1. Mein geliebtſter Sohn!
An dich zu ſchreiben
Konnte ich nicht laſſen unterbleiben,
Beſonders ruͤhrte es mich, daß du
Mir wieder 60 Gulden ſandteſt zu.
2. Alles
[108]2. Alles iſt mir richtig gekommen zu Handen,
Und ich habe aus deinem Briefe verſtanden
Deine Herzensguͤte und Zaͤrtlichkeit,
Und das hat mich mehr als das Geld er-
freut.
3. Zwar iſt mir letztes ſehr gut zu ſtatten gekommen,
Denn Geld gereicht immer zum Nutzen und
Frommen;
Aber deine gutartige Kindlichkeit
Geht, ſo wahr ich ’ne ehrliche Wittfrau bin!
weit.
4. Ich hab mich vormals freilich ſehr muͤſſen behelfen
Und nach dem noͤthigſten Unterhalt kuͤmmerlich
gelfen,
Und, wahr iſts, aus Ungeduld
Gab ich dir davon oft alleine die Schuld.
5. Allein, alles iſt laͤngſt vergeſſen und vergeben,
Denn erleichterſt du mir und unſrer Eſther das
Leben,
Schickſt uns ſo viel Geld und ſeitdem
Leben wir gemaͤchlich und ſehr bequem.
6. Ehmals ſchmachteten wir in Froſt und Hitze,
Aſſen kaum ſatt Waſſerſchnell, Brei und Gruͤtze,
Trunken nur Kofent und kahlen Thee,
Und in der Haushaltung war lauter Weh.
7. Uns borgte weder Schuſter, Weber, noch
Schneider
Die noͤthigen Schuhe, Leinwand und Kleider,
Und
[109]Und in unſrer Wohnung uͤberall
Wars durchlauchtig wie in ’nem Nothſtall.
8. Zwar ſuchten deine Schweſter und ich uns mit
Ehren
Durch fleiſſige Handarbeiten zu ernaͤhren,
Allein, wir kamen damit nicht weit
In dieſer ſo hoch ſchwer theuern Zeit.
9. Eſther haͤtte zwar extra was koͤnnen acquiriren,
Denn viele junge Herren ſuchten ſie zu verfuͤh-
ren,
Doch weil ſie ihnen keine Audienz gab,
So zogen ſie mit der langen Naſe ab.
10. Nun aber ſind wir frei von Nahrungsſorgen,
Brauchen nicht mehr zu darben und zu borgen,
Und danken den frohen Lebensgenuß
Dir. Mein geliebter Hieronimus!
11. Der Himmel wolle ferner dich begluͤcken
Und dir einſt eine fette Pfarre zuſchicken;
Dann beſchließ ich, wie du es ſchreibeſt mir,
Meine alten Tage, ſo Gott will, bei dir.
12. Deine Schweſter gruͤßt dich zu hunderttauſend
malen,
Denn ſie kann deine bruͤderliche Lieb nicht an-
ders bezahlen,
Und ſie bedankt ſich hiemit herzlich vor
Die ihr geſandte zwei ſchoͤne Louisd’or.
13. A
[110]13. A propos! was ſoll ich eigentlich daraus
ſchlieſſen,
Daß der junge Herr Baron ſie ſo zaͤrtlich laͤßt
gruͤßen?
Ich hoffe er hat doch wohl auf ſie nicht
Eine beſondre unlautere Abſicht?
14. Nun will ich zu verſchiedenen Neuigkeiten
Welche hieſelbſt vorgefallen ſind, ſchreiten;
Sie ſind zwar meiſt unangenehm und ſchlecht.
Aber doch alle authentiſch und aͤcht.
15. Das Gewitter hat vor etwa 14 Tagen
In Herrn Advokaten Schlucks Garten einge-
ſchlagen,
Davon ſind viele Baͤume zerknikt,
Und das Luſthaus iſt gleichfalls zerſtuͤckt.
16. Man hat dies als eine Vorbedeutung ange-
ſehen
Deſſen, was drei Tage hernach geſchehen,
Da der liebe Mann, geſund und guter Ding,
Ploͤtzlich den Weg ab Patres ging.
17. Er hat zwar keine Kinder, die um ihn trauern,
Auch glaub ich nicht, daß ſeine Erben ihn be-
dauern,
Denn er ſaß ſehr warm in der Woll
Und hat ſeine Kiſten von Thalern voll.
18. Man
[111]18. Man hat ex poſt vieles geſagt und geplaudert
Wofuͤr einem die Haut grauſet und ſchaudert,
Nemlich es ginge gedachter Herr Schluck
Bei hellem Mittag herum als Spuck.
19. Einige haben ihn geſehn durch dem Fenſter-
glaſe.
Mit ſeiner Brille auf der großen Naſe,
Und ſein Advokatengewand
Leuchtend wie hoͤlliſcher Feuerbrand;
20. Und in ſeinem Hauſe hoͤret man Jammer
und Gepolter,
Als laͤg einer auf der peinlichen Folter;
Und er raſſelt mit Ketten an der Thuͤr;
Gott bewahr jeden Chriſtenmenſchen dafuͤr!
21. Man hat einen Waͤhrwolf hier kuͤrzlich ge-
ſehen
In Geſtalt eines großen Hundes herumgehen;
Auch ſpricht man von mancher Behexerei,
Welche hieſelbſt geſchehen ſey.
22. Ich aber wollte ſchier gewiß darauf wetten,
Daß die Seher und Erzaͤhler ſich geirret haͤt-
ten;
Denn in Schildburg trau ich keinem einzi-
gen Mann
Es zu, daß er die Kunſt des Hexens kann.
23. Der
[112]23. Der vorige Winter war hieſelbſt ſehr ſtrenge,
Es gab Schnee, Schloſſen und Eis in Menge;
Melde mir, ob vielleicht dorten bei dir
Der Winter gleichfalls ſo ſtreng war als hier.
24. Man hat auch damals mit Schrecken ge-
ſehen
Am Himmel ungewoͤhnliche Zeichen ſtehen,
Und es ſchoſſe daſelbſt wunderlich uͤberall
Am Firmamente heftiger Feuerſtrahl;
25. Davon glauben nun billig die Schildburger
Leute,
Daß es ein Ungluͤck fuͤr unſer Staͤdtlein be-
deute;
Doch Herr Schneller ſagt, es bedeute dies
nicht,
Sondern das Ding wuͤrde genannt Nord-
licht.
26. Indeß hat man doch aus der Zeitung geſehen,
Daß vielleicht ein Krieg werde entſtehen;
Und, gieb Acht, ſo wahr ich ehrlich bin!
Unſer Schildburg kommt dann auch mit drin.
27. Die Erndte iſt dies Jahr ſehr gut gediehen,
Weil der Himmel guͤnſtiges Wetter dazu ver-
liehen;
Hoffentlich wird dann der liebe Brandwein
und s’ Brod
Wohlfeil und mindert die Hungersnoth.
28. Aber
[113]28. Aber dagegen ſind die Weinleſen
Deſto kuͤmmerlicher in dieſem Herbſt geweſen;
Denn die Stoͤcke ſtanden meiſtens kahl
Und der Moſt iſt theils ſauer, theils ſchaal.
29. Dieſes macht denn nun wohl, leider! heuer
Den guten Wein noch ſelt’ner und theuer,
Und die vielen luſtigen Zecher allhier
Muͤſſen ſich dann helfen mit Waſſer und
Bier.
30. Den hieſigen Kirchthurm will man aus-
beſſern
Und die Kirche ſelbſt etwas vergroͤſſern;
Denn man ſagt unſers Staͤdtleins Chriſten-
heit
Habe ſich vermehret ſeit kurzer Zeit.
31. Einige hartnaͤckichte Herren Konſiſtorialen
Wollen aber nicht einwilligen, vielweniger
was zahlen,
Man hofft aber die Koſten zu bringen herbei
Durch eine Kollektenſammelei.
32. Freilich, der Kirchthurm iſt ſehr verfallen
und zerborſten,
So daß Eulen und Dohlen drin hauſen und
horſten,
Aber fuͤr die wahre Chriſten, die hier ſeyn
Iſt, wie mir deucht, die Kirche ſelbſt, nicht
zu klein.
Jobſiade 2ter Theil. H33. Seit-
[114]33. Seitdem unſre Herren jene Verordnung gaben,
Hat man keinen lebendigen Menſchen wieder
begraben;
Da ſieht man, was ein geſcheutes Mandat
Fuͤr wohlerſpriesliche Folgen hat.
34. Sonſt, wenn unſre Herren was kommandi-
ren
Pflegt niemand den Befehl zu vollfuͤhren,
Weil ihre Obrigkeitsauthoritaͤt
Nicht gar weit bei der Buͤrgerſchaft geht.
35. Unſer Fuͤrſt iſt neuerdings durchs Staͤdtel
paſſiret,
Da hat die Buͤrgerſchaft das Gewehr gepraͤ-
ſentiret
Und mit Trommel und Fahne und großer
Pracht
Einen koſtſplitterlichen Aufzug gemacht.
36. Nur ein einziger that beim Feuern und
Schieſſen
Unvorſicht’gerweiſe ſein Leben einbuͤſſen;
Sonſt ging alles zu Schildburgs Ehr,
Ohne ſonderliches Ungluͤck her.
37. Der kathol’ſche Pfarrer hat’s Zeitliche ge-
wechſelt
Und man hat ’nen neuen herausgedrechſelt;
Doch dieſer gewiß recht brave Mann
Stund erſt einigen Gemeinsgliedern gar
nicht an.
38. Man
[115]38. Man hatte zwar einen andern in der Waſche,
Der wollte aber ſo recht nicht in die Taſche,
Und war dabei auch etwas zu kommod,
Denn er hatte ſchon anderweitig ſein Brod.
39. In der Stadt und auf’m Lande herrſcht eine
Seuche,
Da gibt es alſo natuͤrlich manche Leiche;
Doch an Oertern, wo keine Aerzte ſind,
Sterben ſie nicht ſo haͤuffig noch ſo g’ſchwind.
40. Im vor’gen Jahr hat ſichs Ungluͤck zugetra-
gen,
Daß ein Menſch jaͤmmerlich ward todtgeſchla-
gen,
Und der ergriffene Thaͤter kam
Dafuͤr ein Vierteljahr zur Veſtung lobeſam.
41. Es iſt alles jetzt ſehr duͤrftig und theuer,
Dennoch ſinnet man auf Vermehrung der
Steuer;
Denn man verſteht ſich hieſelbſt eben ſo
Aufs leidige Plusmachen als anderswo.
42. Nachbars Minchen hat einen kleinen Knaben,
Ich hab ihn als Pathin aus der Taufe geha-
ben,
Wer ſie eigentlich gebracht hat zu Fall
Erzaͤhlt man ſich ſub Roſa uͤberall;
H 243. Es
[116]43. Es iſt als waͤr’s Ungluͤck in unſerm Staͤdt-
chen
Mit den jungen mannbaren Dirnen und Maͤd-
chen;
Denn es traͤgt ſich zu faſt alle Monat,
Daß eins eine Tochter oder ’nen Sohn hat.
44. Man haͤlt fleißig hier Baͤlle und Aſſambleen
Und thut ſich da recht herrlich und luſtig bege-
hen;
Doch vielleicht folgt einſt dieſer freudigen
Sach
Bei manchen der hinkende Bote nach.
45. Man hat das Rathhaus kuͤrzlich renoviret
Und in der Policei manches repariret;
Zum Exempel: man iſt nun von Bettelei,
Doch weiß Gott, wie lange es dauert, frei.
46. Auch hat man ſehr lange nichts gehoͤret,
Daß irgend die Nachtruhe waͤre geſtoͤret,
Durch Einbruch oder naͤchtliche Dieberei;
Das macht gleichfalls die gute Policei.
47. Item, man gibt fleiſſig Acht auf Maaß und
Gewichte,
Nimmt Becker, Kraͤmer und Brauer in
Bruͤchte,
Wenn etwa Brod und Waare nicht gehoͤrig
ſchwer
Oder das Bier zu leicht und zu duͤnne waͤr.
48. Man
[117]48. Man hat auch durchgehends die Stadtſtraſſen
Mit neuen Steinen wieder pflaſtern laſſen,
Weil das neue Pflaſter vom vorigen Jahr
Nicht zum Beſten gerathen war.
49. Die Stadtthore hat man abgebrochen
Und ſolche aufs neue kuͤnftig zu bauen ver-
ſprochen;
Man kaufte auch gern eine neue Kirchuhr,
Haͤtte man dazu das Geld nur.
50. Die Schloßwarte will man demoliren,
Und die Steine anderweitig emploiren,
Und damit das Obere von ſelbſt folgen kann,
Faͤngt man mit der Abbrechung von unten
an.
51. Einige andre noͤthige Ausbeſſerungen
Hat man dem Meiſtfordernden verdungen;
Denn es ſieht, leider! elend und kraus
Mit andern oͤffentlichen Gebaͤuden aus.
52. Man probiret bei dieſer greulichen Hitze
Sehr oft unſre große Brandſpruͤtze;
Denn man hat geſunden, wenn Brand ent-
ſteht,
Daß ſie meiſtens nicht richtig geht.
53. Man hat noch kuͤrzlich in dieſen Tagen
Einige junge Maͤnner zu neuen Buͤrgern ge-
ſchlagen,
Und
[118]Und fuͤr die uͤbermorgende Nacht
Oeffentlich angeſagt eine Gaudiebsjagd.
54. Neulich fiel ein Kind in den großen Stadts-
brunnen
Und iſt drin kaum dem Ertrinken entrunnen;
Da hat man nun gleich die Cautel erdacht,
Und den Brunnen vernagelt und zugemacht.
55. Weil man ſich im Finſtern auf der Straße
leicht verletzet
So hat man alle ſechs Schritt, Nachtlaternen
geſetzet;
Aber, noch zur Zeit, fehlet es an
Dem noͤthigen Fond zu Oel oder Thran;
56. Denn aus den ehmaligen publiken Kapitalen
Laͤßt ſich ſeit langen Jahren nichts bezahlen;
Man ſagt, es waͤre alles Stuck vor Stuck,
So wohl Kapitale als Zinſen caduck.
57. Man hat der Buͤrgerei zum Beſten vor 14
Tagen
Die Stadtsbleiche verkaͤuflich losgeſchlagen,
Und das Plaͤtzchen, wo ſonſt der Galgen ſtand
Iſt gemacht zu ſchoͤnem Ackerland.
58. Das Rathhaus wird an den, der ’s Meiſte
bietet
Naͤchſtens verpachtet oder auf 8 Jahr vermie-
thet;
Nur
[119]Nur ein Zimmerchen bleibt vakant davon
Um drin zu verrichten die Seſſion.
59. Man bezeiget vielen guten Willen
Die Stadtgraͤben zu verſchuͤtten und auszufuͤl-
len,
Weil doch ohnehin ein jedermann
Ins of’ne Staͤdtel ’reinkommen kann.
60. Ein fremder Spitzbub ward geſtern atrapiret,
Den hat man zur Strafe durch alle Straßen
gefuͤhret
Mit einer großen Kappe mit Schellen dran,
Und ihn dann wieder ſeines Wegs laufen
l’an.
61. Einige Buͤrger gehn Nachts fleißig patrolli-
ren
Um etwa verborgene Diebe aufzuſpuͤren,
Und melden es immer durch der Klapper-
Getoͤn,
Woher ſie kommen und wohin ſie gehn.
62. Es iſt befohlen, daß jeder vor ſeiner Thuͤr
fleißig putze,
Weil die Straßen beſtaͤndig ſtinken von Miſt
und Schmutze;
Denn es gibt, wie dir bekannt iſt, allhie
Viele Kuͤhe, Schweine und anders Vieh.
63. Man
[120]63. Man ſpricht von noch mehr Projekten im hie-
ſigen Staate,
Allein ſie beruhn noch bloß heimlich im Senate,
Welcher mit aller Anſtrengung und Macht
Aufs Wohl der Buͤrger tagtaͤglich bedacht.
64. Hier iſt angekommen eine Puppenſpielerbande,
Die ſchleppet gewaltig viel Geld aus dem Lande,
Vornehme und Geringe gehen taͤglich viel
Um zu beſehen das herrliche Spiel;
65. Vorgeſtern haben ſie Doktor Fauſts Leben,
Geſtern die heilige Genofeva gegeben,
Und am heutigen Abend gibt man
Die graͤßliche Tragoͤdie von Don Juan.
66. Was nun noch betrifft deine hieſigen Ver-
wandten,
Freunde, oder ſonſtigen Bekannten,
So iſt da des Dinges noch mancherlei,
Was dir zu wiſſen angenehm ſey.
67. Deinen Succeſſor den bewußten Nachtwaͤch-
ter
Findet die ganze Buͤrgerſchaft je laͤnger je
ſchlechter,
Denn er thut meiſtens die naͤchtliche Pflicht
So recht, wie es ſich gehoͤret, nicht.
68. Er
[121]68. Er kann lange nicht ſo gut, wie du ehmals,
blaſen,
Singet auch etwas undeutlich durch die Naſen,
Deswegen ſpricht man durchgehends hier
Noch immer mit allem Ruhme von dir.
69. Herr Schneller pflegt ſich oft bei mir zu er-
kuͤnden
Wie es ſtehe mit deinem Wohlbefinden;
Er kurirt noch immer friſch drauf los
Und purgirt mit ſeinen Pillen klein und groß.
70. Vetter Kaspar hat geſtern den Ehbund er-
neuert
Und ſeine goldne Hochzeit hoch gefeiert,
Doch uͤber die Freude die da regiert
Haben ſich viele Buͤrger moquirt;
71. Weil mancher guter Ehemann wohl eben
Solche Jubelei nicht verlangt zu erleben,
Denn die Zeit kam ihm zu lang an
Mit ſeinem theuren Ehegeſpann.
72. Der junge Kunz hat ’ne Erbſchafft erworben
Von ’nem reichen Onkel, welcher geſtorben,
Und was dieſer geizig zuſammen geſcharrt
Verzehrt jener nun mit guter Art:
73. Er haͤlt Kutſchen, Pferde und Maitreſſen,
Beſchaͤftigt ſich taͤglich mit Spielen, Trinken
und Eſſen,
Und
[122]Und iſt fuͤr 100 Reichsgulden baar
Neulich geworden ein Hofrath gar.
74. Ich leide zuweilen mancherlei Schmerzen
Bald im Kopf, bald im Magen, bald am
Herzen,
Bald gehts mir im Leibe rundherum,
Herr Schneller nennts: Malum hiſtoricum;
75. Ich kann aber gemeinlich dieſe Plagen
Mit ’nem Schluͤckchen Kuͤmmel oder Anis ver-
jagen,
Deswegen nehm ich Abends und Morgens
davon
Gewoͤhnlich eine etwaige Portion.
76. Dein zweiter Bruder zieht fleißig auf Kirm-
ſen und Meſſen,
Ihm fehlt es nicht am noͤth’gen Unterhalt und
Eſſen;
Denn er fuͤhret noch immer lobeſam
Seinen kleinen Nuͤrnberger Puppenkram.
77. Er hat ſollen Rathmann hieſelbſt werden,
Fuͤrchtet aber die rathshaͤuslichen Beſchwerden,
Denn man geht alle 14 Tage drauf,
Und ſitzt da und ſperrt das Maul weit auf;
78. Und die etwa damit verbundne Ehre
Lohnet kaum, daß man ſich drum beſchwere,
Denn
[123]Denn auſſer einem Haſen und ’nen Viertel
Wein,
Bringet der ganze Dienſt nichts ein.
79. Dein aͤlt’ſter Bruder mit dem haͤßlichen
Weibe
Sucht ſich auswaͤrtig allerlei Zeitvertreibe;
Denn er hat zu Hauſe ſein Kreuz
An ſeines Weibes Geſicht und Geiz.
80. Was betrifft deine aͤlt’ſte Geſchwiſter
So lebt dieſe mit ihrem Gatten, dem Kuͤſter,
Noch immer in ehlicher Einigkeit,
Ausgenommen dann und wann ’ne Kleinig-
keit.
81. Er hat andershin einen Ruf bekommen
Aber denſelben weißlich nicht angenommen,
Denn ſein hieſiger Dienſt naͤhrt ihn treu
Und er wird reich und porkulent dabei.
82. Deiner Schweſter Gertrud ihren wackern
Knaben
Vom Prokrater Geier, hat man vor Kurzem
begraben;
Uebrigens lebt beſagte Schweſter Gertrud
Als Putzmacherin hieſelbſt wohlgemuth.
83. Schade, daß der Junge nicht mehr am Leben!
Er haͤtte auch einſt ’nen guten Prokrater ab-
gegeben;
Denn
[124]Denn er war an Einfaͤllen ſehr ſchlau
Und im Fordern und Nehmen fix und gau.
84. Die andre Schweſter hat noch beim alten
Wittwer treulich bisher ausgehalten,
Und als eine wack’re Haushaͤlterin
Pflegt ſie ihn noch immer und waͤrmet ihn.
85. Was endlich betrifft deine juͤngſte Schwe-
ſter,
So iſt ſie noch immer die vorige gute Eſther,
Sie nimmt vorlieb mit geringer Koſt
Und gereichet mir zur Stuͤtze und zum Troſt.
86. Moͤchte wuͤnſchen, daß n’ reicher und vorneh-
mer Mann kaͤme
Und das Maͤdel zu ſeiner Ehegattin naͤhme;
Denn, findet ſich nicht eine gute Parthie,
So heirathet ſie, wie ſie verſichert, nie.
87. Denn ſie iſt gar nicht aufs Mannsvolk be-
fliſſen,
Haͤlt nicht von Tanzen, Pfaͤnderſpielen und
Kuͤſſen,
Iſt auch, wie ſonſt die meiſten Maͤdchens,
nicht
Aufs leidige Romanenleſen erpicht.
88. Judex Squenz iſt vom Fuͤrſten kaſſiret
Weil er oft zu partheiiſch hat judiciret;
Hier
[125]Hier truͤgt alſo vom Krug das Sprichwort
nicht;
Er geht ſo lange zu Waſſer, bis er bricht.
89. Ich haͤtte dir zwar gern mehr wollen ſchrei-
ben,
Laſſe es aber bei dieſen paar Zeilen dismal ver-
bleiben;
Vielleicht, ob Gott will, ſchreibe ich ſchier-
kuͤnftig etwas ausfuͤhrlicher Dir.
90. Alle Freunde und Lieben laſſen Dich herzlich
gruͤßen,
Und weil die Poſt abgeht
[figure]
will ich eilig ſchlieſſen.
Ich
[126]Ich verbleibe immer mit dem zaͤrtlichſten
Sinn,
Deine liebe Mutter
Wittwe Jobs Schnaterin.
91. Ich muß noch eben zu deinem Ergetzen
Ein kleines Poſtſkriptchen hier nachſetzen,
Denn es fehlet mir, dem Himmel ſey Dank!
hier
Weder an Zeit, noch Dinte, noch Papier
92. Gevatter Theis iſt vor anderthalb Wochen
In den Ehſtandskittel foͤrmlich gekrochen,
Die Hochzeit war luſtig, doch hoͤre ich heut,
Die ganze Affaire ſey ihm ſchon leid.
93. Nichte Trine hat von ihrem lieben alten
Kobus neulich ein Kind erhalten,
Doch durchgehends glaubet und denket man,
Daß er ſelbſt wenig darzu gethan.
94. Herrn Thums ſeine Porzellanfabrikaten
Wollen bisher noch nicht recht gerathen,
Denn es fehlet an guter Erde nicht nur,
Sondern auch an Arbeitern und Glaſur;
95. Ueberhaupt ſcheinen vernuͤnftige Dinge und
Fabriken
In unſerm Staͤdtlein nicht recht zu geluͤcken;
Obs
[127]Obs am Klima, oder ſonſt wo fehlt
Laſſe ich an ſeinen Ort geſtellt.
96. Man will eine Leſegeſellſchaft hier errichten
Von Hiſtorien und anmuthigen Gedichten,
In dem Verzeichniß finde ich mit
Den Eulenſpiegel und gehoͤrnten Siegfried.
97. Der alte Schmudel aus dem Hebraͤerorden
Hats Judenthum quittirt und iſt Chriſt ge-
worden;
Dagegen bei uns manch ſogenannter Chriſt
Ein unbeſchnitt’ner Jude laͤngſt war und iſt.
98. Der Kaffe iſt im Preiſe ſehr hoch geſtiegen,
Dies erregt allgemeines Mißvergnuͤgen,
Denn in dieſem auslaͤnd’ſchen Produkt
Wird hier mancher Gulden verſchluckt.
99. Ich hoͤre man will deine Thaten und dein
Leben
In Dortmund verbeſſert und vermehrt heraus-
geben,
Denn ſowohl luſt’ge als ernſthafte Herrn
Leſen von dir und deinen Thaten gern.
100. Herr Schlauch wird, wie ich von Herrn
Schneller vernommen,
Bald die Schwindſucht an den Hals bekommen.
Ich ſchlieſſe nunmehr vergnuͤgt und bin
Ut ſupra
deine Mutter Schnaterin.