[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

Carl und Theodor Colshorn
Märchen und Sagen aus Hannover

Carl und Theodor Colshorn: Märchen und Sagen aus Hannover

[6]

Jacob und Wilhelm Grimm in herzlicher Verehrung.


[6][8]

Prolog

Die kleine Auguste war ein gar herziges Mägdlein von sieben oder acht Jahren; sie blühte wie eine Lilie, war rein wie eine Taube und mild wie eine Traube. Deshalb war sie die Freude und Wonne ihrer Eltern, und alle, die sie kannten, liebten sie.

»Komm, Kleine,« sagte eines Tags der Papa zu ihr, »setz dein Hütchen auf, binde dein rothes Tuch um und zieh deine Handschuhe an; wir wollen ein wenig ins Freie.« Da klatschte Auguste vor Freuden in ihre Händchen, und im Nu stand sie da, wie aus der Beilade genommen. Nun küssten und drückten sie die Mama und wanderten fort.

Als sie eine Weile gegangen waren und sich ergötzt hatten an den zwitschernden Vöglein, den flatternden Schmetterlingen und den hüpfenden Lämmlein, kamen sie auf eine Wiese, auf welcher tausend und abertausend lustige Blumen wuchsen. »Darf ich die pflücken?« fragte Auguste, und der Papa nickte mit dem Kopfe und winkte mit den Augen. Da war die Freude erst recht groß!

Während aber die Kleine wie ein Schmetterling von Blume zu Blume eilte, nahm der Papa etwas Weißes aus der Tasche und legte es ins Gras, das er ein wenig zur Seite bog. Und als Auguste ein schmuckes Sträußchen gepflückt hatte, kam sie [8] heran gehüpft und sagte: »Papa, darf ich nun Hasennester suchen?« Da nickte der Papa wieder mit dem Kopfe und winkte wieder mit den Augen; und sie suchte und suchte.

»Ei, was ist das!« rief sie plötzlich aus, »was wird darin sein?« Rasch nahm sie das Papier hinweg und jubelte und jauchzte hoch auf. »O, Papa, was hat mir Häschen heute gebracht! Grimm's Märchen, in blauen Sammt gebunden, mit goldnem Schnitt und goldnem Titel!«

Und sie nahm das Buch mit nach Haus, ergötzte sich an seinen köstlichen Märchen und hielt es lieb und werth.

Jetzt ist Auguste groß geworden und selber eine Mama; aber das Buch ist ihr lieb und werth wie damals und wird ihr lieb und werth sein bis zu ihrem Tode.

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1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[1] 1. Der Goldschmiedsgesell.

Mündlich in Eldagsen.


Es war einmal ein König, der wollte mit seiner Gemahlin zum Jahrmarkt und fragte deshalb seine drei Töchter, was er ihnen mitbringen solle. »Ein goldenes Spinnrad« sagte die eine, »einen goldenen Haspel« die andere, »eine goldene Garnwinde« die dritte. »Das sollt ihr haben«, sagte der König, »und noch mehr«, setzte die Königin hinzu; »dafür«, meinte der König, »müßt ihr nun aber auch versprechen, daß ihr nicht in den Garten gehen und keine Blumen von dem Rosenbusch abpflücken wollt, der dicht am Wege steht; denn wenn ihr das thätet und darauf röchet, so wär' es ein großes Herzeleid.« Sie sagten: »Wir wollen es nicht thun, ganz gewis nicht«, und getrost reisten die Eltern ab. Als die Töchter zu Mittag gegeßen hatten, sagte die eine, ich weiß nicht mehr welche, zu den beiden anderen: »Die Sonne scheint so schön, und die Vögel singen so lustig, laßt uns ein wenig hinunter in den Garten gehen; die übrigen Blumen dürfen wir ja besehen und abpflücken, und um die Rosen brauchen wir uns ja nicht zu kümmern.« Die anderen waren's gern zufrieden, und so hüpften und sprangen sie die marmorne Treppe hinab und flatterten von Blume zu Blume wie die Schmetterlinge. Als sie sich an den anderen Blumen müde gesehen hatten, sprach die eine: »Besehen dürfen wir die Rosen wohl, das kann ja nicht schaden, und Rosen sehen doch am allerbesten aus!« »Das thun sie auch«, sagte die andere, »aber abpflücken dürfen wir keine.« »Ja nicht«, sagte die[1] dritte, »der Vater hat's verboten.« Und sie giengen hin; ihr Herz klopfte zwar etwas heftig, sie giengen aber doch hin. Und sie konnten sich gar nicht satt sehen an dem wunderschönen Rosenbusch; drei Rosen aber waren die allerschönsten, und die saßen zusammen an einem Zweige und standen wie ein Kleeblatt dicht neben einander, und es war ihnen fast, als wären's Augen gewesen und sähen sie an. Endlich giengen sie langsam weg, kehrten aber bald rasch zurück; zum zweitenmal gieng's noch langsamer fort und noch rascher zurück, und zum drittenmal – ja, da giengen sie eigentlich gar nicht weg, sondern kehrten sich nur um und wieder um, und jede brach eine von den drei Rosen, und hat man erst eine Rose in der Hand, da laße einer das Dranriechen! Die drei Königstöchter wenigstens konnten's nicht laßen; sie rochen daran, und im Nu waren sie von der Erde verschwunden und im Schloße des unterirdischen Königs. Da jammerte alles Gesinde und am meisten, wenn sie daran dachten, wie der König und die Königin jammern würden. Und es war auch kläglich anzusehen, wie diese des Abends vergnügt heimkehrten und die Geschenke selber die Marmortreppe hinauf trugen, und nun niemand war, der sich darüber freute; denn wenn den Kindern die Eltern genommen werden, so ist das schon ein Herzeleid, wenn aber den Eltern so auf einmal alle Kinder fortgegangen sind, so ist noch viel größer Herzeleid.

Als sie sich ein bißchen wieder gefaßt hatten, wenigstens der König, die Königin grämte sich zu Tode, schickte jener Läufer durch alle Lande und ließ bekannt machen: »Meine Töchter sind abhanden gekommen; wer sie wiederfindet, soll die älteste zur Gemahlin haben und nach mir König werden.« Söhne nämlich waren nicht da. So gern nun jeder König geworden wäre, so meldete sich doch niemand; denn nirgends im Lande waren die drei Königstöchter zu hören und zu sehen, und du weißt recht gut, warum nicht. So rief denn eines Tags der König seinen Kutscher und seinen Bedienten herein und sagte zu ihnen: »Nehmt mein eigen Gespann, ich gehe derweil zu Fuß, und laßt euch so viel Gold geben, als ihr wollt, und suchet meine Töchter überall; vielleicht, daß ihr sie [2] findet.« »Wir wollen's versuchen«, erwiderten sie, thaten, wie ihnen geboten worden, und fuhren ab. Als sie etwa zwei Pfeifen Tabak gefahren waren, sahen sie im Graben einen Handwerksburschen sitzen und fragten ihn nach seinem Gewerbe, und wohin er wolle. »Ich bin ein Goldschmied«, sagte er, »und suche die drei Prinzessinnen.« »Das thun auch wir«, versetzten jene; »so können wir ja zusammen reisen.« Der Goldschmied war's zufrieden; »doch«, sagte er, »so geht's nicht! Da vor uns liegt ein großer Wald; drum haltet euch ja an Lebensmittel.« Als jene hierauf mit ihren Goldstücken klimperten, fuhr er fort: »An Gold könnt ihr doch nicht anbeißen, und zu kaufen giebt's dort nichts.« »Ei«, meinten jene, »wir haben noch schöne Sachen aus der Königsküche, und die Pferde ziehen schon was weg in einem Tage«; so fuhren sie sorglos weiter, kamen aber mit dem Handwerksburschen überein, sie wollten im Schatten eines Baumes so lange warten, bis er nachkomme. Während sie da nun sich lagerten und das feine Backwerk und das süße Getränk verzehrten, was ihnen die todkranke Königin eigentlich für die Töchter mitgegeben hatte, die Pferde graseten munter umher; gieng der Goldschmied in ein nahes Dorf, klopfte an alle Thüren, füllte sein Felleisen mit Brod und gesellte sich bald wieder zu ihnen. Da schirrten sie die Thiere an und fuhren weiter. Sie fuhren aber immer zu, die ganze Nacht und den ganzen Tag, und der Wald ward noch immer dichter, und nimmer zeigte sich ein Ende; sie wurden müde und machten Halt, sie wurden hungerig und sättigten sich, und fuhren ebenso die zweite Nacht und den zweiten Tag und ruhten aus. Mit dem Satteßen war's aber für Kutscher und Bedienten aus; denn ihre leckere Speise war verzehrt, und als der Goldschmied ihnen von seinem Vorrath anbot, antworteten sie: »So hoch hat Gott uns noch nicht gestraft, daß wir Bettelbrod eßen sollten!« Jener machte sich nichts daraus, aß sein Bettelbrod, trank klares Waßer dazu und sang und pfiff, daß es eine Lust war, wenigstens für ihn, wenn auch nicht für die beiden anderen; denn die gönnten ihm nicht, daß er satt und fröhlich war. Am dritten Tage bot er ihnen wieder von seinem Bettelbrod an, und nun mußten sie sich [3] schon bequemen; doch sträubten sie sich wieder noch ein wenig und sagten: »Für umsonst nehmen wir nichts; wenn du uns aber davon verkaufen willst, so mag es gehen.« »Da sei Gott für!« versetzte jener; »umsonst hab' ich's empfangen, umsonst geb' ich's wieder weg, oder gar nicht.« So langten sie denn zu, und das Bettelbrod schmeckte ihnen wunderschön.

Gegen Abend kamen sie endlich aus dem Walde heraus und trafen auf ein kleines Haus. »Da endlich wird's was Beßeres geben, als Bettelbrod!« sagten Kutscher und Bedienter; »nun wollen wir dich einmal frei halten!« Sie fuhren hinzu, aber keine Mutterseele ließ sich sehen; sie giengen hinein, suchten alle Zimmer durch, fanden jedoch kein lebendes Wesen drin. So ward denn wieder zum Bettelbrod gegriffen, und alle schliefen ein. Am andern Morgen, als sie aber mals das Haus durchsuchten, fanden sie allerlei ungekochtes Gemüse, auch brannte ein Feuer auf dem Herde; da wurden sie eins unter einander, Kutscher und Goldschmied sollten auf die Jagd gehen, der Bediente hingegen, der sich nicht gern rühren mochte, solle zu Hause bleiben und ein Mittagsmahl zubereiten; und sie thaten also. Zuerst besah sich der Bediente alle Zimmerchen, und damit gieng der Morgen fast hin; als er endlich in die Küche gieng und von dem blank geputzten Geschirr nahm, Gemüse hinein that und aufs Feuer setzen wollte, bekam er, die Sonne stand gerade mitten am Himmel, bekam er plötzlich solche Ohrfeigen, rechts und links, rechts und links, daß ihm Hören und Sehen vergieng, und er von der einen Seite zur andern flog. Voll Entsetzen flüchtete er sich in die Stube, und siehe! vor ihm stand der Zwergkönig, sah ihn grimmig an und brummte: »Was thust du in meinem Hause? Was thust du in meinem Hause?« »Bist du's gewesen, der mich geschlagen?« kreischte der Bediente; »dich Klabautermännchen will ich schon über Bord kriegen!« und nun fielen sie über einander her, hast du nicht, so kannst du nicht, und rupften sich und balgten sich; bald aber gieng dem Bedienten der Athem aus, und der Zwergkönig stieß ihn von einer Ecke in die andere und ließ ihn für todt liegen. Als die beiden anderen nach Hause kamen, sie hatten nichts geschoßen, fanden sie den [4] Bedienten noch im Winkel liegen, ganz lahm und zerstoßen. »Mensch, was fehlt dir?« fragten sie. »Ich bin krank geworden,« log jener. »Nun,« meinte der Goldschmied, »dem Menschen kann bald was zustoßen.« Hierauf brachten sie ihn zu Bett, aßen vom Bettelbrod, das schon schimmelig wurde und ihnen doch schmeckte, auch dem Kutscher, und legten sich danach aufs Ohr.

Am andern Morgen, als die Sonne aufstand, weckte der Handwerksbursch die beiden anderen und sagte: »Heute laßt uns aber ernstlich an Speise denken; denn mit meinem Brod ist's bald aus und vorbei.« Der Kutscher stieg, der Bediente kletterte aus dem Bett, und nun wurden sie eins, der Kutscher soll zu Haus bleiben, die beiden anderen sollen ihr Heil auf der Jagd probieren. Gern wäre der Bediente daheim geblieben; doch die Knüffe und Püffe – nein, lieber mitgehumpelt! Er war aber ein böser, böser Mensch; deshalb sagte er von seinem Unglücke kein Sterbenswörtchen, auch dem Kutscher nicht, lachte vielmehr ins Fäustchen und dachte: »Was dem einen recht ist, ist dem andern billig.« Während die Jäger draußen umherirrten, wollten sie eben zuschießen, husch! war das Wild fort, wollten sie Beeren pflücken, hui! war's eine häßliche Spinne; schnoperte der Kutscher das Haus durch, Zimmerchen um Zimmerchen, und als er endlich, die Sonne stand wieder gerade mitten am Himmel, in die Küche gieng, von dem blank geputzten Geschirr nahm, Gemüse hinein that und aufs Feuer setzen wollte, bekam er plötzlich solche Ohrfeigen, rechts und links, rechts und links, daß ihm Hören und Sehen vergieng, und er von der einen Seite zur andern flog. Voll Entsetzen flüchtete er sich in die Stube, und siehe! vor ihm stand der Zwergkönig, sah ihn grimmig an und brummte: »Was thust du in meinem Hause? Was thust du in meinem Hause?« »Bist du's gewesen, der mich geschlagen?« schrie der Kutscher; »dich Knirps soll der Kukuk!« und nun fielen sie über einander her, und nun gieng's dem Kutscher ebenso schlimm wie dem Bedienten: zerstoßen, zerkratzt, windelweich geschlagen, fiel er wie gerädert in eine Ecke. Als die beiden anderen nach Hause kamen, sie hatten nichts geschoßen, fanden sie den Kutscher für todt im Winkel liegen. [5] »Mensch, was fehlt dir?« fragten sie. »Ich bin krank geworden«, log jener. Der Bediente lachte und freute sich erst recht auf morgen; der Goldschmied aber sagte: »Nun, dem Menschen kann bald was zustoßen!« Sie brachten ihn zu Bette, aßen das letzte Bettelbrod auf, in dem schon Maden saßen, das ihnen aber doch schmeckte, auch dem Bedienten, und legten sich danach aufs Ohr.

Am andern Morgen, als die Sonne aufstand, weckte der Handwerksbursch die beiden anderen und sagte: »Mein Brod ist verzehrt bis auf die letzte Rinde; also laßt uns auf anderes Eßen denken. Und da euch beiden was zugestoßen ist, denk' ich, bleib' ich heute zu Haus, und ihr geht auf die Jagd.« Des waren sie froh und humpelten fort. Erst giengen sie stumm neben einander; endlich sagte der Bediente: »Nun kommt die Reihe an ihn!« »Ja, nun kommt die Reihe an ihn!« versetzte der Kutscher; und als sie merkten, daß es ihnen beiden ganz gleich ergangen sei, klagten sie sich ihre Noth und freuten sich nur, daß sie's schon überstanden hätten, während der Handwerksbursch erst noch hindurch müße. Auch wurden sie eins, sie wollten sich hinlegen und schlafen, denn es hülfe alles Jagen doch nicht; in nächster Nacht aber wollten sie den lahmen Goldschmied zurücklaßen und sich mit dem Gespann aus dem Staube machen. Und sie legten sich ins Gras und schliefen ein. Unser Goldschmied derweil besuchte alle Zimmerchen, fand auch einen Weinkeller, der offen stand und voll besten Weines war, und den die anderen nicht gefunden hatten; dann gieng er in die Küche, und siehe! hier kochte und schmorte es schon, daß es eine Art hatte, die Aale wälzten sich in der Pfanne, die Suppe schäumte, die Erbsen platzten, der Bratspieß drehte sich von selbst, kurz, es rumorte darauf los, als sollte Hochzeit sein. An Ohrfeigen war auch nicht zu denken; als aber die Sonne gerade mitten am Himmel stand, kniff es den Goldschmied ins Bein. Erschreckt sah er sich um, und vor ihm stand der Zwergkönig, ernst, doch nicht grimmig, und sprach: »Schöne Geschichte das! zwei hab' ich schon abgeprügelt, und nun kommt noch der dritte!« »Liebes Gevatterchen«, sagte der Handwerksbursch, »um Prügel ist mir's weniger zu thun, als um Eßen, das kannst [6] du glauben! Die letzte Rinde ist verzehrt; und wolltest du uns nur das laßen, was hier kocht und schmort, so würdest du uns einen großen Gefallen erweisen; denn der Hunger thut gar zu weh!« Zwergkönig antwortete: »Dir hab' ich's gleich angesehen, daß du beßer bist; du bittest doch noch vernünftig, wenn du was haben willst. Behalte es denn; aber die beiden verwegenen Bunken sollen nichts abhaben!« »Liebes Gevatterchen«, erwiderte der Handwerksbursch, »es ist ja nur ihre Dummheit; vergieb es ihnen also.« Der Zwerg murmelte was in den langen Bart und zeigte hierauf dem Goldschmied alle Zimmer und alle Schätze und erlaubte ihm, hier zu bleiben, so lange er wolle, und zu sieden und zu kochen, so viel ihm beliebe. »Das ist recht dankenswerth«, meinte der Handwerksbursch, »wo sollen wir aber Holz hernehmen?« Der König wies auf den Hof, wo Baum an Baum lag. »Liebes Gevatterchen«, sagte der Goldschmied, »das ist aber nicht gespalten!« »Hier ist ein Beil«, entgegnete der Zwerg und zog ein funkelnagelneues aus der Tasche, »spalte!« Der Handwerksbursch versetzte: »Vier Hände können mehr als zwei, und die Bäume sind dick; wolltest du mir nicht ein wenig helfen?« »Auch das noch?« brummte der Zwerg; »nun, meinetwegen ans Werk!« und langte ein zweites Beil aus der Tasche. Hierauf spalteten sie einen Baum und noch einen und giengen an den dritten. Eben hatte der Zwerg einen dicken Keil hineingetrieben und lehnte sich über den Baum, um die Axt aufzunehmen; da gerieth sein langer Bart in die Spalte, der Handwerksbursch zog flugs den Keil heraus, und fest saß der Zwerg und heulte und stöhnte. »So wärst du also gefangen!« sagte der Goldschmied, »nun bekenne, wo hast du die drei Königstöchter! Meine Base, die dir wohl noch bekannt sein wird, hat mir gesagt, du habest sie geraubt; sie wieder zu holen, bin ich hier. Wo sind sie? Bekenne, oder du bist auf ewig gefangen.« Der Zwerg wand und krümmte sich, bat um Befreiung, versprach alles, kam jedoch nicht eher los, als bis er bekannte: »Die drei Prinzessinnen sind in meinem Schloß. Hier hast du einen Zauberstab; geh damit in die Mitte des Waldes, dahin, wo er sich mit der Spitze zur Erde neigt. Da brich ihn dreimal [7] durch; dann öffnet sich die Erde, und du wirst weiter sehen. Und hier hast du einen Bindfaden, zweimal sechsundachtzig Klafter lang; so tief geh, aber tiefer nicht.« Der Goldschmied dankte, trieb aufs neue den Keil hinein, und verschwunden war der Zwerg. Kaum war jener im Hause, die Sonne wollte schon untergehen, als der Bediente und der Kutscher heulend hereinstürzten: »Es hat uns jemand schrecklich am Barte gezupft, die Ohren gerieben wie nichts Guts, und ist doch niemand dagewesen; es muß der Zwergkönig gewesen sein!« Er war es auch gewesen. Wie aber staunten sie, als sie den Goldschmied frisch und munter fanden, die Tafel gedeckt, die Schüßeln dampfen, die Tische von Speisen und süßem Wein knacken! Sie fragten und fragten, aber der Goldschmied sagte nichts; so aßen und tranken sie, bis sie müde wurden und ins Bett taumelten.

Nun blieben sie hier eine Woche und noch eine und noch eine, zwei schlenderten umher, einer kochte und besorgte den Tisch, und so alle Tage umschicht, und lebten in Saus und Braus; der Kutscher und der Bediente dachten weder an den Vater, der auf seine Kinder hoffte, die Mutter war todt, noch an die Töchter, die vielleicht auch nicht lauter Freude hatten; der Goldschmied aber dachte an alles, so wohl es ihm hier gefiel. Endlich sprach er: »Ich schlage vor, wir bekümmern uns nun einmal um die drei Prinzessinnen!« Die anderen wollten erst nicht; als sie aber sahen, daß es jenem Ernst damit war, und er allein fort wollte, sagten sie: »Nun, so wollen wir sie suchen; finden wir sie aber nicht, kommen wir hieher zurück, denn hier ist's wohl sein!« Der Handwerksbursch schlug vor: »Wir ziehen jeder unsere Straße«; dagegen sträubten sich die anderen, und so fuhren sie zusammen in den Wald. Als sie die Mitte desselben erreicht hatten, kehrte sich das Stäbchen mit dem einen Ende zur Erde; der Handwerksbursch wollte es gerade halten, es gieng nicht; die anderen faßten es mit an, es neigte sich. Nun nahm es der Goldschmied und brach es dreimal durch; beim erstenmal krachte es in der Erde, beim zweitenmal barst sie ein wenig auf, beim drittenmal that sie sich aus einander und zeigte eine lange Wendeltreppe von [8] weißem Marmor. »Wer will hinein?« fragte der Goldschmied; keiner meldete sich. So hieß er jene den Bindfaden fest halten, und sie thaten's auch; er selber stieg hinab, bis der Faden zu Ende war. Da fand er unten ein wunderschönes Schloß mit hohen Thürmen und hellen Fenstern, und als er anklopfte, sprang das Thor auf, und er gelangte über einen großen Hof, wo alles still und öde war. Vor der Hausthür standen Posten, langbärtige Zwerge, die waren fest eingeschlafen; er zupfte sie am Bart, er rief und schüttelte sie, sie schliefen weiter. Er klopfte an die Thür, sie drehte sich knarrend in den Angeln, und er kam in ein schönes Zimmer, in welchem es hell war von den Waffen an der Wand, so leuchteten sie; Zwerge waren auch genug da, sie schliefen aber und antworteten nichts. So war's auch im zweiten Zimmer, und als er die Küchenthür öffnete, er gieng aber nicht hinein, sah er, wie selbst die Flamme schlief, und er dachte bei sich: »Komische Wirthschaft das!« Am andern Ende des zweiten Zimmers war aber eine große, große gläserne Thür, die führte in einen großen, großen Saal; hier blieb er stehen, blickte hindurch und sah dann die drei Königstöchter an einem Tische sitzen, und sie waren erschrecklich blaß und weinten, und die älteste hatte den Zwergkönig auf dem Schoß, und auch dieser schlief und schnarchte. Der Goldschmied klopfte leise an; da kam die zweite herbei geschlichen und erkundigte sich, wer er sei, und was er wolle. Er antwortete: »Wir suchen euch. Eure Mutter ist gestorben vor Gram; euer Vater lebt noch und hofft auf eure Wiederkehr.« Da sagte es die zweite den beiden anderen, und alle weinten; die älteste aber sprach: »Es geht nicht! der Zwergkönig läßt uns nicht weg, es wäre denn, daß du ihn tödtetest.« Als der Goldschmied dazu bereit war, holte die jüngste ihm ein blankes Schwert von der Wand, die beiden anderen ließen den Kopf des Königs sacht auf einen Stuhl gleiten, und – »hau ihn ja zum erstenmal ab!« – flüsterte noch die älteste, da rollte schon der Kopf im Saal umher, der Rumpf zuckte am Boden, und das Blut spritzte bis an die Decke; und als der König starb, hörten sie draußen ein Gepolter und Geseufze, und als sie zusahen, waren alle Zwerge todt [9] niedergefallen, das Feuer war aus, und alles war still wie im Grab. – Die drei Schwestern freuten sich, bedankten sich und sagten: »Du hast uns erlöst; aber drei Tage müßen wir hier noch bleiben, sonst müßten wir auch sterben. So komm denn über die Zeit wieder und hole uns!« Und zum Zeichen gab ihm die älteste eine goldene Sonne, die zweite einen goldenen Mond und die dritte einen goldenen Stern; an allen aber stand der Name des Königs. Der Handwerksbursch versprach es, entfernte sich, stieg die Wendeltreppe hinauf, und die Erde schloß sich nicht wieder.

Oben angelangt, erzählte er den beiden Gefährten alles, wie sich's zugetragen hatte; nur von den drei Zeichen sagte er ihnen nichts. Da wurden sie lustig über die Maßen, sprangen in den Wagen und ließen den Goldschmied zu Fuße nachkommen; dieser aber dachte: »Fahrt nur zu!« Unterwegs verbrachten jene alles Geld, das ihnen der König mitgegeben hatte, und fuhren jubelnd vors Schloß, wo sie mit ihrem Bericht alles heiterer stimmten, besonders den König. Am andern Tage kam auch der Handwerksbursch; er hatte sich wieder Brod gebettelt und die Nacht unter freiem Himmel zugebracht. Als er dem König alles haarklein erzählte, und wie die Töchter so blaß und traurig wären, da meinte schon der König: »Er ist der Rechte«; als er nun aber noch die drei Zeichen vorwies, da sagte der König: »Du bist der Rechte; du sollst die älteste Tochter zur Gemahlin haben und König wer den.« »So erlaubt mir, Herr König,« versetzte der Goldschmied, »daß ich zuvor meine alten Eltern wiedersehe und mir deren Segen hole.« Des war der König zufrieden; »komm aber ja zur rechten Zeit wieder«, fügte er hinzu. »Wenn ich kann!« meinte jener und zog seine Straße. Er konnte aber nicht; denn seine Mutter war krank, und sie wollte er erst genesen sehen, worüber Woche auf Woche vergieng.

Am dritten Tage, als der Goldschmied nicht wiedergekommen war, sandte der König den Kutscher und den Bedienten los mit vielen Soldaten, die drei Töchter zu holen. Sie fanden auch die Stelle wieder, stiegen hinab zu den Königstöchtern und bedroheten[10] sie: »Wenn ihr nicht sagt, daß wir euch erlöst haben, so müßt ihr alle sterben.« Die Prinzessinnen erschraken und besannen sich; die beiden Schurken schnitten aber so grimmige Geberden, daß sie's versprachen. So fuhren sie denn zusammen ins Schloß, und da war lauter Freude und Wonne; auch kamen viele Fürsten, um dem Könige und den Prinzessinnen Glück zu wünschen. Nach mehreren Wochen, als der Goldschmied immer nicht wiederkam, und die beiden anderen immer stärker auf den König eindrangen, er solle sein Versprechen erfüllen, sie selber wollten um die älteste Tochter loosen, bestellte jener eine große Versammlung, beschied auch den Kutscher und den Bedienten dahin sammt den drei Töchtern und fragte, wer diese erlöset habe. »Der Kutscher und der Bediente«, sagte die älteste, und die beiden andern bejaheten es. Der König merkte die Schurkerei; was wollte er aber machen? er setzte die Hochzeit fest. Da jammerte die älteste Tochter und bat, noch ein wenig zu warten; eben sei ja erst die Mutter gestorben, und da könnten sie noch nicht tanzen. Der König willigte ein. Nach vier Wochen, als der Kutscher und der Bediente immer lauter wurden und auf ihr Recht pochten, berief der König wieder eine Versammlung und bestimmte nun die Hochzeit auf den siebten Tag; »länger«, sagte er, »warten wir aber nicht« und dachte, »vielleicht ist der Goldschmied ein Schelm, denn er kommt ja nicht wieder, und da hat einer der anderen die Krone verdient.« Die älteste Prinzessin weinte und rang die Hände, denn sie hatte den Goldschmied sehr lieb, und immer wollte er noch nicht kommen. Sie sah auch Tag und Nacht vom hohen Schloß herab, sie sah sich fast die hellen Augen blind; aber immer wollte der Goldschmied nicht kommen. Am Morgen des siebten Tags, der Bediente, denn ihn hatte das Loos getroffen, war schon stattlich herausgeputzt, die unglückliche Braut aber schlummerte noch, am Morgen des siebten Tags ward's laut vor dem Thor; die Braut fuhr aus wirren Träumen auf und sah hinunter; und siehe! der Goldschmied, schmuck angezogen und wunderschön von Gestalt, stritt mit den Posten, die ihn nicht einlaßen wollten. Da konnte sie sich nicht mehr halten; »das ist der Rechte!« rief sie aus dem Fenster; »der Rechte ist da!« rief [11] sie ihrem Vater in die Kammer. Der Goldschmied kam herein, und alle bewunderten den schmucken, schlanken Jüngling. Nun gieng's ans Erzählen, und der Goldschmied sagte: »Ich wollte nicht ohne meine Eltern Hochzeit halten; dort kommen sie nachgefahren.« Der König freute sich und sagte: »Ist das der Rechte?« »Ja, das ist der Rechte!« riefen die Prinzessinnen, »das ist unser lieber Erlöser!« »Nun«, sagte der König zur ältesten, »so heirate du diesen.« Hierauf mußte der Goldschmied abtreten, und der Kutscher mit dem Bedienten hereinkommen; und der König fragte sie: »Was verdient der, der seinen Herrn und König betrügen will?« Sie wußten nicht, daß der Goldschmied da sei, und meinten, der König denke an diesen, und so antworteten sie: »Daß er von vier Pferden aus einander gerißen werde!« »Ihr habt euch selbst das Urtheil gesprochen; führt sie zum Tode, Soldaten!« Der Goldschmied hatte es nebenan gehört und stürzte hervor und bat für sie; der König jedoch, so gern er ihm sonst einen Gefallen gethan hätte, mußte es ihm abschlagen, da die beiden zu ruchlos gewesen waren, und so wurden sie von vier Pferden aus einander gerißen. Der Goldschmied aber heiratete die älteste Prinzessin, erhielt nach des alten Königs Tode die Krone, und sie haben lange glücklich mit einander gelebt.

2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod.

Mündlich auf der List.


Es war einmal eine arme Wittwe, die hatte sechs unmündige Kinder, und als einst im Frühling ein böses Fieber kam und erst die Kinder und danach auch die Mutter niederwarf, da war es, als sollten sie verhungern. In dieser schrecklichen Noth raffte die Mutter sich auf, schleppte sich nach einer reichen Frau, die gerade gegenüber wohnte, und bat um ein wenig Brod. Diese aber wies sie schnöde ab und entgegnete: »Ich gäbe dir wohl was; doch [12] mein Meßer ist so roth wie Blut, und mein Brod so hart wie Stein.« Die unglückliche Mutter entsetzte sich, wankte traurig aus der Thür und fiel wie todt auf der Schwelle nieder. Bald aber erholte sie sich; denn ein altes Mütterchen kam an einer Krücke herbeigehinkt, flößte ihr einige Tropfen Wein ein, tunkte etwas Brod in Wein, reichte es der Wittwe und brachte sie also ins Leben zurück. Hierauf fragte das alte Mütterchen: »Was fehlt dir? was weinest du?« Jene erzählte ihr die Geschichte, und nun hob das Mütterchen den krummen Zeigefinger gegen die reiche Frau auf und murmelte: »Dein Meßer so roth wie Blut! dein Brod so hart wie Stein!« Als nun aber die Wittwe ihrer armen Würmlein gedachte, da weinte sie von neuem; das alte Mütterchen jedoch tröstete sie und sagte: »Was todt ist, das ist wohl versorgt; was noch lebt, das soll nicht sterben.« Und sie giengen zusammen in die Höhle des Jammers, und fünf Kinder wurden wieder lebendig, als das Mütterchen ihnen Wein einflößte, und das sechste lag da und lächelte, denn dieß sechste – ja, das war beim lieben Gott. – Um die Frühstückszeit gieng die reiche Frau in die Speisekammer, um sich Brod zu schneiden; aber das Meßer war so roth wie Blut, und das Brod so hart wie Stein. Sie nahm ein anderes Meßer und ein anderes Brod; aber das Meßer war so roth wie Blut, und das Brod so hart wie Stein. In höchster Angst rief sie einen Diener herbei, und in dessen Hand war das Meßer so blank wie Eis, und das Brod so weich wie Brod; doch als die Frau das Butterbrod eßen wollte, da war es in ihrem Munde so hart wie Stein. Und alle Speise, die sie von der Zeit an über die Lippen brachte, es mochte Brod oder Fleisch oder Gemüse sein, war in ihrem Munde so hart wie Stein; und als sie elendiglich verhungert war, da lächelte sie nicht auf dem Todtenbette, denn sie war nicht bei Gott, sondern mußte alle Nacht umgehen; und sie hatte nicht eher Ruhe im Grabe, als bis der eine von ihren Erben der armen Wittwe so viel von der Erbschaft gab, daß sie mit ihren Kindern zu leben hatte bis an ihren Tod.

3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[13] 3. Von dem Breikeßel.

Mündlich in Springe.


Sieben Meilen hinter Eulenpfingsten lebten vor alter Zeit ein Mann und eine Frau, aßen und tranken und waren allezeit guter Dinge. Der Mann aber war ein Müller; nun rathe, was die Frau war. Und sie hatten eine einzige Tochter, wenn die im Sommer am Bache saß und ihre Füßchen spülte, kamen alle Fische herbei und sprangen vor Freuden aus dem Waßer, so schön war sie. Einst wurde eine theure Zeit, und es kam nur wenig Korn zur Mühle; deshalb hatten sie nichts mehr zu eßen. Da gieng die Frau eines Tages hin, schüttelte alle Kisten und Kasten und klopfte alle Säcke aus, that das letzte Salz daran, kochte einen Roggenbrei und sagte: »Dieß wird die letzte Mahlzeit sein; wir können uns dann hinlegen und sterben.« Als der Brei bald fertig war, kam der Mann in die Küche, nahm den hölzernen Löffel und wollte einmal schmecken. Die Frau verwehrte es ihm, und als er Gewalt brauchen wollte, nahm sie den Keßel auf den Kopf und lief davon, daß ihr die Haare um den Nacken flogen; der Mann mit dem Löffel in der Hand setzte hinter ihr her, und als die Tochter das sah, nahm sie ihre Schuhe in die Hand und lief hinter dem Vater her. Und sie kamen in einen Wald, da verlor das Mädchen den einen Schuh, und während sie den suchte, ohne ihn finden zu können, verschwanden Vater und Mutter hinter den Bäumen; da setzte sie sich hinter einen Busch und konnte nicht mehr, so müde war sie, und weinte und wimmerte, und als sie daran dachte, daß sie ihren einen Schuh verloren hatte, weinte sie noch viel mehr. Den Schuh aber hatte der Zaunkönig gefunden, und die Frau Zaunkönigin wiegte ihre Jungen darin. Als sie nun da so saß und klagte, daß es einen Stein hätte erbarmen sollen, stand auf einmal eine steinalte Frau vor ihr, die sagte: »Was fehlt dir, mein Kind?« Das Mädchen antwortete: »Ja, [14] die Mutter nahm das letzte Mehl und kochte einen Brei davon, da wollte der Vater schmecken, die Mutter wollte es nicht haben; nun ist sie davon gelaufen mit dem Keßel auf dem Kopf, und der Vater läuft hinter ihr her mit dem Löffel in der Hand; und als ich ihnen nachlief, verlor ich den einen Schuh, und während ich den suchte, verschwanden Vater und Mutter hinter den Bäumen. Was soll ich nun anfangen? Hätte ich nur den Schuh wieder!« »Hier hast du einen andern«, sagte die Frau, griff in die Tasche, holte einen funkelnagelneuen heraus und setzte hinzu: »Sei ruhig und thu, was ich dir sage, so wird alles gut! Geh noch ein wenig tiefer in den Wald, da kommst du an ein großes Haus, das ist ein Königsschloß, da geh hinein; und wenn sie dir dann viele Kleider vorlegen, seidene, baumwollene und leinene, und dir sagen, du sollst dir davon eins wählen, so such dir das schönste seidene aus, und wenn sie dich fragen, warum du dir das wählst, so antworte: ›Ich bin in Seide erzogen.‹« Das Mädchen bedankte sich und gieng und kam bald an das schöne Schloß, und als sie hinein kam, und ihr die vielen Kleider vorgelegt wurden, seidene, baumwollene und leinene, suchte sie sich das schönste seidene aus. Da fragte sie der König: »Warum wählst du dir denn gleich ein seidenes?« Sie antwortete: »Ich bin in Seide erzogen«; eigentlich war sie aber in Linnen erzogen. Nun hatte der König einen Prinzen, der war zwölf Jahr alt und sollte heiraten, und als die Müllerstochter in dem seidenen Kleide herein kam, lief es ihm heiß durchs Herz, und er sagte: »Lieber Vater, wenn ich doch nun einmal mit Gewalt heiraten soll, so gebt mir die; eine andere nehme ich nun und nimmermehr!« Des waren alle froh, und die Hochzeit wurde angesetzt. Eines Tages stand die Braut oben im Saale am Fenster und besah sich die Gegend, und als sie eben noch hinuntersah, siehe, da lief da ihre Mutter vorbei mit dem Keßel auf dem Kopf, daß ihr die Haare um den Nacken flogen, und hinter ihr her lief der Vater mit dem großen hölzernen Löffel in der Hand; da konnte sie es nicht laßen, sie mußte laut auflachen. Das hörte der Prinz im Nebenzimmer und kam herein und sagte: »Schätzchen, was lachst du?« Sie wollte die Geschichte [15] von ihren Eltern nicht gern erzählen und antwortete: »Ich lache darüber, daß wir in diesem kleinen Schloße Hochzeit halten sollen; denn wo wollen hier die vielen Gäste unterkommen?« Da versetzte der Prinz: »Hast du denn ein größeres?« Sie antwortete: »Ja, viel größer«; sie hatte aber eigentlich gar kein Schloß. »Ei,« sagte der Prinz, »so laß uns die Hochzeit noch acht Tage aufschieben! Wir bestellen dann alle auf dein Schloß, fahren gleichfalls dahin und feiern dort die Hochzeit.« Damit gieng er weg, um es dem Vater zu sagen; sie aber stieg in den Hof hinab und war traurig, denn wo sollte das große Schloß herkommen? Und als sie da saß und weinte, war auf einmal die alte Frau vor ihr und sagte: »Was fehlt dir?« Sie antwortete: »Ich stand gerade oben im Saale am Fenster und besah mir die Gegend, und siehe, da liefen meine Eltern unten vorbei, und da mußte ich laut auflachen. Das hörte mein Bräutigam im Nebenzimmer, und als er kam und sich erkundigte, warum ich gelacht habe, wandte ich vor, es sei wegen dieses kleinen Schloßes geschehen; ich hätte ein viel größeres. Nun soll dort die Hochzeit gefeiert werden, und ich habe doch gar kein Schloß.« »Das hast du doch!« erwiderte die Alte; »sei nur ruhig und fahre getrost mit hin, und wenn ihr ein bißchen gefahren seid, springt ein weißer Pudel aus dem Gebüsch, den du allein sehen kannst; wo der hinläuft, laß hinfahren.« Damit verschwand die alte Frau, und das Mädchen gieng wieder in den Saal. Als die acht Tage umwaren, und die Gäste zur Hochzeit kamen, fuhren sie über die Brücke in den Wald, und bald sprang ein weißer Pudel aus dem Gebüsch, den das Mädchen allein sehen konnte, und wohin der lief, ließ sie ihren Wagen fahren, und die anderen Wagen kamen alle hinterdrein. Als sie eine Zeit lang unterweges waren, und den Gästen die Zeit lange zu dauern anfieng, fragten sie: »Sind wir noch nicht bald hin?« Sie antwortete: »Sogleich«, und in demselben Augenblick stand der Pudel still und verschwand im Gebüsch, und wo er verschwunden war, stand plötzlich ein großes Schloß mit hohen Thürmen und hellen Fenstern, und lustig drängte sich der Rauch aus allen Schornsteinen. »Das ist mein Schloß«, sagte die Braut, und alle [16] stiegen aus und giengen hinein. Und siehe, die Tische waren gedeckt, die Betten gemacht, und die Bedienten liefen ein und aus. Da hielten sie ein halbes Jahr Hochzeit. Und am letzten Tage, als sie schon eingepackt hatten, um wieder nach dem alten Schloße zu fahren, und eben zum letztenmal bei Tische saßen, da plötzlich rannte etwas gegen die Thür, daß sie krachend aufsprang. »Frau Königin! Frau Königin!« rief eine Frau, die mit einem Keßel auf dem Kopfe hereinstürzte, »Frau Königin schützt mich; mein Mann will mich schlagen!« Und der Mann kam hereingestürmt mit einem hölzernen Löffel und war ganz wüthend und wollte die Frau schlagen; als er aber die hohen Gäste sah, ließ er es bleiben. »Das sind meine lieben Eltern!« sagte die junge Königin, und der junge König freute sich, und der alte auch, denn sie hatten die schöne Frau über die Maße lieb; und als diese ihre ganze Geschichte erzählt hatte, mußten die Bedienten den großen hölzernen Löffel nehmen und jedem der Gäste einen Löffel voll von dem Brei, dem alle ihr Glück verdankten, auf den Teller geben, und alle aßen davon und lobten ihn; der Müller und die Müllerin aber bekamen so viel Wein und Braten, wie sie nur laßen konnten, und das war sehr viel, denn sie hatten sich ungemein hungerig gelaufen.

4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

4. Großmütterchen Immergrün.

Mündlich in Hildesheim.


Es war einmal eine kranke Mutter, die hatte Herzweh nach Erdbeeren und schickte deshalb ihre beiden Kinder ins Holz, daß sie ihr welche suchten. Als das Körbchen voll war, keins aber hatte eine gegeßen, so lieb hatten sie die Mutter; da kam ein altes Mütterchen daher, das war ganz grün angezogen und sprach zu ihnen: »Ich bin hungerig und kann mich nicht mehr bücken, so alt bin ich; schenkt mir ein paar Erdbeeren.« Und sie erbarmten [17] sich der alten Frau und schütteten ihr das Körbchen in den Schoß. Als sie hierauf forteilten, um andere zu pflücken, rief das Mütterchen sie zurück, nahm sie bei der Hand und sagte: »Nehmet die Erdbeeren nur wieder, ich finde doch schon; und weil ihr ein so gutes Herz habt, schenke ich dir eine weiße und dir eine blaue Blume. Nehmet sie wohl in Acht, bringt ihnen alle Morgen frisches Waßer, und zanket nicht mit einander!« Sie dankten und eilten nach Hause. Als die Mutter die erste Erdbeere an die Lippen brachte, da war sie gesund, und das hatte Großmütterchen Immergrün gethan; und als die Kinder die Geschichte erzählten, da dankte sie der holden Frau und freute sich der Kinder, und so oft diese die Blumen ansahen, die immer frisch und lieblich waren, gedachten sie an das Wort: »Zanket nicht mit einander!« Eines Abends jedoch entzweiten sie sich und giengen friedlos zu Bette; und als sie am Morgen die Blumen tränken wollten, siehe! da waren diese kohlrabenschwarz. Da erschraken sie, nahmen sie traurig in die Hand und weinten viele, viele Thränen auf die Blumen; und siehe! die weiße wurde wieder weiß, die blaue wieder blau. Seit dem Tage haben sie immer Frieden mit einander gehalten, und die Mutter hat sie gesegnet im Leben und im Tode, und sind also die Blumen ein großer Schatz für sie geworden, und haben sie Großmütterchen Immergrün lieb gehabt bis an ihren Tod.

5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

5. Peter Bär.

Mündlich in Hannover.


In einem Dorfe lebte einmal ein Mann, welcher Kuhhirt war. Eines Tages, als seine Frau mit den Kühen nach' der Weide gezogen war, hatte sie das Unglück, eine Kuh zu verlieren. Sie suchte und suchte bis in die späte Nacht, konnte sie aber nicht wiederfinden, und da sie sich vor ihrem Manne fürchtete und [18] sich deshalb nicht ohne das Thier nach Haus wagte, suchte sie noch beim Sternenschein und verirrte sich dabei tief in den Wald hinein. Hier gelangte sie endlich an eine Höhle, und da sie matt und müde war, gieng sie hinein, um darin zu übernachten. Kaum hatte sie sich dort niedergesetzt, da kam ein großer Bär herein; dieser brummte zwar erst ein wenig, ward aber bald vertraut mit der zitternden Frau und that ihr nichts zu Leide. Und sie lebten zusammen in der Höhle: der Bär gieng frühmorgens weg, kehrte jedoch jedesmal bald zurück und brachte der Frau frisches Fleisch und allerhand Beeren; dabei unterließ er es aber nie, beim Weggehn einen großen Stein vor die Höhle zu wälzen, damit jene nicht entfliehen möge. Nach einiger Zeit bekam die Frau, die bis dahin kinderlos gewesen war, einen kleinen Sohn; als derselbe neun Monate alt war, da war er ebenso stark wie sein Vater, der Bär. Darüber, daß der Sohn so schnell heranwuchs und erstarkte, freute sich die Mutter außerordentlich und nicht bloß wie andere Mütter: sie wollte schon lange so herzlich gern wieder nach Haus und unter Menschen, und da sie selber die Höhle nicht öffnen konnte, setzte sie ihre ganze Hoffnung auf den Jungen; denn der Alte that es nicht, sie mochte bitten und schmeicheln, so viel sie wollte. Als die Kraft des Knaben so weit gediehen war, und der Bär einst wieder ausgieng, ließ sie von jenem den Stein wegwälzen, was ihm ein wahres Kinderspiel war, und gieng mit ihm in ihr Dorf zurück. Kaum zu Hause angekommen, war auch der alte Bär schon da und machte vor der verriegelten Thür ein Gebrumme und Gebrüll, daß alle Bauern aus dem Dorfe zusammenliefen und das Unthier nach einem wüthenden Kampfe erlegten. Die Sache wurde landkundig, und der Knabe empfieng die heilige Taufe, wobei der Schulz Gevatter stand, und erhielt den Namen »Peter Bär.« Dieser, obgleich er schon vor der Taufe stärker war, als der allerstärkste Mann, wurde noch immer stärker, und als er ausgewachsen war, und sein Herr Gevatter darauf drang, er solle ein Handwerk lernen, wurde er ein Schmied. Es hielt erst sehr schwer, einen Lehrherrn für ihn zu finden, bei dem er auslernte; denn sobald man ihn erzürnte, schlug er entweder [19] den Amboß in den Gottserdboden, oder zerschmetterte den Hammer, oder hieb auf das Eisen los, daß die Stücke durch die ganze Schmiede, ja über den Schmiedeberg bis auf die Straße flogen. Endlich fand sich ein pfiffiger Schmied, der ihn zu nehmen wußte, und da arbeitete er allein für sieben Mann, aß aber nur für drei. Als die Lehrzeit zu Ende war, machte er sich einen eisernen Wanderstock, welcher drei Zentner wog, gieng zu seinem Herrn Gevatter und bat um Reisegeld; die Bauern brachten solches zusammen und dankten Gott, daß sie endlich den gefährlichen Mann wieder los wurden. Und Peter Bär zog in die weite Welt, immer seiner Nase nach.

Nun begab sich's eines Tages, daß er an eine verfallene Burg kam, welche auf einem Berge lag; da fand er einen Menschen, der mit der Faust die Quadersteine aus der dicken Mauer stieß, daß sie den Berg hinabrollten. Peter Bär sah ihm eine kleine Weile zu und sprach hierauf: »Du Steinspieler, was machst du da?« Dieser antwortete: »Ich stoße zu meinem Vergnügen, und weil ich eben Langweil habe, diese Mauern ein.« »Ei, du bist ja ein starker Kerl!« sagte Peter Bär. Der Steinspieler erwiderte: »Gewis bin ich stark; Peter Bär aber ist noch stärker.« »Ich bin Peter Bär«, versetzte dieser; »bin ich stärker als du, so geh mit.« Sie giengen zusammen weiter, da begegnete ihnen ein Mann, der trug in der Hand eine dicke eiserne Stange, in welche er fortwährend Knoten schlug und diese alsobald wieder auflöste. »Du Eisenknüpfer, was machst du denn da?« sprach Peter Bär; »du bist ja ein starker Kerl!« »Bin ich stark?« versetzte Eisenknüpfer; »Peter Bär ist doch noch viel stärker.« »Ich bin Peter Bär«, erwiderte dieser; »bin ich stärker als du, so geh mit.« Sie giengen alle drei weiter und kamen in einen Wald; da stand ein Mann, der hatte einen Baumwipfel in der Hand und drehte daran. Als Peter Bär ihm eine kleine Weile zugesehen hatte, sprach er zu ihm: »Du Baumdreher, was machst du denn da?« Dieser entgegnete: »Ich sollte meiner Mutter ein wenig Holz holen und drehe mir hier nun eine ›Wiede‹, um was hinein zu binden.« Peter Bär lachte und sagte: »Du bist ja ein starker Kerl!«[20] »Schwach wenigstens bin ich gerade nicht«, entgegnete der Baumdreher; »hast du aber schon von Peter Bär gehört? der ist doch noch viel stärker.« »Ich bin Peter Bär«, erwiderte dieser; »willst du meine Stärke kennen lernen, so folge mir.« Jener war bereit dazu, und Peter Bär rief fröhlich aus: »Jetzt sind wir unser vier starke Kerle zusammen; nun fürchten wir uns vor dem Teufel und seiner Großmutter selber nicht!«

Sie schlenderten aber immer weiter in den Wald hinein, trafen zuletzt auf ein altes Haus und giengen hinein. Hier war alles aufs schönste und beste eingerichtet, es fehlte an einer vollen Haushaltung auch nicht das Mindeste; von einem Menschen aber oder einem andern lebenden Wesen hörten und sahen sie nichts. »Wenn hier niemand wohnt«, sagte Peter Bär, »so hört der alte Kasten sammt allen Vorräthen uns; laßt uns denn hier bleiben, so lange es uns behagt.« Alle waren es zufrieden, und sie ließen sich nieder und aßen und tranken. Am andern Morgen, als gefrühstückt war, sprach Peter Bär: »Eßen und Trinken hält zwar Leib und Seele zusammen; das ist's aber auch alles! Ich denke, wir drei, Steinspieler, Eisenknüpfer und ich, wir nehmen uns dort von den blanken Gewehren und gehen auf die Jagd; du, Baumdreher, bleibst wohl zu Haus und richtest eine Mahlzeit an, und wenn es Mittag ist, läutest du, daß wir kommen; so viel wird die alte Glocke da oben wohl noch klingen.« Und jene nahmen von den blanken Gewehren und giengen auf die Jagd; Baumdreher hingegen blieb zu Haus und besorgte die Küche. Bald war das Eßen fertig, der Tisch gedeckt, und er hatte so weit alles in Ordnung bis zum Läuten; da, eben als er den Strang faßen wollte, kam ein graues Männchen mit einem langen weißen Barte herein und bat um ein wenig Speise. Baumdreher wollte das Männchen abweisen; es hielt aber so lange mit Bitten an, bis jener sagte: »So bleib, bis wir gegeßen haben; was übrig bleibt, sollst du haben; viel kannst du ja ohnehin nicht laßen, Knirps.« Das Männchen jedoch bat immer kläglicher und stellte sich, als sei es verhungert; mürrisch nahm Baumdreher einen Teller, gab etwas Suppe darauf und reichte es dem Bettler hin. [21] Dadurch bekam das Männchen Gewalt über ihn; es zog einen Stock aus dem Busen und schlug den großen, starken Baumdreher so jämmerlich, daß er ohnmächtig zu Boden fiel. Als er wieder zu sich kam, war das Männchen verschwunden; er raffte sich endlich auf, und da er nicht wollte, daß seine Kameraden von der Prügelsuppe etwas erführen, brach er in der Küche einen Balken durch, um vorzuwenden, dieser sei ihm auf den Kopf gefallen; ans Läuten dachte er weiter nicht und legte sich zu Bett. Die Jägersleute, als Mittag lange vorbei war, und die Glocke noch immer nichts von sich hören ließ, sprachen unter einander: »Was mag das bedeuten sollen? Wahrscheinlich ist Baumdreher im Keller gewesen und hat einige Fäßer geleert, daß er ans Läuten nicht denkt. Laßt uns nachsehen.« Als sie nach Hause kamen und den Baumdreher im Bette fanden und windelweich geschlagen, lachten sie ihn aus; nur Peter Bär lachte nicht, sondern fragte: »Was ist dir passiert, Kerl, daß du im Bette liegst und seelzogst und ankest und stöhnest, als wenn du verscheiden willst?« Baumdreher antwortete mit seiner Lüge und sprach: »Als ich den Bratspieß drehte, ward ein Gekrach über mir, als wolle das Haus zusammenbrechen, und ehe ich zur Seite springen konnte, stürzte ein Balken auf mich herab und schmetterte mich nieder.« »Und davon bist du grün und blau über die ganze Schwarte?« entgegnete Peter Bär, ließ ihn liegen und setzte sich mit den übrigen an den Tisch; und alle aßen und tranken, bis ihnen die Augen übergiengen, nur Baumdreher schien keinen Appetit zu verspüren.

Am andern Morgen, als gefrühstückt war, auch Baumdreher hatte gegeßen und getrunken wie nichts Guts, sprach Peter Bär: »Ich schlage vor, wir drei, Steinspieler, Baumdreher und ich, gehen ein wenig auf die Jagd; du, Eisenknüpfer, bleibst wohl zu Haus und richtest die Mahlzeit an, und wenn es Mittag ist, läutest du zu Tisch. Laß dir aber ja keinen Balken auf den Kopf fallen, daß es dir nicht ergehe wie dem armen Baumdreher.« Dieser verkehrte die Augen, seufzte und gieng mit den beiden ins Holz; Eisenknüpfer blieb zu Haus, die Küche zu besorgen, und Baumdreher wünschte ihm gute Geschäfte. Die hatte er auch [22] insofern, als das Eßen bald fertig und der Tisch bald gedeckt war; als es aber ans Läuten gieng, trat wieder das graue Männchen herein und bat um ein bißchen gegen den Hunger. Vergebens suchte Eisenknüpfer es mit Worten abzuspeisen; vergebens vertröstete er es auf die Brosamen, die übrig bleiben würden: es schien so verhungert und bat so jämmerlich, daß er ihm Suppe reichte und sich dadurch in des Zwergs Gewalt begab. Hatte schon Baumdreher Prügel bekommen, so gieng's dem Eisenknüpfer erst recht schlecht: kreuz und quer hieb das Männchen darauf los, daß sein Rücken aussehen ward wie Fünfkamm, und die übrigen Stellen wußte es auch zu finden. Da Eisenknüpfer sich schämte, von einem so elenden Däumling überwältigt worden zu sein, brach er den Hahnebalken herunter und warf ihn am Herde nieder; hierauf legte er sich zu Bett und ließ Braten Braten sein und Glocke Glocke. Als Mittag längst vorbei war, und Eisenknüpfer noch immer nicht läutete, meinte Peter Bär: »Sollte auch ihm ein Balken auf den Schädel gefallen sein?« und gieng mit den Jagdgenoßen nach Haus. Hier lag er denn im Bette, der große Eisenknüpfer, und wimmerte und winselte wie ein Kind beim Zahnen; der Hahnebalken lag richtig in der Küche: wer sich aber nicht darum kümmerte, das war Steinspieler; wer ihm nicht glaubte, das war Baumdreher, und wer sein Theil dabei dachte, das war Peter Bär.

Am dritten Morgen, als das Frühstück verzehrt war, gieng Peter Bär mit Baumdreher und Eisenknüpfer auf die Jagd und ließ den Steinspieler zurück, die Küche zu besorgen. Ihm gieng's wo möglich noch schlimmer als dem Eisenknüpfer: das graue Männchen schlug so unbarmherzig auf ihn ein, daß ihm die Schwarte knackte. Da er sich erst recht schämte, daß ein solcher Wicht ihn sollte bezwungen haben, warf er den Schornstein herab und meinte, das sollten die anderen schon glauben. Es glaubte es aber keiner, und Peter Bär sagte: »Die Sache scheint nicht richtig zu sein mit diesem Hause; morgen gehet ihr drei einmal auf die Jagd und laßet mich die Küche besorgen. Sollte aber das Haus über mir zusammenfallen und mich tödten, so erinnert [23] euch meiner in Gutem.« So sehr sie alle dieser Spott verdroß, so freuten sie sich doch im voraus auf den neuen lustigen Tanz; denn im Grunde mochten sie den Peter Bär nicht leiden, weil er stärker war als sie.

Am vierten Morgen, als gefrühstückt war, zogen Baumdreher, Eisenknüpfer und Steinspieler seelenvergnügt auf die Jagd, und seelenvergnügt gieng Peter Bär an seine Kocherei; doch legte er seinen dicken Eisenstab zur Hand, um für alle Fälle sicher zu sein. Als das Eßen auf dem Tische war, und er eben läuten wollte, stellte sich richtig das graue Männchen wieder ein und bat um ein wenig Speise und Trank. »Das sollst du gern haben«, sprach Peter Bär, »für dich Maulwurf wird wohl ein Fingerhut voll übrig sein«; und er gab ihm einen Teller voll Suppe. Der Zwerg holte seinen Stock hervor, um Peter Bär zu schlagen, versetzte ihm auch eins ins Gesicht, daß er laut niesen mußte. Da aber ward der Peter grimmig wie ein Bär, faßte den Wicht beim Bart, schwenkte sich ihn drei mal um den Kopf, warf ihn halb zerschmettert in die Ecke und sagte: »Du Tückebold, meinen Handstock sollte ich nehmen und dich sieben Klafter tief unter den Boden schlagen! Ist das der Dank für die gute Suppe? oder dachtest du mir ebenso mitzuspielen wie den drei anderen? Weißt du nicht, wer ich bin? kennst du den Peter Bär nicht und seinen Eisenstock?« Das Männchen zitterte und krümmte sich wie ein getretener Wurm; Peter Bär aber nahm es und band es mit seinem Barte an der Bettstelle fest, warf seinen Stock aufs Bett, daß der Zwerg es nicht fortzerren sollte, und ließ es zappeln und heulen. Hierauf faßte er den Strang und läutete, daß der ganze Wald dröhnte, und die drei Jägersleute aus ihrem Schlafe aufsprangen. Diese nämlich, nachdem sie sich ihre Noth geklagt und über Peter Bär sich lustig gemacht hatten, wie er sich wohl anstellen werde, wenn nun endlich die Reihe an ihn komme, Baumdreher, Eisenknüpfer und Steinspieler hatten ihre Striemen gewaschen und sich's hierauf bequem gemacht: im Schatten eines Eichbaums lagen sie auf dem Moose; verwundert sprangen sie auf, als sie's läuten hörten, und eilten nach Hause. Hier fanden sie Peter Bär [24] munter und gesund, das Eßen gekocht, den Tisch gedeckt und in der Kammer den heulenden Zwerg mit seinem Bart an die Bettstelle gebunden; Peter Bär aber verspottete sie, daß sie von einem so kleinen Kerl sich hätten prügeln laßen, und sagte, er habe es weder mit dem Balken noch mit dem Hahnebalken noch mit dem Schornstein geglaubt; danach giengen sie zu Tische.

Während sie sich's nun wohlschmecken ließen, riß und zerrte das Männchen in der Kammer so lange hin und her, bis der Bart nachließ und an der Bettstelle hängen blieb gleich einem Dornbusch; nun lief es schnell zur Thür hinaus und sprang in den Brunnen, der dicht am Hause stand. Das alles sah Peter Bär durchs Fenster und sagte: »Ich hole dich schon wieder; laßt uns nur erst satt sein.« Als dieß endlich erreicht war, sprach er zu seinen Kameraden: »Nun will ich einmal sehen, wo das Männchen geblieben ist; ich denke, wo das hinlangt, ertrinke ich auch nicht.« Und er holte ein Seil herbei, band einen Korb daran, legte Baumdrehers Balken über den Brunnen, nahm seinen Wanderstab zur Hand, setzte sich in den Korb, und sie ließen ihn langsam hinunter. Als er unten anlangte, sah er eben noch, wie das Männchen in eine andere Welt hinab sprang; rasch setzte er hinterdrein, seinen Stock in der Rechten, und kam noch früh genug, um das Männchen in ein altes Haus schlüpfen zu sehen. Ohne sich lange zu besinnen, stürzte er ihm nach und fand in der Stube eine uralte Hexe, die fragte er: »Wo ist das graue Männchen?« »Ich weiß nicht«, krächzte ihm die Hexe entgegen. Als er sie aber beim Schopf nahm, ihr seinen Eisenstab zeigte und sie damit in Grund und Boden zu schlagen drohte, wenn sie es nicht gleich gestehe, da erschrak sie und sagte: »Unter dem Tubben sitzt es.« Als er sich umkehrte, blickte er durchs Fenster und sah hinterwärts lauter große Berge, und vor dem größten stand ein wunderschöner Palast. »Alte Hexe«, donnerte er sie an, »sag mir, was das für ein Haus ist!« und damit schlug er drei Balken aus der Decke. »Ach,« antwortete sie, »da ist eine verwunschene Prinzessin, die bewachen vier Riesen, weshalb sie nicht zu retten ist.« »Schweig, alte Hexe,« versetzte Peter Bär, [25] »ich rette sie;« und er nahm seinen Stock, ließ sich von der Alten eine gute Salbe geben und gieng nach dem Hause. Als er in den Hof kam, gieng ein Riese mit einer Kanone auf der Schulter auf und ab und sprach zu Peter Bär: »Erdwurm, was willst du hier?« »Das will ich!« antwortete dieser und schlug ihn mit seinem Stock über den Kopf, daß er zermalmt am Boden lag. Als er in die Stube kam, sprangen die anderen drei Riesen auf, faßten große Keulen und wollten ihn ermorden; er aber versetzte jedem einen Streich mit seinem Eisenstock, und sie lagen todt danieder. Die Prinzessin weinte vor Schreck und vor Freude und schenkte ihm ein weißes Taschentuch und einen Ring; in diesem standen Buchstaben, die er aber nicht lesen konnte. Während er so mit ihr sprach, sah er durchs Fenster und erblickte in der Ferne noch weiter nach dem großen Berge zu ein noch viel schöneres Haus. »Könnt ihr mir nicht sagen, schöne Königin, was das dort für ein Haus ist?« fragte Peter Bär, und die Prinzessin entgegnete: »Ach, dort wohnt meine verwunschene Schwester, die ist niemals zu retten; denn acht Riesen bewachen sie.« »Ich rette sie«, antwortete Peter Bär, »und bringe sie euch.« Damit empfahl er sich, ergriff seinen Eisenstock und eilte schnurstracks auf das Schloß los. Im Hofe giengen zwei Riesen, jeder mit einer Kanone auf der Schulter, hin und her und hielten Wache; als die ihn erblickten, schrieen sie: »Erdwurm, was willst du hier?« »Das will ich!« versetzte er und gab jedem einen Backenstreich, daß sie fürder kein Glied mehr regten. Als er in die Stube kam, wollten ihn die anderen sechs Riesen tödten; er aber Schlag auf Schlag erlegte sie, während du sechs zählst, und ihm wurde auch nicht ein Haar gekrümmt. Die Prinzessin weinte vor Schreck und vor Freude, gab ihm ein weißes Taschentuch und einen goldenen Ring, an welchem ebenfalls sonderbare Buchstaben standen, deutete mit der Hand durchs Fenster und sagte: »Dort in jenem großen Schloße, das du dicht an dem hohen Berge liegen siehst, wohnt meine verwunschene jüngste Schwester. Leider ist sie aber gar nicht zu erlösen; denn sie wird von sechzehn Riesen und von einem Drachen bewacht, der sieben Köpfe hat und aus allen Feuer und Flammen [26] speiet.« Das war dem Peter erst ganz recht, und er erwiderte: »Ich rette sie und bringe sie euch, oder ich sterbe; der Drache nämlich ist der schlimmste von allen.« Als er Abschied von der weinenden Prinzessin genommen hatte, gieng er rasch auf das Schloß los. Im Hofe hielten vier Riesen Wache, jeder mit einer Kanone auf der Schulter. »Erdwurm, was willst du hier?« schrieen sie ihm entgegen. »Das will ich!« versetzte er, und im Nu lagen alle vier in ihrem schwarzen Blute. Als er das hohe Schloßthor öffnete, lag da der siebenköpfige Drache und spie Feuer und Flammen gegen ihn, daß sein Eisenstab glühend wurde; er aber zerschmetterte ihm mit jedem Schlag einen seiner Köpfe, und weil das Eisen glühend ward, blutete es nicht einmal, so tief er auch schlug. Nun ward ihm ganz leicht ums Herz, und er gieng in den Saal zu den Riesen, welche von den Kämpfen nichts gehört hatten; und das war ein Glück, denn sonst möchte es ihm doch schlecht ergangen sein. Als er eintrat, saßen die zwölf bei der Prinzessin am Tisch und aßen; wüthend sprangen sie auf und konnten gar nicht begreifen, wie er nur hereingekommen sein möge, und als sie danach fragten, antwortete er damit, daß er den einen nach dem andern niederschlug. Es waren ihrer aber fast allzu viel, und wenngleich sein Eisenstab nicht zweimal zu schlagen brauchte, hatten die letzten doch noch immer so viel Zeit, ihm mehrere kleine Wunden und eine recht tiefe beizubringen. Nach dem zwölften Streiche schwanden ihm fast die Sinne; doch hatte er noch Besinnung genug, um sich mit der guten Salbe zu waschen, welche ihm die Hexe gegeben hatte; und siehe! im Augenblick war er heil und ohne Schmerzen. Die Prinzessin weinte vor Schreck und vor Freude, gab ihm ein weißes Taschentuch und einen goldenen Ring, dessen Buchstaben er wieder nicht lesen konnte, und folgte ihm zu der zweiten und mit dieser zu der ältesten Schwester. Nun gieng's weiter zu der Hexe; diese, erstaunt über das seltsame Ereignis, gab ihm guten Rath, wie er sich und die drei Schwestern durch den Brunnen auf die Erde und von da in das Land des Königs bringe.

[27] Als sie an den Brunnen kamen, hieng der Korb noch unten. Seine drei Gefährten Steinspieler, Eisenknüpfer und Baumdreher lauerten mit Ungeduld auf ihn und wußten nicht, wo er geblieben sein möge; denn er war gewis schon eine volle halbe Stunde unten, und das war viel für sie und für Peter Bär. Sie meinten, er wird wohl ertrunken sein, und waren schon mehrmals im Begriff gewesen, sich aus dem Staube zu machen; Furcht jedoch vor dem gewaltigen Eisenstock und Neugier, ob er den Zwerg doch wohl noch erwischt habe, hatte sie zurückgehalten. Jetzt zupfte es am Seil; sie zogen herauf, und siehe! eine Jungfrau saß im Korbe, welche ihnen erzählte, was da unten vorgegangen war, obgleich Peter Bär es verboten hatte. Als auch die beiden anderen Prinzessinnen oben waren, dachte Peter Bär: »Jetzt ist nicht zu trauen; denn geschwatzt haben sie doch.« Er wollte sich wenigstens sichern und legte einen Stein in den Korb; als dieser halb hinauf war, fiel ein Felsblock von oben in den Korb, das Seil riß, und alles stürzte in den Brunnen. »Die Schurken!« fluchte Peter Bär; »wer aber nur nicht klüger wäre!« Jetzt fuhr er die alte Hexe an: »Schaff mich hinauf!« Sie wollte anfänglich nicht, sagte auch, sie könne es nicht; er aber nahm sie beim Schopf und drohte sie zu zerschmettern, wenn sie nicht Rath schaffe. Das half. »Höre«, sagte sie, »ich habe einen Drachen, den will ich dir leihen, der soll dich hinauftragen; nimm aber ja genug Fleisch mit, und so oft der Drache ›wack‹ schreit, gieb ihm ein Stück, sonst frißt er dich.« Peter Bär gieng nach der Weide, holte sich einen Ochsen, setzte sich auf den Drachen und fuhr hinauf. Kaum war die Hälfte Weges zurückgelegt, als das Fleisch schon alle verzehrt war; und wieder schrie der Drache »wack«, daß es nur so dröhnte. Ihm wurde ganz gräsig zu Muthe, besonders, als er sah, daß er seinen Eisenstab vergeßen hatte; der Drache aber krümmte sich und schrie wieder »wack« und schrie noch lauter als zuvor. Er wußte sich nicht anders zu helfen, er riß sich ein großes Stück Fleisch vom Leibe und gab es ihm, und als er wieder schrie, machte er's ebenso und zum drittenmal auch. Jetzt konnte er die oberen Steine greifen, und in einem Satz war [28] er auf der Erde; dem Drachen gab er noch einen mit dem Fuße, daß ihm alle Rippen krachten, und er schäumend in die Tiefe fuhr.

Als Peter Bär oben war, bejammerte er erst seinen Eisenstock; aber siehe! der lag ja neben ihm. Nun bedauerte er sein schönes Fleisch; aber da fiel ihm die gute Salbe ein, welche er von der Hexe bekommen hatte und in der Tasche trug; er bestrich sich damit, und im selben Augenblick fehlte ihm nichts mehr. Jetzt sah er sich nach den drei Prinzessinnen um; es war aber von allen dreien nichts zu hören und zu sehen. Sie hatten nämlich den guten Rath der alten Hexe gehört und ihn benutzt, sich vor Peter Bär's Gesellen in ihr Vaterland und zum Könige, ihrem Vater, zu retten. Von diesen Kameraden endlich war auch nicht die leiseste Spur, und nimmer hat Peter Bär von ihnen was wieder gehört. Er selber wollte auch nicht allein da bleiben, nahm seinen Eisenstab und wanderte der Königsstadt zu.

Gleich in der ersten Stadt jenes Landes erzählten ihm die Leute: »Unsere Prinzessinnen sind wieder da, und nun hat der König bekannt machen laßen, wer ihm die Ringe mit den Buchstaben bringe, solle für jeden tausend Dukaten haben.« Peter Bär gieng nach einem armen Goldschmied, der ihm einst einen guten Zehrpfennig geschenkt hatte, und gab sich für einen Goldschmiedsgesellen aus. Der arme Mann erzählte ihm, was für ein schönes Stück Geld zu verdienen sei, wenn man an so einen Ring gelangen könne. »Den will ich euch schmieden, und zwar bis morgen früh«, entgegnete Peter Bär. Der Meister sah ihn groß an und wußte nicht, was er sagen sollte; jener aber versicherte, wenn er den Ring einliefere, seien die tausend Dukaten ihm ganz sicher. Nun bat er sich für die Nacht eine Tonne Bier, ein Malter Nüße und ein paar Brode aus; das aß und trank er während der Nacht, statt zu arbeiten, und am Morgen lieferte er den Ring ab. Der Meister brachte denselben hin und bekam richtig das Geld; und als er angeben sollte, wie er zu dem Ringe gekommen, erzählte er die Geschichte und beschrieb den Peter Bär so genau, daß die Prinzessinnen ihren Retter wiedererkannten. Als der König ihn holen laßen wollte, war er fort, wohin, wußte niemand zu [29] sagen. Er war aber nach einer anderen Stadt gegangen, wo ein armer Zeugschmied wohnte, der ihm einst einen Krug Bier gereicht hatte. Hier gab er sich für einen Zeugschmied aus, und als der Meister ihm gleichfalls erzählte von dem schönen Gelde, das mit einem Ringe zu verdienen sei, und wie ein armer Goldschmied schon reich geworden, erwiderte er: »Seid nur ruhig; besorgt mir auf diese Nacht eine Tonne Bier, ein Malter Nüße und ein paar Brode, so sollt ihr morgen früh einen Ring fix und fertig vorfinden.« Der Meister traute ihm, denn er machte ein grundehrlich Gesicht, und am andern Morgen bekam er einen goldenen Ring, für den er richtig tausend Dukaten vom Könige ausbezahlt erhielt. Wieder sandte der König Boten mit, und wieder war er ausgeflogen. Jetzt gieng er zu seinem guten Lehrherrn, der arm geworden war und in der Residenz sich vom Knochensammeln nährte. Ihm gab er Geld für Bier, Nüße und Brod und ließ ihn miteßen, sprach auch viel mit ihm, wurde aber nicht wiedererkannt. Am andern Morgen schenkte er ihm den dritten Ring, und auch dieser wurde mit tausend Dukaten bezahlt. Nun ließ der König dem Retter seiner Töchter nachspüren, konnte sein aber nicht habhaft werden: jeder wollte ihn gesehen haben, und niemand wußte ihn nachzuweisen; bald war er auf diesem, bald auf jenem Dorfe gewesen, und bald hatte er sich in diesem, bald in jenem Wirthshause umgetrieben; der König schickte Boten um Boten aus, denn die jüngste Tochter wollte beinahe sterben vor Sehnsucht nach ihm, und kein Bote brachte Gewisses nach Hause. Endlich hörte er von dem Leid der Prinzessin, und da überfiel ihn dasselbe Leid. Eines Tages kam ein Bettelmann vors königliche Schloß; die Wache wollte ihn wegjagen und verwundete ihn dabei. Als er sich das Blut abwischte, sahen die Königstöchter, die von dem Lärm ans Fenster gelockt waren, ihr feines weißes Taschentuch, und dabei erkannten sie den Bettler. Der König selber holte ihn herein und gab ihm seine jüngste Tochter zur Gemahlin; und als derselbe starb, wurde Peter Bär König über dasselbige ganze Land.

6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[30] 6. Vom gollenen Beineken.

Mündlich in Celle.


Ene vornöhme Frue harre mal en lütjet Mäken, dat harre se sau leiw, sau leiw, dat et gar nich tau seggen is. Do gung dat lütje Mäken na'r Schaule un gung up't Is un glisseke un fäll un brok sick en Beineken af. Do neimen't de Lüe up un dräugen et wedder na siner Mutter und säen, öt wörre upper Glisseke hennefallen un härre sik en Beineken affebroken. Do weende de Mutter öre bläuigen Tranen un leit den Felschär komen un sä: »Wenn ji dat lütje Mäken wedder sau wiet bringet, dat et up sine Beine träen kann, sau schallt jue Schae nich sin.« De Felschär bekeik dat Beineken von düsser un von der Site un sä: »Dat Mäken mutt en gollen Beineken hebben.« Do leit de Fru en gollen Beineken maken und leit dat dem Mäken ansetten; awerst et holp doch nicks. Et duere nich sau lange, do dee sick dei Dör up, un de Dod kamm herin. »Ach«, sä de Frue, »wutt du mick min leiwe, leiwe Kind wegnöhmen?« »Ja«, sä de Dod, sine Tid un Stunne is umme; et mutt nu mit mick gahn. »Ach«, sä de Mutter tau den Kinne, »wutt du mick verlaten?« »Leiwe Mutter«, sä dat Kind, »ick mott! Ick bleiwe hier wol noch geren, awerst de Dod will't nich lien.« Da nam de Dod dat lütje Mäken bi der Hand un gung er mit ut'r Döre. – Ans nu dat Kind begrawen was, do kam de Dodengräwer un brok dat Sark up un nam den lütjen Mäken dat gollene Beineken weg un gung damit in sin Hus. Um de Middernachtsstunne kamm awerst dat Kind vor den Dodengräwer sin Bedde un sä:


»Gif mick min Beineken!

Gif mick min Beineken!«


Awerst de Dodengräwer dee nich, ans wenn he't höre. Sau kamm dat Kind de erste Nacht un kamm de tweite Nacht un kamm dar ok in der drüdden Nacht un sä:


[31]

»Gif mick min Beineken!

Gif mick min Beineken!«


In der drüdden Nacht sä de Dodengräwer: »Ick hebbe din Beineken nich.« Dat Kind leit sick awerst nich erre maken un sä dat tweimal un dreimal:


»Gif mick min Beineken!

Gif mick min Beineken!«


»Da... hastu din Bei-neken!«


(Der letzte Satz wird, mit dem Tone auf »Da«

, dem ängstlich horchenden Kind plötzlich, um es zu erschrecken, zugerufen. Dann erschrickt sich das Kind, erholt sich, lacht über seinen Schreck und fragt selten nach dem Ende. Fragt es dennoch, so heißt es:)


Von Stund an harre dat Mäken Raue innen Grawe.

7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

7. Osten, Westen, Norden und Süden.

Mündlich in Wunstorf.


Es waren einmal vier Brüder, die hießen Osten, Westen, Norden und Süden; sie wohnten aber weit von einander und pflegten sich deshalb alle Jahr einmal zu besuchen. Einst hatten sie sich bei Osten versammelt, und als sie genug Raths gepflogen und genug gegeßen und getrunken hatten, wollte Westen nach Westen, Norden nach Norden und Süden nach Süden zurück; wohin sie sich aber auch wenden mochten, sie mußten über einen hohen Glasberg, auf welchem ein Menschenfreßer hauste. Norden versuchte zuerst den Glasberg zu erklettern; so oft er aber auch ansetzte, er rutschte jedesmal wieder herunter. Endlich erschien oben eine alte Frau, die rief: »Halt dich rechts und komm herauf!« Er hielt sich rechts, fand daselbst etwas wie eine alte Treppe, stieg hinauf und sprach zu der Frau: »Ich bin müde; kann ich hier übernachten?« »Nein,« war die Antwort, »halt dich links und steig hinab.« Als er dringender um Quartier bat, entgegnete jene: »Es geht nicht an; kommt der Menschenfreßer nach Haus, [32] so bist du verloren.« »Sei ohne Sorgen,« fuhr Norden fort, »ich verstecke mich im Keller, wo er mich gewis nicht finden soll.« Die alte Frau mochte warnen, so viel sie wollte; er stieg in den Keller und kroch durchs Spundloch in ein leeres Bierfaß. Gleich nachher trat der Menschenfreßer ins Haus, daß die Sparren knackten, und brüllte: »Ich rieche frisches Menschenfleisch.« Die Frau antwortete: »Du bist nicht recht klug; es ist keins da.« »Ich rieche frisches Menschenfleisch!« brüllte der Riese, durchsuchte das ganze Haus, gieng endlich in den Keller, zerschlug das leere Bierfaß und fraß den armen Norden auf. Hierauf verließ er das Haus wieder und stieg mit zwei Schritten den Berg hinab.

Als Norden halb hinauf war, fieng Westen auch zu klettern an und war einige Stunden nach jenem oben. Als er die alte Frau erblickte, sagte er: »Ich bin müde; kann ich hier übernachten?« »Nein«, war die Antwort, »halt dich links und steig hinab.« Er hörte nicht auf zu bitten; die Frau aber entgegnete: »Es geht nicht an; kommt der Menschenfreßer nach Haus, frißt er dich so gut, wie er den armen Norden gefreßen hat.« »Ist Norden todt?« sagte Westen; »nun, mich soll er nicht finden!« Sie mochte warnen, so viel sie wollte; er stieg in den Keller und kroch durchs Spundloch in ein leeres Weinfaß. Gleich nachher trat der Menschenfreßer ins Haus, daß die Sparren knackten, und brüllte: »Ich rieche frisches Menschenfleisch.« Die Frau antwortete: »Du bist nicht recht klug; es riecht noch von Norden.« »Ich rieche frisches Menschen fleisch!« brüllte der Riese, durchsuchte das ganze Haus, gieng endlich in den Keller, zerschlug das leere Weinfaß und fraß den armen Westen auf. Hierauf verließ er das Haus wieder und stieg mit zwei Schritten den Berg hinab.

Als Westen halb hinauf war, fieng Süden auch zu klettern an und war einige Stunden nach jenem oben. Als er die alte Frau erblickte, sagte er: »Ich bin müde; kann ich hier übernachten?« »Nein«, war die Antwort, »halt dich links und steig hinab.« Er hörte nicht auf zu bitten; die Frau aber entgegnete: »Es geht nicht an; kommt der Menschenfreßer nach Haus, frißt er dich so gut, wie er Norden und Westen gefreßen hat.« »Sind [33] Norden und Westen todt?« fragte Süden; »nun, so soll er's büßen!« Und er eilte in den Garten, grub vor einem dichten Wacholderbusch ein tiefes Loch, setzte einen Topf voll heißen Waßers hinein und versteckte sich hinter den Busch. Jetzt kam der Menschenfreßer nach Hause und brüllte: »Ich rieche frisches Menschenfleisch.« Die Frau antwortete: »Du bist nicht recht klug; es riecht noch von Norden und von Westen.« »Ich rieche frisches Menschenfleisch!« brüllte der Riese, durchsuchte das ganze Haus und lief endlich in den Garten. Als er hier Süden witterte, stürzte er auf den Wacholderbusch los, fiel in die Grube und war todt. Rasch kam Süden hervor, zog den Riesen heraus, schnitt ihm den Bauch auf, und Norden und Westen sprangen wieder daraus hervor. Westen aber stöhnte: »Das war ein düsteres Lager!« und Norden meinte: »Das war eine heiße Brühe!« Hierauf gieng Norden nach Norden, Westen nach Westen und Süden nach Süden.

8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

8. Die weiße Katze.

Mündlich in Seesen.


Es war einmal eine Frau, die hatte zwei Töchter, eine rechte und eine Stieftochter; jene hieß Marie, diese Trine. Eigentlich hatte die Stieftochter Marie geheißen; als aber die Frau selber ein kleines Mädchen bekam, gaben sie der Stieftochter einen andern Namen und nannten die rechte Tochter Marie, weil die Frau den Namen gern leiden mochte. Eines Tages sagte die Mutter zu Trine: »Die Feuerung ist auf, der Ofen kalt; geh in den Wald und hole Holz.« Trine gieng hin, halb nackt wie sie war, und sammelte, und als es Abend wurde, suchte sie umher und kam an ein kleines Haus, und als sie anklopfte, guckte eine alte Frau heraus und fragte: »Was willst du?« Die alte Frau aber war eine Menschenfreßerin und ihr Mann ein Menschenfreßer. [34] Trine antwortete: »Ich habe Holz gesucht, und es ist mir zu früh Abend geworden; kann ich hier wohl übernachten?« Die Menschenfreßerin lachte boshaft und sagte: »Komm nur herein« und brachte sie auf eine Kammer. In der Nacht kam auch noch ein Graf, der sich verirrt hatte, und auch er wurde aufgenommen. Um Mitternacht sagte die Menschenfreßerin zum Menschenfreßer: »Nun laß uns erst den Grafen freßen und ihm das Geld wegnehmen; dann friß du die junge Dirne und gieb mir die Augen und die Hände und Füße; du weißt, die mag ich gerne.« Als der Graf verzehrt war, und nun an Trine die Reihe kommen sollte, sprang eine weiße Katze auf ihre Bettdecke, strich sie leise dreimal mit der rechten Pfote durchs Gesicht, daß sie erwachte, und sagte dann: »Zieh dich flink an, setz dich auf meinen Rücken; man will dich freßen.« Trine gehorchte, und als sie auf der Katze saß, kratzte diese ein Loch in die Wand, sprang mit Trine hindurch und war in sieben Sätzen mitten im Walde. Es war gerade noch zur rechten Zeit geschehen; denn kaum waren sie fort, als schon der Menschenfreßer vors Bett kam, um Trine zu freßen. Als sie nicht da war, sagte die Menschenfreßerin zu ihrem Manne: »Hole mir vom Hahnebalken den Wünschemantel herunter«, und als sie den umgehängt hatte, nahm sie einen Korb mit Wurst, war bei Trine und sagte: »Willst du keine Wurst kaufen, schmucke Dirne?« »Nein«, sagte Trine, so hungerig sie auch war; denn die weiße Katze hatte es ihr verboten, da es Menschenwurst war und, wer die aß, ein Menschenfreßer wurde und immer blieb. Als sie nicht wollte, wurde die Menschenfreßerin wüthend und sagte: »Kaufst du nicht gleich die Wurst, so freß' ich dich auf!« Da raschelte es im Busch, und die weiße Katze sprang daraus hervor, kratzte der Menschenfreßerin das rechte Auge aus und sagte: »Giebst du nicht gleich den Korb heraus sammt aller Wurst und tausend goldenen Dukaten, so kratze ich dir das linke grüne Auge auch aus. Du weißt, ich kann's und thu's, und wünsche dich nur weg, ich finde dich doch.« Die Menschenfreßerin zitterte und sagte: »Ich will's thun; wartet ein bißchen.« Während sie nun mit dem Wünschemantel nach Haus [35] flog und von ihrem Manne die tausend Dukaten holte, die sie dem Grafen geraubt hatten, hieng die weiße Katze die Würste, es waren sechsundachtzig, an die Büsche; da kamen die Raben und die Wölfe und fraßen sie auf und mögen von der Zeit am liebsten Menschenfleisch. Jetzt war die Menschenfreßerin wieder da, gab die tausend Dukaten an Trine, und diese gieng nach Haus.

Vor der Thür stand Marie und fegte gerade den Schnee weg; ihr erzählte sie die ganze Geschichte, und diese sagte es der Mutter. Die Mutter aber wurde neidisch auf die tausend Dukaten und sprach zu Marie: »Liebe Marie, zieh dich hübsch warm an und geh auch hin; Trine soll dich hinbringen.« Es geschah also, und Trine mußte ihr noch Kleider mitnehmen. Als sie vor das Haus der Menschenfreßerin kamen, gieng Trine wieder nach Hause; Marie aber klopfte an und sagte: »Kann ich hier wohl übernachten?« Die Menschenfreßerin lachte boshaft und sagte: »Komm nur herein« und brachte sie auf eine Kammer. Nachts um zwölf Uhr kam die weiße Katze, sprang auf ihre Bettdecke, strich sie dreimal mit der Pfote durchs Gesicht, daß sie erwachte, und sagte: »Folge mir; du wirst sonst aufgefreßen!« »Laß mich in Ruhe, garstiges Thier!« sagte Marie; »du hast mir nichts zu sagen, und ich bin müde.« Weg war die Katze, und der Menschenfreßer kam und verzehrte Marie; die Augen aber und die Hände und Füße gab er seiner Frau, die sie mit Appetit hinunterschlang. Als die Mutter sah, daß Marie nicht wiederkam, schickte sie Trine hin, sie zu holen. Auf halbem Wege gesellte sich die weiße Katze zu ihr und sagte: »Mich friert, nimm mich in dein Tuch!« Trine that es, und als sie vor das Haus der Menschenfreßerin kamen, sprach die Katze: »Nun stecke mich in deine Tasche!« Das wollte Trine nicht gern, that es aber doch; hierauf klopfte sie an und fragte: »Kann ich hier wohl übernachten?« und dachte, so würde sie Marie wohl finden. Die Menschenfreßerin lachte boshaft und sagte: »Komm nur herein« und brachte sie auf die Kammer; von Marie aber war nichts zu hören und zu sehen. Um Mitternacht, der Wind heulte mit Wölfen und Eulen um die Wette, kam ein Bär vor ihr Bette, [36] strich sie leise mit dem breiten Fuß dreimal durchs Gesicht, daß sie erwachte, und sagte: »Fürchte dich nicht, ich bin die weiße Katze; nun will ich erst den Menschenfreßer und seine Frau erwürgen, dann wird alles gut.« Es geschah also, und als er wieder bei Trine war, da krachte das Haus und wurde ein Schloß, der Bär ein schöner Prinz, und der Prinz sagte: »Liebe Marie, du hast mich erlöst; du bist nun meine Frau.« Hierauf wurde die Hochzeit gefeiert, und sie lebten lange in Glück und Freude.

9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

9. Die schwarze Katze.

Mündlich in Seesen.


Es war einmal ein Müller, der hatte das sonderbare Schicksal, daß, so oft er einen Gesellen annahm, diesem in der ersten Nacht der Hals umgedrehet wurde. Er wußte gar nicht, was das zu bedeuten habe, und weil er ein braver Mann war, beschloß er, gar keinen Gesellen mehr zu halten, und versah die Mühle eine lange Zeit selber. Eines Abends klopfte es draußen, und als der Müller öffnete, siehe, da war es ein wandernder Müllergesell, welcher Arbeit suchte. Jener hörte sein Anliegen an, schüttelte mit dem Kopfe und sagte: »Weiß Gott, ich hätte gern einen Gehülfen wieder, denn die Treppen werden immer steiler; ich kann dich aber nicht ins Verderben führen! Denn, höre nur, noch jedesmal, wenn ich einen Gesellen genommen habe, ist ihm in der ersten Nacht der Hals umgedreht.« Sprach der Wanderbursch: »Ei, da müßte ich doch mit dabei sein! Ich will's immerhin darauf wagen!« Der Müller mochte ihm vorstellen, was er wollte; der Gesell bestand darauf, und so führte jener ihn in die Mahlstube und von hier in die Mühle und zeigte ihm alle Hausgelegenheit und die Einrichtung seiner Mühle. Als er ihm alles übergeben hatte und nun zu Bette wollte, bat der [37] Fremde noch um ein Beil, um einen Topf voll Mehl aus der großen Kiste und um ein wenig Feuer, und der Müller holte ihm alles herbei, denn er war ein guter Mann; hierauf legte er sich ins Bett, und der Gesell besorgte die Mühle.

Als alles im Hause zu schlafen schien, gieng er in die Küche, machte aus dem Mehl einen Brei, kochte diesen und wartete, bis es zwölf schlug. Die Stunde kam, und eine gefährliche schwarze Katze sprang herein und sah grimmig auf den Gesellen; dieser blieb ganz ruhig, und als das Unthier sich zu einem Sprunge anschickte, spritzte er von dem Brei über sie, und heulend lief sie davon. Gleich darauf erschien eine zweite schwarze Katze, dieser folgte eine dritte und so fort, bis es elf waren, und alle verjagte er mit dem kochenden Brei. Nun aber griff er flink zu seinem Beil; denn, so sparsam er auch damit umgegangen war, mit dem Brei war's zu Ende, und wo es von derlei Katzen elf giebt, da fehlt auch die zwölfte nicht. Und sie ist schon da, die zwölfte, und waren schon die anderen gräulich, diese ist's erst recht: wüthend springt sie auf den Gesellen los; der aber haut ihr die ausgestreckte Pfote ab. Da eben schlägt es eins; die Katze ist verschwunden, und die abgehauene Pfote ist eine Menschenhand.

Am andern Morgen trat der Müller besorgt in die Mühle, und als er den Gesellen munter und guter Dinge sah, da freute er sich herzlich. Dieser erzählte ihm sein Abenteuer, und als er ihm auch die Hand wies, erschrak der Müller; denn die kam ihm nur allzu bekannt vor. »Liegst du deshalb noch im Bette und weinst?« dachte er und meinte seine Frau; er richtete sie mit Gewalt auf, und ach! sie hatte nur eine Hand. Die Geschichte ward bald bekannt, die Obrigkeit untersuchte es, und die Frau mußte bekennen, daß sie eine böse Hexe sei, die anderen elf Katzen aber alte Frauen aus dem Dorfe und ihre Gehülfinnen seien; hierauf wurde die Müllerin verbrannt, und die übrigen wurden enthauptet. Das war dem armen Müller allzu viel: er vermachte dem Gesellen seine Mühle, denn Kinder hatte er nicht; alsdann legte er sich hin und starb.

10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[38] 10. Buer Slukedal.

Mündlich in Ribbesbüttel.


Üt was 'mal en Buer, dei könn gefährlich veel äten, un darum nennen öhn alle Lüe nich anders as »Buer Slukedal.« Eines Dages härr hei Wasen na Brönswiek 'brocht un luere nu up'n Köper. Lange woll keiner komen; taulest awer kamm en Bäcker un fraug, wat dat Feuer kosten schölle. Dei Buer was hungerig 'woren un sä: »Wenn ick mick mal satt äten kann, schall'ter mick nich up ankomen.« »Satt äten schüllt ji jick«, sä de Bäcker; »wu veel Geld schall awer dat Holt kosten?« »Nist«, sä dei Buer; »gewet mick man wat vorrn Hunger.« Nu was dei Handel awwesloten, un dei Buer feuere dei Wasen na'n Bäcker sienen Huse. Un während der Tied, dat hei de Päre afschirre, draug dei Bäckerfrue ein half Swien un drei grote Brode up'n Disch; denn Buer Slukedal sagg wol ut, as wenn hei sien Futter mögde. As de Bäcker butten anfung, ordentlich aftausmieten, keik dei Buer ut'n Fenster un reip: »Schall ick denn süss nist hebb'n?« »Ja«, antwore dei Bäcker von butten, »wenn ji dat uppe hebbet, schüllt ji mehr hebben«, un dabie lache hei. Buer Slukedal lache ook un sä: »Denn mott ick nu mehr hebben; denn düt bettjen hebb ich uppe.« Dei Bäcker verwundere sick nich slecht, un siene Frue draug wedder up un ümmertau, bet kein Stümpel Wost un keine Kraume Brod mehr im Huse was, da höre sei up, awer satt was dei Buer noch lange nich.

Nu härr dei Bäcker einen Fiend, dat was sien Naber, sienes Teikens ein Koopmann, dem woll hei mal ordentlich einen rieten un sä tau Slukedal: »Komet ji wol nich 'mal wedder in de Stadt? Mien Naber, dei Koopmann, hat'n groten Fisch in'n Dieke sitten, dei wiggt in dei Dusende; schölln ji den wol up einmal vertehren können?« Dei Buer lache un sä: »Dat will ick wol daun; lat't üt mick man wetten, wenn hei öhn 'fungen hat.« [39] Damidde scher hei sick siener Wege; dei Bäcker aber make mit den Koopmann eine Wedde um dusend Daler, dat sienen groten Fisch, dei alle Brönswieker satt maken schölle, ein einziger Rübbüttelscher Buer vertehren könne. Gliek naher fung dei Koopmann den groten Fisch, un nu gieng dei Bäcker na Rübbüttel un fund Slukedal vorrn Dorpe up sienen Plauge sitten un sä tau öhm: »Dei Koopmann hat den groten Fisch 'fungen; schöllen ji den wol up'nmal betwingen können? Hei wiggt awer drüddehalfdusend Pund!« »Dat gaht gans lichtfeurig«, sä Slukedal; »üt is ja doch man'n Fisch un kein Elephant!« Nu giengen sei los, un as sei in Brönswiek ankeimen, stünnen vorr den Koopmann siener Dör vele dusend Lüe un keken sick den Buern an. Düsse awer namm ein Brod, sneit dat in luter lange Striepen, lä twischen twei ümmer seben Pund Botter und leit et hennunnerglisseken un make dat mit allen Broden un aller Botter geradesau. Dei Bäcker sä, hei schölle dat underwegens laten, denn dei Fisch wörre tau grot, hei krege öhn süss nich up; dei Buer awer lache un sä: »Hebbet keine Sorge; ick hebbe siet einer halwen Stunne nist 'getten!« Nu maken den Koopmann siene Mäkens alle Dören up, un allerwärts wören Stuwen un Kamern, un in allen Stuwen un Kamern stünnen Dische, un up allen Dischen stünnen Schötteln un Näppe, un in allen Schötteln und Näppen leigen grote Stücke von den groten Fische; un dei Buer ging von einen Dische tau'n andern, von einer Stuwe in de andere un putze alle Schötteln und Näppe ut un luere up den groten Fisch un sä: »Kummt hei denn noch nich balle?« »Wat schöll denn komen?« sä de Koopmann. »I vorrn Hamer nich nochmal, dei grote Fisch!« sä Slukedal. »Den hebbet ji herrunner, Füerdrake!« fluche dei Koopmann un hänge sick up. Slukedal swöge un antwore: »Hebb ick denn all wat 'getten? Ick denke nich Wunder, wat dat vorr'n groten Fisch is!« namm sienen Knüppel un gieng in korrter Tied na Rübbüttel un eit sick düchtig satt, un dei härr'n gröttern Magen as ick un du.

11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[40] 11. Die weiße Jungfrau.

Mündlich in Hameln.


Vor mehreren hundert Jahren lebte auf dem Bürener Berge ein Raubritter. Seine Frau war todt und hatte ihm eine reizende Tochter hinterlaßen. Als der Ritter eines Tages von einer Streiferei zurückkehrte, wurde er schwer krank und ließ einen Mönch kommen. In seinem Todeskampfe fielen ihm alle seine Sünden wieder ein, und er fragte den Mönch, wie er seine Seele aus dem Fegefeuer retten könne. Dieser antwortete ihm: »Wenn ihr alle eure Schätze auf einen Esel laden laßt, diesen den Berg hinunter jagt, wo er im Sumpfe stecken bleibt, ein Kloster erbauen laßt und in dasselbe eure Tochter thut; so wird eure Seele aus dem Fegefeuer errettet werden.« Der Ritter ließ seine Tochter kommen und sprach: »Mein Kind, lade alle meine Schätze auf einen Esel, jage diesen den Berg hinunter, und wo er stecken bleibt, da laß ein Kloster bauen, und dann – nimm – den – Schleier.« Als er das gesagt hatte, starb er. Die Tochter aber dachte: »Wenn ich nun einen Theil von den Schätzen behalte, um davon, wenn ich vielleicht nicht mehr im Kloster sein mag, ein sorgenfreies Leben führen zu können; wer wird das merken?« Wie gedacht, so gethan. Sie nahm nur zwei Drittel der Schätze, packte sie auf einen Esel, jagte diesen den Berg hinunter, und er blieb dort im Sumpfe stecken, wo jetzt die Münsterkirche steht; ein Drittel vergrub sie. Nun wurde gebaut; nach kaum einem Jahre stand das Kloster da, und das Fräulein nahm den Schleier. Aber nach vier Wochen wurde sie krank. Als sie merkte, daß ihr Ende herannahe, ließ sie den Mönch kommen, der ihrem Vater Absolution versprochen hatte, und sagte: »Nur zwei Drittel der Schätze habe ich auf den Esel gepackt; ein – Drittel – habe – ich – vergraben – in – –.« Sie konnte nicht mehr vollenden; sie starb. Nun muß sie umwandeln in einem weißen Kleide und mit einem Schlüßelbund an dem Daumen und [41] die Schätze bewachen, bis ein ganz unschuldiger Jüngling kommt, der nie etwas Böses gedacht noch gethan hat; dem wird sie die Schätze zeigen, und wenn er sie ausgegraben und die Münsterkirche, die jetzt verfallen ist, neu aufgebauet hat, wird ihr Geist Ruhe haben.

12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

12. Die Schlangenjungfrau.

Mündlich in Seesen.


Es war einmal ein Graf, der hatte viel Geld und Gut; doch sein höchster Schatz war seine schöne Tochter Brigitte. Nun hatte er auch einen Bruder, der war ein arger Verschwender und stürzte sie alle ins Elend; denn nachdem er sein ganzes Erbtheil durchgebracht hatte, schwatzte er auch dem Grafen das halbe Vermögen ab, und die andere Hälfte stahl er ihm und gieng damit in alle Welt. Jetzt waren Brigittens Eltern ganz arm, und hätten sie nicht ihre Tochter gehabt, sie hätten schier verhungern müßen; diese aber nähte und spann den ganzen Tag und die halbe Nacht und hielt dadurch den Hunger von der Schwelle ab. Das währte so mehrere Jahre; doch da wurde eine theure Zeit, und obgleich Brigitte spann, daß ihr das Blut an den Fingern herab lief, sie vermochte nicht so viel zu verdienen, daß sie sich täglich einmal ordentlich satt eßen konnten. Wie es ihnen ergieng, so ergieng es auch vielen anderen Leuten, und als von diesen sich große Haufen aufmachten in ein anderes Land, wollte auch der Graf mit Frau und Tochter auswandern. Das war für Brigitte ein großes Herzeleid, denn sie hatte ihre Heimat sehr lieb, und als sie eines Abends in ihrer Kammer war und spann und sich das Blut von den Händen wischte und wieder spann und dabei bitterlich weinte, erschien ihr eine Fee und sprach zu ihr: »Liebes Kind, was weinest du?« Brigitte klagte ihre Noth und setzte hinzu: »Hilf [42] mir, so du kannst!« Die Fee lächelte und antwortete: »Ich hoffe, daß ich's kann! Hier hast du einen Ring; dreh ihn dreimal am Finger, so siehst du mich wieder.« Damit verschwand sie, und Brigitte sank in einen tiefen Schlaf. Am andern Morgen kam ihre Mutter und weckte sie; denn während der Nacht war unten ein schönes Frühstück aufgetragen, das sollte nun verzehrt werden. Sie ließen sich's auch alle drei wohlschmecken, und als sie gesättigt waren, und eben ein großer Zug Auswanderer vorübergieng, sagte der Graf: »Hier ist doch unsers Bleibens nicht mehr; drum wollen wir uns denen draußen anschließen.« Brigitte erschrak; da sie aber von der Fee und von dem Ringe nichts sagen durfte, denn jene hatte es streng verboten, so sprach sie zum Grafen: »Lieber Vater, darf ich nicht noch einmal auf meine Kammer?« Der Graf erlaubte es, und als sie den Ring zum drittenmal drehte, war die Fee da und sagte: »Komm mit!« Sie stiegen die Treppe hinab, und unten standen viele tausend Dienerinnen, denen gebot die Fee: »Tragt Brigitte in meinen Palast!« und kaum, daß sie das Wort gesprochen hatte, so waren sie schon dort. Das war hier eine Pracht! Des Grafen früheres Schloß war gegen dieses nur eine ärmliche Hütte. Zu leben hatten sie nun alle, die Tochter wie die Eltern, denn auch diese fanden den Tisch so oft gedeckt, als sie nur hungerig waren; während es aber schon Brigitten nicht besonders schmeckte, rührten der Graf und die Gräfin fast nichts an, alles aus Trauer um die entschwundene Tochter, und das dauerte so mehrere Tage. Einst saßen sie und jammerten und meinten jeden Augenblick, es müße sich die Thür öffnen, und Brigitte hereintreten; die Thür öffnete sich auch, aber ein Zwerg trat ein und bat um ein Almosen. Der Graf, dessen weiches Herz jetzt noch weicher war, suchte das letzte Goldstück hervor, welches noch seine Tochter für die Reise erübrigt hatte, und fragte den Zwerg, wie er alle Leute zu fragen pflegte: »Wißt ihr nichts von meiner Tochter?« »Sehr viel«, war die Antwort, und Brigitte stand vor ihnen in seidenem Kleide und mit einer goldenen Krone; der Zwerg aber war nicht mehr da. Nun war des Fragens und Erzählens kein Ende und des Jubels auch nicht; ans Auswandern [43] wurde vollends nicht mehr gedacht, denn sie waren reicher als je im Leben. Nach einigen Jahren kam ein Königssohn, der von der schönen Brigitte gehört hatte, und nahm sie zur Gemahlin; dem gebar sie einen Sohn und noch einen, und als sie ihrer Tugend wegen von der Fee zur Kaiserin erhoben war, bekam sie noch einen kleinen Sohn und starb; der jüngste Sohn aber war das schönste Kind von der Welt und war seines Vaters ganze Freude und sein Trost bei der Trauer um seine liebe Gemahlin.

Eines Tages, als der Kaiser schon alt geworden war, sprach er zu seinen drei Söhnen: »Ich mache nicht lange mehr und möchte nun gern wißen, wer nach mir die Krone tragen soll. Durchziehet das Land, und wer mir in drei Tagen die größte Flasche mitbringt, der soll Kaiser werden, wenn ich nicht mehr bin.« Die Söhne zogen aus und kamen bald an einen Teich, der an einem großen Walde lag, und weil die beiden ältesten den jüngsten nicht leiden mochten, wollten sie ihn ins Waßer werfen. Am Boden hatten sie ihn schon; da aber stand ein Zwerg bei ihnen und sprach: »Laßt es sein, oder es geht euch nicht gut!« und dabei schnitt er so grimmige Geberden, daß sie sich aus dem Staube machten. Mit ihnen war auch der Zwerg verschwunden; der jüngste Kaiserssohn aber gieng in den Wald und gieng immerzu, bis er endlich an ein Schloß kam; hier klopfte er an und wieder an, und aufs drittemal wurde ihm geöffnet. Prachtvoll genug war's im Schloße; doch Menschen oder andere lebende Wesen fanden sich nirgends, auch nicht eine Fliege oder ein Spinngewebe, und von Speise und Trank war auch nicht die geringste Spur. Das letzte war für ihn am schlimmsten, denn er war rechtschaffen hungerig und durstig; als er aber nach Eßen und Trinken seufzte, kamen kleine Füße aus der Decke herab, an den Füßen saßen keine Beine, doch statt der Zehen hatten sie lange Finger, und zwischen den Fingern hielt jeder entweder eine Schüßel mit einem köstlichen Gerichte, oder einen Becher voll Wein, oder irgend ein Tischgeräth, und das alles setzten die Füße auf einen glänzenden Marmortisch, der mitten im Saale stand; hierauf rückte der eine Fuß einen kostbaren Seßel an die Tafel, und alle zogen sich wieder [44] durch die Decke zurück. Als der Prinz sich von seinem Erstaunen erholt hatte, nahm er im Seßel Platz und aß und trank, ja, trank, bis ihm die Augen zufielen; da kamen die Füße wieder, kleideten ihn aus und trugen ihn ins Bett, und als er morgens wieder munter geworden war, kleideten sie ihn wieder an und bedienten und besorgten ihn heute wie gestern. Um die Mittagsstunde, als er eben vom Frühstück aufstehen wollte, steckte eine Schlange an der andern Seite ihren häßlichen Kopf über den Tisch und sprach mit feiner Stimme: »Was willst du hier?« Der Prinz antwortete: »Ich suche eine Flasche, so groß wie ein Haus.« »Bleib drei Tage hier, laß dir's wohlschmecken und sei ohne Sorge«, erwiderte die Schlange und war weg. Das befolgte er und ward tags und nachts von den Füßen aufs beste bedient. Am dritten Tage um die Mittagszeit war die Schlange wieder da und sprach zu ihm: »Nun steig in den Fingerhut vor der Thür und mach, daß du heimkommst.« Er gieng hinaus und wollte auf den kleinen Fingerhut treten, der da stand; in demselben Augenblick aber saß er auf einem herrlichen Wagen, den zwei muthige Rosse zogen, neben ihm stand eine Flasche, so groß wie ein Haus, und in ein paar Sätzen waren die Hengste beim Schloße des Kaisers. Bald nach dem jüngsten langten auch die beiden andern Kaiserssöhne an, und als sie ihre beiden großen Flaschen abladen wollten, fanden sie nur zwei solche, die nicht größer waren als kleine Fingerhüte. Der Kaiser lachte sie aus und wollte dem jüngsten die Krone geben; da aber wurden die anderen zornig und schalten: »Es geht nicht mit rechten Dingen zu; der Schurke hat unsere großen Flaschen gestohlen; bestimme uns eine andere Probe.« Der Kaiser gab ihnen nach und sagte: »Wer jetzt den kleinsten und schönsten Fingerhut bringt, der soll die Krone haben.« Als die drei Brüder wieder an den Teich kamen, fielen die beiden ältesten giftig über den jüngsten her, banden ihm einen dicken Stein an den Hals und wollten ihn nun gewis ertränken. Aber wieder erschien der Zwerg und sagte: »Laßt das sein, oder es geht euch nicht gut!« und schnitt dabei so grimmige Geberden, daß die Buben davoneilten. Der jüngste Sohn gieng wieder nach dem Schloße und [45] fand es daselbst wieder gerade so, wie das erstemal: nach dem dritten Klopfen wurde ihm geöffnet, die langfingerigen Füße bedienten ihn, und des Mittags erschien die Schlange und sprach, als sie kaum von dem kleinen Fingerhut gehört hatte: »Bleib drei Tage hier, laß dir's wohlschmecken und sei ohne Sorge.« Er war dießmal auch ganz ohne Sorge, ließ sich's munden wie das erstemal und hielt also die drei Tage ganz gemächlich aus. Am dritten um die Mittagszeit kam die Schlange und sprach zu den Füßen: »Bringt die halbe Nußschale herbei!« Und sie thaten es. »Steig hinein«, sagte sie hierauf zu dem Prinzen, »und spute dich!« Er gehorchte, und in dem Augenblicke war die kleine Nußschale das herrlichste Schiff von der Welt; die Schlange zischte in das Linnen, und siehe, hoch über die Bäume hinweg segelte das Schiff dem Kaisersschloße zu und war im Nu da; und als der Prinz ausgestiegen war, sah er die Nußschale zu seinen Füßen, und als er dieselbe aufhob, war sie ein Fingerhut, aus drei Edelsteinen zusammengestückt und so klein, als sollte ihn eine Mücke aufstecken. Bald nach dem jüngsten kamen auch die beiden anderen Prinzen an; als sie aber ihre Fingerhüte vorzeigen sollten, da waren dieselben plötzlich so groß wie Bierkrüge geworden. Nun zürnten sie erst recht und baten den Kaiser noch um die dritte Probe; dieser willfahrte ihnen und antwortete: »Wer nun dießmal die schönste Jungfrau heimbringt, der erhält die Krone. Dabei aber bleibt's!« Die drei Brüder wanderten wiederum fort, und dießmal wäre der Zwerg fast zu spät an den Teich gekommen, so grimmig fielen die ältesten über den jüngsten Kaiserssohn her; doch rettete er ihn noch glücklich aus ihren Händen und trieb sie in die Flucht. Zum drittenmal gieng der Kaiserssohn nach dem Schloße und fand es gerade so, wie beim ersten-und beim zweitenmal: nach dem dritten Klopfen wurde ihm geöffnet, die langfingerigen Füße bedienten ihn, und des Mittags erschien die Schlange und sagte, nachdem sie das von der schönsten Jungfrau gehört hatte: »Bleib drei Tage hier, laß dir's wohlschmecken und sei ohne Sorge!« Dem kam er mit Freuden nach, und am Mittag des dritten Tages erschien die Schlange und sprach zu ihm: »Nun zerschneide mich [46] in zwei Stücke; das Schwanzende wirf auf den Hof, das andere verbrenne dort über dem Kaminfeuer.« Der Kaiserssohn weigerte sich; die Schlange indes bat so lange und so dringend, daß er ihr endlich nachgab. Kaum aber, daß er die halbe Schlange über das Feuer hielt, so geschah ein fürchterlicher Krach, und die Schlange war die schönste Prinzessin in der ganzen Welt, und die Füße mit den langen Fingern waren lauter flinke Dienerinnen; und die Königstochter sank dem Prinzen an die Brust und rief: »Nun hast du mich erlöst; nun werde ich deine Gemahlin!« Da gab der Prinz den Fingerhut an seine Braut zurück, aus dem wurde wieder ein prächtiges Schiff, und alle stiegen hinein und wurden hoch durch die Luft zum Kaisersschloß getragen. Die beiden anderen Prinzen waren auch bald da und hatten jeder ein schönes Bauermädchen; die aber waren gegen die Königstochter wie die Nacht gegen den Tag. Und der Kaiser nahm die Krone vom Haupt, um sie dem jüngsten zu überreichen, wobei die ältesten diesen gern mit den Augen getödtet hätten; da aber trat die Prinzessin unter sie und sagte zum Kaiser: »Die Krone bleibe dir und deinem ältesten Sohne oder dem zweiten; ich habe sechs große Reiche und schenke dir eins und jedem deiner beiden Söhne eins; die anderen drei gehören meinem lieben Gemahl.« Und es geschah also; und als die Hochzeit gefeiert wurde, da war Freude in allen Landen, und alle lebten in Frieden mit einander bis an ihren Tod.

13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

13. Vom Gefangenen.

Mündlich in Ribbesbüttel.


Ein Gefangener sollte in ein ander Gefängnis gebracht werden, und der Stockmeister begleitete ihn allein, weil er nicht dachte, daß er davonlaufen werde. Und der Gefangene bat um die Erlaubnis, seinen Bart sich abnehmen zu laßen; und der Stockmeister [47] bewilligte es und gieng mit ihm in die Stube eines Barbiers. Nachdem der Gefangene barbiert war, entschloß sich der Stockmeister auch dazu und ließ sich seinen Bart einseifen. Der Gefangene sah dieß für eine bequeme Gelegenheit an, jetzt zu entwischen, und sprang zur Thür hinaus. Der Stockmeister verfolgte ihn und lief mit seinem eingeseiften Barte und mit der vorgebundenen Serviette hinter ihm her und rief: »Halt auf! halt auf!« Der Barbier, welcher besorgt war, er werde um seinen wohlverdienten Lohn und um seine Serviette kommen, setzte flugs hinter ihnen her und rief: »Halt auf! halt auf!« Der Zug gieng vor dem Fenster einer Küche vorbei, da eben der Koch einen gebratenen Hasen auf dem Spieße hatte; der legte auch seinen Bratspieß nicht abseite, sondern verfolgte den Flüchtling mit dem Bratspieß und rief: »Halt auf! halt auf!« Eine Menge Hunde, welche nach diesem Braten be gierig waren, verfolgte den Koch. Dieses sah ein Küchenjunge, welcher in der Küche stand und das Feuer schürte; der nahm einen Feuerbrand, um mit demselben die Hunde zu verjagen, und lief mit dem Brande hinter den Hunden her und rief: »Halt auf! halt auf!« Dieses sah des Jungen Mutter, welche im Begriff war, Flachs um den Spinnrocken zu wickeln; die verfolgte ihren Sohn mit dem Flachs und rief: »Halt auf! halt auf!« Dieses sah ihr Mann, welcher Holz hackte; der verfolgte seine Frau mit der Axt und rief: »Halt auf! halt auf!« Dieses sahen zwei Polizeidiener, welche dachten, der Mann würde seiner Frau mit der Axt den Kopf entzweispalten; die verfolgten ihn mit dem Säbel und riefen: »Halt auf! halt auf!« Der Zug gieng vor dem Fenster eines Schneiders vorbei, der eben jemandem ein kostbares Kleid anprobierte. »Erlauben sie mir, daß ich 'mal zusehe, was die Leute draußen so gefährlich laufen«, sagte dieser zu dem Schneider; und der Schneider erlaubte es und ließ ihn gehen. Er hoffte jedoch vergeblich auf seine Wiederkunft; denn der Fremde hatte das neue Kleid mitgenommen, sein altes hingegen zurückgelaßen. Draußen aber war die ganze Stadt auf den Beinen, und alles rannte und lärmte und kreischte und heulte und tobte und fluchte und pfiff und schrie wild durch einander. [48] Der Junge fiel mit dem Feuerbrande seiner Mutter in den Flachs, und sie verbrannte bis auf die bloße Haut; die Polizei hieb wüthend um sich herum und schonte weder Freunds noch Feinds: kurz, Feuer und Schwert wütheten unter diesen Leuten, und es kam endlich so weit, daß keiner mehr zum Thor hinaus- oder hereinsollte. Zuletzt mußten alle vor Gericht, und ein jeder sprach sich frei und sagte: »Irren ist menschlich.«

14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

14. Die gläserne Kugel.

Mündlich in Seesen.


Es war einmal ein König, der hatte seine Gemahlin sehr lieb, und die Königin liebte ihn von ganzem Herzen wieder; sie hatten aber kein einziges Kind, und darüber waren sie traurig. Nun begab sich's eines Tages, daß der liebe Gott ihr Bitten erhörte und der Königin einen kleinen Sohn schenkte; die Kammerfrau aber, die eine böse Hexe war, bemalte und bewickelte ein Stück Holz wie ein Kind, legte es in die Wiege und brachte den Prinzen in eine Fischerhütte. Als der König hereinkam, um seine Gemahlin und seinen Sohn zu begrüßen, fand er das Stück Holz, schüttelte mit dem Kopfe und gieng traurig wieder fort; die Königin aber weinte und wäre fast gestorben vor Schreck. Nach einem Jahre bekam sie wieder einen kleinen Sohn, und dießmal legte die Kammerfrau ein Bund Schwefelhölzer in die Wiege, während sie auch diesen Prinzen in die Fischerhütte brachte. Der König wurde nicht nur traurig, sondern auch zornig, und die Königin rang lange mit dem Tode. Wieder nach einem Jahre genas sie eines dritten Sohnes, und als der König hereinkam und statt eines Kindes eine Bierflasche fand, welche die boshafte Kammerfrau in die Wiege geschoben hatte, da ergrimmte er und ließ die Königin durch einen Jäger ins Gefängnis[49] abführen. Des freute sich die alte Hexe und hoffte, nun solle ihre Tochter Königin werden; das gelang ihr aber nicht, da der König trauriger war als seine Gemahlin, die sich ihrer Unschuld tröstete, so kümmerlich es ihr auch im Kerker gieng.

Unter der Zeit wuchsen die drei Prinzen in der Fischerhütte heran und meinten, sie wären die Söhne des alten ehrlichen Fischers, und als dieser starb, weinten sie, als wenn ihr rechter Vater gestorben wäre, erbten dankbar sein Vermögen, das aus der ärmlichen Hütte, aus Netzen und Angeln bestand, trieben sein Handwerk nach wie vor und waren ehrlich und fleißig und deshalb heiter und guter Dinge. Eines Tages, als die beiden ältesten Netze flickten und der jüngste die Küche hatte, trat ein Greis in die Hütte, das war ein Zwerg, und sagte: »Habt ihr nicht Lust, die arme Königin zu erlösen?« und erzählte ihnen deren Leidwesen, wie der König sie verstoßen habe und nun meine, sie sitze in einem ordentlichen Gefängnis, wie aber die böse Kammerfrau sie mit hartherzigen Kriegsleuten umgeben habe, die sie fortwährend peinigen müßten. Das rührte ihr gutes Herz, und obgleich alle drei hinwollten, so ließen sie doch dem ältesten den Vorrang. »Ich gehe hin«, sprach er, und der Greis gab ihm ein Pferd und eine gläserne Kugel und sagte: »Setz dich aufs Ross und reite der Kugel nach; sieh dich aber nicht um, was dir auch widerfahren möge.« Der Prinz versprach es, saß auf und folgte der Kugel, die in stetem Laufe vor ihm hinrollte; der Zwerg aber war plötzlich verschwunden. Als er eine Weile geritten war, kamen viele Leute hinter ihm her und schrieen: »Wo willst du hin? Wo willst du hin?« Neugierig sah er sich um und war eine steinerne Bildsäule; und das hatte die böse Hexe gethan. – Am andern Tage kam der Greis wieder in die Fischerhütte und sagte zu dem zweiten Königssohne: »Dein Bruder wird wohl nicht wiederkommen; willst du die Königin erlösen?« Er war sogleich willig dazu, und der Zwerg fuhr fort: »Setz dich aufs Ross und reite dieser gläsernen Kugel nach; sieh dich aber nicht um, sieh dich nicht nm, was dir auch widerfahren möge!« Der Prinz versprach es, saß auf und folgte der Kugel, die in stetem Laufe vor ihm hinrollte. [50] Als er eine Weile geritten war, kam ein blanker Reiter hinter ihm hergesprengt und rief: »Halt! ich sollte dir noch was Wichtiges bestellen!« Neugierig sah er sich um und war eine steinerne Bildsäule; und das hatte die böse Hexe gethan. – Am andern Tage kam der Greis wieder in die Fischerhütte und sagte zum jüngsten Königssohne: »Deine Brüder werden wohl nicht wiederkommen; willst du die Königin erlösen?« Er war sogleich willig dazu, und der Zwerg fuhr fort: »Setz dich aufs Ross und reite dieser gläsernen Kugel nach; sieh dich aber nicht um, sieh dich ja nicht um, was dir auch widerfahren möge!« Der Prinz versprach es, saß auf und folgte der Kugel, die in stetem Laufe vor ihm hinrollte. Als er eine Weile geritten war, kamen viele Leute hinter ihm her und riefen dieß und das; er sah sich nicht um. Jetzt hörte er's hinter sich raßeln wie von geharnischten Rittern, und allerlei verschiedene Stimmen spotteten und höhnten ihn; er sah sich nicht um, und die Kugel rollte immer vor ihm auf. Zum drittenmal ward es laut hinter ihm und ein wahrer Höllenlärm; er sah sich nicht um, und die Kugel rollte immer vor ihm auf und rollte immer geschwinder und geschwinder. Plötzlich ward es still hinter ihm wie im Grabe, und plötzlich blieb die Kugel liegen, und er hielt am Thor eines wolkenhohen Thurmes. Und siehe! die Kugel zerplatzte, und aus ihr sprang der Zwerg. Freundlich gieng dieser auf den Königssohn zu, gab ihm einen Zauberstab und sagte: »Wo du Lebendiges mit diesem Stabe berührst, das schläft sofort ein; kein Thor aber und keine Kette giebt es, die nicht aufsprängen, so du das Stäbchen daran hältst.« Als der Königssohn es an das große Gitterthor hielt, sprang es in der That krachend auf; ebenso öffnete es ihm die Thüren zu elf Zimmern, in welchen er nichts Lebendiges antraf. Jetzt hielt er den Stab an eine neue Thür; sie sprang auf, und er befand sich in einem großen Saale, in deren Mitte ein ganz kleines Haus stand. Bewacht wurde das Haus von vielen hundert Kriegsleuten, welche von der Hexe hieher gestellt waren; sie drangen ingrimmig auf ihn ein und wollten ihn aufspießen, da berührte er flink ihre Speere mit seinem Zauberstabe, und alle die gewaltigen [51] Kriegsleute standen sogleich machtlos da wie nickende Kornähren und schliefen, und ein Kind hätte sie köpfen können. Nun gieng er in das Haus, und obgleich er nicht wußte, daß die bleiche Königin seine Mutter sei, fühlte er es doch beinahe, besonders als sie ihr Haupt weinend an seine Brust lehnte und sagte: »Ich danke dir; du hast mich von großem Leid erlöst!« Eilig giengen sie durch die Reihen der schlafenden Soldaten und durch die übrigen Zimmer und trafen vor dem Thore den hülfreichen Zwerg an, der alles so wohl gemacht hatte. Als sie ihm nun danken wollten, besonders die Königin, antwortete er: »Laßt das sein; ich selber habe meine Freude daran.« Hierauf wandte er sich zu dem Prinzen und sagte: »Du hast ein Werk vollführen helfen, das ich aus Liebe zur Königin und aus Haß gegen die böse Hexe, meine alte Feindin, jahrelang vorbereitet habe; dafür wünsche dir, was du willst, es soll dir werden.« »So laß meine Brüder wiederkommen!« sagte der Prinz, und sie waren da. »Wünschest du dir weiter nichts?« fragte der Greis. »Ich danke«, versetzte der Königssohn. »So will ich ein übriges thun«, murmelte der Zwerg. Und er gieng mit ihnen zum König und sprach zu ihm: »Ich bringe dir deine edle Gemahlin und deine drei Söhne; die Kammerfrau ist eine trügerische Hexe und hat auch dich aufs schändlichste belogen und betrogen.« Als sie nun eben noch beim Umarmen waren und ihrer Freude kein Maß zu finden wußten, kreischte es draußen, und die Hexe kam hereingestürzt und schrie, und die Haare flogen ihr nur so um den Kopf, und schrie: »Wer hat die Königin gestohlen und meine schmucken Jungen eingeschläfert?« »Ha, Unthier«, sprach der Zwerg, »kennst du diesen Stab?« Sie wollte ihm denselben aus der Hand reißen; bei der ersten Berührung indes schlief sie ein, sank zu Boden, und der Zwerg zog ein Schwert und hieb ihr mit einem einzigen Schlage das häßliche Haupt von den Schultern. Damit war er verschwunden. Nach einer Weile reichte der König seiner Gemahlin die Hand und bat um Verzeihung; »ich habe dir nie gegrollt«, versetzte sie, »ich wußte, du handeltest wider deinen Willen.« Nun wurde große Freude im Schloße und [52] im ganzen Lande; die drei Prinzen holten sich auch jeder bald eine schöne Prinzessin zur Frau, und nach dem Tode des alten Königs erhielt der jüngste Sohn das Reich. So wünschten es auch seine Brüder.

15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

15. Grindköpfchen.

Mündlich in Herrenhausen.


Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne, und der jüngste hieß Grindköpfchen und war ihm der allerliebste. Eines Tages rief er sie alle drei zu sich und sagte: »Meine Kinder, ich werde nun alt und schwach und kann nicht lange mehr König sein. So gehet denn hinaus ins Land und suchet umher, und wer mir den besten Hund heimbringt, soll die Krone haben.« Die drei Königssöhne zogen von dannen, und als sie ein Stück Weges gegangen waren, kamen sie an einen Wald und in dem Walde an eine Grube, an welcher Tannen und Buschwerk standen; da legten sie sich hin und aßen und tranken. Während aber Grindköpfchen fröhlich wurde vom Wein, stiegen in den beiden anderen böse Gedanken auf; und sie nahmen Grindköpfchen, der eine beim Kopf, der andere bei den Beinen, warfen ihn in die Grube, legten viel Gezweig darauf, traten dasselbe fest, daß er ersticken sollte, und giengen davon, den besten Hund zu suchen. Dem Grindköpfchen aber war kein Haar gekrümmt; tief und immer tiefer war er gefallen, bis er auf einmal vor einer großen Thür stand. Als er sich erholt hatte, klopfte er an, aber niemand sagte herein; er gieng doch hinein, kam an eine zweite Thür und klopfte wieder an, aber niemand sagte herein; er gieng auch durchs zweite Zimmer, kam an eine dritte Thür, und als er hier anklopfte, rief es herein. Als er hineintrat, fand er niemanden drinnen; eine Tafel aber stand da, gedeckt und mit dem besten [53] Eßen besetzt, und weil er gerade hungerig war und nichts beßeres zu thun hatte, gabelte er frisch darauf los. Er hatte aber kaum ein bißchen genoßen, als es rief: »Grindköpfchen, hör auf! Grindköpfchen, hör auf!« Er wußte nicht, was das bedeuten solle, legte die Gabel weg und suchte und suchte; aber es war nichts Lebendiges zu hören und zu sehen. So meinte er denn, es habe ihn geneckt, setzte sich wieder an den Tisch und aß munter darauf los. Und wieder rief es: »Grindköpfchen, hör auf! Grindköpfchen, hör auf!« Nun suchte er noch viel schärfer durch, fand aber wieder nichts. Und zum drittenmal fieng er an zu eßen, und zum drittenmal rief es: »Grindköpfchen, hör auf! Grindköpfchen, hör auf!« Da hörte er, daß die Stimme hinter dem Ofen herkam, und als er da nachsah, fand er eine Schlange. Die zischelte, als er zu ihr kam, und sagte: »Ich weiß wohl, was du willst: du suchst nach dem besten Hunde, und ich kann dir helfen, wenn du willst. Bleib acht Tage hier, spalte alles Holz entzwei, das im Hofe liegt, an Bedienung soll dir's nicht fehlen; es ist dein Glück.« Grindköpfchen willigte gern ein und gieng an die Arbeit; und an Speise und Trank war kein Mangel, und abends fand er das weichste Bett. Als die acht Tage um waren, das Holz war gespalten bis auf den letzten Stamm, da freute sich die Schlange und sagte: »Nun folge mir und such dir den schönsten Hund aus.« Und sie giengen zusammen über den Hof, wo viele Ställe waren, und kamen zuletzt an einen Stall, in dem befanden sich viele große Hunde; die waren aber häßlich und gefielen Grindköpfchen nicht. Sie giengen zu einem zweiten Stalle, da saßen noch mehr Hunde; die waren nun zwar kleiner und auch etwas hübscher, indes so recht gefielen sie Grindköpfchen doch nicht. Als sie aber in den dritten Stall kamen, wo noch viel mehr Hunde saßen, da wußte Grindköpfchen sich gar nicht zu faßen, so klein und allerliebst waren sie. Nachdem er sich hier den zierlichsten ausgesucht hatte, klopfte die Schlange an die Wand, und, was denkst du wohl! da fiel ein goldenes Halsband heraus mit Edelsteinen; das hieng sie dem Thiere um, legte Baumwolle in eine kleine Schachtel, so groß wie eine Wallnuß, in die Baumwolle [54] das Hündlein, schob den Deckel darauf und gab es Grindköpfchen hin. Er bedankte sich, steckte die Schachtel in die Tasche und sprach: »Ich kann aber nicht wieder hinaus; die Brüder haben die Grube zugeworfen.« »Geh nur hin«, sagte die Schlange; und er gieng hin und fand alles offen. Als er ein bißchen gegangen war, kamen seine Brüder auch daher, jeder mit einem großen Schlachterhunde; und sie sagten unter einander: »Ei, wie mag der nur wieder herausgekommen sein?« Als sie aber sahen, daß er keinen Hund mit sich führte, da freuten sie sich und nahmen ihn mit aufs Schloß.

Der König saß gerade bei Tisch, und als er Grindköpfchen ohne Hund eintreten sah, wurde er sehr traurig. Eben wollte er entscheiden, welches von den beiden Schlachterhunden der schönste sei, als Grindköpfchen leise die Schachtel öffnete und sein Hündlein über den Tisch laufen ließ. Da staunte der König und alle, die mit ihm bei Tische saßen, denn ein so schönes Thier war noch nicht auf der Welt gewesen; die beiden ältesten Söhne aber wurden grimmig, daß sie die Wette verloren hatten. Mochte der König nun auch Grindköpfchen am liebsten leiden, die beiden anderen waren ihm doch auch lieb, und so sprach er: »Dieß einemal soll noch nicht gelten; geht noch einmal aus, und wer mir dießmal das schönste Pferd mitbringt, soll die Krone haben.« Als die drei Königssöhne wieder an den Wald und an die Grube kamen, nahmen die beiden ältesten Grindköpfchen, warfen ihn wieder hinein und legten dießmal noch mehr Buschwerk und Tannenzweige darauf und stampften alles noch fester, so daß sie meinten, nun sei Grindköpfchen gewis todt. Er war aber nicht todt, sondern kam wieder an die erste und an die zweite Thür und klopfte an, ohne daß herein gesagt wurde; als er aber an die dritte klopfte, sagte es herein. Wieder fand er nichts Lebendiges drinnen, wohl aber eine reich besetzte Tafel, und eben hatte er zu eßen angefangen, als es rief: »Grindköpfchen, hör auf! Grindköpfchen, hör auf!« Nun wußte er gleich, woher die Stimme komme, und gieng hin zu der Schlange, die zu ihm sagte: »Ich weiß wohl, was du willst: du suchst nach dem besten Pferde, und ich kann dir helfen. [55] Bleib acht Tage hier, trag alles gespaltene Holz aus dem Hofe auf den Boden, schichte alles hübsch auf, an Bedienung soll dir's nicht fehlen; es ist dein Glück!« Grindköpfchen willigte gern ein und gieng an die Arbeit; und an Speise und Trank war kein Mangel, und abends fand er das weichste Bett. Als die acht Tage um waren, das Holz war geschichtet bis auf das letzte Scheit, da freute sich die Schlange und sagte: »Nun folge mir!« Und sie giengen zusammen über den Hof, wo die vielen Ställe waren, und kamen zuerst an einen Stall, in dem befanden sich viele schwarze Pferde; die waren aber häßlich und gefielen Grindköpfchen nicht. Sie giengen zu einem zweiten Stalle, da standen braune Pferde; die sahen zwar schon beßer aus, aber so recht gefielen sie Grindköpfchen doch nicht. Als sie aber in den dritten Stall kamen, wo lauter weiße Schimmel standen, da lachte Grindköpfchen vor Freuden das Herz im Leibe, so wunderschön waren die. Nachdem er hier den besten Schimmel ausgesucht hatte, klopfte die Schlange an die Wand, und heraus fiel ein goldenes Sattelzeug mit Edelsteinen, das legte sie dem Thiere an, überzog es vom Zipfel der Ohren bis zur Spitze des Schweifs mit grauer Leinewand, die sich anschloß, als wär's die Haut gewesen, und entließ es sammt dem Reiter durch die Grube auf die Welt. Als er ein bißchen geritten war, kamen seine Brüder auch daher und saßen auf Bauerpferden; und sie erschraken erst, als sie Grindköpfchen lebendig vor sich sahen, waren aber wieder lustig, als sie das schlechte graue Pferd desselben erblickten, und nahmen ihn mit aufs Schloß.

Der König schaute gerade aus dem Fenster, als sie ins Thor ritten, und als Grindköpfchen solch schlechtes Pferd hatte, ward er sehr traurig. Gerade aber wollte er entscheiden, welches von den beiden Bauerpferden das beste sei, als der Hengst sich schüttelte, die graue Leinewand abwarf und nun das allerschönste Ross war, das je die Sonne beschienen hat. Nun aber geriethen die beiden ältesten Königssöhne ganz außer sich vor Wuth, und als der König das sah, sprach er: »Es gilt noch die dritte Wette! Wer dießmal den schönsten Wagen mit den schönsten Pferden und der schönsten Braut heimbringt, soll die Krone haben; dabei aber [56] bleibt's gewis und wahrhaftig!« Des wurden alle drei froh und zogen fort. Als sie wieder an den Wald und an die Grube kamen, warfen die beiden ältesten Grindköpfchen nochmals hinein und bansten dießmal so viel Buschwerk, Tannenzweige und Erde darauf, daß ein ordentlicher Berg wurde, und meinten: »Dießmal soll er aber wohl da unten bleiben!« Grindköpfchen aber gieng gleich auf das dritte Zimmer los und, als herein gesagt war, hinter den Ofen, wo die Schlange ihn ganz unbeschreiblich fröhlich ansah und zu ihm sagte: »Grindköpfchen, ich weiß wohl, was du willst; thu alles genau, wie ich dir's sage, so ist es dein und mein Glück: im Hofe liegt eine Mistgabel; hole sie, steck mich darauf, trag mich auf den Boden, zünde das Holz an und halte mich darüber.« Erst wollte er lange, lange nicht; sie bat aber so dringend, so flehend, daß er sich endlich ein Herz faßte und es erfüllte. Und als er die Schlange noch nicht so lange über das Feuer gehalten hatte, als der Blitz gebraucht, um vom Himmel auf die Erde zu springen, da geschah ein fürchterlicher Knall, und das ganze Haus knisterte und krachte, und die Flamme wurde ganz anders und war kein Feuer mehr und leuchtete doch, und das Haus wurde ein prachtvolles Schloß und stieg auf die Erde, und die Schlange war die herrlichste Jungfrau von der Welt, und er und sie hatten das allerschönste Zeug an, und vor dem Schloße hielt ein wundervoller Wagen mit sechs schneeweißen Hengsten und mit Bedienten, Kutschern und Vorreitern; die Jungfrau aber weinte vor Freuden und fiel ihm in die Arme und sagte: »Du hast mich erlöst; nun werde ich deine Frau!« und sie küssten und drückten sich. Nun versahen sie alles mit schlechten grauen Überzügen, die Leute, die Rosse und den Wagen, nur allein sich selber nicht, und fuhren von dannen. Als sie ein bißchen gefahren waren, kamen die beiden anderen auch daher und hatten nur Bauerwagen mit Bauerpferden und Bauermädchen; sie sahen auch wohl Grindköpfchen's Gespann, wußten aber nicht, daß dieser darin sitze, und sagten: »Wem mag nur der schlechte Wagen dort gehören mit den scheuslichen Pferden und den grauen Bedienten?« Und sie fuhren raßelnd vors Schloß und dachten: [57] »Grindköpfchen ist todt; uns gehört die Krone!« und sagten's auch dem König. Dieser wollte schier vergehen vor Traurigkeit; da kam noch ein dritter Wagen herangedonnert, und als er still hielt, und die grauen Überzüge abfielen, da waren alle sprachlos vor Verwunderung, so blitzte und blänkerte alles; sie sprangen aber alle hoch auf vor Freuden, auch der König mit der Krone, als Grindköpfchen ausstieg mit der herrlichen Königstochter. Da jagten die beiden anderen Königssöhne in alle Welt; Grindköpfchen aber hielt Hochzeit mit seiner schönen Braut und bekam nach des Vaters Tode das Reich.

16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

16. Der Werwolf.

Mündlich in Ribbesbüttel.


Drei Arbeiter mähten eine Wiese. Als es nun Mittag war, und noch immer das Eßen nicht kam, sagten sie unter einander: »Wenn wir nun noch einmal herum sind, wollen wir uns so lange hintern Busch legen, bis das Eßen kommt.« Gesagt, gethan. Zwei von ihnen schliefen sofort ein; denn nie schläft sich's beßer, als wenn man müde ist, und nirgends ist man weicher gebettet, als auf Blumen und Gras: der dritte aber schnallte sich einen Wolfsriemen um und schlich sich zwischen eine Heerde Pferde, die da weidete. Und das beste Füllen war ihm gut genug: er packte es und dämpfte es ab; die übrigen Pferde aber sammt dem Hirten suchten das Weite. Die beiden anderen Schnitter sahen das mit an, thaten jedoch wohlweislich, als ob sie schliefen; denn sie fürchteten und entsetzten sich. Als der Werwolf seinen Hunger befriedigt hatte, schnallte er den Riemen ab, kam zurück und legte sich aufs Ohr. Nach einer Weile kam das Eßen: ein großer Topf voll Hirsebrei, und für jeden sechs gekochte Eier und Brod und Salz. Während nun die zwei Schnitter fleißig zulangten mit ihren hölzernen[58] Löffeln, sagte der Werwolf: »Vorher war ich so hungerig, und jetzt mag ich fast gar nichts mehr; ich weiß nicht, ob ich über den Hunger weg bin.« Jene aber schwiegen stille. Und den ganzen Nachmittag klagte er über Beklemmung und Magendrücken; auch legte er sich oft an den Bach, um seinen glühenden Durst zu löschen. Jene aber schwiegen stille. Des Abends beim Zuhausegehn sagte er abermal, so voll sei er ja noch nie gewesen, worauf der eine Mäher erwiderte, das komme den Menschen wohl 'mal an. Als sie aber vors Thor kamen, und er wieder so redete, sagten die anderen Arbeiter: »Nun ja, ein Mensch, der ein Füllen verzehrt hat, kann wohl satt und voll und beklommen sein!« Da sprach er: »Hättet ihr mir das nur früher gesagt, so sollten eure Beine euch hieher nicht getragen haben«, warf die Sense weg, schnallte den Riemen um, ward ein Wolf und kam sein Lebtag nicht wieder.

17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

17. Die drei Wünsche.

Mündlich in Seesen.


Es war einmal ein Graf, der hatte einen stolzen und unbändigen Sohn, welcher seinem Vater eitel Herzeleid machte und seiner Mutter noch viel mehr. Da sagte der Graf eines Tags zu ihm: »Hier hast du zwei Beutel mit Dukaten; nun komm mir nicht wieder vor die Augen.« Der junge Graf gieng; und als er in die Stadt kam, sprach er zum Wirth: »Kann ich hier wohl logieren?« Der Wirth neigte sich, denn der junge Graf war aufs schönste angezogen, bis auf die Erde und sagte: »Tretet näher, gnädiger Herr; mein Haus steht euch zu Diensten.« So gieng er denn hinein, richtete sich aufs beste und bequemste ein und lebte in Saus und Braus. Das dauerte so einige Wochen; da eines Tages reiste er ab, und als er wiederkam, saß neben ihm in der Kutsche eine junge Gräfin, das war seine Frau. Hatte [59] er vorher Geld gebraucht, jetzt konnte er's noch beßer: unter Sammt und Seide that's die Gräfin nicht, gute Speise und guten Trank mochten beide gern, und die Zofen und die Lakaien aßen auch lieber Kuchen als Schwarzbrod.

Der Sommer war vorbei, und als die letzten gelben Blätter von den Bäumen flogen, giengen auch die letzten Dukaten ihre Straße, und als die ersten Schneeflocken gegen die Fensterscheiben schlugen, jagte der Wirth das gräfliche Paar aus dem Hause; die Zofen und die Lakaien jagte er nicht mit fort, die waren schon mit den Störchen weggezogen. So versetzten sie denn all ihr schönes Zeug und wohnten dicht unterm Hahnebalken.

Eines Tages saßen sie da und sahen einander an, denn jetzt hatten sie sich lieb, und gedachten der alten Zeit und wünschten sie zurück, sie wollten dann ganz anders leben und sparen und haushalten; da plötzlich trat eine alte Hexe in die Thür und sprach: »Ich habe euer Jammern gehört und will euch helfen: drei Wünsche geb' ich euch frei; benutzet sie wohl!« Die Gräfin that schon den Mund auf; da aber fiel ihr die Hexe in die Rede und sagte: »Ich gebe euch vierzehn Tage Bedenkzeit; übereilt euch nicht!« Und sie dachten hin und her, konnten sich aber gar nicht einigen.

Nun begab sich's, daß sie einmal über Feld giengen einem Dorfe zu. Unterwegs wurden sie hungerig, setzten sich ins grüne Gras und verzehrten ihr Butterbrod. Da seufzte die Frau: »Ach, hätten wir doch jeder einen Käse dazu!« Flugs lag jedem ein Käse auf dem Butterbrod. Woher die gekommen, merkten beide mit Schrecken, und so sagte denn der Mann ärgerlich: »Ei, so wollte ich doch, daß dir die Käse in den Ohren säßen!« Und es geschah also: in jedem Ohr saß einer; und sie saßen so tief, daß die arme Gräfin nichts gehört hätte, und wäre ein Donner neben ihr in den Boden gefahren, und sie saßen so fest, daß sie nicht loslaßen wollten, so sehr der Graf zerrte und zupfte. So mußte sich dieser denn entschließen, sie wieder von dort wegzuwünschen. Er that es, und die Käse lagen wieder auf dem Butterbrod. Als sie da nun saßen und weinten – sie schalten aber nicht auf einander, denn sie hatten sich jetzt sehr lieb –, raßelte eine prächtige [60] Kutsche daher; und wer sah daraus hervor? Die alte Gräfin war's, welcher der alte Graf gestorben war, und der es nun so öde und einsam im Schloße vorkam. Als sie den Sohn sahe, den sie schon lange gesucht hatte, es war ihr einziges Kind, nahm sie beide mit in den Wagen und aufs Schloß, und da haben sie lange glücklich mit einander gelebt. Die Hexe ist ihnen zwar nicht wieder erschienen; sie haben sie aber auch nicht gerufen.

18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

18. Von den rostigen Knöpfen.

Mündlich in Schwiegershausen


Ein Ackersmann gieng schon sehr frühe, als eben der Morgen graute, ins Feld. Er gieng deshalb so zeitig hin, weil es am Tage zu heiß wurde, um schwere Arbeit zu verrichten. »Es wird wohl noch niemand dort sein«, dachte er; »denn es ist noch sehr früh.« Er schien sich jedoch geirrt zu haben; denn er bemerkte frischen Nachlaß von einem Pferde, auch sah es aus, als ob weiterhin schon jemand gepflügt habe. Nun gieng er an seine Arbeit. Nach einigen Stunden war er damit fertig und wollte wieder nach Hause. Als er abermals an die Stelle kam, wo er vorhin die Bemerkung gemacht hatte, daß schon jemand im Felde gewesen sein müße, sah er daselbst eine große Menge rostiger Knöpfe liegen. »Willst dir einige Hände voll davon mitnehmen«, dachte er bei sich selbst; »man kann sie immer einmal gebrauchen.« Dieses that er auch. Es war ihm indes sehr auffallend, daß eine so große Stille im Felde herrsche, und daß noch keiner da sei; deshalb sah er sich noch einmal um, ob er nicht irgendwo Leute bei der Arbeit finden könne. Wie aber erschrak er, als er an der Stelle, wo er die Knöpfe gefunden hatte, ein großes Feuer erblickte, bei welchem zwei weiße Gestalten standen, und er von unsichtbarer Hand eine derbe Ohrfeige erhielt! Ganz bestürzt eilte er nach Hause. Seine Frau bemerkte seine Bestürzung und fragte nach der Ursache. Er [61] erzählte ihr das Geschehene, und als er geendigt hatte, sagte sie: »Zeig mir doch einmal die Knöpfe, welche du mitgebracht hast.« Er zog sie aus der Tasche, und – es waren lauter blanke Goldstücke geworden. Nun schalt die Frau, daß er nicht alle mitgebracht habe, und er ließ sich bewegen, in ihrer Gesellschaft noch einmal dort hinzugehen; allein sie fanden nichts mehr.

19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

19. Wurst wider Wurst.

Mündlich in Vahrenwald.


Es war einmal eine Wittwe, die hatte einen Sohn, der hieß Michel. Zu dem sagte sie eines Tages: »Michel, ich kann dich nicht mehr ernähren, du mußt aufs Dorf; und wenn du aufs Dorf kommst, mußt du sagen: ›Alle Tage hundert! Alle Tage hundert!‹« Michel sprach: »Das will ich auch.« Als er ins Dorf kam, begegnete ihm ein Leichenwagen; da rief er: »Alle Tage hundert! Alle Tage hundert!« Da kamen die Träger und prügelten ihn ab. Michel gieng nach Haus und sagte zu seiner Mutter: »Mutter, ich habe Schläge bekommen.« Die Mutter fragte: »Warum denn?« Michel versetzte: »Als ich ins Dorf kam, begegnete mir ein Leichenwagen; da rief ich: ›Alle Tage hundert! Alle Tage hundert!‹ da kamen die Träger und prügelten mich ab.« »Hast es schlecht gemacht«, erwiderte die Mutter, »hättest weinen müßen und die Hände ringen.« »Das kann ich noch thun«, versetzte Michel. – Als er wieder ins Dorf kam, begegnete ihm ein Hochzeitswagen; da setzte Michel sich hin und weinte und rang die Hände, und da kamen die Beiständer und prügelten ihn ab. Michel gieng wieder nach Haus und sagte zu seiner Mutter: »Mutter, ich habe wieder Schläge bekommen!« »Warum denn nun wieder?« fragte die Mutter. »Ja«, sagte Michel, »als ich ins Dorf kam, begegnete mir ein Hochzeitswagen; da setzte ich mich hin und weinte und rang die Hände; da kamen die Beiständer [62] und prügelten mich ab.« »Hast es schlecht gemacht«, erwiderte die Mutter, »hättest tanzen müßen und rufen: ›Hier ist Lust und Freude! Hier ist Lust und Freude!‹« »Das kann ich noch thun«, versetzte Michel. – Als er wieder ins Dorf kam, brannte gerade ein Haus; da lief Michel hinzu und tanzte und rief: »Hier ist Lust und Freude! Hier ist Lust und Freude!« Da kamen die Männer und prügelten ihn ab. Michel gieng wieder nach Haus und sagte zu seiner Mutter: »Mutter, ich habe wieder Schläge bekommen!« »Warum denn nun schon wieder?« fragte die Mutter. Michel sagte: »Als ich ins Dorf kam, brannte ein Haus; da lief ich hinzu und tanzte und rief: ›Hier ist Lust und Freude! Hier ist Lust und Freude!‹ da kamen die Männer und prügelten mich ab.« »Hast es schlecht gemacht«, erwiderte die Mutter, »hättest einen Eimer Waßer nehmen und löschen müßen.« »Das kann ich noch thun«, versetzte Michel. – Als er wieder ins Dorf kam, stand da ein Wagen voll Bienen; da nahm er einen Eimer Waßer und goß ihn zwischen die Bienen, und da kam der Bienenvater und prügelte ihn ab. Michel gieng wieder nach Haus und sagte zu seiner Mutter: »Mutter, ich habe wieder Schläge bekommen!« »I, warum denn nun wieder?« fragte die Mutter. Michel antwortete: »Als ich ins Dorf kam, stand da ein Wagen voll Bienen; da nahm ich einen Eimer Waßer und goß ihn zwischen die Bienen; da kam der Bienenvater und prügelte mich ab.« »Hast es schlecht gemacht«, erwiderte die Mutter, »hättest sagen müßen: ›Für meine Mutter auch 'n süßen Happen! Für meine Mutter auch 'n süßen Happen!‹« »Das kann ich noch thun«, versetzte Michel. – Als er wieder ins Dorf kam, wurde gerade Mist aufgeladen; da gieng Michel hin und sagte: »Für meine Mutter auch 'n süßen Happen! Für meine Mutter auch 'n süßen Happen!« »Den sollst du gerne haben«, sprachen die Leute, »halt nur die Mütze auf.« Da gaben sie ihm die Mütze bis oben voll. Michel gieng nach Haus und rief: »Mutter, Mutter, was hab' ich hier! Mutter, Mutter, was hab' ich hier!« Da nahm ihn die Mutter und prügelte ihn ab.

20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[63] 20. Vom klinkesklanken Lowesblatt.

Mündlich in Bevensen.


Es war einmal ein König, der hatte drei Töchter, und die jüngste war sein Herzblatt. Einst wollte er nach dem Jahrmarkt, um etwas einzukaufen, und er fragte die drei Töchter, was er ihnen mitbringen solle. Die erste wünschte sich ein goldenes Spinnrad, die zweite einen goldenen Haspel, die dritte ein klinkesklankes Lowesblatt. Der König versprach es und reiste weg. Als er auf den Markt kam, kaufte er das goldene Spinnrad und den goldenen Haspel; aber das klinkesklanke Lowesblatt war nirgends feil, und so viel Mühe er sich auch gab, er konnte es nicht finden. Da wurde er sehr traurig; denn die jüngste Tochter war ihm lieb wie seine Seele, und er hätte ihr so gern eine Freude gemacht. Als er so mismuthig heimritt, kam er an einen großen, großen Wald und in dem Walde an einen großen Birkenbaum, und unter dem Birkenbaume lag ein großer schwarzer Pudelhund. Als der den König so traurig sah, fragte er ihn, was ihm fehle. »Ach«, versetzte der König, »ich sollte meiner jüngsten Tochter, die mir die allerliebste ist, ein klinkesklankes Lowesblatt mitbringen und kann es nirgends kriegen; deshalb bin ich traurig.« »Da kann ich dir helfen«, sagte der Pudel; »hier in diesem Baume wächst das klinkesklanke Lowesblatt, und wenn du mir nach Jahr und Tag das giebst, was dir heute aus deinem Hause am ersten entgegenkommt, so sollst du es haben.« Erst wollte der König nicht und besann sich lange; endlich aber dachte er: »Ei, was wird denn das anders sein, als unser Hund; versprich es nur«, und er versprach es. Da wedelte der Pudel, kletterte in die Birke, brach das Blatt mit seiner krausen Pfote und gab es dem König, indem er sagte: »Halte aber ja Wort; denn sonst geht es nicht gut!« Der König wiederholte seine Zusage, nahm das Blatt und ritt fröhlich von dannen.

[64] Als er nicht fern mehr vom Hause war, siehe, da sprang ihm seine jüngste Tochter freudig entgegen; und der König entsetzte sich, ihm wurde so weh ums Herz, und er stieß die Tochter von sich. Da weinte sie und dachte: »Was soll das heißen, daß der Vater mich von sich stößt?« und gieng hinauf und klagte es der Mutter. Bald kam auch der König herein, gab der ältesten das goldene Spinnrad, der mittleren den goldenen Haspel und der jüngsten das klinkesklanke Lowesblatt und war still und traurig. Da fragte ihn die Königin, was ihm fehle, und warum er die jüngste Tochter von sich gestoßen habe; er aber ließ sich nichts von der Geschichte aus. Und er war das ganze Jahr betrübt und härmte sich und grämte sich und wurde blaß und mager, so griff es ihn an; wenn aber die Königin ihn fragte, schüttelte er mit dem Kopfe oder gieng weg. Endlich, als das Jahr bald um war, konnte er's nicht mehr aushalten und erzählte das Unglück und meinte, seine Gemahlin würde sterben vor Schreck. Sie verjagte sich auch, faßte sich aber gleich wieder und sagte: »Ihr Männer denket doch an nichts! Haben wir nicht noch das Gänsehirtenmädchen? Das wollen wir ausschmücken und dem Pudel geben; was weiß so'n dummer Pudel davon?« Und als der Tag kam, zogen sie dem Gänsehirtenmädchen die Kleider ihrer jüngsten Tochter an, daß es war wie aus der Beilade genommen; und sie waren noch kaum damit fertig, als es draußen bellte und an der Pforte kratzte. Sie sahen hinaus, und richtig! er war es, der große schwarze Pudelhund. Wer mochte dem nur das Rechnen gelehrt haben? Denn ein Jahr hat doch über dreihundert Tage, und da verzählt sich auch wohl ein Mensch, geschweige denn ein Pudel! Er hatte sich aber nicht verrechnet; er war da, um die Königstochter abzuholen.

Freundlich traten ihm der König und die Königin entgegen und führten ihm das Gänsehirtenmädchen heraus; da wedelte und kratzte er, legte sich strecklangs auf den Bauch und sprach:


»Sett dick up min Swänschen,

Ick will dick hentildenschen!«


und als sie sich auf ihn gesetzt hatte, gieng es fort und davon, daß die Heide wackelte. Bald kamen sie an den großen, großen [65] Wald, und als sie bei der großen Birke waren, stand der Pudel still, um sich erst ein wenig auszuruhen; denn es war heiß, und hier gab es kühlen Schatten. Rings umher streckten aber viele Gänseblumen ihre weißen Köpfchen aus schönem Grase hervor, und das Mädchen dachte an seine Eltern und seufzte so für sich hin: »Ach, wenn hier doch mein Vater wäre, hier könnte er die Gänse leicht hüten; denn hier ist schöne fette Weide!« Da stand der Pudel auf, schüttelte sich und sagte: »Was bist du denn für eine?« Sie antwortete: »Ich bin ein Gänsehirtenmädchen, und mein Vater hütet die Gänse« und hätte gern gesagt, wie ihr die Königin befohlen hatte; aber unter diesem Baume konnte kein Mensch lügen, das gieng nicht und gieng nicht. Da sprang er unwirsch vor sie hin und war gräulich anzusehen und sagte:


»Sett dick up min Swänschen,

Ick will dick hentildenschen!


du bist die Rechte nicht, dich kann ich nicht brauchen.«

Als sie aber nicht fern mehr vom Königshause waren, sahe sie die Königin und merkte, was da für Wind wehe; deshalb nahm sie flugs das Besenbindermädchen, zog ihm noch schönere Kleider an, und als nun der Pudel kam und gewaltig böse that, führte sie ihm das Besenbindermädchen heraus und sagte: »Dieß ist nun aber die Rechte!« »Das wollen wir einmal sehen«, erwiderte der Pudelhund, daß der Königin ganz gräsig wurde, und dem Könige die Kehle fast zugeschnürt ward; der Pudel aber wedelte und kratzte, legte sich strecklangs auf den Bauch und sprach:


»Sett dick up min Swänschen,

Ick will dick hentildenschen!«


und als das Besenbindermädchen sich auf ihn gesetzt hatte, gieng es fort und davon, daß die Heide wackelte. Bald kamen sie wieder an den großen Wald und an die große Birke, und als sie da so saßen und sich ruhten, dachte das Mädchen an seine Eltern und seufzte so für sich hin: »Ach, wenn hier mein Vater wäre, hier könnte er leicht Besen binden; denn hier giebt's schlanke Reiser die Menge!« Da stand der Pudel auf, schüttelte sich und sagte: »Was bist du denn für eine?« Sie hätte gern [66] gelogen, denn die Königin hatte es befohlen, und das war eine strenge Herrin; aber sie konnte es nicht, weil sie unter diesem Baume war, und antwortete: »Ich bin ein Besenbindermädchen, und mein Vater bindet Besen.« Da sprang er wie toll vor sie hin und war über alle Maßen gräulich anzusehen und sagte:


»Sett dick up min Swänschen,

Ick will dick hentildenschen!


du bist die Rechte nicht, dich kann ich nicht brauchen.«

Als sie nun wieder an das Königshaus kamen, und der König und die Königin, die immer aus dem Fenster geschaut hatten, sie sahen, da weinten und jammerten sie, besonders aber der König, denn die jüngste Tochter war sein Augapfel; und die Hofleute heulten und schluchzten auch, und war eitel Wehklagen überall. Es half aber alles nicht; der Pudel kam an und sagte: »Nun gebt mir aber die Rechte, sonst geht's nicht gut!« und sprach das mit so fürchterlicher Stimme und machte dabei so wüthige Geberde, daß allen das Herz still stand und die Haut schauderte. Und als sie die jüngste Tochter herausführten, in weißen Kleidern und bleich wie Schnee, daß es aussah, als wäre der Mond aus düsteren Wolken hervorgetreten; da merkte der Pudel, daß dieß die Rechte sei, und sagte mit liebkosender Stimme:


»Sett dick up min Swänschen,

Ick will dick hentildenschen!«


und lief viel sanfter, hielt auch in dem großen Walde nicht wieder unter der Birke still, sondern eilte immer tiefer in den Wald hinein, bis sie da endlich bei dunkler Nacht an ein kleines Haus kamen, wo er die Königstochter, die eingeschlafen war, leise, lose auf ein weiches Bette setzte. Und sie schlummerte weiter und träumte von ihren Eltern und von dem seltsamen Ritt und lachte und weinte im Schlafe; der Pudel aber legte sich in seine Hütte und bewachte das Häuschen und die Königstochter.

Als diese am andern Morgen erwachte und sich mutterseelen allein fand, da weinte sie und jammerte sehr und wollte fliehen; aber sie konnte es nicht, denn die Hütte war verwünscht und ließ wohl jemanden ein, aber niemanden wieder aus. Eßen und [67] Trinken stand da genug, und wie es eine Königstochter nur wünschen mag; aber sie mochte nicht und rührte keinen Bißen an. Auch der Pudel war nirgends zu hören und zu sehen; doch sangen die Vögel wundersüß, ringsum weideten muntere Rehe und sahen die Königstochter groß an, und der Morgenwind kam und ringelte ihre goldenen Locken und goß frische Farbe über ihr Antlitz. Und die Königstochter seufzte und sprach: »Ach, wäre doch nur ein einzig menschlich Wesen hier, und wär's auch die elendeste und schmutzigste Bettlerin; ich wollte sie küssen und drücken und lieb und werth halten!« »Wolltest du das wirklich?« krächzte dicht hinter ihr eine grelle Stimme, daß die Königstochter zusammenfuhr, so erschrak sie; und als sie sich umsah, stand ein steinaltes Mütterchen da mit Triefaugen, die glotzte sie an und sprach: »Eine Bettlerin hast du gerufen, eine Bettlerin ist da; verachte künftig keine Bettlerin und höre zu! Der Pudelhund ist ein verwünschter Königssohn, diese Hütte ein verwünschtes Schloß, der Wald eine verwünschte Stadt, und alle Thiere sind verwünschte Menschen; wenn du nun eine echte Königstochter bist und auch die Armen lieb hast, so kannst du alles erlösen und reich und glücklich werden. Jeden Morgen läuft der Pudel fort, weil er muß, jeden Abend kehrt er heim, weil er will; und um die Mitternachtsstunde streift er sein rauhes Fell ab und ist ein ordentlicher Mensch. Wenn er dann an deine Kammer klopft, laß ihn nicht ein, so viel er auch bittet und bettelt, die erste Nacht nicht, die zweite Nacht nicht und die dritte Nacht erst recht nicht; in der dritten Nacht aber, wenn er sich müde gesprochen hat und eingeschlafen ist, nimm das Fell, mach ein lustig Feuer an und verbrenne es; verschließ aber ja zuvor die Kammerthür fest, daß er nicht herein kann, und öffne nicht, so lieb dir dein Leben ist, wenn er an der Thür kratzt; und wenn du Hochzeit hast, so sag dreimal, vergiß es aber ja nicht, hörst du? so sag dreimal:


›Alte Zungen,

Alte Lungen!‹


so sprechen wir uns wieder.« Die Königstochter merkte sich alles ganz genau, und weg war die Alte.

[68] Die erste Nacht bat der Königssohn und schmeichelte, sie möchte doch öffnen; sie antwortete: »Das thu' ich nicht« und that es auch nicht. Die zweite Nacht bat er noch viel süßer; sie antwortete gar nicht, duckte den Kopf ins Kissen und öffnete nicht. Die dritte Nacht bat er so rührend und sang dazwischen so wundersüße Weisen, daß sie eben aufspringen und öffnen wollte, als ihr zum Glück die alte Frau einfiel und Vater und Mutter; da zog sie flugs das Deckbett über den Kopf und öffnete nicht. Klagend zog der Königssohn sich zurück, aber sie hörte es nicht, und als er schlief, brachte sie rasch das Feuer in Schwung, schlich auf den Zehen hinaus, holte das rauhe Fell aus der Ecke, wohin der Pudel es immer legte, verriegelte die Kammerthür und warf es in die Flamme. Heulend sprang der Pudel auf, nagte und kratzte an der Thür, drohte, bat, knurrte, heulte wieder; aber sie öffnete nicht, und er konnte es auch nicht, so wüthend er dagegen sprang. Jetzt zum letztenmal loderte das Feuer hell auf: da geschah ein ungeheurer Knall, als ob der Himmel berste und die Hölle dazu; und vor ihr stand der schönste Königssohn von der Welt, und die Hütte war ein herrliches Schloß, der Wald eine große Stadt voll Paläste, die Thiere aber waren allerhand Menschen. Und als die Hochzeit gefeiert wurde, und der Königssohn und die Königstochter bei Tische saßen, und der alte König und die alte Königin auch sammt den beiden Schwestern und vielen reichen und vornehmen Leuten; da rief die Braut dreimal:


»Alte Zungen,

Alte Lungen!«


und herein kam das zerlumpte Mütterchen. Die alte Königin schalt, und die beiden Königstöchter schalten mit und wollten sie hinausjagen; die junge Königin aber stand auf, ließ die Alte sich auf ihren Platz setzen, aus ihrem Teller eßen und aus ihrem Becher trinken; und als das Mütterchen satt war, sahe sie die Königin und die bösen Töchter an, daß sie krumm und lahm wurden, die junge Königin aber segnete sie, daß sie noch siebenmal schöner wurde, und niemand hat je wieder was von ihr gehört oder gesehen.

21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[69] 21. Der weiße Hirsch.

Mündlich in Stemmen.


Es war einmal ein Müller, der hatte keine Kinder und war darüber traurig; als er nun eines Tags in seiner Mühle war und mahlte, sah er eine große Schachtel auf dem Waßer schwimmen und fieng sie auf. Neugierig öffnete er den Deckel; siehe! da lag ein kleiner Knabe darin und weinte. Der Müller freute sich sehr, brachte ihn zu seiner Frau, und nun erzogen sie ihn mit Treue und Sorgfalt und hatten ihn herzlich lieb; er war ihnen auch gehorsam und zugethan, doch hatte er immer etwas ganz Besonderes an sich. Als er vierzehn Jahr alt war, fragte ihn sein Vater, was er werden wolle, und hoffte, er solle sagen »ein Müller«; er aber antwortete: »Ein Jäger will ich werden«, und so sehr die Mutter bat, und so gern der Vater ihm die Mühle vererbt hätte, er blieb dabei: »Ein Jäger will ich werden.« So kam er denn bei einem alten befreundeten Jäger in die Lehre, und als der ihn einige Tage mitgenommen hatte, traf er alles, wonach er nur schoß.

Eines Tages durchstreifte er wieder den Wald, da sah er einen großen weißen Hirsch und schoß nach ihm; er hatte auch dießmal wieder sehr gut gezielt, und dennoch lief das blutende Thier davon. Verwundert folgte der Jägerbursch der Spur nach und gelangte bald an ein großes Schloß, welches er doch früher hier noch nie bemerkt hatte, und in welchem der Hirsch verschwunden war. Er gieng hinein, fand aber keinen Menschen, und der weiße Hirsch war auch nirgends anzutreffen, ebenso wenig ein anderes Thier. Nun durchsuchte er alle Zimmer und besah sie sich; zuletzt kam er an eins, in dem stand ein großer Tisch, mit den schönsten Speisen besetzt, und in der einen Ecke befand sich ein weiches und reiches Bett. Er war aber sehr hungerig und müde; deshalb aß er sich rechtschaffen satt und legte sich dann schlafen.

[70] Es wurde eine rauhe Nacht; brüllend strich der Wind durch die dichten Forsten, und als die Glocke zwölf schlug, hörte er einen schrecklichen Lärm, die Thür zu seinem Zimmer ward geöffnet, und eine Gestalt trat herein, die legte sich auf sein Bett. War er nun hierüber schon erschrocken, so entsetzte er sich noch weit mehr, als er die Gestalt berührte; denn sie war rauh wie ein Bär und kalt wie Eis. Deshalb war niemand froher denn er, als es endlich eins schlug, und das Gespenst sich wieder davon machte. Am andern Tage, als der Jäger aufstand, fand er ein Frühstück auf dem Tische, und nachdem er gegeßen und getrunken hatte, gieng er weg. Als er hinaus in den Hof kam, rief eine Stimme: »Junger Jäger, hat dir's hier gefallen, so komm heute Abend wieder!« Die Stimme hörte er sehr deutlich, woher sie aber gekommen sein möge, das konnte er nicht herausbringen, denn nirgends war eine andere Spur von einem lebenden Wesen. So gieng er denn der Mühle zu, wie er oft zu thun pflegte, und traf hier auch den alten Jäger an; und sie fragten ihn, wo er gewesen sei, denn sie hatten die ganze Nacht um ihn gesorgt, und die Mutter weinte noch, als er eintrat. Er jedoch antwortete ihnen nicht.

Des Abends begab er sich wieder in den Wald, und es ergieng ihm gerade wie das erstemal; als aber um zwölf die Gestalt kam, war sie schon halb warm und nur noch halb rauh. Getrost verzehrte er am andern Morgen das köstliche Frühstück, und als er hierauf weggehen wollte und in den Schloßhof kam, rief die Stimme wieder: »Junger Jäger, hat dir's hier gefallen, so komm heute Abend wieder!« Die Eltern hatten wieder die ganze Nacht gewacht, der alte Jäger, der noch in der Mühle war, gleichfalls; als aber der Jägerbursch endlich zurückkehrte, und sie ihn fragten, wo er die Nacht zugebracht habe, da antwortete er ihnen nicht. Nun hüteten sie sein den ganzen Tag und baten ihn, er solle bei ihnen bleiben; doch gegen Abend schlich er sich heimlich fort und eilte wieder dem Schloße zu. Auch dießmal begab sich alles wie das erste- und zweitemal; als aber um zwölf die Gestalt kam, war sie ganz glatt und warm und blieb [71] bis an den hellen Morgen. Da wachte der Jägerbursch auf; wie staunte er aber, als er die Augen aufschlug und eine schöne Königstochter neben sich fand! Und als sie aufgestanden waren und sich angekleidet hatten, kamen auch der König und die Königin mit vielen Dienstleuten herein, und der König sagte zu ihm: »Du hast uns erlöst; darum sollst du nun meine Tochter zur Gemahlin haben und nach meinem Tode König sein über dieß ganze Land.« Da ward große Freude überall; der junge Jäger holte seine Eltern und den alten Jäger aufs Schloß und erzählte ihnen unterwegs, wo er die drei Nächte gewesen sei, und als am andern Tage die Hochzeit war, freuten sich alle Gäste über das schmucke Brautpaar.

22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

22. Vom Helljäger.

Aus Colshorn's deutscher Mythologie. Mündlich in Ribbesbüttel.


Ein Schäferbursch in Ribbesbüttel hat nebst seiner Mutter am Sonntage zwischen Weihnachten und Neujahr seine Base besucht, welche in Rötgesbüttel gewohnt hat. Als sie spät abends zurückwandern und ins Auckenrod kommen, einen Forst, der zwischen beiden Örtern liegt, und den ein furchtbarer Sturm krachend durchströmt hat; da hören sie urplötzlich in der Ferne ein entsetzliches Getöse. Rasch kriechen Mutter und Sohn unter einen dichten Wacholderbusch und lugen durch dessen Zweige empor. Im Nu ist über ihnen ein großer Gespensterzug dahin gefahren, gar schrecklich anzusehen und gräulich anzuhören: auf fahlem kopflosen Pferde hat ein Jägersmann geseßen mit umgedrehtem Halse und hat geblasen und mit der Peitsche geklatscht und geknallt und »hoho!« gerufen; und viele Treiber sind hinterher gekommen und haben geschrieen und mit Klappern gelärmt, und zwischendurch haben große Hunde in der Luft gebellt und gebelfert; [72] und mehr als tausend kleine Hunde sind unter dem Eichenlaube hingelaufen, rascher, als wenn so der Sturm trockene Blätter übers Eis hinweht, und haben mit dem Laube geraßelt und mit feiner, feiner Stimme geklifft und »gejifft.« Das hat aber alles nur einen Augenblick gedauert; denn während der Knabe gefragt hat, ob er einen kleinen Hund fangen solle, ist schon alles vorüber gewesen und tosend in die Ferne verschwunden. – Der Schäfer, der mir in meiner Kindheit diese Geschichte als von ihm selbst erlebt zu wiederholtenmalen erzählt hat, lebt noch heute und hat mir noch in diesem Sommer (1852) unter dem Gesumse der Bienen in dem blühenden Heidekraute aufs neue versichert, daß er sie »verwiße und verwahre« vor etwa funfzig Jahren mit erlebt habe.

23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

23. Die Zwerge im Gübichenstein.

Mündlich in Weibeck.


Vor alten Zeiten gab es einen Berg Gübichenstein, welcher von Zwergen bewohnt wurde, und wenn Menschen hinaufstiegen, vermochten sie nicht wieder herunterzukommen, sondern mußten oben verhungern oder wurden, wenn sie eingeschlafen waren, des Nachts ins Thal geworfen, wo sie dann ganz zerschmettert ankamen. Einst gieng der einzige Sohn eines Försters mit mehreren seiner Freunde auf die Jagd; sie kamen auf dieß und das zu sprechen, unter anderem auch auf den Gübichenstein, und daß daselbst schon so mancher sein Leben habe einbüßen müßen. Der Försterssohn, der schon vielerwärts in der Welt gewesen war, glaubte nicht an diese Geschichten und hatte große Lust, auch einmal den Berg zu besteigen. Die Freunde riethen ihm ab, so viel sie nur konnten, erzählten ihm von manchen Leuten, die ihren Vorwitz hätten mit dem Leben bezahlen müßen, und setzten [73] hinzu: »Schone du doch deines jungen Lebens, damit du deinem braven Vater, der alles an dich gewandt hat, in seinem Alter hülfreich zur Seite stehen kannst«; er aber antwortete: »Seid unbesorgt; ich kann gut klettern und komme schon wieder herab.« Währenddes kamen sie an den Gübichenstein, und aller Bitten und Vorstellungen ungeachtet erstieg der junge Försterssohn den Berg mit leichter Mühe, und als er oben war, spottete er seiner Freunde: »Ihr seid ja so klein wie Vögel und wie Mäuse, und ich bin so groß, so groß!« Lange indes spottete er nicht; denn gleich nachher, als er wieder herunterwollte, fand er zu seinem und zu aller Schrecken, daß er wie festgewurzelt war und sich nicht rühren noch regen konnte. Das war ein Jammer! Dringend bat er seine Freunde: »Schießt mich herab, damit ich hier nicht verhungere oder nach langer Qual morgen früh zerschmettert unten liege!« die Freunde konnten sich dazu kein Herz faßen und riefen ihm zu: »Versuch doch alles Mögliche, um wieder loszukommen; dreh dich nach links und nach rechts und nach allen Seiten, so wird es doch gehen!« Er versuchte auch alles; aber seine Kräfte reichten nicht aus und wurden mit jedem Augenblick geringer und waren endlich ganz dahin. Als es Abend wurde, und sie einander nur noch hören, nicht aber mehr sehen konnten, bat er die Jagdgenoßen: »Begebt euch nach meinem Hause, theilt meinem armen Vater das Vorgefallene mit und saget ihm, er habe mir immer nur Liebes und Gutes erwiesen, so möge er denn kommen und mich herunterschießen, sobald der Mond aufgegangen; denn ich habe hier große Angst und viele Schmerzen!«

Als die Trauerbotschaft an den alten Förster kam, da jammerte er und seufzte und weinte nach seinem einzigen Sohne, und er betete zu Gott, er möge ihn doch nicht so allein in dieser Welt stehen laßen, sondern ihm den geliebten Sohn noch einmal wieder schenken. Weil er aber merkte, daß dieß sein Bitten und Wehklagen vergeblich war, nahm er sein Gewehr von der Wand, lud eine neue Kugel hinein und gieng in den Wald, dem Gübichensteine zu. Anfänglich schien der Mond; bald aber erhob [74] sich ein fürchterliches Gewitter; die Blitze fuhren links und rechts in die Eichen, und der Donner brüllte ohne Unterlaß, und je näher der Förster dem Berge kam, um so schauerlicher wurde das Unwetter. Dicht beim Gübichenstein begegnete ihm ein eisgraues Männchen mit einem langen weißen Bart; als das sein Jammern und Klagen hörte, fragte es ihn um die Ursache desselben. Der alte Förster erwiderte: »Was hülfe es, wenn ich dir's sagte! Du könntest mir doch nicht helfen.« Das Männchen schmunzelte und meinte, das könne man doch immer nicht wißen, und hörte nicht eher auf mit Quälen, als bis der alte Förster die Geschichte von seinem Sohne erzählte, und wie derselbe stets so gehorsam gewesen, jetzt aber seiner Lust gefolgt und auf den Gübichenstein gestiegen sei; »nun stehe ich einsam und verlaßen auf der Erde, mein einziger Trost ist jetzt auch dahin!« Das Männchen war ganz gerührt, als der alte brave Mann so jammerte, und sagte: »Sei ruhig; vielleicht kann dem Sohne doch noch geholfen werden.« »Ach nein«, entgegnete der Förster, »wir wißen es nur zu gut, Hülfe ist hier nicht mehr zu erwarten; von dort oben ist noch niemand lebendig zurückgekehrt! So will ich denn hin und den Sohn herunterschießen, damit er nicht verhungert oder nach langer Qual ins Thal geworfen wird!« Sofort war das graue Männchen verschwunden, und als der Förster am Gübichenstein ankam, blitzte und donnerte es noch viel heftiger als zuvor, und im Schein der Blitze sah er seinen Sohn, wie er hoch oben händeringend um Hülfe flehte. Der Vater rief ihn bei Namen, und als der Unglückliche die treue Stimme hörte, bat er um Vergebung für seinen Ungehorsam und rief: »O schieß mich herab, mein Vater! o schieß mich herab!« Der alte Förster vermochte kein Wort mehr hervorzubringen, die Besinnung vergieng ihm, er legte an, wollte abdrücken – da plötzlich wurde er von allen Seiten und überall so heftig mit Dornen gehauen und geschlagen, daß er nichts anfangen konnte, sondern unverrichteter Sache und blutig nach Hause gehen mußte. Die Nacht brachte er mit Jammern und Weinen hin, und als er am Morgen wieder hingieng, um zu sehen, was aus seinem Sohne [75] geworden sein möge, da fand er weder oben noch unten eine Spur von ihm. Und er kehrte heim und härmte und grämte sich.

Der Sohn war aber noch einmal glücklich gerettet. Das eisgraue Männchen war nämlich der Zwergkönig gewesen, und dieser, gerührt von den Thränen des alten braven Försters, erstieg mit mehreren seiner Unterthanen den Berg, gieng zum Försterssohn, der in Todesangst dastand, und sprach: »Von Rechtswegen müßte es dir so ergehen wie allen übrigen; doch mich dauert dein armer Vater, und deshalb will ich dir für dasmal das Leben schenken, wenn du mir versprichst, den Berg nie wieder zu betreten, auch dafür zu sorgen, daß keiner hier nach Falken oder sonstigen Thieren schießt.« Der Försterssohn betheuerte es, und nun gebot der Zwergkönig einem seiner Diener: »Tragt ihn unbeschädigt hinunter.« Es geschah also, und der Försterssohn wunderte sich nur, wie ein so kleines Männchen, das noch nicht ein Viertel so groß war wie er, ihn mit so leichter Mühe hinunter tragen könne; und er hatte sich noch nicht ausgewundert, da waren sie schon unten. Weil es noch Nacht war, nahm ihn der Zwergkönig mit in den gläsernen Berg. Hier war alles prächtig ausgeschmückt; die wunderschönsten Teppiche bedeckten den Fußboden, die Wände waren von hellem Glas, in der Mitte des Zimmers stand ein Glastisch, und die Betten waren von Moos; alles übrige aber glänzte von Gold und Silber. Der Zwergkönig unterhielt sich lange mit dem Försterssohn, bat ihn nochmals, er möge doch dafür sorgen, daß keiner auf seinen Berg oder in der Nähe desselben schieße; »denn«, sagte er, »wenn man viel danach oder hier in der Gegend schießt, so bröckelt immer etwas von dem Berge ab, und wenn der Berg nicht mehr ist, so ist auch mein Königreich nicht mehr; auch können wir den Knall der Gewehre nicht aushalten. Darum bin ich so strenge damit.« Jetzt klopfte der Zwergkönig mit einem feinen Glasglöckchen an den Tisch, da kamen ganz kleine Zwerge, welche die Köche vorstellten, mit weißen Schürzen und trugen die wohlschmeckendsten Speisen auf den Tisch, und Wein und allerlei Getränke, und als sie gegeßen und getrunken hatten, brachte ihn der Zwergkönig zu Bett. Hier[76] schlief er ruhig bis an den Morgen; dann weckte jener ihn, gab ihm viel Gold- und Silbersachen und sprach: »Thue den Armen Gutes und halte dein Versprechen.«

Als der Försterssohn nach Hause kam, fand er seinen Vater in tiefster Betrübnis; aber ungemein groß war die Freude, als er den lieben Sohn gesund vor sich erblickte, und auch die Freunde jauchzten und sangen. Der Sohn erzählte nun, wie er wieder vom Berge gekommen sei, und was er habe versprechen müßen; und er hielt Wort, und sein Vater und die Freunde waren dem Zwergkönig auch gefällig; ebenso wurde die Försterei von jetzt an noch mehr als vorher ein großer Segen für die Armen. Und sie lebten noch lange glücklich und vergnügt mit einander, der Vater, der Sohn und die Freunde, und der alte Förster hatte an dem jungen den besten Trost und die beste Stütze, und als bald hernach eine junge Försterin ins Haus kam, da hatte er eitel Freude und Wonne bis an seinen Tod.

24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

24. Die Ochsensaat.

Mündlich in Hannover.


Die Leute in Herkensen sind schon seit alter Zeit als sehr pfiffig bekannt; daß sie das in der That gewesen sein müßen, bezeugt die folgende Geschichte. Einst war ihnen ihr Zuchtochse gestorben, und sie wollten nun gern einen andern haben, wußten indes nicht, wie sie das anfangen sollten. Endlich fiel einem, welcher der allerklügste im Dorfe war, glücklicherweise ein, man solle doch den Ochsen säen; dann würden aus dem einen viele, und daraus könnten sie sich denn den schönsten wählen. Dieser Rath wurde mit großem Beifall aufgenommen; man zertheilte den Bullen in Stücke und säete sie. Bald nachher kamen Schnecken[77] danach, und als ein Herkenser diese erblickte, eilte er ins Dorf, rief die ganze Gemeine zusammen und jubelte: »Kommt mit zum Bullenkamp! Die Hörner wachsen ihnen schon!« Nun lief alles, was Beine hatte, zum Bullenkamp, und alle schlugen vor Freude die Hände zusammen und riefen: »Richtig, die Hörner wachsen ihnen schon!«

25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

25. Die kleine Mühle.

Mündlich in Platendorf.


Es war einmal eine Frau, die hatte eine kleine süße Tochter und weiter nichts; und sie wohnten zusammen auf einem hohen Berge. Einst wurde die Mutter krank, und da mußte das kleine Mädchen alle Tage allein ins Holz und Beeren suchen. Als es nun einmal gar keine mehr finden konnte, setzte es sich hinter einen Busch und weinte. Da kam eine alte Frau aus dem Busch, die hatte eine lange Nase und fragte: »Was fehlt dir?« Das Mädchen klagte seine Noth, und die alte Frau holte eine kleine Mühle aus dem Busch hervor und sagte: »Drehst du die Mühle links herum, so mahlt sie schönes weißes Mehl; drehst du sie rechts herum, so mahlt sie feine Graupen; legst du den kleinen Finger hier oben auf den blanken Knopf, so hört sie auf, und sagst du dieß jemandem, so mahlt sie gar nicht mehr.« Damit war die alte Frau weg; das Mädchen aber lief mit der Mühle nach Haus, und nun hatten sie zu eßen, so viel sie nur wollten. Einige Jahre nachher wurde das Mädchen krank, und die Mutter mochte beten, so viel sie wollte, es starb und gieng zum lieben Gott. Nun zog ihm die Mutter das beste Kleidchen an, legte es in ein Grab und weinte und weinte. Nachher, als sie wieder hungerig wurde, drehte sie die Mühle rechts herum, und sie mahlte lauter feine Graupen. Als es genug waren, sollte die Mühle [78] wieder aufhören; die mahlte aber immerzu. Die Mutter hielt einen Stock zwischen die Flügel; der Stock zerbrach, und die Mühle mahlte immerzu und mahlte die ganze Hütte und den ganzen Berg voll. Da lief die Mutter fort, und keiner weiß, wo sie geblieben ist; die Mühle aber mahlt noch immerzu, und wenn sie einen großen Haufen gemahlen hat, so kommt der Wind und weht es über die Erde, und dann sagen die Leute: »Es graupelt.«

26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

26. Die kluge Dirne.

Mündlich in Ribbesbüttel.


Ein Pachter hatte einmal einen Hofmeister, dem war die Frau gestorben, und seine Tochter führte ihm das Hauswesen. Nun gieng der Pachter alle Jahr mit seiner Frau umher, die Felder zu besehen, und da fand sich jedesmal, daß der Hofmeister das beste Korn hatte. Das war ihm sehr auffallend, und so sagte er denn eines Jahrs zu seiner Frau: »Hat er auch dießmal wieder die besten Früchte, so jage ich ihn fort und verklage ihn noch obendrein«; und sie besahen die Felder und fanden es wieder ebenso. Da kündigte der Pachter dem Hofmeister den Dienst und verklagte ihn als Betrüger bei der Obrigkeit. In einigen Tagen mußten beide vors Gericht, und da der Amtmann nicht herausbringen konnte, wer Recht oder Unrecht habe, gab er ihnen drei Räthsel auf und sprach: »Wer mir die binnen drei Tagen richtig erräth, der soll gewonnen haben.« Die Räthsel aber lauteten also: 1. »Was ist fetter als Fett?« 2. »Wie schwer ist der Mond?« 3. »Wie weit ist der Weg bis zum Himmel?« – Der Pachter kehrte vergnügt nach Hause zurück, erzählte die Geschichte seiner Frau und sprach lachend: »Das will ich schon lösen! Drei Pfund Fett sind fetter als ein Pfund; der Mond wiegt halb so viel, als wenn er voll ist, und wie weit der Himmel ist, das [79] weiß der Hofmeister so wenig als ich; die Antwort kann sich der Amtmann geben laßen, wenn er dort ankommt.« Also der Pachter. Als aber der Hofmeister nach Hause kam, da war er voller Angst und sagte zu seiner Tochter: »Jetzt geht's uns ein bißchen schlecht; der Amtmann hat uns drei Räthsel aufgegeben, die kein Mensch lösen kann, und wer sie nicht löset, verliert die Klage.« Da fragte die Tochter, was denn das wäre; und er sagte ihr die drei Räthsel. Nun lachte sie und meinte: »Das zu lösen, ist ja nur ein Spaß! Fetter als Fett ist der Erdboden; denn aus ihm kommt alles Fett, und in ihn geht alles zurück. Der Mond hat vier Viertel, und vier Viertel sind gerade ein Pfund. Der Weg zum Himmel ist nicht länger als eine gute Tagereise; denn es steht in der Bibel: ›Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.‹« Da war der Hofmeister guter Dinge und gieng am dritten Tage zum Amtmann.

Der Pachter langte auch bald an, und da er mehr war als der Hofmeister, kam er zuerst vor und sagte seine drei Antworten. Damit aber war der Amtmann gar nicht zufrieden und sprach: »Ihr habt kein einziges recht gerathen.« Hierauf wurde der Hofmeister eingelaßen, und der Amtmann fragte: »Was ist fetter als Fett?« Der Hofmeister antwortete: »Nach meinem dummen Unverstande muß es der Erdboden sein; denn aus ihm kommt alles Fett, und in ihn geht alles zurück.« »Getroffen!« versetzte der Amtmann; »wie schwer ist nun aber der Mond?« »Nach meinem dummen Unverstande gerade ein Pfund«, entgegnete der Hofmeister; »denn der Mond hat vier Viertel, und das pflegt so viel wie ein Pfund zu sein.« »Getroffen!« versetzte der Amtmann; »nun aber, wie weit ist der Weg zum Himmel?« »Nach meinem dummen Unverstande kann er nicht länger als eine gute Tagereise sein«, erwiderte der Hofmeister; »denn es steht in der Bibel: ›Heute wirst du mit mir im Paradiese sein.‹« »Auch getroffen!« versetzte der Amtmann; »ihr habt die Klage gewonnen, und der Pachter soll euch behalten bis an euern Tod. Nun aber sagt mir, wer hat euch die Räthsel gelöst; denn aus euerm Gehirnkasten ist es nicht gekommen.« »Gewis nicht, Herr Amtmann«, sagte der Hofmeister, [80] »ich verstehe von solchen Sachen nichts; aber ich habe da so ein Ding von Mädchen, das weiß allerhand solche Geschichten.« »Ei, laßt doch das Mädchen 'mal zu mir kommen«, fuhr der Amtmann fort; »aber sie soll nicht kommen bei Tage und nicht bei Nachte, nicht gegangen und nicht gefahren, nicht gelaufen und nicht geritten, und sie soll Zeug anhaben und auch keins.«

Der Hofmeister gieng nach Hause und erzählte seiner Tochter, was sich begeben hatte, und sie solle selber einmal kommen, doch so und so, wie der Amtmann es gesagt hatte. Das Mädchen lachte und antwortete: »So seht nur zu, Vater, daß ihr einen Esel bekommt, und kauft mir auch einige Ellen Neßeltuch zu einem Kleide; dann soll es schon gehen! Denn es sind zwei Tage in der Woche, nämlich Mittwoch und Sonnabend, das sind keine Tage; das Neßeltuch ist kein Zeug und ist auch was; und wenn ich mich mit solchem Kleide an einem von jenen Tagen des Mittags auf den Esel lege, komme ich so beim Herrn Amtmann an, wie er's haben will.« Und es geschah also: des Mittags, als gerade die Betglocke schlug, hielt sie vor dem Hause des Amtmanns. Der verwunderte sich und sagte: »Das ist eine Blitzdirne! anders hätte sie gar nicht kommen können. Höre, Mädchen, meine Frau ist todt; willst du mich heiraten?« Das willigte sie mit Freuden ein. »Aber«, fuhr jener noch fort, »mische dich nicht in Prozesssachen, sonst sind wir geschiedene Leute; denn du würdest ja alles auf den Kopf stellen!« Sie nickte, gieng mit ihm ins Haus und wurde in derselbigen Stunde seine Frau.

Bald darauf kamen zwei Männer ins Dorf und kehrten im Wirthshause ein; der eine hatte einen Esel, der andere eine Eselin. Nun begab sich's, daß die letztere des Nachts ein Füllen bekam, und am andern Morgen stand es beim Esel. Da sagte der Herr des letztern: »Das Junge gehört mir«, und er nahm es mit. Der andere erzählte es dem Wirth, und der rieth ihm, er solle den Dieb verklagen. Er gieng zum Amtmann und brachte seine Sache vor, und die junge Frau war auch dabei; weil aber der Amtmann sich aus seiner Sprache nicht vernehmen konnte, so sagte der Eselstreiber: »Herr Amtmann, wenn ich nun der Herr, [81] ihr der Esel und eure –« »Kerl!« schrie der Amtmann, »bin ich euer Esel?« und er schlug ihn rechts und links hinter die Ohren und warf ihn von der Stube. Ganz verdutzt kam der Eselstreiber wieder beim Wirthe an und klagte ihm sein Leid, er habe nur Esel gesagt, und das sei doch ein ganz unschuldiges Geschöpf. »Wißt ihr was?« erwiderte der Wirth, »wendet euch noch einmal an die junge Frau des Amtmanns; die geht alle Morgen allein im Garten spazieren, und sie hilft euch gewis!« Er ließ sich das nicht zweimal sagen, und die Frau Amtmannin antwortete: »Leihet euch ein Fischnetz, geht damit auf jenen hohen Berg und fischet; bald reitet der Amtmann dort vorüber, und wenn er dann sagt, man könne auf Bergen keine Fische fangen, so sprecht nur, ebenso wenig könne ein Esel ein Füllen kriegen.« Er gieng hin, lieh sich ein Netz, stellte sich damit auf den Berg, und als der Amtmann vorüberritt, that er, als ob er fische. »Kerl, seid ihr rappelig, daß ihr da oben fischen wollt?« rief der Amtmann; »wie könnt ihr denn auf Bergen Fische fangen?« Der Eselstreiber antwortete: »Ebenso gut, als daß ein Esel ein Füllen kriegen kann!« »Wer hat euch das gesagt?« fragte der Amtmann. »Eure Frau«, erwiderte der Eselstreiber. »So bekommt ihr den jungen Esel, und ich verliere meine junge Frau«, sprach der Amtmann und ritt davon.

Als er nach Hause kam, sagte er zu seiner Frau: »Nun sind wir geschiedene Leute; denn du hast dein Versprechen gebrochen und dich in Prozesssachen gemischt. Zum Zeichen aber, wie lieb du mir gewesen bist, erlaube ich, daß du dir noch das beste Stück aussuchst, was es im ganzen Hause giebt; es soll dir gehören.« Sie drehte sich flink um und war schon mit sich einig, ließ sich indes nicht das mindeste merken. Ehe sie nun zu Tische giengen, mischte sie ihrem Manne einen Schlaftrunk in den Wein, und als er davon fest eingeschlafen war, ließ sie den Kutscher anspannen, und die Diener mußten den Amtmann in den Wagen tragen. Nun ließ sie nach ihrem Geburtsorte fahren und den geliebten Mann in eine alte Scheune bringen, die ganz voll Spinngewebe hieng; hier breitete sie ein Bund Stroh aus und [82] legte sich neben dem Amtmann nieder. Als er endlich erwachte, rief er: »Wo bin ich?« Sie antwortete: »In meinen Armen!« »Was soll das bedeuten?« entgegnete er; »was habe ich dir gesagt?« Sie sprach: »Daß ich mir das beste Stück aus dem Hause mitnehmen könne; und das allerbeste, was es im ganzen Hause giebt, das bist du, mein lieber Mann!« Da küsste er seine Frau und fuhr mit ihr zurück, und sie haben noch lange glücklich mit einander gelebt.

27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

27. Zwerg Lehnort.

Mündlich in Weibeck.


Ein Bauer war ohne seine Schuld sehr heruntergekommen, so daß er nicht mehr ein noch aus wußte; drum gieng er hin, kaufte sich für seinen letzten Kreuzer einen Strick, lief damit in den Wald und wollte sich am ersten besten Baume aufhängen. Als er so an den Bäumen aufschaute, begegnete ihm ein kleiner wohlgekleideter Zwerg und fragte ihn: »Was hast du denn im Sinn, daß du immer so bedenklich an allen Bäumen aufsiehst?« Der Bauer erzählte ihm sein Unglück, und daß er sich jetzt erhängen wolle; da aber trat der Zwerg zu ihm und sagte: »Das ist ein häßlicher Tod! Höre, ich will dir einige hundert Thaler ›lehnen‹; arbeite dich damit durch, und wenn du wieder im Wohlstande bist, bring mir das Geld wieder. Geh dann nur dort in den Berg, klopfe dreimal an den Felsen und rufe dreimal den Namen ›Lehnort‹; so will ich herauskommen und dir das Geld abnehmen.« Der Bauer voller Freude nahm das Geld mit Dank an, gieng damit nach Hause, arbeitete treu und fleißig und brachte es in kurzer Zeit so weit, daß er nicht nur seine Schulden abbezahlte, sondern sogar in Wohlstand kam.

[83] Als er das Geld, welches ihm der Zwerg geliehen, auch wieder erübrigt hatte, gieng er in den Berg, klopfte dreimal an den Felsen und rief mit lauter Stimme: »Lehnort! Lehnort! Lehnort!« Alsbald öffnete sich der Fels, ein kleines Männchen kam heraus, und das sprach zu ihm: »Lehnort ist gestorben und hat vor seinem Tode bestimmt, wenn du das Geld brächtest, so sollten wir es nicht annehmen, sondern es dir für immer schenken; denn du habest immer so fleißig gearbeitet und seiest in allen Dingen so treu gewesen.« Indem das Männchen noch mit ihm redete, sah er, wie sie Lehnort in einem gläsernen Sarge wegtrugen; hinter dem Sarge giengen lauter kleine Männchen mit langen schwarzen Röcken; auf dem Deckel saßen vier weiße Täubchen, zwei zu den Häupten und zwei zu den Füßen; und der Fußboden war von Moos, die Wände glänzten von lauter Gold und Edelsteinen, und alles Hausgeräth war mit schwarzem Flor behangen. Traurig darüber, daß er seinen Wohlthäter nicht mehr sprechen konnte, gieng der Bauer nach Hause, lebte aber mit seiner Familie glücklich und zufrieden, half manchem Nothleidenden, und alle dankten dem Zwerge noch in seinem Grabe.

28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

28. Vier Geistergeschichten.

Mündlich in Sievershausen bei Einbeck.


In Sievershausen war früher ein großes altes Haus, jetzt ist es abgerißen und neu gebaut; darin gieng ein Advokat oder so etwas um. Dieser hatte bei seinen Lebzeiten vieles verbrochen; deshalb war ihm nun im Grabe keine Ruhe vergönnt. Er erschien aber in jenem Hause als graues Männchen und lärmte und rumorte, daß sich niemand vor ihm bergen konnte; auch wollte es lange gar nicht gelingen, ihn zu bannen. Endlich ließ man einen »Genevitus«, d.h. einen katholischen Pfarrer, kommen; [84] dieser beschwor ihn glücklich auf eine Kammer, und den Schlüßel zu der Kammer legten sie mit den anderen in die Kommode. Einige Zeit nachher kam eine neue Köchin ins Haus, die von der Anwesenheit des Geistes, welche man möglichst zu verheimlichen suchte, noch nichts wußte; da sie die Schlüßel und die Zimmer noch nicht ordentlich kannte, nahm sie den gefährlichen Schlüßel und öffnete die Geisterkammer, und es huschte etwas an ihr vorbei wie ein Schatten. Als sie hierauf wieder in die Küche gieng, stand ein graues Männchen am Feuerherd und lachte und grinste. Entsetzt eilte sie zu ihrer Herrschaft und erzählte den Vorfall; da erfuhr sie denn alles. Der Geist aber durchwanderte das ganze Haus, Zimmer um Zimmer; zuletzt setzte er sich in die Butze unter der Treppe, und wenn jemand die Treppe hinauf gieng, so klopfte er jedesmal und rief »hu, hu, bah!« Das gefiel den Leuten nicht im allergeringsten, und sie schickten nach einem Beschwörer. Bevor dieser kam, war er bei einem Schuster gewesen und hatte da etwas Pech ans Zeug bekommen; als er nun den Geist bannen wollte, sah derselbe aus der Butze, schnitt allerhand häßliche Grimassen, lachte und grinste und rief: »Pechdieb! Pechdieb!« legte sich in seine Butze und klopfte und trommelte drauf los wie nichts Guts. Auf die ferneren Bannsprüche achtete er nicht weiter; deshalb ließ man einen zweiten Beschwörer kommen. Dieser war durch ein Kornfeld gegangen, und da hatte sich ihm ein Roggenhalm in die eine Schuhschnalle gehängt; als er nun den Geist bannen wollte, sah derselbe aus der Butze, machte es gerade wie beim erstenmal und rief: »Strohdieb! Strohdieb!« und der Beschwörer konnte ihm nichts anhaben. Jetzt ließ man einen dritten kommen, und weil der ohne allen Tadel war, so gelang es ihm, den Ruhestörer in eine große, große Flasche zu bannen; diese trug man auf einen Wagen und ließ vier Pferde vorspannen, um die Flasche sammt dem Geiste in einen Holzteich zu bringen. Der Beschwörer hatte dem Fuhrmann noch gesagt, er solle sich ja nicht umsehen; als sie aber in die Nähe des Forsthauses kamen, wurde hinter ihm ein gefährlicher Lärm; da sah er sich um, [85] und plötzlich war der Geist aus der Flasche fort und saß in seiner Butze und trommelte seine besten Stückchen. Er wurde zum zweitenmal in die Flasche gebannt, und auch zum zweitenmal wußte er's zu machen, daß der Fuhrmann sich umsah und ihn dadurch entwischen ließ; zum drittenmal indes gelang es ihm nicht: er mochte poltern und lärmen, drohen und flehen, so viel er nur wollte, rasch gieng's am Forsthaus vorbei und dem Holzteiche zu; hier wurde die Flasche hineingewälzt, und in jenem Teiche sitzt der Geist noch und rumort und hantiert zu Zeiten, daß das Waßer hoch aufschäumt.


Im Felde bei Sievershausen liegen dicht am Wege die Trümmer eines Schloßes oder einer Burg, und hier geht eine weiße Jungfrau um, die von mehreren gesehen worden ist. Vor etwa zehn Jahren zur Sommerzeit und um die Mittagsstunde geht ein Jude durch das Feld. Plötzlich erblickt er die weiße Jungfrau; sie trägt ein Körbchen und ein Bund Schlüßel, winkt ihm mit einem weißen Tuche und bittet recht wehmüthig, er möge ihr die Hand reichen und ihr Gutentag sagen, so sei sie erlöst. Der Jude aber kriegt es mit der Angst und läuft fort. Zuweilen sieht er sich um, und alsdann winkt sie ihm und schreit hinter ihm her; jedoch je mehr sie ruft, desto schneller läuft er. Zuletzt noch hört er, wie sie jammert: »Nun wird erst in fünfundzwanzig Jahren wieder jemand geboren, der mich erlösen kann.« Der Jude erzählt es im Dorfe, und der Pfarrer hat gerathen, es solle sich niemand vor ihr fürchten; wenn sie einem begegne, so möge er ihr Gutentag sagen, doch statt der Hand den Zipfel des Taschentuches, des Rockes oder der Schürze reichen, da man Angst hat, sie könne durchgreifen. Der Jude lebt noch, und auch sein Name ist mit genannt worden. Seitdem passt man ordentlich auf; sie hat sich indes noch nicht wieder sehen laßen.


[86] Etwa zwei Stunden von Sievershausen ist das Kloster Fredelsloh; daselbst war früher eine Köchin, welche ausgekundschaftet hatte, daß sich in einem alten Gemache zwei Kisten mit leinenen Sachen befanden, die noch von den Nonnen herrührten. Als es ihr nun eben an Leinewand fehlte, so holte sie sich aus jenen Kisten und beredete die eine Magd auch dazu. Die Köchin schlief mit einer zweiten Magd zusammen in einem Bett; des Nachts aber kam ein Geist, stieg hinweg über das Mädchen und sagte zu der Köchin: »Du bringst morgen die Sachen wieder an ihre Stelle, oder es geht dir schlecht!« Die zweite Magd erzählte es den Morgen allen im Hause; da nahm die erste ihre Leinewand und legte sie vorsichtig wieder in die Kiste. Die Köchin jedoch wollte nichts davon wißen, gieng vielmehr nach einiger Zeit zum zweitenmal dabei und fragte auch dießmal nichts nach den Drohungen des Geistes. Bald darauf fehlte es ihr wieder an Leinewand, und sie holte zum drittenmal. Des Nachts erscheint der Geist wieder, und es wird ein Lärm in der Kammer, daß alle Mägde erwachen, und es ihnen vorkommt, als wenn jemand ersticken will. Sie wecken die Herrschaft, und als sie hinaufgehen, finden sie die Köchin ganz zerschlagen und zertreten, der Kopf sitzt ihr auf einer Seite, und um die Mittagszeit ist sie todt.


Ebendaselbst hat in früherer Zeit auch einmal ein Feldmeßer gelebt, der hat sich bestechen laßen und falsch gemeßen, dadurch aber manchen ehrlichen Mann mit Frau und Kind und Kindeskind in großes Elend gebracht. Wenn es nun Nacht ist, sieht man ihn »gleinig« (glühend) und mit einer »gleinigen« Stange in den Feldmarken von Sievershausen, Relliehausen und Dassel das Feld vermeßen. Es haben ihn viele gesehen, und sie alle wißen nicht genug zu erzählen von seinen kläglichen Mienen, und wie er von Zeit zu Zeit seufzet und stöhnt.

29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[87] 29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein.

Mündlich in Weibeck.


In einem großen Walde lebten einmal ein Kuhhirt und ein Schäfer, und sie halfen einander in allen Nöthen. Der Hirt aber hatte eine Tochter, der Schäfer einen Sohn, und diese Kinder waren von Jugend auf unzertrennlich, und je größer sie wurden, je lieber hatten sie sich; als sie deshalb herangewachsen waren, hielt der Schäferssohn um die Hirtentochter an, und sie wurde ihm zur Frau versprochen. Nach einiger Zeit kam zum Hirten ein häßlicher Zwerg, der bat auch um die schöne Hirtentochter und brachte deshalb für Mutter und Tochter sehr viele und kostbare Geschenke mit. Doch die Tochter mochte den Zwerg nicht leiden, weil er so häßlich war, und sie überhaupt keinen Zwerg heiraten wollte; und die Mutter konnte ihn auch nicht gut »verputzen«, wenngleich sie seine Geschenke nicht ausschlug. Eines Tages kam der Zwerg wieder mit vielen kostbaren Sachen; die Mutter aber sagte: »Meine Tochter bekommt ihr doch nicht, und wenn ihr noch so viele Geschenke mitbringt«; und die Tochter setzte hinzu: »Ich will deine Geschenke nicht und dich gar nicht!« Da wurde der Zwerg sehr erbost, warf die kostbaren Sachen auf den Fußboden und er widerte der Mutter: »So leicht ist's nicht abgemacht! Ihr habt früher meine Geschenke angenommen, und dafür will ich meinen Lohn. Morgen Mittag komme ich wieder; wenn ihr bis dahin meinen Namen wißt, behaltet ihr eure Tochter, wißt ihr ihn aber nicht, so nehm' ich sie mit Gewalt!« Damit war der Zwerg verschwunden; beim Hirten aber war große Noth im Hause. – Der Schäferssohn, wenn er die Schafe im Walde hütete, hatte den Zwerg schon häufig gesehen; indes so oft er ihm auch nachgegangen war, jedesmal war er ihm aus den Augen verschwunden. An diesem Tage hütete er gerade in der Nähe einer Höhle, und das war die Zwerghöhle. Der Schäferssohn stand [88] auf seinen Hirtenstab gelehnt; da plötzlich kam der Zwerg wie vom Sturmwind getrieben durch den Wald gesetzt und verschwand in der Höhle. Am Eingang derselben stand eine gelbe Blume, welche der Schäferssohn schon oft bewundert hatte, weil ihre Farbe und Gestalt so ganz eigner Art war; diese Blume hatte der Zwerg erst angerührt, bevor er in die Höhle gegangen war. Weil es so laut im Berge wurde, horchte der Schäferssohn, und da hörte er denn, wie der Zwerg vernehmlich sang:


»Hier sitz' ich,

Gold schnitz' ich,

Mein Nam' ist

Holzrührlein Bonneführlein.

Wenn das die Mutter wüßt',

Behielte sie ihr Mägdelein!«


Der Schäferssohn merkte sich die Namen, da sie ihm gar zu merkwürdig vorkamen, und als er abends zu seiner Liebsten gieng und von ihr den Jammer vernahm, da erzählte er alles und tröstete sie. Die Mutter wiederholte sich die Namen so lange, bis sie ihr ganz geläufig waren, und nun sahen sie der Ankunft des Zwerges ruhig entgegen. Am andern Tage um die Mittagszeit erschien er richtig, trat vor die Mutter und sagte in spöttischem Tone: »Nun, herzliebe Frau Mutter, wißt ihr meinen Namen schon?« Diese stellte sich ängstlich und erwiderte: »Ach, wie mögt ihr doch nur heißen? Ihr nennt euch doch wohl nicht Mäuserich?« Der Zwerg lachte und sagte: »Weit gefehlt!« »Heißt ihr denn vielleicht Ruppsteert?« »Wieder gefehlt!« lachte der Zwerg. »Ach, wie nennt ihr euch denn? Holzrührlein Bonneführlein heißt ihr doch gar nicht!« Augenblicklich war der Zwerg verschwunden, und man hörte und sah ihn nimmer wieder; der Schäferssohn aber bekam die Hirtentochter, und sie haben lange glücklich und zufrieden mit einander gelebt.

30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[89] 30. Buer Griepetau.

Mündlich in Ribbesbüttel.


Üt was 'mal en Buer, dei draug en Sack vull Arften na'r Stadt, un weil hei se nich gliek up't Mark bringen könne, draug hei se na einen Bekannten in der Stadt un sä: »Leiwe Fründ, kann ick hier wol miene Arften en bettjen stahn laten?« Dei Fründ sä: »Warumme nich? Smiet se da man an de Wand.« Dat dä hei un gieng weg. Nu was da awer en Hahn un vele Heuner, un dei Hahn snuppere sau lange an den Sacke herrum, bet hei 'n lüttjet Lock fund; da picke hei hennin, un as dei Arften herrutfällen, reip hei de Heuner tausammen, un düsse freiten se alltohope up. As dei Buer kamm un woll siene Arften affhalen, da wören se uppefräten; da schullt hei un sä:


»Denn sünd dei Heuner miene!

Denn sünd dei Heuner miene!«


Un dei Fründ mögde seggen, wat hei wolle, dei Buer stook de Heuner un den Hahnen in de Tobelkiepe un sleppe se weg. Hei gieng awer na einen andern Bekannten un sä: »Kann ick wol miene Heuner hier 'n bettjen laten?« Dei Fründ sä: »Warumme nich? Sett se man in den Swienestall.« Dat dä hei, un as de Swiene wat tau fräten kregen, flögen de Heuner in den Trog, un da beiten de Swiene sei alle dodt. Gliek naher kamm dei Buer un woll se affhalen, un as sei nich mehr lewen, sä hei tau sienen Frünne:


»Denn sünd dei Swiene miene!

Denn sünd dei Swiene miene!«


Un dei Fründ mögde seggen, wat hei wolle, dei Buer bund den Swienen en Strick um de Beine un dreiw sei weg. Hei gieng awer na einen Furrmann un sä: »Kann ick wol miene Swiene hier 'n bettjen laten?« Dei Furrmann antwore: »Warumme nich? Bring se man in den Pärstall.« Dat dä [90] hei, un de Swiene leipen den Pären manken de Beine, da släugen de Päre sei dodt. Gliek naher kamm dei Buer un woll se affhalen, un as sei dodte wören, sä hei tau den Furrmann:


»Denn sünd dei Päre miene!

Denn sünd dei Päre miene!«


Dei Furrmann was bedreuwet un sä: »Lat mick de Päre, ick will dick de Swiene betahlen«; dei Buer awer leit sick nich irre maken un gieng 'r midde los. Hei brocht se na einen Heern, dei was freuer Offzier 'wesen, un sä: »Kann ick wol miene Päre hier 'n bettjen laten?« Dei Heere antwore: »Warumme nich? Treck se man in den Pärstall.« Dat dä hei un gieng weg. Nu härr de Offzier sau'n Ding von Jungen, un as dei de Päre sagg, sä hei: »Vader, lat üsch 'n bettjen utrieen!« Dei Vader woll't nich geern un sä: »Üt sünd ja frömme Päre!« Wat schöll hei awer maken? Dei Junge quäle sau lange, bet hei't dä. Unterwegens word den Jungen sien Pärd wild, dei Vader woll't holen, und da smetten beide Päre öhre Rüters aff un leipen in alle Welt. Kuem wören se wedder tau Huse, da kamm dei Buer un woll siene Päre halen, un as sei utekneppen wören, sä hei:


»Denn is dei Junge miene!

Denn is dei Junge miene!«


Dei Vader wehre sick ut allen Lieweskräften, awer dei Buer was stärker, smeit öhn in eine Ecke, stook den Jungen in siene Kiepe, draug öhn na 'n Bäcker un hänge de Kiepe mit den Jungen sau lange an 'n Nägel, bet hei sick noch 'n Snapps 'halt härre. Nu was grade den Bäckerjungen sien Geburtsdag, un as hei da in der Kiepe den Kauken rook, sä hei gans lue:


»Ick mag ook wol Kauken!

Ick mag ook wol Kauken!«


Dei Jungens in der Stuwe hören de Stimme, wüßten awer nich, wu se herkamm; taulest fünnen se öhn in der Kiepe, un as hei siene Geschichte vertällt härre, säen sei: »Wäs man stille; du schast wedder na dienen Vader!« Un se neimen öhn herut, geiwen öhm Kauken, verstöken öhn, setten öhren groten Hund in [91] de Kiepe, un as dei gnurre, geiwen sei öhm en Stück Fleisch. Gliek naher kamm dei Buer taurügge, hucke de Kiepe up un gieng na Hus. Underwegens brook hei von allen Bömen 'ne Swucksche aff, make 'ne Raue davon un sä: »Wanne, wanne, Junge, wenn wi an den lesten Boom komet, denne geit 't dick slecht!« Hindern lesten Busche bund hei de Raue tau, namm de Kiepe von'n Rüggen un woll den Jungen pietschen; da sprung de Hund herut un beit öhm 'n Kopp aff.

31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

31. Waldminchen.

Mündlich in Hannover.


Es war einmal ein kleines Mädchen, das hatte keinen Bruder und keine Schwester und machte seinen Eltern vielen Kummer und Verdruß; denn so hübsch sein Gesicht war, so häßlich war sein Herz, es war sehr zänkisch und eigensinnig, und Ermahnungen und Strafen wollten bei ihm nicht anschlagen. Eines Abends tummelte es sich draußen mit den Straßenjungen umher, und als es zum Eßen gerufen wurde, da wollte es nicht kommen, und als es mit Gewalt geholt wurde, da wollte es nichts eßen. So kam es denn hungerig ins Bett, und als es nun des Nachts aufwachte, da rief es nach einem Butterbrod, und als die Mutter nicht aufstehen wollte, da lärmte und kreischte es. »Ei«, rief endlich die Mutter ärgerlich, »ich wollte, Waldminchen käme und holte dich!« und kaum hatte sie das gesagt, da gieng die Kammerthür auf, und Waldminchen war da. Voran aber giengen zwei Hasen, von denen jeder ein langes Licht auf dem Rücken hatte, und hinterher giengen auch zwei Hasen, die trugen Waldminchen's ungeheure Schleppe. Und die Waldfrau schritt auf das Bettchen los, in welchem das kleine Mädchen lag, zog die Decke, unter welche es vor Angst gekrochen war, hinweg, nahm es in ihren[92] Arm, und die Eltern mochten bitten und das Kind schreien, so viel sie wollten, sie trug das kleine Mädchen hinaus in die Nacht und in den Wald und brachte es in ihre lange Höhle. Als es am andern Morgen die Augen aufthat, da lag es auf dürrem Laub, und als es nun umhersah und Vater und Mutter nicht fand, da fieng es bitterlich zu weinen an, auch nach der Mutter, obgleich es seine Stiefmutter war. Die Waldfrau aber, so streng sie sein konnte, hatte ein gutes Herz; deshalb gieng sie an das Lager des kleinen Mädchens und sagte: »Wärest du artig gewesen, so wärest du immer bei deinen Eltern geblieben; sobald du artig wirst, kommst du wieder hin zu ihnen; bleibst du aber so eigensinnig, so geht dir's schlecht!« Hierauf kamen Waldminchen's Dienerinnen, zogen es hübsch an und führten es zu einem kleinen Hause hinten in der Höhle; da waren viele, viele kleine Kinder, mit denen lief es auf die Wiese, und sie pflückten Blumen und wanden Kränze, und sie spielten und tanzten zusammen, und wenn sie hungerig und durstig waren, kamen die Dienerinnen und brachten ihnen das Beste zu eßen und zu trinken. Das dauerte so mehrere Tage, da fieng das Mädchen Zank mit den kleinen freundlichen Kindern an; diese erschraken darüber, denn sie hatten das bisher nie gekannt, und sie wollten das fremde Mädchen wieder freundlich haben und brachten ihm die schönsten Blumen und die buntesten Kränze; es blieb aber mürrisch und verdroßen und wollte nicht mehr mitspielen. Da giengen die kleinen Kinder zur Waldfrau und erzählten ihr alles, und diese sah so böse aus, daß es wieder freundlich wurde und mit auf die Wiese lief. Lange indes dauerte es nicht, da schalt und schimpfte es wieder; dafür kam es in einen dunkeln Winkel und mußte da den ganzen Tag allein sitzen. Als aber auch das nicht mehr helfen wollte, und es die kleinen Kinder sogar gekniffen und gekratzt hatte, sagte Waldminchen: »Warte nur, jetzt kommt es beßer!« und das Mädchen mochte schreien und toben, so viel es wollte, die Waldfrau nahm es in ihren Arm und trug es tief in den Wald hinein. Als sie einen ganzen Tag gegangen war, die Bäume wurden immer größer, die Büsche immer dichter, da hörten sie in der Ferne ein fürchterliches Brausen; [93] und als sie nahe hinzu kamen, sahen sie ein großes Waßer und an dem großen Waßer drei sonderbare Mühlen. Die Waldfrau gieng mit dem unartigen Mädchen gerade auf die erste Mühle los, und indem sie sagte.


»Was jung ist, wird alt;

Was alt ist, wird jung!«


setzte sie es auf das Mühlrad; und das Mühlrad drehte sich flinker und immer flinker, und so oft das Mädchen mit herumwar, war es drei Tage älter. Waldminchen kümmerte sich nicht um sein Bitten und Betteln und gieng an die andere Seite des Waßers, wo die beiden anderen Mühlen standen, von denen die erste eine Weiber-, die andere eine Männermühle war; und als sie zu der ersten kam, sagte sie zu den beiden Männern, die da standen:


»Was jung ist, wird alt;

Was alt ist, wird jung!«


und die Männer warfen sie in den Mahlkasten, und als sie unten herauskam, war sie die schönste Jungfrau; alles aber war so rasch gegangen, daß sie das Wort »jung« erst aussprach, als sie schon jung war. Nun eilte Waldminchen vor Freuden zu dem kleinen Mädchen, das war aber unterdes ein altes runzeliges Weib geworden; da mußten es die beiden Männer in den Kasten werfen, und während die Waldfrau sagte:


»Was jung ist, wird alt;

Was alt ist, wird jung!«


war es schon wieder so jung wie vorher und war noch hundertmal schöner geworden. Als Waldminchen und das Mädchen nun eben fortwollten, kam ein alter Mann durch die Büsche gegangen; es war der Vater, der vor Gram um die entschwundene Tochter alt und grau geworden war und sie überall gesucht hatte. Und die Waldfrau führte ihn zu der dritten Mühle; da winkte sie, und zwei Weiber warfen ihn oben in den Kasten, und während jene ihren Spruch sagte, kam er unten schon wieder als ein Jüngling zum Vorschein. Nun nahm er sein Kind bei der Hand und brachte es nach Haus; seit der Zeit aber ist die Tochter immer[94] gehorsam gewesen, und als sie nachher ein Brüderlein bekam, da hat sie es treulich gewartet und zu allem Guten angehalten, und als sie ein paar Jahre darauf einen wackern Jäger heiratete, hat Waldminchen ihr viele kostbare Geschenke geschickt.

32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

32. Die kleine schwarze Frau.

Mündlich in Gifhorn.


Es waren einmal zwei Leute, die hatten nur wenig zu beißen und zu brechen; sie hatten aber eine Tochter, die hieß Bertha und war so schön, so schön. Eines Tages gieng Bertha in den Wald, da trat eine kleine schwarze Frau zu ihr und sagte: »Liebe Tochter, geh mit mir; und wenn du alles thust, was ich dir sage, so sollst du's gut bei mir haben, und deine Eltern sollen so viel zu eßen und zu trinken haben, wie sie nur wollen, und die beste Kleidung dazu.« Das Mädchen antwortete: »Wenn meine Eltern wollen, so bin ich's zufrieden.« »Übermorgen triffst du mich hier wieder«, fuhr die schwarze Frau fort, und damit verschwand sie hinter die Büsche. Bertha gieng nach Haus und sagte zu den Eltern: »Soll ich übermorgen wieder dahin, wo ich heute gewesen bin?« »Das ist eine sonderbare Frage«, meinten jene; »wo bist du denn heute gewesen?« Nun erzählte sie das von der kleinen schwarzen Frau, und daß sie wohl Lust dazu habe; und als die Eltern erwiderten, man könne nicht wißen, ob die Frau nicht Bertha's Verderben wolle, da sagte diese: »Sie hatte ein so ehrlich Gesicht und sah dabei so traurig aus, daß sie's gewis gut meint.« Hierauf willigten die Eltern ein, und am dritten Tage begab sie sich in den Wald und an die verabredete Stelle. Die kleine schwarze Frau war schon da, nahm sie mit in ihren Wagen und fuhr sie tief in den Wald hinein, wo sie zuletzt an ein kleines Haus kamen; da stiegen sie ab, die [95] kleine Frau führte Bertha in die Stube, zeigte ihr alle Zimmer, übergab ihr alle Schlüßel und sprach: »Die Zimmer mußt du hübsch blank halten; vor allem aber, liebes Kind, bewahre die Schlüßel, gieb sie nie von dir, sie mögen dir bei Tage oder bei Nachte abgefordert werden.« Bertha versprach es, gieng sofort an ihre Arbeit, und die Frau lobte sie, daß sie so flink und anstellig war, gab ihr die schönste Kleidung und das beste Eßen und versorgte auch die Eltern aufs reichlichste. Das dauerte so den Sommer durch und den Herbst bis in den Winter; da wurde die Frau so unruhig und wandelte Tag und Nacht umher, und wenn sie von Bertha angeredet wurde, erschrak sie und weinte auch wohl. Eines Abends, als Weihnachten nahe vor der Thür war, nahm sie Bertha bei der Hand und sagte: »Liebes Kind, jetzt muß sich's entscheiden! Was dir diese Nacht auch begegne, laß die Schlüßel nicht von dir; hörst du?« Diese versprach es und legte sich ins Bett. Als es zwölf schlug, klopfte es draußen, und es ward laut an der Thür, als ob jemand einbrechen wolle, und durch die vielen Stimmen, die draußen murmelten, drang eine helle, die rief:


»Bertha, was machst du?

Schläfft oder wachst du?«


»Ich wache«, war die Antwort. »Gieb uns deine Schlüßel«, sagte die Stimme. »Ich darf nicht«, war die Antwort. »Warum nicht?« hieß es weiter. »Ich weiß nicht«, war die Antwort. So gieng es immerzu, bis es eins schlug; da verschwanden die Stimmen in die Ferne, und die kleine Frau trat mit einem Licht vors Bett, sah sehr freundlich aus und war ein wenig heller und größer geworden. Am folgenden Abend vor dem Zubettegehen bat die kleine Frau wieder, Bertha solle die Schlüßel nicht fortgeben, es möge ihr widerfahren, was da wolle; Bertha sagte es zu und gieng zu Bett. Wieder kamen, als es zwölf schlug, viele vor' Thür und Fenster und baten um die Schlüßel, gerade wie in der ersten Nacht, drohten auch das Haus anzuzünden, wenn Bertha sie nicht herausgäbe; sie bekamen sie indes nicht, und als es eins schlug, war alles aus und vorbei; die kleine Frau aber kam wieder mit [96] einem Licht vors Bett, sah noch freundlicher aus und war auch noch heller und größer geworden. »Nun«, sprach sie am folgenden Abend, »nun noch eine Nacht; dieß wird die schlimmste von allen, aber liefere die Schlüßel nicht aus, es möge kommen, was da will.« Bertha versprach es und gieng zu Bett. Um Mitternacht ward draußen schrecklicher Lärm, und durch die Stimmen der übrigen drang eine, die klang gerade wie ihrer Mutter Stimme; und diese bat so kläglich um die Schlüßel, daß Bertha aufstand und sie aus dem Fenster reichte. Da im Husch war draußen alles fort; die kleine Frau aber kam mit einer blutrothen Fackel vors Bett und war wieder ganz schwarz und klein, faßte Bertha bei den Haaren und warf sie zum Kammerfenster hinaus. Da fiel sie auf einen dicken Stein und blieb wie todt liegen.

Nun begab es sich, daß der König eben im Walde jagte und frühmorgens in diese Gegend kam; die Hunde witterten das Blut, liefen dem Steine zu, auf welchem Bertha lag, und schnoperten und bellten. Der König meinte, da giebt's ein Wild; aber wie erstaunte er, als er statt dessen eine schöne schneeweiße Jungfrau fand! Er gieng zu ihr, hob sie auf sein Ross, hieng ihr seinen Mantel um, führte sie ins Schloß, und weil ihr der königliche Mantel so schön stand, nahm er sie zur Gemahlin. Nach einem Jahre gebar sie ein feines Knäblein, und der König freute sich und gewann sie noch lieber; doch als er am folgenden Morgen sein Söhnchen zeigen wollte, da war es weg, und die Königin hatte Blut am Munde. Nun hieß es bald im ganzen Lande: »Unsere Königin ist eine Menschenfreßerin«; nur der König glaubte es nicht, und die kleine schwarze Frau auch nicht; denn diese hatte den Prinzen gestohlen und der Königin den Mund mit Blut angestrichen, der König aber hatte seine Gemahlin zu lieb, als daß er sie für eine Menschenfreßerin hätte halten können. Nach drei Jahren genas sie eines zweiten Söhnleins, das war ebenso schön wie sein Bruder; doch es gieng gerade wie zum erstenmal: am andern Morgen war das Kind fort, und die Königin hatte einen blutigen Mund. Da sagten die Leute erst recht, sie sei eine Menschenfreßerin; der König indes wollte es noch immer [97] nicht glauben und that ihr nichts. Nach wieder drei Jahren bekam sie einen dritten Sohn; als aber auch dieser am andern Morgen verschwunden, und der Mund der Königin mit Blut befleckt war, da sagte der König zu ihr: »So lieb ich dich immer gehabt habe, jetzt kann ich dich nicht mehr schützen; bereite dich also zum Tode!« Bald darauf kamen Soldaten und warfen sie ins Gefängnis; sie wurde zum Tode verurtheilt und einige Tage nachher hinausgeführt. Als ihr eben die Binde ums Haupt gelegt werden sollte, seufzte sie noch einmal nach ihren drei Kindern und seufzte so tief auf, daß alle, auch die Henker, gerührt wurden; in demselben Augenblick kam ein prachtvoller Wagen herangerollt, in dem saß eine stattliche glänzende Frau mit drei Prinzen; und die Frau stieg aus, führte der Königin die drei Knaben zu und sagte: »Ich bin die kleine schwarze Frau; hättest du damals die Schlüßel nicht von dir gegeben, so wäre dir und mir viel Leid erspart. Nun bin ich erst in der letzten Nacht erlöst worden, und das hat dein ältester Sohn gethan.« Hierauf nahm sie die Königin in den Wagen, fuhr sie alle in die Stadt, überzeugte den König, der sich viel um seine edle Gemahlin gehärmt hatte, mit wenigen Worten von der Unschuld derselben und verschwand für immer; in der Stadt aber und im ganzen Lande wurde großer Jubel, und die Leute sagten: »Die arme Königin!« und hatten sie sehr lieb. Einige Tage nachher, als der älteste Königssohn sich ankleidete, sah die Mutter, daß er überall Flecke hatte; als sie ihn fragte, woher das komme, sprach er: »Ich wollte meine Mutter erlösen; da ich aber deshalb die Schlüßel nicht herausgeben durfte, so haben sie mich in der Nacht gekniffen und gestoßen.« Da weinte die Mutter und küsste und drückte ihn.

33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[98] 33. Die Zwerge im Erbsenfelde.

Mündlich in Weibeck.


Ein Bauer hatte ein Feld Erbsen, das wurde ihm jede Nacht bestohlen und zertreten; er mochte Wache stellen, so viel er wollte, alles war vergebens. Eines Tages klagte er dieß seinem Nachbar, und der erwiderte: »Das thun gewis die Zwerge! Mach einmal ein langes Seil und zieh es rings um das Erbsenfeld, dann knalle plötzlich mit der Peitsche und klappere und lärme; so eilen sie fort, und dabei fällt gewis dem einen und dem andern die Nebelkappe ab; dann kannst du sie sehen.« Der Bauer that noch desselbigen Tages, wie der Nachbar gerathen hatte; und als er des Nachts mit seinen Leuten knallte und klapperte und lärmte, da stürzten die Zwerge Hals über Kopf aus dem Erbsenfelde, und bei der Gelegenheit verloren mehrere von ihnen die Kappe vom Kopf und wurden gefangen genommen. Sie bettelten und flehten, der Bauer möge sie doch loslaßen, er aber wollte nicht hören; da versprachen sie ihm endlich ein ganzes Fuder Gold, er müße aber vor Sonnenaufgang kommen und es holen. Der Vorschlag gefiel dem Bauern, und er ließ sie los bis auf einen, welchen er fragte: »Wann geht denn eigentlich bei euch die Sonne auf?« Der Zwerg wollte erst nicht Rede stehen; da er aber nicht anders fort sollte, so antwortete er endlich: »Um zwölf.« Der Bauer ließ ihn los und sagte: »Danke schön! werde mich zur rechten Zeit einfinden!« redete indes in den Wind; denn auch der letzte Zwerg war gleich den übrigen verschwunden wie der Blitz. Nun eilte der Bauer mit den Knechten nach Haus und fuhr mit einem vierspännigen Wagen hin nach dem Felsen, wo die Zwerge hausten. Als er draußen anhielt, hörte er, wie sie drinnen spielten und dabei sangen:


»Dat is gut,

Dat is gut,

[99]

Dat dat Büerken dat nich weit,

Dat de Sunne üm twölwe upgeit!«


Der Bauer lachte, daß er's doch wußte, und pochte an. Sie öffneten, und als er sich nun dennoch zu rechter Zeit gemeldet hatte, zeigten sie ihm ein abgeschundenes Pferd; das solle er aufladen und mitnehmen. Ärgerlich darüber, daß sie ihn angeführt hätten, fluchte er und wollte es liegen laßen; doch besann er sich und dachte:


»Wat mehr is as ne Lus,

Dat nümmt man midde na Hus!


sollst wenigstens ein Stück abhauen und deinen Hunden geben!« Er that es; als er aber zu Hause ankam und die Hunde füttern wollte, da hatte er einen großen Goldklumpen auf dem Wagen. Schnell fuhr er wieder hin, um das andere auch zu holen; doch alles war verschwunden, Höhle und Pferd, und er mußte leer nach Haus zurück, hatte indes immerhin so viel Gold, als er mit seinen Kindern und Kindeskindern nur gebrauchen wollte.

34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

34. Der weiße Ziegenbock.

Mündlich in Eldagsen.


Es war einmal ein kleines Mädchen, das hatte weiter nichts als seine Eltern, und die Eltern hatten weiter nichts als ihre Tochter, und sie waren alle drei unbeschreiblich glücklich. Als aber das kleine Mädchen neun Jahr alt war, giengen die Eltern auch zum lieben Gott, und da hatte es nichts mehr auf der weiten Gotteswelt und war unbeschreiblich unglücklich; und als die Eltern begraben waren, warfen's die Leute auf die Straße, und es setzte sich auf einen Stein, der am Fahrwege stand, und weinte. Da gieng gerade eine reiche alte Jungfer vorüber, die hatte ein gutes Herz, und als sie das kleine Mädchen wimmern und nach Vater[100] und Mutter schreien hörte, nahm sie es mit in ihr Haus, gewann es sehr lieb, hielt es zu allem Guten an und ließ es fleißig unterrichten. Das dauerte so fort, bis die Waise fünfzehn Jahr alt war; da wurde die Wohlthäterin sehr krank, und weil das Mädchen sie so unverdroßen verpflegte, wollte sie ihm all ihr Vermögen vermachen. Das kam bald unter die Leute, insbesondere hörte es auch ein vornehmer Herr, der früher reich gewesen war und alle seine Schätze durchgebracht hatte; »ei«, dachte der, »da könntest du einen guten Fang machen! heirate die Alte auf dem Sterbebette, so gehört der ganze Kram dir!« Er suchte die besten Kleider hervor, machte sich schnicker, gieng hin zu der Kranken, die indes schon zur Beßerung war, hielt um ihre Hand an und bekam sie; das Mädchen aber, Röschen hieß es, war nicht zu Hause. Als die Kranke eben ihr Jawort gegeben hatte, trat Röschen in die Stube, fragte, was sie thun solle, und entfernte sich. »Wer ist denn das?« sagte der Herr, »das ist doch nicht deine Tochter?« »Das nicht«, erwiderte die Braut, »es ist mein Ziehkind, das keinen Vater und keine Mutter mehr hat; ich habe sie aus Barmherzigkeit zu mir genommen, und sie hat mir viele Freude gemacht.« »Das ist ein schmuckes junges Ding«, meinte der Bräutigam; »es ist mir aber unangenehm, daß sie hier bei dir ist, denn sie gaffte uns eben schon an und wird das künftig noch mehr thun. Doch jung und schön ist sie, das ist wahr!« Die Braut aber war alt und häßlich, und der Herr hatte es auch nur deswegen gesagt, daß jene sich ärgern und darüber Röschen haßen sollte; und von Stund an haßte sie das Mädchen, weil es jung und schön, und sie selber alt und häßlich war, und war von Stund an giftig gegen arm Röschen. Diese wußte erst gar nicht, wie sie das deuten solle, und war um so gefälliger und aufmerksamer; es half aber alles nichts, die Braut wurde immer unfreundlicher, und eines Tages rief sie Röschen herein und sprach: »Höre, Röschen, ich habe nun das Meinige an dir gethan, ja mehr, als ich eigentlich gesollt hätte; jetzt will ich mich verändern und kann dich deshalb nicht mehr bei mir behalten.« Röschen erschrak und weinte und schluchzte; es blieb aber [101] dabei, sie mußte in derselbigen Stunde aus dem Hause. Da setzte sie sich wieder auf den Stein, wo sie vor mehreren Jahren geseßen hatte, und war ebenso arm und verlaßen wie damals und war ebenso traurig über den Tod der Eltern wie damals; hier aber war ihres Bleibens nicht mehr, und so wanderte sie fort in die weite Welt und hoffte auf Gott.

Anfangs zog sich der Weg durch Wiesen und Felder und war ihr wohl bekannt; bald indes kam sie an einen großen Wald, da war sie nimmer gewesen; und der eine Weg theilte sich in drei, alle drei aber verloren sich in dichtem Gebüsch. Sie wählte jedoch nicht lange; »alle Wege führen irgendwo hin, und Gott ist auf allen Wegen«, dachte sie und gieng den mittleren, der geradeaus lief. Und sie wanderte und wanderte, bis es dunkel wurde; da kam sie an eine große Eiche, legte ihren Kopf auf eine dicke Wurzel, betete und schlief ein. Am andern Morgen wusch sie sich aus einer nahen Quelle, strich sich das Haar glatt, suchte sich Beeren gegen den Hunger und wanderte weiter; und sie wanderte den zweiten Tag wie den ersten, ruhte die zweite Nacht wie die erste; und nachdem sie auch den dritten Tag gegangen war, legte sie sich wieder unter eine Eiche, betete und schlummerte ein. Da begab sich's, daß ein Kohlenbrenner, der in der Nähe wohnte, mit einem kleinen Wagen voll Kohlen, welchen ein großer Hund zog, von ungefähr vorbeikam; der Hund witterte Röschen und blieb stehen; dadurch aufmerksam gemacht, sah der Köhler nach, und siehe! unter einer Eiche ruhte eine Jungfrau, die war so schön wie ein Engel. Der Köhler aber war ebenso brav als arm, und er und seine Frau hatten sich immer ein Kind gewünscht und keins bekommen; so gieng er denn auf Röschen zu, faßte sie bei der Hand und sagte: »Woher kommst du, schönes Mädchen?« Röschen schlug die Augen auf, und als sie den schwarzen Mann vor sich erblickte, erschrak sie und schrie laut auf. »Erschrick nicht«, fuhr der Köhler fort, »ich sehe schwarz aus, bin aber weiß wie andere Menschen und meine es gut mit dir. Die Sonne geht unter, der Boden wird feucht und kalt; darum steh auf, du würdest sonst krank. Woher aber kommst du, [102] und wie heißt du?« Röschen erzählte ihre ganze Geschichte, und er erwiderte: »Armes Kind! Doch geh mit in meine Hütte; ich habe ein sehr braves Weib, und wenn du mit Brod, Butter, Milch und Käse zufrieden bist, so sollst du uns herzlich willkommen sein, und wenn du unser Kind sein willst, so soll unsere Hütte und alles, was wir haben, einst dir gehören.« Röschen legte ihre weiße Hand in die schwarze des Mannes, sah hell zu ihm auf und weinte. »Aber wie konntest du hier schlafen wollen, armes Kind!« fuhr der Köhler fort, »der Wald ist groß und hat viele Wölfe und andere wilde Thiere; hast du dich denn nicht gefürchtet?« »Ich dachte nicht daran«, erwiderte Röschen, »und habe schon zwei Nächte ruhig geschlafen; Gott ist ja bei mir!« Da richtete der ehrliche Köhler sich hoch auf, und sein Angesicht leuchtete, so schwarz es auch war, und er hob die Hand auf und sprach: »Gewis, auch hier ist Gott, und nirgends ist er so nahe! Wenn die Zweige von Regen träufeln, und die Vögel lustig singen; wenn der Wind durch die Forsten bricht und die Bäume niederlegt: Gott ist dir nah, zweifle nicht! Nun aber komm zu meiner Hütte; dort das Licht ist das unsrige.« Sie bat, langsam nachkommen zu dürfen, und er fuhr voraus und rief noch zurück: »Wie wird meine Mieke sich freuen!« Mieke aber war seine Frau, und er selber hieß Michel. Als Röschen allein war, kniete sie nieder, faltete ihre Hände und dankte dem lieben Gott dafür, daß sie endlich wieder zu Menschen gekommen war, und der Mond sah groß durch die Zweige, als wollte er Röschen betrachten; nun gieng sie dem Lichte zu, und Mutter Mieke war vor der Thür und nahm sie in die Hütte auf. Bald stand das Eßen auf dem Tisch, Vater Michel betete laut, und allen schmeckte es wohl, und alle schliefen mit Gott ein und hatten eine ruhige Nacht. Hier lebte Röschen drei Jahre, wurde alle Tage schöner, und Vater Michel und Mutter Mieke hatten sie sehr lieb, und sie war ihnen von ganzem Herzen zugethan.

Röschen hatte aber die Gewohnheit, jeden Abend vor dem Einschlafen erst zu beten. Das hatte sie noch von ihrer seligen Mutter; diese hatte erst gemeinschaftlich mit ihr gebetet, und als [103] Röschen größer geworden war, da war die Mutter jeden Abend noch an ihr Bett gegangen und hatte zugesehen, ob auch die Händchen wohl gefaltet wären. So schlief sie denn noch jetzt nie ein, ohne zuvor gebetet zu haben, und Vater Michel und Mutter Mieke waren auch in dieser Hinsicht fast ebenso besorgt um sie, als es die gute Mutter vordem gewesen war. Eines Abends lag sie wieder im Bette und dachte ihr Leben durch, und wenn sie an etwas Merkwürdiges kam, sprach sie erst, ehe sie weiter gieng, mit dem lieben Gott darüber und war bald fröhlich, bald traurig, wie sich's eben traf. Jetzt dachte sie immer weniger und immer schneller vom einen aufs andere, und gerade, als sie einschlummern wollte, schlug die alte hölzerne Uhr in der Stube elf, und es kraspelte etwas draußen am Kammerfenster. Erschreckt sah sie hin und erblickte im Mondenschein zwei schwarze krumme Hörner und gleich nachher den weißen Kopf eines Ziegenbocks, der schaute groß ins Fenster herein. Sie wollte aufstehen, wollte rufen, konnte es jedoch nicht, und sie kroch vor Angst unters Deckbett, zitterte an allen Gliedern und betete. Der Ziegenbock aber that, als wolle er das Fenster öffnen, und als das nicht gieng, sprach er mit flehender Stimme:


»Röschen, öffne doch die Thüre mir

Und laß mich gleich herein zu dir

Und küsse mir Stirn und Mund,

So wirst du glücklich sein zur Stund.«


Sie antwortete nicht, und der Ziegenbock sagte das dreimal; als sie aber auch das drittemal nicht aufstand, und die alte hölzerne Uhr in der Stube eben zwölf schlug, da wurde der weiße Ziegenbock wüthend, stieß mit Macht gegen die Wand, daß das ganze Haus dröhnte, und lief kläglich meckernd davon. Am andern Morgen, als Röschen aus der Kammer kam, sah sie sehr blaß aus, und deshalb, und weil sie so spät aufstand, fragten Vater Michel und Mutter Mieke, was ihr fehle, und ob sie nicht wohl sei. Sie antwortete nichts darauf und dachte: »Sollst erst abwarten, wie es die nächste Nacht geht!« – In dieser Nacht gieng es gerade wie in der ersten: Röschen hatte die Lampe brennen [104] laßen, und als sie gebetet hatte und eben einschlummern wollte, kraspelte es wieder, die alte hölzerne Uhr in der Stube hatte kaum elf gesprochen, draußen am Fenster, der weiße Ziegenbock war da und bat so traurig und so flehend:


»Röschen, öffne doch die Thüre mir

Und laß mich gleich herein zu dir

Und küsse mir Stirn und Mund,

So wirst du glücklich sein zur Stund.«


Röschen war wieder unter die Decke gekrochen und bebte und vergoß vielen Angstschweiß, und ihr Herz klopfte gewaltig; der Ziegenbock blieb wieder eine volle Glockenstunde und sagte sein Wort dreimal, und als es zwölf schlug, und Röschen noch nicht geantwortet und noch nicht geöffnet hatte, da stieß er mit seinen großen schwarzen Hörnern alle Scheiben entzwei und lief mit furchtbarem Geschrei in den Wald zurück. Am andern Morgen stand Röschen erst sehr spät auf und sah aus wie der Kalk an der Wand; Vater Michel und Mutter Mieke entsetzten sich vor ihr, und nun mußte sie alles erzählen. »Gottlob«, rief Mutter Mieke, »daß er weiß ausgesehen hat! denn hätte er schwarz ausgesehen, so wäre er vom Bösen; nun er aber weiß ausgesehen hat, so ist er vom Guten. Wenn ich dir rathen soll, so leg dich heute Abend mit vollem Zeug ins Bett, und wenn alsdann der Ziegenbock wiederkommt, so geh in den Hof, gieb ihm die Hand und küsse ihn dreimal auf Stirn und Mund, so wird gewis alles gut werden; wir wollen in der Nähe sein und auf dich achten.« Röschen versprach, daß sie es so thun wolle, betete des Tages fleißig und des Abends im Bette auch; und als es elf schlug, kraspelte es draußen wieder am Fenster, der weiße Ziegenbock guckte herein und sagte dreimal hinter einander mit trauriger Stimme:


»Röschen, öffne doch die Thüre mir

Und laß mich gleich herein zu dir

Und küsse mir Stirn und Mund,

So wirst du glücklich sein zur Stund.«


Röschen zitterte zwar wieder heftig, stand indes auf, und als er's zum drittenmal gesagt hatte, öffnete sie die Thür und gieng auf [105] den Hinterhof. Der Mond schien sehr hell, und im Walde rührte sich kein Blatt; als der Ziegenbock Röschen sah, kam er ihr entgegen, legte seine Vorderfüße auf ihre Schultern, und sie küsste ihn dreimal auf Stirn und Mund. Zum drittenmal, die alte hölzerne Uhr in der Stube schlug gerade zwölf, donnerte es durch den ganzen Wald, und aus dem weißen Ziegenbock war der schönste Königssohn geworden, und vor der Hofthür stand ein prachtvoller Wagen mit zwei muthigen Rossen. Der Königssohn aber umarmte die zitternde Jungfrau und sprach: »Du hast mich erlöst und bist nun meine Gemahlin. Nun aber rasch in den Wagen; denn wir müßen noch dreihundert Meilen reisen, und wenn wir bis morgen Mittag um zwölf nicht dort sind, so bin ich wieder auf sieben Jahre ein weißer Ziegenbock.« »So laß mich zuvor Vater Michel und Mutter Mieke noch küssen; sie haben mich so lieb gehabt!« bat Röschen; der Königssohn aber erwiderte: »Wir holen sie nach; jetzt, Liebchen, laß uns eilen!« Als eben der Köhler mit seiner Frau in den Hof kam, sahen sie noch, wie der Königssohn mit Röschen davon jagte; sie riefen und jammerten, doch keine Antwort kam zurück, und als sie hinliefen und den langen Weg hinunter schauten, da war der Wagen längst verschwunden. Traurig giengen sie in die Hütte zurück und fühlten sich sehr einsam und verlaßen.

Das Brautpaar unterdes fuhr mit der Schnelligkeit des Blitzes über Feld und Flur, bergauf und bergab, und so rasch sie fuhren, die Pferde wurden nicht matt, dem Wagen geschah nichts und ihnen selber auch nicht. Als die Sonne aufgieng, waren sie schon über halb hin; da aber mußten sie noch durch drei große Wälder, die waren sonderbarer Art, und als der Königssohn den ersten sah, erschrak er und gab Röschen schnell das süßeste Geschleck und den lieblichsten Wein, wollte ihr auch die Augen verbinden; letzteres jedoch ließ sie sich nicht gefallen, und weil er dachte, daß sie doch wohl schon ängstlich genug sein möge, so bestand er nicht weiter darauf. Jetzt gelangten sie in den Wald, und welch ein Duft, und was für eine Pracht! Auf allen Bäumen saßen schöne Blumen, und die Büsche waren lauter [106] Haseln, die trugen unzählige Nüße, und alle Nüße waren golden. Der Königssohn jagte mächtig darauf los und erschrak, als Röschen bat: »Darf ich nicht ein paar Nüße mitnehmen?« Er mochte ihr nichts abschlagen, hielt, so ungern er's auch that, die Rosse an und ließ sie aussteigen; »aber«, bat er, »eile dich, oder wir kommen zu spät!« Sie flog von Busch zu Busch und pflückte von den goldenen Nüßen in ihre Schürze; er rief und drängte, und es dauerte doch eine volle Viertelstunde, bevor sie zurückkehrte. Als sie wieder eingestiegen war, peitschte er die herrlichen Thiere an, daß sie kaum die Erde mit ihren Hufen berührten, so sprangen sie; und es dauerte nicht so lange, da waren sie im zweiten Walde. Der war noch schöner als der erste und duftete noch lieblicher; und als Röschen die zahllosen goldenen Birnen sah, die an allen Bäumen hiengen, bat sie: »Darf ich mir nicht ein paar davon abpflücken?« Er wollte es jedoch dießmal gar nicht gern, und dennoch hielt er an und ließ sie aussteigen. Als sie aber immer weiter eilte und zuletzt gar aus seinen Augen verschwand, band er die Pferde an einen Baum, lief ihr nach und holte sie zurück; und darüber war eine gute halbe Stunde vergangen. Noch rascher jagte er jetzt darauf los, und durch die Saatfelder gieng's und über Wiese und Flur, ohne daß eine Spur geblieben wäre, so mußten die Thiere rennen; denn es war bald Mittag, und sie hatten noch weit zu fahren; auch war dem Königssohn unheimlich zu Muthe, da er die Wälder früher nie so gesehen hatte. Bald waren sie im dritten, und das war der prächtigste von allen: alle Blumen waren von Gold, und in all den dunkeln Kronen glühten goldene Äpfel. Als sie auch hier wieder aussteigen wollte, schlug er's ihr freundlich ab; da indes weinte sie, und nun pfiff er, und die Pferde standen wie gebannt. »Bitte, eile dich aber!« rief er der ausgestiegenen nach; die jedoch flog von Blume zu Blume, von Baum zu Baum und verlor sich endlich weit weg. Er eilte ihr nach, rief sie, knallte mit der Peitsche: umsonst; nirgends eine Spur von Röschen! Die Stunde aber drängte, und so stieg er traurig in den Wagen, trieb die Rosse an und jagte allein der [107] Königsstadt zu; und immer rascher und rascher fuhr er, daß die Thiere schäumten, und über krause Flüße und glänzende Seen gieng's dahin, als wären sie mit Eis belegt; und als der letzte Schlag aus der Thurmuhr war, die zwölf schlug, da hielt er im Hofe des königlichen Schloßes. Herzlich umarmte er den lieben Vater, beweinte die aus Gram um ihn gestorbene Mutter und sandte sofort tausend Soldaten aus, daß sie Röschen suchen sollten; darauf verfiel er in eine schwere Krankheit und redete irre.

Als Röschen zurückkam und den Wagen nicht mehr fand, war sie sehr traurig und seufzte: »Ach, wärest du doch wieder bei Vater Michel und Mutter Mieke!« Sie faßte sich aber endlich und gieng den Weg, der geradeaus führte, und in ihrer Schürze hatte sie die goldenen Blumen und Früchte. Als die tausend Soldaten ankamen, war sie längst fort; sie durchsuchten den ganzen Wald, trommelten, pfiffen und lärmten, hörten und sahen jedoch von Röschen nichts, und goldene Blumen und goldene Äpfel waren auch nicht mehr da. Am Abend des dritten Tages kamen sie wieder in die Stadt und sagten es dem Könige, daß sie die Jungfrau nicht hätten finden können; der Königssohn verstand die Nachricht nicht, da er ganz von Sinnen war. Etwa vierzehn Tage nachher kam Röschen auch in die Königsstadt; sie hatte sich von Dorf zu Dorf gefragt und für eine goldene Blume oder eine goldene Frucht stets Speise und Nachtlager erhalten. Als sie in die Stadt kam, war großer Jubel drin; denn der Königssohn fuhr zum erstenmal wieder aus, und viele Könige und Fürsten waren geladen, seine Wiederkunft und seine Genesung zu feiern. Röschen gieng durch die Straßen, da begegnete ihr des Königs Küchenmeister; den fragte sie nach einer guten Herberge. Er sah dabei von ungefähr in die Schürze und staunte über die schönen goldenen Sachen, die sie darin hatte; und nachdem er sie genauer betrachtet, sprach er: »Wollt ihr mir die nicht verkaufen?« und bot ihr sechshundert Dukaten dafür. Damit war sie gern zufrieden, und während sie nach der Herberge gieng, trug der Koch die goldenen Blumen und Früchte auf's Schloß. Die Dornen hatten aber Röschen's Kleider arg zerfetzt; so kaufte sie [108] sich neue, ließ sich alsdann ein wenig Eßen und Trinken geben, erkundigte sich nach dem jungen Königssohne und hörte nur Gutes von ihm, doch sei er so krank gewesen.

Dieser saß unter der Zeit an der Tafel, und so viel Mühe der Vater und die Gäste sich gaben, ihn aufzumuntern, er dachte immer an Röschen und war sehr traurig; denn er meinte nicht anders, als die wilden Thiere hätten sie zerrißen. Nach vielen anderen kostbaren Gerichten kam noch eine verdeckte Schüßel auf den Tisch; und als der Koch sagte: »Das ist das beste von allen«, schoben sie die Schüßel dem traurigen Königssohne hin. Er öffnete sie, und siehe, es lagen die goldenen Nüße, Birnen und Äpfel darin! Das war eine Freude! »Woher hast du die?« fragte er den Koch, und dieser erzählte es ihm und setzte hinzu: »So und so sah die Jungfrau aus, und sie redete eine ganz andere Sprache.« »Das ist sie!« rief der Königssohn, stand von der Tafel auf und eilte zum Gasthause, wo Röschen war. Sie hatte sich schmuck und schnicker angezogen und sah eben aus dem Fenster; als er eintrat, fielen sie einander in die Arme und küssten und drückten sich. Hierauf entschuldigte er sich, daß er weggefahren, und sie, daß sie so lange fortgeblieben sei, und beide vergaben einander so gern und dachten nicht mehr daran. Nun giengen sie zusammen aufs Schloß; als sie aber Arm in Arm in den Eßsaal traten, und der Königssohn Röschen vorstellte, da wurde großer Lärm. An der Tafel saßen nämlich auch mehrere Prinzessinnen, die sich Hoffnung auf den schönen Königssohn gemacht hatten; unter diesen war besonders eine häßliche Verwandte, die Tochter vom Bruder des Königs. Als die sah und hörte, was vorgieng, fieng sie laut zu lachen an, und die anderen alle lachten mit. »Was lacht ihr?« zürnte der Königssohn. »Uns fällt eben was ein«, erwiderten jene und lachten. »Ihr lügt!« donnerte er, »ihr lacht über diese Jungfrau; und so sage ich euch denn, die hat mich erlöst und wird meine Gemahlin!« Als der König das hörte, willigte er gern ein und bat die Gäste, gleich zur Hochzeit dazubleiben; Röschen indes wünschte, es möchten doch erst Vater Michel und Mutter Mieke geholt werden, und da [109] wurde ein Regiment Soldaten hingesandt, und die Hochzeit so lange aufgeschoben. Die Soldaten zogen aus und reisten und reisten, konnten aber erst gar nicht nach der Köhlerhütte hinfinden. Einst standen Vater Michel und Mutter Mieke traurig neben einander, sprachen wieder von Röschen und sahen durch das Fenster in den Wald. Da plötzlich erblickten sie viele Soldaten, die kamen geradeswegs auf ihr Haus. Sie erschraken und verschloßen die Thür; als aber jene sich meldeten und sagten, Röschen habe sie gesandt, da weinten sie vor Freude, öffneten, zogen ihre Sonntagskleider an, setzten sich auf den Wagen, den der Königssohn für sie mitgeschickt hatte, reisten mit in die Stadt und wurden von Röschen und von dem Königssohn aufs herzlichste empfangen; der König aber sprach zu ihnen: »Bleibt bei mir bis an den Tod; ihr sollt es gut haben.« Sie blieben daselbst und freuten sich; bald indes sollten sie weinen.

Die Hochzeit war mit großer Pracht und Herrlichkeit gefeiert, alle die vornehmen Gäste zogen wieder fort, nur die häßliche Prinzessin, die keine Eltern mehr hatte, blieb da, verleumdete die junge Frau und sann auf ihr Verderben. Sie fieng es auf alle mögliche Weise an, es wollte aber immer nicht gelingen: der Königssohn wurde an seiner Gemahlin nicht irre, und die Dienerinnen hatten sie so lieb, daß sie die gütige Herrin hüteten wie ihren eigenen Augapfel; so konnte die häßliche ihr lange nichts anhaben. Endlich machte sie es folgendermaßen: sie baute ein allerliebstes rundes Gartenhäuschen und ließ es von einer alten Hexe verzaubern; da brauchte es nur dreimal gedreht zu werden, was sehr leicht gieng, und es flog in die Luft und flog in alle Welt. Als alles fertig war, lud sie Röschen ein, das Haus zu besehen; die freute sich dar über und gieng arglos hinein. Da flugs drehte die häßliche alte Prinzessin es dreimal herum, und es flog mit Röschen hoch in die Luft und flog davon. Die Dienerinnen weinten und rangen die Hände, da ließ die böse Prinzessin sie ins Gefängnis werfen, und als der alte König sich auch nach Röschen sehnte, mischte sie ihm Gift in den Wein, daß er starb; dem jungen König aber gab sie einen Trank, den ihr die [110] Hexe gebraut hatte, und der ihm so die Augen verblendete, daß er die häßliche für Röschen hielt und zur Königin machte.

Röschen unterdes saß auf einer Klippe im Weltmeer. Nachdem ihr Häuschen lange geflogen und endlich mitten über das große Waßer gekommen war, zerbrach es; doch Röschen fiel nicht ins Waßer, wie die Hexe es gewollt hatte, sondern auf einen großen Stein, der im Meere lag und oben trocken war. Hier saß sie drei Tage und drei Nächte, hatte nichts zu eßen und nichts zu trinken, und hätte sie nicht auf Gott vertraut, sie hätte verzweifeln müßen. Doch am Morgen des dritten Tages schien's mit ihr zu Ende zu gehen: weinen konnte sie nicht mehr, und sie fiel von einer Ohnmacht in die andere. Jetzt wurde ihr so wohl, so wohl, als ob sie sanft schlafen solle; sie ergab sich in Gottes Hand und meinte, nun kommt der Tod. Da plötzlich fuhr es am Himmel herauf wie eine schwarze Wolke; es rauschte über ihr, und als sie ihr Haupt erhob und aufsah, war es nicht der Tod, sondern der Vogel Greif; der senkte sich nieder, nahm sie in seine große Kralle, trug sie fort über Meer und Land und setzte sie an der Stelle ab, wo einst der Königssohn zum weißen Ziegenbock geworden war. – Dieß aber war also geschehen. Mitten im Walde lag ein großer Teich, und hier wohnte die Waßerfrau; die pflegte sich immer gerade um die Mittagszeit zu baden und kämmte sich dann ihr Haar, das war golden und so lang, daß sie sich hineinwickeln konnte, und beim Kämmen sang sie wundervolle Lieder. Nun war einmal in dieser Gegend der Königssohn allein auf der Jagd und traf auf ein weißes Reh; das sprang ins dichteste Gebüsch, und er nahm sein gutes Schwert und hieb sich Bahn ins Gebüsch bis an den hellen Teich, wo eben die Waßerfrau badete. Entrüstet über den ungebetenen Gast, befahl sie, er solle sofort zurückgehen; er jedoch lachte und blieb stehen, dazu hatte er auch schlechte Gedanken gegen sie. Da stieg sie groß über die Waßerfläche empor, hüllte sich dabei in ihr langes Haar, erhob die Hand und sprach feierlich: »Für deine bösen Gedanken sei sieben Jahre ein weißer Ziegenbock, und wenn dich während der sieben Jahre nicht Köhlers Röschen erlöst, so bist du's auch noch sieben andere [111] Jahre!« Und sie sang ein sanftes Lied, daß alle Blätter horchten, als wären's Ohren, alle Thiere des Waldes den Athem anhielten, und der Wind sich auf die Zweige setzte und lauschte; damit verschwand sie langsam in die Tiefe, und ein glänzender Strudel zog ihr nach. Der Ziegenbock aber hopste meckernd fort, lief von Hütte zu Hütte und konnte Köhlers Röschen nicht finden; endlich, als das siebte Jahr fast zu Ende war, fand er sie, und sie erlöste ihn, wie du weißt. – Kaum war hier der Greif mit Röschen angekommen, so quoll das Waßer in der Mitte des Teiches langsam auf und glänzte wie Silber, und alsbald erschien die Waßerfrau, um sich zu baden und zu kämmen. Da sprach der Greif zu ihr: »Behalte Röschen so lange hier; ich komme gleich wieder.« Röschen hatte eben ihre Geschichte auserzählt, und die Waßerfrau, die schon alles gewußt hatte, sie belobt wegen ihrer Wahrhaftigkeit, da kam ein großer Schatten über den ganzen Teich, und mit dem Schatten der Vogel Greif, in der einen Kralle den verblendeten König und in der andern die falsche Königin; er setzte sie nieder und flog wieder fort, und alle Bäume brausten, solch einen Sturm erregten die Schwingen. Die Waßerfrau aber sang dem jungen Könige ein Lied und sang erst leise, leise und dann immer lauter, und das Lied war die Geschichte vom jungen Röschen. Als sie zuletzt den Namen sang, da holte der junge König tief Athem, seine Augen wurden geöffnet, er sank weinend vor Röschen nieder, und es war ihm, als erwache er aus einem schweren Traume; die Waßerfrau aber war sehr ernst und sprach zu ihm: »Warum hast du die verstoßen, die dich erlöst hat, und die falsche Dirne genommen? Führe Röschen heim in dein Schloß, verlaß sie nie wieder, halte sie lieb und werth; sonst geht dir's schlecht!« Er bat herzlich um Verzeihung, setzte sich in den prachtvollen Wagen, der da stand, führte seine schöne Gemahlin jubelnd ins Schloß und hatte sie lieb bis in den Tod. Die häßliche Prinzessin stand am Ufer und schimpfte; da schwamm die Waßerfrau heraus, warf sie zu Boden, entkleidete sie, peitschte sie mit einer Haselruthe dreimal über den Rücken und rief: »Fliege fort! fliege fort!« und sie flog fort und war eine Eule und muß [112] flattern und kreischen bis an den jüngsten Tag. Die Waßerfrau aber bannte sie in den Wald, wo die Köhlerhütte stand; und da hat Vater Michel sie noch oft gehört. Als nämlich Mutter Mieke der jungen Königin die Kinder groß gewiegt hatte, gieng sie zum lieben Gott; da wurde es Vater Michel zu eng in der Stadt, und er zog sich in seinen großen Wald zurück, wo ihm der liebe Gott näher war. So glaubte er nämlich, und darauf kommt's an.

35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

35. Der Welthund.

Mündlich in Ribbesbüttel.


So wohlhabend Ribbesbüttel jetzt ist, so arm und elend war es vorzeiten; aller guter Grund und Boden gehörte dem adeligen Gute, und dazu mußten die Bauern nicht nur den Zehnten geben von allem, was ihnen wuchs an Thier und Kraut, sondern sie mußten auch Herrendienst thun, so oft es den Herren beliebte. Einst war der Herr nach dem gelobten Lande gereist und hatte einem Verwalter sein Gut übergeben. So mild nun jener immer gewesen war, so hartherzig war dieser: war der Zinshahn nicht fett genug, so drehte er ihm den Hals um und verlangte einen beßern; holte er den Zehnten vom Felde, so suchte er sich die dicksten Garben aus und trat die übrigen mit Füßen; hörte er, daß ein Bauer einfahren wolle, so bestellte er ihn zum Herrendienst, und so wüthete er, als ob kein Herr auf Erden und keiner im Himmel über ihm gewesen wäre. Nun kam ein schwerer Krieg über das ganze Land, und während derselbe die Bauern gänzlich ruinirte, füllte er dem Verwalter Kisten und Kasten: bei ihm wohnten die Offiziere, die viel Geld hatten, bei den Bauern die Soldaten, die viel verzehrten und nichts bezahlten; und wenn ein Bauer die Kriegessteuer bezahlen sollte und sie nicht anschaffen konnte, gieng er zum Verwalter und lieh sich die Summe, und [113] wenn er sie nicht zur rechten Zeit zurückzahlen konnte, wurde ihm das Vieh aus dem Stalle genommen. Dadurch bekam der Verwalter zuletzt fast alle Kühe, Schafe und Schweine aus dem ganzen Dorfe in seine Ställe, und er benutzte die großen Heerden dazu, seine Schätze zu mehren. Hört aber, wie es ihm ergieng!

Einst war er nach Braunschweig gereist, um ganze Wagen voll Wolle zu verkaufen; da zur Nachtzeit kam die Pest ins Dorf und tödtete ihm alle seine Heerden. Als er am andern Abend wiederkam und auf dem Felde die Zeitung vernahm, wurde er wüthend, ballte die Faust gegen den Himmel, an welchem eine schwarze Wolke hieng, und sprach: »Du hast meine Heerden getödtet, so friß sie auch!« Und der liebe Gott antwortete ihm aus der Wolke, donnerte und verwandelte den Bösewicht in einen großen schwarzen Hund; dieser lief alsbald zu dem todten Vieh und sättigte sich daran. Seit der Zeit nun geht der »Welthund« noch alle Nacht im Dorfe um, besonders häufig wird er in der »Twetje« gesehen; sein Auge, das er mitten vor dem Kopfe hat, ist so groß wie ein Butterteller und leuchtet erschrecklich, aber bellen hören hat ihn noch niemand; und wenn jemand sterben will, so läuft er in der Nacht vorher dreimal um das Haus und von da zum Kirchhofe; und wenn lange niemand gestorben ist, so sieht er mager und hungerig aus; wenn hingegen ansteckende Krankheiten unter Menschen oder Vieh sind, so ist er dick und fett.

36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge.

Mündlich in Ettenbüttel, Gilde und Leiferde.


Der Schalksberg zwischen Ettenbüttel und Wilsche, nahe bei Gilde an der Aller, ist jetzt ein kleiner Maulwurfshügel; früher aber war er ein hoher und schlanker Berg, in welchem das Volk der Zwerge hauste. Damals lebte hier noch kein Mensch, und [114] das gefiel den Zwergen; denn nun konnten sie ihr Wesen ungestört treiben und über oder unter der Erde verweilen, wie's ihnen eben behagte. Und sie ließen sich's gar wohl sein, hatten alle Tage Sonntag und mitten in der Woche Festtag, aßen und tranken, spielten und tanzten; zu Zeiten indessen schmiedeten sie auch, und noch jetzt finden sich häufig Schlacken von Steinkohlen, die sie dabei verbraucht haben. Als der erste Hirt in diese Gegend kam, fand er rings um den Berg nichts als Erbsenfelder, und von innen ertönte unausgesetzt die lieblichste Musik; wenn jedoch seine Schafe den Erbsenfeldern nahe kamen, fuhren sie jedesmal zusammen, als wenn sie insgeheim gezwickt würden, und auch der Hund fieng mehrmals zu schreien an und wollte nicht wieder in die Nähe. Es zogen aber immer mehr Menschen hieher, legten Dörfer an und trieben ihre Hantierung; dabei kamen sie denn mit den Zwergen sehr häufig in Berührung, die bald freundlich, bald feindlich war, wie sich's eben machte. Vorzüglich grollten die Unterirdischen über das laute Treiben der Menschen, und diese hinwider über die vielen Diebstähle, die von jenen verübt wurden, so daß es an Neckereien und ernsteren Feindseligkeiten nicht fehlte. Doch oftmals leisteten sie einander auch hülfreiche Hand, und wo die Menschen gefällig gegen die Zwerge waren, zahlten's diese mit rothem Golde. So war einmal eine arme fromme Dienstmagd mit der Reinigung des Hauses beschäftigt; als sie den Kehricht auf den Schutthaufen werfen wollte, fand sie in der Schaufel einen feinen Brief, der an sie gerichtet war. Sie stellte den Besen an die Wand und las; und in dem Briefe wurde sie aufgefordert, daß sie doch morgen bei einem Zwergkinde Gevatter stehen möge; es solle ihr Schade nicht sein. Sie wollte es nicht gern thun, die Herrschaft aber erwiderte, sie dürfe es nicht abschlagen, denn sonst gehe es ihr nicht gut. So gieng sie des Nachts hin, denn auf die Zeit war sie bestellt; um zwölf öffnete sich der Berg, und so beklommen sie gewesen war, so vergnügt wurde sie nun; denn da unten war's gar prächtig, alles war eitel Gold, und alle waren freundlich und gefällig gegen sie. Als sie dem Kinde einen Namen gegeben hatten, legten sie's [115] in eine goldene Wiege, und die Spielleute mußten so lange blasen, bis es wieder eingeschlafen war; alsdann wurde aufs schönste gegeßen und getrunken und hierauf bis an den Morgen auf einer großen Wiese gesungen und getanzt. Als sie müde waren, wollte das Mädchen wieder nach Hause; die Zwerge indes baten so lange, bis sie einwilligte, noch drei Tage dazubleiben, und alle drei Tage war lauter Lust und Freude. Als sie endlich heimgieng, beschenkten die Zwerge sie aufs reichste und sagten, die goldene Wiege solle ihr für ewige Zeiten aufbewahrt bleiben; nun öffneten sie den Berg und entließen sie. Die Magd gieng nach Hause, nahm den Besen von der Wand, um aufs neue die Diele zu fegen. Aber siehe! das Haus war ganz anders worden während der drei Tage, die Diele war ganz anders, die Kühe hatten andere Stimme und andere Farbe, auch ihr guter Schimmel war fort, und als die Menschen kamen, kannte sie keinen, alle hatten andere Sprache und andere Moden, und auch von ihr wußte niemand; sie erzählte der Herrschaft alle Umstände, aber niemand erinnerte sich derselben, und alle staunten sie an. Nun lebte in Gilde ein alter Schäfer, der selber nicht wußte, wie alt er war, und kein Mensch wußte es; als der von dem Mädchen hörte, kam er herüber und sagte aus, sein Großvater habe ihm erzählt, daß zur Zeit, als dessen Vater klein gewesen, ein Mädchen zu den Zwergen gegangen und nicht heimgekehrt sei; »es müßen etwa dreihundert Jahre sein«, schloß er. In dem Augenblick war das Mädchen ein steinaltes Mütterchen geworden, fiel um und war todt. Der Schalksberg ist jetzt fast ganz zerstört, die Zwerge sind fortgezogen; aber die Wiege haben sie mit Gold angefüllt zurückgelaßen. Schon viele haben nach ihr gesucht und gegraben, keiner hat sie gefunden; einst jedoch wird ein Schweinehirt, der letzte Verwandte der Magd, des Weges mit seiner Heerde treiben, eine Sau wird die Wiege auswühlen, und der Hirt wird für einen Theil des Goldes in Ettenbüttel eine Kirche mit einem Thurme bauen laßen, der größer sein wird als der Andreasthurm in Braunschweig, nämlich gerade so hoch, als der Schalksberg früher gewesen ist; die goldene Wiege wird er dem Könige [116] schenken und mit dem übrigen Gelde gemächlich leben bis an seinen Tod.

Daß aber die Zwerge ausgezogen sind, hat seinen Grund im folgenden. In der Heide umher wohnten viele Riesen, und wenn diese sich schon mit den Menschen nicht gut stallen konnten, so lebten sie mit den Zwergen erst recht wie Katze und Hund. Einst hatten die Zwerge einen schlafenden Riesen geneckt und ihm in jedes Nasloch einen großen Stein gesteckt. Als er davon erwachte, sah er eben noch, wie die Männchen in den Schalksberg schlüpften. Eins, zwei, drei war er dort, konnte aber nicht hinein, weil er zu groß war. Da blies er die Steine gegen den Berg, daß derselbe zerbrach und weit umherstob, und fortwährend blies der Riese, bis der Berg verwehet war, und würde alle Zwerge vernichtet haben, wenn nicht ein Gewitter gekommen wäre und ihn getödtet hätte. In der nächsten Nacht kam ein graues Männchen zu einem Fischer, der an der Aller wohnte und eben seine Netze ausgespannt hatte, und fragte ihn, ob er in der folgenden Nacht wohl mit seinem Kahne dicht beim Schalksberge über den Fluß hin- und herfahren wolle; es solle sein Schade nicht sein. Der Fischer verwunderte sich zwar über das Ansinnen, willigte aber doch endlich ein und war in der nächsten Nacht mit seinem Kahne am Schalksberge. Das graue Männchen war schon dort, sprang in den Kahn, und mit ihm huschte es vom Ufer ins Fahrzeug, bis dasselbe fast sinken wollte. Da mußte der Schiffer überfahren und gleich wieder leer zurück; so gieng es bis zur Morgendämmerung: der Kahn war hinüber stets voll bis zum Sinken, und der Fischer sah doch nichts als das eine graue Männchen; nur hörte er hüben und drüben und neben sich ein leises Gesumme und Gepluster. Als eben die Sonne aufgehen wollte, sprach das Männchen, welches der Zwergkönig selber war: »Jetzt ist's genug; dein Lohn liegt im Kahne. Willst du nun wißen, was du übergefahren hast, so sieh über meine linke Schulter.« Der Fischer that es und erblickte die große Wiese ganz voll kleiner Kerlchen, welche mit allerhand beladen waren und die Richtung nach dem Wohldenberge eingeschlagen hatten, [117] der etwa zwei Stunden von dort entfernt ist. Als jetzt die Sonne aufgieng, sah der Fischer plötzlich nichts mehr; die Zwerge waren weg, und ihr König war auch verschwunden. Als jener in seinen Kahn stieg, lag in der einen Ecke ein großer Haufen Rossäpfel; erzürnt über das schnöde Fährgeld, warf er sie in die Aller und erzählte seiner Frau die ganze Geschichte. Diese aber, klüger als er, antwortete: »Die hättest du nicht wegwerfen sollen! das ist alles Gold gewesen!« Schnell giengen sie nach dem Kahne, und richtig! was noch da war, waren lauter blanke Goldstücke, und sie sammelten deren noch immerhin so viele, daß sein dreieckiger Hut bis oben voll wurde; von den weggeworfenen fanden sich nachher einige im Netze, und sie waren, wofür der Schiffer sie alle im Kahne gehalten hatte.

Von der Zeit an lebten nun die Zwerge im Wohldenberge. Dieser Hügel in einer nach Norden und Osten hin fast endlosen Ebene liegt zwischen Leiferde und Dalldorf, hart am Wege vom ersteren Dorfe nach Meinersen, und beherrscht, obgleich er winzig genug ist, die ganze Umgegend. Diese ist eben so unfruchtbar wie er selber: von Westen und Norden her begrenzen ihn Sandflächen, auf denen es fast nur Heidekraut und verkrüppelte Fichten und Wacholder giebt; nach Süden und Osten hin befinden sich freilich Felder, sie tragen indes mehr feuerfarbenen Klatschmohn als nährendes Getreide; den Fuß des Hügels selber umgiebt ein Kranz von Birken und Fichten nebst einigen knorrigen Eichen, und der Gipfel trägt Heide, Ginster und niedriges Gestrüpp. Ebenso traurig sah es auch vor der Ankunft der Zwerge hier aus, ja noch trauriger, weil die Gegend auch noch nicht von Menschen bewohnt, und deshalb nirgends ein Fruchtfeld zu sehen war. Das sollte anders werden! Die Zwerge nämlich leiteten von der Ocker Waßeradern unterhalb der Erde hieher; eine derselben fließt noch heute und heißt der »Twargborn«, die übrigen haben sie vor ihrem Abzuge verstopft. Dazu erwärmten ihre unterirdischen Feuer den Boden, und diese Wärme in Verbindung mit jener Feuchtigkeit machte die Erde äußerst fruchtbar. Das sah zuerst ein Jägersmann, der sich hieher verirrt hatte, [118] und als die Kunde davon sich verbreitete, zogen sich die Hirten und Ackerbauer in die Gegend und wurden hier ansäßig. Von jener ersten Zeit spricht man noch jetzt mit großer Begeisterung: die Saaten standen so dicht und kräftig, »daß man ein Wagenrad daran aufwälzen konnte«; die Wiesen und Weiden fanden nirgends ihres Gleichen; die halbverwitterten Eichen sollen noch aus jener Zeit stammen, und die ganze Gegend war ein wahres Paradies. Und lange lebten Menschen und Zwerge im Frieden bei einander, standen einander in allen Nöthen treulich bei, liehen sich gegenseitig Geräth, und die einen luden die anderen zu Festlichkeiten und Schmausereien. Besonders gut standen sich die Landbebauer dabei: hatten sie morgens einige Stunden geackert, so stand das Frühstück in einem Henkeltopfe bereit; mittags schaffte eine unsichtbare Hand abermals eine Mahlzeit, und zerbrach ein Spaten oder ein anderes Ackerwerkzeug, so beßerten die Zwerge es sofort aus, ohne sich's bezahlen zu laßen. Dazu bewahrten sie diese Gegend auch vor Überschwemmung und Hagelschlag, und beim Einheimsen waren sie gleichfalls unermüdet geschäftig, so daß die Arbeiter oft, wenn sie sich zur Mittagszeit in den Schatten gelegt hatten, nachher nichts mehr zu thun fanden. Für alles dieß hatten sie nur die eine Bitte, die sie aber immer dringend wiederholten, man möge in der Nähe des Berges ruhig sein, nicht mit Peitschen knallen und nicht laut kreischen; die Menschen erfüllten diese Bitte lange Zeit sehr gewißenhaft, und so gieng's in Freude und Frieden viele Jahre.

Da begab sich's, daß die Leute in Leiferde eine große Glocke auf ihren neuen Kirchthurm brachten, und das war der erste Stein des Anstoßes; denn die Zwerge konnten das Geläute nicht vertragen und mußten sich stets die Ohren zuhalten. Erst baten sie, man möge die Glocke ruhen laßen; als dennoch geläutet wurde, rückten sie in Masse gegen die Kirche und warfen mit Steinen hinauf, um die Glocke herunter-oder den Thurm einzuwerfen. Auch das gelang ihnen nicht; und nun begannen die Plackereien: sie verwirrten das Getreide und traten es nieder, machten die Pferde und die weidenden Heerden flüchtig, verstopften [119] die Brunnen, erschreckten die Wanderer, die Frauen und die Kinder; vorzüglich aber stahlen sie alles, was sie nur brauchen konnten, und sogar kleine Kinder. Die Menschen ließen's ihrerseits auch nicht an Neckereien fehlen: wenn z.B. im Berge gespielt und getanzt wurde, schlichen sich die Burschen hinzu und knallten plötzlich dermaßen mit ihren Peitschen, daß den Zwergen Hören und Sehen vergieng, und sie heulend aus einander stoben; wenn jene einen derselben einfiengen, trieben sie Kurzweil mit ihm, daß der arme Schelm vor Angst nicht zu bleiben wußte. Oft indes gieng's wieder friedlicher her; kurz, es wurde ein Verhältnis, wie's im Schalksberge stattgefunden hatte, bald feindlich und bald freundlich. Doch es sollte schlimmer kommen!

Der reichste Bauer in Leiferde hatte nach und nach alle Länderei um den Wohldenberg an sich zu bringen gewußt und war sehr glücklich darüber, weil dort, wo jetzt gar nichts wächst, damals alles am besten wuchs. Er selber lebte friedlich mit den Zwergen, da er einsah, wie gut er sich dabei stand. Nun hatte er aber einen einzigen Sohn, das war ein roher Gesell; nach dem dieser herangewachsen war, brachte er den alten Vater durch Kummer unter die Erde und war nun selber Herr. Es dauerte nicht so lange, da hatte er sich mit allen Menschen entzweiet; denn er war ebenso ungefällig als hochmüthig, und wenn er sich einen neuen Feind erworben hatte, spottete er seiner und zugleich aller anderen Menschen, ja Gottes selber und pochte auf seine »Lehnsleute«, die Zwerge. Doch einen Zwerg kann man sich noch leichter entfremden als einen Menschen, und wäre es der krausköpfigste; das sollte auch der unnütze Bauer nur zu bald und zu seinem großen Schaden erfahren. Eines Tages ackerte er am Berge, und die Zwerge brachten ihm wie gewöhnlich ein tüchtiges Morgenbrod. Als er den ersten Bißen genoßen hatte, schien es ihm zu schlecht; er schüttete es deshalb auf die Erde und rief: »Habt ihr mir Schweinefutter gebracht, will ich euch wieder Schweinefutter schenken! Bringt mir beßeres Eßen, ihr Halunken!« und dabei knallte er mit der Peitsche, daß es den ganzen Berg durchpfiff. Als die Zwerge den Topf nicht wieder füllten, verunreinigte [120] er denselben auf unanständige Weise und knallte und schimpfte noch wilder als zuvor. Davon wurden die Pferde wild, und als er den Zügel ergriff, um sie durchs Gebiß zu bändigen, wurde ihm der Strang vor den Händen abgeschnitten, und die Pferde liefen in alle Welt; und das hatten die erbosten Zwerge gethan. Als auch des Mittags und am andern Morgen keine Speise erschien, wurde er gar fuchswild und schrie: »Bringt mir mein Eßen, ihr krummbeinigen und dickköpfigen Hunde, und bringt mir leckeres, oder euch soll alle der Teufel holen! Kann's von euch verlangen; denn ihr seid meine Lehnsleute, und ich laße euch nur aus Vergunst da in eurem Erdklumpen wühlen!« Es kam indes kein Eßen, und als er sich müde geeifert hatte und sich unter einen Busch legte, krochen zahllose »Migöntjen« (rothe Ameisen) herzu, zerstachen ihn am ganzen Leib und Leben und krochen ihm sogar in Nase und Mund; und das hatten die erbosten Zwerge gethan. Am dritten Morgen nahm der Bauer seine Gänseklapper und begab sich mit zwei Tagelöhnern in aller Frühe an den Wohldenberg. Als auf sein Befehlen und Drohen wieder keine Speise erschien, umzogen die drei den ganzen Berg, der eine pfiff auf dem Finger, so grell er nur vermochte, der andere knallte aus Leibeskräften mit der großen Peitsche, und der dritte klapperte dazu so eiferig, daß ein wahrer Höllenlärm wurde. Die Zwerge drinnen im Berge wußten nicht zu bleiben vor dem entsetzlichen Getöse; keiner indes kam zum Vorschein von ihnen: sie hatten einen andern Racheplan erdacht. Des Nachts erhob sich ein fürchterliches Gewitter, und am andern Morgen wunderte sich das Gesinde, daß der Bauer gar nicht aufstand; sie begaben sich endlich in seine Kammer, und siehe! er lag wie todt im Bette. Nachdem sie ihn durch Rütteln und Reiben wieder zu sich gebracht hatten, erzählte er denn, wie er des Nachts aufgewacht sei und sich nicht habe rühren noch regen können; »alle Glieder waren mir gelähmt, und mit Entsetzen fühlte ich, wie unausgesetzt dicke kalte Kröten durch mein Gesicht und über meinen Leib krochen.« Während er noch erzählte, kam die Magd herein und berichtete, daß auch die meisten Thiere gelähmt und geblendet[121] seien, und der Feldhüter trat ein und fügte hinzu: »Alle deine Felder sind während der Nachtzeit zertreten und verheert, die Quellen verstopft und unsichtbar geworden, und der ganze Wohldenberg ist verödet.« Jeder rieth gleich auf die Zwerge; und sie hatten's auch gethan. Doch hiebei hatten sie es keineswegs bewenden laßen.

In dem benachbarten Dorfe Volkse am Ufer der Ocker, unfern der Stelle, wo man sich in Ermangelung einer Brücke noch jetzt muß übersetzen laßen, wohnte dazumal ein Fischer, der seinen geräumigen Kahn nicht nur zum Fischfang, sondern vornehmlich auch dazu benutzte, gegen Erlegung eines Fährgeldes Wanderer über den Fluß zu fahren. Zu dem kam um die Mittagsstunde des Tages, an welchem der Bauer den fürchterlichen Lärm gemacht hatte, ein graues Männchen und sprach traurig zu ihm: »Willst du mir nicht auf diese Nacht deinen Kahn borgen?« »Warum nicht?« erwiderte der Fischer; »wenn du gut bezahlst und ihn ehrlich wiederbringst!« Das Männchen versprach es, füllte dem Fischer einen Napf mit Gold an und sagte: »Schau aber nicht aus nach uns; sonst geht's nicht gut!« Damit war es weg. – Mit der Nacht kam ein so starkes Gewitter, wie die Leute sich keines zweiten zu erinnern wußten: der ganze Himmel schien fortwährend zu brennen, und der Sturm wehte mit schrankenloser Macht. Der ehrliche Fischer hörte nicht auf zu beten und schloß auch das graue Männchen mit in sein Gebet. »Wenn sich's nur nicht auf den Fluß gewagt hat!« meinte er, vergaß seines Versprechens und schaute durch ein Astloch, daß sich zufällig in einem Ständer befand, nach der Ocker aus. Hilf Himmel, was mußte er da sehen! Mitten durch die schäumenden Wogen fuhr sein Kahn, zahllose Zwerge saßen in ihm, und an beiden Ufern wimmelte es von grauen Männchen. Das alles sah er beim Schein eines schrecklichen Blitzes; mehr jedoch sah er nicht: derselbe Blitz fiel dicht neben ihm nieder, ein gewaltiger Donnerschlag betäubte ihn für die ganze Nacht, und als er wieder ins Bewußtsein zurückkehrte, stand die Sonne hoch am klaren Himmel, der Fluß lag ruhig da, und sein Kahn auch. Hier [122] entdeckte er keine Spur des nächtlichen Unwetters, und nur das schöne rothe Gold überzeugte ihn, daß es nicht etwa ein Traum gewesen sei; noch mehr aber bezeugte ihm draußen ein einziger Blick auf den nahen Wohldenberg die traurige Geschichte: alle Eichen waren zerschmettert, alle freundlichen Anlagen vernichtet, und die ganze Umgebung lag so öde da, wie sie's noch jetzt ist. Ein einziger Weg an der Westseite war der Zerstörung entgangen, und er heißt der »Twargstieg« bis auf den heutigen Tag; eine einzige Quelle war unverstopft geblieben, die, wie schon bemerkt, noch jetzt der »Twargborn« genannt wird und auf viele Meilen im Umkreise das beste Waßer haben soll. Die Zwerge waren verschwunden, niemand weiß, wohin, und nimmer kehren sie wieder. – Nach einem andern Erzähler soll der Bauer am Morgen nach der Gewitternacht vom Blitz erschlagen auf dem Acker gefunden worden sein, der Henkeltopf zerbrochen neben ihm.

37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

37. Hans Winter.

Mündlich in Warmbüttel.


Ein Imker hatte seinen Honig in die Stadt gebracht und viel Geld dafür gelöst. Als er nach Hause zurückkam, zählte er das Geld auf den Tisch, legte das Silber für sich und das Gold für sich und sprach zu seiner Frau: »Das weiße hier ist für Hans Winter«; damit meinte er aber, für das Silber wollten sie im Winter leben. Hierauf schloß die Frau das Gold in den Koffer, das Silbergeld hingegen kam in einen Auszug von der Kommode; und das alles sahen die drei Kinder. Am andern Tage, als die Eltern über Feld waren, sagten die Kinder unter einander: »Ob Hans Winter wohl schon dagewesen ist?« Als sie die Kommode öffneten, lag das Geld noch alle drin; und sie stellten sich aus Stubenfenster, unter welchem der Fußweg vorbeigieng, und [123] so oft jemand vorüberkam, fragten sie: »Heißt ihr Hans Winter? Das Geld ist noch da!« Lange wollte erst keiner kommen, der Hans Winter hieß; endlich jedoch ließ sich von fern ein Schusterjunge sehen und hören, der war aus der Stadt und trug ein Paar Stiefel auf dem Rücken, mit welchen er pfeifend und singend nach einem andern Dorfe gieng. Als er unter das Fenster kam, fragten die Kinder auch ihn: »Heißt ihr Hans Winter? Das Geld ist noch da!« Der Junge besann sich nicht lange und antwortete: »Ich heiße Hans Winter; so gebt mir das Geld!« Sie warfen ihm alle blanken Thaler und Groschen durchs Fenster in einen der Stiefel, und er gieng singend und pfeifend weiter. – Gegen Mittag kehrten die Eltern heim, und als die Mutter vor die Kommode gieng, um die Eßlöffel herauszunehmen, merkte sie den Verlust und fragte: »Wo ist das Geld geblieben?« Die Kinder antworteten: »Hans Winter hat's geholt.« Die Mutter erschrak nicht schlecht und fragte genauer nach; da erfuhr sie denn die ganze Geschichte und peitschte die Kinder durch; hierauf rief sie den Vater herein, und da bekamen sie noch eine tüchtige Portion. Damit indes war das Geld nicht wieder da, und als die Kinder den Hans Winter genau beschrieben hatten, giengen sie mit dem Vater hinter ihm her.

Es dauerte nicht lange, so waren sie im Walde, und da sich der Weg hier theilte, mußten sie dem einen nachgehen, während der Vater den andern einschlug. Dieser suchte vergebens bis an den Abend, da kehrte er nach Hause zurück; den Kindern sollte es anders ergehen. Als sie nämlich eine Weile gegangen waren, begegnete ihnen ein reisender Handwerksbursch, und auf ihre Frage nach Hans Winter und auf ihre Beschreibung desselben erfuhren sie, daß sie sich auf dem rechten Wege befänden. Noch mehrere Leute trafen sie an, und alle sagten dasselbe aus; und sie giengen und giengen, und alle Augenblick riefen sie: »Hans Winter! Hans Winter!« Einmal hatten sie wieder aus Leibeskräften geschrieen; da plötzlich knackte es im Gebüsch, und gleich darauf trat ein großer Fuß vor sie hin, der saß an einem baumdicken Beine; bald kam ein zweiter Fuß nach, und damit stand ein gefährlicher [124] Riese vor ihnen. »Was soll Hans Winter?« brüllte Hans Winter; denn so hieß der Riese. Die Kinder konnten erst nicht sprechen, so hatten sie sich erschrocken; als sie ihm aber die Geschichte erzählt und den kleinen Hans Winter genau beschrieben hatten, lachte er unmäßig und sprach: »Wenn ihr den sucht, so müßt ihr euch an einen andern wenden; schreit hier aber nicht wieder so laut, sonst freß' ich euch.« Mit den Worten gieng er weg, und die Kinder machten gleichfalls, daß sie fortkamen. Als sie noch eine Weile gegangen waren, kamen sie an ein Haus, und siehe, vor dem Hause saß der Schusterjunge auf einer Bank und schlief. Es war aber schon dämmerig geworden, und so schlichen sie sich leise hinzu, daß sie niemand bemerke, nahmen den Stiefel sammt dem Gelde und liefen zurück in den Wald. Eine Stunde darauf weckte der Wirth den Schusterjungen, und als diesem nicht nur das Geld, sondern auch der Stiefel fehlte, rannte er wie toll umher und tobte so heftig, daß der Wirth ihn aus dem Hause warf. Und er lief heulend durch den Wald und schrie; da faßte eine große Hand zwischen den Bäumen durch, und indem der Riese sprach: »Stört ihr mich schon wieder, ihr Schreihälse?« schluckte er den armen Schusterjungen mit Haut und Haar hinunter. Das hatten die drei Kinder alles mit angehört, denn sie lagen dicht dabei hinter einem Busche; und als der Riese wieder weg war, liefen sie, daß sie zu den Eltern kamen.

38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

38. Die Räuberbraut.

Mündlich in Altenhagen.


Es waren einmal ein Mann und eine Frau, denen hatte der liebe Gott eine wunderschöne Tochter geschenkt; und Eltern und Kind beteten und arbeiteten und lebten rechtschaffen und frisch. Eines Tages, als die Tochter gerade ihr funfzehntes Jahr antrat, [125] fuhr ein prachtvoller Wagen vor die kleine Hütte, aus demselben stieg ein vornehmer Herr, und dieser sagte zu den Eltern: »Habt ihr keine Tochter für mich zur Frau?« »Nein«, war die Antwort, »wir haben zwar eine Tochter, die soll aber noch nicht heiraten.« Damit indes ließ der Herr sich nicht abspeisen; er ließ abspannen und blieb drei Tage da. Und während dieser drei Tage war er so gefällig und fromm, auch hatte er so viel Gold und andere Kostbarkeiten, daß er zuerst und zwar schon am ersten Tage die Einwilligung der Mutter, am zweiten die der Tochter und endlich am dritten auch die des Vaters erhielt; dieser hatte zwar wiederholt zu seiner Frau gesagt: »Mir ahnt nichts Gutes dabei!« sie aber hatte ihn zu trösten und endlich sein Jawort zu erschmeicheln gewußt. Gegen Abend des dritten Tages entließen sie die Tochter, baten noch, er möge sie ja gut behandeln; und während der vornehme Herr es versprach, jagte er mit der schönen Braut davon.

Es war nun aber dieser vornehme Herr ein wilder Räuber und Menschenfreßer; unterwegs schon erzählte er dem armen Kinde lauter gräuliche Geschichten, und als er es aus dem Wagen riß, sagte er lachend zu ihm: »Willst du nun lieber in Öl gebraten oder lieber in Waßer gekocht werden? Du bist immer ein leckerer Bißen, und weil ich dich gar zu lieb habe, laße ich dir freie Wahl.« Die Braut konnte vor Schrecken nicht antworten, und der Menschenfreßer stieß sie in die Höhle, sagte noch: »Bitte den lieben Gott, daß er dir einen guten Gedanken giebt, und bereite dich während der Nacht zum Tode!« und gieng in eine Nebenhöhle. Als jene wieder zur Besinnung kam, hörte sie nebenan einen fürchterlichen Lärm: der Räuber schlug seine Haushälterin, und diese schimpfte und zerkratzte ihn. Sie war aber eine alte Hexe, und als sie gesehen, daß er ein junges Mädchen mitgebracht hatte, war sie giftig geworden und bekam nun dafür eine tüchtige Tracht Hiebe. So war es Sitte unter den beiden.

Des Nachts schlief der Menschenfreßer allein in seiner Höhle; die alte Hexe war bei der jungen Braut. Diese aber schloß kein Auge zu, sondern betete und weinte in einem fort. Ärgerlich darüber, daß sie nicht schlafen konnte, auch wohl etwas gerührt, [126] dazu noch wegen der Schläge erbost auf den Menschenfreßer, krächzte die alte Hexe endlich: »Nun laß das Greinen! Was hat das Unthier dir gesagt?« Jene antwortete: »Ob ich lieber wolle in Öl gebraten oder in Waßer gekocht werden.« Die Hexe lachte und erwiderte: »Und du hast wohl zu keinem von beidem Lust, arm Närrchen!« dieß aber klang so herzlos, daß es der armen Braut die Kehle zuschnürte. »Nur nicht so empfindlich!« fuhr das Scheusal fort, als keine Antwort erfolgte; »soll ich dich einmal kitzeln?« und sie kratzte das Mädchen, daß es laut aufschrie. »Hast ja eine recht helle Stimme!« spottete jene und fuhr fort: »Was ich dir jetzt sage, das danke den Schlägen des Wütherichs; wenn er dich morgen früh wieder fragt, so antworte, du wollest lieber in Waßer gekocht werden. Alsdann mußt du selber das Waßer tragen, denn er ist zu stolz dazu, und ich stelle mich krank; beim Brunnen ziehst du dich aus, hängst dein Zeug dem Brunnenpfahl um, als kleidetest du einen Menschen an, und versteckst dich in den hohlen Baum, den siebten am Wege rechter Hand. Nun aber laß mich in Ruhe, sonst verrathe ich selber den Plan.«

Am andern Morgen ganz früh kam der Menschenfreßer in die Höhle, und als er auf seine Frage die Antwort bekommen hatte, sie wolle lieber in Waßer gekocht sein, trat er die Hexe mit dem Fuße, um sie zu wecken, und rief: »Trag Waßer, ich schlachte derweil mein Täubchen.« »Hole dir selber Waßer!« kreischte die Hexe; »mir hast du beide Arme gelähmt.« Der Menschenfreßer fluchte und befahl der Braut: »Nimm den Krug und trag Waßer, damit ich dich koche!« Sie nahm den Krug, zog dem Brunnenpfahl ihre Kleider an und kroch in den hohlen Baum. Als sie nicht wiederkam, rief der Räuber: »Erwartest du deinen Schatz am Brunnen, daß du da so unbeweglich stehst? Nun, kehrst du nicht gleich zurück, so kann sich's recht gut treffen, daß er zu dir kommt!« Der Pfahl achtete nicht im geringsten auf den Spott, kehrte sich auch nicht daran, als der Menschenfreßer zu toben und zu drohen anfieng, und als endlich gar ein Schuß aus der Höhle ihn traf, da weinte er weder, noch fiel er um. »Ist das Mädchen kugelfest?« schrie der Menschenfreßer, nahm [127] sein breites Schwert und lief hin; wie aber kochte es in ihm, als er näher kam und die seltsame große Puppe fand! Rasend vor Wuth, sprang er mit wenigen Sätzen in die Höhle zurück, gürtete sich das Schwert um, bestieg sein treues Ross, rief der Hexe zu: »Fülle die Pfanne mit Öl und bring es ins Sieden!« und jagte davon, begleitet von seinem großen Spürhunde. Bald kam er an den hohlen Baum, und als hier der Hund stehen blieb und bellte und kratzte, zog der Räuber sein gutes Schwert, hieb durch die Rinde und spaltete der Jungfrau den rechten großen Zeh; das helle Blut spritzte heraus und auf das Schwert, doch als er's wieder herauszog, war das Blut verschwunden. So ritt er denn weiter, und als das Mädchen kein Getrappel und Gebell mehr hörte, stieg es aus dem Baume und kroch in eine tiefe Grube, wo es sich mit Zweigen zudeckte. Nach einer halben Stunde kehrte der Räuber ingrimmig zurück; der Hund blieb bei der Grube stehen, jener schlug mit dem Schwerte durch das Gezweig und spaltete denselben Zeh von der andern Seite. Wieder sprang Blut hervor; das Schwert jedoch, als es zurückkam, war blank wie zuvor. Die arme Braut legte ihr Ohr an die Wand der Grube, und als sie die Erde nicht mehr dröhnen hörte, kletterte sie mühsam heraus und hinkte dem Brunnen zu, um sich ein wenig anzukleiden. Sie hatte sich eben gewaschen, da kam der Räuber zurück, und als er sie sah, jauchzte er laut auf, und gerade hatte er sein gutes Schwert gezogen, um ihr das Haupt abzuschlagen, da kam eine Kugel vom Walde her und streckte ihn nieder. Der Königssohn nämlich jagte in dieser Gegend, und er war's, der den Menschenfreßer erschoß. Als er nun aber herzukam und die wunderschöne Jungfrau erblickte, da entbrannte sein Herz in Liebe zu ihr; den Räuber, der sich fluchend in seinem Blute wälzte, ließ er in die Pfanne voll Öl werfen, die Jungfrau aber führte er auf sein Schloß und nahm sie zur Gemahlin, und da haben sie lange glücklich mit einander gelebt.

39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[128] 39. Borgemester Wittkopp.

Mündlich in Ribbesbüttel.


Twei kurrige Studenten giengen des Abens mal ut 'r Stadt na den nägesten Dorpe, um 'ne Sätte dicke Melk tau äten un bi der Gelegenheit tau seien, wat üt da wol Nies geiwe. Da keimen sei denn up 'n Hoff na einen Buern, dei Holt 'hacket härre. As de Buer dei lustigen Vogels sagg, namm hei de Äxe up 'n Nacken un sä: »Na, willt se nich en bettjen midde herrinkomen?« »Ja«, antworen jünne, »willt 'n bettjen middegahn un bi juer Mutters 'ne Schale dicke Melk äten.« Wie sei henninkomet, seggt dei Buer tau sienen Enken: »Wat raret denn dei Wittkopp sau grülich? hastu öhm wedder nich genaug up de Nacht vorregewen?« »Adoche«, sä de Enke, »hei hat noch dei ganze Krüwwe vull; hei hat awer wedder siene Schrullen.« »Wat is denn dat mit den Wittkopp?« säen dei Studenten un' spröken hierup under sick, awer doch sau lue, dat dei Buer üt hören könne: »Dat Deierd hat 'ne Stimme as en Minsche! dat is gar kein Osse!« »Wat schöll 't denne sien?« sä dei Buer. Jünne deen, as wenn se sick verjäugen; as de Buer awer schärper naefraug, antworen sei: »Dat is 'n Minsche, dei in 'n Ossen verwünschet is, un wenn wi öhn veir Wochen 'hat härren, schöll hei wedder 'n Minsche un schöll all Borgemester in user Stadt sien.« Dei Buer sä: »Sei snacket twatsch Tüg! Awer höllisch klauk is dat Deierd, dat is wahr; hei nimmt leiwer dat Mehlsupen, as dat reine klare Water.« »Denne is 't gans gewis!« säen dei Studenten; dei Buer härr se awer man taun Apen hebben wollen, un hei härr se nu recht utelachet, wenn nich siene Frue, dei alles 'hört härre, dartwischen 'komen wöre. Düsse nämlich heilt grote Stücke von öhren Wittkopp un glöwe ook noch dei olen Snurrpieperien von Verwünschungen un derglieken; sau sä sei denn: »Lat üt gut sien, Vaders; in den Wittkopp stecket mehr as en Osse, dat is [129] ümmer mien Spreken 'wesen!« un nu sweg dei Buer bums stille; denn hei gult, sau tau seggen, nist, un de Fru härr de Hosen anne. »Wat schöll denn dat wol kosten, wenn hei 't Borgemestern lere?« fraug de Frue wieder, un dei Studenten meinen: »A, fuffzig preusche Daler recket hen!« »Wenn üt nich mehr kostet«, antwore sei, »denn wüll wi 't dranwennen, Vaders; denn künnt wi im Older wol use Brod mal bi öhme äten!« Düsse schüddele den Kopp; hei was awer doch sülwenst anders Sinnes 'woren un meine: »Wenn hei denn ook grade nich Borgemester weren schölle, wenn hei denn man sau veel leret, dat hei den Hoff mal annehmen kann; denn härren wi üsch doch nich gans vorr frömme Minschen awwequält!« Sei härren nämlich keine Kinder. Nu schreben dei Studenten wat up 'n Flicken Papier, datt schöll 'ne Urkunde ower den Handel sien, was awer nist as dumm Tüg, un da smetten se den Wittkopp 'n Strick um de Hören un tögen öhn weg; dei beiden Buerslüe seigen trurig hinderher. As jünne awer midden int Dorp keimen, da wören da under der groten Linne alle Burrßen un Mäkens, un düsse lachen ower dei Studenten mit den Wittkopp un süngen ower dat ganze Dorp un süngen düsse Wiese:


Üt leit sick en Buer en Palterrock maken,

Von negentein Ellen leit hei en sick maken

Bi'n Sniederwipp.


Un as de Palterrock fertig was,

Da gung hei, da stund hei vorr Ilsche int Gras,

Vorr Ilsche int Gras.


»Ach Ilsche, leiwe Ilsche mien,

Du schast üt mick seggen, wu hei mick sitt,

Wu hei mick sitt.«


»Schall ick üt dick seggen, wu hei dick sitt:

Da unnen, da boben da hat hei en Swipp,

Da hat hei en Swipp.«


»Hat hei da unnen, da boben en Swipp,

Sau hat 'n mick verdorben dei Sniederwipp,

Dei Sniederwipp.«


[130]

»Ach Snieder, leiwe Snieder mien,

Du hast mick verdorben den Palterrock mien,

Den Palterrock mien.«


»Hebb ick dick verdorben den Palterrock dien,

Sau hebb ick 'n versneen in Mandenschien,

In Mandenschien.«


»Hast du öhn versneen in Mandenschien,

Sau schast du 'n betalen in Sunnenschien,

In Sunnenschien.«


»Schall ick 'n dick betalen in Sunnenschien,

Sau mag oock de Deuwel dien Snieder sien,

Dien Snieder sien.«


As dat Lied tau Enne was, da lachen de Burrßen un de Mäkens; Wittkopp awer rare, un de beiden Studenten scheren sick öhrer Wege. Un dei Wittkopp kamm noch densülwigen Abend na 'n Slachter, un den andern Morgen kreig hei wecke vorr den witten Kopp, dat hei alle veire utstrecke. Da was 't ute mit öhm.

As dei veir Wochen umme wören, sä de Frue: »Nu, Vaders, moste mal tauseien, ob use Wittkopp all wat kann!« Hei tog sick sien sönndagesche Tüg an, bund sick 'n Strang um 't Lief, wu hei Wittkopp annehmen wolle, un gieng hen na 'r Stadt. Dei Studenten kregen keinen slechten Prell, as hei in öhre Stuwe kamm; sei wören awer gliek wedder lustig un setten öhm 'n Buddel vull Snapps vorr, dei noch von Wittkopp sienen Gelle was. Nu mögde awer de Buer geren 'n Sluck un buddele un buddele, bet hei sau einen in 'n Timpen härre, dat hei keinen Swieneggel mehr von 'n Herzebock underscheiden könne. Da fraug hei na sienen Wittkopp, un ob hei all wat könne. »Dei is all veerten Dage Borgemester!« säen jünne, »da in den groten Slotte wohnt hei, dat is sien eigen!« »Is dat wahr?« antwore dei Buer; »na, denn mott ick mal hengahn un mick erkunnigen, wu 't öhm geiht!« Un hei swiemele ower de Strate. As hei henkamm, satt de Borgemester up 'r Stuwe un schreif; dei Buer sä: »Guden Dag«, un de Borgemester: »Schönen Dank; sett 't jick 'n bettjen.« Dat dä hei ook. Balle awer stund hei up un [131] woll mal taukieken, wu dat Deierd wol schrieben könne; un hei keik öhm ower de Schulder, un as dei Regen alle sau grade stünnen, sä hei: »Nu kieke einer her! Wat doch nich alles ut 'n Ossen weren kann!« Dat verdroot den Borgemester, un hei antwore: »Sünd ji verrückt oder bedrunken?« »Sü mal, sü mal!« reip de Buer, »kreppiert dick dat, Wittkopp? Hastu nich ümmer dat beste Futter un dat beste Supen bi mick 'kregen, un hebb ick nich blanke fuffzig Daler vorr dick utegeben? Nu daste, as wenn du mick nich kennst, Wittkopp, un ick woll dick nu Hus un Hoff vermaken? Schäme dick, Wittkopp!« Dei Borgemester awer was splitterdull un reip: »Wenn ji jick nu nich gewet, sau täll' ick jick hiemidde wecke up, dat jick de Puckel grau un blau weren schall!« un tog den Degen ut. »Sü mal, hast wol all orrntlich ook 'n Degen!« sä dei Buer; »nu, den lat man stecken, dei kettelt gar tau dulle!« un hei fäll up 'n Staul taurügge. Dei Borgemester härr awer wat Iliges tau schrieben un arbeie fliedig wieder; während der Tied make dei Buer sien Strang los, schöre üt in 'n Nause, smeit 't öhm ower den Kopp un sä: »Du hörst mick un schast midde! Wu well sick use Mutters freuen, wenn du kummst!« Nu geiht 't de Treppe hennunder, un as sei up de Strate komet, kriggt hei 'n Koppel Jungens dahinder, wecke slaet, wecke smietet, un alle schrieet; balle kummt dei ganze Stadt tau Beine, un alles leppt hinderher un lachet un hulet; taulest kummt ook de Polezei un seggt: »Wat willt ji denne mit 'n Borgemester?« Hei seggt: »Dat is mien Wittkopp; hei hat mick fuffzig preusche Daler 'kostet, nu isse stolz 'woren un well mick nich mehr kennen un well nich anders wedder midde.« Da spele öhm awer dei Polezei wecke up, dat öhm alle Knöpe utsprüngen, un hei kamm in 't Lock. – Den Borgemester wören awer all vorrher alle Lüe gramm tauewesen, un nu könne sick gar nich mehr up 'r Strate schienen laten. Darumme was 't öhm leif, as de Buer wedder loskamm un bi öhm vorrsprook un tau öhm sä: »Wittkopp, Wittkopp, wat hebb ick um dick utestahn! Wutte denn nu midde?« Un de Borgemester fäll öhm um 'n Hals un sä: »Wu geren nich!« Un sei giengen tauhope los un giengen [132] na den Dorpe; da make de Buer 'n groot Fest un namm den Borgemester Wittkopp tau sienen Sohn an, un na sienen Doe kreig hei Hus un Hoff un Kisten un Kasten. Un Borgemester Wittkopp was 'n düchtiger Buer un was glücklicher as vorrher. Denn, segg sülwenst, wat is doch dat minschliche Leben!


Wenn ich komme, bin ich hier; Wenn ich braue, hab' ich Bier; Wenn ich backe, hab' ich Brod; Wenn ich sterbe, bin ich todt.

40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

40. Das graue Männchen.

Mündlich in Vollbüttel.


Es war einmal ein kleines herziges Mädchen, das hatte eine böse, böse Stiefmutter und mußte alle Tage ins Holz, um dürre Zweige zu suchen, und brachte es einmal ein kleines Bündel heim, so bekam es viele Schläge und wenig Brod. Einmal hatte es ein Stück mitbekommen, das war nach einem blanken Thaler zugeschnitten, und war gerade ebenso groß und dick, und das Kind dachte bei sich: »Sollst erst suchen und sammeln und das Eßen aufsparen bis auf den Heimweg«; und es suchte und sammelte, und der kalte Wind wehte ihm durch die dünnen und zerrißenen Kleider. Als es da nun stand und in die Händchen blies und sie rieb und bitterlich dabei weinte, denn es war Wintertag, kam ein graues Männchen daher und sagte: »Ich bin hungerig; gieb mir ein bißchen Brod!« Das graue Männchen aber sah so kläglich aus, daß das Mädchen sich nicht lange besann und ihm sein Stück Brod gab, welches so groß und so dick war wie ein Thaler; und das Männchen bedankte sich nicht und verschwand. Weil aber dem Mädchen die dünnen Finger so steif waren, konnte es nur wenig dürre Zweiglein brechen, und abgefallene fand es gar nicht mehr, da es heftig schneite, und der [133] Schnee alles bedeckte; so bekam es denn des Abends Schläge und mußte hungerig in das leere Bett. Am folgenden Tage gab ihm die Stiefmutter ein Stück Brod, das war nach einem blanken Gulden zugeschnitten und war gerade ebenso groß und dick, und das Kind dachte: »Sollst erst Zweige brechen und alsdann eßen;« und es brach, so viel es nur vermochte. Es schaffte jedoch nicht viel, denn die Händchen waren ihm von der Kälte gelähmt; und auf der Erde fand es gar nichts, denn der Schnee lag hoch und war oben hart gefroren. Als es da nun stand und bitterlich weinte, kam wieder das graue Männchen daher und sagte: »Ich bin hungerig; gieb mir ein bißchen Brod!« Es sah aber wieder so kläglich aus, daß ihm das Mädchen ohne Zaudern sein Stück Brod gab, welches so groß und so dick war wie ein Gulden; und das Männchen bedankte sich nicht und verschwand. Dießmal brachte das Kind nur ganz wenig Reiser heim, erhielt eine fürchterliche Strafe und mußte hungerig ins leere Bett. Den dritten Tag bekam es ein Stück Brod, das war nach einem blanken Groschen zugeschnitten und war gerade ebenso groß und dick; es war aber grimmig kalt, der Schnee knirschte unter den Füßen, und die Wölfe heulten vor Frost und vor Hunger; und das Mädchen dachte: »Sollst erst Zweige brechen und alsdann eßen.« Es konnte indes nicht ein einzig Zweiglein brechen, so matt war es und so starr vor Kälte; und als es da nun stand und bitterlich weinte, kam wieder das graue Männchen und sagte: »Ich bin hungerig; gieb mir ein bißchen Brod.« Und das Mädchen gab ihm sein Stück, welches so groß und so dick war wie ein Groschen. Da bedankte sich das graue Männchen, holte aus dem Busch einen warmen Mantel und hieng ihn dem Mädchen um, brachte ihm in einer goldenen Schale eine warme Suppe und gab ihm einen goldenen Löffel in die Hand. Und das Mädchen weinte und aß sich satt. Hierauf sprach das graue Männchen: »Weil du so gut gewesen bist, will ich dir jemanden schicken, über den du dich freuen sollst;« und es verschwand. Das Mädchen aber gieng nach Hause; und die Stiefmutter nahm den Mantel und die goldenen Sachen und gab sie ihrer rechten Tochter, und [134] als sich da alles in schlechte Dinge verwandelte, erhielt die Stieftochter noch schlimmere Strafe und mußte ins leere Bett; und sie betete zum lieben Gott und schlief ein.

Sie hatte aber kaum die Augen zugethan, so sprang eine weiße Katze in die Kammer und aufs Bett; und als das Mädchen erwachte und sich erschrak, sprach die Katze: »Fürchte dich nicht; ich thue dir nichts.« Und weil sie so warm war, nahm das Mädchen sie in den Arm und freute sich; denn seit dem Tode der Mutter hatte es immer allein schlafen müßen, und da war es im Winter immer so kalt im leeren Bett gewesen. Und das Mädchen streichelte die weiße Katze, und jedesmal leuchtete sie hell auf, und jedesmal sprang ein blankes Goldstück auf das zerrißene Brautkleid der seligen Mutter, mit dem es zugedeckt war. So gieng es eine volle Stunde, da sprach die Katze: »Ich muß nun fort; sammle das Gold und verwahre es.« Damit verschwand sie. Am andern Morgen sammelte das Mädchen alle Goldstücke und verwahrte sie; und als es ins Holz kam, um Zweige zu holen, lag ein gutes Bündlein da, und daneben stand eine goldene Schale voll warmer Suppe, und in der Schale befand sich ein goldener Löffel. Es aß sich satt, nahm Holz und Geräth mit, und als sich in den Händen der Stiefschwester das Gold wieder in schlechte Sachen verwandelte, bekam es wieder Strafe und wurde ins leere Bett geworfen. In der zweiten und in der dritten Nacht war es wieder so wie in der ersten und am zweiten Tage wie am ersten; als aber die weiße Katze in der dritten Nacht fortwollte, sprach sie: »Morgen früh sammle alle Goldstücke, sag keinem etwas davon und geh heimlich weg; so wird alles gut.« Das Mädchen sammelte am andern Morgen die Goldstücke und wollte fort; da indes dachte es: »Mußt doch von Mutter und Schwester Abschied nehmen!« Als diese aber das viele Gold sahen, nahmen sie es für sich, und plötzlich waren es lauter schlechte Sachen; da stieß die Stiefmutter das arme Mädchen aus dem Hause, trat es mit Füßen und jagte es hinaus in den Schnee und in den Sturm.

Jammernd irrte es draußen umher und gieng in den Wald und gieng immer weiter und stieg zuletzt auf einen Berg, der im [135] Walde lag. Hier schlief es ein. Und als es erwachte, konnte es nicht aufstehen; denn es befand sich auf dem Berge, in welchem die Zwerge wohnten. Und es schlief wieder ein. Da war es ihm, als ob ein schöner Knabe käme und trüge es auf seinen feinen weißen Händchen den Berg hinab. Als es die Augen aufthat, da schien es ihm wie ein Traum gewesen zu sein und noch zu sein; es irrte sich aber: ein schöner Zwerg hatte es wirklich in den Berg geholt. Da war es nun in einem großen goldenen Saale, hatte viele kleine Kinder um sich, und auf einem goldenen Throne saß das graue Männchen und war freundlich gegen alle. Und als sie gegeßen und getrunken hatten, giengen sie auf eine große Wiese und spielten und tanzten; das graue Männchen jedoch sah nicht zu: das gieng aus dem Berge in die Welt, um andere gute Kinder aufzusuchen, die viel Leiden hatten, und sie in das goldene Schloß zu holen oder ihnen sonst behülflich zu sein.

41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

41. Die Riesensteine.

Mündlich.


Hin und her zerstreut in der Lüneburger Heide findet man große Steinblöcke, Riesensteine genannt. Manches Jahr haben sich die Gelehrten den Kopf darüber zerbrochen, wie solche wohl dahin gekommen, und haben es nicht ergrübelt. Ich weiß es, denn ein Schäfer in der Heide hat mir's erzählt; und du sollst es nun auch erfahren, denn ich will dir erzählen, was mir der Schäfer gesagt hat.

Vor vielen hundert Jahren hausten in der Lüneburger Heide, besonders in der Gegend zwischen Fallersleben, Gifhorn, Ülzen und Lüneburg, drei Riesen, die waren so groß wie Bäume; eine ausgerißene Tanne war ihr Spazierstock, und sie waren der Schrecken der ganzen Gegend und trieben mit den Menschen ihr[136] Spiel, bald im Bösen, bald im Guten, wie es ihnen ihre Laune eben eingab. Besonders gieng es, wenn sie hungerig waren, den Müllern und Bäckern schlecht: den Windmüllern packten sie in die Mühlenflügel, daß das Gewerk plötzlich stille stand; den Waßermüllern legten sie sich quer durch den Mühlengraben und dämmten mit ihren Leibern das Waßer ab, und nicht eher wurden beide der Plagegeister los, als bis sie all ihr Mehl verbacken ließen und das Brod den Riesen gaben. Ebenso schlecht ergieng es den Bäckern, wenn sie nicht gleich zum Geben bereit waren: die Riesen legten ihre zarten Hände auf die rauchenden Schornsteine und bliesen auch wohl von oben hinein, daß der arme Bäcker mit Frau und Kind aus seinem eigenen Hause flüchten mußte vor Qualm; und wenn er alsdann seinen Vorrath von Lebensmitteln herausgab, so verzehrten sie alles und zogen lachend von dannen. Den Fuhrleuten hingegen, oder vielmehr den Pferden, waren sie oft gefällig: wenn die armen Thiere ihre Karren mühsam durch die schlechten Sandwege schleppten und nicht mehr weiter konnten; so kam oft ein Riese herangeschritten, warf die Pferde sammt dem Fuhrmann auf den Wagen und trug alles über die Sandschellen bis auf beßern Boden.

So trieben sie ihr Wesen manches Jahr, bis sie endlich dieser Tändeleien überdrüßig wurden und hin und her sannen, ob sie nicht ein Werk beginnen könnten, welches ihnen auf längere Zeit Beschäftigung gewähre und beßere. Und richtig! sie fanden eins. Die Qual der Pferde, die ihnen im Grunde lieber waren als die Menschen, war ihnen schon lange zu Herzen gegangen, und sie sprachen unter einander: »Wir wollen mitten durch die Heide eine Heerstraße bauen, die ihres Gleichen nicht haben soll auf Erden, und alle Fuhrleute, die dann noch ihre Pferde quälen, wollen wir auffreßen!« Denn Menschenfleisch war ihnen ein Leckerbißen. Als sie nun aber beginnen wollten, da, da fehlte es ihnen an Steinen, und in der Nähe waren nirgends welche zu haben. Zwar hätten sie solche leicht vom Harzgebirge holen können, doch dahin wagten sie sich nicht; denn sie hatten den Helljäger erzürnt, der dort wohnte, und mit dem ist nicht zu spaßen! Nun [137] aber wußten sie aus ihrer Jugendzeit, daß im Norden noch ein Land liege, wo es viele große Steine gebe; und so waren sie aus aller Verlegenheit. Denn war der Weg dahin auch noch so weit; was verschlug ihnen das? Alle vier Schritte eine Meile – das schafft schon was in einem Tage, und sie hatten noch dazu nicht im geringsten zu eilen. So schritten sie munter darauf los; aber, o weh! da kam ein großes Waßer! Doch auch hier wußten sie Rath: sie rißen große Eichen aus, machten eine Flöße davon und schifften rüstig durch das weite Weltmeer. Als sie in dem kalten Lande ankamen, das hinter der See in Mitternacht liegt, bröckelten sie Stücke von den Bergen so groß wie ein Haus und packten eins auf jede Schulter; zwei kleinere, so groß wie ein Backofen, steckte jeder in die Ohren, und so giengen und schifften sie zurück in die große Heide. Zuweilen freilich mußten sie tüchtig pusten, und dann flog der Sand vor ihnen her wie eine Wolke, was die Sandwehen in der Heide bezeugen bis auf den heutigen Tag; doch das machte sie nicht im mindesten irre: sie schichteten in kurzer Zeit bei Ülzen große Haufen auf.

Da aber wurden sie auf unangenehme Weise gestört! Einst hatte nämlich während ihrer Abwesenheit ein Imker daselbst seinen Bienenzaun aufgeschlagen, und die flüchtigen Thierchen zerstreuten sich hin und her durch die blühende Heide und trugen Wachs und Honig ein. Die Riesen achteten anfänglich nicht weiter darauf und zertraten mit ihren großen Füßen manche Biene; endlich jedoch wurden die harmlosen Thierchen wüthend und sannen auf Rache, und sie setzten sich den Riesen an die nackten Beine und zerstachen sie. Und als nun die Riesen nach ihnen schlugen und auf einmal viele todt klappten mit ihren großen Händen; da holten die Bienen ihre Königin und begannen einen Kampf auf Leben und Tod: zu Tausenden fielen sie über die mächtigen Riesen her; und mochten diese auch Tausende zerquetschen, was fragte die Bienenkönigin danach! Immer neue Schaaren summten herzu und bedeckten den Riesen Gesicht und Hände und Beine und zerstachen sie auf jämmerliche Weise. Da griffen diese zu [138] ihren Steinen und warfen sie mit solcher Gewalt unter die Bienen, daß mancher häusertief in den Boden sank, andere hingegen auf der Oberfläche blieben, wo du sie noch jetzt finden kannst, zum Zeichen, daß es wahr ist, was ich sage. Und die Bienen wurden immer zorniger und jagten die Riesen in der ganzen Heide umher; und überallhin warfen diese die Steine nach ihnen. Endlich indes mußten die gefährlichen Riesen den kleinen Bienen das Feld räumen, und sie flüchteten sich ans Meer. Doch auch hier fanden sie keine Ruhe vor den erbosten Feindinnen: diese setzten sich in großen Schwärmen auf sie, und in größter Qual stürzten sich die drei Riesen ins Meer und ertranken. Die Siegerinnen kehrten heim und trugen Wachs und Honig wie vorher; sie wißen es aber bis zu dieser Stunde noch recht gut, daß ihr Stachel wehe thut, deshalb darfst du sie nicht necken. Und die großen Steine kannst du auch noch sehen, wenn du in die Heide kommst, und der »Heidjer« nimmt und zersprengt sie, baut seine neuen Häuser darauf und nennt sie Riesensteine, was sie auch sind, wie du nun selber weißt.

42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

42. Der verwunschene Frosch.

Mündlich in Platendorf und in Hannover.


Es war einmal ein Kaufmann, der hatte drei Töchter, seine Frau aber war beim lieben Gott. Einst wollte er über das Weltmeer nach einem fremden Lande, um Gold und andere kostbare Sachen zu holen; und er tröstete die weinenden Kinder und sagte: »Ich bringe euch auch was Schönes mit! Was wünschet ihr euch?« Die älteste bat um ein seidenes Kleid; »es muß aber von dreierlei Seide sein.« Die zweite wünschte sich einen Federhut; »er muß aber dreierlei Federn haben.« Die jüngste endlich sagte: »Mir bring eine Rose mit, lieber Vater; sie muß aber frisch und[139] von dreierlei Farbe sein.« Der Kaufmann versprach es, küsste die Töchter und reiste weg.

Nachdem er in dem fremden Lande angekommen war, bestellte er für seine älteste Tochter das Kleid von dreierlei Seide, für die zweite den Hut mit dreierlei Federn, und beides war bald fertig und von seltener Pracht. Nun sandte er auch Boten aus durch dasselbige ganze Land, um für seine jüngste und liebste Tochter die dreifarbige Rose zu suchen; doch alle kamen mit leerer Hand zurück, obgleich der Kaufmann viel Gold ausgelobt hatte, und obgleich es dort mehr Rosen gab, als Gänseblümchen bei uns. Traurig fuhr er wieder heim und war die ganze Reise mismuthig; da kam er diesseit des Weltmeers an einem großen Garten vorbei, in dem gab es nichts als lauter Rosen und Rosen. Er gieng hinein und suchte, und siehe! auf einem schlanken Strauche mitten im Garten saß die dreifarbige Rose. Voller Freude brach er sie und wollte wieder zurück; da aber war er festgebannt, und eine Stimme hinter ihm rief: »Was willst du in meinem Garten?« Er sah hin, und ein großer Frosch saß dort am Ufer eines klaren Teiches, stierte ihn an mit seinen Glotzaugen und sagte: »Du hast meine liebe Rose gebrochen und bist dafür dem Tode verfallen, es wäre denn, daß du mir deine jüngste Tochter zur Frau gäbest.« Der Kaufmann erschrak und bat und flehte; es war aber alles vergebens, und so mußte er sich endlich entschließen, seine liebste Tochter dem häßlichen Frosch zu verloben. Da waren seine Füße gelöst, und er wanderte frei aus dem Garten; der Frosch aber rief ihm noch nach: »In sieben Tagen hole ich meine Gemahlin!«

Das war ein Herzeleid, als der Kaufmann der jüngsten Tochter die frische Rose gab und dabei den Vorfall erzählte! Und als der schreckliche Tag kam, kroch sie unter ihr Bett; denn sie wollte und wollte nicht mit. Um die Mittagsstunde aber kam ein stattlicher Wagen vorgefahren; und der Frosch schickte seine Diener ins Haus, die giengen stracks in die Kammer, holten die schreiende Jungfrau unter dem Bett hervor und trugen sie in den Wagen; die Rosse sprangen davon, und in kurzer Zeit [140] waren sie in dem blühenden Rosengarten. Mitten im Garten, dicht hinter dem klaren Teiche, stand ein kleines Haus; die Braut wurde ins Haus gebracht und auf ein weiches Bett gelegt, der Frosch aber sprang ins Waßer.

Als es dunkel wurde, und die Jungfrau aus ihrer Ohnmacht erwachte, hörte sie, wie der Frosch draußen im Teiche wundersüße Weisen sang; und je näher Mitternacht kam, desto lieblicher sang er, und immer näher und näher kam es heran. Um Mitternacht öffnete sich die Kammerthür, und der Frosch hüpfte auf ihr Bett; er hatte aber ihr Herz gerührt mit seinen süßen Liedern, und sie nahm ihn mit ins Bett und deckte ihn warm zu. Und am andern Morgen, als sie die Augen öffnete, siehe! da war der häßliche Frosch der schönste Königssohn von der Welt; und er dankte ihr herzlich und sagte: »Du hast mich erlöst und bist nun meine Gemahlin!« Da haben sie lange glücklich mit einander gelebt.

43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

43. Die Querpfeife.

Mündlich in Vollbüttel.


Einem Bauern starb die Frau, und als sie begraben und betrauert war, sagte der Bauer zu seinem Sohne: »Hans, ich will nicht wiederheiraten; sorge du nun für eine Hausfrau!« Da wurde Hans sehr traurig; denn er hatte noch viel weniger Lust dazu. Und der Vater wurde böse und sagte: »Was stehst du denn da, als wäre dir die Petersilie verhagelt!« Hans erwiderte: »Ich mag nicht heiraten, und mag auch nicht einmal daran denken.« »Warum nicht?« zürnte der Vater; »habe ich doch auch geheiratet und mich sehr wohl dabei befunden!« »Das glaube ich«, versetzte der Sohn, »ihr hattet die selige Mutter; ich aber, sollte ich mit einer Wildfremden leben?« Und der Vater mochte sagen, was er [141] wollte; Hans wollte nicht heiraten, und so holte jener selber eine neue Frau ins Haus. Das aber war ein Unglück für Hans; denn als die Stiefmutter einen Sohn bekam, wußte sie Hans und den Vater zu entzweien, und dieser jagte jenen aus dem Hause. Hans nahm sich die Schlackwurst aus dem Wiemen, schnitt sich einen tüchtigen Stock aus seines Vaters Busch und wanderte in die weite Welt.

Gegen Abend kam er in einen großen Wald, und er verirrte sich und war in großer Noth. Da raschelte es im Busch, und es trat ein graues Männchen zu ihm und sprach: »Ich bin hungerig; gieb mir ein wenig Eßen!« Hans griff in die Tasche, holte die Schlackwurst hervor und gab sie dem Männchen; und das Männchen griff in die Tasche, holte eine Querpfeife hervor, gab sie an Hans und sagte: »Wenn du in Noth kommst, blas!« und weg war es. Hans war müde, legte sich ins Gras und schlief ein. Am andern Morgen wanderte er weiter, und als er hungerig wurde, blies er auf der Flöte; da kamen zwei große Wolfshunde, und der eine hatte eine Wurst, der andere ein Brod im Maule. Hans aß sich satt und wanderte weiter. Gegen Abend kam ein Wolf und wollte ihn zerreißen; da blies er auf seiner Flöte, die Hunde waren da und zerrißen den Wolf. Als er am andern Tage hungerig war, blies er wieder, und die Hunde brachten ihm Brod und Wurst, und am dritten Tage machten sie's ebenso; und als am zweiten Tage gegen Abend ein Bär kam und wollte ihn zerreißen, da blies er auf seiner Flöte, und die Hunde waren da und zerrißen den Bären. Am dritten Tage gegen Abend kam er an eine Höhle; da wohnte eine Menschenfreßerin mit ihrem Sohne. Hans bat um Quartier, und jene sagten's ihm gerne zu; denn sie wollten ihn des Nachts erwürgen und freßen. Das hatte aber lange Weile! Denn als sie des Nachts in seine Kammer kamen und ihn tödten wollten, blies er auf seiner Querpfeife; da kamen die Hunde und zerrißen die Menschenfreßerin sammt ihrem Sohne.

Als Hans am andern Morgen erwachte, war er mitten in einer großen Stadt; die Hunde hatten ihn des Nachts dahin [142] getragen. Und der Wirth kam herein und sagte: »Habt ihr's schon gehört? in der vergangenen Nacht hat der Drache die Prinzessin gestohlen, und wer sie wieder holt, soll sie haben und König werden.« Hans gieng hinaus und folgte der Spur des Drachen. Es dauerte nicht so lange, so kam er wieder in den großen Wald, und unter einer großen Eiche lag der Drache, und die Prinzessin kraulte ihm den Kopf. Hans riß die Prinzessin weg; davon erwachte der Drache und wollte ihn freßen. Da blies er auf seiner Flöte, die Hunde waren da und zerrißen den Drachen. Nun brachte er die Königstochter zu ihrem Vater, und dieser sagte: »Willst du sie haben?« »Ja«, sagte er, »sie sieht aus wie meine Mutter, nur jünger und stolzer; drum will ich sie.« Und sie heirateten sich und haben lange in Frieden und Freuden mit einander gelebt.

44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

44. Aschenpöling.

Mündlich in Altenhagen.


Es waren einmal zwei Leute, die hatten elf Söhne und für keinen was zu eßen. Nun begab es sich, daß die Frau noch ein Kind gebar, und das war eine Tochter und sah aus wie eine Prinzessin. Doch so sehr die Eltern sich über das kleine Mädchen freuten; niemand im Dorfe freute sich mit, und niemand wollte Gevatter werden bei dem armen Würmlein. Darüber betrübte sich der Mann, und seiner Frau mochte er es gar nicht sagen. Eines Morgens gieng er in den Wald, um wie gewöhnlich Holz zu hauen; und als er sich müde gearbeitet hatte, legte er sich unter einen Busch und seufzte so recht aus Herzensgrunde. Da kam eine alte Frau hinter dem Busch hervor, die sah sehr traurig aus und sprach zu dem Holzhauer: »Was fehlt dir?« Er mochte es erst gar nicht sagen; zuletzt jedoch erzählte er alles, [143] was ihn drückte, und daß das kleine Mädchen so schön sei, und niemand wolle Gevatter werden. Da schüttelte die alte Frau traurig den Kopf, gieng mit, hielt das Kind über die Taufe, schenkte ihm drei blanke Goldstücke und verschwand. Und sie ließ nicht eher wieder was von sich hören, als bis das kleine Mädchen anderthalb Jahr alt war; da kam sie eines Tages wieder, bat sich die Kleine aus, und die Eltern gaben sie ihr gerne mit. Sie brachte aber das Kindlein in ihr Haus mitten im Walde, und das Mädchen wuchs und gedieh zusehends und wurde die schönste Jungfrau in der ganzen Welt.

An dem Tage, an welchem diese gerade ihren funfzehnten Geburtstag feierte, sprach die treue Pathin zu ihr: »Mein liebes Kind, ich muß dich auf drei Tage verlaßen. Hier hast du alle Schlüßel; besieh dir die Zimmer, so viel du willst; nur das, zu welchem dieser kleine goldene Schlüßel passt, öffne nicht. Gehorche meinen Worten, liebes Kind; du brächtest sonst großes Herzeleid über dich und über mich!« Und sie sah die Jungfrau so bittend an, daß es dieser durchs Herz gieng, und sie alles versprach. Den ganzen Tag aber war sie betrübt, daß sie sich zum erstenmal von der Alten verlaßen sah, und schloß keins der Zimmer auf; erst am andern Tage besah sie dieselben und staunte über all die Pracht und Herrlichkeit; doch das eine Zimmer, zu welchem der kleine goldene Schlüßel passte, öffnete sie nicht. In der Nacht aber hatte sie keine Ruhe, und fortwährend dachte sie: »Was mag nur in dem Zimmer sein, zu welchem der kleine goldene Schlüßel gehört?« Am anderen Morgen besah sie alle anderen wieder, vor dem verbotenen indes gieng sie erst lange hin und her; zuletzt aber meinte sie: »Sollst die Thür nur ein klein wenig öffnen und gleich wieder verschließen; das wird wohl nicht schaden!« Und so gewaltig ihr Herz klopfte; sie öffnete die Thür und sah hinein. Was aber erblickte sie da! An der Wand ihr gegenüber hieng ein großer Spiegel mit goldenem Rahmen, und aus dem Spiegel schaute eine wunderschöne Jungfrau, die hatte königliche Kleider an und trug eine goldene Krone auf dem Haupte. Daß sie selber die Jungfrau sei, das wußte sie nicht; [144] denn sie hatte nie einen Spiegel gesehen, auch trug sie ja kein königliches Gewand und keine goldene Krone. Als sie aber näher gieng, um alles beßer zu betrachten, stieß sie an ein Gefäß voll Menschenblut; sie erschrak und ließ ihren Nähring hineinfallen, und als sie denselben wieder herausholte, da war er voll Blut; und das Blut gieng nicht wieder weg, sie mochte reiben, so viel sie wollte. Eben hatte sie das Zimmer wieder verlaßen, da kam die treue Alte, sah den blutigen Ring und sprach: »Thörichtes Kind! Wann werde ich nun erlöst?« Und die Alte weinte bitterlich, faßte die Jungfrau bei der Hand, führte sie aus dem Hause und sagte: »Wir sind auf ewig getrennt, und eigentlich sollte ich recht böse auf dich sein! Ich kann es aber nicht, und hier hast du mein Pathengeschenk: so oft du dreimal stillschweigend auf dieß Kästchen klopfst und dir dabei etwas wünschest, so bekommst du es. Damit geleite dich Gott! Mir aber komm nie wieder vor die Augen!« Die Alte gieng ins Haus, verschloß es hinter sich, und die Jungfrau gieng schluchzend in den großen Wald.

Sie kannte aber den Wald nicht weiter, als wie sie von dem Hause der Gevatterin aus davon gesehen hatte, und so verirrte sie sich bald und wußte nicht ein noch aus. Und die Dornen zerfetzten ihr die Kleider und die Hände und das Gesicht; zu eßen hatte sie nichts als die Beeren, die da wuchsen, und schlafen mußte sie auf der kalten Erde. So war sie denn bald ein wahres Bild des Jammers. Da trug es sich zu, daß der König im Walde jagte; als das Mädchen aufsprang, um den Hunden zu entkommen, meinte er, es sei ein wildes Thier, und wollte es erlegen; da zum Glück erkannte er die Gestalt eines Menschen, ließ das Mädchen einfangen, und die Jäger nahmen es mit ins Schloß. Hier mußte es Holz und Waßer tragen und das Feuer schüren, und weil es dabei so voll Staub und Asche wurde, nannten es die Leute nicht anders als Aschenpöling.

Nun begab es sich, daß der König, der noch nicht lange König war, heiraten wollte und deshalb einen Ball ausschrieb, zu welchem alle Prinzessinnen geladen wurden; bei der Gelegenheit wollte er sich denn eine Gemahlin aussuchen. Gegen Mitternacht, [145] als Aschenpöling die Küche in Ordnung hatte, dachte sie: »Möchtest auch wohl einmal tanzen!« Und sie holte das Kästchen hervor, klopfte dreimal stillschweigend darauf und wünschte sich ein königliches Gewand; und sie nahm das Gewand, ringelte ihr goldenes Haar und gieng in den Saal. Der König tanzte eben mit einer schönen Königstochter; als er aber Aschenpöling eintreten sah, ruckte es in seinem Herzen, und er ließ die Königstochter stehen und tanzte mit Aschenpöling die ganze Nacht bis an den lichten Morgen. Da eilte die Jungfrau an ihre Arbeit, und der König mochte suchen und fragen, so viel er nur wollte, er fand sie nicht; und er war sehr traurig, und sein Herz wollte springen vor Sehnsucht. Am folgenden Abend war wieder Ball; und als Aschenpöling eintrat und ein noch schöneres Gewand anhatte, ließ der König wieder die Prinzessin stehen und tanzte mit Aschenpöling bis an den lichten Morgen. Als sie auch dießmal wieder verschwand, wurde er noch trauriger und aß und trank nichts denselbigen ganzen Tag. Des Abends tanzte er nicht eher, als bis Aschenpöling kam, die dießmal ein Gewand trug, wie zuvor noch nie ein Mensch gesehen hatte; und er tanzte mit ihr bis an den lichten Morgen, gab ihr einen goldenen Ring und dachte: »Dießmal kann sie nicht wieder fort; denn ich habe das ganze Schloß mit Soldaten umstellen laßen!« Sie konnte aber doch fort, denn sie blieb im Schloße, that ihr Küchenzeug an und war ein rechter Aschenpöling, weshalb sie der König nicht kannte. Dieser wollte vergehen vor Sehnsucht und schickte Boten in alle Welt, daß sie die schöne Jungfrau suchten. Indes keiner fand sie, und sie war so nahe! Am dritten Tage bemerkte der Koch den Ring an Aschenpöling's Finger; als er die Jungfrau darüber zur Rede stellte, nahm sie den Ring und warf ihn flugs in die Suppenschale. Da fand ihn der König, und er fragte den Koch, woher der Ring gekommen. Dieser erzählte ihm, was er von der Sache wußte; als nun der König in die Küche gieng, stand Aschenpöling da in demselben Gewande, das sie am ersten Abend getragen hatte, und das dem Könige von allen am besten gefiel. Und er nahm sie zur Gemahlin. Als sie aber zur Königin [146] erhoben war und die goldene Krone aufhatte, blickte sie zufällig in den großen Spiegel: da wußte sie, wen sie damals in dem goldenen Spiegel gesehen hatte. Und sie war eine edle Königin, und alle hatten sie sehr lieb.

45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

45. Der alte Schimmel.

Mündlich in Platendorf.


Es war einmal ein Graf, der führte ein wildes und unordentliches Leben und glaubte nicht an Himmel und Hölle. Nun lebte in dem Dorfe auch ein alter Bauer, der war noch reicher als der Graf und brauchte weder Zins noch Zehnten zu zahlen, und all sein Geld und Gut erbte einmal seine sittige Tochter. Er hoffte ihr aber noch etwas mit zu vererben, das ihm lieber war als all sein Vermögen; und dieß war ein steinalter Schimmel. Ein klügeres Thier ist nie in der Welt gewesen! Denn wenn es vor den Wagen gespannt war, und dem Bauern wäre die Fahrt verderblich gewesen, so gieng es nicht aus der Stelle, er mochte peitschen, so viel er wollte; ehe er das wußte, hatte er einigemal ein anderes Pferd genommen und war doch losgefahren, es hatte ihm aber immer Unglück gebracht. Zuletzt hat der Schimmel noch die Tochter des Bauern vor großem Leidwesen bewahrt, und das ist also zugegangen.

Der Graf hatte einen jungen Schäfer, der überall »der Schäferssohn mit der goldenen Kron'« hieß; niemand hatte ihm den Namen gegeben, und doch nannte ihn jeder so, auch wußten seinen rechten Namen nur wenige. Diesem Schäferssohn mit der goldenen Kron' war die Tochter des Bauern von ganzem Herzen zugethan, und er liebte sie von ganzem Herzen wieder, brachte ihr jeden Abend die schönsten Blumen mit, oder irgend ein Schnitzwerk, das er für sie angefertigt hatte, und schaute ihr lange [147] nach, wenn er sie sah, und sonst niemand zugegen war. Der Vater schien nichts davon zu merken; der Graf hingegen wußte alles und war empört darüber: er selber nämlich wollte das Mädchen zur Frau haben, weil es so reich, er aber mit seinem Vermögen fertig war. So gieng er denn hin zu dem alten Bauern und hielt um die Jungfrau an; dieser verwies ihn an die Tochter, und kaum hatten die Basen und die Gevatterinnen von der Bewerbung gehört, als sie das arme Mädchen so lange abquälten, bis es endlich unter Weinen und Schluchzen sein Jawort gab. Der Vater schüttelte den Kopf, war indessen unverzagt; hatte er doch noch den alten klugen Schimmel! – Und als der Hochzeitstag war, ließ er sich's nicht nehmen, er spannte seine Pferde dem Brautwagen vor; die des Grafen zogen den zweiten. Wie aber erstaunten alle Gäste und alle Zuschauer, als der alte Schimmel nicht von der Stelle wollte! Er ward geschlagen und gezerrt – er rührte sich nicht; man wollte ihn ausspannen – er schlug wüthend um sich und fletschte die langen Zähne; der Bauer selber kam herzu – er tobte nach wie vor. Endlich stieg auch die Braut, gegen die er stets wie ein Lamm gewesen war, vom Wagen, um ihn zu besänftigen; und kaum berührte sie den Boden, da machte er einen fürchterlichen Satz, der Wagen zerschellte an der Mauer des Hofes, der Graf brach den Hals, und auch der Schimmel war todt.

Einige Wochen darauf heiratete die reiche Bauertochter den Schäferssohn mit der goldenen Kron', und sie führten ein glückliches Leben. Nur mußten sie bald den alten Vater beerdigen; denn dieser grämte sich um den alten Schimmel so heftig, daß er kurze Zeit nachher starb.

46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[148] 46. Die zwölf ungerechten Richter.

Mündlich in Schliekum.


Vor nicht gar langer Zeit gieng einmal der Küster um Mitternacht bei Mondenschein über den Kirchhof und hörte in der Kirche einen Lärm, wie wenn gekegelt würde. Er lief zum Pastor und meldete es ihm; der aber lachte ihn aus und schickte ihn fort. In der folgenden Nacht gieng der Küster wieder über den Kirchhof und hörte denselben Lärm; und dießmal lachte der Pastor nicht, sondern sagte: »Ich darf nicht aufstehen, denn ich bin noch heiser von gestern; hört aber morgen Nacht noch einmal zu, und wenn dann wieder im Gotteshause gekegelt wird, so wollen wir nachsehen.« Am dritten Abend war es richtig gerade wie an den beiden vorhergehenden, und als der Küster den Pastor geweckt hatte, gieng dieser mit und fand alles so, wie es der Küster ihm beschrieben. Sie giengen jedoch nicht hinein, sondern verschoben es auf die folgende Nacht. Da aber war um zwölf Uhr der Mond noch nicht aufgegangen, und es blieb alles ruhig. Beim nächsten Mondenschein hörte der Küster denselben Lärm, und als er den Pastor gerufen hatte, sahen sie durch das Schlüßelloch und erblickten zwölf schwarz gekleidete Männer, von denen sechs mit Todtenköpfen kegelten, und die übrigen sechs sich bückten, als wenn sie Kegel aufrichteten; um eins aber war alles vorüber. Am folgenden Abend giengen der Küster und der Pastor früher hin, und da sahen sie denn, wie die zwölf schwarzen Männer um zwölf einen Sarg hinter dem Altare hervorholten, die Beinknochen und zwei Köpfe herausnahmen und mit diesen nach jenen kegelten, was wieder bis ein Uhr dauerte. Da verordnete der Pastor, der Küster solle da, wo die Kegel gestanden, einen Kreis ziehen, in denselben einen Stuhl und einen Tisch bringen, auf den Tisch drei Lichter stellen und zwei Schwerter kreuzweise über einander legen; dann solle er eine Bibel mitnehmen, sich während der [149] Geisterstunde auf den Stuhl setzen und im Evangelium St. Johannis lesen. Das that der Küster. Als es zwölf schlug, kamen die zwölf schwarzen Männer, holten die Beinknochen und die Todtenköpfe und wollten ihr Spiel treiben; weil sie aber nicht über den Kreis konnten, stellten sie die Knochen vor demselben auf und kegelten. Da begab sich's, daß ein Todtenkopf in den Kreis rollte; und die schwarzen Männer baten den Küster: »Gieb uns den Kopf heraus!« Der Küster aber erwiderte: »Wollt ihr ihn, so holt ihn!« und las in der Bibel. Die Männer baten dreimal dasselbige; der Küster jedoch antwortete nicht wieder. Als sie es aber zum drittenmal gesagt hatten, schlug es eins, und alles war verschwunden. Am andern Tage ließ der Pastor den Sarg öffnen, und da fand sich eine Rolle, auf der stand geschrieben: »Hier ruhen zwei unschuldige Männer, und diese sind bei Gott; die zwölf Richter jedoch, die sich haben bestechen laßen, sollen so lange bei Mondenschein mit den Knochen der beiden Männer kegeln, bis sie durch Gottes Wort verscheucht werden.« Und es geschah also. Wo aber die Seelen der zwölf ungerechten Richter geblieben sind, das weiß kein Mensch.

47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

47. Der brennende Hirsch.

Mündlich in Wunstorf.


Es waren einmal drei Brüder, die hießen Süden, Norden und Westen; Süden, der älteste von ihnen, liebte eine Königstochter und heiratete sie. Nun war er König von einem unermeßlichen Reiche und wohnte in einem großen goldenen Schloße, vor welchem drei hohe Bäume standen; seine beiden Brüder aber lebten bei ihm, und es war lauter Freude und Friede unter ihnen allen. Eines Tages wollten Norden und Westen in die weite Welt, um ihr Glück zu suchen; da wurde Süden traurig [150] und sprach: »Was fehlt euch hier? Bleibt doch bei eurem Bruder!« Als jene sich nicht erweichen ließen, fuhr er fort: »So will ich wenigstens ein Zeichen haben, ob ihr todt oder lebendig seid!« Und er ließ die hohen Bäume umhauen, tauschte für die drei Stämme drei Meßer ein und brachte die Brüder am folgenden Tage auf den Weg. Sie waren noch nicht lange gegangen, da kamen sie in einen großen Wald und am dritten Tage mitten im Walde an eine große Eiche; hier hielten sie den Abschiedsschmaus. Als sie gegeßen und getrunken hatten, steckte Süden stillschweigend die drei Meßer in den Baum und sagte alsdann: »Wenn mein Meßer rostig ist, so bist du todt, Norden; wenn Nordens Meßer rostig ist, so bist du todt, Westen; wenn Westens Meßer rostig ist, so bin ich todt. Ich werde oft genug nachsehen; kommt auch ihr alle Jahr und sehet nach.« Nun gaben sie sich die Hand und schieden; Norden schlug den Weg rechts, Westen den zur Linken ein, und Süden begab sich zu seiner Gemahlin zurück.

Als Süden am folgenden Morgen erwachte, wurde es draußen so hell, als ob die ganze Welt in Feuer und Flammen stehe; er sprang auf, schaute aus dem Fenster, und siehe! da lief ein brennender Hirsch vorbei, der machte es draußen so hell. Rasch kleidete Süden sich an und sprach zu seiner jungen Gemahlin: »Reich mir doch einmal die Flinte von der Wand!« Die Königin gehorchte, und Süden bestieg sein gutes Ross und jagte hinter dem Hirsche her. Doch der Hengst mochte ausgreifen, so weit er nur konnte; immer mehr entfernte sich der Hirsch, und endlich gegen Abend setzte er über einen Berg und verschwand Süden aus den Augen. Dieser indessen hatte nicht Rast noch Ruh: er sprang vom Pferde, erklomm den Berg und sah eben noch, wie der brennende Hirsch in den großen Teich sprang, der hinter dem Berge war. Doch auch da gab Süden sich noch nicht zufrieden, eilte vielmehr in das kleine Haus, welches oben stand, und sprach zu der Bewohnerin desselben, einer alten Frau mit einer eisernen Ruthe: »Gieb mir von deiner Salbe; ich muß und muß den Hirsch wiedersehen!« Die Frau erwiderte: »Willst du Salbe, so[151] hol sie dir aus dem Keller!« und als Süden stärker in sie drang, drohte sie mit ihrer eisernen Ruthe. Da verstummte jener und gieng selber in den Keller; denn hätte ihn die Alte mit der Ruthe berührt, so wäre er in einen Stein verwandelt worden. Es ergieng ihm aber dennoch sehr schlimm; die Hexe nämlich schloß den Keller hinter ihm zu, und er mochte noch so viel bitten und betteln, sie ließ ihn langsam da unten verhungern, und als er in den letzten Zügen lag, stieg sie hinab und berührte ihn mit der Ruthe; da war der arme Süden ein langer Stein. Sein treues Ross erwartete ihn unten am Berge drei Tage und drei Nächte; da weinte es helle Thränen und gieng nach dem Schloße zurück.

Eben war das Jahr zu Ende, da kehrte Norden von seiner Wanderschaft heim und hatte das Glück nicht gefunden. Als er nun an die große Eiche kam und Westens Meßer rostig fand, seufzte er und sprach: »So ist Bruder Süden todt?« Und er wanderte ins goldene Schloß, beweinte den Bruder und heiratete hierauf die junge Königin. Als er am Morgen nach der Hochzeit die Augen aufthat, war es ihm, als ob draußen die ganze Welt in Feuer und Flammen stehe; er sah zum Fenster hinaus und erblickte den brennenden Hirsch. Rasch kleidete er sich an und bat seine Gemahlin um die Flinte, er wolle den brennenden Hirsch erlegen; die Königin jedoch verweigerte sie ihm und erwiderte: »Süden ist fortgegangen und nicht heimgekehrt; willst du mich nun auch verlaßen?« Norden aber ließ sich nicht bedeuten; er ergriff die Flinte, bestieg sein gutes Ross und jagte hinter dem Hirsche her. Da ergieng es ihm, wie es Süden ergangen war: der Hirsch entfernte sich immer weiter und verschwand gegen Abend hinter dem Berge; Norden erklomm den Berg, sah das Thier ins Waßer springen, bat die alte Frau mit der eisernen Ruthe um Salbe, gieng, als die Hexe nicht wollte, in den Keller und wurde eingeschloßen. Hier setzte er sich nach vielem Pochen und Klopfen auf einen langen Stein, der am Boden lag, und als er eben sterben wollte, trat die alte Frau herzu und berührte ihn mit der eisernen Ruthe; da war auch [152] er ein langer Stein und sank neben Süden nieder. Sein treues Ross erwartete ihn unten am Berge drei Tage und drei Nächte; da weinte es helle Thränen und gieng nach dem Schloße zurück.

Als das zweite Jahr zu Ende war, kehrte Westen von seiner Wanderschaft heim und hatte das Glück nicht gefunden. Er gieng nach der Eiche, und ach! sowohl sein Meßer wie das des Bruders Süden – beide waren voll Rost. Traurig zog er ins goldene Schloß, beweinte Süden und Norden lange Zeit und heiratete hierauf die junge Königin. Am Morgen nach der Hochzeit wurde es draußen so hell, als ob die ganze Welt in Feuer und Flammen stehe; er sah zum Fenster hinaus und erblickte den brennenden Hirsch. »Reich mir einmal die Flinte von der Wand, daß ich den Hirsch erlege!« sprach er zu seiner Gemahlin, indem er sich ankleidete; diese brach in Thränen aus und erwiderte: »Süden und Norden sind dem Hirsche nachgejagt und sind nicht heimgekehrt; willst du mich nun auch verlaßen?« Er aber bog sich über das Bett der Königin, ergriff die Flinte, bestieg sein gutes Ross und sprengte hinter dem Hirsche her. Doch nimmer erjagte er ihn, und gegen Abend verschwand das Thier hinter dem Berge. In größter Hast kletterte er hinauf, und als der Hirsch ins Waßer gesprungen war, sprach er zu der alten Frau: »Gieb mir Salbe!« Sie verweigerte. »Gieb mir Salbe!« rief Westen, und als er es zum drittenmal gesagt hatte, und sie ihn schlagen wollte, faßte er die eiserne Ruthe unten beim hölzernen Griff, wand sie der alten Hexe aus der Hand und sprach: »Holst du mir nun nicht sogleich die Salbe, so verzaubere ich dich in einen Stein.« Da mußte sie wohl; und als sie im Keller war, schlug er die Thür zu und ließ sie da unten langsam verhungern. Nachdem sie eben verschieden war, gieng er auch hinein und berührte sie mit der eisernen Ruthe; da war sie ein krummer Stein und lag neben Süden und Norden. Als Westen aber seine Brüder sah, freute er sich; schnell holte er die Salbe, bestrich sie damit und schlug jeden dreimal mit der eisernen Ruthe: siehe, da waren sie lebendig! Das war ein Jubel!

[153] Am andern Morgen traten sie den Heimweg an; weil aber immer nur einer reiten konnte, so dauerte es ein volles Jahr, bis sie an die große Eiche kamen. Hier zog jeder sein Meßer heraus, und alle Meßer glänzten wie Silber. Als die Brüder da nun lagen und sich über dieß und das besprachen, sagte Westen plötzlich: »Wer soll denn nun aber die Königin haben? Ich denke, sie gehört mir; denn ich habe sie zuletzt geheiratet!« »Die hast du geheiratet?« rief Norden; »sie gehört mir, denn ich habe sie vor dir beseßen!« Und er faßte sein Meßer und erstach Bruder Westen. »Du hast mir meine Gemahlin geraubt?« schrie Süden; »das sollst du schwer büßen!« Und er faßte sein Meßer und erstach Bruder Norden. Da war nur noch Westens Meßer blank, und nur Süden noch am Leben. Dieser aber erschrak, als er sich allein sah, und kehrte traurig ins goldene Schloß zurück. Am andern Morgen kam der brennende Hirsch vorbei; doch Süden verfolgte ihn nicht, denn das Thier war roth wie Blut. Und weil es immer roth aussah wie Blut, jagte Süden es nimmer wieder; und weil der Hirsch nicht wieder verfolgt wurde, lief er jeden Morgen am goldenen Schloße vorüber und läuft daselbst bis an den jüngsten Tag.

48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche.

Mündlich in Altenhagen.


Zu alten Zeiten, als die Prinzessinnen noch nicht so vornehm waren, lebten einmal drei Königstöchter, die arbeiteten den ganzen Tag wie andere Mädchen, und dabei sangen sie so schöne Lieder, wie sie kein Mensch mehr singen kann. Eines Tages schien die Sonne so warm, und die Vögel zwitscherten lustig darein; da giengen die drei Schwestern in den Schloßgarten, und die älteste spann auf einem goldenen Rade, die zweite brachte die goldenen [154] Fäden auf einen goldenen Haspel, und die jüngste spielte mit einem goldenen Apfel; dabei sangen sie so wundersüße Weisen, daß alle Vögel stille schwiegen, um ihnen hernach die Töne nachsingen zu können. Nun trug sich's zu, daß der Apfel der jüngsten Königstochter in einen Busch rollte; sie bog die Zweige aus einander, und als sie ihn eben aufgenommen hatte, langte ein häßlicher Zwerg durch die Sträuche und trug sie fort; den goldenen Apfel hielt sie mit ihren feinen Händchen fest umklammert und nahm ihn mit. In demselben Augenblick faßten zwei andere häßliche Zwerge durch den hohen Busch, unter welchem die beiden anderen Königstöchter arbeiteten, und trugen sie fort; in ihrer Angst hielt die älteste das goldene Spinnrad, die zweite den goldenen Haspel fest, und sie nahmen beides mit. Die Zwerge aber liefen mit den Prinzessinnen in den großen Wald und brachten sie in eine tiefe Höhle. Da war alles von Gold, und den Königstöchtern gebrach es an nichts; sie waren indessen traurig und verzagt und aßen und tranken nur so viel, daß sie eben nicht verhungerten oder verdursteten. Als dem König das schreckliche Unglück gemeldet wurde, zog er mit allen Soldaten aus, und alle Bürger und Bauern suchten auch mit; die Prinzessinnen aber waren nicht zu finden.

Nun hatte der König eine Wache im Schloße zurückgelaßen, die bestand aus einem Offizier, einem Wachtmeister und einem Soldaten. Kaum war der König fort, so überredete der Offizier den Wachtmeister, sie wollten die Krone stehlen und alles Gold und alle Edelsteine. Hierauf suchten sie auch den Soldaten zu verführen; dieser jedoch weigerte sich der That und gieng nicht eher von seinem Posten, als bis der Offizier es befahl und ihn zu erstechen drohte; da wich er der Gewalt und trug alles fort, was jener ihm aufpackte. Das aber war sehr viel; und als sie in den großen Wald gelangten, legten ihm die anderen ihre Tracht auch noch auf, so daß er mit jedem Schritte glaubte niederbrechen zu müßen; jene derweil giengen lustig nebenher. So war es ihm denn große Freude, als plötzlich viele Zwerge aus den Büschen sprangen, den Offizier und den Wachtmeister [155] tüchtig durchbläueten und ihn selber von seiner Last erlösten, indem sie mit der Krone, dem Golde und allen Edelsteinen verschwanden.

Nachdem sich der Offizier und der Wachtmeister von ihrem Schrecken erholt hatten, wanderten alle drei weiter und gelangten bei dunkler Nacht an ein kleines Haus. Auf ihr Klopfen wurde herein gesagt, und sie traten ein; drinnen aber schien nichts Lebendiges zu hausen, und so setzten sie sich gemüthlich an den Tisch, der von Speisen und Getränken knackte, und schnabelierten wacker darauf los. Als sie satt waren, nahm der Offizier eine Tabakspfeife von der Wand und gieng in die Küche, um Feuer zu holen; während er nun die Asche durchsuchte, flammte plötzlich die Küche dreimal hell auf, und er erhielt jedesmal über Kopf und Hände einen Hieb wie von einer großen Peitsche. Entsetzt stürzte er zurück und schickte den Wachtmeister hinaus; diesem ergieng es geradeso, und nun mußte der Soldat in die Küche, und auch er bekam die drei Hiebe. Das machte ihn jedoch nicht irre; er sah vielmehr, als es hell war, nach oben, und siehe! im Wiemen schaukelte sich in einer großen Wurst ein Zwerg, der hatte eine grüne Peitsche, und so oft er die Peitsche rührte, blitzte es. »Laß das Schlagen sein, oder ich wehre mich!« rief der Soldat, und als jener noch nicht nachließ, setzte er eine Leiter auf den Feuerherd, stieg hinauf, ergriff den Zwerg beim Bart und schleuderte ihn zu Boden; den Bart behielt er in der Hand, und der Zwerg lief heulend aus dem Hause. Da war alles still, und die drei giengen zu Bett.

Am andern Morgen fanden sie, daß der Zwerg heftig geblutet hatte; sie giengen der Spur nach und kamen an eine tiefe Höhle. »Laßt mich hinab!« sprach der Soldat, als die beiden anderen nicht wollten; diese banden ihm ein Seil um den Leib und ließen ihn hinunter. Hier traf er auf mehrere Thüren, und wenn er sie öffnete, fand er nur leere Zimmer; endlich kam er an eine, da wurde auf sein Klopfen herein gesagt, und er fand die älteste Königstochter, die einem Zwerg, der auf ihrem Schoße schlief, das struppige Haar streichelte. Sie flüsterte ihm [156] zu: »Nimm das Schwert von der Wand, und haue ihm den Kopf ab!« Er war gern bereit dazu, konnte jedoch das Schwert nicht heben. Da sprach jene: »Nimm die Kruke vom Borde, und feuchte mit der Salbe die Gelenke!« Er that es und hieb dem Zwerg den Kopf ab. Nun dankte ihm die Königstochter und schenkte ihm das goldene Spinnrad; er führte sie an die Öffnung, band ihr das Seil um und ließ sie von seinen Gefährten hinausziehen. Auf dieselbe Weise erlöste er auch die zweite so wie die jüngste Prinzessin, jene schenkte ihm den goldenen Haspel, diese den goldenen Apfel, und beide wurden in die Höhe gezogen. Da aber kam das Seil nicht wieder herunter: der Offizier und der Wachtmeister waren mit den Königstöchtern davon gegangen und brachten sie ihrem Vater, dem Könige.

Der Soldat in der Höhle war in großer Noth; denn wie sollte er wieder auf die Erde kommen? Rathlos irrte er von Zimmer zu Zimmer, und da sah er denn endlich vor einem derselben die grüne Peitsche an einem Pflocke hängen. Nun war er getrost und gieng mit der Peitsche hinein. Hei! wie tanzte der Zwerg, als er den Soldaten erblickte! »Schaff mich hinauf!« rief dieser; »sehr gern!« rief jener. »Hole mir die Krone und die Kleinodien!« sprach der Soldat weiter, und als der Zwerg sauer dazu sah, zeigte er ihm die Peitsche; da lag die Krone auf dem Tisch, und von den Kleinodien fehlte nicht eins. Nun führte ihn der Zwerg auf die Erde, schenkte ihm einen Wagen mit sechs Pferden, und der Soldat jagte zum König in die Stadt. Als dieser die ganze Wahrheit erfuhr und die Krone nebst den goldenen Sachen sah, gab er dem Soldaten die jüngste Tochter und setzte ihm eigenhändig die Krone auf. Den Offizier sammt dem Wachtmeister wollte er hängen laßen; doch der junge König begnadigte sie und machte den Offizier zu seinem Kutscher und den Wachtmeister zu seinem Bedienten.

49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[157] 49. Vom großen Ziegenbock.

Mündlich.


An einem Winterabend saßen im Kruge zu Hüpede vier Männer; unter ihnen war einer, Grüne mit Namen, welcher in Gestorf wohnte und diesen Abend noch dorthin zurück mußte. Sie waren aber sehr betrunken und dachten an nichts, als plötzlich die Glocke zwölf schlug, und der Wirth Feierabend ansagte. Nun taumelten sie hinaus, und die drei Hüpeder riethen dem Gestorfer, nicht mehr nach Haus zu gehen, denn es sei nicht geheuer auf dem Wege; er jedoch erwiderte: »Ich muß noch nach Gestorf, und sollte ich auf einem Ziegenbock hinreiten!« Jene nahmen Abschied, und er machte sich auf den Weg. Als er ein wenig gegangen war, kam er an einen alten Zaun, und an dem Zaune stand ein Ziegenbock, der war so groß wie ein Ochs, hatte einen entsetzlichen feurigen Bart und ganz ungeheure Hörner. Grüne war plötzlich nüchtern vor Schreck, und der Ziegenbock hockte ihn auf, lief mit ihm fort und lief so rasch, daß dem Reiter fast der Athem ausgieng. Doch anfänglich war's noch einigermaßen zu ertragen; bald aber kamen sie in den Wald, und der Ziegenbock sprang immer mitten durch die dicksten Büsche, so daß Grüne gar arg zerrißen und an den Kleidern zerfetzt wurde. Er versuchte auch oft, sich an einem Strauche zu halten; doch alle Mühe, vom Bock auf den Boden zu gelangen, war vergebens. In kurzer Zeit hatten sie den Weg nach Gestorf zurückgelegt und waren bei Grüne's Hause; der Ziegenbock warf den ohnmächtigen Reitersmann ins Vorschauer und war verschwunden. Dieser lag hier eine halbe Stunde lang ohne Bewußtsein; da hörte seine Frau ihn ächzen und stöhnen und führte ihn ins Haus. Seitdem erscheint der große Ziegenbock jede Nacht um zwölf Uhr in Hüpede; manchmal sitzt auch jemand darauf. In der letzten Zeit hat er sich seltener sehen laßen.

50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[158] 50. Die hartherzige Haushälterin.

Mündlich.


In Wilkenburg lebte einst eine Haushälterin, die war unerhört hartherzig und ließ die Brodrinden lieber verschimmeln, als daß sie den Armen etwas gereicht hätte; ja, sie trieb es so arg, daß sie die Flehenden mit Hunden vom Hofe hetzte. Es war aber auch eine Magd im Hause, die hatte ein weiches Herz und steckte ihr Brod heimlich, damit jene es nicht merke, hinter die Wäschtonne; am Abend gieng sie dann ins Dorf und theilte es unter die Armen aus. Eines Morgens lag die Haushälterin todt im Bette; und sie hatte keine Ruhe im Grabe, sondern stand jeden Abend hinter der Wäschtonne und sah die Magd traurig an. Diese erzählte es endlich ihrer Herrschaft und erhielt zur Antwort, sie solle die Haushälterin fragen, was sie wolle. Die Magd aber fürchtete sich, und da wurden der Küster und der Pastor geholt. Am Abend stellten sich die drei zusammen an die Wäschtonne, und als es zwölf schlug, kam die Haushälterin. Da fragte die Magd: »Was willst du hier noch?« Jene antwortete: »Ich habe keine Gnade vor Gott, weil ich die Armen nicht gespeist habe; du hast Gnade die Fülle: so laß mich an deiner Gnade Theil nehmen! Willst du das?« Das Mädchen sagte zitternd ja. »Zur Bekräftigung deines Versprechens faße ich hier deinen Schürzenzipfel!« fuhr die Haushälterin fort; und so weit sie ihn angerührt hatte, war er kohlenschwarz. Seit dem Abend kam sie nicht wieder; aber nach vierzehn Tagen war auch das Mädchen todt.

51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[159] 51. Zwei Augen zu viel.

Mündlich.


In Hiddestorf war vor nicht langer Zeit eine Wittwe, die konnte des Sonntags auf eine merkwürdige Weise das leckerste Eßen kochen; denn wenn die Mägde des Morgens zur Kirche giengen, hatte sie noch kein Feuer angemacht, kein Gemüse gereinigt und noch nicht einmal Fleisch geholt, und wenn die Kirche aus war, stand jedesmal die beste Mahlzeit auf dem Tische. Weil das aber unmöglich mit rechten Dingen zugehen konnte, versteckte sich eines Sonntags in der Frühe ein Knecht hinter dem großen Faße in der Küche, um der Frau das Spiel abzulauern. Es mochte eben die Predigt angegangen sein, da rumorte es im Schornsteine, der Teufel kam herunter und liebkoste der Frau. Als er ihr darauf die Töpfe füllen wollte, hielt er plötzlich stille und sprach: »Frau, es sind hier zwei Augen zu viel!« Diese verneinte es. »Es sind hier zwei Augen zu viel!« sagte er noch einmal; da aber die Frau ihn verspottete, füllte er die Töpfe und fuhr durch den Schornstein hinaus. Als des Mittags alle bei Tische saßen, sprach der Knecht: »Ich mag nicht eßen; denn ich weiß, daß es vom Teufel kommt!« Kaum hatte er das Wort gesagt, da kam der Schwarze durchs Fenster, faßte die Frau beim Schopfe, drehte ihr den Hals um und flog mit ihr zum Fenster hinaus.

52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[160] 52. St. Peter langweilt sich.

Mündlich in Platendorf.


Einst machte St. Peter traurige Geschäfte im Himmel; denn nur höchst selten wurde draußen angeklopft, und wenn es ja einmal geschah, wer kam herein? Ein altes Mütterchen war es oder dergleichen, und das hatte keine Lust, ihm was zu erzählen. So schnitt er immer ein verdrießlich Gesicht. Der Herr merkte es recht gut, und endlich fragte er ihn: »Was fehlt dir, Petrus? Du siehst ja aus, als hätte eben der Hahn gekräht!« St. Peter erschrak, als hätte eben der Hahn gekräht; als er sich aber wieder gefaßt hatte, sprach er: »Was mir fehlt? Die armen Menschenkinder dauern mich; die fahren gewis alle zum Teufel!« Der Herr lachte und erwiderte: »Was du doch ein weiches Herz hast!« »Das habe ich auch!« versetzte St. Peter; »o Herr, erlaube mir, daß ich einmal zusehe, weshalb kein Mensch mehr kommt! Ich will sie schon auf den rechten Weg bringen!« Der Herr wußte recht gut, was seinem Apostel fehle; er sagte indes nichts davon und antwortete: »Es ist im Augenblick nicht viel für dich zu thun, und wenn jemand kommen sollte, so kann er wohl ein bißchen warten; denn vor dem Himmel ist es auch so übel nicht. So geh auf die Erde und predige; komm aber in drei Tagen wieder. Den Schlüßel häng so lange an den Haken hinter der Thür.« St. Peter machte ein pfiffig Gesicht, hieng den Schlüßel an den Haken, schlug die Thür zu, daß der ganze Himmel dröhnte, und gieng auf die Erde. – Auf Erden war es gerade in der Ernte, und weil so viel gewachsen war, und die Sonne so prächtig schien, war alles voller Freude. Als St. Peter sah, daß sie alle so lustig waren und immerfort sangen und tanzten, ohne sich um Gott und sein heilig Wort zu bekümmern, machte er erst ein ernst Gesicht und wollte predigen. Sie lachten ihn aber aus, luden ihn zu Fest und Schmaus, und so aß und trank er denn [161] frisch drauf los mit den übrigen. Es starben zwar auch Menschen; sie waren aber bald vergeßen, und wieder war alles heiter und guter Dinge. Aus den drei Tagen wurden acht Tage und vierzehn, und erst als drei Wochen verfloßen waren, kehrte St. Peter zum Himmel zurück. Und von all' den Menschen, die während der drei Wochen verstorben waren, saß nur ein einziger auf der Bank vor dem Himmel, und das war eine arme Mutter, die ihr Kind suchte.

Wieder hatte St. Peter ein ganzes Jahr seines Amts gewartet und hatte viel Langweil gehabt; denn es hatten nur wenige bei ihm angeklopft, nicht, als ob keine gestorben wären, nein, sie hatten nur keine Zeit gehabt, fromm zu leben und selig zu sterben. Und St. Peter machte ein Gesicht wie vorm Jahr und bat den Herrn, noch einmal auf die Erde zu dürfen, um den armen Menschenkindern Gottes Wort zu predigen. Der Herr erlaubte es und sprach: »Bleibe unten, so lange du willst.« – Als St. Peter auf die Erde kam, war es gerade wieder in der Ernte. Es war aber nur wenig gewachsen, und auch dieses kam nur spärlich ein, weil es fortwährend regnete. St. Peter gieng ins erste Dorf und predigte, und alle versammelten sich um ihn; und wo er einkehrte, wurde immer vor dem Eßen erst gebetet: »Jesu Christe, du frommer Gast, segne, was du bescheret hast!« und wo jemand starb, da war großes Herzeleid. St. Peter blieb dießmal nur drei Tage auf Erden; als er aber gen Himmel zurückkehrte, stand es so voll vor der Thür, daß er kaum durchkonnte, Jung und Alt, Reich und Arm bunt durch einander, und unter ihnen sogar ein Schneider. Es waren zwar nicht mehr Menschen gestorben in den drei Tagen, als vergangenes Jahr während der drei Wochen; alle hatten aber Zeit gehabt, fromm zu leben und selig zu sterben.

53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[162] 53. Die Zwerge im Perlberge.

Mündlich in Schellerten.


Vor langer, langer Zeit stand am Perlberge eine kleine Hütte, und in der Hütte lebte ein fremder Mann mit seiner Frau und einem Töchterlein. Rings um die Hütte lag auch ein großer Garten mit vielen Obstbäumen; weil aber in dem Garten ein tiefer Teich war, kam das Kind nur selten hinein. Einst gieng es wieder gegen den Herbst, und die Äpfel und Birnen waren reif; da sprach der Vater zu dem Töchterchen: »Komm, wir wollen den großen Birnbaum abkriegen.« Während nun jener pflückte und schüttelte, gieng das Kind aus der Gartenthür und stieg den Hügel hinan; als die Eltern es vermissten, suchten sie es im Teiche und überall und suchten es den ganzen Tag, fanden es aber nicht. Gegen Abend kehrte es heim und hatte ein Stückchen Kuchen in der Hand, von dem es eifrig aß. Als sie es fragten, wo es gewesen sei, antwortete es: »Auf dem Berge, bei den kleinen Kindern.« Am folgenden Tage wollte der Vater einen großen Apfelbaum abnehmen und gieng wieder mit der Tochter in den Garten. »Dießmal soll sie dir aber nicht wieder entschlüpfen!« dachte er und behielt sie lange sorgfältig im Auge; und sie entschlüpfte ihm doch auf den Hügel. Auf dem Baume saßen nämlich mitten unter den rothen Äpfeln viele weiße Blüten, und während er die betrachtete, vergaß er des Kindleins. Wieder suchten sie es den ganzen Tag, ohne es finden zu können, und als es gegen Abend heimkehrte, hatte es ein großes Stück Kuchen auf der Hand, das gab es den Eltern, da es selber satt war; es hatte aber auch viele schöne Spielsachen, die waren alle von Gold, und diese behielt es für sich selber und nahm sie mit in sein kleines Bett. Auf ihre Frage, wo es gewesen sei, antwortete es: »Auf dem Berge, bei den kleinen Kindern.« Am folgenden Tage wollte der Vater Zwetschen schütteln und nahm das [163] Kind wieder mit; und dießmal hatte er beßer Acht! Zwar saß ein wunderschöner Vogel auf dem Baume und sang, wie sonst kein Vogel singen konnte; der Vater aber ließ sich nicht bethören: er hörte nicht weiter auf den Vogel, sondern sah auf das Kind. Und als es aus dem Garten war, schlich er sachte hinterher, und als es auf dem Hügel war, sah er, wie eine kleine Thür aufgethan wurde, aus der es heller strahlte, als die Sonne. Eben wollte das Kind eine feine Hand ergreifen, die herauslangte; da faßte er es an und schlug mit seiner Faust auf die Hand, daß es drinnen schrie und jammerte. Nun setzte er sich auf die Kniee und schaute hinab, und welch eine Pracht! Ein großer Saal war da unten, und zahllose Zwerge saßen an einer güldenen Tafel und schmausten aus güldenem Geräth. »Da ist das Gold billig!« dachte er, nahm das Kind auf den Arm und holte einen blanken Spaten, grub mit demselben um die kleine Thür die Erde weg und stieg hinab. Weil aber die Zwerge ihn jämmerlich durchbläueten, eilte er wüthend nach Hause und setzte einen Keßel voll Waßer auf das Feuer, und als es siedend heiß war, goß er's von oben in den Saal. Das war ein Gewinsel da unten! In der Nacht wurde es laut am Perlberge: die Zwerge zogen weg und zerstörten ihrem Vertreiber den Garten und die Felder. Die übrigen Leute aber, die von den Zwergen viel Gutes genoßen hatten, merkten kaum den Abzug derselben, als sie herbeieilten und baten und bettelten, jene möchten bleiben. Das geschah nun freilich nicht; doch ließen sich ein Schuster, ein Schneider, ein Schmied, ein Bäcker und manche andere endlich bewegen, so lange zu bleiben, bis die Menschen, für die sie bisher immer gearbeitet hatten, ihnen die Künste abgelernt hätten. Aber die meisten konnten das Leben auf Erden und die menschliche Kost nicht vertragen und starben früh hinweg; einige machten sich bei Nacht und Nebel aus dem Staube, und nur wenige hielten länger Stand, unter diesen der Schmied, der hundertundsechzig Jahr alt wurde.

54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[164] 54. Die wilde Johanne.

Nach einem Aberglauben in Gravenhorst.


Es war einmal ein kleines Mädchen, das hieß Johanne. Die war so wild wie Waßer und unbändig wie der Wind und konnte keinen Augenblick ruhig sitzen, sondern brauste immer unstät umher wie eine Hummel. Gab es draußen was zu sehen, husch! war sie dort; jagte ein Wagen vorbei, hui! sie dahinter, und fort gieng's, daß ihr die Locken um den Nacken sausten. Und wenn nun die Mutter kiff und sagte: »Sei doch nicht immer so ungeberdig, du wilder Junge;« dann weinte sie und sagte trotzig: »Ich bin aber kein Junge und will auch keiner werden!« Und damit sprang sie fort über Stock und Stein, über Gräben und Hecken, durch Dick und durch Dünn, und jagte raschgeflügelten Schmetterlingen nach oder leichtfüßigen Hasen. Hört aber, wie es ihr ergieng.

Eines Tags erschien ein prächtiger Regenbogen. »Ei, da regnet es Gold und Blumen!« rief sie und fauste hin, um zu sammeln. Der Regenbogen aber ist eine Perlenbrücke, auf der die heiligen Engel zur Erde hernieder- und wieder zum Himmel emporsteigen. Wer selig gestorben ist, wandelt mit ihnen; so lange man aber auf Erden lebt, verhüllt der liebe Gott die Brücke, wenn man ihr nahe kommt. Deshalb kann man sie nur aus der Ferne sehen. Als nun Johanne dicht dabei war und schon wieder umkehren wollte, weil sie nichts mehr sah, wirbelte eine Windsbraut daher. Die nahm sie in ihre Arme, tanzte mit ihr unter dem Regenbogen hinweg und lachte und lachte; denn nun war Johanne ein Junge und hieß Johann. Denn jedes Mädchen, das unter einem Regenbogen durchläuft, ist flugs ein Junge.

Darum müßt ihr Mädchen immer hübsch sittig sein und nicht so wild umhersausen; sonst könnte es euch 'mal ebenso ergehen.

55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[165] 55. Vom schönen Schäfermädchen.

Mündlich.


Zu alten Zeiten lag Hannover nur auf dem östlichen Ufer der Leine; auf dem westlichen, wo jetzt die Neustadt ist, war nichts als Anger und Wiesen. Nun trug sich's zu, daß einmal ein junger und reicher gnädiger Herr aus Hannover über den Anger ritt und daselbst eine Schäferin erblickte, die war schöner als alle anderen Mädchen auf der Welt, und ihr langes und feines Haar war wie Gold und ringelte sich von selbst. Dem jungen Herrn lachte das Herz, als er sie sah; er stieg ab und setzte sich zu ihr ins Gras. Da sang sie ihm so süße Lieder, daß ihm ganz wundersam zu Muthe wurde; und sie gewannen sich sehr lieb und wollten einander heiraten. Am andern Tage kam er wieder, und sie war noch schöner und sang noch süßere Weisen; er aber war traurig und sprach zu ihr: »Mein Vater hat gesagt, du sollst nie meine Frau werden; doch ich bleibe dir treu und laße nicht von dir!« und er schwur es ihr, wie er's gestern geschworen hatte. Am dritten Tage kam er nicht wieder, und als sie abends einen Fischer fragte, warum wohl die Glocken so lange geläutet hätten, bekam sie zur Antwort: »Der junge gnädige Herr hat Hochzeit gehalten mit einem jungen gnädigen Fräulein.« Da sprang ihr das Herz entzwei, und sie wurde blaß wie der Tod. Am andern Morgen trieb sie wieder die Schafe aus; weil sie aber so betrübt war, mochten auch die Thierlein nicht eßen. Und sie sang so traurige Weisen und sang immer leiser und leiser und sprang vom hohen Ufer in die Leine. Sie hat aber keine Ruhe, jede Nacht taucht sie hervor, Fischer, die alsdann angeln, haben sie oft gesehen; ihr langes Haar fließt ihr bis auf die Fersen, und stets singt sie ihre traurigen Weisen. So wartet sie auf den jungen gnädigen Herrn, und nicht eher wird sie Ruhe finden, als bis sich ein reiner Jüngling aus Mitleid zu ihr ins Waßer stürzt.

56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[166] 56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!

Mündlich in Allersleben.


Vor nicht langer Zeit, ältere Leute haben's noch mit erlebt, mußte die Kirche in Allersleben ausgebaut werden. Die Zimmerleute kamen auf dieß und das zu sprechen und, weil sie eben in der Kirche waren, auch auf Gott und Gottes Wort. Nun war einer unter ihnen, der war ein rechter Heide und suchte alles Heilige gemein zu machen, ja, spottete sogar über unsern Herrn und Heiland selber. Die anderen verwiesen ihm das, wie sich's gebührt; er aber erwiderte: »Er thut mir nichts, denn er ist gar nicht da und ist auch nie gewesen!« Damit meinte der schnöde Mensch den heiligen Gottessohn. Und er nahm seine Stichart, gieng zu dem hölzernen Kruzifix ob dem Altar und wollte – den andern standen die Haare zu Berge – das Christusbild in die Seite stechen. Während er aber das Eisen hob und dabei sprach: »So wenig hier Blut kommt, so wenig ist je –« kehrte eine unsichtbare Gewalt das Werkzeug gegen den Spötter selber, so daß es diesem in die Seite fuhr, und das dunkle Blut hervorsprang. Und das Blut lief immerzu und drang durch die dicksten Verbände und wurde immer dunkler und dunkler und zuletzt ganz schwarz; der Spötter starb aber immer nicht und konnte nicht zu Gnaden kommen. Er wurde auch hungerig und durstig; aber was er aß und trank, kam alles aus der Wunde wieder heraus und half ihm nichts. Zuletzt drang aus der Wunde nur noch eine dicke schwarze Masse, und weil die so über alle Maßen ekelhaft roch, wurde der gottlose Mensch auf einen Schweinekoben gesperrt. Da ist er am dritten Tage unter schrecklichem Geheul verschieden. – Nach einem andern Erzähler hat er dem heiligen Bilde den Stich wirklich beigebracht, und zwar unterhalb des Knies; dafür ist dem Bösewicht selber von unsichtbarer Hand am Knie eine Wunde geschlagen, aus welcher Blut sammt Speise und Trank gefloßen.

57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[167] 57. Vom dicken fetten Pfannekuchen.

Mündlich in Salzdahlum.


Es waren einmal drei alte Weiber, welche gern einen Pfannekuchen eßen wollten; da gab die erste ein Ei dazu her, die zweite Milch und die dritte Fett und Mehl. Als der dicke fette Pfannekuchen fertig war, richtete er sich in der Pfanne in die Höhe und lief den drei alten Weibern weg und lief immerzu und lief kanntapper, kanntapper in den Wald hinein. Da begegnete ihm ein Häschen und rief: »Dicke fette Pannekauken, blief stahn, eck will di fräten!« Der Pfannekuchen antwortete: »Eck bin drei olen Wiebern entlopen un schölle di Häschen Wippsteert nich entlopen?« und lief kanntapper, kanntapper in den Wald hinein. Da kam ein Wolf herangelaufen und rief: »Dicke fette Pannekauken, blief stahn, eck will di fräten!« Der Pfannekuchen antwortete: »Eck bin drei olen Wiebern entlopen, Häschen Wippsteert und schölle di Wulf Dicksteert nich entlopen?« und lief kanntapper, kanntapper in den Wald hinein. Da kam eine Ziege herzugehüpft und rief: »Dicke fette Pannekauken, blief stahn, eck will di fräten!« Der Pfannekuchen antwortete: »Eck bin drei olen Wiebern entlopen, Häschen Wippsteert, Wulf Dicksteert und schölle di Zicke Langbart nich entlopen?« und lief kanntapper, kanntapper in den Wald hinein. Da kam ein Pferd herbeigesprungen und rief: »Dicke fette Pannekauken, blief stahn, eck will di fräten!« Der Pfannekuchen antwortete: »Eck bin drei olen Wiebern entlopen, Häschen Wippsteert, Wulf Dicksteert, Zicke Langbart un schölle di Perd Plattfaut nich entlopen?« und lief kanntapper, kanntapper in den Wald hinein. Da kam eine Sau dahergerannt und rief: »Dicke fette Pannekauken, blief stahn, eck will di fräten!« Der Pfannekuchen antwortete: »Eck bin drei olen Wiebern entlopen, Häschen Wippsteert, Wulf Dicksteert, Zicke Langbart, Perd Plattfaut un schölle di Su Haff nich entlopen?« und lief kanntapper, kanntapper in den Wald hinein. Da kamen drei [168] Kinder daher, die hatten keinen Vater und keine Mutter mehr und sprachen: »Lieber Pfannekuchen, bleib stehen! Wir haben noch nichts gegeßen den ganzen Tag!« Da sprang der dicke fette Pfannekuchen den Kindern in den Korb und ließ sich von ihnen eßen.

58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

58. Schlangenkönigin.

Mündlich in Ribbesbüttel.


Vor langer Zeit hausten in Deutschland neben anderen wilden Thieren auch viele Schlangen. Über alle Schlangen aber und alle Thiere herrschte Schlangenkönigin; denn mitten in ihrer goldenen Krone war ein herrlicher Edelstein, welcher blitzte wie ein Sonnenstrahl, und welcher die Kraft besaß, alle Mächte der Natur seinem Besitzer unterthänig zu machen. Ihr Heereslager war eine große Grube, welche sich im Schatten einer Eiche befand, deren Stamm zehn Männer nicht umklammern konnten, und deren Äste so dick wie Bäume waren. Da ruhte sie mit ihrem zischenden Hofstaat.

Schon viele Ritter hatten der Schlangenkönigin die Krone vom Haupte zu reißen versucht, vornehmlich des Steines willen, mit dessen Hülfe sie große Thaten vollbringen wollten; aber alle waren von den wüthenden Schlangen zerfleischt und verzehrt. Nun lebte damals ein junger Königssohn, das war ein kühner Held; ungeschreckt durch das klägliche Ende der übrigen, wollte auch er sein Leben dran wagen, um den Stein zu gewinnen, und ritt in der heiligen Johannisnacht wohlgemuth in den gefahrvollen Strauß.

An den Ästen hieng die Nacht; Eulen und Wölfe heulten durch den Wald; Glühwürmer sprühten umher, und über alle Bäume schoß der Stein seine Strahlen. Bald war der Held bei [169] der Grube, ritt dreimal um sie herum, während er inbrünstig betete, spornte sein edles Thier, sprengte hinüber und trennte während des ungeheuern Satzes mit dem Schwerte die Krone vom Haupt der Schlangenkönigin. Zischend fuhr sie aus dem Schlafe empor; zischend ringelten sich alle Schlangen in die Höhe, strebten wie fliegende Pfeile hinter dem Reiter her, und in wenig Minuten hatte ihn ein großes Thier eingeholt und saß auf seinem Nacken. Er aber schleuderte den Mantel sammt dem Ungeheuer zu Boden und rettete sich glücklich in seine nahe Burg.

Am andern Morgen war von dem Mantel nur noch ein Häuflein, das wie Häckerling aussah; das Reich der Schlangenkönigin aber war zu Ende, und der Königssohn wurde durch die Kraft des Steins berühmt durch alle Lande.

59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

59. Von den drei Heilebarts.

Mündlich in Ribbesbüttel.


Üt was 'mal en Fösterjunge, dei härr keinen gröttern Wunsch as na 'ner blanken Büsse un düchtig wat drin; dei Föster härr awer fülwenst man 'n elennig Kauhbein, wu sagg nu wol den Jungen sien ut! Ummet Äten stund üt akkerat sau: mannigesmal schriee den armen Jungen sien Magen as en leddigen Möhlenstein; dat leiwe Brod, wat vorr öhn affäll, was gewöhniglich sau hart as Knibbersteine, un wenn öhm tauwielen de Happen in Halse stecken blewen, weil de Vorrkost nich tau geneiten was, sä dei ole Giezfinke: »Na, wutte wedder 'mal den Bikörischen spelen? Teuf, ick will dick noch dat Höltjeappelfräten lehren!« un fluche dabie, dat den Jungen gans grulich tau Sinne wörd. Wat wulle awer maken? Sien Vader härr in Kriege int Gras bieten möst, as de Junge noch nich up 'r Welt was, un siene Mutter härr sick gliek naher darower tau Doe grämet. [170] Sau härr hei nu keinen Minschen up 'r Welt as den olen Föster, dei sienen Großvadern sien Braudernsohn was, un dei ole Föster was sau tau seggen ook kein Minsche. Dat ick awer nich leige! in Dorpe wohne noch 'ne ole Frue, dei sneit öhm mannigesmal 'n orrentlichen Kniemen.

Eist inner Flasstrecketied gieng de Junge int Holt un härr sien ole rustrige Scheitding up 'n Puckel; dei Ole stund in der Döer un keik öhm nae un stockele sick de Tähne, wenngliek sei nist 'getten härren as grote Bohnen un Bottermelk. As jünne an den Diek kamm, dei midden in Holte lag, sagg hei da drei Heilebarts, twei ole un 'n jungen, dei söchten sick Fische un Ütschen. Nu härren sei awer den Föster vorr 'n paar Dagen sien eine Küken uppefräten, deswegen schöll de Junge sei scheiten, wu hei se fünne. Hei dä 't nich geren, denn hei heilt 't eigentlich vorr 'ne Sünne; awer hei was bange vorr Plockfüer un tieleke na den einen Heilebart. Da reip düsse: »Lat üsch lewen! lat üsch lewen! du schast ook 'ne blanke Büsse hebben!« un dei andere, dei Sei, sä: »un 'ne ganze Göppsche vull blanke Kugeln!« Da leit hei se geren lewen un hale sick dei gladden Sachen un freue sick, as wenn hei 'n Lork an Stricke härre; un as hei weg wolle, sä dei lüttje Heilebart: »Du hast üsch veel 'schenket, sau will ick dick ook wat schenken: ick will dick 'n Spruch lehren; wenn du den dreimal herbäest, sau drippst du alles, wat du wutt. Hei is awer hodütsch un hett:


›Gewehr, bleib bei deiner Kunst,

Mutter Marie auf ihrer Zunft,

Kugel, ich beschwöre dich bei dem allmächtigen Gott,

Daß du nicht gehest hü oder hott!‹


Nu bedanke sick dei junge Föster un gieng in de wiee Welt.«

Hei was noch nich lange lopen, da kamm hei in 'ne Stadt, da härr en Drake de Königsdochter 'stohlen. Dat was 'n Spetakel! Un dei König härr utraupen laten: »Wer se wedderbringt, schall se hebben un de Krone datau!« Jungens wören 'r nämlich nich. Dei Lüe wüßten gans gut, wu de Drake lagg; doche wer woll sick mit den inlaten! Kuem awer härr de junge[171] Föster von den Unglück 'hört, da make hei sick up int Holt, un as hei dat gruliche Deierd fund, sä hei hille sienen Spruch her un schicke den Draken einen int grote Muel, dat dei Kugel an andern Enne wedder herutkamm. Da was hei 'r mal 'wesen! Nun giengen sei tauhope in Slott un maken Hochtied un lewen sehr glücklich mit 'nander, denn dei Königsdochter was ook kein bettjen stolz, sondern sau recht gemein un niederträchtig; un as dei ole König storf, kreig dei junge Föster Riek un Krone.

60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

60. Vom Branntewein.

Mündlich in Gilde.


Es war einmal ein Soldat, der sich ganz und gar vom Trunke beherrschen ließ. Da er übrigens gut war, suchten die Offiziere ihm jenes Laster abzugewöhnen. Eines Tages hatte er Zimmerwache; da stellten sie frühmorgens eine Flasche Branntewein auf den Tisch, legten funfzig Thaler daneben und sagten, wenn er während des Verlaufes zweier Stunden das Trinken laße, solle er all' das Geld haben.

Arbeit ist gut für Aberwitz; aber Müßiggang ist des Teufels Ruhebank. Während des Kehrens und Ordnens gedachte der Soldat weder des Geldes noch des Brannteweins; kaum aber war letzteres Geschäft beendet, als ihm beides lebhaft vor die Seele trat, und er zum Tische gieng und fand, daß das Geld gar lieblich anzuschauen und von dem Branntewein gut zu trinken sei. Da er aber aus Erfahrung wußte, daß bei ihm der Gaumen stärker sei als Gesicht und Gehör, Vernunft und Verstand; so kehrte er sich rasch ab, gieng in der Stube auf und ab, hin und her und sagte dabei:


»Branntewein, du sollst wohl stehn!

Das Geld ist mir 'mal lieber!«

[172] Darauf gieng er wieder auf und ab, hin und her, und so oft er die Flasche erblickte, sprach er:

»Branntewein, du sollst wohl stehn!

Das Geld ist mir 'mal lieber!«


Nach etwa einer Viertelstunde blieb er am Tische stehen, sah die Flasche an und sagte: »Möchte doch wißen, ob's wohl vielleicht Doppelschnapps wäre.« Doch kehrte er sich wieder weg, gieng auf und ab, hin und her und sagte:


»Branntewein, du sollst wohl stehn!

Das Geld ist mir 'mal lieber!«


Nach abermal fünf Minuten sagte er: »Ei, muß doch wißen, was es für Ware ist! Will 'mal proben; das kann keiner sehen.« Doch setzte er die Flasche wieder hin, gieng auf und ab und sagte:


»Branntewein, du sollst wohl stehn!

Das Geld ist mir 'mal lieber!«


Nach einer Minute gieng er wieder hin, nahm die Flasche, setzte sie an den Mund und probte. Dann stellte er sie hin und machte Kehrum, besann sich aber sogleich, probte wieder, und probte und probte, und probte alles aus. Und auf einen Schemel sinkend, sprach er:


»Laß das Geld zum Teufel sein! Der Branntewein ist mir lieber!«

61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

61. Warum das Meerwaßer salzig ist.

Mündlich in Leer und in Hannover.


Es war einmal ein lieber, wackerer Knabe, der hatte weiter nichts auf Erden als eine blinde Großmutter und ein helles Gewißen. Als er nun aus der Schule war, wurde er Schiffsjunge und sollte seine erste Reise antreten. Da sah er, wie alle seine neue Kameraden mit blankem Gelde spielten, und er hatte nichts, [173] auch nicht den geringsten Mutterpfennig. Darüber war er traurig, und er klagte es der Großmutter. Sie besann sich erst ein wenig, dann humpelte sie in ihre Kammer, holte eine kleine alte Mühle heraus, schenkte sie dem Knaben und sprach: »Wenn du zu dieser Mühle sagst:


›Mühle, Mühle, mahle mir

Die und die Sachen gleich allhier!‹

so mahlt sie dir, was du begehrst; und wenn du sprichst:

›Mühle, Mühle, stehe still,

Weil ich nichts mehr haben will!‹


so hört sie auf zu mahlen. Sag aber nichts davon, sonst ist es dein Unglück!« Der Junge bedankte sich, nahm Abschied und gieng aufs Schiff. Als nun wieder die Kameraden mit ihrem blanken Gelde spielten, stellte er sich mit seiner Mühle in einen düstern Winkel und sprach:


»Mühle, Mühle, mahle mir

Rothe Dukaten gleich allhier!«


da mahlte die Mühle lauter rothe Dukaten, die fielen klingend in seine lederne Mütze. Und als die Mütze voll war, sprach er nur:


»Mühle, Mühle, stehe still,

Weil ich nichts mehr haben will!«


da hörte sie auf zu mahlen. Nun war er von allen Kameraden der reichste; und wenn es ihnen an Speise fehlte, indem der Schiffshauptmann sehr geizig war, sprach er nur:


»Mühle, Mühle, mahle mir

Frische Semmeln gleich allhier!«


so mahlte sie so lange, bis er das andere Wort sagte; und was er auch sonst noch begehrte, alles mahlte die kleine Mühle. Nun fragten ihn die Kameraden wohl oft, woher er die schönen Sachen bekomme; doch da er sagte, er dürfe es nicht sagen, drangen sie nicht weiter in ihn, zumal er alles ehrlich mit ihnen theilte.

Es dauerte aber nicht lange, da bekam der böse Schiffshauptmann Wind davon, und das war Waßer auf seine Mühle. Eines Abends rief er den Schiffsjungen in die Kajüte und sprach: »Hole deine Mühle und mahle mir frische Hühner!« Der Knabe [174] gieng und holte einen Korb voll frischer Hühner. Damit jedoch war der gottlose Mensch nicht zufrieden: er schlug den armen Jungen so lange, bis dieser ihm die Mühle holte und ihm sagte, was er sprechen müße, wenn sie mahlen solle; den andern Spruch aber, wenn sie aufhören solle, lehrte er ihn nicht, und der Schiffshauptmann dachte auch nicht daran, ihn darum zu fragen. Als der Junge gleich nachher allein auf dem Verdeck stand, gieng der Hauptmann zu ihm und stieß ihn ins Meer und dachte nicht daran, wie viel Sorge und Mühe er Vater und Mutter gemacht hatte, und wie die blinde Großmutter auf seine Rückkehr hoffte; daran gedachte er nicht, sondern stieß ihn ins Meer und sagte, er sei verunglückt, und meinte, damit sei alles abgethan! Hierauf gieng er in seine Kajüte, und da es eben an Salz fehlte, sagte er zu der kleinen Mühle:


»Mühle, Mühle, mahle mir

Weiße Salzkörner gleich allhier!«


da mahlte sie lauter weiße Salzkörner. Als aber der Napf voll war, sprach der Schiffshauptmann: »Nun ist's genug!« doch sie mahlte immerzu, und er mochte sagen, was er wollte, sie mahlte immerzu, bis die ganze Kajüte voll war. Da faßte er die Mühle an, um sie über Bord zu werfen, erhielt aber einen solchen Schlag, daß er wie betäubt zu Boden fiel. Und sie mahlte immerzu, bis das ganze Schiff voll war und zu sinken begann, und ist nie größere Noth auf einem Schiffe gewesen. Zuletzt faßte der Schiffshauptmann sein gutes Schwert und hieb die Mühle in lauter kleine Stücke; aber siehe! aus jedem kleinen Stück wurde eine kleine Mühle, gerade wie die alte gewesen war, und alle Mühlen mahlten lauter weiße Salzkörner. Da war's bald ums Schiff geschehen: es sank unter mit Mann und Maus und allen Mühlen. Diese aber mahlen unten am Grunde noch immerzu lauter weiße Salzkörner, und wenn du ihnen nun auch den rechten Spruch zuriefest, sie stehen so tief, daß sie es nicht hören würden. Siehe, davon ist das Meerwaßer so salzig.

62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[175] 62. Der Müller und die Frösche.

Mündlich in Druffelbeck.


Es war einmal ein Müller, der hatte eigentlich gar kein Herz: stehlen wie er hat wohl noch niemand gekonnt; doch noch schlimmer war es, daß er Kalk und andere unverdauliche Sachen unter das Mehl mischte und die armen Leutlein mit Hunden vom Hofe hetzte. Einst kam ein lahmer Mann auf seinen Krücken in die Mühle gehinkt, streckte die zitternde Hand aus und bat um ein Stücklein Brod. Der Müller fluchte, riß dem Unglücklichen die Krücken weg, warf ihn in eine Kiste voll grober Kleie und wälzte ihn um und um; und als er ihn bis aufs Blut gepeinigt hatte, gab er ihm die Krücken wieder und trieb ihn vom Hofe, indem er ihn mit einer Peitsche um die kranken Beine schlug. Der Bettler weinte helle Thränen, und die sah Gott der Herr vom hohen Himmel. Als der Wütherich in seine Mühle zurückkehrte, stand das Gewerke still; er sah nach, und siehe! zahllose Fröschlein wimmelten im Bach und auf der Wiese und hatten das Waßer ausgetrunken bis auf den letzten Tropfen. Weil aber niemals Waßer wiederkam, die Fröschlein tranken es immer weg, raffte der Müller seine Schätze zusammen, zog weit, weit in ein anderes Land und kaufte sich eine andere Mühle. Kaum jedoch gehörte die Mühle ihm, so waren wieder zahllose Fröschlein da und tranken das Waßer aus bis auf den letzten Tropfen; und wohin er sich wenden mochte, der Fröschlein wurde er nimmer ledig, und nie wieder hat er weißes Mehl gemahlen, und endlich ist er verhungert und hat also ein jämmerliches Ende genommen.

63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[176] 63. Hackelnberg.

Nach der mündlichen Erzählung eines Köhlers.


Tief im Gewalde des Harzgebirges, in einem engen Thale, weit von allen menschlichen Wohnungen entfernt, stand am Ufer eines Gießbachs eine einsame Hütte. Einige Stangen, welche mit ihren Spitzen in die Erde gesteckt, oben zusammengebunden und mit Strauchwerk und Rasen bedeckt waren, bildeten das kunstlose Gebäude; vier oder fünf Ziegen weideten in der Nähe, und mehrere rauchende Meiler umher bezeichneten die Hütte als den Aufenthalt von Köhlern. Und so war es auch. Hans und Ernst, Vettern und treue Freunde, hatten sich in diese ferne Gegend begeben, um den Sommer hindurch emsig ihrem Gewerbe nachzugehen. Sie waren kräftige Jünglinge, durch die Sonne gebräunt und durch Ruß geschwärzt. Mit mächtigen Schürbäumen in den Händen und in tiefe Gedanken versunken, standen sie und warteten ihrer Meiler. Hans, der ältere von beiden, hatte daheim eine Braut, bei welcher er mit seinem Sinnen verweilte, während die Phantasie des jüngern nach den fernen Ruinen des »Acker« hinüberschweifte, und er von Schlößern und Burgen und deren Insaßen träumte. Er war hochfahrenden Sinnes und hätte gar zu gern den Schürbaum mit dem Schwert vertauscht und wäre ein Ritter und Buschklepper geworden wie jene, von denen er so oft gelesen. So verschieden aber auch die Gemüther der Vettern waren, in einem Punkte stimmten ihre Wünsche überein: reich hätten sie sein mögen, recht reich, um zur Erfüllung ihrer Wünsche zu gelangen; jener, um seine Geliebte heimzuführen, dieser, um ein vornehmes Leben zu führen. Wenn sie mittags oder nach vollbrachtem Tagewerk ihr einfaches Mahl zusammen verzehrten, dann pflegten sie wohl öfter ihre Gedanken auszutauschen und ihre Sehnsucht einander mitzutheilen und sich entweder die Zukunft mit glänzenden Farben zu malen, oder über [177] die trüben Bilder der Wirklichkeit zu seufzen. So geschah es auch heute.

Die Sonne näherte sich ihrem Untergange, ihre letzten Strahlen vergoldeten die Bergkuppen rings umher, während es im Thale allgemach dämmerte. Noch einmal giengen die Jünglinge von Meiler zu Meiler, dieselben sorgfältig untersuchend, ob alles in Ordnung sei; dann warfen sie die Schürbäume bei Seite, wuschen sich Gesicht und Hände im Bach, lockten die Ziegen zusammen, banden sie fest und eilten nun dem Eingange der Hütte zu. Neben demselben war eine Bank; auf diese ließen sie sich nieder und träumten. Als der Abend kühler wurde, rafften sie dürres Reisig zusammen, legten einige Scheite darauf und zündeten ein Feuer an, das lustig emporpraßelte und die Umgebung erhellte; sie aber saßen wieder und schauten trübsinnig hinein.

Endlich brach Hans das Schweigen. »Höre, Ernst,« sprach er, »dieses Leben ertrage ich nicht länger; die Sehnsucht nach meiner Elsbeth zehrt schier an meinem Leben. Tag und Nacht denke ich an sie; ich mag nicht ohne sie sein, und doch weiß ich nicht, wann und wie sie die Meine werden soll. Das elende Kohlenbrennen fristet kaum mein eigenes kümmerliches Dasein! Tausend Pläne haben schon meinen armen Kopf durchkreuzt; aber der eine ist am Ende so unausführbar wie der andere.«

»Nun nun«, erwiderte Ernst, »meinst du etwa, mir wär's Honigseim, hier einsam meine Tage zu verlungern, Holz zu fällen und zu spalten und die schwarzen Dinger daraus zu schwelen, ob ich gleich fühle, daß ich Größeres leisten könnte? Zwar sind deine Wünsche nicht die meinigen, aber dennoch haße ich unser Gewerbe. Täglich gemahnen mich die verfallenen Gemäuer der alten Burgen, die du dort herüberwinken siehest, daß es noch Gegenden giebt, wo der Ritter auf sein gutes Schwert vertrauen darf und Recht hat, weil er der Stärkste ist. Ach, ein herrliches Leben! – – Ich wüßte wohl einen, der uns helfen könnte, aber ...«

»Halt«, unterbrach ihn Hans, »male den Teufel nicht an die Wand! Auch ich habe schon oft in schlafloser Nacht an ihn gedacht, [178] verzeih mir's Gott! doch möchte sein Gold uns leicht Fluch statt Segen bringen.«

»Possen«, lachte Ernst, »Gold ist Gold, wenn es nur gediegen ist; und Hackelnberg's Gold ist reiner, als das beste aus dem Rammelsberge! Hätten wir nur genug davon; werden's in Goslar schon nehmen, und die Goldschmiede verachten's auch nicht.«

Während die Freunde solche und ähnliche Gespräche führten, brach die Nacht herein. Das Feuer war fast erloschen; frisches Reisig und andere Scheite warfen sie hinein, und es loderte von neuem hell auf und warf seinen Schein weit umher. – Die Nacht war prachtvoll, Sagen und Märchen hiengen an allen Ästen, zahllose Sterne leuchteten am tiefblauen Himmel, kein Lüftchen regte sich; nur hin und wieder wurde diese feierliche Sabbathstille durch das Rauschen eines Nachtvogels unterbrochen. Dieß alles bemerkten die Freunde nicht; in sich gekehrt, saßen sie wieder da, jeder über seinen eignen Gedanken brütend. Urplötzlich drangen wunderbare Töne zu ihnen herüber und schreckten sie aus ihren Träumen. Aus weiter, weiter Ferne, hoch oben aus der Luft schallte es wie Rüdengebell, das Hifhorn tönte dazwischen, die Hetzpeitsche knallte, und deutlich hörten sie den Jagdruf des Jägers. Da merkten sie, Hackelnberg sei im Anzuge mit seinem Heer, liefen bestürzt in ihre Hütte und wagten kaum zu athmen. Und immer näher und näher kam die wilde Jagd, lauter schallte das Gekliffe und Geheul der Meute, heller tönte das Hifhorn, heftiger knallte die Peitsche, und deutlicher wurde der Ruf: »Hiho! hiho! hallo!« Jetzt war sie über ihnen, und rund um ihre Hütte rischelte und raschelte es im Grase und Untergebüsch, wie wenn Hunderte von Teckeln die Fährte des Wildes verfolgten. Eiskalt lief es ihnen den Rücken hinunter, und ängstlich lugten sie durch die Fugen ihrer Hütte. Da sauste es plötzlich durch die Luft, und sie sahen Knochen dahergeworfen, groß und dick wie starke Pferdeknochen, die flogen gerade in ihr Feuer, daß die Lohe hoch auffuhr, und die Funken weit umherstoben. – Weiter und weiter zog der Hackelnberg mit seinem Gefolge, und endlich war alles wieder still wie zuvor. Neugierig traten die Jünglinge aus [179] der Hütte, nach den hingeworfenen Knochen zu schauen. War es ein Blendwerk des Bösen, oder war es Wahrheit? Kaum hatten sie das Feuer aus einander geworfen, so blinkten ihnen Goldbarren entgegen, rein und gediegen, als kämen sie eben aus dem Treibofen, und blendeten das Auge mit ihrem Glanze.

»Herr, führe uns nicht in Versuchung!« betete Hans, während Ernst in ungemeßnen Jubel ausbrach. »Meine Träume, meine Träume!« jauchzte er, »endlich sind sie erfüllt! Bruder, Herzensbruder, jetzt sind wir reich genug, überreich; jetzt können wir leben nach unsers Herzens Gelüsten! Komm, laß uns theilen; unser Jammerleben hat ein Ende, und man soll sehen, daß wir ebenso gut den großen Herrn spielen können wie andere Leute!«

»Da sei Gott vor«, erwiderte Hans, »daß mir das Metall ein Fallstrick zum Bösen werde! Nein, Ernst, ich mag des vielen Goldes nicht; nur so viel begehre ich, mir ein Häuschen und einen kleinen Acker zu kaufen, wo ich, vereint mit meiner Elsbeth, mich meiner Hände Arbeit ernähren und dem Dürftigen ein Almosen reichen kann; das übrige behalte dir.«

»Wie du willst«, sagte Ernst, bei dem schon die Habsucht sich regte, »steht dein Sinn nicht höher, mag's so sein; je weniger du nimmst, desto mehr bleibt mir; will's schon gebrauchen, daß es eine Freude sein soll.«

Unter solchen Reden brach der Tag an. Und sie ließen Kohlen Kohlen und Meiler Meiler sein, nahmen ihren Schatz, den sie kaum zu tragen vermochten, wanderten fröhlich und wohlgemuth Goslar zu und trugen ihn geraden Weges zur Münze, wo ihnen viele tausend blanke Goldstücke dafür ausgezahlt wurden. Nur um eine Tasche voll bat Hans, die übrigen ließ er seinem Vetter. Dann nahmen sie unter Thränen und Glückwünschen Abschied von einander, und jeder zog seines Weges.

Ins Thüringerland begab sich Ernst, kaufte sich Land und Leute, baute sich hoch oben auf einem Berge eine stolze Burg, hielt sich viele Mannen und begann sein Ritterleben. Wie er vorher geträumt, so that er nun: mit eiserner Faust herrschte er über seine Unterthanen, in wildem Übermuth lagerte er sich an[180] die Landstraßen und plünderte die friedlichen Kaufleute, die arglos ihres Weges zogen. Die Drohungen des Landgrafen verlachte er in seinem Felsenneste und lebte mit seinen Genoßen in Saus und Braus. Bald war sein Name berüchtigt im Lande, und er ein Schrecken für jedermann. Doch nur wenige Jahre währte seine Herrschaft; der Kaiser selbst legte sich ins Mittel. Er forderte den stolzen Ritter vor seinen Richterstuhl, und als er nicht erschien, that er ihn in die Reichsacht und schickte ein Heer aus, dieselbe zu vollziehen und ihn todt oder lebendig auszuliefern. Die Burg wurde erobert und dem Erdboden gleich gemacht; den Ritter selbst aber bekamen sie nicht in ihre Gewalt: er war verschwunden; niemand wußte, wo er geblieben.

Ganz anders ergieng es dem ehrlichen Hans. Kaum hatte er sich von seinem Vetter getrennt, so fiel ihm ein: »Der Gerechte erbarmet sich auch seines Viehes.« Er gedachte seiner Ziegen, die sie ohne Futter verlaßen hatten, kehrte zunächst nach der einsamen Hütte zurück, und während die Thiere die gereichte Nahrung verzehrten, übersah er noch einmal gerührten Sinnes den Schauplatz seiner bisherigen Thätigkeit. Dann führte er die zutraulichen Geschöpfe mit sich und gieng dem Dorfe Sieber zu, wo Elsbeth ihn freudig empfieng. Er erzählte ihr sein Glück, und beide dankten Gott in innigem Gebete und flehten zugleich um Beistand, des Schatzes wohl zu gebrauchen. Und ihr Gebet fand gnädige Erhörung. Nachdem der Segen der Kirche sie vereinigt, kauften sie ein Gütchen bei Herzberg und schafften und wirkten in Gottseligkeit mit treuem Fleiße. Und siehe, was sie vornahmen, gedieh ihnen zum Segen, so daß sie bald zu den wohlhabendsten Leuten der Gegend gehörten. Das erfuhren denn auch die Armen und Nothleidenden in reichlichem Maße; mit vollen Händen theilten jene ihnen Spenden, und die besten Segenswünsche begleiteten die Wohlthäter auf ihren Wegen. Und der liebe Gott schenkte ihnen zwei süße Kinder und damit viele Freude. Oft nach vollbrachtem Tagewerke unterhielten sie sich über ihr Glück und priesen den Hackelnberg ob seines herrlichen Geschenkes.

[181] So saßen sie auch eines Winterabends in traulichem Gespräch. Draußen heulte der Sturm, daß die benachbarten Eichen krachten, und die Fenster von Zeit zu Zeit klirrten, wenn Schnee und Regen gegen dieselben schlug. Im Stübchen aber war's behaglich: ein lustiges Feuer loderte im Kamin und verbreitete seine erquickende Wärme; zwei bequeme Lehnseßel standen daneben, zwischen denselben ein sauber gedeckter Tisch, und auf dem Tisch das dampfende Abendbrod nebst einer Kanne Warmbier. Die Kinder waren schon zu Bett, und die Eltern ließen abermals Vergangenheit und Gegenwart an ihren Blicken vorübergleiten und machten Pläne für die Zukunft. Auch des fernen Vetters gedachten sie, und wie es ihm ergehen möge; denn keine Kunde von ihm war zu ihren Ohren gekommen. Da vernahmen sie plötzlich ein Klopfen an der Hausthür, das immer ungestümer wurde. »Wer mag zu solcher Zeit und bei solchem Wetter noch wandern?« sprach Hans, indem er die Lampe vom Tische nahm, um nach dem Pocher zu sehen. »Wer da?« rief er auf der Hausflur, und eine klägliche Stimme antwortete: »Ach, ein armer, sehr armer Wanderer, der euch für eine Nacht um ein Obdach bittet; ich kann nicht weiter in dieser stürmischen Nacht!« »Glaub's wohl!« entgegnete Hans und öffnete mitleidig die Hausthür. Herein trat ein Mann, in Lumpen gehüllt. Er war noch in den besten Jahren, aber Kummer und Noth hatten tiefe Furchen über sein Gesicht gezogen, das bei dem ungewissen Scheine des Lichtes geisterbleich erschien. »Wer seid ihr?« fragte Hans erschrocken; aber stumm stand der Fremde und stierte ihn an. »Kommt herein«, fuhr Hans fort; »ihr seid durchnäßt und vom Wetter verklamet; ein war mer Trunk und trockene Kleider werden euch wohlthun.« Und er ergriff den Wanderer bei der Hand und führte ihn ins warme Zimmer, wo er sogleich seine Kleider wechseln und den einen Seßel am Kamin einnehmen mußte. Jetzt wiederholte Hans seine Frage, und »Hans, kennst du mich denn gar nicht mehr?« war die Antwort, die der andere hervorschluchzte. »Ich bin dein reicher Vetter Ernst, jetzt der Ärmste in Gottes weiter Welt, arm an Geld, arm an Freunden, ohne Heimat, [182] ohne Ehre, ohne Frieden in der Brust!« Weinend fiel ihm Hans um den Hals, und Ernst erzählte ihm nun seine ganze Geschichte wahr und offen. »Ja«, so schloß er seine Erzählung, »mag ich auch alles verloren haben; doch ist mir das Gleichnis vom verlornen Sohn im Gedächtnis geblieben, und meine höchste Noth brachte auch in mir den Entschluß hervor: ›Ich will umkehren und zu meinem Vater im Himmel gehen, ihm meine schweren Sünden bekennen und fortan ein Leben führen, das ihm geweiht sein soll.‹ Dich, Hans, wollte ich aufsuchen, damit du mir zur Ausführung meines Vorhabens behülflich sein möchtest, und nun führt mich der Herr selbst durch sein Wetter so unvermuthet in deine Behausung. Ach, Hans, hilf mir, wenn du es vermagst!«

Hoch erfreut sah Hans die Umkehr seines Freundes und erwiderte: »Bleibe bei uns, Ernst, wir haben gottlob! genug für uns alle, und du kannst mir die Wirthschaft führen helfen.« Auch Elsbeth bat ihn darum.

Dankbaren Herzens schlug Ernst in die dargebotene Rechte des Freundes und führte, geheilt von seinem Stolze, noch viele Jahre ein stilles, heiteres und glückliches Leben im Kreise ihm befreundeter Seelen. So war das Geld doch ein Segen für alle geworden, und noch die spätesten Enkel und Urenkel erzählen ihren Kindern die Geschichte vom Schatze des Hackelnberg.

64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

64. Güggel und Hüendli.

Haupt's Zeitschrift f.d.A. 3. Band.


Der Güggel het einisch zue sine Hüendlene gseit: »Chömmet weidli i d' Stuben ufe goh, Brotbrösmele zämmebicke ufem Tisch' euse Frau isch ußgange goh, ne Visite mache.« Do säge do d; Hüendli: »Nei nei, mer chömme nit; weißt, d' Frau balget amme mit is.« Do seit der Güggel: »Se weiß jo nüt dervo! Chömmet[183] er numme; se git is doch au nie nüt Guets.« Do säge d' Hüendli wider: »Nei nei, 's isch uß und verby, mer gönd nit ufe.« Aber der Güggel het ene kei Ruei glo, bis se endlich gange sind, und ufe Tisch, und do Brodbrösmeli zämmegläse händ in aller Strenge. Do chunt justement d' Frau derzue und nimmt gschwind e Stäcke und steubt se abe und regiert gar grüseli mit ene. Und wo se do vor em Hus unde gsi sind, so säge do d' Hüendli zum Güggel: »Gse gse gse gse gse gse gsehst aber?« Do het der Güggel glachet und numme gseit: »Ha ha han is nit gwüßt?« Do händ se chönne goh.

65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

65. Die Mainacht.

Meklenburgische Jahrbücher 1840.


In der Mainacht kommt einstmals ein Bote von Schwerin aus bei Jülchendorf vorbei. Dort ist ein Eichengehölz und in demselben ein Berg. Beim Vorübergehen hebt er seine Augen auf und sieht auf dem Berge ein großes Getümmel von Menschen, tanzend, speisend, trinkend, die Gläser anstoßend. Kaum faßt der Gipfel den dichten Haufen; weit über alle ragt aber hoch empor ein stattlicher Riese. Der Bote legt sich ermüdet im Thale nieder, um den Ausgang der Sache zu sehen. Da weht es plötzlich durch die hohen Eichen, und der Riese steht vor ihm. »Alter«, spricht er, »bist hungerig und durstig; willst miteßen und mittrinken? Sei nicht blöde! komm! Dir soll ein köstliches Mahl werden.« Mancher Schnurrbart würde sich lange besonnen haben, was zu thun sei; der Mann gieng aber mit. Eine Tafel war auf des Berges Spitze gedeckt; an derselben muß er obenan sitzen. Köstliche Speisen, dicker Reis und Grapenbraten werden aufgetragen und feines Brod. Vor ihm auf dem Tische tanzen gruppenweise in größter Eilfertigkeit kleine, daumenlange Menschen [184] und besorgen die Aufwartung. Unter ihnen erkennt er mit Schrecken eine Bauerfrau aus seinem Dorfe. Silberne Löffel und Meßer werden vor ihn hingelegt; er soll eßen, er will, köstlich ist ja die Speise; allein er kann Löffel und Meßer nicht heben. Das verdrießt ihn. Da kommt die alte Bauerfrau auf ihn zu und spricht: »Willst eßen und kannst nicht? Armer Mensch! Der dir gegenüber sitzt, hindert dich. Spei ihm ins Angesicht, so wird's dir gelingen mit Meßer und Löffel.« Er zögert; aber der Reis ist braun gezuckert, der Pfannkuchen fett, und das Schwarzsauer duftet lieblich. Er ermannt sich, hebt sich halb vom Stuhle und speit dem gehäßigen Gegner ins Angesicht. Da faßt ihn plötzlich ein Sturmwind und wirft ihn rücklings den Berg hinab, daß die veralteten Glieder zerschellen, und er ohnmächtig daliegt. Reisende treffen ihn am andern Morgen und bringen ihn nach Hause. Lange muß er krank liegen. – So rathen Hexen.

66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

66. Der im Walde schlafende Bauer.

Journal von und für Deutschland 1786.


Zu Stockhum in Böhmen war einmal ein Bauersmann, der vor Geiz nicht mehr wußte, was recht oder unrecht sei, dem der Sonn- und Festtag gleich einem Alltag, so wie alles Heilige gemein war, ja, der sogar Gottes und seines Wortes spottete. Endlich aber kam die Stunde, in welcher Gott ihn zum Abscheu und Schrecken aller Menschen machen wollte.

Es war am Lichtmesstage Mariä; sein frommer und gottesfürchtiger Knecht Joseph hatte sich vorgenommen, mit anderen Christen sich zu erbauen, und hatte sich bereits angekleidet, um in die Frühkirche zu gehen. Da sprach der gottlose Mensch zu [185] ihm: »Wo willst du hin?« Der Knecht antwortete: »Ich will zur Kirche beten gehen.« Hierauf erwiderte jener: »Kirche hin, Kirche her! heute ist nicht Zeit zur Kirche! Da spann an und fahr mit in den Wald nach Holz! Heute kommt weder Vogt noch Förster; da können wir sicherer einen Baum fällen oder auch zwei!« Der Knecht stellte ihm vor, daß dieß ein heiliger Festtag sei, den Gott und Obrigkeit zu feiern geboten hätten; der Bauer aber versetzte: »Was Festtag! was Festtag! Desto beßer, so störet uns niemand!« Der Knecht sprach: »So muß man sich doch vor Gott fürchten!« Der Bauer erwiderte: »Ei was! Gott schläft heute; er weiß viel, ob wir Holz fahren oder nicht!« und trieb mit solcherlei Spottreden den Knecht an, daß er anspannen und mit ihm in den Wald fahren mußte. Als sie nun einen großen Baum gefället und aufgeladen hatten, sagte der Bauer nochmals zu dem Knecht: »Siehst du, Joseph, Gott hat geschlafen, und der Jäger auch! Fahre nur zu, daß du aus dem Wege kommst; ich will nur eine Pfeife Tabak anstecken und hinten nachkommen!« Hiemit setzte er sich auf den Stock, wo sie den Baum gefället hatten; der Knecht aber fuhr nach Hause. – – Man wartet einige Stunden; es kommt aber kein Bauer nach. In höchster Angst geht der Knecht wieder zurück um ihn zu suchen; er findet ihn endlich auch, aber wie! Auf dem Stock sitzt er und schläft, die glimmende Tabakspfeife im Munde. Er will ihn aufwecken; doch der Bauer hört und fühlt nicht. Er sucht ihn mit Gewalt von dem Stock zu ziehen; doch vergebens! er kann ihn nicht von der Stelle bringen. So eilt denn der treue Knecht nach Hause, erzählt das Unglück und meldet's auch der Obrigkeit und dem Prediger. Hierauf macht man Anstalt, den Schläfer zu erwecken und aus dem Walde zu holen; so sehr man sich aber bemühet, es ist alles vergebens! Man spannet Pferde an; doch keins ziehet, und die Stränge bleiben schlaff. Endlich will man den Stock unter ihm durchschneiden; sobald aber die Säge angesetzt wird, gehet Blut aus dem Stock, und also kann man auch hiemit nichts ausrichten. Und dieß alles haben viele hundert Menschen mit angesehen.

[186] Man hat nunmehro ein Dach über ihn gebauet, und er wird vermuthlich allen Frevlern zum Beispiel und der Nachwelt zum Entsetzen immer und ewig sitzen bleiben. Dergleichen Strafgerichte sind endlich der Lohn frecher Lästerzungen. Ein jeder laße sich dieses erschreckliche Beispiel zu einem Buß- und Tugendspiegel dienen und auch diese Lehre und Warnung, Gal. 6, 7, ins Herze dringen:


»Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!«

67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

67. Dei Unnereerschka.

Baltische Studien 1833.


Eine ull Geschichte, de vör ulla Tieda gescheine is! Da was hamål ein Schäper, dei hädd na Dudelsack, up dem hei sick bi de Schåpe im Fild wat vördudeld. As hei nu emål sick wat spähld und blaus, da fund sick vör em ne Pogge, dei sprung so, as wenn sei na Noda danzd. Dit sach dei Schäper e Wielka tau; un as dieß Pogg sick doch to narsch hädd, wuhl hei se mit dem Faut wegstöte, un dunn verloos sei sick. Üm ne klein Wielka fund sich nu ein Unnereerschka tau em un fraug em: »Mi leiw Schäper! wuhl hei dei Pogg dodt måke?« Dei Schäper säd: »Ne, dat hädd ick nich im Wille; ma ick wunderd mi, dat dat Ding sick so putzig hädd.« Dat Männka säd nu tau em: »Mi leiw Schäper! wenn hei de Pogg dodt måkt hädd, da hädd hei mi troffe; denn de Pogg was ick.« – Nu batt dat Männka de Schäper, of hei nich mit em kåme wuhl un na siener Aart Lüde ein bitzka up sienem Dudelsack piepa; denn sien Dochter mäuk hüt Hochtied. Dei Schäper säd: »Dat geiht nich; denn wo wera mien Schåp bliebe?« Dat Männka versprack em, sei sulle gaud tauseihne ware. Dei Schäper leit sick berede un gieng mit em. As sei noch ein klein Ingka gienge, da mauk sick de Erd vör [187] er up, un sei stege ne Trepp herunger un keime in ein schmuck Stuw. Da wäre all Gäst toop, dat kribbeld vullup. Man draug em veel Eten un Drinken up ne Disch un batt em, davon to geneite. Na dem Eten dudeld hei de ganze Nacht dürch, un alle klein Lüde danzde un sprunge, dat er de Keddels so wippda.

As dat Dag wurd, batt dei Schäper, sei sulle em nu wedder bi sien Schåp henbringa. Nu kaime veel tau em, dei steike em in all sien Foobe Karfspöhn, wovan hei nischt wüßd; denn hei hadd im Krönka van allem Drinken. Sei brägde em up de Weg, un datsilwtig Männka wedder up dat Flach, van wo er em håle hädd; dieß säd em Adje un dankd em noch veelmål. – Nu kamm em dat in de Tasche so schwohr vör, un as hei besach, wäre de Tasche vull Karfspöhn. Da verdroot em, in der Meinung, dei Unnereerschka häwwn em tum Närre hätt, un schmeet nu ut dem Fauderhemd de Spöhne alle weg; aber vam Brustdauk vergatt hei. As hei nu bi Awendtied tum Schlapengahne sick utruck, markd hei, dat dat in der Brustdaukstasch klingert; hei greep herin, un – o Wunger! in beide Tasche wäre veel hard Dahler! Hei markd nu, dat de Karfspöhn för sien Spehlen de Betahlung sinna suhl. Dei Nacht wurd em sehr lang, un as hei tiedig am Dågling up dat Flach kamm, wo hei dei Karfspöhn hadd wegschmete, fund hei nischt wedder. Hei argerd sick sehruschka un säd tau sick, wenn em dat Glück noch einmål passiere würd, dann würd hei sick woll beter vörseihne. Hei was awer doch tofrede; denn sien Hochtiedspehlen hädd hei doch gaud betahlt krege.

68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[188] 68. Von des Todes Boten.

Kirchhof's Wendvnmuth 1565.


Man sagt, der Tod könne alles Lebendige bezwingen und verschlingen; einst aber wäre es ihm doch beinahe schlecht ergangen. Da ließ er sich nämlich mit einem gewaltigen Riesen ein, und siehe! der Riese schlug ihn nieder und ließ ihn ganz ohnmächtig und kraftlos liegen. Als er da nun so am Boden winselte, gieng von ohngefähr ein Jüngling vorüber, erbarmte sich des Unglücklichen und labte ihn, so daß dieser seine vorige Stärke und Gesundheit wiederbekam. Der Tod bedankte sich und sprach: »Es ist zwar von Gott und der Natur also versehen, daß alle Menschen sterben müßen, und deswegen kann ich auch deiner nicht verschonen; doch zur Vergeltung der Wohlthat, die du mir erwiesen, will ich dir dein Ende zeitig genug durch Botschaft zuvor verkündigen laßen.« – Einen schlimmern Dank als diese Zusage hätte der Tod seinem Wohlthäter unmöglich erweisen können; denn sie verhärtete das Herz desselben und machte ihn sicher in seinem sündlichen Thun und Treiben, und da er in dieser Sicherheit unmäßig aß und trank und ein und alle Tage schlemmte und darauf los wirthschaftete, so plagte ihn bald dieses bald jenes Gebrechen.

Einst, als er nach vielen Siechtagen wieder in Freuden dahintaumelte, kam der Tod zu ihm und sprach: »Die Stunde ist da; nimm Abschied von dieser Welt.« Der Jüngling erschrak, schalt den Tod einen hinterlistigen Betrüger und fuhr fort: »Wolltest du mir nicht zuvor Boten schicken? Es ist mir aber niemand gekommen, und so darfst du mich noch nicht abholen!« »Hoho!« erwiderte der Tod, »schweig still, dir sind Boten genug gesandt! Vor etlichen Jahren plagte dich ein hartes Fieber, bald nachher ein noch schwereres; jetzt hast du Schwindel im Kopf, Husten und Keuchen in der Brust, große Schmerzen in Magen und Eingeweide; [189] und deine Kräfte in Armen und Beinen haben abgenommen, die Haut ist dürr und runzelig worden: sind das nicht Boten genug? Über das alles sollte dich mein leiblicher Bruder, der Schlaf, an dein Ende erinnert haben; denn in dessen Banden hast du alle Nacht und oft auch des Tages gelegen, nicht anders, als wärest du gestorben. Deshalb ist deine Entschuldigung nichtig, und ich will dich nun mit mir nehmen.«


Diese Fabel giebt zu verstehn, Daß uns der Tod kommt unversehn; Darum ein Christ sich darauf schick', Als sollt's geschehen all' Augenblick.

69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

69. Die Hexenkunst.

Meklenburgische Jahrbücher 1840.


Ein Knabe will gerne das Hexen lernen. Er geht tief in den Wald; er ruft: »Wer lehrt mich das Hexen?« – Da kriecht raßelnd durch das dichte Erlengebüsch ein altes Weib, zahnlos und rothäugig, schmal in dem gekrümmten Rücken, aber breit im Schoße. »Komm mit!« spricht sie freundlichst; »das sollst du lernen; es ist nicht schwer.« Er folget. Im Erlenbusche ist eine Hütte; in diese wird er geführt. Getrocknete Moorerde bilden die Wände, Schilf das Dach. Drei Kröten hüpfen neben ihm über die Schwelle; am Herde aber sitzt ein hübsches Mädchen, das Lieschen heißt. Es wird Abend. Die Hexe greift eine Kröte und setzt sie auf den Tisch. Wie eine Lampe leuchten die grünen Augen durch den düstern Raum. Das Mädchen und die Alte hocken am Herde nieder und langen aus einem Keßel Schwarzsauer zum Abendeßen. Es sind zerschnittene Menschenglieder. Der Knabe mag nicht eßen, sondern legt sich zum Schlaf hin. Da zischelt die Alte dem Mädchen zu: »Morgen früh, ehe [190] die Sonne aufgeht, wecke mich; wir wollen den Knaben schlachten und einkochen.« Gesättigt lagern auch sie sich. In der Nacht steht das schlaflose Mädchen auf und tritt an des Knaben Lager. Er war so schön, blau sein Auge, blond sein Haar, roth die Wange. »Lieber Junge«, spricht sie, »der Tod erwartet dich; mich jammert dein; komm, daß wir fliehen!« Er erhebt sich und geht mit; bedachtsam spuckt das Mädchen auf die Schwelle. Als sie aus dem Hause treten, erwacht die Alte und ruft: »Lieschen, stehe auf!« »Ich bin schon auf«, antwortet der Speichel auf der Schwelle; »ruhe noch ein wenig, bis ich Laub und Holz zum Herde bringe.« Sie eilen von hinnen. Nach einer Weile erwacht die Alte wieder, trauet nicht mehr den Worten des Speichels, rafft sich auf und sieht die Hütte leer. Schnell schafft sie sich eine Wolke, nimmt den Besenstiel und reitet nach. »Ein dicker Rauch kommt hinter uns her«, spricht das Mädchen; »das ist die Hexe. Ich will ein Schlehdorn werden, und du eine Beere.« Die Verwandlung geschieht. Die Hexe steigt aus der Wolke und beginnt sofort die Beeren zu pflücken und zu eßen, so sauer sie auch sein mochten. Schon sind alle bis auf eine Beere in der Mitte des Dornbusches verzehrt. Die langen Finger der Hexe wollen sie pflücken trotz der vielen Dornen; allein sie fällt ab und in den Busch und vom Busche in eine nahe Niederung. Hier wird sie Ente, und das Mädchen Waßer. Vergeblich wirft die Alte mit Erdklößen und ihren Pantoffeln nach der Ente auf dem Waßer; diese weiß geschickt unterzutauchen und dem Wurfe auszuweichen. Endlich legt die Hexe sich am Rande des Teiches auf ihren breiten Bauch nieder, um das Waßer abzutrinken. Schon ist der größte Theil des Waßers abgetrunken, da platzt der Alten der dick aufgeschwollene Bauch, und ein schwarzer, stinkender Qualm, der querfeldein zieht, verkündet ihren Tod. Die Ente wird wieder Knabe, das Waßer ein Mädchen, beide gewinnen einander sehr lieb, und als sie groß geworden sind, heiraten sie sich.

70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[191] 70. Der wilde Jäger.

Meklenburgische Jahrbücher 1840.


Oft bellen die Hunde der Luft in finsterer Nacht auf den Heiden, in Gehölzen, an Kreuzwegen. Der Landmann kennt ihren Führer, den Wod, und bedauert den Wanderer, der nun noch nicht die Heimat erreicht hat; denn oft ist Wod boshaft, seltener mildthätig. Nur wer mitten im Wege bleibt, dem thut der rauhe Jäger nichts; darum ruft er auch den Reisenden zu: »Midden in den Weg!«

Ein Bauer kam einstmals trunken in der Nacht von der Stadt. Sein Weg führte ihn durch einen Wald. Da hörte er die wilde Jagd und das Getümmel der Hunde und den Zuruf des Jägers in hoher Luft. »Midden in den Weg! midden in den Weg!« rief eine Stimme; allein er achtete ihrer nicht.

Plötzlich stürzte aus den Wolken nahe vor ihn hin ein langer Mann auf einem Schimmel. »Hast Kräfte«, sprach er; »wir wollen uns beide versuchen. Hier die Kette! faße sie an! wer kann am stärksten ziehen?« – Der Bauer faßte beherzt die schwere Kette, und hoch auf schwang sich der wilde Jäger. Indes hatte jener sie um eine nahe Eiche geschlungen, und vergeblich zerrte der Jäger. »Hast gewis das Ende um die Eiche geschlungen?« fragte der herabsteigende Wod. »Nein«, versetzte der Bauer, »sieh, so halt' ich es in meinen Händen.« »Nun, so bist du mein in den Wolken«, rief der Jäger und schwang sich empor. Der Bauer schürzte schnell die Kette wieder um die Eiche, und es gelang dem Wod nicht. »Hast doch die Kette um die Eiche geschlagen!« sprach der niederstürzende Wod. »Nein«, erwiderte der Bauer, der sie eiligst losgewickelt hatte; »sieh, so halt' ich sie in meinen Händen.« »Und wärst du schwerer als Blei«, rief der wilde Jäger, »so mußt du hinauf zu mir in die Wolken.« Blitzschnell ritt er aufwärts; aber der Bauer half sich auf die alte [192] Weise. Die Hunde bellten, die Wagen rollten, die Rosse wieherten dort oben, die Eiche krachte an den Wurzeln und schien sich seitwärts zu drehen. Dem Bauern ward bange; aber die Eiche stand. »Hast brav gezogen«, sprach der Jäger; »mein wurden schon viele Männer; aber du bist der erste, der mir widerstand. Ich werde dich belohnen.« Laut gieng die Jagd an: »Hallo, holla! wohl! wohl!« Der Bauer schlich seines Wegs weiter. Da stürzte aus ungesehenen Höhen ein Hirsch ächzend vor ihn hin, und Wod war da, sprang vom weißen Rosse und zerlegte eiligst das Wild. »Blut sollst du haben«, sprach er zum Bauern, 'und ein Hintertheil dazu. »Herr«, sagte der Bauer, »siehe, dein Knecht hat nicht Eimer noch Topf.« »Zieh den Stiefel aus!« rief Wod; er that's. »Nun wandere mit Blut und Fleisch zu Weib und Kind.«

Die Angst erleichterte anfangs die Last; aber allmählich ward sie schwerer und schwerer; kaum vermochte er sie zu tragen. Mit krummem Rücken, von Schweiße triefend, erreichte er endlich seine Hütte, und siehe da, der Stiefel war voll Gold, und das Hinterstück ein lederner Beutel voll Silbergeld.

71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

71. Das Todtebeindli.

Haupt's Zeitschrift f.d.A. 3. Band.


'S isch einisch e Künig gstorbe; si Frau und zweu Chind sind no am Läbe blibe, es Meiteli und es Büebli. Do händ se einisch d' Mueter gfrogt, weles von ene daß einisch müeß Künig wärde. Do seit se zue-n-ene: »Liebe Chind, gönd jetze zämme i Wald uße und suechet das Blüemeli, wo-n-ech do zeige, und das, wo's von ech zerst findt, das mueß einisch Künig wärde.« Do sind di zweu zämme gange, und im Wald sind se bim Sueche e chli uß enand cho, und 's Meiteli het 's Blüemeli [193] zerst gfunde. Do denkt's, es well sim Brüederli no-n-e chli warte, und lit näbem Wald i Schatte, nimmt 's Blüemeli i d' Hand und schloft i Gotts Namen i. Derwile chunt 's Büebli au a das Örtli, aber 's Blüemeli het er nonig gfunde gha. Wo-n-ers do aber im Händeli vo sim Schwösterli gseh het, so chunt em öbbis Schröckeligs z' Sinn: »I will mis Schwösterli ermorde un em 's Blüemeli neh und hei goh mit, und denn wird i Künig.« Denkt und tho: er het 's tödt und im Wald verscharret und Härd drüber deckt, und kei Mönsch het nüt dervo gwüßt. No mengem, mengem Johr isch e Hirtebüebli dert uf der Weid gsi mit de Schöflene und findt es Todtebeindli am Bode vo dem Meiteli; do macht er e par Löchli dri wie amene Flötli und blost dri. Do het das Beindli gar erschröckli trurig afoh singe de ganz Gschicht, wie 's Meiteli vom Brüederli umbracht worden isch: me het möge de hälle Thräne briegge, wemme das Lied ghört het. Do goht einisch, wo das Büebli so gflötet het, e Ritter dert verby; dä het em das Flötli abgchauft und isch dermit im Land ummezoge und het an allen Orte uf dem Beindli gspilt. Einisch het do au die alte Künigi dem Ritter zueglost und isch ganz trurig worde und het der Sohn abem Thron gstoße und briegget erer Läbtig.

72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

72. Hans Clauert's Lügenmärchen
oder:
Wie man die Kinder vom Schlaf ermuntert und wacker macht.

Hans Clawerts Werckl. Hist., beschrieb. durchBartholomeum Krüger. 1591.


Hans Clauert pflegte oftmals von sich selber zu sagen:

»Als ich ein kleines Kindlein war und oftmals ersahe, daß unsere Nachbarskinder aus dem Holze kamen und junge Vöglein [194] nach Haus brachten, die sie aus den Nestern genommen hatten; gedacht' ich auch einmal in den Wald zu gehen und Vogelnester zu suchen. Da ich aber in den Wald kam, sah ich ein kleines Vögelein aus einem Baum fliehen. Ich gieng hinzu; da fand ich ein so kleines Löchlein, daß ich kaum einen Finger hineinbringen mochte, und als ich den Finger hineinsteckte, fiel ich mit dem ganzen Leib in den Baum hinab. Darunter fand ich einen Teich, darein gebratene Fische giengen, und über dem Teiche war ein Butterberg, darvon die Butter durch den warmen Sonnenschein herab auf die gebratenen Fische troff. Derselben Fische aß ich mich so satt, daß ich aus dem Baume nicht wieder kommen konnte, lief derhalben heim, holte eine Barte und hieb mich aus dem Baum heraus. Doch war mir's leid, daß ich der gebratenen Fisch' nicht etliche mit mir genommen, darvon ich hätt' rühmen mögen. Da aber trug sich's zu, daß am Wege ein großer Haufen Tauben saß; darunter warf ich, daß die Federn so dick blieben liegen, daß ich meine Barte nicht wiederfinden konnte. Ich lief eilends nach Haus, holte Feuer und zündete die Federn an; da verbrannte die Barte, und der Stiel blieb liegen. Weil ich also zu meinen Eltern nicht wieder kommen durfte, begab ich mich auf die Wanderschaft und kam zu einem Brunnen. Da hätte ich gerne getrunken, wußte doch nicht, worin ich Waßer schöpfen sollte; weil mir aber als einem gar jungen und kleinen Kinde die Hirnschalen noch nicht recht zusammengewachsen waren, nahm ich den halben Theil derselben vom Kopf herab, schöpfte Waßer darein und trank daraus. Es schmeckte mir auch das Waßer so wohl, daß ich darüber entschlief; und da ich erwachte, war es fast Abend worden. Dessen erschrak ich sehr, lief ganz unbesonnen darvon und kam in ein Dorf. Da drosch ein Bauer die Erbsen auf dem Balken, und das Stroh fiel herab, die Erbsen aber blieben auf dem Balken liegen. Dessen verwunderte ich mich sehr und fragte den Bauern, wie solches käme, daß die Erbsen auf dem Balken blieben; worauf er mich fragte, wie ich mit dem halben Kopfe daher käme. Da gedacht' ich erst an meine Hirnschale, lief alsbald zurück, fand sie auch und sieben Enteneier [195] darin. Dieselben legte ich unter eine Henne und ließ sie ausbrüten; da ward ein Pferd daraus, sieben Meilen lang. Mit demselben verdiente ich viel Geld; denn wenn die Leute über Land reisen wollten und am Kopf aufsaßen, und das Pferd sich nur umwandte, so waren sie vierzehn Meilen weg. Einsmals hatte ich etliche vom Adel gedinget, die gern eilends wären an ihren bestimmten Ort gewesen; und als sie fast hin waren, trug sich mit dem Pferde, welches sehr gut zu verdauen pflegte, was zu, es wandte sich darnach um und brachte die Edelleute noch eins so weit zurück, als wo sie zuvor sich aufgesetzt hatten, derhalben sie vor Zorn mein Pferd mitten entzwei hauen thäten. Dem wußte ich nicht beßer zu helfen, als daß ich Weiden nahm und band das Pferd darmit wieder zusammen. Die Weiden bekleibeten in dem Pferde und wuchsen so sehr, daß ein ganzer Wald auf dem Pferde ward, daß auch die, so darauf ritten, Sommerzeit in kühlem Schatten saßen, wodurch mir das Pferd hernach viel mehr erwarb als zuvor; und gegen den Winter ließ ich die Weiden alljährlich verhauen und kaufte aus demselben Holze so viel Geld, daß ich auf den heutigen Tag noch einen Zehrpfennig habe. Sonst wäre ich längst zum Bettler worden.«

Das war er nämlich.


Solchergestalt pflegte Hans Clauert auch wohl zu sagen:

»Als ich einmal zu Wittenberg war, gedacht' ich zu meinen guten Freunden gen Leipzig zu wandern; und da ich jenseit Kemberg in die diebische Heiden kam, war der Schnee so groß, daß ich wieder umzukehren Willens war. Jedoch ersahe ich einen Steig, der wohl gebahnet und betreten war; demselben folgete ich nach, der Hoffnung, er würde mich wieder zum rechten Wege bringen. Als ich aber nicht weit fürbaß gegangen war, fand ich einen ganzen Haufen Leute bei einander sitzen, die hatten Gesottenes und Gebratenes, auch bei sich eine Tonne Bier stehen und hielten Mahlzeit, hießen auch mich niedersitzen und gaben mir Eßen und Trinken. Ich sahe sie für Jäger an, weil sie [196] ihre Pferde an die Bäume geheftet hatten. Da aber alles ausgegeßen und ausgetrunken war, stießen sie den einen Boden aus der Tonnen, ergriffen mich und sprachen, ob ich lieber sterben oder in die Tonne steigen wollte; daraus ich wohl vernahm, daß es Räuber waren. Was sollt' ich armer gefangener Tropf machen, ich mußte unter zweierlei Bösem das beste erwählen, stieg in die Tonne und ließ mich verspunden. Da nun solches geschehen, sprangen sie auf ihre Pferde und ritten darvon und ließen mich also in der Tonnen liegen. Darein verhorchte ich die ganze Nacht, bis des andern Morgens die hungerigen Wölfe kamen und die Knochen auffraßen, so die Räuber weggeworfen hatten. Da griff ich zum Spundloch hinaus und erhaschte den einen Wolf beim Schwanz und hielt denselben mit beiden Händen gar fest. Er lief vor Schrecken durch das hohe Heidenkraut und schleifte mich mit der Tonnen hinter sich her, bis ich endlich einen Fuhrmann erhörte; den schrie ich an und bat um Errettung, und er kam mir treulich zu Hülfe, schlug den Wolf mit einem eisern Flegel zu Tode und die Tonne entzwei, darinnen ich lag. Also ward ich errettet. Und dem Wolfe zogen wir die Haut abe, verkauften sie zu Wittenberg und bekamen so viel Geld dafür, daß ich meinestheils noch heutigestags darvon zu zehren habe.«

73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover
Wie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

73. Drei lustige Historien von Hans Clauert.

Ebendaselbst.

Wie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte.

Als Hans Clauert zu Zerbst bei einem Schloßer in der Lehre war, und sein Lehrmeister einmal gute Freunde bei sich hatte, denen Hans Wein und Bier einschenkte, begab sich's, daß von ohngefähr ein starker, viereckiger Bauerknecht vor das Haus kam und heftig an die Thür klopfte. Demselben aufzumachen, [197] lief Hans Clauert eilends hinaus und fragte, was des Bauern Begehr sei. Dieser gab ihm zur Antwort: »Ich wollt' gern ein Schloß kaufen.« Darauf sagte Hans Clauert: »Ich hab's keine Macht, dieselben zu verkaufen, sondern will meinen Meister herausfordern, der euch den Kauf bald sagen wird. Damit ihr aber desto füglicher zum Handel kommen möget, sollt ihr wißen, daß mein Meister sehr übel höret, und muß einer gar laut rufen, den er etwas verstehen soll.« Der Bauer nahm das für blanke Wahrheit, und Hans Clauert vermerkte, daß sein Vorhaben fortgehen würde; darum berichtete er gleichergestalt seinem Meister auch also, daß einer begehre ein Schloß zu kaufen, er sei aber fast gar taub, welches sein Meister auch glaubte. Und indem dieser zur Stubenthür herausgieng, schrie ihm der Bauerknecht entgegen, so laut er nur immer vermochte: »Einen guten Tag, Meister, einen guten Tag!« Darob fieng Hans Clauert in der Stuben vorm Tisch an zu lachen und sagte zu den Gästen: »Ich habe sie beide zusammengebracht, unser Herrgott mag sie scheiden!« Das verstanden die Gäste nicht, sondern verwunderten sich des großen Geschreis und vermeinten nicht anders, als die beiden Leute wären unsinnig worden. Denn der Meister rief noch viel heftiger als der Bauer, und sie trieben das Geschrei über den Kauf so lange, daß je einer zu sich selbst mit gemächlichen Worten sagte: »Hat mich denn der Teufel mit dem Narren beschert!« und der andere mit eben solchen Worten zu sich redete. Über das Narrenschelten aber würden sie endlich zum Raufen und Schlagen kommen sein, auch einander mit dem Hammer häßlich zugerichtet haben, wo die Nachbaren von der Gaßen und des Kleinschmieds Gäste aus der Stuben nicht kommen wären und Frieden genommen hätten. Hierüber haben die Nachbaren und Gäste, nachdem sie den Grund erfahren, genugsam gelachet und haben Hans Clauert's wunderbarlichen Kopf daraus erkennen lernen.

Wie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[198] Wie Hans Clauert Herr und Narr im Hause war.

Als Hans Clauert groß geworden war, nahm er ein Weib und wohnte in Trebbin; seine Frau aber war ein herbes Kraut, und war nichts als eitel Zank und Streit unter den beiden. Deshalb war Hans Clauert nur selten daheim, und weil er sonsten sehr kurzweilig war, so hatte ihn jeder gern bei sich, ungeachtet sie für ihn bezahlen mußten. Einst war der Rath versammelt und hatte Hans Clauert bei sich; weil dieser aber wieder lange nicht in seinem Hause gewesen war, so ward sein Weib beweget, ihn zu suchen. Als sie ihn fand und ihn mit häßlichen Schmähworten angriff, saß Clauert vor dem Tisch, that, als wenn er 's nicht gehört hätte, trommelte mit den Fingern einen muthigen Tanz, trank herum und machte sich lustig. Die Herren des Raths aber riefen sie und boten ihr zu trinken; darüber ward sie noch grimmiger, schalt viel heftiger als zuvor und gieng brummend davon. Da sie nun fort war, sagte einer nach dem andern zu Clauert: »Hans, ihr möget nun wohl heimgehen und euch zwagen laßen; denn die Lauge ist wohl gewärmet!« Er sagte: »Wie so? Warum sollt' ich nicht heimgehen?« Die Herren sagten: »Habt ihr nicht gehöret, wie euer Weib euch die Lektion gelesen? Sie wird euch willkommen heißen!« Clauert sagte: »Mein Weib? Sollte sie mir ein unnützes Wort geben? Das kann ich nicht glauben! Mein Weib soll heute noch mit mir tanzen!« Darüber mußten wohl alle lachen und wetteten mit ihm um eine Tonne Bier, wo sie ungebeten oder ohne Bericht, daß er gewettet hätte, mit ihm tanzen würde. Clauert sagte: »Das sollt ihr wohl erfahren, und daß es gewis sei, so sendet aus eurer Mitte zween mit mir, die es ansehen und hören, ob sie nicht ungebeten wird mit mir tanzen.« Sie schickten zween aus dem Rath mit ihm, die hieß er in seinem Hause vor der Stubenthür warten, wo sie durch ein kleines Fensterlein alles wohl sehen und hören konnten, wie sie 's in der Stuben trieben. Als nun Clauert in die Stuben kam, saß sein Weib beim Kachelofen und spann. Er sagte kein Wort zu ihr, sondern stützte beide Hände in die Seiten, tanzte die Stuben auf und nieder, [199] hin und wider, und sang sich selber einen Tanz, mit diesen Worten:


»Und bin ich denn nicht Herr im Haus?

Und bin ich denn nicht Herr im Haus?«


welche Worte er allzeit und oft wiederholte und dabei aus Leibeskräften hüpfte und tanzte. Darüber ward das Weib so giftig, daß es hätte zerspringen mögen, konnte es in die Länge nicht mehr vertragen, nahm vor Zorn ihren Rocken, warf ihn hinter den Ofen, setzte auch beide Hände in die Seiten und tanzte hinter ihrem Manne her; und wenn Clauert seinen Tanz sang:


»Und bin ich denn nicht Herr im Haus?

Und bin ich denn nicht Herr im Haus?«

so sang sie allezeit dargegen.

»Und bist du denn nicht Herr im Haus?

Und bist du denn nicht Herr im Haus?«


und tanzte hinter ihm her; und je lauter er sang und schrie, je lauter sang und schrie sie auch, und je wilder er hüpfte und tanzte, je wilder hüpfte und tanzte sie auch, und trieben sie solchen Tanz und Sang so lange, bis die zween Rathsverwandten mit heller Stimm' im Hause anfiengen zu lachen. Da das Clauert erhörte, gieng er stillschweigend wieder aus der Stuben und mit den zween Abgesandten hin zum Rath und ließ sein Weib singen und tanzen daheim, was und wieviel sie wollte. Die zween aber, so mit dahin gewesen, erzählten dem Rath, wie es Clauert gemacht, und wie sein Weib ungebeten getanzt, auch darzu gesungen hätte. Da erschütterten sie sich alle vor Lachen und gaben Clauerten die Tonne Bier gern gewonnen, die sie auch des folgenden Tages mit einander in aller Fröhlichkeit austrunken.

Wie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

Wie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hielt.

Wenn Hans Clauert an einem bekannten Ort war, so sammelten sich ihrer viele daselbst, aus der Ursachen, daß sie viel kurzweiliges Dinges von ihm hörten, und sonderlich war die Karte nicht weit von ihnen, weil sie wußten, daß Clauert dieselbige lieb hatte. [200] Wie er denn einmal gen Teltow zu einem guten Freunde kam, verfügten sich ihrer etliche dahin, die alle seine guten Zechbrüder waren; und als sie vernahmen, daß Clauert Geld bei sich hätte, ließen sie bald eine Karten holen, setzten sich mit Clauerten zusammen und gewannen ihm sein Geld so gar abe, daß er keinen Pfennig mehr hatte. Da setzte er vier Ellen purpurianisch Tuch zu, der Hoffnung, daß er etwas von seinem Gelde wiederbekommen möchte; aber das Unglück war so groß, daß er die vier Ellen Tuch auch verlor. Da gieng er des Abends vor die Thür heraus, sahe sich weit um und sprach: »Du lieber Gott, bin ich so alt geworden und habe nicht gewußt, daß die Leute allhie zu Teltow das purpurianische Tuch so wohl kennen, und daß es so wohl abgehet, und habe eben nicht mehr als die schlechten vier Ellen bei mir gehabt und hätte vor langer Zeit an solchem Tuch viel Gelds erwerben mögen, so ich 's gewußt hätte, daß es so wohl allhier verkauft wäre gewesen! Wohlan, sie sollen mir 's ein andermal theuer genug bezahlen!« Gieng also traurig hin, legte sich auf eine Bank und vermeinte zu schlafen; aber das purpurianische Tuch machte ihm so viel schwere Gedanken, daß er nicht einschlafen konnte. Es war aber in derselbigen Herberge ein anderer, der bei Tage wohl gesehen hatte, daß Clauert einen vollen Beutel gehabt, auch nicht wußte, daß er alles verspielet hätte. Da er nun vermeinte, daß Clauert entschlafen wäre, und eine gute Beute darvonzubringen gedachte, schlich er heimlich hinzu und griff Clauerten in den Geldbeutel. Darzu schwieg Clauert still, obgleich er's wohl hörte und fühlte; zuletzt doch fieng er an und sagte: »Suche du, mein lieber Sohn, suche, ob du etwas finden könnest; ich habe den ganzen Abend gesucht und keinen Heller mehr finden können.« Darüber ließ der Dieb vor Schrecken Mantel und Hut liegen und lief darvon, daß Clauert also noch seine Zeche darvon bezahlen konnte, da er sonst wohl seinen eigenen Mantel im Stich hätt' laßen müßen.

74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[201] 74. Die Sage vom Vicho, einem See zwischen Uchtenhagen und Schönbeck unweit Marienfließ.

Baltische Studien 1833.


Ik wi' ye ma eis 'ne Spåß vethelln, wo 't so 'nem u'riemsche wolldågsche Eddelma' gåhn is, dei vö uolle Thied i uose Gegend schall lewt hew'n. Yi weithe doch günte weg achte 'm Uchtehåge den Vicho, wo d' schünnebeksche Bure 't Gras inne Wäes mäge'; dat is uprstunds a uoll deip Loch, mit Kamms uo Biese öwewussn, uo buten ut is 't as än Wäes athsein, åwesten so deip scha 't sin, dat eine mit Peer uo Wåg dåeä vesupe ka. Pur ik byn noch nich rinne west. My Großvotte åwest hät my vethellt, dat si' Votte, so as my Üllevotte, em oft vethellt hät, hei had, as hei noch so 'n lüt Bingl was, as uos Fried uprstäds is, mänge Dag an ganz Stuuktien vull Häkte uo Schlyge as 'n A'm lang, mi 'm Håm rutehålt; de 't schall grausam veel Fisch i' dem Dingh gewe, uo Häkte, hört, dei o'ntlich Poss u'm Kopp hew'n. Awesten in dem Vicho, as dat noch so as ä See was, hät dat iille alle Jåhr um J'hasmiddag justmint so lüd't, as we' im M'arjefleith de Klocken gåhn, uo wem dat Lüdend hört hät, dei müßt uk im iedge Jåhr vesupe. – Un nu was dat gaut. Awest mit dem See hät dat an wunnelich Beschaffenheet hat. De' vö uolle Thied scha dat kei' See west sin, åwest a hogh Barg, so as dei Klockebarg bym Schünnebek, un up dem Barg hät a groth uo proper Schloth ståhn, so dath 't schünnebekscht uo d' pasiascht iille ma as ä Schwienkoow dågege is ath'sein west. Dit Schloth hät uk anne Torm hat, veel höchge as d' sta'gesch M'rijetorm, uo hät båwe so 'n Rühmd hat, da eiät mi 'm veirspinnige Wåge uop dissn Torm hät umwin'n künt. – Uop dissen Schloth wåhnt a rik Eddelma, dei had veel Tåkel uo wol hunne't Zöre, de wäre as dei Bakowe's dik, uo hei had 't Gild schepelwies im Kelle' uo fratt all Dåg Wyn uo Gebäksel uo had [202] grausom veel Lüd, dei müßte alle, as hei, isig Buksche uo Bostdeuke a'hewn, uo hadde Speithe uo Deegens, dat sei imme scheite un schloan künne. Hei deed alle Eddellüde uo Nåhwes umlängs veel Turt uo Schoownak, mörds orre stak en 't Loch båwen Kopp a uo drew en 'n d' Keug uo d' Håmels weg uo stikt en'n 't Koo'n u 'm Fil a. Uo up'm Torm had hei iille 'ne Kee'l ståhn, dei müßt umhäkieke uo uppasse, of Lüd in 'ne Landweg threkte, uo we' dem wat t' Sicht kam, doa lüdt sei mit 'r Klock, uo de threkt d' Volk u 'm Schloth 'rut, kreeg d' Reesende t' hull'n, pleuste't 's ut uo schlaug's doth. – Nu were twårst dei ante Eddellüd sehr iwig uo gischig up dissn Vicho uo wull'n i' d' Nacht öwefalle uo bröchte veel Volk vör sin Schloth uo wull'n uthunghre uo 't Nest 'm öwe 'n Kopp ansteke. Awest proost Måhlthied! sei müßte iille Hår låte uo de' mit 'r langhe Nähs afthreke; de' unnewyale vebreugt hei etzlich mit kåkig Wåthe, wat hei en 'n va båwendål i' d' Oge goth, uo schöth 's uk wol doth, uo eis had hei a ganz Deil in 'ne Hun'stall i'spunt uo de Hun'stall vepåhlt uo a'stikt, so dat all' dei Eddellüd mit erem Volk verbrinne müßte. Nu leite em dei Nåhwis Heeg uo Freed; åwest hei pleuste't uo plünne't nå as vör, uo kei' Me'schekind kuon sik vör em redde uo wehre. Also nu wu 't hei so utveschåmig uo öwemeudig, dat hei sik mehr ebille däd, as ohs leiw Herrgott. Sin Stuw' plåste't hei mit ha're Dåle's ut, im Peerstall had hei sülwe'n Küm uo Striegel, de' Schwine' uo dem Heuneveih schüdt hei dat leiw Koo'n mit de Wörpschüpp båwen vam Bö'n up 'n Hof run, d' Hunn krege Såd uo Bråd, uo wenn sin kleine Kinne sik veu'rrigent hadde, so wischt hei en 'n, Gott vegew my dei Sünn, mit frische Sämel de Stütz; uo so ve'hunhakt hei dei leiw Gottsgåw. Aweste d' Fruj düst thau all dem Uovestan nyscht segge; de' we' s't Muul ne heil, so kreegs Klabaster as de Schwernoth. – Awest dei Plaug geiht so langh, beth s' ne Stei' fött; uo so gunk dat uk mit disse uolle Eddelma. Üm J'hasmiddag wull hei mit syne Lüde wedde up Roof utthreke, uo as se justmint 't Middag äte wulln, uo de Schöttle uo d' Teller all u 'm Disch stünne, då hört sik 't bute a as ä grausam groth Storm, [203] uo hei deed anne schwåre Fleuk, uo d' Eer dunnert uo dröhnt ma so, uo dat ganz uoll Schloth mit Lüd uo Veih sunk in 'n Afgrund, uon is uprstäds a See, wo eiste d' uoll Schloth stund. Awesten de' Eddelma' hät dei Düwel hålt.

75. Fru Gauden oder Goden74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

75. Fru Gauden oder Goden.

Meklenburgische Jahrbücher 1843.


Es war einmal eine reiche und vornehme Frau, die hieß »Fru Gauden«; dieselbe liebte so heftig die Jagd, daß sie das sündliche Wort sprach, die Jagd sei beßer als der Himmel, und wenn sie nur immerfort jagen solle, so wolle sie nie zum Himmel ein. Nun hatte sie auch vierundzwanzig Töchter, die hatten gleichen Sinn und gleiches Verlangen. Als nun einmal Mutter und Töchter nach gewohnter Weise in wilder Freude durch Wälder und Felder jagten, erreichte ihre Lust den höchsten Gipfel, und wieder erscholl das ruchlose Wort von aller Lippen: »Die Jagd ist beßer als der Himmel, und wenn wir nur immerfort jagen dürfen, so wollen wir nie zum Himmel ein.« Siehe, da wandeln sich plötzlich vor den Augen der Mutter die köstlichen Kleider der Töchter in zottige Haare, die Arme in Beine, und vierundzwanzig Hündinnen umklaffen den Jagdwagen der Mutter; vier von ihnen übernehmen den Dienst der Rosse, die übrigen umkreisen als Jagdhunde den Wagen, und fort geht der wilde Zug zu den Wolken hinauf, um dort zwischen Himmel und Erde, wie sie gewünscht hatten, unaufhörlich zu jagen, von einem Tage zum andern, von einem Jahre zum andern. Doch längst schon sind sie des wilden Treibens überdrüßig geworden, und schmerzvoll beklagen sie jetzt den frevelhaften Wunsch, insbesondere die Mutter, die nicht nur über ihr eigenes Schicksal, sondern mehr noch über das ihrer unglücklichen Töchter bekümmert ist; aber sie alle müßen die Folgen ihrer [204] Schuld tragen, bis die Stunde ihrer Erlösung kommt. Kommen wird diese Stunde einmal, doch niemand weiß, wann das geschieht, und bis dahin ist ihnen nur vergönnt, ihre Klagen vor den Ohren der Menschenkinder laut werden zu laßen, um auf solche Weise Linderung für ihre Schmerzen zu suchen und zu finden.

In den Twölven, denn zu andern Zeiten können wir Menschenkinder sie nicht wahrnehmen, lenkt Frau Gauden ihren Jagdzug zu den Wohnungen der Menschen hin; am liebsten fährt sie in der Christnacht oder in der Altjahrsnacht über die Straßen des Dorfes, und wo sie dann die Thür eines Hauses geöffnet findet, da sendet sie eine von ihren Begleiterinnen hinein. Ein kleiner Hund wedelt nun am andern Morgen die Bewohner des Hauses an und fügt niemandem ein anderes Leid zu, als daß er durch klagendes Gewinsel die Ruhe der Nacht stört. Beschwichtigen läßt er sich nicht, auch nicht verjagen; tödtet man ihn, so verwandelt er sich am Tage in einen Stein, der, wenn auch weggeworfen, durch unsichtbare Gewalt ins Haus zurückkehrt und zur Nachtzeit wieder zum Hunde wird. Der lebendig gewordene Hund aber rächt sich nun, wimmert und winselt zum Entsetzen der Menschen das ganze Jahr hindurch, bringt Krankheit und Sterben über Menschen und Vieh, wie Feuersgefahr über das Haus, und erst mit der Wiederkehr der »Twölven« kehrt die Ruhe des Hauses zurück, wenn es bis dahin vor völligem Untergang bewahrt blieb. Jeder achtet deshalb mit Fleiß darauf, daß während der Abend-und Nachtzeit in den »Twölven« die große Thür des Hauses wohl verschloßen gehalten werde; unvorsichtige Leute versäumen das zuweilen und sind dann selbst schuld daran, daß Frau »Gauden« bei ihnen einzieht. So geschah dieß auch einmal den Großeltern jetziger Hauswirthsleute zu Bresegardt. Die waren noch obenein so thöricht, Frau Gaudens Hündlein zu tödten; aber dafür war auch von Stund an kein »Säg und Däg«, d.i. kein Segen und Gedeihen mehr im Hause, bis zuletzt das Haus sogar in Flammen untergieng. Glücklicher aber waren diejenigen daran, die der Frau Gauden einen Dienst erwiesen. Es begegnet ihr zuweilen, daß sie in der Dunkelheit der Nacht des Weges verfehlt und auf [205] einen Kreuzweg geräth. Kreuzwege aber sind der guten Frau ein Stein des Anstoßes, und so oft sie sich auf einen solchen verirrt, zerbricht sie irgend etwas an ihrem Wagen, das sie selbst nicht wieder herzustellen versteht. In solcher Verlegenheit kam sie auch einmal zu nachtschlafender Zeit, als stattliche Dame gekleidet, einem Knechte zu Boeck vor sein Bett, weckte ihn auf und bat ihn flehentlich um Hülfe in ihrer Noth. Der Knecht ließ sich erbitten, folgte ihr zum Kreuzwege und fand allda, daß das eine Rad von ihrem Wagen abgelaufen war. Er machte das Fuhrwerk wieder gangbar, und zum Dank für seine Mühe befahl sie ihm, die sämmtlichen Häuflein in seine Tasche zu sammeln, die ihre Begleiterinnen beim Verweilen auf dem Kreuzwege zurückgelaßen hatten, wir können nicht sagen, ob als Zeichen großer Angst oder guter Verdauung. Der Knecht ward unwillig über solch ein Anmuthen, ließ sich indes doch einigermaßen beschwichtigen durch die Versicherung, daß das Geschenk so werthlos, wie er wohl meine, für ihn nicht sein werde, und nahm, wenn auch ungläubig, doch neugierig einige Häuflein mit sich. Und siehe, zu seinem nicht geringen Erstaunen begann das Mitgenommene mit Tagesanbruch zu glänzen wie blankes Gold und war auch wirklich Gold. Da war es ihm denn sehr leid, statt einiger Häuflein nicht alle mitgenommen zu haben; denn von den zurückgelaßenen Kostbarkeiten war am Tage auch nicht die Spur mehr aufzufinden. Ein andermal beschenkte Frau Gauden einen Mann zu Conow, der eine neue Deichsel in ihren Wagen setzte, und noch ein andermal beschenkte sie eine Frau zu Göhren, die ihr den hölzernen Stecken in die Deichsel schnitt, über welchem die Wage hängt. Beide erhielten für ihre Mühe, daß die sämmtlichen Späne, die von der Deichsel wie von dem Wagenhalter abfielen, sich in schieres, prächtiges Gold verwandelten. Insonderheit liebt Frau Gauden kleine Kinder und beschenkt sie zuweilen mit allerlei guten Gaben; darum singen die Kinder auch, wenn sie »Fru Gauden« spielen:


»Fru Gauden hett mi 'n Lämmken geven,

Dormit sall ick in Freuden leven.«


[206] Doch hat sie sich allmählich aus der Gegend weggewandt, und das hängt so zusammen. Fahrläßige Leute zu Semmerin hatten in einer Silvesternacht ihre Hausthür sperrweit offen gelaßen. Dafür fanden sie am Neujahrsmorgen ein schwarzes Hündlein auf ihrem Feuerherde liegen, das in nächster Nacht mit unausstehlichem Gewinsel den Leuten die Ohren voll schrie. Da war guter Rath theuer, was anzufangen sei, um den ungebetenen Gast aus dem Hause los zu werden. Und wirklich fand man Rath bei einer klugen Frau, die in geheimen Künsten wohl bewandert war. Diese gebot nämlich, es solle das sämmtliche Hausbier durch einen »Eierdopp« gebrauet werden. Gesagt, gethan. Eine Eierschale ward in das Zapfloch des Braukübels gesteckt, und kaum, daß das »Wörp«, das ungegohrene Bier, hindurch gelaufen war, da erhob sich Frau Gaudens Hündlein und redete mit vernehmlicher und klarer Stimme:


»Ick bün so olt

As Böhmengold;

Äwerst dat heff ick minleder nich truht,

Wenn man 't Bier dörch 'n Eierdopp bruht!«


Und als es das gesagt hatte, verschwand es, und seither hat niemand hier so wenig Frau Gauden als ihre Hündlein gesehen.

76. Vom Wolfe, Fuchs und Esel75. Fru Gauden oder Goden74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

76. Vom Wolfe, Fuchs und Esel.

Pœnitentiarius, ed. Kritz. 1850.


An einem festlichen Tage kamen die Thiere zusammen, um ihre Sünden zu beichten. Zu dem Wolfe und dem Fuchse, die den nächsten Hügel erstiegen, gesellte sich der arglose Esel. Da sprach der Wolf, der den obersten Platz eingenommen hatte: »Wir sollen unsere Sünden bekennen, so will ich zuerst sagen, was ich gethan habe.« Und indem er sich weinend niederwarf, sagte [207] er: »Ich bin ein Dieb, ein Räuber, ein frecher Wegelagerer; ich liege immer auf der Lauer und lebe vom Beutemachen. Meinen Hunger vermag kein Thier zu sättigen. Ich verschlinge zarte Ferkel, erwürge Schweine und mache Pferde zur Beute; ich zerreiße Ochsen und Kühe. Ja, mit Thränen gestehe ich es, ich stelle den unschuldigen Eselein nach, deren Fleisch meine liebste Speise ist. Am Freitage habe ich dem da die Mutter ganz allein verzehrt, am andern Tage den Vater, und kaum waren acht Tage vorüber, so gieng auch sein Brüderlein durch meine Kehle. Aber von jetzt an werde ich kein Eselfleisch mehr eßen. Darum habe Erbarmen mit mir. Ich bin aber ein großer Sünder. Wer kann die Ziegen, Kälber, Böcke und Schafe zählen, die ich verspeist habe! Ich breche in die Hürden ein, erwürge, so viel ich kann, und nehme mit, so viel ich vermag. Ich lauere den Menschen auf und verschone weder Männer noch Frauen, weder Knaben noch Mädchen. Einstmals fand ich auf der Weide eine fette Sau mit zehn kleinen Ferklein. Die Mutter konnte ich nicht verschonen. Als ich sie erwürgt hatte, schrien die Kleinen so laut um sie, daß sie mich dauerten, und um sie nicht im langen Grame vergehen zu laßen, ließ ich sie einen kurzen Tod in meinem Bauche sterben. Zu dieser und zu andern Thaten trieb mich meistens der Hunger. Aber ich weiß es, daß mich das nicht entschuldigt, und ich bitte dich um gnädige Strafe.«

Der Fuchs sprach, nachdem er nachgedacht hatte: »Höre auf zu weinen. Wir sind alle nicht ohne Fehler, und keiner kann sagen, daß er ohne alle Schuld sei. Wenn du auch ein Räuber bist, wie du sagst, so leidest du doch immer dabei tausendfältige Gefahren des bittern Todes. Wenn du einmal, um deinen Hunger zu stillen, den jammernden Lämmern ein Schaf entführst, oder ein Schwein oder ein Zicklein mitnimmst, so ist das kein Verbrechen, da die Schweine die Saaten umwühlen, und die Ziegen die jungen Zweige abnagen. Du thust also ein gutes Werk mit dem, was du dir als Verbrechen vorwirfst. Überhaupt, was nicht gehütet wird, gehört dir. Warum sorgen die Bauern nicht beßer für ihre Felder, die ohne dich schlecht genug gehütet sein würden! Nur weil die Menschen [208] und Thiere Furcht vor dir haben, ist die Welt ruhig. Denke dir einmal, daß man keine Furcht vor dir hätte, und daß alle Thiere ohne Hirten ausgiengen. Sie würden alle Felder und Wälder verwüsten, und überall würde Hungersnoth ausbrechen. Du gehst ganz ruhig durch die Feldmark und hast nichts Böses im Sinne. Da fallen sie alle gleich über dich her, als ob du ein Räuber wärest, greifen nach Knitteln und Waffen und hetzen die wüthenden Hunde auf dich. Da ist es kein Wunder, daß du grollend davongehst und mit solchem Volke nicht auf friedlichem Fuße leben kannst. Du nennst dich, wie die Frommen zu thun pflegen, einen Sünder; aber du bist darum noch keiner. Deine Thränen zeugen dafür, daß du gut und ohne Falsch bist. Hast du nicht selbst gesagt, daß du einst zehn Ferkelchen von langsamem Todeskampfe befreit hast? und ist das nicht ein frommes Werk, mit dem du dir den Weg zum Himmel gebahnt hast? Wer plötzlich ertrinkt, stirbt seliger, als wer sich erst noch lange im Waßer abquälen muß. Du hast die rasch erlöst, auf die ein langwieriges Hinsterben wartete, und hast damit alle deine Vergehen gebüßt. Damit du aber nicht ganz ohne Strafe ausgehst, sollst du eine Zeit lang dich bei deinen Mahlzeiten des Trinkens enthalten.« »Ich unterwerfe mich dieser Strafe willig und gern«, sprach der Wolf, und der Fuchs hieß ihn auf stehen, und warf sich statt seiner zu Boden, um zu beichten.

»Ich bin«, sagte der Fuchs, »ein Lüger und Betrüger, gefräßig wie drei Bären und werde doch nicht satt. Ich strecke mich wie todt auf die Heide. Da kommt dann die Krähe, hüpft und springt mir auf Bauch und Kehle und denkt ein gutes Frühstück gefunden zu haben. Sie versucht meine geschloßenen Augenlider zu öffnen, um mir die Augen auszuhacken, oder kommt meinem Rachen, aus dem die Zunge lang hervorhängt, nahe. Dann springe ich auf, erschnappe sie und verspeise sie bis auf die Knochen. Oder ich schleiche durch die Dörfer, zerreiße die Hühner sammt dem Hahnen, springe ins Waßer und faße mit scharfen Krallen die schwimmende Ente. Habe ich die Gluckhenne von einem Mandel Küchlein weggeführt, so zeigt sich der Hühnerhabicht, [209] um die jammernde Brut in sein Nest zu tragen. Dann ergreift mich Mitleid um die Unglücklichen, die den Hof mit Klagen erfüllen, und um sie den langen Gefahren, die ihnen vom Habicht drohen, zu entreißen, laße ich sie eins nach dem andern in meine Kehle gehn. Einen Tag, an dem ich keine Schalkheit verübt habe, halte ich für verloren. Ich kann nicht jedes Einzelne nennen, aber ich empfinde Reue und will mich der Buße unterwerfen.«

Der Wolf war erstaunt, daß der Fuchs sich für einen landkundigen Sünder ausgebe, da er doch nichts Böses gethan, was so vieler Worte werth sei. »Du liegst«, sagte er, »ganz schuldlos in deinem Bau oder durchwandelst, deiner Nahrung nachgehend, die Felder. Da kommen sie zu Fuß und zu Pferde herangestürmt, die Jagdhörner ertönen, vom Hufgestampfe erdröhnt der Boden, die Hunde schlagen an, die Luft erzittert vom Wiehern der Rosse, und die weiten Fluren füllt lautes Getöse. Die Hunde folgen deiner Fährte, bis sie dich in einer Furche niedergeduckt oder in einem Busch versteckt finden. Du lauschest, bebst und weißt nicht, wohin du entweichen sollst. Dabei möchte selbst ein muthiger Löwe das Herz verlieren. Das ganze Feld wird von den Jägern und ihren Genoßen umzingelt, von allen Seiten sprengen sie zu Ross gegen dich heran. Sie zeigen den Hunden mit Halloh und Hurrah, wo du dich versteckt hast, und kaum haben sie dich erblickt, fliegen sie hinter dir drein, bis dir kein Entkommen mehr möglich ist. Und wenn sie dich gefaßt haben, so ist dein Schicksal klar wie der Tag. Mit hundertfältigem Tode hat dein Volk die Wuth der Menschen bezahlen müßen, und auch du weißt noch nicht, wo du deinen Pelz ablegen wirst. Ach, Bruder, die Menschen sind voll Arglist und Bosheit und thun immer, als werde ihnen gleich alles genommen, wenn ihnen einmal ein Huhn abgejagt wird. Als du die armen Küchlein vor einem langsamen Tode bewahrtest, übtest du ein Werk der Barmherzigkeit und tilgtest damit alle deine Sünden. Fahre fort auf der Bahn, die du betreten, und hinterlaße deinen Söhnen ein Beispiel der Tugend, die dich ziert. – Nun aber muß unser Gefährte, der Esel, bekennen, was er gethan hat. Er ist nicht wie wir; wir schweifen in Feld und [210] Wald umher, während er daheim von vornehmen Leuten gute Lehren empfängt und in Zucht und Ehren unterwiesen wird. Er kann nicht so roh und ungesittet sein, wie wir es leider sind.«

Der Fuchs erhob sich mit frommer Miene, neigte das Haupt, legte die Ohren zurück, schloß die Augen und kreuzte die Arme über die Brust. Der Esel begann darauf zu beichten: »Ich bin träg und faul; ich zerreiße die Säcke an den Zäunen, daß das Mehl in den Koth fällt. Ich weide auf Wiesen, die mir nicht gehören, und zertrete das Gras. Wenn mir eine Bürde aufgelegt werden soll, entlaufe ich meinem Herrn, keile hinteraus, werfe den Sattel ab und gehe niemals gutwillig zur Mühle. Einst mußte ich, von Hunger geplagt, mit Schlägen und Steinwürfen angetrieben und mit schweren Säcken beladen zur Mühle gehn. Ein wallfahrender Pilger gieng neben mir, der in die Schuhe Stroh gestopft hatte. Ein Halm stach hervor. Diesen zupfte ich heraus und verzehrte ihn.«

Kaum hatte der Esel diese That erzählt, als der Wolf ihn unterbrach, indem er rief: »Seht den Kirchenräuber, den Gottlosen! Er stiehlt Kohl, er verwüstet die Äcker, zerreißt die Zäune, richtet den größten Schaden an, macht die Weiden dürr und erzeugt Miswachs, daß Stiere und Schafe zu Grunde gehn! Er geht vom Wege ab, reißt die Säcke an den Zäunen auf, daß das blanke Korn in den unreinen Koth fällt. Daher kommt denn die Hungersnoth! Höre, Bruder, du weißt, wie ich dich liebe, und wie der Fuchs von Liebe zu dir entbrannt ist. Ich will es hingehn laßen, daß du fremdes Gras abweidest, Kohl frißest, die Weiden verunreinigst, die Herden in Hungersgefahr bringst; aber das Unrecht, das du an dem frommen Pilger begangen hast, ist ein so großes Verbrechen, daß du dafür den Tod erleiden mußt. Du hast einem frommen Manne das Stroh aus den Schuhen gezogen und ihn gezwungen, die Beschwerden des rauhen weiten Weges zu erdulden. Damit hast du dich an ihm und allen Frommen versündigt. Du bist ein Dieb, und du weißt, daß ein Dieb eines ehrlosen Todes sterben muß. Aber weil wir dich lieb haben, wollen wir deiner schonen. Du sollst nicht durch [211] den Strang sterben, sondern eines ehrlichen Todes, und deine Thaten sollen deine Nachkommen nicht schänden. Wenn du von Herzen bekennst, daß du des Todes schuldig bist, werden wir gnädig sein und dir eine leichtere Strafe auferlegen.«

Der Fuchs hob den Kopf und spitzte die klugen Ohren; er wußte, daß für den Esel eine böse Stunde geschlagen. Dem Esel, der sich verantworten wollte, gebot der Wolf Schweigen; da er seine Missethaten gestanden habe, wie der Fuchs bezeugen könne, auch keine Zeichen der Reue blicken laße, so sei er des Todes schuldig. Alsbald sprang der Wolf ihm an die Kehle, der Fuchs fiel ihn von der Seite an, und nachdem sie ihn in Stücke gerißen hatten, verzehrten sie ihn mit einander.

77. Thedel von Walmoden76. Vom Wolfe, Fuchs und Esel75. Fru Gauden oder Goden74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

77. Thedel von Walmoden.

Des Edlen Gestrengen Weitberümbten, vnnd Streitbaren Heldes Thedel Vnuerferden von Walmoden etc. wunderbarliche Geschicht etc. in Reim gebracht durch M. Georgium Thym von Zwickaw. 1563.


Im Braunschweiger Lande lebte einst ein schlichter und ehrbarer Held, Aschen von Walmoden mit Namen, der war wegen seiner Tapferkeit und Gottesfurcht hin und her berühmt in der Welt; seine Gemahlin Bertha von Gernrode war ehrbar und tugendsam wie er, und sie lebten in Frieden und Frömmigkeit mit einander. Dafür segnete sie der liebe Gott, segnete sie mit Hab und Gut, segnete sie insbesondere mit gehorsamen Kindern. Einst bescherte er ihnen ein Söhnlein, welchem sie in der heiligen Taufe den Namen Thedel oder Dietrich gaben; den hielten sie zur Zucht und Tugend an, ließen ihn fleißig studieren und sandten ihn, damit er der Künste gewis werde, gen Paris. Thedel studierte hier fleißig fort, blieb immerdar wacker und brav, und als er [212] nach sechs Jahren frisch und gesund heimkehrte, hatten sie eitel Freude und Ehre von ihm bis an ihren späten Tod.

Als er kurze Zeit nach seiner Rückkehr einer Taufe als Gevatter beiwohnte und die ergreifenden Worte vernahm, welche der Priester über das Kindlein sprach, giengen ihm dieselbigen so sehr zu Herzen, daß er bei sich in seinem Sinn gedachte: »Wollte Gott, du wärest auch also getauft!« und er hatte nicht eher Ruhe, als bis er den Pfarrherrn gefragt, ob er dereinst auch wohl also getauft sei. Der Priester berichtete ihm, daß über ihn ganz dieselben Verheißungen der ewigen Seligkeit und des Beistandes Jesu Christi ausgesprochen seien, und da wurde der Thedel froh und unverzagt und antwortete aus seinem Gemüth und Herzensgrund: »Gott sei Lob und Preis! Nun fürchte ich mich selbst vor dem Teufel nicht, sintemal er mir nicht ein einiges Haar krümmen kann. Froh und frei wage ich's mit dem Bösewicht!« Solche Rede verdroß den Teufel sehr, und er sann hin und her, wie er den kühnen Ritter zu Fall bringen möge.

Lange nachher entschliefen des Junkers Eltern in dem Herrn; da erbte Thedel viel Geld und Gut und überkam auch das Haus Lutter am Barenberge, woselbst er von nun an lebte, wie es einem christlichen Ritter ziemet, und wie er es auch gar nicht anders gewohnt war. Einst gieng er mit seinem Schreiber auf ein weit Feld bei Brelem, welcher Ort »die Har« genannt wird, und sie lauerten Hasen und Füchsen auf. Als sie nun da so standen, siehe, da kam ein großer Zug Reiter einhergesprengt: Verstorbene waren es aus Thedels Heimat und ihm wohlbekannt; voran ritt auf einem feinen schwarzen Pferde ein schwarzer Mann mit einer großen schwarzen Fahne: der Teufel selber war es, der mit seiner unheimlichen Schar die Luft durchstreifte. Thedel, der kühne und edle Held, gab Garn und Schlingen an den Schreiber und eilte auf fünf Reiter zu, die hinterher trabten. Da kam einer derselben, der auf einer schwarzen dreibeinigen Geiß saß und dem Helden bekannt war, auf ihn zu und fragte ihn: »Was stehet ihr hier so einsam? Suchet ihr Abenteuer, und habt ihr Lust, Lieb und Sinn, mit uns nach dem heiligen Grabe zu ziehen, [213] so springet flugs aus meinen dreibeinigen Bock und sitzet hinten auf! Ihr könnet euch gar das schwarze Pferd verdienen, auf dem der stolze schwarze Mann dort sitzet; ihr müßt aber auf dem ganzen Wege nicht reden, denn sonst bräche euch der böse Feind den Hals. So ihr mitziehet, könnet ihr daselbst ohne Strafe und Pein verweilen bis in die andere Nacht; wenn aber dann zum drittenmal der Kirchring umgezogen wird, so müßt ihr nicht länger säumen.« Thedel schwang sich in Gottes Namen auf und machte sich unverzagt ins Feld. Als sie ans Meer kamen, setzten sie über die kleine Pfütze und waren in der heiligen Stadt; Thedel betete am Grabe des Erlösers, verewigte dort sein Gedächtnis durch eine gemalte Denktafel, gieng zum heiligen Abendmahl und trauete Gott dem Herrn.

Als der Held sich nun weiter in Jerusalem umsah, erblickte er unvermuthet ein gar liebes Gesicht: Herzog Heinrich war es mit seinem Löwen. Kaum hatte der gewaltige Fürst ihn gesehen, als er ihm die rechte Hand gab und zu ihm sprach: »In zwei Jahren habe ich nun nichts aus dem deutschen Land vernommen; wie kommst du hieher, und wie steht's daheim? wie geht's zumal unserer lieben Gemahlin mit den Kindern? und wie unseren Räthen sammt allen Getreuen?« Thedel erzählte ihm sein Abenteuer und berichtete alsdann, wie es der fürstlichen Gemahlin und den Kindern sammt dem ganzen Lande wohlgehe; »doch«, fügte er hinzu, »das Gerücht ist landkundig, ihr wäret mit allen Rittern ertrunken, und so ihr nicht auf Michaelis wiederkehrt, will die edle Fürstin den Pfalzgrafen ehelichen.« Der Herzog erschrak, nahm den Thedel mit in seine Herberge, ließ ihn mit sich speisen und gab ihm dann wichtige und wohlpetschierte Briefe, die er daheim besorgen solle.

Je näher die bedungene Frist ihrem Ende kam, um so eifriger suchte der Teufel den Ritter zum Sprechen zu bewegen; Thedel indes widerstand allen Lockungen, so schlau sie auch berechnet waren, und nachdem er sich auf solche Weise das schwarze Pferd errungen hatte, saß er auf und ritt von dannen und ritt immerzu, bis er bei Lutter auf die Har kam, allwo er den Schreiber noch [214] beim Hasengarn antraf. Der treue Diener, der vor Schrecken und Angst grau geworden war, wurde hoch erfreut, als er den lieben Herrn stark und gesund wiederkehren sah, pries und lobte Gott, hieng das Jägergarn an das schwarze Pferd, und die beiden trabten wohlgemuth gen Lutter. Hier brachte ein Knecht das Thier in den Stall, erkundete von dem Helden mit Fleiß, auf welche Weise es anzubinden, zu zäumen und zu satteln sei, und mußte es nach des Schwarzen Anweisung mit glühenden Kohlen und Dornwachsen füttern. Nun hätte schier jedermann gar gern gewußt, woher das seltsame Thier stamme; der Ritter indes verrieth nichts, denn der Schwarze hatte zugleich gedroht, sobald jener melde, woher er es genommen, müße er am dritten Tage darauf gewislich sterben.

Nachdem Thedel von seiner Hausfrau Anna herzlich bewillkommnet war, und er auch ihr das Abenteuer erzählt hatte, ohne jedoch den Geber des Pferdes zu nennen, giengen sie zu Tisch und aßen und tranken mit Lust und Wonne, wobei indessen auch Gottes nicht vergeßen wurde. Nach der Mahlzeit hätte nun des Junkers Hausehr gar zu gern das Nähere über das Thier hören mögen; er aber wich ihr aus und antwortete: »Ich habe es gegen baares Geld von einem Kaufmann aus Niederland erstanden, des Namen ich nicht erfahren habe.« Des andern Morgens sodann machte er sich mit dem Schreiber und einigen Knechten auf gen Braunschweig, klopfte am Thor der Burg, über brachte der edlen Frau die Grüße des Herzogs und sprach: »Der durchlauchtige Herr entbeut euch


So viel Heiles und guter Nacht,

Als manch roth Mündlein im Jahr lacht,

Desgleichen auch, als viel Sandkorn

Im Meer sind und in allen Born,

Daneben, so viel Grasstiel sind,

Die man auf dem ganzen Weg findt

Von Braunschweig bis Jerusalem.


Das ist euch ja ein sicheres Zeichen, daß er's noch herzlich gut mit euch meint, die auch ihr so oft um ihn geweint habt!« Mit diesen Worten übergab er ihr zum Wahrzeichen die Briefe, welche [215] erst ehegestern geschrieben und gesiegelt waren. Die Herzogin wurde hoch erfreut, küsste die Briefe inbrünstig, dankte dem lieben Gott für den Schutz, welchen er ihrem Gemahl hatte angedeihen laßen, und ließ, während sie selber las, den Thedel aufs beste bewirthen; hierauf ließ sie in der Freude ihres Herzens einen güldenen Ring herholen, schenkte ihm denselben nebst einem Hut mit einem güldenen Kranze, gab ihm außerdem ein prächtig Gewand, hieng ihm eine Kette von ungar'schem Golde um, die wog wohl hundert Gülden schwer, versicherte ihn ihrer ferneren fürstlichen Huld und reichte ihm zum Abschied die Hand. Thedel dankte, befahl die edle Frau dem lieben Herrgott und gieng wohlgemuth in seine Herberge. Als er sich hier von dem Wirth die Rechnung erbat, hörte er zu seiner neuen Überraschung, daß auch die bereits von der gütigen Fürstin quittiert sei.

Auf der Heimreise sprach er beim Grafen von Schladen ein, und hier versuchte ihn der Böse aufs neue. Der unverzagte Held Thedel hatte sich nämlich anheischig gemacht, daß er sich nimmer erschrecken laßen und selbst in der größten Gefahr nimmer ein Kreuz vor dem Teufel schlagen wolle. Nun hatte man bei Schladen einen Pferdedieb gehangen, und den nahm der Böse vom Galgen und setzte ihn in ein abgelegenes Gemach, wohin man wohl des Tages einmal zu gehen pflegt. Als Thedel in tiefer Nacht sich zu Bette begeben wollte und gleichfalls zuvor dort einkehrte, fand er den Leichnam, und das behagte ihm über die Maßen; er faßte ihn beim Schopf, setzte ihn zur Seite und sprach: »Armer Schelm! was hast denn du hier noch zu schaffen?« wobei er doch über die kindische List des Teufels gar herzlich lachen mußte; nachher setzte er den Erhenkten an seine vorige Stelle, gieng gemüthlich zu Bett und schlief sanft und behende ein. Der Schreiber jedoch und am andern Tage auch der Graf wären fast umgekommen vor Entsetzen, obgleich Thedel, bevor sie sich dahin begaben, sie von dem Vorfall bereits in Kenntnis gesetzt hatte. Der Graf ließ nun flugs den Henker kommen und den Dieb wieder an den Galgen tragen; der unverzagte Held [216] unterdes that sich gütlich an der Morgensuppe, nahm heiteren Sinnes Abschied und ritt mit seinem Gefolge heim.

Eine Zeit darauf kehrte Herzog Heinrich mit seinem Löwen aus Jerusalem zurück und bat viele Fürsten, Grafen, Ritter und Herren zu sich; auch Thedel der unverzagte Held wurde huldvoll geladen und ritt hin. In Braunschweig angekommen, that er ein prächtiges Kleid an und gieng an Hof. Kaum war der Herzog sein ansichtig worden, da gab er ihm die Hand und hieß ihn herzlich Gott willkommen, nahm ihn auch mit in sein Gemach, um die andern Gäste mit zu empfangen. Nach der Mahlzeit, bei welcher viel gesungen wurde, begann ein Ringen und Springen, ein Tanzen, Fechten und Turnieren, und dabei wurde mit Trommeln und Pfeifen hantiert, wie dergleichen bis dahin noch niemals im deutschen Reiche erhört gewesen, noch ersehen. Thedel der unverzagte Held war bei allem gegenwärtig und fand im Ringen und Springen, im Rennen und Turnieren, im Kampf mit Schwert und Hellebarde, desgleichen im Reden und Tanzen nicht seines Gleichen, so daß sich alle baß verwunderten und ihn höchlich lobten, und die, so vom Saal zusahen, allzumal laut ausriefen:


»Der Thedel hat das Beste gethan

Heut diesen Tag auf offnem Plan

Beid im Turnieren und im Rennen,

Im Fechten, und wie man's mag nennen!«


Auch der Herzog selber hatte des ein Gefallen, ließ ihn zu sich holen und sprach mit hellen Worten: »Du hast uns heute gar sehr erfreuet, sintemal du dich vor männiglich so gar ritterlich bewiesen! Wir haben auf unseren Reisen manch ehrlich Ritterspiel mit Rennen und Stechen, mit Fechten und Turnieren angesehen; doch so wie du heute hat niemand gestritten. Ist doch dein schwarzes Pferd nicht einmal gestrauchelt, und hast du doch in allem den Preis davon getragen!« – Nachdem nun aufs neue reichlich gegeßen war, als Lachs, Forellen, Karpfen und Hecht, imgleichen Schweine, Hirsche, Rehe und Hasen, und daneben der köstlichsten Weine und Biere getrunken, überkam der unverzagte [217] Held einen güldenen Kranz, an welchem ein gülden, mit Edelgestein durchwirktes Kleinod hieng; den setzte ihm eine zarte Jungfrau aufs Haupt. Thedel dankte minniglich, trat mit der Jungfrau hin an den Tanz und ergötzte sich in Zucht und Ehren.

Es war aber ein Neider unter der Schar der Edelleute, der suchte Thedels Ruhm zu schmälern und sprach zum Herzog: »Es giebt niemanden in der Welt, den man nicht erschrecken könnte, auch den Thedel nicht ausgenommen! Wenn ihr morgen früh zur Kirchen reiten wollt, alsdann steckt ein dünnes Federlein in euren Bart, und wenn Thedel alsdann, wie er gewislich thun wird, die Feder auszupfen will, so beißet ihm nach der Hand. Ich sage euch bei meiner Seelen, alsdann wird er sich erschrecken wie ein Mäuslein; denn ihr seid ein gar erschrecklicher Held, und der Thedel stellt sich nur so unverzagt.« Der Herzog gieng auf diesen Rath ein, und als ihm der unverzagte Held am andern Morgen das Federlein wegziehen wollte, neigte sich jener leise gegen ihn und schnappte ihm jählings nach der Hand. Da reichte ihm Thedel der unverzagte Held einen herzhaften Backenstreich und sprach mit zornigem Mund: »Seid ihr gar ein Hund worden, daß ihr also beißen thut? oder wolltet ihr mich mit solcher Gefahr erschrecken?« Der Herzog sprach zu ihm: »Thedel, wir schwören es dir, wenn uns das ein anderer gethan hätte, er sollte es theuer büßen! Dir aber bleiben wir huldreich zugethan, du bist ein unerschrocken Held, und wir haben den Narrenlohn wohl verdient mit unserm thörichten Thun. Doch dich losen Schelm und Bösewicht«, fuhr er gegen den neidischen Ritter und kindischen Rather fort, indem er sich hoch aufrichtete, »dich sollten wir um deine Thorheit und Böswilligkeit aufs Rad flechten, so gram sind wir dir! Scher dich von Stund an aus unseren Landen, sonst möchte dir's noch übel ergehen!« Der rothe Ritter schied also, und dem unverzagten Helden schenkte der Herzog nach der Mahlzeit ein edles braunes Ross.

Als Thedel gen Lutter heimkehrte, fand er einen Fehdebrief vor, den ihm der Bischof von Halberstadt geschrieben hatte. Flugs sammelte der unverzagte Held dreihundert Reiter und tausend [218] Landsknechte, besiegte die zahlreichen Scharen des Bischofs und nahm diesen gefangen, machte auch reiche Beute und verheerte das feindliche Gebiet. Bald darauf entschlief des Helden Gemahlin in dem Herrn, und nachdem dieselbe zu Goslar mit großer Pracht beigesetzt war, übergab jener all sein Gut seinem Sohne, trat in den deutschen Orden und ritt gen Liefland wider die Unchristen. Hier verrichtete der unverzagte Held zu Jesu Ehren große Thaten und machte in gar kurzer Zeit das ganze Land seinem Orden unterthan, weshalb ihn denn der Deutschmeister sehr lieb und werth hielt. Eines Tages begehrte derselbige zu wißen, woher der Thedel das seltsame schwarze Pferd genommen. Dieser bat, es verschweigen zu dürfen, denn sobald er das entdecke, müße er des dritten Tages sterben. Der Meister jedoch, der das nicht glauben mochte, forderte bei seines Gehorsams Pflicht Auskunft, und nun durfte sich der Thedel nicht länger weigern. Er bat deshalb um vierzehn Tage Frist, beichtete in mittlerer Zeit und empfieng das heilige Abendmahl; alsdann berichtete er, und am dritten Tage entschlief er fein gemach, indem er betete:


»Vater, ich befehle meinen Geist in deine Hände!«


Und damit hat nun auch diese Geschichte ein Ende.
78. Einochs77. Thedel von Walmoden76. Vom Wolfe, Fuchs und Esel75. Fru Gauden oder Goden74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

78. Einochs.

J. Grimm lat. Ged. d. 10. u. 11. Jhd.


Es war einmal ein Bauer in einem Dorfe, dem gar nichts glücken wollte. Er konnte es zu nichts bringen und konnte nicht weiter kommen; die Bienen flogen ihm aus und hiengen sich in fremden Baumgärten an; seine Hühner wurden mehr als andere vom Fuchse heimgesucht, und wenn anderer Bauern Mutterschweine [219] zwölf Ferkel warfen und mehr, mußte unser Bauer zufrieden sein, wenn eins oder zwei hinter seiner Sau herquiekten. Sein höchster Wunsch war es, einmal mit einem Spann Ochsen fahren zu können, und er sprach hin und wieder davon, daß er es noch einmal dahin bringen müße. Aber es wollte und wollte nicht gehen, und eines Tages stürzte ihm von seinen beiden Ochsen der eine, so daß er nur noch einen übrig behielt. »Wer den Schaden hat, braucht für den Spott nicht zu sorgen«, dachte der Bauer, und richtig, die Leute nannten ihn, weil er mit vieren hatte fahren wollen und ihm nur noch einer geblieben war, Einochs. Bald aber passte dieser Name, wie die Leute meinten, noch beßer auf ihn, und das war damals, als ihm auch der letzte Ochs gestürzt war, und er nun gar keinen mehr hatte. Einochs besah das gefallene Thier von der einen und von der andern Seite mit betrübter Miene; aber der Ochs wurde nicht wieder lebendig, und Einochs sprach: »Ich muß nun mein eigner Ochs sein.« So streifte er gutes Muthes dem Thiere die Haut ab und ritt damit zum Marktflecken, um sie zu verwerthen. Um die Haut ärmer und wenige Kreuzer reicher, trat er den Heimweg an. In einem Walde mußte er absteigen, und als er einmal eine Hand voll Gras ausrupfte, um seine Schuhe zu säubern, blinkte es zu seinen Füßen. Er sah nach und fand drei Töpfe mit Geld, so viel und so schwer, daß er es kaum auf dem Sattel fortbringen konnte, und langsam nebenher wandernd, kam er mit Einbruch der Dunkelheit in seiner Hütte an. Um seinen Reichthum zu meßen, schickte er seinen Jungen zum Schulzen und lieh eine Metze. Als er sie am andern Tage wieder zurücksandte, war in einer Ritze ein Groschen hängen geblieben, und als der Schulze den Jungen fragte, was Einochs damit gemacht habe, mußte er zu seiner größten Verwunderung hören, daß Einochs sein Geld gemeßen und fünf gestrichene Metzen voll eingesackt habe. Der Schulze hatte nichts Eiligeres zu thun, als nach dem Vorsteher zu gehn und ihm die neue Zeitung mitzutheilen, und als dieser hörte, daß der arme Einochs ein reicher Mann geworden sei, lief er mit dem Schulzen zum Geschwornen und machte diesem die Neuigkeit kund. Der [220] Geschworne war ein kluger Mann, der das Gras wachsen und die Fliegen husten hörte, und als er von dem ungemeinen Reichthum des armen Einochs hörte, meinte er gleich, es müße etwas dahinter stecken, und es möge wohl nicht ganz richtig sein. Die beiden anderen sahen sich verschmitzt an, und alle drei wurden einig, zu Einochs zu gehn und ihn kurz und gut zu fragen, an wem er den Mord und Straßenraub begangen habe. Gesagt, gethan. Der Geschworne trat voran in Einochs Hütte, räusperte sich und hustete, stützte sich mit dem Kreuze auf seinen Stab, hustete und räusperte nochmals und platzte dann heraus, Einochs solle nur gestehn, wen er heimlich erschlagen und des grausamen Reichthums beraubet habe. Und dabei hielt er ihm, um ihn zu überführen, den Groschen, der in der Metze hängen geblieben war, vor die Nase und sprach: »Kennst du diesen!« Einochs, der gar nicht wußte, was dem Schulzen und dem Vorsteher und dem Geschwornen durch den Sinn gefahren sei, wurde ganz betreten, und als er endlich erfuhr, daß der Schulze seinen Jungen ausgefragt hatte, legte er sich aufs Leugnen und wurde den dreien immer mehr verdächtig. Zuletzt, als er nicht mehr ausweichen konnte, gestand er seinen Reichthum ein und log noch mehr hinzu, als er hatte, sagte den dreien aber, er habe weder jemanden beraubt noch umgebracht, sondern alles ehrlich für seine Ochsenhäute gelöst, die bei den Schuhmachern auf dem Markte reißend abgegangen und dreifach mit Geld aufgewogen seien, da schon lange Mangel an Leder vorhanden, und die Leute in Gefahr gewesen, barfuß laufen zu müßen; wenn er nur noch viele Ochsen und Kühe zu schlachten gehabt hätte, würde er mit allen Häuten einen guten Handel haben machen können; die Nachfrage sei gar zu groß. Der Geschworne blinzte den Vorsteher, der Vorsteher den Schulzen und der Schulze den Geschwornen an, und alle drei begaben sich hinweg, um auch reich zu werden. Am andern Morgen brüllte in den Ställen des Schulzen, des Vorstehers und des Geschwornen weder Rind noch Stier, weder Kalb noch Kuh; dafür aber fuhren die drei mit beladenen Wagen dem Markte zu, und auf jedem Wagen lagen Ochsen- und Rinderhäute die schwere Menge.

[221] Auf dem Markte drängten sich die Leute und hatten wenig Acht auf die Rinderhäute des Schulzen, des Vorstehers und des Geschwornen. Dann und wann trat ein Schuster oder Gerber an den Wagen, rupfte und zupfte an einer Haut und gieng seines Weges. Als nach geraumer Zeit sich endlich ein Käufer einfand, machte der Schulze eine wichtige Miene und forderte so gewaltig viel Geld, daß der Käufer lachend davongieng. Beim Vorsteher war der Handel nicht billiger, und der Geschworne war viel zu klug, um seine Ware den schlauen Stadtleuten zu schenken. Er hielt sie noch höher im Preise als der Vorsteher und der Schulze. Der Gerber, der beim Schulzen gelacht, beim Vorsteher verwundert den Kopf geschüttelt hatte, wurde beim Geschwornen verdrießlich und wollte sich nicht zum Narren haben laßen. Er schalt laut auf die dummen Bauern, und die dummen Bauern wollten das nicht auf sich sitzen laßen. Ein Wort gab das andre, von Worten kam es zu Püffen, daß darüber ein Gedränge entstand, und gar ein Auflauf und Tumult daraus wurde, wobei dem Schulzen, dem Vorsteher und dem Geschwornen die Häute vom Wagen gerißen und hierhin und dorthin verschleudert wurden. So hatten sie viele Nehmer, aber keine Zahler gefunden und mußten noch froh sein, mit heiler Haut davonzukommen. Ärmer, als sie hingefahren, fuhren sie wieder heim und schwuren Einochs den Tod dafür, daß er sie so geäfft hatte.

Einochs traute dem Handel nicht recht und dachte daher einen neuen Muthwillen aus. Er bestrich seine Frau mit dem Blute eines geschlachteten Schweins, legte sie in der Stube auf eine Bahre und bedeckte sie mit einem weißen Laken. Als der Schulze, der Vorsteher und der Geschworne in Einochs Haus stürmten, um Rache an ihm zu nehmen, erschraken sie vor der Frau auf der Todtenbahre, und anstatt über Einochs herzufallen, fiengen sie mit ihm zu klagen an, bis sie erfuhren, daß Einochs seiner Frau den Hals abgeschnitten habe. Da wurden sie wieder zornig und wollten dem Frevler an das Leben. Einochs aber hieß sie schweigen, zog eine Flöte von Weidenbast hervor und gieng blasend dreimal um die Bahre. Dann gebot er der Hingestreckten, [222] sich zu erheben, sich zu waschen und wieder einzutreten. Die Frau erhob sich über und über mit Blut bedeckt unter dem Tuche, gieng hinaus, um sich zu säubern, und trat dann sauber und rein wieder in die Stube. Der Schulze, der Vorsteher und der Geschworne rißen die Augen sperrangelweit auf. Die Frau kam ihnen jünger und schöner vor als früher, und als Einochs ihnen sagte, das komme alles von der Wunderkraft seiner Flöte, deren Ton Todte erwecke und alte Weiber jung mache, baten sie ihn so lange, bis er ihnen die Flöte lieh. Der Schulze, als der vornehmste unter ihnen, bekam die Flöte zuerst. Alsbald gieng er nach Hause, befahl seiner Frau sich hinzustrecken, und als sie es lachend, weil sie nicht wußte, was ihr Mann vorhabe, gethan hatte, zog er ein großes Meßer hervor und schnitt ihr rasch die Kehle ab. Dann nahm er die Flöte, blies hinein und gieng dreimal um die Leiche. Kaum vernahm der Vorsteher den Klang der Flöte, als er seine Frau gleichfalls tödtete und dann eiligst zum Schulzen lief, um die Wunderflöte zu holen. Er gieng um die Leiche seiner Frau und blies aus Leibeskräften, um sie wieder lebendig und jung zu machen. Als der Geschworne das hörte, machte er es mit seiner Frau, wie es der Schulze und der Vorsteher mit ihren Frauen gemacht hatten, holte die Flöte und blies mit vollen Backen darauf, aber vergebens; alle drei Frauen waren todt und blieben todt. Da wurden der Schulze, der Vorsteher und der Geschworne über die Maßen zornig auf Einochs und machten sich auf, um dem Mörder und Betrüger das Leben zu nehmen.

Einochs hatte schon lange gewittert, daß die Luft nicht rein war, und wieder einen neuen Muthwillen ausgedacht. Er zog sein Pferd aus dem Stalle, stellte es mitten auf der Diele auf ein ausgebreitetes weißes Laken und füllte es hinten mit kleinen Silbermünzen von seinem Schatze. Als der Schulze, der Vorsteher und der Geschworne hereinstürmten, um Einochs zu tödten, blieben sie wie angewurzelt auf der Schwelle stehn. Von dem Pferde fiel ein Stück Geld nach dem andern auf das Linnentuch. Einochs that sehr verlegen, als er sich beim Aufsammeln des [223] Geldes überrascht sah. Die drei fragten ihn, ob das ein Wunderpferd sei, und Einochs sprach, er wolle kein Hehl daraus machen, da sie es doch einmal gesehen; ja, das Pferd sei ein Wunderpferd, und von ihm komme der Reichthum, den er mit Metzen gemeßen habe. Da baten sie ihn so lange, daß er ihnen das Pferd für schweres Geld verkaufe, bis er einwilligte. Sie legten zusammen, brachten das Geld und führten das Pferd mit sich fort. Der Schulze, als der vornehmste unter ihnen, bekam es zuerst und stellte es gleich in seinem Hause auf ein ausgebreitetes weißes Laken, band ihm einen großen Beutel mit dem besten Hafer vor das Maul, daß es die Nacht tüchtig freßen sollte, und konnte kaum schlafen vor Gedanken, was er mit allem Reichthum anfangen sollte. Endlich als es Tag wurde, lief er nach dem Pferde und suchte in den Rossäpfeln auf dem Laken nach Geld. Richtig fand er auch ein kleines Silberstück, das er gerade einstecken wollte, als der Vorsteher, den die Gedanken auch nicht hatten schlafen laßen, eintrat und den Schulzen glücklich pries, daß er in einer Nacht ein steinreicher Mann geworden sei. »Jetzt«, sagte er, »ist die Reihe an mir«, und damit faßte er das Pferd beim Halfter und führte es in seinen Stall. An Futter ließ er es nicht fehlen. Die Raufe wurde mit Heu gefüllt, die Krippe mit reinem Hafer, dem Wunderpferde ein großes weißes Laken untergebreitet, und der Stall zugeschloßen, damit niemand etwas merke oder wegnehme. Das Laken wurde auch voll, aber nicht voll Geld. Als der Vorsteher nachsuchte, sah er sich fast blind; aber er fand kein Geld. Ungeduldig kam der Geschworne herzu und meinte, der Vorsteher sei nun reich genug geworden, jetzt komme die Reihe an ihn, er wolle sein Theil auch haben. Der Vorsteher leugnete, daß er schon irgend einen Groschen gefunden habe, und schalt auf das Pferd und auf Einochs, der sie betröge und wieder betröge. Der Geschworne lachte dazu und glaubte, der Vorsteher wolle das Pferd nur länger für sich allein behalten, um noch reicher zu werden. Er faßte es deshalb kurz und gut beim Halfter und führte es in seinen Stall. Er machte es wie der Vorsteher, und es gieng ihm auch gerade wie dem Vorsteher. [224] Da war kein Geld und kam kein Geld. Zornig lief der Geschworne zum Vorsteher und mit dem Vorsteher zum Schulzen, und alle drei machten sich auf, um an Einochs Rache zu nehmen.

Einochs war nicht ganz wohl zu Muthe. Er dachte hin und her, was er machen sollte, wenn der Schulze, der Vorsteher und der Geschworne den neuen Muthwillen merken und dann kommen würden, um sich an ihm zu rächen. Als er noch so in Gedanken saß, die Ellenbogen auf die Knie und den Kopf in die Hände gestützt, kamen die drei mit blanken Spießen hereingestürmt und sprachen: »Einochs, du mußt sterben!« »Ja, das mußt du«, sagte der Schulze, »hast du uns nicht um die Rinderhäute betrogen!« »Und uns verführt«, sagte der Vorsteher, »unsere Frauen zu tödten!« »Ja und dann«, sagte der Geschworne, »haben wir wohl was von dem Pferde gehabt, als Stank und Undank!« »Du mußt sterben«, riefen sie alle wie aus einem Munde, »sterben mußt du!« »Ja, das muß ich«, sagte Einochs kläglich und schlug seine Augen gottsbarmherzig zu dem zornigen Schulzen, Vorsteher und Geschwornen auf, »sterben muß ich, es fragt sich nur, wann und wie. Ihr habt meinen Tod beschloßen, und ich will mich nicht wehren. Thut mir nur die letzte Liebe und setzt mich in ein Faß und werft mich ins Meer; einen andern Tod halte ich nicht aus.« Der Schulze, der Vorsteher und der Geschworne fanden den Wunsch nicht unbillig und beschloßen, da Einochs einen andern Tod nun einmal nicht aushalten könne, ihn zu ertränken. Alsbald wurde ein Faß herbeigerollt, Einochs hineingesetzt, der Boden eingelegt, die Reifen angetrieben, und hin giengen sie mit Einochs im Faß auf den Schultern. Vor dem Dorfe seufzte Einochs laut und vernehmlich im Faße, so daß der Geschworne ganz erschreckt rief: »Er stirbt, er stirbt!« »Ja, ich sterbe«, seufzte Einochs; »aber das macht mir keinen Kummer, ich seufze um ganz andre Dinge. Hört, ihr lieben Leute, ich will euch etwas bekennen. Da es nun doch einmal gestorben sein soll, was hilft mir nun Geld und Gut! Ich habe zu Hause noch das Geld verborgen, das ich aus dem Pferdehandel von euch gelöst habe. Das will ich euch schenken. Aber wenn ich todt bin, kann ich euch nicht [225] sagen, wo es steckt. Setzt nieder, lieben Leute, setzt nieder und hört mich.« Der Schulze, der Vorsteher und der Geschworne setzten das Faß ab, und der Schulze, als der vornehmste unter ihnen, sagte: »Sprich, Einochs, wo hast du das Geld hingethan, das du uns schenken willst.« »Ja«, sagte Einochs, »ich muß mich besinnen.« »Das ist wahr«, sagte der Vorsteher, »der Kopf mag ihm wohl brummen in dem Faße, er muß sich besinnen.« »Und wenn ich es euch nun sage«, sprach Einochs, »und ihr geht hin und findet es nicht gleich an seinem Orte, und ihr würft mich ins Meer, bei wem wolltet ihr denn fragen, ob ihr mich auch recht verstanden habt?« »Das ist wahr«, sagte der Geschworne; »wir wollen das Faß so lange stehen laßen, damit wir Einochs fragen können, wenn wir das Geld nicht finden, ob er uns die Wahrheit gesagt hat.« Der Rath war billig, und der Schulze und der Vorsteher hielten es für das Beste, zu thun, wie der Geschworne gesagt. »Lieben Leute«, sagte Einochs im Faße, »laßt es euch nicht leid sein, daß ich sterben muß, und vertrinkt das Geld, das ich euch schenken will, in der Schenke in kühlem Weine. Um mich seid unbesorgt; ich will hier schon warten. Zu Hause in der Stube hinter der Thür in dem Kasten unter der Bank liegt ein Schlüßel, mit diesem schließt den Schrank in der Kammer am Fenster auf; darin hängt ein Rock, in dessen Tasche ein Schlüßel steckt, der einen Kasten in der Stube unter der Bank am Fenster schließt, darin werdet ihr einen Beutel finden, in dem nichts ist; und auf dem Schranke, wo der Rock hängt, steht ein Kasten, der ist offen, und darin ist auch nichts. Aber in dem Kasten unter der Bank hinter der Thür in der Stube findet ihr neben dem Schlüßel ein Päckchen mit Geld. Das ist das Geld, das ich euch schenke, und das ihr in der Schenke in kühlem Weine vertrinken sollt.« »Ganz wohl«, sprach der Schulze. »Wir wollen es schon finden«, sagte der Vorsteher. »Wir wollen es schon behalten«, meinte der Geschworne, und alle drei machten sich auf den Weg nach Einochs Hause, um das Geld zu suchen, das er ihnen zum Weine gegeben. Sie nahmen in der Stube hinter der Thür aus dem Kasten unter der Bank [226] einen Schlüßel, der den Schrank in der Kammer am Fenster schloß. Darin fanden sie in der Tasche des Rocks den Schlüßel, der zu dem Kasten in der Stube unter der Bank am Fenster schloß. Darin lag ein Beutel, und in dem Beutel war nichts. »Einochs hat die Wahrheit gesagt«, sprach der Geschworne. »Er lügt doch nicht immer«, sagte der Vorsteher. »Er ist doch beßer, als man meinen sollte«, bemerkte der Schulze. Sie suchten dann weiter und fanden auf dem Schranke, wo der Rock hieng, einen Kasten, der war offen, und darin war auch nichts, genau, wie es Einochs gesagt hatte. Aber in dem Kasten unter der Bank hinter der Thür in der Stube fanden sie neben der Stelle, wo der Schlüßel gelegen hatte, ein Päckchen, das der Schulze, als der vornehmste unter ihnen, hervornahm und öffnete. Das Läppchen gab er dem Vorsteher zu halten und zählte dem Geschwornen das Geld in die flache Hand. Es waren 13 Schaf, 1 Stüver und 9 Witten, Geld genug, um einen kühlen Trunk dafür zu thun. Alsogleich machten sich der Schulze, der Vorsteher und der Geschworne auf nach der Schenke und waren fröhlich und guter Dinge.

Einochs in seinem Faße wartete, daß jemand des Weges kommen werde, und richtig kam auch ein Schweinhirt daher, der eine gestohlne Herde vor sich hintrieb und auf der Weidenflöte pfiff. Einochs pochte und klopfte in seinem Faße und schrie: »Ich will kein Schulze werden! ich will kein Schulze werden!« Erschrocken ließ der Hirt die Flöte fallen und wagte sich kaum heran, denn er glaubte, der Teufel stecke in dem Faße. Als er aber näher zuhörte, merkte er wohl, daß es ein Mensch war. Er fragte nach Grund und Ursache, und Einochs sagte ihm, die Bauern wollten ihn zum Schulzen haben, und da er sich geweigert habe, das schwere Amt auf sich zu nehmen, hätten sie ihn in das Faß gesteckt, um ihn zu ersäufen. »Oho«, sagte der Schweinhirt, »ist es so; da kann Rath werden. Ich will das Amt wohl verwalten. Steige nur heraus, daß ich mich hineinsetze.« »Ja, lieber Schweinhirt«, sagte Einochs, »treib nur die Reifen los, daß ich den Boden ausstoßen kann.« Behende trieb der Hirt die Reifen los, Einochs [227] stieß den Deckel ab und sprang aus dem Faß wie das Küchlein aus dem Ei. Der Hirt setzte sich geschwind hinein, Einochs legte den Deckel auf, trieb die Reifen an und führte die Herde pfeifend des Weges.

Der Schulze, der Vorsteher und der Geschworne hatten das geschenkte Geld in kühlem Weine verzecht und machten sich nun auf, Einochs ins Meer zu werfen. Richtig stand das Faß noch, wo sie es abgesetzt hatten. Als sie herbeikamen und das Faß auf die Schultern luden, schrie der da drinnen: »Ich will ja Schulze werden! ich will ja Schulze werden!« »Wir wollen dich beschulzen«, sprach der Schulze zornig, »du mußt des Todes sterben!« Der da drinnen hörte aber nicht auf zu toben und zu schreien, so daß der Vorsteher und der Geschworne meinten, Einochs sei vom Teufel beseßen, und an zu laufen fiengen, um ihn desto rascher ins Meer zu werfen. Nun waren sie am felsigen Ufer. Der Schulze stemmte sich rückwärts, der Geschworne, der hinten trug, kippte das Faß über, der Vorsteher half nach, und plump lag das Faß mit dem Manne im Meere. »Der betrügt uns nicht wieder«, sagte der Geschworne. »Er soll uns mit keiner Wunderpfeife mehr äffen«, meinte der Vorsteher. »Und Schulze wollte er gar noch werden«, sprach der Schulze. »Vor dem sind wir sicher«, riefen sie alle drei und kehrten zufrieden ins Dorf zurück.

Nach einigen Tagen schrien die Kinder im Dorfe: »Einochs kommt! Einochs ist wieder da!« Langsam, den Stab auf der Schulter, die Weidenflöte blasend, trieb Einochs die Schweineherde vor sich her ins Dorf. Der Schulze steckte den Kopf zum Fenster heraus, der Vorsteher legte sich auf die Halbethür, und der Geschworne trat auf die Schwelle. Alle trauten sie ihren Augen nicht, als sie Einochs sahen, wie er leibte und lebte. Der aber trieb langsam mit gesenkten Augen durch das Dorf auf sein Haus zu. Alsbald rannte der Schulze, der Vorsteher und der Geschworne ihm nach. Als sie ihn erreicht hatten, fragte der Schulze: »Bist du nicht im Meer ertrunken, Einochs? Wie kommst du wieder her, und wem gehören die Schweine?« »Wohl bin ich ertrunken und gestorben«, sagte Einochs demüthig; [228] »aber die große Liebe zu meiner Frau ließ mir keine Ruhe im Meere. Da ist es herrlich und schön; auf feuchten Weiden wimmelt es von prächtigen Schweinen, und jeder, der im Meer ertrinkt, darf sich wählen, so viel er will, und heimkehren, wann er will. Aber es ist so schön da, daß niemand heim will, der einmal die Herrlichkeit mit Augen geschaut. Da ist kein Hungern und Dürsten und kein Streit und keine Mühsal. Im stillen Frieden gehn die Menschen einher, und überall ist Ruhe und Liebe. Ich bin gekommen, mein Weib zu holen, der es dort beßer werden soll als hier.« »Sind dort im Meere«, fragte der Schulze, »auch Schweine für uns?« »Für euch und alle«, sprach Einochs liebreich; »der Fülle ist kein Ende, und des Reichthums kein Abgang.« »Und wo sind die größten und fettesten?« fragte der Vorsteher. »Da, wo die Felsen des Ufers am höchsten, und die Fluten des Meeres am tiefsten sind«, sagte Einochs. »Aber werden wir auch aufgenommen?« fragte der Geschworne. »Alle sind willkommen auf der Trift am Grunde des Meers«, sagte Einochs, »ihr aber vor allen; denn ich habe gesprochen von euch, wie man von euch sprechen soll nach Fug und Recht.« »Wohlan denn«, sagte der Schulze, der Vorsteher und der Geschworne, und alle drei machten sich auf zum Ufer und sprangen, wo die Felsen am höchsten, ins Meer, wo es am tiefsten war.

Einochs nahm seine Weidenflöte, gieng in des Schulzen, des Vorstehers und des Geschwornen Haus, blies ein sanftes Stücklein an den Leichen der Frauen, und alle drei richteten sich lebendig wieder auf und waren jünger und schöner, als sie vorher gewesen. Der Schulze, der Vorsteher und der Geschworne hatten die Kunst zu blasen wohl verstanden, nur nicht recht. Einochs aber verstand die Kunst aus dem Grunde.

79. Das Mümmelchen78. Einochs77. Thedel von Walmoden76. Vom Wolfe, Fuchs und Esel75. Fru Gauden oder Goden74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[229] 79. Das Mümmelchen.

Ein allemannisches Märlein von Aloys Schreiber.


Obe uf de Hornesgründe isch e' See, de mer de Mummelsee heißt; denn vor Zite hen Mümmele oder Seewible drin g'wuhnt. E' junger Hirt het mengmol in der Näh si Küeh un Schof g'hüet un e' Liedli g'sunge. 'S isch e' sufrer Bue g'si, mit gele, kruse Hore un eme G'sichtle wie Milch un Bluet. E' mol, gege Obed, do kummt e' Junfrau zu em, ime grüne G'wand, un über de Zöpfe het se en Schleier trage. D' Junfrau setzt si zu em Hirte un seit: »'S isch do guet lenze; 's Moos isch weich, un 's weiht e' küel Lüftli us de Tanne her.«

Der Hirt het nit 's Herz, ebbes z' antworte; so e' schüns Frauebild het er si Lebti nit g'sehne, un's wurd em fascht wunderli z' Sinn. Do gukt se en an mit ihre große, schwarze Aue un mit ihrem Mündle, wie Griese so roth, un seit: »Mögscht mer nit e' Liedle singe? do hobe hört mer niks as d'wilde Waldvögel.«

Em Hirt isch's just nit singerie g'si, aber er het do ang'fange:


»Es schwimmt e' Rösli, so wiß wie Schnee,

Gar lusti dört uf em schwarze See,

Doch gückelt numme e' Sternle runter,

So duckt's au gli si Köpfle unter.«


Witer het er nit singe künne; denn 's Mümmele het en ang'schaut mit eme Paar Aue, der Schnee uf de Gründe wär schu im Merze dervun g'schmolze. Wenn mer aber Fir zuem Strau thuet, so brennt's, un mit em Lösche isch's so e' Sach. Kurz un guet, der Hirt verplempert si in's Seewibel, un si isch au nit vun Stahl un Ise g'si.

Aber alles in Ehre! Se hen kurzwilt un Narrethei triebe, un am End isch der Hirt kek wore, un het em Mümmele e' Schmüzle gen, un se het em seldrum d' Aue nit uskrazt. Bim [230] Abschied aber het se zu em g'seit: »Wenn i au e' mol nit kumm, se blib mer vum See weg, un rief mer nit.«

E' Zit lang isch's so gange, un der Hirt het g'meint, der Himmel wer jetzt allewil klor bliebe, aber hinter em isch e' gar schwarze Wolk ufg'stiege. E' mol loßt si mi Mümmele zwin Tag mit keim Au mer sehne, un do isch's em Hirte winne un weh wore. Z'letscht kann er's nimm ushalte un lauft an de See: do guke en d' Seerösle an, as wenn se Mitlid mit em hätte; er merkt's aber nit und rieft d' Junfrau bim Namme. Uf eimol wurd 's Waßer unruehig, un us'm See kummt e' Zeterg'schrei, un er färbt si mit Bluet. De Hirte wandelt e' Grusen an – er lauft in d' Berri ni, wie wenn en e' Geischt jage thät, un vun de Zit an het me niks meh vun em g'sehne no g'hört.

80. Probe des Adels79. Das Mümmelchen78. Einochs77. Thedel von Walmoden76. Vom Wolfe, Fuchs und Esel75. Fru Gauden oder Goden74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

80. Probe des Adels.

Historischer Weltspiegel von Talandern. 1699.


Heinrich der Eiserne, Graf von Holstein, hatte durch seine Heldentugenden das Herz Königes Eduard II. in England dermaßen gewonnen, daß er ihm vor allen anderen Herren bei Hofe mit besonderen Gnaden beigethan war. Ob er nun wohl wegen seiner großen Eigenschaften so hohes Glück verdienete, wurde es ihm doch am wenigsten gegönnet, und die Engländer murreten recht erbittert über diese Wahl des Königes, dadurch er einen Fremdling ihnen, als Einheimischen, in seiner Gnade vorgezogen. Allein der König ließ sich solches Misvergnügen seiner neidischen Hofleute gar nicht hindern, dem Grafen nach wie vor beständig zugethan zu bleiben. Als nun die Engländer sahen, daß sie bei dem großmüthigen Eduard durch Verleumdung des von ihm so hoch geliebten Grafen nichts ausrichteten, so wendeten sie sich an [231] die Königin, welche über die Maßen strenge darauf hielt, daß, wer am Hofe zu hoher Würde gelangen wollte, von rechtem adelichen Geblüte mußte entsproßen sein. Bei dieser nun gaben sie den Grafen Heinrich an, er wäre nicht edel geboren, sondern durch das bloße Glück in den Ritterstand erhoben, und ersuchten die Fürstin, sie möchte bei des Königes Abwesen von Heinrich eine Probe nehmen und den in dem königlichen Palast enthaltenen Löwen auf ihn loslaßen, um zu sehen, ob derselbe ihn unverletzt von sich ließe. Dieses sonst grimmige Thier hatte nämlich die Art an sich, daß es keinem Edelmann einigen Schaden zufügte.

Diesen Vorschlag ließ sich die Königin gefallen, und der Graf wurde, da eben der König verreiset, des Morgens zu ihr hinaufgefordert; da hatte man es denn schon angestellet, daß, als er in den Schloßhof kam, der hungerige Löwe, dem man eben deswegen sein gewöhnliches Futter einige Stunden zurückbehalten, losgelaßen wurde, welcher ihn denn auch mit großem Brüllen und sehr erhitztem Grimme ansprengete. Ob nun wohl der Graf sich eines solchen Anfalls nicht vermuthet, so blieb er doch ganz unerschrocken stehen und redete dem Löwen glimpflich zu: »Nun, nun, gieb dich zufrieden, gieb dich zufrieden, mein Löwe!« worauf sich alsofort dieß grimmige Thier ganz besänftiget zu des Grafen Füßen legte, der Graf aber dessen Mähne mit der Hand strich und den Löwen, der ihm nicht anders gehorsamte, als wenn es sein Hund gewesen, hernach wieder an seinen Ort führte.

Die Feinde des Grafen, welche hie und da in den Fenstern und Löchern aufpasseten, in der Hoffnung, sich an einem blutigen Schauspiele zu ergötzen, erstaunten, als sie das sahen, und wurden ganz stutzig. Aber Graf Heinrich, der wohl merkete, daß sie ihm dieses Bad zubereitet, sahe sich umher, und als er hin und wieder einige gewahr wurde, nahm er einen frischen Rosenkranz aus seinem Hute, setzte denselben auf des Löwen Kopf und gieng also von ihm aus seinem Gatter wieder heraus, den englischen Edelleuten zurufend: »Ist nun jemand gegenwärtig, der seinem edlen Geschlecht so viel als ich dem meinigen trauen darf, der hole meinen Kranz von des Löwen Haupte!« Allein es wollte sich [232] keiner wagen, sie schlichen vielmehr beschämt davon und wurden noch dazu wie von der Königin so auch von Eduard, als dieser die Begebenheit erfahren, sehr gehöhnet; der Graf aber wurde mit neuen Geschenken von der königlichen Hand ganz gnädig beehret.

81. Van einem groten Kukuk80. Probe des Adels79. Das Mümmelchen78. Einochs77. Thedel von Walmoden76. Vom Wolfe, Fuchs und Esel75. Fru Gauden oder Goden74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

81. Van einem groten Kukuk.

Aus dem Wegekörter. 1592.


Nicht vern van Justingen dar licht ein Dörp, dat heth Mundingen; darsülwest wanden in olden Tyden gude, frame und redelike Lüde. Dersülwen Börger einer redt einmal na Ehingen up ein Market, und im Tohusridende sach he in der Mundinger Veldscheidinge einen frömden Kukuk up einem Bome, mit erem gemenen Kukuk einen Schermetzel holdende, wente se hadden rede eine gude Wile van twen Bömen wedder einander gekukuket.

Do öwerst de strytbar Bur van Mündingen sülkes sach, dat ein frömet Kukuk dem Mündinger mit Ropende awerlegen was, by föfftein-, sessteinmal mehr kukukede als ere Kukuk van Mündingen, wart he törnig, steg van synem Perde aff, steg up den Bom to synem Kukuk und halp dem Kukuk ropen, so lange, dat de frömde Kukuk wiken möste und awerwunnen was.

Dewile öwerst disse Bur up dem Bome synem Kukuk striden halp jegen den andern, so quam ein Wulf und frat em syn Perd under dem Bome; noch wolde he nich heraff, eer dat de frömde Kukuk gar awerwunnen was. Des möste he darna to Vote to Hus gahn. So balde he to Hus quam, leth he de Gemene tohoperopen, vortellede en, wat he van wegen des gemenen Nüttes vor Ehr und Rohm mit der Justinger Kukuke begahn hedde, nömliken dat he erem gemenen Kukuke jegen der van Justinger Kukuk Hülp und Bystand gedahn hadde. Darjegen öwerst hebbe he nicht einen geringen Schaden entfangen, [233] wente dewile he im grötesten Ernst und Handel mit dem frömden Kukuk gewest, so sy em syne gude Griseke, de he mannig Jahr gehat hadde, van einem Wulwe gefreten worden. Sülkes wolde he en angetöget hebben, yfft se em to einem andern Pagen wedder helpen wolden.

Do nu de Schulzgerichte und de Gemene to Mündingen eres Mitbörgers Rede vornamen, hebben se vor unbillik geachtet, so einer, de so flytigen und ernstlik der ganzen Gemenen Wolfart, Ehre und Fryheit bedenket, derhalwen scholde Schaden liden. Darup hedden se eindrechtiglik beslaten und geordnet, dat em ut gemenen Vorrade ein ander Perd gekofft schold werden, dewile he sik der Gemene halwen so ernstliken geholden. So is desülwe ernsthaftige Bur darna seer hoch by en geholden und de Kukukridder genömet worden.

82. Nothfeuer81. Van einem groten Kukuk80. Probe des Adels79. Das Mümmelchen78. Einochs77. Thedel von Walmoden76. Vom Wolfe, Fuchs und Esel75. Fru Gauden oder Goden74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

82. Nothfeuer.

Bericht von A. Bruno.

(Aus Colshorn's deutscher Mythologie.)


Ich erzähle als Augenzeuge. – Es mochte im Sommer 1828 sein, als in Eddesse, Amts Meinersen, mehrfache Viehseuchen grassierten: unter den Schweinen die Bräune, und unter den Kühen der Milzbrand. Da nun die angewandten Mittel gegen diese Seuchen nichts vermochten, ward auf dem Versammlungsplatze, dem sogenannten Brink, von den Bauern großer Rath gehalten und darin beschloßen, am nächsten Morgen ein Nothfeuer, welches sich schon vielfach bewährt habe, anzuzünden. Der Bauermeister befahl darauf Haus bei Haus, den folgenden Tag vor Sonnenaufgang bei Strafe kein Feuer anzumachen und zum Austreiben des Viehes frühzeitig bereit zu sein. Am Nachmittage noch wurden die nothwendigen Vorarbeiten beschafft. In einer engen, durch [234] zwei stehende Planken eingeschloßenen Straße bohrte der Zimmermeister des Orts ein etwa drei Zoll tiefes und eben so weites Loch in einen eichenen Plankenpfahl, richtete dann einen zweiten Pfahl, mit gleichem Loche versehen, ungefähr zwei Fuß gegenüber auf, passte in die beiden Löcher eine eichene, etwa vier Zoll im Durchmeßer haltende Welle ein und befestigte an dem äußeren Pfahle noch einen Hebebaum, um mit diesem die Welle gehörig einpressen zu können. Gegen zwei Uhr morgens brachte jeder Hauswirth etwas Stroh und Buschholz mit zur bezeichneten Stelle und legte es nach vorgeschriebener Weise quer über die Straße. Die jungen Leute des Orts waren bestimmt, das Feuer anzureiben. Zu diesem Zwecke legte man um die beschriebene Welle ein neues, langes hanfenes Seil zweimal herum, und an jedes Ende desselben faßten, wenn ich noch recht behalten habe, die kräftigsten Junggesellen an, um durch Hin- und Herziehen des Seils die Welle in rasche Bewegung zu bringen. Nachdem nun noch die Zapfen der Welle mit Wagenpech und Theer gehörig versehen, und in unmittelbarer Nähe derselben viele Stoffe, welche leicht Feuer fangen, als Heede, Werg und aus Leinewand gemachter Zunder, angebracht waren, gieng die eigentliche Arbeit an. Mit einer wahren Wuth ward gerißen, es dampfte auch bald; aber wirkliches Feuer wollte es zum Schrecken aller Umstehenden immer nicht geben. Einige ältere Leute gaben schon den Rath, durch den Drechsler auf der Drehbank Feuer anmachen zu laßen – bekanntlich dreht dieser durch Reibung die schwarzen Ringe auf die sonst noch vielfach verzierten Arbeitsstücke –; andere sprachen den Verdacht aus, es müße wider Verbot in irgend einem Hause doch Feuer sein. Da auf einmal verklärten sich alle Gesichter: die Zündstoffe hatten Feuer gefangen und geriethen bald durch rasches Schwingen in der Luft in helle Flammen. Hiemit zündete man das zurechtgelegte Brennmaterial an, und als dasselbe ziemlich niedergebrannt war, eilte jedermann zu dem bereitstehenden Vieh. Dieses wurde nun mit Gewalt dreimal durch das Feuer getrieben, zuerst die Schweine, darauf die Kühe und zum Schluße die Pferde. Die Hirten führten nach dieser Prozedur das Vieh auf ihre Weide, [235] und die Hauswirthe, namentlich solche, welche besonders vielen Glauben zum Nothfeuer hatten, nahmen einen abgelöschten Brand mit in ihr Haus; die Asche aber ward weitum ausgestreut. – Ich bin in jener Zeit durch mehrere Örter dortiger Gegend gekommen und habe mehrfach die Spuren, die verkohlten Löcher in alten Zaunpfählen, von einem Nothfeuer herrührend, wahrgenommen. In jüngerer Zeit hat man dort, wie ich glaube, keine Nothfeuer mehr angemacht, wenigstens ist mir darüber nichts bekannt geworden.

83. Von den vier Tagedieben82. Nothfeuer81. Van einem groten Kukuk80. Probe des Adels79. Das Mümmelchen78. Einochs77. Thedel von Walmoden76. Vom Wolfe, Fuchs und Esel75. Fru Gauden oder Goden74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

83. Von den vier Tagedieben.

Mündlich und nach dem historischen Weltspiegel.


Ein reicher Kaufmann ritt nach Braunschweig zur Messe. Als er vor das Thor kam, fand er vier Bettler am Wege sitzen, welche ihn nach ihrer Gewohnheit um Gabe und Almosen anriefen. Der Kaufmann hob an und sagte: »Wenn ich wüßte, wer unter euch der Faulste ist, und wer von euch in seinem Leben am wenigsten gearbeitet hat; so schenkte ich demselben einen Thaler.« Da antwortete der erste Bettler: »Der Thaler ist mein; denn ich bin so verdroßen, daß mir danach zu langen oder einen Finger zu regen zu beschwerlich ist, und daß ich lieber verhungern wollte, als mich bücken, wenn er da im Graben läge.« Der andere sprach: »Ich bin noch fauler; denn wenn mir schon der Thaler auf den Schoß gelegt würde, so möchte ich doch meinen Beutel nicht aufmachen und ihn hineinstecken; ja, wenn man ihn mir in den Beutel steckte, so wollte ich lieber verdursten, als ihn hervorholen.« Der dritte fieng an und sagte: »Und ich wollte meine Augen nicht zuthun, wenn es mir gleich d'reinregnete, und meinen Mund nicht schließen, obschon Kröten und Spinnen hineinkröchen.« Endlich sagte der vierte: »Der Thaler gehört mir; [236] denn ich bin am allerfaulsten, und will es jetzt darthun, daß es wahr sei. Wenn mich der Henker am Strange führte und schleppte mich die Leiter hinauf an den Galgen, und man wollte mich losschneiden und mich davonlaufen laßen; so möchte ich doch vor Faulheit solches nicht annehmen und wollte mich lieber dreimal hängen laßen, als einmal einen Fuß aufheben, um fortzugehen.« – Nachdem der Kaufmann solche Reden angehört hatte, sprach er, indem er den Gaunern einen blanken Thaler hinwies: »Da ich zwar wohl vom Pferde hinunter-, jedoch nicht gut wieder heraufkommen könnte, ihr aber es nicht über euch zu gewinnen vermögt, euch herzubemühen; so thut es mir leid, euch den Thaler nicht einhändigen zu können.« Als nun aber alle vier auf ihn losstürmten, um das Geschenk entgegenzunehmen; da peitschte er sie mit seiner Gerte durch und sagte: »Schon, wer nicht Lust hat zur Arbeit, ist eine nichtsnutzige Kreatur; wer sich aber gar seiner Faulheit rühmt, ist nicht werth, daß ihn die Hunde beschnüffeln! Deshalb begabe euch der Teufel; von mir wird euch kein Pfennig, viel weniger noch ein Thaler werden.« Sprach es, gab seinem Pferde die Sporen und jagte davon; und die Bettler machten ein Gesicht wie eine Elle so lang, und so unwirsch wie ein Sauerkohltopf.

84. Van einem grobben narrischen Burensöne83. Von den vier Tagedieben82. Nothfeuer81. Van einem groten Kukuk80. Probe des Adels79. Das Mümmelchen78. Einochs77. Thedel von Walmoden76. Vom Wolfe, Fuchs und Esel75. Fru Gauden oder Goden74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

84. Van einem grobben narrischen Burensöne, de junge Göse utbröden wolde.

Aus dem Wegekörter. 1592.


Hinder jennem Barge wanede eine rike Wedewe, de hadde einen einigen Söne, de was eines grobben, dullen Verstandes und was ok de allerdorhaftigste Minsche mank allen Inwanern synes Dörpes. Desülwige Geck sach up eine Tyd in einem andern Dörpe eines wolgeachten herliken Mans Dochter, eine schöne, wolgestalte [237] und vorständige Junfer. De Narre kreg se alsobalde leef und lach syner Moder an, dat se em desülwe to einer Fruen schaffen wolde, wo nicht, so wolde he Awen und Vinstern in einen Hupen und entweislan und alle Dink im Huse tobreken.

De Moder wüste und sach wol eres narrischen Söns Kop und befrüchtede sick, wenn se em ok wol umme de Junfer werwen lethe und em ein grot Gut darto gewe, so were he doch sülk ein unbehauen Osse, dat nichts mit em uttorichten noch to handelende were. Wowol ere Öldern herlike Lüde und von guden Geslechte, so weren se likewol so gar arm, dat se derhalwen de Dochter erem Stande na nicht wüsten to beradende, derwegen disse Werwinge desto lichter ere Stede gewön. De Moder besorgede öwerst, dewiele de Söne so ein ungeschicket Lobbe were, dat en vellicht de Junfer nicht nehmen wörde, gaff em derhalwen allerlei Lere, darmit he sick by der Brut fyn höflik to doen und hurtig maken konde.

Alse de Klunk erstlik mit der Junfer redet, do gaff se em ein hübsch Par Handschen, ut wekem Korduanledder gemaket. Lümmel tog se an und tog darmit na Hus to. Indem so quam ein grot Regen darher; öwerst he achtede de Handschen nicht, yfft se natt wörden edder nicht. Als he awer ein Steeg wil gahn, so glit he und valt in den Dreck und besudelt sick, dat he sach als ein Moer. He quam to Hus ganz unrein, de Handschen weren so natt, dat se segen als ydel Fleesch, und he klagede yt der Moder. De gude Frue schalt ene und sede, he scholde se in den Nesendoek gewunden und in den Bussem gesteken hebben.

Balde darna gink de gude Lobbe wedder to der Junfer, und do se na den Handschen fragede, so sede he er, wo yt em darmit gegahn were. Se lachede, merkende dat erste Stücke syner Wysheit und schenkede em einen Hawick. Den nam he und gink na Hus, und he gedachte an syner Moder Rede, wörget den Hawick und windt en in synen Borstdoek und stickt en in den Bussem. Als he to Hus quam, tog he den hübschen Vagel hervör und wold en syner Moder wisen. De Moder schalt en awermals, seggende, he scholde en syn up der Hand gedragen hebben.

[238] Tom drüddenmale quam Jeckel wedder to der Junfer; se fragede en, wo yt umme den Hawick stünde. He sede er de Wahrheit, wo he en gewörget hadde. Se gedachte: »Dit ys ein lewendig Narre«, sach wol, dat em nichts Sünerlikes noch Herlikes gehören wolde, und schenket em eine Egede, de he bruken scholde, wenn he geseiet hadde. He nam der Moder Wort to Herten, drog se up den Händen in aller Höge als einen Hawick und quam also to Hus. Dat verdroth de Moder ok, und se lerede ene, beter hedde he se an ein Perd gebunden und to Hus geslepet.

Do sach de Junfer, dat Hoppen und Molt an em verloren was, wente dar nene Vernunft, Tucht noch Wysheit by em was; se wüste ok nicht, wo se em scholde doen, dat se des Narren los wörde, und gaff em ein Stücke Speckes und stack yt em in den Bussem. He was wol tofreden, wolde na Hus und früchtet, dat he yt im Bussem verlesen wörde, gedachte syner Moder Lere und band yt dem Perde an den Stert, sat darup und redt na Hus to. Dar lepen em de Hunde hinder na und reten dat Speck dem Perde vom Sterte und fretent. He quam to Hus, und dat Speck was ok enwege. Daranne sach de Moder eres Söns Wysheit und dachte, de Frye ginge also nicht vort; se voer derwegen sülwest to der Junfer eren Öldern und begerde den Dach der Beredinge mit erem Söne to weten.

Eer se öwerst utvoer, befoel se erem Söne, dat he flytig tosege und stille were; wente se hadde eine Goes up Eiern sittende. Do nu de Moder ut dem Huse was, do gink de Söne in den Keller, süpt sick vul Wyns und verlüst den Tappen to'm Vate; und als he den Tappen so söcht, dewile löpt de Wyn in den Keller. De gude Ome nimmt einen Sack mit Mele und ströiet yt up den Wyn, dat yt de Moder nicht sege, wenn se to Hus queme; darna löpt he im Huse un hefft ein wild Wesent, also dat de Sittelgoes erschrack und ropende wart: »Kaka kaka kaka kaka!« Dem Narren quam ein Gruent an und mende, de Goes konde spreken, dat se geropen hedde: »Ick wil yt der Moder[239] seggen, wo du im Keller husgeholden heffst.« Und he nam se und höu er den Kop stracks aff.

Darna hadde he Sorge, wo de Eier ok verdörwen, so were he in dusent Lasten, bedachte sick und wolde de Eier utbröden, mende doch, yt wörde sick nicht wol schicken, dewile he ok nicht vul Veddern were als eine Goes, bedachte sick balde und tog sick naket ut und smerde sin ganze Lif allenthalwen mit Honnige und schüddet ut einem Bedde alle de Veddern und walede sick in den Veddern umme und wedder umme, dat he utsach gelik alse ein Ulenfank, und settede sick fyn also up de Goseier und was gar stille, dat he de jungen Göse nicht verschröcke. Als he dar also up den Eiern satt, so kümpt de Moder und kloppet an; Lüngel de satt und wolde nicht antwerden. Se kloppede noch mehr; da schryede he: »Kaka kaka kaka kaka!« und mende, dewile he junge Göse utsitten wolde, so konde he ok anders nene Sprake. Upt leste dröuwet em de Moder so seer, dat he ut dem Neste kroep und up dede.

Do se en dar also ruch stahnde sach, mende se, yt were de Düwel sülwest, und sede: »Wat ys dit? wo süstu so?« He sede er alle Ding up de Rege hen. Er was seer angest mit dem Tüppelnarren, wente de Brut scholde balde nafolgen, und sede to em, se woldet em gerne vortyen, he scholde sick men vordan tüchtigen holden, wente de Brut queme, dat he se men fründlik entfangen und gröten scholde un de Ogen höflik und flytik up se werpen. De Geek sede ja, he woldet also doen, waschet de Veddern aff und thüt sick wedder an, geit in den Stall und steckt den Schapen de Ogen ut und nimpt se in den Bussem.

So balde also de Brut quam, gink he er entjegen, werpet er de Ogen alle int Angesichte und mende, yt möste also syn. De gude Junfer schemede sick, dat he se so verunreiniget hadde, und sach des Narren Groffheit, dat he to allen Dingen vordorwen was, tog wedder na Hus und secht em aff. Und he bleef ein Narre na also vör und sitt noch up dissen Dach Goseküken ut.

85. Schimmel und Bär84. Van einem grobben narrischen Burensöne83. Von den vier Tagedieben82. Nothfeuer81. Van einem groten Kukuk80. Probe des Adels79. Das Mümmelchen78. Einochs77. Thedel von Walmoden76. Vom Wolfe, Fuchs und Esel75. Fru Gauden oder Goden74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[240] 85. Schimmel und Bär.

Ribbesbüttel. Aus Colshorn's deutscher Mythologie.


Den Bußtag vor Weihnachten spinnen die Mädchen für sich aus dem Flachs ihrer Herrschaft. Den Ertrag für das Garn verwenden sie bei folgender Festlichkeit. Ein besonders kräftiger und munterer Bursch wird also ausstaffiert: man befestigt ihm an jeder Seite der Brust ein aufrecht stehendes Sieb, ein drittes wagrecht am Rücken, schnallt ihm einen Riemen um den Leib und steckt eine Gaffel hinein, so daß die Gabel nach oben und der Griff zwischen die Schenkel kommt; auf die Zinken steckt man einen mit Kohle gezeichneten natürlichen Pferdekopf, dessen Mundhöhle mit Stroh ausgestopft ist, in der Weise, daß die Spitzen durch die Ohrlöcher stehen; um diese Enden wickelt man die Zipfel von einem sehr großen schneeweißen Laken, wodurch ziemlich natürliche Ohren hervorgebracht werden, spannt dasselbe um die ganze Figur, und der Schimmel ist fertig. Ihm beigegeben wird ein Fuhrmann mit einer Peitsche und ein Kurschmied mit einem Hammer, und jetzt geht der Zug unter Peitschenknall und von vielen Burschen und anderen Zuschauern begleitet lärmend durchs Dorf, um Gaben, als Würste, Speckschnitte, Obst etc. einzusammeln, und endlich zu einer Spinnstube. Die Mädchen sind unterdes auf die Diele geeilt und haben hier einen Halbkreis gebildet; dahinein galoppiert der Schimmel, und mit ihm stellen Fuhrmann und Kurschmied sich ein. Nach mancherlei kurzweiligen Gebräuchen, wozu gehört, daß der Fuhrmann den Schimmel verhandeln, der Kurschmied ihn beschlagen, dabei vernageln und hierauf besichtigen, auch wohl eine eingetretene Kolik desselben beschwichtigen muß etc., beginnt die wichtigste Feierlichkeit: der Schimmel muß Orakel ertheilen. So wird er z.B. gefragt, wann jedes der Mädchen heiraten werde; und so oft er nickt, so viel Jahre dauert's noch, und wenn er sich schüttelt, bleibt sie ledig. Andere Fragen sind, [241] welches die beste, die jungfräulichste etc. sei, was durch dreimaliges Nicken kund gemacht wird; oder wie viel Teller voll Erbsen sie eßen, wie viel Tassen Kaffee sie trinken könne und dergleichen Fragen mehr, von denen manche ins Aschgraue laufen. Das Ende vom Liede heißt hier wie nachher bei anderen Spinngesellschaften: »Eßen mag ich gern; aber trinken, immer trinken!« – Mit diesem Schimmel zieht zuweilen ein Bär um. Ihn hat man dadurch angefertigt, daß man einen Burschen mit einer bedeutenden Masse Erbsenstroh umwickelte, worauf derselbe in der Versammlung auf Händen und Füßen, erstere mit Fausthandschuhen angethan, auftritt. Will er nicht brummen, so bekommt er Hiebe, ebenso, wenn er sich zu tanzen weigert; auch muß er Säcke und andere ihm vorgeworfene Dinge zerreißen und sonstige Kurzweil treiben.

86. De Drakensteen85. Schimmel und Bär84. Van einem grobben narrischen Burensöne83. Von den vier Tagedieben82. Nothfeuer81. Van einem groten Kukuk80. Probe des Adels79. Das Mümmelchen78. Einochs77. Thedel von Walmoden76. Vom Wolfe, Fuchs und Esel75. Fru Gauden oder Goden74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

86. De Drakensteen.

Mitgetheilt von C.B. Kropp.


In der Feldmark Donnern, nahe am Wege nach Wehdel, liegt auf ziemlich hoher und trockener Heide in gleicher Höhe mit dem Boden ein Denkmal aus grauer Vorzeit, ein Granitblock von 6 Fuß 7 Zoll Länge und gleicher Breite, auf dessen östlicher Seite sich eine um wenige Linien erhabene Schlange hinwindet, die so naturgetreu ist, als wäre sie in Wahrheit darauf versteinert. Die Schlange hat 24 Windungen, ist in gerader Richtung vom Kopfe bis zum Schwanze 7 Fuß und mit allen Krümmungen 11 Fuß lang; die Breite des Kopfes, welcher sich in vertikaler Richtung an der Südseite des Steines befindet und nur durch Wegräumung der Erde sichtbar geworden, beträgt 41/2 Zoll, der Rumpf am Kopfende hält 31/2 Zoll, die Mitte 1 Zoll 7 Linien und die Schwanzspitze 1 Linie. Südlich vom Steine liegt ein kleiner Hügel, der bei der Aufgrabung deutliche Spuren verkohlter mürber Erde lieferte, wahrscheinlich die Überreste geopferter Gegenstände. Die Sage vom »Drakensteen« lautet im Dorfe Donnern, wie folgt.


In alten Zeiten befand sich an der Stelle, wo jetzt der Stein liegt, ein Waßer, in welchem sich ein Drache aufhielt. Alles Vieh, das von diesem Waßer trank, starb. Deshalb umzäunte man den Teich, um auf solche Weise den Schaden zu verhüten; aber vergebens: die Schlange blies das Waßer durch den Zaun, das Vieh trank und starb. Darauf flehten sieben Kirchspiele zum lieben Gott, [242] er möge doch geben, daß das Waßer zu Stein werde. Die Bitte wurde gewährt: eines Morgens war an der Stelle des Teiches ein Stein, und auf dem Steine lag der Drache ebenfalls versteinert. Seit der Zeit hat das Vieh Ruhe, und noch heute bezeugt de Drakensteen, daß diese Geschichte wahr ist.

87. Die Zwerge bei Dünnenfehr86. De Drakensteen85. Schimmel und Bär84. Van einem grobben narrischen Burensöne83. Von den vier Tagedieben82. Nothfeuer81. Van einem groten Kukuk80. Probe des Adels79. Das Mümmelchen78. Einochs77. Thedel von Walmoden76. Vom Wolfe, Fuchs und Esel75. Fru Gauden oder Goden74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

87. Die Zwerge bei Dünnenfehr.

Mündlich in Donnern.


Bei Dünnenfehr, zwischen Loxstedt und Bexhövede befinden sich drei Hügel, welche vor alten Zeiten von Zwergen bewohnt wurden. Die trieben allerlei Hantierung, insbesondere verstanden sie das Schmieden aus dem Effeff. Mit den Menschen lebten sie bald in Freundschaft, bald in Feindschaft, wie sich's eben traf, und wenn sie den Bauern zugethan waren, und diese brachten am Abend zerbrochenes Ackergeräth und dergleichen Dinge an die Hügel, so stand am Morgen alles wieder heil an derselben Stelle; wer sie aber erzürnt hatte, den suchten sie auf alle Weise zu necken und zu züchtigen.

Bei jenen Hügeln zieht sich ein Fahrweg durch allerlei Buschwerk, und hier wurde den Fuhrleuten gar häufig die Lünse vor dem Rade weggezogen. Einst fuhr ein kecker Bauerknecht, der dort schon manche Lünse eingebüßt hatte, denselbigen Weg, und um von nun an sicher zu sein, weifte er mit der Peitsche nach rechts und nach links und nach allen Seiten; und siehe! plötzlich wurde ein Zwerg sichtbar, dem er den Hut vom Kopf geschlagen hatte. Der Knecht sprang schnell vom Wagen und nahm den Hut zu sich. Da bat der Zwerg: »Gieb mir den Hut zurück!« Der Knecht erwiderte: »Nicht eher bekommst du ihn wieder, als bis du mir die gestohlenen Lünsen zurückgegeben hast.« Der Zwerg antwortete: »Die Lünsen kann ich dir nicht wiederbringen, die sind längst verschmiedet; wenn du mir aber [243] den Hut zurückgiebst, so sollst du hier auf der Heimkehr eine gute Belohnung vorfinden.« Der Knecht glaubte dem Zwerg und gab ihm den Hut zurück. Als er bald darauf nach Hause fuhr, lag an derselben Stelle ein altes todtes Pferd. »Ist das die Belohnung, schändlicher Zwerg?« schalt der Knecht, »was soll ich damit?« Und er wollte schon weiterfahren, da besann er sich indes, riß mit dem Misthaken ein Stück von der Lende, um es dem Hofhunde mitzunehmen. Als er aber zu Hause den Pferdeschinken vom Wagen nehmen wollte, siehe! da lag statt dessen ein großer Goldklumpen da. Nun fuhr er schnell zurück, um auch das übrige nachzuholen; doch das war verschwunden.


Einst arbeiteten junge Eheleute in der Nähe jener Hügel und legten ihr neugebornes Söhnlein unter einen Busch, der an einem der Berge stand. Da kam ein Zwerg heraus, schleppte das Kind in den Hügel, zog ihm die Kleider aus, zog dieselben einem von seinen Leuten an und brachte diesen an die Stelle, wo der Junge geschlafen hatte. Gegen Abend kamen die Eltern, um ihr Söhnlein zu holen. Daß der Dickkopf ihr Sohn nicht sei, das sahen sie gleich; was wollten sie aber machen? Sie nahmen ihn mit und versorgten ihn aufs beste. Als er indessen nach sieben Jahren noch ebenso klein war wie bei der Geburt, auch weder gehen noch sprechen konnte, so wurde den Eltern bange, und sie wollten das Kind noch einmal taufen laßen, indem sie meinten, es sei vielleicht beim erstenmal etwas versehen. Nun war aber im Dorfe eine kluge Frau, die sagte: »Mit dem Kinde ist es nicht richtig! Gehen kann es, und wenn ihr süßen Hirsebrei auf einen Stuhl stellt und laßt es allein, so wird es schon hinlaufen!« Sie folgten dem Rathe, stellten süßen Hirsebrei hin und schauten von draußen durchs Fenster. Richtig! das Kind lief hin, sobald es sich allein sah, und putzte alles rein aus. »Und sprechen kann es auch«, fuhr die alte Frau fort; »melkt einmal die Ziege in den Pfeifenkopf und buttert in der Zunderdose, so werdet ihr Wunder hören!« Sie thaten es; und als der Zwerg das sah, rief er aus:


[244]

»Ich bin so alt

Als der greise Wald

Und habe solche Streiche nicht gesehen!«

Da sagten die Eltern:

»Bist du so alt

Als der greise Wald,

So bist du unser Kind auch nicht!«


Sie peitschten ihn hierauf so lange, wie sie nur die Hände rühren konnten, und verlangten, er solle ihnen ihr Kind wiederschaffen; er jedoch ließ sich peitschen und gehorchte ihnen nicht. Weil er aber nichts als lose und böse Streiche machte, so sagten die Eltern: »Es hilft alles nichts, wir müßen ihn taufen laßen; etwas wird er dann wohl zahmer werden!« Und der Mann nahm die Kiepe auf den Nacken, setzte den Zwerg hinein und wollte ihn zur Kirche tragen. Als er den Hügel vorbei gieng, schrieen viele Stimmen: »Rossab, wo bist du? Rossab, wo bist du?« Er rief: »Ich soll mich taufen laßen!« Da plötzlich wurde ein solches Geheul und Gekreische um den Mann her, daß er ängstlich die Kiepe wegwarf und nach Hause lief. Am andern Morgen lag ein schöner Junge im Vorschauer; das war ihr Sohn, und der war schon groß und stark; und als die Mutter ihn anfaßte, um ihn ins Haus zu holen, sprach er: »Ach, wie warm sind deine Hände, liebe Mutter!« Und er konnte schon schustern, schneidern und schmieden und wurde ein guter und fleißiger Mensch. Die Kiepe aber hatten die Zwerge mitgenommen.

88. Die Hexen in Rodenberg87. Die Zwerge bei Dünnenfehr86. De Drakensteen85. Schimmel und Bär84. Van einem grobben narrischen Burensöne83. Von den vier Tagedieben82. Nothfeuer81. Van einem groten Kukuk80. Probe des Adels79. Das Mümmelchen78. Einochs77. Thedel von Walmoden76. Vom Wolfe, Fuchs und Esel75. Fru Gauden oder Goden74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

88. Die Hexen in Rodenberg.

Mündlich.


Ein Müller hatte eine Frau, das war eine Hexe. Eines Abends wollte sie nicht zu Bette; der Mann aber schalt so lange, bis sie mitgieng. Um Mitternacht wachte der Müller auf und [245] hörte, wie seine Frau einen Topf unter ihrem Bette hervorzog und gleich darauf dreimal sagte:


»Du bist rein,

Du bist fein,

Vor der Leinstraße in dem Keller mußt du sein!«


Da war die Frau eine Katze und flog auf einem großen Schwein davon. Der Müller schlug Licht an und untersuchte den Topf; es war aber nichts als Waßer drin. Nun weckte er den Knecht und wollte ihn nach dem Keller schicken; der Knecht jedoch weigerte sich. »Hast du ein gutes Gewißen«, sprach der Müller, »so geh ruhig hin.« »Ein gutes Gewißen habe ich«, erwiderte der Knecht; »gebt mir Geld für ein Schwert, so gehe ich hin.« Das that der Müller; der Knecht kaufte sich ein gutes Schwert und gieng hin. Schon vor dem Keller hörte er, wie es drinnen tanzte und lärmte; und als er hineinkam, sah er, wie Hunderte von Katzen mit einander tanzten. Da nahm er sein gutes Schwert und hieb wacker drauf los, hieb den Katzen Ohren und Pfoten ab wie nichts Guts, und eine Katze schnitt er mitten durch. Um eins kam für jede Hexe ein Schwein durchs Kellerloch, und weil die eine todt war, blieb ein Schwein ledig. Auf dasselbe schwang sich flugs der Knecht und ritt davon; dieß Schwein aber flog nicht, sondern gieng wie andere Schweine. Als sie immer noch nicht heimkamen, rief der Knecht: »Du läufst ja wie eine Schnecke!« Da waren sie an einem Graben; das Thier sprang hinüber, warf den Reiter ab und verschwand. Bald ward es Tag, und der Knecht suchte nach seiner Heimat; er mußte aber hundert Jahre wandern, bis er hingelangte, und war also das Schwein doch rechtschaffen gelaufen.


Ein Mann und eine Frau schliefen zusammen in einer Kammer; der Mann aber hielt seine Frau für eine Hexe, und sie war es auch. Eines Nachts wachte jener auf und hörte neben sich Geräusch; er horchte, und siehe, seine Frage zog einen Topf voll Salbe unter dem Bett hervor, bestrich sich damit und sagte dreimal:


[246]

»Du bist rein,

Du bist fein,

Vor der Leinstraße in dem Keller mußt du sein!«


Da war sie eine graue Katze; und das Fenster sprang auf, ein Schwein flog herein, nahm die Katze auf den borstigen Rücken und flog mit ihr aus dem offnen Fenster in die dunkle Nacht. Es war aber gerade um zwölf. – Rasch kleidete der erschrockene Ehemann, der seine Frau immer so lieb gehabt hatte, sich an, tunkte in den Topf, bestrich sich mit der Salbe und sagte dabei den Spruch dreimal; er sagte ihn aber jedesmal falsch her, und deswegen half es ihm nichts. So nahm er denn eilig einen schweren Stock und ein gutes Schwert zu sich, gieng nach der Leinstraße und kam bald an einen Keller, in welchem getanzt und gelärmt wurde. Rasch trat er ein, und siehe! viele Katzen tanzten nach einer gar kläglichen Musik, die ein großer Bock auf einem ausgetrockneten und ausgehöhlten todten Kater machte. Da nahm der Mann das Schwert in die linke, den Stock in die rechte Hand und schlug aus Leibeskräften auf die Katzen los, der einen hieb er ein Ohr vom Kopf, der andern zerquetschte er ein Bein, der dritten schnitt er ein Stück vom Maul, der vierten schlug er Zähne ein, und war ein Gewinsel und Geheul, wie sonst noch nie gewesen. Das dauerte, bis es eins schlug; da kamen so viele Schweine durchs Kellerloch, als Katzen da waren, und flogen mit diesen davon. Der Mann begab sich auch nach Haus und legte sich ganz traurig ins Bett; seine Frau war schon da. Am andern Morgen stand diese gar nicht auf. Der Mann besah sie, und sie hatte an der rechten Hand nur vier Finger; der Goldfinger mit dem Ringe war fort. Da sah er sie so eigen an, daß sie vor Schreck ihren Geist aufgab. Noch denselbigen Tag zeigte der Mann die Geschichte an; da umstellte die Obrigkeit den Keller mit Soldaten, und als diese dem Tanze zwei Nächte zugesehen hatten, legten sie in der dritten Feuer an das Haus und verbrannten alles, was drinnen war.

89. Der Schmied und der Teufel88. Die Hexen in Rodenberg87. Die Zwerge bei Dünnenfehr86. De Drakensteen85. Schimmel und Bär84. Van einem grobben narrischen Burensöne83. Von den vier Tagedieben82. Nothfeuer81. Van einem groten Kukuk80. Probe des Adels79. Das Mümmelchen78. Einochs77. Thedel von Walmoden76. Vom Wolfe, Fuchs und Esel75. Fru Gauden oder Goden74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

[247] 89. Der Schmied und der Teufel.

Mündlich in Donnern.


Ist einmal ein Schmied gewesen, hat Ochsenberg geheißen, der hat sich auf einer Stelle nähren wollen, die sehr verschuldet gewesen, und hat deshalb kein Brod halten können. Einst geht er ins Holz und sorgt und seufzt; da kommt der leibhaftige Teufel zu ihm und fragt: »Warum bist du so betrübt?« Der Schmied antwortet: »Kann man denn lachen, wenn der Magen schreiet wie ein leerer Mühlstein, und man arm ist wie eine Kirchenmaus?« »Hoho, armer Schelm, schaut's da hinaus?« lacht der Teufel; »da, unterschreib den Wisch, und du sollst mehr Geld haben als Dreck.« Der Schmied willigt ein, der Teufel läßt ihn zur Ader, der Schmied unterschreibt den Wisch mit Blut, der Teufel giebt ihm Geld die schwere Menge und bekommt dafür nach drei Jahren nichts als eine arme Seele. Der Teufel lacht und fährt in die Hölle; der Schmied lacht und geht in die Schmiede. Und bald wird's lebendig in der Schmiede: Eisen und Stahl kommen fuderweise, und der Meister hämmert mit seinen Gesellen, daß die Funken auf den Schmiedeberg fahren.

Eines guten Tages kommt Petrus vor die Werkstatt und bittet den Schmied, er möge ihm den Schimmel des Herrn beschlagen; er solle drei Wünsche darauf frei haben. Der Schmied beschlägt das Thier und spricht: »Ich habe einen Nagelbeutel, aus dem die Jungen mir immer die Nägel stehlen; soll ich mir was wünschen, so wünsche ich, daß ein jeder, der nun wieder hinein greift, so lange fest sitzt, bis ich sage, er soll frei sein. Sodann habe ich einen Lehnstuhl hinterm Ofen, in den setzen sich immer die Bauern, wenn sie etwas machen laßen, und sind nicht wieder hoch zu kriegen, so gern ich auch selber dort säße; soll ich mir noch was wünschen, so wünsche ich, daß ein jeder, der sich wieder hinein setzt, so lange sitzen bleibt, bis ich sage, [248] er soll aufstehen. Endlich ist mir mein großer Apfelbaum dort seit drei Jahren regelmäßig bestohlen; soll ich mir zum dritten was wünschen, so wünsche ich, daß jeder, der nun wieder hinauf steigt, so lange da oben sitzen bleibt, bis ich sage, er soll herab kommen.« Petrus macht ein unwirsch Gesicht und spricht: »Solche Schnurrpfeifereien wünschest du dir und vergißest die ewige Seligkeit?« »Nun«, meint der Schmied, »die bekommt man wohl doch noch.« Petrus reitet zornig von dannen, und der Schmied geht fröhlich in seine Werkstatt.

Im Umsehen sind die drei Jahre verstrichen; der Schmied hat sich wenig Sorge darum gemacht, hat rechtschaffen gearbeitet und rechtschaffen gelebt und sich den Teufel was um den Teufel gekümmert. Da am bedungenen Tage schickt der Teufel den jüngsten Gesellen, der soll ihn holen. Der Schmied beschlägt gerade ein Pferd und sagt zu dem jungen Teufel: »Das Eisen wird man doch wohl erst anschlagen können! Lange mir doch einmal einen Hufnagel aus dem Beutel; er soll ins letzte Loch.« Der Teufel greift hinein und sitzt fest. »Kommst du denn nicht wieder?« fragt der Schmied. »Ach«, ruft der junge Teufel, »ich sitze fest!« »Sitzest du fest, so sitze fest!« sagt der Schmied, geht in die Stube und verzehrt sein Frühstück. Der Teufel draußen heult, der Meister drinnen singt sammt den Gesellen, und als sie wieder in die Werkstatt kommen, arbeiten sie munter darauf los, ohne sich um den Teufel zu kümmern. Dieser aber heult und winselt und bittet um seine Freilaßung, er wolle auch den Schmied gar nicht. Der Schmied läßt ihn drei Tage stehen, zählt ihm drei über mit einer Eisenstange und spricht: »So, nun mach, daß du fortkommst!« Und fort ist des Teufels jüngster Gesell.

Nach einer Stunde schickt der Teufel den zweiten Gesellen, daß er den Schmied hole. Dieser ißt gerade zu Mittag und spricht: »Setz dich ein bißchen hintern Ofen in den Lehnstuhl, wenigstens so lange, bis ich gegeßen habe. Es schmeckt mir wohl so bald nicht wieder.« Der Teufel grinst, und der Schmied grinst auch; jener nimmt behaglich Platz, dieser speist behaglich weiter, und als er fertig ist, sagt er: »So, nun kann die Reise losgehen!« [249] Der Teufel will auf ihn zu, kann aber nicht aus dem Stuhle und brüllt einen Fluch, der ist so lang wie Jakobstag; der Schmied geht in die Werkstatt und arbeitet munter darauf los mit den Gesellen, ohne sich um den Teufel zu kümmern. Dieser, so oft er den Schmied sieht, bittet um seine Freilaßung und heult und winselt, er wolle auch den Schmied gar nicht. Der Schmied läßt ihn drei Tage sitzen, zählt ihm zweimal drei mit der Eisenstange über und spricht: »So, nun mach, daß du fortkommst!« Und fort ist des Teufels zweiter Gesell.

Nach einer halben Stunde schickt der Teufel den ältesten Gesellen, daß er den Schmied hole. »Aller guten Dinge müßen drei sein«, meint der Schmied, »so muß ich denn nun wohl mit! Ein paar Äpfel kann man ja aber wohl mithaben; die laßen sich dort unten so niedlich braten! Du kannst gewis gut klettern; holtest du mir nicht ein paar aus dem großen Apfelbaume? Bring vier, wenn du nicht gern drei bringst.« Der Teufel klettert hinan wie eine Katze; herunter hat's lange Zeit. »Kommst du nicht bald wieder?« spottet der Schmied. »Ich kann ja nicht hinab!« brüllt der Teufel. »Nun, so bleib oben und singe uns eins!« erwidert der Schmied, läßt ihn drei Tage sitzen und sagt: »Willst du mich noch?« »Nein!« brüllt der Teufel, »laß mich nur frei!« Der Schmied setzt eine Leiter an, zählt ihm dreimal drei mit der Eisenstange über, indem er spricht: »Aller guten Dinge müßen dreimal drei sein!« und als er fertig ist: »So, nun mach, daß du fortkommst!« Und fort ist des Teufels ältester Gesell.

Da steht der Teufel selber vor ihm, hält ihm den Schuldbrief unter die Nase und spricht: »Kennst du diesen? Nun fort!« »Nimm's nicht übel, daß ich nicht schon gekommen bin«, erwidert der Schmied; »warum schickst du aber so dumme Teufel! Dumm bist du nun nicht; aber viel Kunststücke kannst du gerade auch nicht!« »Nicht?« schreit der Teufel, »alles kann ich! Was willst du sehen?« »Mach dich einmal in eine Maus«, antwortet der Schmied; und der Teufel ist weg, und eine Maus läuft durch die Schmiede. Die erwischt der Schmied beim Schwanz, und fort in den Nagelbeutel, und den Nagelbeutel auf den Amboß[250] und: »Nun gehämmert, Gesellen!« und nun gehämmert, hast du nicht so kannst du nicht! Drinnen piept es, und draußen pfeift es. »Laß mich los!« wimmert der Teufel mit feiner Mausestimme. »Gieb mir den Schuldbrief!« lacht der Schmied und hämmert lustig darauf los. »Laß mich aus, so sollst du ihn haben!« winselt der Teufel. »Erst will ich ihn haben!« lacht der Schmied und hämmert lustig darauf los. »So schneide ein Loch in den Beutel!« winselt der Teufel. Der Schmied ritsch! ratsch! einen Kreuzschnitt in den Beutel, die Schuldverschreibung fliegt heraus, aber der Teufel kann nicht. Da öffnet der Schmied den Beutel und: »So, nun mach, daß du fortkommst!« Und fort ist auch der Teufel.

Viele, viele Jahre nachher, der Schmied hat immer rechtschaffen gearbeitet und rechtschaffen gelebt, geht er in den Garten und sieht, daß der große Apfelbaum über Nacht dürr geworden ist; und auch ihn durchläuft's so heiß und kalt. Und da er merkt, daß es aus ist mit ihm, steckt er den Nagelbeutel zu sich, setzt sich in den Lehnstuhl und stirbt. Als er eine Strecke gegangen ist, theilt sich der Weg. »Den schmalen da geh' ich nicht«, denkt der Schmied, »dieser geht sich beßer.« Und er kommt an die Hölle und klopft an. »Wer ist davor?« schreit es drinnen. »Der Nagelbeutel mit dem Schmied!« ruft es draußen. Als sie das in der Hölle hören, machen sie ihm nicht auf. Er klopft immerzu; aber aufgethan wird ihm nicht. So geht er den breiten Weg zurück und steigt den schmalen hinan. Als er am Himmel angeklopft hat, ruft Sankt Peter: »Wer ist davor?« »Der Schmied mit dem Nagelbeutel!« antwortet der Schmied. »Du hast hier nichts verloren«, antwortet Sankt Peter, »geh von hinnen.« Liebster Petrus', bittet der Schmied, »so melde mich doch wenigstens dem Herrn. Ich habe ihm mehr gethan, als einen Trunk Waßer gereicht, ich habe seinen Schimmel beschlagen; er wird mich nicht zurückstoßen!« »Warum hast du dir nicht die ewige Seligkeit gewünscht!« brummt Sankt Peter; »geh zur Höllen!« »Da will man mich auch nicht!« antwortet der Schmied; »öffne doch wenigstens einmal die Thür, damit ich weiß, wo ihr stehet, wenn [251] ihr drinnen singt!« Sankt Peter dreht mürrisch den Schlüßel, öffnet ein klein wenig, und hinein fliegt der Nagelbeutel. »Bist du von Sinnen?« ruft Sankt Peter, »was soll der schmutzige Beutel hier im Himmel! Gleich hole ihn wieder!« Der Schmied schlüpft rasch hinein und setzt sich auf den Nagelbeutel; und wenn er nicht wieder aufgestanden ist, so sitzt er da noch heute.

90. Holtmul89. Der Schmied und der Teufel88. Die Hexen in Rodenberg87. Die Zwerge bei Dünnenfehr86. De Drakensteen85. Schimmel und Bär84. Van einem grobben narrischen Burensöne83. Von den vier Tagedieben82. Nothfeuer81. Van einem groten Kukuk80. Probe des Adels79. Das Mümmelchen78. Einochs77. Thedel von Walmoden76. Vom Wolfe, Fuchs und Esel75. Fru Gauden oder Goden74. Die Sage vom VichoWie Clauert mit purpurianischem Tuch ein guten Markt hieltWie Hans Clauert Herr und Narr im Hause warWie Hans Clauert seinen Herrn mit einem Bauern zusammenbrachte73. Drei lustige Historien von Hans Clauert72. Hans Clauert's Lügenmärchen71. Das Todtebeindli70. Der wilde Jäger69. Die Hexenkunst68. Von des Todes Boten67. Dei Unnereerschka66. Der im Walde schlafende Bauer65. Die Mainacht64. Güggel und Hüendli63. Hackelnberg62. Der Müller und die Frösche61. Warum das Meerwaßer salzig ist60. Vom Branntewein59. Von den drei Heilebarts58. Schlangenkönigin57. Vom dicken fetten Pfannekuchen56. Irret euch nicht! Gott läßt sich nicht spotten!55. Vom schönen Schäfermädchen54. Die wilde Johanne53. Die Zwerge im Perlberge52. St. Peter langweilt sich51. Zwei Augen zu viel50. Die hartherzige Haushälterin49. Vom großen Ziegenbock48. Der Zwerg mit der grünen Peitsche47. Der brennende Hirsch46. Die zwölf ungerechten Richter45. Der alte Schimmel44. Aschenpöling43. Die Querpfeife42. Der verwunschene Frosch41. Die Riesensteine40. Das graue Männchen39. Borgemester Wittkopp38. Die Räuberbraut37. Hans Winter36. Die Zwerge im Schalks- und im Wohldenberge35. Der Welthund34. Der weiße Ziegenbock33. Die Zwerge im Erbsenfelde32. Die kleine schwarze Frau31. Waldminchen30. Buer Griepetau29. Zwerg Holzrührlein Bonneführlein28. Vier Geistergeschichten27. Zwerg Lehnort26. Die kluge Dirne25. Die kleine Mühle24. Die Ochsensaat23. Die Zwerge im Gübichenstein22. Vom Helljäger21. Der weiße Hirsch20. Vom klinkesklanken Lowesblatt19. Wurst wider Wurst18. Von den rostigen Knöpfen17. Die drei Wünsche16. Der Werwolf15. Grindköpfchen14. Die gläserne Kugel13. Vom Gefangenen12. Die Schlangenjungfrau11. Die weiße Jungfrau10. Buer Slukedal9. Die schwarze Katze8. Die weiße Katze7. Osten, Westen, Norden und Süden6. Vom gollenen Beineken5. Peter Bär4. Großmütterchen Immergrün3. Von dem Breikeßel2. Vom blutrothen Meßer und steinharten Brod1. Der Goldschmiedsgesell[Widmung]Märchen und SagenColshorn, Carl und TheodorMärchen und Sagen aus Hannover

90. Holtmul.

Mündlich in Celle.


Et was mal en König, de harre drei Döchter, dei ölste heite Rosine un was sau licht uppen Fäuten ans en lütjen Hirsch, wenn he dör en Busch springt; de tweite heite Korinthe un was sau häßlich ans wie de Nacht, awerst harre sau fine, fine Hänne ans kein anner Minsche upp Goddes Erdbodden; de drüdde heite Holtmul un harre schöne gollene Haare un en schier Gesichte un lache jümmer un wiese de blanken Täne. Düsse drei Mäkens wören nu sau grot eworen, dat se frien können, un de Vader reit ut, umme dat hei Königssähne vör se söiken wolde. Awerst eiher, ans hei wegreit, sä hei tau sinen Mäkens: »Wat schall ick jück mitbringen von der Reise?« Dat hei se annen Mann bringen wolde, dat sä he nich; denn de Kinner mötet nich allens wetten. Do sä Rosine, dei sau licht uppen Fäuten was un in einer Nacht drei Paar Schau dorchtaudanßen plegde: »Ja, wat wutt du dran wennen? Du weist jo, dat ick geeren einen afträe, un wenn du mick en Paar gollene Schau mitbringen wutt, sau schast du ok min leiwe beste Vader wesen, un ick will noch teinmal sau veele springen un danßen ans uppestund; awerst an den gollenen Schauen mötet twei hooge Hacken sin, un da mott roth Ledder annesitten.« Do lache de Vader un sä: »Wenn 't wieder nicks is, dei schastu hebben! [252] Awerst wat wutt du?« sä hei tau siner tweiten Dochter, dei Korinthe heite. Dei trock dat scheiwe Mul na 'n linkeren Ohre tau, besunnt sick un sä: »Wat will ick hebben! en Spinnrad möcht ick wol, awerst kein hölten slecht Ding, ne, en gollenet mit rooen Steinen un mit ener sülvernen Flucht. Denn woll ick ok noch mal wat; awerst dat kannstu doch nich anschaffen.« »Nu«, sä de Vader, »dat möste slimm sin. Vor Geld un gue Wöre is veel tau hebben, un seggen kannst' et jo lichte.« »Ja«, sä dat Mäken, »Flass; awerst dat mot sau schier un klar sin, dat er keine Schewe 'rut reert, wenn 't ok ower de swarte sammtne Altardecke breiet wörre.« »Nu«, sä de Vader, »da is noch Rath vor; dat schastu hebben.« Do fraug hei de drüdde Dochter, wat sei hebben wolle, un dei lache öne an un wiese de witten blanken Täne un sä: »Bring mick en gollenen Kamm un en sülvernen Speigel mit; sau will ick mine Haare mit den Kamm vor 'n Speigel snicker kämmen.« »Dat schastu hebben«, sä de Vader, un sau reit hei weg int Land henut, of hei de rechten Bröegams finnen könne. In der nägesten Stadt koffte hei en Paar gollene Schau, akkerat wie se sine Dochter Rosine bestellt harre. In der tweiten Stadt koffte hei vor de tweite Dochter dat Spinnrad un dat schiere Flass. In der drüdden Stadt koffte hei den gollenen Kamm un den sülvernen Speigel vor sine drüdde Dochter – ja, wo heite doch de drüdde?

»Holtmul.«

Ja, min leiwe Kind, wenn ick et Mul holen sall, sau hat de Geschichte nu en Enne.

Un sau hat allens en Enne, un düt Bauk ok. Awerst allens, wat en Enne hat, geiht annerwärts von vorne wedder an.

[253] Erklärung einiger Ausdrücke.

No. 6. a. Do neimen't de Lüe – da nahmen es die Leute. b. dräugen – trugen. c. Glisseke – Glitsche, Schurrbahn. d. weende – weinte. e. bekeik – bekuckte, besah. f. lien – leiden. g. dee – that. h. Raue – Ruhe.


No. 10. a. Slukedal – Schlucknieder. b. Brönswiek – Braunschweig. c. Feuer – Fuder. d. schall'ter mick nich up ankomen – soll es mir nicht darauf ankommen. e. awwesloten – abgeschloßen. f. sagg – sah. g. butten – draußen. h. keik – sah. i. reip – rief. k. süss – sonst. l. sienes Teikens – seines Zeichens. m. rieten – reißen. n. Dieke – Teiche. o. wetten – wißen. p. Plaug – Pflug. q. lichtfeurig – Steigerung von leicht. – r. siet – seit. s. luere – lauerte. t. Füerdrake – Feuerdrache. u. swögen – sich laut verwundern. v. korrter – kurzer. w. eit – aß.


No. 30. a. Griepetau – Greifzu. b. Arften – Erbsen. c. smiet – schmeiß, wirf. d. freiten – fraßen. e. alltohope – allzusammen. f. schullt – schalt. g. sleppe – schleppte. h. beiten – bißen. i. dreiw – trieb. k. manken – zwischen. l. släugen – schlugen. m. bedreuwet – betrübt. n. Heern – Herrn. o. treck – zieh. p. utrieen – ausreiten. q. frömme – fremde. r. utekneppen – ausgekniffen, weggelaufen. s. Lieweskräften – Leibeskräften. t. Kauken rook – Kuchen roch. u. lue – laut. v. fünnen – fanden. w. vertällt – erzählt. x. taurügge – zurück. y. Swucksche – schwankes Reis. z. Raue – Ruthe.


No. 39. a. Wittkopp – Weißkopf. b. Sätte – Schale. c. seien – sehen. d. Nies – Neues. e. juer – eurer. f. Enken – Kleinknecht. g. raren – flehend, ängstlich rufen. h. verjäugen – verjagten. i. veir – vier. k. twatsch – wirres. l. klauk – klug. m. taun Apen – zum Affen. n. glöwe – glaubte. o. Snurrpieperien – Schnurrpfeifereien. p. sweg – schwieg. q. gult – galt.r. recket – reicht. s. negentein – neunzehn. t. versneen – verschnitten. u. Gelle – Gelde. v. Herzebock – Hirschbock. w. veerten – vierzehn. x. schreif – schrieb. y. Regen – Reihen. z. verdroot – verdroß. a. kreppiert – ärgert. b. Supen – Saufen. c. daste – thust du. d. uptällen – aufzählen (schlagen). e. kettelt – kitzelt. f. Iliges – Eiliges. g. fliedig wieder – fleißig weiter. h. schöre üt in 'ne Nause – schürzte es (ihn) in eine Schlinge. i. hörst – gehörst. k. leppt – läuft. l. wutte – willst du.


[254] No. 59. a. Heilebart – Storch. b. Vorrkost – Gemüse.c. bikörisch – wählerisch (im Eßen). d. teuf – warte.e. Höltjeappel – Holzäpfel. f. Kniemen – dickes Stück. g. Ütsche – Frosch. h. Plockfüer – Schläge. i. tieleke – zielte. k. Göppsche vull – beide Hände voll.l. Lork – Kröte. m. hille – hurtig. n. gemein un niederträchtig – leutselig und herablaßend. o. Riek – Reich.


No. 64. a. Güggel – Hahn. b. Hüendli – Hühnchen. c. gseit – gesagt. d. weidli – hurtig. e. zämmenbicke – zusammenpicken. f. dervo – davon. g. numme – nur.h. git – giebt. i. gönd – gehen. k. glo – gelaßen. l. gsi – gewesen.


No. 67. a. Unnereerschka – Unterirdischen. b. gescheine – geschehen. c. blaus – blies. d. Pogge – Frosch. e. wuhl – wollte. f. verloos – verlor. g. ma – aber. h. putzig – possierlich. i. mäuk – machte. k. wera – würden. l. sei sulle gaud tauseihne ware – sie sollten gut versehen werden. m. Ingka – Endchen. n. dat er de Keddels so wippda – daß ihnen die Kittel so flogen. o. Foobe – Taschen. p. Karfspohn – Kerbspäne. q. im Krönka – im Krönchen, Kopfe. r. utruck – auszog. s. am Dågling – bei Tagesanbruch.


No. 71. a. wo's – wer es. b. no-n-e chli – noch ein klein (wenig). c. lit – liegt. d. öbbis – etwas. e. Härd – Erde. f. amene – an einem. g. briegge – weinen. h. zueglost – gelauscht, zugehört.


No. 74. a. u' riemsche – ungereimten, aberwitzigen. b. yi weithe – ihr wißt. c. günte – dahinten. d. Wäes – Wiese. e. mäge' – mähen. f. Kamms – Kalmus. g. Biese – Binse. h. scha't – soll es. i. daea – darin. k. Üllevotte – Eltervater. l. uprstäds – jetzt. m. Stuuktien vull Häkte uo Schlyge – Waschfaß voll Hechte und Schleie. n. Poss – Moos. o. iille – eitel. p. J'hasmiddag – Johannismittag. q. pasiascht – pansin'sche. r. d' sta'gesch M'rijetorm – der stargard'sche Marienthurm. s. Rühmd – Raum. t. eiät – eins, einer, man. u. Tåkel – Zeug, Geräth. v. Zöre – Pferde. w. isig Buksche uo Bostdeuke a'hewn – eiserne Hosen und Brusttücher anhaben. x. Nåhwes – Nachbarn. y. mörds orre – mordete oder. z. Koo'n u'm Fil – Korn auf dem Felde. a. t' hull'n – zu halten. b. ante – anderen. c. iwig uo gischig – eifrig und zornig. d. unnewyala vebreugt – mittlerweile verbrüht. e. i'spunt – eingesperrt. f. vepåhlt – verpfählt. g. owemeudig – übermüthig. h. ebille – einbilden. i. ha're – harten. k. sülwe'n – silberne. l. Såd uo Bråd – Gesottenes und Gebratenes. m. ve'hunhakt – vergeudet. n. Uovestan – Unverstand. o. de' we' s't – denn wenn sie das. p. Klabaster – Schläge. q. Stei' fött – Stein faßt. r. Eer – Erde.


No. 79. a. sufer – sauber. b. Obed – Abend. c. lenze – (hingestreckt) ruhen. d. Griese – Kirschen. e. Fir zuem Strau – Feuer zum Stroh.


[255] No. 81. a. redt – ritt. b. wente – denn. c. rede – bereits. d. wiken – weichen. e. Nüttes – Nutzens. f. angetöget – angezeigt.


No. 84. a. Göse utbröden – Gänse ausbrüten. b. dorhaftig – thöricht. c. Awen und Vinstern – Ofen und Fenster. d. befrüchtede – befürchtete. e. Werwinge – Werbung. f. Brut – Braut. g. Nesendoek – Nasen-, Taschentuch. h. Borst – Brust. i. Egede – Egge. k. geseiet – gesäet. l. Molt – Malz. m. voer – fuhr. n. Beredinge – Beredung, Verlobung. o. Vate – Faße. p. höu – haute. q. walede – wälzte. r. dröuwet – drohet.s. ruch – rauh.


No. 90. a. frien – freien. b. einen afträe – einen (Tanz) abtrete (mache). c. trock – zog. d. hölten – hölzern. e. Wöre – Worte. f. Schewe – Stengeltheilchen. g. reert – rieselt, fällt. h. Bröegam – Bräutigam.

[256] Nachwort.

Nachdem wir seit etwa sechs Jahren die alten Überlieferungen im Volke, und zwar nicht nur Sagen und Märchen, sondern auch Sitten, Gebräuche, Aberglauben und Lieder, still für uns aufgezeichnet haben, senden wir auf den voranstehenden Blättern einen Theil der Sammlung wieder dahin aus, woher wir sie genommen. Die drei Märchen »Vom gollenen Beineken«, »Einochs« und »Holtmul« sind uns von Karl Gödeke mitgetheilt, und die drei Aufzeichnungen aus Donnern verdanken wir dem fleißigen Sammler C.B. Kropp in Bremervörde; alle übrigen mit »Mündlich« bezeichneten Stücke sind von uns selber während des Erzählens aufgezeichnet, treu in allen Hauptzügen und mit Beibehaltung eigenthümlicher Redeweisen; die letzte Redaktion hat der Unterzeichnete übernommen. Von den erfreulichen, zum Theil bedeutenden Mittheilungen, die uns nach Herausgabe der deutschen Mythologie fürs deutsche Volk so zahlreich zugegangen sind, haben wir außer den obigen in diesem Bändchen noch nichts geben können; wir bringen sie mit anderen, von uns noch im Volke und aus wenig bekannten Büchern gesammelten im zweiten, und die Volkslieder mögen erst nach Jahren in die Welt zurückgehen. Wir können es indes nicht unterlaßen, allen Gebern nah und fern schon jetzt zu danken, namentlich, falls ihr auch diese Blätter zukommen sollten, der ungenannten gütigen Verfaßerin des Briefes mit dem Postzeichen mit dem Postzeichen »Pressburg«: der angezeigte, viel versprechende Schatz soll sorgsam und baldigst gehoben werden; ebenso bitten wir alle, nicht in der Aufzeichnung ermüden zu wollen: es liegt noch so viel Treffliches verborgen! – Erzählt ist uns alles im Hannover'schen; einige der Örter liegen aber jenseit der Grenze Hannovers, und dieser scheinbare Widerspruch hat darin seinen Grund, daß wir der ersten Heimat der betreffenden Erzählung so weit nachgegangen sind, als nur möglich.

So herzlich wir nun aber auch wünschen, ein rechtes Kinderbuch geliefert zu haben: der höhere Zweck ist der, die deutsche Mythologie zu fördern. Und sie ist gefördert, diese herrliche junge Wißenschaft: schon dieses Bändchen bringt ihr [257] manche neue und bedeutende Züge, in welcher Veziehung beispielshalben nur »Peter Bär« und »Der brennende Hirsch« genannt werden mögen. Schon diese erste Sammlung legten wir so an, um ihr eine kurze Mythologie, die an die betreffenden Stücke anknüpfen sollte, zugeben zu können: Wuotan sollte sich z.B. an 22, 43, 45, 63, 70, 85 etc. anschließen; Donar namentlich an 5, 36, 49, 52 und 89; Zio, von dem wir weiter nichts Wesentliches angetroffen, an 80; Fro neben dem Märchen unter 47 an 12 1 und 82; Loki namentlich an das Märchen unter 78; die Göttinnen, die Wald- und Waßerweiber etc., sowie die Hexen an die vielen sie betreffenden Erzählungen; die Riesen an 5, 10, 37, 41 etc.; die Elbe, Zwerge etc. an die zahlreichen Zwergmärchen; der Tad an 6, 68 etc.; die Heilighaltung und Verabscheuung mancher Geschöpfe, der Alten Vertrautheit mit der Natur an 1, 8, 9, 12, 16, 21, 22, 34, 42, 45, 47, 49, 58, 59, 62, 64 2 etc. etc. Vornehmlich wegen der Mythologie haben wir auch Sagen und Märchen, Altes und Neues unter einander gemischt. Es wird indessen das folgende Bändchen noch so viel Neues und Bedeutendes bringen, daß die kurze Mythologie dort ersprießlicher werden kann. – Damit endlich diese Sammlung recht in den Dienst der Sprachwißenschaft treten möge, sind neben den oberdeutschen auch manche niederdeutsche Erzählungen mitgetheilt; die aus Celle wie die aus unserer Heimat schwiegen sich genau dem dortigen Dialekt an und verschmähen eben deshalb scharfe Konsequenz in der Orthographie: die Volkssprache ist frei und mannigfaltig wie die freie Natur in ihren zahllosen Gebilden und duldet das Joch der Schriftsprache nur ungern.

So wünschen wir nur noch, daß diese »alten Geschichten« viele Leser und Hörer finden und denselben ähnliche Freude bringen mögen, als uns ihre Aufzeichnung bereitet hat, und senden allen treuen Mitarbeitern fern und nah unsern besten Gruß.


Hannover, 16. November 1853.


Theodor Colshorn.

Fußnoten

1 Dieses Märchen hat schon eine, wie wir glauben, treffliche Deutung gefunden durch Oskar Schade zu Bonn in seiner Schrift: »Die Sage von der heiligen Ursula.« Hannover, Rümpler.

2 Dieses Märchen war uns natürlich lange bekannt; wir sahen indes erst nach dem Druck, also zu spät, daß es uns vielleicht ebenso gut aus Grimm's Märchen als aus Haupt's Zeitschrift bekannt geworden.