1.Zweiter BandDiwan des HafezLyrikḤāfeẓ, Šams o'd-din MoḥammadDer Buchstabe Sad

[139] [141]Der Buchstabe Sad.

1.

Es hat dein holder Reiz die Welt,
So lang und breit sie ist, umfangen;
Die Himmelssonne schaut beschämt
Des Erdenmondes schöne Wangen.
Das Anschau'n deiner Reize ist
Der Völker nöthigste Verrichtung,
Der Anblick deines Angesicht's
Der Engel heiligste Verpflichtung.
Des vierten Himmels Sonne borgt
Ihr Licht von deiner Wangen Schimmer;
Der siebenten der Erden gleich,
Drückt eine Schuldenlast sie immer.
Die Seele, die sich Ihm nicht weiht,
Bleibt ew'gem Tode Preis gegeben;
Der Leib der nicht Sein Sclave wird,
Verdient verstümmelt nur zu leben.
Zu küssen Seines Fusses Staub,
Wird es wohl jemals dir gelingen?
Der Wind nur mag Ihm, o Hafis,
Der Sehnsucht Kunde überbringen!
2.1.Zweiter BandDiwan des HafezLyrikḤāfeẓ, Šams o'd-din MoḥammadDer Buchstabe Sad

[141] [143]2.

O komm, auf dass ein Duft der Seele
Aus jener Wange mich erquicke,
Da ich des eig'nen Herzens Zeichen
An jener Wange froh erblicke.
Was Commentare von den Reizen
Und von der Huld der Huris sagen,
Darüber magst, zu näh'rer Deutung,
Du jene Wange selbst befragen.
Es liegt die stattliche Zipresse
Vor jenem hohen Wuchs im Staube;
Erröthend weilt vor jener Wange
Die Rose in der Rosenlaube;
Beschämt muss des Jasmines Körper
Zurück vor jenem Leibe treten;
Im Blute muss, ob jener Wange,
Das Herz des Ērgăwān's sich betten;
Den Moschusduft hat China's Nabel
Nur jenem Lockenhaar entnommen,
Den Himmelsduft das Rosenwasser
Von jener Wange nur bekommen.
Dein liebes Antlitz hat der Sonne
Des Thaues Schweiss herausgetrieben,
Und schmächtig ist ob jener Wange
Der Mond am Firmament geblieben.
Ein wahres Lebenswasser träufet
Stets aus Hafisens holdem Sange:
So träufen Seelen, hold verwandelt
In zarten Schweiss, von jener Wange.