Das ErsteDer Sonneten - Andres HundertKunst-Klang in dritthalb-huntere Sonneten oder KlinggedichtenGeistliche Sonnette, Lieder und GedichteGedichteGreiffenberg, Catharina Regina vonDie sieben Erzgnaden-Worte - unsers Erlösers am Creutz

[152] Die sieben Erzgnaden-Worte / unsers Erlösers am Creutz

Das Erste:
Vatter vergib' Ihnen / sie wissen nicht / was sie thun

Vergib' O Vatter / das / was sie an mir verbringen.
die That ist böß': iedoch mein mild-vergoßnes Blue
ist für die bösen / ja für die Vergiesser / gut.
Ich laß' es auch für die / so mich verwunden springen;
das Leben soll' in ihm der Tödter-Tod verschlingen.
Es ist der ganzen Welt ein Liebes-Feuer Glut:
und wunderreichst zugleich ein Sünde-Tilgungs-Flut:
mit jedem Tröpflein / auch Vergebungen ausdringen.
Reut sie das übel nur / so ist es schon gebüst:
mein Gnadenherz sich bloß mit Reu und Demut weidet.
Ich will / daß diese Schaar meins Blutes Krafft geniesst:
auf daß / aus unwehrts-furcht / man ie sein Heil nit meidet.
wer ist unwehrter doch / als die mich selbst verwund?
noch mach ich / wann sie nur mir trauen / auch gesund.
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[153] Das 2. Wort
Warlich warlich ich sage dir: Heut wirstu mit mir im Paradeiß seyn

Der ich die Warheit bin / dazu der Weg'und Leben /
zu und im Paradeiß / ich sage gnädigst dir:
daß / ob du mich und dich schon hangen siehst allhier /
du in demselben doch / sampt mir / heut noch solst schweben.
Der / der es selber ist / kan ja das Leben geben!
kein Gott-noch Lebens-Krafft spürstu zwar jetzt an mir:
denn / als ein Würmlein / ich erwirb die Himmels-Zier;
mein tieffste Nidrigkeit kan Himmel-an erheben.
Wer Gottes Kind / und mir ein treuer Knecht / will seyn /
der muß mein Creutz nit nur bloß lieben / sondern tragen /
und durch den Bach am Weg zum Himmel gehen ein.
An denen hab ich nur mein Lust und wolbehagen /
die mir / wie du / am Creutz / auch wider allen Schein /
vertrauen. Daß du würdst erlöß't / ließ ich mich schlagen.
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[154] Das 3. Wort
Weib / sihe / das ist dein Sohn

Ach Mutter / die mein Schmerz / wie euch der eure / kränket!
verzeiht mirs / daß ich mehr eur Heil als Freude such.
Ich muß es thun / es steht also von mir im Buch.
Mein Gnad' und eure Sünd / mich in diß Elend senket.
Damit ihr aber nicht euch gar verlassen denket /
so seht / daß Sterbend euch versorgt mein Schaffungs-Spruch /
so hab' ich / ob ich schon jetzt bin am Creutz ein Fluch /
Johannes Herz zu euch / und eurs zu ihm / gelenket.
Vnd du / mein liebster Freund / wollst meiner Mutter pflegen /
als der / in deren Leib ich diesen an mich nahm /
in dem ich fähig ward vor euer Heil zu sterben.
Es kan / der Schmerzen Krafft / die Liebe nicht erlegen.
Ihr Leid / ist auch ein Ast an diesem Creutzes-Stamm /
an dem ich's Leben will / durch Sterben / euch erwerben.
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[155] Das 4. Wort
Mich dürstet

Mich dürstet: daß ich euch an Freud kan truncken machen /
daß ihr vor gutem Muht jauchzt in der Ewigkeit.
Mein Blut / so dürstig ist / daß es euch Ruh bereit /
daß seiner tropffen Schweiß wie Purpur-Thau herbrachen.
Es dürstet nach dem Durst der fast verschmachten Schwachen.
und daß es ihnen selbst könnt werden mit der Zeit
ein Trank: ihr werdt dadurch des Seelen-Dursts befreyt.
Der Durst ist / nicht nach Wein / nach Herz-Erquickungs Sachen.
Ich könt den Felsen auch wol schlagen / wann ich wolt /
ich selbst der Lebens-Brunn könt frische Quellen schaffen /
ja daß mir in den Mund ein Bächlein rinnen solt.
daß ihr wurd Ewig satt / mich alle Mängel traffen.
Schau / alles diß / O Mensch / ich willig leid vor dich.
Mit Buse-Thränen solst du wider träncken mich.
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[156] Das 5. Wort
Mein Gott / mein Gott / warum hastu mich verlassen

Mein Gott wie hast' auf mich Verlassung lassen fallen!
dein ganzes Zornes-Heer jetzt stürmet auf mich ein.
Ach! du entzeuchst mir ganz den Gott-und Gnadenschein.
Ich bin ein Würmlein nur / das Elendst unter allen.
Mein süsse Labung / sind die herb' und bittern Gallen.
Doch soll mirs eitel Trost und Zucker-Wollust seyn /
wann mit der meinen ich vertrieb der Menschen Pein.
In grösten Schmerzen pflegt mein Herz vor Lieb zu wallen.
Ich will mich lieber selbst / als sie / verlassen sehn.
Vnd wann ich noch so viel / ja mehr noch / aus solt stehn /
so tauret mich doch nichts: wann sie es nur geniessen.
Mein' Haupt-Verlassung / sey ihr stäter Trostes-Brunn.
Daß sie sie finden stäts / mir alle Hülf zerrunn.
Mein Blut soll von mir weg / sie zu erquicken / fliessen.
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[157] Das 6. Wort
Es ist vollbracht

Es ist der Feind erlegt / der Höll' ihr Macht geraubet;
der Schlangen Haupt zerknirscht / Gesetz' und Schrifft erfüllt /
Gewissens Anklag' ist / auch Gottes Zorn / gestillt /
mit diesem Helden-Streich das Höllen-Reich betaubet /
den Armen Seelen auch der Himmels-Trost erlaubet.
Vmsonst der Höllisch Drach nun auf die Frommen brüllt:
in meinem Sieges-Fahn sie herrlich sind verhüllt.
Höll / Teuffel / Sünd' und Tod / schadt nichts dem der fäst glaubet.
Daß ganz' Erlösungs-Werk ist völlig nun vollbracht;
daß Opffer / so ich bin / auf Ewig schon geschlachtet.
Ich hab' es alles wol / allein / und gar / gemacht:
wer weiter Opffern will / mein völligkeit verachtet.
Nun alles ist durch mich / was euch erlöst / verricht:
drum lasst eur selb-Verdienst / seit mir allein verpflicht!
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[158] Das 7. Wort.
Vatter! ich befehl meinen Geist in deine Hände

Mit meinem / ich dir auch in deine Gnaden-Hände
gib' aller Christen-Geist. Mein Sterben sie belebt:
mein Leib'-Eingrabung sie in deine Schoß erhebt;
mein' Höll' ihr' Himmel-fahrt und Paradeiß anlände.
Auf daß in deiner Hand mein Geist / ich ihm hersende /
den ihren Ruh bereit: wornach ich lang gestrebt /
in Herz-und Höllen-Pein / im Blut und Creutz geschwebt /
|Leidens|
biß endlich ich erlangt diß meines › ‹ Ende.
|Endes |
Dieweil ja meine Lieb' am Leiden nicht vergnügt:
so will ich sterben auch / auf daß unsterblich werde
die selbste Sterblichkeit. Mein Tod den Tod besiegt.
Die Auferstehung bring' mit mir ich in die Erde.
Ihr meinet / ihr verschlingt das Leben / Erd' und Tod!
Nein! es hat minder nie mit ihm / als sterbend Noht.
[159]