Des Durchlaͤuchtigſten/ Großmaͤchtig-
ſten Fuͤrſten und Herren/
Herren
Friderich Wilhelms/
Marggraffens zu Brandenburg/
des Heil. Roͤm. Reichs Ertz-Caͤmmerers und
Churfuͤrſtens/ in Preuſſen/ zu Magdeburg/ Juͤlich/ Cle-
ve/ Berge/ Stettin/ Pommern/ der Caſſuben und
Wenden/ auch in Schleſien/ zu Croſſen und Jaͤgern-
dorff Hertzogens/ Burggraffens zu Nuͤrnberg/ Fuͤrſtens
zu Halberſtadt/ Minden und Cammin/ Graffens zu
der Marck und Ravensberg/ Herrens zu Ravenſtein/
wie auch der Lande Lauenburg und
Buͤtow/ ꝛc. ꝛc.
Chur-Printz Carl Aemilius/
Printz Friedrichen/
Printz Ludowigen/
Seinen Gnädigſten Fuͤrſten
und Herren
Dediciret dieſes Buch
unterthaͤnigſt
[M.] Michael Schirmer.
DIe Lacedæmonier/ wie Plutarchus
meldet/ ſuͤhreten einsmahls drey Choͤ-
[r]e auff: Der erſte beſtunde aus alten
herren/ der andere aus behertzten jun-
gen maͤnnern/ der dritte aus edlen knaben. Die
alten huben an und ſagten: Wir waren vor-
zeiten ſtarcke und tapffere leute. Darauff
ſprachen die maͤnner: Das ſeind nun wir/
hat einer luſt/ der mache ſich heran. De-
nen folgeten die edlen knaben/ die lieſſen ſich alſo
vernehmen: Wir werden dermal eins auch
brave leute werden.
Ebner maſſen fuͤhret das uhralte hochloͤbliche
Hauß Brandenburg viel fuͤrtreffliche Ahnen
und Helden auff/ welche bey des zu krieg- und frie-
denszeiten hohe und ungemeine tugenden an ſich
erſcheinen laſſen. Churfuͤrſt FriedrichI.
wurde wegen ſeiner erwieſenen kriegserfahrung
unter Kaͤyſer Sigiſinunden zum Reichs-Feldher-
ren wider die Hußiten erwaͤhlet/ da ihm der
Paͤpſtliche Nuncius zu Nuͤrnberg in der Se-
baldskirche ſelber das ſchwerdt angeguͤrtet. Deſ-
)( 2ſelben
[]Unterthaͤnigſte Zueignungs-Schrifft.
ſelben beyde Soͤhne wurdeu wegen ihrer helden-
thaten/ als Churfuͤrſt Friedrich II. der Marg-
graff mit den eiſernen zaͤhnen/ und Churfuͤrſt
Albrecht der Teutſche Achilles genennet/ dieſem/
der inſonderheit umb Kaͤyſer Friedrichen IV.
mit hertzhafftiger trewe ſich beliebt gemacht/
wird vom Enea Sylvio/ der nachmahls Pabſt
Pius II. wurde/ zum unſterblichen ruhm nach-
geſchrieben/ daß er zum oͤfftern Feldherr und in
unterſchiedlichen ſchlachten allemal im anzuge
der voͤrderſte/ und im abzuge der letzte geweſen
ſey. Deſſelben uhr-enckel Churfuͤrſt Joachi-
mus II. war Obriſter Feldherr wider die in Un-
gern und Oeſterreich einfallende Tuͤrcken/ und
halff dieſelben ſchlagen und verjagen. Gleich
wie aber dieſes Hauß allein umb friedens wil-
len und denſelben zu erhalten jederzeit die waffen
tapfferlich gefuͤhret: Alſo zaͤhlet es auch viel
thewre Regenten/ unter denen Churfuͤrſt Johan-
nes der Teutſche Cicero/ Joachimus I. Johan-
nes Georgius/ Joachimus Fridericus/ Johan-
nes Sigiſmundus/ und Georgius Wilhelm/
mit hohem ruhm herfuͤr leuchten/ die den guͤld-
nen friede ſo wol im Heil. Roͤm. Reiche/ als in
ihren landen zu unterſtuͤtzen und zu befoͤrdern
keine muͤh noch koſten geſparet/ ja die auch das
reich
[]Unterthaͤnigſte Zueignungs-Schrifft.
reich der kuͤnſte und ſprachen mit ſtifften fuͤrneh-
mer Academien und Landes-ſchulen zu vermeh-
ren ſich befliſſen haben. Dieſe des Chur-Hau-
ſes Brandenburg uhralte Ahnen und Stamm-
herren ſtehen im gemaͤhlde nach der reyhe auff
Chuꝛ- und Fuͤrſtlichen ſaͤalen/ und ſcheinen wie die
Lacedæmoniſche alte helden alſo zu reden: Wir
waren vorzeiten tapffere krieg- und frie-
dens-helden.
Wie nun/ nach dem ſprichwort; Kein adler ei-
ne taube heckt/ ſondeꝛn großmuͤhtige und tapffeꝛe
leute gleiche art zeugen: Alſo haben auch hochge-
meldte alte Churfuͤrſten und Ahnen ihres gleichẽ
gepflantzet/ ihren ſtul befeſtiget/ ihren nahmen
verewiget/ in dem ſie mit Goͤttlicher geſegnung
aus ihren lenden noch mehr Chur-Erben erbau-
et haben. Als da gehet nun herein und gleich-
ſam noch in dem gruͤnen fruchtbaren herbſt ſei-
nes alters der Durchlaͤuchtigſte Churfuͤrſt
Friedrich Wilhelm/ und kan den Lacedæ mo-
niſchen jungẽ helden-maͤñern/ die da ſagen: Nun
ſind wir ſtarcke und tapffere leute/ recht-
fuͤglich beyſtimmen/ und zwar ſolcher geſtalt/
daß er als ein Chriſtlicher Held ſich auff GOtt/
als dem ſchilde ſeines heiles ſicherlich verlaſſen
kan/ als der Seine Churfuͤrſtl. Durchl. perſon
)( 3in
[]Unterthaͤnigſte Zueignungs-Schrifft.
in allen obhanden ſtoſſenden gefaͤhrligkeiten
nicht allein maͤchtig bedecket und beſchuͤtzet/ ſon-
dern auch deſſelben rahtſchlaͤge und waffen alſo
geſegnet hat/ daß dadurch zwiſchen unterſchiede-
nen groſſen und maͤchtigen Koͤnigen/ Fuͤꝛſten und
Freyen Stadt-regimentern die ſchwere ſtreitig-
keiten geſchlichtet/ und friede gemachet/ auch dar-
bey Sr. Churfuͤrſtl. Durchl. Staat und nahme
vergroͤſſert/ und wie von Salomone geſchrieben
ſtehet/ ſein ſtul groͤſſer/ denn aller ſeiner Vaͤter
geworden iſt.
Wann aber/ wie der groſſe Staatslehrer Ta-
citus ſchreibet/ nicht groſſe kriegsheere/ nicht
maͤchtige ſchiffruͤſtungen/ nicht ſtarcke veſtun-
gen und bollwercke/ ſondern Fuͤrſtliche kinder der
Koͤnigreiche und Fuͤrſtenthuͤmber ſchutz und zier-
de ſind: Als hat ſich unſer gnaͤdigſter Chur-
fuͤꝛſt auch hertzlich zu erfreuen/ daß ihn der allguͤ-
tige Gott mit ſchoͤnen und lieblich her wachſen-
den Printzen/ die ſich immerdar befleißigen deſ-
ſen/ worzu ſie das erempel und lehren ihrer hoch-
benahmten Vorſteher aufriſchet und auffmun-
tert/ geſegnet und begabet hat. Welche ebe-
ner maſſen/ wie die Lacedæmoniſchen edle knaben
freudig aufftreten und ſagen koͤnnen: Wir
werden dermaleins auch tapffere Fuͤrſten
werden.
Dieſes vexleyhe Ewren Hoch-Fuͤrſtlichen
Durchlaͤuchtigkeiten/
Gnaͤdigſter Chur-PrintzCarol Æmilius,
Printz Friedrich/
Printz Ludowig/
der hoͤchſte gewalthaber menſchlicher Koͤnigrei-
che/ und erhalte ſeinen Geſalbten Ewrer Durch-
laͤuchtigkeiten hochgeliebten Herrn Vater noch
viel jahr bey guter geſundheit/ gluͤcklicher und
geſegneter regierung. Hier halte ich ſtille/ und
eroͤffene Ewren Durchlaͤuchtigkeiten mein we-
niges vorhaben.
Ich habe das lateiniſche buch Virgilius/ wo-
rinne versweiſe und in gebundener rede von des
tapffern Fuͤrſten Eneens tugenden und helden-
thaten gehandelt wird/ in teutſche reime uͤber-
geſetzet/ woraus ich auch/ und zwar aus dem 7.
10. und 12ten buche Anno 1643. eine Comædia
oder vielmehr Tragico-Comœdia in ungebun-
dener rede verfertiget/ und vor Ewrer Durch-
laͤuchtigkeiten hochgeliebten Herren Vater/ un-
ſern gnaͤdigſten Churfuͤrſten/ mit dero Sr.
Churfl. Durchl. gnaͤdigſten gefallen und hoch-
ruͤhmlichen Munificentz damals gehalten habe.
Wil demnach dieſes und nun in druck außge-
fertigte buch Ew. Hoch Fuͤrſtl. Durchlaͤuchtigkei-
)( 4ten
[]Unterthaͤnigſte Zueignungs-Schrifft.
ten unterthaͤnigſt zugeeignet haben/ mit beyge
fuͤgtem unterthaͤnigſten anſuchen/ Ew. Hoch
Fuͤrſtl. Durchlaͤuchtigkeiten geruhen gnaͤdigſ
ſolches auff- und anzunehmen/ und meine gnaͤ
digſte Fuͤꝛſten und Herren zn verbleiben. Der all
guͤtige Gott und Vater des lichts/ von dem alle
gute gaben herab kommen/ der gebe und verley-
he unſerm gnaͤdigſten Churfuͤrſten/ der Durch-
laͤuchtigſten Churfuͤrſtin/ und dem gantzem hoch-
loͤblichſten Hauſe Brandenburg/ dem Hoch-
Fuͤrſtlichen Herren Staathalter/ und denen
hoch- und wohlverordneten Herren Raͤhten ein
geſundes/ froͤliches/ friedſames und geſegnetes
Newes Jahr/ und laſſe dieſe Zweygelein des
Chur-Brandenburgiſchen uhralten Stammes
zur freude Sr. Churfuͤrſtl. Durchl. und dem
Chur-Hauſe und gantzem lande zu troſt auff-
wachſen/ gruͤnen und ſich weit außbreiten; Daß
unter dererſelben ſchatten alle unterthanen in
friede und wohlſtande leben moͤgen/ biß wir in
das reich kommen/ da unſer glaube in ſchauen/
und unſere hoffnung in die genieſſung wird ver-
wandelt und verklaͤret werden; Da unſer ver-
ſtand wird haben volle erkaͤntnuͤß/ unſer wille
vollkommene heiligkeit und gerechtigkeit/ unſer
gewiſ-
[]Unterthaͤnigſte Zueignungs-Schrifft.
gewiſſen vollkommene ruhe und friede/ unſer
leib volle klarheit; Da unſere geſellſchafft wer-
den ſeyn alle außerwaͤhlete engel und menſchen/
da wir werden herrſchen uͤber ſuͤnde/ tod/ teuf-
fel und hoͤlle/ da unſere wohnung wird ſeyn der
newe himmel und die newe erde/ da unſere zeit
wird ſeyn die ewigkeit Amen.
Ew. Hoch-Fuͤrſtl. Durchlaͤuch-
tigkeiten
unterthaͤnigſter Diener
M. M. Schirmer.
DEr fuͤrtreffliche geſchichtſchreiber Diodor Si-
culus/ der in verfertigung ſeiner hiſtoriſchen buͤ-
cherey (davon ſieben ſtuͤcken durch gewalt der zeit
verfallen/ und noch drey und dreyßig vorhanden ſind/)
dreyßig jahr mit außſtehung vieler beſchwer/ gefahr und
reiſen durch Aſten und Europa zugebracht/ ſchreibet im
26. buche von gelehrten ſchrifftverfaſſern und kunſtver-
ſtaͤndigen freyer und unfreyer art alſo: Kein Poet/ noch
geſchichtſchreiber/ noch einiger kuͤnſtler kan allerdings
dem leſer und ſchawer gefallen; Es kan auch nicht ge-
ſchehen/ daß die ſterbliche natur/ ob ſie ſchon den zweck
erreichet hat/ maͤnnigliches gutachten erlange. Denn
weder Phidias/ der wegen ſeiner geſchnitzten helffenbei-
nern bildern in groſſer achtung und verwunderung ge-
halten worden/ noch Praxiteles/ der ſeinen ſteinernen
wercken einige gemuͤhtsbewegung ſinnreicher weiſe mit
untergemiſchet/ noch Apelles/ noch Parrhaſius/ welche
die mahlerkunſt mit geſchicklicher vermiſchung der far-
ben auf das hoͤchſte gebracht/ haben in ihrem thun und
wercken ſolch groß gluͤck erfahren/ daß ſie in ihrer kunſt
eine durchaus untadeliche verfertigung fuͤrzeigen koͤnten.
Denn wer iſt fuͤrtrefflicher und beruͤhmter/ als Home-
rus? ꝛc. Wenn nun Diodor/ der gleichfalls zur zeit des
kaͤyſers Auguſti gelebet hat/ des Virgilij werck von den
Trojaniſchen geſchichten/ das damals noch nicht an das
licht gekommen war/ haͤtte leſen und betrachten ſollen/
wuͤrde
[]Vor-Kede
wuͤrde er traun nicht/ wie von obgemeldten kuͤnſtlern/
wie auch von dem Homero ſelbſt/ daß an demſelben viel
zu tadeln/ auch von dem Virgilius alſo geurtheilet ha-
ben. Denn wie zwar Homerus in Griechenlande die
bahn/ ſo zu vieler menſchlichen dingen erkaͤntnuͤß fuͤhret/
zuerſt gebrochen/ und die natuͤrliche wiſſenſchafft/ des-
gleichen die kriegesſachen/ ſittenbaw und buͤrgerlichen
wandel gewieſen und gelehret hat; Alſo wird er billich
der vater der weißheit genennet: Weil er aber die an ſich
ſelbſt wahrhafftige geſchicht von dem Trojaniſchen krie-
ge mit viel laͤppiſchem fabelwercke/ das nirgend zu was
dienet/ anfuͤllet und alſo verunſtellet/ auch hin und wie-
der kein nachdencken/ maaß/ ordnung und zier erſcheinen
laͤſſot/ wird er von Diodoren/ und heutiges tages in der
letzten und kluͤgſten weltzeit von dem groſſen Scaliger/
der an ſtatt aller gelehrten wort- und ſprachen-richter ſi-
tzet/ rechtfuͤglich getadelt. Dieſer mann nun/ iſt nicht
außzuſprechen/ wie er den Virgilius ehret/ lobet/ und in
ſonderbarer verwunderung haͤlt. Bald nennet er ihn
einen geiſt der natur/ bald eine Idea und vollkommenes
muſter der weißheit/ bald eine richtſchnur des verſtandes
und aller ſachen geſchickligkeit. Mit wenigen: Er er-
ſtarret darob/ daß er an ihm keinen tadel finden kan. Dem
folgen nach Servius/ Turnebus/ Hortenſius/ Taub-
mannus und der aͤmbſige und viel beleſene Spanier Joh.
Ludov. de la Cerda, der beſte außleger des Poetens.
Dieſe und andere tragen einmuͤhtiglich und mit eiffri-
gem bemuͤhen allerhand gebluͤhme und geſteine zu den
Virgilius zu bekraͤutzen/ zu bekroͤnen/ zu beehren. Wann
dann nun dis buch ſo nuͤtzlich als lobwuͤrdig/ hat man
ſich
[]an den wolgeneigten Leſer.
ſich billich zu erfrewen deſſen/ daß es/ wiewol es der gute
Poet auf ſeinem todbette begehret hat/ den flammen nicht
iſt zugeeignet worden. Weswegen auch der hochloͤblich-
ſte Kaͤyſer Auguſt/ der dem Virgilius ſonderlich gewo-
gen geweſen/ dieſe verſe geſtellet und geſchrieben hat:
Die ich alſo reimweiſe verteutſchet habe:
Oder wie J. H. dieſelben/ dem verſtande nach/ geſetzet.
Sind alſo etlich hundert jahr/ daß dieſes buch durch
die gantze welt/ und ſonderlich in unſerm allgemeinem
vaterlande teutſcher nation mit groſſem nutz/ fortgang
und auffnehmen in erlernung der lateiniſchen ſprache
und anderer wiſſenſchafften/ (darumb es fuͤrnemblich
zu thun/ weil doch die ſprachen nur werckzeuge ſind/) iſt
gebrauchet worden. Demnach aber die Italianer/ Spa-
nier/
[]Vor-Rede
nier/ Frantzoſen/ und Niederlaͤnder ein jeder ſeine mut-
terſprache zu erweitern und außzuuͤben die buͤchereyen
durchgeſuchet/ und aus dem Griegiſchen und Lateiniſchen
viel buͤcher und ſchrifften in ihre ſprache uͤbergeſetzet: Ha-
ben wir Teutſchen nicht erſt hernach daran gedacht/ ſon-
dern ihnen/ als die in tieffem friede und ruhegenieß ſaſ-
ſen/ wir aber viel jahr lang mit dem leidigen kriege
verwickelt waren/ den vorzug laſſen muͤſſen: Seither
wir aber den lang-gewuͤnſchten friede von dem gnaͤdigen
Gott erbeten: Redet die ſache an ſich ſelbſt/ was fuͤr ei-
ne menge ſchrifften und buͤcher in Teutſcher ſprache in-
nerhalb zwantzig jahren ſind heraus gegeben und in druck
gebracht worden. Denn als der edle Opitz A. C. 1624.
den grund der teutſchen Poeſie geleget/ und als ein maͤch-
tiger heerfuͤhrer voran gezogen/ ſind ihm nach ſeinem
tode gefolget/ die (ſo zu reden) dieſes herrliche gebaͤu-
de und ſchloß auffgefuͤhrer/ und mehr und mehr geferti-
get haben; Als da ſind/ der ſinnreiche Buchner/ der
kurtzredende und ſcharffſinnige Flemming/ der kunſtmeh-
rende Ziegler D. (der die Italiaͤniſche Madrigalen
gluͤcklich nachgemacht/ und der teutſchen Poeſie gleich-
ſam eingepfropffet hat/) der hochſinnige/ Dach/ der lehr-
reiche Tzſcherning/ der uͤberirrdiſche geſangtichter Riſt/
der lehrartige Moſcheroch/ der kunſtmaͤchtige Schottel/
der redſelige wunderliebliche Harßdoͤrffer/ der hochthoͤ-
nende trawer-ſchawſpiel-tichter Gryphius/ der fried- und
luſtklingende Peukker/ der freudigholde waldſingende
David Schirmer/ Chur-Saͤchſiſcher buͤcherey vorſteher:
Dieſe und andere haben vermittelſt ihrer ruhm- und le-
ſewuͤrdigen ſchrifften/ die ſie theils ſelber mit ſinnrei-
chem
[]an den wolgeneigten Leſer.
chem nachdencken erfunden/ theils aus der Lateiniſch
Griegiſch-Frantzoͤſiſch- und Italiaͤniſchen ſprache ins
teutſche uͤbergeſetzt/ die zarte jugend gebeſſert und er-
bawet/ den leſer aber in gemein erfreuet und ergetzet.
Hieher gehoͤren auch die jenigen/ die in ungebun-
dner rede ſchoͤne buͤcher aus dem Lateinifchen ins Teut-
ſche gebracht haben. Als da iſt der weyland Schwe-
diſche Oberſte Lohhauſen und Obergebieter zu Roſtock/
welcher den geſchichtſchreiber Salluſtius/ desgleichen
Carl Melchior Groͤdnitz von Grodnaw/ welcher den
groſſen Staatslehrer den Tacitus/ hat außgehen laſſen.
Belangend meine wenige Perſon/ habe ich und Vir-
gilius einer den andern in die dreyßig jahr in die ſchule
gefuͤhret: Er hat mich die Lateiniſche Poeterey und viel
wunderlich dings/ ich ihn die Teutſche ſprache und reim-
kunſt gelehret. Wann er dann nun nicht geſonnen in
ſein vaterland Italien/ da kein Auguſtus noch guͤldenes
Rom mehr zu ſehen/ wiederumb zu kehren/ ſondern be-
liebnuͤß traͤget/ Teutſchland und deſſelben einverleibte
Chur- und Fuͤrſtenthuͤmer/ Graffſchafften/ maͤchtige
Reichs- und Anſeeſtaͤdte/ herrliche Schloͤſſer/ Pallaͤſte
und Ritterſitze/ ſchoͤne ſchiff- und fruchtreiche Fluͤſſe und
Bruͤcken/ beruͤhmte Bibliothecken/ Zeughaͤuſer/ beweh-
rete Veſtungen/ Waͤlle/ Graben/ Bollwercke/ Paſteyen/
kuͤnſtliche Foutaynen/ Springbrunnen/ Uhrwercke/
Gemaͤhlde/ Schildereyen und unzehliche Kunſtgeſchicke/
desgleichen viel ſchoͤne Kirchen und Cloͤſter/ dann auch
unterſchiedliche Regiments-Formen/ Geſetze/ landuͤbli-
che Gebraͤuche und Gewonheiten/ Turnier- und Ritter-
ſpiele/ vielerley Sitten/ Manier und hohe Schulen/ ſo
wol
[]Vor-Rede
wol auch koſtbahre und Mauſoleiſche Grabſtellen und
Schwibbogen/ und endlich viel weitberuͤhmte warme
Baͤder/ Heil- und Sauerbrunnen zu beſehen und zu be-
trachten/ habe ich ihn/ wiewol ungern/ ziehen laſſen/ und
erſuche hiemit den großguͤnſtigen Leſer denſelben auff-
und anzunehmen/ und ihm mit Gewogenheit und freund-
lichen Willen beygethan zu ſeyn und zu verbleiben.
Hiemit ſey ihm von mir ein freudenreiches/ geſundes
und geſegnetes Newes Jahr hertzlich gewuͤntſchet.
Als er den Lateiniſchen Poeten Virgilius Deutſche
Poetiſch uͤberſetzte.
Ende der Trojaniſchen Geſchichte
des Poeten Virgilij.
DEr ſtreitbare verſtaͤndige und fromme
fuͤrſt Eneas gehet/ nach dem die maͤch-
tige ſtadt Troja neun jahr lang belaͤ-
gert/ erobekt und zerſtoͤret worden/ mit
den ſeinigen und vielen Trojanern mit zwantzig
ſchiffen zu ſegel/ und wird durch bittern haß der
Juno/ welche von dem Eolus wider denſelben
die winde erbittet/ auff dem meere hin und her ge-
trieben/ ſo gar/ daß er auch ſchiffbruch leidet. Als
er nun an das land Libyen kommet/ ſteiget er aus/
erhohlet ſich etwas wieder/ nimmet ſeinen bogen
und pfeil an die hand/ und erleget ſieben groſſe
ſtuͤcken hirſche/ die vertheilet er auff eben ſo viel
ſchiffe/ die ihm nach dem ſturm waren uͤbrig ge-
blieben/ vermahnet hernach ſeine durch viel und
lang-
[[670]]Summariſcher Inhalt
langwieriges herumbſchweiffen ermuͤdete ge-
fehrten/ was noch fuͤr arbeit und beſchwer hin-
terſtellig ſeyn moͤchte/ mit gedult zu ertragen/ in
hoffnung/ daß die kuͤnfftige ruh und ergetzligkeit
alles wieder einbringen werde. Immittelſt
handelt die Venus ihres Eneen und der Troja-
ner ſache beym Jupiter/ und wendet die ſchuld
alles ungluͤcks und unfugs auff die Juno. Ju-
piter hingegen nachdem er die ordnung und ge-
heimnuͤſſe der ewigen Vorſchung entdecket/ troͤ-
ſtet ſeine tochter durch fuͤrgehaltene hoffnung ih-
rer gluͤckſeligen nachkommen/ die das Roͤmiſche
reich mit anſchnlicher macht beherrſchen werden.
Nach dieſen ſchicket Eneas geſandte an die koͤ-
nigin Dido/ und klaget wegen zugefuͤgter ge-
walt ihrer leute/ und bittet umb herberge. Ge-
gen demſelben erbeut ſich die koͤnigin mit aller
hoͤffligkeit/ nimmet ihn auff/ thut ihm groſſe eh-
re/ laͤſſet ſeine Trojaner keinen mangel leiden/ zet-
get ihm ihren koͤniglichen pracht/ ſchoͤne gemaͤhl-
de/ guͤldene treſur und tapetzereyen/ beſchenckt
den vermeinten jungen printz Aſcanius/ deſſen ge-
ſtalt und habit Cupido betrieglicher weiſe durch
antrieb der Venus an ſich genommen/ mit gold-
geſtickten und koͤſtlichen kleidern/ haͤlt ein groſ-
ſes Panquet/ und ladet darzu beydes die Troja-
ner
[[671]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
ner und ihre leute zu pflegen aller luſt und froͤ-
ligkeit/ mit beygeordneter kunſtgelehrten harf-
fen-muſick. Endlich nach vielen geſpraͤch bit-
tet ſie Eneen ihr den gantzen verlauff vom erſten
anfang der Trojaniſchen belaͤger-eroͤber-und zer-
ſtoͤrung zu erzaͤhlen, Dieſes thut Eneas im fol-
genden buche.
NAch dem nun alles ſtille worden/ erzaͤhlet
Eneas den ſchrecklichen untergang der
weltberuͤhmten ſtadt Troja/ wie ſie durch
liſt und blindheit der Trojaner nach neunjaͤhri-
ger belaͤgerung ſey erobert und zerſtoͤret worden/
da nemblich die Griechen/ als ihre macht geſchwaͤ-
chet worden/ ihrer tugend mißtrawet und zum
betrug und kriegs-raͤncken ihre zuflucht genom-
men haben. Als ſie ſich nun ſtellen die flucht
zu nehmen/ verſtecken ſie ſich in dem Haven Te-
nedos: Hiemit laſſen ſie da zimmern ein groß
ungehewer hoͤltzernes pferdt. Da laſſen ſich
die Trojaner von dem gefangnen Griechen Si-
non dem verraͤhter einſchwatzen/ daſſelbe haͤtte
die heilige Goͤttin den Trojanern zum ſchutz
bawen laſſen; Reiſſen alſo ein ſtuͤcke von der
mawer/ und fuͤhren das pferdt mit heiliger an-
dacht/
[[672]]Summariſcher Inhalt
dacht/ furcht und ehre auff dem ſchloß-hoff. Als
dis geſchehen/ halten die Trojaner ein freuden-
feſt/ tantzen/ ſpringen/ ſchlemmen und demmen/
bis ſie vom harten ſchlaff uͤberfallen werden:
Da gibt Sinon den Griechen mit einer außge-
ſteckten fackel die loſung/ da kommen ſie wieder
und nehmen mit hellen hauffen die ſtadt ein; Zu-
vor aber ſchleuſſet der verraͤhter das pferd auff/
da ſteigen heraus die tapfferſten helden aus Grie-
chenland bey funfftzig/ die hawen die wachten/
wo ſie noch waren/ nieder. Da wird alles mit
blut/ mord und feuer erfuͤllet/ Eneas aber wird
im tranm von dem geiſt des tapffern verſtorbe-
nen Commandantens und Obergebietigers des
Hectors erinnert und vermahnet alſo bald zu flie-
hen; Da machet ſich Eneas auff/ nimmet ſei-
nen alten vater Anchiſen auff die achſel/ und traͤ-
get ihn durch das fewer/ den kleinen ſohn Aſca-
nium fuͤhret er bey der hand/ ſeine ehegemahlin
aber die Craͤuſa/ die ihm folgen ſolte/ hat er nicht
wieder geſehen. Ihr geiſt aber iſt ihm erſchie-
nen/ der hat ihn getroͤſtet/ und geweiſſaget/ er wer-
de/ nach kurtzer zeit/ jedoch mit noch außſtehung
vieler gefahr und ungemach/ in Italien gelan-
gen/ daſelbſt ein newes reich und eine andere ge-
maͤhlin bekommen.
ENeas faͤhret fort/ und erzaͤhlet/ wie er nach
der zerſtoͤrung mit ſeinen geferthen ſich
habe auff das meer begeben/ ungewiß/
wohin ihn das verhaͤngnuͤß der Goͤtter fuͤhren
moͤchte/ da gedencket er erſtlich des ungetrewen
wirths/ des koͤniges in Thracien Polymeſtorts/
dem der Trojaniſche koͤnig Priamus den juͤng-
ſten printz Polydorum mit einem groſſen ſchatz
vor der belaͤgerung zugeſchicket/ denſelben zu er-
zichen; Er Polymeſtor aber habe aus verfluch-
tem geitz das printzlein ermordet und den ſchatz
zu ſich genommen/ darnach berichtet er/ wie er
viel Inſulen in Joͤniſchem Meer durchſegelt
und herumb geirret habe/ an welchem orte groſ-
ſe und abſcheuliche raubvoͤgel/ die Harpyien ge-
nandt/ ſich befunden/ welche/ als ſie am geſtade
gegeſſen/ mit groſſem ungeſtuͤmm auff ſie herge-
fahren/ das eſſen bemackelt und geraubet haben/
auch ihnen propheceyet/ ſie wuͤrden nicht eher/
als bis ſie die euſſerſte hungersnoht triebe/ die
teller (die ſie vom brodte macheten) auff zueſſen/
in Italien gelangen: weiter erwehnet er/ wie
durch die gemeine ſage ihm ſey zu ohren gekom-
men/ daß Hectors gemahlin Andromache des
U ufein-
[[674]]Summariſcher Inhalt
feindes Pyrrhi erſtlich magd/ darnach ſeine frau/
Helenus aber des koͤniges Priami ſohn deſſelben
haußhalter und nach deſſelben tode eines laͤnd-
lein herr und regent geworden/ und vorgemeldte
Andromache zur ehe genommen habe. Endlich
meldet Eneas wie er den Helenum/ als der ein
prophete war/ gebeten ihm raht zu ertheilen/ wie
und wohin er ſeine ſchiffart hinrichten ſol; Der-
ſelbe habe ihm einſchlag gegeben/ wie er die ge-
faͤhrlichen oͤrter in Sicilien meiden koͤnne/ und
ihn fuͤrder zur prophetin Sibyllen gewieſen/ da
er ſich ihres rahts erholen ſolte/ habe ihm auch
viel ſilberne und guͤldene gefaͤſſe/ pantzer/ helm
und federpuͤſche/ auch den gefehrten wehr und
waffen verehret/ ſo habe auch Andromache den
printz Aſcanium mit einem goldgeſtickten kleide
und reiter-rocke ſtattlich beſchenckt: Als ſie
nun wieder zu ſegel gegangen/ haben ſie das land
Italien erblicket/ aber dem fewerſpeyenden Berg
Etna nahe gekommen/ deſſen etgenſchafften von
ihm beruͤhret werden. Dann meldet er/ wie ſie
von den Cyclopen ſeyn angegriffen und verfol-
get worden/ beſchreibet den ungehewren Rieſen
Polyphemum/ dem ſie das auge an der ſtirn auß-
ſtochen. Letztens erzaͤhlet er/ wie ſein vater An-
chiſes geſtorben. Als er nun von ſeiner beſchwer-
lichen
[[675]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
lichen ſchiffahrt und vielen umbſchweiffen auff
dem meer meldung gethan/ ſchweiget er ſtille und
man begiebet ſich zur ruhe.
DIe koͤnigin Dido entbrennet je mehr und
mehr durch liebe gegen dem Eneen; Bald
aber verſchweret ſie ſich/ von keiner an-
dern liebe wiſſen wollen/ als ihres vorigen ehe-
gemahls/ derſelbe moͤge ſie im grabe behalten.
Ihre ſchweſter aber machet ſie durch bewegliche
uͤberredung wanckelmuͤhtig/ ja gar ruͤckwendig/
daß ſie alle furcht und ſcham fahren laͤſſet. Dar-
auff ſtellet ſie der Juno/ als der ehe vorſteherin/
ein Opffer an; Nach demſelben aber raſet ſie
in der [U]ebe/ und laͤuffet wie ein verwundter hirſch
in der ſtadt herumb/ zeiget dem Eneas ihre herr-
ligkeit und koͤniglichen pracht/ ſtellet eine jagt
an/ da faͤnget es an zu wittern/ und faͤllet ein
groſſer platzregen; Da laͤuffet maͤnniglich zu
rande. Dieſe beyde aber verkriechen ſich in eine
hoͤhle/ und verloben ſich miteinander. Davon
weiß hernach jederman zu reden/ und wird die
Goͤttin Fama/ oder das gemeine geſchrey nach
ſeinen eigenſchafften artig von dem Poeten be-
ſchrieben. Immittelſt ſchicket Jupiter Mereu-
U u 2rium
[[676]]Summariſcher Inhalt
rium zum Eneas mit endlichen befehl/ er ſolte da
nicht ſtille ligen/ ſondern an ſein beſcheidnes
reich Italien gedencken und fortſegeln. Eneas
koͤmmet dem befehl eilend nach/ und ruͤſtet ſich
wieder zum auffbruch. Die Dido mercket ſein
vorhaben/ und verweiſet ihm ſolches mit den al-
lerbeweglichſten worten. Eneas/ aber entſchuldi-
get ſich beſter maſſen/ und bedancket ſich fuͤr alle
erwieſene wolthaten/ und zeucht davon. Als
das geſchehen/ wird Dido von raſender liebe und
wuͤte eingenommen/ und laͤſſet einen ſcheiterhauf-
fen zurichten/ mit fuͤrwendung/ ſie des Eneæ
hinterlaſſene kleider und waffen verbrennen wol-
le/ endlich berahtſchlaget ſie bey ſich/ ob ſie ihm
ſol nachziehen und umb ſeine liebe bitten/ oder ob
ſie ihm ſol als einen feind mit aufffoderung ih-
ter voͤlcker verfolgen: Wird aber ſchluͤßig zu
ſterben. Hiemit ſteiget ſie auff den ſcheiter hauf-
fen/ nimmet des Eneæ ſchwerdt/ zeucht es aus/
und erſticht ſich/ da ſie zuvor den ſcheitterhauf-
fen mit einer fackel angezuͤndet hat.
ENeas ſchiffet fort und koͤmmet in Sicili-
en/ da wird er von dem Aceſtes freundlich
empfangen/ auffgenommen und mit allen
ge-
[[677]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
gefehrten wol gehalten. Dem Anchiſes des E-
neens verſtorbenen vater wird zu ehren und ge-
daͤchtnuͤß ein opffer und allerley ritterſpiele ge-
halten/ und werden/ die das beſte gethan/ mit
ſtattlichen gewinſten und Præſenten angeſehen
und verehret. Hier iſt inſonderheit zu beobach-
ten des jungen Dares vermeſſene verwegenheit/
der den alten und verſuchten fechter Entellen
zum kolbenſtreit heraus fodert/ aber von demſel-
ben uͤberwunden/ ſchimpff und ſchande einleget.
Nach dieſem befiehlet Eneas ſeinem Sohn Aſ-
canio ſein Knabenheer auffzufuͤhren/ und eben-
maͤßig ſeine hurtigkeit in ſpielſtreit und ehren-
kampffe erſcheinen zu laſſen. Hernach werden
die weiber fuͤr liebe in dieſem lande zu bleiben/ und
fuͤr verdruß weiter zu reiſen toll und unſinnig/
und ſtecken vier ſchiffe in brand. Da hebet E-
neas ſeine haͤnde auff gen himmel und betet;
Darauff faͤllet ein groſſer platzregen und leſchet
die fewersbrunſt. Gleichwol aber wancket er
in ſeinem gemuͤhte/ und weiß nicht ob er in Si-
cilien bleiben ſol oder weiter ziehen/ da wird ihm
gerahten von ſeines vaters geiſte er ſol mit der
friſchen und freudigen mannſchafft fort nach
Italien ziehen/ die weiber aber und das unbe-
wehrte furcht a me voͤlcklein in Sicilien laſſen/
ſ U u 3daß
[[678]]Summariſcher Inhalt
daß ſie ſich daſelbſt eine ſtadt bawen. Das thut
Eneas/ und nachdem ſich das wetter wol anlaͤſ-
ſet/ nimmet er abſcheid vom Aceſtes und faͤhret
davon/ verleuret aber ſeinen guten ſchiff-und
ſteuermann Palinuren/ der von ſuͤſſen ſchlaff
uͤberfallen das ſtewer ſincken laͤſſet und in das
meer faͤllet.
ENeas traͤget verlangen ſeinen verſtorbenen
vater Anchiſen in den Elyſeiſchen luſtwaͤl-
dern und feldern zubeſuchen; Darzu iſt
ihm bedient die weiſe jungfraw Sibylla/ die fuͤh-
ret ihn vermittelſt eines guͤldenen zweigs zwar
ohne ſchaden/ doch nicht ohne groſſe furcht und
ſchew erſt durch die hoͤlle: Da ſiehet er im vor-
hofe erſtlich die nagenden ſorgen/ die traurigkeit/
die bleichen kranckheiten/ das traurige alter/
die furcht/ den hunger/ den kummer/ die arbeit/
die zwytracht/ den krieg und den tod. Nicht
weit davon ſchauet er die drey Rach-Goͤttinnen
mit ihren ſchlangen/ fackeln und peitſchen/ fuͤr-
der ſiehet er die ſchrecklichen ungehewer/ unge-
thuͤme und geſpenſie/ alſo daß er auch den degen
zuͤcket/ und umb ſich hawen wil. Hernach koͤm-
met er an die hoͤlliſchen fluͤſſe/ da der ſchiffmann
Cha-
[[679]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilins.
Charon auff ſeinem ſchwartzen kahne die ſeelen
in groſſer menge uͤberfuͤhret/ derſelbe wegert ſich
Eneam uͤberzuſetzen/ mit fuͤrwandt/ er fuͤhre
nicht lebendige leiber/ ſondern die ſeelen uͤber;
Wird aber durch fuͤrzeigung des guͤldenen
zweiges angenommen. Als nun Eneas koͤm-
met an die hoͤlle/ ſiehet er den dreykoͤpffichten hoͤl-
lenhund Cerberum vor der thuͤr ligen/ der ihn
mit ſchrecklichem gebelle anfaͤhret und zuruͤcke
haͤlt. Die Sibylla aber wirffet ihm honigku-
chen fuͤr/ und bringet einen feſten ſchlaff uͤber ihn/
da machen ſie die Thuͤr auff und gehen hinein in
die hoͤlle; Da ſiehet Eneas die drey hoͤlliſchen
richter/ welche die ſeelen verhoͤren/ verdammen
und mit mancherleyen ſtraffen belegen/ da wird
er gewahr vieler tapfferen helden/ wie ſie in tief-
fen gedancken und betruͤbt herein gehen. End-
lich gelanget er in die Eliſeiſchen luſtwaͤlder und
felder/ da die ſeligen ſeelen in vollen freuden und
lieblichen geſpraͤchen leben und ſchweben/ da wird
Eneas vom Pocten Muſæo zu ſeinem vater An-
chiſen gefuͤhret/ dieſer lehret ihn viel ſachen in
der natuͤrlichen wiſſenſchafft/ zeiget ihm der Al-
baner und Roͤmiſcher Koͤnige geſchlecht-regiſter/
und koͤmmet bis auff den Jul. Cæſ. und Augu-
ſtum, deren thaten er mit ſonderbarem lobſpruch
U u 4erhe-
[[680]]Summariſcher Inhalt.
erhebet und der ewigkeit einverleibet. Als nun
Anchiſes ſeinen ſohn Eneam gnugſam/ was ihm
noͤhtig/ unterrichtet/ laͤſſet er ihn wieder von
ſich; Da kommet er durch die helffenbeinerne
pforte wiederumb in die obere welt/ beſuchet ſeine
gefchrten/ verlaͤſſet die ſtadt Cumas und gehet
nach dem Haven Cajeta.
ENeas laͤſſet ſeine amme Cajetam ehrlich
begraben/ und leget dem ort ihren namen
auff. Hernach faͤhret er der zauberin Cir-
ce wohnung fuͤrbey/ und koͤmmet mit gluͤcklichem
lauff an den Tyberſtrom/ und kurtz drauff an das
Laurentimſche gefilde/ daſelbſt als er durch nach-
denckliche wort ſeines ſohns Aſcanii ſich beſin-
net/ daß daſſelbige land durch außſage des goͤtt-
lichen geſchicks ihm gehoͤre/ ſchicket er zum koͤ-
nig Latinus/ welcher daſſelbige reich innen hat-
te/ eine botſchafft von hundert perſonen/ daß ſie
demſelben geſchencke braͤchten/ und umb eine ſtel-
e baͤten/ eine ſtadt zu bawen. Der Latinus nun
als er die geſandten angehoͤret/ erbeut ſich frey-
willig dem Eneæ uͤber alles andere begehren auch
ſeine tochter Laviniam/ (welche er nach ſeines
vaters Fauni außſpruch und der vogeldeuter be-
richt
[[681]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
richt einem frembden manne zu geben befehlicht
ward) zu vermaͤhlen. Immittelſt ruffet Juno/
als die durch gluͤcklichen fortgang der Trojaner
ſich beleidiget fande/ die Rach-Goͤttin und hoͤlli-
ſche Furie Alecto, den friede zu zerſtoͤren/ aus der
hoͤlle; Dieſelbe erfuͤllet mit ihrer raſerey erſt die
Amatam des Koͤniges Latini gemahlin/ her-
nach den Turnum/ und von dannen kehret ſie
ſich zu der jungen Trojaniſchen manſchafft/ wel-
che damahls gleich dem jagen oblag/ und wirfft
ihnen in weg einen zahmen hirſch/ der inſonder-
heit des koͤniglichen hirtens Tyrrhei kindern lieb
war. Als nun denſelben Aſcanius mit einem
pfeil verwundet hatte/ ergreiffen die bawren die
waffen/ und fallen die Trojaner an: In dem-
ſelben tumult und ſtreit bleibet Tyrrhei aͤlteſter
ſohn und Galeſus/ welcher der reichſte bawer des
gantzen landes war: Welche als ſie todt in die
ſtadt gebracht wurden/ reitzet Turnus und die
koͤnigin den koͤnig Latinum krieg anzufangen/
und die zugefuͤgte ſchmach und gewalt mit ge-
wapneter fauſt zu raͤchen. Als aber der koͤnig
beydes des Goͤttlichen willens und des mit den
Trojanern newlich eingegangenen bundes ſich
erinnerend darzu nicht ſtimmet noch bringen laͤſ-
ſet/ daß er ihnen krieg ankuͤndige/ ſtoͤſſet die Ju-
U u 5no
[[682]]Summariſcher Inhalt
no ſelbſt mit gewalt die kriegspforte auff. Als
dis geſchehen/ begiebet ſich Mezentius zugleich
mit ſeinem ſohn Lauſo/ des gleichen auch Aven-
tinus des Herculis ſohn/ ſo wol auch Catillus
und Coras bruder/ und inſonderheit die tapffere
und aus dem geſchlecht der Volſcer entſproſſne
heldin Camilla zu des Turni panier und feldzu-
ge. Und noch viel andere mehr/ die am ende die-
ſes buchs erzaͤhlet werden.
TUrnus ſtecket die kriegsfahne vom Lau-
rentiner ſchloſſe heraus/ und nimmet des
gantzen Latiums und der benachbarten
ſtaͤdte huͤlffe zu ſich: Der Venulus wird auch
nach Arpos zum Diomede geſchicket/ daß er mit
fñrhaltung gleicher gefahr ihn mit in den krieg
zu ziehen reitze. Eneas dadurch bewogen und
gleichwol ſeinen ſchwachen kriegsvoͤlckern nicht
trawend/ faͤhret auff erinnerung des Gottes Ty-
berini gegen den ſtrom an die oͤrter/ da wo her-
nach Rom iſt gebawet worden/ und flehet den
koͤnig Evandrum/ welcher aus Arcadien fluͤchtig
gekommene und auff dem berg Palatino eine
ſtadt mit nahmen Pallanteum gebawet hatte/
umb huͤlffe an/ der ihn auch/ als er die urſache
ſeiner
[[683]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
ſeiner ankunfft vernommen/ freundlich auffge-
nommen und beherberget. Als nun Eneas durch
eine bey huͤlffe von vierhundert pferden geſtaͤrcket
ward/ denen Pallas des koͤnigs Evandri einiger
ſohn fuͤrgeſetzet befehl gabe/ ſchicket er einen theil
der kriegsvoͤlcker den ſtrom hinab zu den ſeini-
gen/ er aber begiebet ſich nach der herrlichen ſtadt
der Tyrrhener mit nahmen Agyllam/ die mit
dem Mezentio/ als den ſie wegen unertraͤglichen
grauſamkeit vom reiche geſtoſſen/ in toͤdtlichem
haß und feindſchafft lag. Immittelſt laͤſſet ſich
Vulcanus durch ſchmeicheley ſeiner Fraw der
Venus bewegen/ und ſchmiedet ſeinem ſtieffſoh-
ne Eneen eine ruͤſtung/ und wird dieſelbige ihm
von ſeiner mutter Venus zugebracht. Eneas
nun beluſtiget ſich an den ſchoͤnen waffen/ und
verwundert ſich inſonderheit uͤber den ſchild/ auff
weichem die tapffern thaten/ die von ſeinen nach-
kommen ſolten außgeuͤbet und verrichtet werden/
geſtochen und abgebildet waren.
ALs Eneas abweſend in Tuſcia huͤlffe auff-
zubringen beſchaͤfftiget iſt/ wird Turnus
durch die Iris von der Juno erinnert/ er
moͤchte die gelegenheit die ſache wol zu verrich-
ten
[[684]]Summariſcher Inhalt
ten je nicht fahren laſſen. Darumb ruͤcket er
mit ſeinen voͤlckern ſehr nahe an die feinde/ wel-
che als ſie ſich in ihren ringmauren hielten/ und
auff dem flachen felde nicht ſtehen wolten/ ſetzet
er ſich fuͤr ihnen alle hoffnung der flucht zu be-
nehmen/ und die ſchiffe in brand zu ſtecken. Der
Jupiter aber rettet ſie von der vorſtehenden feu-
ersbrunſt/ und verwandelt ſie in Meer Nimpfen.
Nach dieſem als die nacht herbey nahete/ ſtellet
Turnus wider der feinde außfall an die pforte der
ſtadt ſtarcke wachten/ und ſetzet uͤber ſelbige den
Meſſapum. Hier entzwiſchen als die oberſten
der Trojaner rahtſchlagen/ wem ſie fuͤrnemblich
zum Eneen ſchicken ſolten/ der ihm von der ge-
fahr der ſeinigen bericht thue/ da bieten ſich frey-
willig Niſus und Euryalus an/ dieſes ampt auff
ſich zu nehmen. Dieſe waren zweene treue und
enge verknuͤpffte freunde/ welche/ als ſie hinaus
gelaſſen worden/ und der feinde wachten von
trunck und ſchlaff uͤberfallen befunden/ toͤdteten
ſie Rhamneten mit groſſer anzahl der Rutulier
und braviren mit ihren waffen und kleidern. Als
ſie aber mit itzt herannahendem morgen in ſiche-
rung zu kommen ſich unterfangen/ und von den
reutern der Volſcer geſchen werden/ fliehen ſie
in den wald: Da geraͤhtet Euryalus durch
ſchwe-
[[685]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
ſchwerigkeit der waffen/ und daß er der wege un-
kundig/ unter die feinde/ und wird von dem
Volſcens durchſtochẽ. Es wird auch Niſus/ als
er den Volſcens erſchoſſen/ und alſo des Eury-
ali tod tapfferlich raͤchet/ mit vielen wunden
getoͤdtet/ daß er auff ſeines freundes leib
faͤllet. Ihre haͤupter werden auff die ſpieſſe ge-
ſtecket und in das lager getragen. Als ſie nun
auff der ſtadtmaur von den Trojanern erkennet
werden/ entſtehet in der ſtadt ein groß trauren
und wchklagen. Immittelſt ſetzet Turnus den
feinden mit gantzer macht zu/ und geſchicht bey-
derſeits groſſe niederlage. Aſcanius der junge
printz erſchieſſet den Numan/ der ſich trotziglich
ruͤhmete. Pandarus und Bitias erheben ſich
ihrer gluͤcklichen thaten/ und machen das thor
auff/ und als die feinde hinein dringen/ trei-
ben ſie dieſelben mit vielem blutvergieſſen zu-
ruͤck. Als Turnus dieſes vernimmet/ dringet er
durch das offene thor in die ſtadt/ und ſchlaͤget
die Trojaner in die flucht: Als er aber endlich
von der menge uͤmbringet wird/ weichet er all-
maͤhlich nach dem ort der ſtadt/ da der Tyber-
ſtrom fleuſt/ laͤſſet ſich hinein/ ſchwimmet in
waffen durch/ und kehret wieder ohne ſchaden zu
den ſeinigen.
JUpiter beruffet die Goͤtter auff eine zu-
ſammenkunfft/ und vermahnet ſie zur ein-
traͤchtigkeit. Da beſchweret ſich die Ve-
nus wegen ihres leidigen zuſtandes/ und klaget
uͤber den unerſaͤttlichen haß der Goͤttin Juno/
und bittet endlich umb einige ruhe nach ſo vielem
erſtandenen ungluͤck und elende. Hingegen ſchie-
bet die Juno die urſache alles uͤbels auff die Tro-
janer/ als uhrheber dieſes kriegs/ und auff die
Venus ſelbſt. Derowegen als Jupiter nach
vergebens fuͤrgenommener verſoͤhnung des zan-
ckens kein ende abſiehet/ bezeuget er oͤffentlich/
damit er nicht entweder ſeine ehegemahlin/ oder
die tochter beleidige/ er wolle es mit keiner par-
they halten/ ſondern nach ſeiner glimpffligkeit
alles dem Ewigen Geſchicke anheim ſtellen. Im-
mittelſt nehmen die Rutuler wieder mit gantzen
kraͤfften die beſtuͤrmung fuͤr. Die belaͤgerten
aber ruͤſten ſich mit nicht geringerer hertzhafftig-
keit zur gegenwehr. Als dieſes in Latien fuͤrge-
het/ kommet Eneas/ nach dem er ſeine ſachen in
Hetrurien nach hertzens-wuntſch verrichtet/ und
viel voͤlcker zum beyſtande zu ſich genommen
hatte/ mit einer von dreyßig ſchiffen außgeruͤſte-
ten
[[687]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
ten flotte zu den ſeinigen wieder: Da begegnen
ihm die waſſerfraͤwelein/ die kurtz zuvor in ſolcher
geſtalt aus ſeinen ſchiffen waren verwandelt
worden; Von denſelbigen wird er beydes von
verlierung der ſchiffen/ und dann der ſeinigen
gefahr verſtaͤndiget und berichter. Als er nun
den feinden unter augen koͤmmet/ ſetzet er ſeine
voͤlcker aus; Da laſſen die Rutuler ab von der
beſtuͤrmung/ lauffen an den haven/ und bemuͤ-
hen ſich die feinde vom lande abzuhalten; Da
wird beyderſeits mit groſſem verluſt geſtritten/
und wird der Pallas des koͤniges Evanders ei-
niger ſohn/ als der zuvor eine groſſe niederlage
der feinde gethan hatte/ von dem Turno erle-
get und umbgebracht. Daruͤber wird Eneas
mit bitterm zorn entruͤſtet/ und ſchicket groſſe
hauffen Rutuler ſeinem freunde zum ſeelenopffer
in die hoͤlle; Es ſchlaͤget ſich auch Aſcanius/
als er einen außfall gethan/ mit ſeinen voͤlckern
zum vater: Dadurch wird Juno/ als die fuͤr
dem Turno groſſe ſorge trug/ bewogen/ daß ſie
ihn nach erlangten vom Jupiter erlaubnuͤß aus
gegenwaͤrtiger gefahr reiſſet/ indem ſie ihm
faͤlſchlicher weiſe die geſtalt des Eneen vorhaͤlt/
welcher in dem er ihn bis in ein ſchiff flichenden
verfolget/ wird das ſeil von der Juno abgehawen/
und
[[688]]Summariſcher Inhalt
und er wird durch den ſturm des ungewitters bis
zu den nechſten haven Ardea gefuͤhret. Im-
mittelſt vertritt deſſelben ſtelle auff Jupiters be-
fehl der Mezentz/ der erleget eine groſſe anzahl
ſo wol der Trojaner als Hetrurier/ bis er von
dem wurffſpieß Eneens verwundet und von ſei-
nem ſohn Lauſo verwahret/ kuͤmmerlich aus der
ſchlacht koͤmmet die wunde zu verbinden: Da
wird auch Lauſus/ in dem er ſich unterſtehet ſei-
nen vater zu raͤchen/ von Eneen umbgebracht.
Als nun Mezentz dieſe bothſchafft vernommen/
ſetzet er ſich auffs pferd/ und verfuͤget ſich wieder
in den ſtreit. Da er nun des ſohnes tod raͤchen
wil/ wird er eben durch die fauſt/ durch welche der
ſohn geblieben/ niedergemacht.
ALs uun Mezentz von Eneen umbkommen/
richtet dieſer/ als ſiegmann/ dem Mars ein
ſiegszeichen auff/ und ſchicket den leichnam
des entleibten Pallas mit groſſer pracht nach des
Evanders ſtadt/ da wird er mit groſſem leidwe-
ſen beydes ſeines vaters und der lieben ſeinigen
angenommen. Immittelſt erlangen die von
den Latinern abgeordnete geſandten auff zwoͤlff
tage anſtand der waffen/ innerhalb welcher zeit
beyde
[[689]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
beyde theile ihre todten ſuchen und begraben. E-
ben zu dieſer zeit kommet auch der Venul/ wel-
cher im anfange des krieges die Latiner an Dio-
meden geſandtweiſe geſchicket hatte/ wieder zu
den ſeinigen/ und berichtet/ daß ihm huͤlffe ſey
verſaget worden. Latinus nun dieſer hoffnung
entſetzet/ beruffet die raͤhte und rahtſchlaget mit
ihnen/ was bey dieſem kriege zuthun ſey/ ſiehet
auch fuͤr gut an/ daß man an dem Eneen frie-
dens-fuͤrſchlaͤge laſſe abgehen. Da ſchelten ſich
miteinander Drances und Turnus nach ihren
gegen einander tragenden haß und feindſchafft.
Immittelſt als Eneas ſeine unterſchiedliche voͤl-
cker in zwey theil vertheilet/ ſchicket er die reuter
von leichter ruͤſtung auff gleichem weg nach der
ſtadt voran; Er aber zeucht mit dem uͤbrigen
kriegsheer durch oͤrter/ da man wegen waͤlder
und berge ſchwerlich kommen kan/ gegen das
hoͤhere theil der ſtadt. Als nun dieſe poſt nach Lau-
rent koͤmmet/ wird der raht von einander gelaßẽ/
und das jenige fuͤr die hand genommen/ was
zu beſchuͤtzung der ſtadt noͤhtig erachtet wurde.
Turnus aber als er durch die kundſchaffer des E-
neens vorhaben erfaͤhret/ ordnet er ſein kriegs-
heer gleichergeſtalt in zwey theil ab/ und ſetzet
uͤber die reuterey Meſſapen und die Camille/ und
X xordnet
[[690]]Summariſcher Inhalt.
ordnet ſie wider der feinde reuterey- Er aber
nimmet mit dem fußvolcke die engen oͤrter ein/ da
Encas nohtwendig ſeinen zug zur ſtadt nehmen
muſte/ und liget da ſtille. Hier entzwiſchen ge-
het der ſtreit zu roß an/ und wird beyderſeits mit
ungewiſſem außſchlag lange weil gefochten:
Da wird die Camille/ als ſie zuvor viel feinde
erleget hatte/ da ſie ſich an den prieſter der Cy-
bele Chloreus und an ſeinen ſchoͤnen waffen ver-
gaffete und einnehmen lieſſe/ unvorſchens aus
dem hinterhalt vom Aruns mit einem pfeil ge-
troffen und umbgebracht. Dieſe that aber und
ermordung dieſer heiligen Jungfraw iſt an dem
Aruns nicht lange ungerochen geblieben; Denn
er auch hernach von Opi der Dianen dienerin
mit einem pfeil durchſchoſſen wegen beleidigter
Goͤttin iſt geſtrafft worden. Die Rutuler aber
durch den tod Camillen beſtuͤrtzet nehmen die
flucht/ und die Trojaner nehmen ſich fuͤr/ die ſtadt
zu ſtuͤrmen. Als nun die traurige zeitung dem
Turnus von der Acca der Camillen geferthin ge-
bracht wird/ verlaͤſſet er die engen paͤſſe/ die er
eingenommen hatte/ und eilet den ſeinigen zu
huͤlffe zu kommen. Durch dieſen weg folget
auch Eneas/ und weil bey bevorſtehender nacht
der
[[691]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
der ſtreit nicht wieder angehen kunte/ ſchlagen
beyde ihr lager vor der ſtadt und ligen ſtille.
NAchdem der Latiner macht durch zwo wi-
derwertige ſchlachten ſehr verringert und
ihr muht gebrochen wurde/ wird Turnus/
als er ſiehet/ daß ſeine hoffnung auff ihm allein
beruhet/ ob ihm ſchon ſolches der koͤnig wider-
raͤhtet/ und die koͤnigin ihn vergebens mit vielen
threnen von ſeinem vorhaben abhaͤlt/ ſchluͤßig/
ſich mit dem Eneen in einen abſonderlichen
kampff einzulaſſen. Schicket derowegen an
denſelben den Idmon ihn deſſen zu berichten.
Encas nimmet den fuͤrſchlag an/ und wird auff
beyden theilen ein bund mit einem thewren eyd-
ſchwur gemachet und befeſtiget. Derſelbige a-
ber wird durch anſtifftung der Juno von dem
waſſerfraͤwlein Juturnen des Turnus ſchweſter/
welche in des Camertes geſtalt verwandelt wird/
zerſchlagen und zertrennet/ und iſt Tolumnius
ein vogelſchawer unter allen der erſte/ der durch
falſche propheecyung den ſeinigen den ſieg ver-
heiſſen/ und einen pfeil auff die Trojaner ab-
ſcheuſt/ und den einen ſohn des Gylippi nieder-
machet. Es muß auch Eneas/ in dem er unwiſ-
ſend
[[692]]Summariſcher Inhalt
ſend der urſachen dieſes tumults die ſeinigen zu-
ruͤcke zu raffen ſich bemuͤhet/ und ohngefehr von
einem pfeil getroffen und verwundet wird/ aus
dem ſtreit entweichen. Als dieſes Turnus ver-
nimmet/ meinet er/ es ſey ihm erwuͤntſchte gele-
genheit den ſtreit tapfferlich zu fuͤhren an die
hand gegeben/ und thut alſo unter den feinden
eine groſſe niederlage, Mitlerweile bricht die
Venus auff dem berge Ida das kraut Dictam
ab/ und heilet damit ihres ſohnes wunde. Als
nun Eneas wiederumb zu kraͤfften kommen/ mah-
net er ſeinen ſohn Aſcan durch ſein eigen Exem-
pel zur tugend an/ machet ſich eilend fort den ſei-
nigen zu huͤlffe/ und fodert namentlich Turnum
zum ſtreit heraus. Als ſich aber Turnus nicht ſtel-
lete/ (deñ ſeine ſchweſter Juturne/ welcheden fuhr-
man Metiſeum vom wagen herab geſtuͤrtzet hat-
te/ regierete die pferde an deſſelben ſtatt/ alſo/ daß
ſie bald hieher/ bald dorthin lenckete/ und ſie nicht
zuſammen wolte kommen laſſen/) wird er Eneas
ſchluͤßig die ſtadt zu ſtuͤrmen/ ruͤcket derowegen
mit ſeinem heer an die mawren/ und wirfft an
die bollwercke und haͤuſſer fewer. Als nun die koͤ-
nigin Amata vermeinet/ daß Turnus umbkom-
men ſey/ erhencket ſie ſich fuͤr groſſen zorn und
ſchmertzen. Als Turnus aber ſiehet/ daß es ſo
weit
[[693]]der Zwoͤlff Buͤcher Virgilius.
weit gekommen/ daß er den zweykampff noht-
wendig eingehen muͤſſe/ und nicht koͤnne zuſehen/
daß die ſtadt in der feinde haͤnde kaͤme/ ſtehet er
mit Eneen nach inhalt des auffgerichteten
bundes einen ſonderbaren kampff zu halten.
Als ſie nun zuſammen gehen/ und Eneas
durch ſeines itzt gefallenen und uͤberwunde-
nen feindes bitten ſich faſt zur erbaͤrmbde bewe-
gen laͤſſet/ und aber umb deſſelben ſchultern das
guͤrtel und wehrgehencke/ welches Turnus dem
umbgebrachten Pallanti abgezogen hatte/ erbli-
cket/ ſtoͤſſet er ihn alsbald von zorn ergrim-
met den degen durch die bruſt/ und nim-
met ihm das ltben.
Liß p. 18. v. 20. dich reut/ fuͤr/ dir reut. p. 22. v. 12.
liß mich fuͤr/ auch. p. 30. v. 7. liß ruͤſtig/ p. 73. v. 23.
liß Tiſander p, 82. v. 8. liß Griegiſch/ p. 95. v. 25. liß
inne p. 123. v. 20. liß puſch/ p. 127. v. 25. liß trawer-
wein p. 146. v. 2. liß decke/ p. 152. v. 7. liß immer/ p.
171. v. 24. liß hart/ p. 192. v. 1. liß ergriffe/ p. 193.
v. 12. liß/ in ſolcher noht. p. 208. v. 3. werde das woͤrt-
lein und außgelaſſen. v. 5. liß geuſt/ p. 274. v. 22. liß
hencken/ p. 278. v. 15. liß dreygeleibte/ p. 304. v. 27. liß
buͤrd/ p. 307. v. 12. liß werden/ p. 308. v. 17. liß unge-
pfaͤhlten/ p. 326. liß hochgeſtuͤtzet. p. 327. v. 22. liß/
kaͤmpfften. p. 328. v. 4. liß/ rock. p. 338. v. 25. liß/ ihrer.
p. 345. v. 9. liß ſieh. v. 27. liß/ ſich. p. 346. v. 23. liß/
ihm. p. 352. v. 5, liß hirtenſchaar. p. 362. v. 25. liß er-
zogen. p. 365. v. 27. liß/ ſich. p. 379. v. 23. liß riegel.
v. 26. liß faſſen. p. 395. v. 23. liß lincken/ fuͤr/ rechten.
p. 411. v. 18. liß haͤuffig/ p. 423. v. 7. liß Troer. p. 434.
v. 18. liß koͤnnen. p. 443. v. 6. liß/ ſpies. p. 447. v. 24.
liß/ im. p. 475. v. 23. liß/ iſts deiner meinung nach.
p. 481. v. 25. liß/ mir. p. 487. v. 15. liß oberſter. p.
489. v. 22. liß/ haͤuffig. p. 491. v. 21. liß/ von dieſen.
p. 494. v. 1. liß/ auff dieſe rott. p. 513. v. 5. liß/ dis fuͤr/
der. p. 523. v. 28. liß/ ergrinunet. p. 575. v. 21. liß/ un-
befleckt.
Sonſt was in gemein die handlung und die verferti-
gung dieſes buchs anlanget/ wiſſe der guͤnſtige leſer/ daß
im 7. und 11. buche etliche wenig verſe wegen viel eige-
ner nahmen deren/ die in ſcharmuͤtzeln und ſchlachten
umbkommen/ und in unſre teutſche reime ſich nicht
ſchlieſſen laſſen/ ausgelaſſen worden. Uber das ſind fol-
gende oͤrter/ durch hernach erſt einfallende gedancken alſo
von mir verbeſſert werden.
Nemblich p. 312. v. 15. leſe man fuͤr das wort Pyr-
rhen/ Perſen/ und in folgender zeile fuͤr die wort: Achil-
les tapffern ſohn/ Achills verwandtes blut.
p. 365. leſe man den 6. vers alſo:
Mit kuͤriſſen/ und gliſſ von eyſen und von ſtahl
p. 369. werde der 18. vers alſo geleſen:
Den du auf tieffem ſtrom ſiehſt uͤbers ufer gehen.
p. 372. kan der 13. vers beſſer alſo geleſen werden:
Und raffte riſch zur hand mit ſich den ſchild und degen.
p. 376. ſol der erſte vers alſo lauten:
An leibesgroͤſſe gieng Anchiſes vor fuͤr allen.
p. 588. v. 4. leſe mann: Sein roth geſieder ſchwingt.
p. 602. v. 28. werde alſo geleſen:
Nach Turnus tod/ wenn er wird ſeyn getragen hin.
Denn der koͤnig Latinus redet drey verſe.
Quò referor toties? quæ mentem inſania mutat? \&c.
Heimlich bey ſich ſelbſt/ wie etwan in den Comædien o-
der Tragædien zu geſchehen pfleget/ daß der andere nicht
vernehmen ſol.
p. 636. v. 20. leſe man: Tapfferen Cetheg fuͤr Cretea.