[113] Die Liebesprobe

Violette liebt mit ihrem ganzen Temperament Cinthio, und sie hat sehr viel Temperament. Cinthio sitzt ihr zu Füßen, spielt die Laute, hört mit dem Spiel auf, seufzt und spricht: »Der Schnee deines Busens macht den Schnee eifersüchtig, in welchem der Heilige Vater seinen Wein kühlt.« Sie errötet, lacht und sagt: »Du schmeichelst, Cinthio, aber das gefällt mir.« Die andern Schauspieler erzählen, daß sie des Nachts aufsteht, die Öllampe anzündet – sie besitzen eine Lampe, die Verschwender! – sie neben das Lager stellt und den schlafenden Cinthio verliebt betrachtet, indem sie flüstert: »Er ist so schön! wie bin ich glücklich, daß Cinthio mich liebt!« Sie liebt so, daß nicht nur das ganze Theater über sie spricht, sondern auch das Publikum. Eine verwitwete Contessa, welche ein Lehrgedicht über die Erbsünde gedichtet hat und jedes Jahr die tugendhafteste Putzmacherin von Rom ausstattet, läßt sie zu sich kommen; die Contessa hatte eigentlich noch einmal heiraten wollen, aber da ließ sich ihr Sohn aus Malice einen langen Bart wachsen, und so ging die Partie wieder zurück. Die Contessa ermahnt sie, tröstet sie, weint; Violette wird so gerührt, daß sie mit weint; die Beiden geben sich die Hände, fallen sich in die Arme, küssen sich, schwören, daß sie tugendhaft bleiben wollen. Schluchzend steigt Violette die breite Marmortreppe hinunter; auf der Straße erwartet sie Cinthio, verlegen an den Nägeln kauend; sie nimmt seinen Arm, trocknet sich mit dem gemeinsamen Taschentuch die Augen und sagt: »Du bist ein Verführer, wir haben über meine Sünden geweint.« Cinthio ist betreten und stottert: »Ich bin ein Verführer?« Dann aber steckt er die freie Hand in die Hosentasche, pfeift und macht Violetten auf ein hübsches Mädchen [114] aufmerksam, das vorbeigeht und ihm einen langen schmachtenden Blick zugeworfen hat. Violette reißt sich von ihm los, hält ihre Hände kampfbereit und ruft: »Ich kratze dir die Augen aus.« Er nimmt schnell die Hand aus der Tasche und sagt: »Es war ja doch nur ein Scherz.« »Solche Scherze liebe ich nicht«, erwidert sie bestimmt, nimmt wieder seinen Arm mit einem Ruck und führt ihn weiter. Er läßt sich führen; dazu kann er nichts, er ist nun einmal ein Mensch, der sich führen läßt.

Solange es ein Theater gibt, ist es noch nie vorgekommen, daß ein Schauspieler einen andern in ein besseres Engagement empfohlen hat. Es soll gelegentlich geschehen sein, daß er ihm ein schlechteres verschaffte. Mezzetin ist der erste, der dieses alte Herkommen bricht. Cinthio kommt nach Hause, geht im Zimmer auf und ab und ruft: »Mein Talent kann sich hier nicht entwickeln. Ich bekomme keine Rollen. Ich gehe hier künstlerisch zugrunde. Rom ist für mich ein Capua.« Verdrießlich sagt Violette: »Der Direktor ist ein Geizhals. Du stehst doch überhaupt noch nicht im Vorschuß. Andern gibt er immer, wenn sie kommen. Aber du bist nur zu anständig. Du hättest mich gehen lassen sollen.« »Vorschuß! Wer spricht von Vorschuß! Um meine künstlerische Zukunft handelt es sich hier!« erwidert Cinthio. »Ich habe einen Antrag nach Palermo. Der Direktor ist hier. Er will gleich abschließen. Er hat mit Mezzetin gesprochen, und Mezzetin hat mich ihm so empfohlen, daß er mich gar nicht ansehen will.«

Violette erhebt sich, bindet sich den Rock fest; es ist sehr heiß, und sie hatte es sich etwas luftig gemacht; dann tritt sie still vor ihn hin und tippt sich mit dem Zeigefinger an die Stirn. »Was bedeutet das?« fragt Cinthio; »der Kontrakt ist fertig, ich brauche nur zu unterschreiben.« »Der Direktor muß ebenso dumm sein wie du«, erwidert Violette. »Wenn er einen Künstler bekommen kann, wie ich bin! ...« ruft Cinthio. [115] »Wenn Mezzetin dich lobt, so muß er doch einen Grund haben«, erwidert ihm nüchtern Violette. »Der Grund sind meine Leistungen«, antwortet Cinthio; aber da fragt ihn Violette: »Mezzetin ist doch ein besserer Schauspieler als du, würdest du denn Mezzetin loben, wenn ein Direktor sich bei dir nach ihm erkundigte?« Cinthio schweigt.

Violette besitzt ein Stück Spiegelglas. Das stellt sie im Fensterbrett auf, besieht sich, ordnet ihr Haar, das etwas struppig aussieht, wirft Cinthio einen schrägen Blick zu und sagt: »Weißt du, weshalb Mezzetin dich forthaben will? Weil er in mich verliebt ist!« »Der Schurke!« donnert Cinthio.

Es ist also nicht mehr die Rede von dem Engagement in Palermo.

Man kann es Violetten nicht übelnehmen, wenn sie über den Vorfall nachdenkt. Die Psychologie Cinthios ist ihr immer noch nicht klar. Wir Leser sagen uns wahrscheinlich: Cinthio ist dumm; das würde ja nicht soviel schaden, deshalb kann er doch Talent haben; freilich, er ist auch phlegmatisch; und das geht eben doch nicht. Die arme Violette aber ist einer solchen interesselosen Anschauung nicht fähig; sie fragt sich immer nur: liebt er mich, oder liebt er mich nicht?

Liebespaare haben bekanntlich stets irgendwelche besondere Beziehungen zu Dingen, Orten oder Menschen, von denen andere Leute nichts wissen; das eine kann etwa das Lachen nicht zurückhalten, wenn von einem Sofa die Rede ist, das andere wird ohne Grund rot, wenn man von einer Rasenbank spricht, oder es kichert, wenn man einen Konditor erwähnt. Eine solche Beziehung hatte unser Paar zu der Quelle der Nymphe Egeria. Man weiß, daß diese Quelle weit draußen vor dem Tore liegt und daß man wohl eine Stunde auf einem sehr sonnigen Wege großenteils zwischen hohen Mauern gehen muß, wenn man sie erreichen will. Uns Nordländern erscheint ein solcher Weg ja nicht so schlimm, ein Italiener aber hält [116] ihn für eine fabelhafte Anstrengung. Violette hängt sich also um Cinthios Hals und bettelt: »Wir wollen wieder einmal an der Quelle der Nymphe Egeria sitzen, weißt du, wie damals.« Cinthio macht ein verlegenes Gesicht; er hat kein Geld für einen Wagen, noch nicht einmal für einen Esel; Violette lacht und sagt schmollend: »Du liebst mich eben nicht mehr«; dem guten Cinthio fällt keine weitere Liebesbeteuerung ein, und so muß er denn versprechen, den Wunsch zu erfüllen. Er hat Probe; Violette findet, er kann nicht verlangen, daß sie mit ihm in der Mittagsglut auf der schattenlosen Straße wandert; die Straße ist nämlich so gelegt, daß gerade zu Mittag die Mauern nicht einen Fußbreit Schatten geben. Er verlangt das auch nicht und ist damit einverstanden, daß sie am Vormittag geht, Brot, Käse und einen kleinen Fiasco Wein mitnimmt und ihn erwartet.

Also Violette zieht sich um, sie zieht ihr bestes Kleid an; Cinthio glaubt, daß der Weg sehr staubig ist und dem Kleid schaden wird; sie sagt zärtlich: »Ich will doch schön sein für dich«, und da kann er nun freilich nichts erwidern; er macht sich fertig und geht zur Probe.

Die Probe ist für Cinthio sehr unerfreulich; der Direktor behauptet, eher wolle er auf einem Schweineschwanz Flöte blasen, als ihn zu einem Schauspieler machen; ein Theaterarbeiter tröstet ihn freilich und sagt, daß da der Neid mitspreche, dann borgt er ihn um zwei Soldi an; aber Cinthio macht sich jedenfalls recht verstimmt auf den Weg.

Die Sonne brennt unbarmherzig zwischen den hohen Mauern, der Staub wirbelt durch seine Fußtritte hoch, die Zunge klebt ihm am Gaumen, der Schweiß dringt ihm durch Hemd und Rock. Seufzend denkt er daran, wie gut es jetzt die Andern haben, welche zu Hause sein können, Rock und Hose ausziehen und sich schön kühl im Hemd auf ihr Bett legen dürfen. Endlich tritt er aus den hohen Mauern heraus, die Campagna [117] liegt vor ihm, er sieht die Bäume, welche die Quelle umstehen; nun späht er, ob er Violettens rotes Kleid zwischen den Bäumen erblickt; er sieht nichts; er geht weiter, biegt links ab; da steht er zwischen den Bäumen, vor der Quelle, die leise zwischen alten Topfscherben und den Resten einer Strohmatratze aus der Erde quillt: Violette ist nicht da.

Betrübt setzt er sich auf einen antiken Marmorsarkophag; natürlich wird es Violetten doch zu heiß gewesen sein, sie ist offenbar lieber zu Hause geblieben; aber sie hätte ihn doch benachrichtigen können, denn nun hat er auch Hunger! So erquickt er sich denn durch einen Trunk aus der Quelle und wandert traurig seine Straße zurück zu seinem Haus. Wie er ins Zimmer tritt, findet er auch hier Violetten nicht; sie ist offenbar ausgegangen, zu Freunden wahrscheinlich. Er findet auch nichts zu essen vor; aber er ist so matt, daß ihm das gar nichts ausmacht; er wirft sich auf das Bett und schläft.

Er schläft tief und lange. Als er aufwacht, ist es schon Abend; vor ihm steht Violette in ihrem roten Kleid, mit glänzenden Augen und leicht gerötetem Gesicht. »Wo warst du denn?« fragt Cinthio, indem er sich langsam erhebt; »ich bin zu der Quelle gegangen, aber ich habe dich nicht gefunden.« Violette muß lachen, sie muß so lachen, daß sie sich die Seiten hält, daß sie nicht mehr stehen kann, daß sie sich aufs Bett setzen muß. Cinthio sieht sie verwundert an und fragt: »Weshalb lachst du denn?« Violette antwortet: »Es war mir zu heiß; ich habe Mezzetin getroffen und bin mit ihm bei Bekannten gewesen.« »Ja, das dachte ich mir wohl, daß es dir zu heiß war,« sagte Cinthio, »ich habe auch recht geschwitzt; es ist doch ein weiter Weg; und hungrig bin ich nun auch, ich habe doch heute noch nichts gegessen.«

Da erhebt sich Violette, mit beiden Händen packt sie den erschrockenen Cinthio vorn an der Jacke, schüttelt ihn, ihre Augen sprühen, ihr Gesicht ist vor Zorn hochrot, und sie schreit: »Ich [118] habe dich schwitzen lassen, ich habe dich warten lassen, ich habe dich hungern lassen, ich bin inzwischen mit Mezzetin zusammengewesen, von dem ich dir gesagt habe, daß er in mich verliebt ist, und du bist nicht wütend, du holst nicht den Stock aus der Ecke und schlägst mich, daß ich vierzehn Tage nicht aufstehen kann? Geh! Du liebst mich nicht! Du bist eine Bestie!« Hier schleudert sie ihn von sich, daß er stolpernd auf das Bett niedersinkt, dann schreitet sie zur Tür, und indem sie die Tür öffnet, ruft sie ihm noch zu: »Ich gehe zu Mezzetin.«

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