Das Genie

Es war ein Frühlingsmorgen im Volksgarten. Eine reinere Luft als in den Strassen; überall Kinder mit ihren Bonnen. Sie spielten einzeln oder in Gruppen, sassen ermüdet oder gingen artig Hand in Hand. Es waren hässliche und schöne, bleiche und rosige, anmutige und plumpe. Aber alle, alle, alle waren so mitten drin in ihrem eigenen Kinderleben eingekapselt und der Garten war für sie nur eine luftigere weitere Kinderstube!

Eine aber, mit dicken braunen Locken, in einem braunen Velvetjäckchen mit grauen grossen Perlmutterknöpfen stand vor dem grossen Tulpenbeete. Ganz still stand sie, starrte die wunderbaren Blumen an, schneeweisse und lila Tulpen! Sie stand bewegungslos.

Wie hinweggetragen war das kleine Mädchen aus ihren eigenen Kindlichkeiten, ernst geworden vor der Zeit, erlöst vom Stunden-, vom Minutenwunsche, nicht mehr wissend, dass es Puppen gebe und Springschnur und Ballon, und »Vater, leih' mir die Scher'« von Baum zu Baum!

In diesem Augenblicke war sie eine Dichterin, den besten gleich, den tiefsten, in diesem Augenblicke [264] der Selbstvergessenheit und Schönheitstrunkenheit!

Eine Gouvernante sagte: »Weshalb steht Ihre Kleine abseits, bei diesem faden Blumenbeete?!? Hält sie sich für etwas Besseres?!?«

Da sagte die Gouvernante des edlen Kindes: »Rosamunde, gehen Sie doch spielen mit die andere Kinder, oh, was stehen Sie da so abseits?!?«

Da ging das edle Kind spielen »mit die andere Kinder«.

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