5. Klagelied
Anklage vor Pilato und Herode

Die Morgenröthe fährt kaum aus Tithonus Bette,
Die Schrifftgelehrten sind schon auff als umb die wette,
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Das Volck verwundert sich was heiligs sie heraus
Gelockt, denn keiner macht sich in des Herren Haus.
Vielleicht weil man zu raht sol gehn von hohen Dingen,
Denn es viel Rahts bedarff die Vnschuld umbzubringen,
Sie setzen sich, ihr Hertz ist voll von neuer List,
Als welcher Stirn auch gar von Lastern schwanger ist.
Theils rahten daß man sol einhellig dahin schliessen,
Daß nach der Väter Recht er werde hingerissen,
O nein, spricht Caiphas: der Pöfel macht ihn frey,
Man weis, daß er ohn Schuld bey uns in Mißgunst sey.
Wie, wenn wir nur den Schein der Vnschuld überkommen?
Was hindert es, kan uns nur, ungerecht seyn, frommen?
Nur das Pilat mit Macht dem tollen Pöfel wehr,
Vnd, als der Richter, sey von allem Argwohn leer.
Wie solte nicht der Spruch nach Wunsch sich zu uns neigen?
Selbst die Gerechtigkeit hat Schuld bey diesen Zeugen.
Offt weissagt Caiphas ohn Willen und Verstand,
Denn die Gerechtigkeit wird schuldig jetzt erkand.
Nun muß der Herr und sie vor einem Römer stehen,
Doch die Gerichts Ahrt muß auff Römisch nicht ergehen.
Denn hie steht der Beklagt', und da der Kläger Schaar,
Was in Jerusalem von Priestern irgends war.
Man weiß nicht ob sie mehr Klag oder Schmähwort führen,
Dies weiß man, beydes müss' aus lauter Mißgunst rühren.
Den Schultheis jammert selbst, der solches Vnrecht sieht,
Wird dem Beklagten hold, weil ihm zu viel geschieht.
Vnd weil er gern verzeucht, ihn gern geschützet hätte,
Vnd alle Kunst erdenckt wie er die Vnschuld rette,
Sagt einer ohn gefehr, er bringt viel Volcks zu hauff,
Ist er aus Galilee, das wiegelt er gantz auff;
Die Sach' und er gehört vor mich nicht, darumb steh' er
Vor seinem König, weg, er ist ein Galileer.
So spricht Pilat, und läst den Richtstuel ledig stehn,
Da siht man alles Volck stracks zum Herodes gehn.
Er kömpt, der, König, dich aus deinem Reich wil heben,
Mein hüt dich, schaw wie viel Soldaten ihn umbgeben.
Vnd dieses einig schwert der Schrifftgelehrten Raht,
Ihr Zeug' ist Gott, so hoch bekräfftigt man die That.
Doch Gott, der König nicht, verdampt so fälschlich schweren,
Sein Wandel thät gnug kund, daß eitel Lügen wären.
Zweymal war Christo Volck gefolgt zur Stadt hinaus,
Das hatte nicht gedacht an Speise, nicht an Hauß.
Er hatte sie zweymal mit wenig Brod ernähret,
So daß mehr über war geblieben als verzehret.
Herodes weis hierumb, und wil den Mann gern sehn,
In Hoffnung daß durch ihn ein Zeichen sol geschehn,
[377]
Dies und viel ander Ding wird Christus nun gefraget,
Er aber hat kein Wort zu allem dem gesaget.
Johannes fällt ihm ein, sein' Vnschuld und sein Tod,
Es war hie nicht, daß Gott ein Wort verlöhre, noht.
Du, spricht Herodes: sollst nicht weg gehn ohne Gaben,
Was dein Verstand verdient, das solst du von mir haben;
Bringt einen weissen Rock. Kein Niesewurtz ist gnug,
Nicht gantz Antycira macht diesen Menschen klug.
Kein besser könt', als er Herr zu Amyclis walten,
Da solt' er alles Volck in stummer Herrschafft halten.
So, spricht er. Wie der Herr das weisse Kleid an hat,
Da jauchtzt der gantze Hoff und lobt des Königs Raht.
Der Hoff, die Priester nicht, die wollen nichts von Sachen
Als Flucht und Tod, der Neid pflegt nimmer gern zu lachen.
Was Raht? kein Recht ist mehr, das sie verhören kan,
Vnd der ist noch, den sie gern sähen abgethan.
Vnd lassen sie ihn loß, das wäre grosse Schande,
Der Zorn, bekömpt er Lufft, giebt mehr auff keine Bande,
Man siehet grössern Lerm und Frefel nur entstehn,
Sie wollen wiederumb hin zum Pilatus gehn.
Hilfft nicht Gesetz, nicht Recht, was das Gesetz versage,
Das Recht nicht geben wird, soll Grimm und Aufruhr tragen.

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