadema gerit.
Jm Siegeln iſt das Wapen mit einer Krone gedeckt. Jn der lieflaͤndiſchen Fahne
aber iſts dem rußiſchen Reichsadler auf die Bruſt geſetzt.
Sigillum Ludovici Marchionis Brandenburg. Ein Adler im deutſchen Schilde, ſo mit
Laubwerk gezieret iſt. Es findet ſich daſſelbe unter den Verkaufbriefen von Eſtland.
S. Walther von Cronenberg Adminiſtrator des Hochmeiſteramts und Maiſter Teut-
ſches Ordens in Teutſchen und Welſchen Landen. Ein ſehr groſſes Siegel,
deſſen Umſchrift in der Runde 2 Zeilen einnimt. Ein Schild mit zierlicher Einfaſſung,
welches durch das Ordenskreuz in 4 Felder getheilet wird, darin das deutſche Ordens-
wapen mit dem Geſchlechtswapen abwechſelt. Das Mittelſchild hat den Adler.
Sigillum Aduocati de Oberpahlen. Ein Lilienkreuz. 1347.
Sigillum Aduocati de Karkus. Eine beſaamte Roſe. 1347.
Sigillum Aduocati de Weſenberg. Ein Ordensbruder im Harniſch, der in der Rechten eine
Fahne, und in der Linken das deutſche Ordensſchild haͤlt.
Sigillum Aduocati de Ierwen. Die Mandelruthe Aarons. 1438. Ein aͤlteres von 1364
gleicht einer Lilienſtaude.
Sigillum Aduocati de Sackala. Ein Kreuz im deutſchen Schilde. 1347.
Sigillum Aduocati de Sünneburg. Ein ganz kleines Siegel. Zwey ins Andreaskreuz geſetzte
Schwerdter, mit zur Erde geſenkten Spitzen. 1438.
Sigillum Aduocati de Kokenhuſen. Ein Praͤlatenſtab und Schwerdt im Andreaskreuz.
1417.
Die Siegel der Voͤgte von Ermis und Roſiten waren ausgefallen.
Sigillum fratrum militiae Chriſti in Livonia. Zwey Heilige, die aber ganz verblichen.
1256.
Sigillum Capitanei Peregrinorum. Ganz klein und rund. Ein bloſſes Kreuz. 1298.
Sigillum Hoſpitalis S. Mariae. Das Marienbild in gelbem Wachs. Auf der andern Sei-
te der Heiland, der Petro die Fuͤſſe waͤſchet: Domus Teutonicorum fratrum. 1451.
Die paͤpſtlichen Bullen haben alle die 2 bleiernen Siegel von der Groͤſſe 3. Sie zeigen 2
Geſichter mit der Aufſchrift S. P A. S. P E. und auf der andern Seite den Namen
des Papſts.
S. Alberti D. G. Livonienſis Epiſcopi. Ein Biſchof im Pontificalhabit, hinter welchem ei-
nige Spitzen wie Stralen hervorragen. 1224.
S. Alberti Archiep. Bapt. O. gentes e. abluentes. Ein in der Hoͤhe eines praͤchtigen Altars
ſitzender Erzbiſchof, an deſſen rechtem Fus in einer Kapelle ein andrer Biſchof ſtehet, mit
der Unterſchrift Pruſſ. Am linken Fus iſt ebenfals ein Biſchof mit der Unterſchrift Livon.
unten aber eine Menge Taͤuflinge, mit der Unterſchrift Eſtonie. 1255.
Sigill. Ioh. Dei Gr. Sanctae Rigenſis Eccleſ. Archi-Epiſcop. Ein ſitzender Biſchof mit dem
Stabe, mit der rechten Hand ſegnend. Rev. Secretum Iohannis Archiep. Rig. Die
Kroͤnung der Jungfr. Mariaͤ, unter ihr ein Biſchof, welcher ſie mit gebognen Knien
anbetet. Aus einen Tranſſumt beſchrieben 1277. So ſteht auch des damaligen oͤſel-
ſchen Biſchof Hermanns Secret bezeichnet.
Secret. Henningi Archiep. Rig. Ein im Chor betender Biſchof mit gebogenen Knien. Un-
ter ihm zwey zuſammen geſetzte Schilde, in deren einem der Patriarchenſtab und Bi-
ſchofsſtab quer uͤber einander liegen, in dem andern aber die Lilie als das Kapitelswapen
zu ſehen iſt. 1426.
Sigill. Silveſtri D. G. Sancte Eccleſie Rigen. catholice Archi Epiſcopus Ordinis Theutonici.
Der heil. Franciſcus im Chor mit ſeinen Wunden. 1457.
Auf einem andern ſchmaͤlern iſt die Mutter GOttes mit gefaltenen Haͤnden, ihr gegen uͤber
GOtt der Vater, der ſie mit der Rechten ſegnet, und in der Linken die Erdkugel haͤlt.
Beide fuͤhren unten 2 zuſammen geſetzte Schilde, in deren einem der Biſchofsſtab zur
Rechten und der lange Kreuzſtab zur Linken quer uͤber einander liegen, in dem andern aber
3 Sterne als ſein angenommenes Wapen erſcheinen. Den Zwiſchenraum fuͤllet die Stifs-
lilie. 1472.
Herr Rich. von der Hardt lieſt ordinis Theologici, welches wir in Theutonici ver-
wandelt. Silveſter bediente ſich auch in deutſchen Urkunden des Ausdrucks: Erzbi-
ſchop duͤdſches Ordens, blos aus Gefaͤlligkeit; welche Ehre ihm ſeine Nachfolger ganz
allein uͤberlaſſen haben, weil ſich nachher kein Erzbiſchof ſo mehr geſchrieben, auſſer daß
Caſper von Linde dieſe Formel wieder hervorſuchte.
Sigill. Domini Iaſparis Sancte Rigenſis Eccleſie Archiepiſcopi ord. Teuton. Ein im
praͤchtigen Altarchor ſtehender Erzbiſchof mit dem Patriarchenſtab, und zum Segnen auf-
gehabener rechten Hand. Unten ein in vier Felder getheiltes Wapenſchild, darin das
Patriarchenkreuz und der Krumſtab mit dem Lindenbaume abwechſelt. 1521. Die meh-
reſten Siegel dieſes Erzbiſchofs ſind praͤchtig und haben eine laͤngere mit vielen Abkuͤrzun-
gen verſehene Umſchrift z. Ex. b. eatae Mar. iae Teuton. icorum in Liuonia.
Sig. Dom. Iohannis Archiep. Rigenſ. Epiſco. Tarpat. Ein Erzbiſchof in Pontificalibus.
Zu ſeinem Fuͤſſen iſt das in ſechs Felder getheilte blankenfeldiſche Wapen, und oben ne-
ben ſeinem Haupt die Dreieinigkeit, in der Hoͤhe eines ſchoͤnen und mit Cherubinen gezier-
ten Altarchors. Die Umſchrift enthaͤlt beide Stiftstitel. 1526.
Sigill. Willhelmi Dei Gratia Arch. Rig. March. Brandenb. Ein vierfach getheiltes Schild
mit abwechſelndem Adler und Greif. Das Mittelſchild iſt das Amts-Stifts-Kapitel-
und Stadtwapen im deutſchen gevierten Schilde. 1545.
S. Wilhelmi D. G. Archi. Rigenſis Marchio. Brande. Ein geviertes Schild; im 1 Felde iſt
der Adler, im 2 der Greif, im 3 der Loͤwe, im 4 das hohenzolleriſche Wapen. Das
Mittelſchild iſt auch geviert und hat im 1 Felde das lange Kreuz und den Krumſtab quer
uͤber einander liegen, im 2 die Stiftslilie, im 3 das Ordenskreuz und im 4 die Stadtſchluͤſ-
ſel von Riga. Ueber dem ganzen Schilde iſt die Jahrzahl 1545.
Sigill. Henrici D. Gr. Epiſc. Revaliens. Ein Marienbild im praͤchtigen Altarhauſe mit
dem Kinde und dem Scepter in den Haͤnden. 1448.
Ein anderes mit dem Marienbilde, ſo das Kind in der linken Hand haͤlt. Jn der Mitte
zur Seiten ſtehen die Apoſtel Petrus und Paulus. Zu den Fuͤſſen ein Biſchof mit der
Muͤtze, welcher die Mutter GOttes anbetet. Die Umſchrift iſt der vorigen gleich. 1426.
Die Biſchoͤfe aber ſind unterſchiedene Perſonen.
Anm. Siebmacher B. I, S. 12, ſtellet das Wapen des Biſtums Revel ſo vor:
Jn der Mitten iſt ein ganz rothes Schild; die Feldung umher iſt mit blau und
Gold abgetheilet.
Secretum Eberhardi D. G. Epiſcopi Revalienſis. Das Marienbild in einem mit Engeln
gezierten Altar. Unten in 2 zuſammengeſetzten Schilden der Praͤlatenſtab und der lange
Kreuzſtab; im andern 3 Balken. 1472.
Sigil. Fratris Simonis D. G. Epiſc. Reval. Die Mutter GOttes mit dem Kinde in der lin-
ken und dem Scepter in der rechten Hand. Unten im Altarchor liegt det Patriarchenſtab
im Andreaskreuze. Jn dem andern Schilde das borgiſche Geſchlechtswapen, 3 Am-
ſeln. 1478.
Jn einem anden Sigil ſiehet man an den Seiten | des Altars die beiden Apoſtel, die ein
darunter liegender Biſchof anbetet. 1481.
Nicolaus Epiſcopus Revalie. Ein deutſcher Schild, oben mit der Biſchofsmuͤtze bedeckt;
das linke Feld iſt verblichen, das rechte hat 2 Sparren. 1501.
Sigill. Herman. D. G. Lealenſis Epiſc. 1224. Ein Biſchof.
Sig. Bartholomaei D. G. Epiſc. Tarbat. Ein zierliches Altarchor mit der Mutter GOttes
und dem Kinde auf dem Arm. Jn der Mitten Petrus und Paulus; unten ein Win-
delkind. Zur Rechten und Linken das Stifts- und Geſchlechtswapen, nemlich Schwerdt
und Schluͤſſel, und ein wachſender Widder. 1457.
Die Biſchoͤfe von Doͤrpt ſiegelten wie alle Biſchoͤfe in roth Wachs, welches auch aus
einem verblichenen Sigil des Biſchofs Theodorici von 1424 erhellet.
Ein praͤchtiger Altarchor, in welchem die Maria ſitzet, zu deren Seite die Apoſtel Paulus
und Petrus in eignem Haͤusgen ſtehen. Oben in der Spitze ſiehet man ein Schwerdt
mit dem Praͤlatenſtab ins Andreaskreuz geleget, und uͤber ſolchem eine Biſchofsmuͤtze.
Zur Rechten liegt ein Schild, wo Schwerdt und Schluͤſſel, zur Linken ein anders, wo
Schluͤſ-
Schluͤſſel und Schwerdt quer uͤber einander. Unter | dem Marienbilde iſt das gevierte
Wapen, in deſſen 1ſtem und 4ten Felde das Stiftswapen, in dem 2ten und 3ten das Familien-
wapen erſcheinet. Dabey zu merken, daß das 2te und 3te Feld quer getheilet, und 2 Ha-
ken in Metal, und einer in Farbe ſtehen. Sig. Iohannis Epiſcopi Terbatenſis. 1540.
Sig. Hermanni D. G. Epiſc. Tarbat. Ein geviertes Wapenſchild, in deſſen erſten und 4ten
Felde Schwerdt und Schluͤſſel kreuzweiſe; im 2ten und 3ten eine halbe Lilie von 2 Roſen
zur Rechten begleitet vorkommen. 1552.
Frater Henricus D. G. Epiſcop. Oſilie. Ein Praͤlate in Pontificalibus. 1242.
S. Winrici Epiſc. Oſilienſ. Ein Biſchof mit Stab und Jnſel in einer Kapelle; zur Rechten
ein ſich umſehender Adler, zur Linken 3 Voͤgel. 1389.
Sigill. Chriſtiani Epiſc. Oſilienſ. Ein am Pfeiler angeſpantes Rind oder Widder. 1426.
Secr. Ludolphi Ep. Oſil. Eine groſſe Roſe, in welcher ein ſchraͤgrechts gelehntes deutſches
Schild lieget, worin ein Schweinskopf mit den Zaͤhnen. 1457.
Sigil. Iohannis Vatelkanne electi eccleſiae Oſiliens. epiſcop. Das Wapen der Stadt Hapſal.
1461.
Sigil. Petri de Wedberg Epiſcop. eccleſie Oſilienſ. Ein Mesprieſter mit dem Kelch in der
Hand. 1472.
Sigil. Iohannis D. G. Oſilienſ. epiſc. adminiſtrat. Curon. Ein zierlich quadrirter Schild mit
abwechſelnden agnus Dei und Adler. 1545.
Sig. Emundi D. G. Epiſc. Curon. Ein auf einem Quadratſtein ſtehender Biſchof im Chor-
rock, mit dem Stab in der Linken, die Rechte zum ſegnen ausſtreckend. Zu beiden Sei-
ten 2 hervorſehende Thiere. 1290.
Sig. Iohann. D. G. Epiſcop. Curoni.Maria auf einem halben Mond ſtehend, in der Rech-
ten das Kind, in der Linken den Scepter haltend in lauter Strahlen. Zur rechten Sei-
ten der Adler, zur Linken ein punctirter Schild. 1426.
Secretum Pauli Epiſcop. Curon. Ein Altar mit dem Mesprieſter, ſo den Kelch reichet.
1457.
Sigil. Martini D. G. Epiſc. Curon. Eccleſ. Ein mit Heiligen geſchmuͤckter Altar, worun-
ter der Biſchof ſtehet, der zur Rechten ein agnus Dei, zur Linken die ſtralende Sonne
hat. 1495.
S.Wilhelmi Epiſc. Mutinenſ. Ein Biſchof im Ornat. 1226.
S. Petri miſeratione diuina Epiſ. Albanens. Ein Biſchof, mit den 6 Buchſtaben zu beiden
Seiten C-H. M-G. V-S. 1251.
S. Ioh. D. G. Epiſcop. Lubicenſ. Der Biſchof, hinter deſſen Kleidern 2 Thiere zur Seite
den Kopf hervorſtrecken. 1270.
S. Marcelli Epiſc. Eccl. Skalholtenſ. Ein Biſchof im Ornat. Zu beiden Seiten 2 kreuz-
weiſe liegende Schluͤſſel. Unten ein Schild mit einem Loͤwen. 1469.
Jn gruͤnem Wachs, das Marienbild mit dem Kinde auf einem praͤchtigen Seſſel ſitzend:
Sig. Mag. Gener. Hoſpitalis Fratrum Hieroſolym. Der Revers hat in rothem Wachs das
deutſche Ordensſchild. Sanctae Mariae domus Teuton. 1451.
Sigill. Hoſpitalarii. Ein Bruder, der dem andern die Fuͤſſe waͤſchet, 1451, in gelbem
Wachs.
S. Capituli ſancte Rigenſis Eccleſie. Die Mutter GOttes wird vom Vater geſegnet. Zur
Rechten Petrus und Paulus, zur Linken ein Praͤlate. 1457.
S. Eccleſ. Sanct. Mariae Rigenſ. Das Marienbild mit dem Kinde ſitzend. 1224.
Dergleichen, wo das Marienbild uͤber den Thoren einer Stadt ſitzend vorgeſtellet wird.
1271.
Mit der Zeit ward das Stiftswapen geaͤndert, und der lange Kreuzſtab, mit dem
Krumſtabe ins Andreaskreuz geleget, zum Wapen angenommen. Das rigiſche Dom-
kapitel ſiegelte entweder mit der Lilie, oder dem Ordenskreuz, auf gruͤnes Wachs. Sib-
macher, dem ſonſt nicht immer zu trauen iſt, fuͤhrt das erzbiſchoͤflich-rigiſche Wapen
unter den geiſtlichen Praͤlaten an der 9ten Stelle ſo an: Jm rothen Felve ein gelbes
Kreuz, uͤber dem Wapen die Biſchofsmuͤtze, hinter welchem Schwerdt und Krumſtab
durchgeſteckt erſcheinen. Vermuthlich ſol dieſes das Wapen des Erzbiſchofs Wilhelmi
J i i iſeyn,
[308]Die II. Tabelle, von den Sigillen
Mo-
dulus.ſeyn, welcher als ein geborner Reichsfuͤrſt ſich des Degens bediente; da hingegen die an-
dern Biſchoͤfe dafuͤr den Kreuzſtab oder Patriarchenſtab gefuͤhret.
Sig. Capituli Tarbatenſis. Ein Stern von 6 Strahlen in einem die Laͤnge herab getheilten
Schilde, im rechten Felde die Ruthe Aarons. 1457.
Auf einem gepflaſterten Poſtement 2 Chorſtuͤhle, auf deſſen rechten Petrus mit dem Schluͤſ-
ſel, auf dem linken aber Paulus mit dem Schwerdte ſitzet. Sigillum Eccleſie Tarba-
tenſis. 1540.
Sig. Capituli Arensborgenſ. 1383. Ein Adler mit dem Ringe um den Kopf, und auf einem
Zettel oder einer Pergamentrolle ſtehend, worauf die erſten Worte des Evangelii Jo-
hannis geleſen werden: In principio erat, weil die Domkirche dem Evangeliſten Jo-
hannes geweihet war.
Ein anders. Sig. Capituli Oſilie.Andreas mit dem Kreuze. 1457.
Sig. Capituli Curonienſis. Eine ſechseckigte Figur, in welcher Herodes ſitzend und der nackte
Heiland fuͤr ihn ſtehend vorgeſtellet wird. 1457.
S. Ioh. Abbatis in Padis. Ein im Chor ſtehender Abt 1393.
Die andern Aebte bedienten ſich eines groͤſſern Siegels, von recht ſchoͤnem Griffelſtich.
Secret. Herman. Abbatis in Valckena. Ein im Altarchor ſtehender Abt. 1457.
Sig. Henrici de Kniperode Prouiſor. Eccleſ. Oſilien. Jm deutſchen Schilde 3 Voͤgel,
durch welche ein Querbalken gehet.
S. Ioh. Rigenſ. Praepoſitus. Ein Predigermoͤnch auf einem Stein ſtehend, 1271. Jtem der
Evangeliſt Johannes. 1518.
S. Ioh. Praepoſiti Oſilienſ. Eine verblichene Perſon, die ein Kind bey der Hand fuͤhret.
Unten 2 ins Andreaskreuz gelegte Pfeile. 1376.
S. Praepoſiti Curonienſ. Eccleſie. Ein Predigermoͤnch mit dem Evangelio in der rechten,
und dem Kreuz in der linken Hand. 1290.
Secre. Godfridi Decani eccleſie Revalienſis. Ein Marienbild im Chor, ſo von einer
knienden Perſon angebetet wird. Unten ein Schild mit einem Menſchenhaupte. 1347.
Sig. Prioris fratrum Ordinis Praedicat. in Revalia. Eine auf dem Poſtement ſtehende
Perſon in der Rechten mit empor gehobenem Schwerdt, in der Linken mit dem Rade, zu
deſſen Knien eiuer anbetet. 1364.
Sig. Prioris fratrum Ordinis Praedicat. in Riga.Johannes, welcher in einem Schilde
das Laͤmlein mit der Kreuzfahne haͤlt, und uͤber ſeinem Prieſterrocke die Worte: Ecce
agnus Dei leſen laͤſt, in gruͤnem Wachs. 1281.
Sig. Gardiani Praedicat. in Rige. Ein gekroͤntes Bild, in der Rechten ein Schwerdt, in
der Linken ein Rad haltend. 1290.
Sig. Fratrum Praedicat. in Rige. Eine Perſon auf dem Stuhle ſitzend. 1426.
Sig. Conuentus fratr. Minorum in Rige. Die Taufe Chriſti. 1256.
Sigillum cuſtodis Frm. minor. Liuonie et Pruſie. Der am Oelberg kniende Heiland, wel-
chen ein Engel ſtaͤrket. 1518.
S. Matris et Dom. ns. Sororu. Franciſci in Riga. Das Marienbild mit dem Kinde auf
dem rechten und dem Scepter auf dem linken Arm. Aus dem Fundationsbriefe eines
Elend- oder Siechenhauſes beider grauen Nonnenkloͤſter 1495, am Tage Antonii des
heiligen Beichtigers. Sie waren von der 3ten Regel des heiligen Franciſcus und wohn-
ten an der Norderſeite des Peterskirchhofs. Der oberſte Pater von der erſten Regel
des heiligen Franciſcus in Liefland, der wuͤrdige geiſtliche Vater und Herr Hinrich
Voß war zum Volzieher dieſer Siechenanſtalt eingeſetzet, wie der ſelige Buͤrgermeiſter
Peter Hinrichs ſie in ſeinem Teſtament angeordnet. Roth Wachs.
Sigillum Officialatus curiae Dni Archi. Epi. Rig. Ein Taͤufling mit gefaltnen Haͤnden auf
die Gnade der Taufe wartend, und in einer Waſſerkuͤbe oder Bottich ganz nackend ſitzend.
1508, in rothem Wachs.
Riga. Das aͤlteſte Stadtſiegel von 1232 zeiget eine Mauer mit freiem Thor und 5 Zin-
nen, auf der Mauer 2 Thuͤrme, zwiſchen den Thuͤrmen 2 empor gerichtete Schluͤſſel
mit aufwerts und auswerts gekehrten Schliesblaͤttern; zwiſchen den Schluͤſſeln ein langes
erzbiſchoͤfliches Kreuz, weil ſchon damals die Paͤpſte Jnnocentius der IIIte und Hono-
rius der IIIte dem rigiſchen Biſchof die Gewalt eines Crzbiſchofs verliehen, ob ihm
gleich der Titel noch fehlte. Die Umſchrift heiſt: Sigillum Burgencium in Rige manen-
cium. Als die Stadt dem Orden huldigte, blieben zwar die Thuͤrme und Mauren; al-
lein ohne Zinnen. Das Thor bekam ein Falgatter, unter dem ein Loͤwenkopf hervorgu-
cket. Ueber dem Thor ſiehet man ein Ziegeldach mit 2 Windfaͤhnlein, welche uͤber ſich
die 2 Schluͤſſel in Form des Andreaskreuzes mit auswerts gekehrten Schliesblaͤttern ha-
ben. Ueber den Schluͤſſeln iſt nicht mehr das Patriarchenkreuz, ſondern das kleine Kreuz
des deutſchen Ordens, z. E. auf dem Siegel von 1349 mit der Umſchrift Sigillum ciuita-
tis Rigenſis. Dieſe Stuͤcke ſind als weſentlich beibehalten worden. Schon zu den herrmei-
ſterlichen Zeiten nahm die Stadt die Loͤwen zu Schildhaltern an, wie ſolches das auf der
Wage am Markte in Stein gehauene Wapen von 1554 bezeuget. Dieſe Loͤwen erſcheinen
auch auf den Muͤnzen, welche die Stadt waͤrend ihrer 20 jaͤhrigen Ununterwuͤrfigkeit ge-
praͤget. Jngleichen finden ſich die Loͤwen als Schildhalter auf den Stadtmuͤnzen von
pohlniſcher Regierung, wie auf denen unter dem Koͤnig Stephano 1586 und Sigis-
mund dem IIIten 1592 geſchlagenen Goldſtuͤcken von 10 Dukaten zu ſehen iſt. Daher
man ſie in der Hiſtorie nicht aus der koͤniglich ſchwediſchen Regierung herleiten darf.
Der Kaiſer Maximilian der IIte ſchenkte der Stadt die Freiheit mit rothem Wachs zu
ſiegeln, unterm 9ten April 1576, weil die Stadt ſich damals ans Reich hieng, und dem
Hauſe Oeſterreich ihre Stimme zum pohlniſchen Thron verſprach. Als Koͤnig Carl
der XIte in Schweden in einem zu Stockholm den 23ſten November 1660 gedruckten
Diploma fuͤr die im Jahr 1656 ausgeſtandene pohlniſche Belagerung den Buͤrgermeiſtern
und dem Rath der Stadt den Adelſtand auf dem Rathsſtul ertheilte; ſo verliehe er der Stadt die
Krone uͤber dem Loͤwen im Thor, und uͤber dem kleinen Kreuze, und geſtand ihr den naͤchſten
Rang nach Stockholm vor allen andern ſchwediſchen Staͤdten zu, welche Vorrechte
ihnen auch von dem rußiſchen Kaiſer Peter dem Groſſen allergnaͤdigſt beſtaͤtiget wurden.
Auf dieſe erhaltene Diſtinction lies die Stadt 1660 die in der Muͤnztabelle beſchriebene
Gedaͤchtnismuͤnze in Gold und Silber praͤgen. Als 1723 die Buͤrgerſchaft ihre neuen
Fahnen erhielt, nahm ſie an ſtat der Loͤwen zwey mit offenen Fluͤgeln in die Hoͤhe aufrecht
ſtehende gekroͤnte Adler zu Schildhaltern an. Das kleinere Wapen der Stadt ſind die 2
ins Andreaskreuz gelegten Schluͤſſel mit einem daruͤber geſetzten Kreuze, ſo nach Dili-
chii Zeugnis in der bremiſchen Chronik S. 76 das Wapen des Erzbiſtums Bremen
iſt; dahingegen die Stadt Bremen nur einen Schluͤſſel fuͤhret. Die Blaſonirung des
rigiſchen Wapens iſt dieſe: Das Feld iſt blau, die Thuͤrme und Mauer roth, die Thurm-
ſpitzen und Schluͤſſel ſilbern, die Thurmfahnen, Kronen und das Kreuz guͤlden, die
Schildhalter in natuͤrlicher Farbe.
Revel. Jn alten Sigillen, und auch in neuern von 1545, ſtehen 3 gekroͤnte Leoparden uͤber einan-
der im deutſchen Schilde; und daruͤber ein gekroͤntes Haupt. Secret. Ciuit. Revalien-
ſis. Das jetzige Wapen ſind 3 leopardirte oder gehende blaue Loͤwen mit ausgeſchlagener
Zunge im guͤldenen Felde. Auf einigen Wapen haben auch dieſe Loͤwen eine Krone.
Ueber dieſem Wapen ſiehet man einen gekroͤnttn Helm, aus welchem ein gekroͤntes Weibs-
bild mit geſchlungenen Armen und fliegenden Haaren hervorwaͤchſet, ſo vielleicht die heili-
ge Brigitta ſeyn ſol. Auf den Sigillen dieſer Art lieſet man die Worte: Secretum ci-
J i i i 2uitatis
601
[310]Die II. Tabelle, von den Sigillen
uitatis Revalienſis. Zu andern Sigillen bedienet ſich auch die Stadt dos daͤniſchen ſil-
hernen Kreuzes von Dannebrogge im rothen Felde. Das Wapen dieſer Art decken
2 Strausfedern, eine rothe und eine ſilberne, die auf einem Helm ohne Krone ſtehen.
Beide Wapen hat die Stadt von Waldemaro den IIten, Koͤnig von Daͤnnemark,
erhalten, weswegen auch auf den aͤlteſten uͤber dem Schilde Waldemars gekroͤntes
Haupt zu ſehen iſt.
Narva. Das alte Stadtwapen iſt ein Fiſch, uͤber welchem eine Krone ſchwebet. Cyſſe
von Rutenberg ertheilte ihr im Namen des Hochmeiſters Paul Pelnitzer von Ruß-
dorff 1426 das Lilienkreuz, in deſſen rechten und linken Oberwinkel 2 Roſen mit dem
Stengel herabhangen. Koͤnig Johannes der IIIte in Schweden verliehe ihr den 22ſten
Julii 1585 zum Wapen und Siegel ein im blauen Felde oben ſchiefgelegtes bloſſes Schwerdt,
auf deſſen ieder Seite eine ſchwarze Karthaunenkugel lieget. Jn der Mitte des Schildes
ſiehet man 2 ſchwimmende Fiſche, unter den Fiſchen einen Sebel, der ſeine Spitze wie
das Schwerdt nach der rechten | Seite richtet, unter dem Sebel aber die dritte ſchwarze
Karthaunenkugel. Dieſes Wapen befindet ſich auch auf den narviſchen Muͤnzen unter
koͤniglich ſchwediſcher Regierung. Nach dem Wapenbuche der ſchwediſchen Ritter-
ſchaft und des Adels von 1650 beſtehet zwar das narviſche Wapen in einem geviertem gekroͤn-
ten Schilde mit abwechſelnder Burg und Schiesſcharten, und zweien Kugeln, in
deren Mitte ſchraͤglinks eine Thurnierlanze durchgehet, deren Faͤhnlein das daͤniſche
Kreuz fuͤhret und in dem linken Oberwinkel zu ſtehen komt; allein Kaiſer Peter der Groſſe
behielt das Wapen von 1585 bey, und verwandelte die ſchwarzen Kugeln in rothe Feuer-
kugeln, lies auch den Sebel mit der Spitze nach der linken Seite kehren.
Das Wapen der gegen uͤber liegenden Feſtung Jvanogrod iſt ein aus dem linken
Winkel ſchraͤgrechts flieſſender Waſſerſtrom zwiſchen zwey Mauren mit Schies-
ſcharten.
Pernau. Eiu ſilbern Kreuz im blauen Felde, ſo von einem aus den Wolken herorragen-
den linken Arm gehalten wird. Die Wolken ſind roͤthlichblau, der Arm hochroth, die
Handkrauſe weis, der Handſchuh gelb, und deſſen Stolpe ſilbern. Das Kreuz begleitet
ein ſilberner Schluͤſſel, der ſein Schliesblat demſelben zukehret.
Die Stadt Pernau fuͤhrte in alten Zeiten den Namen Embeck, nach dem daran vorbey-
flieſſenden Strome. Es beweiſet ſolches nicht allein das oben angefuͤhrte mandriſche
Privilegium Vellin vom 5ten April 1265, ſondern auch ein anders von Jocken unterm 15ten
November 1318, wo es unter andern heiſt: Praedicta ciuitas Embeck, quae nunc Pernau
vocatur. Und in dem groſſen Henſereces von Epiphanias 1388 lieſet man Pernova
von olderß Perona oder Porona. Heut zu Tage iſt die Stadt wohl befeſtiget, hat
einen bequemen Hafen und treibt gute Handlung mit Holz, Bretern, Korn und Lebens-
mitteln; nur muͤſſen die neuern Erdbeſchreibungen ihr keine Univerſitaͤt mehr beilegen,
weil ſchon um das Jahr 1709, da die Flamme des Krieges in vollem Brande war, die
Muſen ſich nach andern Univerſitaͤten, und ſonderlich nach Schweden, wandten. Unter
denen ehemaligen Profeſſoribus ſol der Herr Wilde, als koͤniglicher ſchwediſcher Hiſto-
riographus, noch jetzo am Leben ſeyn.
Doͤrpt hies in alten Zeiten Tarbete, welches eben ſo viel iſt als Tarabita, d. i. Thar,
hilf.
Das groͤſſere Jnſiegel der Stadt zeiget eine rothe Burg mit 2 Thuͤrmen, unter der
Mauer ein ofnes Thor, mit ſilbern Falgattern, unter demſelben einen goldenen Stern,
unter dem Sterne einen blauen halben Mond. Auf dem Portal des Thers ſtehet ein Loͤ-
wenkopf, auf der Mauer liegen 3 blaue Kugeln, davon die mitlere groͤſſer iſt. Ueber
der Mauer liegt ein| ſilberner Schluͤſſel und ein natuͤrlich gefaͤrbtes Schwerdt mit golde-
nem Handgrif im Andreaskreuz. Ueber dieſen ſchwebet eine goldene Krone. Das
kleinere Jnſiegel hat Schluͤſſel und Schwerdt mit daruͤber ſchwebender Krone allein.
Das Conſiſtorialſecretum hat die Ruthe Aarons, in deren rechten Oberwinkel eine der
Ruthe zugewandte Krone ſich befindet. Jn dem Diario der 1599 gehaltenen groſſen Re-
viſionscommißion iſt am 24ſten April beliebet worden, daß das Siegel des doͤrptiſchen
Landgerichts ein Greif ſeyn ſolle, der in der Vorderpfotel die in die Quer gelegten Spieſ-
ſe, als des Groskanzlers Zamoiski Wapen, halte.
Wenden. Dieſe ehemalige herrmeiſterliche Reſidenz hat auf ihrem Siegel die Umſchrift:
Sigillum Civitatis Vendenſis, und zum Wapen eine Stadt im ſilbernen Felde; uͤber derſel-
ben einen geharniſchten Ordensbruder, der mit dem rechten Arm uͤber dem Kopfe ein
Schwerdt, auf einigen Wapen aber einen krummen Sebel, mit dem linken unterwerts,
doch uͤber dem Knie, einen Schild haͤlt, und mit ausgeſperten Beinen ſtehet. Die Fuͤſſe
ruhen auf 2 runden Thurmknoͤpfen zwiſchen 2 mit dem Ellenbogen gleich hohen Thurm-
ſpitzen, die ihre Wetterfaͤhnlein haben. Mit den Beinen ſchlieſſet er 2 hinter dem
Stadt-
[311]und Wapen der Staͤdte und Flecken.
Stadtthore hervorragende Thuͤrme mit Wetterfaͤhnlein ein. Das Thor hat ein Ziegel-
dach, und darunter ein Falgatter, das uͤbrige des Thors iſt offen. Jn der wendiſchen
Stadtfahne zeigen ſich die Farben ſo: Die Thurmfahnen, Knoͤpfe, Koppeln und Kraͤn-
ze ſind verguldet; Thuͤrme und Fenſter ſchwarz; der Harniſch des Ritters, ſein Schild
am Rande und in der Mitten, die Schienbeine bis an den Fus, das Schwerdtgefaͤs, der
Ellenbogen des Harniſches und das Falgatter ſind verguldet; Sebel oder Schwerdt eiſen-
farbig, die Thuͤrme und Stadtmauren graulich, der Grund vor dem Thore gruͤn. Jn
einem Document von 1365 ſiehet man Proconſules und Conſules ciuitatis Wendae unter-
ſchrieben. Auf dem daran hangenden alten Siegel hat die Stadt einen Haag oder Ge-
haͤge um ſich herum; womit man vielleicht auf den Namensurſprung Zaͤhſis d. i.
Indago, Septum, geſehen.
Lemſel. Dieſe ehemalige erzbiſchoͤfliche Reſidenzſtadt brauchte 1439 einen Roſt von 5 Zacken
zum Siegel in gruͤnem Wachs. Seit 1553 fuͤhrt ſie eine ordentliche Burg mit 2 bedeck-
ten Thuͤrmen im Wapen. Jn der Mitte ſtehet ein niedriger breiter Thurm mit rundem
Dache, mit einem Faͤhnlein, in welchem unten das Thor mit ofnen Fluͤgeln mit einem Fal-
gatter verſehen iſt, worunter ein Loͤwenkopf hervorraget. Ueber der Burg ſchwebt ein
Kreuzſtab und Krumſtab ins Andreaskreuz geleget, oben aber ein biſchoͤflich Geſicht
mit der Jnſel und Vitte. Sigillum Ciuitatis Lemſaliae. Der Erzbiſchof Henning leg-
te ſie an, nach welchem Liebhaber der Baukunſt auch der hohe Thurm zu Kokenhau-
ſen nur der lange Henning genant wurde.
Wolmer. Ein rother Schopf mit Ohren von einem Buͤffelskopf, zwiſchen deſſen 2 Hoͤr-
nern eine gruͤne Eiche mit daneben auswachſenden braunen Sturz in guͤldenem Felde ſte-
het. Die Legende iſt Sigillum ciuitatis Wolmarienſis Comitum Södermöre; weil dieſes
Staͤdtgen dem Grafen Axel von Oxenſtierna geſchenkt war, der Eekhof beſas, und den
die Koͤnigin Chriſtina 1645 zum Grafen von Soͤdermore gemacht.
Walck. Ein aus dem linken Rande im gruͤnen Felde hervorgehender guͤldner Arm im Har-
niſch, der mit einem ſilbernen, manchmal gekroͤnten, Sebel drohet, mit der Umſchrift:
DAS WALKISHE SIGEL. Anno 1590. Der Koͤnig Stephanus machte ſie
1584 aufs neue zur Stadt, und Sigismund der IIIte gab ihr im Jahr 1590 die Freiheit
in gruͤn Wachs zu ſiegeln, oder nach Belieben weis Wachs zu brauchen. Ein Sigil von
1424 hat den geharniſchten Arm mit einem Schwerdte. Auf dem groſſen Henſereces von
1387 heiſt die Stadt von dem vorbeiflieſſenden Bache, Poͤdel oder Poͤdeln, das iſt
Walck, und in einem von 1391 ſteht: tho Poͤdeln up dem Walcke.
Fellin. Das Ordenswapen iſt im rothen Wachs ein Marienbild mit dem Jeſuskinde.
Zu beiden Seiten Blumenzweige. Das in den pohlniſchen und folgenden Zeiten ge-
brauchte Wapen iſt ein rothes rundes Siegel, ſo in der Mitten ein blaues Schild traͤget
mit einer ſilbernen Roſe. Ueber dem Schilde ſchweben 9 goldene Sterne 5 und 4. Aus
dem rechten Oberwinkel waͤchſet ein ſilbernes Kreuz heraus, deſſen Stellung ſchraͤge iſt.
Jn den pohlniſchen Zeiten hatte die Stadt einen eignen Burggrafen, und noch im vori-
gen Jahrhundert einen Magiſtrat und Buͤrgermeiſter.
Hapſal. Eine halbe Burg im blauen Felde. Der rechte Thurm ſteht gedeckt, die mit
Schiesloͤchern und Zinnen durchbrochne Mauer ziehet ſich unten am Schildrande in der
Runde nach einem ofnen Thor hin, deſſen Seitendach roth iſt, und einen ſtarken unge-
deckten Thurm uͤber ſich hat. Der braune Adler ſiehet ſich um, und ſitzet entweder
auf dem Thordache, oder iſt mit halben Leibe an das Thor angeleget. Sigillum ciuita-
tis Hapſaliae. Das kleinere Stadtſiegel iſt ein Anker.
Arensburg. Eine Burg mit gedecktem rechten, und ungedecktem linken Thurm. Das
Thor iſt in der Mauer. Jm Thor nimt der Adler den Flug nach der linken Seite.
Sigillum ciuitatis Arensburgenſis 1563. Auf dem ofnen Helm ſiehet man einen Flug.
Mitau. Jm purpurfarbenen Felde ein gekroͤnter natuͤrlicher Elendskopf mit ſeinem Ge-
weihe. Auf dem Halfe das kettlerſche Stamwapen, ein ſilberner Keſſelhaken, in deſſen
Mitte ein rothes Feld mit einem ſilbernen Kinbacken eines Wolfes *) mit 3 Zaͤhnen beſetzt,
und den blauen Buchſtaben S. A. ſo durch einander geſchlungen ſind, und ſo wol als die
K k k kWolfs-
[312]Die II. Tabelle von den Sigillen
Wolfszaͤhne von einer guͤldenen Krone bedecket werden. Das ganze Schild decket eine
Krone und wird von 2 zuruͤckſehenden Loͤwen gehalten. Das Gerichtsſiegel der Stadt iſt
eben ſo geſtochen, und wird in gruͤn Wachs gedruckt.
Goldingen. Goswin von Herike gab ihr das Siegel in gruͤn Wachs, die heilige Ca-
tharine mit der guͤldenen Maͤrtererkrone und fliegenden Haaren. Sie haͤlt in der rechten
Hand das Maͤrtererrad, in der linken ein zur Erde geſenktes Schwerdt, und ſtehet auf ei-
nem Erdreich, wo Geſtraͤuch waͤchſet. Dieſes Siegel in rothem Wachs von No. 6
fuͤhrte die Mutter des Kloſters der grauen Schweſtern St. Franciſci der dritten Regel
in Riga, Namens Caͤcilia zum Amtsſiegel 1518. Die Maͤrterin hat das Schwerdt in
der rechten und das Rad in der linken Hand.
Liebau erhielt ihr Siegel 1625 vom Herzog Friedrich zu Curland, einen rothen Loͤwen der
einen Lindenbaum anfaſſet, im blauen Felde. Jhre Seeflagge iſt ein deutſcher roth und
weis quer getheilter Schild.
Windau. Ein Jaͤgerhorn, uͤber dem das Kreuz ſtehet, mit der Umſchrift: SECRE-
TVM DER STADT WINDA. Anno 1643.
Bauske. Ein Loͤwe in rothem Wachs. Sigillum civitatis Bauske 1609. Jm Wapen iſt
der Loͤwe guͤlden, das Feld roth. Der Loͤwe ſieht in einigen groͤſſern nach der Linken, und
ſteht zum Raube geſchickt.
Pilten. Das kleinere Siegel hat 2 ins Andreaskreuz geſtelte Krumſtaͤbe, uͤber denen
eine Kugel lieget, und uͤber der Kugel zur Rechten und Linken 2 Thuͤrmgen ſtehen. Si-
gillum Civium in Pilten. Das groͤſſere ſtellet eine Stadt vor mit durchſichtigen Thuͤrmen.
Sigillum Civitatis Piltenſis 1694, in gruͤnem Wachs.
Grubin. Ein Kranich der in der linken Pfote einen Stein haͤlt 1697. Das Amt Gru-
bin hat im Siegel den Alandsbleier, ſo im Waſſer ſchwimmet, und uͤber demſelben eine
goldene Krone. Dis Siegel verliehe ihr der Herrmeiſter Rettler 1560 zum Andenken
eines uͤberausreichen Fiſchzuges.
Haſenpot. Das Wapen dieſes Staͤdgens iſt ein Ordensmeiſter, der in der linken Hand
den Kelch haͤlt, mit darunter hangendem Wiſchtuche. Das Feld iſt weitlaͤuftig gegittert.
Tuckum. Jſt jetzo blos ein Hakelwerk. Der daſige Herr Oberhauptman bedienet ſich des
herzoglich curlaͤndiſchen Siegels mit denſelben Jnſignien und der Umſchrift: Sigillum
Iudicii Tuckum.
Das alte Wapen des Herzogs Gotthards aus dem Hauſe Kettler liefert
Henning im Anfang ſeiner Chronik, mit Frowins thor Hake Beſchreibung deſſelben
in elegiſchen lateiniſchen Verſen. Ein geviertes Schild mit abwechſelnden rothen Loͤ-
wen in ſilbernen Felde und einem hervorſchreitend natuͤrlich gefaͤrbten Elend im blau-
en Felde. Der Mittelſchild iſt roth, und fuͤhret den ſilbernen Keſſelhaken, in welchem
zur Rechten die drey Wolfszaͤhne im Balten, zur linken S. A. oder der zuſammengefloch-
tene Namenszug des Konigs Sigismund Auguſti von einer Krone bedecket werden.
Dieſe Thiere im Schilde ſind ohne Kronen. Oben ſtehen 3 gekroͤnte Helme. Aus dem
mitlern wachſen 2 Birkhahnsfedern, die den Keſſelhaken zwiſchen ſich haben; aus dem
Rechten ein gekroͤntes Elend, und aus dem Linken ein gekroͤnter Loͤwe. Da der Keſſelhaken,
den Frowin immer Climacter nent, zum redenden Wapen nothwendig und weſentlich
erfordert wird; ſo hat es wol keinen Grund, wenn man ihn entweder auslaͤſt, oder ſtat
deſſen dem Wolfskinbacken kleine Zacken giebt. Auch zeugen Farbe und Geweihe, daß nicht
ſilberne Hirſche, ſondern graue Elendsthiere das Wapen von Semgallien vorſtellen ſollen.
Jn der curlaͤndiſchen Kirchenordnung vom Jahr 1570, vor welcher das kettlerſche
Wapen ſtehet, ſind die aus gekroͤnten Helmen wachſende Thiere, der Loͤwe und das Elend,
ungekroͤnt. Auf denen herzoglichen Fahnen ſo wol als in Gebaͤuden hat die Einbildungs-
kraft der Mahler und Bildhauer ſelbſt des erſten Originals verfehlet, welches aus dem
Henning hergeſtellet werden mus. Doch iſt unter dem Bildnis des Herzogs Friedrich
Wilhelms, ſo der Deſcription de la Livonie vorgeſetzet worden, das curlaͤndiſche Wa-
pen ziemlich getroffen. Auf einigen Schauſtuͤcken des Herzog Friedrichs und des Her-
zog Wilhelms praͤſentiret ſich das curlaͤndiſche Wapen am deutlichſten, und iſt der
henningſchen Abbildung in allem gleich, nur das die Elendsthiere nicht hervor ſchreiten,
ſondern hervor ſpringen. Andre Muͤnzen ſtellen die Elende volkommen dar, ſo aber was
neues iſt.
Zu dieſem Verſuch einer Beſchreibung der lieflaͤndiſchen Ordensmuͤnzen haben wir
das wohlverſehene lieflaͤndiſche Muͤnzcabinet des Herrn Cammerjunkers Clodt von
Juͤrgensburg zum Grunde gelegt, welchem die bequeme Eintheilung dieſer Muͤnzen
nach ihren Landsmanſchaften beliebig geweſen, da ſie hingegen in andern vermiſcht und blos
nach der Folge der Jahre erſcheinen. Die Vermehrung iſt aus den Samlungen des Herrn
Manrichters von Torck in Curland, und des Herrn Obervogts von Schievelbein in Ri-
ga genommen, zu deren Volſtaͤndigkeit man ſich etlicher Privatſamlungen bedienen
muͤſſen.
Auſſer andern ſind ſonderlich das toͤrnhielm- und gyllengriepiſche Cabinet
in Stockholm, bey uns aber die zahlreichen Samlungen des Herrn Vicepraͤſidenten von
Brevern, und des Herrn Vicepraͤſidenten von Schultz in dieſem Seculo beruͤhmt gewe-
ſen. Sie ſind in Erbſchaften zerſtreuet, und warten vielleicht auf ihren Erretter.
Wenn dieſe Muͤnzen durch unſre Beſchreibung bekanter werden, ſo kan man
ſich Hofnung machen, noch viel mehr zu entdecken. Wie viel liegen nicht noch bey Auslaͤndern,
die Fluͤchtige mitgenommen haben? Mancher Bauer wird ſeines Gluͤcks froher werden,
wenn ihm eine und die andere unter dem Pflug aufſtoͤſt; da er ſie bisher nicht anbringen
koͤnnen, ſondern in eigennuͤtzige Haͤnde fuͤr altes Silber verwenden muͤſſen.
Vor dem 16ten Jahrhundert laͤſt ſich keine Jahrzahl auf dieſen Muͤnzen ſehen.
Sehr viele Jahre ſind mit Auslaſſung der groͤſſern Zahl nur mit den beiden letzten ausge-
druckt, die entweder im Rande, oder uͤber dem Wapen ſtehen, oder auch ſo angebracht
ſind, daß ſie beide die Figur zwiſchen ſich haben. Die Moͤnchsſchrift auf der Vorder- und
Ruͤckſeite geht uͤber das dritte Decennium hinweg. Die Kreuze ſind theils ſchlecht, theils
am Ende der Staͤbe mit Lilien, Kerben und Stufe verzieret. Auch iſt das kleine revel-
ſche Stadtkreuz mit dieſen Zierraten verſehen, gleichwie das kleine rigiſche Stadtkreuz
oft nagelſpitz iſt.
Die Fortſetzung dieſer lieflaͤndiſchen Muͤnzen unter den koͤniglich pohlniſchen
und koͤniglich ſchwediſchen Regierungen iſt ſehr anſehnlich. Doch haben die Herren
Samler in Liefland mehr die einheimiſchen, gleichwie die in Curland ihre herzoglichen
volſtaͤndig zu machen geſucht. Alle Cabinete aber haben die Volkommenheit nicht, daß ſie
eine ununterbrochene Folge aufweiſen koͤnten.
Alle lieflaͤndiſche Muͤnzen, die Kreuzſchlillinge ausgenommen, ſind rar, auch
ſelbſt in Liefland. Die ſeltenſten haben wir unter den ſeltenen ausdruͤcklich bezeichnet.
Doch iſt ihre Seltenheit nur beziehungsweiſe, und fuͤr den ſo ſie ſuchet, zu beſtimmen.
Die aͤlteſten und kleinſten, ſo unſichtbar ſie auch ſind, trift man manchmal bey halben Du-
tzenden in den Haͤnden ſolcher Leute an, die ſich nicht darauf verſtehen, und ſie daher zum
Schmelztiegel des Goldſchmids mit andern groͤſſern aufheben; dergleichen Feuerprobe ſchon
viele, und vielleicht die beſten und ſchoͤnſten, haben ausſtehen muͤſſen.
Jhre Groͤſſe nach dem Durchmeſſer zu beſtimmen, war etwas ungewis und
ſchwer. Wir haben deswegen ihre Vergleichung gegen andre gangbare Muͤnzen eingerich-
tet, und weil die ſaͤchſiſchen unter den Deutſchen am bekanteſten ſind, ſo dienet folgen-
der Schluͤſſel zur Anzeige des Moduli der Groſſen.
Zuletzt legen wir eine oͤffentliche Fuͤrbitte bey allen ſtillen Beſitzern fuͤr dieſe Ge-
fangenen ein, ſonderlich bey den frommen Matronen, die weiter nichts an ihnen als das
bisgen Silber zu brauchen wiſſen, daß ſie ihnen Freiheit und Leben ſchenken wollen, woge-
gen ihnen alle Kenner und Liebhaber noch mit vielem Dank das Aequivalent nach Billigkeit
erſtatten werden.
Die wendenſchen Muͤnzen des 15ten Jahrhunderts ſind ohne Jahrzahl. Die kleinenAnnus
Muͤnzen haben das Ordenskreuz, ſo in die Umſchrift des Randes trit, am Ende aber
nach Art des Malteſerkreuzes eingeſchnitten, und zugleich durchbrochen iſt. Am Rande
lieſet man die Moͤnchsſchrift: MON. ETA. WEN. DEN; oder WEN. DeNSis.
Auf dem Revers erſcheinet das Geſchlechtswapen, an welchem ſie allein erkant werden.
bSo haben zum Exempel die Schillinge von Meiſter Berendt von der Borg 3 Voͤgel;
die freytagiſchen 3 Ringe; die plettenbergiſchen ein in die Laͤnge herab getheiltes
Schild, deſſen linke Seite gegittert iſt. Die Umſchrift dieſer Seite heiſt: MAGI-
STRI LIVONIE.
Die aͤlteſte unter ihnen iſt ein kleiner Artiger oder Pfennig von feinem Silber, doch
ſehr verblichen, im clodtiſchen Cabinet. Das Ordenskreuz geht uͤber die ganze Muͤn-
ze Moneta Rev. Magis. Das Wapen ſcheint quergetheilt. Oben waͤchſt der Kopf und
Hals eines Thiers hervor, unten ſiehts aus, als ob ein Baum da ſtuͤnde.
Plettenbergs geharniſchtes voͤlliges Bildnis mit ſtarkem Bart, in der Rechten das Schwerdt1525.
empor mit der Linken das Schild mit dem Ordens- und Geſchlechtswapen an einem Ban-
de vor dem Knie haltend, mit der Umſchrift: MONE. NOVA. MAGRI. LIVO-
NI. Rev. Ein gekroͤntes und mit Stralen umgebenes Marienbild mit dem Kinde JE-
ſu auf dem linken Arm. S. MARIA. 9 SERVA. POPVLV. TVV. 25. Die-
ſer Thaler war in der beruͤhmten Muͤnzſamlung des Herrn Obriſten Gyllengriep in
Stockholm befindlich. Er iſt auch in dem Thalercabinet beſchrieben. Jn Liefland
iſt er bis jetzo nicht zum Vorſchein gekommen.
So rar dieſer Stempel an Silber iſt, ſo haͤufig iſt er in Golde bey vielen Liebhabern
anzutreffen, und ſiehet bey nahe wie gegoſſen aus. Ein ſolches Stuͤck wiegt 10 Dukaten,
und iſt, wie Ruſſow es ausdruckt, am Gewichte, Schrot und Korn wie ein Portu-
galoͤſer. Auf der rechten Seite des Schwerdts zeiget ſich ein Kreuz und gegen uͤber eine
Roſe. Auf etlichen wird die Roſe durch einen Stempel bedeckt, da die Stadt Riga ihr
kleines Wapen, nemlich die 2 ins Andreaskreuz gelegten Schluͤſſel mit dem kleinen Or-
denskreuz daruͤber zum Zeichen der Verhoͤhung drauf praͤgen laſſen.
Daß der Herr Aſſeſſor von Dunte ein dergleichen Goldſtuͤck von 20 Dukaten beſeſſen
habe, iſt hier bekant. Die Noua litteraria maris Balthici et Septentrionis, Lubecae in
in 4to Menſe Auguſto 1699 p. 234 Tab. VIII, 4 |zeigen uns dieſes Stuͤck von 20 Duka-
ten im Kupferſtich. Der Herrmeiſter hat das Kreuz auf der Bruſt und ſteht mit ent-
bloͤſtem Haupte.
Das herrmeiſterliche Wapen in geviertem Schilde, worin das Ordenskreuz und die 3 galen-1556.
ſchen Hacken abwechſeln. Das Schild iſt mit kleinen Roͤsgen gezieret. HEINRICH. V.
GALEN. MEISTER. DES. Rev. RITTERLICHEN. D. eutſchen O. rdens
ZVLIVLANDT. Das Ordenskreuz im Schilde.
Ein Ferding mit ſelbiger Umſchrift und von dieſem Gepraͤge. Weil dieſe Muͤnze den Ort1556.
des Stempels nicht anzeiget, ſo hat man ſelbige nicht unter die Revelſchen bringen
koͤnnen; und iſt alſo das wendiſche Ordenskreuz im Revers, nicht aber das revelſche
Stadtkreuz. Dieſer Ferding iſt der einzige, den wir von dieſer Art gefunden, dahinge-
gen die vorhergehenden halben Markſtuͤcke ſich oͤfterer ſehen laſſen. Er liegt im clodti-
ſchen Kabinet.
Ein rarer Schilling. Das lange Ordenskreuz und am ſelbigen im deutſchen Schilde die1556.
3 galenſchen Haken. Hin. d. Ga. M. Livon. Rev. Das kleine Ordenskreuz Meiſt. to
Liflandt 56. Aus der Geſtalt dieſes Kreuzes lieſſe ſich am erſten erweiſen, daß dieſe Muͤn-
zen von 1556 in Revel gepraͤget waͤren.
Eine Klippe oder viereckte Muͤnze ohne Revers und Umſchrift, mit dem gevierten Wapen-1558.
ſtempel, darin das Ordenskreuz und die fuͤrſtenbergiſchen 2 Querbalken umwechſeln,
und uͤber dem Wapen die Jahrzahl 58.
Dieſe Muͤnzen ſind ſehr irregulair, fuͤnfeckigt, und auch ganz rund. Der StempelAnnut
iſt bald oben, bald in einer Ecke. Da ſie im Silber die Probe halten, kan man ſie
nicht unter die Nothmuͤnzen rechnen.
Eine Klippe mit vorigem Stempel, am Gewichte einen Reichsort haltend.
Ein halber Thaler, ebenfals viereckigt und wie der vorige gepraͤget.
Ein ſchoͤnes Goldſtuͤck am Gewichte ein und ein viertel Dukaten. Der Herrmeiſter im Har-1559.
niſch und Bart, mit der Linken ſein geviertes Wapenſchild vor ſich haltend. WIL-
HELM FVRSTE: NBERG D. G. M. LI. Rev. Das Marienbild mit dem
Kinde in Stralen. Die Worte umher lauten ſchon evangeliſcher als die plettenbergi-
ſchen:CHRISTVS SALVS NOSTRA. 59.
Ein Noththaler ohne Revers und Umſchrift. Jn der Mitten ſteht ein klein geviertes Schild1559.
mit abwechſelnden Ordenskreuz und Keſſelhaken. Oben druͤber lieſt man die 4 lateini-
ſchen Buchſtaben G. otthard M. eiſter Z. u. L. iefland.
Ein halber Thaler von ſelbigem Stempel befindet ſich in den breverſchen Abriſſen einiger1559.
lieflaͤndiſchen Muͤnzen.
Ein Ferding mit des Herrmeiſters baͤrtigem Geſichte und Feldkragen: Gothrt. Ketler. D.1559.
G. auf dem Revers das gewoͤhnliche gevierte Schild, mit der Jahrzahl 59. Mag.
Teut.onici Ord. inis.
Eine guͤldene Muͤnze von ein und ein viertel Dukaten. Des Herrmeiſters geharniſchtes Bruſt-1560.
bild in der Rechten das Schwerdt haltend, und die Linke auf einen Todtenkopf lehnend,
mit dem Ordenskreuz auf der Bruſt. Gothard. D. G. Magis. Liuoniæ. Rev. Ein ge-
vierter Schild mit abwechſelnden Ordenskreuz und Keſſelhaken. Das Schild wird von
2 Helmen bedeckt, zwiſchen denen ein Crucifix ſteht. Auf dem rechten Helm ſieht man
das Ordenskreuz, auf dem linken, der gekroͤnt iſt, den Keſſelhaken. Mariae fili ſer-
ua nos.
Ein Goldſtuͤck von zwey und einem halben Dukaten nach vorigem Gepraͤge im torckiſchen1560.
Kabinet, aus der Samlung des Herrn Magiſter Rhanaͤus.
Ein Ferding mit geviertem Schilde, wobey 60 ſtehet. Gothard 9 D. G. Magiſtri Livon.1560.
Rev. Das lange Ordenskreuz im Schilde. Moneta. noua. Magis. Livon.
Dieſe haben alle das Wapen der Stadt auf einer Seite. Doch findet ſich in dem tor-
ckiſchen Kabinet ein Schilling von dem Herrmeiſter Borg, auf deſſen einer Seite
das Ordenskreuz mit der deutlichen Moͤnchsſchrift: MONETA RIGENS. auf der
andern Seite die 3 Voͤgel MAGISTRI LIVONIE zu ſehen ſind.
Ein andrer iſt nachher ins clodtiſche Kabinet gekommen.
Ein Ferding von feinem Silber. WOL. BLET. MAGIS. LIV. Ein Marienbild1526.
mit dem Kinde auf dem linken Arm, darunter das mit dem Ordenskreuz abwechſelnde
plettenbergiſche Wapen. Rev. Das ganze rigiſche Stadtwapen. MONE. NO-
VA. RIGEN. 1526. Einige Exemplare ſind mit dem doͤrptiſchen Stiftsſtempel,
Schluͤſſel und Schwerdt kreuzweiſe geleget, zur Verhoͤhung geſtempelt, deren eine hat
PLET. MA.
Jn Rhanaͤi Samlungen befand ſich eine dergleichen von 1523. Die Umſchrift war:
WOLT. PLAS. MAG. LIV. und MONE. NOV. RIGS.
Noch ungeſchickter hat der Stempelſchneider den plettenbergiſchen Namen ausgedruckt in
einer Muͤnze von der Groͤſſe e, der man wegen der ungewiſſen Jahrzahl keinen rechten
Ort anweiſen koͤnnen. Sie weiſet ein Marienbild, ſo das Kind in der Rechten, und in der
Linken das Scepter haͤlt. Unter dem Bruſtbild ſtehet das kreuzweis geſetzte Ordens- und
Geſchlechtswapen; am Rande die Schrift: BLAT. MAG. LIWO. Rev. Das klei-
ne rigiſche Wapen, zu deſſen linken Seite die Zahlen 12 und zur rechten 9 ſichtbar ſind.
Die Umſchrift hat auch 11 Buchſtaben MONE. NOVA. RIG. Jhr Alter iſt 1509
oder 1519, weil die 5 auf den alten lieflaͤndiſchen Muͤnzen oft wie eine 2 geſtaltet iſt.
Ein halber Dukaten. WOLTER. V. PLETBAR. M. LIVO. Ein geviertes1528.
Schild, in welchem das Ordenskreuz mit dem Stamwapen abwechſelt, daruͤber 28. Rev.
Das kleine rigiſche Wapen. MONE. NO. RIGENSIS. 1528.
Ein doppelter Dukaten. Plettenbergs geharniſches Bildnis, in der Rechten das Schwerdt,1528.
in der Linken das gevierte Schild unter ſich haltend, zu deſſen rechten Seite ein kleines
Kreuz, zur linken eine 3 blaͤttrichte Roſe liegt. WOLT. VA. PLETBAR MA.
LIVON. Rev. Das groͤſſere Stadtwapen. MONE. NOVA. RIGENS. 1528.
Eine Silbermuͤnze. Mone. nova Rig. 1529 und Wo. Blet. Mag. Li. ſonſt wie die oberſte.1529.
Einige haben das Kind auf dem rechten Arm, ſind mit dem revelſchen Wapen erhoͤhet,
und fuͤhren beim Marienbilde die ſeltſame Umſchriſt WO. BIST. MAG. LI.
Zwey dergleichen. Mone. nova. Rigenſis und Wolt. Plettcnb. Ma. Livo.
Eine kleine aber ſehr ſeltene Muͤnze ohne Umſchrift, blos mit dem Ordenskreuz, an welchem1533.
des Herrmeiſters Wapen haͤnget. Rev. Das kleine Stadtwapen. Sie iſt auch von 1532.
Noch ein kleiner ſauberer Artiger von voriger Art ohne Jahrzahl. Zur Zierrath ſind die
Luͤcken der hervorſtehenden Figuren auf beiden Seiten mit kleinen Cirkelgen oder Nullen
ausgefuͤllet.
Ein halber Dukaten. Das gewoͤhnliche vierfeldige Schild. WOLTI. DE. PLET-1533.
TENB. MA. LIV. Rev. Das kleinere Stadtwapen MONE. NO. AVREA
RIGENSIS. Zur linken Hand ſteht bey den Schluͤſſeln das Ordenskreuz, zur rechten
Hand eine dreiblaͤttrichte Blume.
Einige Stempel haben an RIGENSIS das letzte S weggelaſſen.
Ein Schilling. WOL. PLETTENB. MA. LIV. Das herrmeiſterliche Wapen,1533.
hinter welchem das Ordenskreuz bis uͤber die Schrift des Randes gehet. Rev. MONE.
NOVA. RIGENSIS. 1533. und das kleinere Stadtwapen. Sie ſind auch von 1532.
Ein dergleichen. Wo. d. Plet. Mag. Livo.
Noch von dieſer Forme.
Ein rarer Dukaten. Das Marienbild mit dem Kinde auf dem rechten Arm und dem1535.
Scepter in der linken Hand. Unter demſelben die 3 Querbalken, als das bruͤggeneiſche
Wapen. Zur Seiten des Bildes die Buchſtaben T. R. als Namen des Muͤnzmeiſters.
Die Umſchrift heiſt: HERMAN. D. BRVG. M. LIVO. Rev. Das groͤſſere rigi-
ſche Stadtwapen. MONE. NOVA. RIGENS. 1535. Er iſt noch jetzo der einzige
in ſeiner Art. Solche Goldgulden blieben nicht lange im Lande *).
Herm. de Bregna. M. Livon. Rev. Mo. Nov. Argent. Civ. Rig.
Her.de Brug. Ha. Ma. Li. Rev. Moneta noua Rigenſis, ein Schilling.
Herm. de Bregna. Ma. Liv. Rev. Moneta noua Rigenſis. Eine dergleichen von 1537, 1538,1536.
b1539, 1540, 1543, 1545, 1546, ebenfals Schillinge.
HER. D. BRVG. H. K. M. LIVO. Des Herrmeiſters Herman von Bruͤggenei ge-1547.
fnant Haſenkamp |geharniſchtes Bildnis mit einem groſſen Bart und bloſſen Haupt, in der
Rechten das Schwerdt, in der Linken das Wapen vor ſich unten haltend. Rev. Das groͤſſere
Stadtwapen. Mone. No. Rigens. 47. Sie iſt rar.
Ein Schilling, worauf nach Art dieſer Muͤnzſorte das Ordenskreuz mit angehenktem Ge-1547.
bſchlechtsſchilde. HER. D. BRVG. H. K. M. LIVO. Rev. Das kleine Stadtwapen
MONE. NO. RIGENS. 47.
IOAN. D. RE. D. iuina. O. rdinatione M. agiſter LIVO. Das reckiſche Wapen, eine1549.
bRecke in der Mitte. Das Ordenskreuz gehet wie auf andern Schillingen mitten durch
bis in die Randſchrift. Rev. MONE. NO. RIGENSI. 49, und das kleine Stadt-
wapen item von 1550.
Anmerk. Eine Recke ſieht aus wie eine Wagenleiter. Das Wort iſt deutſch, und
bedeutet die oberſten Hoͤlzer an einem Bauerſchlitten. Die Eſten ſagen reggi die Let-
ten raggou, beide verſtehen aber den ganzen Schlitten des Bauers.
Alle Muͤnzſorten dieſes Herrn ſind hoͤchſt rar. Die halben Marke von ihm faſt in Groͤſſe ei-
nes Ortsthalers werden in unſern Kabinetten vermiſſet.
Ein Schilling. Die 3 Haken. Hinric. v. Gal. Ma. Liuo. Rev. Das kleine Stadtwapen.1551.
bMone. no. Rigens.
Hinri de Gal. D. G. Mag. Liv. Des Herrmeiſters geharniſchtes Bildnis, mit bloſſem Haupt1556.
fund groſſem Bart, Schwerdt und Wapen gewoͤhnlich haltend. Rev. Moneta noua
Rige. 56. Das ganze rigiſche Wapen.
Eine ganze Mark. Der Herrmeiſter im Harniſch, bloſſem Haupt und ſtarkem Bart, in1557.
Tder Rechten das Schwerdt, in der Linken den Schild vor ſich haltend, daneben 1557.
Auf dem Bruſtharniſch ſiehet man das Ordenskreuz. Die Umſchrift heiſt: Henricus de
Galen D. G. M. Livon. Rev. Das ganze Stadtwapen ohne Schildhalter, ſo bis in den
Rand gehet: Moneta noua Rigenſis.
Eine dergleichen. Henrich de Gale. D. G. M. LIVON. Das koͤnigsbergiſche Thaler-1557.
fkabinet fuͤhrt dieſe Muͤnze auch unter den Thalern an. Die caſſeburgiſche Samlung
von Thalern hat ſie S. 91, wo es aber Garen G. M. Livoni. heiſſet. Jn Liefland war-
Thtet man ſtark auf die Zuruͤckkunft dieſer in die Jrre gerathenen zweiloͤthigen Exulanten.
WILHELM. VORSTENB. D. ivina O. rdinatione M. agiſter LI.Fuͤrſtenbergs1557.
fBildnis im Harniſch mit entbloͤſtem Haupt und baͤrtig, das Schwerdt in der Rechten,
das Wapen in der Linken vor ſich unten haltend, auf den Seiten die Jahrzahl 57. Rev.
Das ganze rigiſche Wapen. Moneta noua Rigenſis. Man hat ſie noch von 1559.
Dieſe 3 Stuͤck ſind halbe Mark rigiſch, aber von ſchlechtem Silber. Das Thalerkabinet
Thfuͤhret die letzte unter den zweiloͤthigen Muͤnzen an, lieſt aber des Herrmeiſters Namen
unrecht VON STERNBERG. So iſt auch ein Thaler von dieſem Stempel in Caſ-
ſeburgs preußiſcher und pohlniſcher Thaler-Samlung S. 91 angefuͤhrt.
Die 2 Querbalken als das fuͤrſtenbergiſche Wapen im deutſchen Schilde, ſo an dem1558.
bgroſſen Ordenskreuz haͤnget, daneben 58. Wilhelm V. D. G. M. Liv. Rev. Das kleinere
Stadtwapen Moneta noua Rige.
Gothard Mag. Liv. Revers Moneta no. Rigenſis.
Eine dergleichen. Beide haben den Keſſelhaken in einem blauen Schilde. Der erſte hat in1561.
dem Keſſelhaken eine Kugel, die wol vom Stempel des Muͤnzmeiſters herkomt. Der
Revers hat das kleine rigiſche Wapen.
Ein Ferding mit quadrirtem Schilde, worin das Ordenskreuz und der Keſſelhaken abwechſeln.
Gothard. D. G. M. Livoni. Rev. Das kleinere Stadtwapen. Moneta, noua, Rige.
1561. Ein andrer Stempel lieſt: Moneta no. Rigenſis. 61.
Die herzoglich kettlerſchen Schillinge von 1570, 71, 72, 73, 74, 75, 76 und 77 haben
in dem Keſſelhaken die zuſammengezogenen Buchſtaben S. A. mit der Umſchrift: MO-
NE. NOVA. ARGENTEA. Auf der andern Seite den Loͤwen: DVCIS CVR.
ET SEMIGA.
Anm. Der Keſſelhaken hat gewoͤhnlich die Geſtalt einer Davidsharfe ohne Saiten,
deren Bauch eingekerbt iſt. Doch viele gehen unten mit einem Bogen zu, an dem die
Zacken ſich verlieren. Einige Heraldici laſſen aus Unwiſſenheit gar die Zacken weg, und
geben den Keſſelhaken ganz unrecht fuͤr einen Steigbuͤgel aus.
Dieſe Muͤnzen, wenn | ſie entweder gar keine oder unleſerliche Schrift haben, erkennet
man an dem daͤniſchen Kreuz im deutſchen Schilde, als dem kleinern in vorigen
Zeiten aber ſehr uͤblichen Wapen der Stadt Revel. Die kleinere Muͤnzſorte hat das
groſſe Ordenskreuz, ſo uͤber die Schrift hinaus trit, und manchmal eingekerbet, oder auch
mit dem Zierrath des Lilienkreuzes verſehen iſt.
Man hat einige Schillinge mit alter Moͤnchsſchrift Moneta Revalie. ✠; die in der Mitte ein
kleines mit breiten Enden verſehenes Kreuz, ſo in jedem Winkel von 3 Kugeln begleitet
wird, aufweiſen. Auf dem Revers ſtehet Magiſtri Livonie und obbeſchriebenes kleine
revelſche Stadtwapen, deſſen Schild oben einen Ring zum aufhenken hat. Sie ſind
von gutem Silber und ſehr rar.
Eine andre Sorte, vermuthlich ſo genante Artiger, deren 4 einen Schilling gegolten. Weil
ein ſolcher Artiger oder Pfennig aber etwas mehr als ein Viertheil des vorigen Schillings
wieget, ſo hat man ihm auch ſchlechter Korn gegeben. Jhre Umſchrift iſt mehr zu erra-
then als zu erkennen. Auf den neuern findet man das Gepraͤge der revelſchen Schillin-
ge mit dem Buchſtaben WO. PL. M. LI. Revers: MONET. REVAL. Jhre
Seltenheit iſt gros, doch haben die alten fein Silber.
Hieher gehoͤren die ſo genanten Blaumiſer. Ein ſolcher Blaumiſer iſt ein kuͤpfrigtes rundes
Blech, mit erhabenem geſtreiften Rande. Jn der Mitte iſt das kleine Kreuz tief einge-
ſchlagen, wodurch auf der andern Seite 4 erhabene groſſe Punkte entſtehen. Sie ſind
ohne Jahrzahl und Umſchriſt, aber auch rar. Ob es aber eben das revelſche Kreuz
ſey, getrauen wir uns nicht zu beſtimmen.
Schillinge von etwas groͤſſerer Forme, aber auch geringerm Pagement. Sie fuͤhren das
groſſe Ordenskreuz bis an die Spitze des Randes durch die Schrift durch, MAGISTRI
LIVONIE ✠ und das kleine Stadtwapen, MONETAREVALIE. Dis ſind die
alten Kreuzſchillinge, ſo von dem gemeinen Man zu Curen und magiſchen Kunſtſtuͤcken
ſehr aberglaͤubiſch gemisbraucht worden. Die alten haben unten am Kreuz einen erhabe-
nen Punkt, oder einige eine kleine Null, ſo einfaͤltigen Leuten die Zahl Eins, d. i. einen
Schilling bezeichnen ſol, gleichwie die vormaligen rußiſchen fuͤnf Copeckenſtuͤcke
von Kupfer 5 Punkte, die ſilbernen Griwen oder 10 Copeckenſtuͤcke aber zehn Punkte auf-
weiſen. Auf etlichen iſt im Rande ein groſſer Stern zu ſehen, der nur ein Einfal des
Stempelſchneiders iſt.
Ein Schilling nach Art eines Bracteaten. Er iſt ohne Revers und Jahrzahl und hat das
revelſche Kreuz mit der Umſchrift: Magiſtr. Livonie.
Ein feines Silberſtuͤck mit dem revelſchen Kreuz oder kleinern Stadtwapen und der Um-1515.
ſchrift MONETA NOVA REVALIE, uͤber dem Wapen die Jahrzahl 1515.
Rev. Ein Marienbild mit dem Kinde auf dem linken Arm, das von dem rechten Arm
angefaſt wird. Darunter ein Schild in deſſen 4 Feldungen das Ordenskreuz und das pletten-
bergiſche Stamwapen abwechſeln. Dieſe Muͤnze iſt mit dem kleinen Stempel der Stadt
Revel verhoͤhet, wiewol nicht in allem Gepraͤge. Auf der andern Seite ſteht CON-
SERVA NOS DomiNA.
Ein Ferding mit dem Marienbilde nach Art des vorigen, CONSerVA. NOS. CHRIS.1527.
Rev. Das revelſche Kreuz. Moneta noua Revel. Ueber dem Schilde 1527, davon
die zwey letzten Ziffern ſo ſchief liegen, daß ſie die Buchſtaben NA vorſtellen, im
clodtiſchen Kabinet.
Eine rare Mark. Des Herrmeiſters Bild mit bloſſem Haupte und Bart im weiten Man-Annus
1528.
tel, vor ſich ein quadrirtes Schild haltend. Walter9 Pletten. Mgr. Livonie. Das
Bild iſt ſehr ungeſtalt. Rev. Moneta noua argenti. Revalie. Anno. Ueber dem deut-
ſchen Schilde mit dem Kreuz ſteht 1528.
Ein Ferding nach obiger Art, nur daß das Kind auf dem rechten Arm getragen wird, und Ma-1528.
ria in der Linken das Scepter fuͤhret. Sie iſt auch mit dem vorigen Stempel verhoͤhet.
Einige aͤndern die Umſchrift: Conſva nos Cris. und Moneta noua Reval.
Ein dergleichen. MONETA NOVA REVALIEN ✠. Rev. SALVA NO.s1530.
CRI.ſte. Eine andre hat Revali. o und Salua. n. Cris. auch Salua. no. Criſt. und Mo-
neta no. Revalie.
Eine andre, wo CHRIS. te geleſen wird. Rev. Moneta nov. Revaliens. Sie iſt mit1533.
dem doͤrptiſchen Stempel erhoͤhet. Jngleichen CRISTHE und Moneta noua ari-
hent. Reval. von ſauberm Stempel.
Noch eine von ſelbiger Art mit dem Stempel der Stadt Revel erhoͤhet, und mit der Um-1534.
ſchrift: Moneta noua Revalie. Ein ander Gepraͤge fuͤhret den Stempel des Stifts
Doͤrpt zur Erhoͤhung.
Um dieſe Jahre ſind die obbeſchriebenen Kreuzſchillinge nicht mehr rar, auſſer bey Lieb-
habern, die ſie nach den Jahren completiren wollen. Sie aͤndern ſich aber in den Wa-
pen des Herrmeiſters, an Groͤſſe und innerm Gehalt, und in den Buchſtaben. Die
bMoͤnchsſchrift bleibt weg, die lateiniſchen Buchſtaben erſcheinen wie gewoͤhnlich, und
das Korn wird immer kupfriger. Aus dieſem Seculo hat man welche von den Jahren
32, 33, 34, 35, 36, 37, 38, 39, 40, 41, 42, 43, 44, 49, 51 und wer weis wie viel ſonſt noch?
Die kettlerſchen ſind am ſchlechteſten von 1560 und 1561.
Der geharniſchte Ordensmeiſter unter ſich das bloſſe Schwerdt haltend, mit dem Wapen zwi-1536.
ſchen den Fuͤſſen. HERMAN. BRVGNA MAGIS. LIVO. Rev. Das revel-
ſche Stadtkreuz im Blumenſchilde, daruͤber die Jahrzahl 1536. Moneta noua argen-
tea Revalienſis. Ein ſchoͤner Thaler, welchen das Thalerkabinet aus den hamburgi-
ſchen Remarquen anfuͤhret, und der auch einmal wieder den Heimweg zu nehmen gebe-
ten wird.
Ein ſauber Stuͤck, auf deſſen einen Seite des Herrmeiſter Galens Wapen, in welchem das1553.
Ordenskreuz mit den 3 Haken in quadrirtem Schilde abwechſelt; Hinr. de Galen; Mag.
Livonie; und auf der andern Seite das kleine Stadtwapen zu ſehen iſt, mit der Umſchrift:
Mo. No. Revalie. 1553. Einige Stempel gehen ab, und haben Ma. Liv.
Eine dergleichen; nur ſtehet Ma. Liv. drauf.
Noch eine: Hinri de Galen Ma. Liv. Rev. Mo. No. Revalie. 1555 auch Hinr. de Ga-1555.
len Ma. Liv.
Von eben der Art eine andre. Man ſehe von dieſem Jahre nach bey den wendiſchen Muͤn-1556.
zen der erſten Claſſe.
Eine ſilbene Muͤnze vom vorigen Gepraͤge. HINR: DE: GALEN: MA: LIV:1557.
Rev. MO: NO: REVALIE.
Eine dergleichen.
WILH: FVRST: MAG. LIV. Das Ordenskreuz mit dem Geſchlechtswapen wech-1558.
ſeln ab in einem gevierten Schilde. Rev. MO. NO. REVALIE, und das kleine
Stadtwapen. Jſt rar.
Eine dergleichen.
GOTHART. M. LIVONI. Das Ordenskreuz und das kettlerſche Geſchlechtswa-1560.
pen, der Keſſelhaken, wechſeln ab in einem gevierten Schilde. Rev. Das kleine Stadt-
wapen, MONE. NO. REVAL. 60. ingl. eine andere ohne Jahrzahl; manche ſchrei-
ben die Jahrzahl 06.
Den Beſchlus dieſer Muͤnzen machen die kettlerſchen Schillinge. Sie haben den Keſſel-1560.
haken im deutſchen Schilde mit der Umſchrift Gothard Ma. Li. Rev. Das Ordens-
kreuz bis in den Rand der Schrift: Mo. no. Re. Dergleichen ſind auch von 1561.
Eine ſilberne Muͤnze, auf deren einer Seite das Ankerkreuz als das erzbiſchoͤfliche Amts-
wapen. Arci. Epi. Rigenſis. Auf der andern des Herrmeiſters Plettenbergs Ge-
ſchlechtswapen, und hinter ſolchem das Ordenskreuz mit eingeſchnittenen Staͤben in Ge-
ſtalt eines Gabelkreuzes. Magiſtri Livonie.
Eine dergleichen, nur daß ſtat des Amtswapens der Erzbiſchof Jaſper Linde ſein redend
Geſchlechtswapen, einen Lindenbaum, drauf praͤgen laſſen.
Eine ſilberne doch etwas kupfrige Muͤnze, nach Art der Bracteaten oder Blechmuͤnzen, nurAnnus
auf einer Seite gepraͤgt. Sie ſtellet die zwey Wapen des Erzbiſchofs Linde und des
Herrmeiſters Plettenberg neben einander vor, daruͤber ſteht das kleine Kreuz ohne
Schrift und Jahrzahl. Jſt rar und vermuthlich ein alter Pfennig.
Man hat auch kleine Artiger mit dem erzbiſchoͤflichen und herrmeiſterlichen Wapen. Nur iſt
die Form laͤnglich rund nach Art der rußiſchen Copeken.
Eine kleine runde Silbermuͤnze mit dem Lindenbaum als dem erzbiſchoͤflichen Wapen: ARCHI-
EPIS. RIGE; auf dem Revers Plettenbergs Wapen, und dahinter das Ordenskreuz.
W. P. M. Li.
Einige dergleichen mit der Jahrzahl 1530. Dieſe haben die Groͤſſe eines deutſchen Pfen-
nigs kaum.
Des Erzbiſchofs Jaſper Linde und des Herrmeiſters Plettenbergs Bruſtbild neben ein-1515.
ander. Jeder hat ſein Wapen unter ſich. MO. NO. ARCHEPI. ET MAGI-
STRI LI. Revers. Das Marienbild: DOMINA. MARI. CONSERVA.
NOS. Jhr Werth iſt eine Mark, und war vom Original in Silber abgegoſſen, am
Gewichte ⅝ Loth.
Ein Stuͤck von feinem Silber hat auf der einen Seite das groſſe Ordenskreuz, an dem die1515.
Geſchlechtswapen des Erzbiſchofs Linde und des Herrmeiſters Plettenbergs neben ein-
ander hangen, daruͤber 1515 mit Moͤnchsſchrift herum: MO. ARHC. RI. ET MA-
GI. LIV. auf der andern Seite die heilige Maria in Strahlen mit dem Kinde. MA-
tER. TVuM SALVA PO. pulum. Andre haben fuͤr mater MARI. TV. und
TVM, und auf der erſten Seite: MO. ARCH’PI. ET MAGI. LIV.
Eine von gleicher Jnvention mit der Umſchrift: MO. AR. EPI. ET MAGIS. LI-1516.
VON. Rev. MARIa TVM. SALVA. PO.
Eine dergleichen mit der Umſchrift: MO. ARC. EPIS. ET MAGRI LIV. Rev. O1516.
MARIA SAL. PO. TV.
Eine dergleichen. MO. ARCH. RIGEN. ET. MAGIS. LIV. Rev. CON-1516.
SERVA NOS DOMNA; andre DOMI. Ueberhaupt aͤndern ſich die Umſchrif-
ten von dieſem Jahr ſtark.
Eine andre: MO. ARCHEPIS. ET MAGIS LIVON. Rev. MARIA. TV.1516.
M. ea DOM. ina.
Noch eine mit der umgebognen 6 auf dieſe Art 2. ARCIEPIS. ET MAGIS LIV.1516.
Rev. MARIA S. ancta. TV Mea. DO. mina.
Ein rarer halber Thaler. Der Erzbiſchof Linde in der Jnſel, mit der rechten Hand ſeg-1516.
nend. Zur linken Plettenberg im bloſſen Haupte mit dem Ordenskreuz an der linken
Bruſt auf dem Mantel. Jeder hat ſein Geſchlechtswapen MO. NO. ARCHIEPI
ET MAGISTRILI. Rev. Maria mit dem Kinde und Scepter in Strahlen, auf
dem halben Mond ſtehend, CONSERVANOS DOMINA MARIA. Wir fuͤh-
ren ihn nur aus dem Thalerkabinet an.
Ein Exemplar von ſelbiger Groͤſſe eines halben Speciesthalers findet ſich hier unter einer et-1516.
was geaͤnderten Umſchrift: MONETA NOV. ARCHIEP. ET MAGISTRI
LIVONIE. Rev. DOM. MINASAN. cta CONSERVANOS. Dem Gewichte
nach iſt er eine Mark, deren 3 einen Thaler betragen.
Ein anders von gleichem Gepraͤge; davon uns nur der Abgus bekant geworden und das1516.
⅞ Loth wieget. MO. NO. ARCHIE. ET. MAGISTRI. LIVONIE. RI. Rev.
DOM. MINA. SAN. CON. SERVA. NOS. 1516.
Ein Ferding nach Art der obigen Ferdinge. IASPER. ERZEPS. ET MGR. LI-1518.
VONIE. Rev. SALVA NOSDOMINA. Einige Stempel haben CONSERVA.
Dergleichen: IASPER ARCHIEPS. ET MGR. LIV. Rev. Das Marienbild ſi-1520.
tzend und das Kind im linken Arm mit der rechten feſt haltend. SALVA NOS DO-
MINA. Auf einigen Stempeln iſt das Kind auf dem rechten Arm. Man hat dis
Gepraͤge auch von halber Groͤſſe, oder von dem Modul c, und feinem Silber. MO.
AR. ET. MA. LI. Rev. O. Mari. tu. ſal. p. ohne Jahrzahl.
Ein Ferding; das Marienbild. Salua nos Domina. Rev. Ein Kreuz unter welchem zur1521.
Rechten die Linde im Schilde, zur Linken das plettenbergiſche Wapen haͤnget. Iasper
Erchi. Eps et Mgr. Livoni.
Ein alter Schilling vom Erzb. Wilhelm. Der brandenb. Adler. Wilh. D. G. Arch.1551.
Rig. 51. und Joh. von der Recke Wapen, eine Recke. Ioan. d. Re. D. O. M. Livo.
Ein andrer; der Adler. Wilh. D. G. Arche. Ri. 51. Rev. Das lange Ordenskreuz, an1551.
welchem ein deutſches Schild mit den 3 Haken, 2 und 1, als dem galenſchen Wapen herget.
Hinnric. v. Gal. M. Liuo.
Eine halbe Mark. Ein Schild mit 4 Feldern, in deſſen erſtem der brandenburgiſcheAnnus
1553.
Adler, im 2ten der pommerſche Greif, im 3ten der nuͤrnbergiſche Loͤwe, im 4ten das
hohenzollerſche von Silber und ſchwarz quadrirte Wapen zu ſehen. Das Mittelſchild
iſt auch vierfeldig; in dem erſten und 4ten Felde liegen der Patriarchenſtab und Biſchofs-
ſtab kreuzweiſe, im 2ten iſt das Ordenskreuz als das erzbiſchoͤfliche Amtswapen, im 3ten
die Lilie als das Kapitelswapen. WILHELM. D. G. ARC. E. RIGENS. MAR.
chio BR. and. Rev. Galens vierfeldiges gewoͤhnliches Schild. HINRICVS DE
GALE. D. O. M. LIVONIE. Man hat auch ſolche von 1554 und 1556, wo in
dem erſten Felde des Mittelſchildes das Kreuz, im 2ten und 3ten die Staͤbe, und im 4ten
ddie Lilie liegen, und ſind gleichfals halbe Marke. Man hat von dieſem Gepraͤge auch
Ferdinge von 1553, 1554 und 1555.
Der brandenburgiſche Adler. Wilhelm. D. G. Arci. E. Rigen. Rev. Das herrmeiſter-1553.
liche Wapen, dahinter das Ordenskreuz. Hinric. v. Galn. D. O. M. Livoni.
Eine dergleichen Muͤnze. Hinr. v. Gal. D. O. M. Livon.
Ein andre wo der Erzbiſchof Gvilhel. ſich ſchreibet.
Noch eine, da dem erzbiſchoͤflichen Titel die Buchſtaben M. B. zugefuͤget werden.
Noch eine, da der Erzbiſchof Gvil. heiſſet.
Ein Schilling mit vielen Zuſatz. Ein Schild mit dem Adler. Gvilhelm. D. G. Epis. Rig.
Rev. Ein Schild mit dem Keſſelhaken. Gothar. D. G. M. Livo. Sie iſt ohne Jahr-
zahl.
Dieſe Muͤnzen unterſcheiden ſich durch den ins Andreaskreuz gelegten Patriarchenſtab und
biſchoͤflichen Krumſtab; oder haben die Lilie als das Wapen des Stifts zum Zeichen.
Ioharines Arcps. Hat in der Mitten ein quergetheiltes Schild, wo uͤber 6 Rauten ein Ein-
horn auf aufgehobnen Forderfuͤſſen hervor ſteiget. Rev. Moneta Rigenſis. Der Pa-
triarchen- und Biſchofsſtab kreuzweis gelegt. Jſt ſehr rar. Da ſie das blankenfel-
diſche und wallenrodiſche Wapen nicht hat, mus ſie etwa vom Iohannes Habundi ſeyn.
HENIC 9: ARCHEPS. Des Erzbiſchofs Henning Scharfenbergs Bildnis in der
Jnfel, ohne Bart, gerade ſehend. Rev. Moneta Rigenſis. Die beiden Staͤbe ſind,
wie gewoͤhnlich ins Andreaskreuz gelegt, an welchen unten die Stiftslilie haͤnget. Die-
ſe beiden ſind von feinem Silber und die letzte ſchwerer als die erſtere.
Der lange Kreuzſtab und Krumſtab kreuzweiſe. Moneta Michaelis. Rev. Das Anker-
kreuz als das erzbiſchoͤfliche Ehrenwapen: Moneta Michaelis. Andre fuͤhren bey den
Staͤben die Umſchrift Archiepiſcopi Rige.
MONET. CIVITATIs RI. Eine Lilie. Rev. - - - Eccleſie. - - Die 2 Staͤ-
be ins Kreuz.
Moneta Eccleſie. Die beiden Staͤbe. Rev. et civitatis Rigens. Die 2 Schluͤſſel mit
dem kleinen Kreuz als dem kleinen rigiſchen Stadtwapen. Jſt leicht.
Moneta arc. Ein Wapenſchild mit dem Ankerkreuz. Rev. Arch. Rigens. Die 2 Staͤbe.
Jſt ſchwerer und beſſer am Silber als die 2 nechſt vorhergehenden.
Moneta. Die 2 Staͤbe. Rev. Rig- - - - wieder die 2 Staͤbe.
Moneta. Die 2 Staͤbe. Rev. Rigenſis, ein ſechseckigter Stern. Dieſe beiden ſind ver-
muthlich alte Artiger.
Schillinge mit der Jahrzahl. MO: NO. ARC. EPI. RIGE. Das Wapen iſt eine1533.
Sparre begleitet von 3 Baͤumen. Rev. MO. ECLSIE. RIGEN. Die 2 Staͤbe.
Dergleichen hat man von den Jahren 34, 35, 36, 37, 39, 40. Sie laſſen ſich leicht
mit dem doͤrptiſchen Schwerdt und Schluͤſſel verwechſeln, zumal wenn die Obertheile
der Praͤlatenſtaͤbe ſich nicht deutlich genug zeigen. Dieſe Schillinge von Thomas
Schoͤningen findet man haͤufig unter dem ausgeſchoſſenen alten Gelde, ſo nicht mehr
gaͤnge iſt. Einige haben ICLESIE RIGENSI. Die von 1540 haben auch die 4 nach
der Nulle.
Eine feine Silbermuͤnze. An einem erzbiſchoͤflichen Stabe haͤnget ein quadrirtes Schild,1537.
deſſen erſtes Feld die Sparre mit 3 Baͤumen, das 2te Kreuz und Krumſtab kreuzweiſe, das
3te die Lilie, das 4te das kleinere Stadtwapen zeiget. MO. NO. DO. THO. SA. RI.
ECLE. ARG. EPIS. Rev. Das Marienbild mit dem Kinde auf dem linken Arm,
in Strahlen. ORA PRO FAM ulis SAN. cta MA.ria TVIS. Wieget ⅝ Loth.
GVILH, D. G. ARCHIEP. RIG. Die Lilie und daruͤber 2 Staͤbe. Rev. M. ater1540.
D.ei TVA EST POTESTA. s TV. um RE.gnum. Der Adler, als das bran-
denburgiſche Wapen.
Eine dergleichen 1541, 1544, 1545, 1546, welche noch oft vorkommen, wie denn auchAnnus
manche keine Jahrzahl haben, andre aber TVA EST. OTENSIA fuͤr POTEN-
TIA leſen; man findet auch Otinſia; und ſind von 1550 und 1555.
Gvilhelm. D. G. Arch. Rig. Sein vierfeldiges Wapen mit abwechſelndem Adler und Greif-1561.
Loͤwan im gevierten hohenzolleriſchen Schilde. Jn dem Mittelſchilde, ſo auch quadrirt
iſt, wechſelt die Lilie und Kreuz mit dem kreuzweis gelegten Schwerdt und Praͤlatenſtab
ab. Rev. Mo. nov. Rig. Das kleine Stadtwapen.
Ein dergleichen rares Stuͤck von ſelbiger Groͤſſe und gutem Silber hat zur Umſchrift Gvil-
helm D. G. Arcepis. Rig. Rev. Das kleinere Stadtwapen. Moneta. No. Rigen-
ſis. 61.
Ein Schilling. GVIL HEL|M. M. B. A. EP. RIG. Der brandenburgiſche Ad.1562.
ler mit dem Bruſtſchilde. Rev. MON. ETA NOVA RIGEN. Das kleine Stadt-
wapen.
Ein Schilling von merkwuͤrdigem Gepraͤge. MONET. GVILHE. RI. GE. Das1562.
kleine Kreuz aus dem Stadtwapen mit der Oberhelfte der 2 Schluͤſſel; darunter der Ad-
ler, mit Kopf, Bruſtſchild und linkem Fluͤgel lieget. Hierbey die Zahl 62. Rev.
GVIL HELM. D. G. A. RIGE. Noch einmal das kleine Kreuz, die Oberhelfte des
einen und die Unterhelfte des andern Schluͤſſels, wobey die Ziffer 6, weil die 2 von dem
Fluͤgel bedecket wird. Alsdenn ein Stuͤck von dem Bruſtſchilde, der linke Fluͤgel ſamt
dem Fus und ganzen Schwanz des Adlers. Ein rares Stuͤck, wodurch der Erzbiſchof
ſeine genaue Verbindung mit der Stadt Riga an Tag legen wolte und liegt im clodti-
ſchen Kabinet.
Noch ein Schilling. GVILM. D. AR. -. -. -. -. -. mit der Zahl 15. Der bran-1562.
denburgiſche Adler mit dem Bruſtſchilde. Rev. Domine TV. EST. POTEN-
SIA. TV. RE. Ein in die Quere getheilter Wapenſchild, oben die 2 Staͤbe kreuz-
weis, unten die Lilie.
Ein rarer Ferding. Des Erzbiſchofs vierfeldiges Wapen, und in ſolchem das quadrirte1563.
Mittelſchild. Gvilhelm D. G. E. Rige. Ma. Bra. Rev. Das kleine Stadtwapen. 63.
Ein andrer Schilling von vorigem Gepraͤge. GVILH. D. G. ARCHIEP. RI-1563.
GENS. Rev. MONETA NOVARIGENSIS. Dergleichen ſind auch da von
1561, 1562.
Ein Doppelſchilling mit dem Adler, auf deſſen Bruſt ein geviertes Schild als das hohen-1563.
zolleriſche Wapen. GVILHEL M. D. G. AR EP. RIGE. Rev. Das rigiſche
groͤſſere Stadtwapen. MONETA. NOV. RIGENSIS. Dieſe Doppelſchillinge
hieſſen in alten Zeiten Nagate.
Ein ſehr erfahrner Kenner verſichert von dieſem Wilhelm mit der Jnfel und langem Bart
einen Thaler in Holzſchnit geſehen zu haben, von dem er aber ungewis iſt, ob er zur
IVten oder Vten Claſſe gehoͤre. Er befand ſich in einem duͤnnen Folianten, worin die
2 loͤthigen Silbermuͤnzen, und im andern Theil die einfachen und doppelten Dukaten ab-
gedruckt ſtunden. Dieſer lag zu Stockholm im gyllengriepiſchen Kabinette, und
ſcheinet den Verfaſſern der neuern Thalerkabinette unbekant geweſen zu ſeyn.
Die Muͤnzen dieſer Art fallen in alten Zeiten ſehr unleſerlich. Die Namen der Biſchoͤfe
ſind gleichfals ſchwer heraus zu bringen, und dabey ſo homonymiſch und vieldeutig,
daß ſich keine Jahrzahl dazu finden laͤſt, zumal da ſo gar die Geſchlechtswapen abgegrif-
fen und verblichen ſind, auch die noch kentbaren vermiſſet werden. Alle aber laſſen ſich
an den ins Andreaskreuz gelegten Schluͤſſel und Schwerdt, oder manchmal an Schwerdt
und Schluͤſſel erkennen; weil das Stift die Apoſtel Petrum und Paulum zu Patronen
habe, ſo von dem Dom zu Osnabruͤgge beibehalten worden, obgleich die doͤrptiſche
Domkirche dem heiligen Dionyſius gewidmet war. Kelch S. 68 und 456. Sieb-
macher S. 11 ſtellet das naumburgiſche biſchoͤfliche Wapen wie das doͤrptiſche vor.
Iohannes Epus. Drey laͤnglichte und zugeſpitzte Blaͤtter. Rev. Das doͤrptiſche Stifts-
wapen, Schwerdt und Schluͤſſel Moneta Ta. Ein kleines rares Stuͤck von feinem Sil-
ber. Das Wapen gleicht dem Mellinckrodiſchen bey Siebmachern S. 189 oder den
ronnbergiſchen S. 132.
TIDERICVS EPI. Des Biſchofs Bildnis gerade ſehend mit der Biſchofsmuͤtze. Rev.
MONETA TARPAT. Zwiſchen dem Schluͤſſel und Schwerdt ſind 2 Biſchofs-
ſtaͤbe auch kreuzweiſe, als das biſchoͤfliche Ehrenwapen. Jſt rar.
IOANNES EPVS. Des Biſchofs Bildnis im Hute und gerade ſehend. Rev.
MONETA TARPA. Oben iſt zwiſchen Schluͤſſel und Schwerdt ein ganzes
N n n nHirſch-
[324]Die III. Tabelle von den Muͤnzen,
Mod.Hirſchgeweihe. Das Modul iſt kleiner als der vorigen, aber um den vierten TheilAnnus
ſchwerer.
IOANNES EPVS. Ein ganzes Hirſchgeweihe, in deſſen Mitte eine Kugel ſchwebet.
MVNETA TARP. Das gewoͤhnliche Stiftswapen, Schwerdt und Schluͤſſel. Fein
Silber und wieget ein Drittel der vorigen.
TIDERICVS EPVS. Das biſchoͤfliche Bild in der Muͤtze, hat an der Naſe beim lin-
ken Auge ein Gewaͤchſe, das ſich auch auf den abgeſchliſſenen Stuͤcken erkennen laͤſt. Rev.
Moneta TARBAT. Ueber dem Stiftswapen ſiehet man eine Figur wie einer halben
Lilie oder eines Zweiges, und unter dem Wapen einen Stern mit 6 Strahlen.
HINRICVS EPVS. Das Bruſtbild in der Jnfel. MONE. TARBET. Das
Stiftswapen, daruͤber 2 Fluͤgel oder ein Geweihe ganz klein zu ſehen.
IOHANNES EPS. THA. Das Biſchofs Bildnis. Rev. Ueber dem Stiftswapen
eine Lilie. Moneta Thar - - - Einige Stempel haben Iohannes Epc. T. und Mone-
ta Tharbe.
TIDERICVS EPVS. Des Biſchofs Bildnis gerade ſehend. Rev. Das Stiftswapen
MONETA. TERBE. Zwiſchen dem Stiftswapen eine Figur wie ein Palmenzweig,
unten ein kleiner Ring. Eine andere von dieſem Gepraͤge lieſt THARBET.
S. PETRE OR. P. N. Ein laͤnglicht erzbiſchoͤfliches Geſichte. Rev. Schluͤſſel und
Schwerdt: Mo. no. Tarpaten.
Eine ganz kleine Muͤnze von feinem Silber mit dem biſchoͤflichen Geſichte. Rev. Schluͤſſel
und Schwerdt. Die Umſchrift iſt unleſerlich.
Eine dergleichen mit Zuſatz von Kupfer. MONETA. Schluͤſſel und Schwerdt. Rev.
THARBAT. und wie der Schluͤſſel und Schwerdt. Dieſe kleine Stuͤck iſt hoͤchſtrar.
Beide aber ſind ſo klein als ein ſaͤchſiſcher Pfennig. Dieſe letztere hat man auch von
dem feinſten Silber.
Eine gleichſchwere doch etwas groͤſſere und von beſſerm Korn. BARTHOLO. EPS.
Eine Menſchenhand. Rev. Moneta Tar. Das Stiftswapen. Andre dieſer Art leſen
Bortolo. Eps.
Ein Ferding. Der ſitzende Petrus hat zun Fuͤſſen ein kleines doch leeres Wapen. S. PE-1515.
TRV. OR. P. NO. Rev. Schluͤſſel und Schwerdt, uͤber dem Schilde 1515. MO.
NO. ARGENTA. TARPAT.
Ein Ferding. S. PETERE OR.a P.ro NO.bis. Der auf einem Lehnſtuhl ſitzende Pe-1515.
trus haͤlt einen groſſen Schluͤſſel aufwerts, und vor den Knien ein quer getheiltes Wa-
pen. Jn der Oberhelfte ein Thier mit aufgeſpertem Rachen, und der Streitaxt in den
Klauen. Jn der untern Helfte 3 Figuren, die man fuͤr Reiſer oder Zweige anſehen
koͤnte. Rev. MO. NO. ARGENTA. TARPT. Das Stifswapen.
Eine dergleichen, die der Herrmeiſter Galen mit ſeinem Stempel erhoͤhen laſſen. Jn der1516.
Umſchrift ſteht ARGENTEA.
Moneta. no. Tar. Schluͤſſel und Schwerdt. Rev. Des Biſchofs Blankenfelds Wa-
pen mit 6 Feldern. Ein Artiger: man hat mehr dergleichen, doch von unterſchiedenem
Stempel.
IOAN. E. T. MONE. NO. ARG. Das Stiftswapen, daruͤber 1221. Rev. Petrus1521.
im Bruſtbilde, in der Rechten den Schluͤſſel empor, in der Linken das Evangeliumbuch
haltend, unter ihm das ſechsfeldige blankenfeldiſche Familienwapen. SAN.cte P.etre
OR.a PRO. N.
Eine dergleichen, mit der Jahrzahl 1222. Jn dieſen beiden Muͤnzen iſt die erſte 2 eine um-1522
gekehrte 5, welche auf andern Stempeln dieſes Jahrhunderts vorkomt.
Von den blankenfeldiſchen Muͤnzen ſol der Herr Obriſte Gyllengriep eine ganze Mark
mit der 2 ſtat der 5 beſeſſen haben. Sie beſtand aus feinem Silber, hatte die Groͤſſe ei-
nes Viertheilthalers oder Reichsorts, aber das Gewichte einer Mark, deren 3 auf einen
Thaler giengen.
Petrus Santus.Petri Bruſtbild darunter das biſchoͤfliche Wapen. Rev. Das Stiftswa-1525.
pen. Moneta noua ar. Tar. Um dieſe Zeit hat man das Ora pro nobis weggelaſſen.
Auf einigen iſt unter Petri Bilde das Schild leer.
Dom. Iohan. E. Tarb. Das biſchoͤfliche Geſichte. Rev. Moneta no. Tarb. Das Stifts-1528.
wapen.
Ein ſauberer Artiger. 3 Haken zwey und eins Io. Ep. Ta. das Stiftswapen. Mo. no.
Ta. iſt ohne Jahrzahl.
SANTVS PETRVS. Des Apoſtels Bruſtſchild, mit unterliegendem gellinghauſi-1532.
ſchen Wapen in 4 Feldern, Schluͤſſel und Schwerdt im ordinairen Kreuz im erſten und
vierten Felde. Rev. Das Stiftswapen Schwerdt und Schluͤſſel. Moneta noua ar.
Tarpt. Das gellingshauſiſche Wapen ſind 3 Haken, 2 und 1 geſtelt, die aber ver-
kehrt
[325]ſo in Liefland zur Zeit des Ordens und nachher gepraͤget worden.
Mod.kehrt liegen, da man ſie in des Herrmeiſter Galens Wapen ordentlich liegen ſiehet.Annus
Siebmacher S. 187 hat die Figur in dem Wapen der Herrn von Prabeck. Doch hat
auf einigen Schillingen der Stempelſchneider dieſe Haken, wie die galenſchen gemacht.
SANTVS PETRVS.Petri Bruſtbild, wie gewoͤhnlich mit dem Schluͤſſel und Evan-
geliumbuch. Jn dem darunter geſetzten Schilde liegt im erſten und vierten Felde Schwerdt1533.
und Schild nicht kreuzweiſe, ſondern ſchlecht neben einander, wie es auch auf einigen blan-
kenfeldiſchen Muͤnzen ſchon vorgekommen, daß die Spitze des Schwerdts oben ſtehet. Das
2te und 3te Feld zeiget das Geſchlechtswapen. Rev. Schluͤſſel und Schwerdt. Moneta
noua. ar. Ta. Dieſer Stempel leidet ſtarke Abaͤnderungen; andre leſen Tar.
Eine dergleichen, nur daß in dem 1ſten Felde das biſchoͤfliche Wapen, Schluͤſſel und Schwerdt1534.
wieder kreuzweis geſetzt, und im 4ten Felde Schwerdt und Schluͤſſel ſo gelegt ſind, wie
etwan auf einigen paͤpſtlichen bleiernen Bullen S. PA. S. PE. ſtehet, ob ſonſt gleich Pe-
tro der Vortrit zuerkant wird. Die Schillinge mit dieſem Wapen gehn bis 1542; auf
ſelbigen nennet ſich der Biſchof Electus.
Eine Muͤnze mit vielem Zuſatz mit dem Stiftswapen. MON. NO. TARPT. Rev.
DOMI. IOHA. EL. ectus TA. Das gellingshauſiſche Wapen. Hat keine
Jahrzahl. Einige Stempel haben: DOMIN. IOHAN. EL. TARP.
Ein Schilling Dns. Iudocus El. Ta. Die Recke ſehr ſchmal. Rev. Das Stiftswapen1543.
Mone noua Ciuetat.
Ein Schilling mit dem reckiſchen Wapen. DNS. IVDOCVS EL.ectus TA. Das1544.
doͤrptiſche Wapen MONE. NOVA. CIVI. TA.
Ein Schilling. Die Recke. Iodocus a Reck. Ep. Tf. Rev. Schluͤſſel und Schwerdt. Mo.1545.
noua Tarbate.
Ein gegoſſenes Stuͤck von 4 Loth und grobem Stempel. Das biſchoͤfliche Bild in Chorrock1545.
und Bart nach der Linken ſehend, und mit der Linken den Degen haltend. Iodocus a Reck
epiſcopus ac Dns Terbaten. Rev. Ein gevierter Schild mit abwechſelnden Stifts. und
Geſchlechtswapen, hinter dem zur Rechten der Biſchofsſtab, zur Linken das Schwerdt
durchgeſteckt iſt. Das ganze Wapen wird von einer Biſchofsmuͤtze bedeckt. Es hat zur
Seite 1545 und zur Umſchrift: Civitas benedictione rector. fortunatur.
Iodocus a Re. Ep. D. 46. Die Recke als das Geſchlechtswapen. Rev. MO. NOVA1546.
TARPEENS. Das Stiftswapen. Jſt von ſchlechtem Silber.
Von dieſem Jahre fuͤhrt der ſelige M. Rhanaͤus in einem Briefe eine Muͤnze d an, mit1546.
der Umſchrift MON. NO. TARBATEN. und S. PETRE ORA P. NO.
wovon die Jahrzahl irrig ſcheinet.
Noch ein Schilling von voriger Art, mit der Recke. Iodocus a Reck Epiſe. Tarb. Rev.1547.
Mon. nov. Tarb. it. Iodocus Re. Ep. D. 47. die Recke. Rev. Das Stiftswapen. Mo.
noua Tarpata.
Ein Schilling: die Recke. Iodocus aRe. Ep. D. 49. Schwerdt und Schluͤſſel Mo. no-1549.
ua. Tarpata.
Eine feine Silbermuͤnze, etwas leicht. HERMA. DEI G. EPI. TA. Ein in die1554.
Laͤnge getheilter Schild, in deſſen rechtem Felde Schluͤſſel und Schwerdt, im linken eine
halbe Lilie und daneben zwey Roſen liegen. Rev. MONETA NOVA. TA. Das
Stiftswapen.
Eine dergleichen. Rev. Mone. noua. ar. 55. Andere: Moneta noua Tarpt. und uͤber dem1555.
Schilde 55.
Eine dergleichen, mit der Umſchrift HERMA. DEI. G. EP. T. Rev. MONETA1556.
NOVA. TA. mit den vorigen Wapen. Eine andre hat NVA; EPIS. und eine klei-
ne 6, iſt aber von feinem Silber.
Eine Silbermuͤnze. HER. DEI. G. EP. T. Das biſchoͤfliche Familienwapen allein,1557.
nehmlich die halbe Lilie mit 2 Roſen uͤbereinander zur Linken begleitet. Rev. Das Stifts-
wapen: MO. NO. TARP.
Die uͤbrigen Ferdinge und Schillinge dieſes Hermans ſind ohne Jahrzahl, unter ihnen aber
haͤlt man den Abdruck fuͤr den ſchoͤnſten, der die Lilie und Roſen nach heraldiſcher Art gros
praͤſentiret, und im clodtiſchen Kabinet verwahret liegt.
Dieſe Gattung wil ſich auch in den beruͤhmteſten Samlungen nicht uͤber die Regierung des
letzten Biſchofs Magni finden. Sie unterſcheidet ſich durch einen Adler, welcher
mit ſeinem langen Halſe wie ein Kranich zuruͤck ſiehet, und mit etwas aufgehobenen Fluͤ-
geln auf einem Zettel ſtehet, welches das Oeſelſche Wapen iſt. Andre haben 2 Balken,
als das oldenborgſche Stamwapen. Sie ſind mehrentheils von ſchlechtem Silber.
Ein Ferding ohne Jahrzahl. Magni geharniſchtes Bruſtbild mit der Feldbinde und befe-Annus
dertem Hute. MAG. D. G. EPS. OSI. CV. ET RE. Rev. Der Adler: MO-
NETA. NOVA. HABSA.
Noch einer ohne Jahrzahl, wo um den Adler geleſen wird: MO. NOVA. ARENS.
BVR GENSYS.
MAGNVS D. G. E. O. ſiliæ W. ykiæ RE. valiæ. Des Herzogs Bruſtbild geharniſcht mit1562.
der Bruſtbinde und Federhute. Rev. MONE. NOVA HAPSAL. 62. Der obbe-
ſchriebene Adler. Ein anderer Stempel hat zwiſchen O und W, noch ein C, das iſt
Curlandiæ.
MAG. D. G. EPS. CV. rlandiæ ET. RE. valiæ. Das Bild wie auf der vorigen. Rev.1562.
Die oldenburgiſchen Balken. MO. NO. HAPSALIE.
MO. NO. HAPSAL. Der ſich umſehende Adler. Rev. MO. NO. HAPSALIE.
Die oldenburgiſchen Balken, ohne Jahrzahl.
Eine von ſchlechterm Korn. MAG. D. G. E. O. C. R. Die Balken. Rev. MO.
NO. HAPSALIE. Der Adler. Andre leſen nur Hapſel. 62. und Hapſal.
Mag. D. G. E. Oſil. Die Balken. Rev. Mon. Arensborch. der Adler.1562.
MAGN. D. G. EP. OSIL. CV. ET RE. HE.res NOR W.agiæ. Das Bruſtbild.1563.
Rev. Ne derel. inquas me Dom. der Adler.
Magn. D. G. Ep. Oſil. E. R. Das Bruſtbild. Rev. Mon. nov. arg. Arensb. Der1564.
Adler.
Mag. D. G. Epiſc. Oſil. Cu. et Re. Ein Bruſtbild, ſtat des Federhelms eine herzogliche1564.
Krone auf dem Haupte tragend. Rev. Der Adler. Moneta noua Arensburgenſis.
Mag. D. G. Eps. O. C. Re. Ein geviertes Wapen mit abwechſelnden oldenburgiſchen1564.
Balken und delmenhorſtiſchem Kreuz. Rev. Der Adler. Mo. no. Arensbur. Die-
ſes Wapen gleichet dem herrmeiſterlich-fuͤrſtenbergiſchen, und mus mit ſelbigem nicht
verwechſelt werden.
MA. D. G. EP. OSI. C. E. RE. Sein Bruſtbild. Rev. Der Adler. MON. ARENS-1564.
BORCH. Von ſchlechtem Silber.
Eine dergleichen von feinem Silber.
Eine ſchoͤne Medaille. MAG. D. G. EPS. OSIL. CVR|ON. ET RE. H. NORV.1565.
Magni Bildnis in einem weiten mit Blumen beſtreuten Pelz. Rev. NE DERE-
LINQVAS ME DOM. 65. Sein ganzes Wapen in 3 auf einander liegenden Schil-
den. Das innerſte hat 2 Balken wegen Oldenburg. Der andre Schild hat 4 Felder.
Jm erſten den norwegiſchen Loͤwen mit der Streitaxt; im 2ten die ſchleswigiſchen zwey
gehenden Loͤwen, im 3ten das hollſteiniſche Neſſelblat, im 4ten den ſtormarſchen Schwan
mit der Krone am Halſe; in dem aͤuſſerſten vierfeldigen Schilde wechſeln der Adler und
das Lam mit der Kreuzesfahne ab, ſo die Bistuͤmer Oeſel und Deutſchland bedeuten.
Den Schild zieren 3 Helme, auf deren mittelſten der Loͤwe mit der Streitaxt, dem rech-
ten 7 Fahnen, und dem linken 3 Pfauenſchwaͤnze erſcheinen.
Dieſe rare Medaille beſas der ſelige Herr Vicepraͤſident von Schultz, wir haben ſie
nur aus dem Abris davon beſchrieben; doch iſt ſie nach dem Zeugnis derer, ſo ſie im Ur-
bilde geſehen, groͤſſer als ein Thaler.
Die 2 Balken. MA. D. G, E. O. C. E. RE. 67. Rev. Der Adler. Mon. Arensbor.1567.
Nach dieſen Jahren verſchwinden die oͤſelſchen Muͤnzen wieder, wie denn auch keine
von Magno mehr geſehen werden. Die Buchſtaben RE. welche der Stempelſchnei-
der noch etwan mit einem Kreuz geſchloſſen, moͤgen vielleicht einige auf die Meinung ge-
bracht haben, daß dieſer Herr ſich auf ſeinen Muͤnzen REX nenne.
Dieſe Muͤnzen haben auf der einen Seite die zwey ins Andreaskreuz gelegten Schluͤſſel
mit dem kleinen Kreuz, und auf der andern, das groͤſſere ganze Stadtwapen. Wir
duͤrfen daher nur ihre groͤſſe und Umſchrift melden.
Ein Schilling. MONETA NOVA ARG. Rev. CIVITATIS RIGENSIS.
Einer von demſelben Schlage.
Noch ein ſolcher.
Ein Stuͤck wie ein Ort, nur leichter, und von ſchlechterm Korn, war eine halbe Mark ri-1565.
giſch oder 18 Schillinge. Das kleine Stadtwapen. Moneta nova argentea. 65. Rev.
Das ganze rigiſche Wapen mit 2 Loͤwen zu Schildhaltern. CIvitatis Rigenſis.
Man hat von dieſem Jahre unterſchiedene Stempel, nur daß das kleine Stadtkreuz
uͤber den Schluͤſſeln nagelſpitz gemacht iſt; auch haben einige die Jahrzahl zur Seite.
Ein ganzer Thaler, und ein halber Thaler aus dem torkiſchen Kabinet, mit derſelbigenAnnus
1565.
TUmſchrift.
Ein Ferding, der 9 Schillinge gegolten, und deren 4 eine Mark rigiſch betragen, mit vo-1565.
riger Umſchrift. Eine Sorte iſt von feinem Silber; obgleich die mehreſten ſehr kuͤpfrig
fallen.
Eine halbe Mark von der Groͤſſe eines Reichsorts, doch geringhaltiger.
Ein Ferding: zwiſchen den Schluͤſſeln ein nagelſpitziges Kreuz.
Ein Ferding. Moneta noua argentea. Rev. Civitatatis Rigen.
Ein Schilling.
Ein halber Thaler, wie der obige.
Eine halbe Mark wie obige.
Ein Ferding.
Ein Schilling. Moneta no. age. von ſchoͤnem Gepraͤge.
Ein alter Schilling. Moneta no. argen. Rev. Civitat. Rigenſis, auch einer von 1571.
Ein recht ſaubrer Artiger von Kupfer, ohne Umſchrift, mit dem kleinen zugeſpitzten Kreuz und1571.
beiden Stadtwapen.
Moneta noua argentea. Rev. Civi. Rigenſis. Jſt ein ſchoͤnes Stuͤck, faſt von der Groͤſſe1572.
eines halben Thalers. Unter dem Loͤwenkopf im Stadtthore lieſet man 1 Mark rigiſch.
Jn dem pagencoppiſchen Kabinet iſt dieſes Stuͤck in Gold abgenommen, obgleich ar-
gentea darauf gepraͤget iſt, und wieget 3⅛ Ducaten. Jſt eine Hauptrare Mark, an
Silber ⅞ Loth.
Ein Reichsthaler. Das kleine Stadtwapen im Schilde; daneben 73. Denarius Argenteus1573.
XVIII Ferd. R. Auf der andern Seite das ganze rigiſche Wapen doch ohne Schildhal.
ter. Civitatis Rigenſis. Unten 18 F. iſt ein ſauberes und rares Stuͤck.
Ein andrer Reichsthaler aus der andreiſchen Samlung, von dem Gepraͤge, wie ihn Loch-1573.
ner unter dem Jahr 1574 beſchreibet.
Ein Schilling.
Ein andrer Thaler. DENARIVS NOVVS ARGENTEVS. Rev. CIVITA-1574.
TIS RIGENSIS. Unten 18 F.
Lochner fuͤhret hiervon noch einen Stempel an, nach welchem das ſ in civitatis von
dem i abgeſondert ſteht, und die 18 F. umgekehrt, wie mit der Randſchriſt in einem Text
geleſen werden muͤſſen. Was ſonſt dieſer geſchickte und fleißige Auctor S. 68 von einem
rigiſchen Goldſtuͤck von 1421 ſchreibet, iſt ohne Zweifel ein Druckfehler, und ſol 1621
heiſſen. Siehe Lochners Samlung merkwuͤrdiger Medaillen im Jahr 1741 bey der
9ten Woche.
Ein Schilling wie die obigen Schillinge.
Dergleichen
Dergl.
Dergl.
Und noch einer.
Dieſe Muͤnzen nennen die Bauren ſchwarze Schillinge, weil ſie mehrentheils in der
Erde gefunden werden, und beim Abreiben viel Kupfer zeigen. Die Ferdinge von die-
ſem Gepraͤge fuͤhren wir deswegen nicht alle an, weil einige keine Jahrzahl haben; dahin-
gegen die von 65 und 66 ſie auf beiden Seiten fuͤhren. Sie gehen bis 1579, und ſind die
letzten von ſauberm Gepraͤge.
So weit gehen die Muͤnzen der Stadt zu einer Zeit, da ſie ihr eige-
nes Oberhaupt war. Die folgenden Muͤnzen unter den pohlniſchen und ſchwe-
diſchen Koͤnigen machen in den Kabinetten eine ſchoͤne Samlung aus an Goldſtuͤ-
cken, Dukaten, Thalern, Schau- und Gedaͤchtnismuͤnzen, welche alle auf der einen
Seite das rigiſche Wapen haben. Unter den erſten pohlniſchen ſind die Groſchen am
ſchoͤnſten, welche des Koͤnigs Bild mit der Krone zeigen: Steph. D. G. Rex. Pol. M.
cD. Li. und auf der andern das groſſe rigiſche Wapen haben, Groſſus civitatis Rig. mit
der Zahl 81, 82 und 84. Jn der Taxa des rigiſchen Portorii von 1582 werden 35 pohl-
niſche Groſchen auf einen Thaler gerechnet. Sechſe giengen auf die Mark rigiſch, und
einer betrug 6 rigiſche Schillinge. Sie fuͤhren ſchoͤn Korn und haben die Groͤſſe eines
deutſchen Groſchens. Andre haben zum Revers das pohlniſche und litthauiſche Wa-
pen, unter dem das kleine Stadtwapen lieget.
Auch iſt die ganz kleine Muͤnze rar, die auf der einen Seite das koͤnigliche gekroͤnte Bildnis
aufweiſet: Step. D. G. Rex. Po. Rev. Das ganze rigiſche Wapen, civitatis Rige. 82.
Die Folge davon ſiehe weiter unten.
Nicht weniger iſt ein Goldſtuͤck denkwuͤrdig, welches der bekante Buͤrgermeiſter Ecke als
eine Privaperſon muͤnzen laſſen. Es zeiget ſein Bruſtbild nach roͤmiſcher Art: Nicolaus
O o o oEcke
[328]Die III. Tabelle von den Muͤnzen,
Mod.Ecke ætatis 60. Rev. Sein Wapen: ein Greif, mit der bedenklichen Umſchrift: Ode-Annus
rint. dum. benefaciam. Anno 1601. Es wieget an Golde 8 Dukaten.
Dieſe ſind zur Zeit des koͤniglich pohlniſchen Adminiſtrators Chorkiewitz gepraͤget, und
werden an dem lieflaͤndiſchen Greif erkant, der in den Vorderklauen ein Schwerdt
haͤlt. Von den Klippingen dieſer Zeit iſt uns keiner zur Hand gekommen. Sie muͤſ-
ſen laut koͤniglicher Verordnung 1 Gulden pohlniſch oder 4 Mark rigiſch gelten, 10
Stuͤck auf eine Mark loͤthig gehen, und in 10 Stuͤcken 10 Loth fein Silber ſeyn, ſo daß
16 Stuͤck eine Mark fein, oder 16 pohlniſche Gulden ausmachen. Sie fielen ſchlechter
als das herrmeiſterliche Geld. Denn nach der Muͤnztaxa vom 5 May 1582 galt gegen
die pohlniſchen Gulden:
Es galt aber damals ein Portugaloͤſer 19 fl. 10 gr. pohlniſch oder 96 mk. 24 ßl. rigiſch,
und ein Kreuzgulden 8 mk. 6 ßl. rigiſch; welcher Kreuzgulden doch im Jahr 1560 nur
7 mk. vor 1553 aber 5 mk. betrug.
Schillinge, ſehr geringhaltig an Silber mit der Aufſchrift 1 SCHILLING. 72. und der1572.
Umſchrift: Mone. noua. argentea. Rev. Der vorbeſchriebene Greif. Ducatus Livonie.
Dieſe Sorte hielt 2 Loth, galt 3 Pfennige, und 36 machten eine Mark rigiſch.
Ein ſchoͤn Stuͤck von der Groͤſſe eines halben Thalers, doch ſchlechterm Korn. Zwey neben-1573.
einander geſetzte Schilde mit dem pohlniſchen Adler und litthauiſchen Reuter, und
daruͤber EINE MARK, mit der Umſchrift: MONE. NO. ARGENTEA. Rev.
Der Greif mit dem Schwerdte DVCATVS LIVONIE. Sie galten 5 Loth, und
18 Stuͤck machten eine Mark loͤthig. Jedes Stuͤck galt eine Mark rigiſch.
Eine gleichartige halbe Mark von demſelben Gepraͤge und der Aufſchrift: HALB1573.
MARCK. Sie galten 18 Schilling, hielten 5 Loth, und gehen 36 auf die Mark loͤthig.
Ein Ferding mit der Aufſchrift: 1 FERDING und ſelbigem Stempel, wie vorbeſchrie-1573.
ben. Sie halten 5 Loth, gelten 9 ßl. und 72 betragen eine Mark loͤthig.
Dieſe Art Muͤnzen finden ſich hier haͤufiger als die einheimiſchen. Sie ſind dem Metal
nach theils ſilbern, theils kupfern, der Forme nach theils rund, theils laͤnglich, theils
eckigt, dem Gepraͤge nach roͤmiſche, griechiſche, perſiſche, tuͤrckiſche, rußiſche,
pohlniſche, gothiſche und runiſche vom Koͤnig Magnus von Norwegen und
Daͤnnemark, und wer ſagt uns, wie ſie ſonſt noch claßificiret werden muͤſſen. Man
hat Bracteaten von Groͤſſe eines Reichsthalers; arabiſche auf Gothland gefundene
Muͤnzen, engliſche Sterlinge von Edelredo und Canuto, arabiſche in Siberien
gegrabene Stuͤcke. Es finden ſich auch deutſche kaiſerliche mit den Namen Otto, Hen-
ricus ꝛc. biſchoͤfliche, ſonderlich coͤllniſche, auch ſchwediſche aus den letzten 4 Se-
culis. Auf einigen deutſchen und ſaͤchſiſchen laͤſt ſich die Umſchrift der Moͤnchsbuch-
ſtaben noch ziemlich leſen. Wir fuͤhren ſie hier zur Nachricht der Leſer an, weil einige
von ihnen wider ihr Verdienſt unter die lieflaͤndiſchen gerathen, die es doch nicht ſind,
da denn Ungeuͤbte ſich durch ihre ſcheinbare Zeichen leichtlich noch blenden laſſen koͤnnen.
So geht es mit einer cleviſchen Muͤnze, daran das C vorne verblichen iſt, und man da-
her DVC. LIVIAE geleſen. Desgleichen mit einer biſchoͤflichen bremiſchen, auf der
manchmal die Moͤnchsumſchrift nicht kentbar iſt. Sie kan billig die Mutter der lieflaͤn-
diſchen Muͤnzen heiſſen. Jhre Groͤſſe iſt wie eines Viergroſchenſtuͤcks. Sie hat das
Marienbild in Stralen, und auf der andern Seite die zwey creuzweis uͤbereinander ge-
legten Schluͤſſel. Die alten luͤbiſchen mit dem Kreuz, die regenſpurgiſchen mit den
2 Schluͤſſeln, auch alte ungeriſchen Dukaten mit dem Marienbilde, koͤnnen bey undeut-
licher Umſchrift bald den lieflaͤndiſchen Muͤnzen beigezehlet werden. Man verſiehet ſich
leicht mit den alten hamburgiſchen, die ein Kreuz, und auf der andern Seite eine Stadt
haben. Sonderlich hat man mit den lieflaͤndiſchen nicht zu verwechſeln etliche preußi-
ſche, deren Umſchrift unleſerlich geworden, und die wegen ihrer Ordenskreuze den lieflaͤndi-
ſchen oder revelſchen Schillingen am aͤhnlichſten kommen. Eine gothlaͤndiſche, mit
einem Querbalken MONETA WISBV, auf andern MOETA WISBYE. Rev.
Das Lam mit der Siegesfahne. AGNE DEI MI.ſerere MEI. Da nun der Stem-
pel
[329]ſo zur Zeit des Ordens und nachher in Liefland gepraͤget worden.
Mod.pel oft einige Buchſtaben uͤber den Rand gebracht, und daher WIKYE gerathen wor-Annus
den; ſo man hat ſie fuͤr eine hapſalſche oder oeſelſche angeſehen. Die Muͤnzen des
Stifts Wisbu haben ſtat des Balkens eine zierliche Lilie.
Diejenige Blechmuͤnze, welche ſonſt dem erſten Biſchof Albert zugeeignet wird, iſt
in der Chronik gleich vorne beſchrieben. Von einigen andern Bracteaten aus feinem Sil-
ber, die einen Menſchenkopf unter einem Stadtthor zeigen, und keine Umſchrift haben,
iſt ungewis, ob man ſie den lieflaͤndiſchen beilegen kan, ohnerachtet ſie in Liefland ehe-
mals gefunden worden. Da auch die alten daͤniſchen wegen des dannebrogiſchen
Kreuzes und den 3 Loͤwen leicht fuͤr revelſche Muͤnzen aufbehalten werden, ſo haben Lieb-
haber derſelben Verwechſelung wohl zu verhuͤten. Ueberhaupt faͤlt es ſchwer, aus der faſt
unzehlbaren Menge aͤhnlicher Muͤnzen alle die Kenzeichen anzugeben, um Ungeuͤbten den
Jrthum zu benehmen, wozu eine vergriffene oder verblaſte Umſchrift verleiten kan.
Es wird einigen Liebhabern nicht unangenehm fallen, wenn wir die Folge der neuern Muͤn-
zen in dieſen Laͤndern vorſtellen, welche ſich fuͤglich in 4 Abhandlungen anbringen laſſen,
die aber alle viere eben darum, daß ſie neu, wenig geſamlet werden, dennoch rar nnd
ſchwer aufzutreiben ſind, ſehr mangelhaft erſcheinen. Jnsbeſondre laſſen ſich die kleinſten
auch von mehrern Jahren noch hier und da von ohngefehr finden, wenn ſie ſorgfaͤltiger auf-
geſuchet wuͤrden.
wobey man die ſchoͤne Samlung des Rathsherrn zu Riga, Herrn George Chri-
ſtoph Andreaͤ zum Grunde geleget, ſelbige aber aus des Herrn Rentmeiſters Olderog-
ge Vorrath anſehnlich vermehret hat. Auſſer denen zu Ende der 8ten Claſſe angefuͤhrten
merken wir noch:
Ein Goldftuͤck von 10 Dukaten. Das halbe Bild des Koͤnigs, in der Rechten das Scepter,
und mit der Linken das Degengefaͤs haltend. Stephanus. D. G. Rex. Polo. niæ.1586.
Mag. nus D. ux. Li.thuaniæ. Rev. Das ganze Stadtwapen, mit den Loͤwen zu Schild-
haltern, und darunter 1586. Monet. noua. aurea. ciuitat. Rigens.
Ein Dreygroſchenſtuͤck. Des Koͤnigs Bildnis Steph. D. G. Rex. Pol. Rev. Das ganze1586.
Stadtwapen klein. Gros. Arg. Trip. Civi. Rige.
Ein Goldſtuͤck von 10 Dukaten. Der Koͤnig in ganzer Poſitur geharniſcht, in der Rechten1592.
das Scepter haltend, mit der Linken den Degen anfaſſend. Sigismundus III. D. G. Rex
Pol. M. D. Lit. Rev. Das ganze Stadtwapen, darunter 1592. Moneta noua aurea
Ciuitat. Rigenſis.
Um dieſe Zeit fangen die ſigismundiſchen Dreygroſchenſtuͤcke der Stadt an. Alle haben1588.
das Kopfſtuͤck des Koͤnigs in der Krone, und die Umſchrift: Sig. III. D. G. Rex Po. D.ux
Li.thuaniæ oder M.agnus D. L. Auf dem Revers iſt eine III, unter ſelbiger das ganze
Stadtwapen im kleinen, und neben ſolcher das Jahr. Die Unterſchrift lautet: Gros.ſus.
Arg. Trip.lex ciui. tatis Rige. und bey dieſem Worte die Garbe als das Wapen der Koͤ-
nige aus dem Hauſe Vaſa. Sie ſind je aͤlter, je beſſer. Man findet ſie von 1588,
1589, 90, 91, 92, 94, 96, 97, 98, 1600, bis 1621, davon die beiden letzten Jahre merklich
ſchlecht fallen. Wir nennen ſie hier gemeiniglich Marke. Sie ſind alſo von den Mar-
ken der Ordenszeit ſehr unterſchieden; denn ſie halten nur 2 Ferdinge. Ein Ferding aber
in dieſen neuern Muͤnzen iſt kaum der 5te Theil eines alten Ferdings der vorigen Ta-
bellen.
Eine groſſe ſilberne Medaille auſ die ſchwediſche Eroberung der Stadt Riga. Der Koͤ-1621.
nig Guſtav Adolph zu Pferde mit dem Commandoſtab; um ſich her das ſchwediſche
Lager vor der ſehr fein geſtochenen Stadt Riga. Ueber einigen Wolken 2 Engel, ſo ei-
ne Krone uͤber ſeinem Haupte halten. Unten mit dem Namen des Medailleurs S. D.
Die Umſchrift heiſt Guſtauus Adolphus Magnus Dei Gratia Suecor. Gothor. et Vanda-
lor. Rex Auguſtus. Rev. Die ganze Stadt Riga nach der Seite der Duͤne ſehr ſauber
entworfen, mit dem Flus und dem ſchwediſchen Lager. Ueber den Wolken das groͤſ-
ſere Stadtwapen mit den Loͤwen zu Schildhaltern, welches von 2 Engeln mit einem ſchwe-
benden Siegeskranz gekroͤnet wird. Unten der Name des Muͤnzdirectors. H.ermann
W.inckelmann. Die Umſchrift enthaͤlt die Zahrzahl:
rIga DeVICta VICtorIa VenIt ab aXe
LaVrV VbI gVſtaVI CInXIt raD Iante CapIL Los.
Der Stempel dieſer Medaille iſt ungemein ſauber. Sie wieget 4 Loth und hat die
Groͤſſe eines Doppelthalers. Man hat ſie auch in Gold.
Ein Dukate. Des Koͤnigs Bruſtbild Guſtav. Adol. D. G. Rex. Sve. Got. V. Rev.1621.
Das ganze Stadtwapen. Mone. no. aur. ciui. Rigenſis. 1621.
Ein Thaler. Des Koͤnigs halbes Bild mit dem bloſſen Degen in der rechten, und den Reichs-Annus
1629.
apfel in der linken Hand. Guſtauus Adolphus D. G. Rex Sueco. Gott. Van. Rev.
Das ganze rigiſche Wapen mit den Loͤwen zu Schildhaltern, dazwiſchen 1629, unten
des Muͤnzdirectors Name: M.artin W.olff. Moneta noua argentæa ciuitatis Rigenſis.
Ein halber Thaler wie voriger: Sveco. Got. V. und Rigenſi.
Ein ganzer Thaler wie der vorige. Guſtauus Adolphus D. G. Rex Svecor. Got. Va. Der1630.
Revers iſt vorigem gleich, die Jahrzahl ſteht uͤber den Schildhaltern.
Ein ganzer Thaler von obigem Gepraͤge, nur daß die Worte des Reverſes ſo lauten: Mone-1631.
ta noua argentæ ciuitatis Rigenſis.
Ein Thaler mit dem halben Bilde der Koͤnigin, vor einem Tiſche, auf dem die Reichsin-1639.
ſignien liegen, wobey die junge Koͤnigin nach dem Scepter greift. Chriſtina D. G. Sve.
Got. Van. deſ.ignata reg. ina e.t. principiſſa. He.reditaria. Rev. Das ganze Stadt-
wapen, unter ſelbigem M. W. als des Muͤnzdirectors Name. Moneta noua argentæ
ciuitatis Rigenſis. Man ſagt, es ſey noch wo ein Doppelthaler der Stadt auf ihre Kroͤ-
nung vorhanden.
Eine Goldmuͤnze von 4 Dukaten. Der Koͤnigin Bruſtbild. Chriſtina D. G. Sve. Got.1643.
Van. q. de. regi. et princip. hæ. Das ganze Stadtwapen. Moneta noua aurea ciui-
tatis Rigenſis. Faͤlt klein, aber dick.
Ein doppelter Dukaten nach dem vorigen Stempel.
Das halbe Bild der Koͤnigin. Chriſtina D. G. Sve. Got. Van. q. ue. de. regi. \& Princip.1643.
hæ. Rev. Das ganze Stadtwapen und unter ſelbigem 1643. Moneta noua argentea
ciuitatis Rigenſis. Zwiſchen den Fuͤſſen der Loͤwen die Buchſtaben H. einr. W.olff. Die-
ſer Thaler iſt von ſchlechterm Stempel. Doch findet ſich ein Gepraͤge, ſo deſto ſau-
berer iſt.
Das Bruſtſtuͤck der Koͤnigin. Chriſtina D. G. Sve. Got. Vand. q. de regi. \& Princip. H.1644.
Rev. Das Stadtwapen ganz. Moneta noua argentea ciuitatis Rigenſis. Gepraͤgt von
H. W. Ein anderer Stempel hat im Abſchnit die Jahrzahl, und unterſcheidet ſich durch
die Umſchrift.
Ein Goldſtuͤck von 8 Dukaten. Der Koͤnigin halbes Bild. Chriſtina D. G. Sve. Got.1644.
Van. q. de. regi. et prin. hæ. Rev. Das ganze Stadtwapen, ſo von einer Sonne mit
dem Namen Jehovah beſtralet wird. 1644; darunter H. W. Die Umſchrift lautet:
Ex auro ſolido regia ciuitas Rigenſis fieri fecit.
Ein Dukaten. Der Koͤnigin Bruſtbild. Chriſtina D. G. Sve. Go. Va. g. d. reg. et1644.
Prin. H. Rev. Das ganze rigiſche Wapen. Moneta anrea ciuitatis Rigenſis. 1644.
Unten H. W.
Ein Thaler. Der Koͤnigin Bruſtbild in fliegenden Haaren und kleiner Krone. Chriſtina1645.
D. G. Sve. Go. Wan.q. Deſ. Reg. Rev. Das rigiſche Wapen. Moneta argentea ci-
uitatis Rigenſis. 1645. Aus dem Thalerkabinet.
Ein Goldſtuͤck von 5 Dukaten. Der gekroͤnte Koͤnig im Bruſtbilde, geharniſcht. Carolus1645.
Guſtauus X. D. G. Svec. Goth. Va. Rex. Unter der rechten Armſchiene iſt die Jahrzahl
1645 ganz klein und kaum erkentlich, obgleich ſehr deutlich. Rev. Die Stadt Riga, vor
welcher viele Schiffe auf der Duͤne liegen; oben druͤber das ganze Stadtwapen, ſo von
2 Engeln mit einem Siegeskranz bedecket wird. Ex aureo ſolido ciuitatis Rigenſis me
fieri fecit. Der Stempel iſt von beſonderer Schoͤnheit, obgleich die Jahrzahl 1654 heiſ-
ſen ſolte, und gehoͤret alſo wegen ihrer Umſchrift ſo wol als Jahrzahl zu den ſingulairen
Muͤnzen, ob ſie gleich hier nicht ſelten gefunden wird.
Ein Goldſtuͤck von 3 Dukaten. Das halbe Bruſtbild der Koͤnigin. Chriſtina D. G. Sve.1646.
Got. Van. q.ue Regina \& Princip. iffa Hæ. reditaria. M.agna D.uciſſa F. inniæ. Rev.
Das zierlich angebrachte ganze Stadtwapen wobey H. W. und die Jahrzahl 1646 dar-
unter. Ex auro ſolido regia ciuitas Rigenſis fieri f. ecit.
Ein doppelter Dukaten nach Art des vorigen.
Ein Thaler. Der Koͤnigin Bruſtbild. Chriſtina D. G. Svec. Got. Van. Q. Regina et1646.
Princ. Hæ M. D. F. Rev. Das Stadtwapen, im Abſchnit 1646. H. W. Moneta
noua argentea ciuitatis Rigenſis.
Eine goldene Medaille von 10 Dukaten ohne Jahrzahl. Das koͤnigliche gekroͤnte Bruſtbild
im Harniſch. Carolo Guſtavo D. G. Svecorum Goth. Vand. Regi. Rev. Die Stadt
Riga nach der Duͤnenſeite, unten mit dem ganzen Wapen der Stadt, uͤber welchem
Wapen 2 Palmenzweige durch einen Lorberkranz durchgeſteckt erſcheinen, unter den Wapen
aber der Name des Muͤnzmeiſters I. H. zu ſehen iſt. Ueber den Wolken ſteht ein lan-
ges Scepter und ein Schwerdt, um welches ſich ein Schlangenkoͤnig windet, mit der Auf-
ſchrift: Prudenter et fortiter. Sie iſt mit groſſer Kunſt gearbeitet.
Eine goldene Medaille von 13 Dukaten. Des Koͤnigs und der Koͤnigin Bruſtbild nebenAnnus
1654.
einander geſtelt. Unter der Armſchiene erſcheinet ganz fein das Jahr 1655. Carolo Gu-
ſtauo et Hedwigi Eleonoræ Augg. Regg. S. S. Rev. Eine umwundene Pyramide, an
deren Piedeſtal das Stadtwapen mit den Schildhaltern; zur Rechten unten ganz ſauber
die andere Jahrzahl 1654 und zur Linken S. D. zeiget. Hinter der Pyramide praͤſentiret
ſich die Stadt Riga von der Waſſerſeite. TE STANTE VIRESCO. Man
hat ſie auch von Silber.
Ein Goldſtuͤck von 10 Dukaten. Des jungen Koͤnigs Bruſtbild im Harniſch. Carolus D.1660.
G. Sveco. Gotho. Vandalo. Rex. Rev. Das ganze rigiſche Wapen, in welchem der
Loͤwe unterm Thore jetzo gekroͤnet erſcheinet, wie denn auch eine aus den linken Wolken
hervorgehende rechte Hand eine Krone uͤber das Wapen haͤlt. Ciuitatis ſuæ Rigenſis
fidem coronauit. An den Seiten der Thuͤrme iſt des Muͤnzmeiſters Name I.ochim
M.eincke. Von der Zeit an ſind die Kronen im rigiſchen Wapen beibehalten worden,
aber die Schildhalter weggeblieben.
Ein Thaler von ſelbigem Gepraͤge. Ein anderer Stempel macht das Geſichte aͤlter, und1660.
hat groͤſſere Buchſtaben. Die Urſache der Umſchrift findet man bey Beſchreibung des
Wapens von Riga.
Ein Doppeldukaten. Des jungen Koͤnigs Bruſtbild. Carolus D. G. Sveco. Goth. Vand.1667.
Rex. Rev. Das gekroͤnte Wapen der Stadt. Neben den Thuͤrmen 1667 und I. M. Die
Umſchrift. Moneta noua aurea ciuitatis Rigenſis. Einige Stempel leſen nur ciuitat.
Ein Thaler. Des Koͤnigs Bruſtbild. Carolus D. G. Sveco. Goth. Vand. Rex. Rev.1668.
Das gekroͤnte neue Wapen; daneben 1668 und des Muͤnzmeiſters Name I. M. Moneta
noua argentea Ciuitatis Rigenſis.
Ein halber Thaler. Des Koͤnigs Bruſtbild. Carolus D. G. Sveco. Gotho. Vandalo. Rex.1668.
Der Revers iſt wie auf vorigem Doppeldukaten, die Umſchrift aber: Moneta noua ar-
gentea ciuitatis Rigenſis.
Ein Reichsort, oder eigentlich eine Caroline. Der Avers wie die vorige Muͤnze und mit1668.
der Umſchrift: Carolus D. G. Svec. Goth. Vand. Rex. Der Revers komt vorigem
gleich. Moneta noua argent. ciuitatis Rigenſis.
Ein Dukaten. Des Koͤnigs Bruſtbild. Carolus D. G. Svec. Goth. Vand. Rex. Rev.1673.
Das ganze Stadtwapen. Moneta aurea ciuit. Rigenſis. Des Muͤnzmeiſters Name
W G.
Ein Dukaten, nach dem Gepraͤge des folgenden, wo ſtat des Muͤnzmeiſters Namen deſſen1700.
Wapen zu ſehen.
Ein Dukaten. Des Koͤnigs Bruſtbild in langer Peruque. Carolus XII. D. G. Rex. Sve.1701.
Das ganze Stadtwapen; unter ſelbigem die in Zug gebrachten Buchſtaben von den Namen
des Muͤnzmeiſters G.eorg H.ill. Die Umſchrift lautet. Mon. noua aurea ciuitat. Ri-
genſis.
Einer von ſelbiger Art; nur daß die Thuͤrme in rigiſchen Wapen ohne Fahnen und Kreuz1707.
erſcheinen, unten mit des Muͤnzmeiſters Namen im Zuge I. B. C.
Die kleinen Muͤnzen der Stadt, welche in dieſem Periodus viel Jahre fuͤllen, ſind bey
den Muͤnzliebhabern in keine ſonderliche Betrachtung gekommen, und daher nur in dem ac-
curaten clodriſchen Kabinet geſamlet worden. Sie beſtehen
1) in Dreypoͤlchern oder wie ſie jetzo heiſſen, in Ferdingen, und fangen ſich mit dem
Jahr 1621 an. Sie haben auf einer Seite das koͤniglich ſchwediſche gekroͤnte Wapen-
ſchild, in welchem die 3 Kronen mit dem Loͤwen abwechſeln. Das Mittelſchild iſt bey den
Koͤnigen aus dem Hauſe Vaſa, die Waſe oder Garbe, bey den folgenden der zweibruͤcki-
ſche Loͤwe. Einige Stempel haben zum Mittelſchild eine viereckigte Raute, in der die bay-
riſchen Wecken als kleine Punkte zum Wapen angebracht zu ſeyn ſcheinen, ſo doch bald
geaͤndert worden. Etliche fuͤhren unter den koͤniglichen Wapen noch die beiden Schluͤſſel
als das kleine rigiſche Wapen im Rande. Die Umſchrift aller meldet den Namen des
regierenden Koͤnigs mit dem Zuſatz D. G. Rex Sve. Der Revers hat wie die deutſchen
Groſchen den Reichsapfel, daneben die kleinere Zahl des Jahrs, und in dem Apfel 24.
Unten im Rande iſt eine 3, ſo laut dem Archiv drey Poͤlcher bedeutet. Die 24 im Apfel
hingegen laͤſt ſich auf keine Muͤnzſorte reduciren, und ſol daher vielleicht nur die Aehnlich-
keit mit deutſchen Groſchen vorſtellen. Sie hoͤren auf mit dem Jahr 1701, und ſind
umſchrieben: Mon. nov. Civ. Rig.
2) in Schillingen, deren 9 Stuͤck einen Dreypoͤlcher oder rigiſchen Ferding betragen,
obgleich die ſigismundiſchen den Dreypoͤlchern an Groͤſſe faſt gleich kommen. Alle
Schillinge fuͤhren das kleine rigiſche Wapen mit der Umſchrift: Solidus Ciuitatis Rigen-
ſis. Auf der andern Seite iſt der koͤnigliche Name in der Mitte, und mit voͤlligerm
Ausdruck im Rande. Die ſtephaniſchen und ſigismundiſchen weiſen in der Mitten
P p p pden
[332]Die III. Tabelle von den Muͤnzen,
Mod.den Buchſtaben S, und in ſelbigem die 3 Wolfszaͤhne oder die Garbe. Die guſtav-Annus
adolphiſchen fuͤhren in dem G das A, und erſcheinen mit dieſem Stempel nach 1633.
Die von der Koͤnigin Chriſtina haben im C die Garbe, die carl-guſtaviſchen im C
ein G; die von Carl dem XI ein durch R gezogenes C. Von Carl dem XII finden ſich
keine Schillinge. Manche ſind nur wie ein deutſcher Pfennig, kleiner oder groͤſſer, ſehr
kuͤpfrig, auch wol ganz roth. Um der Fehler willen, die auch noch in neuern Schriften
begangen werden, kan man ſich von den rigiſchen Muͤnzen folgenden Tarif merken:
Albersthaler, oder creuz-burgunder-
hollaͤndiſche Thaler.
Es iſt auch eine ſehr uͤbliche Mode, dieſen Thaler auf 90 Gr. alberts zu berechnen.
Weil die Alberrsgroſchen keine gepraͤgte Muͤnze ſind, ſo gelten 90 Gr. gleich 80 Fer-
dingen. Eine Mark wird mit einem pohlniſchen oder preußiſchen Dreigroſchenſtuͤck,
oder einem Kaiſergroſchen, oder 2 Dreipoͤlchern oder 2 ſchwediſchen Oeren an Silber
verguͤtet. Die Ferdinge bezahlet man mit ſchwediſchen Weiſſen oder den in Pohlen,
Preuſſen, Curland und Riga gepraͤgten Ferdingen oder Dreipoͤlchern. Schillinge
gehn im Handel gar nicht, und kommen ſelten vor. Ein Albertsthaler wird auch ge-
gen 112-120 Copeken umgewechſelt. Jn den uͤbrigen Staͤdten von Lief- und Eſtland
iſt die rußiſche Muͤnze gangbar, nemlich 1 Rubel iſt = 10 Griwen = 100 Copeken
= 200 Denisken = 400 Polusken. Alſo iſt ein viertel Rubelſtuͤck 25 Cop. ein halbes
Rubelſtuͤck 50 Copeken.
Es gehoͤren auch in dieſen Periodus einige Muͤnzen, die zur 9ten Claſſe oben nicht fuͤg-
lich gebracht werden konten, nemlich die
Koͤniglich ſchwediſchen Muͤnzen des Herzogthums Liefland.
Den 27 April 1641 erhielt ein gewiſſer Marſilius Philipſen von der Koͤnigin Chri-
ſtina die Muͤnzgerechtigkeit, und legte in dem Kloſter bey der Jacobikrche ein Muͤnz-
haus auf eigene Koſten an. Jn dieſer Fabrike wurden die ſo genanten Dreipoͤlcher gepraͤ-
get, die 5 loͤthig ſeyn ſolten, 185 Stuͤck pro Mark, die Mark fein zu 29 fl. 18 ßl. Die
Schillinge 1⅜ loͤthig giengen zu 348 ſtk. auf die Mark, und kam die feine Mark auf 45 fl.
Beide Sorten muſten mit einer crakauiſchen Mark allewege richtig aufgezogen werden.
Auf die Dreipoͤlcher ward im Schrot 2 Stuͤck, im Korn 2 Pfennige; auf die Schillinge
im Schrot 5 Stuͤck, im Korn 2 Pf. nachgegeben. Wir wollen die erſtern mit b, die letz-
tern mit a bezeichnen, weil keine kleinere Muͤnze damals vorhanden geweſen. Da auch
der Name der Dreipoͤlcher in dieſen Laͤndern unbekant iſt, ſo paßiren ſie alle unter dem ge-
woͤhnlichen Namen der Ferdinge.
Das koͤniglich ſchwediſche Wapen mit abwechſelnden 3 Kronen und dem gothiſchen Loͤwen1648.
in geviertem Schilde. Jm Mittelſchilde die Garbe von Vaſa.Chriſtina D. G. R. S.
Rev. Der Reichsapfel mit der Zahl 24. Mon. noua. Livon.
Das C mit der Garbe. Chriſtina D. G. R. S. Rev. Der lieflaͤndiſche Greif: Solidus1648.
Liuoniæ. 48.
Dergleichen. Carolus Guſtav. D. G. R. S. 57.
Noch eine Art. Carolus D. G. Rex. S. 65.
Ein Dreipoͤlcher wie der erſte. Carolus. D. G. R. S. und Mon. noua. Livoniæ. 69.
Dieſe und die rigiſchen Scheidemuͤnzen wurden endlich ſo ſchlecht, daß die Ritterſchaft
viel Beſchwerden daruͤber fuͤhrte, wie unterſchiedliche Receſſe, Acten und beſondere
Nachrichten zeugen. Siehe die Patkuliana p. 40 lit. D. §. 2etc. Sie galten auch in an-
dern Laͤndern nichts, noch weniger taugten ſie zum Umſchmelzen. Nichts deſtoweniger
rouliren ſie nicht, ſondern werden dann und wann nur in Klingebeuteln gefunden. Ver-
muthlich ſind manche in Kriegeszeiten vergraben, der Bauer aber, der ſie findet, traͤget
ſie mit den alten Ordensſchillingen pfundweiſe zum Kupferſchmidt, dem ſie ein gu-
tes Metal abgeben. Die Stadt Riga ſtelte gleich anfaͤnglich der Koͤnigin den geringen
Profit und den groſſen Schaden dieſes Muͤnzhauſes vor. Es gieng auch mit allen dieſem
kleinen Gelde den Ruͤckgang. Denn im Jahr 1664 gab man gegen hartes Geld ſchon
40 pro Cent agio. 1665 war das Aufgeld 75 Thlr. und 1666 wechſelte man 100 Thlr.
grobe Muͤnze mit 220 Thlrn. kleiner Muͤnze ein, ſo daß ein ganzer Thaler um 33 Mark
oder 198 Gr. vertauſchet wurde. Unter die Urſachen dieſes Verfals rechnet man erſtlich,
daß die lieflaͤndiſche Muͤnze in Pohlen verboten war, und zweitens, daß die Schwe-
den
[333]ſo in Liefland zur Zeit des Ordens und nachher gepraͤget worden.
Mod.den in dem pohlniſchen Kriege eine unſaͤgliche Menge klein Geld aus Litthauen mit-Annus
brachten, bis das letztere ſich almaͤlig aus dem Lande wieder verzog, und man 1670 nur
58 Thlr. Aufgeld auf 100 harte Thaler zahlte. Da die Stadt Riga ſelbſt ihre Scheide-
muͤnze zu haͤufig ſchlug, und deren Werth beliebig zu ihrem Vortheil und zum Schaden
des Landes oft veraͤnderte, das Land aber damit uͤberhaͤufet ward, ſo iſt es allerdings eine
curieuſe Frage, wo doch endlich alle geblieben, weil die Schillinge nur von den Bauren
in die Kirchenkaſten geleget werden, die Dreipoͤlcher oder ſo genanten Ferdinge aber nur
maͤßig unter dem Courantgelde mit unterlaufen.
Dieſe haben gewoͤhnlich das Kopfſtuͤck oder den gekroͤnten Namenszug des Koͤnigs auf der
einen, und das revelſche Kreuz, mehrentheils aber die 3 uͤbereinander gehenden Loͤwen
oder 3 Leoparden zum Revers, an welches Schild oft das kleine Kreuz haͤngend vorge-
ſtellet wird.
Ein ſchoͤnes Stuͤck in Groͤſſe einer doppelten ſchwediſchen Caroline. Jn einem gewunde-1561.
nen und gekroͤnten Dval das ſchwediſche Wapen mit der Waſe oder Garbe im Mittel-
ſchilde. Ericus XIIII. D. G. Sve. Got. V. Rex. Rev. Ein gewundener Ovalſchild, im
ſelbigen das revelſche Kreuz. Moneta noua Revalienſis. 1561.
Das koͤnigliche Bruſtſtuͤck in der Krone. Ericus XIIII. D. G. Sve. Got. Van. Ren. Rev.1561.
Moneta noua Revalienſis. 1561. Ein ovaler Schild mit dem revelſchen Kreuz. Eine
feine Mark.
Ein Ferding. Des Koͤnigs Bruſtbild. Ericus D. G. Rex Sveciæ. Das revelſche Kreuz1561.
mit der Krone. Mon. noua Reval. Einige Stempel aͤndern die Umſchrift.
Ein Stuͤck von der Groͤſſe einer doppelten Caroline, gleich der vorigen. Ericus XIIII. D.1562.
G. Sve. Got. V. Re. Rev. Ein zierlich eckigter Schild mit dem revelſchen Kreuz.
Moneta noua Reualienſis. 1562.
Eine andere Muͤnze, gleich einer doppelten Caroline. Des Koͤnigs Bruſtbild in der Kro-1562.
ne. Ericus XIIII. D. G. Sue. Got. Van. Rex. Rev. Moneta noua Revalienſis. 1562.
Das revelſche Kreuz in ovalem Schilde. Dieſe groſſen Stuͤcke galten damals 16 Oer.
Wir haben ſie, wie einige andere ſchoͤne, aus der Samlung, welche der Rathsherr und
Commercienrath, Herr Joh. Herman Haecks in Revel beſitzet.
Ein Ferding mit der Umſchrift: Ericus XIIII. D. G. Rex Sveciæ. Rev. Das Kreuz im1562.
Schilde. Mone. nova Revalie. Dis Gepraͤge iſt von unterſchiedenem Stempel.
Ein Schilling mit dem gekroͤnten E. Rev. Das Kreuz, deſſen Staͤbe auf dieſen Schillingen1562.
am Ende nach Art eines Gabelkreuzes gebogen ſind.
Ein Schilling mit dem gekroͤnten E, hat auf dem Revers die drey Leoparden.
Dergleichen
Dergleichen
Ein anderer dieſer Art.
Ein Schilling. Das gekroͤnte E und daneben 67. Eric. XIIII. D. G. R. SW. Rev. Die1567.
Loͤwen. Mon. noua Reval.
Ein Ferding. Ericus 14 D. G. Rex. Svecie. Das koͤnigliche Bild in der Krone. Rev.1567.
Die 3 Loͤwen. Moneta noua Reval. Ein anderes Gepraͤge lieſt Eric. XIIII. D. G. Rex
Swe. und Mone. noua Roval. 67.
Ein Ferding wie voriger.
Ein Schilling. Das gekroͤnte E. Eric. 14. D. G. Rex. Rev. Die 3 Loͤwen. Mo. no.1568.
Reval. auch Mo. noua Reva.
Der Namenszug des Koͤnigs I. R unter der Krone. Iohann 3 D. G. Rex. Svec. 69.1569.
Rev. Drey Loͤwen. Moneta noua Revalie.
Ein Schilling, das gekroͤnte I. R. Iohann III. D. G. Rex. Rev. 3 Leoparden. Mo. noua1569.
Rev. Einige ſind ohne Jahrzahl und veraͤndern die Buchſtaben der Umſchrift.
Der bloſſe Buchſtabe I unter der Krone. Iohan. 3. D. G. Rex. Rev. Die 3 Loͤwen ohne1570.
Schild, daneben 70. Mo. noua. Reval.
Ein ſchoͤnes Silberſtuͤck. Das koͤnigliche Bruſtbild gekroͤnt. Sigis. D. G. Sve. et Pol.1597.
Rex. 97. Rev. Die 3 Loͤwen. Zur Seite des Schildes 1. O. d. i. Ein Oer.Mone-
ta noua civi. Reval.
NB. Dieſe und die folgenden Muͤnzen ſind nach den ſchwediſchen Reichsfus gepraͤ-
get, und werden unter der Groͤſſe b von nun an die weiſſen Rundſtuͤcke, unter c die dop-
pelten und unter d die vierfachen verſtanden.
Die Weiſſen von Carl dem IXten haben den gothiſchen Loͤwen mit doppeltem Schwanze1605.
daneben 1605 und 1606. Die Umſchrift Carolus D. G. Rex. Sve. Rev. Die 3 Loͤwen
P p p p 2in
[334]Die III. Tabelle von den Muͤnzen,
Mod.in deutſchem Schilde mit einem Henkel am Wapen, daruͤber die Krone neben dem Schil-Annus
de 1. R. d. i. Ein Rundſtuͤck.Mon. nov. Civit. Reval.
Die Waſe oder Garbe. G. A. R. Moneta noua. Rev. Die Loͤwen. Civitat. Reval. Ein1622.
rares viereckigtes Stuͤck mit rundem Stempel. Dieſe Klippe ſcheinet ein Oer geweſen
zu ſeyn.
Die Weiſſen von Guſtav Adolph zeigen die Garbe des Hauſes Vaſa, daneben G. oben1625.
A, und zur Seite unten R.ex. Die Umſchrift Moneta noua. Rev. Die 3 Loͤwen.
Civitat. Reval.
Dergleichen.
Ein Weiſſen. Die Garbe. Chriſtina D. G. Re. Svec. Rev. Die 3 Loͤwen, daneben 1 ör,1648.
Mone. noua Civdat. Reva.
Ein Weiſſen, denen folgenden aͤhnlich, doch mit der Benennung 1 ör.
Ein ſchoͤner Dukaten. Der Koͤnigin Bruſtbild. Chriſtina D. G. Svec. Goth. Vand. Q.1650.
Regina. Rev. Ein laͤnglichter oval Schild, in ſelbigem die 3 Loͤwen daneben 1650. Die
Umſchrift Nummus aureus ciuitat. Revalien. Der Muͤnzmeiſter nent ſich unten G. P.
Die Weiſſen haben auf einer Seite die Garbe im Schilde, daneben die Jahrzahl. Chri-1650.
ſtina D. G. Re. Sve. Rev. Die 3 Loͤwen im ſchmalen Schilde, uͤber welchen die Krone und
ſchwebet. Mon. nov. Civita. Reval. Neben dem Schilde ſteht 1. R. Man hat ſie1651.
auch von 1655.
Ein Thaler. Chriſtina D. G. Svec. Goth. Vand. Regina. Der Koͤnigin Bruſtbild mit1652.
der kleinen Krone. Rev. Das gekroͤnte Wapen der Stadt Revel. 1652. Nummns ar-
gent. Civitatis Revalienſis. Unten der Name des Muͤnzmeiſters ganz fein G. P.
Ein doppelt weis Rundſtuͤck. Der koͤnigliche Namenszug C. R. S. gekroͤnt und mit um-1660.
zogenen Loberkranz. Rev. 3 Loͤwen in gekroͤntem Schilde, daneben 2 R. und 1660.
Die Weiſſen dieſes Koͤnigs haben den gothiſchen Loͤwen, und zum Revers die revelſchen1663.
Loͤwen, auch auf beiden Seiten Umſchrift.
Ein halber Thaler, nach der Groͤſſe eines ganzen. Des jungen Koͤnigs Bruſtbild. Ca-1664.
rolus D. G. Sve. Goth. Wan. q. Rex et Pr. Hæ. Rev. Die 3 revelſchen Loͤwen in ge-
kroͤntem Schilde, unter dieſem das revelſche Kreuz im eigenen Schildgen; zur Seite 4
M. d. i. vier Mark. Die Umſchrift iſt Mon. nov. Revaliens. Ein anderer Stempel
hat das Wapen mit Helmzierrathen, aus dem gekroͤnten Helm waͤchſet ein Frauenzim-
mer und hat zur Seite 4. M. Die Umſchrift heiſt: Moneta noua arg. Ciuitatis Reva-
liens. hat aber keine Jahrzahl.
Eine Caroline. Des Koͤnigs Bruſtbild. Carolus D. G. Sve. Goth. Van. q. Rex. Pr. Hæ.1664.
Die 3 Loͤwen, neben der Krone des Schildes 2 M. Unten das revelſche Kreuz.
Jn einem Loberkranz die gekroͤnten Buchſtaben C. R. S. Rev. Die 3 Loͤwen im gekroͤnten1665.
Schilde, darunter zwey Palmzweige. Neben dem Schilde 2 R.
Der gothiſche Loͤwe. Carolus D. G. Rex. Sve. Rev. Die 3 Loͤwen in gekroͤntem Schil-1665.
de, daneben 1 R. Umher Mon. nov. Civit. Reval.
Die Buchſtaben C. R. S. unter der Krone im Loberkranz. Rev. Die 3 Loͤwen in gekroͤntem1665.
Schilde, darunter 2 Palmzweige 1. R.
Ein Weiſſen nach der vorigen Art.
Ein doppelter Weiſſen, wie oben; unten haͤngt am Loͤwenſchilde das kleine Kreuz.
Dergleichen. Cxi, unter der Krone.
Die 4 Rundſtuͤcke weiſen 3 Loͤwen in gekroͤntem Schilde, worunter das kleine Kreuz haͤnget.1668.
Zur Seiten ſtehet die Jahrzahl und 4 R. Die Buchſtaben C. R. S. ſtehen in einer Zei-
le mit dem Lorberkranz umwunden.
Ein anderes Gepraͤge hat das gekroͤnte C mit der Umſchrift: Dominus Protector meus.
Noch ein Stempel von dieſem Jahre hat auſſer bemeldten Worten auf dem Revers zur Um-
ſchrift: Mon. arg. civ. Revalienſis.
Das gekroͤnte C. Dominus Protector meus. Rev. Die 3 Loͤwen in gekroͤntem Schilde,1669.
daneben 4 R. und die Umſchrift: Mon. noua arg. Civit. Reval.
Die Weiſſen mit Cxi. haben keine Umſchrift.
Ein Dukaten. Der junge Koͤnig im Bruſtbilde. Carolus XI Rex Svecie. Rev. Die1669.
3 Loͤwen. Mon. nov. aur. Civ. Revaliens. 1669.
Ein Doppeldukaten. Des Koͤnigs Bruſtbild im Loberkranze. Carolus XI D. G. Rex1669.
Sveciæ. Rev. Die Loͤwen. Mon. aur. Civ. Reualienſis.
Ein Dukaten nach vorigem Gepraͤge.
Die 4 weiſſen Rundſtuͤcke dieſes Jahrs laſſen die Umſchrift des Reverſes weg, ſonſt gleichen1670.
ſie dem erſtern von 1668; unter den Loͤwen haͤngt das kleine Kreuz.
Eine andere Sorte hat auf beiden Seiten keine Umſchrift, ſondern zeigt nur den gekroͤnten1670.
Namen C R S im Blumenſchilde, und auf der andern Seite die Loͤwen.
Ein Weiſſen. Das gekroͤnte C; in ſelbigem die XI. Rev. Die Loͤwen im gekroͤnten Schilde,Annus
1670.
daneben 1 R.
Ein Weiſſen nach voriger Art.
Dieſe laſſen nur die Umſchrift des Reverſes weg.
Ein Weiſſen.
Die Weiſſen dieſes Jahrs ſtellen das C ohne die Ziffer XI dar.
Ein Thaler mit dem Bildnis dieſes Koͤnigs befand ſich in der ſchoͤnen ſchulziſchen Sam-
lung.
Eine kupferne aber ſehr ſauber geſtochene und rare Muͤnze. Die Buchſtaben C. R. S.1670.
eRev. Das narviſche Wapen; zur Seite 2 R. d. i. zwey Rundſtuͤck und die Jahrzahl.
Ein ſolches Stuͤck galt ein Dritteloer, denn 6 Rundſtuͤck betrugen ein ganzes.
Die Buchſtaben C. R. S. unter der Krone, um die ein Loberkranz gehet. Rev. Das nar-1670.
viſche Wapen; darunter 2 Palmzweige. Neben dem Schilde die Jahrzahl 1670 und
2 R.
Cxi. im Lorberkranze. Rev. Das gekroͤnte narviſche Wapen, daneben 1 R. und 1670.1670.
Unten L. N. im Zuge.
Das gekroͤnte C. mit der Umſchrift: Dominus Protector meus. Rev. Das narviſche1671.
Wapen; daneben 4 R. Jm Rande Mon. arg. Civ. Narvæ.
Ein recht ſchoͤner Dukaten. Des jungen Koͤnigs Kopfſtuͤck. Carolus XI. D. G. Rex Sveciæ.1671.
Rev. Ein Schild mit der Krone, darin ein Degen, deſſen Spitze in den linken Oberwin-
kel trit, begleitet von 2 Kugeln; unter dem Degen 2 ſchwimmende Fiſche, unter den Fi-
ſchen ein gerade liegender Sebel, unter dem Sebel die 3te Kugel, welche Figuren das
narviſche Wapen formiren. Mon. aur. Civ. Narvæ 1671. Unten der Name L. evin
N.ummers, Rathsherrn daſelbſt, der die Muͤnze der Stadt in Pacht gehabt. Ein ra-
res Stuͤck.
Ein doppelt Rundſtuͤck von Silber. C. R. S. im Kreuze. Rev. Das narviſche Wapen;1671.
alles ohne Umſchrift, neben dem Wapen 2 R.
Ein Rundſtuͤck von Silber. Cxi. Rev. Das Stadtwapen; daneben 1 R. beides ohne Um-1671.
ſchrift; L. N. im Zuge.
ein doppelt weis Rundſtuͤck wie obiges.
Ein zwiefach weis Rundſtuͤck gleich dem vorigen; zur Seiten die Buchſtaben L. N. ohne Zug.
Auſſer denen zu Ende der andern Claſſe angefuͤhrten kettlerſchen Schillingen kommen in
der Samlung des Herrn Hofgerichtsadvokaten Chriſtoph George Ziegenhorn fol-
gende vor, die uns derſelbe aus Mietau zugeſandt. Wir haben den Namen jeder
Muͤnze gleich beigefuͤget. Sie richten ſich nach dem pohlniſchen Reichsfus. Man haͤlt
nach unſerm Gewichte die zu Mietau gemuͤnzten Thaler fuͤr 12 loͤthig, gleichwie die zu
Riga 13 und die deutſchen 14 loͤthig, dafuͤr ſie auch in gerichtlichen Urteilen taxiret wer-
den. Doch halten auch viel rigiſche Thaler den deutſchen Reichsfus. Die Groſchen
heiſſen wegen der 24 uneigentlich Groſchen. Eigentlich ſind es Dreypoͤlcher oder ſo ge-
nante Ferdinge, deren 2 drey pohlniſche Groſchen betragen.
Das ganze herzogliche Wapen auf einem ſchoͤnen Thaler, doch iſt der bathoriſche Wolfszahn1575.
noch nicht in der Mitte des Keſſelhakens. Gothart. D. G. Dux Curlan. et Semgal. Rev.
Der pohlniſche Adler und litthauiſche Reuter neben einander, daruͤber die Jahrzahl
75, unten aber 5 Mark Rig. Moneta noua argen. ducatus Curland.
Ein anderer Thaler. Das herzogliche Wapen, wie auf vorigem. Gothardi D. G. Ducis1576.
Cur. et Semiga. Rev. Das pohlniſche und litthauiſche Wapen; oben 1576; unten
4½ mk. R. d. i. vier und eine halbe Mark rigiſch.Moneta noua argente. ducis Curlan.
Eine goldene ovale Schaumuͤnze von 8½ Dukaten. Der herzoglichen Witwe Bruſtbild mit
groſſer Krauſe und praͤchtigem Hauptzierrath. V.on G.ottes G naden ANNA. G.ott-
hards Zu. C.urland V.nd S.emgallen H.er Z.ogs O. Gemahlin V.nd N.achgelaſſene
W.ittwe. Rev. Das curlaͤndiſche Wapen, ohne Umſchrift.
Ein Schauſtuͤck von 4½ Dukaten mit dem herzoglichen Bruſtbilde im Barte. D. G. Fri-
dericus in Livo. Curl. et Sem. Rev. Das ganze volſtaͤndige Wapen, mit Elenden,
die hervorſpringen. Das Mittelſchild iſt der Keſſelhaken, in deſſen rechtem Felde die 3 ba-
thoriſche Woflszaͤhne, in dem linken der Namenszug des Koͤnigs S. A. zu ſehen.
Daſſelbige in Silber.
Ein dergleichen Schaupfennig. D. G. Wilhelm in Liefland. Z. Curl. v. S. H. Das her-Annus
zogliche Bruſtbild. Rev. Das curlaͤndiſche Wapen.
Derſelbige in Silber.
Ein Schaupfennig nach dem vorigen. W. D. G. in Livon. Curl. et Semgal. Dux; auch
faͤlt der Bart etwas kuͤrzer.
Derſelbige in Silber.
Ein Duͤtchen. Das Kopfſtuͤck des Herzogs. Mone. arg. Cur. Rev. III. d. i. Triplexi1590.
darunter der pohlniſche Adler und litthauiſche Reuter neben einander. Unter dieſen
Gros.ſus. ar.genteus tri.plex ducum Cu. et Se.
Dergleichen.
Ein Duͤtchen ſelbiges Gepraͤges, nur daß die Umſchrift des Averſes hat. Mo. arg. Du-1596.
cum Cur.
Dergleichen. Mo. arg. Ducum Cur. et Sem. Andre von dieſem Jahr ſind den Duͤtchen1598.
von 1590 in allen gleich.
Ein anders.
Dergleichen. Sie gehen bis 1619. Zwoͤlfe derſelben wiegen einen Speciesthaler. Sie1600.
haben meiſtentheils zwiſchen dem Adler und Reuter die Garbe im eignen kleinen Schilde.
Schillinge. Der curiſche Loͤwe. Moneta ducum Cur. et. Sem. Rev. Der Buchſtabe S,1600.
ain deſſen Mitte die Garbe des Hauſes Vaſa.Solidus nov. Cur. et Se.
Auf dieſen iſt auf der Seite des S eine Umſchrift. Sigis. III. D. G. Rex P. M. D. L.1601.
Ein anderer dieſer Art.
Ein Thaler. Das herzogliche Bruſtbild. Iacobi. D. G. Ducis Curlandiæ et Semgalliæ.1644.
Rev. Der pohlniſche Adler und litthauiſche Reuter in einem die Laͤnge herab getheilten
Schilde. Moneta noua argentea Anno 1644. Ein anderer Stempel hat das Bruft-
bild groͤſſer.
Ein Goldſtuͤck von 10 Dukaten nach dieſem Stempel.
Ein Shaler nach Art des vorigen.
Ein Dukaten. Des Herzogs Kopfſtuͤck. Iacobi D. G. Ducis Curland. Semgal. Rev.1646.
Das pohlniſche und litthauiſche Wapen neben einander geſtellet. Moneta noua au-
rea anno 1646. Es iſt noch ein Dukaten von dieſem Herzoge uͤbrig, den wir aber nicht
zu ſehen bekommen, und daher deſſen Jahrzahl nicht anzugeben wiſſen.
Eine groſſe Medaille. Des Herzogs Bruſtſtuͤck. Iacobus Dei Gratia in Livonia Curlan-
diæ et Semigalliæ Dux. Rev. Das ganze curlaͤndiſche Wapen nach Gotthard Rett-
lers Einrichtung und ohne Umſchrift.
Die Schillinge haben 3 gekroͤnte III, die mit einem Querſtrich zuſammen gezogen ſind.1662.
Solidus Curlandiæ. Rev. Der pohlniſche Adler, der das curlaͤndiſche Wapen auf
der Bruſt traͤget. Iacobi D. G. Ducis. Sle ſind von unterſchiedlichen Jahren da.
Eine ſilberne Medaille, nicht ſonderlich gravirt. Das herzogliche halbe Bild, Iacobus Dei
Gratia in Livonia Curlandiæ et Semigalliæ dux. Rev. Das curlaͤndiſche ganze Wapen.
Eine ſilberne Gedaͤchtnismuͤnze. Der Herzogin Bruſtbild. Lovyſa Charlot. D. G. M.ar-1676.
chioniſſa E.t P.rincipiſſa E.lectoralis B.randenburgi. M.agdeburg: I.n P.ruſſia, I.uliaci
C.liuiæ, E.t M.ontium. S.tetini P.omeraniæ, I.n L.ivonia C.urlandiæ E.t S.emgalliæ
D.uciſſa. P.rincipiſſa H.alberſtad. E.t M.inden. C.omitiſſa I.n R.avensberg. D.omina I.n.
R.avenſtein. Rev. Jn der Mitte Herr Ieſu nim meine Seele in deine Hænde und las
ſie dir befohlen ſeyn. Amen. Die Umſchrift Nata ao. MDCXVII d. III Sept. denata
MDCLXXVI. d. XVIII Au. ætat. LIX. Die Buchſtaben ſind alle von ungeſchickter
Hand.
Die Groſchen oder eigentlicher die Ferdinge, oder Dreypoͤlcher haben das curlaͤndiſche Wa-1687.
pen Frid. Caſ. in L. Cur. et S. D. Unten eine 3, die Poͤlcher bedeutet. Neben dem Wapen 87.
Rev. Der Reichsapfel mit 24. Ioh. III. D. G. Rex Pol. M. D. L.
Ein Dukaten. Des Herzogs Bruſtbild. Frid. Caſ. in L. Cur. et Sem. Dux. Rev.1689.
Der pohlniſche Adler, auf deſſen Bruſt das curlaͤndiſche Wapen mit ſeinem Mittel-
ſchilde, doch ohne Helmdecken. Unter dem Adler iſt der litthauiſche Reuter. Mone-
ta noua aurea.
Eine ſilberne groſſe Medaille auf die gefaͤhrliche Seereiſe des Herzogs. Ein Schif, ſo bey
ſtuͤrmiſchem Himmel umſchlagen und ſcheitern wil, mit der Umſchrift Iuuante ’ con-
ſeruor. Rev. Das Bruſtbild des Herzogs. Frid. Caſim. in Liv. Cur. et Semig. Dux.
Dieſelbige Medaille in Golde.
Eine goldene Medaille auf gleiche Begebenheit. Sie faͤlt etwas kleiner, hat ſtat des
hebraͤiſchen Iehovah die Buchſtaben DEO, und aͤndert die Umſchrift des Reverſes. Frid.
Caſ. in L. Cur. e. Sem. Dux.
Dergleichen iſt auch in Silber vorhanden.
Ein ſilbernes Vermaͤhlungsſtuͤck. Der neuen Herzogin Bruſtbild. El. Soph. Pr. El. Br.Annus
D. in L. Cur. et Sem. Rev. Ein fliegender Cupido, der ein brennend Herz nach dem Lan-
de bringt, mit dem Lemmate: Ablatum refero.
Ein Goldſtuͤck von 11 Dukaten. Das Bruſtſtuͤck des Herzogs. Frid. Caſ. in L. Cur. e. Sem.
Dux. Rev. Das Bruſtſtuͤck der Herzogin. Soph. Amel. Duc. in. L. Cur. e. Sem.
Pr. a Naſſ.
Dieſelbe Medaille von Silber.
Ein Ferding nach obiger Art.
Einer von gleichem Gepraͤge.
Die Tympfe haben das herzogliche Bruſtſtuͤck. Frid. Caſ. in L. Cur. et S. D. Rev. Ein1694.
geviertes gekroͤntes| Schild mit abwechſelndem pohlniſchen Adler und litthauiſchen Reu-
ter. Moneta ducis Curland. Zur Seiten ſtehen 18. d. i. 18 Groſchen. Einige ſchrei-
ben die Jahrzahl aus, andere laſſen die groͤſſere Zahl weg.
Die Schoſtake. Das herzogliche Kopfſtuͤck. Frid. Caſ. in L. Cur. et S. D. Rev. Das1694.
pohlniſche und litthauiſche Wapen, daher ſie auch Seckſer heiſſen. Moneta Ducis
Curland. Andere haben zur Umſchrift Frider. Caſim. D. G. in. Livon. Rev. Curland
et Semgal Dux, und ſind beide von dieſem Jahre.
Die Ferdinge dieſes Jahrs fallen nach Art der obigen, verlieren aber den Keſſelhaken und1695.
haben nur den Wolfszahn.
Dergleichen.
Die Schillinge haben das Bruſtſtuͤck des Herzogs. Frid. Caſ. in L. C. S. Dux. Rev. Der1696.
pohlniſche Adler, der das curlaͤndiſche Wapen auf der Bruſt traͤget. Solidus Cur-
landiæ. 1696.
Andere Schillinge haben nur den durchflochtenen Namenszug F. C. unter einer Krone. So-
lidus Curlandiæ. Rev. Der vorbeſchriebene Adler. Frid. Caſ. D. G. Ducis. Zur
Jahrzahl iſt der Raum leer geblieben.
Von Herzog Fridrich Wilhelm wil ſich keine Muͤnze finden. Er hat ſich aber durch
einen den 13ten May 1710 geſtifteten Orden, l’ ordre de la reconnoiſſance genant, in den
Kabinetten beruͤhmt gemacht, wo man das Ordenskreuz aufhebet. Selbiges iſt von
Gold, weis emaillirt, gleichet dem Malteſerkreuz, und hat an ſeinen 8 Ecken goldene
Kugeln. Es haͤngt an einem Ring, der aus einer gewundenen Schlange formiret iſt.
Das guͤldene ovale Bruſtſtuͤck zeiget das ganze curlaͤndiſche Wapen en email mit ſei-
nen heraldiſchen Farben. Die Elende ſind natuͤrlich braun im blauen Felde. Der Wa-
penmantel roth mit Hermelin gefuͤttert, und ſtat der Helme in vorigen, erſcheinet hier
ein rother Herzogshut mit Hermelin beſetzt. Die andere Seite des Bruſtſtuͤcks hat die
Buchſtaben F. W. im Zuge. Zwiſchen den Zacken des Kreuzes lieſet man: Pour les
honnêtes gens. Die Staͤbe ſind mit guͤldenen Ketteln als 2 zuſammengeſchobene C oder
♓ verbunden.
Vom letzten geweſenen Herzog iſt nichts mehr vorhanden als eine auswertige Medaille von1736.
4 Dukaten. Ein Arm aus den Wolken ſchlaͤgt mit einem Hirtenſtab an einen Felſen,
aus welchem lebendiges Waſſer ſpringet. Auf dem graſichten Felde weiden Laͤmmer, da-
von die groͤſſern ein Kreuz auf dem Ruͤcken haben; einige trinken ſchon, andere laufen
noch hinzu. Die Umſchrift iſt: Eſurientes impleuit bonis. Luc. I. 53. Jm Abſchnit
lieſet man Aeternæ Dei Cæſaris Bironii memoriæ, wo die noͤthigen Unterſcheidungszeichen
weggelaſſen ſind. Rev. Ein brennender Altar, auf deſſen Poſtement B, auf dem Opfer-
herzen aber ein W, als der Name der Stadt Wartenberg zu ſehen. Oben faͤlt Feuer
vom Himmel, das Opfer anzuzuͤnden, deſſen Flammen wieder empor ſteigen. Vor dem
Altar kniet das Bild der Gottſeligkeit, ſo die Stadt Wartenberg vorſtellet, in der Lin-
ken das Kreuz, in der Rechten die Weihrauchpfanne haltend, vor ihr liegt eine ofne Bi-
bel. Die Umſchrift heiſt: Dies, quem fecit Dominus Pf. 118, 24. Jm Abſchnit findet
man: Ob Sacra Evangel. Wartenbergæ inſtaurata 1736 d. 4. Nov.
Dergleichen in Silber.
Dieſe Tabelle iſt an Namen ziemlich reich. Man hat ſich aber unter Schloͤſſern
nicht immer Grenzfeſtungen oder wichtige Fortereſſen vorzuſtellen, weil den erſten
deutſchen Eroberern des alten Lieflands ein ſteinernes mit Mauer und Graben
verſehenes Haus fuͤr dem Ueberfal der Feinde ſchon hinlaͤngliche Sicherheit verſchaffen konte.
Einige darunter moͤgen nur wohlgebaute Edelhoͤfe geweſen ſeyn. Jn der Folge der Geſchich-
te werden die eigentlich feſten Plaͤtze bekanter werden. Wir haben einige aus Strubiczen
beibehalten, welche derſelbe arces nennet, und ſie von prædiis und villis wol unterſcheidet, ob
ſie gleich in unſern Tagen keine Spur mehr von Schloͤſſern aufzuweiſen haben.
Von nicht wenigen haben ſich ſelbſt die Truͤmmern faſt ganz verloren. Und
weil die neuern Beſitzer einen unordentlichen Steinhaufen zu bequemern Gebaͤuden nutzen
koͤnnen, ſo iſt obige Ungewisheit daraus entſtanden. Manche oͤffentliche Schloͤſſer ſind noch
mit dieſem oder jenem Fluͤgel in wohnbarem Stande. Andere ſind von ihren Privatbeſi-
tzern von neuem gut aufgebauet, darunter vornehmlich in Curland noch viele zu Ritterſitzen
recht artig angeleget ſind.
Zu einer ziemlichen Menge hat Juͤrgen Helms in ſeiner geſchriebenen Chronik
aus alten Nachrichten das Erbauungsjahr beigeſetzet, welche Chronologie aus echten Doku-
menten ſtark verbeſſert worden.
Wo der Eſte und Lette in der deutſchen Benennung abweichet, iſt ſolches an-
gemerkt. Verſchiedene ſind uns nur dem Namen nach bekant, daher ihr Erbauer und Er-
bauungsjahr wegbleiben muͤſſen.
Die heutigen Herren Beſitzer waͤren leicht nahmhaft zu machen geweſen. Weil
aber haͤufige Aenderungen darin vorfallen, auch hier und da einer uͤbergangen werden moͤchte,
ſo hat man lieber dieſe Ordnung nicht anfangen, als ſie unvolkommen und mangelhaft aus-
fuͤhren wollen.
Die Namen der rigiſchen Herrn des Raths ſind ſo wol aus den Briefſchaften, als
aus alten Regiſtern von verſchiedener Art zuſammen getragen. Sie erſcheinen hier
vor andern aufs zahlreichſte, ob man gleich aus dem 13ten Jahrhundert viele wegge-
laſſen, die ein gewiſſes Verzeichnis aus Verſehen unter die Rathsherren gebracht, da es nur
zu Zeugen angefuͤhrte Buͤrger in alten Documenten geweſen, indem jederman nicht die Namen
in verjaͤhrten Briefen fertig zu leſen verſtanden; und daher oft ſtark abgewichen. Man hat ih-
re Fortſetzung bis 1710, da die Peſt dieſes Collegium duͤnne machte; die weitere Folge derſel-
ben wuͤrde auch kuͤnftig beſorget werden koͤnnen.
Fuͤr ihre Volſtaͤndigkeit laͤſt ſich keine Gewehr leiſten. Aus Revel iſt uns nur
das Namenverzeichnis der Herren Buͤrgermeiſter eingeſandt, die man mit einer ziemlichen
Liſte aus dem Rathsherrnſtande haͤtte bereichern koͤnnen, wenn man gleich anfangs auf dieſe
Tabelle gedacht haͤtte.
Das Regiſter der evangeliſchen Prediger in Revel faͤlt weitlaͤuftiger als das zu
Riga, weil jene Stadt freiere Haͤnde hatte. Riga hingegen muſte zur Zeit der Reforma-
tion bey der nahen Gegenwart ihrer roͤmiſch-catholiſchen Regenten einen maͤchtigern Wi-
derſtand uͤberwinden. Selbſt Plettenberg warf ihr in mehrern Reſcripten vor, daß ſie bey
Aus-
[349]Verzeichnis des geſamten Raths zu Riga und Revel.
Ausbreitung der evangeliſchen Religion vom Kaiſer huͤlflos und ihren Feinden werde uͤberlaſ-
ſen werden. Weiter hin iſt das evangeliſche Miniſterium ſtaͤrker beſetzet worden.
Die Buchſtaben E. V. bedeuten Erzvogt, und B. Buͤrgermeiſter. Die ver-
richteten Legationen betreffen das Jntereſſe der Stadt, mehrentheils auf den Henſetagen, in
Abſicht der Kaufmanſchaft.
Herr
Herr
Herr
Herr
Herr
Herr
1. Zu St. Olai.
2. Bey St. Nicolai.
3. Bey der heil. Geiſtkirche.
4. Diaconi bey der St. Olaikirche.
5. Diaconi bey der St. Nicolai-
kirche*).
Beim Jahr 1274 zwiſchen den 29 Aug. und 5 Nov. mus ver Erzbiſchof Johann anf den Stuhl
gekommen ſeyn.
Jm Jahr 1400 wurden des Meiſters Einkuͤnfte aus ſeinen Guͤtern auf 4000 Mark taxiret. Die Voͤgte
von Karkus, Helmet und Ruyen muſten alle Jahr in des Meiſters Kammer geben 2000 Mark. So
meldet auch Beſoldi Theatrum unter dem Worte: Erbaͤmter, daß der Herr Meiſter, der Erzbiſchof und
die Biſchoͤfe von Liefland bey Empfang des kaiſerlichen Lehns an die Erbaͤmter ein gewiſſes an Gel-
de gegeben.
Jm Jahr 1446 unterſchrieb ſich am Tage der elf duſend Meide zu Segewolde Heidenreich Vin-
cke, mik dem Zunamen von Oberbeck, der Ordensmeiſter Johann Woldhus aber braucht 1470 den
Beinamen von Kerſe.
1506 unterſchrieb ein gewiſſer Schreiber von Randen, Namens Hinrich Mandel, ein Palloper-
ſches Document, mit der ſaubern Jahrzahl IVIIIIII.
Von der chriſtlichen Kirche: Hilf GOTT, wie geht es immer zu, daß alles Volk ſo
grimmet.
HErr Chriſt der einge GOttes Sohn. Das Lied aber, Hilf uns in deinem Namen, du allmaͤch-
tiger GOtt, daß an uns nicht erjage der Satan ſeinen Muth ꝛc. hat zur Rubrik: Verkaͤntnis,
der neuen, als man ſagt, Lehre wider die, ſo der irrigen Geiſter und des Teufels Lehren anhaͤngig
ſind, 1 Tim.IV.
Jm Jahr 1528 war Thomas noch zu Speier, und unterſchrieb das Privilegium uͤber Roſen-
beckThomas S. Eccleſiae Rigenſis Electus, hatte auch noch nicht das Stiftsſiegel. Den 12 Sept.
nent ihm CarlV. Erzbiſchof zu Riga unſern Fuͤrſten und lieben Andaͤchtigen.
Karkus heiſt in alten Documenten, anch 1552, Kerckhuus.
Jin dem Jungferkloſter zu Lemſel muſte 1532 Hinrich Wrangel auf Befehl des Erzb. Tho-
mas mit ſeinem Beiſitzer Kerſten Gutsleff und Gerdt von Meden auf Hans Noͤtkens Anſuchen
einen Verhoͤr anſtellen, und bekennet die ehrbare und tugendſame Jungfer Syſter Grete Balckin,
daß ſie die erſte Schweſter ſey, ſeit dem das Kloſter geſtiftet worden, ſamt Syſter Grete Vyſch, Sy-
ſter Elſaben, und Syſter Engel, daß ſie mit ihren Augen geſehen, daß ſel. Michel Noͤtken das
Dorf zu Stecklen um 400 Mark verpfaͤndet.
1552 war Georg Syburg Hauscomtur zu Riga, Gotthard Kettler Schoͤſſer zu Wenden,
Evert Syburg Cumpan zu Riga, und Claus Nieroth Landknecht zu Tuckum.
Ronneburg liegt an der Raune, und hatte wie Wenden ein rigiſches Thor. Man ſieht
hieraus, warum das Thor in der Vorſtadt Riga, wo man nach Ronneburg reiſet, die Raunspfor-
te heiſſen koͤnne.
Gleichwie Liefland ehemals eine Provinz Sontagana hatte, ſo hat es auch noch die Guͤter
Sontagen, die ſonſt ein Obriſtlieut. Wolmer Anton von Schlippenbach, und ein Major, Rein-
hold von Ungern Sternberg, beſeſſen.
Jn der Vorrede heiſt der Rigiſche Stadtelterman nicht Kleeburg, ſondern Kleeberg.
Daß die aͤlteſten Kirchen dieſer Laͤnder faſt durchgehends Kloͤſter neben ſich oder in der Naͤhe ge-
habt, iſt warſcheinlich.
Wie noch in Eſtland die Ueberbleibſel des alten Schloſſes Roͤtel vorhanden, ſo ſiehet man auch in
Liefland hinter Kokenhauſen an der andern Seite der Duͤne gegen Klauenſtein uͤber die Rudera ei-
ner alten Burg, die vieleicht Gercike geweſen.
Vix homines dicas hos, ſi gens culta videres.Corpora ſunt illis attenuata fame,Et breuia, aſſiduo multum ſuppreſſa labore,Artubus et iuſta pro ratione carent.His potus lympha eſt, panis de furfure co-ctus.Pro plumis ceruix mollibus vrget humum.Et bene conueniens veſtitus iungitur illis,Calceus eſt cortex, cetera lana tegit;Quae tamen haud magna contexta cohae-reat arte,Velleribus ſimilis tergoribusque boum.Atque premunt humiles infirmo corporemannos,His equitant ſimili foemina virque modo.
„Stirbet ein Mann, der Erben hat, Soͤhne oder Toͤchter, und ſind
„die Kinder zu ihren Jahren nicht kommen, der nechſte Schwertmage ſol Vormund
„ſeyn, ob er des Koͤnigs Mann ſey; iſt da kein Schwertmage, der Koͤnig ſol ihr Vor-
„mund ſeyn; §. 18, Stirbet der Mann ohne Erben, ſo bleibt die Frau in ihres Man-
„nes Gut Jahr und Tag, das iſt 6 Wochen und ein Jahr, und ſol helfen ſeine Schul-
„den guͤten und pflegen ſeiner Seele; §. 42, Jſt ein Mann auſſer Landes beſeſſen, ſo
„entbeut man ihm ſein Gut, komt er denn nicht, ſo bricht er 3 Wedden, das ſind
„ſechzig Schillinge; §. 49, Wer ein unrecht Urtel findet, das iſt zwo Pfund, und wer
„ein recht Urtel beſchilt, das iſt 3 Pfund.‟
Wol. up. dußen. Konynck.Artus. Hoff. wyll. gaen.De. ſchall. dat. nycht. under. wegen. laen.Syn. Proven. unde. Penninckdrucke. ſchall. be. betalen.Sunſt. ſchall. men. en. up. dut. Bret. malen.Ofte. be. ſchall. alltyd. de. Geſelſchop. und. Hof. vormyden.De. Kumpany. kan ſodaen. man. alltyt. nycht lyden. Jnt. Jar. 1549.
| Jvan Czaar von Moskau † 1505 | |
| Waſili vorher Gabriel Czaar zu Moskau † 1527 oder n. a. 1535. | Andreas |
| Jvan Waſiliwitz, geboren 1528 den 26. Aug. † den 28. Merz 1584 war Czaar von Moskau und hatte 7 Gemahlinnen | Wolodimar Andrewitz, der 1568 mit ſeiner Gemahlin und 4 Kinder erſchla- gen wurde. Die einige ſo uͤbrig blieb, war |
| Maria, Gemahlin des Herzogs Magni. |