533. Ritter Ulrich, Dienstmann zu Wirtenberg

Eine Burg liegt in Schwabenland, geheißen Wirtenberg, auf der saß vorzeiten Graf Hartmann, dessen Dienstmann, Ritter Ulrich, folgendes Abenteuer begegnete: Als er eines Freitags in den Wald zu jagen zog, aber den ganzen Tag kein Wild treffen konnte, verirrte sich Ritter Ulrich auf unbekanntem Wege in eine öde Gegend, die sein Fuß noch nie betreten hatte. Nicht lange, so kamen ihm entgegengeritten ein Ritter und eine Frau, beide von edlem Aussehen; er grüßte sie höflich, aber sie schwiegen, ohne ihm zu neigen; da sah er derselben Leute noch mehr herbeiziehen. Ulrich hielt beiseit in dem Tann, bis fünfhundert Männer und ebensoviel Weiber vorüberkamen, alle in stummer, schweigender Gebärde, und ohne seine Grüße zu erwidern. Zuhinterst an der Schar fuhr eine Frau allein ohne Mann, die antwortete auf seinen Gruß: »Gott vergelt's!« Ritter Ulrich war froh, Gott nennen zu hören, und begann diese Frau weiterzufragen nach dem Zuge, und was es für Leute wären, die ihm ihren Gruß nicht vergönnt hätten. »Laßt's Euch nicht verdrießen«, sagte die Frau, »wir grüßen nicht, denn wir sind tote Leute.« – »Wie kommt's aber, daß Euer Mund frisch und rot steht?« – »Das ist nur der Schein; vor dreißig Jahren war mein Leib schon erstorben und verweset, aber die Seele leidet Qual.« – »Warum zoget Ihr allein, das nimmt mich wunder, da ich doch jede Frau samt einem Ritter fahren sah?« – »Der Ritter, den ich haben soll, der ist noch nicht tot, und gerne wollte ich lieber allein fahren, wenn er noch Buße täte und seine Sünde bereute.« – »Wie heißt er mit Namen?« – »Er ist genannt von Schenkenburg.« – »Den kenne ich wohl, er hob mir ein Kind aus der Taufe; gern möchte ich ihm hinterbringen, was mir hier begegnet ist; aber wie wird er die Wahrheit glauben?« – »Sagt ihm zum Wahrzeichen dieses: Mein Mann war ausgeritten, da ließ ich ihn ein in mein Haus, und er küßte mich an meinen Mund; da wurden wir einander bekannt, und er zog ein rotgülden Fingerlein von seiner Hand und schenkte mir's; wollte Gott, meine Augen hätten ihn nie gesehen!« – »Mag denn [512] nichts Eure Seele retten, Gebete und Wallfahrten?« – »Aller Pfaffen Zungen, die je lasen und sangen, können mir nicht helfen, darum, daß ich nicht zur Beichte gelangt bin und gebüßt habe vor meinem Tod; ich scheute aber die Beichte; denn wäre meinem biderben Mann etwas zu Ohren kommen von meiner Unzucht, es hätte mir das Leben gekostet.«

Ritter Ulrich betrachtete diese Frau, während sie ihre jämmerliche Geschichte erzählte; an dem Leibe erschien nicht das Ungemach ihrer Seele, sondern sie war wohlaussehend und reichlich gekleidet. Ulrich wollte mit ihr dem andern Volk bis in die Herberge nachreiten; und als ihn die Frau nicht von diesem Vorsatz ablenken konnte, empfahl sie ihm bloß, keine der Speisen anzurühren, die man ihm bieten würde, auch sich nicht daran zu kehren, wie übel man dies zu nehmen scheine. Sie ritten zusammen über Holz und Feld, bis der ganze Haufen vor eine schön erbaute Burg gelangte, wo die Frauen abgehoben, den Rittern die Pferde und Sporen in Empfang genommen wurden. Darauf saßen sie je zwei, Ritter und Frauen, zusammen auf das grüne Gras; denn es waren keine Stühle vorhanden; jene elende Frau saß ganz allein am Ende, und niemand achtete ihrer. Goldne Gefäße wurden aufgetragen, Wildbret und Fische, die edelsten Speisen, die man erdenken konnte, weiße Semmel und Brot; Schenken gingen und füllten die Becher mit kühlem Weine. Da wurde auch dieser Speisen Ritter Ulrich vorgetragen, die ihn lieblich anrochen; doch war er so weise, nichts davon zu berühren. Er ging zu der Frauen sitzen und vergaß sich, daß er auf den Tisch griff und einen gebratenen Fisch aufheben wollte; da verbrunnen ihm schnell seiner Finger viere wie von höllischem Feuer, daß er laut schreien mußte. Kein Wasser und kein Wein konnte ihm diesen Brand löschen; die Frau, die neben ihm saß, sah ein Messer an seiner Seite hangen, griff schnell danach, schnitt ihm ein Kreuz über die Hand und stieß das Messer wieder ein. Als das Blut über die Hand floß, mußte das Feuer davor weichen, und Ritter Ulrich kam mit dem Verluste der Finger davon. Die Frau sprach: »Jetzt wird ein Turnier anheben und Euch ein edles Pferd vorgeführt und ein goldbeschlagener Schild vorgetragen werden; davor hütet Euch.« Bald darauf kam ein Knecht mit dem Roß und Schild vor den [513] Ritter, und so gern er's bestiegen hätte, ließ er's doch standhaft fahren. Nach dem Turnier erklangen süße Töne, und der Tanz begann; die elende Frau hatte den Ritter wieder davor gewarnt. Sie selbst aber mußte mit anstehen und stellte sich unten hin; als sie Ritter Ulrich anschaute, vergaß er alles, trat hinzu und bot ihr die Hand. Kaum berührte er sie, als er für tot niedersank; schnell trug sie ihn seitwärts auf einen Rain, grub ihm ein Kraut und steckte es in seinen Mund, wovon er wieder auflebte. Da sprach die Frau: »Es nahet dem Tage, und wann der Hahn kräht, müssen wir alle von hinnen.« Ulrich antwortete: »Ist es denn Nacht? Mir hat es so geschienen, als ob es die ganze Zeit heller Tag gewesen wäre.« Sie sagte: »Der Wahn trügt Euch; Ihr werdet einen Waldsteig finden, auf dem Ihr sicher zu dem Ausgang aus der Wildnis gelangen könnet.« Ein Zelter wurde der armen Frau vorgeführt, der brann als eine Glut; wie sie ihn bestiegen hatte, streifte sie den Ärmel zurück: da sah Ritter Ulrich das Feuer von ihrem bloßen Arm schießen, wie wenn die Flammen um ein brennendes Haus schlagen. Er segnete sie zum Abschied und kam auf dem angewiesenen Steige glücklich heim nach Wirtenberg geritten, zeigte dem Grafen die verbrannte Hand und machte sich auf zu der Burg, wo sein Gevatter saß. Dem offenbarte er, was ihm seine Buhlin entbieten ließ, samt dem Wahrzeichen mit dem Fingerlein und den verbrannten Fingern. Auf diese Nachricht rüstete sich der von Schenkenburg samt Ritter Ulrich, fuhren über Meer gegen die ungetauften Heiden, denen sie so viel Schaden, dem deutschen Hause zum Trost, antaten, bis die Frau aus ihrer Pein erlöst worden war.

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