Die quellenkunde der griechischen geschichte ist eine disciplin, die
etwa vor einem menschenalter erfunden ist und am bequemsten in dem
verbreiteten abrisse von A. Schaefer studirt wird. da stehn mehr oderQuellen-
kunde
weniger kümmerliche biographische und litterarische notizen über die
griechischen historiker bis ans ende des zweiten jahrhunderts v. Chr., also
Diodor und Plutarch fehlen, um dafür in der römischen quellenkunde zu
figuriren. wenn sie für die eine quellen sind, wieso sind sie’s für die
andere nicht? das buch trägt überhaupt sehr viel von der schuld, daſs
die studenten meinen, man lernte die griechische geschichte wesentlich
aus den historikern.
Gleichzeitig ist mit einem sehr starken aufwande von arbeit, zumeist
allerdings anfängerarbeit, der versuch gemacht, die späteren berichte auf
ihre quellen zurückzuführen. dabei ist einiges wertvolle ermittelt; es
hat sich aber nachgerade herausgestellt, daſs dieses quellensuchen ein
recht schwieriges geschäft der litterarischen analysis ist. die historische
analyse hat zwar für die zeit nach Polybios viele und gute ausbeute ge-
liefert; vorher verschwindend wenig. als das wichtigste methodisch wie
praktisch gleich bedeutsame ergebnis darf man verzeichnen, daſs die be-
deutung der antiken sammler und forscher immer klarer hervortritt. leute
wie Timaios Istros Hermippos Apollodoros Alexandros von Milet sind
ungleich kenntlicher geworden als Ephoros Theopompos Aristobulos.
ihre reste aber finden sich vornehmlich bei grammatikern und philo-
sophen, in scholien und lexicis, also in schriften, die unter den ge-
schichtsquellen nicht zu paradiren pflegen.
Die quellenkunde spottet ihrer selbst schon durch ihren namen.
was ist eine quelle? Schaefers abriſs antwortet: ein geschichtliches buch
aus der zeit vor Polybios. der quellensucher antwortet: die vorlagen
meines autors, einerlei wer er ist. es gibt quellen des Suidas und
1*
[4]II. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
quellen der Odyssee. o wenn sie doch griechisch dächten! πηγὴ oder
κϱήνη? wenn κϱήνη, dann ist auch Tzetzes eine quelle, wenn πηγή,
dann ist auch Ephoros keine. die litterarische forschung darf nicht so
vornehm sein wie Kallimachos der dichter (als forscher war er auch be-
scheidner), sie muſs ἀπὸ κϱήνης πίνειν, muſs sich um alle brunnen und
canäle und reservoirs kümmern. die historie dagegen prüft was sie
trinkt darauf, ob es πηγαῖον ὕδωϱ ist, αὐϑιγενές oder verschlämmt,
durch den filter geschmacklos geworden, von der sonne halbverdunstet.
auch die ὀλίγη λιβάς ist ihr genehm, wenn sie nur ἄκϱον ἄωτον
ist, und was nach der quelle schmeckt, das nimmt sie, einerlei wie ver-
mittelt.
Begriff der
quelleEin jeder historiker ist schon vermittler, auch wenn er Thukydides
heiſst. als quelle kann sein bericht nur gelten, so weit er zeuge ist;
sonst geht die geschichtliche forschung über ihn weg, auf seine zeugen.
die urkunden und die aussagen von zeugen, das sind erst quellen. ob
sie aber ihre aussagen mit der absicht gemacht haben, geschichtliche
kunde zu übermitteln, d. h. geschichte geschrieben, ist nebensache. was
unserer tagespresse entspricht, reden flugschriften komoedien, alle pri-
vaten documente vom pindarischen siegesliede bis zum schlichten grab-
stein haben auf die geltung als quellen viel mehr anspruch als die com-
pendien später zeit, die der allgemeinen bildung oder, was dasselbe ist,
der allgemeinen ignoranz dienen. eine quellenkunde, die von dem
richtigen begriffe der quelle ausgeht, tut der griechischen geschichte
allerdings not. erst durch sie erfährt sie, was sie überhaupt wissen
kann. sie erfährt sofort, daſs sie von vielen jahrhunderten aus den
quellen keine geschichte schreiben kann. wenn diese forderung gestellt
wird, dann sind die bekannten striche bei der Heraklidenwanderung
oder der ersten Olympiade oder dem jahre des Solon noch viel zu früh:
dann müssen wir uns eingestehn, daſs erst das jahr des Pythodoros, 432,
das anfangsjahr der griechischen geschichte ist. denn vater Herodotos
hat auch das mit vater Homer gemein, daſs seine geschichte absurd
wird, wenn man sie pragmatisirt. die Hellenen sind ein eigenes volk.
ihre geschichte scheint, je besser sie erkannt wird, desto später an-
zufangen, während im Orient die Babylonier, von den Assyrern ganz zu
schweigen, und die Aegypter mit ihren königslisten und den denksteinen
ihrer siege in fabelhafte fernen reichen. die könige der Ramessiden-
dynastie sind sogar leibhaft in ihren mumien vorhanden, so daſs man
ihre hohlen zähne zählen und ihre leibeslänge messen kann. aber der
körper ist tot, und die zahlen sind tot. leben hat allein die seele, und
[5]Begriff der quelle. sage.
die seele der hellenischen geschichte redet zu uns von den tagen Homers
und der homerischen helden an. individuelle menschenseelen sind für uns
erst dann kenntlich, wenn sie selbst noch zu uns von ihrem seelenleben
erzählen: die gibt es auf erden nicht vor Amos und Jesaja, Archilochos
und Solon. aber typische menschen, durch dichterkraft zur individua-
lität erhoben, sind schon Jakob und Moses, Agamemnon und Odysseus,
und die historie, die mit ihnen nichts anfangen kann, weil sie mythisch
sind oder geworden sind, ist die rechte schwester der encheiresis na-
turae, die ihrer selber spottet — mögen sie sich auch alle beide ein-
bilden, heut zu tage zu regieren.
Wenn die methode, aus den urkunden die wahrheit pragmatisch zu
ermitteln, für die alte zeit versagt und überhaupt nur so weit hinauf
berechtigt ist, als die zeiten selbst für eine pragmatische auffassung und
bewahrung des geschehenden reif waren, so muſs eine andere methode
gefunden werden, um in die ältere zeit vorzudringen, deren gedächtnis
in anderer weise erhalten ist. auch hier gilt es die quellen zu finden;
die quellen sind nur anderer art. zwar die steine, die der burgen und
tempel und vollends die beschriebenen, und die gräber sind in gleicher
weise unmittelbare zeugen, und es fehlt auch nicht an einzelnen men-
schen, die noch zu uns unmittelbar reden: die hauptquellen der alten
zeit sind die dichter. nur seine poesie hat den menschen Solon im
gedächtnis erhalten, und daſs dieser kenntlich ist, gibt auch die möglich-
keit, über sein politisches wirken zu urteilen: das hat Aristoteles be-
griffen. aber die überlieferung im ganzen ist anderer art, und ihr muſs
sich notgedrungen die historische methode anpassen. nur so erfahren
wir, was wir wissen können, nur so vermeiden wir die Charybdis, an
jedem wissen zu verzweifeln, weil wir der Skylla, pragmatische fabeln
weiter zu pragmatisiren, entgehn wollen. die quellenkunde für die ältere
zeit ist in wahrheit die einsicht in das werden und die geschichte der
historischen tradition.
Vieler jahrhunderte überlieferung ist nur in der sage niedergelegtSage
und als solche überliefert, sehr verschieden, je nachdem sie sich nur
local von mund zu mund fortpflanzte oder durch die gestaltungskraft
des dichters feste form und weitere verbreitung, dann aber auch ledig-
lich poetischen zwecken dienende umbildung erhielt. an realen persön-
lichkeiten fehlt es fast ganz, und so weit sie zu grunde liegen, verflüch-
tigt sich ihre leiblichkeit. dafür wird die summe einer geschichtlichen
entwickelung gezogen und in idealer umdichtung stilisirt. wenn auch
in der form einer erzählung erfahren wir mit zuverlässigkeit meist nur
[6]II. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
das ergebnis der ereignisse. dafür ist aber der sinn für das ganze und
groſse vorhanden. das epos ordnet die fülle der erscheinungen und er-
innerungen rückwärts schauend von dem was als resultat der geschichte
vorhanden ist unter groſse gedanken und stellt einen zusammenhang
her, der für die logik der zeit ein causalnexus und für die moral der
zeit die theodicee ist. das stemma, mit dem die Kataloge des Hesiodos
begannen, ist ein bedeutendes product von historisch weit und scharf
blickendem ordnendem urteil: für uns unmittelbar verständlich und un-
schätzbar als eine darstellung der völkerverhältnisse und des bewuſstseins
von stammesverwandtschaft und verschiedenheit im siebenten jahrhundert.
die von der poesie wenig umgestalteten sagen von den attischen königen
und die eponyme der γένη φϱατϱίαι φυλαί lehren schlechthin nichts
für personen und ereignisse; aber die institutionen und die geschicht-
lichen resultate reden in ihnen zu uns, und so sind sie eine ergiebigere
quelle als die urkundliche, in anderer art unschätzbare namenreihe der
chronik. es wird der moderne immer erst nach langer vertrautheit und
durch liebevolle hingabe erreichen, jenen geschlechtern nachzuempfinden,
die selbst ihre eigensten erlebnisse nur in dem reflexe schauen mochten,
den sie auf die heilige geschichte der lieben vorfahren warfen. lebendig
aber ist diese art zu empfinden in dem mutterlande von Hellas vieler
orten noch bis an das ende des fünften jahrhunderts geblieben, und in
den immer mehr schematischen und ausgeklügelten eponymen und wande-
rungen hat auch noch die späteste zeit sich ein surrogat der sage zu
schaffen versucht. wenn die herren der pindarischen gesellschaft es ver-
langen, daſs der sieg im faustkampfe, den einer der ihren erringt, mit
der geschichte der stammesheroen in unmittelbare beziehung oder doch
in parallele gesetzt werde, so ist ihnen und dem Pindaros das keine
leere fiction. dem Euripides war es schwerlich mehr, als er am schlusse
des Ion die hesiodische stammesgenealogie so umformte, daſs sie sich
den machtverhältnissen des attischen Reiches anpaſste: aber die Athener
waren nicht aufgeklärte sophisten wie er. es folgt hieraus, daſs die ge-
schichtliche ausnutzung der sagen vorab feststellen muſs, wie alt sie in
der form sind, die wir übermittelt erhalten, und daſs sie dann zunächst
nur für die zeit etwas lehren, der diese form angehört. alles weitere
ist ein rückschluſs, aufgebaut auf der kritik der aussagen, die jene be-
stimmte zeit durch die sage über ihre vergangenheit macht.
NovelleDer sage folgt ihre jüngere schwester, die novelle; beide aber re-
gieren eine weile nebeneinander, so daſs sich die grenzen ihrer reiche
häufig verwischen. die sage ist heilig und wahr oder will es doch sein.
[7]Novelle. das erwachen der subjectivität in Ionien.
ihre göttin ist die himmlische Muse, die tochter des Zeus, die später den
philosophen, Parmenides und Platon, die wahrheit verkündet. dagegen
die Muse der novelle ἴσκεν ψεύδεα πολλὰ λέγειν ἐτύμοισιν ὅμοια.
irdisch wie sie ist richtet sie ihren sinn auf das menschliche und zwar
auf die gegenwart, aber da sie die sage ablöst, zieht sie zunächst die
götter oder doch die lieben vorfahren in ihre kreise. aber sie hat später
sogar die historischen namen für ihre träger abgeworfen ohne an reiz
zu verlieren. sie verhält sich dann zur sage wie das menandrische lust-
spiel zu der athenischen tragoedie. auf daſs sie erstünde, muſste der
glaube der väter erschüttert und die freiheit der väter verloren sein.
so ist sie denn ein kind Ioniens aus der zeit der lydischen und per-
sischen fremdherrschaft, aber einmal aufgekommen wandert sie mit der
ionischen cultur hinüber in das mutterland. nun spiegeln sich die
Wikingerzüge und handelsfahrten der Milesier und Phokaeer nicht mehr
in den leiden der heimfahrenden Achaeer und dem zuge der Argo; man
erzählt vielmehr von Bias und Thales, Kroisos und Periandros, Solon
und Themistokles schöne geschichten: aber keineswegs um ihrer groſsen
taten willen und des erfolges, den diese für das vaterland hatten, sondern
um ihrer merkwürdigen schicksale und ihrer persönlichen tüchtigkeit
willen, der ἀϱετή, die bis auf Sokrates keinen moralischen inhalt hat.
geschichtlich lernen wir von der novelle direct kaum etwas, denn ihr
ist nie zu trauen; aber wenn wir ihre träger kennen, so wird der reflex
in der novelle auch ihr geschichtliches bild erhellen. wo das nicht der
fall ist, können wir kaum etwas besseres tun als uns vor dem truge
der zauberin hüten. zum entgelte gibt sie uns ein farbiges bild von dem
denken und empfinden, leben und treiben, wünschen und träumen einer
reichen zeit.
Sage und novelle sind autorlos. das heiſst nicht, daſs auf denDas er-
wachen der
subjectivität
in Ionien
dichter oder erzähler nichts ankäme, aber sie mischen ihre person nicht
ein und beanspruchen nicht als personen autorität. das ändert sich, als
in Ionien mit dem staate auch die andern autoritäten fielen, die der
menschen wildheit und trotz gebändigt hatten. in der tat, so wie die
alte gesellschaft gewesen war, im mutterlande um 500 noch zumeist war,
hiengen glaube und sitte, religion und staat, das materielle und das
geistige leben so unlösbar mit einander zusammen, daſs der einzelne
seinen festen halt hatte, aber auch festgehalten ward. das änderte sich
für den Ionier, als der staat zertrümmert war, und auf dem colonialen
boden war die gesammte cultur immer mehr als eine gemachte denn als
eine gewachsene empfunden worden. nun versagte die macht der auto-
[8]II. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
ritäten, und der mensch kam gar bald dahin, sich ohne bande, aber
auch ohne stütze zu fühlen. er war frei; aber er muſste sich nun die
grundlagen seines lebens selbst zimmern. daher sehen wir sie alle ihren
selbstgesetzten zielen rücksichtslos zustreben. der tyrann und der phi-
losoph, der fahrende spielmann und die hetäre treiben es ein jeder in
seiner weise, und die gesellschaft gestattet es ihnen allen. jeder wird
jeden rücksichtslos zur seite stoſsen, um sich selbst den weg zu bahnen,
aber wer zum ziele kommt, den werden alle bewundern. damals ist es
denn geschehn, so viel wir wissen, zum ersten male, daſs ein mensch
sein individuelles meinen über die geschichte seines volkes rücksichtslos
ausspricht, Hekataios von Miletos, ein mann der die welt gesehen und
dann am staatsleben tätigen anteil genommen hatte. uns erscheint seine
umformung der heldensage als altkluger rationalismus: in wahrheit ist
es der überschwang jugendlichster kritik1) und verdient als solcher wol
einen platz neben dem eifern des Xenophanes wider die mythen Homers.
wie er die zeitgeschichte behandelt hat, ob er es überhaupt ausführlicher
getan hat, ist unermittelt. eine wirkliche geschichtsschreibung konnte
bei den Ioniern nicht entstehen, weil sie keine geschichte erlebten.2)
Die befrei-
ungskriegeDie erlebten die Athener seit 510 und alle Hellenen, auf die etwas
ankommt, seit 480. die gewaltige erschütterung des kampfes um die
existenz und dann die errichtung des Reiches hat in wahrheit die geister
noch vielmehr als die leiber befreit. allein so unmittelbar konnte die
wirkung nicht sein, daſs die überlieferung dieser jahrzehnte eine wirk-
lich geschichtliche hätte werden können. sie trägt noch durchweg den
stempel von sage und novelle. daſs die erste noch lebendig war, wird
der glücklichen verbindung verdankt, daſs ein ernstes und frommes
volk ungeheure aufgaben zu lösen erhielt und zu lösen vermochte; es
[9]Die befreiungskriege. Herodotos.
liegt aber zum teil auch an der naivetät des volkes. die groſsväter der
Marathonsieger hatten noch die falsche Athena auf dem wagen des
Peisistratos angebetet, und das wunder oder vielmehr der glaube hat an
dem siege über die ungezählten barbaren einen starken anteil. die
Perser des Aischylos haben es vermocht, die geschichte der gegenwart
unmittelbar hinaufzuheben in die reine höhe der sage: das religiöse
festspiel erzählt uns die geschichte in seiner sprache. es ist für den
historiker der die seele der ereignisse sucht die beste quelle für die
schlacht von Salamis. man denke sich aber nur die figur des listen-
reichen mannes, der bei Aischylos im hintergrunde bleibt, in den mittel-
punkt gerückt, so wird die sage vom siege des freien Pallasvolkes zu
der novelle von Themistokles. dem entspricht die gesammte überlieferung
von der älteren geschichte Athens. der bericht über Marathon und über
den ersten aeginetischen krieg ist von der sage in das erhaben typische
stilisirt. auch in dem sturze der tyrannen spürt man das walten der
göttlichen gerechtigkeit wie in der tragoedie. weder Kleisthenes noch
Miltiades tragen individuelle züge. Solon und Peisistratos waren als
personen ganz verblaſst; erst die spätere forschung hat jenen auf grund
seiner gedichte, diesen durch die sorgfältige verfolgung bestimmter in-
dizien zu einer person gemacht. dagegen Themistokles ist der rechte
held für die novelle, die nicht müde wird, mit immer neuen stückchen
seine ἀϱετή zu illustriren. das hat oben eingehende erörterung ge-
funden (I s. 150), und ich habe gezeigt, wie verkehrt es ist, die Themistokles-
legende deshalb für historisch zu halten, weil Thukydides sie erzählt. die
Athener erzeugten in den zwei menschenaltern vor dem peloponnesischen
kriege tragoedie und komoedie: darin liegt, daſs sie für die pragmatische
historie noch nicht reif waren. die Athener machten in derselben zeit
aus ihrem ländchen, das kaum eine precäre selbständigkeit errungen
hatte, die herrin des aegeischen meeres und griffen nach der herrscher-
krone von Hellas: darin liegt, daſs sie noch keine zeit hatten, geschichte
zu schreiben. sie dachten an das morgen, erfreuten sich des heute: da
vergaſsen sie des gestern. blickten sie zurück in einem momente der
sammlung, so dankten sie gott für seine hilfe, oder erzählten sich ihre
oder ihrer führer heldentaten, wie es alte soldaten tun. die aristo-
phanischen helden und aristophanischen chorlieder geben die belege für
beides.
Aber Athen zog Ionien in seine kreise. dort waren die geistigen
vorbedingungen für die historie gegeben; es fehlte nur die geschichte.
die lieferte Athen: und so erstand das werk des Herodotos, so unver-Herodotos
[10]II. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
gleichlich aber auch so widerspruchsvoll wie die geschichtliche tradition
war und die weltanschauung des Ioniers sein muſste, der in Athen das
vaterland gefunden hatte. er selbst stammte aus einer stadt, die auf
karischem grunde von Dorern erbaut längst die überlegene ionische
cultur angenommen hatte; so war er losgelöst von dem was ihm als das
vorurteil und die beschränktheit eines an der scholle klebenden autoch-
thonentumes erscheinen mochte. er hatte die weite welt gesehen, durch-
aus frei von dem bornirten hochmut, der alles barbarisch findet was
nicht wie bei ihm zu hause ist, gleichermaſsen fähig die von keiner cultur
gebrochene elementare naturkraft bei den freien Skythen anzuerkennen,
wie im Perserreiche die überlegenheit einer älteren und reicheren
materiellen cultur. ihm imponirten die aegyptischen priester mächtig,
wenn sie ihm ihr Ἕλληνες ἀεὶ παῖδες entgegenriefen.3) aber die weite
seines umblickes hatte ihn den vorzug seines vaterlandes nur richtig
schätzen gelehrt. dies vaterland war das attische Reich, und sein vorzug
[11]Herodotos. Thukydides.
war die geistige und politische freiheit, ἰσονομίη, ἰσηγοϱίη. so hatte
die weltgeschichte einen inhalt, die entwickelung ein ziel: er überschaute
sie mit dem auge des tragischen dichters. der Ionier, der den glauben
der väter verloren hatte, hatte einen reineren glauben sich selbst er-
worben und den gott in der geschichte wiedergefunden. aber das war
sein gott. in seinem eigenen geiste lieſs er die zeiten sich bespiegeln
(was überhaupt erst den historiker macht). in sofern steht er dem
Hekataios und seinen sophistischen zeitgenossen ganz gleich. es ist
seine subjective erkundung, von der er rechenschaft ablegt, es ist ἱστοϱίη
im ionischen sinne noch viel mehr als historie in unserm. er ist kein
regestenfabrikant und kein chronikschreiber; er hält von der acten-
forschung nichts und traut den augen lieber als den ohren. die kritik,
deren er bei der verarbeitung von unzähligen erkundungen nicht ent-
raten kann, ist schlechterdings nichts als sein subjectives für wahr oder
wahrscheinlich halten. πάντων μέτϱον ἄνϑϱωπος, d. h. Ἡϱόδοτος,
gilt für ihn praktisch genau so wie theoretisch für Protagoras. dieser
Herodotos aber überkam hier eine anzahl sagen, dort novellen, hier ein
genealogisch-chronologisches gebäude, dort schaute er wunderbare denk-
male, zu denen man ihm die αἴτια berichtete. wie sollte er sich helfen?
was er erkundete, war eine unübersehbare menge von einzelnen ge-
schichten ohne ordnung, sich viel häufiger widersprechend als ergänzend.
wie sollte er sie bewältigen? was ihm das ordnende prinzip war, war
der gedanke, den er in der weltgeschichte fand: sein eigener νοῦς voll-
zog die διακόσμησις; ein anderer würde in einem chronologischen ge-
rüste oder einer logischen disposition ein objectives prinzip gesucht haben.
das einzelne aber beurteilt und verteilt er auch nach seinem subjectiven
ermessen, wo ihm denn bald die skepsis des rationellen Ioniers, bald
der zwillingsbruder des rationalismus, der aberglaube, in den nacken
schlägt. so ist sein buch, so bezaubernd es auf uns durch die naivetät
wirkt, die wir in ihm finden, im grunde durchaus nicht naiv gemeint,
sondern wird in allem durch seine individualität bedingt. er steht zu
der geschichte wie die groſsen physiker Ioniens zu der natur. auch sie
geben eine doppelte ἱστοϱίη, die objective darlegung des unendlich vielen
das sie erkundet haben, und die subjective antwort, die sie aus sich auf
die rätsel des lebens gefunden haben. vielleicht wagt jemand zu sagen,
das wäre eine sehr kindliche vorstufe zu der erhabenheit wahrer wissen-
schaftlichkeit, die heute zu tage regiere, seit die methode gefunden sei.
ich aber meine, mit aller methode haben wir es nicht weiter gebracht.
die wissenschaft als idee ist freilich weder in Hippokrates noch in
[12]II. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
Demokrit noch in Herodot incarnirt; aber auch in Aristoteles nicht, ge-
schweige denn in unser einem: wer aber nicht bloſs in dem stande des
famuli Wagner beharren will, der muſs sein subject in die schanze schlagen,
nicht bloſs auf die gefahr hin, sondern mit der sicheren zuversicht, im
drang nach wahrheit jämmerlich zu irren.
ThukydidesNoch ehe das buch des Herodotos erschien und doch durch dieses
angeregt faſste der junge Thukydides den plan, den entscheidungskampf
um die herrschaft in Hellas, der eben begann, darzustellen. der groſse
vorgänger hatte ihn gereizt, nicht es ihm nachzumachen, sondern es
anders zu machen. ihm schien die weltgeschichte erst recht anzufangen;
die herodoteische tragoedie erschien ihm als eine dichtung, gut genug für
die erweckung erbaulicher hochgefühle an einem festtage, aber nicht als
nahrung für den geist des handelnden mannes. über dem werke Hero-
dots lag der verklärende schimmer der poesie: Thukydides wollte das licht
und den schatten des tages festhalten. er vermeinte, daſs des groſsen
nicht eben sehr viel übrig bliebe, wenn man jenen schimmer durch
ruhige kritik der vergangenheit beseitigte: groſsartig dagegen erschien
ihm die cultur, die Athen besaſs und für die es stritt, deren sieg er
erwartete. er selbst war ein nachkomme von barbaren zugleich und von
Philaiden. weder der stolz des autochthonen noch der gegensatz gegen
die Alkmeoniden noch die furcht vor tyrannen und Medern hat ihm
irgendwie den blick getrübt. er fühlte sich als der moderne mensch
einer neuen groſsen welt. weder die novelle noch die sage wollte er
gelten lassen. weder die götter noch die individuen, sondern die poli-
tischen mächte sah er auf erden regieren, und ihre kämpfe wollte er
beobachten und erzählen, minder um ihrer absoluten bedeutung willen,
als zu nutz und frommen der künftigen politiker. das attische Reich war
auch notwendig gewesen, damit Herodotos schriebe; aber er sah in
ihm den abschluſs der geschichte. für Thukydides war seine existenz die
voraussetzung, denn politische geschichtsschreibung setzt einen wirk-
lichen staat mit groſsem politischem leben voraus. Thukydides faſste
den plan zu seinem geschichtswerke, während er sich anschickte in die
politische laufbahn einzutreten. Herodotos gehörte zu den anhängern
des ϑεωϱητικὸς βίος. daſs ein junger reicher Athener der herrschenden
gesellschaft 432 die zeitgeschichte hat schreiben wollen, verdient in
wahrheit sehr viel gröſsere bewunderung als die ausführung dieses planes,
die der durch sein politisches geschick in den ϑεωϱητικὸς βίος hinab-
gestoſsene nach 404 einigermaſsen geleistet hat. erst die unfreiwillige
muſse hat ihn dazu getrieben, mit den mitteln der neuen rhetorik ein
[13]Thukydides. stimmung nach dem falle des Reiches.
stilistisches kunstwerk liefern zu wollen, und so ist er in die gesellschaft
der kunstprosaiker geraten: nicht bloſs der historiker würde ungleich
reineren genuſs von dem werke haben, wenn es fertig geworden wäre,
wie es begonnen war, in der ächten attischen rede des politischen lebens.
nur so weit es das programm von 432 erfüllt, ist es dem werke des
Herodotos ebenbürtig, denn nur so weit steht es wie dieses einzig da;
stilistisch war es eigentlich schon veraltet, als es erschien. einzig aber
musste es bleiben, weil die voraussetzung des politischen geschichts-
werkes, der groſse staat, nicht mehr vorhanden war. eben deshalb
hat kein griechischer staatsmann mehr geschichte geschrieben, mehr
als ein jahrhundert lang. erst Hieronymos mag allenfalls verglichen
werden.4)
Das menschenalter der kämpfe, deren ergebnis die zertrümmerungStimmung
nach dem
falle des
Reiches
des nationalen staates war, hatte in dem ringen der parteien auch die
historische schriftstellerei zu einer waffe geschmiedet; es konnte auch
nicht ausbleiben, daſs die scham und der zorn über den sturz des reiches
und andererseits die sehnsucht und die klage um das verlorene die
schriftstellerisch so unglaublich regsame zeit auf die geschichte des
groſsen jahrhunderts hinführte. diese litteratur mit ihren flugschriften
über die helden der guten alten zeit und die bösen demagogen, die das
unheil gebracht, mit ihren epitaphien und panegyriken ist in anderem
zusammenhange (I cap. 6) besprochen.
Man hatte das gefühl, unter trümmern zu wohnen, und niemand
eigentlich war davon befriedigt, daſs die staaten in den alten formen weiter
wirtschafteten. dennoch gelang eine reform oder revolution in Sparta und
Korinth so wenig wie in Athen. alle besseren stimmten in der negation
des bestehenden überein, nur fand sich nirgend auch nur ein realisirbares
programm für einen neubau. weithin durch das volk gieng das gefühl,
o daſs doch ein könig käme; aber dieses gefühl war von einer messia-
nischen unbestimmtheit, mochten auch die litteraten bald nach Persien,
bald nach Syrakus lugen. Persiens schwäche war durch den zug der
Kyreer an den tag gekommen, und der diplomatische erfolg des königs-
friedens konnte diesen eindruck nicht verwischen. deshalb borgte man
von dort nur die romanfigur des alten Kyros. historische einkleidungen
[14]II. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
für die gebilde der speculation wurden überhaupt mode.5) gar nicht
unwitzig zeichnete Isokrates einen solchen utopischen könig in dem stil-
gemäſs umgebildeten Buseiris, der immer ein mehr scurriler als schreck-
licher Oger gewesen war. aber derselbe Isokrates hatte noch mehr er-
folg, als er mit patriotisch ernster miene ein bild des demokraten-
königs Theseus entwarf. das complement der sehnsucht nach einem
weltenherrscher ist die verleugnung von staat und gesellschaft, die beide
dem Hellenen auf die würde des freien zum gehorchen und gebieten gleich
geschickten mannes gegründet schienen. das neue evangelium, daſs der
mensch erst frei und glücklich würde, wenn er wie der hund lebte,
ward mit litterarisch nicht geringem erfolge verkündet; wenn die menge
von den extremsten ausschreitungen am meisten gepackt ward, so ge-
wann der egoistische oder auch der philanthropische individualismus bei
den gebildeten sehr viel terrain. aber diese negation des staates kann
sich der einzelne in wahrheit nur erlauben, so lange trotz ihm die ge-
sellschaft und der staat weiter existiren und ihm die ruhige existenz
sichern, auf daſs er sie negiere. Platon, gleich erhaben über die kümmer-
lichen staatswesen der gegenwart wie über den schweine-6) und den
hundestaat, auch den herden- oder militärstaat der speculation, scheute
sich doch nicht vor den äuſsersten consequenzen, als er von einem be-
griffe aus, dem der gerechtigkeit, den menschen als politisches wesen
und den staat construirte. er scheute auch vor dem gedanken nicht
zurück, selbst mit dem gewaltmittel der tyrannis die welt zu der besten oder
bestmöglichen gesellschaftsordnung, zu tugend und glück zu zwingen. er
wagte sich auch an den litterarischen versuch, die summe der weltgeschichte
[15]Stimmung nach dem falle des Reiches. die Isokrateer.
in einem epos von dem kampfe der kinder gottes mit den söhnen des
fürsten dieser welt zu ziehen. der troische und der medische krieg, an
denen er seine phantasie genährt hatte, sollte in diesem potenzirten
idealbilde zugleich mit den heiligen sagen seiner heimat verschmolzen
werden. das war ein unterfangen, dem selbst dieser dichter nicht ge-
wachsen war, der doch das epos der weltschöpfung als ersatz einer be-
schreibung des kosmos vollendet hat.
Eine solche zeit der speculation über die voraussetzungen des staat-Die
Isokrateer
lichen lebens, die sich ganz und gar in das utopische verlor, war der
politischen geschichtsschreibung ihrer natur nach abgewandt. es ist
auch kein auch nur leidliches geschichtswerk über die zeitgeschichte in
den beiden nächsten menschenaltern nach dem falle des Reiches ge-
schrieben.7) aber die dichtung mag wol die historie übertreffen: ersetzen
kann sie sie nimmermehr. und die phrasen der sophistik befrie-
digten auf die dauer selbst die bedürfnisse des immer stoffhungrigen
publicums nicht. so werden die führer der Sokratik eben so gut wie
die sophisten von selbst auf die geschichte und die geschichtsschreibung
hingewiesen. Platon und Isokrates lassen beide zumal in ihren späteren
werken erkennen, daſs sie über unverächtliche geschichtliche kenntnisse
verfügen. der sophist hat seinen bedeutendsten schülern die historio-
graphie, weltgeschichte und zeitgeschichte, zur aufgabe gestellt; aus
Platons schule ist der verfasser der Politien hervorgegangen. das sind
leistungen, die mit nichten von einander abhängen, sondern den gegen-
satz der lehrer fortsetzen.
Theopompos von Chios hat von seinem rhetorischen lehrer nur die
form entlehnt, mit der er sich getraute sowol Herodotos wie Thukydides
wie Platon zu überwinden. er war sophist geworden, weil er sein vater-
land verloren hatte und benutzte seine kunst mit erfolg dazu eine ein-
[16]II. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
fluſsreiche rolle zu spielen, um heimzukehren und politisch tätig zu werden.
darum suchte und pflegte er den verkehr mit den königen und gewann
ein entschiedenes politisches urteil. es hat sich gezeigt, daſs er die po-
litischen parteischriften Athens genau wie Aristoteles auszunutzen ver-
stand (oben I s. 135). mit den philosophischen richtungen seiner zeit
hatte er so viel fühlung, daſs er das persönlich moralische in der
schilderung und beurteilung der personen in den vordergrund rückte,
bei allerhand merkwürdigen erscheinungen auch der natur gern ver-
weilte und seine allgemeinen speculationen in der form von phantasti-
schen märchen vortrug. aber eine entschiedene politische tendenz und
eine energische individualität lassen ihn als einen stern von eigenem
lichte erscheinen.8) er ist ein mann, der ganz seiner eigenen zeit gehört
und uns deshalb schon fast hellenistisch erscheint.
Ephoros von Kyme dagegen ist nichts als litterat und hat das
zweifelhafte verdienst die weltgeschichte als das würdigste object epideik-
tischer beredsamkeit behandelt zu haben, also der vater jener auf-
fassung zu sein, die uns von Cicero und Livius her geläufig ist und den
begriff der geschichte eigentlich denaturirt. denn es gehört dazu der
patriotismus der panegyriken, der pragmatismus der allgemeinen bil-
dung und die moral des zu beiden gehörigen bildungsphilisters. wie
verschieden der inhalt jenes patriotismus auch scheinen mag, wie stark
sich der ballast des toten wissens vermehrt und die moralische
terminologie geändert hat: der bildungsphilister ist ganz derselbe ge-
blieben, und deshalb grassirt die ephorische historiographie. es ist die
zur zeit in Deutschland approbirte geisttötende und seelenvergiftende
‘geschichte’ mit zugehöriger ‘geographie’, die in naiver schamlosigkeit
ihre tendenz eingesteht, gesinnungstüchtigkeit und bildung zu züchten,
und streber oder socialdemokraten erzieht. die persönlichkeit des Ephoros
ist gleichgiltig; auf sein urteil kommt nichts an: aber der stoff, den
[17]Die Isokrateer. die locale tradition.
wir ihm danken, ist recht beträchtlich, und mühe hat er sich wirklich
gegeben. diese anerkennung müssen wir ihm zollen. sein dickleibiges
buch ist ein reservoir für die wertvollste ältere überlieferung geworden;
eben darin ist die analogie zu den peripatetischen sammelarbeiten un-
verkennbar. sie verhalten sich in ihrem werte zu einander wie Platon
und Isokrates, wissenschaft und sophistik; der geist in ihnen ist also
ein sehr verschiedener. aber darin stehen sie einander gleich, daſs keine
forschung im eigentlichen sinne darin ist. folglich setzt ihre zusammen-
fassende tätigkeit mit zwingender notwendigkeit eine bedeutende litteratur
voraus, die ihnen den stoff zur verfügung stellte.
Auf diese litteratur kommt es mir an, die hinter Ephoros und Ari-Die locale
tradition
stoteles steht, ganz in demselben verhältnis, wie es an der Atthis für
den gröſsten teil der athenischen Politie nachgewiesen ist. diese litte-
ratur kann aber meistens nur durch die qualität der berichte erkannt
werden, und es kommt auch viel mehr auf die anerkennung vieler lo-
caler überlieferungen an als auf die restitution bestimmter schriftwerke
oder schriftsteller. gewiſs freuen wir uns, wenn auch dieses einmal ge-
lingt, aber die aussicht ist gering. es stehen zwar eine anzahl schrift-
stellernamen zur verfügung, mehr fast aus dem fünften jahrhundert als aus
dem vierten. aber die zeit von nicht wenigen ist unsicher, und die
tradition selbst darf keinesweges nach der person oder zeit des zufällig
benannten gewährsmannes abgeschätzt werden. die quellenkunde, die
von den namen der schriftsteller ausgeht, ist genau so unfruchtbar wie
die forschung nach dem alten epos, die bis vor wenig jahren die trockenen
knochen Lesches und Arktinos benagte statt die heldensagen zu ver-
folgen. es gilt also die locale überlieferung aufzusuchen und vorab
anzuerkennen, daſs diese vieler orten vor Ephoros und Aristoteles bereits
einen litterarischen niederschlag gefunden hat. und wahrlich, wie hätte
es anders sein sollen, als daſs eine litterarisch so regsame zeit das vor-
handene material an geschichtlicher tradition ausgenutzt hätte? in weiten
kreisen mochte das minder interessiren; zu hause freute sich doch das
volk an der aufzeichnung seiner eigenen geschichte. wer bezweifelt,
daſs jedes hellenische gemeinwesen ein reiches beet von sagen und
novellen war? jahrhunderte lang hatten ihrer nur die einwohner selbst
gewartet, ab und an ein dichter eine blüte gebrochen oder einige
stauden in den groſsen garten des epos, später auch des dramas ver-
pflanzt: jetzt war die zeit der prosaischen litteratur gekommen, und
gerade weil die hohe poesie verstummte, muſste die bequeme form der
localgeschichte sich des bunten stoffes bemächtigen. gewiſs werden viele
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 2
[18]I. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
werke geringe litterarische verdienste besessen haben; aber wenn wir
z. b. die milesischen geschichten des Maiandrios oder die naxischen des
Aglaosthenes lesen könnten, so würden wir schwerlich den aesthetischen
genuſs vermissen. notwendiger weise hatten diese localen erzeugnisse
eine sehr geringe lebenskraft als einzelnes litterarisches product: das
epos hatte sich ja auch lange zeit fortwährend umgestaltet. so ver-
drängte auch hier die spätere bearbeitung bald ihre eigene vorlage, und
als die sammelwerke erschienen, taten sie ihnen wieder abbruch. der
proceſs der aufzeichnung und sammlung ist auch an verschiedenen orten
zu verschiedener zeit geschehen; die stilisirten geschichtswerke machen
dieser litteratur so wenig ein ende, wie Aristoteles und Ephoros die
Atthiden beseitigen. gar manches ortes überlieferungen mögen zuerst
oder maſsgebend erst im dritten jahrhundert aufgezeichnet sein: das
ändert nicht viel an dem allgemeinen bilde und an dem charakter dieser
gattung von nachrichten.
Sie selbst sind so verschiedener art, wie ihre natur mit sich bringt.
was wir vernehmen, ist die localtradition, wie sie in den einzelnen orten
im vierten jahrhundert vorhanden war; setzen wir einmal diese zeit,
obwol wir an manchen orten hoch hinauf darüber emporsteigen, manch-
mal bis in das dritte sinken; ich möchte selbst späteres nicht überall
ausschlieſsen. in dieser localtradition steckt sehr viel sage, steckt novelle;
das also ist in dem sinne auszunutzen, wie oben kurz ausgeführt.
daneben aber ist eine groſse menge antiquarischer tatsachen vorhanden,
culte und riten, staatliche organisationen, überlieferung von geschlechtern
und örtlichkeiten, orakel, volksgebräuche, sprüchwörter und lieder.9)
diese führen zu den urkunden über, deren es in wahrheit (unsere
eigenen funde lehren es) sehr viel mehr gab als ausgenutzt worden
sind, und endlich, was das wichtigste ist, es fehlte an vielen orten keines-
weges an chroniken oder chronikartigen aufzeichnungen. hartnäckig
[19]Die locale tradition. Hellanikos.
sträuben sich die historiker dagegen, obwol die titel ὧϱοι in vielen ioni-
schen und aeolischen orten, ἱέϱειαι Ἥϱας, Ὀλυμπιονῖκαι, Καϱνεοινῖκαι
ganz unzweideutig sind. dafür gefällt sich die quellenkunde darin, den
durch ein längst durchschautes misverständnis aufgebrachten namen
logographen gedankenlos weiter zu geben, oder mit dem hintergedanken,
daſs es mit der überlieferung durch diese leute nicht viel mehr auf sich
hätte als mit den fabeln des λογοποιός Aesop. die dumme fabel von
den logographen ist so entstanden, daſs die ungerechte und unfreund-
liche wendung des Thukydides gegen Herodotos zum glaubensartikel
gemacht und der name logograph auf die schriftsteller übertragen ward,
die Dionysios von Halikarnass, ohne sie zu kennen, vor Herodotos rückt.
λογοποιός oder λογογϱάφοι heiſst erzähler in prosa, und Hekataios
Herodot und Thukydides sind λογογϱάφοι so gut wie wir. die ionische
schriftstellerei ist den litteraten der späteren hellenistischen zeit fast
durchweg vorattisch erschienen, weil sie einen archaischeren eindruck
machte als die attische kunstprosa. dafür liefert die hippokratische
sammlung den beweis noch jetzt. es ist also auf jene zeitansätze wenig
verlaſs: gerade Hellanikos lehrt das, den die modernen meistens als logo-
graphen mit an erster stelle führen, und der in wahrheit seine hohe
bedeutung gerade darin hat, daſs er viel eher mit Ephoros und Ari-
stoteles verglichen werden muſs als mit den epichorischen autoren oder
den beiden groſsen λογογϱάφοι Herodotos und Thukydides.
Hellanikos ist von diesen schon dadurch verschieden, daſs er vieleHellanikos
bücher über viele gegenstände verfertigt, ferner daſs er als der rechte
antipode Herodots an dem fremden materiale klebt, das er verarbeitet,
den chroniken seiner heimat, von Argos, von Athen, der siegerliste der
lakonischen Karneen. obwol er kein festes chronologisches system überall
durchgeführt hat, hat er doch nach synchronismen gestrebt und wirklich
die grundlage der zeitrechnung gegeben: wir sind nun wol ziemlich alle
der ansicht, daſs Thukydides ihm die ansätze der boeotischen und hera-
klidischen wanderung entlehnt hat. mit ihm hat sich Ephoros denn
auch ganz besonders auseinander gesetzt. natürlich hat er auch volks-
tümliche novellistische erzählungen mitgeteilt, muſste sehr viel die für
ihn bedeutendste geschichte, die wir heroensage nennen, wiedergeben
und dabei zur ausgleichung am gewaltsamsten verfahren, aber er war
mehr ein compilator als ein λογοποιός, wie er denn auch den Hero-
dotos beträchtlich ausgenutzt hat.10) Thukydides däuchte sich schrift-
2*
[20]I. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
stellerisch mit fug und recht weit über ihn erhaben; aber er hat ihn
doch benutzt. er ist allerdings ein eckstein für die geschichte der
tradition. denn wenn in dem letzten viertel des fünften jahrhunderts
ein solcher compilator auftreten konnte, der chroniken des festlandes
herausgibt oder schreibt, so bezeugt er einmal direct die existenz dieser
chroniken, indirect aber, daſs die ihm viel näher liegenden ionischen
ὧϱοι bereits edirt waren, wie ja auch überliefert ist. es versteht sich
ganz von selbst, daſs genau wie wir die prosaische erzählung an die
stelle des epos überall treten sehen, so auch die gründungssagen der
ionischen städte in prosaischen büchern umlaufen muſsten11), und es ist
sehr bezeichnend, daſs selbst die autornamen zum teil von den epen
auf die prosaischen κτίσεις und ὧϱοι übergehn.12)
Die weisheitslehrer des fünften jahrhunderts zogen herum, traten
auf und erklärten sich bereit auf alles rede zu stehn. wie sollte es
ausbleiben, daſs ihnen historische fragen, über die herkunft und das
alter der städte und geschlechter, die bedeutung von namen und monu-
menten gestellt wurden? mochten sie sich oft mit autoschediasmen
helfen oder die kenntnis Homers und anderer anerkannter dichter ge-
Hippiasschickt benutzen: sie brauchten doch eine gewisse geschichtliche kennt-
nis. so sehen wir denn einen von ihnen, Hippias von Elis, auch in
der altertumskunde erfahren (Hipp. I 285d), der name ἀϱχαιολογία fällt
hier zuerst. und derselbe Hippias hat die olympische chronik zuerst ver-
öffentlicht. so fühlt und befriedigt selbst die modernste bildung das be-
dürfnis geschichtlicher studien.
Doch die forschung nach büchern und autoren ist endlos und ziem-
lich unergiebig: nützlich aber wird ein umblick über Hellas sein, zu
zeigen, wo eine solche ἀϱχαιολογία nachweisbar scheint, wo die historie
constatiren oder vermuten kann, daſs eine quelle auch für uns noch
wasser gespendet hat. dabei wird mein auge immer auch auf die aristo-
telischen Politien gerichtet sein, deren kümmerliche reste durch das
licht, das von dem nunmehr vorliegenden ersten buche auf sie fällt,
beträchtlich verständlicher geworden sind.
Die Atthis ist oben (I 8) eingehender behandelt. litterarische dar-
stellung hat sie erst erhalten, als die attische sprache vollkommen aus-
gebildet war. nicht viel später hat Megara in Dieuchidas, dann in HereasMegara
eine sehr bedeutende leistung der art auf den markt gebracht, reich an wirk-
lich geschichtlicher überlieferung, kostbarer antiquarischer belehrung
aus localsagen und legenden, und getragen von einer kräftigen politischen
tendenz.
Für die allgemeine geschichte ist Euboia ganz besonders wichtig;Euboia
eine gröſsere anzahl von schriftstellernamen sind bekannt, und ent-
sprechend der colonisatorischen bedeutung von Chalkis wächst sich die
localgeschichte zu büchern aus, die man κτίσεις oder πεϱὶ πόλεων
nennt.13) die pflanzstädte der Chalkidike gehören naturgemäſs mit der
mutterstadt zusammen; aber auch das benachbarte Keos dürfte hinzu-
gerechnet werden können, da Aristoteles recht viel über die insel weiſs,
und mir wenigstens kein keischer localschriftsteller bekannt ist. ob es
eine chronik gegeben hat, die feste zeitangaben in alte zeit hinauf ge-
stattete, mag fraglich sein. aber artige verschen14) und alte documente15)
sind sogar für uns noch nachweisbar.
Dagegen ist in Boeotien Phokis Lokris, in Thessalien und selbstver-Nord-
griechen-
land
ständlich bei den wilden stämmen der berge und des westens16), so
12)
[22]I. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
reich die mythen sind, nirgend auch nur eine spur einer älteren ge-
schichtlichen überlieferung. auch die specialschriften, wie Kineas und
Suidas über Thessalien, Aristophanes und Krates die Boeoter, sind
schwerlich älter als das dritte jahrhundert. und Delphi, das dem Herodotos
so reiches material geliefert hatte, dessen Pythioniken Aristoteles selbst
bearbeitete, ist bis in die spätere hellenistische zeit illitterat geblieben.
ArgosIm Peloponnes erweist sich Argos durch die Herapriesterinnen und
eine groſse zahl von chroniken in versen und prosa als die alte capi-
tale; die übrigen orte der Argolis dürften von ihm abhängen, nur
Trozen hat eine reichere antiquarische und genealogische tradition. daſs
die bedeutung des Asklepios von Epidauros verhältnismäſsig jung ist,
haben die ausgrabungen gelehrt. immerhin besaſs selbst ein minder
bedeutendes heiligtum wie das des Poseidon von Kalaureia eine so
wichtige urkunde wie die von Ephoros (Strab. 374) benutzte, die unsere
geschichte zur zeit noch ganz unvermögend ist zeitlich einzuordnen.
ArkadienArkadien ist ganz barbarisch bis auf die hochebene des ostens.
doch hier hütete Tegea in seinem reichen tempel einen schatz von ur-
kunden und traditionen; das früh demokratisirte Mantineia kam vielleicht
mehr noch für νόμοι als für die πολιτεία in betracht. Aristoteles
konnte tegeatische urkunden bereits benutzen (Plut. qu. Gr. 5)17), auch
machen die reste der tegeatischen schriftsteller Ariaithos (oder Araithos)
und Aristippos oder wenigstens der erste den eindruck des alters.18)
ElisElis besaſs, seit es Olympias herr und durch seine bauerndemo-
kratie zu macht gelangt war, eine groſse bedeutung und auffallend
starke geistige regsamkeit. seit Hippias die festchronik, die höher als
jede andere hinaufreichte, zuerst bearbeitet hat, gibt es eine so groſse
zahl von schriftstellern wie kaum über eine andere landschaft.19) und
16)
[23]Elis. Korinth.
durch die urkunden des tempels muſste Olympia für alle Hellenen,
insbesondere die Peloponnesier, eine schatzkammer der wertvollsten über-
lieferung sein, aus der nur leider zu wenig auf uns gerettet ist. die
chronik der Olympioniken, die Timaios mit recht zur controlle der
städtischen jahrzählungen heranzog, empfahl sich, weil sie überhaupt eine
zählung statt einer benennung der jahre ermöglichte, und darum hat
sie Eratosthenes befolgt. im übrigen hat diese einführung einer rech-
nung, die strenggenommen statt des jahres das quadriennium als einheit
einführt, die chronologie mehr verwirrt als vereinfacht.20)
Eine ähnliche festchronik, des dortigen Pythions und dem entsprechendSikyon
wesentlich musischen inhaltes, besaſs Sikyon, und sie ist schon vor Ari-
stoteles publicirt. die wenn auch erst bei späteren erhaltene königsliste
zeigt, daſs eine wirkliche chronik mit ihr verbunden war. aber von der
reichen novellistischen überlieferung, die Herodotos wiedergibt, scheint
nichts weiter aufgezeichnet worden zu sein.
Auch für Korinth bezeugen die listen der könige, die stemmata derKorinth
Bakchiaden, treffliche daten von koloniegründungen, herrschaftszahlen
der Kypseliden, eine reiche alte tradition, und an Periandros und seine
familie hat sich eine fülle von novellen ganz den ionischen vergleichbar
angesetzt. nachdrücklich hat Aristoteles (im auszuge des Herakleides)
das andenken des Periandros wider die fabeln von dem tyrannen, die
Herodotos gibt, in schutz genommen, und wir werden ihm zu glauben
verpflichtet sein.21) aber dieser fülle, die der bedeutung Korinths, wie
sie die kunstwerke des sechsten jahrhunderts lehren, entspricht, steht
das fehlen jeder korinthischen schrift aus den jahrhunderten 5—3 schroff
gegenüber.22) es war eine reiche groſse stadt der krämer und der huren.
[24]I. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
οὐ παντὸς ἀνδϱὸς εἰς Κόϱινϑόν ἐσϑ̕ ὁ πλοῦς: Aristippos geht dahin
zu Lais, und Diogenes. natürlich: der Kapuziner gehört in die stadt der
sünde. Byzantion und Tarent, auch dorische handelsstädte, zeigen das-
selbe abstoſsende gesicht. wir wissen denn auch so gut wie nichts über
die spätere korinthische geschichte.
SpartaÜber Sparta würde sich um 400 ein sehr schönes buch haben
schreiben lassen; die liste der ephoren war seit der mitte des achten
jahrhunderts aufgezeichnet, und daſs sie bloſs aus den nakten namen
bestanden hätte, wird nicht leicht jemand probabel machen. alte ur-
kunden fehlten nicht, wie die rhetra beweist23), eine reiche epichorische
poesie war erhalten, der cultus und die sitten selbst zeugten von der
ältesten zeit. aber, wie Thukydides klagt, wollten die herren des ver-
knöcherten adelsstaates das spartanische prestige durch das tiefste ge-
heimnis erhalten. Herodotos hat nur wenig in Pitane erfahren; dem
Hellanikos überlieſs man die liste der Karneensieger24), sonst ist auch er
kärglich abgespeist. man spürt es in den lücken der spartiatischen
geschichte nur zu deutlich, daſs der adel das licht, das er selbst zu
scheuen grund hatte, auch seinen würdigeren ahnen entzogen hat. dafür
trat seit 400 die polemische litteratur der pamphlete ein, die für und
wider die oligarchie geschrieben wurden: das ist die quelle für unsere
kenntnis der spartiatischen verfassung, und sie war es schon für Ephoros
[25]Sparta. Kreta.
und Aristoteles.25) es ist bezeichnender weise hier wirklich fast nur die
πολιτεία, um die sich alles dreht, von der geschichte erfahren wir kaum
etwas: denn Lykurgos und Theopompos kommen eben für die verfassung
in betracht. erst im dritten jahrhundert hat Sosibios26) seines vater-
landes altertümer in sehr dankenswerter weise erläutert und auch die
geschichte zu ordnen versucht. aber die fehlende geschichtliche über-
lieferung vermochte der gelehrte sammler nicht mehr zu ergänzen. ich
wenigstens betrachte selbst die königsliste als ein unzuverläſsiges ge-
mächte auf grund der herodoteischen genealogien.
Noch sehr viel mehr als Sparta hatte Kreta die fühlung mit derKreta
hellenischen cultur verloren. die insel, welche weder das attische Reich
noch die lakonische vorherrschaft in ihre kreise gezogen hatten, war von
der tyrannis und der demokratie, von der ionischen und sicilischen auf-
klärung verschont geblieben; Platon wuſste, daſs die Kreter noch um 360
den Homer kaum kannten. sie hatten aber auch keine eigene poesie,
wenigstens keine, die den Hellenen bekannt oder verständlich war.27) man
[26]I. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
möchte wol den forschungsreisenden kennen, der einmal dorthin gezogen
ist und von den halbbarbaren gastlich aufgenommen28) in den sitten und
der gesellschaftsordnung zustände fand, die er sich berechtigt hielt für
das originale Dorertum zu halten. mit ächt hellenischer beobachtungs-
gabe hat er geschildert was er mit eben so ächter auffaſsungsgabe
beobachtet hatte, und sein werk hat dem greisen Platon die anregung
zu der fiction seiner Gesetze gegeben und dann dem Ephoros und Ari-
stoteles das material zu ihren schilderungen geliefert. ich rede von einem
berichterstatter, da die nachrichten, so weit sie die kretischen zustände
angehn, einen einheitlichen eindruck machen, mag es auch mehrere
darstellungen gegeben haben, den Atthiden analog.29) kretische ge-
schichte konnte jener mann freilich nicht geben30), und als die Ptole-
maeer Kreta mit gewalt aus seiner vereinzelung aufrüttelten, sahen sich
die nun erstehenden kretischen localhistoriker, Dosiadas und andere,
genötigt die lücke mit mythischen fabeleien zu füllen, denn selbst helden-
sage wuſsten sie nicht zu finden. die insel aber gieng von der archaischen
naiven barbarei unheimlich schnell in die abscheulichste culturbarbarei
über. ihre wirkliche bedeutung liegt nur in der zeit des Minos.
Die
dorischen
inselnDie kleinen dorischen inseln Kythera Melos31) Thera Anaphe32)
[27]Die dorischen inseln. Groſsgriechenland.
Astypalaia haben weder eine originale noch eine nachgewachsene chronik
und stellen sich so von selbst unter die kleinsten ionischen eilande,
Ikos Leros Sikinos. Aigina war zu Pindars zeit die blühendste stätte
der archaischen cultur; damals war für prosaische schriftstellerei noch
nicht die zeit. dann aber zerstörte Athen die gefährliche rivalin, und
die herstellung des staates 403 ist nicht im stande gewesen, ihn lebens-
fähig zu machen. die geschlechter, auf denen er beruhte, waren zer-
schlagen und zerstreut.33) die groſsen dorischen inseln an der karischen
und lykischen küste sind geistig ionisirt; aber wie für ihre politische
so auch für ihre geistige bedeutung war die centralisation die not-
wendige vorbedingung, die 411 die stadt Rhodos, 366 die stadt Kos schuf.
erst beträchtlich später hat die gelehrsamkeit den reichtum von antiqua-
rischen altertümern, der in den älteren orten erhalten war, erschlossen:
eine höher hinauf reichende geschichtliche uberlieferung hat es nicht
gegeben.34)
Auch das dorische Kyrene hätte wol eine localgeschichte habenKyrene
können, hat sie aber nicht erzeugt.35)
Sicilien und Italien nehmen wie in allem auch in der historischenGroſs-
griechen-
land
tradition eine sonderstellung ein. so kurz nach dem tode des Herodotos,
daſs er ihn nicht mehr benutzt haben kann, schreibt Antiochos von
Syrakus nicht etwa bloſs die chronik seiner heimat, sondern die archaeo-
32)
[28]I. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
logie des neuen Hellas. er stammt aus der stadt, die von allen dorischen
allein die heimische mundart in poesie und prosa ausgebildet hat, und
doch schreibt er ionisch. in Westhellas sind eben die träger der geistigen
cultur die chalkidischen städte, und wer die fülle der überlieferung über-
schaut, wird nicht bezweifeln, daſs chalkidische chronisten dem Antiochos
die anregung gegeben haben, mögen sie auch für uns verschollen sein.36)
die ionischen städte sind im westen gerade während des fünften jahr-
hunderts erdrückt worden, aber sie haben von ihrem geiste den Achaeern
und Dorern, ja auch den Italikern mitgeteilt. Sybaris, achaeisch der
race nach, aber mit Milet eng durch freundschaft verbunden, ist
schon im sechsten jahrhundert zerstört, und doch kennt schon das
fünfte sybaritische geschichten als litteraturgattung. im westen, wohin
das epos nicht mehr gedrungen ist, hat sich die prosaerzählung früher
und stärker ausgebildet, und welche fülle von novellenfiguren tritt
uns hier entgegen, Euthymos und Milon, Smindyrides und Amyris,
Pythagoras und Empedokles, Phalaris und Malakos. deutlicher als
irgend wo sonst sehen wir die mythischen gründungssagen, voll von
geschichtlicher erinnerung, und die urkundlichen daten neben einander
liegen. das ist direct freilich zumeist timaeisches gut, aber der gelehrte
sammler fuſst auf älterer litteratur und beweist am besten, daſs die zeit
der aufzeichnung für das alter der überlieferung ein unzureichendes
kriterium ist. Aristoteles hat über den westen begreiflicher weise nicht
viel gegeben37), und wir hören davon wesentlich durch die erbitterte
kritik des Timaios. dagegen muſs er über die städte des ionischen
meeres Epidamnos Apollonia Korkyra Ithaka Kephallenia ganz besonders
ergiebige von niemand sonst benutzte überlieferung zur verfügung ge-
habt haben; sowol die Politik wie die Politien lehren es, und selbst
Timaios ist ihm hier in manchem gefolgt. die euboeischen historiker
dürften die vermittler gewesen sein, da Euboeer die vorläufer der Korin-
ther im ionischen meere gewesen waren, während die achaeischen und
dorischen orte selbst fast culturlos waren.38)
Aber Massalia im äuſsersten westen ist eine Ionierstadt und hatMassalia
sich seiner herkunft würdig bewiesen. am besten beweisen es seine
groſstaten auf wissenschaftlich geographischem gebiete, der alte peri-
plus, Euthymenes und Pytheas. die altionischen gesetze waren auch
schriftlich fixirt und standen bis in späte zeit auf dem markte (Strab.
179), und es gab auch eine massaliotische geschichte. die reizende
gründungsnovelle hat Aristoteles (bei Athen. XIII 576) nicht aus dem
volksmunde, und er ist auch in der Politik in der lage, über die ver-
faſsungsgeschichte mehreres beizubringen.39)
Nun endlich das östliche eigentliche Ionien, das Ionien Homers,Ionien
die heimat des epos, der novelle, der philosophie. da braucht man nicht
zu suchen, da wird es vielmehr überflüssig auf einzelnes hinzudeuten.
die namentlich und wenigstens zum teile zeitlich bekannten schrift-
steller reichen bis in das sechste jahrhundert und einzelne wenigstens
haben sich in einer mehr als epichorischen geltung behauptet, wie
Charon und Maiandrios. wir sehen auch die berühmtesten und höchst
38)
[30]I. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
gestellten die geschichte der eigenen heimat zur aufgabe wählen, Ion
von Chios und noch den peripatetiker Duris von Samos. die Aeoler
von Lesbos und Kyme40) stehen den Ioniern gleich, und diese zeigen
dieselbe regsamkeit auf den Kykladen, am Hellespont und im Pontos41)
wie in den zwölfstädten der küste; am Pontos nimmt aber auch die
megarische pflanzstadt Herakleia einen ehrenplatz auf allen gebieten des
geistigen lebens ein.42) daſs wirklich zeitgenöſsische chronikartige auf-
zeichnungen und viele alte urkunden vorhanden waren, versteht sich
eigentlich von selbst. zufällig erhaltene stücke, wie über die gründung
von Ephesos aus der dortigen und der siphnischen tradition43) oder
die schiedssprüche im Athenatempel zu Priene, liefern auch greifbare
belege. für manchen ist vielleicht bezeichnender, daſs Aristoteles in der
samischen Politie das erscheinen einer weiſsen schwalbe, so groſs wie
ein rebhuhn, notirt.44) aber die lust zu fabuliren, die freude an dem
spiele der phantasie und dem bunten leben, die Ionien als erbe Homers
besaſs, ist für die rein geschichtliche überlieferung verhängnisvoll ge-
worden. die schriftstellerei stand im zeichen der novelle, als sie die
geschichtliche überlieferung zu behandeln begann, der subjectivismus und
rationalismus trat hinzu, und so sind gerade die ionischen traditionen
für den historiker mindestens viel schwerer verwendbar geworden als
die nakten namen und daten aus anderen orten. schon wenn wir die
lydische geschichte und die ionische, so weit sie herangezogen wird, bei
Herodotos lesen, werden wir oft bedenklich (obwol die schlacht bei Lade
[31]Ionien. fortleben der novelle.
den eindruck einer weit gröſseren glaubhaftigkeit macht als die bei den
Thermopylen). wie viel ängstlicher muſs uns nicht zu mute sein, wenn
wir etwa von Pindaros und Pythagoras von Ephesos oder den Gergithes
von Milet bei Aelian lesen? in der tat ist die altionische geschichte
für den historiker fast verloren, und noch scheint es nicht, als wollte
sie der boden uns zurückschenken. dafür ist sie in das reich der poesie
übergegangen und hat dort eine lebenskraft bewiesen, vergleichbar nur
der heldensage.
Ionien hat gleich nach der befreiung durch Alexandros einen neuenFortleben
dieser
tradition
aufschwung genommen, in einem bewuſsten und berechtigten gegensatze
zu der bevormundung durch Athen und seine litteratur. die schönste
blüte dieser bewegung ist die erneuerung der elegie und des iambos.
die elegie aber griff auf die novellistisch gewordene geschichte, auf die
archaeologie zurück. diese romantische litteratur ist den πολιτεῖαι der
peripatetiker genau so analog, wie die wissenschaftlich philologische arbeit
des Kallimachos und Eratosthenes der wissenschaftlich aesthetischen des
Aristoteles und seiner schüler. so sind denn auch ihre quellen oft geradezu
dieselben.45) es gehn auch versuche nebenher das epos zu erneuern,
und die archaeologie ganzer landschaften oder einzelner städte so zu
verarbeiten. Μηϑύμνης Ῥόδου κτίσεις, Θετταλικά, Μεσσηνιακά:
das verhält sich zu den αἴτια des Kallimachos wie Ephoros zu Aristo-
teles. das zweite jahrhundert bringt noch viele nachzügler auf allen
gebieten, Βιϑυνιακά des Demosthenes, die schriftstellerei des Nikandros
über Aetoler Oetaeer u. dgl., ausgeartete πολιτεῖαι, wie seine verse aus-
geartetes epos sind. im ersten jahrhundert gibt Alexandros von Milet
in höchst anerkennenswerter weise groſse compilationen über die ar-
chaeologie von Karern Lydern Juden und andern hellenischen und halb-
hellenisirten stämmen. aber weder die poesie noch die wissenschaftliche
schriftstellerei der gelehrten ist volkstümlich geworden. dagegen wuchertFortleben
der novelle
die novelle fort, mit dem aus einer ionischen wurzel erwachsenen Helle-
nismus bis nach Seleukeia am Tigris und Ptolemais am Nil verbreitet.
mitten in der schlimmsten zeit des ausgearteten barokstils begegnen uns
wieder die Λυδιακά des Skytobrachion. eine zeitgemäſse bearbeitung des
alten Xanthos wollten sie sein: es ist der historische roman, berechnet
lediglich auf das ergetzen des publicums. auch Μιλησιακά treten wieder
auf, von Aristeides, nicht mehr als geschichtsbuch, sondern als roman,
[32]I. 1. Die quellen der griechischen geschichte.
mit einer erotik, die für einen derberen gaumen berechnet war als die
romantische elegie, und keinesweges deren tochter. sie stammt vielmehr
genau so direct und so rein von der alten novellistischen geschichte ab
wie die Ephesier, die sich dem Mithradates ergaben, von dem volke, das
unter den Basiliden gestanden hatte. ob sie schon durch Aristeides den
entscheidenden schritt getan hat, die mythischen namen ganz abzustreifen,
verstattet unsere kümmerliche überlieferung nicht zu erkennen: bald ist
es jedenfalls geschehen, sonst würde Petrons matrone von Ephesos den
namen einer fürstin des siebenten oder sechsten jahrhunderts tragen.46)
aber die herkunft der griechischen romane aus der alten erzählungs-
litteratur ist deutlich genug. wo die alten träger geblieben sind, wie
Pythagoras Aesop die Sieben weisen, liegt es auf der hand. bei den
erotischen erzählungen verkennt man es leicht. die sophistik der kaiser-
zeit hatte sich eingebildet, eine neue veredelnde form gefunden zu haben,
und wie sie die motive der komoedie zu mehr oder minder albernen
briefen von hetären parasiten bauern und fischern verbrauchte, wobei
die locale attische farbe gar oft verloren geht, so bewahren ihre ero-
tischen erzählungen, berechnet für den öden salon einer vorkommenden
gesellschaft, nur hie und da ein par locale züge.47) so gerät man in
regionen, die von aller historie ganz fern liegen, wenn man einen zweig
der geschichtlichen überlieferung durch die jahrhunderte litterarisch ver-
folgt. um so weniger wollen wir hier auf die metamorphosen einen
blick werfen, die die hellenistische novelle auſserhalb von Hellas erlebt hat.
zu Aristoteles zeiten waren die Μιλησιακά noch durchaus historie, λογο-
γϱαφία, so gut wie das werk des Herodotos, vermutlich annalen, so gut
wie die Atthis.
ErgebnisGelehrt hat dieser überblick der tradition vielleicht nur die etwas,
welche in der lage waren, sich bei der einzelnen stadt oder land-
schaft die hauptsachen von der über sie erhaltenen überlieferung ins
[33]Ergebnis.
gedächtnis zurückzurufen. in diesen fall aber möge sich jeder setzen,
der mit der hellenischen geschichte mehr als sophistisches spiel treiben
will. so weit die historie erzählung der ereignisse ist, krankt unsere
überlieferung bis 432 wirklich an einem unersetzlichen mangel an ma-
terial. so weit es aber die darstellung des zuständlichen und die er-
klärung gilt, wie dieses geworden sei, ist der mangel an material ein
mangel der methode. da muſs die wissenschaft besser suchen lernen
und muſs die scheidekünste gegenüber dem gestein, das in unsern
schächten bricht, vervollkommnen, statt es als taub auf die halden zu
werfen. lernen wir die sagen, die novellen, die tendenzschriften besser
verstehn als Aristoteles. vor allen dingen aber begreifen wir und be-
herzigen wir die notwendigkeit den zugang zu den besten, den wahr-
haften quellen zu eröffnen, der localen überlieferung. Aristoteles ist
keine quelle mehr, er hat sich nur als ein canal herausgestellt; aber
was er bietet ist zum besten teile quellwasser, und heute wie vor jahren
gebe ich die parole für die griechische geschichtsforschung aus: nicht
die weltgeschichte des Ephoros, sondern die Politien des Aristoteles sind
das vorbild für unsere eigene arbeit.
Die burg
der
Kekroper.Die steine der burg von Athen erzählen uns von einer zeit, deren
selbst die sage vergessen hat. hinter der gewaltigen ringmauer wohnten
die Kekroper in kleinen häuschen, und der palast ihres königs stand
etwa da, wo die zeit Kleophons das Erechtheion gebaut hat. die burg
hatte keineswegs nur den zugang von westen, sondern es führte von
nordosten ein steiler aber breiter weg zum schlosse, und eine schmale
treppe stieg zur späteren Pansgrotte hinab (Euripides nennt diesen weg
μακϱαί) und weiter zur Klepsydra. am nordfuſse des burgfelsens rann
der fluſs, an dem dieses Athen lag, der Eridanos, und sein ‘reines naſs
schöpften’ die mädchen. an der ecke, wo das Erechtheion mit dem
Athenatempel zusammenstöſst, den Peisistratos erbaut hat, zeigt die wand
selbst, daſs der baumeister auf einen raum darunter rücksicht nahm, das
grab des Kekrops. kein zweifel, daſs dieses grab die gebeine eines alten
herren des schlosses barg oder birgt. noch heute kann der andächtige
blick die male schauen, die der dreizack Poseidons in dem burgfelsen
zurückgelassen hat, und ist auch Athenas ölbaum verschwunden, so ist
doch die umfriedigung des gärtchens unverkennbar, in dem der tau der
Agrauliden seiner wartete. auge und hand kann fühlung nehmen mit
einer zeit, die eine verschollene urzeit war, als Peisistratos den alten
tempel baute. damals sproſs noch der heilige ölbaum und stand noch
der hausaltar der alten könige des schlosses. die continuität ist in
Athen niemals abgerissen, obwol die erinnerung nichts fest gehalten
hatte als die tatsache der continuität.
Die burg von Athen ist ihrer anlage und bauart nach ein erzeugnis
derselben periode wie die von Tiryns, Orchomenos, Arne und viele
andere, in Attika namentlich Eleusis und Thorikos. ihre herren haben
die kekropische ebene beherrscht; das ist nicht wenig für jene zeit der
vielen kleinen burgherren. aber wirkliche staaten oder städte kannte
jene zeit noch nicht. jenseits der niederung im südwesten, die damals
entweder meer oder lagune war (das ἁλίπεδον), erhob sich schon eine
andere solche burg, Munichia, und an den abhängen des Parnes und
Brilettos werden sie nicht gefehlt haben. es hat der zeit und der arbeit
und der kämpfe vieler generationen bedurft, bis sich über den trümmern
dieser burgen die stadt Athen, und über den kleinen politischen ein-
heiten der staat der Athener erhob. auch diese zeiten und kämpfe sind
verschollen, und auch von ihnen ist nur im gedächtnisse geblieben, daſs die
continuität nie abgerissen ist, während überall ringsumher, in Boeotien
und Euboia, Megara und Aigina, und im ganzen Peloponnes fremde
eroberer den geschichtlichen fortschritt bringen. in langem ruhigem
stillem wachstum ist das edelste reis des hellenischen gartens auf dem
felsen Athenas gediehen.
In diesen zeiten des werdens ist das königtum oder vielmehr dieDas volk
Athenas.
monarchie zu grunde gegangen und die souveränetät der gemeinde (δῆμος)
entstanden. in die gemeinde aber sind die herrschaften alle aufgegangen,
die vorher neben einander in Attika bestanden, auch die der burg, und
sie am entschiedensten, denn sie hat sogar ihren namen eingebüſst. sie
heiſst nun wie die gemeinde; die gemeinde aber ist die der ‘Athena-
hefohlenen’, und stadt und burg heiſst nur nach der hohen himmels-
göttin, die ganz eigentlich in das alte fürstenschloſs eingezogen ist, die
wirkliche nachfolgerin der alten könige. Ἀϑηναῖος ist nicht anders
gebildet als Ἑκαταῖος Διονύσιος, und nur die gewohnheit, darin eine
ortsbezeichnung zu hören, läſst die eminente bedeutung der tatsache
übersehen, daſs die ‘zugehörigkeit zu Athena’ zugleich die herkunft aus
Athen bezeichnet. nur Platon mit seinem gefühle für die religion seiner
väter empfindet Ἀϑηναῖος wegen des göttlichen namens als eine ehrende
bezeichnung.2) dem namen der bürgerschaft entspricht der der stadt,
3*
[36]II. 2. Von Kekrops bis Solon.
Ἀϑῆναι3), der statt einer ableitung wie Ἡϱαία, Ἀπολλωνία nur den
plural des gottesnamens verwendet, und zwar in einer form, die in Athen
zu gunsten der ableitung fallen gelassen ist, so daſs die göttin von den
Athenern nur ‘göttin’ oder ‘Athenerin’ genannt wird. keine andere stadt
in Hellas hat es vermocht, in dieser weise eine der groſsen gottheiten
zu ihrer vertreterin zu machen. heroen wie Korinthos und Miletos,
Theba und Aigina, haben kaum etwas körperlichkeit erlangt; die Hera
von Argos, die Kora von Syrakus, die götter der verschiedenen Apollonia
haben nie das wesen der allgemeinen götter beeinfluſst, die vielmehr
alle nur nebenher diese und jene stadt besonders vertreten. Athena
ist die jungfräuliche und streitbare stadtgöttin vieler orten rings um
Athen, in Aigina, Korinth, ja selbst bei den eingewanderten Boeotern.4)
wenn sie zu Athen ein so viel näheres verhältnis gewonnen hat, so
vermag man sich der vermutung nicht zu erwehren, daſs dabei ein be-
wuſster wille tätig gewesen sei. die einigung der landschaft Attika ist die
voraussetzung der athenischen geschichte, und sie ist erzielt, ehe unsere
2)
[37]Das volk Athenas.
geschichtliche überlieferung beginnt. es erscheint trotz allen regionalen
gegensätzen und kämpfen undenkbar, daſs sich der Aphidnaer oder
Brauronier anders denn als Athener fühlte. sie wollen wol alle herrschen,
aber über Athen und Attika. diesen ungeheuren fortschritt der politi-
schen empfindung, den in Boeotien und Ionien höchstens einzelne be-
deutende männer wie Epaminondas oder Hekataios für sich machen,
hat das attische volk so früh erreicht. das festjahr, das von den Κϱόνια,
dem gedächtnis der staatlosen zeit, zu den συνοίκια und Παναϑήναια
fortgeht, legt von ihm zeugnis ab, und das heiligtum der burg ist wirk-
lich das gemeinsame für das ganze volk. sie glauben alle, daſs Athena
die göttin dieses volkes und dieses volk ihr auserwähltes ist, was die
so zu sagen universale potenz der himmlischen jungfrau und tochter des
Zeus noch nicht beeinträchtigt. diesem höheren einigenden glauben, der
Athenareligion, hat sich die gesonderte verehrung sowol der einzelnen
ortsgottheiten wie der noch so bedeutenden ‘andern götter’, selbst der
Nemesis von Rhamnus, der Athena von Pallene, der Artemis von Brauron
untergeordnet. wenn Athena von alters her die stadtgöttin der burg
über dem Eridanos war, so hat ein localcult über alle andern triumphirt.
sie wohnt dort so lange, bis ihr Peisistratos ein eigenes haus baut, in
dem alten königspalast; sie hat um das land streiten müssen, und ihr
priestertum wird von dem geschlechte versehen, das in erster linie dem
Poseidon Erechtheus, ihrem gegner, dient. das alles und nicht zum
wenigsten, daſs die sage geflissentlich die berechtigung ihrer herrschaft
nachweist, führt zu der annahme, daſs sie von der burg wirklich erst
besitz ergriffen hat, als herrin des landes, als vertreterin des gesammt-
staates, als die trägerin der neuen empfindung, der dann der alte local-
cult der burg und ihr alter name weichen muſste.5)
Die er-
werbung
von Eleusis.Diese Athena herrschte schon bis an das euboeische meer, als Eleusis
mit seinem gebiete, der ebene jenseits des Aigaleos, noch selbständig
war. und die erinnerung ist nicht vergessen, daſs es schon polemarchen
gab, als es überwunden ward. so ist denn auch Eleusis nicht so fest
wie alles übrige mit dem gesammtstaate verwachsen, und in den schwer-
sten krisen setzt der regionalismus sich dort fest. die bevorzugungen,
die der annexionsvertrag den herrschenden geschlechtern von Eleusis
zugestanden hatte, sind ihnen geblieben, nicht bloſs die priestertümer in
Eleusis, sondern auch ein platz an der öffentlichen tafel Athens, d. h.
eine pension für die abgelösten königlichen ehrengeschenke, und die
teilnahme an der ausrichtung der feste, der mysterien, denen der könig
von Athen mit zwei Athenern (die in der uns kenntlichen zeit frei vom
volke gewählt werden) und zwei angehörigen der alten eleusinischen
geschlechter vorsteht.6) die vermögensverwaltung der beiden göttinnen
ist auch in Eleusis geblieben, und wir hören nicht, daſs sie je für all-
gemeine staatszwecke etwas gezahlt oder geborgt hätten. dagegen hat
ihnen ganz Attika von seinen körnerträgen gezehntet. das ist die pension,
die ihnen Athena für die verlorene souveränetät zahlt. diese rudimente
früherer ordnung mitten in dem demokratischen Athen sind äuſserst
wertvoll, weil sie beweisen, daſs der anschluſs von Eleusis statt-
gefunden hat, als die geschlechterherrschaft bestand, nicht mehr das
königtum, als man noch in naturalien, nicht in geld zahlte, aber schon
so complicirte verträge schloſs, daſs die schrift nicht wol entbehrt werden
5)
[39]Die erwerbung von Eleusis.
konnte. da Eleusis entweder zu Megara gehört hatte oder doch auch
von dort begehrt ward, auch seine grenzen sowol nach westen wie nach
norden7) unsicher und umstritten waren, endlich die erwerbung von
Salamis nunmehr für Athen eine lebensfrage ward, so ist auf den groſsen
erfolg der erwerbung von Eleusis eine lange zeit wechselvoller kämpfe
gefolgt, die das ganze siebente jahrhundert und weiter bis auf Peisistratos
dauerten und erst durch ein lakonisches schiedsgericht, das den Athenern
Salamis zusprach, Nisaia aber nahm (etwa 570—562), ein vorläufiges
ende fanden.
Von der erwerbung von Eleusis hat die sage wenigstens noch
einige erinnerung bewahrt. die entsprechenden kämpfe früherer zeit
reflectiren kaum noch aus einzelnen institutionen und erzählungen.
daſs die schweren völkerverschiebungen, die der einbruch nordischer
stämme, Thessaler Boeoter Dorer Eleer, im gefolge hatte, eine an-
zahl vertriebener geschlechter, namentlich aus dem Peloponnes (des
stammes, aus dem in Asien die Ionier geworden sind), nach Attika
warfen, andererseits auch bewohner von Attika an den colonistenzügen
in das östliche und westliche meer teilnahmen8), ist eine durchaus glaub-
hafte überlieferung, erhalten in der tradition der einzelnen geschlechter.
die bevölkerung Attikas ist gewiſs von vorn herein nicht eines stammes
gewesen (die zersplitterung, aus der der volkskörper erwächst, kann sich
der historiker im gegensatze zur sprachvergleichung nicht stark genug
vorstellen); sie hat von den nördlichen nachbarn, der von den Boeotern
fast ganz zerriebenen alten bevölkerung dieses landes, von den Euboeern
und den vordorischen bewohnern der argolischen nordküste eine sehr
starke beeinflussung erfahren. und doch ist die verschmelzung zu einer
[40]II. 2. Von Kekrops bis Solon.
race, einem wirklich einheitlichen und seiner einheit sich bewuſsten
volke mit ganz bestimmter sprache und sinnesart vollzogen, bevor der
nebel der sage sich lichtet; auch Eleusis macht keine ausnahme. es ist
die einheit des ‘Athenervolkes’, des δῆμος Ἀϑηναίων.
Die alte
verfassung.Dem entspricht die verfassung. wer sich an das wort hält, muſs
behaupten, daſs die demokratie Athens einzige verfassung ist, muſs dann
aber dasselbe von Sparta sagen9). die verfassungskämpfe drehen sich
darum, wer zum demos gehören soll, und in wie weit der demos seine
souveränetät selbst in der executive betätigen will oder auf die männer
seiner wahl, einzelbeamte oder collegien, übertragen. die entwickelung
geht dahin, den begriff des demos möglichst weit, seine regierung immer
unmittelbarer zu machen. die beamten aber, ursprünglich einzelne, be-
fugt sich ihre subalternen selbst zu ernennen10), werden immer mehr
gebunden und beschränkt durch die collegialität, durch die annuität,
durch die prüfung vor dem antritte auf ihre qualification, die prüfung
nach dem abtritte vor dem übergange in den Areopagitenrat, durch die
aufzeichnung ihrer instruction, der gesetze, endlich durch die bindung
ihrer richterlichen entscheidung an den wahrspruch eines beirates. diese
entwickelung hat schon manchen schritt zurückgelegt, aber um dem
wesen gerecht zu werden, müssen wir die verfassung alles andere eher
als demokratisch nennen. denn der demos, der träger der souveränetät,
ist ein stand, der adel, und zwar bereits ein denaturirter adel, nicht
auf dem blute, sondern auf dem grundbesitze begründet. die formen
des staates sind jedoch immer noch die des reinen geschlechterstaates.
der zeitpunkt, wo staat und gesellschaft leidlich klar vor uns liegen,
kann zur zeit noch nicht wol früher angesetzt werden als auf 683/2,
[41]Die alte verfassung. der könig.
das jahr der entscheidenden revolution. von da ab sind die drei ober-
ämter jährig und dürfen nur einmal bekleidet werden. es tritt zu ihnen
ein collegium von 6 ‘rechtssetzern’ für die civiljudicatur. der rat wird
durch die abtretenden neun beamten ergänzt, also mittelbar von der
gemeinde besetzt, die die beamten wählt, hat aber das recht jeden ein-
zelnen vor dem eintritte einer prüfung zu unterziehen. daſs diese
neuerungen alle auf einmal eingeführt seien, wird man billig bezweifeln;
sie bestehen nur sicherlich seit 683, dem jahre der ersten jährigen ober-
beamten. aus der älteren zeit sind eine reihe wichtiger angaben er-
halten, aber zu wenig, um diese periode gesondert darzustellen oder
gar eine geschichtliche erzählung zu versuchen. wir können heute zu-
frieden sein, wenn wir die vorsolonischen institutionen einigermaſsen
verstehn; hatte es doch weder die Atthis noch Aristoteles auch nur so
weit gebracht.
Obwol der archon vornehmer ist, hat doch der könig anspruchDer könig.
auf den ersten platz, denn er ist der träger der continuität von der
urzeit her: mit recht dürfen sich die Athener rühmen, niemals königs-
los gewesen zu sein.11) noch bis gegen ende des achten jahrhunderts
war das königtum dem angestammten ‘fürstengeschlechte’, den Medon-
tiden, erblich verblieben, in der weise wie auch später noch die ge-
schlechterpriestertümer. aber schon damals war der könig nur ein be-
amter, der sein amtshaus unterhalb der burg neben denen der anderen
gewählten beamten hatte. die zeit, da könig Akastos das regiment an
den ‘regenten’ abgab, und feierlichste eide diese constitution befestigten,
lag in unbestimmter ferne. nur den verkehr mit den göttern des staates,
die von alters her öffentlichen cult erfuhren, hat der könig behalten,
denn die menschen konnten an diesem rechte nichts ändern. das war
immer noch sehr viel auch von dem was uns profan erscheint, da die
abgaben zum teil an die götter gezahlt wurden und das heilige recht
sehr weit griff. aber längst nicht mehr entschied der könig nach
eigenem ermessen, sondern es stand ihm der rat zur seite, die ver-
tretung der gemeinde, und der wahrspruch des rates unter vorsitz des
königs richtete den mörder, den brandstifter, den gottesfrevler. um des
verkehrs mit den göttern willen kommt auch die königin für den staat
in betracht, und daraus folgt die forderung rechtmäſsiger ehe für den
könig. eine anzahl adlicher matronen steht als γεϱαιϱαί12) neben der
[42]II. 2. Von Kekrops bis Solon.
königin, wie der rat neben dem könige. sie greift, so viel wir wissen,
nur in den Dionysoscultus ein, des gottes ‘stier’, den die ‘rinderhirten’
im Βουκολεῖον üben.13) dieser cultus ist also nicht mehr familiencult,
sondern, wie früh auch immer, von der gemeinde aufgenommen;
Dionysos kommt zu schiffe oder zu wagen, in beidem liegt nur, daſs er
überhaupt gekommen ist. sein fest ist im vorfrühling, das ‘Blumenfest’,
und es ist für uns uralt, da es auch in Ionien begangen wird. aber
auch das fest am ‘Kelterplatze’, im winter begangen, steht unter dem
könige und kann nicht für jünger gelten.14) staatsfest sind auch die
μυστήϱια, sowol in Athen wie in Eleusis gefeiert: es hat eben der staat
Athen seinen beamten mit der oberaufsicht des eleusinischen festes
betraut, als er die stadt annectirte. aber eine religiöse bedeutung hat
die mitwirkung des königs hier nicht; sie ist den eleusinischen ge-
schlechtern geblieben. die Athenareligion ist in den händen der priester-
schaft. an Plynteria und Skira ist die beamtenschaft nicht beteiligt;
das staatsfest der Panathenaeen ist von der tyrannis und demokratie so
sehr geändert, daſs seine alte form unkenntlich ist. auch die athenische
verehrung des götterpares, Mutter und Tochter, vollzieht sich so, daſs
keine königin über dem δῆμος γυναικῶν mehr steht. aber die geist-
liche machtvollkommenheit des königs ist mit dem was er später be-
halten hat mit nichten erschöpft. wenn wir hören, dass er in Pallene
nach dem dortigen gebrauche an der spitze einer geistlichen körper-
schaft, zu der auch frauen gehörten, amtirt, wenn er die Apollonopfer
12)
[43]Der könig. der kriegsherr.
der Acharnischen parasiten überwacht, und diese einen ἑκτεύς gerste
nach der ernte (als Thargelia) zu zinsen haben, auch in verbindung mit
der βουκολία stehn15), so ahnen wir, wie vielerlei in der instruction
des königs über alte cultverhältnisse zu lernen war, weil die Athener die
früh angeschlossenen landesteile noch unter die oberaufsicht des königs
gestellt hatten. wir sehen einen schimmer von den maſsnahmen, die
die einheit des δῆμος Ἀϑηναίων durch die religion bewirkt haben.
wenn wir nur wüſsten, ob die culte der Tetrapolis, der Epakria, von
Brauron ohne königliche controlle geblieben sind, so könnten wir die
sichersten und wichtigsten schlüsse ziehen. aber aus dem schweigen
der tradition darf nichts gefolgert werden.
Der kriegsherr, der die dritte stelle unter den oberbeamten hat, kannDer
kriegsherr.
unmöglich jemals lebenslänglich ernannt worden sein, da er doch die
führung im kriege hatte. aus der beute hat einst einer das amtshaus
neu gebaut und nach sich ‘Epilykoshaus’ benannt, wie in Rom die
curia Hostilia und viele ähnlich erbaute und benannte häuser standen.
der name war wol durch die weihinschrift erhalten. schwerlich ist das amt
älter als die mitte des achten jahrhunderts. der name πολέμαϱχος begegnet
in Boeotien und auf Euboia; er bezeichnet dort die oberbeamten, und es
gibt in den boeotischen städten drei, in Eretria zwei. in jenen, die
niemals könige gehabt haben16), ist für den sacralen und eponymen aber
unpolitischen beamten der name ἄϱχων verwandt; die polemarchen
scheinen die executivbeamten überhaupt in älterer zeit gewesen zu sein.
es dürften sich dort, in Athen und in Eretria die verhältnisse sehr ver-
schieden aus sehr ähnlichen anfängen entwickelt haben. die bedeutung
des athenischen polemarchen ist durch die demokratie ganz besonders
geschmälert. die aufsicht über die landfremde eingesessene bevölkerung,
die ihm blieb, konnte ihn ehedem nicht viel beschäftigen; aber vielleicht
hatte er die judicatur über alle μὴ μετέχοντες τῆς πολιτείας. im kriege
stand er an der spitze des ganzen heeres; aber die bürgerschaft war so
[44]II. 2. Von Kekrops bis Solon.
groſs, daſs ihr heer sich gliedern muſste, und die führer der στϱατοί
waren immer schon sehr ansehnliche beamte, die reiterführer ebenso,
denn das ritterpferd machte zwar nicht den adlichen geradezu, wie auf
Euboia, aber es war der sehnlichste wunsch jedes bauern, eins zu halten
und den ritter zu spielen. die reiterobersten waren sicherlich immer
ständige beamte, da die cavallerie ihrer natur nach eine stehende truppe
ist. namentlich mit rücksicht auf die aushebung werden es auch die
strategen gewesen sein. daſs diese stellen durch wahl besetzt wurden,
des volkes oder des heeres, ist nach hellenischer anschauung nicht zu
bezweifeln. Peisistratos hat Nisaia als stratege erobert, und schon im
ersten heiligen kriege führt nicht der polemarch das athenische con-
tingent.
Der regent.Der eigentlich politische beamte, der ‘regent’, mag einst ein wahl-
könig gewesen sein; jetzt waren ihm neben den hohenpriesterlichen auch
die kriegsherrlichen functionen des monarchen entzogen. für die chrono-
logie der culte ist es vom höchsten werte, daſs eine anzahl gemeindefeste
dem archon unterstehen und somit, auch nach der tradition, relativ jung
sind. von den groſsen Dionysien können wir absehen, da sie erst
Peisistratos, als er Athens herrschaft sicher besaſs, 537 gestiftet hat.
sonst stehen unter dem archon die Apollonfeste, und dieser gott ist in
Athen zwar der ‘väterliche’ geworden, aber daſs er durch einen be-
stimmten act dazu gemacht ist, hat man dadurch immer eingestanden,
daſs sein athenischer cult als eine filiale von Delphi und von Delos gilt.17)
[45]Der regent.
es tritt also Athen durch seine reception zugleich in die wichtigsten
internationalen beziehungen der alten zeit. das älteste dürfte die feier
der Thargelien sein, das groſse sühnfest der gemeinde, dem in folge
dessen der archon als gemeindehaupt vorsteht. zum sühnfeste ist es ge-
worden, als der dienst des Φοῖβος sich nach der kathartischen seite
entwickelte; da ϑαϱγήλια die ersten ährenbüschel bedeutet, die der gott
erhält, ist ein ursprünglich rein agrarisches fest zu tieferer ethischer
bedeutung erhoben. Thargelien feiern die Ionier im weitesten sinne;
da sie über Kyme auch nach Rom gekommen sind, dürfen wir sie auch
den Euboeern zutrauen. dem kreise von Delphi sind sie fremd. gleich-
wol sind sie in Athen mit dem pythischen Apollon verbunden worden,
der in dem volksbewuſstsein der sühnung heischende und lehrende gott
ist18); er ist der πατϱῷος der Athener geworden, der vater der vier
phylenheroen, als solcher in den phratrien verehrt.19) ich zweifele nicht,
daſs die grotte in den Μακϱαί am burgfelsen schon früher dem groſsen
fremden gotte zugewiesen war: aber erst durch die einführung des py-
thischen gottes, dessen blitze man von dort beobachtete, als des väter-
lichen ist Apollon ein staatsgott geworden. wir finden die archonten an
dem culte in der grotte beteiligt: die vertreter des volkes.20) mit seiner
reception trat Athen in die delphische Amphiktionie, für die es einen
eigenen hohen beamten schuf, den ἱεϱομνήμων, und für die delphische
religion, die dem staate immer die wichtigste künderin der zukunft ge-
blieben ist, trat nun ein besonderer exeget ein, vergleichbar den Πύϑιοι
Spartas. auch die beschickung des delischen festes, durch die Athen
mit dem meere und den Ioniern in verbindung tritt, besorgt der archon.
da mit Delos das älteste stück der städtischen Theseussage zusammen-
hängt, die feste der ὀσχοφόϱια und πυανόψια, so wird dieser wichtige
17)
[46]II. 2. Von Kekrops bis Solon.
religiöse und politische fortschritt sehr früh getan sein, eher als die
wendung nach Delphi. denn es sind die delischen beziehungen der ost-
küste von der hauptstadt übernommen.21) Athena ist die vermittlerin
zwischen den cultstätten ihres bruders in Delphi und Delos: das war etwas
groſses, was der adelsstaat schon im siebenten jahrhundert erreicht hat.
im heiligen kriege hat Solon die delphischen, später Peisistratos die
delischen verbindungen ausgenutzt.22)
Die politischen obliegenheiten des archons sind die eines schirm-
herrn und vertreters des herrschenden standes: er ist der πϱοστάτης
τοῦ δήμου im sinne des damaligen demos. seine erste amtshandlung
ist die proclamation, daſs er jeden einzelnen in seinem besitze lassen
und erhalten werde (66, 3). die fürsorge für die herrschenden familien
und ihren besitz ist der inhalt seiner aufsicht und judicatur. er ist der
vormund der erbtöchter und der waisen von amts wegen, er entscheidet
in allen erbschaftssachen, und das familienrecht im weitesten umfange
steht unter ihm. in Athen aber hat der staat in diese verhältnisse über-
aus tief eingegriffen. wenn er die entmündigung eines greises, der
nicht mehr im stande ist, sein vermögen zu verwalten, aussprechen darf,
den einzelnen zur verantwortung zieht, so er sein vermögen durch
untätigkeit (ἀϱγία) verkommen läſst, auf die anklage eines beliebigen
bürgers die ‘schlechte behandlung’ (κάκωσις) von eltern oder gattin
ahndet, so hat selbst in unserer zeit der sich unfehlbar und allmächtig
dünkende staat es noch nicht so weit gebracht, und die spätere attische
demokratie macht von diesen bestimmungen, obwol sie gelten, nicht
leicht gebrauch. in der tat muſs es eine sehr eigentümliche gesellschafts-
ordnung sein, die sich diesen beamten gesetzt hat. ihr liegt an der
individuellen freiheit ungleich weniger als an der erhaltung des standes,
und die fürsorge des archons gilt weit weniger dem vater oder sohne
als dem κλῆϱος, der frau und erbtochter als der mitgift, der πϱοίξ.
auch noch in der aristotelischen zeit läſst sich das volk regelmäſsig über
die erledigten κλῆϱοι meldung machen, und heiſst die bürgerrolle nach
den λήξεις, den ‘erbanfällen’. im attischen dient dasselbe wort für
[47]Der regent. der herrschende stand.
‘erbe’ ‘landgut’ und ‘los’, und wenn der älteste sohn des vaters erbe
antritt, so bezeichnet dasselbe wort λαγχάνειν diese natürlichste art der
besitzergreifung, wie wenn er bei einer verteilung eroberter bauern-
stellen ein los gezogen hätte. die gutsbesitzer zu Drakons zeiten sind
κληϱοῦχοι wie die colonisten in Mytilene 427.
Wir haben keinerlei überlieferung über die entstehung des privat-Der herr-
schende
stand.
besitzes an grund und boden in Attika, und es wird kaum danach ge-
fragt. und doch deutet alles darauf hin, daſs dieser erst spät entstanden
ist, und daſs der herrschende stand der grundbesitzer und adlichen sich
eben dadurch von der stammverwandten niederen bevölkerung abgelöst
hat, daſs er einen teil des bodens zu seinem privatbesitze machte, wäh-
rend vorher das land gemeindebesitz war. in sehr ausgedehntem maſse
ist das land in Athen immer noch in dem besitze ideeller personen, der
götter, phylen, phratrien, geschlechter, nicht zum mindesten der politischen
gemeinden und der gesammtgemeinde, des staates, geblieben. was nicht
nachweislich einem einzelnen gehört, ist des staates.23) die schätze in
der erde gehören diesem.24) auf vielen privaten grundstücken hat der staat
noch fruchtbäume stehen, und er greift überhaupt stark in die freiheit
der bewirtschaftung ein. privatbesitz gibt es strenggenommen nur durch
eine rechtsgiltige zuweisung von seiten des staates, und der besitz bleibt
gewissermaſsen prekär, da etwaige bessere ansprüche immer vom staate
berücksichtigt werden können.25) das bewuſstsein, daſs der privatbesitz
an grund und boden durch occupation von ager publicus entstanden ist,
herrscht unter den demokraten, die von Solon eine neue landverteilung,
γῆς ἀναδασμοί, verlangen. im gegensatze dazu verlangen die besitzenden,
deren vorfahren einst ein gutes oder überhaupt ein los erhalten haben,
[48]II. 2. Von Kekrops bis Solon.
daſs der archon ihnen gleich am ersten tage den gegenwärtigen besitz-
stand garantire.
Die sorge für den besitz hat in der edleren für den stand ihre
ergänzung. der adel des blutes ist ein würdigerer als der des gutes.
die vorstellungen von der heiligkeit des blutadels haben den Athener
eigentlich immer beherrscht, und sie begleiten jeden einzelnen von der
wiege bis zur bahre. nicht als eine göttliche ordnung um der mensch-
lichen gesittung willen (wie Kekrops sie nach Philochoros gestiftet hat)
ist die ehe heilig, sondern um des rechtes der familie und des erbes
willen, und nur weil das alte recht eine form der religion ist, hat sie
eine religiöse weihe. die bruderschaft erkennt den knaben als geschlechts-
genossen, die jungfrau als tochter eines solchen an, fähig ebenbürtige
zu gebären. nicht leicht verletzt ein Athener die sorge für die erhaltung
des ‘hauses’ (οἶκος, so genannt, statt γένος, seit auch die nicht adlichen
sich als adlich gebärden, weil sie gleich empfinden). die form der freien
vererbung ist die adoption, bei der die bruderschaft mitwirkt. in dem
culte der verstorbenen hausgenossen sieht der einzelne die garantie, daſs
auch er des grabcultes nicht entbehren werde, die garantie der eigenen
grabesruhe. das liegt allen am herzen, und der privatbesitz an grund
und boden muſs die zahllosen grabhügel und brandstätten (πυϱκαιαί)
schonen. noch zu Aristoteles zeit muſs jeder archon zwar kein ver-
mögen, geschweige denn grundbesitz, aber wol ein erbbegräbnis nach-
weisen. das institut der erbtochter, im rechte von Gortyn denaturirt
zur emancipirung der weiber (wie es in dorischen staaten zu gehn
pflegte), ist von dem athenischen gesetze ängstlich geschützt; sie wird
als die kostbare blume behandelt, aus der dem hause neuer same er-
weckt werden soll. wir müssen aber auch anerkennen, daſs der stand
das geistige und sittliche wolergehn und wolverhalten seiner genossen
ins auge gefaſst hat, und auch nach dieser seite den staat und seine
organe, archonten und rat, zum einschreiten autorisirt und verpflichtet
hat. der standesgenosse hat als kind anspruch auf eine anständige er-
ziehung, als greis auf die pflege bei seinen nachkommen.26) man hat
[49]Der herrschende stand. der rat.
wol den müſsiggang nicht bloſs, weil er den κλῆϱος verfallen lieſs, ge-
ahndet, sondern auch weil er den stand entehrte, ganz wie ehebruch
und vergewaltigung in jeder form. mag auch erst die tyrannis und die
demokratie die staatlichen turnplätze, badstuben, chöre u. a. eingerichtet
haben: ein analogon zu der jugenderziehung der Spartiaten hat schwer-
lich in Altathen gefehlt, wie denn trotz der stammesverschiedenheit der
adelsstaat bei beiden völkern ähnliches hervorbringen muſste.
Jederzeit und erst recht, wenn er seine vorrechte bedroht sieht,Der rat.
wird ein stand sich nicht gern durch einzelbeamte vertreten lassen,
deren persönliche vorzüge er fürchten muſs. ein collegium, womöglich
eine vertretung der geschlechter, ist die aristokratische form der magi-
stratur. die geronten stehn neben Agamemnon, die gerusia neben den
königen Spartas. so hatte auch der athenische adel dem könige, schon
als dieser noch ein wirklicher könig war, den rat zur seite gestellt,
der von dem amtshause auf dem Areshügel, wo er über mord zu ge-
richte saſs, später benannt wird. dieser rat war der wahre herr Athens
gewesen, da seine mitglieder lebenslänglich blieben, sein recht der coer-
cition und multirung sich über bürger und beamte erstreckte, er die
niedern beamten selbst anstellte und controllirte und die finanzen ganz
in seiner hand hatte. aber die macht dieses rates ist zwar nicht ge-
setzlich, aber factisch im siebenten jahrhundert bereits so geschwächt,
dass er bei keiner gelegenheit eine rolle in unserer überlieferung spielt;
das Kylonische attentat, die gesetzgebungen Drakons und Solons, die
tyrannis des Peisistratos nimmt er scheinbar teilnahmlos hin. schon
die einsetzung der thesmotheten, die der epheten, und noch mehr die
schriftliche fixirung des geltenden rechtes durch Drakon und Solon
muſste die lediglich auf dem herkommen beruhende gewalt des rates
beeinträchtigen, und man wird nicht bezweifeln, daſs die neuerungen
auch diesem zwecke gedient haben. nichts desto weniger lehrt die ver-
fassung selbst, daſs der rat eine bedeutende rolle in der laufenden ver-
waltung gespielt hat: denn die sphaeren der 9 beamten sind fest um-
26)
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 4
[50]II. 2. Von Kekrops bis Solon.
grenzt, das volk und später dessen rat treten erst recht nicht hervor,
und die niederen beamten bleiben durch die dokimasie und nomophylakie
des Areopages bis auf Ephialtes in dessen händen. somit vermochte er
noch in der demokratie der groſsen zeit wieder eine ausschlaggebende
rolle zu spielen. daſs er das im siebenten und sechsten jahrhundert
nicht tat, ist eine folge seiner ergänzung aus den archonten. denn so
lange diese je nach der gerade überwiegenden parteirichtung gewählt
wurden, trugen sie die parteiungen des volkes in den rat hinein, zog
also eine katastrophe wie die der Alkmeoniden den rat in mitleiden-
schaft, machte ihn die tyrannis, die die wahlen beherrschte, zu ihrem
gefügigen werkzeuge. andererseits brachten die archontenwahlen 508—487
alle bedeutenden männer hinein. aber die schwäche des Areopages in
der zeit 683—594 ist allerdings die beste legitimation der bestrebungen,
die auf eine reform an haupt und gliedern hinzielten.
Die phylenEs war der souverän selbst, der δῆμος, dessen organismus sich
überlebt hatte. der adel hat nur sinn, solange er ächt ist und auf
götterblut beruht. die adlichen sind ϑεῶν παῖδες (Eur. Med. 825).
ἴκταϱ ήμενοι Διός (A. Eum. 977 vgl. Niob. 162), διογενεῖς. ich habe
stellen attischer dichter des fünften jahrhunderts angeführt, die allen
Athenern gelten. dieselbe zeit ist stolz auf ihr autochthonentum: alle
Athener sind kinder der Erde, die für sie allein im eigentlichen sinne
mutter ist, wie der platonische Menexenos rühmt. in der demokratie
sind alle Athener gleich, alle erdgeboren und alle gottgeboren. aber
das soll uns nicht darüber täuschen, daſs einst die göttersöhne stolz auf
die terrae filii herabsahen, wie es die Römer immer getan haben. die
autochthonie ist durchaus nicht als adel erdacht. aber wir erreichen
die zeit nur in fernster ferne, wo wirklich götterblut die zugehörigkeit
zum δῆμος bedingte, der staat aus ächten patriciern bestand. abgesehen
von den zuwanderungen fremder, vielleicht wirklich adlicher geschlechter
muſste die einigung Athens, der staatsbegriff, die legitimation ausschlieſs-
lich durch das blut untergraben. so weit wir die attischen bruderschaften
kennen, ist ihnen sogar der begriff des namens bruderschaft fast ver-
loren, ihre namen sind nicht mehr alle gentilicisch, und cultverbände
(ὀϱγεῶνες) stehn neben den geschlechtern. die cultgenossenschaft, eine
form der vereinigung die ebensowol eine gilde wie ein geschlecht um-
schlieſsen kann, ist ein ersatz des adels, wie der religiöse begriff der
Ἀϑηναῖοι ein ersatz des stammbegriffes der Kekroper. entsprechend
der ausdehnung des staates hat man einmal den künstlichen schema-
tismus der vier adelsphylen und ihrer drittelungen (τϱιττύες) eingeführt,
[51]Die phylen. die steuerclassen.
der bis auf Kleisthenes gilt, aber seltsam wenig hervortritt, eben weil er
ganz künstlich war, während die alten geschlechter ihre lebendige macht
bewahrten. man hatte an die spitze der vier phylen könige gestellt, die
neben dem könige von Athen an mehreren blutgerichtshöfen sassen, ur-
sprünglich sein beirat sein sollten, im prytaneion vielleicht nicht bloſs für
sein gericht, sondern überhaupt für seine regierung. aber diese könige
haben in der tradition, über die wir verfügen, ihre rolle schon ausgespielt.
die vier phylen, die keinen rangunterschied haben, waren wol schon
dazu bestimmt, innerhalb des adels die unterschiede der vornehmheit
auszugleichen. wir hören auſserdem von drei ständen, adlichen, grund-
besitzern und handwerkern, εὐπατϱίδαι, γεωμόϱοι oder ἀγϱοῖκοι,
δημιουϱγοί, und der zweite stand muſs wol die besitzer eines landloses
bezeichnen. alle diese drei stände stellen 580 archonten27), besitzen
also vier ahnen, grundbesitz und adel. mit andern worten, die namen
allein schieden noch die gentes minores: patricii sind sie alle, dem staate
gegenüber gleichen rechtes. wenn wir mit fug und recht sagen, daſs
Kleisthenes die demokratie dadurch vollendet hat, daſs er durch eine
legalfiction alle Athener adlich machte, so hat dieser proceſs früher be-
gonnen als die uns kenntliche geschichte Athens. die gentilicische
fiction aber ist auch nach Kleisthenes niemals aufgegeben worden,
sondern hat für den bürgerbegriff immer gegolten.
Wenn der adel eigentlich schon durch die einführung der phylen-Die steuer-
classen.
teilung eine sehr wirksame, aber doch eine fiction ward, hinter der
sich der bürgerbegriff zunächst in der form der gemeinsamen her-
leitung von dem ‘väterlichen’ patricischen Apollon barg, so ward der
besitz, der census, allmählich das kriterium, das statt des blutes den
fictiven adel bestimmte. der besitz aber war grundbesitz: die quali-
fication des vollbürgers ward an den ‘gott des eignen herdes’, den
Zeus ἑϱκεῖος, neben dem Apollon πατϱῷος gebunden. diese ordnung
setzt den privaten grundbesitz voraus. damit stieſs die sammtgemeinde
die besitzlosen ohne ansehn ihres blutes in die rechtlosigkeit der erden-
4*
[52]II. 2. Von Kekrops bis Solon.
söhne hinab. wer ein landlos hatte, konnte den heerdienst leisten: so-
fort aber erhob sich als ein stand im stande der ritter empor, der zu
pferde zu dienen begütert genug war. und wenn gegenüber dem ge-
burtsadel der militärische, gegenüber dem grundbesitz der privatbesitz
ein unvermeidlicher culturfortschritt sein mag, so sah es vielleicht wie
eine art von gerechtigkeit aus, dass die höchstbegüterten zu den ge-
meindelasten stärker herangezogen wurden. dann blieb aber die im laufe
der zeiten unvermeidliche compensation von rechten und pflichten nicht
aus: die höchstbesteuerte classe, eine elite der ritter, qualificirte sich für
die gemeindeämter in erster linie. als alle die welche 500 scheffel ernteten
aus den rittern ausgesondert wurden, die über den spannfähigen bauern
und den proletariern sich vorher erhoben hatten, war der staat auf den
adel des gutes gegründet. es war nur noch eine frage der zeit, daſs die
beiden mittleren stände auch an einen festen census gebunden wurden.
wann das geschehen ist, in welcher reihenfolge diese verschiedenen fort-
schritte der phylen-, stände-, classenteilung gemacht sind, entzieht sich
unserer kenntnis: um 650 war alles längst vollzogen.
Wir sehen im siebenten jahrhundert in Athen die rücksichtslose
herrschaft des adels am ruder, und dieser adel ist auf den besitz, schon
nicht mehr den grundbesitz, sondern ganz einfach auf das geld be-
gründet. diese herrschaft besteht zu recht, aber sie ist faul im kerne
und vermag nur geringen widerstand zu leisten. zwei mächte streben
darnach, sie zu stürzen, die demokratie und die tyrannis. diese beiden
sind einander feindlich, aber welche auch immer einen schritt vorwärts
tut, immer geschieht es auf kosten des bestehenden vorrechtes der be-
sitzenden. der alte staat ist dem Solon und dem Peisistratos ruhm-
los erlegen.
Die reform
von 683.Einen sieg des demokratischen prinzipes stellt schon die reform
von 683 dar, indem die gemeinde, wenn auch irgendwie in der aus-
wahl gebunden28), neun jährige beamte erwählte und vermittelst dieser
[53]Die reform von 683. die naukrarien.
sogar die ratsstellen besetzte. für den hieromnemon29), der nach Del-
phi gieng, eine repraesentation Athens im auslande, und für die militä-
rischen chargen ist die directe volkswahl wol schon früher geübt worden.
das neugeschaffene amt der 6 ‘rechtssetzer’ war vielleicht ursprünglich
als ein collegium gedacht, das unter vorsitz eines der drei oberbeamten
das recht fände: selbst collegialisch zu richten sind sie nicht geschaffen,
sonst würde ihre zahl ungerade sein. die forderung, daſs der einzelne
magistrat nur unter zuziehung eines beirates das urteil fällte, also die
perhorrescirung des einzelrichters und die bindung des einzelnen ver-
waltungsbeamten, war sehr alt und schon vielfach in verschiedener weise
befriedigt. das collegium der elf für die aburteilung manifester todes-
würdiger verbrechen, die blutgerichtsbarkeit des rates und der phylen-
könige unter vorsitz des königs, wol schon die beiden ‘beisitzer’ der
drei oberbeamten dienen dieser tendenz. ein sehr groſser schritt vor-
wärts war die berufung der 51 epheten an die blutgerichtshöfe Palladion
und Delphinion, von denen der eine auch für jeden mord eines nicht-
bürgers competent war, also vielleicht jedes nicht zum stande gehörigen.
die zahl ist ungerade: der vorsitzende könig stimmte also nicht mehr
mit. es kann nicht bezweifelt werden, daſs auch die civile judicatur
der neun beamten schon im siebenten jahrhundert an die zuziehung
von geschwornen teils wirklich gebunden ward, teils nach der ansicht
der vorwärts drängenden partei gebunden werden sollte. der ausbildung
einer mächtigen magistratur war das standesinteresse der aristokratie
gleich wenig geneigt wie das demokratische streben nach einer möglichst
starken beteiligung aller.
Den eigentlichen anstoſs zur sprengung der ständischen vorrechteDie nau-
krarien.
gab die örtliche verwaltung Attikas, das für das bloſse hinterland der
hauptstadt zu groſs war. die stadt muſste wol der sitz der regierung
sein, und wer beamter ward, also in den rat auf lebenszeit trat, konnte
28)
[54]II. 2. Von Kekrops bis Solon.
kaum vermeiden, in die stadt zu ziehen, um seines amtes zu walten.30)
aber die landwirtschaft war doch die grundlage der gesammten wirt-
schaft, den reichtum bildete wesentlich der grundbesitz, auch die vor-
nehmen wohnten gern auf dem lande. somit bedurfte man einer orga-
nisation localer art, zunächst für die aushebung, dann für die frohnden,
die steuern und den dienst mindestens der flotte. die gentilicische
ordnung der phylen und trittyen reichte dazu nicht hin, und so hat
man sehr früh, wol noch im achten jahrhundert, die 48 kreise geschaffen
und an die spitze eines jeden bereits eine collegialische behörde gestellt,
die gesammtheit der kreise aber nicht mehr unter die vier phylenkönige,
sondern unter die kreishauptleute, die ναυκϱάϱων πϱυτάνεις. der name
ναύκϱαϱοι sammt seinen ableitungen lehrt, daſs die flotte den anstoſs zu
dieser gründung gegeben hat: so hat die see schon von anbeginn Athen zur
demokratie getrieben. wir hören nicht viel von den leistungen jener flotte,
aber die Dipylonvasen zeigen uns ihre schiffe, sogar dieren, im kampfe,
und der aufschwung des attischen handels und die verbindung mit Delos
sind nicht ohne sie denkbar. auch von den prytanen der naukraren
und von diesen selbst wissen wir allzuwenig: aber ihre existenz genügt
um zu zeigen, daſs sich neben den patricischen behörden hier eine ganz
anderer art erhob, der vorläufer der gemeindeordnung und gemeinde-
vertretung des kleisthenischen staates. die drakontische verfassung führt
auch bereits einen rat ein, gesondert von dem adelsrate des Areshügels,
den beirat der prytanen. mag nun Drakon diese locale vertretung erst
geschaffen haben, mag sie älter sein: in diesem rate lag die gefahr, daſs
eine völlige sociale umwälzung, wie sie in Megara vor Theognis, in
Ionien an manchen orten vorgekommen ist, den herrschenden stand zu
boden würfe. denn sobald der flottendienst eingeführt war, lieſs sich
die wehrhaftigkeit in Drakons sinne, das ὅπλα παϱέχεσϑαι, als erfor-
dernis der politischen rechte nicht mehr auf die dauer halten. in den
48 naukrarien lieſs sich die herrschaft der wenigen reichsten nicht so
zur geltung bringen wie in der wahlversammlung des ganzen demos.
[55]Die naukrarien. Drakon.
wenn Drakon den rat in der weise zu bilden versucht, daſs jeder be-
rechtigte in bestimmtem turnus hineinkommen muſs, und die active be-
teiligung aller durch schwere ordnungsstrafen erzwungen wird, so hat er
die aufstrebende demagogie der einzelnen wol eher schon erfahren als
vorausgesehen.
Die tyrannis war die Skylla, der der staat unentrinnbar zutrieb,Versuche
der ty-
rannis.
wenn er nicht von der demokratischen Charybdis verschlungen werden
sollte. aller voraussicht nach konnte Athen dem geschicke von Sikyon
Korinth und Megara nicht entgehn. die groſsen geschlechter innerhalb
des adels hatten das prestige des groſsen grundbesitzers, auch wol
das früherer selbständiger herrschaft, und die moderne gesellschafts-
ordnung sicherte und mehrte ihre macht, als die wirtschaft capitalistisch
ward. in der chronik steht, daſs schon vor der mitte des achten jahr-
hunderts ein Alkmeon zwei jahre archon war, der dann verschwindet,
während gleichzeitig das amt zehnjährig ward. darin mag die erinne-
rung an einen tyrannischen versuch bewahrt sein. ein Alkmeonide
Megakles war archon, als Kylon, ein junger schöner mann, der 640 in
Olympia im dauerlaufe gesiegt hatte, sich durch einen gewaltstreich der
burg bemächtigte. es gelang dem archon den aufstand niederzuschlagen.
er scheute sich nicht die führer umbringen zu lassen, obwol sie sich
gegen zusicherung des lebens ergeben hatten, und er hatte die macht,
so lange er lebte, die rechenschaft für diesen gottesfrevel zu hinter-
treiben. schlieſslich erzwang die gemeinde doch eine abrechnung; aber
sie geschah bereits durch ein groſses ausnahmegericht von 300 standes-
genossen: der rat auf dem Areshügel hat sich um die blutschuld nicht
gekümmert. nun ward das ganze geschlecht der Alkmeoniden verjagt
und bildete im auslande eine gefahr für die herrschende partei. ledig-
lich weil die bedeutung der Alkmeoniden und ihre anfeindung als ‘ver-
fluchte’ noch bis in das fünfte jahrhundert dauerte, sind diese ereignisse
im gedächtnisse geblieben, so daſs Kylons attentat das einzige scheint.
wir können aber unmöglich bezweifeln, daſs das siebente jahrhundert
viele der art gesehn hat, da im sechsten trotz der solonischen verfassung
die macht und begehrlichkeit der groſsen geschlechter um nichts ge-
mindert erscheint, Damasias kurze zeit, Peisistratos dauernd die tyrannis
erreicht, und die kämpfe, die Athen befreien, noch sehr stark den
charakter des ringens der geschlechter um die herrschaft tragen. erst
nach Marathon hat sich das volk wirklich von ihnen frei gemacht.
Ein versuch aus den kreisen der regierung, durch eine reform desDrakon.
staates sich vor diesen gefahren zu retten, ist die gesetzgebung Drakons,
[56]II. 2. Von Kekrops bis Solon.
die dieser vielleicht als thesmothet vornahm. schon die aufzeichnung
des rechtes war eine bedeutende concession, und durch die auslosung
des rates und der niederen beamten aus der bürgerschaft ward der rat
des Areshügels weiter beschränkt, mochte er auch noch die controlle
der beamten behalten, also, wenn er einen einigen und festen willen
besaſs, die eigentliche herrschaft behaupten können. durch künstliche
mittel sollte der rat der 401 und sein vorstand, die prytanen, gebunden
werden, und vor allem wurden die wahlbeamten auf die höchsten classen
in der art beschränkt, daſs das schuldenfreie vermögen statt des einkommens
den maſsstab des census abgab. dadurch trug diese reform lediglich zu
der verschärfung der socialen gegensätze bei und trieb die verschuldeten
grundbesitzer, denen sie die höchsten stellen entzog, notwendig in das
lager der umstürzler. erst in dieser umbildung ward die einteilung der
classen nach dem census eine plutokratische. es dauerte nicht lange,
da ward Solon zum archon gewählt, nicht sowol um verfassungsgesetze
zu geben, als um die unerträgliche sociale not zu beseitigen; die meisten
erwarteten eine confiscation und neuaufteilung des landes.
Der wirt-
schaftliche
notstand.Es ist nicht leicht, die ursachen dieser wirtschaftlichen not anzu-
geben, die vornehmlich in der verschuldung oder vertreibung der kleineren
grundbesitzer bestanden hat. die erscheinung wiederholt sich in vielen
staaten des altertums, aber nirgend in einer zeit, die wir durch hin-
reichende directe zeugnisse mit eignen augen kennen lernen könnten.
die erste voraussetzung ist in der verwandelung des gemeinbesitzes in
den privaten gegeben. dann führt schon die natürliche vermehrung der
bevölkerung zu schweren krisen, sobald eine verteilung von neuen landlosen
nicht mehr möglich ist. in Athen war dieser zustand erreicht, nachdem
Eleusis erworben war. die par bergschluchten, die man den nördlichen
nachbarn abnehmen konnte, machten wenig aus; Salamis begehrte man
vergeblich; man muſste auch noch oft den eleusinischen besitz verteidigen;
Tellos ist in einem solchen kampfe gefallen. ein anderes hilfsmittel ist
die colonisation, und sie hatte früher geholfen. auch jetzt noch ist ge-
wiſs ein teil der überschüssigen bevölkerung hinausgezogen, aber fast
immer unter fremder führung, so daſs sie die machtstellung des vater-
landes nicht stärkte. eigene athenische colonien von bedeutung sind
im siebenten jahrhundert nicht gegründet worden; selbst Sigeion war
von den Mytilenaeern so stark umstritten, daſs es nicht gedieh. die
planmäſsige verbesserung des landbaus, um die rentabilität der güter zu
steigern, wird der moderne der vorsolonischen zeit nicht leicht zutrauen;
und doch ist gerade diese merkwürdige tatsache sicher. der adel hat
[57]Der wirtschaftliche notstand.
in dieser richtung sehr viel mehr geleistet als die ganze zeit der demo-
kratie. die einführung und überwachung des ölbaus durch den Areo-
pagitenrat ist eine tat, deren folgen bis auf den heutigen tag währen,
und wir vermögen uns Attika ohne dieses geschenk seiner göttin gar
nicht zu denken. das wasserrecht in hinsicht auf brunnen cisternen und
vorflut ist von ‘Solon’ geordnet: wer wollte bezweifeln, daſs er nur das
geltende recht aufzeichnete? mit den schuſspraemien für die erlegung
der raubtiere steht es ebenso; schaf und ziegenzucht muſs in den
attischen bergen den landbau ergänzen. daneben gehen die versuche
durch ausfuhrverbote dem eigenen volke die erzeugnisse des heimischen
feld- und gartenbaues zu erhalten, doch wol eine im interesse der con-
sumenten getroffene maſsregel; der name der sykophanten deutet freilich
mehr auf ein verbot der einfuhr fremder früchte, und prohibitiv-
maſsregeln dieser art pflegen zum schutze der heimischen production
ersonnen zu werden. doch vermögen wir nicht abzuschätzen, welche
versuche die verschiedenen parteien in Athen gemacht haben: das wich-
tige ist, daſs der alte staat auch auf wirtschaftlichem gebiete so vielerlei
unternommen hat.
Wichtiger als alles andere war der übergang von der naturalwirt-
schaft zu der herrschaft des geldes. die hypothek sagt noch heute durch
ihren namen, daſs sie eine erfindung der athenischen capitalisten oder
auch des attischen adels ist: das ist dasselbe. das gemünzte geld der
nachbarn, in Chalkis oder Aigina geschlagen, cursirte in Attika; das metall
war aber wol schon lange vorher das gesetzliche tauschmittel geworden,
und der staat hatte das aeginetische gewicht angenommen. während zu
der zeit, da die steuerclassen eingeführt wurden, die steuern von dem
bruttoeinkommen gewiſs eben so in natura abgeliefert wurden, wie der
könig noch im fünften jahrhundert die gefälle der ‘rinderhirtenschaft’
von den parasiten der Acharner eintrieb, ward nun die zahlung in silber
vorgeschrieben. auf dem markte drängte sich das metall als vermittler
zwischen die producte des landmanns und des handwerkers. der bauer
braucht das bare geld an jedem markttage; die einnahmen flieſsen ihm im
jahre nur an ein par terminen zu. sehr rasch kommt er in den fall zu
borgen, und sehr bequem erscheint es ihm, sein gut zum pfande zu
setzen. ein beschriebener stein auf dem acker, das ist zuerst nichts
gefährliches. aber der zinsfuſs steht im belieben des gläubigers, und
wenn der handel, der zuerst das ‘gebären’ des geldes gelehrt hat, mit
ungeheurem risico und entsprechendem gewinne rechnen muſs und daher
einen sehr hohen zinsfuſs verträgt, so erliegt die landwirtschaft nur zu
[58]II. 2. Von Kekrops bis Solon.
rasch einer solchen belastung. der staat aber erkennt eine jede hypo-
thekarische schuld an und bietet seine organe zur beitreibung, und das
recht erstreckt die haftpflicht des gläubigers auf sein landlos und weiter
auf seinen leib und den der seinen. die capitalisten im lande sind in erster
linie die götter, die bruderschaften und sonstigen ideellen personen.
aber über diese cassen verfügen die herrschenden kreise, das sind eben
die capitalisten, die gläubiger. die vornehmen nützen nun ihren gol-
denen und silbernen hausrat besser aus als ihre ahnen, die ihn zu toten-
masken und allerlei zierrat verbrauchten. sie ziehen ein landlos nach
dem anderen an sich. wie rasch ist bei einer verzinsung von 20 procent
der bauer gelegt; er muſs zufrieden sein, wenn er nicht als sclave übers
meer verkauft wird, sondern auf dem erbe seiner väter weiter arbeiten
darf, fünf garben für den herrn, die sechste für sich. der herr aber
erhält so eine ganze schar von hörigen, trabanten für die gewaltherr-
schaft, die er hofft. die verteilung des grundbesitzes scheint wieder zu
schwinden. sehr bedeutende teile müssen auch wieder gemeinbesitz in
irgend welcher form geworden sein; aber die gemeinde, die jetzt davon
nutzen zieht, ist auf die reichen beschränkt. der druck wäre kaum zu
ertragen, wenn das harte recht allein bestünde. aber Solon spricht un-
umwunden von den veruntreuungen und der habgier der herrschenden.
die grausamkeit, die dem capitale von natur inne wohnt, pflegt von der
unredlichkeit begleitet zu sein, zur φιλαϱγυϱία gehört die ὑπεϱηφανία.
τίκτει γὰϱ κόϱος ὕβϱις, ἐπὴν πολὺς ὄλβος ἕπηται. diese erfahrungen
sind in dieser zeit gemacht. wenn dann vollends eine verfassung ge-
geben wird, die die höchsten stellen der regierung den besitzern schulden-
freier güter vorbehält, so kann das geschrei nach einer neuen aufteilung
des ackers kaum für unberechtigt erklärt werden.
Wenn die landwirtschaft wenigstens im kleinbetriebe sich nicht mehr
halten kann, so sollte handwerk und handel und jeder städtische beruf
um so besser seinen mann nähren. so sollte man meinen. wirklich
ist Athen durch den peloponnesischen krieg, der die attische landwirt-
schaft zerstörte, zu einer industriestadt geworden. aber der handel er-
forderte in folge des risicos damals noch mehr als heute ein starkes an-
lagecapital. ihn trieben die besitzenden herren selbst, wie Solons beispiel
zeigt. das handwerk in dem weiten sinne, den das wort δημιουϱγός
umfaſst, war in Attika so lange schon heimisch, daſs die δημιουϱγοί im
geschlechterstaate es zu der anerkennung als adliche gebracht hatten,
und alte gilden wie Δαιδαλίδαι Αἰϑαλίδαι zu geschlechtern geworden
waren. Hephaistos hatte sich zu Athena gesellt. der köstliche ton war
[59]Der wirtschaftliche notstand. Solon.
die erste gabe des attischen bodens, die entdeckt ward: wir bewundern
die riesengefässe, die auf den gräbern des siebenten jahrhunderts standen,
und erkennen die echt attische typische auffassung des wirklichen lebens
in den schildereien des Dipylonstiles. der treffliche Ergotimos trägt die
ehre der attischen arbeit im namen; aber Klitias, der für ihn malte, war
kein Athener, wie wieder der name lehrt31), und zu Kleisthenes zeiten
stehen neben wolhabenden attischen sehr viele fremde leute dieses hand-
werkes. es kann in der industrie der capitalist durch billige sclaven-
arbeit nur zu leicht den freien handwerker niederhalten. die hoffart der
dorischen weltanschauung kam dazu, die den hesiodischen spruch ἔϱγον
οὐδὲν ὄνειδος in sein gegenteil verkehrt hatte. Drakon hat den töpfer
und den gerber ohne zweifel für einen banausen gehalten; Aristoteles
tut es ja auch. also schied der bauer, wenn er in die stadt zog um
als handwerker seine familie vor der sclaverei zu schützen, aus der ge-
sellschaft aus. an dieser anschauung hat selbst die demokratie wenig
geändert.
So war der staat und die gesellschaft Athens um 600, schwach
nach auſsen, schwach nach innen, die verfassung durch vielfache ver-
änderungen erschüttert, das erwerbsleben schwer krank, die gesellschaft
durch die gegensätze der ehrgeizigen parteiführer unter sich, des adels
und des volkes, der armen [und] der reichen zerklüftet. die götter schienen
Athen verlassen zu haben; auch wer noch für sich hoffte, rechnete mit
dem untergange mindestens des staates Athen.
Da erweckte ihnen gott einen propheten: so würde es von IsraelSolon.
heiſsen. da erstand ihnen ein dichter, heiſst es in der stadt Athenas.
Solon, des Exekestides sohn aus dem blute des alten königshauses, war
ein wolhabender mann32), der die erziehung seiner standesgenossen er-
halten und anteil an ihren vergnügungen genommen hatte. daſs der
handel ihn über das meer führte, hob ihn auch noch nicht über
[60]II. 2. Von Kekrops bis Solon.
ihre vorurteile. aber er hat allerdings das ihnen zumeist fremde
ionische wesen in sich aufgenommen. wie er die aeginetische währung
mit der chalkidischen vertauscht hat, so wendet er den attischen sinn von
den dorischen zu den ionischen νομιζόμενα überhaupt. er wird ein
dichter in der ionischen form der elegie und des iambus; er bemäch-
tigt sich dieses neuen organs, mit dem der Ionier seine gedanken und
urteile und seinen willen dem publicum zu übermitteln gelernt hatte.
damit gewinnt er über die massen die herrschaft, zwingt sie wie er
zu empfinden und ihm zu folgen. die mundart der Athener stand der
homerischen kunstsprache, die der Ionier in den neuen maſsen der
rede seines mundes anpaſste, gewiſs damals nicht näher als ein jahr-
hundert später: die leistung des dichters Solon ist also eine bedeutende,
beginnt er doch die attische litteratur. aber ganz abgesehen von dem
formalen studium, das seine gedichte zur voraussetzung haben, hat er sein
ganzes denken und empfinden ionisch machen müssen, menschlich, modern
für seine zeit. halten wir doch die attischen werke etwa der gleichen periode
neben ihn: wie groſs ist der abstand. die köstliche darstellungsfreude,
mit der der bildner des Typhongiebels seine scheusale in aller derbheit
aus seinem weichen stein schnitzt, das ist das alte Athen, dasselbe, das
ein par generationen früher leichenzüge und seeschlachten mit kind-
lichen mitteln auf die tonkrüge pinselte, ungeschlacht autochthonisch, aber
mit ächt attischer ἐνάϱγεια. wir werden diese in den solonischen
schilderungen des lebens nicht verkennen; der Athener ist dem trotz
aller caricatur schematischen Semonides weit überlegen. aber er hat
einen gebildeten stil, seine sprache ist überhaupt nicht archaisch. die
Françoisvase entzückt uns durch die epische erzählungskunst ihrer bilder;
der abglanz der ganzen grossen sagenherrlichkeit ruht auf ihr, die im
mutterlande noch alle herzen beherrschte. in Ionien war sie schon
verblaſst; die demokratie hatte die nachkommen der heroen zurückge-
drängt, und Mimnermos konnte die sage bereits, ein vorläufer der Alexan-
driner, zu spielendem schmucke verwenden. bei Solon tritt sie ganz
und gar zurück. dem pompösen wesen des rittertumes ist sein ein-
facher sinn vollends abgeneigt: er hat es in der beschänkung des
gräberluxus bewiesen, und in denselben gesetzen dem aberglauben ge-
steuert, über den er durchaus erhaben ist. aber die einfache attische
frömmigkeit hat er sich bewahrt, trotz allem menschlichen denken und
aller modernen weisheit: auch für ihn hält die göttin schirmend ihre
hand über ihrem Athen, so daſs der himmlische vater es gar nicht
untergehen lassen kann. und das vertrauen auf die gerechtigkeit des
[61]Solon.
weltenregiments ist ihm vollkommen unerschüttert. “gott hält sein auge
über dem ausgange aller dinge; er ist nicht rasch mit seinem zorne,
aber seine strafe suchet den schuldigen heim, sei es auch erst in seinen
kindern oder kindeskindern.” so denkt er, wie hundert jahre später
Aischylos, und dieses denken gibt ihm die kraft und den mut zu seinem
groſsen werke. der rechte nachfolger Homers und der rechte Athener
ist er vollends in dem was ihn von dem Ionier Archilochos scheidet,
dem unvergleichlich gröſseren aber an dem persönlichsten irdischen
klebenden dichter: der sinn für die durcharbeitung der zufälligen
wirklichkeit zur typischen wahrheit. wer in das Akropolismuseum tritt,
der sieht in der gewaltigen bunten gruppe des stieres das schönste
werk altathenischer plastik und ruft “das ist das verkörperte home-
rische gleichnis.” da kündet sich die kunst an, die im Parthenonfriese
das attische volk, das ideal ihrer zeit, zu der für alle zeit typischen
darstellung eines sich seiner gottheit am festlichen tage nahenden volkes
vergeistigen konnte. als V. Hehn die darstellung der naturformen des
menschenlebens bei Goethe veranschaulichen will, greift er nach ihrer
schilderung in Solons grosser elegie.33)
So war der dichter und der weise, der seinen Athenern zu predi-
gen wagte: “haltet inne, kehret um auf eurem wege, sonst stürzt ihr
wider gottes willen euer vaterland in den abgrund.” was er geiſselte
war die begehrlichkeit, sowol der von unten drängenden masse wie die
der auf ihren besitz pochenden standesgenossen. diesen, die mit dem
gute des staates und der götter unredlich umgehn, die macht zu der
vergewaltigung der rechtlosen misbrauchen, gilt sein zorn überwiegend.
gerechtigkeit in der verteilung des besitzes, menschlichkeit und gleichheit
fordert er, frieden, eintracht und gesetzlichkeit (εὐνομίη, worin sowol
die befolgung der gesetze, wie die herrschaft guter gesetze liegt) verheiſst er.
von bestimmten praktischen vorschlägen hören wir nichts; das gehört
nicht in die poesie. aber der so redete, war kein δημιουϱγός der dicht-
kunst, sondern ein angesehener und lebenserfahrener angehöriger des
[62]II. 2. Von Kekrops bis Solon.
herrschenden standes, der kein hehl daraus machte, daſs er seine ge-
danken praktisch verwirklichen wollte. sein volk vertraute ihm, wählte
ihn zum archon und gab ihm die vollmacht die verfassung neu zu
machen und das volk zu versöhnen.34)
Was er dem volke brachte, entschied sich schon am tage seines
amtsantrittes.35) er hatte als archon die proclamation zu erlassen, daſs
er jedermann in seinem besitze schützen und erhalten wolle. statt
dessen erklärte er alle bestehenden hypothekenschulden für hinfällig
und die verpfändung eines athenischen leibes überhaupt für ungesetz-
lich, dies letztere mit rückwirkender kraft. er verfügte auch über
mittel, obwol wir nicht wissen woher, die er zu dem rückkaufe der in
das ausland verkauften Athener verwandte.36) so wurden denn die
hypothekensteine, die sie belasteten, auf allen attischen äckern zer-
schlagen, und in allgemeinem jubel eine festfeier “der abgeschüttelten
bürde” begangen.37) es war ein sehr gewaltsamer eingriff in wolerwor-
bene privatrechte, aber es ist kein versuch gemacht ihn zu hindern oder
zu redressiren; die besitzenden mochten auf diese concession gefaſst ge-
wesen sein und sich zu ihr verstehen um der drohenden confiscation ihres
[63]Solon.
grundbesitzes zu entrinnen. immer noch konnten sie hoffen, daſs Solon,
ihr standesgenosse und ein maſsvoller mann, die standesherrschaft eher
befestigen als schmälern würde. aber die gesetzgebung, die er natür-
lich erst am ende seines amtsjahres vor den souveränen demos bringen
konnte, beseitigte nicht bloſs die verfassung Drakons, sondern begrün-
dete die demokratie.
Alle Athener (Ἀϑηναῖοι ἅπαντες, wie der ausdruck wol schon
jetzt lautete) erhielten an der staatsverwaltung anteil. für die volksver-
sammlungen, den rat und die geschwornenstellen ward hinfort kein
census gefordert, für die beiden letzteren nur die zurücklegung des
dreiſsigsten lebensjahres; für den rat gieng auſserdem noch eine persön-
liche prüfung der würdigkeit dem eintritte vorher. eine ausnahme bil-
deten die geschwornenstellen in den mordgerichten, wo die adligen
epheten Drakons blieben, weil der sacrale charakter dieser richtstätten
die älteren formen sicherte. die teilnahme des ganzen volkes an den
volksversammlungen verlieh diesem das active wahlrecht für die wahl-
ämter, aber auch die wirksamste controlle selbst der archonten. denn
die prytanen des rates, (über deren bestellung wir weiter nichts wissen)
waren gehalten, in bestimmten (uns unbekannten) fristen eine volks-
versammlung zu berufen, in der alle selbständig, nicht unter aufsicht
eines der räte, fungirenden magistrate neu bestätigt werden muſsten;
im falle ihrer suspension kamen sie vor die thesmotheten, die ein ge-
richt von geschwornen zu berufen hatten. dasselbe hatte unbedingt
mit der rechenschaftsablage der feldherren zu geschehen. gegen die
anderen beamten konnte jeder bürger nach ablauf ihres amtsjahres an
eine commission des rates, die euthynen, eine beschwerde einreichen,
die erforderlichen falles von den thesmotheten in der nämlichen weise
vor ein volksgericht gebracht ward. die competenzen aller beamten
wurden in bestimmter weise abgegrenzt, so daſs sie höhere strafen, ins-
besondere leibesstrafen, nur unter zuziehung eines gerichtes zuerkennen
konnten. die bestellung der beamten, so weit sie nicht direct gewählt
wurden, geschah durch das los auf grund einer vorschlagsliste, über
deren aufstellung genaueres nicht bekannt ist, als daſs sie durch wahl
in unterabteilungen des volkes, phylen oder (für den rat) naukrarien
zu stande kam. als qualification ward ein census, abgestuft nach den
alten drei classen, gefordert, die nun wieder ihre vordrakontische bedeu-
tung nach dem einkommen erhielten. ob an der competenz der einzelnen
beamten oder des oberen rates geändert worden ist, wissen wir nicht;
der überlieferung nach ist da ziemlich alles beim alten geblieben.
Solons augenmerk war offenbar zunächst nur auf die schulden-
tilgung gerichtet gewesen, und im übrigen auf die beseitigung der dra-
kontischen schranken, die durch die forderung der selbstequipirung
die proletarier principiell ausschlossen. das schien ihm ein widerspruch
mit der herrschaft des demos, und er spricht es selbst aus, daſs er diesem
seine rechte weder geschmälert noch vermehrt hätte: er hielt Drakons
ordnung also für eine ungerechte neuerung. wirklich können wir wol
nicht anders urteilen, als daſs Solon in der verfassung auſser diesem
demokratischen prinzipe kaum etwas bedeutendes erfunden hat, da ja die
ausdehnung des loses auf die archonten kein neues princip war, und
dessen bedeutung kann man nicht umhin, gerade für die wichtigsten
ämter gering anzuschlagen. Solon selbst und sein nachfolger Dropides
sind trotz dem lose so gut wie gewählt: es hat sich die macht des
volkswillens so stark fühlbar gemacht, daſs andere candidaten gar nicht
zur losung präsentirt wurden. wenn in den folgenden jahren so häufig
gar keine archonten vorhanden sind, so muſs die losung aus der vor-
schlagsliste durch den terrorismus der parteien verhindert sein, oder
aber es hat sich die majorität der tyrannei des zufalls nicht unter-
worfen. wir haben schlechthin keine mittel uns vorzustellen, wie es in
Athen in solchen jahren der anarchie aussah38); aber die kritik muſs
sich Solon schon gefallen lassen, daſs er zwar das princip der demo-
kratie zum siege geführt hat, aber gerade dadurch, daſs er die macht
der beamten möglichst vinculirte, zunächst seinem vaterlande den
kräftigen arm gelähmt hat, der es allein vor der tyrannis schützen
konnte, die der vertrauensmann des volkes, der in directer wahl von
allen erhobene stratege, und der πείϑων τὸν στϱατόν, der demagoge
der zum ganzen volke sprechen konnte, errungen hat.
Das denkwürdige amtsjahr lief ab. Solon stellte das geltende at-
tische recht auf vielen riesigen holztafeln verzeichnet aus, lieſs es vom
demos nicht nur annehmen, sondern in feierlicher weise beschwören,
brachte am jahresschlusse das opfer an Zeus den erretter (die letzte
regelmäſsige amtshandlung des beamten39) und trat in das privatleben
zurück oder vielmehr in den Areopag hinüber. seine Athener werden
[65]Solon.
zuerst die bewunderung seiner leistung, zu der die aufzeichnung der
gesetze, der kalender und die ordnung von maſs und gewicht auch
gehörte, und die höhere bewunderung seiner selbstlosigkeit und gesetz-
lichkeit haben vorwalten lassen. in der tat hat ihn niemand persönlich
angegriffen. aber wenn der dichter und der patriot geglaubt hatte, er
brauchte nur dem demos in den sattel zu helfen, reiten würde er von
selbst können, so folgte schlimme enttäuschung. daſs der bisher herr-
schende stand über die beseitigung der drakontischen verfassung grollte,
mehr noch als über die capitalverluste der einzelnen, ist ebenso natür-
lich, wie daſs die theten, denen er zwar die freiheit und damit poli-
tische rechte, aber keinen materiellen gewinn und mit den rechten
pflichten gegeben hatte, nach dem ersten freudenrausche stark ver-
stimmt waren, weil sie arbeiten sollten wie immer. die neue maschine
functionirte mit einer allzustarken reibung und stockte hier und da.
so rief man den werkmeister sie wieder in gang zu bringen. er
vertraute seinem werke und der zeit, idealist wie er war; aber eben
weil er es war, konnte ihm keine herbere kritik werden, als daſs von
rechts und links ihm zu verstehen gegeben ward, er hätte die tyrannis
selbst übernehmen sollen, wie es in der tat Pittakos von Mytilene in
ähnlicher stellung getan hatte. das verekelte ihm seine vaterstadt, und
nachdem er mit seiner einzigen waffe, der poesie, sich lebhaft aber ver-
geblich verteidigt hatte, zog er auf lange jahre hinaus in die fremde.
in Athen aber brachen die politischen kämpfe mit erneuter heftigkeit
los. die vorwahlen für die losung zu den höchsten ämtern trugen die
politischen kämpfe auf das land; die präsentation der candidaten für
den neuen rat fielen ohne zweifel den örtlichen kreisen zu. so bil-
deten sich innerhalb des volkes parteien, die sich nach den landesteilen
nannten, nicht etwa alten vortheseischen städten, sondern den wirtschaft-
lichen interessen der gegenwart entsprechend. die solonische demo-
kratie fand anklang in der küstenbevölkerung, die immer demokratischer
gesonnen war, und ihre führung ergriff Megakles, das haupt der Alkme-
oniden, die dem Solon die heimkehr dankten. in der ebene Athens
saſsen die ältesten herrengeschlechter und war die vom Areopage be-
schützte landwirtschaft maſsgebend: sie wollte von der solonischen wirt-
schaftspolitik nichts wissen, die Athen zu Ionien hinwies, und das haupt
der Butaden stritt für die reaction. das bergige land, im nordosten und
osten, sehr stark bevölkert von einem wehrhaften bauernstande und
stolz auf seine eigenart, drängte weiter auf der bahn der decentralisation,
durch die allein das land der stadt gebieten konnte; es stellte den besten
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 5
[66]II. 2. Von Kekrops bis Solon.
truppen einen geschickten führer: hier war man für einen krieg, der
neue landlose den bauernsöhnen schaffte, und die führer, Peisistratos
von Brauron und Miltiades der Philaide, haben sie ihnen auch verschafft.
wir wissen im einzelnen fast nichts über das menschenalter nach Solons
gesetzgebung, aber gerade soviel, um zu sagen, daſs es um den innern
frieden traurig stand, und um den wolstand nicht besser als zuvor, bis
Peisistratos erst Salamis eroberte und dann sich zum herrn machte. und
das zweite wissen wir, daſs Solon heimgekehrt ist und in Athen un-
behelligt und verehrt aber einfluſslos bis 560/59 gelebt hat. er hat
noch gedichtet, sein volk gemahnt um Salamis zu kämpfen und vor
Peisistratos sich zu hüten; sie hörten wol seine verse, aber es waren
ihnen nur die verse eines dichters: politisch war Solon ein toter mann,
seit er dem Zeus σωτήϱ am letzten skirophorion 593 das dankopfer
gebracht hatte.
Die götter verwöhnen ihre lieblinge nicht; der frühe tod ist der
preis, um den die schönste krone des heldentumes feil ist, für Kleobis
und Biton, für Achilleus und Alexandros. die krone der weisheit aber
erhält der greis für ein leben voller enttäuschung, und entsagung lehren
auch die weisesten, die das vollste menschenleben gelebt haben, Platon
und Goethe. als Solon zu sterben kam, war sein Athen in der hand
des tyrannen, und der stifter der demokratie hatte eingesehen, daſs
seine Athener jeder einzeln ein schlauer fuchs, aber auf der pnyx eine
herde schafe wären. nach den wolken des demagogischen weihrauchs,
die ihm im vierten jahrhundert von denen gespendet wurden, die be-
sagte herde hüteten und schoren, wird den weisen wenig gelüstet haben;
daſs er ein groſser staatsmann gewesen wäre, wird sein gewissen ver-
neint haben, so gut wie wir es verneinen müssen. und doch hat Ari-
stoteles ihn einen einzigen unter allen staatsmännern genannt, der allein
das wol des ganzen zur richtschnur sich genommen. und doch hat er
in der tat die demokratie Athens, wenn auch nur als vorläufer des
Kleisthenes, und die athenische poesie, wenn auch nur als vorläufer des
Aischylos begründet. daſs er beides vermochte, daſs seine person sowol
den Drakon wie den Peisistratos, ja noch den Kleisthenes in den schat-
ten gestellt hat, das dankt er der Muse. ihn allein von ihnen hörte
die nachwelt und hören auch wir noch. ein groſser dichter war er
nicht, aber ein weiser und frommer und guter mensch, was denn doch
mehr ist.
Verblaſst ist sein bild gar bald in den büchern der geschichte; aber die
poesie ist ihm gerecht geworden. nicht daheim, aber in Ionien hat sie
[67]Solon.
die schönste novelle gedichtet, in der er dem Hellenen seine σωφϱοσύνη
repräsentirt. auf dem güldenen throne sitzt der barbar in seiner ma-
teriellen herrlichkeit mit all dem dünkel abergläubischer gottwolgefällig-
keit und ruft “sehet mich an, ich bin glücklich und gottgesegnet”
(ὄλβιος und εὐδαίμων). der weise im schlichten bürgerkleide belehrt
ihn, daſs das höchste menschenglück das des schlichten bürgers ist,
wie es die natur dem menschen gewähret, mit weib und kind, acker
und vieh, gesundheit und gedeihen, und zur krönung dem seligsten tode,
dem tode des kriegers fürs vaterland. vergebens belehrt er den bar-
baren, vergebens mahnt er ihn, daſs den tag vor dem abend niemand loben
dürfe. Kroisos verlacht die mahnung, das schicksal ereilt ihn, und das
gedächtnis an des weisen wort ist das einzige was ihn errettet.
So steht Solon da, der typus des Hellenentums, des Athener-
tumes, sich bewuſst der menschenschwäche und des menschenadels, de-
mütig vor der natur, demütig vor gott, aber nur vor dem ewigen
demütig. so lernen unsere kinder den weisen Solon kennen: nicht den
vater der demokratie, aber den hellenischen propheten, den dichter und
den weisen. die unsterbliche seele Solons und seines volkes ruft uns
alle noch heute auf zu der seisachthie des götzendienstes dieser welt.
Doch ich vergesse, unsere kinder sollen den weisen Solon nicht
mehr kennen lernen. die moderne selbstgerechtigkeit und hoffart sitzt
als ein protziger barbar auf ihrem throne, opfert götzendienerisch ihrer
eigenen herrlichkeit und ihren lüsten und weist den hellenischen mahner
an selbstbescheidung und demut unwillig von sich. soll sie auch erst
auf den scheiterhaufen steigen, um sich auf die hellenische weisheit zu
besinnen? vielleicht. aber schwerlich wird ihr zerstörer ein Kyros sein,
der sie um des verzweiflungsrufes “Solon, Solon” begnadige.
Athen in der
tyrannen-
zeit.Wer jetzt auf der burg von Athen wandelt, dem stellt sich als eine
schöne lösbare aufgabe dar, das Athen der tyrannenzeit in seiner zu-
ständlichkeit zu schildern. leibhaft sieht man die menschen jener gesell-
schaft vor sich, und, was mehr bedeutet, man kann empfinden, wofür
sie leben, wo sie ihren schatz und ihr herz haben. es geht ihnen gut
und sie genieſsen ihr leben. sie haben an ihrer eignen existenz freude
und suchen die εὐδαιμονία im ὄλβος. es ist eine zeit, geschlagen in
enge fesseln der convention und der mode; vielleicht merkt man nur
ex eventu, daſs vieles überlebte da ist, und ein neues leben sich zu regen
beginnt, das diese fesseln sprengen wird. den ungeheuren umschwung
der Perserkriege und der demokratischen ἀϱετή schätzt man nirgend
so richtig, wie wenn man im sechsten jahrhundert wandelt. schon die
heroische naktheit des Harmodios erscheint wie ein protest gegen die
ceremoniöse toilette eines Aristion. daſs die jünglinge und mädchen
des Parthenonfrieses groſsmütter und väter gehabt haben sollen, die sich
anzogen wie die κόϱαι, die unsere archaeologische jugend so hübsch
als tanten bezeichnet hat, sich einen lockenkranz um die schläfen frisiren
lieſsen und die arme mit ekelhafter grazie weit vom leibe hielten, damit
die geknifften fältchen der mantillenkanten nicht zerknautscht würden,
muſs man sich mühsam klar machen. es riecht alles nach τϱυφὴ
Ἰωνική, nach μύϱα und ἁβϱὸς βίος.1) und doch wie sauber und
[69]Athen in der tyrannenzeit.
solide baute jene zeit, wie gewaltig sind die fortschritte der bildenden
künste, und wie tief im volke geht jene anspruchsvolle lebensführung,
da töpfer walker und schuster an ihr teil nahmen. man sieht, wie viel
da war, das die Perser zerschlagen und rauben konnten: die opfer von
480 lernt man schätzen, und es wächst sowol die achtung vor Peisistratos
wie die bewunderung der freien bürgerschaft.
Doch das ist eine aufgabe, die wirklich nur ein archaeologe lösen
kann, einer dem die funde auch in allen einzelheiten rede stehn, und weil
die aufgabe gestellt ist, wird sich auch die archaeologische jugend über
die unfruchtbaren stilriechereien und die wirklich antiquirte suche nach
künstlernamen erheben. in um so mislicherer lage ist jeder der die
ereignisse jener zeit zu schildern unternimmt und nicht den Herodot
paraphrasiren will. sie sind verschollen, und was man einzelnes hört,
belehrt wenig, eben weil es nichts als nakte facta bringt. wir wissen
es nicht, wie sich die situation Athens um 520 v. Chr. gebildet hat:
aber von dieser situation kann man sich einigermaſsen ein bild machen.
Als nach der gesetzgebung Solons statt des gehofften friedens der
parteihader nur gehässiger entbrann, war es das gröſste glück, daſs sich
der zum herrn machte, der seine tüchtigkeit durch die erwerbung von
1)
[70]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
Salamis bewiesen hatte, und der nicht den durch Solon gestürzten groſs-
grundbesitz, sondern die kleinen leute und die wehrhafte bauernschaft
der Diakria hinter sich hatte. Peisistratos ward zwar alt und grau, ehe
er aus zehnjähriger verbannung heimkehrend auf dem throne fest ward
(541). dafür brachte er die anerkennung durch die bedeutendsten
nachbarstaaten, Boeotien und Euboia, ein bündnis mit Argos und eignen
besitz an der thrakischen küste mit. so konnte er frieden und wolstand,
ordnung und fortschritt auf sein panier schreiben, und mit ausnahme
der überwundenen adelsgeschlechter hatte er bald die sympathie des
volkes gewonnen, so daſs sich bei seinem tode 528 nichts änderte,
sondern seine beiden ehelichen söhne die nicht festumschriebene oder
beschworene aber tatsächlich anerkannte herrschergewalt fortführten.
Hippias, schon ein reifer mann, war längst ein mitarbeiter an der politik
des vaters gewesen; Hipparchos, auch kein jüngling mehr, ergänzte ihn
für das prestige der tyrannis auf das glücklichste. denn seine beziehungen
zu den dichtern der zeit hatten eine sehr reale bedeutung. diese leisteten,
was heute die presse besorgt, die beherrschung der öffentlichen meinung.
orakelsprüche, wie sie damals besonders beliebt waren, haben mindestens
eben so oft die ereignisse vorbereitet und bewirkt, wie sie später ex
eventu verfertigt und umgeformt sind. weltkundige und allerorten wol-
gelittene litteraten, wie Lasos und Simonides, formulirten dem durch-
schnittshellenen, was er schön und gut finden sollte, und lebten davon,
sich von den mächtigen die parole dazu geben zu lassen, was sie also
den leuten darstellen sollten. sie sind die vorläufer der sophisten. die
breite masse aber bewunderte den herren von Athen, dessen lieblinge
die lieder eines Anakreon verherrlichten wie die des Polykrates. das
ist der lauf der welt; sie beugt sich dem glücklichen und nimmt an
seinem ‘glücke’ anteil. es muſste die sittliche erhebung einer groſsen zeit
kommen, damit das glück des Polykrates im sinne des Herodotos, nicht
in dem des Anakreon sprüchwörtlich werden konnte.
Der attische bauer saſs leidlich zufrieden unter seinem feigen-
baum und weinstock und schaute mit andacht auf das geschenk seiner
göttin, die olive, deren anbau der staat jetzt wie von alters her
beförderte, so daſs dies wichtigste product der heimischen landwirt-
schaft immer mehr eintrug. dazu tat der friede das beste: es hieb
eben kein feind die ölbäume um. ordnung war auch im lande und
die rechtsprechung nahe und rasch zu haben. eine steuer von fünf
procent lag allerdings auf dem ertrage, und das war eine mah-
nung, daſs ein herr da war. aber der bauer durfte doch alljährlich zu
[71]Athen in der tyrannenzeit. Äuſsere politik der tyrannen.
den wahlen gehn, wol auch allmonatlich zur volksversammlung; die
formen der selbstverwaltung in der naukrarie, auch der rat in der stadt,
waren gewahrt, und so stimmte man gern für die candidaten der regie-
rung. es verdient alle anerkennung, daſs die Peisistratiden für den
ackerbau sorgten; dennoch ist die schilderung des Aristoteles schief, die
diese seite ausschlieſslich hervorhebt. um keine agrarier zu sein, dazu
besaſsen sie schon genug wirtschaftliche einsicht: der mächtige auf-
schwung von industrie und handel, der unter ihnen statt fand, ist für
uns selbst noch in seinen erzeugnissen kenntlich, und das friedliche
menschenalter 540—10 hat erst die ionische höhere cultur, zum teil
auch die von Argos und Aigina nach Athen geführt und das attische
wesen erzeugt, das allen andern eben deshalb überlegen ward, weil es
alle anregungen aufgenommen und innerlich sich zu eigen gemacht hatte.
handel und industrie setzen eine starke nicht angesessene, zum teil nicht
einmal eingeborene bevölkerung voraus, die wir denn auch antreffen,
und sie haben die städtische centralisation im gefolge. das prestige der
tyrannis erforderte neue tempel und neue feste. die Peisistratiden haben
ein neues Athen geschaffen, und nur daſs die Perser es verbrannten
und dann neue gebäude sich erhoben, hat bewirkt, daſs Athen nicht
dauernd die züge der tyrannenzeit getragen hat.
Daſs die tyrannen Athen diese friedliche zeit und dieses gedeihenÄuſsere po-
litik der
tyrannen.
verschaffen konnten, lag wesentlich darin begründet, daſs sie selbst nach
keiner seite übergreifen konnten noch wollten und durch persönliche
und familienverbindungen ein gutes einvernehmen mit den meisten
staaten erhielten. mit der hilfe von Theben Eretria und Argos war
Peisistratos heimgekehrt; an der thrakischen küste besaſs er eigenen
besitz; ein vertriebener adlicher von Naxos, dem er zum danke die
herrschaft in seiner heimat verschaffte, hatte sich an seiner seite be-
funden; auch die beziehungen zu dem thessalischen adel werden so alt
sein. diese verbindungen sind zum teil noch über den sturz des Hippias
hinaus erhalten geblieben. es liegt freilich in dieser gruppirung der
mächte, daſs es eine gruppe ihnen gegenüber gab. wer nahe zu Argos
stand, war den Spartiaten und ihrem bunde verdächtig, wer Eretria
unterstützte, dem war Chalkis feind, und Korinth, mit Chalkis und Sparta
zumeist verbunden, hat später seine feindliche gesinnung wider die
Peisistratiden bewiesen. es ist augenfällig, daſs die herren Athens sich
von diesen hauptmächten des festlandes nicht nur fern halten, sondern
sich zu emanzipiren trachten. sie lassen keine pferde in Olympia und
Delphi rennen und stiften dort keine weihgeschenke, sie gründen viel-
[72]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
mehr in Athen filialen der dortigen culte, schmücken diese reichlich
und erweisen so zwar den hochgeehrten göttern ihre ehrfurcht, aber
entziehen sich dem einflusse ihrer priester. Delphi hat es ihnen nicht
vergessen. aber offiziell sind die beziehungen zu dem peloponnesischen
staatenbunde durchaus freundlich. die tyrannen sind gastfreunde Spartas:
die proxenie war auch zwischen Athen und Dionysios, Athen und Phi-
lippos die form der offlciellen anerkennung, nicht mehr bedeutend, als
wenn die herrscher der alten monarchien einen Napoleon als bruder
angeredet haben.
Gestützt auf diese besonnene politik des friedens, glaubten die herren
Athens weder eines stehenden heeres (auſser einer leibwache) noch einer
kriegsflotte zu bedürfen. die sicherung der see, deren handel und industrie
um so mehr bedurfte, als die front Athens jetzt nach osten gerichtet
war, ward auf anderem wege erreicht. Athen, das doch Naxos und
Rheneia erobert hatte, behielt keine insel in besitz, sondern versicherte
sich des wolwollens des delischen Apollon und der seemächtigen staaten.
nur auf den wichtigsten punkt, den Hellespont, legten die tyrannen ihre
feste hand, auch das nicht unmittelbar, aber durch befreundete oder
verwandte herrscher. in Sigeion, dem vielumstrittenen, saſs ein halb-
bruder des Hippias; ein schwiegersohn von ihm in Lampsakos, das sich
vorher lange mit allen mitteln der attischen colonisation der gegenüber-
liegenden halbinsel widersetzt hatte. der Chersones mit den nächsten thra-
kischen inseln gehörte dem Philaiden Miltiades, der Athener geblieben
war, mindestens in einvernehmen mit den tyrannen.
Die groſsen
adels-
häuser.Die Philaiden waren eines der uralten geschlechter Attikas, selbst
dazu zu vornehm, sich wie das alte königshaus und die Alkmeo-
niden auf die Pylischen heroen zurückzuführen, geschweige wie jeder
schuster auf die phylenheroen. mit dem adel des Peisistratos ist
es schwerlich weit her gewesen; wir kennen den namen des ge-
schlechtes nicht, denn die überlieferung des dialoges Hipparchos, die
es zu Philaiden macht, ist mit Herodot nicht vereinbar. ein Peisi-
stratos erscheint als archon von 669/68 in der chronik2): älter dürfte
der name nicht sein, da er aus dem späten epos stammt.3) jener Pei-
[73]Die groſsen adelshäuser.
sistratos, wol der groſsvater des tyrannen, legte also wert auf seine
pylische herkunft, und anders als Peisistratiden heiſst das tyrannen-
geschlecht später nie. sie wohnten dicht neben den Philaiden in der
gegend von Brauron und beide gehörten also von haus aus zu derselben
partei der Diakrier. fünf jahre nur vor der ersten tyrannis des Peisi-
stratos war ein Philaide Hippokleides archon gewesen und hatte den
agon der Panathenaeen gestiftet. aber er war kein gefährlicher con-
current, weil es ihm an ernst und stätigkeit fehlte. “darum keine
sorgen, sagt Hippokleides” blieb ein geflügeltes wort. ein bedeutenderer
herr aus demselben hause hatte, wie es heiſst unter mitwirkung des
delphischen orakels, die besetzung des Chersones unternommen und dort
die wichtige herrschaft gegründet, im wesentlichen auf kosten von bar-
baren, denen er auch Lemnos und Imbros abnahm, unter allgemeiner
sympathie der öffentlichen meinung von Hellas, weil es eben barbaren-
land war.4) es ist zwar zwischen den Philaiden und Peisistratos nicht
[74]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
immer freundschaft gewesen (Herod. 6, 103), aber das ende war gegen-
seitige anerkennung. und selbst als das haupt der athenischen Phi-
laiden auf der straſse ermordet ward, und das gerücht die tyrannen ver-
antwortlich machen wollte, ist es nicht zum bruche gekommen.
Von den vertretern des städtischen adels hört man kaum etwas;
die Butaden, welche an der spitze der schroffen aristokraten 560 ge-
standen hatten, verschwinden. in der schlacht von Pallene ist Leogoras
stratege, aus einem unbekannten, aber auf Odysseus und Hermes zurück-
geführten, zweifellos hochvornehmen hause5), und er kehrt erst mit den
4)
[75]Die groſsen adelshäuser. sturz der tyrannis.
Alkmeoniden heim. auch der Keryke Kallias steht feindlich zu Peisi-
stratos. aber man spürt nachher nichts von dieser opposition; einzelne
mögen geflohen sein, die meisten duckten sich und frondirten höchstens
im stillen.
Nur die Alkmeoniden blieben auch in der verbannung tätig und
gefährlich. sie waren an besitz macht und ansehn den Philaiden gleich.
hatten sich jene den korinthischen tyrannen verschwägert, so war Megakles,
der rival des Peisistratos, der eidam des fürsten von Sikyon, dessen namen
sein sohn führte. obwol am nordrande der attischen ebne angesessen,
führte Megakles die partei der Paraler und trat für die solonische ver-
fassung ein, hatte auch versucht mit Peisistratos sich zu vertragen, aber
eine schwere persönliche kränkung hatte den zwist unversönlich gemacht.
ein attisches lied, nicht von einem der höfischen poeten, sondern ein
schlichtes volkslied, wie man sie beim weine improvisirte, hat die er-
innerung an einen versuch der Alkmeoniden erhalten, mit gewaffneter
hand Attika den tyrannen zu entreiſsen. aber der versuch mislang, da
das volk sich nicht erhob. für eine adelsfaction erwärmten sich nur
ihresgleichen, und wie man damals über die Alkmeoniden dachte, lehrt
eben das lied:
So lange sie ihre popularität behielt, war die tyrannis sicher, dieSturz der
tyrannis.
ja alles andere als eine gewaltherrschaft war. sie verscherzte sie durch
eine an sich gleichgiltige reiberei, die der bastardbruder der tyrannen
mit ein par adlichen aus Aphidna angefangen hatte. Harmodios und
Aristogeiton waren Diakrier wie die herrscher und verkehrten mit ihnen:
demokratische ideale lagen ihnen sehr fern. aber als sie beleidigt waren,
zettelten sie eine verschwörung an, die zwar den tod der herrscher und
die revolution plante, aber schwerlich zu gunsten der demokratie. sie
kostete, obwol sie mislang, dem beliebten Hipparchos das leben und ver-
bitterte den Hippias, der sein leben bedroht sah und zu scharfen maſs-
regeln schritt. das wandte die bevölkerung von ihm ab, vollends als er
5)
[76]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
miene machte, sich auſserhalb der stadt in Munichia ein schloſs zu bauen.
immerhin erwehrte er sich ohne mühe einer peloponnesischen expedition,
die ihn zu stürzen kam, und wenn er nicht selbst die sache verloren
gegeben hätte und sich lieber auf seine sichere herrschaft Sigeion zu-
rückziehen mochte, würde er wol auch der zweiten invasion lange haben
widerstehn können.
Kleisthenes.Es war die energie und rücksichtslosigkeit des Kleisthenes gewesen,
die die autorität Delphis und die waffen Spartas gegen Hippias aufge-
boten hatte. den gott hatte er durch eine geschickte finanzoperation
auf seine seite gebracht. daſs er Sparta den eintritt in dessen bund
versprochen hatte und gewähren muſste, wenn der Peloponnes ihm helfen
und ihn halten sollte, ist selbstverständlich. es scheint aber durchaus
nicht, daſs die Athener mit Kleisthenes stark sympathisirten. die wirren
nach dem abzuge des Hippias, der friedlich von statten gieng, endeten
nach jahresfrist damit, daſs ein mann der reactionären adelspartei zum
archon gewählt ward6), der ein regiment ganz in Spartas sinne einzu-
richten sich anschickte, die Alkmeoniden wieder vertrieb, und eine groſse
masse von familien, die unter den tyrannen zum bürgerrechte gelangt
waren, in den metökenstand zurückstieſs. Kleomenes von Sparta kam
seinem freunde Isagoras zu hülfe: Sparta schien gewonnen spiel zu
haben. jetzt erst erhob sich das volk, denn jetzt erst handelte es sich
um mehr als den hader der geschlechter. alles gute was Solon und
Peisistratos gebracht hatten stand auf dem spiele. da rief der rat der
400 die bauern und die handwerker auf, die schmierigen Peloponnesier
aus der burg der Jungfrau hinauszuwerfen7) und nun tat Kleisthenes
[77]Kleisthenes. Athen nach 507.
den entscheidenden schritt und erhob die fahne der demokratie.8) Kleo-
menes muſste die burg räumen; Isagoras ward vertrieben: der adel hielt
sich noch eine weile in Eleusis, das Kleomenes auf dem rückmarsch
besetzt hatte. aber das volk war unwiderstehlich. Athen ward frei, die
geschlechterphylen fielen und mit hilfe Apollons, dessen er sicher war,
begründete Kleisthenes das staatswesen, das für alle zukunft mit dem
begriffe Athens verwachsen sollte. dieser aristokrat erst ist der vater
der demokratie.
Frei war Athen; aber seine lage kann wol die vergleichung mitAthen nach
507.
der Tiberstadt herausfordern, die ziemlich zur gleichen zeit ihre etrus-
kischen herren verjagte, aber damit zunächst auch ihre politische stellung
verlor. die auswärtigen besitzungen waren in den händen von Philaiden
und Peisistratiden. die nachbarn aber, jeder alten rücksicht quitt, fielen
über Attika her, Theben und Chalkis von der einen seite, Aigina von
der andern, und Sparta führte die Peloponnesier in die eleusinische
ebene, deren hauptstadt vielleicht noch in den händen der adlichen emi-
granten war. es war nur die hälfte der gefahr abgewendet, als dieses heer
ohne geschlagen zu haben wieder abzog: in der damaligen hellenischen
schätzung muſsten Theben und Chalkis einzeln den Athenern weit über-
legen dastehn. aber diese bewährten sich als der freiheit würdig. sie zogen
gegen die Boeoter und Chalkidier zu feld, schlugen sie am Euripos und
erwarben sich mit Oropos und Chalkis selbst einen ersatz für die verlornen
gebiete in der ferne. Aiginas konnte man sich freilich nicht erwehren,
so lange man keine flotte hatte. doch vergieng den nachbarn zunächst
die lust mit Athen anzubinden; Sparta verfiel sogar darauf, nun die
tyrannen zurück zu führen, was an dem widerspruche Korinths gescheitert
sein soll.9) die Korinther hatten allen grund trotz der alten freundschaft
[78]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
die beseitigung von Chalkis als selbständige macht im interesse ihres see-
handels zu begrüſsen und gönnten den Aegineten den hader mit Athen,
das ihnen in seiner schwäche zur see vorläufig noch gleichsam als eignes
hinterland erschien, dessen erzeugnisse sie zu verfrachten hätten. es
kann keinem zweifel unterliegen, daſs Athen aus dieser neuen und viel
schwereren gefahr nur so hat gerettet werden können, daſs es in den
peloponnesischen bund eintrat.10) erst so wird verständlich, daſs die ge-
schädigten nachbarn ihm ruhe lieſsen. wie viele jahre diese consolidirung
der neuen demokratie nach auſsen gedauert hat, ist unbekannt. für die
innere ist das jahr des Hermokreon (wahrscheinlich 501/0) der abschluſs,
in dem die formel des ratseides festgestellt ward, die ohne zweifel die aus-
drückliche verpflichtung auf die demokratie und die verfluchung der
tyrannis, wahrscheinlich [auch] des anschlusses an Persien enthielt. gleich-
zeitig beschloſs man auch in dem collegium der strategen die volksver-
tretung nach den neuen phylen durchzuführen; da die feldherrn immer
noch regimentscommandeure unter dem commando des polemarchen
blieben, die aushebung immer besorgt haben, so heiſst das, daſs die
bildung des heerbannes nach der neuen gliederung des volkes erst
jetzt eingeführt ward. es war das eine sehr bedeutende stärkung der
demokratie. nun gab es keine kriegsgenossenschaft der Paraler mehr,
wie sie in richtiger wiedergabe der alten zeit Euripides einführt, son-
dern der Eleusinier diente mit dem Dekeleer zusammen, der Aphidnaeer
mit dem Phalereer. das gemeingefühl der neuen regimenter ist rasch
erwachsen; es lebt in den leichensteinen des Kerameikos und in mat-
terem abglanze in den leichenreden: aber schon unsere berichte über
die schlacht von Marathon unterscheiden die regimenter und Kleidemos
der atthidograph hat die besonderen verdienste der Aiantis bei Marathon
und Plataiai so stark hervorgehoben, daſs man annehmen muſs, er hat
9)
[79]Athen nach 507. verwickelung mit Persien.
in ihr gedient. geschätzt hat man diese empfindungen schon früher
richtig; das aber haben wir erst durch Aristoteles erfahren, daſs die
schönen siege über die Boeoter und Chalkidier noch von den alten, uns
unbekannten, heerverbänden geschlagen sind.
Die demokratie hat vielleicht schon 501 sich verschworen, mit denVerwicke-
lung mit
Persien.
Persern keinen vertrag zu schlieſsen, und es mag sein, daſs sie durch
das ansinnen, das ihr von jener seite gestellt war, den Hippias wieder
aufzunehmen, gereizt war. man vergaſs es gern, daſs man im drange
der not von 507 selbst zuerst dort hilfe gesucht und die gesandten
sogar die unterwerfung Athens angeboten hatten. jenes vorgehn war
ganz begreiflich gewesen, als Athen von allen seiten bedrängt, von Sparta
sogar mit der rückführung des Hippias bedroht war. eben so begreif-
lich war es, daſs man die gesandten desavouirte, sobald man zu Sparta
wieder leidlich stand. die politik des staates Athen hatte eben binnen
wenig jahren eine volle axendrehung gemacht. erst mit Sparta und den
Alkmeoniden gegen Hippias, dann mit Sparta gegen die Alkmeoniden,
dann mit den Alkmeoniden gegen Sparta und Hippias. jetzt war man
wieder auf dem standpunkte von 510, Hippias aber hatte seinen rück-
halt an seinem lehnsherrn dem Perserkönig. das wies den Athenern
für ihr verhalten gegen Persien die wege. es kam hinzu, und das
war ungleich wirksamer, daſs die demokratie sich gegen den beschützer
aller zwingherren, das hohe nationalgefühl der ältesten Ionierstadt sich
den bedrückten stammesgenossen drüben zuwandte. und Persien drohte
wirklich, das begriff man im nördlichen Hellas eher als im Peloponnes, wo
Sparta und Argos ihre alten händel ausfochten, ohne viel in die ferne
zu sehen. die parteien begannen sich zu scheiden. wenn Euboia und
Athen durch die sympathie und auch durch ihr handelsinteresse zu den
städten Thrakiens und Asiens gewiesen waren, so muſsten Thessaler
und Boeoter mit den Persern gehn, und dann wieder die Phoker auf
die seite, wo die bedrücker nicht waren, zwischen denen eingeklemmt
sie kaum leben konnten.
Erst könig Dareios hat die Perserherrschaft den Hellenen drückend
gemacht, weil er ihnen mit kraftvoller machtentfaltung eine wirkliche
Reichsgewalt vor augen stellte. und bald gieng er planmäſsig zu der
unterwerfung Europas vor. der zug gegen die Skythen mislang zwar,
aber das machte nicht viel aus; Aischylos hat ihn ganz und gar ver-
gessen können. um 515 dachte man noch wenig an Persien, und was
die ionischen stadtherren an der brücke geredet haben mochten, kam nicht
ins publicum, das in der tat auch nicht viel interesse daran hatte, ob dieser
[80]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
oder jener tyrann aufstieg oder fiel. aber das gieng alle an, daſs die
Hellespontische gegend ganz und gar persisch ward, eine insel nach der
anderen unterworfen ward, feste zwingburgen in der satrapie Thrakien
sich erhoben, am Strymon, wo die Hellenen nie vermocht hatten, handels-
städte zu gründen. die erzeugnisse des Pontos erhielt Hellas fortan nur
durch die gnade der Perser11): zumal Athen muſste diese veränderte sach-
lage bitter empfinden. der Philaide Miltiades war vasall des groſsherrn so
gut wie Hippias. diese tyrannen empfanden das straffere regiment des
Dareios am peinlichsten, die tributzahlung auf grund einer landvermes-
sung durch königliche beamte, die ständige controlle durch die satrapen,
die nicht selten einzelne personen scharf treffende königliche allgewalt.
so machten sie den versuch, sich des steigenden nationalen bewuſstseins
zu bedienen, das sie selbst nur heuchelten, und Aristagoras von Milet
kam selbst nach Europa um hilfe. Sparta, der vorort des bundes, wies
ihn ab. es verdient weder lob noch tadel, noch soll man nach andern
motiven suchen: Asien lag ganz auſserhalb seines gesichtskreises12): das
hat es noch nach Salamis bewiesen. aber die ionischen städte, Athen
und Eretria13), lieſsen sich verführen, und eine kleine schar ihrer bürger
beteiligte sich an der verbrennung von Sardes (wahrscheinlich 499). nach
der niederlage bei Ephesos gab Athen die sache Ioniens verloren und
glaubte wol, daſs das unüberlegte vorgehen keine folgen haben würde.
die einsichtigen aber wuſsten nun, daſs die existenz des staates auf des
messers schneide stand.
Die demokratische zeit leitet sich in der besten und vornehmsten
weise damit ein, daſs die personen der führer hinter dem volke ver-
schwinden. die ersten glänzenden siege sind an keines feldherrn namen
geknüpft; von leitenden staatsmännern hört man nichts. für die ein-
sicht in die zeitgeschichte ist das bedauerlich, denn so wenig wie auch
[81]Verwickelung mit Persien.
die demokratie der führer entraten kann, so wenig verschwand die
macht der geschlechter damit, daſs sie im aufbau des staates durch die
gemeinde ersetzt wurden. und ein staat mag in ein par jahren die
verschiedenste politische richtung versuchen: der einzelne wechselt nicht
so rasch seine stimmung und seine ansicht. Kleisthenes zumal muſste
immer ein todfeind Spartas bleiben, seit dieses darüber aufgeklärt war,
von ihm glänzend dupirt zu sein. es hat das, wenigstens im hasse con-
sequent, den Alkmeoniden nie vergessen. er wird auch die annäherung
an Persien, deren man sich nachher so sehr schämte, zu verantworten
haben. was weiter aus ihm geworden ist, ist gänzlich unbekannt. die
führung des geschlechtes gieng vielleicht zunächst auf seinen bruder
Hippokrates über, der geboren sein muſs, als der ältere Megakles mit
Peisistratos freundliche beziehungen suchte, denn er ist nach dem vater
des Peisistratos benannt. als er auch starb, übernahm sein junger
sohn Megakles die führung der partei, und dieser trat den alten freun-
den des Hippias wirklich nahe. das war begreiflich. oligarchische ten-
denzen hatten beide parteien nicht, und das gefühl, hoch über dem
demos zu stehn, obwol sie ihn beschützten, hatten sie beide. und
wenn die tyrannenfreunde vielleicht am ehesten mit Persien sympathi-
sirten, so gieng das mit der alkmeonidischen verfeindung mit Sparta
gut zusammen. wenn wir die archontenliste wenigstens noch vollstän-
dig besäſsen, so lieſse sich hoffen, aus den namen etwas zu lernen.
denn seit dem sturze der tyrannen waren die wahlen directe, und noch
immer galt der beamte, der das jahr benannte, für den einfluſsreichsten.
Isagoras hat seine revolution als archon gemacht; daſs sich Kleisthenes
an seinen platz gestellt hat, ist eine kaum abweisbare vermutung, und
das nächste jahr scheint einem Alkmeon zu gehören, dem vater jenes
Leobotes, der den Themistokles beim Areopage denunzirt hat. aber dann
fehlen viele namen und die bekannten sind für uns leer.14) auch den
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 6
[82]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
führer der asiatischen expedition Melanthios kennen wir nicht weiter.15)
erst 496 wird es licht. da wählte das volk den Hipparchos zum archon
und sprach damit entschieden aus, daſs es mit dem ionischen aufstande
nichts zu thun haben wollte, der von Aristagoras verloren gegeben war,
aber von den städten, namentlich Byzantion, Chios, Miletos, um so
energischer geführt ward. die stimmung des volkes schlug erst um,
als Milet gefallen und zerstört war. im frühjahr 493 war die regierung
(der rat) freilich noch stark genug, den tragiker Phrynichos in geld-
buſse zu nehmen, weil er mit seiner kunst für das gefallene Milet ge-
wirkt hatte.16) als aber der tyrann Miltiades um aufnahme in seinen
alten bürgerverband nachsuchte, ward ihm das trotz lebhaften wider-
spruchs bewilligt, und zum archon ward Themistokles aus Phrear ge-
wählt, der mann der action.
Miltiades.Miltiades hatte die thrakischen inseln verloren, aber im Chersones
sich behauptet, wenn auch mühsam17), und an dem aufstande kaum anteil
genommen. dennoch wuſste er, daſs die Perser mit den compromittirten
stadtherren aufräumten, und zog es vor, seine ungeheuren schätze18) in
sicherheit zu bringen, gewillt, wenn die Perser ihn verfolgten, in Athen
widerstand zu leisten. auch in Athen konnte man sich nicht verhehlen,
daſs seine aufnahme consequenzen hatte. aber der reiche tatkräftige
14)
[83]Miltiades. Themistokles.
mann imponirte dem volke, mit der partei der alten tyrannenfreunde
verbanden ihn die traditionen seines hauses, der actionspartei war der
Perserfeind lieb. so trat er in den bürgerverband ein, in den demos der
Lakiaden, in dessen gemarkung sein vorstädtisches gut gelegen haben
wird: bezeichnend, daſs man ihn dem diakrischen demos, der nach dem
Philaidengeschlechte hieſs, nicht zuschreiben mochte. die furcht vor dem
tyrannen war gewiſs nicht unberechtigt; aber daſs Miltiades die führung
der antidemokratischen partei sofort übernommen hätte, ist gewiſs nichts
als schematische geschichtsconstruction.
Der neue archon Themistokles hatte nur sein politisches genieThemi-
stokles.
einzusetzen, aber das war der höchste einsatz. gewiſs hatte er die
forderung längst aufgestellt und wuſsten seine wähler, was seine wahl
bedeutete: die gründung einer flotte und eines hafens. als archon
hat er den hafen gebaut, der als kriegshafen von vorn herein ge-
gedacht war, also die gründung der flotte prinzipiell einschloſs. in der
tat war Athen von der seeseite ganz offen: mit dem täglichen seewinde
konnten die Aegineten in ein par stunden auf der rhede von Phaleron
sein; man hatte es noch jüngst erfahren. und da die stadt Athen längst
den alten mauerring gesprengt hatte, auch die befestigungen der burg
nach 507 nicht wieder hergestellt waren19), so muſste viel geschehen.
Themistokles fieng mit dem hafen an. die schiffe gehörten dazu, denn
die sollstärke der kriegsmarine belief sich nur auf die alten 50 offenen
kähne, von einer construction, die schon in gebrauch war, als Theseus
nach Delos segelte oder, wie wir moderner sagen können, als man die
Dipylonvasen bemalte. die seestaaten waren aber längst zum bau von
trieren fortgeschritten oder hatten doch wenigstens gedeckte schiffe, auf
denen schützen und lanzenkämpfer über den köpfen der ruderer fechten
konnten. diese galeeren verlangten eine groſse zahl von menschen, ihr
bau also eine sehr bedeutende steigerung der wehrpflicht und damit
eine ungeahnte belastung der finanzen. und wenn die menschen auch
überreichlich zur verfügung standen, weil ja die hopliten nur aus den
drei oberen steuerclassen genommen wurden, so bedingte die einstellung
der theten auf der flotte doch zweierlei: eine belastung der besitzen-
den; denn man darf annehmen, daſs die trierarchie als öffentliche last
mit dem trierenbau von vorn herein verbunden war; und eine steige-
rung des selbstgefühles, also auch der politischen aspirationen der theten.
6*
[84]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
in der volksversammlung hatten diese das stimmrecht; bei den wahlen
wirkten sie mit: sobald sie sich zu gemeinsamen wollen vereinten,
konnten sie hier ihren willen durchsetzen, wurden dann aber auch ihrer
macht sich bewuſst. so ward der staat durch die sorge für seine existenz
gezwungen, sich dem meere zuzuwenden. damit war die demokratie
notwendig verbunden. sie allein konnte Athen retten und hat es ge-
rettet, aber die rücksichten auf die staatsfinanzen und auf die forde-
rungen der unbemittelten bürger muſste sie früher oder später auf die
bahn einer expansiven politik treiben. denn so lagen die verhältnisse
immer noch, daſs das ideal, dem der unbemittelte zustrebte, ein eigner
bauernhof war. wie der demos sofort, als er Chalkis besetzte, 4000 land-
lose gemacht hat, so ist schon 476 die colonisation der Strymontales ver-
sucht worden. es gehörte keine sehergabe dazu, diese consequenzen der
maritimen politik Athens zu ziehen; aber gerade darum scheuten sich
viele davor, und dem klar erkannten ziele festen schrittes zuzustreben
ist kein kleiner ruhm. der moderne betrachter muſs in Themistokles
den fortsetzer des kleisthenischen werkes bewundern und wird ihm den
nächsten platz unter den attischen staatsmännern zugestehn, den er in
der schätzung seines volkes durch habsucht, eigenliebe und verrat ver-
scherzt hat. daſs er seine pläne nicht ohne heftige parteikämpfe durch-
gesetzt hat, sagt uns mehr die natur der sache und die langsamkeit des
fortschritts als die überlieferung. aus seinem amtsjahre wissen wir nichts
als den hafenbau. Miltiades, der sein gegner genannt wird, war es
hierin schwerlich20): denn ohne flotte war ein widerstand gegen Persien
undenkbar.
Die schlacht
bei Mara-
thon.Im sommer 490 kam der Perser. Miltiades, den man wol in der vor-
aussicht zum strategen für die Oineis gewählt hatte21), erzwang den aus-
marsch und erzwang die schlacht, als offensivschlacht, weil die Perser den
[85]Die schlacht bei Marathon.
angriff auf die in den defilées vorteilhaft postirten Athener nicht wagten.
es ist der unverstand und die misgunst allein, die diesem tage abstrei-
ten, daſs das schlichte vertrauen auf gott und die eigene tüchtigkeit
wider alle voraussicht menschlicher kleingläubigkeit den tapfern den
sieg gegeben hat.22) das ist die hauptsache; ob die feinde alle in
schlachtreihe standen, wo die (fabelhafte) reiterei blieb, ob die Athener
im sturmschritt oder im laufschritt vorgiengen23), und wann das signal
“marsch! marsch!” gegeben ward, das sind schlieſslich bagatellen. die
Perser fuhren ab, geschlagen, aber natürlich materiell im stande an
einem andern punkte Attikas mit überlegnen streitkräften zu landen.
aber es ist mit dem moralischen eindruck etwas eigentümliches. sie
versprürten nach dieser erfahrung keine lust, wieder gegen Athener zu
fechten, noch 479 war es so. die Athener aber konnten die tragweite
ihres erfolges so bald nicht ermessen. als das lakonische heer, das aus
jener bequemen religiosität, die immer einen starken beigeschmack
von furcht und von bösem willen hat, zu spät eintraf und sich die ge-
fürchteten herren Asiens in pumphosen mit krummen säbeln und silbernen
feldbetten betrachtete, da entschuldigten sich die attischen bürgertruppen
bei den hochedlen Spartiaten, die nach dem glauben der zeit den waffen-
ruhm allein ächt und unverfälscht zu führen berechtigt waren, beinahe
wie klein Roland “ach edler vater, zürnt mir nicht, daſs ich erschlug den
groben wicht, dieweil ihr eben schliefet.” 479 aber meinten dieselben
Spartaner “kämpft ihr lieber mit den Persern; ihr kennt sie ja.” vor
den Persern hatte man verlernt sich zu fürchten, aber vor verrat fürch-
tete man sich vielleicht schon auf dem schlachtfelde24), und schwerlich
[86]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
ohne grund; war doch eben Eretria durch verrat gefallen. da der
kampf mit Marathon unmöglich zu ende sein konnte, war allerdings eine
consequentere politik notwendig, als man sie 499—94 getrieben hatte.
Die besei-
tigung der
groſsen
adels-
häuser.in der ersten freude war Miltiades herr der lage und er nutzte sie
in tyrannenart aus. sich selbst lieſs er eine flotte mitgeben; was er
mit ihr machte, war seine sache. das ist der weg zur tyrannis, man
kann’s nicht anders nennen. sein zug gegen Paros, an sich wider das
interesse Athens, scheiterte; geschlagen und schwer verwundet kehrte er
heim. aber die Athener waren keine thrakischen Dolonker, die ihren
herrn freudig wieder aufgenommen hatten, als er von der flucht zurück-
kehrte. Xanthippos, Ariphrons sohn, aus einem vornehmen paralischen
geschlechte25), der schwager des Megakles, belangte ihn vor dem volke
als ἐξαπατήσας τὸν δῆμον in der nächsten regelmäſsigen versamm-
lung. das volk war so erbittert, daſs es wie später an den feldherren
im Arginusenprocesse selbst richter spielte, und nur das eingreifen des
vorsitzenden bewahrte ihn vor der hinrichtung. die buſse von 50 ta-
lenten konnte das vermögen des tyrannen tragen; sein sohn ist ein
reicher mann geblieben. Miltiades selbst starb an der wunde.26) zum
24)
[87]Die beseitigung der groſsen adelhäuser. die reform der archontenwahl.
archon für 489/8 ward Aristeides gewählt, auch er aus städtischem
adel27), ein entschiedener demokrat, der mit Philaiden und Alkmeoniden
gleich wenig zu tun hatte. welche stellung er sonst in dieser zeit
einnahm, ist nicht ersichtlich. es müssen aber jahre lebhaftester er-
regung gewesen sein, denn das volk griff zu der äuſsersten waffe, zum
scherbengericht, um einen festen curs zu bekommen. es war noch
Kleisthenes gewesen, der diese institution geschaffen hatte, die er ohne
zweifel fremdem vorbild, vielleicht den Argivern, entnahm, und die
solche wirren, wie sie 510—507 Athen fast um seine existenz gebracht
hatten, beseitigen sollte.28) aber bislang war man so ausgekommen:
jetzt bejahte das volk die vorfrage, und gleich mehrere jahre hinter ein-
ander. Hipparchos war der erste, der aus dem lande verwiesen wurde,
dann ein oder der andere seiner anhänger, dann Megakles, den die
chronik zu den tyrannenfreunden rechnet, dann dessen schwager Xan-
thippos. so wurden nach einander die alten groſsen geschlechter besei-
tigt, Philaiden, Peisistratiden, Alkmeoniden. die welche blieben müssen
als die treibenden kräfte bei diesem vorgehn angesehn werden, die beiden
demokratischen führer, Aristeides und Themistokles. als sie das feld für
sich frei hatten, wurden sie natürlich rivalen, und Aristeides muſste
weichen.
Aber man stritt nicht nur um personen und dachte nicht nur anDie reform
der archon-
tenwahl.
Dareios. die demokratie machte in demselben jahre, wo der erste ostra-
kismos statt fand, einen groſsen schritt vorwärts. der archon und seine
[88]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
collegen hatten, seit sie durch directe wahl bestellt wurden, eine über-
wiegende macht besessen; die wahlen selbst müssen den zwist der parteien
alljährlich brennend gemacht haben. nun griff man auf den solonischen
wahlmodus zurück, die erlosung aus einer durch wahl festgesetzten can-
didatenliste. diese wahl der candidaten ward den gemeinden überwiesen,
ähnlich wie es beim rate geschah; man fragt vergeblich, wie denn die 50
candidaten, die auf eine phyle kamen, auf die gemeinden verteilt wurden;
vermutlich ist die präsentation durch phylenwahl bald eingetreten, die der
später üblichen erlosung von 10 präsentanden in der phyle vorher-
gegangen sein muſs. der erfolg der neuerung ist sofort ersichtlich. der
einfluſs eines mannes, der sonst das volk bestimmt haben mochte,
konnte nun nicht einmal die phyle beherrschen. das amt, das so hoch
gehalten worden war, behielt den nimbus der höchsten stellung noch
lange, hatte damals natürlich noch viele wichtige geschäfte, vor allem
eröffnete es die dauernde teilnahme an der regierung allein, weil es die
stufe zum Areopage war; aber die führenden männer verschwinden mit
einem schlage aus der archontenliste, und wenn der polemarch Kalli-
machos bei Marathon noch eine wichtige person ist, so hört man schon
480 und 479 nichts mehr von dem polemarchen. der tag der strategen
Aenderung
der stra-
tegie.und rhetoren ist angebrochen. die strategen mochten damals noch die
führung der zehn regimenter haben, obwol ihre verwendung als
flottenführer und als deputirte Athens im Hellenenrate schlecht damit
vereinbar ist. dann hat es doch nicht lange gewährt, bis man den fol-
genreichen schritt tat, die führung der regimenter der neugeschaffenen
charge der taxiarchen zu übertragen, die strategen aber zu den exe-
cutivbeamten des volkes zu machen.29) damit war eine magistratur ge-
schaffen, vergleichbar den consuln der römischen republik im zweiten
jahrhundert v. Chr., und die vornehmen männer, die sich nicht gern
mit den handwerkern in den rat der 500 setzen mochten, fanden eine
legitime art dem volke zu dienen und doch ihr standesgefühl zu be-
haupten.
483 stand Themistokles ohne rivalen da. er vollendete jetzt seine
pläne für die gründung einer flotte; es muſs aber in dem jahrzehnt
seit seinem archontenjahre mancher schritt vorwärts getan sein. die
notwendigkeit hatte sich auch sehr bitter fühlbar gemacht, in einem un-
glücklichen kriege, den Athen mit Aegina geführt hatte. daſs dieser den
[89]Aenderung der strategie. der aeginetische krieg.
hauptanlaſs zu der flottengründung gegeben hat, wird allgemein berichtet.
wir können den krieg aber nur ungefähr datiren und hören wenig,
weil Athen ungern von ihm sprach.30)
Seit Athen an eine seemacht dachte, war ihm die damals als eineDer aegine-
tische krieg.
hochburg des Dorertums blühende stadt, die dem Pindaros die liebste
gewesen ist, ein dorn im auge, und 491 hatte es eine günstige gelegenheit
gefunden, Aegina im Hellenenbunde zu discreditiren, weil seine herren,
an deren hellenischem patriotismus seit Aiakos und Telamons zeiten
kein zweifel war, dem könig Dareios gehuldigt hatten oder gehuldigt
haben sollten. die herren hatten auch an ihren handel zu denken, und
der Perser war weit; sie mochten die sache als eine leere höflichkeit
ansehen, und es war vielleicht nicht mehr. aber der vorwand war vor-
züglich, und man meint das diplomatische geschick des Themistokles zu
spüren, wenn man hört, wie Sparta auf die attische anzeige hin ein-
schreitet und nach einigen weiterungen durchsetzt, daſs eine anzahl der
angesehensten Aegineten nach Athen als geiseln für das wolverhalten
der stadt, die ja zum peloponnesischen bunde gehörte, ausgeliefert wur-
den. Athen behielt dieses wertvolle pfand auch, als Kleomenes starb,
und in Sparta der wind umschlug. und es versuchte nun einen ent-
scheidenden schlag zu tun. auch in Aegina gab es, wie überall, eine
dem herrschenden adel abgeneigte partei, die unter der flagge der de-
mokratie zur herrschaft zu kommen strebte. mit dieser knüpfte Athen
an; es ward eine combinirte action verabredet, aufstand in der stadt
Aegina und landung eines athenischen heeres. Athen verschaffte sich zu
dem behufe 20 schiffe von Korinth, da sein bestand für den transport der
hopliten nicht reichte. aber der plan mislang, weil der aufstand zu
früh losbrach. gleichwol konnten die Aegineten in der verwirrung
die landung der Athener nicht hindern, die sich zu der belagerung der
stadt von der landseite anschickten. und die sache wäre vielleicht doch
noch gelungen, wenn nicht ein freiwilligencorps von Argos gekommen
wäre. da die Korinther von dem zuge wuſsten, konnte er auch in Argos
leicht bekannt werden, und der todfeind Spartas stand diesmal auch
wider Athen. die Argiver schnitten die Athener von ihren schiffen ab;
die Aegineten benutzten deren verwirrung zu einem seegefecht. und
wenn auch die meisten attischen schiffe heil nach hause kamen, so
konnten sich doch von dem heere nur ganz wenige retten. es war
ein starker schlag, den man namentlich im ehrgefühle noch lange
[90]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
nicht verwand. daſs man nun die gefangenen losgeben muſste, zumal
die Aegineten schon vorher eine attische festgesandtschaft aufgegriffen
hatten, und sich mit den übermütigen nachbarn einigermaſsen vertragen,
war nicht zu vermeiden. man dachte aber, aufgeschoben ist nicht auf-
gehoben, siedelte die aeginetischen demokraten, so viel ihrer hatten
fliehen können, in Sunion an und lieſs sie auf eigene faust ihre lands-
leute durch seeraub belästigen. vor allem aber ward man nicht etwa
an den demokratischen führern irre, die zweifelsohne die sache ange-
stiftet hatten, sondern sah nur ihre alte forderung durch die tat ge-
rechtfertigt: Athen muſste eine flotte haben.
Die grün-
dung der
flotte.Die zeit der niederlage von Aegina begränzt sich von selbst durch
489 und 484; daſs sie 30 jahre vor dem fall Aeginas, 457, stattgefunden
hat, ist überliefert und stimmt hierzu, aber die zahl ist rund. da auch
die zahl der attischen schiffe, 50, die normale der naukrarien ist, so
hilft auch das nicht. doch wird man nicht unter 487 hinabgehen, da
man doch für den flottenbau eine längere zeit braucht, und die hef-
tigkeit des parteikampfes in Athen sich gut erklärt, wenn die gemüter
durch eine solche niederlage erbittert waren. Themistokles hatte eben
manchen harten strauſs zu fechten, aber 483 war er herr der situation:
daſs er es war, verdankte er nicht zum mindesten der mahnung,
welche den Athenern der anblick des Zeusberges von Aegina täglich vor
augen hielt.
Es wird in der neunten prytanie, mai 482, gewesen sein, daſs dem
staate aus den pachtgeldern einer neu erschlossenen silbermine ein
groſses capital zur verfügung stand. da setzte er durch, daſs man dies
geld in dem bau von 100 trieren anlegte: sie sind es gewesen, die bei
Salamis die freiheit gerettet haben. die chronik, der Aristoteles folgt, hat
die merkwürdige, auch von Herodot (7, 144) nicht übergangene tatsache
in der form einer anekdote überliefert, von der die geschichte absehen
muſs. aber der beschluſs des trierenbaues auf antrag des Themistokles
ist ihre notwendige voraussetzung. wir werden allerdings der voraus-
sicht und der energie des Themistokles unsere bewunderung nicht ver-
sagen: er benutzte die erbitterung Athens gegen Aegina um waffen
wider Xerxes zu schmieden, dessen rüstungen 482 längst begonnen
hatten. es war die höchste zeit gewesen. 481 schon gruben hunderte
an dem Athoscanal, schleppten die lastschiffe den proviant für tausende
in die festungen an der thrakischen etappenstraſse. im frühjahr 480
kamen die schiffe und die zimmerleute, um den Hellespont zu über-
brücken; der groſskönig an der spitze des ungeheuren heeres durchzog
[91]Die gründung der flotte. die vorherrschaft des Areopages.
Asien: unaufhaltsam, unentrinnbar wälzte sich die barbarenmasse gegen
das kleine Hellas, und Apollon verkündete den untergang der freiheit.
In der stunde der not (frühsommer 480) riefen die Athener dieThemisto-
kles und
Aristeides.
landesverwiesenen zurück: wer nicht kam, war ein verräter, und dazu
ward nun der anhang der Peisistratiden. Aristeides, Xanthippos, Megakles
kehrten heim und ordneten sich dem Themistokles unter, der die seele
der verteidigung war. seine autorität entschied im kriegsrate des Hellenen-
bundes ebenso wie im rate des Areopages, und wo sie es nicht tat, fand
er meist mittel und wege, dennoch seinen willen durchzusetzen: er hat
sowol den Xerxes wie die Hellenen zur schlacht bei Salamis gezwungen.
im herbst 480 konnte er wirklich das gefühl haben, das ihm die anek-
dote leiht: “weiſst du, daſs du über die Hellenen herrschest,” sagte er
zu seinem buben; “was du willst, tut die mutter, was die mutter will,
ich, und was ich will, Hellas.” aber schon im frühjahre 479 konnte
er es nicht mehr sagen. seine rivalen waren wieder da, und seine aller-
dings ungeheure eigenwilligkeit und rücksichtslosigkeit muſs das volk
kopfscheu gemacht haben. sie wählten Aristeides und Xanthippos zu
feldherrn, Myronides und Kimon zu gesandten nach Sparta. Themisto-
kles tritt 479 gar nicht auf, und daſs ohne ihn nicht minder glänzende
siege gelangen, in Aristeides aber das volk einen führer gewann, der bei
den Hellenen allerorten die vollste sympathie erweckte und frei von
der αὐϑάδεια des Themistokles war, muſste trotz Salamis diesen noch
mehr in den schatten stellen. nur als es gilt, seinen alten plan der
hafenbefestigung zu vollenden und die stadt hineinzuziehen, ist er neben
Aristeides berater und ausführer; vielleicht reizte ihn noch mehr die
aufgabe, die Spartaner, seine wärmsten verehrer, zu dupiren. sonst
zehrte er von seinem ruhme und verbrauchte ihn. vielleicht war er
gar nicht mehr so gefährlich, wie er sich stellte. aber er spielte min-
destens den gefährlichen und den verräter. männer dieses schlages
lassen sich nicht kalt stellen. er war allen unheimlich und auf seinen
ostrakismos folgte bald die acht.
Die aufgaben der auswärtigen politik, die erfolge, welche bald be-Die vorherr-
schaft des
Areopages.
wirkten, daſs die beziehungen zu den ehemals dem Perser dienenden
Hellenen innerpolitische wurden, die einrichtung in dem eigenen neuen
hause und in dem weiten reiche, das Aristeides 478/7 gegründet hatte,
lieſsen dem demos lange zeit keine muſse, über die verfassung nachzu-
31)
[92]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
denken. in den kriegen, glücklichen und unglücklichen, waren Kimon
und andere wesentlich militärisch begabte oder doch tätige männer, wie
Leagros, Leokrates, Myronides, dauernd die führer; in den bundesan-
gelegenheiten Aristeides. wir hören von keinerlei parteiungen oder
verfassungsänderungen. die leitenden männer gehören meistens den
alten familien an, aber die geschlechter- und clientelpolitik ist der ge-
meindeordnung fast erlegen. nur die Philaiden mit ihrem reichtum
bilden noch eine partei im alten sinne, und der feldherr, der im aus-
lande über das geschick von vielen gemeinden und unzähligen indivi-
duen verfügen kann, gewinnt dadurch eine neue mächtige position,
schlieſst gastverträge, wird proxenos, vemittelt die entsprechenden ehren
in Athen, schlieſslich zieht er fremde nicht bloſs als metöken, sondern
selbst als bürger in die heimat.32)
Die gröſse des horizontes, den jetzt die attische staatsleitung um-
spannen muſste, forderte mehr einsicht, als der bauer sich füglich zu-
traute. selbst der feldherr, der auf einem punkte drauſsen tätig war,
konnte nicht wol mehr als der arm Athens sein. die archonten saſsen
nun zwar zu hause, aber sie hatten ihre festen verwaltungsgeschäfte;
die groſse politik gieng sie nichts mehr an. das hirn Athens war der
Areopag, der zwar nicht die verhandlungen mit den bündnern führte,
aber die controlle der beamten hatte, für ihre amtshandlungen be-
schwerdeinstanz war, in die meisten gebiete der verwaltung eingriff,
kurz “wächter und bewahrer der verfassung” war. aber die qualität
dieses hohen rates sank in folge des gesetzes von 486 immer tiefer.
damals saſsen alle bedeutenden männer darin, die das vertrauen des
volkes einmal zu beamten gewählt hatte; damals entsprach er dem
sullanischen senate, oder vielmehr erst ein etwa nur aus den gewesenen
curulischen beamten bestehender senat würde ihm entsprechen. das
verschob sich notwendiger weise von jahr zu jahr mehr. die namhaften
mitglieder wurden überständig oder starben, die neueintretenden hatten
weder die fähigkeit noch die autorität, die gegenüber der steigenden
schwierigkeit der regierung und der steigenden bedeutung der strategen
allein die stellung dieses rates hätte behaupten können. es waren zwar
[93]Die vorherrschaft des Areopages. Ephialtes.
leute der beiden obersten steuerclassen, und die erforderlichen sechs
ahnen schlossen die gesammten neubürger immer noch aus; aber es
lieſs sich doch niemand mehr so leicht zum archon praesentiren, der die
strategen oder demagogencarriere einschlagen wollte, kein namhafter
mann begegnet in der liste mehr, wol aber die angehörigen der alten
adelshäuser; Praxiergos (471/70) und Demotion (470/69) werden den ge-
schlechtern angehören, deren namen sie führen. Konon (462/61) ist doch
wol der groſsvater des siegers von 394 aus Anaphlystos. Habron (458/7)
führt den namen von verwandten des Butaden Lykurgos. über andere
mag ich nichts vermuten. es war also natürlich und berechtigt, daſs
misstände fühlbar wurden, und es so nicht weitergieng: die reform des
Areopagitenrates war eine notwendigkeit geworden. auf der andern seite
gewann der rat der 500 an selbstgefühl und an bedeutung. mit ihm
verhandelten die gesandten der vielen untertänigen städte, er sorgte für
die flotte, die dem volke diese macht verschafft hatte, und die einnahmen
aus den zöllen giengen durch seine hand. er empfand die concurrenz
des in so vielen stücken über oder nebengeordneten rates der Areopagiten
als einen unberechtigten druck. die demokratie konnte nicht wol anders
als die beseitigung des Areopages anstreben. es ist nicht schwer sich
manche modalitäten auszudenken, wie man dies oberhaus hätte erhalten
oder erneuern können, was für die stetigkeit und besonnenheit der po-
litik dringend erwünscht gewesen wäre. aber das ist spielerei: der weg,
der der entwickelung Athens vorgezeichnet war, gieng dahin, den oberen
rat durch den unteren zu ersetzen. Athen war eine demokratie: der
demos wollte selbst den herren spielen.
Die herrschaft des Areopags, oder vielmehr der gesellschaftskreise,
die seit den Perserkriegen die regierung in den händen hatten, war nicht
so leicht zu stürzen. sie hatten den erfolg der politik für sich, deren
programm, krieg wider die barbaren und einvernehmen mit Sparta, see-
herrschaft aber verzicht auf die herrschaft in Hellas, einfach und ver-
ständlich war. und sowol die kleinen leute, die er durch seine libera-
lität an sich fesselte, wie die alten soldaten, die er stets zum siege ge-
führt hatte, hiengen an dem loyalen feldherrn der herrschenden partei,
an Kimon. die demokraten eröffneten den kampf durch eine reihe von
rechenschaftsprocessen gegen mitglieder des Areopagitenrates, und es
wird nicht bestritten, daſs diese des unterschleifes schuldig waren, noch
auch daſs ihr ankläger, Ephialtes des Sophonides sohn, ein mann, dessenEphialtes.
herkunft und vorleben uns gänzlich unbekannt ist, persönlich flecken-
los war. wir empfinden unsere mangelhafte kenntnis des geltenden
[94]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
rechtes sehr deutlich, denn wir müssen uns eingestehn, daſs weder er-
sichtlich ist, wie einzelne Areopagiten staatsgelder zu verwalten hatten,
noch bei welcher gelegenheit und in welcher form sie von Ephialtes zur
rechenschaft gezogen wurden. wir müssen uns mit der allgemeinen
aufsicht des Areopages, wie sie später der rat ausübt, über den schatz
und die kolakretencasse begnügen; übrigens konnten die schuldigen
Areopagiten selbst noch finanzämter bekleiden, da der eintritt in diesen
rat nicht zu andern ämtern disqualificirte. genug, es gelang dem
Ephialtes das ansehen des regierenden rates zu erschüttern. dann machte
man sich an Kimon, als er wegen seines thasischen krieges rechnung
legte. das erneute scheitern der colonisation Thrakiens mag die bürger
schwer verstimmt haben, und es mag sein, daſs der sohn einer thraki-
schen fürstentochter mit den barbaren des Pangaion zu sanft verfahren
war. aber die beschuldigung, daſs er geld genommen hätte, war doch
zu absurd bei dem manne, der geld nicht bedurfte und auch in bösen
dingen kein Themistokles war. aber vielleicht hatten auch die ankläger
seine freisprechung vorausgesehen. jedenfalls erlitten sie dadurch keinen
rückschlag, vielmehr gieng unmittelbar darauf das gesetz des Ephialtes
durch, das den Areopag prinzipiell aller verwaltungsgeschäfte entkleidete.
und in dem processe selbst hatte sich in Perikles nicht ein gehässiger
ankläger compromittirt, sondern in durchaus vornehmen formen ein über-
legner staatsmann eine neue und klare politik entwickelt. der sohn des
Xanthippos und neffe des Megakles war der geborne gegner der Phila-
iden: der aber hier auftrat, wollte sein, was seine ahnen aus überzeugung
nie gewesen waren, πϱοστάτης τοῦ δήμου. er versprach dem volke
der jungen, die den Mederkrieg als etwas vergangenes, das Reich als
etwas gegebenes ansahen, ihre politischen forderungen zu erfüllen: ihm
gehörte die zukunft. das mochten sich viele sagen. daſs aber der de-
mokratie schon im folgenden jahre die gegenwart zufallen würde, ge-
schah seltsamer weise eben dadurch, daſs für einen augenblick Kimon
das übergewicht erlangte und die hilfe, um die die Spartaner flehentlich
baten, nach Ithome führen durfte. Sparta hat gewiſs nichts weniger
gewünscht als die Athener zu brüskiren, aber ihre anwesenheit im Pelo-
ponnes war für sein prestige und die treue seiner bündner ungleich ge-
fährlicher als der aufstand der heloten. wir können auch glauben, daſs
nur die athenische überlieferung die heimsendung Kimons als einen
schimpf darstellt, und Kimon selbst anders gedacht hat. für den erfolg
war das gleich. die spartanerfreundliche politik hatte abgewirtschaftet,
Kimon selbst verfiel dem scherbengericht, und nun nahmen die allzu-
[95]Ephialtes. die vollendung der demokratie.
lange aufgestauten demokratischen wasser einen nur zu stürmischen lauf.
es sind die eigentlich entscheidenden jahre für Hellas, in denen sowol die
athenische demokratie ihre vollendung erhalten hat wie auch das attische
Reich: beides ewig denkwürdige gebilde; gleichzeitig aber hat Athen soDie vollen-
dung der
demokratie.
viele und so schwere kämpfe nach auſsen geführt, daſs es sowol dem
ruin wie dem vollsten triumphe ganz nahe gekommen ist. es sind wie
die entscheidenden, so leider auch die am schwersten kenntlichen jahre;
obwol die zeitrechnung der kriegerischen ereignisse sich mit befriedigen-
der sicherheit feststellen läſst und eine anzahl politischer reformen nun-
mehr auch an bestimmte jahre gebunden werden kann, fehlt es nur zu
sehr an concreten tatsachen und gänzlich an einem zusammenhängenden
berichte. nur die grundlinien der entwickelung lassen sich ziehen.
An die stelle des Areopages trat als centralinstanz der verwaltung
der rat der 500, die gemeindevertretung Athens. erst jetzt sind für
ihn die diaeten eingeführt, die einfach notwendig waren, wenn die
ratsherren das ganze jahr in der stadt leben33) sollten. im rate lag die
gesammte finanzverwaltung; nach wenig jahren zog man auch die
reichscasse nach Athen. dem rate fiel die controlle der beamten zu,
aller mit ausnahme der feldherren: die magistratur war zu einem organe
des rates geworden. die archonten, die candidaten zum Areopag, ver-
loren auch die letzte beschränkung durch den census: jeder waffen-
fähige, jeder bauer, der ein joch ochsen im stalle hatte, konnte sich zur
losung melden. diese neuerung hat besonders viel erregung verursacht,
aber sie war eine ganz gerechtfertigte consequenz der degradation der
magistratur und des Areopags. auch für die geschworenen ward ein
bescheidener sold bewilligt: das war die notwendige consequenz davon,
daſs man die privatprocesse der bündner nach Athen zog, und daſs die
grenze, bei welcher der magistrat nicht ohne zuziehung von geschwornen
das urteil finden durfte, immer tiefer gesteckt ward; das einzelne ist uns
unbekannt. aber wol sehen wir, daſs ein neues gerichtshaus nach dem
andern gebaut werden muſs, und daſs in den statuten, die Athen bei
der oder jener gelegenheit den einzelnen Reichstädten aufzwingt, die
[96]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
bestimmungen über die rechtspflege durch attische geschworne ein wich-
tiges capitel werden. man hat damals eine besondere behörde für die ein-
bringung bestimmter befristeter processe geschaffen (die εἰσαγωγῆς),
eine andere für die processe der seeleute, die nicht warten konnten
(die ναυτοδίκαι), denen man dann, wol für die zeit, wo die schiffer
nicht processiren konnten, auch andere beschäftigungen gab. man hat
auf die demenrichter des Peisistratos zurückgegriffen, um auf dem lande
eine rasche erledigung der rechtshändel zu gewähren [und] die städtischen
tribunale zu entlasten. daſs die gemeinden im ganzen 6000 männer
für den geschwornendienst praesentirten, aus denen in jedem falle die
notwendigen ausgelost wurden34), ist sicherlich eine ältere einrichtung
(mag auch die zahl erst jetzt so hoch gebracht sein), denn die auslosung
ist sache der archonten, die bestimmung der gerichtstage und höfe der
thesmotheten. aber es wird erst jetzt der schritt getan sein, aus dem
richteralbum für eine reihe obliegenheiten beamte zu erlosen, die dann
nur eine bestimmte kürzere zeit, aber mit fester besoldung tätig waren.
noch ganz anders als durch die magistrate führte so das volk selbst seine
geschäfte. die städtische centralisation bezweckte man nicht, so wenig
es Peisistratos getan hatte, aber der wirtschaftliche aufschwung brachte
sie mit sich, jetzt wie damals. und an eines gieng man mit äuſserster
energie, sobald man nach auſsen zu activer politik sich entschlossen
hatte. man vollendete das niemals fallen gelassene, aber von der frü-
heren regierung absichtlich verschleppte werk des Themistokles, verband
Athen mit dem hafen und der see durch schenkelmauern, machte es zu
einer uneinnehmbaren festung, aber auch zu einer groſsstadt und zu
einer seestadt. nicht ohne grund sahen gerade hierin die “ansehnlichen
leute” den untergang von Altathen. die leidenschaft in dieser durch
[97]Die vollendung der demokratie.
Kimons landesverweisung geschlagenen partei scheute nicht vor dem
meuchelmord zurück, der den Ephialtes beseitigte, noch vor der con-
spiration mit dem landesfeinde, den sie freilich in den Spartiaten nicht
sehen mochten und noch nicht zu sehen brauchten. aber die vater-
landsliebe überwog denn doch im entscheidenden momente. als bald
nach der änderung der archontenwahl, kurz vor der vollendung der
schenkelmauern ein peloponnesisches heer bei Tanagra an der grenze
Attikas erschien, hat die attische aristokratische partei, bei der Kimon
selbst in ritterlicher weise seinen einfluſs geltend machte, in kampf und
tod den flecken von ihrem ehrenschilde abgewaschen. aber auf die
inneren verhältnisse hat sie keinen einfluſs gehabt. ihre söhne, nicht
mehr aristokraten, sondern oligarchen, sind minder zurückhaltend ge-
wesen; sie führten 411 und 404 dieselben schlagwörter im munde. aber
es waren phrasen geworden; die ‘väterliche verfassung’ war tot, und
die sie herzustellen versprachen haben nur die geschichte Athens mit dem
blute vieler und mit dem eigenen befleckt.
Leider, so muſs man sagen, waren die kimonischen traditionen
nicht eben so machtlos in der äuſseren politik. freilich als er aus Athen
wich, nahm man den kampf mit Sparta, oder da dieses zur zeit macht-
los schien, mit seinen verbündeten, Korinth an der spitze, nicht nur
auf, sondern schuf sich durch den bund mit Argos eine operationsbasis
für die bezwingung des Peloponneses, und gelangte auch dazu, Aegina
endlich ganz in eigne hand zu bringen und an mehreren ecken des
Peloponneses fuſs zu fassen. gleichzeitig gieng man gegen die delphische
Amphiktionie vor, die ein äuſseres band um die nordgriechischen stämme
schlang, und hier gelang trotz dem für die peloponnesischen waffen
ruhmvollen tage von Tanagra die unterwerfung fast völlig. die eine
hälfte des programms der jungen, herrschaft in Hellas, schien sich zu
verwirklichen, ja sie hätte sich verwirklicht, so gut wie sie es im Reiche
tat, wenn die jungen in allem die majorität gehabt hätten. aber das
notwendige complement, friede mit Persien, wagte man nicht einmal
laut zu fordern. dazu waren die erinnerungen an 479 noch zu stark,
und wenn auch bürgerkrieg kein griechisches wort ist, mit dem die
modernen rasch bei der hand sind um die athenische politik zu stigma-
tisiren, so hatte der kampf wider die barbaren doch einen ganz andern
reiz als der wider die Boeoter. so kam es zu dem unverantwortlichen
wagnis, mitten in dem schwersten hellenischen kriege den abtrünnigen
vasallen des Groſskönigs in Kypros und Persien zu hilfe zu kommen.
einmal engagirt, fand man nicht den entschluſs zum rückzuge, und so
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 7
[98]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
hat man die entsetzlichen verluste herbeigeführt, die Athen zwangen
mitten im siege zu hause inne zu halten, während doch schon selbst in
Sicilien sich günstige anknüpfungspunkte für fernere unternehmungen
zu bieten schienen. das athenische volk mochte sich freilich den eigent-
lichen grund des miserfolges nicht eingestehn, es vertraute sich noch
einmal dem Kimon an, als dieser nach ablauf des zehnjährigen bannes
heimkehrte. er war der alte geblieben. er sicherte sich notdürftig
den rücken durch ein abkommen mit Sparta, das neuerstarkt nur einen
waffenstillstand mit kurzer frist zugestand, segelte in das ferne kyprische
meer, schlug die Perser und erreichte doch nichts als einen nur äuſser-
lich militärisch ruhmvollen abschluſs seines lebens. trotzdem, daſs mit
ihm die perserfeindliche politik zu grabe gieng, gelang es Athen nur
mit äuſserster not und dank dem diplomatischen geschick des Perikles,
bei dem zusammenbrechen seiner festländischen herrschaft für diesen
verzicht die anerkennung des Reiches und der seeherrschaft zu sichern.
Perikles.Perikles, der führer der demokratie, hat die verantwortung für die
reformen der funfziger jahre zu tragen, auch die für das programm,
dem er vierzig jahre lang treu geblieben ist. an den unternehmungen
wider Persien hat er sich nie beteiligt, vielmehr, sobald Kimons tod ihm
freie hand lieſs, ein einvernehmen mit Artaxerxes herbeigeführt, das bis
zu dessen tode angehalten hat. es kann ihm nicht nachgewiesen werden,
daſs er nach westen in abenteuerlicher weise überzugreifen jemals ge-
dacht hat, nicht einmal nach den dorischen inseln, Kreta oder Thera
und Melos, hat er die hand ausgestreckt. er hat nur das Reich mit be-
wuſster consequenz als ein object der athenischen herrschaft behandelt,
nicht mit tyrannischer gewalt, aber mit energie. bedrückt hat er die
bundesgenossen nicht, aber zu untertanen hat er sie gemacht. es ist
ihm nie in den sinn gekommen, Athen in das Reich oder in Hellas auf-
gehn zu lassen. gerade nach den verlusten in Aegypten hat er das
attische bürgerrecht beschränkt, um das eindringen der halbschlächtigen
zu verhindern, das Peisistratos und Kleisthenes befördert hatten. er hat
nachdrücklich damit ernst gemacht, auf dem boden der bundesstädte
auſserhalb Asiens (wo ihn wol die rücksicht auf Persien band) athenische
gemeinden zu gründen und so dem vordringen des bürgerlichen pro-
letariats zu steuern. aber er hat sein volk, das über Rhodos und Mi-
letos gebot, allerdings zum herrn auch über Sparta und Korinth machen
wollen: die herrschaft in Hellas war sein programm 462; er hat es trotz
den zwischenstreichen der kimonischen politik und trotz dem schweren
frieden von 445 nicht geändert. ruhige überlegung, aber ohne furcht
[99]Perikles.
vor den klar erfaſsten consequenzen, zeichnet seine politik ebenso aus
wie die vornehme, etwas hartnäckige unempfindlichkeit gegen hemmnisse
und störungen. er ist nicht der mann der genialen experimente wie The-
mistokles; er verschmäht das blendwerk der glänzenden coups, das sonst
die politiker in demokratischen staaten meist nötig haben; er rechnet
mit den ziffern des schatzes, den beständen der arsenale und den summen
der wehrpflichtigen lieber als mit den imponderabilien der volksgunst
und volksstimmung. er ist nicht officier und nicht finanzmann, nicht
volksredner und nicht parteihaupt, oder auch er ist dies alles, nämlich
so weit es der politiker, der vertrauensmann des attischen volkes sein
muſste. er ist kein liebenswürdiger mann, was die leute so nennen,
zecht nicht mit seinesgleichen und noch viel weniger mit den litteraten,
singt keine verse und läſst auch keine auf sich machen; er buhlt nicht um
das lob der dichter und kauft es auch nicht, aber der komoedie hätte er
gern den mund gestopft. er hat genug tüchtige und hingebende männer
um sich gehabt, die unter ihm an seinen werken schafften, und von denen
keinem der gedanke mit ihm zu rivalisiren kam, aber einen freund hat er
nicht gehabt. sein leben ist einsam gewesen.35) keine spur führt darauf,
7*
[100]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
daſs für irgend eine kunst eine ader in ihm geschlagen hätte: daſs er den
Parthenon und die Propylaeen hat bauen lassen, beweist das nur dann,
wenn die bauten Schinkels für den geschmack Friedrich Wilhelms III.
beweisen.36) aber an den politischen und juristischen speculationen des Pro-
tagoras hat er anteil genommen, mit dem exegeten des väterlichen rechtes
Lampon hat er verkehrt, dem sophistischen städtegründer Hippodamos hat
er die anlage der hafenstadt anvertraut. und wenn er als geborner
ehrenmann vielleicht vor dem dienste der götzen dieser welt gefeit war,
so daſs geld ehre und genuſs ihn nicht verlockten: daſs er über aber-
glauben erhaben war und von den schlägen der Tyche niemals gebeugt
worden ist, dankte er dem einflusse der physik und noch mehr der selbst-
35)
[101]Perikles.
losen forschernatur des Anaxagoras, der einsam lebte, wie er selbst. bei
dem lernte er die weltauffassung, die den zweck des lebens in die anschau-
ung des unendlichen κόσμος, der ordnung und der schönheit des alls, ver-
legt, und dem entsprechend dem individuum gebeut, zugleich sich in die
eigene sterblichkeit zu schicken und die ewigkeit in der seele zu tragen
(ἀϑάνατα φϱονεῖν). weil sie aus der tiefe einer denkgewohnten seele
quoll, riſs seine ernste beredsamkeit die menge fort, auch wo sie sie nicht
verstand, und die fassung, die er bei seinem trüben einsamen ende
bewahrte, hat dem Protagoras worte der bewunderung abgenötigt. aber
er war doch weit entfernt von diesen männern des ϑεωϱητικὸς βίος,
und der κόσμος, dem er diente, und den er zu verwirklichen strebte,
war die freiheit und die herrschaft seines volkes. an die logik der de-
mokratie hat er geglaubt, an die macht der ἰσονομίη, und an die ma-
xime ἐν τῷ πολλῷ ἔνι τὰ πάντα (Herod. 3, 80). die logische ge-
schlossenheit des demokratischen majoritätssystemes hat seinen dem ab-
stracten zugewandten sinn eingenommen, und radical, wie die mathe-
matiker sind, hat er keine consequenz des prinzipes gescheut. freilich
nur für seine Athener galt das ἴσον. daſs sie zum herrschen über
Hellas berufen seien, weil sie tüchtiger wären, durch ihre freiheit und
gleichheit tüchtiger, hat ihn mit fug Thukydides sagen lassen. daſs sie
die machtmittel hätten, die herrschaft zu erringen, wenn sie sie nur an
der rechten stelle brauchen wollten, hatte er 462 schon begriffen; daran
ist er nicht irre geworden, wie an nichts. wer sich seine überzeugung
zu einem exempel gemacht hat, das nun einmal richtig ist, kann sie
nimmermehr aufgeben. und so hat er 432 dasselbe ziel zu erreichen
versucht, das er sich dreiſsig jahre vorher gesteckt hatte. man wird ihn
von der verantwortung nicht freisprechen dürfen, den krieg gewollt zu
haben, denn er hätte ihn hinausschieben können, wie es sein alters-
genosse, der brave könig Archidamos wollte. vielleicht ist es vor dem
richterstuhle der höchsten moral ὕβϱις, überhebung und sünde, einen
solchen schritt zu tun: die ἄτη, die jede überhebung demütigt, ist
ja auch nicht ausgeblieben. indessen Perikles, der rechner, durfte sich
sagen, daſs aller berechnung nach der sieg nicht zweifelhaft sein könnte,
daſs niemand so wie er befähigt wäre, sein volk in dem kampfe zu
führen, und daſs es hohe zeit wäre, falls er diese rolle noch spielen
sollte. aber es zeigte sich, daſs rechnen nicht genügt für die politik,
weil menschenseelen ein anderes sind als trieren hopliten und talente,
ganz ungerechnet die tücke des zufalles, das δαιμόνιον φϑονεϱὸν καὶ
ταϱαχῶδες, das die pest sandte. und weiter zeigte sich, daſs die ab-
[102]II. 3. Von Peisistratos bis Ephialtes.
straction, das demokratische gleichheits- und majoritätsprincip, wiederum
die menschenseele mit in rechnung zu stellen vergessen hatte. die ge-
neration, die 430 jung war, verlangte stürmisch die tyrannis über die
bündner, über Hellas, über die welt, und verlangte für jeden Athener
die gleiche summe von vorrechten, auf daſs jeder so eine art tyrann
würde, εὐδαίμων, ἰσόϑεος.
Platon hat schon recht, wenn er in Perikles den gröſsten διάκονος
des volkes sieht, den groſsen volksverführer: aber er steht auf der hohen
warte seines Staates, und er schreibt unter den trümmern von 403.
Herodotos hat auch recht, wenn er den höhepunkt der weltentwickelung
in dem demokratischen Athen des Perikles sieht. die athenische demo-
kratie, wie Perikles sie vollendet hat, ist ein gebilde, zu fein für men-
schen, und darum denen selbst verderblich, die sie zur herrschaft beruft;
an der politik des Perikles ist Hellas zu grunde gegangen. aber was
wäre schön, das für die menschen nicht zu fein wäre? Platons Staat
ist es erst recht. und der staatsmann, der in der grauenhaften folge
von wüsten und blutigen jahrhunderten, die wir weltgeschichte nennen,
einen augenblick geschaffen hat, zu dem wir sagen mögen, verweile doch,
du bist so schön, ist trotz allem ein groſser zauberer gewesen.
Das volk der Athener, das seit dem frieden mit den PeloponnesiernDie ver-
fassung der
blütezeit.
445 ein zwar gegenüber den hoffnungen von 460 beschränktes, aber
dafür von den andern mächten anerkanntes reich beherrschte, konnte
mit fug und recht sagen, daſs die souveränetät bei ihm selbst stünde,
τὸ κϱάτος oder τὸ κῦϱος ἐπὶ τῷ δήμῳ. die vorstellung herrschte, daſs
alle Athener gleichberechtigt wären, und der wille der majorität der
wille der gesammtheit. ἐν γὰϱ τῷ πολλῷ ἔνι τὰ πάντα, wie Herodot
sagt. so wird τὸ πλῆϑος τὸ Ἀϑηναίων identisch mit ὁ δῆμος ὁ Ἀϑη-
ναίων. jeder Athener galt als zu allen regelmäſsigen ämtern befähigt;
er sollte es verstehn sowol zu gehorchen wie zu befehlen, und die gleich-
berechtigung aller forderte demnach einen turnus für die bekleidung
der ämter. δῆμος δ̕ ἀνάσσει διαδοχαῖσιν ἐν μέϱει ἐνιαυσίαισιν, wie
Theseus sagt. die classenbeschränkung galt zwar noch dem buchstaben
nach; an die finanzämter kamen nur leute aus der ersten classe, die
letzte hatte auf gar kein wirkliches amt anspruch. aber trotz den ver-
änderten besitzverhältnissen war der census der alte geblieben; was
wollten 500 scheffel sagen? die kleruchien machten immer mehr theten
zu grundbesitzern; giengen sie dorthin, so waren sie faktisch von der
staatsleitung ausgeschlossen; blieben sie zu hause, so machten die zinsen
ihres pächters sie wahlfähig. auſserdem verdienten sie bei dem dienste
auf der so gut wie stehenden flotte, als schützen, wächter und in ähn-
lichen stellungen, und zu den körperschaften, die gerade besonders ein-
fluſsreich waren, den 6000 geschworenen und dem rate, hatten sie recht-
1)
[104]II. 4. Πάτϱιος πολιτεία.
lich zutritt, und seit für beide ein mäſsiger sold gezahlt ward, konnten
sich auch unbemittelte zur losung melden. die hauptsache freilich tat
der allgemeine wolstand dazu, daſs die beteiligung an der staatsverwal-
tung für die ungeheuren anforderungen leidlich ausreichte, und der
census nicht fühlbar war. steuern wurden nicht gezahlt; der weg, die
bemittelten für das allgemeine zu den nötigen opfern zu bewegen, war
in der ausbildung der persönlichen leistungen für das allgemeine (λῃ-
τουϱγίαι) gefunden, die ursprünglich ein analogon zu dem persönlichen
hand-, spann- und kriegsdienst gewesen waren, aber seit für den letzteren
sold gezahlt ward, hand- und spanndienst vorwiegend nur noch für die
einzelgemeinde und phyle in betracht kam, war die liturgie das mittel,
den reichtum in einer weise zur steuer heranzuziehen, die in einer
vermögenssteuer erst dann ein volles analogon finden würde, wenn
diese eine höhe erreichte, die uns für unerträglich gilt. zum ent-
gelt für sein opfer war der trierarch officier, und zwar ein hoher und
im Reiche aller orten angesehener. der grundbesitzer, der die last
der pferdezucht trug, diente auch bei der cavallerie, was an sich schon
für eine auszeichnung galt. die vielen liturgien, die der belustigung und
annehmlichkeit, zum teil auch der unterstützung des demos dienten,
brachten nur ehre und höchstens einfluſs auf die stimmung und die
stimmen des volkes. daſs dies system nicht versagte, lag erstens und
vornehmlich an dem wolstand, den die machtstellung des Reiches und
Athens im Reiche den einzelnen verlieh, dem kaufherrn und industri-
ellen eben so gut wie dem grundbesitzer. zweitens aber war diese art
munificenz von alters her in den herrschenden familien geübt worden,
und wer durch jungen reichtum in diese reihe aufstieg, durfte und
mochte mit ihm nicht knausern. der staat aber hatte eine gefahr glück-
lich beseitigt, als er die private munificenz in ein ziemlich festes steuer-
wesen verwandelt hatte: noch Peisianax und Kimon hatten den markt
mit hallen und bäumen als private geschmückt; das haus des polemarchen
trug den namen dessen, der es erbaut hatte, am giebel. so etwas ist
in der perikleischen zeit abgestellt; weder er noch Nikias haben den
staat beschenkt. das volk hat den Parthenon gebaut, und es wachte,
wie auch in an sich unverbürgten anekdoten durchklingt, eifersüchtig
darüber, daſs kein einzelner ihm die ehre dieser bauten entzöge.
Der souverän war selbstverständlich unverantwortlich und gebunden
nur an die gesetze, die er selbst festgestellt hatte, also wol zu ändern
die macht hatte, aber nicht zu übertreten. der souverän besaſs aber
schlechthin keine initiative. er stimmte in jedem einzelnen falle nur zu
[105]Die verfassung der blütezeit.
oder lehnte ab. somit war immer ein individuum da, das die verant-
wortung für den souverän rechtlich und factisch trug. wer den sou-
verän zu ungesetzlichem verleiten wollte, konnte deswegen gerichtlich
belangt werden, und schon ein einzelner in der volksversammlung konnte
durch seinen einspruch, in der form einer klaganmeldung, einen antrag
oder beschluſs wenigstens suspendiren. falls aber das ungesetzliche oder
auch schädliche schon beschlossen oder geschehen war, so konnte der
belangt werden, der den demos ‘betrogen’ hatte. auch konnte jeder den
antragsteller verklagen, weil er ‘ein unpassendes gesetz beantragt hätte’.
Da es factisch undurchführbar war, daſs jeder einzelne bürger in
jedem falle von dem teile souveränetät, der auf ihn kam, gebrauch
machte, so war das volk oder auch die majorität der Athener durch
legalfiction vorhanden, wenn eine durch gesetz bestimmte vertretung der
gesammtheit factisch die souveränetät übte. das galt in wahrheit schon von
der volksversammlung, für deren sitzungen es keine numerische beschrän-
kung der beschluſsfähigkeit gab, auſser für besondere fälle, wo schrift-
liche abstimmung gefordert ward (νόμοι ἐπ̕ ἀνδϱί). aber davon zieht man
vor nicht zu reden. dagegen gilt der satz, daſs die richterliche, schlecht-
hin infallible und inappellable (ἀνυπεύϑυνος), übung der souveränetät,
ganz besondere ausnahmen abgerechnet, immer vom volke nur ideell,
factisch aber von einer vertretung desselben ausgeübt wird, deren stärke
das gesetz vorsah. das gericht ist rechtlich immer identisch mit dem
volke, sonst hätte sich seine unverantwortlichkeit gar nicht aufrecht halten
lassen. auch das gericht muſs berufen werden, entbehrt also der initia-
tive, und zwar geschieht dies, weil es eine sehr alte, spätestens solonische
einrichtung ist, durch die archonten, an die sich die übrigen beamten
zu wenden haben, wenn sie eine sache vor das volk zur richterlichen
entscheidung zu bringen wünschen. die archonten aber sind nicht frei
in der auswahl der volksvertretung, sondern erlosen die gesetzliche zahl
von volksvertretern, und sie tun das nicht aus der ganzen summe der
teilnehmer an der souveränetät, sondern aus einer alljährlich von ihnen
in bestimmter gesetzlicher form aufgestellten summe von 6000 unbe-
scholtenen über 30 jahre alten bürgern. diese 6000 im ganzen sind
nur so viel wie zur beschluſsfassung in sachen, die wie die processe
einen einzelnen bürger angehn, für die volksversammlung erfordert sind.
sie vertreten das ganze volk, sind aber selbst in jedem einzelnen pro-
cesse durch einen manchmal sehr geringen bruchteil (201) vertreten.
die legalfiction geht also sehr weit. die gerichte entscheiden oft nur
die schuldfrage, so daſs damit nach maſsgabe des gesetzes die strafe ge-
[106]II. 4. Πάτϱιος πολιτεία.
geben ist. öfter noch bestimmen sie mit der vollen freiheit des sou-
veräns auch das strafmaſs. aber die strafvollstreckung steht nicht in
ihrer hand. auch sie entbehren durchaus der executive.
Die 6000 richter sind eine vertretung der bürgerschaft wirklich,
in sofern sie nach den gemeinden erlost sind, in die das attische land
und die attische bürgerschaft zerfällt, wahrscheinlich aus einer candi-
datenliste, welche diese aufstellten. dieses selbe princip der repraesen-
tation beherrscht die magistratur und den rat. aber sobald der vertreter
einer gemeinde oder phyle richter oder beamter wird, hört er auf seinen
kleinen teil zu vertreten: er ist vielmehr träger der souveränetät der
sammtgemeinde. in ekklesia und heliaea gibt es in folge dessen keinerlei
berücksichtigung der unterabteilungen des volkes.
Das hauptorgan, durch welches der souverän die executive übt,
ist der rat. rat heiſst er und ist er, da er dem souverän alle seine be-
schlüsse vorzubereiten und ihm in erster linie seine vorschläge zu unter-
breiten hat. er ist aber längst eine und zwar die vornehmste handelnde
behörde geworden. er besteht aus 500 vertretern der gemeinden, für
welche dieselbe qualification wie für die richter gilt, nur daſs man richter
zeitlebens, ratsherr höchstens zweimal auf ein jahr sein kann. durch den
rat allein verkehrt das volk mit dem auslande, mit jeder fremden person
und sogar mit den eigenen beamten. in allen fällen, wo eine gesandt-
schaft oder sonst ein ausländer oder auch ein beamter als solcher mit
der volksversammlung direct verkehren will oder soll, führt ihn der
rat bei dem volke ein. verantwortlich ist der rat natürlich seinem
souverän, aber der einzelne ratsherr unterliegt als solcher nicht der
rechenschaftspflicht. der rat verfügt über die höchsten souveränetäts-
rechte, denn er kann selbst einen bürger an leib und leben strafen,
ohne daſs diesem wie gegenüber allen andern beamten die ἔφεσις εἰς
δικαστήϱιον, die athenische form der provocatio ad populum zustünde.
aber er ist nicht mit dem souverän ideell identisch wie die gerichte:
er kann vielmehr selbst an diese eine sache überweisen; dagegen kann
er kein gericht selbst berufen, sondern bedarf der vermittelung der ar-
chonten: die gerichte sind eben mindestens nicht jünger als der rat.
Die civilbeamten werden, so weit sie jährig sind, in der weise er-
lost, daſs sie die phylen oder auch deren unterabteilungen, die trittyen,
vertreten; daneben kommen für einzelne vorübergehende amtliche tätig-
keiten commissionen in betracht, die aus den 6000 richtern genommen
werden. die beamten werden erst auf ihre würdigkeit von dem gerichte
geprüft: so corrigirt der souverän die willkür des loses. sie stehn zum
[107]Die verfassung der blütezeit.
gröſsten teile, insbesondere so weit sie staatsgeld verwalten, unter der
controlle des rates; dieser und das gericht besorgen ihre rechenschafts-
abnahme. auſserdem entscheidet der souverän in jeder der 10 verwal-
tungsperioden des jahres, ob sie sein vertrauen noch besitzen. sie haben
eine durch feste instruction eng begrenzte sphaere der tätigkeit und sind
gehalten, so bald sich ein bürger, von bagatellen abgesehen, ihrem spruche
nicht unterwerfen will, die entscheidung des souveräns anzurufen, d. h.
sie berufen ein gericht, dem sie vorsitzen: nur dieser vorsitz in eigner
sache ist noch ein rest ihrer ehemaligen selbständigkeit, sonst ist die
magistratur der civilbeamten zu einem werkzeuge des souveräns, in
praxi des rates herabgedrückt. politische bedeutung hat von ihnen schlecht-
hin keiner.2) reste alter macht, wie sie die einzelnen archonten noch
besitzen, sind für den ganzen charakter der verfassung und verwaltung
so wenig bedeutend, wie die gerichte des Areopages und der epheten
neben den heliasten.
Die religion durchdringt zwar alles, aber es gibt keine kirche, oder
vielmehr sie deckt sich mit dem staate, und so können wir sagen, daſs
die weltliche bürgerliche demokratische verfassung mit vollkommener
logik und consequenz durchgeführt ist.
Das militär fügt sich dem demokratischen gleichheitsprincip nie und
nirgend, sintemal gar zu deutlich vor augen liegt, daſs nicht jeder zum
officier paſst, und auch die eifersüchtigste demokratie läſst sich gern dazu
herbei, zu officieren nur die zu machen, die fähigkeit und lust haben.
für die hauptmacht Athens, die flotte, war zwar zur zeit des Reiches
gut gesorgt, da die trierarchie capitäne zur verfügung stellte, die erstens
die erfahrung besaſsen, zweitens in der kriegsmarine den steuerleuten
und matrosen als geborene vorgesetzte gegenüber standen, da sie meist
der handelsmarine in gleicher eigenschaft angehörten, drittens die die
würde mit der steuer bezahlten. auch in der reiterei war die bevorzugte
geltung dieses dienstes durch die last der pferdehaltung aufgewogen; die
truppe entwickelte aber immerhin ein starkes standesbewuſstsein, ward
von radikalen demokraten wie Kleon scheel angesehen und rechtfertigte
404 dieses mistrauen durch entschieden aristokratische tendenzen. aber
sie war zu schwach, als daſs die zehn schwadronchefs und die beiden
[108]II. 4. Πάτϱιος πολιτεία.
reiterführer, die das volk erwählte, eine politische rolle hätten spielen
können. daſs für diese äuſserlich der volle rang galt wie für die stra-
tegen, also auch das scharfe schwert der epicheirotonie über ihnen
hieng, war wol mehr aus der alten zeit der adelsherrschaft geblieben,
wo die reiterei, die ritterschaft, sehr viel mehr zu bedeuten gehabt hatte.
flotte und reiterei waren beide unter die ständige controlle des rates
gestellt: der souverän also behielt sie selbst in der hand.
Der heerbann mit seinen zehn obersten, die das volk wählte und
die ihre subalternofficiere selbst bestellten, gieng gut in die demo-
kratische organisation auf. es war das volk in waffen, mit allen vor-
zügen und mängeln eines volksheeres und einer landwehr. aber die
zehn strategen waren, seit die groſsen verhältnisse des Reiches dazu ge-
zwungen hatten, ihnen das commando der regimenter zu nehmen, denen
sie einst vorgestanden hatten, zu einer stellung gelangt, welche schlechter-
dings nicht in den engen rahmen der attischen magistratur paſst. wenn
sie zu hause gesessen hätten, die aushebung besorgt, den sicherheits-
dienst im lande und an den grenzen überwacht und nur im falle des
krieges das heer geführt hätten, so hätte man sie unter den rat stellen
können; aber dann wäre die schaffung der taxiarchen nicht nötig ge-
wesen. die verwaltung des Reiches aber machte nicht nur den kriegs-
zustand so gut wie ständig, sondern sie erforderte auch höchstcomman-
dirende an mehreren orten, die selbst träger des imperiums sein muſsten,
also selbst den souverän vertraten. und die flotte hatte zwar schiffs-
führer, aber sie brauchte flottenführer. so wurden die strategen nicht
sowol generale als tribuni militares consulari potestate. es waren noch
immer 10, und die phylen sollten in ihnen vertreten sein, wenn sie
das volk auch in directer wahl bestellte. aber da die iteration und
sogar die continuation für die militärischen ämter gestattet war, konnte
es gar zu leicht unbillig und widersinnig werden, wenn die wahl eines
geeigneten mannes aus einer phyle alle andern geeigneten derselben
dauernd ausschloſs. so erlaubte sich das volk einzeln von dem principe
abzuweichen. die zehn waren rechtlich gleichgestellt, aber das volk be-
stimmte frei, wen es für jeden einzelnen auftrag geeignet hielt, und so
rangirten sie factisch sehr verschieden; es bekamen einige die ziemlich
ständigen, den römischen provinzialpraetoren vergleichbaren stellungen
im Reiche und an dessen grenzen (die flottenstationen in den provinzen),
andere die aushebungsgeschäfte; die bedeutendsten aber blieben zur ver-
fügung des volkes, immer in contact mit ihm, da sie in der volks-
versammlung anwesend sein konnten, und diese erschienen als seine
[109]Die verfassung der blütezeit.
wahren vertrauensmänner. die strategen waren wol gehalten, an den
rat zu berichten, der ja die auswärtige politik leitete, aber sie muſsten
doch drauſsen sehr oft verbindlichkeiten eingehn, die zwar der ratifi-
cirung durch den souverän bedurften, aber mindestens so viel gewicht
hatten, wie ein ratsvorschlag. ja man gieng so weit, daſs die strategen
einen antrag beim rate einbringen konnten, auch den auf berufung einer
volksversammlung, und somit wenigstens den directen amtlichen verkehr
mit dem souverän und die initiative erhielten. in kriegszeiten konnten
sie andererseits durch das aufgebot der bürger die abhaltung einer
volksversammlung factisch verhindern.3) endlich eludirten sie im falle
der wiederwahl factisch sehr häufig die rechenschaftsablage, obwol für
diese unter allen umständen unter übergehung des rates gerichtliche
prüfung vorgeschrieben war. gewiſs war es sehr gut möglich, das gleich-
gewicht der gewalten aufrecht zu erhalten, und der souverän war durch
diese männer seines vertrauens in seiner gewalt nicht gefährdet. aber
es waren doch einzelne männer, die durch ihre dauernde amtliche
stellung, ihre erfahrung und ihren einfluſs aus der gleichberechtigten
und auf gleiches niveau niedergedrückten masse des volkes hervorragten.
die strategen waren die eigentlich einzigen wirklichen magistrate Athens.
wir sehen sie einzeln selbst mit dictatorischer gewalt bekleidet, αὐτο-
κϱάτοϱες, wie den rat, natürlich nur auſserhalb der stadt. wäre es einer
in der stadt geworden, so war der tyrann da.
Die bürgerlichen beamtenstellen durften nicht iterirt werden; im
rate durfte jeder bürger nur zweimal sitzen. da der ganze rat alljähr-
lich neu erlost ward, so konnte trotz dem vorschlagsrechte der gemeinden
für die ratsstellen und trotz der prüfung, die der alte rat an den erlosten
vornahm und keinesweges auf die formale gesetzlichkeit der wahl be-
schränkte, eine stätige politik in dieser wichtigsten körperschaft nicht
getrieben werden. eine wirkliche geschäftserfahrung war im staats-
dienste überhaupt nur unvollkommen zu erlangen. als geschworne lernten
die bürger vielerlei von den gesetzen und der verwaltung kennen; aber
doch nur gelegentlich, und direct konnte die heliaea auf die politik
nicht einwirken. ein advocatenstand begann sich erst allmählich zu
bilden. dagegen in der volksversammlung konnte jeder bürger, wenn
[110]II. 4. Πάτϱιος πολιτεία.
er nur wollte, jahraus jahrein erscheinen, zuhören und reden, schon
zehn jahre lang, ehe er beamter ratsherr und richter werden konnte.
das volk wählte auch gar nicht selten direct commissionen, selbst für
so wichtige dinge wie die ausarbeitung von gesetzen, die gesandten, die
vertreter des fiscus vor gericht4): da kamen also leute hinein ohne die
beschränkungen aller art, denen die beamten unterlagen, nicht auf präsen-
tation durch die phylen oder gemeinden, sondern als vertrauensmänner des
volkes, der ekklesia. die ekklesia war berechtigt, sich als der souve-
rän zu fühlen, sie sollte im gegensatze zu den abteilungen des volkes das
ganze, im gegensatze zu den wechselnden beamten die dauer und stetig-
keit des regiments vertreten. und wirklich, es fanden sich ständige
besucher, das gros der abstimmenden, und es bildeten sich berufsmäſsige
parlamentarier, die ῥήτοϱες, die aus der versammlung das wort ergriffen.
daſs diese leute die geschäftsordnung und die regelmäſsigen geschäfte
und die künste der debatte sehr bald besser als das präsidium begriffen,
daſs sie auch wirklich sehr oft über einsicht und erfahrung verfügten,
die den beamten und selbst dem rate abgiengen, ist natürlich. wer
sich als ratsherr oder schatzmeister etwa in die finanzen oder einen teil
derselben hineingearbeitet hatte, konnte seine erfahrung später nur als
redner geltend machen; aber es trat in diesen unverantwortlichen5)
rednern ein nicht bloſs fremdes, sondern gefährliches element in den
verfassungsmäſsigen organismus des staates ein. die redner übten kritik
an den vorlagen des rates und der strategen, ohne doch selbst in den ge-
schäften zu stehn, gaben ihnen den befehl es so oder so zu machen, ohne
doch zu der ausführung selbst hand anzulegen. sie hatten das ohr des sou-
veräns, ohne doch für das einstehn zu müssen, wozu sie ihn bestimmten. der
souverän selbst aber ward tatsächlich in sehr vielen sitzungen durch die
habitués der ekklesia repräsentirt, die leute, die zeit und lust hatten, auf die
pnyx zu gehn. es konnte gar nicht anders sein, als daſs das die leute
aus der stadt und ihrer nächsten umgebung waren, und daſs die besten
vertreter des demos, die bauern, die kaufleute, die industriellen unter-
[111]Die verfassung der blütezeit.
nehmer, die handwerker nur selten die zeit daran wandten. so ward
die volksversammlung statt das ganze volk zu vertreten geradezu die
einseitigste vertretung und die ungerechteste. sie vertrat die stadt, die
es rechtlich gar nicht gab, trotz dem ganzen lande, und die drohnen
trotz den arbeitsbienen. die unerfahrene jugend konnte das höchste
souveränetätsrecht eher üben, als sie selbst irgendwie die eigene ver-
antwortlichkeit an einem teile zu kosten bekommen hatte. die besitz-
lose bürgerliche bevölkerung, die am kriege profitirte, wenn sie auf die
schiffe gieng, sonst gar keinen feind zu sehn bekam oder höchstens
waffenlos zum beutemachen mitlief, konnte die vorlagen der strategen
niederstimmen und gar die strategen selbst wählen und absetzen.
Wenn eine verfassung wirklich wie eine maschine functionirte, so
würde es wesentlich auf ihre construction ankommen. aber da ihre
träger beseelte menschen sind, so kommt es auf diese seelen viel mehr an.
die demokratie die die Athener um 460 vollendeten hat ein menschen-
alter vorzüglich functionirt, weil ihre träger den geist bewahrten, dem
sie in ihrer verfassung ausdruck gegeben hatten. die autorität der
männer, die dem volke diese freiheit und herrschaft gewonnen hatten,
hielt vor, sie blieben die vertrauensmänner des souveräns, und so er-
hielt sich die stetigkeit der politik. die tradition war noch so mächtig,
daſs der demos sich eben so willig unter die ‘ansehnlichen leute’, die
männer ‘aus den guten familien’, stellte, wie die matrosen unter die
trierarchen. die groſsen verhältnisse des Reiches (die in alles factisch viel
mehr bestimmend eingreifen, als diese betrachtung der dinge von dem
gesichtspunkte der verfassung aus erkennen läſst) führten von selbst
dazu, daſs die strategen das starke handelnde organ des staates sein
durften, wirklich ein magistrat im römischen sinne. und das lebendige
sonderleben der gemeinden, die sich die stadt noch nicht über den
kopf wachsen lieſsen, garantirte, daſs der rat eine vertretung des ganzen
volkes war und demgemäſs die ihm gebührende autorität besaſs.6)
Der krieg
und seine
folgen.Aber es kam der krieg, der die landbevölkerung zum groſsen teile
beschäftigungslos in die stadt trieb. gleichzeitig hörte der abfluſs der
armen bürger in die colonien auf, die pest beschleunigte den notwen-
digen proceſs, daſs eine neue generation für den staat bestimmend wer-
den muſste. die sorge für das Reich und den krieg lenkte zwar das
interesse von kämpfen um die verfassung selbst zunächst ab; aber die
schweren proben, denen sie dadurch unterworfen ward, hat sie nicht be-
standen.
Wir hören noch die entrüstung der leute vom alten schlage, daſs
in der volksversammlung ‘jeder elende kerl aufstehn kann und eine rede
halten, natürlich nicht im interesse der ordnung, aber im wolverstan-
denen interesse des demos, dem an der ordnung nichts liegen kann, aber
wol an demokratischer gesinnung’. noch Perikles selbst hatte erleben
müssen, daſs ein reicher industrieller aus Kydathenaion, der freilich eine
claque von gemeindegenossen leicht auf die pnyx bringen konnte, als redner
in der volksversammlung ihm sehr unangenehm ward. Nikias ward es
schlieſslich zu arg, daſs dieser parvenu, der vom kriege keine erfahrung
hatte, unter dem jubel des volkes ihm immer wieder über den feldzugs-
plan vorhaltungen machte. so tat er den unbedachten ruf ‘so sei du
feldherr an meiner statt und mache es besser’. Kleon aber nahm ihn
beim worte und machte es besser. das wäre sehr schön gewesen, wenn
es mehr als eine gelungene improvisation gewesen wäre. denn feldherr
konnte der brave bürgersmann wirklich nicht sein, so tüchtig er als
ratsherr gewesen war. als er es zum zweiten male versuchte, kostete es
ihm das leben, Nikias bekam das übergewicht zurück, und der staat
schloſs einen faulen frieden.
Kleon hatte schon als ratsherr verschwörungen gewittert, vor der
tyrannis gewarnt und ein wachsames auge über die jüngsten politiker
gehalten, die schüler der neuen bildung. damals lachte man ihn aus.
aber bald nach seinem tode offenbarte sich, wie scharf er gesehen hatte.
der staat stand wirklich in einer krisis, und die entgegengesetzten unter-
6)
[113]Der krieg und seine folgen. die revolution von 411.
strömungen giengen gegeneinander an, während äuſserlich die verfassung
und das Reich in vollster blüte standen. es war eigentlich allen un-
heimlich und unwohnlich geworden in dem stolzen hause. die poeten
des tages flüchteten sich nach Wolkenkukuksheim oder prophezeiten den
untergang, wie er Ilios und seinen besieger ereilt hatte. das volk wagte
dennoch, trotz den Hermokopiden7), die sicilische fahrt, machte aus den
strategen dictatoren und gab zugleich aus furcht vor der tyrannis dem
rate die dictatur: so stürzte es hals über kopf dem abgrund zu, den es
doch ahnte. das unheil von Syrakus übte sofort auf die verfassung den
rückschlag, daſs der rat, das wichtigste demokratische organ, beschränkt
ward. zehn bejahrte erfahrene männer der wahl des volkes sollten die
vorberatung und zum teil wenigstens auch die finanzverwaltung über-
nehmen.8) an den sitz des übels, die unberechenbare und unzulängliche
volksversammlung, in der zumal in den kriegszeiten die besten kräfte
der bürgerschaft, die soldaten, fehlten, wagte niemand zu rühren. der
rat des jahres 412/11 war dem entsprechend eingeschüchtert und schwach
und zudem schwerlich sehr demokratisch gesonnen. der feldzug des
jahres 412 und der folgende winter steigerten die entmutigung. die
richtige erkenntnis, daſs Athen mit seinen mitteln nach dem abfalle von
Chios Miletos Rhodos das Reich nicht mehr behaupten konnte, führte
nun endlich die bisher fast verborgenen männer an das ruder, die mit
einer verfassungsänderung ernst zu machen wagten.
Es war eine revolution, obwol zunächst äuſserlich alles in den formenDie revolu-
tion von 411.
des rechtes blieb. die oligarchischen führer mochten von vorn herein
sehr weit gehende tendenzen haben: um eine majorität zu finden, be-
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 8
[114]II. 4. Πάτϱιος πολιτεία.
schränkten sie sich zunächst darauf, zwei hauptprincipien durchzubringen,
die offenbar in sehr weiten kreisen beifall fanden, die ausschlieſsung
der theten von den politischen rechten, und die aufhebung des soldes.
beides konnte mit fug und recht als eine rückkehr zur väterlichen ver-
fassung bezeichnet werden. der sold war erst durch Perikles eingeführt,
und man war maſsvoll genug, ihn, wenn auch in der geringen höhe
von ½ dr., für den ratsausschuſs und die archonten bestehn zu lassen;
er war wol sicher in beiden fällen ersatz für ältere naturalverpflegung.
die beschränkung der politischen rechte auf die hopliten, d. h. die ὅπλα
παϱεχόμενοι, gieng allerdings über Solon hinaus, aber die formel selbst
war genau die drakontische, und da es mindestens 5000 sein sollten,
und die auswahl einer starken vertretung der phylen anheimgegeben
ward, so mochte der demos mit grund annehmen daſs diese neue bürger-
schaft nicht für die oligarchie zu haben sein würde. übrigens sollte sie
zunächst nur für die dauer des krieges bestehn.
Als sie ausgemustert war und zusammentrat, führten die oligarchen
den zweiten streich und setzten eine commission für den entwurf einer
verfassung durch. sie war zwar 100 leute stark, aber in dem entwurfe
weht so sehr ein geist, er ist so woldurchdacht und verbindet in so
eigentümlicher weise die drakontische verfassung mit den anforderungen
der gegenwart, ist auch so rasch zur annahme in der commission ge-
langt, daſs wir wol schlieſsen dürfen, er habe für die leiter der bewe-
gung vorher festgestanden. wer ihn gemacht hat erstrebte keineswegs
eine oligarchische tyrannei (δυναστεία, wie schon Platon sagt.)
Die neue bürgerschaft nahm den entwurf an; aber er konnte nicht
unmittelbar in kraft treten, dazu war er viel zu radikal, die not des
krieges zu dringend, und vor allem die verständigung mit dem heere
in Samos nötig. also muſste man zu einem provisorium greifen.
und nun wagte sich die oligarchie schon minder verhüllt an das licht,
wenn sie auch noch immer geflissentlich den anschluſs an die verfas-
sung der väter, die πάτϱια, zur schau trug, um die 5000 zur zustim-
mung zu bewegen. es ward wirlich eine behörde mit dictatorischer
gewalt geschaffen, aber dieser urkunde merkt man deutlich an, daſs sie
auf einem compromiſs beruht.
Als dieser rat der 400 am ruder war, gewannen in ihm die tyranni-
schen gelüste die oberhand, bis die gemäſsigte minorität selbst den ge-
horsam kündigte und die gewaltherrschaft brach. sie wollten dabei we-
nigstens die principien festhalten, die noch die alte weite ekklesia beschlossen
hatte, und zunächst gelang es auch. aber da das sehr bald auch im
[115]Die revolution von 411. das provisorium von 411.
felde erfolgreiche heer der alten demokratie immer treu geblieben war,
konnte nicht fehlen, daſs diese die oberhand gewann. trotzdem waren
die anhänger der beschränkung der politischen rechte sehr zahlreich,
diese gedanken waren nicht vergessen und haben mit sehr bemerkens-
werter modification noch 403, zum schaden Athens wiederum vergeblich,
den kampf mit dem allgemeinen stimmrecht aufgenommen.
Die provisorische verfassung (cap. 31) hat als solche ein geringesDas provi-
sorium von
411.
interesse, obwol sie geschichtlich allein bedeutung hat, während für
den verfassungsentwurf (cap. 30) das umgekehrte gilt. träger der ge-
walt ist ein rat von 400 mitgliedern; in dieser zahl und in der art
seiner bestellung durch vorwahl der phylen (die jedoch nicht inne ge-
halten ward) sollte der schein der rückkehr zu den formen der alten
zeit liegen. die 400 wurden mit der vollsten souveränetät ausgestattet,
selbst dem rechte die beamten zu ernennen — dabei mochte ein redner
an das alte recht des Areopages erinnern. zur beruhigung der gemüter
fügte man bei, daſs der rat an den verfassungsgesetzen, die beschlossen
würden, nichts ändern dürfte. darin lag, daſs die legislatur bei der bürger-
schaft stünde; nur war der rat weder verpflichtet noch gewillt diese
bürgerschaft zu berufen, und mit absoluter gewalt regiert man besser
ohne verfassungsgesetze. nun bedurfte der rat einer militärischen exe-
cutivbehörde; da ist es sehr bezeichnend, daſs die ernennung derselben
ihm in der allgemeinen berechtigung, die beamten zu ernennen, noch
nicht zugesprochen sein sollte. es wird vielmehr gesagt, ‘für diesmal
sollte der rat die 10 strategen aus der gesammten bürgerschaft der
5000 auswählen, und zwar so, daſs er dafür eine musterung aller in
waffen veranstaltete (das ist eine controlle, daſs alle bürger wirklich ὅπλα
παϱεχόμενοι sind). in zukunft aber sollte nach dem vorher beschlos-
senen verfassungsentwurfe verfahren werden.’ in der sache ist das genau
dasselbe, wie wenn die strategen mit unter die andern ämter gerechnet
wären; aber es schien den 5000 eine beruhigung, direct auszusprechen,
daſs das nur einmal passiren sollte. die strategen erhielten selbst dicta-
torische gewalt: mit andern worten, die 400 konnten wieder aus sich
die energischsten männer mit vollem imperium ausrüsten und so die
oligarchie vollenden. daſs die übrigen militärischen ämter dann auch
durch den rat bei derselben musterung ernannt wurden, hatte weiter
nichts auf sich.9) wie wenig die 5000 aber ständisch aristokratische
8*
[116]II. 4. Πάτϱιος πολιτεία.
neigungen hatten, zeigt sich darin, daſs sie der not der zeit gemäſs nur
einen hipparchen wählen lieſsen, obwol der verfassungsentwurf an
mehreren festgehalten hatte. auch das war eine beruhigung der dem
provisorium wenig geneigten stimmung, daſs die von den 400 eingesetzten
beamten mit ausnahme der ratsherren und strategen nicht wieder
wählbar sein sollten. der rat war auf ein jahr eingesetzt und dem folg-
ten die andern ämter selbstverständlich. es war ganz unsicher, wann
das definitivum eintreten würde; denn das hieng von der vereinigung
mit dem heere in Samos ab, wie der schluſssatz (der erst durch die
verfassung, auf die er verweist, verständlich wird) verblümt andeutet.
man hoffte wol, es würde bald sein, aber man muſste doch vorsorge
treffen. so mögen die braven bürger unter den 5000 gedacht haben:
die oligarchen wie Antiphon und die eigennützigen streber wie Phry-
nichos bewilligten ihnen gern die worte, wenn sie nur die macht zu
handeln endlich erhielten.
Der verfassungsentwurf selbst (cap. 30) ist ein unschätzbares docu-
ment; der ihn verfaſst hat war ein eben so von den traditionen der
väter wie von der abstracten speculation der sophisten genährter geist.
was er schuf, war trotz allem anschlusse an die alten vorbilder etwas
ganz neues, und trotz seiner klugen berechnung auf die schäden der
gegenwart ein schlechthin lebensunfähiges ding.
Der verfas-
sungsent-
wurf von
411.Die gesammte bürgerschaft soll durch einen einmal, gleich jetzt von
den 100 καταλογῆς, die sie überhaupt erst contituirt haben, nach bestem
wissen und gewissen in vier teile (λήξεις) geteilt werden.10) die männer
über 30 jahre eines viertels bilden für ein jahr den rat, und zu dem
rate gehören die wichtigen namentlich aufgeführten beamten. diese
werden so erwählt, daſs zunächst aus dem ganzen viertel eine vorwahl
von mehrerern candidaten, (deren zahl der entwnrf offen läſst), und aus
dieser liste die definitive wahl geschieht.11) die niederen beamten werden
[117]Der verfassungsentwurf von 411.
aus den andern drei vierteln erlost. der rat ist für sein amtsjahr der
träger der regierung in jeder richtung, insbesondere in der finanzver-
waltung. die beamten, die aus ihm genommen sind, nehmen an seinen
sitzungen teil, mit ausnahme der gerade amtirenden hellenotamien.12) ein
ratsausschuſs, den prytanen entsprechend, existirt nicht mehr. viel-
mehr tritt jeden fünften tag das plenum zusammen, wenn die geschäfte
nicht häufigere sitzungen fordern. in permanenz ist der rat also nicht,
wie er es durch die prytanen gewesen war. folglich muſs eine behörde
da sein, die ihn berufen kann und bis zu seiner constituirung den vorsitz
führt. das kann nur eine der ständig auf dem markte vorhandenen sein:
so erhalten die archonten den auftrag, wie es am passendsten war und
noch dazu recht archaisch aussah.13) für den vorsitz in der sitzung
selbst werden fünf ratsherrn ausgelost, den prytanen oder den späteren
proedren entsprechend, und aus ihnen wieder einer, der abstimmen läſst,
dem epistaten entsprechend. eine tagesordnung kann nun nicht vor-
bereitet sein. also müssen die fünf vorsitzenden des tages die einge-
gangenen oder jetzt angemeldeten sachen ordnen, die im anschluſs an
die tagesordnung der alten ekklesia in der reihenfolge 1) heiliges,
2) herolde, 3) gesandte, 4) alles andere, zur verhandlung kommen sollen,
so daſs innerhalb einer der vier abteilungen die reihenfolge durch das
11)
[118]II. 4. Πάτϱιος πολιτεία.
los bestimmt wird.14) nur was den krieg angeht, hat ohne los den vor-
tritt, und die strategen (die dem rate ja angehören) bringen es selbst
zur vorlage.15) für besonders wichtige sitzungen kann beschlossen wer-
den, daſs jeder ratsherr einen an sich ratsfähigen bürger aus einem an-
dern viertel des volkes mitbringen darf. in diesen fällen ist also möglich,
daſs im maximum die hälfte der gesammten bürger über 30 jahre zu-
sammen ist. die ratsherrn erhalten nicht nur keinen sold16), sondern
es steht eine drachme strafe auf der unentschuldigten versäumnis einer
sitzung.17)
Der verfasser dieses entwurfs hatte die fehler der geltenden ver-
fassung klar erkannt. das zweikammersystem, so zu sagen, das durch
rat und volk selbst in den psephismen sich ausspricht, wollte er beseiti-
gen. den berufsparlamentariern, den rhetoren, sollte ihr handwerk ge-
legt werden. dazu muſste die ekklesia überhaupt verschwinden. aber
der rat wie er gewesen war, ein regiment bloſs durch eine vertretung,
schien doch als alleiniger träger der souveränetät nicht autoritativ genug.
und wenn diese repräsentation gewählt oder auf vorschlag erlost ward,
so kamen gerade die besten elemente, die ἀπϱάγμονες, nicht zur gel-
tung. also war ein mittelweg zu suchen, und den zeigte Drakon, der
turnus. die souveränetät übt jedesmal ein viertel des volkes durch seine
reifen männer. jedes vierte jahr nur kam der bürger zur ausübung seiner
rechte, aber dann kam er sicher dazu, ja dann ward er durch geld-
strafen gezwungen, sie auszuüben; auch das hatte Drakon bereits verordnet.
so muſsten alle bürger genau die gleiche geschäftskenntnis erhalten.
Ein zweiter übelstand war die trennung der magistrate von dem
[119]Der verfassungsentwurf von 411.
rate, die in der tat die attische verwaltung sehr übel von der römischen
unterscheidet. dadurch, daſs diese selbst aus dem viertel der bürger-
schaft gewählt werden und mit im rate sitzen sollten, war nicht nur
dies, sondern zugleich die continuirung selbst der militärischen ämter,
also die gefahr einer perikleischen demagogie vermieden. es mag sein,
daſs in anderen staaten die ἀϱχαί oder συναϱχίαι an den sitzungen
des rates teilnahmen: jedenfalls verdient der verfasser hohes lob, daſs
er diesesmal eine sehr wenig attische neuerung ins auge gefaſst hat.
Die finanzen lagen ihm offenbar sehr am herzen, und er er-
strebte eine sehr nötige vereinfachung. die beiden schätze, die im
opisthodomos der Athena verwaltet wurden, waren schon so stark zu-
sammengeschmolzen, daſs selbst die 10 schatzmeister, die er, vorahnend
der späteren zeit, für sie schuf, nicht mehr viel zu tun gehabt haben
würden; es war gewiſs überhaupt praktisch, das dem staate unterstellte
kirchengut centralisirt zu verwalten: hat es doch auch die lykurgische
zeit wieder so gemacht. ganz ebenso sollten die reichscasse und die
staatscassen in eine verschmolzen werden, und auf deren verwalter die
gesammten cassengeschäfte übergehn. dazu bedurfte man vielleicht nicht
einmal sehr vieler beamten; aber hier erschien es praktisch, den rat
ohne zuziehung der rendanten verhandeln zu lassen, deren anwesenheit
zu leicht gerade ihre beaufsichtigung hindern konnte. so ward der
ausweg ersonnen, daſs die hellenotamien zwar ratsherrn sein sollten,
aber nicht alle das ganze jahr die geschäfte führen, so weit sie das aber
täten, den sitzungen des rates fern bleiben sollten. dem entsprechend
ward ihre gesammtzahl auf 20 angesetzt.
Die beamten werden in zwei classen gesondert, je nach dem sie
dem rate angehören sollen oder nicht. ist die sonderung selbst schon
interessant, so wird sie es dadurch doppelt, daſs eine aufzählung der
ersten classe gegeben wird, so daſs wir sehen können, welche beamte
in so hoher schätzung standen. das sind an erster stelle die strategen,
deren wiederwal zu beseitigen die hauptsache war, erst an zweiter die
archonten: das ist für das fünfte jahrhundert äuſserst charakteristisch.
ihnen folgt der hieromnemon, dessen bedeutung wir hiernach wesentlich
höher veranschlagen müssen, als die geschichte und Aristoteles erkennen
lassen, und die übrigen militärischen chargen, unter denen die comman-
danten der festen plätze erscheinen18), eine rücksicht auf die verhältnisse des
[120]II. 4. Πάτϱιος πολιτεία.
dekeleischen krieges. sodann die dreiſsig finanzbeamten, 10 ἱεϱοποιοί,
10 ἐπιμεληταί; beides müssen cultbeamte sein. da aber keine nähere be-
stimmung dabei steht, so kann man weder unter den ἱεϱοποιοί bloſs die
jährigen (oben I 228) noch unter den ἐπιμεληταί etwa nur die der Diony-
sien verstehn, sondern es sollte ein collegium alle ἱεϱά, ein anderes die
ἐπιμέλεια für alle feste, die der staat besorgte, übernehmen. es war auch
dies eine maſsregel, die die verwaltung vereinfachen und verbilligen sollte.
die gesammten polizeibeamten, agoranomen, astynomen, elf, hafenmeister
u. dgl. gehören zu den niederen. poleten sollte es vielleicht gar nicht
mehr geben, obwol sie solonisch waren. denn in diesen anordnungen
waltet nichts von reaction, sondern ein energischer praktischer sinn.
aber gänzlich fehlen die richterlichen behörden, εἰσαγωγῆς, ναυτοδίκαι,
τϱιάκοντα. die gerichte kommen überhaupt nicht vor. es war viel-
leicht nur klugheit, wenn der sicherlich der heliaea abgeneigte oligarch
über sie schwieg; für uns ist der mangel sehr bedauerlich, zumal wir
so nicht erraten können, wie er sich zu der ἔφεσις εἰς δικαστήϱιον
und dem τιμωϱεῖν τὸν βουλόμενον τῷ ἀδικουμένῳ stellte. bezeich-
nend für den geist der zeit ist es immerhin, daſs man eine verfassung
Athens entwerfen und annehmen konnte, die von dem ideale des Philo-
kleon gar nichts enthält. es hat sie ein ἀφηλιαστής gemacht, mit dem
Peithetairos und Euelpides sympathisiren konnten.
Die schluſs-
clausel 31, 3.Überhaupt trägt der entwurf den charakter einer skizze darin zur
schau, daſs manche punkte gar nicht behandelt sind (kommt doch auch die
flotte nicht vor), anderes wie die geschäftsordnung des rates ausführlich.
der rat muſste eben zunächst in kraft treten und war dann in der lage
alles übrige zu ordnen. aber damit er es könnte, muſsten die bürger
in Samos ihren widerstand aufgeben. die 5000, oder die sie vertretende
summe der ὅπλα παϱεχόμενοι zu hause, waren doch nur ein teil der
wirklich berechtigten, zu denen mindestens alle hopliten, schiffssoldaten,
officiere, trierarchen drauſsen gehörten. es kam den braven 5000 ge-
wiſs schwer an, die strategenwahl für das nächste jahr auf die in Athen
anwesenden zu beschränken, also Thrasyllos, Leon, Thrasybulos und
überhaupt die tüchtigsten officiere auszuschlieſsen. die maſsregel war
wirklich mehr als ein vorspiel des bürgerkrieges. so wird uns die oben
berührte beschränkung verständlich, obwol sie sehr wenig praktischen
wert besaſs. “für die zukunft soll der rat die wahl nach den aufgezeich-
neten vorschriften vornehmen (31, 3)”, d. h. nach der verfassung aus
allen bürgern des viertels. die 5000 fügten sich nur widerstrebend der
allerdings unabweisbaren notwendigkeit des momentes: daher der ab-
[121]Die schluſsclausel 31, 3. die kritik des verfassungsentwurfes.
sichtlich auf schrauben gestellte schluſspassus (31, 3) “für die zukunft;
damit die 400 (der provisorische rat) unter die vier viertel verteilt wer-
den, sobald die städter mit den anderen den rat bilden können, sollen
sie die hundert καταλογῆς verteilen”. der sehnliche wunsch der bürger-
schaft (der 5000) ist, daſs die verfassung in kraft trete, also ihr rat, ein
viertel der bürgerschaft, an die stelle des provisorischen rates der 400.
dazu ist die eigentliche vorbedingung der anschluſs der bürger im heere
drauſsen, der anschluſs der ‘andern’ an die ‘städter’ (οἱ ἐν ἄστει muſste
jeder diese partei nennen und nennt sie Thukydides), damit beide par-
teien im rate sitzen können.19) auf diese vorbedingung hat die hier be-
schlieſsende bürgerschaft keinen einfluſs; sie wagt auch nicht geradezu
zu verordnen ‘das provisorium hört auf, sobald die mitbürger in Samos
zugetreten sind’. darum bestimmt sie etwas äuſserliches, das eine di-
rective in jener richtung gibt. die 400 sollen immer schon auf die vier
viertel (die im prinzipe eingeführt, tatsächlich noch gar nicht existiren)
verteilt werden, damit sie später in dieselben eintreten können, wenn
die versöhnung das definitivum ermöglicht. darin liegt so schüchtern,
wie eine terrorisirte versammlung redet, ausgesprochen, daſs keine zeit
später verloren gehn soll, und zugleich wird einem viertel des jetzigen
rates die sicherheit gewährt, sofort weiter zu fungiren. darin mochte
mancher ein mittel sehen, den übergang den jetzigen ratsherren an-
nehmbar zu machen.
Dieser letzte paragraph der provisorischen verordnung konnte erstKritik des
verfas-
sungsent-
wurfes.
hier erläutert werden, weil er das verständnis der verfassung voraus-
setzt. er zeigt auch am deutlichsten, daſs sie ein totgeborenes kind
war. trotzdem ist ein werturteil über sie nur möglich, wenn wir sie
uns in tätigkeit vorstellen. ihr verfasser hatte mit klarer logik statt
des complicirten mechanismus der vielen behörden Athens ein einziges
organ für die regierung geschaffen, das rat und volk zugleich vorstellte,
und mit dem die beamten in einen festen zusammenhang gebracht waren.
alles hieng davon ab, wie dieses organ functionirte. dafür ist das wich-
tigste, wie stark dieser rat werden muſste, und das muſs der gesetzgeber
sich überlegt haben. die bürgerschaft im ganzen hat er auf mindestens
5000 geschätzt, sehr obenhin, denn wir hören nicht, daſs zwischen den
5000 in der stadt und der notwendig sehr viel höheren zahl, die durch
[122]II. 4. Πάτϱιος πολιτεία.
den anschluſs des heeres sich ergeben muſste, unterschieden wird, und
es kann sich Polystratos von Deirades, einer der καταλογῆς, darauf be-
rufen, daſs er eine liste von 9000 bürgern aufgestellt hätte. je zahl-
reicher die bürgerschaft wird, um so unbehilflicher wird der rat, der
ein viertel von ihr ist, nach abrechnung der jahrgänge 20—30. für
die intention des oligarchisch gesonnenen gesetzgebers muſs sein ansatz
zu grunde gelegt werden, also 5000, von denen ein fünftel für die zehn
jahrgänge der jugend in abrechnung kommt. der rat würde also 1000
köpfe stark gewesen sein; oberbeamte, die aus dem rate genommen sind,
gibt es etwa 100. das zahlenverhältnis wird dem abstrakt denkenden
theoretiker wol vorgeschwebt haben. es ist nicht ungerecht, wenn
trotz diesem niedrigsten ansatze die kritik einem so starken rate die
fähigkeit abspricht, sachlich und ruhig die geschäfte zu führen. das
collegialische regiment ist an sich gar nicht verwerflich, und eine so
wenig geschäftserfahrene beamtenschaft wie die attische würde durch die
beratung mit einem senate ganz wie die römische erst recht leistungs-
fähig geworden sein. aber dann muſs die beratung wirklich zu einem
ruhigen austausche und einer ausgleichung der meinungen führen können.
das ist unter 1000 leuten unmöglich. hier trat noch das erschwerende
hinzu, daſs der regelmäſsige besuch der sitzungen durch alle mitglieder
erzwungen werden sollte, wovon man für den römischen senat weise
genug abgesehen hatte. dem gesetzgeber, wie oligarchisch er auch ge-
sonnen war, lag doch das hellenische prinzip allzusehr im blute, daſs der
δῆμος, das plenum der politisch berechtigten, selbst regieren müſste.
das repraesentativsystem, wie es Kleisthenes doch eingeführt hatte, wie
es in den 6000 richtern und dem rate der demokratie ausgebildet war,
hätte sich sehr wol zur grundlage einer auf die wirklich für die poli-
tische arbeit fähigen bürger berechneten verfassung machen lassen: die
einzelgemeinde hätte ein wirklich schöpferischer staatsmann zur grund-
lage der selbstverwaltung nehmen müssen. aber da steht der gesetz-
geber wieder nicht nur im banne seiner demokratischen gegenwart,
sondern noch mehr in dem der politischen theorie: haben doch weder
Platon noch Aristoteles von der centralisirung des staatslebens abzusehen
vermocht. dieser oligarch vollends abstrahirt von den phylen und demen
ganz und gar, ohne sie doch zu beseitigen. er hat die vier alten phylen
im kopfe: aber der geschlechterstaat existirt doch gar nicht mehr für
ihn. ihn hat Drakon mit der einführung eines turnus in der ausübung
der souveränetätsrechte und mit dem prinzip, daſs jeder bürger ver-
pflichtet sein solle an dem regimente mitzutun und nötigenfalls dazu
[123]Die kritik des verfassungsentwurfes.
gezwungen werden müsse, völlig befangen; Aristoteles ist solchen schönen
aber nach zwei jahrtausenden noch eben so wenig realisirten ideen auch
sehr zugänglich. so schafft dieser theoretiker seine viertel und seinen
rat; aber den Areopag, die stabile und nicht zu zahlreiche und geschäfts-
erfahrene behörde, die bei Drakon wirklich regierte, hat er doch ganz
vergessen. er richtet einen staat ein, der in dem ländchen Attika viel-
leicht existiren konnte, aber mit dem Reiche schlechthin unvereinbar war.
da mag man sagen, er mochte das Reich für verloren ansehen und den
verlust für einen segen. so täuschte er sich doch über die gesellschaft,
die in Athen regieren sollte. grundbesitzer oder capitalisten, die um den
erwerb nicht zu sorgen brauchten, mochten jedes vierte jahr so ziemlich
ganz dem politischen leben opfern können: die Athener, die als kauf-
leute den sommer abwesend waren oder eine fabrik leiteten oder selbst
ihr landgut bewirtschafteten, hatten unmöglich dazu die zeit. zwanzig
bis dreiſsigmal im jahre konnte wol der bauer aus Kephale oder Tri-
korythos zur stadt gehn und hören, was im staate vorkam, und stimmen:
ein ratsherr der neuen verfassung hatte ziemlich so viel zu tun wie ein
ratsherr der alten; dazu waren diese μέσοι πολῖται, der kern des volkes,
auſser stande.
So müssen wir dem verfassungsentwurfe nachsagen, daſs er so wenig
zu leben verdiente, wie er ins leben zu treten vermocht hat. er ist
die arbeit eines theoretikers und trägt davon die spuren in der eigen-
tümlichen mischung von reaction und radicalismus, die ziemlich allen
verfassungen gemeinsam ist, die nur auf papier existirt haben, nicht zum
wenigsten, wenn sie von männern herrühren, die geschichtliche kenntnisse
und abstracte speculation mit einem scharfen kritischen blicke für die
schäden des politischen lebens verbinden, an dem sie selbst praktisch
nicht teil nehmen. als kritik der perikleischen demokratie ist das schrift-
stück sehr wertvoll. es könnte sich vielleicht auch noch heute mancher
für den gedanken erwärmen, die berufsparlamentarier auszurotten und
die beschluſsfähigkeit der versammlungen durch strafen für die ver-
säumnis statt durch diaeten herbeizuführen. wertvoller vielleicht noch
als in dem, was er an ihr tadelt, wird die übereinstimmung dieses oli-
garchen mit der demokratie, denn auch er hat den adel, die solonischen
classen und den Areopagitenrat zu den toten geworfen. für die zeit-
geschichte ist das document wesentlich deshalb von wert, weil wir im
gegensatze zu Aristoteles die unmöglichkeit daraus abnehmen, Athen
oligarchisch zu reformiren, im gegensatze zu der gemeinen tradition
des altertumes aber anerkennen müssen, daſs die oligarchen, die nur so
[124]II. 4. Πάτϱιος πολιτεία.
weit giengen, auf den namen guter patrioten anspruch haben ebenso
gut wie ihre demokratischen gegner. ein weiterer wert liegt darin,
daſs wir einerseits den anschluſs dieser leute an die solonische oder
vorsolonische verfassung deutlich wahrnehmen, also auch über jene
mancherlei erschlieſsen, was die demokratische tradition der chronik
nicht bewahrt hat. andererseits aber entfernt sich diese verfassung so
weit von der wirklich alten, daſs sie, so entrüstet ihre urheber auch
über diese kritik sein würden, der demokratie in wahrheit immer noch
näher steht. sie schlieſst sich an die verfassung Drakons an, aber nur
so weit, daſs sie für uns deren echtheit beweist, die wir bezweifeln
würden, wenn der anschluſs enger wäre. die verfassung der väter, das
war der schlachtruf der oligarchen viel mehr um das brave volk zu ge-
winnen, als weil sie reactionär waren. die verfassung der väter war
auch für die demokraten der schlachtruf und ist es geblieben. diese
fragten nach der wirklichen verfassung Solons noch viel weniger, aber
sie rechtfertigten doch auch ihre ansprüche durch diesen titel, über-
trumpften wol noch gar die gegner, weil ihre demokratie schon the-
seisch wäre. in wahrheit lag in dem rufe nach der πάτϱιος πολιτεία
412—403, den alle erhoben und bei dem sie sich so verschiedenes
dachten, das gemeinsame gefühl, daſs die gegenwart nur zu traurig ver-
schieden sei von der groſsen zeit der väter.
Ein richtig empfundener gegensatz zwischen der solonischen und
perikleischen verfassung liegt nur in dem was das volk als prinzip an-
genommen hatte, ehe die oligarchie eingeführt ward. das konnte niemand
bestreiten, daſs die besoldungen des rates und der richter eine neuerung
waren, von der die väter nichts gewuſst hatten, und daſs die politischen
rechte der besitzlosen bürgerschaft zur zeit der väter nicht bestanden
hatten. Solon hatte den theten zwar die volksversammlung geöffnet;
die hatte aber eine viel geringere bedeutung gehabt. er hatte sie auch
von den gerichten nicht ausgeschlossen; aber einmal hatten diese un-
gleich weniger bedeutet, und zum andern schloſs sich jeder von selbst
aus, der seine tage dazu bedurfte, brot für sich und die seinen zu schaffen.
wenn der sold fortfiel, fiel die herrschaft, die das städtische proletariat
zu üben begann. es erschien aber mit fug und recht, gerade wenn der
census sonst nichts mehr bedeutete, die beschränkung des bürgerrechtes,
die in den forderungen für den hoplitendienst lag, vollends zur zeit des
krieges durchaus billig. darum versuchte man 411 nach dem sturze
der 400 diese beschlüsse zu halten. diese beschränkungen sind es
um derentwillen Thukydides und im anschluſse an ihn Aristoteles die
[125]Die kritik des verfassungsentwurfes.
ephemere verfassung von 411/10 so hoch schätzen. mit fug und recht
konnte sie als verfassung der väter in einen gegensatz zu der demokratie
des Kleophon gestellt werden, die denn auch bis zur soldzahlung an das
ganze proletariat, die diobelie, fortzuschreiten consequent und radikal
genug war.20) als die stadt sich schlieſslich den Peloponnesiern ergeben
muſste, war es wieder die πάτϱιος πολιτεία, für deren erhaltung sich
die patrioten oligarchischer färbung wie Theramenes und Phormisios mit
demokraten wie Archinos und Agyrrhios zusammenfanden. diesmal waren
es die oligarchischen clubbisten, die mit Lysandros (wol schon damals
im gegensatze zu der spartanischen regierung) in einverständnis waren,
denen ein gewaltstreich gelang. so kam über Athen das elend eines
dictatorischen collegiums von 30 männern, die eigentlich eine verfassung
ausarbeiten sollten und einen nur zu willfährigen rat unter sich hatten.
als sie aber mit hilfe der spartanischen regierung von diesem joche be-
freit waren, wiederholte sich der kampf zwischen der πάτϱιος πολιτεία,
der demokratie der besitzenden, für die Phormisios eintrat, und der
radikalen demokratie, die natürlich auch anspruch machte, die verfassung
der väter zu sein.21) und wiederum war diese letztere siegreich, bewies
auch bald, wie sie die traditionen der väter als die traditionen Kleophons
verstand, indem sie durch diaeten das proletariat in die volksversamm-
lung lockte. aber trotz der kritik, die nicht nur der dichter in den
Ekklesiazusen lieferte, sondern die alle einsichtigen und vaterlandslieben-
den männer, wenn sie nicht durch den demos herrschen wollten, aus-
zusprechen nicht müde wurden, hat diese ἐσχάτη δημοκϱατία, die sich
den vater Solon nur anlog, fortbestanden und ist, wie nicht fehlen konnte,
der πάτϱιος πολιτεία immer unähnlicher geworden, bis Aristoteles ihre
kritik schrieb und Antipatros auf die pläne des Theramenes und Phor-
misios zurückgriff, auch er vergeblich. so hat schlieſslich Kleophon den
sieg davongetragen: wer von der athenischen verfassung redet, denkt
wirklich dabei zunächst nur an die ἐσχάτη δημοκϱατία.
Die mythi-
schen kö-
nige.Über die mythischen könige Athens bedarf es nur weniger worte.
auf ihre einordnung in eine liste kommt geschichtlich gar nichts an;
die füllfiguren der chronographen sind überhaupt nicht der rede wert.
Ogygos ist ein spätling aller orten, eponym der ogygischen, d. h. okea-
nischen flut, erwachsen aus dem adjectiv ὠγύγιος. Amphiktion ist auch
nicht von attischem ursprunge, setzt die zugehörigkeit Athens zu der
delphischen Amphiktionie voraus und entstammt der abstraction, wenn
auch nicht sehr junger.1) Kranaos ist aus dem adjectivum κϱαναός er-
wachsen, das in nachepischer zeit glossematisch war. Aristophanes nennt
Athen selbst nicht nur κϱαναὰ πόλις (Ach. 75), sondern geradezu Κϱα-
νααί (Vög. 123). aber schon Aischylos sagt für Ἀϑηναῖοι παῖδες Κϱα-
ναοῦ (Eum. 1011), Herodotos Κϱαναοί (8, 44). der so entstandene
Kranaos hatte ein grab in Lamptra (Paus. 1, 31, 3), und ein eponym,
der sonst keine gentilicische verbindung hatte, erhielt ihn zum vater,
Κϱαναοῦ παῖς ᾽Ρᾶϱος bei Hesych. Aktaios oder Aktaion ist seinerseits
erst von der ἀκτή abgeleitet, und da die Athener mit ἀκτή nicht
ihr ganzes land, sondern die jetzt sog. Peiraieushalbinsel benennen,
Attika überhaupt als das ‘vorgebirge’ (das ist ἀκτή) nur von dem
[127]Die mythischen könige.
standpunkte, sei es des seefahrers drauſsen, sei es des hinterliegen-
den continentes bezeichnet werden kann, so ist der ursprung dieses
namens auſserhalb Athens zu suchen, wie denn auch Aktaios-
Aktaion in Attika keine locale oder gentilicische verbindung hat.2)
dagegen ist Aktaion sohn des Aristaios in der kadmeischen genealogie,
Aristaios ist der vertreter von Keos, wo er seinen cult hat: daſs
sein sohn der ‘mann der Akte’ ist, ein vorwitziger mensch, der die
Artemis oder die Semele freien will und zu grunde geht, ist vom
standpunkte der nachbarn Athens ganz begreiflich.3)
Es bleiben also nur die vier den dichtern des fünften jahrhunderts
geläufigen könige Kekrops, Erechtheus, Pandion, Aigeus. aber auch von
ihnen geht Pandion ab, der nur als vater für die sage in betracht
kommt, von den Πάνδια abgeleitet ist und die sammlung aller Athener,
die einen Ζεὺς ἑϱκεῖος haben, zum gemeinfeste des Zeus bedeutet. wie
dieses ist sein repräsentant immerhin recht alt.4) die beurteilung des
Aigeus ist von uns modernen einseitig und falsch lediglich darauf ge-
baut worden, daſs er den Poseidon als vater des Theseus ersetzt, und
daſs in seinem namen wie in dem von Αἰγαί die wogen stecken können.
aber er hat den Poseidon als vater des Theseus nicht verdrängt, wie denn
überhaupt ein sterblicher vater neben dem göttlichen zu rechte besteht,
und Tyndareos oder Amphitryon sind wahrlich keine hypostasen des
Zeus. Αἰγεύς ist der ahnherr des geschlechtes der Αἰγεῖδαι, und dieses
existirt in Theben und Sparta sammt ihren pflanzstädten. als zugehöriger
zu diesem geschlechte ist Theseus Αἰγεΐδης, wie Herakles Ἀλκεΐδης ist,
und zwar schon in der Ilias, also ehe Theseus Athener ist.5) als dieser
[128]II. 5. Die könige von Athen.
nach Athen kam, zog er den ahn nach sich, den man als vater faſste.
von einem geschlechte von Aegiden ist gleichwol keine spur. Aigeus
als sohn Pandions ist erst die späteste anknüpfung; als man ihm sein
haus in der unterstadt anwies, kann er nicht der sohn des königs auf
der burg gewesen sein. in der tat kennen wir noch die genealogie,
die ihn zum sohne des Aigikores macht, also zum enkel des Ion, und
eine andere, 475 in der Theseuslegende anerkannte 6), die seinen vater
Skyrios nennt. wie bei jener deutlich ein namensanklang gewirkt hat,
so dürfte der erfinder von dieser an die berühmten αἶγες Σκύϱιαι ge-
dacht haben. wertlos ist das alles, und an Aigeus in Athen nur wichtig,
daſs er fremd ist und fremdes mitzubringen allein geeignet, wie den cult
der Urania.
Κέκϱοψ ist der name eines volksstammes; daher gibt nur Κεκϱο-
πία einen landesnamen, wie Πελοπία von Πέλοψ, der genau ebenso
zu beurteilen ist. die Κϱωπίδαι im nordwestwinkel der ebene gehören
offenbar zu den Κέκϱοπες. so ist uns der stammesnamen der ältesten
eingebornen bevölkerung erhalten. der attische urmensch ist als γηγενής
ganz oder halb schlange und hat keine irdische descendenz auſser den
Κεκϱοπίδαι im allgemeinen.
Ἐϱεχϑεύς Ἐϱιχϑόνιος sind wir längst gewohnt zu identificiren, die
form Ἐϱιχϑεύς auf der parischen chronik schlägt die brücke. man kann
den kürzeren namen als hypokoristikon des längeren fassen, und die
Ἐϱιχϑῴ der Würzburger Phineusschale ist schwerlich etwas anderes als
Ἐϱιχϑονίη, die Χϑονίη von Mykonos und Syros. dann wäre auch Ἐϱεχ-
ϑεύς nur der γηγενής; so ist Ἐϱιχϑόνιος überall gefaſst, in Athen Sikyon
Ilios. aber auf der burg verehrt das geschlecht der Butaden vielmehr
[129]Die mythischen könige. Kodros.
den Ποσειδὼν Ἐϱεχϑεύς, und für diesen paſst ἐϱιχϑόνιος kaum. hin-
zutritt ἐϱυσίχϑων, das man in späterem griechisch mit σωσίπολις wieder-
geben kann. in anderen und zwar triopischen sagen ist Erysichthon in
der tat dem Poseidon verwandt; aber in Attika ist er nur dürftig an Kekrops
angeschlossen, eigentlich in Prasiai zu hause und mit Delos verbunden.
auf der burg dagegen lebt Erechtheus als schlange bei Athena fort, ist
also der heros, der geist des alten königsgeschlechtes, das in jenem
hause mit Athena wohnte. so durchdringen sich die eigentlich nicht ver-
einbaren vorstellungen des Ποσειδὼν ἐϱυσίχϑων und des ἥϱως ̕ϱι-
χϑόνιος, und sie lassen sich ohne gewalt nicht mehr scheiden. eine
descendenz hat auch Erechtheus nicht; Ἐϱεχϑεῖδαι sind nur die Athener.
aber es gibt doch ein geschlecht, das seinen cult pflegt und auf Po-
seidon zurückgeht, die Butaden, und dieses geschlecht, das den cult
des Poseidon mit dem Athenas vereinigt, erscheint dadurch mit den
alten königen Athens am nächsten verbunden.
Die Athener kennen keine könige aus dem geschlechte der Butaden.
sie kennen nur die urmenschen, die zugleich den anfang der welt und
Athens bedeuten, und pflegen dann den fremden Theseus einzuschieben,
der noch ein par söhne erhält, die an sich, aber nicht als Theseussöhne
bedeutung haben, denn Demophon stammt aus Eleusis, Thymoites ist
der eponymos des dorfes der Thymaitaden, vom thymian, Apheidas (der
‘milde’, der nicht knausert) ist der ahn eines fortlebenden geschlechts;
Oxyntes ist bisher nicht nachgewiesen. über Akamas mag ich noch
nicht aussprechen was ich vermute; der name ist im epos nicht selten.
in allen diesen stecken keine alten fürsten Athens. dagegen Menestheus
sammt seinem vater, die den homerischen dichtern Athen vertraten und
möglicherweise menschen und könige gewesen sein könnten, waren zu
hause vergessen und wurden erst durch Homer wieder bekannt.
Nun tritt Kodros ein, der sohn des Melanthos des sohnes des Andro-Kodros.
pompos des Neliden, und er wird der ahnherr des königlichen geschlechtes.
Melanthos als eponymos von Melainai scheidet aus; er sammt seiner
hübschen sage setzt die erwerbung des Δϱυμός oberhalb der eleusini-
schen ebene voraus. 7) von den andern namen ist Ἀνδϱόπομπος ‘der
die männer auf die fahrt bringt’, am durchsichtigsten: diesen groſsvater
hat Kodros als der vater der ionischen auswanderer. 8) Κοδϱίδαι waren
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 9
[130]II. 5. Die könige von Athen.
die könige in den ionischen städten, und so nennt Aristoteles die atti-
schen auch. jene hieſsen daneben Βασιλίδαι, und in Athen hat Ko-
dros ein kleines stück geweihten landes, das ein annex eines groſsen
gartens ist, der dem Neileus und der Basile gehört (CIA IV p. 67).
Neleus aber ist der ahn sowol der ionischen wie der attischen Kodriden.
es bedeutet also Βασιλίδαι und Κοδϱίδαι dasselbe; Βασίλη ist der gött-
liche exponent für die βασίλεια, die ihre enkel auf erden üben, Νηλεύς
ist der heroische ahn, Nestors vater, eine wirkliche sagengestalt. das führt
darauf, in Κόδϱος 9) nicht mehr zu suchen als in Βασίλη 10): er ist nichts
als der personificirte adel der herrschergeschlechter. was in Athen
von Kodros erzählt wird, ist einmal, daſs er durch eine heldentat sich
die herrschaft erworben hat 11): das soll motiviren, wie der Nelide und
sein haus über Athen haben herrschen können; oder daſs er fürs vater-
land als könig stirbt: das hat ursprünglich nur seinen cult motivirt;
Euripides konnte jedoch den tod fürs vaterland noch von Erechtheus
erzählen. die wendung, daſs nach Kodros die königswürde abgeschafft
wird, ist eine verschlechterung und kann für die sage nicht in betracht
kommen, erfordert aber eine erklärung, die sie bisher nicht gefunden
hat. das grundstück des Kodros ist ein annex zu dem garten seiner
ahnen; die attische poesie nennt ihn nicht, die bildliche überlieferung
nicht vor der schönen schale, die wir nach ihm nennen. schon des-
[131]Kodros. die Medontiden.
halb muſs man geneigt sein, ihn für einen eindringling zu halten; aber
entscheidend ist erst, daſs sein sohn Medon neben ihm steht. Kodriden
und Medontiden ist dasselbe geschlecht, die Medontiden aber bestehen
wirklich fort und haben grundbesitz in oder unfern der stadt. 12) Μέ-
δων ist auch ein redender name, Μεδοντίδαι auch nichts weiter als
das ‘fürstengeschlecht.’ das ergibt die verschiedenen stadien der ent-
wickelung: erst wollen die athenischen könige Pylier und Neliden sein,
Βασιλίδαι Μεδοντίδαι. dann, als sie mit den Ioniern in so nahe be-
ziehung treten, daſs sie auf den Kodros beschlag legen wollen, schieben
sie Kodros vor Medon ein und heiſsen auch Kodriden.
Der nachfolger des Medon ist Akastos, in der aristotelischen wieDie Medon-
tiden.
in unsern listen. damit betreten wir den geschichtlichen boden, da der
archonteneid die constitution Athens wie sie besteht und das ritual der
vereidigung auf ihn zurückführt (3, 3 vergl. I s. 46). in dieser con-
stitution ist der archon der oberste beamte, daraus folgt, daſs er es unter
Akastos geworden ist. so schlieſst auch die Atthis des Aristoteles; die
differenz ist wirlich irrelevant, die den mythischen Medon an seine stelle
setzt. die macht haben die Medontiden-Kodriden also schon unter Aka-
stos eingebüſst. wer sich das klar machte, muſste ins gedränge kom-
men, da vor Akastos nur die namen Medon und Kodros standen. eine
lösung der schwierigkeit ist die angabe, daſs das königtum mit Kodros
erloschen sei. eine consequenz ist, daſs die namen der liste als namen
von archonten angesehen werden. wir würden demnach gar keine
wirklichen Medontidenkönige kennen. in widerspruch hiermit scheint
zu stehn, daſs Aristotetes selbst an einer früheren stelle (Herakleides 3)
den übergang des königtumes von den Medontiden-Kodriden auf an-
dere, also den ersatz des erblichen durch das wahlkönigtum berichtet hat.
der anlaſs dazu war, daſs die Kodridenkönige zu schlaff schienen. da
9*
[132]II. 5. Die könige von Athen.
zeigte Hippomenes, einer aus dem hause, aber ersichtlich kein könig
mehr, daſs auf ihn der vorwurf nicht zutraf, durch die maſslos strenge
bestrafung seiner tochter und ihres buhlen. so Aristoteles; und Aischines
(1, 182), dessen überlieferung auch hier der aristotelischen nahe steht,
nennt diesen Hippomenes einfach einen Athener. aber in anderen be-
richten wird er als der letzte Kodridenkönig bezeichnet 13), und einen
Medontiden nennt ihn ausdrücklich Pausanias (IV 13, 7), wo er nach
seinen jahren datirt; er steht auch in unseren chronographischen listen
als zehnjähriger archon. sehen wir zunächst von dieser differenz ab,
so bleibt für Aristoteles selbst ein widerspruch, wenn wir nicht
scharf unterscheiden und also sagen: unumschränkte Kodridenkönige
gibt es freilich nicht, denn schon unter Akastos ist der archon über sie
getreten, aber könige sind sie geblieben bis auf die zeit kurz vor Hip-
pomenes. sie haben also die gesammte rechtsprechung im heiligen
rechte gehabt, also auch im blutrechte, und sind erst abgesetzt, als
sie schlaff wurden. gerade in einer sache, wo es sich um φόνος δίκαιος
handelte, übt Hippomenes in demonstrativer weise die äuſserte strenge.
diese construction hat in der tat hand und fuſs; königtum seit Kekrops,
dazu tritt die polemarchie seit Ion, das archontenamt seit Akastos, aber
die könige bleiben erbkönige aus diesem alten geschlechte, während
ihnen wahlkönige in den archonten zur seite stehen, auch sie auf lebens-
zeit gewählt. endlich wird dem geschlechte das vorrecht des königtumes
genommen, und bald wird die zehnjährige wahl der drei oberbeamten
durch die einjährige ersetzt. die namenliste kann bei dieser annahme
bis auf die zeit des Hippomenes noch ganz gut Kodriden und könige
enthalten, denn warum ist es notwendig, daſs die eponymie bereits unter
Akastos auf die archonten übergegangen wäre? dicht neben Athen, in
Megara, ist trotz allen revolutionen der könig bis an das ende des vierten
jahrhunderts eponym geblieben. aber ein in einem geschlechte vererbtes
königtum schlieſst allerdings die zehnjährige befristung aus. bei einer
vererbung in der descendenz von vater auf sohn schon wegen der zeit,
bei einer solchen vom ältesten geschlechtsgenossen auf den nächstältesten,
weil der vorsitzende des Areopagitenrates vor einem jüngeren weichen
müſste, übrigens auch, weil so dieses geschlecht in dem rate unverhält-
nismäſsig bevorzugt würde. aber denkbar ist sehr gut, daſs neben
[133]Die Medontiden.
befristeten amtsperioden der beamten ein lebenslänglicher könig stünde.
die parische chronik bezeichnet in der tat die sämmtlichen namen
der liste, die sie bis auf die zeit der neun einjährigen archonten an-
führt, als könige; von den zehnjährigen kommt leider keiner vor. die
liste des Pausanias (I 3, 3) enthielt sogar das stemma dieser Medontiden-
könige bis auf den vorgänger des Hippomenes, und er gibt gelegent-
lich eine probe davon. 14) die auszüge des Kastor bei Eusebius stimmen
mit ihm in allem wesentlichen, und daſs sie trotz der gentilicischen
verwandtschaft ihrer träger die namen auf ἄϱχοντας διὰ βίου und
εἰς δεκαέτειαν beziehen, ist so verkehrt in sich, daſs es nicht be-
irren kann.
Dürfen wir die namenliste als authentisch anerkennen? abgesehen
von Hippomenes 15) sind in ihr keine schwankungen nachweisbar, im
gegenteil, die übereinstimmung der parischen chronik sichert gerade die
älteren namen und selbst die zahlen für die letzten zwei lebensläng-
lichen archonten oder vielmehr könige. daſs die archontenliste von
unten bis Kreon 683/2 = ol. 24, 3 mit einer relativ groſsen zuverlässig-
keit lief, kann niemand ernsthaft leugnen. damals wurden die thesmo-
theten eingesetzt und schriftliche verordnungen gab es bereits: so Ari-
stoteles, und es ist lächerlich, daran zu zweifeln, da unsere inschriften
wol selbst so hoch hinauf reichen, die Eleer und Spartaner schon viele
jahrzehnte früher mit der führung von officiellen listen begonnen hatten.
[134]II. 5. Die könige von Athen.
minder sicher sind die sieben zehnjährigen archonten, sowol wegen des
Hippomenes, wie auch weil die zahl 70 ganz rund ist. das datum 753/2
ist also nur mit einer etwas gröſseren reserve als fest zu betrachten. das
beeinfluſst auch die jahreszahlen der beiden letzten könige Aischylos und
Alkmeon, die sonst zuverlässiger scheinen, insbesondere die zweijährige
herrschaft des Alkmeon, die den anlaſs zu der verfassungsänderung offen-
bar gegeben hat, sei es daſs er ohne erben so früh starb, sei es daſs
man ihn, worauf die genealogie seiner nachfolger (anm. 14) deutet, als
usurpator stürzte. damit kommen wir bis an das jahr 800, und mir fehlt
der mut zu bestreiten, daſs noch eine ganze reihe namen aus älterer zeit
überliefert sein könnten. die zahlen ihrer regierungen sind selbstverständ-
lich nicht nur an sich wertlos, sondern nicht einmal durch eine beson-
dere athenische rechnung gefunden. sie sind dazu bestimmt, die brücke
zu der zeit der ionischen wanderung, oder, da diese nur ein relatives
datum ist, zu dem falle von Ilios zu schlagen; diese punkte aber waren
den Athenern durch andere chronologische systeme gegeben. immerhin
gelangen wir, wenn wir auch nur die geschlechterfolge rechnen, mit
Akastos, der als geschichtlicher könig durch den eid seiner nachfolger
gesichert ist, über das jahr 1000 hinauf.
Ich habe diesen weg bis zu ende verfolgt, um zu zeigen, daſs er
gangbar ist. aber ich halte ihn doch für irreführend. denn die namen-
liste ist nicht die eines griechischen geschlechtes. die Miltiades Alkmeon
Damasias Dropides, die wir in der beglaubigten archontenliste bis hoch
in das siebente jahrhundert finden, zeigen, daſs damals dieselbe sitte
herrschte wie später, und die geschlechter ihre bestimmten eigennamen
mit vorliebe vererbten. aber in dieser angeblichen liste von Medontiden
kehrt kein einziger name wieder, und nur zwei (Archippos und Ther-
sippos) könnten allenfalls auf gentilicische verbindung führen, wenn das
ritterpferd nicht allzuvulgär in den namen wäre. dagegen Megakles
Alkmeon Ariphron weisen auf andere später bedeutende geschlechter.
Phorbas hatte in der stadt ein heiligtum und kommt als begleiter des The-
seus und sonst in genealogien und sagen vor. ich bezweifele gar nicht,
daſs es in alten zeiten einen leibhaften träger dieses namens in Athen
gegeben hat, der sich durch seine taten ein heroisches gedächtnis erhalten
hat: aber ein könig und ein Medontide ist der heros nicht gewesen.
die liste selbst sagt also, daſs sie höchstens die namen von archonten
enthalten kann. wenn die eponymie schon unter Akastos den königen
genommen ist, das königtum aber im hause der Medontiden bis auf den
archon Kleidikos verblieben, so ergibt das an sich keinen widerspruch;
[135]Die Medontiden.
es ist dann nur der irrtum der chronographen anzuerkennen, die in ihr
könige und Medontiden suchen.
Aber auch dieser gangbare weg führt in die irre. es ist nicht wol
zu verlangen, daſs man den Akastos, auf den sich ein alter eid um 600
bezieht, für einen könig aus dem zweiten jahrtausend halte. der Akastos
des eides war sei es könig, sei es archon, als die herrschaft der archonten
eingesetzt ward. eine solche verfassung in vorhomerischer zeit ist nicht
glaublich, und die dauer einer verfassung durch vier jahrhunderte noch
weniger. dagegen stellten die herren, welche im archon den höchsten be-
amten hatten, ihre verfassung naturgemäſs als eine uralte hin, rückten also
den könig, unter dem sie eingeführt war, an den anfang der reihe. das ist
dieselbe manipulation, wie wenn die demokratie den Theseus als stifter
verehrt und zuerst den ostrakismos leiden läſst. dann ist die liste zwar
nicht authentisch, aber sie ist älter als die demokratie des Kleisthenes,
ein erzeugnis des sechsten jahrhunderts. dieses hatte das gute recht, die
vorzeit in seinem sinne umzuformen, und ganz von selbst suchte es in
ihr archonten, denn die waren jetzt in Athen die entscheidenden be-
amten; auf die könige kam wenig mehr an. damals verfügte man ohne
zweifel noch über viele überlieferung, die später mit dem sturze der
geschlechterherrschaft verschollen ist, und von der die liste in ihren
namen einen niederschlag enthält. 16) sie ist nicht gedankenlos zusam-
mengestoppelt oder frischweg erlogen; aber sie ist zurecht gemacht, ist
keine königsliste und ist authentisch erst etwa seit 800. wir aber sind
nur ganz ausnahmsweise im stande, eine einzelheit in ihr mit sicherheit
zu glauben oder zu verwerfen. die liste ist eben ein stück Atthis des
sechsten jahrhunderts. die kritik des fünften und vierten, die nament-
lich mit recht das königliche geschlecht suchte, hat sie umgedeutet und
hie und da zurechtgestutzt; die namen selber aber, das hauptgerüst, hat
sie stehn lassen müssen. 17) wenn man sie so beurteilt, so kennen wir
gar keine Medontidenkönige; das stemma bei Pausanias ist ein auto-
schediasma, aber Hippomenes kann ganz wol zehnjähriger archon ge-
wesen sein. übrigens verhehle ich mir nicht, daſs das urteil schwanken
kann, und daſs jedes glied, je nach dem es beurteilt wird, die ganze
[136]II. 5. Die könige von Athen.
rechnung verschiebt. ich fürchte nur, daſs dialektik hier nicht weiter
hilft: aber die fixirung irgend einer person der reihe kann das ganze
feststellen; das ist mir leider nicht gelungen.
Ion und
seine söhne.Einen ganz anderen charakter als die einzelfiguren der alten my-
thischen könige und die königsliste der chronik hat die genealogie
Apollon-Ion-Geleon 18) Hoples 19) Argadeus Aigikores, die ersten vier
phylenkönige. 20) die vier namen sind als singulare und personen so
erbärmlich erfunden wie etwa aus den Εἰκαδῆς, die an der εἰκάς ein
festmal halten, der heros Εἰκαδεύς. und wenn einmal Aigeus sohn des
Aigikores heiſst, um des anklanges der namen willen, und eine tochter
[137]Ion und seine söhne.
des Hoples heiratet, ohne nachkommenschaft, so ist das so kümmerlich,
daſs man ruhig behaupten kann: die vier personen sind weder etwas ge-
wesen noch geworden als die singulare der 4 phylennamen, nicht einmal
deren rechte eponyme. Ion ist ihr vater, weil die phylen die der Ionier
sind; aber er hat mit Athen nichts zu tun. Euripides hat ihm zwar
die tochter des Erechtheus zur mutter gegeben, aber das erst im Ion:
im Erechtheus hat sicherlich keine tochter desselben den vater über-
lebt, und im Ion selbst war dem publicum der name Kreusa so wenig
vertraut, daſs er ihn besonders einschärfen muſs. 21) Kleidemos aber kennt
zwar eine Kreusa als frau des Xuthos, also vermutlich auch mutter des
Ion, aber sie ist die tochter des Kreon von Korinth (schol. Eur. Med. 19). 22)
Xuthos ist dem Herodotos der vater Ions (8, 44), wie er es jedem sein
muſste, der der maſsgebenden hesiodischen genealogie folgte. auch nach
dem beschlusse des Apollon bei Euripides soll er es vor der welt bleiben.
mit andern worten: Euripides hat die hesiodische genealogie mit der
attischen verbunden und den Ion durch Kreusa gewaltsam zu einem
Erechthiden gemacht. Ion der sohn Apollons und vater der vier heroen
muſs ja wol eine mutter gehabt haben, und es wird eine Athenerin
gewesen sein, aber einen namen scheint sie nicht besessen zu haben;
die mutter der vier ist überhaupt unbekannt. ein weiterer schluſs ist,
daſs Xuthos erst durch die hesiodische genealogie importirt ist, so daſs
sich die schwierigkeit der beiden väter ergab, die Euripides lösen
will. 23) in der tat hat Xuthos in Athen keine stätte 24), und in der he-
[138]II. 5. Die könige von Athen.
siodischen genealogie wieder hat Ion, der eponym der Ionier, keinen gött-
lichen vater.
Zur zeit des adelsstaates ist Athen in die vier ionischen phylen
geteilt, betrachtet es sich als die πϱεσβυτάτη γαῖα Ἰαονίης, müssen
die beamten den besitz des Ἀπόλλων πατϱῷος nachweisen. eigentlich
sollten die eponyme der zwölf phratrien und weiter die der geschlechter
von den vier söhnen Ions stammen. aber diese consequenz ist nicht
gezogen. weder stammen die eponyme der geschlechter von denen der
phratrien, noch diese von denen der phylen. in einer anzahl ionischer
städte haben dieselben phylen bestanden; erst hier ist der Ioniername,
also auch der eponymos Ion, und zwar zunächst für die zwölf städte,
die an dem Panionion des Poseidon teil nahmen, aufgekommen. hier
heiſsen die könige Kodriden Basiliden Neleiden. wie sollen wir das
verstehen? die alte antwort ist: die vier phylen bestanden in Athen,
als dieses seine colonisten aussandte, und seine könige waren Nelei-
den und Kodriden. so sagen Herodotos und Euripides, so würde Solon
ohne zweifel auch sagen. wenn wir das annehmen, so haben sich
die phylen in Athen gebildet, und zwar vor der ionischen wanderung,
diese aber ist ein von Athen geplanter zug, nicht anders als die gründung
von Amphipolis oder Brea. das ist alles undenkbar. die Ionier leiten
sich aus Pylos oder Achaia oder von Abanten Kadmeern u. s. w. her,
vor Herodotos führt sich keiner von ihnen auf Athen zurück, und auch
dieser weiſs sie über Athen in ihre wirkliche heimat zu bringen. auch
nach Herodotos stammen die Ionier nicht aus Attika. Kodros ist in
Athen ein eindringling, und das königliche geschlecht heiſst Medon-
tiden. ein teil des attischen adels will freilich pylisch und neleisch
sein wie die Ionier, aber darin liegt nichts für die abhängigkeit der
letzteren von Athen. die phylenheroen sind in Athen eine so künst-
liche pflanze, daſs sie wahrlich nicht vor Homer schon eine so wich-
tige rolle in der gliederung des volkes gespielt haben können. wie
soll man sich ihre genesis überhaupt vorstellen? es saſsen in der Ke-
kropia familien, sagen wir einmal 300, die sich in vier phylen teilten.
24)
[139]Ion und seine söhne.
nun schlossen sich die Diakrier an, etwa 200 familien, aber nicht auf
einmal, sondern stadt für stadt. die wurden in die vier phylen aufgeteilt,
und als Attika geeinigt war und den zug nach Ionien unternahm, giengen
die heerhaufen der colonisten nach diesen vier phylen geteilt ab. soll
das jemand glauben? wozu überhaupt in dem kleinen kekropischen Athen
die phyle über geschlechtern und brüderschaften? und wenn es deren
vier gab, fehlten sie denn in Aphidna und Pallene? oder wurden die dor-
tigen mit gewalt bei der annexion zerschlagen? sobald man s[i]ch die mühe
gibt, die dinge sich werdend vorzustellen, kommt man auf absurditäten.
man ist gewohnt die dorischen phylen zu vergleichen. aber vergleiche
man nur, auf daſs die unterschiede hervortreten. die Dorer sind ein
staatloses wandervolk, wie die Germanen in der völkerwanderung. sie
gliedern sich in stämme, das sind ihre einzigen körperschaften. Hylleer
sind ein volk; als illyrischer stamm sind sie in Epirus sitzen geblieben.
Dymanes zeigen durch ihren namen, daſs sie ein stamm sind, und Pam-
phyloi sind alle, die keins der beiden andern sind. diese drei siedeln
sich mancher orten an; aber sie finden sich gar nicht überall alle, und
vieler orten auch andere neben ihnen. 25) als sie dann seſshaft werden,
bilden sich die alten volksstämme freilich zu gliedern der neuen staaten
um, und wenn sie dann colonien aussenden, können diese die alten
stämme als natürliche oder künstliche glieder mitnehmen oder übertragen.
in Ionien wird durch die wanderung, deren resultat die Ionier sind,
eine gliederung in phylen ganz analog erfolgt sein, indem sich die ein-
zelnen bestandteile der einwanderer zunächst gesondert hielten, und neue
gruppen hinzutraten. 26) aber wie in aller welt ist das auf dem boden
von Athen denkbar, oder vielmehr von Attika, denn die vier phylen vor
der einigung dieses landes sind monströs. eine andere entstehung wieder
[140]II. 5. Die könige von Athen.
zeigen die tegeatischen phylen, die lediglich vier gesonderte siedelungen
sind; das hätten die athenischen sein können, aber sie sind es nun einmal
nicht gewesen. man sieht es am besten an den windigen constructionen
der Atthidographen. 27) und die kastenteilung, an die auch schon das
altertum gedacht hat, ist vollends erträumt. für Ionien passen die phylen,
für Athen passen sie nicht. für Ionien paſst Ion, für Athen paſst
er nicht. die inseln und Euboia sind doch auch ionisch in demselben
sinne wie Athen: weshalb fehlen dort beide? da muſs man sich ein
herz fassen und die geschichte umkehren.
507 hat Kleisthenes in Athen 10 phylen mit hilfe des delphischen
gottes gemacht. es war ein act der willkür, aber es gieng sehr bequem.
die alten vier mochten als cultverbände weiter existiren, das kümmerte
ihn nicht 28); den Ion behielt er aber natürlich bei, denn Ionier wollten die
Athener bleiben. 29) die vier phylen sind nicht mehr wert als die zehn.
also schlieſse ich, daſs sie ebenso künstlich gemacht sind. wenn jeder
Athener einen Ἀπόλλων πατϱῷος haben muſs, trotz seinem geschlechte
und dessen ahnherrn, so ist der ihnen allen einmal verliehen, künstlich,
durch einen act. als Attika eine einheit geworden war, bedurfte es
allerdings einer gliederung; der regionalismus war damals ungleich ge-
fährlicher als 507, die bestehenden geschlechterverbände ungleich macht-
voller. die ideelle einheit lag im dienste Athenas, aber die jungfrau bot
keine bequeme gentilicische anknüpfung. da hat man die vier phylen
erfunden und die phratrien dazu, oder besser die trittyen; denn phra-
trien, d. h. gruppen engverbundener geschlechter, haben gewiſs vorher
nicht gefehlt. die geschlechter aber wurden in diese fächer eingereiht;
es ist ganz gut möglich, daſs man für sie eine schematische zahl we-
nigstens prinzipiell aufgestellt hat, wie die Atthis 360 zählt. bewerk-
stelligt konnte eine solche maſsregel noch 507 nur durch die sanction
eines gottes werden. daſs die vier phylen von demselben pythischen
Apollon gemacht sind wie die zehn, folgt aus der reception seines cultes
als πατϱῷος, den die Ionier doch auch haben müssten, wenn sie die
phylen aus Athen mitgenommen hätten. 30) es wird am klarsten sein,
[141]Ion und seine söhne.
wenn ich erzählend darlege, wie ich mir die tatsachen geworden denke.
das geeinigte Attika braucht eine organisation, die den formen des ge-
schlechterstaates gemäſs in φυλὰς φυλάξαι und ὠβὰς ὠβάξαι be-
stehen muſs. über das prinzip hat man sich geeinigt, ganz wie durch
die rhetra in Sparta. die ausführung wird gemacht wie 507; man
fragt den gott, und ein staatsmann, der ihm soufflirt, wird auch diesmal
nicht gefehlt haben. der gott sagt “ihr habt vergessen meines lieben
sohnes Ion und seiner vier söhne, die doch zuerst euer volk zusammen
wohnen gelehrt haben (συνῴκισαν sagt auch Aristoteles), durch sie seid
ihr meine kinder, und wenn ihr nach ihnen euch gliedert, wird es euch
wol ergehen.” und so führen die Athener die vierteilung durch und
darunter die zwölfteilung; es ist ein ganz äuſserlicher auf die verwaltung
berechneter schematismus, das leben war und ist nur in den einzelnen
gliedern, den geschlechtern und allenfalls den phratrien.
Wenn der gott auf Ion geriet, so war darin ausgesprochen, daſs
die Athener den Ioniern verwandt waren, die also ein deutlich erkenn-
barer volksbegriff sein muſsten. wenn anders der gott a und e unter-
scheiden konnte, muſste er das wissen; wer weiſs, ob es so sehr viel früher
war als die entstehung der hesiodischen Kataloge. auf die vier phylen
als etwas allgemein ionisches konnte freilich der gott nicht verfallen, da sie
das nicht sind 31), sondern er muſste sie aus einer einzelnen stadt nehmen,
und nahm sie aus Milet; wenn er Ephesos oder Chios gewählt hätte, würde
ganz etwas anderes heraus gekommen sein. Milet aber war nicht nur
die erste stadt Ioniens und dem Apollon besonders wert, sondern auch
wirklich mit Athen in einigen beziehungen. sobald Ionier und Athener
sich ihrer verwandtschaft bewuſst wurden, muſste das sich ihnen so dar-
stellen, daſs die stadt der autochthonen den vorrang des alters vor den
colonien erhielt und mehr oder minder ihre mutterstadt ward. wenn es
trotzdem nur zu der erzählung gekommen ist, daſs die Ionier über
Athen gezogen wären, aber eigentlich aus dem Peloponnese stammten,
so kann in wahrheit an der attischen colonisation nur herzlich wenig
sein. es ist unvermeidlich, daſs auch ein par Athener unter den colo-
nisten gewesen sind, Rhamnusier und Thorikier auch, (den staat
Attika gab es noch nicht), aber die gentilicischen verbindungen fehlen
30)
[142]II. 5. Die könige von Athen.
gänzlich. das einzige auſser den phylen sind die Kodriden, und diese
sind in Athen eben so secundär wie Ion und seine söhne. dafür, daſs
fürstengeschlechter und ganze städte in Ionien sich aus Pylos und von
den Neliden herleiten, und in Athen manche geschlechter, darunter
das der Medontiden, dasselbe tun, muſs allerdings ein geschichtlicher
anlaſs gesucht werden. wenn es gelingt ihn zu finden (und ich meine
ihn in der vertreibung der älteren bevölkerung aus dem südwesten des
Peloponneses durch Spartiaten und Eleer zu sehen), so wird dadurch viel-
leicht sogar ein relatives datum für die einführung der älteren phylen-
ordnung in Athen ermittelt werden. hier beschränke ich mich darauf,
die hypothese vorzulegen, die die phylenordnung und die ionische ab-
stammung der Athener zugleich mit der athenischen abstammung der
Ionier erklärt.
Ein corollar ist die antwort auf das verhältnis des geschlechtes der
Ἰωνίδαι, das aus der existenz des so benannten demos am Brilettos
folgt. denn dessen lage wird durch die erkenntnis der kleisthenischen
kreisteilung fixirt. der ahnherr des geschlechtes war sohn des Gargettos
(Paus. VI 22, 7), und wenn ein local in Elis mit diesem verbunden
wird, so hat der urheber dieser verbindung mit überlegung von Ion dem
ahnherrn aller Athener abgesehen. auf die anklänge von namen und
traditionen in Elis und Attika hat man mit recht in letzter zeit mehr
geachtet 32); es ist sehr wol möglich, daſs wirklich Ioniden aus dem Pe-
loponnes nach Athen ausgewandert sind, als die Eleer ihnen zu mächtig
wurden. ich glaube selbst, daſs die Ionier ihren namen am letzten ende
einem verschollenen stamme verdanken, der eben in jener gegend des
Peloponneses und in dem namen des geschlechtes der Ioniden seine spuren
hinterlassen hat; aber das liegt jenseits der geschichte, die für Athen in
betracht kommt. für sie sind der sohn des Xuthos oder des Apollon
und der sohn des Gargettos zwei personen, die einander nichts angehen.
im demos Potamos sollte Ion, natürlich der staatsgründer, begraben
liegen (Paus. I 31, 3, von ihm wiederholt VII 1): die bloſse existenz eines
Ἴωνος τύμβος scheint mir aber für keinen weiteren schluſs eine zu-
reichende basis. eine letzte frage gilt dem Ion, der als polemarch im
kriege wider Eleusis hilft, den schon Herodotos kennt und wol auch
Euripides. 33) er kann nur unter der bedingung der staatsgründer sein,
[143]Ion und seine söhne.
daſs die sage ersonnen ist, um den sohn des Xuthos herbeizuholen, mit
anderen worten, wenn die sage nicht mehr rein attisch ist: der sohn
des Apollon muſste ja Athener sein. befremdlich ist für diesen die
charge des polemarchen, durch die selbst Aristoteles zu der ungeheuer-
lichkeit gezwungen wird, die polemarchie neben dem königtume in die
urzeit zu rücken. die eroberung von Eleusis fällt so spät, daſs die er-
innerung an einen polemarchen sich sehr wol erhalten konnte, und ein
Ionide oder gar ein Ion aus diesem geschlechte könnte also als con-
current des heros auftreten. ich wüſste zwischen den vielen möglich-
keiten nicht zu entscheiden.
Wie aber kommt es, daſs die Atthis, die doch die reform der ver-
fassung 683 geschichtlich festgehalten hat, von der einführung der vier
phylen gar nichts weiſs? sie konnte es nicht; für ihre anschauung
waren sie, wie der gott gesagt hatte, höchstens wieder eingeführt. die
söhne Ions hatten ja doch in der urzeit gelebt. ganz so, wie sie nur
einen abfall von Eleusis oder den einfall eines Thrakerheeres erzählen
kann, wie Kekrops bereits könig von ganz Attika ist, trotz den synoi-
kismen des Ion und des Theseus, muſste auch hier das resultat der ent-
wicklung in die urzeit projicirt werden. die Atthis hat aber überhaupt
so ganz auf dem boden des demokratischen kleisthenischen Athens gestan-
den, daſs sie für die alten phylen, ja selbst die phratrien und geschlechter,
die doch fortbestanden, fast gar kein interesse hat. in ihrer urgeschichte
weht derselbe geist wie in der hohen poesie des fünften jahrhunderts.
man schiert sich wenig um den eben überwundenen adel, freut sich
um so mehr an dem stolzen bau der jungen demokratie. so schlägt man
kühn von ihr die brücke unmittelbar zu der urzeit. könig Theseus
schafft ordnung in der anarchie und legt den grund zu der freiheit und
gleichheit. für die schilderung der anarchie braucht man selbständige
πόλεις, und sie boten sich in den lebendigen traditionen der Aphi-
dnaeer Epakrier Palleneer. bequem bot sich die zwölfzahl der alten
trittyen, die man durch solche namen örtlich fixirte. damit ist noch
gar nicht gesagt, daſs man wirklich 12 aufzählte oder mit überlegung
wählte: die aufzählung ist erst ein act der forschung.34) eben so bequem
33)
[144]II. 5. Die könige von Athen.
bot sich die vierzahl, und so entstand die auch von Aristoteles ruhig
neben den vier phylen gegebene tradition von den vier söhnen des
Pandion. denn wenn auch Nisos schon zu der zeit annectirt ist,
wo Nisaia von Peisistratos occupirt war, so konnte doch jene zeit, in
der factisch die Diakrier über Athen geboten, unmöglich Lykos und
Pallas als abtrünnige und aufständige schildern, die der städter Theseus
zu paaren triebe. auch diese sophokleische erzählung ist noch poesie
der groſsen zeit, aus ihr verständlich. erst die forschung, verführt durch
das bestreben, die vier phylen und die zwölf trittyen örtlich zu fixiren,
baut darauf vergeblich geschichtliche combinationen. die combinationen
helfen uns nicht: nur die elemente, die sie combiniren, nehmen wir
dankbar an, um unsererseits zu versuchen, ob es uns besser glücke als
unsern vorgängern, Philochoros und Apollodoros.
Ohne die phylen und demen des Kleisthenes kann man sich Athen,Die reform
des Klei-
sthenes.
oder doch ein demokratisches Athen, gar nicht vorstellen. demgemäſs
sollte der gründer der gemeindeordnung der populärste name in seinem
volke sein.1) dem stand seine hochadliche abkunft hindernd entgegen,
und der name des volksmannes Solon hat den seinen fast verdrängt.
als man bald nach den Perserkriegen den staatsfriedhof anlegte, erhielt
Kleisthenes noch ein ehrengrab2): damals lebten noch die zeugen seiner
reform. 411 wird eine berücksichtigung seiner gesetze wenigstens in
einem amendement vorgesehn (29, 3); aber schon 403 redet man nur
von Drakons und Solons gesetzen, und im vierten jahrhundert pflegt
Kleisthenes höchstens als annex Solons aufzutreten.3) die chronik hatte
wenigstens die änderung der phylen und demen sehr eingehend be-
handelt, auf grund von reichem urkundenmateriale; aber ihr grundstock
gehörte doch einer zeit an, die so vollkommen durchdrungen war
von den gewaltsamen neuerungen des reformators, daſs sie das ältere,
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 10
[146]II. 6. Trittyen und demen.
den geschlechterstaat, gar nicht mehr verstand. wir können die beiden
berichte, über die wir verfügen, bei Herodotos und Aristoteles, leider
durch sonstige reste der chronik nicht sehr stark ergänzen. Herodot
hat auſser den mündlichen traditionen des Alkmeonidenhauses, die das
persönliche angehn, das ihn vorwiegend interessirt, einen der chronik
analogen mündlichen oder schriftlichen bericht benutzt; aber er hatte
für die verfassung, abgesehen von dem demokratischen prinzipe, kein
interesse. so ist das kurze capitel des Aristoteles (21) eine wahre offen-
barung für uns und erfordert eine eingehende erläuterung. wir erfahren
lange nicht alles was wir wünschten, über den rat z. b. nichts als die
gleichgiltige vermehrung der zahl, über die beamten nichts, wo doch
die Atthis des Androtion wenigstens die schöpfung der apodekten angab,
über die demarchen nur, daſs sie die naukraren ersetzten, wo die Atthis
des Kleidemos sehr viel genaueres gab. daſs die archonten im gegen-
satze zu Solon gewählt wurden, kommt später gelegentlich zur sprache
(22, 5); daſs die strategen erst einige jahre nach 507 auf 10 erhöht
wurden, ebenfalls (22, 5), woraus wir schlieſsen dürfen, daſs wir unter
dem namen der kleisthenischen verfassung etwas zusammenfassen was
nicht ein act, sondern das ergebnis einer reform war, die aus einer
wurzel allmählich mit notwendigkeit erwuchs. diese wurzel ist die er-
setzung des geschlechterstaates durch die gemeindeordnung. und über
sie wenigstens teilt uns Aristoteles einige grundsätze mit, deren trag-
weite sehr viel gröſser ist, wahrscheinlich selbst als das was ich daraus
hier entwickele. schmerzlich bedauert man wieder, daſs Aristoteles selbst
so gar kein interesse für das leben der einzelgemeinden gehabt hat, denn
hier müſste stehen, was aus anderer überlieferung einigermaſsen zu er-
setzen eine hauptaufgabe künftiger forschung ist, welche grenze der
einzelgemeinde für ihre selbstverwaltung gezogen war. aber seien wir
dankbar auch für das wenige was wir erfahren: es ist alles eitel gold.
Das erste ist die vermehrung der bürgerschaft durch die aufnahme
von neuen elementen, wozu als ergänzung die ungestörte fortexistenz
der nun für den staat bedeutungslosen verbände des geschlechterstaates
gehört. das hat namentlich bedeutung, weil es die richtige auffassung
der beiden stellen der Politik (Γ 1275b Ζ 1319b) sicher stellt; es ist
von mir an anderen stellen behandelt. wir hören dann die verände-
rung des attischen namenswesens durch die einführung des demotikons;
das ist nichts neues, hat aber bisher seine volle würdigung nicht er-
halten, und ich habe ihm das nächste capitel gewidmet. endlich aber
wird uns nun erst die bildung der phylen und der gemeinden klar: das
[147]Die reform des Kleisthenes.
soll hier erörtert werden.4) wenn wir Aristoteles sagen, so gilt das natür-
lich nur, weil wir sein buch lesen: daſs er auch hier lediglich die Atthis
wiedergibt ist sowol durch directe berührungen wie durch den inhalt
klar. nur einige gelegentlich angeschlossene bemerkungen dürften allen-
falls sein eigen sein, über ein specifisch attisches wort (φυλοκϱινεῖν), die
dem ausländer auffällige verbreitung der demotika in der attischen nomen-
clatur, endlich der versuch, ein motiv dafür zu finden, weshalb Klei-
sthenes nicht zwölf phylen eingerichtet habe. daſs Aristoteles danach
fragt, kommt aus dem sehr richtigen gefühle, daſs die zwölfzahl der pry-
tanien für die verwaltung wirklich viel praktischer gewesen wäre. das
haben die Athener durch die praxis gelernt und deshalb 307 und wieder
200 die zahl eingeführt, durch die das geschäftsjahr in eben so viele
perioden zerfiel wie das kalenderjahr in monate (nur daſs man sich vor
dem verständigen schritte gescheut hat, auch das sonnenjahr einzuführen).
Aristoteles hat aber diese beobachtung doch nicht selbst gemacht, son-
dern in der platonischen schule gehört: denn Platon selbst hat für den
staat seiner Gesetze zwölf phylen vorgesehn (828). übrigens hatte schon die
zahlenspeculation, die Aristoteles im eingange seines buches reproducirte
(frgm. 3), den alten geschlechterstaat mit der gliederung des jahres ver-
glichen. eben in der absicht, sich von dem geschlechterstaate zu ent-
fernen, glaubt Aristoteles das motiv zu finden, das den Kleisthenes dazu
vermocht habe, die zehnzahl der phylen vorzuziehen. er meint, sie
wären sonst mit den alten trittyen zusammengefallen. das ist nicht
richtig; die alten trittyen waren ja drittelungen der adelsphylen, hatten
also so wenig wie diese einen localen charakter, der vielmehr erst in
den naukrarien hervortrat; wir wissen nur nicht, wie diese mit dem gen-
tilicischen prinzipe ausgeglichen waren.5) es zeigt sich wieder, daſs Ari-
10*
[148]II. 6. Trittyen und demen.
stoteles so wenig wie die Atthis sich den geschlechterstaat wirklich klar
gemacht hat.
Die teilung
des landes.Kleisthenes machte also zehn phylen und benannte sie nach den
zehn eponymen, die die Pythia aus der liste von hundert alten fürsten
(ἀϱχηγέται) auswählte. unter sie verteilte er das land so, daſs jede von
ihnen einen strich landes in der nähe der stadt, einen im binnenlande,
einen an der küste erhielt.
Das ist das neue. Attika zerfiel fortan in drei geschlossene massen,
stadt-, land-, küstenprovinz, um bequeme namen zu stiften; jede pro-
vinz zerfiel in zehn kreise; für die verwaltung gehört aber nicht die
provinz zusammen, sondern je ein kreis jeder provinz. diese einheit
führt den dem geschlechterstaat entlehnten namen phyle, stamm; und
die kreise heiſsen von ihrem verhältnisse zu dem stamme drittel, trittyen.
die absicht des gesetzgebers muſste sein, für die phylen eine möglichst
gleiche leistungsfähigkeit, sowol militärisch wie finanziell, zu erzielen;
minder nötig war das schon für die kreise. auf die räumliche aus-
gleichung kam nichts an, und in Attikas bergen und ödländereien war
sie gar nicht einmal anzustreben. wie viele gemeinden endlich in einem
kreise oder einer phyle waren, machte für die organisation sehr wenig
aus. es konnten dafür die praktischen rücksichten auf die ansiedelung
und bevölkerungsdichtigkeit innerhalb des kreises ganz ausschlieſslich
maſsgebend sein; darum sind auch auf diesem gebiete veränderungen
vorgekommen, ohne daſs sie die verfassung berührten, so daſs wir über
so etwas wie die teilung einer gemeinde oder auch die verleihung des
gemeinderechtes an eine neue siedelung niemals etwas hören, es sei denn
in verbindung mit der phylenverfassung. wichtig ist nach dieser seite
nur die rechtliche zerstörung der hauptstadt, an deren stelle eine pro-
vinz tritt. darüber brauche ich meine früheren ausführungen weder zu
ändern noch zu wiederholen.
Die zahl der
demen.Aber sonst ist es gut zunächst irrtümer einzugestehn und zu be-
richtigen. es hat also niemals hundert demen gegeben, überhaupt keine
5)
[149]Die zahl der demen.
runde zahl, da auf die zahl nichts ankam. es war schon peinlich em-
pfunden worden, daſs wir die vermehrung der demen über hundert hinaus
nicht nur nirgends überliefert hatten, sondern auch so sehr bald nach Klei-
sthenes, noch in themistokleischer zeit, ansetzen muſsten. aber wir ver-
harrten doch auf dem wege, weil wir die trittyen verkannten. und wir
verlieſsen uns auf die angabe über die hundert eponyme, die wir um
des Kephalos und Araphen willen für die der demen hielten. wenn wir
jetzt die überlieferung ansehen, müssen wir wol zugestehn, daſs wir den
fehlschluſs durch schärfere interpretation hätten vermeiden können7),
und daſs ein zeugnis wie Πάνοψ· ἥϱως Ἀττικός, καὶ ἐν τοῖς ἐπω-
νύμοις8) eigentlich ausreichen sollte, jene combination zu verbieten, da
Panops ja der eponymos eines brunnens, nicht eines demos ist. wenn
die Pythia anders gewählt hätte, würden wir etwa statt einer Antiochis
und Oineis eine Panopis und Araphenis haben. daſs einzelne von der
Pythia verworfene namen für gemeindeheroen verwandt sind, kann nicht
befremden; stehen doch neben einem Oineus als phylenheros noch zwei
demenheroen gleichen namens, und ob das schon vor 507 drei ver-
schiedene personen waren, ist sehr fraglich. beherzige man aber, daſs die
chronik in der lage war, die vorschlagliste mitzuteilen, die Kleisthenes
nach Delphi geschickt hatte. das ist sowol für die güte ihres materiales
ein wichtiges document wie für die bedeutung, die man diesen personen
beilegte, die uns doch zumeist leere namen sind. auſser der falschen
auffassung der hundert heroen hat die corruptel der Herodotstelle irre
geführt, und es trifft sich glücklich, daſs sie gerade jetzt mit hilfe einer
attischen urkunde verbessert ist, ein ziel, nach dem viele gute schützen
vergeblich geschossen hatten. Herodotos hat von Kleisthenes erzählt
(5, 69) τὰς φυλὰς μετουνόμασε καὶ ἐποίησε πλεῦνας ἐξ ἐλασσόνων,
δέκα τε δὴ φυλάϱχους ἀντὶ τεσσέϱων ἐποίησε, δέκα〈χα〉 δὲ καὶ τοὺς
δήμους κατένεμεν ἐς τὰς φυλάς.9) darin liegt nur, daſs er die demen
[150]II. 6. Trittyen und demen.
in zehn teilen den phylen zuwies; die demen dachte Herodot als vor
Kleisthenes bereits vorhanden. das wuſste die Atthis, wie natürlich,
besser; aber die einfache wahrheit zu sagen konnte sie sich nicht mehr
entschlieſsen. wir sehen, daſs Kleisthenes teils wirkliche dörfer mit orts-
namen zu demen machte, Aixone, Rhamnus, Acharnai, teils alte geschlechter-
namen für gemeinden wählte, gewiſs weil dort angehörige der geschlechter
wohnten oder gewohnt hatten, Kothokidai Aithalidai Ionidai, dies sogar
in einzelnen fällen trotzdem, daſs die geschlechter einen ortsnamen neben
sich hatten, wie Paionia neben Paionidai, Kropeia neben Kropidai.10) in
diesen letzteren fällen war eine feste siedelung vielleicht sehr oft nicht
vorhanden; die gemeinde, δῆμος, verlangt sie so wenig wie die κώμη.
dafür war ein eponymer ahnherr des geschlechtes im namen gegeben,
wenn auch sehr oft ein fictiver. die alten dörfer hatten vielfach einen
längst zu einer wirklichen person ausgebildeten eponymos, wie Kephale
Melite Gargettos, andere wie Rhamnus oder Halimus schwerlich, ‘Dorn’
und ‘Stranddistel’ passen dazu recht schlecht. als sie zu gemeinden
wurden, bedurften sie eines gemeinsamen cultes. der träger des re-
ligiös gefaſsten gefühles der zusammengehörigkeit war der ἥϱως κτίστης,
und da diese gemeinschaft so sehr bedeutend ward, ist auch der heros
an bedeutung gewachsen; doch war es zu spät, als daſs die sage noch
kräftig wucherte, und in Rhamnus z. b. hat er es nicht einmal zu einem
wirklichen namen gebracht.11) so sehen wir die dinge an. aber weder
der glaube noch der rationalismus konnte das tun. für sie alle beide war
der heros uralt, hatte längst vor Kleisthenes gelebt und die gemeinde
gegründet; wenn Kleisthenes notorisch sie nicht mehr als existirend vor-
gefunden hatte, so hatte er sie doch nur restituirt. es traf sich dafür
gut, daſs die neugründungen meistens gentilicische namen trugen, so
9)
[151]Die zahl der demen. Pandionis.
daſs für sie der heros vorhanden war; daſs er eigentlich der ahnherr
eines geschlechtes war, das möglicherweise noch bestand, davon mochte
man nichts wissen. Aristoteles, der ja an der historischen existenz selbst
von Theseus und Herakles nicht gezweifelt hat, giebt diese erklärung
getreulich wieder “er benannte die demen zum teil nach den örtlich-
keiten (Rhamnus Peiraieus Eleusis), zum teil nach den gründern (den
eponymen, Titakos, Paion, Butes), denn local bestanden sie nicht
mehr alle”.
Der zweite hauptirrtum, der berichtigt wird, geht mich ganz per-Die
städtischen
demen.
sönlich an. auch in der modification, die ich ihr gegeben habe, ist
Sauppes lehre von den zehn städtischen demen nicht richtig. aber es
steckte in ihr doch etwas richtiges. es sind nur nicht zehn städtische
demen gewesen, sondern zehn städtische trittyen; ich hatte eine davon
auch schon ganz richtig bestimmt (Herm. 22, 124), und hätte wol das
wahre gefunden, wenn ich den bericht des Psellos (d. h. den auszug aus
der aristotelischen stelle) nicht übersehen hätte. natürlich ist nun aber
nicht mehr nötig, daſs jeder stadtkreis ein stück des landes umfasse, das
Themistokles in seinen mauerring gezogen hat.
Hinfort stellt sich die topographische aufgabe so, daſs eine karteTopogra-
phische auf-
gabe.
von Attika hergestellt werde, auf der die drei provinzen und die je zehn
kreise deutlich hervortreten, und innerhalb dieser die gemeinden. die
aussichten auf deren fixirung sind stark gewachsen. so will ich denn
den versuch wagen, den ersten anhieb zu diesem werke zu tun, sicher
überzeugt, manchen fehlhieb zu tun, wie ich es bisher getan. es kommt
mir aber mehr aüf das gröſsere, die kreise an, als auf die gemeinden.
wenn Aristoteles ganz genau geredet hätte, so müſste jede gemeinde, die
wir fixiren, zugleich auch einen kreis an einem punkte fest legen; es
wird sich aber sogleich zeigen, daſs er nur die regel angegeben hat,
von der es sehr bedeutende abweichungen gab.
Von der Pandionis sind die trittyen alle drei überliefert durch diePandionis.
prytanenliste II 871 und den grenzstein des hafens IV p. 120, 517a.
Paiania Myrrhinus K(ydathenaion): daſs der letzte name so richtig er-
gänzt ist, folgt aus der forderung eines städtischen demos. Paiania und
Myrrhinus liegen beide im binnenlande; aber es braucht ja nicht der
vorort eines kreises am meere zu liegen, wenn es nur der kreis tut,
und neben Myrrhinus liegen Steiria und Prasiai. zwei prytanenlisten
der phyle, II 865 und Δελτ. 89, 18 sind nach trittyen geordnet, denn
865 wird am kopfe der ersten columne Μυϱϱινούσιοι, im Δελτ. Κυ-
δαϑηναιῆς am kopfe der letzten sicher ergänzt. danach können wir
[152]II. 6. Trittyen und demen.
Oa und Konthyle neben Paiania, Angele neben Myrrhinus mit sicherheit
ansetzen.12) aber aus der umgegend der stadt gibt es keinen zweiten
demos der Pandionis, und zu ihrer trittys gehört Probalinthos aus der
tetrapolis.13) damit ist sofort eine ausnahme der regel festgestellt.14)
eine andere bilden die Graes in dem stücke der Γϱαική, das Athen
nicht mit Oropos verloren und dann zu den gemeinden Γϱαῆς und Ψαφίς
gemacht zu haben scheint, von denen dieses zu dem benachbarten küsten-
kreise der Aiantis kam, jenes zur Pandionis. diese kleinen demen scheinen
nämlich nicht kleisthenisch zu sein. endlich wird Kytherros, nach Apollo-
doros bei Strabon eine der zwölf städte, also sicher eine alte burg, so
unbedeutend die gemeinde auch war, in dem landkreise zu suchen sein;
da muſs die ortsforschung ansetzen.
Oineis.Sicher sind auch die kreise der Oineis, denn Lakiadai gibt der
grenzstein I 500, Thria IV 517b, und daſs Acharnai der vorort des land-
kreises ist, oder vielmehr ihn so gut wie ganz darstellt, folgt aus der
ganz einzigen gröſse dieser gemeinde, die im jahre 360/59 mit 22 mann
im rate saſs, also viel mehr als einem drittel der phyle zukommt (II 868,
nicht nach trittyen geordnet).15) Thria repraesentirt den küstenkreis, zu
dem sicher Oie und Phyle gehören, so daſs er sehr wenig küste und
auch nicht einmal einen schlechten hafen hat, aber bis in das hoch-
gebirge reicht. zu den Lakiaden gehören noch als gemeinden des stadt-
kreises die Butaden Kothokiden16) Epikephisia17) und Lusia18); in die
thriasische ebene wol noch die Perithoiden.19)
Von der Hippothontis gibt der grenzstein des hafens I 517 die trit-Hippo-
thontis.
tyen Eleusis und Peiraieus. an diesen grenzen Koile Keiriadai Thymai-
tadai Korydallos: das ist der stadtkreis; von der künftigen bedeutung des
hafens konnte Kleisthenes nichts ahnen. immerhin war Thymaitadai ein
alter hafenplatz, und Munichia, dessen namen er durch Peiraieus ersetzte,
eine alte inselburg, die so viel maritime bedeutung gehabt haben muſs,
wie der hauptort des küstenkreises Eleusis, der sich wie der thriasische
neben ihm, bis auf den kamm des gebirges erstreckte, denn Oinoe ge-
hört dazu; dazwischen wird noch ein oder der andere geringe demos
liegen20): das alteleusinische reich war ungleich stärker centralisirt als
das kekropische Athen. den charakter des küstenkreises hat Kleisthenes
in dieser phyle durch eine sehr starke abweichung von der localen zu-
sammengehörigkeit bewirkt, indem er Azenia, nahe bei Sunion, zu Eleusis
in dieselbe trittys versetzte. die landtrittys wird durch Dekeleia, nach
dem wir sie benennen können, sammt seinem Oion und Sphendale sicher
bestimmt; auch hier müssen noch ein par kleine gemeinden gelegen
haben, zu denen die der wilden birnbäume, Acherdus, wol sicher gezählt
werden darf.21)
Von der Akamantis ist die städtische trittys der Kerameer bezeugt
(I 500); das andere ist aber so schwer, daſs die antwort erst nach be-
sprechung aller anderen phylen versucht werden kann.
Aigeis.Überliefert ist noch ein trittyenname, Ἐπακϱῆς22), nicht identisch
mit einem demos, sondern mit einem alten cultverbande, an dem drei
spätere gemeinden teil nahmen, von denen wir Plotheia aus der Aigeis
und Semachidai aus der Antiochis kennen. Plotheias lage ist bei Palaeosta-
mata gesichert, für beide demen als hauptcult der des Dionysos, und
so wird man als dritten demos der Epakria das unweit Plotheia gelegene
Ikaria anerkennen, das noch heute nach Dionysos heiſst.23) Ikaria gehört
auch zur Aigeis, und so werden die Epakres den landkreis dieser phyle
bezeichnen. von dem cultverbande hat Kleisthenes eine gemeinde ab-
gerissen, ganz wie er es mit der tetrapolis von Marathon und der des
Peiraieus gethan hat. der küstenkreis der Aigeis ist sehr deutlich; er
setzt südlich an die tetrapolis (Probalinthos) an und reicht bis zu der
alten Peisistratidenburg Brauron, die als gemeinde zerschlagen ward wie
die hauptstadt. Philaidai, Araphen mit seinen lagunen (Ἁλαί) Phegaia,
Myrrhinutte stehn hier fest; hinzutritt Otryne, von dem nur die lage am
meere bekannt war.24) es wird aber schwer diesen küstenkreis von dem
landkreise zu scheiden, weil sie aneinanderstoſsen. denn fest localisirte
demen der Aigeis sind noch Herchia (Spata) und Gargettos mit Ionidai.25)
da Gargettos am südabhange des Brilettos liegt, Plotheia nordöstlich von
ihm, Herchia weit südöstlich, an Araphen etwa stoſsend, so ist hier ein
[155]Aigeis. Kekropis.
bedeutender bezirk für die phyle festgelegt, zum teil im gebirgslande, wo
das dorf des haidekrautes Ἐϱίκεια sehr gut paſst, zum teil in frucht-
barem lande gelegen: da mag man sich die heimat der Teithrasier und
der Kydantiden, also des Nikias, denken. die städtischen demen sind
bekannt; Kolonos hippios Bate Diomeia Ankyle26), das sich bis an den
Hymettos zog, sehr passend das wellige unfruchtbare land bezeichnend,
durch das man jetzt vom Engelskloster nach Kaesariani geht. das ist ein
strich, von der Akademie an die nordseite und nordostseite der themisto-
kleischen stadt umfassend. hinzutritt aber der innerhalb der mauern,
wenigstens zumeist, gelegene Kollytos.27)
Nun ist nur noch ein zweifelhafter trittyenname überliefert, Ῥωπῖτις,
der nichts lehrt.28) aber die sonderung der kreise geht gerade in einigen
phylen, von denen nichts direct überliefert ist, sehr leicht. so hat die
Aiantis nur das eine Phaleron als städtische gemeinde und städtischenAiantis.
kreis, alle andern gemeinden liegen im nordosten, Aphidna mit Titakidai
Thyrgonidai Perrhidai mag den landkreis, Rhamnus mit Psaphis, Marathon
mit Oinoe und Trikorythos den küstenkreis bilden; doch ist die sonderung
dieser beiden, die aneinander stoſsen, nicht sicher.
Die Kekropis hat als stadtkreis Melite und Xypete, als landkreisKekropis.
den fruchtbaren strich nördlich und östlich von Turkovuni nach dem
südwestabhange des Brilettos zu, doch so hoch hinauf, daſs die quelle des
Kephisos noch dazugehört, denn sie war in Trinemeia29); die demen
sind Athmonon Phlya Pithos Sypalettos (CIA IV p. 134), vielleicht auch
Daidalidai.30) den küstenkreis bildet Aixone mit seinen Halai.31)
Erechtheis.Die Erechtheis hat als stadtkreis Agryle und südlich davon Pergase32),
die wie das nördlich daranstoſsende Ankyle in eine obere und untere
gemeinde sich sondern; als landkreis Kephisia mit Euonymon33); als
küstenkreis Lamptra und Anagyrus. an eine dieser gruppen müssen sich
die wenig bedeutenden unbestimmten gemeinden angliedern.34)
Leontis.Von der Leontis war der landkreis als ein zusammenhängendes stück,
der nordwesten der attischen ebene an den abhängen des Aigaleos, be-
kannt, da Kropia durch Thukydides (II, 19) als die einsattelung bestimmt
war, durch die jetzt die eisenbahn geht, woran dann östlich Paionidai
(mit Leipsydrion am Parnes), südlich Aithalidai Eupyridai Pelekes ansetzen;
ob hieher noch das Oion (ὄϝιον die schafhürde, die καλύβια) der Kerameer
gehört oder schon zur stadt, muſs unsicher bleiben. den städtischen
kreis kennen wir durch Skambonidai und Halimus. der küstenkreis setzt
den der Pandionis südlich fort, Potamos mit Deirades bis Sunion; doch
sitzt Thorikos von der Akamantis eingesprengt. notwendig haben hier
noch wichtige demen gelegen, da es der hauptdistrict der bergwerke ist.
es stehen auch noch namen zur verfügung, Phrear, Cholleidai, Leukonoe;
aber ich finde keine sicherheit; die listen (II 864 prytanen; 943 diaeteten.
Mitt. Ath. X, 105; II 1001, 1040, 1049) sind nicht nach trittyen geordnet.35)
[157]Leontis. Antiochis.
eine abweichung von dem prinzipe der localen kreise ist zudem sicher:
Hekale gehört zur Leontis und lag, wir wissen nicht wo, aber so, daſs
Theseus auf dem wege von der stadt nach Marathon dort nachtquartier
machen konnte, also sicherlich auſser contact mit den übrigen demen.
den Kleisthenes hat hier wieder die tendenz geleitet die alte cultgenossen-
schaft des Zeus, deren centrum Hekale war, zu sprengen.36) wir wissen
nur noch nicht, welche gemeinden sonst an ihr teil hatten.
Schwieriger stellt sich die Antiochis.37) zwar für den stadtkreisAntiochis.
haben wir Alopeke und den Kolonos des marktes, und der küstenkreis
ist durch Thorai38) Aigilia Anaphlystos gegeben, mit denen man bequem
die landeinwärts anstoſsenden Besa Atene und Amphitrope verbindet.
aber wo bleibt der landkreis? Melainai am Kithairon, vereinzelt an dem
küstenkreis der Hippothontis klebend, betrachte ich als eine schöpfung
der zeit nach Kleisthenes, wie Graes und Psaphis. Semachidai in der
Epakria ist mit absicht von dieser losgetrennt, und muſs so angesetzt
werden, daſs es Pentele, die steinbrüche des Brilettos, also seine kuppe,
angliedern kann. beides sind kleine gemeinden.39) die hauptfrage ist
hier die ansetzung von Pallene, um die durch Brückners gedankenreichen
aufsatz (Mitteil. Ath. XVI) ein streit entbrannt ist, den leider die kreistei-
lung nicht sicher entscheidet. immerhin ist der platz in der nähe von
Gargettos durch die Aigeis occupirt, eine lage im anschluſs an Pentele
und Semachidai nicht wol angängig. dagegen gelingt es Brückners ansatz
von Pallene in Koropi mit der südlichen demengruppe der Antiochis zu
vereinen, da ein vorkleisthenischer Eroiade ein denkmal erhalten hat,
das in den Kalyvia von Kuvaraes gefunden ist.40) und nach dem ge-
35)
[158]II. 6. Trittyen und demen.
schlechte der Eroiaden ist ein demos der Antiochis benannt, wodurch
für die ansetzung des gleichnamigen der Hippothontis nichts gesagt ist;
das geschlecht mochte in jeder beliebigen andern ecke des landes ein
anderes landgut haben. so unerfreulich es ist, daſs die wichtige frage
mit zuversicht nicht erledigt werden kann, bleibt es doch wahrscheinlich,
daſs die zahlreichen gemeinden, die in dieser gegend der laureotischen
halbinsel zur Antiochis gehören, teilweise ihrem landkreise zufallen.
Akamantis.Nun endlich zu dem schwersten probleme, der Akamantis. auſser
dem Kerameikos müssen wir zu dem stadtkreise noch Hermos rechnen,
bestimmt an der heiligen straſse westlich von Lakiadai um den jetzigen
bach von Chaidari, der nach Hermos hieſs, gelegen. auſserdem sind
Eiresidai und Iphistiadai für den landkreis durch Platons testament ge-
sichert, noch auf das linke Kephisosufer mindestens übergreifend, am
wege nach Kephisia, also etwa wo jetzt die eisenbahn (station Arakli
und vorher) läuft. der landkreis der Kekropis engt dieses stück durch
Sypalettos und Athmonon von norden und osten ein, im nordwesten
drängt sich Acharnai heran, von süden die städtische provinz; nach westen
allerdings kann noch ein kurzer streifen als frei gelten. ein anderes
zusammenliegendes stück landes gehört im osten der Akamantis, Agnus41)
Prospalta Kephale Sphettos42), und stöſst mit Thorikos an das meer. so
scheint es, und man weiſs dann wieder nicht, soll man diese landschaft,
die zum teil ganz binnenländischen charakter trägt, um Thorikos’ willen
zum küstenkreise machen, oder so entlegene stücke wie Agnus und
Eiresidai zum landkreise vereinen. es kommt hinzu, daſs der küsten-
kreis der Leontis sowol Potamos wie Sunion umfaſst, also entweder
Thorikos von seinen nachbarn gleicher phyle, Prospalta Kephale, ab-
drängt, doch nur durch einen schmalen streifen, wo es dann eine enclave
wird, wie Azenia im küstenkreise der Antiochis, oder aber dem demos
Thorikos die küstenqualität nimmt, indem etwa die dem burgberge von
[159]Akamantis. ergebnis.
Theriko vorgelagerte halbinsel diesem nicht gehörte. und um das übel
voll zu machen, ist die wichtige heimatgemeinde des Perikles Cholargos
ganz unbestimmt. so muſs ich hier die aporie leider offen lassen. 43)
So viele einzelheiten auch noch fraglich bleiben, in der hauptsacheErgebnis.
ist die organisation klar. die drei landesteile entsprechen ihrem namen
nur so ungefähr. die stadtprovinz ist westlich durch den Korydallos bis
ziemlich an den paſs des Pythion hinan, östlich durch den Hymettos
begränzt; doch ist Aixone an dessen südfuſse schon nicht mehr hinein-
gezogen. nach norden ist die grenze, weil sie keine natürliche mehr
ist, unsicherer, doch läuft sie noch nördlich vom Kolonos und Lykabettos.
da diese provinz an das meer reicht, unterbricht sie die küstenprovinz.
dieser gehört das ganze eleusinische gebiet bis an den Kithairon, auf-
geteilt an zwei phylen, VIII und VI, dann läuft sie als ein ziemlich
schmaler streifen rings um Attika bis an die oropische grenze; die phylen
folgen sich von Aixone an in der folge VII, I, X, IV, V, III, II, IX.
es ist ganz klar, daſs diese Παϱαλία weder mit dem cultverbande gleichen
namens, zu dem gerade Munichia gehörte, noch mit der paralischen partei
der tyrannenzeit identificirt werden kann. die Diakria gehört ihr ja selbst
zum teile an. das binnenland hat ebenso wenig mit dem cultverbande
der Mesogeer zu tun, in dem leute aus der städtischen gemeinde Bate
sind; sie umfaſst die kekropische ebene, gehörig den phylen (von west
nach ost) IV, VI, I, südlich von diesen ein stück von V und dann VII;
das bergland des Parnes bis an die küste VIII und IX, und das berg-
land des östlichen Brilettos und die jetzt so genannte μεσόγεια bis zum
innern der laureotischen spitze II, III, das andere stück von V, und X.
Auch hier ist, schon um des gegensatzes der öden berge und des
ackerlandes willen, dann aber auch durch den willkürlichen schnitt, der
die stadt absondert und in der jetzigen mesogia die häfen von dem hinter-
[160]II. 6. Trittyen und demen.
lande trennt, ein provinzielles sondergefühl gar nicht denkbar. wo ein
alter cultverband bedenklich schien, sind einzelne seiner glieder ge-
waltsam selbst auf kosten der örtlichen continuität der kreise losgetrennt;
so sind die befremdlichen enclaven Xypete in der stadtprovinz, Proba-
linthos und Azenia (hier ohne nachweisbares religiöses centrum) in der
küstenprovinz, Hekale und Semachidai mit Pentele in der landprovinz
entstanden: die neuen phylen könnten aber dem beschauer der karte
einige furcht vor localen aspirationen erwecken. denn die ganze Oineis
liegt zwischen dem eleusinischen und attischen Kephisos, die ganze
Kekropis (auſser Xypete) zwischen der innern stadt und der linie Bri-
lettos Hymettos. fast der ganze nordosten gehört der Aiantis, die süd-
spitze der Antiochis, von denen beiden je zwei kreise sich berühren;
dasselbe geschieht, wenn auch auf schmalerem striche, von der Aigeis
und vielleicht auch der Akamantis. beabsichtigt kann Kleisthenes dies
schwerlich haben; es wird die tücke des zufalls, des loses sein. 44)
Gleichheit
der phylen
und kreise.In der stadt Athen hilft die neue erkenntnis nur wenig dazu, die
schwebenden fragen zu entscheiden. einzelne phylen, wie die Pandionis
mit Kydathenaion, die Kekropis mit Melite, die Aiantis mit Phaleron
sind nur mit einem demos beteiligt, machen also keine schwierigkeit.
die Hippothontis hat in der südwestecke eine compacte masse, die Oineis
nördlich von ihr (Xypete wieder nicht gerechnet), die Erechtheis im
osten. die Aigeis zieht sich am nordrande der provinz in einem streifen
vom Kolonos bis zum Hymettos, und ich kann nicht bestreiten, daſs
dies dafür spricht, Kollytos nördlich und nordöstlich vom Eridanos an-
zusetzen. aber sieht man dann, daſs Skambonidai und Halimus, Kera-
meikos und Hermos, Alopeke und der Marktkolonos zusammengehören,
die wirklich nicht aneinanderstoſsen, so verliert man das zutrauen, und
trotz allem guten willen umzulernen, kann ich hier die fragen nur
stehen lassen wie sie standen. 45)
Die natürlichste annahme ist, daſs Kleisthenes beabsichtigt hat, die
[161]Gleichheit der phylen und kreise.
drei provinzen an steuercapital und bevölkerung gleich zu machen;
selbst dann würde die einteilung für die wirtschaftliche übermacht be-
weisen, die trotz den landfreundlichen maſsnahmen der tyrannis die
hauptstadt gewonnen hatte. die demokratie hat diesen prozeſs mit oder
ohne absicht ungemein beschleunigt, denn in den meisten phylen und
so überhaupt in der bürgerschaft überwiegen die angehörigen der stadt-
provinz relativ ganz bedeutend. man sollte zwar meinen, das verhältnis
der demoten könnte sich gar nicht verschieben, weil trotz dem wechsel
des wohnsitzes die gemeindezugehörigkeit immer weiter vererbt wird.
aber das gilt nur in abstracto. wenn ein bauerndorf im gebirge ver-
ödet, so mögen sich seine bewohner zunächst in die stadt ziehen und
sich ein brot suchen; eine menge von ihnen wird schon sogleich aus-
wandern. die kleruchien des fünften jahrhunderts haben sehr viele bürger
hinausgelockt, die gewiſs zum teile dem vaterlande verloren gegangen
sind; im vierten sind athenische söldner in fremdem dienste recht zahl-
reich. aber die demokratie vermag auch mit allen largitionen nicht zu
verhindern, daſs die verarmte bevölkerung keinen hausstand gründet
oder keine legitime nachkommenschaft erzeugt, und so gehen diese ge-
meinden an bevölkerung zurück. andererseits ist die vermehrung der
bürgerschaft durch die aufnahme von fremden und metöken recht stark
gewesen und vorwiegend den städtischen gemeinden zu gute gekommen.
da erwiesen ist, daſs die metöken auf verhältnismäſsig sehr wenige fast
ausschlieſslich städtische gemeinden beschränkt waren, ist der schluſs unab-
weisbar, daſs das gleiche für die neubürger gilt, denen das privileg die
wahl des demos freistellte. wer auf unrechtmäſsigem wege sich in die
bürgerschaft einschleichen wollte, mochte sich nach Halimus oder zu
den Titakiden wenden: der reiche kaufmann des hafens, dem das volk
das bürgerrecht verlieh, kaufte sich dort ein haus und trat in die ge-
meinde des Peiraieus. so ist die Aiantis tatsächlich schwächer als die
übrigen phylen geworden, weil das nordöstliche bergland verödete und
ihr städtischer demos Phaleron seit Themistokles verkam: zu Kleisthenes
zeit muſs gerade dort das regste leben geherrscht haben.
Die organisation hätte eine dauernde ausgleichende kontrolle des
staates erfordert. diese ist aber nicht eingetreten, es sei denn durch
die für das ganze unwesentliche errichtung neuer gemeinden. 307 schritt
man freilich zu der schaffung zweier neuer phylen, aber die art, wie
man diese schuf, lehrt deutlich, daſs die kleisthenische ordnung nur
noch als division des volkes durch zehn erschien, die man mit der
zwölftelung vertauschte. auf die kreise und die provinzen hat man weder
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 11
[162]II. 6. Trittyen und demen.
damals noch später rücksicht genommen. 46) das verzeichnis der demen,
wol aus dem jahre 200, das wir besitzen (II 991), kennt die trittyen
gar nicht mehr.
Bedeutung
der kreis-
ordnung.Mögen sie denn auch verfallen sein, so gehören sie zu den ein-
richtungen, die in der groſsen zeit Athens lebendig waren, und selbst
wenn wir zugeben müſsten, daſs die organisation sich praktisch nicht
bewährt hätte, so würde sie an interesse nicht verlieren. der groſse
staatsmann hätte höchstens zu groſses für seine zeit geplant. denn mit
nichten ist der erfolg allein der gradmesser für die bedeutung eines
staatsmännischen gedankens. die einzelgemeinde als selbstverwaltungs-
körper ist das eine und gröſste was Kleisthenes geschaffen hat. sie
hat sich lebenskräftig bewiesen, obwol wir zugestehn müssen, daſs in
den kleinsten demen die verwaltung willkürlich und corrupt ward,
wie in Halimus, in dem groſsen Peiraieus aber sogar der staat soweit
gegangen ist, die ernennung des bürgermeisters für sich in an-
spruch zu nehmen. der staat hat auch das repraesentative princip be-
schnitten, das eingeführt zu haben das zweite überraschend groſse ver-
dienst des Kleisthenes ist. Aristoteles findet das in der ordnung, weil
οἱ δῆμοι ἐπώλουν, wie er es derb ausdrückt, und die begründung
ist triftig. aber muſste es dazu kommen? zwei momente, die dazu
drängten, konnten wir schon immer schätzen, einmal die demokratische
centralisation, die übergriffe des plenums der volksversammlung, sodann
die künstlichen gebilde der zehn phylen, die den formen des geschlechter-
staates nachgebildet waren und niemals zu leistungsfähigen verwaltungs-
körpern, zu provinzen, werden konnten. nun aber lernen wir das neue,
daſs Kleisthenes in den kreisen ein an sich sehr wohl lebensfähiges
mittelglied zwischen der einzelgemeinde und der sammtgemeinde ge-
schaffen hat: der kreis konnte sehr gut seine vertretung und seinen
beamten haben, also die misstände der verwaltung in den einzelgemeinden
durch seine kontrolle beseitigen, denn er besass dafür die vorbedingung
der lokalen geschlossenheit. ja man träumt gern weiter; wenn der kreis
mit staatlich eingesetzten trittyarchen an der spitze und einem aus den
vertretern seiner gemeinden gebildeten rate daneben das ausgebildet
hätte, wozu der keim in ihm lag, so hätte er sehr wol dasselbe leisten
können wie ein römisches municipium, ohne doch eine eigene πόλις
[163]Bedeutung der kreisordnung.
zu werden. dann war auch ein kreis Karystos oder Naxos möglich,
und wie so ganz anders würde die hellenische geschichte geworden sein.
Doch auch abgesehen von solchen träumen verlohnt es sich wol,
die stellung der trittyen im organismus des staates auf das anzusehen,
was sie wirklich gewesen sind. das erste was wir da zu constatiren
haben, ist, daſs sie für das bewuſstsein des volkes gar keine wirklichen
realitäten geworden sind: sie haben keinen göttlichen vertreter, trotz
ihrer realen körperlichkeit keine ideelle. das unterscheidet sie von phyle
und demos, und der moderne rationalismus kann recht deutlich daran
lernen, daſs die existenz eines eponymos mehr als eine ornamentale
bedeutung hat: er zeigt an, daſs in dem was er benennt eine seele ist,
und die seele gibt das leben, nicht die materie. das fehlen des eponymos
bringt es mit sich, daſs der trittys das eigene vermögen abgeht, das
phyle und phratrie, gemeinde und geschlecht besitzen.
Im finanzwesen kann die trittys für die directe steuer keine rolle
spielen, da die phylen unter einander vielleicht, die trittyen derselben
phyle unmöglich das gleiche steuercapital besitzen konnten. das gleiche
gilt für die persönlichen auf das vermögen gelegten munera, die λῃτουϱγίαι,
die zwar phylenweise (und nicht einmal das durchweg), aber nicht trittyen-
weise verteilt werden. wol aber ist das noch im demosthenischen zeit-
alter mit den frohnden geschehen, die das volk auf die phylen über-
trug. 47) das geschah bei bauten, z. b. von straſsen, mauern, schiffen.
in der regel freilich besorgte auch diese sachen das volk selbst, durch
den rat (wie gewöhnlich den schiffsbau), oder durch besondere beamte
(wie die wegecommissare) oder durch specielle commissionen (wie die
τειχοποιοί), die dann wieder die phylen vertreten konnten. es leuchtet
aber ein, daſs es z. b. für den wegebau häufig praktisch sein konnte,
die arbeit kreisweise zu verteilen, oder auch zum festungsbau die phylen-
genossen kreisweise heranzuziehen.
Im heerwesen ist der dienst zu pferde eine persönliche last der
besitzenden, eine λῃτουϱγία. wenn demnach auch die reiterei in die
10 phylen gegliedert ist, so ist doch die archaische einrichtung, daſs die
naukrarie so und so viel pferde und reiter zu stellen hat, wenn nicht
von Kleisthenes 48), so doch von der demokratie bald beseitigt. das volk
11*
[164]II. 6. Trittyen und demen.
übt die recrutirung, unterhaltung und controlle dieser stehenden truppe
selbst durch sein centralorgan, den rat.
Trittyen im
heere.Die schwergerüsteten infanteristen bilden kein stehendes heer, aber
sie sind, wenn wir sie mit unsern verhältnissen vergleichen wollen, alle
reserveofficiere. sie gehören alle den drei oberen steuerclassen an, müssen
sich selbst equipiren, haben als πεϱίπολοι militärische ausbildung er-
halten, das volk kann jeden von ihnen zum taxiarchen und strategen
wählen, wer aber nicht zum officier gewählt ist, tritt ruhig in das glied,
mag er auch noch so oft das regiment geführt haben. die aushebung
und mobilmachung wird auf grund der musterrolle besorgt, die wieder
auf den bürgerlisten beruht, deren führung bei den gemeinden ist. bei
der einstellung der dienstpflichtigen jugend wirkt der rat mit; die aus-
hebung ist sache der strategen, ihnen aus der zeit geblieben, wo sie
phylenweise gewählt wurden. hier lag es nun nahe, für die aushebung
sich der kreise zu bedienen, und wenn die phyle das regiment bildete,
so sollte man meinen, daſs die trittys sich als die geeignete gröſse für
die taktische einheit von selbst geboten hätte. liest man nun bei Platon
(Staat 475), daſs die ehrgeizigen, ὅταν μὴ στϱατηγῆσαι δύνωνται, τϱιτ-
τυαϱχοῦσι, so kann man kaum umhin, anzunehmen, daſs diese gliede-
rung einmal beabsichtigt war und trittyarchen als tribuni militum be-
standen haben. wir wissen fast nichts von den niederen chargen des
militäres, aber doch so viel, daſs wir die taktische einheit in den λόχοι
erkennen, an deren spitze λοχαγοί stehn, die der taxiarch ernennt. da
das bei den Dorern auch so ist und der name λοχαγός dorisch ist (λοχη-
γέτης würde er attisch heiſsen), so hat die demokratische gliederung
sich für das heer weder bewährt noch behauptet. 49) da es doch aber
trittyarchen mit militärischer competenz gegeben haben muſs, wenn Platon
sie nennt, so mögen sie bei der aushebung beschäftigt worden sein.
Ganz anders steht das alles bei der flotte. in ihr waren die leuteTrittyen bei
der flotte.
ohne steuercapital grundbesitz und militärische vorbildung dienst-
pflichtig; eine stammrolle gab es nicht, man fand die leute vielmehr
durch subtraction der hopliten von der bürgerliste; also konnte die aus-
hebung der leute füglich nur in den gemeinden stattfinden und ist dem-
gemäſs aufgabe der demarchen. ein anderes aber war die einstellung
der leute, die man möglichst früh unter militärisches commando bringen
muſste, schon damit man ihrer habhaft würde, und ihre zuweisung an
die schiffe und trierarchen, die erst im hafen erfolgen konnte. 50) mit
dem beginn des eigentlichen dienstes hörte die bedeutung des kreises
notwendigerweise auf, aber so lange war in der tat die trittys ganz be-
sonders geeignet die dienstpflichtigen zusammen zu bringen und zu
halten, und hier mögen die trittyarchen Platons auch eingegriffen haben.
da hören wir nun, wie Demosthenes in seiner Symmorienrede (22) vor-
schlägt, der platz hinter den schiffshäusern sollte von den strategen in
zehntel geteilt und unter die phylen verlost, die anteile der phylen von
den taxiarchen den einzelnen trittyen zugewiesen und an diese wieder
die schiffe und symmorien zugeteilt werden. die funde von grenzsteinen
der trittyen am hafen 51) haben den beweis geliefert, daſs Demosthenes
in wahrheit auf die ordnung zurückgreifen wollte, die Themistokles wirk-
lich eingeführt hatte, was ihm, obwol er sein vorbild verschweigt, zur
ehre gerechnet werden soll. um 493 oder 483 war die trittys noch
ein lebendiges glied des volkskörpers, und Themistokles bediente sich
ihrer, als er die flotte gründete und die alten naukrarien abschaffte,
die eben auch, wie der name sagt und die geschichte bestätigt, für den
flottenbau zunächst geschaffen und von Kleisthenes, trotzdem er sie sonst
durch die gemeinden ersetzte, für diesen zweck belassen waren. 52) da
[166]II. 6. Trittyen und demen.
die Epakrier von der Aigeis mit den Thriasiern von der Oineis zu-
sammenstoſsen (IV 517b), sind die gestellungsplätze der phylen auch
damals verlost worden. aber die grenzsteine sind niemals erneuert: die
einrichtung hat eine weile vorgehalten, dann ist sie verfallen.
Trittyen
in der
ekklesie.Steine mit trittyennamen sind auch auf der Pnyx gefunden. 53) der
gedanke liegt nahe, sie auch auf versammlungsplätze der kreisangehörigen
zu beziehen. man darf aber nicht so weit gehen, den Athenern comitia
centuriata oder tributa zuzuschreiben, die es nie gegeben hat. der
demos ist eine einheit, jeder bürger hat seine virilstimme, die gliederung
des volkes als heerbann oder nach seinen kreisen und gemeinden hat
für die sammtgemeinde und deren beschluſsfassung keinerlei bedeutung.
es reicht hin, an die scenen des Aristophanes zu erinnern, die eine
volksversammlung darstellen. aber wol war eine controlle der besucher
auf ihre berechtigung notwendig, und die zeit, die noch keinen sold
ausgab, hatte noch nicht die controllmarken. im vierten jahrhundert
controlliren den besuch die 30 aus dem rate genommenen συλλογῆς
τοῦ δήμου 54) unterstützt von den kanzlisten, die die bürgerlisten führen
(ληξίαϱχοι). dreiſsig, das ist die zahl der trittyen, die, wie wir gleich
sehen werden, im rate fortbestanden. in ihnen also wird man die ver-
treter der kreise sehen. ein ratsherr aus dem kreise controllirt seine
kreisgenossen, und ein stein auf der pnyx bezeichnet die stelle, wo
er zu finden ist und sie sich zu melden haben. so scheinen mir jene
steine eine befriedigende erklärung zu finden. aber gleichzeitig muſs ich
52)
[167]Trittyen in der ekklesia. trittyen im rate.
zugeben, daſs die institution verkümmert war. denn die συλλογῆς der
Aigeis sind auf dem steine 872 aus Gargettos Ikaria Herchia, also alle
drei aus dem landkreise. die trittys war zum drittel geworden. übrigens
sind auch diese steine der Pnyx niemals erneuert; der zweck, dem sie
dienten, war fortgefallen.
Gehalten haben sich die trittyen im rate, da noch Aristoteles (44, 1)Trittyen
im rate.
angibt, daſs immer eine trittys der prytanen im rathause anwesend sein
muſste. diese bestimmung wird sich auch gehalten haben, als es 600
ratsherren gab, denn in den jahren 299—94 begegnen uns, zum letzten
male in den inschriften, trittyarchen, die mit einem sonst unerhörten
ἐξεταστής zusammen die kleinen ausgaben besorgen, die sonst der ταμίας
τῆς βουλῆς καὶ τοῦ δήμου zu leisten hat. 55) das wird also ein aus-
schuſs des täglich amtirenden teiles der prytanen sein. 56) aber damals
bestanden schon Antigonis und Demetrias, die in räumlich geschlossene
kreise nicht zerfallen sind. somit sind aus ihren demen trittyen wol
schwerlich formirt, und die des rates sind nichts als drittel. dann kann
es gut und gerne auch 340 schon ebenso gewesen sein. aber ehedem
hat man den trittyen gröſsere bedeutung beigemessen. die prytanen-
listen konnten oben zur ortsbestimmung der trittyen vielfach benutzt
werden, weil sie zum teil nach ihnen geordnet sind, und noch viel mehr
haben wenigstens noch drei columnen, wenn auch die aufzählung der
demoten nicht mehr der trittys folgt. 57) so wird es eine zeit gegeben haben,
wo wirklich die trittys ein drittel der fünfzig ratsherrn präsentirte, und das
war nicht unwesentlich, sondern ein schutz der minoritäten. die Acharner
mochten eine ganze trittys sein und an zahl sehr viel mehr als ein
drittel der Oineis: wenn auf die trittys ein drittel kam, konnten sie nie-
mals 22 ratsstellen occupiren wie auf der liste II 868.
In der beamtenschaft entsprechen die meisten collegien den phylenTrittyen
in der
beamten-
schaft.
und haben deshalb zehn mitglieder. aber das fünfte jahrhundert zeigt
mehrere von 30 männern, die also den trittyen entsprechen können. die
30 συλλογῆς τοῦ δήμου haben wir schon kennen gelernt, und für sie
[168]II. 6. Trittyen und demen.
war die bestellung nach den kreisen praktisch. noch viel einleuchtender
ist dasselbe von den 30 demenrichtern, die Perikles 453/2 einführte,
denn das sollten landrichter sein, also war ihre bestellung für einen
räumlich geschlossenen bezirk durchaus praktisch. die restaurirte demo-
kratie hat ihnen diesen ländlichen charakter genommen und ihre zahl
auf 40 erhöht, wie es heiſst, weil die nomotheten von 404, die tyrannen,
30 gewesen waren. bei diesen kann von einer vertretung der trittyen
kaum die rede sein, und auch bei den 30 logisten, die unter Eukleides
auf 10 reducirt wurden, schwerlich. aber die häufigkeit der zahl 30
beweist soviel, daſs das fünfte jahrhundert noch bis zu ende der 30
kreise lebhaft gedachte.
Es ist praktisch wenig mit dem gedanken der kreisteilung Attikas
erreicht worden; aber würdig ist er des groſsen gesetzgebers, und die
ansätze zu seiner verwertung werden bei eindringender forschung gewiſs
noch zahlreicher ans licht gezogen werden.
Aristoteles (21, 4) berichtet aus der chronik, daſs die bezeichnungDie ordnung
des
Kleisthenes.
des athenischen bürgers durch den demosnamen von Kleisthenes einge-
führt sei, und zwar mit der absicht, die neubürger vollkommen gleich
zu stellen, welche die bezeichnung durch den vatersnamen kenntlich
gemacht haben würde. daher käme es daſs sich die Athener selbst mit
dem demotikon nennten. 1) die uns geläufige attische sitte vereinigt die
bezeichnungen nach dem vater und dem demos, die hier einander gegen-
über gestellt werden, und das ist im vierten jahrhundert auch die offi-
zielle bezeichnung, z. b. auf den richtertäfelchen (Ar. 63, 4). aber der
aristotelische bericht hat keinen sinn, wenn nicht Kleisthenes den vaters-
namen durch den demos hat ersetzen wollen. denn wenn die bezeich-
nung nach dem vater die neubürger überhaupt kenntlich machen konnte,
so tat der zusatz Ἀλωκεκῆϑεν weder etwas davon noch dazu, solange
der vatersname in offiziellem gebrauche war. Kleisthenes hat also den
vatersnamen abschaffen wollen.
Wie aber konnte der vater die neubürger kenntlich machen? ihre
väter hieſsen doch nicht alle Manes oder Skythes, und barbarische oder
doch fremde namen sind auch in ächt bürgerlichen familien durchaus
nicht unerhört. 2) auch hier ist nur eine antwort möglich: die neubürger
hatten gar keinen vater.
Das klingt befremdlich, aber die logik des rechtes ist unerbittlich.
der sclave kann keine ehe eingehen, also entbehrt der im hause geborene
des vaters und der aus der fremde eingeführte barbar erst recht. der
metöke genieſst in Athen des vorrechtes, in einem quasigentilicischen
verbande zu stehen und nach dem attischen familienrechte behandelt zu
werden, er hat also einen vater. aber das gilt eben erst seit Kleisthenes,
der die private clientel durch die des staates ersetzt hat. ich habe das
früher aufgeführt und gezeigt, daſs die officielle bezeichnung Δᾷος ἐν
Μελίτῃ οἰκῶν ist. das ist das genaue analogon zu Εὐϑύδομος Μελιτεύς,
und in der tat führen die metöken auch später officiell keinen vaters-
namen. bevor der attische staat die metöken in seine clientel nahm,
war für sie der patron was der herr für den sclaven und freigelassenen,
der vater für den bürger war. trat aber vollends der metöke oder auch
der peregrine, der noch ein anderes vaterland gehabt hatte, in die ge-
meinde der Athener, so verlor er damit notwendigerweise seine frühere
familienverbindung, er konnte also ihre bezeichnung entweder nicht mehr
führen, oder aber er muſste dem vater die bezeichnung seiner heimat
geben, also sein neubürgertum eingestehn. die römische analogie macht
das sofort deutlich. der freigelassene führt den namen des patrons, der
neubürger kann gar keinen vatersnamen führen, oder aber er gesteht seinen
stand ein, indem er den unrömischen vatersnamen einsetzt, was in der
griechischen welt nicht selten geschieht. Λεύκιος Σολπίκιος Λυσι-
μάχου υἱός auf Delos, L. Tarquinius Demarati f. in der legende, das ist
eine bezeichnung, die wirklich ἐξελέγχει τοὺς νεοπολίτας.
Wie radical Kleisthenes gegen den adel eingeschritten ist, wird durch
diese maſsregel ganz besonders sinnfällig. aber die hellenische sinnesart
2)
[171]Die ordnung des Kleisthenes. der gebrauch des lebens.
war so durchaus mit den alten adelsvorstellungen durchwachsen, daſs
der vatersname nicht nur, sondern die ganze terminologie des adels von
den neubürgern möglichst rasch und vollständig übernommen worden ist,
die neubürger ihre οἶκοι bald ganz im stile der alten auszubilden suchten,
und seit 403 der vatersname überwiegend gebräuchlich und vielfach
sogar obligatorisch ward. Δημοσϑένης Δημοσϑένους Παιανιεύς ist
eigentlich einem M. M. f. Corn. gleich: lauter teilen des römischen namens,
die als nebensächlich abgekürzt werden. dem Demosthenes aber ent-
sprach es vielmehr einem M. Tullius M. f. der demos hatte das ge-
schlecht ersetzt.
Wer die steine des fünften jahrhunderts kennt, der weiſs, daſs dieDer ge-
brauch des
lebens.
offizielle bezeichnung sich an das kleisthenische gesetz gebunden hat:
sie gibt nur den eigennamen und den demos. in den rechnungen werden
die obmänner der schatzmeister, die hellenotamien, die strategen so be-
zeichnet, nicht minder die handwerker und kaufleute. auf den verlust-
listen fehlt das demotikon, weil das militär nur mit der phyle rechnet 3),
dafür wird hier die charge der höheren officiere beigefügt. dagegen die
privaten nennen den vater gerne. so verfahren die schreiber, die die
[172]II. 7. Der athenische name.
offiziellen urkunden redigiren, mit ihrem eigenen namen, im gegensatze
zu den personen, die sie in den protokollen anführen. in der komoedie,
die wir allerdings erst aus dem peloponnesischen kriege kennen, als
die demenordnung schon länger als zwei menschenalter bestand, stellen
sich die leute mit dem demotikon vor 4), aber in der anrede erscheint es
beinahe nie, während Platons dialoge zeigen, daſs in der vornehmen
gesellschaft die anrede ὦ παῖ Ἀκουμενοῦ gar nicht selten war. 5) nicht
anders ist es in der litteratur. Thukydides ignorirt den demos in der
namengebung ganz. bei Herodotos sind ein par demotika vorhanden,
einmal sogar ohne vatersnamen, offenbar aus officieller attischer über-
lieferung. 6) wie sehr sonst bei ihm die berücksichtigung des geschlechtes
vorwiegt, weiſs jeder leser. noch wir unterscheiden die beiden Thuky-
dides nach ihren vätern, reden von den Kallias und Hipponikos,
kennen Ephialtes des Sophonides, Lamachos des Xenophanes 7) sohn, ohne
von ihrem demos zu wissen: aber die beiden Thrasybulos unterscheiden
wir nach Steiria und Kollytos, reden von Kallistratos von Aphidna, Ari-
stophon von Azenia, Eubulos von Anaphlystos, und in der späteren ge-
lehrten schriftstellerei wird ein Ammonios von Lamptra und ein Apol-
[173]Der gebrauch des lebens.
lonios von Acharnai geführt, obwol doch der demos eigentlich allein für
das innerattische gilt.
Man wird von den inschriften unter diesen umständen nicht viel
erwarten, und doch liefern sie zu der aristotelischen nachricht im ganzen
die erwünschte illustration. es ist zwar für mich nicht möglich, die der
Peisistratidenzeit von denen der jahre 507—480 zu scheiden, die als
übergangszeit besonders interessant sein müſsten, allein es bleibt die
hauptsache, daſs so ziemlich die ersten drei menschenalter nach einfüh-
rung des demotikons seine vereinigung mit dem vatersnamen der termi-
nologie fremd ist. die menschen nennen sich vielmehr ganz überwiegend,
wie sie es früher getan haben, nach dem vater. ich finde auf privaten
monumenten nur CIA IV p. 205 Φαῖδϱος Πϱοϑυ-Κεφαλῆϑεν und Διο-
γένης ἀνέϑηκεν Αἰσχύλο hυῦς Κεφαλεός 8), und dieser mann ionisirt be-
denklich in seiner schrift, macht zudem einen vers. den grabschriften
insbesondere fehlt die später normale form πατϱόϑεν καὶ τοῦ δήμον gänz-
lich. den frauen wird der demos ihres vaters oder gatten ganz selten bei-
gefügt (— Εὐμηλίδου γυνὴ Σφηττόϑεν IV p. 99, — Ἀχαϱνέως ϑυγάτηϱ
p. 205). auch bei männern ist er ungleich seltener, ich schätze, im ver-
hältnis 1 : 4, als der vatersname, und ein Μυϱτίλος Πϱασιεύς IV p. 190
oder gar ein Χναιάδης Παλληνεύς IV p. 102 werden wol neubürger
sein. vornehme leute verhalten sich gegen den demos fast ganz ablehnend,
deswegen z. b. ein Aristokrates der sohn des Skellias, der hipparch Pytho-
doros des Epizelos sohn 8), ein mann wie Kallias Hipponikos 9) sohn haben
ihn wirklich nicht nötig. aber auch geringe leute nennen sich Ὀνήσιμος
(ein sclavenname) Σμικύϑου, Κϱίτων Σκύϑου, Φίλων Ἀϱεσίου. wenn
ein polemarch in einem gedichte sich Aphidnaeer nennt (IV p. 153), so
[174]II. 7. Der athenische name.
mochte gerade in der ersten zeit nach der vertreibung der tyrannen
oder auch nach der schlacht von Marathon, wo der polemarch Kalli-
machos von Aphidna commandirt hatte und gefallen war, dieser ortsname
einen besondern klang haben. 10) sehen wir dann folgende grabschriften
IV p. 117 Ἀϱιστέας Ἰφιστιάδης, Τιμαϱίστη Θεοφῶντος Λαμπτϱέως,
Ἀϱιστώνυμος Ἀϱισταίου Ἰφιστιάδου, Ἀϱιστόμαχος Ἀϱιστέου Ἰφι-
στιάδης, vater, mutter und söhne, aus dem ende des fünften jahrhun-
derts. II 1685 Ξενοκλέης Ἀγγελῆϑεν, Πολυχάϱης Ξενοκλέους Ἀγγελῆϑεν,
Ἀϱιστοκλέης Ξενοκλέους Ἀγγελῆϑεν, anfang des vierten jahrhunderts.
II 2002 Αἰχμέας Ἐλευσίνιος, Εὔφϱων Αἰχμέου Ἐλευσίνιος, Ἀϱχίππη
Στησιππίου (d. i. Στησίππου oder Στησιππίδου) Ἀχαϱνέως. II 2330
Ἄλκιππος Μελιτεύς, Διοφάνης Ἀλκίππου Μελιτε(ύς) und vier nur
mit dem eigennamen bezeichnete töchter. in diesen vier fällen führt der
vater nur den demos, der sohn folgt der sitte des vierten jahrhunderts:
entweder also, der vater war neubürger, oder aber die sitte hatte mit dieser
generation gewechselt; so viel ich sehe, würden wir dann bei dem
vater eher das fehlen des demos erwarten.
Grabsteine von fremden mit vater und vaterland sind im fünften
Metöken
und fremde.jahrhundert nicht selten. die metöken verschmähen die officielle be-
zeichnung nach dem demos so gut wie ganz 11). die isotelen nennen sich
im vierten jahrhundert mit stolz so auf den steinen; etwa ein drittel fügt
den vater zu: darin liegt, daſs der vater bereits diesem bevorzugten stande
angehört hat. 12) für dieselbe zeit darf man als eine regel, von der es aus-
nahmen geben wird, aber doch als eine regel, an die wir uns zunächst
halten, aufstellen, daſs die grabsteine, die nur den vater nennen ohne
vaterland und demos, von metöken herrühren. äuſserst merkwürdig
sind folgende grabsteine des fünften jahrhunderts IV p. 115 Ἀϱχίας
Νέβϱο Ἀνδϱίο; Εὐφϱαντίδης Μάνδϱωνος Ἀστυπαλαιέως; Ἀϑηνό-
δοτος Ἰατϱοκλέος Φασηλίτο; die leute haben das vaterland ihrer väter
[175]Metöken und fremde. sclaven.
verloren; aber sie wollen es nicht verläugnen, da sie den ersatz, die
attische clientel, nicht in der officiellen weise bezeichnen können, ohne
zugleich den vater aufzugeben. die steine bezeichnen also das metöken-
verhältnis in der für die redenden ehrenvollsten weise auf das schärfste;
später wünschten diese, indem sie ganz über ihren stand schwiegen,
fälschlich für bürger gehalten zu werden. ganz neuerdings ist noch ein
verwandtes beispiel bekannt geworden. Εὔφϱων Ἁδέα Σικυώνιος er-
hielt im december 323 das attische bürgerrecht. es war nur eine deco-
ration, denn er war führer der nationalen partei in seiner heimat und
erlitt bald dafür den tod. seine ehren wurden in Athen cassirt. im
winter 318 war dann in Athen die demokratie wieder am ruder, resti-
tuirte dem toten seine ehren und beschloſs sich seines verwaisten kindes
anzunehmen, dessen namen man noch nicht einmal kannte: damals heiſst er
Εὔφϱων Ἁδέα τοῦ Σικυωνίου (Δελτ. ἀϱχ. 92, 58). da er nie von seinem
bürgerrechte gebrauch gemacht hatte, besaſs er kein demotikon, aber ein
Sikyonier war er für die Athener rechtlich auch nicht mehr. es erinnert diese
terminologie an Ἀϱγειάδας Ηαγελαίδα τἀϱγείο IGA 42, den ich neben
dem paphlagonischen (II 3260b) sclaven Ἄτωτος, der sich als Ἀϱγεῖος
bezeichnet, weil er es zum bürgerrecht gebracht hatte, für einen sclaven
erklärt habe und noch erkläre. wer die bekundung des personenstandes
nicht als die gelegenheit zur fabrication archaeologischer märchen be-
trachtet, kann nur so erklären — es sei denn, er meine, Argeiadas hätte
das bürgerrecht seines vaters verwirkt gehabt; das ist auch möglich.
allein Ἀϱγειάδας ist, darin hat Röhl recht gesehn, von dem stammnamen
der makedonischen könige nicht zu trennen: griechisch ist ein s. g. patro-
nymikon von einem adjectiv überhaupt nicht.13) man kann von Θήβη
Θηβᾰ́δης bilden wie von πύλη πυλάδης, aber nicht Θηβαιίδης oder von
Ἠλεῖος Ἠλειάδης oder Γελῳάδης u. s. w. der könig Alexandros hat
seinen stammnamen wol oder übel gräcisirt um an Argos und Herakles
anzuknüpfen. so ist Ἀϱγειάδης entstanden. das war also für einenSclaven.
freien menschen überhaupt kein name. aber für einen makedonischen
sclaven war es so gut wie für einen lydischen Κϱοῖσος14), einen persi-
[176]II. 7. Der athenische name.
schen Δαϱεῖος, oder Γωβϱύας, einen aegyptischen Ἄμασις, einen phry-
gischen Μίδας, einen thrakischen Τήϱης, eine karische sclavin Ἀϱτε-
μισία (wie die bordellmutter in den Thesmophoriazusen heiſst). Das
allerdings bin ich gezwungen zuzugeben, daſs ich die dem lateinischen
Quintipor entsprechende terminologie nicht belegen kann. die attische
humanität hat ihnen gestattet auf den grabsteinen als menschen aufzu-
treten, einerlei ob sie noch sclaven oder freigelassen waren. und den
sclavenstand merken wir am deutlichsten durch das freundliche zeugnis
des herrn, der das grab bezahlt, χϱηστός: es ist für die socialen ver-
hältnisse wahrlich ein hübscher zug, daſs in Athen ‘der brave’ für ‘den
sclaven’ auf dem friedhofe die bezeichnung ist. oft tritt, namentlich bei
den ammen (τίτϑη und μαμμία), aber auch bei den paedagogen die
stellung des sclaven hinzu, die in diesen fällen ein persönliches ver-
hältnis herbeiführt; die tragoedie mehr als die komoedie und dann die epi-
gramme der Anthologie geben weitere illustrationen. aber das rechtliche
verhältnis ist dadurch wol gelockert, nicht gelöst. sclaven, die nicht
brav waren, sind ohne grab und gedächtnis geblieben. natürlich ist das
sclavengrab nicht anders zu beurteilen als das von hunden und pferden.
und der sclavenname ist auch mit nichten mit dem menschennamen ver-
gleichbarer als mit denen von tieren, in denen ihr herr eine gewisse
individualität sieht. Ξανϑίας Μέλας Σῖμος Δϱόμων Παϱάμονος Ἐπί-
κτητος15) Πίστος Θϱανίων (bei Plautus, der rudersclave) Μαμμία Μαμ-
μάϱιον Κϱῖος Λαμία Μόσχος sind nicht anders gebildet als die pferde-
namen Ξάνϑος Βαλίος Κόϱαξ [Ϙοππατίας] Κύλλαϱος (‘lahmfüſschen’,
eigentlich kein compliment für ein pferd, das Hera schenkt), oder die
hundenamen auf der Françoisvase und bei Xenophon. dazu treten die
bezeichnungen der herkunft Φϱύξ Κίλισσα Γέτης Δᾷος Καϱίων Λυδή16),
oder ein par gewöhnliche barbarische fremdnamen wie Τίβειος Μάνης
14)
[177]Sclaven. spitznamen.
Ἄτωτος Γῆϱυς Βαγώας17), zu denen die obenangeführten königsnamen
treten. wenn der Athener der Peisistratidenzeit seinen aegyptischen
knecht Amasis ruft, so verwendet der Römer für seine sclaven die namen
der griechischen sage und geschichte; heute heiſsen die köter Hektor
und Diana und die gäule Caesar und Vesta.18) das gemeinsame aller
dieser namen ist, daſs sie spitznamen sind, nicht von der für die Hellenen-Spitznamen.
namen verbindlichen bildung aus zwei stämmen. der mann kann ja auch
den spitznamen ‘Widder, Kalb, Wolf’ führen, und die verbeiteten kurz-
namen werden diesem häufig äuſserlich gleich, wie denn Δϱόμων auch
verkürzung von Δϱομοκλείδης sein kann. eine ganze menge von guten
menschennamen, die auf ort und zeit und art der geburt gehen, Νου-
μήνιος Ἐνατίων Εἰκάδιος Τϱιτίος (in Arkadien, wo diese namen nach
dem kalendertage beliebt sind) Ἑβδομίας, Ἀπατούϱιος Ἑόϱτιος Θυίων
Ὁμολῴων, Ἔνδιος, Ἀϱεϑούσιος Εὐϱιπίδης Σκαμάνδϱιος Καϱνεάδης,
sind so gebildet, und sie führen zu den adjectiven über, die von götter-
namen gebildet sind, Ἀπολλώνιος Διονύσιος Δημήτϱιος Ἰσμηνίας
Κηφισίας, aber auch von menschen Εὐφϱόνιος Φιλύλλιος Μελάνϑιος.
das sind die griechischen namen, die den römischen vornamen allein
ähnlich sind19), während der spitzname genau dem cognomen entspricht
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 12
[178]II. 7. Der athenische name.
und M. M. f. Corn. Cicero einem Ἡγήσιππος Ἡγησίου Σουνιεὺς ὁ καὶ
Κϱωβύλος gleichgesetzt werden muſs. aber unter den männern sind
solche namen immerhin ausnahmen20); die frauen dagegen sind sehr viel
mehr wie sclaven behandelt, und Πλαγγών (puppe), Μαμμάϱιον,
Φιλουμένη, Ἡδύλη Κόϱιννα Γλύκη Γοϱγώ Μυϱϱίνη Ἤϱιννα (was
attisch Ἐαϱίνη wäre) heiſsen auch matronen; nur in der höheren attischen
gesellschaft und demgemäſs im fünften jahrhundert in der ganzen gut-
bürgerlichen sphaere ist man darauf aus männern und frauen volle namen
zu geben. doch sind die kosenamen natürlich bei den frauen verbrei-
teter und nicht immer von den eigentlichen spitznamen zu trennen.21)
Allein der reizvolle und viel zu wenig behandelte gegenstand locktDas recht
am namen.
mich vom wege ab. die onomatologie selbst darf ich hier nicht ver-
folgen; nur das ist rechtlich von bedeutung, daſs der sclave von des
herrn gnade und durch des herrn willkür den namen hat, auf den recht-
lich nichts ankommt; ein in sclaverei geratener Hellene kann ihn ebenso
gut führen wie verlieren, je nach dem belieben des herrn.22) die frau
steht rechtlich ebenfalls unter dem κύϱιος, und ihr bürgerrecht beruht
ausschlieſslich auf dem des mannes, in dessen hand sie ist. in Athen
ist jedoch der genetiv ohne zusatz von γυνή bereits dem vatersnamen
vorbehalten.23) die hetaeren führen wahlnamen, auch wenn sie freie sind,
und keineswegs bloſs als tituli: es scheint nicht, daſs der frauenname
im schutze des gesetzes steht, während der mann um seinen namen klagen
kann, wie der rechtshandel des Μαντίϑεος Μαντίου Θοϱίκιος wider
Μαντίϑεος Μαντίου Θοϱίκιος beweist, in dem der erste vergeblich
dem zweiten die führung des namens bestreitet.24) aber der eigenname
21)
12*
[180]II. 7. Der athenische name.
ist allerdings nur ein privatbesitz, der den staat als solchen nicht kümmert.
wollte aber jemand sich das demotikon beilegen, ohne den nachweis der
berechtigung führen zu können, so durfte jeder Athener klagen, denn
darin lag die anmaſsung des bürgerrechts, die der staat so bestrafte, daſs
er den schuldigen als sich verfallen betrachtete und als sclaven verkaufte.
Der name
im ge-
schlechter-
staate.Das führt zu der unabweisbaren frage, wie denn der volle athe-
nische name vor Kleisthenes gelautet habe. πατϱόϑεν allein reicht un-
möglich aus, weil dann gerade das distinctivum des bürgerrechtes fehlt: der
vater bezeichnet nur den freien mann. wir haben bisher alle teile des
römischen namens angetroffen, nur den wichtigsten nicht, den gentil-
namen, dem zu liebe die Römer den eigennamen völlig haben verkommen
lassen, wie die Athener ihrerseits den gentilnamen. was entspricht dem
M. Tullius M. f.?25) der demokratie geht der adelsstaat vorher, dessen
ordnung Rom bewahrt hat; die phyle, das kunstproduct, erwarten wir
auch in ihm nicht, aber wol wie in Rom das geschlecht. πατϱόϑεν ἐκ
γενεῆς erwarten wir die bezeichnung, wie es in der Dolonie heiſst. aber
wir finden nicht was wir suchen; wenigstens die inschriften versagen
zunächst.
Geschlechts-
namen.Es muſs erst über eines klarheit werden, die s. g. patronymika auf
-ιδης -αδης. gewiſs, Τυδεΐδης Ἀτϱεΐδης Πηλεΐδης Λαεϱτιάδης be-
zeichnen im epos hundertmal den sohn des Tydeus u. s. w. gewiſs haben
das die dichter mit dem homerischen stile tausendfach nachgebildet.
und doch zeigt der gebrauch schon des epos, daſs das patronymikon
eigentlich nicht mehr gilt, sondern ein gentilicium wird. die Odyssee
feiert noch den Λαεϱτιάδης, die Telemachie kennt keinen Ὀδυσσεΐδης
mehr. wir sind an den Peliden gewöhnt: Πύϱϱος Ἀχιλλεΐδης gieng
schön genug in den vers; aber das ist nicht formelhaft geworden. gött-
liche väter gibt es im epos genug, aber das wird niemals mit dieser ab-
leitung bezeichnet, weil der gott kein geschlecht gründet.26) Πϱιαμίδης
[181]Geschlechtsnamen.
Τελαμώνιος Πηλεΐων.27) Τελαμώνιος ist das einfache adjectiv; in ihm
spricht sich am deutlichsten das rechtsverhältnis aus, daſs der sohn des
vaters ist wie das roſs und die waffe. Νηλήιος ὑιός (B 20), N. ἵπποι
Λ 537. diese bildung ist von den Thessalern, Boeotern und Aeolern lange
beibehalten, bis sie dem gemeingriechischen genetive wich, zuerst für die
männer, dann für die frauen, wie man auf den assischen steinen gut
verfolgen kann. sie entspricht ganz genau dem italischen gentilnamen,
aber zu einem gentilicium ist sie nicht geworden. die lesbischen ge-
schlechter heiſsen Πενϑιλίδαι, Ἀϱχεανακτίδαι.28) die bildung auf -ων
-ιων ist im leben ausgestorben, für eigennamen aber sehr viel gebraucht,
ebenso wie die zugehörige weibliche auf ονη.29) die eigennamen Ἀϑη-
νάδης Φοιβίδας Ἡϱακλείδης geben nicht anders die zugehörigkeit zu
dem bestimmten gotte an als Ἑστιαῖος Ἀϑήναιος Ποσειδώνιος.30) Πυ-
26)
[182]II. 7. Der athenische name.
λάδης Θηβάδης geht höchstens die herkunft an, Καϱνεάδης ist der an
dem feste des Κάϱνειος geborne. sehr seltsam hat Ibykos Ἑλένα Μενε-
λαίς gesagt für Ἑλένη Μενελάου, als ob es ganz possessivisch wäre,
und vollends Ἀλϑαία Μελεαγϱίς, so singulär, aber allerdings so ver-
ständlich wie Cornelia Gracchorum. aber weiterhin ist die ableitung ganz
und gar gentilicisch. Ἐϱεχϑεῖδαι Κεκϱοπίδαι sind die Athener, nicht
die kinder des Erechtheus, Θησεύς ist Αἰγείδης als Aegide, wie wir ge-
sehen haben. Ἡϱακλεῖδαι heiſsen die Herakleskinder nie, immer seine
ganze descendenz. Helena kommt nach Troia δυσόμιλος
συμένα Πϱια-
μίδαισι: doch wahrlich nicht bloſs für ihre schwäger, sondern für das
geschlecht im ganzen (A. Agam. 447). Ἀσκληπιάδαι Ὁμηϱίδαι sind viel-
leicht schon eher gilden als geschlechter, aber sie fingiren den geschlechts-
verband. Πεισιστϱατίδαι sind das tyrannenhaus, Ἑϱμοκοπίδαι die arge
sippschaft der Hermenfrevler. wenn ein mann Καλλιάδης oder Ξαν-
ϑιππίδης heiſst, so liegt darin, daſs er zu einem geschlechte gehört, in
dem der name Καλλίας oder Ξάνϑιππος gewöhnlich ist, daher wechselt
der einfache name mit dem geschlechtsnamen. und weil der name genti-
licisch ist, ist er vornehmer; wol im anschluſs an eine alte vorlage
läſst Lucian den parvenu sich Σιμωνίδης für Σίμων nennen (gall. 14).
damit hätten wir also eine bezeichnung für den gesuchten gentilicischen
begriff.
Sehen wir nun das epos an. Πϱιαμίδην νόϑον υἱόν Λ 490 ist
noch dasselbe wie υἱὸν Πϱιάμοιο νόϑον E 70, κούϱην Πϱιάμοιο νόϑην
N 173. aber Εὐϱυσϑεὺς Σϑενέλοιο πάις Πεϱσηιάδαο T 123, Ἀμφί-
νομος Νίσου υἱὸς Ἀϱητιάδαο31) ϝάνακτος Π 395, Πολύξεινος υἱὸς
Ἀγασϑένεος Αὐγηιάδαο ϝάνακτος B 624, Σχεδίος καὶ Ἐπίστϱοφος
υἱέες Ἰφίτου μεγαϑύμου Ναυβολίδαο 518. da mag noch immer der
vater allein patronymisch nach dem groſsvater benannt sein. aber wenn
wir Ψ 514 Ἀντίλοχος Νηλήιος lesen, so ist der gentilicische begriff
um so weniger zu verkennen, als der heros gerade aus dem geschlechte
ist, das für die meisten ionischen städte das königliche war. vollends
Αἰακίδης als name des Achilleus in der Patroklie mit anhängen ist gar
[183]Geschlechtsnamen.
nicht anders verständlich. Hesiod Katal. 37 Ἀμαϱυγκεΐδης Ἱππόστϱα-
τος ὄζος Ἄϱηος Φυκτέος ἀγλαὸς υἱός: da ist die gentilicische termi-
nologie vorhanden, und wie die an die patronymika gewöhnte grammatik
irre geht, lehrt die apollodorische bibliothek, die es mit Ἱπποστϱάτου
τοῦ Ἀμαϱυγκέως wiedergibt. es konnte gar nicht fehlen, das sich in
der tradition der sage gentilicische bildungen fanden, die in der genealogie
gar nicht oder nur mit gewalt untergebracht werden konnten. so ist es
mit Ἀλκείδης für Herakles den sohn der Alkmene gegangen, so mit
Πλεισϑενίδαι als name für das geschlecht der könige, die von den Dorern
aus irgend einem hauptorte vertrieben wurden und mit den heerkönigen
der Ilias identificirt wurden, deren ahnenreihe doch keinen Pleisthenes
enthielt32), der dann kümmerlich irgendwie eingeflickt ward. das ergibt
den namen Ὀϱέστης Ἀγαμέμνονος Πλεισϑενίδης; dem entsprechend
könnte man aus den pindarischen gedichten die Aegineten Τιμάσαϱχος
Τιμοκϱίτου Θεανδϱίδας (Nem. 4) Λάμπων Κλεονίκου Ψαλυχίδας (N. 5)
Δεινίας Μέγα Χαϱίαδας (N. 7) u. a. gewinnen, ja sogar einen Athener
Τιμόδημος Τιμόνου Τιμοδημίδης (N. 2), der neben dem geschlechte
auch seinen demos Acharnai und seinen wohnsitz Salamis verherrlichen
läſst. mit dem adel des kleruchen war es schwerlich weit her; der
Alkmeonide Megakles (Pyth. 7) läſst nur sein geschlecht und seinen staat
verherrlichen. von dem dichter Simonides aus Keos kennen wir sogar
zuverlässig den vollen namen Σιμωνίδης Λεωπϱέπευς Ὑλιχίδης33) und
so liegt es nahe, sich vorzustellen, daſs die ältere attische nomenclatur
der spätern ganz ähnlich gewesen wäre, nur mit dem geschlechtsnamen
statt des demotikons hinter dem vatersnamen. Λυκοῦϱγος Ἀϱιστολή-
δου Βουτάδης würde dann sogar 507 den namen gar nicht gewechselt
haben, da das geschlecht in der gemeinde blieb, der es den namen gab.
es existiren zwei attische steine, die in der tat eine solche bezeichnung
zeigen. IV p. 81 ein bruchstück zweier zeilen και χϱεμα ‒ ‒ κολλυτίδ ‒ ‒,
das nur lehrt, daſs neben den Κολλυτῆς auch Κολλυτίδαι gestanden
[184]II. 7. Der athenische name.
haben, und IV p. 102 Λεόβιος ἐποίεσεν Πυϱετιάδες, aus einem ge-
schlechte, dessen ahn Πύϱης geheiſsen hatte.34) Vorgekommen ist
also eine solche bezeichnung; aber ob Leobios ein Athener war, ist
fraglich. sitte war dort die nennung des geschlechtes jedenfalls nicht,
und da viele geschlechter gar keine gentilicisch geformten namen
hatten, Κήϱυκες Βουζύγαι Δεκελεῖς, formen, wie Κηϱυκίδης in Thasos,
nicht bestanden, so genügte diese bildung nicht. die schriftsteller
führen auch auf eine andere bezeichnung. Καλλίης τῶν Ἰαμιδέων
Ἠλεῖος (Her. 5, 44), Τεισαμενὸς Ἀντιόχου γένεος τῶν Ἰαμιδέων
Κλυτιάδης (Her. 9, 33, vgl. Isyll 180), τῶν Σκοπαδέων Διακτοϱίδης
Κϱαννώνιος (Her. 6, 127), Ἀϱχῖνος ὁ Ἀμπϱακιώτης τῶν Κυψελιδῶν
(Ar. 17, 4), Πεισιστϱάτου υἱεῖ τοῦ ἐκ Φιλαιδῶν Ἱππάϱχῳ (Pl. Hipparch.
228b) Φαιστίδος ἦν μητϱὸς καὶ Νικομάχου γενετῆϱος τῶν Ἀσκλη-
πιαδῶν δῖος Ἀϱιστοτέλης (vit. Ar. 420 R.). das ist eine bezeichnung,
die zwar nicht in Rom, aber wol in dem mittelalterlichen Italien ihre
analogie hat, Lorenzo di Cosmo dei Medici, und die pindarischen namen
können wir uns ebenso gut in diese weise umsetzen.
Ueberhaupt ist die gentilicische bezeichnung eigentlich nur eine ver-
kürzte angabe des stammbaumes. der vater ist nur das minimum von dem
was für den freien mann gefordert wird. wie die römische nomenclatur
in den Fasten und der Kaisertitular, wo sie nur kann, noch mehr ahnen
nennt, so fordert Athen von seinen archonten den nachweis des groſs-
vaters und selbst der groſsmutter, vier ahnen, wie noch heute manche
adlichen stifter. auch die inschriften nennen zuweilen den groſsvater35),
und Herodotos gibt z. b. 7, 204 die ganze ahnenreihe von Leonidas bis
Herakles, 5, 59 die von Laios bis Kadmos, und dieselbe fand Sophokles
und sein volk dem stile einer feierlichen proclamation ganz ange-
messen (O. T. 267): seine kritiker freilich dulden das nicht. die euri-
pideischen prologe sind wegen der stammbäume uns langweilig, die
Athener lachen allenfalls darüber, daſs sich die redenden so ausführlich
[185]Geschlechtsnamen.
selbst vorstellen, wie sich Dikaiopolis über die ahnen des Amphitheos
ärgert, aber dieser dingt sich doch den berufenen friedensstifter, und die
prologe haben sich auch behauptet. der Athener hat eben die gesin-
nung des adelsstaates, die uns kaum noch verständlich ist, nie verloren,
und wenn seine demokratie jenen staat zertrümmert hat, so hat sie ge-
rade in der ordnung des namenwesens eine eigentlich gentilicische form
mit viel gröſserer consequenz durchgeführt, als es die zeit je erreicht
hatte, in welcher die geschlechter herrschten.
Aristoteles schildert uns den Areopag vor Solon und unter Solon
mehrfach als die eigentlich maſsgebende behörde, aber in ziemlich all-
gemeinen wendungen, so daſs wir zunächst nicht viel weiter zu kommen
scheinen. die vormacht des Areopages, die er für die jahre 480—462
angibt, ist eine effective, nicht durch eine verfassungsänderung ihm neu
verliehene. Ephialtes nimmt ihm diese macht durch bestimmte gesetze,
ἐπίϑετα
und
πάτϱια.deren stelen die dreiſsig umreiſsen (35, 2): damals sind also ganz be-
stimmte competenzen dem Areopage entzogen. Aristoteles bezeichnet sie
als ἐπίϑετα in übereinstimmung mit der officiellen terminologie1), im
gegensatze zu den πάτϱια, die dem rate blieben, d. h. dem blutgerichte.
daraus ergibt sich zunächst ein vollkommener widerspruch. entweder
Ephialtes hat dem Areopage nur ἐπίϑετα genommen, dann gehörte was
er ihm nahm nicht zu seinen ursprünglichen rechten. er nahm ihm
die eigentlich politische macht: also kann diese nicht ursprünglich ge-
wesen sein, also kann der Areopag nicht φύλαξ καὶ ἐπίσκοπος τῆς
πολιτείας gewesen sein, wie doch cap. 3 u. s. w. steht. oder aber diese
nachricht ist richtig, dann hat Ephialtes dem Areopag πάτϱια und nicht
ἐπίϑετα genommen. von diesem widerspruche können wir den Aristo-
teles nicht befreien. aber wol können wir ihn als einen für die officielle
[187]ἐπίϑετα und πάτϱια.
geschichte Athens schlechthin unvermeidlichen erkennen. die partei des
Ephialtes hat gesiegt, und sie hat selbstverständlich sich nicht selbst als
revolutionär betrachtet, muſste also was sie dem Areopag nahm als von
rechtswegen diesem gar nicht zustehend bezeichnen, so daſs sie nur
einen übergriff beseitigt hätte. aber die consequenz haben sie zunächst
glücklicherweise nicht gehabt, nun auch die ganze geschichtliche tradition
so umzugestalten, daſs der Areopag nur noch als blutgerichtshof in ihr
erschiene. so stellt es zwar 458 der dichter in den Eumeniden dar,
der die stiftung selbst berichtet und nur von dem blutgerichtshof handelt.
und später muſs diese tendenz noch mächtiger geworden sein, sonst
hätte die von Plutarch behandelte streitfrage nicht entstehen können, ob
der Areopag wirklich vorsolnisch wäre.2) aber die Atthis, der Aristoteles
folgt, ist zum glück noch unbefangen genug, die ächte tradition über
die alte zeit festzuhalten, trotzdem sie die officielle version über Ephialtes
auch gibt. den gedanken faſst aber verwirft man bald, daſs etwa der
bericht über das eigentliche gesetz des Ephialtes (25, 2) mit seiner
umgebung aus oligarchischer tendenziöser überlieferung stammte. die
oligarchen hatten ja nicht die entfernteste veranlassung, den Ephialtes
so zu rechtfertigen, wie es die bezeichnung ἐπίϑετα tut; ihre absicht
gieng mindestens dem namen nach darauf, die alte verfassung herzustellen
und die demokratischen neuerungen zu beseitigen. folglich ist diese
terminologie ihrem inhalte nach demokratisch und paſst für die Atthis,
nicht für Theramenes.
Die verfassungsänderungen von 462 haben einen so starken erfolg
gebabt, daſs niemals, selbst nicht von den Dreiſsig, die diese gesetze selbst
beseitigten, ein ernsthafter versuch praktisch gemacht ist, den alten Areopag
wieder herzustellen, wenigstens nicht vor Demetrios von Phaleron. so
ist es denn sehr schwierig zu erkennen, was denn eigentlich in den
gesetzen des Ephialtes gestanden hat, und die directe überlieferung ver-
sagt vollkommen. seit Ephialtes ist der Areopag fast nur noch ein blut-
gerichtshof; vorher hatte er eine in der ganzen politik ausschlaggebende
stellung, aber diese beruhte nicht auf bestimmten gesetzlich fixirten
rechten, konnte ihm also auch nicht durch gesetze direct genommen
werden. genommen müssen ihm die rechte sein, die er von alters her
geübt hatte; aber eben über sie hört man zumeist nur etwas so vages
wie σχεδὸν ἁπάντων κύϱιος, oder φύλαξ καὶ ἐπίσκοπος τῆς πολιτείας.
[188]II. 8. Der Areopag vor Ephialtes.
das kann Ephialtes unmöglich so geändert haben, daſs er lediglich
negativ beantragte, τὴν βουλὴν μὴ εἶναι φύλακα, wol aber kann und
wird er als bleibende dienstinstruction beantragt haben, πεϱὶ δὲ τῶν
φονικῶν δικάζειν τὴν βουλὴν τὴν ἐν Ἀϱείῳ πάηῳ κατὰ τὰ πάτϱια.
das ist auch unvergessen geblieben. im übrigen konnte die neuerung
nur darin bestehen, daſs eine anzahl von obliegenheiten, die bisher der
Areopag gehabt hatte, anderen organen des staates zugewiesen ward. sie
fanden also ihren platz je in den einzelnen dienstinstructionen dieser
organe, und so ist nach der art unserer überlieferung nicht wunderbar,
daſs bald das gedächtnis an den concreten inhalt der gesetze des Ephialtes
völlig verschwunden war. daneben blieb die sehr unbestimmte angabe
der chronik, daſs der Areopag einst Athen beherrscht hätte, und nicht
viel mehr, kaum irgend etwas concretes, weiſs Isokrates im Areopagitikos
zu sagen. es ist immer noch das beste was Aristoteles aus der Atthis ge-
rettet hat, daſs der rat der 500, die volksversammlung und die gerichte
die amtspflichten übernommen hätten, die Ephialtes den Areopage entzog.
damit ist wenigstens eine aussicht gegeben, einiges zu erschlieſsen. denn
wenn wir einerseits die bekannten competenzen dieser organe betrachten,
andererseits was wir dank Aristoteles über die ältere competenz des
Areopages erfahren, so muſs diese vergleichung einigermaſsen lehren,
was er durch Ephialtes und Archestratos eingebüſst hat.
γϱαφαὶ
ἀσεβείαςDie volksgerichte können die entscheidung in einer anzahl von pro-
cessen geerbt haben, die früher der könig vor den Areopag brachte,
namentlich ἀσεβείας, da die streitigkeiten um priestertümer und sporteln
der priester (Ar. 57, 2) wol der könig unmittelbar (αὐτοτελῶς) entschieden
haben wird, und das volksgericht lediglich durch das prinzip der ἔφεσις εἰς
δικαστήϱιον, die provocatio ad iudicium hinzugetreten ist. wenn die
eine art der gottlosigkeit, die in der zerstörung eines heiligen ölbaumes
gefunden ward, dem Areopage immer geblieben ist, so darf man für
ältere zeit ihm diese ganze gattung zuschreiben. die eine singularität blieb
ihm, weil seine aufsicht über die ölbäume nicht angetastet ward. der
Areopag besaſs aber früher auch ein coercitionsrecht über alle ἀκοσμοῦν-
τες (3, 4), also eine unmittelbare sittencontrolle. diese collidirt mit den
thesmothetenprocessen ὕβϱεως μοιχείας u. dgl., deren bedeutung oben
I 247 erörtert ist. indessen möchte ich nicht wagen, diese sachen vor
den Areopag zu ziehen, da ein verkehr irgend eines andern beamten als
des königs mit diesem rate nicht bezeugt ist.
δοκιμασία.Die niederen beamten, d. h. alle mit ausnahme der par excellence
so genannten (und wol der militärischen), wurden in alter zeit vom
[189]δοκιμασία. εἰσαγγελία.
Areopage bestellt. seit Solon werden sie aus einer vorschlagsliste der
phylen erlost, und zur correctur des loses ist die prüfung vor gericht ein-
geführt. nur die archonten und die ratsherren werden vom rate geprüft,
und für die ersteren ist noch eine prüfung vor dem gerichte hinzugefügt.3)
das wird sowol rechtlich wie geschichtlich erst verständlich, wenn man
annimmt, daſs der Areopag die prüfung der übrigen von Solon bis Ephialtes
gehabt hat. dann ist Solons ordnung, oder vielmehr Drakons schon,
nicht ein schwerer eingriff in die macht des Areopages, sondern be-
seitigt nur das willkürprinzip der ernennung durch die erlosung auf
vorschlag und die prüfung durch die behörde, die früher unmittelbar
ernannte.4) der rat unten sollte selbstverständlich von dem oben unab-
hängig sein, besorgte also selbst die prüfung seines nachfolgers. die
archonten aber, die künftigen Areopagiten, unterlagen einer prüfung durch
diesen oberen rat nach ablauf ihres amtes, was nie geändert worden ist:
der Areopag brauchte also verfassungsmäſsig die archonten, die das volk
sich gesetzt hatte, nicht aufzunehmen. um so weniger aber konnte er
sie schon vor dem amtsantritt prüfen. diese prüfung war das recht des
volkes, und seine ausübung fiel passend dem organe des volkes, dem rate
unten zu. so war das weise geordnet. einmal ist dann die prüfung
der beamten überhaupt dem Areopage genommen und den gerichten
gegeben: das kann füglich nur durch Ephialtes oder im anschluſs an seine
reform geschehen sein. die prüfung der archonten aber lieſs man daneben
dem rate: man verlangte noch immer besondere garantien für diese,
und es ist zu bedenken, daſs die herabsetzung des census für dieses
amt mit dem sturze des Areopages zeitlich zusammenfällt: da mochte man
die dokimasie des rates als garantie nicht missen.
Die volksversammlung tut kaum etwas ohne die vermittelung desεἰσαγ-
γελία.
rates, aber sie hat das recht, denuntiationen von ganz besonders staats-
gefährlichen verbrechen anzunehmen und wenn sie auf sie eingeht, an
die gerichte abzugeben, ja in ausnahmefällen selbst zu gerichte zu
[190]II. 8. Der Areopag vor Ephialtes.
sitzen. das gefährliche institut der εἰσαγγελία εἰς τὸν δῆμον hat in
alter zeit die εἰσαγγελία εἰς Ἄϱειον πάγον zum gegenstücke, die sowol
gegen beamtenwillkür galt, wie Drakon es vorgeschrieben hatte (4, 4),
wie gegen hochverrat: gegen diesen schreitet noch in der anekdote von
Themistokles der Areopag ein. dies ist also sicher durch Ephialtes vom
Areopage auf das volk übertragen. dagegen hat das volk allerdings die
beamten auch schon vorher auf seine weise controllirt, durch die ἐπιχει-
ϱοτονία, und hat die macht selbst urteilssprüche abzugeben besessen,
in den formen, welche die feste tagesordnung der versammlungen durch
die anklage wegen ἀπάτη τοῦ δήμου und συκοφαντία bot. so ist
Miltiades 490 gefallen. da haben wir, wie so oft in Athen und im alten
Rom, neben einander stehend dieselbe competenz verschiedener staat-
licher organe.
Der eigentliche erbe des alten rates ward der neue: statt des aus
der magistratur hervorgegangenen senates sollte die vertretung der einzel-
gemeinden die verwaltung führen. klar mit einem worte bezeichnet
würde der inhalt der reform gelautet haben: der Areopag hört auf eine
verwaltungsbehörde zu sein; die geschäfte übernimmt der rat der 500.
aber wir müssen das im einzelnen zu erfassen suchen, entsprechend
dem wie die gesetze nach attischer weise wirklich gelautet haben.
μίσϑωσις
τεμενῶν.Da haben wir gleich eine einzelheit. die verpachtung des heiligen
gutes besorgt der könig, aber er übergibt die pachtverträge dem rate
und dieser besorgt die eincassirung und verrechnung der pachten selbst
oder durch seine beamten, die apodekten (Ar. 47, 4). so war es schon
418. es versteht sich von selbst, daſs der könig früher denjenigen rat
zugezogen hat, dem er vorsitzt; sein verkehr mit dem rate der 500 ist
eine anomalie, die lediglich die rücksicht auf die heiligkeit dieser ein-
nahmen geschaffen hat.
Casse des
Areopages.Die bergwerke waren schon 483 unter der verwaltung des volkes,
was die des rates, der ja die vorschläge für das volk vorberät und formulirt,
in sich schlieſst. es gab ja auch seit Kleisthenes die apodekten. trotzdem
hat 480 der Areopag über sehr bedeutende geldmittel verfügt, da er,
aus eigener initiative oder auf die anregung seines mitgliedes Themistokles
hin, in der lage war, den auswanderern ein zehrgeld zu zahlen (oben
I 140). also hatte der Areopag eine casse und cassenbeamten. er hatte
aber auch nach Solon (8, 4) das recht geldstrafen zu verhängen und
einzuziehen und brachte sie selbst auf die burg, d. h. in die casse der göttin.
zu den uralten behörden gehören die schatzmeister der göttin, die poleten
und die kolakreten. die letzteren verfügen zwar noch in der zweiten
[191]Casse des Areopages. νομοφυλακία.
hälfte des fünften jahrhunderts über so viel geld, daſs ihre casse die
schwere ausgabe für den richtersold getragen hat5), sind aber im organis-
mus des staates nur noch so wenig berechtigt, daſs selbst die reform der
400 sie beseitigen wollte. die schatzmeister und die poleten stehen
später unter der controlle des rates der 500. daraus erschlieſsen wir
mit sicherheit, daſs diese beiden behörden ursprünglich dem alten rate
untergeben waren, der sie ja auch ernannt hatte: die kolakreten aber
waren die einnehmer der alten ratscasse. Kleisthenes hat in den apodekten
10 einnehmer neben die kolakreten, deren zahl wir nicht kennen, gestellt.
die zahl der schatzmeister und poleten ward auch auf 10 gebracht, d. h.
auch sie vertraten nunmehr die neuen phylen. schon damals also ist
eine casse unter verwaltung des rates der 500 gestellt, schon damals der
Areopag, der notwendigerweise aus leuten, die mit der tyrannis mindestens
freundlich gestanden hatten, noch lange jahre vorwiegend bestehen muſste,
stark beschränkt. aber noch standen beide räte nebeneinander: Ephialtes
tat den zweiten wichtigsten schritt und gab die finanzen dem rate der 500;
die kolakreten und somit die vereinnahmung und verrechnung starker
mittel durch den Areopag hat er noch bestehen lassen. daran liegt es,
daſs wir über diese behörde so wenig klar sehn. aber wenn Perikles
den richtersold einführte und seine zahlung der kolakretencasse auferlegte,
so zeigt sich darin eine sehr wirksame beschränkung des Areopages
durch ihn.
Drakon hatte dem Areopage das recht gegeben, die amtsführung derνομοφυ-
λακία.
beamten auf ihre gesetzmäſsigkeit hin zu controlliren, und ihn auch zur
instanz für beschwerden über die beamten gemacht. auch Solon, der
doch dem volke die eigentliche rechenschaftsabnahme, wenn auch noch
nicht den regelmäſsigen logistenprocess, sicherte und durch die epichei-
rotonie und andere mittel die directe beschwerde bei dem volke er-
möglichte, endlich die ἔφεσις εἰς τὸ δικαστήϱιον durchführte, hat den-
noch dem Areopage die sorge für die beobachtung der gesetze gelassen,
die νομοφυλακία. diese hat gar keinen sinn, wenn der Areopag nicht
die möglichkeit hatte einzuschreiten, die beamten vor sich zu fordern
und zu richten. ebenso notwendig folgt aus dieser befugnis, daſs die
bürger beschwerden wider die beamten bei dem Areopage einreichen
konnten. erst hierdurch, aber hierdurch sehr energisch, wird der Areopag
[192]II. 8. Der Areopag vor Ephialtes.
zu dem eigentlichen träger der inneren politik. es liegt so viel darin,
daſs ich voraussehe, die modernen werden sich dagegen sträuben, es
zu glauben; aber die analogie zwingt. der rat der 500 hat ja diese
selbe controlle über alle beamte rechtlich besessen, und auch bei ihm
konnten beschwerden eingereicht werden (45, 2). einen beleg liefert
Lysias wider die kornhändler. natürlich war später auch von der ent-
scheidung des rates appellation an das gericht möglich, ganz wie bei der
dokimasie der archonten. aber daſs von dem urteil von 500 an das von
501, von ratsherrn an richter, d. h. leute die genau eben so qualificirt
und genau eben so gewählt sind, appellirt wird, ist eigentlich in sich
verkehrt, ist prinzipienreiterei, und kann nur als eine ausartung an-
gesehen werden. wenn nun der rat der 500 in der demokratie die
nomophylakie besitzt, der Areopag sie einst besessen hat, so kann man
gar nicht zweifeln, daſs eben diese es gewesen ist, die Ephialtes ihm
genommen hat.
νομο-
ϑεσία.Man hat bei dieser gelegenheit an eine veränderung in der legis-
lative gedacht, hat die γϱαφὴ παϱανόμων herangezogen und noch
anderes vermutet, hatte allerdings auch die auf keinen geringeren als
Philochoros gestellte überlieferung, daſs zum ersatze für den Areopag
eine besondere behörde von νομοφύλακες eingesetzt wäre.6) dies letztere
ist durch das schweigen des Aristoteles, so wenig das im ganzen be-
deutet, und durch die in einem falle (fgm. 6) nunmehr erwiesene unzu-
verlässigkeit des lexicons, das uns die angeblich philochoreische notiz
[193]νομοϑεσία.
gerettet hat, beseitigt. es beruhte aber auch alles auf ungenügender
einsicht in das attische staatswesen.
Formal ist zwischen einem volksbeschlusse und einem gesetze gar
kein unterschied. was das volk beschlieſst, ist recht und ist gesetz.
ein jeder volksbeschluſs schafft neues recht; er darf nur nicht implicite
altes recht umstoſsen und muſs selbst auf gesetzmäſsigem wege zu
stande gekommen sein. darin liegt, daſs der rat unter allen umständen
über den gegenstand verhandelt haben muſs, mindestens so weit, daſs
er ihn auf die tagesordnung gesetzt hat.7) in den meisten fällen ist
ein einzelner antragsteller vorhanden, sei es daſs er ratsherr ist, sei es
daſs er, dann aber im anschluſs an eine ratsvorlage, im volke seinen
antrag durchgesetzt hat. daneben erscheinen im fünften jahrhundert
ad hoc eingesetzte commissionen, συγγϱαφῆς. so redet man denn von
gesetzen des Perikles, Archestratos, Kannonos, und besitzen wir in dem
s. g. eleusinischen psephisma ein gesetz, das zur gröſseren hälfte von
einer commission ausgearbeitet ist, aber einen nachtrag enthält, den
Lampon vor dem volke durchgebracht hat. das volk, das selbst all-
jährlich die gesetze neu beschwört, die es sich gegeben hat, sichert
diese vor verletzung und sich selbst dagegen, daſs es sie nicht un-
wissentlich verletzt, durch die klage παϱανόμων. diese gilt wesentlich
den antragstellern im rate und volke, ist aber auch einer commission
gegenüber denkbar, die einen antrag stellte. sie gehört mit ihrer
schwester, der klage ein schädliches gesetz gegeben zu haben, und den
klagen wegen amtsmisbrauch wider die vorsitzenden des rates und volkes
vor die thesmotheten (59, 2). die eidliche versicherung, sie erheben
zu wollen (ὑπωμοσία), muſste in der versammlung geleistet werden und
besaſs dann suspensive kraft. jeder bürger, der ja jedes unrecht (παϱά-
νομον) das irgend wem geschah zu ahnden berechtigt war (τιμωϱεῖν
τῷ ἀδικουμένῳ), hatte vollends das recht den geschädigten gesetzen bei-
zustehen. er tat das wie immer so auch hier durch die anrufung des
gerichtes, das hieſs, er belangte den schuldigen bei den thesmotheten.
dies tun zu wollen, erklärte er vor dem volke. das ist die ὑπωμοσία,
ein analogon zur ἀφαίϱεσις εἰς ἐλευϑεϱίαν. es ist gar nicht anders
denkbar, als daſs dieses recht, sogar schon in dieser form, bestanden
haben muſs, seit es rat und volk gab: war doch ein hauptanlaſs zu
klagen wegen gesetzwidrigkeit der, daſs der vorbereitende ratsbeschluſs
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 13
[194]II. 8. Der Areopag vor Ephialtes.
fehlte (45, 4). das war in anbetracht der sehr ausgedehnten zulassung
von amendements oft gar keine einfache frage. solonisch ist die klage
also mindestens. aber um so deutlicher wird, daſs sie mit dem Areopage
trotz seiner gesetzescontrolle nichts zu tun hat. sie geht eben an die
‘rechtssetzer’, die die gesetze aufzuzeichnen und zu bewahren haben,
also die berufenen richter darüber sind, ob ein antrag mit diesen in
widerspruch stehe. die thesmotheten haben darüber ehedem selbst,
später unter zuziehung eines volksgerichtes entschieden: das entspricht
der allgemeinen rechtsentwickelung. eine beteiligung des Areopages
ist schon deshalb nicht denkbar, weil er, um einen gesetzwidrigen be-
schluſs zu hindern, eine controlle der volksversammlung hätte ausüben
müssen, d. h. eine controlle des souveränes.
Damit sind die gesetze gegen die willkür der einzelnen oder auch
des volkes geschützt. um so dringender wird die frage, wie konnten
sie denn überhaupt geändert werden, wie hat Ephialtes selbst seine
anträge durchgebracht, die die ganze verfassung umgestaltet haben?
das ist geschehen durch die ἐπιχειϱοτονία νόμων. seit Schöll das
document gerechtfertigt hat, das in der Timokratea 20—23 steht, dürfen
wir nach dieser analogie für das fünfte jahrhundert annehmen, daſs in
der ersten volksversammlung jedes jahres die gesetze selbst beraten
wurden, d. h. die anträge auf abänderung des geltenden rechtes einge-
bracht werden muſsten. wie dann das volk über die behandlung ent-
schied, ob es die anträge a limine abwies oder dem rate oder einer
commission zur beratung übergab (von der überweisung an ein gericht,
was die νομοϑέται der Timokratea tatsächlich sind, kenne ich kein
beispiel aus dem fünften jahrhundert), das stand bei dem volke, das
nach dieser vorberatung abstimmte, genau eben so wie über jeden antrag.
die sache ist einfach und verständig geordnet, aber für den Areopag
ist kein platz. unsere geschichtliche überlieferung zeigt ihn auch nie-
mals mitwirkend bei verfassungsänderungen.
Also die dokimasie der beamten hat der Areopag an die gerichte,
die annahme der eisangelieen an das volk, die nomophylakie und über-
haupt die verwaltung an den rat der 500 verloren.
Polizei-
gewalt.Die anekdote von Themistokles und Ephialtes zeigt ihn uns aber
auch im besitze des rechtes, einen bürger zu verhaften. dies gehört mit
zu dem allgemeinen aufsichts- und strafrecht, das der Areopag von der
urzeit her besaſs. er übt es in der anekdote auf den antrag eines
mitgliedes, das ein staatsgefährliches complott entdeckt haben wollte.
er ist aber ohne zweifel auch auf grund der meldungen von executiv-
[195]Polizeigewalt. macht des rates der 500.
beamten eingeschritten, deren competenz über die verhängung niedriger
geldstrafen nicht hinausgieng. denn wenn wir nach dem gesetze Lampons
den könig eine meldung an den rat erstatten sehen, damit dieser eine
polizeiliche contravention stärker ahnde, als der könig selbst kann (CIA IV
p. 61), so fordert die logik, daſs ehedem in solchen fällen der könig an
den Areopag gegangen ist. diese ganze strafgewalt hat der Areopag
durch Ephialtes bis auf rudimente, wie die sorge für die ölbäume, ver-
loren. das geschah in consequenz seines verlustes der nomophylakie;
es brauchte kaum ausdrücklich beseitigt zu werden.
Der rat der oligarchie hat sowol 411 wie 404 die volle gerichts-Macht des
rates der
500.
hoheit selbst über leben und tod ausgeübt, und niemand hat ihm daraus
den vorwurf eines übergriffes gemacht. schon daraus folgt, daſs die
Athener des fünften jahrhunderts mit dem begriffe des rates den besitz
dieser vollen gewalt verbanden, die keiner ihrer beamten, selbst der
feldherr nicht, besaſs. die Thesmophoriazusen zeigen den prytanen, der
den rat vertritt, wie er einen Athener in den block spannen läſst; es
hat eine meldung genügt, um die polizei zu so scharfer maſsregel zu
bringen. die verhaftung erlaubt sich der rat auch 406, sogar gegen die
feldherrn (Xen. Hell. I 7, 3). vor der verhängung der todesstrafe scheute
er bei dieser gelegenheit zurück, und so auch der rat des nächsten
jahres, als er den Kleophon verhaftete (Lys. 30, 11).8) das formelle
recht aber besaſs er ohne zweifel.9) er besaſs es auch nach der her-
stellung der demokratie. 403 hat er auf den antrag des Archinos ein
todesurteil sogar ohne gerichtsverhandlung vollstrecken lassen (41, 2).
damals war die demokratie noch beschränkt, aber in dem ratseide stand
auch später οὐ δέξομαι ἔνδειξιν οὐδὲ ἀπαγωγὴν ἕνεκα τῶν πϱότεϱον
γεγενημένων πλὴν τῶν φυγόντων (Andok. 1, 91). es gab also noch
13*
[196]II. 8. Der Areopag von Ephialtes.
eine ἀπαγωγὴ πϱὸς βουλήν, und wenn einer der verbannten Dreiſsig
so abgeführt ward, konnte das nur geschehen, damit der rat ihn seiner
verwirkten strafe überantwortete. ja noch 386 wird im rate der antrag
gestellt, daſs eine gesellschaft von kornhändlern, allerdings metöken,
ohne gericht den elf zur hinrichtung übergeben werden sollten (Lys. 22, 2).
dagegen 352 kann der demokratische stolz schon behaupten, daſs Solon
dem rate nicht erlaubt habe einen Athener zu verhaften (Demosth. 24,
144—147). damals stand in dem eide, daſs der rat haft nur über einen
hochverräter (wider das vaterland oder die demokratie) oder einen säu-
migen steuerpächter verhängen dürfte. die ersten waren dem strengen
rechte nach vogelfrei, und das recht die steuerpächter zu verhaften be-
zeugt noch Aristoteles ausdrücklich (48, 1, vgl. Andok. 1, 93). damit
haben wir wenigstens einigermaſsen die zeit der reform bestimmt, die
den rat in seiner selbständigkeit beschränkt hat, so daſs er auſser der
auferlegung einer geldstrafe bis zu einer bestimmten höhe (der ἐπιβολή)
nur ein vorurteil (κατάγνωσις) oder einen antrag auf höhere geldstrafe,
eine ‘zusatzstrafe’ (ἐπιζημίωσις 45, 1; das wort ist dafür gebildet) fassen
konnte, das urteil aber natürlich in voller freiheit der schätzung bei
dem gerichte stand, das die thesmotheten auch schon früher in den
fällen, wo der rat nicht selbst entscheiden mochte, zu berufen gehabt
hatten. Aristoteles würde die zeit vielleicht selbst uns noch genauer
angeben, wenn nicht der anfang seiner erzählung verloren wäre. da
berichtete er den specialfall, der den rat um seine macht gebracht
hat. als ein gewisser Lysimachos, dessen vollen namen wir in folge
der textverderbnis auch nicht mehr kennen, schon da saſs um den
streich des henkers zu empfangen10), übte Eumelides von Alopeke11) das
[197]Macht des rates der 500. abschluſs.
demokratische recht der intercessio und provocatio ad iudicium, und das
volk änderte die gesetze. die geschichte hat offenbar jemand aufge-
zeichnet, dem sie noch ganz frisch im gedächtnisse war; Androtion,
dem Demosthenes seine grausamen polizeimaſsregeln so schwer zum
verbrechen macht, kannte das landrecht besser als der advocat. Ari-
stoteles aber erzählt das ganze nach, weil es ein guter beleg für seinen
allgemeinen satz ist, daſs das volk sich zu ungunsten des rates immer
mehr der verwaltung bemächtigt hat. hier geht uns die folgerung an,
daſs dieses recht des rates der 500 notwendigerweise auch dem Areo-
page gehört hat, so lange er mit der verwaltung zu tun hatte.
Es ist aber gut das capitel 45 überhaupt zu betrachten, in dem die
rechte des rates aufgezählt werden, die er nur noch verkümmert besaſs.
das ist erstens das eben besprochene, an geld freiheit und leben zu
strafen, zweitens die controlle und aburteilung der beamten, vornehm-
lich der finanzbeamten, drittens die annahme und erledigung von be-
schwerden privater über die beamten, viertens die dokimasie der rats-
herrn und archonten.
Übertragen wir das auf den Areopag, so kam ihm bis auf Ephialtes
1—3 ganz zu, 4 für alle übrigen losbeamten. was der rat der 500 im
vierten jahrhundert verloren hat, hatte er im fünften zum guten teile
dem Areopage abgewonnen.
Wir finden in der zeit des Aristoteles selbst den rat der 500 schonAbschluſs.
beschränkt, allein dessen machtfülle tritt uns doch noch in so vielen
lebendigen betätigungen entgegen, und die überlieferung gibt auch an-
11)
[198]II. 8. Der Areopag von Ephialtes.
halt genug, seine alte macht zu erkennen; ist er doch im fünften jahr-
hundert der wirkliche träger des regimentes, und das volk scheut sich
nicht, ihm in der angst vor der tyrannis 416 die dictatur zu über-
tragen (Andok. 1, 15), was dem entsprechend fünf jahre später dem
oligarchischen rate der 400 zugestanden wird. diese zeit hat vom Areo-
page viel weniger gehalten als die von 338 und 318, wie sie ja auch
von Solon viel weniger hielt. es ist bezeichnend, daſs der Areopag bei
Thukydides gar nicht, bei Herodotos nur als ortsname vorkommt und
die sagen der Atthis schlechthin nur den gerichtshof angehn. die bedeu-
tende macht des Areopagitenrates und die kämpfe, die zu seiner besei-
tigung nötig gewesen waren, muſsten erst vergessen sein, damit er mit
der aureole der guten alten zeit umkleidet würde. worin bis auf Ephialtes
die macht gelegen hatte, war, wie sich gezeigt hat, gar nicht so schwer
zu finden. welche einzelnen stücke von Ephialtes 462 beseitigt sind,
welche von seinem demokratischen nachfolger, um welche von ihnen so
leidenschaftlich gestritten ward, das ist dagegen die entwickelung des rechtes
auſser stande zu ergänzen. weit schwieriger als zu sagen, was vor 462
der Areopag war, ist es, zu sagen, was der rat der 500 und gar der
der 400 seit Drakon war. der der 500 hat wenigstens einen teil der
finanzen unter sich gehabt und seit Themistokles die sorge für die flotte;
auſserdem gehört die vorbereitung der volksbeschlüsse, also die legislative
im weitesten sinne, und die vertretung des souveränen volkes nach auſsen,
mithin die äuſsere politik, so weit sie in Athen gemacht wird, dem rate
an. das ist etwas und für die zeit um 600 genug. aber es ist wol
wahrscheinlich, daſs die demokratie seit 507, die den ratseid einführte,
ihm also die wahrung der demokratie ans herz legte, einen teil der poli-
zeilichen gewalt, der nomophylakie, die der Areopag besaſs, dem volks-
rate auch verliehen hat. die zwei räte, ein patricischer und ein plebe-
jischer, so zu sagen, standen doch schon nebeneinander; die geschicht-
liche entwickelung muſste die macht des letztern immer mehr steigern;
eine weile giengen beide neben einander her, dann kam der unvermeid-
liche conflict, dessen ausgang nicht minder unvermeidlich war.
So verwegen das auch sein mag, man kann doch nicht umhin, auch
über die zeit nachzudenken, wo nur ein rat in Athen bestand. von
seiner tätigkeit als rat erfahren wir nur durch die wenigen sätze der
Politie etwas, insbesondere daſs er die niederen ämter besetzte, die
cura legum et morum übte, und aus den gewesenen beamten bestand.
dies letzte kann erst seit 683 gelten, wo jedes jahr neun Areopagiten
schuf. über die ältere zeit hat man also nichts gewuſst. das gericht
[199]Abschluſs.
wird in den sagen auf die urzeit zurückgeführt, und Aischylos läſst Athena
die Areopagiten auswählen. es geht aber nicht an, daraus das recht der
lectio senatus für den könig abzuleiten, denn einmal stand der dichter
unter dem zwange der poetischen erfindung, und dann ist es ihm viel-
mehr um die einsetzung des geschwornengerichtes überhaupt zu tun als
um die stiftung der βουλή. der streit der götter um Athen ist in der
Atthis auch in die form einer διαδικασία γεϱῶν vor dem könige ge-
kleidet, und da erfolgt die entscheidung gar durch ein plebiscit des ganzen
volkes. die frage spitzt sich nun so zu: ist die richterliche tätigkeit
wirklich das prius, so daſs der beirat des königs in den schwersten
mordsachen allmählich die macht eines rates gewonnen hat, oder ist dem
rate schlieſslich nur diese richterliche function geblieben. schon die
analogie der reform von 462 spricht für dies letztere. aber die sagen
von Orestes und Halirrhothios gehen φόνος δίκαιος an, die von Prokris
φόνος ἀκούσιος. diese sachen, die doch in der sage vom Areopage ent-
schieden werden, sind seit Drakon dem könige unter dem beirate von 51
adlichen richtern überantwortet und werden an andern heiligen stätten
verhandelt. darin kann weder eine neuerung erst des Drakon erblickt
werden, noch ist es irgend glaublich, daſs das ausgehende siebente jahr-
hundert erst die richtstätten des Delphinion und Palladion aufgebracht hätte.
in diesen sagen kann somit der Areopag nicht den ort bezeichnen, wo
gerichtet ward, sondern nur die richter. mit andern worten, die sagen
bezeugen einen zustand, wo Areopagiten überhaupt die blutsachen neben
dem könige entschieden, einerlei an welchem flecke. daſs 51 epheten
in den leichteren fällen für die Areopagiten eintreten, ist dem gegen-
über eine neuerung, sei es dazu bestimmt, den Areopagitenrat zu ent-
lasten, sei es (was wol jeder vorziehen wird) eine beschränkung seiner
allgewalt. die einsetzung der thesmotheten und die aufzeichnung erst
einzelner ϑέσμια, dann aller ϑεσμοί, dient demselben zwecke. wir er-
reichen so eine zeit, wo der Areopag unter vorsitz des königs alle blut-
sachen entschied, und diese zeit ist zugleich die, wo er unmöglich aus
den gewesenen beamten bestehen konnte. das local des Areshügels ist
wichtig nur als distinctivum für die mordsachen, weil sie je nach ihrer
qualification an verschiedenen localen zur aburteilung kamen, und nur
bei dieser gelegenheit und in diesem sinne ist eine erwähnung des
Areopages in Solons gesetzen (axon 13, 8) nachgewiesen. wenn gleichwol
der rat nach dem hügel heiſst, und eine formel wie ἀναβαίνειν εἰς
Ἄϱειον πάγον (z. b. Ar. 60, 3) für den eintritt in den rat besteht, so folgt
daraus, daſs sein amtslocal auf dem hügel des Ares in connex mit dem
[200]II. 8. Der Areopag von Ephialtes.
Arestempel lag, aber unmöglich kann die terminologie ἡ βουλὴ ἡ ἐξ
Ἀϱείου πάγου aufgekommen sein, ehe eine andere βουλή die unter-
scheidung nötig machte; die anrede ὦ βουλή an den Areopag ist geblieben.
vordrakontische gesetze können, falls sie nicht das blutrecht angiengen,
unmöglich anders als einfach von der βουλή geredet haben. es ist nicht
wunderbar, daſs man sie später verkannte und den Areopag vermiſste.
die bezeichnung nach dem hügel ist in wahrheit secundär. da stehn
wir wieder vor einer alternative, entweder ist ein Arestempel errichtet,
wo das rathaus war, weil der rat über blut richtete, oder der rat hat
sich sein haus da gebaut, wo er über blut richten muſste. auch hier
ist die entscheidung nicht zweifelhaft. die religion, die λίϑοι ὕβϱεως
καὶ ἀναιδείας, sind das ältere. das scheint dem blutgerichtshofe doch
das prius zu vindiciren. allein es scheint nur so. freilich ist der er-
satz der blutrache durch die strafe des staates ein ungemein wichtiger
schritt, und die gesellschaft hat die entscheidung nicht in die hand des
einzelnen, des königs, legen wollen, sondern ein gericht von standes-
genossen gefordert. die religion hat dieses gericht an bestimmte hei-
lige stätten gewiesen. aber zu einem ständigen gerichtshofe, zu einer
behörde, einer βουλή führt das nicht. wenn die βουλή in Athen dieses
wichtige gericht übernommen hat, so mag sie ihr amtslocal mit rück-
sicht auf eine gerichtsstätte gewählt haben, deren lage im verhältnis
zu den andern amtshäusern bequem war, aber sie war vorhanden und
angesehen, ehe die blutrache beseitigt ward. Agamemnon und Alkinoos
haben ihre βουλή bei Homer, bei dem doch von einem blutgerichte
nichts zu finden ist. der rat, der die magistratur durch seine euthyna
gebändigt hat, ist notwendiger weise eine so alte institution, daſs wir
uns Athen ohne ihn gar nicht zu denken vermögen, so wenig wie Sparta
ohne die geronten. aber über seine zusammensetzung, ob durch beru-
fung des königs auf lebenszeit oder durch volkswahl oder durch ge-
schlechtervertretung, können wir nichts wissen. wenn er einstmals dem
könige zur seite getreten ist, wenn er die willkür der einzelnen be-
amten gebändigt hat, so ist er einstmals der träger des fortschritts zur
demokratie gewesen, die 462 in ihm ihren hemmschuh sah. er ist der
vorgänger des rates der 400 und 500 gewesen, seit wann? seit Kekrops:
wir haben keine andere antwort als die Atthis. was ihm nach 462
geblieben ist, entspricht dem was dem könige geblieben ist: wie der
könig nicht zuerst ein priester war, ist auch der rat nicht von anfang
ein religiöses tribunal gewesen.
Aus seiner oligarchischen quelle hat Aristoteles die specificirte be-20000 kost-
gänger des
Reiches.
rechnung herübergenommen, daſs in Athen 20000 bürger ihren unterhalt
durch den staat fanden (24, 3 vgl. I s. 153). er hat dabei vieles einfach
hingestellt was im fünften jahrhundert unmittelbar verständlich war,
aber zum teil uns selbst zweifelhaft bleibt, die wir doch die älteren insti-
tutionen besser kennen als die Athener der demosthenischen zeit. er-
schwert wird das urteil durch die verderbnisse und lücken des textes;
aber die rechnung ist so merkwürdig, daſs ein versuch gemacht werden
muſs. bequemer ist es freilich, das ganze als ungereimt wegzuwerfen.
Die erste reihe von zahlen ist heil und verständlich; 6000 richter,
1600 schützen, 1200 reiter, 500 ratsherren, 500 werftwächter, 50 burg-
wächter. die posten steigen vom höheren zum niederen herab und
ergeben 9850 mann. die schützen und die reiter beziffert auch Thuky-
dides (2, 13) so hoch; es ist die etatsmäſsige stärke dieser stehenden
truppen. 1200 reiter schlieſst, wie Thukydides genauer angibt, die
(selbstverständlich bürgerlichen) schützen zu pferde ein; später hat Athen
niemals wieder eine so starke cavallerie gehabt, früher aber, als es drei
hipparchen gab (CIA IV p. 184) vielleicht eine noch höhere. die schützen
sind von uns früher mit den gekauften Skythen notwendig verwechselt
worden, weil das vierte jahrhundert diese stehende truppe des bürger-
heeres nicht mehr kennt; aber jetzt sind die inschriftlichen belege nicht
mehr vereinzelt.1) die theten haben also zu Perikles zeit ihre den vor-
[202]II. 9. 3000 hopliten von Acharnai.
nehmen rittern analoge militärische vertretung gefunden; wir werden
nunmehr keine veranlassung haben bei militärischen operationen unter
schützen andere als die bürgerlichen zu verstehen2); geleistet hat die
truppe wenig. neu sind für uns die werftwächter, die mit den νεωϱοί,
später νεωϱίων ἐπιμεληταί nicht verwechselt werden dürfen.3) da über
400 trieren in den docks lagen, was eine entsprechende ausdehnung
der arsenale fordert, so war eine starke wache allerdings nötig, aber
die 500 repraesentiren eine garnison der hafenstadt. das war eine sehr
angemessene einrichtung; in der demosthenischen zeit commandiren im
hafen zwei strategen und ist die caserne der epheben dort, in der wol
vorher φϱουϱοί gelegen haben werden (oben I 198). die burgwache ist
ebenfalls neu; wir kennen sie sonst erst aus viel späterer zeit.4) aber
die schätze und cassen der burg forderten sie eigentlich notwendig.5)
Die zweite kategorie bilden die beamten, 700 in Attika; die zahl
der ὑπεϱόϱιοι, wie mit dem terminus des fünften jahrhunderts gesagt
[203]20000 kostgänger des Reiches.
wird6), ist verdorben: denn daſs nicht zwei gleiche zahlen mit μέν und
δέ einander gegenübergestellt werden können, sollte sich jeder selbst
sagen. obwol die beamten dem namen nach für unbesoldet gelten,
rechnet dieser schriftsteller ganz unbefangen mit dem grundsatze, daſs
das amt den mann nährt (vgl. I s. 196). die zahl scheint ungeheuer.
ich lege eine berechnung vor, obwol das ergebnis unbefriedigend ist,
weil ich von mir selbst weiſs, daſs man gewöhnt ist, zu niedrig zu
rechnen. dreiſsiger collegien gibt es für demenrichter und logisten; als
drittes können hellenotamien mit beisitzern zutreten, denn nach der ana-
logie von archonten und euthynen dürfen auf einen hellenotamias zwei
beisitzer gerechnet werden. zehnercollegien sind es mindestens 14 (στϱα-
τηγοί, ταξίαϱχοι, φύλαϱχοι, ταμίαι τῆς ϑεοῦ, ταμίαι τῶν ἄλλων ϑεῶν,
ἀγοϱανόμοι, ἀστυνόμοι, σιτοφύλακες, νεωϱοί, ἱεϱῶν ἐπισκευασταί,
ἀποδέκται, πωληταί, πϱάκτοϱες, ἱεϱοποιοὶ εἰς ἐνιαυτόν), 9 archonten
mit 1 schreiber, 6 beisitzern, 1 herold und 1 pfeifer, 11 ἕνδεκα, 1 (oder 2)
schreiber, 2 hipparchen, κωλακϱέται, εἰσαγωγῆς, ναυτοδίκαι in un-
bestimmter zahl. dazu der ganze troſs von ὑπηϱέται bürgerlichen stan-
des, herolde, schreiber, unterschreiber. gerade diese besoldeten sub-
alternen beamten durften in dieser berechnung nicht fehlen. und welche
behörde wäre ohne ein bureau gewesen? daſs eine schäfzung der bisher
aufgezählten auf 350 unter dem effectivbestande bleibt, ist mir nicht
zweifelhaft. gar nicht in anschlag gebracht sind bisher die offiziere der
flotte. einstellen müssen wir mindesten 30 trittyarchen, die vielleicht
besser überhaupt als beamte gezählt würden. den befehl auf der galeere
führt der trierarch. es ist wahr, die trierarchie ist eine last, aber sie
ist dennoch ein amt, und die oligarchen rechnen den trierarchen unter
die beamten, die von den bündnern geehrt werden (Πολ. Αϑ. 1, 18):
das konnte auch mit geschenken geschehen, durch ein ϑεϱαπεύειν, wie
die Lesbier sagen (Thuk. 3, 11) und wie es Alkibiades an den Olym-
pien 420 vor allen Hellenen erfuhr. wer also eine möglichst hohe ziffer
zu erzielen suchte, konnte die trierarchen unter die beamten, die von
den bündnern lebten, recht gut zählen. es waren ihrer 400 ([Xen.]
Πολ. Αϑ. 3, 4), von denen nur ein kleiner teil alljährlich verwen-
dung fand. aber wir dürfen auch nicht alle einrechnen, sonst wird die
zahl 700 überschritten. ferner sind alle cultusbeamten bisher unge-
rechnet. das priestertum der staatlich anerkannten culte nährt seinen
[204]II. 9. 3000 hopliten von Acharnai.
mann: in Asien hat man vieler orten die pfründen an den meistbietenden
vergeben. aber das ist allerdings eine betrachtungsweise, die dem Athener
fern liegt. dagegen solche commissionen wie die verwaltung des eleu-
sinischen tempels können gar nicht auſser betracht gelassen sein. ἐπι-
μεληταὶ μυστηϱίων, Διονυσίων, ἀϑλοϑέται, auch wol βοῶναι πϱοϑέν-
ται οἰνόπται fungiren nur eine beschränkte zeit, die verschiedenen
ἱεϱοποιοί sind aus den richtern genommen (oben I 201. 233), also in der
zahl 6000 bereits einbegriffen: aber wie sollen wir den grad der genauig-
keit und ehrlichkeit in einer solchen rechnung abschätzen? endlich sind
die gemeindebeamten ἀϱχαί; rechnen wir auch nur den demarchen und
einen schatzmeister [auf] den demos, so sind gleich wieder nah an 300
mann da. die phylen haben auch vermögen im inlande; in den kleru-
chien, selbst auf Samos besitzen sie grundstücke, etwas laufende arbeit
hat auch ihr vorstand. ob dieser schriftsteller ihn unter die ἀϱχαί ge-
rechnet hat, ist gänzlich ungewiſs: aber wie immer er gerechnet hat,
700 beamte konnte er ganz ohne übertreibung herausbekommen. selbst-
verwaltung braucht nun einmal sehr viel menschen, weil sie nebenher
alle mehr oder weniger privatgeschäfte zu besorgen haben. wenn wir
den jährlichen menschenbedarf für die verwaltung Athens schätzen, also
den rat mitzählen, die Areopagiten auch, aber die richter nicht, so sind
1200 eher zu tief als zu hoch gegriffen.
Die ἀϱχαὶ ὑπεϱόϱιοι sind die vögte in den kleruchien und ab-
hängigen städten, φϱούϱαϱχοι, ἐπίσκοποι, ἐπιμεληταί, ἐκλογῆς, Ἑλλη-
σποντοφύλακες, die delischen amphiktionen, ἄϱχων ἐς Σαλαμῖνα u. s. w.
die können wir gar nicht schätzen, aber wenn 700 eine viel zu hohe zahl
für sie ist, so sind es doch wieder ein par hunderte gewesen.
Darauf wird mit einem im einzelnen entstellten satze der übergang
zu der zeit gemacht, wo Athen gegen den jährlichen tribut den städten
das militär abnahm. der übergang war nötig, weil der verfasser die
rechnung an den namen des Aristeides anknüpfte; in wahrheit ist die
beschönigung schwach, denn auch die vorigen posten sind auf die spätere
zeit berechnet, etwa 445—432. da es sich nun um das ordinarium
handelt, kann von kriegszeiten nicht die rede sein. der erste posten
2500 hopliten muſs also alljährlich verwendung finden und tut das auch:
es sind die garnisonen, die unter den φϱούϱαϱχοι stehen, in Thrakien,
am Hellespont, in manchen städten Asiens, in Naupaktos u. s. w. auch
die garnisonen der attischen grenzfestungen dürften hier eingerechnet
sein. dann erscheinen schiffe, 20 wachtschiffe, von denen wir zwei der
milesischen station speciell kennen (CIA IV p. 6), und die schiffe für
[205]20000 kostgänger des Reiches.
die abholung der tribute. wir haben bisher den fehler gemacht, an den
transport dieser hohen summen gar nicht zu denken, da sie, wie sich
gebührte, von gesandtschaften der städte in Athen an die hellenotamien
gezahlt wurden. das war gedankenlos; denn mit 10 talenten im koffer
reist ein gesandter unsicher, und die talente mit ihm auch nicht immer
sicher. es entspricht der tüchtigen Reichsverwaltung, daſs sie, wenn im
frühjahre das meer aufgieng, ein par kriegsschiffe mobil machte und in
die provinzen schickte um die gesandtschaften sammt den fälligen tributen
zu holen. das erscheinen des schiffes beförderte ohne frage die geneigt-
heit zu zahlen, verspätungen und unglücksfälle des transportes wurden
vermieden, und es machte sich noch dazu sehr vornehm, wenn die ge-
sandten auf den galeeren des vororts befördert wurden. ihre anwesen-
heit an den städtischen Dionysien und die procession, bei der die gelder
selbst als ein zwar profanes aber sehr eindrucksvolles stück paradirten,
gehört in die selbe richtungslinie der politik. was trotzdem an tributen
rückständig blieb, ward im laufe des sommers durch νῆες ἀϱγυϱολόγοι
eingetrieben, was denn schon den minder freundlichen charakter der
execution trug.
Die zahl dieser schiffe ist schon von einer lücke in der handschrift
verschlungen, und es folgte ein accusativ, der schlechterdings nicht con-
struirt werden kann7), 2000 ausgeloste bürger. die erlosung ist für mili-
tärische verwendung seltsam; andererseits müſste man eine sehr beträcht-
liche lücke annehmen, wenn die 2000 nicht mehr unter die militärischen
institutionen fallen sollten, und man möchte auch neben 2500 hopliten
eine entsprechende beteiligung von theten erwarten. wenn die phyle oder
ihre demen für 200 stellen, deren obliegenheiten keine besondere mili-
tärische ausbildung forderten, candidaten präsentirten, aus denen dann die
losung vorgenommen ward, wie später für ratsherren und wächter, so
[206]II. 9. 3000 hopliten von Acharnai.
wäre das wol denkbar. die berechnung aus der zahl versagt. denn daſs
20 wachtschiffe 4000 ruderer, zu denen dann noch die soldaten kommen
müſsten, ergeben sollten, würde voraussetzen, daſs wie auf der Paralos und
Salaminia nur bürger auf ihnen gerudert hätten. das ist weder bezeugt
noch glaublich. so müssen wir uns eingestehen, daſs wir immer noch
nicht genug von dem verhältnissen des fünften jahrhunderts wissen, um
von ‘2000 ausgelosten männern’ zu sagen wer sie sind.8) damit ist zu-
gleich eingestanden, daſs die aufstellung der 20000 soldempfänger nicht
ganz nachgerechnet werden kann. immerhin darf dieser posten, die all-
jährlich für militärische zwecke in friedenszeiten tätigen, auf 6000 mann
veranschlagt werden.
Der letzte abschnitt umfaſst die staatspensionäre, die ἐν πϱυτανείῳ
σιτούμενοι und die waisen der im kriege gefallenen, zu denen wir
die arbeitsunfähigen fügen können, die der verfasser vergessen hat (oben
I 213)9), und die wächter der kriegsgefangenen oder sonst internirten10).
eine zahl ist für diese classe nicht angegeben und ist auch für uns
unerreichbar. das hindert nicht, daſs wir dem verfasser das zeugnis
der glaubwürdigkeit für seine einzelnen posten zugestehn. verwerflich
ist nur seine tendenz, in diesen 20000 kostgänger des Reiches zu er-
blicken, da der überwiegend gröſsere teil für seinen sold, so er den
erhielt, auch etwas leistete; ganz abgesehen davon daſs die ganze summe
nicht jahraus jahrein in dem genusse ihrer bezüge war. sie sollen sie
ἀπὸ τῶν φόϱων καὶ τῶν τελῶν καὶ τῶν συμμάχων erhalten haben.
davon haben wir das letzte glied getilgt, weil die bündner auch den
tribut ganz und die zölle zum groſsen teile zahlen. aber es ist richtig.
[207]20000 kostgänger des Reiches. stärke der athenischen bürgerschaft.
die garnisonen Athens in den städten werden ihren sold ganz gewiſs
nicht aus Athen nachgeschickt noch überhaupt aus anderen mitteln
erhalten haben als von den städten selbst, die sie bewachten.11) und
das geld der bündner, das in die hände der von Athen ausfahrenden
beamten geht, oder das die rechtssuchenden in Athen etwa an die
herolde zahlen ([Xen.] Πολ. Αϑ. 1, 18), macht nicht den umweg durch
die attische Reichscasse. alle ‘ehrenämter’ konnten in dieser liste nur
stehn, wenn sie ‘nebeneinnahmen brachten.’
Wir teilen die parteitendenz des Theramenes nicht, seine angabeStärke der
athenischen
bürger-
schaft.
dient uns vielmehr dazu, die gröſse der leistungen der Athener und die
stärke ihrer bürgerschaft zu schätzen. 1600 schützen, 1200 reiter12),
6000 hopliten und flottenmannschaften, 500 ratsherren, 1000 weitere
beamte sind jahr für jahr zur regelmäſsigen verwaltung herangezogen:
das macht 10300, sagen wir 10000. richter sind 6000 ausgelost, die
auch die meisten werkeltage im öffentlichen dienste stehn. wie sollen
wir das verhältnis dieser 16000 zu der gesammtbürgerschaft ansetzen?
es ist noch nicht lange her, daſs sie im ganzen ziemlich eben so hoch ver-
anschlagt worden ist, und wer hoch greift, geht auch jetzt noch nicht leicht
über 30—35000 köpfe. ich halte es für ganz illusorisch mit statistischen
wahrscheinlichkeitsrechnungen zu operiren. die zahlen, die wir vor uns
haben, gelten der körperlich und geistig rüstigen männlichen bevölkerung;
leute über 60 jahre sind von vielen kategorien ausgeschlossen, von
andern die jahrgänge 20—30. verhältniszahlen für die greise, für die
erwerbsunfähige bevölkerung, für die kinder, endlich für die weiber
überhaupt sind mit keinen wissenschaftlichen künsten zu erzielen. aber
das sollte sich von selbst verstehen, daſs es Athener gab, die das land
bestellten, die töpfe und röcke und panzer machten, das brot buken
und das öl preſsten, handel trieben und ins ausland fuhren, den Par-
thenon bauten, die Poikile malten, bei Protagoras hörten und für Sopho-
kles tanzten. soldat muſste jeder werden, aber als mann nur in kriegs-
zeiten; zu allen andern stellen kam nicht leicht jemand, der es nicht
wollte, und die ruhigen leute waren noch nicht ausgestorben. es ist
[208]II. 9. 3000 hopliten von Acharnai.
eine bare lächerlichkeit, auch nur zu meinen, daſs die gesammte bürger-
schaft jedes vierte jahr wieder im turnus herangekommen wäre: so
etwas träumten die staatsverbessernden oligarchen. lassen wir also die
6000 richter fort, die mochten alle aus Philokleonen bestehen und zeit-
lebens richten, lassen wir schützen und reiter als ständig fort, so bleiben
noch 1500 beamte und 6000 soldaten. wenn wir darauf hin die ent-
sprechende gesammtbevölkerung auf 60000 schätzen, so ist das immer
noch zu niedrig.
Wir haben nur eine leidlich verläſsliche zahl, 21000 bürger (d. h.
epitime Athener über 30 jahre) unter Demetrios von Phaleron.13) daſs
das ein drittel der entsprechenden bevölkerung unter Perikles ist, paſst
sehr gut. damals forderte seit mehr als zwei menschenaltern ein eng-
herziges gesetz die bürgerliche abkunft beider eltern für den bürger,
die auswärtigen besitzungen und mit ihnen ein groſser teil der colonisten
(z. b. ganz Salamis) waren verloren. die auswanderung muſs schon
längst den überschuſs der geburten über die todesfälle verschlungen
haben, und die ehen der neuen komoedie sind nicht mehr fruchtbar. die
katastrophen von 322/20 hatten zudem erst kürzlich eine menge bürger in
die fremde getrieben. daſs auch die patriotischen männer sich über den
abstand von der groſsen zeit täuschten und gerne täuschten, ist nicht wun-
derbar. aber das griechische mit seiner runden zahl μυϱίοι und ihren
steigerungen ist auch genaueren angaben sehr wenig günstig. τϱισμυϱίοι
ist etwas ganz ungeheures dem Hesiodos, der so viel wächter des Zeus
zählt (Erg. 252), und als eine ungeheure zahl braucht es Herodot (5, 97)
von den Athenern in der volksversammlung (wo niemals auch nur 10000
waren), Platon (Symp. 175) von den zuschauern im theater, und Aristo-
phanes von den bürgern seines staates, der streng genommen die weiber
einschlieſst (Ekkles. 1132). aber δισμυϱίοι tut es auch. so hoch be-
ziffert Platon die waffenfähigen seines Urathens (Kritias 112c) und Philo-
choros (schol. Pind. Ol. 9, 68) die Athener zu Kekrops zeit, bei einer
gelegenheit, wo er eigentlich auch die weiber mitzählen müſste. die an-
schauung, daſs die bürgerschaft sich so hoch beliefe, scheint im vierten jahr-
hundert verbreitet gewesen zu sein. aber selbst μυϱίοι kommt früher vor.
so viele Athener sollen bei Marathon gefochten haben, wohin sie παν-
δημεὶ gezogen waren, daneben 1000 Plataeer: die zweite zahl ist viel
zu hoch, die erste zu niedrig. ernsthaft von ihr zu reden kann nicht
[209]Stärke der athenischen bürgerschaft. stärke des heeres 432.
verlangt werden. die sehr alte verordnung, welche 6000 stimmen für
die beschluſsfähigkeit eines νόμος ἐπ̕ ἀνδϱί verlangt, hat damit offen-
bar die beteiligung der majorität vorschreiben wollen.14) aber daſs das
zu wenig war, lehrte die Athener sehr bald der katalog ihrer wehr-
fähigen, und so verschwindet diese schätzung.
Im jahre 445/4 haben 14240 Athener von einer getreidespende
von 40000 scheffeln ihr teil bekommen; 4760 sind in die sclaverei als
παϱέγγϱαφοι verkauft. so hat Philochoros berichtet, (schol. Ar. Wesp. 718):
erst Plutarch (Per. 37) hat die empfänger mit der gesammtbürgerschaft
identificirt: als ob Kleon und Sophokles und die ratsherrn und Areopagiten
mit einem scheffelsack in das Odeion zu den getreidemessern gelaufen
wären. daſs die beiden zahlen die runde summe 19000 ergeben, ist
allerdings verdächtig, und die höhere dürfte durch rechnung gefunden
sein: aber bezeugt wird hier nur eine zahl vergleichbar den zahlen der
römischen largitionenempfänger, nicht eine censuszahl. wenn 19000
oder auch 14000 Athener einen sack mehl nahmen, gehn wir fehl,
wenn wir die gesammtbürgerschaft auf das vierfache schätzen?
Ein besonderes gewicht hat man immer auf die angaben des Thuky-Stärke des
heeres 432.
dides gelegt; es läſst sich aber sehr leicht zeigen, daſs sie auf einer
ebenso durchsichtigen wie unzuverlässigen rechnung beruhen. er sagt
2, 31, daſs bei dem ersten einfalle in Megara wenigstens 10000 hopliten
waren, zu denen er noch 3000 vor Poteidaia zählt, auſserdem 3000
hopliten aus dem metökenstande und die nicht gezählten theten. ver-
gessen hat er dabei sämmtliche hopliten in den garnisonen, die wir nun
mit 2500 vermutlich zu niedrig, da es krieg war, in anschlag bringen
können. das hat er in der allgemeinen übersicht 2, 13 richtiger mit
in anschlag gebracht, wo er die hopliten eben nach der zahl von cap. 31
auf 13000 ἄνευ τῶν ἐν τοῖς φϱουϱίοις angiebt. dazu fügt er als
wächter der städtischen befestigung 16000 ἀπό τε τῶν πϱεσβυτάτων
καὶ τῶν νεωτάτων καὶ μετοίκων ὅσοι ὁπλῖται ἦσαν. die letzte zahl
kennen wir schon als 3000. es bleiben also 13000 für die hopliten
unter 20 und über 60 jahren; eine recht oberflächliche schätzung, denn
sie beruht auf der gleichsetzung mit den 13000 zwischen 20 und 60.
endlich gibt er die etatsmäſsigen zahlen für schützen und reiter ganz wie
der oligarch des Aristoteles. somit bleibt das einzige brauchbare, daſs
432 effectiv 15500 hopliten zur verwendung gekommen sind. so viele
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 14
[210]II. 9. 3000 hopliten von Acharnai.
waren eine zeit lang von hause abwesend, die theten waren es auch,
reiter und schützen auch, über 100 trieren auch: soll damals Attika ver-
ödet gewesen sein, oder nur von den sclaven und weibern, greisen und
kindern bewohnt? wo nicht, kann man die bevölkerung unter 60000
schätzen?
Bevölke-
rung von
Acharnai.Und nun endlich zu der angabe, die ich diesem capitel zur über-
schrift gegeben habe, den berufenen 3000 hopliten von Acharnai (Thuk.
2, 20). als Müller-Strübing vor zwanzig jahren sie als absurd darzutun
versuchte, hat er so gut wie allgemeinen beifall gefunden. jetzt stürzt
auch diese letzte säule seines baues — von seinen andern positiven
aufstellungen ist längst nichts mehr übrig; die nützliche wirkung seines
buches hat nur in der negation gelegen. daſs es mit seiner änderung,
300 für 3000, nichts ist, hat man schon eingesehen. aber wenn jemand
1500 vorschlägt, so ist das verzweiflung, da damit jede probabilität der
verderbnis aufgegeben ist. das verhältnis der Acharner zu den Athenern
ist auf grund des prytanenverzeichnisses II 868 wol zu schätzen. wenn
sie 22 ratsherrn der Oineis stellen, so sind sie rechtlich eine trittys,
factisch wol die hälfte der phyle, also ein zwanzigstel der Athener,
μέγα μέϱος τῆς πόλεως, wie sie bei Thukydides sagen. 300 würden
also 6000 hopliten ergeben, eine lächerlichkeit. 3000 aber ergeben
60000, das ist immer noch zu viel. ich habe vor jahren einmal
die ὁπλῖται in πολῖται zu ändern versucht, wie mittlerweile jemand
öffentlich vorgeschlagen hat, aber der zusammenhang verlangt bei Thu-
kydides gebieterisch die soldaten. jetzt gibt sich die lösung einfach. im
kataloge haben keine 3000 gestanden; da standen nur die 40 jahrgänge
20—60, und die haben schwerlich 60000 Athener enthalten. aber
gegen Perikles schrien die greise, die bei Aristophanes den chor bilden,
herzhaft mit. die zahl beruht also auf einer schätzung, nicht auf zählung.
so hoch taxirte sie die öffentliche meinung damals; Thukydides hat es
mit erlebt. sie schrien um ihre weingärten und kohlenmeiler: es waren
die besitzenden, die geschädigt wurden. wenn sie zum dienste zu pferde
berechtigt waren oder gar trierarchisches vermögen hatten, so wurden
ihnen nur mehr äcker verwüstet, sie schrien also nicht minder. mit
andern worten, τϱισχίλιοι ὁπλῖται sind es schon, aber δυνάμει ὁπλῖται,
ὅπλα παϱεχόμενοι. “wir könnten 3000 hopliten allein stellen, laſs
uns marschiren, Perikles, wir jagen die Peloponnesier weg. wir wollen
marschiren, keine quantité négligeable, sondern 3000 hopliten.” das
ergibt 60000 ὅπλα παϱεχόμενοι für das ganze volk. an sich zu viel.
bringt man aber in anschlag, daſs die zeit die des höchsten wolstandes
[211]Bevölkerung von Acharnai.
ist, Acharnai besonders wolhabend (durch den krieg dann stark verarmt)
und die zahl besonders hoch gegriffen, so wird man zwar zugeben, daſs
sie zum fundamente genauerer berechnung sehr wenig taugt, aber daſs
Thukydides sie geschrieben hat, muſs man auch zugeben.
Die überlieferung ist besser, aber Athen ist auch gröſser gewesen,
als vor 20 jahren angenommen ward. ὁ τϱώσας ἰάσεται; aber nur
wer verwunden kann, kann heilen. nicht die buchstabengläubige im-
potenz, sondern die kritik und die fortschreitende geschichtliche forschung
restituirt die überlieferung und die gröſse Athens.
Die institution der diobelie1), die diesen festen namen führt, ist
durch Kleophon eingeführt; das sagt Aristoteles 28, 3 und damit sind
ihre antiken und modernen deutungen auf den richtersold oder die schau-
gelder beseitigt, sintemal diese längst bestanden: es ist nur ein beweis
für die macht des trägheitsgesetzes, daſs sie selbst zur erklärung des
Aristoteles weiter vorgebracht werden.
Für die diobelie begegnen uns bedeutende zahlungen in der schuld-
urkunde aus dem jahre des Glaukippos 410/9 und einem der folgenden
408/7 oder 407/6 (CIA I 188, 189); das geld ist von den schatzmeistern
der göttin an die hellenotamien gezahlt. die posten sind zum teile sehr
niedrig, dann wird aber fast täglich der schatz in anspruch genommen.2)
[213]II. 10. Diobelie.
für die verteilung des geldes gab es eine behörde, denn Xenophon
Hell. I 7, 2 nennt den Archedemos τοῦ δήμου πϱοεστηκὼς καὶ τῆς διω-
βελίας ἐπιμελόμενος. aber der ausdruck führt auf ein collegium von
ἐπιμεληταί, das wir der weise des fünften jahrhunderts entsprechend
nicht über den beamten stehend denken dürfen wie im vierten die ἐπὶ τῷ
ϑεωϱικῷ, sondern unter ihnen, also nicht befugt, selbst das geld aus
dem schatze zu entleihen. aber der erste demagoge (τὰ πϱῶτα τῆς ἐκεῖ
μοχϑηϱίας, sagen die seligen der Frösche von Archedemos 418), ein mann,
der sich von Kriton gegen tantième zum schutze seines vermögens vor
den sykophanten anstellen lieſs (Xen. Memor. II 3), bekleidete doch dieses
amt, in dem wir also Kleophon und Kallikrates auch denken müssen.
als eine volkstümliche einrichtung hat das diobolon Theseus bereits im
schattenreiche verbreitet, so scherzt Aristophanes 405 (Frösch. 140). mit
dem sturze der demokratie ist die diobelie verschwunden.
Sie hat anderen für eine groſse vergeudung gegolten. Aischines sagt
von Kleophon 2, 76, wo er dieselbe tradition wiedergibt, die Aristoteles
in seinem passus über die diobelie vor augen hat, διεφϑαϱκὼς νομῇ χϱη-
μάτων τὸν δῆμον, und Aristoteles selbst sagt in der Politik (B. 1267 b)
um die unersättlichkeit des demos zu kennzeichnen, zuerst wäre er mit
der διωβελία zufrieden, wenn die aber erst herkömmlich (πάτϱιον) ge-
worden wäre, verlange er mehr; was keinesweges im hinblick auf die
gegenwart gesagt sein muſs, ja überhaupt nicht als geschichtliches exempel
angeführt wird. wol aber steht es in der auseinandersetzung, daſs die
herbeiführung der gleichheit des vermögens kein radicales heilmittel
wäre, schlieſst also jede deutung der diobelie auf sold für wirkliche oder
angebliche leistungen aus.
Was die diobelie gewesen ist, sagt Aischines eigentlich genugsam:
bürgersold, verteilung von geld an den demos, geradezu staatspension.
so erklärt auch das rhetorische lexicon, das im fünften Bekkers und im
Et. M. vorliegt: διωβελία · ὀβελοὶ δύο οὓς ὁ δῆμος καϑ̕ ἡμέϱαν ἐμι-
σϑοφόϱει. gedruckt wird zwar für καϑ̕ ἡμέϱαν an beiden orten καϑή-
μενος, aber ich freue mich die emendation nicht als solche geben zu
müssen, da ich bei Gaisford in der anmerkung finde, daſs der codex
Marcianus 530 das richtige hat; dem ächten Etymologicum ist die glosse
fremd. es ist ganz begreiflich, daſs diese tägliche ausgabe zu einer fast täg-
lichen anleihe bei Athena führte, begreiflich auch, daſs der sold dem volke
sehr behagte und für theseisch ausgegeben ward. daſs ein solcher sold
gezahlt ward, hat Xenophon aus seinen jugenderinnerungen nicht ver-
gessen, wenn er es auch nur durch einen starken anachronismus in sein
[214]II. 10. Diobelie.
Symposion hineingebracht hat. da sagt Charmides, Platons onkel, den
er nicht ohne bosheit mit der rolle ausgestattet hat, die armut zu loben
“als ich reich war, φόϱον ἀπέφεϱον τῷ δήμῳ (wie ein δοῦλος χωϱὶς
οἰκῶν, nämlich durch die liturgien, wie er vorher ausgeführt hat), νῦν
δὲ ἡ πόλις τέλος φέϱουσα τϱέφει με (4, 32)”. die sache ist vollkommen
evident.
Das ist der rückschlag gegen die aufhebung des soldes von 411,
und schon vom jahre des Glaukippos 410/9 ab hat die allgemeine be-
soldung bestanden, die doch noch etwas ganz anderes ist als das ekkle-
siastikon des Agyrrhios. und als der demos eine drittel drachme hatte,
fand sich bald ein demagoge, der ihm eine halbe versprach, und als
er das nicht halten konnte, mit dem kopfe zahlte.3) daſs darnach nicht
etwa die diobelie dauernd beseitigt ist, wie der ungenaue ausdruck des
Aristoteles nahe legt, folgt aus den Fröschen.
So sehr man das princip verdammen mag: die billigkeit fordert für
jene schreckliche zeit den demagogen einige berechtigung zuzuerkennen.
die armen Athener saſsen in einer belagerten stadt; ihre äcker konnten
sie nicht bestellen, handel und gewerbe lagen darnieder, wer die waffen
tragen konnte, muſste dienen, und dann hatte er wenigstens anspruch
auf sold und verpflegung. aber der landsturm auf den mauern bekam
schwerlich sold wie die hopliten, und die greise und jünglinge, und
weiber und kinder? die menge des volkes, auch der proletarier, hat
wahrhaftig damals nicht geschlemmt (das imputirt ihnen die haltlose deu-
tung der diobelie auf spielgelder), sondern bitter gedarbt, und hat 404
bewiesen, daſs sie für die freiheit gern hungerte. die politischen rechte
mochte an der zeit sein ihnen zu nehmen: daſs sie sich nicht nur
nicht das bischen brot, das sie bisher für ihre dienste erhielten, haben
entziehen lassen, sondern brot von dem vaterlande gefordert haben, soll
ihnen niemand verdenken. Kleophon mag nicht gut haben attisch reden
[215]II. 10. Diobelie.
können, und durch seinen terrorismus, der den krieg bis aufs äuſserste
fortführte, hat er seinem vaterlande schwer geschadet, aber wie er selbst
sein leben für die demokratie gelassen hat, so verdient er für die ein-
führung der diobelie mehr als entschuldigung, verdient er anerkennung:
das Erechtheion haben die Athener auch in der schlimmen zeit gebaut,
und seine pracht scheint auch zunächst mit dem staatlichen elende übel
zu contrastiren. aber es ist mit recht bemerkt worden, daſs der staat
den bau nur fortführte um der brotlosen bevölkerung, hier zumeist der
nichtbürgerlichen, arbeit zu schaffen, die schlecht genug bezahlt ward.
eine maſsregel, die von einem wirtschaftlichen notstande aufgezwängt wird,
ist kein muster für normale zeiten, sie muſs lediglich aus dem zustande
erklärt und beurteilt werden, der sie erzeugt hat.
Ganz anders muſs der staatsmann beurteilt werden, der den bürger
als bürger in ruhigen zeiten mit staatsgeldern füttern will. der gedanken-
gang ist auch da, wie es bei den radikalen zu sein pflegt, sehr schön
logisch. der staat ist eine actiengesellschaft und verteilt die dividenden
an die actionäre. so hatte schon 483 eine verteilung der überschüsse
aus den pachtgeldern der bergwerke an die bürger statt finden sollen,
und wenn das damals von Themistokles verhindert worden ist, so wird
es doch zu andern zeiten sowol in der sammtgemeinde wie in den demen
vorgekommen sein.4) die theorika des Eubulos gehören sachlich in
diese kategorie, und Demosthenes hat diese vergeudung der staatsmittel
bitter empfunden, wenn er auch demagoge genug war sie zu zeiten zu
verteidigen.5) wenn er die rede πεϱὶ συντάξεως nicht selbst verfaſst
haben sollte, (was ich glaube, wenn ich’s auch nicht beweisen kann), so
ist diese doch keineswegs von dem dummen rhetor, dem man sie seit
[216]II. 10. Diobelie.
F. A. Wolf zuschreibt. denn weder inhalt noch form verweist sie aus
dem demosthenischen zeitalter.6) dieser redner also schlägt für die wehr-
fähigen bürger einen sold als στϱατιωτικόν vor, für die greise ein ἐξε-
ταστικόν oder wie man das nennen wolle (4). er will dafür gegen-
leistungen verlangen, insbesondere den persönlichen kriegsdienst, und
wenn wir jetzt nur ziemlich vage gedanken lesen, so hat er das früher
ausführlicher dargelegt (9), aber die übele erfahrung gemacht, daſs das
volk für alles taube ohren hatte, nur nicht für die zwei obolen (10).
man kann das nicht wol anders verstehen, als daſs er die diobelie in
etwas anderer form vorgeschlagen hatte. schlimm genug; und doch
dürfte fraglich sein, ob sie unter gleichzeitiger beseitigung der ungleich
höheren diäten für die volkversammlung und unter beschränkung der spiel-
gelder nicht ein vorschlag war, der wenn auch praktisch kaum discutir-
bar, theoretisch sogar einen finanziellen vorteil für die staatskasse in aus-
sicht stellte. ich für mein teil traue ihn dem Demosthenes in der zeit,
wo er von brennendem ehrgeiz verzehrt in der opposition stand und
jede innere und äuſsere frage als sprungbrett in die regierung versuchte,
ohne bedenken zu. wie dem aber auch sei: für die diobelie des Kleophon
ist der vorschlag der rede aus eubulischer zeit eine sehr belehrende
parallele.
In dem vertrage, durch den die versöhnung zwischen stadt und
hafen 403 herbeigeführt ward, sind die Dreiſsig, die zehn (d. h. die ersten,
zu denen Pheidon, nicht die διαλλακταί, zu denen Rhinon gehörte1), die
elf und die zehn im Peiraieus von der amnestie ausgenommen, und auch
sie nicht, wenn sie rechenschaft ablegen und decharge erhalten. rechen-
schaft wird abgelegt von den beamten der partei des hafens vor dieser,
von denen der städter aber nicht vor diesen, sondern vor den τιμήματα
παϱεχόμενοι. so steht es in dem documente 39, 6. die demokraten
des hafens sind sieger, hinter ihnen steht die macht der spartanischen
regierung; sie sind bevorzugt, denn sie nehmen ihren beamten selbst
die rechenschaft ab. die gegenpartei ist nicht so günstig gestellt; da
werden die richter aus einer classe genommen, sind also sowol städter aus-,
wie leute des hafens eingeschlossen. es fragt sich, was heiſst τιμήματα
παϱέχεσϑαι. oder eigentlich fragt es sich nicht, denn nach ὅπλα παϱέ-
χεσϑαι, das Drakon und die 400 und Thukydides so oft gebrauchen,
sind es die welche in der lage sind, die τιμήματα zu leisten, zu prae-
stiren, und τιμήματα sind die eingeschätzten stufen des einkommens
seit Solon. also sind die τιμήματα παϱεχόμενοι die steuerfähigen
bürger, die bürger der drei oberen classen. in der tendenz, der aus-
schlieſsung des proletariates, deckt sich diese bezeichnung mit der be-
schränkung der politischen rechte auf die ὅπλα παϱεχόμενοι; aber der
[218]II. 11. Τιμήματα παϱεχόμενοι.
ausdruck ist ein anderer. daſs in jener schweren zeit die directe steuer,
die εἰσφοϱά, oft erhoben worden war, also die grenzlinie zwischen dem
der das eingeschätzte leistete oder leisten konnte und den theten eine
effective bedeutung hatte, also auch die berechtigung constatirt werden
konnte, ist durchaus glaublich. dennoch wundert man sich über die
veränderte terminologie, die unmöglich bloſs in dem worte bestehen kann,
und wundert sich über ein solches tribunal.
Aufklärung verschaffen uns nicht die dürftigen geschichtlichen be-
Lysias
wider
Erato-
sthenes.richte2); eine übergangszeit, die für die radicale demokratie wenig rühm-
lich war, ward sehr rasch und gern vergessen. aber zum glücke sind
eine anzahl documente erhalten, eben aus jener übergangszeit, die durch
den hinzutritt der neuen urkunde erst vollkommen verständlich werden.
Das erste ist die zwölfte rede des Lysias, die wir nach der hand-
schrift κατ̕ Ἐϱατοσϑένους τοῦ γενομένου τῶν τϱιάκοντα nennen, für
die aber Pseudoplutarch den titel κατὰ τῶν τϱιάκοντα angibt. es ist
über die zeit der rede und den rechtsfall sehr viel geschrieben worden;
die sache lieſs sich in der tat bisher nicht erledigen, nun aber brauchen
wir nur noch die rede selbst zu verhören.
“Mir wird es nicht schwer mit meiner anklage anzufangen, aber
wol aufzuhören: so schwer und so zahlreich sind ihre verbrechen”. wer
so anhebt, richtet sich gegen viele, nicht gegen einen, und die er an-
greift sind nicht zur stelle, sonst würde das pronomen οὗτος stehn,
nicht αὐτοῖς. der paragraph 21 zählt in einer durch die endreime der
glieder gorgianisch geschmückten periode die schandtaten der Dreiſsig
auf, und darauf geht es weiter καὶ εἰς τοσοῦτόν εἰσι τόλμης ἀφιγ-
μένοι ὥσϑ̕ ἥκουσιν ἀπολογησόμενοι καὶ λέγουσιν ὡς οὐδὲν κακὸν
οὐδ̕ αἰσχϱὸν εἰϱγασμένοι εἰσίν. da stimmt die mehrzahl, aber sie
[219]Lysias wider Eratosthenes.
scheinen zur stelle zu sein. daſs die anklage sich gegen die Dreiſsig richtet,
ist allerorten klar. “bürger und fremde sind zusammengekommen, um
zu erfahren τίνα γνώμην πεϱὶ τούτων ἕξετε 35, und in dem epiloge
dieses teiles (37—40) οὐκ οἶδ̕ ὅ τι δεῖ πολλὰ κατηγοϱεῖν τοιούτων
ἀνδϱῶν. und schlieſslich wird es ganz ausdrücklich ausgesprochen, jetzt
wäre die gelegenheit παϱὰ Ἐϱατοσϑένους καὶ τῶν τουτουὶ συναϱχόν-
των δίκην λαβεῖν (79), und κατηγόϱηται Ἐϱατοσϑένους καὶ τῶν τούτου
φίλων (81). also die bezeichnung κατὰ τῶν τϱιάκοντα ist richtig. die
andere κατ̕ Ἐϱατοσϑένους ist aber auch richtig. denn die διήγησις
(4—34)3), in der ein lebendiges directes verhör mit dem angeklagten
steht (25), der auch wiederholt angeredet wird, geht des einen mannes
schuld, eine ganz bestimmte tat, an. und der beweis, der allein durch
zeugenaussagen geführt wird (41—61), geht lediglich den Eratosthenes
und sein verhalten an, die vita ante acta und die unter den Dreiſsig.
aber wenn dies zwei teile sind, von denen der eine die einzelne tat,
die tötung des Polemarchos, deren Eratosthenes geständig ist, der andere
sein politisches verhalten angeht, so ist damit genügend gesichert, daſs
es sich um beides handeln muſs. wenn wir da hören τὸ δὲ τελευταῖον
εἰς τὴν ἀϱχὴν καταστάς (48), so läſst die rede im ganzen zwar keinen
zweifel, daſs es sich um den platz unter den Dreiſsig handelt: aber der
bestimmte artikel weist genugsam darauf hin, daſs es sich eben um dieses
amt auch vor gericht jetzt handelt. nimmt man dazu das ἥκουσιν ἀπο-
λογησόμενοι 22 und ἥκει ἀπολογησόμενος 84, so ist jeder zweifel aus-
geschlossen, daſs sich Eratosthenes dem gerichte freiwillig gestellt hat,
mit andern worten, daſs er von der clausel der versöhnungsurkunde
gebrauch gemacht hat, die den Dreiſsig amnestie verhieſs, wenn sie sich
der rechenschaftsablage unterzogen. so urteilten denn auch die vertei-
diger desselben, man sollte ihn freilassen, weil er am wenigsten übles von
den Dreiſsig getan hätte (89), was Lysias von seinem standpunkte nennt
διὰ τὸ ὑμέτεϱον πλῆϑος ἀδεῶς τοὺς τϱιάκοντα σῴζειν (87). es ist
also in der tat ein rechenschaftsproceſs eines der Dreiſsig. in ihm steht
der isotele Lysias auf und führt die klage, wie jeder es konnte.4) es
[220]II. 11. Τιμήματα παϱεχόμενοι.
ist nicht ersichtlich, in welcher form die verhandlung eingeleitet ward.
ob durch die constituirung eines logistenprocesses oder durch die ein-
reichung der privaten anklagen vor den ratseuthynen. da ein rat sofort
constituirt ward, ist das letztere wahrscheinlich; der vorsitz ist dann
den thesmotheten zugefallen, die auch gleich mit dem archon Eukleides
eingesetzt sein müssen. Lysias konnte eigentlich nur über seine eigene
sache beschwerde führen, aber da es sich für Eratosthenes um die ganze
amtsführung handelte, so verschob sich das fast notwendigerweise. da-
gegen ist es bare sykophantie, wenn der redner fortwährend die rechen-
schaft des einen, der eben persönlich beurteilt sein wollte, mit der der
Dreiſsig überhaupt zusammenwirft. mit groſsem geschicke sagt er gleich
im eingange (2) “ich muſs ja zugestehn, daſs ich durch die mir persön-
lich angetane unbill veranlaſst bin, hier zu reden”5) gleich als ob es in
der ordnung wäre, daſs er über das allgemeine in erster linie spräche,
und sein persönlicher handel höchstens einen schatten auf seine ob-
jectivität würfe: in wahrheit gieng ihn die amtsführung des Erato-
sthenes im übrigen gar nichts an; ihren staat mochten die Athener
allein gut oder schlecht verwalten. sie waren liberal und gerecht, wenn
sie ihm verstatteten seine private beschwerde über ihren beamten vor-
zubringen.
Wenn es sich denn um die rechenschaft handelt, so müssen die richter
aus den τιμήματα παϱεχόμενοι genommen sein, also aus beiden par-
teien. Lysias sagt 84 von Eratosthenes, daſs er νυνὶ οὐχ ἑτέϱων
ὄντων τῶν δικαστῶν ἀλλ̕ αὐτῶν τῶν κακῶς πεπονϑότων ἥκει ἀπο-
λογησόμενος πϱὸς αὐτοὺς τοὺς μάϱτυϱας τῆς τούτου πονηϱίας. darin
liegt nur, daſs leute aus der stadt beteiligt sind, wenn es auch besser
paſst bei gemischten richtern. aber der schluſs entscheidet, denn da
wendet er sich zunächst an die städter, und sagt ihnen, jetzt als besiegte
hätten sie mit den siegern das gleiche recht (92) und wären bürger
mit den tapferen demokraten, hätten die souveränetät, die entscheidung
über krieg und frieden, und nähmen an den politischen beratungen (94)
teil, alles im gegensatze zu der zeit der Dreiſsig, wo es keine ekklesie
4)
[221]Lysias wider Eratosthenes.
gab, die souveränetät von jenen geübt ward, der kampf aber gegen die
tapferen demokraten gieng. über die art der jetzt geltenden verfassung
ist nichts gesagt als daſs die städter gleichberechtigt sind. dann folgt
der appell an die demokraten, der über die politische lage der gegenwart
nichts lehrt und in den allgemeinen epilog, die aufforderung zur ver-
urteilung der Dreiſsig, übergeht. aber das wesentliche bleibt bestehen,
daſs beide parteien im gerichtshofe vertreten sind; also das was am an-
stöſsigsten schien, die euthyna, ist ganz sicher.
Für die zeit der rede ergibt sich direct kaum etwas, und es reicht hin
zu constatiren, daſs sie für die notwendig bald nach der versöhnung
eingetretene euthyna eines der Dreiſsig in jedem zuge paſst. so wild
der redner gegen die Dreiſsig loszieht, so schweigsam ist er über Sparta.
er vermeidet es die garnisonen auf der burg als solche zu bezeichnen,
sondern redet von ἐπίκουϱοι (94), gleich als ob es gedungene reisläufer
gewesen wären. ebenso wird der staat Eleusis, in dem die ausgewan-
derten städter zu recht herrschen, dadurch respectirt, daſs er mit still-
schweigen übergangen wird. daſs die überlebenden der Dreiſsig und
ihre meist compromittirten helfer alle dort untergekommen wären, ist
weder bezeugt noch wahrscheinlich, da gegen die Dreiſsig der widerwille
schon nach dem gefechte auf Munichia so stark in der stadt gewesen
war, daſs sie abgesetzt wurden. so brauchen wir uns nicht zu wun-
dern, wenn Lysias erzählt, daſs einzelne staaten einzelne flüchtlinge
der tyrannen auswiesen (35); die verallgemeinerung des sykophanten
streichen wir leicht ab. aber die wendung ἀποῦσι μὲν τοῖς τϱιάκοντα
ἐπιβουλεύετε (80) mag vielleicht als ein unbeabsichtigtes zugeständnis
aufgefaſst werden, daſs der demos gern der leute habhaft werden wollte,
gegen die ihm allein die rache erlaubt war. doch wozu die einzelheiten
durchsprechen, die doch zumeist so oder so verstanden werden können:
der nachweis, daſs irgend etwas in der rede verböte, sie auf den rechen-
schaftsprocess zu beziehen, dem Eratosthenes sich freiwillig unterwerfen
wollte, kann getrost abgewartet werden.
Es war dem Lysias gewiſs darum zu tun, seinen bruder zu rächen;
das war seine pflicht, und es war ein abscheuliches verbrechen an ihm
begangen. er nahm die gelegenheit wahr, die sich ihm bot, und man
wird ihm bei seiner politischen richtung nicht verargen, daſs er aus dem
hasse gegen die Dreiſsig so viel wie möglich capital für seine anklage
herausschlug. aber die rede will allerdings mehr: sie greift durchaus
nicht etwa die Dreiſsig um des Eratosthenes willen an, sondern viel
eher umgekehrt. die bedeutung der rede für die zeitgeschichte liegt
[222]II. 11. Τιμήματα παϱεχόμενοι.
darin, daſs es ein vorstoſs der radikalen demokratie ist, der das versöhnungs-
werk durchaus nicht recht war; diesmal galt es die clausel des versöhnungs-
instrumentes unwirksam zu machen, die den Dreiſsig und ihren haupt-
helfern die möglichkeit der amnestie eröffnete. Eratosthenes scheint
nicht der einzige gewesen zu sein, der sich der rechenschaft stellen
wollte; ob es auch andere getan haben und mit welchem erfolge etwa,
ist unbekannt. dem sollte seine hinrichtung einen riegel vorschieben.
und der demokratische terrorismus regt sich schon recht stark; nicht
nur die verteidiger des Eratosthenes werden eingeschüchtert (86), sondern
auch die zeugen, deren viele gekommen waren, und die sich durch die
verteidigung der Dreiſsig compromittiren sollen (88—89), und endlich
die richter, denen sogar gedroht wird, sie sollten sich nicht auf die ge-
heime abstimmung verlassen (91), sie sollen vielmehr beweisen, daſs
sie ὀϱγίζονται τοῖς πεπϱαγμένοις (90). ἔλεος und συγγνώμη soll aus
der seele der richter verbannt sein (79): so faſst der radikale die ver-
söhnung auf. er gesteht hier ein, daſs die öffentliche meinung in Erato-
sthenes den harmlosesten der Dreiſsig sehe (89), und vorher, daſs dieser
als freund und anhänger des Theramenes auf sympathien zu rechnen
hatte. das dient dem redner aber nur zu dem vom wildesten hasse ein-
gegebenen und gröbste lüge nicht scheuenden6) angriffe auf den toten,
von eben den Dreiſsig getöteten Theramenes (62—79). erst hier offen-
bart sich, wohin das ganze zielt. der tod hatte dem Theramenes in sehr
weiten kreisen jene sympathie geweckt, die selbst Xenophon, den ver-
ehrer Thrasybuls, zu einer wirklich packenden erzählung begeistert hat.
die Dreiſsig selbst hatten erst verspielt, als die kreise sich von ihnen
abwandten, die mit Theramenes eine ganz entschiedene antipathie gegen
die radicale demokratie hatten. und andererseits hatten die leute aus
dem Peiraieus erst gewonnen, als eben diese kreise mit ihnen giengen.
Rhinon war gewiſs kein demokrat, und mit der gesellschaft die Lysias
vertritt würde Sparta niemals transigirt haben. die anhänger der πάτϱιος
πολιτεία waren von beiden seiten angefeindet, aber sie haben in wahr-
heit Athen gerettet: die radicalen fürchteten sie ungleich mehr als die
extremen oligarchen. daher geht der hauptstoſs des Lysias gegen den
toten Theramenes. die radicale demokratie macht die kraftprobe, hier
[223]Lysias wider Eratosthenes. die provisorische verfassung von 403.
noch auf formell gesetzlichem boden, und so hat der process des Erato-
sthenes eine erhöhte bedeutung erhalten. der gerichtshof bestand nur
aus den besitzenden; sie haben freilich den Eratosthenes nicht verurteilt,
aber die partei des Lysias war durchaus nicht entmutigt, und seine rede
war ein so ausgezeichnetes schriftstück, daſs er sie als pamphlet ver-
öffentlicht hat, gewiſs nicht ohne erfolg für seine sache.
Ein zweiter vorstoſs war der antrag des Thrasybulos, alle die, dieThrasybulos
und
Archinos.
aus dem Peiraieus gekommen waren, als bürger anzuerkennen.7) das war
freilich so flagrant ungesetzlich, daſs der antrag fiel, da die νόμοι ἐπ̕
ἀνδϱί notwendigerweise ganz persönlich behandelt werden muſsten.
ein kräftiger rückschlag von der gegenseite war, daſs Archinos den rat
dazu vermochte, einen radikalen heiſssporn wegen einer für uns nicht
genau erkennbaren verletzung der amnestie ohne weiteres zum tode zu
verurteilen, und später gegen die anschuldigungen, für die die amnestie
galt, das rechtsmittel der παϱαγϱαφή zu gestatten8). offenbar sind
der rat und das volk von 403/2 für die partei des Lysias nicht zu haben
gewesen.
Aber wer war 403 das volk und wie war der rat gebildet? mitDie proviso-
rische ver-
fassung von
403.
anderen worten, welche verfassung ist vom könig Pausanias concedirt
und zwischen stadt und hafen vereinbart worden? es bedarf nur geringer
überlegung, um zu schlieſsen, daſs es die demokratie von 405 unmöglich
gewesen sein kann, obwol wir wissen, daſs diese demokratie, im prinzip
wenigstens, noch unter Eukleides eingeführt worden ist. aber wir brauchen
keinen indicienbeweis, denn die documente liegen vor.
Andokides (1, 81) erzählt im jahre 399, daſs nach der versöhnung
zuerst eine provisorische regierung von 20 leuten, vermutlich strategen9),
je 10 von jeder partei gewählt, die geschäfte führte, bis ein rat ein-
[224]II. 11. Τιμήματα παϱεχόμενοι.
gesetzt war, und im übrigen vorläufig die solonischen und drakontischen
gesetze galten. da der rat auf der praesentation durch die gemeinden beruht,
war es nicht besonders schwierig, 500 ratsherren auszulosen; die demoten
wuſsten ja in ihrer gemeinde bescheid. auch die archonten, deren man
sofort bedurfte, lieſsen sich leicht bestellen, da man für sie immer eine vor-
schlagsliste der phylen zu grunde legte, und selbst der appell an die gemein-
den 487 vorgekommen war. dann ward, nach Andokides, ein weiterer aus-
schuſs von 500 gesetzgebern von den gemeinden gewählt, und diese beiden
körperschaften haben die factisch jetzt, 399, geltenden gesetze gegeben, d. h.
natürlich dem volke vorgelegt, das selbst allein competent war, ihre vor-
schläge zu gesetzen zu machen. Andokides hütet sich wol, jenes volk,
das die gesetze gegeben hat, von dem jetzt herrschenden zu unterscheiden,
allein er selbst unterscheidet sehr wol zwischen den gesetzen Drakons
und Solons, die während des provisoriums galten, und den jetzigen, die
von den nomotheten gegeben waren. sehr viel unzweideutiger redet
das gesetz des Teisamenos, durch welches jene nomotheten in function
getreten sind. es beginnt πολιτεύεσϑαι Ἀϑηναίους κατὰ τὰ πάτϱια,
νόμοις δὲ χϱῆσϑαι τοῖς Σόλωνος καὶ μέτϱοις καὶ σταϑμοῖς. darin
ist die geltung der väterlichen verfassung und der solonischen gesetze
ausgesprochen, also das provisorium dauert fort, bis die neuen gesetze
in der weise constituirt sind, die eben durch Teisamenos verordnet wird.
welcher geist in dem volke lebte, das dieses gesetz angenommen hat,
lehrt der schluſsparagraph, der dem Areopag die nomophylakie für die
zukunft zuweist, woran doch nicht einmal die 400 gedacht hatten, und
was denn auch von den gesetzgebern alsbald beseitigt worden ist. der rat
und die gesetzgeber standen vor der aufgabe, eine wirkliche verfassung
praktisch zu entwerfen und bei dem volke, wie immer es auch begrenzt
war, durchzubringen. da halfen die schönsten theorien nicht; die ver-
fassung von 593 war 403 wahrhaftig unmöglich, und wenn ein so anti-
demokratischer kopf wie der verfasser des entwurfes von 411 so weit
von Solon abgekommen war, trotzdem er ins blaue decretiren konnte,
wie viel mehr muſste sich den 1000 vertretern der gemeinden die demo-
kratie, die ihnen allen allein vertraut war, sich aufnötigen. sie haben
die πάτϱιος πολιτεία als die auf die gleichberechtigung aller Athe-
ner gegründete demokratie definirt und darauf hin ihren antrag ge-
stellt. dagegen war im plenum, über dessen zusammensetzung wir erst
etwas zu erfahren streben, die stimmung keineswegs überwunden, die im
anschlusse an die tendenzen des Theramenes und die wünsche Spartas
für absolut richtig und politisch geboten hielt, die proletarier auszu-
[225]Die provisorische verfassung von 403. Lysias rede 34.
schlieſsen. den antrag formulierte für diese partei Phormisios, und zwar
wollte er die politischen rechte an den grundbesitz binden; die demokratie
bediente sich wieder der feder des Lysias. sie hat gesiegt, und Sparta,
in dem die parteien des Pausanias und Lysandros selbst einen geheimen
krieg führten, hat sich dabei beruhigt, zumal Athen ihm die den Dreiſsig
vorgeschossenen gelder abzahlte und auch sonst botmäſsig blieb.
Das document, dem wir diese tatsachen verdanken, ist die rede desLysias rede
34.
Lysias, von der Dionysios ein groſses bruchstück gerettet hat (rede 34).
dieser läſst es unbestimmt, ob die rede wirklich gehalten sei, und
natürlich hat sie als pamphlet mindestens so stark gewirkt wie durch
den mund des sprechers. aber da sie sicherlich einer bestimmten person
in den mund gelegt ist (3), so haben wir keine veranlassung zu be-
zweifeln, daſs es wirklich eine volksrede ist10): als schriftsteller konnte doch
nicht wol ein athenischer staatsmann mit fremdem kalbe pflügen. die rede
hat durch Usener (Fleckeisens Jahrb. 1873, 145), als er ihren urkund-
lichen text feststellte, auch eine geschichtliche erläuterung erfahren, die
nur noch in den zusammenhang eingereiht zu werden braucht. die
sophistik des redners dürfte freilich noch weiter gehn, als Usener an-
genommen hat.
Das volk, vor dem der redner steht, sind mit nichten die Ἀϑηναῖοι
ἅπαντες, für die er spricht. “ihr wiſst daſs unter den früheren oli-
garchien (d. i. 411 und 404) nicht die grundbesitzer die souveränetät
besaſsen (für die sie Phormisios beantragt), sondern viele von ihnen
getötet oder vertrieben wurden. diese hat der demos zurückgeführt
und hat euch eure souveränetät verliehen, selbst aber auf seinen anteil
an ihr verzichtet’ (4). er erhebt die insinuation gegen die “für die
oligarchie kämpfenden”, d. i. Phormisios, daſs sie es in wahrheit auf
den besitz der leute, die er anredet, abgesehen hätten. das heiſst so
viel, als daſs die jetzt berechtigten, wenn Phormisios durchdränge, sehr
bald den besitz und mit dem natürlich die berechtigung verlieren würden.
er insinuirt, daſs der antrag des Phormisios in wahrheit von den Lake-
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 15
[226]II. 11. Τιμήματα παϱεχόμενοι.
daimoniern käme (6) und spielt mit dem kleophontischen gedanken
des krieges bis auſs äuſserste (6). das bedeutet doch wol so viel, daſs
Sparta, die vormacht des bundes, jenen antrag gutheiſsen wird, was bei
dem des redners unwahrscheinlich ist. von wert sind noch zwei einzelne
behauptungen, einmal daſs die annahme des antrages des Phormisios,
also die beschränkung der politischen rechte auf die grundbesitzer, dem
staate viele ritter hopliten und schützen entziehen wird (4). dabei ist
streng genommen notwendig, daſs diese jetzt noch in der bürgerschaft
sind, also Phormisios den kreis noch enger ziehen will, als er jetzt ist;
doch kann man dem rhetor auch zutrauen, den nach ihm normalen
zustand der vollen gleichberechtigung aller in gegensatz zu dem vor-
schlage des Phormisios gesetzt zu haben. auſserdem hat er in dem
teile seiner rede, den Dionysios nur auszieht, die durch Phormisios aus-
geschlossenen bürger auf 5000 veranschlagt. nun hat bereits Usener11)
hervorgehoben, daſs die bürgerschaft, die jetzt zusammengetreten ist,
weder aus den Ἀϑηναῖοι ἅπαντες noch auch aus den γῆν κεκτημένοι
besteht, obwol letztere darin sind. das war damals sehr scharfsinnig,
konnte aber kein positives ergebnis liefern. jetzt löst sich alles ein-
fach: die bürgerschaft, die hier berät, sind die τιμήματα παϱεχόμενοι,
dieselben, aus denen das gericht bestand, vor dem Lysias wider die
Dreiſsig geredet hat. diese also haben während des provisoriums das volk
gebildet.
Antrag des
Phormisios.Die steuerzahler umfassen die grundbesitzer, das muſs im allge-
meinen wenigstens gelten; die grundbesitzer repraesentiren aber nicht
alle steuerzahler. wenigstens theoretisch kann man nicht bestreiten,
daſs selbst in den höheren classen leute von groſsem vermögen, die
sogar unter den rittern dienten, sich befinden konnten ohne immobiliar-
besitz. und mit der theorie darf der gesetzgeber füglich rechnen. tat-
sächlich ist es eine übertreibung. weder decken sich die begriffe τιμή-
ματα παϱεχόμενοι und γῆν κεκτημένοι, noch sind es concentrische
[227]Antrag des Phormisios.
kreise. zu klarem urteil verhilft am besten die vergleichung der zahlen,
so wenig genau sie auch sind. durch die beschränkung auf die grund-
besitzer sollen 5000 ausgeschlossen werden; durch die beschränkung
auf die ὅπλα παϱεχόμενοι sollten 411 nur 5000 berechtigte bleiben.
das führt zu dem überraschenden schlusse, daſs eine groſse anzahl von
grundbesitzern sich nicht equipiren konnten, also theten waren. und
die behauptung des Lysias, daſs die ausschlieſsung der capitalisten vom
bürgerrecht den staat um viele reiter und hopliten bringen müſste,
erweist sich als eine theoretisch richtige, tatsächlich nichtige behaup-
tung.12) um das befremdliche zu verstehn, müssen wir zunächst die
formel γῆν κεκτημένοι in γῆν ἢ οἰκίαν κεκτημένοι erweitern. die
formelsprache aller Hellenen unterscheidet beides, aber dem rhetor
können wir die abgekürzte, seinen zwecken dienliche ausdrucksweise
verzeihen. damit verschwindet der gröſste teil des anstoſses. ein haus
ist in Athen ein sehr wenig wertvoller besitz, darum haben es so gut
wie alle bürger, wenn sie nicht wirklich proletarier sind und als solche
leben. zur miete wohnen wesentlich nur fremde und metöken, weil
sie vom erwerbe von grund und boden ausgeschlossen sind.13) wir
kennen ja den hausbesitzer Sokrates von Alopeke, der doch nur ein
vermögen von 100 drachmen hatte14), also wirklich keine rüstung mehr
halten und keine steuern zahlen konnte. selbst der besitz eines gärt-
chens oder wingerts, wie wir ihn bei der ungemeinen zersplitterung
des grundbesitzes allerdings sehr vielen bürgern zutrauen dürfen, muſs,
zumal in der kriegszeit, wo so viele äcker, selbst dicht bei der stadt,
wüst lagen, sehr oft kein steuerfähiges einkommen abgeworfen haben.
andererseits konnte es nicht fehlen, daſs durch den verlust ihrer kleru-
15*
[228]II. 11. Τιμήματα παϱεχόμενοι.
chien eine masse gänzlich verarmter bürger in die heimat zurückströmten,
die auszuschlieſsen ein hartes gebot der not schien, und die durch diese
formulirung der qualification entweder sicher die politischen rechte
verloren oder zur ansiedelung, an der dem gesetzgeber liegen muſste,
angetrieben wurden. Phormisios konnte sich mit fug und recht
darauf berufen, daſs er dem städtischen demos einen starken antrieb
gäbe, sich dem landbau zu widmen, der seit 431 heruntergekommen war
aber einst die macht des demos begründet hatte.
Eine letzte frage ist noch, wie die verschiedenen männer auf die
verschiedenen lösungen der frage gekommen sind, das proletariat von
der staatsverwaltung auszuschlieſsen, und doch alle den anschluſs an die
väterliche verfassung und die gesetze Solons gesucht und vermeintlich
gefunden haben.
Die alten classen bestanden nominell, hatten aber praktisch ihre
bedeutung verloren. die rückkehr zu Solon und Drakon war die
parole; aber bei jedem versuche erwies sich die gegenwart stärker als
das ideal. 411 hatte man es mit Drakon versucht und durch die forde-
rung, sich selbst zu equipiren, die bürger auszusondern gehofft, die den
staat sicher leiten könnten. der erfolg hatte gelehrt, daſs diese forderung,
obwol sie eigentlich die grenze zog, die Solon dem passiven wahlrechte
auch gezogen hatte, viel zu stark war. als die oligarchie in der stadt
gebot, aber entmutigt und zur verständigung geneigt, im hafen eine
revolutionäre und mit bedenklichen elementen fremder herkunft ver-
mischte demokratie trotzig ihr gegenüber stand, sah Pausanias ein, daſs
die oligarchie nur durch die unterhaltung einer garnison in Athen ge-
schützt werden konnte, und die demokratie, gestützt auf die sympathie
der Hellenen und die beihilfe nicht bloſs von Argos, sondern auch von
Theben, selbst wenn er den Peiraieus nahm, gefährlich bleiben muſste;
die herrschaft des scheinbar allmächtigen Sparta stand auf allzuschwachen
füſsen. so förderte er einsichtig einen compromiſs auf der basis, die
Theramenes 404 vereinbart hatte oder doch vereinbaren wollte. die
amnestie, die zuweisung von Eleusis an die attischen oligarchen, die
übernahme der verpflichtungen der oligarchen gegen Sparta durch die
neue regierung schienen ihm mit recht aussreichend, um das neue Athen
untertänig zu halten. aber die schrankenlose demokratie durfte er
nicht einsetzen, und darauf konnten auch die städter nicht eingehn.
da stieg also wieder die πάτϱιος πολιτεία auf, die solonischen gesetze.
man hätte auf die forderungen von 411 zurückgreifen können und die
selbstequipirung als qualification für das volle bürgerrecht verlangen.
[229]Antrag des Phormisios.
aber schon der äuſsere umstand, daſs die Dreiſsig den städtern ihre
waffen confiscirt hatten (37, 1), lieſs das nicht angängig erscheinen, und
so verfiel man auf den ausweg, die steuer an die stelle der bewaffnung
zu setzen: im sinne Solons, das muſs man zugeben, kam das auf das-
selbe heraus. so schuf man ein provisorium, führte die gesetze Solons
für dieses ein, und es gieng gut, dank der energie des Archinos
trotz dem ansturme der radicalen. aber ein definitivum konnte daraus
nicht werden. die steuer ward weder regelmäſsig gezahlt, noch gab es
eine staatliche controlle der einschätzung. wenn man die politischen
rechte mit der steuerdeclaration für die dritte classe verband, so muſste
der erfolg sein, daſs es damit gienge wie bei der meldung zur ämter-
losung, wo sich niemals einer als thete bekannte (Ar. 7, 4). da geriet
Phormisios auf den ausweg, den grundbesitz zu verlangen. die solo-
nischen classen selbst waren ihren namen nach auf diesen berechnet,
denn man hatte sich gewöhnt, auch ritter und zeugiten durch einen
festen satz von geernteten scheffeln bestimmt zu glauben. diese classen-
einteilung selbst würde nun freilich in praktischer anwendung Attika
nicht auf die solonischen zeiten zurückgeführt haben, sondern auf die
weit zurückliegende urzeit, der diese classen entstammen, als es noch
ein reiner ackerbaustaat war und dem entsprechend an bedeutung noch
hinter Megara zurückstand. diese reaction lag dem Phormisios fern;
was er forderte, war nur die durchführung der forderung, die theoretisch
für alle Athener immer noch galt, daſs sie eine eigene heimstätte, einen
Ζεὺς ἑϱκεῖος hätten. diese forderung war nicht schwer; sie lieſs solche
leute wie Sokrates, der weder waffen noch steuern zu praestiren im
stande war, im genusse der politischen rechte, schloſs nach der sicher-
lich übertreibenden schätzung des Lysias nur 5000 proletarier aus, und
das in der zeit der schwersten calamität, so daſs auf eine sehr starke
verminderung dieser zahl schon für die nächste zukunft zu hoffen war.
wenn das volk, d. h. damals die τιμήματα παϱεχόμενοι trotzdem sich
für die volle demokratie entschieden haben, so können wir nicht umhin
anzuerkennen, daſs sie dem wirklichen Solon und der wirklichen πάτϱιος
πολιτεία lieber haben folgen wollen als den noch so geschickt ausge-
dachten vorschlägen der gegenwart. denn in den gesetzen Solons waren
die volksversammlung und das active wahlrecht und die geschwornen-
stellen den theten zugänglich gemacht. daſs darin tatsächlich 403 die
radicale demokratie, 593 eine sehr bescheidene gewalt lag, verschlug
für das prinzip nichts, aber hier am deutlichsten kommt es an den tag:
der keim zu der radicalen demokratie war durch Solon gelegt. so hat
[230]II. 11. Τιμήματα παϱεχόμενοι.
man damals geurteilt, so hat Aristoteles geurteilt. die demokraten, die ihn
als den δημοτικώτατος für sich beanspruchten, haben nicht nur recht
behalten, sondern auch recht gehabt. wenn Theramenes in ihm den vater
alles übels gesehen hat, so war das auch nicht bloſs von seinem stand-
punkte aus berechtigt. es war das verhängnis Athens, daſs es von der
radikalen demokratie nicht loskommen konnte. aber die geschichte muſs
gegen alle billig sein und darf weder den Solon nach den verhältnissen
von 403 beurteilen, noch von der not jener revolutionszeit eine billige
beurteilung Solons fordern.
Da wir jung waren, lernten und glaubten wir, daſs die überlegen-
heit der Boeckhschen altertumswissenschaft über die Hermannsche philo-
logie sich nirgend glänzender offenbare als in der abhandlung über
euthynen und logisten, die zu diesem nachweise geschrieben ist. da
wir älter wurden, sahen wir mit überraschung, daſs Hermanns conjec-
turen zu CIA I 32 auf dem steine standen mit ausnahme von einer
minder wichtigen stelle, wo Boeckh aber auch nicht richtiger geurteilt
hatte. und nun stellt sich heraus, daſs über die sache beide irr ge-
gangen sind, daſs auch gerade die behandlung, die am meisten metho-
disch vorgieng und allein wirklich vorwärts kam (Schöll de synegoris),
irr gehn muſste, weil ihr fundament ein gefälschtes zeugnis war.1) die
unzulänglichkeit unseres combinirens ungenügender daten zeigt sich
handgreiflich, ebenso aber, daſs die wirkliche kenntnis der sprache in
ihrem gebiete mit sicherheit vorgeht und daſs ihr die logik des
rechtlichen gedankens auch wol zu hilfe kommen kann: beide vereint
hätten das falsche zeugnis wol entlarven und aus dem sprachgebrauche und
dem rechte der wahrheit näher kommen können. aber diese ist uns
jetzt durch Aristoteles (48, 3—5. 54, 2) gegeben: wir wollen bei der
sache bleiben, von den modernen absehn und auch die angaben der lexico-
graphen, die aus Aristoteles abgeleitet oder durch misverständnis seiner
worte entstanden sind, sollen fortfallen. dagegen mag was ihn ergänzt und
ohne weiteres sich einordnet, gleich mit vorgeführt werden: wir wissen
ja, daſs er nur der reinste und reichste canal derselben überlieferung
vom attischen staate ist.
λόγος.Jeder abtretende beamte, einerlei welcher kategorie, reicht seine
rechnungen bei den logisten ein2); wo nicht, unterliegt er der anklage
“wegen unterlassener rechnungsablage, ἀλογίου”.3) die logisten, zehn
erloste beamte, haben binnen 30 tagen4) die rechnungen zu revidiren,
was sie natürlich nicht als collegium tun, sondern in arbeitsteilung:
daher gibt es mehrere bureaus, λογιστήϱια5), vermutlich 10. nach der
revision lassen sie sich von den archonten die nötige anzahl gerichtshöfe
zulosen, denen sie praesidiren6), während die von ihnen erhobenen
anstände durch die ihnen beigegebenen 10 “anwälte”, συνήγοϱοι7),
vertreten werden. nach diesen öffentlichen klägern kann aber jeder
bürger als ankläger auftreten, wozu der herold des gerichtes durch
proclamation auffordert.8) ohne zweifel stellt schon jeder kläger die
strafanträge nach maſsgabe des gesetzes, welches durchaus nur geld-
strafe kennt, die entsprechend der qualification als unterschlagung (κλοπή),
bestechung (δώϱων), amtsmisbrauch (ἀδικίου), in den beiden ersten
fällen in zehnfältigem, im letzten in einfachem betrage zu entrichten
ist. übrigens haben die gesetze eine sehr groſse anzahl von geldstrafen
für beamte, die dies oder jenes unterlassen, bereits fixirt, in der sammt-
gemeinde wie in den einzelgemeinden (Rede gg. Makart. 58), phratrien
und überhaupt allen κοινά. wer eine solche unterlassung nachweist,
hat damit die höhe der strafe ἀδικίου von selbst normirt. wenn die
strafe nicht am verfalltage (in der neunten prytanie) gezahlt wird, so
treten die legalen folgen ein, execution, schuldhaft, confiscation des
[233]λόγος.
vermögens, verlust der bürgerlichen rechte.9) der amtsmisbrauch (ἀδί-
κιον) der gelegentlich der rechnungsprüfung zu tage tritt, kann nur
in unerlaubter oder gemeinschädlicher verwendung des öffentlichen geldes
bestehn; er ist also das geringste und demnach am gelindesten bestrafte
vergehen. die richter sind an den strafantrag selbstverständlich nicht
gebunden, da sie zuerst die schuldfrage absolut entscheiden und dann
selbst abschätzen.10) ihr urteil ist wie immer entscheidend und inappellabel.
Diebstahl, der in der griechischen terminologie von unterschlagung,
auch an heiligem und öffentlichem gute, nicht unterschieden wird10), und
bestechung sind vergehen, die keineswegs bloſs von beamten begangen
werden können, also auch nicht bloſs in den rechenschaftsprocessen ge-
ahndet werden dürfen. insbesondere volksredner und richter sind der
bestechung sehr ausgesetzt, daher gibt es eine besondere γϱαφὴ δώϱων,
die bei den thesmotheten anhängig gemacht wird und bezeichnender
weise neben der συκοφαντίας steht (Ar. 59, 3). diebstahl an öffent-
lichem oder heiligem gute kann in der groben form auftreten, daſs ἀπα-
γωγή möglich ist, es kann die ἀπογϱαφή gewählt werden; es hat aber
ohne zweifel auch eine γϱαφή dafür gegeben, obwohl sie bei Aristoteles
nicht vorkommt.11) das würde die logik des rechtes fordern, auch wenn
keine concreten fälle bekannt sein sollten.12) aber der unterschied zwi-
[234]II. 12. Λόγος und εὔϑυνα.
schen beamten, gewesenen beamten und privaten wird dadurch mindestens
verdunkelt. gerade gegen beamte aber hat die der magistratur gegen-
über immer argwöhnische attische verfassung andere wege, die rascher
und wirksamer zum ziele führen. die meisten behörden die gelder ver-
walten stehen unter ratscontrolle, so daſs aus dem rate heraus ein straf-
antrag in der form eines vorurteils (κατάγνωσις) an die thesmotheten
gehn kann. auch kann jeder bürger eine denuntiation (εἰσαγγελία) beim
rate einreichen und so eine κατάγνωσις desselben provociren.13) die
wichtigsten behörden unterliegen in der hauptversammlung jeder pry-
tanie der bestätigung (ἐπιχειϱοτονία), und wenn jemand durch erhebung
einer beschwerde ihre suspension erwirkt, so kommt die sache vor ge-
richt. endlich lieſsen sich alle schwereren fälle von unterschleif und
bestechung durch eisangelie beim volke ahnden.
Wenn die gerichtsverhandlung vor den logisten vorbei ist, ist die
rechnung gelegt: λόγος δέδοται. aber die rechenschaftsablage ist noch
nicht erledigt. es folgt vielmehr die eigentliche εὔϑυνα. diese hat mit
dem gelde zunächst nichts zu tun, richtet sich vielmehr auf die ganze
ausübung der in dem amte liegenden macht. deshalb wird die rechnungs-
legung auch von solchen gefordert, die keine εὔϑυνα leisten, z. b. dem
rate des Areopages und dem der 500 für ihre geringen cassen, von den
ἐπιμεληταί, d. h. den auſserordentlichen commissionen, den trierarchen
u. dgl. umgekehrt kann die εὔϑυνα einem beamten, der gar kein geld
verwaltet hat, noch sehr peinlich werden, z. b. den polizeibeamten, die
unter dem rate stehen. ganz scharf unterscheidet Lysias 24, 26 οὔτε
χϱήματα διαχειϱίσας τῆς πόλεως δίδωμι λόγον αὐτῶν, οὔτε ἀϱχὴν
ἄϱξας οὐδεμίαν εὐϑύνας ὑπέχω νῦν αὐτῆς. in der überwiegenden
menge von fällen fand aber beides statt, in der reihenfolge, die Lysias
auch angibt. wir fragen nun nach der εὔϑυνα des beamten.
εὔϑυνα.Der rat hat aus jeder seiner phylen einen εὔϑυνος und zwei bei-
sitzer ausgelost14), und diese müssen während der nächsten 3 tage nach
12)
[235]εὔϑυνα.
der gerichtsverhandlung über den λόγος jedes beamten in den stunden
des marktverkehrs15) neben der statue ihres phylenheros sitzen und jede
schriftlich von einem bürger eingereichte beschwerde gegen den beamten
in empfang nehmen. der beschwerdeführer muſs sich nennen und selbst-
verständlich, wenn es zur gerichtlichen verhandlung kommt, seine sache
führen; er hat die verpflichtung den strafantrag zu stellen16), für den
keine schranke gesetzt ist (ὅτι χϱὴ παϑεῖν ἢ ἀποτεῖσαι). aber der
euthynos ist nicht verpflichtet, jeder solchen beschwerde folge zu geben.
er hat sie vielmehr zu prüfen, wozu ihm die beisitzer mitgegeben sind,
und da er zu dieser prüfung einsicht mindestens in die acten der logisten
bedarf, vor denen ja sehr vieles schon erledigt sein kann, so scheint es,
daſs er sich mit den beisitzern zu dieser prüfung in die rechnungskammer
der phyle begeben hat.17) führt diese prüfung zur annahme der beschwerde,
so vermerkt er seine κατάγνωσις und gibt die privatsachen an die
[236]II. 12. Λόγος und εὔϑυνα.
seiner phyle angehörigen mitglieder der demenrichter, die sie dann den
ordnungsmäſsigen weg gehen lassen, so daſs also die bagatellsachen von
ihnen kurzer hand entschieden werden, sonst zunächst ein schiedsrichter
gesetzt wird. die öffentlichen sachen kommen den thesmotheten zu18),
diese aber haben wieder das recht ungeeignete beschwerden ohne wei-
teres unter den tisch fallen zu lassen. der so möglicherweise geschädigte
beschwerdeführer konnte dann nur noch den weg der beschwerde gegen
die thesmotheten beschreiten oder als bittflehender in der dafür be-
stimmten volksversammlung vor dem volke auftreten. nehmen die thes-
motheten aber die beschwerde an, so instruiren sie den proceſs, und
erst mit dem erkenntnisse dieses gerichtes hat die sache ein ende, und
ist der ὑπεύϑυνος frei von den beschränkungen seiner wartezeit19):
λόγον καὶ εὐϑύνας δέδωκεν.
In diesen formeln hat sich der unterschied der rechnunglegung vor
dem gerichte und den ‘rechnern’ einerseits, der ‘correctur’ von amtsver-
fehlungen auf grund der beschwerde beim ‘corrector’ immer erhalten.20)
die sprache läſst auch an sich keinen zweifel. λόγος λογιστής λογίζεσϑαι,
λόγον ἐγγϱάφεσϑαι, ὑποσημαίνεσϑαι, das geht alles die schriftliche
rechnung an. εὔϑυνος ist der, der die σκολιαὶ ϑέμιστες gerade macht,
εὔϑυνα ist zunächst die procedur dieses gerademachens, doch nicht von
seiten des ‘correctors’ aus, sondern dessen, der sich der prüfung auf
die geradheit unterzieht, εὔϑυναν δίδωσιν oder ὑπέχει; erst weil es meist
zur ausgleichung des geldes bedarf, heiſst εὔϑυνα auch geldstrafe.
Aber eben so sehr war es unvermeidlich, daſs man die gesammte
procedur, der ein abtretender beamter sich unterwerfen muſste, mit
[237]εὔϑυνα.
einem kurzen worte bezeichnete, und daſs sowol λόγον wie εὐϑύνας
διδόναι im leben gesagt ward ohne das complement auszuschlieſsen,
vollends aber für die befristung ἐπειδὰν τὰς εὐϑύνας δῷ stehend ward:
das war ja der schluſsact.21) wenn er in der formel notwendig vorwog,
so tat es in der praxis eben so notwendig die erste gerichtsverhandlung
vor den logisten. denn das war gleich die erste gelegenheit, wo der
angriff losgehen konnte, da war mündliches verfahren, da saſsen die
souveränen richter und lieſs sich schleunigst ein urteil erstreiten. wie
sollte dem gegenüber der weitläufige instanzenzug des euthynenverfahrens
reizen? die privaten mochten allerdings von ihm notgedrungen ge-
brauch machen; davon hören wir kaum etwas. für die haupt- und staats-
processe war der weg der eisangelie beim volke wirksamer und beliebter;
nur selten mag jemand den vorteil, auch leibesstrafen beantragen zu
können, durch die weiterungen des verfahrens bei dem euthynos er-
kauft haben. man kann allerdings auch nicht verbürgen, daſs die Athener
das recht sorgfältig gewahrt haben und nicht etwa auch in logistenver-
handlungen strafanträge auf tod zugelassen oder gar zuerkannt haben,
seitdem die amtsführung, nicht bloſs die rechnungsführung hineingezogen
ward, wozu die buſsen ἀδικίου veranlassung boten. tatsache ist, daſs
die meisten schweren anklagen im vierten jahrhundert durch eisangelie
erhoben sind, die logisten manchmal erwähnt werden, die euthynen nur
einmal, in einem volksbeschlusse, dessen antragsteller die alte formel
nicht ohne unklarheit verwendet.22) aber die gesandtschaftsreden der
beiden groſsen redner sind vielleicht vor den thesmotheten gehalten, also
auf dem wege einer von Demosthenes (und vorher auch von Timarchos)
eingereichten denuntiation bei dem euthynos.23)
Im fünften jahrhundert bestehen beide prüfungen in voller kraft
neben einander24), insbesondere sind der euthynos und seine beisitzer
in lebhafter tätigkeit. aber die logisten haben daneben eine andere
aufgabe, die lediglich rechnerische, wenn es gilt die quoten der tribute
oder die zinsen der staatsanleihen u. dgl. zu berechnen.25) dem ent-
sprechend ist ihre zahl nicht 10 sondern 30.26) es liegt in der natur
23)
[239]εὔϑυνα. alter der beiden formen der rechenschaft.
der ganzen finanzverwaltung, daſs sie diese arbeiten im auftrage des
rates vornehmen27): wie sollten sie auch anders zu den acten kommen,
an wen anders die rechnungen abgeben? die gesammten finanzbehörden
handeln ja nur im einverständnis und auf grund einer ermächtigung des
rates, der allein initiative hat. daſs man 403 die zahl der logisten ver-
ringerte, geschah in der richtigen einsicht, daſs sie auch nicht von fern
so viel wie früher zu berechnen hatten; so giengen ja auch die schatz-
meisterstellen der anderen götter ein.28) von den veränderungen der
späteren zeit ist noch bemerkenswert, daſs die rechnungen in duplo aus-
zufertigen waren, und ein exemplar in das archiv kam.29)
Logisten und Euthynen gehören beide der groſsen zeit des attischenAlter der
beiden for-
men der
rechen-
schaft.
demokratie an: wir können sie nicht für jünger als die kleisthenische
organisation ansehen, kehren sie doch auch beide in der einzelgemeinde
wieder.30) und doch kommen sie dem modernen wie dubletten vor. es
[240]II. 12. Λόγος und εὔϑυνα.
ist darum nötig, sich ihre stellung in dem organismus der verfassung
klar zu machen.
Die finanzen der demokratie besorgt der rat; so weit beamte daran
beteiligt sind, stehn sie unter ihm. die einnahmen des staates kommen
in der gestalt von pachtgeldern ein, sind also fest und auf bestimmte
termine fällig. der besitz des staates, die grundstücke, häuser, berg-
werke u. s. w. sind verpachtet, ebenso die zölle und die steuern (wenig-
stens alle beträchtlichen31), und diese verpachtungen besorgt zwar eine
eigene behörde, die danach heiſst (πωληταί), aber es geschieht im rat-
haus, unter assistenz, zuweilen sogar auf beschluſs des rates, und die con-
tracte sind in der verwahrung des rates. die verpachtung des vom staate
verwalteten kirchengutes wird zwar von dem könige selbständig besorgt;
aber er übergibt dem rate den contract und hat weiter nichts damit zu
schaffen; auch diese einnahme ist eine feste staatseinnahme.32) ein über-
schlag der sichern einnahmen ist also sehr gut möglich, ganz ebenso
einer der laufenden ausgaben: also ein budget, und in gewissem sinne
hat es in lykurgischer zeit wenigstens bestanden.33) aber die geldver-
waltung ist auch so organisirt, daſs sie sich einfach und sicher leisten
lieſs. die zahlungen an den staat finden im rathause an wenigen be-
stimmten terminen statt, die meisten in der neunten prytanie, mitte mai.34)
30)
[241]Alter der beiden formen der rechenschaft.
die vereinahmung besorgen die 10 einnehmer, ἀποδέκται, auf grund der
contracte, die vorher im rate festgestellt sind. nun ist die casse voll;
schon am folgenden tage wird sie geleert. denn da haben die einnehmer
einen anschlag für die verteilung der gelder unter die beamten im rate
vorzulegen und genehmigen zu lassen, wobei alle einzelnen monita berück-
sichtigt werden können, nötigenfalls durch eine κατάγνωσις τῆς βουλῆς.
sie würden hierzu nicht im stande sein, wenn nicht die forderungen der
beamten vorlägen. aber diesen steht ein ratsausschuſs von 10 calcula-
toren, λογισταί35), zur seite, welche für sie die rechnungen führen, so
daſs die bedürfnisse längst bekannt sind, übrigens zum teil durch ge-
setze oder specielle zahlungsanweisungen vom volke vorab fixirt. so ist
um den 20 Thargelion der groſse cassenumschlag in Athen. da kommen
die steuerpächter und die bergwerkbesitzer, die domänenpächter und die
staatsschuldner: sie alle müssen bar geld aufgetrieben haben, und ein
gewaltiger schatz liegt an dem abend des zahlungstages der neunten
prytanie im rathause. aber nur eine kurze nacht. schon am folgenden
tage flieſst der strom wieder ab und verteilt sich unter das volk. jetzt
bekommen die bauern, die das opfervieh gestellt haben, die steinmetzen,
die die inschriftsteine geliefert haben, ihre bezahlung, handwerker und
kaufleute, die für die einzelnen behörden tätig gewesen sind, werden
befriedigt; man mag sich das weiter ausmalen. in kleineren verhält-
nissen ist dasselbe an dem zahlungstage jeder prytanie der fall, wo auch
viele gehälter und pensionen abgehoben sein müssen.36) in sehr sinn-
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 16
[242]II. 12. Λόγος und εὔϑυνα.
fälliger weise hat sich dabei herausgestellt, ob der ordentliche etat des
staates37) balancirte. ein staatsschatz wie im fünften jahrhundert bestand
nicht mehr, wenn auch die staatsgelder bei der göttin deponirt waren.38)
an seiner statt muſsten die cassen der spielgelder und der kriegsgelder
die überschüsse aufnehmen oder das deficit decken.
Wer sich diesen geschäftsgang klar macht, muſs einsehen, daſs die
behörden, die mit den staatsgeldern zu tun haben, allesammt sehr wenig
zu besagen haben39) und der initiative ermangeln. der rat ganz aus-
schlieſslich ist für die finanzverwaltung verantwortlich. es ist also durch-
aus berechtigt, daſs die beamten unter ihm stehn und beschwerden über
sie während des jahres an ihn gehn (46, 2). es ist aber eben so not-
wendig, daſs neben ihm eine unabhängige rechenkammer besteht, welche
nach ablauf des jahres die ganze verwaltung prüft, aber natürlich über
den ausschuſs des volkes nicht selbst entscheiden kann. dazu ist nur
sein auftraggeber das volk competent, und es entscheidet in der ideellen
vertretung seiner gesammtheit, die ein heliastisches gericht bildet. somit
sind die logisten ein ganz unentbehrliches glied in dem organismus der
ausgebildeten demokratie, die wir nach Kleisthenes nennen dürfen, einerlei
ob sie 507 oder ein par jahr später ins leben gerufen sind.40) sie setzen
36)
[243]Alter der beiden formen der rechenschaft. εὔϑυνα στϱατηγῶν.
die ausgebildete volksherrschaft durch rat und gerichte voraus, setzen
auch eine vollkommen schriftliche staatsverwaltung voraus: das wird
man der themistokleischen zeit gern, schwerlich der solonischen zu-
trauen.
Einen total verschiedenen charakter trägt die εὔϑυνα der beamten.
daſs der beamte ὑπεύϑυνος ist, mandatar des souveränen volkswillens,
darin liegt die herrschaft des volkes. dadurch hat Solon die demokratie
begründet, und Aristoteles, der dies nachdrücklichst hervorhebt, erklärt
die euthyna schlechthin für unerläſslich. aber er sagt nicht, wie sie von
Solon angeordnet war. da tritt nun die schilderung der verhandlung
vor dem euthynos ein. dieser mit seinen zwei beisitzern ist ein analogon
des archons, der vor Solon das recht des εὐϑύνειν, des strafens hat.
aber er ist ein mitglied des aus der sammtgemeinde durch das los auf
praesentation der unterabteilungen ausgewählten rates. daſs wir bisher
weder sicher wissen, in welcher weise vor Kleisthenes der rat aus den
unterabteilungen der phylen besetzt ward, noch das zahlenverhältnis
seiner ausschüsse und der phylenweise besetzten collegien kennen, beein-
trächtigt die hauptsache nicht, daſs ein “volksvertreter” die prüfung der
beschwerden über die abtretenden beamten für seine phyle vornimmt.
und wenn wir auch nicht wissen, wie die civilklagen vor der einsetzung
der demenrichter entschieden sind, so bleibt doch das für die solonische
ordnung, daſs der euthynos die ihm billig scheinenden öffentlichen be-
schwerden dem thesmotheten zur gerichtlichen verhandlung überweisen
kann. mag auch der thesmothet noch das recht der abwerfung haben:
bei einem starken druck des volkswillens konnte er dies recht nicht
leicht ausüben, und damit war die sache vor dem volksgericht. gerade
in den mannigfachen cautelen, welche noch die appellation an das gericht
beschränken, erkennt man, daſs hier eine institution vorliegt, die so alt
ist wie die demokratie; wie ja auch die procedur selbst höchst alter-
tümlich ist. sehr begreiflich also, daſs das vierte jahrhundert den umweg
scheute und die euthyna zu gunsten der anklage vor dem logistengerichte
verkümmern lieſs. beschwerdeinstanz gegen die beamten ist in der ver-
fassung Drakons der Areopag, und das ist er bis 462 geblieben; es liegt
in seiner competenz der nomophylakie. das ergibt zwar für die zeit der
zwei räte auch zwei beschwerdeinstanzen nebeneinander. aber deshalb
ist es nicht unglaublich, im gegenteil, es ist eine notwendige folge davon,
daſs neben den senat eine volksvertretung gesetzt war.
Ganz scharf hebt sich von diesem regelmäſsigen gange die rechen-εὔϑυνα
στϱατη-
γῶν.
schaft der strategen ab, die von den thesmotheten vor gericht gebracht
16*
[244]II. 12. Λόγος und εὔϑυνα.
wird (59, 2).41) was das bedeutet ist jetzt ganz klar. für dieses verant-
wortungsvollste amt ist der umweg über den euthynos vermieden und
generell verordnet, was in andern fällen durch die specielle bestimmung
bewirkt wird, daſs der euthynos jede beschwerde annehmen und durch
seine κατάγνωσις vor die thesmotheten bringen muſste. es ist auch der
willkür der thesmotheten die niederschlagung einer beschwerde entrückt.
das volk selbst εὐϑύνει, d. h. die heliasten die es vertreten. ob nun wie
vor dem εὔϑυνος eine schriftliche beschwerde einzureichen war, ob münd-
liche verhandlung auf heroldsruf wie vor den logisten, macht nichts aus;
so viel ist sofort klar, daſs in diesem falle λόγος und εὔϑυνα einander
so nahe berühren, daſs es eine doppelte verhandlung gegeben hätte, und
wenn die Athener praktisch gewesen sind, so haben sie die logisten in
diesem falle nicht bemüht, oder höchstens zum nachrechnen, aber dann
würde man das eingreifen eines συνήγοϱος in solchen processen er-
warten.
Der hunde-
proceſs der
Wespen.Wir kennen nur ein komisches bild einer στϱατηγῶν εὔϑυνα in
dem hundeprocess der Wespen. daſs Laches von Kleon wegen erpressung
belangt werden soll, sagt der chor 240, und der dichter hat so den
process, den Philokleon in wahrheit versäumt, im spiele entscheidet, selbst
angegeben. der process wird von Kleon geführt, den vorsitz hat der
thesmothet (935), es handelt sich um κλοπή zu ungunsten des staates
und besonders der flottensoldaten (917, 909), das vergehen ist schätzbar,
und der unwillige richter ruft “ich wollte, nicht mal schreiben hätte er
gelernt, damit er nicht seine rechnungen gefälscht hätte, ἵνα μὴ κακουϱ-
γῶν ἐνέγϱαφ̕ ἡμῖν τὸν λόγον, 961.”42) das ist also ein rechenschafts-
process, aber mit einer anklageschrift und unter vorsitz des thesmo-
theten.
Laches war feldherr 427/26, ist aber erst im frühjahr 425 heim-
gekehrt. denn erst eine gesandschaft von dem sicilischen kriegsschauplatze,
im winter 426/5, bewog die Athener verstärkungen dorthin abgehen zu
lassen, und trotz der jahreszeit muſste Pythodoros wenigstens den Laches
[245]Der hundeproceſs der Wespen. der proceſs des Perikles.
sofort ablösen (Thuk. 3, 115). Laches verschwindet darauf für ein par
jahre von der politischen bühne. man würde auch ohne Aristophanes
annehmen, daſs er auf jene gesandtschaft hin in ungnade abberufen ist,
und da diese nicht vor dem spätherbst 426 in Athen eingetroffen ist, so
wird man schlieſsen, daſs Laches 426/5 zum strategen wiedergewählt,
aber abgesetzt ward.43) die apocheirotonie ergibt genau dasselbe ge-
richtliche verfahren wie die euthyna der strategen, und jeder andere
weg auch, der ein vorurteil des volkes herbeiführt. der πϱοστάτης τοῦ
δήμου, der die sache im volke angeregt hatte, ist von diesem zum an-
kläger ernannt, wie Perikles in dem analogen falle bei der εὔϑυνα des
Kimon. nun dürfen wir mit zuversicht sagen, daſs Aristophanes, als er
423 die Wespen dichtete, den process von 425, der mit der freisprechung
des Laches endete, vor augen hatte.44) für die rechenschaft der strategen
ist übrigens die fiction des zeitgenössischen dichters genau so beweisend
wie der einzelne reale fall.
Noch ein zweiter vielbehandelter proceſs kann nun völlig klar ge-Der proceſs
des Perikles.
stellt werden.45) Perikles ist 15 jahre hinter einander stratege gewesen.
aber im sommer 430 brach unter dem eindrucke des zweiten einfalls der
Peloponnesier und der pest sein einfluſs zusammen. er ward abgesetzt
und das volk beriet über die behandlung seines processes. man zog ihn
‘zur rechenschaft’, εὐϑύνας ἐδίδου. in der versammlung stellte Δϱα-
κοντίδης Λεωγόϱου Θοϱαιεύς46) den antrag, seine rechnungen sollten
[246]II. 12. Λόγος und εὔϑυνα.
dem rate überwiesen werden; für den fall, daſs dieser eine κατάγνωσις
ausspräche, sollte das gericht in besonders feierlicher weise auf der burg
abstimmen.47) dieser teil des antrages fiel zu gunsten eines amendements
von Hagnon, der 431/0 mit Perikles stratege gewesen war48) und jetzt
durchsetzte, daſs die sache des Perikles einem besonders starken gerichte
überwiesen wurde, vor dem die anträge auf κλοπή, δώϱων, ἀδικίου
zu erheben wären: noch also lagen formulirte strafanträge nicht vor.
so geschah es. es erfolgte die verurteilung wegen κλοπή.49) das unter-
schlagene gut muſste also zehnfältig ersetzt werden. das ist geschehen50),
[247]Der proceſs des Perikles.
also war die strafe erschwinglich. die angaben schwanken, 50 talente
ist das höchste bezeugte51), also war die unterschlagene summe höchstens
auf 5 talente geschätzt, eine wahre lappalie für den leitenden staats-
mann, der mit tausenden von talenten gewirtschaftet hatte. also war
es ein moralischer sieg des Perikles, und wir begreifen, daſs er gleich
darauf wieder zum strategen gewählt ward.
Den ruf der notorisch reinen hände hat Perikles behalten: wir
verstehn jetzt, daſs es geschehen ist, gerade weil er diese buſse bezahlt
hat. natürlich insinuirt Strepsiades mit εἰς τὸ δέον ἀπώλεσα die
κλοπή, aber den heliasten hat εἰς τὸ δέον ἀνήλωσα bei dieser ver-
handlung, wo es gesprochen ist, doch imponirt.52) die erinnerung,
daſs es die rechenschaftsablage war, um die der jahrzehnte lang unge-
prüfte stratege vor die richter treten muſste, ist nicht vergessen worden.54)
Für die rechtliche beurteilung des processes ist es wichtig die
chronologie festzustellen. das jahr des Euthydemos lief vom 3 august
431 bis zum 22/23 juli 430. die strategenwahlen für 430/29 muſsten
in einer der vier letzten prytanien stattfinden. die Peloponnesier fielen
sogleich mit sommers anfang ein und blieben 40 tage. während dieser
zeit brach die pest aus, zog Perikles mit der flotte gegen den Peloponnes,
kehrte heim, als jene wieder aus Attika fort waren, und sofort gieng
mit dieser selben flotte Hagnon nach Poteidaia, trug in das belagerungs-
heer die ansteckung und kehrte dann unverrichteter sache heim. diese
expedition hatte wieder 40 tage gedauert. das war also 90 tage etwa
nach sommers anfang: man wird doch nicht anders rechnen können
50)
[248]II. 12. Λόγος und εὔϑυνα.
als am ende des attischen jahres, mitte juli, ja der jahreswechsel wird
die rückkehr des Hagnon bestimmt haben. er ist in der versammlung
gegenwärtig, die über Perikles berät. während dieser letzten drei monate
des jahres kann die strategenwahl nicht wol stattgefunden haben, weder
während der feind im lande stand, noch während die elite der mili-
tärisch interessirten bürgerschaft im auslande war. verständigermaſsen
muſste in kriegszeiten die wahl vor dem beginn der expeditionen ab-
gehalten werden, zumal wenn ein feindlicher einfall in aussicht stand.
dann ist sie aber 430 gehalten worden, ehe die pest ausbrach, ehe die
landbevölkerung der laureotischen halbinsel durch die verwüstung ihrer
felder erbittert war, in der stimmung des ersten kriegsjahres, und es
ist ganz undenkbar, daſs Perikles nicht wiedergewählt wäre. der groll
gegen ihn brach los, während Hagnon in Thrakien war. Thukydides
erzählt das nachher, aber mit ἔτι δ̕ ἐστϱατήγει II 59 deutet er, dem
ja doch die reihenfolge der ereignisse lebendig vor der seele steht, sein
zurückgreifen an. nun erzählt er den versuch des Perikles, die volksstim-
mung zu bändigen, wie sie ihm darauf in der groſsen politik folgten, aber
doch nicht umhin konnten, ihn in geldbuſse zu nehmen, und οὐ πολλῷ
ὕστεϱον zum strategen wieder wählten. es kann das nicht im frühjahr
429 geschehen sein: das wäre in einem leben, das nur nach monaten
noch zählte (er starb um den 1 september 429), nicht οὐ πολλῷ
ὕστεϱον. die zwischenzeit seiner ungnade und amtlosigkeit beläuft
sich nur auf ein par monate. wenn er also für 430/29 gewählt war
und für eben dasselbe jahr nachher wieder gewählt ward, so ist er ab-
gesetzt oder besser suspendirt worden. und wie sollte auch sonst eine
wiederwahl im jahre möglich sein, da doch keine stelle frei war noch
frei gemacht werden konnte. wir werden also lediglich durch die zeit-
rechnung zu demselben geführt wie durch die vorzüglichen nachrichten
über die formen des processes: Perikles ist abgesetzt worden, ἀπεχειϱο-
τονήϑη, in der letzten prytanie des Euthydemos oder in der ersten
des Apollodoros. es kann auch bei dem jahreswechsel geschehen sein,
wo doch irgend welche formen der erneuten übernahme auch für den
continuirten magistrat bestanden haben müssen.
Der proceſs ist nicht die einfache rechnungslegung gewesen, denn
das volk selbst hat seine form festgestellt. er ist auch keine eisangelie
beim volke gewesen, denn dann hätte ein kläger und eine formulirte
anklage da sein müssen55), während das volk die verschiedenen anklagen
[249]Der proceſs des Perikles. εὔϑυνα στϱατηγῶν.
des logistenprocesses frei läſst. so bleibt nur das eingreifen des souveräns
gegen seinen vertrauensmann. wenn das volk den Perikles nicht mehr
zum strategen haben wollte, ihn für seine leiden verantwortlich machte,
ihn sie büſsen lassen wollte, so war das ein unwiderstehlicher drang:
der minister muſste fallen. aber dieser minister war ein ordnungsmäſsig
für ein weiteres jahr gewählter beamter; der lieſs sich nicht so leicht
wie ein minister beseitigen. da half nur amtsentsetzung, eine ausnahme-
maſsregel, und das genügte weder der volkswut noch dem selbstgefühle
des Perikles noch der gerechtigkeit besonnener verfassungsfreunde.
das gericht muſste sprechen. aber worüber? wo kein kläger ist, ist
kein richter. nach εὔϑυνα rief man, εὔϑυνα erhielt man, sogar λόγος
und εὔϑυνα zugleich. aber die εὔϑυνα des strategen ist eine hoch-
politische action, und der hochpolitische angriff gegen den strategen
wird in die formen der euthyna gekleidet.56)
Es muſs jetzt, wo man bei Aristoteles gelernt hat, daſs für alleεὔϑυνα
στϱατη-
γᾶν.
magistrate mit ausnahme der officierstellen die iteration verboten war,
noch viel bedeutsamer erscheinen, als es zuvor für jeden der fähigkeit
und guten willen zum denken hatte schon war, daſs die strategie wie
alle militärischen ämter continuirt werden kann. damit ist die rechen-
schaftsablage tatsächlich hinausgeschoben, so lange die volksgunst dem
strategen bleibt. denn es ist weder rechtlich noch praktisch möglich,
daſs der stratege, dessen amt vom skirophorion in den hekatombaion
55)
[250]II. 12. Λόγος und εὔϑυνα.
übergeht, statt vor den feind vor die heliasten zöge. darum hat man
die strategen von der gewöhnlichen verpflichtung, λόγος und εὔϑυνα
zu praestiren, ein für alle mal befreit. mit dem rate stehen sie so wie
so nicht in verbindung; sie erhalten ihre zahlungen direct aus den
cassen, verausgaben sie auſser landes, unter verhältnissen, die jede
specificirte rechnungsführung ausschlieſsen. und für die militärische
disciplin ist das alte Athen auch nicht unempfindlich gewesen; zumal
da phyle und regiment zwei concentrische kreise sind, wäre es anstöſsig
gewesen, daſs drei ratsmitglieder einen ausschuſs bildeten und über die
beschwerden jedes trainknechts gegen den general ein vorurteil abgäben.
also weder logisten noch euthynen für die strategen. um so weniger
dürfen sie tyrannen, ἀνυπεύϑυνοι, werden. daher die εὔϑυνα vor den
thesmotheten, aber auch diese erst, wenn der rechenschaftspflichtige
nicht mehr im amte ist. das gibt verzögerungen; aber die wichtigen
cassenbeamten, ταμίαι τῆς ϑεοῦ und τῶν ἄλλων ϑεῶν geben ja auch
ihre rechnungen nur in vierjährigen perioden ab, obwol die collegien
jährlich ohne iteration wechseln. es ist auch unvermeidlich, daſs der
λόγος zurücktritt: die thesmotheten haben keine συνήγοϱοι. und leicht
vermutet man, daſs diese ordnung ihre wurzeln in der zeit hat, wo
die strategen noch nicht die politischen executivbeamten waren, dafür
aber die logisten noch nicht bestanden.57) damals mögen die archonten
wirklich die controlle über die strategen gehabt haben, deren rechen-
schaft so bedeutungslos war wie später die der taxiarchen.58) aber diese
zeit liegt für uns im nebel. um so deutlicher ist der praktische erfolg:
die euthyna der strategen ist ohne bedeutung, wenn die leute keine
führenden politiker sind; sind sie es aber, so wird sie jedesmal zu einem
groſsen proceſs. sie ist nicht die ursache der politischen systemwechsel,
aber sie bietet die gelegenheit zum austrage von politischen kämpfen,
ähnlich wie der ostrakismos. das was in parlamentarisch regierten ländern
jetzt die vertrauensfrage ist, ist die epicheirotonie noch mehr als die wahlen.
aber in der entscheidung des souveränen gerichtes liegt eine möglichkeit,
sowol die übereilungen der abstimmung des plenums gut zu machen,
wie den gestürzten politiker durch atimie auf immer zu beseitigen.
Das vierte jahrhundert ändert rechtlich nichts, aber die demagogen,
[251]εὔϑυνα στϱατηγῶν.
die trotz allen gesetzlichen cautelen (συκοφαντίας, ἀπάτης τοῦ δήμου,
ἑταιϱήσεως, παϱανόμων, εἰσαγγελία ῥητόϱων) ziemlich unverantwortlich
bleiben, reiſsen das regiment an sich. ein teil der strategen sind con-
dottieri, ein anderer friedliche verwaltungsbeamte, die sehr gut unter
ratscontrolle gestellt werden könnten und λόγος und εὔϑυνα liefern
wie die andern beamten. da auch bei diesen allen die εὔϑυνα vor dem
λόγος zurücktrat, so wird der unwesentliche unterschied allein geblieben
sein, daſs für die strategen der vorsitz des rechenschaftsgerichts bei den
thesmotheten statt bei den logisten stand: das schwert, das die Timotheos
und Iphikrates schlieſslich fällte, war jetzt die eisangelie. aber die be-
zeichnung als εὔϑυνα στϱατηγῶν ist misbräuchlich auch diesen processen
beigelegt59): sachlich war diese richterliche entscheidung unter vorsitz
der thesmotheten von der verfassungsmäſsigen εὔϑυνα στϱατηγῶν, die
dieselben ausübten, wirklich kaum verschieden.
Die verteilung der geschäfte auf die vier volksversammlungen, die
es zu Aristoteles zeit gab, läſst deutlich erkennen, daſs die solonische
ordnung nur eine regelmäſsige, die κυϱία, gekannt hat. wie viel es
damals im jahre waren, ist unbekannt, weil wir das analogon der prytanien
nicht kennen. seit Kleisthenes waren es zehn. zehnmal also kam die
souveräne bürgerschaft zusammen, bestätigte ihre beamten, wenn sie
mit ihnen zufrieden war, beriet die für die verpflegung und die sicher-
heit des landes zu treffenden maſsregeln, nahm die denuntiationen über
hochverrat und sonstige majestätsverbrechen entgegen, lieſs sich über
die veränderungen im besitzstande ihrer mitglieder unterrichten, welche
grundstücke durch confiscation dem souverän zugefallen waren, welche
durch todesfälle vacant geworden des rechtmäſsigen erben harrten und
entschied schlieſslich über denuntiationen gegen bürger, die das ver-
trauen des souveräns verwirkt oder getäuscht hatten (43, 4—5). damit
ist erschöpft, was der souverän regelmäſsig zu erledigen hat. hinzu-
kommt die versammlung für die wahlen, für die dem rate ein terminus
ante quem non in der siebenten prytanie gesetzt ist; das nähere steht
bei diesem, weil ein günstiger tag für dieses wichtige geschäft gewählt
werden muſs (44, 4). es hat ferner jeder bürger das recht, vor die
gesammtheit zu bringen, was er auf dem herzen hat; doch ist dafür
die form beliebt, daſs er als bittflehender das gesuch stellt. diesem
muſs innerhalb jeder prytanie einmal folge gegeben und dafür eine
besondere versammlung berufen werden, natürlich vom rate, der die
gesuche also gesammelt haben muſs. darin liegt, daſs diese versammlung
keine regelmäſsige ist, sondern nach bedürfnis ausgeschrieben wird.
das geschieht auch im übrigen, so oft stoff zu verhandlungen vorhanden
ist, insbesondere mitteilungen fremder staaten durch herolde oder ge-
sandte vom rate vor das volk gebracht werden müssen. das ist alles
nicht mit sicherheit im voraus zu übersehen.
Die geschäftsordnung, wie sie Aristoteles gibt (43, 4—6), läſst diese
solonische oder besser kleisthenische ordnung noch ganz klar er-
kennen; selbst die längst obsolet gewordene vorfrage nach dem scherben-
gerichte war auf dem papiere erhalten. geändert ist nur, daſs in anbe-
tracht der regelmäſsigen geschäftslast auſser der κυϱία ἐκκλησία noch
drei versammlungen für die prytanie gesetzlich vorgeschrieben sind, von
denen für eine die verhandlung über die bittgesuche allein als not-
wendiger gegenstand der verhandlung auf der tagesordnung steht, für
die beiden andern ist die ganze tagesordnung dem belieben des vor-
sitzenden frei gegeben, da ‘heiliges und profanes und verhandlung
mit herolden und gesandten’ alles mögliche umfaſst. in wahrheit sind
auch bittgesuche kaum noch vorgekommen; der rat hatte also auch die
zweite versammlung frei zu seiner verfügung. denn die geschäftsordnung
schrieb nur vor, was behandelt werden sollte, schloſs aber damit nichts
aus. die steine lehren bekanntlich, daſs man die drei versammlungen
zweiter ordnung gar nicht in der terminologie unterschieden hat, da-
gegen in der κυϱία auch alles mögliche verhandelt, was nicht unter
die rubriken ihrer geschäftsordnung fällt, selbstverständlich nachdem
deren gegenstände erledigt waren. die durch religiöse rücksichten ge-
forderten sitzungen nach den groſsen festen, Dionysien, Mysterien, doch
wol auch Panathenaeen, die sicherlich zunächst über diese bestimmten
gegenstände zu verhandeln hatten, sind von Aristoteles seiner gewohnheit
gemäſs übergangen, weil nur das religiöse an ihnen etwas besonderes
war. die steine haben auſserdem gelehrt, daſs der rat völlig frei war,
in welcher ordnung er die versammlungen einer prytanie anberaumen
wollte, dagegen bestimmte tage der prytanie fast regelmäſsig versamm-
lungstage des volkes waren, während bestimmte monatstage aus religiösen
rücksichten frei zu bleiben pflegten. 1)
Die aufstellung der tagesordnung ist ausschlieſslich sache des rates,
soweit nicht das volk ihm vorher gesetzliche weisung erteilt hat. das
sehen wir in verschiedenster weise geschehen. bald wird er angewiesen,
eine sache in der nächsten sitzung vorzubringen, bald wird einem
künftigen prytanencollegium diese weisung gegeben, bald wird ein gegen-
stand oder der noch unbekannte antrag einer person einmal oder für
alle zeit unter die bevorzugten der geschäftsordnung eingereiht, so daſs
darüber verhandelt wird ἐν τοῖς ἱεϱοῖς, εὐϑὺς μετὰ τὰ ἱεϱά, oder er
[254]II. 13. Πϱοχειϱοτονία.
wird auf die verhandlung der κυϱία gleich zu anfang der sitzung ge-
schoben, ταῦτα δὲ εἶναι εἰς φυλακὴν τῆς χώϱας, u. dgl. m. für
diese ziemlich allbekannten dinge lehrt Aristoteles nichts neues. wol
aber erfahren wir hier, wie man dem misstande vorbeugte, daſs durch
diese bevorzugungen und durch die sonstige freiheit des rates in der
aufstellung der tagesordnung einzelne gegenstände zwar regelmäſsig
hinten auf dem programme figurirten, aber niemals zur erledigung kamen.
es war nämlich vorgesehen, daſs in den versammlungen 3 und 4 von
den drei kategorien der heiligen, auswärtigen und profanen gegen-
stände je drei nummern 2) in dieser reihenfolge erledigt werden sollten.
wenn danach noch zeit war, mochten die vorsitzenden und das volk
weiter sehen. 3) nun fragte es sich, welche nummern aus dem programme,
das gleichzeitig mit der berufung der sitzung veröffentlicht ward, zur ver-
handlung ausgewählt werden sollten. wenn das nach der reihenfolge
gieng, die ihnen der rat auf dem programme gegeben hatte, so stand
jede bevorzugung oder verschleppung ganz in dessen hand. dem steuerte
die einführung einer ‘debatte über die geschäftsordnung.’ das volk wählte
die nummern selbst durch einen vorbeschluſs aus. Aristoteles, der sehr
kurz, aber für die erfahrenen leser verständlich redet, erwähnt diese
vorabstimmung nur in der sarkastischen bemerkung “sie verhandeln aber
auch manchmal ohne vorabstimmung”. ihm liegt daran, die gesetzesver-
letzung zu notiren; wir entnehmen aus der ausnahme die regel, die er in
seiner compilation unterdrückt hat.
Die πϱοχειϱοτονία erwähnt Aischines 1, 23 in einer schilderung
des gesetzlichen verlaufes der volksversammlung “wenn das volk durch
die herumtragung des opfers entsühnt ist und der herold fluch und
[255]II. 13. Πϱοχειϱοτονία.
segen gesprochen hat, dann müssen die vorsitzenden die vorabstim-
mung vornehmen πεϱὶ ἱεϱῶν τῶν πατϱίων 4) καὶ κήϱυξι καὶ πϱεσβείαις
καὶ ὁσίων und dann wird die debatte eröffnet”. die stelle ist unmittelbar
verständlich. erst feststellung der tagesordnung, dann debatte. die drei
kategorien der gegenstände und ihre reihenfolge stimmen genau zu
Aristoteles.
In ähnlicher weise, um die ganz gesetzmäſsige behandlung einer be-
stimmten sache darzulegen, erwähnt Demosthenes 24, 11 die procheirotonie.
es ist durch volksbeschluſs eine auſserordentliche commission eingesetzt, bei
der denuntiationen eingereicht werden sollen gegen solche, die dem staate
geld hinterzogen haben. Euktemon macht eine solche meldung, es kommt
vor den rat 5), der rat setzt seine meldung auf die tagesordnung, eine
versammlung wird berufen, das volk beschlieſst durch vorabstimmung
den gegenstand zu behandeln (πϱοὐχειϱοτόνησεν ὁ δῆμος), Euktemon
bringt seine anzeige vor u. s. w. die absicht des redners ist ausschlieſs-
lich darauf gerichtet, den eindruck der peinlichsten genauigkeit zu er-
wecken, daher verweilt er bei jeder station, die ein antrag zu passiren
hat, nicht weil auf sie in diesem falle etwas besonderes ankäme, sondern
zum beweise, daſs keine überschlagen ist.
Die dritte stelle besitzen wir nicht mehr selbst, sondern lesen nur
bei Harpokration πϱοχειϱοτονία · ἔοικεν Ἀϑήνησι τοιοῦτό τι γίνεσϑαι ·
[...]πόταν τῆς βουλῆς πϱοβουλευσάσης εἰσφέϱηται εἰς τὸν δῆμον
ἡ γνώμη, πϱότεϱον γίνεται χειϱοτονία ἐν τῇ ἐκκλησίᾳ πότεϱον
δοκεῖ πεϱὶ τῶν βουλευϑέντων σκέψασϑαι τὸν δῆμον ἢ ἀϱκεῖ τὸ πϱο-
βούλευμα. ταῦτα δ̕ ὑποσημαίνεται ἐν τῷ Λυσίου πϱὸς τὴν Μειξι-
δήμου γϱαφήν. die erklärung ist unsinnig, denn darum dreht sich die
debatte jedesmal, ob man es bei dem ratsantrage bewenden lassen will
oder nicht. aber die debatte dreht sich darum, nicht eine bloſse χειϱοτονία
oder gar πϱοχειϱοτονία. der grammatiker hat seine mit aller reserve
vorgetragene deutung darauf aufgebaut, daſs Lysias den antrag des Meixi-
demides für ungesetzlich erklärte, weil ihn die prytanen ohne πϱοχει-
ϱοτονία zur abstimmung gebracht hatten. man kann sich sehr gut
denken, wie dann ein solches misverständnis entstehen konnte.
Das sind die erwähnungen der procheirotonie. sie erledigen sich
nun leicht. in das fünfte jahrhundert führen sie nicht hinein. in dem
verfassungsentwurfe der 400 wird die geschäftsordnung für die versamm-
lung bestimmt, die kategorien sind dieselben, ihre ordnung auch, aber
innerhalb derselben entscheidet das los über die reihenfolge der gegen-
stände, deren zahl nicht beschränkt ist (30, 5). für die demokratie ist
anzunehmen, zumal in hinblick auf die klagen des oligarchen der πολι-
τεία Αϑηναίων, daſs der rat die reihenfolge und zahl der gegenstände
feststellte. die procheirotonie ist also eine institution der restaurirten
demokratie; die Lysiasrede ist frühestens ende der neunziger jahre ge-
halten.
Aber ein praecedens gab es allerdings, die vorabstimmung der sechsten
prytanie, ob ein ostrakismos stattfinden sollte oder nicht. das hat
M. H. E. Meier verführt, den passendsten namen πϱοχειϱοτονία durch
conjectur im lexicon von Cambridge einzusetzen, wo die Aristotelesstelle
43, 5 citiert war, und wir haben durch meine nachläſsigkeit diese con-
jectur als überlieferung angesehen und danach geändert. obwol es
rechtlich eine procheirotonie war, dürfen wir doch nicht die spätere
terminologie für die zeit des Kleisthenes fordern, können das überlieferte
ἐπιχειϱοτονίαν ‘abstimmung’, ohne frage in dem sinne ‘debattenlose
abstimmung’ gelten lassen, sehen dann aber um so deutlicher, daſs die
procheirotonie eine spätere institution ist.
Ich möchte nicht die ganze urkunde zum abdruck bringen, die uns
allein einen einblick in das leben einer phratrie gewährt, bin aber über-
zeugt, daſs die erklärer deshalb nicht richtige folgerungen gezogen haben,
weil sie die urkunde aus den meinungen über die phratrien erklärt haben,
die doch alle ungewiſs sind, statt dies wie jedes schriftstück erst aus sich
zu erklären. ich bitte also den leser, meine paraphrase selbst zu con-
trolliren, indem er den text zur hand nimmt. 1)
Der stein stand in Dekeleia vor dem altar des Zeus phratrios (65. 1).Paraphrase
der ur-
kunde.
er enthält zuerst den tarif für die beiden opfer, die für die anmeldung
und einführung eines mitgliedes in die bruderschaft zu leisten sind, d. h.
den anteil, den der priester erhält. darauf die überschrift “beschluſs
der brüder unter dem archon Phormion, bruderschaftsvorsteher Panta-
kles”. 2) genaure praescripta fehlen, es muſs also dahin stehn, ob der
beschluſs in der einmaligen ordentlichen versammlung (ἀγοϱά) der bruder-
schaft an den Apaturien stattgefunden hat, oder auſserordentlich. auch
ist nicht bezeichnet, wie weit das folgende zu demselben beschluſse von
396 gehört; das letzte gesetz (von 113 ab) ist der schrift und ortho-
graphie nach mehrere jahrzehnte jünger. es ist auch durch alinea ge-
trennt. da das alles für die beiden andern nicht gilt, auch die identität
des steinmetzen von Lolling angemerkt wird, so muſs ich alles für gleich-
17*
[260]III. 1. Die phratrie der Demotioniden.
zeitig halten. unter dieser voraussetzung werde ich interpretiren; es
verschlägt wenig, wenn es doch ein späterer beschluſs sein sollte, da er
nur ganz kurze zeit später fallen könnte.
“Hierokles beantragt 1) sofort soll eine abstimmung der brüder in
feierlicher form über alle statt finden, deren bruderrecht noch nicht nach
dem gesetze der Demotioniden festgestellt ist, und die sich doch als
brüder gerirt haben. wer verurteilt wird, scheidet aus, sein name wird
im album gelöscht, sowol im originale wie in der controllabschrift 3),
und der bruder der ihn eingeführt hat, wird mit 100 dr. in strafe
genommen, für deren beitreibung der priester und der brudermeister
haften (12—26).” diese energische maſsregel ist sofort vollzogen worden.
die abstimmung geschieht durch die ganze bruderschaft endgiltig, wo-
bei dahingestellt bleiben muſs, wie viele vorverhandlungen gespielt haben;
sicherlich nicht wenige. jede moderne erklärung ist ohne weiteres hin-
fällig, die diese ausnahmemaſsregel mit den folgenden dauernden in-
stitutionen vermischt. 2) “für die zukunft vom jahre Phormions ab
(45) soll die prüfung jedesmal im nächsten jahre nach der einführung
eines bruders statt finden (die durch das opfer κούϱειον geschieht). die
abstimmung soll so erfolgen, daſs die stimmsteine vom altar genommen
werden (26—29).” daraus ergibt sich, daſs die abstimmung in Dekeleia
stattfinden wird, und daſs für sie als novum diejenige feierliche form
eingeführt wird, die diesesmal ausnahmsweise verordnet war. aber die
abstimmung selbst war kein novum und sie wird durch den zusatz
einer neuen ceremonie nicht beeinträchtigt. nur hat es der antrag-
steller nicht nötig sie zu beschreiben, läſst vielmehr zu φέϱειν (29) das
subject fort, so daſs ungesagt bleibt, wer in diesem falle abstimmt: der
vorige ausnahmefall kann dafür nichts lehren. der antragsteller setzt eben
hier denselben νόμος Δημοτιωνιδῶν voraus, den er 14 citirt hat.
“welchen sie verurteilen (sie, die ungenannten, die die stimmsteine vom
altare nahmen), der darf an die Demotioniden appelliren. in diesem
falle hat das haus der Dekeleer fünf anwälte zu wählen in der und der
form und so und so verpflichtet (das detail ist unwesentlich; diese anwälte
verfechten also die sache derer, die den appellanten verurteilt haben,
vor den Demotioniden). unterliegt der appellant, so hat er 1000 dr. zu
zahlen, für welche der priester des hauses der Dekeleer haftet; doch darf
[261]Paraphrase der urkunde. verfassung der Demotioniden.
sie auch jeder bruder für die genossenschaft eintreiben. 4) diese prüfung
(d. h. die obligatorische, nicht die der appellanten) alljährlich vornehmen
zu lassen, wird der brudermeister durch ordnungsstrafen angehalten, die
jeder bruder zu gunsten der gemeinschaft eintreiben kann. in zukunft
sollen die einführungsopfer nur in Dekeleia stattfinden, wofür der priester
haftbar ist, der in ausnahmefällen ein anderes local bestimmen darf,
dann aber die ankündigung fünf tage vor dem anfange der Apaturien
in der stadt am rendezvousplatz der Dekeleer (d. h. der angehörigen des
demos Dekeleia) anzuschlagen hat. endlich wird die errichtung des er-
haltenen inschriftsteines verordnet (30—67).”
Resumiren wir hier was sich mit sicherheit erschlieſsen läſst. dieVerfassung
der Demo-
tioniden.
bruderschaft sind die Demotioniden: niemand anders als das plenum
kann über die appellation richten, und die liste der brüder ἐν Δημο-
τιωνιδῶν kann nur im hause der bruderschaft liegen. jede andere auf-
fassung ist in sich verkehrt. eine unterabteilung der bruderschaft ist
das “haus der Dekeleer”, denn von ihm wird an die Demotioniden
appellirt. aber es ist so wichtig, daſs es die prüfung der neu einge-
schriebenen brüder hat. das steht nicht da, aber es muſs sie haben,
da es die anwälte wählt, die das urteil im falle der appellation vor der
bruderschaft vertreten. und es muſs sie schon früher nach dem “ge-
setze der Demotioniden” gehabt haben, denn darin hat sich durch dieses
psephisma nichts geändert, und nur weil alles beim alten geblieben ist,
steht an der entscheidenden stelle kein subject. dasselbe folgt daraus,
daſs der priester des hauses der Dekeleer die geldstrafen für eine ab-
gewiesene appellation einzieht, die doch dem Zeus der bruderschaft
zufallen (42). nur hier steht der volle titel des priesters; wo sonst
ein priester erwähnt wird, hat er kein distinctiv. aber da der name
des Zeus der bruderschaft an der spitze dieser inschrift steht, die neben
seinem altare in Dekeleia stand, und da der priester des Dekeleerhauses
Zeuspriester ist, so kommt man mit notwendigkeit zu der ansicht, daſs
das haus der Dekeleer das vorrecht in der bruderschaft hatte, den priester
zu stellen, so daſs also überall derselbe priester zu verstehen ist. 5) was
[262]III. 1. Die phratrie der Demotioniden.
das haus der Dekeleer war, mögen wir wissen oder nicht wissen: nur bei
dieser construction seiner rechte hat der beschluſs sinn. die bruder-
schaft der Demotioniden hat ihr heiligtum in Dekeleia, sie besteht aus
dem bevorrechteten hause der Dekeleer und einer unbestimmten hier nicht
weiter gegliederten menge von andern brüdern. die gemeinde Dekeleia
muſs tatsächlich in einer nahen beziehung zu der bruderschaft stehn,
da der rendezvousplatz ihrer bürger in der stadt für eine proclamation
der bruderschaft benutzt wird.
Auch auf die anordnungen, die zu dem neuen beschluſse veranlassung
gegeben haben, ist ein rückschluſs möglich. die opfer und somit die
einführungen neuer bürger haben an beliebigen andern orten auſser Deke-
leia stattgefunden. man mistraut dem brudermeister, ob er auch die
jährlichen prüfungen vornehmen wolle, die durch das Dekeleerhaus gehn.
man mistraut noch mehr dem Dekeleerhause, denn die feierlichkeit seiner
abstimmung wird erhöht, und vor allem, es wird von seiner prüfung, wenn
sie eine verwerfende ist, eine appellation an die bruderschaft gestattet:
das ist ein novum gegen das alte gesetz. aber die zulassung steht aller-
dings noch ganz bei dem Dekeleerhause. und der antragsteller ist diesem
in sofern nicht feindlich, als er seinem priester die opfer und die opfer-
gefälle sichert.
Ein ganz anderes bild gibt das unmittelbar folgende psephisma des
Nikodemos. “im übrigen soll es mit der einführung und prüfung bleiben,
wie früher beschlossen ist. aber 1) soll ein jeder die zeugen, drei an
der zahl, die schon früher bei der einführung gefordert worden sind,
aus seinem thiasos stellen, sie sollen die (offenbar solennen, früher ver-
ordneten) fragen beantworten, so wahr ihnen Zeus phratrios helfe, die hand
auf dem altare (67—75); eine neue eidesformel für sie wird am schluſse
nachgetragen (107—112); nur für den fall, daſs der thiasos keine drei
leute enthält, dürfen die zeugen aus der übrigen bruderschaft genommen
werden. 2) bei der prüfung soll der brudermeister das plenum der
brüder nicht eher abstimmen lassen, als bis die thiasoten des einge-
führten geheim in feierlicher weise über diesen abgestimmt haben. die
zählung der stimmen und verkündigung des resultates hat der bruder-
meister in der versammlung vor dem plenum der bruderschaft vorzu-
nehmen (76—8).” 3) hier hat Nikodemos seine im einzelnen klaren
verordnungen ziemlich durch einander gewürfelt; er muſs sich also die
5)
[263]Verfassung der Demotioniden.
redactionellen änderungen gefallen lassen, die ich mit ihnen vornehme
(87—105). “unmittelbar nach dieser abstimmung des thiasos stimmt das
plenum der bruderschaft ab; doch dürfen sich die thiasoten wol an der
debatte, aber nicht an der abstimmung des plenums über diejenigen be-
teiligen, über die sie als thiasoten abgestimmt haben. es ergeben sich
nun folgende möglichkeiten, a) die thiasoten für zulassung, plenum auch:
zuzulassen (dies als selbstverständlich nicht gesagt). b) die thiasoten für,
das plenum gegen. dann ist er natürlich abgewiesen, aber die thiasoten
zahlen eine buſse, es sei denn daſs einzelne in der debatte (ἐν τῇ δια-
δικασίᾳ) als redner oder sonst offenbar gemacht haben, daſs sie gegen
die aufnahme waren. 6) c) die thiasoten gegen; dann kann es bei deren
vorurteil sein bewenden haben, und der ausschluſs ist giltig. aber d)
wenn derjenige, der den candidaten angemeldet hat, von den thiasoten
an das plenum appellirt, so erfolgt durch dessen zustimmung aufnahme,
durch dessen ablehnung aber nicht bloſs ausschluſs, sondern eine geld-
strafe für den appellanten. 4) diesen beschluſs soll der priester hinzu-
schreiben, natürlich zu dem, der jetzt davor steht, dem des Hierokles.”
Der nachtrag, ein antrag eines Menexenos, der sich ebenso wie das
psephisma des Nikodemos als solchen bezeichnet, hat für die organisation
der phratrie kein interesse. er verordnet nur den anschlag der namen
der candidaten für jede versammlung in der stadt durch den bruder-
meister an demselben orte wie oben, auſserdem durch den priester im
heiligtume der Leto, ungewiſs wo.
Aber welches bild gibt Nikodemos von der bruderschaft? sie zer-
fällt ganz offenbar in thiasoi, so daſs jeder bruder auch thiasot ist. von
einer andern einteilung weiſs Nikodemos nichts oder will er nichts wissen:
neben den thiasoi, diese ausschlieſsend, kann es gar nichts gegeben haben.
aber diese thiasoi sind zum teil so verkümmert, daſs man ihnen keine
vier köpfe zutrauen kann. dagegen ist sicher, daſs ihre mitglieder ein-
ander gut kennen. darum wird der einführende verpflichtet aus ihnen
die zeugen zu wählen und wird ihnen das im ordnungsmäſsigen wege
entscheidende vorurteil zugeschoben, das sie freilich vor den augen und
unter der superrevision der bruderschaft fällen müssen. ganz offenbar
hat es zwar die thiasoi längst gegeben, aber sie haben als organe der
bruderschaft in diesen dingen bisher nicht fungirt.
Stellen wir nun die ordnungen nach Hierokles und Nikodemos neben
[264]III. 1. Die phratrie der Demotioniden.
einander, so sollte ich meinen, daſs es evident sei, wie sie sich verhalten,
nicht als ergänzungen, sondern als dubletten. nach beiden findet eine
vorprüfung statt, aber Hierokles läſst sie in übereinstimmung mit der
älteren praxis dem Dekeleerhause: Nikodemos kennt das nicht, sondern
weist jeden vor seinen thiasos. das plenum, das der eine Δημοτιωνίδαι,
der andere ἅπαντες φϱάτεϱες nennt, was nur ein anderer name ist,
hat die entscheidung nach Hierokles nur in dem falle, daſs ein abge-
wiesener von dem urteile des Dekeleerhauses appellirt; Nikodemos macht
seine befragung obligatorisch. er hat eine strafe für den thiasos, wenn
er nach ansicht des plenums unrechtmäſsig auf zulassung erkannt hat:
daſs Hierokles dem Dekeleerhause die zulassung völlig frei gibt, ist aller-
dings ein seltsamer miſsbrauch. dagegen ist Nikodemos in der strafe
für eine abgewiesene appellation milder, die er auf 100, Hierokles auf
1000 drachmen bemiſst. letzteres ist so hoch, daſs nicht leicht jemand
riskirt haben würde, von der entscheidung des Dekeleerhauses zu appel-
liren. darin stimmen endlich beide überein, daſs den ausgeschlossenen,
der sich dabei beruhigt, keine strafe trifft.
Wie stehen nun beide beschlüsse zu einander? wenn sie gleich-
zeitig aufgezeichnet sind, so ist der zweite ein amendement zu dem ersten,
das er zum guten teile aufhebt. wenn Nikodemos etwas später erst auf-
getreten ist, so ist es ein verbesserungsantrag: denn mit τὰ μὲν ἄλλα
κατὰ τὰ πϱότεϱα ψηφίσματα fängt Nikodemos an. allerdings tragen
beide den vermerk, daſs sie aufgeschrieben werden sollen, am schlusse,
der zweite, daſs er daneben aufgeschrieben werden solle, so daſs die
formen des attischen amendements nicht ganz gewahrt sind; doch be-
denke man, daſs Nikodemos wirklich nicht sagen konnte τὰ μὲν ἄλλα
καϑάπεϱ Ἱεϱοκλῆς, da ja jener selbst das alte gesetz voraussetzte, und
er dasselbe sofort mit ὃς εἴϱηται citirte. es wird also wol so zu-
gegangen sein.
Als nach dem kriege, in dem Dekeleia das feindliche hauptquartier ge-
wesen war, nach den revolutionen und der einführung strenger gesetze über
das bürgerrecht die phratrie der Demotioniden sich wieder zusammen-
fand, ihr heiligtum herstellte und die acten, so weit sie noch da waren,
wieder hinauf brachte, zeigten sich sehr groſse schwierigkeiten, da es
genug brüder gab, die entweder selbst zweifelhafter herkunft waren oder
doch geneigt, solche elemente zu dulden. so zog es sich bis 396 hin:
da hatte Hierokles eine neuordnung vorbereitet, die dem priester seine
von alters herkömmlichen aber natürlich seit 412 in verfall geratenen
gefälle und seinem heiligtume das cultvorrecht wahrte, die vorherrschende
[265]Verfassung der Demotioniden.
bedeutung des alten dörflichen heiligtums herstellen wollte, und dem
Dekeleerhause, dem von alters her die prüfung der neueintretenden zufiel,
zwar dies vorrecht erhalten, aber gröſsere garantien für die pünktliche
ausübung der prüfung schaffen wollte. darunter befand sich für einen fall
die übrigens durch die gefahr einer sehr hohen strafe stark erschwerte
appellation an das plenum der bruderschaft. für den augenblick ordnung
zu schaffen, war eine summarische aburteilung der noch restierenden un-
geprüft eingeführten brüder durch das plenum nicht zu umgehn gewesen.
es war alles fertig; Hierokles hatte seinem wolstilisirten antrage sogar
schon die verordnung der publication angehängt. aber auf der ver-
sammlung gieng es nicht so glatt; sie mochte durch die prüfung, die so-
fort nach Hierokles antrage erfolgte, lust bekommen haben, die sache
selbst in der hand zu behalten. Nikodemos stand auf, schloſs sich zwar
in allem übrigen dem vorredner an, aber mit dem alten rechte des Deke-
leerhauses räumte er auf, obwol er selbst aus dem demos Dekeleia war. 7)
es sollten gar keine vorrechte mehr bestehn, am wenigsten für die leute,
die mit Sparta sich gut gestanden hatten. die beste garantie war schon
in der alten bestimmung gegeben, daſs 3 zeugen bei der einführung zu
nennen waren: wenn das nicht beliebige leute, sondern die nächsten
bekannten des einzuführenden waren, muſsten sie unterrichtet sein. und
die vorprüfung fiel wieder diesen wolunterrichteten, an die man sich in
fällen sträflicher nachsicht halten konnte, weit besser zu als dem Deke-
leerhause. so beseitigte er dieses und ersetzte es durch die thiasoi. das
fand den beifall der bruderschaft, ward mit dem beschlusse des Hierokles,
von dem ja noch sehr viel gültig blieb, aufgezeichnet, und danach haben
die Demotioniden gewirtschaftet, so lange die phratrie nicht in vergessen-
heit geriet.
Die urkunden sind vollkommen verständlich, sollte ich meinen. daſs
wir lediglich durch sie eine sichere kenntnis aller bruderschaften er-
langen sollten, ist zu viel verlangt. aber einiges ist doch sicher, anderes
läſst sich vermuten. die Demotioniden zerfielen schon vor 396 in cult-
genossenschaften unbestimmter zahl und verschiedener gröſse. ohne jede
spur gentilicischer verbindung, auch nur in der fiction, wurden sie aus-
schlieſslich durch die verehrung desselben gottes oder heros zusammen-
gehalten. wie sie zu diesen überirdischen mächten in beziehung ge-
treten waren, wie sie sie pflegten, ist vollkommen dunkel: wir können
auch eine urkunde eines solchen thiasos von irgend einer beliebigen
[266]III. 1. Die phratrie der Demotioniden.
solchen verbindung, die freie und unfreie bürger und nichtbürger jeder-
zeit bilden konnten, schlechthin nicht unterscheiden, wenigstens zur zeit
nicht. dafür wäre das wichtigste, wenn man wenigstens die verehrten
götter kennte. 8) das alte gentilicische wort φϱατϱία hatte also keine
andere bedeutung mehr als in dem aristophanischen φϱατέϱες τϱιω-
βόλου oder in den ἀδελφοί der alten kirche, den bruderschaften Buddhas
und Benedicts. seit 396 erkannten die Demotioniden nur noch diese glie-
derung in thiasoi an. aber es bestand bis dahin eine andere. da hatte in
ihr die vorstandschaft ein ‘haus’, das der Dekeleer; dies stellte den priester
und controllirte den bestand der ganzen bruderschaft, die somit aus
leuten höheren und minderen rechtes bestand. ob dieses haus einen
thiasos bildete oder mehrere umfaſste, ist unbekannt. haus, οἶκος, ist
ein gentilicischer begriff und kann hier nicht anders gefaſst werden.
die im attischen rechte sonst geltende bedeutung, daſs er den einzelnen
hausstand innerhalb eines geschlechtsverbandes bezeichnet (οἶκοςἀπόλ-
λυται, ἐξεϱημοῦται), paſst nicht, wol aber redet Pindar (Ol. 13, 2) von
einem τϱισολυμπιόνικος οἶκος, dem des Xenophon von Korinth, und
Phylakidas Lampons sohn von Aigina erhebt durch seinen sieg die
πάτϱα Ψαλυχιδᾶν und den οἶκος Θεμιστίου (Isthm. 5, 63): das ist
dieselbe gliederung. die vorstellung ist deutlich in der rede gegen Makar-
tatos, die verschiedene οἶκοι unterscheidet, deren jeder auf einen sohn
der Buselos zurückgeht, und die allesammt demgemäſs Βουσελίδαι heiſsen.
so müſste der οἶκος Δεκελέων auf einen ahn zurückgehn, der der sohn
des Demotion wäre, und auf Demotion müſsten über andere söhne die
übrigen genossen der bruderschaft auch zurückgehn. aber für die andern
ist selbst diese fiction aufgegeben, und der οἶκος heiſst nicht mehr nach
dem ahn Δεκελίδαι, sondern nach dem orte, wo das heiligtum der
bruderschaft ist, dem attischen dorfe Dekeleia, und der ort in der stadt,
wo sich die mitglieder der staatlichen gemeinde Dekeleia zu treffen pflegen,
wird für die publicationen der bruderschaft benutzt. folglich müssen
die gemeindemitglieder und die angehörigen jenes ‘hauses’ in der phratrie
im groſsen ganzen wenigstens identisch sein, und damit ist gesagt, daſs
οἶκος zwar noch ein gentilicischer terminus ist, aber schon keine genti-
licische bedeutung mehr hat, ja nicht mehr fingirt.
Verfassung
der anderen
phratrien.In der sonstigen überlieferung hören wir von orgeonen und genneten
und homogalakten als mitgliedern der phratrie. diese ordnung der Demo-
[267]Verfassung der anderen phratrien.
tioniden weiſs nichts von ihnen allen, und es ist willkür, die thiasoten
mit den orgeonen, die Dekeleer mit den genneten gleichzusetzen, ja dies
letztere ist sogar falsch. sollen wir nun unserer urkunde zu liebe den
Philochoros preisgeben, oder aber dem Philochoros die urkunde, da es
doch mit den harmonistischen kunststücken nicht geht? keines von beiden.
das erste ist, daſs wir uns selbst kein x für ein u machen, sondern die
wahrheit eingestehn: es stimmt nicht. das zweite ist, daſs wir folgern,
was unumgänglich ist, wenn die zeugnisse neben einander bestehen sollen:
es war in den phratrien nicht immer und gleichzeitig nicht in allen
dieselbe ordnung. erst das dritte ist die erklärung dieser verschieden-
heit. aber auch diese läſst sich sofort sicher geben, seit Aristoteles wieder
da ist. er belehrt uns, daſs schon zu Drakons zeit nicht mehr der
adel für das bürgerrecht bestimmend war, sondern das vermögen; Klei-
sthenes läſst denn auch die ganze ordnung von phratrien und priester-
tümern ruhig fortbestehn, obwol er den staat nur auf die gemeinden
gründet, und er knüpft das staatsbürgerrecht an das gemeindebürger-
recht ausschlieſslich: so hat der staat an den phratrien jedes interesse
verloren. sie existiren dagegen ruhig fort. aber sie verändern sich doch.
nach bekanntem attischem rechte sind alle vom staate anerkannten ge-
nossenschaften berechtigt sich selbst ihre gesetze zu geben; das gilt von
den phratrien natürlich, und wie sehr es tatsächlich galt, lehrt die rück-
sichtslose neuerung des Nikodemos in der phratrie der Demotioniden.
gerade solche gemeinschaften, in denen die form den inhalt überdauert
hat, sind der willkür stark ausgesetzt. rudimente ältester ordnung con-
secrirt hier der fanatismus der altertümler, während dort die flache gleich-
macherei alles nach dem jeweiligen zeitgeschmacke modelt. uns sind die
phratrien, wie wir sie allein kennen, als opfer- und schmausgenossen-
schaften wenig interessant, aber nur durch sie können wir eine ahnung
von den bruderschaften des adelsstaates gewinnen. um 396 schon mögen
die zwölf phratrien zwölf verschiedene statuten gehabt oder erhalten
haben. hundert jahre später waren sie zum teil vielleicht schon ganz
verkümmert, interessirten jedenfalls nur noch den exegeten Philochoros;
aber wenn er sich über eine oder zwei informirte, wuſste er mit nichten
das allgemein giltige noch das uralte gemeinsame.
Von der verwaltung der phratrien wissen wir nur etwas über die
Demotioniden und die Dyaleer (CIA 600), und sofort ist die verschieden-
heit da: jene haben einen, diese zwei phratriarchen. das ist ein unter-
schied, wie er zwischen gemeinden unerhört ist. greifbarer noch ist die
verschiedenheit im cultus. trotzdem, daſs Ζεὺς φϱάτϱιος und Ἀϑηνᾶ
[268]III. 1. Die phratrie der Demotioniden.
φϱατϱία, die den begriff religiös ausdrücken, der profan φϱατϱία oder
κοινόν ist, weiter nichts, notwendiger weise überall verehrt wurden, war
es unvermeidlich, daſs die geschlechter sowol wie die cultverbände, die
wir innerhalb der phratrien finden, je nach ihrer bedeutung und der
entwicklung der phratrie ihre götter zu dem range von gemeinsamen
phratriegöttern erhoben. namentlich Ἀπόλλων πατϱῷος, der den be-
griff des attischen adels bedeutet, konnte vorwalten, wenn die altadlichen
die oberhand hatten, oder durch eine andere auffassung allgemeiner potenz
noch weitern kreisen der brüder genehm gemacht werden. so finden wir
denn den Ἀπόλλων πατϱῷος bei den Thersikleiden 9), den Ἑβδόμειος,
dem der siebente als geburtstag heilig ist, bei den Achniaden 10), die
τϱιτοπατϱῆς bei den Zakyaden 11), die Leto bei den Demotioniden, den
[269]Verfassung der anderen phratrien.
Ποσειδῶν Ἐϱεχϑεύς in der phratrie, der der Kothokide Aischines an-
gehört. 12) von den Dyaleern und Philieern kennen wir keine culte 13);
aber der Διόνυσος Δύαλος (den Hesych aus den ἐπικλήσεις als den
Paeonern eigentümlich anführt) und irgend ein als φίλιος verehrter gott
können doch ansprüche erheben.
Wenn wir uns somit hüten, jede einzelerscheinung zu generalisiren,
so erkennen wir über die gliederung der einzelnen phratrien folgendes:
in den Demotioniden gibt es weder geschlechtsgenossen, γεννῆται, noch
cultgenossen, die den namen ὀϱγεῶνες führten, sondern lediglich ϑίασοι.
in diese wird durch das gesetz des Nikodemos der früher maſsgebende
οἶκος der Dekeleer aufgelöst, in welcher weise, ist nicht klar. unmög-
lich kann auf alle phratrien gehen was Philochoros im vierten buche,
also über dieselbe zeit berichtend, der der Demotionidenbeschluſs an-
gehört, citirt: τοὺς δὲ φϱατέϱας ἐπάναγκες δέχεσϑαι καὶ τοὶς ὀϱγεῶνας
καὶ τοὺς ὁμογάλακτας, οὓς γεννήτας καλοῦμεν. 14) das folgt eigentlich
[270]III. 1. Die phratrie der Demotioniden.
schon daraus, daſs er selbst den ausdruck ὁμογάλακτας von sich aus
erklärt: in seiner terminologie, wie in der des Aristoteles (fgm. 3) war
der name γεννῆται eingeführt, und er constatirte, daſs dafür in der
urkunde, die er mitteilt, ein anderes wort gebraucht war. dann war
dies kein beschluſs des athenischen volkes, sondern ein analogon zu dem
Demotionidenbeschlusse, den wir im originale besitzen. in jener andern
phratrie hatte man nach Eukleides liberal genug die beiden kategorien,
milchbrüder und orgiengenossen, ohne weitere prüfung auf den nach-
weis hin, daſs sie von den genossen ihrer körperschaft aufgenommen
waren, als brüder anerkannt. dem würde es entsprechen, wenn in den
Demotioniden der οἶκος Δεκελέων über seine angehörigen, die ϑίασοι
über die übrigen definitiv abstimmten; aber weder Hierokles noch Niko-
demos hat es so gehalten. auſser milchbrüdern und orgiengenossen muſs
es in jener phratrie noch andere leute gegeben haben, die sich als brüder
gerirten: es ist aber möglich, daſs man das für ungesetzlich hielt, und
demgemäſs diejenigen, die sich nicht als einer von beiden kategorien
angehörig ausweisen konnten, ausschloſs, worüber in streitigen fällen die
gesamtphratrie sehr wol abgestimmt haben kann. das würde einige
analogie mit dem gesetze des Hierokles bieten; aber wir vermögen das
nicht mehr zu entscheiden.
In der phratrie, der Menekles angehörte, um dessen erbschaft sich
die zweite rede des Isaios dreht, gab es orgeonen. welche andere kate-
gorie neben ihnen stand, ist nicht zu sagen: Menekles war eben selbst
orgeon. aber die verantwortung für die aufnahme eines bruders tragen
sowol orgeonen wie phrateren, deren zeugnis verlesen wird (16): die
ausdrücke εἰσάγειν εἰς τοὺς φϱατέϱας, ἐγγϱάφειν εἰς τοὺς ὀϱγεῶνας,
neben denen die demoten erscheinen, entsprechen der procedur, wie
sie Hierokles voraussetzt; die einführung geschieht nach ihm erst an den
Apaturien, dem phratrienfest, die einschreibung bei dem οἶκος Δεκελέων,
ein jahr nachher, und dies erst ist das entscheidende.
In der phratrie, der Apollodoros angehörte, um dessen erbschaft
sich die siebente rede des Isaios dreht, werden nur genneten erwähnt,
weil er ein geschlecht hatte. hier war die procedur so, daſs der ein-
führende das kind an die altäre führte und seine echtbürtigkeit beschwor;
darauf fand eine abstimmung der anwesenden statt, und auf grund deren
ward der neue bruder in die register eingetragen (16). diese einfüh-
14)
[271]Verfassung der anderen phratrien.
rung geschah, wie es scheint, zugleich zu den genneten und phrateren;
aber wer abstimmte, ist nicht ganz deutlich.
In der phratrie, zu der Phrastor von Aigilia aus dem geschlechte der
Brytiden gehörte, entschied die abweisung der genneten endgiltig über
die abweisung eines einzuführenden, wenigstens eines adlichen. Phrastor
strengte gegen einen solchen beschluſs einen privatproceſs an, der über
den schiedsmann nicht hinauskam.15)
In der phratrie des Makartatos entschied sofort, wenigstens über
diesen, ein beschluſs der gesamten bruderschaft; eine unterabteilung
wird nicht erwähnt (Rede gg. Makart. 13).
In dem adlichen geschlechte der Keryken entschied der eid des ein-
führenden vaters über die aufnahme eines kindes. er ward am altare
unter handauflegung am Apaturienfeste geschworen, ganz wie Hierokles
es fordert, der aber die handauflegung erst als neuerung einführt. eine
debatte der genneten fand statt, aber sie war zwecklos, da sie durch den
νόμος gebunden waren, den eid des vaters zu respectiren (Andok. 1, 126).
die phrateren werden gar nicht erwähnt. sie werden den durch genneten-
beschluſs anerkannten Keryken ohne weiteres aufgenommen haben.
Die rede gegen Leochares (42. 44) erzählt als zwar ungehörig aber
möglich, daſs jemand ohne weiteres durch einen einführenden bruder
in das register der phratrie eingetragen ward, und deutet darauf hin,
daſs in der regel die aufnahme in die phratrie der aufnahme in die
bürgerliche gemeinde vorhergehen muſste: was allerdings tatsächlich sitte
gewesen sein wird, da man das kind möglichst früh zu den altären der
brüder brachte16), während die gemeinde sich erst für die heerespflich-
tigen knaben interessirt. aber ein gesetzlicher zusammenhang zwischen
beiden eintragungen existirt nicht.
Euxitheos von Halimus beweist sein bürgerrecht unter anderm durch
[272]III. 1. Die phratrie der Demotioniden.
das zeugnis der phrateren und genneten, daneben durch das der ver-
wandten (συγγενεῖς) und demoten (rede gg. Eubulides 23), das sind alle,
die einen Athener zu prüfen pflegen (24). es führt das nicht mit not-
wendigkeit darauf, daſs der arme teufel selbst einem geschlechte angehörte:
aber die genneten müssen allerdings seine echtbürtigkeit geprüft haben.
und mit berufung auf diese stelle gibt der kundige grammatiker, dem
wir auch des Philochoros bruchstück verdanken, ausdrücklich an, daſs
die genneten τοὺς ἐγγϱαφομένους εἰς τοὺς φϱάτοϱας διακϱίνοντες
καὶ δοκιμάζοντες εἰ πολῖταί εἰσιν ἢ ξένοι ἐδέχοντο ἢ ἀπέβαλλον.17)
das ist also genau das verhältnis, wie es die Demotionideninschrift für
die thiasoten zeigt; appellation ist dabei immer noch möglich.
Brüder
höheren und
niederen
rechtes.Das sind die einzelfälle, die wir nicht ausgleichen dürfen, obwol
sich eine anzahl gut vertragen, da wir ja die phratrien nicht bestimmen
können, denen die leute angehörten. aber allerdings zeigt sich eine
analoge gliederung überall, in brüder erster und zweiter classe, und
die aufnahme neuer brüder wird nicht immer von der ganzen bruder-
schaft vorgenommen. die einfachste und deshalb von Philochoros als
normal angesehene teilung unterscheidet adliche geschlechtsgenossen von
plebejern, die statt des cultes eines ahnherrn eine cultgenossenschaft
um irgend einen gott oder heros gebildet haben, γεννῆται und ὀϱγεῶνες.
statt dessen liefern die Demotioniden thiasoten: die umfassen später beide,
und es ist auch nichts dagegen zu erinnern, wenn die Keryken z. b. als
ein thiasos von Keryx- oder auch Hermesverehrern aufgefaſst werden.
ob dieser name vorher, als der οἶκος der Dekeleer bevorzugt war, die
plebejer allein bezeichnete, also mit den orgeonen identisch war, möchte ich
nicht entscheiden. man konnte auch ältere γεννῆται und ὀϱγεῶνες unter
einem neuen namen ϑιασῶται zusammenfassen; und wer kann sagen,
ob das haus der Dekeleer nur adliche umfaſste? in der phratrie, deren
statut Philochoros mitteilt, gab es statt der genneten ὁμογάλακτες; er
setzt sie ausdrücklich gleich, und Aristoteles leitet von der familie das
dorf ab, οὓς καλοῦσί τινες ὁμογάλακτας, παῖδάς τε καὶ παίδων παῖδας
(Pol. A 1252b 13).18) aber wie in aller welt kann ‘milchbruderschaft’ die
descendenz bedeuten? da müſste man ja das zur zeit moderne ‘matriarchat’
für Altathen construiren, das so scheuſslich wie sein name und, seit
[273]Brüder höheren und niederen rechtes.
Zeus im himmel herrscht, auf erden undenkbar ist.19) es kann ‘milch-
brüder’ unter ‘brüdern’ nur in zwei bedeutungen geben. entweder be-
zeichnet es die kinder derselben mutter den stiefbrüdern gegenüber:
dann könnte man wol einen gleichen vorzug darin finden, wie ihn die
γεννῆται haben, z. b. unter den stammheroen Israels die söhne Leas und
die Rahels je als ὁμογάλακτες zusammenfassen, denen dann wieder die
bastarde des volksheros als brüder minderen rechtes zur seite träten.
oder aber die milchbruderschaft bedeutet was wir darunter verstehen,
was den adlichen herrn mit den leiblichen kindern seiner amme ver-
bindet.20) und erst diese milchbruderschaft macht den übergang von dem
hause zum dorfe, das mit nichten bloſs aus den descendenten eines
hauses besteht, sondern ihre οἰκῆς und οἰκέται einschlieſst. wenn eine
attische phratrie also die ὁμογάλακτες in den rang der γεννῆται ge-
stellt hatte, so war das bei dieser bedeutung nicht eine exclusive maſs-
regel, die unter den geschlechtern nur die vom ächtesten adel aussuchte,
sondern eine liberale, die einen kreis von plebejern die den adlichen am
nächsten standen als milchbrüder zuzog. ich neige mehr hierher, um
der analogie willen, die in Rom die ansehnlichen plebejischen häuser
bieten, die mit adlichen den namen teilen. noch mehr freilich bestimmt
mich der οἶκος Δεκελέων, denn dieser steht den genneten in andern
phratrien völlig analog, aber er ist kein geschlecht, ist vielmehr von
einer gemeinde oder besser von einem dorfe benannt. den demos
Dekeleia hat es freilich erst seit 507 gegeben, aber Dekeleia sicher und
den οἶκος Δεκελέων gut und gerne auch schon vorher. in der phratrie
der Demotioniden war kein geschlecht mehr so mächtig, daſs es die be-
vorzugung von γεννῆται erzwang, obwol ein träger des phratriennamens
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 18
[274]III. 1. Die phratrie der Demotioniden.
noch 470 archon gewesen ist. aber denjenigen brüdern, die in Dekeleia
ansässig waren, hatte man die stellung der genneten übertragen; sie rech-
neten sich innerhalb der phratrie als einem ‘hause’ angehörig. natürlich
hat Kleisthenes alle die 507 dort noch ansässigen in die gemeinde auf-
genommen, die er nach dem dorfe benannte; die damals schon in die stadt
verzogenen dagegen nicht, die doch auch in der phratrie blieben. anderer-
seits werden manche bürger 507 in Dekeleia gewohnt haben, die zu
anderen phratrien gehörten, aber nun dort demoten wurden. ganz geht
also der demos in die phratrie nicht auf, ganz abgesehen von nachbar-
demen, die auch erst Kleisthenes schuf, wie den ῾καλύβια τῆς Δεκε-
λείας᾽, Οἶον Δεκελεικόν.
Die brüder erster classe, mögen sie geschlechtsgenossen oder milch-
brüder oder das haus so und so heiſsen, sind der alte bestand der bruder-
schaft und gehören ihr der fiction nach durch ihre abkunft ipso facto
an. es ist das natürliche, daſs die anerkennung durch den vater sein
kind in das geschlecht und damit auch in die phratrie einführt: die
Apaturien sind ja das fest der ὁμοπάτοϱες. dagegen die cultgenossen
sind irgendwann wie auch immer hinzugetreten, aufgenommen: es sind
conscripti neben den patres oder patricii. für sie ist diese aufnahme
mindestens formell an einen beschluſs der alten echten brüder gebunden
gewesen. so geht durch die verschiedenen ordnungen dieselbe er-
scheinung hindurch, daſs die prüfung und zulassung zuerst bei den
brüdern erster classe steht, aber die fortschreitende entwickelung den
unterschied immer mehr aufhebt, sei es daſs die orgeonen neben den
genneten zwar bestehen bleiben, aber eine prüfung durch jene
eben so viel gilt wie durch diese, sei es daſs eine andere gruppe an
die stelle der genneten tritt, sei es daſs die gesammtbrüderschaft als
höhere instanz über die vorprüfung durch jene entscheidet, sei es end-
lich, daſs die gesammtbruderschaft in gleichartige und gleichberechtigte
kleinere gruppen geteilt wird, so daſs genneten und orgeonen gleicher-
maſsen verschwinden. diesen letzten schritt haben die Demotioniden
durch das gesetz des Nikodemos getan.
Die bruderschaften waren genossenschaften (κοινά); wie diese hatten
sie einen vorstand, und für die alte zeit werden wir die monarchische
spitze erwarten, die in den meisten genossenschaften vorhanden ge-
wesen ist. so haben auch die Demotioniden einen phratriarchen; aber
die Dyaleer haben zwei. es ist unsicher etwas zu vermuten, aber da
in der gemeinschaft der brüder zwei classen vorhanden sind, so ist
die entwickelung wol denkbar, daſs die niedrigere einmal auch für sich
[275]Die bruderschaft im verhältnis zum staate.
einen vertreter als collegen des adlichen brudermeisters durchgesetzt hat.
denn so lange der bestand der mitglieder lediglich durch die adlichen
brüder controllirt ward, muſs der vorsteher ihnen allein angehört haben:
so war es schwerlich zufällig bei den Demotioniden 396. viel länger
dürfte sich ein vorrang wie der des οἶκος Δεκελέων im passiven wahl-
recht kaum irgendwo gehalten haben. Euxitheos von Halimus, ein mann
der niedersten lebensstellung, ist in seiner phratrie phratriarch gewesen;
ob an ihrer spitze einer oder mehrere standen, ist nicht deutlich. mit
der phratriarchie ist die vermögensverwaltung verbunden; indessen kann
auch jeder thiasos seine casse haben, und wir sahen schon in dem ge-
setze des Hierokles, wie die casse der gesamtheit (des κοινόν) sich an
die stelle der casse des οἶκος setzt. die Dyaleer verpachten die grund-
stücke ausschlieſslich für das κοινόν. daſs dieser name statt der φϱατϱία
erscheint, beweist am besten, daſs ehedem eine kleinere unterabteilung
über das vermögen der gesamten phratrie verfügte.
Natürlich sind die priestertümer der phratrie erst recht ein vorrecht
der adlichen, und der priester der Demotioniden heiſst geradezu der des
Dekeleerhauses. dieser cult ist nur der des persönlich gefaſsten rechts-
begriffes der gemeinschaft: als sich in ihr die rangunterschiede ver-
wischten, mag das priestertum, das zudem etwas einbrachte, allen brüdern
zugänglich geworden sein. im übrigen haben die von der phratrie um-
schlossenen gemeinschaften, geschlechter wie thiasen, ihre sonderculte,
und da ist es schon etwas, wenn die teilnahme an den sacra den brüdern
insgesamt verstattet wird: von da bis zur ausübung derselben, vom
ἱεϱὰ δέχεσϑαι zum δϱᾶν, ist ein weiter schritt, der vielfach wol gar
nicht getan ist. die phratrie, der der Kothokide Aischines angehörte,
war berechtigt an dem geschlechtsculte der Eteobutaden teil zu nehmen;
aber dieser cult, des Poseidon Erechtheus, ist immer geschlechtscult ge-
blieben, und Aischines hätte sich nie einfallen lassen, auf das priestertum
ansprüche zu erheben. es hat denn auch dieses geschlecht und sein
priesterlicher vorrang die phratrie lange überdauert. aber auf diesem
gebiete müſsten wir sehr viele einzelne concrete erscheinungen kennen,
um allgemeine schlüsse wagen zu dürfen.
Nun sehen wir klarer, nun wollen wir die phratrien im verhältnisDie bruder-
schaft im
verhältnis
zum staate.
zum staate und zur bürgerschaft betrachten, rückwärtsschauend auch
hier von der helleren zeit aus. Es ist selbstverständlich, daſs jeder
Athener de iure einer phratrie angehören muſs, deren jede also ein
zwölftel der bürgerschaft umfaſste: ein wie unförmliches ding war also
das φϱατϱιακὸν γϱαμματεῖον. daſs das recht wirklich so war, zeigt
18*
[276]III. 1. Die phratrie der Demotioniden.
schon allein die formel der bürgerbriefe εἶναι τὸν δεῖνα φυλῆς καὶ
δήμου καὶ φϱατϱίας ὧν ἂν βούληται. in dieser liegt aber auch sofort,
daſs zwischen der localen gliederung der gemeinden und der quasigenti-
licischen der bruderschaften ein notwendiger zusammenhang besteht,
denn der neubürger wählt sich nicht dreierlei, sondern indem er sich
eines wählt, die gemeinde, die sein bürgerrecht erst effectiv macht, sind
die übergeordneten gemeinschaften gegeben. andererseits ist mit der
aufnahme in die gemeinde der eintritt in die phyle ipso facto gegeben.
für die phratrie gilt das nicht, denn da bedarf es eines einführenden
bruders, einer aufnahmeceremonie und eines aufnahmebeschlusses. der
neubürger mag immerhin ein anrecht auf diese aufnahme von dem
volke erhalten haben, er muſs doch erst noch schritte tun, um anschluſs
an eine cultgenossenschaft und einen bruder, der ihn einführt, zu finden.
er hat aber von dieser aufnahme weiter nichts, als daſs er gewisser sacra
teilhaftig wird und die Apaturien mitfeiern kann. weder rechtliche noch
pecuniäre vorteile stehen ihm in aussicht. er kann von der gemeinde
für alle ihre ämter gewählt, für die richter- und ratstellen präsentirt
werden, ganz ebenso von der phyle für die beamtenstellen des volkes,
und das volk nun gar hat zu den wahlämtern sogar sehr häufig neu-
bürger vorgezogen. nirgend ist die zugehörigkeit zu einer bruderschaft
erfordert. der volksbeschluſs, der ihm sein bürgerrecht verlieh, war dem
neubürger und seinen nachkommen allerdings ein wichtiger adelsbrief,
den lieſs er meistens auf seine kosten in stein hauen und öffentlich aus-
stellen, wenn das nicht das volk schon seinem privileg zugefügt hatte. allein
die religiösen motive, die einem Athener vielleicht noch um 350 die
bruderschaft oder den thiasos wert machen mochten, existirten für den
neubürger nicht; für viele bürger schwanden sie auch, und so konnte es
gar nicht ausbleiben, daſs ein immer gröſserer bruchteil der bürger-
schaft factisch ohne bruderschaft lebte. wo keine greifbaren vorteile
und kein zwang vorhanden sind, wird der mensch einen mit kosten
und mühen verbundenen freiwilligen act sehr leicht unterlassen. so sind
die bruderschaften schon zu Philochoros zeiten antiquirt gewesen und
bald ganz in vergessenheit geraten. hätte man die διαψήφισις von 346
ihnen statt den gemeinden anvertraut, so würde die bürgerschaft ver-
mutlich erheblich eingeschwunden sein: das φϱατϱιαϱχικὸν γϱαμματεῖον
war schwerlich so unförmlich wie es hätte sein sollen. die geschlechter
aber haben sich lebensfähiger bewiesen als die phratrien.
Die διαψήφισις des Isagoras 508 (oben I. 31) kann nur den
phratrien anvertraut gewesen sein: damals gab es noch keine gemeinden.
[277]Die bruderschaft im verhältnis zum staate.
allein schon damals gab es viele leute, die sich als bürger gerirt hatten,
ohne den phratrien anzugehören. das war möglich, weil schon damals
und schon zu Drakons zeit die staatliche gliederung nicht mehr genti-
licisch war: die naukrarien waren die localen verwaltungsbehörden, und
sie waren im rate vertreten. das vermögen, nicht der adel, stufte die staat-
lichen rechte und pflichten ab; rechtlich dagegen hatte jeder Athener
noch damals eine phratrie: es waren nur die plebejer als orgeonen den
geschlechtern beigeordnet. das verhältnis war also dem späteren ganz
analog; nur hatten die geschlechter eine factisch viel höhere macht, und
die ὄϱγια waren den menschen ungleich wichtiger als 100 oder 200 jahre
nachher. Kleisthenes aber konnte gar nicht anders als seine gemeinde-
ordnung irgendwie mit den phratrien ausgleichen, gerade weil er sie
lieſs wie sie waren. er muſste das eine feststellen, daſs die neubürger,
deren er viele aufnahm, in ihnen zutritt fanden, nicht durch privileg
im einzelnen falle, sondern durch ein gesetz, das von selbst die gemeinde
mit der phratrie in ein verhältnis setzte, mit anderen worten die und
die gemeinden der und der phratrie zuwies, so weit ihre angehörigen den
adel lediglich in folge des gemeindebürgerrechts erhielten. das gibt den
phratrien in gewissem sinne locale bedeutung, die durch die über das
ganze land verstreuten, jetzt den verschiedensten gemeinden zugeteilten
alten phrateren (genneten und orgeonen älterer zugehörigkeit) nicht
aufgehoben wird.
Tief in das siebente jahrhundert hinein müssen wir gehn, vielleicht
noch höher hinauf, um die zeit zu finden, wo der geschlechterstaat wirk-
lich noch lebendig war, die ämter an den adel gebunden waren, und
lediglich eine anzahl geschlechter in einer phratrie zusammengefaſst
waren. damals stand die plebs völlig auſserhalb, und der adel stritt dem
plebejer mindestens das geschlecht, vielleicht auch den vater ab. dürfen
wir nun annehmen, daſs damals wirklich das blut oder doch die geglaubte
verwandtschaft eine anzahl von geschlechtern als Demotioniden verband,
so daſs ihre ahnherrn kinder Demotions gewesen wären? mit andern
worten, ist die phratrie etwas gewachsenes oder gemachtes? schon die
zwölfzahl gibt die antwort, die schematisch aus der vierzahl der phylen
entwickelt ist. die phratrien sind mit den vier phylen zugleich gemacht.
von jenen lehren es die blutlosen eponyme, auf die wirklich vornehme
adelsgeschlechter sich zurückzuführen verschmähen. auch die eponyme
der phratrien sind blutlose gestalten: ja die namen der phratrien Δυαλῆς
Φιλιῆς sind zwar eines schlages mit Ἀϱγαδῆς Αἰγικοϱῆς, aber eben
wie jene keine gentilicia. brüder die sich nach Διόνυσος Δύαλος nennen
[278]III. 1. Die phratrie der Demotioniden.
sind selbst eigentlich nichts als orgeonen. also stellt sich die adelsordnung
bereits als eine künstliche organisation dar, vergleichbar der späteren
gemeindeordnung. die phylen sind freilich sicherlich nicht local ge-
wesen, so wenig die 4 wie die 10. aber die phylendrittel, die τϱιττῦς
oder φϱατϱίαι werden es freilich nicht durchweg gewesen sein, weil es
die geschlechter nicht sein konnten, aber gewiſsermaſsen waren sie es doch
auch schon: man hat die neben einander wohnenden geschlechter zu
einer phratrie verbunden. und durch ihren cultort schon erhält die
phratrie einen localen mittelpunkt.
Wir würden also ein gutes teil alter geschichte kennen, wenn wir
die centra der phratrien bestimmen könnten, und vielleicht dürfen wir
das von der zukunft hoffen. Dekeleia (Hippothontis) ist der sitz der
Demotioniden, Myrrhinus (Pandionis) der Dyaleer, Kephale oder Pro-
spalta (Akamantis) der Achniaden, ein beschluſs einer unbekannten phra-
trie ist in einer kirche zu Charvati gefunden (CIA II 599); das ist kein
sicherer anhalt für den demos, aber die phyle Aigeis ist wahrscheinlich.
die Butaden und Kothokiden weisen auf eine phratrie, die mit der Oineis
in beziehung stand. über Therrikleiden und Zakyaden, deren steine in
der stadt nur copirt sind, läſst sich nichts sagen, über die Philies, von
denen wir nur das geschlecht der Koironiden kennen, auch nicht. aber
wir sehen einmal wirklich schon, dass Kleisthenes die verteilung der
demen auf die phylen nicht ohne berücksichtigung der phratrien voll-
zogen hat, wir sehen ferner, daſs eine gleichsetzung der 12 phratrien mit
den 12 alten städten nicht möglich ist,21) und wenn wir jetzt auch unseres
nichtwissens uns bewuſst werden, so gibt der fortschritt der letzten zehn
jahre fröhlicher hoffnung auf die zukunft raum.
Demotion
der heros.Als postille will ich den eponymus der Demotioniden in einem wert-
vollen namenregister nachweisen, dem verzeichnis der kinder, die Theseus
vor dem Minotaurus gerettet hat, erhalten in einem schönen mytho-
graphischen Vergilscholion zu Aen. VI, 21, das durch Haupt und Jahn
zumeist bereits emendirt ist. quorum haec nomina feruntur. hi pueri:
forbas (so O. Jahn, für hippo forbas.) et libi idest arcadis antimachus
euandri mnesteus sumiani phidocus ramuntis demolion cydani [puriesion celei
von Haupt getilgte dittographie]. puellae haec peribea alcatim medippe
[279]Demotion der heros.
pyrii iesione celei andromache eurimedontis seupymedusa polixeni europe
laodicit milita triaconi. ich will die emendationen gleich griechisch geben.
Φόϱβας, dessen vatersname sammt dem nächsten knabennamen noch
unsicher bleibt; Aethlios und Elatos und Idas gehören nicht nach Athen
und sind andererseits zu sehr an bestimmte träger gebunden. Phorbas
ist natürlich der herr des Φοϱβαντεῖον in der stadt, einst ein wolbe-
kannter gefährte des Theseus, meist Poseidonsohn. wenn man aus biidest
mit Leo Butes macht, was sehr erwünscht wäre, könnte etli wol etali
sein: da hätten wir die eponymen der Aithaliden und Butaden. der vater
des zweiten knaben ist Ἀϱγαδεύς, der eponyme der phyle, wie Jahn
gesehen hat. Ἀντίμαχος Εὐάνδϱου, für mich nicht näher bestimmbare
gut attische namen. Μενεσϑεύς Σουνίου, Ἀμφίδοκος ῾Ραμνοῦντος,
Δημοτίων Κύδαντος. in den vätern haben wir drei demen, zwei sicher
von der ostküste, die Kydantiden wahrscheinlich auch. dazu tritt Demo-
tion von Dekeleia; den Kydas hatte schon Stephani erkannt. den mädchen
fällt der westen zu, Πεϱίβοια Ἀλκαϑόου, die tochter des megarischen
königs, mutter des Aias, wie manche sagten von Theseus: also Megara
trotz seinem peloponnesischen herrscher gilt für attisch. Μηδίππη
Πύϱϱου oder Πυλίου; der mädchenname ist um der Μήδα, des Μῆ-
δος, Μήδειος willen gewählt, die im hause des Aigeus, auch dem Bu-
tadengeschlechte vorkommen; es gibt auch einen Eteobutaden Pyrrhos,
aber der name ist nicht sicher. Πυλίος paſst besser; er hat den Herakles
in die Eleusinien aufgenommen, gehört also dorthin. änderungen die
das y aufgeben, sind nicht wahrscheinlich. Ἡσιόνη Κελέου, das ist
Eleusis, Ἀνδϱομάχη Εὐϱυμέδοντος, Εὐϱυμέδουσα Πολυξένου, Εὐϱώπη
Λαοδίκου ohne kenntliche beziehung, Μελίτη aus der stadt, deren
vater noch fehlt; Θϱιάγονος, wie Jahn wollte, ist keine brauchbare bil-
dung: der eponymos würde Θϱῖος oder Θϱίας oder Θϱιάσιος sein.
ich habe keinen plausibeln vorschlag. das ist aber wol klar, daſs der
erfinder der liste (ihr überlieferer wird Istros sein) sehr überlegt ge-
wählt hat, und daſs es sich verlohnt, die namen zu deuten oder zu
finden.
Der erste
bericht des
Herodotos.Wir haben über den krieg zwischen Athen und Aegina keine über-
lieferung auſser bei Herodotos.1) was er gibt, kann so wie es ist nicht
geschichte sein. es geht aber nicht an, davon zu ignoriren, was auf den
ersten blick sich als novellistisch kund gibt, und das andere wol oder
übel als geschichte zuzustutzen, sondern die analyse des ganzen berichtes
muſs vorhergehen.
Herodot erzählt (V 79—90) gleich nach dem siege Athens am Euripos,
daſs Theben sich um hilfe nach Aegina wendet, und die Aegineten die
attische küste verwüsten. die Athener werden an der aufnahme des
krieges dadurch verhindert, daſs Sparta mit einer intervention zu gunsten
des Hippias droht.
Das ist das bescheidene tatsächliche, was er über diese zeit beibringt.
es schlieſst sich seinem berichte über die attische geschichte jener jahre
sehr gut an, und man hat nicht die mindeste veranlassung, mehr daran
zu zweifeln als an jenem berichte überhaupt. es ist wahr, daſs Athen
[281]Der erste bericht des Herodotos.
eigentlich hätte losschlagen können, sobald die von Sparta drohende ge-
fahr verschwand. Herodot bedient sich derselben auch nur als eines
stilistischen mittels, um einen übergang zu jenen planen der Spartaner
zu finden.2) innerlich motiviren hat er die zurückhaltung der Athener
mit einem orakel wollen, das ihnen 30 jahre zu warten gebot, widrigen-
falls sie einen sehr langen wechselvollen krieg führen müſsten. dies
orakel dient ihm auch dazu, seine aeginetischen abschnitte zu ver-
knüpfen.3) es gehört freilich zu dem was er überliefert erhalten hat, aber
daſs es hier erscheint, ist auch nur Herodots anordnung, die für uns
nicht maſsgebend ist. und wir bedürfen keiner besonderen motivirung
dafür, daſs Athen 506 die räubereien der Aegineten, so bitter es sie
empfindet, hinnehmen muſs: Athen hat ja keine flotte. da das orakel
die überwindung Aeginas nach 30 jahren in sichere aussicht stellt, kann
man nicht bezweifeln, daſs es nach seiner erfüllung entstanden ist. 457
ist Aegina wirklich nach einem heftigen aber kurzen kampfe überwunden;
damals muſste man sich der früheren kriege, um so mehr falls sie nicht
bloſs resultatlos, sondern unglücklich waren, in der form erinnern
“das hätten wir uns sparen sollen”. damals kannte man aber auch die
zeit genau genug, um mit 30 jahren, mag die zahl auch rund sein,
nicht 50 zu meinen. Herodot hätte das orakel also an dieser stelle
noch nicht erwähnen dürfen, sondern erst an der späteren, und, wie
wir vorgreifend nun schon ermittelt haben: der krieg mit Aegina fällt
um 487.
Noch ein anderes orakel erwähnt Herodot. Theben soll sich an
Aegina gewendet haben, weil der gott ihm befahl sich an die ἄγχιστα
zu halten, und das war Αἴγινα als tochter des Asopos und schwester
der Θήβη. das entspricht ganz den anschauungen und der ausdrucks-
form, die man bei Pindaros findet; es kann also sehr wol geschichtlich
sein. richtiger freilich wird man auch hierin nur die darstellung eines
zustandes durch eine einzelne geschichte sehen.
Aber die hauptgeschichte Herodots soll den alten haſs zwischen
Athen und Aegina motiviren, der angeblich schon vor 506 vorhanden
gewesen ist, obwol es sonst keinerlei anzeichen für ihn gibt. weil diese
geschichte ganz voller novellistischer züge steckt, ist es zwar unerlaubt,
sie in die jahrbücher der geschichte einzuordnen, wie z. b. O. Müller,
Duncker, Studniczka getan haben; man darf sie aber auch nicht ohne
weiteres über bord werfen, wie es zumeist und auch von Köhler (Rhein.
Mus. 46) geschieht. ich erzähle sie nicht im ganzen nach und schreibe
sie nicht aus; es muſs sie jeder doch im zusammenhange nachlesen. aber
ihre einzelnen züge muſs ich betrachten.
In dem aeginetischen dorfe Oie ist ein heiligtum der Damia und
Auxesia mit zwei schnitzbildern der göttinnen aus olivenholz in knieen-
der stellung. wie Welcker uns gelehrt hat, sind es geburtsgöttinnen in
der haltung der kreiſsenden, wie die Αὔγη ἐγγόνασιν. die frauen ver-
ehren sie in ihren nöten wie die Athenerinnen die Brauronia, weihen
ihr wie diese ihren schmuck, darunter um ihres metallwertes willen
natürlicherweise besonders viele spangen, die nach der dorischen mode
den mantel auf der schulter zusammenhalten. nach der tempelordnung
darf nur einheimisches tongeschirr gebraucht werden; insbesondere ist
die attische ware ausgeschlossen, die am ehesten mitgebracht werden
konnte: das ist eigentlich ganz natürlich.
Die herodoteische zeit fragt bei den religiösen satzungen wie bei
allem nach dem warum; sie findet in dem verbote der attischen ware den
in der gegenwart brennenden haſs der Aegineten. sie wundert sich über
die haltung der götterbilder und gibt die antwort, daſs sie auf die kniee
gesunken wären, als feinde sie rauben wollten. diese feinde sind, auch
um des gegenwärtigen hasses willen, Athener. die statuen sind aus
olivenholz; die Athener sind des glaubens, daſs die olive ihnen gehöre.
damit sind ihre ansprüche und ihre versuche die statuen zu rauben
motivirt.
Die Athenerinnen tragen keine schulterspangen mehr wie die Dore-
rinnen; aber man hat seit dem umschwunge der mode den glauben, das
[283]Der erste bericht des Herodotos.
dorische wäre ächthellenisch, und wenn die frauen gleichwol nicht zu
der mode der unförmlichen spangen zurückgekehrt sind, so motivirt man
das mit einem verbote wegen der gefährlichkeit dieser instrumente. von
der erzählte man viel. Oidipus hatte sich mit der spange Iokastes ge-
blendet (Soph. O. T. 1269), und die Troerinnen hatten es mit Polymestor
ebenso gemacht (Eur. Hek. 1170): die tragiker lehren uns, zu welcher
zeit diese beurteilung der dorischen spange gegolten hat; die unanstän-
digkeit des dorischen frauenkleides, das die schenkel den blicken darbot,
weil kein hemde darunter saſs, berührt schon Anakreon. was war nun das
opfer der attischen frauen, dessen ermordung das verbot der dorischen tracht
mit den spangen hervorrief? das läſst sich nicht a priori bestimmen, das
konnte so oder so gedichtet werden. da lernen wir, daſs es der unheilsbote
gewesen ist, der von Aegina als einzig überlebender die kunde eines groſsen
unheils brachte. wie die Athener erzählen, sagt Herodot, war ein schiff
hinüber gefahren um die beiden bilder aus attischem olivenholz zu holen.
die mannschaft war bei dem gotteslästerlichen unterfangen von plötz-
lichem wahnsinn befallen, und bis auf den einen hatten sie sich alle gegen-
seitig umgebracht. dem stellt er den aeginetischen bericht gegenüber
und zwar so, daſs er ihn als berichtigung des attischen gegeben annimmt,
selbst aber wieder das wunderbare aus ihm zu streichen bemüht ist.
nach diesem berichte ist eine attische flotte mit gewalt nach Aegina ge-
kommen, gegen die haben die Aegineten hilfe von Argos gerufen, diese
ist unbemerkt gelandet, hat die Athener von ihren schiffen abgeschnitten
und hat sie niedergemacht bis auf einen. das ist ganz offenbar ein durch-
aus nicht novellistischer oder aetiologischer bericht, sondern ein geschicht-
licher. ich habe nur das novellistisch aetiologische fortgelassen. das
besteht in der tempellegende, daſs die bilder sich nicht wegrücken lieſsen,
und als man sie mit seilen wegzuziehen versuchte, in die knie fielen,
und darin daſs gewitter und erdbeben den untergang der Athener be-
gleiteten. diesen bericht hat Herodot offenbar so eingeholt, daſs er den
Aegineten die attische erzählung vorlegte. wenn die Athener selbst sagten,
sie hätten die bilder rauben wollen und wären alle bis auf einen um-
gekommen, so hatten jene keinen grund zu widersprechen. was die
bilder anlangte, so verfügten sie über eine andere aetiologische geschichte,
die gar nicht damit zusammenhieng, aber sich gut damit vertrug. daſs
die attische die erinnerung an eine schwere niederlage, nicht an den
verlust eines schiffes, festhielt, sagten die Aegineten; wir könnten es uns
auch selbst sagen, da die genesis der ganzen fehde ohne diese voraus-
setzung unbegreiflich ist. es ist aber schlechthin nicht abzusehen, wes-
[284]III. 2. Der erste krieg gegen Aegina.
halb wir dem berichte der Aegineten in betreff des krieges mit Athen
mistrauen sollten.
Die analyse der ersten herodoteischen erzählung hat also als ge-
schichtlich glaubhaftes resultat ergeben, daſs irgend wann die Athener
eine starke truppenzahl auf Aegina gelandet hatten, die aufgerieben ward,
weil hilfsvölker von Argos unbemerkt auf der insel eintrafen und die
Athener von ihrer flotte abschnitten. diese geschichte ist zunächst voll-
kommen zeitlos, denn Herodots anordnung ist dessen eigenes werk und
hat für uns nicht die mindeste verbindlichkeit.
Der zweite
hericht des
Herodotos.Das andere stück der kriegsgeschichte schiebt Herodot zwischen
die gesandtschaften, durch die Dareios von den hellenischen staaten die
unterwerfung fordert, und die schlacht bei Marathon. wer seiner er-
zählung folgt, muſs alles 491 bis sommer 490 unterbringen; es ist nicht
mehr nötig die unmöglichkeit zu beweisen. die hauptpunkte sind fol-
gende. Aegina huldigt dem Dareios, wird deshalb von Athen in Sparta
denunzirt, weigert dem könig Kleomenes die genugtuung (VI 48—50).
als dieser seinen collegen Demaratos durch Leotychides ersetzt hat, er-
zwingen beide die auslieferung vornehmer Aegineten und geben diese den
Athenern in verwahrung (VI 73). nach dem tode des Kleomenes fordern
die Spartaner die auslieferung dieser männer vergeblich von Athen (VI 85).
hier ist es erst, wo in wahrheit die fortsetzung seiner früheren erzäh-
lung von Herodot notirt wird (VI 87. 88); der aeginetischen geifeln,
der Perser und der Spartaner geschieht keine erwähnung mehr. die ge-
schichte wird völlig zeitlos, umfaſst ersichtlich eine längere, wenn auch
unbestimmte frist, der übergang zu anderem wird mit Ἀϑηναίοισι μὲν
δὴ πόλεμος συνῆπτο πϱὸς Αἰγινήτας (VI 99) gemacht, ohne daſs doch
ein abschluſs da ist. wir brauchen also nur die beiden gesonderten stücke
des herodoteischen berichtes gesondert zu behandeln, so sind wir die ver-
wirrung der zeit los. daſs Aegina Persien gehuldigt hat wie die andern
inseln, ist ganz glaublich; sie mochten den zunächst bedeutungslosen
act für politisch halten: 480 haben sie sich den ehrenpreis der tapfer-
keit verdient, und die anekdote ist wol authentisch, daſs der sohn eines
der damals in Athen verhafteten männer, des wegen seines namens auch
von Simonides bespöttelten Krios4), bei Salamis dem Themistokles ein
[285]Der zweite bericht des Herodotos. der dritte bericht des Herodotos.
bitteres wort über den aeginetischen medismus zugerufen habe, als er
gerade ein sidonisches schiff geentert hatte (Her. VIII, 92): auch die andern
facta, die klage Athens und die verhaftung der angeblich oder wirklich
perserfreundlichen führer wird so bestätigt. endlich ist die datirung des
Herodotos ganz unanstöſsig, zumal die spartanische königsliste als Leo-
tychides’ erstes jahr 491 gerechnet hat. nur muſs jedermann, der dies
für sich betrachtet, annehmen, daſs 490 die aeginetischen gefangenen in
attischem gewahrsam saſsen.
Gesondert davon, zusammenhängend mit der erzählung im fünftenDer dritte
bericht des
Herodotos.
buche, steht der ausführliche bericht (VI 87—93), den Herodot nur hier-
hergerückt hat, weil er in sich gar keine datirung trug. die Aegineten
rauben ein attisches schiff, das zur regatta am Poseidonfest nach Sunion
fährt. die Athener schlagen jetzt die warnung des orakels in den wind,
das, wie wir schon gesehen haben, die zeit um 487 voraussetzt, und
versuchen durch einverständnis mit einem demokratisch gesonnenen
Aegineten sich der insel zu bemächtigen. dazu müssen sie sich 20 schiffe
von den Korinthern schenken lassen. aber sie kommen einen tag zu
spät, als der demokratische aufstand schon niedergeschlagen ist; nur der
rädelsführer mit wenigen rettet sich nach Athen, wird in Sunion an-
gesiedelt und treibt piraterei gegen Aegina.5) die athenische flotte er-
zwingt sich doch die landung durch einen seesieg; da kommt zwar
nicht officieller, aber doch starker zuzug von Argos. die meisten Argeier,
und so ihr führer Eurybates, werden freilich von den Athenern er-
schlagen, Eurybates im zweikampfe; aber die Aegineten überfallen doch
die Athener, als sie einmal in unordnung sind, und nehmen vier schiffe.
So schlieſst die geschichte oder vielmehr so bricht sie ab. die dar-
stellung ist offenbar athenisch, also ist von den attischen erfolgen einiges
abzuziehen. noch viel sicherer aber ist, daſs das ende fehlt: das athe-
nische heer kann doch nicht in Aegina sitzen bleiben, und daſs die
Argeier beinahe alle erschlagen werden, sieht sehr nach einer verall-
gemeinerung des einen abenteuers aus, das Herodot hier aus anderer
4)
[286]III. 2. Der erste krieg gegen Aegina.
tradition eingefügt hat: der attische held Sophanes zeichnet sich auch bei
Plataiai aus und ist 464 bei Drabreskos gefallen (IX 73). man verlangt
eigentlich als abschluſs eine niederlage der Athener. man verlangt sie
doppelt, wenn man sich des orakels erinnert. wie kommt aber der ehr-
liche Herodot dazu, sie zu unterdrücken und seine geschichte im sande
verlaufen zu lassen? dafür ergibt sich die antwort, sobald man das feh-
lende stück dazu nimmt: es steht ja vorher, er verweist auch selbst dar-
auf, aber er kann es nicht mehr an der rechten stelle anführen, weil
er es an der falschen verbraucht hat. nicht “wie früher”, sondern eben
jetzt erst riefen die Aegineten den schutz von Argos an. man halte
doch die obige erzählung der Aegineten zusammen mit den bruchstücken
dieser. landung einer attischen flotte, ausschiffung eines heeres, un-
erwartetes eingreifen eines corps von Argeiern, niederlage der Athener.
das ist doch ein und dieselbe geschichte. der vorgang, so weit er den
Herodot angeht, ist also der. die entscheidende niederlage Athens ist
erstens in einem gewissen geschichtlichen zusammenhange erzählt worden,
und andere traditionen und anekdoten nahmen auf den merkwürdigen
ausgang vielfach bezug. daneben aber hat sich der glaube gebildet, daſs
Athen den zug wider ein orakel unternahm; dieser freilich erst in der
zeit, wo man Aegina von neuem, diesmal erfolgreich, zu leibe gieng. daran
wieder hat sich die sage von dem unglücklichen kriege geknüpft, die sage
von Damia und Auxesia; ich zweifle nicht, daſs die Athener sich wirk-
lich in Oie bei jenem tempel festgesetzt hatten. ferner hat sich die sage
von der ablegung der spangen, da sie einer groſsen niederlage bedurfte,
auch an die auf Aegina geschlossen. den Aegineten konnte es schon
recht sein, wenn die Athener nur einen einzigen der ihren gerettet
werden lieſsen. nun hörte Herodot diese geschichten; er hörte in Athen
mancherlei, erfragte bei den Aegineten anderes über die geschichte von den
götterbildern, die ihm besonders merkwürdig war, und machte sich seinen
vers daraus, so gut er konnte. das konnte er aber unmöglich gut machen.
denn wie sollte er die niederlage der Athener, von der die Aegineten
erzählten, zugleich mit der von 487 und mit der, welche zur abschaf-
fung der spangen geführt hatte, identificiren? der aufgeklärte Ionier war
an sich geneigt, eine solche wundergeschichte eben so wie die änderung
der tracht möglichst weit hinaufzuschieben. der vorsehungsgläubige er-
zähler suchte den haſs der beiden städte, das unrecht Aeginas und den
grund des miserfolges der Athener möglichst weit zurückzuführen. und
vielleicht schlug für seine kritik am meisten durch, daſs 487 mindestens
Sophanes leben geblieben war. aber überhaupt hatte natürlich die ge-
[287]Der dritte bericht des Herodotos. die halle der Athener in Delphi.
schichtliche überlieferung der Athener den miserfolg möglichst gering
dargestellt, während die sage, die ja nur ganz im allgemeinen eine nieder-
lage als hintergrund brauchte, das sagenmotiv des einen unglücksboten
forderte. so schob Herodot die kämpfe um Damia und Auxesia in un-
bestimmte ferne, half sich aber über die wiederholung so gut es gieng
weg, indem er den ausgang des kampfes unterdrückte. sein leser mag
sich denken, es geht nun der kleine krieg weiter: der ausgang ist
durch das orakel vorgezeichnet, wird auch erwähnt, ist übrigens in den
tatsächlichen verhältnissen, unter denen Herodot schreibt, von selbst ge-
geben. da er keine jahrbücher schreibt, läſst er den Themistokles die
flotte ruhig für denselben aeginetischen krieg gründen, den er, streng
interpretirt, 491/0 angesetzt hat: seine erzählung des themistokleischen
strategems (7, 144) ist eben ein ganz anderer selbständiger bericht, der
zu der wirklichen zeit, 483, vortrefflich paſst (vgl. oben I 275).
Wie sich nach dieser analyse das was an geschichte bleibt in die
übrigen ereignisse einordnen läſst, ist oben s. 89 durch die tat gezeigt.
Danach haben ihre erfolge gegen Aegina den Athenern keine ver-Die halle
der Athener
in Delphi.
anlassung gegeben, dem Apollon in Delphi eine halle zu bauen, in der
sie waffen und schiffsschnäbel aufstellten und daran schrieben Ἀϑε-
ναῖοι ἀνέϑεσαν τὴν στοὰν καὶ τὰ hόπλα καὶ τἀκϱοτέϱια hελόντες
το῀ν πολεμίον (IGA 3a). die schrift zeigt, daſs die weihung älter als
die Perserkriege ist; die dedicationsform, daſs die Athener frei sind:
ganz abgesehen davon, daſs die Peisistratiden zu Delphi wahrlich kein
pietätsverhältnis hatten. ich habe die halle sofort, als sie gefunden ward,
auf den sieg am Euripos 504 bezogen, und da alle andern deutungen schiff-
bruch gelitten haben, bin ich darin nur sicherer geworden. von einer
seeschlacht steht nichts geschrieben: erbeutet müssen in Chalkis schiffe
genug sein. die Athener hätten vielleicht besser getan, sie zu einer
flottengründung zu verwenden als sie zu verbrennen und die ehernen
vorderteile dem gotte zu weihen. aber eben deshalb wird die weihung
in eine zeit fallen, wo der gedanke an eine eigene flotte ihnen noch
gänzlich fern lag. für Delphi aber kann die dankbarkeit nie lebhafter
gewesen sein, als nachdem der gott Athen erst zur freiheit, dann zur
gemeindeordnung verholfen hatte. da die übrigens wirklich recht dürf-
tige halle sich an das polygonale stylobat lehnt, muſs dieses damals
schon fertig gewesen sein: der tempel nicht, und er ist es 506
nicht gewesen (vgl. oben I 35). aber man würde dann ja auch
nicht nötig gehabt haben, dies kleine ding anzukleben: wenn der tempel
fertig war, kamen die weihgeschenke eben in ihn hinein. seit es die
[288]III. 2. Der erste krieg gegen Aegina.
groſsen tempel gibt, sind weder in Delphi noch in Olympia thesauren
mehr gebaut worden. es ist unverkennbar, daſs die fülle der weih-
geschenke die erbauung der riesentempel im 6. und 5. jahrhundert her-
vorgerufen hat. doch auf diese probleme der baugeschichte, die zugleich
solche der geschichte des cultus sind, will ich hier nicht eingehn. es
ist aber für die bestimmung der stoa von wert, daſs sie am besten für
die zeit vor der vollendung des tempels paſst, also auch vor dem aegi-
netischen kriege.
Die Politie hat für die chronologisch dunkele periode 479—45Begrenzung
der auf-
gabe.
einige feste punkte gegeben, durch die Themistoklesanekdote aber ge-
droht, alles zu verwirren. bei der nachprüfung stellte sich mir zur
eigenen überraschung heraus, daſs das mistrauen gegen die ergebnisse
der zeitrechnung für diese periode, das ich bisher gehegt hatte, nur so
weit berechtigt war, als es den modernen gebäuden galt, die ohne aus-
nahme starke gewaltmittel gegenüber den zeugnissen brauchen. läſst
man dagegen die zuverläſsige überlieferung stehn, so ergibt sich ein
resultat von sehr erfreulicher einfachheit und sicherheit. obwol also
neues gerade gar nichts von mir aufgestellt wird, halte ich für gut, eine
zeittafel vorzulegen. die methode, dünkt mich, spricht für sich selbst,
die genauen und absolut, nicht bloſs relativ, gegebenen datirungen an
einander zu reihen. wenn sie stimmen, so ist es gut; die relativen an-
gaben müssen sich dann fügen, und es hat historisch sogar nur ein
geringes interesse, wie das bewerkstelligt wird.
Es kommt freilich darauf an, welche voraussetzungen man macht,
und wie weit man exacte genauigkeit überhaupt für erreichbar hält. ich
schicke deshalb die grundsätze voraus, auf deren boden ich allein de-
battiren kann.
1) die zeitrechnung ist die attische. alle angaben der späteren gehen
auf attische jahre zurück, abgesehen von dem persischen kanon der
könige.1) also sind die einzig absolut verläſslichen daten die auf den
attischen archon gestellten, zumal sie entweder direct in urkunden er-
halten sind oder aus der chronik stammen. die angaben der späteren
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 19
[290]III. 3. Chronologie der Pentekontaetie.
aber müssen auf diese rechnung, aus der sie stammen, reducirt werden,
um so mehr als der attische jahreswechsel in die ereignisse selbst auf
das stärkste eingreift. die olympiadenjahre haben gar keine andere be-
deutung, als daſs spätere rechnungsmäſsig ein attisches amtsjahr mit dem
viertel einer olympiade geglichen haben. es ist eine gänzlich unwissen-
schaftliche spielerei, wenn man sich eine berechtigung zu eigener willkür
dadurch zu schaffen versucht, daſs man den späteren schriftstellern künst-
liche umrechnungen aus einer in die andere aera zuschreibt. es ist
einfach schwindel, wenn jemand von der attischen zeitrechnung dieser
periode mehr wissen will, als daſs es eine unvollkommene oktaeteris mit
schaltungen war, von denen er weder das system kennt, noch die über-
haupt ein system fest befolgten. praktisch sind wir gezwungen, aus-
schlieſslich mit attischen jahren zu rechnen und ein solches jahr mit
dem ersten neumond nach der sommersonnenwende zu beginnen, für
unsere an das julianische gewöhnte vorstellung also etwa von juli bis
juli zu rechnen, mit anderen worten es so zu machen wie Aristo-
teles (oben I 5).
2) Absolut bindend ist für uns die relative chronologie des Thuky-
dides, aber nur so weit, wie er die ereignisse ausdrücklich in relation
setzt. wo er das nicht tut, hat er keine genauere bestimmung geben
wollen als in der anordnung seiner erzählung liegt. ein jahr ist für
ihn ein kriegsjahr, d. h. im allgemeinen eins wie er sie später rechnet,
von frühling zu frühling, was praktisch ziemlich dasselbe ist wie ein
julianisches, da die letzten wintermonate für die kriegerischen ereignisse
selten in betracht kommen. aber er selbst hat die überlieferung in einer
rechnung nach attischem kalender überkommen.
3) Die vorlage des Diodoros war nicht annalistisch in ihrer er-
zählung. ob sie trotzdem attische archonten gab, oder er nur für ein-
zelne ereignisse solche datirungen sonst vor sich hatte und danach selbst
den stoff verteilte, macht für die sache kaum etwas aus. er selbst ist
ein mensch, der durch seinen eigenen unverstand verschuldet hat, daſs
seine angaben an sich sehr geringes gewicht haben, also immer nur
subsidiär zugezogen werden können. aber es ergibt sich, daſs namentlich
in dem späteren teile dieser periode seine daten gut sind.
4) Plutarch ist ein stilistisch hervorragender, historisch urteilsloser,
chronologisch unbekümmerter mann. also erfordern seine angaben eine
sehr umsichtige exegese, deren aufgabe es ist, seine eigene verarbeitung
zu beseitigen, um dann die ihm vorliegenden berichte zu verwerten.
diese waren ganz ausgezeichnet.
5) Iustinus und Nepos sind ganz unbrauchbar.
6) Eusebius liegt uns entstellt vor und hat die ereignisse schon so
vielfach umgerechnet und verschoben überkommen, daſs er nur subsidiär
herangezogen werden kann. zu grunde liegen aber die genauen attischen
archontenjahre.
Die ereignisse des ersten jahrzehntes sind oben (I 142—47) geordnetDie jahre
466—55.
für die folgenden bildet den absolut zuverläſsigen ausgangspunkt die
niederlage bei Drabeskos im neunundzwanzigsten jahre vor Euthymenes
437/6, also unter Lysitheos 465/4.2) Thukydides läſst darüber keinen
zweifel, daſs dieses jahr zugleich das erste des thasischen aufstandes ist,
der im dritten jahre beendigt ward, also unter Tlepolemos 463/2. als
Kimon heimkehrt, hat er einen schweren rechenschaftsprocess zu be-
stehen; freigesprochen sticht er wieder in see, und in seiner abwesen-
heit wird der Areopag gestürzt, also unter Konon 462/1. so ergibt die
rechnung nach Plutarch. die rechnung ist richtig, denn der sturz des
Areopages ist auf das jahr des Konon durch Aristoteles absolut fixirt.
nun gleicht sich aber ein thukydideisches kriegsjahr mit zwei attischen
jahren; wir bedürfen also noch einer näheren bestimmung, ob der tha-
sische krieg 465—63 oder 464—62 reicht. das entscheidet sich durch
den fortgang der geschichte Kimons. als er von jenem unbestimmten
zuge heimkehrt und den Areopag gestürzt findet, setzt er die hilfleistung
für Sparta durch, wird dort abgewiesen und verfällt zu hause dem ostra-
kismos. die vorfrage nach dem ostrakismos wird in der sechsten pry-
tanie gestellt, also in dem anfange eines julianischen jahres. in dessen
vorjahr, aber in dasselbe attische, fällt der zug nach Messene, davor der
sturz des Areopages, unter Konon fixirt. also ist Kimon frühjahr 460
verbannt3), der thasische krieg 465—63.4) wer den versuch machen
19*
[292]III. 3. Chronologie der Pentekontaetie.
will, die ereignisse ein jahr tiefer zu rücken, wird sich bald von der
undurchführbarkeit überzeugen.5)
Eine consequenz ist, daſs die Eurymedonschlacht nicht lange vor
465, spätestens 466 fällt.6) denselben terminus ante quem gibt die revo-
4)
[293]Die jahre 466—55.
lution am persischen hofe; Xerxes stirbt nach dem Königskanon 465 im
frühjahre. einen ganz zuverläſsigen terminus post quem oder gar eine
fixirung für die schlacht gibt es nicht.
Nach Theopompos ist Kimon gleich nach der schlacht bei Tanagra
zurückgerufen, ehe er noch volle fünf jahre verbannt gewesen war. die
nachricht beruht aller wahrscheinlichkeit nach auf einem misverständnis7),
aber das nimmt ihr nicht die chronologische verwendbarkeit, da sie die
6)
[294]III. 3. Chronologie der Pentekontaetie.
zeitliche differenz zweier für ihren urheber fester punkte nicht falsch
angeben kann. danach fällt die rückberufung Kimons unter den fünften
archon von Euthippos ab gerechnet, Mnesitheides 457/56. darauf folgten
ohne unterbrechung, wie Thukydides I 108 sicher stellt, die schlacht bei
Oinophyta, die niederwerfung von Boeotien und Phokis, die capitulation
von Aegina und der zug des Tolmides um den Peloponnes, der danach
unter Kallias 456/5 zu stehen kommt. die rechnung ist richtig: den
archon Kallias für den zug des Tolmides gibt schol. Aischin. 2, 75.
Genaueres zu bestimmen gibt den ersten anhalt das verhältnis der
schlachten bei Tanagra und Oinophyta. zwischen beiden schlachten
lagen nach Thukydides 62 tage; bei Tanagra commandirte der sieger von
Oinophyta Myronides nicht. die Peloponnesier waren in demselben kriegs-
jahre erst nach Phokis gezogen; sie machten die diversion nach dem
nordosten Attikas erst, weil die Athener ihnen den heimweg über die
megarischen berge und den korinthischen golf sperrten, marschirten aber
nach dem siege schleunigst ab und fanden in Megara keine ernte mehr
zu verwüsten, sondern hieben nur die oliven um. alles das gibt Thuky-
dides an, und nach Plutarch (Kim. 17, 6) fürchteten die Athener ihren
einfall erst für die nächste erntezeit (εἰς ὥϱαν ἔτους), die also dieses
mal vorbei war. weiter liegt darin nichts. wenn man nach der art
der kriegführung Spartas im archidamischen kriege rechnet, so führt das
zu der annahme, daſs die schlacht bei Tanagra etwa im juni geschlagen
ist, also am ende des attischen jahres, so daſs Oinophyta und schon
der waffenstillstand, der mit vier monaten den rest des kriegsjahres um-
faſste8), in ein anderes fällt. das paſst vortrefflich. und daſs Diodor
Tanagra unter Habron, Oinophyta unter Mnesitheides, den zug des
Tolmides unter Kallias alles richtig ansetzt, ist kein beweis, aber ein recht
erwünschtes bestätigendes ergebnis.9)
Diesen festen boden unter den füſsen können wir weiteres terrain
gewinnen. die Thasier wagten 465/4 den abfall in der hoffnung auf
spartanische hilfe. aber Sparta ward durch das erdbeben, das es be-
troffen hatte, verhindert, bei welcher gelegenheit die Heloten abfielen
und sich in Ithome festsetzten. so Thukydides (100), und man muſs
zunächst das erdbeben mit dem thasischen aufstande gleichzeitig ansetzen.
das geschieht auch von Plutarch (Kim. 16, 4), wo es auf das vierte jahr
des Archidamos gesetzt wird, der unter Apsephion 469/8 zur regierung
kam: in königslisten aber gehört das jahr des regierungsantrittes meist
dem vorgänger. wenn Pausanias (IV 24) den abfall der Messenier ol. 79, 1
(464/3) unter den archon setzt, den er Archimedes, Diodor Archidemides
nennt, so correspondirt das mit dem diodorischen ansatze des thasischen
krieges auf denselben: es ist nur eine unwesentliche verschiebung um
ein jahr. aber Thukydides erzählt auch, daſs Ithome im zehnten jahre
der belagerung gefallen ist (102), und diese zahl ist durch Diodor XI 64
vor jeder änderung geschützt, zumal dort Thukydides nicht zu grunde
liegt. wenn die zehn jahre von 465/4 laufen, so ist Ithome 456/5 unter
Kallias gefallen: wirklich steht es so bei Diodor XI 84. aber Thukydides
selbst straft diese auch im zusammenhange der ereignisse sinnlose berech-
nung lügen, da er den fall Ithomes hinter dem systemwechsel der attischen
politik erzählt, den der ostrakismos Kimons zur folge hatte, und vor
dem anschluſse Megaras an Athen und der aegyptischen expedition.
danach kommt der fall Ithomes 460 oder 459 zu stehen, das erdbeben
also 469 oder 468. und das ist nun wieder ein mit der allerschärfsten
praecision von Philochoros auf den archon Theagenides 468/7 bestimmtes
datum (schol. Ar. Lysistr. 1144), und Diodor, unbekümmert um den wider-
spruch mit seiner späteren auf falscher auslegung des Thukydides beruhenden
angabe, daſs die zehn jahre 456 zu ende gegangen wären, gibt für das
erdbeben 469/8, Apsephion, als datum. es ist sehr wol denkbar, daſs
9)
[296]III. 3. Chronologie der Pentekontaetie.
die lage für Sparta sich 465 besonders bedrohlich gestaltet hat, so daſs
die Thasier noch kurz vorher zusicherungen erhalten hatten; es ist aber
auch dem Thukydides zuzutrauen, daſs ihn eine falsche nachricht ge-
täuscht hat, die Sparta einen bruch des bundes aufhalsen wollte: wir
wissen von dem verlaufe des messenischen krieges ja so gut wie nichts10).
auf jeden fall hat Thukydides sich, ganz wie wir es in der Themistokles-
geschichte gefunden haben, misverständlich ausgedrückt, und dieses mis-
verständnis hat weiter unheil gestiftet. mit der beseitigung dieses mis-
verständnisses ist wieder ein fester punkt gewonnen, der fall von Ithome
und die ansiedelung der Messenier in Naupaktos, also auch die vertrags-
urkunde CIA IV p. 9 fallen in das jahr des Philokles 459, in dasselbe,
den winter, der anschluſs von Megara11), unter Euthippos aber, 460, in
dessen ersten monaten Kimons politik vom volke verworfen ward, die
bündnisse mit Argos und Thessalien und die besitzergreifung von Nau-
paktos.
Damit sind die ereignisse, die Thukydides 104—7 erzählt, von beiden
seiten so fest eingeengt, daſs ihnen nur noch ein platz bleibt. Megara
kann sich erst ende 459 an Athen angeschlossen haben; der zug der
Peloponnesier nach Phokis und Boeotien fällt in das frühjahr 457. folg-
lich bleibt das kriegsjahr 458 für die schlachten bei Halieis Kekryphaleia
Aegina Megara. das ist viel, und man würde sich davor scheuen, aber
[297]Die jahre 466—55.
gerade da tritt als urkundliche bestätigung die verlustliste der Erechtheis
I 433 ein. diese vier schlachten sind tatsächlich in demselben kriegsjahr,
458 bis zum Pyanopsion, unter Philokles und in den ersten drei monaten
des Habron geschlagen.
Derselbe stein führt eine anzahl krieger auf, die in Kypros und
Aegypten gefallen sind. das harmonirt mit Thukydides, der den beginn
der aegyptischen expedition zwischen den anschluſs von Megara und
die schlacht bei Halieis stellt, ohne eine nähere zeitliche relation zu
geben. da jedoch die attische flotte schon auf Kypros war, als Athen
sich für das bündnis mit Inaros entschied, so wird man den anfang der
expedition noch in das jahr 459 rücken. das gestattet der stein sehr
gut: denn daſs die gebeine der auf Kypros im sommer 459 gefallenen
alle schon 459 anfang october zum totenfeste heimgeführt gewesen
wären, ist wirklich nicht zu verlangen. der krieg dauerte sechs jahre,
das sind nach Thukydides sechs sommer; da der erste 459 fest steht,
so ist der letzte 454. der bericht über die letzten ereignisse auf dem
aegyptischen kriegsschauplatze steht zwischen dem zuge des Tolmides
um den Peloponnes, unter Kallias 456/5 fixirt, und dem zuge der Athener
nach Thessalien12) unter hilfleistung der Amphiktionen; eine folge davon,
ein bündnis mit den Phokern, ist urkundlich (IV p. 8) für das jahr des
Ariston 454/3 gesichert. es bleibt einiger spielraum noch, aber da die
neuordnung der mittelgriechischen verhältnisse nach Oinophyta, das in
den spätsommer 457 fällt, ein jahr reichlich ausfüllen dürfte, so scheint
es geratener den zug des Tolmides in die erste hälfte 455 zu rücken.
im nächsten frühjahr, 454, gieng dann die entsatzflotte nach Memphis,
die zu spät kam und in den untergang hineingezogen ward. gleichzeitig
ward zu lande der zug nach Thessalien unternommen. 454 folgen passend
die züge des Perikles gegen Sikyon und Akarnanien und dann, in dem
nächsten attischen jahre, nach der Chersones. daſs die jahre 452. 451.
450 die drei von Thukydides als ereignislos bezeichneten sind, ist sicher,
wenn das letzte von ihm vorher erwähnte ereignis 453 fiel, das ist der
[298]III. 3. Chronologie der Pentekontaetie.
zug des Perikles, und das nächste nachher, der zug Kimons nach Kypros,
den er ausdrücklich unmittelbar auf den abschluſs des fünfjährigen friedens
folgen läſst, 449 statt fand. so datirt ihn Diodor, und da er mit ihm
ein buch beginnt, so darf man ihm zutrauen, daſs er sich über dieses
datum vergewissert hat. daſs er dem zuge zwei jahre gibt, ist für die
attischen zutreffend, nur für seine chronologie verwirrend. das ganze
renkt sich gut ein, und so darf man auch über die nächsten ereignisse bis zu
dem festen punkte des dreiſsigjährigen friedens unter Kallimachos, winter
446/513), urteilen, hinter dem dann wieder der samische krieg vom herbst
441 bis zum sommer 440 auf die archonten Timokles und Morychides
durch die chronik (schol. Wesp. 283) in übereinstimmung mit der jahr-
zählung des Thukydides (115) fixirt ist.14)
Tabelle.Ich lasse nun eine tabelle folgen, die zwar nichts neues mehr liefert,
aber durch die anordnung nach den attischen beamten das verständnis
stark erleichtern wird; wer in attischer geschichte arbeiten will, muſs
mit attischer zeit rechnen. so verkehrt der gänzlich unberechtigte pedan-
tismus der olympiadenzählung ist, die den attischen quellen fremd ist,
so abscheulich ist die beliebte fiction, die ein archontenjahr mit einem
unserer zeitrechnung gleich setzt: der forscher muſs die chronik recon-
struiren. ich habe alle archontennamen mit griechischen lettern ge-
schrieben, die urkundlich oder sonst durch genügende zeugnisse ge-
[299]Tabelle.
sichert sind: man sieht dann gleich, wo etwa noch fehler stecken können.
ferner habe ich die tatsachen gesperrt drucken lassen, die durch zuver-
lässige datirung auf den archon als absolut sicher gelten müssen. in
petit sind ein par wichtige zwischengestellt, die nicht fehlen sollten,
obwohl sie auf ein jahr nicht bestimmbar schienen. es versteht sich von
selbst, daſs ich sehr viel mehr relativ bestimmtes hätte eintragen können,
z. b. pindarische gedichte. allein meine tendenz war wesentlich, die
harmonie zwischen Thukydides und den chroniknotizen zu veranschau-
lichen; das andere ist, so weit es nicht zur stütze für dieses gebäude
dient, ein beiwerk, das schwerlich etwas schadet. ich würde für überaus
verdienstlich halten, wenn jemand wirklich vollständige fasti Hellenici oder
Attici in dieser art anlegen wollte; bis an das ende des vierten jahr-
hunderts müssen die archontenjahre das gerüst bilden.
Die elegie
γινώσκω
καί μοι.Aristoteles hat uns gelehrt, daſs Solon in einer elegie die grund-
sätze dargelegt hatte, zu deren durchführung ihm seine wahl zum archon
die macht gab. das gedicht gieng von einer selbstbetrachtung aus ‘ich
erkenne mit schmerzen, daſs die älteste Ionierstadt — dem abgrunde
zutreibt’, nicht anders können wir den schwer verständlichen gedanken des
ersten distichons ergänzen.1) wir erfahren weiter, daſs im eingange des
gedichtes Solon ‘habsucht und übermut’ der herrschenden classe geiſselte
und später diese direct anredete: ‘bescheidet euch; denn wir dulden das
nicht mehr, und nicht alles wird euch gefüge sein’. da in der allge-
meinen charakteristik gesagt wird, daſs Solon ‘für beide wider beide
stritt’, erschlieſsen wir, daſs er in entsprechender weise auch die besitz-
losen und ihre begehrlichkeit in directer ansprache gegeiſselt hat. das
ganze war also eine volksrede in versen. wer elegie und iambos sich
genauer ansieht, wird allerorten die directe ansprache vorfinden und
dem entsprechend bemerken, daſs die führer des volkes oder kleinerer
kreise in Ionien die dichter sind. in Sparta redet der repraesentant
des standes zu dem heere: das ist der charakter der tyrtaeischen verse,
auf deren verfasser also nichts ankommt. für das verständnis der ionischen
poesie ist die anerkennung der persönlichen ansprache durch die als
solche bedeutende person die wichtigste vorbedingung.
Es liegt nahe, reste derselben wichtigen elegie unter Solons frag-
menten zu suchen, und vier verse (fgm. 15 Bergk) hat ihr Br. Keil mit
groſser wahrscheinlichkeit zugewiesen. sie sind auch in die Theognidea
(315) geraten und werden als solonisch von Hermippos angeführt (Plut.
Sol. 3), um zu belegen, daſs Solon sich selbst zur partei der armen ge-
rechnet hätte. nicht anders können wir nach Aristoteles über die stim-
mung ener ersten elegie urteilen, und daſs er eine mehrheit, zu der er
sich rechnet, zu den reichen in gegensatz stellt, ist selbst in den wen-
dungen ähnlich. ganz verständlich aber wird der politisch bedeutende
inhalt dieser verse erst jetzt, seit wir wissen, daſs die geltende drakon-
tische verfassung den adel, das prinzip ἀϱιστίνδην, durch den reichtum,
πλουτίνδην, ersetzt und die classen auf das vermögen statt auf das ein-
kommen gestellt hatte. ‘reichtum findet sich oft bei schlechten, tüchtig-
keit bei armen. wir werden ihnen nicht gestatten beide zu vertauschen,
denn er ist ein wechselndes, sie ein dauerndes gut.’ so perhorrescirt
er die plutokratie: wie kurzsichtig war es, ihm die classeneinteilung, die
sog. timokratie als neue erfindung zuzuschreiben. aber die ἀϱετή ist
bereits die der seele, nicht die des blutes für ihn. die moralische be-
deutung der begriffe ἀγαϑός und κακός gilt bereits für Solon; deshalb
stehen die verse unter denen des Theognis, die der veranstalter unserer
sammlung auch im menschlich aristokratischen sinne gedeutet hat,
während der Megarer sie im bornirten adelssinne gemeint hatte.
Sehr nahe mit dieser elegie berührt sich im inhalte eine andere, dieDie elegie
ἡμετέϱα
δὲ πόλις.
wir zum gröſseren teile und am schlusse vollständig in die gesandschaftsrede
des Demosthenes hinter 255 eingelegt lesen (4 Bgk.). daſs sie in mehreren
der besten handschriften fehlt, beweist nichts dagegen, daſs Demosthenes
sie selbst eingelegt hätte, denn in Σ sind auch urkunden ausgelassen,
die erweislich ächt, also auch mit den reden sofort edirt worden sind.
wol aber lehrt schon der lückenhafte text dieses gedichtes2), daſs es nicht
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 20
[306]III. 4. Die solonischen gedichte.
immer die sorgfältige behandlung erfahren hat, die es in dem demosthe-
nischen texte finden muſste. es hat also einmal ein grammatiker die
von Demosthenes deutlich bezeichnete solonische stelle nachgeschlagen
und von dem verse, den er so fand, ausgehend den rest der elegie ein-
getragen. wir haben grund dem manne zu danken, gerade weil er nicht
sehr überlegt verfahren ist, denn er hat viel mehr ausgeschrieben, als
der redner verlesen lieſs. dieser leitet sein citat also ein “verlies mir
hier diese elegie, damit ihr seht, wie sehr Solon solche menschen wie
diesen Aischines gehaſst hat”. und nach der verlesung sagt er “hört ihr,
was Solon von solchen menschen sagt, und von den göttern, die die
stadt beschützen”. solche menschen, das sind menschen, die für geld
alles tun, insbesondere den ruin ihrer vaterstadt herbeiführen, oder viel-
mehr herbeiführen würden, wenn die götter nicht über Athen wachten.
somit ist deutlich genug bezeichnet, daſs Demosthenes den ersten teil
der einlage verlesen lieſs, die wir jetzt vor uns haben “nach gottes willen
wird Athen nicht zu grunde gehen; dafür sorgt Athena; aber die bürger
wollen in ihrem unverstande den staat zu grunde richten3), und nament-
lich die führer des volkes, die in ihrem jagen nach unredlichem gewinne
keine schranke kennen. aber einmal kommt allerdings auch für sie die
strafende vergeltung (1—16)”. gerade diese letzte prophezeiung muſste
dem ankläger sehr zu paſs kommen, aber es kann davon keine rede
sein, daſs er auch nur einen vers weiter citirt hätte, am wenigsten den
schluſs, der die segnungen eines wolgeordneten verfassungsstaates breit
ausmalt.
Wenn wir nun den gedanken dieser elegie weiter nachgehn, so
folgt auf den ersten abschnitt, worin die strafe für die frevel der hab-
gierigen volksführer bestehn wird. “das ist eine unvermeidliche krank-
heit für jede stadt, daſs sie in knechtschaft gerät, so sie bürgerzwist
und bürgerkrieg aufrührt, in dem die blüte der jugend erliegt. denn
die feinde (d. h. die inneren feinde des staatswesens und der ordnung)
zerstören sie gar bald in ihren verderblichen zusammenrottungen.”4)
2)
[307]Die elegie ἡμετέϱα δὲ πόλις.
er meint nicht gerade die einzelherrschaft, sondern eben so gut die herr-
schaft einer partei, die jetzt die oberhand hat, auf die bald eine andere
eben so gewalttätige folgt; man denke an die Alkmeoniden und ihre gegner,
oder an die Donati u. s. w. in Florenz. an δυναστεῖαι, mit den Sokra-
tikern zu reden, denkt er, wie sie factisch bestanden. “das ist das übel,
das jetzt schon im demos, in der drakontischen gemeinde, im schwunge
geht. die besitzlosen aber, die ὅπλα μὴ παϱεχόμενοι, geraten durch
das schuldrecht in sclaverei. so kommt von dem übel der gemeinde
(δημόσιον κακόν) auf einen jeden sein teil unweigerlich. diese vorhal-
tung wollte ich den Athenern machen: das kommt bei der δυσνομία
heraus. dagegen die εὐνομία führt zu eitel segen und wolstand.”
mit diesem erfreulichen bilde schlieſst er und malt es mit leuchtenden
farben. natürlich liegt darin der rat, für gute gesetze zu sorgen, und
wenn sie ihn beim worte nahmen und sagten ‘wolan, schaffe uns die
guten gesetze’, so war ihm das recht. auch dieses gedicht ist ein pro-
gramm des reformators. die art, wie er seine schilderung der beiden
classen des staates und ihrer verhältnisse abschlieſst und zu der εὐνομία
übergeht, insbesondere, daſs erst hier von dem adressaten seines ge-
dichtes die rede ist, zeigt deutlich, was wir vor dem jetzigen abgerissenen
anfange zu ergänzen haben. “rings um mich sehe ich gesetzlosig-
keit in Athen, und das volk weiſs sich nicht rat; da will ich ihm die
zeichen der zeit künden. zwar nicht nach der götter willen, aber durch
eigne schuld treibt die stadt dem untergange zu.” breit oder knapp: die
dem übergange 31. 32 entsprechende einleitung und die bezeichnung
des volkes als des adressaten, auf die auch noch ἡμετέϱα πόλις deutet,
konnte nicht fehlen.
Ich habe das ausgeführt, weil der gedanke nahe lag, daſs die von
4)
20*
[308]III. 4. Die solonischen gedichte.
Aristoteles citirte elegie mit dieser identisch wäre. niemand kann ja
leugnen, daſs es nur eines kleinen bindegliedes bedürfte, um von dem
ersten distichon jener zu dem anfange der hier vorliegenden versreihe
zu gelangen. aber die identification ist dennoch ganz ausgeschlossen.
den vers, der in dem anfange jener stand τήν τε φιλαϱγυϱίαν τήν ϑ̕
ὑπεϱηφανίαν müſsten wir in dem falle hier finden. auſserdem wer-
den dort die gewinnsüchtigen machthaber direct angeredet, vermut-
lich also auch das arme volk; denn wir hören ausdrücklich, daſs Solon
“beider sache wider beide führte”. von all dem ist hier keine rede,
und wenn die anrede, der adressat also, in den beiden gedichten ver-
schieden ist, so ist damit schon vollkommen bewiesen, daſs es zwei waren.
es ist auch gar nicht wunderbar, daſs Solon vor 594 mehrere gedichte
ähnlichen inhaltes verfaſst hat, ganz wie er es in den bitteren jahren
gleich nach 593 getan hat, zu denen wir uns nun wenden.5)
Eine elegie
aus den
jahren
593—91.Eines davon war eine elegie, aus der Aristoteles und andere die
schönen verse δήμῳ μὲν γὰϱ ἔδωκα (5) anführen; Herodot und Aristo-
teles haben derselben die erklärung Solons, auf zehn jahre nach Aegypten
zu verreisen, entnommen; Plutarch das resignirte wort ἔϱγμασιν ἐν χαλε-
ποῖς πᾶσιν ἁδεῖν χαλεπόν (7). das schlieſst sich alles gut zusam-
men, und daſs dieses abschiedswort an das ganze volk der Athener
gerichtet war, ist das natürliche. “ich habe den Athenern die gesetze
gegeben; nach denen mögen sie leben und ein jeder das seine tun. ich
bin es müde, von allen angegangen zu werden, und gehe, die herrlich-
keiten und wunder Aegyptens zu schauen. zehn jahre bleibe ich fort:
lebt wol und versucht wie ihr auskommt. es allen recht zu machen,
habe ich weder angestrebt noch vermocht; mein prinzip ist nur gewesen,
gegen die übergriffe von beiden seiten front zu machen.” es kann sein,
daſs ratschläge folgten, und man ist versucht das bei Aristoteles unmittel-
bar auf δήμῳ μὲν γὰϱ ἔδωκα folgende bruchstück hierher zu ziehen
“das volk ist dann am fügsamsten, wenn man ihm weder die zügel
schieſsen läſst noch es bedrückt. denn wer nicht gesetzten sinnes ist, läſst
sich durch die übersättigung an groſsem wolstande zu übergriffen ver-
leiten” (fgm. 6. 8, Theogn. 153). aber es ist klar, daſs diese mahnung
selbst vor der gesetzgebung möglich war: sie gilt den δήμου ἡγεμόνες,
die doch auch nach 593 das regiment führten.
Das war also sein letztes wort vor dem scheiden. ungleich erregterDie tro-
chaeen an
Phokos.
hatte sich seine enttäuschung und sein stolz in dem ersten affecte ge-
äuſsert, und er wählte deshalb das lebhafteste maſs, über das diese dicht-
gattung verfügte, die trochaeen, die er wol kein zweites mal verwandt
hat. das gedicht war an einen freund oder gewesenen freund Phokos
gerichtet, vielleicht einen vorfahren des Φωκίων Φώκου, dessen lebens-
beschreibung allerdings von seinem adel nichts weiſs. Aristoteles hat
ein neues schönes stück hinzugebracht, Plutarch aber das gedicht, von
dem er eine probe citirt fand, nachgeschlagen, den adressaten am an-
fange seiner auszüge namhaft gemacht und sich selbst gedanken und
wendungen, auch wo er nicht direct citirt, angeeignet (14, 5—15, 1).
danach kann man den aufbau sehr wol erkennen. Solon wird zuerst
den Phokos angeredet haben, sei es daſs er auf dessen billigung oder
misbilligung rechnete, dann führte er die öffentliche meinung, die πολλοὶ
καὶ φαῦλοι, wie Plutarch sagt, redend ein “Solon hat also den ruf der
weisheit nicht verdient, denn er hat den kopf verloren, als der fang im
netze war, und es herauszuziehen weder mut noch verstand genug ge-
habt. unser einer würde sich für die wonne, auch nur einen tag herr
von Athen zu sein, gern hernach mit sammt seinem ganzen hause haben
schinden lassen (33)”.6) dem gegenüber erklärt Solon “mag ich auf
meinen ruf als weiser einen schandfleck damit gebracht haben7), daſs ich
die tyrannis verschmähte: ich schäme mich dessen nicht, glaube vielmehr
gerade dadurch allen menschen gegenüber den vorrang zu erhalten (32).
durch den verzicht auf den eigenen vorteil ist es mir möglich geworden,
ohne rücksicht auf die begehrlichkeit von beiden seiten den staat zu
befestigen. hätte ich seine fundamente zerstört, so würde mir die kraft
gefehlt haben, ihn ganz neu zu bauen (Plut. 15, 1). nun sind die be-
gehrlichen umstürzler freilich enttäuscht, die auf groſse beute hofften und
meine reden von εὐνομία für schöne phrasen hielten, und sie sehen
[310]III. 4. Die solonischen gedichte.
mich schel an, ganz mit unrecht. denn ich habe ihnen gegeben was
ich ihnen versprochen hatte; sonst aber habe ich nicht unbesonnen ge-
handelt: so wenig wie die tyrannis, ist mir in den sinn gekommen,
durch γῆς ἀναδασμός eine gleichheit des besitzes für alle durchzu-
führen. (34. 35 mit den ergänzungen bei Ar.)”
Der groſse
iambos.Waren die trochaeen in erster linie bestimmt, seine ablehnung der
tyrannis zu verteidigen, so setzte sich Solon mit den vorwürfen der
armen in dem iambos auseinander, von dem das längste bruchstück er-
halten ist. weil der iambos μάλιστα λεκτικόν ist, glaubt man hier am
meisten den ersten attischen redner zu hören. ergänzen muſs man die
vorwürfe der volkspartei, daſs er nicht mehr für sie getan hätte und die
äcker der reichen confiscirt, was ihnen nicht nur freiheit, sondern auch
brot verschafft haben würde. “weswegen ich, als ich den wagen des
staates lenkte8), aufgehört habe, ehe der demos etwas hiervon bekam,
das soll mir vor dem richterstuhle der ewigkeit die mutter Erde bezeugen,
aus der ich die schuldsteine entfernt habe; und die schuldsclaven habe
ich befreit und das δανείζεσϑαι ἐπὶ τοῖς σώμασιν abgeschafft. das
habe ich getan und damit mein versprechen erfüllt. aber mit der ge-
setzgebung habe ich gleiches recht geschaffen. und nur weil ich un-
eigennützig war, ist es mir gelungen, den demos zurückzuhalten; ich
brauchte ja nur einer von beiden parteien zu folgen, dann wäre der
bürgerkrieg sicher gewesen. daher habe ich mich zwischen beiden
hindurchgedrückt.”
Ein zweiter
iambos.Ein ganz ähnliches iambisches gedicht zieht Aristoteles gleich danach
aus “der demos sollte mir danken, denn ohne mich hätte er nicht im
traume so viel bekommen wie er hat, und die reichen sollten es nicht
minder, denn ohne mich hätten sie alles verloren. keinem anderen würde
es an meiner stelle gelungen sein, den demos zurückzuhalten, ich aber trat
zwischen beide”. das ist so ähnlich, daſs man alten und neuen be-
nutzern nicht verdenken kann, daſs sie es vermischt haben. der halb-
vers οὐκ ἂν κατέσχε δῆμον ist identisch, der bedingungssatz vorher, der
nur in der paraphrase erhalten ist, muſste es dem sinne nach auch sein:
man könnte fast an eine doppelte fassung des schlusses denken, wenn
nicht Aristoteles offenbar zwei vollständige gedichte vor sich hätte. so
lernen wir nur, daſs elegie und iambos wie das spätere epos die wieder-
[311]Ein zweiter iambos. gedichte wider die tyrannis.
holungen sich gestattet hat: namentlich für die beurteilung der tyrtaei-
schen elegien ist das beherzigenswert. die spätere demegorie in prosa
hat es nicht anders gehalten.
Sechs politische gedichte kennen wir nun. daſs Solon auch andereReste an-
derer ge-
dichte.
dichtungen verfaſst haben muſste, wenn er den ruf der weisheit besaſs,
um dessentwillen sein volk auch auf seine politischen mahnungen hörte,
ist klar; aber auch nicht einen vers wüſste ich mit einigem scheine auf
seine jugend zu beziehen. auf seiner reise ist das gedicht an Philoky-
pros von Soloi entstanden (19). ein vers, der seinen aufenthalt an der
kanobischen Nilmündung erwähnt (28), kann nicht weiter bestimmt wer-
den, als daſs er nach der aegyptischen reise verfaſst ist, wie denn auch
Plutarch sagt. die etwa zwanzig jahre, die Solon sich zu hause noch
des otium cum dignitate erfreute, haben ohne zweifel die meisten seiner
poetischen früchte gebracht. aber es kann bei der art unserer über-
lieferung nicht wunder nehmen, daſs wir auch hier am meisten von der
politischen poesie erfahren. dazu gehört die elegie Salamis von 100 versen,
also ein umfängliches stück (1—3), für die er die fiction wählte, vom
heroldsteine auf dem markte zu seinem volke zu reden, und zwar in
directer ansprache. vielleicht war das auch gar keine fiction. dann
scheidet unsere überlieferung, die in drei arme, Diodor Plutarch Diogenes,Gedichte
wider die
tyrannis.
gespalten doch aus einer quelle stammt, zwei politische gedichte, von
denen sie das eine vor, das andere in die tyrannis des Peisistratos setzt.
das eine soll eine warnung sein (9); die erhaltenen verse führen aus,
daſs, wenn es übermächtige männer im staate gibt, die tyrannis so
sicher zu erwarten ist wie das hagelwetter, wenn die wolke aufzieht,
oder der donner, wenn es blitzt. aber das volk lasse die einzelnen
männer erst so groſs werden, daſs es sie nachher nicht mehr zurück-
halten könne. das zweite soll mit der vollendeten tatsache rechnen “die
götter sind nicht an eurer knechtschaft schuld, sondern ihr selbst, die
ihr diesen leuten rückhalt und stütze (ῥύματα) gegeben habt. denn ihr
seid trotz aller schlauheit der einzelnen ein volk von gimpeln (11)”. so
wie die 3 und 4 disticha jetzt da stehn9), könnten sie sehr gut in einem
gedichte platz finden, und nur wenn der vers “bald wird die wahrheit
an den tag kommen und zeigen, ob ich verrückt bin, wie ihr wähnet
[312]III. 4. Die solonischen gedichte.
(10)” in das erste gedicht notwendig gehörte, würde sicher, daſs Solon
zwei, dann notwendig kurz vor und nach einer katastrophe fallende ge-
dichte verfaſst hätte. das mag man glauben; sicherheit ist nur so weit
zu erzielen, daſs die beziehung auf die leibwache des Peisistratos (seine
ῥύματα), so nahe sie den alten erklärern lag, irrig ist. denn es handelt
sich überhaupt nicht um einen einzelnen, sondern um eine mehrheit
(τούτους ηὐξήσατε), die μεγάλοι ἄνδϱες. die alten sind genötigt ge-
wesen von den Peisistratiden zu reden, ja es wird gar bei Diogenes ein
ganzer rat von Peisistratiden daraus. aber Hippias ist doch nicht vor
561 mitregent gewesen, und das geschlecht spielt vollends keine rolle,
sondern der einzelne stratege und demagoge. die solonische mahnung
geht auf die verhältnisse, von denen wir nur die allgemeine schilderung
der drei στάσεις und ihrer führer kennen. da herrscht in Athen weder
das gesetz noch der demos, sondern die gewalt der mächtigen männer.
diese kritik wird auf Damasias und schon vor ihm und nach ihm manches
jahr zugetroffen haben. wenn wir die gedichte Solons vollständig
besäſsen und die beamtenliste dazu, so würden wir die geschichte und
die beziehung der einzelnen verse zugleich feststellen können; so
müssen wir uns bescheiden, und nur froh sein, daſs wir nicht genötigt
sind, diese gedichte fest auf 561/60 zu setzen. wie der steinalte Solon
damals sich verhielt, erzählt die chronik novellistisch: sie weiſs von keinen
versen (oben I 261—65).
Unpolitische
gedichte
des alters.Etwas kenntlicher wird seine unpolitische dichtung. er hat selbst
den gegensatz gefühlt und ausgesprochen. “jetzt, nämlich wo ich die
politik und die arbeit des erwerbslebens los bin, kann ich mich den ge-
nüssen des lebens, Aphrodite, Dionysos und den Musen hingeben (26).”10)
nur den besten bleiben die Musen bis ins alter treu, aber das noch
heute. daſs Dionysos den greisen hold sein darf, ist uns schon nicht
so geläufig, aber dafür genügt es an Platons regeln πεϱὶ μέϑης in den
Gesetzen zu erinnern. noch mehr mag Aphrodite befremden, und an
das schwärmen im maimonde des lebens denkt freilich kaum jemand in
der ächthellenischen zeit. für den bürger, der einen hausstand gründet
und seine kinder erzieht und versorgt, ist die regel auch nicht gegeben:
das hat Solon nicht getan, von dem es keine descendenz gegeben hat.
aber die erscheinung, für die die Aspasia des Perikles, die Herpyllis des
Aristoteles, die Theoris des Sophokles benannte vertreterinnen sind, die
[313]Unpolitische gedichte des alters.
παλλακαὶ gar vieler greise in Athen unbenannte, zu denen auch die
magd gehört, die der alte Cato heiratet, ist für das leben der alten zeit
höchst charakteristisch. “reizendes hindernis will die rasche jugend; ich
liebe mich des versicherten guts lange bequem zu erfreun.” die stim-
mung Goethes in den neunziger jahren wird dem ernsthaften und ver-
ständigen die beste erläuterung sein. es ist ein genuſsleben, aber bei
allen den männern, die hier genannt sind, ein complement der ange-
strengten geistesarbeit. wie hoch erhaben über den gemeinen sinnen-
genuſs es ist, kam Solon selbst in den fall auszuführen, der Athener
gegenüber dem Ionier, in dem gedichte an Mimnermos (20. 21). der
hatte nichts im leben getan als genossen, und da sah er voraus, daſs
er als sechzigjähriger mit dem genieſsen und dem leben fertig sein
würde; auf die hefe des trankes mochte er darum verzichten. Solon
führte ihm gegenüber die sache der natur zugleich und der ächten
menschenweisheit. er war mit sechzig jahren weder zum genusse un-
fähig noch lebensmüde und plaidirt deshalb für weitere 20 jahre. er
fürchtet kein grämliches alter, ist egoist genug, zu wünschen, daſs er
sterbend eine lücke lasse, wozu dann freilich gehört, daſs er so lange
er lebt seinen posten ausfüllt. und er weiſs, daſs seine existenz niemals
leer werden wird. γηϱάσκω δ̕ αἰεὶ πολλὰ διδασκόμενος (15), der
schönste seiner verse, gehört offenbar hierher. nehme man dazu aus
einem anderen gedichte, was er über den reichtum sagt, den er sich
wünscht (24)11), so hört man so ziemlich unsern weisen meister, der von
den göttern verlangt, was der dichter bedarf. “mäſsiges braucht er, doch
viel. erstlich freundliche wohnung, dann leidlich zu essen, zu trinken
gut, der Deutsche versteht sich auf den nektar wie ihr (davon sagt der
Grieche nichts besonderes). dann geziemende kleidung, und freunde,
vertraulich zu schwatzen; dann ein liebchen des nachts, das ihn von
herzen begehrt. diese fünf natürlichen dinge verlang’ ich vor allem.
gebet mir ferner dazu sprachen, die alten und neu’n, daſs ich der völker
gewerb’ und ihre geschichten vernehme, gebt mir ein reines gefühl, was
sie in künsten getan.”
Seine weisheit richtete Solon auch jetzt noch mehrfach an bestimmte
personen; auſser dem gedichte an Mimnermos hören wir noch von einem
an einen jungen mann aus verwandtem hause, den übermütigen Kritias
[314]III. 4. Die solonischen gedichte.
(22). aber an das publikum im ganzen wandte er sich verständiger-
maſsen nicht mit ihr. die steifleinene theorie, die von ὑποϑῆκαι εἰς
ἑαυτὸν redet, können wir auf sich beruhen lassen: wir sind nicht im
stande zu wissen, wie die sammler im altertum die gedichte geordnet
haben, und brauchen ihnen die verkehrtheit nicht zuzutrauen, die ord-
nung nach den versmaſsen mit einer nach sachlichen kategorien ver-
mischt zu haben, wie Bergk beliebt hat. die selbstansprache ist keine
kunstform. wie es Solon gehalten hat, lehrt die berühmteste und schönste
und zum glück vollständig erhaltene elegie (13): er hat die einkleidung
eines gebetes an die Muse gewählt. damit ist nichts anderes bezeichnet,
als daſs er seine gedanken in einem gedichte ausspricht. aber die helle-
nische poesie verlangt nun einmal feste form: und so ist hier die an-
rede für die elegie gewahrt. jenes wunderbare gedicht, in dem der
fromme des lebens und des strebens summe zieht, will ich hier nicht
erläutern. das würde zu viel worte fordern, denn es ist nicht leicht,
falls man mehr als einzelne disticha verstehen will. dem modernen aber
wird es sauer, von allem rhetorischen disponiren abzusehen, auch von
allen den künsten der Kallimachos und Properz und Ovid, und sich
zutraulich vor die knie des alten zu setzen und seiner Muse zu lauschen,
die ihn nach greisenart bald hierhin, bald dahin lockt, aber immer
wieder in die bahn zurückführt, die ihm die alles beherrschende empfin-
dung weist. “mensch, lerne, daſs es mit unserer macht nicht getan ist,
und daſs der gott, der deine geschicke lenkt, wie es ihn beliebt, einmal
abrechnung hält: mensch, lerne dich bescheiden.” zum verständnis des
baues hilft Tibull, der an der ächten elegie gelernt hat; bequemer noch
hilft Goethe.
Unbestimm-
bare
trümmer.Nur noch einige wenige beziehungslose verse (12. 14. 16. 17.
23. 25) und die reste eines iambischen gedichtes (38—41), in dem
das getriebe eines marktes mit allerhand erzeugnissen auch ferner küsten
geschildert ward, sind übrig. auſserdem eine sehr hübsche, bereits dem
Aristoteles (Pol. H 1335b) bekannte elegie, eigentlich nur ein merkvers,
über die zehn hebdomaden des menschenlebens, den hervorragende ge-
lehrte von Porson bis Usener12) dem Solon absprechen. er hat nichts
[315]Unbestimmbare trümmer.
individuelles, und daſs ein solcher spruch einem berühmten namen an-
gehängt wird, ist sehr natürlich. woher sie aber wissen, daſs Solon
nicht der verfasser sein könne, verstehe ich nicht: daſs hier 70 jahre
als die normale grenze des lebens bezeichnet wird, und Solon als greis
ein ander mal gerne 80 werden wollte, kann doch nichts ausmachen.
Herodot I 32 läſst den Solon 70 jahre als normales lebensalter angeben,
Diogenes I 55 auch: das erstere mag man für unsicher halten, das zweite
lehrt wenigstens, daſs das gedicht in den werken Solons sich behauptete.
es kommt weder für dieses etwas auf den verfasser an: alt ist es doch;
noch für Solon darauf, ob er einmal ein nicht individuelles gedicht ver-
fertigt hat. unter den versen der altattischen poesie, also denen Solons,
steht es und wird es stehn bleiben.
Athenaeus hat in sein fünfzehntes buch eine sammlung attischer
trinklieder eingelegt, die nicht nur durch die einzelnen gedichte, un-
schätzbare reste der wirklichen volkspoesie des alten Athen, sondern auch
als buch von bedeutung ist. das buch muſs ich analysiren, um deut-
lich zu machen, daſs die beiden von Aristoteles angeführten liedchen bei
Athenaeus einlagen aus Aristoteles sind. das mag ich nicht tun, ohne
über die gedichte selbst etwas zu sagen. wir können sie wirklich etwas
besser verstehn als der alte Ilgen; ich bitte sie aber im Athenaeus
nachzulesen, nicht bei Bergk.
Das buch ist so geordnet, daſs zuerst die gedichte in dem gewöhn-
lichen skolientone stehn, einer zwar aeolischen, aber nicht mehr wirk-
lich ächt aeolischen strophe. die stollen werden durch je einen phalae-
ceischen elfsylbler gebildet, in dem jedoch bereits ein dreisylbiger,
anapaestischer anlaut statt des aeolischen zweisylbigen, hier nie mehr
doppelkurzen, vorkommt (ὑγιαί / νειν), und, allerdings unter dem drucke
von unbequemen eigennamen, eine verdoppelung der zweisylbigen
senkung (Ἁϱμόδιος καὶ Ἀϱιστογείτων). beides ist in der sylben-
zählenden metrik von Lesbos undenkbar. der abgesang ist in den
meisten fällen durch synaphie gebunden. von den vier gliedern die
ihn bilden ist das zweite einmal durch hiat abgesetzt, oder vielmehr
durch unerlaubten hiat, da er ein proklitikon abtrennt (ἀγαϑούς τε
καὶ / εὐπατϱίδας 24), ebenso auch nur einmal das dritte (κλῄσαντα
πάλιν / ἄνδϱα 6), so daſs man die vollen dativformen in der elision
herzustellen berechtigt ist (ἐμαῖσ̕ / εὔφϱοσι 4, ϑυσίαισ̕ ἄνδϱα 12;
ebenso natürlich im verse στεφανηφόϱοισ̕ ἐν 3, βϱομίαισ̕ οὐδέ 5,
[317]III. 5. Die attische skoliensammlung.
δειλοῖσ̕ ὀλίγη 14, ἀγαϑοῖσ̕ ἀνδϱάσι 23, βϱοτοῖσ̕ ἐν 25; die vocali-
sirung der dative der ersten declination ist mir zweifelhaft). wortschluſs
suchen alle dichter hinter dem zweiten gliede, etwa die hälfte hinter dem
ersten, niemand zwischen den gliedern drei und vier. denn der ab-
gesang in sich ist wieder eine kleine trias, von der form a + b c c. sein
stollen ist das kleine sechssylbige glied, das die eine der normalformen
des dochmius geworden ist, uns am geläufigsten aus dem stollen der
alkaischen strophe ἐκ δ̕ ὀϱάνω μέγας, stat nive candidem. ein dichter (10)
hat sich die abwechselung erlaubt, statt seiner das um eine sylbe kürzere
glied zu verdoppeln, das uns aus dem abgesang der sapphischen strophe
am geläufigsten ist, ὢ τὸν Ἄδωνιν, terruit urbem. schon Sappho hat
es in pare verbunden stichisch wiederholt, μαψυλάκαν γλῶσσαν πεφυ-
λάχϑαι; Pindar schlieſst damit die kleine strophe des liedes auf den
Acharner Timodemides ἐν πολυυμνήτῳ Διὸς ἄλσει. des abgesanges
abgesang ist ein seltsames ding; zwar sein zweites glied ist nur wieder
um eine sylbe kürzer als der adoneus, sieht also einem choriamben
gleich, aber davor steht das glied ἐκ δ̕ ὀϱάνω μέγας ohne die erste sylbe,
also eine jener in Lesbos unerhörten, auch bei Pindar seltenen und in
den aeolischen strophen der tragoedie wenigstens nicht häufigen glieder
mit anlautender obligatorischer doppelkürze. ich fasse sie in der tat als
apokopirt, wie ich die ersten glieder in dochmien, daktyloepitriten, ja
selbst in ionikern vereinzelt, ansehe.
Die sprüche dieses tones beginnen mit denen εἰς ϑεούς. Ἀϑάνα
(diese form hat Bergk hier richtig hergestellt) hat billig den vortritt: das
politische lied; wir sind nicht in Auerbachs keller. hier weht die luft
wie in den segensliedern der Hiketiden und Eumeniden. “erhalte unsere
stadt vor nöten (ἄλγη, die nöte einer niederlage sind gemeint, πάγ-
κλαυτα ἄλγη Aisch. Sieb. 367. κακά τ̕ ἄλγη πολέμους τ̕ αἱμα-
τόεντας Hik. 1044) bürgerzwist und pestilenz (ϑάνατοι ἄωϱοι wie Eum.
936), du und dein vater.” — der zweite spruch gilt der Mutter ἐν Ἄγϱαις
und ihrer tochter; um die zeit der kleinen mysterien ist er gesungen,
im Anthesterion στεφανηφόϱοισ̕ ἐν ὥϱαις, wenn der narkissos blüht,
mit dem die göttinnen sich kränzen. weil es diese Mutter ist, heiſst sie
Ὀλυμπία, denn dem Olympier ist jene flur am Ilisos heilig. die Γῆ
Ὀλυμπία ist eigentlich dieselbe gottheit. gebetet aber wird um ge-
deihen (πλοῦτος) für all das, was jetzt im frühling keimt und sproſst.
die Mutter heiſst πλούτου μήτηϱ: so wenig ist dieses abstractum noch zu
einer person geworden, geschweige daſs man nach dem vater des kindes
fragte; noch weniger ist der höllische gott gemeint, den man um der
[318]III. 5. Die attische skoliensammlung.
schätze des erdinnern willen euphemistisch Πλούτων nennt. — dann kommt
Apollon, der Delier, auf dessen insel Artemis eigentlich nicht geboren ist,
so daſs ἔτικτε παῖδα Λατώ (E) besser ist als τέκνα Λ. (A); an den
bruder schlieſst sich Artemis, wie sie die Athener verehren, als jägerin,
und noch mehr als herrin des weiblichen geschlechtes (Aisch. Hik. 676).
das lied taugt nicht viel, da es erzählend anhebt und so seine herkunft
aus der elegie, die weiter ausholen kann (Theogn. 1—14), verrät. — der
vierte ist Pan, noch kein Athener, sondern mit den dionysischen nymphen
im arkadischen gebirge schwärmend. er soll sich nur am liede freuen,
das so lustig ist wie er, der den himmlischen komos führt. die fremden
formen (μέδων κλεεννᾶς) und die merkwürdige tatsache, daſs die ver-
dorbene überlieferung durch ein cultlied geheilt werden konnte, das
600 jahre später in Oberaegypten aufgezeichnet ist, beweisen die ab-
leitung dieses spruches aus den chorischen gesängen des eigentlichen
gottesdienstes; für den war das chorlied Pindars (fgm. 95. 96) bestimmt,
das vielleicht selbst dieses vorbild war. — der fünfte spruch ist verstümmelt
und verdorben. er bildet bereits den übergang zu profanen gegenständen.
‘wir haben gesiegt und die götter haben uns den sieg von der Pandrosos
her übergeben.’ was sie von der hüterin des heiligen ölbaumes nahmen
ist entweder der ölzweig oder wol noch richtiger das öl: der trinkende
gedenkt des sieges, den er oder die seinen an den Panathenaeen er-
rungen haben.
Nun folgt eine reihe moralischer sprüche; an zwei hochberühmte
in demselben tone ist ein aus aeolischer poesie entlehnter in alkaischer
strophe und ein anderer auch aeolischer angereiht. diese vereinzelten
töne hat der ordner so lieber untergesteckt, weil sie doch nirgend pas-
sender standen. daſs Athenaeus ein par citate über ὑγιαίνειν aus eigner
lectüre beifügte, wird keinen seiner leser beirren. der wunsch, dem
menschen ins herz zu sehen, um zu erfahren, ob seine freundschaft
ächt sei, schickt sich für das lied im freundeskreise; Euripides citirt diesen
spruch Med. 516, Hipp. 926. — das allbekannte ὑγιαίνειν hat schon Epi-
charm citirt, und es war dem Simonides wegen fgm. 78 gegeben. was der
dichter damit meinte, darf man nicht aus den erläuterungen der philo-
sophen holen, sondern aus der situation, für die er es gemacht hat: er
will nur sagen “wir sind gesunde hübsche jungen und haben’s dazu: laſst
uns drum lustig sein”. der deutsche student pflegt beim weine (d. h. biere)
seinen verkehr mit dem leihhause und dem wucherer zu besingen; auch
wenn er in ehrlicher armut ehrenvoll sich durchschlägt, fingirt er die
verlumptheit. eine wirkliche lebensregel gibt die alkaische strophe, nicht
[319]III. 5. Die attische skoliensammlung.
unwürdig des Alkaios. man muſs nur das erhaltene nicht weiter zer-
stören, sondern sich überlegen, dann findet man die notwendig geforderte
ergänzung der vorn verlornen drei sylben “〈den graden〉 oder 〈den besten〉
curs soll man sich vom lande aus aussuchen, wenn man dazu in der
lage ist und sich genug darauf versteht: ist man aber erst in see, so
heiſst es den curs halten”. inter nitentes Cyclades wird einem das klar.
wer von Troia nach Hellas will, der mag sich überlegen, ob es besser ist
zwischen Euboia und Andros oder zwischen Andros und Tenos oder Tenos
und Mykonos durchzufahren, oder gar erst an der asiatischen küste längs;
aber auf der fahrt den curs wechseln ist verwerflich. so die metapher.
was der dichter für das leben lehrt, heiſst “es ist sehr schön, ‘erst wägen
dann wagen’; nur kann man’s nicht immer, und nicht jeder verstehts;
aber für alle gilt ‘was du einmal begonnen hast, das tue ganz’.” der
spruch klingt weder sympotisch noch attisch. — das ist auch der fol-
gende nicht. “ein freund soll gerade sein und keine krummen gedanken
haben, sagte der krebs und nahm die schlange zwischen die scheeren.”
es sagt sich jeder, daſs die lebendige schlange sich ringelt, die tote in starrer
geradheit liegt; man bedarf also der aesopischen fabel 81 zum verständnis
nicht, die aber mit recht citirt wird, weil ja Aesop ein schulbuch war, und
der dichter an sie erinnert, indem er die freunde an aufrichtigkeit mahnt.
die stollen der kleinen strophe sind von einer auch in Athen geläufigen
volkstümlichen form, ὑμὴν ὑμέναι̕ ὑμήν. überliefert ist im ersten zwei-
sylbiger anlaut ὁ δὲ καϱκίνος. dann könnte das gedicht nicht ächt
aeolisch sein, wofür doch ἔμμεν spricht; aber die partikel am anfange
des liedes ist ohne analogie in diesen sprüchen, und ihre einfügung
im Athenaeustext, wo die gedichte ohne intervall stehn, ungleich wahr-
scheinlicher. den abgesang bilden zwei durch synaphie gebundene gly-
koneen.
Nun kommen vier strophen auf die tyrannenmörder. eigentlich sind
es nur zwei, denn die dritte gibt nur zur ersten einen eben so guten
abgesang (10 und 12). die demokraten mochten an der tat der befreier
die herstellung der ἰσονομία hervorheben, während den leuten wie
Isagoras nur die beseitigung des Hipparchos von wert war. beide sprüche
sind schwerlich viel jünger als die tat; das zeigt an dem einen die
ἰσονομία, wofür schon Aristophanes δημοκϱατία gesagt haben würde,
an dem andern die form Ἀϑηνάα, die das versmaſs fordert, aber die
vornehme dichtersprache nicht beliebt hat. der vierte (13) ist schlecht
zusammengestoppelt; den abgesang borgt es vom ersten, das erste wort
vom zweiten, und verdirbt im fortgang den vers; seine erste zeile αἰεὶ
[320]III. 5. Die attische skoliensammlung.
σφῶν κλέος ἔσσεται κατ̕ αἶαν ist eine epische banale reminiscenz,
weder ἔσσεται noch αἶα sind attisch. wie viel schöner hatte der dichter
des zweiten, der im abgesang ein etwas anderes metrum anwendet, die
tyrannenmörder auf den seligen inseln mit Achilleus und Diomedes
(Pind. 10) vereint.
Es folgt ein neuer ton, die alkaischen groſsen asklepiadeen, distichisch,
wie Alkaios sie auch gebaut haben soll. aber hinter dem ersten distichon
sind vier im ‘Telamonton’ eingesprengt: wol sicher durch irrtum der
schreiber. der Telamonton ist nicht so einfach; das distichon besteht
nicht mehr aus zwei ganz gleichen versen, sondern der zweite ist um
einen daktylus länger: ich wüſste das nicht besser als mit der schluſs-
zeile der Nibelungenstrophe zu vergleichen. von der ionischen art, den
κατὰ πόδα oder μέτϱον gebauten versen, muſs man natürlich absehen.
und doch hat ein dichter das erste gleiche glied beider zeilen, einen s. g.
ersten glykoneus, einmal wie zwei iambische oder ionische metra gebaut,
d. h. die fünfte sylbe als indifferent behandelt (17). das zweite glied ist ἐκ
δ̕ ὀϱάνου μέγας im ersten verse, dem dann im zweiten der daktylus
vortritt. — das lob der Aiakiden liegt in zwei gleich berechtigten fassungen
vor; sie sind entstanden durch ein lied des Alkaios (48), das auch Pindar
(Nem. 7, 27) berücksichtigt: aber wie viel mehr spricht uns die schlicht-
heit an λέγουσί σε ἐς Τϱοΐαν ἄϱιστον ἐλϑεῖν μετ̕ Ἀχιλλέα als der
prunk ὅν κϱάτιστον Ἀχιλέος ἄτεϱ μάχᾳ ξανϑῷ Μενέλᾳ δάμαϱτα
κομίσαι ϑοαῖς ἀν ναυσὶ πόϱευσαν εὐϑυπνόου Ζεφύϱοιο πομπαὶ
πϱὸς Ἴλου πόλιν. gewachsen ist diese verherrlichung der Aiakiden auf
ihrer insel Aigina (vgl. Herakl. I 281); wer das attische lied sang, gehörte
wol zur Aiantis. — nun kommt die liebe zu worte “o wäre ich die laute,
die die knaben bei den kyklischen chören tragen”, “o wäre ich ein ge-
schmeide von lauterem golde, daſs mich eine schöne frau trüge mit
eben so lauterem herzen”, auch sie natürlich am festtage, im Panathe-
naeenzuge; die liebe ist keine hetärenliebe. diese beiden gedichte führt
Dion in der zweiten rede an und verbessert im ersten φοϱοῖεν für
φέϱοιεν: die knaben tragen die laute wie die frau das halsband an sich
(φοϱοίη steht da), sie tragen sie nicht in den agon und geben sie ab.
auſserdem ergeben sich, wie auch in der überlieferung des Athenaeus,
dialektische schwankungen zwischen e und a, die die unwissenden fort-
fahren für dorismen zu halten; wie weit die poesie im sechsten jahr-
hundert den archaischen vocalismus noch festhielt, kann niemand sagen;
die epigramme des sechsten jahrhunderts schwanken ja auch. zum aus-
druck vgl. auch Theognis 89. diese erotischen verschen stehen der elegie
[321]III. 5. Die attische skoliensammlung.
sehr nah, und sie dürfen wol in den distichen der Anthologie V 83, 84
brüder anerkennen.
Von den Asklepiadeen ist das erste, jetzt verschlagene (16), an die
spitze gestellt, weil es auch einen heros erwähnt “freund merke dir den
spruch des Admetos und halte dich nur an gute freunde”. Admetos
in seinem verhältnis zu Apollon ist gemeint, ὁσίου γὰϱ ἀνδϱὸς ὅσιος ὢν
ἐτύγχανον sagt der gott selbst. man darf wol auch an Herakles denken,
den ἀγαϑός, der ungeladen zum feste der ἀγαϑοί kommt. in anbe-
tracht dieser beziehung ist von den varianten τοὺς ἀγαϑοὺς φίλει und
σέβου, die die handschrift des Athenaeus zur auswahl stellt, wol σέβου
vorzuziehen, obwol Aristophanes Wesp. 1237 φίλει bietet: das mochte
für das profane leben passender scheinen. der scholiast hat das gedicht
in einer anderen sammlung nachgeschlagen, die den namen der Praxilla
trug und auch den spruch über den skorpion (20) in wenig anderer
fassung enthielt. daſs sie ihn gemacht hätte, glaube ich gar nicht. aber
skolien sind nun einmal weinlieder und keine jungfrauenlieder, also be-
steht die überlieferung zu recht, die der Praxilla παϱοίνια gibt. und dann
bleibt diese ein mädchen, das am symposion teil hat, wie ich sie Her.
I 71 bezeichnet habe. — das nächste (18), von Euripides Iph. Aul. 407
citirt, gibt die moral, die ehedem das geschlecht, jetzt die hetaerie fordert
“der rechte freund muſs in allem mittun, im trinken, lieben, schwärmen,
toll sein, auch im vernünftig sein”. “ich bin ein mann vom geschlechte
Ghazijja; wenn Ghazijja verrückt ist, bin ich mit verrückt, wenn Ghazijja
das richtige tut, tue ich auch das richtige” so ein Araber bei Wellhausen
(Reste arab. heidentums 194). — dann der bekannte spruch vom skorpion:
wieder warnung vor hinterlistigen menschen. die ehrlichkeit war von
jeher der Hellenen schwache seite, darum schilt schon Achilleus auf die
unaufrichtigkeit; treue ohne ἔϱως ist nur zu selten unter ihnen. — auch
das letzte der reihe (25) gesteht bedauernd die regel ein, wenn der redner
als seine meinung hinstellt, daſs götter und menschen den hoch ehren,
der den freund nicht verrät: dies also ist ausnahme. dazwischen steht 21,
der spruch von sau und eichel, eine lustige parodie eines unattischen
spruches, erklärt Isyll 123, und eine warnung vor der liebe, die für jeden
zu haben ist, der das entree bezahlt (22); etwas unhöflich gegen die
für eine drachme gedungene flötenspielerin, die den takt dazu blies.
so tief sind wir von Athena herabgestiegen, und doch gehört alles mit
fug und recht auf das symposion und erhebt sich hoch über die ver-
soffene sentimentalität, die unsere commersbücher füllt, also doch wol
sänger findet.
Daſs wir eine sammlung vor uns haben, planmäſsig angelegt, so daſs
sogar verschiedene fassungen vorkommen, ist klar. solcher sammlungen
gab es mehr, wie die auf Praxilla getaufte lehrt. wir kennen ja auch aus
der komoedie noch eine anzahl anderer skolien, und Aristophanes läſst in
den Ekklesiazusen neue improvisiren. die gedichte gehören dem sechsten
und fünften jahrhundert an; nicht viel länger hat die mode die skolien
festgehalten. aber kein späterer gelehrter hat die sammlung gemacht; wo
sollte er denn die lieder finden? das bedürfnis hat sie erzeugt: es ist
wirklich ein attisches commersbuch, bestimmt für solche teilnehmer, die
sich’s nicht zutrauten einen vers zu machen. so ist ja auch die home-
rische hymnensammlung (und die orphische nicht minder) ein hilfsbuch
für einen rhapsoden; die grammatiker sind daran ganz unschuldig. die
bücher sind nur in späterer zeit nicht mehr zu praktischem gebrauche,
sondern zur lecture vervielfältigt. und erst in diesem stadium sind die
beiden nummern aus der Politie des Aristoteles hineingekommen, jetzt als
23 und 24 vor dem letzten asklepiadeischen distichon eingelegt. wer die
ordnung überschaut, die sonst herrscht, wird daran nicht zweifeln, zumal
so das politische gedicht von den politischen, dieser einzige spruch im
gewöhnlichen skolienmaſse von der ganzen reihe desselben tones ge-
trennt ist.
Pindaros selbst sagt, daſs er für den Alkmeoniden Megakles dichtet.
die scholien haben den vatersnamen nicht mitgeteilt und dadurch ver-
schuldet, daſs Boeckh, von dem die folgenden abhängen, einen sinn-
reichen ausweg versuchen konnte, um die übrigen zeugnisse alle ver-
werten zu können. jetzt steht durch Aristoteles 22 und das ostrakon
CIA IV p. 192 fest, daſs Μεγακλῆς Ἱπποκϱάτους Ἀλωπεκῆϑεν im früh-
jahr 486 durch den ostrakismos ausgewiesen ist. nimmt man dazu nur
die bekannten stellen Herodot VI 125—131, Lysias 14, 39, Ps. Ando-
kides 4, 34, so erhält man mit sicherheit das stemma Megakles der
mörder Kylons — Alkmeon und Agariste — Kleisthenes und Hippo-
krates, ersterer kinderlos, letzterer vater von Megakles aus Alopeke und
Agariste der frau des Perikles — Megakles wieder vater eines Megakles,
schreibers der schatzmeister Athenas 428/7 und der Deinomache, die vor
452 den Eupatriden Kleinias aus Skambonidai geheiratet hat, dem sie
Alkibiades und Kleinias gebar. allerdings hätte man diese ordnung
wol fordern sollen, da sie allein Perikles und Alkibiades so nahe mit
einander verbindet, wie sie gestanden haben müssen, damit die vormund-
schaft möglich war. das richtige hat Kirchhoff zu dem ostrakon gesagt,
aber verschwiegen, daſs ein eben so unzweideutiges zeugnis nunmehr
für einfache schwindelei erklärt werden muſs: Isokrates 16, 27 nennt
den gesetzgeber Kleisthenes ausdrücklich unter den vorfahren des Alkibiades.
eben darum hatte Boeckh neben Μεγακλῆς Ἱπποκϱάτους, den schwieger-
vater des Perikles, einen Μεγακλῆς Κλεισϑένους als vater der Deino-
mache gestellt. Megakles der sohn des Hippokrates hat sich erst nach
seiner heimkehr 480 verheiratet: das zeigt das alter seiner kinder. sein
vater war tot, als der sohn als haupt der familie landes verwiesen ward,
natürlich auch als er einen wagen rennen lieſs. auf seinen tod hat
21*
[324]III. 6. Das siebente pythische gedicht des Pindaros.
Pindaros bereits einen threnos gemacht, den die scholien zu Pyth. 7
erwähnen; das war nach 498, wo Pindar zu dichten anfieng. genauere
grenzen vermag ich nicht zu ziehn. Agariste hat den Xanthippos etwa
um die mitte der neunziger jahre geheiratet, denn ihr sohn Perikles,
462 zuerst politisch tätig, steht dreiſsig jahre später ἐν τῇ καϑεστη-
κυίᾳ ἡλικίᾳ, d. h. er hat das sechzigste lebensjahr überschritten; sehr
viel älter aber kann er nicht gewesen sein.
Wann ist nun das pythische gedicht verfaſst? in anbetracht seiner
kürze sicherlich bald nach dem siege. wann fiel der sieg? der Vati-
canus gibt die achtundachtzigste Pythiade, führt dann aus, daſs der olym-
pische sieger der 47 Olympiade ein vorfahr von diesem Megakles wäre,
ὁ δὲ τὴν πη΄ Πυϑιάδα ἕτεϱος δὲ ἂν εἴη ὁμώνυμος τούτῳ. das ist
unsinnig. aber Tzetzes hat es allerdings gelesen. Boeckh hat aus dem
Gottingensis die fünfundzwanzigste Pythiade aufgenommen, der jedoch
an der zweiten stelle πς hat; andere haben anderes gemeint. die
fünfundzwanzigste Pythiade fällt nach Boeckh in das jahr der Marathon-
schlacht, oder vielmehr, da die Pythien auf den siebenten Bukatios-
Metageitnion fallen, die schlacht bei Marathon auf den dreizehnten 1),
so sind die ereignisse beinahe gleichzeitig: nun, damals hatte der Alkmeo-
nide zu hause zu tun. Boeckh selbst würde das nicht behauptet haben,
wenn er die zeit der Pythien richtig bestimmt hätte. die zahl 25 und
Boeckhs Pythienrechnung vertragen sich nicht mit einander.
Das einzig mögliche heil konnte in den scholien des Florentinus D
gesucht werden. Dr. H. Graeven hat mir auf meine bitte eine ver-
gleichung geschickt: sie löst die aporie wirklich γέγϱαπται ἡ ᾠδὴ
Μεγακλεῖ Ἀϑηναίῳ νικήσαντι τὴν κε΄ πυϑιάδα τεϑϱίππῳ, ἔστι
δὲ οὗτος οὐχ ὁ τὰ ὀλύμπια νενικηκὼς, ἀλλ̕ ἕτεϱος (dann weiter
gleichlautend) τὴν γὰϱ τεσσαϱακοστὴν ἑβδόμην ἐκεῖνος Ὀλυμπιάδα
ἀναγϱάφεται νενικηκὼς, ὁ δὲ τὴν κς ἕτεϱος δὲ ἂν εἴη Μεγακλῆς
τούτῳ ὁμώνυμος. hinzu nehmen muſs man das in BD wesentlich
gleich lautende scholion zu 11 οὐκ ἐνίκησεν οὗτος Ὀλύμπια ἀλλὰ
ἄλλοι ὁμώνυμοι τούτῳ, und die durch Herodot feststehende tatsache,
daſs in Olympia vielmehr Alkmeon gesiegt hat, der ol. 47, 592 auch
allein siegen konnte.2) dann erkennt man, daſs zwar der scholiast, der
[325]III. 6. Das siebente pythische gedicht des Pindaros.
zu uns spricht, in dem Olympiasieger einen Megakles fälschlich gesucht
hat, während nur ein Alkmeonide nötig war, aber der gelehrte, der
diese frage wirklich untersuchte, vielmehr in verlegenheit war, weil er
sowol den sieg des Alkmeon rechnen muſste, wie auch einen Μεγακλῆς
Ἀϑηναῖος als sieger in der sechsundzwanzigsten olympiade fand: Pindar
aber weiſs nur von einem siege der Alkmeoniden in Olympia. so hat
jener gelehrte sich, vermutlich richtig, mit einer homonymie geholfen;
wir müssen nur das den satz zerreiſsende δέ beseitigen. daſs die zweite
zahl, 26 in D, eine Olympiade ist, keine Pythiade, ist das eine wichtige:
aber Kallierges im ersten drucke der scholien, der auf B zurückgeht,
hat diesen zusatz auch nicht, so daſs er vielleicht unserer guten über-
lieferung überhaupt fehlt3); daſs an dieser stelle B dieselbe zahl πη hat
wie oben, zeigt freilich, daſs der schreiber annahm, es müſste hier der
sieger dieses liedes gemeint sein. wichtiger noch ist die zahl 25 für 88.
den schreibfehler πη für κε kann ich nicht erklären, aber D ist ein
zeuge kaum schlechter als B, und wir sind meines erachtens gehalten
ihm zu folgen. dann ist das gedicht 486 nach dem august verfaſst,
vorausgesetzt, daſs wir die Pythiaden zählen wie die scholien und Bergk,
nicht wie Boeckh. 486 in den monaten februar märz ist Megakles von
dem ostrakismos betroffen. das nahm ihm weder die bürgerliche ehre
noch schädigte es sein vermögen noch hinderte es ihn, in Delphi zu sein
und ein viergespann rennen zu lassen. man war ein parteihaupt, wenn
einem so etwas zustieſs, und konnte hoffen wieder an die spitze des
volkes zu treten; aber es war doch zunächst ein rückschlag, und wenn
ein dichter, diesmal noch kein hochberühmter, aber doch ein standes-
genosse, der für die familie schon einmal tätig gewesen war, sechs
monate oder weniger nach dem volksgerichte ein festlied für Megakles
macht, so wird das nicht jeder beziehung auf die situation entbehren.
Pindar nun spricht also durch den mund des chores zu Megakles.
“Athen, die erhabene stadt, ist für das mächtige Alkmeonidengeschlecht
der schönste anfang eines liedes auf einen wagensieg. denn kein vater-
land und kein haus kann ich nennen4), dessen name in Hellas so stralend
[326]III. 6. Das siebente pythische gedicht des Pindaros.
wäre. denn in allen städten erzählt man sich von den Athenern, die
Apollons haus in Pytho zu einem wunderwerk gemacht haben.5) und
von dir und deinem geschlechte, Megakles, weiſs ich fünf isthmische,
einen olympischen, zwei pythische siege. über den neuen erfolg freue
ich mich etwas, aber das ist mir schmerzlich, daſs neid die edlen taten
vergilt. indessen das sprichwort sagt, daſs der segen, der dem manne
beständig blühen soll, das eine wie das andere (leid und freude) mit sich
bringt.”
Das ist einfach, und wenn er einfach redet, denkt sich Pindaros
immer am meisten. die Alkmeoniden haben eine ϑάλλουσα εὐδαιμονία,
und daſs sie für groſse taten neid ernten, beeinträchtigt diese nicht,
sondern macht sie nur beständig, weil τίκτει κόϱος ύβϱιν. ihnen bringt
ihr glück τὰ καὶ τά, wie Pindar gerne sagt (Ol. 2, 53. Isthm. 5, 46),
aber auch Theognis 398. die wechselvollen geschicke des geschlechtes
seit 120 jahren, in denen es doch immer εὐδαίμων geblieben ist, passen
wol zu dem spruche. das letzte ist der erfreuliche sieg. aber der
dichter hat keine rechte freude, χαίϱω τι sagt er. er sieht mit be-
kümmernis φϑόνον ἀμειβόμενον τὰ καλὰ ϝέϱγα. gewiſs sagt er ähn-
liches oft, aber meist warnend, hier dagegen tröstet er. was den ruhm
des pythischen sieges überwiegt, muſs mehr sein als übles gerede,
unpopularität: nur wegen eines wirklichen schlages tröstet man. die
scholien haben das gefühlt und darum an den tod des Hippokrates
erinnert: aber in dem ist kein φϑόνος. wer möchte leugnen, daſs der
ostrakismos, an den ältere erklärer auch gedacht haben, auf das treff-
lichste paſst, zumal er die tyrannenvertreiber als tyrannenfreunde traf,
wie wir jetzt aus der chronik wissen?
Das ist die epode. die strophen führen aus: Athens ruhm ist der
Alkmeoniden ruhm, beide fallen zusammen. zum preise des Megakles
schickt sich nichts so gut wie der ruhm der μεγαλοπτόλιες Ἀϑᾶναι6);
4)
[327]III. 6. Das siebente pythische gedicht des Pindaros.
Athen ist als staat so berühmt wie die Alkmeoniden als geschlecht. und
das wird begründet damit, daſs die Ἐϱεχϑέος ἀστοί, die den delphischen
tempel gebaut haben, in aller welt bekannt sind, und daſs die statt-
liche zahl von siegen der Alkmeoniden den Pindar zum dichten antreibt.
es geht nicht an, in Ἐϱεχϑέος ἀστῶν οἳ die Alkmeoniden zu verstehn
und den genetiv partitiv zu fassen: sonst begründet dieser satz die be-
hauptung nicht, die eine doppelte war, stadt und geschlecht wären
berühmt. für das geschlecht folgen die siege als beweis: was vorher
steht, geht notwendig die vaterstadt an. Athen also hat den ruhm des
tempelbaus. aber den haben ja, wie wir wissen, die Alkmeoniden gebaut.
ohne zweifel; aber die geschichtliche wahrheit darf uns nicht die poetische
erfindung zerstören. der dichter sagt es von Athen: wenn die hörer
sagen, ‘das ist ja aber das werk der Alkmeoniden’, um so besser, so
ist Alkmeonidenruhm und Athenerruhm identisch, und der neid, der
καλὰ ϝέϱγα ἀμείβεται ist um so ärger. in Delphi stand zudem die
Athenerhalle, stand das stolze weihgeschenk für die Marathonschlacht als
gaben des volkes, und gewiſs war der tempel voll von privaten geschenken,
da der gott seit 510 sich der demokratie angenommen hatte. Pindaros
sagt nicht ‘sie bauten den tempel’, sondern ϑαητὸν ἔτευξαν. aber
freilich, was könnte gegen die marmorfaçade aufkommen, die die Alkmeo-
niden errichtet hatten; marmortempel waren auf dem festlande noch
selten genug. also beabsichtigt ist allerdings die wirkung, daſs der
hörer sich sage “das weshalb man von Athen in allen städten redet,
ist ein werk der Alkmeoniden”. sie haben Athen groſs gemacht, das
will er den Hellenen einschärfen; Herodotos hat das ja 50 jahre später
ähnlich ausgeführt. der redet allerdings von der demokratie, die Kleisthenes
gebracht hat, und er hält es deshalb für undenkbar, daſs die Alkmeo-
niden 490 Athen hätten verraten wollen. davon darf man bei Pindar
nichts erwarten, weder um seiner selbst willen, denn er hat die demo-
kratie zeitlebens gehaſst, noch um des Megakles willen, der als tyrannen-
freund von den demokraten, Aristeides und Themistokles, beseitigt war.
die situation erschien 486 nicht viel anders, als sie für die Alkmeoniden
vor 510 gelegen hatte: das geschlecht repraesentirt eine partei, die zur zeit
unterlegen ist, aber gleich mächtig in der fremde lebt, des umschlages
harrend. allein auch als landflüchtiger verläugnet der Alkmeonide sein
vaterland nicht: sie gehören zu einander. mochte der Philaide in der
Chersones, der Peisistratide in Sigeion eine herrschaft suchen: er hält zu
Athen, auch wenn er seinen boden meiden muſs. ihm ist der ruhm
Athens das liebste lob für seinen sieg. das ist wahr von den Alkmeo-
[328]III. 6. Das siebente pythische gedicht des Pindaros.
niden, und schön ist es auch. das habe ich immer mit herzensfreude
gelesen, da ich gern wie Herodotos und Pindaros empfinde. aber es
hat doch einen ganz anderen klang, wenn Megakles so sich loben läſst,
eben als er von dem φϑονεϱὸς δῆμος schlecht behandelt ist. right or
wrong, my country, ist nicht vielen Hellenen aufgegangen: der enkel
des Megakles wird in Sparta ganz anders reden. es liegt hier auch
der ganze adelsstolz darin, daſs Athen mindestens eben so viel von dem
ruhme der Alkmeoniden hat als umgekehrt. und Megakles, obwol er,
wie sich gehörte, 480 unter die verteidiger seiner heimat getreten ist,
war ein politisch wenig bedeutender herr; seine schwester Agariste hat
mehr von dem ächten Alkmeonidensinne geerbt oder doch vererbt als
er. aber der dichter, der hier zu uns spricht, allerdings in einem werke
seiner unreifen jugend (erst die schweren seelenkämpfe von 481—79
haben ihn zum manne und zum dichter gereift), war ein mann mit den
vorurteilen des adels, aber auch mit seinen vorzügen, jeder zoll ein
ehrenmann und ein edelmann, der, so schwer es ihm gefallen ist, right
or wrong my country seinem Theben gegenüber hoch gehalten hat, und
über dem herben stolze auf die συγγενὴς φυά das noblesse oblige nie
vergessen. er fand in sich die stimmung, wie ein patriot und ein wahr-
haft vornehmer mann, stolz aber ohne groll, den ostrakismos ertragen
soll. erst seit zeit und veranlassung des gedichtes feststeht, kommt dem
leser voll zu bewuſstsein, was es will und was es taugt.
Aber Pindaros geht uns hier nichts an: nur das historische document
wollten wir einreihen, und wir brauchten das datum. mögen die an-
hänger der Pausaniaschronologie der Pythiaden sehen, wie sie diese
neue instanz beseitigen.
Die kämpfe um den Areopag haben dem gröſsten dichter des fünften
jahrhunderts sein letztes werk eingegeben; so wenig es unmittelbar für
die politische geschichte ergibt, können wir doch die stimmung der
zeit nur aus ihm unmittelbar auf uns wirken lassen, und es ist früher
so viel auch politisches in ihm gesucht worden, daſs ich nicht umhin
kann, die scene des processes der Eumeniden zu erläutern, zumal es
kurz geschehen kann. ein par wichtige stellen kann ich verbessern,
andere bleiben noch im einzelnen rätselhaft; die heut zu tage beliebten
athetesen und umstellungen fallen von selbst weg, sobald der zusammen-
hang erkannt ist.
Als der göttin Athena sowol von Orestes wie von den Erinyen die ent-Uebersicht
der ganzen
scene.
scheidung ihres zwistes übertragen ist (als δίαιτα gewissermaſsen), lehnt
sie ab in einer mordsache aus sich, αὐτοτελῶς, zu entscheiden und
erklärt einen beirat aus den edelsten ihres volkes (ἀϱιστίνδην) zuziehen
zu wollen, die als geschworne den spruch fällen sollen, und sie stellt
schon hier in aussicht, daſs sie damit eine dauernde institution schaffen
wolle, 470—89. die verse sind zum teil schwer verdorben, aber die
gedanken sind unzweifelhaft. mittlerweile sollen die parteien ihre be-
weismittel und ihre zeugen herbeischaffen. es entsteht also eine pause,
die durch ein groſses chorlied ausgefüllt wird.
Dann erscheint Athena mit dem herold (der als κῆϱυξ τῆς ἐν Ἀϱείῳ
πάγῳ βουλῆς später eine so groſse rolle gespielt hat, jetzt nur ein
subalterner ist) und den richtern. sein trompetenstoſs soll dem volke,
das zu dem feierlichen acte herzuströmt, das signal geben, platz zu machen
und zu schweigen. denn wenn auch das volksgericht (und als solches
wird dieses hier behandelt) die zuhörer nicht ausschlieſst, so fordert das
blutgericht doch feierlichen ernst. Athena motivirt das, nicht bloſs für
dieses mal: die verhandlung ist ja typisch, und die verordnungen der
[330]III. 7. Der proceſs der Eumeniden.
göttin werden die einzelnen acte auch weiterhin motiviren und damit
für immer einsetzen. sie sagt “während der Areopagitenrat zusammen-
tritt, geziemt es sich zu schweigen und zu lernen, sowol für die richter
wie für das ganze volk, diesmal und immerdar, auf daſs der urteils-
spruch gerecht gefällt werden könne”.1) der dichter hat bei dieser
bemerkung noch den nebenzweck, das schweigen seiner statisten, der
Areopagiten, zu entschuldigen, die sich nun, während der herold trom-
petet, einfinden und setzen. das füllt die in der rede merkliche pause
nach 574. über die zahl der richter wissen wir nichts, als daſs sie un-
gerade war, da die stimmenzahl durch Athenas zutritt gerade wird. die
Areopagiten haben ja niemals eine feste zahl gehabt: um so weniger
können wir über die zahl der statisten etwas sagen. das volk aber, an
das sich der trompetenschall und später die ansprache der göttin richtet,
ist vorhanden, nur nicht auf der bühne, sondern als ϑέατϱον.
Nun bemerkt Athena auf der seite des angeklagten Apollon, der
mittlerweile erschienen ist, und fragt ihn sehr höflich, was er hier wolle,
wo er nichts zu suchen hat, wenn er nicht zu einer partei gehört.2)
der gott motivirt sein erscheinen und die rolle, die er ferner spielen
wird, indem er sich sowol als zeugen wie als mitverklagten3) zu er-
[331]Uebersicht der ganzen scene.
kennen gibt. da somit seine gegenwart berechtigt ist, eröffnet Athena
als ἡγεμὼν δικαστηϱίου die verhandlung (sie sagt es ausdrücklich) und
gibt dem kläger das wort, indem sie wieder diese geschäftsordnung
einsetzt und begründet.
Es folgt die verhandlung der parteien. der kläger wendet statt
der rede das lebhafte verhör an, dem der verklagte rede stehen muſs.
Platons Apologie und die rede des Lysias wider Eratosthenes beweisen,
daſs dies vor dem attischen gerichte angängig war. selbstverständlich
aber hat der tragiker, der noch nicht wie Euripides die schulmäſsige
rhetorik kannte oder gar liebte, die form gewählt, die für das drama
und den charakter der Erinyen paſste.4) dagegen Apollon hält eine
wirkliche rede; er spricht zu den richtern und zu der vorsitzenden
göttin (629), wird zwar von den Erinyen unterbrochen und muſs ihnen
lebhaft erwidern, lenkt aber immer wieder in die bahnen wol gemessener
rede ein und schlieſst mit einem epiloge, der allerdings etwas ἔξω τοῦ
πϱάγματος ist (667—73), was für den Areopag nicht paſst, um so mehr
aber für das attische gericht; und es dürfte im epiloge zumal auch auf
dem hügel so gar genau nicht genommen worden sein. der dichter aber
bedurfte dieser nur gerade für seine gegenwart bedeutsamen verse.
sie bereiten den schwur des Orestes vor, der nach seiner freisprechung
ein ewiges bündnis zwischen Athen und Argos in aussicht stellt, und
geben diesem bündnisse die göttliche garantie. es war ja 458 der eck-
stein der athenischen politik.5)
Die parteien haben gesprochen. Athena fragt zunächst im allge-
gemeinen, ob sie fertig wären, die abstimmung also beginnen könne.
die Erinyen bejahen. dann richtet sie diese frage an die andere partei,
Orestes und Apollon; der letztere erklärt ebenfalls, daſs das urteil nun
gesprochen werden möge.6)
Die göttin beginnt denn auch ‘hört die verordnung, volk von Athen,
die ihr zum ersten male über mord richtet.’ aber es folgt keine ver-
ordnung, sondern lose durch ein δέ angeknüpft ‘auch für die zukunft
wird es in Athen diese ratsversammlung von richtern7) geben.’ und
nun folgt eine lange rede über den Areopag, die vielen unpassend er-
schienen ist. Aischylos hat sie aber für diese stelle gedichtet, denn,
wie das seine art ist, schlieſst er so zu sagen die parenthese durch die
aufnahme derselben worte. ἔσται δὲ καὶ τὸ λοιπόν, hebt Athena an,
ταύτην μὲν ἐξέτειν̕ ἐμοῖς παϱαίνεσιν ἀστοῖσιν ἐς τὸ λοιπόν hört
sie auf (707). und nun folgt erst der befehl, den sie gleich hätte geben
können ‘steht auf8) und erhebt die stimmsteine’. das geschieht dann,
während Apollon und die Erinyen erst die richter mahnen, dann heftig
zanken, 23 verse lang. dann haben die richter abgestimmt und Athena
tut dasselbe, indem sie ihre stimmabgabe motivirt. das widerspricht dem
prinzipe der geheimen stimmabgabe; aber der dichter muſste einen ausweg
wählen, der das urteil sowol motivierte wie als götterwillen hinstellte:
der gedanke durfte nicht aufkommen, daſs Athena überstimmt wäre. da
sie erklärt, die ihre zu den stimmen für Orestes legen zu wollen, folgt,
daſs die richter nur einen stimmstein haben, also zwei urnen da stehen,
eine freisprechende und eine verurteilende, und die richter so zu jeder
von ihnen treten, daſs sie einmal den stein hineinwerfen, das andere mal
nur so tun, ganz wie es in den Wespen gehalten wird und das gleichnis
des Agamemnon 815 voraussetzt. wo die urnen standen, wird nicht
5)
[333]Uebersicht der ganzen scene. die rolle Athenas.
klar, da sie sowol vor der göttin stehend gedacht werden können, wie
auch die göttin während ihrer rede sich an den tisch begeben konnte.
auf jeden fall waren ziemlich viel requisiten in die orchestra gebracht.
nachdem sie gestimmt hat, proclamirt Athena noch ganz kurz das gesetz,
daſs stimmengleichheit freisprechung bedeuten solle und ruft die richter,
denen das aufgetragen ist, herbei, den inhalt der urnen auszuschütten.
die vorletzte seite des Aristotelespapyrus führt uns diese commissare auch
vor, nur daſs 458 weder die ungeschlachten stimmkreisel noch der
durchlöcherte tisch existirte, in den sie gesteckt wurden um gezählt zu
werden. während die steine ausgeschüttet werden, rufen die parteien
ein par worte der erwartung; Apollon fordert die commissare auf,
richtig zu zählen. rasch ist’s getan, denn sie überreichen Athena die
geordneten stimmsteine (so weit dürfen wir der späteren analogie
folgen; es wäre zu töricht, wenn ein statist der göttin das ergebnis leise
mitteilte), die wol auch das publikum sieht: sie proclamirt das ergebnis.
der process ist beendet.
Athena ist der könig von Athen; als solcher handelt sie überhauptDie rolle
Athenas.
und als solcher übt sie den vorsitz des Areopages. der dichter hat durch
weises schweigen dieses drama aus aller chronologie herausgerückt.
Athena kommt zwar vom Skamandros, wo sie das land vermessen hat,
das die Theseussöhne von Agamemnon als ehrensold erhalten haben (402),
d. h. von Sigeion; aber diese Theseussöhne existiren für den dichter
nicht. Athena ist, wie sie es wirklich im fünften jahrhundert geworden
war, die göttin zugleich und die personification des athenischen staates.
als vorsitzender des gerichts aber übt sie die functionen des jahrkönigs.
sehen wir jedoch genauer zu, so ist nur die beteiligung an der abstim-
mung, gewiſs etwas wichtiges und hier ganz unerläſsliches, was nicht
ganz ebenso von jedem ἡγεμὼν δικαστηϱίου gelten würde. und so
steht es mit dem ganzen processe. alles was wir als besonders areopagitisch
kennen, ist fern gehalten. das absetzen des kranzes, das richten im
freien, im heiligtume, die steine des verbrechens und der rache, die
feierlichen eidschwüre der parteien, die doppelte verhandlung — nichts
von all dem kommt vor, und gewiſs würde manches dichterischer be-
handlung sich eben so gut angepaſst haben wie das abstimmen, stimmen
auswerfen und zählen. die religionen die den Areopag heilig und schauer-
lich machen hat Aischylos in den liedern der Eumeniden unseren herzen
nahe gebracht: aber die erhabenheit und den an die heilige vehme
erinnernden schauder des gerichtes nachzuempfinden muſs man Antiphon
lesen. wer für stilunterschiede empfänglich ist, dem muſs der abfall
[334]III. 7. Der proceſs der Eumeniden.
der sehr menschlich athenisch gehaltenen proceſsscene von dem epiloge
in seiner strengen schönheit und dem noch herb archaischen prologe
sammt parodos zum bewuſstsein kommen. es ist ein stück in polygno-
tischem stile, während ringsum der stil der strengen schalenmalerei
herrscht. diese Athena und dieser Areopag sind 458 für die modern
empfindenden gedichtet, für die verehrer des volksgerichtes, und der
ganze proceſs ist so gehalten, daſs er die formen allein hervorhebt, die
diesem gerichte mit jedem gerichte gemeinsam sind. der Areopag ist
nicht mehr als ein gerichtshof, und Athena erscheint viel eher als stifterin
des geschwornengerichtes denn des Areopages.
Die ein-
setzungs-
rede.Wenden wir uns denn zu der rede, mit der sie das gericht für
die zukunft einsetzt. der rat hieſs rat, aber er war keiner mehr,
sondern nur noch ein gericht. um diese stellung hatten die kämpfe
der jüngsten vergangenheit getobt und dies war schlieſslich gesetz ge-
worden. der dichter konnte den unterschied weder übersehen noch
verschweigen. seine Athena hat sich ein consilium berufen, aus freier
wahl, weil sie sich nicht selbst getraute das urteil zu finden. sie macht
aus diesem consilium eine dauernde institution, aber nur für die analogen
fälle, zur urteilsfindung in blutsachen. mit dem worte βουλή und
βουλευτήϱιον verbindet der Hellene aber etwas ganz anderes, die ver-
waltung. folglich kann der dichter den namen βουλή nur mit einem
distinctivum gebraucht haben und hat geschrieben
ἔσται δὲ καὶ τὸ λοιπὸν Αἰγέως στϱατῷ
αἰεὶ δικαστῶν τοῦτο βουλευτήϱιον.
Der schauplatz des dramas und des gerichtes ist bei Athena, auf
der burg. die göttin läſst am schlusse ihre dienerinnen, die alten und
die jungen, aus ihrem hause hervortreten, die priesterin sammt den
κοσμώ τϱαπεζώ, ἐϱγαστῖναι ἀϱϱηφόϱοι und wie der hofstaat der
göttin sonst heiſst. diese geleiten die Eumeniden hinunter in ihre woh-
nung, zum Areopage. die theatralische rücksicht hatte so den dichter ver-
anlaſst, den schauplatz des ersten areopagitischen processes von dem Ares-
hügel selbst auf die burg zu verlegen. das war ihm auch erwünscht gewesen,
weil dadurch von selbst die züge des processes sich verallgemeinerten.
aber in der stiftungsrede muſste er doch den Areopag als sitz des richter-
rates bezeichnen: hier liegt auf dem orte und seinem namen das haupt-
gewicht. da lesen wir nun πάγον δ̕ Ἄϱειον τόνδ̕ Ἀμαζόνων ἕδϱαν
σκηνάς τε9), und dann folgt ein langer temporalsatz, der berichtet, wann
[335]Die einsetzungsrede.
der hügel sitz und lager der Amazonen gewesen war, und darauf aus-
geht, daſs der name Areshügel damals aufgekommen sei. dann erst geht
es fort ἐν δὲ τῷ σέβας ἀστῶν φόβος τε συγγενὴς το μὴ ἀδικεῖν
σχήσει. also einfach ausgesprochen würde der gedanke sein ‘und auf
dem Areshügel wird der richterrat als hort von scheu und ehrfurcht
seinen sitz haben’. das dazwischen stehende gilt nur der hervorhebung
des ortes, und dadurch daſs der name selbst am anfange und am ende
dieser digression steht, ist in der einfachen weise des dichters die
gliederung des gedankens wie der rede vollkommen deutlich gemacht.
nun könnte man geneigt sein, die constructionslosigkeit der ersten eben
ausgeschriebenen worte so zu entschuldigen, daſs der dichter erst eine
form des satzes im sinne gehabt hätte, die den accusativ rechtfertigte,
und als er darauf zurückkommt, die construction gewechselt hätte und
ἐν δὲ τῷ gesagt. allein das ist falsch, denn es correspondiren not-
wendigerweise die satzteile, in denen derselbe name πάγος Ἄϱειος steht.
was so grammatisch sich erschlieſsen läſst, wird noch viel sinnfälliger,
wenn man sich die örtlichkeiten überlegt. das pronomen πάγον Ἄϱειον
τόνδε widerspricht der lage. man sieht den hügel nicht vor der front
des Athenatempels; man sieht ihn auch vom theater nicht. also ist die
corruptel und der sitz der corruptel erkannt. in τόνδε muſs etwas
stecken das einen satz aus den worten macht, also subject und praedicat.
damit ist so viel von einer sylbe gefordert, daſs eine möglichkeit zu
zeigen ziemlich dasselbe ist wie das wahre gefunden zu haben.
die gedanken werden auch weiter noch so fortgesponnen, daſs immer
die hauptwörter aufgenommen werden; man kann gar nicht fehl gehn,
wenn man dem dichter nur folgen will. das σέβας, worin sowol die
autorität wie der respect vor ihr liegt, hält vor dem ἀδικεῖν zurück;
damit ist ein gefühl von furcht naturgemäſs verbunden, συγγενὴς φόβος.
wenn dieses gefühl freilich erlösche, so würde auch seine consequenz,
der respect vor der autorität und damit die gesetzlichkeit, δικαιοσύνη,
schwinden. wenn dagegen diese autorität in gesetzlicher weise respectirt
wird (ταϱβοῦντας ἐνδίκως σέβας, die drei hauptbegriffe kehren wieder,
nur einer ist mit einem synonymon, die andern mit demselben worte
bezeichnet), so hat Athen einen hort seines staates, wie ihn weder die
11)
[337]Die einsetzungsrede.
barbaren noch die Hellenen sonst besitzen (für die Hellenen setzt er
um des krieges willen die Peloponnesier, wie Sophokles OK 695, die
εὐνομούμενοι Σπαϱτιᾶται sind gedacht, und für die barbaren nicht
die verachteten knechte Asiens, bei denen nur reichtum ist, keine tugend,
sondern die γλακτοφάγοι ἄβιοι δικαιότατοι ἀνϑϱώπων). bis hierher
die vorbereitung: hier aufhören hieſse die säule ohne capitell lassen.
denn was wir gehört haben, war nur ‘ein solcher richterrat wird in
Athen immer bestehn, auf dem Areopage, und so lange er besteht, wird
Athen einen unvergleichlichen hort besitzen’. was aber der richterrat
leisten wird, worin er sich als hort beweisen wird, das fehlt. und es
fehlt das schöpferwort der königin göttin, die einsetzung selbst. beides
liefern die verse die hier stehen. sie stehen asyndetisch; die göttin macht
eine pause; sie holt tief atem zu dem feierlichsten schwerwiegendsten
worte, sie kann sich nicht genugtun mit attributiven beiwörtern: das
eine kurze entscheidende καϑίσταμαι macht den schluſs. simpel pro-
saisch ist was sie sagt ‘und so creire ich hiermit den Areopag’. poetisch
bedeutend sagt sie, für den gedanken durch das pronomen genügend
verbindend ‘diesen rat, den eigennutz nicht berührt,14) den träger der
αἰδώς, des grimm scharf ist, der wachsam die sorge für die schlum-
mernden in Athen übt, den stifte ich’. aber was stiftet sie damit? den
verwaltungsrat, der bis 462 Athen beherrscht hat, oder den blutgerichts-
hof, der seit Ephialtes nur noch besteht? bei den modernen kann man
erfahren, daſs sie den Areopag zum nachtwächter einsetze, was aller-
dings eine neuerung gewesen wäre, da es erstens keine nachtwächter
gab, und zweitens der Areopag mit der sicherheitspolizei niemals etwas
zu tun gehabt hatte. gegen solche λωποδύται der poesie sollte wahr-
lich die ἀπαγωγή noch gelten. die unbestechlichkeit ist eine tugend,
die der richter so gut wie der verwaltungsbeamte besitzen soll; in der
finanzverwaltung hatten die Areopagiten sie noch jüngst nicht gerade
gezeigt. dies praedicat beweist nach keiner seite. wol aber ist die
αἰδώς zu hause bei dem gerichte, das wo sie möglich ist die αἴδεσις
zuläſst, und nur wo die ἀναίδεια klagt und rächen will, seinen
ὀξὺς ϑυμός beweist, strafend und tötend: das auge der staatlichen
rechtspflege wacht für die schlafenden, die toten, wie die antike erklärung
einfach und richtig lautet. die schlafenden, sagt der dichter dafür, wie
er sie die blinden (322) und die blödsichtigen (388) nennt, immer
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 22
[338]III. 7. Der proceſs der Eumeniden.
durch den gegensatz verdeutlicht. was Athena eingesetzt hat ist nichts
als der richterrat, als der Areopag, der 458 zu rechte bestand und immer
bestanden hat.
Athena warnt sehr nachdrücklich davor, durch neue schlechte ge-
setze das gefühl der scheu im volke zu vertilgen, die achtung vor dem
Areopage zu zerstören und die rechte mittelstraſse zwischen anarchie
und knechtschaft zu verlassen. ob 458 eine strömung bestand, dem
Areopag auch noch seine letzten richterlichen aufgaben zu entziehen,
wissen wir nicht. aber daſs anarchie oder zuchtlosigkeit an diesem
gerichte gehangen hätte, kann man schwerlich behaupten. worauf
zielt also der dichter mit seinen worten, die ihm heiliger ernst sind?
gegen die reform des Ephialtes hat er nichts; ob er sie empfohlen haben
würde, stehe dahin, aber er stellt sich durchaus auf den boden des
gesetzes. die antwort ist nicht auf dem gebiete des staatsrechtes zu
Die rolle
der Erinyen.suchen, sondern auf dem der religion. Aischylos ist kein politiker,
sondern ein dichter, ein religiöser lehrer seines volkes, darum liegt ihm
an den obliegenheiten des Areopagitenrates nichts, an den Eumeniden
alles. sie sollen trotz allen reformen und trotz aller demokratie die
furchtbaren zugleich und die gnädigen bleiben. wo er das aus sich
direct aussprechen kann, ist die wirkung eine reine; hier aber dürfen
wir ein gewiſses misverhältnis nicht beschönigen, daraus entstanden,
daſs der Areopag als gerichtshof weder jenes für das sittliche gedeihen
des volkes notwendige δεινόν mehr ist, noch ein ἔϱυμα σωτήϱιον Athens.
die kritik ist berechtigt, allein sie wird uns das groſsartige document
athenischer und aischyleischer religiosität nicht trüben, und vor allen
dingen dürfen wir nicht das gedicht misdeuten, um mehr in ihm zu
finden.
Dafür hat der dichter selbst gesorgt. was Athena 696—702 ihren
bürgern ans herz legt ist genau dasselbe was die Erinyen 516 ffg. ge-
fordert haben. ἔσϑ̕ ὅπου τὸ δεινὸν εὖ — μήτ̕ ἄναϱκτον βίον μήτε
δεσποτούμενον αἰνέσῃς· παντὶ μέσῳ τὸ κϱάτος ϑεὸς ὤπασεν. das
singen die göttinnen vor dem processe, im anschlusse an ihre forderung,
daſs der muttermörder strafe leide. es ist schlechterdings nichts anderes
als dieser eine rechtshandel in frage, an dessen entscheidung die ganze
sittliche weltordnung hängen soll. wenn das hier möglich ist, ist es
das auch in Athenas rede, und darf man die verfassungsänderung des
Ephialtes nicht hineinziehen. das sichert die erklärung von Athenas
rede, aber es verschiebt zunächst nur die eigentliche lösung der schwierig-
keit. also noch einen schritt weiter.
Die Erinyen sind im ersten teile des dramas scheusale, harpyien-
artig, schweiſshundartig, blutdürstig, gottverhaſst, teuflisch. sie haben
die aufgabe, die verbrecher die sich mit verwandtenblut befleckt haben
zu hetzen, ihnen das blut auszusaugen und selbst in der unterwelt sie
zu peinigen. sie sind unentbehrliche organe der göttlichen gerechtig-
keit, aber sie verhalten sich zu den göttern wie der henker zum richter.
der dichter hat sich nicht gescheut, die fratzen der rohen volksphantasie
und der rohen kunst, die eigentlich schon überwunden waren, aufzu-
nehmen, und so graſs ist die erscheinung, daſs er um sie zu mildern,
den prolog vorgeschoben hat, damit die schilderung dem anblicke vor-
aufgehend die gefühle des entsetzens und abscheus mildere. noch der
δέσμιος ὕμνος gibt, wenn auch in jener graſsheit, die das abscheuliche
poetisch erträglich macht, nur diese höllischen Erinyen. das zweite
groſse lied, dem jene mahnungen entstammen, greift schon tief in das
eigentlich ethische über. “wer die gerechtigkeit aus freiem willen übt,
kann nie unglücklich werden, und wird nimmer ganz zu grunde gehn”,
das ist eigentlich zu hoch für die blutgierigen rachegeister. dann folgt
der proceſs und die freisprechung des Orestes. gegen diese bäumt sich die
höllische wut der Erinyen auf; sie äuſsert sich ganz in der weise die
ihrer erscheinung entspricht. worüber sie sich beschweren, ist, daſs
geschehen sei, wovor sie gewarnt hatten, also der thron des rechtes
umgestürzt, das δεινόν aus der weltordnung beseitigt. der zuschauer
weiſs das besser, vorausgesetzt daſs er an Athena glaubt. das volks-
gericht ist eingesetzt, als träger jenes δεινόν, jenes σέβας für alle zeit.
der conflict ist für ihn innerlich bereits gelöst, die rache ist von den
höllendämonen auf den staat übergegangen, und die gesellschaftsordnung
bleibt gesichert. es ist aber vom höchsten werte dafür, daſs Athena dem
Areopage dieselben sittlichen güter zu wahren ans herz legt wie die Eri-
nyen, daſs das lied und die rede so genau einander entsprechen. und
nicht minder wertvoll ist es, daſs diese rede dem urteilsspruche unmittel-
bar vorhergeht, in dem die stimmen gleich sind und nur deshalb die
mildere auffassung siegt. jene rede ist der schluſsstein des dramas: sie
zu verschieben, zerstört seinen aufbau, sie zu beseitigen ist die zerstörung
des ganzen. aber für die handlung ist mit der überwindung der rache-
daemonen das ende noch nicht erreicht. dazu müssen sie versöhnt
werden und am Areopage ihre ruhestätte finden als die göttlichen träge-
rinnen des σέβας und des δεινόν, das ihn hinfort umschweben soll.
sie waren bluträcherinnen, er wird blutrichter: aber das σέβας ist nun
viel höher und heiliger. die segenssprüche der Eumeniden gelten der
22*
[340]III. 7. Der proceſs der Eumeniden.
menschlichen gesitteten gesellschaft, gelten dem staate. der stadt, die
der allmächtige Zeus und Ares (der herr des hügels) ehren als die be-
schirmerin der Hellenischen gottesdienste15), erflehen sie zunächst den
segen der natur, das was aus dem schoſse der erde kommt, in der sie
selbst wohnen, erntesegen, reiche herbste, gedeihen des viehes und
finderglück in den laureotischen bergwerken. dann geht es weiter zu
dem gedeihen des menschlichen jungen nachwuchses und zu den be-
deutenden politischen wünschen, bewahrung vor bürgerzwist und bürger-
krieg: so sollen die Athener leben ἐν αἰσιμίαισι πλούτου. um sieg
wider äuſsere feinde hatte Pallas nicht erst gebeten: den kann und wird
sie selber schaffen (913). wenn sie dieses alles verheiſsen können, so
sind die Eumeniden selbst andere geworden; sie garantiren nicht mehr
bloſs die strafe des mordes, sondern die äuſserliche und innerliche ge-
sundheit des staatslebens. und in diesem sinne entspricht ihnen freilich
nicht mehr der blutgerichtshof auf den Areopag, sondern nur die rechts-
ordnung die Athena selbst repraesentirt, der attische staat. also was uns
in der bedeutung des Areopages und in dem charakter der Eumeniden
gleichermaſsen zunächst befremden mag, das löst sich so, daſs Aischylos
zwar in der fabel die er dramatisirt nur den gerichtshof und nur die
rachegöttinnen vorfindet, daſs er aber das nur als exempel für die höhere
sittlichkeit des staatlich geordneten lebens gegenüber der blutrache ver-
wendet, und wie er es immer tut, seinem volke sagt: die götter, an die
wir glauben, sind andere als die der sage und sind doch dieselben; sie
haben sich mit der reineren frömmigkeit in unserem herzen selbst ge-
reinigt. nur so können wir sie verehren, aber so müssen und dürfen
wir es tun. er setzt die Erinyen freilich gewissermaſsen zur ruhe; aber
erst dadurch daſs sie Eumeniden werden, werden sie wirklich zu göttin-
nen.16) die weltordnung, in der wir leben, ist die des Zeus und der
[341]Die tendenz des dichters.
Athena: was das erste lied des Agamemnon verhieſs, ist erfüllt, die χάϱις
δαιμόνων hat sich manifestirt.
Wenn die Athener aus dem theater kamen, konnten die anhängerDie ten-
denz des
dichters.
des Ephialtes sagen “der alte meister ist für uns. er ist mit unsern
gesetzen ganz zufrieden. sein Areopag ist auch nur eine heliaea.” und
die anhänger des alten konnten sagen “er ist wider die bürger, die mit
üblem zuguſs die gesetze neu machen wollen und durch ihren schmutz
die reine quelle verderben. er ist wider die zügellosigkeit des demos.”
beide hatten nicht unrecht und beide hatten doch nicht recht. der hehre
meister stand über ihnen; er sah, wie sich die sitten und meinungen
und gesetze und götter ewig wandeln, das eine aber ewig darunter das-
selbe bleibt, recht und wahrheit, menschenadel und gottesreinheit: ἐκ
δ̕ ὑγιείας φϱενῶν ὁ πᾶσιν φίλος καὶ πολύευκτος ὄλβος.
So stand er, obwol in jeder fiber seines wesens ein Athener und
ein ächter sohn seiner zeit, doch als dichter hoch über den parteiungen
des tages. das gedicht im ganzen ist nicht vom momente eingegeben
noch für den moment berechnet; aber wol ist in ein par nebendingen
eine solche berücksichtigung der gegenwart vorhanden. das eine ist
allbekannt, die einführung des argivischen bündnisses, das er gewiſs
nicht erst selbst in die urzeit verlegt hat; es hatte unter Peisistratos
bestanden und manches deutet auf ältere bedeutsame beziehungen, zu
denen vielleicht selbst der Eumenidencult gehört. das andere ist die
aussicht auf gewaltige äuſsere kämpfe und die siegeszuversicht (864.
914), die gerade 458 sich erfüllt hat. aber die furcht vor bürgerzwist
war vor der schlacht bei Tanagra auch gerechtfertigt. nach dieser
richtung stehen zwei sehr bedeutende äuſserungen hier, die ein wort
der erläuterung heischen. 909 bittet Athena die Eumeniden, die men-
schen gedeihen zu lassen τῶν δυσσεβούντων δ̕ ἐκφοϱωτέϱα πέλοις·
στέϱγω γὰϱ ἀνδϱὸς φιτυποίμενος δίκην τὸ τῶν δικαίων τῶνδ̕
ἀπένϑητον γένος. die unfrommen möge sie lieber entfernen, da Athena
es macht wie der — gärtner oder hirt? die ausleger sagen gärtner.
ich weiſs nicht warum, denn φῖτυ ist nicht pflanze sondern φύτευμα,
und steht von der pflanze (Soph. fgm. 803) so gut wie vom vieh (Eupol.
Autol. 8). φιτυποίμην ist der hirt, der viehzucht treibt, nicht bloſs
vieh weidet. und worin beruht die vergleichung? beim gärtner kann man
sich gar nichts denken, und beim hirten auch nicht viel, wenn er bloſs
gern hat, daſs seine gute herde nicht geschädigt wird. das hat mit dem
satze, den es begründen soll, τῶν δυσσεβούντων ἐκφοϱωτέϱα πέλοις
nichts zu tun. auſserdem aber ist das deiktische pronomen τῶνδε ganz
[342]III. 7. Der proceſs der Eumeniden.
verkehrt, da Athena höchstens auf das publikum zeigen könnte. hier
muſs geändert werden; der genetiv ist durch angleichung an die vor-
hergehenden worte entstanden, aus dem dativ. “die gottlosen kannst
du ruhig vertreiben, denn ich liebe es wie der viehzüchter, daſs die
herde der gerechten nicht durch jene geschädigt werde.” Athena wünscht
die räudigen schafe ausgerottet, damit die herde nicht angesteckt werde.
das ist gewiſs nicht bedeutungslos.
Die andere stelle ist heil, 980. die Eumeniden singen μηδὲ πιοῦσα
πόλις μέλαν αἷμα πολιτᾶν δι̕ ὀϱγὰν ποινᾶς ἀντιφόνους ἄτας ἁϱ-
παλίσαι πόλεως· χάϱματα δ̕ ἀντιδιδοῖεν κοινοφιλεῖ διανοίᾳ καὶ
στυγεῖν μιᾷ φϱενί. “die erde, die bürgerblut getrunken hat, möge nicht
im streben nach rache sich für die stadt unheilvolle vergeltung durch blut
nehmen, sondern sie mögen handlungen über die man sich freuen kann
(χάϱματα, nur etwas stärker für χάϱιτας) zum entgelt geben in der
gesinnung allgemeiner freundschaft und ebenso übereinstimmung im haſs.”
also blut ist vergossen und nicht gesühnt. aber die Eumeniden raten,
statt es durch neues blut zu rächen, die beleidigten durch guttaten zu
versöhnen, so daſs die gemeinsamen gefühle in haſs und liebe regieren
können. das ist keine allgemeine wendung, denn es setzt den con-
creten fall voraus, daſs eine ungesühnte blutschuld da ist. setzt man
in rechnung, daſs Ephialtes nicht lange vorher, wol erst 460/59, von
unbekannter mörderhand erschlagen war, daſs die erbitterung seiner
anhänger wider die gegenpartei heftig entbrannt sein muſste und diese
gegenpartei mit Sparta conspirirte, so wird man schwerlich ablehnen
können, daſs der dichter seinem volke die mahnung gibt ‘hadert nicht
um den toten, sondern steht zusammen wider die gemeinsamen feinde,
und beschwichtigt die erregung über den mord des Ephialtes durch zu-
geständnisse’. wieder konnten beide parteien ihn zu den ihren rech-
nen; die leute Kimons mochten Ephialtes für das räudige schaf ansehen,
die demokraten seine mörder. es ist des propheten recht, doppel-
sinnig zu reden. ganz verständlich ist nur das göttliche urteil über das
geschehene und die allgemeine mahnung für die zukunft. diese haben
die Athener beherzigt: sie haben der demokratie weiter nachgegeben
und in eintracht wider die äuſseren feinde zusammengestanden, bei Ta-
nagra und Oinophyta.
Wir verdanken die Thesmophoriazusen allein dem Ravennas, und
in dem fehlt die hypothesis. aber die scholiasten haben die hypothesis
gehabt, und die hypothesis gab die aufführungszeit des stückes auf grund
der urkundlichen didaskalie. wenn sich also zeigen läſst, wie die scholien
das stück datirt haben, so ist damit eine urkundliche überlieferung er-
reicht.
Die scholien setzen die aufführung in das jahr des Kallias ausDas über-
lieferte
datum.
Skambonidai 412/11, also, da die Lysistrate die Lenaeen occupirt, auf die
Dionysien, mitte elaphebolion 411. drei stellen beweisen jede an sich
dasselbe. schol. 190, Euripides war ein greis, ἕκτῳ γοῦν ἔτει ὕστεϱον
τελευτᾷ. er starb unter Antigenes, winter 407/6. schol. 804 Χαϱμῖνος
πεϱὶ Σάμον συνεστϱατήγησε κατὰ τὸν καιϱὸν τοῦτον τοῖς πεϱὶ Φϱύνι-
χον.1) beide waren unter Kallias strategen; Phrynichos ward im juli 411
ermordet. schol. 841 ἐπαινεῖ τὸν Λάμαχον νῦν· ἤδη γὰϱ ἐτεϑνήκει
ἐν Σικελίᾳ τετάϱτῳ ἔτει πϱότεϱον. er fiel unter Charias winter 415/14.
verdorben ist auf alle fälle schol. 52, von Agathon, οὐ πάλαι ἤϱξατο
διδάσκειν, ἀλλὰ τϱισὶ πϱὸ τούτου ἔτεσι, da Agathons sieg unter
Euphemos, januar 416, fällt: aber ob man aus der 3 eine 6 oder 7
machen will, ist in griechischer schrift gleich leicht.
Zu demselben resultate führt eine andere rechnung. Aristophanes
sagt selbst, daſs die Andromeda des Euripides voriges jahr (πέϱυσιν)
gegeben war (1060); schol. Frösch. 53 setzt sie in das achte jahr vor
diese, also unter Kleokritos, frühjahr 412. und später kann sie nicht
fallen, wenn wir den scholiasten glauben, wie wir müssen, daſs der vers
Lysistr. 963 einen der Andromeda parodirt.
Wir sind demnach verbunden, die urkundliche datirung zum aus-
gangspunkte zu nehmen. was spricht nun dagegen? in wahrheit nur
eines. 808 fragt der chor ἀλλ̕ Εὐβούλης τῶν πέϱυσιν τις βουλευτῶν
ἐστὶν ἀμείνων παϱαδοὺς ἑτέϱῳ τὴν βουλείαν; ich gebe bereitwillig
zu, die beste beziehung ist vorhanden, wenn wir an den rat denken,
der am 14 thargelion des Kallias, mai 411, dem neuen rate der 400
platz machte. wenn der vers acht wochen vorher gesprochen ist, so hat
er sich seltsam an dem rate bewahrheitet, der ihn im theater vorsitzend
anhörte. aber der scholiast, der notirt τὸ ὅλον ὅ τι βούλεται οὔκ
ἐστι σαφές, hat an diesen für jeden, der den Thukydides kannte, nahe-
liegenden vorgang nicht gedacht, und umstoſsen kann diese deutung
eines verses, die wir machen, unmöglich eine urkundliche datirung. der
rat des jahres 413/12 hatte geduldet, daſs über ihn die probulen gesetzt
wurden. darauf hat O. Müller den vers bezogen, und selbst R. Schöll
(Comm. Momms. 454) bestreitet die möglichkeit dieser beziehung nicht.
der rat, der zur zeit der Thesmophoriazusen im amte war, hatte die
probulen über sich, er hatte also auch keine autorität und hat sich zwei
monate nachher geduldig aufgelöst. auch damals schob man, wie die
bekannte anekdote von Sophokles zeigt, den probulen die hauptschuld
zu. es paſst also wahrlich der vorwurf gegen den rat von 412 “ihr
habt die praerogative eurer körperschaft an eine andere behörde über-
gehen lassen”, auch wenn der rat noch weiter existirte. wenn sich der
nächste rat zu gunsten eines anderen rates ein par wochen vor dem ge-
setzlichen παϱαδιδόναι τὴν βουλείαν aufgelöst hat, würde der vers mit
veränderter bedeutung darauf noch besser passen? ich glaube es nicht,
denn jeder rat gibt wie dieser die βουλεία an einen nachfolger ab,
ἑτέϱῳ paſst meines erachtens besser auf eine andere behörde. aber
besser oder schlechter: das stöſst keine didaskalie um.
Da sagt man aber weiter, wenn der rat zu gunsten der probulen
in den hintergrund getreten war, so sollte in den Thesmophoriazusen
ein probule auftreten wie in der Lysistrate, kein prytan. das ist eine
durchaus ungehörige anwendung der richtigen beobachtung, daſs die
beiden repraesentanten der staatsgewalt dramatisch dieselbe rolle spielen.
[345]Das überlieferte datum. persönliche anspielungen.
in Athen haben tatsächlich probulen und rat neben einander fungirt;
daſs der dichter schon um zu wechseln in zwei fast gleichzeitigen stücken
zwei verschiedene beamte einführt, würde man ihm nicht verargen dürfen,
auch wenn er mit einem und demselben ausgekommen wäre. aber so
steht es nicht. in den Thesmophoriazusen hat ein mensch groben un-
fug getrieben; davon wird der polizei, also dem permanenten ratsaus-
schusse, anzeige gemacht (654). die prytanen erwirken einen ratsbeschluſs,
der auf die verhaftung des schuldigen geht (943), und diesen führt ein
prytan (einer, aus dramaturgischen rücksichten) mit einem polizisten aus.
lediglich aus dramaturgischen rücksichten kommt der block zum arrestan-
ten, statt der arrestant ins gefängnis. wie in aller welt könnte man
hier die probulen bemühen? war das eine aufgabe für Sophokles den
neunzigjährigen oder sonst einen der höchstgestellten und geachtetsten
bürger? dagegen in der Lysistrate wird das auftreten des probulen
damit motivirt, daſs er sich gerade geld von der burg holen will (421).
in der streitscene mit Lysistrate handelt es sich um krieg und frieden,
um die σωτηϱία τῆς πόλεως, also gerade um das, wofür das volk die
probulen eingesetzt hatte. deshalb brauchte Aristophanes hier diesen be-
amten, und dann erheischte wieder die dramaturgische überlegung, daſs
er demselben auch das commando in dem treffen mit den weibern über-
trug, das an sich eben so gut und vielleicht besser der rat gehabt haben
würde. auch in der verhandlung mit den spartanischen gesandten war
der probule allein am platze; übrigens bezeichnet er seine competenz
sehr genau, indem er erklärt, einen antrag im rate, und zwar mit auto-
ritativer gewalt, auf die erwählung von generalbevollmächtigten gesandten
einbringen zu wollen (1011).2) der rat fungirt also genau so normal und
genau so machtlos wie es die geschichte von 411 zeigt. Aristophanes
konnte 411 in beiden fällen gar keine andere behörde einführen, als er
eingeführt hat. die Lysistrate kann um des probulen willen nur 411
gespielt sein; der prytan der Thesmophoriazusen beweist überhaupt gar
nichts für die zeit des stückes.
Politische personen werden sehr wenige erwähnt: niemand von denPersön-
liche an-
spielungen.
411 so schwer compromittirten, niemand auch von den tüchtigen männern,
die durch die hellespontischen erfolge Athen unerwartete rettung aus
[346]III. 8. Die zeit der Thesmophoriazusen.
der verzweifelten lage des sommers 411 brachten. das erzwingt nichts,
darf aber nicht unbeachtet bleiben. daſs Kleophon, der für uns 410
zuerst hervortritt, dem Aristophanes schon 411 widerlich sein konnte (805),
wird man nicht bezweifeln. es wäre nicht hübsch, wenn Aristophanes
die mutter des Hyperbolos 410 in weiſsem festgewande eingeführt hätte
(840), da der sohn im sommer 411 kläglich umgekommen war (Th. 8, 42);
aber vielleicht war Aristophanes so unzart. “Charminos hat durch die
tat bewiesen, daſs er schlechter als Ναυσιμάχη ist (804).” es ist kaum
denkbar, daſs er, der für uns nach seiner strategie 412/11 verschwindet,
in der er in den ersten zwei monaten 411 eine schlappe mit einer
flottenabteilung erlitt, von Aristophanes 410 gegeiſselt worden wäre, als
nicht bloſs Ναυσιμάχη, sondern Ναυσινίκη dank Thrasyllos und Alki-
biades bei den attischen schiffen war. eine anspielung auf ein bestimmtes
factum enthält noch 811 “eine frau tut so etwas nie, daſs sie erst sum-
men von 50 talenten aus dem staatsschatze stiehlt und dann noch mit
einem maultiergespanne auf die burg fährt”. das factum kann ich nicht
aufzeigen, denn das erkennungszeichen der stolzen fahrt, das für das
publikum am deutlichsten gewesen sein wird, hilft uns nichts. aber
vielleicht kennen wir den dieb.
Unter dem archon Glaukippos und zwar schon von der ersten pry-
tanie an, juli 410, war der staat darauf angewiesen, seine bedürfnisse
durch anleihen bei der göttin zu befriedigen; aber auch diese besaſs
keinen schatz mehr, sondern muſste ihre laufenden einnahmen sofort
zur verfügung stellen (CIA I 188). aus dem schatze der göttin hatten
die 400 rücksichtslos ihre bedürfnisse befriedigt und ende Hekatombaion
411 auf einen streich über 77 talente entnommen (CIA IV p. 162). die
zeiten, wo jemand posten von 50 talenten auch nur zu gesichte bekam,
waren jetzt vorüber. es ist nicht sehr vertrauenerweckend, daſs die
verlegung der Thesmophoriazusen auf das frühjahr 410 diebstähle von
solchen summen in eine zeit rückt, für die sie eine arge übertreibung
sind, weil es gar nicht mehr so viel zu stehlen gab. ein jahr früher
ist dagegen die gelegenheit durch eine bedeutende finanzoperation ge-
geben gewesen und benutzt worden. auf die nachricht, daſs Alkibiades
Chios zum abfalle bewogen hätte und in Ionien weiter griff, hatte das
volk im frühjahr 412 beschlossen, den reservefonds von 1000 talenten
anzugreifen (Thuk. 8, 15). zahlungen aus demselben begegnen in der
rechnung aus der ersten prytanie des Kallias, Hekatombaion 412 (CIA
I 184), und Philochoros muſs durch die menge von solchen zahlungen
in diesem jahre dazu verleitet worden sein, im widerspruche zu Thuky-
[347]Persönliche anspielungen. die stimmung in den chorliedern.
dides und erweislich falsch zu berichten, daſs der reservefonds erst unter
Kallias in angriff genommen wäre (schol. Ar. Lys. 173). nun hat ein
ratsherr, ein uns unbekannter aber notabler politiker, der sprecher von
Antiphons sechster rede, im frühjahre 412 eine eisangelie gegen eine
anzahl leute, unter ihnen einen gewissen Philinos und den unterschreiber
der thesmotheten, auf unterschlagung beim rate eingebracht und trotz
allen versuchen der gegner, die verhandlung zu verhindern, ihre ver-
urteilung erwirkt. das erzählt Antiphon sehr lebhaft 6, 35. 50. er hatte
auch die rede gegen Philinos für denselben sprecher verfaſst.3) das war
also eine hauptaction im sommer 412, viele processe spielten sich neben
und hinter einander ab; der groſse redner, das geistige haupt der um-
sturzpartei, stellte seine kunst in den dienst der demagogen, welche an-
geblich oder vielleicht wirklich die unterschleife der beamten, der ver-
trauensmänner des volkes, an das licht zogen. eine berücksichtigung
dieser dinge ist im elaphebolion 411 eben so natürlich wie 410 un-
begreiflich.
Und doch sind für mein gefühl alle diese einzelheiten nicht ent-Die stim-
mung in
den chor-
liedern.
scheidend. um so mehr ist es die ganze haltung und stimmung des
dramas. Aristophanes hält sich diesesmal fast ganz fern von den öffent-
[348]III. 8. Die zeit der Thesmophoriazusen.
lichen dingen, spielt mit Euripides und den weibern und bietet eine
kunst auf, die ihm sonst fremd ist: er schürzt und löst eine intrigue.
das mochte er immer tun, wo es ihm die Muse eingab; es kann nicht
verlangt werden, daſs er ausschlieſslich politisire. indessen ein teil seines
lustigen spieles weicht davon ab und redet zwar nicht direct vom staate,
aber spiegelt die hauptaction des staatlichen lebens wieder. die Thesmo-
phorien werden auf der pnyx in den formen der volksversammlung ge-
halten. in wie weit der wirkliche cultus dem dichter einen anhalt für
diese fiction bot, ist unbekannt; er hat sie aber viel weiter ausgeführt
als für die fabel seines stückes nötig war. hundert verse schildern die
eröffnung, so ausführlich, daſs die modernen einen teil davon weg-
geschnitten haben, weil sie nichts als wiederholungen darin fanden. die
scene beginnt mit einer proclamation in prosa, einem gebete, das sich
zunächst an die Thesmophoren und ihren götterkreis wendet, aber als
inhalt der verhandlungen und gebete bereits neben das wol der frauen
auch das des δῆμος Ἀϑηναίων stellt. die frau die diese proclamation
spricht schlieſst mit dem apollinischen rufe ἰὴ παιών und dem wunsche
‘freude sei mit uns’. der chor, der sich nun gesammelt hat, nimmt den
wunsch an und nimmt das gebet auf, richtet es aber an die groſsen
götter Zeus Apollon Athena Artemis Poseidon und die nymphen in der
see und auf den bergen des landes: sie alle, das ϑεῶν γένος, wie sie
zusammenfassend genannt werden, sollen den ‘adlichen frauen Athens’
gewähren eine fruchtbare verhandlung zu führen. nun geht die auf-
forderung zum gebete weiter; es folgen die fluchformeln der ekklesie,
durchsetzt mit höchst belustigenden weiblichen verwünschungen, sonst
aber gerade die welche uns aus dem psephisma des Demophantos (giltig
vom hekatombaion des Glaukippos, juli 410) und sonst geläufig sind. ver-
wünscht werden, wer tyrannis für sich oder andere erstrebt, wer mit
den Medern verhandelt, wer das volk betrügt (ἐξαπατᾷ τὸν δῆμον)
oder die versprechungen, die er gemacht hat, nicht hält (μὴ δίδωσιν
ἃν ὑπόσχηταί ποτε, vgl. Ar. 43, 5 ἐάν τις ὑπόσχομενός τι μὴ ποιήσῃ
τῷ δήμῳ), wer besticht oder sich bestechen läſst, wer maſs und gewicht
fälscht. wieder respondirt die gemeinde mit einem bekräftigenden liede,
das wieder ganz und gar dem staate gilt. die verwünschungen treffen
jetzt jeden, der ‘die herkömmlichen eide übertritt, aus eigennütziger ab-
sicht in gemeinschädlicher weise volksbeschlüsse und gesetze ändern will,
den feinden die geheimnisse mitteilt oder die Meder in das land führt’.
dann beginnt die verhandlung mit der verlesung der tagesordnung, die
höchst correct in einem probuleuma des rates besteht.
Was wollte der dichter mit diesen liedern? gar nichts, nur eine schil-
derung der volksversammlung zum zeitvertreib? denn die Thesmophoren
geht nicht das mindeste davon an. blicken wir erst noch auf die anderen
lieder des dramas. als sich gezeigt hat, daſs ein mann eingedrungen ist,
suchen sie die pnyx mit lebhaften sprüngen ab und singen dazu gar er-
schreckliche worte von den heimsuchungen der göttlichen gerechtigkeit,
die schlieſslich jeden frevler ereile. das ist die feierliche groſsmäuligkeit
fluchender pfaffen, wie sie der eumolpidische ankläger des Andokides im
munde führt; zu den sprüngen des weiberchores steht sie in ergötz-
lichster weise im contraste, und gleich fängt sich Mnesilochos-Telephos
einen als säugling drapirten weinschlauch: hier ist die parodische tendenz
offenbar. dagegen steht an einem ruhepunkte des dramas ein groſses
tanzlied, das in lauter einzelanrufungen vieler gottheiten und dem ent-
sprechend in viele kleine strophen zerfällt, sehr häufig volkstümlich in
rhythmen und formeln (953—1000). daſs es eine parabase ersetzt, sagt
der dichter selbst, da er erklärt, auf die spottreden zu verzichten, weil die
frauen im heiligtume seien (965). auch eine anrufung, an Pallas und
die Thesmophoren, bietet das letzte lied (1136—59), in dem bemerkens-
wert ist, daſs Pallas als die feindin der tyrannen, ὥσπεϱ εἰκός, wie sich
gebührt und man ihr zutrauen muſs, bezeichnet wird und frieden bringen
soll. der dichter hat also gerade im zweiten teile, wo die Thermophorien,
nach denen das stück heiſst, gar keine bedeutung mehr für die hand-
lung haben, dem feste und der religiösen ceremonie raum geschafft, in-
dem er den für die handlung auch überflüssigen chor beschäftigte. zum
entgelte fehlt der parabase die ode gänzlich, in der sonst so oft ernst-
hafte gebete an die götter gerichtet werden. die bedeutung, die etwa
in den Rittern die stolzen siegesfrohen oden der parabase haben, sind
wir verpflichtet hier in den liedern zu suchen, die anklingend an die
feierlichen formeln der volksversammlung den chor der frauen, der ohne
parodos sich versammelt, als vertretung des δῆμος Ἀϑηναίων einführen.
auf diese formeln legt der dichter wert. wurden sie nun 410 im früh-
jahre gesprochen? schwerlich, da sie Demophantos für den sommer 410
erst neu einsetzt. gewiſs restituirt er nur das seit Solon oder vielmehr
Kleisthenes herkömmliche, aber er restituirt es, weil es eine weile
geruht hatte: just in diese pause setzt die moderne conjectur die
nachbildung auf der komischen bühne. der fluch trifft in erster linie
jeden, der die verfassung zu stürzen strebt, ὅϱκους τοὺς νενομισμένους,
das sind die geltenden eide der beamten, ratsherren und richter, ψηφίσ-
ματα καὶ νόμους, das ist die volksherrschaft. ein solcher versuch ist
[350]III. 8. Die zeit der Thesmophoriazusen.
zunächst mit erfolg 411 gemacht worden: wagt Aristophanes in dieser
andeutenden weise auf die revolution einen stein zu werfen? das wäre selt-
sam, denn es war gänzlich ungefährlich und sehr im sinne des herr-
schenden volkes, das mit directem tadel und nicht durch die warnung
für die zukunft zu tun. doch sei’s drum, wenn jemand unter dieser vor-
aussetzung die furcht vor der tyrannis deuten kann, die auſser in der
fluchformel noch einmal im gebete an Athena erscheint. die tyrannis
war 415 von den Athenern gefürchtet worden; sie haben sie wol auch
407 gefürchtet, als sie Alkibiades von neuem fallen lieſsen, aber im hin-
blicke [auf] die revolution von 411 hat die erwähnung der tyrannis keinen
sinn. verflucht wird ferner wer den feinden die geheimnisse des staates ver-
rät. die feinde stehn in Dekeleia, der verrat war 411 zu erwarten, 410
war er begangen; das verträgt sich mit beiden ansätzen. aber auch die
verhandlung mit den Medern wird verflucht. das war von alters her formel
und hat auch noch nach dem königsfrieden zum hohn auf die politik der
zeit sich behauptet (Isokr. Paneg. 157), aber im psephisma des Demophantos
fehlt es mit gutem grunde. Athen hat den versuch, Persien zu gewinnen,
im herbst und winter 411/10 gemacht; gerade diese hilfe brachte Alkibia-
des. 410 mochte der staat die formel gedankenlos fortführen: der dichter
war frei in dem was er aufnehmen oder weglassen wollte, und er handelte
töricht, wenn er 410 verfluchte was seines volkes stärkste hoffnung war.
Auf medische hilfe hofften im stillen die Athener schon 411 im
frühjahre, gerade deshalb gelang der sturz der angeblich hinderlichen
demokratie. aber darum sind nicht etwa die verse auch 411 unschick-
lich. wir müssen nur die situation so nehmen, wie sie dem dichter im
momente erschien, nicht ex eventu gedeutet. die furchtbare wahrheit,
daſs nicht um die herrschaft Siciliens sondern um die eigene existenz
gestritten ward, war den Athenern 412 aufgegangen, als Chios abfiel.
eine äuſserste anstrengung ward gemacht; allein die flotte konnte zwar
den weiteren abfall Ioniens verhindern und die feinde in schach halten,
aber keinen entscheidenden schlag führen. und nun war der schatz leer,
die einnahmen seit der besetzung von Dekeleia verkümmert, den feinden
dagegen zahlte der Perser und half das prestige des Alkibiades. da
mochten die meisten sich die gute zeit des Nikiasfriedens herbeisehnen,
und die wolmeinenden, die Sparta und Athen als gleich berechtigte
mächte aussöhnen wollten, haben in beiden völkern nicht gefehlt. dieser
alten tendenz dient mit neuer glücklichster wendung die Lysistrate.
aber im stillen waren andere kräfte tätig. Alkibiades hatte immer noch
einen groſsen anhang, weil man ihn bewunderte und fürchtete: er drohte
[351]Die stimmung in den chorliedern.
als tyrann, lockte als der vertrauensmann des Persers und der Ionier.
der wunsch, das persische gold für die eigene schiffsmannschaft zu er-
halten, leuchtete den darbenden Athenern der masse aus den augen, so
chimaerisch er war. die abfällige beurteilung der demokratie durch die
sophistische kritik war allbekannt; die vornehme jugend war mit der
ὁμολογουμένη ἄνοια, wie Alkibiades bei Thukydides sagt, längst inner-
lich fertig. die litteratur, Antiphon noch mehr als Andokides und seines
gleichen, arbeitete auf einen umsturz hin. die catilinarischen existenzen,
verschuldete demagogen, advocaten, die früher bündner und metoeken ge-
schröpft hatten und jetzt auf dem trocknen saſsen, landleute, die durch die
occupation Attikas verarmt waren, fehlten auch nicht und lauerten auf
die gelegenheit, woher sie auch käme, im trüben zu fischen. man ahnte
dunkel allgemein, daſs ein sturm bevorstand, mochte man auch nicht
wissen, woher er wehen, wohin er treiben würde. Aristophanes war
kein politiker; weder eine tiefe sittliche wirkung noch einen entschei-
denden praktischen anstoſs wollte oder konnte sein spiel geben. er war
ein talent und kein charakter, und sein nachen fuhr dann am kecksten
und graziösesten, wenn er den wind der öffentlichen meinung in dem
segel spürte. so weit er eine politische meinung besaſs, gehörte sie den
gut patriotischen, aber weder wirklich demokratischen noch geradezu
reactionären kreisen an, die etwa Nikias gegen Kleon und Alkibiades
vertreten hatte. seine stücke gefielen, so oft er diesen ton traf: das
war also die öffentliche meinung. in diesen kreisen wollte man weder
von den Persern etwas wissen noch von Alkibiades noch von einer
revolution; es sollte so gut gehn, wie es gegangen war, man wollte sich
gern mit Sparta vertragen, aber herrschen wollte man natürlich, davon
lebte man ja. wie man aus der not herauskommen sollte, das wuſste
man freilich nicht, aber dafür hatte man die himmlische helferin Athena,
oder minder fromm und minder resignirt geredet, man vertraute auf das
prestige, die groſsen traditionen, die volkskraft, die demokratie. und
so kann in einer zeit der angst und der sorge vor dem kommenden noch
mehr als der not und gefahr, die rings von auſsen drohte, der dichter
seine mahnung in die form kleiden, daſs er jeden verflucht, der an dem
bestehenden rechte rüttelt, indem er die officielle fluchformel aufnimmt.
‘vor der revolution, vor dem tyrannen, vor dem verrate an die feinde,
vor dem transigiren mit dem Perser bewahre uns gott in gnaden.’ das
ist gesagt, als alles dies drohte, kurz ehe alles oder fast alles dennoch
hereinbrach; die lieder der Thesmophoriazusen sind ein stimmungsbild
aus dem Athen des frühjahrs 411.
Die Lysistrate führt die frauen als friedensstifterinnen ein. gleich
genial ist die erfindung, wo sie in derbster, natürlicher, nicht schmutziger
komik spielt, und wo sie ihre heldin mit den zügen der göttin ausstattet.
der δῆμος γυναικῶν betet in den Thesmophoriazusen für den staat,
und seine verhandlung bildet die einkleidung für die intrigue des stückes.
ist es nicht psychologisch ganz einleuchtend, daſs Aristophanes, als er
die Lysistrate fertig und den gedanken concipirt hat, Euripides von den
frauen zur verantwortung ziehen zu lassen, das motiv der frauenherr-
schaft, das ihm das fertige stück bot, noch im kopfe eine weile fort-
spinnt, d. h. die Thesmophoriazusen so wie sie sind im unmittelbaren
anschluſse an die Lysistrate dichtet?
Für mein subjectives urteil besitzt eine solche beobachtung ganz be-
sonderes gewicht; aber sie gehört zu denen, die man niemandem auf-
zwingen kann. für mein empfinden sind die Thesmophoriazusen 411
allein denkbar. dieses empfinden will ich niemandem aufdrängen; aber
um so entschiedener fordere ich, daſs der status causae nicht verrückt
werde. also steht es: 411 ist das überlieferte datum für die Thesmo-
phoriazusen. die aufgabe der wissenschaft ist sie unter dieser voraus-
setzung zu erklären, oder aber jene überlieferung zu überwinden. dies
mag ein anderer versuchen; ich habe mich auf jenes beschränkt. —
Das lied
313—30.Als postille gebe ich die beiden wichtigsten lieder in metrischer
abteilung und kurz erläutert; sie bedürfen und verdienen das. auf die
unsinnigen personenverteilungen lasse ich mich nicht ein; es ist selbst-
verständlich, daſs die chorverse der chor singt, die gemeinde, und die
stücke, die sie einleiten, eine frau spricht. einen namen kann ich der
nicht geben, denn sie vereinigt in sich, was in der volksversammlung der
herold, der epistates der prytanen und der schreiber zu besorgen hatten:
hier aber ist es eine person, sintemal der dichter nicht mehr unter-
scheidet. wie die scene gespielt ward, ist im allgemeinen wenigstens
vorstellbar, seitdem als local die orchestra feststeht, in der alles sich ab-
spielt, aber von dem einzelnen wissen wir schlechterdings nichts und
können wir nichts wissen.
Es steht zuerst ein katalektischer iambischer tetrameter und katalek-
tischer dimeter. dieses stückchen beginnt auch das folgende chorlied, beide
sprechen die zustimmung zu der proclamation vorher aus: sie respondiren.
daſs nur der anfang eines liedes respondirt, ist eine erscheinung, die in der
komoedie öfter vorkommt, wichtig für die kritik, aber zu weitschichtig
für eine gelegentliche erledigung. das gebet ist in daktyloepitriten ge-
halten, nicht pindarischen natürlich, sondern solchen, wie sie die wirk-
lichen cultlieder boten. gerade ihre dem pindarischen stile fremden
elemente sind die metrisch interessantesten. 4 d, 2 e. (ἱεϱὰν ἔχεις muſste
statt ἔχεις ἱεϱὰν gesetzt werden) 5 e + ithyphallicus, 4 d + 2 d (die glosse
παῖ hinter ϑηϱοφόνη von G. Hermann beseitigt), sehr bemerkenswert,
daſs in χϱυσώπιδος eine zusammenziehung zweier kürzen zugelassen
ist. das von mir enhoplisch genannte glied, e. (so braucht man ἁλίμεδον
nicht anomal zu messen), enhoplisches glied, 2 d, 4 d + 2 e, das erste
e mit einer, das zweite mit zwei unterdrückten senkungen, wie z. b. ἰήιε
Φοῖβε σοὶ δὲ ταῦτ̕ ἀϱέστ̕ εἴη bei Sophokles (O. T. 1096) u. ö. 2 iam-
ben, mit einer unterdrückten senkung, + reizianum, 3 d + 3 d, ithyph.
— die verwendung des ithyphallicus ist aus der tragoedie geläufig,
das enhoplische glied habe ich schon bei Stesichoros aufgezeigt, mit dem
ithyphallicus vereint bildet es ja erst den eigentlichen ἐνόπλιος bei
Archilochos. merkwürdig aber ist, daſs auch hier das reizianum ganz
wie in der komoedie und den enhoplischen dochmien vorkommt. es ist
hier unverkennbar, denn χϱυσᾶ für das überlieferte χϱυσέα ist keine
änderung; ein ithyphallicus χϱυσέα τε φόϱμιγξ paſst nicht für den
anfang des satzes, ἰαχήσειεν in ἀχήσειεν zu ändern ist falsch, da
Aristophanes ἠχεῖν gesagt haben müſste. auſserdem bedenke man das
euripideische αἴλινον μὲν ἐπ̕ εὐτυχεῖ μολπᾷ Φοῖβος ἰαχεῖ τὰν κιϑά-
ϱαν ἐλαύνων. hier habe ich die einzige für den sinn belangreiche ände-
rung vorgenommen, nämlich δέ für τε 326. wie kann an die anrufungen
angereiht werden ‘und die goldene laute klinge zu meinen gebeten’?
welche laute? es wird uns wirklich zugemutet, nichts hierin zu finden
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 23
[354]III. 8. Die zeit des Thesmophoriazusen.
als ‘und zu meinem liede soll der musicant die violine spielen’. das
wird der hoffentlich schon längst tun, sonst ist’s zu spät. aber eine
goldene laute wird ihm der chorege schwerlich spendirt haben, die
gehört nur dem χϱυσολύϱας, der eben angerufen war. nein, dies sätzchen
ist in poetisch persönlich gewandter rede was der herold vorher mit ἰὴ
παιὼν ἰὴ παιὼν χαίϱωμεν gesagt hat. ‘und die goldene laute stimme ein’;
wenn sie einstimmt, so gewährt der gott die bitte. daſs er gerade das
tun soll, wo doch das ganze göttergeschlecht gepriesen wird, liegt daran,
daſs ein lied diesen preis enthält. aber es würde schwerlich unmittelbar
verständlich sein, wenn nicht eine statue des Apollon auf der bühne
(also wohl auch auf der pnyx) stünde: μὰ τὸν Ἀπόλλω τουτονί sagt
der alte 748, wo nur die philologie, die mit parallelstellen statt mit an-
schauungen wirtschaftet, an den Apollon Agyieus denken kann: ein
prellstein steht vor jedem hause, aber hier gibt es kein haus, wir sind
ja auf der pnyx. von den ἀνακλήσεις, die zumeist formelhaft sind, sei
nur die schöne schilderung des meeres erläutert, μυχὸς ἰχϑυόεις οἰστϱο-
δόνητος ist die meerestiefe, die von den fischen in der brunst- und
laichzeit (wenn sie der οἶστϱος treibt) gleichsam erdröhnt, weil ihr to-
bendes gewimmel die stille der meerestiefe stört. an die züge der tun-
fische denkt er.
den anfang machen die mit dem vorigen respondirenden iamben, die
Dindorf durch die ergänzung von ἐκ geheilt hat. ἐκγενέσϑαι steht so
[355]Das lied 353—71.
Fried. 346, wo V die praeposition weggelassen hat. iamben bilden auch
den schluſs, den ich durch eine ganz leichte ergänzung in schick ge-
bracht habe: ein dochmius, vollends am anfange der letzten periode, hat
keinen platz. 355—58 sind normale ioniker, 359—65 normale glykoneen,
verbunden durch synaphie, wenn man nicht dem komiker zutraut, wie
im trimeter auch hier den artikel vor eine pause gestellt zu haben. die
glykoneen sind teils sicher verbunden, teils ist die verbindung möglich;
aber einmal ist hiatus. so behandelt sie Sophokles meistens. wo ich
τῇ χώϱᾳ und das zeichen einer lücke gesetzt habe, steht τῆς χώϱας
οὕνεκ̕ ἐπὶ βλάβῃ ἀσεβοῦσιν ἀδικοῦσι τε τὴν πόλιν. das erste, durch
mechanischen fehler aus 360 wiederholt, wird man leicht los, aber die
einer glaublichen messung widerstrebenden worte kann ich auch nur
als interpolirt betrachten. sie sollen einen nachsatz zu der relativischen
aufzählung der frevler geben; aber was will das heiſsen ‘wer das und
das tut, begeht einen verstoſs gegen fas und ius?’ diese triviale decla-
ration soll der chor abgeben, ‘das und das ist sünde?’ und dann fährt
er fort ‘das mache wahr, allmächtiger gott’. was denn? daſs das sünde
ist? heller unsinn. wir haben ja die ἐπαϱά vor uns; der nachsatz muſs
sein ἐξώλεις εἶεν αὐτοὶ καὶ γένος τὸ ἐκείνων. das war der sinn
des fehlenden; ob man wie ich die überlieferten worte als interpolation
ausweist oder irgendwie als letztes glied der aufzählung ‘und alle sünder
überhaupt’ einrenkt, ist ziemlich gleichgiltig. hier bin ich ganz sicher;
aber daſs ich ψηφίσματα καὶ νόμους für ψ. κ. νόμον setzen muſste,
war mir unbehaglich. ich kann den singular nicht verstehn und würde
gern belehrt werden.
Vergeblich hat man sich bisher bemüht, zwischen Thukydides und
dem einzigen documente übereinstimmung zu schaffen, das aus der proceſs-
litteratur des revolutionsjahres 411 erhalten ist. jetzt klären das die
urkunden auf, die bei Aristoteles stehn, und die ich mit den I 101 ffg.
gewählten nummern bezeichnen will, A der beschluſs des Pythodoros,
B der der συγγϱαφῆς, C der der ἑκατόν.
Der redner für Polystratos sagt von diesem, daſs er von den phyleten
zum mitgliede der vierhundert gewählt war (2), daſs er καταλογεύς war
(13)1), und besonders 14 οὗτος οὔτε ὀμόσαι ἤϑελεν οὔτε καταλέγειν
ἀλλ̕ αὐτὸν ἠνάγκαζον ἐπιβολὰς ἐπιβάλλοντες καὶ ζημιοῦντες· ἐπεὶ
δ̕ ἠναγκάσϑη καὶ ὤμοσε τὸν ὃϱκον, ὀκτὼ ἡμέϱας εἰσελϑὼν εἰς
τὸ βουλευτήϱιον ἐξέπλει εἰς Ἐϱέτϱιαν καὶ ἐδόκει ἐκεῖ τὴν ψυχὴν
οὐ πονηϱὸς εἶναι ἐν ταῖς ναυμαχίαις καὶ τετϱωμένος δεῦϱ̕ ἦλϑε
καὶ ἤδη μετεπεπτώκει τὰ πϱάγματα. hält man dazu den schluſs-
passus B b, wo die bestellung der καταλογῆς durch die phyleten vor-
geschrieben wird, welche ihres amtes walten sollen ὀμόσαντες καϑ̕
ἱεϱῶν τελείων, so leuchtet unmittelbar ein, daſs der erwähnte dem κατα-
λέγειν vorhergehende eid eben der in dem volksbeschlusse geforderte ist,
daſs also die phyle Leontis den Polystratos von Deirades zum καταλογεύς
[357]III. 9. Die rede für Polystratos.
erwählt hat. das war etwa im munichion des Kallias. aber mit dem eid-
schwur läſst der redner den eintritt in den rat zusammenfallen, denn
8 tage darauf geht Polystratos nach Eretria ab. es ist undenkbar unter
dem hier erwähnten eide einen anderen als zwei zeilen vorher zu ver-
stehen: also ist es nicht der ratsherreneid. undenkbar ist es auch, in Poly-
stratos einen ersatzmann für irgend einen verstorbnen der 400 (etwa
seinen nachbarn Phrynichos von Deirades) zu sehen, undenkbar seine ab-
fahrt nach Eretria mit der des Thymochares und seiner flotte gleich-
zusetzen (Thuk. 8, 93), der ja erst ende metageitnion des Theopompos
ausfuhr. der redner spricht vor leuten, die alles eben selbst erlebt
hatten, er konnte nicht die stellung als καταλογεύς mit der als ratsherr
willkürlich vermischen. seine worte verlangen vielmehr die auffassung,
daſs die wahl zum καταλογεύς die zum ratsherrn in sich schloſs. nach
dem beschlusse B b sollen die 100 καταλογῆς aus den über 40 jahr
alten bürgern durch die phyle gewählt werden; nach dem beschlusse C b
die 400 ratsherren aus derselben kategorie auf dieselbe weise, nur sollen
die phylen eine gröſsere anzahl als 400 praesentiren; über den modus
der auswahl aus den πϱόκϱιτοι ist nichts vorgeschrieben. in wie weit
der letztere beschluſs aber wirklich durchgeführt sei, sagt Aristoteles
nicht: natürlich ist man zunächst verbunden zu glauben, daſs nach
dem beschlusse verfahren sei, und Aristoteles mag es selbst geglaubt
haben. die Athener hatten aber in den καταλογῆς bereits 100 genau
ebenso qualificirte und genau eben so gewählte männer, wie sie sie für
den rat wünschten. hineingekommen würde die mehrzahl von diesen wol
sicher sein, auch wenn eine neuwahl stattgefunden hätte. hören wir also
von einem zeitgenössischen redner, daſs die wahl zum καταλογεύς mit der
zum ratsherrn gleichgesetzt wird, so scheint mir die erklärung geboten,
daſs das volk, sei es in einem amendement zu C, das Aristoteles nicht
gekannt hat, sei es in einem weiteren beschlusse, die aufnahme der 100
in den rat verfügt hat.2) der irrtum des Thukydides, daſs schon in der
versammlung auf dem Kolonos, wo mit B b in wahrheit nur die κατα-
λογῆς eingesetzt wurden, die 400 gewählt wären, wird nun bedeutend
leichter. ich wage aber noch weiter zu gehen. Thukydides erzählt, Pei-
sandros hätte auf dem Kolonos durchgesetzt, daſs das volk 5 πϱόεδϱοι,
[358]III. 9. Die rede für Polystratos.
diese wiederum 100 ratsmänner, jeder von diesen drei weitere erwählte.
die cooptation von je dreien durch die 100 καταλογῆς scheint mir für
den späteren zeitpunkt sehr glaublich.3) die 5 πϱόεδϱοι sind freilich
rechtlich und officiell eben so wenig vorhanden gewesen wie die 5
ἔφοϱοι 4044): tatsächlich mag ein actionscomité der clubbisten nicht
nur existirt, sondern die wahlen geleitet haben.
In Eretria hat Polystratos, der ratsherr von Athen, so lange als die
oligarchie sich hielt, das commando geführt, als φϱούϱαϱχος. die cumu-
lation der ämter, die sonst unglaublich wäre, befremdet nicht unter einem
regimente, das für normale verhältnisse die platzcommandanten wie alle
höheren beamten aus dem rate besetzen wollte (actenstück C a) und für
die übergangszeit die besetzung dieser stellen eben dem rate überlassen
hatte (C b). nach der tendenz der aristokraten, wie sie Peisandros bei
Thukydides verfolgt, muſsten sie in den Reichstädten schleunigst einen
dem attischen analogen umsturz der verfassungen bewirken5); dazu brauch-
ten sie einfluſsreiche und zuverlässige leute, die sie am ehesten unter
sich fanden. Polystratos empfahl sich militärisch, da er im selben jahre
in Oropos commandirt hatte: er muſs aber, obwol der redner es natür-
lich verschleiert, auch politisch den leitenden männern garantien für
seine gesinnung gegeben haben. in wahrheit waren wol die leute von
70 jahren, die einen durch den krieg entwerteten grundbesitz hatten
und im staatsdienste ergraut waren, alle für die beschränkung des demos
auf die 5000: das schloſs den landesverrat des Antiphon oder die ganz
gemeine gesinnungslosigkeit der Peisandros und Phrynichos nicht in sich.
die rechenschaftsklage hat dann Polystratos für seinen commandanten-
[359]III. 9. Die rede für Polystratos.
posten über sich ergehen lassen müssen, und daſs der commandant, der
eine festung verloren hat, vor gericht dafür büſst, erscheint in Athen,
und nicht bloſs da, in der ordnung. die angaben der rede, so weit sie
verständlich sind, stimmen zu dieser auffassung von dem amte des Poly-
stratos.6)
Seine rechenschaft legte er sofort, nachdem er, in der schlacht bei
Eretria verwundet, nach Athen zurückgekehrt war und die oligarchie
schon beseitigt angetroffen hatte, also unter der vielbelobten gemäſsigten
verfassung. der reiche mann, der zwei söhne bei den reitern dienen
lassen konnte, ward zu einer hohen summe verurteilt, die er bezahlte
oder vielmehr zur rechten zeit zahlen konnte und wollte.7) er hatte
eine verteidigung kaum versucht, denn seine söhne waren im kriege,
und der demot des Phrynichos, der phrurarch von Eretria war so un-
populär, daſs er keine entlastungszeugen fand.8)
Das urteil war rechtskräftig und inappellabel. trotzdem ist es zu
einer zweiten klage gekommen, in der dieselben ankläger auftraten9),
die ebenfalls nur geldstrafe beantragten, aber eine so hohe, daſs nicht
[360]III. 9. Die rede für Polystratos.
bloſs der verklagte, sondern auch seine erben notwendig der bürger-
lichen ehrenrechte verlustig gehen muſsten, wenn die verurteilung ein-
trat (§ 32). aus diesem processe besitzen wir einen teil der verteidi-
gungsreden. es liegt in dieser wiederaufnahme der anklage eine schwie-
rigkeit, auf deren beseitigung viel scharfsinn verwandt ist. ich kann die
modernen gedanken nicht für glücklich halten10); dagegen entspricht die
überlieferte bezeichnung δήμου καταλύσεως ἀπολογία11) durchaus der
wahrscheinlichkeit. die ganze rolle, die Polystratos in der oligarchie ge-
spielt hatte, gab zu einer eisangelie unter mehr als einer begründung raum:
ἐάν τις τὸν δῆμον τὸν Ἀϑηναίων καταλύῃ ἢ συνίῃ ποι ἐπὶ καταλύσει
τοῦ δήμου ἢ ἑταιϱικὸν συναγάγη, ἢ ἐάν τις πόλιν τινὰ πϱοδῷ ἢ
ναῦς κτἑ heiſst es in dem späteren νόμος εἰσαγγελτικός, und nur das
ist ungewiſs, welche form die entsprechenden gesetzlichen bestimmungen
und der processgang im fünften jahrhundert hatten; schätzbar können
diese vergehen sehr wol gewesen sein, da es die εὔϑυναι waren.
daſs in zeiten der reaction der politische haſs und die gemeine syko-
phantenberechnung trotz allen gesetzlichen cautelen, ja trotz den feier-
lichsten amnestieschwüren mittel und wege gesunden hat, lediglich recri-
minatorische anklagen zu erheben, dafür liefert Lysias nur zu viel un-
erfreuliche belege. und daſs mitglieder der 400 lediglich auf diesen
namen hin bürgerlich tot gemacht worden sind, lehrt der beschluſs
des Pythokleides von 404. bei Polystratos ward die sache vollends
durch seine doppelstellung als ratsherr und phrurarch erleichtert. in
[361]III. 9. Die rede für Polystratos.
wahrheit verhielt es sich wol so, daſs die ankläger von dem zahlungs-
fähigen alten manne noch mehr herauszuschlagen hofften12), am liebsten
als abfindungssumme. aber auch bei den richtern konnte sich die rück-
sicht auf die leeren staatscassen sehr leicht mit der demokratischen rach-
sucht vereinigen.
Als dieser proceſs zur verhandlung kam, war die demokratische
strömung schon völlig herrschend, die vielbelobte herrschaft der 5000
wenigstens im prinzipe überwunden.13) dafür aber waren die drei söhne
des Polystratos aus dem felde in die winterquartiere heimgekehrt, der
älteste aus dem Hellespont, also nach den erfolgen des Thrasyllos. es
wird also im frühling 410 gewesen sein.14) die söhne liefen gefahr, statt
eines beträchtlichen erbteils die bürgerliche ehrlosigkeit des vaters erben
zu müssen und vielleicht ohne jeden persönlichen grund als volksfeinde
für immer gebrandmarkt zu werden. so versuchten sie den vater zu
retten, und der mittelste führte das wort, da er als einer der wenigen
[362]III. 9. Die rede für Polystratos.
überlebenden des sicilischen feldzuges auf sympathie rechnen konnte. die
verteidigungsrede versucht nun in wahrheit nicht einen beweis für die
unschuld des vaters, sondern führt nur billigkeits- und entschuldigungs-
gründe für ihn ins feld. dagegen behandelt mehr als ein drittel der
rede allein die volksfreundlichkeit der söhne, und nur hierfür werden
zeugen aufgerufen. nun versteht es sich ja von selbst, daſs Polystratos
auch gesprochen hat, und da uns seine rede fehlt, ist es nicht zu ver-
wundern, daſs wir die verteidigung wider die eigentliche anklage nur
ungenügend kennen und demgemäſs auch über die anklage nicht klar
sehen. es stimmt dazu, daſs die erhaltene rede eines prooemiums ent-
behrt, obwol schon die nennung des namens in § 1 beweist, daſs der
redner so wie wir lesen angefangen hat. aber diese tatsache selbst will
verstanden sein, daſs sich nicht mehr von der verteidigung erhalten hat,
also (da an zufällige verstümmelung nicht zu denken ist) nur so viel in
die öffentlichkeit kam. als rhetorisches muster ist dies stück nicht er-
halten; es ist das werk eines wenig geschulten Atheners, eben deshalb
für die litteraturgeschichte kostbarer als manche glatte aber leere decla-
mation.15) wenn ein solches stück veröffentlicht ist, so hat der inhalt
dazu bestimmt: es ist das persönliche renommee des redenden sohnes
und seiner familie, der dies plaidoyer dienen soll, so gut wie Andokides
sich bald darauf mit seiner zweiten rede rehabilitiren wollte, trotzdem
sie keinen praktischen erfolg gehabt hatte. mag auch der ausgang des
processes gewesen sein, wie er wolle (ich glaube aber, daſs er für den
verklagten günstig war): der junge mann, der für seinen vater auf-
getreten war, wünschte vor dem publikum als ein unverdächtiger und
hochverdienter demokrat dazustehn16), und die misgunst, die er wirklich
ohne sie zu verdienen von den vater erbte, wo möglich von der ganzen
familie, jedenfalls von sich abzuwälzen. darum hatte er einen λογοποιός
gedungen, darum verbreitete er die rede, mit weglassung des seiner sache
schwerlich besonders günstigen, jedenfalls für seinen zweck entbehrlichen.
daſs die rede sich erhielt, war ein glücklicher zufall: als sie aber erst
unter den schützenden namen des Lysias getreten war, teilte sie das
schicksal von dessen reden. und daſs sie in die auswahl, von der wir
[363]III. 9. Die rede für Polystratos.
eine handschrift haben, aufnahme fand, ist ein weiterer zufall, für den
wir der kritiklosigkeit des auswählenden dankbar sein müssen.
Wie gut oder schlecht der redeschreiber seine sache gemacht hat,
haben wir zu lernen, nicht ihm vorzuschreiben. ich beabsichtige nicht
mit den umstellungen, die modernen kritikern gefallen, mich auseinander
zusetzen, von der auszugshypothese ganz zu schweigen. aber ich nehme
allerdings auch daran anstoſs, daſs die beteiligung des Polystratos an
dem rate der 400 und seine nichtbeteiligung an den debatten im rat-
hause zweimal erzählt wird, und kann 6—8 neben 16. 17 schlecht ver-
tragen, besser gesagt, ich verlange eine erklärung dafür, daſs 1—10
schon eingehend erörtert ist, daſs die zugehörigkeit zu den 400 den
Polystratos nicht belastet, und doch 13—17 dieselbe sache von neuem
abgehandelt wird. mir hat sich (keineswegs erst jetzt) die lösung er-
geben, daſs 1—10 ein ganz anderer fürsprecher das wort hat als der
sohn, der mit 11 anhebt. es hat ja gar keinen anstoſs, daſs es mehrere
sind; und daſs derselbe redeschreiber ihnen die reden macht, und diese
dann zusammen veröffentlicht werden, ist zugestandenermaſsen in der
rede wider Phormion und in der Apollodors wider Neaira geschehen
(Dem. 34 und 59).
Man fange nur an zu lesen und merke auf, wo man erfährt, daſs
der sprecher ein sohn des Polystratos ist: das ist erst in § 11. von da
ab geht es durch. und konnte denn dieser von den söhnen des Poly-
stratos sagen ὃ μὲν ἐν Σικελίᾳ ἦν, οἳ δ̕ ἐν Βοιωτοῖς?17) der in
Sicilien war er ja selber. der sohn sagt πῶς ἂν οὐκ ἂν δεινὰ πάσ-
χοιμεν 15, ἦ δεινά τἂν18) πάϑοιμεν 19, δεινὰ δ̕ ἂν πάϑοιμεν 36:
hier heiſst es δεινὸν δέ μοι δοκεῖ εἶναι 10. nirgend wagt jener ein
ἐγὰ δ̕ ἡγοῦμαι ἀξίους εἶναι τούτους μηδὲν πάσχειν 5: was liegt den
richtern daran, wie der angeklagte über die billigkeit denkt? so spricht
ein mann, dessen wort gewicht hat. und sollte wirklich der sohn mit
[364]III. 9. Die rede für Polystratos.
dem eingange glück zu machen geglaubt haben “meines erachtens solltet
ihr euch durch das bloſse wort, das ist einer der 400, nicht gegen
jemanden einnehmen lassen. denn es hat unter ihnen auch gutgesinnte
gegeben, wie diesen Polystratos.” weder redet man so von seinem eignen
vater, noch gibt ein junger mann den herren heliasten solche belehrung.
Nun wird man sagen, daſs die erste rede und die zweite nicht
scharf abgegränzt sind. ganz gewiſs. aber da ist, urteile man sonst wie
man wolle, der text nicht in ordnung “ich halte es für arg, wenn je-
mand, der nichts wider die demokratie im rate beantragt hat, ebenso
behandelt werden soll, wie die welche das getan haben, und wenn der in
acht tagen ein schurke geworden sein soll, der 70 jahre ein guter bürger
war, und die ihr leben lang nichts taugten vor dem rechnungshofe
biedermänner werden, und die allzeit biedermänner waren schurken.19)
καίτοι20) in der vorigen verhandlung hat man meinem vater unter andern
falschen beschuldigungen auch nachgesagt, daſs er mit Phrynichos ver-
wandt war. dagegen (καίτοι) erkläre ich: lege wer das beweisen kann
in der für meine verteidigung mir zugemessenen frist zeugnis ab.” was
soll das erste καίτοι? auf jenes rhetorische enthymem δεινόν μοι δοκεῖ
εἶναι kann sehr gut ein καίτοι folgen, aber der satz, der da folgt,
schlieſst sich überhaupt nicht an, und am wenigsten mit καίτοι. und
die beiden sätze hinter einander können vollends so nicht anfangen.
ich wage darüber nicht zu entscheiden, ob wir jenes καίτοι tilgen sollen:
in dem falle ist der bruch der continuität da, wie ja wirklich eine ganz
neue gedankenreihe einsetzt und ein neuer ton; oder ob hinter καίτοι
der schluſs der ersten rede ausgefallen ist und dann möglicherweise auch
ein anfang der zweiten, was ich nicht glaube. wer eine lücke annimmt,
kann freilich auch eine ergänzung ersinnen, die die beiden paragraphen
10 und 11 wirklich verbinde: die dubletten und den verschiedenen ton
beseitigt er doch nicht.
Besprochen muſs noch ein paragraph der ersten rede werden, weil
[365]III. 9. Die rede für Polystratos.
er geschichtliche angaben macht. “man macht ihm zum vorwurf, daſs
er viele ämter bekleidete; das ist doch nichts schlimmes, sondern auf
das wie kommt es an, 6. οὗτος δέ πϱῶτον μὲν ἄϱξας ἐν Ὠϱωπῷ
οὔτε πϱοέδωκε καὶ ἑτέϱαν πολιτείαν κατέστησε, τῶν ἄλλων ἁπάν-
των ὅσοι ἦϱχον καταπϱοδόντων τὰ πϱάγματα. οἳ δ̕ οὐχ ὑπέμειναν
καταγνόντες σφῶν αὐτῶν ἀδικεῖν, ὃ δὲ ἡγούμενος μηδὲν ἠδικηκέναι
δίκην δίδωσι. und die schuldigen kommen frei, weil sich die ankläger
bestechen lassen; wer ihnen kein geld gibt, wird zum schuldigen ge-
stempelt21), und es macht keinen unterschied, ob einer im rat einen antrag
gestellt hat oder nicht u. s. w.” hierin sind zwei schlimme sprachliche
anstöſse: οὔτε .. καὶ ist so wie es hier steht kein griechisch. und wo
wäre ein zweites glied zu πϱῶτον μέν? gewiſs braucht das nicht in
der grammatischen form streng zu entsprechen, aber wer πϱῶτον μέν
sagt, hat ein zweites glied im gedanken, und der gedanke muſs irgendwo
zu tage kommen. wo ist er hier? es ist nicht im mindesten zweifelhaft,
was der redner gewollt hat. den vorwurf, daſs Polystratos viele ämter
verwaltet hat, will er dadurch entkräften, daſs er nachweist, er habe sie
gut verwaltet. die ἀϱχὴ ἐν Ὠϱωπῷ ist die erste: wo sind die andern?
die stellung im rate ist freilich auch eine, und in sofern paſst die fort-
setzung in diese gedankenreihe, in der über des Polystratos verhalten
im rate gehandelt wird, aber da ist die form der disposition fallen ge-
lassen. und es fehlt ja auch gerade das wichtigste amt, das in Eretria.
wegen dieses amtes hat sich Polystratos gerade gestellt, während die
andern schuldigen oder verdächtigen sich fern hielten, was er, zumal
als verwundeter, sehr bequem auch hätte tun können. der sohn führt
das auch aus, 14. 21.22) 22. also genau da, wo die grammatik einen
schaden zeigt, fehlt für den sinn etwas. und noch mehr. ἄϱξας ἐν
Ὠϱωπῷ οὔτε πϱοέδωκε, das paſst: denn Oropos gieng ende februar 411
durch verrat verloren (Thuk. 8, 60). wenn der platzcommandant bald
darauf gerade nach Eretria geschickt ward, das schon damals bedroht
war, so muſs er allerdings von jedem verdachte frei gewesen sein, daſs
er an dem verluste schuld trug. aber das folgende καὶ ἑτέϱαν πολι-
[366]III. 9. Die rede für Polystratos.
τείαν κατέστησε paſst unmöglich auf Oropos23), das ein castell im unter-
tanenlande war, wo es unter athenischer herrschaft niemals eine ver-
fassung geben konnte. und τῶν ἄλλων ἁπάντων ὅσοι ἦϱχον κατα-
πϱοδόντων τὰ πϱάγματα: das paſst auf Oropos auch nicht, wo doch
keine mehrzahl von ἄϱχοντες gewesen sein kann, da doch selbst Imbros
Skyros Salamis je unter einem beamten stehen, und der φϱούϱαϱχος
in den πόλεις auch ein einzelposten ist. das können also nur die ἄϱ-
χοντες ἐν Εὐβοίᾳ sein. das ergebnis ist unanfechtbar: es ist eine gröſsere
lücke hinter πϱοέδωκε, in der mindestens die ἀϱχὴ ἐν Ἐϱετϱίᾳ erwähnt
war; ob das καὶ mehr als eine aus der wiederholung der schluſssylbe
von πϱοέδωκε schlecht gefertigte verkleisterung dieser lücke ist, muſs
eben so wie ihre ergänzung dahingestellt bleiben.
Auf die vielen schweren verderbnisse, unter denen die auslassungen
besonders zahlreich sind, will ich nicht näher eingehn, zumal ich be-
deutendes nicht bessern kann24), nur eine stelle fordert noch ein wort.
wie soll man ertragen “ἀνδϱὶ ἐξαιτουμένῳ gebt ihr selbst des unter-
schleiſs geständige angeklagte frei” (19). weder steht ἀνήϱ jemals in-
definit, noch kann man den richtern sagen, daſs sie auf die fürbitte eines
beliebigen mannes, oder auch praegnant, eines mannes, verbrecher frei
[367]III. 9. Die rede für Polystratos.
lieſsen. es fehlt die nähere bestimmung. einfluſsreiche fürbitter bewirkten
die milden urteile, Theramenes Kleitophon Demophantos. man kann
eine lücke annehmen; aber ungleich wahrscheinlicher dünkt mich, daſs
der redner einen eigennamen gesetzt und mit diesem den concreten fall
bezeichnet hatte; dagegen schien es ihm, als er die rede verbreitete, klug,
das persönliche zu verwischen, und so ist der eigenname durch N. N.
ersetzt.25) diese beobachtung hat mich zuerst darauf gebracht, den zweck
der veröffentlichung dieser rede und die möglichkeit ihrer erhaltung zu
erwägen. seitdem habe ich den gesammten nachlaſs der redner darauf
hin durchzumustern veranlassung gehabt; aber ich möchte meine ge-
danken erst ausreifen lassen. das ergebnis ist zu hübsch, als daſs ich
es durch voreilige besprechung schädigen möchte.
Die rhetorische terminologie unterscheidet als eine grundform der
fragstellung, die für die gerichtsrede das erste hauptstück ist, die μετά-
ληψις1), die form- oder competenzfrage, ob das angezogene gesetz auf
den rechtsfall paſst, oder der proceſs aus formellen gründen unzulässig
ist. in dem ausgebildeten attischen rechte, wie es die demosthenischen
reden zeigen, ist dies auch schon fast ganz durchgeführt. der beklagte
kann den competenzconflict erheben; dann klagt er wider die klage-
schrift, die im falle seines sieges beseitigt ist. es muſs aber angenommen
werden, daſs derselbe gerichtshof, bei dem die erste klage erhoben war,
auch über die competenzklage zu befinden zuständig ist. uns liegt es zwar
nahe, eine besondere gattung von klagen, die παϱαγϱαφικαί, zu sta-
tuiren, wie denn die ordner der demosthenischen reden eine gattung
von diesen als παϱαγϱαφικοί ausgesondert haben, und gewiſs wären
die thesmotheten ihrer ursprünglichen bestimmung nach geeignet ge-
wesen, nach den bestehenden gesetzen, die sie doch kennen muſsten,
jeden competenzconflict zu entscheiden, nötigenfalls darüber ein beson-
deres gericht zu berufen. es ist aber zu einem besonderen processe der
παϱαγϱαφή und einem besonderen gerichtshofe nicht gekommen, weil
diese feinheit der juristischen distinction erst allmälich vor unsern augen
durch die praxis gefunden wird.
Wir erfahren durch Isokrates (18, 2), daſs Archinos2) ein beson-
[369]III. 10. Die παϱαγϱαφὴ und Lysias gegen Pankleon.
deres gesetz durchbrachte, durch welches eine παϱαγϱαφή mit berufung
auf die amnestie in jedem falle zugelassen ward: also war das sonst
nicht nötig, sondern stand im belieben des gerichtsherrn; und ferner
der ursprünglich angeklagte, der als παϱαγϱαψάμενος kläger geworden
war, das erste wort haben sollte: also war das, trotzdem es die logik
fordert, noch nicht allgemeiner gebrauch.
Einen beleg hierfür liefert die rede des Lysias wider Pankleon. sie
ist in einer παϱαγϱαφή gehalten, wenn auch nicht einmal dieser ter-
minus, sondern der allgemeine ἀντιγϱαφή gebraucht wird, und es fällt
kein wort über den gegenstand der eigentlichen klage. trotzdem hat
der ursprüngliche kläger das erste wort. aber vollständig ist die rede:
am schlusse sollen die richter abstimmen, natürlich, ob die klage selbst
zulässig sei. wir sehen aber auch das besondere, daſs der redner sorg-
fältig die wasseruhr jedesmal zumachen läſst, ehe er einen zeugen auf-
ruft, was sonst bei Lysias nicht vorkommt: offenbar hatte er wenig
wasser, weil diese vorfrage erst von der eigentlichen abgetrennt wor-
den war.
Noch altertümlichere verhältnisse zeigt die rede Antiphons über die
ermordung des Herodes. der sprecher, Euxitheos3), ist als κακοῦϱγος vor
die elf geschleppt und bestreitet auf das nachdrücklichste die zuständig-
keit dieser proceſsform; er hebt hervor, obwol er auf die sache selbst
tief eingeht, daſs man ihn aus diesem formellen grunde freisprechen
sollte, er könnte dann ja immer noch vor den zuständigen richter ge-
zogen werden. damals also war die παϱαγϱαφή als besonderes rechts-
mittel noch nicht im gebrauch, wenn auch das gericht aus formellen grün-
den freisprechen konnte. es leuchtet aber ein, daſs eine verhandlung, wie
sie hier vorliegt, die gefahr brachte, daſs die richter trotz allen formellen
bedenken materiell entschieden, und wenn Euxitheos hier freikam, ein
so starkes praejudiz vorlag, daſs der kläger es schwerlich von neuem
vor dem Palladion versucht haben wird. ein fall, wo ein die παϱαγϱαφή
begründender einspruch nicht als besondere klage, sondern ebenso wie
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 24
[370]III. 10. Die παϱαγϱαφὴ und Lysias gegen Pankleon.
in der Herodesrede innerhalb des hauptprocesses als ein verteidigungs-
grund nebenher vorgebracht und widerlegt wird, kommt in der rede des
Lysias wider Pankleon gelegentlich vor.
So ergibt sich ein, wie mich dünkt, eben so sicherer wie inter-
essanter einblick in die entwickelung des attischen rechtes. —
Da die Lysiasrede wenig verstanden und sogar athetirt ist, benutze
ich die gelegenheit, sie zu erläutern. das kann mit einer erzählung des
handels so kurz geleistet werden, wie die gute rede selbst ist.
Der kläger hatte, wir wissen nicht was für einen, handel mit einem
walker Pankleon, der in wahrheit ein weggelaufener sklave eines Pla-
taeers war, aber ein geriebener kerl, der es verstand sich in Athen
herumzudrücken, bald den Plataeer, also bürger, bald den metoeken
spielend, und der auch einen resoluten anhang von gesinnungsgenossen
hatte. der kläger kam mit den vom gesetz geforderten ladungszeugen
(κλητῆϱες) und verkündete dem Pankleon, daſs er ihn als metoeken vor
den polemarchen citire. Pankleon gebrauchte die ausflucht, er wäre
Plataeer, also bürger, dem demos Dekeleia zugeschrieben. darauf repli-
cirte der kläger ‘so lade ich dich auch vor die demenrichter’. er be-
hielt sich also die wahl des forums vor; die formalität der ladung war
in jedem falle erledigt. sich selbst darüber zu entscheiden, erkundigte
er sich bei den Dekeleern. sie kannten den Pankleon nicht als den
ihrigen; dagegen fanden sich praecedenzfälle, in denen Pankleon vor
dem polemarchen verklagt und verurteilt war.4) die leute, die so dessen
metoekenstand beweisen konnten, stellten ihr zeugnis dem kläger zur
verfügung. so belangte er also Pankleon vor dem polemarchen; jener
hielt jedoch die behauptung, er wäre Plataeer, aufrecht: daher diese vor-
verhandlung.
Um für sie material zu suchen, gieng der kläger die in Athen ein-
gebürgerter Plataeer an und hörte hier die überraschende tatsache, daſs
Pankleon ein entlaufener sclave des Plataeers Nikomedes wäre. es
scheint, daſs dieser von seinem verlornen besitze erst jetzt kunde erhielt;
jedenfalls benutzte er die gelegenheit, ohne zweifel im einverständnis
[371]III. 10. Die παϱαγϱαφὴ und Lysias gegen Pankleon.
mit dem kläger, für den er als zeuge auftritt5), ein par tage später den
Pankleon mit berechtigter selbsthilfe als sclaven zu greifen. der kläger
war, schwerlich zufällig, zur stelle. aber Pankleon setzte sich mit seinem
anhange zur wehre, es kam zu einer prügelei, und schlieſslich giengen
die leute auseinander, nachdem sie stipulirt hatten, am folgenden tage
wolle Pankleon einen bruder mitbringen6), der ihn, sei es daſs Niko-
medes freiwillig zurückträte, sei es durch anstrengung eines formellen
vindicationsprocesses, frei machen würde. zu dieser verhandlung er-
schien auch, vorsorglich mit zeugen, der kläger. da er keinen hatte,
konnte Pankleon keinen bruder mitbringen; er half sich damit, daſs er
ein weib vorschob, das dem Nikomedes sein herrenrecht bestritt, weil
Pankleon vielmehr ihr gehöre. ein weib kann zwar eigentlich nicht
besitzerin sein, aber durch die verhältnisse von erbtöchtern und mitgift
war sie es oft genug factisch, und daſs ihr κύϱιος zunächst im hinter-
grunde blieb, war für Pankleon höchstens ein schlauer kniff. natürlich
verlief die verhandlung wieder resultatlos, die rotte Pankleons brauchte
schlieſslich gewalt und befreite ihn. damit war dies intermezzo zu ende.
Es kam nun zu der gerichtlichen verhandlung, die sich auf den
einspruch des als metoeken verklagten Pankleon bezog, daſs er Plataeer
wäre. der kläger berichtet und beweist durch zeugenaussagen was ich
ihm nacherzählt habe. aber er folgert nunmehr nicht was er eigent-
lich zu beweisen übernommen hatte, daſs Pankleon metoeke wäre, son-
dern was sich ihm wider erwarten ergeben hat, daſs er sclave ist: das
24*
[372]III. 10. Die παϱαγϱαφὴ und Lysias gegen Pankleon.
folgert der einzige nicht erzählende sondern raisonnirende paragraph (12)
der rede. ziemlich äuſserlich angeflickt kommt noch ein beweismoment
nach, das auch sachlich nicht viel besagt. ein gewisser Aristodikos und
ein par andere leute bezeugen, daſs Pankleon vor 8 jahren in einem
processe, den er mit Aristodikos hatte, schon dieselbe einsprache er-
hoben hätte, er dürfte nicht als metoeke belangt werden, da er Plataeer
wäre. es war damals aber zu keiner besondern verhandlung über die
παϱαγϱαφή gekommen, sondern innerhalb der reden über den eigent-
lichen gegenstand der klage hatte Pankleon seine behauptung gemacht,
Aristodikos sie durch einen zeugen widerlegt. um nun das urteil zu
verhindern, hatte Pankleon vor der abstimmung die klage falschen zeug-
nisses wider jenen zeugen erhoben.7) allein das war nur eine finte ge-
wesen, um zeit zu gewinnen. er lieſs die frist verstreichen, die für die
angemeldete klage gesetzt war, und so ward er rechtskräftig in der
hauptsache verurteilt. statt nun dem Aristodikos zu zahlen, entwich er
auf eine weile nach Theben, wo er natürlich nicht als Plataeer sondern
unter irgend einer andern fingirten herkunft als metoeke lebte. schlieſs-
lich zog er doch vor sich mit Aristodikos zu vergleichen, der froh sein
mochte, einen teil seiner forderung zu erhalten, und kehrte nach
Athen heim.
Diese ganze geschichte, die höchstens beweist, daſs Pankleon kein
Plataeer ist, hat nicht viel auf sich; der kläger hatte wol, ehe er die
stärkere position durch Nikomedes erhielt, schon Aristodikos als zeugen
gewonnen und mochte ihn nun nicht fallen lassen. der redner findet
auch nur mit einer gequälten wendung den übergang zu dem handel
des Aristodikos8) und bricht kurz ab, mit einem wirkungsvollen “das
wird genügen; wenn ihr es im gedächtnis behaltet (nicht durch die winkel-
züge des nun auftretenden Pankleon verwischen laſst), so werdet ihr
nach recht und wahrheit entscheiden; nur darum bitte ich”.9) was
[373]III. 10. Die παϱαγϱαφὴ und Lysias gegen Pankleon.
werden sie entscheiden? der herold wird rufen “die hohle für den
ersten redner, die volle für den zweiten”. das bedeutet, “wer urteilt,
daſs Pankleon kein Plataeer ist, gebe die hohle ab”.10) und wenn er
kein Plataeer ist, geht dann der proceſs zu der eigentlichen klage weiter?
bewahre. dann nimmt Nikomedes seinen entlaufenen sclaven beim kra-
gen und zieht mit ihm ab: hier wird keiner sein, der die vindicatio
in libertatem wagt, und im gerichte ist die rotte Pankleons machtlos.
der vogel ist im garn: diese stimmung erheitert den redner im voraus.
der sclave kann freilich nicht vor dem polemarchen belangt werden; in
sofern hat der ganze ursprüngliche rechtshandel keinen zweck mehr;
daher kein wort über ihn. aber der in zukunft für seinen sclaven haft-
bare Nikomedes ist im einverständnis mit dem kläger, offenbar schon
im einverständnis mit ihm gewesen, als er Pankleon greifen wollte.
über den alten handel des klägers mit jenem haben sich die beiden
längst irgendwie verständigt, und das ist ihre sache. Pankleon der schlaue
war diesmal allzuschlau. er wollte sich mit der einspruchsklage um den
proceſs drücken: jetzt führt sie dazu, daſs der proceſs freilich hinfällig
wird, aber Pankleon seinen personalstand statt zum bürgerrecht hinauf
in die sclaverei zurückschraubt. ein hübsches bild aus dem attischen
eben und dem attischen gerichtswesen.
Ich habe nichts besonderes zu sagen, aber ich kann mich nicht
enthalten, diese rede zu erläutern, aus der ich mehrfach für Aristoteles
facta ausheben muſste. die reden sind wirklich damit nicht erschöpft,
daſs man an ihnen die secundanergrammatik übt oder die sophistische
rhetorik erläutert.
Die rede ist gehalten 386 in den ersten monaten, während über
den Antalkidasfrieden in Sparta verhandelt ward, aber die entscheidung
noch nicht gefallen war.1) der rat, der in ihr als kläger auftritt, ist
der, welcher jene schmach auf Athen geladen hat, im frühjahr 387 von
den demen praesentirt, und der wert, den die rede für die zeitgeschichte
hat, liegt darin, daſs wir sehen, wie die teuerung, die dem attischen
städter viel mehr als dem bauern, den hohe getreidepreise nicht drücken,
empfindlich war, die widerstandskraft gelähmt hat, obwol nach dem sturze
des Thrasybulos gerade die radicalen oben auf waren. einer von ihnen
begegnet uns hier: sie haben in kürzester frist das staatsschiff zum
stranden gebracht.
Der rechtshandel ist folgendermaſsen verlaufen. es gieng beim rate
eine denuntiation (ἔνδειξις) wider eine gilde (ein κοινόν) von getreide-
händlern ein, dahin gehend, daſs diese gröſsere bestände von korn als
[375]III. 11. Lysias wider die getreidehändler.
die vom gesetze erlaubten 50 trachten (φοϱμοί)2) auf einmal gekauft
hätten. als die prytanen die sache vor das plenum brachten, fanden
sich einige heiſssporne, die das todeswürdige vergehn für manifest hielten
und die angeklagten ohne weiteres den elf zur hinrichtung übergeben
wollten. es drang aber der antrag eines ratsherrn, aus einer der nicht
vorsitzenden phylen, durch, daſs der rat zunächst eine voruntersuchung
(κϱίσις3)) vornehmen sollte. die verklagten wurden also citirt, und in dieser
verhandlung sind die aussagen gefallen, die der redeschreiber, gleich als ob
sie in der hauptverhandlung schon gefallen wären, seiner rede einverleiben
konnte (5). die verklagten waren der tat geständig, beriefen sich aber auf
die autorisation des Anytos, der 388/7 σιτοφύλαξ im Peiraieus gewesen
war. auch dieser sammt seinen collegen ward vernommen, konnte auch
nicht leugnen (weshalb der redner seine künftige aussage vor dem ge-
richte kennt), wollte aber mit der anweisung ganz etwas anderes gewollt
haben. der rat sprach die κατάγνωσις aus, und nun gieng die ἔνδειξις
als κατάγνωσις des rates an die thesmotheten, die ein gericht beriefen;
ankläger ist formell der rat4), tatsächlich der antragsteller, dem auch
als solchem bei der vorverhandlung das wort zugefallen war. der denun-
tianten geschieht keine erwähnung mehr.
Die kornhändler hatten gegen das gesetz verstoſsen, also waren sie
schuldig; aber sie hatten getan, was sie ein groſser volksmann und ihr
[376]III. 11. Lysias wider die getreidehändler.
nächster aufsichtsbeamter geheiſsen hatte. es war unrecht, wenn man
sie büſsen lieſs, es war ein skandal, wenn man sie allein büſsen lieſs.
der redner empfindet das, aber er schlüpft darüber mit der schönen
phrase weg, die schuldigen müſsten unter allen umständen bestraft wer-
den; übrigens würden sie sich gar nicht mit der berufung auf Anytos
weiſsbrennen wollen. das ist eine offenbare unwahrheit; das von ihm
selbst angeführte verhör zeigt es. die entschuldigung des Anytos ist dem
redner selbst nicht sehr triftig erschienen (10), aber er gibt sie doch
des breiteren wieder. sie ist allerdings sehr gewunden und wird erst
in verbindung mit einigen späteren aussagen (17) ganz verständlich. das
gesetz, welches den kornhändlern ein maximum für ihre einkäufe setzte,
war erlassen, um die ansammlung von groſsen massen getreides in einer
hand zu verhindern, um die concurrenz zu heben und die weitaussehende
speculation zu unterbinden. sind es viele kleine händler, so leben mehr
davon, und sie können uns nicht die preise machen, dachten diese national-
oekonomen. vielleicht gieng es auch gut in den zeiten, wo überfluſs
von zufuhr in den hafen kam. aber wenn nun ein lastschiff langersehnt
ankam und den preis fordern konnte, wie ihm die not gestattete, da
trieben sich die händler in die höhe, froh zu jedem preise ihre 50 körbe
zu erhandeln und sicher dem hungrigen publikum immer noch mehr
abfordern zu können. da waren die schwankungen des preises vielleicht
das peinlichste, und so sehr man fluchte: der händler, der heute seine
50 körbe gut eingekauft hatte, muſste plötzlich ungemein aufschlagen,
weil ihm der importeur, dessen schiff im ἐμπόϱιον lag, die nächsten 50
um so viel teurer machen konnte. da bekamen die nationaloekonomen
zu fühlen, daſs nur der capitalkräftige groſshandel den preisen einige
stätigkeit geben kann. und es war ganz brav, daſs der alte volksführer
Anytos die stelle als σιτοφύλαξ nicht verschmähte, obgleich die volkswut
in den schlechten zeiten den posten lebensgefährlich gemacht hatte. es
war auch sehr verständig, wenn er den getreidehändlern den rat gab
“bildet einen ring gegen die importeure (συνίστασϑαι ἐπὶ τοὺς ἐμ-
πόϱους 17); treibt euch nicht gegenseitig hinauf; wenn sie ankommen,
und ihnen einhellig nur ein und derselbe preis für ihren weizen geboten
wird, müssen sie schon zuschlagen: hinaus aus dem hafen darf das ge-
treide ja nicht”. aber das gesetz der 50 körbe? die sache gieng ja
nur, wenn die kornhändler gröſsere lager halten konnten; sie wollten
doch auch einen profit und einige sicherheit. da lieſs Anytos das gesetz
schlafen, und eine weile ist es gut gegangen: es hat ihn keiner bei der
euthyna belästigt. das erzählt er nun allerdings nicht vor dem rate,
[377]III. 11. Lysias wider die getreidehändler.
sondern er will ihnen nur in der teuren zeit geraten haben, sich nicht
gegenseitig zu überbieten, lediglich um den consumenten billigeres korn
zu schaffen: sie hätten ja nur einen obolos am scheffel profitiren sollen5) (8).
damit ist die frage noch nicht beantwortet, und höchstens seine tendenz
gerechtfertigt “daſs sie groſse getreidelager auſspeicherten, hätte er nicht
beabsichtigt, sondern lediglich billige getreidepreise (10)”. das wäre auch
ihre intention gewesen, konnten die kläger sagen und sagten sie auch (11),
aber dazu muſsten sie sich zusammentun und konnten nicht heute 50 und
morgen wieder 50 körbe kaufen. die sache war klar, sollte man meinen, und
der rat mitsammt seinem sprecher handeln wider jede gerechtigkeit, wenn
sie den thesmotheten nur eine καταχειϱοτονία wider die denuntiirten,
nicht wider Anytos übergeben haben. das formelle recht machte ihn
vielleicht, als λόγον καὶ εὐϑύνας δεδωκώς, straffrei; doch darauf in-
sistirt der redner nicht, sondern er wendet auch das nur wider die ver-
klagten. als er Anytos schon aufgerufen hat (9), bringt er noch den
gedanken vor ‘er hat im vorjahre mit ihnen verhandelt, das delict ist aber
in diesem begangen’.6)
Wenn denn aber die maſsregel wirklich höchstens den preis ge-
[378]III. 11. Lysias wider die getreidehändler.
drückt hatte, woher der ingrimm wider die getreidehändler? das kommt
hinterher heraus. den importeuren war die sache natürlich äuſserst un-
erwünscht, denn wenn ihnen eine geschlossene und capitalkräftige gilde
athenischer (d. h. ortsanwesender) getreidehändler gegenübertrat, der staat
aber ihre frachten festhielt, sobald sie im Peiraieus lagen, so machten
sie nicht mehr den preis; sie waren aber eine längst bevorrechtete gilde
und waren gewohnt zwar mit groſsem risico, aber mit ganz unverhält-
nismäſsigem gewinne zu arbeiten. Athens gesetzgebung zeigt, wie zart
man sie behandelte; die zeit der teuerung 330—27 zeigt, welche macht
sie hatten. wenn Athen politisch mächtig war, sicherte es sich die freie
verbindung mit dem Pontos und, so gut es gieng, mit den andern korn-
ländern. dann wohnten genug groſshändler und kleinhändler im Pei-
raieus, und die preise waren entweder nicht hoch, oder das volk war
doch kaufkräftig genug, sie zu zahlen. dann sind die ἔμποϱοι keine
macht. aber jetzt war die zufuhr bedroht, und der frieden, der in sicht
war, gab die eroberungen des Thrasybulos preis. da galt es mit den
importeuren gut zu stehn, und ihnen opferte man zwar nicht den Anytos,
aber wol die kleinen getreidehändler, μέτοικοι ἄνϑϱωποι (was jene auch
waren) und κάπηλοι (was diese nicht waren, wenn man sie gewähren
lieſs, wie Anytos). diesem interesse dient der sprecher, und für die
groſshändler hat Lysias diese rede geschrieben.
Die rede wollen wir nun betrachten, das sophistenwerk, das nicht
als ein schaustück von πάϑος und ἦϑος, um der δεινότης oder χάϱις
willen geschrieben oder publicirt ist, sondern um den proceſs zu ge-
winnen und dann um politische stimmung zu machen. der verfasser
liefert nur für gutes geld seine feder; die ihn bezahlten, hatten es: er
ist ein mensch ohne jede persönliche gesinnung. darum kann er hinter
dem sprecher verschwinden. dieser empfindet, daſs die denuntiation, zu
deren wortführer er sich gemacht hat, etwas gehässiges hat, deshalb tut
er so, als wäre er der vertreter des stricten rechtes, spreche es nun für
die angeklagten oder gegen sie. das hatte er bei der vorverhandlung
bewiesen, als er wider den antrag auf kurzen proceſs sprach, und bei
der κϱίσις, wo man ihn, den angeblich für die angeschuldigten inter-
essirten, allein auftreten sah. hoffentlich ist das erste aufrichtiger ge-
meint als das zweite, denn wenn er den antrag auf eine κϱίσις gestellt
hatte, so war es einfach seine sache, sie in die hand zu nehmen, wie
er sie jetzt führt. dann recapitulirt er die beweisaufnahme, brüsk gegen
den metoeken; aber Anytos wird mit sammtpfötchen angefaſst, wie wir ge-
sehen haben. und mit groſser schlauheit wird dann die rede auf das volks-
[379]III. 11. Lysias wider die getreidehändler.
freundliche gebiet hinübergespielt, und sogleich werden die herren richter
an die teuerung erinnert, bei der der preis oft an einem tage um mehr
als eine drachme wechselte: als ob das nicht gerade Anytos hätte ver-
meiden wollen.7) und nun geht es in dem breiten bette der gemeinen
aufwiegelung des volkes wider die “kornwucherer”, von denen jeder von
selbst schon weiſs, daſs sie den strang verdienen, bis zu dem gemeinen
schlusse “schlagt sie tot, dann wird das brot billiger”. das ist häſslich:
aber ganz ekelhaft wird es, wenn hinter dieser sorte volksfreundlichkeit
die rücksicht auf die groſskaufleute hervortritt. “was werden die sagen,
wenn ihr diese hier freilaſst, die gegen sie sich zusammengetan haben.
ihnen tut ihr mit der verurteilung einen gefallen.”
Ob die armen teufel haben bluten müssen, wissen wir nicht. aber
den Athenern ist es ergangen, wie es ein volk verdient, das solche politik
macht und solche redner unter sich aufkommen läſst, wie diesen Lysias.
das heiſst, gut ist die rede; sein honorar hat der advocat verdient. mehr
wollte er nicht: höher dürfen wir ihn aber auch nicht taxiren.
Zeit der
rede.Ein panegyrikos ist für eine panegyris bestimmt: das liegt im
namen. Isokrates wollte den seinen freilich nicht selbst halten, aber er
tat doch so, und das buch sollte zu dem feste erscheinen, und der jahr-
markt gab die beste gelegenheit es unter die leute zu bringen. also
haben wir, wie für eine tragoedie ein Dionysosfest, so für einen pane-
gyrikos eine panegyris zu suchen, wenn wir ihn datiren wollen. mit
einer so einfachen überlegung ist die schönste rede des Isokrates auf
die hundertste olympiade, spätsommer 380, festgelegt. denn daſs die
olympische panegyris gemeint ist, folgt daraus notwendig, daſs diese rede
auf die olympischen reden des Gorgias und Lysias bezug nimmt, zu
ihnen in concurrenz tritt und sie überwindet. selbstverständlich ist ein
buch, das im august erscheinen soll, etliche monate vorher ‘im manu-
script abgeschlossen’, und ein mühsam arbeitender schriftsteller wird
ganze partien schon viel früher angelegt und ausgeführt haben, wenn
auch bei der schluſsredaction alles eine gemeinsame politur erhielt. es
ist selbst bei den rasch gearbeiteten komoedien gut, solche notwendigen
umstände nicht zu vergessen, wenn man die einzelnen anspielungen mit
dem tage der aufführung zusammenhält: wie viel mehr gilt es hier.
die beabsichtigte wirkung ist dabei natürlich doch eine einheitliche,
und 380, auf der höhe seiner kraft, konnte Isokrates auch die uneben-
heiten ausgleichen, die er als greis ruhig stehn lieſs, als er mit der rede
nicht fertig wurde, die zu den panathenaeen 342 erscheinen sollte;
damals haspelte er den faden immer weiter; 338 mag die rede, wie sie
ist, auch ausgegeben sein, aber da war gerade so ungeheures teils ge-
schehen, teils im werke, daſs sie am feste post festum kam.1)
Der Panegyrikos ist publicistisch ein werk allerersten ranges. so
hat ihn seine zeit geschätzt, und wer in ihm nichts als die melodischen
perioden hört, verdient den vorwurf nichts als ein rhetor zu sein (und
kaum ein so melodischer) viel mehr als der verfasser. ohne diese
bearbeitung der öffentlichen meinung wäre die stiftung des zweiten
seebundes schlechthin undenkbar gewesen. darum ist das an sich un-
erfreuliche politische leben des vierten jahrhunderts so überaus belehrend,
auch für das politische urteil über moderne dinge, weil sich in ächt-
hellenischer weise die ganze zerfahrene unschöne vielgeschäftige mache
eines groſsen preſsmanövers in einer rede, in einem kunstwerke con-
densirt. aber weil das kunstwerk in seiner geschlossenheit und seiner
αὐτάϱκεια vor uns steht, läuft man so leicht gefahr zu vergessen, daſs
erst die einsicht in die gesammte politische situation das preſserzeugnis
wirklich verständlich macht, wozu einige kenntnisse, einige phantasie und
auch einige politische einsicht nötig ist. so lange uns die steine noch
nicht ermöglicht hatten, die plane und die erfolge des Thrasybulos in
den alten reichsstädten zu erkennen, und die beziehungen Athens zu
Chios im dunkel lagen2), fehlten die nötigen kenntnisse. so lange der
moderne beurteiler den horizont der schulstube oder des hörsaals oder
eines in patriarchalischer bevormundung still lebenden gemeinwesens
von sich auf den redner übertrug, fehlte die möglichkeit des politischen
1)
[382]III. 12. Isokrates Panegyrikos 100—114.
urteils. es ist dieselbe ehedem notwendige jetzt nicht mehr existenz-
berechtigte enge des horizonts, die für Demosthenes in einer abstracten
moralischen bewunderung erstarb, in Isokrates aber nur den schönredner
sah. der advocat und parlamentarier wird moralisch verlieren, der
publicist an bedeutung gewinnen: dagegen der rednergröſse beider wird
kein abbruch getan, wenn wir die menschen menschlich, die Hellenen
hellenisch sehen.
Veran-
lassung der
rede.Thrasybulos von Steiria hatte es 390 versucht, das Reich zu er-
neuern, mit unzulänglichen mitteln und in demselben braven aber be-
schränkten glauben, daſs in der demokratischen reichspolitik des fünften
jahrhunderts das alleinige heil läge, in dem er seiner meinung nach
das vaterland 403 gerettet hatte. und wirklich machte es einen ge-
waltigen eindruck, als endlich einmal wieder eine athenische flotte in
den gewässern erschien, die sie einst beherrscht hatte. aber wenn
Thrasybulos an die zeiten vor 412 anknüpfte, so beschwor er damit
selbst die coalition zwischen Persien und Sparta herauf, und ein wirklicher
staatsmann hätte für diesen fall gerüstet sein müssen; sein plötzlicher
tod vor dem feinde war für Thrasybulos ein glück. zu hause hatte man
sich den ausschweifendsten hoffnungen hingegeben, und 388 führte
Aristophanes, der alt und ehrbar geworden war3), einen alten schwank
wieder auf, der die wiederkehr des Reichtums sehr verfrüht feierte.
wenn der gott Plutos gekommen wäre und hätte nur dies aristophanische
gesindel in Athen gefunden, das an den eigenen geldbeutel und nicht
an den schatz der burg denkt, so würde er es nicht lange auf erden
ausgehalten haben. aber er kam nicht. an den Olympien desselben
jahres erlaubte sich der sophist Lysias die törichte demonstration, den
seit jahren einander bekriegenden Hellenen eine gemeinsame intervention
zu gunsten der befreiung Siciliens von dem joche des Dionysios vor-
zuschlagen, des mannes, ohne dessen energie Sicilien längst karthagisch
gewesen wäre. Lysias war syrakusanischer herkunft und seit 403, so
weit die advocatur ihn nicht bestimmte andere töne anzuschlagen, mit
der radicalen partei in Athen eng verbunden, ohne doch je eine per-
sönliche geltung zu gewinnen. in wie weit er mit dieser rede be-
stellte arbeit lieferte, mag dahinstehn: Dionysios hatte jedenfalls das
recht, die leitende radicale partei Athens für diese tactlosigkeit ver-
[383]Veranlassung der rede.
antwortlich zu machen und sich zu den feinden Athens freundlich
zu stellen. damit ward der zusammenbruch der stolzen hoffnungen
vollends unvermeidlich, und es war noch das gescheidteste, daſs Athen
gute miene machte und den königsfrieden freiwillig annahm (anfang
386). der verlust war materiell ohne zweifel durch den endlich erreichten
frieden aufgewogen; aber moralisch muſste er unersetzlich erscheinen,
denn nur Athen bekam die schmach auf sein schuldconto, daſs Asien dem
könige ausgeliefert ward, die inseln aber geradezu ins leere fielen:
wenn keine flotte im aegeischen meere herrscht, gehört es den piraten.4)
Sparta mochte den Persern in dem verzichte auf Asien eine wertvolle
concession zu machen scheinen: die Ionier wuſsten es besser, daſs die
plane des Lysandros und Agesilaos begraben waren, schon als dieser
Asien räumte, und sein unfähiger schwager Peisandros sich von Konon
schlagen lieſs.5) in Hellas selbst aber erhielt Sparta freie hand, und es
scheute sich nicht, von dieser freiheit jeden gebrauch zu machen. da
von dem alten Spartiatenadel nur noch eine tyrannische oligarchie übrig
war, und Agesilaos sich jetzt darein gefunden hatte, mit dieser oligarchie
gemeinsam scrupellos jede gebotene chance auszunutzen, ohne höhere
ziele zu verfolgen, so trieb man das spiel der persönlichen willkür
schamloser und ideenloser als je, ohne daſs man auf mehr als localen
widerstand stieſs, der leicht beseitigt werden konnte.
In Athen war unmittelbar naeh dem frieden eine völlige verwirrung,
da es an führenden männern völlig gebrach, niemand den frieden als
grundlage der zukunft ehrlich vertreten mochte, aber noch weniger
jemand ihn zu brechen raten durfte. und doch war eben in den
Hellenen, die der friede preisgab, eine von den eigenen lebensinteressen
[384]III. 12. Isokrates Panegyrikos 100—114.
auf Athen hingewiesene partei gegeben. wo anders konnten die armen
Nesioten den rückhalt finden, dessen sie bedurften? wie sollten die
Ionier ohne den handel Athens existiren, zumal Korinth, von dem wir
nur zu wenig hören, durch den krieg vor den mauern und den bürger-
zwist drinnen wirtschaftlich am meisten gelitten haben muſste. lediglich
die handelsinteressen zwangen die städte, die sich zum teil schon an
Konon, zum teil an Thrasybulos angeschlossen hatten, trotz dem königs-
frieden mit Athen verträge zu schlieſsen oder doch die mit Thrasybulos
geschlossenen nach maſsgabe des königsfriedens neu zu redigiren. es
war für Athen in der tat die einzige rettung, wenn es, zunächst in der
form den königsfrieden wahrend, die fäden der thrasybulischen politik
vorsichtig aufnahm und die alten Reichsstädte möglichst eng sich ver-
band, gleichzeitig aber in Hellas vorsichtig abwartend Sparta gewähren
lieſs, damit dessen übergriffe negativ für eine neue constellation der
mächte stimmung machten. dazu war zweierlei notwendig, erstens
eine reorganisation der eigenen flotte, die ohne eine eröffnung neuer
steuerquellen unmöglich war; zweitens eine rückeroberung der allge-
meinen sympathien, die der königsfriede verscherzt hatte. und einen
schatz besaſs Athen immer noch, der in Susa und Sparta nicht nur
fehlte, sondern mit keinen mitteln beschafft werden konnte: seine litte-
ratur. nicht umsonst durfte es die capitale der geistigen bildung sein:
seine litteratur muſste die öffentliche meinung gewinnen. diese aufgabe
ist dem Isokrates zugefallen, ihr dient der Panegyrikos, und er hat die
aufgabe glänzend gelöst: zwei jahre später kann der zweite seebund ge-
stiftet werden, wird flotte und steuerwesen reorganisirt. das wort ist
hier der tat vorangeeilt; man kann auch nicht sagen, daſs Isokrates die
ideen eines bestimmten staatsmannes verarbeite; das tut er auch in den
reden nicht, die er in den krisen nach dem bundesgenossenkriege und
dem philokratischen frieden schreibt: er hat die empfindung des publi-
cisten für den kommenden wind, mit dem das staatsschiff fahren will.
das ist viel weniger, als er sich selbst zutraute, denn er wähnte, dem
schiffe den curs zu geben. aber es ist doch ungleich mehr als ein
bloſser schönschreiber will oder kann.
Ich hätte das alles nicht gerade nötig gehabt zu sagen; aber es verdiente
gesagt zu werden. wir haben es also mit einer politischen gelegenheits-
schrift zu tun, die für Athens seeherrschaft, in welcher form auch immer,
wirken will. die breite schilderung der freiheitskriege von 480 und die
entfesselung des veralteten hasses gegen die barbaren ist allerdings zu
gutem teile phrase; die tatsachen der geschichte seit 412 stehen damit
[385]Verteidigung der reichspolitik.
im grellsten widerspruch. aber die phrase maskirt sehr gut die gegner-
schaft zu Sparta, die in Olympia nicht offen hervortreten durfte, übrigens
in sehr wirkungsvollen partien gleichsam wider willen des redners hervor-
leuchtet (122—32). dann aber lockte der ungleich berühmtere Epitaphios
des Gorgias den redner noch mehr zur concurrenz als der Olympiakos,
an den es zunächst anknüpfte, und für die wirkung der rede als rhetorisches
kunstwerk, das man zum genusse lesen könnte, hat der ‘panegyrische’ teil
das meiste getan. an ihn schlieſst sich unmittelbar die partie, die ich
erklären will, die verteidigung der athenischen Reichspolitik. denselben
gegenstand hat Isokrates im Panathenaikos (62—73) behandelt, zwar
im anschluſs an seine berühmte schrift, aber doch so, daſs er nicht nur
deren verständnis sichert, sondern auch einige ergänzungen gibt.
Er beginnt mit der behauptung gewisser ankläger, daſs die see-Vertei-
digung der
reichs-
politik.
herrschaft Athens den Hellenen viel leid zugefügt hätte, wofür zum
belege die vernichtung der Melier und Skionaeer angeführt wird. der
Panathenaikos fügt diesen noch die Toronaeer zu und nennt auſserdem
den gerichtszwang und die tribute. die widerlegung führt zuerst kurz
ins feld, daſs die so hart behandelten staaten im kriege mit Athen ge-
standen hätten (was von Melos in wahrheit nicht gilt), und erklärt dann,
daſs sich eine so groſse herrschaft ohne harte maſsregeln erfahrungs-
mäſsig nicht aufrechthalten lieſse. er stellt als kriterium für die qualität
einer herrschaft das befinden der untertanen auf, dies aber in einer
weise, die eine parallele herausfordert; und in der tat kann nur eine
vergleichung einen solchen beweis wirksam machen. diese folgt jedoch
nicht, sondern es wird die wirtschaftliche blüte der städte unter Athen
lebhaft geschildert, und die herrschaft als eine durchaus die formen des
bundesstaates wahrende bezeichnet, weil der vorort jedem einzelnen
staate sein selbständiges leben gelassen und nur für die durchführung
derselben verfassung gesorgt hätte, eben aus der volksfreundlichen rück-
sicht, daſs jeder bürger auch seine angeborenen rechte ausüben sollte,
statt durch die gewaltherrschaft einer minderzahl in den metökenstand
hinabgestoſsen zu werden.6) ein siebzigjähriger friede (rund gerechnet,
v. Wilamowitz, Aristoteles. II. 25
[386]III. 12. Isokrates Panegyrikos 100—114.
eigentlich 478—412) wäre denn auch das ergebnis gewesen, und dem
gegenüber dürfte man nicht auf die kleruchien schelten. die wären viel
eher als garnisonen in verödete städte geschickt, und Skione sogar den
Plataeern abgegeben7): denn daſs Athen nicht auf annexionen aus ge-
wesen wäre, sähe man an der verschonung Euboias; andere Hellenen
dankten vielmehr ihren ruhm und ihr bequemes leben der vernichtung
ihrer nachbarn. wohin dies letzte zielt, würde klar sein, auch wenn
nicht der Panathenaikos breit und offen den vorwurf der annexion
Messeniens wider Sparta erhöbe (66). der vorwurf der kleruchien ist
in sehr geschickter weise in die eigene argumentation verwoben, so daſs
die eintönige widerlegung der einzelnen punkte vermieden ist. aber
wir warten noch auf die vergleichung einer anderen herrschaft. sie
kommt formell nicht, sondern der angriff richtet sich nun persönlich
gegen die ankläger Athens. “angesichts dieser tatsachen haben leute
die stirn uns anzuklagen, die selbst in den zehnerschaften gewesen sind
und ihre eignen vaterstädte schmählich mishandelt haben. die leute
behaupten lakonische gesinnung zu haben, aber ihre handlungen stehn
damit in widerspruch.” und nun wird ein schwall von beschuldigungen
diesen ungenannten anklägern ins gesicht geworfen, die allerdings zumeist
von der art sind, wie sie sich tyrannen und oligarchen immer gefallen
lassen müssen, also auch die Dreiſsig von Athen. individuell sind zwei
züge: “sie haben einem einzelnen heloten wie sclaven gehorcht, damit
er ihr eigenes vaterland unterjoche” und “sie haben in drei monaten
mehr bürger ohne gericht getötet, als Athen während der ganzen zeit
seiner herrschaft vor sein gericht gezogen hat”. diese letzte antithese
hat dem redner so gefallen, daſs er sie im Panathenaikos wiederholt
(66), doch so, daſs die Lakedaimonier statt der unbestimmten übeltäter
genannt werden. bei wege wird übrigens auch hier der gerichtszwang
der bündner als anklagepunkt gestreift, der in der jüngeren rede breiter
behandelt und gleich an den eingang dieser partie gerückt steht.
Man braucht sich’s nur zu überlegen, um zu sehen, daſs hier in
wahrheit die erwartete parallele steht, eine andere herrschaft über die-
selben städte, die allerdings geeignet war, selbst die regierungsweise
6)
[387]Verteidigung der reichspolitik.
Kleons als milde und menschlich erscheinen zu lassen, die herrschaft
der reaction unter den spartanischen harmosten und den oligarchischen
dekarchien von 405—395. was man so findet, sagt der Panathenaikos
mit klaren worten. aber so frei durfte die panhellenische rede 380
nicht mit der sprache herausgehn, deshalb erfahren bestimmt gemeinte
und den hörern kenntliche aber ungenannte ankläger Athens all die
eigentlich den Spartanern zugedachten angriffe, und es wird sogar mit
einer feinen wendung zwischen den guten Lakonen und den bösen
lakonisten unterschieden. daſs in der tat die zeit vom fall des Reiches
bis zum königsfrieden hier geschildert werden soll, bestätigt sich in dem
nächsten abschnitt, denn § 115 setzt unmittelbar so ein: “auch der
königsfriede mit seiner auf dem papier garantirten autonomie verdient
vor unserer herrschaft nicht den vorzug.” dazwischen steht, scheinbar
als ein verlorner gedanke “was jene getan haben, sind dinge die absolut
nicht wieder gut zu machen sind: unsere härten hätte ein volks-
beschluſs auszugleichen genügt”. Isokrates schreibt mit einer weithin
reichenden und ins einzelne verfolgbaren disposition; auch hier hält und
stützt sich alles gegenseitig, nur dieser gedanke, den er selbst als einen
allgemeinen (τοσοῦτον εἰπεῖν ἔχω καϑ̕ ἁπάντων), einen capitalsatz,
ein κεφάλαιον8) bezeichnet und an den schluſs stellt, fällt scheinbar
heraus. das heiſst, er muſs eine besondere bedeutung haben. wahrlich
nicht als geschichtliche wahrheit; denn die erschlagnen Melier machte
kein psephisma lebendig noch die verkauften frei: so angesehen ist es
eine törichte phrase. das hört sie auf zu sein, wenn wir sehen, wie ein
psephisma, das des Aristoteles, wirklich alle die beschwerden, die man
gegen die Reichsverfassung erhoben hatte, beseitigt: die autonomie in
justiz und verwaltung wird zugestanden, die kleruchien und besatzungen
werden verboten, die tribute, die nicht hier, aber im Panathenaikos be-
rührt werden, als solche auch ausgeschlossen. gerade hier sieht man
am deutlichsten, daſs Isokrates die tendenzen sehr wol kennt, die zwei
jahre später den neuen bund begründeten, der allen befürchtungen der
alten untertanen rechnung trug. auch der haſs gegen Sparta, der hier
mehr oder minder versteckt ist, steht in der bundesurkunde offen aus-
gesprochen: der publicist hatte die öffentliche meinung gut bearbeitet.
Der gegner
des
Isokrates.Nun zu den verkleinerern Athens, gegen die Isokrates streitet. es
ist eine bestimmte person, oder vielmehr eine schrift eines mannes, den
die hörer erraten sollen, wenn sie ihn noch nicht kennen. der mann
hat den Athenern den vorwurf gemacht, daſs ihr Reich den bündnern
zum verderben gereicht habe, wegen der gewaltsamen executionen (Skione
Torone Melos), der kleruchien, der tribute, des gerichtszwanges, und
(so können wir aus der verteidigung schlieſsen, obwol die anklage nicht
geradezu wiedergegeben wird) wegen der durchführung der demokratie
in den stadtverfassungen. natürlich war die lage der bündner als sclaverei
bezeichnet: so redet ja Thukydides sogar aus eigener person (z. b. I 98).
dem gegenüber pries der oligarch die Spartiaten als freiheitsbringer und
bekannte sich zu ihrer partei. geschrieben kann das vielleicht schon
während der letzten agonie des Reiches sein; nach unten begrenzt es
die schlacht bei Knidos. aber da die begeisterung für Sparta noch so
groſs ist, muſs man auf eine möglichst geringe bekanntschaft mit seinen
harmosten schlieſsen. für den mann, der dies geschrieben hatte, sind
die anhaltspunkte: er nannte sich einen lakonisten, hatte zu den deka-
darchen in seiner vaterstadt gehört, unter einem lakonischen harmosten,
der niederen standes war, so daſs ihn Isokrates einen heloten nennen
durfte, und war in dieser stellung mitschuldig an einer ungeheuren
menge von freveln geworden, ja selbst die frist dieser untaten wird auf
drei monate genau angegeben. dieser letzte zug ist indessen nicht ganz
sicher, denn es ist eigentlich absurd, in jener einen stadt mehr blut-
urteile gesprochen zu glauben als bündnerprocesse in Athen während
siebzig jahren geführt sind. diese vergleichung paſst nur, wenn man,
wie der Panathenaikos, die ganze reactionszeit der lakonischen herrschaft,
zehn jahre den siebzig, gegenüberstellt. aber die drei monate zwingen
uns dazu, dem Isokrates eine solche vermischung zuzutrauen. die drei
monate sind den ‘wenigen monaten’ sehr ähnlich, innerhalb deren nach
Aristoteles (35, 4) die Dreiſsig 1500 bürger widerrechtlich getötet haben.
dieselbe zahl hat auch Isokrates (20, 11. 7, 67); es war offenbar ein
sofort formulirter vorwurf.9) und doch ist diese zahl für die antithese
des Panegyrikos zu niedrig, und die zahl der monate stimmt nur, weil
sie nicht genau genommen zu werden braucht. Isokrates kann also
von dem vorwurfe nicht frei gesprochen werden, daſs er die person,
die er angreift, von der ganzen lakonistenpartei, die er eigentlich meint,
[389]Der gegner des Isokrates.
nicht scharf gesondert hat. er schlieſst sogar in einzelnen wendungen
die Athener mit ein, indem er in der ersten person des pluralis redet.
die hatten zwar schwer genug unter der reaction, eben durch die Dreiſsig,
zu leiden gehabt, aber der angegriffene schriftsteller war kein Athener, sinte-
mal in Athen kein helot, sondern der Spartiate Kallibios harmost gewesen
ist, übrigens den Dreiſsig gegenüber alles andere eher als ihr herr, und
die tyrannen dreiſsig und nicht zehn gewesen sind.10) und wenn auch
das alles nicht da stünde: diese kritik des Reiches ist ausschlieſslich
vom standpunkte der untertanen aus geschrieben, denen ein Athener,
und wenn er auch noch so oligarchisch war, nie nachempfinden konnte.
die meisten oligarchen von 411 gaben das reich mit nichten auf, die
Dreiſsig fanden es schon zertrümmert: ihr haſs galt dem κατάϱατος
δῆμος zu hause.
Was wir also ermittelt haben, ist eine politische schmähschrift gegen
Athen für Sparta, etwa um 404 verfaſst von einem oligarchischen Ionier
(im weiteren sinne des namens) aus einer ehemals unterworfenen stadt
(also nicht aus Chios; an Samos ist so wie so nicht zu denken), der
in eben dieser unter einem lakonischen harmosten eine blutige herr-
schaft geübt hat. der mann und die schrift waren dem publicum sehr
bekannt, für das Isokrates 380 schrieb, und die vorverhandlungen, die
zu der stiftung des neuen seebundes führten, haben sehr bedeutende
rücksicht auf ihn genommen. ich kann ihn nicht benennen und wüſste
nicht, wie ich ihn suchen sollte, halte aber nicht für ausgeschlossen,
daſs jemand ihn finden kann, weil der anhaltspunkte nicht wenige sind.
daſs die ionische publicistik in den zeiten der entscheidenden kämpfe
solche flugschriften hat erzeugen müssen, ist von vorn herein nach dem
stande des litterarischen lebens glaublich; aber diese schrift hat doch
die hohe bedeutung, daſs sie die anschuldigungen der bundesstädte in
erschöpfender weise zusammengestellt und maſsgebend für die zukunft
formulirt hat. im Panegyrikos und Panathenaikos bekämpft sie Isokrates:
in der friedensrede sieht er selbst in der seeherrschaft das unheil (64),
da berührt er sich mit den gedanken des reichsfeindes, und wir würden
wol noch manche anklänge finden, wenn wir eine vergleichung anstellen
könnten: die bittersten vorwürfe hat er nur nicht vorzubringen gewagt
(81). Aristoteles, der sowol die demokratische entwickelung der athe-
[390]III. 12. Isokrates Panegyrikos 100—114.
nischen verfassung wie die behandlung der bündner als consequenzen
der seeherrschaft verwirft, hat seine ungerechte beurteilung des Reiches
vielleicht nur mittelbar von jenem ionischen reactionär überkommen.
Theopompos von Chios, Duris von Samos haben dasselbe lied gesungen.
es kann niemand mehr einen directen litterarischen zusammenhang auf-
zeigen: aber für die entstehung dieser beurteilung des Reiches in der
folgezeit ist es von groſser bedeutung, daſs sie mitten in der hitze des
kampfes ein praktischer staatsmann Ioniens bereits in einer litterarisch
wirksamen schrift formulirt hat.
Auf die stimmung, die jeden griechischen brief unbesehens verwarf,
ist die entgegengesetzte gefolgt; es ist das jedoch kein fortschritt, denn
stimmungen genügen für die wissenschaft nicht. ich brauchte für den
prinzenerzieher Aristoteles den fünften brief, wenn er ächt war: deshalb
habe ich die sache untersucht, und gerade weil das ergebnis kein ein-
faches ja oder nein ist, halte ich es für richtig.
Der brief an Dionysios (1) ist durch die rede an Philippos (5, 81)Brief 1.
so sicher bezeugt, daſs man, um ihn zu verwerfen, die absicht eines
fälschers wahrscheinlich machen müſste, der auf grund jener stelle einen
brief verfertigt hätte. das ist nicht möglich. es kommt hinzu, daſs der
brief nur ein sehr schön geschriebenes prooemium enthält, das eine
wichtige politische erörterung verspricht. diese zu unterdrücken konnte
Isokrates alle veranlassung haben, wenn die politischen ereignisse eine
für ihn unerwünschte wendung genommen hatten, und der sicilische fürst
mit der entgegengesetzten politik erfolgreich gewesen war: der fälscher
hätte bequem ex eventu schreiben können was ihm paſste. der brief
nimmt auch auf den Panegyrikos in durchaus angemessener weise be-
zug (6), etwa wie die rede an Philippos, und wenn die nachteile des
briefes gegenüber dem gespräche so behandelt werden (3), daſs man die
nachwirkung der schönen platonischen kritik (Phaidr. 275e) spürt, so
spricht das vollends für den verfasser, der trotz aller späteren entfrem-
dung den Phaidros zu viel und zu gerne gelesen hatte, um ihn je zu
vergessen.
Den gleichen stempel der ächtheit tragen die beiden empfehlungsbriefeBrief 7. 8.
an Timotheos von Herakleia und die Mytilenaeer. so viel detail, das wir
als geschichtlich zutreffend erkennen, wo wir es controlliren können,
und in sehr viel gröſserem umfange zu beurteilen gar nicht in der lage
[392]III. 13. Die briefe des Isokrates.
sind, steht nicht in fälschungen, es sei denn, daſs sie anderen zwecken
dienen als sie zur schau tragen. davon ist hier keine rede. es finden
sich in diesen briefen ähnliche wendungen (7, 11 = 8, 10): aber das ist
nicht wunderbar. wenn er diese geschrieben hat, müssen wir dem Iso-
krates doch zutrauen, daſs er solche schriftstücke sehr zahlreich hat aus-
gehn lassen. sie sind viel merkwürdiger als der brief an Dionysios.
denn jener war nichts anderes als der Philippos auch, ein συμβουλευτικὸς
λόγος in der form einer zuschrift, also ohne die fiction der mündlichen an-
sprache, nur in sofern ein brief. die kunstform ist die der rede. in diesem
sinne ist das dritte pythische gedicht des Pindaros auch ein brief, in der form
gleichwol von dem ersten und allen andern chorischen liedern des dichters
nicht verschieden. dagegen die empfehlungsschreiben sind briefe, ἐπι-
στολαί im vollen sinne des wortes. da ist es nun eine für die griechische
stilistik unschätzbare tatsache, daſs Isokrates seinen rhetorischen stil auch
für den brief angewandt hat. er hat nicht begriffen, daſs der brief als
eine vertrauliche und improvisirte äuſserung erst dann gut geschrieben ist,
wenn er für das lesen geschrieben ist, nicht das hören, wenn er von
der stilisirten rede sich κατ̕ εἶδος unterscheidet. stilistisch betrachtet
sind es gar keine briefe. trotzdem daſs Platon sowol in der theorie wie
in der praxis gezeigt hatte, daſs selbst das gespräch als kunstform neben
der älteren ansprache gleich oder höher berechtigt stünde, hat der sophist
nicht begreifen wollen, daſs seine schönredekunst kein allerweltsorgan wäre.
nur die dürftigkeit und stillosigkeit braucht eigentlich handwerkzeuge
wie den ‘bratspieſsleuchter’ und ‘das delphische messer’ 1): so pflegt der
deutsche jetzt dieselbe stillose rede mit mund und feder zu führen; er
sieht darin wo möglich objectivität und biederkeit, daſs er überhaupt
formlos bleibt. aber besser ist das allerdings, als der bei den Hellenen
von Gorgias bis Rhangabis immer wieder auftauchende wahn, daſs eine
bestimmte, allerdings bewunderungswerte, kunstform die ganze prosa be-
herrschen dürfte. der ohne frage vollkommenste vertreter dieser ansicht
ist Isokrates, und er ist sich dessen wol bewuſst gewesen: die in Platon
verkörperte höhere auffassung, der es gelang die gesprochene rede in
allen ihren tönen zu treffen, immer vollendet und immer anders stili-
sirt, hat er im Panathenaikos auch zu überbieten versucht. so hat er
also auch briefe geschrieben, und wir sehen ja, daſs kein geringerer als
könig Philippos für seine diplomatische correspondenz sich an diese stil-
[393]Brief 7. 8. brief 4.
regeln gebunden hat: sein ultimatum an Athen ist in dem stile colto
des Isokrates gekalten. natürlich haben die Hellenen trotz Isokrates
vor und neben ihm wirkliche briefe geschrieben: aber so gern ich proben
hätte — da ich für die fälschungen auf ältere namen nicht empfänglich
bin, so kenne ich keine.2) wenn Platon welche schrieb, des bin ich
sicher, hat er wie ein mensch, nicht wie ein rhetor geredet, freilich wie
der mensch Platon, als greis also wie der greis Goethe briefe schrieb.3)
der erste künstler des ächten briefstils aber ist bekanntlich Aristoteles
geworden. als junger mensch, recht sehr empfänglich für den zauber
der isokrateischen perioden, hat er sich des fictiven briefes für seinen
Protreptikos bedient. die reste seiner privatcorrespondenz aus den spä-
teren jahren rechtfertigen durchaus das lob seiner schule: sie tragen alle
vorzüge des ächten briefstils an sich. dasselbe tun die briefe des Ale-
xandros und was sonst in dessen correspondenz stand 4), natürlich mit
dem unterschiede, daſs der könig der mutter vieles zugleich für sein
getreues volk mitteilt. er schreibt nach Issos an Olympias wie könig
Wilhelm an die königin. aber er schreibt nach den regeln des Aristo-
teles, nicht nach denen des Isokrates.
Nun wäre es ja sehr hübsch, wenn die drei sicher ächten briefeBrief 4.
die ganze sammlung retten könnten. aber so sicher sie ächt sind, gibt es
auch unächte. der empfehlungsbrief an Antipatros (4) ist von Bruno
Keil (Anal. Isocr. 142) durch die form so gut wie es mit solchen mitteln
möglich ist geächtet worden, und Blaſs (Att. Bereds. II2 329) hat vor-
gezogen, auf diesen beweis mit einer redensart zu erwidern, die nur
dem leser imponiren kann, der Keils buch nicht kennt, und auch dann
nicht: denn in den briefen die rede des ‘gewöhnlichen lebens’ zu
finden, ist eine zumutung, der nicht leicht jemand folge leisten kann;
Isokrates würde über sie entrüstet sein. aber sei’s drum: ist das wort
σίνος, gar im plural σίνη, etwa dem gewöhnlichen attischen leben
[394]III. 13. Die briefe des Isokrates.
angehörig? zieht etwa ein xenophontischer beleg für den atticismus
eines wortes? und wenn ein in der tat gewöhnliches wort wie ἄττα
hier allein in dem ganzen nachlasse des Isokrates steht, ist das keine
instanz? der brief beansprucht nun von Isokrates geschrieben zu sein;
die situation, die er voraussetzt, ist einfach, er ist ein empfehlungs-
schreiben für einen nicht genannten sohn eines gewissen Diodotos, der
nach anderen stellungen bereits bei Antipatros angekommen ist und hier
nur weiter empfohlen wird; der sohn reist erst jetzt nach Makedonien.
um des inhaltes willen würde es mir sehr fern liegen, den brief zu be-
anstanden. jetzt, wo die form mich zur verwerfung zwingt, vermag ich
doch nicht zu entscheiden, ob Diodotos oder sein sohn sich dies em-
pfehlungsschreiben des berühmten mannes einmal, vielleicht als jener
längst tot war, verfertigt haben, oder ob ein rhetor mitsammt dem briefe
auch die ϑέσις erfunden hat. übrigens entschuldigt er am schlusse
selbst die etwa im stile vorhandenen anstöſse. das würde Isokrates nur
getan haben, wenn er sicher war, daſs keine darin wären.
Brief 9.Eine viel plumpere und dümmere fälschung ist der brief an Archi-
damos (9), obwol ich da den stil nicht tadeln kann. ob man dem Iso-
krates zutrauen will, ein so groſses stück (11—14), eine von fünf seiten,
aus dem Panegyrikos abzuschreiben, dessen tendenz noch 17 paraphrasirt,
stehe dahin. aber wenn der brief ächt ist, so ist er nach der rede
Archidamos geschrieben, und er versetzt sich selbst in die zeit, wo Iso-
krates 80 jahre war (356): den Archidamos aber kann nur die voll-
kommenste verkehrung aller geschichte von der zeit losreiſsen, in die
er sich selbst setzt, 366, und für die diese gut geschriebene politische
brochure bestimmt ist.5) übrigens war Isokrates in den fünfziger jahren
alles andere als παντάπασιν ἀπειϱηκώς: er stand in mitten einer
eben so starken wie fruchtbaren tätigkeit. dagegen wäre es in der tat
das übermaſs von abgeschmacktheit gewesen, Sparta, das sich mit mühe
der Arkader erwehrte und Megalopolis erst bezwungen haben muſste, um
überhaupt eine politische rolle zu spielen, auf den kampfplatz nach Asien
zu rufen. dies ist also eine in jeder beziehung auſser der form kümmer-
liche nachahmung, die sicherlich erst verfaſst ist, als die zeitgeschichte
genügend in vergessenheit geraten war. übrigens ist es kein wirklicher
brief, sondern nur in dem sinne, wie der an Dionysios; der verfasser
ist auch über die einleitung nicht hinausgekommen, wozu ihm eben jener
[395]Brief 9. brief 3.
die berechtigung gegeben haben wird, als er so verstümmelt vorlag, wie
wir ihn lesen.
Über den sechsten brief, an Iasons söhne, kann ich mir noch keinBrief 6.
festes urteil erlauben, da die momente für und wider sich die wage
halten. ich mag diese unbefriedigende rechnung nicht auflegen.
Um so sicherer bin ich, daſs der dritte brief, der neuerdingsBrief 3.
mehrfach als ächt behandelt ist, eine tendenziöse fälschung, keine
harmlose rhetorenfiction, aber noch weniger ein werk des Isokrates
ist. der brief will geschrieben sein, nachdem Antipatros, der gesandte
des Philippos, den frieden nach der schlacht von Chaironeia in
Athen abgeschlossen und Philippos bereits die absicht kund getan
hat, sich zum feldherrn der Hellenen gegen Asien wählen zu lassen.
den ἀγὼν γεγενημένος (2), der die Hellenen alle zur raison gebracht
hat und die intentionen des königs als richtschnur ihrer eigenen
wünsche zu betrachten zwingt, kann nur eine interpretatorische gewalt-
tat auf etwas anderes als die entscheidungsschlacht beziehen, die am
siebenten metageitnion 338 bei Chaironeia wirklich die Hellenen in diese
zwangslage versetzt hatte. es ist kein weiteres festes datum erhalten;
zwei monate später, am totenfeste des pyanopsion, war alles vorüber.
aber da in Athen zunächst die patrioten sich auf den äuſserten wider-
stand rüsteten, Philippos auf dem schlachtfelde halten blieb und diplo-
matische verhandlung durch die versagung der leichen zu erzwingen
suchte, dann Boeotien unterwarf und neu ordnete, während die ge-
sandtschaften hin und her giengen, so kann Antipatros wirklich vor an-
fang boedromion Athen nicht verlassen haben. also da will der brief
geschrieben sein. es ist mir sehr lieb, daſs man darüber nicht zu streiten
braucht, ob Isokrates, der steinalte mann, vaterlandslos genug gewesen
sei, sich darüber glücklich zu preisen, daſs er diesen tag erlebt hätte
(6): mir ist die rhetorik wahrhaftig zuwider und die allgemeine bil-
dung noch mehr, aber ich könnte das dem Isokrates nicht zutrauen.
doch zum glück braucht man das nicht zu bereden: er war ja damals
schon tot. so rede man doch nicht um die sache herum, sondern be-
kenne farbe, entweder oder. entweder der brief ist gefälscht, oder die
beiden zeitgenossen hahen gelogen, Aphareus, der stiefsohn des Iso-
krates, und Demetrios von Phaleron, der schüler seines feindes Aristo-
teles. denn nach jenem ist er vier, nach diesem neun tage6) nach der
[396]III. 13. Die briefe des Isokrates.
schlacht freiwillig gestorben: ἀδήλου ἔτι ὄντος πῶς χϱήσεται τῇ τύχῃ
Φίλιππος, wie Dionysios sagt (V 537 R.). wer das sagt, hat den brief
nicht gekannt oder verworfen. nun mag einer kommen und ihm zu
liebe jene beiden zeitgenossen der lüge zeihen. der sohn mochte fäl-
schen, um dem vater die schande dieses briefes zu nehmen: aber der
gegner? es existirt ja aber gar keine andere überlieferung über die
zeit, wann Isokrates starb, und diese ist mit dem briefe in keine be-
ziehung gesetzt. man erzählt nur noch von den drei euripideischen versen,
die der alte in der palaestra des Hippokrates recitirte, eh er sterben
gieng, von den drei barbaren, die nach Hellas kamen, zu denen Phi-
lippos nun als der vierte träte. diese anekdote setzt zwar den tod gleich
nach der schlacht voraus, aber sie ist durch keinen gewährsmann ge-
schützt und in sich äuſserst unwahrscheinlich: weder hielt Isokrates den
Philippos für einen barbaren, noch war es seine art tragische verse zu
citiren. das ist also eine fabel, gemacht um den feststehenden tod im
antiphilippischen sinne zu deuten.
Wie aber war die situation wirklich in der ersten woche nach der
schlacht? Athen ohne heer, ein groſser teil der waffenfähigen bürger
gefangen; der sieger, der über eine vorzügliche cavallerie verfügte,
konnte jeden tag die pässe des Kithairon überschreiten. auf die helle-
nischen bundesgenossen war kein verlaſs; der Perserkönig, auf den die
patriotenpartei besondere hoffnungen gesetzt hatte, war zu weit. und
trotzdem herrschten die unversöhnlichen schreier, und Hypereides gieng
ernstlich daran, die sclavenschaft zu befreien und zu bewaffnen. es hatte
eben alles den kopf verloren; wenn Philippos nicht kaltes blut behalten
hätte und zugewartet, bis das strohfeuer dieses verspäteten opfermutes
niedergebrannt war, so wäre Athen verloren gewesen. wer konnte aber
wissen, wie er den wunderbar leichten erfolg ertragen würde? daſs da
ein alter kranker mann, der seine letzte kraft daran gesetzt hatte, diesen
könig und seine vaterstadt in ein gedeihliches verhältnis zu bringen, einer
der zudem die zeiten von 405/3 aus eigner erinnerung kannte, nicht
mehr leben mag und die speise verweigert, ist menschlich und ist
glaublich. er demonstrirt weder für noch gegen Philippos, er will nur
den jüngsten tag nicht mehr erleben. so hat E. Curtius bereits ganz
richtig die tatsache seines todes in diesen tagen erläutert: wenn irgend
6)
[397]Brief 3. brief 2.
welche überlieferung eine sache feststellen kann, so ist der tod in der
ersten woche nach Chaironeia eine feste tatsache.
In den fürchterlichen tagen hat schwerlich jemand viel auf den tod
des alten mannes geachtet. aber als in Korinth Philippos die stellung ein-
nahm, die ihm die publicistik des Isokrates noch in dem Panathenaikos, der
jetzt gerade erschien, zugedacht hatte, die stellung Agamemnons (12,
74—83), da wandte sich ihm das interesse zu, und es war natürlich,
daſs man hin und her redete, wie er sich zu der neuen situation gestellt
haben würde. er war an der schlacht von Chaironeia gestorben, doch
so, daſs die beiden parteien ihn sich zurechnen konnten, und er war
immerhin der anerkannteste redner und redelehrer der welt. die demo-
kraten, so wenig er ihnen zuletzt hold gewesen war, hatten den besseren
schein für sich; das lag an dem datum des todes. ihre fiction ist das
apophthegma der drei verse: sterbend hat er doch den Philippos als
barbaren stigmatisirt. das preſserzeugnis der makedonischen partei ist
der falsche brief. falsch ist er: aus der chronologischen klemme wird
ihn nur die gewalt reiſsen. aber er ist sehr merkwürdig, weil er falsch
ist. er macht propaganda für die officielle hellenische politik Philipps.
später ihn zu erfinden hatte keinen zweck mehr, nachdem der sohn un-
endlich viel mehr erreicht hatte denn der vater geplant.7) im winter
338/7 war er ein guter contrecoup gegen die durch demokratische fabeln
verstärkte wirkung des todes. wer zählte auch so genau die tage?
Aphareus und Demetrios haben es getan; ob mit derselben absicht, wie
ich hier, muſs dahingestellt bleiben.
Der falsche brief tat um so bessere wirkung, wenn bekannt war,Brief 2.
daſs Isokrates an den könig öfter geschrieben hatte. seine ächtung zieht
also den zweiten brief mit nichten mit ins verderben, und daſs eine
wendung aus diesem (11) in dem falschen (5) wiederkehrt, discreditirt
nur den letzteren. auch der falsche brief an Archidamos (6) hat den
eingang des zweiten benutzt. der inhalt ist überwiegend wirklich ein
persönlicher. der redner warnt, wie ihm alter, berühmtheit und die
durch die groſse rede begründete persönliche beziehung wol verstatteten,
den könig davor, sein leben allzusehr im kampfe auszusetzen und nicht
die pflichten des königs mit denen des soldaten zu verwechseln. es ist
[398]III. 13. Die briefe des Isokrates.
bekannt, wie sehr Philippos diese mahnung verdiente. die empfehlung
seiner vaterstadt steht dem Isokrates wol an; nirgends schreibt er ab,
nirgends freilich verrät er tiefere einsicht in die actuelle politik, so daſs
man zwischen dem frühjahr 341 und dem 340 schwanken kann: denn
vor dem aufbruche aus dem winterquartiere muſs der brief verfaſst sein.
ich wüſste kein moment, das wider ihn spräche.
Brief 5.Damit ist über die beilage dieses schreibens, den brief an Alexan-
dros, entschieden (5), wenn anders er ist, wofür er sich ausgibt, eine
beilage. daſs der könig in den winterquartieren seinen sohn bei sich
hat, ist begreiflich. daſs Isokrates veranlassung nimmt, sich dem hoff-
nungsvollen erben vorzustellen, nicht minder; aber wenn er das damit
motivirt, er müſste doch den beweis liefern, daſs er noch einen rest
seiner alten leistungsfähigkeit bewahrte, und man angesichts dieses
ihm nicht nachsagen könnte, er wäre kindisch geworden, so reicht
die allgemeine situation, wie sie die bekannten personen geben, nicht
wol hin. der alte berühmte professor schreibt an den prinzen ganz
wie sichs gehört, anerkennend und aufmunternd. ‘wenn du so fort-
fährst, wirst du auch im späteren alter dich vor den übrigen an ein-
sicht so hervortun, wie es jetzt dein vater vor allen tut.’ das com-
pliment zielt auf den vater; der es schrieb, wollte von jenem gelesen
werden und hatte keine ahnung, wie ungeheuer der sohn diesen zu
überflügeln berufen war. beides ist eine garantie der ächtheit; aber
was Isokrates von Alexandros gehört haben will, befremdet zunächst. er
treibe philosophie; nun gut, das ist im munde des alten, er lernt, wie
sich für den kaum mannbaren knaben schickt. er treibe zwar auch
die philosophie, die wir so nennen, Isokrates eristik schilt, aber seine
neigung gelte der besseren philosophie, der rhetorik. das ist sehr wenig
glaublich: von der rhetorik hat der groſse könig nachmals wenig genug
gehalten, weder selbst die isokrateische kunst geübt, noch neben hof-
poeten, hofphilosophen und hofkünstlern aller art hofrhetoren ange-
stellt, es sei denn man rechne die historiographen Anaximenes und
Kallisthenes mit, die Isokrates nicht anerkannt haben würde. die ein-
fachen glockentöne Homers, nicht die künstlichen fugen und passagen
des Panegyrikos haben seine heldenseele zum zuge wider die barbaren be-
geistert. also muſs Isokrates schlecht berichtet gewesen sein, oder viel-
mehr, er war es wol gut, und gerade deshalb schrieb er so wie er es
getan hat, und weil er sich so anstellt, waren die leser in der lage die
feinheit des alten zu bewundern: das ist weniger auf den prinzen als
auf den hofmeister Aristoteles berechnet. der rhetor stellt was er wünscht
[399]Brief 5.
mit harmlosem gesichte so dar, als hätte er es gehört, und belobt den
prinzen für das was er gern an ihn loben würde. an einen minder
vornehmen würde er die form der mahnung gerichtet haben ‘wozu die
spintisierkünste der eristik und dialektik, die dir Aristoteles beibringt,
wozu lernen was man gar nicht braucht. du bist für das praktische
leben bestimmt, dazu hilft dir nur die schulung fürs leben, die allgemeine
bildung und die rhetorik’. so schwatzen ja auch jetzt die Isokratesse,
nur daſs sie weder reden noch schreiben können. könig Philippos aber
wuſste, wozu er beide brauchen konnte, den rhetor um die gimpel der
öffentlichen meinung zu fangen, und den philosophen um dem makedo-
nischen throne einen herrn von ächt hellenischer seele zu geben. dieser
brief ist wirklich ein hübsches stückchen isokrateischer finesse: der ist
ächt, weil er tiefer ist als er scheint und auf notorisch wahre verhält-
nisse versteckt bezug nimmt.
So endet meine prüfung. es gibt also ächte und unächte stücke
in der sammlung. die form zeigt, daſs sie alle, wie natürlich, recht alt
sind. weil es ächte gab, lieſsen sich unächte schmieden; deren jeder
seine verschiedene herkunft hat. die Alexandriner haben sie natürlich
so vereinzelt überkommen, wie wir jetzt den dritten demosthenischen
brief lesen. da ist also von vorn herein gar kein anderes resultat zu
erwarten als ein sehr complicirtes. so viel stücke, so viel einzelne pro-
bleme. ich würde es schon für einen groſsen fortschritt halten, wenn
man aufhörte die schur über einen kamm für methode zu halten.
“In der guten alten zeit hielt das volk darauf, daſs die biedermänner
auch zu den ämtern herankamen. das war sehr schön, denn die stän-
digen inhaber (οἱ συνεχεῖς οἵδε) nahmen sich vor diesen anständigen
collegen zusammen, und es wurden die braven leute nicht von der krippe
(dem καϱποῦσϑαι τὰ κοινά) weggestoſsen, weil sie sich nicht zu einer
tätigkeit drängen, die es mit sich bringt, daſs man commandirt und durch
die disciplin misliebig wird (ἐνοχλεῖν καὶ παϱαγγέλλειν). jetzt besetzt
ihr die ämter wie die priestertümer (das heiſst hier nicht, wie bei Iso-
krates 2, 6, daſs jeder befähigt zu ihnen erscheint, sondern daſs das volk
auf die person keinen wert legt und jeden der sich meldet zuläſst), und
da ist es natürlich, daſs ihr, die masse, herumlauft1) und zu den wenigen
emporblickt, die durch die pfründen reich wurden, die sie dauernd ge-
nieſsen (συνεχῶς πολλὰ λαμβάνειν). ihr seid eben so inconsequent,
daſs ihr die iteration der astynomie z. b. verbietet, die der strategie ge-
stattet. für die wirklich militärischen stellen (τοὺς ἐπὶ τῶν πϱάξεων,
bei Aristoteles ähnlich 61, 1 πϱὸς τὰ παϱόντα πϱάγματα ἐκπέμπειν,
wenns aber keine πϱάγματα gab, so hatten diese vollends sinecuren) mags
noch hingehn, aber es ist eine tollheit bei denen die ohne etwas zu tun
zu haben einen unbefristeten posten einnehmen, obgleich sie für einen
befristeten gewählt sind. (das mag das frostige wortspiel meinen, χώϱαν
ἀτέλεστον ἔχουσιν αὐτοὶ τετελεσμένοι vgl. Weil zur rede πεϱὶ συντά-
ξεως 19. natürlich klingt die τελετή neben dem τέλος durch: sie sind
geweiht, haben aber einen ungeweihten platz). ihr müſst auch von euch
leute in diese stellen bringen.”
Was ist das? erstens ist es kein prooemium, denn es fängt mit
der wirklichen behandlung eines wirklichen vorschlages an. es ist ein
bruchstück, denn die behandlung geht über die allgemeine tendenz des
antragstellers nicht hinaus, und der letzte satz ist nicht mehr voll ver-
ständlich “wenn ihr gleichsam eine wage auſstellt, wird schon von selbst
hervortreten (πϱόεισιν sc. ἐξ ὑμῶν) wer etwas (eine berücksichtigung)
verdient” dabei kann man sich nur in vager allgemeinheit etwas denken:
es ist der übergang zu der speciellen behandlung. wir haben hier somit
eine rede, die die unbeschränkte iteration der strategie beseitigen will
und unverblümt zu verstehn gibt, zu tun hätten die meisten strategen ja
doch nichts, und die emolumente dürften nicht bloſs wenigen zuflieſsen.
ich muſs eingestehn, daſs ich nicht weiſs, worin diese emolumente be-
standen und wieweit sie nicht bloſs ‘usancemäſsig’ waren (vgl. oben
I 196).
Ob man dem Demosthenes die moralische niedrigkeit zutrauen will,
die in der motivierung dieses antrages liegt, mag ich nicht entscheiden:
die torheit, die darin liegt, traue ich ihm nicht zu. aber für seine zeit
trifft denn doch die bedeutungslosigkeit der strategie nicht zu. freilich,
Phokion bekleidete sie fast ständig, und leute wie Chares und Chari-
demos haben geld mit ihr genug gemacht. aber der gedanke, daſs der
stratege Athens auf das niveau des archonten hinabgedrückt zu werden
verdiente, konnte wahrlich erst in dem kleinstaate des dritten jahr-
hunderts aufkommen oder geäuſsert werden. es muſste die ἐμπειϱία
des wirklichen militärs nicht mehr notwendig sein. es fehlt mir an
jedem näheren zeitlichen anhalt. denn daſs die astynomen in der ephe-
meren verfassung des Antipatros unterdrückt waren (Dittenberger zu Syll.
337) macht nichts aus. aber für evident und für wichtig halte ich, daſs
wir hier ein stück haben, das nicht ein rhetor zusammengestoppelt hat,
um demosthenisch zu schreiben, sondern daſs wir etwas von attischer
beredsamkeit aus der zeit des Demochares oder noch späterer besitzen,
die denn allerdings ihren stil demosthenisch drechselte: mit hiaten und
vocabeln und prosametrik kommt man solchen problemen nicht bei.
Gleich vorher steht ein stück ganz derselben art (54). das ist die
formelhafte meldung eines ἱεϱοποιός, der im namen seiner collegen vor
dem volke über den ausfall der opfer berichtet, die sie an Zeus Soter,
Athena Soteira und Nike gebraucht haben, daneben an Peitho, Götter-
mutter und Apollon (der ohne beinamen in solcher verbindung schwer
denkbar ist), und demgemäſs beantragen, das volk möge die bereitwillig-
keit aussprechen, das ergebnis ihrer opfer auf sich zu nehmen.
Aus der litteratur wird man diese worte, die für ein prooemium
zu halten kindisch wäre, da es eine vollkommene rede ist, nicht leicht
verstehn. aber die inschriften des dritten jahrhunderts belegen den ge-
brauch und die formeln, z. b. CIA II 305. 307. 315. 323. Ἐφ. ἀϱχ.
87, 172, Dittenberger Syll. 382. auch Zeus Soter, Apollon, dieser wegen
des Keltensieges, Athena Nike (Δελτ. 89, 58) wegen späterer siege über
Kelten oder Illyrier, wenn der geehrte der archon Herakleitos von
214/13 ist, kommen vor. wer die steine kennt, wird über die zeit
nicht im zweifel sein, wann dies formular für eine ansprache an das
volk oder, mit geringer modification, vor dem rate aufgesetzt ist. es ist
viel interessanter, weil es nicht von Demosthenes ist. überhaupt (wie
ich es schon vor jahren formulirt habe) ist die athetese der pseud-
epigrapha immer nur die hälfte von dem, was die wissenschaft zu
leisten fordert: die schriften fallen doch damit nicht ins bodenlose,
daſs sie den verfassernamen einbüſsen. und die auf Demosthenes
namen verfertigten stücke, epitaphios, erotikos, vorreden, ein teil der
briefe, die erste rede gegen Aristogeiton, Demonikos und ein teil der
isokrateischen briefe, die leichenrede des Lysias, ein teil der pseudo-
platonischen und pseudaristotelischen schriften sind documente für eine
zeit der attischen litteratur, die uns sonst nur philosophen und die
späte komödie in bruchstücken und nachbildungen repraesentiren: in wahr-
heit haben wir für ihre bestrebungen, gerade die stilistischen, belege
genug; man muſs sie nur an ihrem orte benutzen. erst in der über-
treibung (der rede gegen Aristogeiton) hat Demosthenes vielen die δει-
νότης verkörpert; erst in der unkünstlerischen anähnlichung an die gno-
mische poesie und das philosophische apophthegma hat die paraenese des
Isokrates auf die masse gewirkt; nicht der ächte Platon, sondern der
erste Alkibiades war für den gaumen des Persius, und nicht die Politik,
sondern die grobe predigt des Kleitophon ποῖ φέϱεσϑε, ὦ ἄνϑϱωποι
ist populär in der kaiserzeit. erst so wie es in der diadochenzeit legirt
wird, hat das gold der attischen cultur durch die jahrhunderte cursirt.
Die entrüstung über die verräterei Memnons von Rhodos, der sein
freund Hermias zum opfer fiel, hat dem Aristoteles zwei gedichte ent-
lockt, die wir der biographie des Hermippos verdanken. denn daſs auf
diesen die darstellung des Athenaeus zurückgeht, über irgend eine musi-
kalische schrift, die z. b. den Polemon citirte, wird klar durch das citat
696 f., und anders wird man auch den bericht des Diogenes (V 6)
nicht beurteilen 1), so viele mittelglieder auch zwischen dem originale
und dem letzten ausschreiber liegen. für die kritik ist also maſsgebend,
daſs alles worin Athenaeus und Diogenes stimmen ohne weiteres Her-
mippos ist. was wir gegen beide gewährsmänner ändern, ändern wir
gegen einen zeugen des dritten jahrhunderts. vor Hermippos hatten die
gedichte berücksichtigung gefunden in der von diesem selbst bezweifelten
verteidigungsrede des Aristoteles (Ath. 697a), bei dem falschen Aristippos
(Diog. V 4) und vielleicht dem Pythagoreer Lykon von Iasos (Aristokles
bei Euseb. pr. ev. XV 792), denen man wol so viel glauben kann, daſs
der schurke, der den Aristoteles wegen religionsfrevels belangte, nicht
sowol die gedichte als die tatsache ihrer existenz misbraucht hatte. sie
sind denn auch dem pedantismus nicht zum opfer gefallen, der dem
Platon seine zum teil eben so gut bezeugten epigramme abstreitet.
Das epigramm auf Hermias stand unter einer statue desselben in
Delphi; eine prosaische inschrift muſs die namen des geweihten und
des weihenden getragen haben. andere weihungen von statuen verordnet
das testament des Aristoteles. das gedicht lautet:
Gewiſs ist der gedanke und die form edel. aber für sehr poetisch
wird man χϱησάμενος nicht halten, und man würde lieber πίστις δολία
gleich ἀπάτη lesen, wenn nicht ἀνήϱ ohne epitheton kahl würde. μακά-
ϱων ϑέμις ἁγνή ist eine conventionelle floskel. nicht mehr ist der gegen-
satz des asiatischen bogenschützen zu der lanze der hellenischen hopliten,
deren lanze wieder mit dem truge der hinterlist in gegensatz gebracht
ist. 480, zu Simonides zeiten, waren fern- und nahwaffe freilich für
barbaren und Hellenen bezeichnend; jetzt, wo die Perser längst mit
griechischem fuſsvolk ihre schlachten schlugen, hier, wo eben ein griechi-
scher lanzknecht der täter war, beweist die phrase nur auf das deut-
lichste, daſs Aristoteles den epigrammenstil bei dem meister der gattung
gelernt hat. im ersten verse ist das wortende in der hebung des dritten
vierten und fünften fuſses sehr häſslich, wenn man an die kunst des
dritten jahrhunderts gewöhnt ist. aber Aristoteles steht natürlich in
seiner zeit. auch Platon hat metrisch seine verse nur zum teil, seinem
ohre folgend, schön gebaut, sonst war die technik schon im fünften
jahrhundert verwildert.2) vollendete disticha bauen Archilochos und
Mimnermos; dann sinkt die kunst, ganz natürlich bei leuten anderen
stammes, die den hexameter homerisch zu bauen sich erlauben. und
erst die erneuerer der elegie in Samos und Alexandreia, (noch nicht ihre
unmittelbaren vorgänger) haben an die begründer und meister des stiles
angeknüpft.
Das gedächtnisfest, das Aristoteles dem getöteten freunde ausgerichtetDer hymnus
auf die
Tugend.
hat, ist von dem lyrischen gedichte verherrlicht worden, das wir gleichfalls
dem Hermippos verdanken. für einen paean konnte es nur die verläumdung
erklären, die von Hermippos mit recht durch das fehlen des charakteri-
stischen ephymnions ἰὴ παιάν widerlegt wird. aber ein skolion, wie He-
mippos will, oder ein ϑϱῆνος ist es auch nicht, und die aufnahme des
verstorbenen in den kreis der heroen wird allerdings ausgesprochen; woran
denn die klage auf gottlosigkeit ansetzte. so sicher es ist, daſs es dem
dichter eigentlich auf Hermias ankommt, gilt formell doch das lied nicht
ihm, sondern der Tugend, und so rückt es in die classe der rituellen
religiösen lieder. von der art der aufführung wissen wir nicht mehr,
als daſs es ein chor vortrug; so viel zeigt das versmaſs und der stil.
aber man kann sich’s sehr gut vorstellen, daſs Aristoteles, etwa in My-
tilene, sich die musiker und sänger verschaffte (die composition kann
er sehr wol selbst gemacht haben), eine gedächtnisrede hielt 3) und mit
den feierlichen klängen seines liedes dem ganzen die religiöse weihe gab.
es war ein ersatz für die totenfeier, die dem Hermias entgangen war;
die sitte war der zeit nicht fremd, denn Philippos hat ein solches ἐπι-
τιμᾶν, wie der bezeichnende name ist, dem Platon angedeihen lassen. 4)
Da die Areta keine wirkliche gottheit ist, der man opfern, zu der
man beten könnte, so ist die rituelle form wiederum nichts als form.
[406]III. 15. Die gedichte des Aristoteles.
man erinnert sich zunächst an das lied auf die Gesundheit von Ariphron,
das die Hellenen nach dem essen sangen: ihre art ‘gesegnete mahlzeit’
zu sagen; sie waren eben religiöser gestimmt als wir. aber die art, von
der anrufung an eine gottheit auszugehn, ist der alten lyrik überhaupt
eigen. so tut es Pindar mit Tyche, Theia, Eileithyia, die wenig mehr
religiöse persönlichkeit haben als Hygieia und Areta. noch stärker ist
die ähnlichkeit mit den liedern an das Gold und die Weisheit bei Diodor
37, 30, die eben aus später lyrik stammen. Aristoteles bewegt sich auch
hier in den festen formen der zeitgenössischen poesie. das gilt für den
ganzen stil; es ist der des dithyrambos, mit Aristoteles zu reden, und
die probe dieser so bedauerlich wenig kenntlichen poesie ist für uns als
solche interessant.
Das versmaſs in dem ganzen körper des gedichtes ist ein sehr ein-
fach gehaltenes daktyloepitritisches. nur das erste und letzte glied sind
aeolischer herkunft; es schlieſst, durch synaphie gebunden, der alkaische
zehnsylbler, und er beginnt auch, aber um einen vorschlag von zwei kürzen
vermehrt, wenn man will, eine aeolische basis. natürlich bezeichne ich
so nur die erscheinungsform der zeilen, die man beliebig benennen
mag. die ganze weise, solche glieder anzustücken, ist nichts befrem-
dendes. sie hat in dem ithyphallikus der tragischen strophen daktylo-
epitritischen maſses ihr analogon, und ich könnte leicht noch mehr bei-
bringen. selbst der strenge Pindar beginnt die daktyloepitriten von Nem. 8
und 10 mit einem aeolischen gliede. abgesondert hat aber auch Ari-
stoteles die erste zeile als fremdartig, denn die zweite allein hat eine
vorschlagssylbe. die schluſssylben der glieder sind überwiegend lang.
katalexen sind sehr selten, und wenn Pindar das daktylische glied als
dimeter trimeter tetrameter gibt, so steht hier nur einmal ein katalek-
tischer dimeter, der auch als anaklasis des epitriten gelten kann, sonst
immer der gewöhnliche trimeter. zweifelhaft ist nur die auffassung eines
gliedes in v. 12.
Mehr noch damit das διϑυϱαμβῶδες des stiles deutlich werde als
zur sicherung des textes ist eine erklärung notwendig. gleich der an-
fang gibt in einer sehr kühnen nominalconstruction was in einfacher
prosa heiſsen würde σὲ γὰϱ ὡς τὸ βιωφελέστατον μετεϱχόμενοι πολλὰ
πονοῦσιν οἱ ἄνϑϱωποι. die beiden vocative stehen für den gedanken
einander keineswegs gleich, die beiden dative daneben stehen auch in
verschiedener bedeutung, τὸ ἀνϑϱώπινον γένος μοχϑεῖ, aber nicht ὁ βίος
ϑηϱᾷ, sondern οἱ ἄνϑϱωποι ϑηϱῶσι τὸ κάλλιστον τῷ βίῳ. endlich
πολύμοχϑος für πεϱὶ οὗ πολλὰ μοχϑοῦσιν ist zwar ganz correct, aber
doch recht kühn. v. 5 erwartet man die unermüdlichkeit von denen
ausgesagt zu sehen, die dulden; es heiſsen aber ihre mühen μαλεϱοὶ
ἀκάμαντες. denn nur ein elender stilist könnte den accusativ ἀκάμαντας
von dem nachbarn μαλεϱούς trennen und zu τλῆναι ziehen: in dem
falle würde ἀκάμαντα stehn. vielmehr sind die beiden adjective in
mehr oder minder glossematischer bedeutung gebraucht. ἀκάμαντες
oder ἀκάματοι (eine variante, die sich bei Athenaeus eingedrängt hat)
heiſsen die elemente seit den zeiten des epos, der Ὠκέανος, das meer,
die sonne, der aether, die erde, die zeit; auch der einzelne fluſs heiſst
so, weil er rastlos rinnt: auch der strom des lebens und seiner mühen
rinnt ewig, rastlos, unermüdet. und gegen diesen strom anzuschwimmen
ist die lebensaufgabe der heroen. das complement ist μαλεϱοί. man
muſs nur wissen, daſs die glossographen das epitheton des feuers (nur
das ist es im epos) als μαϱαντικόν faſsten (schol. Apoll. Rh. 1, 734,
dazu Et. M.), während die νεώτεϱοι darin λαμπϱόν gesehen haben
sollen. die tragiker lassen nicht erkennen, wie sie das wort verstanden
haben, so lange wie sie es nur vom feuer brauchen, obwol πυϱὸς μα-
λεϱὰ γνάϑος schon gegen λαμπϱός spricht, und wenn Ares als pestgott
μαλεϱός heiſst, so ist das epitheton des feuers um der πυϱετοί willen
gesetzt, aber schon dies führt auf das ‘verzehrende’ feuer. stellen vollends
wie μαλεϱοὶ λέοντες und gar μαλεϱὸς πόϑος (Aisch. Pers. 62) lassen
keinen zweifel. im gegensatze steht Pindar, der mit μαλεϱαὶ ἀοιδαί
natürlich λαμπϱαί meint (Ol. 9, 22), wie auch die scholien erklären,
[408]III. 15. Die gedichte des Aristoteles.
im widerspruche zu einer perversen deutung des Didymos. Aristoteles
folgt den Attikern, πόνοι μαλεϱοί ist gesagt wie πόϑος μαλεϱός. was
er aber von den mühen aussagen will, das gibt erst die verbindung der
beiden adjective, οὐ κοπιῶντες ἐν τῷ μαϱαίνειν würde ein antiker
paraphrast erklärt haben. des lebens müh’ und arbeit ist ein strom,
der selbst nimmer müde wird, der ungeschwächt in ewigkeit rinnt.
aber er macht müde, er verzehrt die kräfte des menschen; wer gegen
ihn anschwimmt, dem erlahmen die muskeln und versagt der atem. und
doch stürzt der heros sich in den kampf, denn die tugend zeigt ihm (legt
in seine seele) eine frucht (einen lohn) köstlicher als gold (πλοῦτος) vor-
fahren (εὐγένεια, wie Rose richtig gesehen hat) und schlaf (ἡδονή). das
ist ein einfacher gedanke; aber dem stile gemäſs sind schon die einzelnen
glieder durch zum teile kühn gewählte exempel bezeichnet, und wahrhaft
dithyrambische epitheta stehn dabei. der schlaf heiſst μαλακαύγητος.
das wollen die kritiker schlechterdings nicht dulden. über die bildung
neben μαλακαυγής brauche ich nichts mehr zu sagen; das ist nur ein
beispiel der gattung, die Herakl. II 107 belegt ist. aber der schlaf ‘mit
dem weichen glanze’ scheint den kritikern unsinn. nun so mögen sie
an das bett eines blühenden kindes treten und die μαλακὴ αὐγή auf
seinen wangen selber sehen. glänzen die wangen nicht? οἷον ὑπνώοντος
ἐϱεύϑεται ἄνϑεα μήλων sagt ein geringer dichter von Pergamon (Kaibel
Ep. 243, 12). und ist das der starre glanz des erzes? sind die glieder,
die der λυσιμελής in seinen weichen banden hält, nicht μαλϑακὰ γυῖα?
αὐγή wird freilich überwiegend von dem lichte und dem lichte des men-
schen, dem auge, gesagt; aber der dichter hat doch sein recht, und
Pindar sagt es vom golde (N. 4, 22), Euripides (Hipp. 745) vom bernstein.
jede mutter, die nachts sich über das bettchen ihres kleinsten beugt, wird
den Aristoteles trotz seiner kühnheit verstehn: der kritiker sollte noch
mehr tun, und einsehen, daſs mit überlegung nur der physische genuſs der
ruhe, der erholung, am schlafe hier hervorgehoben wird, weil der phi-
losoph jeden gedanken an die εὐνή (μείλιχα δῶϱα καὶ εὐνγ´ Mimnermos
1, 3 wenn man stehn läſst und versteht, was er geschrieben hat) fern
halten will. — das epitheton des καϱπός, den die tugend verspricht, ist
bei Athenaeus zu τ̕ ἀϑάνατον, bei Diogenes zu εἰς ἀϑάνατον verdorben.
denn daſs nur ein epitheton hier stehn kann ist eben so klar, wie daſs
καϱπός richtig ist. wenn man das streben oder sehnen hineinbringen
will, wie soll ἵμεϱος denn πλούτου εαὶ εὐγενείας κϱείσσων sein?
κάϱπος ἀϑάνατος ist es was man erwartet. es ist ja doch dasselbe
was die sage in den äpfeln der unsterblichkeit symbolisirt hat. aber wenn
[409]Der hymnus auf die Tugend.
die abschreiber ἀϑάνατος abgetrennt haben, so zeigen sie selbst, daſs
etwas davor stand, und das versmaſs verlangt eine kürze mehr. zur
emendation, oder vielmehr zur entscheidung für Diogenes, dessen über-
lieferung man nur zu deuten braucht, hilft das διϑυϱαμβῶδες des stiles.
ἰσαϑάνατος ist freilich neu und seltsam, aber doch nur ein synonymon
zu ἰσόϑεος, wie die τυϱαννίς zu heiſsen pflegt. ἰσοδαίμων βασιλεῦσι,
ἰσόδενδϱον βίου τέκμαϱ (so langes leben wie die bäume) sagt Pindar.
ἰσοδαίμων βασιληὶς ἀϱχά Ariphron, ἰσολύμπιοι ἰσάκτιοι ἀγῶνες sind
die im range den Olympien oder Aktien gleichstehenden. gewiſs wäre die
zusammensetzung mit einem an sich negirten worte undenkbar, wenn
nicht dieses wort längst zu einem positiven begriffe geworden wäre.
daſs καϱπὸς ἴσος τῇ ἀϑανασίᾳ bezeichnender ist für den lohn eines
strebens, das selbst zum tode führt, als wenn ἰσόϑεος dastünde, also
Aristoteles zu dem wagnis berechtigt war, bedarf keines wortes. —
Herakles und die Dioskuren sind das erste beispiel; an sich so vulgär
wie die folgenden, Achilleus und Aias. aber pretiös ist die bezeich-
nung der Dioskuren als Λήδας κοῦϱοι, weil sie neben Herakles unter
den begriff οἱ Διός subsummirt sind. οἱ Διός hat Aristoteles ohne
zweifel geschrieben; ὁ Διὸς hat Athenaeus, ἐκ Διός Diogenes. vor der
krasis οὑκ, die Brunk hineingebracht hat, wird sich das lyrische gedicht
gescheut haben. daſs Hermippos Ἀίδαο δόμους für Ἀίδα δόμον ge-
schrieben hat, obwol so das versmaſs ganz zu grunde geht, ist bemer-
kenswert für diese art von verderbnis, die vertauschung an sich gleich-
berechtigter poetischer formeln: die emendation ist simpel und sicher.
das gilt auch von ἀϑάνατόν μιν αὐδήσουσι Μοῦσαι, wofür Hermippos
aus dem nächsten verse αὐξήσουσι hat. daſs das “gedächtnis im liede”
(Μοῦσαι Μνημοσύνας ϑύγατϱες) dem todten Hermias die unsterblich-
keit verleiht, ist auf das treffendste so bezeichnet, daſs die Musen ihn
trotz dem tode unsterblich nennen, zu ihm reden, wie sie’s zu Harmodios
getan haben, φίλταϑ̕ Ἁϱμόδι̕ οὔ τί που τέϑνηκας. dabei verherr-
lichen sie (αὔξουσαι) seine gastfreiheit und freundestreue; οὗτος καὶ
Δία ξένιον ἐσέβετο καὶ φιλίαν βέβαιον ἐγέϱαιϱεν (wie νόμους γεϱαί-
ϱειν) sagen sie: das ist wieder nominal ausgedrückt σέβας Διός, γέϱας
φιλίας. schwierig ist nur um des versmaſses willen v. 12, ich habe
so abgeteilt, daſs es ddee ergibt; dazu war ἀελίου in ἁλίου zu ändern,
was belanglos ist, und anzunehmen, daſs d, der daktylische trimeter
anomal aus drei dactylen bestehe. die anomalie ist bekanntlich im drama
sehr gewöhnlich; aber für die lyrik fehlt ein beleg, und die reste vom
gastmahl des Philoxenos sind für mich zu verdorben, als daſs ich zweifel-
[410]III. 15. Die gedichte des Aristoteles.
haften stellen dort irgend etwas abgewinnen möchte. es ist aber noch
ein anderer weg vielleicht gangbar. wenn man ἀελίου stehn läſst, so
gibt der schluſs ein tadelloses de, und d steht am anfang. es bleibt
-φᾶς καὶ Ἀταϱνέος. darin können die schluſssylben zusammengezogen
gesprochen werden. zwischen εο und ευ ist im ionischen der unter-
schied ganz gering. man würde also einen epitriten erhalten, wenn καί
elidirt werden könnte. das ist weder attisch noch in der älteren lyrik
oder bei guten elegikern möglich. aber wann hat es begonnen? mir
ist gerade ein beleg aus einem lyrischen gedichte gegenwärtig, das in
seinem stile stark an das aristotelische erinnert (fragm. adesp. 129 Nauck;
de trag. fgm. 24). die untersuchung kann ich zur zeit nicht führen;
vielleicht entscheidet sie rasch einer unserer grammatiker. daſs καί in
Ionien schon um 450 vor diphthongen seinen eigenen körper ganz verlor,
zeigt κ̕ Οἰνοπίδης IGA 381, 19: das ist elision; in Athen würde es
κᾠνοπίδης lauten, mit krasis. die elision von αι in den verbalformen
ist alt und nimmt immer zu: es liegt nahe, daſs sie die häufigste par-
tikel ergriff. aber hier fehlt mir die gelehrsamkeit die sache zu ent-
scheiden.
Für den sinn des ganzen gedichtes ist die vorstellung wichtig, die
der dichter von dem verhältnisse gibt, das der mensch zu der göttin
Areta hat. er sehnt sich nach ihr (11), jagt ihr nach (2. 10), und zwar
ihrer μοϱφά (3. 12). man sollte danach meinen, er liebte sie. allein
das erotische ist ganz fern gehalten. die Areta ist jungfrau: παϱϑένε
steht bedeutsam neben μοϱφᾶς. der mensch bemächtigt sich ihrer nicht
wie Herakles der Hebe; nur ihrer μοϱφά gilt seine jagd, ihrer ἰδέα.
das ist ja ein synonymes wort. wenn wir modernen den menschen
der idee der tugend nachleben lassen, von seinem idealen streben
reden, so ist das unsinnlich, blaſs, philosophisch. aber es klingt darin
doch die πεϱὶ τὰ εἴδη φιλοσοφία nach, wie der platonische brief an
Koriskos, den freund des Hermias, die lehre Platons nennt. so viel ist
sicher, daſs diese philosophie, die in dem rotwälsch der philosophischen
compendien, wie es die candidaten im examen reden, mehr absurd als tief
klingt, sofort verständlich wird, sobald man griechisch denkt oder redet,
also in dem εἶδος die form, gerade nach ihrer sinnlichen erscheinung,
zunächst bezeichnet hört. umgekehrt müssen wir hier, wo wir zunächst
nur die schönheit der himmlischen jungfrau hören, daran denken, daſs
die form, die ἰδέα, für den dichter eine ganz übersinnliche bedeutung
hat, weil er Platoniker ist und einem Platoniker zu ehren dichtet. es
ist das εἶδος des höchsten gutes, nach dem die menschen streben, durch
[411]Der hymnus auf die Tugend.
dessen besitz (οὗ μεϑέξει) sie εὐδαίμονες werden, und dieses höchste
gut ist das höchste gute, das καλόν. aber dann ist es nicht die Areta,
nach der sie streben; die Areta ist überhaupt nicht auſser ihnen, son-
dern in ihnen, und durch sie erstreben und erreichen sie, daſs sie
ἀγαϑοί und εὐδαίμονες werden. nicht um tugend zu erlangen, haben
die heroen ihr leben geopfert, sondern sie haben das leben das sie
lebten und den tod den sie starben der tugend geopfert die sie besaſsen.
das gedicht erscheint also in seiner ganzen conception widerspruchsvoll.
es heiſst an einer anderen stelle, daſs die heroen viel erduldeten, mit taten
jagend nach der δύναμις der tugend (10). das ist ganz aristotelisch.
τὰς γὰϱ ἀϱετἀς λαμβάνομεν ἐνεϱγήσαντες πϱότεϱον ὥσπεϱ καὶ ἐπὶ
τῶν ἄλλων τεχνῶν ἃ γὰϱ δεῖ μαϑόντας ποιεῖν, ταῦτα ποιοῦντες
μανϑάνομεν (Eth. II 1103a). die tugend ist in der energie eher vor-
handen als in der dynamis. so weit ist es gut. aber eben da lernen
wir, daſs die tugend keine δύναμις ist, denn für die bloſse potenz gibt
es keine moralische werturteile. die tugend ist eine ἕξις, eine ἕξις
πϱοαιϱετικὴ ἐν μεσότητι οὖσα τῇ πϱὸς ἡμᾶς. das ist die aristote-
lische definition. diese seine ἀϱετή hat mit der des gedichtes nichts
zu tun; an sie kann man kein lied richten, sie ist keine göttin. also
auch hier zeigt sich, daſs das gedicht keine voll befriedigende erklärung
zuläſst. die Areta, die wirklich eine göttin ist, für die die heroen das
leben gelassen haben, weil sie nur so gewonnen werden kann, ist die
ἀϱετή der Athener des fünften jahrhunderts: ψυχὴν ἀντίϱϱοπα ϑέντες
ἠλλάξαντ̕ ἀϱετήν. erst der tod, der heldentod, macht den ἀνὴϱ ἀγαϑός.
ἀϱηιφάτους γὰϱ ϑεοὶ τιμῶσι καὶ ἄνϑϱωποι, sagt selbst Herakleitos.
so dachten sie damals, und diese ἀϱετή ist freilich mehr als tugend; sie
läſst sich nicht mit einem worte übersetzen. die ehre des mannes ist
sie, die mit den ehren und dem erfolge nichts zu tun hat; die men-
schenwürde, die der götterhöhe nicht weicht; die treue bis in den tod
zugleich mit der krone des lebens. die Sokratik hat gewiſs eben dadurch
möglich gemacht, eine religion zu sein, nicht bloſs ein philosophisches
system, daſs sie die sittlichen ideale des volkes nicht verleugnete, son-
dern steigerte verklärte vollendete; aber weil er die philosophie erst
wirklich zur wissenchaft machte, kam Aristoteles von der religion weiter
ab. hier nun griff er nach den formen der attischen poesie, den me-
trischen und den sprachlichen, er griff ebenso nach den formen und
vorstellungen, in welche die dichter seines volkes die sittlichen ideale
gefaſst hatten. die conventionellen figuren der heroensage treten auf
wie in der lyrik, und die Areta wird zu der, für welche Achilleus
[412]III. 15. Die gedichte des Aristoteles.
sein leben gelassen hat. Aristoteles dachte von der tugend anders;
aber er versuchte in die alten formen einen neuen inhalt zu legen,
seine sittlichen ideale, seine religion. wir zollen dem klugen stilisten
unsere anerkennung gern, wir freuen uns an der geschicklichkeit des
durch die kritik zum dichter gewordenen gelehrten, wir beugen uns
vor der erhabenheit des im edelsten sinne religiösen mannes und vor
dem pietätvollen schmerze des freundes: aber die widersprüche und
die unvollkommenheiten solcher poesie, die aus nachahmung und an-
passung entsteht, dürfen wir nicht verkennen. wer ein wirklicher dichter
ist, der schafft sich selbst seine symbolik. das konnte Aristoteles nicht.
zu einem gotte, wie der des Platon und Aristoteles ist, kann man nicht
beten, und das lied ist für den dienst dieses gottes keine angemessene
form mehr. aber das gefühl, das einst die heroen und dann den So-
krates und jetzt den Platon und den Aristoteles so leben und so sterben
lehrte wie sie getan, die treibende kraft in ihrem busen, die ihnen
dazu verholfen hat, gut und glücklich zu sein und die ἀϱετή zur ἕξις
zu haben, sodaſs wir sie jetzt wie tausende vor und nach uns als heroen
verehren dürfen, dieses gefühl, das ihnen vielmehr die tugend gab als
sie die tugend suchen lehrte, und das ihnen doch immer wieder tugend
und glück als unerreichtes und doch erreichbares ziel zeigte, dies gefühl
empfanden sie als unmittelbar wirkende gottheit, das verdichtete sich
ihnen, da sie doch Hellenen waren, zu einer göttlichen person, und
diesem gotte konnten sie auch hymnen dichten: Eros ist der rechte gott
oder vielmehr daemon für diese religion, der mittler zwischen der men-
schenseele und der seele des universums, dem reinen νοῦς, der ἰδέα
τοῦ καλοῦ. dem hat Platon seine hymnen gesungen, echte poesie, in
inhalt und form ganz und einig, und ganz sein eigen.
Die
elegie an
Eudemos.Es kann nicht anders sein und gerade die geschichte der helle-
nischen philosophie bestätigt es, daſs das bedürfnis des frommen herzens,
zu verehren und anzubeten, sich den menschen zuwendet, in denen das
göttliche leibhaft waltet, wenn die persönlichen götter (mögen es viele oder
einer sein, die zahl ist überhaupt ganz gleichgiltig), die sich der mensch nach
seinem bilde erschaffen hat, nicht mehr genügen, und der unpersönliche
gott zu hoch rückt, als daſs sich der sterbliche auch nur der hoffnung
eines persönlichen verhältnisses zu ihm unterfange. unschätzbar ist
das document dafür, daſs Aristoteles einmal so zu Platon aufgeblickt hat,
die elegie an Eudemos, die aus dem commentare des Olympiodoros zum
Gorgias zuerst Menagius veröffentlicht hat. erhalten dürfte auch dieses
bruchstück durch die biographen sein.
leider ist der gewährsmann ein ignorant, und so weiſs man nicht, wie
viel man auf den ausdruck πϱὸς Εὔδημον zu geben hat. ist er genau,
so war das gedicht an Eudemos gerichtet; dann ist unsicher, wer darin
als der genannt war, der nach Athen kam. der adressat kann der
Rhodier Eudemos sein: dann gehört das gedicht der späteren zeit an;
oder der Kyprier: dann ist es vor 357 verfaſst. sehr viel ansprechender
ist dagegen, daſs der unbenannte, dem das gedicht galt, der Kyprier
Eudemos war, und daſs das gedicht durch die freundschaft zu diesem
dem Aristoteles entlockt ist, ganz wie der dialog seines namens. dann
war es aber nicht an ihn gerichtet, da er in dritter person erwähnt
wird, und Olympiodor hätte εἰς Εὔδημον sagen sollen. wenn ich nun
auch diese zweite auffassung vorziehe, so muſs ich doch gestehn, daſs
die sache keinesweges sicher ist.
Sicherlich hat dagegen Olympiodor mit der beziehung des gedichtes
auf Platon recht. es war eine verirrung, diesen durch Sokrates ver-
drängen zu wollen. erstens konnte Aristoteles für Sokrates kaum eine
lebendige persönliche verehrung haben; der platonische, nicht der wirk-
liche Sokrates würde das sein. zweitens hat Sokrates durch seine lehre
gar nichts bewiesen, da er überhaupt nichts bewiesen haben wollte.
wer aber seine person allerdings mit recht als einen beleg für den hier
ausgesprochenen satz verwenden wollte, daſs glück und tugend unlösbar
verbunden sind, der konnte gar nicht anders als statt des οἰκεῖος βίος
vielmehr den tod nennen: sein sterben hat dem Phaidon seine εὐδαι-
μονία offenbart, und ohne den tod würde er wirklich nur ein sophist
geblieben sein. mit recht hat dagegen Bernays den letzten vers für
verdorben erklärt. die stellung der negation und der adversativpartikel
und die unvereinbarkeit von νῦν und ποτέ zeigt es nicht nur, sondern
läſst auch an dem sitze der verderbnis in οὐ νῦν keinen zweifel. auch
daſs der sinn verkehrt ist, wenn darin liegen soll, jetzt wäre niemand
mehr im stande gut und glücklich zu werden, ist klar: nur als erster
hat Platon das durch leben und lehre bewiesen, aber das ziel ist er-
reichbar, ja leichter erreichbar muſs es sein, seit der beweis der möglich-
[414]III. 15. Die gedichte des Aristoteles.
keit erbracht ist. leider ist zur heilung des fehlers kein schritt weiter
geschehen. sehr hübsch wäre es, wenn da gestanden hätte, was Bernays
will “und glück und tugend können gar nicht getrennt besessen werden”.
aber wenn er μουνάξ für οὐ νῦν setzt, so ist die palaeographische
unwahrscheinlichkeit das mindeste. wo immer μουνάξ steht, ist es ge-
rade von einem einzelnen pare, tänzer oder kämpfer, gesagt, nicht von
einem von zweien. οὐ δίχα δ̕ ist vollends ein sprachfehler; δίχα δ̕
οὐκ ἔστι ordnet das ein Grieche, und ferner heiſst δίχα λαβεῖν trennen,
und dazu paſst οὐδενί nicht. der gedanke von Bernays wird überhaupt
schwerlich der wahre sein, denn der plural ταῦτα paſst schlecht, οὐδ̕
ἔστι ϑάτεϱον λαβεῖν χωϱίς würde es einfach heiſsen, und dies wie
auch immer stilisirt ergibt keinen plural. so ziehe ich vor von der
letzten zeile ganz abzusehen.
Der stil der elegie ist, wie zu erwarten, der conventionelle. da ist
die periphrase κλεινὸν Κεκϱοπίης δάπεδον für Athen, daneben sehr
viel wenig poetisches, wie μόνος ἢ πϱῶτος, wie οἰκεῖος als possessiv
der dritten person, und gar das philosophisch technische μέϑοδοι λόγων.
metrisch ist v. 6 ganz ohne wortende im dritten fuſse bemerkenswert;
aber caesur nach der hebung des zweiten und vierten fuſses und diaerese
vor dem fünften machen den vers dennoch leidlich wollautend. gerade
daſs der elegiker der prosa so nahe wie kein anderer dichter damals
bleiben konnte, gestattete die bedeutenden gedanken einfach auszu-
sprechen.
Und nun die hauptfrage: εὐσεβέως σεμνῆς φιλίης ἱδϱύσατο βωμὸν
ἀνδϱὸς (Πλάτωνος), was heiſst das? ein ‘altar der freundschaft’? das
ist als metapher für backfische, aber nicht für Hellenen erträglich.
gewiſs kann Philia einen altar erhalten, aber nicht die Philia eines
menschen, da zur freundschaft zwei gehören, und wenn man selbst
einer derselben ist, so kann man diese Philia nicht verehren. dies ist
überhaupt falsch construirt. ἀνδϱός kann gar nicht von dem genetive
φιλίας abhängen, sondern es bleibt die wahl, die beiden genetive ἐκ
παϱαλλήλου durch σχῆμα Ἰωνικόν gestellt zu denken, dann kommt
prosaisch etwas wie βωμὸν τοῦ σεμνοτάτου φίλου Πλάτωνος heraus,
oder, was ungleich poetischer ist, der genetiv ist der des grundes (im
griechischen durch den verlust des instrumentalen ablativs entstanden),
zu dem die alten grammatiker ein λείπει ἡ ἕνεκα zu bemerken pflegen,
und wir müssen paraphrasiren σεβόμενος τὴν σεμνὴν φιλίαν βωμὸν
ἱδϱύσατο Πλάτωνος. so, glaube ich, hat es Aristoteles gemeint, und
auf alle fälle sagt er, daſs der mann von dem er erzählt, also Eudemos,
[415]Die elegie an Eudemos.
um seiner freundschaft willen dem Platon einen altar gestiftet hat. er
sagt genau das was die biographen herausgelesen haben, die geradezu
βωμὸν Ἀϱιστοτέλης ἱδϱύσατο τόνδε Πλάτωνος überliefern. auch den
anstoſs der modernen hat einer von ihnen genommen und σηκόν für
βωμόν eingesetzt, damit nicht der göttliche cultus des Platon darin
stünde. aber gerade der bleibt bestehn. weder die interpolation bringt
ihn fort noch die kümmerliche ausrede, ‘das meint er nur metaphorisch’.
es ist ganz gleichgiltig, ob Eudemos oder Aristoteles selbst den altar
errichtet hat, das heiſst steine dazu hauen lassen und eine inschrift hin-
einschneiden, oder ob wir das so metaphorisch fassen: ‘er hat in Platon
einen gott verehrt’. gerade dies bleibt bestehn, ja es ist die pointe des
gedichtes, sonst hat es gar keine. so hoch steht doch wol das empfinden
jedes Platonikers, daſs er dem gotte Platon nichts direct hat zu liebe
tun wollen, wenn er einen kranz auf den altar legte oder ein weihrauch-
kerzchen ansteckte: aber legen wir etwa keine kränze mehr zu den
füſsen einer ehrenstatue oder um eine gedächtnistafel? ein gott, den
man um gutes wetter oder gute träume oder glückliche fahrt anflehte,
war Platon gewiſs nicht; solche götter gab es für Eudemos und Aristoteles
überhaupt nicht mehr. aber ein gott war er doch: sie fühlten seine
macht, die befreiende und erhebende, in ihrer seele. darum widmeten
sie ihm eine verehrung in der form des cultus. die sitte hatte den
cult der abgeschiedenen seele längst geheiligt, und dieser teil der religion
hat auch dem wechsel der formen am zähesten widerstanden, und es
dürfte den zeloten von heute, den gottlosigkeitspfaffen, schwer werden
totencult und totenspenden zu beseitigen. aber der totencult war für
den Hellenen der gegensatz zu der gottesverehrung; ein gewesener
mensch blieb für den cultus mensch, das unreine des todes und der sterb-
lichkeit klebte ihm an. der tote kann keinen altar haben, βωμός und
τάφος sind unvereinbar. wenn Simonides den τάφος der kämpfer von
Thermopylae einen βωμός nennt, so sagt er, daſs sie durch den tod
die ἀϑάνατος ἀϱετή gewonnen haben und götter geworden sind. und
wenn seine schüler dem Platon einen altar errichten, so erklären sie ihn
damit für einen gott. ob der mensch Platon den staubleib noch trägt,
da sie es tun, oder ob staub zu staub geworden ist, macht gar keinen
unterschied. gott und tod sind unvereinbare begriffe. die bedeutung
des gottesbegriffes und dieser verehrung, nicht des sterblichen Platon,
sondern der unvergänglichen göttlichkeit in ihm, ist dem nicht von fern
aufgegangen, der wähnt, es täte etwas davon oder dazu, ob Platon der
sterbliche noch am leben war. wer will, mag seiner empfindung nach
[416]III. 15. Die gedichte des Aristoteles.
eine ὕβϱις in der praedicirung der εὐδαιμονία eines menschen finden;
so würden Herodotos und Aischylos und Sophokles geurteilt haben, und
ich selber bin dem vielleicht sehr geneigt. und die schüler haben nun
einmal so geurteilt, die tatsache darf nicht weggedeutelt werden. und
wahrhaftig, wenn er vor ihnen stand, und sie ihn wirklich für ἀγαϑός
und εὐδαίμων hielten, so war er ein gott, und es war eine blasphemie,
wenn ein schlechter mensch selbst lobend von ihm redete. dies sagt
Aristoteles von ihm aus: aber die notwendige folge daraus, daſs er ihn
für einen gott erklärt, will man nicht ertragen? des menschen aufgabe
ist ἐφ̕ ὅσον ἐνδέχεται ἀϑανατίζειν, sagt Aristoteles (Eth. X 1177b):
wenn es einem gelungen war, das ganz zu tun, was war er dadurch
geworden?
Ob der altar wirklich errichtet ist, macht für die empfindung, für
die asebie, wenn’s jemand so zu nennen wagt, nichts aus. aber was
soll uns dazu bringen, die worte anders zu deuten als sie dastehn?
verhinderte vielleicht ein gesetz oder die polizei eine solche private
weihung? schritt der staat, der den ϑεὸς ἰϑύφαλλος zulieſs, gegen
den ϑεὸς Πλάτων ein? tat dieser gott dem σέβεσϑαι τοὺς πατϱίους
ϑεοὺς abbruch? ob der könig eine denuntiation ἀσεβείας gegen die
weihenden angenommen haben würde, wenn jemand geklagt hätte, ist
müſsig zu fragen. vielleicht; vielleicht haben die jünglinge es auch
darauf ankommen lassen. an Platon hat sich nicht einmal ein sykophant
gewagt; so mag auch selbst der pfaffe Eurymedon diesen beweis für die
asebie des Aristoteles verschmäht haben. das äuſsere zeichen ist doch
immer nebensache. die empfindung aber — nun ich will von Epikuros
und Alexandros und Augustus gar nicht reden, aber wie haben Bettina
und Rahel und recht viele andere zum alten Goethe aufgesehen? wie
Paris zum greisen Voltaire? wie wir Deutsche zu unserm guten alten
kaiser Wilhelm? sünde oder nicht vor den pfaffen, dummheit oder nicht
vor den rationalisten: ein ächtes und ein frommes gefühl bleibt es, das
den menschen in dem groſsen und guten menschen gott finden läſst
gerade so gut wie in der elementaren natur, und zwar gerade den
menschen, der über die formen der conventionellen religionen hinaus
ist. dieses ächte und fromme, aber allerdings schwärmerische gefühl hat
auch ein Aristoteles geteilt: das ist tatsache. finde sich jeder mit ihr ab
wie er will; ich habe ihn lieb darum.
Druck von J. B. Hirschfeld in Leipzig.