[204] 9. Der Schutzengel.

Im Gebirge lebte eine arme Wittwe, die von mancher Sorge für sich und ihren Knaben, Wilhelm, bedrängt ward. Aber der Knabe war ein guter fröhlicher Knabe, sah fröhlich in den Tag hinein, und wußte wenig von der Noth seiner Mutter, denn die Mutter trug ihr Leiden stille und mit Geduld.

Und als der Knabe eines Abends heim kam, lag seine Mutter krank auf dem Bette. Da ward sein heitres Auge trübe von Thränen, und er setzte sich zu ihr an ihr Bette, und faßte ihre Hand, und drückte sie an sein Herz, und weinte. Und er blieb [205] an ihrem Bette sitzen die ganze Nacht, und legte ihr oft ihr Kopfkissen zurecht, und hohlte ihr auch manchmahl einen Trunk frisch Wasser, daß sie sich ihre lechzenden Lippen labe.

Aber die Nacht verging, und als der Morgen kam, war die Mutter noch nicht gesund, und fing an bitterlich zu weinen. Und der Knabe fragte: »Mutter, warum weinst du?«

Da sprach die Mutter: »Sonst, als ich noch gesund war, konnte ich dir doch Morgens eine Suppe kochen; ich wollte gern die Schmerzen leiden und sterben, aber daß du darunter leiden mußt, das schmerzt mich am meisten.«

Da konnt' er sich nicht mehr halten, und lief hinaus, und kniete sich unter die Linde, die vor der Hausthüre stand, und die Thränen stürzten ihm aus den Augen, und er weinte sehr und rief: »Ach, wenn Mutter stirbt, dann bin ich ganz verlassen! Will ja gern sterben, wenn nur Mutter leben [206] bleibt und nicht mehr weint, denn Mutter ist so lieb und gut. Ach, Gott! Mutterchen ist krank, mach' doch Mutterchen wieder gesund.«

So betete das Kind. Da trat ihm ein feiner Knab' entgegen, mit blauen Augen und krausen Locken und goldglänzenden Flügeln. Und der fremde Knabe trug ein silbernes Körbchen, und rief ihm mit holdseliger Stimm' und sprach: »Komm, laß uns Beeren pflücken für deine kranke Mutter, sie wachsen gleich dort am Wäldchen.«

Und Wilhelm ging mit dem fremden Knaben hin zum nahen Wäldchen, und sie pflückten in kurzer Zeit das Körbchen ganz voll der schönsten reifen Erdbeeren, ob es schon noch nicht um die Erdbeerenzeit war; und der fremde Knabe ließ ihm das Körbchen mit allen Erdbeeren, und sprach: »Bringe diese Beeren deiner Mutter,« und verschwand.

Aber Wilhelm nahm das Körbchen und brachte es hinein, und seine Mutter verwunderte [207] sich über die schönen frühgereiften Beeren, und aß davon und genaß zur selben Stunde von ihrer Krankheit, und herzte ihren Knaben.

Aber der Knabe war fröhlich, daß seine Mutter genesen war, und hüpfte hinaus unter die Linde, und rief dem schönen Knaben, und dankete ihm mit Freudethränen. Und der feine Knabe kam, und ward Wilhelms Schutzengel, weil er sein gutes Herz erkannt hatte, und leitete ihm sein Schicksal.

Und als Wilhelm heranwuchs, ward er ein fleissiger Jüngling, und sein Fleiß wurde gesegnet, und er unterstützete seine Mutter in ihrem Alter, und dankete Gott, daß er's konnte.

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