[5] Frau Geheimrat
Rose Virchow
Ehrerbietigst
Der Verfasser.
[5][7][5] Frau Geheimrat
Rose Virchow
Ehrerbietigst
Der Verfasser.
[5][7]In der Vorrede zu den »Volkssagen aus Pommern und Rügen« 1 stellte ich als leitenden Gesichtspunkt auf einmal, meinen Landsleuten ihr Volkstümliches, das dem Ansturm der modernen Kultur kaum lange mehr standhalten dürfte, wenigstens litterarisch zu erhalten, dann aber, vornehmlich, dem Forscher eine zuverlässige Stoffsammlung für seine Studien zu bieten. Der erste Baustein zu dem geplanten Gebäude war eben jene Sagensammlung. Ein Jahr später konnte ich als Festschrift zur Begrüssung des XVII. Kongresses der deutschen anthropologischen Gesellschaft in Stettin pommerschen Volksbrauch und Glauben hinzufügen, soweit sich dieselben auf Hexenwesen und Zauberei beziehen 2. Es folgten reiche, in jeder Beziehung vollständige Sammlungen der Trachten, Hausgeräte und sonstigen Bauernaltertümer aus Mönkgut auf Rügen, aus dem Pyritzer Weizacker und aus der alten friesischen Kolonie Jamund bei Cöslin, Sammlungen, wie sie zur Zeit einzigartig in Deutschland dastehen, bei deren Zusammenbringen jedoch das Hauptverdienst meinem verehrten Freunde Alexander Meyer Cohn, dem Mäcen des neubegründeten Museums für deutsche Volkstrachten und Erzeugnisse des Hausgewerbes in Berlin 3, zufällt, da er bereitwillig die Mittel zur Verfügung stellte, die Ankäufe in dem von mir für nötig gehaltenen Umfange zu bewerkstelligen. An diese Errungenschaften auf dem Gebiete der handgreiflichen Volkskunde Pommerns schloss sich vor einigen Monaten die Herausgabe der Volksschwänke 4. Heute komme ich mit den Volksmärchen.
Keine Art des Volkstümlichen ist schwieriger zu sammeln, als gerade diese. Sage und Brauch finden sich überall, wo Volksglaube besteht, der ist aber noch nirgends in Pommern erloschen. Zur Sammlung[7] der Bauernaltertümer gehörte Geschick und ein Beutel voll Geld, und der Erfolg konnte nicht ausbleiben. Wo findet sich aber das Märchen 5?
Zur Beantwortung dieser Frage erlaube ich mir, mit kurzen Worten auf die einzelnen Klassen der Bevölkerung Pommerns einzugehen. Die Unterschiede: Städter und Landvolk, Bürger und Bauer, reich und arm helfen hier wenig; anders steht es mit gebildet und ungebildet. Die Gebildeten – Dickköpfe nennt sie der gemeine Mann und begreift darunter den Edelmann und den Kaufherren, die studierten Leute und die Beamten – tragen fast niemals etwas Volkstümliches in sich, in den weitaus meisten Fällen hassen und verachten sie es sogar, wenn's nicht gerade Modesache geworden ist oder von oben gewünscht wird, für derlei Dinge zu schwärmen. Und die Herren, denen die Sorge für die geistige Pflege des Volkes anvertraut ist, stehen in der Verachtung des Volkstümlichen, mit andern Worten des wirklich Nationalen, obenan. Es ist eben in Pommern in dem Stücke nicht besser, wie anderswo im deutschen Vaterlande.
Was nun die Ungebildeten betrifft, so sind auch sie für unsere Zwecke nur zum geringen Teile zu gebrauchen. In abergläubischen Vorstellungen, alten Bräuchen und Sitten liefern sie freilich dem Ethnologen allesamt schätzbares Material; aber bezüglich der Volkspoesie, die uns hier allein angeht, müssen wir genau den Kleinbürger und Bauer von dem sogenannten vierten Stande trennen. Der Handwerksmeister in dem kleinen Landstädtchen findet nach des Tages Mühen und Lasten seine geistige Erholung beim Glase Bier in der Zeitung. Auch Bücher liest er gerne, ebenso wie seine Angehörigen, sie dürfen schal und flach und abscheulich geschrieben sein, wenn sie nur dabei ungeheuerlich und wüst sind. Ohne gewaltig reiche Taugenichtse und edelmütige Räuber, ohne Fürsten und Grafen, ohne Mord und Todschlag darf's nicht abgehen; er ist die Herzensfreude und das rechte Feld des Zeitungs- und Schauerroman-Schriftstellers. Ist der Meister streng kirchlich gesinnt, so genügt ihm gemeinhin, was sein Sonntagsblatt bietet. Ja, er giebt oft beträchtliche Summen aus, um sich auf dem Gebiet eine kleine Bücherei zu verschaffen.
Der Bauer steht in geistiger Beziehung noch eine gute Stufe niedriger. Sein ganzes Bestreben ist der Erwerb. Haus und Hof zusammenhalten, das Besitztum vergrössern, guten Viehstand haben, Geld auf Zinsen legen oder bar im Kasten verschliessen, dann und wann etwas Tüchtiges drauf gehen lassen, höhere Güter kennt er insgemein nicht. Wenn er überhaupt geistige Bedürfnisse hat, so sind es dieselben, wie die des Kleinbürgers. Die Volkslieder gefallen ihm wohl, aber die Tagelöhner singen sie, darum kann er sie nicht leiden. Das Märchen entspricht nicht den wirklichen Verhältnissen, wie sie [8] sein kalter, nüchterner Verstand begreift, er verachtet es. Nur an der Zote findet er Gefallen, und zotige Geschichten kann man vom reichsten Bauer so gut und in eben solcher Fülle lernen, wie vom ärmsten Arbeitsmann. Sie sind ein hartes Geschlecht die pommerschen Bauern und weicheren Gefühlen kaum zugänglich. Wenn sie sich, was in vielen Gegenden noch das Gewöhnliche ist, mit ganzer Entschiedenheit zum Christentum bekennen, so habe ich sie immer im Verdacht gehabt, und von anderer Seite wird mir diese Beobachtung bestätigt werden, sie thun es nur, um für das unendlich lange ewige Leben sicher zu gehen. Die Anerkennung des höheren Standes der Edelleute und der vornehmen Stadtherren liegt ihnen im Blute, und sie würden ihnen, wenn es darauf ankäme, auch gerne im Himmel die nötige Ehrfurcht bezeugen. Dass aber auch der arme Schlucker in denselben Himmel kommen und mit ihnen gleiche Rechte geniessen soll, dass es keinen besonderen Bauernhimmel giebt, können die wenigsten begreifen. Freilich, wie der Bauer im Himmel reden wird, kann ich nicht wissen, aber wie er hier auf Erden spricht, davon ein kleines Beispiel, welches voll und ganz die Verallgemeinerung verträgt:
Sehe ich da ein bildhübsches Kind, so von drei oder vier Jahren, in einem Bauerhofe und spreche erfreut: »Das ist ja ein niedliches Kind!« Antwortet die sehr ehrenhafte, ihrer Meinung nach durchaus christliche, steinreiche Bäuerin: »Das soll ein niedliches Kind sein? Das ist ja nur ein Taglöhnersjunge, den habe ich geholt, dass mein Kleiner mit ihm spielen möge.«
So bleibt dem Forscher als Quelle für das Volksmärchen nur der vierte Stand übrig; aber selbst der ist nicht in seiner ganzen Masse zu verwerten. In Abzug zu bringen ist zunächst der Fabrikarbeiter von Beruf und Geburt, der in dem Fabrikorte geboren und erzogen ist. Tot für den Forscher ist ferner der streng kirchlich gesinnte Arbeiter. – Es ist merkwürdig, dass jedes volkstümliche Lied und Märchen von diesen Leuten gescheut wird, wie die Pest. Sie fürchten, dem Teufel anheimzufallen, selbst wenn sie den harmlosen Geschichten nur zuhören. Ein Knecht aus dem Hinterpommerschen, welcher in einer Gegend gross geworden war, wo die alten volkstümlichen Vorstellungen noch überall gäng und gäbe sind, antwortete mir auf die Frage, ob bei ihm zu Hause die Leute auch noch die wilde Jagd und die Unnerertschken und den Dråk kennten, aus tiefster Überzeugung: »Gewiss weiss ich's; aber sagen werde ich's nie. Nachdem ich den Heiland angezogen habe, spreche ich mit David: Mein Mund hasset die Lügen und redet die Wahrheit.« Da hilft auch kein Zureden; denn die guten Leute werden in ihrer Verachtung des Volkstümlichen bestärkt durch Prediger und Lehrer, welche die Volkslieder Gassenhauer schelten und von den Märchen erst recht nichts wissen wollen. Wären den Herren die Lieder und Märchen bekannt, sie würden gewiss anderer Meinung sein; so aber verfolgen sie die gute Sache mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln. Was Wunder, dass die jetzt heranwachsende Generation zum überwiegenden Teile [9] durch die Schule der Volkspoesie entfremdet ist! Es bleiben also im grossen und ganzen nur die zum arbeitenden Stande gehörige Landbevölkerung, sowie die Fischer und Matrosen in den mittleren und reiferen Jahren, welche uns für das Volksmärchen Ausbeute versprechen. – Werden sie sich aber offen vor aller Welt der herrlichen Schätze freuen, die sich in ihrer Hut befinden? Der Herr Pastor würde tadeln, der Herr Schulmeister höhnen, der Bauer verachten, der Städter lachen und spotten; darum hört man die Märchen auch nur, wenn die sonst so lebens- und mitteilungslustigen Leutchen ganz unter sich sind oder mit harmlosen Kindern plaudern. Sonst befleissigen sie sich einer ängstlichen Zurückhaltung.
Damit muss der Forscher rechnen. Er muss ins Volk gehen, er muss sich mit ihm zu verquicken verstehen, seine Sprache, seine Sitten, seine Gewohnheiten, seine Anschauungen anzunehmen wissen, er muss es durchsetzen, dass die Leute in ihm einen der Ihrigen erblicken. Und wenn er dann ausserdem zur rechten Zeit den Groschen zu Schluck, den Dreier für Tabak und die Handvoll Zigarren nicht spart, wenn ihn das Glück mit den rechten Leuten zusammen führt, so ist sein Erfolg sicher. Es kostet freilich Jahre mühevoller Arbeit, zu dem ersehnten Ziele zu gelangen; aber die Mühe belohnt sich in überreichlichem Masse. Mir ist's gelungen, in Pommern direkt aus Volkes Mund ein nicht minder grosses Märchenmaterial zusammen zu bringen, als die Gebrüder Grimm in ganz Deutschland aus mündlichen und schriftlichen Quellen geschöpft haben. Doch von den Märchen selbst später, bleiben wir noch ein wenig bei den Leuten, welche das Märchen hegen und pflegen.
Sie allesamt sind darin einig, dass sie ihre Märchen lieben und wert halten; aber die grosse Mehrzahl ist, wie der gemeine Mann sich ausdrückt, nicht gut be hullig. Sie können nicht wiedergeben, was sie gehört haben, und wissen kaum einige Züge, und auch diese nur verschwommen, nachzuerzählen. Um so bereitwilliger preisen sie die grössere Behulligkeit eines guten Freundes oder Gevatters an, der dann auch, wenn man ihn richtig zu nehmen versteht, die paar Märchen, welche er kennt, zum besten giebt. Ist er fertig damit, so spricht er wohl sein Bedauern darüber aus, nicht mehr zu wissen: »Ja, wenn ich behulliger wäre!«, und dann vereinigen sich der nicht Behullige und der etwas Behullige, die Vorzüge irgend eines Mannes zu schildern, der wohl ganze vier Wochen lang Tag und Nacht erzählen könnte und doch kein Ende finden würde. Anfangs glaubte ich nicht recht an die Wahrheit dieser Reden; als ich sie aber immer wieder und wieder hören musste, in welche Gegenden ich auch kam, so begann ich Jagd zu machen auf diese Wundermänner. Lange gelang es mir nicht, irgend eines von ihnen habhaft zu werden – entweder sie waren schon gestorben oder ausgewandert in die neue Welt –; aber wer sucht, der findet auch, und jetzt birgt meine Sammlung die Schätze der vorzüglichsten Märchenerzähler aus den verschiedenen Teilen des Pommerlandes.
[10] Diese wahren Märchenerzähler, welche häufig einen Schatz von fünfzig, sechzig und mehr Märchen in ihrem Gedächtnis bergen – Märchenerzählerinnen in dem Sinne giebt es kaum – sind in unsrer Zeit fast nur unter den Männern in reiferen Jahren zu finden. Sie sind klug in ihrer Art und Meister der Sprache, haben aber etwas Schwermütiges, Träumerisches in ihrem Gesicht und werden deshalb oft von den Gebildeten, welche das Volk nicht kennen, für dumm verschrieen. Von ihren Genossen werden sie hoch geehrt, denn dieselben sehen in ihnen die trefflichen Bezwinger tötlicher Langweile, welche sich ohne den Märchenerzähler gar zu gerne einstellt: bei den Tagelöhnern an den langen Winterabenden, bei den Matrosen an Bord, bei grossen Erdarbeiten zur Regenzeit in den kunstlos aufgeschlagenen Hütten und bei den fahrenden Handwerksburschen und den Landstreichern endlich in der Herberge. Die Verehrung für den Märchenerzähler geht in freilich seltenen Fällen hier und da so weit, dass er von der Kunst zu leben vermag. Nicht nur, dass er in dem Hause, wo er erzählt, frei Essen und Trinken erhält, die Leute beschenken ihn obendrein mit Lebensmitteln und andern Gaben, so dass er der Sorge um das tägliche Brot enthoben wird.
Wie weiss er aber auch seine Märchen vorzutragen! Die Rede fliesst aus seinem Munde, die Augen leuchten ihm, und er reisst seine Hörer mit sich fort, dass sie samt und sonders den innigsten Anteil nehmen an den Helden seiner Erzählungen. Die Spannung der Gemüter ist auf das höchste gestiegen. Der wackere Held, welcher unerkannt seinem König in der Schlacht geholfen hat, ist verwundet worden. Der König springt vom Ross, reisst das seidene Tuch vom Halse und verbindet ihm die Wunden; dann zieht er die goldene Schnupftabaksdose hervor, nimmt daraus, reicht dem Helden, dass er auch nehme, und verehrt sie ihm sodann zum Geschenk. Der schöne Zug gefällt den Zuhörern, und sie äussern sich beifällig; aber der Märchenerzähler hat etwas auf dem Herzen, er wiederholt dieselbe Stelle zum zweiten und zum dritten Male, endlich ruft er laut: »Ja, der alte König gab ihm zu schnupfen aus seiner goldenen Dose, und dann schenkte er sie ihm! Ich will gar keine goldene Dose haben, aber einen Sauren könnte mir doch jemand geben, sonst erzähle ich nicht weiter!« Und das sehen die Zuhörer ein, das Märchen wird an der spannenden Stelle unterbrochen und nicht eher wieder aufgenommen, als bis die Schnupftabaksdose im Kreise herumgewandert ist und auch der letzte geschnupft hat.
Auch Trinkunterbrechungen finden statt und werden ganz ähnlich von dem Märchenerzähler angebracht, wie uns das von den Spielleuten des Mittelalters berichtet wird, wenn sie ihre Epen vortrugen. »Und da ward ein grosses Mahl gefeiert,« sagt der Erzähler, »da gab's Kälberbraten und Schweinebraten und gebratene Hechte; und Bier und Wein gab's auch und Branntwein dazu, so viel einer trinken wollte. Mir ist die Kehle auch schon ganz trocken; ich dächte, man gäbe mir, dass ich einen heben könnte. Sonst muss die Geschichte [11] hier schon ein Ende haben.« Selbstverständlich wird ihm sofort die Flasche gereicht; und nachdem sie gekreist hat, geht es fort im Texte, und das Märchen wird zu Ende gebracht. – Die grösste Aufregung bemächtigt sich der Zuhörer bei den eingeschalteten und angefügten Liedern. Ist ihnen die Weise geläufig, so singen sie allesamt mit; mindestens aber werden die Kehrverse gemeinsam gesungen. Man sieht es den Leuten an, wie sie mit Leib und Seele bei der Sache sind und in ihren Märchen aufgehen.
Doch ich rede hier immer von Märchen, und dabei wird man das Wort schwerlich im Volke finden können, so weit es nicht durch die Gebildeten hinein getragen ist und dadurch hier und da eine scheinbare Volkstümlichkeit erlangt hat. Man wird diesen Fehler verzeihen müssen; denn man kennt in Pommern keinen allgemeinen Ausdruck, der dem hochdeutschen »Märchen« entspräche, sondern giebt nur den einzelnen Abarten ihre besonderen Namen. Mit dem Namen Historjen oder Geschichten bezeichnet man die Märchen, in denen von Verwünschungen, erlösten Prinzessinnen, Drachen u.s.w. die Rede ist. Sind die Historjen sehr sentimental, so werden sie auch wohl genannt: »Wunderschöne Historjen, wo die Frauen weinen und die doch gar zu schön sind«. Zweitens unterscheidet man Kindergeschichten, wozu beispielsweise die bekannten Märchen von Schneewittchen, Dornröschen, vom Machandelboom, vom Fischer und seiner Frau der Grimmschen Sammlung gerechnet werden müssten. Ihre Erzählung übernehmen insgemein die Frauen. Der Märchenerzähler wehrt sie von sich ab mit der Bemerkung: »Ach, das sind ja Sachen, die hörte ich, als ich so (er macht die bezeichnende Handbewegung) klein war.« Aber auf Zureden erzählt er schliesslich doch, besonders wenn er von Kindern umlagert wird. – Die Tiermärchen werden unter dem Worte Fabelwesen begriffen. – Dann kennt man Räubergeschichten, Seemannsgeschichten, Geschichten aus der Zeit, da die Leute noch so dumm waren, dass sie katholisch waren, und unser Herrgott auf Erden ging, um den armen Menschenkindern zu helfen, Geschichten aus des alten Fritzen Zeit, Geschichten vom dummen Hans, vom starken Hans, vom starken Jochem oder eisernen Marten, vom Wolfs-, Löwen- oder Bärensohn. In die Reihe der Schwankmärchen werden wir eingeführt, wenn der Erzähler anhebt: »Nun wollen wir etwas Listiges hören!« Schon bedenklicher ist's, wenn er sagt: »Jetzt kommt etwas Drolliges.« Aber gar toll wird's, wenn er seiner Zunge freien Lauf lässt und mit den Zotenmärchen anhebt, welche auch wohl genannt werden: »Geschichten, wo die grossen Dirnen juchen und die Frauen mit dem Tüffel werfen, aber nicht hinausgehen und die Männer lachen.«
Aus diesen Benennungen ergiebt sich der Inhalt der Märchen von selbst. Es würde zu weit führen, darauf des näheren einzugehen; betrachten wir das Märchen im grossen und ganzen. Auf drei Punkte kommt es dabei an: ich unterscheide erstens den Kern des Märchens, zweitens die märchenhaften Züge und drittens die eingeflochtenen oder [12] angefügten Lieder. Der Kern des Märchens ist der einfache Gang der Erzählung ohne alles Beiwerk. Er ist in Pommern nicht anders, wie sonst wo in Deutschland; und es ist hier nicht der Ort, des näheren auf die Frage einzugehen, welche von den Märchenkernen spezifisch germanisch und welche durch Einflüsse irgend welcher Art, durch Schiffer und Handwerksburschen, durch fahrendes Volk und Zigeuner oder durch Soldaten, aus der Fremde überkommen und dann heimisch geworden sind, und ob nicht vielleicht ein grosser Teil derselben auf allgemein menschlichen Grundlagen beruht und sich deshalb überall in der Welt in ziemlich gleichmässiger Gestalt finden muss. Nur soviel sei hier erwähnt, dass Pommern auch reich ist an solchen Märchen, welche aus der Heldensage und dem Mythus entstanden sind.
Gehen wir zu den märchenhaften Zügen über. Darunter verstehe ich die Vorstellungen, welche die menschliche Phantasie in ihrem Hange zum Wunderbaren erzeugt und die unter gleichen Bedingungen ganz gleich bei den Deutschen wie bei den Chinesen, bei den Kaffern wie bei den Indianern sein müssen. Es liegt auf der Hand, dass einem durstigen, hungrigen Gemüt das vor ihm stehende Trinkgefäss, der gedeckte Tisch das Verlangen und die Sehnsucht nach einem Trunke, welcher niemals versiegt, nach einer Speise, welche niemals alle wird, erzeugen muss, und daraus ist dann der märchenhafte Zug von dem Glase-, Horne- oder Becher-Nimmerleer, von dem Tischlein, Serviettchen, Tüchlein-deck-dich entstanden. Ebenso ist's gegangen mit dem Knüppel aus dem Sack, dem Zauberschwert, der undurchdringlichen Rüstung, der unverwundbaren Haut, dem Universalheilmittel, dem Wasser des Lebens, dem Zauberspiegel, dem Heckethaler, dem Goldesel; ferner mit dem Riesenstarken, dem Däumling, dem federleichten Schneider, dem blitzschnellen Läufer, dem Hasenhüter, dem ewig Hungrigen oder Durstigen u.s.w. Je mehr ein Volk seine Liebe zum Märchen bewahrt hat, um so reicher werden sich auch bei ihm die märchenhaften Züge finden, und darum treffen wir dieselben in grosser Fülle in den pommerschen Märchen wieder.
Natürlich schreiten die märchenhaften Züge mit der Weltgeschichte fort. Die Erfindung der modernen Gewehre und Geschütze mit ihrer verherenden Feuerwirkung lässt das Zauberschwert in den heutigen Märchen mehr und mehr in den Hintergrund treten. Es stellt sich dafür das Gewehr und die Kanone ein, welche immer wieder von selbst geladen sind, sobald sie abgeschossen werden, also die höchste Potenz unserer jetzigen Mehrlader und der Mitrailleusen. – Es wird einleuchten, dass sich dadurch die Gestalt des Märchens im Laufe der Zeit verändern muss, um so mehr, als, meiner Beobachtung nach, allenthalben, wo Märchen erzählt werden, ganz im Gegensatz zu dem ängstlichen Festhalten an dem Märchenkerne, mit den märchenhaften Zügen ziemlich frei umgegangen wird. Aehnliche werden mit einander vertauscht oder, noch häufiger, an einander gereiht, manche ganz neu hinzugefügt, so dass schliesslich scheinbar [13] ein völlig neues Märchen entsteht, obwohl es seinem innersten Wesen nach nur als Variante eines andern zu betrachten ist. Der Beweis für die Richtigkeit meiner Behauptung liegt darin, dass überall die Kerne der Märchen die grösste Verwandtschaft zeigen, während die Art und Weise der Ausschmückung mit märchenhaften Zügen häufig schon in zwei an einander grenzenden Dorfschaften eine grundverschiedene ist.
Eine andere Bewandtnis hat es mit dem dritten Punkt, auf den wir bei der Betrachtung des Märchens unser Augenmerk richten müssen, dem eingeschalteten oder angefügten Liede. Bekannt sind aus den Märchensammlungen nur kleine Reime, welche sich innerhalb des Ganges der Erzählung finden. Ich erinnere, um ein Beispiel herauszugreifen, an die Verse in dem von Grimm aus Pommern in seine Sammlung übernommenen Märchen vom Fischer und seiner Frau:
»Manntje, Manntje, Timpe Te!
Buttje, Buttje in de See!
Myne Fru, de Ilsebill,
Will nich so, as ik wol will.«
Von diesen kleinen eingeschobenen Strophen, die immerhin auch ihr Interesse beanspruchen dürfen, wollen wir hier nicht reden; ich meine umfangreichere Lieder, welche in poetischer Form kurz den Gesamtinhalt oder grosse Teile des Märchens wiedergeben und, nachdem dasselbe vorgetragen ist, von dem Erzähler, oft in Gemeinschaft der Zuhörer, gesungen werden. Sie finden sich nur bei den sogenannten Historjen und den Räuber- und Seemannsgeschichten, also ernsteren, und wenn ich mich so ausdrücken darf, heldenhaften Stoffen. Zum grössten Teile sind sie heute dem Volksgedächtnis abhanden gekommen, die Erinnerung an sie hat sich jedoch noch überall lebendig erhalten, und sie werden und wurden nicht nur im Anschluss an Märchen, sondern auch im Anschluss an Sagen gesungen. So ist z.B. das Volksbuch von der heiligen Genovefa in schlichter Märchengestalt unter dem pommerschen Landvolk verbreitet. Wenn nun in einigen Gegenden der Erzähler die Historje beendet hat, so singen er und die Zuhörer dasLied von der Genovefa, welches kurz noch einmal die wesentlichen Punkte des Märchens vor Augen führt. Nachdem die Sage von dem Liebespaar, das sich auf Tod und Leben verschworen hatte, das heisst also die sogenannte Lenorensage, erzählt ward, wurde, wie allgemein berichtet wird, das Lied gesungen, dessen ich leider bis jetzt noch nicht habhaft werden konnte. – Hoffentlich bin ich in der Folgezeit glücklicher; denn es ist ständige Gewohnheit auf dem Lande bei beiden Geschlechten, vorzugsweise aber bei den Frauen, alle Lieder, die ihnen wohlgefallen, aufzuschreiben und sorgsam zu verwahren. Am Ende lässt sich das alte pommersche Lenorenlied dort noch auftreiben, wenn es nicht gelingen sollte, dasselbe aus mündlicher Quelle zu erfahren. Mit den eingeschalteten oder angefügten Liedern ist es also genau so bestellt, wie [14] mit den Mordthaten, welche von den Bänkelsängern verbreitet werden: erst die Erzählung in Prosa, dann das Gedicht.
In Nr. 32 dieser Sammlung ist das Lied in den Gang des Märchens verknüpft worden. Trotzdem wird es auch selbständig, d.h. losgelöst von dem Märchen, gesungen, und in diesem Falle wiederum erst dann, nachdem dieses in ungebundener Rede vorgetragen ist. Ich möchte glauben, dass diese Verbindung von ungebundener und gebundener Rede, vom Sagen und Singen, uralt ist und dass auch in solcher Weise die Heldensage und der Mythus ursprünglich wiedergegeben wurde. Nur so lässt sich begreifen, dass die knappen, kurzen Heldenlieder der Masse des Volkes, welche einer breiten, gemütlichen Darstellungsweise gewiss im Altertume nicht weniger, wie heutzutage, durchaus bedürftig war, so wohl gefielen und wahrhaft volkstümlich waren. Die Lieder, welche noch heute im Anschluss an die Historjen und Sagen in Pommern gesungen werden, ähneln in ihrer gedrungenen Kürze und in ihrer Unverständlichkeit ohne vorher gegangene Prosaerzählung ganz den alten Heldenliedern.
Man findet häufig die Ansicht vertreten, dass die Märchen vom Volke mit starrer Aengstlichkeit überliefert würden, so dass in Jahrhunderten kaum kleine Aenderungen darin eintreten könnten. So weit es sich um den Kern des Märchens handelt, hat das seine Richtigkeit; denn die Märchenkerne ändern sich wenig und sind sich zum Teil wirklich im Laufe von Jahrhunderten nachweisbar völlig gleich geblieben. Im übrigen ist das Märchen aber durchaus als etwas Lebendiges anzusehen und wächst als solches, verändert sich und ist fortbildungsfähig. Ich machte schon vorher auf die märchenhaften Züge aufmerksam, deren Verwendung seitens der Märchenerzähler eine verhältnismässig freie genannt werden darf. Dazu kommen nun noch einige andere Punkte, welche die Veränderlichkeit des Märchens bedingen.
In erster Reihe ist es die Eigenart des Erzählers. In unsern Märchensammlungen wird zwar, nach dem Vorgange der Gebrüder Grimm, immer betont, dass die Märchenerzähler genau bei der Erzählung bleiben und auf ihre Richtigkeit eifrig sind, dass sie niemals bei der Wiederholung etwas abändern und ein Versehen mitten in der Sache gleich selber bessern, und das ist auch richtig, soweit es sich um vollendete Märchenerzähler und um Kinder handelt, welch letztere sich solange vorerzählen lassen, bis sie wortgetreu auswendig können; aber ehe der Märchenerzähler bis zur Vollendung gediehen ist, wirkt bei ihm, wenn auch ganz absichtslos, seine Eigenart auf das Märchen ein. Ein Schuster pflegt alle bösen Menschen in seinen Märchen zu Schneidern zu machen; ein Frauenzimmer stempelt jedes böse Weib zu einer Stiefmutter um, daher auch in den Märchensammlungen die vielen bösen Stiefmütter, weil die Sammler fast durchweg Frauen zu ihren Quellen gehabt haben. Das treffendste Beispiel für das Einwirken der Eigenart des Erzählers auf seine Märchen fand [15] ich bei einem alten Knecht aus dem Ueckermündischen. Wochenlang hatte ich versucht, mir das Zutrauen des Mannes zu gewinnen; ich kannte schon seine ganzen Familiengeheimnisse, den Stand und die Geburtstage aller seiner schutzbefohlenen Rinder und Schweine, ihre guten und schlechten Seeleneigenschaften, aber mit seinem Märchenschatze rückte der Mann nicht heraus, obgleich ich von anderer Seite her wusste, dass derselbe beträchtlich war.
Endlich nahm er mich eines Abends beiseite und sprach zu mir in der missingschen Mundart, welche sich im Verkehr immer mehr geltend macht: »Junger Herr, wovor eschtimieren sie mir wohl?« – »Wofür soll ich Sie estimieren?« sagte ich einigermassen verlegen. »Na, doch wohl für einen roten Husaren?« fragte er dringend. – »Das will ich meinen,« versetzte ich rasch, »dafür habe ich Sie schon längst angesehen.« – »Davor habe ik Ihnen auch taxiert,« sprach er freudestrahlend, »und nun will ik Ihnen auch verzählen, wie dat gekommen ist: Meine beiden Brüder haben bei die rote Husaren gestanden. Ik hatte wat untern Strich, aber dat kann man einen halben Finger gewesen sin. Da haben sie mir nun in Garz mang den Train gestochen. Bin ik nu aber nich von Rechts wegen ein roter Husar?« – »Schultz,« sagte ich, »habe ich Sie schon immer so estimiert, nun estimier' ich Sie von Gotts und Rechts wegen für einen roten Husaren und lasse mich darauf hängen.« Damit war das Eis gebrochen, ich war sein Freund geworden und liess mir wochenlang Abend für Abend erzählen, was er wusste. Aber alle Soldaten, welche in seinen Märchen vorkamen und etwas taugten, waren rote Husaren, und alle Prinzen und Könige trugen rote Husarenuniform.
Noch stärker ist die Umwandlung, welche das Märchen dadurch erfährt, dass es ganz dem Ideenkreis des Erzählers angepasst wird. Fremde Züge kann das Volk nicht vertragen, weil es dieselben nicht versteht; und so sehr es sich scheut, den Gang der Erzählung anzutasten, das Beiwerk wird seines fremden Gewandes beraubt und durchaus volkstümlich gekleidet. Ich bin in der Lage, dies an einem in jüngster Zeit im Kreise Randow unter das Volk gebrachten Märchen nachzuweisen. Einem Dienstmädchen war von ihrer Herrschaft ein Auszug der Märchen von Tausend und eine Nacht zum Lesen gegeben worden. Die bekannte Geschichte von Aladin mit der Wunderlampe sagte ihr am meisten zu, sie las sie solange, bis sie dieselbe auswendig konnte, und gab sie dann gelegentlich eines Besuches in ihrem Heimatsdorf zum besten. Ein Märchenerzähler lernte das Märchen von ihr und erzählte es dann, nachdem ungefähr ein Menschenalter über dem Lernen vergangen war, vor Jahresfrist wieder, vor allen andern Märchen, die er sonst im Gedächtnis hatte, weil es aus einem gedruckten Buche stamme und darum schöner sei, wie alle andern Historjen, die er sonst wisse. Zug um Zug stimmte mit dem Originale, nur war dem guten Manne, er wusste wohl selbst nicht wie und warum, aus dem schmutzigen Aladin der rothaarige, ohne Gottesfurcht aufgewachsene [16] Dummhans geworden, der noch nicht lesen und schreiben und nicht einmal das Vaterunser beten kann. Den Garten, welchen die orientalische Phantasie mit Obstbäumen bestanden schildert, welche Perlen und Edelgestein statt der Früchte tragen, machte er zu dem volkstümlichen Fehnusgarten; das Rochei jedoch, das Ei des Vogels Roch, welches in dem Originale eine so grosse Rolle spielt und welches Aladin auf den Rat des Zauberers vom Geiste der Lampe als Kuppelschluss in seinem Schlosse einfügen lassen soll, behielt er bei. Es schien ihm zu wichtig für die Erzählung, als dass er daran zu tasten wagte, und so erzählte er denn, der rothaarige Dummhans habe zuguterletzt von dem Geiste gefordert, er solle ihm den König Reckei bringen und ihn am Schwibbogen aufhängen. Als ich ihm erklärte, was das heissen solle, einen solchen Namen gäbe es gar nicht, antwortete er gelassen: »Wie wollen Sie ihn denn genannt wissen? Sie sind ja klüger, wie ich, geben Sie ihm doch einen Namen, der besser klingt. König Reckei heisst er, und so werde ich ihn nennen mein Leben lang.«
In noch höherem Masse, wie bei diesem jungen Eindringling aus dem fernen Orient, ist natürlich in den altheimischen Märchen das Gewand ein echt pommersches. Dieselben Vorstellungen kehren wieder, wie in den Sagen, und da diese durchaus germanischen Ursprungs sind, so sind auch die Märchen ein neuer Beweis für das unverfälschte Germanentum der Pommern, zumal der mittleren und westlichen Hinterpommern, und ferner für die ethnologische, und mythologische Bedeutung, welche jede Märchensammlung, die aus echt volkstümlichen Quellen geschöpft ist, für sich in Anspruch nehmen darf.
Endlich trägt sehr viel zur Veränderlichkeit des Märchens bei, die Sucht zu vervielfältigen und zu verbinden. Hat der Held eine Gefahr bestanden, so ruht der dichtende Volksgeist nicht eher, bis er aus der einen Gefahr drei gemacht hat, und diese werden wieder, je nach dem, zu sechs und zu neun verdoppelt und verdreifacht. Aus einer verwünschten Prinzessin werden drei, ebenso aus dem bösen Drachen, oder er bekommt statt des einen Kopfes drei, sechs, neun oder gar zwölf Häupter. Aus einem Wunschding werden drei, und so weiter. – Dasselbe ist es mit der Sucht zu verbinden. Märchen, welche ähnliche Stoffe behandeln, sucht der dichtende Volksgeist zu kombinieren: aus den vielen kleinen Märchen vom dummen Hans erhalten wir wenige grosse, am Ende wohl gar eine umfangreiche Dummhansiade. Ebenso geht es dem starken Hans, dem Däumling und vielen anderen Stoffen.
Das sind jedoch nicht spezifisch pommersche Eigentümlichkeiten. Die Sucht der Vervielfältigung finden wir beispielsweise schon in dem Liede vom hörnernen Siegfried, und der Sucht der Verbindung verwandter Stoffe verdanken die Faust- und die Rübezalsage, das Buch von den Schildbürgern, Eulenspiegel u.s.w. ihr Dasein. Ueberhaupt verwahre ich mich vor dem Anschein, als ob, was ich hier über das pommersche Märchen entwickelt habe, darum auch nur für die pommerschen [17] Märchen von Gültigkeit wäre. Genau wie die pommerschen Märchen sind, wenn auch vielleicht nicht überall ganz so altertümlich und reichhaltig, die Märchen der übrigen deutschen Stämme. Es ist Schuld der Forscher, wenn sie über die Märchenarmut klagen. Wenn z.B. Müllenhoff vor vierzig Jahren von den schleswigholsteinschen Märchen sagt: »So also ist der Baum verdorret, der so lange grünte. Seine letzten Reiser und Blätter waren wir für unsern Teil bemüht zu sammeln,« so entspricht das, wie ich aus eigener Anschauung versichern kann, selbst heute nicht der Wirklichkeit. Er ist eben nicht genug in das Volk gedrungen; das beweist schon, dass er das meiste aus dritter Hand von Kindermund sammelte. Zu der eigentlichen Quelle ist er gar nicht durchgedrungen. Und wie ihm, ist es vielen andern Forschern ergangen.
Es erübrigt, einige Worte über die vorliegende Sammlung selbst hinzuzufügen. Die einzelnen Stücke sind mit geringen Ausnahmen, die Nummern dieses ersten Bandes ausschliesslich, direkt dem Munde des Volkes entnommen worden. Andere Quellen fliessen für Pommern und Rügen überaus spärlich. E.M. Arndts Märchen und Jugenderinnerungen 6 bieten, so verlockend der Titel auch klingt, für unsere Zwecke nichts. Die Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm bringen aus Vorpommern zwei Märchen: das von dem Fischer und seiner Frau und das Märchen vom Machandelboom, welche von Ph. D. Runge in der Mundart nacherzählt sind. Ein drittes (hinter-) pommersches Märchen, das vom Våte Haenk, hat Firmenich in den Völkerstimmen 7 zum Abdruck gebracht. Sonst kommen nur noch die 13 Märchen aus dem östlichen Hinterpommern in Betracht, welche den Schluss der O. Knoop'schen Sammlung 8 bilden.
Ausser diesen wenigen Stücken, deren Inhalt für die Anmerkungen und Varianten Verwendung finden wird und zum Teil schon in dem vorliegenden ersten Bande gefunden hat, konnte nur der Volksmund als Quelle benutzt werden. Abweichend von anderen Sammlern habe ich mich dabei fast ausschliesslich auf mich selbst verlassen 9. Der Forscher wird mir das danken, zumal dadurch die Reichhaltigkeit der Sammlung in keiner Weise beeinträchtigt ist. Freilich, um diese Reichhaltigkeit zu ermöglichen, durfte kein Opfer an Zeit und Geld gespart werden. Meine Mittel allein hätten mir das nicht erlaubt; zum Glück für die Sache fand ich jedoch festen Rückhalt und jede Unterstützung in dem Altmeister deutscher ethnologischer und anthropologischer [18] Forschung, Rudolf Virchow. Ihm habe ich es in erster Linie zu danken, dass sich Seine Excellenz der Herr Kultusminister Dr. von Gossler der Sache auf das wärmste annahm und zur erfolgreichen Ausbeute Staatsmittel zur Verfügung stellte. Meinen Dank glaubte ich dem grossen Landsmann nicht besser ausdrücken zu können, als indem ich die Sammlung, das Beste, was ich zu bieten vermag, seiner hochverehrten Gemahlin zueignete, dass sie ihr ein Gruss sei aus der Heimat ihres Gatten.
Angelegt ist die Sammlung so, dass die beiden ersten Bände die Märchentexte, soweit das bei einer Märchensammlung angeht, sachlich geordnet, und, im Anhang, den Quellennachweis und die Varianten bringen. Der dritte Band soll ausser einem Nachtrag, wenn der Platz es erlaubt, eine genaue Zusammenstellung der bis jetzt erschienenen Märchenlitteratur, sowie eine Abhandlung über das Märchen enthalten.
Eine Anzahl von Märchen (in diesem Bande Nr. 5, 41, 42 u. 53) ist in der Mundart erzählt. Die Schreibart ist phonetisch; doch sind mit Rücksicht darauf, dass die Sammlung in erster Linie volkskundlichen, nicht sprachlichen Interessen dienen soll, der leichteren Lesbarkeit halber nach Möglichkeit Zeichen vermieden, welche von den in der hochdeutschen Schriftsprache bräuchlichen abweichen. Die kurzen Vokale sind wiedergegeben mit den Lettern: a, ä, e, i, o, ö, u, ü, die entsprechenden Längen mit: aa, ae, ee, y (nur in Nr. 5 durch ein Versehen des Setzers mit ij), oo, oe, uu, ue. Die Zeichen für die Zwischenlaute von aa und oo, von ae und oe und für das verdumpfte au sind: å, åe und åu.
Schliesslich sei noch der Verlagsbuchhandlung für die vortreffliche Ausstattung und dem Verein für niederdeutsche Sprachforschung für die Breitwilligkeit, mit welcher er den unverkürzten Abdruck der Märchen in seinen Publikationen gestattet hat, der gebührende Dank ausgesprochen.
Berlin, im Herbst 1890.
Dr. Ulrich Jahn.
1 Volkssagen aus Pommern und Rügen. Gesammelt und herausgegeben von Dr. Ulrich Jahn. Stettin 1886. Dannenberg. XXVIII u. 541 S; 2. Aufl. Berlin 1890. Mayer u. Müller XXVIII u. 566 S.
2 Hexenwesen und Zauberei in Pommern. Von Ulrich Jahn. Stettin 1886. Komm.-Verlag von Koebner in Breslau. 196 S. Separatabdruck aus »Baltische Studien« Jahrg. XXXVI.
3 Die von mir erworbenen pommerschen Sammlungen sind im Museum aufgestellt und dem Publikum zur Besichtigung zugänglich gemacht.
4 Schwänke und Schnurren aus Bauern Mund. Von Ulrich Jahn. Mit einem Titelbild von Prof. A. Kretschmer. Berlin 1890. Mayer u. Müller. 140 S.
5 Ich schliesse mich im folgenden an meinen Vortrag »Das Volksmärchen in Pommern«, gehalten auf der dreizehnten Jahresversammlung des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung in Stettin am 31. Mai 1887. Abgedruckt im Jahrbuch des Vereins für niederdeutsche Sprachforschung. Jahrgang 1886. Band XII. S. 151-161.
6 Märchen und Jugenderinnerungen von E.M. Arndt. 2 Teile Berlin 1842 u. 43. Reimer: 1. Teil. 2. Ausgabe. Mit 6 Kupfern. VI u. 410 S.; 2. Teil. Mit 6 Kupfern. XII u. 372 S.
7 Joh. Matth. Firmenich, Germaniens Völkerstimmen. Sammlung der deutschen Mundarten in Dichtungen, Sagen, Märchen etc. Berlin. Schlesinger. Band I S. 91.
8 O. Knoop, Volkssagen, Erzählungen, Aberglauben, Gebräuche und Märchen aus dem östlichen Hinterpommern. Posen 1885. Jolowicz. XXX u. 240 S.
9 Nicht von mir persönlich gesammelt sind Nr. 5 und Nr. 60. Siehe darüber die Anm.
Es war einmal ein Müller, der hatte eine wunderschöne Tochter; aber niemand wollte sie zur Frau haben, so schön sie auch war. Stille sitzen und lange schlafen und putzen, das konnte sie; aber sonst verstand sie gar nichts, nicht einmal das Spinnen mochte ihr von der Hand gehen. »Warte,« dachte der Müller, »du sollst mir doch aus dem Hause«; und weil er ein weites Gewissen hatte und zufrieden war, wenn er sie nur irgendwo untergebracht, so liess er überall bekannt machen, das Mädchen verstände die Kunst, aus Stroh lauteres Gold zu spinnen. Die Nachbaren wussten, dass es nicht wahr sei, und lachten darüber, aber die Leute in der Stadt glaubten es und der König voran; und weil er nicht wollte, dass ihm die Goldspinnerin entginge, sandte er hin zu dem Müller und liess das Mädchen als seine Braut in das königliche Schloss holen.
Den ersten Tag gefiel ihr alles recht gut; aber am zweiten Tage wurde ihr angst und bange; denn der König führte sie in eine ausgeräumte Stube. Darauf mussten die Diener ein Spinnrad und ein Schock Stroh herein schaffen, und als das drinnen war, hiess sie der König das Stroh über Nacht auf und zu Gold spinnen. »Thust du es nicht, so kostet's dich dein Leben!« Mit diesen Worten schloss er die Thüre hinter ihr zu, die Müllerstochter aber klagte und jammerte zum Gotterbarmen. Sie konnte nicht einmal Schwingelheede zu Stricken spinnen, vielweniger Stroh zu Gold, und wenn sie es nicht fertig brachte, hatte sie den Kopf verloren! Als die Glocke 11 schlug, rasselte es im Stroh, ein kleines Männchen stand vor ihr und sagte: »Was giebst du mir, wenn ich dir helfe?« – Antwortete die Müllerstochter: »Was soll ich dir geben? Ich hab' nichts!« – »Du hast doch etwas,« sagte das Männchen, »gieb mir deinen Ring vom Finger.« Da gab das Mädchen dem Männchen ihren Fingerreif, und als sie das gethan hatte, wurde ihr müde und schläfrig zu Mut, und sie schlief ein. Nachdem sie wieder aufgewacht war, lag statt des Strohs in der Stube ein grosser Haufen Gold, das Männchen aber war verschwunden.
[1] Am andern Morgen schloss der König die Thüre auf, und als er das viele Gold erblickte, tanzte er vor Freuden in der Stube herum. »Hei,« rief er, »das geht einmal schön! Aber du kriegst gewiss noch mehr kurz!« und er gab Befehl, dass den zweiten Abend zwei Schock Stroh in die Kammer gebracht würden. »Du mein Gott,« jammerte die Müllerstochter, als sie nach Sonnenuntergang wieder allein in der Stube vor dem grossen Haufen Stroh sass, »was soll daraus werden? Die erste Nacht ist's mir geglückt, diesmal wird das kleine Männchen gewiss nicht wieder kommen!« Aber es kam doch wieder; um elf Uhr rasselte und knisterte es im Stroh, und das Graumännlein kroch zwischen den Halmen hervor und fragte: »Was giebst du mir, wenn ich dir auch heute bei der Arbeit helfe?« Nun hatte die Müllerstochter ein wunderschönes Geschmeide. »Willst du das haben?« fragte sie das Männchen, und als es darin einwilligte, gab sie es ihm. Dann schlief sie ein, wie in der vergangenen Nacht, und als sie wieder erwachte, waren auch die zwei Schock Stroh zu Gold gesponnen. Diesmal war der König noch vergnügter, als er am Morgen die Thüre aufschloss, und sprach zu seiner Braut: »Du gefällst mir! Aber eine Nacht musst du noch spinnen! Aller guten Dinge sind drei! Und dann sollst du Königin werden und Ruhe haben mit dem Spinnrad dein Leben lang.« Darauf gab er den Befehl, die Stube ganz voll Stroh zu packen, dass nur ein kleines Eckchen übrig blieb, in dem das Spinnrad stand. Und als der dritte Abend kam, führte er selbst seine Braut hinein und schloss hinter ihr ab.
Hatte die Müllerstochter die beiden Abende vorher viel geweint, so flossen jetzt ihre bitterlichen Thränen und rannen auf den Fussboden herab, und sie verwünschte ihr Schicksal und ihren harten Vater, der, um sie aus dem Hause zu bringen, all das Elend angerichtet hatte. Während dem war es Nacht geworden und die Glocke schlug elf, da rasselte und ruschelte es im Stroh, und das Graumännchen trat zum dritten Male vor das Mädchen und sprach: »Was giebst du mir, wenn ich dir bei der Arbeit helfe?« – Jetzt hatte die Müllerstochter aber wirklich nichts mehr, und sie sagte zu dem Männlein: »Ich kann dir nichts geben.« – »Warum nicht?« gab es zur Antwort. »Versprich mir das erste Kind, welches du mit dem König bekommen wirst, wenn es ein Knabe ist, und ich spinne dir das Stroh zu Gold.« Anfangs wollte die Müllerstochter nicht darauf eingehen; als aber das Graumännchen dabei blieb, dachte sie bei sich: »Der liebe Gott wird dich doch nicht ganz verlassen, am Ende schenkt er dir zuerst ein Mädchen,« und sie sagte dem Männchen ihr Erstgebornes zu, wenn es ein Sohn würde. Darauf verfiel sie wiederum in den tiefen Schlaf, und als sie erwachte, war alles Stroh zu Gold gesponnen.
Am Morgen war die Freude gross. Der König liess das Gold in die Schatzkammer tragen; dann wurde Hochzeit gefeiert, und die Müllerstochter war Königin über das ganze Land. Und ehe ein Jahr verging, schenkte ihr der liebe Gott, dass sie mit einem kleinen Prinzen niederkam. Das erfüllte die Königin mit grossen Sorgen, [2] denn sie dachte an den Handel, welchen sie mit dem kleinen Männchen angeschlossen hatte, und sie konnte kein Auge zudrücken vor Angst und Kummer. Richtig, als es elf Uhr schlug, trat das kleine Männchen ganz leise, leise in die Stube herein und sprach: »Gieb mir den Prinzen, wie du mir versprochen hast.« – »Das Kind gebe ich dir nicht,« antwortete die Königin, »denn was ich dir damals versprochen habe, das habe ich in der Not versprochen!« und während sie das sagte, hielt sie den Prinzen mit beiden Armen umschlungen. Das Männlein wollte nun das Kind mit Gewalt nehmen; aber die Königin drohte, zu schreien und den König zu wecken. Da wurde es zornig, schalt sie eine Lügnerin und ging wieder zur Thüre hinaus. »Bekommen will ich dich doch,« sagte es bei sich, aber so leise, dass es niemand hörte, und so kam's, dass die Königin dachte, jetzt sei alle Gefahr vorüber, und fortan ohne Furcht vor dem Graumännlein lebte.
Der kleine Prinz wurde Alwin genannt und ward ein schöner, kluger Knabe, dass der König und die Königin ihre Herzensfreude an ihm hatten. Als er seinen vierzehnten Geburtstag feiern sollte, waren viele Junker aus der Nachbarschaft auf das königliche Schloss geladen, damit er sich mit ihnen seines Geburtstages freue. Es war ein schöner Tag, und die Sonne schien heiss vom Himmel herab. »Wir wollen unsere Pferde in die Schwemme reiten!« rief Prinz Alwin, und so geschah es auch, ein jeder setzte sich auf sein gutes Ross und fort ging's, was die Pferde laufen mochten, zu dem See und in das Wasser hinein. Prinz Alwin war allen voraus, und mit einem Male sahen seine Gefährten, wie Mann und Ross in die Tiefe gezogen wurden und versanken. Das Pferd kam nach einer kleinen Weile wieder zum Vorschein, aber Prinz Alwin blieb verschwunden. Und kein Nachsuchen half; die Junker mussten ohne den Prinzen zurückkehren, und der König und die Königin betrauerten seinen Tod und weinten ihre bitterlichen Thränen zu seinem Gedächtnis.
Prinz Alwin war aber nicht ertrunken, sondern durch das Wasser hindurch gefallen auf eine grosse, grüne Wiese. Über ihm war ein Himmel, wie auf der Erde; aber so weit er um sich sehen konnte, war nichts zu erblicken als Gras, kein Baum und kein Strauch, nur langes, grünes Gras. Er ging, wie im Wahne, den lieben langen Tag, aber die Wiese blieb Wiese. Endlich, auf den Abend, sah er vor sich ein kleines Haus stehen, und als er näher kam, schaute ein steinaltes Weib zum Fenster heraus, das sprach: »Guten Tag, Prinz Alwin, es ist gut, dass du da bist!« – »Woher kennst du mich?« fragte der Königssohn. – »Ich kenne dich schon lange,« antwortete das Mütterchen, »seit vierzehn Jahren gehörst du mir an. Schon vor der Geburt hat dich deine Mutter meinem Manne verschachert! Jetzt komm herein, denn du bist die längste Zeit dein eigener Herr gewesen. Kannst du aber die Arbeiten bewältigen, die ich dir aufgebe, so magst du zurückkehren in deines Vaters Reich; sonst ist's um dein Leben geschehen.« Da gehorchte Prinz Alwin der Hexe und ging in das Häuschen hinein.
Als er drinnen war, wies ihm die Alte einen grossen Haufen [3] Knochen und Kartoffeln. Das musste er in einem Kessel zusammenkochen und dreihundert Näpfchen damit anfüllen. Nachdem er fertig geworden war, hiess ihn die Alte ein Näpfchen nach dem andern auf den Boden tragen. Dort sassen dreihundert Katzen, für die war das Essen bestimmt, und Prinz Alwin hatte zu thun bis nach Sonnenuntergang, dass jede Katze ihr Näpfchen bekam. Darnach musste er das ganze Geschirr wieder zurücktragen in die Küche und abwaschen und trocknen, und es wurde Mitternacht, ehe er mit der Arbeit zu Rande gekommen war. »Hast du auch Hunger?« sagte die Hexe, und als Prinz Alwin die Frage bejahte, hiess sie ihn von dem Katzenfutter aus dem Kessel nehmen. Das that er aber nicht, sondern legte sich hungrig nieder und verfiel in einen festen Schlaf. Aber lange liess ihm das böse Weib keine Ruhe; schon um drei Uhr störte sie ihn auf und sprach zu ihm: »Jetzt sollst du die erste Arbeit bekommen!« Damit lud sie ihm eine Tonne mit kohlrabenschwarzer Wolle auf den Buckel und führte ihn aus dem Häuschen hinaus durch das hohe Gras, bis sie zu einem kleinen See gelangten, an dessen Ufer ein grosser Stein lag. »Bei Sonnenuntergang komme ich wieder,« sprach sie, »und wenn die Wolle dann nicht schneeweiss gewaschen und getrocknet ist, so ist dein Leben Gras.« Darauf kehrte sie ihm den Rücken zu und ging wieder in das Häuschen zurück.
Prinz Alwin machte sich geschwind an die Arbeit; er that weissen Seesand unter die Wolle und rieb und rang, aber es half alles nichts, die Wolle blieb kohlrabenschwarz, wie sie gewesen war. Zwei Stunden lang arbeitete er und wusch sich die Hände wund, dann ward er verzagt und setzte sich auf den Stein und weinte. Indem trat eine Jungfrau auf ihn zu, in schwarzem Gewande und mit einem schwarzen Schleier vor den Augen, und fragte: »Prinz Alwin, was weinest du?« – »Ich soll die Wolle weiss waschen und kann es doch nicht,« antwortete der Königssohn. »Das glaube ich wohl, dass du damit nicht fertig wirst,« sagte die schwarze Jungfer, »du könntest vier Wochen waschen, und sie bliebe schwarz, wie sie ist; aber sei unverzagt, ich werde dir helfen!« Darauf musste Prinz Alwin sich schlafen legen, und als er wieder erwachte, lag die Wolle auf der Wiese ausgebreitet und war schlohweiss und trocken; von der schwarzen Jungfer aber war nichts mehr zu sehen.
Auf den Abend kam die alte Hexe und besah die Wolle. »Das hast du gut gemacht,« sagte sie und packte die Wolle in die Tonne, lud sie dem Königs sohn auf den Buckel und kehrte mit ihm in das Häuschen zurück. Dort musste er sogleich wieder Knochen und Kartoffeln in dem grossen Kessel kochen und die dreihundert Näpfchen füllen und sie zu den dreihundert Katzen auf den Boden tragen. Und als er fertig war mit dem Spülen und Abwaschen, schlug die Uhr eins; doch es focht ihn wenig an, denn er hatte den Tag über auf der Wiese ausgeschlafen. Nur der Hunger plagte ihn sehr; aber von dem Katzenfutter mochte er nicht essen, und andere Speise bekam er nicht. – Lange vor Sonnenaufgang befahl ihm die Alte, die Tonne [4] zu nehmen, und ging mit ihm wieder zu dem See hinaus. Diesmal sollte er die schlohweisse Wolle schwarz waschen, wie sie gewesen war, und wenn er das nicht fertig bekomme und die Wolle nicht kohlrabenschwarz und trocken wäre, so müsse er des Todes sterben.
»Das ist nicht so schlimm, wie die erste Arbeit,« dachte Prinz Alwin, und als die Hexe fort war, tauchte er die Wolle in die schwarze Modererde und zog sie wieder hervor. Aber die Wolle war weiss und blieb weiss, und wenn er sie durch den Schmutz zog und mit Füssen trat, sie glänzte, wie frisch gefallener Schnee. Da war es auch aus mit seinem guten Mute, und er setzte sich wieder auf den grossen Stein und weinte seine bitterlichen Thränen. »Prinz Alwin, was weinest du,« sprach mit einem Male eine Stimme, und als er aufblickte, war es dieselbe schwarze Jungfer, die ihm schon gestern geholfen hatte. »Ich soll die weisse Wolle schwarz waschen und kann es nicht,« sagte der Königssohn. »Nein, das kannst du nicht,« antwortete die schwarze Jungfer, »und wenn du vier Wochen waschen würdest; aber ich werde dir helfen!« Darnach musste Prinz Alwin sich schlafen legen, und als er wieder erwachte, war die Wolle kohlschwarz und trocken; aber die Jungfer war wieder verschwunden.
Die Sonne neigte sich schon ihrem Untergange, und es dauerte gar nicht lange, so erschien die alte Hexe, besah die Wolle und sagte, wie gestern: »Prinz Alwin, du hast deine Sache gut gemacht!« Darauf lud sie ihm die Tonne wieder auf den Rücken und ging mit ihm in das Häuschen zurück.
Nachdem er die dreihundert Katzen besorgt und das Geschirr sauber gemacht hatte, legte er sich schlafen und wachte nicht eher auf, bis ihn die Alte rüttelte und schüttelte, ihm Forke und Besen, Schrupper und Scheuerlappen gab und ihn hinführte zu dem Stalle. »Den reinigst du mir, und wenn du ihn spiegelblank hast bis auf den Abend, darfst du zurückkehren in deines Vaters Reich; sonst bist du des Todes!« Als die Hexe fort war, öffnete Prinz Alwin die Stallthüre. Hu, da wimmelte alles von Addern, Kröten, Blenningen, Schlangen, Ratten und Mäusen, und Dung und Moder standen hoch an den Wänden herauf. Da war wohl sieben Jahre lang nicht ausgemistet worden. Prinz Alwin riss die Thüre weit auf, damit die Tiere hinaus gingen, aber keins kam heraus; da nahm er die Forke und schlug nach ihnen. Zisch! fuhren die Addern und Kröten, die Blenninge, Schlangen, Ratten und Mäuse auf ihn zu und sprangen ihm nach dem Gesicht, und er musste nur schnell die Thüre zuschlagen, sie hätten ihn sonst ums Leben gebracht. Wie sollte er aber den Stall reinigen bei verschlossener Thüre? Es blieb ihm wieder nichts übrig, als die Hände in den Schoss zu legen und bitterlich zu weinen. Indem stand die schwarze Jungfer vor ihm und sprach: »Prinz Alwin, was weinest du?« – »Nimm einmal an,« sagte Prinz Alwin, »ich soll diesen Stall rein machen, und darin ist soviel Schlangen- und Krötenwesen und anderes Ungeziefer, dass ich des Todes bin, wenn ich hinein gehe. Wie soll ich aber den Stall reinigen bei verschlossener [5] Thüre?« – »Du hast recht, Prinz Alwin, das kannst du nicht,« antwortete die schwarze Jungfer, »aber ich will dir helfen. Wenn nun am Abend die alte Hexe kommt, so wird sie dich loben und dich morgen ziehen lassen. Auch zu essen wird sie dir geben; aber rühre nichts an, sonst bist du und ich verloren. Dann wird sie dir erlauben, dass du dir von den dreihundert Katzen eine auswählen darfst. Nimm die kleine bunte, welche ganz hinten in der Ecke sitzt!« Prinz Alwin versprach der schwarzen Jungfer, alles zu thun, wie sie ihm gesagt hatte; darauf musste er sich schlafen legen, und als er wieder erwachte, kam auch schon die alte Hexe gegangen. »Nun ist der Stall rein?« rief sie und riss die Thüre auf; da war der Fussboden blitzblank und die Wände glimmerten und glitzten, wie Spiegelglas. »Das hast du recht gut gemacht, mein Sohn,« sprach die alte Hexe, »füttere heute noch einmal die Katzen, und morgen darfst du nach Hause gehen!«
Da war Prinz Alwin wohl zu Mute, und er kochte so flink, wie möglich, das Futter und trug die dreihundert Näpfchen auf den Boden und setzte sie den dreihundert Katzen vor, und als die Tiere fertig waren, wusch er alles Geschirr fein säuberlich aus und pfiff sich ein lustiges Lied dazu; es war ja das letzte Mal, dass er die Arbeit zu thun brauchte. Darnach legte er sich schlafen, und die Alte liess ihn ruhen, bis die Sonne hoch am Himmel stand. »Prinz Alwin,« sagte sie, als er die Augen aufschlug, »jetzt darfst du nach Hause zurückkehren. Aber ungegessen sollst du nicht von mir gehen!« Sprach's und ging in die Küche und trug eine fette Bratgans auf den Tisch, die war so knusperig und weich und roch so schön, dass Prinz Alwin das Wasser im Munde zusammenlief. Aber er dachte an das Versprechen, welches er der schwarzen Jungfer gegeben; und als die Alte aus der Stube ging, ass er nicht, sondern stellte die Gans auf den Ofen. Es dauerte gar nicht lange, so kehrte die Hexe zurück und fragte: »Prinz Alwin, hat dir der Braten geschmeckt?« – »Sehr gut,« antwortete er. »Hast du auch alles aufgegessen?« forschte sie weiter. »Auch kein Knöchelchen ist übrig geblieben,« sagte Prinz Alwin. Da begann die Bratgans auf dem Ofen zu schreien: »Tutteruttuttuttuttutt! Tutteruttuttuttuttutt« und sprang auf die Diele herab. »Ach, du bist wohl feinnäsig,« rief die Hexe, »Gänsebraten ist zu hart! Warte nur, mein Söhnchen, ich werde dir etwas Besseres bringen!« Sprach's und lief in die Küche, und es dauerte gar nicht lange, so kam sie mit einem Brathuhn zurück. »So, das wird dir besser schmecken,« sagte sie und ging wieder hinaus. »Prinz Alwin überkam eine grosse Esslust, aber er bezwang sich und steckte das Brathuhn hinter den Ofen, und als die Alte zurückkehrte,« sagte er wieder, »der Braten habe ihm sehr gut geschmeckt und er habe nichts übrig gelassen.« »Gackgackgackgackgack!« rief da das Brathuhn und sprang aus der Hölle heraus. Darüber wurde die Hexe sehr zornig und schalt: »Auch Hühner stehen dir nicht an? Doch halt, ich hab's, du bist andere Speise gewöhnt,« und sie lief zum [6] dritten Male in die Küche und trug ein gebratenes Saugferkel auf den Tisch. Hatte aber Prinz Alwin die Gans und das Huhn verschmäht, weil es die schwarze Jungfer ihm so befohlen hatte, so wollte er auch von dem Saugferkel nichts wissen. Und damit ihn der Ofen nicht wieder verriete, denn er glaubte, der habe den Tieren die Sprache verliehen, knöpfte er das Saugferkel unter die Jacke und wartete ab, bis die Alte wieder in die Stube trat und darnach fragte, wie ihm der Braten geschmeckt habe. »Ich habe alles verzehrt,« sagte Prinz Alwin auch diesmal, aber das Saugferkel strafte ihn Lügen und rief: »Quiquiquiquiqui!« und hörte nicht auf mit dem Schreien, bis er die Jacke aufgeknöpft hatte. Dann lief es zur Hexe, und die nahm es in ihre Schürze und sagte voll Zorn: »Wenn dir mein Essen nicht behagt, so magst du hungrig bleiben. Doch umsonst sollst du nicht gearbeitet haben; suche dir eine von den dreihundert Katzen aus, und welche dir am besten gefällt, die magst du nehmen!«
Das liess sich Prinz Alwin nicht zweimal sagen und stieg mit der Alten auf den Boden hinauf. Ganz hinten in der äussersten Ecke sass die kleine bunte Katze und sah ihn unverwandt an. »Die will ich haben,« rief Prinz Alwin und griff sie und nahm sie auf seinen Arm und streichelte sie. »Sieh einer den Schlingel,« schalt die Hexe, »gerade meine Lieblingskatze sucht er heraus. Konntest du dir denn keine andere wählen? Da sitzen doch schwarze, graue und weisse die schwere Menge.« Aber Prinz Alwin blieb dabei, er wolle die bunte Katze haben, und da ihm die Alte freie Wahl gelassen, musste sie wohl oder übel damit zufrieden sein. »Nun lauf,« sagte sie, »und mach, dass du zu deinen Eltern zurück kommst. Sonst hätte ich dir den Weg gewiesen; da du aber meine Lieblingskatze gewählt hast, magst du dich selbst hinauffinden.« Prinz Alwin ging auch; aber als er auf der Wiese bei dem See war, wusste er nicht aus noch ein, und er setzte sich auf den grossen Stein und weinte bitterlich. Da verwandelte sich mit einem Male das bunte Kätzchen zu seinen Füssen in die schwarze Jungfer und sprach zu ihm: »Prinz Alwin, du hast alles gut gemacht; und wenn du mir versprichst, dass du mich heiraten willst, so werde ich dich auf die Oberwelt zurückbringen.« Das versprach Prinz Alwin der schwarzen Jungfer von Herzen gerne, denn er hatte sie längst lieb gewonnen. »Nun aber noch eins,« sagte das Mädchen, »wenn du nach Hause kommst, so darfst du in drei Tagen nichts essen und nichts trinken. Hältst du aus, so bin ich erlöst; und wie ich dich errettet habe, so errettest du mich.« Auch das wollte Prinz Alwin gerne besorgen; und nachdem er ihr die Hand darauf gegeben hatte, führte sie ihn durch Luft und Erde und Wasser hindurch, bis an das Ufer des Sees, in welchem er damals mit den jungen Edelleuten die Pferde in die Schwemme geritten. Darauf verschwand die schwarze Jungfer, er aber ging in seines Vaters Schloss.
Der König und die Königin erschraken nicht wenig, als sie Prinz Alwin wieder erblickten. Sie hatten ihn längst tot geglaubt, denn nicht fünf Tage, wie es ihm geschienen, sondern zehn Jahre war er [7] bei der alten Hexe gewesen. Nun wurde aber auch sogleich ein grosses Festmahl ausgerichtet und Wiedersehen gefeiert. Alle assen und tranken nach Herzenslust, nur Prinz Alwin wollte nicht essen, weil er der schwarzen Jungfer versprochen hatte, dass er drei Tage fasten würde. »Prinz Alwin, iss doch!« riefen Vater und Mutter, und »Prinz Alwin, iss doch!« baten die andern alle, und weil ihm die guten Braten so lieblich entgegen rochen und der Hunger ihn schier umbrachte, so griff er endlich zu und ass und ass; und je mehr er ass, um so mehr vergass er, was ihm während der zehn Jahre tief unter dem See bei der alten Hexe zugestossen; und als er satt war, hatte er alles vergessen und wusste nichts mehr von der ganzen Sache.
Nachdem ein paar Tage vergangen waren, sprach die Königin zu ihm: »Mein Sohn, du sollst heiraten. Dein Vater und ich, wir haben für dich bei dem Nachbarkönig um seine Tochter geworben; zieh hin und hole die Braut!« Da machte sich Prinz Alwin auf mit grossem Gefolge und holte die Prinzessin in seines Vaters Schloss. Dort war alles zubereitet zum festlichen Empfange, und als die sechste Woche nach der Rückkehr des jungen Prinzen vergangen war, sollte Hochzeit gefeiert werden. Wie nun alle beim Mahle sassen, öffnete sich die Thüre des Saales, und die schwarze Jungfrau trat herein und hatte auf jeder Schulter eine Taube sitzen. Sogleich stand der Edelmann, welcher der Thüre zunächst sass, auf und lud sie zum Essen. Antwortete die Jungfer:
»Ich werde schon essen,
Meine Täubchen nicht zu vergessen,
Wie Prinz Alwin,
Sass auf dem Stein
Und weinte.«
Darauf ging sie weiter, der Spitze der Tafel zu, wo die Braut und der Bräutigam sassen. Wieder nötigte sie einer von den Tischherren, sich niederzusetzen, aber sie wich ihm aus und sprach von neuem:
»Ich werde schon essen,
Meine Täubchen nicht zu vergessen,
Wie Prinz Alwin,
Sass auf dem Stein
Und weinte.«
Da liess der Junker sie gehen, und sie schritt weiter bis zu dem Ende des Saales. Jetzt stand auch Prinz Alwin auf und bat sie, mit ihm zu essen und fröhlich zu sein. Und als ihm die schwarze Jungfer antwortete:
»Ich werde schon essen,
Meine Täubchen nicht zu vergessen,
Wie Prinz Alwin,
Sass auf dem Stein
Und weinte,«
fiel es dem Königssohn wie Schuppen von den Augen. Es war ihm, als ob er aus einem schweren Traum erwache, und er verliess seine Braut, fasste die schwarze Jungfer bei der Hand und führte sie aus [8] dem Saale heraus. Als sie allein waren, fiel er ihr zu Füssen und bat um Verzeihung. Sagte die schwarze Jungfrau: »Jetzt habe ich sechs Wochen hungern müssen, und du konntest dich nicht einmal drei Tage der Speise enthalten um meinetwillen. Was wirst du nun thun?« Sprach Prinz Alwin: »Warte ein Weilchen!« und eilte in den Hochzeitssaal zurück. »Ihr lieben Herren,« sprach er zu den Gästen, »ich weiss ein Rätsel, wer kann es mir lösen? Ich habe einen kostbaren Schrank und besass einen trefflichen Schlüssel dazu. Den hab' ich auf der Reise verloren, und ich schickte zum Schlosser, um einen neuen zu bestellen. Inzwischen hat sich der alte wieder gefunden. Was soll ich nun thun? Verwerfe ich den alten Schlüssel, oder bestelle ich den neuen ab, dieweil er noch nicht fertig ist?« Da riefen alle Gäste mit einem Munde: »Du sollst den alten Schlüssel nehmen!« Des freute sich Prinz Alwin, und er erzählte, wie alles gekommen war. Da wurde des Nachbarkönigs Tochter ihrem Vater zurückgeschickt, und Prinz Alwin machte mit der schwarzen Jungfer Hochzeit. Die war inzwischen schlohweiss geworden und sah so schön aus, dass sie die schönste Prinzessin war unter der Sonne. Sie lebte mit Prinz Alwin in Glück und in Frieden, und wenn die beiden nicht gestorben sind, so leben sie noch heute.
Es war einmal ein König, dem war der Hofjäger gestorben. Da liess er alle Jäger im ganzen Reiche zusammen kommen zu einer Treibjagd; wer das meiste Wild schösse, der sollte der neue Hofjäger werden. Wie's so zu geschehen pflegt, bei dem Treiben gaben die alten Jäger sich selbst die besten Plätze; je jünger einer war, um so schlechter wurde sein Standort, und der allerjüngste gar stand auf so abgelegener Stelle, dass er, als die Jagd begann, keinen Schuss der Schützen und keinen Laut der Treiber zu vernehmen vermochte. Betrübt wartete er zwei lang und zwei breit; und da ihm noch immer kein Stück Wild in den Weg laufen wollte, liess er sich auf einem Baumstumpf nieder, packte seine Jagdtasche aus und ass von den guten Sachen, die ein jeder vom Hofe mit auf die Jagd bekommen hatte. Dann stand er auf und ging immer tiefer und tiefer in den Wald hinein.
[9] Endlich kam er an eine Wiese im Walde; und wie er näher zusah, kämpfte dort ein Unterirdischer, kaum drei Schuh hoch, mit einem wilden Bären auf Tod und Leben. Den kleinen Mann schienen die Kräfte schon zu verlassen, und der Jäger wollte eben auf den Bären schiessen, da bedachte er, dass er leicht mit dem Tiere zugleich auch den Zwerg töten könne. Er zog darum seinen Hirschfänger und lief auf die Wiese hinab und zerschnitt mit dem scharfen Eisen dem Bären die Sehnen der Hinterfüsse. Das Untier heulte vor Schmerz, wollte aber doch mit den Vorderpfoten seinen Gegner nicht lassen. Da durchschnitt ihm der Jäger auch diese, und kaum hatte er das gethan, so fühlte sich das Männlein frei, hub das wilde Tier in die Höhe und warf es mit gewaltiger Kraft auf den Erdboden herab, dass es seinen Geist aufgab.
»Du bist mein Retter,« sprach es darauf zu dem Jäger, »seit früher Morgenstunde schon kämpfte ich mit dem Bären, und ich wäre unterlegen, wenn du mir nicht zu Hilfe kamst. Jetzt aber folge mir nach; denn ich bin des Zwergkönigs Sohn, und er wird dir nicht ungelohnt lassen, dass du sein einziges Kind vom Tode errettet hast.« Das liess sich der junge Jäger nicht zweimal sagen und folgte dem Zwerge durch Buschwerk und Gestrüpp, bis sie auf einen Steig gelangten, der tief in das Innere des Berges hinein führte. Eine Weile war es stichdunkel, dann ward es mit einem Male wieder ganz hell, und ein grosses, weites Land mit Städten und Dörfern lag vor ihnen, und in der Mitte stand das königliche Schloss, und es war eine Pracht, dass es nicht zu beschreiben ist. Die Leute in dem Lande aber waren allesamt nicht grösser und nicht kleiner, als des Jägers Begleiter.
Ehe sie in das Schloss traten, sagte des Zwergkönigs Sohn zu seinem Begleiter: »Nimm von allem, was dir mein Vater, der König, zum Geschenke anbietet, immer das Schlechteste und Unscheinbarste, es wird dein Schade nicht sein.« Das versprach ihm der Jäger, und dann gingen sie in das Schloss und traten vor den König. »Mein Sohn, wo bist du so lange geblieben?« fragte der Zwergkönig. »Das ist so zugegangen:« antwortete der Prinz, »Als ich heute Morgen aus dem Berge stieg, lief mir ein wilder Bär in den Weg. Mit dem habe ich gekämpft, bis die Sonne hoch am Himmel stand; und ich wäre unterlegen, und das Untier hätte mich zerrissen, wenn nicht dieser Jäger hier kam und mich befreite.« Da dankte der Zwergkönig dem Jäger und bat ihn, dass er mit ihm zu Tische sässe, und als sie genug gegessen und getrunken hatten, sagte er zu ihm: »Jetzt komm mit mir, dass ich dich für deine gute That belohne!«
Zuerst kamen sie in ein Zimmer, darin hingen an goldenen Nägeln die herrlichsten Büchsen. Eine glänzte immer herrlicher, wie die andere, von eingelegtem Silber und Bein. Der Jäger sah aber nicht auf die schönen, schimmernden Gewehre, sondern suchte in den dunklen Ecken herum, bis er eine alte, verrostete Flinte fand, die an einem eisernen Nagel hing. »Wenn ich wählen darf, wähle ich diese,« sprach er zum König. »Ach, was willst du mit dem verrosteten Ding,« [10] entgegnete der Zwergkönig, »die bekommst du dein Lebtage nicht rein!« – »Ich bin jung genug und habe Zeit zum Putzen,« antwortete der Jäger, und als der Zwergkönig sah, dass er die schlechte Büchse durchaus behalten wollte, gab er sie ihm und führte ihn in ein anderes Zimmer.
Dort hingen an goldenen Nägeln die schönsten Jagdhörner. »Hiervon magst du dir ein Horn aussuchen,« sagte der König. Der Jäger aber schaute wieder in die dunkeln, verborgenen Ecken, und es dauerte nicht lange, so hatte er ein Horn gefunden, das war mit Grünspan bedeckt und sah so schmutzig und garstig aus, dass es nicht des Mitnehmens wert schien. »Das Horn möchte ich wohl haben, wenn ich es bekäme,« sprach er zum König. Der verwunderte sich über die Massen und sagte: »Sei doch nicht unklug und nimm dir ein goldenes Horn.« Aber der Jäger blieb dabei, das schlechte Horn sei ihm das liebste von allen. Da bekam er es denn von dem Zwergkönig zum Geschenke, und sie gingen in den Pferdestall hinab.
»Zu Büchse und Horn gehört ein gutes Pferd,« sagte der König, »dort stehen meine Rosse: die schwarzen, die braunen und die roten und welche Farbe sie sonst noch haben mögen. Suche dir davon aus, welches du willst, es sei dein Eigen!« Der Jäger aber ging bei all den herrlichen Tieren gleichgiltig vorüber und stand erst stille, als er im äussersten Winkel des Stalles einen abgemagerten, hässlichen Schimmel erblickte, dem der ganze Leib von Schmutz starrte. »Den möchte ich haben,« sagte er zu dem Zwergkönig. »Was willst du mit dem alten Tiere,« antwortete dieser, »das bekommt ja das Gnadenbrot und ist so unbrauchbar, dass es gar nicht mehr von den Stallknechten gestriegelt und geputzt wird.« – »Das schadet nicht,« gab der Jäger zurück, »die andern Rosse sehen mir zu stolz und vornehm aus; dieser Schimmel dagegen gefällt mir von ganzem Herzen. Ich werde ihn schon futtern und pflegen, dass er wieder gut bei Leibe wird.« – »Meinetwegen, so nimm ihn!« brummte der König, und der Jäger schritt mit der verrosteten Flinte, dem mit Grünspan bedeckten Horn und dem schmutzigen, mageren Schimmel zum Thore hinaus.
Draussen erwartete ihn schon des Zwergkönigs Sohn und klopfte ihm auf die Schulter. »Dein Schade ist's nicht gewesen,« sagte er, »dass du mir gefolgt bist; du hast das Beste gefasst, was mein Vater nur hatte. Nun will ich dir aber auch sagen, wozu die einzelnen Stücke gut sind. Wenn du in das Horn bläst, so muss alles Wild, das den Schall hört, zu dir herankommen und kann nicht eher von der Stelle, als bis du die Öffnung des Horns an den Mund setzst und es wieder zurückbläst. Für die verrostete Flinte brauchst du nicht Pulver und nicht Blei; so oft du auch anlegst, sie ist immer geladen, und wonach du zielst, das sinkt, wenn der Schuss fällt, zum Tode getroffen zu Boden. Der Schimmel aber ist das beste Stück, das du dir erworben; denn er kann reden wie ein Mensch. Nimm nur seinen Zaum zu dir und lass ihn laufen, wohin er will; hast du aber seiner oder seines Rates von Nöten, so brauchst du bloss den Zaum zu [11] schütteln, und er hilft dir aus aller Verlegenheit. Sollte aber die Sache ihm zu schwer werden, so denke an mich und wünsche mich herbei; wenn die Not gross ist, werde ich dir stets zu Diensten sein.« Als der Zwerg diese Worte gesprochen hatte, waren sie an den Ausgang des Berges gekommen und nahmen Abschied von einander.
Der Jäger dachte bei sich: »Du willst doch einmal sehen, ob der Zwerg auch die Wahrheit gesprochen!« Schnell setzte er das Horn an den Mund und blies gewaltig hinein, und es dauerte gar nicht lange, so kamen Hirsche und Rehe und Hasen und Füchse und Geflügel ohne Zahl auf ihn zu und blieben vor ihm stehen und konnten weder vorwärts noch rückwärts. Da legte er die verrostete Flinte an und drückte einen Schuss nach dem andern ab, und jedesmal sank ein Stück Wild zum Tode getroffen zu Boden. Als es genug war, dass er damit eine vierspännige Fuhre vollauf beladen konnte, setzte er die breite Öffnung der Trompete an den Mund und blies hinein, und allsogleich machte das übrige Wild, dass es so schnell wie möglich zurück in den Wald kam.
»Mit dem Horn und der Flinte hat's seine Richtigkeit,« rief der Jäger erfreut, »dann wird er mich auch mit dem Schimmel nicht belogen haben.« Sprach's und nahm dem Rosse den Zaum ab und steckte ihn zu sich, dann gab er ihm mit der flachen Hand einen Schlag auf den Schenkel und liess es in dem Walde grasen; er selbst aber machte sich auf nach des Königs Schloss, damit er sähe, wie alles dort abgelaufen wäre. Als er ankam, sassen die Jäger schon bei Tische und schalten ihn einen Langschläfer, da er die Essenszeit verschlafen habe. Er aber that, als höre er nichts von ihren Reden, und fragte nur, wo der König sei, denn er müsse einen vierspännigen Wagen haben und vier Leute zum Aufladen, damit er das Wild von der Stelle schaffe, das er geschossen.
Die Jäger dachten: »Der Junge will uns zum Narren haben!« und spotteten seiner noch mehr, wie zuvor; als er aber nicht abliess mit seinen Reden, führte ihn einer zum König. »Was willst du?« fragte derselbe. »Herr König,« antwortete der Jäger, »ich bitte um einen Vierspänner und vier Leute zum Aufladen, damit ich das Wild von der Stelle schaffe, das ich geschossen.« Der König sah ihn scharf an und sagte: »Mit mir ist schlecht Spass treiben. Du sollst den Vierspänner und die Leute bekommen; wird aber die Fuhre nicht voll, so häng' ich dich an den höchsten Galgen.« Die harten Worte fochten den Jäger nicht an; er zog mit dem Wagen und den vier Arbeitern in den Wald hinaus, und des Wildes, das er geschossen, war wirklich so viel, dass die Pferde es kaum auf einmal von der Stelle schaffen konnten. Als aber der König sah, dass der junge Jäger nicht gelogen hatte, sagte er zu den übrigen: »Die Sache ist abgemacht, der und kein anderer soll der neue Hofjäger sein!« Und dabei blieb es.
Das war alles recht schön, wären die alten Jäger nicht gewesen. Die konnten es nicht verwinden, dass der junge Bursche ihnen den [12] fetten Bissen vor der Nase weggeschnappt hatte, und sie sannen Tag und Nacht darauf, wie sie ihn verderben möchten. Nun war der König ein leichtgläubiger und jähzorniger Mann; darum sprachen sie eines Tages zu ihm: »Gnädiger Herr König, euer Hofjäger hat jüngst gesagt, unter eurer Laube seien drei Tonnen Goldes verborgen, und kein anderer, als er allein, vermöge sie zu heben.« Da liess der König eilends den Hofjäger rufen und befahl ihm, dass er die drei Tonnen Goldes zur Stelle schaffe. »Welche Tonnen Goldes?« fragte der Hofjäger verwundert. »Nun die, welche unter der Laube liegen und die du nur allein heben kannst,« antwortete der König. Der Jäger beteuerte auf Leben und Seligkeit, dass er von der ganzen Sache nichts wisse; aber je mehr er beteuerte, um so hitziger wurde der König, und schliesslich sagte er zu ihm: »Schaffst du mir nicht binnen drei Tagen die drei Tonnen Goldes zur Stelle, so soll dir der Henker das Haupt abschlagen.«
Da war guter Rat teuer; der Hofjäger rannte, wie ein verlorener Mann, den Garten auf und ab, während sich die alten Jäger vor Vergnügen die Hände rieben. So verging der erste Tag, und als auch der zweite sich seinem Ende näherte, gedachte er plötzlich an das, was ihm des Zwergkönigs Sohn über den Schimmel gesagt. Schnell eilte er in seine Kammer und holte den Zaum hervor, dann lief er in den Garten hinab und schüttelte ihn nach Leibeskräften. Im Augenblick stand der Schimmel vor ihm und fragte nach seinem Begehr. »Lieber Schimmel,« sagte der Jäger, »es ist eine schlimme Geschichte. Die alten Jäger missgönnen mir das Amt und haben dem Könige vorgeredet, ich hätte gesagt, unter der Laube seines Gartens lägen drei Tonnen Goldes verborgen und ich allein vermöchte sie zu heben. Der König hat's ihnen geglaubt, und wenn ich ihm nicht morgen das Gold schaffe, so soll mir der Henker das Haupt abschlagen.« – »Wenn's weiter nichts ist,« antwortete der Schimmel, »die drei Tonnen Goldes liegen wirklich unter der Laube verborgen, und ich werde sie heute Nacht herausholen; doch musst du mir einen Spaten und eine Radehacke, drei Flaschen Wein und drei Napfkuchen verschaffen!« Das versprach der Jäger, und der Schimmel verschwand wieder.
Der Jäger ging sogleich zum König und sprach zu ihm: »Ich habe mir die Sache überlegt und will die drei Tonnen Goldes zu Tage schaffen; doch bedarf ich dazu eines Spatens und einer Radehacke, drei Flaschen Wein und drei Napfkuchen.« »Das sollst du alles haben,« erwiderte der König, »und Arbeiter obendrein, so viel du wünschst.« – »Nein, ich besorge alles selbst,« versetzte der Jäger, und als er die Hacke und den Spaten, den Wein und die Napfkuchen bekommen hatte, ging er damit in den Garten, wartete, bis es Abend war, und setzte es dann in der Laube nieder. Darauf ging er in das Schloss zurück und legte sich schlafen. Am andern Morgen kleidete er sich eilig an und lief hinaus, und siehe da, die drei Tonnen Goldes standen neben der Laube und schimmerten und glänzten in der Morgensonne. Sogleich liess er sich bei dem Könige melden und bat ihn, [13] dass er starke Leute zur Laube sende, damit sie das Gold in die Schatzkammer trügen. »Siehst du,« sagte der König erfreut, »die alten Jäger haben doch recht gehabt. Warum erst das Läugnen und Zieren, wenn du es nachher doch ausrichten kannst!« Dann schickte er Arbeiter hinab, die das Gold auf das Schloss bringen mussten, und der Jäger hatte Ruhe, aber nur eine kleine Zeit.
Die alten Jäger sannen nämlich Tag und Nacht darauf, wie sie dem König etwas vorreden möchten, das dem Hofjäger gewiss zum Verderben gereiche. Endlich hatten sie es gefunden; der älteste von ihnen ging zum König und sagte: »Euer Hofjäger hat sich gestern gerühmt, er könne die alte hölzerne Brücke, die über den Strom in dem königlichen Garten führt, in einer Nacht abbrechen und eine schöne gläserne dafür bauen, mit gläsernen Grundpfeilern und gläserner Wölbung.« – »Das ist ja prächtig,« sprach der König, und sogleich musste ein Diener den Hofjäger holen. »Höre einmal,« redete der König ihn an, »du hast gestern gesagt, du könntest statt der hölzernen Brücke in einer Nacht eine gläserne über den Strom bauen.« – »Wie sollte ich eine solche Thorheit gesprochen haben,« entgegnete der Hofjäger, »gläserne Brücken giebt es überhaupt nicht; und nun soll ich gar eine Brücke von Glas in einer Nacht bauen!« – »Mein lieber Hofjäger,« sagte der König, »dieselben Reden hat er bei den drei Tonnen Goldes geführt. Ich weiss recht gut, dass er die Sache ausführen kann, und steht morgen die gläserne Brücke nicht da, so ist sein Leben Gras.« Da schlich sich der Hofjäger betrübt von dannen und ging in den Garten an das Ufer des Stromes; dort zog er den Zaum aus der Tasche und schüttelte ihn. »Was willst du?« sprach der Schimmel und stand neben ihm. »Lieber Schimmel,« antwortete der Jäger, »mir geht's schlecht. Meine Feinde wollen mein Unheil und haben dem König vorgeredet, ich vermöchte in einer Nacht statt der hölzernen eine gläserne Brücke über den Strom zu bauen. Thu' ich das nicht, so hängt mich der König an den Galgen.« – »So weit wird's wohl nicht kommen,« sprach der Schimmel, »eine gläserne Brücke will ich dir heute Nacht statt der hölzernen bauen; du musst mir nur einen Spaten und eine Radehacke und sechs Flaschen Wein und sechs Napfkuchen bringen, denn die Sache ist schwieriger als die erste Arbeit. Sobald die Glocke zehn schlägt, muss alles bei der Brücke stehen.«
Der Jäger besorgte alles, wie ihm der Schimmel gesagt hatte; dann ging er in das Schloss zurück und legte sich schlafen. Als die Sonne aufging, schaute er zum Fenster hinaus und sah schon das spiegelblanke Glas durch die Bäume schimmern. Schnell wurde der König geweckt, und der konnte sich gar nicht satt sehen an dem herrlichen Wunder. »Siehst du, hab' ich nicht gleich gesagt,« sprach er zu dem Jäger, »dass du es wohl vollbringen kannst?« Dann musste der Kutscher den schönsten Wagen mit Sechsen bespannen, damit der König über die Brücke führe. Doch der Schmied musste die Rosse zuvor mit Demant beschlagen, sonst glitten sie aus, so glatt war das Glas.
[14] Jetzt hatte der Hofjäger wieder einige Wochen Ruhe, solange bis die alten Jäger einen neuen Anschlag ersonnen hatten. Den fanden sie denn auch endlich. Der älteste von ihnen trat zum dritten Male vor den König und sprach zu ihm: »Euer Hofjäger weiss, wohin eure Braut gekommen ist; und er hat gesagt, er könne sie auch wohl wiederbringen, wenn er nur wolle.« Und das war recht schlecht von den neidischen Menschen, denn der Hofjäger konnte gar nicht wissen, wohin die Braut des Königs gekommen sei, denn dieser hatte die Jungfrau selber noch niemals gesehen. Sie war ihm verlobt worden, als er schon bei Jahren und sie noch ein zartes Kind war. Und als sie ihm zugeführt werden sollte, da war sie plötzlich verschwunden. Obgleich der Hofjäger also gar nichts von der Prinzessin wissen konnte, so glaubte der König den alten Jägern doch, liess den Hofjäger kommen und sprach zu ihm: »Du weisst, wo meine Braut ist, die alten Jäger haben es mir gesagt! Schaffst du mir sie nicht zur Stelle, so bist du ein Kind des Todes.« Der Jäger wusste, dass ein Widersprechen doch nichts helfe; er sagte darum, er wolle schon sehen, wie sich's machen lasse, senkte traurig das Haupt und ging in den Garten. Nachdem er den Zaum geschüttelt, stand der Schimmel vor ihm und fragte nach seinem Begehr. »Ach lieber Schimmel,« antwortete der Jäger betrübt, »jetzt soll ich gar dem König seine verlorene Braut wiederschaffen.« – »Das ist schlimm,« versetzte der Schimmel, »wo sie ist, das weiss ich; aber sie wird von dreihundert Räubern bewacht. Da musst du wohl oder übel selber mitkommen, sonst kannst du sie nimmermehr dem Könige bringen.« Der Jäger sagte: »Ich will alles thun, was du mir gebietest.« Da hiess ihn der Schimmel zwölf Flaschen Wein und zwölf Napfkuchen besorgen; denn der Weg sei weit, den sie zurückzulegen hätten.
Als der Jäger mit dem Wein und den Kuchen bei dem Schimmel angelangt war, musste er die guten Dinge in den Mantelsack packen und dann sich selbst auf den Rücken des Pferdes schwingen. Kaum hatte er das gethan, so erhub sich der Schimmel in die Lüfte und rannte mit ihm über die Wolken dahin. Nachdem ein paar Stunden verflossen waren, sprach er: »Jetzt wollen wir Halt machen und uns stärken.« Darauf liess er sich nieder, und sie assen zusammen von den Kuchen und tranken von dem Wein. Als sie genug gegessen und getrunken hatten, ging die Fahrt von neuem an; aber noch zweimal liess sich der Schimmel nieder, um sich an Speise und Trank zu erlaben. Wie er sich jedoch zum dritten Male mit dem Jäger zu den Wolken erhoben hatte, dauerte es gar nicht lange, und sie sahen ein grosses Gebäude und daneben ein kleineres unter sich auf dem Erdboden liegen. »Das ist das Schloss der Räuber, welche die Prinzessin gefangen halten,« sagte der Schimmel, »und das Haus daneben ist ihr Pferdestall.« Dann liess er sich aus den Wolken herab, und sie standen vor dem Räuberschloss.
Der Jäger sprang vom Pferde und pochte an die Thüre; da kamen die Räuber heraus und fragten, was er brächte. »Bringen?« [15] sagte der Jäger, »Ich will holen!« – »Hier kann man nur bringen oder lassen,« erhielt er zur Antwort, »wir sind Räuber, und wer uns nichts bringt, der muss uns sein Leben lassen.« – »Dazu habe ich keine Lust,« sprach der Jäger, »ich bin gekommen, um die Prinzessin zu holen, und bitte euch, dass ihr sie mir gebt.« Das kam den Räubern lächerlich vor, dass der eine Mann den dreihundert die Prinzessin nehmen wolle, und sie sagten zu ihm: »Bring deinen Schimmel in den Stall und verstecke dich darin. Wenn du dich so verstecken kannst, dass wir allesamt dich nicht finden, so sollst du die Prinzessin bekommen.« – »Das will ich mir überlegen,« versetzte der Jäger, führte seinen Schimmel in den Stall und fragte ihn, was er in der Sache thun solle. »Sag den Räubern,« erwiderte der Schimmel, »du wolltest dich im Stalle verstecken, sie könnten sogleich hineinkommen. Darauf stellst du dich geschwind unter meinen Schwanz, und sie können dich suchen drei Tag und drei Nacht und finden dich nicht, denn dann bist du unsichtbar.« Der Jäger that, wie ihm der Schimmel geraten, trat an die Thüre des Stalles und rief den Räubern zu, sie könnten sogleich kommen und ihn suchen; dann lief er schnell zu dem Schimmel und stellte sich unter seinen Schwanz. Die Räuber liessen sich das nicht zweimal sagen und liefen in den Stall, suchten ihn ab an allen Ecken und Enden und rissen alle Bohlen und Bretter aus, aber soviel sie auch suchten, sie fanden ihn nicht. Endlich wurden sie müde, gingen zum Stalle hinaus und riefen hinein, er möge nur heraus kommen, sie könnten ihn doch nicht finden. Da trat er von dem Schimmel und ging zu ihnen.
»Du kannst mehr, wie wir allesamt,« riefen sie erstaunt, »aber die Prinzessin bekommst du doch nicht; wir hatten die Sache nicht ernst gemeint! Du sollst sie aber erhalten, wenn du uns den Schimmelhengst bringst, der zehn Meilen von hier im Walde grast.« Das war ein herrlicher Hengst, gesattelt und gezäumt, aber so unbändig, dass er die stärksten Ketten zerriss, wenn man ihn fangen und bändigen wollte. »Ich werde mir die Sache überlegen,« sagte der Jäger und ging in den Stall zu dem Schimmel und erzählte ihm den Handel. »Sag den Räubern, du würdest es thun,« sprach der Schimmel, »und dann reite auf meinem Rücken in den Wald.« Das that der Jäger auch, und die Räuber versicherten ihm hoch und teuer, er würde die Prinzessin bekommen, wenn er ihnen den Schimmelhengst brächte.
Als der Jäger auf seinem Schimmel in den Wald geritten war, sah er den Hengst, gesattelt und gezäumt, auf einer Wiese weiden. Des Jägers Schimmel war aber eine Stute, und sie wieherte hell auf, und als der Hengst ihre Stimme hörte, sprang er sogleich in gewaltigen Sätzen herbei und liess sich von dem Jäger ruhig beim Zaume ergreifen und neben sich herführen. Indem sie zu dem Räuberschlosse zurück ritten, sprach der Schimmel zu seinem Herrn: »Sei klug und vorsichtig! Wenn du den Räubern auch den Hengst giebst, so werden sie dir dennoch die Prinzessin vorenthalten. Verlange darum von [16] ihnen, sie sollten zuvor die Prinzessin zu dir herabführen, damit sie dir einen Kuss gebe. Wenn sie das gethan, dann wollest du ihnen gerne des Hengstes Zaum überlassen. Darauf werden sie eingehen; du aber sei auf deinen Vorteil bedacht und nimm die Prinzessin zu dir auf meinen Rücken, für das übrige werde ich sorgen.« Die Worte schrieb sich der Jäger hinter die Ohren und ritt dann, den Schimmelhengst zur Seite, vor das Schloss. Die Räuber sperrten Mund und Nase auf, denn sie hatten nicht gedacht, dass der Jäger das fertig brächte. Sie stellten sich darauf in grossem Kreise um ihn herum und hiessen ihn, den Schimmelhengst ihnen übergeben. »Ich werde mich hüten,« antwortete der Jäger, »zuvor bringt die Prinzessin heraus; sonst betrügt ihr mich, wie das erste Mal.« – »Das Vergnügen sollst du haben,« sagte der Räuberhauptmann; denn er dachte in seinem schlechten Herzen: »Wenn wir erst den Schimmel haben, so nehmen wir ihm die Prinzessin wieder ab; und wenn er nicht willig ist, so schlagen wir ihn tot obendrein.« Die Prinzessin wurde also aus dem Kerkerzimmer, in dem sie gefangen gehalten war, hinausgeführt und vor den Jäger gebracht.
»Gieb mir einen Kuss, Prinzessin,« sagte der Jäger, und als die Prinzessin sich auf die Zehen stellte und zu ihm heraufreckte, fasste er sie mit starkem Arm und schwang sie zu sich auf das Ross. In demselben Augenblick erhuben sich die beiden Schimmel hoch in die Lüfte und rannten über die Wolken dem Schlosse des alten Königs zu; die Räuber aber hatten das Nachsehen und ärgerten sich des Todes; denn nun war ihnen Prinzessin und Schimmel verloren.
Nachdem die beiden Schimmel eine Weile über die Wolken gelaufen waren, liessen sie sich nieder und stärkten sich mit Wein und Kuchen. Dann musste die Prinzessin sich auf den Hengst setzen, während der Jäger auf der Stute blieb, und wieder erhoben sich die Schimmel hoch in die Lüfte und eilten über die Wolken dahin. Unterwegs sagte die Prinzessin zu dem Jäger: »Du bist mein Erlöser, du hast mir einen Kuss gegeben, nun musst du mich auch heiraten. Den alten König mag ich nicht, der ist mir zu wunderlich.« Die Worte gefielen dem Jäger wohl, denn die Prinzessin war jung von Jahren und über die Massen schön und lieblich anzuschauen; und er schwur ihr zu, dass er sie heiraten wolle.
Als sich die Schimmel vor dem königlichen Schlosse niedergelassen hatten und der alte König vergnügt und guter Dinge heraus kam, um seine Braut in das Schloss zu führen, sagte darum der Jäger: »Die Prinzessin habe ich gebracht, aber nicht für Euch! Ich habe sie erlöst und will sie auch heiraten.« Und auch die Prinzessin rief: »Der Jäger soll mein Mann werden!« Da sprach der alte König: »Mein Hofjäger ist von Sinnen; aber da er mir meine Braut geholt, die gläserne Brücke gebaut und die drei Tonnen Goldes herbei geschafft hat, so will ich ihm drei Tage Bedenkzeit geben. Liefert er mir die Braut auch dann nicht aus, so hole ich sie mit dem Schwerte!« Kaum war der König in das Schloss zurückgekehrt, so fragte der [17] Jäger seinen Schimmel, was er in der Sache thun solle. »Ich kann dir nicht mehr helfen,« antwortete der Schimmel, »gegen des Königs viele Soldaten ist meine Macht zu klein. Du wirst ihm die Prinzessin wohl geben müssen, sonst lässt er dich hinrichten, und du verlierst die Prinzessin und das Leben obendrein.« Da ward der Jäger sehr betrübt, denn er hatte die Prinzessin von Herzen lieb gewonnen, und es gefiel ihm gar nicht, dass er sie dem alten König überantworten sollte. In seiner Not gedachte er der Worte, welche des Zwergkönigs Sohn zu ihm gesprochen: »Wenn die Not gross ist und der Schimmel dir nicht mehr helfen kann, so denke an mich und rufe mich herbei, ich werde dir helfen.« »Grösser kann die Not doch nicht kommen,« sprach er bei sich, und ehe er recht wusste, was er gethan, hatte er schon mit lauter Stimme des Zwergkönigs Sohn zu Hilfe gerufen.
Kaum waren die Worte zu Ende gesprochen, so stand auch der kleine Prinz vor ihm und fragte nach seinem Begehr. »Schau einmal,« sagte der Jäger, »nun habe ich die Prinzessin erlöst und soll sie dem Könige überantworten, und wenn ich sie ihm nicht gebe, so will er sie mir mit dem Schwerte nehmen.« – »Das thu nicht,« antwortete des Zwergkönigs Sohn, »die Prinzessin soll und muss deine Frau werden. Geh zum Könige hinauf und erklär ihm den Krieg. Morgen früh, wenn die Sonne aufgeht, soll die Schlacht geschlagen werden. Vertraue auf mich, ich werde dir helfen.« Und nachdem er das gesagt hatte, verschwand er wieder.
Geschwind ging der Jäger auf das königliche Schloss, trat vor den König und sprach: »Die Prinzessin gebe ich nicht heraus, das Schwert soll entscheiden. Morgen früh mit Sonnenaufgang mag die Schlacht beginnen.« Der König lachte über diese Rede, dass er sich den Leib halten musste, denn er dachte: »Der Mensch ist ganz von Sinnen; was will er allein gegen meine vielen Soldaten ausrichten?« Er nahm darum vergnügt das Angebot an und befahl den Soldaten, die im Schlosse die Wacht hielten, sie sollten am andern Morgen den Jäger gebunden vor ihn führen, dass er ihn hinrichten liesse.
Als der König aber am andern Morgen bei Sonnenaufgang erwachte, vernahm er Waffengeklirr und Stimmengewirr zu ihm in das Schlafgemach dringen. Schnell stürzte er an das Fenster und sah hinaus; da war, so weit sein Auge zu blicken vermochte, alles mit kleinen, drei Schuh hohen Soldaten besetzt, so dicht, dass kein Apfel zur Erde fallen konnte. Jetzt erkannte er, mit wessen Hilfe der Jäger die schweren Arbeiten verrichtet, und er sah ein, dass jeder Widerstand vergeblich sei. Er sandte darum seiner Diener einen zu dem Jäger herab und liess ihm melden: er erkläre sich für besiegt; und wenn er ihm das Leben schenke, so wolle er freiwillig der Herrschaft entsagen und ihn als seinen Sohn und Nachfolger auf dem Throne ausrufen lassen. Auch die Prinzessin möge er heiraten, wenn es ihm beliebe.
Als der Diener diese Worte des alten Königs gesagt hatte, war die Freude des Jägers und der Prinzessin gross; und sie bedankten [18] sich bei des Zwergkönigs Sohn, denn ohne seine Hilfe wäre es sicherlich anders gekommen. Es wurde darauf eine grosse Hochzeit ausgerichtet, an der auch der Zwergenprinz teilnahm, und dann übergab der alte König dem Jäger das Reich, und er herrschte mit der jungen Königin in Glück und in Frieden.
Die beiden Schimmel standen inzwischen in einem herrlichen Stall und bekamen tagtäglich das schönste Futter vorgeschüttet und Wein zu trinken. Eines Tages ging der junge König hinab, um nach ihnen zu schauen; da sprach die Stute zu ihm: »Wir haben dir aus der Not geholfen, jetzt hilf du uns. Zieh dein Schwert und schlage erst mir und dann dem Hengste das Haupt ab.« – »Wie werde ich das thun und Gutes mit Bösem vergelten,« antwortete der junge König. – »Und thust du es nicht,« erwiderte der Schimmel, »so bringe ich Unglück über Unglück auf dich und dein Weib.« Da musste der junge König gehorchen, und so schwer es ihm auch wurde, er zog sein Schwert und schlug dem Schimmel das Haupt ab. Sogleich sprang es aber wieder auf den Rumpf zurück, und vor ihm stand eine wunderschöne Prinzessin. Flugs that er jetzt mit dem Schimmelhengst ein Gleiches, und auch dessen Haupt sprang wieder auf den Rumpf zurück, und der Hengst verwandelte sich in einen stolzen Königssohn. Da war die Freude erst recht gross, und die beiden erzählten dem jungen König, dass sie Bruder und Schwester seien, beide Königs Kinder, und von einem bösen Zauberer in Schimmel verwandelt wären. Nun habe er sie erlöst; die grossen Wälder, über die sie auf der Fahrt nach dem Räuberschloss geritten, das sei ihr Land, und daraus seien jetzt Städte und Dörfer und Höfe und Mühlen geworden.
Da rief der König seine junge Frau herbei, und die musste das Wunder mit ansehen. Dann blieben die beiden Königskinder noch eine Woche oder zwei bei dem jungen König zu Besuch, bis sie die Sorge um ihre Unterthanen in das erlöste Königreich zurücktrieb. Die lebten hier und die dort in Herrlichkeit und Freuden, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.
Es war einmal ein armer Junge, der musste Tag aus Tag ein die Schweine in den Wald treiben, dass sie bei Bucheckern und Eichelmast fett würden. Dabei war er nach und nach achtzehn Jahre alt geworden. Eines Tages trieb er seine Schweine tiefer in den Wald, als er gewöhnlich zu thun pflegte; da sah er plötzlich einen allmächtig hohen Baum vor sich, dessen Zweige sich in den Wolken verloren. [19] »Der tausend, das ist aber ein Baum!« sagte der Junge bei sich, »wie mag es wohl sein, wenn du dir von seinem Wipfel aus die Welt beschaust!« Gedacht, gethan; er liess seine Schweine im Boden wühlen und kletterte an dem Stamme empor. Er kletterte und kletterte, aber es wurde Mittag, die Sonne ging unter, und noch immer war er nicht in das Geäst gekommen. Endlich, da es schon zu dunkeln begann, erreichte er einen armlangen Stutz, der in die freie Luft hinausragte. Daran band er sich mit der neuen Peitschenschnur, die er in der Tasche trug, fest, dass er nicht hinabstürzte und Hals und Bein bräche, und dann schlief er ein.
Am andern Morgen hatte er sich so weit verkobert, dass er sich mit frischen Kräften wieder an die Arbeit machen konnte. Um die Mittagszeit langte er denn auch in dem Geäste an, und von dort ging das Steigen leichter, doch den Zopf erreichte er auch diesmal nicht; wohl aber kam er gegen Abend in einem grossen Dorfe an, das in die Zweige hinein gebaut war. »Wo kommst du her?« fragten die Bauern verwundert, als sie ihn erblickten. »Ich bin von unten heraufgestiegen,« antwortete der Junge. »Da hast du eine weite Reise gehabt,« sprachen die Bauern, »bleib bei uns, dass wir dich in unsern Dienst nehmen!« – »Hat denn hier der Baum schon ein Ende?« fragte der Junge. »Nein,« gaben die Bauern zurück, »der Wipfel liegt noch ein gut Stück höher.« – »Dann kann ich auch nicht bei euch wohnen bleiben,« versetzte der Junge, »ich muss in den Zopf hinauf. Aber zu essen könnt ihr mir geben; denn ich bin hungrig, und müde bin ich auch.« Da nahm ihn der Schulze des Dorfes in sein Haus, und er ass und trank, und nachdem er satt geworden war, legte er sich hin und schlief. Am andern Morgen bedankte er sich bei den Bauern, sagte ihnen Lebewohl und stieg weiter den Baum hinauf.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als er ein grosses Schloss erreichte. Da schaute eine Jungfrau zum Fenster hinaus, die freute sich sehr, dass ein Mensch gekommen sei, sie in ihrer Einsamkeit zu trösten. »Komm zu mir herein und bleibe bei mir,« sagte sie freundlich. »Hat hier denn der hohe Baum sein Ende?« fragte der Junge. »Ja, höher hinauf kannst du nicht,« sprach die Jungfrau, »und nun komm herein, dass wir uns die Zeit vertreiben.« – »Was machst du denn hier oben so alleine?« fragte der Junge. Antwortete die Jungfrau: »Ich bin eines reichen Königs Tochter, und ein böser Zauberer hat mich hierher verwünscht, dass ich hier leben und sterben solle.« – Sprach der Junge: »Da hätte er dich auch ein wenig tiefer verwünschen können.« Das half nun aber nichts, sie sass da oben und musste da oben bleiben; und weil die Prinzessin ein hübsches, artiges Mädchen war, so beschloss er, nicht wieder zurück zu kehren und mit ihr zusammen im Schlosse haus zu halten.
Das war ein lustiges Leben, das die beiden da oben im Schlosse auf dem hohen Baume führten. Um Speise und Trank durften sie nicht sorgen; denn was sie wünschten, stand auch sogleich vor ihnen; nur das wollte dem Jungen nicht behagen, dass die Prinzessin ihm [20] verboten hatte, in ein bestimmtes Zimmer im Schlosse zu treten. »Gehst du hinein,« hatte sie ihm gesagt, »so bringst du mich und dich ins Unglück.« Eine Zeit lang gehorchte er ihren Worten; endlich aber konnte er es nimmer mehr aushalten, und, als sie sich nach dem Essen hingelegt hatte, um ein Stündchen zu schlafen, nahm er das Schlüsselbund und suchte den Schlüssel hervor, ging hin und schloss die verbotene Thüre auf. Als er drinnen im Zimmer stand, gewahrte er einen kohlschwarzen grossen Raben, der war mit drei Nägeln an die Wand geheftet; der eine ging ihm durch den Hals, und die beiden andern durchbohrten seine Flügel. »Gut, dass du kommst,« schrie der Rabe, »ich bin vor Durst schier verschmachtet! Gieb mir von dem Kruge, der dort auf dem Tische steht, einen Tropfen zu trinken, sonst muss ich elendiglich des Todes sterben.« Der Junge aber hatte über dem Anblick einen solchen Schrecken bekommen, dass er auf die Worte des Raben gar nicht achtete und zur Thüre zurücktrat. Da schrie der Rabe mit kläglicher Stimme, dass es einen Stein erweichen konnte: »Ach, geh nicht von hinnen, ehe du mich geletzt hast; denke, wie dir zu Mute wäre, wenn dich jemand Durstes sterben liesse.« – »Er hat recht,« sprach der Junge bei sich, »ich will ihm helfen!« Dann nahm er den Krug vom Tische und goss ihm einen Tropfen Wassers in den Schnabel hinein. Der Rabe fing ihn mit der Zunge auf, und sobald er ihn heruntergeschluckt hatte, fiel der Nagel, der durch den Hals ging, zu Boden. »Was war das?« fragte der Junge. »Nichts,« antwortete der Rabe, »lass mich nicht verschmachten und gieb mir noch einen Tropfen Wassers!« – »Meinetwegen,« sagte der Junge und goss ihm einen zweiten Tropfen in den Schnabel hinein. Da fiel auch der Nagel, welcher den rechten Flügel durchbohrt hatte, klirrend auf die Erde hinab. »Nun ist's aber genug,« sagte er. »Nicht doch,« bat der Rabe, »aller guten Dinge sind drei!«; doch als der Junge ihm auch den dritten Tropfen eingeflösst hatte, war der Rabe seiner Fesseln frei, schwang die Flügel und flog krächzend zum Fenster hinaus.
»Was hast du gethan?« rief der Junge erschrocken, »wenn es nur die Prinzessin nicht merkt!« Die Prinzessin merkte es aber doch; denn er sah kreidebleich aus, als er zu ihr in die Stube trat. »Du bist wohl gar in dem verbotenen Zimmer gewesen?« sprach sie hastig. »Ja, das bin ich gewesen,« antwortete der Junge kleinlaut, »aber ich habe weiter nichts Schlimmes dort verübt. Es hing nur ein verdursteter schwarzer Rabe an der Wand, dem gab ich zu trinken; und als er drei Tropfen getrunken hatte, fielen die Nägel, mit denen er angeheftet war, auf den Erdboden herab, und er bewegte die Flügel und flog durch das Fenster davon.« – »Das ist der Teufel gewesen, der mich verzaubert hat,« jammerte die Prinzessin, »nun wird's nicht lange mehr währen, so holt er mich nach!« Und richtig, es dauerte gar nicht lange, so war eines Morgens die Prinzessin verschwunden, und sie kam nicht wieder, obgleich der Junge drei Tage lang auf ihre Rückkehr wartete.
»Kommt sie nicht zu mir, so gehe ich zu ihr!« sagte er bei [21] sich, als sie auch am Abend des dritten Tages nicht wieder zurückgekehrt war, und machte sich mit dem folgenden Morgen auf den Weg, den Baum herab. Als er in dem Dorfe ankam, fragte er die Bauern: »Wisst ihr nicht, wo meine Prinzessin geblieben ist?« – »Nein,« sagten die Bauern, »wie sollen wir es wissen, wenn du es nicht weisst, der du von dem Schlosse kommst!« Da stieg der Junge tiefer und tiefer, bis er endlich wieder auf den Erdboden gelangte. »Nach Hause gehst du nicht, da giebt's Schläge,« dachte er; darum wanderte er immer waldein, ob er nicht irgendwo die Spur der Prinzessin ausfindig machen könnte. Nachdem er drei Tage im Walde umhergeirrt war, begegnete ihm ein Wolf. Er fürchtete sich und floh; doch der Wolf rief: »Fürchte dich nicht! Aber sage mir, wohin führt dich dein Weg?« – »Ich suche meine Prinzessin, die mir gestohlen ist,« antwortete der Junge. »Da hast du noch weit zu laufen, ehe du sie bekommst,« sagte der Wolf. »Und hier hast du drei Spier Haare von mir. Wenn du in Lebensgefahr bist und die Haare zwischen den Fingern reibst, so bin ich bei dir und helfe dir aus der Not.« Der Junge bedankte sich bei dem Wolfe und ging weiter.
Über drei Tage kam ihm ein Bär in den Weg, und der Junge war vor Schreck wie versteint; denn er hielt sich verloren. Auf einen Baum klettern nutzte zu nichts, denn der Bär wäre ihm nachgestiegen und hätte ihn in den Zweigen zerrissen. Der Bär war aber gar nicht blutdürstig gesinnt, sondern rief dem Jungen freundlich zu: »Fürchte dich nicht, ich thue dir kein Leid an. Erzähle mir nur, was dir fehlt!« Als der Junge sah, wie gutmütig der Bär war, sagte er dreist: »Mir fehlt meine Prinzessin, die hat mir ein böser Zauberer gestohlen, und ich wandere jetzt in der Welt umher, bis ich sie finde.« – »Da hast du noch einen guten Weg, bis du zu ihr gelangst,« erwiderte der Bär, »aber hier hast du drei Spier von meinen Haaren! Wenn du in Lebensgefahr kommst und meiner bedarfst, so reibe die Haare zwischen den Fingern, und ich bin bei dir und stehe dir bei.«
Der Junge steckte die Haare zu sich, bedankte sich und zog wieder drei Tage im Walde umher. Da begegnete ihm ein Löwe, und als der Junge vor Angst gerade auf einen Baum klettern wollte, rief das wilde Tier ihm zu: »Nicht doch! Bleib unten, ich thu dir nichts.« – »Das ist etwas anderes,« sagte der Junge, und dann erzählte er auch dem Löwen, warum er ohne Weg und Steg in dem Wald herumlaufe. »Da hast du's gar nicht mehr weit,« antwortete der Löwe, »eine gute Stunde von hier sitzt die Prinzessin in dem Jägerhaus. Mach dich auf und geh zu ihr! Und wenn du in Lebensgefahr kommst und mich brauchen kannst, so nimm diese drei Spier Haare und reibe sie zwischen den Fingern; dann bin ich bei dir und helfe dir aus aller Not.« Damit übergab er dem Jungen die drei Spier Haare und trottete weiter in den Busch hinein; der Junge aber schritt wacker zu, dass er das Jägerhaus bald erreiche.
Es dauerte auch gar nicht lange, so sah er es durch die Bäume schimmern, und noch ein klein Weilchen, so hatte er die Thüre aufgeklinkt [22] und stand in der Stube und sah die Prinzessin vor sich stehen. »Junge, wo kommst du her?« rief sie erstaunt. »Wo ich her komme?« antwortete der Junge, »denkst du, ich werde allein oben bleiben und dich bei dem bösen Zauberer lassen? Aber jetzt gieb mir geschwind etwas zu essen, und dann wollen wir uns auf und davon machen und zu deinem Vater gehen!« – »Ach, mein Junge, das geht nicht so,« sagte die Prinzessin traurig, »der alte Jäger, der mich bewacht, ist zwar den ganzen Tag über im Walde; aber er hat einen dreibeinigen Schimmel im Stalle, der weiss alle Dinge und sagt ihm sogleich nach, wenn wir geflohen sind. Und wenn er das weiss, so holt er uns bald ein.« Der Junge liess sich das aber wenig kümmern, ass und trank, und nachdem er satt war, nahm er die Prinzessin bei der Hand und lief mit ihr aus dem Jägerhause auf und davon. Als sie ein Weilchen gegangen waren, schrie der dreibeinige Schimmel im Stalle Mord und Zeter und hörte nicht auf, bis der alte Jäger herbei gelaufen kam und ihn fragte, was ihm fehle. »Es ist jemand gekommen und hat die Prinzessin gestohlen!« schrie der Schimmel. »Sind sie schon weit?« fragte der Jäger. »Weit noch nicht,« antwortete der Schimmel, »setz dich nur auf meinen Rücken, wir werden sie bald einholen!« Als der Jäger den Jungen und die Prinzessin erblickte, rief er zornig: »Warum hast du mir meine Prinzessin gestohlen?« – »Warum hast du sie mir gestohlen?« gab ihm der Junge trotzig zurück. »Ach, du bist's,« antwortete der alte Jäger, »da will ich dir die Sache für diesmal verzeihen, weil du damals mitleidig warst und mich mit dem Wasser tränktest. Aber unterstehst du dich noch einmal und raubst mir die Prinzessin, so muss dich mein dreibeiniger Schimmel in den Erdboden stampfen, dass du des Lebens vergisst.« Dann nahm er dem Jungen die Prinzessin ab, hub sie vor sich auf den Sattel und ritt mit ihr in das Jägerhaus zurück. Der Junge schlich sich jedoch leise nach, und als der alte Zauberer wieder in den Wald gegangen war, trat er von neuem in das Haus hinein und sagte zur Prinzessin: »Höre einmal, ich rette dich doch! Wenn ich nur erst einen solchen Schimmel habe, wie ihn der alte Jäger besitzt. Ich werde unter das Bett kriechen, und du fragst ihn dann, wenn ihr im Bett seid, wie er den dreibeinigen Schimmel erworben habe.« Damit war die Prinzessin einverstanden, und der Junge kroch unter das Bett und wartete, bis der Abend kam und der Jäger nach Hause kehrte.
»Väterchen,« sagte die Prinzessin zutraulich, als der Zauberer zu Bette gegangen war, und kraute ihm die struppigen Haare, »Väterchen, wie seid Ihr nur zu dem dreibeinigen Schimmel gekommen! Das ist ein prächtiges Pferd, ist klüger, wie ein Mensch, und läuft schneller, wie der Wind.« – »Das will ich dir sagen, mein Töchterchen,« sprach der alte Jäger und schmunzelte über sein garstiges Gesicht, denn das Krauen that ihm wohl, »den Schimmel habe ich mir in drei Tagen erworben.« – »Kann sich jeder Mensch ein solches Pferd verdienen?« fragte die Prinzessin. »Gewiss,« antwortete der Jäger, [23] »wenn er klug ist, kann's ihm nicht fehlen. Ein Stündchen von hier im Walde wohnt eine Bauerfrau, das ist eine arge Hexe. Sie besitzt die schönsten Pferde weit und breit; und wer ihre Fohlen drei Tage zu hüten vermag, der kann sich zur Belohnung das Pferd aussuchen, das ihm von allen Tieren im Stalle am besten gefällt. Vor Zeiten gab sie auch noch zwölf Lämmer obendrein; mir hat sie dieselben aber nicht gegeben; so kam's, dass die zwölf Wölfe, die in dem Walde wohnen, als ich mit meinem Schimmel davon ritt, auf mich los stürzten. Und da ich keine Lämmer hatte, die ich ihnen vorwerfen konnte, so eilten sie meinem Schimmel nach, und ehe ich über die Grenze kam, die sie nicht überschreiten dürfen, hatten sie dem Tiere den rechten Fuss ausgerissen, und seitdem hat er drei Beine bis auf den heutigen Tag.« »Wer nun aber die Fohlen nicht hüten kann, wie geht's dem?« fragte die Prinzessin. »Dem geht's schlecht,« erwiderte der alte Jäger, »die Hexe schlägt ihm das Haupt ab und spiesst es auf dem Zaune, der um das Gehöft geht, auf; und da stecken schon so viel Köpfe, dass sie bald einen neuen Zaun bauen muss, um sie alle unterzubringen.« Jetzt wusste der Junge unter dem Bette genug; die Prinzessin hörte darum auf mit Fragen, und sie schliefen alle drei die ganze Nacht hindurch.
Am andern Morgen, als der Jäger wieder in den Wald gegangen war, kroch der Junge unter dem Bette hervor, ass und trank mit der Prinzessin, und dann machte er sich auf den Weg nach dem Gehöft der Hexe, von dem der Jäger in der Nacht gesprochen hatte. Es dauerte auch gar nicht lange, so sah er den Zaun mit den Menschenköpfen vor sich, und nun wusste er Bescheid, dass er nicht irre gegangen sei. Als er an dem Hofthore war, trat ihm auch schon die Hexe entgegen und sprach zu ihm: »Was willst du hier?« – – »Deine Fohlen hüten!« antwortete der Junge. – »Gut, ich will dich annehmen,« sagte die Hexe, »und wenn du mit den Pferden jeden Abend hübsch pünktlich um acht Uhr zu Hause kommst, so darfst du dir nach drei Tagen das Pferd in meinem Stalle aussuchen, das dir am besten gefällt. Das soll dein Lohn sein! Kommst du aber später heim, so schlage ich dir das Haupt ab und stecke es auf den Staketenzaun.« – »Das magst du thun,« erwiderte der Junge, »aber der Lohn ist mir nicht hoch genug. Ich verlange ausser dem Pferde noch zwölf Lämmer obendrein.« – »Das habe ich früher gethan,« antwortete die Hexe, »aber die Zeiten sind schlechter geworden, und die Pferdezucht wirft die zwölf Lämmer nicht ab.« – »Dann hüte ich gar nicht,« antwortete der Junge. Als die Hexe sah, dass er auf seinem Kopfe bestand, brummte sie: »Meinetwegen, bekommen wird er sie ja ebenso wenig, wie das Pferd,« dann sprach sie laut: »Die Sache ist abgemacht, du sollst auch die zwölf Lämmer erhalten, und morgen früh treibst du meine drei Fohlen auf die Wiese.«
Und so that der Junge auch. Am frühen Morgen, ehe die Sonne aufging, schwang er sich dem stärksten Füllen auf den Rücken und ritt zur Wiese hinab, und es dauerte gerade eine halbe Stunde, bis [24] er dort angelangt war. »Um halb acht musst du wieder aufbrechen,« dachte er bei sich, dann liess er die Fohlen grasen und legte sich hinter einen Schlehenbusch, um die schönen Sachen zu verzehren, die ihm die alte Hexe in den Kaliet (Korb) gepackt. Da war Weissbrot und Braten und Wurst, aber das beste von allem war eine halbe Flasche Branntwein. Als er die an die Lippen gesetzt hatte und der erste Schluck die Kehle hinabgelaufen war, da that ihm der Trank so wohl, und er trank und trank, bis er den ganzen Branntwein ausgetrunken hatte. In den Branntwein hatte die alte Hexe aber einen Schlaftrunk gemischt, und so kam's, dass er in einen tiefen Schlaf verfiel.
Nachdem er endlich wieder aufgewacht war, rieb er sich die Augen und sah sich um. Ja, da war von den drei Fohlen nichts mehr zu sehen, sie waren auf und davon gegangen, und er klagte und jammerte und schlug sich mit der Hand vor den Kopf. Endlich fiel ihm der Wolf ein: »Wenn du in Not bist, sollst du die drei Spier Haare zwischen den Fingern reiben! hat er dir gesagt!« und damit zog er die Wolfshaare aus der Tasche hervor und rieb sie zwischen den Fingern. Sogleich stand der Wolf neben ihm und sprach: »Was ist dir, Junge, womit kann ich dir helfen?« – »Ach, mir sind meine Fohlen weggekommen,« jammerte der Junge, »und wenn du mir nicht hilfst, lieber Wolf, so schlägt mir die alte Hexe heute Abend den Kopf ab und steckt ihn auf den Staketenzaun.« – »Zehn Meilen sind die Fohlen schon gelaufen,« antwortete der Wolf, »darum setz dich schnell auf meinen Rücken, und wenn ich sie eingeholt habe und ihnen vorgekommen bin, so schlage mit den drei Zäumen, die du in der Hand hast, drei Kreuze vor ihnen, und sie müssen stehen bleiben, als wären sie angewachsen.« Da setzte er sich dem Wolf auf den Rücken, und der lief so schnell, dass dem Jungen die Haare nur so flogen. Es dauerte auch gar nicht lange, so hatte der Wolf den Fohlen einen Vorsprung abgewonnen; der Junge schlug mit den Zäumen dreimal ein Kreuz, und sie konnten weder vorwärts noch rückwärts. »Nun reite mit ihnen nach Hause,« sprach der Wolf, »du wirst noch bei Zeiten heimkommen.« Das liess sich der Junge nicht zweimal sagen, er schwang sich auf den Rücken des stärksten Füllens hinauf, und dann kehrte er mit ihnen im Trabe zur Wiese zurück und langte dort an, ehe die Glocke die siebente Stunde verkündet hatte. Dann liess er die Tiere noch ein Weilchen abtrocknen und grasen, bis er sich um halbacht auf den Heimweg machte und zur rechten Zeit in das Gehöft zurückkehrte.
Die alte Hexe riss die Augen weit auf, als sie den Jungen mit den Fohlen zur rechten Zeit heimkehren sah; aber sie bezwang sich und reichte ihm freundlich die Hand und sprach: »Du bist ein tüchtiger Hütejunge, du gefällst mir!« Dann führte sie ihn in die Stube und setzte ihm Speise und Trank vor, doch während er ass, lief sie in den Stall und bearbeitete die Fohlen mit dem Besenstiel. »Konntet ihr ihm denn nicht entlaufen, ihr ungehorsamen Tiere,« rief sie zornig. [25] »Wir sind zehn Meilen gelaufen,« schrien die Füllen, »er kam uns aber auf einem Wolfe nachgeritten und hat uns wieder zurück gebracht.« – »Ein Wolf?« sagte die Hexe verwundert, »das ist etwas anderes; da müssen wir schon ein stärkeres Mittel gebrauchen,« und am andern Morgen gab sie dem Jungen die Flasche, drei Viertel mit Branntwein gefüllt, mit auf den Weg. Der mundete ihm wieder so köstlich und that ihm im Herzen so wohl, dass er ihn in einem Zuge leerte; dann sank er um und schlief unter dem Schlehdornbusch ein und rückte und rührte sich nicht.
Als er endlich aufwachte, merkte er wohl, dass die Mittagszeit schon vorüber sei, und von seinen Fohlen war wiederum nichts mehr zu sehen. Diesmal besann er sich aber nicht lange. »Gestern hat dir der Wolf geholfen, heute muss dich der Bär aus der Not retten,« dachte er und rieb die Bärenhaare zwischen den Fingern. Und schon stand er vor ihm und sprach: »Was ist dir, mein Junge, und womit kann ich dir helfen?« »Hilf mir zu meinen Fohlen,« antwortete der Junge. – »Zwanzig Meilen sind sie schon gelaufen,« sprach der Bär, »aber setz dich geschwind auf meinen Rücken, dass wir sie einholen.« Da stieg der Junge dem Bären auf den Rücken, und der Bär lief, dass die Haare seines Reiters in der Luft sausten, und er hörte nicht eher auf, als bis er den Fohlen einen Vorsprung abgewonnen hatte. Darauf schlug der Junge mit den drei Zäumen die Kreuze, und als sie still standen, schwang er sich auf sein Handpferd hinauf und ritt so schnell wie möglich zur Wiese zurück; aber, so sehr er die Füllen auch laufen liess, er konnte die Wiese nicht vor halb acht erreichen, so dass er stracks weiter reiten musste, um noch zur Zeit in den Hof der Hexe zu gelangen.
»Das nenn' ich mir einen Hirten,« sagte die Alte freundlich, und doch war sie inwendig Gift und Galle, »jetzt komm nur hinein und verzehr dein Abendbrot.« Und als der Junge in der Stube sass und ass, lief sie wieder in den Stall hinab und hieb mit dem Besenstiel auf die Fohlen ein. »Wir können nichts dafür,« riefen die Fohlen und schrien vor Schmerz, »wir sind zwanzig Meilen gelaufen, da kam er uns nachgeritten auf einem Bären und hat uns wieder zurück gebracht.« – »Auf einem Bären?« sagte die Hexe, »der Junge ist stärker, wie ich. Aber warte nur, morgen sollst du mir nicht entkommen.« Den andern Tag gab ihm die Hexe die ganze Flasche voll Branntwein mit auf den Weg, und der Junge bedankte sich noch bei der alten Hexe für das schöne Getränk. Und als er auf der Wiese angelangt war, trank er die ganze Flasche in einem Zuge aus und legte sich ins Gras und schlief fest ein und erwachte erst zur Nachmittagszeit wieder aus dem Schlafe. »Donner Sachsen! Hilft mir heute der Löwe nicht, so bin ich gewisslich verloren!« rief er erschrocken, zog die drei Spier Löwenhaare eilends aus der Tasche hervor und rieb sie zwischen den Fingern. Alsbald stand der Löwe vor ihm und sprach: »Nur rasch auf meinen Rücken hinauf, wir haben keine Zeit zu verlieren! Dreissig Meilen haben die Fohlen schon zurückgelegt;« [26] und als der Junge sich auf ihn gesetzt hatte, lief er, wie der Sturmwind saust, und die Haare simmten und summten dem Jungen um den Kopf, und als die Sonne sich ihrem Untergange neigte, hatte der Löwe auch die Fohlen eingeholt und der Junge dieselben zum Stehen gebracht. »So, nun spare Sporn und Peitsche nicht und lass sie laufen, was sie nur können, dann kommst du noch hin auf den Hof,« rief der Löwe, und der Junge that, wie ihm geheissen war, und spornte sein Pferd, dass ihm das Blut aus den Weichen floss, und hieb auf die andern Fohlen mit der Peitsche ein, dass die Fetzen flogen, und langte ein Viertel vor acht auf der Wiese an. Da war an Ruhe und Rast nicht zu denken, er trieb die Füllen nur um so schärfer an, und als die Glocke acht schlug, war er im Thorweg, und die Flügel des Thores, welche die Alte zuwarf, hätten ihm beinahe die Fersen abgeschlagen.
»Das war die höchste Zeit!« rief der Junge atemlos und trat in das Haus hinein, die Alte aber lief zu den Fohlen und schlug sie mit dem Besenstiel, dass es einen Stein erbarmen konnte. »Wir können nichts dafür, verschon uns,« baten die Fohlen, »wir sind dreissig Meilen gelaufen, er aber kam uns auf einem Löwen nachgejagt und hat uns in Eile wieder zurück gebracht.« Als die Hexe das hörte, liess sie nach mit dem Schlagen und kehrte ärgerlich in die Stube zurück; dafür ging jetzt der Junge in den Stall hinein, um sich ein Pferd auszusuchen, und der Hexe kleine Tochter begleitete ihn. In dem Stalle standen viele Pferde, und eins war immer schöner, wie das andere. Ganz hinten aber stand in einer besonderen Bucht ein hochbeiniger, magerer Schimmel. »Das ist meiner Mutter Reitpferd,« sagte das kleine Mädchen, »das läuft so schnell, wie der Wind.« Da wusste der Junge genug und ging wieder hinein zu der alten Hexe.
Am andern Morgen sagte die Hexe: »Nun, Junge, welches Pferd willst du haben als Lohn für die Hütezeit?« – »Den Schimmel in der kleinen Bucht,« antwortete der Junge. »Ach, was willst du mit dem, der ist ja das Mitnehmen nicht wert! Sieh doch, wie mager und schmutzig er aussieht. Nein, mit dem Tier kann ich dich nicht ziehen lassen, die Leute würden über mich reden, wenn ich dir solch ein Pferd zum Lohne gäbe!« Der Junge blieb aber bei seinem Willen, und da musste sich die Hexe wohl oder übel fügen. Als er jedoch aus dem Stalle getreten war, holte sie schnell einen Bohrer herbei und bohrte damit dem Schimmel Löcher durch alle vier Hufen; darauf nahm sie ein Rohr und sog ihm alles Mark aus seinem Gebein und that es in einen irdenen Topf. Dann nahm sie Mehl, mengte es mit dem Mark und buk einen Dinsback (Kuchen) daraus. Den schob sie dem Jungen ins Vorderhemd, dass er unterwegs zu essen habe und nicht Hunger leide. Nachdem sie das gethan hatte, holte sie zwölf Lämmer aus dem Stalle hervor, band sie an den Hinterfüssen an einer Schnur auf und hing sie über den Schimmel. »Da hast du deinen Lohn,« sprach sie, und der Junge sagte ihr Lebewohl und ging neben dem Schimmel her zum Thorweg hinaus. Auf das Pferd setzen mochte er sich nicht, denn es trat so steif auf und liess sich so schwach an, als ob [27] es bald sterben müsse. Auch wunderte ihn, dass es immer mit der Zunge nach seinem Vorderhemd leckte. »Was willst du denn dort, Schimmelchen?« fragte der Junge mitleidig. Da hub der Schimmel zu reden an und sprach: »Ich lecke nach dem Dinsback; denn die alte Hexe hat mir mit einem Rohr alles Mark aus meinem Gebein durch die Hufen gesogen, hat es mit Mehl gemengt und in deinen Dinsback gebacken.« »Dann iss ihn nur,« sprach der Junge, »denn er steht dir von Rechts wegen zu.« Und als der Schimmel den Kuchen gegessen hatte, kam die alte Kraft wieder in sein Gebein, und der Junge schwang sich auf seinen Rücken, und er griff mächtig aus. Es dauerte gar nicht lange, so kamen sie in den Wald, und wie sie ein wenig darin gewesen waren, stürzten die zwölf Wölfe, von denen der alte Jäger gesprochen, auf sie los. Rasch schnitt der Junge mit seinem scharfen Messer die Schnur entzwei, und die zwölf Lämmer fielen auf die Strasse herab, und die zwölf Wölfe stürzten über sie her und erwürgten sie und frassen sie auf. Als sie die Lämmer gefressen hatten, war der Schimmel aber schon so weit gekommen, als die Macht der Hexe reichte, und der Junge hatte ihn also mit heilem Leibe vor den Wölfen in Sicherheit gebracht.
Nun machte er, dass er zu dem Jägerhäuschen kam. Dort liess er den Schimmel am Thürpfosten halten und lief hinein, holte die Prinzessin heraus und setzte sie vorne auf das Ross; dann schwang er sich selbst hinauf und liess den Schimmel laufen, was er laufen wollte. Als er fort war, erhub der dreibeinige Schimmel wieder wie damals einen grausamen Lärm und ruhte nicht eher, als bis der alte Zauberer herbei gelaufen kam und fragte: »Warum schreist du so? Was ist denn geschehen?« – »Der Junge ist wieder hier gewesen und hat die Prinzessin geraubt,« antwortete der dreibeinige Schimmel. – »Sind sie schon weit?« – »Nein, weit sind sie noch nicht, wir werden sie schon einholen, setz dich nur auf meinen Rücken.« Da setzte sich der Zauberer auf des dreibeinigen Schimmels Rücken und ritt dem Jungen nach. »Schimmelchen lauf! Schimmelchen lauf!« rief der Junge, als er den Zauberer erblickte; aber der Schimmel lief nicht, sondern ging gemächlich Schritt; da war's denn kein Wunder, dass der alte Jäger sie einholte. »Räuber,« rief er dem Jungen zu, »hab' ich's dir nicht gesagt, du solltest es nicht noch einmal wagen, die Prinzessin zu stehlen; nun soll dich mein Schimmel in den Erdboden stampfen.« Indem er das sagte, rief der vierbeinige Schimmel dem dreibeinigen zu: »Schwesterchen, wirf ihn ab!« Da warf der dreibeinige Schimmel den alten Hexenmeister auf die Erde, und der vierbeinige kam ihm zu Hilfe, und dann traten sie so lange mit ihren harten Hufen auf ihm herum, bis auch kein einziger Knochen unzermalmt war.
Als der Zauberer getötet war, setzte der Junge die Prinzessin auf den dreibeinigen Schimmel, er selbst blieb sitzen, wo er war, und sie ritten zusammen in das Königreich, wo der Vater der Prinzessin König war. Da war einmal die Freude gross, als er seine einzige Tochter wieder hatte, und als er hörte, dass der Junge sie erlöst [28] habe, gab er sie ihm sogleich zur Frau, und es wurde Hochzeit gefeiert in grosser Pracht und Herrlichkeit. Der alte König starb bald darauf; da wurde der arme Schweinejunge König an seiner Statt, und er herrschte über seine Unterthanen nach Recht und Gerechtigkeit. Eines Tages fielen ihm seine beiden Schimmel ein, und er ging in den Stall hinab, in dem sie untergebracht waren. Da sprach der vierbeinige Schimmel zu ihm: »Mein Schwesterchen und ich haben dir geholfen, nun hilf du uns auch! Zieh dein Schwert und schlag uns das Haupt ab!« Antwortete der junge König: »Das werde ich bleiben lassen. Ich habe euch viel zu lieb, und so lohnt man seinen Freunden nicht!« – »Wenn du mir nicht gehorchen willst,« sprach der Schimmel, »so schaffen wir dir Unglück über Unglück auf den Hals.« Das wollte der junge König nun auch nicht haben, darum zog er das Schwert aus der Scheide und schlug damit den beiden Schimmeln die Köpfe ab. Kaum hatte er das gethan, so standen ein stattlicher Prinz und eine wunderschöne Prinzessin vor ihm, die bedankten sich, dass er sie erlöst habe. Derselbe alte Jäger, der die junge Königin auf den hohen Baum verwünscht, hatte auch sie in Pferde verwandelt. Nun aber waren sie und ihr ganzes Reich von dem Zauber erlöst, und die ganzen grossen Wälder, in denen der alte Jäger sein Wesen getrieben hatte, waren mit erlöst und jetzt Städte und Dörfer, Mühlen und Seen geworden, und der Prinz und die Prinzessin waren Herrscher über das ganze Land. Sie blieben noch eine Zeit lang bei ihrem Erlöser und seiner Frau, dann zogen sie in ihr eigenes Königreich. Der junge König lebte aber mit seiner Frau glücklich und zufrieden sein Leben lang, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.
Lange bevor unser Herrgott die Menschen erschaffen hat, empörte sich der Teufel gegen ihn, denn er war so hochfahrend, dass er selbst die Welt beherrschen wollte. Gott der Herr liess sich aber den Übermut des Teufels nicht gefallen und bannte ihn mit seinen Anhängern tief in das Innere der Erde hinein. Dort sass er nun und sann Tag und Nacht, wie er wieder heraus kommen könne an das liebe Sonnenlicht. Überall hatte er Wächter ausgestellt, die mussten Obacht geben, ob sich nicht irgendwo etwas Verdächtiges zeige. Da kam einmal ein Teufel gesprungen und sprach zu seinem Herrn: »Heute Nacht ist eine Wurzel durch die Decke unseres Reiches gedrungen!« Als der Oberste der Teufel das hörte, ward er über die Massen froh und verwandelte sich in eine Schlange und schlängelte sich an der Wurzel entlang nach der Oberwelt zu.
[29] Nachdem er geraume Zeit geklettert war, rief eine Stimme: »Halt!« Das war ein Diener des Todes, dem unser Herrgott sein Reich über dem des Teufels angewiesen hat, und der wollte nicht leiden, dass jemand sein Gebiet durchstreife. »Rufe mir deinen Herrn!« bat der Teufel, und als der Tod kam, sagte er zu ihm: »Was willst du hier alleine, in dem weiten, weiten Reich? Erlaubst du mir aber, dass ich meine Reise vollenden kann, so schwöre ich dir zu, dass du in tausend Jahren Unterthanen die Hülle und Fülle besitzest.« Der Tod bekam ganz blanke Augen, als er die Worte des Teufels vernahm; denn was nützte ihm sein grosses Reich ohne Unterthanen, und er erlaubte dem Teufel den Durchgang durch sein Gebiet. Der kroch in der Schlangengestalt immer höher und höher an der Wurzel hinauf, bis er endlich die Oberfläche der Erde und den Stamm erreichte, zu dem die Wurzel gehörte. Das war aber kein anderer, als der Baum der Erkenntnis des Guten und Bösen, der mitten im Paradiese stand. Auf den kletterte die Schlange hinauf und wand sich um den untersten Ast herum und schaute die Herrlichkeit an, die der Herrgott geschaffen hatte, um sich ein Reich auf Erden zu gründen.
Nicht weit von ihm ab lagen unter dem Baume im Grase Adam und Eva, das erste Menschenpaar. Sobald das Weib die Schlange erblickte in der schillernden Haut und mit den funkelnden, blitzenden Augen und der langen Zunge, ward sie neugierig und fragte ihren Mann, welch seltsames Tier das wäre. Als der Teufel merkte, wie neugierig das Weib sei, beschloss er, seine List an ihr zu versuchen. Nachdem der Mann fortgegangen war, that er darum den Mund auf und sprach mit lockender Stimme: »Willst du nicht von den Äpfeln dieses Baumes essen?« Das Weib aber wollte nicht, denn der Herrgott hatte es verboten; der Teufel aber wusste so schöne Worte zu machen und pries den Geschmack und die Süsse der Äpfel so sehr, bis das Weib des Verbotes vergass und einen Apfel ergriff, ihn losbrach und ass. Da fiel es ihr schwer auf die Seele, dass sie sich versündigt habe, und damit sie nicht allein verstossen würde, rief sie ihren Mann herbei und bat ihn, auch von den Früchten zu kosten. Adam wurde jedoch sehr zornig und verwies der Eva den Ungehorsam gegen des Herrgotts Gebot. Das bekümmerte sie nur um so mehr, und weil sie durchaus nicht alleine aus dem Paradiese vertrieben werden wollte, nahm sie einen Apfel von dem Baume der Erkenntnis und steckte ihn ihrem Manne mit Gewalt in den Mund, dass er ihn herabschlucken musste. Aber auf halbem Wege blieb er stecken, und noch heute tragen darum alle Menschenkinder den Adamsapfel an der Gurgel und werden ihn tragen, so lange es Menschen auf Erden giebt.
Der Teufel hatte auf diese Weise sein Spiel gewonnen, die Menschen mussten aus dem schönen Garten heraus und verfielen in Krankheiten und Leiden und starben und kamen dadurch als seine Unterthanen in das Reich des Todes hinab. Und ehe tausend Jahre verstrichen waren, war das Versprechen, das der Teufel dem Tode [30] gegeben hatte, in Erfüllung gegangen. Das Paradies aber nahm der Herrgott von der Erde herab und versetzte es auf den Morgenstern, und da ist es bis auf den heutigen Tag.
Es war nämlich einmal ein frommer Mensch, der klagte bei Tag und bei Nacht über das verlorene Paradies und schalt auf Eva, dass sie die Menschenkinder durch ihren Vorwitz darum gebracht habe. Wie er nun eines Abends vor seinem Hause stand und traurig gen Himmel blickte und sich nach dem Paradiese sehnte, stand eine Gestalt neben ihm und ergriff ihn und führte ihn gerades Wegs durch die Luft zu dem Morgenstern hinauf. Da befand er sich in dem herrlichsten Garten. Die Bäume trugen die prächtigsten Äpfel und Birnen, die schönsten Blumen blühten und dufteten in dem grünen Grase und auf den Zweigen sassen überall und überall kleine Singvögelchen und sangen und pfiffen, dass es eine Lust war. Auch den Baum des Lebens konnte er sehen mit seinen zahllosen Zweigen, den grünen und den dürren, welche den Frauen gehören, die kinderlos durch das Leben wandern müssen.
Er konnte noch gar nicht all die Pracht und Herrlichkeit fassen, da trat eine wunderschöne Frau auf ihn zu, mit langen, gelben Haaren und in ein goldenes Gewand gehüllt. Die sah ihn so freundlich und liebevoll an, und dem Manne ward so wohl bei ihrem Anblick, und er ergriff sie bei der Hand und führte sie unter den Lebensbaum, damit er sich mit ihr auf dem weichen, grünen Rasen niederlasse. Und sie liess es sich auch gefallen und setzte sich zu ihm; wie er aber sie herzen und küssen wollte, entglitt sie seinen Armen, und er sank herab tiefer und tiefer, bis er mit einem Male sich auf dem Erdboden dicht vor seinem Hause befand. »Siehst du,« sprach die weisse Gestalt und stand wieder vor ihm, »du schaltest Eva, und jetzt, da du selbst im Paradiese gewesen bist, hast du auch der Versuchung nicht widerstehen können.« Damit verschwand die Gestalt; der fromme Mann aber hat niemals mehr den Vorwitz der Eva tadeln mögen.
Dår was eis e Koenich un e Koenigin, de hadden sik seer leif, un dår müst de Koenich in de Krijch, un de Koenigin bleef ganz allein uppem Sloss mit eere Maachd, de was eer truu. Al Daach schteech de Koenigin up de Torm un keek, of eer Mann nich boold truech kaim, åwer dår was nix t'sein. Denn grijnt sei ümmer, un eer Maachd troest eer denn.
Weckmåls ging s' ok in de Gåre un ging sitte unner 'm Plummeboom, de schtunn annem Fleit. Un as de Plumme rijp weere, schüdt [31] sei sik weck vam Boom un aat s'. Dårbij hät se sik åwer eer Hännker schwart måkt un ging nam Fleit un wull se sik wasche. Doon füll eer de Ring int Wåter. Dår verfeert sei sik hartlich un sett sik up de Bänk un grijnt ümmer wech, denn sei bildt sik in, eer Mann weer nu dood.
Mit eis dår kaam een groot Pogg', dei keek eer an un saed: »Prinzessin mijn, wat weinst du?« Åwer de Prinzessin huert dår går nich naa hen. – Doon kroop hei eer up de Foot un saed noch eis: »Prinzessin mijn, wat weinst du?« – Doon keek s' up un saed: »Du oll grijs Pogg', wat sall ik dij dat sägge, du kaast mij doch nich helpe.« – »So, weetst dat so nip?« sächt de Pogg', »ik weit man all, wat du weinst. Du häst jå dijne Ring verlåre!« Doon keek em de Prinzessin so an un saed: »Ach, lieber Frosch, wenn du etwas davon weisst, hast du ihn auch gewiss gefunden und kannst ihn mir wieder bringen.« – »Jå,« saed de Pogg', »dat künn ik woll; åwer du mutst mij wat dårfåer verschpreeke.« – »Ja, alles was du willst, gieb mir nur den Ring,« sächt de Koenigin. – »Wat du mij åwer verschpreeke schast, dat is nich weenich: du sast mij too dijnem Mann neeme.« Doon lacht de Koenigin un dacht: »De dumm Pogg', ik häd mij ook wat anners wünscht,« un denn sächt s': »Ja, das will ich gern thun, aber gieb mir auch den Ring!«
Doon maakt de Pogg' plantsch int Wåter, un wech was e. Dat duurt en gaud Wijl, un de Prinzessin dacht all, de Pogg' hädd eer wat våerlåge; åwer dår kaam s' ant'kruupent un hät richtich de Ring im Muul. – »Kinner Lued,« sächt de Prinzessin, naam de Ring un leip fix int Sloss. De Pogg' reip åwer achter eer heer, hei würr boold to eer kaame.
Naa een paar Daage satt de Prinzessin in eer Schtoow un neejt fåer eere Mann en sijden Hemd. Doon kloppt dat lijs nedden an de Dåer, un een Schtimm fängt an to singe:
»Maak mij up dijn Dåerke,
Schoenste Prinzessin!«
»Ach,« sächt de Prinzessin, »Magd, komm geschwind her, da ist gewiss der Frosch, von dem ich dir erzählt habe. Geh und mach ihm die Thüre auf.« Doon fängt dat åwer wedder an t' singen våer de Dåer:
»Ach nich de Maachd,
Schoenste Prinzessin!
Weetst du woll, as du saitest
An dem Fleite,
Då du dijne Ring verlåre,
Då du mij tom Mann erkåre,
Schoenste Prinzessin?«
»Sett mij ok up dijn Schtåelke,
Schoenste Prinzessin!«
[32] »Magd,« saed doon de Prinzessin, »höre, was der Frosch verlangt! Aber er hat mir den Ring wiedergegeben, wir wollen ihm seinen Willen thun. Setze ihn auf den Stuhl!« Doon sung de Pogg':
»Ach nich de Maachd,
Schoenste Prinzessin!
Weetst du woll, as du saitest
An dem Fleite,
Då du dijne Ring verlåre,
Då du mij tom Mann erkåre,
Schoenste Prinzessin?«
Doon treckt de Prinzessin sijden Händschken an un båert em richtich up den Schtoel. Åwer de Pogg', de sung allwedder loos:
»Gif mij ok wat to eeten,
Schoenste Prinzessin.«
»Ach nich de Maachd,
Schoenste Prinzessin!
Weetst du woll, as du saitest
An dem Fleite,
Då du dijne Ring verlåre,
Då du mij tom Mann erkåre,
Schoenste Prinzessin?«
Dår ging de Prinzessin hen un hålt em soet Melk un Schtuuten. As hei sik nu so recht dick freete hadd, sung e:
»Wisch mij ok mijn Muelke,
Schoenste Prinzessin!«
»Na,« saed de Prinzessin, »dit passt mij ok all. Maachd nimm eis de Salwjett un wisch em dat Muul.« Doon sung de Pogg' wedder:
»Ach nich de Maachd,
Schoenste Prinzessin!
Weetst du woll, as du saitest
An dem Fleite,
Då du dijne Ring verlåre,
Då du mij tom Mann erkåre,
Schoenste Prinzessin?«
»Gif mij ok e Pusske,
Schoenste Prinzessin!«
Doon beswijmt de Prinzessin bijnå un sächt: »Magd, das musst du thun, das kann ich nicht!« Åwer de Pogg' keck eer so bedroeft an un hadd twei groot Traane in de Ooge un sung ganz lijske:
»Ach nich de Maachd,
Schoenste Prinzessin!
Weetst du woll, as du saitest
An dem Fleite,
Då, du dijne Ring verlåre,
Då du mij tom Mann erkåre,
Schoenste Prinzessin?«
[33] Doon dacht de Prinzessin an eer Verschpreeken un saed: »Dit hädd ik mij åwer nich dacht. Maachd, denn gå hen un hål mij ne Dook un binn mij dat våer de Oogen, denn tom wenichsten will ik em dårbij nich seie.« Dat deed de Maachd nu, un de Prinzessin tappt mit beed Hänn na de Pogg', un 't was eer all so recht glawrich in de Hänn, sei schpitzt all eer Muelke, doon gaf dat eine groote Knall, de Prinzessin verfeert sik so, dat se sik de Binn afreet un våer eer schtunn, sund un munter, eer leiw Mann.
Un dat was so kaame. As hei wijt wech in Krijch was, doon hädd em en boes Hex in en Pogg' verhext un hädd dårbij sächt, hei schull so lang en Pogg' blijwe, beet em en Prinzessin ne Puss geew. Doon was de arm Koenich seer bedroeft un schwemmt dürch all dat Wåter, beet hei to sijne Fruu in sijn Fleit kaame was. Denn dat hadd he sik glijk dacht, dat em nij ên Miësch as sijn eigen Fruu ne Puss geewe würr.
Es war einmal ein König, der hatte eine einzige Tochter. Das war eine rechte Wildtaube, trieb sich am liebsten mit den Jungen herum und sprang vom Morgen bis zum Abend über Block und Stock. Als sie zehn Jahre alt geworden war, lag sie den ganzen Tag mit ihrem Boot auf dem Wasser, und dabei kam es einmal, dass ihr das goldene Geschmeide, welches ihr der alte König zum Geburtstag geschenkt hatte, vom Arme glitt und in das Wasser fiel. Da war die Not gross, denn das Armband war von unermesslichem Werte, und der König sah auf das Geld; er liess darum alle Fischer seines Königreiches kommen, die mussten eine Woche lang den See abfischen. Aber obgleich sie Tag und Nacht arbeiteten und den ganzen Grund aufwühlten, sie konnten das Geschmeide nicht finden; es war verschwunden und blieb verschwunden.
Eines Tages stand die Prinzessin am Strande und sah betrübt vor sich hin, da plätscherte es im Wasser, und eine grosse, dicke Schorfkröte kam auf den Sand gekrochen und glotzte die Prinzessin an und sprach: »Was giebst du mir, wenn ich dir das Armband wieder schaffe?« – »Ein Goldstück so gross, wie ein Thaler!« antwortete die Königstochter hastig, denn Lieberes konnte ihr auf der ganzen Welt nicht geschehen, als das Armband wieder zu bekommen; aber die Schorfkröte sprach: »Für Gold und Silber schaff' ich dir das [34] Geschmeide nicht; doch wenn du mir drei Wünsche gewährst, tauch' ich es dir aus dem Seegrund herauf.« Sagte die Prinzessin: »Da muss ich schnell meinen Vater fragen,« und husch war sie im Schloss und im Zimmer des alten Königs und erzählte ihm den Handel. »Was wird sich eine alte, dicke Schorfkröte wünschen,« dachte der König, »und am Ende ist das Armband drei Wünsche wert;« er erlaubte darum seiner Tochter, der Schorfkröte das Versprechen zu geben. Ei, was war das plumpe Tier froh, als es die Worte der Königstochter hörte, eins fix drei war es wieder im Wasser, und noch ein paar Augenblicke, so patschte es aus dem See heraus und trug das Armband um den Hals gehängt. Die Prinzessin nahm es geschwind ab und fragte nach den drei Wünschen. »Die fordere ich, wenn es mir passt,« antwortete die Kröte und kroch in das Wasser; die Königstochter aber lief mit ihrem Armband zum Schlosse und wusste sich vor Freude garnicht zu lassen. Die Prinzessin war mittlerweile achtzehn Jahre alt geworden und hatte die Geschichte mit dem Armband schon ganz vergessen, da klopfte es eines Tages, als sie gerade mit Vater und Mutter bei Tische sass, an die Thüre. Der Diener lief und machte auf; patsch, patsch kam die dicke Schorfkröte herein gekrochen und sprach: »Prinzesschen, ich komme heute um ein Rätselchen. Mein erster Wunsch soll sein, dass ich drei Wochen lang mit dir an Königs Tisch speise.« – »Daraus wird nichts!« sagte die Prinzessin. »Du hast mir aber versprochen, dass ich drei Wünsche frei haben solle für das Armband,« erwiderte die Schorfkröte. Sagte der alte König: »Was versprochen ist, muss gehalten werden,« und damit war die Sache abgemacht. Der Diener musste das Tier auf einen Stuhl neben die Prinzessin setzen, vor ihm stand ein Tellerchen, und die Königstochter legte darauf von allen Speisen, die auf den Tisch kamen.
Als die drei Wochen vergangen waren, sprach die Schorfkröte: »Jetzt thu ich den zweiten Wunsch. Du sollst mir jeden Morgen mein Bettchen machen, und ich will drei Wochen lang im Schlosse schlafen.« – »Nun seht einmal die närrische Kröte an,« sagte die Prinzessin und wollte davon nichts wissen. Aber wenn der alte König auch sehr auf das Geld sah, ein rechtschaffenes Herz hatte er darum doch, und er sprach: »Das hilft nicht; du hast's versprochen, und was ein Mensch versprochen hat, muss er auch halten, der König und Königskinder vornehmlich.« So wurde der dicken Schorfkröte auch der zweite Wunsch erfüllt; sie schlief drei Wochen lang in dem Schlosse, und jeden Morgen machte ihr die Prinzessin das Bettchen.
Nachdem die Zeit verflossen war, kam die Königstochter in grosse Sorgen, was sich das unverschämte Tier zum Dritten wünschen möchte. Und richtig, es war auch schlimm genug! »Prinzesschen,« sagte die Schorfkröte, »jetzt habe ich noch einen Wunsch frei, und da wünsche ich mir denn, dass ich drei Wochen lang neben dir in deinem Bettchen schlafe.« Die Königstochter hatte sich nun zwar schon an das Tier gewöhnt, auch schien es ihr lange nicht mehr so hässlich und garstig, [35] wie im Anfang; aber als sie diese Worte hörte, hielt sie sich doch die Ohren zu und lief zu dem alten König und sprach: »Vater, das dritte kann ich nicht thun. Das kalte glibbrige, glabbrige Ding will in meinem warmen Bettchen schlafen!« Der König wusste noch gar nicht, was seine Tochter wollte; als er aber erfuhr, dass es sich um die dritte Bitte der Kröte handle, sagte er: »Liebes Kind, das hilft nicht; wer A sagt, muss auch B sagen; du hast das Versprechen gegeben und musst es auch halten.« – »Aber ich lege mein Röckchen dazwischen,« rief die Prinzessin, und das that sie auch, damit ihr das Tier ja nicht zu nahe käme. Auch zählte sie die Tage an ihren zehn Fingern ab, so sehr sehnte sie sich, dass sie den hässlichen Gast los würde. Als nun die letzte Nacht vergangen war und der Morgen dämmerte und die Prinzessin sich herum drehte und eben zugreifen wollte, um die Schorfkröte aus dem Bette zu werfen, was erblickte sie da? Da war's keine Schorfkröte mehr, sondern ein wunderschöner Prinz, mit einem goldenen Stern auf der Brust. Der erzählte ihr, dass er in eine Schorfkröte verwünscht gewesen sei, nun aber habe sie ihn erlöst, und wenn sie es wolle, würde er sie gern zur Frau nehmen. Das war freilich etwas anderes, als die garstige Schorfkröte, und sie sagte sogleich ja, und nachdem sie sich angekleidet hatten, gingen sie zu dem alten König und baten ihn um seinen Segen. Der liess noch an demselben Tage Verlobung und Hochzeit zugleich feiern, und als er starb, wurde der Prinz sein Nachfolger im Reich. Dort lebte er mit seiner jungen Frau Königin in Glück und in Frieden, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.
In einem Dorfe lebte einmal ein kluger Bauer. Eines Tages ging er auf das Feld, um seinen Acker zu bestellen; da begegnete ihm der König, der sah so betrübt aus. Fragte ihn der Bauer: »Warum bist du so traurig? Du hast doch alles, was du dir wünschst, und brauchst für nichts Sorge zu tragen!« Der König antwortete darauf: »Recht hast du; ich besitze viele Reichtümer und Schätze, aber dennoch bin ich unglücklich; ich habe keine Kinder!« – »Wenn's weiter nichts ist,« erwiderte der Bauer, »so gieb dich zufrieden; über's Jahr wird deine Frau niederkommen und einen Sohn gebären.« – »Trifft das ein, so weiss ich's dir Dank,« versetzte der König und kehrte in sein Schloss zurück.
Nach Jahresfrist fand sich der König wieder auf dem Acker ein und rief dem Bauern freudig zu: »Deine Worte sind in Erfüllung [36] gegangen, heute hat mir die Königin einen Sohn geboren; wünsche dir jetzt, was du willst, es soll dir gewährt werden!« Der Bauer wollte anfangs von der Belohnung nichts wissen, da der König aber nicht abliess, in ihn zu dringen, sagte er endlich: »Nun gut, meine Frau ist gleichzeitig mit der deinen niedergekommen; nimm den neugeborenen Knaben als dein eigenes Kind an und lass ihn als den Bruder des rechten Prinzen erziehen.« Der König war damit einverstanden, nahm des Bauern Kind zu sich auf sein Pferd und brachte es der Königin auf das Schloss. Dort wurde es zu dem jungen Prinzen in die Wiege gelegt, und die beiden Knaben galten vor aller Welt als Zwillinge. Der Sohn des Königs aber wurde Karl genannt, während der des Bauern Friedrich hiess.
Als die Prinzen grösser geworden waren, gingen sie häufig auf die Jagd. Da erblickten sie eines Tages einen wunderschönen Vogel, der dicht vor ihnen her am Boden flatterte. Prinz Friedrich konnte sich gar nicht satt sehen an dem bunten Gefieder und eilte dem Vogel nach, um ihn zu fangen. Aber das Tier war flinker, als der Jäger, und entwischte immer rechtzeitig seinen Händen. Darüber ward Prinz Karl böse, er ergriff seinen Bogen und schoss mit einem Pfeile nach dem Vogel, dass er tot zu Boden stürzte. Das verdross Prinz Friedrich, und zornig warf er das blutende Tier in ein nahes Gewässer. Kaum hatten jedoch die Federn den Wasserspiegel berührt, so durchdrang neues Leben den Vogel, er setzte seine Flügel in Bewegung, hub sich in die Lüfte und flog davon und war bald den Blicken der Jäger entschwunden. Prinz Karl achtete nicht weiter darauf, aber Prinz Friedrich erkannte, dass hier der Quell des Wassers des Lebens sei, und merkte sich die Stelle.
Als sie von der Jagd in die Königsburg zurückgekehrt waren, baten die beiden Prinzen ihren Vater, er möge ihnen doch im Walde ein Jagdschloss bauen. Der König willigte ein, und da Prinz Friedrich es so wünschte, wurde das Haus hart an der Quelle mit dem Wasser des Lebens errichtet. Ehe sie es jedoch bezogen, mussten die trefflichsten Künstler und Maler alle Stuben und Säle auf das prächtigste ausschmücken. Prinz Karl und Prinz Friedrich gingen Tag für Tag hin, um das Fortschreiten der Arbeiten zu beobachten, und besuchten jedes Zimmer. Nur in ein einziges wollten die Maler sie nicht hineinlassen, das dürften sie erst betreten, wenn alles vollendet sei. Endlich war auch diese Stube fertig, Prinz Karl war der erste, welcher über die Schwelle trat. Aber kaum stand er in dem Gemache, so sank er auch schon leblos zu Boden; denn an die Wand war von den Malern die wunderschöne Prinzess, verwünscht im wilden Meer in der Steinklippe, gemalt worden, und das Bild hatte es dem Prinzen angethan.
Wie er nach langer Zeit aus der Ohnmacht wieder erwachte, sprach er zu Prinz Friedrich: »Bruder, wir müssen die verwünschte Prinzessin erlösen. Bekomme ich sie nicht zur Frau, so muss ich sterben!« Da Prinz Karl fest auf seinem Vorsatz beharrte, so willigte [37] Prinz Friedrich endlich ein, und sie baten beide den König, dass er ihnen erlaube, auf Reisen zu gehen und Abenteuer zu suchen. Die Bitte wurde gewährt, sie erhielten prächtige Kleider und zwei schöne Rosse, und dann ritten sie fort von dem Königsschlosse in die weite Welt hinein.
Es dauerte nicht lange, so kamen sie in einen grossen Wald, der kein Ende nehmen wollte. Drei Tage und drei Nächte waren sie geritten, da wurden sie so müde, dass sie vor einer kleinen Waldhütte Halt machten, um dort zu übernachten. Prinz Karl blieb bei den Pferden, während Prinz Friedrich durch die Thüre in das Haus trat, um mit den Leuten zu unterhandeln. Aber so viel er auch umherspähte, nirgends war etwas von einem Menschen zu sehen. Unterdes war Prinz Karl ungeduldig geworden und trat auch herein; da erschien plötzlich eine schwarzgekleidete Jungfrau, die fragte sie, was sie begehrten. »Wir bitten um Unterkunft für die Nacht,« antworteten die Prinzen. »Das soll euch erlaubt sein,« erwiderte die schwarze Jungfrau, und verschwunden war sie.
Nachdem sich die Prinzen von ihrem Erstaunen erholt hatten, gingen sie hinaus, um nach den Pferden zu sehen, fanden sie aber nicht. Sie suchten und suchten, bis sie an einen Stall kamen, wo die beiden Rosse an gefüllten Krippen standen und frassen. Des waren sie zufrieden und kehrten wieder in die Stube zurück. Nun waren sie aber beide von dem langen Ritt totmüde. »O wenn doch ein Paar Stühle hier wären!« seufzte Prinz Karl. In demselben Augenblick waren auch schon die Stühle zur Stelle. »Dann wünschen wir uns auch noch einen Tisch mit Speisen für den Hunger!«, und siehe da, auch der Tisch und die schönsten Speisen standen sofort vor ihnen. Da setzten sie sich auf die Stühle und langten wacker zu, bis sie ihren Hunger gestillt hatten; dann standen sie auf und riefen: »Jetzt hätten wir gerne zwei weiche Betten,« und als die da waren, kleideten sie sich aus und legten sich hinein, und es dauerte gar nicht lange, so war Prinz Karl fest eingeschlafen.
Prinz Friedrich wollte kein Schlaf in die Augen kommen, und das war ein grosses Glück; denn, als die Uhr elf schlug, öffnete sich die Thüre, und herein trat die schwarze Jungfrau, stellte ein Licht auf den Tisch und deckte denselben. Als sie damit fertig war, gesellte sich ein schwarzer Mann zu ihr, und beide setzten sich nieder und assen. Nach einer kleinen Weile hub die Jungfrau an und sprach: »Väterchen, ich weiss etwas Neues.« Er antwortete: »Liebe Tochter, was weisst du denn?« – »Väterchen, hier sind zwei ausländische Prinzen, die wollen die wunderschöne Prinzess, verwünscht im wilden Meer in der Steinklippe, erlösen, und sie könnten das Werk auch vollbringen, wenn sie wüssten, was ich weiss.« Versetzte der Schwarze: »Was weisst du denn, mein Töchterchen?« Sie sprach: »Unter dem ersten Eckstein unseres Hauses liegt eine goldene Gotzel (Kugel), die muss Prinz Friedrich nehmen, und sie wird ihm den Weg nach der [38] Steinklippe zeigen.« Da sie das gesprochen hatte, verschwanden der schwarze Mann und seine Tochter wieder.
Prinz Friedrich aber behielt alle diese Worte in seinem Herzen und dachte bei sich: »Wenn wir noch eine Nacht hier blieben, vielleicht, dass wir noch mehr erfahren könnten.« Er beredete darum Prinz Karl, und sie blieben wirklich noch eine Nacht daselbst. Um Mitternacht, als Prinz Karl von festem Schlummer umfangen war, während Prinz Friedrich sich wie gestern schlaflos auf seinem Lager wälzte, öffnete sich die Thüre, und es erschienen wieder der schwarze Mann und die schwarze Jungfrau und setzten sich zu Tische. »Väterchen,« hub die schwarze Jungfrau an, wie in der Nacht zuvor, »ich weiss etwas Neues.« – »Nun, was weisst du denn?« fragte der Schwarze. – »Es sind zwei ausländische Prinzen hier, die wollen die wunderschöne Prinzess, verwünscht im wilden Meer in der Steinklippe, erlösen, und sie könnten das Werk auch vollbringen, wenn sie wüssten, was ich weiss.« – »Nun, was weisst du denn, Töchterchen?« – »Unter dem zweiten Eckstein unseres Hauses liegt ein goldener Degen. Den muss Prinz Friedrich nehmen und, wenn er an das Meer kommt, damit in die Wellen schlagen; so wird sich das Wasser auseinander teilen und wie eine Mauer zu beiden Seiten stehen, dass die Prinzen durch das wilde Meer bis zur Steinklippe reiten können.« Nach diesen Worten verschwanden die beiden. Prinz Friedrich aber dachte bei sich: »Weiss die schwarze Jungfer, wie wir an die Steinklippe gelangen, so wird sie auch wissen, wie wir die Prinzessin selbst erreichen;« darum gab er am andern Morgen dem Prinzen Karl die schönsten Worte, er möge doch noch eine Nacht in dem Häuschen verweilen; und er quälte und bat so lange, bis der Bruder nachgab und seine Bitte gewährte.
In der dritten Nacht lag Prinz Karl wieder vom tiefen Schlafe umfangen, als die schwarze Jungfer mit dem schwarzen Mann in die Stube trat und sagte: »Väterchen, ich weiss etwas Neues!«–»Nun, was weisst du denn, meine Tochter?« – »Es sind zwei ausländische Prinzen hier, die wollen die wunderschöne Prinzess, verwünscht im wilden Meer in der Steinklippe, erlösen, und sie könnten das Werk auch vollbringen, wenn sie wüssten, was ich weiss.« – »Nun, was weisst du denn?« – »Unter dem dritten Eckstein unseres Hauses liegt eine goldene Rute. Die muss Prinz Friedrich nehmen, und wenn er mit dem Prinzen Karl an die Steinklippe kommt, muss er die Pforte damit berühren. Alsbald wird sie sich öffnen, dass die Prinzen eintreten können. Nacheinander muss Prinz Friedrich sodann noch elf Thüren auf dieselbe Weise öffnen; die zwölfte Thüre darf er aber nicht mit der Rute berühren, dort muss er klopfen. Sogleich wird die Thüre aufspringen, die Prinzessin herausstürzen und dem Prinzen Karl um den Hals fallen. Prinz Friedrich wird sich darum grämen, da er allein alle Arbeit gehabt hat; aber das hilft ihm nichts, denn die wunderschöne Prinzess, verwünscht in dem wilden Meer in der Steinklippe, ist einzig und allein für den Prinzen Karl bestimmt.« [39] Darauf verliessen der schwarze Mann und seine Tochter das Zimmer, und Prinz Friedrich schlief fest ein.
Am andern Morgen untergrub er drei Ecksteine des Hauses und fand dort die goldene Gotzel, den goldenen Degen und die goldene Rute; sodann zogen die Prinzen ihre Pferde aus dem Stalle, schwangen sich darauf und ritten davon. Die goldene Gotzel aber sprang dem Prinzen Friedrich aus der Tasche und rollte im Sande vor ihnen her, bis sie an das wilde Meer gelangten. Hier stieg Prinz Friedrich vom Pferde und schlug mit dem goldenen Degen dreimal in die Meereswogen hinein. Sofort staute sich das Wasser zu beiden Seiten, dass sie wie auf einer breiten Strasse zur Steinklippe ritten. Auch die goldene Rute that ihre Dienste, und es währte nicht lange, so sprang, wie die schwarze Jungfer vorher gesagt hatte, auf das Klopfen des Prinzen Friedrich die zwölfte Thüre auf, und die wunderschöne Prinzess hing dem Prinzen Karl am Halse.
Da Prinz Friedrich wusste, dass alles so kommen müsse, ärgerte er sich jedoch nicht weiter darüber, sondern nahm die schöne Kammerjungfer in seine Arme und verlobte sich mit ihr. Nachdem sie einander genug geherzt und geküsst hatten, hob Prinz Karl die Prinzessin und Prinz Friedrich die Kammerjungfer vor sich auf das Ross, und dann machten sie sich auf den Heimweg. Gegen Abend langten sie bei dem kleinen Häuschen an und beschlossen, wieder dort zu übernachten. Sie wünschten sich aber diesmal vier Stühle und vier Betten, und siehe, sie bekamen alles, was sie verlangten.
Als die Nacht anbrach und den übrigen längst der Schlaf die Augen geschlossen hatte, konnte Prinz Friedrich wiederum nicht einschlummern. Mit dem Schlage elf öffnete sich die Thüre, und der schwarze Mann trat mit seiner Tochter herein. »Väterchen,« hub sie an, »ich weiss schon wieder etwas Neues!« – »Nun, was denn?« – »Es sind zwei ausländische Prinzen hier, die glauben, sie hätten die wunderschöne Prinzess, verwünscht im wilden Meer in der Steinklippe, erlöst; doch sie irren sich. Sie würden die Erlösung aber vollbringen, wenn sie wüssten, was ich weiss.« – »Nun, was weisst du denn?« – »Wenn die Prinzen heimreiten, werden sie an eine hölzerne Brücke kommen.« Dann muss Prinz Friedrich vorreiten und zuerst über die Brücke sprengen, obgleich eine Stimme hoch oben aus der Luft herabruft: »Seht doch einmal, was sich der grobe Bauerprinz einbildet!« Reitet Prinz Friedrich nicht zuerst über die Brücke, sondern lässt er Prinz Karl den Vorrang, so sind sie alle vier verloren und fahren samt der Brücke in den Abgrund hinab. Dann verschwanden die beiden.
Prinz Friedrich dachte bei sich: »Das geht hier sonderbar zu; aber die Ratschläge waren das erste Mal gut, so werden sie uns auch jetzt von Nutzen sein; und ist die schwarze Jungfer damals drei Nächte gekommen, wird sie auch diesmal so thun.« Er überredete also den Prinzen Karl, drei Tage in dem Häuschen zu bleiben; und da derselbe seinen Bruder von Herzen lieb hatte, so willigte er auch ein.
[40] In der zweiten Nacht erschienen die beiden schwarzen Gestalten von neuem, und die Tochter sagte: »Väterchen, ich weiss etwas Neues!« – »Nun, was denn?« – »Es sind zwei ausländische Prinzen hier, die glauben, sie hätten die wunderschöne Prinzess, verwünscht in dem wilden Meer in der Steinklippe, erlöst; sie irren sich aber. Jedoch sie würden die Erlösung vollbringen, wenn sie wüssten, was ich weiss.« – »Nun, was weisst du denn?« – »Der alte König hat während der Abwesenheit der beiden Prinzen eine alte Hexe geheiratet. Wenn nun die Prinzen mit ihren Bräuten glücklich über die Brücke geritten sind, wird ihnen die Stiefmutter entgegenkommen und auf goldenem Teller vier Flaschen Wein darreichen. Dann muss Prinz Friedrich vorreiten und mit seinem Degen die Flaschen zerschlagen. Thut er es nicht und trinkt Prinz Karl von dem Weine, so müssen sie alle vier sterben.« Darnach verliessen sie das Zimmer.
In der dritten Nacht sprach die schwarze Jungfer wieder: »Väterchen, ich weiss etwas Neues?« – »Nun was denn?« – »Es sind zwei ausländische Prinzen hier, die glauben, sie hätten die wunderschöne Prinzess, verwünscht in dem wilden Meer in der Steinklippe, erlöst, sie irren sich aber; sie würden jedoch die Erlösung vollbringen, wenn sie wüssten, was ich weiss.« – »Nun, was weisst du denn?« – »Wenn die Prinzen mit ihren Bräuten heimgekehrt sind und zur Trau fahren wollen, so wird ihnen auf dem Wege zur Kirche ein wunderschöner Schimmel entgegenkommen, sich vor der Prinzessin neigen und sie einladen, auf seinem Rücken Platz zu nehmen. Thut die Prinzessin das, so fährt der Schimmel mit ihr durch die Lüfte davon, und sie ist tausendmal mehr verwünscht, denn je zuvor. Prinz Friedrich muss darum dem Unglück zuvor kommen und dem Schimmel mit seinem goldenen Degen das Haupt abschlagen; dann ist die Prinzessin gerettet.«
Jetzt wusste Prinz Friedrich genug und schlief fest ein. Am andern Morgen sattelten sie die Pferde und ritten der Heimat zu. Und wirklich, es kam wiederum alles, wie die schwarze Jungfer zuvor gesagt hatte. Zuerst stiegen sie auf die prächtige Brücke. Schnell sprengte Prinz Friedrich mit seinem Rosse dem Bruder vorauf und ritt zuerst hinüber, obgleich die Stimme höhnend aus den Wolken rief: »Seht doch einmal, was sich der grobe Bauerprinz einbildet!« Prinz Karl wunderte sich zwar über das wunderliche Gebahren, aber böse wurde er erst, als ihm bald darauf seine Stiefmutter entgegentrat, ihn mit freundlichen Worten als ihren Sohn begrüsste und ihm den Wein darbot. Das schien ihm denn doch zu tölpelhaft, dass Prinz Friedrich mit dem Degen die Flaschen zerschlug, dass das köstliche Getränk auf den Erdboden floss. Prinz Friedrich aber kehrte sich nicht an den Zorn seines Bruders, sondern lockte einen Hund heran und liess ihn von dem ausgegossenen Weine lecken. Sofort streckte das Tier alle Viere von sich und gab seinen Geist auf.
Da erkannte Prinz Karl, dass sein Bruder ihm das Leben gerettet, und er drückte ihm dankbar die Hand. Darum sagte er auch nichts, [41] als Prinz Friedrich, nachdem sie in das königliche Schloss zurückgekehrt waren, auf dem Wege zur Trau dem prächtigen Schimmel das Haupt abschlug, so sehr die Prinzessin auch über den Tod des herrlichen Rosses jammerte. Ihre Freundschaft blieb felsenfest; sie zogen zusammen in das Schloss, das sie sich hatten erbauen lassen, und lebten mit ihren Frauen einträchtig bei einander und hatten ihre Freude an den schönen Kindern, die sie ihnen gebaren.
Der alten Königin liess es aber keine Ruhe, dass Prinz Friedrich alle ihre Pläne zu nichte gemacht, und sie sann Tag und Nacht darauf, sich an ihm zu rächen. Eines Abends nun war Prinz Friedrich an den Strand gegangen, um von der Düne aus auf die See zu schauen, ob seine und seines Bruders Schiffe bald heimkehren würden. Da schlich die alte Hexe ihm nach, sprach einen Zauberspruch, und da lag er vor ihr als ein grosser Felsblock im Sande. Vergnügt rieb sich das böse Weib die Hände und eilte in das Schloss zurück.
Als Prinz Friedrich nicht heimkehrte, litt es Prinz Karl nicht mehr im Schlosse bei seiner Gemahlin; er setzte sich auf sein Pferd und ritt in die weite Welt hinaus, um den verschollenen Bruder zu suchen. Nachdem er lange Zeit hin und her geirrt war, führte ihn das Ungefähr wieder in das kleine Häuschen im Walde. Gutes Muts, einmal ausruhen zu dürfen, kehrte er dort ein, führte sein Pferd in den Stall und wünschte sich selbst Tisch, Stuhl, Speise und Trank und ein weiches Bett zum Schlafen. Aber so weich er auch auf den Daunen lag, kein Schlaf wollte ihm in die Augen kommen.
Um Mitternacht öffnete sich die Thüre, und die schwarze Jungfer trat mit dem schwarzen Manne herein, und beide setzten sich an dem Tische nieder. »Väterchen,« sprach die Tochter, »ich weiss etwas Neues!« – »Nun, was denn?« – »Es ist ein ausländischer Prinz hier, der sucht seinen Bruder. Er würde ihn auch finden, wenn er wüsste, was ich weiss!« – »Nun, was weisst du denn?« – »Sein Bruder ist von der alten Hexe, der Stiefmutter der Prinzen, in einen Stein verwandelt und liegt auf der Düne am Strande.«
Als die schwarzen Gestalten wieder verschwunden waren, fiel es dem Prinzen wie Schuppen von den Augen, und er beschloss, noch eine Nacht in dem Häuschen zu bleiben. In der nächsten Nacht sprach die schwarze Jungfer wieder: »Väterchen, ich weiss etwas Neues!« – »Nun, was denn?« – »Es ist ein ausländischer Prinz hier, der würde seinen verzauberten Bruder wohl erlösen, wenn er wüsste, was ich weiss.« – »Nun, was weisst du denn?« – »In dem Zimmer des Prinzen Friedrich hängt über der Thüre ein grosser goldener Degen. Wenn Prinz Karl den nimmt und seine älteste zwölfjährige Tochter zu dem Steine führt, das Kind darauf stellt und den zarten Körper solange mit dem Degen zerschlägt, bis der ganze Stein mit Blut bedeckt ist, so erhält Prinz Friedrich Gesundheit und Leben zurück.« Dann verschwanden die beiden.
Prinz Karl hatte nun zwar sein ältestes Töchterchen sehr lieb, [42] aber das Wohl seines Bruders lag ihm noch mehr am Herzen. Er nahm sich deshalb sogleich vor, um des Bruders willen des Kindes nicht zu schonen. Da er aber den Degen noch niemals in des Prinzen Friedrich Zimmer gesehen, so beschloss er, noch eine Nacht in dem Häuschen zu verbringen, ob er vielleicht noch mehr über die Sache erfahren könne. Und richtig, als die Uhr elf schlug, traten der schwarze Mann und seine Tochter wieder ins Zimmer hinein. »Väterchen, ich weiss etwas Neues,« sprach die schwarze Jungfer. – »Nun, was denn, mein Töchterchen,« entgegnete der Vater. »Es ist ein ausländischer Prinz hier, der möchte seinen Bruder erlösen. Aber der goldene Degen ist nicht so leicht zu führen, wie er es sich denkt. Er würde ihn aber führen können, wenn er wüsste, was ich weiss.« – »Nun, was weisst du denn?« – »Dicht neben dem Degen steht auf dem Sims eine Flasche. Trinkt Prinz Karl daraus, so durchdringt ihn Riesenkraft, und er vermag den Degen zu schwingen.«
Als die beiden verschwunden waren, konnte Prinz Karl kaum die Zeit erwarten, bis die Nacht vorüber war und die Sonne aufging. Dann zog er geschwind sein Ross aus dem Stalle und ritt, so schnell er nur konnte, in sein Schloss zurück. In Prinz Friedrichs Zimmer schaute er begierig nach dem Degen, und siehe, er hing genau an dem Flecke, den die schwarze Jungfer bezeichnet hatte. Er versuchte, ihn herunter zu heben, aber es gelang ihm nicht. Da griff er nach der Flasche auf dem Sims und leerte sie mit einem Zuge. Sogleich zog es wie Feuer durch seine Adern, und federleicht schien ihm die Waffe, die er vorher nicht von der Stelle zu bewegen vermochte.
Nachdem er den Degen umgehängt, rief er sein zwölfjähriges Töchterchen zu sich und hiess es, ihn zum Strande begleiten. Das Kind sprang fröhlich vor dem Vater her, die Düne hinauf. Oben auf dem grossen Steine musste es niederknien; dann ergriff es Prinz Karl an der Kehle und hieb mit dem Degen auf den zarten Leib ein, dass das Blut den ganzen Stein überströmte und das Mädchen den Geist aufgab.
Kaum war der Felsblock mit dem warmen Blute bedeckt, als er sich zu regen und bewegen begann; er reckte sich und streckte sich und kehrte zu seiner früheren Gestalt zurück. »Warum hast du mich aus meinem Schlafe gestört, mein Bruder,« sagte Prinz Friedrich, »ich hatte so schön geruht.« – Da fiel Prinz Karl seinem Bruder vor Freuden um den Hals und erzählte ihm alles, wie es gekommen war. Dann traf sein Blick die Leiche des Kindes, und er weinte bitterlich.
»Die Sorge will ich dir nehmen,« sagte Prinz Friedrich, ergriff die Leiche und wusch sie in dem See am Schlosse mit dem Wasser des Lebens. Sofort heilten die Wunden, und das Mägdlein schlug seine Augen auf. – »Nun wollen wir aber auch die alte Hexe bestrafen,« sprach er darauf, und die beiden Brüder griffen das böse Weib und fragten sie, was sie lieber wolle, ihr Leben lang einen sieben Meilen langen Schwanz nachschleppen oder neunmal sterben.
[43] Das erste schien der Hexe denn doch eine zu grosse Qual, darum wählte sie die andere Strafe. »Denn,« dachte sie, »was sie auch reden, einmal kann ich ja doch nur sterben.« Aber sie hatte sich arg verrechnet. Die beiden Prinzen liessen das falsche Weib sich erst recht zu Tode quälen, und als sie endlich gestorben war, wurde sie in dem See gewaschen, und sofort kehrten ihre Lebenskräfte zurück. Als sie die Künste des Prinzen Friedrich merkte, da hub sie an zu jammern und zu flehen und bat ihn, es doch mit einem Tode bewenden zu lassen. Aber alles Bitten half dem bösen Weibe zu nichts, sie musste neunmal sterben, und erst dann durfte sie der Grabesruhe geniessen.
Prinz Friedrich und Prinz Karl lebten aber noch viele Jahre mit ihren Frauen in Glück und Frieden und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.
Es war einmal ein reicher König, der hatte zwei Söhne. Der älteste davon, welcher dem alten König in der Herrschaft folgen sollte, hörte eines Tages von fremden Wandersleuten die Schönheit der Tochter des Königs von Engelland preisen. Das entzündete ihm das Herz in der Brust, und er lief zu seinem Vater und bat ihn, dass er um die Hand der Prinzessin anhalten dürfe. Der alte König aber sprach zu ihm: »Der König von Engelland ist ein gewaltiger, stolzer Herrscher, dem sind alle Könige der Welt nicht reich und mächtig genug, und jedem, der kommt und um seine Tochter wirbt, lässt er das Haupt abschlagen. Bleib darum im Lande und nimm dir eine andere Prinzessin.«
Der Königssohn schlich betrübt von dannen, ass nicht und trank nicht und wurde von Tag zu Tage zusehends schwächer. Da sah der alte König ein, dass dem Unglück nicht mehr zu wehren sei: »So oder so tot,« dachte er und erlaubte den Brüdern, ein Schiff auszurüsten und nach Engelland zu segeln. Der jüngere Prinz aber war ein über die Massen kluger Mann, er liess darum die herrlichsten Kunstwerke aus der Schatzkammer des Königs und, was sonst von schönen Dingen in dem Lande zu finden war, auf das Schiff bringen und kleidete seinen Bruder und sich selbst als Kaufleute aus; dann stachen sie in See.
Nach vielen Tagen und Nächten bekamen sie Engelland in Sicht, und es dauerte gar nicht lange, so lagen sie hart an dem königlichen Schloss vor Anker. Die beiden Prinzen stiegen in ihren Kaufmannskleidern aus dem Schiffe, sechs Diener mussten allerhand Kostbarkeiten [44] vor ihnen her tragen, und so schritten sie durch das Thor in das Schloss hinein. Drinnen sass der König auf seinem Throne und die Tochter zu seiner Rechten neben ihm. Als die fremden Kaufleute die schönen goldenen und silbernen Geräte als Geschenk überreicht hatten, ward die Prinzessin begierig, auch die andern Kostbarkeiten zu sehen, die noch in dem Schiffe waren, und sie liess ihrem Vater keine Ruhe, bis er ihr erlaubte, mit ihren Kammerjungfern zum Schiff herabzugehen und dort die Schätze zu besichtigen.
Als sie nun auf dem Verdeck waren, stieg der älteste Prinz mit der Königstochter und ihren Jungfrauen in den Schiffsraum hinab, und sie konnten sich gar nicht satt sehen an all den herrlichen Dingen, welche er ihnen zeigte. Inzwischen hiess sein Bruder die Schiffsleute die Anker lichten, die Segel wurden gesetzt, ein frischer Wind blies in die Leinewand, und ehe sich's die Prinzessin im Raum und der König auf seinem Schlosse versahen, schwamm das Schiff schon auf hoher See. Nachdem die Prinzessin ihre Augen genugsam an den reichen Schätzen geweidet hatte und wieder hinaufgestiegen war, rang sie vor Verzweiflung die Hände und wollte über Bord in das Meer springen. Da stürzte ihr jedoch der Prinz zu Füssen, nannte seinen Namen und schwur ihr zu, nur deshalb habe er die ganze Fahrt unternommen, weil er sie so innig liebte und ohne List nicht in ihren Besitz gekommen wäre. Als die Prinzessin erfahren hatte, dass der fremde Kaufmann eines reichen Königs Sohn sei, und da sie befand, dass er jung von Jahren und hübsch von Ansehn wäre, so hörte sie mit dem Weinen auf und ergab sich in ihr Schicksal.
Anders war's mit dem alten, stolzen König von Engelland; der tobte und fluchte und befahl sofort, die ganze Flotte auszurüsten und den Räubern nachzusetzen. Aber der kluge Bruder des Prinzen hatte zuvor die Fahrzeuge des Königs angebohrt, und so sanken die Schiffe, als sie im tiefen Wasser waren, und die Verfolgung musste aufgegeben werden.
Nun lebten aber in Engelland drei garstige, alte Zauberweiber, die alles Übel verrichten konnten. Nach denen sandte der König, und als sie bei ihm waren, befahl er ihnen, den Räuber zu töten und seine Tochter, tot oder lebendig, wieder zu ihm zurückzubringen. Da verwandelten sich die drei Hexen in kohlschwarze Raben, stiegen hoch in die Luft und flogen seewärts dem Schiffe nach. Als die Nacht hereinbrach, hatten sie die beiden Prinzen eingeholt und liessen sich auf den Spitzen der Mastbäume nieder. Alle Schiffsleute schliefen, nur über die Augen des jüngeren Prinzen konnte kein Schlaf kommen, und er sass einsam am Fusse des Hauptmastes.
Da hörte er, wie der eine Rabe sprach: »Schwestern, wie werdet ihr's beginnen, des Königs Gebot zu vollführen? Ich mache es so: Wenn das Schiff vor Anker geht, so wird der Prinz mit seiner jungen Gemahlin von Vater und Mutter und dem ganzen Hofe feierlich empfangen. Für die Prinzessin steht ein herrlicher Schimmel mit goldenem Sattelzeug bereit, dass er sie in das Schloss trage. In [45] diesen Schimmel verwandle ich mich selbst, und wenn sich die Prinzessin auf meinen Rücken gesetzt hat, so trage ich sie durch die Luft zurück in ihres Vaters Reich.« – Sprachen die beiden andern Raben: »Schwester, hat auch niemand deine Reden gehört?« – Antwortete die Hexe: »Mag's gehört haben, wer will. Wenn er's dem Prinzen sagt, so wird er bis zu den Knien zu Stein. Aber nun erzählt auch ihr, wie ihr dem Könige dienen wollt!«
Da hub der zweite Rabe an und sprach: »Wenn der Prinz mit seiner jungen Gemahlin vor das Königsschloss kommt, so wird ihnen die Königin einen Becher Weines darreichen; den habe ich vergiftet. Trinken sie davon, so sinken sie zu Boden und sind tot.« – »Weiss auch niemand darum?« fragten die anderen Raben. »Meinethalben mag jemand darum wissen, ausser mir,« versetzte die zweite Hexe, »denn sagt er dem Prinzen davon und warnt ihn, so wird er bis an die Brust zu Stein. Da wird er's wohl bleiben lassen.«
»Jetzt will ich auch sagen, was ich vorhabe,« sprach der dritte Rabe. »Wenn der Königssohn und die Prinzessin in das Brautgemach treten, so fallen sie tot zu Boden; denn ich habe die ganze Kammer verhext, und der Zauber kann nicht anders gehoben werden, als dass jemand seinen Degen zieht und damit vor dem Eintritt des jungen Paares drei Kreuze in der Luft beschreibt.« – »Wenn nun aber jemand deine Worte gehört hat?« sprachen die beiden ersten Raben. »Das hilft ihm wenig!« sprach der dritte; »erzählt er dem Prinzen davon, so wird er vom Kopf bis zur Sohle ein Stein.« Nachdem sie das gesagt hatten, huben sich die drei Raben in die Lüfte und flogen krächzend davon.
Der jüngere Prinz hatte auf die Reden der drei Raben genau Obacht gegeben und behielt alle Worte, die sie gesprochen, in seinem Herzen. Als das Schiff endlich die Stadt anlief, wo der Vater der beiden Prinzen König war, zog ihnen richtig der alte König mit seinem ganzen Hofstaat entgegen, und zur Einholung der Braut brachte er einen herrlichen Schimmel mit. Schon wollte die Königstochter von Engelland das Ross besteigen, als ihr Schwager dazwischen sprang und dem Schimmel seinen Degen durch's Herz stach, dass er tot zusammenbrach und sein rotes Blut den weissen Seesand färbte.
Der alte König war sehr zornig darüber und schalt seinen jüngeren Sohn; auch dem Bruder war die Sache nicht recht; indessen trösteten sie sich damit, dass das Geschehene nun einmal nicht mehr zu ändern sei. Als sie nun an das Schloss kamen, stand die alte Königin vor dem Thor und hielt einen Becher Wein in der Hand, dass das junge Paar den Ehrentrunk daraus tränke. Ehe sie's sich versahen, war ihnen aber wieder der jüngere Prinz zuvor gekommen und schlug mit seinem Degen auf den Becher ein, dass das Glas in tausend Stücke sprang und der köstliche Wein verschüttet wurde. Das war dem Könige denn doch zu viel. »Erst hast du mich gekränkt, als du den Schimmel erstachst, und nun beleidigst du deine eigene Mutter!« rief er ergrimmt; »Begehst du noch einmal solch' grosse Frevelthat, so [46] lass ich dich in ein Gefängnis werfen, das weder Sonne noch Mond bescheint.« Der jüngere Prinz biss sich mit den Zähnen auf die Lippen, dass das Blut hervordrang, doch sprach er kein Wort der Rechtfertigung. Stumm und still schritt er hinter dem Bruder und der Königstochter von Engelland einher; als die beiden aber das festlich geschmückte Brautgemach betreten wollten, sprang er zum dritten Male ihnen in den Weg, drängte sich vor ihnen auf die Schwelle und schlug mit seinem Degen dreimal kreuzweis in die Luft hinein.
»Nun thut der Bösewicht gar seinem eigenen Bruder und der jungen Braut etwas an,« schrien der alte König und die Königin mit einer Stimme; »ihm war's nicht genug, uns beide zu kränken!« Und der König rief den Henker, der musste den Prinzen nehmen und ihn bei Wasser und Brot in einen finsteren Kerker werfen. Nur einmal an jedem Tage durfte er das liebe Sonnenlicht sehen; dann liess ihn der König zu sich in den Krönungssaal rufen und fragte ihn vor seinem Bruder und allen Grossen des Reiches, warum er den Schimmel erstochen, das Glas zerschlagen und mit dem Degen die drei Kreuze beschrieben habe. Aber der Prinz war standhaft und antwortete jedesmal nichts weiter darauf, als die kurzen Worte: »Ich darf nicht sagen, warum ich das alles gethan habe; denn sag' ich es euch, so werde ich vom Kopf bis zur Sohle ein Stein.«
Das schien dem König und seinem ganzen Hofe eine schändliche Lüge; man glaubte ihm nicht und spottete seiner noch obendrein. So ging es ein halbes Jahr; da ward seine Seele müde, und als ihn sein Vater wieder hinaufführen liess und fragte: »Warum hast du den Schimmel erstochen, das Glas zerschlagen und mit dem Degen die drei Kreuze beschrieben?«, antwortete er: »Wenn ihr mein Unglück wollt, so will ich's euch erzählen. Der Schimmel war ein verwandeltes Zauberweib. Hätte sich die Königstochter von Engelland darauf gesetzt, so hätt' er sich mit ihr in die Lüfte erhoben, und sie wäre unwiederbringlich verloren gegangen. Das wusste ich, und darum erstach ich das Tier; sagte ich aber irgend einem Menschen davon, so musste ich bis zu den Knien zu Stein werden. Seht nur her, Vater und Bruder, zu Stein, wie ich jetzt bin!«
Dem König und dem ältesten Prinzen ward himmelangst bei diesen Worten, und sie liefen herbei und sahen, dass er wirklich bis zu den Knien kalter Stein geworden war. Jetzt baten und flehten sie: »Halt inne, mein Sohn, halt inne, lieber Bruder!« denn sie sahen seine grosse Treue; er aber antwortete: »Habt ihr mich so weit in's Elend getrieben, mögt ihr mich auch ganz zu Grunde richten,« und erzählte darauf, wie's mit dem Becher bestellt gewesen. »Schaut her, Vater und Bruder,« rief er dann, »dass ich dies verraten habe, macht meinen Körper bis zur Brust zu Stein.« – Mit dem König und seinem ältesten Sohne baten nun alle Grossen des Reiches und das ganze Hofgesinde, er möge doch jetzt schweigen und wenigstens das Haupt und die Brust retten. Aber ihr Reden half ihnen nichts, schon hatte der Prinz seinen Mund wieder aufgethan und begann zu erzählen, [47] warum er mit dem Degen die drei Kreuze in der Luft beschrieben. Und als er das letzte Wort gesprochen, erstarrte ihm seine Zunge, und vom Kopf bis zur Sohle war er ein kalter, toter Stein, wie die drei Raben vorher gesagt hatten.
Der alte König weinte und jammerte, aber noch weit mehr klagte der älteste Prinz, denn es fiel ihm schwer auf die Seele, dass er die Treue seines Bruders mit Undank belohnt habe. Um nun doch etwas von ihm zu haben, mussten seine Diener den Stein in sein Schlafgemach tragen, und immer, wenn er seinen armen Bruder dort stehen sah, betete er zum lieben Gott, dass er ihn noch einmal erlösen möchte. So vergingen ein paar Jahre, und die Königstochter von Engelland hatte ihrem Gemahl zwei herzige Kinder geschenkt, rot wie Blut und weiss wie Schnee, als ihm eines Nachts träumte: »Du kannst deinen Bruder erlösen, wenn du deine beiden Kinder schlachtest und mit ihrem Blute den Stein bestreichst.« Als er erwachte, däuchte ihm, der Traum käme von Gott, zu dem er so oft um das Leben seines Bruders gebetet; und ohne sich lange zu besinnen, nahm er die beiden Kinder aus ihren Bettchen heraus, schlug ihnen mit dem scharfen Schwerte das Haupt ab und besprengte mit dem warmen Blute den Stein.
Es dauerte auch gar nicht lange, so begann sich der Felsblock zu regen und zu bewegen, und ehe er sich's versah, stand sein Bruder gesund und munter vor ihm, und sie herzten und küssten einander. Darnach gedachte er jedoch seiner Kinder und wandte sich traurig um, damit er ihre Leichen betrachte; aber wie verwunderte er sich, als die Kleinen vergnügt am Boden spielten, als sei ihnen niemals etwas Böses zugestossen, und verlangend die Händchen nach ihm ausstreckten. Jetzt war die Freude erst recht gross, und es wurde ein herrliches Fest gefeiert, bei dem es hoch herging. Ich wollte, du und ich, wir wären mit dabei gewesen; denn wer's mit gemacht hat, dem ist der Mund noch darnach lecker.
Ein armer Tagelöhner hatte dreiundzwanzig Söhne, und als ihm gar der vierundzwanzigste geboren wurde, wollte ausser dem Pastor und dem Küster niemand im Dorfe Gevatter stehen. »Die Welt ist zu ungerecht!« sagte der arme Mann, »da habe ich nun vierundzwanzig Kinder, und die reichen Bauern haben nur ein paar, und nun wollen sie nicht einmal mehr Pate sein! Aber wartet nur, ich werde mir schon von wo anders her einen Gevatter besorgen;« damit langte er den Hut vom Nagel und den Stock aus der Ecke und wanderte zum [48] Dorfe hinaus. Es dauerte gar nicht lange, so begegnete ihm ein Mädchen. »Woher, wohin,« fragte dasselbe. »Ich suche jemand, der bei meinem vierundzwanzigsten Sohne Gevatter steht,« antwortete der Tagelöhner. »Da bist du gerade an den Rechten gekommen,« erwiderte das Mädchen, »ich bin nämlich der liebe Gott und will dir gerne den Gefallen thun.« – »Wenn du der liebe Gott bist,« versetzte der arme Mann, »so kann ich dich nicht gebrauchen; denn du bist nicht gerecht genug. Wärest du es, so ginge es den reichen, faulen Bauern nicht so gut und brauchten wir armen Tagelöhner nicht in so bitterer Armut unsere Tage zu verbringen.«
Da ging das Mädchen seiner Wege, und ein kleines Männchen trat auf ihn zu. »Woher, wohin?« fragte auch das Graumännlein. »Ich suche jemand, der bei meinem vierundzwanzigsten Sohne Gevatter steht,« erwiderte der Tagelöhner. Da sagte auch das Graumännchen: »Freue dich, denn du bist gerade an den Rechten gekommen. Ich bin nämlich der Böse und will gerne die Patenstelle vertreten.« – »Das fehlte auch noch gerade,« rief aber der Tagelöhner, »du bist ja die Ungerechtigkeit selbst. Du stiehlst uns Armen das Korn und den Speck aus dem Hause heraus und trägst es den reichen Bauern in die Kammer. Geh nur, dich kann ich nicht gebrauchen!« Der Teufel setzte ein verdriessliches Gesicht auf und machte, dass er davon kam.
Endlich begegnete dem Tagelöhner ein langer, hagerer, alter Mann; und als der vernommen hatte, was der Tagelöhner suche, sprach er zu ihm: »Wenn es dir recht ist, so werde ich der Gevatter sein, ich bin der Tod.« – »Ja, dich will ich gerne nehmen,« rief der arme Mann freudig, »du bist der einzig Gerechte auf der ganzen weiten Welt. Du verschonst nicht reich noch arm, nicht vornehm noch gering, vor dir sind wir alle gleich! Und damit du die Zeit nicht versäumst, kommenden Sonntag soll die Taufe sein!« Antwortete der Tod: »Wenn alles so weit ist, so öffne nur die Thüre und rufe mich, dann bin ich zur Stelle.« Darauf sagten sie einander Lebewohl, und der Tagelöhner kehrte nach Hause zurück und war froh und vergnügt, dass er einen so gerechten Mann als dritten Zeugen bei der Taufe seines vierundzwanzigsten Sohnes bekommen habe.
Als der Sonntag kam und alles zur Taufe bereitet war, sprach der Pastor: »Wo bleibt denn der dritte Zeuge?« – »Er wird sogleich hier sein,« antwortete der Tagelöhner, öffnete die Thüre, und da stand der Tod schon draussen und ging mit ihm in die Stube hinein. Nachdem der Neugeborene in der heiligen Taufe den Namen Hans bekommen hatte, griff der Pastor in die Tasche, zog einen Thaler hervor und drückte denselben dem Vater für den Täufling in die Hand. Der Küster machte die Sache mit fünfzehn Groschen ab, und nun kam der Tod an die Reihe. »Geld und Gut habe ich nicht,« sprach dieser, »doch auch ich will mein Patenkindchen nicht leer ausgehen lassen. Hier ist ein Schlüssel, den muss der Herr Pastor in das Kirchenbuch legen, und wenn Hans vierzehn Jahre alt geworden und eingesegnet [49] ist, dann soll er ihm den Schlüssel mit auf die Wanderschaft geben.« Nachdem der Tod das gesagt hatte, ging er aus der Stube heraus und war verschwunden, der Pastor aber legte den Schlüssel in das Kirchenbuch; und als die vierzehn Jahre verflossen waren und die Einsegnung vorüber war, behielt er den Jungen noch einen Augenblick bei sich, gab ihm den Schlüssel und sprach zu ihm: »Hier hast du das Geschenk deines dritten Paten. Verwahre den Schlüssel gut und gieb ihn nie von dir.« Darauf bedankte sich Hans bei dem Herrn Pastor und kehrte in seines Vaters Hütte zurück.
»Vater,« sagte er, als er dort angelangt war, »ich will dir nicht länger zur Last fallen; ich gehe auf die Wanderschaft.« – »Du thust recht daran,« antwortete der Tagelöhner, »bei mir giebt es nur Wasser und trocken Brot. Bei fremden Leuten bekommst du etwas auf den Leib und etwas in den Leib.« Da gab Hans seinem Vater und den dreiundzwanzig Brüdern eine Hand, sagte ihnen Lebewohl und ging in die weite Welt hinaus. Über ein Weilchen kam er in einen grossen Wald, der wollte kein Ende nehmen. Er ging Tag und Nacht und musste seinen Hunger mit den Erdbeeren und Himbeeren stillen, die im Walde wuchsen. Endlich sah er am Abend des zweiten Tages ein allmächtig grosses Haus vor sich mit vielen Fenstern, die flimmerten und blitzten von den Lichtern, welche drinnen angezündet waren. Es war auch eine Thür da, welche in das grosse Haus führte; aber die Thüre war verschlossen, und so viel er auch anpochen mochte, niemand that ihm auf. Da dachte Hans bei sich: »Wozu hast du denn den Schlüssel, den dir dein Pate geschenkt hat?« Gedacht, gethan, er zog den Schlüssel aus der Tasche, steckte ihn in das Schlüsselloch hinein und drehte ihn um, und sogleich sprang die Thüre krachend auf.
Jetzt sperrte er aber seine Augen auf; denn so viele Lichter, als hier standen, waren sicherlich nicht wieder auf der ganzen Welt beisammen zu finden. Die Augen thaten ihm ordentlich wehe von dem grossen Glanz. Während er noch so dastand und nicht wusste, wie ihm geschah, trat ein grosser, hagerer, alter Mann auf ihn zu und sprach zu ihm: »Wie bist du herein gekommen in mein Haus?« – »Ich habe es aufgeschlossen mit dem Schlüssel, den mir mein dritter Pate bei der Taufe geschenkt hat,« antwortete der Junge. »Dann bin ich dein Gevatter,« antwortete der Tod, denn er war es ja, »und weil du müde bist, will ich dich die Nacht hier behalten. Aber Speise und Trank kannst du bei mir nicht bekommen.« – »Auch gut,« sagte Hans, »aber, was sind denn das für viele Lichter, lieber Pate?« – »Ich bin der Tod,« antwortete der alte Mann, »und dies ist mein Haus, und die Lichter darin sind die Lebenslichter aller Menschen auf der ganzen Erde. Wenn ein Licht ausgebrannt ist, so stirbt der Mensch und wird begraben.« – »Wem gehört denn dies kleine Lichtstümpfchen?« fragte der Junge und wies auf ein Licht, das vor ihm stand und dem Erlöschen nahe war. »Das ist deines Vaters Licht,« entgegnete der Tod, »er muss bald sterben.« – »Aber [50] er war doch noch frisch und gesund, als ich ihn vor zwei Tagen verliess!« jammerte der Junge, »lieber Pate, gebt meinem Vater ein anderes Licht, damit er noch einmal erleben möge, was ich werde.« Anfangs wollte der Tod nicht darauf eingehen, da aber Hans nicht nachliess mit Bitten und Quälen, so sagte er endlich: »Weil du mein Patchen bist, so mag's geschehn,« damit setzte er ein neues Licht an des erlöschenden Stumpfes Stelle.
»Wem gehört denn aber das schiere, lange Licht, das alle andern weit überragt?« fragte Hans wieder. »Das ist dein Licht,« gab ihm der Tod zur Antwort, »das habe ich dir ausgewählt, weil ich dein Gevatter bin! Du wirst ein langes Leben geniessen.« Da freute sich der Junge; doch weil er müde geworden war von dem vielen Wandern, so liess er jetzt nach mit Fragen und legte sich in ein Eckchen und schlief ein. Am andern Morgen bedankte er sich nochmals schön bei seinem Gevatter, dem Tod, ging aus dem Hause heraus und setzte seine Wanderung fort durch den grossen Wald hindurch. Nachdem er einen Tag und eine Nacht gewandert war, ohne einen Menschen zu treffen, stiess er endlich auf ein kleines Häuschen, das war verschlossen, wie die Wohnung seines Paten, des Todes. Er aber dachte sogleich an seinen Schlüssel, und er hatte sich nicht verrechnet, der Schlüssel schloss, und er trat in die Hütte hinein. Drinnen stand ein prächtiger Schimmel, der sprach: »Mach, dass du von dannen kommst, oder du bist des Todes.« – »Lieber Schimmel,« sagte der Junge, »ich habe drei Tage nichts zu essen bekommen, und zuvor musst du mir Speise geben, ehe ich gehe.« Antwortete der Schimmel: »Dort in dem Schranke findest du Braten und Wein, davon iss, bis du satt bist. Aber eile dich, denn dies ist eine Räuberhöhle. Und damit du dem Tode entrinnen kannst, so zäume mich auf, wenn du satt geworden bist, und setz dich auf meinen Rücken; dann werde ich dich der Gefahr entreissen!« Hans gehorchte der Rede des Schimmels, und als er satt geworden war, zäumte er ihn geschwind auf, schwang sich auf seinen Rücken und ritt zur Hütte hinaus. Draussen hob sich aber der Schimmel sogleich in die Lüfte, und es war die höchste Zeit gewesen, denn schon standen die Räuber unter ihnen und schossen nach dem Schimmel; aber er befand sich bereits in den Wolken, und die Kugeln konnten ihn und den Reiter nicht mehr erreichen.
Als sie eine Weile über die Wolken geritten waren, erblickte der Junge vor sich einen herrlichen Vogel, dessen Gefieder glänzte in der Luft, als war' es ein Feuermeer. »Ach hätt' ich doch den schönen Vogel!« schrie der Junge; aber der Schimmel rief: »Hans, lass den goldenen Vogel in Ruhe, der geht dich nichts an.« Aber Hans kehrte sich nicht an des Schimmels Worte, sondern zog den Schlüssel hervor, zielte damit im Übermute nach dem Vogel und rief: »Ach, wenn doch jetzt mein Schlüssel eine Pistole wäre!« Krach ging auch schon der Schuss los, und eine von den goldenen Federn schwebte zur Erde herab, während der Vogel mit dem Schrecken davon kam und entfloh. »Schimmel,« sagte darauf der Junge, »jetzt [51] lass dich hernieder, dass ich die goldene Feder aufhebe.« Der treue Schimmel warnte wieder: »Hans, lass die Feder liegen, die geht dich nichts an!«; aber der Knabe beharrte auf seinem Willen, und der Schimmel musste sich auf die Erde herab senken. Dort ergriff der Junge die Feder und steckte sie zu sich, dann stieg der Schimmel wieder in die Luft empor, und sie ritten weiter über die Wolken dahin, bis sie endlich eine grosse Stadt zu ihren Füssen liegen sahen. Dort liess sich der Schimmel auf einer grünen Wiese vor dem Stadtthore nieder und sprach zu dem Jungen: »Jetzt steig von meinem Rücken und zäume mich ab, nimm den Zaum zu dir und verwahre ihn gut. Und wenn du in Not kommst, so zieh ihn hervor und schüttle ihn, dann werde ich im Augenblick bei dir sein und dir Rat und Hülfe erteilen. Zur Zeit wird es das Beste für dich sein, du gehst in des Königs Dienste; er braucht einen Stalljungen, und der Stallmeister wird dich gerne nehmen.« Nachdem der Schimmel das gesagt hatte, hob er sich in die Lüfte und eilte davon, der Junge aber ging durch das Stadtthor in die Herberge, um sich nach einem Dienste umzusehen.
Es dauerte auch gar nicht lange, so trat der Stallmeister herein und fragte den Wirt, ob nicht ein hübscher, junger Bursche bei ihm vorgesprochen habe; er brauche einen solchen für des Königs Pferdestall. Da trat Hans vor, und weil er dem Stallmeister gefiel, so musste er sogleich mit ihm kommen und wurde in den Marstall geführt. Dort hatte er den Tag über die Rosse zu futtern und zu tränken, zu striegeln und zu putzen, auf die Weide und in die Schwemme zu reiten, und des Nachts musste er im Stalle bleiben und bei den Pferden schlafen. Das gefiel ihm auch recht gut, wenn es nur nicht am Abend so entsetzlich dunkel im Stalle gewesen wäre; und Licht durfte nicht gebrannt werden, das hatte der König bei Leibesstrafe verboten. Eines Abends langweilte er sich auch wieder in der Dunkelheit, und wie er so sann und sann, fiel ihm die goldene Feder ein, welche er mit seinem Schlüssel dem schönen Vogel vom Leibe geschossen. Er zog sie aus der Tasche hervor, und kaum hatte er sie in der Hand, so strahlte der ganze Stall wie ein Feuermeer. Hans erschrak und schob die Feder sogleich wieder in die Tasche hinein; aber des Königs Gesinde hatte den Feuerschein bemerkt und lief herbei, um zu löschen, denn sie dachten, der Stall stehe in Flammen.
Als sie hineingetreten waren, war es stichdunkel im Stalle, und Hans lag auf seinem Heubündel und that, als wenn er schliefe. Die Knechte rüttelten ihn aber wach und liessen ihn scharf an, warum er Feuer in dem Stalle angezündet habe, und ob er nicht wisse, welche Strafe von dem König darauf gesetzt sei. Der Junge beteuerte zwar immer fort, er sei unschuldig und habe kein Licht gebrannt; aber sie glaubten ihm nicht, bis er endlich die Feder hervorzog und sie ihnen zeigte. Alsbald strahlte der Stall wieder, wie ein Feuermeer, und die Knechte riefen: »Das ist ja eine herrliche Feder, die muss unser Herr König sehen!« Und richtig, am andern Morgen wurde Hans vor den König geführt. Der steckte die Feder, nachdem er sich eine Zeit lang [52] an ihrem Glanze erfreut hatte, zu sich in die Tasche und sagte darauf zu dem Jungen: »Hans, du musst mir den Vogel schaffen, dem die Feder gehört!« – »Mein Herr König,« antwortete Hans, »die Feder habe ich gefunden, und ich weiss gar nicht, wo der Vogel lebt, dem sie gehört hat; wie soll ich ihn da finden!« – »Hans,« sprach der König, »du hast die Feder gehabt, du wirst auch wissen, wo der Vogel ist; und ich befehle dir, dass du ihn mir herbei schaffst. Drei Tage hast du Bedenkzeit, und willst du mir auch dann nicht den Vogel bringen, so muss dir der Henker den Kopf abschlagen.«
Damit war das Gespräch mit dem König zu Ende, und Hans lief wie ein verlorener Mann den ganzen Tag durch im Garten umher; Speise und Trank wollte ihm nimmer schmecken, und er hatte Kopfschmerzen und Wehtage und war doch nicht krank. Am zweiten Tag fiel ihm sein treuer Schimmel ein; er zog den Zaum aus der Tasche und schüttelte ihn, und sogleich stand der Schimmel vor ihm und fragte nach seinem Begehr. »Lieber Schimmel,« antwortete der Junge, »der König hat mir meine goldene Feder genommen und will nun den Vogel dazu haben; den soll ich ihm bringen. Und kann ich es nicht, so lässt er mir das Haupt abschlagen.« – »Siehst du,« sagte der Schimmel, »ich habe dich genug gewarnt, du sollst die Feder liegen lassen. Nun hast du das Elend!« – »Ach lieber Schimmel,« bat Hans, »nun ist's doch einmal geschehen! Giebt es denn gar keine Möglichkeit, des goldenen Vogels habhaft zu werden?« – »Warum nicht!« versetzte der Schimmel, »aber es dauert eine lange Zeit. Weit, weit im Morgen liegt am Strande des grossen Meeres ein Schloss, darin wohnt eine Prinzessin; und in ihrem Schlafzimmer stehen auf dem Tische zwei Bauer, ein goldenes und ein eisernes, und der Vogel sitzt dabei. Wenn du nun dort bist, musst du den goldenen Vogel in das eiserne Bauer stecken und machen, dass du aus dem Schlosse kommst. Nimmst du aber das goldene Bauer, so ist es dein Unglück!« – Als Hans diese Worte gehört hatte, ward ihm schon ein wenig sanfter zu Mute; aber wie sollte er zu dem Schlosse kommen? Er fragte darum den Schimmel danach. »Wenn du zu dem Schlosse kommen willst,« erwiderte der Schimmel, »so musst du dir von dem Könige drei grosse Schiffe ausrüsten lassen, das eine mit lebendigem Vieh, mit Ochsen, Rindern, Pferden, Schafen, Schweinen, Ziegen und Federvieh, das andere mit Erbsen, Bohnen, Roggen, Weizen, Hafer, Buchweizen und Kartoffeln und das dritte, auf dem du selbst fährst, mit Fleisch, Brot und anderen Lebensmitteln; denn die Reise ist lang, und du wirst der Speise nötig haben.« Hans bedankte sich bei dem Schimmel, und als derselbe verschwunden war, ging er auf das Schloss zu dem König und erklärte ihm, dass er den Vogel bringen wolle, wenn er die drei Schiffe ausgerüstet bekäme.
»Was du brauchst, sollst du haben,« antwortete der König, »das ist recht und billig!«, und sogleich wurden drei grosse, schöne Schiffe ausgerüstet und beladen, wie Hans es sich wünschte. Dann stieg er in das Schiff mit den Lebensmitteln, die Anker wurden gelichtet, [53] und sie fuhren in das wilde Meer hinaus. Nachdem sie ein halbes Jahr und darüber gefahren waren, segelten sie an einer Sandbank vorbei, und indem sie ihre Augen darauf warfen, wälzte sich eine gewaltige Sturzsee an den Strand, und als sie sich zurückzog, lag ein allmächtiger Karpfen auf dem Sande und konnte nicht wieder das Wasser erreichen, so sehr er auch sprang und sich überschlug. Als Hans das sah, that ihm das arme Tier leid und er befahl den Schiffsleuten, dass sie die Anker würfen und ein Boot aussetzten. Damit liess er sich an die Sandbank heranrudern, stieg aus und warf den grossen Karpfen wieder in das Meer hinein. Ehe der Karpfen aber untertauchte und in den Wellen verschwand, sprach er: »Hab Dank, lieber Hans, du hast mir das Leben gerettet. Und wenn du einmal in Not kommst und ich dir helfen kann, so fahr zu mir an diese Sandbank und ruf in das Meer hinein: ›Karpfen, die drei Könige!‹ Dann werde ich sogleich bei dir sein und dir helfen.« Hans sagte darauf dem Karpfen Lebewohl, liess sich wieder auf sein Schiff nehmen und segelte weiter.
Nach drei Monden fuhren sie an einer Insel vorbei; darauf standen drei grosse Riesen und kämpften gegen einander, dass das Blut in Strömen hernieder floss und die Erde rot färbte. »Das ist doch recht schlecht von den Riesen,« dachte Hans, »dass sie sich so unter einander bekämpfen. Du wirst einmal sehen, ob du sie nicht wieder versöhnen kannst.« Die Schiffsleute mussten die Anker werfen, und Hans ruderte mit dem Boote zu ihnen heran. »Schämt euch doch, ihr Riesen,« rief er ihnen zu, »wer wird sich denn gegenseitig tot schlagen!« – »Das lehrt uns die Not,« antworteten die drei Riesen, »eine Sturmflut hat uns all unser Vieh genommen und unsere Scheunen weggerissen und unsere Saaten vernichtet; und wir haben nur noch einen einzigen Ochsen. Jetzt schlagen wir uns so lange, bis zwei von uns gestorben sind, der dritte mag dann den Ochsen verspeisen und sich auch hinlegen und sterben.« – »Ich werde euch helfen,« sagte Hans; dann liess er das Schiff mit dem lebenden Vieh und das Schiff mit den Erbsen, Bohnen, Kornfrüchten und Kartoffeln an der Insel ausladen. »Nun esst davon und bebaut eure Äcker und weidet eure Herden,« sprach Hans, »dann braucht ihr nicht Hungers zu sterben.« – »Hab Dank, lieber Hans,« riefen ihm die Riesen zu, als er wieder auf sein Schiff stieg, »wir wollen's dir gedenken. Wenn du einmal in Not kommst und wir dir helfen können, so fahre nur zu dieser Insel und ruf: ›Riesen, die drei Könige!‹ dann sind wir sogleich bei dir und stehen dir zu Gebote.« Ehe Hans noch antworten konnte, hatten die Winde das Schiff schon tief in das Meer hinein getrieben, und sie segelten wieder drei Monde lang, ohne etwas anderes zu sehen, als Himmel und Wasser.
Am Ende des dritten Mondes sah Hans eine kleine, öde Insel vor sich, die war mit einem Guseltanger 1 kümmerlich bestanden, [54] und auf der einen Fichte befand sich ein Storchnest, in dem sassen drei junge blaue Störche, die noch nicht flügge waren. Indem zog am Himmel ein schwerer Schwark herauf, und da Hans vorher sah, dass er Gewitter und Hagel bringen würde, dauerten ihn die jungen Störche in ihrem offenen Neste. Er liess darum das Schiff wieder vor Anker gehen und sich mit dem Boote ans Land rudern. Dort schnitt er Fichtenzweige ab und baute davon ein Dach über das Nest, so dass, als der Schwark sich über der Insel entlud, die Hagelschlossen den Jungen nichts anhaben konnten, obwohl die Eisstücken so dick, wie eine Faust und ein Kopf, auf den Guseltanger hernieder schlugen. Als der Schwark sich verzogen hatte, kamen die alten Störche angstvoll herbei geflogen, denn sie dachten, der Hagel habe ihre Kinder erschlagen. Aber die Jungen stiessen fröhlich die Fichtenzweige beiseite und streckten den Alten die hungrigen Schnäbel entgegen. »Wer hat euch denn zugedeckt,« riefen die Alten erfreut; denn sie hatten noch niemals Junge gross ziehen können, weil sie ihnen jedes Jahr von dem Hagelschwark getötet waren. Da erzählten ihnen die jungen Störche, wer ihnen geholfen habe, und die beiden Alten riefen Hans auf seinem Schiffe nach: »Hab Dank, lieber Hans, dass du uns unsere Kinder gerettet hast, wir wollen's dir gedenken. Und wenn du einmal in Not bist und uns brauchen kannst, so fahre nur auf diese Insel und rufe am Strand: ›Störche, die drei Könige!‹ dann sind wir sogleich bei dir und werden dir helfen.«
Jetzt hatte Hans nicht mehr lange Fahrt. Es währte nur noch ein paar Wochen, und er sah Festland, und vor ihm lag das Schloss am Meer, von dem ihm sein Schimmel erzählt hatte. Als sie gelandet waren, stieg er aus und eilte dem Schlosse zu; aber die Thüre war fest verschlossen. Hans liess sich das jedoch wenig kümmern; »Hat mein Schlüssel schon zwei Häuser geschlossen, so wird er auch dieses schliessen,« sagte er und steckte ihn in das Schlüsselloch. Und er hatte sich nicht getäuscht, die Thüre sprang auf, und er eilte in das Schloss hinein. Da war ein Zimmer immer schöner, wie das andere; aber er achtete nicht auf all die Pracht und Herrlichkeit, sondern machte, dass er in das Schlafgemach der Prinzessin kam. Die lag in dem Bette und schlief, und auf dem Tische standen die beiden Bauer, und der goldene Vogel sass dabei. Hans hütete sich aber, wieder ungehorsam zu sein, und wenn auch der goldene Bauer viel besser für den goldenen Vogel passte, so griff er doch nach dem eisernen, und dann machte er, dass er aus dem Schlosse heraus und zu dem Schiffe herab kam. Als er auf Deck war, wurden eilends die Anker gelichtet, und nach einjähriger, glücklicher Fahrt langten sie wieder bei der Stadt des alten Königs an.
Als Hans vor den König getreten war, nahm derselbe ihm den goldenen Vogel ab, und nachdem er sich genugsam an seinem schimmernden, glänzenden Gefieder gefreut hatte, musste ihm Hans haarklein erzählen, wie es ihm auf der langen Reise ergangen sei. Der König hörte aufmerksam zu, und als Hans zu Ende gekommen war mit seiner [55] Erzählung, entliess er ihn, dass er, wie früher, im Stalle seinem Dienst nachginge. Das dauerte zwei Tage lang; aber am dritten hatte der König keine Ruhe mehr, Hans musste vor ihn kommen, und er sagte zu ihm: »Den Vogel habe ich jetzt, und weil ich den Vogel habe, will ich auch die Prinzessin haben. Geh hin und mach dich auf den Weg und schaff sie herbei!« – »Aber, Herr König,« antwortete Hans, »das geht nun und nimmer nicht! Mit dem Vogel ging es noch zur Not, aber die Prinzessin vermag ich Euch nicht herbeizuschaffen. Das ist zu schwer!« – »Schnick, schnack, paperlapapp,« versetzte der König, »hast du mir den Vogel holen können, so kannst du auch die Prinzessin bringen. Drei Tage hast du wieder Bedenkzeit, und willst du auch dann noch nicht, so hat dein Kopf die längste Zeit fest auf den Schultern gesessen. Nun mach, dass du mir aus den Augen kommst!«
Da ging Hans betrübt in den Garten, zog den Zaum aus der Tasche und schüttelte ihn, und als der Schimmel erschienen war, trug er ihm sein Anliegen vor. »Da hast du's ja,« sprach der Schimmel, »ich hatte dich genug gewarnt; aber wer nicht hören will, muss fühlen.« – »Lieber Schimmel,« bat Hans, »rühr doch nicht immer die alten Geschichten auf und sag mir lieber, ob denn gar keine Möglichkeit vorhanden ist, die Prinzessin hierher zu schaffen.« – »Gewiss geht das an,« versetzte der Schimmel, »denn geht es auch nicht mit Gewalt, so geht es doch mit List. Lass dir ein grosses Schiff ausrüsten und nimm so viel Lebensmittel mit, wie das erste Mal; dann steige mit hundert Trompetern darauf und fahre hin zu dem Schloss am Meer. Dort müssen fünfzig Trompeter vor dem Kammerfenster der Prinzessin blasen, und wenn sie hinaus kommt und dir für das schöne Ständchen dankt, so sage zu ihr, du hättest noch fünfzig andere Trompeter auf deinem Schiffe, und wenn die hundert zusammen bliesen, das wäre erst ein Vergnügen! Dann wird sie zu dir auf das Schiff kommen, und du fährst mit ihr auf und davon.«
Nachdem Hans solcher Gestalt von dem Schimmel unterrichtet war, ging er zu dem König und sagte zu ihm, er habe sich besonnen und wolle ihm die Prinzessin bringen; doch bedürfe er dazu ein grosses Schiff mit reichlichen Lebensmitteln und hundert Trompeter. »Das sollst du alles bekommen,« sprach der König, und ehe noch die Woche zu Ende war, konnte er mit dem Schiffe in See stechen. Als er vor dem Schloss am Meer angelangt war und die Schiffer die Anker ausgeworfen hatten, stieg er mit fünfzig Trompetern an Land und zog mit ihnen unter das Kammerfenster der Prinzessin. Dort bliesen sie, dass es eine Lust war, sie anzuhören, und es dauerte auch gar nicht lange, so trat die Prinzessin heraus aus ihrem Schlosse und bedankte sich für das schöne Ständchen. »Das ist noch gar nichts, Frau Königin,« antwortete Hans, »da solltet Ihr erst einmal sehen, wie sich das anhört, wenn auch die fünfzig Trompeter, die ich noch auf meinem Schiffe habe, mit ihnen blasen.« Da wurde die Prinzessin neugierig und ging mit Hans zum Strande herab und stieg auf das Schiff. Und [56] als sie eine Zeit lang dem Klange der hundert Trompeter vom Verdecke aus gelauscht hatte, liess sie sich von Hans bereden, in den Raum hinabzusteigen, denn dort gehe der Klang noch lieblicher und milder in die Ohren ein. Und das war auch richtig. Als sie aber wieder hinaufstieg, um in ihr Schloss zurückzukehren, sah sie nur Himmel und Wasser; denn die Schiffsleute hatten inzwischen die Anker gelichtet und waren in die hohe See gestochen. Sie weinte und rang die Hände und war so zornig und ungebärdig, dass sie den köstlichen Schlüsselbund mit den vielen goldenen Schlüsseln, die zu den Zimmern des Schlosses gehörten, in das Meer warf. Aber all ihr Jammern und Klagen, ihr Zanken und Schelten half nichts, das Schiff kam immer weiter von ihrem Königreiche ab, und eines schönen Morgens landeten sie vor des alten Königs Stadt.
Da war die Freude gross, als Hans dem König die Prinzessin auf das Schloss brachte, und er hätte sie am liebsten sogleich geheiratet, aber sie wollte von der Hochzeit nichts wissen; und auch Hans durfte nicht mehr zu den Pferden in den Stall, um sie zu striegeln und zu putzen, den wollte sie immerfort um sich haben. Er musste ihr bei Tische aufwarten, und wenn sie in den Garten lustwandeln ging, so musste er sie begleiten. Der alte König setzte ihr aber tagtäglich mit Bitten und Drohungen zu, sie solle eine Zeit bestimmen, da er mit ihr Hochzeit machen könne. Das ertrug sie eine Weile, endlich war ihr sein ewiges Quälen über, und sie sagte zu ihm: »Ich will dich nehmen, wenn du mir mein schönes Schloss zur Stelle schaffst, dass ich darin wohnen kann; denn das deine ist mir zu klein und armselig.« Als der König diese Worte vernommen hatte, liess er sogleich Hans vor sich kommen und sprach zu ihm: »Hans, mach dich auf und schaff mir das Schloss der Prinzessin herbei und stelle es gerade gegenüber dem meinen auf dem Berge dort auf.« Hans wusste nicht, wie ihm geschah, als er die Worte hörte, denn dass er das fertig bekäme, war doch ganz gewiss unmöglich; aber er sagte doch ja zu dem König, denn er kannte schon die Reden, die er sonst wieder zu hören bekommen hätte.
Diesmal war ihm gar nicht wohl zu Mute, als er im Garten stand und den Zaum schüttelte, und er liess den Kopf tief herab hängen, als ihm der Schimmel auf seine Bitten antwortete: »Ach, lieber Schimmel hin, lieber Schimmel her, du hättest nur rechtzeitig auf meinen Rat hören sollen, dann wäre schon alles anders gekommen!« Doch Hans hörte nicht auf zu bitten, wie er es anzufangen habe, das Schloss der Prinzessin in des Königs Reich hinüber zu schaffen. Endlich liess sich der Schimmel erweichen und sprach zu ihm: »Fahre mit einem Schiff zu der Insel, wo die drei Riesen wohnen, die werden dir schon helfen!«, dann verschwand er; Hans aber liess sogleich wieder ein Schiff ausrüsten und fuhr über das weite Meer, bis er an die Insel gelangte. Dort stieg er aus und rief am Strande, so laut er nur konnte: »Riesen, die drei Könige!« In demselben Augenblick standen die Riesen auch schon vor ihm und sagten zu ihm: »Guten [57] Tag, lieber Hans, was willst du von uns? Du hast uns geholfen, so wollen wir dich wieder aus der Not reissen.« – »Ach,« antwortete Hans, »mir thut die Hülfe auch Not. Mein Herr und König lässt mir keine Ruhe bei Tag und bei Nacht; jetzt hat er von mir verlangt, dass ich ihm der Prinzessin Schloss in sein Reich hinüber schaffe.« – »Wenn's weiter nichts ist,« sagten die Riesen, »das soll schon geschehen;« dann streifte einer von ihnen Hans einen eisernen Ring um den Finger und sprach zu ihm: »Jetzt fahre nach Hause zurück, und wenn du auf den Fleck gekommen bist, wo das Schloss der Prinzessin stehen soll, so drehe diesen Fingerreif, und das Schloss wird zur Stelle sein.« – Darauf bedankte sich Hans bei den drei Riesen und fuhr in das Königreich zurück, stieg auf den Berg, den ihm der König bezeichnet hatte, und drehte den eisernen Ring zwischen den Fingern. Und kaum hatte er ihn einmal herum gedreht, so war das Schloss auch schon da, in derselben Pracht und Herrlichkeit, in der es am Meere gestanden hatte.
Vergnügt ging Hans zu dem König und erzählte ihm, dass er die Arbeit verrichtet habe, und sogleich gingen alle drei, der König, die Prinzessin und Hans, hinaus, um das Wunder zu schauen. Nachdem sich die Prinzessin ein wenig über ihr wiedergewonnenes Schloss gefreut hatte, sprach sie zum König: »Was kann mir das Schloss nützen, wenn ich meine Schlüssel nicht wieder bekomme, die ich verloren habe; und ehe ich das Schlüsselbund nicht habe, kann auch die Hochzeit nicht sein.« Antwortete der König: »Hans, mach dich auf und schaff die Schlüssel der Prinzessin herbei!« Hans achtete aber gar nicht auf des Königs Gebot, sondern wandte sich zur Prinzessin und sprach: »Wie kann ich die Schlüssel herbei schaffen? Die habt Ihr ja in Eurem Zorn in das tiefe Meer geworfen. Wie soll ich sie dort finden?« – »Hans,« rief der König, »wirst du machen, dass du auf den Weg kommst! Was sollen die vielen Reden!« Und Hans machte sich wirklich auf den Weg und ging in den Garten und schüttelte den Zaum und erzählte dem Schimmel die neue Not. Nachdem ihn der Schimmel wegen seines ersten Ungehorsams auch diesmal tüchtig gescholten hatte, sprach er zu ihm: »Fahr zu der Sandbank und bitte den Karpfen, den du damals vom Tode errettet hast. Wenn der dir nicht helfen kann, so hilft dir niemand!« Da rüstete Hans von neuem ein Schiff aus, und als er zu der Sandbank gekommen war, stellte er sich darauf und rief mit lauter Stimme: »Karpfen, die drei Könige!« Sogleich guckte der Karpfen mit seinem dicken Kopfe zum Wasser heraus und sprach: »Guten Tag, lieber Hans, was willst du? Du hast mich vom Tode errettet, so will ich dir auch in deiner Not helfen.« – »Lieber Karpfen,« versetzte Hans, »ich soll der Prinzessin das Schlüsselbund wieder schaffen, das sie vor Zorn in das Meer geworfen.« Da setzte der Karpfen eine Pfeife an sein breites Maul und pfiff hinein, und alsbald kamen alle Fische des ganzen Meeres in grossen Scharen herbei geschwommen und umgaben den Karpfen. »Seid ihr alle beisammen?« fragte derselbe. »Nein!« antworteten [58] die Fische, »der grosse, alte Hecht fehlt noch.« Das ärgerte den Karpfen, und er pfiff zum zweiten Male, stärker, denn zuvor, und jetzt dauerte es gar nicht lange, und der grosse, alte Hecht kam herbei geschwommen. »Wo bleibst du denn,« rief ihm der Karpfen zornig zu; aber der Hecht entschuldigte sich und sagte: »Ich schwamm viele hundert Meilen von hier, als ich deinen ersten Pfiff hörte. Da erblickte ich zwischen dem Felsgestein dies prächtige Schlüsselbund; das wollte ich nicht liegen lassen, und darum versäumte ich mich.« – »Das ist ja das Schlüsselbund der Prinzessin,« schrie Hans vor Vergnügen, und der Karpfen nahm es dem Hechte ab und reichte es Hans dar; und weil er damit den andern Fischen eine grosse Arbeit erspart hatte, so wurde der Hecht wegen seiner Versäumnis von dem Karpfen nicht bestraft, ja er erhielt eine Belohnung obendrein, nämlich ein Kreuz unter seinen Gräten; das trug er von Stund an, und das tragen alle Hechte nach ihm bis auf den heutigen Tag.
Hans aber wünschte dem Karpfen ein Lebewohl und fuhr in das Königreich zurück und übergab der Prinzessin die Schlüssel. Die Prinzessin wollte aber auch jetzt noch nichts von einer Hochzeit mit dem Könige wissen. »Zuvor musst du mir Wasser des Lebens und Wasser der Schönheit und Wasser des Todes schaffen,« sagte sie zu ihm, »eher heirate ich dich nicht!« Da bekam Hans von dem König den Befehl, Wasser des Lebens und Wasser der Schönheit und Wasser des Todes herbeizubringen, sonst ginge es ihm schlecht. Was sollte er machen, er mochte wollen oder nicht, er musste wieder in den Garten gehen, den Zaum schütteln und seinen Schimmel herbeirufen. Diesmal war er aber so traurig, dass er gar nicht hörte, als der Schimmel ihn ausschalt, und dass derselbe erst dreimal fragen musste, ehe Hans ihm Rede stand, warum er ihn gerufen habe. Nachdem der Schimmel gehört hatte, dass es sich um das dreierlei Wasser handele, tröstete er Hans und sprach: »Rüste nur wieder ein Schiff aus und fahre zu der Insel mit dem Guseltanger und bitte die blauen Störche, dass sie dir helfen. Helfen die blauen Störche dir nicht, ein anderer hilft dir nimmermehr!«
Das war wenigstens noch eine Hoffnung für den armen Hans, wenn auch nur eine ganz kleine; denn wie sollten die Störche zu dem dreierlei Wasser kommen! Aber er gehorchte dem Schimmel, rüstete ein Schiff aus und fuhr so lange auf dem Meere, bis er auf die kleine Insel mit dem Guseltanger stiess. Dort rief er mit lauter Stimme: »Störche, die drei Könige!«, und sogleich flogen die beiden alten Störche und die drei jungen, denen er das Leben gerettet hatte, auf ihn zu und fragten nach seinem Begehr. »Ich soll meinem König dreierlei Wasser bringen,« sagte Hans zagend, »Wasser des Lebens und Wasser der Schönheit und Wasser des Todes; und bringe ich ihm das Wasser nicht, so bin ich des Todes.« Da antworteten die fünf blauen Störche: »Wasser des Lebens und Wasser der Schönheit besitzen wir selbst, davon wollen wir dir gerne geben; aber Wasser des Todes müssen wir uns erst von den weissen Störchen erkämpfen, die haben das [59] Wasser in ihrem Besitz. Doch wir wollen es dir gerne bringen; du hast uns geholfen, und darum helfen wir dir auch.« Darauf gaben sie Hans eine Flasche mit Wasser des Lebens und eine Flasche mit Wasser der Schönheit; dann huben sie sich hoch in die Luft und kehrten erst nach acht Tagen zurück. Sie hatten den Kampf mit den weissen Störchen siegreich bestanden, und der alte Storchenvater überreichte Hans mit seinem langen Schnabel auch das dritte Fläschlein, mit dem Wasser des Todes gefüllt. Hans band die drei Flaschen unter das Hemd auf die blosse Brust, dass sie ihm nicht verloren gehen möchten; dann sagte er den Störchen Lebewohl und fuhr wiederum heim.
Kaum hatte er der Prinzessin die drei Fläschlein überreicht, so riss dieselbe dem König den Degen aus der Scheide und stach damit Hans durch die Brust, dass er tot zu Boden sank. »Das ist recht hässlich von dir;« schalt der alte König, »wenn es auch nur ein Stalljunge ist, so hat er dies doch nicht um uns verdient!« Aber die Prinzessin hörte nicht auf ihn, öffnete die Flasche mit dem Wasser der Schönheit und wusch ihm damit Gesicht und Hände, dann nahm sie von dem Wasser des Lebens und goss ein paar Tropfen in die offene Wunde; und sogleich sprang Hans auf, gesund und munter, und war schön geworden, schöner, als der schönste Königssohn. Das Ding gefiel dem alten König über die Massen wohl, und er sprach zu der Prinzessin: »Thu mir ebenso, wie du mit Hans gethan hast!« Da stach ihm die Prinzessin auch mit dem Degen durch das Herz; aber sie goss nicht Wasser des Lebens, sondern Wasser des Todes in die Wunde hinein. Und der alte König war tot und blieb tot und ist auch niemals wieder aufgewacht.
Als der alte König gestorben war, sprach die Prinzessin: »Hans, du hast alle Arbeit um mich gehabt, du sollst auch mein Mann werden.« Die Rede gefiel ihm, und es wurde Hochzeit gefeiert, und Hans war König über das ganze Land. Wie er nun eines Morgens in dem Schlossgarten lustwandelte, trabte sein Schimmel auf ihn zu und sprach zu ihm: »Hans, ich habe dir lange Jahre treu gedient, jetzt kannst du auch etwas für mich thun. Bring mich in einen besonderen Stall und, wenn ich dort bin, so ziehst du dein Schwert und erstichst mich.« – »Das werde ich bleiben lassen,« antwortete Hans. »Das wirst du nicht bleiben lassen,« rief der Schimmel, »sonst geht es dir schlecht. Und wenn du mich erstichst, so thust du nur mein Bestes. Denn sobald ich tot auf dem Boden liege, nimmst du von dem Wasser des Lebens und giesst mir davon in die Wunde und von dem Wasser der Schönheit und wäschst mir damit das Haupt.« Das versprach Hans dem Schimmel und führte ihn in einen leeren Stall und that dann genau, wie ihm der Schimmel geheissen hatte. Kaum hatten aber das Wasser des Lebens und das Wasser der Schönheit den Schimmel berührt, so war er kein abgestochener, toter Schimmel mehr, sondern eine wunderschöne Prinzessin, die fiel ihm [60] um den Hals und sagte ihm, er habe sie erlöst, und wenn er wolle, könne er sie auch heiraten.
»Nein, das geht nicht,« sagte Hans, »denn ich habe schon eine Frau! Aber wenn es dir recht ist, so heiratest du einen von meinen dreiundzwanzig Brüdern.« Da wurde der Tagelöhner mit allen seinen Söhnen an des Königs Hof gebracht, und der Schimmel–Prinzessin gefiel Hansens jüngster Bruder am besten. Den heiratete sie, und er ward König über ihr erlöstes Reich. Von den übrigen zweiundzwanzig Brüdern aber behielt Hans elf bei sich und elf der andere Bruder, und sie nahmen in den beiden Königreichen die höchsten Ehrenstellen an. Und sie lebten allesamt viele Jahre in Glück und in Frieden und wurden steinalt, aber am ältesten wurde doch Hans, denn sein Gevatter, der Tod, sorgte dafür, dass seines Paten Lebenslicht nicht so bald erlösche; und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er heute noch.
1 Guseltanger ist ein weitläufiger Fichtentanger.
Es war einmal ein armer Bauer, der hatte vierundzwanzig Kinder, und eines Tages wurde ihm sogar das fünfundzwanzigste geboren. Die andern Bauern waren schon zwei- und dreimal bei ihm zu Gevatter geladen und sahen ihn schief an, als sie von dem Kinde hörten. Darum machte er sich auf über Land, um einen Paten zu suchen. Da begegnete ihm der liebe Gott und bot sich ihm an zum Gevatter. »Nein,« sprach der Mann, »dich nehme ich nicht, du hältst es zu sehr mit den Reichen und lässt die Armen leer ausgehen.« Als der liebe Gott fortgegangen war, stellte sich der Wind ein und sprach: »Lass mich Gevatter stehen!« – »Dich mag ich erst recht nicht,« entgegnete der Bauer, »du bist noch ungerechter; du reisst bald diesem, bald jenem Haus und Scheune um, verfolgst aber vorzugsweise uns Arme.« Endlich stellte sich ein Mann ein, der sagte, er wäre der Tod, und erbot sich gleichfalls, die Gevatterschaft auf sich zu nehmen. Diesem sagte der Bauer freudig zu, denn er sei gerecht. Er schone weder reich noch arm, weder alt noch jung; wer heran müsse, müsse heran.
Der Tod stand also Gevatter und gab auch ein treffliches Patengeschenk; denn er sprach zu dem Bauern: »Lass deinen Sohn einen Doktor werden, so soll es ihm nicht an grossem Ruhm und Kundschaft fehlen. Ich habe ihm die Gabe gegeben, dass er mich an den Krankenbetten erkennen kann. Stehe ich da zu Häupten des Bettes, so muss der Kranke sterben; stehe ich zu Füssen desselben, so bleibt er am Leben. Doch nur so lange werde ich ihm gewogen sein, als er so [61] gerecht und unbestechlich ist, wie ich selbst bin.« Nachdem der Tod dies gesprochen, ging er seines Weges.
Wie er vorher gesagt, so geschah es auch. Der Knabe wuchs heran und hatte die wunderbare Gabe, das Ende eines jeden Kranken vorher zu sagen, weil er den Tod am Bette sehen konnte. Dadurch ward er bald ein weltberühmter Arzt, und alles Volk strömte ihm zu. Stand der Tod zu den Füssen des Kranken, so machte er ihn gesund, so verzweifelt der Fall auch scheinen mochte; stand der Tod aber zu Häupten, so liess er sich erst gar nicht auf grosse Kuren ein, sondern gab den Kranken sofort auf.
Nun wurde ein reicher Graf, der in seiner Nähe wohnte, totkrank, so dass kein Arzt ihm mehr helfen konnte. Da schickte er in seiner Not zu dem Wunderdoktor und bat ihn, er möge doch kommen. Mache er ihn gesund, so sollten 100000 Goldgulden seine Belohnung sein. Der Doktor kam auch, sah aber sogleich, als er in das Krankenzimmer trat, dass keine Rettung mehr möglich sei; denn der Tod stand zu den Häupten des Grafen. Er sprach darum: »Bestellt Euer Haus! Rettung ist nicht mehr möglich! Ihr müsst sterben!«
Als der Graf vernahm, dass auch der Wunderdoktor ihn aufgebe, da begann er zu weinen und zu wehklagen und bat ihn vom Himmel zur Hölle, ihm doch mit seiner Kunst zu helfen; auch schwur er ihm zu, dass er die 100000 Goldgulden wirklich bekommen solle. Da begann sich die Habsucht in dem Patenkind des Todes zu regen, und er beschloss, seinem Gevatter einen Streich zu spielen. »Ja,« sagte er, »wenn es so steht, will ich noch einmal helfen. Vier Diener her und dreht die Bettstelle um!« Die Bedienten thaten, wie er befohlen, und der Graf war nicht wenig erstaunt, als ihm der Wunderdoktor erklärte, er würde jetzt wieder so gesund werden, wie je zuvor. Erst hielt er ihn für einen Betrüger, doch er hatte recht, von Stund an nahmen die Kräfte des Grafen zu, und nach wenigen Tagen war er völlig wieder hergestellt. Der Wunderdoktor aber erhielt die 100000 Gulden bei Heller und Pfennig ausgezahlt.
Wie er sich nun eines Tages so recht über seine schlaue List und den schnell erworbenen Reichtum freute, öffnete sich die Thüre, und der Tod trat herein. »Du bist ungerecht gewesen,« hub er an, »darum werde ich dich jetzt holen. Mach dich nur fertig!« Der Doktor suchte vergeblich die feinsten Ausreden hervor, der Tod blieb unerbittlich; da sprach er ganz traurig: »So lass mich wenigstens noch ein letztes Vaterunser beten, damit ich nicht in meinen Sünden von hinnen fahre.« – »Das soll geschehen,« sprach der Tod, und sein Patenkind begann: »Vater unser, der du bist im Himmel,« dann war es stille. – »Bete doch weiter,« drängte der Tod. – »Ach nein, das hat Zeit,« antwortete der Doktor; »den Schluss gedenke ich noch nicht so bald zu beten.« Da sah der Tod ein, dass er von seinem Paten zum zweiten Male betrogen war, und ärgerlich ging er von dannen.
In der Erntezeit musste der Doktor einst über Feld und sah im [62] Landgraben einen halb verhungerten, sterbenden Bettler liegen. »O, bete für mich, bete,« schrie der Unglückliche, »damit meine Seele im Himmel angenommen werde! O bete doch nur ein Vaterunser!« Den Doktor jammerte des armen Mannes von ganzem Herzen, und um ihn zu trösten, betete er das Vaterunser in aller Andacht her. Kaum hatte er aber Amen gesagt, so erhub sich der Bettler, lachte und rief: »Jetzt bist du mein und musst mir folgen.« War der Bettler der Tod gewesen, welcher seinem schlauen Patenkind ebenfalls mit List zu Leibe gegangen war.
Die beiden gingen nun zusammen weiter und weiter, bis sie an einen hohen, unermesslich grossen Berg kamen. »Hier werde ich dir eine Herrlichkeit zeigen, die über alle Herrlichkeiten ist,« sagte der Tod und führte sein Patenkind durch ein Thor in den Berg hin ein. Drinnen brannten tausend und aber tausend Lichter, dass das Auge geblendet wurde von all dem Glanz.
»Wo sind wir hier?« fragte der Wunderdoktor. »Wir sind in dem Saale, wo die Lebenslichter aller Menschen brennen. Hier ist das deinige!« versetzte der Tod. Da schaute der Doktor hin und erblickte auf seinem Leuchter ein ganz kleines Licht-Stümpfchen, dessen Docht beinahe verglimmt war. »Hab' ich denn kein längeres Licht?« rief er erschrocken. »Du hattest ein langes, schieres Licht,« antwortete der Tod, »aber das hast du dem reichen Grafen geschenkt, als du mich betrogst.« Da griff das Patenkind des Todes in seiner Angst zu einem hellbrennenden Kinderlicht, um das auf seinen Leuchter zu stellen; aber es war zu spät. Ehe er so weit gekommen war, verlöschte sein Licht, und er fiel tot zu Boden. Das hatte er davon, dass er den Tod betrog.
Es war einmal ein reicher Kaufmann, der hatte einen ungeratenen Sohn. Von klein an war er ein Taugenichts, sprang über Stock und Block und machte seinem Vater vielen Kummer. Endlich ward dem Alten die Sache zu bunt, und er jagte den Jungen zum Hause hinaus. Da sass er nun in einer Herberge und vertrank den letzten Groschen, den er noch in der Tasche hatte. Wie er so traurig da sass und vor sich hinstarrte, schlug ihm jemand mit der flachen Hand auf die Schulter und sprach: »Heda, guter Freund, möchte er nicht des Königs Rock anziehen und ein Soldat werden? Hier sind fünfzig Thaler Handgeld!« Als der Junge das Geld erblickte, rief er »Eingeschlagen! Ich bin dabei!« und ging mit dem Werber zum Hauptmann und wurde [63] auch sogleich eingekleidet. Jetzt lernte er rechtsum und linksum und die Beine auseinander bringen, wie jeder gute Soldat, und des Abends machte er sich von den fünfzig Thalern ein paar vergnügte Stunden. Als er ausexerziert war, hatte aber auch das Handgeld ein Ende, und er war auf die zwei Groschen Traktament angewiesen und wohnte obendrein im Bürgerquartier.
Eines Tages sah er den Kaufmann, bei dem er wohnte, mit sorgenvollem Blick auf dem Hofe auf und ab gehen. »Das verstehe, wer's kann,« sprach er zu ihm, »ich bin lustig und guter Dinge und habe den Tag zwei Groschen Traktament, und du hast ein grosses Haus und Geld, wie Heu, und setzt ein Gesicht auf, wie die Katze, wenn sie das Donnern hört.« – Antwortete der Kaufmann: »Mir geht's schlechter, als du dir denken kannst. Meine Frau hat sich mit mir gezankt und will nicht eher wieder gut werden, als bis ich ihr drei Äpfel aus des Königs Garten geschenkt habe. Was soll ich nun thun? Der König verkauft keine Äpfel! Tausend Thaler dem, der mich aus der Not reisst!« – »Tausend Thaler?« dachte der Soldat, »ei, das käme dir gerade zu Pass; und dem König kann's gleich sein, ob er drei Äpfel mehr oder weniger in seinem Garten hat.« Des Abends, als es dunkel geworden war, schlich er sich darum an die Mauer, die um den königlichen Garten führte, warf einen Haken hinauf, an den unten ein Strick gebunden war, und eins fix drei, war er oben, und der schönste, volle Apfelbaum stand gerade vor ihm. Schon wollte er herunter springen, da hörte er gerade unter sich in der Laube ein Tuscheln und Pispern, wie wenn zwei Liebesleute sich etwas erzählen. Das war die Prinzessin, welche mit dem dicken General brauten ging und die ihm hier ein Stelldichein gegeben. So lange es bei dem Reden blieb, sass der Soldat ruhig auf der Mauer; als es aber auch an das Küssen ging, war ihm die Sache denn doch über allen Spass, und er warf voll Zorn einen grossen Stein in den Apfelbaum, dass die Äpfel zur Erde fielen und es krachte. Die beiden in der Laube dachten nichts anderes, als der Teufel käme herab und wolle sie holen; denn es war um die Mitternacht, und sie liefen auf und davon, und der dicke General liess seinen goldenen Tressenrock, den er um der grossen Hitze willen ausgezogen hatte, im Stiche und freute sich mit der Prinzessin, dass sie das Leben hatten. Der Soldat aber las alle Taschen voll Äpfel, schlug den goldenen Tressenrock über den Arm und machte, dass er über die Mauer kam, und lief nach Hause zurück.
Am andern Morgen gab er dem Kaufmann drei Äpfel und erhielt die tausend Thaler dafür. Und der Kaufmann war froh, dass seine Frau jetzt wieder gut war, und der Soldat war froh, dass er tausend Thaler besass. Aber seine Freude war die kürzere; denn was sind tausend Thaler für einen jungen Mann, der weiss, wie man Geld durchbringt, und nicht weiss, wie sauer es verdient wird. Es dauerte darum gar nicht lange, so war auch der letzte Thaler von den tausend zum Schenkwirt gewandert, und er war wieder auf die zwei Groschen [64] Traktament angewiesen, wie zuvor. Als er nun gar trübselig in seinem Zimmer sass, fiel ihm der goldene Tressenrock ein. »Willst doch einmal General spielen!« dachte er bei sich, und gedacht, gethan, ein leichtsinniger Bursche, wie er war, zog er den Tressenrock an, steckte den langen Degen durch und ging auf die Strasse. »Fasst das Gewehr an! Augen links!« – befahl der Feldwebel, welcher die Wache aufziehen liess, denn er glaubte, es wäre ein richtiger General, der da vorüber ging. Ei, wie sanft dem Jungen das that; und der Teufel plagte ihn, und er konnte es nicht lassen und ging bei dem Hause vorbei, wo der dicke General wohnte. Der sah gerade aus dem Fenster; und wie er den Tressenrock erblickte, erkannte er ihn auch sogleich wieder. Geschwind setzte er den Dreimaster auf den Kopf, stürzte zum Hause hinaus und eilte dem falschen General nach, um ihm den goldenen Tressenrock wieder abzunehmen.
Der Junge bekam's nun doch mit der Angst, denn auf der Strasse musste ihn der General bald einholen; darum ging er geradeswegs auf das Schloss zu, und die Posten präsentierten das Gewehr und liessen ihn ehrerbietig passieren. Aber er hielt sich drinnen nicht lange auf, sondern machte, dass er in den Garten kam, und kletterte dort auf einen grossen Tannenbaum. Hoch oben im Zopf machte er halt und verbarg sich unter den grünen Zweigen. Es dauerte gar nicht lange, so war der General auch in dem Garten mit den Dienern des Schlosses und der Prinzessin, und sie suchten jeden Winkel und jede Laube und jeden Strauch ab, aber nirgends war der falsche General zu finden. »Du wirst dich geirrt haben,« sprach die Prinzessin, »er ist am Ende gar nicht in das Schloss gegangen. Und nun komm zu mir in mein Zimmer hinauf.« Das liess sich der General nicht zweimal sagen und ging mit ihr, und über ein Weilchen waren sie oben. Der Tannenbaum war aber so hoch, dass der Soldat gerade in das Zimmer der Prinzessin hineinschauen konnte. Da sah er, wie sie einander Küsse schenkten und sich lieb hatten; und zuletzt sprach die Prinzessin: »Höre, was ich dir sage. Damit wir uns jede Nacht sehen können, werde ich eine Klingelschnur an der Wand anbringen, und wenn die Glocke halb zehn schlägt, ziehst du daran und klingelst. Dann lasse ich einen Korb herab, und du setzt dich hinein, und ich ziehe dich hinauf.« Jetzt hatte der Soldat genug gehört, und als es dunkel wurde, machte er, dass er von der Tanne herab kam, und lief, was ihn seine Füsse zu tragen vermochten, nach Hause zurück.
Am andern Abend schlich er sich nach 9 Uhr unter der Prinzessin Fenster, und als er den Klingelzug erblickte, zog er daran. Da währte es nur ein kleines Weilchen, und der Korb kam herab. Er setzte sich hinein, und der Korb ging wieder in die Höhe, und noch ein wenig, und er war oben bei der Prinzessin. Damit sie ihn aber nicht erkennen möchte, hatte er eins fix drei das Licht ausgeblasen, und sie sassen im Dunkeln bei einander. »Was ist denn das?« rief die Prinzessin. »Ich fürchte, es möchte uns jemand verraten,« flüsterte der Junge, und indem er das sagte, ging es auch [65] schon: »Ling, ling, ling!« – »Um Gottes willen, wir sind verraten,« jammerte die Prinzessin; der falsche General aber ergriff die Waschschüssel und goss das schmutzige Wasser zum Fenster hinaus. Da hörte man unten ein Schimpfen und Fluchen, und dann war alles wieder ganz stille. »Jetzt sind wir sicher,« sagte der Junge und setzte sich zu der Prinzessin, und sie küssten sich und gaben einander das Versprechen, sich nie zu verlassen, in Tod und in Leben, und zum Beweise dafür steckte ihm die Prinzessin ihren Ring an den Finger. Nachdem sie sich genug geküsst hatten, stieg der Soldat wieder in den Korb hinein, und die Prinzessin liess ihn herab.
Wer aber am nächsten Tag und an den folgenden nicht wieder an der Klingel zog, war der General, und der Soldat konnte es auch nicht thun, denn er hatte Wache, auch fürchtete er, die Prinzessin möchte hinter den Betrug kommen. Das war der Königstochter nun gar nicht recht und, als wieder einmal Parade war, redete sie den General darauf an und fragte ihn kurzweg, warum er nicht komme. – »Lasst mich in Ruhe,« antwortete er kurz, »einen Rock habe ich im Garten verloren, und den andern habt Ihr mir mit Spülicht begossen, woher soll ich das Geld zu den Tressenröcken nehmen!« Da merkte die Prinzessin wohl, dass ein Fremder bei ihr gewesen; aber sie sagte dem General nichts davon, denn sie wollte selbst hinter die Sache kommen.
Zu dem Ende ging sie zu dem König und sprach: »Vater, der Ring, den du mir geschenkt hast, ist mir verloren gegangen. Lass doch bekannt machen: Wer ihn hat, soll ihn bringen, er wird eine gute Belohnung bekommen!« Das that der alte König auch; aber niemand brachte den Ring; denn der Soldat glaubte, es wäre nur eine Falle. Als ihm jedoch eines Tages das Geld wieder ganz ausgegangen war, nahm er einen Kameraden bei Seite und sprach zu ihm: »Hier hast du den Ring der Prinzessin. Geh damit auf das Schloss und lass dir die Belohnung auszahlen und gieb mir nachher die Hälfte davon ab. Und wenn sie dich fragt, wo du ihn her hast, sagst du, du habest ihn in der Gosse gefunden.« Das versprach er alles treulich zu halten und ging auf das Schloss. »Du hast also den Ring!« sagte die Prinzessin, als er vor ihr stand. »Ja wohl, Frau Prinzessin, ich hab' ihn in der Gosse gefunden.« – »Das lügst du, Spitzbube,« rief die Königstochter, »und wenn du mir nicht augenblicklich gestehst, wem du den Ring gestohlen hast, so lasse ich dich bei Wasser und Brot in ein Gefängnis werfen, das weder Sonne noch Mond bescheint.« Da ward dem armen Teufel himmelangst zu Mute, und er erzählte alles, wie es gekommen sei. »Weil du ehrlich gewesen bist, soll dir noch ein Mal verziehen sein,« sprach die Prinzessin, »und nun geh hin und sag deinem Kameraden, dass er zu mir auf das Schloss komme.«
Dem Kaufmannssohn war gar nicht wohl zu Mute; aber »Was soll's helfen?« dachte er bei sich, »kommst du nicht selbst, so lässt sie dich holen. Wer hiess dich auch, Ihren Liebhaber spielen!« Dann [66] er sich das beste Zeug an und ging auf das Schloss in der Prinzessin Zimmer. »Wo hast du den Ring her?« fragte dieselbe sogleich. »Den habt Ihr mir selbst gegeben,« antwortete der Soldat und drehte die Mütze zwischen den Fingern; »auch verspracht Ihr mir Treue in Tod und in Leben.« Die Prinzessin hatte inzwischen gesehen, dass der falsche General ein hübsches, junges Blut war, weit schöner, wie der alte dicke General, und sie antwortete darum: »Es ist richtig, ich habe dir den Ring gegeben und das Versprechen obendrein. Und was ich gesagt habe, will ich auch halten; es bleibt also dabei!« Da war der Soldat aller Freuden voll, und sie herzten und küssten einander. Als sie damit fertig waren, sagte die Prinzessin: »Wie wird's aber mit der Hochzeit werden? Einem gemeinen Soldaten giebt mich mein Vater nicht. – Je nun, ich hab's gefunden: Ich werde zu ihm sagen: Nur den Klügsten im Lande will ich zum Ehegemahl. Wer zu mir kommt, nicht nackend und nicht bekleidet, nicht bei Tage und nicht bei Nacht, und wer mir einen Antrag macht und doch nicht spricht und nicht stille schweigt, der soll mein Mann werden. Wie du das fertig bringst, das ist deine Sache.« Antwortete der Kaufmannssohn: »Dafür lass mich nur sorgen!« Darauf schenkte er der Prinzessin noch einen Abschiedskuss und machte, dass er nach Hause kam.
Als er in seinem Quartier war, rief auch schon ein Diener des Königs in der ganzen Stadt aus: »Wer zu der Prinzessin kommt, nicht angezogen und nicht nackt, nicht bei Tage und nicht bei Nacht, und wer um sie anhält und dabei kein Wort redet und nicht stille schweigt, der soll sie zur Frau bekommen.« Da ging der Soldat zum Schornsteinfeger und borgte sich ein neues Lederzeug und Leiter und Besen. Das band er sich um, dann ging er am andern Tage im Zwielicht auf das Schloss, damit er um die Königstochter anhielte. »Halt! Wer da?« rief die Schildwache, als sie den schwarzen Gesellen erblickte. Da sang der Schornsteinfeger: »Hadelumpumpum, hadelum-pumpum, hadelum, hadelum, hadelumpumpum!« 1 – »Der Kerl ist verrückt,« dachte die Schildwache und wollte ihn mit dem Kolben zurückstossen; doch der alte König hatte den Schornsteinfeger schon gesehen und befahl dem Soldaten, ihn durchzulassen. Als der schwarze Teufel vor dem König stand, fragte ihn dieser: »Nun, was will er?« – Sang der Schornsteinfeger wieder: »Hadelumpumpum, hadelum-pumpum, hadelum, hadelum, hadelumpumpum!« – »Aha, er will wohl meine Tochter haben.« – Da nickte der Schornsteinfeger mit dem Kopfe und sang ganz schnell: »Hadelumpumpum, hadelumpumpum, hadelum, hadelum, hadelumpumpum!« Nun wurde die Prinzessin gerufen, und als sie den Schornsteinfeger erblickte, lachte ihr das Herz vor Freuden im Leibe; der aber sang: »Hadelumpumpum, hadelumpumpum, hadelum, hadelum, hadelumpumpum!« – »Meinetwegen,« [67] versetzte der König, »komm' er morgen früh wieder, dann kann er sich meine Tochter aussuchen.« – Da machte der Schornsteinfeger einen Kratzfuss und sang dazu: »Hadelumpumpum, hadelumpumpum, hadelum, hadelum, hadelumpumpum!« und entfernte sich.
Den Abend zog der Soldat an der Klingelschnur, und die Prinzessin wand ihn in dem Korbe hinauf. Als er oben war und sie sich genug ausgelacht hatten, sagte die Prinzessin: »Jetzt gieb gut acht. Mein Vater wird morgen in jeden der drei Säle des Schlosses zwölf Jungfrauen setzen, die sind allesamt angezogen, wie ich, und gleichen mir auf das Haar, wie ein Ei dem andern. Du musst mich aus ihnen heraus finden, und damit du nicht fehlgreifst, so will ich dir nur gleich sagen, dass ich in dem dritten Saale bin. Und damit du dort ja nicht eine falsche wählst, werde ich mir eine polnische Laus auf den Scheitel setzen.« – Ihr kennt doch eine polnische Laus! Wenn die mit den Fühlhörnern wackelt, so ist es erschrecklich anzusehen, und wenn sie sich satt gesogen hat, so steckt sie sich eine Zigarre in den Mund und raucht und bläst den Dampf durch die Nase. – Eine solche Laus wollte sich die Prinzessin auf den Scheitel setzen, da war sie doch gewiss zu erkennen! – Nachdem die beiden alles verabredet hatten und die Prinzessin dem Soldaten noch einen Beutel mit Goldstücken in die Tasche geschoben, schenkten sie sich einen Kuss und sagten einander gute Nacht. Darauf stieg der Soldat in den Korb hinein, und die Prinzessin liess ihn in den Garten herab.
Den andern Morgen ging er wieder als Schornsteinfeger auf das Schloss, und die Schildwache rief ihn gar nicht mehr an, denn sie wollte nichts mit dem schwarzen Teufel zu thun haben; hatte ihn der König gestern sprechen wollen, so liess er ihn auch wohl heute zu sich. »Nun, wie steht's,« fragte der König, »hat er sich besonnen oder will er immer noch meine Tochter zur Frau haben?« – »Hadelumpumpum, hadelumpumpum, hadelum, hadelum, hadelumpumpum,« sang der Soldat. Da führte ihn der König in den ersten Saal, und darin standen zwölf wunderschöne Jungfrauen, die glichen allesamt der Prinzessin aufs Haar, wie ein Ei dem andern, und an der Wand sassen zweiundfünfzig Stabstrompeter, die sollten zum Tanze aufspielen. »Tanze, mit welcher du willst,« rief der König, »und nenne mir die, welche du zur Frau haben möchtest!« Da warf der Soldat ein Goldstück auf den Tisch, dass es sprang, denn umsonst wollte er nicht aufgespielt haben, und sang: »Hadelumpumpum, hadelumpumpum, hadelum, hadelum, hadelumpumpum.« Und sogleich fingen die zweiundfünzig Stabstrompeter an, ihr schönstes Stück zu blasen, und der Soldat griff sich eins von den zwölf Mädchen heraus und tanzte mit ihr dreimal um den Saal. Der König dachte: »Den Vogel habe ich gefangen!« und als der Tanz zu Ende war, fragte er: »Nun, mein Sohn, ist das meine Tochter, und willst du sie zur Frau haben?« Der Schornsteinfeger aber schüttelte mit dem Kopfe und sang: »Hadelumpumpum, hadelumpumpum, hadelum, hadelum, hadelumpumpum!«
Da führte ihn der König in den zweiten Saal. In dem standen [68] ebenfalls zwölf Jungfrauen, genau wie die Prinzessin, und an der Wand sassen zweiundfünfzig Flötenbläser. Der Schonsteinfeger warf wieder ein Goldstück auf den Tisch, und als er gesungen hatte: »Hadelumpumpum, hadelumpum, hadelum, hadelum, hadelumpumpum!« da bliesen die Spielleute ihr schönstes Stück auf der Flöte, und der Schornsteinfeger griff eine von den zwölf Jungfrauen heraus und tanzte mit ihr dreimal um den Saal. »Jetzt hat er sich aber gewiss vergriffen,« sprach der König bei sich selbst, dann sagte er laut: »Nicht wahr, mein Sohn, das ist meine Tochter? Die willst du zur Frau haben?« – »Hadelumpumpum, hadelumpumpum, hadelum, hadelum, hadelumpumpum!« sang der Schornsteinfeger als Antwort und schüttelte mit dem Kopfe.
Jetzt ging der König mit ihm in den dritten Saal, da waren wieder zwölf Jungfrauen, und an der Wand sassen zweiundfünfzig Geigenspieler. Die Jungfrauen sahen alle einander gleich; doch die Prinzessin hatte die polnische Laus nicht vergessen, die wackelte mit den Fühlhörnern, und er fand sie sofort heraus. Schnell warf er ein Goldstück auf den Tisch und sang: »Hadelumpumpum, hadelumpumpum, hadelum, hadelum, hadelumpumpum!« und als die zweiundfünfzig Geigenspieler ihre Bogen strichen, nahm er die Prinzessin in den Arm und tanzte mit ihr links herum wohl sechsmal durch den Saal. »Ist das meine Tochter und willst du sie zur Frau haben?« fragte der König. Da nickte der Schornsteinfeger mit dem Kopfe und sang freudig: »Hadelumpumpum, hadelumpumpum, hadelum, hadelum, hadelumpumpum!« – »Abgemacht!« sprach der alte König. Alle Wagen, die auf dem Schlosse waren, mussten vorfahren, und der König fuhr mit dem Schornsteinfeger, der Prinzessin und den fünfunddreissig Jungfrauen in die Kirche. Dort erwartete sie der Prediger schon vor dem Altar; und die Orgel spielte, und die Schulkinder sangen, und dann hielt der Pastor dem jungen Paare eine wunderschöne Hochzeitsrede. Als er aber fragte, wie er fragen muss: »Willst du die Prinzessin heiraten und sie nie verlassen und sie immer achten und ehren, in Freud und in Leid?« sang der Schornsteinfeger fein ehrerbietig, wie es sich in der Kirche gehört: »Hadelumpumpum, hadelumpumpum, hadelum, hadelum, hadelumpumpum!« – »Das ist ein närrischer Bräutigam,« dachte der Prediger; aber er sagte es nicht laut, denn er wollte es mit des Königs Schwiegersohn nicht verderben. Darauf sangen die Schulkinder wieder, und die Orgel spielte, und die Trauung war aus, und der alte König fuhr mit dem Schornsteinfeger, der Prinzessin und dem Pastor und den fünfunddreissig Jungfrauen auf das Schloss zurück, und sie setzten sich zum Hochzeitsmahle nieder.
»Nun möchtest du auch wohl gerne ein Prinz des königlichen Hauses werden?« fragte der König; da neigte der Schornsteinfeger sein Haupt demütiglich und sang ganz leise und bescheiden: »Hadelumpumpum, hadelumpumpum, hadelum, hadelum, hadelumpumpum!« Da steckte ihm der alte König einen goldenen Stern auf die Brust, und wie er den so recht fest sitzen fühlte, war mit einem Male seine [69] Zunge gelöst, und er sprach wie eine Elster. Nach dem Mahle wurde getanzt, und der Schornsteinfeger sprang zwischen den feingeputzten Damen und Herren herum, wie der Teufel im Himmelreich; aber er war doch froh und vergnügt, denn die Prinzessin war seine Frau, und er war ein Prinz des königlichen Hauses. Und als der alte König nicht lange darauf starb, ward er König an seiner Statt und lebte mit seiner Frau, der Königin, in Glück und in Frieden; und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.
1 So oft das immer wiederkehrende »Hadelumpumpum« kommt, giebt der Erzähler ein Zeichen, und alle Zuhörer fallen ein und singen mit, bald laut, bald leise, bald heiter, bald traurig, bald in dieser Weise, bald in jener, je nach dem es angebracht ist.
Es war einmal ein König, der hatte in seinem Schloss zehn Stuben, die für jedermann im Hause offen standen. Nur die elfte Stube durfte niemand ausser dem König betreten, und den Schlüssel dazu trug er bei Tage stets in der Tasche, und des Nachts legte er ihn unter sein Kopfkissen. Alle Welt war neugierig, was wohl in dem Zimmer enthalten sein möchte, dass es der König so vor den Augen der Seinen verbarg, und am neugierigsten war des Königs junger Sohn. Endlich konnte er der Lust nicht länger widerstehen. Er schlich sich bei Nacht in das Schlafzimmer des Vaters und stahl ihm den Schlüssel unter dem Kopfe fort; dann zündete er ein Licht an und ging zu der Thüre, steckte den Schlüssel in das Schloss, drehte ihn um und öffnete das Zimmer. Drinnen waren alle Wände mit schönen Bildern behängt, doch das schönste darunter war das Bild der Prinzessin von Engelland; das war so schön, dass der Königssohn auf der Stelle liebeskrank ward und keinen andern Gedanken hatte, als die Prinzessin zu heiraten.
Zu dem Ende liess er am andern Tage alle Maler des ganzen Königreiches auf seines Vaters Schloss kommen und befahl ihnen, dass sie ihn abmalten, wie er leibte und lebte. Und als das Bild fertig war, rüstete er ein Schiff aus und übergab dem Steuermann das Bild, damit er es der Tochter des Königs von Engelland brächte, die über See wohnt. Auch liess er ihr sagen, dass er in Liebe zu ihr entbrannt sei und sie heiraten möchte. Der Steuermann that, wie ihm geheissen war, und überbrachte das Bild und erzählte der Königstochter, was sein Herr ihm aufgetragen. Die Prinzessin lachte aber bei dem Anblick des Bildes hell auf und sprach: »Sage nur deinem Prinzen Milchbart, dass er noch nicht alt genug zum Heiraten sei. Die grünen Jungen sollten warten, bis sie trocken hinter den Ohren wären!« Mit Schimpf und Schande musste der Steuermann wieder sein Schiff besteigen und nach Hause zurück kehren.
[70] Als der Königssohn gehört hatte, wie sein Bote in Engelland aufgenommen sei, ward er gelb vor Ärger und rief: »Das wär' mir ein schöner Splitter! An den Milchbart soll sie denken!« Dann ging er hinab in die Küche zu seines Vaters Koch und lernte bei ihm die schönsten Speisen bereiten, dass kein Fürst sich seiner zu schämen brauchte. Und nachdem er ausgelernt hatte, verliess er das Schloss und fuhr nach Engelland und meldete sich bei dem König als Koch. Der König war ein rechtes Leckermaul, und als er gesehen hatte, dass der neue Koch seine Kunst besser verstände, wie der alte, jagte er diesen zum Hause hinaus, und der Prinz ward des Königs von Engelland oberster Koch.
Wenn er nun sein Tagewerk verrichtet hatte, nahm er seine Harfe und setzte sich unter der Königstochter Fenster und spielte darauf und sang dazu, und das konnte er beides so schön, ei so schön, dass die Knechte und Mägde darüber ihrer Arbeit vergassen und die Leute auf der Strasse stehen blieben, um den Liedern zu lauschen. Es dauerte auch gar nicht lange, so litt es die Königstochter nicht mehr, sie musste den wundersamen Spielmann schauen und wissen, wer es sei. Die Kammerjungfer stieg hinab, um ihn zu holen; lief aber sogleich wieder hinauf und sagte: »Prinzessin, es ist nur der neue Koch, den Euer Vater jüngst über die Küche gesetzt hat.« Ihr Herz war aber so sehr von dem wundersamen Gesänge bethört, dass sie sprach: »Ach was, Koch, ein Koch ist ein Mensch, so gut, wie jeder andere!«, und die Kammerjungfer musste sich eilen, dass sie die Treppe herunter kam, um den Sänger herauf zu holen.
Als er nun vor ihr stand und die Harfe so wundervoll schlug und seinen Gesang so herrlich dazu erschallen liess, gewann die Prinzessin ihn so lieb, dass sie ihm sagte, sie wolle ihn heiraten. »Das ginge wohl, aber es geht nicht,« sagte der Koch, »denn wenn mein Herr, der König, davon hört, so hängt er mich an den Galgen.« Das sah die Prinzessin ein, und darum wurde sie mit dem Koch einig, sie wollten fliehen über das Meer, wo sie vor ihrem Vater sicher wären. Ein Schiff war bald gefunden, und am andern Morgen in aller Frühe segelten sie ab und fuhren drei Tag und drei Nacht über die wilde See, bis sie die Stadt, wo des Prinzen Vater König war, in Sicht bekamen. Dort liessen sie sich am Strande aussetzen, und das Schiff fuhr weiter.
Vom Strande zur Stadt war aber noch ein weiter Weg, den mussten sie zu Fusse zurück legen. »Kind,« sagte der Koch, »du bist jetzt nicht mehr Prinzessin! Wir müssen sehen, wie wir die Groschen zusammen nehmen. Zieh darum Schuhe und Strümpfe aus und lauf barfuss, damit du das Schuhzeug für den Feiertag hast.« Die Prinzessin that, wie er ihr geheissen; aber bald lief sie sich die zarten Füsschen wund auf den harten Kieselsteinen und jammerte und klagte, sie könne nicht weiter. »Dann leg dich ins Gras und warte auf mich,« sagte er grob, »ich werde derweile sehen, ob ich in der Stadt nicht bei dem König als Koch ankommen kann.«
[71] Nach einer kleinen Zeit kam er wieder und sagte: »Mit dem Koch ist es nichts; die Stelle ist schon besetzt, und der König hier zu Lande schickt seine Diener nicht fort, wenn ein anderer kommt. Damit wir aber eine Unterkunft haben, habe ich vor der Stadt ein kleines Häuschen gemietet, da wird für dich und mich Raum genug sein.« Der Prinzessin bluteten die Füsse; aber sie musste mitgehen, bis sie endlich an das Häuschen gelangten. Das war nett und sauber eingerichtet und hatte Küche, Stube und Kammer. » Väterchen,« sagte sie traulich, »hier wollen wir glücklich und zufrieden leben.« – »Ach was, glücklich und zufrieden,« brummte er, »wovon sollen wir denn leben? Hacken und graben kannst du nicht mit deinen wunden Füssen, ich werde in den Wald gehen und Weidenruten schneiden, du magst dann Körbe daraus flechten.«
Als er aber die Weiden gebracht hatte, stachen ihr die harten Ruten die zarten Händchen wund, dass sie nicht flechten konnte. »Mit dir ist gar nichts anzufangen,« schalt der Mann, »Füsse wund, Hände zerstochen, zum Graben und Hacken und auch zum Flechten nicht zu brauchen! Du bist mir zum Unglück geboren! Was soll ich mit dir nur anfangen!« Da bedeckte sie ihr Gesicht mit beiden Händen und weinte und jammerte und sprach: »Ach versuch's doch noch mit etwas anderem, das werd' ich gewiss lernen.« – »Wir werden's sehen,« sprach der Prinz, ging in die Stadt und kaufte ein Spinnrad; darauf sollte sie spinnen.
Aber sie hatte ihr Lebtage das Spinnen nicht leiden mögen und wusste auch gar nicht, wie sie's anfangen sollte. Da schalt der Mann und zeigte es ihr; doch das harte Garn schnitt tief in die von den Weidenruten zerstochenen Finger, dass sie es vor Schmerzen nimmer aushalten konnte. »Sagte ich's nicht,« fuhr er sie an, »das Geld war wieder auf die Strasse geworfen. Nicht hacken und nicht graben, nicht flechten und nicht spinnen verstehst du, jetzt setz dich hinter den Ofen und lass mich für dich sorgen!« Dann nahm er die Axt auf den Rücken und that, als ginge er in den Wald, Holzkloben hauen; er machte aber, dass er in seines Vaters Schloss kam. Von dort kehrte er am Abend zurück und gab ihr einen Thaler, den hätte er den Tag über verdient. Und so that er eine ganze Woche lang, und die Königstochter war über die Massen froh, dass sie am Sonnabend sechs harte blanke Thaler in der Tasche hatte. So war ihr Stolz und Übermut vergangen. Doch der Prinz dachte bei sich: »Noch ist sie nicht genug gestraft; der Milchbart, der grüne Junge und das Nicht-trocken-hinter-den-Ohren soll ihr so leicht nicht verziehen sein.«
Am Montag sprach er darum: »Mutter, wir haben jetzt ein schönes Stück Geld, davon kannst du einen kleinen Handel anfangen; ich werde Topfgeschirr kaufen, das magst du dann auf dem Markt an die Leute bringen.« – »Väterchen, das will ich gerne thun,« sagte sie erfreut; denn sie wollte ihrem Manne gern zu willen sein. Da ging der Prinz in die Stadt und kaufte für die sechs Thaler Topfgeschirr ein und hing es auf in einer Bude am Markt. Dann liess er [72] den Kaufleuten in der Stadt bekannt machen, sie sollten der Topfhändlerin am nächsten Tage für gutes Geld all ihren Kram abkaufen, sonst würde er ihnen zeigen, dass er des Königs Sohn sei.
Als nun die Prinzessin am Dienstag früh auf den Markt kam, riss sich das Volk um ihr Topfgeschirr, dass sie nach kurzer Zeit ausverkauft hatte und die Bude zumachen konnte. Vergnügt eilte sie in das Häuschen und erzählte ihrem Manne davon. Der sprach: »Wir wollen neues Geschirr einkaufen, und morgen setzt du dich an dieselbe Stelle; vielleicht dass wir noch einmal auf einen grünen Zweig kommen.« Das Geschirr wurde besorgt; als sie aber am andern Tage die Bude geöffnet und ihren Kram ausgebreitet hatte, wartete sie zwei lang und zwei breit, aber kein Käufer wollte sich zeigen; endlich kam eine prächtige Kutsche angefahren, und der Kutscher trieb die Pferde gerade auf die Bude zu und fuhr alles Geschirr kurz und klein, dass kein einziges Stück heil blieb. Sie schrie: »Ach, mein guter Herr, erbarmt Euch doch einer armen Frau;« aber der feine Herr, der in dem Wagen sass und kein anderer, als der Prinz selber war, kehrte sich nicht an ihr Geschrei, sondern fuhr wieder davon, ohne den Schaden zu ersetzen. »Das hast du für den Milchbart!« sagte er.
Wie die Prinzessin in dem Häuschen anlangte, war ihr Mann auch schon da und schalt sie, als er von dem Missgeschick hörte. »Zum Graben und Hacken, zum Spinnen und Flechten nicht zu gebrauchen! Und wenn man dann glaubt, es ginge einmal, so ist am andern Tage alle Hoffnung wieder vereitelt. Was fangen wir nun an! Ein Glück, dass ich noch einige Groschen in der Tasche habe, dafür werde ich Bier und Branntwein, Wurst und Speck, Brot und Semmeln besorgen, und du magst hier im Walde eine Wirtschaft einrichten.« Die Prinzessin war das zufrieden, und ihr Mann schaffte alle die Dinge heran. Zu gleicher Zeit gab er den Soldaten seines Vaters Befehl, sie sollten am Abend kein Wirtshaus besuchen, sondern hinaus in den Wald gehen und dort in dem Häuschen ihr Abendbrot verzehren.
Gegen Abend zogen denn auch Soldaten über Soldaten hinaus, und die Königstochter konnte nicht genug schneiden und schenken, um die Gäste zu befriedigen; und ehe sie's sich versah, war der ganze Vorrat ausverkauft. Ihre Augen waren ganz blank, als sie dem Manne die harten Thaler auf den Tisch zählen konnte, er aber dachte: »Für den grünen Jungen bist du noch nicht genug gestraft,« und hiess sie neue Vorräte für morgen einkaufen. Diesmal erhielten die Soldaten aber den Auftrag, sie sollten bei Leibe nicht der Frau das Genossene bezahlen; und würde sie böse, so sollten sie alles kurz und klein schlagen, nur an ihrem Leibe dürfte sich keiner vergreifen. Das thaten die Soldaten, und am Abend war die Prinzessin ärmer denn je zuvor. Und als sie ihrem Manne von dem Unglück erzählte, wollte er gar nichts mehr von ihr wissen; sie bat und weinte aber so lange, bis er ihr versprach, er wolle noch ein Allerletztes mit ihr versuchen. Auf dem Schlosse sei die Stelle einer Küchenmagd frei geworden, die wolle der oberste Koch ihr geben. Sie müsse dabei aber seiner [73] gedenken und sich ein Töpfchen vor den Leib binden und darein von den guten Sachen thun, die auf den Schüsseln übrig blieben. Und das versprach sie ihm auch.
Als sie nun den ersten Tag auf dem Schlosse gewesen war und am Abend mit ihrem Töpfchen in den Wald zu ihrem Manne gehen wollte, musste sie bei dem grossen Saale vorbei. Da stand die Thüre ein wenig offen, und sie schaute hinein, wie sich die fein geputzten Leute im Tanze drehten. In demselben Augenblicke trat des Königs Sohn auf sie zu und forderte sie auf, mit ihm zu tanzen. Sie wollte nicht, da sie so schlechte Kleider trug und das Töpfchen um den Leib gebunden hatte; aber ihr Sträuben half nichts, sie musste tanzen, und dabei zog der Königssohn die Schleife des Binnfadens auf, dass der Topf zur Erde fiel und zersprang und alle die Bratenstücke und Klösse auf den Fussboden rollten. Da ward sie vor Scham über und über rot und wäre am liebsten in die Erde gesunken; sie entwand sich den Armen des Königssohnes und eilte zum Saale heraus. Der Prinz warf sich jedoch einen schlechten Mantel um, holte sie auf der Treppe ein und that, als habe er sie im Schlosse erwartet. »Der Oberkoch ist mein guter Freund,« sagte er, »komm und versteck dich in dieser Kammer. Wenn es dunkel geworden ist und die Gäste fort sind, machen wir uns auf über alle Berge; denn hier ist unsers Bleibens nicht mehr.« Damit führte er sie in ein prächtiges Schlafzimmer hinein; aber sie sah nichts und hörte nichts; müde und matt, wie sie war, verfiel sie in einen tiefen Schlaf und erwachte auch nicht, als die lichte Morgensonne in ihr Bette schien.
»Jetzt wird sie wohl glauben, dass ich trocken hinter den Ohren geworden bin,« lachte der Prinz und schickte Kammerjungfern zu seiner Frau, die mussten sie wecken und ihr prächtige Kleider anziehen, wie sich's für eine Königin gebührt. Und sie liess sich alles gefallen; doch war ihr, als träume ihr nur. Als aber darauf der Prinz eintrat, mit dem goldenen Stern auf der Brust, und sie in seine Arme schloss, begann sie zu weinen und sprach: »Ach, was wollt Ihr von mir, ich bin nur ein armes Weib und eines kleinen Mannes Frau!« Der Prinz klopfte ihr aber auf die Schultern und antwortete: »Nicht doch, der Koch und ich sind eins; du hättest dir manches Leid ersparen können, wenn du nicht so hochfahrend und stolz gegen meinen Boten gewesen wärest.« Als die Prinzessin das hörte, war sie über die Massen froh und küsste ihren Mann, und es wurde ein prächtiges Mahl angerichtet und noch einmal Hochzeit gefeiert.
Da ging es aber hoch her! Ich muss das wissen, denn ich bin selbst dabei gewesen und habe auftragen helfen. Schuhe gab man mir anzuziehen, die waren von Glas, und ein Kleid bekam ich, das war von Löschpapier, und von Butter einen Hut setzte man mir auf das Haupt. Nun trank ich aber allzuviel von dem köstlichen Wein, da wurde mir dummlich zu Mut, und ich stiess an die Schwelle; da machten die Pantoffeln kling und waren entzwei. In meiner Angst lief ich in die Küche, um nach dem Braten zu schauen; da schlugen [74] die heissen Dämpfe auf meinen Hut, dass er zerrann. Jetzt ward mir kochheiss, und ich lief ins Freie, um mich abzukühlen; draussen regnete es aber, und das Kleid fiel mir vom Körper, dass ich nichts mehr auf dem Leibe hatte und mit Schimpf und Schande vom Hofe gejagt wurde. Da habe ich lange arbeiten müssen, ehe ich wieder soviel zusammen gebracht, dass ich mich unter den Leuten sehen lassen konnte!
Es war einmal ein König, der lebte mit seiner Frau glücklich und zufrieden. Da starb ihm die Königin und liess ihm ein kleines Prinzesschen zurück, das war so schön, dass der König seine Herzensfreude daran hatte. Um so mehr that ihm leid, dass das Kind ohne Mutter gross werden sollte; er heiratete darum zum zweiten Male. Doch der Stiefmutter war die kleine Prinzessin ein rechter Dorn im Auge, und zumeist ärgerte sie sich, dass der König so grosse Stücke auf das Kind hielt; denn so durfte sie ihm niemals etwas anhaben. Als das Mädchen nun sechszehn Jahre alt geworden und der König gerade im Kriege war, konnte sie es nimmer aushalten und rief alle Hexenmeister und Hexen des ganzen Königreiches zu sich auf das Schloss, und sie berieten mit einander, wie sie die Prinzessin verderben könnten. Der eine sagte dies, der andere das, am meisten gefiel aber der Königin der Rat eines alten Jägers, welcher der grösste Hexenmeister im Lande war. Der ging in den Wald und fing dort von jeder Art Tiere eins und nahm jedem drei Blutstropfen aus dem Leibe und gab ihnen dann die Freiheit zurück. Die Blutstropfen that er in ein Fläschchen und brachte das der Königin und hiess sie, es der Stieftochter am andern Morgen in die Suppe schütten. Und so that die Königin auch.
Nachdem drei Monate vergangen waren, mochte die Prinzessin nicht mehr singen und springen, wie sie früher gethan hatte, sondern blieb zu Hause und spann; die alte Königin aber schrieb ihrem Manne ins Feld: »Was soll ich mit deiner Tochter machen? Sie ist liederlich geworden und treibt sich mit leichtfertigem Gesindel herum.« – »Das schreibt sie, weil es nicht ihr Kind ist,« dachte der König und liess ihr durch einen Boten melden, sie möge hübsch acht geben auf seine Tochter; wenn er zurückkäme, wolle er sie bestrafen. Da verstrichen wieder drei Monate, und die Prinzessin wurde ganz still und weinte nur manchmal leise vor sich hin; die Königin aber schrieb einen neuen Brief an den König, darin stand: »Willst du vor deinem Lande zum Gespötte werden! Deine Tochter ist die liederlichste Dirne im [75] ganzen Reich.« Als der König das Schreiben gelesen hatte, rief er seinen treusten Diener herbei, gab ihm einen versiegelten Brief und sprach: »Eile, mein Sohn, und geh auf das Schloss, und wenn es wahr ist, dass die Prinzessin, meine Tochter, mir Schande macht vor aller Welt, so gieb der Königin diesen Brief; ist es aber nicht wahr, so behalte den Brief und bring ihn mir eilends zurück.« Der Bote that, wie ihm der König befohlen hatte, und als er auf dem Schlosse war, sah er, dass die Königin recht geschrieben hatte, gab ihr den Brief und eilte wieder davon. Die Königin aber erbrach das Siegel, öffnete den Brief und las: »Mach mit meiner Tochter, was du willst, und bestrafe sie, wie sie es verdient hat.« Da lachte der alten Hexe das Herz im Leibe, und sie rief ihren Hofjäger herbei und befahl ihm, die Prinzessin im Walde zu erschiessen, und als Wahrzeichen, dass er den Befehl vollführt habe, solle er ihr das Herz und die Augen ausschneiden und mit auf das Schloss bringen.
Der Jäger nahm die Prinzessin bei der Hand und führte sie in den Wald hinaus. Als sie ein Endchen gegangen waren, sprach er: »Jetzt steh still!« und legte die Büchse an, um das arme Kind zu erschiessen. »Ach, lieber Jäger, was hab ich denn gethan, dass du mich töten willst?« schrie die Königstochter. »Das weiss ich nicht,« antwortete der Jäger, »die Königin hat es mir so befohlen.« Da bat ihn die Prinzessin vom Himmel zur Erde, und endlich sagte der Jäger: »Wenn ich dich verschone, so komme ich um mein Leben, denn ich soll der Königin, deiner Mutter, deine Augen und das Herz als Wahrzeichen bringen, dass ich dich erschossen habe.« – »Erschiess doch den Hund und nimm von ihm Augen und Herz,« bat die Prinzessin, »und ich schwöre dir einen teuren Eid, dass ich nie wieder meines Vaters Reich betreten werde.« Das war der Jäger zufrieden, und nachdem ihm die Prinzessin geschworen hatte, tötete er seinen Hund, schnitt ihm die Augen und das Herz aus und brachte beides der Königin. Da freute sich die alte Hexe; denn nun wusste sie ja, dass ihre Stieftochter gestorben war.
Die Prinzessin war aber nicht tot, sondern lief im wilden Walde herum; und als es Abend geworden war, fand sie ein Erdloch, aus dem der Sturmwind einen grossen Eichbaum gerissen hatte. Dahinein trug sie trockenes Laub und Moos und machte sich ein warmes Lager zurecht, dass sie die Nacht über nicht frieren durfte. Am andern Morgen suchte sie Wurzeln und Kräuter, pflückte Erdbeeren und Himbeeren, und des Abends kroch sie wieder in das weiche Nestchen hinein. So lebte sie drei Monde lang. Eines Nachts war ihr im Schlafe so recht warm geworden, und als sie mit Sonnenaufgang nach ihrer Gewohnheit aufstehen wollte, sprang ein bunter Junge vor ihr herum, der hatte Federn und Haare, schwarz und weiss, gries und grau, rot und grün, gelb und blau. »Mutter,« rief der närrische Schelm, »du hast lange genug im Walde Kräuter gegessen; jetzt komm mit mir an des Königs Hof.« Der Prinzessin kam es wunderlich vor, dass der bunte Junge sie Mutter nannte; aber da er so sagte, glaubte [76] sie ihm auch und folgte ihm nach, wohin er sie führte. Es dauerte nicht lange, so waren sie aus dem Walde heraus, und noch ein klein Weilchen, so standen sie vor einem prächtigen Königsschloss. »Mutter! hier ist die Stelle der Küchenmagd frei,« sagte der bunte Junge, »da vermiete dich nur. Das gute Essen wird dir besser munden, als das Kräuter-und Beerenwesen im Walde.« – »Wo bleibst aber du?« fragte die Prinzessin. »Das lass meine Sorge sein, Mutter,« antwortete der bunte Junge und sprang davon. Die Königstochter aber that, wie ihr der bunte Junge geheissen hatte, und wurde auch sogleich als Küchenmagd angenommen.
Indes spielte der bunte Junge mit den Kindern der Stadt vor dem Thore und balgte sich mit ihnen herum, wie Knaben zu thun pflegen. Da kam des Königs Sohn von der Jagd zurück, und als er den bunten Jungen sah mit Federn und Haaren, schwarz und weiss, gries und grau, rot und grün, gelb und blau, schlug er die Hände über dem Kopf zusammen und rief: »Bunter Junge, wo kommst denn du her?« – »Das weiss ich nicht.« – »Wer ist denn dein Vater?« – »Das glaubst du mir doch nicht.« – »Wer ist deine Mutter?« – »Das sage ich nicht.« – »Wo wohnst du denn?« – »Wo ich will.« – »Höre einmal, bunter Junge,« sagte darauf der Prinz, dem der Schelm gefiel, »ich will dich in meine Dienste nehmen.« – »Wenn du mir gut thust, gehe ich darauf ein,« antwortete er, »du darfst mich aber niemals wieder bunter Junge rufen.« – »Wie heisst du denn?« fragte der Königssohn. – »Ich heisse Hans Wunderlich!« – »Nun, so komm mit mir, Hans Wunderlich,« sprach der Prinz, und der bunte Junge lief neben dem Rosse her, schneller, als ein Windspiel zu laufen vermag. Auf dem Schlosse bekam er von der Speise, welche dem Prinzen aufgetragen wurde, und wo dieser war, war er auch, und des Nachts kroch er unter die Bettstelle und schlief dort, bis der Königssohn erwachte.
Eines Tages sagte der Königssohn: »Hans Wunderlich, ich habe eine grosse Reise vor, da darfst du nicht mitkommen!« – »Wo du bist, bleibe ich auch,« versetzte der bunte Junge. »Wenn ich dich nun aber nicht in den Wagen nehme.« – »Dann setze ich mich zu dem Kutscher auf den Bock!« – »Und wenn ich dich dort nicht sitzen lasse.« – »So laufe ich nebenher.« – »Und wenn ich dich zurücktreiben lasse!« – »So bin ich doch bei dir; denn wo du bist, bleibe ich auch.« Sprach der Prinz: »Wenn es so steht, will ich dich doch nur mitnehmen.« – »Ist auch besser,« sagte Hans Wunderlich; und er durfte in den Wagen hinein, als der Königssohn von seines Vaters Schloss fuhr. Der Prinz wollte aber einen König besuchen, dessen eine Tochter für ihn zur Gemahlin bestimmt war. Die Sache war schon längst abgemacht, nur wusste der König nicht, welche Tochter er weggeben sollte. Da musste nun der Prinz selber kommen und die Prinzessin aussuchen, die ihm am meisten gefiel.
Auf der Reise kamen sie durch einen grossen Wald, und als es Abend wurde, sahen sie ein Wirtshaus vor sich, das war hell erleuchtet [77] und schien voller Menschen. Dort musste der Kutscher halten, und nachdem sie gegessen und getrunken hatten, liess sich der Prinz ein Zimmer geben und ging mit Hans Wunderlich hinauf. »Prinz,« sagte der bunte Junge, als der Königssohn sich entkleidet hatte, »heute kannst du einmal unter dem Bette schlafen, ich habe es lange genug gethan.« – »Nicht doch, Hans Wunderlich,« antwortete der Prinz, »so haben wir nicht gewettet: Der Herr gehört ins Bett und der Diener darunter.« – Hans Wunderlich blieb aber dabei, und endlich kroch der Prinz um des lieben Friedens willen unter die Bettstelle und lag auf der Diele, während sich der bunte Junge in dem weichen Bette streckte. Als Mitternacht vorüber war, that sich mit einem Male die Thüre auf, und zwölf Kerle kamen mit langen, scharfen Messern herein geschlichen, fielen über das Bett her und stachen hinein. In dem Augenblick war aber auch Hans Wunderlich schon aufgesprungen, hatte den ersten bei den Beinen gepackt und schlug mit ihm auf die elf andern ein, bis er sie samt und sonders getötet hatte. Dann warf er die Leichen zum Fenster hinaus und sagte zu dem Prinzen: »Jetzt leg du dich wieder in das Bett und lass mich unter die Bettstelle kriechen.« Der Prinz bedankte sich bei dem bunten Jungen; denn nun merkte er, warum er durchaus mit auf die Reise gewollt hatte. Darauf legte er sich in das Bett und schlief bis an den lichten Morgen; dann stiegen sie wieder in den Wagen und fuhren in des Königs Stadt, mit dessen Tochter der Prinz Hochzeit machen sollte.
Ehe der Prinz aber auf das Schloss ging, nahm ihn Hans Wunderlich bei Seite und sprach zu ihm: »Höre, Prinz, vergiss mein nicht, sonst werde ich dein auch vergessen. Bring mir jeden Mittag Speis und Trank in den Garten und stell es mir unter einen Baum, dass ich davon leben kann.« Der Prinz versprach dem bunten Jungen, dass er ihn nicht vergessen würde, und ging auf das Schloss. Der alte König freute sich sehr, dass sein Schwiegersohn gekommen sei, und befahl seinen beiden Töchtern, dass sie vor ihn treten sollten, damit er sich diejenige auswählte, welche ihm am besten gefiele. Die Prinzessinnen waren beide von schöner Gestalt, aber die jüngste gefiel ihm doch besser, als die älteste, und er erbat sich dieselbe vom König zur Frau. Der war damit einverstanden, und es wurde Verlobung und Hochzeit gefeiert; und der Prinz vergass über dein Festesjubel ganz und gar seines Hans Wunderlich und brachte ihm kein Essen in den Garten hinab. Als nun am Abend das junge Paar zu Bette ging, litt es die älteste Prinzessin nicht länger vor Wut und Neid, dass ihre jüngere Schwester vor ihr einen Mann bekommen, sie ergriff ein langes, scharfes Messer, schlich sich damit in die Schlafkammer hinein und stach es ihrer Schwester durch's Herz, dass sie lautlos und, ohne dass der Prinz darüber erwachte, ihren Geist aufgab. Das blutige Messer aber legte sie zur Seite des Prinzen nieder. Doch einer war dabei, der die Mordthat mit angesehen, das war Hans Wunderlich; und als die älteste Prinzessin in ihre Schlafkammer [78] zurückkehrte und einschlief, schrieb er ihr mit Kohle auf die blosse Brust: »Ich bin Schuld an meiner Schwester!« dann lief er wieder in den Garten zurück.
Am andern Morgen wollte der alte König wissen, wie den jungen Leuten die Hochzeit bekommen sei; als er aber die Thüre aufthat, schwamm sein jüngstes Töchterlein in ihrem Blute, und der Prinz lag ruhig neben ihr und hatte das Dolchmesser noch an seiner Seite. »Mörder! Mörder!« schrie der alte König und rang die Hände, und als der Prinz von dem Schreien erwachte, hatten ihn schon des Königs Diener gepackt und warfen ihn in den tiefsten Kerker, und am vierten Tage sollte er gerichtet werden. Da sass er nun im äussersten Keller und rang die Hände und wusste nicht wo aus noch ein. Nur ein ganz kleines Guckfensterchen war hoch oben in der Mauer, damit etwas frische Luft hinein käme und er nicht in dem Gefängnis erstickte. Wie er nun seine Blicke zu dem Guckloch erhob, sah er den bunten Jungen vor dem Fenster lustig auf- und abspringen, als ginge es zur Hochzeit. »Hans Wunderlich, Hans Wunderlich!« rief der Prinz, »hilf mir oder ich sterbe.« – »Du hast mein vergessen, so werde ich dein vergessen,« antwortete der bunte Junge und sprang davon. Den zweiten Tag sprang er wiederum vor dem Kerkerfenster herum, bis der Prinz seiner gewahr wurde und rief: »Hans Wunderlich, Hans Wunderlich, rette mich aus der Not!« Der bunte Junge gab ihm jedoch dieselbe Antwort, wie tags zuvor, und war verschwunden. Am dritten Tage war der Prinz schon ganz am Leben verzagt, und als er diesmal den bunten Jungen erblickte, flehte und bat er so kläglich, dass Hans Wunderlich mitleidig wurde und zu ihm sprach: »Nun gut, ich werde dir helfen, wenn du dafür meine Mutter heiraten willst.« – »Das will ich gerne thun,« antwortete der Prinz, »rette mir nur das Leben.« – »Ich habe dein Wort, dass du meine Mutter heiratest,« erwiderte Hans Wunderlich, »und du hast meins, dass sie dir kein Haar krümmen. Warte nur ab, wie alles geschehen wird!«
Am andern Tage stand der Prinz schon auf der Leiter, und der König und die älteste Prinzessin und die Herren vom Hofe und viel Volks stand um den Galgen herum, dass sie sähen, wie der Mann sein Leben verliert, der seine Frau in der ersten Nacht erstach. Als nun der Henker dem Prinzen eben die Schlinge um den Nacken legen wollte, kam der bunte Junge herbeigelaufen und rief: »Herr König, vergiesst nicht unschuldig Blut und schaut nach, was eurer Tochter auf der blossen Brust geschrieben steht!« Da schrie auch der Prinz von der Leiter herab: »Ich wünsche mir als letzte Gnade, dass es so geschieht, wie Hans Wunderlich gesagt hat.« Die letzte Bitte durfte der König dem Prinzen nicht abschlagen; er nahm darum die Prinzessin beiseite, öffnete ihr das Kleid, und da las er denn auf der blossen Brust: »Ich bin Schuld an meiner Schwester!« – »Wer hat das darauf geschrieben?« fragte er zornig. »Das habe ich gethan,« versetzte Hans Wunderlich und erzählte genau, wie alles gekommen sei. Da konnte auch die Prinzessin nicht mehr läugnen, und sie [79] gestand, dass sie es nicht habe ertragen können, dass ihre jüngere Schwester vor ihr einen Mann bekommen. Sobald der König das vernahm, musste der Prinz von der Leiter herab, und an seiner Statt stieg die Prinzessin hinauf, und der Henker legte ihr die Schlinge um den Hals; dann zog er die Leiter fort, und da hing sie am hell lichten Galgen, den Krähen und Raben zur Speise.
Der Prinz aber stieg mit Hans Wunderlich in den Wagen, und sie fuhren in ihr Königreich zurück. Als sie im Walde waren, sprang der bunte Junge aus dem Wagen heraus und kam bald darauf mit einem grossen Wolfe an. »Prinz,« rief er, »hier ist meine Mutter!« – »Wenn es deine Mutter ist,« antwortete der Königs sohn, »so will ich den Wolf heiraten, und er soll meine Frau werden.« – »Nein, es ist meine Mutter nicht,« lachte Hans Wunderlich, »meine Mutter schaut anders aus, ich wollte dich nur versuchen.« Es dauerte gar nicht lange, so schleppte er einen alten Zottelbär herbei. »Prinz, hier ist meine Mutter!« – »Wenn der Zottelbär deine Mutter ist, so will ich ihn heiraten, und er soll meine liebe Frau werden,« antwortete der Prinz wieder. »Nein, auch der Zottelbär ist meine Mutter nicht,« lachte der bunte Junge, »meine Mutter schaut anders aus,« und er kam mit einem wilden Löwen angesprungen. Dem Prinzen stiegen die Haare zu Berge vor Furcht; aber als Hans Wunderlich sprach: »Hier, dies ist meine Mutter!« antwortete er dennoch, wie zuvor: »Wenn der Löwe deine Mutter ist, soll er auch meine Frau werden.« – »Auch der Löwe ist meine Mutter nicht,« lachte der bunte Junge, »wie sollte ich wohl solch eine Mutter haben!«; dann liess er den Löwen laufen, sprang wieder zu dem Prinzen in den Wagen hinein, und sie fuhren zusammen auf das königliche Schloss. Dort stand gerade die Prinzessin am Brunnen, um Wasser für den Koch in die Küche zu tragen. »Das ist meine Mutter,« rief Hans Wunderlich, sprang aus dem Wagen, ergriff die Prinzessin am Arme und führte sie dem Königssohne zu. »Ach, die hat mir schon längst gefallen!« rief der Prinz, und als Hans Wunderlich ihm die Hand darauf gegeben hatte, dass er diesmal die Wahrheit sage, gab der Prinz des bunten Jungen Mutter einen Kuss, und sie verlobten sich mit einander. Den Abend wurde die Hochzeit gefeiert, und so war die Prinzessin wieder zu königlichen Ehren gelangt, wie sie auch nicht anders verdient hatte.
Als sie am andern Morgen aufgestanden waren, sprach der Prinz: »Ist denn Hans Wunderlich wirklich dein Sohn?« – »Er sagt es ja,« antwortete die Prinzessin, »es muss aber durch Zauberei geschehen sein, mit rechten Dingen ist es nicht zugegangen.« Wie sie noch so miteinander sprachen, that sich die Thüre des Schlafkämmerleins auf, und der bunte Junge kam herein gesprungen. »Vater,« rief er und zupfte den Prinzen am Rocke, »komm mit mir in den Garten hinab; aber vergiss nicht, dein Schwert umzugürten.« Der Prinz that so, wie ihm Hans Wunderlich gesagt hatte, und als sie unten im Garten waren, sprach der bunte Junge zu ihm: »Jetzt zücke dein Schwert und schlage mir das Haupt ab!« – »Das werde ich nicht thun,«[80] versetzte der Prinz; »wie werde ich dem das Haupt abschlagen, der mir zweimal mein Leben gerettet.« – »Gehorche mir oder es geht dir schlecht!« rief der bunte Junge; da bekam der Prinz Furcht, denn er wusste, was Hans Wunderlich vermochte, wenn er böse war. Er zog darum das Schwert aus der Scheide, holte weit aus und, ratsch, hatte das scharfe Eisen den Kopf abgeschnitten, dass er zu Boden fiel. Kaum hatte das Haupt jedoch den Erdboden berührt, so sprang es wieder in die Höhe, und ehe der Prinz es sich versah, sass es wieder zwischen den Schultern, und aus Hans Wunderlich war ein stattlicher Königssohn geworden, wie man ihn sich nicht schöner denken konnte. »Nun bin ich erlöst,« rief er freudig, und nachdem er dem Prinzen alles erzählt hatte, wie es mit seiner Mutter gekommen sei, kehrten sie beide auf das Schloss zurück. Da war die Freude einmal gross, als die Prinzessin sah, was aus ihrem bunten Jungen für ein stolzer Prinz geworden war. Sie lebten darauf alle drei noch viele Jahre lang in Glück und in Frieden, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.
Vor Zeiten waren die Leute in Pommern noch nicht so klug, als sie jetzt sind; da war das ganze Land katholisch, und ein jeglicher lebte des Glaubens, nicht der liebe Gott, sondern der Pastor könne die Sünden vergeben. In diesen katholischen Zeiten nun kam eines Tages ein Bauer, Hans Hildebrand geheissen, zu dem Pastor und beichtete ihm seine Sünden. Der Pastor aber hielt es mit der Frau des Bauern, da sie ihm immer fette Bissen vorsetzte und auch stets einen guten Trunk für ihn in der Kanne bereit hielt. Darum sagte er zu dem Bauern: »Mein lieber Sohn, deiner Sünden Last ist schwer und sehr gross; willst du nicht die ewige Pein leiden, so musst du nach Rom gehen und dir von dem Papst einen Ablassbrief holen.«
Hans Hildebrand kraute sich traurig hinter den Ohren, denn der Weg nach Rom ist weit, und was sollte inzwischen aus Haus und Hof und aus seinem Weibe werden? Aber noch schlimmer däuchte ihm, immerdar in der Hölle brennen zu müssen. Er schnürte also sein Ränzel und machte sich, wenn auch schweres Herzens, auf die Wanderschaft nach Rom.
Er mochte ein Stunder drei oder vier gegangen sein, als ihm ein steinaltes Männchen begegnete, mit einem grossen, allmächtigen Kaliet (Esskober) auf dem Nacken; das war aber niemand anderes, als der liebe Gott, der in den katholischen Zeiten noch auf der Welt herumwanderte, [81] um den armen Leuten zu helfen. »Wohin so eilig?« rief er dem Bauern zu. »Nach Rom, um einen Ablassbrief zu holen,« entgegnete Hans Hildebrand. »Was willst du damit?« fragte das Männchen weiter. »Der soll mich von meinen Sünden befreien,« erhielt er zur Antwort. Da lachte das Graumännchen, das der liebe Gott selber war: »Deine Sünden will ich dir vergeben, wenn sie dir leid sind, nach Rom brauchst du darum nicht zu pilgern; aber wenn du sehen willst, wie es der Pastor inzwischen mit deiner Frau treibt, so kehr wieder um und geh mit mir.«
Hans Hildebrand dachte: »Der alte Mann hat recht gesprochen,« dankte ihm für den guten Rat und versprach ihm zu folgen. Sogleich steckte ihn das Graumännchen in seinen allmächtigen Kaliet hinein und schritt mit ihm dem Dorfe zu. Bei dem Hofe des Bauern machte es halt und fragte die Bäuerin, ob es nicht für die Nacht ein Unterkommen finden könnte. Das schlug ihm die Frau nicht ab, denn ihr war heute grosse Freude beschert, der Herr Pastor sass in der guten Stube und liess sich die leckeren Bissen und das starke Bier gut schmecken; deshalb wollte sie auch dem armen Bettler eine Freude gönnen.
Als nun das Graumännchen auf der Ofenbank Platz genommen, war der Pastor just in der fröhlichsten Stimmung, ergriff den Krug, trank daraus und sang dazu mit seiner tiefen Stimme:
»Ich hab' einen Boten ausgesandt nach Ro-o-om,
Einen Ablassbrief zu ho-o-oln.«
Darüber wollte die Frau schier vergehen vor Lachen, trank auch einen guten Schluck und fiel dann mit ihrer feinen Stimme ein:
»Ich hab' ihm mitgegeben zwei Spi-ick-gäns
Und ein kleines Brö-ö-de-lein.«
»Alterchen, jetzt muss er auch singen,« rief der Pastor, »wenn alle Welt lustig ist, darf er allein nicht sauer sehen.« Und das Graumännchen ergriff den Krug, trank und sang mit lautem, vollem Ton:
»Hans Hildebrand,
Sitzt in der Kiep, hängt an der Wand.«
»Jetzt kann ich nicht mehr länger sti-i-lle sitzen,
Muss rausser stei-ei-ei-gen.«
Damit stiess er den Deckel des Kaliets auf und sprang mitten in die Stube hinein, ergriff seinen guten Krückstock und schlug auf Frau und Pastor los, dass sie schreiend aus dem Hause liefen. Und niemals wieder ist es ihm in den Sinn gekommen, nach Rom zu wandern und dort vom Papst einen Ablassbrief zu holen.
Glück und Verstand reisten zuhauf. »Wem ich helfe, dem gelingt's,« sagte der Verstand. »Das kommt auf die Probe an,« erwiderte das Glück; und wie sie miteinander zankten, erblickten sie einen Bauerjungen, der mit zwei Kühen den Acker pflügte. »Der Junge gefällt mir!« rief der Verstand; »Was meinst du, Bruder Glück, wollen wir mit ihm den Versuch machen?« Das Glück war es zufrieden, und der Verstand, der immer obenaus ist und stets der erste sein will, fuhr, wie er ging und stand, in den Bauerjungen hinein. Der hatte bis dahin ein Lied vor sich hin gepfiffen, so dumm und so klug, wie die Bauerjungen eben ein Lied pfeifen; als aber der Verstand in ihm steckte, dauerte es gar nicht lange, und er schaute nachdenklich die Furchen entlang. Da war eine so schier und gerade, wie die andere, und wer pflügen kann, weiss, was es heisst, schnurgerade Furchen ziehen. »Junge,« dachte er bei sich, »du bist noch so jung und kannst schon so vortrefflich pflügen? Du bist zu gut zum Bauer!« und flugs spannte er die Kühe aus und kehrte auf den Hof zurück.
»Mutter,« sprach er, »mir ist's über, ein Bauer zu sein, ich will in die Stadt und ein Handwerk lernen.« – Seine Mutter war aber eine Witwe und der Junge ihre einzige Stütze und der Erbe des Hofes, denn das eine Kind hatte sie nur; sie sprach darum zornig: »Wer hat dir das in den Kopf gesetzt! Sogleich kehrst du auf den Acker zurück und kommst mir nicht vor Abend nach Hause.« Der Junge gehorchte und verrichtete sein Tagewerk. Den andern Morgen schien es ihm, als pflüge er noch besser, wie den Tag zuvor, und nachdem er ein paar Furchen gezogen, spannte er wiederum aus und kehrte mit den Rindern nach Hause. »Mutter,« sagte er, »miete nur statt meiner einen Knecht! Ich hab's mir noch einmal überlegt, ich bin zu gut zum Bauer und will in die Stadt und ein Handwerk lernen.« – »Ei, guckt mir einmal den Schlingel an,« schalt die Mutter, »nun will er gar mehr sein, wie sein Vater! Nein, daraus wird nichts!« und damit ergriff sie ihres seligen Mannes Knotenstock und zog ihm ein paar wohl gezielte über den Buckel, dass er allen Hochmut vergass und machte, dass er wieder auf das Feld kam.
Den dritten Morgen kamen ihm beim Pflügen dieselben Gedanken, und weil er Furcht vor seiner Mutter hatte, entschloss er sich kurz, liess Pflug und Rinder im Stich und lief trapp, trapp, was er laufen konnte, und ruhte und rastete nicht eher, als bis er im Walde war. Der Busch war aber sehr lang und sehr breit, und er lief drei ganze Tage darin herum, ehe er sein Ende erreichte und in die Stadt gelangte. Von dem vielen Laufen war er müde und hungrig geworden; [83] denn im Walde giebt es nur Beerenwesen und harte Wurzeln. Geld hatte er nicht in der Tasche, dass er sich etwas kaufen konnte, er setzte sich darum vor einem Hause auf die Bank, hielt den Kopf zwischen den Händen und weinte bitterlich. Da schlug ihm mit einem Male ein Mann, mit einem Schurzfell vor dem Leib, auf die Schulter und fragte: »Was fehlt dir, mein Sohn?« – »Ach, lieber Herr!« antwortete der Junge, »ich bin hier fremd, bin, wie ich gehe und stehe, vom Pfluge gelaufen, denn ich bin zu klug zum Bauer und möchte gern ein Handwerk lernen.« – »Einen klugen Lehrjungen könnte ich gerade brauchen,« sprach der Mann, »kannst du aber auch lesen und schreiben? Denn ich bin ein Goldschmied, und wer ein Goldschmied werden will, muss Lesen und Schreiben aus dem Grunde verstehen.« – »Ich bin nicht in die Schule gegangen,« erwiderte der Junge, »aber zeigt mir, wie es gemacht wird, so weiss ich's sogleich.« – »Wenn du das wahr machst, sollst du bei mir bleiben,« sagte der Goldschmied, und nachdem er ihm in seinem Hause satt zu essen und zu trinken gegeben, that er ihn zu einem verständigen Manne, der ihn unterrichten sollte. Hei, das war eine Freude mitanzusehen, wie der Junge alles begriff, und ehe noch vier Wochen vergangen waren, wusste er just so viel, wie sein Lehrer.
Nun führte ihn der Goldschmied in die Werkstatt und befahl dem Altgesellen, dass er ihn in seine Hut nähme. »Junge,« sprach der Altgeselle, als ihm der Meister den Rücken gekehrt, »hier hast du sechs Dreier, lauf zum Krüger und bring mir ein Quart.« Das that der Junge auch; doch als er mit dem Branntwein zurück gekommen war, sagte der zweite Geselle: »Junge, hier hast du einen Sechser, lauf zum Kaufmann und hol mir Schnupftabak, aber auch ja von dem Sauren;« und so hatte der eine dies, der andere das zu bestellen, und der Junge kam aus dem Laufen gar nicht heraus, und das ging einen Tag, wie den andern. Nach einer Woche kam der Meister wieder einmal in die Werkstatt und fragte: »Wie gefällt dir die Goldschmiedekunst?« – »Schlecht,« antwortete der Junge, »wenn ich hin- und herlaufen wollte, konnte ich auf dem Dorfe bleiben. Lernen will ich, und Gold will ich in den Händen haben, um schöne, glitzernde Dinge daraus zu schmieden!« – Da lachte der Meister, dass er sich den Leib halten musste, und sprach: »Wer wird denn einem Lehrjungen Gold in die Hand geben! Zum Verderben ist es zu teuer.« – »Lasst mich nur das nehmen, was die Gesellen fortgeworfen haben, Meister,« bat der Junge, »dann sollt Ihr schon sehen, was ich kann!« Nun lachten auch die Gesellen allesamt; denn was für Gold konnte er meinen? Und der Meister erlaubte ihm, mit dem, was die andern fortgeworfen hätten, zu thun, was er wolle. Da fegte der Junge das Gemüll in der Werkstatt zusammen, that es in den Tiegel und stellte ihn über das Feuer, und all' die abgefeilten Goldstäubchen, die vorher zertreten im Sande gelegen hatten, schmolzen zusammen, und als er den Tiegel wieder vom Feuer nahm, fand sich ein gut Teil Gold auf dem Boden. Darauf nahm er Hammer und Zange und, was der Werkzeuge, [84] die ein Goldschmied bedarf, noch mehr sind, und arbeitete und arbeitete, bis er ein glänzendes Halsgeschmeide verfertigt hatte. »Junge, was hast du da?« rief der Meister, als er die Arbeit erblickte. »Das habe ich aus dem fortgeworfenen Golde gefertigt,« antwortete der Junge. »Und du redest mir vor, du wärest ein Lehrling!« sprach der Goldschmied zornig, »Du bist ja ein Meister über alle Meister. Warte nur, ich werde dich lehren, andere Leute zum Narren haben!« und ehe der Junge es sich versah, hatte er ihm rechts und links um die Ohren geschlagen, und zu guter letzt warf er ihn gar zum Hause hinaus.
Da stand er auf der Strasse und war in vier Wochen ein gelernter Goldschmied geworden und hatte doch keinen Gesellenbrief. Was sollte jetzt aus ihm werden! Und er ging ein Stückchen die Strasse herauf, dann setzte er sich wieder auf eine Bank vor einem Hause und weinte seine bitterlichen Thränen. Es dauerte gar nicht lange, so kam der Herr des Hauses her aus und fragte ihn: »Junge, was weinst du?« – Da erzählte er ihm, wie er von Hause fortgelaufen wäre, weil er zu klug sei, um den Bauer zu spielen, dass ihn der Goldschmied als Lehrjungen angenommen habe, und wie er nun von ihm auf die Strasse gesetzt sei, weil er ein Goldschmied wäre über alle Goldschmiede. »Höre, Junge,« sprach der Mann, »ich mache Singuhren; wenn dir das Handwerk gefällt, so möchte ich es wohl einmal mit dir versuchen.« Das war der Junge zufrieden, und nachdem ihm die Meisterin Brot, Butter und Käse vorgesetzt hatte und er satt geworden war, führte ihn der Meister in die Werkstatt und übergab ihn dem Altgesellen. Da ging es wieder, wie beim Goldschmied: »Junge, hol das, und, Junge, bring das!« und er kam vor dem vielen Laufen gar nicht zur Ruhe. »Nun, wie gefällt dir das Handwerk?« fragte der Meister, nachdem ein paar Wochen verflossen waren. »Gar nicht,« antwortete der Junge, »um den Laufburschen abzugeben bin ich nicht in die Stadt gekommen; lernen will ich und Spieluhren arbeiten.« – »Meinetwegen,« sprach der Meister, »du sollst deinen Willen haben. Oben auf dem obersten Boden steht in der grossen Kiste eine alte Singuhr, die hat mein Grossvater einmal als Bezahlung gegen eine andere Uhr angenommen, hat aber nichts damit anfangen können. Vater sagte, es sei der Mühe nicht wert, und ich habe sie noch nicht einmal angesehen. Daran magst du dich versuchen!« Und dabei lachte er vor Vergnügen, und die sieben Gesellen in der Werkstatt lachten mit, denn sie wollten dem Meister nicht nachstehen. Der Junge aber kümmerte sich nicht darum, sondern lief auf den Boden und trug die alte Singuhr auf den Hof; dort fegte er zuerst sauber die Spinnengewebe aus, denn was meint ihr, wie die Spinnen in einer alten Uhr hausen, die hundert Jahre auf dem obersten Boden im Kasten gelegen hat; und nachdem das Gehäuse gereinigt war, schaute er nach und holte die Räder heraus. Hier fehlte ein Zapfen und dort ein Zahn, er aber holte Handwerkszeug aus der Werkstatt und fügte das Fehlende so geschickt ein, dass die Uhr, als er sie wieder zusammen gesetzt hatte, so herrlich spielte und sang, dass die Leute auf der Strasse stehen blieben, [85] um dem schönen Singsang zu lauschen. Als der Meister die Arbeit des Jungen besah, wunderte er sich zwar auch über die Massen; doch war er nicht so thöricht, wie der Goldschmied, sondern er machte den Lehrjungen sofort zum Gesellen, stellte ihm einen Brief aus und setzte ihn über die ganze Werkstatt. Alle Arbeit musste er zuvor beschauen, und dann kam sie erst an die andern Gesellen; und er machte seine Sache so gut, dass der Meister sich um nichts mehr zu kümmern brauchte.
Nun hatte der König in der Stadt eine Singuhr, an der hing sein ganzes Herz. Eines schönen Tages machte es jedoch schnurrrrr, und das Räderwerk stand und war auch nicht wieder in Bewegung zu setzen. Da liess der König ausrufen, wer ihm die Singuhr in Ordnung brächte, dem wolle er zur Belohnung geben, was er sich wünsche; wer sich aber an die Arbeit mache und nicht damit fertig würde, solle den Kopf verlieren. Auf die Bedingung hin meldete sich gar niemand; denn alle hätten sich wohl gerne gewünscht, was sie am liebsten haben mochten, aber sie fürchteten samt und sonders, den Kopf zu verlieren. Nur der Meister, bei dem der Junge in Arbeit stand, ging auf das Schloss und sagte, er wolle die Uhr wieder in Ordnung bringen. »Hier ist die Uhr, setz dich hin!« sagte der König. »Nein, meine Augen sind für so feine Arbeit schon zu trübe,« antwortete der Meister, »aber ich habe einen Gesellen, der soll mir helfen.« Das war der König zufrieden, und der Junge wurde geholt. Der sah kaum in das Räderwerk hinein, so wusste er, woran es lag; aber er legte die Uhr wieder auf den Tisch und rührte nicht Hand noch Fuss. »Warum arbeitest du nicht?« fragte der Meister. »Das sollte mir fehlen,« erwiderte der Junge, »ich setze meinen Kopf zum Pfande, und Ihr erntet den Lohn ein, wenn die Arbeit gelingt. Entweder Ihr bringt die Uhr in Ordnung, und ich gehe hinaus, oder ich bringe die Uhr in Ordnung, und Ihr geht hinaus.« – »Nichtsnutziger Schlingel!« rief der Meister und gab dem Jungen einen Schlag an die Ohren; der liess sich das nicht gefallen, und es hätte wohl gar eine grosse Prügelei abgegeben, wenn nicht der König dazu gekommen wäre.
»Herr König,« rief der Meister und war kirschrot im Gesicht, »es geht drunter und drüber in Eurem Reiche.« – »Nein, Herr König,« fiel ihm der Junge ins Wort, »ist's nicht billig, dass der, welcher die Uhr herstellt, auch die Belohnung empfängt?« – »Gewiss ist das recht und billig,« sagte der König verwundert; und als ihm der Junge erzählt hatte, woher der Streit entstanden sei, fragte er den Meister, ob er die Arbeit machen wolle oder nicht. Und als der Meister versicherte, er könne es wohl, aber die Augen seien ihm zu trübe geworden, darum müsse es sein Geselle thun, sprach der König: »Was hat er dann in dem Schlosse zu thun! Marsch fort, oder ich lasse ihn hinausbringen.« Der Meister knirschte vor Wut mit den Zähnen, aber er musste gehorchen, denn der König verstand keinen Spass, und der Junge konnte seine Arbeit beginnen. Es dauerte gar nicht lange, so hatte er alles wieder in Ordnung gebracht, und der [86] König wurde gerufen, dass er die Arbeit beschaue. Als die Uhr sang, rief er: »So, wie früher, geht sie nicht, sondern zehnmal schöner, darum wünsch dir jetzt, was du willst, und wenn es in meiner Macht steht, soll dir der Wunsch gewährt werden.« Antwortete der Junge: »Herr König, mein Vater ist schon lange tot, und ob Mutter noch lebt, weiss ich nicht; wenn ich wünschen könnte, was ich will, wünschte ich, dass Ihr mich an Kindesstatt annehmen möchtet.« – »Das soll geschehen,« sprach der König, »mein einziger Sohn ist in deinem Alter, und da passt ihr zusammen.« Der junge Prinz wurde sogleich herein gerufen, und als er vernahm, was geschehen sei, gab er seinem neuen Bruder freundlich die Hand; dann bekam derselbe königliche Kleider anzuziehen und wurde Prinz Karl genannt, während des Königs rechter Sohn Prinz Friedrich hiess.
Jeden Morgen ritten die Prinzen aus, und da die Stadt sieben Thore hatte, hätten sie alle Tage der Woche ein anderes Thor gehabt; doch jedesmal, wenn sie bis zum sechsten Thor gelangt waren, kehrte Prinz Friedrich um und begann wieder mit dem ersten. Das nahm Prinz Karl Wunder, und er fragte Prinz Friedrich, weshalb er das thäte. Der wollte zuerst nicht mit der Sprache heraus; als aber sein Bruder nicht nachliess, in ihn zu dringen mit Bitten und Quälen, sprach er endlich: »Nun gut, du sollst es erfahren. Ich habe noch eine Schwester, die hat ihr Lebtage mit keinem Menschen ein Wort gesprochen, so trotzig und hochfahrend ist sie. Da ist mein Vater zornig geworden und hat sie vor dem siebenten Thore in das Wachthäuschen gesperrt, und eine Tafel ist daran geschlagen: ›Wer meine Tochter zum Sprechen bringt, erhält sie zur Frau und wird mein Nachfolger im Reiche; wer es versucht, und es gelingt ihm nicht, wird desselben Tages gehangen.‹ Und damit niemand den König belügen kann, sitzen drei alte ausgediente Feldwebel vor dem Häuschen und schreiben jeden auf, der zu der Prinzessin hineingeht, und verdienen sich damit für ihre alten Tage das Gnadenbrot.« – »Wenn es weiter nichts ist,« antwortete Prinz Karl, »das hättest du mir schon eher sagen können; mich gelüstet's nicht, den Kopf zu verlieren, und die Prinzessin hat vor mir Ruhe;« innerlich dachte er aber anders. Sein ganzes Sinnen und Trachten stand von nun an allein auf die Prinzessin, und er hatte nur deshalb so gesprochen, damit Prinz Friedrich mit ihm durch das siebente Thor ritte.
Das that Prinz Friedrich denn auch, und schon am andern Morgen ritten sie durch das siebente Thor. Die drei alten ausgedienten Feldwebel standen stramm, wie die Puppen, als die beiden Prinzen vorüber kamen; die Prinzessin aber, welche am Fenster war, that, als sähe sie nichts, und dankte auch nicht, als die Prinzen sie grüssten. »Sag mir, mein Bruder,« begann Prinz Karl, nachdem sie eine Weile geritten waren, »was hat denn deine Schwester in der Stube, in der sie gefangen sitzt?« – Antwortete Prinz Friedrich: »Je nun, was soll sie haben? In der Stube stehen ein Bett und zwei Stühle, ein Tisch und ein Schrank, und mit ten an der einen Wand hängt ein grosser, mächtiger[87] Spiegel. Das ist ihr Herrgott. Vor dem steht sie wohl hundert Mal des Tages und schaut hinein.« Nun hatte Prinz Karl genug gehört, und er fragte seinen Bruder nicht weiter. Als sie aber auf dem Rückwege wieder an dem Wachthäuschen vorbei kamen, sprang Prinz Karl geschwind vom Rosse, und ehe Prinz Friedrich wusste, was geschah, hatte er den drei Feldwebeln seinen Namen genannt und war in das Häuschen gelaufen. Poch! poch! poch! klopfte er an, aber niemand rief herein. Da öffnete er die Thüre und trat in das Zimmer. Die Prinzessin stand vor dem Spiegel und beschaute darin ihre Schönheit; Prinz Karl aber drängte sie bei Seite und rief: »Guten Tag, Spiegel!« – Die Prinzessin sah dem fremden Mann verwundert ins Gesicht. »Guten Tag, Spiegel!« rief Prinz Karl zum zweiten Male, und die Prinzessin schaute ihm immer ängstlicher ins Auge. »Guten Tag, Spiegel!« schrie Prinz Karl mit lauter Stimme, dass die Stube dröhnte, »Wenn du mir jetzt keine Antwort giebst, zerschlage ich dich in tausend Stücke!« – »Ach, lieber Herr,« sprach da die Prinzessin und stellte sich vor ihren Herrgottsspiegel, »wie könnt Ihr so unvernünftig sein! Ein Spiegel kann doch nicht reden.« – »Es ist gut,« lachte Prinz Karl und ging zum Wachthäuschen hinaus, schwang sich auf sein Pferd und ritt Prinz Friedrich nach.
Die drei alten ausgedienten Feldwebel hatten wohl gehört, dass der Prinz die Prinzessin zum Sprechen gebracht, aber sie fürchteten, es würde ihr Dienst aus sein und das faule Leben ein Ende haben, wenn die Prinzessin aus dem Wachthäuschen heraus käme. Sie setzten darum eine falsche Meldung auf an den König, darin stand geschrieben: »Prinz Karl ist in das Wachthaus gedrungen, um die Prinzessin zum Reden zu bringen. Es ist ihm aber ergangen, wie den andern allen, und die Prinzessin ist stumm geblieben, wie ein Fisch im Wasser.« Gerade, als der König die Melduug gelesen hatte, trat Prinz Karl vor ihn und verlangte die Prinzessin zur Frau; denn er habe sie zum Reden gebracht. »Belügst du mich, deinen Vater?« rief der alte König zornig; »Hier, das ist die Wahrheit, das haben drei alte ausgediente Feldwebel, geschworene Leute, geschrieben!« und damit zeigte er ihm die Meldung. Da war freilich nichts zu machen, denn es standen drei gegen einen, und Prinz Karl musste sich auf den Armesünder-Karren setzen und wurde zum Galgen gefahren. Prinz Friedrich aber weinte und wollte sich nicht trösten lassen, denn er hielt sich schuld an dem ganzen Unglück.
Als Prinz Karl unten an der Leiter stand, kam das Glück auf den Richtplatz gegangen, aber niemand sah es, und sprach zu dem Verstand in dem Jungen, aber niemand hörte es: »Nun, Bruder Verstand, bis zum Galgen hast du deinen Freund ja gebracht! Viel Freude hat er bis jetzt auch nicht erlebt; aber Schläge hat er genug bekommen von der Mutter, dem Goldschmied und dem Singuhrenmacher.« – »Du hast recht, Bruder Glück,« antwortete der Verstand, »ein Prinz ist er zwar durch mich geworden, aber nun weiss ich mir keinen Rat und keine Hilfe mehr.« Sprach das Glück: »Jetzt werde ich mich [88] seiner annehmen, und, hast du nicht gesehen, während der Junge die Leiter hinaufstieg, fuhr der Verstand aus ihm heraus und das Glück in ihn hinein.« Als Prinz Karl oben angelangt war und der Henker ihm die Schlinge schon um den Hals gelegt hatte, fiel ihm zum guten Glücke ein, dass er noch eine letzte Bitte stellen konnte, die ihm der König nicht abschlagen durfte. »Vater,« sagte er, »ich bestehe auf meinem Recht, ich habe noch eine Bitte.« – »Sie soll dir gewährt werden,« antwortete der König, »nur um das Leben darfst du nicht bitten.« – Sprach Prinz Karl: »So bitte ich, dass ich noch einmal die Prinzessin zum Reden bringen darf, während du mit Prinz Friedrich an der Thüre stehst und horchst.« Da musste der Henker sogleich die Schlinge wieder vom Nacken nehmen, und der König setzte sich mit den beiden Prinzen in den Wagen, und sie fuhren durch das siebente Thor zu dem Wachthäuschen. Prinz Karl that, wie er das erste Mal gethan, er pochte an und ging, als niemand herein sagte, ohne weiteres in die Stube. Dann sprach er wiederum, während der König und Prinz Friedrich an der Thüre standen und horchten: »Guten Tag, Spiegel! Guten Tag, Spiegel! Guten Tag, Spiegel! Und wenn du mir jetzt nicht Antwort giebst, zerschlage ich dich in tausend Stücke!« – Trat die Prinzessin wieder vor ihn hin, dass er ihrem Herrgott nichts anhaben möchte, und sprach; »Lieber Herr, ich habe Euch schon einmal gesagt, Ihr sollt nicht so unvernünftig sein und von einem Spiegel verlangen, dass er redet. Was wollt Ihr überhaupt in meiner Stube?« Erwiderte Prinz Karl: »Liebe Prinzessin, ich will Euch eine Geschichte erzählen, die mir selbst zugestossen ist: Ich bin ein Uhrmacher und ging einmal mit einem Bildhauer und einem Schneider auf Wanderschaft. Eines Nachts kamen wir in einen grossen Wald. Da fürchteten wir uns vor den wilden Tieren und beschlossen, dass einer immer für die andern wachen solle. Wir warfen das Los, und die erste Nummer traf den Bildhauer, die zweite erhielt der Schneider, während mir die dritte Nummer zuteil wurde. Während wir schliefen, wurde aber dem Bildhauer die Zeit lang, und er ergriff einen Block, zog das Messer aus der Tasche und schnitzte daraus ein wunderschönes Frauenbild. Als seine Zeit um war, war auch das Bild fertig, und er lehnte es an den Baum und legte sich schlafen. Der Schneider, der jetzt an der Reihe war, sah das Bild, und es dauerte ihn, dass es nackend war. Flugs schnallte er sein Ränzel auf, holte Nadel und Zwirn und Zeug hervor und nähte dem Bilde ein Kleid und zog es ihm an. Das hatte er eben gethan, da war seine Zeit verstrichen, und ich musste die Wache besorgen.« »Als ich das schöne Frauenbild in dem herrlichen Kleide sah, dachte ich: ›Wie schön wäre es, wenn es sprechen könnte!‹ Mein Werkzeug hatte ich zur Hand, und ehe noch der Morgen anbrach, hatte ich eine Stimme verfertigt. Die setzte ich dem Frauenbild in den Mund, da sprach es, wie ein vernünftiger Mensch.« – »Das ist nicht wahr,« rief die Prinzessin. »Und es ist doch wahr!« antwortete der Prinz, »Der Bildhauer, der das Bild geschnitzt hat, ist dein Vater; der [89] Schneider, der es kleidete, ist deine Mutter, und ich bin der Uhrmacher, ich habe dir die Stimme eingesetzt, dass du wieder sprechen und singen, lachen und weinen kannst, wie ein vernünftiger Mensch.« – »Ja, Prinz Karl hat recht,« riefen der alte König und Prinz Friedrich aus einem Munde, stiessen die Thüre auf und traten in die Stube hinein. Da musste die Prinzessin sogleich mit dem König und den beiden Prinzen in den Wagen steigen, und sie fuhren zu vieren auf das Schloss, und die Hochzeit wurde noch an demselben Abend mit grosser Pracht und Herrlichkeit gefeiert, nachdem sie zuvor zugesehen, wie die drei Erzlügner, die alten ausgedienten Feldwebel, an den höchsten Galgen gehängt wurden und in der freien Luft baumelten.
Nach der Hochzeit machte das Glück wieder, dass es zum Verstande kam. »Bruder,« sagte der Verstand, »nun hab' ich es selbst erfahren: deine Freunde sind besser beraten, wie meine!« dann setzten sie selbander ihre Reise fort, weiss Gott, wem sie jetzt helfen mögen.
Es war einmal ein Graf, der hatte drei Söhne. Die beiden Ältesten dienten dem König, der eine als Hauptmann, der andere als Fähnrich, und der Vater hatte eine rechte Freude an ihnen; um so grösser war sein Kummer über Hans, den Jüngsten, der war zu nichts etwas nutze. Er wollte nicht Soldat und nicht Landwirt werden; endlich riss dem Alten die Geduld, er rief ihn zu sich und sprach zu ihm: »Ich hab's jetzt lange genug getragen; etwas musst du lernen, und da du sonst nichts willst, so magst du die Schweine hüten.« Hans bekam keinen kleinen Schreck, als er seinen Vater so sprechen hörte; doch hoffte er, es sei nur ein Spass. Aber es war kein Spass; am andern Morgen um vier Uhr ward Hans aus dem Bette getrieben, bekam ein Tuthorn umgehängt und eine Peitsche in die Hand, und dann musste er die Schweine in den Buchenwald treiben.
Das war ein saures Stück Arbeit, und dazu wiesen die Leute mit Fingern auf ihn und lachten ihn aus. Ehe noch die Sonne dreimal aufgegangen war, lief er darum zu dem alten Grafen und sagte zu ihm: »Vater, ich habe mich besonnen, ich will Euch fortan keine Schande mehr machen und will werden, was meine Brüder sind.« Da war der Graf aller Freuden voll; denn den Soldatenstand schätzte er am höchsten. »Siehst du, Mutter!« sagte er zu seiner Frau, der Gräfin, »unser Hans ist gar nicht so schlimm, als er aussieht. Ich [90] habe es immer gesagt, wenn er nur scharf genommen wird, so soll noch etwas Ordentliches aus ihm werden.« Hans bekam darauf alle Taschen voll guter Speisen und Getränke und dreihundert Thaler obendrein, dass er keine Not litte, dann machte er sich auf den Weg in die Stadt; und als er dort war, wurde er eingekleidet. Die Soldaten sind aber lose Vögel; die merkten bald, dass der neue Rekrut bei Gelde sei, und sie gingen ihm um den Bart und sorgten dafür, dass er keinen Dienst mitzumachen brauchte, und redeten ihm zu, dass er etwas darauf gehen liesse. Da waren sie gerade an den Rechten gekommen, Hans liess sich nicht lange bitten und verlebte mit ihnen einen Tag wie den andern in Saus und Braus; und als die zweite Woche zu Ende gegangen war, hatte er auch keinen roten Heller mehr in der Tasche.
»Was machen wir jetzt?« sagte Hans. »Du schickst einen Boten an den alten Grafen,« rieten die Kameraden, »und lässt ihm melden: Vater, mir ist es sehr gut ergangen unter der Fahne, und mein Hauptmann hat mich zum Gefreiten gemacht!« – Das that denn Hans auch, und als der alte Graf die Botschaft vernommen hatte, wollten ihm schier die Freudenthränen aus den Augen stürzen, so vergnügt war er. Dann ging er zum Geldschrank und holte vierhundert Thaler heraus, gab sie dem Boten und sprach: »Das bring meinem Sohne und grüss ihn mir schön von seinem alten Vater. Und das schickte ich ihm, denn ein Gefreiter muss Geld haben, dass er keine Not leidet.« Als der Bote mit dem Gelde in der Stadt angekommen war, fing das gute Leben von neuem an, bis auch die vierhundert Thaler zu Ende gegangen waren. Da beförderte sich Hans auf den Rat seiner Gesellen zum Fähnrich und erhielt fünfhundert Thaler; dann ward er ein Feldwebel und bekam sechshundert Thaler; ein paar Wochen später wurde er ein Leutnant, und der Vater sandte siebenhundert Thaler; endlich kündete er ihm sogar an, er wäre Hauptmann geworden. Da hielt es den Alten nicht länger zu Haus. »Mutter, ich muss meinen Hans wieder sehen,« sprach er zu der Gräfin, »der macht mir mehr Freude, wie die beiden andern zusammen genommen.« Und weil ein Hauptmann reiten muss, so nahm er die beiden schönsten Hengste aus dem Stalle, und weil ein Hauptmann Geld braucht, so steckte er tausend Thaler in die Tasche; dann ritt er in die Stadt und fragte den ersten besten auf der Strasse, er möge ihm sagen, wo sein Sohn Hans, der Hauptmann, wohne. »Einen solchen Hauptmann giebt es hier gar nicht,« antwortete der Angeredete und ging weiter. »Der Mann wird wohl hier nicht bekannt sein,« dachte der Graf und fragte die Schildwache, welche vor dem Schlosse auf und ab ging: »Wo wohnt mein Sohn Hans, der Hauptmann?« – »Einen solchen Hauptmann giebt es hier gar nicht,« antwortete auch der Soldat, legte sein Gewehr auf die andere Schulter und ging wieder auf und ab. »Der Bauerlümmel,« schalt der Graf, »kennt nicht einmal die Hauptleute in der Stadt!« dann ging er zum General und fragte den, wo sein Sohn Hans, der [91] Hauptmann, wohne. Der General liess die Listen nachschlagen, dann sagte er: »Einen Hauptmann des Namens giebt es hier nicht, wohl aber einen liederlichen Rekruten, der die meiste Zeit im Loche sitzt und mit seinen Gesellen Geld verprasst.« Da ward der alte Graf fuchsteufelswild und rief: »Hat mich der Schlingel so an der Nase herumgeführt, so will ich's ihm gedenken!«; damit lief er zum Hause heraus und kehrte, ohne seinen Sohn gesehen zu haben, mit den tausend Thalern und mit den beiden Hengsten wieder auf sein Schloss zurück.
Als die Sache ruchbar ward, wie Hans seinen Vater geprellt hatte, schrieb der General an den König und fragte an, was sie mit dem liederlichen Rekruten machen sollten. Das Beste wäre, sie jagten ihn fort und trieben ihn über die Grenze. Da kam der Bescheid von dem König zurück: »Ihr sollt Hans nicht entlassen, denn ich kann ihn gut gebrauchen; er soll bei dem Sarge meiner Tochter Wache stehen.« Mit der verstorbenen Prinzessin hatte es aber folgende Bewandtnis:
Der König des Landes hatte sich vor vielen Jahren mit einer reichen Prinzessin verheiratet; aber so schön sie auch war und so grossen Reichtum sie ihm auch eingebracht hatte, so war er doch von Herzen verzagt und bekümmert, denn sie gebar ihm kein Kind. All sein Bitten und Flehen zu Gott half ihm nichts, und endlich ward er ganz verzagt und verzweifelt und lief Tag aus Tag ein halb im Wahne im Walde herum. Da begegnete ihm eines Tages ein altes Mütterchen, das rief: »Ei, Herr König, was seht Ihr so betrübt aus? Euch sollte es doch an nichts fehlen!« – »Lass mich zufrieden,« entgegnete der König, »du kannst mir doch nicht helfen.« – »Wer weiss,« antwortete das Mütterchen, »von alten runzligen Weibern sind oft die schiersten Ratschläge gekommen!« Da dachte der König: »Hilft es nicht, so schadet's auch nicht,« und offenbarte der Alten seinen Kummer. Sagte das Mütterchen: »Wenn's weiter nichts ist, so soll Euch bald geholfen werden. Wartet ein Weilchen, ich komme bald zurück!« Damit humpelte es in den Wald hinein und pflückte Kräuter und Blumen, die ganze Schürze voll, und als es damit zu dem König kam, gab es ihm das Kräuterwesen und hiess ihn, dasselbe seiner Frau, der Königin, bringen, dass sie davon einen Thee koche. »Davon müsst ihr in Gottes Namen beide trinken, ehe ihr zu Bette geht, und euer Wunsch wird erfüllt werden.« – Der König glaubte zwar nicht an die Reden der Alten; aber er nahm die Kräuter doch an sich und brachte sie der Königin auf das Schloss, und sie kochte auch wirklich Thee davon. Wie sie nun beide vor dem Schlafengehen davon tranken, überkam es den König wieder, wie Wahn und Verzweiflung, und er rief: »Trink, Frau, in Gottes Namen mit dem Teufel immerzu!« Darnach gingen sie zu Bette und legten sich nieder. Und das alte Weib hatte den König nicht betrogen. Über neun Monde genas die Königin eines Mädchens, das war gesund an allen Gliedern, aber kohlschwarz von Farbe. Da dachte der alte König an seinen lästerlichen Fluch und weinte still vor sich hin. Er glaubte, der liebe [92] Gott habe dem Kinde zur Strafe für die schwere Sünde seines Vaters die schwarze Haut gegeben, aber es sollte noch schlimmer kommen. Das Mädchen ass nicht und trank nicht, es lachte nicht und weinte nicht, es schrie nicht und sprach nicht, und dabei wuchs es so schnell, dass es mit einem Jahre schon die Grösse eines fünfjährigen Kindes besass.
Als nun sein erster Geburtstag kam, that es um die zwölfte Stunde der Nacht, zu welcher Zeit es geboren war, plötzlich den Mund auf und rief: »Vater!« – »Was willst du, mein Kind?« antwortete erschrocken der König. – »Jetzt spreche ich zum ersten Mal,« versetzte die schwarze Prinzessin, dann that sie den Mund zu und war wieder so stumm, wie zuvor.
Im zweiten Jahre wuchs das Mädchen so gross, dass es aussah, wie eine zehnjährige. Um die Mitternachtsstunde des zweiten Geburtstages rief sie wieder: »Vater!« – »Was willst du, mein Kind?« fragte der König noch ängstlicher, wie das erste Mal. – »Jetzt spreche ich zum zweiten Male,« erwiderte seine Tochter, »aber wundern wirst du dich, wenn ich zum dritten Male den Mund aufthue.« Damit schloss sie die Lippen und verlebte das dritte Jahr, wie sie die beiden ersten verbracht hatte; nur dass sie am Ende des dritten Jahres so gross und stark geworden war, wie eine mannbare Jungfrau.
Vor dem dritten Geburtstag überkam den König ein Grauen, und er hätte sich lieber hundert Klafter unter die Erde gewünscht, als zu seinem Kinde. Doch es liess ihn nicht fort, er musste aushalten. Als die Glocke zwölf schlug, öffnete das Mädchen, wie es vorher gesagt hatte, seinen Mund und sprach: »Vater!« – »Was willst du, mein Kind?« entgegnete zitternd der König. – »Lasst mir einen eisernen Sarg machen, legt mich hinein und stellt dann den Sarg vor den Altar in die grosse Domkirche. Ein ganzes Jahr muss jede Nacht ein Soldat an meinem Sarge Leichenwacht halten; geschieht das nicht, so bringe ich Unglück über Unglück über Euer Reich.« Dann verstummte sie wieder, und der König gehorchte voll Angst dem Befehle.
Ein eiserner Sarg wurde geschmiedet; darnach legte man die schwarze Prinzessin wie eine Leiche in ihn hinein und trug sie auf einer Bahre in die Kirche, wo der Sarg, wie die Königstochter befohlen hatte, vor dem Altar seine Aufstellung fand. Darauf erhielt ein Soldat den Befehl, bei der Leiche die Nacht über Schildwach zu stehen. Als er aber am andern Morgen von seinem Posten abgelöst werden sollte, fand man nichts mehr, als seine Kleider und ein Häufchen Knochen; das übrige hatte die schwarze Prinzessin gefressen.
Die Kunde davon kam dem König sauer an. Aber was halfs! Dem Willen seiner Tochter musste er gehorchen, sollte nicht noch grösseres Unglück sein Reich treffen. Es wurde also ein zweiter Soldat auf den Nachtposten gestellt, und als dieser ebenfalls von der schwarzen Jungfer gefressen wurde, ein dritter und vierter und so weiter, bis schliesslich kein Soldat mehr zu finden war, der die böse Wache übernehmen wollte. Da bot der König eine grosse Belohnung [93] aus dem, der eine Nacht im Dome an dem Sarge seiner Tochter verbringen würde, und er lockte dadurch eine gute Zahl Menschen herbei, die sämtlich ihr Leben einbüssten. Endlich zog auch das nicht mehr, und der König glaubte sich verloren, obwohl nur noch drei Tage an dem Jahre fehlten; denn niemand war durch alle Schätze der Welt zu bewegen, bei der schwarzen Prinzessin zu wachen. Ausserdem wurde das Volk unruhig und drohte, den König abzusetzen, wenn er den Posten in der Kirche nicht einzöge. Da langte in letzter Stunde der Brief des Generals bei dem Könige an, und Hans wurde von ihm ausersehen, den Wachtdienst zu besorgen. Er mochte wollen oder nicht, er wurde in die Kirche geführt, und dann schloss der König eigenhändig hinter ihm die Thüre zu.
Drinnen in der Kirche brannten zwei Lichter auf dem Altar, und vor demselben stand der offene Sarg mit der schwarzen Prinzessin. Kurz bevor die Glocke Elf schlug, ward Hans graulich zu Mute, und er beschloss, aus der Kirche zu fliehen. Vor der Thüre hielt ihn jedoch ein kleines Männchen mit langem grauen Bart auf, das war aber unser lieber Herr Gott, der den Jammer, welchen der Teufel tagtäglich anrichtete, nicht länger mit ansehen wollte. »Hans,« sprach das Graumännchen, »flieh nicht aus der Kirche, sondern verstecke dich in der Orgel. Sprich aber ja kein Sterbenswörtchen, wenn die schwarze Prinzessin dich rufen wird.« Hans that, wie ihm geheissen war, und kletterte in die Orgel hinein; und kaum sass er in seinem Versteck, so erhub sich die Königstochter und schaute nach dem Posten, und als sie ihn nicht er blickte, hub sie an, ihn zu suchen und mit kläglicher Stimme zu rufen: »Schildwach! Schildwach! Wo bist du? Ach, Schildwach, erbarme dich doch!« Aber Hans rückte und rührte sich nicht. Endlich kletterte die schwarze Prinzessin in die Orgel, ward des Soldaten gewahr und wollte sich gerade auf ihn stürzen, um ihn zu zerreissen, als die Glocke Zwölf schlug und die Prinzessin wieder in den Sarg zurückkehren musste.
Der alte König jauchzte vor Freuden, als Hans am andern Morgen gesund und munter aus der Domkirche heraustrat, und der Schatzmeister musste ihm auf der Stelle dreihundert Thaler in die Hand zählen. Dann wurde abgemacht, dass er auch noch eine zweite Nacht an dem Sarge zubringen solle.
Wieder überkam Hans Furcht und Grausen bei dem Anblick der schwarzen Prinzessin, dass er zur Thüre floh, und wieder erschien ihm das kleine Graumännlein und hielt ihn am Fliehen zurück. Diesmal musste sich Hans aber unter dem Altar verstecken. Um elf Uhr stand die Königstochter auf und verliess den Sarg; dann rief sie, wie den Tag zuvor, mit herzzerreissender Stimme: »Schildwach! Schildwach! Wo bist du? Ach, Schildwach, erbarme dich doch!« Und als niemand ihr antwortete, rief sie: »Pfui, ich bin wieder betrogen und habe doch solchen Hunger. Schildwach! Schildwach! Kriege ich dich, so fresse ich dich!« Dann suchte sie zuerst die Orgel und dar auf die ganze übrige Kirche ab, bis sie auch an den Altar [94] kam. Als sie aber des Burschen ansichtig wurde, schlug die Uhr in demselben Augenblicke Zwölf, und sie mochte wollen oder nicht, sie musste wieder in den Sarg zurück; denn mit dem Schlage Zwölf war alle ihre Macht gebrochen.
Am andern Morgen öffnete der König selbst die Thüre, um zu sehen, ob Hans wieder mit dem Leben davon gekommen sei; und als er es so befand, drückte er dem Burschen die Hand und lobte ihn über die Massen und setzte ihm solange zu, bis er auch noch die dritte und letzte Nacht Wache zu stehen versprach, wieder um den Lohn von dreihundert Thalern. Das kleine Graumännchen hatte aber in der Nacht vorher Hans den Rat gegeben, wenn er auch noch die dritte Nacht wachen würde, so solle er sich Brot und Wein und Braten mit in die Kirche nehmen. Das that Hans auch und stellte die Speisen und Getränke auf eine Bank bei dem Altare.
Es dauerte gar nicht lange, so trat das Graumännlein auf ihn zu und sprach: »Diesmal krieche unter den Sarg, und wenn die Prinzessin den Sarg verlässt und dich in der Kirche sucht, so spring aus deinem Versteck hervor und lege dich statt ihrer in den Sarg hinein. Sprich aber nicht, und sei im übrigen ohne Furcht, der Spuk kann dir nichts anhaben.« – Hans dankte dem Graumännlein für den guten Rat und that, wie es ihm geheissen. Kaum hatte die Königstochter den Sarg verlassen, so kroch er hervor und legte sich statt ihrer hinein, und es kümmerte ihn wenig, dass sie laut klagend durch die Kirche rief: »Schildwach! Schildwach! Wo bist du? Ach Schildwach, erbarme dich doch! Ich bin unglücklich! Krieg ich dich, ich fress' dich lebendig!«
Weil die schwarze Jungfer den Soldaten aber nirgends finden konnte, trat sie an ihren Sarg, um sich mit dem Schlage Zwölf wieder hinein zu legen. Da sah sie, dass der Platz schon besetzt war. Jetzt tobte und schrie sie fürchterlich und drohte, Hans in Stücke zu reissen, wenn er nicht mache, dass er aus dem Sarg käme; aber Hans dachte an die Worte des Männleins und rührte kein Glied am ganzen Körper. Plötzlich verkündete die Uhr die zwölfte Stunde, und als der zwölfte Schlag verklungen war, verwandelte sich die Prinzessin vor seinen Augen und wurde weiss vom Kopf bis zur Sohle. Dann reichte sie ihm freundlich die Hand und sprach zu ihm: »Du hast mich erlöst; ich bin jetzt aus des Teufels Klauen befreit und nicht anders, wie die übrigen Menschenkinder. Steh auf, wir wollen essen; denn ich habe Hunger.« Da stand Hans auf, und sie assen von dem Brot und Braten und tranken von dem Wein, den er auf des Graumännleins Befehl mit in die Kirche genommen.
Mit Sonnenaufgang ward die Kirchthür aufgeschlossen, und siehe, da traten die Prinzessin und Hans aus dem Dome heraus und gingen geradeswegs auf den alten König zu. Der rieb sich die Augen und kniff sich in die Ohren, denn er dachte, er läge im Schlafe und träume. Als er aber sah, dass er sich nicht täusche und dass seine einzige Tochter erlöst war, da wusste er sich vor Freude nicht zu lassen. [95] Er herzte und küsste erst die Prinzessin und dann ihren Erlöser; darauf mussten die beiden in das Schloss kommen, und dort wurde Hochzeit gefeiert. Und da der König schon alt war, so übergab er Hans die Regierung, und er herrschte an seiner Statt einige Jahre lang.
Da sprach eines Morgens seine Frau, die junge Königin: »Hans, hättest du denn nicht Lust, einmal deinen alten Vater zu besuchen?« – »Das hätte ich wohl,« antwortete Hans, »aber ich dachte, du würdest es mir übel nehmen und das Reich könnte so lange den König nicht entbehren!« – »Das hat nichts auf sich, lieber Hans,« erwiderte die Königin, »ich lasse dich gerne ziehen, und das Reich werde ich derweile für dich verwalten.« Da liess Hans fünfhundert Soldaten kommen, bestieg ein prächtiges Ross und reiste seines Vaters Schlosse zu. Unterwegs musste er durch einen grossen Wald, der wollte kein Ende nehmen. Schon dachte Hans, er müsse die Nacht im Freien zubringen, als er ein hell erleuchtetes Gasthaus vor sich sah. Dahinein ging er mit seinen Soldaten, und nach dem sie gegessen und getrunken hatten, legten sie sich schlafen. Das Haus war aber kein Gasthaus, sondern eine Räuberherberge, in der fünfhundert Räuber ihr Wesen trieben. Als dieselben um Mitternacht heim kehrten, ermordeten sie die Soldaten und liessen nur diejenigen am Leben, die ihnen schworen, dass sie mit in der Bande dienen wollten. Dann stieg der Räuberhauptmann mit einigen seiner Gesellen die Treppe hinauf, um den König in seinem Schlafzimmer zu töten. Der hatte aber den Unrat gemerkt, denn er hatte gehört, wie es draussen klipperte und klapperte und knickerte und knackerte, und war im Hemde aus dem Bette und zum Fenster hinausgesprungen und lief nun seines Vaters Schlosse zu. Noch vor Tages Grauen langte er dort an und pochte an die Thüre, aber niemand wollte ihm öffnen. Da rief er: »Vater, mach doch auf! Hans, dein jüngster Sohn, ist da!« – »Bist du's, du Galgenstrick,« rief der alte Graf zornig, riss die Reitpeitsche von der Wand und trat hinaus. »Vater, du wirst mich doch nicht schlagen!« sagte Hans, »Ich bin ja dein König!« – »So, nun bist du König geworden!« sprach der Alte grimmig, »Erst Gefreiter, dann Fähnrich, dann Feldwebel, dann Leutnant, dann Hauptmann und jetzt gar König! Und noch dazu schlimmer, wie ein Bettler, im blanken Hemde. Warte, Schlingel, ich werde dir helfen.« Und damit ergriff er die Reitpeitsche beim anderen Ende und schlug mit dem Rehfuss auf den armen Hans ein; und je mehr dieser schrie: »Vater, ich bin dein König!« um so mehr schlug der Alte zu, bis Hans Hören und Sehen verging und er ohnmächtig zu Boden sank.
Als er wieder aus der Ohnmacht erwachte, warf ihm der Vater ein paar Lumpen zu, die musste er anziehen; dann hingen ihm die Knechte ein Tuthorn um und gaben ihm eine Peitsche in die Hand, und er war ein Schweinehirt geworden und musste, wie damals, in den Buchenwald treiben, dass sich die Schweine dort mit den Eckern mästeten. – Vom reichen König ein Schweinehirt, das wollte Hans nicht in den Kopf, und betrübt starrte er vor sich hin, wenn er im Walde[96] sass und das Schweinevolk um ihn herum quiekte und grunzte. Wie er eines Tages so traurig da sass, trat das Graumännlein vor ihn hin und sprach zu ihm: »Hans, ich weiss, dass es dir schlecht geht, und ich will dir helfen. Hier hast du eine Pfeife, und wenn du darauf spielst, so müssen alle Schweine tanzen; nimm sie nur, dann hast du mehr Freude am Hüten.« Hans bedankte sich bei dem Männlein für das Geschenk, und als es wieder verschwunden war, brachte er die Pfeife an die Lippen, und richtig, alle Schweine, gross und klein, wie sie gewachsen waren, stellten sich auf die Hinterbeine und tanzten Polka und Schottisch links herum; und das sah so lustig und drollig aus, dass Hans vor Lachen die Thränen über die Backen liefen. Und er hörte nicht auf mit dem Pfeifen und trieb die Thiere pfeifend nach Hause, und sie tanzten unaufhörlich, bis sie an den Eingang des Dorfes gekommen waren.
Dort stand der reiche Grossbauer vor der Thüre, und wie er die tanzenden Schweine sah, freute er sich ebenfalls und rief: »Hans, lass mir von deinen Schweinen ein Ferkel ab, ich gebe dir hundert Thaler dafür.« Das war Hans zufrieden, und für die hundert Thaler erhielt der Grossbauer ein Ferkel. Den folgenden Tag machte es Hans gerade so, und er hatte jetzt seine Lust an dem schlechten Dienst; als er aber am Abend mit der tanzenden Herde nach Hause zog, kam ihm der Grossbauer schon vor dem Dorfe entgegen und rief: »Hans, mein Ferkel will nicht tanzen!« – »Es bangt sich so allein,« antwortete Hans, »und sehnt sich nach Gesellschaft.« Da musste der Bauer zweihundert Thaler daran wenden, um ein zweites Ferkel zu dem ersten dazu zu kaufen, denn für hundert Thaler wollte es Hans nimmermehr thun. – Aber so sehr sich auch Hans über seine tanzenden Schweine freute, so wenig waren die Schweine mit dem Tanzen einverstanden; denn Hans liess ihnen gar keine Zeit, sich Bucheckern und Eicheln zu suchen. Sie wurden darum zusehends magerer und dünner, und die Viehmagd lief zum Grafen auf das Schloss und sagte zu ihm: »Herr Graf, mit Euren Schweinen ist's nicht richtig; thut Ihr nichts dazu, so geht Euch die ganze Herde zu Grunde!«
Das schrieb sich der Graf hinter die Ohren, denn er ahnte, dass ihm Hans einen Streich gespielt habe; und als dieser am nächsten Morgen mit dem Schlage Vier die Schweine in den Wald trieb, schlich er ihm heimlich nach, und da merkte er denn gar bald, warum seine Herde so schlecht im Stande war. »Du Galgenstrick und Taugenichts,« rief er zornig, »willst du gleich die Pfeife aus dem Munde nehmen!« und dann sprang er auf ihn zu und riss ihm die Pfeife aus der Hand und gab ihm seinen Knotenstock zu fühlen, dass er am Leben verzagte. Diesmal waren am Abend beim Eintreiben die Schweine vergnügt und Hans traurig. Und als der Bauer ihm wieder mit der Rede kam: »Hans, meine Ferkel tanzen nicht mehr,« sagte er mürrisch: »Meine haben's auch verlernt!« und trieb seine Herde in den Stall hinein.
[97] So mochten etwa sechs Wochen und darüber vergangen sein, da sagte die Königin zu ihren Dienern: »Mein Mann ist nun schon so lange fort und kommt und kommt nicht wieder. Wenn ihm nur kein Unglück zugestossen ist! Ich will mich selbst aufmachen und ihn suchen!« Sogleich mussten von der Reiterei dreihundert Mann aufsitzen, und dann ritt sie mit ihnen dem Grafenschlosse zu. Unterwegs kam sie durch denselben grossen Wald, und die Dunkelheit überraschte auch sie dicht vor der Räuberherberge. Als sie aber in den Hof einritt mit ihren Reitern, wurde sie durch Männer gewarnt, welche von der Bedeckung ihres Mannes über geblieben waren und aus Zwang der Bande hatten beitreten müssen. Von denen erfuhr sie auch, wie alles gekommen sei, und dass die fünfhundert Räuber in zwei Abteilungen in der Nacht zurückzukehren pflegten. Und das war recht gut, dass die Prinzessin das wusste; denn so war sie mit ihren dreihundert Reitern der einzelnen Abteilung gegenüber in der Überzahl. Sie befahl daher, dass die Reiter ihre Waffen nicht ablegten, und als die Räuber heim kamen, rieben sie erst die eine Schar auf und dann die andere. Nur die Soldaten ihres Mannes liess sie am Leben, denn die konnten ja nichts dafür, dass sie hatten Räuber werden müssen.
Unter den Schätzen, welche die schlechten Menschen in dem Hause zusammen getragen hatten, befanden sich auch die goldenen Kleider des Königs; und da sie nicht zerrissen und auch nicht blutig waren, so schloss sie daraus, dass er noch am Leben sei und sich wohl bei seinem Vater aufhalten werde. Die Kleider wurden darauf eingepackt, und als die Sonne aufging, eilte sie mit ihren Reitern dem Grafenschlosse zu. Das waren einmal Verbeugungen, die der alte Graf machte, als er den hohen Besuch bekam; er hielt der Königin selbst den Steigbügel und half ihr vom Rosse und bat sie, in sein Haus zu treten und damit fürlieb zu nehmen, was er ihr zu bieten vermöge. Der Königin lag aber nicht an Essen und Trinken, und sie fragte ihn sogleich, als sie in der Stube waren, ob er denn keine Kinder besitze. »Gewiss, Frau Königin,« antwortete der Graf, »und das sind zwei Jungen, an denen ich meine Herzensfreude habe; sie stehen beide in des Königs Heer, und der eine ist ein Hauptmann und der andere ein Fähnrich!« – »Sind das Eure einzigen Kinder,« forschte die Königin. »Nein,« sagte der alte Graf, »leider Gottes nicht, ich habe noch einen Erzschelm und Taugenichts, einen Tagedieb und Thunichtgut; ach wenn ich ihn doch erst los wäre, dann hätte ich Ruhe und Frieden.« – »Schäm er sich doch,« versetzte die Königin, die wohl merkte, dass er ihren Hans meinte, »wer wird denn so schlecht von seinem eigenen Kinde sprechen! Wo ist denn Euer Sohn? Habt Ihr ihn bei Euch oder ist er in der Fremde?« – »Der hütet die Schweine,« sagte der Alte giftig, »seht, da treibt er gerade in den Hof hinein!« – Da schaute die Königin aus dem Fenster und erblickte ihren lieben Mann, in schlechten Lumpen, das Tuthorn auf dem Buckel, hinter den Schweinen einherschreiten. Das that ihr in [98] tiefster Seele weh, aber sie bezwang sich und sagte: »Mag er auch noch so schlecht sein, zum Schweinehirten sollte ein Graf seinen Sohn denn doch nicht machen;« darauf setzten sie sich nieder und assen zu Mittag. Nach dem Essen bat die Königin den Grafen, dass sie seine Felder besichtigen dürfe. Das war ihm eine grosse Ehre, und er wollte sie selbst hinausfahren; aber die Königin wehrte ihm und sagte: er habe wohl wichtigere Sachen zu thun; dann stieg sie in den Wagen, und der Kutscher musste sie hinaus in den Wald fahren, wo Hans die Schweine hütete. Dort sprang sie aus dem Schlage heraus und schritt gerades Wegs auf ihn zu. »Hans, kennst du mich nicht mehr?« rief sie und klopfte ihm auf die Schultern. Da schaute Hans in die Höhe, und als er seine Frau, die Königin, erblickte, lachte ihm das Herz im Leibe, und er sprach: »Frau, wie hast du's angefangen, dass du mich hier gefunden hast?« Sie erzählte ihm darauf alles, wie es gekommen sei, und neckte ihn, wie sie mit den dreihundert Reitern die fünfhundert Räuber vernichtet habe, während er mit den fünfhundert Soldaten ihrer nicht Herr werden konnte. »Ja, du bist klüger, wie ich,« entgegnete Hans, »und darum hilf mir jetzt aus meinem Elend.« Seine Frau versprach ihm das auch und vertröstete ihn auf den Abend, wenn er sich bei seinen Schweinen im Stalle zum Schlafe niedergelegt habe. Darauf sagte sie ihm Lebewohl, stieg in den Wagen und fuhr wieder auf das Grafenschloss zurück.
Während die Königin bei dem Grafen stand und ihm erzählte, wie ihr seine Äcker und Wiesen gefallen hätten, kehrte Hans mit den Schweinen vom Busche heim; denn es hatte ihm keine Ruhe mehr draussen gelassen, seit er wusste, dass seine liebe Frau auf dem Schlosse bei seinem Vater war. Es war aber erst die fünfte Stunde, und der alte Graf schalt ihn, dass er schon so früh zurückgekommen sei. Vor Schlägen rettete ihn zwar die Königin, aber das konnte sie nicht verhindern, dass er ohne Abendbrot zu erhalten zu den Schweinen in den Stall gesperrt wurde. »Sind die Schweine nicht dick geworden, so braucht er auch nicht satt werden,« sagte der Graf, und dabei blieb es. Und damit ja niemand sich unterstünde, ihn aus dem Stalle herauszulassen, zog er selbst den Schlüssel ab und steckte ihn zu sich.
Als am Abend alles zu Bette gegangen war, gab die Prinzessin ihren Reitern Befehl, dass sie den Stall erbrächen und Hans herausholten; dann zog sie ihm seine königlichen Kleider an, und sie blieben die Nacht über beisammen. Ob sie geschlafen haben, ich glaub' es nicht, sie hatten einander gar viel zu erzählen; und die Reiter hatten auch wenig Ruhe, sie mussten ein Schwein abstechen und mit seinem Blute die Schwelle und den Fussboden des Stalles bestreichen, dass es aussah, als sei ein reissendes Tier eingebrochen und habe den Hirten gefressen. Mit Tagesanbruch gingen Hans und seine junge Frau zu dem Grafen herab, und die Königin erzählte ihm, über Nacht sei ihr Mann, der König, gekommen und wolle auch sein Gast sein. Da war der alte Graf erst recht höflich und konnte sich gar nicht [99] genugsam bedanken für die grosse Ehre, welche seinem Hause widerfahren wäre. Verwunderlich war ihm nur, dass auch der König sogleich nach seinem jüngsten Sohne fragte und ihn bat, dass er denselben vor ihn führe. »Der Schlingel ist im Schweinestall,« antwortete der alte Graf, »hier ist der Schlüssel, er soll gleich austreiben.« Darauf ging er auf den Hof, und der König und die Königin folgten ihm nach. Ja, da war die Thüre offen und die Schwelle und die Diele mit Blut besudelt und von Hans nirgends eine Spur. »Ein wildes Tier hat ihn gefressen!« schrie die Königin. »Gott sei Dank,« sagte der Graf, »dass ich ihn los bin, nun will ich in Frieden sterben!«
»Aber lieber Graf,« sagte jetzt der König, der doch Hans selber war, »ich glaube, Ihr kennt Euren Sohn gar nicht, sonst würdet Ihr ihn nicht so schlecht behandeln.« – »Den Schlingel sollte ich nicht kennen,« rief der Alte, »den finde ich unter tausend Menschen auf der Stelle heraus.« – »Das sagt Ihr,« lachte die Königin, »und Euer Sohn steht neben Euch.« Da sah der alte Graf dem König näher ins Gesicht, und richtig, es war sein Hans, und er sank vor ihm auf die Knie und bat um Verzeihung. »Nicht doch, Vater,« sprach Hans und zog ihn in die Höhe, »du hast mich zwar schlecht genug behandelt, aber ich habe es auch arg getrieben. Und nun komm mit mir auf mein königliches Schloss, dass du all die Pracht und Herrlichkeit sehen kannst, die ich mir erworben.« Das that der alte Graf auch, und er lebte bei seinem Sohne, dem König, und bei der jungen Königin noch lange Jahre in Glück und Frieden, und wenn sie nicht gestorben sind, dann leben sie heute noch.
Es war einmal ein Bauer, der war schon sieben Jahre verheiratet, und noch immer nicht hatte ihm seine Frau, die Bäuerin, ein Kind geschenkt. Endlich erhörte der liebe Gott ihre Bitten, und der Bauer war so erfreut darüber, dass er sprach: »Mutter, wenn's ein Junge wird, soll er Jochem heissen, und du musst ihm sieben Jahre die Brust geben und darfst dabei nichts anderes thun, als essen und trinken und mit ihm Karten spielen.« Wie der Bauer gewünscht hatte, so geschah es auch; die Frau kam mit einem Jungen nieder. Alsbald nahm er ein neues Mädchen an, welches die Geschäfte der Bäuerin zu besorgen hatte, während diese nur ass und trank und dem Jungen die Brust gab und, als er älter wurde, mit ihm in der Karte spielte. In der Taufe aber wurde das Kind Jochem genannt.
Das gute Leben der Mutter bekam Jochem ausgezeichnet, und [100] schon im ersten Jahre ward er so stark, wie ein grosser Junge, und ass zu der Brust tagtäglich ein ganzes hausbacknes Brot. Im zweiten Jahre musste man ihm schon zwei Brote geben, im dritten drei, und im siebenten Jahre gar schrie er vor Hunger, wenn er nicht sieben Brote aufessen durfte. Da war's kein Wunder, dass er sich gross und stark anliess, wie ein Riese, und Karten spielte er so schön, ei so schön, dass er seinen Meister suchen konnte in der ganzen Welt.
Den Tag, da er entwöhnt ward, nahm ihn der Vater mit sich aufs Feld und gab ihm die Peitsche, dass er die Pferde antriebe. »Was soll ich mit dem Ding!« sprach Jochem zornig, ging an den Waldesrand und zog eine junge, sechszöllige Buche aus dem Erdreich heraus. »Was willst du damit?« rief der Alte erschrocken. »Die Pferde antreiben!« antwortete der starke Jochem, und schon hatte er dem einen Pferd, das nicht mehr weiter wollte, eins über den Buckel gegeben, dass ihm das Kreuz brach und es tot zu Boden stürzte. Darüber geriet der Bauer in Todesangst und wollte ausspannen und nach Hause zurückkehren. »Wenn's mir gefällt, wird aufgehört!« sprach der starke Jochem, und der Bauer war stille und pflügte mit ihm trotz Hunger und Durst bis auf den Abend.
Als sie heimkehrten, stand die Bäuerin schon vor der Thüre und hatte die Arme in die Seiten gestemmt und wollte schelten, dass sie so spät kämen. »Still, still, Mutter,« rief der Alte und nahm sie bei Seite und erzählte ihr alles, wie es gekommen war. Da wurden sie eins mit einander, alles daran zu setzen, des starken Jochem sobald wie möglich los zu werden. Zu dem Zwecke sprach der Bauer am anderen Morgen: »Jochem, mein Sohn, du bist nun sieben Jahre alt und stark genug, in die Fremde zu gehen. Hier hast du drei Thaler Geld, sieben hausbackene Brote und ein halbes geschlachtetes Schwein, das soll deine Wegzehrung sein.« Das schien dem starken Jochem ein guter Rat, er nahm Geld, Brot und Fleisch und schritt zum Hause hinaus. Vor dem Dorfe machte er halt und ass alles mit einem Male auf, dann ging er auf den Gutshof und fragte den Edelmann, ob er nicht einen Knecht brauchen könne. Als der Herr Jochems starke Knochen sah, sprach er bei sich: »Der kommt dir wie gerufen, den wirst du nicht laufen lassen.« Gedacht, gethan, der starke Jochem wurde des Edelmanns Knecht und musste sich verpflichten, bis Martini in seinen Diensten zu bleiben.
Um zwölf Uhr wurde zum Mittagsmahle geklappert und ein grosser Kessel Erbsen und eine gute Schüssel Schweinefleisch für das Gesinde aufgetischt. Ehe sich's aber die andern versahen, hatte der starke Jochem sich schon darüber hergemacht und alles rein aufgegessen, dass die übrigen das Nachsehen hatten. Und damit war er noch gar nicht zufrieden, er verlangte mehr, die paar Bissen hätten kaum seinen Hunger gestillt. Der Edelmann schüttelte den Kopf, liess aber neue Speisen herbei schaffen und befahl dann den Knechten, in den Busch zu fahren und Eichenholz zu holen.
Die Leute waren schon längst im Walde, da kam der starke [101] Jochem ihnen nach und fragte: »Welche Bäume nehmt ihr?« – »Die ausgezeichnet sind,« sagten die Knechte mürrisch; denn sie konnten den Ärger über das schöne Essen, welches ihnen der starke Jochem vor der Nase weggefressen hatte, nicht verwinden. »Wie viel Bäume nehmt ihr?« fragte Jochem weiter. »Einen,« sagten die Knechte, »das ist für den Wagen genug.« – »Warum habt ihr denn aber so viele Äxte mitgenommen?« – »Du Dummkopf, weil wir sonst die Bäume nicht fällen können?« – »Das bin ich anders gewohnt,« sprach der starke Jochem und ergriff mit jeder Hand einen dicken Eichbaum am Zopfe und zog die Stämme samt den Wurzeln mit einem Rucke aus dem Erdboden heraus; dann warf er sie auf den Wagen und trieb die Pferde an, um heimzufahren. Den Tieren war die Last aber zu schwer. »Auch gut,« sagte der starke Jochem und legte die Pferde oben auf die Stämme, spannte sich selbst vor den Wagen und zog die Fuhre gemächlich hinter sich drein, als hätte er nur ein paar Bund Heu geladen.
Vor dem Walde war ein Hohlweg. Da drückten den starken Jochem die sieben hausbackenen Brote und das halbe Schwein, der Kessel mit Erbsen und das Pökelfleisch, und er setzte sich nieder, und als er wieder aufstand, war von dem Hohlweg nichts mehr zu sehen. Alles war so schier und glatt, als war's eine ebene Strasse. Das freute den starken Jochem, und nun ging's noch einmal so gut mit dem Wagen. Wie ihn der Edelmann aber so ankommen sah, erschrak er des Todes und glaubte, der leibhaftige Teufel wär's, der wolle ihn holen. »Jochem,« rief er, als er ihn endlich erkannte, »was ist denn das!« – »Das ist Bauholz, Herr,« gab er zur Antwort. »Aber Jochem, mit Zopf und Zweigen und Stubben!« – »Wir müssen sparen, Herr!« antwortete Jochem, »die Zweige brennen leicht an, und die Stubben halten lange vor.« – »Wo bleiben denn aber die andern?« fragte der Edelmann. »Die kommen nach,« sagte der starke Jochem. Aber der Herr mochte lauern, so lange er wollte, sie kamen nicht nach Hause. »Jochem,« sprach darauf der Edelmann, »komm, wir wollen nach den andern sehen!« – »Ich habe meine Arbeit gethan,« sagte der starke Jochem, »aber wenn Ihr mir sieben fette Hammel und einen halben Wispel Kartoffeln zum Abendbrot versprecht, so will ich es wohl thun.« – »Das sollst du alles haben, wenn du morgen wieder aus dem Dienst gehst,« sagte der Edelmann; und weil Jochem damit zufrieden war, gingen sie dem Walde zu, um nach den Leuten zu sehen. Siehe, da steckten sie allesamt mit Pferd und Wagen im Hohlweg und konnten nicht vorwärts und nicht rückwärts. »Daran bin ich Schuld,« sagte Jochem, ergriff einen Wagen nach dem andern vorne an der Deichsel, und ein Ruck, so waren sie aus dem Hohlweg heraus und konnten die Fahrt fortsetzen.
Den Abend erhielt der starke Jochem die sieben fetten Hammel und den halben Wispel Kartoffeln, wie ihm der Edelmann versprochen hatte; aber am andern Morgen bekam er seinen Jahreslohn ausgezahlt und konnte wieder gehen, woher er gekommen war. Und das that [102] er auch, und der Bauer lachte über das ganze Gesicht und bereitete seinem Sohne einen guten Empfang, als er die harten Thaler sah, welche dieser in einem Tage verdient batte. Zu Ehren der Rückkehr musste die Bäuerin obendrein soviel Kartoffeln kochen, als Jochem nur irgend essen konnte. Dem mochte aber die magere Kost nicht mehr gefallen, seitdem er die sieben Hammel gegessen, und er wusste sich Rat in der Sache. Als die Nacht hereinbrach, ging er in des Herrn Schafstall und band sieben fette Böcke an den Schwänzen zusammen, warf sie über die Schultern und brachte sie seiner Mutter, dass sie ihm die Tiere zubereite und er sie ässe.
Der Schäfer hatte aber den Dieb erkannt und klagte dem Edelmann das Leid. Der hiess in der folgenden Nacht die stärksten Knechte mit Äxten und schweren Steinhämmern in dem Schafstall Wache halten und dem starken Jochem, wenn er wieder erscheine, den Schädel einschlagen. So thaten die Leute auch, und kaum hatte Jochem am nächsten Abend die Stallthüre geöffnet, so schlugen sie von allen Seiten auf seinen Kopf ein. »Hätte ich doch nimmer gedacht, dass im Schafstall die Mücken so stechen,« sagte der starke Jochem und eilte sich, dass er wieder sieben gute Böcke erwische. Die Knechte aber verkrochen sich vor Angst in den hintersten Winkel des Stalles und sagten Gott Lob und Dank in ihrem Herzen, dass Jochem bei der Dunkelheit ihrer nicht gewahr geworden war.
»Kommst du mir so?« rief der Edelmann zornig, als er von den Leuten hörte, wie es ergangen sei; »Warte, ich will dir schon an den Leib gehen!« Dann liess er zwei wilde, gewaltige Bullen aus dem Stalle holen und vor dem Schafstall einhürden. Die sollten den starken Jochem, wenn er wieder Schafe stehlen ginge, auf ihre Hörner nehmen und ihm so den Garaus machen. Doch er hatte sich verrechnet; denn als der starke Jochem in der dritten Nacht kam und die Bullen erblickte, wie sie ihn grimmig anschauten und die Hörner senkten und aus der Nase schnoben und mit den Füssen das Erdreich scharrten, da rief er fröhlich: »Das sind mir freundliche Tierchen und grösser, als die Hammel; von der Art habe ich an zweien genug!« Sprach's und ergriff die Bullen an den Hörnern und warf sie sich auf den Nacken, dass die Schwänze im Grase nachschleiften.
Jetzt sah der Edelmann ein, dass er mit Gewalt dem starken Jochem nichts anhaben könne. Er ging darum am andern Morgen zu ihm auf den Bauerhof und redete ihm gütlich zu, er möge doch die Gegend verlassen, sonst mache er ihn und seinen Vater dazu zum armen Manne. Da sei der König anders, der könne seine Soldaten nicht stark und lang genug bekommen, bei dem wäre er gut aufgehoben, auch würde er dort an Speise und Trank nie Mangel leiden. Die Rede gefiel dem starken Jochem, er sagte Vater und Mutter und dem Edelmann Lebewohl, wanderte in die Stadt und liess sich den schönen, bunten Soldatenrock anziehen. Darauf bekam er ein Gewehr in die Hand und sollte Griffe machen. Weil ihm nun eine Flinte ein gar gebrechliches Ding schien, brachte er sie fein sacht und behutsam [103] beim Anfassen an die Schulter. »Kann der Kerl das Gewehr nicht fest einsetzen!« schrie der Feldwebel. »Mir soll's recht sein,« dachte der starke Jochem, griff fest zu, und der eiserne Lauf brach, wie ein Rohrhalm, mitten auseinander, und der Ruck war so gross, dass die obere Hälfte hoch in die Höhe flog, so hoch, dass sie eine gute Viertelstunde brauchte, ehe sie wieder auf den Erdboden herabkam.
Der Feldwebel sperrte Nase und Maul auf über dem Anblick, machte kehrt und meldete die Sache dem Hauptmann. »Das ist ja ein Mordskerl,« sagte der Hauptmann, »dem müssen wir einen Sechspfünder als Flinte in die Hand geben.« Der starke Jochem erhielt nun auch wirklich einen Sechspfünder, und als er ihn in der Hand hatte, fragte er den Herrn Haupt mann, ob er dies Ding auch gut einsetzen müsse. »Gewiss,« sagte der Hauptmann, »fass er mal das Gewehr an.« Aber es ging nicht besser, wie das erste Mal, das Kanonenrohr brach durch, und Jochem behielt nur die eine Hälfte im Arme. – »Die Sache müssen wir dem General melden,« rief der Hauptmann, und der General kam und sah das Wunder mit an. »Reicht ihm einen Zwölfpfünder,« sprach er darauf, und siehe, jetzt ging's, der Zwölfpfünder brach nicht, und der starke Jochem hatte einen Schiessprügel, wie seine Kameraden alle. Aber wo er stand und Griffe machte, da sah der Exerzierplatz aus zum Gotterbarmen. Schliesslich mochte es der General nicht länger ertragen und liess einen Bericht an den König abgehen: sie hätten einen gewaltig starken Kerl unter den Rekruten, der könne nur mit einem Zwölfpfünder exerzieren; damit richte er jedoch den ganzen Exerzierplatz zu Grunde. Ob es nicht besser wäre, ihm den Laufpass zu geben. Der König hatte den Brief kaum gelesen, so gab er Befehl, den starken Jochem vor ihn zu bringen.
»Jochem,« sprach er zu ihm, »in meinem Reiche liegt ein verwünschtes Schloss. So oft ich noch Soldaten dorthin auf Wache geschickt habe, sind sie jedesmal von bösen Geistern in der Nacht umgebracht worden. Was meinst du, würdest du nicht drei Nächte dort aushalten?« – »Warum nicht?«, sagte der starke Jochem, »wenn mir Speise und Trank dorthin gebracht wird, so viel ich bedarf, und wenn ich Karten bekomme und einen Mann dazu, der mit mir spielt, so will ich die Wache gern übernehmen.« Der König lobte den starken Jochem und liess sogleich drei vierspännige Fuhren, mit Speise und Trank beladen, ins verwünschte Schloss fahren; dann liess er ausrufen in der ganzen Stadt: Wer mit dem starken Jochem eine Nacht in dem verwünschten Schloss Karten spielt, der soll dreihundert Thaler bekommen! Aber es fand sich niemand, der das Geld verdienen wollte; denn jedermann in der Stadt wusste, dass es aus dem verwünschten Schlosse kein Zurückkommen mehr gab. Endlich meldete sich bei Sonnenuntergang ein Schneidergeselle, ein alter, zerlumpter Krauter, ohne Strümpfe und Schuh. »Kannst du Karten spielen?« fragte der sarke Jochem. »Ja,« sagte der Schneider. Da war die Sache abgemacht, und er zog mit ihm in das verwünschte Schloss. Dort [104] zündeten sie sich in dem grossen Saale ein Feuerchen an. Dann wurde gegessen und getrunken, und als sie damit fertig waren, spielten sie in der Karte, und so ging alles wunderschön, bis um elf Uhr mit einem Male die Thüre aufgerissen wurde und drei schwarze Kerle hereintraten.
»Können wir mitspielen?« fragten die drei. »Wascht euch erst, wir haben neue Karten,« sagte der starke Jochem. »Wir sind so schwarz von Natur und färben nicht ab,« gaben sie zur Antwort. »Dann meinetwegen,« sprach Jochem, »macht ihr mir aber meine neuen Karten schmutzig, so müsst ihr mir andere kaufen.« Die schwarzen Kerle waren aber Betrüger, sie spielten falsch und sahen in die Karten, und wenn der starke Jochem und der Schneider dazu brummten, so lachten sie, und einer fuhr dem Schneidergesellen sogar mit der Hand ins Gesicht. »Bruder, wehr dich,« rief der starke Jochem; aber der Schneider fürchtete sich und litt es sogar, dass sie ihn bei der Hand nahmen und mit ihm hinausgingen. Derweile mischte Jochem drinnen die Karten; als sie aber nicht wieder kommen wollten und wollten, ging er ihnen nach. Siehe, da waren die schwarzen Kerle verschwunden, und das Schneiderlein lag ganz stille auf der Erde und rückte und rührte sich nicht. »Brüderchen, meld dich, was ist dir?« fragte Jochem, »Meld dich, ich thu dir nichts!« aber er war stille und blieb stille. Da dachte Jochem, am Ende sei ihm draussen zu kalt geworden, und er nahm ihn und hielt ihn an den Ofen, dass er wieder aufwärme. Der Ofen war aber von dem vielen Holz, das Jochem hineingesteckt, glühheiss geworden, so dass die paar Lumpen, die das Schneiderlein am Leibe hatte, zu schwelen und sein Fleisch zu braten begann. »Brüderchen, du stinkst! Schäme dich!« sagte Jochem und drückte ihn noch fester an den Ofen. Aber je mehr er drückte, um so ärger ward der Gestank. Endlich wurde es ihm zu arg, er packte den Schneider und warf ihn zum Fenster hinaus, dass er hart an des Königs Thüre zu Boden fiel. Darauf setzte er sich wieder ans Feuer, und weil seine vier Herrschaften verreist waren, spielte er mit sich alleine Karten, bis der Tag anbrach.
Der alte König war den Morgen früh aufgestanden. Wie er nun zum Fenster hinaussah und den halbverbrannten Schneider vor der Thüre erblickte, dachte er bei sich: »Da ist's gut zugegangen,« und sogleich musste ein Diener aufs verwünschte Schloss laufen und nach dem starken Jochem sehen. »Jochem sitzt am Feuer und spielt Karten,« sprach der Diener, als er zurückkam. Da machte sich der alte König selber auf den Weg, und nachdem er sich genugsam gewundert hatte, fragte er Jochem, ob er die nächste Nacht wiederum Wache halten wolle. »Wenn ich einen Kameraden zum Kartenspielen bekomme, dann soll's sein,« sagte Jochem, und der König versprach von neuem dreihundert Thaler dem, welcher mit dem starken Jochem in dem verwünschten Schlosse zubringen würde. Auf den Abend meldete sich ein hergelaufener, abgerissener Schustergeselle, und weil er das Kartenspielen aus dem Grunde verstand, war Jochem mit ihm zufrieden, und sie setzten sich in den Saal und begannen das Spiel.
[105] Um elf Uhr that sich die Thüre auf, und sechs schwarze Kerle traten herein und fragten, ob sie mitspielen könnten. »Wenn ihr nicht abfärbt, mag's darum sein,« sagte Jochem, »ich habe neue Karten.« Die Sechs waren aber von Natur so schwarz und färbten nicht ab, und das Spiel ging, wie den Abend zuvor. Als es bald Zwölf schlagen wollte, legten sie die Karten bei Seite und rückten dem Schuster auf den Leib. »Brüderchen, wehr dich!« sagte Jochem. Der Schuster wehrte sich aber nicht, sondern zitterte vor Angst, und schon wollten ihn die Sechs bei der Hand fassen und mit ihm hinausgehen, als der starke Jochem mit einem Feuerbrand dazwischen fuhr und so auf sie einschlug, dass sie die Flucht ergriffen. Dann setzte er sich mit dem Schuster am Feuer nieder, und sie spielten zu zweien bis an den lichten Morgen, da der alte König kam und nachsah, wie es gegangen war. »Es sind schlechte Kerle, die Schwarzen,« sagte der starke Jochem, »und der Bruder Schuster taugt auch nicht viel. Morgen bleib ich für mich alleine und binde mit den Kerlen erst gar nicht an.« Da liess der König dem Schuster die dreihundert Thaler auszahlen, dem starken Jochem aber machte er guten Mut. Wenn er noch eine Nacht aushielte, so wäre die ganze Verwünschung erlöst und die Prinzessinnen, seine Töchter, auch. »Ich werde es schon machen,« sagte der starke Jochem.
Den dritten Abend, als sich um elf Uhr die Thüre öffnete, stürzten sogleich zwölf schwarze Kerle auf den starken Jochem los, um ihm den Garaus zu machen. Und dabei waren sie so schnell, dass Jochem sich ihrer anfangs kaum zu erwehren vermochte und unter ihren Schlägen auf ein Knie sank. Da überkam ihn aber der Zorn, und er ergriff den Zwölfpfünder, den er bis dahin noch immer in guter Ruhe an seiner Seite gelassen hatte. Hast du nicht gesehen, ging's jetzt über die schwarzen Kerle her, und es dauerte nicht lange, so waren alle bis auf einen niedergeschlagen und zuckten mit keinem Gliede mehr. Nur der zwölfte war noch am Leben, das war aber ein gewaltig grosser Riese, fast so stark und lang, als Jochem selbst. Der trug in der Hand einen Schlüsselbund als Waffe, und der grösste Schlüssel darunter wog seine sieben Zentner. Aber gegen Jochems Zwölfpfünder kam er doch nicht an. So sehr er sich auch wehrte, er musste sich schliesslich ergeben und Jochem um Gnade bitten. Die versprach dieser ihm auch, wenn er ihm dafür alle Zimmer öffnen würde, zu denen die Schlüssel an dem Schlüsselbunde gehörten.
Anfangs wollte der Riese darauf nicht eingehen; als ihm Jochem aber ein paar mit dem Zwölfpfünder in die Rippen versetzte, ward er gefügig. »Geh du voran!« sprach er zum starken Jochem. »Erst der Diener, dann der Herr!« erhielt er zur Antwort. Der Riese that wieder schwerhörig, bis Jochem ihm drohte, er würde ihm den Schädel einschlagen, wenn er nicht ginge. Da schloss der Schwarze alle Zimmer und Stuben und Säle auf, zu denen er die Schlüssel am Bunde führte, und zeigte sie dem starken Jochem. Nur den grossen Schlüssel, der sieben Zentner wog, setzte er nicht in Bewegung. – »Warum [106] schliesst du nicht auch diesen Schlüssel?« fragte Jochem. Der Riese gab eine trotzige Antwort und versuchte zum dritten Male, sich zur Wehre zu setzen. Er merkte aber bald, dass er in dem starken Jochem seinen Meister gefunden; denn dieser gab ihm einen solchen Schlag mit dem Zwölfpfünder, dass er am Leben verzagte und, so schnell er nur konnte, den grossen Schlüssel in das Schlüsselloch steckte.
Kaum hatte sich der Bart herumgedreht, da fuhr ein Donnerschlag durch das Schloss, dass dem starken Jochem die Sinne schwanden und er zu Boden fiel. Als er aus der Ohnmacht erwachte, lag er in einem seidenen Bette, und drei wunderschöne Prinzessinnen standen davor und herzten und küssten ihn und wollten ihn zum Manne haben. »Kinder, doch nicht alle drei!« rief Jochem erschrocken und fragte, wer sie wären. »Wir sind des alten Königs Töchter,« sagten die Prinzessinnen, »und du hast uns erlöst.« Indem sie noch so sprachen, kam der König selbst und sprach: »Jochem, welche willst du haben?« – »Ich will kein Elend machen und werde die älteste nehmen,« sprach Jochem, und der König freute sich über die Wahl und sagte: »Du hast recht gethan, der ältesten steht's auch am ersten zu.« Darauf wurde Hochzeit gefeiert, und Jochem lebte mit seiner jungen Frau in dem erlösten Schlosse in Glück und Freude. Was aber das Wunderbarste war, er hatte durch die Erlösung seine übermenschliche Grösse und Körperkraft eingebüsst und war fortan nicht stärker und grösser, als mächtige Könige zu sein pflegen, und ass und trank auch nicht mehr und nicht weniger, wie ein anderer Mensch. Und als der alte König starb, ward er König an seiner Statt, und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er heute noch.
Es war einmal ein Bauer, der hatte nur ein einziges Kind, das hiess Johann. Eines schönen Tages, als der Knabe gerade sechs Jahre alt geworden war, fuhr der Vater in den Busch, um Holz zu holen, und nahm seinen Sohn auch mit. Während er die Bäume fällte und auflud, suchte Johann Blumen und Beeren und kam dabei immer tiefer in den Wald. Der Vater sah es und rief ihn zurück, aber das Kind hörte nicht darauf, sondern lief weiter und weiter. Nun wollte der Bauer ihm nacheilen; doch, als er sich eben daran machte, kam ein Schwarm Bremsen und fiel über die Pferde her, so dass sie scheu wurden und um sich schlugen.
Da war guter Rat teuer! Lief der Bauer zu seinem Sohne, so gingen die Pferde zu Grunde; blieb er da, so musste sich sein liebes [107] Kind im wilden Walde verirren. Weil aber die Pferde des Mannes ganzen Reichtum ausmachten und weil er glaubte, Johann würde verständig sein und nicht allzuweit vom Wege abirren, so beschloss er, vorerst die Tiere in Sicherheit zu bringen. Er fuhr darum schleunigst nach Hause und machte sich sodann mit dem ganzen Dorfe auf die Suche. Aber so sehr sie auch herumspähten, von dem Knaben war keine Spur mehr aufzufinden. Am späten Abend kehrten sie ins Dorf zurück. Das Kind war verloren, und die Eltern betrauerten mit vielen Thränen seinen Tod.
Der kleine Johann war indessen im Walde umher gesprungen und hatte sich, als er müde geworden war, unter einen Baum gelegt und war eingeschlafen. Dort erblickte ihn eine alte Wölfin, und da sie Gefallen an dem Knaben fand, so frass sie ihn nicht, sondern packte ihn mit ihren scharfen Zähnen bei seinem Jäckchen und sprang dann mit ihm in mächtigen Sätzen ihrer Höhle zu. Dort legte sie das Kind fein säuberlich nieder, bettete es auf einem Lager von Moos und trocknem Laube und gab ihm rohes Schaffleisch, dass es damit seinen Hunger stille. Als die Nacht kam und der Knabe müde war, streckte sich die Wölfin an seiner Seite nieder und wärmte ihn mit ihrem dicken Pelze.
Am andern Morgen in aller Frühe erhub sich die Wölfin, um auf Raub auszugehen und frische Nahrung für sich und den Pflegling zu schaffen. Damit Johann aber inzwischen nicht entlaufe, so scharrte sie den Eingang zur Höhle hinter sich fest zu und liess nur ein ganz kleines Loch offen, dass frische Luft hinein ziehen konnte und der Knabe nicht erstickte. Gegen Abend kam sie zurück, fütterte ihn mit rohem Fleische und schlief die Nacht wieder bei ihm.
So ging es einen Tag, wie den andern, und Johann wusste nicht, ob oben auf der Welt Winter oder Sommer sei. Zwölf Jahre hatte er auf diese Weise in Gesellschaft der Wölfin zugebracht, als er des Aufenthalts in der finstern Höhle endlich überdrüssig wurde. Einmal, als seine Pflegemutter wieder auf Raub ausgegangen war, stiess er deshalb mit einem kräftigen Stosse die vor die Öffnung gescharrte Erde fort und eilte in den Wald hinein. Von Weg und Steg, von der ganzen Gegend kannte er nichts mehr, nur dass er Johann heisse und seinen Vater beim Holzfällen verloren habe, das hatte er noch im Gedächtnis behalten. Da er sich nun keinen andern Rat wusste, ging er immer grade aus und gelangte schliesslich zu einer Schmiede, welche seitab von dem Dorfe einsam im Walde lag.
Der Schmied trat heraus und staunte Johann mit grossen Augen an; denn in den zwölf Jahren war seine Haut von Schmutz ganz schwarz geworden, und die Kleider, welche er einst getragen, waren mit dem Fleische verwachsen. Dazu hingen ihm seine ungekämmten Haare wild und wirr bis über den Gürtel herab, und die Nägel der Finger und Zehen waren wie Vogelklauen. »Wer bist du?« fragte der Schmied, »und wo kommst du her?« – »Ich heisse Johann,« erwiderte der Gefragte, »und komme aus der Wolfshöhle, wo ich der Wölfin [108] entlaufen bin.« Der Schmied verlangte weitere Auskunft, aber Johann wusste nur noch anzugeben, dass er mit seinem Vater vor vielen Jahren in den Busch zum Holzholen gefahren sei und sich dabei verirrt habe. »So?« sagte der Schmied, »dann haben deine Eltern hier im Dorfe gewohnt; denn einem der Bauern ist vor zwölf Jahren sein Kind im Walde verloren gegangen. Aber was willst du jetzt beginnen? Vater und Mutter sind dir gestorben, und der Hof ist in anderen Händen.« – »Behalte mich bei dir,« versetzte Johann, »und lehre mich dein Handwerk, so will ich dir ohne Lohn allein für Kost und Kleidung dienen.«
Das däuchte den Schmied ein guter Vergleich, denn der Bursche schien stark und kräftig. Und das war Johann auch. Das rohe Schaffleisch, welches er tagtäglich in der Wolfshöhle gegessen, hatte ihm ungeheure Kräfte verliehen. So kam's, dass er alles Eisen, welches er auf dem Amboss zubereiten sollte, in Stücken schlug und verdarb. Eine Weile sah das der Schmied schweigend mit an; schliesslich ward es ihm aber doch zu arg; er schalt seinen Gesellen einen Dummkopf und gab ihm einen derben Schlag hinter die Ohren. Das verdross Johann und zornig ergriff er den schwersten Schmiedehammer und schlug damit so gewaltig auf den Amboss ein, dass derselbe zur Hälfte in den Erdboden sank.
Als das die Meisterin erblickte, lag sie von Stund an ihrem Manne in den Ohren, er möge doch den wilden Gesellen wieder ziehen lassen, er bringe sie sonst noch durch sein Ungestüm um Hab und Gut. Die Worte seiner Frau fanden bei dem Schmied um so willigeres Gehör, da auch die Leute im Dorfe über ihn zu reden begannen und sprachen: »Der Schmied im Walde ist auch so ein Leuteschinder. Hat den stärksten Kerl der ganzen Welt bei sich und lässt ihn arbeiten für Vier, und doch giebt er ihm nicht Lohn, sondern nur Kost und Kleidung.« Darum sagte er eines Morgens: »Johann, ich kann dich nicht mehr brauchen, ziehe deines Weges weiter.« – »Gern, Meister,« entgegnete Johann, »aber zuvor will ich mir einen Wanderstab schmieden.« Damit ergriff er einen Eisenblock, der war fünfzig Pfund schwer, schlug ihn auf dem Amboss zu einem langen Stabe, nahm ihn, wie einen Knotenstock, in die Hand und wünschte dann dem Meister und der Meisterin, sowie dem ganzen Schmiedehandwerk Lebewohl.
Vergnügt zog er seiner Strasse. Als er hungerte, ging er ins erste beste Bauernhaus und sprach um Essen an. Nun war's aber grade Frühjahrszeit, wo man auf dem Lande starke Arbeiter immer gebrauchen kann. Sprach darum der Bauer zu Johann: »Höre, guter Freund, willst du nicht bei mir in Dienst treten?« – »Sehr gern,« sagte Johann. – »Was begehrst du zum Lohne?« – »Nur Nahrung und Kleidung.« – »Abgemacht!« rief der Bauer, »deine Hand darauf!« – »Hier hast du sie,« sprach Johann, »aber es fehlt noch eine Bedingung. Wenn mein Dienstjahr um ist, musst du dir's gefallen lassen, dass ich dir mit der flachen Hand einen Schlag hinten vorgebe.« – »Ist das ein Mensch,« dachte der Bauer, »aber was kann [109] ein Schlag mit der flachen Hand schaden!« Er ging also auf diese Bedingung ein, und Johann ward des Bauern Knecht.
Was war das nun für ein Leben auf dem Hofe. Die ganze Wirtschaft gedieh noch einmal so gut, denn Johann arbeitete für Vier. So verstrich ein Monat nach dem andern, aber je mehr das Jahr sich seinem Ende näherte, um so kleinlauter wurde der Bauer. Jetzt sah er ein, welchem Unglück er entgegen ginge, wenn ihm der neue Knecht den ausbedungenen Schlag versetzen würde. Er sann deshalb auf eine List, wie er den starken Johann umbringen könne.
In der Nähe des Dorfes lag eine Mühle, von der noch kein Mensch lebend zurückgekehrt war. Dort mahlte nämlich der Teufel in eigenster Person und brach einem jeden das Genick, der Getreide zu ihm fuhr. Auf diese Mühle schickte der Bauer seinen Knecht und sprach: »Johann, wir wollen morgen backen. Meine Frau hat schon die Kartoffeln zum Einkneten gerieben 1, fahre also eilends zur Teufelsmühle, lass dort das Korn mahlen und bringe das Mehl sogleich mit dir zurück.« –
Johann gehorchte, lief geschwind auf den Hof und lud das Korn auf den Wagen; dann schirrte er die Pferde an und fuhr ab. Vor der Mühle machte er halt und rief nach dem Müller; aber niemand antwortete ihm und half ihm abladen. Da sprang er vom Bocke und trat durch die offene Thüre ins Innere der Mühle hinein. Doch, siehe da, auch dort befand sich kein lebendes Wesen. Jetzt riss Johann die Geduld. »Ist das eine Wirtschaft!« schrie er; »Das nennt sich Müller, und kommt jemand und will mahlen lassen, so ist niemand zu Hause.« Während er noch so schalt, trat aus dem Gebälke ein kleiner, dicker Kerl mit langem, schwarzem Barte heraus. »Was willst du hier?« rief das Männchen. – »Mein Korn will ich gemahlen haben!« – »Nur sachte, mein Freund! Wenn du so schreist, erhältst du gar nichts.« – »Wozu steht denn die alte Mühle hier?« schrie Johann. »Es mahlt kein Mensch darauf, und doch soll ich mit meinem Korn warten?« – »Bist du jetzt nicht still,« sagte der Teufel (denn das war er), »so schlage ich dich, dass dir Hören und Sehen vergeht.«
Als Johann vernahm, dass es zum Prügeln kommen solle, da ward ihm wohl in innerster Seele, und sogleich wollte er auf den kleinen Kerl einschlagen. Darüber entfiel dem Teufel das Herz, und ganz freundlich fuhr er fort: »Nimm den Mühlstein, der hier an der Wand liegt, und wirf ihn zum Fenster hinaus auf den Hof. Bringst du das fertig und schleuderst du ihn mit solcher Kraft, dass er in die Erde hineinsinkt, so will ich gestehen, dass du stärker bist, als ich.« Johann meinte zwar, eigentlich wäre es besser, er würfe ihn selbst zum Fenster hinaus, nichtsdestoweniger ergriff er den schweren Mühlstein und that damit, wie ihm der Teufel geheissen. Und so gross war die Wucht, mit welcher der starke Johann den Stein warf, [110] dass er tief in den Boden sich eingrub, so tief, dass das Erdreich sogleich über ihm zusammenschlug und kein Mensch wissen konnte, wo er lag.
Wie der Teufel das sah, geriet er in die grösste Furcht vor dem starken Johann und – hast du nicht gesehen – war er auf Nimmerwiedersehen aus der Mühle verschwunden. »Nun bin ich ganz alleine,« sagte Johann, »aber mein Korn muss gemahlen werden, sonst schilt der Bauer.« So trug er die Säcke zum Mahlkasten, setzte das Mühlwerk in Gang und mahlte sein Getreide selber. Dann lud er das fertige Mehl auf den Wagen und fuhr zum Hofe zurück.
Der Bauer war grade mit den Obstbäumen beschäftigt, als er seinen Knecht, den er längst vom Teufel zerrissen gewähnt, frisch und munter mit hochbepacktem Wagen über den Wurt 2 in den Garten hineinfahren sah. Er wäre vor Angst und Schreck fast zusammen gebrochen; aber schliesslich erholte er sich doch wieder, verstellte sich und ging dem starken Johann gar freundlich entgegen. Sie luden darauf das Mehl ab, die Bäuerin rührte den Teig ein, und auf den Abend gab's von dem frischen Mehl die schönste Kliebensuppe, kurz es war so, als wäre nichts Absonderliches vorgefallen.
Das war aber alles nur Trug und Schein, denn noch denselben Abend lief der Bauer zu seinen Nachbarn und beriet mit ihnen, wie er sich am besten des starken Johann entledigen könne. Man redete hin, man redete her, endlich hatte man einen guten Plan. Der Bauer rief sein Gesinde zusammen und sprach: »Schon längst ist es mir leid, das Wasser so weit her vom Nachbar zu holen, ich will darum auf meinem Hofe einen Brunnen graben, und morgen früh soll die Arbeit beginnen.« Und so geschah es auch. Es wurde ein tiefer Schacht in die Erde geführt, bis das klare Wasser aus dem Boden hervorquoll; dann fragte der Bauer reihum, wer das schwere Werk auf sich nehmen wolle, den Grund auszumauern. Niemand mochte sich dazu hergeben, aus Furcht, dass das Erdreich nachstürzen könnte. Endlich sprach der starke Johann: »Ich sehe schon, ich muss es besorgen!« Mit diesen Worten stieg er die Leiter hinab und fügte unten, ohne sich weiter um die Gefahr zu bekümmern, die Steine zur Mauer zusammen.
Darauf hatte der Bauer nur gewartet. Schnell hiess er das Gesinde und die übrigen Bauern, die ihm bei der Arbeit geholfen, den Brunnen zuschütten, und wie ein Hagel flogen Feldsteine, Erde und Sand in den Brunnen hinab. »Werft mir doch nicht den Staub in die Augen!« schrie Johann von unten, aber niemand hörte auf ihn; im Gegenteil, die schlechten Menschen ruhten nicht eher, als bis sie den ganzen Schacht vollgefüllt hatten. Dann zogen sie mit Jubel ins Haus, wo die Bäuerin einen grossen Festschmaus hergerichtet hatte, und nun wurde gegessen und getrunken, als wäre man auf einer Hochzeit.
[111] Es dauerte aber gar nicht lange, so öffnete sich die Thüre, und der starke Johann trat herein, über und über mit Sand und Erde bedeckt. »Ihr seid mir die rechten Brüder,« schalt er, »lasst mich da unten fast ersticken und lebt hier oben in Saus und Braus. Wartet, euch will ich's vergelten!« Damit nahm er ein Scheit Holz und schlug auf die Gesellschaft ein, dass Nachbarn und Gesinde schreiend aus der Stube stoben und sich in den Ställen und auf dem Hofe verkrochen. Die Bäuerin suchte ihn zwar wieder zu besänftigen, indem sie ihm das schönste Essen auftrug, aber er war so böse geworden, dass er nichts anrührte.
Jetzt sah der Bauer ein, dass ihm keine Klugheit darüber weghelfen könne, der heillosen Bedingung zu entgehen, und er harrte trübselig der Stunde, da ihm der starke Johann den Schlag mit der flachen Hand hinten auf die Hosen versetzen würde.
Endlich war der Tag da. Draussen auf dem Felde musste der Acker bestellt werden, und man war darum schon mit dem Morgenblinken (Morgenröte) auf den Beinen. Der Bauer säte, während Johann mit der Egge lang zog. Zur Frühstückszeit trat der Bauer an ihn heran und sprach: »Johann, heute ist dein Jahr abgelaufen. Nahrung und Kleidung hast du von mir vollauf erhalten; es bleibt nur noch das letzte übrig!« – »So wollen wir das schnell besorgen, und wir sind quitt,« entgegnete Johann.
Der Bauer bückte sich, Johann holte weit aus, hell schallte es auf, und kerzengerade in die Lüfte, wie eine Lerche, stieg der Bauer. Als er nach einer ganzen Weile wieder auf die Erde zurück kam, lag er wie tot da. Kein Glied regte sich, und erst nach geraumer Frist kam er allmählich wieder zu sich. Seine Glieder waren ihm jedoch alle, wie gelähmt; Johann musste ihn deshalb auf den Wagen setzen und zum Hofe zurückfahren.
Dort hatte ihn seine Frau schon tot geglaubt. Wie sie nun sah, dass er noch mit dem Leben davon gekommen sei, dankte sie Gott von ganzem Herzen, half ihrem Manne vom Wagen herab und erquickte ihn mit Speise und Trank. Auch Johann bekam eine gute Zehrung mit auf den Weg. Dann ergriff er seinen grossen Eisenstock und wanderte lustig die Landstrasse entlang.
Unterwegs begegnete ihm ein Mann. »Was bist du, und was hast du vor?« fragte Johann. – »Ich bin meines Zeichens ein Steinsprenger,« erwiderte der Gefragte, »habe keine Arbeit und ziehe auf gut Glück im Lande umher.« – »Dann komm nur mit mir!« sagte Johann; »Wer weiss, wozu dein Handwerk uns beiden noch einmal nützen kann.«
Selbander zogen sie weiter. Da trafen sie einen Gesellen, der trug eine Flinte über die Schultern gehängt. »Du bist wohl ein Jäger?« fragte Johann. »Ja, das bin ich,« versetzte der Mann, »und ich suche einen Herrn, der meine Dienste brauchen kann.« – »Nun, so komm mit uns,« sprach Johann, »vielleicht wird uns deine Kunst später noch wert sein.« [112] Der Jäger war's zufrieden, und sie reisten von jetzt an zu dreien. Doch mochten die beiden andern den starken Johann nicht gut leiden; denn er war rechthaberisch und gewaltthätig, und thaten sie nicht auf der Stelle, was er verlangte, so prügelte er sie obendrein durch. Eines Tages kamen sie in einen grossen Wald, der kein Ende nehmen wollte. Als es dunkel wurde, stieg Johann auf einen hohen Baum, um auszuspähen, ob er nicht irgendwo ein Licht erblicken könne. Und da sah er auch wirklich nicht weit von ihnen eine helle Flamme durch die Nacht leuchten.
Er stieg hinab, und sie eilten der Richtung des Lichtes zu. Nicht lange, so kamen sie zu einer trockenen Waldwiese. Dieselbe lag am Fusse eines Berges, und auf ihrer Mitte stand ein kleines, sauberes Häuschen, aus dem das Licht hervorschimmerte. Sie pochten an die Thüre und begehrten Einlass, aber niemand antwortete ihnen. Da öffnete der starke Johann endlich selbst die Thüre, und siehe, das Häuschen war ganz so eingerichtet, als sei es für sie gebaut worden. In der Küche hing alles, was zum Sieden und Braten nötig ist. In der Stube stand ein gedeckter Tisch mit drei Stühlen, und in der Kammer waren drei schneeweisse Betten. »Hier bleiben wir,« sagte Johann, und die andern stimmten ihm gerne bei; denn sie waren allesamt des langen Wanderns müde. Darauf stärkten sie sich mit Speise und Trank, legten sich nieder und schliefen.
Am folgenden Morgen verabredeten sie unter einander, wie sie ihre Wirtschaftsgeschäfte verteilen wollten. Schliesslich kam man überein, dass Johann und der Jäger im Walde Wildbret schössen, während der Steinsprenger, als der Schwächste, zu Hause blieb und das Mittagsmahl besorgte. Sobald es Zeit zum Essen war, musste er auf einem Horn, das im Häuschen hing, blasen und dadurch seine Gefährten im Forste benachrichtigen.
Auf diese Weise lebten sie einige Tage vergnügt dahin. Einmal jedoch, wie der Steinsprenger die Kartoffeln schon abgesetzt hatte und nur noch wartete, dass das Fleisch vollends gar werde, klopfte es an die Thüre, und herein trat ein Unterirdischer, ein hässliches Männlein mit einem grossen schwarzen Barte, der bis auf die Erde herab reichte. »Kann ich hier wohl ein wenig ausruhen und satt essen?« fragte der Zwerg. – »Gewiss,« entgegnete der Steinsprenger, »setz dich nur auf die Ofenbank und warte, bis alles fertig ist und meine Gesellen zurückgekehrt sind.«
Der Unterirdische that, wie ihm geheissen war, und hockte auf dem »Heert« 3 nieder. Der Steinsprenger blieb inzwischen am Feuer stehen, bis das Fleisch fertig war, nahm sodann die Pfanne und trug sie zum Tische. Ehe er sie jedoch hinauf gestellt hatte, spie der kleine Kerl von der Ofenbank aus in weitem Bogen in das Geschirr hinein und besudelte dadurch die ganze Speise. »Du Schelm und Spitzbube!« rief der Steinsprenger. Über dieser Rede wurde der [113] Unterirdische erbost, sprang dem Manne auf den Nacken und schlug so hart auf ihn ein, dass er für tot zu Boden sank. Als er nach geraumer Frist wieder aus seiner Ohnmacht erwachte, war der kleine Kerl verschwunden. Der Steinsprenger fühlte sich aber so krank und schwach, dass er nicht mehr in das Horn zu blasen vermochte. Darum legte er sich in sein Bett und wartete ab, bis der Hunger seine Gefährten nach Hause triebe.
Johann und der Jäger wunderten sich nicht wenig, dass der Steinsprenger noch nicht blies, obgleich die Sonne schon zur Neige ging. Sie fürchteten, ihm sei ein Übel zugestossen, und eilten deshalb schnell in das Häuschen zurück. Hier standen die Kartoffeln fertig auf dem Tisch und das Fleisch war in der Pfanne auf dem Erdboden, aber der Koch lag in der Kammer im Bette und stöhnte und jammerte. »Warum hast du nicht geblasen?« rief der starke Johann zornig. »Ich bin unschuldig daran,« erwiderte der Steinsprenger; »die Kartoffeln hatte ich schon gar auf den Tisch gesetzt, und als ich ein Gleiches mit dem Fleisch thun wollte, überfiel mich ein Schüttelfrost, ich musste die Pfanne fallen lassen und kam noch mit genauer Not in's Bett, um mich wieder durchwärmen zu können. Aber das sage ich dir: Von Morgen ab mag ein anderer die Wirtschaft besorgen. Mir wird's hier den Tag über auf die Dauer zu öde und unheimlich.«
Johann ärgerte sich über das verdorbene Essen und war es darum gern zufrieden, dass am folgenden Tage der Jäger zu Hause blieb und der Steinsprenger mit auf die Jagd zog. Dem Jäger erging es aber nicht besser, wie den Tag zuvor seinem Freunde. Auch er blies nicht um die Mittagszeit, sondern lag, als die beiden andern hungrig und durstig am späten Nachmittage heimkehrten, im Bette und stöhnte und ächzte erbärmlich. Diesmal war der starke Johann noch mehr erzürnt über die Verspätung und das verdorbene Mahl, und es fehlte wenig, dass er den Jäger zu seiner Krankheit noch obendrein durchgeprügelt hätte. Auch machte er den beiden bekannt, von jetzt an wolle er selbst die Wirtschaft besorgen. Das war dem Jäger und dem Steinsprenger so recht nach dem Munde geredet. Boshaft zwinkerten sie einander mit den Augen zu; denn sie wussten beide recht gut, woher ihre Krankheit gekommen. Auch gönnten sie dem starken Johann ein gleiches Schicksal, damit sein Hochmut gebeugt würde.
Als am andern Morgen der Jäger mit dem Steinsprenger auf die Jagd gezogen war, bereitete Johann, wie es sich gebührte, alles zur Mahlzeit vor. Auch diesmal klopfte es kurz vor der Mittagszeit an die Thüre und begehrte Einlass. »Herein!« rief Johann, und als er den schwarzbärtigen Zwerg erblickt und seine Wünsche gehört hatte, sprach er ebenfalls: »Setz dich nur auf die Ofenbank,« und so that das Männchen auch. Kaum hatte ihm jedoch der kleine Kerl, als er das Fleisch vom Feuer nahm, in die Pfanne gespuckt, so rief Johann: »Jetzt weiss ich, weshalb meine Gesellen krank geworden [114] sind,« und indem er noch sprach, hatte der Unterirdische schon einen Schlag erhalten, dass er von der Ofenbank herunter flog.
Nun wollte das Männchen dem starken Johann, wie den andern, auf den Nacken springen. Aber da kam er schlecht an. Johann ergriff ihn oben am Arm und trug ihn zur Hütte hinaus, klöbte mit einem Axthieb den dicken Hauklotz vor der Thüre auf und steckte den langen Bart des Kleinen in den Spalt hinein; dann zog er die Axt wieder heraus, und gefangen war der Schelm. Jetzt ging's mit dem eisernen Stock über ihn her, und das so lange, bis dem starken Johann der Atem ausging.
Das dünkte ihn aber noch nicht Strafe genug. In dem Deckbalken des Zimmers war ein grosses Loch. Johann befreite den Unterirdischen von dem Hauklotz und trug ihn zur Stube zurück. Dort zog er den langen schwarzen Bart durch die Öffnung und verschlang ihn darauf zu einem Knoten, so dass das Männchen an seinem eigenen Barte, wie ein Fisch an der Angel, in der Luft schwebte. Bei jedem Gang, den Johann durch die Stube machte, erhielt der Zwerg einen kräftigen Stoss, so dass er von einem Ende der Stube zum andern flog.
All sein Bitten und Flehen half dem Männchen nichts, es musste dort hängen bleiben, bis die beiden andern zurück kamen; denn Johann nahm jetzt das Horn von der Wand und trat damit vor die Thüre, setzte es an den Mund und blies so laut, dass der ganze Wald davon wiederhallte. Als der Jäger und der Steinsprenger den Schall hörten, sprachen sie zu einander: »Der hat wieder Glück gehabt. Zu dem ist der Unterirdische nicht gekommen,« und dabei ärgerten sie sich in ihren schlechten Herzen recht sehr, dass es ihrem Gefährten nicht so schlimm ergangen sei, wie ihnen selbst.
Wie erstaunten sie aber, als der starke Johann ihnen schon von weitem entgegen rief: »Kommt nur herein! Hier ist die Ursache eurer Krankheit.« Da liefen sie, was ihre Füsse nur laufen konnten, in die Stube, und das Strafgericht über den schwarzbärtigen Zwerg brach von neuem los. Zuerst zerschlug jeder von ihnen ein paar Stöcke auf dem krummen Buckel, dann schaukelten sie ihn an seinem Barte, wie toll, hin und her, und spotteten obendrein seines kläglichen Jammergeschreis. Zu seinem guten Glücke gaben endlich die Haare der schweren Last nach, der Bart riss aus, und das Männchen fiel zur Erde. Ehe noch Johann, der Jäger und der Steinsprenger recht wussten, was eigentlich geschehen war, hatte es sich aufgerappelt, die Thüre geöffnet und rannte dem nahen Berge zu; die drei Gesellen hinter ihm drein, aber der flinke Unterirdische war nicht mehr einzuholen. Sie sahen nur noch, wie er am Bergeshange in einem grossen Felsblock verschwand.
Als die drei bei dem Stein angelangt waren, bemerkten sie in ihm ein kleines Loch. »Dadurch muss der Zwerg geschlüpft sein!« sprach Johann; »Jetzt Steinsprenger heran und spreng uns den Fels; dann steht uns der Eingang in das Reich des Unterirdischen offen. [115] Siehst du wohl, ich sagte es gleich, dass wir dein Handwerk noch einmal in der Not gebrauchen würden.« Der Steinsprenger that, wie Johann ihm geheissen, und bald war das Werk vollbracht. Als der Felsblock, in viele grosse und kleine Stücke gespalten, vor ihnen lag, bemerkten sie, dass hinter ihm ein tiefer Schacht senkrecht in den Berg hinabführte. Sie nahmen eine lange Stange und stiessen hinein, aber nirgends konnten sie Grund fühlen. Darum flochten sie von Baumwurzeln einen Strick und holten aus dem Häuschen einen grossen Korb und banden ihn an das Seil, dann berathschlagten sie, wer in das Loch herabfahren solle.
Der starke Johann meinte, der Schwächste müsse zuerst hinab. Er solle nachschauen, ob da unten etwas des Mitnehmens wert sei, und mit dem Blashorn ein Zeichen geben, wenn er wieder in die Höhe gezogen sein wolle. Mit diesem Vorschlag war aber der Steinsprenger, denn das war der Schwächste, gar nicht einverstanden, weil er die Rache des gemisshandelten Unterirdischen fürchtete. Gleicher Weise weigerte sich auch der Jäger, die Fahrt zu bestehen; es blieb also dem starken Johann nichts anderes übrig, als selbst in den Korb zu steigen. Das Blashorn hing er sich um die Schultern, den Eisenstock nahm er in die Hand, und dann fuhr er mutig in den finstern Bergschacht hinein.
Sobald der Korb unten gegen den Boden stiess, stieg Johann aus und ging einen Seitenpfad entlang, der ihn bald in einen prächtigen Saal führte. Darin sass eine wunderschöne Prinzessin, welche vor Schreck wie versteinert war, als sie einen Menschen vor sich erblickte. »Unglücklicher, kehre um,« rief sie ihm zu, »du läufst dem Tod in den Rachen!« – »Warum soll ich mich denn fürchten, schönste Prinzessin?« fragte der starke Johann. – »Wenn du mein Unglück hören willst,« erwiderte sie, »so vernimm es. Ich und meine zwei Schwestern sind vor einigen Jahren von drei scheusslichen neunköpfigen Drachen geraubt und hierher entführt worden. Jede von uns Jungfrauen bewohnt mit einem der Drachen zusammen einen Saal. Zur Zeit sind alle drei ausgeflogen, es wird aber nicht lange mehr währen, so kehrt mein Zwingherr zurück. Darum fliehe, so lange es noch Zeit ist. Trifft dich der Drache, er zerreisst dich und frisst dich.« – »Reissaus nehme ich nicht,« sagte der starke Johann, »da müsste ich ja dich, schöne Prinzessin, im Unglück sitzen lassen.« Dann ging er zum Ofen und schürte das Feuer, legte seinen Eisenstock hinein und machte ihn glühend. Als nun der Drache herangeflogen kam und Johann das Sausen und Brausen seines Flügelschlags vernahm, stellte er sich hinter der Thüre auf. Kaum steckte das Untier seine neun Köpfe zum Saale herein, so schlug Johann zu, und der Streich mit der glühenden Stange war so mächtig, dass alle neun Drachenköpfe auf einmal zu Boden fielen.
»Du wärest erlöst,« sprach er darauf zu der Prinzessin, welche vor Freuden ganz ausser sich war und ihren Erretter mit Danksagungen überhäufte. Davon wollte aber Johann wenig wissen. »Zeige [116] mir lieber den Saal, in den deine zweite Schwester verwünscht ist,« sprach er, »denn wir haben hier unten keine Zeit mit Gesprächen zu verlieren.« Da führte ihn die Prinzessin zu ihrer Schwester, und auch dort liess er sich durch keinerlei Reden zurückhalten; er machte vielmehr sofort seine Stange glühend, stellte sich wieder hinter der Thüre auf und trennte auch diesmal mit einem Streiche dem Drachen seine neun Köpfe vom Rumpfe.
Nachdem auf diese Weise auch die andere Prinzessin erlöst war, gingen sie in den dritten und letzten Saal, um auch die Jüngste zu befreien. Hier war jedoch der Kampf weit schwieriger, wie zuvor, weil diese Jungfrau von dem stärksten und wildesten der drei Drachen bewacht wurde. Als Johann auf ihn mit dem Eisenstock einschlug, sengte er ihm beim ersten Hieb nur drei Häupter ab. Die sechs übrigen Köpfe sprühten Feuer und Flammen aus ihrem Rachen und suchten ihn mit ihren scharfen Zähnen zu zerreissen. Da holte Johann zum zweiten Male aus mit grösserer Wucht. Aber auch diesmal fielen nur drei Häupter. Die drei übrig gebliebenen wollten schon ihr furchtbares Gebiss in den Leib des starken Johann schlagen, als dieser seine letzten Kräfte zusammen raffte und mit der schon fast erkalteten Stange einen dritten Streich führte, und der war so gewaltig, dass sich das Eisen krumm bog und auch die drei letzten Köpfe zu den andern auf den Erdboden rollten.
Nun endlich war das Erlösungswerk ganz vollbracht. Johann nahm die dreimal neun Drachenköpfe, schnitt ihnen die Zungen aus und that sie in sein Taschentuch. Alsdann packte er die Häupter bei den Ohren und trat mit den drei Prinzessinnen den Rückweg an.
Dem Jäger und dem Steinsprenger war mittlerweile die Zeit lang geworden. Schon glaubten sie, der starke Johann sei unten umgekommen, und beschlossen, ihres Weges zu gehen, als sie mit einem Male den Ton des Hornes vernahmen. Sie zogen den Korb schnell in die Höhe und fanden in ihm die siebenundzwanzig Drachenköpfe. Da staunten sie nicht wenig, als sie das sahen, luden die Köpfe aus und liessen den Korb wieder herab.
Nicht lange währte es, so tönte das Horn von neuem, und diesmal entstiegen dem Korbe die drei schönen Prinzessinnen. Wie der Steinsprenger die Jungfrauen erblickte, sprach er zum Jäger: »Höre mir zu, Bruder! Die eine heiratest du, die andere ich, und die dritte mag sehen, woher sie einen Mann bekommt; denn den starken Johann wollen wir jetzt nicht heraufziehen, sondern unten elendiglich verderben lassen. Dann können wir sagen: ›Wir haben die Prinzessinnen erlöst!‹ und wer's nicht glauben will, dem zeigen wir die Drachenköpfe.« – »Ja, das wollen wir thun!« pflichtete ihm der Jäger bei; »Aber besser ist's, wir ziehen den Korb erst halb in die Höhe und lassen ihn dann los, so fällt sich der starke Kerl zu Tode; sonst möchte ihn der Teufel doch wohl noch auf die Oberwelt zurückbringen.«
Dieser Vorschlag fand des Steinsprengers Beifall. Die drei Prinzessinnen mussten einen furchtbaren Eid schwören, niemals einem [117] Menschen den wahren Hergang der Sache zu offenbaren. »Es sei denn, dass ihr den starken Johann wieder seht,« tröstete der Steinsprenger voll Spott, »dann mögt ihr aller Welt ausplaudern, wie es sich unten in dem Berge mit eurer Erlösung zugetragen hat.« Darauf machten sich die beiden Galgenvögel daran, ihr gottloses Vorhaben in's Werk zu setzen.
Sie liessen den Korb herab und warteten auf den Hornstoss. Johann argwöhnte aber ihren Verrat und setzte, um sicher zu gehen, nicht sich selbst in den Korb, sondern legte statt seiner einen schweren Felsblock hinein. Darauf stiess er ins Horn. Sogleich stieg die Last in die Höhe. Kurz vor der Mündung liessen die beiden jedoch den Strick fahren, und mit gewaltigem Lärm fuhr der Stein in die Tiefe herab, wo er zerschellte. »Also das hatten dir deine Kameraden zugedacht,« sprach Johann traurig und kehrte in das verwünschte Schloss zurück.
Hier suchte er jeden Winkel und jede Ecke durch, ob er nicht irgendwo einen Ausweg zur Oberwelt finden könne; aber all sein Suchen half ihm zu nichts. Hungrig und erschöpft setzte er sich endlich vor einem reich besetzten Tische nieder, der in dem einen Saale stand, und stärkte sich mit Speise und Trank. Dann legte er sich auf ein Ruhebett und schlief seine Sorgen aus.
Am andern Tage stand zur Mittagszeit der Tisch wiederum, mit den köstlichsten Speisen bedeckt, vor ihm, und dasselbe Wunder wiederholte sich auch fernerhin. So brauchte er nie Mangel zu leiden. Es verstrich auf diese Weise ein Monat nach dem andern, als Johann eines Tages zufällig auf den Gedanken kam, die Schublade des Wundertisches aufzuziehen. Siehe, da lag eine prächtige Weidenflöte in dem Kasten. »Wenigstens ein Zeitvertreib,« sprach er zu sich, und flugs sestzte er die Flöte an den Mund und begann ein Stückchen darauf zu blasen.
Kaum waren jedoch die ersten Töne verklungen, so stand der schwarzbärtige Unterirdische vor ihm und fragte zitternd nach seinem Begehr. »Hab' ich dich wieder erwischt!« rief Johann erfreut; »Nun baue mir geschwind eine Treppe zur Oberwelt!« – »Nein, das kann und will ich nicht thun,« antwortete der Zwerg. Da packte Johann ihn bei den Haaren, hob ihn in die Höhe und schüttelte ihn in der Luft herum. »Willst du eine Treppe bauen?« rief er zornig, »oder soll ich dir das Haupt an der Wand zerschlagen?«
Da ward dem Unterirdischen himmelangst zu Mute, er versprach alles, und schon nach wenig Augenblicken konnte Johann mit Freuden das liebe Sonnenlicht wieder begrüssen. Er wanderte darauf immer gradaus, bis er an eine Stadt kam, wo alle Häuser mit rotem Flor bedeckt waren.
»Was für ein Fest ist denn hier?« fragte er einen der Bürger. – »Weisst du denn nicht, dass heute des Königs Töchter Hochzeit feiern mit ihren Erlösern?« versetzte der Mann verwundert; »Das sind einmal Helden gewesen. Ein volles Jahr ist es her, da haben[118] sie drei neunköpfige Drachen getötet, und heute werden sie dafür belohnt und erhalten des Königs Töchter zu Frauen!«
Als der starke Johann diese Worte vernommen, wusste er, von wem die Rede war. Er ging darum sogleich auf das Königsschloss, wo sich schon alle Gäste zum Hochzeitsschmause versammelt hatten, und sprach bei der Dienerschaft um Speise und Trank an. Das sah die älteste Königstochter, und wie sie ihn erblickte, erkannte sie ihn auch sogleich wieder, lief zu ihrem Vater und erzählte ihm, dass ihr eigentlicher Retter erst in diesem Augenblicke in den Saal getreten sei; denn jetzt war sie ja des furchtbaren Eidschwurs ledig. Die drei Prinzessinnen hatten aber deshalb die Hochzeit ein ganzes Jahr aufgeschoben, weil sie immer gehofft hatten, der liebe Gott würde den starken Johann doch noch zu ihnen bringen. Länger wie ein Jahr warten, das wollte der alte König aber nicht erlauben, denn es schien ihm nicht recht, die Retter seiner Töchter hinzuhalten, und grade heute war der letzte Tag des Jahres verstrichen.
Nachdem der König vernommen hatte, was ihm seine Tochter gesagt, gab er Befehl, dem starken Johann fürstliche Kleider anzuziehen, und hiess ihn dann, sich unter die andern Hochzeitsgäste setzen. Der Steinsprenger und der Jäger hatten von alle dem in ihrer Herzensfreude nichts gemerkt. Nach einer kurzen Weile erhub sich der König und sprach: »Nun erzählt mir noch einmal, ihr Helden, wie ihr meine Töchter erlöst habt!« Da brachten die schlechten Menschen von neuem ihre schändlichen Lügen vor und wiesen als Wahrzeichen ihrer Heldenthat auf die dreimal neun Drachenköpfe, welche vor dem Throne lagen. Sprach der König: »Was ist ein Mann wohl wert, welcher in solcher Sache seinen Herrn, den König, belügt?« Antworteten die falschen Gesellen: »Der soll von vier wilden Ochsen in Stücke gerissen werden.«
Wie sie diese Worte gesprochen hatten, trat der starke Johann vor, zog die Drachenzungen aus seiner Tasche und setzte jedem Kopf seine Zunge in den Rachen. Da wurden der Steinsprenger und der Jäger blass wie der Tod, sie fielen nieder und baten um Gnade. Die wurde ihnen aber nicht gewährt, sondern, wie sie selbst geurteilt hatten, so geschah ihnen auch, sie wurden von wilden Ochsen gevierteilt. Der starke Johann aber bekam die älteste Prinzessin, welche er zuerst erlöst hatte, zur Frau und ward, als der alte König starb, sein Nachfolger im Reiche. Er lebte mit seiner jungen Königin glücklich und zufrieden, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.
Tuterutut, Dei Geschicht is ut.
1 Die Bauern versetzen oft aus Sparsamkeit den Brotteig mit Kartoffeln. Letztere dürfen aber nicht lange stehen, sonst werden sie schwarz, und das ganze Backwerk ist verdorben.
2 Anm. Der »Wuurt« ist ein Grasplatz, welcher sich unmittelbar an den Garten anschliesst und diesen von dem Ackerfeld scheidet.
3 »Heert« ist ein Sitzplatz hart am Ofen.
Einer Bäuerin wurde ein Kind geboren. Als es nun, wie das so Brauch ist, gleich nach der Geburt in frischem, kaltem Wasser gebadet war, hub es mit einem Male an zu sprechen und fragte: »Ist denn mein Vater nicht zu Hause? Wenn ihm ein Sohn geboren wird, so könnte er doch wohl zur Stelle sein!« Die Mutter bekam keinen kleinen Schreck, als das Kind zu reden begann, aber sie fasste sich wieder und antwortete: »Dein Vater ist auf dem Felde und sät, bald wird er heim kommen.«
Kaum war der alte Bauer angelangt, so streckte ihm sein Neugeborener die Hand aus der Wiege entgegen, drückte sie so kräftig, dass ihm die Finger krachten, und sprach: »Bist du mein Vater?« – »Ja wohl, liebes Kind.« – »Na, das ist schön, dann musst du aber auch für meine Taufe sorgen; denn wer ein ehrlicher Christenmensch sein will, muss getauft werden.« Der Vater wusste nicht, sollte er weinen, sollte er lachen, endlich dachte er: »Das Beste ist's, du holst den Pastor und führst den an die Wiege.«
Als der Pastor kam, rief ihm der Kleine freudig entgegen: »Guten Abend auch, Herr Pastor, schön, dass Ihr kommt, mich zu taufen.« Der Pastor verfärbte sich und stotterte: »Das ist ja son-der-bar.« – »Recht, recht, Herr Pastor,« rief der Säugling vergnügt, »der Name gefällt mir, ›Sonderbar‹ will ich heissen.« Dabei blieb's auch, und Sonderbar wurde der Junge in der heiligen Taufe genannt.
Sonderbar ass und trank für zehn und wurde mit der Zeit ein riesenstarker Bursche; nur mit dem Wachsen hatte es seine Schwierigkeit. Der Kleinste seiner Altersgenossen überragte ihn immer noch um zwei Köpfe. Als Sonderbar nun fünfzehn Jahre geworden war, rief ihn sein Vater zu sich und sprach: »Lieber Sohn, du verdirbst mich mit deinem vielen Essen, geh und zieh in die Welt hinaus; vielleicht, dass dir dort dein Glück beschert ist.« Da liess sich Sonderbar einen Frühstückskorb machen, der fasste hundert Scheffel nach grossem Maass; den füllte er an mit Brot, Speck und Wurst, nahm ihn auf den Nacken und wanderte in die weite Welt hinaus.
Als er ein paar Stündchen gegangen war, kam er an einem Ellernbruch vorbei. In dem steckten neunzehn Wagen, mit Eisen beladen, welche die Knechte dort festgefahren hatten. Nun gaben sie sich alle Mühe, die Karren wieder herauszuziehen, aber es gelang ihnen nicht. Sprach das Männchen Sonderbar: »Hört einmal, ihr Knechte, gebt ihr mir ein Fuder Eisen ab, dass ich mir davon einen Stock schmieden kann, so schaff' ich euch alle Wagen auf das Trockene.« Die Knechte dachten, das Männchen wäre nicht bei Sinnen, wollten ihn zum Narren haben und versprachen ihm, was es verlangte.
[120] Was machten sie aber für Augen, als Sonderbar einen Wagen nach dem andern bei der Deichsel ergriff und ihn auf das feste Land zog. Da dachten sie daran, dass ihnen ihr Herr die fehlende Fuhre am Lohn abziehen würde, und weil sie glaubten, das Männchen würde, so stark es auch sei, unmöglich allein gegen neunzehn einen Streit anfangen, so sprachen sie, als Sonderbar die Arbeit beendet, sie hätten nur Spass gemacht, die Fuhre wäre ihre und bliebe auch bei ihnen.
Sonderbar suchte sie erst auf gütlichem Wege dazu zu bringen, ihm zu erstatten, was sie ihm zugesagt hatten; als sie aber nur taube Ohren für seine Reden hatten, da wurde er zornig, erwischte den ersten besten am Kragen und schlug mit ihm auf die andern los, bis sie allesamt tot am Boden lagen. Dann nahm er die neunzehn Fuhren und zog sie in das nächste Dorf hinein, wo ein kunstreicher Schmied am Amboss stand und hämmerte.
»Heda, Meister Schmied,« rief Sonderbar, »will er mir wohl aus meinem Eisen einen Stock schmieden? Es soll ihm gut gelohnt werden, wenn die Arbeit ordentlich wird. Taugt sie aber nicht und bekommt der Stock Beulen, wenn ich mit ihm schlage, so musst du noch ein Fuder in den Stock verschmieden und erhältst gar keinen Lohn.« Der Schmied war damit einverstanden und machte sich an die Arbeit. Er hämmerte und hämmerte viele Wochen lang, und endlich hatte er aus den neunzehn Fudern Eisen einen Stock hergestellt, der war »drei Tag und drei Nacht« hoch, und sein Fuss hatte sich dabei noch tief in den Erdboden hinein gesenkt.
Den Stock ergriff Sonderbar, als wär's eine Reitergerte, und schlug damit auf einen harten Fels, dass das Eisen eine tiefe Beule bekam. »Hast verloren, Meister Schmied,« rief Sonderbar lachend, und der Schmied musste noch ein Fuder Eisen in den Stock verschmieden und war des Lohnes verlustig gegangen. Nachdem er fertig war, nahm Sonderbar den Stock auf den Rücken, hing seinen Hundert-Scheffel-Korb daran und wanderte lustig weiter in den grünen Wald hinein.
Es dauerte gar nicht lange, so sah er einen grossen Mann, der stand bei einem Berge. Wenn nun jemand hindurch gehen wollte, so riss der Riese den Berg auseinander. War er hindurchgegangen, so schob er die beiden Hälften wieder zusammen. »Was thust du hier?« fragte Sonderbar. – »Ich schiebe für meinen Herrn den Berg auf und zu.« – »Was bekommt du dafür?« – »Den Tag fünf Silbergroschen und schlecht Essen und Trinken und des Abends mitunter noch eine Tracht Prügel.« – »Dann komm zu mir,« sagte Sonderbar, »ich gebe dir den Tag auch fünf Silbergroschen und gut Essen und Trinken und des Abends bekommst du keine Schläge.«
Die Rede gefiel dem Bergschieber, und er folgte dem Männchen Sonderbar nach. Das gab ihm zur Probe seinen Stock zu tragen; aber der Riese sank auf die Knie und konnte den Stab nicht heben. Da lachte Sonderbar und nahm seinen Stock wieder selbst auf den Rücken und schritt mit dem Riesen fürbass.
Über ein kleines sahen sie einen Mann, der hantierte zwischen [121] den Eichenstämmen herum, ergriff einen Baum nach dem andern am Zopfe und riss ihn samt den Wurzeln aus dem Erdboden heraus. Dann brach er die Stämme über dem Knie in kleiue Stücke; hier schichtete er einen Haufen Klobenholz auf, dort Backholz und an einer dritten Stelle Kleinholz. »Du verdienst dir wohl einen schönen Lohn mit deiner Arbeit?« fragte Sonderbar. »Viel gerade nicht,« erhielt er zur Antwort, »den Tag fünf Silbergroschen und schlecht Essen und Trinken und am Abend noch oft einen Buckel voll Schläge.« – »Dann geh mit mir,« sagte Sonderbar, »ich gebe dir auch fünf Silbergroschen und gut Essen und Trinken und keine Schläge.« – »Der Vertrag ist gemacht,« sagte der Baumausreisser, verliess seine Arbeit und ging mit dem Männchen Sonderbar davon.
Das gab ihm ebenfalls zur Probe seinen Stock zu tragen, und der Baumausreisser konnte den gewaltigen Eisenstab auch heben; als er aber damit gehen sollte, versagten ihm die Kräfte, und Sonderbar musste seinen Stock wohl oder übel wieder selbst auf den Buckel nehmen.
Nachdem sie ein Stückchen gewandert waren, sahen sie einen am Wege sitzen, der hieb mit der Faust Mühlsteine aus einem grossen Felsblock. »Du verstehst es aber!« sagte Sonderbar, »Was verdienst du denn mit deiner kunstreichen Arbeit?« – »Fünf Silbergroschen den Tag und schlecht Essen und Trinken und am Abend manchmal noch Schläge,« sagte der Steinhauer. – »Dann hast du's bei mir besser,« erwiderte Sonderbar, »ich gebe dir fünf Silbergroschen und gut Essen und Trinken und keine Schläge. Komm in meine Dienste.«
Das that der Steinhauer denn auch, und Sonderbar gab ihm, wie den beiden andern Riesen, zur Probe seinen Stock zu tragen. Den trug der Steinhauer wohl drei Stunden weit, dann warf er ihn auf die Erde und sprach: »Auf die Dauer wird er mir doch zu schwer.« Da lachte das Männchen Sonderbar und freute sich, das es einen so starken Diener bekommen, und nahm seinen Stab wieder selbst zur Hand.
Nun wanderten sie immer weiter und weiter, und der Wald wollte gar kein Ende nehmen. Als es Abend ward, sagte Sonderbar: »Jetzt wird's Zeit, dass wir uns nach einem Nachtlager umsehen. Bergschieber, steig' auf eine hohe Eiche und halt Umschau, ob du nicht ein Licht durch die Bäume schimmern siehst!« – Der Bergschieber that, wie Sonderbar ihm geheissen, konnte aber kein Licht erspähen. Da musste der Baumausreisser hinauf, aber ihm ging es nicht besser, und dasselbe war bei dem Steinhauer der Fall. Weil das Männchen Sonderbar nun durchaus in einem ordentlichen Hause übernachten wollte, stieg es selbst auf den Baum, und da es Augen, wie ein Falke, hatte, erblickte es einen dünnen Lichtstrahl, der durch die Blätter schimmerte und den die andern nicht bemerkt hatten.
»Wo ich meinen Hut hinwerfe, ist die Richtung!« schrie Sonderbar und warf den Hut nach dem Lichte. Dann stieg er wieder herab, und nachdem sie eine Zeit lang gegangen waren, trafen sie wirklich in der Richtung, in welcher der Hut geworfen war, ein Häuschen an, aus dem der Lichtschimmer strahlte.
[122] Vor dem Häuschen befand sich ein kleiner Hof, in dem war weiter nichts als ein grosser Sägeblock; aber drinnen war eine Küche und eine Stube, darin standen vier Betten, vier Stühle und ein Tisch, auch hingen drei Gewehre an der Wand. »Das ist ja, als wäre es für uns geschaffen,« sprach Sonderbar erfreut, »hier wollen wir wohnen bleiben.« Und so thaten sie auch; sie richteten sich so gut oder schlecht ein, als es eben ging, und verbrachten die Nacht daselbst.
Am andern Morgen sprach Sonderbar zu seinen Dienern: »Ich will mit zweien von euch auf die Jagd gehen, der Bergschieber mag während dessen zu Haus bleiben und uns das Mittag besorgen.« Alle waren damit einverstanden, und der Bergschieber blieb in der Küche zurück. Er hatte soeben ein tüchtiges Feuer auf dem Herde angemacht, als es poch, poch, poch an die Thüre klopfte. »Herein,« rief der Bergschieber, und siehe, ein steinaltes, kleines Männlein humpelte herein. In seinen Bart waren drei Kreuzknoten geschlagen, und doch reichte er bis an die Füsse herab. Das Männlein stöhnte und klagte, dass es draussen vor Kälte verkäme, und bat, dass es sich ein wenig am Herdfeuer wärmen dürfe.
»Setz dich nur am Herde nieder,« sagte der Bergschieber mitleidig. Über eine Weile hub das Männlein wieder an zu ächzen: »O, du mein Gott, wie hungert mich!« – »Da hast du etwas für den Hunger,« sprach der Bergschieber und reichte ihm eine Schüssel mit Erbsen. – »Ach, gieb mir auch etwas Fleisch.« – Und auch das bekam das Graumännchen in die Hand. Die war aber so zittrig, dass das Fleisch zu Boden fiel. »Mein guter Herr,« klagte das Männlein, »hebt mir das Fleisch wieder auf, seht, ich bin zu alt und schwach zum Bücken.« Da beugte sich der Bergschieber zur Erde, aber in demselben Augenblick hatte das Männchen ihn auch mit der rechten Hand im Nacken gepackt und schlug mit der Faust dermassen auf den Riesen ein, dass ihm Hören und Sehen verging und er für tot auf dem Fussboden lag. Dann schüttete es alle Speisen in das Feuer und ging wieder davon.
Als Sonderbar mit dem Baumausreisser und dem Steinhauer zur Mittagszeit in das Häuschen zurückkehrte, war kein Essen bereitet, und der Bergschieber lag im Bett und war krank. »Das nenne ich mir eine schöne Wirtschaft,« brummte Sonderbar, »morgen wird der Baumausreisser zu Hause bleiben und das Essen besorgen.« Dann zog er den Bergschieber aus seinem Bette heraus und gab ihm eine tüchtige Tracht Schläge.
Am andern Tage stiess dem Baumausreisser dasselbe zu, was Tags zuvor dem Bergschieber zugestossen war. Und als am dritten Tage der Steinhauer zurückbleiben musste, erging es ihm nicht besser. Sonderbar liess es zwar bei beiden an Scheltworten und Schlägen nicht fehlen, aber das verdorbene Essen wurde dadurch nicht wieder gut gemacht. Da entschloss er sich endlich, den vierten Tag selbst die Küche zu übernehmen.
Kaum waren die drei Diener in den Wald hinaus, da klopfte es [123] wieder: »Poch, poch, poch!« an die Thüre. »Wer ist da?« rief Sonderbar unwillig und stiess die Thüre auf; da trat jammernd und klagend das alte Graumännchen herein und bat, sich am Herde wärmen zu dürfen. Auch bettelte es um etwas Speise für den Hunger. »Da hast du etwas zu fressen,« fuhr Sonderbar das Männlein an und schob ihm eine Schüssel mit Erbsen hin. »Bitte, gieb mir auch einen Bissen Fleisch,« bettelte der Zwerg. »Kann denn das Gesindel nicht ohne Fleisch auskommen!« schalt Sonderbar und warf ihm ein Stück von dem Braten, den er soeben zubereitet hatte, in die Schüssel hinein. Das Graumännlein zog es mit zitternden Händen heraus und liess es auf den Boden fallen und weinte darüber, dass es einen Stein jammern konnte. Sonderbar wollte ihm das Fleisch aber nicht aufheben; doch der Zwerg setzte ihm solange mit Bitten zu, bis dass er es that.
Nun sollte es Sonderbar ebenso ergehen, wie seinen drei Dienern; das dachte das Graumännlein wenigstens. Aber es war an den Unrechten gekommen. Denn kaum merkte Sonderbar, was das Kerlchen im Sinne hatte, so schüttelte er es von sich ab, griff mit den Worten: »Jetzt weiss ich, was den dreien gefehlt hat!« unter die Bettlade nach Axt und Keil und trug dann das Männchen auf den Hof hinaus. Dort klöbte er den Sägeblock mit gewaltigem Schlage tief auf, steckte den Keil in die Spalte und dann den Bart hinein; darauf zog er den Keil heraus, und schnapp schlug das Holz zusammen, und der Zwerg sass mit dem Barte fest und war gefangen.
Vergnügt ging Sonderbar in die Küche zurück und freute sich darauf, wie die Diener lachen würden, wenn sie den Vogel in der Falle sähen. Als die drei aber heimkehrten, steckte nur noch der lange Bart in der Spalte, das Graumännlein hatte den Bart zurückgelassen und war in seine Wohnung entwischt. Doch ein langer Streifen Blut zeigte den Weg an, den es genommen. Die Spur führte zu einem Erdloch, das tief, tief in den Boden ging. Oben an der Öffnung war ein Seil mit einem Korbe befestigt, daran musste es sich in das Loch hinabgelassen haben. Sprach Sonderbar: »Ich will wissen, was der Zwerg da unten treibt! Du, Bergschieber, setz dich in den Korb und fahre hinab!«
Der Bergschieber gehorchte; es dauerte aber gar nicht lange, so schrie er laut, sie möchten ihn doch ja wieder in die Höhe ziehen, er hielte es unten nicht aus. Gerade so thaten der Baumausreisser und der Steinhauer. Da sprach das Männchen Sonderbar: »Gut, dann werde ich hinabfahren,« nahm den Hundert-Scheffel-Korb und die Eisenstange zu sich und fuhr hinab, so tief, dass er Sommer und Winter während der Fahrt zu überstehen hatte; denn einmal war der Boden um ihn siedend heiss, und dann wieder wurde er eiskalt. Endlich langte er unten an.
Da fiel ihm ein, seine Diener möchten ihm die Schläge nachtragen, die er ihnen gegeben, und er lud deshalb einen schweren Stein in den Korb, dass es aussah, als wolle er sich wieder in die Höhe ziehen lassen. Und richtig, als der Korb zur Hälfte in die Höhe [124] gezogen war, schnitten die Schelme das Tau durch, dass der Korb herunter stürzte und der Stein in Stücken splitterte. Da dankte Sonderbar Gott, dass er dem Tode entgangen war, denn hätte er drinnen im Korbe gesessen, so war sein Leben Gras.
Lange dachte er aber nicht über die Bosheit der Diener nach; denn er suchte nach dem Zwerg, und endlich fand er ihn auch in einer Ecke kauern. »Du bist schuld daran, dass ich hierher gekommen bin,« fuhr er das Graumännchen an, »jetzt sorge auch dafür, dass ich wieder in die Oberwelt zurückkehre.« – »Hätte ich noch meinen Bart,« erwiderte der Zwerg, »so würde ich dir sogleich helfen. So aber sind mit meinem Barte auch meine Kräfte geschwunden.« – »Was ist denn hier unten zu finden?« fragte Sonderbar missmutig. »Hier sitzt eine verwünschte Prinzessin,« erhielt er zur Antwort, »die wird von drei grossen Drachen bewacht. Davon hat der erste drei und der zweite sechs Köpfe, der dritte aber, der so stark ist, wie die beiden andern Drachen zusammen genommen, hat neun Häupter auf dem Rumpfe sitzen. Wenn du die drei Drachen tötest, hast du die Prinzessin erlöst.«
Die Arbeit schien dem Männchen Sonderbar der Mühe wert, und er ging in das Schloss, in dem die Prinzessin sass. Als sie Sonderbar erblickte, hub sie vor Freude an zu weinen, dass sie wieder einen Menschen schauen durfte. Zugleich wurde sie aber auch blass vor Furcht, da sie glaubte, die Drachen würden ihn zerreissen. Sonderbar hiess die Königstochter jedoch getrost sein, er sei als ihr Befreier gekommen und werde mit Gottes Hülfe die Drachen erlegen. Dann musste ihm die Prinzessin Bescheid sagen, wann die Ungeheuer sie zu besuchen kämen.
Zu dem Schlosse der verwünschten Königstochter führten nämlich drei Brücken, von denen die eine dem ersten, die andere dem zweiten, die letzte dem dritten Drachen gehörte. Unter der ersten Brücke beschloss Sonderbar den dreiköpfigen Drachen zu erwarten. Er nahm seinen Eisenstab zur Hand und kroch darunter. Es dauerte auch gar nicht lange, so kam ein Brausen durch die Luft, wie von einem gewaltigen Winde, und der erste Drache fuhr über die Brücke. Sonderbar stiess mit dem Stocke nach ihm; da brüllte ihn das Untier an: »Was willst du hier, Erdwurm?« – »Ich werde dich beerdwurmen,« sagte Sonderbar, sprang unter der Brücke hervor und schlug mit dem Stabe so gewaltig auf die drei Köpfe des Drachen ein, dass sie bald zerschmettert am Boden lagen.
»Das war leichte Arbeit,« sprach Sonderbar und ging zur zweiten Brücke, um dort den sechsköpfigen Drachen zu erwarten. Als der herbei geflogen kam, ertönte sein Flügelschlag wie Donnerschall, und noch entsetzlicher, als der dreiköpfige Drache, schrie er das Männchen Sonderbar an: »Was willst du hier, Erdwurm?« – »Deinem Bruder ist es mit dem Erdwurm schlecht ergangen,« gab ihm Sonderbar trotzig zurück, »du wirst nicht besser bei mir fahren,« und damit begann der Kampf. Diesmal hatte aber Sonderbar alle seine Kräfte zusammen [125] zu nehmen, um des sechsköpfigen Ungeheuers Herr zu werden, und es hätte wenig gefehlt, so wäre er von dem Drachen überwältigt und zerrissen worden.
Als dieser Kampf vorüber war, ging er darum zur Prinzessin in das Schloss zurück und klagte ihr sein Leid. »Wenn der Zwerg recht hat, dass der letzte Drache so stark ist, wie die beiden andern zusammen genommen, so ist mein Leben Gras; dann muss ich sterben.« Die Königstochter tröstete ihn aber und wies ihm einen Brunnen am Fenster; an dessen Bord war geschrieben: »Wasser der Stärke.« Davon sollte Sonderbar trinken, bis er so stark geworden sei, dass er das grosse Schwert, welches über dem Brunnen hing, zu führen vermöchte.
Sonderbar that, wie ihm geheissen war, und fand auch den Brunnen, und über ihm an der Mauer des Schlosses hing das Schwert. Er versuchte, es herabzunehmen, aber so sehr er auch seine Riesenkräfte anstrengte, es wollte ihm nicht gelingen. Da trank er einen Becher aus dem Brunnen der Stärke, und siehe, jetzt konnte er das Schwert schon herabnehmen und sich zur Seite hängen. Flugs schöpfte er noch einmal und trank einen zweiten Becher von dem Zauberwasser; darnach konnte er mit dem Schwerte fegen und kehren, ob es ihm schon noch sauer wurde. Dachte er bei sich: »Du willst es noch ein drittes Mal versuchen,« und als er den dritten Becher getrunken hatte, überkam ihn eine solche Kraft, dass er das Schwert schwingen konnte, als wäre es ein Flederwisch.
Vergnügt kehrte er zur Königstochter zurück, und die versteckte ihn unter ihr Bett, damit er dort abwarte, bis der Drache käme. Es dauerte auch gar nicht lange, so erscholl ein Lärmen und Toben im Schloss, als solle die Welt untergehen, und der dritte Drache flog in die Stube und sah so greulich aus, dass der Teufel aus der Hölle nicht schlimmer ausschauen kann. Die Prinzessin aber kannte ihn schon und that gar zutraulich mit ihm, dass er seine Köpfe in ihren Schoss legte; dann kraute sie ihm die Haare, bis er einschlief.
Darauf hatte Sonderbar nur gewartet, er sprang unter dem Bette hervor, riss den Drachen von dem Schosse der Jungfrau herab und schlug ihm mit dem grossen Schwerte auf einen Schlag die neun Köpfe ab, dass sie auf den Erdboden rollten. Nun war die Prinzessin erlöst; aber wie sollten sie aus der Unterwelt wieder herauf kommen, wo die liebe Sonne scheint? In dieser Not wusste der kleine Zwerg Rat. »Hier unten nistet der Vogel, welcher der grösste ist unter allem Getier, das Federn trägt, unter dem Himmel,« sprach er zu Sonderbar, »der ist so gross, dass er, um satt zu fressen, so lange Zeit braucht, dass seine Kinder inzwischen verhungern müssen. Er kann darum keine Jungen gross kriegen, wenn er sie ausgebrütet hat. Willst du seine Kinder füttern, so mag dir der grosse Vogel samt der Prinzessin aus der Not helfen.«
Der Rat gefiel Sonderbar, und er ging hin zu dem Neste des grossen Vogels und fütterte dort die Jungen, bis der Alte wieder [126] erschien. Das dauerte aber viele Wochen. Endlich kam er und wunderte sich, dass die Jungen noch lebten. »Das kommt daher,« sprachen die kleinen Vögel, »weil ein fremder Mann uns hier im Neste gefuttert hat.« – »Zeigt mir den Mann,« sagte der grosse Vogel, »er hat euch zu fressen gegeben, dafür will ich ihn auch fressen.« – Das wollten aber die Jungen nicht leiden und sagten zu ihrem Vater: »Nicht doch, der Mann hat uns das Leben gerettet, und nun willst du ihn fressen?« Da sah der grosse Vogel ein, dass er Unrecht thue, und versprach seinen Jungen, dass er den Menschen nicht fressen wolle.
Als Sonderbar dies hörte, kroch er unter dem rechten Flügel des jüngsten Vogels, denn darunter hatte er sich versteckt, hervor und stellte dem grossen Vogel sein Anliegen vor. »Ich würde dir gerne helfen,« erwiderte der grosse Vogel, »wenn ich aber dich und die Königstochter zur Oberwelt hinauf tragen soll, werde ich hungrig werden. Bekomme ich dann keine Nahrung, so versagen meine Kräfte, und ich muss euch fallen lassen.« – »Wie viel brauchst du denn, um satt zu werden,« fragte Sonderbar. »Zwölf Happen,« versetzte der grosse Vogel. »Dafür werde ich Sorge tragen,« antwortete Sonderbar, »sei so gut und trag uns hinauf.« Darauf nahm er seine Stange, sein Schwert und den Hundert-Scheffel-Korb zu sich, dann ergriff ihn der grosse Vogel mit der rechten Klaue und die Prinzessin mit der linken, und fort ging es, hoch in die Lüfte.
Sonderbar machte einen Bissen nach dem andern aus dem Kober fertig und reichte ihn während des Fluges dem Vogel dar. Aber, o weh, er hatte sich verrechnet, es waren nur elf Bissen darin und, wo jetzt den zwölften hernehmen? In seiner Not griff Sonderbar zum Messer und schnitt sich damit ein grosses Stück Fleisch aus dem Schenkel und reichte es dem Vogel dar. »Das schmeckte aber,« sagte der Vogel und schnalzte mit der Zunge. »Das glaube ich wohl,« entgegnete Sonderbar, »es ist mir auch sauer genug angekommen.«
Da wurde der Vogel neugierig und fragte, was Sonderbar damit besagen wolle, und nun erfuhr er, woher der zwölfte Happen stamme. »Das thut mir leid,« sprach der Vogel, »aber warte nur, ich werde es dir wieder ansetzen.« Und richtig, als sie oben waren, spie er Sonderbar das Fleisch wieder an den Schenkel, dass es aussah, als habe er nie dort eine Wunde gehabt. – »Bist du solch ein Vogel,« rief Sonderbar verwundert, »dann kannst du aus mir wohl gar noch einen hübschen Mann machen? Sieh nur an, wie klein und verwachsen ich bin, und doch möchte ich so gerne ein hübscher, schierer, schlanker Kerl werden.« – »Meinetwegen,« antwortete der grosse Vogel und verschluckte das Männchen Sonderbar; nach einer kleinen Weile gab er es wieder von sich, und Sonderbar stand vor der Prinzessin so schön, wie der schönste Königssohn; und dabei hatte ihm die Verwandlung von seiner ehemaligen Kraft nichts geraubt, sondern er war so stark, wie zuvor.
Da herrschte einmal Freude bei Sonderbar, und auch die Königstochter sah ihn mit liebevollen Blicken an. Sie bedankten sich darauf [127] bei dem grossen Vogel und zogen zunächst in das kleine Häuschen, wo Sonderbar dem Bergschieber, dem Baumausreisser und dem Steinhauer für ihre Arglist seinen Eisenstab zu fühlen gab. Dann zog er in das Reich des Königs, dessen Tochter er erlöst hatte, und da die Prinzessin den schönen Mann lieb gewonnen hatte, heirateten sie einander. Sie herrschten glücklich und zufrieden und bekamen auch einen Sohn, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.
Es war einmal ein reicher König, der hielt streng darauf, dass in seinem Lande alles den Weg des Rechten ginge, und darum hatten ihn seine Unterthanen lieb, aber die Zigeuner hassten ihn. Als nun der kleine Sohn des Königs ins zweite Jahr ging und er von seiner Amme eines Tages in den Wald geführt wurde, dass er dort spiele, fielen die Zigeuner über sie her und nahmen dem Mädchen das Kind weg. Die Amme kam in das Schloss zurück gelaufen und klagte dem König, was geschehen war; da liess derselbe überall im Lande nachspüren, und alle Zigeuner wurden aufgegriffen, aber man fand den kleinen Prinzen nicht wieder. Und das kam daher: Die Zigeuner hätten das Kind zwar gerne bei sich behalten, weil vornehmer Herren Kinder geschickter sind, wie ihre eigenen oder gar die Bauerjungen und Mädchen, und weil sie gut seiltanzen und reiten lernen, aber sie fürchteten des alten Königs Rache; darum legten sie den Prinzen unter einem Eichbaum nieder und machten, dass sie von dannen kamen.
Es dauerte gar nicht lange, so wankten ein Paar Bauersleute durch den Busch, und als sie das Weinen hörten, ging die Frau zu dem Orte und rief: »Komm her, Vater, welch schönes Kind! Das hat uns Gott gesandt, weil wir keine Kinder haben. Wir wollen es gross ziehen und pflegen, dass es uns eine Stütze sei, wenn wir alt und grau werden.« Dem Manne gefielen die Worte seiner Frau von Herzen, und sie nahmen das Kind mit sich, und weil sie nicht wussten, ob es schon getauft sei, so liessen sie es von dem Pastor taufen, und es wurde Friedrich genannt. Die Pflegeeltern liessen es an Speise und Trank nicht fehlen, und das Kind wurde bald über die Massen stark, dass es die andern Jungen in der Schule durchprügelte, wenn sie ihm an den Leib wollten. Und auch der Schulmeister hatte seine liebe Not mit ihm. Endlich war er so weit gekommen, dass er eingesegnet war, da sprach sein Vater zu ihm, denn er wusste selbst nicht anders, als dass er des Bauern Sohn sei: »Friedrich, du bist gross und stark geworden und musst jetzt ein Handwerk lernen. Wozu hast du am [128] meisten Lust?« Antwortete Friedrich: »Ich will ein Schmied werden, da kann ich meine Stärke am besten gebrauchen.« Das war der Bauer zufrieden, und er brachte ihn zu dem Schmied in die Lehre. »Bist du auch stark genug?« fragte der Schmied, »Das Eisen ist hart und die Hämmer sind schwer.« – »Das will ich meinen,« antwortete der Junge, und als ihm der Meister Eisen gab, hämmerte er so wacker darauf ein, dass er alles Eisen zu Schanden schlug. »Du musst nicht so grob schlagen,« schalt der Schmied; aber Friedrich war Schelten nicht gewohnt, wurde zornig und schlug mit dem Hammer so hart auf den Amboss, dass derselbe mit samt dem Block tief in den Erdboden fuhr. »Dich kann ich nicht brauchen!« rief der Schmied voll Schrecken; denn es überkam ihn ein Grauen vor dem starken Burschen. »So schnell geht es nicht, Meister,« erwiderte der Junge, »ich gehe, aber du sollst mir zuvor einen Wanderstab schmieden!« Da nahm der Schmied von seinem besten Eisen und schmiedete eine Stange, wie sie ein Riese nicht schwerer tragen konnte. Als sie fertig war, ergriff sie der Junge mit der Rechten und schlug damit über den linken Arm. Da bog sich das Eisen, als wäre es Draht. »Die Stange ist schlecht, Meister,« sagte er, »auch ist der Stock zu nichts nutze; schmiede mir ein Schwert, so will ich freiwillig aus dem Dienst gehen.« Der Schmied freute sich, wenn er den Jungen nur los werden konnte, und arbeitete Tag und Nacht, und Friedrich half ihm dabei, bis er ein Schwert geschmiedet hatte, gross und lang und so hart, dass es alles durchschnitt. Das gürtete sich der Junge um, dann sagte er den Meistersleuten Lebewohl und wanderte aus der russigen Schmiede in die weite Welt hinaus.
Nachdem er ein Weilchen gegangen war, dachte er bei sich: »Nun hast du ein Schwert, nun könntest du auch Soldat werden!« Gedacht, gethan, er ging in des Königs Heer, und da er so stark und tapfer war, so stieg er höher und höher und, weil er immer Sieger blieb und niemals einen Kampf verlor, so wurde er nicht mehr Friedrich, sondern Siegfried genannt. Um seiner Stärke willen konnten ihn aber die Herren am Hofe nicht leiden, und sie setzten dem Könige des Landes zu bei Tag und bei Nacht, bis er sich auch vor Siegfried fürchtete und darauf sann, wie er sich seiner entledigen könne. Nun lebte in dem Walde des Königs ein erschrecklich grosses Einhorn, das Menschen und Vieh tötete und ungeheuren Schaden anrichtete. »Siegfried,« sagte eines Tages der König, »wer so stark ist, wie du, der sollte auch wohl des Einhorns Herr werden!« – »Das will ich meinen!« versetzte Siegfried und machte sich sogleich mit seinem Schwerte auf den Weg. Als er im Walde war, roch ihn das Einhorn von ferne und stürmte auf ihn los. Da erschrak Siegfried ob seiner Grösse, dachte, sein Leben sei Gras, und sprang, als es auf ihn zukam, flink hinter einen Eichbaum. Das Einhorn war blind vor Wut und rannte auf den Eichbaum und stiess sein Horn so tief in den Stamm hinein, dass es fest sass und nicht vorwärts und nicht rückwärts zu gehen vermochte. Jetzt kam Siegfried hinter dem Baume [129] hervor und machte dem Einhorn mit dem Schwert den Garaus. Dann liess er es in seinem Blute liegen und ging wieder auf das Königsschloss zurück. Nun war er gar stolz geworden, und niemand wagte mehr, mit ihm anzubinden.
So verging ein ganzes Jahr. Da erscholl das Gerücht im Lande, dem König des Nachbarreiches sei sein einziges Kind, die Prinzessin, gestohlen worden von einem zwölfköpfigen Drachen, und wer sie erlöse, solle sie zur Frau bekommen und Erbe werden im Königreich. »Das wäre eine Arbeit für dich,« dachte Siegfried, nahm Urlaub von seinem König und machte sich mit seinem Schwert auf den Weg. Als er im Walde war, führte ihn sein Weg an der Stelle vorbei, wo er im Jahre vorher das Einhorn getötet hatte. Das Horn steckte noch in dem Eichbaum, aber das Fell und das Fleisch hatten die Ameisen bis auf das Gebein abgenagt; doch unter den Knochen schwamm eine gelbe Masse. Das war das Fett des Einhorns, das nicht verwesen konnte und das die Ameisen nicht anrühren mochten. Siegfried verwunderte sich darüber und tauchte einen Finger in die Masse hinein; da wurde er sogleich mit einer Hornhaut bezogen, und das Schwert glitschte davon ab, wie er sie mit der Schärfe berührte. Als Siegfried das sah, that er die Kleider von sich und rieb sich den ganzen Körper mit dem Fette ein; nur zwischen die Schultern konnte er nicht kommen. Das wusste er aber nicht, sonst hätte er sich auf den Rücken gelegt und in dem Fette gebadet. Bis auf die Stelle ward er dadurch hörnern am ganzen Leibe, und kein Mensch konnte ihm etwas zu Leide thun. »Nun soll's mir an der Prinzessin nicht fehlen,« rief er vergnügt und wanderte seines Weges weiter.
Als er bei der Stadt angelangt war, aus welcher der zwölfköpfige Drache die Prinzessin geraubt hatte, ging er sogleich auf das Schloss und liess sich bei dem König melden. »Wer bist du?« fragte der König. »Ich bin der gehörnte Siegfried,« antwortete er, »und will deine Tochter erlösen.« Da wäre ihm der alte König vor Freuden beinahe um den Hals gefallen, denn er war der allererste, der sich dazu angeboten hatte; so sehr fürchteten sich alle vor dem zwölfköpfigen Drachen. Er versprach ihm auch, wenn er die Prinzessin erlöse, so solle er und kein anderer ihr Mann werden. Das gefiel Siegfried wohl, denn er hatte viel von der Schönheit der Prinzessin gehört; er sagte dem König Lebwohl und machte sich auf den Weg in den Wald, wo der Drache hausen sollte. Als er ein Weilchen in dem Walde gewandert war, traf er drei allmächtig grosse Riesen. »Halt, Erdwürmchen,« rief der eine von ihnen und vertrat ihm den Weg, »bis hierher und nicht weiter!« – »Das kommt auf mich an,« antwortete Siegfried und setzte sich zur Wehr. Da hieb der Riese mit seiner Stange auf ihn ein, Siegfried aber war schnell genug, wich aus, und als die Stange in die Erde fuhr und den Riesen mit sich riss, holte er weit aus und schlug dem Riesen mit dem Schwerte mitten durch den Leib, dass er in zwei Teile auseinander fiel. Darauf hatten die beiden andern Riesen nicht gerechnet, und einer von ihnen [130] stand auf, um das Erdwürmchen, das ihren Bruder getötet, zu erschlagen; denn beide mochten über den kleinen Mann nicht herfallen, dazu erschien er ihnen zu schwach. Es dauerte aber gar nicht lange, so hatte Siegfried mit dem zweiten Riesen ebenso gethan, wie mit dem ersten, und es blieb nur noch der dritte übrig, um seine Brüder zu rächen. Doch dem glückte es auch nicht, und über ein Weilchen lag er bei den beiden andern im Grase. Darauf ging Siegfried auf die Riesenburg, das war ein herrlicher Palast, und ruhte aus von dem Kampfe und ass und trank von den Speisen, welche die Riesen auf die Burg geschleppt hatten.
Nachdem er ein paar Tage dort verweilt hatte, zog er tiefer in den Wald hinein; und je weiter er kam, um so wilder wurde die Gegend. Es begegneten ihm starke Löwen und wilde Zottelbären, aber er kehrte sich nicht daran; und wenn sie ihm zu nahe kamen, so ergriff er sie beim Maule und riss sie auseinander und hängte die eine Hälfte zur Rechten des Weges und die andere zur Linken und schrieb darunter: »Der gehörnte Siegfried hat's gethan.« Eines Tages kam jedoch ein grosser, starker Reiter auf ihn zu und rief: »Auf dich habe ich schon lange gewartet! Ergieb dich, so will ich deines Lebens schonen!« Antwortete Siegfried: »Hüte dich und freu dich, dass du das Leben hast.« Als aber der Reitersmann mit seinen Waffen auf ihn eindrang, zog er sein scharfes Schwert vom Leder und schlug so gewaltig auf ihn ein, dass er vom Rosse sank und in das Gras fiel. Siegfried hatte ihn bis auf den Tod verwundet, aber ehe er starb, sprach er zu ihm: »Ich war verwünscht, in dem Walde zu bleiben, bis ich einen Mann gefunden hätte, der meine Stelle vertreten würde. Hätt' ich gewusst, dass du so stark seist; ich hätte dir nimmermehr etwas zu Leide gethan.« Dann schloss er die Augen und war tot. Siegfried grub ihm mit seinem Schwerte ein Grab und legte ihn hinein, scharrte einen Hügel darüber und steckte ein Kreuzchen auf die Stelle, wo der Kopf lag. Darauf zog er weiter.
Es dauerte gar nicht lange, so kam wieder ein Reitersmann und rief: »Auf dich habe ich schon hundert Jahre gewartet! Ergieb dich, so will ich dein Leben schonen!« Antwortete Siegfried: »Lass mich meiner Wege gehen, mich zwingst du doch nicht.« Der Reiter aber hörte nicht und schlug auf ihn ein; da zog auch Siegfried sein Schwert, und der Schlag sass, und der Reiter stürzte kopfüber zu Boden. Er konnte ebenfalls nur so viel erzählen, dass er, wie der andere Reiter, verwünscht worden sei, im Walde zu gehen, bis er einen Stellvertreter gefunden. Als Siegfried fragte, wie weit es noch sei bis zu der Höhle des Drachen, antwortete er: »Der Drache wohnt unweit von hier auf einem grossen Felsen, und in ihm hausen Zwerge, lass dir die Nebelkappe geben, die kann dir helfen!« dann neigte er sein Haupt und verschied. Siegfried begrub ihn, wie den ersten Reiter, und setzte ihm ein hölzernes Kreuz zu Häupten des Grabes, dann machte er, dass er die Drachenhöhle erreichte.
Vor dem grossen Felsen versperrten ihm Unterirdische über [131] Unterirdische den Weg. »Ihr Männchen, macht, dass ihr von dannen kommt!« rief Siegfried, aber die Unterirdischen hörten nicht auf ihn, sondern vertrauten ihrer Stärke und stürzten auf ihn ein. Da ergriff Siegfried ihrer fünf oder sechs bei den langen, eisgrauen Bärten und schlug sie mit den Leibern an das harte Gestein, dass sie ach und weh schrien. »Lass uns leben, Siegfried,« riefen sie da, »wir wollen dir auch helfen, unsern Herrn, den Drachen, bezwingen.« – »Ist's auch euer Ernst,« fragte Siegfried. »Das schwören wir dir zu,« riefen die Graumännlein, »und damit du siehst, dass wir es ehrlich meinen, wollen wir dir eine von unsern Nebelkappen schenken. Wenn du dieselbe auf deinen Kopf setzt, so bist du unsichtbar für jedermann.« Da liess Siegfried die Unterirdischen los, und sie liefen in den Berg hinein und holten ihm die Nebelkappe. Auch gaben sie ihm Speise und Trank, und als er satt gegessen und getrunken hatte, führten sie ihn auf den Stein hinauf, wo die geraubte Prinzessin sass und um die verlorene Freiheit klagte.
Als sie Siegfried erblickte, war sie aller Freuden voll und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. »Wo ist der Drache?« fragte Siegfried. »Der kommt erst um die Mittagszeit zurück,« antwortete die Prinzessin, »dann ist er müde vom Fliegen und hungrig, und ich muss ihm zu essen geben.« Nachdem Siegfried vernommen hatte, dass der Drache noch kommen müsse, stellte er sich vorn an den Rand des grossen Steines, und es dauerte auch gar nicht lange, so vernahm er ein Sausen und Brausen in der Luft, und noch ein Weilchen, und der Drache stand vor ihm und rief: »Was willst du hier, Erdwürmchen?« – Antwortete Siegfried: »Die Prinzessin holen, die du gestohlen hast!« Da schlug der Drache mit der rechten Klaue nach ihm, und die zwölf Köpfe bissen nach ihm, dass sie ihn in Stücke rissen. Aber Siegfried war flink bei der Hand und schlug dem Drachen die rechte Klaue vom Leibe. Da wurde das Untier zornig und spie Feuer und Flammen aus den zwölf Rachen heraus, und die Hitze war so gross, dass die Hornhaut an Siegfrieds Leibe zu schmelzen begann und das Horn, wie Blutstropfen, herunterlief. Das war auch für den starken Siegfried zu viel, und er setzte die Nebelkappe auf sein Haupt, nachdem er dem Drachen zwei Köpfe vom Rumpfe geschlagen, und machte, dass er zu den Zwergen am Fusse des Drachensteines herab kam. Die kühlten seine Haut mit kaltem Wasser, dass sie wieder fest wurde, und gaben ihm Braten zu essen und Wein zu trinken, und er ruhte bei ihnen aus bis auf den andern Morgen, als der Drache wieder auf Raub ausgeflogen war. Da stieg er zum zweiten Male zu der Prinzessin auf den Drachenstein und tröstete sie in ihrem Leid, bis das Untier nach Hause zurückkehrte.
Da entbrannte der Kampf von neuem, und Siegfried schlug ihm auch die andere Klaue ab und zwei Köpfe obendrein; dann musste er aber machen, dass er die Nebelkappe auf das Haupt bekam und zu den Zwergen flüchtete, sonst hätte ihn die Glut, welche der Drache ausspie, bis auf die Knochen verzehrt. Die Hornhaut war [132] wieder geschmolzen, aber die Unterirdischen wussten Rat dafür, und als er am andern Morgen erwachte, war er stärker und kräftiger, wie je zuvor. Diesmal war die Prinzessin schon weniger verzagt, als er zu ihr auf den Drachenstein kam, denn sie hatte seine grosse Kraft und Tapferkeit gesehen und hoffte, dass er sie erlösen würde; und sie herzten und küssten einander, bis der Drache kam. Der hatte an Kraft viel verloren, da ihm die Klauen und vier Köpfe fehlten; um so mehr spie er Feuer und Flammen aus den übrigen acht Häuptern heraus. Doch Siegfried setzte ihm gewaltig zu und ruhte nicht eher, als bis er ihm vier Köpfe vom Rumpfe geschlagen hatte. Dann machte er sich unsichtbar und kehrte zu den Zwergen zurück, um seine Hornhaut abkühlen zu lassen. Den vierten Tag war der Drache schon matt und müde, und er hatte kaum noch die Kraft, auf Raub auszufliegen. Und als er zurückkam, schlug ihm Siegfried auch die letzten vier Köpfe vom Rumpfe. Da war der Drache tot und die Prinzessin erlöst; und auch die Unterirdischen waren von der Drachenherrschaft befreit und hatten von nun an Siegfried als ihrem König zu dienen. Sie trugen ihm darum Silber und Gold aus dem Berge, dass er davon nähme, so viel er haben wolle. Siegfried aber bedurfte ihrer Schätze nicht, sondern liess sich nur zwei gute Rosse geben, und dann machte er, dass er mit der Prinzessin in ihres Vaters Reich zurück kehrte.
Auf der Reise dahin mussten sie durch eine Dickung, und als sie mitten darin waren, stürzten zwölf Räuber auf sie ein und riefen: »Gieb uns die Pferde und die Prinzessin heraus, dann wollen wir deines Lebens schonen!« Siegfried zog als Antwort sein Schwert aus der Scheide und schlug von rechts und von links auf die Räuber ein, und mit jedem Streich, den er führte, musste einer von den Räubern sein Leben lassen, bis er auch den letzten getötet hatte. Darauf setzten sie ungestört ihre Reise fort, und nachdem sie ein paar Tage geritten waren, langten sie auf dem Schlosse, wo der Vater der Prinzessin wohnte, an. Da war die Freude gross, und es wurde sogleich Hochzeit gefeiert, und Siegfried wurde von dem alten König zu seinem Nachfolger im Reiche ernannt, wenn er einmal sterben würde.
Es war aber ein Minister im Lande, dem war die Prinzessin von dem König zugesagt worden, ehe sie der Drache geraubt hatte. Der konnte es nicht verschmerzen, dass Siegfried mit seiner Braut Hochzeit gefeiert hatte, und er sann Tag und Nacht darauf, wie er ihn umbrächte. Äusserlich liess er sich freilich nichts merken; darum erzählte auch die Prinzessin ihrem Manne nichts von der Sache, damit er nicht ohne Grund eifersüchtig würde, und Siegfried gewann den Minister so lieb, dass er ihn hielt, wie seinen eigenen Bruder. So vergingen zwei Jahre, und die Prinzessin hatte ihrem Manne schon einen kleinen Sohn geboren, da geschah es eines Tages, dass Siegfried mit dem Minister zusammen im Strome badete. Der falsche Mensch sah mit Neid auf Siegfrieds starken Körper, und es schien ihm, als habe er ein Mal zwischen den Schultern. Das kam ihm verdächtig vor, und als er seinem Herrn beim Abtrocknen und Ankleiden behülflich [133] war, fasste er mit dem Finger auf die Stelle, und siehe, dieselbe war weich, wie jedes andern Menschen Haut, und nicht mit Horn umgeben. Da merkte er sich die Stelle genau, auf dass er Siegfried dort verwunden könne, denn sonst war ihm nirgends bei zu kommen.
Als sie nun einmal, wie sie zu thun pflegten, gemeinschaftlich auf der Jagd waren und den Hirschen und Rehen nachstellten, brannte die Sonne so heiss, dass sie vor Durst bald verschmachtet wären. Endlich stiessen sie auf einen Spring, der aus einem Berge hervorquoll, und Siegfried beugte sich hastig nieder, dass er in dem klaren Wasser seinen Durst löschte. Wie er so lag und trank, sah er plötzlich im Wasser das Bild des Ministers, wie er den Jagdspiess in der Hand hielt, um ihn zu durchbohren. Schnell wollte er aufspringen, aber schon war es zu spät, der Minister hatte gerade zwischen die Schultern getroffen und stiess ihm das Eisen mitten durch das Herz, dass er sein Leben von sich gab und sein Blut in das klare Wasser floss. Als er tot war, lud der Minister die Leiche auf Siegfrieds Ross und kehrte mit ihr auf das Schloss zurück. Da war alle Freude in Jammer und Klage verkehrt, und die Prinzessin weinte und weinte und wollte sich nicht trösten lassen. Dem alten König aber sagte der Minister, Siegfried sei vom Pferde gestürzt und habe sich dabei das Schwert zwischen die Schultern gerannt. Und das glaubte ihm der König auch.
Nachdem die Prinzessin ein Jahr lang um Siegfried getrauert hatte, dachte der Minister, jetzt sei es Zeit, um ihre Hand zu werben, und er ging zu ihr in die Kammer und sagte: »Prinzessin mein, denkt daran, dass Ihr mir schon zugesagt wart, ehe der Drache euch raubte, gedenkt auch des kleinen Prinzen, den Siegfried Euch zurückgelassen hat, und gebt ihm einen Vater wieder.« Die Prinzessin aber hatte immer geargwöhnt, dass kein anderer, als der Minister, Siegfried erschlagen habe. Um hinter das Geheimnis zu kommen, antwortete sie darum: »Du sollst mein Mann werden, wenn du mir sagst, wie Siegfried gestorben ist.« Dabei sah sie ihn freundlich an, und der Minister glaubte, sie liebe ihn noch, wie vordem, und er gestand ihr, er habe Siegfried an der Quelle erstochen, da er nicht länger mit ansehen gekonnt, dass seine Braut eines anderen Frau sei. Kaum hatte er die Mordthat gestanden, so lief die Prinzessin zu ihrem Vater und erzählte ihm die Geschichte. Da wurde sofort der Henker geholt, der musste dem Mörder das Haupt abschlagen. Darauf lebte die Prinzessin mit Siegfrieds kleinem Sohne an ihres Vaters Hofe noch lange Zeit, und als der alte König starb, verwaltete sie für ihren Sohn das Reich, bis er herangewachsen war und das Land selbst beherrschen konnte. Da wurde er ein Held so stark und gewaltig, wie sein Vater gewesen war, und führte viele Kriege und verrichtete grosse Thaten, und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er heute noch.
Es war in der Erntezeit, da alle Leute, jung und alt, draussen waren, um den Gottessegen vom Felde heimzuschaffen. Nun wurde dem Schulzen ein wichtiger Brief übermittelt, und weil er gerade niemand anders zur Hand hatte, bat er seine junge Frau, dass sie den Brief in das nächste Dorf zu dem andern Schulzen trage. Das that sie auch; wie sie jedoch im Walde war, kam mit einem Male ein grosser, starker Bär auf sie losgestürzt, nahm sie in seine Arme und trug sie in seine Höhle; dann wälzte er einen Stein vor das Loch, dass die Frau nicht entfliehen konnte, und trottete wieder seiner Wege. Am Abend kehrte er zurück und trug ein Schaf in seinem Maule. Damit ging er, nachdem er den Stein zurückgeschoben hatte, zu der Schulzenfrau, riss das beste Stück herunter und gab es ihr; und weil sie Hunger hatte, ass sie es auf, roh, wie es war. Die Nacht über musste sie an des Bären Seite liegen, und ihr wurde warm von dem weichen Pelze; als aber der Morgen kam, lief er wieder aus der Höhle und ging auf Raub aus; doch vergass er nicht, den Stein vor den Eingang zu wälzen. So verging ein Tag wie der andere, und die Frau wurde vertraut mit dem Bären, und ehe ein Jahr vergangen war, schenkte sie ihm einen kleinen Sohn. Der war rauh über dengan zen Leib, aber sonst von schöner Menschengestalt; doch wuchs er schneller, wie andere Kinder pflegen, und als er sieben Jahre alt geworden war, hatte er die Grösse und das Ansehen eines ausgewachsenen Mannes.
Den Bärensohn bekümmerte es sehr, dass er seine Mutter immer in der Höhle weinen sah. Der alte Bär brachte jeden Tag frisches Fleisch, dazu war es warm in der Höhle, und sie hatten ein schönes Lager von weichem Moos, was konnte ihr also fehlen? Eines Morgens fasste er sich ein Herz und fragte: »Mutter, warum weinst du so viel?« – »Ach, mein Sohn,« antwortete die Frau, »was fragst du mich darnach. Ich werde hier in der Höhle gefangen gehalten. Was dein Vater, der Bär, ist, hat mich meinem Manne geraubt, und wenn ich auch dich ihm geboren habe, so mag ich es doch nimmermehr in dem finstern Loche aushalten.« – »Wenn es weiter nichts ist!« sagte der Junge, »dem wollen wir schon abhelfen;« damit ging er an den Eingang und schob mit einem Rucke den schweren Stein bei Seite, den der Bär vor das Loch gewälzt hatte. Nun war die Frau frei, und sie fasste ihren Sohn bei der Hand, und dann liefen sie, was sie laufen konnten, aus dem Walde heraus, gerade auf den Schulzenhof zu. Der Schulze bekam keinen kleinen Schreck, als er seine Frau Hand in Hand mit einem grossen Kerle ankommen sah; denn er hatte sie längst[135] tot geglaubt. Als ihm nun aber die Frau erzählte, wie es ihr gegangen sei und wie sie dem Bären den Sohn geboren habe, sagte er: »Hm, hm!« und kratzte sich verlegen hinter den Ohren. Endlich aber gewann sein gutes Herz doch den Sieg, und weil seine Frau unschuldig in das Unglück gekommen war, behielt er sie bei sich, und den Bärensohn nahm er gar an Kindesstatt an.
Nachdem der Junge ein paar Tage auf dem Hofe herumgelegen hatte, sollte er auch zur Schule gehen. Das war er zufrieden; denn was dem einen recht ist, ist dem andern billig, und so setzte er sich mit den übrigen Kindern auf eine Bank. Das waren aber lose Buben, die verspotteten ihn seiner Grösse wegen und zupften ihn an seinen Zottelhaaren. »Lasst mich zufrieden,« sagte der Bärensohn, »ich habe euch auch nichts gethan!« Doch je mehr er redete, um so ärger trieben es die Jungen, bis ihm endlich die Sache zu bunt wurde, und hast du nicht gesehen, hatte er einen nach dem andern über die Bänke in die Ecke geworfen, und es war ein Wunder, dass sie nicht Hals und Bein dabei brachen. Indem kam der Schulmeister in die Stube, und als er den Bärensohn so wüten sah, dachte er bei sich, der sei der Übelthäter, langte den Stock hinter dem Ofen hervor und zog ihm eins über die Schultern. Damit war er aber an den Unrechten gekommen; der Bärensohn ergriff ihn bei dem einen Bein und warf ihn über die Bänke, dass er gerade auf den Schuljungen zu liegen kam, dann ging er auf den Schulzenhof zurück und that, als ob nichts geschehen wäre.
Der Küster hatte aber die Schmerzen nicht vergessen und machte ein grosses Geschrei im Dorfe, er würde keinen Jungen und kein Mädchen mehr unterrichten, auch nicht mehr in der Kirche und zur Leiche singen, wenn der Bärensohn nicht aus der Welt geschafft würde. Der Schulz schickte den Stock herum, und als alle Bauern beisammen waren, wurde zuerst beschlossen, dass der Küster recht habe und dass der Zottelmensch über Seite gebracht werden müsse; dann sannen sie darüber nach, wie es geschehen müsse, denn es wagte niemand, sich an ihm zu vergreifen. Endlich hatten sie es gefunden: In des Schulzen Hofe musste der Brunnen gereinigt werden. Da sollte der Junge in die Grube hinabsteigen, und die Bauern wollten Steine auf ihn werfen, dass sie ihn töteten. Und so geschah es auch. Als der Junge in dem Brunnenschacht steckte, stiessen die Bauern schwere Steine hinein. »Seht euch vor und werft mir den Sand nicht in die Augen!« rief der Bärensohn; da stiegen die Bauern auf den Kirchturm und hängten die grosse Glocke ab, trugen sie bis zu dem Brunnen und warfen sie in den Schacht, so dass sie dem Bärensohn auf den Kopf fiel. »Ach, nun habe ich aber einen prächtigen Hut!« rief er vergnügt und freute sich so sehr darüber, dass er die Leiter in die Höhe kletterte und aus dem Brunnen heraus stieg. Da machten alle Bauern reissaus, allein die Schulzenfrau blieb auf dem Hofe zurück und sprach zu ihrem Sohne: »Die Leute haben's auf dich abgesehen! Nun sie dich nicht im Brunnen töten konnten, werden sie warten, bis [136] du im Bette liegst und schläfst, und dir dann den Garaus machen.« – »Wenn's so steht, Mutter,« antwortete der Bärensohn, »ist meines Bleibens hier nicht länger, viel lieber wandere ich in die weite Welt hinaus.« Da band ihm die Schulzenfrau einen Schinken und ein paar Brote in ein Tuch; das nahm der Junge über den Nacken und, nachdem er seiner Mutter zum Abschied noch einmal die Hand geschüttelt hatte, wanderte er durch das Hofthor zum Dorfe hinaus.
Es dauerte gar nicht lange, so kam er am Waldesrand bei einem See vorbei. Da lag im Grase eine Fiedel mit drei Saiten und ein Bogen dazu. »Das ist ein angenehmer Zeitvertreib,« dachte der Bärensohn bei sich und nahm die Fiedel mit sich. Auf der Landstrasse begegnete ihm ein schwarzbärtiger Jude und fragte: »Nichts zu schachern? Nichts zu schachern? Hat der Herr doch eine schöne Geige!« – »Schön ist sie auch,« sagte der Bärensohn, nahm den Bogen und strich damit die drei Saiten der Fiedel; und sogleich begann der Jude zu tanzen und tanzte immer höher und höher in Strauchwerk und Dornbüsche hinein, dass ihm das Zeug am Leibe zerriss und Gesicht und Hände und Füsse wund gestochen wurden von den scharfen Dornen. Und hätte der Bärensohn nicht inne gehalten mit dem Fiedeln, der Jude hätte das Leben verloren. So aber wollte er sich rächen und lief in die Stadt, durch welche der Bärensohn kommen musste, und hiess den Richter, gut aufpassen, es käme ein Räuber und Mörder des Weges daher, der habe ihn so zugerichtet. Da schickte der Richter Soldaten aus, die sollten den Bärensohn fangen; er aber lachte sie aus und stiess sie von sich und sagte ihnen, er wolle freiwillig gehen, denn mit Gewalt möge ihn doch niemand zwingen. So kam er vor das Gericht, und ohne dass er sich verantworten durfte, ward er zum Galgen verurteilt. Das war ungerecht von den Richtern, dass sie dem schwarzbärtigen Juden so ohne weiteres Glauben schenkten; aber der Bärensohn machte sich nicht viel daraus, sondern ging mit dem Henker zum Galgen. Als ihm nun die Schlinge um den Nacken gelegt werden sollte, bat er als letzte Bitte, noch einmal ein Stückchen auf der Fiedel spielen zu dürfen. »Gewährt ihm den Wunsch nicht!« rief der Jude; aber die Richter durften ihm die Bitte nicht abschlagen, und er nahm den Bogen und strich damit auf der Fiedel. Und so wie er den ersten Strich gethan hatte, erhoben der Richter, der Jude und alles Volk ihre Beine und tanzten, und je länger der Bärensohn spielte, um so höher sprangen sie, dass es eine Lust war, mit anzusehen. Endlich dachte er: »Nun habt ihr genug« und hörte auf zu spielen. Da lag alles Volk auf der Seite und konnte kein Glied mehr rühren; der Bärensohn aber wusste, was er an seiner Fiedel hatte, und hielt sie fortan hoch in Ehren auf seiner Wanderschaft.
Nachdem er ein paar Jahre in der Welt herumgezogen und noch viel grösser und stärker geworden war, kam er eines Tages an einen wunderschönen Garten. Vor dem Eingang stand ein Riese, der rief ihm zu: »Erdwürmchen, was willst du hier?« – »Lass mich in Ruhe,« [137] antwortete der Bärensohn, »ich habe dich auch nicht gefragt, warum du hier am Thore stehst und dem Herrgott den Tag wegstiehlst!« – »Das sollen wohl Spitzen sein?« rief der Riese zornig und lief auf den Bärensohn ein; der machte aber keine grossen Umstände, ergriff den langen Kerl bei den Füssen und warf ihn mit solcher Gewalt auf den Erdboden, dass er des Lebens vergass. Als der Riese tot war, ging der Bärensohn in den Garten und freute sich der schönen Blumen und Bäume. Er mochte wohl bis zur Mitte gedrungen sein, da vertrat ihm mit einem Male ein anderer Riese den Weg, der war noch viel grösser und stärker, als der erste gewesen, und rief: »Wie bist du in diesen Garten gekommen, du Erdwurm, und was suchst du hier?« und ehe der Bärensohn Antwort geben konnte, schlug er mit seinen gewaltigen Fäusten auf ihn ein. Der Bärensohn aber war nicht faul, packte den Riesen bei Arm und Fuss und warf ihn gegen einen Baumstamm, dass ihm der Schädel sprang und das Gehirn auf den Rasen spritzte. »Du wirst nicht wieder die Leute ärgern!« sprach der Bärensohn bei sich und freute sich weiter der grossen Pracht und Herrlichkeit, die in dem Garten zu sehen war. Zu guter letzt kam er auch an ein prächtiges Schloss, vor dem war als Wächter ein dritter Riese aufgestellt, so gross, als die beiden andern zusammen genommen. Als der den Bärensohn erblickte, ergriff er ihn beim Arm und sagte: »Erdwürmchen, hier hast du nichts zu suchen; komm, ich will dich wieder hinausführen in den grünen Wald.« Kaum hatte er jedoch die Worte zu Ende gesprochen, so riss sich der Bärensohn, welchen die Rede verdross, von ihm los und gab ihm mit geballter Faust einen Schlag ins Rückgrat, dass ihm das Blut aus der Nase fuhr. Mit grossem Getöse stürzte er zu Boden und sein Bauch platzte von dem gewaltigen Sturze, und die Därme quollen ihm unter dem Leibe hervor.
Der Bärensohn achtete es aber nicht, that das Thor auf und ging in das Schloss hinein. Drinnen trat ein Zwerg mit langem, grauem Barte auf ihn zu und sprach: »Tritt nicht so fest auf, dass dich die Riesen nicht hören, die in dem Garten Wache halten.« Antwortete der Bärensohn: »Die drei Riesen thuen niemand mehr ein Leid an. Ich habe ihnen die Nase gewischt, und da sind sie ganz stille geworden.« Der Zwerg merkte wohl, dass der Bärensohn den groben Gesellen den Garaus gemacht habe, und sprach voller Freuden: »Ich habe noch elf Brüder, und wir müssen allesamt dem Drachen dienen, der in dem Schlosse wohnt und die Königstochter gefangen hält. Wenn du den Drachen tötest, wollen wir dir dienen, und du sollst unser Herr sein.« Damit führte er ihn in ein besonderes Gemach, und die zwölf Zwerge kamen und brachten ihm Speise und Trank und bedienten ihn. Als er satt gegessen und getrunken hatte, stand er auf und ging in die Kammer, in der die Prinzessin von dem Drachen gefangen gehalten wurde. Die freute sich zwar, als sie ein Menschenkind erblickte, aber sie erschrak auch zugleich, denn sie dachte an den Drachen und rief: »Flieh, Unglücklicher! Wenn mein Herr, der [138] Drache, heimkommt, so wird er dich verschlingen.« Sagte der Bärensohn: »Je nun, er wird wohl mit sich reden lassen.« – »Nein,« sprach die Prinzessin, »er ist so stark, dass ihn niemand überwinden kann, und er hat noch alle getötet und gefressen, die ihn zu bekämpfen kamen.« Indem hörten sie es schon von ferne sausen und brausen, denn der Drache roch frisches Menschenfleisch und eilte, auf sein Schloss zu kommen. »Geh in ein anderes Gemach;« sagte der Bärensohn zur Königstochter, »denn wo sich zwei schlagen, bekommt der dritte das meiste!« und kaum hatte sich die Prinzessin geflüchtet, so schnob der Drache herein und wollte sich gerades Wegs auf den Bärensohn los stürzen. Der dachte in seiner Not an die Fiedel und setzte sie an. »Erdwürmchen,« brüllte der Drache mit fürchterlicher Stimme, »du hast mir die drei Riesen ...« aber weiter kam er nicht, denn der Bärensohn strich mit dem Bogen die drei Saiten: Didelittittitt, didelittittitt, heidideleidideleideidei! und alsbald begann der Drache zu tanzen und tanzte und tanzte immer fort im Kreise herum. »Schnapp,« machte es nach einiger Zeit, und die erste Saite war gesprungen; da war der Drache schon ganz müde und matt und konnte kaum noch tanzen, aber der Bärensohn hörte nicht auf und spielte auf zwei Saiten weiter. »Schnapp,« sagte es zum andern Male, da war auch die zweite Saite gesprungen, und der Drache war schon so müde geworden, dass er ganz auf einer Seite lag. Da dachte der Bärensohn, es wäre schlecht, ihn noch länger zu quälen; er legte die Fiedel bei Seite, schlang seine Arme um des totmüden Drachen Hals und erwürgte ihn. Dann warf er ihm ein Seil um den Leib und schleppte ihn aus dem Schlosse heraus.
Als er damit fertig war, ging er zu der Königstochter, die inzwischen zusammengekauert in der Ecke gesessen und den lieben Gott gebeten hatte, dass er dem fremden Mann beistehen möchte. Wie sie nun ihren Retter gesund und munter vor sich stehen sah, fiel sie ihm zu Füssen und sprach zu ihm: »Du bist mein Erlöser, komm mit mir in meines Vaters Reich! Der hat mich dem Manne bestimmt, welcher mich von dem Drachen erlösen würde.« Das war der Bärensohn wohl zufrieden, und die zwölf Zwerge brachten ihm zwei schöne Pferde herbei und fragten ihn, wie viel von den Schätzen des Drachen sie ihm mitgeben sollten. »Ich nehme nichts mit!« antwortete der Bärensohn; »Ihr Zwerge waltet über das Reich, das ich mir hier erworben habe, und über die Schätze, bis ich wieder komme.« Da schwuren ihm die Zwerge Treue, und darauf hob er die Königstochter auf das eine Ross, schwang sich selbst auf das andere, und sie ritten beide in ihres Vaters Reich.
Da herrschte grosse Freude, als das Land die Prinzessin wieder hatte, und nachdem der Bärensohn gesagt hatte, er würde die Königstochter gerne zur Frau nehmen, wurde sofort Verlobung und Hochzeit zugleich gefeiert in grosser Pracht und Herrlichkeit. Nachdem das Fest vorüber war, sagte der alte König: »Kinder, wenn ich tot bin, sollt ihr das Königreich erben.« – »Und bis dahin wohne ich in [139] meinem eigenen Königreich, das ich mir erlöst habe,« sagte der Bärensohn. Und als der alte König fragte, welches Land er meine, erzählte er ihm, von den drei Riesen und dem wunderschönen Garten, von dem grossen Schloss und den zwölf Zwergen. Da war der alte König neugierig, und sie reisten dorthin, und richtig, das Land des Bärensohnes war zehnmal schöner und reicher und grösser, als das Königreich seines Schwiegervaters. Nun konnte er es ihm freilich nicht verdenken, wenn er mit seiner jungen Frau, der Königin, dort wohnen wollte, und dort wohnt er am Ende noch mit den zwölf Zwergen und den Schätzen des Drachen bis auf den heutigen Tag.
Es war einmal ein Schneider, der ging auf die Wanderschaft. Auf der Strasse begegnete ihm ein anderer Handwerksbursche. »Wohin gehst du?« – »In die Fremde.« – »Ich auch. Ich bin Schneider.« – »Ich bin Schmied. Wollen wir zusammen wandern?« – »Warum denn nicht! Einen Reisegefährten hätte ich schon längst gerne gehabt.« Damit war die Sache abgemacht, und sie zogen selbander ihrer Strasse, bis sie in einen grossen Wald kamen. Dort trafen sie einen im grünen Kleide mit der Flinte auf dem Rücken. »Du bist wohl ein Jäger?« fragten die beiden. »Aber ihr könnt einmal raten!« antwortete der dritte, »Was seid ihr denn?« – »Je nun, ein Schneider und ein Schmied, und wir wollen in die Fremde, unser Glück suchen.« – »Da suche ich mit,« sagte der Jäger, und jetzt waren sie ihrer drei und wanderten rüstig weiter und wussten doch nicht, wohin sie wollten.
Gegen Abend sahen sie endlich ein Licht durch die Bäume schimmern. Darauf gingen sie zu, und es dauerte gar nicht lange, so standen sie vor einem kleinen Häuschen; darin war gar niemand zu sehen, aber es war wohnlich eingerichtet. Drei Betten standen in der Stube, in dem Schweefe 1 flackerte ein Feuer, in der Tonne lag Fleisch, und an der Wand hingen drei Gewehre, Pulverhörner und Schrotbeutel. »Hier bleiben wir,« riefen die drei aus einem Munde, und so thaten sie auch. Sie wärmten sich an dem Feuer und kochten von dem Fleisch aus der Tonne und schliefen in den weichen Betten ihre Müdigkeit aus. Am andern Morgen beschlossen sie, zu zweien in den Wald zu gehen und Wild zu schiessen, indes der dritte zu Hause das Mittagessen bereitete. Den Schneider traf es zuerst, daheim [140] zu bleiben, und es war ihm auch ganz recht. Nachdem er jedoch in dem Schweefe ein Feuerchen angezündet hatte, dass es lustig flackerte, kam ein kleines Kerlchen mit langem, langem Barte zur Thüre herein, trat an den Ofen und sprach:
»Schneiderlein, ach Schneiderlein,
Ich blas' dir aus dein Feuerlein.«
»Das wirst du hübsch bleiben lassen,« rief das Schneiderlein zornig; aber schon war es zu spät, das kleine Kerlchen hatte in die Flamme geblasen, und kein Funke mochte mehr glimmen. Der Schneider blies und pustete immer fort, aber das Feuer war nicht wieder in Gang zu bringen, und das kleine Männchen, das den Jammer angerichtet hatte, war spurlos verschwunden. So kam's, dass die beiden andern, als sie müde und matt, hungrig und durstig von der Jagd heimkehrten, nichts in der Schüssel fanden. Der Schneider erzählte ihnen haarklein, wie alles gekommen sei; doch die beiden andern lachten ihn aus, dass er sich das habe von dem Kerlchen gefallen lassen. Dann mussten sie wieder ein Stück von dem alten Pökelfleisch aus der Tonne nehmen und damit ihren Hunger stillen.
Am andern Morgen sollte der Jäger daheim bleiben und die Küche besorgen. Dem ging es aber nicht anders, wie tags zuvor dem Schneider; denn kaum hatte er im Schweefe ein tüchtiges Feuer angefacht, so kam auch schon das kleine Kerlchen zur Thüre herein und rief:
»Jägerlein, ach Jägerlein,
Ich blas' dir aus dein Feuerlein.«
Und ehe sich's der Jäger versah, hatte es in die Glut geblasen, und das Feuer war verlöscht und liess sich nicht wieder in Brand bringen. »Dachte ich's mir doch!« sagte der Schneider, als er mit dem Schmied von der Jagd zurück kehrte und das Essen nicht fertig war. »Was nützt es, wenn wir Tag aus Tag ein Wild schiessen,« schalt der Schmied, »und ihr nicht einmal das Feuer in Gang halten könnt, dass wir die Hasen daran braten!« – »Bleib du nur erst zu Hause,« meinten die andern, und das war dem Schmied aus dem Herzen gesprochen, denn er wollte ihnen zeigen, wie man es machen müsste.
Als am andern Morgen der Schneider und der Jäger in den Wald gegangen waren, langte er Hammer und Nägel aus seinem Felleisen hervor und legte es auf die Ofenbank; dann fachte er ein lustiges Feuer an in dem Schweefe. Richtig, als es gerade im besten Gange war, kam das kleine Kerlchen zur Thüre herein und rief:
»Schmiederlein, ach Schmiederlein,
Ich blas' dir aus dein Feuerlein.«
Da war es aber an den Unrechten gekommen, denn eins fix drei hatte der Schmied mit der Rechten den Hammer und mit der Linken einen Nagel ergriffen, und hast du nicht gesehen, schlug er mit einem Schlage dem Männchen den Nagel durch den Kopf und nagelte es fest an den Ofen, dass es sich nicht rücken und rühren konnte. Dann briet er zwei Hasen an dem Feuer, und die beiden andern konnten sich nicht[141] genug wundern, als sie den Braten in der Schüssel und das Männchen am Ofen erblickten. Aber lange dachten sie nicht nach, denn sie waren hungrig geworden, und der Braten roch gar zu schön. Als sie satt geworden waren, wollten sie aufstehen und nach dem Kerlchen sehen. Das fing aber mit einem Male an zu rütteln und zu schütteln, und als es sich los gerissen hatte, ward aus dem kleinen Zwerge ein gewaltig grosser, schwarzer Mann, und der Nagel in seiner Stirne ward zu einem langen Schwerte, das hing an seiner Seite. Der schwarze Kerl sprach aber kein Wort und stand unbeweglich an seiner Stelle; der Schneider, der Jäger und der Schmied waren auch mäuschenstille, denn das Herz war ihnen in die Hosen gefallen. Endlich wollten sie ganz leise, leise zur Thüre hinausschleichen, da that sie sich von selbst auf, und vor ihnen stand eine allmächtig grosse, schwarze Frau, die sprach ebenfalls kein Wort und sperrte ihnen den Ausgang. In dieser Not ergriff der Schmied seinen Hammer und schlug der schwarzen Frau einen Nagel durch den Kopf, dass er ihn an den Thürpfosten heftete. Indem er sich noch über den Streich freute, ward aus dem Weibe ein ungeheurer Bär, der sperrte den Rachen auf, als wollte er sie verschlingen. »Jetzt ist die Reihe an dir,« dachte der Jäger und legte seine Büchse an, paff ging der Schuss los, und durch das Herz getroffen sank der Bär zu Boden.
Nun, dachten sie, wäre der Durchgang frei; aber siehe, aus dem toten Bären wurde ein grosser, starker Gaul, und hast du nicht gesehen, schwang sich der schwarze Kerl am Ofen auf seinen Rücken, um zur Thüre hinaus zu reiten. Es war aber ein recht ungeschickter schwarzer Kerl und ein recht hitziger Gaul, denn er machte so schnell, dass er heraus kam, und der Kerl war so steif, dass er sich nicht bücken konnte, und ratsch stiess der Kopf gegen den Thürpfosten und riss ab und rollte in die Stube; der Gaul aber lief mit seinem kopflosen Reiter in den Wald hinein und hat sich niemals wieder blicken lassen. Sprach der Schmied: »Nun haben wir Ruhe und können uns die Nacht über tüchtig ausschlafen.« Damit ihnen jedoch der blutige Kopf nicht im Wege läge, ergriff er ihn bei den Haaren und trug ihn in die Kammer. Da ward aus dem Kopfe ein Leierkasten, der spielte so schön, wenn man ihn drehte, ei so schön, dass es eine Freude war, dem Spiele zuzuhören.
»Den nehmen wir mit auf die Wanderschaft,« sagte der Schmied, und so thaten sie auch. Als sie ausgeschlafen hatten und die Sonne ins Fenster schien, warfen sie das Los, und da es den Schneider traf, musste er den Leierkasten auf seinen Buckel nehmen. Ja, als er das gethan hatte, war er kein Schneiderlein mehr, sondern ein hübscher Wagen, mit einer Deichsel davor. »Um so besser,« rief der Jäger und ergriff die Deichsel, dass er den Wagen zöge. Da verwandelte er sich in ein Pferd mit Zaum und Lederzeug, und der Schmied hatte mit einem Male Pferd und Wagen und einen Leierkasten dazu. Damit zog er von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt. Erst neulich ist [142] er bei uns gewesen und hat eins aufgespielt, und wir haben ihm einen Groschen gegeben, dass er dafür einen guten Schluck trinken könne. Wartet nur ab, bald wird er auch zu euch kommen, dann könnt ihr euch die Geschichte mit ansehen.
1 Schweef oder Schweif = Kamin.
Es war einmal ein Bauer, der hatte einen Jungen, so im neunten oder zehnten Jahre, und da musste er, wie es auf dem Lande Brauch ist, die Gänse hüten. Eines Morgens sagte der Vater zu ihm: »Junge, heute gieb gut acht auf deine Gänse! Der alte Fritz zieht mit seinen Soldaten vorbei, und wenn du nicht aufpasst, treten sie dir die Tiere tot.« – »Sei ohne Sorgen, Vater« antwortete der Junge, »ich werde meine Sache schon gut machen,« und trieb die Güsseln (junge Gänschen) auf die Weide. Es dauerte gar nicht lange, so kam der alte Fritz angerückt, und hast du nicht gesehen, hatte der Junge, so viel Güsseln, so viel Schlingen in die Peitschenschnur geschlagen; dann steckte er durch jede Schlinge einen Kopf und hing all die jungen Gänschen an einem Weidenbaume auf. »Junge,« rief der alte Fritz, »was hast du gemacht? Du hängst ja alle Güsseln auf!« – »Nicht so ängstlich!« antwortete der Kleine, »von dem bischen Hängen sterben sie nicht sogleich. Aber das möchtet Ihr wohl, dass Ihr die Tiere mit Euren Soldaten samt und sonders zu Tode tretet!« Dem König gefiel der kecke Bursche, und er fragte: »Hat dein Vater noch mehr solche Jungen?« – »Nein, mich ganz allein,« erwiderte der Junge, »aber eine Schwester ist noch zu Hause, bei Vater und Mutter.« – »Was macht denn dein Vater?« fragte der König weiter. »Der verweist den Leuten den Weg,« erhielt er zur Antwort. »Junge, sprich doch vernünftig,« sagte der alte Fritz, »was soll das denn heissen: Er verweist den Leuten den Weg?« – »Ihr zankt, und ich spreche doch nur die lautere Wahrheit,« erwiderte der Junge, »vor unserm Hause liegt ein Stück Land, darauf will nimmer das Korn gedeihen, denn die Leute gehen hinüber und herüber und zertreten uns die Saat. Da ist nun Vater dabei und zieht einen Graben um den Acker und verweist damit den Leuten den Weg.«
»Ach, so war's gemeint,« sagte der König und wunderte sich über die Klugheit des Kindes. »Was macht aber deine Mutter?« – »Die steht am Backofen und backt aufgegessenes Brot.« – »Nun schlägt's dreizehn,« meinte der alte Fritz, »das verstehe, wer's kann.« – »So schwer ist's doch nicht;« versetzte der Junge, »wir haben schon vier Wochen lang von den Nachbarsleuten Brot geliehen, und [143] was meine Mutter heute backt, ist alles aufgegessenes Brot, davon bleibt kein Stückchen im Hause zurück.« – »Junge, du hast recht, so klein, wie du bist,« rief der alte Fritz verwundert, »nun sag mir auch noch: Was macht deine Schwester?« – »Die beweint, was sie im vorigen Jahre belacht hat,« versetzte der Junge. Das konnte der alte Fritz erst recht nicht verstehen. »Junge,« sprach er, »was ist das für ein närrisches Gerede?« – »Das ist doch nicht närrisch,« antwortete der Junge, »das ist so wahr, als etwas wahr sein kann. Meine Schwester lachte vor einem Jahre, als sie einen Brautmann bekam, nun sitzt sie an der Wiege und weint.« – »Junge,« rief der König, »du gefällst mir; ich bin König Fritz, von dem dir dein Vater gesagt hat. Und hier hast du etwas, das bring ihm mit nach Hause!« und damit zählte er ihm zehn Goldfüchse auf die flache Hand. »Schönen Dank, König Fritz,« antwortete der Junge. »Dass du mich aber nicht verrätst, bevor du mich fünfzigmal wieder gesehen hast,« sagte der König. »Bei Leibe nicht,« erwiderte der Junge und liess den alten Fritz stehen, hing die Peitschenschnur mit den Güsseln um den Hals und kehrte in seines Vaters Haus zurück.
»Junge, was hast du gethan,« rief ihm der Bauer schon von weitem zu, »die Güsseln sind ja alle erstickt!« – »Das mag wohl sein,« sagte der Junge, zog die Schlingen auf, und richtig, nur zwei von den Tieren waren noch am Leben. »Daran ist nur der alte Fritz schuld, Vater,« fuhr er fort, »der hat sich so lange bei mir aufgehalten. Aber lasst es nur gut sein, die Gänse sind doppelt und dreifach bezahlt,« damit wies er seinem Vater die zehn Goldfüchse, die ihm der alte Fritz geschenkt hatte. Da heiterte sich des Bauern Gesicht wieder auf, und er wünschte dem alten Fritz Gottes Lohn vom Himmel.
Der war inzwischen nach Berlin zurückgeritten und, da er ein Spassvogel war, so gab er am Abend, als die Herren vom Hofe um ihn versammelt waren, ein Rätsel auf und sprach: »Wer mir raten kann, was das heisst: Mein Vater verweist den Leuten den Weg, und meine Mutter backt aufgegessenes Brot, und meine Schwester beweint, was sie das Jahr zuvor belacht hat, der soll tausend Thaler bekommen. Über drei Tage gebe ich ein Gastmahl, da werde ich nach der Auflösung fragen.« Nun war unter den Herren ein alter Hauptmann, dem liessen die Juden keine Ruhe weder bei Tag noch bei Nacht, und er hätte darum gar zu gerne die tausend Thaler erworben. Der erinnerte sich, dass der König lange Zeit mit dem Gänsejungen gesprochen hatte, und er dachte: »Der Junge wird's wohl wissen.« Er sattelte also sein Pferd und ritt auf das Dorf. »Junge,« sprach er, als er den Kleinen erblickte, »was hast du mit dem König vorgehabt.« – »Das darf ich dir nicht sagen,« erwiderte der Junge. »Ach nicht doch,« sprach der Hauptmann, »wenn du's mir sagst, so schenke ich dir einen Thaler.« – »Einen Thaler?« versetzte der Junge, »Nein, dafür ist mir mein Geheimnis nicht feil; aber für fünfzig neugeschlagene preussische Thaler will ich es sagen.« Dachte [144] der Hauptmann: »Fünfzig Thaler gegen tausend, das heisst immer noch ein Geschäft,« zog den Beutel aus der Tasche und zählte dem Jungen die fünfzig Thaler hin. Der strich das Geld ein und erzählte dem Hauptmann darauf haarklein, wie alles gekommen sei.
»Junge,« sagte der Bauer, als sein Sohn ihm die fünfzig Thaler zeigte, »das Geld ist dein Unglück, der alte Fritz hat soeben einen Boten geschickt, dass du heut über drei Tage bei ihm im Schlosse seist.« – »Lasst nur, Vater,« antwortete der Junge, »es wird schon alles gut ablaufen.« Dem Alten schien die Sache nicht geheuer; aber der Junge war lustig und vergnügt und wanderte sonder Scheu an dem dritten Tage auf das königliche Schloss. Der alte Fritz empfing ihn freundlich, und als es zum Mahle ging, setzte er den Jungen neben sich und fragte darauf: »Nun, wer von den Herren kann mir des Rätsels Lösung sagen?« Da verstummten sie alle bis auf den alten verschuldeten Hauptmann, der sprach: »Der Vater zieht einen Graben um den Acker, damit verweist er den Leuten den Weg; die Mutter hat seit vier Wochen Brot geliehen, darum backt sie aufgegessenes Brot; die Schwester hat sich vor einem Jahre unter Lachen und Scherzen einen Brautmann gehalten, und nun sitzt sie an der Wiege und weint.« – »Junge, das hast du ihm gesagt!« rief der alte Fritz zornig. »Das bestreite ich auch gar nicht,« antwortete der Junge. »Und ich habe dir doch befohlen,« schalt der alte Fritz, »du solltest mich nicht eher verraten, als bis du mich fünfzig Mal gesehen hättest.« Sagte der Junge: »Das hab' ich treulich befolgt!« und zählte dem König die fünfzig neugeschlagenen, blitzblanken Thalerstücke auf den Tisch, Wappen unten, Bild oben. »Der Schelm ist klüger, als ich,« sprach der alte Fritz verwundert, »der darf mir nicht wieder vom Schlosse und soll einmal später ein General werden.« Und so geschah es auch; des Bauern Sohn blieb in des Königs Schloss und wurde später ein berühmter Mann, und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er heute noch.
Zu des alten Fritz Zeiten lebte einmal ein Bauer, der war fleissig und gottesfürchtig; nur ärgerte ihn Tag für Tag, dass das schöne königliche Gut Alten-Sattel, welches an seinen Hof stiess, von dem adligen Amtmann so schlecht bewirtschaftet wurde. Eines Morgens ging der Bauer an den See, um zu angeln. Wie er nun an den Strand kam, erblickte er einen Fuchs und einen Hecht, die sich in einander verbissen hatten. Der Hecht hatte nämlich vom Wasser aus nach dem Fuchs und der Fuchs vom Land aus nach dem Hecht geschnappt, [145] und nun hatte der Hecht den Fuchs und der Fuchs den Hecht im Rachen, und der Hecht wollte ins Wasser und der Fuchs in die Wildnis, und da sie gleich stark waren, konnte keiner von ihnen weder vorwärts noch rückwärts.
Schnell lief der Bauer nach Hause und holte einen grossen Sack; darin that er die Tiere und kehrte darauf in seine Wohnung zurück. »Mutter,« sprach er, »lange mir meinen guten Rock aus dem Schranke!« – »Wozu willst du den, Väterchen?« – »Ich will zum Könige und ihm meinen Fund zeigen.« Die Bäuerin wollte ihm davon abreden; aber es half ihr nichts, sie musste den Rock hervorholen, und nachdem er ihn sauber abgebürstet hatte, zog er ihn an, nahm den Sack auf den Buckel und wanderte Berlin zu.
Endlich war er da, und es dauerte gar nicht lange, so stand er vor dem königlichen Schloss und begehrte Einlass. »Was will er hier?« schrie ihn die Schildwache an. »Ich will zum alten Fritz,« antwortete der Bauer. – »Ja, das geht nicht so, guter Freund,« antwortete der Soldat, »der König ist nicht für jeden hergelaufenen Menschen zu sprechen.« Und als der Bauer bei ihm vorbeihuschen und in das Schloss eindringen wollte, packte er ihn bei dem guten Tuchrock und zog ihn mit Gewalt zurück. Der Bauer verstand aber darin keinen Spass und zeterte und schrie, dass der alte Fritz den Lärm hörte, das Fenster aufriss und hinunter sah.
»Was ist denn hier los?« rief er herab. – »Königliche Majestäten! Ein Bauer ist da, der will Euch sprechen.« – »Na, lass ihn nur heraufkommen!« – Als die Schildwache hörte, dass der König so freundlich sprach, gab sie dem Bauern auch gute Worte und sagte: »Nicht wahr, Landsmann, du giebst mir ein Viertel ab von dem, was der König dir giebt?« – »Das will ich thun,« antwortete der Bauer. Indem kam ein Jude bei dem Schlosse vorbei, und als er vernahm, dass der alte Fritz den Bauern empfangen wolle, machte er einen tiefen Bückling und sprach: »Nicht wahr, der gnädige Herr werden mir armem Manne wohl ein Viertel von dem schenken, was der Herr König geben wird.« – »Ein Viertel sollst du haben,« sagte der Bauer. Als er nun in das Schloss hineinging, trat der Wachtmeister auf ihn zu und sagte: »Bauer, er hat Glück, da kann er auch an seine Mitmenschen denken; ein Viertel krieg' ich ab von dem, was der Herr König giebt.« – »Ihr sollt's haben,« sagte der Bauer und folgte dem Bedienten die Treppen hinauf. Ehe sie aber in den Saal traten, nahm auch der Lakai den Bauern bei Seite und sprach: »Umsonst ist der Tod, ich hab' dich hinauf geführt, und ein Viertel von dem, was dir der Herr König giebt, ist mein.« – »So soll's sein,« sagte der Bauer, und der Lakai klinkte die Saalthüre auf, und der Bauer stand vor dem alten Fritz.
»Was hast du, mein Sohn?« fragte freundlich der König. Der Bauer band behutsam seinen Sack auf, zog Fuchs und Hecht heraus, legte sie zu den Füssen des alten Fritz nieder und sprach: »Gnädigster Herr König, diesen Fuchs und diesen Hecht fand ich ineinander verbissen, [146] und das schien mir so sonderbar, dass ich zu meiner Frau sprach: Mutter, das muss der alte Fritz sehen.« Der König lächelte, und nachdem er sich das Wunder genugsam angeschaut, sprach er zu dem Bauer: »Packe er die Tiere wieder in den Sack, und dann lasse er sich von meinem Schatzmeister ein Douceur geben.« – »Was ist ein Douceur?« fragte der Bauer. – »Je nun, geh zum Schatzmeister und lass dir eine Reihe blanker, harter Thaler aufzählen,« sagte der alte Fritz. – »Nein, daraus wird nichts,« erwiderte der Bauer, »Ihr habt schon so wie so Geld genug auszugeben, das ganze Land ist auf Euch angewiesen, Geld nehme ich nicht.« Und da ihm der König gut zuredete, sprach er endlich: »Wenn's Eurer Königlichen Majestät recht ist, so bitte ich darum, dass mir der Stockmeister hundert Hiebe auf den Buckel zähle.« – »Meinetwegen,« sagte der König ärgerlich, »lass dir hundert aufzählen.«
Der Stockmeister wurde gerufen und musste mit dem Bauern auf den Schlosshof gehen. Gleich bei der Thüre erwartete ihn aber der Lakai und sagte: »He, Bauer, wie steht's mit dem Viertel?« – »Komm nur mit,« sprach der Bauer. Bei der Wachtstube rief der Wachtmeister: »Guter Freund, halt' er sein Wort.« – »Das will ich meinen,« sagte der Bauer, »kommt nur mit.« – »Bauer, Bauer« schrie der Posten, als die vier bei ihm vorbei zogen, »gieb mir mein Geld!« – »Dein Viertel ist sorgsam aufgehoben,« antwortete der Bauer, »komm nur mit!« und denselben Bescheid erhielt der Jude, der hinter dem Schilderhaus gewartet hatte, bis der Bauer zurückkommen würde.
Mitten auf dem Schlosshof machte der Stockmeister halt und sprach: »Jetzt, Bauer, kannst du die hundert aufgezählt bekommen.« – »Schade, dass sie schon sämtlich vergeben sind,« antwortete der Bauer, »fünfundzwanzig bekommt der Posten, fünfundzwanzig der Jude, fünfundzwanzig der Wachthabende und fünfundzwanzig der Lakai,« und dabei rieb er sich vergnügt die Hände.
»Stimmt das?« fragte der Stockmeister, und da die vier nicht abläugnen konnten, empfingen sie jeder fünfundzwanzig Streiche, und erhuben darüber ein Jammer- und Wehgeschrei, dass der alte Fritz es hörte und an das Fenster trat. »Was ist denn schon wieder los?« rief er herab. – »Der Bauer hat den Posten, den Juden, den Wachthabenden und den Lakaien angeführt,« rief der Stockmeister herauf. Da musste der Bauer zum zweiten Male die Treppe hinauf steigen und vor den alten Fritz treten und ihm erzählen, wie alles gekommen sei. Der König lachte darüber, dass er sich den Leib hielt, und als der Bauer zu Ende gekommen war, sprach er: »Jetzt, mein Sohn, geh hin zu meinem Schatzmeister und lass dir in harten Thalern eine gute Belohnung auszahlen.« – »Ich mag kein Geld, Königliche Majestät,« antwortete der Bauer; und als der alte Fritz in ihn drang, sprach er endlich: »Wenn es denn einmal so sein soll, so wünsche ich mir etwas anderes, gebt mir ›Alten-Sattel‹«. – »Geh hin zum Stallmeister und lass dir den alten Sattel geben,« sagte der König. – [147] »Nein, ich muss es schriftlich haben,« entgegnete der Bauer »gebt's mir schwarz auf blau (denn früher schrieben die Könige nur auf blauem Papier), sonst giebt er mir nicht Alten-Sattel heraus.« Da gab's ihm der König schwarz auf blau, und der Bauer zog von dannen.
Es dauerte gar nicht lange, so stand er vor dem Herrn Amtmann und sprach: »Packt Eure Sachen und macht, dass Ihr vom Hofe kommt, denn der alte Fritz hat mir Alten-Sattel geschenkt.« – »Der Kerl ist toll geworden,« dachte der Amtmann; aber der Bauer war nicht toll, sondern zog den blauen Brief heraus und zeigte ihm schwarz auf blau, dass der König ihm Alten-Sattel geschenkt habe. Da half freilich nichts, der Amtmann musste seine sieben Sachen packen und den Gutshof räumen.
Betrübt ging er nach Berlin und trat vor den alten Fritz. »Gnädigster Herr König,« sagte er, »ich habe Euch so lange treu gedient, warum habt Ihr mich denn von Haus und Hof gejagt?« – »Das habe ich gar nicht gethan,« sagte der alte Fritz. »O doch,« antwortete der Amtmann, »der Bauer hat mir selbst den Brief gezeigt, in dem Ihr ihm Alten-Sattel verschrieben habt.« – »Ach, der Schelmenbauer,« rief der alte Fritz lachend, »ich hatte gedacht, er meinte einen alten Sattel, und nun hat er sich das schöne Krongut erworben. Erst hat er den Soldaten, den Wachtmeister, den Juden und den Lakaien betrogen und nun gar mich selbst. Der Bauer ist klüger, wie ich. Auf dass du aber nicht leer ausgehst, werde ich dir einen andern Hof zur Verwaltung übergeben.« Damit war der Amtmann verabschiedet, und der Bauer behielt Alten-Sattel als sein Eigentum.
Einige Jahre darauf fiel dem alten Fritz ein, er wolle doch einmal sehen, was der Bauer auf dem Gutshofe mache. Ein Pferd ward gesattelt, und er ritt hinaus. Wo sonst Disteln und Dornen wuchsen, traf er lachende Kornfelder, dass ihm das Herz bei dem Anblick aufging; und je näher er dem Hofe kam, um so schöner wurde die Gegend. Endlich hielt er vor dem Hause; der Bauer trat heraus und half ihm vom Ross und bat ihn, ob er nicht ein Frühstück bei ihm einnehmen wolle. Der lange Ritt hatte den alten Fritz hungrig gemacht, darum nahm er des Bauern Anerbieten an und trat mit ihm in die gute Stube hinein. Da erschien sogleich die Bäuerin und trug auf: Wurst und frisch geräucherten Schinken und harte Eier und Butter und Käse, und sie langten beide tüchtig zu. Auch eine Flasche vom besten Kümmel stand auf dem Tisch, und der Bauer trank daraus: Gluck, gluck, gluck! und reichte dem König dar, und der alte Fritz trank ebenfalls: Gluck, gluck, gluck! denn er hatte ja den Feuerwein zuerst eingeführt in seinen Landen.
Als sie gegessen und getrunken hatten, grifflachte der alte Fritz vor Vergnügen und sprach: »Nun, Bauer, hat er kein Anliegen an mich?« – »Ja, ein Anliegen hab' ich, gnädigster Herr König,« sprach der Bauer, »nehmt den schwarzen Tisch da von mir zum Geschenk an.« – »Was soll ich mit dem Tisch?« antwortete der alte Fritz, »Solche Tische stehen bei mir nicht einmal auf dem Boden herum.«[148] – »Nun, dann nehmt wenigstens sein Eingeweide!« bat der Bauer. Da zog der alte Fritz die Schublade auf, und siehe, es lagen darin Goldfüchse über Goldfüchse.
»Was ist denn das?« fragte der König verwundert. »Bei Heller und Pfennig der Preis, für den das Gut eingeschätzt ist,« entgegnete der Bauer, »und Ihr könnt mir keine grössere Gnade anthun, als wenn Ihr das Geld behaltet. Ihr habt doch genug auszugeben, und ich komme mit meiner Hände Arbeit allein weiter.« Der alte Fritz klopfte dem Bauern mit der Hand auf die Schultern und sprach: »Er ist ein braver Kerl, und da er es will, werde ich das Geld abholen lassen.« Dann gab er dem Bauern eine Hand, stieg auf sein Ross und ritt nach Berlin zurück.
Als er im Schlosse war, sprach er zu dem Marschall: »Wenn ich lauter solche Bauern hätte, so wäre ich der reichste König der Welt. Lade ihn zu mir, dass ich ihn auch einmal bewirten möge.« Der Hofmarschall gehorchte dem Befehl, und es dauerte gar nicht lange, so sass der Bauer dem alten Fritz gegenüber an der königlichen Tafel. Als sie gegessen und getrunken hatten, sprach der König: »Wie ist's möglich! Als der Amtmann auf dem Gute sass, wucherten überall Disteln und Dornen, und ich musste ein Jahr über das andere den geringen Pachtzins erlassen; nun es dem Bauern gehört, sieht es aus wie ein Garten Gottes, und den Preis, für den es abgeschätzt ist, hat er mir bei Heller und Pfennig erstattet, ohne dass ich ihn darum anging. Solch Bauer ist wohl wert, ein Edelmann zu sein; Bauer, ich trinke dir zu als Ritter!« – Dem Bauern thaten diese Worte von Herzen wohl, und er erhub sich vom Stuhle, um dem alten Fritz ebenfalls zuzutrinken; weil er aber die leckeren Speisen und den köstlichen Wein nicht gewohnt war, so erging es ihm dabei nach der groben Bauern Weise. – »Pfui!« riefen die Herren vom Hofe und rümpften die Nasen und sprachen: »Da sehen es ja der Herr König, wozu es führt! Ein Bauer ist ein Bauer und bleibt ein Bauer!« – »Nur nicht so hitzig,« fiel ihnen jedoch der neugeschaffene Ritter ins Wort, »was ist natürlicher, als das? Wenn oben der Edelmann hineinfährt, so muss unten der Bauer heraus.« Da schwiegen die feinen Herren vom Hofe, der alte Fritz aber lachte und klopfte dem Bauern freundlich auf die Schultern und gewann ihn noch lieber, wie zuvor.
Der alte Fritz ist nun schon lange tot, wenn aber der kluge Bauer nicht gestorben ist, so lebt er heute noch.
In einem Dorfe wohnten einmal ein Bauer und ein Edelmann, die waren einander spinnefeind. Des Bauern Hof lag aber so, dass er jedesmal bei dem Schlosse vorbei musste, wenn er in die Stadt wollte. Eines Tages fuhr er zum Jahrmarkt und hatte ein Fuder Stroh auf dem Wagen. Als er an den Gutshof kam, rief ihm des Edelmanns Sohn zu: »Bauer, was hat er geladen?« – »Stroh, Junker, Stroh,« antwortete der Bauer und fuhr weiter. Das ärgerte den Junker, dass der Bauer so kurz angebunden war, und wie er des Abends zurückkehrte, stand er wieder am Thore und rief: »Bauer, war der Markt gross?« – »Junker, ich habe ihn nicht gemessen,« gab er zur Antwort. »Das meine ich nicht, Bauer,« sagte der Junker, »ich frage, ob viele Leute da waren.« – »Junker, ich habe sie nicht gezählt,« erwiderte der Bauer und fuhr seiner Strasse, hörte aber noch, wie der Junker zum Edelmann lief und sich beklagte, und wie dieser sprach: »Warte nur, morgen lass ich ihn rufen, da will ich ihm die Hunde auf den Pelz hetzen, dass sie ihm die Hosen flicken.«
Über den bösen Anschlag des Edelmannes war der Bauer sehr betrübt, und als er nach Hause kam, klagte er der Frau seine Not. »Was wollen die Dickköpfe 1 von dir,« sprach die Bäuerin, »hast du ihnen nicht recht geantwortet? Aber ich werde schon dafür sorgen, dass dich ihre Hunde nicht beissen sollen.« Damit ging sie in den Garten und stellte die Falle, und über Nacht fing sich der Hase darin, der immer in den Kohl kam. Den Hasen musste sich der Bauer unter den Rock knöpfen, als er im Kirchenstaat zum Edelmann ging, damit er ihn laufen liesse, wenn die Hunde auf ihn gehetzt würden. Die List der Frau hatte dem Bauer eingeleuchtet, und er pochte mit der Faust an das Thor des Gutshofes. »Wer ist da?« rief der Junker. »Der nicht drinnen ist,« erhielt er zur Antwort. Da erkannte der Junker, dass es der Bauer sei, und öffnete das Thor und liess sogleich die Hunde auf ihn. Indem knöpfte der Bauer den Rock auf, und der Hase sprang heraus. Siehe, da achteten die Hunde des Bauern weiter nicht mehr, sondern verfolgten den Hasen. Der lief durch den Garten und schlüpfte durch den Zaun, wo ihm die Hunde nicht folgen konnten. Das verdross ein Windspiel, des Edelmanns Lieblingshund; und es wollte über den Zaun setzen, sprang aber zu kurz, dass es hängen blieb und der spitze Pfahl seinen Leib aufschlitzte.
[150] Der Edelmann schrieb die Schuld an dem Tode des Hundes dem Bauer zu und ward noch zorniger auf ihn, denn zuvor, und verschwur sich hoch und teuer, ihn zu strafen. Am nächsten Tage liess er ihn zu sich rufen, dass er bei ihm zu Mittag speise. Der Bauer ging auch getrost hin; doch während der Edelmann und der Junker und, was sonst noch zu der Herrschaft gehörte, Karpfen bekamen, waren für den Bauer nur Stinte und trockne Kartoffeln gedeckt. Der Bauer nahm einen Stint und hielt ihn an sein Ohr, als wenn er etwas von ihm erfahren wolle, und rief dann laut: »Ach, Stint, was du mir sagst, hab' ich schon lange gewusst!« Der Edelmann wurde neugierig und fragte, warum es sich handle. »I, es war weiter nichts,« sprach der Bauer, »der Stint hat mir nur gesagt, dass Eure Grossmutter sich in dem Wasser ertränkt hat, aus dem die Karpfen da stammen.« – »Dann esse ich sie nicht,« rief der Edelmann, »und meine Leute sollen sie auch nicht essen,« und schob die ganze Schüssel dem Bauer hin. Der liess sich die guten Fische wohl schmecken und ass die Schüssel rein aus, dass sich der Edelmann wunderte, wie ihm nicht eklig würde über dem Gericht.
Nach dem Essen sprach der Edelmann: »Bauer, will er ein Glas Wein trinken?« – »Warum nicht, wenn ich nur eins hätte!« gab ihm der Bauer zur Antwort. Da gab der Edelmann dem Kammerdiener einen Wink, und dieser setzte dem Bauer ein Glas Wein vor, das war zu drei Vierteln mit Wasser vermengt. Der Bauer merkte das wohl, und als er den ersten Zug gethan, verzog er den Mund von einem Ohre zum an dern. »Schmeckt ihm der Wein nicht?« fragte der Edelmann. »Im ganzen Leben nicht!« antwortete der Bauer, »Wenn die Sonne den vierundzwanzig Stunden beschienen und Wasser gezogen hat, so ist er noch nicht gut.« Das hatte der Edelmann erwartet, und er sprach: »Ich habe keinen besseren Wein! Friedrich, geh mit ihm in den Keller und weis ihm die beiden Fässer, da mag er selbst sehen, dass ich die Wahrheit gesprochen.« Friedrich sollte aber im Keller dem Bauer die Hundepeitsche geben, und dieser merkte das wohl. Als sie im Keller waren, machte er sich darum geschwind an die beiden Fässer und stiess die Spundlöcher auf also, dass der Wein herausquoll und in den Keller lief. Da dachte der Kammerdiener nicht an die Hundepeitsche und nicht an den Bauer, sondern nur daran, wie er den schönen Wein retten könne, und sprang herzu und steckte in jedes Spundloch einen Daumen, dass die Fässer nicht weiter auslaufen möchten.
Kaum hatte Friedrich die Daumen drinnen, so ergriff der Bauer die Hundepeitsche und schlug damit aus Leibeskräften auf ihn ein. Der Kammerdiener schrie ach und weh und rief das ganze Schloss zur Hilfe herbei. Der Edelmann und der Junker hörten es wohl, aber sie dachten, es sei der Bauer, der so kläglich rufe, und sie freuten sich in ihrem Sinn und riefen in den Keller hinab: »Immer tüchtig, Friedrich, immer tüchtig!« – »Ich werde mein Möglichstes thun,« sagte der Bauer, aber endlich konnte er doch nicht mehr; da nahm [151] er zwei Speckseiten vom Nagel und steckte sie unter den Rock und ging ganz krummbucklig vom Hofe herunter. Der Edelmann sah ihn und fragte höhnisch: »Nun, hat er genug bekommen?« – »Auf vier Wochen wird es reichen,« gab ihm der Bauer zur Antwort und machte, dass er nach Hause kam. Inzwischen hatte es den Edelmann Wunder genommen, dass Friedrich immer noch nicht aus dem Keller zurückkommen wollte. Endlich stieg er selbst hinab und sah die Bescherung. Friedrich lag halb tot auf der Erde und hatte in jedem Spundloch einen Daumen stecken, und die waren so angeschwollen, dass er sie nicht wieder herauskriegen konnte. Da mussten die Fässer zerschnitten werden, und der Schade war so gross, dass der Edelmann dem Bauer in seinem Zorn alles Land nahm, das er hatte, und derselbe mit einem Schlage ein ganz armer Mann wurde.
»Was ist nun zu thun, Mutter?« fragte er traurig. »Vater, du musst zu dem Mann gehen, der über den Edelleuten steht,« sagte die Bäuerin; »von dem lässt du dir eine Klage machen, dass wir unser Land wieder bekommen. Du musst ihm aber auch etwas schenken, sonst thut er's am Ende nicht.« – Sagte der Bauer: »Je nun, was soll ich ihm schenken?« – »Schöne Käse, die wird er gewiss gerne essen,« sprach die Bäuerin, »davon packe ich dir eine Mandel ein.« Und so geschah es auch.
Als der Bauer in seinem Kirchenstaat, den Querbeutel auf dem Buckel, in die Stadt gekommen war, sah er einen Soldaten Schildwacht stehen und fragte ihn: »Du, sag mir einmal, wo gehe ich hier recht zu dem Manne, der über die Edelleute zu kommandieren hat.« – »Ei, das ist ja der alte Fritz,« sagte der Soldat, »der wohnt weiter in die Stadt hinein in dem grossen Schlosse.« Da ging der Bauer dorthin; aber der Posten vertrat ihm den Weg und rief: »Bauer, zum alten Fritz darfst du nicht, du bist ja nicht angemeldet.« – »Lass mich nur, ich gebe dir auch die Hälfte ab von dem, was ich vom König bekomme,« sagte der Bauer. Da liess ihn der Posten passieren; jetzt kam aber der Kammerdiener, der die Rede mit angehört hatte, und hielt ihn am Rockschoss zurück. Sprach der Bauer: »Lass mich nur gehen, du sollst auch die andere Hälfte von dem erhalten, was mir der alte Fritz geben wird.« Da ward der Kammerdiener mit einem Male sehr freundlich und machte ihm selbst die Thüre auf, die in die Stube führte, in welcher der alte Fritz war.
Der war so freundlich, ei so freundlich, dass der Bauer ihm ohne Furcht die ganze Geschichte erzählte, wie sie sich zugetragen hatte; und als er damit fertig war, bat er den König, dass er ihm die Klage aufsetze, dass er sein Land wieder bekäme. Sein Schade solle es nicht sein. Und damit zog er aus dem Querbeutel die Mandel Käse hervor. Da lachte der alte Fritz und nahm die Käse und versprach dem Bauer, er wolle ihm wieder zu seinem Lande verhelfen. »Wirst du auch Wort halten?« fragte der Bauer. »Was ich sage, das muss geschehen,« antwortete der alte Fritz, »dafür bin ich König. Und damit du besser nach Hause kommst, will ich dir hier ein paar [152] Thaler Geld schenken.« Der Bauer aber dachte an das Versprechen, das er dem Kammerdiener und dem Posten gegeben, und sprach: »Geld mag ich nicht, aber ein Paar Ohrfeigen, die hätte ich gerne.« – »Da hast du sie,« lachte der König, und der Bauer bedankte sich schön, und als er zur Thüre heraustrat und die beiden ihren Lohn verlangten, holte er aus und gab jedem eins hinter die Ohren, und sie durften sich nicht einmal darüber beklagen; denn sie hatten es sich selbst vorher so ausbedungen.
Als der Bauer nach Hause kam, hatte der alte Fritz schon alles in Ordnung bringen lassen, und der Edelmann kam ihm mit seinem Sohne, dem Junker, gar freundlich entgegen, und sie statteten ihm alles Land zurück, was sie ihm vorher unrechtmässiger Weise genommen hatten. Und der Bauer hat von da an in Ruhe und Frieden auf seinem Hofe gesessen bis an sein seliges Ende, und wenn er nicht gestorben wäre, so lebte er noch heute.
1 Der gemeine Mann nennt die Edelleute und Kaufleute Dickköpfe.
Der alte Fritz sass einmal des Abends mit seinem Feldmarschall gemütlich beisammen. Sie sprachen von diesem und sprachen von jenem und kamen endlich auch auf die Schwatzhaftigkeit der Weiber. »Das mag schon recht sein,« sagte der alte Fritz, »dass sie zumeist den Mund nicht halten können; aber Ausnahmen giebt's denn doch! Ich wette zehntausend Thaler, dass meine Frau ein Geheimnis, das sie zu wahren versprochen hat, auch hält.« – »Und ich wette zehntausend Thaler dagegen,« erwiderte der Feldmarschall, »dass selbst meine allergnädigste Frau Königin nicht zu schweigen vermag.« Die Wette wurde durchgeschlagen, und der Feldmarschall verliess den König.
Am andern Morgen ging er Uhr acht oder neun, die Flinte auf dem Rücken, doch ohne Hund, vor das Thor, um nachzusinnen, wie er es anzufangen habe, die Wette zu gewinnen. Indem kam er bei einem See vorbei, aus dem eine Kette Enten aufstieg. Hast du nicht gesehen, hatte er das Gewehr von der Schulter; er legte an, drückte ab, paff! ging der Schuss los, und der Erpel, der die Kette führte, stürzte in das Wasser. Wie aber jetzt ohne Hund den Vogel aus dem Wasser bekommen? In seiner Not erblickte der Feldmarschall am Ufer ein Mädchen, das seine Gänse hütete. »Kind,« sagte er und winkte es zu sich heran, »hier hast du einen Thaler, steig in das Wasser und hol mir den Erpel heraus!« – Das Mädchen nahm den Thaler, that ohne viel Bedenken die Kleider von sich, ging in den See und brachte dem Feldmarschall den geschossenen Vogel.
[153] Weil das Mädchen nun schön von Gestalt und alt genug an Jahren war, dass es heiraten konnte, sprach er zu ihm: »Komm morgen Abend zu mir in die Stadt, es soll dein Glück sein!« Das Mädchen dankte ihm für den Thaler und sagte ihm zu, dass es kommen werde. Der Feldmarschall ging darauf in die Stadt zurück und wartete des Amtes, das er an des Königs Hof zu verwalten hatte. Dabei sah er jedoch immer nachdenklich und träumerisch vor sich hin, schlug sich auch öfter vor den Kopf, wie einer, den tiefe, schwere Gedanken beunruhigen. Das sah die Königin, und neugierig fragte sie: »Was ist Euch, Feldmarschall? Ihr seht ja so trübselig aus?« – »O nichts, Frau Königin,« erwiderte der schlaue Fuchs, »mir fehlt gar nichts.« Die Königin wurde dadurch nur um so neugieriger und drang in ihn, bis er ihr Rede stand; doch musste sie ihm zuvor einen teuren Eid schwören, ja ihren Mund in der Sache zu halten. »Frau Königin,« so hub er an, »heute ist's mir sonderbar ergangen! – Mein Hühnerhund hat's mir angethan; und wenn ich nicht gar so alt wäre, ich nähme ihn selbst zur Frau; so aber will ich ihn mit einem braven Soldaten verheiraten.« – »Ihr werdet doch nicht solch grosse Sünde thun!« rief die Königin erschrocken; aber der Feldmarschall antwortete: »Daran ist jetzt nichts mehr zu ändern; morgen Abend gebe ich ein grosses Gastmahl, an dem alle unverheirateten Gefreiten, Fähnriche, Feldwebel, Wachtmeister, Hauptleute, Oberstwachtmeister und Obersten und, wie sie noch heissen mögen, teilnehmen müssen, und einer von ihnen erhält meinen Hühnerhund zur Frau.« Die Königin versuchte noch einmal, ihn von seinem gottlosen Vorhaben abzubringen; als aber all ihr Reden nichts half, kehrte sie dem Feldmarschall zornig den Rücken und ging davon.
Zwei ganze Stunden hielt sie es aus. Da ward ihr das Herz zu enge, und sie schüttete es ihrer Kammerjungfer aus, nachdem dieselbe ihr heilig versprochen, mit niemandem von des Feldmarschalls ruchlosem Plane zu sprechen. Die Kammerjungfer hatte nun längst ihr Augenmerk auf einen Wachtmeister geworfen, fürchtete, des Feldmarschalls Hund möge ihr den Rang ablaufen und nahm darum den Liebsten scharf ins Gebet, dass er sich ja nicht unterstehe, den Hühnerhund zu heiraten. Der Wachtmeister erzählte es den Feldwebeln und Fähnrichen; die brachten es unter die Hauptleute, und von da kam die Geschichte vor die Oberstwachtmeister und Obersten, und das Ende vom Liede war: als der Feldmarschall das Gastmahl gab, seine Stimme erhob und in Gegenwart des Königs sagte, er habe einen wunderschönen Hühnerhund, den würde er freien, wäre er nicht zu alt dazu, und darum wolle er ihn einem der Herren zur Frau geben, da sprachen alle einstimmig, sie dankten für die Ehre, möge er eine so grosse Sünde auf sein Gewissen nehmen, sie thäten es nimmermehr.
Nur der Gefreite, der ganz unten an sass, war anderer Meinung; er stand auf und sprach: »Was der Herr Feldmarschall für sich nicht zu schlecht hält, das wird für mich noch dreimal gut sein.« Kaum hatte er die Worte zu Ende gebracht, da öffnete der Feldmarschall [154] die Thüre, und das schöne Mädchen trat herein. Als die Herren die Jungfrau sahen, riefen die Obersten den Oberstwachtmeistern und die Oberstwachtmeister den Hauptleuten zu, was sie ihnen denn vorgeredet hätten, und die Hauptleute zankten auf die Fähnriche und die Fähnriche auf die Feldwebel und Wachtmeister, und diesen wieder musste der Liebste der Kammerjungfer herhalten. Der wollte sich nun rechtfertigen und berief sich auf seine Braut, und als diese herein gerufen war, beichtete sie, dass der Königin Reden sie so sehr in Angst gesetzt hätten, dass sie für ihren Bräutigam in Sorge gewesen sei.
Jetzt erzählte der Feldmarschall, wie alles gekommen war, und der alte Fritz musste sich besiegt erklären und rief seinen Schatzmeister, dass er die zehntausend Thaler bringe. Als derselbe mit dem goldgefüllten Beutel hereintrat, schüttete der Feldmarschall die Dukaten der schönen Gänsemagd in den Schoss, und nun wurden die Feldwebel, Wachtmeister, Fähnriche, Hauptleute, Oberstwachtmeister und Obersten erst recht zornig, wie sie sahen, dass die Jungfer ausser der Schönheit dem Gefreiten noch das viele Geld in die Ehe brachte. Die aber heirateten sich und lebten glücklich und zufrieden ihr Leben lang, und wenn sie nicht gestorben wären, lebten sie heute noch.
Der alte Fritz fuhr einmal über Land, um nachzuschauen, wie es seinen Unterthanen ginge. Den Kopf hatte er voller Sorgen, denn es stand nicht allenthalben ganz so gut, wie er es wohl wünschte. Als er nun durch ein grosses Dorf kam, sah er über der Thür des Pfarrhauses ein Schild angeheftet, darauf war geschrieben: »Ich bin der Prediger von N.N. und lebe ohne Sorgen.« – »Warte einmal,« dachte der alte Fritz bei sich, »dich werden wir kriegen.« Der Kutscher musste halten, und der König trat in das Pfarrhaus.
»Hat er das Schild an das Haus heften lassen?« herrschte er den Pastor an. »Ja wohl, Königliche Majestäten, das habe ich gethan,« stotterte der Prediger. »Und hat er wirklich keine Sorgen bei der grossen Gemeinde und den vielen Seelen, die er zu versorgen hat?« fuhr der alte Fritz fort. »Königliche Majestäten, es ist ein reiches Bauerndorf.« – »Ach, was reich! Wenn er keine Sorgen hat, so werde ich ihm Sorgen machen. Hier geb' ich ihm drei Rätsel auf. Das erste lautet: ›Wie weit ist es bis zum Himmel?‹ das zweite: ›Wie tief ist das Meer?‹ und zum dritten soll er mir sagen, was ich denke. Und kann er mir die drei Fragen nach drei Tagen nicht beantworten, so ist er die längste Zeit Pastor gewesen und kann sehen, wo er bleibt.« Damit stieg der König wieder in den Wagen und fuhr davon.
[155] Dem Prediger schlackerten die Knie, und er ging herum, wie ein verlorener Mann. Er grübelte und grübelte, und der Kopf wollte ihm schier platzen, und doch konnte er die Rätsel nicht lösen. Nun hatte er bei sich wohnen einen armen, verhungerten Kandidaten, der musste um wenig Lohn für den reichen Herrn Pastor die Predigten halten und die Amtsgeschäfte besorgen. Als der seinen Brotherren so verzweifelt herumlaufen sah, that er ihm in der Seele leid, und er sprach zu ihm: »Herr Pastor, was ist Euch?« – »Ach, er kann mir doch nicht helfen!« – »Aber, Herr Pastor, vielleicht liesse sich doch etwas machen!« Und er redete so lange auf ihn ein, bis der Prediger ihm seinen Kummer offenbarte. »Wenn's weiter nichts ist, dafür lasst mich sorgen!« rief der Kandidat. Da fasste der Pastor neuen Mut und versprach dem Kandidaten fünfhundert Thaler, wenn er ihn aus der Not retten würde.
Als der dritte Tag kam, zog der Kandidat des Pastors Talar an, liess sich die Beffchen vorbinden und setzte das Barett auf den Kopf. So trat er dem alten Fritz entgegen. »Nun, wie weit ist's bis zum Himmel?« fragte der König. »Eine Tagereise!« versetzte der Kandidat. »Wie meint er das?« fragte der König verwundert. »Je nun, das muss wohl so sein,« sagte der Kandidat, »die selig Verstorbenen übernachten doch nicht, wenn ihre Seelen gen Himmel fahren.« – »Na ja, er hat Recht,« sagte der alte Fritz hastig, »nun weiter, wie tief ist das Meer?« – »Das schätze ich einen Steinwurf tief,« erwiderte der Kandidat. »Er Schelm!« rief der König verwundert; »Nun das letzte Rätsel: Was denke ich?« – »Das ist das leichteste,« sagte der Kandidat, »der Herr König denkt, ich sei der Pastor von N.N., und ich bin doch nur sein armer Kandidat.« – »So, der Herr Pastor ist gar nicht vor mir,« sprach der alte Fritz, »dann gehe er eilends hin und rufe ihn mir heraus.« Als der Pastor kam, sagte der König: »Packe er seine Sachen, und mache er, dass er von dem Pfarrhofe kommt, seines Bleibens ist hier länger nicht mehr!« An seiner Stelle wurde darauf auf des Königs Befehl der arme Kandidat in die neue Pfarre eingeführt; dort hat er Kinder gezeugt und Häuser gebaut, und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er heute noch.
Zur Zeit, als der alte Fritz regierte, lebte einmal ein Kaufmann, der hatte nur eine einzige Tochter, und die hatte sich einen Grenadier zum Brautmann genommen. Da kam ein Student, der ein Prediger werden wollte, und hielt bei dem Alten an um das Mädchen, und er sagte sie ihm auch zu. Das machte dem Grenadier grossen Kummer, und als der Tag da war, an dem der Student seine Braut zur Trau [156] führen sollte, musste er noch obendrein Schildwacht stehen. Da nahm er ein Stück Kohle und schrieb an das Schilderhaus: »Zum Verdruss.«
Wie er das geschrieben hatte, es war aber des Morgens um drei oder vier, kam ein Mann des Weges daher, und das war kein anderer, als der alte Fritz; der Grenadier aber erkannte ihn nicht. »Schildwache,« sagte der König, »warum hat er das da an das Schilderhaus geschrieben?« – »Ach, lieber Herr,« gab ihm der Grenadier zur Antwort, »so und so ist's mir ergangen,« und damit erzählte er ihm haarklein, wie alles gekommen war. Zwei Jahre lang wäre das Mädchen seine Braut gewesen; nun habe sie heute Hochzeit mit dem Studenten. »Ja, so geht's in der Welt!« sagte der alte Fritz und ging weiter.
Als der Grenadier abgelöst war vom Posten, sprach der Wachhabende zu ihm: »Was hast du gethan? Du bist zum König befohlen.« – »Du mein Gott, er hat es heraus bekommen, dass ich die Worte an das Schilderhaus geschrieben habe,« dachte der Soldat bei sich, und es ward ihm himmelangst über dem Gedanken, denn es war schwere Strafe darauf gesetzt von dem König; aber lange Zeit blieb ihm nicht übrig zum Besinnen, und ehe er's sich versah, stand er schon vor dem alten Fritz. »Mein Sohn,« sprach der ganz freundlich, »ich bin heute Mittag zu Tische gebeten zu dem Kaufmann, der seine Tochter mit dem Studenten verheiratet, da sollst du mit mir gehen, als meine Ordonnanz.« Dem Grenadier war nicht wohl zu Mute bei diesen Worten; aber der König hatte es befohlen, und er musste gehorchen; doch hätte er sich viel lieber hundert Klafter tief unter die Erde gewünscht.
Um die Mittagszeit gingen sie vom Schlosse herab, der König vorne an und der Grenadier drei Schritt hinter ihm her, wie es sich für eine Ordonnanz gebührt. Als sie bei dem Hause des Kaufmanns angelangt waren, liess sich der König auf dem Stuhle nieder, der obenan gestellt war, und der Grenadier trat hinter ihn. Während des Essens sprach der alte Fritz von diesem und sprach von jenem, endlich fragte er auch den Bräutigam, welche Hantierung er betriebe. »Ich bin ein Student,« sagte er, »und will Prediger werden.« – »Kann er denn aber auch schon einer Pfarre vorstehen?« fragte der alte Fritz. – »Jeder Zeit zu Diensten,« sagte der Bräutigam. – »Kann er denn schon predigen?« fragte der alte Fritz weiter. – »Jeder Zeit zu Diensten,« sagte der Bräutigam. – »Kann er denn auch schon eine Traurede halten?« – »Jederzeit zu Diensten.« – »Nun, das möchte ich wohl einmal hören,« sprach der alte Fritz, »stelle er sich dort auf den Stuhl; mein Grenadier nimmt seine Braut, und er hält die Traurede.« Der Student dachte, der König wolle ihn predigen hören, um ihm hernach eine gute Pfarre zu geben, und eins fix drei hatte er den Talar an und die Beffchen um und hielt eine Traurede.
Als es zum Ringewechseln kam, wollte der Student aufhören. »Nein, immer weiter,« sagte der alte Fritz, und die Ringe wurden [157] gewechselt, und der Student sprach: »Was Gott zusammen gefügt, das soll der Mensch nicht scheiden.« – »Und die Pfaffen auch nicht!« fiel ihm der alte Fritz hastig ins Wort, »Und jetzt ist's genug mit der Predigt. Ihr beide seid Mann und Frau und bleibt's bis an euer seliges Ende.« Den Kaufmann kam das sauer an, aber er musste schweigen, da es der König so befohlen hatte; der aber nahm das Glas und trank dem Grenadier zu das erste Mal als Feldwebel und das zweite Mal als Leutnant und dann gar als Hauptmann. Zu dem Studenten aber sprach er: »Schäme er sich, einem alten Soldaten seine Braut abspenstig zu machen, ehe er eine Pfarre hat, und wenn er eine hat, so soll er's erst recht nicht thun.« Und das war recht von dem alten Fritz, dass er so gesprochen hat. Das Mädchen aber freute sich, dass es statt einer Predigersfrau eine Militärfrau geworden war, und sie lebte noch viele Jahre mit ihrem Manne vergnügt und in Frieden, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.
Der alte Fritz lag im Bette und schlief. Da sprach eine Stimme zu ihm im Traum: »König Friedrich, steh auf und geh stehlen, oder es kostet dich dein Leben!« Der König erwachte und lachte über die seltsamen Worte, die er im Traume vernommen, dann legte er sich auf die andere Seite und schlief wieder ein. Kaum hatte er die Augen geschlossen, so erscholl die Stimme zum zweiten Male, und die Rede klang dringlicher: »König Friedrich, steh auf und geh stehlen, oder es kostet dich dein Leben!« Der alte Fritz fuhr auf und dachte bei sich: »Was soll der Spuk? Nicht einmal im Schlaf habe ich Ruhe.« Nachdem er sich darauf eine Zeit lang schlaflos im Bette herum gewälzt hatte, wurden ihm endlich die Augen schwer, und er versank von neuem in Schlaf. Es dauerte aber gar nicht lange, so sprach es zum dritten Male, laut und gebieterisch: »König Friedrich, ich sage dir, steh auf und geh stehlen, oder es kostet dich dein Leben!«
Jetzt ward dem alten Fritz nachdenklich zu Mute, als er erwachte, und ihm bangte für sein Leben; darum stand er auf, warf sich einen alten, abgetragenen Mantel um und ging in die finstere Nacht hinaus. Im Schlosse seines ersten Ratgebers war ein Fenster hell erleuchtet, und eine Leiter lehnte dort an der Wand; darauf stand ein Soldat, der schaute in die Stube hinein. »Was machst du da oben?« fragte ihn der König leise. »Ich schaue nur eben einmal in das Fenster hinein,« erhielt er zur Antwort, »im übrigen gehe ich heut Nacht aus, um zu stehlen; denn mit dem geringen Sold, den [158] uns der König giebt, müssten ich und die Meinen Hungers sterben.« – »Nimm mich mit auf den Gang,« bat der alte Fritz, »du kannst mir glauben, mir fehlt's auch an allen Ecken und Enden.«
Der Soldat war damit einverstanden, stieg von der Leiter herab, und sie wanderten zu zweien in die Stadt hinein auf den Marktplatz, wo die reichen Kaufleute ihre Läden haben. Bei dem grössten zog der Soldat eine Wünschelrute unter dem Rocke hervor, und als er damit die Thüre berührte, sprangen die festen Vorlegeschlösser von selbst auf, und sie gingen in den Laden. Ein Schlag mit der Gerte auf die eiserne Kasse, und der Deckel that sich auf, und all das Gold und Silber des reichen Kaufmanns lag vor ihnen in dem Kasten. Von dem Gelde machte der Soldat drei Teile, dann sprach er zum König: »Dieser Haufen ist das Geld, welches der Krämer zum Einkauf der Waren verausgabt hat; dieser zweite ist sein rechtmässiger Gewinn, der dritte aber gehört ihm zu Unrecht, weil er ihn durch schlechtes Mass und falsches Gewicht erworben hat; das Geld wollen wir ihm nehmen.« Sprach's und machte zwei gleiche Teile; davon schob er den einen dem alten Fritz in die Tasche, den andern nahm er für sich und seine Angehörigen in Beschlag.
Der alte Fritz rieb sich vor Verwunderung die Augen und kniff sich in die Ohren, als er das sah, denn er dachte, er läge noch im Schlafe und träume; endlich sprach er: »Guter Freund, kannst du mit deiner Wünschelrute alle Schlösser öffnen?« – »Gewiss,« antwortete der Soldat, »alle ohne Ausnahme.« – »Auch des Königs Schatzkammer?« forschte der alte Fritz weiter. – »Wenn ich es wollte, könnte ich's schon thun;« versetzte sein Gefährte, »aber ich mag nicht dahin gehen.« Da bat nun der alte Fritz so lange, bis der Soldat müde ward und mit ihm in des Königs Schloss ging. »Aber das sage ich dir vorher,« sprach er zum alten Fritz, »rührst du auch nur ein Goldstück dort an, so geht es dir schlecht!«
Als sie vor der Schatzkammer waren, zog der Soldat wieder die Gerte hervor und schlug damit an das Schloss, und sogleich sprang es auf, und sie konnten nun sehen, wie das Gold scheffelweis in dem Zimmer aufgehäuft lag. »Du willst den Kerl doch einmal auf die Probe stellen,« sprach der alte Fritz bei sich, bückte sich und steckte einen Dukaten in die Tasche. Sogleich hatte er aber auch einen Schlag hinter die Ohren bekommen, dass ihm die Backe dick anschwoll. »Schämst du dich nicht, Schlingel!« rief er zürnt der Soldat, »Der König muss uns alle ernähren, und wer es nur kann, betrügt ihn, und nun willst du ihm gar noch das Geld aus der Schatzkammer stehlen? Auf der Stelle legst du den Dukaten wieder hin, wo du ihn hergenommen.« Nachdem der alte Fritz das gethan, stiess ihn der Soldat zur Kammer hinaus und warf die Thüre ins Schloss, dass er nur ja nicht wieder an das Stehlen denke. Draussen gab er ihm noch eine gute Mahnung auf den Weg, und dann trennten sie sich von einander.
Dem König ging die Sache durch den Kopf, und nachdem er [159] am andern Morgen aufgewacht war, liess er den Soldaten kommen und sagte ihm auf den Kopf zu, dass er gestern Nacht ausgegangen sei zu stehlen und dass er in seiner Schatzkammer gewesen sei. Anfangs legte sich der Soldat auf das Läugnen, als er aber dem König scharf ins Gesicht sah und auch die geschwollene Backe bemerkte, erkannte er, dass sein Gefährte von gestern niemand anders, als der alte Fritz selbst, gewesen sei. »Königliche Majestäten,« bat er darauf flehentlich, »lasst mir Gnade angedeihen, ich habe nicht gewusst, mit wem ich ginge.« – »Du hast mir freilich übel mitgespielt,« lachte der König, »aber da du meines Schatzes geschont hast, will ich dir verzeihen und den Galgen schenken; aber die Wünschelrute lass bei mir, sonst könntest du doch einmal in Versuchung geraten.«
Der Soldat gab dem alten Fritz die Gerte und dankte ihm, dass er seines Lebens geschont habe; dann sagte er: »Königliche Majestäten, Ihr habt mir mein Leben geschenkt, so will ich Euch das Eure erhalten.« – »Wie meinst du das?« fragte der König. – »Gestern Nacht, als Ihr mich auf der Leiter traft,« antwortete der Soldat, »sah ich in ein hell erleuchtetes Zimmer. Da stand Euer erster Ratgeber mit seiner Frau, und sie berieten, wie sie den Herrn König umbringen könnten, um selbst die Krone zu erlangen. Endlich wurden sie dahin eins, dass der Herr König bei dem Gastmahl, dass Ihr heute Abend bei dem Ratgeber einnehmen werdet, mit dem ersten Becher Weins vergiftet werden solle.«
Der alte Fritz wurde weiss, wie der Kalk an der Wand, als er das hörte, und dachte an seinen Traum; dann befahl er dem Soldaten zu schweigen und wartete ab, bis der Abend herankam. Vergnügt und heiter, als ob er von nichts wüsste, ging er zu dem Schmaus, den der erste Ratgeber ihm hergerichtet hatte, und als dieser aufstand und ihm im goldenen Becher den Wein reichte, erhub er sich und sprach: »Ihr Herren, mein erster Ratgeber hat mir schon viele Jahre treu gedient, und ich weiss nicht mehr, womit ich ihm das lohnen soll. Heute will ich ihm grössere Ehre anthun, als je zuvor einer von mir genossen, er soll mit seiner Frau den köstlichen Wein trinken, den er mir soeben gereicht hat.«
Der erste Ratgeber meinte, das sei zu viel Ehre für ihn und er habe nur gethan, was ein treuer Diener seinem König schuldig sei. Aber sein Sträuben half ihm nichts, er musste trinken. Mit Zittern und Beben setzte er den Becher an den Mund, und kaum hatte er den ersten Schluck gethan, so sank er zu Boden und gab den Geist auf. Und ebenso erging es auch seiner Frau. Da erzählte der alte Fritz den anderen Herren seinen Traum und, wie er in der Nacht stehlen gegangen wäre und dadurch hinter des ersten Ratgebers böse Ränke und Schliche gekommen sei. Auch den Soldaten liess er herbeirufen und gab ihm Geld, so viel er haben wollte, dass er fortan nicht mehr nötig hatte, mit dem Geld, das die reichen Kaufleute veruntreuen, seinem kargen Sold aufzuhelfen.
Der alte Fritz sass einmal bei Tische mit seinem Hofgesinde; aber das Essen wollte ihm nicht schmecken. »Woher mag es wohl kommen,« sagte er ärgerlich, »Tag und Nacht zerbreche ich mir den Kopf darüber, die grössten Waldungen im Lande sind mein, und hohe Abgaben sind auf die Nutzung gelegt, und doch kommt kein Geld in die Staatskasse!« – »Das will ich Euch klar machen,« sprach der alte General, der zur Linken des Königs sass, griff vor sich auf den Tisch und nahm ein grosses Stück Butter vom Teller, hielt es ein paar Augenblicke in der Hand und reichte es sodann links herum seinem Nachbar weiter. Die Butter wanderte von Hand zu Hand und wurde immer kleiner und kleiner, und als sie schliesslich bei dem König anlangte, war sie zu einem winzigen Stückchen zusammen geschmolzen. »Seht, königliche Majestäten,« hub der General von neuem an, »die Butter ist erst durch vierzig Hände gegangen. Wären fünfzig Gäste bei Tafel gewesen, Ihr hättet nichts davon bekommen. So ist's mit Euren Waldungen auch.« Die Sache leuchtete dem König ein, aber so recht zufrieden war er doch nicht; und als das Gastmahl zu Ende war, kleidete er sich aus, wie ein fahrender Handwerksbursch, und ging in den grossen Wald hinein, der seinem Schlosse am nächsten lag.
Als es dunkel geworden war, sah er ein Licht durch die Bäume schimmern. Er ging darauf zu, und es dauerte gar nicht lange, so stand er vor einer kleinen Hütte, in welcher ein Paar arme Besenbindersleute ihr Wesen trieben. »Guten Abend, ihr lieben Leute,« sagte der König, als er die Thüre geöffnet hatte, »kann ich wohl bei euch für die Nacht ein Unterkommen finden? Ich habe mich im Walde verirrt und weiss nicht wo aus noch ein.« – »Das kannst du haben,« sagte der Besenbinder, und nachdem der alte Fritz seinen Krückstock in die Ecke gestellt hatte, trug er ihm einen Lumps mit Fett auf; das schmeckte wie der Deike (Teufel). Die Frau lag indessen im Bette und stöhnte von Zeit zu Zeit vor sich hin. Nach der Mahlzeit sprach der Besenbinder: »Umsonst ist der Tod! Ich habe dich gesättigt, nun musst du mir bei der Arbeit helfen. Der Mond ist jetzt aufgegangen, der Förster liegt im Bette und schnarcht, das ist die richtige Zeit zum Reiserschneiden. Komm mit mir, dass du mir hilfst!« Dachte der alte Fritz bei sich: »Aha, jetzt wirst du wohl dahinter kommen, wie es in den Wäldern zugeht!« und flugs stand er auf und folgte dem Besenbinder nach in den Wald hinein zu der grünen Wiese, an deren Rand das Birkengebüsch stand. »Dies ist ein königlicher Wald,« sagte der Besenbinder zu dem alten Fritz, als sie dort waren, »und damit müssen wir fein säuberlich umgehen, [161] denn der König wird ohnehin schon genug betrogen. Vier Ringe können wir jedem Stamm nehmen, das schadet ihm nichts, wenn es auch die Herren von Oben nicht Wort haben wollen. Aber vom fünften Ring an aufwärts müssen die Zweige stehen bleiben bis zum Zopfe. Das ist eine ehrliche Sache und kommt den Birken und mir zu gute. Darnach musst du dich halten, wenn du mir helfen willst; thust du es aber nicht, so setzt's einen Schlag hinter die Ohren, dass du über meine ganze Werkstätte fliegst.« Der alte Fritz lachte, denn des Besenbinders Werkstätte war die grosse Wiese, und um zu sehen, ob der Mann wirklich so arg auf des Königs Vorteil bedacht sei, schnitt er alle Stämme vor sich hart über dem Erdboden ab. Der Besenbinder schaute, nachdem er eine gute Weile fleissig gearbeitet hatte, einmal um sich, um nach seinem Gesellen zu blicken. Schwapp, schwapp! hatte der alte Fritz es aber auch schon rechts und links hinter den Ohren »Heisst das gehorsam sein und seinem Könige dienen?« rief er zornig; »Wie ich solltest du es machen!« und er hörte nicht eher auf mit den Schlägen, bis ihm der alte Fritz himmelhoch versprach, nicht wieder ungehorsam zu sein. Und er hielt auch Wort und arbeitete von da an fleissig mit, wie es sich gehörte, so dass sie noch vor Mitternacht, nachdem sie die abgeschnittenen Stämme verbuscht hatten, wieder in der Hütte anlangten.
Dort ging's sogleich an das Binden. Der alte Fritz riss die Reiser, und der Besenbinder band dieselben, und sie hatten schon ein gut Teil Besen fertig geschafft, dass sie am andern Morgen zu Markte gebracht werden konnten, da begann die Frau im Bette zu winseln und zu günseln, zum Gotterbarmen. »Es ist zu schlimm, wenn man über Feld wohnt!« jammerte der Mann, »Bleib du nur bei meiner Frau, derweile ich mit dem Sack ins Dorf zur Mutter laufe und die Knackhaspel 1 hole.« Ehe der alte Fritz wusste, wie ihm geschah, war der Besenbinder schon unterwegs und lief, was ihn seine Füsse zu tragen vermochten, bis er bei der Grossmutter war. Dort steckte er die Knackhaspel in den Sack, damit ihn die Leute auf der Strasse nicht höhnten und riefen: »Klipp, klapp, du bringst wohl den Knackålbår 2 ins Haus!« und dann machte er, dass er mit der alten Frau in seine Hütte zurückkehrte. – Dort war's inzwischen schon vor sich gegangen, und weil just niemand anders zur Stelle war, musste der alte Fritz zugreifen, schaffen und machen; und als das Kind zur Welt geboren war, hiess ihn die Frau flink warm Wasser in die Wanne schütten und das Knäblein darin baden. Ach, wie es schrie und strampelte! Und gerade, als alles wieder im besten Zuge war, traten der Besenbinder mit der Knackhaspel und seine alte Mutter zur Thüre herein und freuten sich, dass schon alles vorüber war, und hielten sich die Seiten vor Lachen über die Hebeamme.
[162] Dem alten Fritz war heiss geworden bei der Arbeit, und er hätte gerne etwas ausgeruht; aber dazu liess es der Besenbinder nicht kommen. »Jetzt heisst's zum Kindelbier das Geld verdienen!« rief er vergnügt, und der alte Fritz musste von neuem die Reiser reissen, während der Besenbinder sie band. Um drei Uhr war alles fix und fertig, und nachdem die Besen auf den kleinen Handwagen gepackt waren, zogen sie damit zur Stadt, um bei guter Zeit auf dem Markte zu erscheinen. Vor dem Thore sprach der alte Fritz zu dem Mann: »Bis jetzt hast du mir Lehren gegeben, nun will ich dir eine Kunst sagen. Die Besen sind heuer rar in der Stadt, verkauf keinen, es sei denn das Stück um zwei Thaler.« Der Besenbinder schüttelte mit dem Kopfe und wollte antworten; aber der alte Fritz liess ihn gar nicht zu Worte kommen, sagte, er habe noch schnell einen Gang vor, und hast du nicht gesehen, war er durch das Thor gewischt und verschwunden. Das machte, er war zur Hauptwache gelaufen, hatte sich dort als König zu erkennen gegeben und befohlen, alle Offiziere sollten sich mit Sonnenaufgang auf dem Schlosshofe einfinden, ein jeder mit einem neuen Besen in der Hand. Darauf begab er sich zu seiner Frau, der Königin, die Trommler aber trommelten: »Ka-me-rad kumm! Ka-me-rad kumm! Ka-me-rad kumm!« und alle Offiziere sprangen wie der Wind aus den Betten und kleideten sich an und liefen zur Wache und fragten, was es gäbe. Als sie den Befehl des Königs vernommen hatten, galt es Besen kaufen. »Heda, guter Freund,« riefen sie dem Besenbinder zu, der mit der Karre zu Markt zog, »was kosten die Besen?« – »Du sollst's einmal versuchen,« dachte der Mann und sagte: »Das Birkenreisig ist jetzt teuer. Unter zwei Thalern ist mir das Stück nicht feil.« – »Gieb her, gieb her!« riefen die Herren, die um alles in der Welt nicht zu spät kommen wollten, und ehe der Besenbinder sich's versah, war er die ganze Ladung los geworden und kehrte mit einem schweren Beutel harter, blanker Thaler in die Hütte zurück. Die Offiziere aber traten mit ihren Besen an, und als der alte Fritz sie besichtigt hatte, klagten sie ihm, dass der Besenbinder sie übervorteilt habe. »Es ist nicht so schlimm,« lachte der König, »ich habe die Reiser selbst gerissen, und meine Arbeit muss gut bezahlt werden.« Da thaten die Herren, als ob sie sich niemals über die zwei Thaler geärgert hätten, und kehrten wieder in ihre Häuser zurück; der alte Fritz aber sandte einen Boten hinaus zu dem Besenbinder, dass er am andern Tage zu ihm auf das Schloss komme.
Dem guten Manne schlackerten die Knie, als ihn der Diener vor den König führte. »Ist's um das Sündengeld, das ich für die Besen genommen habe oder ist's für die abgeschnittenen Birken,« dachte er bei sich, »du hast's nur dem Spitzbuben von Handwerksburschen zu verdanken,« und er beschloss, dem alten Fritz alles haarklein zu erzählen. Und richtig, als er vor dem König stand und dieser ihn fragte, ob er wohl wisse, warum er hier, wie ein armer Sünder, vor ihm stehen müsse, antwortete er eifrig: »Ach, gnädigster Herr König [163] Fritz, das hab' ich dem verfluchten Jungen zu verdanken! Ich hab's ihm aber eingetränkt, dass er die ganzen Bäume abschnitt. Vier Ringe kann man nehmen, das ist den Birken sogar sehr gut; aber vom fünften an aufwärts müssen sie stehen bleiben bis zum Zopfe. Und wenn's das nicht gewesen ist, so ist's darum, weil er mir riet, das Sündengeld von zwei Thalern für das Stück zu nehmen. Du mein Gott, ich hab's ja gethan; aber er hatte so gut Hebeamme gespielt, derweile ich die Knackhaspel und meine Mutter holte, da musste ich ihm wohl glauben.« Sagte der alte Fritz: »Nun, würdest du den Handwerksburschen wohl wieder erkennen, der dir das Leid zugefügt hat?« – »Unter tausend finde ich den Schlingel heraus!« rief der Besenbinder. Da lachte der König und gab sich ihm zu erkennen, und als der Besenbinder vor Angst nicht wusste, wie ihm geschah, weil er so schlecht von dem König geredet und ihn in der Nacht sogar geschlagen hatte, tröstete ihn der alte Fritz und sagte: »Jetzt mach, dass du nach Hause kommst, und wenn der Junge laufen kann, bring ihn zu mir; hab' ich ihn zur Welt bringen helfen, will ich ihm auch durch das Leben helfen.« Und so that der alte Fritz auch; der Junge musste zu ihm auf das Schloss und ist später einmal ein tüchtiger Soldat geworden. – So viel merkte aber der alte Fritz aus der Geschichte, die armen Leute sind nicht daran schuld, dass so wenig Geld aus den grossen Wäldern in die Staatskasse kommt. Weiss Gott, an wem's liegen mag!
Zu den Zeiten des alten Fritz lebte einmal ein Husar, der stand schon dreizehn Jahre im Regiment und war noch immer erst Gefreiter. Das kam aber daher, dass er zu arm war, um mit dem Wachtmeister einen Schluck trinken zu gehen; die jungen Bauernsöhne dagegen, die von Hause her viel beizubrocken hatten, wurden allesamt im fünften Jahre Unteroffiziere. Das nahm sich der alte Gefreite zu Kopfe, dass er sich vor Wut nicht mehr zu lassen vermochte, und endlich ward er so zornig, dass er das Pferd aus dem Stalle zog und bei Nacht und Nebel auf und davon ritt. Am ersten hatte er die Löhnung noch eingestrichen, am zweiten war er schon nirgends mehr zu finden, und wie ihm der Oberst auch nachspüren liess, er war und blieb verschwunden. Und das kam daher, dass er sich in einem grossen, dunkeln Walde aufhielt, um von da aus, wenn über die Sache Gras gewachsen wäre, zu dem Franzosen zu reiten und bei dem sein Glück zu versuchen.
[164] Wie er nun eines Tages im Walde umherirrte und sein Pferd neben ihm her graste, traf er auf einen Jägersmann. »He, guter Freund,« rief der Gefreite, »kannst du mir nicht sagen, wie ich aus diesem Walde zu dem Franzosen komme?« – »Nein,« sagte der Jäger, »ich kenne mich hier auch nicht aus; ich habe mich verirrt und wüsste selbst gern, wo die Richtung liegt. Aber wer bist du denn?« – »Ich bin ein weggelaufener Husarengefreiter!« – »Ach, das ist nicht gut,« sagte der Jäger, »weshalb bist du denn ausgerückt?« – Da erzählte ihm der Soldat alles, wie es ihm ergangen war, dass er dreizehn Jahre im Regiment gestanden habe und noch immer erst Gefreiter sei. Sprach der Jäger: »Du hast dich wohl schlecht geführt!« – »I, bewahre,« antwortete der Soldat, »hier kannst du's sehen, sogar zwei Dienstauszeichnungen habe ich von dem alten Fritz bekommen!« – »Ist's die Möglichkeit!« sagte der Jäger, »Aber wie kann das nur sein?« – »Das ist ganz einfach,« sprach der Soldat, »ich bin nur ein armer Tagelöhnerjunge und konnte dem Wachtmeister nichts zu trinken geben. Die Bauernsöhne hatten's besser, die bekamen nach fünf Jahren die Tressen.« – »Glaub's nur,« antwortete der Jäger, »wenn das der alte Fritz wüsste, es sollte nicht geschehen.« – »Ach bleib mir mit dem alten Fritz,« brummte der Gefreite, »zweimal habe ich an ihn geschrieben und niemals Antwort erhalten. Freilich, Gott weiss, an den mag auch nicht alles kommen.« – »Hm, hm,« sagte der Jäger, und dann begann er von etwas anderm zu reden und fragte den Gefreiten, wie sie es machen sollten, dass sie aus der Wildnis heraus und wieder unter Menschen kämen. »Das wird schwer halten,« meinte der Soldat. Wie sie aber so hin schlenderten und es mittlerweile anfing dunkel zu werden, sahen sie plötzlich ein Licht durch die Bäume schimmern. Darauf gingen sie zu, und es dauerte gar nicht lange, so standen sie vor einem grossen, steinernen Hause mit Stall und Scheune.
Der Soldat pochte sogleich an die Thüre und trat ein, und der Jäger folgte ihm nach. Drinnen sass ein altes Weib am Ofen und spann. »Guten Abend, Mutter,« sprach der Soldat. »Guten Abend, mein Sohn,« antwortete die Alte. – »Können wir nicht zu Abend essen und ein Nachtlager bekommen?« – »Setzt euch nur an den Tisch und esst!« sprach das Mütterchen, und der Soldat liess sich nicht lange bitten und setzte sich nieder auf die Bank und langte tüchtig zu von den Speisen, die sie ihm auftrug. Der Jäger war ängstlicher, denn er fürchtete, es wäre eine Räuberhöhle, in die sie geraten seien. Und richtig, als sie ein kleines Weilchen gesessen hatten, kamen zwölf schwarze Kerle zur Thüre herein, und wie sie die beiden erblickten, raunten sie einander ins Ohr: »Das sind wieder einmal ein Paar fette Braten.« Der Soldat vernahm ihre Reden wohl, that aber, als höre er nichts; doch dem Jäger flitterten die Hosen. »Warum zitterst du so? Dir ist doch nicht kalt?« fragte ihn der Gefreite. »Nicht doch, sei stille,« sagte der Jäger, »siehst du nicht, es sind ihrer zwölf!« – »Und wir sind zwei,« antwortete der Soldat ebenso [165] leise, »iss nur, dass du satt wirst, und lass das Zittern. Was sollte der alte Fritz wohl machen, wenn er lauter solche Soldaten hätte.« Dann sprach er laut: »Guten Abend, ihr Herren, wir sind nämlich auch Räuber und wollen bei euch eintreten.« Da wiesen die Kerle auf den Jäger, wie der Messer und Gabel zu liegen hatte; denn die Räuber erkennen einander am Essen, und der Soldat wusste das wohl, aber dem Jäger war es unbekannt. Sogleich holte der Soldat aus und gab dem Jäger eins hinter die Ohren, wies ihm, wie er es anzustellen habe, und sprach: »Es ist noch ein Anfänger, aber er wird sich schon machen.« Über der Sache hatten die Räuber Zutrauen zu den Gästen gewonnen, und sie setzten sich zu ihnen an den Tisch. Nachdem sie satt gegessen und getrunken hatten, sprach der Soldat: »Nun will ich euch ein Kunststück zeigen. Wer will's mir glauben, ich trinke einen Kessel kochenden Wassers aus!« – »Das sollst du wohl bleiben lassen,« sprachen die Räuber, schafften aber sogleich einen Kessel voll kochenden Wassers herbei, legten ein paar Steine auf den Tisch und setzten ihn darauf; dann steckten sie alle die Köpfe zusammen, damit sie gut sehen könnten. Eins fix drei hatte da der Soldat den Kessel bei den Henkeln ergriffen und goss das Wasser ringsum, dass allen zwölf Räubern die Augen verbrüht wurden, so dass sie nicht mehr sehen konnten. Dann zog er den Säbel aus der Scheide, und hast du nicht gesehen, flog ein Kopf hier und ein Kopf da, bis auch der letzte Räuber getötet war.
Als er fertig war mit der Arbeit, schaute er sich nach dem Jäger um. Der sass hinter dem Ofen und war noch halb tot vor Schrecken. »Warum hast du mir nicht geholfen?« sagte er zornig; »Mit deiner Flinte trafst du zwei, und den dritten konntest du mit dem Hirschfänger niederstechen!« Und damit gab er ihm wieder eins hinter die Ohren, dass ihm Hören und Sehen verging. Darnach fragte er das alte Weib, so lieb ihr das Leben sei, sie solle ihm sagen, ob das die Räuber alle wären. »Nein,« sagte das Mütterchen, »um zwölf kommen noch zwölf.« – »So ist's Zeit, dass wir die Leichen überseit bringen,« sprach der Soldat; und da in der Diele eine Klappthüre war, die zum Keller führte, wo die Räuber ihre Schätze verborgen hatten, schleppten sie einen von den Toten nach dem andern herbei und warfen ihn kopfüber die dunkle Treppe hinab. Als der letzte heruntergestürzt war und sie gerade die Klappe geschlossen hatten, traten die andern zwölf Räuber in die Stube. Denen ging es nicht besser, wie den ersten; sie wollten ebenfalls gerne sehen, wie ein Mensch einen Kessel voll kochenden Wassers trinken kann, und wurden von dem Soldaten verbrüht und erschlagen. Und der Jäger war wieder in seiner Angst hinter den Ofen gekrochen und bekam seine Schläge dafür; aber der Gefreite verzieh ihm gar bald, und als er von dem alten Weib vernommen hatte, dass nun alle Räuber tot wären, legte er sich mit ihm schlafen und hiess ihn am andern Morgen von den Kostbarkeiten der Räuber nehmen, so viel er nur zu tragen vermöchte. Dann steckte er sich selbst [166] alle Taschen voll; was übrig blieb, durfte das alte Mütterchen behalten, denn es hatte sich aus Zwang bei den Räubern aufgehalten und musste ihnen die Wirtschaft führen. Zum Dank dafür wies sie ihnen den rechten Weg, und als sie den ein paar Stunden gegangen waren, kamen sie auf das freie Feld hinaus und konnten Berlin schon vor sich erblicken.
»Höre, Kamerad,« sagte der Jäger, »wir gehen jetzt zusammen in die Stadt!« – »Das werde ich hübsch bleiben lassen,« antwortete der Soldat, »fangen sie mich, so lässt mich der alte Fritz erschiessen. Lauf du nur in die Stadt, derweile ich in dem nächsten Dorf im Kruge bleibe und mich ausruhe. Wenn du zurückkommst, reisen wir beide zu dem Franzosen und gehen in den Krieg. Dass du mich aber ja nicht verrätst, sonst kostet es dich dein Leben!« Das versprach ihm der Jäger auch, und nachdem sie in das nächste Dorf gekommen waren, liess er den Soldaten im Kruge zurück und ging allein nach Berlin. Nun war aber der Jäger kein anderer, als der alte Fritz selbst, der sich im Walde verirrt hatte. Sobald er im Schlosse angelangt war, gab er Befehl, dass ein ganzes Regiment Soldaten ausrücke und das Dorf umstelle und den Husarengefreiten gefangen nehme. Sie sollten ihm aber ja nichts zu leide thun, sonst würde er es bitter an ihnen rächen.
Das Regiment rückte aus, und der Gefreite erschrak nicht wenig, als mit einem Male die vielen Soldaten erschienen und ihn gefangen nahmen. Er wollte sich wehren, aber es half ihm nichts, es waren ihrer zu viele, und er musste sich wohl oder übel abführen lassen. »Dachtest du dir's doch,« sprach er bei sich selbst, »dass dich der Spitzbube verraten würde. Du hattest es dir gleich vernommen; nun kostet's dich dein Leben!« Und während er noch so mit sich zankte, ward er in das Schloss geführt und vor den alten Fritz gebracht. »Was bist du, mein lieber Husar?« fragte der König. »Ich bin ausgerissen,« antwortete der Gefreite. »Was hast du dafür verdient?« fragte der König. »Die Kugel,« antwortete der Gefreite. »Und was wünschst du dir noch vor dem Tode?« fragte der König. »Ich möchte nur noch ein einziges Mal den Jäger sehen,« sprach der Gefreite. »Wirst du ihm auch nichts zu leide thun?« fragte der alte Fritz. »Nein,« sagte der Gefreite. Da ging der König hinaus, und es dauerte gar nicht lange, so trat der Jäger herein. Eins fix drei hatte der Husar den Säbel aus der Scheide gezogen, und wäre der Jäger nicht mit einem Satz zur Thüre zurück und herausgesprungen, so hätte er ihm das Haupt abgeschlagen. So aber schlug der Husar fehl und in den Tisch hinein, dass die Splitter flogen.
Indem kam der alte Fritz zurück und schalt: »Hältst du so dein Wort?« – »Ach, Herr König,« sagte der Soldat, »ich konnte nicht anders! Ich habe dem Kerl das Leben gerettet und ihn reich gemacht, und zum Dank dafür hat er mich verraten.« – »Du sollst ihn noch einmal sehen,« sagte der alte Fritz, »aber diesmal bezwing deinen Zorn!« Und richtig, der König ging hinaus, und über ein [167] kleines Weilchen kam der Jäger wieder zur Thüre herein. Und schon hatte der Soldat sein Versprechen vergessen und den Säbel gezogen und wollte eben voll Zorn den Jäger erschlagen, da riss derselbe den grünen Rock auf, und vor ihm stand der alte Fritz mit dem goldenen Stern auf der Brust. Da fiel der Soldat zu Boden und bat um Vergebung, und es überlief ihn eiskalt, als er daran dachte, wie er ihm in der Räuberhöhle mitgespielt hatte. Der alte Fritz aber lachte und sprach: »Fürchte dich nicht, mein Sohn, ich will dir dein Leben schenken. Wenn ich lauter so tapfere Soldaten hätte, so brauchte ich ihrer nur halb so viel, als ich jetzt nötig habe. Und nun komm und iss, gestern war ich bei dir zu Gaste in der Räuberhöhle, heute sollst du bei mir dein Frühstück verzehren.«
Als sie gegessen und getrunken hatten, stellte ihm der alte Fritz ein versiegeltes Schreiben aus; damit musste er zu seinem Regimente gehen. Dort nahmen sie ihm sogleich Pferd und Säbel ab, um ihn ins Loch zu führen; wie aber der Brief erbrochen wurde, stand darin, dass der Gefreite von Stund an des Regimentes Oberst sei. Da war er mit einem Male weit höher gestiegen, als alle die reichen Bauernsöhne und die Wachtmeister zusammen genommen, und er hat noch lange Zeit das Regiment befehligt und ist des alten Fritz bester Husarenoberst gewesen.
Es war einmal ein König, der hatte zwei Söhne. Eines Tages schlich der älteste in seines Vaters Stube, obgleich derselbe das streng verboten hatte, und da sah er an der Wand ein Bild hängen, welches die schönste Prinzessin darstellte, die ein Mensch denken kann. Der Prinz stand davor und schlug die Hände über dem Kopfe zusammen und konnte sich nicht satt sehen an dem Bildnis. Es dauerte aber gar nicht lange, so kam der alte König dazu. Der ward zornig und warf den Prinzen zur Stube hinaus, und so sehr er auch bat und flehte, er möge ihm doch sagen, wer die Prinzessin sei und wo ihr Land läge, der Vater offenbarte es ihm nicht. Das that er aber deshalb, damit sein Sohn nicht um die Prinzessin wärbe und sich dabei den Tod zuzöge.
So lange der alte König noch am Leben war, durfte denn auch der Prinz gar nicht von der schönen Königstochter auf dem Bilde reden; als der Vater jedoch die Augen zugedrückt hatte, liess er alle Zauberer und Weisen im ganzen Lande zusammen kommen. Die mussten das Bild besehen und dann sagen, was es damit auf sich [168] habe. Alle Mühe war jedoch vergeblich, niemand wusste ein Wort darüber zu reden, bis endlich ein ganz alter Zauberer vor den jungen König trat und sprach: »Die Prinzessin, welche du suchst, wohnt weit fort von hier in einem Königreiche; dort hält sie ihr Vater in einem Schlosse unter dem Wasser verborgen. Willst du zu ihr, so lass dir ein Schiff bauen, welches zu Lande und zu Wasser fährt, sonst kannst du das Land nicht erreichen.« – »Und wie komme ich in das verwünschte Schloss unter dem Wasser?« fragte der König. »Das musst du mit List anfangen!« sagte der Zauberer; »Lass dir eine Drehorgel anfertigen mit einem goldenen Lamme davor. Die Orgel muss aber so künstlich bereitet sein, dass du dich darin verstecken kannst, während dein Bruder das goldene Lamm am Zügel führt und vor den König tritt.« Die Rede gefiel dem jungen König wohl, und nachdem er den Zauberer belohnt hatte, liess er alle Schiff- und Orgelbauer und alle Goldschmiede des ganzen Landes zusammen kommen, die mussten ihm das Schiff fertig stellen, welches zu Wasser und zu Lande ging, und die wunderschöne Drehorgel mit dem Versteck im Kasten und das goldene Lamm vor dem Wagen. Daran hatten die Leute eine gute Zeit zu arbeiten; aber als ein Jahr verflossen war, wurden sie doch fertig, und nachdem der Leierkasten mit dem goldenen Lamme davor in das Schiff gestellt war, setzte sich der junge König ans Steuerruder, indes der zweite Prinz die Segel in die Höhe zog, und fort fuhren sie über Land und Wasser, bis sie in das König reich kamen, von dem der alte Zauberer zu ihnen gesagt hatte.
Dort liessen sie das Schiff halten; der König kroch in die Orgel, während sein Bruder das goldene Lamm am Zügel ergriff und hinter sich herzog, dass es den Anschein hatte, als ziehe dasselbe den Wagen mit dem Leierkasten. Vor dem Schlosse hielt der Prinz und liess die Orgel spielen, und das klang so schön, dass alle Leute herbei liefen und dem Spiele zuhörten. Auch der alte König steckte den Kopf zum Fenster heraus, und als er die wunderschöne Orgel mit dem goldenen Lamme erblickte, winkte er dem Leiermann, dass er zu ihm käme. Als er oben war, sagte der König: »Guter Freund, was soll die Orgel kosten? Ich will sie der Prinzessin, meiner Tochter, schenken!« – »Ach, lieber Herr König,« antwortete der Prinz und stellte sich, als ob er wirklich ein Leiermann wäre, »die Orgel ist mir nicht feil. Ich bin den Branntwein gewohnt, und wenn Ihr mir viel Geld in die Hände gebt, so ist es bald mit lustigen Brüdern vertrunken, und ich habe keinen Verdienst mehr und liege auf der Strasse. So ziehe ich von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt; der giebt mir einen Dreier und der einen Groschen, und ich habe mein Lebelang ein gutes Auskommen.« Das musste der König einsehen; aber weil er die Orgel doch gar zu gern hatte, fragte er den Spielmann, ob er sie ihm nicht auf drei Tage borgen wolle, dass er sie seiner Tochter zeige. Damit war der Prinz einverstanden, und während er sich in der Stadt auf des Königs Rechnung in den teuersten Wirtshäusern gütlich that, führte der alte König das goldene Lamm durch den Schlossgarten [169] hindurch, immer weiter und weiter, bis er endlich an einen grossen See gelangte.
Am Strande auf der Wiese stand ein Busch; und nachdem er sich überall umgesehen hatte, ob ihn auch niemand bemerke, – denn dass ein junger König in der Orgel sass, wusste er ja nicht – griff er in die grünen Zweige hinein und zog eine kleine Rute hervor. Mit der schlug er dreimal in das Wasser und sprach bei jedem Schlage: »Wasser, wandle dich in Erde!« Sobald er zum dritten Male die Worte gesprochen hatte, that sich das Wasser auseinander, und ein breiter Baumgang ward sichtbar, der führte tief in den See hinab. Diese Strasse zog der König den Wagen, bis er zu einem grossen Schloss gelangte. Am Fenster sass die Prinzessin und hatte eine Harfe in der Hand und schlug die Saiten und sang dazu, dass sie sich in ihrer Einsamkeit tröste. Als sie ihren Vater erblickte, legte sie die Harfe bei Seite und rief ihm zu: »Väterchen, du hast also doch nicht meinen Geburtstag vergessen und bringst mir solch schönes Geschenk, dass ich einen Trost habe hier in dem hohen Schlosse tief unter dem Wasser?« – »Mein liebes Kind,« sagte der König, »die Orgel will ich dir nur zeigen; schenken kann ich sie dir nicht, weil sie ihrem Herrn nicht feil ist um alle Schätze der Welt.« – Antwortete die Prinzessin: »Wenn du mir die Orgel nicht schenken willst, dann hättest du sie mir gar nicht zeigen sollen!« und Schnapp! schlug sie ihrem Vater das Fenster vor der Nase zu und liess ihn draussen stehen. Das nahm ihr der alte König gewaltig übel, und ohne sich zu besinnen, drehte er um und kehrte mit dem Gefährt wieder auf die Oberwelt zurück. Als er oben angelangt war, schlug er mit der kleinen Rute dreimal die Erde des Baumgangs und sprach dabei: »Erde, wandle dich in Wasser!« Alsbald schlugen die Wasserwogen, die zu beiden Seiten standen wie Mauern, wieder zusammen, und so weit das Auge blicken konnte, war nichts zu sehen, als Wasser und lauter Wasser. Darauf versteckte der König die Rute in dem Buschwerk und machte, dass er mit der Orgel wieder in das Schloss kam. Dort erhielt der Leiermann sein Eigentum zurück und ging damit in ein Wirtshaus, wo er den Deckel aufthat und dem jungen König heraus half. Kaum war derselbe draussen, so erzählte er seinem Bruder alles, wie es ihm ergangen war, und hiess ihn das Schiff bereit halten und das goldene Lamm mit der Orgel hineinschaffen, derweile er die Prinzessin befreie.
Und das stellte er so an: Er schlich sich durch den Schlossgarten hindurch bis zu der grünen Wiese am See. Dort suchte er in dem Busche nach, und als er die kleine Rute gefunden hatte, that er, wie der alte König, schlug dreimal auf das Wasser und sprach dabei: »Wasser, wandle dich in Erde!« Da ging das Wasser auseinander, und der Baumgang ward sichtbar; den lief er herab, so schnell ihn seine Füsse zu tragen vermochten, und da dauerte es denn auch gar nicht lange, bis er vor dem Schlosse stand. Die Königstochter sass wieder am offenen Fenster und schlug die Harfe und [170] sang dazu; und sie war von so wunderbarer Schönheit, dass der junge König gar kein Wort zu sagen wagte. Endlich fasste er sich aber doch ein Herz, rief die Prinzessin bei Namen und fragte sie, ob sie mit ihm kommen möchte, er wolle sie aus dem Gefängnis erlösen. Anfangs erschrak die Prinzessin, als sie den fremden Mann erblickte; da er aber schön von Angesicht war und sie zu befreien versprach, liess sie sich nicht lange bitten, sondern kam zu ihm mit ihrer Harfe heraus. Dann fassten sie einander bei der Hand und gingen den Baumgang zurück bis an die Wiese. Dort schlug der junge König dreimal mit der Rute auf die Strasse und sagte: »Erde, wandle dich in Wasser!« und als der See alles wieder überflutet hatte, schleuderte er die Rute weit in das Gewässer hinein, dass sie niemand wieder finden konnte. Darauf ging er mit der Prinzessin auf einem Umwege vor die Stadt, wo ihrer der Bruder schon mit dem Schiffe harrte. Eins fix drei waren die beiden hinein gestiegen, und das Schiff fuhr los über Land und Sand, über Seen und Flüsse und über das wilde Meer, bis sie in die Stadt gelangten, wo der junge König Herrscher war. Dort stiegen sie aus, und weil der Bruder des Königs schon längst ein reiches Mädchen aus der Nachbarschaft gerne gehabt, feierten die beiden Brüder Verlobung und Hochzeit auf einen Tag und lebten glücklich und zufrieden lange Zeit, nur dass der Frau des Prinzen die junge Königin ein Dorn im Auge war; denn sie missgönnte ihr die Schönheit und die Macht. Jeden Morgen, wenn sie aufstanden, und jeden Abend, wenn sie zu Bette gingen, lag sie ihrem Mann in den Ohren: »Warum hat dein Bruder, der König, das Harfenmädchen genommen?« und das trieb sie so lange, bis der Prinz seine Schwägerin auch nicht mehr leiden konnte.
Nun besass der türkische Sultan in seinem Zimmer dasselbe Bild, wie der Vater des jungen Königs. Da vernahm er durch seine Kundschafter, dass die Prinzessin, welche unter dem Wasser verborgen war, geraubt sei. Darüber ergrimmte er sehr, und er rüstete seine Schiffe aus und kreuzte auf allen Meeren, ob er nicht die Prinzessin in seine Gewalt bekommen könnte. Während er gerade mit seinen Mannwaren (Kriegsschiffen) vor dem Hafen der Stadt des jungen Königs auf der Lauer lag, unternahmen die beiden Prinzen eine Lustfahrt auf ihrem wunderbaren Schiffe, das auf dem Lande so gut wie auf dem Wasser fuhr. Sie stachen damit in See; doch als sie ein paar Meilen gefahren waren, fielen des Sultans Mannware über das kleine Fahrzeug her, und es wurde überwältigt und mit dem König und seinem Bruder in die Türkei gesandt. Dort kam das Schiff in des Sultans Schatzkammer, die beiden Prinzen aber wurden zu Sklaven gemacht und mussten die härtesten Arbeiten verrichten.
Inzwischen wartete die junge Königin vergeblich darauf, dass ihr Mann von der Lustfahrt heimkehre. Sie lauerte einen Tag und noch einen; als aber auch am dritten Tage das Schifflein nicht einlaufen wollte, zog sie sich Pilgerkleider an, nahm ihre Harfe in die Hand und wanderte in die weite Welt hinaus, um ihren Mann zu [171] suchen. Als sie am Strande war, wurde sie von des Sultans Leuten erblickt; die fielen über sie her, und so sehr sie sich auch sträubte, sie wurde in das Boot geschleppt und an des Sultans Schiff gerudert. In ihrer Not ergriff sie die Harfe, schlug die Saiten und sang dazu:
»Was fehlet dir mein Herz, dass du so in mir schlägst?
Was ist es, dass du dich so heftig in mir regst?
Warum bewegst du dich mit solcher starken Macht?
Und wie entziehst du mir den süssen Schlaf bei Nacht?
Ich weiss die Ursach wohl, darf selber mich nur fragen,
Der Himmel hat jetzt Lust, mein Herze so zu plagen.
Es schlagen über mir die Unglückswellen her,
Ich schwebe voller Angst auf einem wilden Meer.«
Der Sultan hatte den Gesang vernommen, und es war ihm, als habe er einen Engel gehört, so schön hatte der Pilger gesungen. »Fürchte dich nicht, mein Sohn,« sprach er deshalb zu dem Pilger, »wer so schön singen kann, dem thu' ich nichts zu leide. Jetzt aber nimm deine Harfe und singe noch ein Lied!« Da schlug der Pilger wiederum die Saiten, dass es tönte, und sang dazu:
»In einen Trauersaal hat sich mein Herz verhüllet,
Mein ganzer Lebensgeist mit Unruh ist erfüllet;
Ich kenne mich fast nicht, ich lebe ohne Ruh,
Das Glücke ist mir feind, kehrt mir den Rücken zu.«
Dem Sultan liefen die Thränen in seinen Türkenbart, und er sprach: »Lieber Pilger, das Glück ist dir nicht feind, du sollst es bei mir finden. Komm mit mir, dass ich mit dir heimkehre in mein Reich, da sollst du mein liebster Geselle sein und sollst um mich bleiben den ganzen Tag. Was du willst, das soll geschehen; wenn du befiehlst, so muss dir ein jeder gehorchen; das alles sollst du haben, wenn du mir jeden Tag auf deiner Harfe vorspielst und mich mit deinem Gesange erfreust.« Damit war der Pilger einverstanden, denn er dachte, bei dem Türken seinen Mann wieder zu finden, und so war es auch.
Als der Pilger eines Tages in des Sultans Garten lustwandelte, sah er plötzlich den jungen König und seinen Bruder nackend im Pfluge gehen, und ein Knecht trieb sie an zu der harten Arbeit und schlug sie mit der Peitsche, dass ihr rotes Blut zur Erde troff. Darüber wollte dem Pilger schier das Herz brechen, und er rührte seine Harfe und sang:
»Ich war vor kurzer Zeit in einem schönen Garten,
Darin erblickte ich viel Blumen mancher Arten,
Und unter ihnen sah ich eine Rose blühn,
Nichts mehr verlangte ich, als sie zu mir zu ziehn.
Du edle Rose, die du unter Dornen sitzest,
Und wenn du mir auchmein ganzes Herz zerritzest,
gleich
So trag' aus Liebe ich für dich die Wunden gern,
Du aber gönne mir dein Angesicht von fern.«
Aber die beiden Prinzen achteten nicht auf den Gesang; das Joch war zu schwer, und sie fürchteten neue Streiche. Der Pilger jedoch [172] wollte sich nicht zu erkennen geben, damit er nicht verraten würde, und ging aus dem Garten hinaus. An der Pforte sah er noch einmal zurück und sang zum Harfenspiel:
»Jetzt muss ich ganz betrübt aus diesem Garten gehen,
Und niemand fraget mich, wer mich wird traurig sehen.
Wer meinen Zustand weiss, der spottet meiner nicht,
Sonst wollte wünschen ich, das ihm wie mir geschicht.«
Darauf kehrte sie in das Schloss zurück.
Über eine Zeit begab es sich, dass der Sultan seinen Geburtstag feiern sollte. Da hatte er die Gewohnheit, demjenigen, der ihm zuerst seine Glückwünsche darbrachte, einen Wunsch zu erfüllen, welchen er sagte. Das wusste jedermann im Reiche, und jeder Türke suchte an dem Morgen des Geburtstages zuerst den Sultan zu treffen, damit er ihm seinen Herzenswunsch erfülle. Diesmal waren sie aber allesamt übel beraten, denn der Pilger schlief in dem Zimmer vor des Sultans Schlafgemach. Darum war er auch, als der Sultan an dem Geburtstagsmorgen kaum den Kopf aus der Kammer heraus gesteckt hatte, der erste, welcher ihm langes Leben und Glück und Segen im neuen Jahre wünschte. Der Sultan freute sich darüber und hiess den Pilger einen Wunsch sprechen, welchen er wolle; er würde ihm erfüllt werden, so wahr er ein Türke sei. Sprach der Pilger schnell: »Herr Sultan, so bitte ich, dass die beiden Prinzen, welche unten im Garten nackt im Pfluge gehen müssen, als Eure Diener ins Schloss kommen und gehalten werden, wie vornehmer Leute Kinder.« – »Mein Sohn,« sagte der Sultan hitzig, »du hast die Bitte gesprochen, und ich muss sie gewähren. Aber lieber hätte ich mein halbes Kaiserreich verschenkt, als diese Bluthunde in mein Schloss zu nehmen!« Daran war jedoch nun nichts mehr zu ändern, die beiden Prinzen kamen als Diener in das Schloss und freuten sich, dem harten Sklavenleben entronnen zu sein. Der Pilger aber stieg trotz dieser Bitte um seines schönen Gesanges willen immer höher in des Sultans Gunst, so dass er ihn zum Obersten setzte im ganzen Türkenlande.
Eines Tages ging der Sultan auf Reisen. Da liess der Pilger die beiden Prinzen vor sich rufen und sprach zu ihnen: »Ich will euch die Freiheit schenken. Hier ist der Schlüssel zur Schatzkammer! Kommt mit mir, dass ich euch das Schiff gebe, welches zu Lande so gut fährt, wie zu Wasser!« Da fielen die Prinzen dem Pilger zu Füssen, denn sie erkannten ihn nicht; er aber hob sie auf und ging mit ihnen zur Schatzkammer und gab ihnen das Schiff. Dahinein setzten sie sich, und nachdem sie sich noch einmal bedankt und versprochen hatten, ihm seine Barmherzigkeit niemals zu vergessen, spannten sie die Segel aus und fuhren ohne Ruh und Rast über Land und Sand, über Flüsse und Seen und über das wilde Meer, bis sie in ihr Königreich gelangten. Dort herrschte grosse Freude über ihre Ankunft, und es wurde ein prächtiges Fest gefeiert. »Wo ist meine Frau?« fragte der junge König. »Wo mag sie sein!« antwortete die gottlose Schwägerin; »Kaum wart ihr drei Tage fort, so litt sie es [173] auf dem Schlosse nicht mehr. Sie nahm ihre Harfe unter den Arm und ging damit zum Strande hinab. Von dort ist sie in die weite Welt gezogen und spielt mit anderen Harfenleuten auf bei Hochzeiten und auf Jahrmärkten. Warum nahmst du dir aber auch ein Harfenmädchen? Die ist nicht umsonst von ihrem Vater unter den tiefen See verwünscht worden!« Die Worte gingen dem jungen König wie ein Stich durch's Herz; denn er glaubte dem bösen Weibe, und dabei hatte er die Prinzessin so lieb gehabt, ach so lieb, und nun musste sie ihn so betrügen. Und er schwur bei sich, er wolle sie auf einem Holzstoss verbrennen lassen, käme sie wieder in seine Hände.
Inzwischen hatte der Pilger nicht gewartet, bis der Sultan von seiner Reise zurückkam, sondern war heimlich aus dem Schlosse gewichen und wanderte nun mit seiner Harfe dem Reiche des jungen Königs zu. Unterwegs nahm ihn ein Schiffersmann mitleidig auf, weil er so schön spielen konnte, und da dauerte es denn gar nicht lange, bis das Schiff in dem Hafen der Stadt, wo der junge König herrschte, vor Anker ging. Freudig stieg die Prinzessin an das Land und besorgte sich in einem Kaufladen schöne Kleider; dann zog sie das Pilgerkleid aus, legte es zu der Harfe in den Kasten und gab ihn dem Kaufmann zum Aufbewahren, sie selbst eilte auf das Schloss in des Königs Zimmer und wollte ihm um den Hals fallen. Der hatte aber seine Frau kaum erkannt, so stiess er sie mit dem Fusse von sich, dass ihr die Sinne schwanden und sie ohnmächtig zur Erde sank. Und als sie wieder erwachte, lag sie in einem kalten, schmutzigen Kerker, den nicht Sonne noch Mond beschien. Drei Tage sass sie darin, dann wurde sie auf den Richtplatz geführt, wo ihr der König das Urteil sprach, dass sie als Landstreicherin und Hexe auf dem Holzstoss verbrannt werden sollte; ihr Verbrechen war ja auch gar zu gross. Die Schwägerin lachte und freute sich, denn nun wurde sie die Königin im Lande; die Prinzessin aber weinte und bat ihren Mann, ob er ihr nicht, wie jedem Verbrecher, eine letzte Bitte gewähren wolle. Das mochte ihr der König nicht versagen, und da bat sie, dass sie zu dem Kaufmann gehen und ihre Harfe holen und noch ein letztes Stück darauf spielen dürfe. Der Henker musste sie darauf zu dem Kaufmann begleiten; doch als er mit ihr zurückkam, trauten der König und sein Bruder ihren Augen nicht. Das war keine Prinzessin mehr, sondern der Pilger, welcher sie aus der Sklaverei erlöst hatte. Der aber schlug die Harfe und sang:
»Kennst du den Pilger nicht,dass du ihn so verstössest,
Der viel gewagt an dich,dass du nun bist erlöset,
Vom Sklaven frei gemacht,gebracht in vor'gen Stand?
Ist das für meine Müh,die ich an dich gewandt?
Ach hätt' ich meinen Fussdir nicht so nah gesetzet,
So hätt' der Dornenstichmein Herz nicht so zerritzet!
Mein abgekühnter Sinnhat mich dahin gebracht,
Dass ich bin so verwund'tund ganz und gar veracht't.
Leb' wohl, mein lieberthu dich doch recht besinnen,
Mann,
Gleichwie ich dich empfing.Wie mir die Thränen rinnen
Von meinen Wangen her,weil ich so liebte dich!
Der Sultan wundert sichnoch oftmals über mich.«
Während der Pilger diese Worte sang, konnten die beiden Prinzen ihre Thränen nicht verhalten, und als er mit dem Liede zu Ende gekommen war, fiel ihm der junge König zu Füssen und sang mit flehender Stimme:
»Jetzt bricht mein Herzwie hab' ich mich vergangen
entzwei,
An dir, du Seelenbild!Wie soll ich dich empfangen!
Auf meine matten Knie,da fall' ich nun vor dir
Und küsse deine Füss',mein Kind verzeihe mir!«
Und ob ihm die junge Königin verzieh? Sie hob ihn in die Höhe und zog ihn an ihr Herz, und es wurde Versöhnung gefeiert. Auch der Prinz war jetzt anderen Sinnes geworden; aber seine böse Frau, die mit ihren arglistigen Reden das ganze Unheil angerichtet hatte, ward zur Strafe auf den Holzstoss gesetzt. Und als sie oben war, goss man Teer und Pech darauf, und die Henkersknechte zündeten den Scheiterhaufen an; und so sehr das böse Weib schrie, die Flammen ergriffen sie, und ehe der Abend kam, war sie zu einem kleinen Häufchen weisser Asche geworden, welche der Wind in alle Welt zerstreute. Der junge König aber lebte mit seiner Frau und seinem Bruder glücklich und zufrieden sein Leben lang, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.
Es war einmal ein Kuhhirt, dem wurde vom lieben Gott grosse Freude beschert, denn die Bauern machten seinen einzigen Sohn zu ihrem Schweinehirten. Während der Vater die Rinder auf die Weide trieb, zog nun der Junge, das grosse Tuthorn auf dem Nacken, mit den Schweinen in den Wald, dass sie dort mit Eicheln und Bucheckern sich mästeten. Unweit des Waldessaumes lag ein Pfuhl, mit schwarzem, moorigem Grunde. Dahin richteten die Schweine des Mittags ihren Lauf, wenn die Sonne am höchsten stand, und gruben sich tief ein in den kühlen Schlamm; und der Junge war das wohl zufrieden, denn die Tiere waren faul und blieben Stunden lang in dem Moraste liegen, und er war auch faul und streckte sich in das weiche Moos und hing [175] seinen Gedanken nach, bis er einschlief. Eines Tages träumte ihm an dem Pfuhle, dass eine Stimme ihm zurief: »Mach dich auf und eile davon, denn du sollst noch einmal in Sibirien König werden!« – »Das ist ja ein sonderbarer Traum,« dachte er, als er erwachte; aber noch mehr verwunderte er sich, als am folgenden Tage wiederum die Stimme zu ihm im Traume sprach: »Mach dich auf und eile davon, denn du sollst noch einmal in Sibirien König werden!« – »Das hat etwas zu bedeuten,« sagte er bei sich, »du willst aber doch noch den dritten Tag abwarten.« Und richtig, auch den dritten Tag sprach die Stimme, während er abseits von der Herde im Moose lag und schlief, zu ihm im Traume: »Mach dich auf und eile davon, denn du sollst noch einmal in Sibirien König werden!« Da sprang der Junge auf und rief: »Was dreimal geträumt ist, muss wahr sein!« warf sein Tuthorn zu den Schweinen in den Teich und lief auf und davon.
Aber so sehr er auch lief, der Wald wollte kein Ende nehmen, und er musste seinen Hunger mit Waldbeeren und Wurzeln stillen und seinen Durst mit dem klaren Quellwasser löschen; und wenn er müde war, kletterte er auf einen Baum und band sich mit der Peitschenschnur an einem Aste fest, damit er nicht herunter fiele und die wilden, reissenden Tiere ihn fänden und frässen. Eines Nachts lag er wiederum hoch oben auf dem Ast eines Baumes und schaute in die Tiefe, da sah er, wie sich unter ihm der Wachholderbusch plötzlich ganz sachte, sachte in die Höhe hob und wie nach einander zwölf starke, wilde Kerle unter ihm hervortraten und dann zwischen den Bäumen verschwanden. Am andern Morgen, als die Sonne aufging, kehrten sie wieder zurück, zogen den Wachholderbusch in die Höhe, und einer nach dem andern verschwand in der Tiefe.
Der Junge hatte auf alles genau Obacht gegeben und war neugierig, was die da unten trieben; er hielt sich darum den Tag über in der Gegend auf und kletterte nach Sonnenuntergang auf denselben Baum, auf dem er die Nacht vorher zugebracht hatte. Es dauerte auch gar nicht lange, so hob sich der Wachholderbusch wieder in die Höhe, und die zwölf Kerle kamen heraus. Kaum waren sie im Waldesdunkel verschwunden, so kletterte der Junge rasch, wie eine Katze, den Stamm hinunter und eilte zu dem Wachholderbusch, hob ihn in die Höhe und siehe, da führte unter seinen Wurzeln eine Steintreppe in die Tiefe. Vorsichtig stieg er die steinernen Stufen hinunter, und als er unten war und eine Thüre geöffnet hatte, befand er sich in einem grossen, hell erleuchteten Saal. An den Wänden standen Ruhebetten, und in der Mitte war eine lange, reich mit Braten und Wein besetzte Tafel gedeckt. Darüber machte er sich her, und die leckeren Bissen mundeten ihm besser, als die Waldbeeren und harten Wurzeln. Kaum hatte er aber für den ersten Hunger genug, so vernahm er Tritte die Treppe herab, und voll Angst kroch er unter eins der Betten und schmiegte sich mit dem Körper hart an die Wand, dass ihn niemand entdecken möchte.
Indem öffneten die Kerle die Thüre, und der erste von ihnen, [176] der wohl ihr Hauptmann sein mochte, sprach zu den andern: »Das war ein schlechter Spass, dass man uns mitten im Handwerk störte; so hat wohl keiner etwas erwischen können.« – »O doch,« entgegnete einer, »ich habe hier ein Paar Stiefeln erbeutet, die wohl wert sind, gestohlen zu werden; denn wer sie anzieht, legt mit jedem Schritte nicht mehr und nicht minder als sieben Meilen zurück.« – »Das lob ich mir,« schmunzelte der Hauptmann, »das ist ja ein prächtiger Fang.« – »Ich gebe dem meinen den Vorzug,« fiel ihm ein anderer Räuber ins Wort, »ich habe diese Nacht einen Säbel erbeutet; wer den schwingt, richtet damit mehr aus, wie ein ganzes Regiment.« – »Und ich,« hub ein dritter an zu schreien, »kann doch das beste vorzeigen; ich habe einen Dreimaster gestohlen seltener Art. Wer den auf den Kopf setzt und dreht ihn auf die eine Kante, so krachen drei Kanonenschüsse; dreht er ihn auf die zweite Kante, so blitzen ihrer sechs, und dreht er ihn endlich auf die dritte Kante, so fallen gar neun Schüsse. Und was das Wunderbarste ist, keiner der Schüsse verfehlt je sein Ziel.« – »Wer will uns denn von nun an etwas anhaben!« rief der Hauptmann erfreut; »Die Nacht lobe ich mir, das war eine gesegnete Nacht!« Darauf setzten sie sich nieder und assen und tranken, und als sie müde geworden waren, legten sie sich nieder und schliefen bald ein und schnarchten, dass die Wände zitterten.
Darauf hatte der Junge gewartet. Ganz leise kroch er unter seinem Bette hervor, und schnell, wie der Wind, hatte er Stiefeln, Säbel und Dreimaster ergriffen; dann schlich er geräuschlos die Treppe herauf, hob den Wachholderbusch in die Höhe und stand draussen im Walde. Dort zog er die Stiefeln über die Füsse, schnallte den Säbel um und setzte den Dreimaster auf den Kopf, und nun schritt er aus, und ihr könnt euch denken, wie viele hundert Stunden er zurückgelegt hat mit seinen Siebenmeilenstiefeln, als er am andern Morgen endlich halt machte. Er befand sich gerade dicht vor einer grossen Stadt; darum zog er die Stiefel aus und fragte einen Bauer, der mit seinem Karren zu Markte zog, wo er denn wäre und wie die Stadt hiesse. »Hier ist das grosse Königreich Sibirien, und diese Stadt ist die Hauptstadt davon,« antwortete der Mann und zog seiner Strasse. Der Junge war über diese Rede von ganzem Herzen froh, und da er nichts Besseres zu thun wusste, so ging er auf das königliche Schloss und fragte dort an, ob er nicht in das Heer des Königs eintreten könnte. Da er schlank und schier gewachsen war, so willfahrte ihm der König gern und steckte ihn unter das Fussvolk; doch da wollte es ihm nimmer gefallen, und weil er es so wünschte, ward er unter die Reiter versetzt und diente dort einige Jahre.
Eines Tages nun sagte der Nachbarkönig dem König von Sibirien den Krieg an, und die beiden Heere rückten gegen einander. Der feindliche König befehligte aber weit mehr Soldaten, als der König von Sibirien, und so kam es, dass das Heer des letzteren sich allgemach zur Flucht wandte. Schon schien alles verloren, da riss dem Schweinehirten [177] die Geduld, ganz allein sprengte er vor und stellte sich dem Feinde entgegen; dann drehte er seinen Dreimaster, so schnell er konnte, nach allen Ecken und Enden herum, und: Krach! Krach! Krach! fielen Schüsse über Schüsse, und ein jeder Schuss traf seinen Mann. Die feindlichen Soldaten stutzten mitten in dem Siegeslauf; aber je länger sie stille standen, um so grösser wurde das Verderben. Da lösten sie sich endlich in wilder Flucht auf, und der Schweinehirt ritt hinter ihnen drein mit seinem wundersamen Säbel, und wo er hin zielte, da flogen Köpfe rechts und Köpfe links und rollten in den Sand. Da sah der feindliche König ein, dass alles verloren war, und er bat um Gnade, und der Schweinehirt gewährte ihm dieselbe auch unter der Bedingung, dass er fortan dem König von Sibirien unterthan werde.
Als der Krieg zu Ende war, ritt der König von Sibirien vor allen Soldaten auf den Schweinehirten zu und ernannte ihn zu seinem Feldmarschall, weil er allein den Sieg errungen hatte; dann fragte er ihn, ob er seine Tochter heiraten und sein Schwiegersohn werden wolle. Das war dem Schweinehirten schon recht, und es wurde eine prächtige Hochzeit gefeiert; und als der alte König nach einigen Jahren starb, folgte der Schweinehirt ihm auf dem Throne nach und ward Herrscher von ganz Sibirien.
Nun war die junge Königin, ehe sie den Schweinehirten geheiratet, mit einem General verlobt gewesen, und sie liebte ihn noch immer und hatte mit ihm Umgang, obgleich sie mit einem andern in die Ehe getreten war. Eines Tages, als der junge König gerade abwesend war, ging der General wieder zur Königin und fragte dieselbe, worin denn eigentlich ihres Mannes Kraft läge, da er doch nicht anders aussähe, wie sonst die Menschenkinder. »Seine grosse Kraft liegt in seinem Säbel, in dem Dreimaster und in den Siebenmeilenstiefeln,« entgegnete die Königin. »Hat er die mitgenommen?« fragte der General weiter. »Das hat er nicht gethan,« erwiderte die Königin, »die Wunschdinge liegen oben auf dem Spind in der Schlafkammer.« Da rieb sich der böse General vor Freuden die Hände, ging mit der Königin in die Schlafkammer und fand auch wirklich dort den Säbel, den Dreimaster und die Stiefel auf dem Spinde liegen. Schnell schnallte er den Säbel um und stülpte den Wunschhut auf den Kopf, dann ging er zum Schlosse heraus dem jungen König entgegen.
Als er den König traf, schritt er auf ihn zu und schrie ihn an: »Warum hast du mir meine Braut geraubt?« Der König dachte anfangs, der General wäre von Sinnen; als derselbe aber nicht nachliess, zu schimpfen und zu schelten, erkannte er wohl, wie alles gekommen sei; zudem sah er den Dreimaster auf des Generals Haupte und den Säbel an seiner Seite. »Die Macht ist jetzt bei dir,« antwortete er darum, »und wenn ich dich um etwas bitten darf, so bitte ich dich, dass du mir das Leben schenkst und mir erlaubst, aus dem Lande zu gehen.« Damit war der General einverstanden, und der [178] junge König verliess das Land, das er vor kurzer Zeit aus der Kriegsgefahr errettet hatte.
Während die falsche Königin mit dem schlechten General Hochzeit feierte und vergnügt und guter Dinge lebte, wanderte der rechtmässige König einsam im Walde umher und musste sich, wie damals, von Waldbeeren und wilden Wurzeln nähren. Am Abend des dritten Tages stiess er, zum Tode matt, auf einen umgefallenen Fichtenbaum. »In dessen Zopf wirst du dich legen, da schläfst du weich, und die wilden Tiere finden dich nicht,« dachte er bei sich. Gedacht, gethan, er legte sich nieder und wollte eben einschlafen, da rief eine Stimme: »Joseph, Joseph!« so hiess nämlich der Schweinehirt. Der junge König schaute sich nach allen Seiten um, doch da er niemand erblickte, dachte er: »Du hast dich getäuscht!« und schloss wieder die Augen. Da rief es zum zweiten Male mit lauter, heller Stimme: »Joseph, Joseph!« Er schaute nach rechts und nach links, nach oben und nach unten, aber auch diesmal konnte er nichts erblicken und überliess sich wieder dem Schlafe. Ehe er aber fest eingeschlafen war, rief es zum dritten Male ganz laut und deutlich: »Joseph, Joseph!« Jetzt war ihm kein Zweifel mehr, er sprang auf und untersuchte den ganzen Baum, und siehe, da hatte sich um den Stamm eine allmächtig grosse Schlange gewickelt, die war's gewesen, die ihn dreimal beim Namen gerufen.
»Was liegt da unten zu deinen Füssen?« fragte die Schlange. »Eine Pferdedecke,« gab der König zur Antwort. »Nun, dann nimm sie und wirf sie um dich!« versetzte die Schlange; und kaum hatte der junge König dem Befehle gehorcht, so verwandelte er sich auch allsogleich in einen herrlichen Schimmel, wie man ihn sich schöner nicht denken konnte, und im Maule trug er einen kostbaren Zaum. »Fürchte dich nicht,« sprach jetzt die Schlange, »was ich dir geraten habe, habe ich dir zu deinem Wohle geraten! Nun sprenge davon in das nächste Dorf und lass dich von einem Bauer greifen; dann bitte ihn, dass er dich auf den Pferdemarkt bringt und zehntausend Thaler für dich verlangt. Kein anderer als der General wird das geben, und in deiner Macht steht es dann, dich an deinem Feinde zu rächen. Sorge aber dafür, dass der Bauer den Zaum nicht mitverkauft, sonst bist du verloren.« Als der Schimmel das hörte, wieherte er vor Freuden hell auf und lief in das nächste Dorf. Kaum hatten die Bauern das schöne Tier gesehen, so jagten sie allesamt hinter ihm drein, aber keiner vermochte den Schimmel zu fangen. Endlich lief er dem einen Bauer freiwillig entgegen und sprach zu ihm: »Erschrick nicht, dass ich reden kann, wie ein Mensch; ich will mich dir zu Eigen geben, unter der Bedingung, dass du mich morgen zu Markte bringst und für zehntausend Thaler ausbietest. Sollte mich jemand kaufen wollen, so darfst du aber ja nicht den Zaum mit verkaufen, sondern den musst du für dich behalten.« Der Bauer war damit einverstanden und versprach dem Schimmel, dass er ihn für zehntausend Thaler ausbieten wolle und dass er den Zaum nicht mit verkaufen würde.
[179] Am andern Morgen stand der Bauer mit dem Schimmel auf dem Markt, und als die Juden ihn sahen, kamen sie sogleich herbeigelaufen und boten ihm 5000 Thaler für das herrliche Tier. »Dafür ist er mir nicht feil,« antwortete der Bauer, »der Schimmel kostet 10000 Thaler, und da wird kein Pfennig abgelassen.« Da wurden die Juden traurig und traten zurück, denn so viel Geld mochten sie nicht an das eine Tier wagen. Indem kam der General mit zwei Dienern über den Markt gegangen, erblickte den Schimmel und fragte nach seinem Preis. Als er gehört hatte, was das Pferd kosten sollte, dünkte ihn die Summe nicht zu hoch. »Der Kauf ist gemacht, Bauer,« sagte er, »der eine Diener mag dir das Geld vom Schlosse holen, derweile der andere das Tier in den Stall führt.« Da dachte der Bauer an die Worte, die der Schimmel zu ihm gesprochen, und sagte: »Herr, der Schimmel ist Euer, aber der Zaum ist mein!« – »Er Schelmenbauer,« antwortete der General, »der Zaum gehört zum Pferde. Da er aber nicht anders will, so werde ich ihm für den Zaum noch 100 Thaler obendrein geben.« Das Geld that es dem Manne an, und er willigte ein, und der Schimmel wurde von dem Diener mit samt dem Zaume in den königlichen Marstall geführt.
Als der General zu Hause war, sprach er zu der jungen Königin: »Heute habe ich einen guten Handel gemacht; ich habe einen Schimmel gekauft, wie es keinen schöneren auf der ganzen Welt giebt.« Da ward die Königin neugierig und ging mit dem General in den Stall; doch kaum hatte sie den Schimmel erblickt, so rief sie aus: »Das ist ja mein Mann! Lass schnell Bäume umhauen und einen Scheiterhaufen errichten, und morgen muss der Henker kommen und den Schimmel tot stechen und ihn auf dem Scheiterhaufen zu Asche verbrennen!« Der General erschrak über die Reden seiner Frau und gab den Befehl, dass man ihren Worten gehorche.
So stand nun der schöne Schimmel mit gesenktem Haupte vor der silbernen Krippe und sah traurig vor sich hin. Da öffnete sich die Stallthüre, und die Kindsmagd, welche des Königs kleinen Sohn, den ihm die falsche Königin geboren, zu pflegen hatte, trat mit demselben herein, um das prächtige Pferd zu beschauen. »Mein Kind,« sagte darauf der Schimmel, »fürchte dich nicht, ich bin dein Herr und Gebieter. Willst du mir helfen, so nimm morgen, wenn der Henker mich vor dem Scheiterhaufen ersticht, ein Spänlein Holz und tunke es in mein Blut. Bis auf den Abend musst du es bei dir tragen und nach Sonnenuntergang über die Mauer in den Garten werfen; es wird dein Glück sein.« Die Kindsmagd versprach dem Schimmel zu thun, was er ihr gesagt hatte, und fand sich auch richtig am andern Morgen vor dem Scheiterhaufen ein. Als der Henker den Schimmel erstach, steckte sie unvermerkt ein Spänlein in das rieselnde Blut und behielt es bei sich bis auf den Abend; dann warf sie es über die Mauer in den Garten. Der Henker aber legte den Leichnam des Pferdes auf den Scheiterhaufen, goss Teer auf das Holz und zündete es an; und [180] der ganze Stoss brannte nieder, und es blieb nichts übrig, als ein Häufchen weisser Asche.
Am andern Morgen stiess der General, als er erwachte, die Königin in die Seiten und rief: »Frau, steh geschwind auf, in unserm Garten ist über Nacht ein herrlicher Birnbaum mit goldenen Blättern und goldenen Früchten gewachsen!« – »Wo?« rief die Königin und sprang aus dem Bette, um das Wunder zu schauen; als sie aber den Birnbaum erblickte, sprach sie: »Das ist kein Birnbaum, das ist ja mein Mann! Der Baum muss auf der Stelle abgehauen und zu Asche verbrannt werden.« Dem General kam das sauer an, denn der schöne Baum gefiel ihm über die Massen, aber er wagte es nicht, der Königin zu widersprechen; darum zog er sich an und befahl Arbeitern, den Baum umzuhauen und zu Asche zu verbrennen.
Die Kindsmagd hatte auch von dem schönen Birnbaum mit den goldenen Blättern und Früchten gehört; darum lief sie mit dem jungen Prinzen in den Garten, um ihn anzusehen. Kaum war sie an den Baum getreten, so regte und bewegte es sich in den Zweigen, und eine Stimme sprach zu ihr: »Fürchte dich nicht, mein Kind, ich bin dein Herr und König; wenn die Arbeiter kommen und mich umhauen, so gieb gut acht und nimm ein Zweiglein oder ein Splitterchen von meinem Holze und verwahre es gut, und nach Sonnenuntergang wirf es in den Teich; es wird dein Glück sein.« Das Mädchen versprach dem Baum, dass es gehorchen wolle; und als die Arbeiter kamen und den goldenen Baum fällten, raffte sie flink ein Zweiglein auf und steckte es zu sich und behielt es bei sich bis auf den Abend. Dann warf sie es in den Schlossteich. Die Arbeiter aber spalteten den goldenen Baum in kleine Stücke, schichteten sie hoch auf zu einem grossen Haufen und zündeten ihn an, und als er niedergebrannt war, blieb nichts übrig, als ein Häufchen weisser Asche.
Am andern Morgen lustwandelte der General in dem Schlossgarten, und wie er an den Teich kam, sah er auf dem Wasser einen Erpel schwimmen, der hatte Federn von lauterem Golde, die glänzten so schön, dass es eine Lust war, den Vogel zu schauen. »Den Erpel musst du haben, es koste, was es will!« sprach er bei sich; dann zog er Semmelkrumen aus der Tasche und warf sie dem schönen Tiere zu. Doch der goldene Erpel war schlau, schnappte wohl dann und wann ein Bröcklein auf, kam aber niemals so nahe, dass der General ihn erwischen konnte. Da dachte der General: »Hier sieht dich niemand, und den Vogel musst du haben,« und dann schnallte er den wundersamen Säbel ab, that seine Kleider von sich und legte den Dreimaster auf den Rasen und watete in das Wasser. Der Erpel schwamm dicht vor ihm her und lockte ihn immer tiefer in den Teich hinein; plötzlich schwang er sich in die Luft, und ehe der General es sich versah, liess er sich an dem Teichrand nieder, und wer war es da? Der junge König, wie er leibte und lebte!
»Du schlechter Gesell,« rief er dem General entge gen, nachdem [181] er sich den Wunderhut aufgesetzt und den Säbel umgeschnallt hatte, »willst du jetzt heraus kommen, oder soll ich dich im Wasser erschiessen?« – »Ich werde heraus kommen,« antwortete der General trotzig und watete wirklich aus dem Wasser heraus; und als er vor dem König stand, zuckte dieser den Säbel, und sogleich rollte sein Haupt in den grünen Rasen. Nachdem der schlechte General getötet war, ging der König hinauf aufs Schloss und fragte seine Frau, warum sie sich so schändlich an ihm vergangen habe. Und da sie sich nicht verantworten konnte, so liess er den Henker kommen und befahl ihm, dass er die falsche Königin mit vier Ochsen auseinander triebe. Die brave Kindsmagd aber wurde an ihrer Statt von dem König zu seiner Gemahlin erhoben, und sie lebten lange Jahre zusammen in Glück und in Frieden; und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.
Es war einmal ein reicher Seemann, der war alt und bequem geworden; darum mochte er keine Reisen mehr machen. Er übergab deshalb seine beiden Schiffe seinem einzigen Sohne und seinem Tochtermanne und zahlte ihnen Geld obendrein, dass sie in fremden Ländern Handel trieben. Das liessen sich die beiden nicht zweimal sagen, sie kauften Weizen auf, der damals im Lande sehr wohlfeil war, beluden ihre Schiffe damit und stachen in See, um die Ladung zum Türken zu bringen, bei dem die teure Zeit herrschte.
Sie mochten wohl ein acht oder vierzehn Tage gefahren sein, da wurde des Sohnes Fahrzeug auf hoher See leck, und die Mannschaften mussten pumpen und pumpen, dass sie das Schiff über Wasser hielten. »Komm, hilf mir!« rief er seinem Schwager mit dem Sprachrohr zu, der aber schrie zurück: »Warum hast du nicht besser nachgesehen, als du den Hafen verliessest! Hilf dir selbst, ich mag um deinetwillen nicht Schaden leiden!« So blieb ihm nichts weiter übrig, als einen Nothafen anzulaufen, indes sein Schwager auf und davon fuhr.
Während das Schiff in dem Nothafen gelöscht, aufgeschleppt und ausgebessert wurde, ging der Schiffer in das Land hinein, um die Gegend zu beschauen. Als er nun vor dem Stadtthore war, sah er einen Mann am Galgen hängen, dem hackten die Raben ins Angesicht. »Was ist denn das,« sprach er zu den Umstehenden, »lasst ihr die Diebe am Galgen hängen, bis sie verfaulen?« – »Das thun wir sonst nicht,« antworteten die Leute, »aber dieser Schelm mag hängen, bis[182] ihm die Vögel das Fleisch vom Leibe gehackt haben. Er hat ja keinen roten Heller hinterlassen, dass man ihm dafür ein anständiges Begräbnis verschaffen könnte. Und wer soll überdies den Henker bezahlen, dass er ihn herunternimmt.« Der arme Sünder that dem Schiffer in der Seele leid, und er ging zum Scharfrichter und drückte ihm ein paar Thaler in die Hand, dass er den Mann vom Galgen nähme. Darauf liess er von seinen Leuten einen Sarg zimmern, that dem Leichnam von seinen schönen Kleidern an und legte ihn in den Totenschrein. Zwei von den Schiffsleuten gruben sodann ein tiefes Grab, vier andere trugen den Sarg auf einer Bahre zur Grube und senkten ihn hinein; und nachdem der Schiffer ein paar Worte aus der Schrift gelesen und die Schiffsleute ein Lied aus dem Gesangbuch gesungen hatten, schütteten sie die Gruft wieder zu und gingen zum Schiffe zurück.
Dort warteten sie noch einige Tage, dann waren die Zimmerleute mit ihrer Arbeit fertig, das Schiff wurde vom Stapel gelassen, der Weizen wieder eingeladen und die Weiterfahrt konnte beginnen. Sie hatten guten Segelwind, aber so schnell sie auch fuhren, als sie den halben Weg zum Türken zurückgelegt hatten, kam das andere Schiff schon wieder von der Reise zurück. »So ist's recht,« rief der Tochtermann seinem Schwager zu, »halt dich nur immer dazu, dann wirst du es schon zu etwas bringen!« – »Bleib du für dich, wie ich für mich!« gab ihm der andere zurück. Da antwortete der Tochtermann: »Warte nur, ich werde es dem Vater erzählen, was du für ein Schelm bist und wie du sein Hab und Gut vergeudest.« Die letzten Worte hörte aber der andere gar nicht mehr, der Wind hatte sie schon zu weit aus einander getrieben, und der gute Fahrwind hielt auch an, dass er nach kurzer Zeit bei dem Türken vor Anker gehen konnte. Als der Schiffer ausstieg, traf er gerade den Sultan am Strand, der ausschaute, ob nicht bald wieder ein Schiff mit Lebensmitteln erscheine, denn die Hungersnot ward von Tag zu Tag grösser. »Was hast du geladen?« rief der Sultan. »Weizen,« antwortete der Schiffer. »Dann verkaufe mir die ganze Ladung!« sprach der Sultan; »Was willst du dafür haben?« Und als der Schiffer sich lange besann, sagte er hastig: »Ich werde dein Schiff statt des Weizens mit Seidenzeug beladen und dir dazu noch zwei andere Fahrzeuge mit Seidenzeug geben, und ausserdem sollst du einen Wunsch frei haben, den ich dir erfüllen kann.« Das war der Schiffer zufrieden, das Schiff wurde gelöscht, und statt des Weizens erhielt er sein eigenes Schiff und noch zwei andere obendrein mit Seidenzeug beladen; doch den Wunsch sprach er dem Sultan nicht aus, denn er wusste nicht, was er sich wünschen sollte. »Schadet nichts,« sagte der Sultan, »und wenn er dir später einfällt, er soll dir dennoch erfüllt werden.« Darauf gab er dem Schiffer die Hand, und dieser ging auf sein Schiff zurück und steuerte der Heimat zu.
Er mochte wohl eine Meile gefahren sein, da sah er einen Turm im Meere, aus dem schauten drei Jungfrauen heraus, die weinten und rangen [183] die Hände. »Ach, komm und nimm uns auf!« riefen sie aus einem Munde. Da liess er beilegen, um ihnen zu helfen; aber der Turm war verschlossen. »Wo ist denn der Schlüssel?« rief er hinauf. »Den hat der Sultan,« antworteten die Jungfrauen. Da erinnerte sich der Schiffer, dass er noch einen Wunsch frei habe, und er kehrte zum Türken zurück und bat den Sultan, dass er ihm den Schlüssel zum Turm im Meere geben möchte. »Das ist hart! Lieber schenkte ich dir mein halbes Königreich;« antwortete der Sultan, »aber ich hab' es nun einmal versprochen, und was ich versprochen habe, das muss ich halten.« Damit zog er den Schlüssel aus der Tasche und gab ihn dem Kapitän. Der eilte damit frohen Mutes auf das Schiff zurück, die Anker wurden gelichtet, und es dauerte nicht lange, so lagen sie vor dem Turme und hatten die drei Jungfrauen gerettet. Als sie an Deck gebracht waren, sprang eine nach der andern dem Schiffer um den Hals und rief: »Du hast mich gerettet, du sollst auch mein Mann werden!« – »Kinder,« versetzte der Kapitän, »das ist recht schön, und ihr gefallt mir auch alle drei von Herzen; doch eine kann ich nur nehmen.« Und damit keine sich gekränkt fühle, nahm er die Älteste zur Frau; denn der stand es ja zu, dass sie zuerst einen Mann bekam. Das Schiff fuhr inzwischen mit gutem Winde der Heimat zu, und als ein paar Wochen vergangen waren, hatten sie den Hafen in Sicht.
Dem Schiffer brannte das Herz, seinen alten Vater wieder zu sehen; denn es war seine erste Reise gewesen. Er nahm darum seine Frau und seiner Frauen Schwestern bei der Hand, liess sich anlanden und eilte dann so schnell, wie möglich, seines Vaters Hause zu. Dem hatte aber der Tochtermann in den Ohren gelegen, dass sein Sohn ein leichtsinniger Mensch sei, der ihn bald um Hab und Gut bringen würde; und als er ihn nun mit den drei Frauen herbei kommen sah, dachte er, es wäre liederliches Gesindel, und rief zornig: »Giebt's denn bei uns nicht Dirnen genug, dass du dir drei von dem Türken mitbringen musstest! Hüte dich, dass du mein Haus je wieder betrittst, sonst lasse ich dich mit den Hunden vom Hofe hetzen.« Als der Schiffer diese Worte hörte, ward er sehr traurig, aber er mochte seinem Vater nicht widersprechen; darum kehrte er zum Hafen zurück und liess durch die Makler seine drei Schiffe versteigern. Von dem Gelde, was daraus gelöst ward, kaufte er sich ein schönes, grosses Haus. Dahinein wurde die Seide gebracht, und aus dem Schiffer ward ein reicher Kaufherr; denn drei Schiffsladungen Seidenzeug, das will etwas sagen!
So lebte er mit seiner Frau und den beiden Schwägerinnen in Glück und Freude ein ganzes Jahr; da sprach eines Tages seine Frau zu ihm: »Männchen, was meinst du, würdest du noch einmal ein Schiff ausrüsten?« – »Liebes Kind,« antwortete er, »wozu soll ich noch Reisen machen, wir sind ohnehin reich genug.« – »Du sollst auch nicht reisen,« erwiderte seine Frau, »du sollst nur nach Engelland hinüber und dort an den König einen Brief abgeben.« – »Das ist etwas anderes,« versetzte der Mann, »das will ich gerne thun,« und sogleich [184] ging er in den Hafen und kaufte ein wunderschönes Schiff, wie sich das so für einen reichen Kaufmann gehört. Ehe er aber hinaufstieg, nahm ihn seine Frau noch einmal bei Seite und sprach zu ihm: »Hüte dich und nimm niemand mit dir von Engelland in die Heimat zurück, es ist dein und unser Verderben.« Das versprach ihr der Mann; darauf gaben ihm die drei Schwestern jede eine Fahne und sagten: »Wenn du eine Viertelmeile vor des Königs von Engelland Stadt bist, so heisst du die drei Flaggen zu gleicher Zeit auf die Masten.« – »Es soll alles geschehen,« erwiderte er, gab seiner Frau und den beiden Schwägerinnen einen Kuss und stieg auf das Schiff, die Anker wurden gelichtet, und er fuhr davon.
Eine Viertelmeile vor des Königs von Engelland Stadt heisste er, wie ihm seine Frau und die beiden Schwägerinnen gesagt hatten, die drei Flaggen zu gleicher Zeit. Sobald sie aber oben waren und lustig in der Luft flatterten, schossen die Bürger der Stadt mit Kanonen nach dem Schiffe. Das hörte der alte König in seinem Schlosse und schaute zum Fenster hinaus. »Was ist denn das?« rief er seinen Leuten zu, »Hat euch der Wind Sand in die Augen geweht? Seht ihr nicht, dass es ein engelländisch Schiff ist, das in den Hafen will?« – »Es heisste alle drei Flaggen zu gleicher Zeit, wie ein Kriegsschiff,« antworteten die Leute; aber der König hörte nicht auf sie, stieg in ein Boot und liess sich zu dem Schiffe rudern. »Wo ist der Schiffsführer?« rief er, als er auf dem Verdecke stand; »Ich bin der König von Engelland!« – »Wenn Ihr der König von Engelland seid,« antwortete der Schiffer, »so habe ich einen Brief an Euch.« Damit gab er ihm das Schreiben. Der König erbrach es, und nachdem er es gelesen hatte, drückte er dem Schiffer die Hand und sprach: »Du bist also mein Schwiegersohn!« – »Dass ich nicht wüsste,« versetzte der Schiffer. »Das weisst du nicht,« lachte der König, »und hast meine älteste Tochter Jahr und Tag zur Frau und fährst unter ihrer und ihrer beiden Schwestern Flagge?« Da schaute der Kapitän zum Hauptmast hinauf, und richtig, da war seiner Frauen Name in die Flagge gestickt, und die beiden andern trugen die Namen seiner Schwägerinnen. Nun war aber die Freude gross, der Schiffer musste mit dem König auf das Schloss, und dort wurde ein herrliches Mahl gehalten.
Als auch der folgende Tag vergangen war, sagte der Schiffer: »Ich will nach Hause zurück, die Sehnsucht nach meiner Frau leidet mich hier länger nicht mehr.« – »Das hast du recht gesprochen,« antwortete der König, »fahre nur morgen zurück; aber dann eile dich, dass du mir meine Töchter wiederbringst und dass du hier im Schlosse lebst als mein künftiger Nachfolger im Reich.« Das versprach der Schiffer auch; ehe er sich aber vom König verabschiedete, trat ein alter graubärtiger Admiral auf ihn zu und bat ihn, dass er ihn mitnähme in seine Heimat, er kenne die ganze Welt, nur sein Land habe er noch niemals gesehen. Der Schiffer dachte an die Worte seiner Frau und sprach zu ihm: »Daraus kann nichts werden, ich nehme niemand auf mein Schiff, sei es, wer es auch sei.« Da steckte [185] sich der Admiral hinter den König, und weil dieser dem Admiral seine Bitte nicht versagen mochte, überdies nicht einsah, warum sein Schwiegersohn den alten Mann nicht auf seinem Schiffe leiden wolle, so legte er ein gutes Wort für ihn ein. Dachte der Schiffer: »Der König bittet dich, und am Ende ist's auch nicht so schlimm. Was soll der alte Graubart dir schaden?« und er sprach deshalb: »Meinetwegen, so mag er mitfahren!« Da stieg der Admiral zu ihm aufs Schiff, und sie fuhren davon.
Es dauerte gar nicht lange, so war die Reise beendet, und der Schiffer ging an Land, begrüsste seine Frau und ihre Schwestern und erzählte ihnen, wie es ihm an ihres Vaters Hofe ergangen sei und dass sie sogleich mit ihm nach Engelland zurückkehren müssten. »Hast du auch niemand mit dir gebracht aus meines Vaters Reich?« fragte darauf seine Frau. »Niemand,« antwortete der Kapitän, »nur einem alten graubärtigen Admiral konnte ich es nicht verwehren, weil dein Vater für ihn bat.« – »Ach, das ist gerade der Schlimmste,« jammerten die drei Schwestern aus einem Munde, »der ist schuld daran, dass wir auf den Turm im Meere verbannt wurden. Nun ist alles verloren, jetzt geht's uns wieder schlecht, wie vordem.« Während sie das sagten, that sich die Thüre auf, und der Vater des Schiffers trat herein. »Mein Sohn,« sprach er, »ich habe eingesehen, dass mein Tochtermann dich arg verleumdete, und ich möchte nicht eher sterben, als bis du mir verziehen hast.« – »Ach, was verzeihen!« rief der Schiffer freudig und fiel seinem Vater um den Hals, »Es ist gut, dass du gerade jetzt kommst; ich habe des Königs von Engelland Tochter zur Frau genommen und muss machen, dass ich hinüber komme in meines Schwiegervaters Reich.« – »Des Königs von Engelland?« rief der Alte und wollte vor Schreck auf den Rücken fallen. »Ja, lieber Vater, so ist es,« antwortete der Sohn, »und weil ich jetzt mein Haus und die Seidenwaaren nicht mehr brauche, so will ich sie dir übermachen, dass du sie verwenden magst, wie du willst.« Nachdem er sich auf diese Weise mit seinem Vater vereinigt und vertragen hatte, stieg er mit seiner Frau und seiner Frauen Schwestern auf das Schiff, rief seinem Vater noch einmal ein Lebewohl zu, und dann ging es fort nach Engelland.
Der alte Admiral schien aber gar nicht so schlimm, als ihn die älteste Königstochter beschrieben hatte; er that so gut und freundlich, und da er lange Jahre zur See gefahren war, so wies er dem jungen Schiffer gar manches, was er noch nicht kannte, und dieser gewann ihn von Herzen lieb. Eines Tages aber, als sie auf hoher See waren und er mit ihm auf dem Achterdeck stand und in die Ferne schaute, da gab ihm der Admiral plötzlich einen Stoss, dass er über Bord stürzte und in den Wellen verschwand. Niemand von den Mannschaften hatte etwas bemerkt, nur die drei Prinzessinnen hatten von der Kajüte aus zugesehen, wie der böse Mensch den Schiffer ins Meer stiess. Sie wollten schreien; aber schon stand der Admiral vor ihnen in der Kajüte, zog den Dolch aus der Tasche und drohte, sie zu erstechen, [186] wenn sie nicht reinen Mund hielten. Den Königstöchtern bangte um ihr Leben; und so schwuren sie dem Admiral einen fürchterlichen Eid, dass sie dem Könige, ihrem Vater, sagen würden, dass der Schiffer während der Fahrt über Bord gefallen sei. Als sie in Engelland angelangt waren und der König fragte: »Wo ist denn der Schiffer, mein Schwiegersohn?« sprachen sie deshalb einstimmig: »Wir wissen es nicht! Eine Welle wird ihn vom Decke gerissen haben, und er ist in der See ertrunken.« Da liess der König eine grosse Hoftrauer anstellen, und als sie ausgetrauert hatten, rief er seine älteste Tochter zu sich und sprach: »Der Admiral ist soeben bei mir gewesen und verlangt dich zur Frau.« – »Den will ich nicht,« gab ihm die Prinzessin zurück; und als der König in sie drang, sie könne doch nicht ihr Leben lang um den ersten Gemahl trauern, sagte sie: »Nur der soll mein Mann werden, der mir den Turm bauen kann, in dem meine Schwestern und ich in der Gefangenschaft des Sultans geschmachtet haben.« Das hatte sie aber deshalb gesagt, weil niemand wissen konnte, wie der Turm aussah, und so hoffte sie, ihrem ersten Manne die Treue zu wahren. Doch als es ruchbar ward, dass derjenige, welcher einen Turm im Meere bauen könne, genau so, wie ihn die Prinzessinnen bewohnt hatten, des Königs von Engelland älteste Tochter zur Frau bekommen solle, da zogen Baumeister von aller Herren Ländern herbei und bauten und bauten. Die meisten konnten gar keinen Turm in der tiefen See zu stande bekommen, und die wenigen, welche den Grundstein zu legen vermochten, mussten abstehen von ihrer Arbeit, sobald sie den Wasserspiegel erreicht hatten. Denn dann kamen die drei Prinzessinnen auf ihrem Schiffe herbei, besahen die Arbeit und sagten: »So sah der Turm nicht aus, in dem wir beim Sultan in Gefangenschaft gehalten wurden!« – und mit der Heirat war es vorbei.
Nun wollen wir die Baumeister bauen lassen und sehen, was aus dem Schiffer geworden ist. Der war nicht ertrunken, wie der böse Admiral gehofft hatte, sondern schwamm in der weiten See, und nachdem er eine Zeit lang von den Wellen umhergetrieben war, traf er auf einen Baumstamm. Daran hielt er sich fest, und die Strömung warf ihn gegen einen grossen, vierkantigen Stein, der aus dem Meere hervorragte. Auf den stieg er und hielt Ausschau, ob kein Schiff käme, dass ihn aufnähme; aber so sehr er auch auslugte, kein Segel wollte sich zeigen. Es wurde Nachmittag, die Sonne neigte sich tiefer und tiefer, und als sie gerade im Meere versinken wollte, kam ein gewaltig grosser Adler herbei geflogen und rief: »Herunter von dem Stein, das ist mein Stein!« – »Das mag stimmen,« antwortete der Schiffer, »aber jetzt gehört er mir; ich kann doch nicht um deinetwillen ins Meer springen!« Da wandte der Adler wieder um und flog fort. Der Schiffer brachte indes die Nacht auf dem Steine zu und wartete auch den folgenden Tag, aber kein Schiff fuhr vorüber. Gegen Abend kam mit Sonnenuntergang der Adler wieder herbei geflogen und rief ihm zu: »Herunter von dem Stein, das ist mein Stein!« –[187] »Ich glaub's,« gab ihm der Schiffer zurück, »und doch bleibe ich, und für zwei ist kein Platz.« Da machte der Adler wie das erste Mal, dass er davon kam. Die zweite Nacht wurde dem Schiffer schon saurer, und den dritten Tag fühlte er sich so krank und schwach, dass er am Leben verzagte; denn er litt Hunger und Durst auf dem Steine. Als der Adler am Abend wieder kam und rief: »Herunter von dem Stein, das ist mein Stein!« sagte er darum: »Lass doch das Schreien und trag mich lieber auf das feste Land, dann ist dir und mir geholfen.« – »Das hättest du schon das erste Mal sprechen sollen,« antwortete der Adler, »mehr wollte ich gar nicht!« Mit diesen Worten ergriff er ihn mit seinen starken Klauen und trug ihn hoch durch die Luft auf das feste Land. Dort liess er sich mit ihm nieder, und als sie auf ebener Erde standen, fiel das Federkleid zu Boden, und vor ihm stand ein Mensch, wie er selbst war. »Du kennst mich wohl nicht mehr?« fragte derselbe freundlich, »Ich bin der Tote, den du damals vom Galgen gekauft hast; ich konnte nicht eher Ruhe finden, als bis ich dir deine gute That gelohnt hatte. Geld habe ich nicht, ist dir die Rettung Belohnung genug?« – »Das will ich meinen!« erwiderte der Schiffer, »Ich that nur, was ich thun musste, und du rettest mich vom Tode und trägst mich über die tiefe See. Du hast mir zehnfach vergolten.« Antwortete der andere: »Noch sind wir nicht quitt. Ich bin nämlich der Baumeister des Turmes, in dem der Sultan die drei Prinzessinnen gefangen hielt, und als ich ihn zu Ende gebaut hatte, liess er mich an den lichten Galgen hängen, dass niemand einen gleichen Bau zu stande brächte. Nun hat deine Frau ein Gebot ergehen lassen, dass der ihr Mann werden soll, welcher den Turm neu aufbauen kann. Nimm hier meine alte Zeichnung, und du wirst die Arbeit zu stande bringen.« Damit zog er eine Rolle aus seiner Tasche hervor, übergab sie dem Schiffer und war verschwunden.
Der Schiffer ging, bis er Leute fand, und nachdem er bei ihnen gegessen und getrunken hatte und über Nacht geblieben war, machte er sich auf nach Engelland. Er reiste von einem Dorf zum andern und von einer Stadt zur andern; aber so sehr er auch eilte, es verging ein ganzes Jahr, bis er des Königs von Engelland Stadt erreicht hatte. Als er endlich dort war, kehrte er abgerissen und zerlumpt in einem Gasthofe ein und bat den Wirt, dass er ihn bei dem König melde. »Du bist am Ende wohl auch ein Baumeister?« fragte der Wirt. »Das bin ich,« antwortete der Schiffer. Da lachte der Wirt, dass er sich die Seiten hielt; der Schiffer aber sagte: »Du lachst, weil du meine zerrissenen Kleider siehst, und doch kann im schlechten Rocke der tüchtigste Mann stecken. Damit aber der König nicht ebenso denkt, wie du, so sag' ihm, ich vermöchte wohl den Turm zu bauen; aber ich käme nicht eher zu ihm aufs Schloss, als bis er mir Geld zu neuen Kleidern gegeben, denn mein Weg führt mich über tausend Meilen weit her.« Der Wirt gehorchte seiner Rede und trug das Anliegen des fremden Mannes dem Könige vor; und der besann sich auch gar nicht lange und schickte ihm aus der Schatzkammer hundert Thaler [188] herab. Davon besorgte sich der Schiffer schöne Kleider, und dann trat er vor den König, der mit seinen Töchtern im Saale sass. »Du,« sagte die zweite zur ersten, als sie den Baumeister erblickte, »das ist ja dein Mann.« – »Schweig stille, Schwester,« gab die älteste zurück, »mein Mann liegt in der tiefen See, den fressen die Fische.« Inzwischen war der Schiffer mit dem König überein gekommen, und er erhielt Meister und Bauleute, dass er mit der Arbeit beginne. Da er nun selbst nichts von dem Bauhandwerk verstand, so zeigte er den Meistern die Zeichnung, und die war so klar und genau, dass sie gar nicht irre gehen konnten.
Es dauerte auch nicht lange, so mussten die Prinzessinnen auf ihr Schiff steigen, um das Gemäuer zu besichtigen; denn es hatte schon den Wasserspiegel erreicht. »Ja, so war unser Turm,« riefen die Älteste und die Jüngste aus einem Munde, die zweite aber sah dem Baumeister scharf ins Gesicht und raunte darauf ihrer Schwester wiederum zu: »Du, das ist ja dein Mann.« – »Mach mir das Herz nicht schwer,« erwiderte die älteste Prinzessin, »und lass die Toten ruhen.« Der Turm wuchs indes von Tag zu Tag höher und höher, und ehe ein Monat verging, war die Arbeit zu Ende gebracht. »Unser Turm! Ja, es ist unser Turm!« riefen die Prinzessinnen und klatschten in die Hände; der alte König aber ergriff seine älteste Tochter bei der Hand, führte sie zu dem Baumeister und sprach: »Hier, das ist deine Frau, und wenn wir wieder an Land sind, so soll euch der Kutscher sogleich zur Kirche fahren, dass ihr getraut werdet.« – »Das Trauen ist nicht mehr nötig; einmal Trauen ist genug, so gilt es in der ganzen Christenheit,« sagte der Schiffer und zog seine Frau zu sich an seine Brust. Da gingen der ältesten Prinzessin die Augen auf; die zweite aber rief: »Siehst du, Schwester, ich hab' es dir gleich gesagt, und du wolltest mir immer nicht glauben!« – »Was ist denn geschehen?« sprach der alte König verwundert, »Ihr thut ja, als kenntet ihr euch seit lange schon?« – »Das ist auch der Fall,« riefen alle drei, »der Baumeister ist ja der Schiffer, der uns aus dem Turme befreit hat und dir den Brief überbrachte!« – »Aber ihr sagtet doch, er wäre im Meere ertrunken!« – »Väterchen,« versetzten darauf die Prinzessinnen, »wir mussten dem Admiral einen fürchterlichen Eid schwören, dass wir ihn nicht verraten würden, dass er den Schiffer über Bord stiess. Nun er selbst vor dir steht, sind wir des Eides quitt und frei.« Darauf erzählte der Schiffer, wie es ihm inzwischen ergangen sei, und als er seine Erzählung zu Ende gebracht hatte, kehrten sie auf das Schloss zurück, und dort wurde noch einmal Hochzeit gefeiert. Der böse Admiral aber wurde mit vier Ochsen aus einander getrieben. Nachdem der alte König gestorben war, wurde der Schiffer König an seiner Statt, und er lebte mit seiner Frau und seiner Frauen Schwestern glücklich und zufrieden sein Leben lang, und wenn sie nicht gestorben wären, so lebten sie heute noch.
Es war einmal ein junger Kaufmann, dem hatte sein Vater viel Geld und Gut hinterlassen, so dass er drei grosse Schiffe damit ausrüsten konnte. Und das that er auch; denn er wollte die Welt besehen. Als er nun eine Zeit lang über das wilde Meer gefahren war, kam er an eine Stadt, da war Wassersnot. Alle Äcker und Gärten waren überschwemmt, und die Leute wussten nicht, woher sie nehmen sollten, dass sie ässen und nicht stürben. Das jammerte den Kaufmann, und er schenkte den Bürgern ein Schiff mit allen Lebensmitteln und der Ladung, welche darin war; dann liess er die Anker lichten und fuhr weiter. Es dauerte gar nicht lange, so segelte er ein Land an, in dem herrschte Hungersnot und teure Zeit, so dass die Leute einer den andern auffrassen, damit sie das Leben behielten. Bei dem Anblick überkam ihn wieder grosses Mitleid, und er schenkte den armen Leuten sein zweites Schiff, dass er nur noch das eine Fahrzeug besass, auf dem er selbst war. Darnach fuhr er weiter und kam an eine Stadt, vor deren Thor die Bürger einen grossen Galgen errichtet hatten, und an dem Dreibein hing ein armer Sünder. »Was hat der Mann begangen?« fragte der Kaufmann. »Er konnte seine Schulden nicht bezahlen,« antworteten die Bürger, »und er soll darum an dem Galgen hängen, bis die Krähen sein Fleisch gefressen haben und der Strick vermodert ist, an dem er hängt.« – Fragte der Kaufmann: »Nehmt ihr ihn herab und gönnt ihm ein ehrliches Grab, wenn ich die Schulden bezahle?« – Da lachten die Bürger und sagten, sie würden es gern thun. Darauf ging der Kaufmann auf sein Schiff und verkaufte einen Teil der Ladung, löste damit den Schuldner vom Galgen und gab ihm ein ehrliches Grab.
Über der Mildthätigkeit seines Herrn wurde jedoch dem Kapitän bange, und er fürchtete, es möchte ihm gehen, wie den beiden andern Kapitänen mit ihren Schiffen, dass er verschenkt würde an ein verdorbenes Land. Als sie weiter fuhren und eine Insel in Sicht bekamen, beschloss er darum, heimlich abzusegeln, wenn der Kaufmann seiner Gewohnheit nach an Land ginge, um zu sehen, ob er nicht seinen Mitmenschen helfen könne. Gedacht, gethan. Während sein Herr im nächsten Hafen an Land ging, lichtete der Kapitän die Anker und liess ihn treulos im Stiche. Der Kaufmann merkte aber nicht den Betrug, sondern wandte seine Schritte landeinwerts und spähte umher, dass er Menschen erblickte. Indem vernahm er aus der Ferne harte Worte und Peitschenknall und klägliches Geschrei. Er schritt darauf zu, und als er an die Stelle gekommen war, sah er einen Mann, der hatte zwei nackte Mädchen im Pfluge gehen und pflügte mit ihnen [190] den Acker. »Du mein Gott, was thust du da?« rief der Kaufmann, »Frauensleute sind doch kein Pflugvieh!« – »Anderes Vieh haben wir hier nicht,« antwortete der Mann, »ich habe die Mädchen auf dem Markte gekauft und thue mit ihnen, wie mir beliebt.« – »So will ich sie dir abkaufen,« sagte der Kaufmann und zog den Beutel aus der Tasche, und als der Ackersmann die Goldstücke blinken sah, liess er dem Herrn die Mädchen für die schwere Geldkatze und freute sich obendrein, dass er ein so gutes Geschäft gemacht habe. Der Kaufmann aber gab dem einen Mädchen seinen Rock und dem andern den Mantel, dass sie sich nicht vor ihm zu schämen brauchten, und dann fragte er sie nach ihren Eltern und woher sie kämen. »Ich bin eines reichen Königs Tochter,« sagte die Schönste von den beiden, »und das hier ist meine Kammerjungfer. Wir gingen von meines Vaters Schloss in den Wald lustwandeln, da fielen Räuber über uns her und griffen uns und schleppten uns auf ihr Schiff, und als sie an dieser Insel gelandet waren, verkauften sie uns an den Ackersmann, und wir mussten im Pfluge gehen bis auf den heutigen Tag.« – »Jetzt soll eure Not ein Ende haben,« sagte der Kaufmann, als er die traurige Geschichte gehört hatte, »im Hafen liegt mein Schiff, damit fahre ich euch in euer Königreich zurück.« Als er aber mit den Jungfrauen an den Strand kam, waren in weiter Ferne nur noch die Mastspitzen des Schiffes mit den Flaggen zu sehen. Da erkannte er wohl, dass ihn der Kapitän betrogen habe, und er weinte mit den Mädchen seine bitterlichen Thränen. Nachdem sie sich ausgeweint hatten, trug der Kaufmann Strauchwerk und Reiser zusammen und baute daraus eine Hütte, dass sie darin wohnen möchten; ihre Speise war Kräuterwesen, und einer von ihnen stand immer hoch oben auf der Düne und hielt Wacht, ob nicht irgendwo ein Schiff sich erblicken lasse.
Eines Tages hatte der Kaufmann die Wache, da rief er den Mädchen am Strande zu: »Kommt herauf, ich sehe ein Segel!« Und als die Jungfrauen oben waren, richteten sie alle drei eine Stange auf und banden ein Tuch daran zum Zeichen, dass arme Schiffbrüchige Rettung begehrten. Der Kapitän des Schiffes bemerkte das Notzeichen, legte bei und setzte ein Boot aus, dass es die Unglücklichen aufnähme; und es dauerte gar nicht lange, so waren sie an Bord, und der Kapitän versprach ihnen, sie mitzunehmen bis zum nächsten Hafen; denn er fuhr in ein anderes Land, als das war, welches der Prinzessin Vater beherrschte. Nachdem sie jedoch ein paar Tage gefahren waren, begegnete ihnen ein grosses Mannwar (Kriegsschiff), und als die Prinzessin die Flagge erblickte, die auf dem Maste geheisst war, rief sie voll Freuden: »Das ist meines Vaters Schiff! Lieber Kapitän, setzt uns an, es soll wahrlich Euer Schade nicht sein.« Und das that der Kapitän auch, denn er war ein herzensguter Mann. Wie nun die Leute auf dem Mannwar merkten, dass das fremde Schiff etwas von ihnen wolle, legten sie bei, und der Admiral, welcher das Mannwar befehligte, kam selbst auf einem Boote herüber und wunderte sich nicht wenig, die Prinzessin und ihre Kammerjungfer zu treffen; denn [191] er war ausgefahren, sie zu suchen, und fand sie auf hoher See und hatte sie doch in einem fernen Lande in Knechtschaft und Sklaverei geglaubt. Nachdem er den Kapitän mit Geld und Gut reichlich belohnt hatte, nahm er darauf die Jungfrauen und ihren Befreier zu sich in das Boot, und die Schiffsleute ruderten sie an das Mannwar heran. Als sie an Bord waren, wurde sogleich kehrt gemacht, und sie fuhren mit gutem Winde dem Reiche zu, über welches der Vater der Prinzessin König war.
Wie sie unterwegs waren, plagte den Admiral der Teufel. »Du bist um den Preis gekommen;« dachte er bei sich, »hat der König dem Befreier die Prinzessin zur Frau versprochen, so bist du es nicht, sondern der Kaufmann erhält sie zum Weibe und wird, wenn der alte König stirbt, sein Nachfolger im Reiche,« und mit diesen Gedanken trug er sich bei Tag und bei Nacht. Endlich hielt er es nimmer mehr aus, und als er eines Abends mit dem Kaufmann allein auf dem Achterdeck stand, gab er ihm einen Stoss, dass er kopf über in das Meer stürzte und die Wellen über ihm zusammenschlugen. Kein Mensch hatte die Unthat gesehen, nur die Prinzessin und die Kammerjungfer waren Zeugen gewesen von der Kajüte aus und schrien jäh auf, als der Kaufmann über Bord fiel. Das kümmerte den Admiral aber wenig, er stieg zu den Jungfrauen in die Kajüte herab und bedrohte sie mit dem Tode, wenn sie ihm nicht einen teuren Eid schwören würden, dem Könige zu sagen, dass er es gewesen sei, der sie aus der Sklaverei befreit habe. In der Todesangst thaten die Mädchen das auch, und als das Mannwar die Reise vollendet hatte und vor dem königlichen Schlosse vor Anker ging, war grosser Jubel im ganzen Lande, und alles Volk lobte den Admiral und jauchzte ihm zu, dass er die Prinzessin wieder gebracht habe. Am freudigsten aber war der alte König, und er hätte am liebsten sogleich die Hochzeit feiern lassen, wie er versprochen hatte; doch die Prinzessin bat ihn und sagte: »Warte noch ein Jahr, Väterchen, dass ich die Wunden und Striemen heile und Trauer trage um das Leid, das mir in der Sklaverei zugefügt wurde.« Das that sie aber nur, weil sie hoffte, der Kaufmann könne durch Gottes Gnade doch noch gerettet sein. Wenn er aber in Jahresfrist nicht käme, so wollte sie das als ein Zeichen nehmen, dass er seinen Tod in den Wellen gefunden. Der König sah ein, dass seine Tochter etwas Billiges verlange, und wenn auch der Admiral gar nicht damit zufrieden war, so wurde die Hochzeit doch aufgeschoben auf ein ganzes Jahr, wie die Prinzessin gewünscht hatte.
Und der liebe Gott hatte den Kaufmann wirklich nicht verlassen in der wilden See; denn als er wieder emportauchte, liess er ihn einen Mastbaum greifen, der in dem Meere schwamm. Daran hielt sich der Kaufmann, und die Strömung trieb ihn weiter und weiter, die Nacht hindurch und auch den folgenden Tag, bis er mit Sonnenuntergang an eine kleine Insel gelangte. Hier beschloss er zu bleiben und zu warten, bis ein Schiff käme, das ihn aufnehmen möchte. Und weil er müde war, kroch er in eine Grube, welche der Sturm bereitet hatte, [192] als er einen grossen Eichbaum umwarf und ihn mit den Wurzeln aus dem Erdboden riss, und deckte sich mit Laub zu gegen die Abendkühle. Aber das half ihm wenig. Siehe, da kam ein gewaltig grosser Vogel herbeigeflogen und liess sich nieder an dem Rande der Grube, rupfte mit seinem Schnabel Federn über Federn aus der Brust, dass die Grube voll wurde davon und der Kaufmann ganz damit bedeckt ward; dann flog er wieder auf und davon. »Nun schenkt dir der liebe Gott auch ein weiches, warmes Federbett,« dachte der Kaufmann, und nachdem er sein Nachtgebet verrichtet hatte, schlief er ein und erwachte nicht eher, bis ihm das helle Sonnenlicht in die Augen schien. Den Tag über suchte er Eier von den wilden Seevögeln und Wurzelwerk und Beeren und Kräuterwesen und ass davon, bis er satt war, und so trieb er es sechs Monate lang.
Eines Morgens, als er seine Augen aufschlug, stand der grosse Vogel zum zweiten Male an dem Rande der Grube, that seinen Schnabel auf und sagte: »Wo du hin willst, das weiss ich; steh auf, dass ich dich meerüber trage!« Da stand der Kaufmann auf, und alsbald ergriff ihn der Vogel mit seinen Klauen und trug ihn hoch durch die Luft über die tiefe See, bis sie an das feste Land kamen. Dort setzte der Vogel den Kaufmann zur Erde, und nachdem er ihm gesagt hatte: »Jetzt wandere eilends von dannen, dass du noch die Hauptstadt des Königs erreichst, ehe die Prinzessin Hochzeit macht mit dem Admiral!« fragte er ihn, ob er auch wisse, wer er sei. »Je nun, ein grosser Vogel,« antwortete der Kaufmann. »Falsch geraten,« sagte der Vogel, »ich bin kein richtiger Vogel, sondern der Geist des armen Schuldners, dessen Leib du vom Galgen erlöst hast, und das habe ich dir zum Danke gethan!« Damit schwang er sich in die Lüfte und flog auf und davon; der Kaufmann aber schnitt sich einen Wanderstab aus einem Kreuzdornbusch und wanderte rüstig fort, von einer Stadt zur andern und von einem Dorf zum andern, über Stock und Block, sechs Monde lang, bis er endlich in eine Stadt kam, in der alle Häuser geflaggt waren und die Bürger jubelten und sangen.
»Was ist denn hier geschehen?« fragte der Kaufmann den Gastwirt, bei dem er vorgesprochen war. »Ihr seid wohl von weiter Ferne zugereist, dass Ihr das nicht wisst?« antwortete der Gastwirt; »Diesen Tag feiert des Königs einzige Tochter Hochzeit mit dem Admiral, der sie vor Jahresfrist den Räubern abgejagt und erlöst hat. Da giebt's heute gut zu essen und zu trinken auf dem Schlosse; aber für uns ist das nichts.« – »Das käme auf eine Probe an!« meinte der Kaufmann, »Was gilt die Wette, ich schaffe dir Braten und Wein von des Königs Tisch?« – »Ich setze Haus und Hof dagegen mit allem, was darinnen ist,« sagte der Wirt und lachte, dass er sich den Leib halten musste; denn wie wollte der hergelaufene Mensch Braten und Wein von des Königs Tisch bekommen! Aber der Kaufmann liess sich das nicht anfechten, sondern forderte Tinte und Papier und schrieb einen Brief an die Prinzessin, in dem stand geschrieben, dass er vom Tode errettet und jetzt in die Stadt gekommen sei und dass er von den Speisen [193] bitte, um damit in der Herberge seinen Hunger zu stillen. Das Schreiben musste ein Knecht auf das Schloss tragen, und als er es der Prinzessin gegeben hatte, welche in dem Brautkleide neben dem Admiral an der königlichen Tafel sass, las sie es durch und schickte sofort mit einem Diener den schönsten Braten und den besten Wein in die Herberge hinab.
Der Wirt war sehr betrübt, als er den königlichen Diener kommen sah; aber wie bald war er getröstet, als der Kaufmann ihm sagte: »Ich begehre dein Hab und Gut gar nicht, du magst es in Frieden behalten.« Während er noch so sprach, kam die goldene Hofkutsche vorgefahren, und die Bedienten halfen dem Kaufmann hinein und fuhren ihn auf das Schloss. Dort erwartete ihn die Prinzessin mit ihrer Kammerjungfer, und sie führten ihn in eine Stube, dass er sich wasche und bade und schöne Kleider anziehe. Die Kammerjungfer sollte ihm helfen; aber sie stand von ferne, denn sie fürchtete sich vor dem Schmutz und Ungeziefer, welches den Kaufmann bedeckte. Klatsch, klatsch! schlug ihr da die Prinzessin mit ihrer weissen Hand links und rechts um die Ohren. »Hat er sich auch geziert, als er uns splinternackt vom Pfluge kaufte,« rief sie zornig, »und uns Mantel und Rock gab, dass wir uns nicht vor ihm zu schämen brauchten?« Darauf wusch und badete sie ihn selbst und half ihm die königlichen Kleider anziehen, welche für ihn bereitet waren; dann aber machte sie, dass sie mit ihm in den Hochzeitssaal kam.
Der Admiral wäre vor Schrecken fast in die Erde gesunken, als er den Kaufmann sah; der alte König aber fragte: »Mein Kind, wer ist der Fremdling, den du an der Hand führst?« Antwortete die Prinzessin: »Lasst ihn selbst sprechen!« Und der Kaufmann erzählte nun, wie alles gekommen war und wie ihn der böse Admiral über Bord gestürzt habe, um des Königs Schwiegersohn und sein Nachfolger im Reiche zu werden. Da musste sich der Kaufmann an des Bräutigams Platz setzen und ward mit der Prinzessin verheiratet, der böse Admiral aber wurde an den lichten Galgen gehängt; und wenn er nicht abgeschnitten ist, so mag er dort noch hängen bis auf den heutigen Tag.
Es war einmal ein Edelmann, der lebte tagtäglich in Saus und Braus, und als er starb, hinterliess er seiner Frau weiter nichts, als einen Sohn von sechszehn Jahren und ein ganz verschuldetes Gut. »Mutter,« sagte der Junge, »was ist dabei zu machen? – Ich dächte, wir verkauften, was sich in aller Eile noch verkaufen lässt, und machten uns auf und davon. Sonst kommen die Gläubiger und pfänden [194] uns den Rock vom Leibe.« Das war die Mutter zufrieden, und nachdem sie die paar Schafe und Rinder, welche noch im Stalle waren, an den Viehhändler verkauft hatten, zogen sie mit dem Gelde in die weite Welt hinaus. Sie kamen von einer Stadt in die andere und von einem Land in das andere, und sie hatten ihr Geld bis auf den letzten Heller verzehrt, als sie in einen grossen Wald gelangten, der kein Ende nehmen wollte.
Schon waren sie einen halben Tag in dem Walde gewandert, als der Weg sich trennte, um nach einer kurzen Strecke wieder zusammen zu laufen. »Mutter,« sagte der Junge, »geh du links, ich werde rechts gehen; wer dann unterwegs etwas trifft, der rufe es dem andern zu.« Die Strecke, welche der Junge zu gehen hatte, war aber kürzer, als der andere Weg, er kam darum eher am Ziele an und sah dort einen Wegweiser stehen; an dessen Arme hing an einem Strange eine Flasche, und ein Zettel war darum gebunden, darauf stand geschrieben: »Wer diese Flasche austrinkt und den Strang um seinen Leib gürtet, erhält die Kraft von zwölf Riesen.« Hast du nicht gesehen, hatte der Junge den Strang gelöst und um seine Hüften gegürtet; dann setzte er die Flasche an den Mund und leerte sie in einem Zuge. Und das hatte er so schnell gethan, dass seine Mutter, als sie bei ihm anlangte, nichts von alle dem gemerkt hatte.
Der Wald wollte und wollte aber noch immer nicht aufhören, und als sie den dritten Tag umher geirrt waren, stiessen sie auf eine felsige Bergwand, die jäh abfiel; und ein Thor war darin, das führte in das Innere des Berges hinein. »Was ist denn das!« rief der Junge erstaunt. »Das hilft uns wenig,« antwortete seine Mutter, »siehst du nicht den grossen eisernen Balken, der als Riegel davor geschoben ist?« Der Sohn liess sich aber seiner Mutter Reden nicht kümmern, er trat an den Riegel und schob ihn mit solcher Gewalt zurück, dass die eisernen Klammern, in denen er gehalten wurde, brachen und zur Erde fielen. Jetzt liess sich das Thor leicht öffnen, und als sie eintraten, befand sich vor ihnen eine Thüre, die war vom reinsten Glas, und von ihr aus strahlte helles Licht in das Innere des Schlosses. Denn ein Schloss war es, in das der Junge gedrungen war, so herrlich und schön, dass man es gar nicht beschreiben kann. Da war ein Zimmer über das andere, und eins immer schöner, als das andere, und in Küche und Keller waren grosse Vorräte von Speise und Trank aufgehäuft; aber nirgends war ein Mensch zu sehen, dem all die Herrlichkeiten gehörten. »Dann gehören sie mir!« sagte der Junge, »Mutter, wir wollen hier wohnen bleiben, und du besorgst mir die Wirtschaft.« Das war die Alte zufrieden, und während ihr Sohn auf die Jagd ging und den Hirschen und Hasen, den Wildschweinen und Rehen nachstellte, besorgte sie das Mittagsmahl, machte die Betten und kehrte die Stuben.
Das Schloss im Berge gehörte aber zwölf grossen, starken Riesen, welche die längste Zeit des Jahres auf Raub auszogen und nur dann zurückkehrten und in dem Schlosse Wohnung nahmen, wenn sie die [195] Beute unterbringen mussten. Während der junge Edelmannssohn auf der Jagd war, kamen die zwölf Riesen nun eines Tages vor dem Bergschlosse an und erschraken nicht wenig, als sie den Riegel zurückgeschoben und die Klammern zerbrochen sahen. »Wer das gethan hat, ist so stark, wie wir zwölf zusammen genommen,« riefen sie mit einem Munde; denn wenn sie das Thor öffnen wollten, mussten sie stets alle zwölf gleichzeitig an dem Riegel ziehen, sonst schoben sie ihn nicht zurück. Da hielten sie einen Rat und kamen überein, wenn der starke Held drinnen seine Wohnung aufgeschlagen habe und sie hinein gingen, so würden sie allesamt des Todes sterben. Vielleicht wäre er aber schon wieder aus dem Schlosse gegangen; darum sei es das Beste, sie losten unter einander, wer hineinginge in den Berg und nachschaute, ob der starke Held darin wohne. »Ach, wozu losen!« rief aber der Älteste und Stärkste von den Riesen, »der Jüngste muss hinein« (denn er fürchtete, das Los möchte ihn vielleicht selbst treffen), »und wenn er nicht wieder herauskommt, so wissen wir, dass der starke Mann ihn erschlagen hat, und wir bauen ein neues Schloss in einen andern Berg und ziehen nicht wieder in diese Gegend.« Dem Rat stimmten die andern Riesen bei, und da musste der Jüngste wohl oder übel in den Berg gehen.
Als er durch die Glasthür getreten war, sah er in der Stube die Edelfrau, wie sie vor dem Herde stand und kochte. »Was machst du da?« fragte der Riese verwundert. – »Ich koche,« gab sie zur Antwort. – »Und wie bist du in den Berg gekommen!« – »Mein Sohn hat den Riegel zurückgeschoben, und darauf sind wir durch die Thüre hineingegangen.« – »Dann ist dein Sohn wohl ein sehr starker Held?« fragte der Riese furchtsam. »Nein, das wird er erst,« antwortete seine Mutter, »er ist zur Zeit sechszehn Jahre alt; aber wenn er grösser wird, mag er wohl stark werden.« Da fiel dem Riesen das Herz in die Hosen, und er bat die Edelfrau, dass sie ihn vor ihrem Sohne verstecke, wenn er nach Hause käme. Die Frau sah dem Riesen ins Gesicht, und da er ein grosser, hübscher Mann war, so gewann sie ihn lieb und hiess ihn unter das Bett kriechen, wenn ihr Sohn nach Hause käme. Bis dahin aber thaten sie schön miteinander und herzten und küssten sich, und sie steckte ihm die schönsten Bissen zu, die doch für ihren Sohn bestimmt waren. Die elf Riesen draussen waren inzwischen auf und davon gegangen; denn da ihr Genosse nicht wieder zurückkehrte, so glaubten sie, der starke Held habe ihn erschlagen, und sie freuten sich, dass sie wenigstens mit heiler Haut davon gekommen seien.
Als der Sohn nach Hause kam, kroch der Riese unter das Bett, dass er ihn nicht gewahr werden konnte. Und da auch seine Mutter so that, als wenn ihr nichts Absonderliches zugestossen sei, so ahnte er gar nicht, dass ein Gast in dem Bergschlosse zu Besuche sei. Er stand, wie gewöhnlich, am andern Morgen schon bei Zeiten auf und ging wieder in den Wald hinein. Der Riese wurde inzwischen von Tag zu Tage vertrauter mit der Edelfrau, und schliesslich wurden[196] sie einig, dass sie einander heiraten wollten. »Wenn nur dein Sohn nicht wäre!« sagte der Riese; »Ist es nicht Jammer und Schande, dass ich aus Furcht vor ihm unter dem Bette mein Leben fristen und in meinem eigenen Hause mich verkriechen muss?« – »Er liegt mir auch schon lange zur Last!« antwortete darauf die Rabenmutter, die gern ihren Sohn verlieren wollte, wenn sie dafür einen Ehemann bekommen konnte; »Wie fangen wir's nur an, dass wir ihn über die Seite bringen.« – »Das ist leicht gemacht,« fiel ihr der Riese ins Wort, »stell dich krank und leg dich ins Bett, und wenn dein Sohn von der Jagd heimkehrt, so sage ihm, du müsstest elendiglich des Todes sterben, wenn er dir nicht von dem Wasser des Lebens brächte, das dort auf dem hohen Berge zu finden ist. Geht er dahin, so kehrt er nimmermehr zurück; denn zwei starke Löwen bewachen den Quell und zerreissen jeden, der von dem Wasser schöpfen will.« Die Rede gefiel dem gottlosen Weib, und als ihr Sohn zurückkehrte von der Jagd, lag sie im Bette und jammerte und stöhnte, dass es einen Stein erbarmen konnte. »Mutter, was ist dir?« rief der Sohn erschrocken, »Du wirst doch nicht sterben und mich allein in der Wildnis zurücklassen!« – »Ach, mit mir ist's aus,« stöhnte die falsche Frau, »nur eins kann mir noch helfen: Mir träumte vorher, dort drüben auf dem hohen Berg spränge der Brunn des Lebens. Bringst du mir davon, so mag es noch besser mit mir werden.« Den Jungen jammerte seiner kranken Mutter, und mit dem Morgengrauen machte er sich auf den Weg zum Wasser des Lebens. Aber kaum war er ein Stückchen den Berg hinaufgestiegen, so merkten die Löwen, dass ein Mensch sich nahe, und sprangen in gewaltigen Sätzen den Berg hinab, um den Mann zu zerreissen, der Löwe voran, die Löwin hinter ihm her. Weil der Edelmannssohn keine Waffen mit sich genommen hatte, so holte er aus und gab dem Löwen einen Faustschlag aufs Haupt, dass er zusammen brach. Da ergriff die Löwin ihren Mann mit den Tatzen und schleppte ihn den Berg hinauf und wusch ihn im Wasser, und es dauerte gar nicht lange, so war er frisch und munter, wie zuvor.
»Das Wasser wird auch deine kranke Mutter wieder gesund machen,« dachte der Junge bei sich, füllte ein Fläschlein voll und machte sich wieder auf den Heimweg. Da kamen die Löwen ihm nach und sprangen um ihn herum, wie die Hunde, wedelten mit dem Schweif und leckten ihm Hände und Füsse. »Auch gut,« sprach er, »das kann dir zum Nutzen gereichen!« Dann schritt er mit den beiden Löwen dem Bergschlosse zu. Der Riese hatte an der Thüre gelauert, bis die Löwen den Burschen auf dem Berge zerreissen würden. Wie erschrak er deshalb, da er ihn mit den gewaltigen Tieren ankommen sah, als begleiteten ihn ein Paar grosse Hunde. »Frau,« sagte er, »jetzt gilt's unser Leben; nun ist er stärker geworden denn zuvor. Wenn er dir das Fläschlein mit dem Wasser des Lebens gegeben hat, so sag ihm darum, du hättest Lust nach einem Rebhuhn oder zweien; er möge doch in den Wald gehen und dir eins schiessen.[197] Wenn er dann zurückkommt, so hast du ein grosses Mahl bereitet zur Feier deiner Genesung; du giebst ihm schweren Wein zu trinken, bis er trunken geworden ist, und darnach fragst du ihn, woher er seine grosse Stärke besitze.« Die Rabenmutter versprach dem Riesen, alles zu thun, wie er ihr gesagt hatte; und als ihr Sohn mit dem Wasser des Lebens vor ihr stand, trank sie daraus und sprach dann zu ihm: »Mein Sohn, ich habe eine Lust auf Rebhühner. Geh in den Wald und schiess mir eins oder zwei.« Und da der Junge seine Mutter von Herzen lieb hatte, so kehrte er auch alsbald in den Busch zurück und ruhte nicht eher, als bis er zwei Rebhühner erlegt hatte.
Indem er auf dem Heimwege war, stiess er auf ein eisernes Thor, das in einen Berg hinein führte, genau so, wie es in seinem Bergschlosse war. Neugierig trat er näher und schob den Riegel zurück; aber auch in diesem Schlosse war kein menschliches Wesen zu finden, nur unter dem Fussboden klangen leise Klagerufe hervor, als ob dort ein Mensch gefangen sässe. Er ergriff mit seinen starken Händen die Bretter und Planken der Diele und riss sie auf, und siehe, da sass unter dem Fussboden eine Jungfrau eingemauert, wie man sie nicht schöner denken kann. Nachdem er ihr zu essen und zu trinken gegeben, sprach sie zu ihm: »Du bist mein Erretter, und wenn du mich haben willst, so kannst du mich heiraten.« – »Wer bist du denn?« fragte der Junge. »Ich bin des Königs einziges Kind,« antwortete die Jungfrau, »als ich am Waldessaum Blumen las, sind elf grosse, ungeschlachte Riesen gekommen und haben mich gefangen genommen. Zuerst wollten sie mich schlachten; da ich sie aber so inständig bat, so haben sie mich nicht gefressen, sondern unter dem Fussboden eingemauert, wo du mich eben gefunden hast, und in dem Kerker schmachte ich heute den achten Tag.« – »Dann war's Zeit, dass ich kam!« erwiderte der Junge, »Und ich möchte dich gerne zur Frau haben; aber was hilft's, dein Vater, der König, erlaubt es ja doch nicht.« – »Dafür lass mich nur Sorge tragen,« versetzte die Prinzessin, »bekomme ich dich nicht, so nehme ich gar keinen Mann. Und nun mach, dass wir auf meines Vaters Schloss kommen.« – »Ich muss zuvor meiner Mutter die Rebhühner bringen,« sprach der Junge, und die Königstochter begleitete ihn, bis sie an den Berg kamen; aber mithinein gehen wollte sie nicht. Der Edelmannssohn redete ihr freundlich zu, aber es half alles nichts, sie hatte ein Grauen vor allen Bergschlössern bekommen und sagte zu ihm, sie wolle draussen auf einem Steine seiner warten, er möge nur schnell machen. Er liess ihr darauf die beiden Löwen zum Schutze zurück und schritt durch das eiserne Thor und die Glasthüre in den Berg hinein.
»Es ist gut, mein Sohn, dass du wieder da bist,« sagte das falsche Weib und streichelte mit der Hand seine Wangen, »jetzt wollen wir uns zu Tische setzen und meine Genesung feiern.« – »Ich kann nicht mitthun,« antwortete der Junge, »ich muss gleich wieder in den Wald hinaus und wollte dir nur die Rebhühner bringen.« – »Ach, mein Sohn,« bat die Mutter, »willst du mich heute allein lassen, da [198] mich das Wasser des Lebens, welches du mir gegeben, von dem Tode errettet hat! So trink doch einen Becher Wein auf meine Gesundheit!« Das mochte er seiner Mutter nicht abschlagen, und er leerte einen Becher, und da sie nicht nachliess mit Bitten und Quälen, auch einen zweiten und endlich gar den dritten. Da ward er müde und trunken, denn die alte Hexe hatte einen Schlaftrunk in den Wein gemischt, und sie musste ihn zu Bette bringen. Wie er nun so dalag und sie bei ihm stand, sprach sie zu ihm: »Mein Sohn, woher hast du eigentlich deine übergrosse Stärke? Auf deines Vaters Hofe warst du doch nicht stärker, wie deine Altersgenossen alle?« – »Ach, Mutter, lass mich schlafen,« antwortete der Junge, »was geht's dich an, woher ich meine Stärke erlangt habe!« – »Nicht doch, mein Sohn,« fuhr das böse Weib fort, »du wirst doch nicht vor deiner Mutter ein Geheimnis haben? Das habe ich davon, dass ich dich hegte und pflegte, als du ein Kind warst.« – Da wurde das Herz ihres Sohnes matt bis zum Tode, und er erzählte ihr alles, wie es gekommen war, und dass er einen hanfenen Strick um den Leib trage, der ihm die Kraft von zwölf Riesen verleihe.
Der Riese unter dem Bette spitzte bei diesen Worten die Ohren, wie ein Mäuschen, und als der Junge eingeschlafen war, kroch er hervor, und sie zogen ihm seine Kleider aus und lösten ihm den Gurt vom Leibe. Am andern Morgen fühlte der Junge beim Erwachen, dass seine Kraft von ihm gewichen sei; aber ehe er darüber nachdenken konnte, wer ihm den hanfenen Strick geraubt haben möchte, trat der Riese auf ihn zu, riss ihn aus dem Bette und sprach: »Du bist lange genug Herr in meinem Hause gewesen, jetzt folge mir nach!« Dann führte er den Jungen aus dem Schlosse heraus in den Wald und sagte zu ihm: »Weil du meiner Frau Sohn bist, soll dir das Leben geschenkt sein!« Damit zog er einen spitzen Dolch aus der Tasche hervor und stach ihm beide Augen aus. »Nun gehe, wohin es dir beliebt!« rief er lachend und kehrte in das Bergschloss zurück, wo er mit des Edelmanns Frau Hochzeit feierte.
Da stand nun der arme Junge im Walde, und das rote Blut quoll ihm aus den Augen, und er konnte nicht vorwärts und nicht rückwärts; denn er wusste nicht, wohin er trat. Die beiden Löwen hatten aber seine Spur gerochen und kamen herbeigesprungen und nahmen ihn zwischen sich, dass er sich auf sie stützen konnte, und führten ihn dahin, wo die Prinzessin sass. »Mein Gott, was ist dir?« schrie sie erschrocken, »Hab' ich's dir nicht gesagt: ›Geh nicht in den Berg hinein, es ist dein Unglück!‹ Nur gut, dass ich dir nicht gehorcht habe; jetzt kann ich dich auf meines Vaters Schloss führen, und dort machen wir Hochzeit; denn wenn du auch blind bist, so will ich doch keinen andern zum Manne haben, als dich allein.« Damit ergriff sie ihn bei der Hand und leitete ihn aus dem Walde heraus. Doch ehe sie auf das Schloss gingen, sprachen sie bei einem Glaser vor, der musste dem Jungen ein Paar Glasaugen einsetzen, und erst dann traten sie vor den König.
»Mein Töchterchen, wo bist du so lange gewesen?« fragte dieser [199] erfreut. »Mich hatten die Riesen im Walde gefangen und in ihrem Bergschlosse unter den Fussboden gemauert, und dieser Mann hier hat mich erlöst;« antwortete die Prinzessin; »belohne ihn darum, wie er es verdient hat, Väterchen, und gieb ihn mir zum Manne.« – »Wenn er dich haben will, so soll er dich bekommen,« sprach der König, und da der Junge nicht nein sagte, so wurde Verlobung gefeiert und ein grosses Gastmahl gegeben. Dem Bräutigam gegenüber sass aber bei Tische ein General, der schon lange ein Auge auf die Prinzessin geworfen hatte. Den kränkte es nun, dass sie ein anderer heimführen solle, und er erhub sich und sprach: »Sollte wirklich der blinde Junge da mit den Glasaugen im Kopfe die Prinzessin erlöst haben? Ich glaube fürwahr, er ist selbst ein Räuber, und die Prinzessin hat ihm einen teuren Eid schwören müssen, dass sie ihn heiraten wolle, wenn er sie in ihres Vaters Reich zurückführe.« Der König hatte bis dahin die Glasaugen noch gar nicht bemerkt; als er aber die Worte des Generals gehört hatte, glaubte er ihm sogleich, ward zornig und befahl, den Jungen in einen Kerker zu werfen, und am andern Tage sollte er gerichtet werden.
In der Nacht, als alles schlief, stand die Prinzessin von ihrem Lager auf, kleidete sich an und schlich zum alten Turm und schloss dort ganz leise, leise die Kerkerthüre auf; dann nahm sie ihren Erlöser bei der Hand und führte ihn zum Schlosse hinaus, und die Löwen folgten den beiden nach, und sie gingen in den wilden Wald hinein. »Wo du bist, da bin ich auch, und wo du stirbst, da sterbe ich auch,« sagte die Prinzessin, »du hast mich von den Riesen erlöst, so bleibe ich bei dir, bis wir Hungers sterben.« Endlich waren sie müde und matt vom vielen Wandern, und die Prinzessin setzte den Edelmannssohn auf das grüne Moos nieder, dass er seinen Rücken gegen einen Baumstamm lehnen konnte, sie selbst aber blieb ihm gegenüber stehen und starrte ihm traurig ins Gesicht. Mit einem Male flatterte ein grosser Raubvogel zwischen den Bäumen hin und stiess dabei mit dem Kopfe bald an diesen Stamm, bald an jenen und schlug sich an den Ästen die Flügel wund. Er war starblind, das sah sie wohl. Plötzlich fiel der Vogel jedoch in das Bächlein hinab, das hart an ihren Füssen vorüber floss, und nachdem er sich darin gebadet und geputzt hatte, stieg er kerzengrade in die Luft empor, und er flog so schier und sicher, dass seine breiten Schwingen kein Blättchen berührten.
»Komm, lieber Bräutigam, und lass dich hier am Bachesrand nieder,« sagte die Prinzessin freudig, denn sie erkannte, dass das Wasser des Bächleins Heilkraft besitze. »Ach, du willst mich ertränken, denn du möchtest mich gerne los sein! Lass mir doch mein Leben!« flehte der Blinde. »Nicht doch,« erwiderte die Prinzessin freundlich, »wenn ich deinen Tod gewollt hätte, so brauchte ich nicht mit dir aus dem Schlosse zu fliehen und dich aus dem Kerker zu erretten. Komm nur und lass dich hier nieder.« Da gehorchte ihr der Blinde, und die Prinzessin schöpfte mit der hohlen Hand Wasser aus dem Bächlein und netzte ihm damit die Augen. »Wie ist mir! Ich [200] sehe Bäume und Blumen!« rief der Junge sogleich; und als die Königstochter merkte, dass es ihm half, da bekam sie erst Lust zum Waschen, und sie wusch und wusch, bis er rief: »Jetzt ist es genug, sonst sehe ich am Ende zu scharf, und das wäre auch nicht gut.« Nachdem er wieder sehend geworden war, fassten sie einander bei der Hand und kehrten fröhlich und vergnügt in das Schloss zurück. »Da ist ja der arme Sünder, der uns aus dem Kerker entwischt ist!« sprach der alte König; aber die Prinzessin sagte: »Hast du dich denn schon überführt, Väterchen, ob mein Bräutigam wirklich blind ist?« Das hatte der König noch nicht gethan, und es wurde dem Jungen geschriebene Schrift und gedruckte Schrift vorgelegt, und er konnte beides so schön lesen, dass es eine Freude war, mit anzusehen. Nun war es klar, der General hatte gelogen, und er wurde in den tiefsten Kerker geworfen und den folgenden Tag hingerichtet. Das hatte er davon, dass er dem Erlöser der Prinzessin sein Glück nicht gönnte.
Auf dass aber der alte König selbst sähe, wo seine Tochter acht Tage eingemauert gesessen, und damit der Edelmannssohn Rache nehmen könne an dem gottlosen Riesen, zogen sie allesamt mit grossem Heere und vielen Wagen in den Wald hinaus. Zuerst kamen sie vor den Berg, in dem die Prinzessin von den elf Riesen eingemauert war. Da konnte der König sich denn selbst überzeugen, wie jämmerlich die Prinzessin wohl in dem kleinen, engen Loche gesteckt haben mochte. Und als er sich alles genugsam angeschaut hatte, mussten die Soldaten alles Gold und Silber auf die Wagen schaffen; darauf wurde das Bergschloss zerstört, dass kein Stein davon auf dem an dern blieb.
Von dort ging es zu dem andern Schlosse, und der Edelmannssohn schickte zwei Soldaten hinein, dass sie den Riesen aufforderten, den hanfenen Strang herauszugeben; sonst würde ihr Herr selber kommen und ihn mit dem Schwerte holen. Als der Riese die vielen Soldaten und die beiden Löwen sah, zitterte er vor Angst, wie Espenlaub, und kam aus dem Schlosse heraus und übergab dem Jungen den Strick. Der gürtete ihn um seine Hüften, und die gewaltige Kraft überkam ihn wieder, und er führte den Riesen in den Wald hinein. Dort sprach er zu ihm: »Du hast mir nicht das Leben genommen, so werde ich dir auch nicht das Leben nehmen; du hast mir aber mit deinem Dolche die Augen ausgestochen, so werde ich dir auch mit meinem Dolche die Augen ausstechen.« Und ehe der Riese um Gnade bitten konnte, hatte er ihm sein Augenlicht genommen, und er musste von nun an blind im Walde herumtappen und hat dort herumgetappt, bis er Hungers gestorben ist.
Als der Junge zu dem alten König zurückkehrte, hatte derselbe gerade die Rabenmutter aus dem Schlosse herausführen und hinrichten lassen. Das war dem Jungen leid, denn es war immer seine Mutter, aber sie hatte es nicht besser verdient. Darauf trugen die Soldaten auch aus diesem Schlosse alles Gold und Silber heraus und luden es auf die Wagen, und dann thaten sie dem Schlosse, wie sie dem [201] andern gethan hatten. Nachdem sie wieder in die Stadt zurückgekehrt waren, wurde Hochzeit gefeiert, und als der alte König gestorben war, wurde des Edelmanns Sohn König an seiner Statt. Und er lebte lange Jahre mit seiner jungen Frau, der Königin, in Glück und in Frieden, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.
Es waren einmal zwei Försterskinder, jung von Jahren und schön von Angesicht, ein junger Bursche und eine Jungfrau, die hatten beide ihren Schatz, aber sie durften nicht heiraten, denn die Eltern wollten es nimmer erlauben. Da sagte der Junge eines Abends: »Schwesterchen, ich halt's nicht länger mehr aus, wir wollen fliehen.« Und als das Schwesterchen damit einverstanden war, zog der Bruder geschwind die beiden Pferde aus dem Stalle, sattelte sie und zäumte sie auf, und sie ritten auf und davon. Doch der Wald war sehr gross und wollte und wollte kein Ende nehmen. Drei Tag und drei Nacht waren sie schon geritten, mit einem Male vernahmen sie ein grosses Geschrei, wie wenn viele Leute mit einander zankten. »Warte auf mich,« sprach der Bruder, »ich will sehen, was da los ist. Vielleicht ist jemand darunter, der mir Bescheid sagen kann!« Da hielt das Schwesterchen die Pferde, und der Bruder ging der Richtung nach, von wo das Geschrei erschallte.
Es dauerte gar nicht lange, so kam er zu einem grossen Hügel, darauf standen drei Riesen, die zankten sich um ihr Erbteil. »Wo kommst du her?« riefen sie, »Kommst du etwa von unserm Vater im Himmel, dass du Schiedsrichter zwischen uns seist?« Antwortete der Junge: »Richtig geraten. Euer Vater schickt mich; denn er kann es nicht länger mit ansehen, dass ihr euch gegenseitig in den Haaren liegt. Vor allen Dingen aber soll ich sehen, ob das Erbteil noch so ist, wie er es euch hinterlassen hat.« Da gaben ihm die Riesen einen Ring, der trug in sich die Kraft von zehn Riesen, den steckte der Junge an seinen Finger. Dann brachten sie ihm einen Mantel, der unsichtbar machte, einen Geldbeutel, der nie alle wurde, und ein Schwert, das alles durchschlug, Stahl und Stein; doch es war schwer, und es gehörte der Ring dazu, um es tragen zu können. Nachdem der Junge die vier Sachen hatte, sprach er: »Dass es vier Wunschdinge waren, das hatte ich gar nicht gewusst. Nun muss ich doch noch einmal zu eurem Vater in den Himmel und fragen, ob der Älteste zwei Stücke erhalten soll.« – »Lauf nur, wir warten hier unten,« riefen die Riesen, »wenn es drei Sachen wären, hätten wir uns schon [202] längst geeinigt.« Da schlug der Junge den Mantel um sich und ward unsichtbar und lief zu seiner Schwester; die Riesen aber glaubten, er wäre in den Himmel gestiegen und warteten und warteten, dass er zurück käme. Am Ende sitzen sie auch heute noch da.
Brüderchen und Schwesterchen ritten indes immer weiter, und Schwesterchen war neugierig, was Brüderchen gesehen hätte; das aber sagte, es sei nichts Absonderliches gewesen. Über eine Weile kamen sie an eine gewaltig hohe Felsenmauer. Daran ritten sie einen ganzen Tag entlang, aber immer noch war kein Ende abzusehen. Da ward der Junge zornig und schlug mit der Faust gegen den Fels, und die schweren Steine gaben nach, und er hatte ein grosses Loch in die Felsenmauer geschlagen, dass sie mit den Pferden neben einander durchreiten konnten. Das hatte alles der Stärkering gemacht, den er am Finger trug. Jenseits der Mauer lag das Land der Riesen, und ihr König wohnte in einem grossen, prächtigen Schlosse; der war der Kleinste unter ihnen allen, und grade darum hatten ihn die andern zu ihrem König gewählt. Denn: Je kleiner, je klüger! denken die Riesen; doch war er immer noch weit länger und breiter, als die Menschenkinder sind. Das gute Glück führte Bruder und Schwester gerades Wegs auf das Schloss zu, und der Riesen-König nahm sie gastlich auf; und da er ein grosser Freund von schönen Frauen war, so that ihm die Jungfrau es an, und er verliebte sich in sie. Als der Bruder einst auf die Jagd geritten war, fragte er das Mädchen, ob sie ihn nicht heiraten wolle. »Wenn mein Bruder nicht wäre, ich thäte es schon,« sagte das gottlose Ding, und von da an trachteten sie beide danach, wie sie den Jungen um das Leben brächten.
»Höre, ich hab's gefunden!« rief der Riesenkönig, »Ich habe in meinem Garten einen Apfelbaum, der trägt goldene Früchte. Den lass' ich von fünfzig Riesen bewachen und gebe ihnen den Befehl, keinen Menschen und kein Tier, sei es, was es wolle, an den Baum zu lassen. Du aber stellst dich krank, wenn dein Bruder zu Hause kommt, und bittest ihn, dass er dir ein Paar Äpfel besorge.« Und so geschah es auch. Als der Bruder von der Jagd zurückkehrte, lag Schwesterchen im Bette und weinte und jammerte und sagte, es fühle den Tod kommen. »Giebt es denn gar keine Hülfe mehr?« fragte der Junge und weinte auch. Da sagte die falsche Jungfrau: »Mir hat vorhin geträumt, ich würde wieder gesund werden, wenn du mir zwei von den goldenen Äpfeln brächtest, die in des Riesenkönigs Garten wachsen.« – »Wenn's weiter nichts ist,« rief der Junge, »so sollst du bald gesund werden,« warf den Wunschmantel um, nahm das Schwert in die Hand und ging in den Garten. Da sah er vor dem Baume die fünfzig Mann, und als er merkte, dass sie keinen durchlassen sollten, schwang er sein Schwert und schlug ihnen die Köpfe ab. Nur zwei liess er übrig; die fielen nämlich auf ihre Knie und baten ihn, wer er auch sei, (denn sie konnten ihn ja nicht sehen), er möchte ihnen das Leben schenken, auch dürfe er sich so viel Äpfel nehmen, als er nur immer haben wolle. »Ich will nur zwei,« antwortete der [203] Junge, brach die Äpfel und brachte sie seiner Schwester ins Schloss. Die ass davon und sagte, geholfen hätte es wohl, aber ganz gesund sei sie noch immer nicht. Antwortete der Junge: »So kann ich dir nicht helfen,« und ging wiederum auf die Jagd.
»Was ist das für ein Held!« rief der Riesenkönig furchtsam, als der Junge davon gegangen war. »O, er kann noch mehr,« antwortete die Schwester, »so leichten Kaufs werden wir ihn nicht los.« – »Und ich weiss doch noch etwas,« sagte der Riesenkönig, »das bringt ihn gewiss ums Leben. Ich habe einen Brunnen im Garten, das ist der Brunnen des Lebens. Und davor liegen zwei gewaltige Löwen an der Kette, die zerreissen jeden, der von dem Wasser schöpfen will.« Das war der Jungfrau lieblich zu hören, und als ihr Bruder von der Jagd zurückkehrte, sprach sie zu ihm: »Als du fort warst, verfiel ich in einen tiefen Schlaf, und es träumte mir: wenn ich von dem Brunnen des Lebens, der in dem Garten des Riesenkönigs ist, Wasser bekäme und davon tränke, so würde ich gesund zu der selbigen Stunde.« – »Sei ruhig, Schwesterchen, ich werde dir helfen,« sagte der Bruder, nahm eine Flasche und ging damit in den Garten. Wie er jedoch aus dem Brunnen schöpfen wollte, fuhren die grimmen Löwen auf ihn los. Da nahm er sein Schwert und spaltete den Löwen mit einem Schlage in zwei Teile. Als das die Löwin sah, streckte sie sich nieder und wedelte mit dem Schwanz, wie ein Hund, und leckte ihm Füsse und Hände. »Wenn du mir treu sein willst, so will ich dich von der Kette lösen,« sagte der Junge, und als er von dem Wasser geschöpft hatte, band er die Löwin von der Kette los, und sie folgte ihm nach, und wo er hin trat, da trat sie auch hin, wie es der treuste Hund nicht besser thun kann.
Als der Junge mit der Löwin ankam, geriet der Riesenkönig in grossen Schrecken und wäre am liebsten aus dem Schlosse gelaufen. Die Schwester aber trank von dem Wasser des Lebens und sagte, es wäre ihr nun schon viel besser zu Mute, aber ganz gesund sei sie doch noch nicht. Das konnte der Junge nicht ändern, und er ging wie gewöhnlich fleissig auf die Jagd. Eines Tages traf er im Walde einen hohen, steinernen Turm, und als er näher heranging, erblickte er eine Jungfrau, die sah zum Fenster heraus und klagte dem lieben Gott ihre Not. »Wer bist du?« fragte der Junge. »Ich bin die Tochter des Königs von Engelland,« sagte die Jungfrau, »der gottlose Riesenkönig hat mich geraubt, und da ich ihn nicht heiraten wollte, so hat er mich bei Wasser und Brot in diesen Turm gesperrt, und hier sitze ich nun schon an vier Jahre.« Das that dem Jungen leid, und er schlug mit der Faust gegen die Thüre, dass sie in tausend Stücke sprang; dann holte er die Prinzessin heraus und brachte sie an den Strand. Dort steckte er einen Baum in den Sand und band sein Taschentuch an die Spitze, dass es den Schiffern ein Zeichen wäre, wenn sie an der Küste vorüber segelten. Es dauerte auch gar nicht lange, so kam ein Schiff, und als die Schiffsleute die Notflagge sahen, setzten sie ein Boot aus und fuhren an Land. Dort übergab [204] ihnen der Junge die Prinzessin und zählte ihnen aus dem Wunschbeutel tausend Goldstücke auf, dass sie die Prinzessin nach Engelland brächten; denn es sei des dortigen Königs einzige Tochter. Als die Schiffsleute das viele Gold erblickten, versprachen sie, die Prinzessin mitzunehmen, und stiessen ab vom Lande, brachten sie an Bord und segelten weiter. Unterwegs nahmen sie jedoch der Kapitän und der Steuermann bei Seite, und sie sollte ihnen zuschwören, dass sie von ihnen erlöst sei, sonst würde sie in das Meer geworfen. Da geriet die Prinzessin in grosse Furcht und schwur ihnen zu, was sie von ihr verlangten. Als sie nun in Engelland ankamen, sagte sie zwar ihrem Vater, dem Könige, dass die fremden Schiffer sie erlöst hätten; als er aber sprach, nun müsse sie auch einen von den beiden zum Manne nehmen, antwortete sie, die Lust zum Heiraten sei ihr vergangen. Da wurden die Schiffer mit einer grossen Belohnung abgefunden, die Prinzessin aber baute ein Krankenhaus, in dem fanden alle siechen und kranken Wanderer Aufnahme, aus welcher Herren Länder sie auch herstammen mochten. Den einen Tag besuchte sie die Siechen und den andern die Kranken, und das that sie immerfort. Wir wollen sie nun in ihrem Krankenhause lassen und sehen, was inzwischen aus dem Jägerssohne geworden ist.
Nachdem er ein paar Wochen in dem Schlosse zugebracht hatte, war er des Lebens im Riesenlande überdrüssig und sagte zu seiner Schwester: »Komm, wir wollen weiter ziehen!« – »Nicht doch, mein Bruder,« antwortete die Schwester, »ich bin noch immer so krank und schwach, dass ich nicht reiten und nicht fahren kann. Aber heut Nacht hatte ich wieder einen Traum, da sagte mir eine Stimme, ich würde gesund werden, wie zuvor, wenn du mir sagtest, woher du deine grosse Stärke hast.« Das wollte der Bruder nicht offenbaren; aber die Schwester bekam ihn doch mürbe, denn sie legte sich zu Bette und stöhnte und ächzte, als sei ihr letztes Stündlein nahe, und wenn dann der Bruder kam und sie trösten wollte, so schalt sie ihn einen Mörder, der seine Schwester eher sterben liesse, als dass er sein Geheimnis verriete. Endlich ward seine Seele müde und matt, und er erzählte ihr alles, wie es gekommen war. Als er nun im Bette lag und schlief, schlich sich seine Schwester auf Strümpfen in die Stube und stahl ihm den Mantel, den Beutel und das Schwert, und zu guter letzt streifte sie ihm auch ganz leise, leise den Stärkering von dem Finger. Da war er nicht stärker, als ein anderer Mensch; die Jungfrau aber brachte die Wunschdinge dem Riesenkönig, und als der sie hatte, schloss er sie in den Kasten; dann stand er auf und ging zu dem Jungen in die Schlafkammer, riss ihn aus dem Bette und sprach zu ihm: »Jetzt sollst du den Lohn dafür bekommen, dass du mir die achtundvierzig Riesen und den Löwen erschlagen hast.« Der Junge wollte sich zur Wehr setzen; aber als er sah, dass der Ring nicht mehr am Finger steckte, merkte er, was geschehen war und warum sich seine Schwester immer so krank gestellt hatte, und liess sich alles gefallen, was der Riesenkönig mit ihm machte. Der aber befahl [205] den beiden Riesen, welche der Junge damals verschont hatte, sie sollten ihn jenseits der Mauer bringen und ihm die Zunge ausschneiden und beide Augen ausstechen. Das thaten sie auch; als sie jedoch das Messer zuckten, fiel er auf seine Knie und bat sie, ihm doch die Zunge zu lassen, damit er nicht Hungers stürbe. Da dachten die beiden Riesen daran, wie er auch ihrer verschont habe, und stachen ihm nur die Augen aus. Dann nahmen sie das Junge der Löwin, die ihrem Herren nachgefolgt war und das sie so eben geworfen hatte, und töteten es und schnitten ihm die Zunge aus und brachten darauf die Augen und die Zunge dem Riesenkönig als Wahrzeichen auf sein Schloss. Der feierte sogleich Hochzeit mit der gottlosen Jungfrau, und sie lebten vergnügt und fröhlich, wie gottlose Leute eben nur leben können.
Der arme Blinde sass indessen im Walde und wusste nicht wo aus noch ein. Doch als er durstig war, kam die Löwin zu ihm, und er trank von ihrer Milch, und die Tiere des Waldes kamen und trugen ihm Wurzeln und Beeren und Nüsse herbei, dass er nicht Hungers stürbe. So verging ein ganzes Jahr; aber die Löwin hatte ihn nach und nach dem Strande zu geleitet. Hier trafen ihn eines Tages Seeleute, die süsses Wasser einnehmen wollten; und als er ihre Stimmen hörte, bat er sie: »Nehmt mich mit, ihr lieben Leute, wohin es auch sei.« Antworteten die Schiffer: »Wir segeln nach Engelland und wollen dich gerne mitnehmen; aber schicke die Löwin fort, die sieht so fürchterlich aus, dass wir nicht an dich heranzukommen wagen.« – »Sie thut euch nichts,« sprach der Junge; doch da die Seeleute darauf bestanden, schickte er die Löwin fort, und die Leute trugen ihn schnell in das Boot und gingen mit ihm an Bord. Als sie oben waren und das Schiff absegelte, merkte die Löwin, dass ihr Herr verschwunden sei. Und sie brüllte laut und sprang in das Meer und schwamm dem Schiffe nach, und ehe sich's die Schiffsleute versahen, war sie die Schiffswand emporgeklettert und stand auf Deck. Da flohen die Mannschaften auf die Masten, und der Kapitän und der Steuermann liefen in die Kajüte; aber die Löwin that so freundlich und wedelte mit dem Schwanze, dass einer nach dem andern wieder auf Deck kam, und jedem einzelnen leckte sie Füsse und Hände, dass sie sich allesamt über das Tier freuten. Wind und Wetter waren wunderschön, und nach schneller Fahrt ging das Schiff im Hafen der Hauptstadt des Königs von Engelland vor Anker. Der Kapitän war ein guter Mann und sorgte sogleich dafür, dass der blinde Fremdling in das grosse Krankenhaus der Prinzessin gebracht wurde. Die Löwin aber blieb bei ihm und wich nicht von seiner Seite; und als die Wärter sie wegbringen wollten, wies sie ihnen die Zähne. Da liefen sie zu der Königstochter und meldeten ihr, ein blinder Mann mit einer Löwin sei von einem Schiffer in das Krankenhaus gebracht, und das Tier wolle nicht von seinem Herren weichen. Die Prinzessin ahnte schon, wer es sein könnte, und kam selbst, und als sie den blinden Mann erblickte, stürzte sie auf ihn zu und herzte [206] und küsste ihn; und auch die Löwin war ganz unsinnig vor Freude, denn sie war ja dabei gewesen, als ihr Herr die Prinzessin aus dem Turme befreite.
Der Blinde wurde sogleich in die Kutsche getragen, und sie fuhren auf das Schloss zum König. Hier musste er alles erzählen, wie es gekommen war, und als der König erfuhr, dass nicht die Schiffer, sondern er die Prinzessin erlöst habe, wusste er wohl, warum seine Tochter nicht hatte heiraten wollen. Nun war es etwas anderes, und die Hochzeit wurde noch an demselben Tage gefeiert, in grosser Pracht und Herrlichkeit. Nachdem sie ein paar Wochen zusammen gelebt hatten, führte die Königstochter ihren Mann in den Wald; und als sie eine Weile gegangen waren, wurde er durstig und bat sie, dass sie ihn zu einer Quelle führe. Das that die Prinzessin auch; aber am Rande des Brunnens glitt ihr Mann aus und stürzte in das Wasser. Als er wieder auftauchte, hatte er beide Augen im Kopfe und konnte besser sehen, wie je zuvor; denn der Brunnen hatte die Eigenschaft, den Blinden das Gesicht wieder zu geben, wenn sie hinein sprangen. Nun war die Freude gross, und als sie in das Schloss zurückgekehrt waren, wollte der alte König sogleich an seinen Schwiegersohn die Regierung abgeben und sich zur Ruhe setzen. »Nein, das darf ich noch nicht,« entgegnete dieser, »zuvor muss ich an meiner Schwester und an dem Riesenkönig Rache nehmen.« Die Prinzessin weinte und jammerte und bat ihn, sie nicht zu verlassen, der liebe Gott werde die beiden schon strafen; aber er hörte nicht darauf. Ein Kriegsschiff wurde ausgerüstet, dann liess er der Prinzessin als Schutz die Löwin zurück, gab ihr noch einen Abschiedskuss und ging an Bord. Die Anker wurden gelichtet, und das Schiff segelte ab.
Nachdem sie an die Küste gekommen waren, wo ihn das Schiff damals aufgenommen hatte, sagte er zu den Mannschaften: »Wenn ich in acht Tagen nicht wieder an Bord zurückkehre, so bin ich tot, und ihr seht mich nie wieder. Dann fahrt ohne mich nach Engelland zurück.« Darauf liess er sich mit einem Boote an Land setzen und ging schnurstracks auf die Felsenmauer zu. Als er aber an die Stelle gekommen war, wo er damals mit seiner Schwester hindurchgeritten war, hatten die Riesen das Loch wieder voll Felssteine getragen, und er vermochte keinen davon zu rücken und zu rühren, so sehr er sich auch Mühe gab. Da überfiel ihn Verzweiflung; denn wenn er sich nicht rächen konnte, wollte er auch nicht leben. Er setzte sich unter einen hohen Baum und zog sein Schwert, um sich in das Herz zu stechen. Indem fiel eine Maus von dem Baume herab, die trug eine kleine Krone auf dem Kopfe und kam ihm gerade zwischen die Finger, dass sie nicht vorwärts und nicht rückwärts konnte. »Ach, töte mich nicht,« rief sie, »ich kann dir helfen!« – »Wie wolltest du mir helfen können?« antwortete der Prinz. »Ich bin der Mäusekönig,« erwiderte das Tierchen, »und mir gehorchen alle Mäuse der ganzen Welt.« – »Das ist etwas anderes!« sprach der Prinz; »Wenn du deinen Mäusen den Befehl geben willst, dass sie unter die Felsenmauer [207] einen Gang graben und mir aus dem Schlosse des Riesenkönigs den Ring holen, den er in den Kasten geschlossen hat, so sollst du deine Freiheit wieder erlangen.« Da pfiff der Mäusekönig, und sogleich kamen alle Mäuse zu hauf; und als sie erfahren hatten, warum es sich handle, gruben sie flink einen Gang unter die Felsenmauer und zogen auf das Riesenschloss. Dort nagten sie Thüren und Dielen durch, und als sie bei dem Kasten waren, frassen sie ein Loch in die Deckelwand, und ehe der Prinz es sich versah, waren sie wieder bei ihm, und die vorderste Maus trug den Ring im Maule, und drei andere halfen ihr tragen.
Als der Prinz den Ring hatte, liess er den Mäusekönig laufen und streifte darauf den Reif an den Finger. Da überkam ihm wieder die Kraft von zehn Riesen, und als er gegen die Mauer schlug, brach sie durch, und er schritt aufrecht durch die Lücke in das Riesenland hinein. Der Riesenkönig sass mit seiner Frau in dem Garten in der Laube, und sie schäkerten und scherzten, während der Prinz in das Schloss ging, den Kasten öffnete und das Schwert, den Mantel und den Beutel herausnahm. Dann trat er in den Garten, und als er den König und seine Schwester in der Laube erblickte, packte er sie und band sie mit Weidenruten dicht aneinander, dass sie sich nicht los reissen konnten. Dann rief er die beiden Riesen, welche ihn damals hinaus führen mussten, und befahl ihnen, dem König und seiner Frau auf derselben Stelle, wo sie ihn ausgesetzt hatten, die Augen auszustechen und die Zungen auszuschneiden. Sie wimmerten und winselten wie die jungen Hunde, aber es half ihnen nichts. Der Prinz ging selbst mit und stand dabei, als die Riesen den beiden die Zungen ausschnitten und die Augen ausstachen. Dann liess er sie laufen, wohin sie wollten; es wird aber nicht lange gedauert haben, bis sie eine Speise der wilden Tiere wurden oder verhungerten.
Als er das gethan hatte, ging der Prinz mit den beiden Riesen auf das Schloss zurück und sprach zu ihnen: »Ich will euch zu Königen machen an meiner Statt über das ganze Riesenland. Vertragt euch und haltet Friede und Eintracht unter einander, sonst komme ich wieder, und es geht euch, wie den beiden im Walde.« Da versprachen ihm die Riesen, sie wollten ihm in allen Stücken gehorsam sein, und sie haben auch Wort gehalten; der Prinz aber ging an den Strand, und es war gerade der vierte Tag, als er wieder an Bord gelangte. Darauf fuhren sie mit günstigem Winde zwei Monde lang, bis das Schiff in Engelland vor Anker ging. Jetzt nahm der Prinz den Vorschlag des alten Königs an und wurde Herr über ganz Engelland und lebte mit seiner jungen Frau, der Königin, in Glück und Frieden; und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.
Es war einmal eine alte Hexe, die wohnte tief im Walde in einer Höhle. Darin hielt sie haus mit ihrem einzigen Diener, das war ein schwarzer Kater, der hiess Johann. Was es nur auf der Welt gab, musste der Kater Johann besorgen, Kochen und Braten, Waschen und Kehren, aber die meiste Zeit trieb er sich im Walde herum und jagte Wild für die Hexe. Eines Tages hörte er im Buschwerk etwas rascheln, er dachte es sei ein Mäuschen oder ein Wiesel und sprang mit einem Satze darauf zu; da war es ein neugeborenes Knäblein, das von seiner Mutter, der Wildtaube, zwischen die Blätter gekratzt war. Dem Kater Johann that das arme Kind leid; er hob es auf und legte es in seine Jagdtasche und nahm es mit sich nach Hause.
»Aber, Johann,« sagte die Hexe, als sie das Kind erblickte, »da hast du dir etwas Schönes aufgebunden! Nun du es gebracht hast, wollen wir es gross ziehen; doch du musst sein Lehrer sein.« Das war der Kater zufrieden, und die Alte machte dem Kinde ein Kleidchen von Lumpen und gab ihm einen kräftigen Thee zu trinken, und wenn es satt war, musste der Kater Johann mit ihm spielen, bis es müde ward und einschlief. Nachdem der Junge sechs Jahre alt geworden war, lehrte ihn der Kater schreiben und rechnen und aus dem gedruckten Buche lesen, und das Kind konnte so gut behalten und war so anstellig, dass ihm sein Lehrmeister mit dem vierzehnten Jahre nichts mehr beizubringen vermochte. »Mit den Wissenschaften sind wir fertig,« sprach die Hexe, als sie das merkte, »nun geht es an andere Künste!« Darauf gab sie dem Kater einen Besenstiel und dem Jungen die Ofengabel und befahl ihnen, dieselben zwischen die Beine zu nehmen. Alsbald wurden aus dem Besenstiel und der Ofengabel die schönsten Pferde, und die Stöcke, welche ihnen die Hexe zuvor in die Hand gegeben, wandelten sich zu blitzblanken Schwertern. Nun mussten sie reiten und fechten lernen, und das übten sie Tag aus Tag ein, bis sie die Kunst verstanden. »Jetzt geht's ans Schiessen,« sagte die Alte und reichte dem Jungen und dem Kater je ein Holzscheit dar. Sogleich wurden daraus die trefflichsten Schiessgewehre, und der Kater lernte seinen Zögling so gut an, dass er einer Mücke auf hundert Schritt die Beine unter dem Leibe wegschoss.
Endlich hatte der Junge ausgelernt. Da trat eines Morgens, als er erwachte, die alte Hexe vor sein Bett und sprach zu ihm: »Du musst in die Welt hinaus, um Land und Leute kennen zu lernen. Steh auf, draussen sind zwei Pferde, eins für dich und eins für den[209] Kater.« Die Rede gefiel dem Jungen, und er griff nach seinem Zeug; siehe, da lag statt der Lumpen ein goldenes Prinzenkleid auf dem Stuhl, das musste er anziehen. Und als er aus der Höhle heraustrat, standen zwei prächtige Pferde vor der Thür am Pfosten und scharrten mit den Hufen den Boden. Auf das eine schwang sich der Junge, auf das andere der Kater Johann; aber ehe sie fortritten, packte die Hexe den Kater am Schwanze und sprach zu ihm: »Johann, dass du mir auf den Jungen gut acht giebst! Wenn ihm ein Haar gekrümmt wird, kostet es dich dein Leben.« Der Kater versprach, hübsch aufzupassen; dann gaben sie den Rossen die Sporen und ritten auf und davon, von einer Stadt zur andern und von einem Dorf zum andern. Drei Wochen blieben sie hier und drei Wochen dort, und wo irgend ein Kampf war oder ein Krieg, half der Junge dem Schwächeren. Und weil ihn der Kater Johann beschützte, blieb er überall sieghaft; und wegen seiner Stärke und Tapferkeit, und weil er zottig am ganzen Körper war, wurde er nur der Bärritter genannt. Endlich liess es aber dem Jungen keine Ruhe mehr in der Fremde, und er kehrte mit dem Kater in die Waldhöhle zu der alten Hexe zurück.
Nachdem er eine Zeit lang dort gewohnt hatte, sagte die Hexe zu ihm: »Der König des Landes liegt mit seinem Nachbar im Krieg, und wenn ihm niemand beisteht, so ist er verloren.« – »Da möchte ich ihm wohl helfen,« antwortete der Bärritter, »wenn ich nur dürfte.« – »Gewiss darfst du,« sagte die alte Hexe, »wozu habe ich dich denn gross gefüttert und alle Künste lernen lassen!« Darauf gab sie dem Bärritter ein ganz goldenes Prinzenkleid, und nachdem er sich das angethan hatte, verwandelte sie den Kater in einen kohlschwarzen Rapphengst und sprach zu ihm: »Du sollst während des Krieges für den Jungen sorgen; wenn ihm ein Leides geschieht, will ich es dreifach an dir rächen.« Da wieherte Johann hell auf, zum Zeichen, dass er die alte Hexe verstanden hätte, und der Bärritter setzte sich auf seinen Rücken, und fort ging es über Stock und Block, bald über der Erde, bald unter der Erde, bis dass sie auf das Schlachtfeld gelangten, wo des Königs Soldaten schon in hellen Haufen flohen. Dort stürzte er sich auf die Feinde; und wo er hin hieb, da flogen die Köpfe, und wo er hinschoss, floss das Herzblut, und es dauerte gar nicht lange, so begannen die Feinde zu weichen, und noch ein Weilchen, so steckten sie eine weisse Fahne aus und baten um Waffenstillstand, um ihre Toten zu begraben. Die Bitte wurde ihnen gewährt, und der König zog mit dem Bärritter auf sein Schloss und gab ihm zu Ehren ein grosses Fest. Dabei sah er des Königs einzige Tochter, die war über die Massen schön, und er verliebte sich in sie, und die Prinzessin liebte ihn wieder. Der König merkte es wohl, aber er wollte noch nichts sagen, bis dass die Feinde ganz besiegt wären. Als nun aber der Bärritter ihm, nachdem der Waffenstillstand abgelaufen war, auch in der zweiten Schlacht beigestanden und zum Siege verholfen hatte, da sprach er zu ihm: »Du sollst meine Tochter bekommen und nach meinem Tode mein Erbe [210] im Königreiche werden.« Antwortete der Bärritter: »Ich thue es gerne; doch habe ich eine alte Mutter zu Hause, die muss ich zuvor um Erlaubnis fragen.« Das konnte ihm der König nicht verwehren, und der Bärritter ritt auf seinem Rapphengst in die Waldhöhle zurück.
»Mutter,« sagte er zu der alten Hexe, als er in der Höhle war, »Mutter, der König will mir seine Tochter zur Frau geben, und ich soll bei ihm wohnen, und wenn er stirbt, soll ich der Erbe des Landes werden.« – »Gegen die Königstochter habe ich nichts,« sprach die alte Hexe, »aber ihr Königreich ist zu schlecht für dich. Geh hin und bring deine Braut zu mir, dass ich dir ein besseres gebe.« Der Bärritter gehorchte und kehrte auf dem Kater Johann zu dem König zurück. Der freute sich, dass sein Schwiegersohn selbst ein König sei und so reich wäre, dass er seiner Tochter Erbe verschmähe. Er hiess sogleich die Pferde satteln und die grosse Staatskutsche anspannen, und dann machten sie sich auf die Reise. Zuerst war der Bärritter lustig und guter Dinge, denn er sah nur auf die schöne Prinzessin; je näher er aber der Waldhöhle kam, um so stiller wurde er, denn er fürchtete, dem König und seiner Braut möchte das Erdloch der alten Hexe übel gefallen. Da hatte er sich aber umsonst geängstet; denn als er an die Stelle kam, wo die Waldhöhle lag, stand an ihrer Stelle ein prächtiges Schloss mit hohen Thoren und Türmen und vielen tausend Fenstern; und Diener kamen herbei gelaufen, die nannten den Bärritter ihren König und halfen ihm vom Rosse und der Prinzessin aus dem Wagen und führten sie samt den Gästen in das Schloss hinein. Drinnen war ein grosses Mahl gedeckt, und die alte Hexe sass oben an und winkte dem Bärritter. »Guten Tag, Mutter,« sagte der Bärritter und stellte die alte Hexe dem König und der Prinzessin vor, und sie setzten sich nieder und liessen sich das leckere Hochzeitsmahl gut schmecken. Mit der Zeit war es Abend geworden; da legten sie sich nieder und schliefen.
Am andern Morgen stand der Bärritter frühe auf, wie er gewohnt war, und schaute zum Fenster hinaus. Da erblickte er unten den Kater Johann, der rief ihm zu: »Gürte dein Schwert um und komm zu mir herab, ich habe dir etwas mitzuteilen!« Das that der Bärritter auch; und wie er unten war, nahm ihn der Kater seitwärts in das Gebüsch und sprach zu ihm: »Ich habe dich im Walde aufgelesen und gross gezogen, ich habe dich alles Wissen und alle Künste gelehrt, ich habe dich in hundert Schlachten geschützt und dir zu der Prinzessin verholfen, jetzt vergilt mir, was ich an dir gethan, und schlage mir den Kopf ab.« – »Liebster Kater Johann,« antwortete der Bärritter, »das wäre ein schöner Entgelt für deine Dienste. Ich will dich wie meinen Bruder achten, aber den Kopf schlag' ich dir nicht ab!« – Sagte der Kater Johann: »Thust du es nicht, so kostet es dich dein Leben.« Das Leben wollte der Bärritter nun auch nicht gerne verlieren, und weil er keinen andern Ausweg sah, zückte er das Schwert und schwang es in der Luft, drückte [211] die Augen zu und schlug los, dass dem Kater der Kopf vom Rumpfe flog. Kaum lag er auf der Erde, so sprang er aber auch schon wieder auf seine alte Stelle zwischen die Schultern zurück, und siehe da, aus dem Kater wurde ein wunderschöner Prinz. Zugleich krachte und bebte die Erde ringsum, und aus dem Walde ward eine grosse Stadt und Dörfer und Mühlen, Felder und Wiesen. Das war das grosse Königreich, welches die Hexe gemeint hatte und das von dem Bärritter nun erlöst war. Die alte Hexe war die Königin darin gewesen, und der Kater Johann war ihr Sohn und Kronprinz des Landes, bis ein böser Zauberer alles verwünscht hatte; jetzt aber traten sie das Königreich an den Bärritter ab, und der lebte dort mit seiner jungen Frau, der Königin, und dem Prinzen Johann und seiner Mutter glücklich und zufrieden bis an sein seliges Ende, und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er heute noch.
Es waren einmal zwei Könige, die waren einander spinnefeind. Der eine davon war aber der ärgste Zauberer auf der ganzen Welt, und da er seinem Nachbar nicht mit Gewalt zusetzen konnte, weil sein Land viel kleiner war, als das Reich des andern, so versuchte er es mit List. Als sein Nachbar einst, wie er zu thun pflegte, allein auf die Jagd geritten war, befiel ihn ein heftiger Durst; aber so sehr er auch ausschaute, es war nirgends ein Quell oder ein Bächlein zu erblicken. Er war schier verschmachtet; da kam ein Mann auf ihn zu, mit langen Wasserstiefeln angethan, mit einem Spaten in der Hand und einer Leiter auf dem Buckel. »Heda, guter Freund, wo kommst du her, und was willst du mit Wasserstiefeln im heissen Sommer?« fragte er. »Ich bin ein Brunnenmacher,« antwortete der Mann, »und habe soeben einen Brunnen gegraben, hier ganz in der Nähe.« – »Ach, führ mich dahin!« rief der König erfreut; und der Mann ging mit ihm ein paar Schritt durch die Bäume, und richtig, da war ein tiefer, tiefer Brunnen, in den führte eine Strickleiter hinab, denn die Eimer waren noch nicht angebracht. Und damit die Sonne das Wasser nicht erhitze und die Blätter von den Bäumen nicht hinein fielen und das Wasser verunreinigten, so war ein Kasten mit einer Klappe darüber gebaut. Der König öffnete eilig die Klappe und stieg hinab, schöpfte mit der hohlen Hand und trank gierig von dem kalten, klaren Wasser. Als er satt getrunken hatte und wieder hinauf wollte, war aber die Klappe zugeschlossen, und er war gefangen in dem tiefen Brunnen. »Mach auf,« rief er zornig, »ich bin der König des Landes!« – »Und ich bin dein Nachbar!« rief der Brunnenmacher lachend; [212] »Darauf habe ich schon lange gewartet, dass ich dich finge; und jetzt, da ich dich habe, werde ich dich nicht so leichten Kaufes von dannen lassen.« Als der König merkte, dass er in seines Todfeindes Hände geraten sei, legte er sich auf das Bitten und versprach ihm so viel Gold und Silber, als vier Pferde von dannen ziehen könnten. »Geld habe ich selbst genug;« erwiderte der Zauberer! »Aber deine Frau ist guter Hoffnung. Wenn sie dir nun einen Sohn gebärt und du mir versprichst, das Kind zu mir zu schicken, sobald es vierzehn Jahre alt geworden ist, so will ich dir das Leben schenken.« – »Das kann ich nicht,« antwortete der König. »Dann bleibst du hier sitzen und magst in dem Brunnen verhungern um eines ungeborenen Kindes willen,« entgegnete der Zauberer. Dachte der König bei sich: »Besser, der Vater bleibt leben, als der Sohn, und wer weiss, ob's ein Junge ist, den deine Frau, die Königin, dir schenken wird;« und sprach darum laut: »Gut, es soll so sein, wie du gesagt hast!« Da liess ihn der Zauberer aus dem Brunnen heraus, und nachdem ihm der König die Sache schriftlich gegeben hatte, kehrte ein jeder in seine Stadt zurück.
Es dauerte auch gar nicht lange, so kam die Königin nieder und genas eines schönen Knäbleins, das wurde in der Taufe Prinz Ludwig genannt. Alle Leute freuten sich, dass das Land einen Erben bekommen hatte, nur der alte König war traurig und still, obgleich es sein einziger Sohn war und das Kind von Tag zu Tag schöner und klüger wurde. Als der junge Prinz nun sein vierzehntes Lebensjahr vollendet hatte, nahm ihn sein Vater besonders und sprach zu ihm: »Mein Sohn, ich habe dich vor deiner Geburt an meinen Nachbar, den bösen Zauberer, verkauft; hätte ich es nicht gethan, so wäre ich eines elenden Todes gestorben. Nun mach dich auf und geh hin zu meinem Todfeind, wie ich ihm versprochen habe.« Antwortete Prinz Ludwig mit trauriger Stimme: »Die Suppe, welche der Vater eingebrockt hat, muss der Sohn ausessen!« sagte dem König und seiner Mutter Lebewohl und wanderte der Hauptstadt des bösen Zauberers zu.
Als er ein paar Tage gegangen war, kam er in einen grossen Wald. Darin begegnete ihm ein alter Mann, der sprach zu ihm: »Guten Tag, Prinz Ludwig, wo willst du hin?« – »Zu meines Vaters Todfeind, dem ich vor meiner Geburt verkauft bin,« antwortete Prinz Ludwig. »Nun, dann werde ich dir einen Rat geben:« sagte der alte Mann, »Wenn du den Wald hinter dir hast, wirst du an eine acht Meilen lange, schnurgerade Strasse kommen, die an beiden Seiten mit Pappelbäumen besetzt ist und gerade auf das Schloss des Zauberers zu führt. Wenn dir dein Leben lieb ist, so nimm alles auf, was, während du auf der Strasse gehst, von den Bäumen herabfällt, und gieb es nicht eher zurück, bis es dich um Gottes Wunden bittet: Prinz Ludwig, gieb mir meine Hände!«
Prinz Ludwig bedankte sich für den guten Rat und ging weiter; und es dauerte auch gar nicht lange, so nahm der Wald ein Ende, und die acht Meilen lange, schnurgerade Strasse mit den Pappelbäumen [213] zu beiden Seiten lag vor ihm. Er schritt rüstig vor sich hin und mochte schon eine gute Meile zurückgelegt haben, da brach der Wind einen trockenen Ast ab, der fiel ihm dicht vor die Füsse. Da erinnerte er sich der Worte des alten Mannes und nahm ihn mit sich. Nicht lange darnach fiel ein zweiter Ast herab und endlich auch noch ein dritter, so dass Prinz Ludwig zu thun hatte, dass er sie fortschaffte. Mit einem Male rief eine Stimme von den Bäumen herab: »Prinz Ludwig, gieb mir meine Hände!« Er aber that, als hörte er nichts, und eilte weiter. »Prinz Ludwig,« erscholl es da dringlicher, »gieb mir meine Hände!« Und als er auch jetzt noch nicht hören wollte, rief es zum dritten Male: »Prinz Ludwig, um der Wunden Gottes willen bitte ich dich, gieb mir meine Hände, ich will dir auch aus siebenerlei Not helfen!« Darauf hatte er nur gewartet, er liess die trockenen Äste fallen und machte, dass er zu dem Schlosse kam.
Dicht davor war eine grosse Brücke, die führte über einen tiefen und breiten Strom. Als Prinz Ludwig das Wasser sah, wurde ihm das Herz schwer, und er dachte bei sich: »Was thust du, und was hast du vor! Läufst du nicht bei deines Vaters Feind dem sicheren Tode entgegen? Das Beste ist, du springst in den Strom und machst deinem Leben ein Ende!« Und damit stieg er auf das Geländer und sprang in das Wasser. Unten fingen ihn aber zwei Arme auf und zogen ihn ans Land, und als er es recht besah, war es eine Jungfrau, die ihm das Leben gerettet hatte. »Bist du von Sinnen!« sprach sie zu ihm; »Hast du denn nicht gehört, dass ich dich aus siebenerlei Not retten würde, wenn du mir meine Hände wieder gäbest?« Fragte Prinz Ludwig: »Wer bist du denn?« Antwortete die Jungfrau: »Ich bin des Königs Tochter. Mein Vater will dich töten; aber folge mir nur, so wird er dir nichts anhaben können.« Da fasste Prinz Ludwig neuen Mut und ging mit der Prinzessin auf das Schloss. Vor dem Garten trennten sie sich aber, dass der König ihn nicht mit seiner Tochter beisammen sähe und argwöhnisch würde. Die Prinzessin lief den Fusssteig und Prinz Ludwig den Hauptweg, und sie war schon lange da, als er vor den König geführt wurde. »Es ist gut, dass du hier bist,« sagte der Zauberer, »ich habe schon auf dich gewartet. Für heute hast du Ruhe; aber morgen bekommst du ein Pferd zu reiten, und wenn du das nicht bändigen kannst, so ist dein Leben Gras; machst du aber deine Sache gut, so bekommst du meine Tochter zur Frau. Jetzt geh und leg dich nieder, du bist müde und wirst der Ruhe bedürfen.« Darauf kam ein Diener und führte ihn in der Prinzessin Schlafkammer, wo ihm, als einem Königssohne, das Lager aufgeschlagen war. Da sagten sie einander gute Nacht und schliefen ein.
Früh Morgens, ehe die Sonne aufging, stand die Prinzessin auf, that ihre Kleider an und setzte sich an den Tisch vor ein grosses Buch. Darin las sie, und kaum hatte sie das erste Wort gelesen, so trat eine Gestalt in die Stube; sie las weiter und weiter, und je mehr sie las, um so mehr Gestalten kamen herein, bis die Stube halb voll war. Prinz Ludwig that, als wenn er schliefe; aber der kalte Angstschweiss [214] trat ihm auf die Stirne, als er das mit ansah. Nachdem es der Prinzessin schien, als seien genug Gestalten gekommen, drehte sie sich um und befahl den einen, sie sollten das Pferd halten, und den andern, sie sollten dem Prinzen hinauf helfen. Darauf las sie die Worte in dem Buche wieder zurück, und als sie das letzte Wort gelesen hatte, war auch der letzte Geist verschwunden. Dann ging sie hin und rief: »Prinz Ludwig, du Langschläfer, steh auf! Heute wird dir mein Vater einen Braunen zu reiten geben; gieb acht, dass er dich nicht abwirft, und reite mit ihm vor die Stadt auf den Sandberg. Dort gieb ihm die Sporen und gebrauche die Peitsche und reit ihn nicht eher nach Hause zurück, als bis aus dem Braunen ein Schimmel geworden ist. Thust du es nicht, so geht es dir schlecht.« Prinz Ludwig versprach der Prinzessin, alles zu thun, wie sie ihm gesagt hatte, kleidete sich an und ging auf den Schlosshof.
Dort stand der König mit seinem ganzen Hofstaat; und als Prinz Ludwig gekommen war, befahl er dem Stallmeister, das Pferd vorzuführen. Alsbald leiteten zwei Knechte einen mageren, hochbeinigen Gaul herein, der aussah, wie ein altes Bauernpferd. »Der Braune wird so schlimm nicht sein,« dachte Prinz Ludwig und ergriff den Zaum. Kaum hatte er aber die Leine in der Hand, so warf das Tier den Kopf in die Höhe und schlug mit den Vorderfüssen wild aus und wollte durchaus nicht leiden, dass Prinz Ludwig seinen Rücken bestieg. Jedoch die Geister hielten fest, wie die Königstochter ihnen befohlen hatte, dass der Prinz sich heraufschwingen konnte; dann liessen sie los, und wie ein Pfeil schoss der Braune über den Schlosshof und das Feuer strahlte hinter ihm drein. Er wäre gerne immer gradaus gelaufen, aber Prinz Ludwig warf ihn herum und lenkte ihn vor die Stadt auf den Sandberg. Dort ging es immer bergauf, bergab, dass der Sand nur so krieselte, bis das Pferd nicht mehr laufen mochte. Da erinnerte sich Prinz Ludwig an die Worte der Prinzessin und stach dem Ross die Sporen in die Seiten und setzte ihm mit der Peitsche zu, dass es von neuem zu laufen begann, und er ruhte nicht eher, als bis es von unten bis oben mit Schaum bedeckt war und aussah, als wäre es ein Schimmel. Da hielt er sich aber auch nicht länger auf dem Sandberge auf und machte, dass er auf das Schloss zurückkam. Dort nahm ihm der Stallmeister den Braunen wieder ab, der König aber lobte ihn und sprach: »Du bist ein guter Reiter. Hältst du dich morgen auch so wacker, so wird's dir nicht fehlen, und du wirst mein Schwiegersohn werden.« Darauf bekam Prinz Ludwig zu essen und zu trinken; und nachdem er satt geworden war, führten ihn die Diener wieder in der Prinzessin Schlafkammer, dass er dort ausruhte in dem warmen Bettchen bis auf den morgenden Tag.
Vor Sonnenaufgang sass die Prinzessin wieder an dem Tisch und las in dem Buche, bis die Stube zu drei Vierteln mit Gestalten gefüllt war. Prinz Ludwig that, als wenn er schliefe, und zwinkerte nur ab und zu ein wenig mit den Augen, hörte aber ganz genau, wie die Prinzessin dieselben Befehle ausgab, wie am Tage zuvor. Darauf las [215] sie die Geister wieder zurück, und als der letzte aus der Stube verschwunden war, rief sie: »Prinz Ludwig, du Langschläfer, steh auf, mein Vater wartet deiner schon auf dem Schlosshofe! Diesmal bekommst du einen Schwarzen zu reiten. Thu mit ihm, wie mit dem Braunen, und kehr nicht eher zurück, als bis aus dem Rappen ein Schimmel geworden ist!« Da machte Prinz Ludwig, dass er aus den Federn kam, und eilte hinaus; und kaum war er draussen, so führte ihm der Stallmeister mit zwei Knechten einen Rappen vor, der hing den Kopf noch weiter herunter, wie gestern der Braune gethan, und sah noch steifer und magerer aus. Als aber Prinz Ludwig mit der Hand den Zügel erfasste, um sich hinauf zu schwingen, da bäumte sich der Rappe hoch auf und wollte ihn nicht aufsitzen lassen. Doch die Geister aus dem grossen Buche thaten ihre Schuldigkeit, und Prinz Ludwig schwang sich auf den Rücken des Rappen, und als er fest sass, liessen sie los, und der Rappe rannte mit seinem Reiter davon, wie der Sturmwind, und die Hufen schlugen die Steine, dass das Feuer strahlte. Draussen auf dem Sandberg wurde er aber allgemach zahmer; endlich mochte er gar nicht mehr weiter. Da wollte aber Prinz Ludwig, dass es schnell ginge, und er stach dem Pferde die Sporen in die Seiten, dass es sich vor Schmerz krümmte, und ritt nicht eher auf das Schloss zurück, als bis der Schwarze so mit Schaum bedeckt war, dass aus dem Rappen ein Schimmel geworden war. Der König schaute schon von dem Fenster nach ihm aus, und als er ihn erblickte, rief er freundlich: »Gut, Prinz Ludwig, du hast deine Sache brav gemacht! Morgen bekommst du noch ein Pferd zu reiten, und wenn du auch das zwingen kannst, so sollst du meine Tochter zur Frau erhalten!«
Den dritten Morgen stand die Prinzessin noch zeitiger auf, als den Tag zuvor, las die ganze Stube voller Gestalten, dass kein Apfel zwischen ihnen zur Erde fallen konnte. Nachdem sie jedem seine Arbeit zugeteilt hatte, las sie die Geister zurück, ging an Prinz Ludwigs Bette und rief: »Steh auf, Prinz Ludwig, du Langschläfer, und gebrauch alle deine Kräfte; denn heute musst du einen Apfelschimmel reiten, der ist schlimmer, wie der Braune und der Rappe zusammen genommen. Auf seinen Rücken werden dir meine Geister helfen, sorge nur, dass du nicht wieder herabfällst. Und wenn du auf dem Sandberge bist, so wird sich das Pferd hinwerfen, du aber bleibe im Sattel, denn sobald du absitzt, bist du des Todes; gebrauche nur Sporen und Peitsche und stich und schlage das Pferd so lange, bis aus dem Apfelschimmel ein Rotfuchs geworden ist. Und nun mach, dass du herunter kommst!« Prinz Ludwig dankte der Prinzessin für den Rat und eilte auf den Schlosshof; diesmal war der König nicht da, aber der Stallmeister führte den Apfelschimmel gerade vor. Der kam ganz steif an und trug den Kopf nach unten, wie ein Schwein. »Das Tier soll schlimm sein!« lachte Prinz Ludwig und ergriff den Zaum; in dem Augenblicke stieg aber auch der Apfelschimmel hoch auf, schlug mit allen Vieren aus und suchte Prinz Ludwig mit den Zähnen zu packen. Aber seine Wut half ihm nichts, [216] die Geister hielten fest und liessen nicht locker, bis Prinz Ludwig im Sattel sass. Da wurde der Apfelschimmel frei und stob hinaus; aber Prinz Ludwig verstand, ein Ross zu lenken, und der Apfelschimmel mochte wollen oder nicht, er musste auf den Sandberg, und dort ging's immer im Kreise herum, dass der trockene Sand nur so krieselte. Endlich konnte er nicht weiter, und als Prinz Ludwig Peitsche und Sporen gebrauchte, warf er sich hin und wälzte sich im Sande und suchte, seines Reiters ledig zu werden. Der aber war flinker, wie der Schimmel, und sass immer oben und stiess ihm in Kopf und Hals, in Rücken und Schenkel, in Bauch und Brust die scharfen Sporen hinein, bis das rote Blut überall in Strömen herabfloss und aus dem Apfelschimmel ein Rotfuchs geworden war. Da sprang auch das Pferd wieder auf und liess sich willig leiten, wohin Prinz Ludwig es lenkte. Der ritt noch einige Male um den Sandberg herum, und dann kehrte er auf den Schlosshof zurück.
Dort nahm ihm der Stallmeister das Pferd ab, der alte König aber war wiederum nirgends zu sehen. Prinz Ludwig ging darum auf das Schloss und liess sich von dem Diener anmelden; erhielt aber zum Bescheid, er möge nach einer Stunde wieder kommen, dem König sei unpässlich zu Mut, und er könne niemand sprechen. Als Prinz Ludwig zur festgesetzten Zeit kam, wurde er wieder auf eine Stunde vertröstet; dann endlich empfing ihn der König. Doch wie sah er aus! Das ganze Gesicht und beide Hände waren mit Pflastern verklebt, und er ächzte und stöhnte, als sei sein letztes Stündlein gekommen. »Prinz Ludwig,« sprach er, »bis jetzt hab ich mich für den grössten Zauberer der Welt gehalten; nun habe ich gesehen, dass du mir über bist. Der Apfelschimmel war ich, und so hast du mich zugerichtet! Kannst du das verantworten?« Und als Prinz Ludwig nicht wusste, was er sagen sollte, fuhr er freundlich fort: »Lass dir das nicht leid sein. Du bist ein braver Reiter, und wenn du so beibleibst, sollst du meine Tochter zur Frau bekommen; zuvor musst du aber bis morgen früh an jeden Pappelbaum der langen Strasse, die zu meinem Schloss führt, ein Bauerchen gehängt haben, und in jedem Bauerchen muss ein Vogel sitzen, und jeder Vogel, der darin sitzt, muss von anderer Gestalt sein und einen anderen Sang singen, als die übrigen alle.«
Als Prinz Ludwig diese Worte gehört hatte, machte er kehrt und lief verzweifelt aus dem Schlosse heraus. »Die Strasse ist acht Meilen lang, das bringst du nimmermehr fertig!« rief er aus; »Besser du stirbst in den Wellen, als von deines Todfeindes Hand!« Sprach's und lief zu der Brücke und sprang von dem Geländer in den Strom hinab. Unten fing ihn wiederum die Prinzessin auf und sagte zu ihm: »Muss ich dir noch zum dritten Male sagen, dass ich dir um Gottes Wunden versprochen habe, dich aus siebenerlei Not zu retten! Nun willst du ins Wasser gehen, nachdem du die schwierigsten Arbeiten verrichtet hast? Um der paar Vögel willen lass dir keine grauen Haare wachsen!« Da fasste Prinz Ludwig neuen Mut und [217] ging mit der Prinzessin auf das Schloss zurück, ass und trank und legte sich nieder. Die Prinzessin aber legte sich nicht schlafen, sondern setzte sich wieder an den Tisch vor das Buch und las die Stube voll Geister; dann schied sie die Gestalten in vier Haufen und hiess die einen Bauerchen arbeiten, die andern mussten sie an die Pappeln heften, die dritten mussten Singvögel greifen und die vierten sie in die Bauerchen setzen. Nachdem alle Arbeiten verteilt waren, las sie die Geister zurück und legte sich auch schlafen.
Am andern Morgen weckte sie Prinz Ludwig und sprach zu ihm: »Steh auf und reite die Strasse herab und sieh, ob alles in Ordnung ist.« Da stand Prinz Ludwig auf, sattelte ein Ross und that, wie ihm die Prinzessin geboten hatte. Das war aber ein Singen und Pfeifen in den Pappelbäumen, dass man sich nichts Schöneres denken kann! An jedem Baum ein Bauer, und in jedem Bauer ein singender Vogel, die ganze acht Meilen lange Strasse durch. Nachdem Prinz Ludwig sich genugsam an dem Gesange ergötzt hatte, ritt er auf das Schloss zurück und meldete dem König, dass er gethan habe, wie ihm befohlen sei. Da sah der König selbst nach, und als er es richtig befand, sprach er: »Prinz Ludwig, du hast deine Sache gut gemacht. So bleib bei, dann wirst du meine Tochter bekommen. Zuvor aber musst du mir statt der hölzernen Brücke eine gläserne über den Strom bauen.« – »Das ist ja nicht möglich!« antwortete Prinz Ludwig. »Ist Morgen die Brücke nicht fertig, so kostet es dich dein Leben!« sagte der König, und damit war Prinz Ludwig entlassen.
Lange brauchte er aber nicht traurig zu sein, denn die Prinzessin nahm ihn beiseite und sprach zu ihm: »Iss und trink nur und leg dich schlafen; ich werde schon alles für dich besorgen.« Als Prinz Ludwig im Bette lag und schlief, las sie darauf wieder ihre Geister herbei und befahl ihnen, die gläserne Brücke zu bauen. Und richtig, als Prinz Ludwig am andern Morgen erwachte, stand die Brücke schon fix und fertig da, und er brauchte nur zum König zu gehen und ihm anzuzeigen, dass die Arbeit verrichtet sei. Nachdem der König die Brücke besichtigt hatte, sprach Prinz Ludwig zu ihm: »Ihr vertröstet mich von einem Tag auf den andern und gebt mir etwas Neues zu arbeiten auf; und wenn ich die Arbeit verrichtet habe, so bekomme ich die Prinzessin doch nicht zur Frau, wie Ihr versprochen habt.« – »Lass nur gut sein, Prinz Ludwig,« erwiderte der Zauberer, »nun hast du nur noch eine Arbeit zu thun, und dann soll die Hochzeit sein. Vor dem Thore liegt ein sieben Morgen grosser Acker. Den musst du, bis die Glocke acht schlägt, mit Weizen bestellt, eingeerntet und das Korn zu Brot gebacken haben.« – »Jetzt ist dein Leben Gras,« dachte Prinz Ludwig, »das bringt die Prinzessin nimmer fertig!« dann verliess er das Zimmer und ging zur Königstochter und erzählte ihr, was ihr Vater ihm wieder aufgegeben. Antwortete sie: »Sei ohne Sorgen, Prinz Ludwig! Iss und trink und leg dich schlafen, es soll schon alles ausgeführt werden.« Dann setzte sie sich, als [218] Prinz Ludwig schlief, an den Tisch, las aus dem grossen Buche die Geister herbei und befahl den einen, zu pflügen, den andern, zu eggen, die dritten mussten säen und die vierten die Körner zur Saat bringen, in die Höhe schiessen und reif werden lassen; die fünften hatten zu mähen, die sechsten zu dreschen, die siebenten zu mahlen, und die letzten endlich mussten aus dem Mehl Brote backen. Das thaten die Geister auch, und als Prinz Ludwig am andern Morgen um sieben Uhr herab kam, um zu sehen, wie weit die Arbeit gediehen sei, standen die Brote schon samt und sonders auf dem Schlosshofe, zu einem grossen Haufen gepackt. Vergnügt ergriff er zwei Brote, um sie dem König zu bringen; da folgten alle andern Brote den zweien, die er trug, nach und legten sich von selbst auf den Tisch, der in des Königs Stube stand. »Prinz Ludwig,« sagte der König, »jetzt hast du gethan, was ich von dir verlangt habe, und morgen soll die Hochzeit sein.« Da freute sich Prinz Ludwig, dass nun die Arbeiten ein Ende hätten; die Prinzessin aber nahm ihn beiseite und sprach zu ihm: »Glaub den Worten meines Vaters nicht! Sein Mund redet freundlich, sein Herz aber ist Gift und Galle. Morgen soll nicht dein Hochzeits-, sondern dein Todestag sein. Aber ich habe dir um Gottes Wunden versprochen, dich aus siebenerlei Nöten zu retten, so will ich dich auch aus der letzten, der Todesnot, befreien. Geh heut Nacht nicht schlafen und steh auf und folge mir, wenn ich dich rufe.«
Darauf ging sie in den Stall und befahl ihrem Kutscher, um Mitternacht mit dem Wagen vorzufahren, aber vorher Zeug um die Räder zu winden und den Pferden Filz unter die Hufen zu heften, dass niemand das Wagengerassel und den Hufschlag hören könne. Das that der Kutscher auch; und als die Uhr elf schlug, holte die Prinzessin Prinz Ludwig herbei und stieg mit ihm in den Wagen, und der Kutscher fuhr mit ihnen ganz leise, leise aus dem Schlosse. Als sie draussen waren, trieb er jedoch die Pferde an, dass sie liefen, was sie laufen konnten, und mit Tagesanbruch hatten sie die Grenze, welche die beiden Königreiche von einander schied, erreicht, und der Wagen hielt vor einem Häuschen, durch dessen Mitte die Grenzscheide lief. Dort stiegen sie aus und wollten gerade einander Lebewohl sagen, da kam der alte Zauberer durch die Luft herbei geflogen, ergriff seine Tochter und fuhr mit ihr durch die Decke davon und brachte sie wieder in sein Schloss zurück. Dem Prinzen Ludwig konnte er nichts anhaben; denn der stand in der Hälfte, welche zu seines Vaters Land gehörte, und über die Grenzscheide reichte des Zauberers Macht nicht. Er kehrte darum zu seinem Vater zurück, und es herrschte eitel Freude und Frohlocken im Lande, als der Erbe des Königreiches wieder angelangt war. Nachdem der alte König gestorben war, wurde Prinz Ludwig König an seiner statt, und er lebte vergnügt und fröhlich, und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er heute noch.
Vor vielen Jahren gab's noch keine Zeitungen. Wie machten es da die Leute, um zu wissen, was in der Welt geschah? Sie gingen auf das Rathaus. Schlag zwölf Uhr schloss der Bürgermeister dasselbe auf und teilte den Bürgern die Neuigkeiten mit, welche er erfahren hatte. In dieser Zeit nun lebte einmal in einer grossen Stadt am Meere ein Kaufmann. Da brach die Cholera aus, und als er zur Mittagszeit aufs Rathaus ging und fragte: »Was giebt's Neues?« antwortete der Bürgermeister: »Was soll's Neues geben? Die Krankheit ist vor des Thorschreibers Haus gezogen und hat alles getötet: Mann und Frau, Knecht und Magd, Söhne und Töchter, nur der kleine Säugling ist übrig geblieben. Was soll aus dem Kinde werden?« Sprach der Kaufmann: »Wartet ein wenig, ich will mit meiner Frau sprechen. Gott hat uns keine Kinder beschert, am Ende wird sie den Säugling gross ziehen!« Damit lief er in sein Haus zurück, und es dauerte gar nicht lange, so kehrte er wieder und rief: »Meine Frau ist damit einverstanden! Gebt mir das Kind, ich will sein Vater sein!« Da wurde ihm das Kind gegeben, und er brachte es in sein Haus und zog es auf, als wäre es sein leiblicher Sohn.
Die Krankheit wich aber nicht von der Stadt lange Zeit, sondern ging von Haus zu Haus und nahm hier wenige, dort viele mit sich, einige Häuser überschlug sie auch ganz. Als nun der Kaufmann eines Mittags wieder im Rathaus vorsprach und fragte, was es Neues gäbe, sagte der Bürgermeister: »Heute ist's, wie damals. Die Krankheit hat ein Ehepaar mit allen Kindern geholt, nur das kleine Töchterchen in der Wiege ist übrig geblieben.« Dachte der Kaufmann: »Das passte gut zu dem Jungen!« und er sprach: »Herr Bürgermeister, ich will auch dies Kind nehmen;« und als man es ihm dargereicht hatte, nahm er es auf seine Arme und brachte es seiner Frau. Da hättet ihr aber einmal die Freude der wackeren Frau sehen sollen. »Mann, das hast du gut gemacht,« rief sie vergnügt, »du hast den Jungen, und ich habe jetzt ein Mädchen!« und dann nahm sie ihm das Kind vom Arme und herzte und küsste es. Und die beiden Kinder konnten es wirklich nirgends besser haben, selbst bei leiblichen Eltern nicht, so liebten sie die braven Kaufmannsleute. Die Frau brachte dem Pflegetöchterchen alle ihre Künste bei, als da sind: Nähen, Waschen, Stricken und Kochen, der Mann aber that den Pflegesohn zu einem weisen Manne, dass er die Wissenschaften erlernte; und als es soweit kam, dass die Kinder eingesegnet werden sollten, war das Mädchen so erfahren in allen Künsten, dass man ihresgleichen nicht fand, und der Knabe sprach alle Sprachen und[220] wusste alle Wissenschaften. Des freute sich der Pflegevater, und nach der Einsegnung fragte er seinen Sohn, was er werden wolle. »Lass mich Zimmermann werden!« sagte der Junge, und so geschah es auch. Der Junge wurde einem tüchtigen Meister in die Lehre gegeben, und als er drei Jahre gelernt hatte, machte er gleich sein Meisterstück. Doch er war noch zu jung, um einen Hausstand zu gründen; darum lernte er in den drei Jahren darauf noch die Maurerei, und da er auch darin sein Meisterstück bestand, war er mit zwanzig Jahren Zimmer- und Maurermeister zugleich und dazu der klügste Mann auf Gottes Erdboden. Nur eine Frau fehlte ihm noch, und auch die war bald gefunden; der Kaufmann gab ihm seine Pflegetochter zum Weibe, und die beiden Cholerakinder waren glücklich und zufrieden und lebten in dem Hause ihrer Pflegeeltern ein halbes Jahr.
Da begab es sich, dass eines Tages ein feiner Herr bei dem Kaufmann abstieg und in seinem Hause Herberge nahm. Der Junge musste die Pferde besorgen, und als der Fremde auf türkisch etwas fragte, gab er ihm in derselben Sprache Bescheid. Sogleich ging der Herr zu dem Kaufmann und sprach: »Was hast du für einen klugen Knecht!« – »Das will ich meinen,« antwortete der Kaufmann, »der Junge ist mein Pflegesohn und ist mit zwanzig Jahren ein gelernter Zimmer- und Maurermeister zugleich, und dabei spricht und kennt er alle Sprachen und weiss alle Wissenschaft.« – »Solch einen Menschen suche ich gerade!« rief der Fremde; »Und damit du weisst, wer ich bin, ich bin der türkische Sultan! Mein Land ist schlecht beraten; da hat der eine viel Land, der andere wenig und der dritte gar nichts. Der besitzt nur Ackerland, der Heide und jener Busch und Moor, und keiner will Steuern zahlen. Kann dein Sohn mir darin Wandlung schaffen?« – »Ei, wie sollte er nicht!« sagte der Kaufmann und rief seinen Pflegesohn, dass er herauf käme. Als der Junge oben war, trug ihm der Sultan noch einmal die Sache vor, und sie wurden um eine Pferdelast Goldes einig, dass er mit dem Sultan in die Türkei zöge und Ordnung im Lande schaffe. Der Sultan freute sich; aber der jungen Frau war die Sache gar nicht recht. Sie weinte und klagte und hielt ihrem Manne vor, dass er bald Vater würde; aber es half ihr alles nichts, er vertröstete sie auf zwei Jahre, da er zurückkehren würde, setzte sich auf eins von des Sultans Pferden und ritt mit ihm zu dem Türken.
Als sie dort waren, gab ihm der Sultan ein königliches Kleid anzuziehen und streifte ihm seinen Siegelring auf den Finger, dann befahl er den Türken, dass sie den fremden Mann ehren sollten, wie ihn selbst. Der Junge aber liess alle Landmesser zu sich kommen, die mussten von neuem das Land vermessen, und als sie damit fertig waren, teilte er jedem zu, was ihm gebührte: fruchtbares Ackerland, Wiese und Heide, und jedes Stück Land bekam seine bestimmte Steuer auferlegt, die musste der Besitzer zahlen bei Lebensstrafe. Es dauerte aber lange mit der Verteilung; und als er endlich damit zu Rande gekommen war, waren inzwischen sechs Jahre verflossen. [221] Da trat er vor den Sultan und begehrte, heimzukehren in seine Stadt zu seinem Weibe und den Pflegeeltern. Der Sultan liess ihn ungerne ziehen; weil er aber auf seinem Willen bestand, befahl er, ein gesatteltes Pferd, welches das stärkste und schönste war in der ganzen Türkei, vorzuführen, und sprach dann zu ihm: »In den Sattel ist eine Pferdelast Goldes vernäht. Das hab' ich gethan, damit dich niemand beraube; und in den Satteltaschen stecken zwei Pistolen, die sind immer geladen. Du brauchst nur loszudrücken, und die Kugeln fahren zum Laufe heraus.« Der Junge bedankte sich für das Gold und das Pferd und die wunderbaren Pistolen; aber der Sultan hielt ihn zurück und sprach zu ihm: »Halt, mein Freund, zu dem Gute will ich dir noch drei Ratschläge mit auf den Weg geben: Weiche niemals ab von der Strasse! – Bleib niemals nacht, wo der Wirt ein alter Mann ist und die Frau jung und schön! – und endlich drittens: Sei niemals neugierig!« Der Junge schrieb sich die Ratschläge hinter die Ohren, dann schwang er sich auf das Ross, rief dem Sultan ein Lebewohl zu und ritt fröhlich seiner Strasse.
Nachdem er ein paar Meilen zurückgelegt hatte, traf er drei Juden, welche Gold und Silber und edles Gestein in ihren Felleisen trugen, um es mit Vorteil wieder zu verkaufen. »Reitet nicht so schnell, gnädiger Herr,« riefen sie dem Reiter zu, »und nehmt drei arme Juden mit, die auf der Landstrasse für ihr Leben fürchten müssen!« Den Jungen dauerten die Juden, und er ritt fein langsam, dass sie mitkommen konnten. Es dauerte nicht lange, so kamen sie an einen Wald, da ging ein Richtsteig zur Linken von dem Hauptwege ab. »Hier entlang, gnädiger Herr,« sagten die Juden, »dann sparen wir drei Stunden Wegs bis zur nächsten Stadt!« Der Junge aber dachte an des Sultans Wort: »Weiche niemals ab von der Strasse!« und weil die Juden durchaus den Richtsteig einschlagen wollten, trennte er sich von ihnen und ritt allein weiter. Er mochte aber kaum tausend Schritte geritten sein, so hörte er zur Linken, vom Richtsteig her, ein Jammer- und Zetergeschrei. »Da gilt's ein Leben zu retten!« dachte er bei sich und lenkte sein Ross durch das Buschwerk auf die Stelle zu, woher das Geschrei ertönte. Siehe, da waren zwölf Räuber, die wollten soeben den Juden den Garaus machen und ihre Felleisen stehlen. Eins fix drei hatte der Junge des Sultans Pistolen aus den Satteltaschen, und: Knack, knack, knack! fuhr ein Schuss nach dem andern heraus. Sechs Räuber lagen am Boden und regten kein Glied mehr, sechs waren auf und davon gelaufen, um nicht auch in das Gras zu beissen. Die Juden aber dankten ihrem Retter und kehrten mit ihm auf die Landstrasse zurück und blieben bei ihm trotz der drei Stunden Umweg; denn sie sahen ein, wie gut er ihnen geraten hatte.
Auf den Abend kamen sie in die Stadt. Sagten die Juden: »Der gnädige Herr hat uns das Leben gerettet, jetzt wollen wir ihm auch ein gutes Wirtshaus weisen, daran wird der gnädige Herr seine Freude haben.« Damit führten sie ihn vor ein grosses, steinernes[222] Haus. Die Wirtin war ein junges, hübsches Weib und hiess sie freundlich willkommen, doch hinter ihr stand der Krüger; und das war ein Greis mit zitternden Knien und schlohweissen Haaren. »Die Herberge steht mir nicht an!« sagte der Junge, und weil die Juden nicht von ihr lassen wollten, kehrte er um und ging zum ersten besten Bürger nebenan und fand bei ihm Unterkunft. In der Nacht hörte er vom Gasthof her grosses Geschrei. Schnell warf er den Mantel um, dass ihn niemand erkennen möge, und schlich hinaus. Da sah er die sechs Räuber, welche ihm im Walde entronnen waren, wie sie in der Wirtsstube die Juden peinigten und quälten, auf dass sie den Tod der andern rächten und ihnen das Geld abnähmen. Und der Wirt stand mit seiner jungen Frau dabei und freute sich; denn er gehörte mit zu den Räubern und hatte das junge Weib nur genommen in seinen alten Tagen, um Gäste in die Mördergrube zu locken. Ehe sie sich's versahen, stand jedoch der Junge mitten unter ihnen und hieb mit seinem Säbel dem einen der Räuber ein grosses Stück von dem Schenkel. Das steckte er zu sich; dem Räuber aber machte es grosse Schmerzen, und er schrie, und seine Genossen stürzten sich auf den Fremden, und der Lärm wurde je länger, je grösser. Mit der Zeit kamen Wächter und Bürger herbeigelaufen, und nun kehrten die Wirtsleute und die sechs Räuber den Spiess um und sagten: »Die Juden haben in der Stadt stehlen wollen, und wären wir nicht dazwischen getreten, sie hätten es auch zu stande gebracht.« Da wurden die Juden vor den Richter geführt, und weil acht Zeugen gegen sie auftraten, wurden sie zum Galgen verurteilt. Indem trat der Junge vor, warf seinen Mantel ab, dass er in dem Königskleide dastand, mit dem Ringe des Sultans am Finger, und sprach: »Die Juden sind unschuldig, und das da sind die Verbrecher!« und dann erzählte er alles, wie es gekommen war, und zeigte das Stück Fleisch, und siehe, es passte in des einen Räubers Schenkel. Da fürchtete der Richter die Rache des Sultans und sprach geschwind die Juden frei und liess die sechs Räuber samt den Wirtsleuten aufknüpfen, und an dem Dreibein mögen sie noch baumeln bis auf diesen Tag. Mit den Juden mochte aber der Junge nichts mehr gemein haben, weil sie nicht auf seine Ratschläge hören wollten, er liess sein Pferd satteln und ritt allein weiter.
Eines Tages langte er in einer grossen Stadt an, die stand unter dem Schutz des Türken; und als der König der Stadt vernahm, dass des Sultans Freund angelangt sei, liess er ihn vor sich kommen und bat ihn, dass er sich ein paar Tage bei ihm verweile. Das war dem Jungen recht; denn er und sein Ross waren müde geworden, und er versprach dem König, seine Bitte zu gewähren. Als sie sich nun zu Tische gesetzt und gegessen und getrunken hatten, und alle Gäste wieder herausgegangen waren, so dass der König mit dem Jungen allein war, öffnete sich die Thüre, und eine Dame trat herein, im schwarzen Kleide und mit einem schwarzen Schleier vor dem Gesicht. Sie setzte sich unten an den Tisch; und es dauerte gar nicht lange, so erschien ein Diener und stellte eine verdeckte Schüssel vor sie hin. [223] Nachdem der Diener sich wieder entfernt hatte, hob die schwarze Dame den Deckel auf und langte eine Totenhand hervor, führte sie zum Munde und nagte an den Knochen und ass. »Was soll das?« wollte er den König fragen; da fiel ihm des Sultans dritter Ratschlag ein: »Sei niemals neugierig!« und er bezwang seine Begierde und erkundigte sich nicht nach der schwarzen Dame und dem abscheulichen Gericht.
Drei Tage blieb er bei dem König wohnen, und drei Tage war immer dasselbe Schauspiel bei Tische zu sehen; doch von der Hand waren nur noch die Knochen vorhanden, und die schwarze Dame war totenbleich im Angesicht, das sah man durch den schwarzen Schleier hindurch. Ein anderer hätte gewiss gefragt, was dahinter wäre, aber der Junge that, als sähe er nichts; und weil er sich nicht länger verzögern wollte, beschloss er, dem König Lebewohl zu sagen. Der redete ihm freundlich zu, noch länger zu bleiben; als aber der Junge auf seinem Vorsatz bestand, sprach er zu ihm: »Nun du fort gehst, will ich dir den Kummer erzählen, der mich drückt. Hättest du mich darnach gefragt, so hättest du sterben müssen. – Die schwarze Dame ist meine Frau. Sie hat sich mit einem Manne in meinem Reiche vergangen, und weil ich sie zu lieb hatte, um sie töten zu lassen, befahl ich, nur den Mann hinzurichten. Darauf wurde er gebraten und gekocht, und sie musste ihn aufessen. So ist's bei uns Brauch, und sie hat's auch gethan; aber sie ist so verstockt, dass sie nicht um Verzeihung bitten will. Da hab ich einen teuren Eid geschworen, jeder Gast, den seine Neugier bei Tisch nach dem Thun der schwarzen Dame fragen lässt, müsse des Todes sterben, damit meine Frau mit seinem Fleische ihr Leben weiter fristen möge. Sechs Menschen hat sie schon gefressen, von dem letzten hat sie aber seit drei Tagen nur noch die eine Hand; und wenn nicht bald ein neuer Gast seine Neugier mit dem Leben büsst, so muss sie des Todes sterben. Denn mich um Gnade und Verzeihung anzuflehen, dazu ist sie zu halsstarrig!«
Dachte der Junge bei sich: »Den Leuten kann geholfen werden!« und er ging in die Stube der Königin und erzählte ihr, was ihr Mann ihm gesagt, und verwies ihr, dass sie so halsstarrig sei. »Wird mir der König vergeben!« rief die unglückselige Frau; und als ihr der Junge mit seinem Leben dafür bürgte, dass er die Wahrheit sage, eilte sie mit ihm zu ihrem Manne und fiel ihm zu Füssen und bat ihn um Verzeihung. Der König hob sogleich seine Frau auf vom Boden und vergab ihr das schwere Vergehen; dann aber bedankten sie sich bei dem Jungen, dass er sie wieder zusammen geführt, und obwohl er nichts annehmen wollte, drangen sie ihm dennoch ein zweites Pferd, mit Gold beladen, auf, so dass er noch einmal so reich war, wie zuvor.
Nun eilte er sich aber, dass er nach Hause kam; denn wer zwei Pferdelasten Gold auf der Strasse hat, ist nirgends sicher, trotz Wunschpistolen und königlichem Kleid und des Sultans Siegelring am Finger. Nachdem er ein paar Wochen geritten war, langte er auch glücklich in seiner Heimat an und stieg in dem Hause seines Pflegevaters [224] ab. Der alte Mann erkannte ihn aber nicht in dem prächtigen Kleide, hielt ihn für einen grossen Fürsten und that ihm alle erdenkliche Ehre an. »Guter Freund,« sagte der Junge, »habt Ihr denn keine Kinder?« – »Kinder nicht, Euer Gnaden,« antwortete der Kaufmann, »nur ein Paar Cholerakinder, die habe ich aufgenommen, als sie noch ganz klein waren, und habe sie gross gezogen, als wären es meine eigenen. Es waren ein Junge und ein Mädchen. Ach, Euer Gnaden, was war es für ein prächtiger Junge! Er sprach alle Sprachen und wusste alle Wissenschaft, und mit dem zwanzigsten Jahre war er ein Zimmer- und Maurermeister zugleich. Den hat mir der Sultan mitgenommen, dass er ihm sein Türkenland einrichte und Wandelung darin schaffe, und er muss wohl in der Fremde gestorben sein, denn er hat niemals wieder von sich hören lassen; doch meine Pflegetochter, die er sich zur Frau genommen, hofft und harrt noch immer seiner Wiederkehr.« – »Wo ist Eure Pflegetochter?« fragte der Junge, und der Kaufmann antwortete: »Draussen auf dem Markt steht sie mit ihrem kleinen Sohne und verkauft Äpfel und Birnen, damit sie ihr eigen Brot essen möge.« Da wusste der Junge genug, und nachdem er die Pferde besorgt und die beiden Lasten Gold auf sein Zimmer gebracht hatte, ging er auf den Markt, um seine Frau aufzusuchen. Richtig, da sass sie hinter einem Tische und hielt Obst feil, und neben ihr stand ein wunderschöner Knabe; das war sein Sohn, den er noch niemals gesehen hatte.
»Frau, was kostest der Kram?« fragte er. Die Frau lachte, denn was sollte der feine Herr mit dem vielen Obst thun; als er aber nicht abliess mit Fragen, nannte sie ihm den Preis. Alsbald zog er eine Hand voll Goldstücke aus der Tasche, gab sie ihr und sprach: »Nun komm mit in deines Pflegevaters Haus, ich habe dir etwas zu sagen!« Die Frau wusste nicht, wie ihr geschah, als sie das viele Gold in den Händen spürte; der Mann aber stiess den Tisch um, dass die Äpfel und Birnen über den Markt rollten und die Strassenjungen sich darum balgten und rissen, dann fasste er seine Frau bei der Hand und führte sie in des Pflegevaters Haus. Dort sprach er zu ihr: »Willst du mich nicht heiraten?« – »Nein, gewiss nicht,« rief die Frau hastig, »ich habe schon einen Mann, und einen andern will ich nicht.« – »Dann nimm wenigstens diesen Ring von mir zum Andenken,« sagte er und reichte ihr den Reif dar, den sie ihm am Verlobungstage an den Finger gesteckt hatte. Als sie aber den Goldring erblickte, fiel es ihr wie Schuppen von den Augen, und sie fiel dem reichen Herrn um den Hals und rief: »Mein Mann, mein lieber Mann!«
Da war einmal die Freude gross; die beiden alten Kaufmannsleute weinten, und die junge Frau konnte kein Wort hervorbringen, und der kleine Junge tanzte um die vier herum und jauchzte und lachte, weil er nun einen Vater bekommen hatte. Nachdem sie sich genug gefreut hatten, that er einen tüchtigen Griff in die Goldlasten hinein, und der alte Kaufmann musste ein Gastmahl besorgen, wie [225] seinesgleichen noch nicht gewesen ist. Da setzten sie sich hin mit allen Bürgern der Stadt und feierten fröhliches Wiedersehen, und wer mit dabei gewesen ist, dem ist der Mund noch darnach lecker.
Dår laeft mål eis ein Koenichsdochder, dei wyr syr hübsch. Eer Üllern wyren all tyrich stårben, un sei würr nu von ein ull boes Hex voerfolcht un keem so tau ganz armen Luer, by dei sei eer Broot voerdein'n müst. Hyrmit wyr dei Hex åewer nonnich taufraeden un måkt åewerall bekannt, dat dit Maeten Guld spinnen künn.
Dit kreech dei Koenich tau weit'n, und dår hei syr guldgyrich wyr, leet hei dees Koenichsdochder fuurst tau sich kåmen un spunnt sei inne Kaamer by ein Hümpel Heid in, den sei in ein'n Dach tau Guld spinnen sull. Dei Koenichsdochder füng bitterlich an tau wein'n, as sei so allein wyr, und sei fürcht sich syr, denn dei Koenich haer tauglyk tau eer sacht: »Wenn du in ein'n Dach nich dårmit faarich warst, müsst du starb'n.«
As dat nu lütt Tyd heer wyr, ging mit eis dei Doer up, un ein lütt Zweerch keem rin un froech dei Koenichsdochder, wårüm sei so wein'n deer. Sei voertellt em dat nu, un doon saer hei tau eer: »Wenn 't wyrer nix is, denn sei man still!« un hei sett sich dårby un härr in ein'n Oogenblick alls tau Guld spunn'n. Dårup voerswünn hei werrer.
Annen Mårgen, as dei Koenich naaseej, freujt hei sich tau dat vaele Guld un wull nu noch myr häbbn und bröcht dei Koenichsdochder in eine anner Kaamer, dei noch dreimål so groot wyr, as dei yrst, un ook ganz vull Flass leech. Dit süll sei werrer by Doorsstråf in eine Nacht tau Guld spinn'n.
As dei Koenich ruut wyr, füng sei werrer an tau wein'n, un nu ging dei Doer up, un dår keem'n drei ull Hex'n rin und wulln eer dat upspinn'n, wenn sei eer yrst Kind häbb'n sülln. In eer Angst voersproek dei Koenichsdochder ook alls, un dei drei Hex'n måkten sich nu dårby un spunnen eer dat faarich. Doon voerswünnen sei werrer.
Annern Mårgen, as dei Koenich tau eer keem, freujt hei sich tau dat vaele Guld, dat hei eer nu as syn Dochder hulln deer. Nu ging eer dat syr gaud. Einmål geef dei Koenich ein groot Fest, un dår keemen vaele frömde Koenichs un Prinzen, un dei müchten dees Koenichsdochder gyrn lyrdn un wulln sei taura Fruu häbbn; åewer ein'n geef dei Koenich sei man. Un dei Hochtyd würr glyk dårup mit groorer Pracht fyrt. Doon neem dei Koenichssåen sei mit up syn Sloss.
[226] As sei nu 'n Jår tauhoop wånd haerdn, kreech sei 'n lütte Dochder, un sei dacht går nich myr an dei drei Hex'n. Dei haerdn dat åewer nich voergaeten un keem'n in eina Nacht, as dei Koenich nich tau Huus wyr, tau eer un voerlangden dat Kind. Dei Mudder beer nu, sei sülln eer doch dat Kind låten, sei wull eer ook 'n ganzn Hümpl Gild gaebn; åewer dat wulln dei drei Hex'n nich. Dår beert sei so lang, bät dei üllst Hex säggn deer: »Wenn du in drei Daach myn'n Nåmen rådn kannst, denn sasst du dyn Kind behulln.«
Hyrmit wyr dei Mudder syr taufraeden un dacht, sei würr den Nåmen woll ruut kraegen; un as dei drei Hex'n nu voerswunnen wyrn, leet sei dörch eer Minister un Hofgelyrtn alle unbekanndn un dwatschn Nåms tausaamen säuken. Neechsdn Dach keem dei üllst Hex werrer un saer tau eer: »Na, weist du myn'n Nåmen nu? Half Stunn kannst my ümmer weck voersäggn, linger åewer nich!« – Un dei Koenigin füng nu an un froech: »Heist du Adelheit? Heist du Kunigunde? Heist du Suuselken?« un wat sei nu nich all nennen deer; åewer dei ull Hex saer ümmer hinna jeeres Wuurt: »Nee, so heit ik nich! – Mårgen kaam ik werrer!« un voerswünn.
Nu kreech dei Koenigin all Angst un leet werrer dei unbekanndesden un nyjsden Nåms uutsäuken; un as dei Hex sich neechsdn Dach werrer instelln deer, füng sei an: »Heist du ook Heuspringer? Heist du ook Pypenkopp? Heist du ook Breitmuul? Heist du ook Hüpp-uppn-Bültn?« 1 un so myr; doch dei Hex saer werrer: »Nee, nutzt nich, ik heit nich so! Mårgen kaam ik werrer, un wenn du denn nich weist, naem ik dyn Kind mit!« un voerswunnen was sei.
Dei Koenigin füng nu voer Angst an tau roorn un wüsst nich myr, wat voer Nåms sei säggn süll. Doon keem ein Jaeger tau eer un saer: »Ik häf 't ruut; denn as ik hued in 'n Hult wyr, seej ik up ein Stell ein Fuer, un as ik neejer keem, seej ik ein ull Wyf dårüm danzen, un sei süng:
›Ach, dat dei Koenigin nich weit,
Dat ik dei Swaart Hex heit!‹«
Nu wyr dei Koenigin syr froo, un as dei ull Hex annern Dach werrer keem, saer sei: »Heist du Duurich (Dorothea)?« – »Nee,« sächt sei. – »Heist du denn Maryk?« – »Nee,« sächt sei. – »Heist du denn ook Swaart Hex?« – »Dat hät dy dei Duewel sächt!« reep dat ull Wyf, un wech wyr sei un leet sich nich werrer seen.
Dei lütt Dochder würr nu grötter un würr ook so schoen, as eer Mudder. Sei dürst åewer nich allein gån, wyl dei Koenigin ümmer noch Angst haer, dei ull Swaart Hex würr eer hålen. Un so keem dat ook.
Eis, as dei Koenich un syn Fruu nich tau Huus wyrn, sleek sich dei Swaart Hex in dat Sloss rin un ging naa dei Stuuw, wuur dei Dochder slåpen deer, un sproek einen hunnetjaerigen Fluuch aewer eer uut; un fuurst stünn dei ganze Wirtschaft int Sloss still: Dei[227] Deiners stünnen all in eer Beweegungen, dei Kåeksch wyr byt Haunerruppent, dei Koch stünn mit de Kell an Fuerheerd, dei Kåekenjung haerd'n Tikkaedel inne Hand, un aewer dat ganze Sloss wüss soglyk ein groot Duurn'nstruuk.
Dit würr bald in 'n ganzen Land bekannt, dat hyr dei schoene Koenichsdochder bezaubert wyr, un vaele Prinzen, dei eer gyrn erloesen wulln, voersöchdn dörch den Duurn'nbusch in dat Sloss tau kåmen; åewer sei måkden sich dårby bloos den Lyf bläudich. Dei Duurnen leeten eer doch nich dörch, so dat sei werrer afgån müssden. Dei bezauberde Prinzessin åewer würr, wyl üm dat Sloss dei Duurn'nbusch wassen wyr, von alle Luer Duurn'nroesken nennt.
Naa vaelen, vaelen Jårn keem werrer ein Koenichssåen, dei dit ook huert haer, naa dat Sloss; un as hei dicht dårvoer stünn, seej hei, dat dei Duurn'nbusch, dei süss man Knuppens (Knospen) hat haer, ganz vull Blaumen seet. Hei voersöcht nu dörch tau gån. Doon deerden sich dei Duurn'n von sülwst uutenanner, un hei ging nu in dat Sloss rin, un von dår dörch alle Stuuwen, bät hei denn ook endlich in dei Slåpkaamer keem, wuur Duurn'nroesken leech.
Voerwunnert stünn sei still; un as hei eer groote Schoenheit seej, künn hei 't nich låten un geef eer ein Kuss. Soglyk måkt sei dei Oogen up, un alls in 'n Sloss wåkt werrer up un ging werrer syn'n ullen Gang. Dei Kåeksch ruppt eer Haun wyrer, dei Koch ruert mit dei Kell in'n Pott, dei Kåekenjung stellt 'n Tikkaedel upt Fuer, un dei Deiners leepen werrer hyr hen und dår hen.
Dei Prinz neem dårup Duurn'nroesken mit in syn Vadders Sloss un fyrt hyr syn Hochtyd mit eer; un as sei meergen dårby wyrdn, keem'n mit eis Duurn'nroesken eer Vadder un Mudder an, un nu wyr dei Freur noch vael grötter. Naa dei Hochtyd reisden dei beidn Üllern werrer up eer ull Sloss; Duurn'nroesken åewer bleef mit eern Mann by den syn Üllern. Un dår laefden sei noch vaele Jårn glücklich tauhoop; dei ull Swaart Hex åewer leet sich nich werrer seen.
Snipp, snapp, snuut, Nu 's dei Geschicht uut!
1 »Hüpp-uppn-Bültn = Hüpf auf den Bülten (feste Scholle in Torfwiesen)«. Ein Froschname wie Pypenkopp und Breitmuul.
Dår laefden mål eis ein Fischer un syne Fruu, dei wånden beir tausaamn in 'n Pisspott, dicht by dei See. Dei Mann ging alle Daach ant Waater un angelt, un as hei tauletzt ruuthålen deer, heer hei ein'n grooten Haekt an syne Angel. Dei Haekt beer em: »Låt my laeb'n, mit my kannst du doch nicks anfingn, denn ik bün ein voerwünschder Prinz un moet hyr tydlaebens in 'n See waanen.« Dei [228] Fischer sächt: »Wat quatscht du my dår all voer! Häw man kein Angst, ik dau dy nicks!« un plumps smeet hei em wedder rin int Waater un ging tau Huus.
»Häst du werrer nicks fungen?« froech syn Fruu em. »Nee,« sächt hei, »Fisch nich, åewer einen grooten Haekt, dei raed my åewer voer, hei wyr ein voerwünschder Prinz, un dår häw ik 'n werrer rin smeeten.« – »Du Dummlack,« sächt dei Fruu, »weist du nich, dat so wat Verwünschdes ein'n alles gaebn kann, wat man will? Haerst du dy nich wat wünschn künn'n? Du suest doch woll, wy erbaermlich wy hyr rümkruupen moeten in'n Pisspott. Glyk kyr üm un beer em, hei mücht doch so gaud sin un uns eine kleine Hütt gaebn.«
Dat lücht den Mann in, un hei sächt: »Wenn du meinst, dat dei Haekt dat kann, denn will ik my glyk up den Wech måken.« Un bald seet hei ook ant Waater un reep:
»Haektke, Haektke in dei See!« –
»Wat wisst du denn, du Düffelkee?« –
»Myne Fruu, dei Ilsebill,
Will nich so, as ik woll will.« –
»Na, wat will sei denn?« sächt dei Haekt. »Sei will eine kleine Hütt hämm'n.« – »Gå man hen,« sächt dei Haekt, »sei hädd dat all.«
Un as dei Mann henkeem, doon stünn dår ne kleine Hütt, un syne Fruu seet voer dei Doer un schällt Tüffeln. »Suest du,« sächt sei, »dit laetst du dy doch woll yrer gefalln?« – »Ja,« sächt hei, »du häst recht hadd.« Un pår Daach laewden sei hyr ook ganz vergnäucht. Doon sächt eis dei Fruu tau den Mann: »Weist du, dei Hütt is doch aapenbår tau lütt voer uns, un wy hämm'n nich mål 'n Gårn dårby! Wy moeten sin, wuur wy alls heer kryjen! Kyk mål dårgeejen unsen Naawer Kål Witt an, dei måkt sich anners mit syn'n Buurhof, hät twei Pyerd voern Wågen, pår Käu in 'n Stall, un uppn Kåbn is ook Voerraad. Soon Buur will ik ook waarn. Gå hen un beer dei Haekt dårüm!« – »Ja,« sächt dei Mann, »wenn hei 't deit, wårüm nich? Ik will em mål dei Saak voerstelln.« Un hei ging hen un reep wedder:
»Haektke, Haektke in dei See!« –
»Wat wisst du denn, du Düffelkee?« –
»Myne Fruu, dei Ilsebill,
Will nich so, as ik woll will!« –
»Na, wat will sei denn?« reep dei Haekt. »Sei will Buur waardn,« antwuurd dei Mann. »Gå man hen, sei is dat all,« sächt dei Haekt.
As dei Mann tau Huus keem, fünn hei 'n schoen'n Buurhof, un syn Fruu stünn mirden uppen Hof un faudert dei Häuner un Aenten. »Suest du, Mann,« reep sei em entgeejen, »so låt ik 't my gefalln. Nu sall Kål Witt uns nich myr scheif aewer dei Schuller kyken, nu sünt wy aebensovael, as hei.« – »Ja,« antwuurt dei Mann, »du måkst [229] dy ganz nett as Buurfruu; nu willn wy ook taufraedn sin.« – »Na, aewer dei Geschicht willn wy yrst uutslåpen,« sächt dei Fruu, »un sein, wy uns Mårgen tau Maud is!«
Annern Mårgen, as sei upstünn, keek dei Fruu uut 't Finster un seej ein Sloss un reep eern Mann. »Kyk,« sächt sei, »dat Sloss dår droebn gefüllt my. Soon 'n moeten wy ook hämm'n.« – »Ach!« röppt dei Mann, »Fruu, sei doch nich uutvoerschaamt! Wy laebn so veel baeter. Wenn wy ryk Graaf waardn, denn moeten wy ook alle Daach in blanken Staewel gån un Voerhemde draegen un midden Sünnenschirm aewer Fild loopen.« – »Dat måkt nicks uut,« sächt dei Fruu, »dat waarst du bald gewoont. Un dei Kalwerbrådn, den wy alle Daach aeten koen'n, smeckt ook nich slicht.« – »Nee, Fruu, ik häf keen Lust un will ook dat Haektke nich ümmer tau Last falln.« – »Mann, glyk gå hen, urrer dy flücht dei lerren Tüffel an 'n Kopp!« Dei Mann måkt kyrt un naa den Haekt hen.
As hei ant Waater stünn, besünn hei sich noch mål, wat hei daun süll. Dei See wyr em doch tau upruerich. »Dei Haekt watt sich hued nich spraekn låten by deesen Storm.« Åewer hei dacht: »Kümmst du so werrer tau Huus, so gift dat wat!« un hei müsst syn Lyd man werrer anstimm'n:
»Haektke, Haektke in dei See!« –
»Wat wisst du denn, du Düffelkee?« –
»Myne Fruu, dei Ilsebill,
Will nich so, as ik woll will!« –
»Na, wat will sei denn?« – »Ach, sei will Gråf waardn un 'n Sloss hämm'n.« – »Na, gå man hen, dat is all dår!« sächt dei Haekt un duukt wedder unner. »Hued is hei nich gaud tau spraeken,« sächt dei Fischer tau sich sülwst, »öfter doerf ik em nich kåmen!«
As hei tau Huus keem, wüsst hei bynaa nich, wuur hei wyr. Stünn dår ein prächtiges Sloss, un syn Fruu ging in feinen Kleed voer den Tritt up un af un luurt up em. »Na, Mann, so watt't dy gewiss gefalln! Kumm mål mit und kyk dy alles an: dei schoenen Pyerd un dei blanken Wågen!« Un von allen Syden keem'n Deiners an mit vaelen Tressen un bückden sich bät up dei Yr. »Ja,« sächt dei Mann, »ik haer't nich gloeft, dat 't so wat geef, un du versteist dy dårin tau måken. So gefüllt 't dy doch woll?« – »Våerloepich willn wy yrst tau Disch gån!« sächt sei, »Dår sasst du yrst wat tau sein kryjen!« Un dei Mann künn 't nich begrypen, as dei Deiners em von allen Syden dei vullen Schoetteln henlangden. Bald lücht em dei Haektkopp in un bald wedder dei Swynbrådn. Dat Gaude wyr em bald tau vael dår.
As dei Taawely voerby wyr, sächt syn Fruu: »Kumm, nu willn wy in 'n Gårn spazyrn gån.« As sei dår wyrn, saer sei wedder: »Hyrmit bün ik nonnich taufraedn. So wyt ik kyken kann, moet ik [230] tau befeeln hämm'n! Dei Haekt moet my noch tau 'n Koenich måken. Beer em man glyk dårüm!« – »Ach, Fruu,« spraekt dei Mann, »du büst tau untaufraedn. Taun Koenich kann dei Haekt dy nich måken. Wat sall dat uk heiten, dat du nu all wedder allerhand anna Wygenschyt (Künste, Wippchen) in 'n Kopp häst? Ik gå nich myr hen, dat maach kåmen, wy 't will.« – »I,« sächt dei Fruu, »dat wyr snurrich, dat du my nich myr gehårchen wisst. Ik warr dei Hunn'n hinner dy kryjen; du sasst woll gån!« Dårvoer haer dei Mann Angst un ging wedder ant Waater un reep:
»Haektke, Haektke in dei See!« –
»Wat wisst du denn, du Düffelkee?« –
»Myne Fruu, dei Ilsebill,
Will nich so, as ik woll will!« –
»Na, wat will sei denn?« – »Ach,« sächt hei, »nu will sei Koenich waardn!« – »Gå man hen, sei is dat all!«
Un as dei Mann hen keem, wyr uut dat Sloss ein groot Pallast wårdn. Un wy hei rin ging, seet syn Fruu uppn Troon un wyr Koenich un haer ne groote Kroon up. Un dicht voer eer by eer Fäut, dår stünnen all eer Trabanten, un wenn sei winkt, so leepen se all mit eis uut dei Stuuw ruut, un up ein'n Wink wyren sei uk all wedder dår. Dit künn dei Mann yrst recht nich fåten un saer tau dei Fruu: »Ja, Koenich sin is doch nich slicht! Dit watt dy up dei Tyd ook woll gefalln.« – »Dat weit ik nonnich,« sächt dei Fruu, »wy willn uutfuern.« Un as sei eer Hand bewaecht, doon keem glyk eine feine Kutsch voertaufuern, mit sössen bespannt. Un as sei affuern daerdn, bloesen dei Muskanten hinner eer heer, dat dei Fischer meint, hei wyr in 'n Himmel, un Petrus spaelt em wat voer.
As sei nu 'n Inn wyrer int Land keem'n, reep dei Fruu: »Dit Land huert my nich myr, dat is den Kaiser syn. Kaiser will ik nu ook waardn! Spring ruut uut den Wagen un bring dat Haektke den Bescheit: Ik will Kaiser waardn!« – Dei Mann måkt wedder allerhand Voerstellungen; åewer dat nutzt nich, hei müsst hen un raupen:
»Haektke, Haektke in dei See!« –
»Wat wisst du denn, du Düffelkee?« –
»Myne Fruu, dei Ilsebill,
Will nich so, as ik woll will!« –
»Na, wat is denn nu allwedder loos?« – »Ach, myn Fruu will Kaiser waardn.« – »Gå man hen,« sächt dei Haekt, »sei is dat all!«
Un as hei tau Huus keem, doon heel dår 'ne goldne Kutsch voern Pallast, mit twölwn bespannt, un syn Fruu, mit groote Kroon un vaeln Deemantn dårin, steech stolz in dei Kutsch un reep em tau: »Mann, kumm rin, nu will ik as Kaiser fuern!« Un fuurt ging dat unner Musyk alle Daach un alle Nacht. Tauletzt würr åewer dei Fruu dat tau vael, un sei saer: »Mann, Kaiser sin is nicks, ik will [231] Paapst waardn!« – »Ach, Fruu,« antwuurt dei Mann, »gloew doch nich, dat dei Haekt dy taun Paapst måken kann. Kaiser ging woll, åewer Paapst, dat kann hei nich.« – »I,« sächt dei Fruu, »kann hei tau Kaiser un Koenich måken, denn kann hei ook tau Paapst måken. Glyk gå hen!« Un richtich, hei müsst wedder hen un sich ant Waater setten un raupen:
»Haektke, Haektke in dei See!« –
»Wat wisst du denn, du Düffelkee?« –
»Myne Fruu, dei Ilsebill,
Will nich so, as ik woll will!« –
»Na, wat will sei denn?« – »Sei will Paapst waardn!« – »Sei is dat all, gå man hen!« sächt dei Haekt un schoet bruusend unner un leet 'n langen Blaudstrym'n hinner sich heer int Waater tein.
Dei Mann ging wech, un wy hei tau Huus keem, wyr syn Fruu würklich Paapst un haer alle Bischåef, Supperduuten un Preisters üm sich, un dei Mann sächt: »Fruu, dat moet ik säggn, tau praedigen versteist du! Dat Kirchenholln geit dy ganz fix von Hand. Paapst sin is doch dat Best!« – »Nich wår! Ach, Mann, gloef my, ik häf't tau sweer un kann nich alls voerkåm'n; dei leew Gott hädd 't dår lichter. So will ik ook waardn!« – Dei Mann beert von Himmel tau Yr: »Fruu, sett dy nich so wat in 'n Kopp un låt dy beraeden! Alles anner ging, åewer dat nich. Du sasst dat sein, dat nimmt kein gaud Inn. Ik häf våerich Mål all Angst hadd, as dei Haekt sich dåraewer in dei Tung beet, dat 't Waater rood würr. Weer weit, wat nu kümmt! Blyw Paapst, säch ik dy!« – »Wat,« sächt dei Fruu, »du wisst nich gån? Glyk geist du. Kann dei Haekt tau Paapst måken, so moet hei dit Letzt ook noch daun; doon sasst ook nich myr hengån!«
Truurich ging dei Mann af, un hei keem in soone Angst, dat em dei Knee slackerden, denn hei meint, nu würr 't gewiss wat gaebn; åewer, wat süll hei måken in syne Nood. Hei reep werrer:
»Haektke, Haektke in dei See!« –
»Wat wisst du denn, du Düffelkee?« –
»Myne Fruu, dei Ilsebill,
Will nich so, as ik woll will!« –
»Na, wat will sei denn?« – »Ach,« sächt dei Mann ganz tauschlågn, »sei will waardn as dei leiwe Gott!« – »Na,« sächt dei Haekt, »gå man hen, sei wånt all wedder in 'n Pisspott, an juch is ja doch kein Hülp!« Un von nu an wånt dei Fischer wedder mit syn Fruu in 'n Pisspott bät up deesen Dach.
Es war einmal ein Junge, der war so einfältig, dass ihn das ganze Dorf nur den Dummhans nannte. Als er eingesegnet war, ging er als Knecht zu einem Bauern in den Dienst und hielt dort sieben Jahre treu aus, ohne einen Pfennig zum Lohn zu erhalten. Da bekam er Lust, in die Welt zu gehen und Städte und Länder kennen zu lernen. »Bauer,« sprach er darum am Martinstage, »zahl mir den Lohn aus, welcher mir für sieben Jahre Dienst zukommt; mach's aber nicht zu schwer, dass er mich drückt und mir die Tasche zerreisst.« Der Bauer dachte: »Das willst du schon besorgen!« ging in die Kammer und that ein Gerstenkorn in ein Tüchlein und band einen seidenen Faden darum, trat dann vor Dummhans hin, steckte ihm das Tuch in die Tasche und hiess ihn recht Obacht geben, dass es ja nicht verloren ginge. Dummhans dankte dem Bauer, dass er ihm seinen Siebenjahrslohn so leicht gemacht, und wanderte vergnügt und guter Dinge in die weite Welt hinaus.
Am Abend kam er in ein Wirtshaus und bat um ein Nachtlager. »Das sollst du haben,« entgegnete der Gastwirt, »und wenn du Geld oder Geldeswert bei dir hast, so gieb's mir in Verwahrung, dass es dir nicht gestohlen wird.« – »Und ob ich etwas bei mir hätte!« rief Dummhans, »Einen ganzen Siebenjahrslohn sogar!« und damit griff er in die Tasche, zog das Tüchlein mit dem Gerstenkorn heraus und übergab es dem Herbergsvater; dann legte er sich auf die Streu und schlief fest ein. Dem Wirt liess aber die Neugier keine Ruhe. »Ein Siebenjahrslohn soll in dem Tüchlein enthalten sein?« dachte er bei sich, »Das ist wohl gar ein Demant!« Und wenn ihm auch sein Gewissen zurief: »Gastwirt, Gastwirt, lass das Tüchlein in Ruh, was geht dich des Dummhans Siebenjahrslohn an!« er konnte der Neugier nicht widerstehen und löste den Knoten. Nachdem er jedoch das Tuch auseinander gefaltet, war nichts weiter darin zu sehen, als ein einziges Gerstenkorn. Darüber bekam der Wirt einen solchen Schreck, dass er es fallen liess, und ehe er's sich versah, war der Hahn herbei gesprungen und hatte das Gerstenkorn gefressen.
Am andern Morgen stand Dummhans zeitig auf und verlangte sein Tüchlein. »Der Schatz ist fort,« lachte der Wirt, »der Hahn hat das Gerstenkorn gefressen.« – »Dann gieb mir den Hahn,« sprach Dummhans, »oder ich gehe zum Richter, weil du mich um meinen Siebenjahrslohn betrogen hast.« Vor dem Richter hatte aber der Wirt eine Himmelangst, und so gab er dem Dummhans den Hahn [233] mit auf den Weg und freute sich obendrein, dass er den Jungen so leichten Kaufs los geworden war.
Den nächsten Abend kehrte Dummhans wiederum in einer Herberge ein und übergab dem Wirt seinen Hahn; er solle ihn aber ja nicht aus den Augen lassen, denn er sei ihm über die Massen wert, weil er ihn erhalten habe statt eines Lohnes von sieben Jahren. Der Herbergsvater kehrte sich aber nicht an des Dummhans Gerede, sondern sperrte den Hahn in den Pferdestall. Als nun Dummhans am andern Morgen weiter ziehen wollte und den Hahn zurückforderte, lag der Vogel tot in der Ecke, der Hengst im Stalle hatte ihn mit seinen Hufen erschlagen und ganz breit getreten. Dummhans schrie Mord und Zeter und wollte den Wirt verklagen, weil er ihn um seinen Siebenjahrslohn gebracht, und er ruhte auch nicht eher, als bis ihm der Mann für den erschlagenen Hahn den Hengst abgetreten hatte. Das war ein herrliches Tier mit goldener Mähne und goldenem Schweif, dass es eine Lust war, ihn anzublicken. Ausserdem hatte der Hengst die wundersame Gabe, dass jedes Wesen, welches ihn berührte und zu dem sein Herr sprach: »Bleek an!« dem Pferd auf den Rücken springen musste und dort fest sitzen blieb, bis er es wieder heruntersteigen hiess. Und damit er ja nichts übersähe, wieherte der Hengst jedesmal hell auf, wenn jemand seinem Goldhaar zu nahe kam.
Auf diesen Hengst schwang sich Dummhans, gab ihm die Sporen, und hoch zu Ross ging es nun die breite Landstrasse entlang, dass die Pappeln zur Rechten und zur Linken vorbei flogen und die Wandersleute halt machten und dem stolzen Reiter nachblickten. Endlich wurde es dunkel, und Dummhans langte in dem dritten Gasthofe an. Nachdem er gegessen und getrunken, legte er sich zu dem Goldhengst in den Stall neben die Häckselkiste und schlief fest ein. Den drei Töchtern des Wirtes hatte aber das goldene Haar keine Ruhe gelassen, und es dauerte gar nicht lange, so klinkte die älteste leise die Stallthüre auf und trat an den Hengst und zupfte ihm ein Goldhaar aus der Mähne. In demselben Augenblick wieherte der Hengst hell auf; Dummhans erwachte, rief: »Bleek an!« und auf dem Rücken des Pferdes sass das Mädchen und konnte nicht wieder herunter.
Kaum war Dummhans wieder eingeschlafen, so öffnete sich die Pforte von neuem, und die zweite Tochter schlich sich auf Strümpfen herein. Als sie ihre Schwester auf dem Rücken des Hengstes erblickte, schalt sie zornig: »Du habgieriges Ding, kannst du nicht hier unten pflücken? Schau, mach's, wie ich!« Und damit riss sie dem Tier ein paar Haare aus dem Schweife. Hell wieherte der Hengst auf, Dummhans erwachte, rief: »Bleek an!« und schnarchte weiter; das Mädchen aber sass oben auf dem Rücken des Pferdes hinter der Schwester, und sie verwünschten ihr Geschick. Indem stahl sich die jüngste Tochter des Wirtes herein, um auch für ihren Teil von den Goldhaaren zu nehmen. Wie sie ihre Schwestern auf dem Rücken des Pferdes sah, sprach sie: »Ihr seid wohl ganz und gar nicht klug, [234] was habt ihr denn auf dem Gaule zu suchen?« Die beiden Mädchen winkten ihr jedoch zu, sie solle stille sein, und machten ihr darauf leise klar, dass sie nicht wieder herunter könnten. Das that der jüngsten Schwester leid, und sie fasste die beiden älteren frisch bei den Beinen, um sie herab zu ziehen; doch es gelang ihr nicht, und ehe sie's sich versah, wieherte der Goldhengst hell auf, Dummhans rief: »Bleek an!« und oben sass sie, als die dritte im Bunde, und konnte ihre Schwestern nach Herzenslust knuffen und puffen, weil sie von ihnen mit in das Unglück gebracht war.
Die Sonne stand schon hoch am Himmel, als Dummhans sich von der Streu erhob, seinen Goldhengst löste und zum Stalle heraus führte. Auf dem Hof standen der Wirt und die Wirtin und alle Knechte und Mägde und weinten und jammerten, weil die drei Jungfern verschwunden waren. Als sie dieselben auf dem Rosse erblickten, wurden sie froh, dass sie wiedergefunden seien; die drei Mädchen waren aber gar nicht vergnügt, sondern riefen immerfort: »Vater, Mutter, helft uns von dem verwünschten Tier!« Aber so viel sie auch zogen, die Jungfern blieben fest an dem Hengst kleben und rückten und rührten sich nicht. »Ach, lass sie doch wieder herab steigen!« bat nun der Wirt den Dummhans; doch der hatte taube Ohren und sprach: »Ich habe sie nicht stehlen heissen, und wenn sie selbst hinaufgeklettert sind, mögen sie auch selbst herabsteigen!« Dann ergriff er den Hengst am Zügel und führte ihn zum Thore hinaus.
Vor dem Schulhause stand der Küster. Kaum sah er die wunderbare Gesellschaft, so rief er zornig; »Drei grosse, schwere Mädchen auf einem Pferd! Ist das Zucht und gute Sitte? Und lasst ihr euch von einem wildfremden Kerl aus dem Dorfe führen? Wartet nur, ich werde euch kriegen!« Sprachs und lief auf den Goldhengst zu, um die Mädchen herabzureissen. »Hühühü!« wieherte der Hengst, »Bleek an!« sagte Dummhans, und hinter der jüngsten Tochter des Gastwirts sass der Küster und musste mit auf die Reise, er mochte wollen oder nicht.
Der Zug kam an der Kirche vorbei. Da stand der Herr Pastor in Schlafrock und Pantoffeln und sah nach, ob die bösen Buben wieder eins von den kleinen Fensterchen eingeworfen hätten. Wie erschrak er aber, als er des Küsters und der drei Jungfern auf dem Hengst ansichtig ward! Er liess die kleinen Fenster kleine Fenster sein und schrie aus vollem Halse: »Heisst das Kinder lehren und ehrbaren Wandel führen? Schämt er sich denn nicht, mit drei leichtsinnigen Jungfern aus dem Dorfe zu reiten und noch dazu alle vier auf einem Pferde? Herunter mit ihm!« Und schon hatte er den langen Rockschoss des Küsters in der Hand, um ihn herabzuziehen. »Hühühü!« wieherte der Goldhengst; »Bleek an!« sagte Dummhans, und der Pastor sass hinter dem Küster und wusste nicht, wie er hinauf gekommen war.
Er hatte auch gar nicht Zeit, lange darüber nachzusinnen, denn mittlerweile waren sie an den Ausgang des Dorfes gekommen, [235] wo die Grossbäuerin mit der kleinen Magd an dem Backofen hantierte. Die Bäuerin hatte gerade den Schieber in der Hand, um damit in den Ofen zu fahren, als sie die fünf Menschen auf dem Rosse erblickte. »Kinnerlüd!« rief sie ergrimmt, »was ist das für ein Teufelswerk? Und, du mein Schrecken, da sitzt ja auch der Herr Pastor! Das heisst also den Leuten mit gutem Beispiele vorangehen? Heda, Kathrine, komm schnell, dass wir die gottlose Gesellschaft auseinander bringen!« Und sie stürzte mit dem Schieber, Kathrine aber mit dem Besen auf den Goldhengst zu, und dann schlugen sie gemeinsam auf den Pastor ein. »Hühühü!« wieherte der Goldhengst; »Bleek an!« sprach Dummhans, und die Bäuerin und die Kleinmagd sprangen auf das Ross und sassen fest; doch es war nicht mehr viel Platz da, so dass Kathrinchen auf dem äussersten Schwanzende zu sitzen kam.
Kathrinchen war nun böse auf die Grossbäuerin und schlug sie mit dem Besen; die Bäuerin schob die Schuld auf den Pastor und stiess ihn mit dem Schieber; der Pastor hielt sich an den Küster und knuffte ihn in die Seiten; der Küster schalt auf die jüngste Wirtstochter und raufte sie an den Haaren; die jüngste Wirtstochter liess das ihre zweite Schwester entgelten und kniff sie in die Arme; die zweite Schwester rächte sich an der ältesten und zwickte ihr die Ohren; die älteste aber sass stille und weinte, denn sie hatte das ganze Unheil angerichtet. Dummhans allein war vergnügt und heiter, zog seinen Goldhengst am Zaume hinter sich her und zeigte seinen Himphamp in den Dörfern und auf den Höfen und erhielt viel Geld dafür von den Leuten; denn einen solchen Himphamp hatten sie ihr Lebtage noch niemals zu Gesichte bekommen.
Nun führte den Dummhans sein Weg durch eine grosse Stadt. Da kam ein feingekleideter Herr auf ihn zu und bot tausend blitzblanke Thaler, wenn er ihm den Himphamp verkaufen würde. Dummhans stach das viele Geld in die Augen, und er ging auf den Handel ein; der fremde Herr war aber ein Prinz und wollte durch den Himphamp ein König werden. Der alte König nämlich, dem die Stadt gehörte, besass eine Tochter, die noch niemals in ihrem Leben gelacht hatte. Weil ihm das nicht gefiel, so liess er ein Gebot ergehen, wer seine Tochter zum Lachen brächte, der solle sie heiraten. Das hatten schon viele versucht, aber noch keinem war es gelungen. Auch der Prinz war in die Stadt gereist, um die Prinzessin zum Lachen zu bewegen, und da kam ihm gerade Dummhans mit seinem Himphamp entgegen. Jetzt, als er ihn gekauft hatte, glaubte er, gewonnenes Spiel zu haben, und richtig, als er den Himphamp vor dem Schlosse vorbeiführte, sah die Königstochter zum Fenster hinaus und grifflachte über den sonderbaren Aufzug.
Die Sache ward sogleich dem König gemeldet, der sprach: »Grifflachen ist auch ein Lachen; wenn nicht binnen drei Tagen ein anderer kommt, über den die Prinzessin ordentlich lacht, so soll sie den Prinzen nehmen und ihm angetraut werden.« Die Rede des Königs [236] ward bald ruchbar in der Stadt, und auch Dummhans hörte davon, welches Glück durch seinen Himphamp der fremde Prinz erreicht habe. Das ging ihm zu Herzen, und traurig schlich er mit gesenktem Haupte seiner Strasse; ausserdem drückten ihm die harten Thalerstücke das Fleisch wund, und er seufzte von ganzem Herzen: »O! wäre ich doch die tausend Thaler los und hätte meinen Himphamp wieder, dass ich die Prinzessin damit zum Lachen brächte und König würde in dieser Stadt!«
Diese Rede hörte ein steinaltes Mütterchen, welches schon mit dem Kopfe wackelte, das sprach: »Ist es dein Ernst mit den tausend Thalern, so will ich dir etwas geben, dass die Königstochter noch hundert Mal mehr darüber lachen soll, als über den allerbesten Himphamp!« Dummhans ward froh, als er diese Worte hörte, und versprach der alten Frau das Geld, wenn sie ihm dafür die Königstochter zum Lachen brächte. »Lauf morgen früh, ehe die Sonne aufgeht, vor die Stadt auf den Kreuzweg,« sagte das Mütterchen, »und was du dort findest, heb auf und thu's in einen Kasten, mag es auch noch so klein sein.« Dummhans that, wie die Alte ihm befohlen hatte, und fand am andern Morgen auf dem Kreuzweg einen Bussbunk (Mistkäfer), der lag auf dem Rücken und streckte die Beine in die Luft und konnte sich nicht wieder umdrehen. Dummhans ergriff ihn, that ihn in eine Schachtel und brachte ihn dem alten Mütterchen.
»Das hast du gut gemacht,« sagte die Alte, »und morgen gehst du zur selben Stunde noch einmal vors Thor und bringst wieder, was du findest, es mag sein, was es wolle.« – Dummhans folgte ihrem Geheiss; aber so sehr er auch umherguckte, er konnte weiter nichts auf dem Kreuzweg entdecken, als eine einzige kleine Ameise. »Erst ein Bussbunk und dann eine Ameise, das wird dir viel helfen,« dachte er bei sich, »doch wer weiss, wozu es gut ist. Alte Leute wissen mehr, als die jungen.« Damit that er die Ameise in eine Schachtel und kehrte zur Stadt in das Haus des alten Mütterchens zurück. »Recht, mein Sohn,« rief die Alte vergnügt, »nun geh morgen noch einmal auf den Kreuzweg, sei aber flink und behende, dann wird dir die Königstochter nicht entgehen.«
Am dritten Morgen erblickte Dummhans weiter nichts im Sande, als eine kleine Maus. Die lief ängstlich hin und her und suchte zu entwischen; er nahm jedoch seine Beine in die Hand, und so sehr das Mäuschen auch lief, er holte es ein und steckte es in eine Schachtel; dann kehrte er seelenvergnügt in die Stadt zurück und übergab der Alten seine Beute. Die kramte ein kleines Wägelchen aus dem Kasten und spannte den Bussbunk, die Ameise und die Maus davor. Der Bussbunk ging unterm Sattel, die Ameise vorn in der Leine und die Maus hinter der Handseite; Dummhans aber bekam eine allmächtig lange Hetzpeitsche in die Hand und schritt gegen auf und knallte, dass es eine Lust war.
Schon auf der Strasse scharten sich Leute über Leute um ihn, als sie das Gefährt sahen, und lachten aus vollem Halse. Mit jedem [237] Hause wurde die Menschenmenge grösser, und als er vor dem Schlosse anlangte, war die ganze Stadt auf den Beinen, und alles lachte, so laut, dass es die Prinzessin hörte und neugierig zum Fenster lief. Als sie den Wagen mit dem Bussbunk, der Ameise und der Maus und daneben den Dummhans mit der langen Hetzpeitsche erblickte, da war es mit ihrem Ernste aus, sie lachte, dass sie auf den Rücken fiel und dass ihr der Leib wackelte.
»Dummhans wird König! Dummhans wird König!« schrie das Volk, und der alte König musste zugeben, dass die Leute recht hatten; aber ihm wäre der Prinz als Schwiegersohn lieber gewesen, wie der schmutzige Bauernjunge; darum liess er die beiden vor seinen Thron rufen und sprach zu ihnen: »Über des Prinzen Himphamp hat meine Tochter nur gegrifflacht und über des Dummhans Gefährt hat sie gelacht, dass ihr der Leib wackelte; aber dafür ist der Prinz drei Tage früher zum Ziele gekommen. Kurz und gut, die Sache ist unentschieden! Und damit sich keiner von euch beklagen kann, so soll die Prinzessin einen Schlaftrunk bekommen; der Prinz legt sich zur Rechten und Dummhans zur Linken, und wem sie am andern Morgen zugewandt ist, der soll sie zur Frau haben.« Er dachte nämlich, weil ein Prinz lieblich, ein Bauernjunge aber nach Kühen und Schweinen riecht, seine Tochter würde sich jenem zukehren und von diesem abwenden.
Aber Dummhans durchschaute des alten Königs Ränke; er kaufte sich Mandelkern und Zuckerbrot und ass davon zu Abend, dass ihm ein süsser Atem aus dem Munde ging. Als es Schlafenszeit war, legte er sich zur Linken der Königstochter nieder, während der Prinz, als ein Königssohn, seinen Platz an ihrer rechten Seite eingenommen hatte. Nachdem jener fest eingeschlafen war, liess Dummhans den Bussbunk aus der Schachtel. Der setzte sich vor des Prinzen Mund; und da ein Mistkäfer gemeiniglich nicht schön zu riechen pflegt, so wendete die Prinzessin im Schlafe ihr Köpfchen von dem Prinzen ab und drehte es dem Dummhans zu und blieb auch die ganze Nacht über so liegen.
Am andern Morgen sah der alte König selber nach; und als er befand, dass seine Tochter ihren Kopf dem Bauernsohn zugekehrt hatte, konnte er nichts mehr gegen ihn einwenden. Es ward eine grosse Hochzeit angerichtet, und Dummhans heiratete die Prinzessin und lebte mit ihr glücklich und zufrieden sein Leben lang; und wenn sie nicht gestorben wären, lebten sie heute noch.
Es war einmal ein Küster, der musste im Dorfe reihum auf den verschiedenen Höfen zu Mittag essen, aber nichts war ihm lieber, als wenn er zu dem Schmied kam; denn dessen Frau hatte für ihn immer etwas Gebratenes in der Pfanne und einen guten Trunk im Kruge. Darum ging der Küster auch öfter in die Schmiede, als der Meister zur Speisung verpflichtet war, um einen leckeren Bissen und wohl gar noch etwas Besseres von der jungen Frau zu erhaschen.
Wenn der Schmied nun auch sonst ein herzensguter Mann war, so nahm er doch das Wesen und Treiben des Küsters gewaltig krumm; und eines Tages erklärte er ihm rund heraus, sein Haus stünde ihm nicht mehr und nicht öfter offen, als die der andern Bauern; kehrte er noch einmal ausser der Reihe bei ihm ein, so würfe er ihn zur Thüre heraus. »Kommst du mir so?« sagte der Küster bei sich, »Das will ich dir gedenken!« und damit lief er spornstreichs auf den Gutshof und redete dem Edelmann ins Gewissen, warum er seine Leute nicht besser ausbeute. Da sei zum Beispiel der Schmied im Dorfe, der könne mehr, wie Brot essen, und es sei ihm ein Leichtes, in einer Nacht alles Korn in des gnädigen Herrn Scheuern auszudreschen und rein zu machen.
Der Küster galt dem Edelmann als ein kluger, erfahrener Mann, und er glaubte deshalb seinen arglistigen Reden. Sofort liess er nach dem Schmied schicken, und derselbe musste vor ihn treten. »Mein lieber Meister,« sagte der Herr, »ich habe vernommen, dass er mehr vermag, als andere Leute. Hier hat er einen Dreschflegel, und wenn er nicht bis morgen früh, wenn die Sonne aufgeht, all mein Korn in der Scheune gedroschen und gereinigt hat, so wird er mit Schimpf und Schande von Haus und Hof gejagt und kann sehen, wo er ein Unterkommen findet.«
Der Schmied verschwur sich hoch und teuer, der gnädige Herr wäre unrecht berichtet; aber all sein Reden, sein Jammern und Klagen half ihm nichts, er wurde in die Scheune geführt, bekam einen Dreschflegel in die Hand, und dann wurde hinter ihm das Thor verschlossen. Da stand er nun und verwünschte sein Schicksal, während in seinem Hause der Küster bei der jungen Frau Schmiedin sass und gebratene Hühner schmauste und starkes Bier dazu trank und über seine List vor Lachen schier bersten wollte.
Als es Nacht geworden war, kam plötzlich ein kleines graues Männchen auf den Schmied zu und sagte: »Was stehst du hier und gehst nicht an deine Arbeit? Steig auf's Fach und wirf die Garben herab, dann werde ich dir helfen!« Der Schmied that, wie ihm befohlen [239] war; und jede Garbe, die er herabwarf, schlug das Graumännchen einmal an den Ständer, da lagen auch schon Körner und Streu gesichtet auf der Tenne. Und das ging so schnell, dass der Schmied nicht rasch genug die Garben herabwerfen konnte. Da half ihm das Männchen auch beim Garbenwerfen, und das so entsetzlich geschwind, dass lange vor dem Morgenblinken alles Getreide gedroschen und gereinigt war, wie der Edelmann es befohlen hatte. Zu guter Letzt schaffte das Männlein noch einen gewaltig grossen Sack herbei, schüttete alles Getreide hinein und stellte ihn vor dem Schlosse auf, damit er dem Herrn am frühen Morgen, wenn er aus dem Bette stieg, sogleich in die Augen fallen möchte.
Mit Sonnenaufgang fand sich auch schon der Küster auf dem Schlosse ein, um zugegen zu sein, wenn der Schmied von Haus und Hof vertrieben würde. Als er den grossen Sack mit dem ausgedroschenen Korn sah, mochte er zuerst seinen Augen nicht trauen; dann wurde er grün und gelb vor Ärger, fasste sich jedoch bald, wünschte dem Meister einen schönen guten Morgen und eilte auf des Edelmanns Zimmer. »Jetzt mögen der gnädige Herr selber schauen,« sagte der arglistige Mann, »ob das grobe Bauernvolk im Dorfe genug leistet! Der Schmied hat gethan, wie ihm befohlen war, und kein Körnchen fehlt in dem grossen Sacke an dem ausgedroschenen Getreide. Wie wär's, wenn der gnädige Herr ihm eine schwerere Aufgabe gäben und ihn die künftige Nacht den grossen Steinhaufen vor der Thür wegschaffen und an seine Statt einen Teich mit den schönsten Goldfischen setzen liessen?«
Da wurde dem Edelmann der Mund wässerig; denn der Steinhaufen war ihm längst ein Ärger gewesen, und einen Goldfischteich hätte er gar zu gerne vor seinem Hause gehabt. Er ging darum hinaus, lobte den Schmied, dass er seine Sache gut gemacht habe, und befahl ihm für die nächste Nacht, an die Stelle des Steinhaufens einen Goldfischteich zu setzen. Wolle er es nicht thun, so würde er mit Schimpf und Schande davon gejagt. Der Küster lachte sich ins Fäustchen; denn diese Arbeit konnte der Meister nimmermehr zu Ende bringen. Vergnügt ging er in die Schmiede und liess es sich bei der jungen Frau trefflich schmecken; ihr Mann dagegen stand trübselig, mit seinem Posseekel (grosser Schmiedehammer) in der Hand, bei dem Steinhaufen und hämmerte auf die Steine los. Aber so viel er sich auch abmühte, er konnte kein Bröckelchen davon abschlagen.
Als es dunkel ward, kam das Graumännchen wieder und sprach: »Nun, Schmied, das wird wohl mit ihm nichts werden! Stell er sich nur beiseite, sonst könnten ihm die Steine an den Kopf fliegen!« Der Schmied hatte kaum dem Befehle Folge geleistet, so schlug das Männchen mit dem Hammer mitten in die Steine; und wie wenn der Wind in einen Haufen Spreu fährt, so flogen die Steine auseinander, dass der Schmied froh war, mit heiler Haut davon gekommen zu sein. An der Stelle des Steinhügels hatte sich aber durch des [240] Graumännchens gewaltiges Schlagen ein tiefes Erdloch gebildet. Da dauerte es gar nicht lange, so zogen sich Wolken über der Grube zusammen und senkten sich hinab, an den Rändern wuchs Ellern- und Birkengebüsch empor, und schöne Blumen entsprossen ringsum dem Erdboden; und ehe der Schmied es sich versah, war der Teich hergestellt, und was das grösste Wunder war, er wimmelte von den schönsten, glitzernden, blinkenden Goldfischchen. »Zeig das morgen dem gnädigen Herrn,« sagte das Graumännchen, »und frag ihn, ob er jetzt zufrieden gestellt sei!« Darnach verschwand es.
Und der Schlossherr war auch wirklich zufrieden gestellt und sprach dem Meister sein unverhohlenes Lob aus. Um so grimmiger schaute der Küster darein, da alle seine falschen Anschläge zu nichte geworden waren. Er wusste aber bald wieder eine freundliche Miene aufzustecken, und mit dem ehrlichsten Gesicht von der Welt sprach er zum Edelmann: »Es ist richtig, der Schmied hat gethan, was er thun konnte; aber eine Arbeit sollten der gnädige Herr doch noch verlangen. Lasst Euch von dem kunstreichen Mann einen Himphamp schmieden, ohne Stahl und Eisen, ohne Feuer und Amboss, und zwar in einer Nacht. Das ist das grösste Kunstwerk, das der Schmied zu verrichten weiss. Weigert er sich, den Himphamp zu schmieden, so ist seine Bosheit daran schuld, und er gönnt dem gnädigen Herrn den Anblick des Kunstwerkes nicht.«
Die Reden des Küsters machten den Edelmann neugierig, und er sprach zum Schmied: »Du hast mir viele Freude mit deiner Kunst bereitet. Nun verlang ich noch, eins zu wissen, wie du ohne Stahl und Eisen, ohne Feuer und Amboss einen Himphamp schmiedest!« – »Ach, gnädigster Herr,« rief der Schmied, »alles will ich thun, aber einen Himphamp ohne Stahl und Eisen, ohne Feuer und Amboss, bringe ich mein Lebtag nicht fertig!« – »Schweig,« sagte der Herr, »wer all mein Getreide in einer Nacht ausdreschen und an die Stelle eines Steinhaufens einen herrlichen Goldfischteich setzen kann, der schmiedet mir auch einen Himphamp ohne Stahl und Eisen, ohne Feuer und Amboss. Geh und mach dich an die Arbeit, morgen früh will ich dein Werk beschauen!«
Da stand nun der arme Mann und wusste nicht aus noch ein. Um Mitternacht gesellte sich das Graumännchen zu ihm und sprach: »Dummkopf, der Himphamp ist die leichteste Arbeit. Geh nach Haus und nimm die grosse Ochsenpeitsche, dann leg dich, ohne dass deine Frau etwas von der Sache merkt, unter das Bett und sperr gut Ohren und Augen auf. Sobald du etwas siehst, was dir nicht gefällt, ruf nur getrost:
Himp, hamp,
Kleb an!
dann wirst du bald einen Himphamp zusammen haben ohne Stahl und Eisen, ohne Feuer und Amboss. Vergiss auch nicht, deiner Peitsche zu brauchen.«
Der Schmied versprach dem Graumännchen, in allem seiner [241] Weisung getreu nachzukommen, und schlich auf den Zehen in sein Haus, langte die grosse Ochsenpeitsche vom Nagel herab und kroch unter die Bettstelle. Kaum war ein Viertelstündchen verstrichen, so deckte seine Frau den Tisch und stellte einen fetten Schweinsbraten, Weissbrot und gutes, starkes Bier darauf. Und noch ein kleines Weilchen, da trat der Küster herein und setzte sich an der Seite der Meisterin nieder und liess es sich trefflich schmecken. Dann schlang er den einen Arm um die junge Frau, trank ihr zu und erzählte unter Lachen, welche Arbeit er heute ihrem Manne angedreht habe. Als er mit der Geschichte zu Ende war, gab er ihr einen Kuss. Das wollte dem Meister unter der Bettstelle gar nicht gefallen, und er rief:
»Himp, hamp,
Kleb an!«
Und siehe, obgleich die beiden am liebsten zum Fenster hinausgesprungen wären, als sie die Stimme des Schmieds hörten, sie konnten nicht anders, sie mussten sich fest halten, als ob sie zusammen gewachsen wären.
Jetzt kroch der Meister Schmied aus seinem Verstecke hervor und – hast du nicht gesehen – ging's mit der Ochsenpeitsche über das gottlose Paar her. Sie jammerten und schrien und baten um Verzeihung, aber es half ihnen nichts; am andern Morgen, als die Sonne aufging, trieb er sie zum Hause hinaus dem Schlosse zu. Unterwegs begegneten ihnen die Ochsen des Gutes, die wurden wild und wollten sie stossen.
»Himp, hamp,
Kleb an!«
sagte der Schmied ärgerlich, und die Ochsen klebten an Küster und Frau und mussten die Reise mitmachen. – Zu guter Letzt trafen sie noch zwei Knechte mit einem Fuder Heu, die sperrten ihnen den Weg.
»Himp, hamp,
Kleb an!«
hiess es wieder, und auch sie mussten mit auf das Schloss.
Als sie vor dem Herren standen, sagte der Schmied: »Schaut, Herr, da habe ich Euch einen Himphamp geschmiedet ohne Stahl und Eisen, ohne Feuer und Amboss; daran mögt Ihr Eure Freude haben.« Und damit schlug er so gewaltig auf das gottlose Paar ein, dass der Küster und die Frau tot zu Boden sanken. Der Edelmann merkte nun wohl, weshalb der Küster ihm stets so sehr die Künste des Schmiedes gepriesen hatte; ihn überkam aber ein Grauen vor dem Zauberwerke. Als der Meister den Himphamp wieder gelöst hatte, sprach er darum: »Packe dich von meinem Gute, denn mit einem Hexenmeister will ich keine Gemeinschaft haben!« Und so musste der Schmied mit Schimpf und Schande Haus und Hof verlassen und in die weite Welt gehen.
Nun war er ganz verzagt; denn was sollte er unter den wildfremden Leuten beginnen. In seiner Not trat das kleine Männchen wieder zu ihm und sprach: »Meister Schmied, ihm ist noch zu helfen, [242] wenn er meinen Rat befolgt und thut, was ich ihm sage!« – »Und was soll ich denn thun?« fragte der Schmied. – »Wandere sieben Jahre von Dorf zu Dorf und von Stadt zu Stadt! Du darfst dich aber dabei weder waschen noch kämmen, noch deinen Bart, die Haare oder die Nägel beschneiden; auch darfst du dich nicht schnauben, nicht ausspeien und die Kleider nicht wechseln. Wenn die sieben Jahre um sind, wird dir das Glück von selbst entgegen kommen; und während der Zeit sollst du an Speise und Trank nie Mangel leiden.«
Der Schmied bedankte sich für den guten Rat und that alles, wie ihm das Graumännchen geheissen hatte. Und er war mit dem Rat nicht betrogen; wenn auch seine Finger bald wurden wie Vogelklauen und Schmutz und Kot seine Haut umgab und die Kleider in Fetzen vom Leibe hingen und Haar und Bart, wirr und zerzaust, bis über den Gürtel reichten, dass er aussah wie ein wildes Tier und nicht wie ein Mensch, so hatte er doch immer Speise und Trank vollauf und durfte niemals Not leiden.
Nach sieben Jahren führte ihn sein Weg durch eine Stadt; in derselben wohnte ein Mann, der hiess Garkoch. Der musste in seiner Jugend wohl sehr auf das Geld versessen gewesen sein, denn er hatte das giftigste, garstigste Weib auf der ganzen Welt nur um ihres Reichtums willen zur Frau genommen, und die Kinder auf der Gasse hatten darauf ein Liedlein gemacht und sangen:
»Volbrechts Ilse,
Niemand will sie;
Garkoch
Nahm sie doch.«
Und mit diesem Gelde hatte er noch nicht genug. Er ging in den Wald hinaus an einen Eichbaum, wo der Vogel Specht sein Nest hat, und schlug einen harten Keil in das Loch, dass die Alten nicht zu ihren Jungen konnten. Dann breitete er ein rotseidenes Tuch am Fusse des Baumes im Moose aus und wartete der Dinge, die da kommen sollten. Es dauerte nicht lange, so kamen die beiden Alten herbeigeflogen und sahen das Unglück; schnell kehrten sie um und holten die Springwurzel im Schnabel herbei, vor deren Zauberkraft die Berge sich öffnen und die eisernen Schlösser aufspringen. Damit berührten sie den Keil, und im Nu sprang er heraus und fiel weit ab im Grase nieder.
Jetzt erhob Garkoch hinter dem Baume ein Mordgeschrei, dass der alte Specht vor Schreck der köstlichen Wurzel vergass, den Schnabel aufsperrte und sie auf das rote Tuch fallen liess. Darauf hatte der Schalk nur gewartet, vergnügt steckte er die Wurzel zu sich und ging damit in ein altes Schloss, wo er einen grossen Schatz vergraben wusste. Mit Hilfe der Springwurzel gelang es ihm bald, desselben habhaft zu werden, und, schwer mit Gold beladen, kehrte er zu seiner Ilse zurück und war reicher als der König, der über das Land herrschte.
Aber das dicke Ende kommt nach. Zwar gebar die garstige Ilse dem Garkoch drei Töchter, schön, wie die Sonne, doch wollte niemand [243] in der Stadt mit ihm Umgang pflegen; und selbst als die alte Ilse starb, konnte er für seine drei schönen Töchter keinen Freiersmann finden. Da liess er bekannt machen, wer sich mit seinen Töchtern vermählen wolle, der möge nur kommen, er würde der jungen Frau das Heiratsgut sogleich mitgeben.
In das Haus dieses Garkoch führte den Schmied sein Weg, und da er von dem Entschluss des Alten hörte, trat er kecken Mutes vor ihn hin und hielt um die älteste Tochter an. Die wollte aber nichts von dem garstigen Kerle wissen und schob die zweite Schwester vor. Der gefiel erst recht nicht, was die erste verworfen hatte, und so blieb nur die jüngste und letzte Tochter noch übrig. Als dieselbe sah, wie gern ihr Vater einen Schwiegersohn gehabt hätte, überwand sie ihren Abscheu vor dem schmutzigen Manne und verlobte sich mit ihm.
Am anderen Tage sollte die Hochzeit gefeiert werden. Doch ehe sie zur Kirche fuhren, trat das Graumännchen vor den Schmied und sprach zu ihm: »Meister, heute sind die sieben Jahre um, komm, ich will dich waschen und säubern!« Da war der Schmied über die Massen froh und spie aus und räusperte sich, und ihr könnt euch denken, dass er nicht schlecht geprustet hat. Dann schnitt ihm das Graumännchen Haare, Bart und Nägel und wusch ihm die Haut weiss, wie Schnee, und zog ihm prächtige Kleider an, und da sah der Schmied jung und schön aus trotz einem Königssohn.
Als er so zu seiner Braut trat, wollte dieselbe erst gar nicht glauben, dass der hübsche, feine Herr und ihr garstiger, schmutziger Bräutigam dieselben seien; aber sie dachte nicht lange darüber nach, sondern fiel ihm um den Hals und küsste ihn und konnte gar nicht erwarten, bis der Pastor sie in der Kirche getraut hatte. Die beiden Schwestern aber wurden blass vor Neid und Ärger, dass sie ihr Glück mit Füssen getreten, gingen in den Garten und hängten sich an einen Apfelbaum.
So bekam die jüngste Tochter alle Güter des alten Garkoch mit in die Ehe, und sie lebte in Glück und in Frieden mit dem Schmied viele Jahre lang, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.
Es war einmal ein Edelmann, der war geizig und drückte seine Leute, wo er konnte, that aber immer, als habe er nur ihr Bestes im Auge und handle nicht anders, als wie er könne. Dieser Edelmann hatte nun unter seinen Leuten einen Knecht, der ihm viele Jahre treu und ehrlich gedient hatte; mit der Zeit war er aber alt [244] und schwach geworden, dass er zwar noch beim Pflügen und Eggen die Ochsen antreiben konnte, jedoch beim Dreschen nichts Rechtes mehr vor sich zu bringen vermochte. In der Dreschzeit brach liegen, heisst aber bei einem armen Tagelöhner so viel, als den ganzen Winter Hunger leiden; darum bat er rechtzeitig den Herrn, als er mit den andern Knechten die Wintersaat untereggte, er möge ihn doch von dem Dreschen um seines Alters willen nicht ausschliessen.
»Ich will dir nicht im Wege sein!« antwortete der Edelmann katzenfreundlich; »Wenn die übrigen Knechte dich als Macher (Macker) haben wollen, so magst du dreschen, so viel und so lange du willst.« Die andern Leute waren aber allesamt verheiratet, hatten für Frau und Kinder zu sorgen und mussten den Dreier dreimal umdrehen, ehe sie ihn aus der Hand gaben. Sie sahen darum bei den Worten des Herrn einander verlegen an, und als der Edelmann sie einzeln fragte: »Willst du des alten Vaters Macher beim Dreschen sein?« überlegten sie, dass sie dann nicht genug ausdreschen könnten, und der Reihe nach sprachen sie: »Nein, ich will nicht!« – »Da hast du's,« rief der Herr, »ich bin's nicht, der dich ins Elend jagt, deine eigenen Kameraden lassen dich im Stich.« – Der alte Mann kratzte sich betrübt hinter den Ohren; endlich fasste er sich Mut und sprach: »Wenn ich nun einen Macher finde, darf ich ihn dann auf den Hof bringen und mit ihm an die Arbeit gehen?« Dagegen konnte der Edelmann nichts einwenden, und der Knecht wankte vom Hofe, einen Macher zu suchen.
Als er im Walde war, begegnete ihm ein steinaltes Männchen, das fragte ihn: »Woher und wohin?« – »Ich komme vom Edelmannshof und suche einen Macher zum Dreschen,« erhielt es zur Antwort. »Da bist du an den Rechten gekommen,« versetzte das Graumännlein, »ich bin ebenfalls auf der Suche nach einem Macher.« – »Allrichtig,« sagte der Knecht, »dann gehören wir zusammen. Viel wird's freilich nicht werden, denn du bist ja noch stakriger, wie ich; aber besser etwas, wie gar nichts.« – »Worauf drescht ihr denn?« fragte der Graumann weiter. »Bei Roggen und Weizen auf den dreizehnten,« erwiderte der Knecht, »beim Hafer dagegen bekommen wir den vierzehnten Scheffel.« – »Darauf geh' ich nicht ein!« meinte der Graumann; »Wenn ich die Woche gedroschen habe, will ich nicht mehr und nicht weniger haben, als was ich am Samstag Abend mit einem Male auf meinem Buckel zum Thore hinaus schaffen kann.« – »Das wäre ein schlechtes Geschäft!« meinte der Knecht. Da aber der Graumann auf seinem Willen bestand, fürchtete er, am Ende seinen Macher wieder zu verlieren und gar nichts zu bekommen; er gab also knurrend klein bei und schritt mit dem Graumännlein dem Gutshofe zu.
Als der Edelmann das gebrechliche Paar sah, lachte er, dass ihm der Leib wackelte. »Herr,« hub der Knecht an, »hier ist mein Macher!« – »Könnt ihr denn auch die Dreschflegel heben, oder soll ich euch einen Jungen geben, der sie euch in die Höhe bringt?« fragte der Edelmann. »Ach, es wird wohl auch noch ohne den Jungen [245] gehen,« meinte das Graumännchen und that dabei so krank und gebrechlich, als stehe Jan Kräuger aus Philippsgrün (d.i. der Tod) ihm schon zur Seite, um ihn mit sich zu nehmen. »Und was soll euer Lohn sein?« fragte der Edelmann. »Was mein Macher am Samstag Abend auf seinem Rücken mit einem Male zum Thore hinaustragen kann,« antwortete der Knecht. »Abgemacht,« rief der Herr, »und kommenden Montag macht ihr euch an die Arbeit! Ihr mögt immerhin eine Woche früher anfangen, als die übrigen Knechte, eine Mandel Garben werdet ihr inzwischen wohl ausgedroschen kriegen.«
Am Montag Morgen gingen die beiden in aller Frühe in die Scheune, die zur Rechten und zur Linken mit reifen Garben bis an das Dach gefüllt war und in der Mitte einen grossen Längs-Flur offen liess. »Womit wollen wir beginnen?« fragte das Graumännchen. »Ich dächte mit dem Roggen,« gab der Knecht zurück. »Meinetwegen, dann steig du ins Fach und wirf mir die Garben herunter!« sprach das Männlein; und der Knecht warf Garben über Garben auf die Scheunenflur hinab, bis er glaubte, jetzt sei es für die ganze Woche genug. »Warum hältst du denn an?« schalt da aber das Graumännchen; und als der Knecht verwundert hinabsah, hatte das Männlein schon alle Garben ausgedroschen, und Stroh, Korn und Spreu lagen, fein säuberlich geschieden, wie's sich gehört, ein jedes an seinem Ort.
Der Knecht erschrak, dass er am ganzen Leib zitterte, denn er erkannte, dass er den Teufel zum Macher erkoren; doch Jenner liess ihm zum langen Besinnen nicht Zeit, der Alte musste immerfort neue Garben herabwerfen, und ehe die Sonne zur Rüste gegangen war, hatte der Roggen im Fach sein Ende genommen und Jenner die letzte Garbe gedroschen. Am andern Tage kam der Weizen an die Reihe, am Mittwoch die Gerste, den Donnerstag und Freitag draschen sie Hafer und Buchweizen und am Sonnabend Vormittag Klewer, Wicken und Rübsen, und damit war alles ausgedroschen, was in der grossen Scheune vorhanden war. Zu guter Letzt musste der Knecht alle Säcke herbei schaffen, die auf dem Gutshofe aufzutreiben waren, und der Teufel schüttete Roggen, Weizen, Gerste, Hafer, Buchweizen, Klewer, Wicken und Rübsen so schnell hinein, dass die Säcke in demselben Augenblick, da sie ihm von dem Knechte gereicht wurden, auch schon gefüllt waren.
Um sechs Uhr, als Feierabend gemacht wurde, trat der Edelmann in die Scheune, um nach dem gebrechlichen Paare zu schauen; aber wie erstaunte er, als er die Arbeit, daran ein Dutzend starker Leute ein Vierteljahr genug zu schaffen gehabt hätten, fix und fertig zu Ende geführt sah. Er freute sich und lachte, lobte die beiden und sprach: »Ihr habt wacker gearbeitet, liebe Leute, nun wollen wir gleich die andern Knechte zusammenrufen und das Korn auf den Boden schaffen.« – »Nein, so war es nicht abgemacht,« rief das Graumännchen mit starker Stimme, »zuvor nehme ich erst auf meinen Rücken, was ich mit einem Gange zum Thore [246] hinausschaffen kann!« Damit ergriff er einen Sack nach dem andern und warf ihn auf seinen Buckel; und als er den letzten hinauf geworfen hatte, ragten die Säcke wie ein Kirchturm in die Luft, und es war ein Himphamp von dem Männlein gefertigt, wie noch keiner gesehen ist, seit die Welt steht.
Dem Edelmann wurde schwarz vor den Augen bei dem Anblick, seine Knie bebten ihm und schlackerten, und seine Stimme zitterte vor Wut, als er den Knechten zurief: »Löst den Bullen von der Kette!« Der Bulle war nämlich weit und breit als ein stössiges Tier bekannt und hatte schon manchen armen Schlucker auf seine Hörner genommen; jetzt sollte er dem Graumännchen zu Leibe gehen oder doch wenigstens gegen den Himphamp rennen, damit die lange Reihe der Säcke durchstossen würde und das Getreide dem Gutsherrn verbliebe. Kaum hatte sich aber das böse Tier mit seinem Gehörn dem Männlein genähert, so lachte dasselbe hell auf: »Der Edelmann hat recht, zu dem vielen Korn müssen wir auch Fleisch haben!« Dann ergriff es den Bullen bei den Hörnern und warf ihn in die Höhe, dass er auf den letzten Sack zu liegen kam und alle viere in die Luft streckte.
Jetzt stieg dem Herrn der weisse Schaum vor den Mund, und er rief die gotteslästerlichen Worte: »Hat mir der Teufel Hab und Gut genommen, so mag er auch mit Leib und Seele zur Hölle fahren!« Darauf hatte Jenner nur gewartet, denn jetzt hatte er Anteil an dem habgierigen Leuteschinder; schnell liess er den Himphamp fallen, drehte dem Edelmann das Genick um und flog mit ihm auf und davon der Hölle zu. Der arme, alte Knecht aber bekam die ganze Ernte und den Bullen obendrein und ward ein wohlhabender Mann; und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er heute noch.
Es war einmal ein Bauersohn, dem hatten sie des Königs Rock angezogen. Aber so schön die blanken Knöpfe auch glitzerten und blinkten, so mochte es ihm doch nimmermehr unter den Soldaten gefallen; denn sein Hauptmann war ein Bärbeiss und sein Feldwebel ein Leuteschinder. Als er eines Nachts auf Wache gezogen war und Posten stand und der kalte Nachtwind ihm um die Ohren pfiff, seufzte er darum tief auf und rief: »Soldatenleben ist doch ein böses Leben! Nun diene ich erst ein einziges Jahr und kann es nimmermehr aushalten; wie soll es da erst die übrigen sechs Jahre werden (denn ehe der Franzose ins Land kam, diente jeder Mann nicht drei, sondern sieben Jahre)! Soll und muss denn einmal gedient werden, so will [247] ich lieber des Teufels Soldat werden, als mich von meinem Hauptmann und Feldwebel noch länger schinden und quälen lassen.«
Kaum hatte er die Worte zu Ende gesprochen, so stand Jenner vor ihm und sprach: »War das dein Ernst, was du da eben gesagt hast? – Ich bin's zufrieden! Sei sieben Jahre mein Knecht, und es soll dir niemals an irgend einer Sache gebrechen.« – »Mein lieber Herr Teufel,« sagte der Soldat furchtsam, »er hat's gewiss auf meine Seele abgesehen; die ist mir aber um alles in der Welt nicht feil.« – »Nicht doch,« erwiderte Jenner, »an deiner Seele ist mir gar nichts gelegen! Willst du mein Knecht werden, so erhältst du einen Beutel mit Goldstücken, der nie leer wird. Davon musst du ausgeben, so viel du nur immer verthun kannst. Ausserdem darfst du dich die ganzen sieben Jahre hindurch weder waschen noch kämmen, du darfst dir den Bart und die Haare nicht scheren, auch niemals reine Wäsche anlegen. Dafür dass dich das Ungeziefer dennoch nicht plagt, werde ich Sorge tragen.«
Diese Bedingungen schienen dem Soldaten nicht allzu schwer; er ging den Handel ein, ein Vertrag ward aufgesetzt, und er verschrieb sich darin dem Teufel auf sieben Jahre und unterzeichnete die Schrift mit seinem eigenen Blute. Darauf zog ihm der Teufel den bunten Rock aus und gab ihm dafür ein Gewand von schwarzem Leder, das ihn einhüllte, als wäre es eine Haut; das durfte er niemals ablegen, ehe nicht das siebente Jahr zu Ende gegangen war. In die eine Tasche aber steckte ihm Jenner den Wunschbeutel, in die andere die besten Papiere, dass ihn niemand anhalten durfte; dann führte er ihn über die Grenze hinüber und brachte ihn in eine grosse, schöne Stadt.
Dort ging der Soldat in das beste, vornehmste Wirtshaus und mietete sich von dem Wirt eine herrliche Wohnung, und weil er sich die köstlichsten Speisen und Getränke auftragen liess und alles, was er verzehrte, mit Goldstücken reichlich bezahlte, so gewann ihn der Wirt lieb und wollte ihn nimmer ziehen lassen. Um seines ledernen Kleides willen nannten ihn aber alle Leute den ledernen Mann.
Am andern Morgen, als es Zeit zum Aufstehen war, sprach der Wirt zur Grossmagd: »Geh herauf und bring dem ledernen Mann Kaffee und Milch zum Morgenimbiss!« – »Dem schwarzen Teufel Frühstück bringen, steht mir nicht an!« entgegnete das stolze Ding; »Sieht er denn aus, wie andere Christenmenschen, mit seinem struppigen Bart und dem ungekämmten Haar und den schmutzigen Fingern?« – »Mädchen,« sprach der Wirt, »was redest du so albern in den Tag hinein! Und wenn er auch schmutzig ist, wer weiss, warum er sich nicht wäscht; am Ende büsst er gar damit eine grosse Sünde! Aber Geld giebt er aus trotz einem König.« Doch die Grossmagd blieb bei ihrem Vorsatz, und der Wirt wandte sich deshalb an die kleine Magd. Die liess sich nicht lange bitten, stellte Kaffeekanne und Milchtopf auf den Teller und trug es in des ledernen Mannes Zimmer und bot ihm dabei einen freundlichen guten Morgen. »Schönen Dank, liebes Kind!« sprach der Soldat, griff in die Tasche und warf [248] ihr ein Goldstück zu. Vergnügt eilte sie damit die Treppe herab und zeigte es der Grossmagd; die ward grün und gelb vor Ärger, verstellte sich aber, schnitt ein hämisches Gesicht und spottete: »Für ein Goldstück bring' ich dem Teufel kein Essen.«
Am andern Morgen that der Soldat, als ihm die kleine Magd das Frühstück brachte, einen tüchtigen Griff in die Tasche und warf ihr eine grosse Hand voll Dukaten in den Schooss, dass sie nur schnell die Schürze aufmachen musste, um das viele Geld nicht auf den Boden fallen zu lassen und zu verlieren. Als sie diesmal die Treppe herunter kam und der Grossmagd das Geschenk wies, konnte dieselbe es vor Neid nicht länger mehr aushalten. Sie lief zum Wirt und sprach: »Ich habe mich besonnen, Herr; von nun an will ich dem ledernen Manne das Frühstück besorgen.« Antwortete der Wirt: »Als ich wollte, wolltest du nicht; nun du willst, will ich nicht. Die kleine Magd wird, so lange er bei uns bleibt, dem ledernen Manne aufwarten.« Als die Grossmagd eingesehen hatte, dass kein Bitten und Flehen helfen würde, ward sie am Leben verzagt; denn sie konnte es nicht verschmerzen, dass sie ihr Glück mit Füssen getreten. Sie ging hinaus durch den Garten den Wuurt hinab und sprang in den Entenpfuhl und ersäufte sich. So hatte des Teufels Soldat die erste Seele für die Hölle gewonnen.
Da der Wirt den ledernen Mann wie einen König hielt und ihm besorgte, was sein Herz nur begehren mochte, beschloss er, bei ihm wohnen zu bleiben, bis seine Dienstzeit beim Teufel abgelaufen sei. Er hielt sich eine prächtige Kutsche und die schönsten Pferde, und wenn ein herrliches Gastmal in dem Wirtshause ausgerichtet wurde, so hatte sicherlich der lederne Mann das Geld dazu hergegeben. Als nun die letzte Woche des siebenten Jahres herankam, sass der lederne Mann eines Abends mit dem Wirt bei einer Flasche Wein, und sie unterhielten sich mit einander und sprachen von diesem und von jenem. Indem fuhr ein reicher Edelmann aus der Nachbarschaft vor dem Gasthofe vor, trat ein und forderte die beiden auf, ob sie nicht mit ihm ein Spielchen machen wollten. Die Karten wurden geholt, und das Spiel begann; aber je mehr der Edelmann spielte, um so mehr verlor er auch, und je mehr er verlor, um so hitziger ward er, und um so höher setzte er ein, und es dauerte gar nicht lange, so hatte er Land und Sand, Kutsche und Pferde, Haus und Hof, Rinder und Schafe und alles übrige an den Wirt und den ledernen Mann verloren.
Wie er nun so traurig da sass und darüber nachdachte, wohin ihn sein Leichtsinn und die Spielwut gebracht, klopfte ihm der lederne Mann auf die Schulter und sagte: »Was meint Ihr dazu? Ich werde Euch all Euer Hab und Gut wieder auslösen, wenn Ihr mir eine von Euren Töchtern zur Frau gebt.« Als der lederne Mann diese Worte gesprochen hatte, sprang der Edelmann vergnügt von seinem Stuhle auf und rief: »Darauf geh' ich ein, noch heute soll die Verlobung gefeiert werden!« Und nachdem sie, wie's sich gehört, Brüderschaft [249] getrunken hatten, musste der Kutscher anspannen, und sie fuhren aufs Land hinaus zu des Edelmannes Schloss.
Als sie dort angelangt waren, hiess der Edelmann den ledernen Mann in der besten Stube Platz nehmen; er selbst ging zu seinen drei Töchtern und erzählte ihnen, wie es ihm im Wirtshause ergangen wäre, wie er Land und Sand, Kutsche und Pferde, Haus und Hof, Rinder und Schafe und alles übrige im Spiele verloren habe und wie ihn ein reicher Herr wieder auslösen wolle, wenn er dafür eine von seinen drei Töchtern zur Frau bekäme. Sprach die Älteste: »Wart einmal, Vater, ich werde ihn mir ansehen!« Mit den Worten huschte sie zur Thüre und schaute durch das Glasfenster in die Stube. »Pfui, Teufel!« rief sie aber sogleich, »den Schmutzfink soll ich nehmen? Den heirate ich nicht, und müsste ich mein Leben lang auf der Landstrasse mein Brot betteln!«
Da wandte sich der Vater an die zweite Tochter. Als diese durch das Glasfenster den ledernen Mann erblickt hatte, wollte sie vor Schrecken fast in Ohnmacht fallen. »Nein, Vater,« schrie sie auf, »dem Teufel verheiratet man seine Tochter nicht; da wäre es besser gewesen, nicht zu spielen, so wären Land und Sand, Kutsche und Pferde, Haus und Hof, Rinder und Schafe und alles übrige noch in Euren Händen. Und wenn wir in den Schuldturm geworfen werden, ich nehme den Teufelskerl nicht, und sollte ich niemals wieder das liebe Sonnenlicht sehen!«
Traurig sprach der Edelmann jetzt zu seiner dritten und jüngsten Tochter: »Liebes Kind, schlag deinem alten Vater die Bitte nicht ab! Deine Schwestern haben recht, ich bin leichtsinnig gewesen, da ich im Spiele verlor Land und Sand, Haus und Hof, Kutsche und Pferde, Rinder und Schafe und all mein anderes Hab und Gut. Aber, ach, erbarme dich deines alten Vaters, dass er nicht vor fremder Leute Thüren sein Brot betteln gehen muss!« Sagte die jüngste Tochter: »Väterchen, wozu die vielen Reden, wenn meine Schwestern dich nicht retten wollen, so muss ich es thun. Führ mich nur zu dem fremden Herren.« Und als sie in der Stube bei dem ledernen Mann war, sah sie nicht auf sein struppiges Haar und den wilden Bart und die schmutzige Haut, sondern reichte ihm freundlich die Hand und gab ihm einen herzhaften Kuss auf den Mund und ekelte sich nicht einmal. Da ward die Verlobung gefeiert, der lederne Mann bezahlte des Edelmanns Schulden, und über acht Tage sollte die Hochzeit sein.
Ehe es aber zur Hochzeitsfeier kam, sagte der lederne Mann zu seinem Schwiegervater: »Die Zeit, dass ich wie ein Teufelsknecht herumlaufen muss, ist verstrichen; ich will jetzt zur Stadt und mich säubern lassen. Sag aber deinen beiden ältesten Töchtern und auch meiner Braut kein Sterbenswörtchen davon!« Als der Edelmann ihm die Hand darauf gegeben hatte, dass er seinen Mund halten werde, fuhr der lederne Mann in die Stadt und trat in die Stube eines armen Bartscherers und fragte ihn, ob er ihn säubern wolle. Der aber rief, von solch schmutzigem Teufelskerle wolle er kein Geld verdienen, [250] und jagte ihn mit Schimpf und Schande zum Hause hinaus. Da ging der lederne Mann zu dem reichen Bruder des Bartscherers, welcher dasselbe Handwerk betrieb und ein gar fleissiger Mann war, der alle Kunden ohne Unterschied des Standes ordentlich, wie es sich gehört, zu bedienen pflegte.
»Wollt Ihr mir Bart und Haupthaar scheren und mich säubern?« fragte der lederne Mann den reichen Barbier. »Sehr gerne,« erwiderte derselbe. Da griff der lederne Mann in die Tasche und gab ihm wohl an hundert Goldstücke, und der Bartscherer kaufte die besten Öle und Seifen und wartete seines Amtes so gut, dass der lederne Mann, als er fertig war, schön aussah, wie ein Königssohn. Mit den hundert Dukaten aber lief der Barbier in den Laden seines Bruders und rief: »Wahrlich, ich bin ein Glückskind! Der liebe Gott hat mir mein Handwerk schon so wie so reichlich gesegnet, und heute sandte er mir einen Kunden, der hat mir soviel gegeben, dass ich jetzt doppelt so reich bin, denn zuvor.« Da schrie sein armer Bruder jäh auf: »Jahre lang hab' ich darauf gewartet, dass mir das Glück ins Haus käme; nun da es gekommen ist, hab' ich's mit Füssen getreten!« ging hin und kaufte für einen Dreier einen neuen Strick, eilte damit in den Wald und hing sich an einen Eichbaum. – Das war die zweite Seele, die der Teufel durch seinen Soldaten errungen hatte.
Der lederne Mann war inzwischen in der Stadt herumgefahren, hatte beim Schneider die herrlichsten Kleider und beim Schuster die besten Stiefel gekauft, wie ein Graf sie nicht schöner tragen kann. Darauf zog er sein ledernes Gewand aus und gab es samt dem Beutel dem Bösen zurück, nachdem er sich zuvor zehn Tonnen Goldes herausgenommen hatte; dann that er sich die schönen Kleider und Schuhe an, setzte sich in seinen Wagen und fuhr auf das Schloss. Als das Viergespann vorfuhr, traten der Gutsherr und seine drei Töchter zur Thüre heraus und öffneten ihm ehrerbietig den Schlag, denn sie erkannten ihn nicht wieder und meinten, er wäre ein Fürst. Doch er nahm den Edelmann beiseite und offenbarte ihm, wer er sei. Da sagte dieser zu seinen Töchtern: »Kinder, der feine Herr will eine von euch freien.« Als die beiden ältesten das hörten, machten sie ein liebevolles, freundliches Gesicht; der schöne Herr aber schritt auf die jüngste Schwester zu und küsste sie und sagte ihr, dass er und der lederne Mann ein und derselbe seien. Bei diesen Worten wollten die beiden andern vor Schreck schier in die Erde sinken, die jüngste aber weinte vor Freuden und nahm ihren Bräutigam unter den Arm und ging mit ihm in das Schloss, und drinnen wurde die prächtigste Hochzeit gefeiert. Ihre Schwestern standen während dessen noch immer draussen und verfluchten ihren Hochmut; und als das lustige Singen und der Klang der Trompeten und Geigen in ihre Ohren drang, fassten sie einander bei der Hand und stürzten sich aus Verzweiflung in den Schlossteich und fanden darin einen kläglichen [251] Tod. So hatte der lederne Mann dem Teufel im ganzen vier Seelen zugeführt, die er in der Hölle nach Herzenslust brennen und braten konnte. Das junge Paar aber lebte mit dem alten Edelmann auf dem Schlosse in Glück und in Frieden, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.
Sankt Peter ritt einmal auf seinem Esel durch die Welt. Da verlor Grautierchen die Eisen, und Sankt Peter hielt vor Schmied Siegfrieds Thüre, um den Esel wieder beschlagen zu lassen. Schmied Siegfried verstand sein Handwerk und legte dem Tier vier Eisen unter, dass Sankt Peter ihn loben musste. »Geld habe ich nicht,« sprach er, »aber ich gebe dir etwas Besseres. Thu drei Wünsche, sie sollen erfüllt werden, so wahr ich Sankt Peter bin.« Antwortete Schmied Siegfried: »Drei Wünsche? Das lässt sich hören. Was wünscht man sich aber gleich? – Je nun, ich weiss etwas: Ich habe einen Birnbaum vor der Thür. Spreche ich nun zu jemand: Auf den Birnbaum herauf! so muss er oben sitzen bleiben, bis ich rufe: Nun komm herunter!« Sagte Sankt Peter: »Der Wunsch ist erfüllt; ich dachte aber, du würdest dir etwas anderes wünschen. Vergiss nur das Beste nicht!« Schmied Siegfried kehrte sich aber nicht an sein Reden, sondern sagte: »Ich will einmal schauen, ob du mich auch nicht übers Ohr gehauen hast?« Dann rief er den Altgesellen aus der Schmiede und sprach: »Jochem, auf den Birnbaum herauf!« Und richtig der Gesell musste auf dem Birnbaum bleiben, bis der Meister gerufen hatte: »Nun komm herab!«
»Das gefällt mir, Sankt Peter,« sagte Schmied Siegfried, »und ich wünsche mir als zweiten Wunsch, wenn ich spreche: Setz dich auf meinen Grossvaterstuhl! so muss jedermann dort sitzen bleiben, bis ich ihn wieder aufstehen heisse.« – »Der Wunsch ist noch thörichter, wie der erste,« meinte Sankt Peter, »vergiss nur das Beste nicht! Einen Wunsch hast du nur noch.« – »Stimmt,« erwiderte Schmied Siegfried, »da muss ich einmal ordentlich nachdenken,« und kratzte sich hinter den Ohren. »Jetzt hab' ich's gefunden!« rief er endlich; »Wenn ich zu irgend jemand sage: In meinen alten Ranzen hinein! so muss er so lange darin bleiben, bis ich ihn herauskriechen lasse.« – »Narr!« sagte Sankt Peter, »auch der Wunsch soll dir gewährt werden. Aber das Beste hast du vergessen. Du hättest dir die ewige Seligkeit wünschen müssen.« Sprach's und ritt auf seinem Esel von dannen.
Der Tod hatte von dem Handel gehört, den Schmied Siegfried [252] mit Sankt Peter gehabt, darum hütete er sich, ihn zu besuchen. »In den Himmel darf er nicht hinein,« sprach er, »gut, so mag ihn der Teufel selber holen, wenn er ihn in die Hölle gebracht haben will.« Daher kam's, dass Schmied Siegfried über hundert Jahre alt ward, dass er alle seine Verwandten, seine Kinder und Kindeskinder, ja selbst seine Urenkel überlebte, ohne dass er siech an Leib oder Seele geworden wäre. – Er hatte gerade seine fünfte Frau begraben, da sagte Jenner in der Hölle: »Wo bleibt eigentlich Meister Siegfried, der Schmied? Der müsste doch schon längst bei uns sein.« Und ein junger Teufel ward abgesandt, um den Meister zu holen. Als er in die Schmiede trat, fragte Meister Siegfried nach seinem Begehr. »Ich bin der Teufel und will dich holen,« lautete die Antwort. »Aha, Jenner!« schmunzelte der Schmied; »Darf ich bitten, lieber Jenner, den Birnbaum herauf!« Und da sass er schon oben und wusste nicht, wie er hinauf gekommen war.
»Jetzt an die Arbeit!« befahl Schmied Siegfried, und die Gesellen mussten eine lange Stange schmieden, die ward an der Spitze glührot gemacht. Dann ging der Schmied mit ihr in den Garten und bohrte von unten dem Teufel ein Loch über das andere ins Fleisch, dass man sein Heulen und Wehklagen zehn Häuser weit hören konnte. »Lasst mich los, lasst mich los, lieber Meister,« schrie er, »ich will auch nie wieder Euch holen kommen!« – »Giebst du's auch schriftlich?« fragte Schmied Siegfried. »Gewiss, lasst mich nur los.« Und der Teufel unterzeichnete oben auf dem Baume ein Schriftstück, dass er den Siegfried nie holen werde. Dann sagte der Schmied: »Nun komm herunter!« und – hast du nicht gesehen – fuhr Jenner in die Hölle zurück.
Nach hundert Jahren schickte der Teufel abermals einen Boten, welcher Schmied Siegfried holen sollte. »So so, wieder aus der Hölle?« fragte der Meister; »Na, setz dich nur in meinen Grossvaterstuhl an den Ofen.« Dann wurde Holz über Holz in den Schweef (Kamin) gethan, dass dem armen Jenner das Fett vom Leibe troff und er ganz schwarz gebrannt wäre, wenn er nicht schon ohnehin wie ein Rabe ausgesehen hätte. »Liebster, bester Meister, lasst mich los,« jammerte er, »hier ist's ja noch zehnmal heisser, als in der Hölle!« – »Warum lasst ihr mich nicht in Frieden,« brummte Schmied Siegfried und legte einen neuen Pack Holz in den Ofen. »O, Jammer und Weh,« schrie Jenner, »lasst mich doch laufen, ich besuch' Euch auch nimmermehr!« – »Gieb's schriftlich, alter Schalk,« sprach Schmied Siegfried, holte Schreibzeug und Papier, und auch der zweite Teufel schrieb, dass er den Meister nie holen werde.
Nochmals vergingen hundert Jahre, da sandte der Teufel den dritten Boten aus, der musste aber schon mit Gewalt auf die Beine gebracht werden, so sehr hatten ihm die beiden andern bange gemacht. Er gedachte nun, es recht listig anzufangen und Schmied Siegfried von hinten zu fassen. Aber er war an den Unrechten gekommen, Meister Siegfried hatte ihn längst bemerkt und sprach: »In den Ranzen hinein!«[253] Da musste sich der Teufel klein machen und in den alten schmutzigen Ranzen kriechen. »Nun auf den Amboss mit ihm, Gesellen!« rief Schmied Siegfried, und als der Ranzen auf dem Amboss lag, schlugen sie zu fünfen mit den schweren Eisenhämmern auf ihn ein. »Habt Erbarmen!« schrie der Teufel; aber Meister Siegfried hatte taube Ohren und hiess die Gesellen immer kräftiger schlagen. Endlich wurden sie der Arbeit müde, und der Teufel erhielt unter denselben Bedingungen, wie seine beiden Genossen, die Freiheit zurück.
Lange Jahre lebte Schmied Siegfried jetzt ungestört, da ward er des Lebens überdrüssig und sehnte sich, dass er zu Gnaden käme. Er schnallte sein Bündel, setzte sich den Hut auf, nahm den schweren Schmiedehammer in die Hand und pilgerte den steilen Weg zur Himmelspforte herauf. Oben sass Sankt Peter und sprach zu ihm: »Hier ist seines Bleibens nicht, Meister Siegfried, er hat ja den besten Wunsch vergessen.« Dann schlug er ihm die Himmelsthür vor der Nase zu. »Das ist übel,« sagte Schmied Siegfried, »dann muss ich mein Heil in der Hölle versuchen.« Sprach's und stieg den Weg hinab und wandelte so lange, bis er zur Hölle gelangte. »Heda, aufgemacht!« rief er und schlug mit dem Hammer an das Thor, dass es krachte. Ängstlich schob ein Teufel die Riegel zurück und steckte seine lange Nase heraus. Schnell hatte Meister Siegfried auch schon einen Nagel zur Hand und schlug ihn durch die Nase hindurch und heftete den Teufel an den Thürpfosten fest.
Jenner erhub ein Mordsgeschrei. Da kamen die drei Teufel gelaufen, welche den Meister hatten holen sollen, und als sie ihn erkannten, rissen sie ihren Genossen in die Hölle zurück und verriegelten das Thor fest, damit Schmied Siegfried ja nicht herein käme. »Also in der Hölle will man mich auch nicht haben,« seufzte er, »was gilt's, ich will bei Sankt Peter mein Heil noch einmal versuchen!« –
Als er wieder oben war, liess ihn Sankt Peter scharf an; er war aber reumütig und bat nur um das eine, Sankt Peter möge die Himmelsthüre ein klein wenig öffnen, damit er von der Pracht und Herrlichkeit bei den lieben Engeln etwas sehe. Kaum hatte Sankt Peter seiner Bitte gewillfahrt, so warf Meister Siegfried seinen alten Hut durch die Ritze, dass er weit in den Himmelssaal hineinflog. Dann sprach er: »Liebster Sankt Peter, meinen Hut trag' ich nun schon viele hundert Jahre. Wo mein Hut ist, da lass mich auch sein!«
Da lachte Sankt Peter und liess Schmied Siegfried hinein, und seit dem lebt er bei den lieben Englein im Himmel.
Ein Schmiedegeselle war auf der Wanderschaft. Da begegnete ihm Sankt Peter, grüsste das Handwerk, und sie beschlossen, zusammen zu ziehen. Als sie ein Stückchen gewandert waren, kamen sie vor eine Schmiede, die trug ein gar prächtiges Schild, darauf stand mit grossen, goldenen Buchstaben geschrieben: »Der Schmied aller Künste!« – »Warum hast du das Schild ausgehängt?« fragte Sankt Peter den Meister. »Weil ich der kunstreichste Schmied auf der ganzen Welt bin,« erhielt er zur Antwort. »Nun, dann werde ich dir ein Kunststück zeigen,« gab Sankt Peter zurück, »das du nicht nachmachen kannst.«
Mittlerweile war des Schmieds alte Grossmutter in die Werkstatt getreten, um sich die fremden Männer anzuschauen. Flugs ergriff Sankt Peter das Weib bei der Hand und warf sie in das Feuer; dann mussten die Gesellen die Blasebälge arbeiten lassen, dass die Lohe zum Himmel schlug. Sankt Peter kehrte das linke Bein mit der Zange um und dann das rechte, ebenso that er mit dem Kopf, dem Leib und den Armen, auch warf er gut Sand darauf. Als alles ordentlich durchgeglüht war, wie sichs gehört, und die alte Frau ganz feurig aussah, zog er sie aus der Esse heraus und legte sie auf den Amboss. »Jetzt, ihr Gesellen, darauf losgeschlagen!« rief Sankt Peter, und nun hämmerten sie zu fünfen auf der alten Grossmutter herum, bis alle Glieder gut durchgeschmiedet waren. Dann musste das Mütterchen in den Trog hinein, und das Wasser zischte hoch auf, als die glührote Frau hineingeworfen wurde. Als sie nun kalt geworden war, wer sprang da hervor? Da war's kein altes Mütterchen mehr, das mit dem Kopfe wackelte und Runzeln hatte, sondern ein blutjunges Mädchen von kaum achtzehn Jahren. Das sang und sprang und war schöner und lieblicher anzuschauen, als ihres Enkelkindes Frau, die doch in den besten Jahren stand.
»Wie gefällt dir das Kunststück, Meister?« fragte Sankt Peter. Und der Schmied schämte sich und that das Schild »Der Schmied aller Künste!« fort und ward fortan ein bescheidener Mensch. Anders Sankt Peters Reisegefährte. Der hatte genau auf alle Handgriffe und Bewegungen acht gegeben und dachte bei sich: »Was der gemacht hat, kann ich jetzt auch.«
Als sie nun in das nächste Dorf gelangten und Sankt Peter sich auf eine kurze Weile entfernt hatte, sprach der Gesell bei dem Schmied vor und erbot sich, ihm seine alte Frau jung zu schmieden. Der Meister ging vergnügt darauf ein, denn ein junges Weib hat man immer lieber, als ein altes, und obendrein war seine Frau eine recht schmutzige, garstige Hexe.
[255] Der Gesell ergriff nun die Alte, wie er bei Sankt Peter gesehen, und warf sie in das Feuer hinein. Da gerieten aber ihre Kleider ins Brennen, und das Fleisch begann zu braten und zu schmoren, und das alte Weib erhub ein Zetergeschrei, dass Sankt Peter es hörte und herbeilief. »Was hast du gethan?« rief er zornig, »Wie kannst du dich mit solchen Sachen abgeben?« – »Ach, ich will's auch nie wieder versuchen,« jammerte der Gesell, »rette mir nur diesmal aus der Not.« – »Es wird nicht mehr helfen,« sagte Sankt Peter, »du hast schon zu viel verdorben.« Und er schmiedete und schmiedete, aber es war nun einmal so; als die Frau in den Wassertrog geworfen war und sich abgekühlt hatte, sprang kein junges Weib daraus hervor, sondern ein grosser, garstiger Affe. Der lief in den Wald hinein. Und seit der Zeit heisst's bei den Leuten: »Von den alten Weibern stammen die Affen ab.«
Der Teufel hat seit jeher mit jedermann gern anbinden mögen. Eines Tages traf er Sankt Petrus, rühmte sich seiner Stärke, und als Petrus nicht Wort haben wollte, dass er der Stärkere sei, schlug Jenner ein Wettmähen vor. »Wer am glattesten mäht und am längsten aushält,« sagte er, »der soll der Stärkste sein. Ich will das Feld auswählen, du, Peter, magst die Sensen besorgen; aber schön blinken und glänzen muss die meine!« – Nun wohnte in der Gegend Schmied Günther, der war weit und breit berühmt, dass er am besten schmieden könne. Zu dem ging Petrus und sagte: »Höre, Schmied Günther, kannst du mir wohl ein Paar Sensen schmieden, die eine von Messing, glänzend und blinkend, die andere von gutem Stahl? Thust du das, so sollen dir drei Wünsche gewährt sein, die dir am meisten am Herzen liegen.« – »Darauf geh' ich ein,« sprach Schmied Günther, »über drei Tage sind die Sensen fertig!«
Als die drei Tage vergangen waren, kam Petrus, die Arbeit zu besehen. Da lag die glänzende Sense von Messing, und das Herz lachte ihm im Leibe über dem Anblick; daneben aber lehnte die zweite Sense, die war schwarz und unansehnlich, denn Schmied Günther hatte sie mit einem Heringskopfe bestrichen. Petrus aber sah nicht auf die äussere Gestalt, sondern ergriff ein Stück Stabeisen, wie mein Arm stark, und stiess es in den Erdboden; dann nahm er die Sense, holte weit aus, schlug zu, und, siehe, glatt und leicht durchschnitt der Stahl das Eisen, als wäre es Butter. Nachdem Petrus darauf die Schneide besehen und keine Scharte, keine Kante darin gefunden hatte, sagte er: »Schmied Günther, die Sense ist gut! Wenn ich[256] zurückkomme, sollst du deinen Lohn erhalten.« Sprach's und ging mit den beiden Sensen auf den Acker, wo der Teufel seiner schon harrte.
Hastig griff Jenner nach der blinkenden Sense von Messing, und dann machten sie die Bedingungen aus, unter welchen der Wettkampf vor sich gehen sollte. »Gemäht wird ganz glatt, dass keine Stoppeln zu sehen sind, gestrichen wird nur am Anfang und am Ende der Reihe!« Ausserdem sollte Petrus zwölf Schritte vorbekommen, so wollte es der hochmütige Teufel. Und nun begann das Mähen! Petrus holte gewaltig aus, und das Korn rauschte im Fallen, und so glatt über dem Boden weg mähte er die Halme, dass alle Feldsteine, die im Wege lagen, durchschnitten wurden. Der Teufel arbeitete noch mächtiger; aber nachdem er drei Schwaden gemäht, war seine Sense verdorben, und weil alles Streichen nicht helfen wollte, hieb er wild auf das Korn ein und wühlte Sand und Steine auf. Daher kommen all die Gruben und Berge, die noch heute auf dem Felde den Mähern die Arbeit erschweren. Petrus kam indessen schon zum zweiten Male herab, und »Streich, Petrus, streich, dass der arme Teufel mitkommt!« rief Jenner ihm zu; doch als Petrus immer noch nicht strich, ward er ganz verzagt, warf seine blinkende Sense ins Korn und lief auf und davon, der Hölle zu.
So hatte Petrus den Wettkampf gewonnen, und er ging mit seiner Sense zu Schmied Günther und sprach zu ihm: »Die Sense magst du behalten! Eine bessere giebt's auf der ganzen Welt nicht; und wenn ein ordentlicher Mensch kommt, der ihrer würdig ist, darfst du sie ihm schenken oder verkaufen. Und nun sprich drei Wünsche aus, die dir am liebsten sind, vergiss aber das Beste nicht!« Sprach Schmied Günther: »Auf drei Wünsche habe ich mich lange gefreut. Zuerst will ich, dass meine Branntweinflasche nimmer leer wird.« – »Das war ein schlechter Wunsch,« sagte Petrus, »vergiss das Beste nicht!« – »Du hast recht,« erwiderte Schmied Günther, »das Beste darf man nicht vergessen. In meinem Garten steht ein Birnbaum, von dem stehlen mir die Jungen alle Jahre die Birnen. Wenn nun einer hinaufklettert, so muss er oben bleiben, bis ich ihn wieder heruntersteigen heisse.« – »Der Wunsch ist dir auch gewährt,« sagte Petrus ärgerlich, »nun hast du nur noch einen einzigen. Vergiss das Beste nicht!« – »Wie werde ich denn!« rief Schmied Günther; »Hinter meinem Ofen steht ein Grossvaterstuhl. Nun will ich, dass, wer sich darauf setzt, nicht eher wieder aufstehen kann, bis ich's ihm erlaube.« – »Du bist ein Narr,« schalt Petrus, »was nützen die thörichten Wünsche? Die ewige Seligkeit hättest du dir wünschen sollen.« Und damit Schmied Günther wenigstens etwas Vernünftiges habe, bestrich Petrus den grossen Haufen Stabeisen, der in der Schmiede lag, mit der Hand und verwandelte es dadurch in lauteres Gold; dann ging er zur Thüre hinaus und verschwand.
Nun war Schmied Günther ein reicher Mann geworden und hielt sich viele Gesellen, und sein Ruhm wurde je länger, je grösser. Das [257] dauerte einige Jahre lang, da kam eines Tages der Teufel und sprach: »Schmied Günther, du musst wandern!« – »Das will ich gerne glauben,« antwortete Schmied Günther, »aber der Weg ist lang; du könntest wohl vorher auf den Birnbaum steigen und ein paar Birnen für unterwegs abpflücken, derweile ich das Schwert fertig schmiede.« Das war der Teufel zufrieden und stieg auf den Birnbaum, konnte aber nicht wieder herunter. Da tobte und fluchte er, schalt und schrie; doch Schmied Günther that, als höre er nichts, und liess ihn oben sitzen, bis er schwarz wurde.
Darüber mochten nun wohl so ein hundert Jahre verstrichen sein, da kam der Tod an, klopfte dem Schmied auf die Schulter und sprach: »Schmied Günther, komm mit!« – »Zu essen giebt's bei dir ja wohl nichts?« fragte Schmied Günther; und als der Tod das bejahte, lud er ihn ein zum Abschiedsmahle auf Backobst und Klösse und ein gutes Stück Schinken. Das war dem Tod schon recht, und er setzte sich neben dem Ofen auf den Grossvaterstuhl, während Schmied Günther vor ihm Platz nahm. Nachdem sie gegessen und getrunken hatten, mahnte der Tod zum Aufbruch; Schmied Günther lachte jedoch und ging wieder in die Schmiede an die Arbeit, der Tod aber musste in dem Lehnstuhl sitzen bleiben und konnte sich nicht rücken und nicht rühren.
Nach vielen, vielen Jahren wurde Schmied Günther des Lebens daheim überdrüssig; er übergab seinem ersten Gesellen die Schmiede und befahl ihm, nicht in den Garten und nicht in die Stube zu gehen, dann schnallte er sein Felleisen auf, packte Hammer und Zange, Nägel und Hufeisen hinein, steckte die Branntweinflasche in die Tasche und wanderte los. Als er ein paar Meilen gegangen war, ward er müde und wollte sich auf einer Waldwiese unter einen Silberpappelbaum legen; da erblickte er einen Wandersmann, der dort schon im weichen Grase lag und seine Glieder streckte. »Guten Tag, Schmied Günther!« sagte der Fremde. Die Stimme kam ihm bekannt vor, er sah dem Wanderer scharf ins Gesicht, und siehe, da war's kein anderer als Petrus, der wieder einmal auf Erden umherzog und nachschaute, wie es den Menschen ginge. Das freute Schmied Günther über die Massen, dass er einen solchen Reisegefährten gefunden, und er zog die Flasche aus der Tasche und reichte sie Petrus dar, und sie tranken beide auf gute Kameradschaft.
Nachdem sie sich ausgeruht hatten, zogen sie weiter, und es dauerte gar nicht lange, so kamen sie an ein Dorf. »Geh du links, ich werde rechts gehen,« sagte Schmied Günther, »und was wir zusammen erfochten haben, kommt in einen Beutel und wird nachher geteilt.« Und so geschah es auch. Schmied Günther hatte viel Glück gehabt und zwanzig Groschen eingenommen; doch als er am Ende des Dorfes mit Petrus zusammentraf, hatte dieser gerade noch einmal so viel erhalten. »Das liegt an der Gegend!« rief Schmied Günther ärgerlich; »Bei dem nächsten Dorf gehst du rechts und ich links; dann wird's wohl anders werden.« Aber er hatte sich geirrt, als sie [258] durch das zweite Dorf gezogen waren, Petrus rechts und Schmied Günther links, war es dieselbe Geschichte. Petrus hatte doppelt so viel erfochten, als Schmied Günther. – »Ich werde dich schon kriegen!« dachte Schmied Günther, als sie vor das dritte Dorf kamen; denn dort war gerade eine reiche Bauernhochzeit zur rechten Seite der Strasse. »Ich bleibe auf dem rechten Wege,« sagte er zu Petrus, »da ist Musik und Tanz, und du bist ein frommer Mann und kein Freund von gottlosen Dingen!« Sprach's und lief in das Hochzeitshaus, half in der Küche und bediente die Gäste, und weil man bei einer grossen Hochzeit fleissige Hände gerne sieht, wurde er auch gut belohnt und hatte fünfzig Groschen in der Tasche, als er am Ende des Dorfes mit Petrus zusammenkam. »Du bist ja lange geblieben!« rief dieser ihm schon von weitem zu; dann zählten sie, was ein jeder hatte, und siehe, Petrus hatte hundert Groschen erfochten. »Nun hört aber alles auf!« rief Schmied Günther; doch er tröstete sich bald, denn das Geld musste ja geteilt werden.
Im nächsten Dorfe begegnete ihnen ein Leichenzug. Dem Grossbauer war nämlich die einzige Tochter gestorben, und die Eltern gingen hinter dem Sarge her und weinten und klagten zum Gotterbarmen. Der Jammer schnitt Petrus ins Herz, er hiess die Träger halten, der Sarg wurde geöffnet, und Petrus sprach zu der Leiche: »Steh auf, du Tote!« Da schlug das Mädchen die Augen auf, erhob sich aus dem Sarge und war frisch und gesund, wie zuvor. Der Vater und die Mutter wussten gar nicht, was sie vor Freude anfangen sollten; sie nahmen die beiden Wanderer mit sich in ihr Haus, und aus dem Totenmahle wurde ein Festschmaus, und sie assen und tranken, was der Hof zu geben vermochte. Darauf verabschiedete sich Petrus von dem Grossbauer. Der wollte ihn nicht mit leeren Händen ziehen lassen und bat ihn, dass er so viel Geld mit sich nähme, als er und sein Geselle zu tragen vermöchten. Petrus schlug ihm das aber rund ab und sagte: »Was ich thue, das thue ich aus gutem Herzen um Gotteslohn.« Damit liess er den Bauer stehen und ging mit Schmied Günther vom Hofe. »Bist du nicht bei Sinnen!« schalt Schmied Günther, als sie draussen waren; »So lässt du dir den Verdienst entgehen?« Antwortete Petrus: »Für solche Sachen darf man kein Geld nehmen!« und achtete nicht weiter auf Schmied Günthers Reden.
In der Gegend, durch welche sie jetzt kamen, waren die Dörfer rar, und nachdem sie einen ganzen Tag lang gewandert waren, ohne ein Haus zu treffen, hungerte sie sehr. »Drüben weidet ein Schäfer,« sprach Petrus, »lauf hinüber und bitt ihn um ein Lamm!« – »Da werden wir unsere Spargroschen angreifen müssen!« sagte Schmied Günther; »Umsonst giebt der nichts heraus!« Aber als Petrus ihm zum zweiten Male befahl, hinüber zu laufen, gehorchte er und that, wie jener ihm geboten hatte. Richtig, der Schäfer war gar freundlich, als er die Bitte vernahm, der Hund musste die Schafe herumholen, der Schäfer griff das beste Lamm heraus und gab es dem [259] Wandersmann, dass er es Petrus brächte. Unterdes hatte dieser ein Feuer angezündet und einen Spiess geschnitten; darauf wurde das Lamm gesteckt, nachdem es abgezogen war, und Schmied Günther sollte es braten, derweile Petrus in dem nahen Walde lustwandelte. Als das Lamm sich zu bräunen begann, roch es gar lieblich, und Schmied Günther konnte sich nicht enthalten und stahl die Leber aus dem Leibe und steckte sie in den Mund und ass sie auf.
Nachdem der Braten gar war, kam Petrus aus dem Walde zurück, zerteilte das Lamm und sprach: »Wo ist die Leber?« – Antwortete Schmied Günther: »Lieber Petrus, weisst du denn nicht, dass Lämmer keine Leber haben?« – »Wo ist die Leber?« fragte Petrus zum zweiten Male; »Jedes Tier hat eine Leber und ein Lamm auch.« – »Du sprichst, wie du es verstehst!« erwiderte Schmied Günther; »Gewiss, ein Schaf hat eine Leber, aber ein Lamm noch nicht. Dem muss die Leber erst mit der Zeit wachsen. Vorher hat's nur Wasser im Leibe.« – »Das ist gelogen,« sagte Petrus. – »Wenn's nicht wahr ist, soll mich der Teufel holen!« rief Schmied Günther; denn er wusste ja, dass Jenner das gar nicht konnte, weil er daheim bei ihm auf dem Birnbaume sass. Da musste sich Petrus zufrieden geben; aber ganz zufrieden war er doch nicht, sondern er sprach: »Ich bin deiner Gesellschaft überdrüssig geworden; gieb den Beutel her, dass ich teile, was wir erfochten haben.« Schmied Günther gab ihm den Beutel, und Petrus machte drei Teile von dem Gelde, die waren bei Heller und Pfennig einander gleich. »Warum machst du drei Teile?« fragte Schmied Günther; »Wir sind doch nur zwei!« – »Der dritte Teil gehört dem, der die Leber gegessen hat,« antwortete Petrus. Da klopfte ihm Schmied Günther auf die Schultern und sagte: »Petruschen, dann bekomme ich noch einmal so viel, wie du. Mach dir nur keine Gedanken, ich habe die Leber gegessen.« Sprach's und strich die beiden Haufen ein. – »Es ist Sündengeld,« sagte Petrus, »aber weil du mir damals die schöne Sense geschmiedet hast, will ich dir doch noch ein Geschenk und einen guten Rat geben: Hier hast du zum Geschenk meinen Tornister, in den muss kriechen, was du hinein wünschst. Dann gebe ich dir den guten Rat: Sei nicht vorwitzig und mach keine Toten lebendig, es kostet dich dein Leben.« Damit sprang Petrus auf und war verschwunden, ehe sich Schmied Günther noch bedanken konnte.
»Ein guter Kerl ist's doch,« sprach Schmied Günther bei sich, »du hättest am Ende die Leber nicht essen sollen;« aber lange quälte er sich mit schweren Gedanken nicht ab, trank einen guten Schluck aus seiner Flasche, sprang auf und zog seiner Wege. Über eine Weile kam er in ein grosses Kirchdorf; da gingen die Glocken gar traurig: Bim-bam, bim-bam, bim-bam-bum! denn sie trugen des Edelmanns einziges Kind auf den Kirchhof. Da konnte es Schmied Günther nicht lassen, und er rief den Trägern zu: »Haltet, ihr Leute, ich will das Mädchen wieder lebendig machen.« Die Männer dachten, er sei von Sinnen und kehrten sich nicht an seine Worte. »Wenn ich's nicht[260] fertig bringe, mögt ihr mich hängen!« rief Schmied Günther. Da dachte der Edelmann, der hinter dem Sarge ging: »Wenn's so ist, wollen wir's versuchen.« Der Sarg wurde auf die Erde gesetzt, der Deckel geöffnet, und Schmied Günther trat an die Leiche, ergriff sie bei der Rechten und rief: »Tote, ich sage dir, stehe auf!« Aber der Leichnam rückte und rührte sich nicht. »Tote, ich sage dir, im Namen Gottes, stehe auf!« sprach Schmied Günther zum zweiten Male; aber es half wiederum nichts. Da wurde Schmied Günther ärgerlich und rief mit lauter Stimme: »In drei Teufels Namen, Tote, ich sage dir, stehe auf!« Schrien der Edelmann, die Träger und alle Leute, welche der Leiche nachfolgten, als sie die gottlosen Worte hörten: »Das ist ein Zauberer und Betrüger, der will uns zum Narren haben und das Mädchen dem Teufel übergeben!« fielen über Schmied Günther her, fesselten ihn an Händen und Füssen, warfen ihm eine Schlinge um den Nacken und schleppten ihn zum nächsten Baum, dass sie ihn daran hängten.
In der höchsten Not trat Petrus dazwischen und sprach: »Mensch gegen Mensch! Lasst ihr den Schelm laufen, wenn ich das Mädchen vom Tode erwecke?« Das versprach der Edelmann und alles Volk, das dabei stand; und Petrus ergriff die Leiche bei der Rechten und sprach zu ihr: »Tote, ich sage dir, stehe auf!« Da stand das Mädchen auf von seinem Totenbette und fiel dem Vater um den Hals, und der weinte vor Freude, und alles Volk drängte sich heran, um das Wunder zu schauen. Petrus aber fasste Schmied Günther an der Hand und führte ihn aus dem Gedränge an einen sicheren Ort. Dort ermahnte er ihn noch einmal, keine Toten zu erwecken; dann kehrte er in den Himmel zurück, von wo er gekommen war.
Schmied Günther zog vergnügt seiner Strasse, denn es war ihm gar nicht recht gewesen, dass er gehängt werden sollte; und als es Abend wurde, gelangte er an ein grosses Wirtshaus. Da wollte er die Nacht bleiben. »Nein, guter Freund,« antwortete der Wirt, »hier ist alles besetzt. Doch drüben im alten Schlosse ist Platz genug. Aber dass ich es gleich sage, wer dort übernachtet hat, ist noch stets am andern Morgen auf den Kirchhof getragen.« Das war so recht etwas für Schmied Günthers Magen, und er sprach sogleich zu dem Wirte: »Wenn er mir gut Braten und Brot vorsetzt, so will ich so lange in dem Schlosse bleiben, als er es verlangt.« Das war der Wirt zufrieden, und nachdem er gegessen und getrunken hatte, bekam er ein Licht in die Hand und wurde zum alten Schlosse gebracht. In der Nacht, als die Uhr 11 schlug und Schmied Günther schon längst in dem grossen Himmelbette lag, das in dem Schlosse stand, ging es rumpeldipumpel über alle Treppen; die Thüren wurden geworfen, die Fenster klirrten, und mit einem Male sprang auch die Thüre zu seiner Schlafkammer auf, und neun kleine, schwarze Teufelchen kamen herein gelaufen. Die gingen nun, wo sie wollten, seit ihr Vater auf dem Birnbaume sass, und trieben es von Tag zu Tag je länger, je ärger.
Es dauerte gar nicht lange, so begannen die neun Teufelchen [261] zu tanzen, und weil ihnen das Bett im Wege stand, fassten sie alle neun daran an, um es aus der Kammer zu schieben. »Das ist nicht mehr, wie billig,« dachte Schmied Günther, »wenn sie tanzen wollen, kann das Bett nicht in der Stube bleiben.« Damit kroch er aus den Federn und legte sich auf die harte Diele; den Tornister aber hatte er als Kissen unter dem Kopfe zu liegen. »So, ihr Teufelchen,« sprach er, als sie das Bett hinaus geschoben hatten und wieder herein gekommen waren, »nun nehmt euch aber in acht und tretet mich nicht!« Die neun Teufelchen hatten ihn aber zum Narren, und bald trat ihn der eine, bald der andere, bis Schmied Günther endlich zornig wurde und rief: »Alle neun Teufelchen in meinen Tornister hinein!« Hui! sassen sie drinnen, und er hatte Ruhe die ganze Nacht. Am andern Morgen kam der Wirt, um nachzusehen, was aus dem Gaste geworden sei; da lag derselbe frisch und gesund auf der Diele, und er hatte Mühe, ihn aufzuwecken. Als Schmied Günther wach geworden war, erzählte er dem Wirte alles, wie es gekommen war, und sie gingen beide, bis sie zur nächsten Schmiede gelangten. Dort musste der Meister den Amboss glühend machen, dann legte Schmied Günther den Tornister darauf, und nun schlugen er, der Meister und die Gesellen mit den schweren Schmiedehämmern auf den Tornister. Die neun Teufelchen quiekten wie die jungen Ferkel; aber allmählich wurde das Schreien sachter, und endlich hörte es ganz auf. »Nun sind sie tot,« sprach Schmied Günther, und der Tornister war auch wirklich ganz dünne geworden; als er ihn aber aufthat, sprang dennoch das kleinste Teufelchen heraus, das sich in einer Falte verkrochen hatte, und floh, so schnell es konnte, der Hölle zu. Von den acht andern war nur Staub und Asche geblieben.
Nun sollte Schmied Günther bei dem Wirte bleiben, dem er das Schloss erlöst hatte, der wollte ihn pflegen bis an seinen Tod; Schmied Günther litt es aber in der Fremde nicht länger, er kehrte nach Hause zurück, wo der Teufel und der Tod seiner schon mit Schmerzen harrten. »Mit mir ist's alle!« schrie der Tod, und auch der Teufel ächzte und seufzte, als ob es ans Sterben ginge. »Versprecht ihr mir, dass ihr nimmermehr an mir teilhaben wollt?« fragte Schmied Günther; und als ihm der Tod und der Teufel das zu geschworen hatten, liess er sie laufen. Aber auch ihm wollte seine Schmiede nicht mehr gefallen, er sehnte sich nach dem Himmel und stieg den schmalen Weg hinauf, der nach oben führt. »Wer da?« rief Petrus, als es pochte. »Schmied Günther!« antwortete der Meister. »Dann magst du hübsch draussen bleiben,« erwiderte Petrus, »warum hast du dir damals nicht die ewige Seligkeit gewünscht! Dort drüben in der Hölle bist du gut aufgehoben.« Da ging Schmied Günther zur Hölle; und als er dort anpochte, öffnete jemand die Thüre und steckte den Kopf heraus, um zu sehen, wer der Gast wäre. Schmied Günther hatte ihn aber sogleich erkannt, denn es war das Teufelchen, welches ihm damals aus dem Tornister entrann; und eins fix drei hatte er Drahtstift und Zange aus dem Tornister hervor geholt und das Teufelchen [262] mit seiner langen Nase an den Thürpfosten genagelt. Das gab ein grosses Geschrei in der Hölle, und die Teufel waren in solche Angst versetzt, dass sie um alles in der Welt Schmied Günther nicht einlassen wollten. Da musste er wohl oder übel sein Heil noch einmal an der Himmelsthüre versuchen; aber Petrus war unerbittlich. »Wenn du's nicht anders haben willst,« rief endlich Schmied Günther ärgerlich, »so wünsche ich dich in deinen eigenen Ranzen hinein, den du mir geschenkt hast!« Da sass Sankt Petrus auch schon drinnen, und Meister Günther schloss jetzt die Himmelsthüre auf und ward Pförtner an Petrus' Statt. Und das ist er geblieben bis auf diesen Tag.
Es war einmal ein Mann, der hatte ein reiches Erbe überkommen. Da er aber leichtsinnig und liederlich war und sich tagaus tagein in den Schenken umhertrieb, so hatte er bald alles Geld durchgebracht; die Gläubiger kamen und pfändeten ihn aus, und da sass er nun in seinem abgerissenen Kittel auf der Strasse und musste hungern und dürsten. Arbeit bekam er nicht, und als er bettelte, erhielt er nichts. »Was wirst du thun?« sprach er darum bei sich selbst; »Das beste ist, du hängst dich auf.« Gedacht, gethan, der letzte Sechser wanderte zum Kaufmann; der gab ihm einen Strick dafür, und er wanderte in den Wald, um sich aufzuhängen. Endlich hatte er einen passenden Baum gefunden. Wie er aber hinaufstieg und die Schlinge um den Ast legte, rief eine Stimme vom Gipfel herab: »Was thust du hier?« Der Mann bekam einen solchen Schreck darüber, dass er zu Boden fiel; als er sich wieder ein wenig verkobert hatte, rief er hinauf: »Wer bist du denn?« – »Ich bin der Teufel,« antwortete die Stimme, und es dauerte gar nicht lange, so kletterte es vom Baume herab, und der Böse stand vor ihm.
»Ach, mir geht es schlecht,« sprach jetzt der Mann, »die harten Leute haben mich von Haus und Hof gejagt; was soll ich da anderes thun? Ich bin in den Wald gegangen, um mich zu erhängen.« – »Das lass hübsch bleiben,« erwiderte der Teufel, »hier hast du einen Geldbeutel, der niemals alle wird, den magst du ein ganzes Jahr lang behalten, bis ich wieder komme. Kannst du mir dann einen Vogel zeigen, den ich noch nicht kenne, so ist der Beutel dein eigen auf Lebenszeit. Kenne ich den Vogel aber, so gehörst du mir an mit Leib und Seele.« Der Mann sah auf den Wunschbeutel, [263] und bei seinem Anblick vergass er Leben und Seligkeit und, dass er mit dem Teufel zu thun habe, und er rief voll Freuden: »Ja, es soll so sein, wie du gesagt hast!« Da setzte der Teufel einen Vertrag auf, den musste der Mann mit seinem Blute unterschreiben; und nachdem er das gethan hatte, verschwand der Böse und liess ihm den Wunschbeutel zurück.
Kaum hatte der Mann den Beutel in der Tasche, so fing das liederliche Leben von neuem an, und er kam gar nicht aus dem Wirtshaus heraus. Die Tage flogen ihm dahin, als wären es Stunden, und eines Morgens wurde er zu seinem Schrecken gewahr, dass er nur noch drei Tage zu leben hatte; denn dass es keinen Vogel gäbe, den der Teufel nicht kenne, das wusste er von vorne herein. Traurig und bekümmert ging er aus dem Wirtshaus heraus, da ihm kein Braten und kein Wein mehr munden wollte, und dachte nur an den nahen Tod. Wie er so ging, kam ihm ein altes lahmes Weib in den Weg, das sprach zu ihm: »Was ist dir? Warum siehst du so bekümmert aus?« – »Ach, lass mich in Frieden, du kannst mir doch nicht helfen!« antwortete der Mann. »Wer kann's wissen!« versetzte die Alte; »Erzähl mir nur, wo dich der Schuh drückt. Bist du gar krank?« – »Krank bin ich nicht,« entgegnete er, »aber mir geht's schlimmer, als wenn ich die ärgste Krankheit hätte;« und dann erzählte er ihr alles, wie es sich zugetragen hatte. »Hi, hi, hi!« lachte das alte Weib, »wenn's weiter nichts ist! Was giebst du mir, wenn ich dir einen Vogel zeige, den der Teufel nicht kennt?« Da fasste der Mann neuen Mut und rief: »Ich schütte dir aus meinem Wunschbeutel eine Stube voll Geld und halte dich wie meine Mutter mein Leben lang.« – »Damit bin ich zufrieden,« antwortete die Alte, »halte nur eine Tonne mit Wildfedern und eine Tonne mit Teer bereit, wenn ich über drei Tage zu dir komme.« Dann sagte sie dem Manne Lebewohl und humpelte weiter.
Als die drei Tage um waren, trat die Alte früh morgens vor Sonnenaufgang zu dem Manne in die Stube, zog sich splinternackend aus und stieg in die Teertonne hinein. Darauf ging sie zur Federtonne und wälzte sich darin herum, bis sie über und über mit Federn bedeckt war. »So,« sprach sie, »wenn jetzt der Teufel kommt, so stelle mich ihm nur vor; er wird nicht raten, wer ich bin, so wahr ich ein altes Weib bin!« Und wenn er sagt, dass er die Wette verloren habe, und fragt, was für ein Vogel ich sei, so sag nur dreist: »Ein Nüllingkücken.« Es dauerte auch gar nicht lange, so öffnete sich die Thüre, und der Teufel trat herein. »Hast du einen Vogel?« rief er dem Manne zu. »Gewiss,« antwortete dieser, »rat einmal, was ist dies?« und damit stellte er ihm das alte Weib vor, das auf allen vieren in der Stube umherkroch. Der Teufel ging verwundert um den seltsamen Vogel herum. Die eine Feder stand nach oben, die andere nach unten, und die dritte lag quer, und dabei war er von Farbe schwarz, weiss und rot und, wie die Farben alle noch heissen mögen. »Nein,« sagte er nach einer Weile, »einen solchen Vogel [264] habe ich noch niemals gesehen, ich gebe meine Wette verloren; du magst den Wunschbeutel behalten. Aber, damit ich nicht wieder übers Ohr gehauen werde, sag mir: Wie heisst der Vogel?« – »Das ist ein Nüllingkücken,« erwiderte der Mann. »Wenn das ein Kücken ist, so möchte ich die Henne nicht sehen!« rief der Teufel erschrocken und machte, dass er davon kam, und liess sich bei dem Manne nicht wieder blicken. Der lebte aber mit dem alten Weibe in Saus und Braus bis an sein Lebensende; und wenn er nicht gestorben ist, so lebt er heute noch.
Den Tabak hat der Teufel erfunden, und kein Mensch hat den Namen des Krautes gekannt, bis er auf folgende Weise ruchbar wurde: Eines Tages sah ein Bauer, wie der Teufel ein grosses Stück Land mit Pflanzen bestellte. Der Bauer kannte das Kraut nicht, ward neugierig und fragte: »Was ist das, Teufel, was pflanzt du da?« – »Das rätst du dein Lebtage nicht!« sprach der Teufel. Die Rede verdross den Bauer, und er rief: »Was du weisst, weiss ich auch; so klug wie du, bin ich noch immer!« – »So? Wollen wir wetten?« fragte der Teufel. »Wenn du in drei Tagen den Namen des Krautes errätst, so soll dir das ganze Stück Land und alles, was darauf steht, zugehören; wo nicht, bist du mein eigen und verfällst mir mit Leib und Seele!« Der Bauer war trotzig und ging auf die Wette ein; doch schon auf dem Heimweg fiel ihm das Herz in die Hosen, und als er zu Hause angelangt war, setzte er sich traurig nieder und nahm nicht Speise noch Trank.
»Was ist dir, Vater?« fragte die Bäuerin. »Ach, Mutter,« sprach er, »es ist eine schlimme Geschichte!« und dann erzählte er ihr alles, wie es gekommen war. – Sagte die Alte: »Wenn's weiter nichts ist, so iss und trink und sei guter Dinge. Den Namen des Krautes will ich dir schon erraten!« Sprach's und zog sich splinternackt aus und kroch in die Teertonne; dann schnitt sie ein Bett auf und wälzte sich in den Federn, dass sie am ganzen Leibe damit bedeckt war. Darauf ging sie auf das Feld, das mit dem fremden Kraute bepflanzt war, und lief zwischen den Furchen auf und ab und neigte den Kopf zur Erde, als wollte sie von den Blättern fressen. Kaum war der Teufel ihrer gewahr geworden, so lief er zum Hause hinaus, um den grossen Vogel zu vertreiben, und [265] klatschte in die Hände und rief: »Tschuch, du grosser Vogel! Willst du aus meinem Tabak heraus! Tschuch! Tschuch! Tschuch!« Die Frau aber hatte an diesen Worten genug, eilte nach Hause und erzählte dem Manne, wie der Teufel das Kraut genannt habe.
Als nun der dritte Tag kam, freute sich der Böse schon, eine Seele gewonnen zu haben, und lachte über das ganze Gesicht und fragte den Bauer, wie das fremde Kraut hiesse. »Das ist der Tabak,« gab ihm der Bauer zur Antwort. Da hatte der Teufel seine Wette verloren und musste ohne die Seele in die Hölle zurück; der Mann aber bekam das grosse Stück Land mit dem Tabak darauf, und von ihm hat aller Tabaksbau in der Welt seinen Anfang genommen.
Es war einmal in Pommern ein Herzog, der war gut freund mit dem russischen Kaiser, und sie kamen oft zusammen und tranken sich zu, bis sie schwer betrunken waren. Eines Tages machten sie mit einander ab, dass des Herzogs beide Söhne des Russen zwei Töchter heiraten sollten, und zwar sollte Prinz Friedrich die Finetee, Prinz Karl aber die Galethee zur Frau bekommen. Der Herzog von Pommern schrieb das alsbald im Testamente nieder; weil er aber betrunken war, verschrieb er sich und setzte statt der Worte: »Prinz Karl soll die russische Galethee kriegen«: »Er soll sich den russischen Galgen verdienen.« Als er nun starb, ward das Testament geöffnet und den Prinzen verlesen. »Was unser Vater bestimmt hat, das müssen wir thun,« sagten sie, und Prinz Friedrich zog mit grossem Gepränge nach Russland, wo er mit der russischen Finetee verheiratet wurde; Prinz Karl dagegen zäumte sein Pferd und vernähte ein gut Teil Goldstücke in den Sattel, dann schwang er sich auf das Tier und ritt ebenfalls über die Grenze, um sich den russischen Galgen zu verdienen.
Er zog von einer Stadt zur andern und von einem Dorf zum andern, er ritt über Berg und Thal, über Stock und Block, bis er endlich in einen grossen, dunkeln Wald gelangte, der kein Ende nehmen wollte. Auf den Abend kam er obendrein von der Strasse ab, und es dauerte gar nicht lange, so hielt er vor einem grossen, tiefen Bruch, und Weg und Steg hatten ein Ende. Wie er so dastand und wusste nicht aus noch ein, trat aus der Dickung ein schwarzer [266] Mann auf ihn zu und sprach: »Was thust du hier?« – Antwortete Prinz Karl: »Ich bin verirrt.« – Sagte der Mann: »Wenn du mir die Hälfte des Geldes giebst, das du in den Sattel genäht hast, so will ich dich wieder auf den richtigen Weg leiten.« Die Rede gefiel dem Prinzen Karl so übel nicht, denn was nützte ihm das Geld, wenn er in dem Sumpfe ertrank; er trennte darum den Sattel auf und gab dem Manne die Hälfte von den Goldstücken. Der ergriff darauf das Pferd beim Zügel und führte es durch Gestrüpp und Buschwerk, bis sie wieder auf dem Wege waren. Dann verabschiedete er sich von dem Prinzen; doch ehe er ging, schenkte er ihm noch eine Kugel und sagte dabei: »Wenn du dieselbe in den Mund nimmst, so bist du unsichtbar.« Prinz Karl steckte die Kugel zu sich und zog seiner Strasse.
Den andern Tag kam er wieder vom Wege ab; und nachdem er ein Weilchen umhergeirrt war, stand er vor demselben Bruche, wie gestern. »Du hältst ja noch immer hier!« rief eine Stimme, und der schwarze Mann trat aus der Dickung heraus. »Ja, es ist schlimm mit diesem Walde,« sagte Prinz Karl, »wer darin nicht Bescheid weiss, verirrt sich und ertrinkt am Ende im Sumpfe. Kannst du mich nicht noch einmal auf den rechten Weg bringen?« – »Mit dem grössten Vergnügen,« antwortete der schwarze Mann, »wenn du mir wiederum die Hälfte von dem Gelde giebst, das du noch hast.« Dann behielt Prinz Karl zwar nur noch ein Vierteil von dem ganzen Schatze; aber wozu brauchte er auch das rote Gold, um den russischen Galgen zu verdienen. Er gab darum dem schwarzen Manne den geforderten Preis, und dieser führte ihn durch das Dickicht auf die rechte Strasse zurück und schenkte ihm zum Abschied eine kleine Rute. »Was du damit schlägst, sei es Mauer oder Fels, das öffnet sich, und woran du mit der Rute pochst, das giebt dir Antwort,« sagte er und verschwand. Prinz Karl aber setzte seine Reise fort und kam noch vor Abend in eine grosse Stadt und stieg daselbst in einem guten Gasthause ab.
Dem Wirte gefiel der schmucke Reitersmann, und als er gegessen und getrunken hatte, nahm er ihn beiseite und sagte zu ihm: »Ich habe drei schöne Töchter. Wie wäre es, wenn du mein Schwiegersohn würdest?« – »Das wäre so schlecht noch nicht,« antwortete Prinz Karl, »lass mich heute Nacht mit der ältesten den Versuch machen.« Darauf wurde die älteste Tochter des Gastwirts in eine besondere Kammer gebettet, und darnach ward Prinz Karl zu ihr geführt. Der wartete, bis sie eingeschlafen war; dann zog er die kleine Rute hervor, klopfte damit auf ihr rotes Mäulchen und fragte: »Bei wem schon genascht?« – »Beim Bürgermeister, Amtmann, Pastor und Richter,« antwortete das kleine rote Mäulchen. Da ward Prinz Karl angst und bange, er steckte die Rute wieder in den Busen, drehte dem Mädchen den Rücken zu und blieb liegen, wie ein Stück Holz, bis der Tag anbrach. Dann ging er zum Wirte und sprach zu ihm: »Deine Tochter mag ich nicht, sie hat andere lieber, wie mich!« – »So wollen wir es heute Abend mit der zweiten versuchen,« sagte [267] der Wirt; und das geschah auch. – In der nächsten Nacht ging Prinz Karl mit der zweiten Tochter in die Kammer; aber hatten bei der vorigen vier genascht, so zählte bei dieser das Mäulchen eine ganze Mandel auf, dass Prinz Karl nur schnell die Rute wegstecken musste, um nicht einen zu grossen Schrecken zu bekommen. Er drehte ihr ebenfalls den Rücken zu, und mit Sonnenaufgang weckte er den Wirt und sagte zu ihm: »Deine zweite Tochter gefällt mir erst recht nicht, die hält's mit der halben Stadt; ich mag dein Schwiegersohn nicht sein.« Sprach der Wirt: »Nicht so hitzig! Versuch's doch noch einmal mit der jüngsten, die ist erst sechszehn Jahre alt und wird dir gewiss wohl gefallen.« Die Bitte mochte Prinz Karl dem Wirte nicht abschlagen, und in der dritten Nacht ging er zu der jüngsten Tochter. Als sie eingeschlafen war und er mit der Rute klopfte und fragte, siehe, da zählte das kleine rote Mäulchen so viel Näscher auf, wie die beiden andern Schwestern zusammen gehabt hatten. Nun hatte er die drei Töchter durchgeprobt, und als der dritte Morgen kam, sagte er zu dem Wirte: »Deine dritte Tochter ist erst recht nichts wert; sie ist so schlimm, wie die beiden andern zusammen genommen.« Damit wollte er Abschied nehmen; dem Vater lief aber bei diesen Worten die Galle über. »Du hast sie unehrlich gemacht!« rief er voll Zorn; »Will solch hergelaufener Landstreicher anständige Mädchen ins Gerede bringen!« Sprach's und schleppte ihn vor den Richter.
Dazumal waren die Gerichte noch Schnellgerichte; des Vormittags wurde das Recht gesprochen, und am Nachmittag hing der Sünder schon an dem Galgen. Als der Wirt nun mit Prinz Karl vor dem Richter stand und dieser den ganzen Handel gehört hatte, sollte sich Prinz Karl verteidigen. »Ich will nicht sprechen,« sagte er, »die Mädchen sollen es selber sagen,« und auf des Richters Befehl wurden die Jungfern herbeigeholt. Alsobald nahm Prinz Karl die kleine Rute und klopfte und fragte: »Mäulchen, wie oft schon genascht?« – Antwortete das Mäulchen: »Beim Herrn Bürgermeister, beim Herrn Amtmann, beim Herrn Pastor, beim Herrn Rich..!« – »Halt,« schrie der Richter, »die erste ist überführt; man schaffe die zweite herbei!« Bei der dauerte es auch nicht lange, so stand sie neben der ersten und durfte die Augen nicht mehr herumgehen lassen. Nun blieb nur noch die jüngste übrig; die hatte geschwind ihr Schnupftuch zwischen die Zähne gesteckt, und als Prinz Karl anklopfte und fragte, antwortete es: »Wu, wu, wu, wu, wu!« – »Wast ist denn das?« rief der Richter; aber Prinz Karl wusste sich Rat, schlug ihr auf das Näschen und fragte: »Näschen, sag einmal, was ist Mäulchen?« – »Hat sich ein Taschentuch zwischen die Zähne gesteckt,« antwortete das Näschen, und das Mädchen musste das Tuch herausziehen. Da schnatterte das Mäulchen aber los, dass der Richter nur schnell das Gericht aufheben musste, es hätte sonst keiner von den Herren der Stadt seine Ehre behalten. Damit waren des Wirtes Töchter abgethan, Prinz Karl aber sattelte sein Ross und ritt seiner Strasse.
[268] Als er ein Weilchen geritten war, kam er wieder in einen grossen Wald und verirrte sich darin. Vor einer Ellerei machte er halt, und da er mit dem Pferd nicht durch den Busch kommen konnte, trennte er mit dem Schwerte den Sattel auf und nahm das letzte Geld heraus und steckte es zu sich in die Tasche; dann liess er das Ross laufen und ging zu Fusse weiter und sprang von einem Bülten zum andern, bis die Sonne unter ging und es finster wurde am Himmel. Da stieg er auf einen hohen Ellernbusch und hielt Ausschau, und siehe, nicht weit von ihm schimmerte ein Licht durch die Bäume. Eilends stieg er wieder herab und setzte seine Wanderung fort, bis er vor dem Hause stand. Er öffnete die Thüre und ging hinein; da sass ein alter grauer Mann in der Stube auf der Ofenbank und fragte ihn, was er wolle. Prinz Karl merkte wohl, dass er in eine Räuberhöhle geraten sei; darum sprach er geschwind: »Guten Abend! Kennst du mich nicht? Ich gehöre zum schwarzen Karl und habe mich allein gerettet und will jetzt bei euch wohnen und euch helfen.« Über dieser Rede verfärbte sich der Alte; denn der schwarze Karl hatte eine Brust wie Eisen, und die Kugeln prallten ab von seinem Leibe und konnten ihn nicht durchbohren; seine Bande aber war als die schlimmste verschrieen weit und breit. Darum hiess er den Gast freundlich willkommen und trug ihm Speise und Trank auf und bat ihn zu warten, bis die anderen nach Hause kämen.
Um Mitternacht traten elf grosse, starke Kerle herein; aber Prinz Karl fürchtete sich nicht, ging auf sie zu und drückte einem jeden die Hand, dass es krachte. »Wer ist der?« fragten die elf verwundert den Alten; der aber sagte: »Es ist einer von den Leuten des schwarzen Karl. Er ist bei der grossen Schlacht davon gekommen und hat das Leben geborgen. Jetzt will er bei euch bleiben und euch helfen.« Sprachen die elf: »Sei uns willkommen! Aber das sagen wir dir von vorneherein: Gemordet wird nicht, wir vollbringen alles mit List; und nur wenn es sich nicht anders thun lässt, gehen wir den Leuten an das Leben.« – »So habe ich's beim schwarzen Karl auch gehalten,« gab er zur Antwort, und dann setzten sie sich allesamt zu Tische nieder, und nachdem sie satt gegessen und getrunken hatten, legten sie sich zu Bette und schliefen, bis der Tag anbrach.
Am andern Morgen sprach der alte graue Mann, welcher der Hauptmann der Bande war, zu Prinz Karl: »Wir haben eine Sitte, wer bei uns eintreten will, muss sein Probestück machen.« – »Die Sitte lobe ich mir,« sagte Prinz Karl und ging zum Hause hinaus. Über ein Weilchen erblickte er einen Schlächter, der zwei Ochsen vor sich her trieb. »Die will ich stehlen, ohne Blut zu vergiessen,« dachte er bei sich; dann lief er durch das Gebüsch dem Schlächter voraus und warf seine Säbelscheide auf die Strasse. Als der Schlächter vorbeikam, sagte er: »Sieh da, eine schöne Scheide! Was nützt sie dir aber ohne den Säbel?« Damit liess er die Scheide liegen und zog seiner Strasse weiter. Das hatte Prinz Karl nur gewollt, [269] und schnell hob er die Scheide wieder auf und lief, was er laufen konnte, quer durch den Wald und über den Berg herüber, um den sich die Strasse zog. Dort warf er den Säbel in den Sand und wartete hinter dem Busche, bis der Schlächter kam. Als dieser den blanken Säbel erblickte, sprach er bei sich: »Hättest du doch vorhin die Scheide genommen, hier liegt der Säbel dazu!« und geschwind band er die Ochsen an einen Baumstamm und lief die Strecke zurück, um die Scheide zu suchen. Aber er fand sie nicht, und als er zurückkam, war auch der Säbel verschwunden und die Ochsen mit ihm, die hatte Prinz Karl über den Rasen in die Räuberhöhle geführt, so dass man die Spuren nicht sehen konnte.
»Das hast du gut gemacht,« sprach der Hauptmann, »und wenn du uns morgen noch einen Ballen Tuch aus der Stadt ohne Geld kaufen kannst, so wollen wir dich halten, wie der unsern einen, und du sollst unser Spiessgesell werden.« Das liess sich Prinz Karl nicht zweimal sagen. Den andern Tag nahm er Pferd und Wagen, einer von den elfen musste als Kutscher auf den Bock, während er wie ein vornehmer Herr, auf jedem Finger einen Ring, in dem Rücksitz sass. Ausserdem hatte er bei sich eine Truhe, die klipperte und klapperte, sobald man daran stiess, wie wenn eitel Gold und Silber darinnen wären. Als er nun mit seinem Gefährt in der Stadt angelangt war, hiess er den Kutscher vor dem besten Laden halten. Dort stieg er aus und liess sich das feinste Tuch und das teuerste Seidenzeug vorlegen. Der Kaufmann sah nur auf die grossen Ringe mit den glänzenden Steinen und freute sich, einen so reichen Kunden bekommen zu haben, und konnte nicht genug Ballen herbeischleppen. »Ich nehme es, wie es da ist, ungesehen,« sagte Prinz Karl, »und über die Bezahlung werden wir nachher einig werden. Schafft nur das Zeug auf den Wagen herauf und nehmt derweile die Truhe an Euch.« – »Das ist sein Geldkasten,« dachte der Kaufmann bei sich und stiess den Ladendiener heimlich in die Rippen, und dann rechneten sie beide im voraus zusammen, wie viel sie bei dem Handel verdienen würden. Prinz Karl aber ging aus dem Laden, als ob er sich in der Stadt erlustigen wollte; das that er jedoch nur so, in Wahrheit lief er vor's Thor, und als der Räuber mit dem Wagen an ihm vorbei fuhr, sprang er geschwind zu ihm auf den Bock, und nun brachten sie die Ladung in den Wald hinaus in die Räuberhöhle. Da war es Zeug genug, dass sich die ganze Bande neu damit kleiden konnte, und Prinz Karl ward in alle Ehren eines Räubers von dem Hauptmanne eingesetzt. Der Kaufmann wartete inzwischen zwei kurz und drei lang, dass der vornehme Herr zurückkommen sollte. Als er immer noch nicht bei ihm vorsprach, wollte er sich an der Geldkiste schadlos halten; doch wie er den Deckel der Lade erbrach, war nichts darin als Kieselsteine und Glasscherben, das hatte geklungen wie Geld, wenn man mit dem Fusse daran stiess.
Der Kaufmann fluchte über den argen Dieb, die Räuber aber lobten ihn; doch Prinz Karl wollte von alledem nichts wissen und [270] noch eine dritte Probe bestehen, obwohl er sie gar nicht mehr nötig hatte. »Kinder,« sagte er, »aller guten Dinge sind drei; heut Nacht will ich mit euch des Kaisers Schatzkammer bestehlen.« – »Au!« riefen die Räuber, »das thun wir nicht, das bringt uns an Rad und Galgen.« – »Ich gehe voran,« sagte Prinz Karl, »und wer ein Herz hat, der folge mir.« Da mochten sich die Räuber nicht lumpen lassen und thaten, wie er ihnen befahl. Er hiess sie aber den Wagen voll Stroh laden, und als sie mit Einbruch der Nacht vor der Stadt angelangt waren, mussten sie die Räder und die Hufe der Pferde mit Stroh bewickeln, dass niemand das Klappen der Eisen und das Knarren der Räder gewahr würde. Als sie nun vor dem kaiserlichen Schloss hielten, zog Prinz Karl die kleine Rute aus dem Busen hervor und schlug damit an die Mauern. Sogleich thaten sie sich auseinander. Die Wächter auf dem Hofe schliefen, wie Wächter gemeiniglich zu thun pflegen, und so gelangten sie ungestört bis an die Schatzkammer. Ein Schlag mit der Rute, und die schwere Eisenthür sprang auf, und jeder Räuber steckte soviel Gold und Silber zu sich, als er in seinem Sacke nur irgend davon schaffen konnte. Endlich waren sie fertig, und nachdem sie alles Gold auf den Wagen geladen hatten, fuhren sie eben so lautlos wieder zur Stadt hinaus und in den Wald zurück, wie sie gekommen waren.
Am andern Tage war grosses Jammern und Wehklagen auf dem Schlosse, denn der Kaiser liess alle Wächter durchprügeln und jagte sie mit Schimpf und Schande aus dem Schlosse, weil sie die Schatzkammer nicht besser gehütet hatten; in der Räuberhöhle jedoch wurde gesungen und gesprungen, getanzt und gelacht, denn so viel Gold und Silber hatten sie noch niemals zusammengebracht, als sie auf dem letzten Zuge geraubt hatten. Nun sollte Prinz Karl auch der Hauptmann werden, und der alte Räubervater bot es ihm selbst an, aber er wollte nicht. »Ich bin noch zu jung,« sagte er, »und dem Ältesten gebührt diese Ehre.« Da gaben sich die andern endlich zufrieden, und sie lebten einige Zeit lustig in Saus und Braus. Aber die vielen Schätze, welche sie gewonnen hatten, machten sie lüstern auf noch grösseren Reichtum, und sie baten den neuen Bruder, dass er sie noch einmal zum Schloss führen möge. »Ich will es thun, aber es ist euer Unglück,« sagte Prinz Karl; denn er ahnte wohl, dass der Kaiser so kurz nach der That doppelte Wachen ausstellen würde. Doch die Räuber liessen sich nicht abbringen. Da befahl er, den Wagen zum zweiten Male mit Stroh zu beladen, und dann fuhren sie zur Stadt, und der Räubervater blieb allein in der Höhle zurück.
Am Thore wurden wiederum die Räder und die Eisen der Pferde mit Strohbändern bewickelt, und als sie auf diese Weise lautlos bis an die Schlossmauern gelangt waren, schlug Prinz Karl mit der Rute gegen das Gemäuer, und siehe da, es klaffte auseinander. Gierig schlich einer nach dem andern durch die Öffnung hinein; aber sobald sie drinnen waren, wurden sie von den Schildwachen warm beim Wickel genommen, in Fesseln gelegt und in den Kerker geworfen. Nur Prinz [271] Karl ging frei aus, denn er hatte seine Kugel in den Mund genommen, und er hörte, wie die andern sagten: »Wer fehlt denn? Wir waren doch zwölf und sind hier nur elf. Richtig, der jüngste ist nicht da; der ist doch klüger, wie wir andern zusammen genommen!«
Am andern Morgen wurden die gefangenen Räuber vor den Kaiser gebracht, und nachdem jeder fünfzig aufgezählt erhalten hatte, fragte er sie, wo sie ihre Höhle hätten und wie gross die Bande wäre. Erst wollten sie nicht mit der Sprache heraus, als sie aber noch fünfzig bekommen hatten, sagten sie einmütig, sie seien ein Hauptmann und zwölf Mann, und ihre Höhle hätten sie draussen im Walde bei dem grossen Ellernbruch. Da schickte der Kaiser seine Soldaten hin; die nahmen den Räubervater gefangen und luden alles Gold und Silber, was sie in der Höhle fanden, in grosse Karren und führten es in die Stadt zurück, wo es der Kaiser wieder in die Schatzkammer schütten liess. Nun war alles da, nur der Dreizehnte fehlte. »Ihr sollt nicht leben und nicht sterben,« rief der Kaiser, »ehe ihr ihn nicht verraten habt.« – »Wir wissen ja selbst nicht, wie er heisst,« jammerte der Hauptmann, »er sagte, er sei vom schwarzen Karl, und vierzehn Tage war er nur bei uns, da hat er all das Unglück angerichtet.« Der Kaiser glaubte aber den Reden nicht, und jeden Tag bekamen die Räuber Prügel, dass sie gestehen sollten, wo der Dreizehnte sei.
Indessen schlenderte Prinz Karl in den Strassen umher. Und wie er einmal stille stand und seine Stiefel besah, merkte er, dass es mit den Sohlen nicht zum besten bestellt war. Nun hatte unweit davon ein Flickschuster seinen Laden. »Der soll den Schaden wieder gut machen,« dachte er bei sich und trat zu ihm in die Werkstatt herein. »Meister Schuster,« sagte er, »hier ist ein Goldstück; geh hin und kauf gutes Leder ein und besohl mir die Stiefel.« Der Altflicker nahm das Goldstück und lief, was seine Beine laufen mochten, denn solch vornehmen Herrn hatte er noch niemals zum Kunden gehabt. Während er fort war, zog Prinz Karl ein zweites Goldstück aus der Tasche und gab es der Frau, dass sie ein gutes Mittagessen besorge für drei Mann, mit Braten und Wein. Da ging nun ein schönes Leben an bei den Altflickersleuten, der Meister besohlte mit neuem Leder, und die Frau briet und schmorte, und dann setzten sich alle drei zu Tische und sie assen und tranken, bis sie nicht mehr wussten, wo sie waren, und trunken zu Bette gingen. Die Stiefel wurden auf diese Weise am ersten Tage nicht fertig, das nimmt kein Wunder; und am zweiten auch nicht, denn da trieben sie es nicht anders; als sie aber endlich doch fertig geworden waren, zog sie Prinz Karl auf seine Füsse, lobte den Meister wegen der guten Arbeit und sprach: »Warum geht's ihm denn bei der guten Arbeit so schlecht?« Antwortete der Altflicker: »Ach, lieber Herr, ich bin ein armer Mann und kann kein gutes Leder kaufen. Wer bei mir einmal besohlen liess, der kam das zweite Mal nicht wieder. Und mit Goldstücken bezahlt sonst niemand, da seid Ihr der erste.« – »Wenn's ihm an Geld fehlt, so gehe er doch [272] in des Kaisers Schatzkammer,« sagte Prinz Karl, »da ist Gold und Silber, wie Heu.« – »Ja, wer das dürfte!« sagte der Meister. – »Das ist nicht so schlimm,« sprach Prinz Karl; und als es dunkel wurde, hiess er den Altflicker einen Sack auf den Buckel nehmen und ging mit ihm dem Schlosse zu.
Sobald Prinz Karl das Gemäuer mit der Rute berührte, wich es auseinander, und sie hatten freien Gang; denn die Wachen waren schon wieder sorglos geworden und schnarchten um die Wette. Noch ein Schlag an die Eisenthür, und sie standen in der Schatzkammer, und der Schuster füllte seinen Sack mit Gold an, so schwer er nur irgend tragen konnte, und dann kehrten beide durch den Mauerriss in die Werkstätte zurück. Dem Schuster erging es aber nicht anders, wie den Räubern. Als er viel Geld hatte, war es ihm nicht Geld genug, und er sprach zu seinem Gaste: »Wie Ihr es macht, kann einer leicht zu Gelde kommen. Aber die Zeiten sind schlecht, und die Preise sind hoch, was meint Ihr, wir gehen heut Abend noch einmal in die Schatzkammer.« – »Zum zweiten Mal ist's gefährlich,« warnte Prinz Karl; aber da sich der Flickschuster nicht raten liess, ging er mit ihm, und als sie an das alte Loch gekommen waren, kletterte der Schuster geschwind hinein. Doch er kam nicht weit, denn kaum hatte er die Beine auf der andern Seite der Mauer, so griffen die Schildwachen, welche diesmal besser aufpassten, zu und zogen und zogen, damit sie ihn ganz hinein bekämen. Prinz Karl hatte das wohl bemerkt, und da er den Meister nicht den Soldaten lassen wollte, zog er am Kopfende. Doch drinnen waren vier und draussen nur einer. »Verloren ist er doch,« sprach Prinz Karl bei sich, und Ratz! schnitt er ihm mit seinem langen Messer den Kopf ab, damit er wenigstens nicht nachsagen könnte, wo der dreizehnte Räuber geblieben sei.
Den andern Morgen war die Freude gross im Schlosse, denn sie glaubten allesamt, jetzt habe man den Dreizehnten erwischt. Als die Leiche aber dem Räubervater gezeigt wurde, schüttelte derselbe den Kopf und sagte: »Das ist der Dreizehnte nicht. Dies ist ein kleiner, schmächtiger Kerl, aber unser Bruder war gross und stark; er ist's gewesen, der diesem Manne den Kopf abschnitt.« Um nun sein Leben zu retten, gab er dem Kaiser den Rat, er solle die Leiche, die Füsse nach vorn, auf einen Karren legen und zum Schindanger fahren lassen, aber im Umwege durch alle Strassen der Stadt. Wer dann schreie bei dem Anblick der Leiche, der sei ein Verwandter des Geköpften und könne wohl angeben, wo der Dreizehnte sei. Und so that der Kaiser auch. Während nun Prinz Karl bei der Altflickerin in der Werkstatt sass und ihr erzählte, wie ihrem Manne die Geldgier das Leben gekostet habe, und dabei fleissig zu seinem Zeitvertreib mit Pechdraht und Nadel hantierte, führte der Scharfrichter den Schinderkarren mit der Leiche des Meisters an dem Fenster vorbei. »Du meines Lebens!« schrie die Frau auf und fiel von einer Ohnmacht in die andere. Prinz Karl aber war nicht faul und hieb sich das Schustereisen [273] in das Knie, dass das Blut zur Erde floss. Als nun die Henkersknechte herbeikamen und Nachfrage hielten, weshalb die Frau so geschrien habe, wies er auf das strömende Blut. Da waren die Männer zufrieden gestellt und zogen mit ihrem Karren weiter, aber den Dreizehnten fanden sie nicht.
Prinz Karl ärgerte es jedoch, dass der Kaiser so scharf hinter ihm her war, und er beschloss, ihm einen rechten Streich zu spielen. Und das stellte er so an. Er nahm die Kugel in den Mund und ging unsichtbar in das Schloss hinein, die Treppen herauf, bis er in des Kaisers Zimmer gelangte. Dort lagen auf dem Tisch die Tagesbefehle, welche der Kaiser an den Feldmarschall und an den Bürgermeister zu schicken pflegte. Eins fix drei hatte Prinz Karl den ersten Brief erbrochen, und statt des Befehles, der darin stand, schrieb er hinein: »Weil die Soldaten gestern so gut exerziert und geschossen haben, sollen sie heute Mittag ein jeder zwei Pfund Fleisch zu essen bekommen,« denn bei den Russen lagen dazumal alle Soldaten in Bürgerquartieren. In den andern Brief aber schrieb er: »Weil die Soldaten so schlechtes Gesindel sind und allesamt nichts taugen, sollen ihnen die Bürger heute Mittag nur trockene Kartoffeln vorsetzen.« Dann versah er die falschen Briefe mit des Kaisers eigenem Siegel und ging wieder seiner Wege zu der Schustersfrau.
Am Vormittag verlas der Feldmarschall den Soldaten und der Bürgermeister den Bürgern den Tagesbefehl; und die Soldaten freuten sich, dass sie so viel Fleisch bekommen sollten, und die Bürger freuten sich, dass sie heute kein Fleisch zu geben brauchten. Als nun aber die Soldaten müde vom Dienst heimkamen und es nicht fanden, wie ihnen durch den Tagesbefehl verheissen war, wurden sie sehr zornig und schalten die Bürger Diebsgesindel und schlugen auf sie ein, und es war ein Heulen und Wehklagen in der Stadt, wie noch niemals gehört worden war. Endlich liess der Feldmarschall Generalmarsch schlagen, und als die Trommeln gingen: Kam-me-rad – kumm! Kam-me-rad – kumm! da mussten die Soldaten freilich vom Schlagen abstehen und zur Fahne eilen. Der Kaiser war sehr böse, als er von der Sache hörte, und konnte nicht begreifen, wie die falschen Befehle aus seinem Zimmer gekommen waren; der Räubervater aber sagte zu ihm: »Das ist niemand anders gewesen, wie der Dreizehnte; und wenn Ihr seiner nicht habhaft werdet, so bringt er noch Euch und das ganze Land in Unglück!« Das sagte er aber nur, damit er alle Schuld auf den Prinzen Karl schieben möchte und mit dem Leben davon käme. »Wie soll ich ihn denn aber fangen?« fragte der Kaiser. Da gab ihm der Räubervater folgenden Rat: »Der Dreizehnte ist ein grosser, starker Mann und dabei noch von jungen Jahren. Lasst alle jungen Leute zu Euch auf das Schloss kommen, dass sie mit der Prinzessin Galethee tanzen, und die Nacht über müssen sie in dem Saale bleiben und auf einer Streu schlafen. Wie ich den Dreizehnten kenne, wird er bei dem Feste nicht fehlen und in der Nacht Eurer Tochter nicht schonen. Dann muss ihm die Prinzessin mit Farbe [274] einen Strich auf die Wange malen, und am andern Morgen könnt Ihr sehen, wer Euch all das Unheil angerichtet hat.«
»Das ist ein guter Rat,« dachte der Kaiser und that, wie ihm der Räubervater geraten hatte. Alle jungen Leute wurden zu einem grossen Feste aufs Schloss geladen und durften mit der Kaiserstochter und den Hofdamen tanzen, und Prinz Karl war wirklich mitten unter ihnen und tanzte fleissig mit. Um Mitternacht war der Tanz zu Ende, und den Tänzern wurde auf einer Streu gebettet; die Prinzessin aber bekam von dem Kaiser ein Töpfchen mit Farbe in die Hand gedrückt, damit sollte sie demjenigen, der sie bei Nacht stören würde, einen Strich auf die Backe malen. – Und der Räubervater hatte sich nicht verrechnet. Als alles schlief, konnte Prinz Karl allein keinen Schlaf in die Augen bekommen; die Kaiserstochter hatte es ihm angethan, und er stand auf und schlich in ihre Kammer und küsste sie. Der Prinzessin that das sanft; doch als er fertig war, gedachte sie des Gebotes, das ihr der Kaiser gegeben, und sie malte dem Manne einen schwarzen Strich auf die Backe; dann drehte sie sich um und schlief ein. Prinz Karl aber war auf seiner Hut und hatte die List wohl gemerkt. Sobald die Prinzessin schlief, stahl er ihr das Töpfchen und malte mit der Farbe jedem Schläfer einen schwarzen Strich auf die Backe, vom Kaiser herab bis zum jüngsten Küchenjungen.
Am andern Morgen stand der Kaiser früh auf und ging in seiner Tochter Kammer. »Aber pfui, Papa!« sagte die Prinzessin, als sie die Augen aufschlug; und als der Kaiser nicht wusste, warum sie das sage, wies sie ihm den schwarzen Strich auf der Backe. Da lief der Kaiser in den Saal, und siehe da, alle jungen Männer waren in derselben Weise gezeichnet. Jetzt ward der Kaiser gar zornig und drohte, den Räubervater lebendig braten zu lassen, wenn er ihm nicht den Dreizehnten schaffe. »Ich kann es nicht und wenn ich sterben muss!« rief der Hauptmann, »Nur ein Mittel giebt's noch. Geht in den Saal und versprecht dem, der Eure Tochter im Schlafe geküsst und die falschen Tagesbefehle geschrieben hat, die Prinzessin Galethee zur Frau, dann wird er sich wohl melden.« Anfangs wollte dieser Rat dem Kaiser gar nicht in den Kopf, endlich aber bedachte er sich, dass er sein Reich keinem Besseren hinterlassen könne, als solch klugem Schwiegersohne, und er ging in den Saal zurück und sprach mit lauter Stimme: »Wer gestern Nacht meine Tochter geküsst und den Spass gemacht hat mit den Tagesbefehlen, der melde sich, er soll mein Schwiegersohn werden.« Aber siehe da, niemand meldete sich. Der Kaiser sprach es zum zweiten Male, es half wiederum nichts. Da setzte er die goldene Kaiserkrone auf und warf den Purpurmantel um und schwur bei Krone und Zepter, er wolle halten, was er gesagt habe. Jetzt trat Prinz Karl vor und sagte: »Ich bin der Dreizehnte, ich bin es gewesen.« – »Wie heisst du denn?« fragte der Kaiser verwundert. »Prinz Karl von Pommern,« gab er zur Antwort. »Du bist Prinz Karl?« rief der alte Kaiser voll Freuden, »Da solltest du ja schon längst meine Galethee zur Frau bekommen.« – »Davon stand [275] nichts im Testament,« antwortete Prinz Karl, »den russischen Galgen sollte ich mir verdienen.« – »Ach, Schnack,« sagte der Kaiser, »das kam damals so, da hat sich Vater verschrieben! Das sollte heissen: Prinz Karl soll die russische Galethee kriegen.« Nun war die Freude gross, und es wurde sogleich Hochzeit gefeiert, und all die jungen Leute im Saale nahmen daran teil. Die elf Räuber aber und der alte Hauptmann wurden in Freiheit gesetzt, denn eigentlich war's doch nur Prinz Karl gewesen, der sie zu den schlimmsten Dingen angestiftet hatte.
Und was das beste ist an der ganzen Geschichte, es ging alles hübsch ohne Blutvergiessen ab. Nur der Altflicker! Du mein Gott, ein Flickschuster, das spricht doch nicht mit, und dabei war er selbst in das Unglück gerannt. Wäre er hübsch zufrieden gewesen, so sässe er noch in seinem Laden und machte den Leuten die Stiefel. So aber führte seine Frau ohne ihn das Geschäft fort und heiratete sich einen hübschen, jungen Mann, und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.
Då was eia Mann, dei härr drei Jungens; dei jinga all drei in dea Wilt, un jeera wull eia Hantwark leera. Dei jüngst dåvoa, dei dumm Haas, wull Schpitzbuuw waara. Dei Våta wull dat nonnich lyra, åwa hei leit em doch trecka.
Nu jing hei imma tau. Tooletzt kaam hei a eia Huus, då keer hei a un wull då blywa. Då frauch em dei Wirt, wo hei heer kaim un wat hei wull? Un hei schtellt sik recht dumm un sächt, hei wüsst nich, wo hei heea kaim. – Nu frauch hei em werra, wo hei t'Huus hœrt un wo syr Våta heita dæa? – Hei sächt, dat wüsst hei nich. – Nu frauch hei, wo hei denn int Schaul gåa wæa? – Hei sächt, hei wæa nich int Schaul gåa. – Of hei denn nich leesa künn? – Nee, leesa künn hei nich. – Of hei denn nich eia Hantwark leera wull? – Jå, hei härr Lust, hei wull eia Schpitzbuuw waara; hei wüsst bloos nonnich, weea em dat leera dæa. – »Na,« sächt dei Mann, »wenn du åandlich bist un dy åandlich fäuest, denn kaast du by my blywa, denn kann ik dy dat wol leera.«
Dat was nu gaud, hei bleew by em. Dei Wirt jing uut up syr Schpitzbuuweschtreich (denn hei was jå dei Schpitzbuuw), un dei Jung, dumm Haas, müsst imma t'Huus blywa. Dei Wirt härr åwa veel Bäuka t'Huus in syne Schtuuw; un wyl dei dumm Haas sächt härr, dat hei nich leesa künn, müsst hei imma dei Bäuka reeje måka, dei Schpenn [276] un dea Schtoof dåruute feega. Dåby laas hei sik dat imma uut dea Bäuka ruute, alles, wat då in'n schtunn; denn då schtunne all dei Schpitzbuuweschtreich in.
Dat duurt gåa nich lang, då wüsst hei voa allem Bescheit. As nu son ganz Tyd üm was, då sæa hei eis tau sym Meista, of hei nich eis mitkåuma schull, dat hei dat doch ook leeat. »Jå,« sächt dei Wirt, »mitneema kann ik dy nich; du müsst glyk dyr Proow måuka. Ik warr dy sägga: Hya kümmt eia Schlächta mit eim Kalf. Wenn du dem dat Kalf wech krichst, denn schasst du mya best Schpitzbuuw weesa.«
Dei Leeabursch müsst nu allein tauseia, wo hei dem Schlächta dat Kalf wech kricht. Hei treckt sik fyn Kleera an, bünn sik na Sæbel üm, jing hen anne Wech, häng sik anna Boom un dæa so, as wenn hei sik uphängt härr. As dei Schlächta då voaby kaam, sach hei em hängen un dacht: »Kyk, dei hät sik uphängt, dei hät noch na schœna Sæbel üm.«
As hei nu a Een wyra kaam, sach hei noch eia hänga, denn dys Schpitzbuuw härr sik voa disem Boom looslåta un was dea Schlächta våaby loopa un härr sik då ook werra anna Boom hängt. Dei Schlächta härr dat åwa nich seia; denn dat was dicht am Hult, un då wæra noch Räubes in. As hei disa nu hänga sach, dacht hei, dei Räubes wæra då west un härra dys uphängt, un dat dei Räubes nu doch wechgåa wæra un em nu nischt daua künna.
Nu dacht hei: »Då hinna hängt ook all eia, un dei härr na schœna Sæbel üm. Du schasst hen gåa un dy dea Sæbel neema; denn häst du na schœna Sæbel.« As hei åwa hen jing, leet sik dei Schpitzbuuw voa disem Boom loos un naam dem Schlächta dat Kalf wech. Dea Schwanz schneed hei dem Kalf af un schtåk em in dei Murr, denn då was so a Wåtaloch am Wech.
As nu dei Schlächta då hen kaam, was, dei sik då uphängt härr, mit sym Sæbel wech. Nu müsst hei werra trœch gåa, nå sym Kalf hen. As hei dåa kaam, was sya Kalf ook wech. Nu keek hei ümheea, wo dat Kalf bleewa wæa, un då sach hei dea Schwanz in dea Murr schtecka un dacht, dat Kalf wæa då rinna loopa un härr sik vorsœpt.
Nu müsst hei dat doch werra ruute hoola. Dat was åwa deip, un dårüm müsst hei sik uuttrecka. Syn Kleera leea hei då anne Wech. Dei Schpitzbuuw passt åwa up un naam ook dem Schlächta syne Kleera nå Huus. Hei härr syn Proow gaud beschtåa.
Dei Schlächta wull nu dat Kalf uut dem Murr ruute hoola. Hei fåut an dea Schtaat (Schwanz) un treckt – då reet dei Schwanz uut. Nu dacht hei, hei härr dem Kalf dea Schwanz uutreeta. Dat Kalf künn hei nich aruute kryja, un hei wull sik nu antrecka un nå Huus gåa. Då wæra syn Kleera ook wech. Dat hulp em alles nischt, hei müsst nåukt int Dörp gåa, dat hei werra Kleera kricht taum Antrecka.
[277] Dei Schpitzbuuw härr also nu uutleeat un kreech syna Schyn, dat hei a ächt Schpitzbuuw wæa. –
Nu jing hei nå Huus to sym Våta un sæa em, dat hei dat Schpitzbuuwehantwark åandlich leeat härr. Då kreeja dei Luer alla Angst. Dei Herr åwa sæa, hei wull em uutprobyra, of hei ook eia åandlich Schpitzbuuw wæa. Hei müsst nå dem Herra henkåuma, un då frauch em dei Herr, of hei dat Schpitzbuuwehantwark åandlich leeat härr. Hei sächt: »Jå, seea gaud.« – Då sæa dei Herr, hei wull mit em werra. Wenn hei sym Kutscha un all syna Dachlœnes syna Hingst wechkryja dæa, denn schull dat sya weesa un schull hei ook no huunet Dåula häwwa. Wenn hei dat åwa nich t'recht kryja dæa, denn schull hei dem Herra huunet Dåula geewa.
As dat nu Auwend was, müssta all dei Dachlœnes by dem Kutscha im Peeadschtall wåuka, dat dei Schpitzbuuw dea Hingst nich wechkryja schull. Dei Kutscha müsst sik up dea Hingst aruppa setta.
As dat nu duesta was, härr sik dei Schpitzbuuw Frauweskleera antreckt un kaam då ant'gåa, as so a ull Wyf. Nu kaam hei ook an dea Peeadschtall un sach, dat dei Luer alla då wæra. Hei frauch nu eiste, of hei då nich wooa Nacht blywa künn; em wull keia Meeasch Nacht behulla. Nu wæa dat all schpår, un dei Luer schleipa alla, un sei wüsst nich, wo sei blywa schull. – Jå, særa dei Dachlœnes, sei künn då blywa im Schtall; annetweeje künna sei eea nich henbringa un Bescheit sägga.
Mit dea Tyd frauch sei denn ook, wårum sei alla då wæra im Peeadschtall; wat dat up sik härr? – »Jå,« særa dei Dachlœnes, »hya is eia Schpitzbuuw int Dörp kåuma; nu häwwa dei Luer alla Angst kreeja. Oos Herr åwa härr eia Werr mit em måukt: Wenn hei dise Hingst oos wech kricht, denn schall hei huunet Dåula häwwa; wenn hei dat nich t'recht kricht, denn schall hei dem Herra huunet Dåula geewa.«
»Jå,« sæa sei, »dat is doch recht schlimm, dat dei Luer so ungerecht sint un jönna sik eia dem annre nischt. – Dit is kult! Hya mäut jy doch ook recht by freisa! My fruest ook all! Häww jy keina Schluck by juw?«
»Nee,« særa sei, »wy häwwa keina, un wechgåa dörr wy ook nich. Denn künn gråur dei ull Schpitzbuuw ankåuma un neema oos dea Hingst wech; denn kreej wy alla wat voa dem Herra.«
»Jå,« sächt sei, »ik häww noch eia Bummka by my; ik wull juw dat woll anbeira, dat loont sik man nich vooa juw alla.« Sei gaf eer dat åwa, un sei drünka alla dåa af. Dit was åwa eia Schlåupdrunk. Nu duurt dat nich lang, då wæra sei alla inschlåupa. Nu naam hei dea Kutscha voa dem Hingst arunna un sett em up dea Ruumboom. Hei müsst em åwa anbyna, dat hei nich arunna fœl. Dunn tooch hei mit sym Hingst af.
Dat Mooajens nu reet hei mit sym Hingst nå dem Herra hen un sæa em, dat hei syne Luer dea Hingst wechkreeja härr. Dei Herr was seea ärgalyk un jing hen nå dem Peeadschtall. Då sach hei dea [278] Kutscha up dem Ruumboom anbunna sitta, un dei annre schleipa ook alla. Då naam hei syn Kurbatsch un schacht sei alla dörch.
Nu müsst dei Herr dem Schpitzbuuwa dei huunet Dåula geewa, un dea Hingst behüll hei ook. Då sæa dei Herr, eia Werr wull hei noch mit em måuka. Wenn hei syna Fruu dat Berrlåuka un dea Fingaring wechkryja dæa, denn schull hei ook huunet Dåula häwwa; wenn hei dat nich t'recht kryja dæa, denn müsst hei em huunet Dåula geewa.
Då jing dei Schpitzbuuw hen nå dea Kirch in dat Gewölft un naam då eina Doora (einen Toten) ruute un jing dåamit hen unna dem Herra sya Feestra, schtellt då eia Lerra ant Feester un schtellt då deera Doora aruppa.
As dei Herr dat too sein krych, dacht hei, dat wæa dei Schpitzbuuw, un hei keek dürcht Fenster, dat hei seia wull, wat in dea Schtuuw passyet. Då sächt dei Herr tau syna Fruua: »Mutter, sieh mal, da sieht er durch's Fenster. Weisst du, ich schiess' ihn tot; dann sind wir vor ihm sicher!«
»Ja,« sæa sei.
Då naam dei Herr syn Pistol un schoot dea Doora voa dea Lerra runna un dacht, dit wæa dei Schpitzbuuw. Dunn sächt hei tau syna Fruua: »So, Mutter, nun hab' ich ihn tot geschossen. Nun brauchen wir uns vor ihm nicht mehr zu fürchten. Aber weisst du, ich darf ihn da nicht liegen lassen, die Nacht über. Wenn morgen früh die Arbeitsleute kommen und sehen das, so wäre es schlimm.«
»Ja,« sæa sei.
Nu jing hei ruute un wull dea Doora åwa Syr bringa. Unnades jing dei Schpitzbuuw rasch arinna (denn hei härr imma uppasst) un vorschtellt sik so, as wenn hei dei Herr wæa, un sæa tau dem Herra syna Fruua: »Mutter, ich hab' ihn nun tot geschlagen, und hierauf haben wir gewettet. Wir wollen ihm das Laken und den Ring noch mitgeben; dann sieht es so aus, als habe er uns das genommen und ich hätte ihn dabei tot geschossen. Sonst könnte ich, wenn ich ihn ohne Grund erschossen hätte, noch Strafe bekommen.«
»Ja,« sæa sei, »das wollen wir thun.«
Nu naam hei dat Berrlåuka un dea Fingaring un jing rasch dåmit wech. – Dat duurt nich lang, dunn kaam dei Herr ook rinna. »So, Mutter,« sæa hei, »nun hab' ich ihn weggebracht; nun wird er nicht mehr wie der kommen.«
»Ja,« sæa sei.
»Aber,« sächt hei, »wo hast du denn das Laken und den Ring?« – »Das hast du doch soeben geholt,« sæa sei. – »Ach was,« sächt hei, »ich habe das nicht gethan.« – »Ja,« sæa sei, »du sagtest doch, du wolltest dem Toten das noch mitgeben.« – »Dann ist der alte Spitzbube wieder hier gewesen und hat uns angeführt,« sächt dei Herr.
As dat nu Dach was, naam dumm Haas sya Berrlåuka un dea Fingaring un jing dåamit nå dem Herra hen un sæa em, dat hei em dat doch wechkreeja härr. Då müsst dei Herr em werra huunet Dåula geewa.
[279] Nu sächt dei Herr åwa, eia Wark wulla sei no måuka. – »Na jå,« sächt dei Schpitzbuuw. – Wenn hei dem Preista all sya Jeld wechkreeja dæa, denn schull hei werra huunet Dåula häwwa un dem Preista sya Jeld schull hei denn ook behulla.
Då jing dei Schpitzbuuw hen un köft sik Kreefta un beschtreekt dei mit Wass. As't nu Åuwend was, dunn jing hei dåamit uppe Kirchhof un schtickt all dei Kreefta an un leit sei då ümheea kruupa. Dunn jeet hei hen un lütt mit dea Klocka.
Nu kåuma all dei Luer an, as sei dat Luerent hœra, un seia nu, dat uppem Kirchhof so veel Lichta sint un dat dei nich up eim Flach schtill schtåa un imma wyra gåa. Inne Kirch is åwa ook Licht. Då gåa sei ook int Kirch un willa seia, wat då loos is. Ook dei Preista jeet hen un will seia, wat dat up sik hät.
As nu dei Preista in't Kirch kümmt, schteet dei Schpitzbuuw up dea Kanzel, fyn antreckt, un preericht nu: »Ich bin der Engel Gabriel, von Gott gesandt. Ich soll dem Prediger sagen: Wenn er mir all sein Geld giebt, was er in seinem Hause hat, dann soll er lebendig in den Himmel kommen.«
In dea Himmel wull dei Preista doch geean. Hei jing also hen un håuelt all sya Jeld, wat in sym Huus was, un bröcht dat hen nåura Kirch. Då frauch dei Schpitzbuuw, of dat sya Jeld alles wæa? – »Ja,« sächt dei Preista, »bloss einen Dreier habe ich zu Hause gelassen. Dafür soll meine Frau dem kleinen Kinde noch ein Milchbrot kaufen.« – »Nein,« sæa Gabriel, »das geht nicht; dann ist das ja nicht all dein Geld, auch der eine Dreier muss dabei sein.« Un dei Preista jing nå Huus un håult dea eine Dreeja ook noch un bröcht dea då hen un gaf em dea.
Nu frauch dei Preista, wenn dei Kösta ook sya Jeld alles bringa dæa, of hei denn ook læwentsch inna Himmel kåuma dæa. – »Ja,« sächt dei Schpitzbuuw, »gewiss doch! Wenn der Küster auch sein Geld zu mir bringt, dann kann er gleich mitkommen.« Då geit dei Kösta ook hen un håuelt all sya Jeld.
Dat was nu duesta in dea Nacht, denn dei Lichta up dem Kirchhof wæra uutbreent. Nu schull dei Preista un dei Kösta inna Himmel. Då håuelt sik dei Schpitzbuuw na Sack, då müssta dei beira rinna kruupa, un dunn schleept hei mit eea loos un treckt mit eea ümheea.
As hei nu so a Een wech is, då treckt hei mit eea dåur a Oodelpaul. »Ach,« sächt dei Preista tau dem Kösta, »nun sind wir auch schon in den Wolken.«
»Ja,« sæa dei Kösta.
As nu werra soon Tyd lang hen is, treckt hei mit eea up dem Preista syna Gäusschtall. As sei då dei Gäus hœra schnauttra, sächt dei Preista tau dem Kösta: »Ach, Küsterchen, jetzt sind wir auch schon bei den lieben Engeln im Himmel. Wir können sie schon hören.«
»Ja,« sæa dei Kösta.
Då leit hei sei nu dei Nacht åwa ligga. Sei wæra natt woora, [280] un dat froos eea ook åandlich. Mooajens nu in alle Tyd kümmt dem Preista sya Maika un will dei Gäus faudre un röpt: »Pyla! Pyla!« As dei Preista dat hœat, röpt hei: »Marie, bist du denn auch schon bei uns, bei den lieben Engeln im Himmel?«
Dat Maika wüsst nich, wo dei Preista was. Nåuheea sach sei åwa, dat dei Preista mit dem Kösta, im Sack taubunna, up dem Gäusschtall leija. Då jing sei hen un bunn dea Sack up. Dunn sach dei Preista un dei Kösta, dat sei beir up sym Gäusschtall leija; un sei wæra åandlich anfäuet.
Dat Mooajens åwa jing dei Schpitzbuuw hen nå dem Herra un sæa em, dat hei dem Preista all sya Jeld wechkreeja härr un dem Kösta sya Jeld ook. Dei Herr frauch dem Preista un dem Kösta, of dat ook wirklich wåa wæa? – Jå, særa sei, dat wæa so. Då müsst dei Herr em werra huunet Dåula geewa.
Nu was dei Schpitzbuuw eia ryk Mann woora. Hei härr dreihuunet Dåula voa dem Herra un dem Herra syna Hingst un dat Berrlåuka un dea Fingaring, dåatau dem Preista un dem Kösta all sya Jeld. So härr em sya Schpitzbuuwehantwark veel inbröcht in korte Tyd. Hei hät dat also gåud verschtåa.
Es war einmal ein König, der war in fremden Landen gewesen; und als er zurück kam, sagte er zu seinem Fischer: »Geh hinaus und wirf dein Netz aus und fang mir die Fische, welche ich auf meiner grossen Reise so gerne gegessen habe!« – »Was waren das für Fische?« fragte der Mann. »Das waren Maränen;« antwortete der König, »aber nun mach und eile dich, der Koch soll sie mir noch heute zum Mittagsmahle bereiten!« – »Herr König,« erwiderte der Fischer, »Maränen giebt's bei uns zu Lande nicht.« – »Ach was,« fiel ihm der König ins Wort, »du hast immer deine Mucken! Da ist der Jäger ganz anders. Jeden Vogel, welchen ich haben will, schiesst er mir auch.« – »Mit den Vögeln ist's ganz was anders, als mit den Fischen;« entgegnete der Fischer, »die Vögel leben in der Luft und fliegen durch die ganze Welt, aber von den Fischen braucht jeder sein besonderes Wasser. Und Maränen können hier nicht leben, darum giebt es sie bei uns auch nicht.« – »Schnack immer zu!« rief der König zornig, »Du schaffst mir aus dem See in drei Tagen ein Gericht Maränen zur Stelle oder du bist die längste Zeit mein Hoffischer gewesen!« Da wischte der Fischer aus dem Auge eine Thräne, ging vom Schlosse zum See und warf dort seine Netze aus.
[281] Er fischte den ersten Tag, und er fing auch Hechte, Aale, Zander, Barsche, Plötze und Breitlinge und noch manche andere Fische, aber Maränen waren in dem Netze nicht zu finden, so oft er auch auswarf. Als es Abend ward, ging er nicht nach Hause zu seiner Frau, der Fischerin, er arbeitete die ganze Nacht durch, und so blieb er bei den zweiten Tag und die zweite Nacht; doch am dritten Tage um die Mittagszeit, da war er totmüde und setzte sich auf den Bord seines Kahnes am Seeufer und starrte traurig vor sich hin. Da kam mit einem Male ein stattlicher Schiffer auf ihn zu, mit grossen Krempstiefeln und einem Piejäcket (kurze Jacke) angethan, und auf dem Kopfe hatte er einen gewaltigen Südwester. »Guten Abend, Kollege!« sagte er lustig; »Warum so traurig? Darf ein Fischer auch traurig sein!« – »Ja, du hast gut reden,« antwortete der Fischer, »ich soll in diesem See Maränen fangen, und die giebt's hier doch nicht.« – »I, was du meinst,« rief der Fremde, »in diesem See giebt's alle Arten Fische, so werden auch Maränen darin sein!« – »Du redest, wie der König,« versetzte der Fischer ärgerlich, »und der redet so klug oder so dumm, als er es versteht.« – »Na, nur nicht hitzig, Kollege Fischer,« sprach der Fremde, »versprichst du mir zu geben, was in deinem Hause verborgen ist, wenn es vierzehn Jahre alt geworden ist, so sollst du sehen, dass du auf den nächsten Zug Maränen über Maränen fängst.« – »Was ich in meiner Hütte verborgen habe, magst du gerne bekommen,« lachte der Fischer, »du wirst aber wenig finden.« – »Um so besser,« sagte der Fremde, »aber gieb's mir schriftlich.« Dann zog er aus seiner Tasche Schreibzeug und Papier, und der Fischer verschrieb dem fremden Manne, dass er bekommen solle, was in seinem Hause verborgen sei, sobald es vierzehn Jahre alt geworden, wenn er auf den ersten Zug Maränen finge. Und nachdem der Vertrag aufgesetzt war, unterzeichnete er ihn mit seinem eigenen Blute. – Der Fremde steckte das Schriftstück zu sich und entfernte sich wieder.
»Du willst doch sehen, ob er recht hat,« sagte der Fischer neugierig und warf, so müde er auch war, das Netz noch einmal aus. Als er es wieder heraufziehen wollte, schien es ihm schwerer, denn je zuvor. Er zog und zog und brachte das Netz endlich so weit, dass er die Fische, die darin waren, sehen konnte. Richtig, es waren Maränen; und er liess voll Staunen das Netz wieder fahren und ruderte zum Strande, damit er Leute vom Schlosse herbei hole, die ihm das Netz herauf ziehen hülfen. Um zu der Dienerschaft zu gelangen, musste er durch den grossen Schlossgarten, und mitten darin begegnete ihm der König und sagte zu ihm: »Nun, Fischer, weisst du schon? Heute Morgen ist zur selben Stunde, wie meine Frau, die Königin, auch dein Weib niedergekommen. Mein Kind ist ein Mädchen, das deine ein Knabe; da habe ich ihn sogleich aus der Hütte auf das Schloss bringen lassen, damit er mit meiner Tochter zusammen aufgezogen werde.« – »Das ist mir schon recht!« antwortete der Fischer, »Bis er vierzehn Jahre alt ist, mag der Junge immerhin mit der Prinzessin zusammen leben; dann gehört er nicht mehr mir, sondern [282] dem Teufel.« Denn jetzt wusste er, wer der fremde Schiffer gewesen war. »Was ist das wieder für ein dummes Gerede?« sprach der König, »Was soll denn das heissen?« Da erzählte ihm der Fischer alles, wie es gekommen war, und der König fiel fast um vor Schrecken und sagte: »Aber Fischer, nun dient er mir schon über zwanzig Jahre, und noch nie hat er mein Wort auf die Goldwage genommen! Wie hätte ich ihn denn um der Maränen willen aus dem Dienste entlassen?« – »Ja, nun ist's einmal so gekommen!« meinte der Fischer; »Und was soll ich jetzt mit den Maränen machen?« – »Von den Teufelsfischen esse ich mein Lebtage nicht!« erwiderte der König, »Mögen sie schwimmen im See, so lange sie wollen. Und dein Sohn bleibt bei mir, bis er vierzehn Jahre alt geworden ist.« – Der Fischer ging darauf in die Hütte zu seiner Frau, erzählte ihr aber nichts von dem ganzen Handel; und auch der König hielt reinen Mund, und die Sache blieb ein Geheimnis zwischen den beiden lange Zeit.
Der Knabe wurde inzwischen in des Königs Hause erzogen, als wäre er ein wirklicher Prinz. Er lernte alles, was man in der Welt erlernen kann, und kein Hauptmann vermochte besser mit seinen Leuten auszukommen, als er trotz seiner jungen Jahre mit den Soldaten umging. Der König gewann ihn darum von ganzem Herzen lieb; und als das vierzehnte Jahr sich seinem Ende näherte, wurde er von Tag zu Tage trauriger. »Vater,« sagte der Prinz eines Morgens, »warum seht Ihr jetzt immer so traurig aus?« Der König antwortete, das schiene ihm nur so, er sei gar nicht betrübt; und der Prinz gab sich damit zufrieden. Aber jeden Morgen fiel ihm die Sache wieder auf, und er wiederholte dieselbe Frage.
Den Tag, ehe der Junge sein vierzehntes Lebensjahr vollendet hatte, ward dem Alten das Herz zu schwer; er nahm darum den Prinzen beiseite und erzählte ihm alles, wie es gekommen sei, dass er nur sein Pflegevater wäre und dass sein Vater, der Fischer, ihn vor der Geburt an den Teufel verkauft habe. – »Was mein Vater gethan hat, das geht mich nichts an,« antwortete der Junge trotzig. »Da bist du im Unrecht,« sagte der König, »was der Vater einbrockt, das muss der Sohn ausessen. Mach dich also bereit, dass du mit dem Teufel zur Hölle fährst.« Das war dem Jungen gar nicht recht, und er jammerte und weinte den ganzen Tag. Gegen Abend kam ein steinaltes Männchen auf ihn zu und drückte ihm ein kleines Buch in die Hand und sagte: »Das steck zu dir und wirf es nie fort, es wird dein Glück sein!« Dann verliess es ihn wieder, und der Knabe that, wie ihm das Graumännlein geboten hatte.
Am andern Morgen erschien der alte Fischer auf dem Schlosse, nahm den Jungen bei der Hand und führte ihn, nachdem er sich noch zuvor ein Stückchen Weissbrod eingesteckt hatte, wie er war, in seiner prinzlichen Kleidung zum Seeufer hinab. Dort wartete der Teufel schon ein gutes Weilchen, und ehe der Knabe wusste, wie ihm geschah, und ehe er seinem Vater ein Lebewohl sagen konnte, hatte ihn der Böse mit den Krallen ergriffen und fuhr mit ihm schräg weg in die [283] Luft empor. Der Alte stand unten und sah ihnen nach und weinte bitterlich. Und der Teufel und der Knabe wurden kleiner und kleiner; endlich konnte er nur noch einen kleinen schwarzen Punkt am blauen Himmelsgewölbe unterscheiden, und noch ein paar Augenblicke, so war auch der kleine schwarze Punkt verschwunden. Da wandte der Fischer sich um und kehrte schweren Herzens in seine Hütte zurück.
Indessen hatte der Teufel mit dem Jungen viele hundert Meilen zurückgelegt. Mit einem Male that er den Mund auf und sagte: »Du hast etwas bei dir, und das wirst du wegwerfen!« – »Das werde ich bleiben lassen!« antwortete der Junge. Nach einer Weile hub der Teufel von neuem an und sprach: »Du hast etwas bei dir, und das wirfst du fort, sonst lass' ich dich in das tiefe Meer fallen!« – »Das thu nur!« gab ihm der Junge zurück. Aber der Böse that es nicht, sondern flog noch ein paar hundert Meilen mit ihm. Da ward's ihm aber zu viel, und er rief: »Ich weiss, du hast etwas bei dir, das ist ein kleines Buch; und wirfst du's nicht fort, so geht es dir schlecht!« Weil der Junge aber das Buch durchaus nicht fahren lassen wollte, so liess er sich mit ihm auf die Erde herab. Kaum hatten sie jedoch festen Boden unter den Füssen, so zog der Knabe geschwind seinen Degen und beschrieb damit einen Kreis um den Teufel im Sande und schlug ein Kreuz darein. Da war der Böse gefangen und konnte nicht vorwärts und nicht rückwärts. »Willst du den Kreis öffnen, Schelm!« schrie er zornig; aber der Junge that, als höre und sehe er nichts, und ging seiner Wege. Jetzt wurde der Teufel ein gut Teil sanftmütiger und sagte freundlich: »Ach, lass doch die Streiche und tritt den Kreis aus!« – »Das magst du selber besorgen,« entgegnete der Junge, »ich will nichts mehr mit dir zu schaffen haben.« Sprach's und setzte seinen Weg fort. Nun wurde dem Bösen himmelangst zu Mute, denn er fürchtete, er möchte hier in der Wildnis stehen bis an den jüngsten Tag, und er bat und flehte, der Knabe möge ihm seine Freiheit wieder schenken. Als der Junge merkte, dass der Teufel mürbe geworden sei, sprach er zu ihm: »Ich will dich aus dem Kreise lassen, wenn du mir das Schreiben, welches du mit meinem Vater aufgesetzt hast, zurück giebst und mir ausserdem einen Schein ausstellst, dass du auf ewig an mir keinen Teil haben wollest.« Das schien dem Bösen zu hart, und er sagte: »Darauf gehe ich nicht ein.« – »Dann steh in dem Kreis, bis du schwarz wirst!« erwiderte der Junge und kehrte dem Teufel den Rücken. Schon hatte er ein gut Stück Weges zurückgelegt, da schrie der Böse von ferne: »Meinetwegen, du sollst bekommen, was du haben willst.« Darauf zog er den Pakt mit dem Fischer hervor und schrieb einen neuen Schein, dass er an dem Jungen keinen Teil haben wolle, und unterzeichnete ihn mit seinem Blute. Als der Knabe die beiden Schreiben in den Händen hatte, trat er den Kreis mit dem Fusse aus und verwischte das Kreuz, und in demselben Augenblicke hatte sich auch schon der Teufel in die Lüfte gehoben und war verschwunden.
Als er des Bösen ledig war, sah der Junge erst, wo er sich befand. [284] Das war eine unendlich weite Ebene; nichts als Himmel und Sand, wohin man auch schauen mochte. Nirgends war ein Baum oder Strauch zu sehen, und nur ab und zu wuchsen im Sande zerstreut spärliche Kräuter. Er musste darum machen, dass er aus der Wüste heraus kam, und er schritt rüstig aus, immer der Nase entlang. Den ersten Tag ging es so leidlich, da hatte er noch von dem Weissbrot, welches er aus dem Schlosse seines Pflegevaters mit auf die Reise genommen; aber vom zweiten Morgen an musste er Hunger und Durst mit den Blättern und Wurzeln der wilden Kräuter stillen, die er unterwegs fand. So ging er sechs Wochen lang, und er glaubte schon nimmermehr aus der Wüstenei zu kommen in ein fruchtbares Land, als er plötzlich vor sich einen kleinen Hügel erblickte, der aussah, wie ein Anberg, den der Wind zusammen weht. Er ging um den Sandhaufen herum, und, siehe, da erblickte er auf seiner Rückseite eine kleine hölzerne Thür. »Wo eine Thür ist, da werden auch Menschen sein,« dachte er bei sich; und damit klopfte er an und trat in den Hügel hinein. Drinnen befand sich eine freundliche, kleine Stube, und vor einem Tische sass ein alter Mann, der fragte ihn: »Wo kommst du her? und was willst du bei mir? Ich sitze hier nun schon so viele Jahre, und noch niemals hat mich ein Mensch in meiner Einsamkeit aufgesucht!« Da erzählte ihm der Junge, wie es ihm gegangen sei, und der Alte antwortete: »Wenn du willst, kannst du bei mir bleiben. Du erhältst zu essen und zu trinken, was dir beliebt; aber du hast auf ein Gebot und auf ein Verbot zu achten. Du musst, wenn du ausgehst aus dem Hügel, immer den Weg zur Linken einschlagen, und du darfst niemals zur Rechten dich wenden.« Der Junge versprach dem Alten, sich darnach zu richten; er ass und trank jeden Tag, so viel er wollte, und was er begehrte, das war allsogleich zur Stelle, und er ging niemals den rechten Weg, sondern immer den linken, und das that er zehn Jahre lang.
Eines Tages dachte er bei sich: »Es ist doch Jammer und Schande, dass du in dem elenden Sandhügel dein junges Leben verliegest; du wirst einmal das Gebot übertreten und zur Rechten gehen, mag kommen, was will!« Und der Gedanke liess ihm keine Ruhe, bis er aus dem Hügel heraus gegangen war und den verbotenen Weg eingeschlagen hatte. Siehe, da war's ein fester Fusssteig, so fest, dass er gewiss alltäglich von zwanzig Mann betreten wurde. Das kam ihm absonderlich vor, wie das in der Wüstenei zu erklären sei, wo er ausser dem Alten in zehn Jahren keinen einzigen Menschen gesehen hatte, ihm wurde gruselich zu Mute, die Haare stiegen ihm zu Berge, und er machte, dass er wieder in die Stube zu dem Alten zurückkam. Der merkte ihm sogleich an, dass er ungehorsam gewesen war, und sagte zu ihm: »Warum siehst du so verstört aus?« – »Ich habe dein Gebot übertreten, Väterchen,« antwortete der Junge »es war mir über geworden, immer zur Linken zu gehen.« – »Und ich hatte dir doch befohlen, mir zu gehorchen,« sprach der Alte, »sonst ginge dir's schlecht.« – »Vater,« sagte der Junge, »es wird nicht so [285] schlimm sein, dass du es mir nicht vergeben könntest?« – »Nun ja, so soll es dir vergeben sein,« versetzte der Alte, »aber thu's künftig nicht wieder.« Damit hatte die Sache ihr Bewenden, und der Jüngling mied den Weg zur Rechten noch ängstlicher, wie zuvor, einige Wochen lang.
Eines Morgens kam ihm jedoch wieder der Gedanke: »Du verliegst hier dein junges Leben, es ist Jammer und Schande, dass du deine Tage in dem elenden Hügel verbringst.« Diesmal war er aber klüger und offenbarte dem Alten seine Not und sprach zu ihm: »Vater, was hat es denn mit dem Weg zur Rechten auf sich, dass ich ihn nicht betreten darf?« – »Wer den Weg geht,« antwortete der Alte, »der muss fest sein, sonst eilt er dem Tode entgegen.« – »Wenn's weiter nichts ist,« erwiderte der Junge, »dann will ich mich auf die Fahrt machen. Fest bin ich; denn ich habe schon mit Hölle und Teufel zu thun gehabt und bin nicht mürbe geworden.« – »Wenn's dein Wille ist, so geh,« entgegnete der Alte, »ich habe dir nichts zu befehlen und kann dich nicht zurückhalten. Aber sei fest, das ist mein Rat.« Da bedankte sich der Jüngling bei dem Alten für all das Gute, das er bei ihm genossen hatte, sagte ihm ein freundliches Lebewohl und ging zur Thüre hinaus und schlug den Weg zur Rechten ein. Eine Zeit lang ging es auf ebener Strasse, dann wurde der Weg abschüssig, dass er kaum noch langsam zu gehen vermochte, und es dauerte gar nicht lange, so stand er vor einer eisernen Pforte, die in eine Bergwand hinein führte.
Er nahm den Drücker in die Hand; und da die Thür nach innen ging, so klinkte er auf und stemmte sich mit dem Körper dagegen. Aber er hatte das gar nicht nötig gehabt; denn kaum war der Drücker nach unten geklinkt, so bekam er von unsichtbaren Händen einen Stoss und flog in einen dunklen Gang, und hinter ihm wurde die Pforte mit grossem Gekrach wieder zugeworfen. Das schien ihm wunderlich, und er tappte und tastete mit den Händen, dass er die Klinke in die Hand bekäme und die Thüre wieder öffne; aber so sehr er sich auch anstrengte, es wollte ihm nimmer gelingen. Da beugte er sich zur Erde nieder und griff nach dem Boden; der war fest und glatt, als wenn er gemauert wäre. »Ach wäre doch ein Fenster, dass ich sehen könnte!« seufzte er von ganzem Herzen auf, und sogleich war es lichter Tag um ihn her, und er befand sich in einem grossen Gemach, hoch und luftig; aber an ein Herauskommen war nicht zu denken, denn die Thüre blieb verschlossen und das Fenster war mit grossen Eisengittern versehen.
»Jetzt wäre es hier schon zu ertragen, hätte ich nur Tisch und Stühle zur Stelle!« sprach der Junge vor sich hin; und sogleich stand ein fest gearbeiteter Tisch in der Mitte der Stube und Stühle davor. »Wenn man hier nur zu wünschen braucht, um etwas zu erlangen, so ist's gut,« dachte er, und wünschte sich das schönste Essen und Trinken herbei. Und es kam; doch als er satt gegessen und getrunken hatte, verschwand es sofort. Als die Sonne untergegangen war, sprach [286] er: »Jetzt bin ich müde und möchte schlafen gehen. Hätte ich doch ein Licht zum Leuchten und ein Bettchen, dass ich mich darein legte und schliefe!« Sogleich stand ein Leuchter auf dem Tisch und eine grosse, hellbrennende Kerze darauf, und dabei lag eine Lichtputzschere, um den Docht zu schnäuzen und zu säubern. Und noch ein Weilchen, so rollten zwei Betten herein, die waren weiss, wie frischgefallener Schnee. »In welches legst du dich nun?« sprach der Jüngling bei sich. Bald schien ihm das eine besser und bald das andere; endlich sagte er: »So gross wird der Unterschied nicht sein!« that seine Kleider von sich und legte sich in das erste beste hinein; aber so weich er auch lag, kein Schlaf wollte ihm in die Augen kommen.
Drei Viertel vor elfe sprang plötzlich die Thüre auf, und eine schwarze Jungfrau trat herein. Die sah vergrämt aus, als wenn es ihr sehr schlecht ginge; und nachdem sie sich in dem Zimmer umgesehen hatte, schritt sie auf des Jungen Bett zu und sagte: »Jetzt liegt er und schläft. Ach, wenn er doch nur nicht aufwachen würde, wenn sie zum Kartenspielen kommen; es wäre mein Unglück und sein Tod.« Dann machte sie sich noch ein wenig in dem Zimmer zu schaffen und verschwand wieder. Es dauerte nicht lange, so schlug die Uhr elf, und drei Kerle traten herein und setzten sich an den Tisch. »Was wollen wir heute beginnen?« sagte der eine zum andern. »Ich dächte, wir spielten Karten,« warf der dritte dazwischen. »Wo sollen wir denn aber den Vierten hernehmen?« meinte der erste. »Den haben wir schon,« rief der zweite, »da liegt ja einer im Bett und schnarcht, dass die Wände zittern. Heda, Landsmann, wach auf und mach mit uns ein Spielchen!« Aber der Junge that, als habe er nichts gehört, und schnarchte ruhig weiter. Da standen die drei auf und rüttelten und schüttelten ihn; aber er liess sich das nicht anfechten und hielt die Augen geschlossen. »Warte nur,« sagten die Kerle, »das ist einer mit dickem Fell, aber wir wollen dich schon kriegen!« Dann stellten sie sich im Dreieck auf, rissen den Jungen aus dem Bett und warfen ihn sich einander zu und spielten Fangball mit ihm. Das gab Knüffe und Püffe genug, und er dachte oft, jetzt gälte es das Leben, aber er blieb fest; und plötzlich schlug die Uhr zwölf, und die Kerle verschwanden wieder, und er lag in seinem Bette frisch und munter, wie zuvor, und erwachte erst, als die Sonne hoch am Himmel stand.
Der zweite Tag verging ihm, wie der erste. Er wünschte sich alles, was er brauchte; und sobald er den Wunsch ausgesprochen hatte, stand das Begehrte vor ihm. Als er am Abend in seinem Bette lag, trat die schwarze Jungfrau wieder an ihn heran und sagte: »Hier liegt er und schläft. Ach, wenn er doch im Schlaf bliebe und nicht munter würde, es wäre mein Unglück und sein Tod; doch er wird wohl aufwachen, denn heute treiben sie's mit ihm arg.« Der Junge that, als höre er von ihren Reden nichts und schnarchte weiter; aber als sie hinausging, blinzelte er ihr mit den Augen nach und ward gewahr, dass sie schon zur Hälfte weiss geworden war. Das ermutigte ihn, auch diese Nacht auszuhalten, es möge noch so schlimm[287] kommen. Und es kam wirklich schlimm genug. Denn als diesmal die drei Kerle in das Zimmer getreten waren und eine Zeitlang vergebens versucht hatten, ihn zum Kartenspielen zu bewegen, sprach der eine von ihnen: »Das ist ein Nichtsnutz, der will uns zum Narren haben; heute braucht er nicht müde zu sein, hat er doch gestern die ganze Nacht geschlafen.« – »Lass es doch gut sein,« besänftigten die beiden andern, »er mag sich sorgen und Furcht vor uns haben!« Dann redeten sie ihm freundlich zu, er möge doch mit ihnen spielen; und wenn er die Karten nicht kenne, so brauche er ja nur ein Wort zu sagen, und sie liessen ihn in Frieden. Aber der Jüngling dachte an des alten Mannes im Sandhügel Wort und blieb fest, und es kam kein Laut über seine Lippen. Als die drei Kerle sahen, dass es so mit ihm stünde, wurden sie über die Massen zornig; der eine holte einen Klotz herein, der andere ein Beil, und der dritte zerrte ihn aus dem Bette heraus und warf ihn auf den Hauklotz. Und sie hieben ihm den Kopf ab mit dem Beile und hackten den ganzen Körper kurz und klein, dass er aussah, wie Wurstfleisch. Sobald jedoch die Glocke zwölf schlug, nahmen sie ihn und warfen ihn in das Bett und eilten dann zur Thüre hinaus. In demselben Augenblick wurde auch der Jüngling wieder gesund und munter, wie er vorher gewesen war, drehte sich auf die andere Seite und schlief bis zum lichten Morgen.
In der dritten Nacht öffnete sich wieder drei Viertel vor elf die Thür, und die Jungfrau trat herein. Diesmal sah sie aber schneeweiss aus und war über alle Massen schön. Sie trat an das Bett, in dem der Junge lag, und sprach vor sich hin: »Da liegt er und schläft! Ach, wenn er doch im Schlafe bliebe und nicht munter würde, es wäre mein Unglück und sein Tod. Doch er wird wohl aufwachen, denn was er heute zu bestehen hat, das ist allzu schwer.« Dann wandte sie sich der Thüre zu und verschwand. Nicht lange darauf, so schlug die Uhr elf, und es kam von draussen jemand hastigen Schrittes an das Fenster gelaufen und rief: »Bist du hier, mein Sohn? Siehe, ich bin dein Vater, und ich habe dich so viele Jahre gesucht, bis ich dich jetzt hier gefunden. Mach auf, mein Sohn, und antworte deinem Vater!« Der Jüngling erschrak, denn es war seines Vaters Stimme, die er draussen vernahm; dann gedachte er aber an die Worte der Jungfrau, und er sprach bei sich: »Du magst der Teufel sein, aber mein Vater bist du nicht.« Die Stimme draussen klagte immer leiser und leiser, bis sie endlich verstummte.
Nach einer kleinen Weile vernahm er wiederum Tritte vor dem Fenster, und diesmal war's die Stimme seiner Mutter, die rief: »Bist du hier, mein Sohn? Ach, dann steh auf und öffne uns die Thür. Siehe, ich bin deine Mutter, die dich zur Welt gebracht. Steh auf, mein Sohn, dass ich dich umarme und küsse.« Aber der Jüngling sprach wieder bei sich: »Du magst der halben Welt Mutter sein, die meinige bist du nicht,« und er blieb ruhig liegen. Jetzt klagten aber beide zusammen. Der Vater schrie: »Verzeih mir mein Sohn, dass [288] ich dich dem Teufel verkaufte! Ich hab's gethan, aber ich musste es thun, denn Brot schmeckt süss, und ich mochte nicht Hungers sterben. Nun, da ich dich gefunden, denk nicht mehr an die alten Geschichten und vergieb deinem Vater!« Und die Mutter klagte: »Was hab' ich dir denn gethan, mein Sohn? Hadere mit deinem Vater, aber nicht mit mir! Mach mir doch auf, ich bin ja deine Mutter!« Und dann riefen sie zusammen: »Lass doch deine Eltern herein in die Stube, dass wir nicht erfrieren in der kalten Nacht und die wilden Tiere uns zerreissen und fressen!« Und das sprachen sie so traurig und ganz so, wie sein lieber Vater und seine liebe Mutter früher zu ihm gesprochen hatten, dass er dachte: »Das kann doch kein Teufelsspuk sein, das sind meine armen, alten Eltern!« Und er that den Mund auf und wollte gerade hinausschreien: »Ja, ich bin's, kommt nur herein, Vater und Mutter!« da schlug die Uhr zwölf, und die Stimmen draussen verstummten, und er biss in die Bettdecke hinein, und es kam kein Laut über seine Lippen.
Darauf schlief er ein, und als er am andern Morgen erwachte, wünschte er sich wie gewöhnlich Wasser zum Waschen und Kaffee und Kuchen zum Morgenimbiss; aber so sehr er auch wünschte, es war nichts zur Stelle. Das nahm ihn Wunder, und er richtete sich auf in seinem Bette und schaute um sich; da lag er in einem herrlichen Königsgemach, und am Thürpfosten lief ein mit Perlen gestickter Klingelzug herab, und unten daran befand sich ein goldener Griff. Er kannte königliche Pracht und Herrlichkeit aus seines Pflegevaters Schlosse her, aber hiergegen war das alles ein Wind. Sobald er an der Klingel gezogen hatte, erschienen zwei Diener, die fragten: »Was befiehlt unser Herr, der König?« Da gebot er ihnen, dass sie ihm königliche Kleider herbei schafften; und als sie ihm dieselben gebracht und angelegt hatten, öffnete sich die Thüre, und die schöne Jungfrau trat herein. Die fiel ihm um den Hals und sagte zu ihm: »Du hast mich befreit, ich bin die Prinzessin des verwünschten Reiches, das du durch deine Festigkeit erlöst hast. Und wenn du willst, so kannst du mich zur Frau bekommen.« Das war der Junge wohl zufrieden, und nachdem er die Wachtparade über seine Soldaten abgenommen hatte, wurde die Hochzeit mit grosser Pracht und Herrlichkeit gefeiert, und er lebte in Glückseligkeit und Freude mit seiner Gemahlin ein ganzes Jahr.
Endlich liess ihm die Sehnsucht nach Vater und Mutter und nach seinen Pflegeeltern keine Ruhe mehr, und er sagte darum eines Morgens zu seiner Frau, der Königin: »Wenn du nichts dagegen hast, so würde ich wohl gerne einmal in mein Vaterland zurückkehren, um die Meinen zu besuchen und meine alten Eltern mit mir zu nehmen in mein Reich.« – »Deine Angehörigen besuchen, das soll dir unverwehrt sein,« antwortete die Königin, »das ist nicht mehr wie billig; aber deine Eltern darfst du nicht mit dir nehmen in dies Königreich!« – »Warum denn nicht?« fragte der König. »Bis zu deines Pflegevaters Land sind viele tausend Meilen,« erwiderte die Königin, »aber [289] unten im Stalle steht ein Schimmel, der trägt dich in einem Tage dorthin. Er kann aber nur einen Menschen tragen und nicht drei; darum darfst du nimmermehr deine Eltern mit dir bringen in dieses Reich.« Das sah der junge König ein. Der Schimmel wurde aus dem Stalle geführt, und nachdem er sich alle Taschen voll Goldgeld gesteckt hatte (denn Gold wird nach dem Gewichte bezahlt und gilt in der ganzen Welt gleich viel) schwang er sich auf das Ross. Ehe er aber seiner Frau ein Lebewohl zurief, sagte sie ihm: »Hüte dich, lieber Mann, und lobe weder mich noch mein Land, wenn du zu deinem Pflegevater kommst, und mach es auch nicht schlecht. Übertrittst du dies Gebot, so wirst du unglücklich dein Leben lang.« Der junge König versprach, in allem zu folgen, gab seinem Schimmel die Sporen und ritt davon. Der Schimmel lief aber nicht auf ebener Erde, sondern hub sich hoch in die Luft und rannte so schnell wie der Wind über die Wolken dahin. Und als die Sonne unterging, liess er sich nieder, und sie hielten dicht vor dem kleinen Häuschen, in dem die alten Fischersleute ihr Wesen hatten. Dort sprang der junge König vom Schimmel herab, ergriff ihn am Zügel und leitete ihn bis vor die Thüre. Der Fischer und seine Frau traten heraus und verbeugten sich tief vor ihrem Sohne; dann fragten sie ehrerbietig, was der gnädige Herr von ihnen wolle. »Ich bin müde vom langen Ritt, und mein Pferd hat sich den einen Fuss lahm gelaufen,« sagte der König, »und darum bitte ich euch, dass ihr mich die Nacht bei euch behaltet.« – »Das geht nicht an,« entgegnete die Fischersfrau und war schier des Todes erschrocken, »da drüben in dem Schloss seid Ihr besser aufgehoben! Bei solch armen Leuten, wie wir sind, könnt Ihr nicht bleiben.« – »Nun, ihr werdet doch einen Stall für mein Pferd und eine Streu für mich haben,« meinte der König; und als die beiden Alten das zugegeben hatten, zog er einen Dukaten aus der Tasche und gebot der alten Frau, in die Stadt zu gehen und dort etwas Gutes für den Abend zu besorgen. Der Fischer führte inzwischen den Schimmel in den Stall, und als sein Weib zurückgekehrt war, setzten sie sich nieder und assen und liessen es sich gut schmecken.
Nach der Mahlzeit hub der junge König an und sprach: »Habt ihr denn gar keine Kinder, dass ihr so allein seid?« Da fingen die beiden Alten bitterlich an zu weinen und antworteten: »Ja, wir hatten einen Sohn, das war ein kluger, prächtiger Junge; aber er wurde schon vor der Geburt dem Teufel verkauft. Und als er das vierzehnte Jahr vollendete, hat ihn der Böse geholt und mit sich in die Hölle genommen.« – »An den Teufel habt ihr euren Sohn verkauft?« warf der junge König dazwischen und schüttelte mit dem Kopfe; und die alten Leute hörten nicht auf zu weinen und erzählten ihm, wie alles gekommen sei. Als sie die Geschichte zu Ende gebracht hatten, konnte er es nimmermehr aushalten. »Würdet ihr's glauben,« rief er, »dass ich euer Sohn sei?« – »Nein, das glauben wir nimmermehr,« antworteten die Alten einstimmig. – »Ausserdem hatte unser Sohn ein Mal auf der Brust,« sagte des Fischers Frau. Da öffnete der junge[290] König Rock und Hemd und wies ihnen das Mal. Jetzt war aber die Freude gross, und der Fischer lief spornstreichs auf das Schloss, damit der alte König das Wunder erführe. Der kam auch alsbald in seinem Wagen herbei gefahren, und der junge König stieg mitsamt den Fischersleuten hinein, und dann fuhren sie wieder auf das Schloss zurück. Dort wurde noch einmal das Wiedersehen gefeiert, und der junge König musste haarklein erzählen, wie es ihm in den vielen Jahren ergangen sei.
Am andern Tage stellte der alte König seinem Pflegesohn zu Ehren eine grosse Parade an; und als die vielen Soldaten in Reih und Glied bei ihnen vorbei marschierten, warf er sich in die Brust und fragte stolz: »Nun, mein Sohn, hast du in deinem Reiche auch so stattliche Soldaten?« – »Ach, mein Vater,« erwiderte der junge König, »dein rechter Flügelmann ist noch drei Zoll kleiner, als mein linker.« Da biss sich der alte König auf die Lippen, erklärte die Parade für beendigt und kehrte mit seinem Pflegesohne in das Schloss zurück. An dem Thore wartete ihrer die Prinzessin, die mit dem jungen König zusammen erzogen war. Da fragte er wieder: »Nun, mein Sohn, ist deine Frau, die Königin, auch so schön wie meine Tochter?« – »Ach, mein Vater,« versetzte der junge König, »meine Frau hat unter den Sohlen eine zartere Haut, als deine Tochter in ihrem Gesicht.« Das war denn doch eine zu arge Beleidigung; und der König liess Diener kommen, die mussten den jungen König ergreifen und ihn bei Wasser und Brot in einen Kerker werfen, den nicht Sonne noch Mond beschien. Dort konnte er darüber nachsinnen, was ihm seine Frau vor der Abreise gesagt hatte: »Hüte dich, bei den Deinen Schlechtes oder Gutes von mir und meinem Lande zu reden.«
Nachdem er genugsam gejammert und geklagt hatte, sann er auf Rettung. Die Not war gross, denn am neunten Tage sollte er hingerichtet werden; so hatte es der König befohlen. Nun war ein kleines Loch in der Mauer, durch das sah er hindurch und wurde draussen Kinder gewahr, die vor dem Schlosse spielten. Schnell warf er ein paar Goldstücke unter sie, und als sie dieselben aufgerafft hatten, liefen sie an die Mauer, um noch mehr zu erlangen. »Ihr seid gute Kinder,« rief der Gefangene aus dem Kerker heraus, »und der soll eine ganze Hand voll Goldstücke erhalten, der hinab an den See zu den alten Fischersleuten läuft und mir von dort den Schimmel aus dem Stalle bringt!« Die Jungen liefen, so schnell sie ihre Füsse zu tragen vermochten; aber schon nach kurzer Zeit kehrten sie zurück und riefen: »In dem Stalle des Fischers steht kein Schimmel mehr, der ist ver schwunden!« Da war auch der letzte Trost hin, und er gab alle Hoffnung auf Rettung verloren und bereitete sich auf seinen Tod vor.
Zwei Tage hatte der junge König schon in dem Kerker zugebracht, da erscholl am dritten die Botschaft im Schloss: »Ein gewaltig grosses Heer lagert vor der Stadt!« Und ehe der alte König [291] noch recht wusste, wie ihm geschah, kam ein Bote zu ihm geritten, der überreichte ihm einen Brief, und als er ihn öffnete, stand darin: »Giebst du mir nicht augenblicklich meinen Mann heraus, so liegt die Stadt in zwei Stunden in Asche. Willst du ihn mir nicht im Guten geben, so werde ich ihn mit dem Schwerte holen.« Da ward dem König himmelangst, und er sagte dem Boten, er würde in kurzer Frist selbst vor seiner Herrin erscheinen. Dann musste der Kerkermeister den Turm aufschliessen, und der junge König wurde herausgeführt; darauf setzte er sich mit dem alten König in den Sechsspänner, und sie fuhren zusammen vor die Stadt hinaus in das Lager der Königin.
»Hier hast du deinen Mann wieder,« sprach er zu ihr, »und ich hätte ihn nicht in den Kerker geworfen, wenn er mich nicht so schlecht behandelt hätte.« Da schloss die Königin mit ihm Frieden, und sie kehrten gemeinsam auf das Schloss zurück, um sich an Speise und Trank zu ergötzen. Der alte König musste sich aber gestehen, dass sein Pflegesohn die Wahrheit gesprochen, denn von seinen Soldaten war wirklich der linke Flügelmann noch drei Zoll grösser, als sein rechter; und die Königin gar sah aus, wie die Sonne am Himmel, und war die schönste Frau, die man auf dem Erdboden finden konnte. Als sie nun gegessen und getrunken hatten und die Königin mit ihrem Manne allein war, that sie ihm einen Schlaftrunk in seinen Becher, und er trank daraus und fiel sogleich in einen tiefen Schlaf. Als er wieder erwachte, war die Königin verschwunden. Nur ein Paar eiserne Schuhe und ein eiserner Knotenstock standen neben ihm, und dabei lag ein Briefchen, darin hatte sie geschrieben: »So wenig du die eisernen Schuhe zerreissen und den eisernen Stock zerwandern kannst, so wenig kannst du jemals dein Königreich und deine Gemahlin wieder erlangen. Behüt dich Gott, lieber Mann, lebe wohl!«
Betrübt zog der junge König die Eisenschuhe an; dann ergriff er den eisernen Knotenstock und schlich aus dem Schlosse und ging zum See hinab in das Häuschen seiner Eltern. Dort zählte er ihnen all das Gold, das er mit sich aus dem erlösten Königreiche genommen hatte, auf den Tisch und sagte zu ihnen: »Nehmt das und bereitet euch davon ein sorgenloses Alter! Und wenn euch künftig jemand fragt: Wo ist euer Sohn? so antwortet, dass ihr niemals einen Sohn gehabt habt, wie auch ich von jetzt ab euch verleugnen werde.« Darauf gab er den beiden Alten noch einmal die Hand und wanderte in die weite Welt hinaus. Er reiste von einem Land in das andere und von einem Königreich in das andere, und die Eisenschuhe unter seinen Füssen nutzten sich nicht ab, und der eiserne Knotenstock wurde nicht kleiner. Endlich gelangte er eines Tages an einen Waldessaum, da war ein Rat versammelt. Er eilte näher hinzu und gewahrte drei Männer, die sich um etwas zankten. »Was macht ihr da?« rief der König. »Wir streiten uns um unser Erbteil,« antworteten die Männer, »was der eine gerne möchte, will auch der andere haben, [292] und so kommen wir nimmer zu Ende.« – »Wenn's euch recht ist, so werde ich euer Schiedsrichter sein,« sprach der junge König, und die drei Männer waren es zufrieden und wiesen ihm die einzelnen Stücke.
Der erste gab ihm einen Hut und sprach: »Dieser Dreimaster ist ein Wunschhut. Drehst du ihn, so geht ein Schuss nach dem andern daraus, und das Schiessen hört nicht auf, bis du mit dem Drehen inne gehalten hast.« – »Der Hut ist nicht schlecht,« sagte der König. »Ja, darum will ihn auch jeder von uns haben,« erwiderte der erste. Als er fertig war, reichte der zweite dem König ein Paar Stiefel dar und sprach: »Das sind Siebenmeilenstiefel! Wer die trägt, der kann mit jedem Schritte sieben Meilen zurücklegen.« – »Die Stiefel lobe ich mir,« versetzte der König. »Das glaub' ich,« entgegnete der Mann, »darum will sie auch jeder von uns haben.« – Zum Schlusse trat der dritte auf den König zu und übergab ihm einen Mantel. »Wer diesen Mantel anzieht,« sprach er, »ist unsichtbar.« – »Das ist das Beste!« rief der König erstaunt. »Das mag wohl stimmen,« gab der dritte zurück, »darum will ihn auch jeder von uns haben.«
Nachdem der König die drei Wunschdinge erhalten hatte, sprach er zu den Männern: »Jetzt tretet zurück, eine gute Strecke weit; dann werde ich mit dem Finger auf die einzelnen Stücke zeigen, und jeder erhält, was er sich selbst gewählt hat.« Das leuchtete den Männern ein, und sie thaten, wie er ihnen geboten hatte. Der junge König fuhr aber geschwind in die Stiefel hinein, stülpte den Dreimaster aufs Haupt und warf den Mantel um; dann rief er den Kerlen zu: »Seht ihr mich?« – Die antworteten: »Nein, wir sehen dich nicht!« – »Nun, dann seht ihr mich nun und nimmer nicht,« sprach der König und machte sich auf und davon und liess den Leuten nur den eisernen Stab und die Eisenschuhe als Andenken zurück.
Als die drei Männer sahen, dass sie jetzt ganz und gar um ihr Erbteil betrogen seien, schob einer die Schuld auf den andern, und zu guter Letzt gab es dicke Augen und wunde Köpfe; aber dadurch bekamen sie den Hut und den Mantel und die Stiefel doch nicht wieder. Der junge König aber dachte bei sich: »Bekommst du dein Reich und die Königin jetzt nicht zurück, so ist es überhaupt damit aus!« Dann schritt er mit seinen Siebenmeilenstiefeln mächtig aus, bis er gegen Abend ein kleines Haus am Walde sah. Dort zog er die Stiefel aus, ging hinein und bat, ob er für die Nacht ein Unterkommen finden könne. In der Hütte war niemand anders, als eine steinalte Frau, die sagte zu ihm: »Hier darf deines Bleibens nicht sein. Kommt mein Sohn zu Hause, so frisst er dich auf, denn er ist ein grosser Menschenfresser!« – »Wie heisst denn dein Sohn?« fragte der König. »Es ist der Mond,« sagte die Alte, »und du kannst mir's glauben, mit ihm ist nicht zu spassen.« – »Ach, er wird mich schon nicht finden,« antwortete der junge König, hing den Wunschmantel um und legte sich hinter den Ofen.
[293] Es dauerte gar nicht lange, so kam der Mond heim; und als er in der Hütte war, rief er: »Ich rieche, ich rieche Menschenfleisch!« und dann schaute er überall nach, aber er konnte nirgends jemand entdecken. Endlich ward er müde und sprach: »Komm hervor, wer du auch seist, dein Leben soll dir geschenkt sein.« Da that der König den Mantel von sich und kroch hinter der Hölle hervor. »Was willst du hier?« fragte der Mond. »Ich bitte für die Nacht um eine Unterkunft,« entgegnete der König, »denn ich suche mein verlorenes Königreich. Kannst du mir nicht sagen, wo es ist? Du scheinst doch überall hin.« – »Ich komme nicht überall hin,« antwortete der Mond, »und kenne dein Land auch nicht. Aber tausend Tagereisen von hier wohnt mein Bruder Sonne, der wird dir wohl besser Bescheid sagen können. Nun komm und iss! Mutter, was giebt es denn heute?« – »Etwas Schweinefleisch mit Kartoffeln,« sagte die Alte, und dann kam sie mit einem ganzen gebratenen Schwein herein und mit einem Kessel, in dem waren fünf Scheffel Kartoffeln. »Die verstehn's!« dachte der König bei sich; aber der Mond sagte: »Das wird für drei nicht reichen,« und die Alte schaffte noch ein Brot herbei, das war aus einem Scheffel Korn bereitet. »Fünf Scheffel Kartoffeln, ein Schwein und vom Scheffel ein Brot, lieber Herr Mond,« sagte der König, »das wird wohl genug sein!« – »Wir wollen's hoffen,« antwortete der Mond, »ich esse nur einmal des Tages, und da liebe ich's reichlich.« Dann setzten sie sich nieder und assen, und es blieb nichts übrig als die weissen Knochen des Schweins und die schwarzen Schalen der Kartoffeln.
Am andern Morgen brach er frühe auf, sagte dem Mond und der alten Mutter Lebewohl, zog die Siebenmeilenstiefel an, warf den Wunschmantel über die Schultern und wanderte weiter. Gegen Abend kam er wieder an ein kleines Häuschen am Waldessaum und kehrte dort ein. Drinnen stand ein altes Weib am Herde und rührte mit dem Löffel im Kessel herum. »Was willst du hier?« rief sie. »Ich möchte gerne hier übernachten,« gab der junge König zur Antwort. »Mach nur, dass du aus dem Hause kommst,« sagte die Alte, »denn wenn dich mein Sohn Sonne trifft, so frisst er dich, denn er ist ein grosser Menschenfresser.« – »Ach, an deinen Sohn Sonne habe ich einen schönen Gruss zu bestellen von seinem Bruder Mond,« antwortete der junge König und wunderte sich, dass er die 1000 Tagereisen in einem Tage zurückgelegt hatte; das hatte er aber den Siebenmeilenstiefeln zu verdanken. Indem kam Bruder Sonne herein und wollte sich auf den König stürzen und ihn fressen. »Sei vernünftig, mein Söhnchen,« sprach aber die Alte, »das ist ein müder Wandersmann, der will heute bei uns übernachten und bringt dir einen schönen Gruss mit von deinem Bruder Mond.« – »Das ist etwas anderes,« sagte Sonne, »dann komm her und erzähl mir, was du willst, und darauf wollen wir uns zu Tische setzen und essen.« Da erzählte ihm der König alles, wie es ihm ergangen war und wie er jetzt sein erlöstes Königreich nicht wieder finden könne. »Das ist recht [294] schlimm,« sagte Sonne, »ich bescheine zwar viele Länder, aber dein Königreich kenne ich nicht. Doch ich habe noch einen grossen Bruder, den Wind, der streicht über die ganze Erde. Er wohnt 1000 Tagereisen von hier, und wenn du zu ihm kommst, so bestell nur einen schönen Gruss von mir, dann wird er dich freundlich aufnehmen. Aber nun komm und iss! Mütterchen, was hast du denn gekocht?« – »Rindfleisch und Kartoffeln, mein Söhnchen,« sagte das alte Weib und trug einen ganzen gebratenen Ochsen und einen Kessel mit zwölf Scheffeln Kartoffeln herein. »Das wird nicht reichen für drei,« sagte Sonne, und da brachte die Frau noch ein Brot vom Scheffel. Darauf assen sie, bis sie satt wurden, und es blieben wiederum nur die weissen Knochen des Ochsen und die schwarzen Schalen der Kartoffeln von der Mahlzeit übrig.
Den dritten Abend kam der König in der Wohnung des Windes an und bestellte ihm einen Gruss von seinem Bruder Sonne. Da war der Wind sehr freundlich und sagte zu ihm: »Mein Bruder Sonne hat recht, ich kenne die ganze Welt, und dein Königreich kenne ich auch; da will ich gerade morgen hin, die Brautwäsche trocknen, denn die Königin feiert am Abend Hochzeit.« – »Ach, dann nimm mich mit und weis mir den Weg!« bat der König. »Das werde ich thun,« sagte der Wind, »und haben dir meine Brüder Herberge gegeben, so gebe ich sie dir auch. Mütterchen, was hast du zu essen?« – »Klösse und halb Rind-, halb Schweinefleisch,« erwiderte die Alte, eilte hinaus und kam mit einem gebratenen Ochsen und einem gebratenen Schwein herein, und darauf schaffte sie einen Kessel herbei, in dem waren Klösse, so viel und so wenig, als von einem Wispel Korn gebacken werden können. Das assen sie rein aus und legten sich schlafen.
Noch ehe der Morgen graute, weckte der Wind seinen Gast, und nachdem der junge König sich angekleidet hatte, zogen sie selbander ihrer Strasse. Über ein Weilchen schaute der Wind sich um, denn er dachte, er habe seinen Gefährten weit hinter sich gelassen und müsse umkehren und ihn tragen. Aber der König war ihm dicht auf den Fersen. Da schritt der Wind gewaltig aus; aber je mächtiger er ausschritt, um so längere Schritte machte auch der König, und es dauerte gar nicht lange, so standen sie vor den Mauern der Stadt, in welcher die Frau des Königs Herrscherin war. Hier machte der Wind halt und sagte zu ihm: »Hör einmal, Erdwürmchen, du gefällst mir. So wacker schreiten die anderen Menschen nicht! Ich werde dir dazu helfen, dass du in das Schloss zu deiner Königin kommen kannst. Ich gehe jetzt auf den Schlossplatz und richte einen Sturm und ein Unwetter an, dass alle Türme niederstürzen und alle Fenster eingeschlagen und alle Zimmer in Unordnung gebracht werden. Inzwischen eilst du in die Maurerherberge und bietest dich dem Meister als Gesellen an, dass du den Schaden am Schlosse wieder herstellen helfest, damit am Abend die Hochzeit stattfinden könne.« Die Rede gefiel dem König, er sagte dem Winde schönen Dank und eilte darauf [295] der Maurerherberge zu, während der Wind that, wie er ihm versprochen hatte.
Kaum war das Unglück auf dem Schlosse geschehen, so sandte die Königin den Maurermeister zur Herberge, dass er alle fremden Maurer dinge, damit sie noch vor Abendzeit den Schaden wieder gut machten, den der Wind angerichtet hatte. »Vater,« sagte der Meister zum Herbergswirt, »ist kein fremder Maurer bei Euch eingekehrt?« – »Ja, ich!« sagte der junge König. »Dann komm mit mir, du sollst auf dem Schlosse arbeiten,« sprach der Meister, »dort hat der Wind die Türme herunter geworfen, die Fenster eingeschlagen und die Stuben zerstört. Da ist alle Hände voll zu thun, und du kannst dir ein ordentliches Stück Lohn verdienen.« Da liess der König einen guten Trunk besorgen, und nachdem sie getrunken hatten, bat er den Meister, dass er ihm in dem Zimmer der Königin seine Arbeit gebe. Der Meister wollte nicht recht, denn eine solche Arbeit ziemte sich nicht für einen hergelaufenen Gesellen; aber nachdem sie den zweiten Trunk genommen, dachte er anders über die Sache, und gar nach dem dritten Glase sagte er dem König, er sei ein tüchtiger, ordentlicher Maurer, der sein Handwerk verstehe, und versprach ihm auf Ehre und Gewissen, er solle in dem Zimmer der Königin seine Arbeit bekommen, und wenn er kein Geschirr habe, so wolle er es ihm selbst aus seiner Wohnung besorgen. Da war der König gutes Muts und ging mit dem Meister auf das Schloss.
Droben wurden die Maurer verteilt. Die einen mussten die Türme wieder aufrichten, die zweiten hatten dies und die dritten das zu thun; aber der junge König blieb bei dem Meister, um das Zimmer der Königin zur Hochzeit in Stand zu setzen. Die Königin liess sich jedoch nicht darin sehen, und erst um die Mittagszeit schickte sie eine Kammerjungfer hinein, die sprach, die Bauleute möchten sich entfernen, denn die Königin wolle mit ihrem Bräutigam das Mittagsmahl einnehmen. Sofort packte der Meister sein Handwerkszeug zusammen und ging zur Thüre hinaus; dort sah er sich nach dem fremden Gesellen um, aber der war verschwunden. Da dachte der Meister: »Er wird sich wohl vor dir hinausgeschlichen haben und in die Herberge gegangen sein. Mag er's immerhin thun, er ist ein guter Kerl.« Dann stieg er die Treppen herunter und legte sich ein Stündchen aufs Ohr und schlief seinen Rausch aus.
Der fremde Gesell war aber nicht aus der Stube gegangen, sondern er hatte seinen Mantel umgeschlagen und wartete ab, bis die Königin mit ihrem Bräutigam kommen würde. Nach wenig Augenblicken öffnete sich denn auch die Thüre, und die beiden traten herein. Bevor sie sich aber zu Tische setzten, wollten sie einander, wie verliebte Brautleute thun, noch einen Kuss schenken. Das wurmte den jungen König, und eh' sich's der Bräutigam versah, hatte er ausgeholt und ihm einen gewaltigen Backenstreich versetzt. »Was ist denn das?« schrie der Bräutigam auf und sah die Königin an; »Ist das Liebe und Freundschaft, dass du deinem Bräutigam einen solchen [296] Streich versetzt?« – Die Königin wollte antworten; aber bevor sie das erste Wort hervorgebracht hatte, erhielt auch sie einen Streich, dass ihr Hören und Sehen verging. Jetzt war das Schelten an ihr. »Schäm dich!« rief sie erzürnt, »Du bist noch garnicht mein Mann und schlägst mich schon? Wie soll das erst nach der Hochzeit werden!« – »Ach was!« wollte der Bräutigam sagen, da hatte er schon wieder einen Schlag erhalten, und diesmal auf das andere Ohr. Dass ihn die Königin nicht schlug, das merkte er jetzt wohl, und da er nicht einsehen konnte, wer ihn schlüge, so entsetzte er sich und schrie auf: »In diesem Schlosse ist der Teufel! Hier bleibe ich keinen Augenblick mehr, und wenn ich über zehn Länder König werden sollte!« Sprach's und lief von dannen und liess sich in dem Schlosse nie wieder hören noch sehen.
Als er fort war, warf der junge König den Mantel von sich und sprach zu der Königin: »Das sind ja schöne Geschichten, die du hier machst, Frau! Vor den Augen deines leibhaftigen Mannes lässt du dich von einem fremden Menschen küssen? Das hätte ich nicht gedacht!« Die Königin traute ihren Augen nicht, als sie ihren Mann plötzlich vor sich stehen sah. Endlich fasste sie sich jedoch und sagte zu ihm: »Wie du hierher gekommen bist, das begreife ich nicht; aber dass ich mich nach einem andern Manne umsah, das kannst du mir nicht verdenken. Ich bin eine Frau und kann ohne Mann mein Land nicht regieren.« – »Du hast recht, liebe Frau,« erwiderte der König, »und ich will dir auch keinen Vorwurf machen. Ich habe dich von dem Zauber und du hast mich von dem Tode erlöst; und ich bin ungehorsam gewesen und habe das ganze Unglück verschuldet. Nun ich aber wieder in mein Reich zurückgekehrt bin, so will ich auch König darüber bleiben und dich zur Königin haben.« Damit war die Königin einverstanden, und sie bat den König, dass er sich so lange in ihrem Schlafgemach aufhalten möge, bis sie den Grossen des Landes angezeigt habe, dass er zurückgekommen sei.
Am Abend kamen die Herren und Fürsten im Königreich auf das Schloss, um die Hochzeit zu feiern. Als sie nun alle beisammen waren, erhub sich die Königin und sprach: »Ihr Herren, ich gebe euch ein Rätsel auf, das sollt ihr mir lösen. Ich habe einen köstlichen Schrank; dazu liess ich mir einen goldenen Schlüssel machen, den hatte ich lange Zeit. Aber eines Tages verlor ich ihn, und da musste mir der Schlosser einen silbernen verfertigen. Wie ich den gerade gebrauchen wollte, fand sich der goldene Schlüssel wieder vor. Wen soll ich nun nehmen, den goldenen oder den silbernen?« – Da sagten die Fürsten und Herren einstimmig: »Den goldenen! Er ist von vorneherein für den Schrank bestimmt, und er wird ihn auch am besten öffnen und schliessen.« – »So habe ich auch gedacht!« antwortete die Königin. »Der goldene Schlüssel ist mein Mann, euer alter König, der mich und euch alle und das ganze Königreich erlöst hat; und der silberne ist mein Bräutigam, den ich heute Abend heiraten [297] wollte. Nun habe ich meinen ersten Mann wieder gefunden und den Bräutigam verstossen.«
Nachdem sie diese Worte gesprochen hatte, trat der junge König herein, und die Gäste erhuben sich und riefen allesamt: »Unser König soll leben, hoch! Er lebe hoch!« Darauf wurde noch einmal Hochzeit gefeiert, und er lebte mit der schönen Königin vergnügt und fröhlich bis an sein seliges Ende; und wenn sie nicht gestorben wären, so lebten sie heute noch.
Es war einmal ein Fischer, der lebte mit seinem Sohne so recht kümmerlich; denn wie sich die beiden auch abquälen mochten, sie konnten nicht so viel fangen, als sie zum Leben nötig hatten. Eines Tages sprach darum der Fischer: »Höre, mein Sohn, wir fahren heute höher auf die See, mag kommen, was will!« Und es kam schlimm genug; denn als sie so weit gefahren waren, dass sie das Land gar nicht mehr sehen konnten, erhub sich ein Sturm und ein Unwetter, dass es gar nicht zu sagen ist, und die Wellen gingen so hoch, wie ein Haus, und warfen den Kahn um, dass die beiden ihr Heil im Schwimmen suchen mussten. Der alte Fischer gelangte glücklich wieder in die Heimat zurück; aber sein Sohn ward immer weiter verschlagen, bis ihn die See endlich an einen fremden Strand warf. Er war aber so müde geworden, dass er in einen tiefen Schlaf verfiel; und als er erwachte und seine Augen aufschlug, lag er an einem Waldessaum.
Wie er noch grübelte in seinem Sinn, auf welche Weise er in diese Gegend gekommen sei, trat ein Jäger auf ihn zu und sprach zu ihm: »Woher? und wohin?« Da erzählte ihm der Junge, wie es ihm ergangen sei; und als der Jäger die Geschichte gehört hatte, fragte er ihn, ob er nicht bei ihm bleiben und ein Jägersmann werden wolle. Das war dem Jungen schon recht; doch wollte er wissen, welchen Lohn er bekomme. »Du hast alles und bekommst alles,« sagte der Jäger, »und damit du ein Geld ersparst, soll dir alles gehören, was du am Sonntag vor der Predigt schiesst. Kommst du aber zu spät in die Kirche und hat der Prediger auch nur ein einziges Wörtlein schon gesprochen, so ist dein Leben Gras.« – »Du musst früh aufstehen,« dachte der Junge bei sich, »dann wirst du schon zu deinem Gelde kommen,« und er schlug in des Jägers Hand ein und ging mit ihm in sein Haus.
Vom Montag bis zum Sonnabend jagte er fleissig und erlegte [298] viel Wild, und der Erlös dafür floss in des Jägers Tasche. Als er nun am Sonntag früh um drei Uhr in den Wald ging, um sich ein Biergeld zu verdienen, mochte er sich die Augen aus dem Kopfe sehen, er konnte kein Reh und keinen Hasen erblicken. Endlich fuhr dicht vor ihm eine weisse Hirschkuh aus dem Dickicht auf. Er legte an und wollte schiessen; siehe, da war sie im Augenblicke verschwunden, und er konnte sie erst wieder zu Gesichte bekommen, als er abgesetzt hatte. Und so trieb sie ihr Spiel mit ihm lange Zeit, bis ihm mit einem Male die Predigt einfiel. Da musste er machen, dass er in die Kirche kam, wo die Leute soeben mit dem Singen begonnen hatten.
»Nun, was hast du geschossen?« fragte der Jäger, als sie mit einander nach Hause gingen. »Nichts,« gab ihm der Junge zur Antwort. Da spottete der Jäger seiner und sprach: »Treib's nur so weiter, dann wirst du zu einem hohen Lohne kommen.« Die Worte schmerzten den Jungen, und am nächsten Sonntag war er schon um zwei Uhr auf den Beinen; und weil er glaubte, es habe das letzte Mal am unrechten Orte gelegen, schlug er einen andern Strich ein. Aber wiederum war kein Reh und kein Hase zu erspähen, nur die weisse Hirschkuh ging auch diesmal dicht vor ihm auf, kam aber nie schussgerecht und narrte ihn so lange herum, bis er mit Sorgen gewahr ward, dass es die höchste Zeit sei, in die Kirche zu gehen. Er nahm darum die Flinte über den Nacken und lief, was er laufen konnte, und kam glücklich noch hinein, als die Leute den letzten Vers sangen und der Pastor schon vor dem Altare stand. »Was hast du geschossen?« fragte der alte Jäger wieder, als sie nach Hause gingen; und wie ihm der Junge sein Leid klagte, ward er noch ausgelacht obendrein. Da schwur er bei sich selbst hoch und teuer, den nächsten Sonntag wolle er ein Wild erjagen, möge er auch den Gottesdienst versäumen und zehnmal den Tod erleiden.
Und so that er auch. Aber obgleich er wiederum einen andern Schlag absuchte, kein Wild wollte sich zeigen; nur die weisse Hirschkuh sprang auf und liess ihn hinter sich drein laufen, dass ihm der Schweiss von der Stirne rann. »Du sollst und musst sie erjagen!« rief er, und fort ging es durch Dornen und Gestrüpp, dass ihm die Haut blutig gerissen ward und die Kleider in Fetzen hingen. Endlich konnte er nicht weiter; und als er sich müde und matt auf einem Stein niederliess und mit Schrecken gewahr ward, dass die Sonne sich schon ihrem Untergange neigte, trat plötzlich eine grosse schwarze Jungfrau auf ihn zu und sprach: »Was fehlt dir, dass du so traurig bist?« – »Ach, Ihr könnt mir doch nicht helfen!« antwortete der Junge, »Ich bin zu meinem Unglück geboren?« Weil ihm aber die schwarze Jungfrau gar freundlich zuredete, gewann er Zutrauen zu ihr und erzählte ihr alles, wie es ihm ergangen war, seit er von seinem Vater getrennt wurde. »Das ist alles nicht so schlimm,« tröstete sie ihn, »ja es soll dein Glück werden, wenn du mit mir kommst und thust, was ich dich heissen werde.« Damit griff sie ihn [299] bei der Hand und führte ihn über einen Steig in das Innere eines grossen Berges hinein. Darin war ein Schloss gebaut. In einem schönen Zimmer machten sie halt. Da standen auf einem Tische köstliche Speisen und Getränke, und die schwarze Jungfer sprach zu dem Jungen: »Hier sollst du wohnen! Nun iss und trink, und wenn du satt bist, geh in den Stall und besorg mein Pferd. Weiter hast du den Tag über nichts zu thun. Aber des Nachts zwischen elf Uhr und zwölf musst du wach bleiben und still sein, und sollte die Welt in Stücke gehen!« – »Das will ich gerne thun,« antwortete der Junge und ass und trank und fütterte das Pferd im Stalle; dann ging er in die Stube zurück und wartete, bis die Uhr elf schlug. Indem that sich die Thüre auf, und sechs grosse, starke Kerle traten herein und setzten sich an den Tisch, zogen Karten hervor und begannen zu spielen.
»Junge,« sprach mit einem Male der eine von ihnen, »spiel mit!« Der that aber, als höre er nichts. »Spiel mit!« riefen die Kerle zum zweiten und dritten Male; als er aber immer nicht folgen wollte, wurden sie zornig und standen auf, ergriffen ihn und spielten Ball mit ihm. Einer warf ihn immer dem andern zu, und das trieben sie, bis es zwölf schlug. Dann schleuderten sie ihn in eine Ecke, wo er für tot liegen blieb, und machten, dass sie zur Thüre herauskamen. Als sie draussen waren, trat die schwarze Jungfer herein und bestrich den Jungen mit Balsam. Alsbald war er wieder frisch und gesund, und sie lobte ihn, dass er so wacker ausgehalten hatte.
In der zweiten Nacht erschienen neun Kerle statt der sechs und fragten wiederum dreimal, ob er nicht mithalten wolle und sich zu ihnen setzen zum Kartenspiel. Er aber that, als höre er nichts. Da packten sie ihn bei Händen und Füssen und zerrten ihn in der Stube herum, bis sie ihn auseinander gerissen hatten. In dem Augenblick schlug's zwölf, und sie warfen in jede Ecke ein Stück und machten sich aus dem Staube. Kaum, dass sie draussen waren, stand auch schon die schwarze Jungfer in der Stube und legte die vier Stücke zusammen, bestrich sie mit Balsam, und, siehe, sie wuchsen zusammen, und es kam wieder Leben hinein. »Jetzt hast du schon zwei Nächte hinter dir,« sprach die schwarze Jungfrau, »nimm dich zusammen und gieb gut acht auf dich, so wird es dir auch morgen Nacht nicht fehlen.« Und er nahm sich auch wirklich zusammen, obgleich in der dritten Nacht nicht neun, sondern gar zwölf Kerle erschienen. Die hatten ihn kaum zu dreien Malen aufgefordert, dass er teilnähme an ihrem Spiel, so hackten sie ihn, als er nicht mitthun wollte, mit scharfen Messern zu Wurstfleisch und warfen ihn in den grossen Kessel hinein. Schon hatten sie ihn aufgesetzt und wollten gerade das Feuer anzünden, dass sie ihn gar kochten, da schlug es zwölf. Eins fix drei schütteten sie darauf den Kessel mit dem Fleisch in die Stube und waren verschwunden.
Als sie fort waren, kam die schwarze Jungfer und passte all die kleinen Stückchen zusammen; und wie sie damit fertig war, goss sie [300] von dem Balsam darüber, dass der Junge wieder lebendig wurde; dann legte sie ihn in sein Bett und ging zur Stube hinaus. Er aber war so müde geworden, dass er fest einschlief und nicht eher erwachte, als bis ihm die helle Sonne in das Gesicht schien. Da schlug er die Augen auf und wunderte sich sehr über das klare Licht; doch als er sich umschaute, siehe, da lag er in einem königlichen Schlafgemach, und grosse Bogenfenster schmückten die Wände. Und wie er noch all die Herrlichkeiten anstaunte, trat eine wunderschöne Jungfrau auf ihn zu und sprach: »Ich bin die Königin von Tiefenthal und war mit meinem Schlosse in den Berg verwünscht und musste als weisse Hirschkuh und als schwarze Jungfrau umherlaufen bis gestern Nacht. Nun du mich erlöst hast, sollst du auch mein Mann werden und König sein über das ganze Land.« Als der Junge diese Rede vernahm, stand er geschwind auf und that königliche Kleider an; dann ging er mit der Königin in den Krönungssaal, und der Prediger stand schon da, der sie zusammengeben sollte. Und es ward eine Hochzeit gefeiert mit grosser Pracht und Herrlichkeit, und er lebte zusammen mit seiner Frau, der Königin, in Glück und Frieden eine geraume Zeit.
Eines Tages sprach er zu seiner Frau, der Königin: »Mir lässt's keine Ruhe mehr, ich muss meine alten Eltern wiedersehen und wissen, wie's ihnen derweile ergangen ist.« – »Es ist weit von hier,« gab ihm die Königin von Tiefenthal zur Antwort, »und doch liesse ich dich ziehen, brächte es nicht dir und mir Unglück. Wenn du nämlich nach Hause kommst, so wird dich der Amtmann drängen, dass du eine von seinen Töchtern heiratest. Sprichst du dann von meiner Schönheit, so ist alles verloren.« – Antwortete der junge König: »Ich habe still geschwiegen in dem verwünschten Berg, so werde ich auch diesmal den Mund halten.« Da gab sich die Königin von Tiefenthal zufrieden und liess einen goldenen Wagen vorfahren, mit vier kohlrabenschwarzen Rossen bespannt, und die Hufeisen der Rappen waren von lauterem Golde. Dann zog sie einen Ring vom Finger, gab ihm den und sprach: »Sobald du den Ring an den Finger steckst und drehst ihn herum und wünschst dich dabei an irgend einen Ort, so bist du sogleich da; und drehst du den Ring und denkst an mich, so komme ich zu dir. Thu das aber nicht ohne Not, und wenn du drehst, dreh nicht zu stark, sonst muss ich mich zu sehr eilen und grosse Angst und Qualen ausstehen.« Der junge König nahm den Ring und streifte ihn auf den Finger; dann stieg er in den goldenen Wagen, und nachdem er noch einmal seiner Frau versprochen hatte, vor keinem Menschen ihre Schönheit zu preisen, auch nicht ohne Not sie zu rufen, drehte er den Ring und wünschte sich auf die Wiese vor seines Vaters Haus. Und schon war er da, und der alte Fischer lief mit seiner Frau aus der Hütte, und sie wussten sich gar nicht zu lassen vor Dienern und Knicksen.
»Nun, wie geht's euch denn?« fragte der junge König. »Ach, lieber Herr,« antwortete der Fischer, »uns geht's gar nicht gut. Wie [301] lange wird's dauern, dass wir Hungers sterben!« – »Habt ihr denn keinen Sohn, der euch im Alter pflege?« fragte der König weiter. »Wir hatten einen,« sprach der Fischer, und die Fischerin weinte und schluchzte dabei zum Gotterbarmen, »aber er ist beim Fischen in der See ertrunken.« – »Weisst du das so genau?« fiel ihm der König ins Wort, »Hatte er denn kein Zeichen an seinem Leibe, dass ihr ihn wieder erkennen könntet?« – »Er hatte eine Himbeere an der linken Brust,« sagte da die Fischerin, »denn als ich ihn unter dem Herzen trug, überkam mich ein grosses Verlangen nach dieser Frucht; und wie ich mich beugte über den Strauch, um von den Beeren zu naschen, fuhr eine Maus hervor. Darüber erschrak ich mich und griff nach der Brust, und als das Kind geboren wurde, trug es ein Mal an derselben Stelle, just so gestaltet, wie eine Himbeere.« – Da öffnete der junge König den Rock und das Hemd; und als seine Mutter die Himbeere sah, war sie aller Freuden voll und fiel ihm um den Hals und küsste ihn. Auch der Vater that desgleichen; und da er seine Freude nicht allein bei sich zu tragen vermochte, lief er zu den Nachbarn herüber und erzählte ihnen die wundersame Geschichte. Von denen erfuhr es der Amtmann, und er schickte sofort seinen Knecht in die Fischerhütte, der musste den jungen König für den andern Tag bei dem Amtmann zu Gaste laden.
Der Amtmann hatte drei Töchter, alle jung und schön und voll Lust zum Heiraten. Als nun der König zu Mittag gegessen hatte, dachte der Amtmann bei sich: »Wie wär's, wenn du ihn zum Schwiegersohn bekämst!« Und wie er dachte, so sprach er auch laut und fragte ihn, ob er nicht eine von seinen drei Töchtern zur Frau nehmen wolle. Da lachte der junge König, dass er sich den Leib halten musste, und sprach im Übermut: »Schönen Dank, Herr Amtmann, ich habe schon eine Frau, und ihr hässlichstes Kammermädchen sieht hinten schöner aus, als seine Töchter vorn.« Das ging dem Amtmann denn doch über den Spass, und er sprang auf und rief zornig, er solle die Rede beweisen, sonst würde er ihn in das Gefängnis werfen. Über den harten Worten ward dem jungen König himmelangst, und er drehte den Ring so schnell, als er konnte, und wünschte seine Frau herbei. Und schon war sie da, umgeben von ihren Kammerjungfern, und ihre Schönheit war wirklich so gross, dass sich des Amtmanns Töchter vor Scham in den Winkel verkrochen. Die Königin aber nahm ihren Mann unter den Arm und führte ihn in den Garten; dort liessen sie sich nieder im Grase, und sie strich ihm die Haare und krauelte, bis er fest einschlief.
Als er wieder erwachte, war die Königin ver schwunden, und der Wunderring fehlte an seinem Finger, und statt der goldenen Kleider trug er schlechte Lumpen auf dem Leibe, und neben ihm standen ein Paar eiserne Stiefel, und ein Zettel lag dabei, darauf war geschrieben: »Sobald du die eisernen Stiefel vertragen hast, wirst du wieder in das Königreich Tiefenthal gelangen.« Das machte ihm grosse Sorgen; und weil er sich schämte, in dem Bettlerkleide dem Amtmann [302] unter die Augen zu treten, warf er die eisernen Stiefel in das Buschwerk und ging in seines Vaters Hütte. »Vater,« sagte er, »ich habe meiner Frau unrecht gethan und muss in die weite Welt hinaus, dass ich sie suche und finde. Nimm den goldenen Wagen und die Pferde und verkauf sie, und du hast Geld genug dein Leben lang.« Dann sagte er ihm und der Mutter Lebewohl und ging auf die Wanderschaft, von einem Dorf zum andern und von einer Stadt zur andern, über Berg und Thal und über Stock und Block; aber er konnte das Königreich Tiefenthal nicht finden.
Eines Abends kam er in ein kleines Häuschen; darin schaffte ein steinaltes Mütterchen und besorgte einem grossen, starken Kerle das Abendbrot. »Kannst du mir nicht sagen, wo das Königreich Tiefenthal ist?« fragte der König denselben. »Ja, was giebst du mir, wenn ich dir dazu verhelfe?« – »Ich habe nichts und kann dir auch nichts geben.« – »Nun, dann will ich's umsonst thun! Ich bin nämlich der Südwind, und die Menschen sollen auch einmal Gutes von unser einem reden. Morgen bringe ich dich zu meinem Bruder Ostwind, der wird dir schon Bescheid geben.« Das war der junge König zufrieden, und nachdem er bei dem Südwind zu Abend gegessen und die Nacht geschlafen hatte, stand er am andern Morgen auf, und sein Wirt trug ihn, bis sie gegen Abend zu der Wohnung des Ostwindes gelangten. »Bruder Ostwind, her bringe ich dir einen Mann, der gerne in das Königreich Tiefenthal möchte,« sagte der Südwind, »kannst du ihm nicht den Weg weisen?« – »Ich nicht, aber Bruder Westwind wird's können,« sagte der Ostwind, »lass ihn nur bei mir, ich werde ihn morgen hintragen.« Da verabschiedete sich der Südwind von dem König, und der ass mit dem Ostwind zu Abend und wurde am andern Tage von ihm zum Westwind getragen. Der wusste aber auch nicht Bescheid und trug ihn zum letzten Bruder, dem Nordwind. Als dieser den Wunsch des Königs vernahm, lachte er und rief: »Dahin will ich morgen reisen und der Königin die Brautwäsche trocknen; am Mittag feiert sie Hochzeit; und wenn du mit willst, kommst du noch gerade zur Zeit, um an dem Mahle teilzunehmen.« – Darauf assen sie Abendbrot, und nachdem sie ausgeschlafen hatten, weckte der Nordwind seinen Gast und nahm ihn auf seinen Buckel und trug ihn in das Königreich Tiefenthal und setzte ihn vor dem Thore des Schlosses nieder.
Derweile der Nordwind lustig in die Brautwäsche blies, ging der junge König durch das Thor in das Schloss hinein. Als er nun an die Saalthüre kam, sah er die Königin neben dem neuen Bräutigam sitzen. Das wollte ihm schier das Herz abfressen; doch liess er sich nichts merken und winkte einem Diener, dass er für ihn die Königin bäte um einen Bissen Brot und um ihren Becher mit Wein. Es dauerte auch gar nicht lange, so brachte ihm der Diener, was er gebeten hatte; und als er den Wein ausgetrunken, zog er den Trauring vom Finger und warf ihn in den Becher, gab ihn dem Diener und hiess ihn, der Königin ihren Becher zurückbringen. Das that [303] der Diener auch; kaum hatte aber die Königin den Ring in dem Becher erblickt, so fielen ihre Augen auf den Wandersmann an der Thür, und sie erkannte ihn wieder als ihren ersten Mann und winkte ihm, dass er zu ihr käme in ein besonderes Gemach. Dort sprach sie zu ihm: »Du hattest dein Wort gebrochen, und da musste ich thun, wie ich gehandelt habe. Nun du hierher den Weg gefunden hast, sollst du auch wieder mein Gemahl werden.« Dann fasste sie ihn bei der Hand und führte ihn in den Saal. »Der alte König ist wieder zurückgekehrt,« sprach sie zu den Herren, »was soll ich thun?« – Antworteten die Herren: »Einen König können wir nur gebrauchen, und der alte hat mehr Recht wie der junge.« Damit war dem neuen Bräutigam das Urteil gesprochen, und er musste wieder seiner Wege ziehen; weil sie aber gar so lange von einander getrennt waren, feierte die Königin noch einmal Hochzeit mit dem Fischerssohne. Darauf lebten sie noch lange Jahre in dem Königreich Tiefenthal in Glück und in Frieden und haben sich allewege sehr lieb gehabt; und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.
Es war einmal ein Soldat, der hiess Johann. Nachdem er seinem König lange Jahre treu gedient und auch manche Wunde davon getragen hatte, wurde er abgelohnt und hatte das Recht, frei umher zu laufen, wo es ihm beliebte, und sein Brot an fremder Leute Thüren zu betteln. Das that ihm in der Seele weh, und er beschloss, zu seinen alten Eltern zu gehen, ob er vielleicht dort eine Unterkunft fände.
Unterwegs verirrte er sich und wusste nicht, ob rechts oder links, ob vorwärts oder rückwärts. Da stiess er endlich auf ein grosses Haus. Er trat hinein, um nach dem rechten Wege zu fragen; aber niemand war auf dem Flure. Da klinkte er die Küchenthüre auf, und was sah er? Mitten in der Küche stand eine Wassertonne, und in der Tonne sass ein Wesen, das war halb Mensch, halb Fisch und kohlrabenschwarz am Leibe. »Was willst du hier?« fragte es freundlich. »Ach, liebe Seejungfer,« erwiderte Johann, »ich habe mich verirrt und weiss mich nicht nach Hause zu finden. Kannst du mich nicht auf den rechten Weg bringen?« – »Das will ich thun,« versetzte die Seejungfer, »wenn du mich zum Danke dafür erlösest. Drei Nächte kostet's dich nur.« – »Wenn ich für die Zeit Essen und Trinken bekomme, gehe ich gern darauf ein,« antwortete Johann.
[304] »Das sollst du haben. Aber die Sache ist nicht so leicht, wie du dir denken magst. Wenn du dich diese Nacht zu Bette gelegt hast, kommen um elf Uhr zwölf starke Kerle zur Stube herein und quälen dich. Sprichst du nur ein Wort, so bin ich verloren. Hältst du aber aus, bis die Glocke zwölf schlägt, so haben die Geister alle Macht über dich verloren, und du hast den ersten Tag bestanden. Dünkt dich das nicht ein gefährliches Stück?« – »Ach, was, Gefahr!« sagte Johann; »Ein alter Soldat wird doch das Maul halten und ein bisschen Leid ertragen können.« Und dabei blieb er. Da hiess ihn die Seejungfer in die Stube treten. Dort sass die alte Hexe, welche die Seejungfer verwünscht hatte, und warf dem Soldaten bitterböse, giftige Blicke zu. Ihre Wut half ihr aber zu nichts; sie musste für Johann sogar die schönsten Speisen und Getränke herbeischaffen, wovon er nach Herzenslust ass. Als er satt geworden war, legte er sich in das weiche Bett; und da er müde war, so schlief er bald ein.
Sowie die Glocke elf schlug, öffnete sich die Thüre mit grossem Gepolter, und herein stürzten zwölf abscheuliche, garstige Kerle. Die hatten Tisch und Stühle und Karten mitgebracht und setzten sich nieder und begannen ihr Spiel. Kaum erblickten sie den Soldaten in seinem Bette, so riefen sie ihm zu: »Steh auf, Kamerad, und thu uns Bescheid!« Er aber rückte und rührte sich nicht. »Aha, der will die Königstochter durch Schweigen erlösen; nun, wir wollen ihm schon das Maul öffnen!« schrieen sie, und holten eine dünne Hanfschnur herbei. Dieselbe zogen sie von einer Ecke der Stube zur andern; dann setzten sie den Soldaten mit auseinandergespreizten Beinen darauf und sägten immer auf und ab, dass das Blut in Strömen auf den Boden lief und der Strick ihm tief in den Leib drang. Johann that jedoch, wie ein wackerer Soldat thun soll; er biss die Zähne aufeinander, und kein Laut kam über seine Lippen. »Hast du dir eine Suppe eingebrockt, so musst du sie auch ausessen,« dachte er, und das war recht von ihm. Als die Glocke zwölf schlug, verschwanden im Nu die bösen Geister aus der Stube, nachdem sie zuvor die Schnur zerschnitten hatten, so dass Johann ohnmächtig zu Boden fiel.
Wie er so da lag, kam die Seejungfer aus ihrer Tonne zu ihm herangekrochen und bestrich mit einer köstlichen Salbe die wunden, blutig gerissenen Stellen. In demselben Augenblick waren auch alle Schmerzen verschwunden, und Johann konnte wieder froh und vergnügt aus den Augen blicken. Da sah er nun, dass die Seejungfer nicht mehr schwarz, sondern braun und dass ihr hässlicher Fischschwanz menschlichen Füssen ähnlich geworden war. »Johann,« sagte die Seejungfer, »du hast deine Sache gut gemacht; halt nur gleicher Weise die kommende Nacht aus. Die bösen Männer werden dich freilich schier zu Tode schlagen, aber verzag nicht; sobald sie verschwunden sind, heile ich wieder alle deine Wunden.« – »Wer A gesagt, muss auch B sagen,« entgegnete Johann, »vieler Worte hat's darum garnicht nötig, ich bleibe die künftige Nacht hier.« Die Seejungfer [305] kroch darauf wieder in ihre Tonne zurück, Johann dagegen störte die alte Hexe auf und liess sich Schweinebraten und Wein auftragen und lebte herrlich und in Freuden trotz einem König.
Gegen Abend ward er müde und legte sich schlafen. Schlag elf Uhr wurde er wieder durch grossen Lärm geweckt. Die zwölf Kerle kamen herein, stellten einen mächtigen Holzklotz in die Stube und setzten einen Amboss darauf, dann zogen sie den Soldaten aus dem Bette, legten ihn auf das Eisen und bearbeiteten ihn mit ihren Hämmern eine ganze Stunde lang. Johann hatte lautlos ausgehalten; endlich schwanden ihm die Sinne, und er lag für tot da, als die Seejungfer herein trat und ihn mit der Salbe bestrich. Wie das erste Mal, so waren auch jetzt im Augenblick alle Schmerzen gehoben und alle Wunden geheilt; die Seejungfer aber sah nicht mehr braun, sondern grau aus, und der Fischschwanz war fast ganz geschwunden. Nur an den Waden befanden sich noch Flossen und Schuppen.
»Johann,« sagte die Seejungfer, »lieber Johann, jetzt verlass mich nicht für die dritte Nacht. Da wird dir allerdings Schreckliches begegnen. Man wird dich brennen und braten; aber harre stillschweigend aus, an das Leben dürfen sie dir nicht kommen!« Der Soldat war mutig geworden durch den glücklichen Ausgang der beiden Nächte, auch freute er sich, dass er die Prinzessin schon so weit erlöst hatte, dass sie einem vernünftigen Menschen glich; darum sprach er: »Liebe Seejungfer, dir zuliebe werde ich auch noch die dritte und letzte Nacht aushalten; mag kommen, was will!« Da eilte die Seejungfer vergnügt in ihre Tonne zurück, während Johann sich an Braten und Wein für die ausgestandenen Leiden schadlos hielt.
Die Seejungfer hatte recht gehabt, als sie sagte, Johann würde die dritte Nacht Erschreckliches ausstehen. Kaum schlug diesmal die Glocke elf, so schleppten die zwölf Kerle einen Feuerherd, Holz, Teller, Messer und Gabeln herbei; dann machten sie ein tüchtiges Feuer an und zogen Johann aus dem Bette, steckten ihn auf einen Spiess und brieten ihn über dem Feuer. Beinahe hätte er bei den entsetzlichen Schmerzen der Seejungfer vergessen und laut aufgeschrien; aber er besann sich noch rechtzeitig und erduldete alles, ohne dass ein Sterbenswörtchen über seine Lippen gekommen wäre. Endlich war er gar; und nachdem der Oberste von den zwölfen mit der Gabel hinein gestochen hatte, um nachzusehen, ob er auch überall schön mürbe wäre, trug man ihn auf den Tisch. Schon hatten sie die Messer angesetzt, um sich jeder ein Stück von dem Braten zu schneiden, als die Glocke zwölf schlug. Da war alles wieder verschwunden, die Seejungfer trat herein und bestrich Johann vom Kopf bis zu den Füssen, und frisch und gesund lag er vor ihr auf dem Erdboden.
Er mochte aber seinen Augen gar nicht trauen, denn aus der Seejungfer war die schönste Prinzessin in goldenem Kleide geworden. Die blickte ihn liebreich an und sagte: »Johann, jetzt bin ich erlöst, und du bist mein Retter! Zum Dank dafür will ich dich heiraten; aber zuvor muss ich in mein Königreich Siebenbürgen. Morgen, [306] übermorgen und den folgenden Tag kehre ich um die Mittagzeit zwischen elf und zwölf Uhr hierher zurück; wenn du dann wachend unter der grossen Linde meiner wartest, nehme ich dich mit mir in mein Reich, und du sollst König werden.« Johann versprach der Prinzessin, er werde gewiss wach bleiben; dann gab er ihr einen Kuss, und verschwunden war sie.
Um sich die Langeweile bis zum kommenden Mittag zu vertreiben, ass und trank er nach Herzenslust, was die alte Hexe ihm vorsetzte. Das war aber ein teuflisches Weib und mischte ihm einen Schlaftrunk unter den Wein. Er mochte darum die Augen aufreissen und sich in die Lippen beissen und mit den Fingern kneifen, so viel er wollte, um ein halb elf Uhr war er fest eingeschlafen. Er schnarchte laut vor sich hin, als ein prächtiges Viergespann, mit kohlrabenschwarzen Rappen bespannt, unter der Linde hielt.
»Johann, wachst du?« rief die Prinzessin und stieg zum Schlage heraus. Aber Johann mochte gerüttelt und geschüttelt, geknufft und gepufft werden, er wachte nicht auf. Als es zwölf war, legte ihm die Prinzessin traurig ihr gesticktes Taschentuch in den Schoss und schrieb auf einen Zettel die Worte: »Schläfer, du hast schlecht Wort gehalten. Morgen komme ich um dieselbe Zeit. Wenn du auch dann schläfst, kann ich nur noch einmal kommen. Darum ermanne dich und halte dich wach.« Sodann stieg sie wieder in ihren goldglänzenden Wagen und fuhr nach Siebenbürgen zurück.
Kaum war sie fortgefahren, so verlor sich die Wirkung des Schlaftrunkes, und Johann schlug die Augen auf. Da sah er das Tuch und den Zettel in seinem Schoss. Anfangs machte er sich die bittersten Vorwürfe, endlich tröstete er sich damit, dass morgen auch noch ein Tag sei, und nahm sich fest vor, nicht wieder vom Schlafe sich übermannen zu lassen. Alle Vorsätze halfen aber zu nichts; denn die Alte mengte wieder einen Schlaftrunk unter den Wein; und wenn Johann auch that, was er konnte, um wach zu bleiben, und bis ein Viertel vor elf sich munter hielt, so überwältigte ihn doch endlich die Gewalt des Zaubertrankes, und er schlief so fest, wie den Tag zuvor, als die Prinzessin um elf Uhr unter der Linde hielt.
Diesmal waren vier stattliche Braune vor den Wagen gespannt, und die Diener trugen braune Kleidung. »Johann, wachst du?« rief sie aus dem Wagen heraus. Aber Johann schnarchte, wie am Tage zuvor, und war nicht aus dem Zauberschlafe zu erwecken. Da legte ihm die Prinzessin wiederum ein gesticktes Taschentuch auf den Schoss und schrieb dazu auf einen Zettel: »Morgen ist das letzte Mal, dass ich zu dir kommen darf. Halte dich wach, sonst hast du mich für ewig verloren.« Dann stieg sie in ihren Wagen, die Bedienten sassen auf, und zurück ging's durch die Lüfte nach Siebenbürgenland.
Als Johann erwachte und das Taschentuch und den Zettel erblickte, wusste er vor Zorn und Ärger nicht wo aus noch ein. Er ahnte nicht, welche Bosheit er von der alten Hexe zu besorgen hatte, [307] und schob sich selbst alle Schuld an dem Unglück zu: »Gott sei Dank, dass noch ein Tag ist,« rief er aus, »morgen werde ich gewiss nicht verschlafen!« Und er war seiner Sache so sicher, dass er bald wieder fröhlich bei Wein und Braten sass und auch der mit Schlaftrunk gemischten Flasche, wie früher, fleissig zusprach. Aber kurz vor der Zeit, dass die Prinzessin kommen sollte, überfiel ihn wieder die Mattigkeit, und wenn er auch alle Kräfte zusammennahm, fünf Minuten vor elf Uhr lag er unter der Linde und war fest eingeschlafen.
Es dauerte nicht lange, so kam die Prinzessin angefahren, diesmal in einem Wagen, der mit vier wunderschönen Grauschimmeln bespannt war. »Johann, Johann!« schrie sie ängstlich, denn sie fürchtete schon, dass er wieder eingeschlafen wäre; und wirklich, Johann antwortete nicht, sondern lag unter dem Baume und schnarchte, wie ein Bär. Da zog die Prinzessin ein drittes Tuch aus der Tasche und legte ihm einen neuen Zettel auf den Schoss, darauf stand: »Leb wohl für immer, Johann! Du hast dein Glück verscherzt. Du kannst nicht mehr zu mir nach Siebenbürgen und ich nicht zu dir; denn uns trennt der himmelhohe Glasberg.« Dann stieg sie in das Gefährt hinein, und fort war sie.
Als Johann erwachte, solltet ihr ihn einmal fluchen und toben sehen! Er schlug sich vor die Stirne und raufte sich die Haare; endlich wurde er wieder vernünftig und dachte nach, wie er die Sache zum guten kehren könne. »Ich hab's gefunden!« rief er erfreut; »konnte die Prinzessin zu mir aus Siebenbürgen über den Glasberg kommen, so werde ich auch zu ihr dorthin gelangen.« Sprach's und machte sich auf den Weg zu seiner Braut nach dem Glasberg.
Als er so durch die Länder zog, kam er eines Abends in ein schönes, grosses Haus, welches einsam zwischen den Bäumen eines dichten Waldes stand. Er trat hinein und fand darinnen einen reich gedeckten Tisch, sonst aber niemand im Hause. Nur ein Mädchen sass am Ofen. Das war sehr erschrocken über den Besuch und rief ihm zu: »Geh schnell wieder fort, denn dies Haus gehört den Räubern. In wenig Augenblicken werden sie hier sein; und wenn sie dich finden, bist du des Todes.« Johann antwortete: »Gieb mir zu essen und versteck mich dann irgendwo im Hause. Was soll ich draussen anfangen; ich muss verhungern oder werde von den wilden Tieren gefressen. Darum will ich lieber hier abwarten, ob ich der Gefahr entrinnen kann.«
Da er standhaft war, gab ihm das Mädchen Speise und Trank und versteckte ihn sodann unter einer grossen Kiste. Und es war wirklich die höchste Zeit gewesen; denn gleich darauf traten die Räuber herein, setzten sich zum Mahle nieder und assen und tranken nach Herzenslust. Nach dem Schmause unterhielten sie sich über den Fang, welchen sie den Tag über gemacht hatten; doch schickten sie das Mädchen vorher zu Bette, um ungestört verhandeln zu können.
Nachdem ein jeder seine Schandthaten aufgezählt hatte, erhub [308] sich zum Schlusse einer und sprach: »Mir ist denn doch der beste Fang gelungen! Ich habe heute einem Manne ein Paar Stiefeln gestohlen, in welchen man mit jedem Schritte sieben Meilen zurücklegt, ferner einen Mantel, der seinen Träger unsichtbar macht, und endlich einen Geldbeutel, der, so oft man auch hineingreift, nie leer wird.«
Wie die andern das hörten, wurden sie hoch erfreut und riefen: »Jetzt hat's keine Not mehr; nun wird es uns nie wieder an etwas fehlen, und morgen soll's das letzte Mal sein, dass wir auf Raub ausgehen. Wo bleiben wir aber mit den drei Wunschdingen?« Der eine riet, die Sachen in die Kiste zu legen, und Johann überlief es eiskalt, als er das hörte. Sogleich sprach jedoch ein anderer: »Nicht doch, das Mädchen könnte sie morgen darin finden und sich damit aus dem Staube machen. Wir wollen die Wunschdinge nur vor der Hausthüre unter dem Baume vergraben.« Und so geschah es auch. Die Räuber nahmen Hacke und Spaten, eilten hinaus und vergruben die Stiefel, den Mantel und den Geldbeutel unter dem Baume, kamen dann wieder hinein und legten sich schlafen. Am andern Morgen vor Sonnenaufgang verliessen sie das Haus wieder, um das letzte Mal ihrem alten Handwerk obzuliegen. Diesen Augenblick hatte Johann mit Sehnsucht erwartet. Im Hui war er aus der Kiste, hatte Spaten und Hacke ergriffen, kratzte die frischgegrabene Erde auf, und in kurzer Zeit waren die Wunschdinge in seinen Händen.
Nun ging er zu dem Mädchen und sagte ihr alles, was ihm den vergangenen Abend zugestossen war und dass er sie aus Dankbarkeit mit sich aus dem Räuberhause nehmen wolle. Das arme Ding war hoch erfreut, dass es von den bösen Leuten befreit werden solle; der Soldat zog die Stiefeln an, steckte den Geldbeutel in die Tasche, warf den Mantel um sich und das Mädchen, und schon nach wenig Schritten war er viele, viele Meilen weit von den gottlosen Räubern entfernt.
Es dauerte auch gar nicht lange, so kam er an den Fuss des Glasberges. Hier gab er dem Mädchen aus dem wunderbaren Geldbeutel so viel Geld, als sie nur fortzutragen vermochte, und als sie sich entfernt hatte, versuchte er, den Berg zu übersteigen. Aber wenn ihn auch ein Schritt sieben Meilen weit trug, so war er doch nicht im Stande, den Glasberg zu überschreiten. Derselbe war viel zu hoch, auch war er so glatt, dass er nirgends für seinen Fuss einen Haltepunkt finden konnte.
So wanderte er denn trostlos am Rande des Berges entlang und rund um ihn herum, aber es half ihm zu nichts. Nirgends war der Glasberg ersteigbar, und nur über ihn konnte er nach Siebenbürgen gelangen.
Als es Abend geworden war, kehrte er in einem Wirtshause ein, um dort zu übernachten. Der Gastwirt war ein kluger Mann und ihm gehorchten alle Tiere des Waldes. Als ihn Johann fragte, wie er wohl nach Siebenbürgen kommen könne, pfiff der Wirt auf einer Pfeife; und sogleich kamen alle Tiere des Waldes herbei gelaufen [309] und fragten ihn, was er befehle. »Wie ist es möglich, nach Siebenbürgen zu gelangen?« sprach der Gastwirt. Aber keins von den Tieren wusste, ihm darauf Antwort zu geben. Da sagte der Wirt: »Hundert Meilen von mir wohnt mein Bruder, der ist auch Gastwirt und herrscht über alle Fische; vielleicht kann der dir helfen.«
Den andern Morgen bezahlte Johann aus seinem Beutel, was er schuldig war, und ging zu dem Bruder des Wirtes. Als er dort angekommen war, erzählte er ihm, weshalb er gekommen sei; und sogleich pfiff der Wirt auf seiner Pfeife, und alle Fische kamen zu ihm geschwommen und fragten nach seinem Begehr. »Weiss keiner von euch, wie man in das Land Siebenbürgen gelangt?« – »Nein,« sagten die Fische, »das wissen wir nicht.« Da sprach der Wirt: »Dann kann ich dir nicht helfen; aber hundert Meilen von hier wohnt mein Schwager, der gebietet über alle Vögel. Vielleicht kann der dir bessere Auskunft geben.«
Johann ging nun zu dem Schwager und klagte dem seine Not. Da pfiff auch dieser und lockte dadurch alle Vögel der ganzen Welt herbei. »Kennt keiner den Weg nach Siebenbürgen?« fragte er. »Nein,« sagten alle Vögel. »Seid ihr denn aber auch vollzählig erschienen?« fragte der Wirt weiter. »Ja,« antworteten die Vögel, »wir sind alle hier, nur der Adebor fehlt noch.« Da pfiff der Wirt noch einmal, und jetzt kam auch der Storch herbeigeflogen. »Weisst du den Weg nach Siebenbürgen,« fragte der Wirt wieder, »und warum bist du so spät erschienen?« – »O,« antwortete der Storch, »wie werde ich den Weg nach Siebenbürgen nicht kennen, komme ich doch eben erst daher geflogen. Dort will die Prinzessin Hochzeit feiern, und ich habe zugesehen.« – »Das ist gut,« sprach der Wirt, »dass du das Land kennst. Ist es dir denn nicht möglich, diesen Mann über den Glasberg zu bringen?« – »Das ist nicht möglich,« entgegnete der Storch, »ich müsste ihn gerade herüber tragen. Dazu ist er mir aber zu schwer. Doch ein Endchen will ich ihn schon hinaufbringen.« Johann war damit einverstanden. Er verabschiedete sich von seinem Wirt, der Storch packte ihn mit seinen Füssen und flog mit ihm dem Glasberge zu. Nach einer kurzen Weile liess er sich jedoch nieder; und als Johann näher zusah, merkte er, dass er sich auf der halben Höhe des Berges befand. Viel half ihm das aber nicht; denn kaum war der Storch wieder verschwunden, so kam er auf dem spiegelglatten Glase ins Rutschen, und in wenig Augenblicken befand er sich wieder am Fusse des Berges. Schon wollte er voller Verzweiflung an dem Gelingen seines Vorhabens verzweifeln, als er nicht fern von sich lauten Lärm hörte. Er ging der Richtung nach und sah drei Jungen, welche sich um einen Schimmel prügelten.
»Was macht ihr da?« rief er ihnen zu. – »Wie kommst du denn hierher?« schrien alle drei mit einem Munde. »Hundert Jahre prügeln wir uns nun schon, ohne dass uns je ein Mensch gestört hätte. Wir sind nämlich drei Brüder; und als der Vater starb, hat er uns als einziges Erbteil den Schimmel hinterlassen. Wer soll [310] ihn nun besitzen? Der älteste schlug vor, jeder solle ihn einen Tag benutzen können. Damit sind wir andern aber nicht zufrieden; denn leicht kann er sich ja auf Nimmerwiedersehen mit dem Schimmel entfernen. Es ist nämlich kein gewöhnlicher Schimmel, sondern er läuft durch die Luft eben so gut, wie auf der ebenen Erde.« Als Johann diese Worte hörte, ward er froh und sprach zu den Jungen: »Ich will euer Schiedsrichter sein. Geht alle drei auf hundert Schritt von mir, und wenn ich dann winke, so lauft auf mich zu. Wer zuerst bei mir ist, soll den Schimmel bekommen.« Das waren die Jungen zufrieden. Doch als sie sich auf hundert Schritte entfernt hatten, schwang sich Johann auf das Ross und fort sauste er auf ihm durch die Lüfte über den Glasberg hinweg. Die drei Jungen aber hatten den gerechten Lohn erhalten; warum konnten sie über ihr Erbteil nicht einig werden.
Als Johann in Siebenbürgen angelangt war, stieg er vom Schimmel und hiess ihn gehen, wohin er wollte; denn er bedurfte seiner nicht mehr. Nur die drei Brüder sollte er meiden. Dann eilte er mit seinen Siebenmeilenstiefeln geradeswegs auf das Königsschloss zu. Vor dem Schlosse begegnete ihm der königliche Wagen; darin sass die Prinzessin mit ihrem neuen Bräutigam, die fuhren in die Kirche zur Trauung. Johann band darauf die drei Tücher, welche ihm die Prinzessin geschenkt hatte, an eine lange Stange und hielt sie zum Wagen hinein.
Als die Königstochter die drei Tücher erblickte, rief sie: »Wenn die Tücher hier sind, wird auch mein Erlöser nicht fern sein!« Darauf winkte sie dem Soldaten zu, auf das Schloss zu kommen, und befahl dem Kutscher, zurückzufahren, die Hochzeit müsse auf ein paar Tage verschoben werden. Nachdem sie in den Krönungssaal getreten war und sich auf den Thron gesetzt hatte, schritt Johann unsichtbar in seinem Mantel auf sie zu und legte ihr das erste Tuch in den Schoss. Zuerst erschrak die Prinzessin; als Johann aber auch das zweite und dritte Tuch hinlegte, sagte sie freudig: »Johann, wo du auch seist, gieb dich zu erkennen!« Da liess Johann den Wunschmantel fallen und gab der Königin von Siebenbürgen einen Kuss.
Nun galt es, den zweiten Bräutigam auf gütlichem Wege wieder los werden. Sie rief ihn beiseite und sprach zu ihm: »Ich hatte den Schlüssel zu meiner Truhe verloren und liess mir von dem Schlosser einen neuen anfertigen. Heute habe ich den alten wiedergefunden. Wen soll ich nun gebrauchen?« – »Ich dächte den alten,« sagte der Mann, »denn er wird sicher am besten schliessen.« – »So hast du selbst dein Schicksal entschieden,« versetzte die Königin, »heute habe ich den alten Bräutigam, der mich erlöst hat, wieder gefunden; da musst du weichen.«
Darauf setzte sich die Prinzessin mit Johann in den Wagen, und sie fuhren zur Kirche. Dort wurden sie getraut, und Johann ward König von Siebenbürgenland und herrschte mit seiner Frau darüber viele Jahre in Glück und Frieden; und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.
Es war einmal ein Bauer, der hatte drei Söhne; und weil sie alle drei stark gebaut und schlank gewachsen waren, nahm sie der König in sein Heer; doch als der jüngste eintrat, war der zweite schon Gefreiter und der älteste gar Unteroffizier. Sie hatten es gar nicht schlecht in dem bunten Rocke, aber gefallen wollte es ihnen darum doch nicht; denn es war Friedenszeit, und nirgends gab es etwas zu erobern. Sie verabredeten darum, auf und davon zu laufen, und als alle drei einmal gemeinsam auf Wache gezogen waren, führten sie ihren Plan aus und liefen, was sie laufen konnten, bis sie in einen grossen, finstern Wald kamen, der gar kein Ende nehmen wollte. Sie wanderten einen Tag und noch einen; aber es half ihnen nichts, sie waren im Walde und blieben im Walde. Endlich am Abend des dritten Tages, als es schon dunkel geworden war, sahen sie ein Licht durch die Bäume schimmern. Darauf gingen sie los, und es dauerte gar nicht lange, so standen sie vor einer kleinen Hütte; und als sie eingetreten waren, sass am Feuer ein steinaltes Weib mit schlohweissem Haar. »Mütterchen,« sagten die Brüder, »wir laufen seit drei Tagen im Walde umher ohne Weg und Steg; kannst du uns nicht zu essen geben und über Nacht bei dir behalten?« – »Meinetwegen, wenn ihr's wollt, könnt ihr bei mir bleiben,« antwortete die Alte und gab ihnen eine kräftige Suppe; und als sie satt geworden waren, wies sie ihnen ein Lager an, worauf sie ausschlafen konnten.
Am andern Morgen, als die Sonne aufging, weckte das Mütterchen die Schläfer und sagte: »Ihr habt in meinem Hause geschlafen und gegessen, dafür seid ihr mir Lohn schuldig; und es ist nicht viel, was ich verlange: Jede Nacht sollt ihr drei umschichtig mit mir das Lager teilen, bis ich euch wieder entlasse. Thut ihr das nicht, so kostet es euch das Leben!« – »Das ist hart,« dachten die Brüder; aber weil ihnen das Leben lieb war, gingen die beiden ältesten auf den Handel ein, nur der jüngste wollte davon nichts wissen und sprach: »Ja, wenn du ein hübsches, junges Mädchen wärest, da wollte ich nichts sagen; aber bei einem alten Weibe mag der Teufel liegen!« Die Worte kränkten die böse Hexe sehr; aber sie frass ihren Zorn in sich und gab ihm drei Tage Bedenkzeit. Thäte er es dann nicht, so müsse er sterben. Ausserdem langte sie drei Gewehre vom Nagel, gab jedem der Brüder eins und sprach zu ihnen: »Geht in den Wald und schiesst mir ein Wildbret, dass wir davon essen mögen, und trefft ihr nichts, so kostet es euch das Leben.« Da gingen die Brüder [312] in den Wald, der eine hierhin, der andere dorthin, und sie schossen auch Wildbret die Menge, nur der jüngste konnte nichts sehen. Endlich sprang vor ihm eine weisse Hirschkuh auf. Schnell legte er an; doch als er losdrücken wollte, war das Tier verschwunden. »Dass dich der Teufel!« rief er ärgerlich und setzte das Gewehr ab; indem hielt die weisse Hirschkuh auch wieder vor ihm und äste im Grase. Er legte zum zweiten und dritten Male an, aber es war dieselbe Geschichte; so lange er das Gewehr an der Backe hielt, war die Hirschkuh nirgends zu sehen, und sie wurde ihm erst wieder sichtbar, wenn er absetzte. Endlich gab er die Jagd auf; und da die Sonne sich ihrem Untergange neigte, kehrte er zu der kleinen Hütte zurück. Seine Brüder waren schon dort und wiesen dem Mütterchen die Hasen und Hühner, welche sie geschossen hatten. »Wo hast du deine Beute?« fragte die Hexe den jüngsten. »Ich habe nichts mitgebracht,« antwortete er. »Zweimal will ich es dir schenken,« versetzte die Alte, »bringst du aber auch den dritten Tag kein Wildbret nach Hause und weigerst du dich auch dann noch, bei mir zu schlafen, so ist dein Leben Gras.« Damit liess sie den Jungen stehen und besorgte das Abendbrot; und nachdem sie gegessen und getrunken hatten, legten sie sich nieder; und bis Mitternacht schlief der älteste Bruder an ihrer Seite und von Mitternacht bis Morgen der zweite. Sie hätte auch gar gerne den jüngsten bei sich gehabt und redete ihm wacker zu, er aber hatte taube Ohren und rückte und rührte sich nicht.
Den zweiten Tag gingen sie wieder auf Jagd. Doch es kam nicht anders, wie das erste Mal. Die beiden ältesten Brüder schossen mehr, als sie fortbringen konnten, dem jüngsten stiess weiter nichts auf, als die weisse Hirschkuh, ob er schon eine ganz andere Strecke gegangen war. Zehnmal legte er an, aber es half ihm nichts; sobald er schiessen wollte, war die Hirschkuh verschwunden. So trieb sie ihr Spiel mit dem Jungen, bis der Abend dämmerte und es hohe Zeit war, zur alten Hexe zurückzukehren. Die liess ihn hart an, dass er auch heute nichts mitgebracht habe, und schwur ihm zu, er müsse sterben, wenn er morgen wieder nichts träfe. »Aber alles soll dir vergeben sein,« fügte sie endlich hinzu, »wenn du, wie deine Brüder, ein Drittel der Nacht das Lager mit mir teilen willst.« – Bei dem Jungen nutzte jedoch alles Zureden nicht; wenn er auch nur noch einen Tag zu leben hatte, er wollte der alten Hexe den Gefallen nicht thun und schlief auf dem harten Lager alleine, während seine Brüder auf Eiderdaunen bei der Alten im Bette lagen.
Mit Sonnenaufgang gingen die drei, ihr Jagdglück von neuem zu versuchen. Dem Jüngsten stiess auch diesmal nichts anderes auf, als die weisse Hirschkuh; aber sie verschwand nicht vor seinen Augen, als er anlegen wollte, um sie zu erlegen, sondern that den Mund auf und sprach: »Schiess nicht, du Jägersmann, es wäre dein Unglück.« Antwortete der Junge: »Einen Hirsch, der sprechen kann, schiesse ich überhaupt nicht; aber schlecht wird's mir gehen, wenn ich heute kein Wildbret erjage.« – »Dein Wildbret darfst du nicht im Walde [313] suchen,« versetzte die weisse Hirschkuh, »kehr in die Hütte zurück und erschiess mit der Kugel, die du nun schon drei Tage im Laufe hast, die alte Hexe. Und wenn sie zu Boden gefallen ist, so schlag ihr den Kopf ab und wirf ihn in den Wald; und schneid ihr den Leib auf und reiss das Herz heraus und hack es in tausend Stücke. Dann kann sie nicht wieder aufwachen, und ich bin erlöst; denn ich bin eine verwünschte Prinzessin. Mein Reich ist jedoch weit, weit von hier gegen Morgen, und ich wohne im Schloss der goldenen Sonne. Da musst du mich aufsuchen; und damit du dahin gelangen kannst, stecke aus dem Geldkasten der Hexe drei Stücke zu dir, das sind Finanzgroschen. Wenn du dieselben bei dir trägst, wirst du in das Schloss der goldenen Sonne kommen.« Der Junge versprach der Hirschkuh, alles zu thun, wie sie ihm gesagt hatte, und kehrte auch sogleich in die Hütte zurück. »Warum kommst du so früh,« schalt die Hexe, »du kannst wohl den Tod nicht erwarten? oder hast du ein Wildbret erbeutet?« – »Mein Wildbret schiesse ich hier,« sagte der Junge und legte an, krach! ging der Schuss los, und gegen die Kugel, welche er drei Tage im Laufe getragen hatte, waren die Künste der Alten machtlos, sie fuhr ihr durch die Stirn in den Kopf hinein, dass der Bregen (Gehirn) an die Wand spritzte und die Hexe tot zu Boden sank. Damit war der Junge aber nicht zufrieden, sondern, wie ihm die Hirschkuh gesagt hatte, schnitt er der Hexe den Kopf ab und warf ihn in den Wald; dann riss er dem Leichnam das Herz aus dem Leibe und zerhackte es in tausend Stücke. Zu guter Letzt ging er in die Kammer und nahm aus dem Geldkasten drei Finanzgroschen heraus, steckte dieselben in seine Tasche und wanderte gegen Morgen, dem Schloss der goldenen Sonne zu.
Nachdem er Jahr und Tag gegangen war, kam er endlich an ein grosses, breites Wasser. »Fährmann,« rief er, »setz mich über!« Da kam der Fährmann heran gerudert. Das war aber ein grosser, starker Riese, der sprach zu dem Jungen: »Erdwürmchen, was suchst du hier? und wo willst du hin?« – »Ich will zum Schloss der goldenen Sonne,« antwortete der Junge, »das soll gegen Osten liegen, und ich kann hier nicht weiter.« – Sprach der Riese: »Wenn du zum Schloss der goldenen Sonne willst, so bist du auf dem rechten Wege,« nahm den Wanderer in den Kahn und setzte ihn über das Wasser. Am andern Ufer liess er ihn jedoch hart an und sprach zu ihm: »Erdwürmchen, jetzt gilt's dein Leben, wenn du das Fährgeld nicht bezahlen kannst.« – »Was willst du denn haben?« fragte der Junge. »Drei Finanzgroschen,« versetzte der Riese. Da griff der Junge in die Tasche und gab ihm das Geld. Sobald der Riese die Finanzgroschen erblickte, brüllte er laut auf und raufte sich die Haare aus dem Kopfe und schrie: »Ich bin betrogen! Ich bin betrogen! Du hast meine Mutter ermordet, denn niemand auf der Welt hat Finanzgroschen ausser ihr!« Sprach's und stieg in den Kahn zurück und machte, dass er so schnell, wie möglich, zu der Hütte im Walde kam. Richtig, da lag der blutige Rumpf der alten Hexe, aber Kopf [314] und Herz waren nirgends zu finden; das hatten die wilden Tiere des Waldes und die Vögel unter dem Himmel gefressen, und ohne Herz und Kopf konnte der Riese seiner Mutter nicht helfen, obgleich ihn die Hexe in Zauberkünsten von Jugend auf unterrichtet hatte. Sie war tot und blieb tot und konnte nirgends mehr ein Unglück anrichten.
Der Junge war inzwischen rüstig fortgeschritten; und es dauerte gar nicht lange, so sah er es vor sich blinken und blitzen, als wäre es die lichte Sonne. Aber die konnte es nicht sein, denn sie stand hoch am Himmel; er fragte darum die Leute, und diese sagten ihm: »Du kommst wohl aus fernen Landen, dass du das Schloss der goldenen Sonne nicht kennst!« Da war sein Herz aller Freuden voll, dass er zu dem Schlosse kam. Am Thore begegnete ihm eine wunderschöne Jungfrau. Als sie ihn erblickte, fiel sie ihm um den Hals und rief: »Du bist mein Erlöser, ich und die weisse Hirschkuh sind eins. Und wenn du willst, kannst du mich heiraten und König über das Schloss der goldenen Sonne werden.« Und ob der Junge das wollte! Er sagte sogleich ja, und alsbald wurde Verlobung gefeiert und Hochzeit gehalten; und er lebte mit der Prinzessin von dem Schlosse der goldenen Sonne in Glück und in Frieden ein ganzes Jahr.
Da überkam ihn die Sehnsucht nach seinen Eltern und Geschwistern, und er bat seine Frau, sie möge ihn ziehen lassen, dass er die Seinen besuche. »Lieber Mann,« antwortete die junge Königin, »nach Hause kannst du nicht reisen, denn der Weg ist weit, und Räuber versperren dir überall den Weg; aber ich werde meinen Bruder bitten, vielleicht nimmt er dich unter seinen Schutz und geleitet dich nach Hause.« – Damit ergriff die Königin einen Stock, drehte ihn um und stiess dreimal mit dem Knauf auf den Boden. Da that sich der Erdboden von einander, und ein kleines, buckliges Kerlchen kam zum Vorschein, das hatte einen langen, langen Bart und trug eine Keule in der Hand, so dick wie ein Scheffelmass. »Warum rufst du mich, Schwester?« schalt der Unterirdische und pustete vor Zorn; »Ich hatte unten eilig zu thun, und nun musste ich die tausend Meilen machen um deinetwillen.« – »Ach Bruder,« antwortete die Königin, »sei nicht so böse, es gilt meinem Mann.« Da wurde der Unterirdische noch zorniger und ward ganz kirschrot im Gesichte und rief: »Du hast einen Mann und sagst deinem leibhaftigen Bruder nichts davon?« Und dabei stiess er mit der grossen Keule auf den Erdboden, dass das ganze Schloss erbebte. Nun bekam es die Königin mit der Angst und erzählte ihm alles, wie es gekommen war und dass sie vor Glück und Wonne seiner ganz vergessen habe. Darüber beruhigte sich der Unterirdische ein wenig, und als er gehört hatte, dass seiner Schwester Mann seine Eltern und Geschwister besuchen wolle, sagte er zu dem König: »Schwager, was du willst, das geht schwer an; denn wo die Hütte der alten Hexe gestanden hat, da ist jetzt ein Räuberreich. Und deine Brüder sind schlimme Gesellen, die führen Arges gegen dich im [315] Schilde.« Antwortete der König: »Lieber kleiner Schwager, es ist nun einmal meines Herzens Wunsch, und wenn du mir helfen kannst, so hilf mir!« Da hiess ihn der Unterirdische sein bestes Kleid anziehen und Gold und Silber für seine Eltern in die Tasche stecken; und als er das gethan hatte, wanderten sie fort. Über das grosse Wasser setzte der kleine Schwager den König; und dann gingen sie, bis sie in dem finstern Walde an ein grosses, steinernes Haus kamen, das wie ein Krug aussah. Dort kehrten sie ein; und nachdem sie gegessen und getrunken hatten, liessen sie sich eine Stube geben und legten sich schlafen.
Um Mitternacht öffnete sich ganz leise die Thüre, und zwanzig Räuber schlichen herein, um die fremden Gäste zu ermorden. Aber der kleine Schwager schlief nicht, sondern sprang auf und schwang seine gewaltige Keule, und als er einmal zugeschlagen hatte, lagen auch schon alle zwanzig am Boden und rührten kein Glied mehr. Der König war darüber erwacht und fürchtete sich sehr; aber der Unterirdische beruhigte ihn, er möge schlafen bis zum lichten Morgen, jetzt würde ihn niemand mehr stören. Das that der König auch; und als die Sonne aufgegangen war, verliess er die Räuberhöhle und zog mit seinem kleinen Schwager weiter. Die folgende Nacht ging es ebenso. Sie kehrten wieder in einem Räuberhaus ein, und zwanzig Mann stellten ihnen nach dem Leben; aber der Unterirdische schlug mit seiner Keule alles kurz und klein, so dass sie ungehindert ihren Weg fortsetzen konnten. Endlich langten sie in dem Dorfe an, wo des Königs Eltern wohnten; seine Brüder waren auch da; denn es hatte sie nicht mehr in dem Walde gelitten, als die alte Hexe tot war, und sie waren auf ihres Vaters Hof zurückgekehrt. Als die beiden Brüder nun den König in seinem goldenen Kleide erblickten, trachteten sie ihm nach dem Leben, denn sie kannten ihn nicht und er hatte sich ihnen noch nicht zu erkennen gegeben. In der Nacht gingen sie mit dem langen Küchenmesser und dem Beile in die Kammer hinauf; aber ehe sie sich's versahen, hatte der Zwerg mit jeder Hand einen von ihnen am Fusse gepackt, schwang sie in der Luft herum und rief: »Schwager, was soll ich mit den Kerlen machen?« Da erwachte der König und rief: »Schenk ihnen das Leben; sie haben schlecht an mir gehandelt, aber es sind meine Brüder.« Da liess der Zwerg sie wieder los; aber die beiden Brüder fielen vor dem König auf den Boden und baten ihn um Vergebung, denn nun erkannten sie ihn wieder. Da erzählte er ihnen, dass er das Reich der goldenen Sonne beherrsche; und als der Tag anbrach, ging er mit ihnen zu Vater und Mutter, und es wurde ein frohes Wiedersehen gefeiert. Darauf liess er ihnen alles Gold und Silber, was er mitgebracht hatte, und kehrte mit dem Zwerge zum Schloss der goldenen Sonne zurück.
Nachdem sie dort angelangt waren, nahm der kleine Schwager den König beiseite und sprach zu ihm: »Ich hab' dich auf der Reise beschützt, jetzt thust du mir auch einen Gefallen und schlägst mir den Kopf ab.« – »Das fehlte auch noch,« sagte der König, »einen Schwager [316] habe ich nur!« Schrie der Zwerg zornig: »Thust du es nicht, so stosse ich mit der Keule auf, dass dein ganzes Königreich mit samt dem Schloss der goldenen Sonne auseinander wackelt.« Der König rief wohl: »Ich bin Bauernsohn und soll dem Königskinde das Haupt abschlagen!« aber es half ihm alles nichts, er musste das Schwert zücken. Schwapp! schlug er zu, und der Kopf sprang vom Rumpfe. Doch husch war er wieder oben, und statt des verwachsenen, krummbuckligen Zwerges stand ein schöner Prinz vor ihm. Der war nun ebenfalls erlöst und sein Reich mit ihm. Dahin zog er, nachdem er sich mit seinem Schwager und der Königin vom Schlosse der goldenen Sonne genugsam über die Erlösung gefreut hatte. Und die lebten hier und der dort in Glück und in Frieden bis an ihr seliges Ende; und wenn sie nicht gestorben sind, leben sie heute noch.
Es war einmal eine arme Frau, die wohnte auf einem Gute und hatte einen einzigen Sohn. Der musste, wie es auf dem Lande Sitte ist, des Winters zur Schule gehen und des Sommers die Schweine hüten. Als er nun eingesegnet war, missfiel ihm das Schweinejungen-Amt, und er klagte der Mutter sein Leid. Die lief zum Herrn und fragte, ob er nicht einen andern Dienst für ihren Sohn habe, das Schweinehüten stehe ihm nicht mehr an. Antwortete der Edelmann: »Wenn er die Schweine nicht hüten will, mag er sich vom Hofe scheren,« und damit war die Sache abgemacht. Doch nicht für den Jungen! Der setzte seiner Mutter so lange zu, bis sie den Korb unter den Arm nahm (denn ohne Korb kann eine Frau auf dem Lande nicht gehen) und mit ihm aus dem Dorfe wankte, um ihm einen neuen Dienst zu suchen, dem Edelmann zum Trotz; denn es wird ja auch sonst in der Welt Brot gebacken.
Es dauerte gar nicht lange, so kamen sie in einen Fichtentanger, und nachdem sie ein Weilchen darin gegangen waren, begegneten sie einem feinen Kutschwagen, der war mit vier schwarzen Rossen bespannt. Der feine Herr, der in dem Schlage sass, besah den Jungen von unten bis oben, dann sprach er zu der Mutter: »Wo wollt ihr hin, ihr beiden?« – »Ich will meinem Sohn einen andern Dienst verschaffen,« antwortete die Alte, »das Schweinehüten ist ihm über geworden.« – »Das ist auch ein hässliches Geschäft,« erwiderte der vornehme Herr, »gieb ihn mir in den Dienst! Ich will ihn kleiden und gut halten in Essen und Trinken, und ausserdem soll er dreihundert Thaler Lohn [317] bekommen für jedes Jahr.« Da sprang der alten Frau das Herz vor Freuden im Leibe; und als ihr der vornehme Herr obendrein fünfzig Thaler Mietsgeld in die Hand drückte, gab sie dem Jungen gute Worte, dass er sich ja nichts zu schulden kommen lasse, und darauf machte sie, dass sie wieder nach Hause zurück kam.
Der Junge war indessen zu dem Herrn in den Wagen gestiegen, und sie fuhren immer weiter und weiter, bis der Kutscher endlich tief im Walde vor einem grossen, schönen Hause hielt. »Mein Sohn,« sagte der vornehme Herr, als sie ausgestiegen waren, »dies hier ist mein Haus. Es hat zwölf Zimmer; elf davon musst du alle Tage ausfegen und säubern; aber das zwölfte darfst du niemals betreten, so lieb dir dein Leben ist. Für Essen und Trinken brauchst du nicht zu sorgen, das ist vorhanden, sobald du es begehrst.« Nachdem der Junge versprochen hatte, alles zu thun, wie ihm von dem Herrn befohlen war, stieg derselbe wieder in den Wagen hinein und fuhr fort. Der Junge verrichtete Tag für Tag seine Arbeit. Er fegte die Stuben und stäubte die Bücher ab, und die Zimmer sahen so sauber aus, dass es eine Freude war; auch liess er sich nie gelüsten, in das zwölfte Zimmer zu gehen. Wenn er aber essen und trinken wollte, stand sogleich vor ihm der Tisch gedeckt, und er konnte essen davon so viel, als sein Herz begehrte. – Nachdem das eine Jahr vergangen war, kehrte der vornehme Herr zurück und besah die Zimmer, lobte den Jungen und sprach: »Du bist ein treuer Diener! Nun komm, dass ich dir deinen Lohn auszahle!« – Der Junge wollte aber von Ablöhnung nichts wissen, und der Herr war es zufrieden und mietete ihn auch für das zweite Jahr. Das verstrich nicht anders, wie das erste; und als der letzte Tag vergangen war, kam der Herr zurück, um ihm die sechshundert Thaler Lohn einzuhändigen. »Nicht doch,« sprach der Junge, »warum wollt Ihr mich denn aus dem Hause jagen! Ich will gerne noch ein Jahr aushalten.« – »Meinetwegen,« antwortete der Herr; und der Junge versah auch das dritte Jahr seinen Dienst, wie er es vorher gethan hatte. Als jedoch der Morgen kam, dass der Herr heimkehren musste, liess ihm die Neugier keine Ruhe mehr, und er ging zu der verbotenen Thür, steckte den Schlüssel in's Schloss und drehte ihn herum. Krach! sprang die Thür auf, und er stand in einem grossen, luftigen Gemach.
Ihm gegenüber hing an der Wand ein kohlschwarzer Rabe, der war mit drei Nägeln an das Mauerwerk geschlagen und konnte sich nicht rücken und rühren. »Junge,« schrie er heiser, »gieb mir zu trinken, damit ich nicht vor Durst verschmachte.« Der Junge hatte ein gutes Herz; und weil auf dem Tische eine Schüssel mit Wasser stand und ein Schwamm zur Seite lag, tauchte er den Schwamm hinein, ging hin und träufelte einen Tropfen Wasser dem Raben in den Schnabel. In demselben Augenblick fiel einer von den drei Nägeln auf den Erdboden. Der Junge aber achtete nicht darauf und flösste dem Raben einen zweiten und dritten Tropfen in den Schnabel. Mit dem dritten Tropfen war aber auch der dritte Nagel [318] auf die Erde gefallen, und der Rabe rührte seine Schwingen und flog krächzend zum Fenster hinaus. Kaum war er draussen, so fiel ein kleines Büchlein vom Brette herab. Der Junge lief und stellte es wieder darauf; aber das half alles nichts, er hatte es hundert Mal hinaufgelegt, es fiel stets sogleich wieder herab, und es blieb ihm nichts übrig, als das Buch einzustecken, damit der Herr nicht dahinter käme. Er hatte es aber doch erfahren; denn noch desselbigen Tages kam er zurück und sprach: »Dein Glück, dass dein Jahr schon um war, als du in das verbotene Zimmer tratest. Aber, weil du die drei Jahre treu gedient hast, will ich dir ausser den neunhundert Thalern noch ein Kleid schenken, das bleibt unverändert, so lange du lebst.« Damit gab er dem Jungen einen Beutel mit Geld und ein herrliches Kleid, das war ganz steif von Gold. Das musste er anziehen; und darauf hiess ihn der Herr in den Wagen steigen, und der Kutscher fuhr ihn in den Fichtentanger und setzte ihn an derselben Stelle ab, wo er ihn aufgenommen hatte. Dann fuhr er zu seinem Herrn zurück; der Schweinejunge aber machte, dass er in das kleine Dörfchen zu seiner Mutter kam.
Der alten Frau zitterten die Knie, als sie den vornehmen Herrn in dem goldenen Kleide auf sich zukommen sah, und sie fragte ängstlich nach seinem Begehr. »Mutter,« rief er vergnügt, »kennst du mich denn nicht mehr? Ich bin doch erst drei Jahre in der Fremde gewesen!« Da glaubte sie, der feine Herr halte sie zum Narren, und sagte: »Nein, ich kenne Euch nicht!« – Nun hatten aber in der alten Zeit die Menschen Merkzeichen am Körper, dass man sie wieder erkennen könne, wenn sie verloren gegangen waren. Der Junge zog darum seinen Rock aus und wies ihr die Wehne an der linken Schulter. Jetzt erkannte sie ihr Kind, und sie war so erfreut darüber, dass sie, trotzdem ihr der Sohn es verbot, sogleich in's Dorf lief und von Haus zu Haus die Neuigkeit erzählte. – Der Junge sass inzwischen in der Stube und zählte sein Geld. Als er damit fertig war, gedachte er des kleinen Buches, das er noch im Busen trug. Neugierig zog er dasselbe hervor und schlug es auf; da stand ein grosser, schwarzer Kerl vor ihm und sprach: »Was befiehlt mein Herr König? Was er befiehlt, muss ich thun.« – »Vorläufig nichts,« antwortete der Junge, schlug das Buch wieder zu, und der schwarze Kerl war verschwunden. In seinem Innern aber freute sich der Junge; denn nun hätte er das Buch um alles in der Welt nicht von sich gegeben, da er wusste, was für eine Bewandtnis es damit hatte.
Als nun der Edelmann, der von dem Gerüchte gehört hatte, ihn bat, zu ihm auf das Schloss zu kommen, fragte er ihn, ob er ihm nicht das grosse Moor mit dem Berg dabei verkaufen wollte. Das Moor war nichts wert, und der Berg war zu steil, als dass man ihn beackern konnte; dem Edelmann war darum die Sache schon recht, und er wurde mit dem Jungen handelseinig, dass er für dreihundert Thaler das Moor mit dem Berge erhalten solle. Der Junge zog alsbald den Beutel aus der Tasche, zählte dem Herrn die Kaufsumme [319] bar auf den Tisch, und das Geschäft war geschlossen. »Der Narr kann sein Geld nicht früh genug los werden!« lachte der Edelmann, als der Junge vom Hofe ging. Der wusste aber wohl, was er wollte. Denn als er bei seiner Mutter Hause angelangt und der Abend gekommen war, nahm er sein Buch und schlug es auf. »Was befiehlt mein Herr König?« sagte der schwarze Kerl; »was er befiehlt, muss ich thun.« – »Ich will, dass du den grossen Berg in das Moor karrst und mir aus dem Bruchland das schönste Ackerland machst.« Damit schlug er das Buch zu, und der schwarze Kerl war verschwunden. Am andern Morgen schaute sich der Edelmann vergebens nach dem Berge um und dem Ellernbruch; davon war nirgends etwas zu sehen. Er schickte zu dem Jungen und fragte, wie er das gemacht habe. »Das hat mir Gott beschert,« liess der Junge ihm melden, und mit diesem Bescheid musste der Herr sich zufrieden geben.
Am folgenden Abend nahm der Junge wiederum das Buch hervor und schlug es auf; und als der schwarze Kerl ihn nach seinen Befehlen fragte, gebot er ihm, auf dem neuen Ackerland über Nacht das schönste Schloss unter der Sonne zu bauen. Und richtig, als der Morgen graute, stand das schönste Schloss unter der Sonne da, und des Edelmanns Schloss gegenüber nahm sich dagegen aus, wie eine Taglöhners-Hütte. Der Herr hatte kaum das prächtige Haus erblickt und von den Leuten vernommen, dass es dem Schweinejungen gehöre, als er sich zu Pferde setzte und hinüber ritt. »Lieber Herr,« sagte er freundlich und zog seinen Hut, was ein Edelmann nicht gerne thut, »wer hat Euch das herrliche Schloss gebaut?« – »Das hat mir Gott beschert,« antwortete der Junge. – »Das ist ja schön von dem lieben Gott,« meinte der Edelmann, »und nun wir Nachbarn geworden sind, könntet Ihr auch mein Schwiegersohn werden. Ich habe eine einzige Tochter, so in Euren Jahren, und sie wird Euch sicherlich gerne nehmen.« – »Schönen Dank,« erwiderte der Junge, »aber ich bin noch zu jung zum Freien, und einen Schweinejungen mag Eure Tochter erst gar nicht.« Da sah der Edelmann wohl ein, dass der Junge nicht wollte, und kehrte ärgerlich wieder auf sein Schloss zurück.
Es dauerte gar nicht lange, so vernahm der König des Landes von dem neuen Schloss, welches das schönste war unter der Sonne, und fuhr mit der Prinzessin hinaus, um es zu besehen. Richtig, es war so, wie die Leute ihm gemeldet hatten; und weil der Junge und die Prinzessin von Anfang an einander gut leiden mochten, verlobte der König die beiden, und es wurde Hochzeit gefeiert in grosser Pracht und Herrlichkeit. Dann zogen sie auf das schöne Schloss und lebten daselbst in Ruhe und Frieden ein ganzes Jahr. Die Prinzessin hatte ihrem Manne schon einen kleinen Sohn geschenkt, als eines Tages, während der Schlossherr auf der Jagd war, der erste General des Königs kam und der Prinzessin seinen Besuch machte.
Mit dem General hatte es aber seine eigene Bewandtnis. Der König hatte ihn früher wegen seiner Tapferkeit mit der Prinzessin verlobt; doch als die Kunde von dem neuen Schlosse kam, welches [320] das schönste war unter der Sonne, war er abgedankt wor den, und seine Braut wurde dem andern gegeben. Nun hatte er immer noch nicht die Prinzessin vergessen können, und darum war er in der Abwesenheit des Jungen auf das Schloss gegangen, um die Prinzessin zu fragen, woher ihr Mann so grosse Macht und den unermesslichen Reichtum besässe. Die Prinzessin mochte ihrem ersten Bräutigam die kleine Bitte nicht abschlagen und antwortete: »Droben auf dem Sims liegt ein kleines Buch; damit vermag er alles, was er will.« Da langte der General geschwind das Buch herab und schlug es auf. Alsbald stand der schwarze Kerl vor ihm und sprach: »Dir gehört zwar das Buch nicht, denn du hast es gestohlen; aber dennoch muss ich dir gehorchen und thun, was du willst.« Befahl der General: »Nimm das Schloss mit allem, was darin ist, und trag es weit fort in eine Gegend, wohin weder Sonne noch Mond scheint.« Dann schlug er das Buch zu, und das Schloss krachte und bebte in seinen Grundmauern, und es dauerte gar nicht lange, so stand es weit, weit am Ende der Welt in einer Gegend, die weder Sonne noch Mond beschienen.
Inzwischen war der Junge von der Jagd aus dem Walde zurückgekehrt; aber vergebens schaute er sich nach seinem Schlosse um. »Hast du nicht mein Schloss gesehen, welches das schönste ist unter der Sonne?« fragte er die Leute auf der Landstrasse; aber niemand hatte es gesehen und wusste, wohin es ge kommen sei. Da sprach der Junge: »Und wenn es am Ende der Welt ist, ich ruhe und raste nicht eher, als bis ich es gefunden habe!« Darauf machte er sich auf die Wanderschaft. Er zog von einem Dorf zum andern und von einer Stadt zur andern und von einem Land zum andern, durch Wald und Wiese, Berg und Thal, und fragte alle Leute, die ihm begegneten, nach dem schönsten Schloss unter der Sonne, aber keiner vermochte ihm Auskunft zu geben. So war er schon Jahr und Tag in der Welt umhergezogen, da kam er eines Abends spät an eine Hütte im Walde. Als er herein trat, war um ihn die Luft so mild und lau, und in der Stube sass vor dem Tische ein grosser Riese, der sprach freundlich zu ihm: »Woher und wohin?« Da erzählte ihm der Junge alles, wie es ihm ergangen war, und fragte ihn, ob er nicht das schönste Schloss unter der Sonne gesehen habe. Antwortete der Riese: »Ich bin der Westwind und habe vor Jahresfrist das Schloss oft genug gesehen und linde Lüfte hineingeblasen; aber wo es jetzt ist, das weiss ich nicht. Doch nun iss und trink mit mir und dann leg dich schlafen, dass ich dich morgen zu meinem Bruder bringe, der wird wohl wissen, wo das schönste Schloss unter der Sonne ist.« Darauf ass der Junge mit dem Westwind zu Nacht; und nachdem er satt geworden war und sich hingelegt und ausgeschlafen hatte, nahm ihn der Westwind auf seinen Rücken und fuhr mit ihm durch die Luft davon. Den ganzen Tag dauerte die Reise, und als es Abend wurde, langten sie wieder vor einer Hütte mitten im Walde an. Ringsherum war aber alles versengt und vertrocknet, denn in der [321] Hütte wohnte der Ostwind. »Guten Tag, Bruder,« sprach der Abendwind, »hier bringe ich dir einen guten Freund von mir, der möchte gern wissen, wohin sein Schloss gekommen ist, welches das schönste war unter der Sonne.« – Da sagte der Ostwind ebenfalls: »Gesehen hab' ich's vor Jahr und Tag oftmals, aber wo es jetzt hingekommen ist, weiss ich nicht. Doch ich werde morgen mit dem Manne zu unserm Bruder fliegen, dem wird es wohl bekannt sein.« Nachdem er das gesagt hatte, flog der Abendwind wieder zurück, der Junge aber blieb bei dem Ostwind, bis der Tag anbrach; dann musste er auf seinen Rücken steigen, und fort ging's, schneller, als der Vogel fliegt, bis sie endlich zur Abendzeit an eine Hütte im Walde gelangten, aus der eine grosse Hitze hervorkam; auch waren die Bäume ringsum ganz schwarz gebrannt. »Guten Abend, Bruder Südwind,« sagte der Ostwind, als sie in die Hütte getreten waren, »hier bring' ich dir einen Freund unsers kleinen Bruders, des Abendwindes, der möchte gern wissen, wohin sein Schloss gekommen ist, welches das schönste war unter der Sonne.« – »Ich kenne es wohl,« antwortete der Südwind, »aber wo es jetzt ist, weiss ich nicht; doch unser grosser Bruder wird's sicherlich wissen.« Sagte der Ostwind: »Bruder, so bring den Mann hin,« und als der Südwind ihm das versprochen hatte, flog er in sein Haus zurück.
Am andern Morgen fuhr der Junge auf dem Rücken des Südwindes durch die Luft davon. Zuerst war es sehr heiss und schwül, denn sie waren noch im Reiche des Südwindes; dann aber wurde es kühl und kühler, bis es endlich eine eisige Kälte war. Da langten sie auf den Abend vor einer Hütte an, die tief im Walde ganz in Schnee und Eis verborgen lag. »Guten Abend, Bruder Nordwind,« sagte der Südwind, als er die Thüre geöffnet hatte, »der kleine Bruder hat mir durch den Ostwind diesen Mann zugeschickt; der möchte gern wissen, wo sein Schloss geblieben ist, welches das schönste war unter der Sonne.« – »Das weiss ich auch nicht,« antwortete der Nordwind, »wo ich hinkomme, steht es nicht; aber Mutters Schwester wird's wissen.« – »Dann bring ihn zu ihr!« sagte der Südwind, und flog davon. Und der Nordwind that es auch, hiess den Jungen am andern Morgen auf seinen Rücken steigen und flog mit ihm, bis sie an's Ende der Welt, an das grosse Meer kamen. Dort stiess er dreimal mit dem Fusse auf den Sand, und alsbald stieg ein gewaltig grosses Riesenweib aus dem Meere heraus. »Guten Tag, Königin des Wassers und der Fische im Meer,« sagte der Nordwind, »mein kleiner Bruder hat diesen Mann dem Ostwind empfohlen, und der hat ihn zum Südwind gebracht, und der Südwind zu mir; er möchte gern wissen, wo sein Schloss geblieben ist, welches das schönste war unter der Sonne. Auf der Erde ist's nicht, sonst müsste ich's wissen, denn ich komme überall hin.« Sprach das Riesenweib zu dem Jungen: »Komm mit mir!« und er stieg mit ihr in das Meer hinein, und sie sahen überall hin; aber von dem schönsten Schloss unter der Sonne war nirgends etwas zu sehen. Da war der Junge [322] sehr betrübt und fing an zu weinen. »Weine nicht,« antwortete die Königin des Wassers, »noch ist nicht alles verloren; ich habe eine Tochter, die herrscht über das Innere der Erde, die mag am Ende wissen, wohin das schönste Schloss unter der Sonne gekommen ist,« und damit ging sie mit ihm, wo ihre Tochter wohnte.
Als sie dort angekommen waren, sprach sie: »Mein Kind, der Vetter Ostwind möchte diesem Manne helfen; dem ist sein Schloss verloren gegangen, welches das schönste war unter der Sonne. Weisst du nicht, wo es ist?« Da nahm die Tochter ein kleines Glöckchen und klingelte, und sogleich kam alles Gewürm der ganzen Erde herbei und stellte sich auf in Scharen unter ihren Königen. »Seid ihr alle beisammen?« fragte die Riesentochter. Da trat der Mauskönig hervor und sprach: »Mir fehlt noch eine Maus.« Nun warteten sie noch einen ganzen Tag, da kam das kleine Mäuschen herangesprungen. »Warum bleibst du so lange?« fragte die Königin der Erde. Und das Mäuschen antwortete: »Ich wohne in dem Schlosse, welches das schönste ist unter der Sonne; aber die Mauern sind neu und stark, und ich musste einen ganzen Tag nagen und fressen, dass ich durch kam.« – »Es ist gut,« sagte die Königin und, nachdem sie alles Gewürm wieder entlassen hatte, befahl sie dem Mäuschen, dass es den fremden Mann zu dem Schlosse bringe. Da gingen sie zusammen lange Zeit, bis sie endlich an das Schloss kamen; aber es war stockfinstere Nacht um sie her. »Liebes Mäuschen,« sprach der Junge, »nun hast du mich so weit gebracht, jetzt musst du mir auch weiter helfen. Schaff mir das Wunderbüchlein.« Antwortete das Mäuschen: »Das wird schlecht gehen; denn der böse General hat's immer unter seinem Kopfkissen zu liegen, wenn er schläft, und den Tag über trägt er es bei sich!« Aber weil es ein gutes Herz hatte, kroch es hinein in das Schloss und passte die Gelegenheit ab, bis der General schlief. Da kroch es unter das Kopfkissen und zupfte an dem Buche. »Wer ist da?« rief der General und erwachte. »Sei doch nicht so zornig,« besänftigte ihn die Prinzessin, welche neben ihm im Bette lag, »es wird das kleine Mäuschen sein, mit dem unser Kind immer spielt.« Da beruhigte sich der General und schlief wieder ein. Sobald das Mäuschen ihn schnarchen hörte, zupfte es zum zweiten Male, so stark es konnte, und hatte das Zauberbüchlein beinahe herausgebracht. Indem erwachte der General und ward bitterböse und rief: »Das dumme Tier lässt mich nicht schlafen. Ich schlage es tot.« – »Nicht doch, Männchen,« bat die Prinzessin, »es ist unsers Kindes einziger Spielgesell; töte es nicht!« Da liess sich der General bereden, und nachdem er sich noch ein paar Mal hin und her geworfen hatte, schlief er so fest, wie vorher. »Jetzt gilt's!« dachte das Mäuschen und zupfte das Zauberbüchlein ganz heraus und machte, dass es damit aus dem Schlosse kam. Und die Eile tat not; denn der General war wieder erwacht und tobte und fluchte erschrecklich und hätte das Mäuschen sicherlich umgebracht, wenn er es nur erwischt hätte. Das war aber inzwischen zu dem Jungen gelangt und übergab ihm das Buch. Sogleich [323] schlug er es auf, und der schwarze Kerl erschien und fragte: »Was befiehlt mein Herr König?« und lachte dabei über das ganze Gesicht, so freute er sich, seinen alten Herrn wieder zu haben. Der Junge aber sagte: »Ich befehle, dass alles, was in dem Schlosse ist, in einen festen Schlaf verfällt und nicht eher erwacht, als bis ich es haben will. Sodann will ich, dass das Schloss mit allem, was darinnen ist, und mit mir und dem Mäuschen wieder an der alten Stelle steht, wo es vorher gestanden hat.« Es dauerte auch gar nicht lange, so waren die Befehle erfüllt, und die Leute auf der Strasse konnten wieder ihr Herz erfreuen an dem schönsten Schloss unter der Sonne.
Der Junge aber ging hin und tröstete seine alte Mutter, die ihn schon längst für tot beweint hatte; dann machte er sich auf den Weg in die Stadt und bat den König, dass er mit ihm käme. Das that der König auch, und als sie beide in das Schloss traten und in die Schlafkammer kamen, wo die Prinzessin und der General im Bette lagen und schliefen, sagte der Junge: »Ich habe mit Wind und Sturm, mit Frost und Hitze, mit Wasser über der Erde und unter der Erde gekämpft, dass ich mein Schloss wieder bekäme. Jetzt sage: Was hat der Bösewicht verdient, der deine Tochter entführte und mir die schweren Arbeiten bereitet hat?« Rief der alte König zornig: »Es ist mein bester Feldherr, aber er hat sich so schwer vergangen, dass er verdient, mit vier Ochsen auseinander getrieben zu werden.« Da liess ihn der Junge erwachen, und sogleich wurde ihm an jeden Arm und an jedes Bein ein wilder Stier gespannt, die rissen ihn auseinander. Darauf wurde ein mächtiges Feuer angezündet, und darein warfen die Henkersknechte den zerrissenen Leichnam, dass er verbrannte und nichts übrig blieb als ein Häufchen weisser Asche, die in die vier Winde verwehte.
Nun liess der Junge auch die Prinzessin wieder erwachen, und nachdem sie erzählt hatte, wie alles ge kommen war, sprach er: »Du hast zwar mein Glück leichtsinnig aus der Hand gegeben, aber um unseres Kindes willen soll dir vergeben werden.« Damit war auch der alte König einverstanden, und es wurde noch einmal Hochzeit gefeiert, und sie lebten von nun an mit ihrem Sohne in Glück und Frieden bis an ihr Lebensende. Auch das kleine Mäuschen haben sie nicht vergessen; und wenn es nicht gestorben ist, lebt es noch bis auf den heutigen Tag.
Es war einmal ein alter Jude, das war ein grosser Zauberer, und durch seine Zauberei hatte er es zuwege gebracht, dass er einen Berg in die Höhe steigen liess, der sich jeden Johannistag um Mittag zwischen elf und zwölf öffnete. Er wäre nun gerne selbst hineingegangen, doch er konnte nicht; denn seiner Sünden Last war zu gross, als dass ihn der Berg in seinem Innern gelitten hätte. Er befahl darum seinem Kutscher, die Pferde vor den Wagen zu spannen, damit er ausführe und einen Menschen suche, wie er ihn brauchen konnte. Er war schon eine gute Weile gefahren, da führte ihn sein Weg bei einem Hofe vorbei, in dem ein Bauer mit seiner Frau und seinen sieben Söhnen hauste. Dort stieg er aus und trat in die Stube. »Ich habe nichts zu handeln!« rief ihm der Bauer zu. – »Das will ich auch gar nicht,« antwortete der Jude, »ich will für guten Lohn eins eurer Kinder auf ein Jahr dingen.« – »Das lässt sich hören,« versetzte der Bauer, »such dir von den Jungen einen aus; nur den ältesten darfst du nicht nehmen, der muss mir in der Wirtschaft zur Hand gehen!« Der Jude liess darauf die sechs anderen Söhne vor sich treten und sah einem jeden scharf in's Gesicht; endlich griff er den dritten heraus und sprach zu dem Bauern: »Den will ich haben! Für Kleidung werde ich sorgen, und über's Jahr bring' ich ihn Euch zurück, und er trägt einen Lohn in der Tasche, dass Ihr Eure Freude daran haben sollt.« Da wurde der Handel abgeschlossen, der Junge musste zu dem Kutscher auf den Bock, und sie fuhren in des Juden Wohnung zurück.
Dort hatte es der Bursche besser, als bei seinem Vater. Der Jude zog ihm schöne Kleider an und gab ihm täglich Braten zu essen und Wein zu trinken, dass er sein Lebtag keinen bessern Dienst wünschen konnte. Als nun der Johannistag kam, nahm der Jude den Jungen mit sich hinaus und führte ihn an den Berg; und als die Uhr elf schlug und der Berg sich von einander that, steckte er ihm einen Ring an den Finger und sprach zu ihm: »Mein Sohn, geh in den Berg! Und wenn du ein Endchen gegangen bist, so wirst du ein kleines Häuschen finden. Darin ist eine Stube, und in der Stube steht ein Ofen, und unter dem Ofen liegt ein altes, verrostetes Schloss. Das nimm zu dir und bring es mir eilends heraus. Halte dich auch nicht drinnen auf, es wäre dein Unglück.« Der Junge versprach dem Juden, dass er genau so thun wolle, und ging in den Berg. Er fand alles so, wie es ihm der Jude beschrieben [325] hatte; doch nachdem er das Schloss unter dem Ofen gefunden und zu sich gesteckt hatte, konnte er sich nicht abwenden von den glimmernden, glitzernden Kugeln, die in der Stube lagen und funkelten, wie die Sterne. Er machte sich dabei und steckte die Taschen davon voll; doch, o weh, gerade als er aus dem Häuschen trat und wieder zurückkehren wollte, schlug der Berg zu, und er war gefangen und wusste nicht, wo aus noch ein. In seiner Not fing er an zu weinen und rang die Hände, und dabei drehte er den Ring, den ihm der Jude an den Finger gestreift hatte. In demselben Augenblicke stand auch schon ein schwarzer Kerl vor ihm und sprach: »Was befiehlt mein Herr König?« – »Ich habe dich gar nicht gerufen,« antwortete der Junge voll Furcht; da verschwand der schwarze Kerl wieder. Eine Zeit lang rückte und rührte er sich nicht; endlich stürzten ihm die Thränen wieder aus den Augen, und er rang verzweifelt die Hände, so dass sich der Ring um den Finger drehte. »Was befiehlt mein Herr König?« fragte es da wieder, und der schwarze Kerl stand vor ihm. »Ich habe dich nicht gerufen,« versetzte der Junge zum zweiten Male und war froh, dass der Schwarze verschwand. Indem er aber so nachdachte, was der Kerl eigentlich bei ihm wolle, fiel ihm ein, die Kraft möge vielleicht in dem Ringe sitzen. »Du willst es doch noch einmal versuchen,« sprach er bei sich und drehte den Ring mit den Fingern. Da stand der schwarze Kerl zum dritten Male vor ihm und fragte: »Was befiehlt mein Herr König?« – Jetzt sah der Junge ein, dass es ein Geist sei, der ihm um des Ringes willen gehorchen müsse, und er antwortete dreist: »Ich befehle dir, dass du mich aus dem Berge heraus schaffst.« Kaum hatte der Junge die Worte gesprochen, so ergriff ihn der Schwarze mit beiden Händen, und es dauerte gar nicht lange, so hatte er ihn dicht vor seines Vaters Hof auf die Erde niedergesetzt und war verschwunden. Der Junge aber schritt durch das Thor auf den Hof und sagte Vater und Mutter guten Tag. »Ist dein Jahr aber zeitig aus!« rief der Bauer verwundert. »Hat dich dein Herr nicht brauchen können, und was für einen Lohn hat er dir gegeben?« Der Junge griff in die Taschen, zog die glänzenden Kugeln heraus und sprach; »Dies ist mein Lohn! Vater, fahrt in die Stadt und verkauft mir die Dinger bei dem Juden.« – »Es sind hübsche Kugeln,« dachte der Bauer, »die mögen wohl drei Thaler wert sein oder auch vier.« Dann steckte er sie alle in die Tasche hinein; nur fünf behielt der Junge zurück, und das waren die schönsten und grössten, die unter allen zu finden waren.
Als der Bauer in der Stadt war, kam sogleich ein Jude auf ihn zu, wie die Juden zu thun pflegen, und rief: »Bauer, nichts zu handeln, nichts zu schachern?« – »Nicht viel, aber etwas,« sagte der Bauer und zog eine Hand voll Kugeln aus der Tasche heraus. »Das Geschäft machen wir zu Hause, nicht auf der Strasse,« sagte der Jude hastig und zog ihn mit sich in seine Wohnung. Als sie in der Stube waren und der Bauer die Kugeln auf dem Tische ausgepackt hatte, sagte der Jude: »Bauer, ich gebe Euch für den ganzen Kram [326] dreihundert Thaler.« – »Nee Ken, nee Ken, nee Ken, nee!« antwortete der Bauer, welcher glaubte, der Jude wolle ihn zum Narren halten. »Gut,« erwiederte der Jude, »du willst haben Geld! Hier sind sechshundert Thaler!« Der Bauer rief aber wieder: »Nee Ken, nee Ken, nee Ken, nee!« denn dass die Kugeln so viel wert seien, das konnte er gar nicht glauben. »Ich gebe neunhundert,« schrie der Jude; der Bauer blieb bei seinem: »Nee Ken, nee Ken, nee Ken, nee!« »Jetzt sprichst du kein Wort,« rief der Jude, »und ich zahle dir tausend Thaler.« Und da der Bauer vor Verwunderung nicht wusste, was er sagen sollte, zahlte er schnell die tausend Thaler auf das Brett. Wer war froher, als der Bauer; er liess dem Juden die Kugeln und machte, dass er mit dem Gelde nach Hause kam.
»Vater, was hast du bekommen?« rief ihm der Junge schon von weitem entgegen. »Mein Sohn,« antwortete der Bauer, »du warst mit dem Dienste nicht betrogen! Ich habe tausend Thaler für die Kugeln erhalten.« – »Das dachte ich mir gleich, Vater,« erwiderte der Junge, »dass es keine gewöhnlichen Kugeln, sondern eitel Edelgestein sei. Hier sind noch die fünf grössten, die habe ich zurückbehalten. Geh damit noch einmal in die Stadt, Vater, und bring sie der Prinzessin, dass sie dieselben als Geschenk von mir nehme.« Der Vater dachte: »Hat dir der Junge tausend Thaler eingebracht, so kannst du auch einen Gang für ihn thun,« nahm die fünf Kugeln, steckte sie in die Tasche und ging damit in des Königs Schloss, wo die Prinzessin neben ihrem Vater sass. »Dies schickt Euch mein Sohn!« sagte er und reichte ihr die Kugeln dar. »Hast du solch einen Sohn!« riefen die Prinzessin und der König mit einem Munde; denn die fünf Edelsteine waren mehr wert, als ihr halbes Königreich. »Bring ihn schnell her, dass er vor uns erscheine!« Der Bauer machte seinen Kratzfuss und kehrte wieder auf seinen Hof zurück. »Das hast du davon,« sagte er ärgerlich, »nun sollst du zu dem König kommen! Ich geh' aber nicht mit. Iss du nur die Suppe allein aus, die du dir eingebrockt hast!« Der Junge zog sich darauf seine besten Kleider an und ging in die Stadt auf des Königs Schloss. »Du sollst unsern Dank haben für die fünf schönen Edelsteine,« sagte der König; die Prinzessin sagte aber gar nichts, die sah dem Jungen immerfort in's Gesicht; und je mehr sie ihn ansah, um so mehr verliebte sie sich in ihn. Sie nahm darum den alten König beiseite und sprach zu ihm: »Väterchen, der Mann hat Euch so viel Reichtümer geschenkt, den könntet Ihr mir wohl zum Manne geben!« – »Aber, Kindchen,« antwortete der König, »sein Vater ist ja nur ein ganz gemeiner Bauersmann!« – »Zu den dummsten gehört sein Sohn aber nicht,« versetzte die Prinzessin, »sonst hätte er die Edelsteine nicht eben mir geschickt,« und sie bat und quälte so lange, bis der König ihren Worten willfahrte und sie mit dem Jungen verlobte.
Den andern Tag sollte die Hochzeit sein. Da machte der Junge schnell, dass er nach Hause kam und den Ring und das Schloss [327] holte; denn die Sachen pflegte er niemals bei sich zu tragen, aus Furcht, er möchte sie verlieren. Als er nun wieder in der Stadt war, ging er an einen heimlichen Ort in des Königs Garten, rieb seinen Ring und sprach zu dem schwarzen Kerle: »Ich will ein Schloss haben, so schön und noch schöner, wie des Königs Schloss, und dort drüben auf dem Berge, da soll es stehen!« Antwortete der Schwarze: »Mir ist die Luft unterthan; ich kann dir das Schloss nicht bauen. Doch was braucht Ihr auch mich dazu! Schüttelt das alte verrostete Schloss, das Ihr in dem Häuschen im Berge unter dem Ofen gefunden habt, und Ihr werdet haben, was Ihr haben wollt.« Nachdem der schwarze Kerl wieder verschwunden war, ergriff der Junge das Schloss und schüttelte es aus Leibeskräften. Sogleich standen drei gewaltige Riesen vor ihm und riefen: »Was befiehlt unser Herr König?« – Der Junge kannte solche Besuche durch seinen Ring schon, darum erschrak er auch gar nicht und antwortete ohne Zögern: »Ich befehle, dass ihr mir bis morgen früh ein Schloss baut, dort drüben auf jenem Berge, so schön, wie des Königs Schloss, und noch schöner.« Die Riesen verschwanden, und der Junge kehrte zur Prinzessin zurück. Am andern Morgen fuhren sie mit dem König und dem ganzen Hofstaat zur Trauung. Da rissen aber allesamt die Augen auf, als sie das prächtige Schloss auf dem Berge erblickten. »Wer hat sich das Schloss über Nacht erbauen lassen!« rief der König verwundert. »Das habe ich gethan,« antwortete der Junge, »denn wer eine Frau hat, muss auch ein eigenes Haus haben, dass er darin wohnen kann.« – »Siehst du, Väterchen,« sprach die Prinzessin, »mein Mann ist der Dummste nicht.« Das muste der König jetzt auch zugeben, und nachdem die Hochzeit gefeiert war, zog der Junge als ein Prinz und des Königs Schwiegersohn auf das prächtige Schloss, und er wohnte dort mitsamt der Prinzessin lange Zeit. Den Ring und das alte verrostete Schloss aber hatte er in ein kleines Kästchen gepackt und in ein besonderes Zimmer im Schlosse gestellt, und damit niemand hinzukäme, hatte er der Prinzessin den Schlüssel übergeben und ihr geboten, ja nicht hineinzugehen. Und das war nötig; denn er hatte sich, als er Prinz geworden war, wie alle Königssöhne, das Jagen angenommen, damit er sich die Zeit vertriebe, und er war oft den lieben langen Tag draussen im grünen Walde hinter den Hirschen und Rehen her.
Inzwischen hatte der alte Jude eines Tages in den Zauberspiegel geguckt, und da hatte er denn gesehen, wie des Bauern Sohn die Prinzessin geheiratet habe und ein königlicher Prinz geworden sei. Auch konnte er in dem Spiegel das prächtige Schloss sehen und in dem Schlosse in dem besonderen Zimmer die beiden Wunschdinge, wie sie in einem Kasten lagen, der mitten in der Stube auf dem Tische stand. Das ärgerte den alten Juden sehr, und er kleidete sich als ein Baumeister aus und sprach an einem Morgen, als der Prinz eben wieder auf die Jagd geritten war, in dem Schlosse vor. »Prinzessin,« sprach er, als er vor der Königstochter stand, »rettet mir [328] das Leben! Der König, in dessen Lande ich wohne, hat mir befohlen, ein Schloss zu bauen, genau so, wie dieses ist; und bringe ich es nicht fertig, so lässt er mich an den höchsten Galgen hängen. Darf ich mir das Schloss wohl beschauen?« Der Königstochter that es im Herzen wohl, dass ein Baumeister so weit gereist komme, um ihres Mannes Schloss zu sehen, und sie erlaubte ihm, es von aussen und von innen abzuzeichnen. Nur in die verbotene Stube liess sie ihn nicht. Nachdem der Zauberer jedoch mit allem andern fertig geworden war, wollte er auch das letzte Zimmer sehen. »Wird das Schloss nicht ganz so, wie dieses ist, so ist mein Leben Gras!« sprach er, und das that der Königstochter so leid, dass sie sagte: »Ich darf nicht hinein, mir hat es mein Mann verboten. Doch du magst es geschwind einmal beschauen. Halt aber reinen Mund und sag meinem Mann nichts davon!« Kaum hatte sie den Schlüssel im Schloss herumgedreht und die Thür geöffnet, so war der Jude auch schon drinnen, hatte den Kasten geöffnet, das verrostete Schloss herausgenommen und geschüttelt. »Was will der verfluchte Jude von uns?« sagten die drei Riesen; denn sie ärgerten sich, dass sie dem Erzschelm gehorchen sollten. »Ich befehle euch,« sprach der Zauberer, »dass ihr das Schloss samt der Prinzessin auf eine Insel im Meere tragt. Den Bauernprinzen aber nehmt ihr und tretet ihn auf der Nachbarinsel in den Sumpf hinein.« Kaum hatte der Jude die Worte gesprochen, so flogen auch die drei Riesen mit dem Schlosse und allem, was darinnen war, durch die Luft davon und setzten es auf der Insel nieder. Dann griffen sie den Prinzen im Walde und trugen ihn auf die Nachbarinsel und traten ihn mit ihren Füssen in den Sumpf hinein; sie machten es aber nicht allzu arg, so dass er das Leben behielt und, nachdem die Riesen verschwunden waren, sich wieder aus dem Moraste herausarbeiten konnte.
Da sass er nun auf der kleinen Insel und konnte über das Meer weg von der andern Insel her sein Schloss schimmern sehen und durfte doch nicht hinüber. Und als er Hunger hatte, war kein Diener da, der ihm Braten und Wein auftrug; er musste sich von dem Kräuterwesen nähren, das in dem Sumpfe wuchs. So verging eine geraume Zeit, und wenn er sich Kräuter genug gesucht und damit seinen Hunger gestillt hatte, ging er immer am Strande auf und ab und schaute nach dem Schlosse hinüber, in dem seine Prinzessin wohnte. Als er nun eines Tages wieder am Strande umherwandelte, erblickte er eine weisse Katze, die im Wasser Fische fing, sie mit den Pfoten auf den Sand warf und dann frass. »Kätzchen,« sagte er freundlich und strich dem Tiere mit der Hand den weissen Buckel, »Kätzchen, wir wollen halb Part machen; ich brate die Fische, und wir verspeisen sie dann gemeinsam.« Damit fachte er ein Feuer an, steckte die Fische, welche das Kätzchen gefangen hatte, an den Spiess und briet sie über der Flamme. Und als sie gar waren, gab er dem Kätzchen einen Teil, und einen Teil behielt er für sich. Das gefiel dem Kätzchen, und es wurde mit dem Prinzen gut freund, und fing noch [329] einmal so viel Fische, als es früher gefangen hatte, damit sein Kamerad nicht mehr das Kräuterwesen zu essen brauche. Und wenn sie satt waren, erzählten sie einander etwas. Der Prinz wusste die schönsten Geschichten, und das Kätzchen hörte ihm gerne zu; aber antworten konnte es ihm nicht, sondern sprach nur: »Miau, miau, miau!«
Eines Morgens sagte der Prinz: »Kätzchen mein, du könntest mir helfen! Schwimm über den Meeresarm zu dem Schlosse. Darin ist ein verschlossenes Zimmer; und in dem Zimmer liegt in einem Kästchen auf dem Tisch ein goldener Ring. Bringst du mir den Ring, so ist es mein Glück und soll dein Schade nicht sein.« – »Miau!« rief das Kätzchen und sprang in das Meer, und es dauerte gar nicht lange, so war es über das Wasser geschwommen und stand vor dem Schlosse und kratzte mit den weissen Pfötchen an die Thüre und rief: »Miau, miau, miau!« Die Prinzessin hörte das Schreien, dachte: »Was will das Kätzchen?« und that ihm auf. »Miau, miau, miau!« rief das Kätzchen wieder und lief in das Schloss hinein und sprang von einem Zimmer zum andern. Bei der verbotenen Stube machte es halt, kratzte mit den Pfötchen an die Thüre und rief: »Miau, miau, miau!« – »Miaue nur, mein weisses Kätzchen,« sprach die Prinzessin, »hier darfst du doch nicht hinein.« Das Kätzchen that aber so freundlich und sah die Prinzessin so liebevoll an, und dann kratzte es wieder und rief dabei: »Miau, miau, miau!« Dachte die Königstochter: »Du hast den fremden Baumeister hineingelassen, dann darf am Ende auch das weisse Kätzchen die Stube besehen,« und schloss ihm die Thür auf. Husch! war das Kätzchen drinnen, hatte den Deckel aufgethan und lief mit dem Ring im Maule wieder davon. »Kätzchen, wo willst du mit dem Ring hin!« rief die Prinzessin und wollte es greifen; aber das Kätzchen war schneller, und ehe die Prinzessin an die Thür gekommen war, war es schon im Meere und schwamm der andern Insel zu. Der Prinz sah es von weitem kommen, freute sich und sprach: »Kätzchen, hast du den Ring?« – »Miau!« antwortete das Kätzchen; da fiel ihm aber der Ring aus dem Maule und sank in das tiefe Meer hinab.
Nun war die Freude in eitel Traurigkeit verkehrt. Der Prinz weinte, dass ihm die Thränen die Backen herabflossen, und das Kätzchen hätte auch geweint, wenn ein Kätzchen weinen könnte. So aber machte es nur ein betrübtes Gesicht. Als der Prinz das sah, strich er ihm seinen weissen Buckel und sprach: »Du bist unschuldig, mein gutes Kätzchen; hätte ich dir nicht zugerufen, du hättest mir den Ring gebracht.« Sie waren darauf noch ein paar Tage traurig, endlich dachten sie nicht mehr an den Ring und lebten fort, wie sie vorher ihr Leben zugebracht hatten. – Eines Tages steckte der Prinz wieder die Fische an den Spiess, die das weisse Kätzchen aus dem Meere gefangen hatte, und diesmal war auch ein ganz grosser darunter, so gross, wie sie ihn noch niemals gehabt hatten. Als er gebraten war, nahm ihn der Prinz und brach ihn auseinander, damit er einen Teil ässe und einen Teil das Kätzchen. Da machte es: [330] Kling! kling! und ein goldener Ring fiel auf die Kieselsteine herab. »Das ist ja mein Ring,« rief der Prinz erfreut, »Kätzchen, jetzt haben wir die längste Zeit selbstgefangene und selbstgebratene Fische gegessen!« Und damit rieb er den Ring zwischen den Fingern, und sogleich stand der grosse, schwarze Kerl vor ihm und sprach: »Was befiehlt mein Herr König?« – »Bring mir das verrostete Schloss hierher!« befahl der Prinz, und alsbald war der schwarze Kerl verschwunden, und es dauerte gar nicht lange, so legte er das verrostete Schloss vor ihm nieder. Jetzt schüttelte der Prinz auch das Schloss, und als die drei Riesen erschienen, sprach er zu den vieren: »Jetzt greift mir den bösen Zauberer und reisst ihn auseinander und legt in die vier Ecken der Welt je ein Stück von ihm.« Das thaten die Riesen und der schwarze Kerl, und als sie damit fertig waren, befahl ihnen der Prinz, dass sie das Schloss und die Prinzessin und ihn samt seinem Kätzchen wieder dahin brächten, wo sie es auf das Geheiss des alten Juden her genommen hatten. Die Riesen gehorchten, und über ein kleines Weilchen, so stand das prächtige Schloss wieder auf dem Berge, gerade gegenüber des Königs Haus. Dort lebte der Prinz mit der Königstochter und dem weissen Kätzchen noch lange Jahre in Glück und in Frieden, und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie heute noch.
Es waren einmal ein König und eine Königin, die hatten eine sehr schöne Tochter. Nun geschah es, als der König eines Tages auf die Jagd geritten war, dass ein fein gekleideter Herr zu der Königin kam und sie bat, ihm die Prinzessin zur Frau zu geben. »Das kann ich nicht bestimmen,« sagte die Königin, »wartet, bis mein Mann nach Hause kommt.« Das war der vornehme Herr zufrieden, und als der König von der Jagd heimkehrte, trug er ihm sein Anliegen vor. Dem König gefiel der Freiersmann, und er sagte ja zu der Rede, wollte aber die Hochzeit noch ein wenig hinausgeschoben haben. Der Fremde liess sich das gefallen und blieb indessen an des Königs Hof.
Es begab sich aber, dass der Herr mit der Prinzessin zum Vergnügen in den Wald fuhr. Da kamen sie nach einer kleinen Weile in ein grosses Bruch, und als sie da so recht mitten in der tiefsten Wildnis waren, that es auf einmal einen lauten Knall, und statt des vornehmen Herrn sass ein weisser Wolf in dem Wagen. [331] Der befahl der Königstochter, ihn zu lausen, und als sie ihm zitternd gehorchte, fand sie in seinem Pelz eine allmächtig grosse Laus. »Leg sie in den Weg!« befahl der weisse Wolf, und als die Prinzessin nach seinen Worten gethan hatte, fuhr er fort: »Sollte es geschehen, dass ein Wagen über die Laus hinweg fahren würde, so muss ich verschwinden und dich allein im Walde lassen.« Kaum hatte er zu Ende gesprochen, so rollte auch schon eine prächtige Kutsche des Weges daher, und eine Dame sass darin; das war die Frau des weissen Wolfes, der längst verheiratet war und schon kleine Kinder hatte. Die Kutsche kam näher und näher und fuhr gerade über die Laus hinweg. Da zerplatzte sie mit einem lauten Knall, und im Augenblick waren der prächtige Wagen und die Dame und der weisse Wolf verschwunden, und die Prinzessin stand allein in dem wilden Walde.
Da war sie nun in grosser Angst und Not und wusste nicht aus noch ein und irrte rat- und hilflos viele Tage lang zwischen den Bäumen umher und nährte sich von Wurzeln und Beeren. Endlich begegnete sie einem Kesselflicker, den fragte sie, ob er nicht einen fein gekleideten Herrn gesehen habe. »Ich habe niemand gesehen!« antwortete der Kesselflicker, und die Prinzessin musste auf's Geratewohl ihre beschwerliche Wanderung fortsetzen. Über ein paar Tage traf sie einen Besenbinder; doch auch der wusste ihr keinen Bescheid zu geben. Halb tot vor Hunger und Kummer, ging sie weiter, bis sie einen alten abgedankten Soldaten auf sich zukommen sah. Dem lief sie entgegen und fragte ihn nach dem fein gekleideten Herrn und erzählte ihm, was ihr in dem Bruche mit dem weissen Wolfe begegnet sei. »Von dem weissen Wolf habe ich schon gehört,« antwortete ihr der alte Soldat, »doch den Weg, auf dem du zu ihm gelangst, kann ich dir nicht beschreiben. Geh nur weiter bis an das kleine Häuschen, da wirst du schon mehr erfahren.« Die Prinzessin bedankte sich bei dem abgedankten Soldaten für die gute Auskunft, die er ihr gegeben, und sagte zu ihm: »Sollte ich je wieder in meines Vaters Reich kommen, so will ich es dir gedenken!« Dann wanderte sie weiter und weiter, bis sie in der Ferne ein Licht schimmern sah. Und als sie nahe heran kam, war es das kleine Häuschen, von dem der alte abgedankte Soldat ihr gesagt hatte.
Die Prinzessin trat herein und fand in der Küche eine steinalte Frau am Herde stehen und kochen. »Behaltet mich über Nacht bei Euch!« bat die Prinzessin. »Ich thäte es herzlich gern,« gab ihr das Mütterchen zur Antwort, »wenn nur Sonne, Mond und Sterne, meine drei Söhne, nicht wären. Finden sie dich, so gilt es dein Leben, denn sie sind alle drei grosse Menschenfresser.« Da fing die Königstochter an, bitterlich zu weinen und zu klagen, wie sie so matt und müde sei, dass die Alte sich ihrer erbarmte und zu ihr sprach, sie wolle es versuchen und sie vor den drei Söhnen verbergen. Darauf kochte sie der Prinzessin ein Hühnchen zum Nachtessen und riet ihr, alle Knöchelchen wohl aufzuheben, sie würden ihr dereinst von grossem Nutzen sein. Und die Prinzessin gehorchte. Nachdem sie das Hühnchen [332] verzehrt hatte, nahm sie ihr schwarzseidenes Tüchlein vom Halse und that die Knöchelchen hinein und band es fest zu. Dann fasste die Alte sie bei der Hand und hiess sie tief unter das Bett kriechen, auf dass ja niemand ihrer gewahr würde.
Sie hatte noch nicht so gar lange unter dem Bette gelegen, so öffnete sich die Thüre, und herein trat Sonne und schnüffelte in der Stube herum und stellte sich alsdann vor seine Mutter und sprach: »Mutter, hier ist Menschenfleisch!« Sagte die Alte: »Ach, mein Sohn, was kommt dir in den Sinn? Wie sollte wohl Menschenfleisch in diese Wildnis geraten!« Aber Sonne liess sich's nicht ausreden und sprach: »Ich merk's, hier ist doch Menschenfleisch! Aber ich will dem Menschen das Leben schenken, wenn du mir sagst, wo er steckt.« Da befahl die Alte der Königstochter, hervorzukommen, und sie kroch gar ängstlich unter dem Bette heraus und ging auf Sonne zu und weinte und klagte ihm ihr Leid. Über den Worten empfand Sonne Mitleid mit der Prinzessin und sprach zu ihr: »Ich bin nicht schlimm, aber hüte dich vor meinem Bruder Sterne, der ist viel, viel schlimmer, wie ich.« Dann kochte die Alte ein zweites Hühnchen, und hiess die Prinzessin dasselbe essen und die Knochen in das schwarzseidene Tuch binden, worauf sie sich wieder unter dem Bett verbergen musste.
Es währte eine kurze Zeit, so trat Sterne in's Zimmer. Der schnüffelte gar bedenklich darin umher und rief: »Ich wittre Menschenfleisch! Ich wittre Menschenfleisch!« und begann entsetzlich zu toben und zu schelten, als die Mutter es ihm ausreden wollte. Weil er aber den Menschen nicht finden konnte, beruhigte er sich endlich und sprach: »Wer es auch sei, ich schenke ihm das Leben, wenn er aus seinem Verstecke hervorkommt.« Da kam die Prinzessin hervor und erzählte auch dem Sterne ihre Lebensgeschichte, so dass er gerührt wurde und sprach: »Von mir hast du nichts zu fürchten, aber hüte dich vor meinem Bruder Mond; der ist schrecklich und wird dich gewiss fressen!« Und da musste die Prinzessin sich wiederum verbergen, nachdem sie zuvor ein drittes Hühnchen gegessen und die Knochen zu den andern in das schwarzseidene Tuch gebunden hatte.
Zuletzt kam auch Mond und schnüffelte durch das ganze Haus und schrie: »Ich wittre Menschenfleisch! Ich wittre Menschenfleisch!« Die Mutter suchte es ihm auszureden, da wurde er so zornig, dass er über sie herfallen wollte; aber sie kannte ihn schon, und am Ende besänftigte sie ihn doch, dass sie die Königstochter ungestraft aus ihrem Versteck hervorziehen durfte. »Woher kommst du?« fragte Mond, »und wohin willst du?« Da erzählte ihm die Prinzessin haarklein die ganze Geschichte und, wie sie jetzt den weissen Wolf suche und den Weg zu ihm nicht finden könne. Sprach der Mond: »Wenn du zum weissen Wolf willst, musst du den Weg noch einmal zurückgehen, den du gekommen bist, so lange, bis du an ein grosses Wasser gelangst. Da musst du durch. Das aber kannst du ohne die Hühnerknöchelchen nicht vollbringen. Nimm sie daher mit dir und vergiss nicht, vor jedem Schritte, den du im Wasser thust, eins derselben vor [333] dich hinzulegen. Unterlässt du's auch nur ein einziges Mal, so bist du verloren!« Da dankte ihm die Prinzessin für seine Auskunft und machte sich am andern Morgen auf den Weg. Bevor sie ging, schenkten ihr jedoch die drei Brüder ein jeder noch ein herrliches Kleid, das eine mit Sonnen, das andere mit Sternen, das dritte mit lauter Monden verziert.
So ging denn die Prinzessin, wie ihr der Mond gesagt hatte, den ganzen langen Weg zurück, bis sie an das grosse Wasser gelangte. Da schritt sie mutig durch und legte jedesmal, bevor sie den Fuss niedersetzte, eins der Hühnerknöchelchen vor sich hin und wanderte darauf wie auf einer festen Brücke. Nur noch einen einzigen Schritt hatte sie zu thun, dann war sie drüben; siehe, da war das Tüchlein leer, und so sehr sie auch suchte, es war kein Knöchelchen mehr darin zu finden. Geschwind zog sie ihr Schermesserchen aus der Tasche hervor, und ratz! schnitt sie sich den kleinen Finger ab und legte ihn vor sich und kam glücklich hinüber ans andere Ufer.
Drüben aber lag eine grosse, schöne Stadt, welche dem weissen Wolfe gehörte. Da nahm die Prinzessin von den drei prächtigen Kleidern dasjenige, welches mit den goldenen Sonnen geziert war, und legte es an und ging damit durch die Strassen. Die Frau des weissen Wolfes aber sass gerade am Fenster, und als sie die Prinzessin in dem köstlichen Kleide erblickte, gefiel ihr dasselbe so sehr, dass sie heraustrat und die Königstochter fragte, ob sie es ihr nicht verkaufen wolle. Die Prinzessin sagte es ihr umsonst zu, wofern sie ihr erlaube, eine Nacht bei dem weissen Wolfe bleiben zu dürfen. Das bewilligte ihr die Frau und nahm das Kleid, ihrem Manne aber gab sie am Abend einen Schlaftrunk ein, dass er das Mädchen nicht gewahr würde.
In der Nacht ging die Prinzessin zu ihm in die Kammer und setzte sich auf sein Bett und beugte sich zu seinem Ohre und sang:
»Herr Prinzipal!
Auf deinen Saal
Hab' ich geritten,
Mein'n kleinen Finger
Mir abgeschnitten!
Herr Prinzipal!«
Der weisse Wolf aber erwachte nicht, und die Prinzessin ging endlich ihrer Wege. Am andern Morgen aber erzählte er seiner Frau, wie er geträumt habe von einer Prinzessin, welche die ganze Nacht auf seinem Bettrand gesessen und ihm ein Lied vorgesungen habe. Dann wiederholte er ihr die Worte, welche er wirklich von der Prinzessin vernommen hatte. Doch seine Frau wusste ihn auf andere Gedanken zu bringen, dass er bald gar nicht mehr an die Sache dachte.
Den zweiten Tag legte die Prinzessin das Kleid mit den goldenen Sternen an und ging damit an dem Schlosse vorbei, wo die Frau des weissen Wolfes am Fenster sass. Die Lust nach dem schönen Gewande ward in ihr auch dieses Mal so gross, dass sie hinauslief und die Prinzessin um den Preiss fragte, und als sie dasselbe verlangte, [334] wie den Tag zuvor, versprach sie ihr, dass sie auch die zweite Nacht bei ihrem Manne sein dürfe.
Als aber die Nacht kam und die Prinzessin an das Bett trat und dem weissen Wolf in's Ohr sang:
»Herr Prinzipal!
Auf deinen Saal
Hab' ich geritten,
Mein'n kleinen Finger
Mir abgeschnitten!
Herr Prinzipal!«
da hielt auch diesmal ein Schlaftrunk seine Sinne gefangen, dass er nicht erwachen und ihr auf den Gesang antworten konnte. Darauf ging die Prinzessin schweren Herzens hinweg und nahm am folgenden Morgen das letzte Kleid mit den goldenen Monden und zog es an und ging zum Schlosse der Frau des weissen Wolfes. Der schien das Gewand so über alle Massen herrlich, dass sie, es zu erlangen, der Prinzessin zum dritten Male die nämliche Bitte gewährte.
Als sie jedoch am Abend dem Manne wieder den Schlaftrunk reichte, schüttete derselbe ihn unbemerkt zum Fenster hinaus; denn er hatte Verdacht geschöpft, dass es mit dem Traume seine besondere Bewandtnis haben möchte. In der Nacht kam die Prinzessin, beugte sich zu seinem Ohre und sang:
»Herr Prinzipal!
Auf deinen Saal
Hab' ich geritten,
Mein'n kleinen Finger
Mir abgeschnitten!
Herr Prinzipal!«
Und dann erzählte sie ihm alles, was sie um seinetwillen ausgestanden hatte. Da erkannte er sie und gab ihr Geld, so viel sie nur tragen konnte, damit sie heimkäme in ihres Vaters Reich. Und als sie zur Stadt hinaus und in ein Dorf kam, da erkannten die Leute die verschwundene Prinzessin, und ein Mann brachte sie zu dem alten König zurück. Da herrschte grosse Freude im ganzen Lande. Die Prinzessin aber gedachte des abgedankten Soldaten, der ihr den Weg zu dem kleinen Häuschen gewiesen, und des Versprechens, das sie ihm gegeben, und bat den König, ihr alle Soldaten des Reiches vorführen zu lassen. Und wie sie gebeten hatte, so geschah es auch. Die Prinzessin aber erkannte ihn unter den vielen Tausenden heraus und heiratete ihn. Da haben sie ihr lebelang vergnügt und fröhlich mit einander gelebt; und wenn sie nicht gestorben wären, so lebten sie heute noch.
Es waren einmal ein Mann und eine Frau, die waren beide schon viele Jahre verheiratet; aber ihre Ehe blieb kinderlos. Dennoch ging es ihnen herzlich schlecht, und es kamen Tage, wo ihnen selbst das liebe Brot im Schranke mangelte. Eines Morgens, als wiederum kein Bissen Brot im Hause zu finden war, ging der Mann missmutig in den Wald und hing seinen Gedanken nach. Während er so durch den Busch wankte, überkam ihn plötzlich ein grosser Durst. Er eilte zum nahen Fluss, bückte sich über den Bord und trank. Wie er seinen Durst gelöscht hatte und mit dem Kopfe wieder zurück wollte, hielt ihn etwas am Barte. Der Mann dachte, die Haare hätten sich im Schilf verflochten, und zog aus Leibeskräften; aber je mehr er zog, um so fester hielt es ihn; und als er näher zusah, ward er einer grossen, schwarzen Hand gewahr, die aus dem Wasser heraus seinen Bart mit den Fingern ergriffen hatte.
Gleichzeitig sprach eine hässliche Stimme: »Dein Sträuben hilft dir zu nichts! Ich lasse dich nicht los, es sei denn, dass du mir ein Versprechen giebst!« Da lachte der Mann und antwortete: »Was soll ich dir wohl versprechen!« – »Deine Frau,« fuhr die hässliche Stimme fort, »wird in kurzem einen Sohn gebären. Wenn derselbe heranwächst, werden vornehme Leute sich seiner annehmen und ihn auf die hohe Schule schicken, und er wird ein Prediger werden. Willst du mir nun deinen Sohn zusagen und hierher an dies Wasser führen, wenn er dreissig Jahre alt geworden ist, so bist du frei und erhältst ausserdem einen grossen Haufen Geld; wo nicht, magst du hier elendiglich verderben.« Der Mann dachte bei sich: »Das Leben ist süss, und was die Stimme auch redet, einen Sohn wird dir deine Frau doch nicht gebären,« und er sprach laut: »Es soll geschehen, wie du gesagt hast. Lass mich nur los!« In demselben Augenblicke war auch sein Bart wieder frei, und er konnte jetzt sehen, dass es ein allmächtiger, schwarzer Frosch gewesen war, der ihn mit dem rechten Vorderfuss festgehalten hatte.
Aber lange hielt er sich dabei nicht auf, sondern machte, dass er nach Hause zurückkam. Als er in die Stube trat, fand er auf dem Tische einen grossen Haufen Geld liegen, so viel, dass er und seine Frau genug hatten ihr Leben lang. Das hatte ihnen alles der schwarze Frosch beschert. Seine Frau aber trat zu ihm und erzählte ihm, dass sie sich Mutter fühle. Da geriet der Mann in grosse Sorgen und raffte das Geld zusammen und warf es in die Lade und schlug den Deckel zu und drehte das Schloss herum und steckte den Schlüssel zu sich und trug ihn Tag und Nacht auf der[336] Brust, und liess ihn nie von sich, damit ja niemand das Sündengeld berühren möchte. Denn jetzt wusste er wohl, wer der schwarze Frosch war und, dass er sein einziges Kind noch im Mutterleibe an den Teufel verkauft hatte. Seiner Frau aber erzählte er nichts von der ganzen Sache.
So kam's, dass die Frau von Tag zu Tag fröhlicher wurde, während der Mann betrübt vor sich hinsah; und als neun Monde vergangen waren und ein wunderschöner Knabe in der Wiege lag und alle Verwandten und Freunde zusammen kamen und Kindelbier feierten und sich mit der Mutter freuten, da weinte der Vater seine bitterlichen Thränen. Das nahm jedermann Wunder und seine Frau am allermeisten. Sie quälte ihn bei Tage, sie quälte ihn bei Nacht, er möge ihr sein Geheimnis offenbaren; aber er war ganz stille und rückte nicht mit der Sprache heraus.
Indessen kam alles so, wie der schwarze Frosch vorhergesagt hatte. Als der Junge fünf Jahre alt war, gewannen ihn vornehme Leute lieb und nahmen sich seiner an, dass er eine gute Schule besuchen konnte. Dort blieb er bis zu seiner Einsegnung, und weil er der Beste gewesen war in der Kinderlehre, so gab der Pastor seinem Herzen einen Stoss und wagte ein Geld an ihn, dass er die hohe Schule besuchen konnte. Von seinen Eltern erhielt er nichts; denn sie waren und blieben vor aller Welt blutarme Leute, da der Vater von dem Teufelsgelde keinen roten Heller verwandte, sondern alles unberührt im Kasten liegen liess.
Als der Junge ausstudiert hatte, dauerte es gar nicht lange, und er war ein richtiger Prediger und stand auf der Kanzel und hielt den Grossen ihre Sünden vor und lehrte die Kleinen beten. Das erfreute der Mutter Herz, aber dem Vater wurde darüber immer trauriger zu Mute, und Kummer und Sorgen wichen nicht eine Stunde von seinem Angesicht; denn immer näher rückte der Tag heran, da er seinen einzigen Sohn dem schwarzen Frosch übergeben musste.
Dem Prediger fiel der Gram seines Vaters schwer auf's Herz, und er nahm ihn besonders und bat und quälte so lange, bis seine Seele müde ward und er ihm alles gestand. »Wenn's weiter nichts ist,« sagte der Prediger, »dann hättest du dir keine schweren Gedanken zu machen brauchen, lieber Vater. Das soll schon alles gut ablaufen. Führ mich nur zur abgemachten Stunde an den Fluss!« Der Mann war ein wenig getröstet über der Zuversicht seines Sohnes; und als der Prediger dreissig Jahre alt geworden war, führte er ihn an die bezeichnete Stelle. Der schwarze Frosch wartete ihrer daselbst schon, tauchte mit seinem dicken Kopfe aus dem Wasser hervor und sprach: »Es ist gut, dass ihr da seid. Der Prediger gehört jetzt mir und ist mein Knecht, und ich befehle ihm, dass er sich unverzüglich auf den Weg macht und zur Hölle hinab geht. Da werde ich ihm sagen, was er zu thun hat!« Nachdem der schwarze Frosch diese Worte gesprochen hatte, verschwand er wieder; der Mann aber rang die Hände und verfluchte sich, dass er seinen einigen[337] Sohn in solch Unglück gebracht habe. Doch der Prediger verlor seinen Mut nicht, sondern tröstete den Vater und hiess ihn nach Hause zurückkehren. Dann ging er in seine Kirche und kniete nieder und betete; darauf nahm er das Kruzifix und eine Wachskerze von dem Altare und machte sich auf den Weg zur Hölle.
Das war eine lange, beschwerliche Reise. Er wanderte durch Städte und Dörfer, durch Wiesen und Felder, über Berg und Thal, über Stock und Block; endlich gelangte er in einen grossen, finstern Wald, der kein Ende nehmen wollte. Nachdem er ein paar Tage gewandert war, traf er einen Mann, der lag auf seinen Knien und betete. Das war aber früher ein böser Räuber und Mörder gewesen, und jetzt wollte er Vergebung finden für seine Sünden und bei Gott zu Gnaden kommen. Als der Mann den Prediger erblickte, rief er ihm zu: »Rat mir, wie soll ich's machen, dass ich armer Sünder selig werde!« – Antwortete der Prediger: »Das weiss ich wirklich nicht; aber ich bin auf dem Wege zur Hölle und werde den Teufel fragen, wie dir zu helfen sei.« Da dankte der Mann dem Prediger, und dieser ging weiter durch tiefe Schluchten an grossen Abgründen vorbei, bis er an eine allmächtig grosse eiserne Thür kam. Das war das Höllenthor.
Er klopfte an und begehrte Einlass; aber niemand öffnete ihm. Er pochte noch einmal, und siehe, das grosse Eisenthor that sich mit gewaltigem Krachen von selbst auf, dass er eintreten konnte. Drinnen war's stichdunkel. Da holte der Prediger Stahl und Stein aus der Tasche, schlug Licht an und entzündete die Kirchenkerze. In der einen Hand die Leuchte, in der andern das Kruzifix, schritt er unverzagt darauf los und ward gewahr, dass er sich in einem ungeheuren Gewölbe befand. In der Mitte stand ein gewaltiger Pfeiler, der war ringsum mit einem starken eisernen Gitter umgeben, und hinter dem Gitter lag an einer schweren Kette der Teufel.
Der Prediger redete den Bösen an und sprach: »Weise mir den, der mich hierher bestellt hat!« Der Teufel wusste nicht, wen der Prediger meine, und rief einen seiner Diener nach dem andern mit Namen herbei; aber alle schwuren hoch und teuer, sie kenneten den Mann nicht, hätten ihn überhaupt noch niemals gesehen. Ganz zuletzt erschien endlich der schwarze Frosch. »Da bist du ja,« rief der Prediger, »der mich zur Hölle geladen hat!« Der schwarze Frosch fürchtete sich vor der Wachskerze und dem Kruzifiz und sprach voll Angst: »Es ist recht, du bist mein! Dein Vater hat dich mir verschrieben, ehe du geboren warst, und jetzt solltest du in der Hölle mein Diener und selbst ein Teufel werden.« – »Wer hiess dich meinen Vater beim Trinken überlisten, um eine Seele zu fangen,« schrie da der Prediger, »und wer giebt dir das Recht, einen Prediger zum Teufel zu machen!« Mit diesen Worten erhob er das Kruzifix und hieb damit auf den schwarzen Frosch ein und schlug ihn tot, dass alle die bösen Geister um ihn her in Schrecken auseinander stoben und sich in die hintersten Winkel verkrochen. Der Oberteufel [338] aber riss an seiner Kette und fluchte und tobte und befahl dem Prediger, augenblicklich aus der Hölle zu gehen.
»Gewiss werde ich gehen,« antwortete ihm dieser, »aber zuvor sollst du mir sagen, was des armen Sünders harrt, der draussen im Walde vor der Hölle sich mit Beten und Flehen abquält Tag und Nacht, damit er zu Gnaden komme.« Da lachte der Teufel und wies mit der Hand auf eine eiserne Wiege. Die war ganz weissglühend und inwendig mit haarscharfen, feurigen Messern gespickt. »In der Wiege,« sagte der Teufel, »wird jener Mörder nach seinem Tode gewiegt werden, es sei denn, dass er den Stab wieder findet, mit dem er seinen ersten Mord begangen hat. Sollte er den Stock finden, so muss er ihn in die Erde pflanzen und hegen und pflegen, bis er ausschlägt, wächst und grünt und Früchte trägt. An dem Tage, an welchem die Früchte völlig reif geworden sind, ist auch das Ende seiner Prüfungszeit gekommen, er wird zu Gnaden angenommen werden und eines seligen Todes sterben. Aber was nützt das alles, es gelingt ihm doch nimmermehr!«
Der Prediger aber hatte genug gehört und drehte dem Teufel den Rücken und ging wieder aus der Hölle. Draussen im Walde harrte seiner der elende Mörder mit Schmerzen und bat ihn unter Thränen, er möchte ihm sagen, was der Teufel gesprochen hätte. Das that der Prediger auch, und wie freute sich der arme Sünder darüber! Ach, so sehr! Denn so unmöglich das alles schien, er verzagte nicht, sondern machte sich auf den Weg und suchte und suchte, dass er den Stock fände, mit dem er den ersten Menschen erschlagen. Nachdem er lange Zeit vergebens umhergesucht hatte, gelang es ihm endlich, des Stabes habhaft zu werden, und er pflanzte ihn im Walde ein, genau an der Stelle, wo er seinen Leib mit Büssen und Beten zermartert hatte. Er begoss ihn getreulich Tag für Tag und liess sich's nicht verdriessen, dass eine Woche nach der andern, dass Monat um Monat und Jahr um Jahr verging, ohne dass das tote Holz Wurzel geschlagen hätte.
Schliesslich ist's ihm aber doch gelungen. Denn als nach vielen Jahren der Prediger einmal wieder durch diesen Wald kam, erblickte er den Mörder, wie er unter einem grossen Apfelbaum lag, der mit vielen rotbackigen, fast überreifen Früchten bedeckt war. Er trat näher und stiess den Mann leise mit dem Fusse an; denn er glaubte, er schliefe. In demselben Augenblick zerfiel der Körper des Mörders zu Asche, die Seele trennte sich von dem Leibe und fuhr gen Himmel, und mit ihr stiegen all die vielen Äpfel in die Lüfte und sangen dem Herrgott ein Loblied. Die überreifen, rotbackigen Äpfel aber waren nichts anderes, als die Seelen der Leute, welche der Mörder erschlagen hatte und die jetzt mit ihm bei Gott zu Gnaden kamen.
Es war einmal ein Kaufmann, der hatte von seinem Vater Geld und Gut geerbt, wer weiss, wie viel, so dass er dachte, es könne nie alle werden. Er lebte darum vergnügt und ohne Sorgen; jeden Tag richtete er grosse Gastmähler und Trinkgelage aus, und jedermann, der bei ihm vorsprach, wurde als Gast aufgenommen und auf das köstlichste bewirtet. Seine junge Frau warnte ihn freilich oft genug und sagte: »Liebes Männchen, ein goldener Berg wird auch einmal alle. Merk auf, du bringst uns mit deiner Verschwendung so weit, dass wir eines Tages betteln gehen müssen.« Er aber schlug alle Warnungen in den Wind und antwortete stets: »Wozu bezahle ich denn meine vielen Schreiber! Die werden schon aufpassen, dass es mir nicht am Gelde mangelt.« Doch die Schreiber passten nicht auf, und seine junge Frau behielt doch recht; denn eines schönen Tages war das bare Geld verbraucht, und obendrein hatte er so viel Schulden zu bezahlen, dass all die schönen Häuser und Güter verkauft werden mussten und ihm nur eine einzige elende Hütte übrig blieb. In der stand eine wurmstichige Bettstelle und eine alte Lade; das war die ganze Einrichtung, die in dem Hüttchen zu finden war.
Das Elend sah er einen Tag an und den zweiten auch; aber am dritten liess es ihm keine Ruhe mehr, er ging hinaus vor die Stadt, stellte sich auf das Brückengeländer und wollte in das Wasser springen, um seinem Leben ein Ende zu machen. Wie er so dastand, stiegen dicke Blasen aus der Tiefe auf, das Wasser brauste und wallte, und eine Seejungfrau tauchte hervor und sprach zu ihm: »Warum willst du dich ertränken?« – »Ach, mir geht's schlecht,« entgegnete der Kaufmann, »ich bin leichtsinnig gewesen und habe all mein Hab und Gut vergeudet. Nun vermag ich die Not und das Elend und die Vorwürfe meiner Frau nicht länger zu ertragen; darum will ich hier meinem Leben ein Ende machen.« – »Wenn's dir nur am Gelde gebricht,« entgegnete die Seejungfrau, »so will ich dir gerne helfen. Geld will ich dir geben, so viel du haben willst, wenn du mir dafür versprichst, was in deinem Hause verborgen ist.« – »Was in meinem Hause ist, das sollst du gerne kriegen,« antwortete der Kaufmann, »schaff mir nur Geld herbei!« Da musste der Kaufmann es der Seejungfrau schriftlich geben, dass er ihr nach vierzehn Jahren das zuführen wolle, was jetzt in seinem Hause verborgen sei, und die Seejungfrau versprach ihm dafür, die grosse Lade bis an den Rand mit harten Thalern zu füllen. Darauf tauchte sie wieder unter und war verschwunden; und auch der Kaufmann machte, dass er heimkam.
[340] Als er in dem kleinen Hüttchen angelangt war, eilte er sogleich zu der Lade, und richtig, sie war bis an den Rand mit harten Thalern angefüllt. Schnell raffte er davon ein gut Teil in den Hut hinein und lief zu seiner Frau. »Mutterchen,« sprach er, »jetzt hat unsere Not ein Ende,« und damit schüttete er ihr den Hut voll Thaler in den Schoss. Die Frau war des Todes darüber erschrocken und rief: »Mann, erst hast du uns zu Bettlern gemacht, und nun bist du gar ein Spitzbube geworden! Schnell sagst du mir, wem du das Geld gestohlen hast!« – »Ich habe es nicht gestohlen,« antwortete der Kaufmann, und dann erzählte er ihr haarklein, wie alles gekommen sei. Als er seine Worte zu Ende gesprochen, jammerte die Frau auf: »Du Rabenvater, du hast dein Kind vor der Geburt verkauft! Ahntest du denn nicht, dass der Teufel im Wasser nichts anderes mit dem Verborgenen in deinem Hause meinen konnte? Hast du denn sonst etwas ausser der Lade und der Bettstelle in deinem Hause, was dein war oder was dir hätte verborgen sein können?« Das musste der Mann zugeben; da nun aber nichts mehr an der Sache zu ändern war, so hielt er sich schadlos für seinen Leichtsinn an gutem Essen und Trinken; seine Frau aber kam einige Wochen darauf nieder und gebar einen wunderschönen Knaben. Als er heranwuchs, ward er nicht nur ein hübscher und feiner, sondern auch ein kluger, artiger und bescheidener Junge, so dass seine Eltern ihre rechte Freude an ihm hatten. Je näher aber sein vierzehnter Geburtstag heranrückte, um so trauriger wurden sie beide, und am dritten Tage vorher war der Vater so betrübt, dass er nicht mehr sprechen mochte und nicht mehr ass und trank. Der Kummer der Eltern frass dem Jungen das Herz ab, und er fragte seinen Vater, was ihm fehle, dass er so traurig sei; doch der Vater gab ihm eine ausweichende Antwort und hiess ihn stille schweigen. Den zweiten Tag fragte der Sohn wieder: »Vater, warum seid Ihr so traurig?« Er erhielt aber von neuem eine ausweichende Antwort. Das kränkte den Jungen, und am dritten Tage sprach er: »Vater, wenn Ihr mir heute nicht sagt, was Euch auf dem Herzen liegt, so gehe ich hin und nehme mir das Leben.« Da erschrak der Kaufmann und erzählte seinem Sohne alles, wie es gekommen war, dass er ihn noch vor der Geburt an die Seejungfrau verkauft habe.
»Was Ihr vor meiner Geburt abgemacht habt, das geht mich nichts an, Vater,« entgegnete der Junge trotzig, »ich stehe für mich allein.« Das half ihm aber nichts, er musste am andern Morgen mit seinem Vater herab zum Strome; doch steckte er zuvor ein Stück Kreide in die Tasche. Als sie nun auf der Brücke standen, beschrieb der Junge mit der Kreide einen Kreis um sich. Inzwischen blubberte und wallte es wieder im Wasser, wie damals, und grosse Blasen stiegen auf, und die Seejungfrau tauchte empor. »Bist du hier mit deinem Sohne?« fragte sie. »Ja, ich habe ihn mitgebracht,« entgegnete der Kaufmann. – »Nun, dann gieb ihn mir herunter!« befahl die Seejungfrau. »Das thu' ich nicht, nimm ihn dir selbst!« versetzte [341] der Kaufmann. »Das kann ich nicht, der Kreis hindert mich. Gieb ihn nur schnell in meine Arme!« gab die Seejungfrau zurück. Doch der Kaufmann beharrte bei seinem Vorsatze, und so stritten sich die beiden eine ganze Stunde herum. Endlich ward die Seejungfrau des Streites überdrüssig und tauchte wieder in die Tiefe hinab; aber ehe sie schied, rief sie dem Kaufmann zu: »Wart's nur ab, über drei Jahre bekomme ich ihn doch!« Sobald die Seejungfrau verschwunden war, trat der Knabe aus dem Kreise heraus und ging mit seinem Vater nach Hause zurück.
Als sie drinnen in der Stube waren, sagte der Junge: »Vater, hier halt' ich's nicht länger mehr aus. Eltern, die ihre Kinder vor der Geburt an den Teufel verkaufen um Geldes willen, das sind keine Eltern mehr; ich wandere in die weite Welt. Wenn euch die Leute fragen, ob ihr keine Kinder gehabt habt, so sprecht getrost nein; ich für meinen Teil werde jedem sagen, dass ich elternlos sei von Kindesbeinen an.« Damit schritt er, ohne Lebewohl zu sagen und ohne Händedruck, aus dem Elternhaus heraus und machte sich auf die Wanderschaft. Er sah Städte und Dörfer, und endlich kam er auch in einen grossen Wald. Nachdem er eine Zeit lang darin gewandert war, begegnete ihm der Förster und sprach zu ihm: »Wohin geht die Reise?« – »Immer geradaus, wo mir die Nase hinsteht,« antwortete der Junge. – »Woher kommst du denn? und wie heissen deine Eltern?« – »Woher ich komme, das weiss ich nicht, und Eltern habe ich nicht.« – »Keinen Vater?« fragte der Förster erstaunt. – »Nein, keinen Vater!« antwortete der Junge. – »Und keine Mutter?« – »Auch keine Mutter!« – »Und was ist denn dein Handwerk?« – »Ich kenne kein Handwerk,« erwiderte der Junge. »Dann werde ich dir das meine lehren,« sprach der Förster, »ich bin ein Jägersmann, und die Jägerei ist die schönste Kunst, die es auf der Welt giebt. Des Morgens singen die Vöglein so schön im Walde, und du darfst Wild schiessen, so viel du willst, kurz, es ist ein herrliches Leben, das Jägerleben. Höre, willst du in meine Dienste treten? Mit drei Jahren hast du ausgelernt und bist ein fertiger Jägersmann.« Die Rede gefiel dem Jungen, und er sagte mit Freuden ja und gab dem Förster die Hand darauf, dass er bei ihm bleiben wolle.
Der Förster nahm den Jungen am andern Tage mit auf die Jagd, damit er das Schiessen lerne. Er traf auch gleich einen Hasen, und es dauerte gar nicht lange, so schoss er so gut, dass er in dieser Kunst seinen Lehrmeister übertraf. Als er schiessen konnte, zeigte ihm sein Meister die Kunst, wie man einen Pflanzkamp einzurichten hat; und sobald der Junge die Sache verstanden hatte, pflanzte jeder von ihnen seinen Kamp. Aber des Försters Kamp blieb klein und kümmerlich und wuchs nicht schneller und nicht besser, als andere Pflanzenkämpe zu gedeihen pflegen; die Bäume aber, welche der Jägerbursche gepflanzt hatte, wuchsen in drei Monaten so hoch, wie andere Bäume in drei Jahren. Der alte Förster freute sich darüber. Als aber eines Tages der Oberförster kam und den Wald besichtigte, [342] fragte er: »Wer hat diesen Kamp gepflanzt?« – »Das habe ich gethan,« antwortete der Förster. »Das geht noch gerade so an,« sagte der Oberförster. Als sie nun aber zu dem Kamp, welchen der Bursche gepflanzt hatte, gelangten und der Oberförster fragte: »Wer hat denn diesen Kamp gepflanzt?« da musste der Förster zugeben, dass den sein Bursche angelegt habe. Da war der Oberförster des Staunens voll, schüttelte den Kopf und ging wieder nach Hause.
Als der Förster in das Jägerhaus zurückgekehrt war, sprach er zu seiner Frau: »Mutter, der Junge bringt mich um meine Stelle. Er ist in dem einen Jahre, da er bei mir dient, ein besserer Förster geworden, als ich es selbst bin. Weisst du, ich werde ihm einen Brief ausstellen, dass er jetzt schon ein gelernter Jäger ist, dann mag er bei anderen Leuten sein Glück versuchen!« – »Das thu nur,« sagte sein Weib, »sonst bringt er uns noch um Hab und Gut.« Da rief der Förster den Burschen zu sich in die Stube und sagte ihm, dass er schon ausgelernt habe und gab ihm einen Brief, dass er ein richtiger Jäger sei. Des freute sich der Junge, sagte dem Meister und der Meisterin Lebewohl und wanderte in den grünen Wald hinein. Der Wald war aber sehr lang und sehr breit, und er war schon drei Tage unterwegs, und noch immer nicht konnte er sein Ende erreichen. Am vierten Tage in aller Frühe sah er auf einem hohen Baume einen herrlichen Vogel sitzen, dessen Gefieder schimmerte, wie Gold und Silber, und dabei sang er schöner und lieblicher, als eine Nachtigall. Dem Jungen gefiel der schöne Vogel, und er legte an, um ihn zu schiessen. »Bruder Jäger, schiess mich nicht,« rief da der Vogel vom Baume herab, »ich kann dir noch einmal von grossem Nutzen sein. Hier hast du drei Federn! Wenn du dieselben in den Mund nimmst, so bist du, wie ich, siehst eben so schön aus und singst so lieblich; und speist du die Federn aus, so bist du wieder ein Mensch, wie du vorher warst.« Die Rede gefiel dem Jäger, er dankte dem Vogel, steckte die Federn zu sich und schritt weiter.
Es dauerte gar nicht lange, so lief ihm ein Mäuschen über den Weg. Schnell war der Jäger zur Stelle und trat dem Tierchen auf den Schwanz. »Ach, töte mich nicht, Bruder Jäger,« rief das Mäuschen mit seiner feinen Stimme, »ich kann dir noch einmal von grossem Nutzen sein. Hier hast du drei Spier (Büschel) Haare von meinem Pelz. Wenn du dieselben in den Mund nimmst, so bist du ein Mäuschen, wie ich bin, und kannst dich in das kleinste Loch verkriechen; und speist du die drei Spier Haare wieder aus, so bist du ein Mensch, wie zuvor.« – »Das ist kein übles Geschenk,« sagte der Jäger erfreut, steckte die Haare des Mäuschens zu sich und ging seiner Wege.
Über ein Weilchen kam ein Windhund in vollem Laufe daher gerannt. Alsbald legte der Jäger die Flinte an, um ihm eins auf den Pelz zu brennen. »Bruder Jäger, schiess mich nicht,« sagte der Windhund, »ich kann dir noch einmal von grossem Nutzen sein. Hier hast du drei Spier von meinen Haaren. Wenn du dieselben in den [343] Mund nimmst, so bist du ein Windhund, wie ich, und läufst mit dem Wind um die Wette; und speist du die Haare wieder aus, so bist du ein Mensch, wie zuvor.« – »Schönen Dank, lieber Windhund,« entgegnete der Jäger, »wer mir solche Gabe giebt, den schiesse ich nicht.« Dann nahm er die Haare des Windhundes zu sich und setzte seinen Gang fort.
Mit einem Male trat aus den Bäumen ein gewaltiger Löwe auf ihn zu. »Jetzt gilt's dein Leben!« sagte der Jäger und riss die Flinte an die Wange. Aber der Löwe rief ihm zu: »Bruder Jäger, schiess mich nicht, ich kann dir noch einmal von grossem Nutzen sein! Hier hast du drei Spierken von meinen Haaren. Nimmst du die in den Mund, so bist du ein Löwe, wie ich; und ich habe mehr Kräfte, wie zehn andere Löwen zusammen genommen.« – »Das lasse ich mir gefallen,« antwortete der Jäger schmunzelnd, »das ist ein gesegneter Tag!« Dann steckte er auch die Haare des Löwen in die Tasche, sagte ihm schönen Dank und machte, dass er aus dem Walde herauskam. Endlich wurden die Bäume lichter, und noch ein Stückchen Weges, und er hatte dem Walde den Rücken gekehrt und befand sich mitten in einer grossen, volkreichen Stadt.
Müde und matt kehrte er in dem ersten besten Gasthofe ein und bat den Wirt, dass er ihm Speise und Trank gebe und ihn über Nacht bei sich behalte. Als der Wirt das grüne Kleid und die Flinte erblickte, sprach er zu dem Jungen: »Seid Ihr ein Jägersmann?« – »Das bin ich, Herr Wirt,« antwortete der Junge, »und noch dazu ein ausgelernter, der seinen Brief vorzeigen kann.« – »Dann ist Euer Glück gemacht,« erwiderte der Wirt, »der König sucht gerade einen Mann, wie Ihr seid.« – Indem kam auch schon der Hofjäger herein und fragte den Wirt, ob noch immer nicht ein Jägersmann bei ihm vorgesprochen habe. »Da sitzt er,« gab der Wirt zurück; und da der Junge damit einverstanden war, in des Königs Dienste zu treten, so musste er sogleich mit dem Hofjäger auf das Schloss kommen. Dort sollte er seine Probeschüsse thun; und da er jedesmal das Schwarze in der Scheibe traf, so ward er sogleich angestellt und musste des Königs Küche mit Wildbret versorgen. Er schoss aber stets, wenn er auf Jagd ging, so viel, dass er es gar nicht allein nach Hofe schaffen konnte. Als das der König vernahm, befahl er, dass er nur jeden zweiten Tag in den Wald ginge, und er gewann ihn um seiner Kunstfertigkeit willen so lieb, dass er ihn wie seinen Sohn behandelte und ihm erlaubte, in seinen Freistunden in den königlichen Garten zu gehen, wohin er wollte.
Eines Tages that er das auch wieder, und diesmal ging er tiefer hinein, als er je zuvor gekommen war. Da stiess er endlich an eine gewaltige Mauer, die war so hoch, dass die höchsten Bäume nicht darüber hinweg sehen konnten, und so lang, dass das Ende nicht abzulaufen war. Als er wieder in das Schloss zurückgekehrt war, fragte er den Hofjäger, was es mit dieser Mauer auf sich habe. Da antwortete der Hofjäger: »Hinter der Mauer liegt ein grosser, [344] schöner Garten, in den sind des Königs drei Töchter verwünscht. Darum ist die Mauer so hoch, dass die höchsten Bäume nicht hinüber sehen können, und so lang, dass ihr Ende nicht abzulaufen ist.« – »Wie können denn die Königstöchter erlöst werden?« fragte der Junge weiter. »Mein Sohn, das ist sehr schwer,« erwiderte der Hofjäger, »das haben schon viele Prinzen und Grafen versucht, und sie haben alle ihr Leben darüber verlieren müssen. Des Königs Töchter sind nämlich alle drei ganz gleich von Wuchs und Angesicht und tragen auch dieselben Kleider. Wer nun die Prinzessinnen erlösen will, der muss drei Mal dieselbe, die er zuerst genannt hat, herausfinden können. Gelingt ihm das nicht, und das ist bis jetzt noch keinem gelungen und kann auch keiner zu Wege bringen, so schlägt ihm der Henker das Haupt ab.« Der junge Jäger merkte sich diese Worte; und als er wieder einmal seinen freien Tag hatte, lief er in den Garten zu der Mauer, nahm die drei Federn in den Mund, und sogleich ward er ein herrlicher Vogel und schwang die Flügel und flog über die hohe Mauer hinüber in den verwünschten Garten hinein.
Vor der Thür ihres Hauses sassen die drei Prinzessinnen und spannen, und der schöne Vogel flog auf eine Weissdornhecke und legte den Kopf zurück und drückte die Augen zu und sang so herrlich, dass die Königstöchter vor Freude ausser sich waren über den herrlichen Gesang. Am meisten freute sich aber die jüngste Prinzessin, und sie hätte gar zu gerne den schönen Vogel gefangen. »Streu ihm doch Salz auf den Schwanz!« riefen die beiden Schwestern. Sie liess sich aber nicht beirren und schlich ganz leise, leise an die Hecke heran; dann griff sie zu und, richtig, sie hatte den schönen Vogel in den Händen. Vergnügt lief sie mit ihm in das Schloss, die Treppe herauf in ihr Schlafkämmerchen, und that ihn dort in einen goldenen Bauer; darauf gab sie ihm zu essen und zu trinken und steckte ihm auch ein Stückchen Kuchen zwischen die Stäbe, dass er davon nasche.
Als nun der Abend kam und sie sich zu Bett gelegt hatte, da schob der Vogel mit dem Schnabel die Thür in die Höhe und hüpfte auf die Erde hinab. Nachdem er das gethan hatte, spie er die drei Federn wieder aus, und sofort war er ein Mensch, so jung und schön, wie er vorher gewesen war. Darauf trat er an das Bettchen der Königstochter heran und beugte sich über sie und gab ihr einen Kuss auf ihren roten Mund. Sogleich schlug sie ihre Äuglein auf und rief ängstlich: »Wer ist denn bei mir in der Stube?« – »Ich bin's! Der schöne Vogel ist es!« erwiderte der Jäger. »Ich bin ein Mensch, wie du bist, und habe mich nur für eine Zeit lang in einen Vogel verwandelt, dass ich über die Mauer herüber fliegen möchte und dich erlöste.« – »Ach, das ist herrlich von dir,« sagte die Prinzessin, die nun alle ihre Furcht verloren hatte, »meine beiden Schwestern und ich, wir langweilen uns hier schon viele Jahre in dem ummauerten Garten. Und wenn du uns erlösen wirst, dann sollst du auch mein Mann werden, und wir leben glücklich und zufrieden unser Leben lang.« – »Wie finde ich dich aber unter deinen Schwestern heraus?« [345] fragte der Jäger. »Das ist nicht so schwer,« versetzte die Prinzessin, »wenn du unter uns wählen musst, so gieb nur genau auf unsere Füsse acht. Ich werde den rechten Hacken drehen; das merkt kein Mensch, und du weisst genau, woran du bist.« Das leuchtete dem Jäger ein, und er blieb bei der Prinzessin die ganze Nacht und lachte und scherzte mit ihr bis an den lichten Morgen. Dann nahm er die drei Federn wieder in den Mund, verwandelte sich in einen Vogel und flog über die hohe Mauer zurück in des Königs Schloss.
Nachdem er sich wieder in einen Menschen verwandelt hatte, traf er vor der Thüre den Hofjäger und sprach zu ihm: »Ich hab's mir heute Nacht überlegt, ich will des Königs Töchter erlösen.« Der Hofjäger dachte, ihn rühre der Schlag. »Bist du von Sinnen,« rief er aus, »der Kopf sitzt dir wohl zu fest auf den Schultern!« – »Ich bitte dich, melde mich an bei dem König,« bat er wieder; doch der Hofjäger antwortete, das würde er nimmermehr thun, er wolle an seinem Tode nicht schuld sein. »Nun gut, so melde ich mich selbst an,« versetzte der Jäger, klopfte und trat in des Königs Stube. »Was willst du denn?« fragte der König freundlich. – »Eure Töchter erlösen,« erwiderte der Jäger. – »Ach, mein Sohn,« sagte der König traurig, »schlag dir doch das aus dem Sinn! Sieh nur, viele Prinzen und Grafen haben es schon versucht, und alle haben ihren Vorwitz mit dem Leben büssen müssen, lass dich warnen und steh ab von dem Vorhaben.« – »Mein Leben ist nicht besser, als das der anderen,« entgegnete der Jäger, »lasst nur die drei Prinzessinnen hereinführen.« – »Ich habe dich gewarnt,« sprach der alte König, »rätst du falsch, so bist du dem Henker verfallen, und keine Macht der Welt vermag, dich von dem Tode zu retten.« – »Das weiss ich,« antwortete der Jäger, »führt nur die Jungfrauen herein!«
Ehe es aber dazu kam, wurde der Henker geholt, damit er dem Jäger, wenn er falsch geraten hätte, auf der Stelle das Haupt abschlagen könnte. Erst, nachdem er in den Saal getreten war, wurden die drei Prinzessinnen hereingeführt. In Wuchs, Gesicht und Kleidung glichen sie sich, wie ein Apfel dem anderen; der Jäger sah aber nicht auf den Wuchs, auch nicht auf das Gesicht und nicht auf die Kleidung, er schaute nur auf die Füsse. Und als der König ihn fragte: »Jetzt sag mir, welche von meinen drei Töchtern willst du herauswählen?« so antwortete er: »Die jüngste!« Dann trat er auf die Prinzessin, die auf dem rechten Flügel stand, hinzu und schloss sie in seine Arme. »Richtig geraten,« sagte der König verwundert, »jetzt musst du zum zweiten Male wählen,« und nachdem er das gesagt hatte, wurden die Prinzessinnen hinausgeführt und kamen nach einer kleinen Weile wieder herein. »Wo steht jetzt die jüngste?« fragte der König. Sogleich schritt der Jäger auf die mittlere hinzu, umarmte sie und sprach: »Dich hab' ich schon einmal in den Armen gehabt.« – »Du hast Glück,« rief der König erfreut, »möchtest du doch auch das dritte Mal glücklich raten!« und die Jungfrauen wurden wiederum hinausgeführt, um gleich darauf von neuem in den [346] Saal zu treten. »Welche ist es jetzt?« fragte der König. »Die linke,« sagte der Jäger zuversichtlich, denn die Prinzessin hatte ihn nicht im Stich gelassen und auch zum dritten Male die rechte Hacke gedreht, und schritt auf sie zu und küsste sie. – »Nun seid ihr erlöst,« rief der alte König und war ganz ausser sich vor Vergnügen, »und der Jäger soll meine jüngste Tochter heiraten, und wenn ich einmal gestorben bin, soll er König werden an meiner Statt.« Darauf wurde sogleich ein grosses Mal zugerüstet und Hochzeit gefeiert, und der Jäger wurde zu einem Prinzen des königlichen Hauses gemacht.
So lebte er mit seiner jungen Frau vergnügt und fröhlich Jahr und Tag, und hatte auch mit der Zeit einen kleinen Sohn bekommen. Eines Morgens ging er, wie er zu thun pflegte, zeitig auf die Jagd. Da erblickte er vor sich einen schneeweissen Dammhirsch, der angeschossen schien, denn er hinkte auf drei Beinen durch die Bäume dahin. »Den fängst du lebend für den Lustgarten!« dachte der Prinz und jagte hinter ihm drein. Aber der Hirsch liess sich nicht so schnell fangen, wie der Prinz sich das dachte, und er kam in der Hitze des Jagens von seiner Dienerschaft ab. Endlich war er ihm dicht auf den Fersen. Da wurde der Wald lichter, und der Hirsch blieb ermattet auf einer Brücke stehen, die über einen grossen Strom führte, der sich nicht weit davon in das Meer ergoss. »Jetzt hab' ich dich!« rief der Prinz erfreut und stürzte auf das schöne Tier zu. In demselben Augenblick aber verwandelte sich der weisse Dammhirsch in eine Seejungfrau; die umfing den Prinzen mit ihren Armen und stürzte sich mit ihm von der Brücke in das Wasser hinab. Der Prinz sträubte sich mit Händen und Füssen und schrie nach Hilfe; aber die Seejungfrau liess ihn nicht locker und sagte lachend: »Siehst du, heute sind die drei Jahre um!« und schwamm mit ihm in das Meer hinaus.
Sein Geschrei lockte die Dienerschaft herbei; und als sie die Gefahr sahen, in der ihr Herr sich befand, liefen sie auf das Schloss zurück und holten die jüngste Königstochter, die Frau des Prinzen, herbei. Die stand nun am Strande und rang die Hände und weinte und wehklagte und rief: »Liebste Seejungfrau mein, gieb mir meinen Mann zurück!« – »Das ist nicht dein Mann,« antwortete die Seejungfrau, »das ist mein Mann; mir gehört er schon von Mutterleibe an!« – »Ach, liebste Seejungfrau mein,« bat die Prinzessin von neuem, »ich habe in meines Vaters Schloss ein Spinnrad, das ist von lauterem Golde gearbeitet, das will ich dir schenken, giebst du mir meinen Mann heraus!« – »Und wenn du mir zehn goldene Spinnräder giebst, deinen Mann bekommst du nicht wieder!« Aber die Königstochter liess nicht nach mit Bitten und Flehen, und endlich gingen der Seejungfrau die Klagen zu Herzen, und sie sprach zu dem Prinzen: »Ich will dich deiner Frau wiedergeben, wenn du für mich nach Schwarzland gehst und dort die Prinzessin erlösest.« – »Das kann ich nicht,« sagte der Prinz, »tauch nur gleich mit mir auf den [347] Grund hinab und ertränk mich in den Wellen.« – »Das kannst du wohl,« sagte die Seejungfrau, »nun höre, was ich dir sage! In Schwarzland ist ein Drache, der will die Königstochter fressen. Der Drache hat neun Köpfe und ist von gewaltiger Stärke, den musst du erschlagen. Und wenn du ihn erschlagen und ihm den neunten Kopf abgerissen hast, so wird daraus ein Hase hervorspringen und das Weite suchen. Den musst du erjagen; und wenn du ihn erjagt hast, so wird aus ihm eine Taube emporfliegen und sich in die Lüfte schwingen. Die musst du erschiessen; und wenn du sie erschossen hast, so wird sie ein Ei fallen lassen. Das musst du erbrechen; und in dem Ei ist ein Bund Schlüssel verborgen, das bringst du mir. Und hast du mir das Bund Schlüssel gebracht, so sollst du frei sein für alle Zeit. Hüt dich aber, nicht nach Schwarzland zu fahren; denn unterlässt du die Fahrt, so hole ich dich nach drei Jahren, und du bist auf ewig verloren!« Darauf schwamm die Seejungfrau mit dem Prinzen an den Strand und übergab ihn wieder der jüngsten Königstochter.
Was das für ein Herzen und Küssen war, als die Prinzessin ihren Mann wieder hatte, das lässt sich denken, und ebenso, wie sie weinte und jammerte, als er ihr sagte, er müsse sich unverzüglich auf den Weg nach Schwarzland machen, um dort die Prinzessin zu erlösen. Sie redete ihm ab, er möge doch bei ihr bleiben und seines Kindes gedenken, aber das half ihr nichts; er küsste sie auf den roten Mund und machte sich dann auf die weite Reise. Nachdem er ein Stückchen gewandert war, zog er die Haare des Windhundes aus der Tasche und nahm sie in den Mund. Sofort ward er zum Windhund und lief, wie der Wind, viele Meilen weit. Endlich ward er müde und matt; da spie er die Haare des Hundes aus und nahm die Haare des Löwen in den Mund, und so wechselte er mit den Haaren ab, bis er an das grosse Meer kam, welches unser Land von Schwarzland scheidet. Dort machte er sich zum Vogel und flog über das Wasser hinüber, und als er sich niederliess, befand er sich vor den Mauern einer grossen Stadt.
Es war gerade der dritte Tag vergangen, als er in das Haus eines Gastwirts trat und sich zu Tische setzte, um zu essen und trinken. »Was ist denn heute hier los?« fragte er den Wirt; denn die Häuser waren mit schwarzem Flor belegt, und überall hingen schwarze Trauerfahnen, und die Leute sprachen nur ganz leise auf den Strassen. »Wisst Ihr denn nicht, dass morgen des Königs einzige Tochter von dem Drachen gefressen wird?« gab der Wirt verwundert zurück. »Hier haust ein abscheulicher Drache, der bekommt alle drei Jahre eine Prinzessin zum Frasse; und morgen ist des Königs jüngste und letzte Tochter an der Reihe.« – »Dann ist das hier wohl Schwarzland,« sagte der Prinz, »geht nur und meldet mich bei dem Könige an, ein fremder Prinz wäre gekommen, der wolle die Königstochter erlösen.« Der Wirt machte, dass er auf das Schloss kam, und als er die Botschaft ausgerichtet hatte, da herrschte Freude [348] überall; der Prinz musste sogleich vor den König treten, und die Prinzessin fiel ihm um den Hals und herzte und küsste ihn. Nachdem sie sich wieder ein wenig beruhigt hatten, sprach der Prinz zu dem König: »Ich bin gekommen, Eure Tochter zu erlösen; ich bedarf aber der Hilfe. Lasst ein Gebot ausgehen an Euer Heer, dass einer hervortrete, der mir beistehen will in der Gefahr.« – Da liess der König alle seine Soldaten zusammentreten in einen Kreis und fragte sodann, wer dem fremden Prinzen beistehen wolle in der Gefahr. Alle Generale und Obersten und Hauptleute verhielten sich aber ganz ruhig, und auch von den andern meldete sich niemand. Da fragte der König zum zweiten und zum dritten Male, und da sich niemand zu der Sache erbot, trat endlich der jüngste Rekrut aus dem Gliede heraus und sagte: »Ich will gerne mein Leben für die Prinzessin in die Schanze schlagen und dem fremden Prinzen beistehen.« Da nahm der alte König den Rekruten mit sich und führte ihn vor den Prinzen.
»Ist's auch dein Ernst?« fragte der Prinz und sah ihm in's Gesicht. »Gewiss,« erwiderte der Rekrut, »ich bin bereit, mit Euch in den Tod zu gehen.« – »Nun, so weit soll's nicht kommen,« sagte der Prinz, »hör nur genau auf das, was ich dir sage. Wenn der Drache kommt, so werde ich mich in einen Löwen verwandeln und dem Untier drei Häupter abreissen. Dann bin ich jedoch müde und matt, und du musst mir drei Flaschen Wein in den Rachen giessen und drei Napfkuchen hinein stecken. Darauf verwandele ich mich in eine Maus und verkrieche mich in ein Loch, das du mir vorher gekratzt hast. Sobald ich mich wieder erholt habe, verwandele ich mich von neuem in einen Löwen und reisse dem Drachen weitere drei Köpfe ab, und du giesst mir wieder drei Flaschen Wein in den Rachen und steckst drei Napfkuchen hinein und thust überhaupt ganz so, wie bei dem ersten Male. Aber wenn ich zum dritten Male ein Löwe geworden bin und dem Drachen auch den neunten Kopf abgerissen habe, dann merk auf! Denn alsbald wird aus dem neunten Haupte ein Hase entspringen und in schnellem Laufe das Weite suchen. Den erschiesst du. Und wenn du das gethan hast, so hast du deine Schuldigkeit gethan; für das Weitere werde ich Sorge tragen.« Der Rekrut versprach dem Prinzen, genau auf alles Acht zu geben, dann assen und tranken sie zusammen und legten sich schlafen.
Am andern Morgen wurde die grosse Staatskutsche angespannt, und der König, seine Tochter, der Prinz und der Rekrut stiegen hinein und fuhren dem Drachen entgegen. Auf dem freien Felde machten sie halt, und der König und seine Tochter blieben zurück, während der Prinz und sein Begleiter dem Drachen entgegen gingen. Es dauerte auch gar nicht lange, so kam das Ungetüm auf sie los und brüllte vor Wut, dass die Prinzessin noch nicht am Platze sei. Schnell nahm der Prinz die Löwenhaare in den Mund, und sofort stürzte er sich als Löwe auf den Drachen los und riss ihm nach langem Kampfe drei Häupter vom Rumpfe herab. Dann sprang der Rekrut herbei und goss ihm drei Flaschen Wein in das Maul und steckte ihm drei [349] Napfkuchen hinein. Darauf riss er ihm die Haare aus dem Rachen heraus und wies ihm das Mäuseloch, das er unter einem Eichbaum gegraben hatte. Schnell steckte der Prinz die Mäusehaare in den Mund, und, hast du nicht gesehen, war er auch schon als Maus in das Loch gekrochen.
Nachdem er sich dort ein wenig ausgeruht hatte, kroch er wieder hervor, verwandelte sich in einen Löwen, und der Kampf begann von neuem. Er riss dem Drachen diesmal wieder drei Köpfe ab, und nachdem ihn der Rekrut, wie das erste Mal, mit Wein gestärkt und ihm die Haare aus dem Rachen genommen und er sich als Maus in das Loch unter dem Eichbaum verkrochen und dort ausgeruht hatte, ging er zum dritten Male als Löwe auf das Ungetüm los. Das sprühte Feuer und Flammen aus seinem Maule heraus, aber all seine Wut half ihm nichts, der Löwe riss ihm den siebenten und den achten Kopf vom Rumpfe herab und endlich auch den neunten. Kaum war derselbe jedoch auf den Erdboden gefallen, so sprang ein Hase daraus hervor, und der Rekrut hatte seine liebe Not, dass er die Flinte ergriff und ihn niederstreckte. Inzwischen hatte sich der Prinz aus dem Löwen wieder in einen Menschen verwandelt; und als aus dem Hasen eine Taube flog und sich in die Lüfte schwang, hatte er auch schon die Büchse in der Hand und schoss sie nieder. Wie sie auf dem Sande lag, verlor sie ein Ei; das ergriff der Prinz und schlug es entzwei, und das Schlüsselbund, das er darin fand, steckte er zu sich, dass er es nicht verlieren konnte.
Nachdem das alles geschehen war, kehrten sie zu der Kutsche zurück, und der König und seine Tochter wollten gar nicht glauben, dass der Drache schon tot sei. Als sie aber hinfuhren und die neun Köpfe besahen, da war freilich kein Zweifel mehr, und mit Freude und Frohlocken fuhren sie wieder in die Stadt zurück. Dort wollte der alte König den Prinzen sogleich Hochzeit feiern lassen mit der Prinzessin. Der bedankte sich aber schön und sagte: »Ich bin schon versehen, ich habe sogar schon mit meiner Prinzessin einen kleinen Sohn. Wenn es aber einer verdient hat, so ist's der tapfere Soldat, denn ohne ihn würde ich nimmermehr den Drachen bezwungen haben!« Das sah der alte König ein; und da seine Tochter nun einmal den Prinzen nicht bekommen konnte, so wurde sie mit dem Rekruten verlobt, und bald darauf ward eine fröhliche Hochzeit gefeiert.
Der Prinz sollte auch dabei sein; er konnte aber nicht, denn die Sehnsucht nach Frau und Kind trieb ihn nach Hause. Er nahm die drei Federn in den Mund und flog als Vogel über das grosse Meer. Dann lief er, wie bei der Hinreise, abwechselnd als Hund und als Löwe, bis er am neunten Tage, nachdem ihn die Seejungfrau freigelassen, wieder in seinem Königreich anlangte. Da war die Freude gross; aber er liess sich keine Ruhe, bestieg mit seiner Frau einen Wagen und fuhr hinaus an den Meeresstrand. Kaum war er da, so stiegen alsbald wieder dicke Blasen aus dem Grunde auf, und noch ein Weilchen, so tauchte die Seejungfrau aus den Wellen empor. [350] »Bist du in Schwarzland gewesen? und hast du die Prinzessin erlöst?« fragte sie hastig. »Ja,« sagte er. »Nun, dann gieb das Schlüsselbund her,« rief die Seejungfrau ungeduldig. »Ich werde mich hüten,« antwortete der Prinz, »zuvor verlange ich die Verschreibung, die dir mein Vater gegeben.« Nachdem sie die Verschreibung geholt hatte, fasste die Seejungfrau die Schlüssel und der Prinz die Verschreibung, da einer dem andern nicht traute. Kaum hatte er aber die Schlüssel fahren gelassen, so gab es einen gewaltigen Knall, und der grosse See verwandelte sich in ein mächtiges Königreich, in Städte und Dörfer, Höfe und Mühlen, Land und Sand, und die Seejungfrau war die Prinzessin darin. »Nun solltest du eigentlich mein Mann werden,« sagte sie, »denn du hast mich erlöst!« – »Ja, ich kann doch aber nur eine heiraten,« antwortete der Prinz, »und die hab' ich schon; die Prinzessin von Schwarzland hat auch schon einen andern nehmen müssen.« – »Das ist richtig,« versetzte die erlöste Seejungfrau stolz, »und wer eine so reiche Königin ist, wie ich es bin, wird auch wohl so einen Mann bekommen.« Dann drehte sie dem Prinzen und seiner Frau den Rücken zu; die aber kehrten zurück in ihr Königreich und lebten dort vergnügt und fröhlich bis an ihr seliges Ende, und wenn sie nicht gestorben wären, so lebten sie heute noch.
[351][353]Nr. 1–3. Mündlich aus Quatzow, Kreis Schlawe.
Nr. 4. Mündlich aus Ritzig, Kreis Schivelbein. Der Erzähler hatte das Märchen in seiner Kindheit von einem alten, im Geruch der Zauberei stehenden Manne gehört, der es wieder einem Buche »Das Reich Gottes von Ewigkeit zu Ewigkeit« entnommen haben wollte. Wie viel an dieser letzten Sache wahr ist und ob überhaupt ein solches Buch besteht, vermag ich nicht zu beurteilen. Die Züge in dem Märchen scheinen volkstümlich. Die Vorstellung, dass kinderlose Frauen trockene Zweige am Baum des Lebens sind, habe ich auch sonst in Hinterpommern gefunden.
Nr. 5. Aus dem Kreise Lauenburg, dem Volksmunde nacherzählt und in der Mundart wiedergegeben von Frau Pastor Meinhoff.
Nr. 6. Mündlich aus Petznick, Kreis Pyritz.
Nr. 7. Mündlich aus Neuklenz, Kreis Fürstentum. Ein ähnliches Märchen findet sich bei Knoop, Volkssagen etc. aus dem östlichen Hinterpommern S. 204ff. Es ist betitelt »Die schöne Therese«. Sein Inhalt ist kurz folgender: Ein Königspaar lebt kinderlos dahin; ein Bettelweib verspricht Hilfe und bringt der Königin zwei Fische. Die soll sie essen und kein anderes Wesen davon geniessen lassen. Als die Wunderfische gar sind, frisst die Katze den einen. Nun werden die Königin und die Katze zu gleicher Zeit schwanger und genesen je eines Sohnes; der Sohn der Katze aber wurde Prinz Katz genannt. Er übertraf an Schlauheit seinen Bruder in allen Stücken. Die Prinzen wachsen heran und gehen gemeinsam auf die Jagd. Auf dem Heimweg werden sie von einem Regen überrascht. Da bitten sie den alten König, ihnen am Weg ein Haus zu bauen. Der König willfahrt ihrer Bitte, und ein Maler muss das neuerbaute Schloss mit Bildern schmücken. An die Thür malt dieser die schöne Therese. Der rechte Prinz verliebt sich in das Bild und ruht nicht eher, bis sein Vater ihn und Prinz Katz reisen lässt, dass sie die schöne Therese aufsuchen. Sie kommen durch einen Hohlweg, der in einen unterirdischen Gang mündet. Durch diesen gelangen sie in ein verwünschtes Schloss. Sie bringen ihre Rosse im Stalle unter, wo sie mit drei verwünschten Pferden zusammen stehen; dann gehen sie in das Schloss zurück, in dem ein Zimmer hell erleuchtet ist. In der Mitte desselben steht ein grosser Stein. Zu ihrer Verwunderung werden sie von unsichtbarer Hand aufs beste bewirtet. Ein gedeckter Tisch steht bereit, die Pferde werden besorgt, und für die Nacht sind zwei Betten aufgestellt. Während der rechte Prinz bald einschläft, bleibt Prinz Katz wach. Um Mitternacht öffnen sich die Fenster, drei Tauben fliegen herein und sprechen zu dem Stein: »Guten Abend, Mütterchen!« – »Schönen Dank, liebe Töchterchen!« antwortet der Stein. Auf die Frage der Tauben, was Neues geschehen sei, benachrichtigt sie der Stein von der Ankunft der Prinzen. Dieselben könnten aber die schöne Therese nur mit den drei verwünschten Pferden im Stalle erringen. Der rechte Prinz müsse [353] den Braunen, Prinz Katz den Schimmel nehmen. Dann ginge die Reise durch die Luft über das rote Meer zu dem Haus, wo die schöne Therese wohne. Genau um Mitternacht müssten die Prinzen dort sein, weil dann die wilden Tiere schliefen, welche die Jungfrau bewachten. Sie müssten sofort das Mädchen in die Arme nehmen und, bevor die wilden Tiere erwachten, den Rückweg antreten, sonst seien sie verloren. Schliefe Prinz Katz jetzt und habe er die Unterredung nicht gehört, so bekämen sie die schöne Therese nicht; auch dürfe er die Unterredung nicht weiter erzählen, sonst werde er sofort zu Stein werden. Auf Prinz Katz' Veranlassung geschieht am folgenden Tage alles so, wie der Stein gesagt hatte. Bei ihrer Rückkehr übernachten sie mit der schönen Therese in demselben verwünschten Schlosse. Um Mitternacht bleibt Prinz Katz wieder wach und ist von neuem Zeuge einer Unterredung der drei Tauben mit dem Stein. Hierbei erfährt er, dass die Tiere, welche die schöne Therese bewacht, sich allesamt in eine grosse Schlange verwandeln und in der dritten Nacht im königlichen Schlosse erscheinen würden, um die Geraubte zurückzuholen. Eine Rettung sei möglich, wenn Prinz Katz die Nacht im Schlafzimmer der schönen Therese wache und der Schlange, wenn sie durchs Fenster wolle, mit dem Säbel den Kopf abhaue. Ferner hört er, dass auch eine Erlösung des Steins und der drei Tauben möglich sei. In dem Pferdestalle ständen viele Spaten. Mit dem ältesten und schlechtesten müsse er, Prinz Katz, draussen graben. Dann würde eine schwere Axt zum Vorschein kommen, die er aus eigener Kraft nicht heben könne. Wenn er aber die in der Stube im Schrank stehende Flasche Wein austränke, so würde die Axt leicht werden, und er würde den Baum dort mit einem Streiche fällen. Am nächsten Morgen reiten die Prinzen mit der schönen Therese heim, und Prinz Katz tötet nach der Weisung des Steins die ungeheure Schlange, als sie den Kopf in das Fenster des Schlafgemachs der schönen Therese steckt. Darüber gerät er in den Verdacht, als sei er ein Mörder, und er soll hingerichtet werden. Auf der Richtstätte rechtfertigt er sich durch die Erzählung des Abenteuers und wird darauf zu Stein. Der Bruder beweint ihn jetzt und kommt tagtäglich, um ihn um Vergebung zu bitten. So geht es fort, bis die schöne Therese ihm zwei Söhne schenkt. Da erscheinen eines Tages die drei Tauben und sagen ihm, Prinz Katz könne gerettet werden, wenn er die beiden Kinder über dem Stein zerreisse und mit dem Blut denselben netze. Die Liebe zum Bruder und Schwager ist grösser, als die Elternliebe, die Kinder werden erwürgt, und kaum ist der erste Blutstropfen auf den Stein gefallen, wird Prinz Katz wieder lebendig. Als die Eltern sich nach den Kindern umsehen, sind auch diese wieder zu neuem Leben erwacht. Nun soll Prinz Katz für immer im Königsschlosse wohnen; er aber denkt an die letzte Nacht im verwünschten Schlosse und macht sich dorthin auf den Weg. Hier findet er den Spaten und gräbt die Axt heraus, trinkt den Wein und fällt den grossen Baum, von dem der Stein gesprochen hatte, mit einem Streich. In demselben Augenblick ist das Schloss erlöst, der Stein wird zur Königin, die drei Tauben wandeln sich in ihre drei Töchter. Prinz Katz heiratet die schönste davon, übernimmt die Königsherrschaft und lebt glücklich bis an sein Ende.
Nr. 8. Mündlich aus Ferdinandshof, Kreis Ueckermünde. Ein alter Erzähler aus Petznick, Kreis Pyritz, berichtete kurz folgende Variante: Ein König hat einen einzigen Sohn, der schon in der Wiege mit der Tochter des Königs von Niederland verlobt wird. Der König stirbt bald nach der Geburt des Prinzen, und die Königin verliebt sich in den alten General ihres verstorbenen Mannes. Als der Königssohn heranwächst, fürchtet das gottlose Paar seine Rache, und sie beschliessen, dem Schiffer, welcher den Prinzen über Meer zu seiner Braut nach Niederland fahren soll, den Befehl zu geben, dass er ihn heimlich über Bord [354] stosse. Der Prinz hat aber von seinem Vater her einen alten Diener überkommen, den treuen Johann. Auf dessen Begleitung verzichtet er nicht, und weil der treue Johann ihn auf Schritt und Tritt bewachte, so ändern sie ihren Plan und beschliessen, den Prinzen bei seiner Rückkehr umzubringen. Die Reise beginnt. Unterwegs erhebt sich ein furchtbarer Sturm; das Schiff geht unter, und nur der Königssohn und der treue Johann werden gerettet. Die Wellen verschlagen sie auf eine einsame Insel. Nur eine kleine Hütte ist in dem Buschwerk zu sehen; darin steht ein Tisch, und ein steinalter Mann sitzt davor und scheint zu schreiben. Sie fragen ihn, aber er antwortet nicht; sie stossen ihn an, da zerfällt er zu Asche. Auf dem Schriftstück aber, das vor ihm lag, hat er den zum Erben aller seiner Schätze eingesetzt, der ihn finden und beerdigen würde. Sogleich sammeln sie seine Asche und begraben sie, dann suchen sie in der Hütte nach und finden einen grossen Goldschatz. Um ihn zu bergen, stossen sie das Mark aus Flieder(Holunder)stämmen und legen das Gold in die Höhlungen; dann zimmern sie sich aus einem hohlen Baum einen Kahn und vertrauen sich auf ihm dem Meere an, weil kein Schiff in Sicht kommen wollte. Ein guter Wind treibt sie schnell fort, und sie gelangen an die Küste des Festlands; ein Strandreiter trifft sie und weist ihnen den Weg zur Stadt. Dort lassen sie die Holunderstämme auf dem Rathaus zurück, mieten ein Schiff und fahren nach Niederland. Der König ist hoch erfreut, die Hochzeit wird alsbald gefeiert und, mit grossem Heiratsgut bedacht, treten sie die Heimreise an. Unterwegs nehmen sie noch den Goldschatz in den Holunderstämmen auf; dann segeln sie mit gutem Winde weiter. Drei Tagereisen trennen sie nur noch von der Heimat, denn des Nachts gehen sie stets auf hoher See vor Anker. Der Prinz schläft, der treue Johann aber bleibt wach und sieht, wie sich um Mitternacht drei Raben auf den Spitzen der Mastbäume niederlassen. Die Raben erzählen sich Neuigkeiten, und der erste hebt an: »Der Königssohn aus Niederland wird seine Prinzessin nicht lange behalten. Kommt er nach Hause, so steht für ihn auf Geheiss der gottlosen Königin und des alten Generals ein prächtiger Fuchs bereit. Besteigt er das Tier, so bleibt von ihm nichts übrig, wie Staub und Nebel; verrät ihm aber jemand das Geheimnis, so wird derselbe von der Sohle bis zum Knie ein Stein.« Die nächste Nacht wacht der treue Johann wieder und hört von dem zweiten Raben folgendes: »Wenn der Prinz in den Königssaal kommt, so steht dort für ihn ein Stuhl von Demantstein. Setzt er sich aber darauf, so ist er des Todes; denn ein Dolch springt heraus und stösst ihm das Herz ab. Wer aber das Geheimnis dem Prinzen verrät, der wird von dem Knie bis zur Brust ein Stein.« In der dritten Nacht erzählt der dritte Rabe: »Kommen die beiden in die Brautkammer und legen sich in das Hochzeitsbett, so bleibt von ihnen nichts weiter übrig, als nur die Knochen. Es giebt nur eine Rettung, nämlich das Bett zu zerschlagen und aus dem Fenster zu werfen. Wer's aber erfährt und dem Prinzen verrät, der wird vom Wirbel bis zur Brust ein Stein.« Am andern Morgen langen sie wieder in der Heimat an. Wie der Rabe gesagt hatte, steht ein prächtiger Fuchs am Strande, um den Königssohn in das Schloss zu tragen. Der treue Johann sticht ihn tot. Zornig verlangt der General, der Buhle der Königin, des treuen Johann Bestrafung, aber der junge König antwortet: »Lasst nur, es ist ja mein treuer Johann gewesen!« Ebenso geht's mit dem Stuhl von Demantstein; als der treue Johann jedoch selbst des Hochzeitbettes nicht schont, wird auch der König zornig und bedroht seinen Diener mit dem Tode. Jetzt muss sich der treue Johann rechtfertigen, er erzählt das Abenteuer mit den Raben und wird zu Stein. Der junge König und seine Gemahlin stellen den Stein in ihre Schlafkammer und beweinen ihn tag täglich. In sieben Jahren schenkt die Königin ihrem Manne sieben Kinder. Da träumt beiden [355] Eltern drei Nächte hintereinander derselbe Traum: wenn sie die sieben Kinder schlachteten und mit ihrem Blute den Stein bestrichen, so würde der treue Johann wieder lebendig werden. Anfangs wagt keins von beiden, dem andern den Traum zu erzählen, endlich sprechen sie sich aus und werden einig, dem dreimaligen Traume nachzukommen. Sie schlachten die sieben Kinder, bestreichen mit dem Blut den Stein, und frisch und gesund steht der treue Johann vor ihnen. Jetzt schauen sie sich nach den sieben Kinderleichen um. Siehe, da sind dieselben allesamt wieder zu neuem Leben erwacht. Die alte Königin aber und der gottlose General wurden in Pech und Schwefel verbrannt.
Nr. 9. Mündlich aus Quatzow, Kreis Schlawe.
Nr. 10. Mündlich aus Zabelsdorf, Kreis Randow; Ferdinandshof, Kreis Ueckermünde. In Kratzig, Kreis Fürstentum, wurde mir nur der erste Teil erzählt. Der liebe Gott, der Teufel und der Tod bieten sich einem armen Bauern als Gevattern an. Derselbe wählt als gerechtesten den Tod. Vgl. Jahn, Volkssagen aus Pommern und Rügen Nr. 43. Zu dem Glauben an das Lebenslicht vergleiche ebenda Nr. 46 die Sage aus Reckow, Kr. Lauenburg.
Nr. 11. Mündlich aus Petznick, Kreis Pyritz.
Nr. 14. Mündlich aus Ferdinandshof, Kreis Ueckermünde.
Nr. 15. Mündlich aus Petznick, Kreis Pyritz. Ein ähnliches Märchen wurde mir auch in Grambin, Kreis Ueckermünde, erzählt.
Nr. 16. Mündlich aus Quatzow, Kreis Schlawe. Das Märchen wird allenthalben in Pommern gern erzählt und gehört. An Varianten habe ich folgendes notiert: In Ferdinandshof, Kr. Ueckermünde, beschränkt sich der Gang des Märchens auf die Erlösung der schwarzen Prinzessin. Dieselbe ist verwünscht, weil der König, dessen Ehe viele Jahre kinderlos war, endlich seine Frau mit den Worten umarmte: »Du sollst mir ein Kind schenken, und wenn der leibhaftige Teufel drein schlägt!« Der Erlöser ist ein braver Bursche, der mit dem für die Nachtwache ausgesetzten Preis seinen verschuldeten Eltern aushelfen will. Darum nimmt sich das Graumännlein, das der liebe Gott selber ist, seiner an. – In der Umgegend von Schlawe wurde einfach erzählt, ein König und eine Königin hätten eine einzige Tochter gehabt. Der sei geweissagt worden, sie würde mit dem 17. Jahre eine Menschenfresserin werden. Das trifft ein. Mit dem 17. Jahre stirbt die Prinzessin und wird in der Kirche aufgebahrt; jede Nacht muss ein Soldat Schildwacht stehen, am andern Morgen ist er aufgefressen. »Hans« trifft das Loos, und er muss auf den Posten. Auf dem Kirchhof begegnet ihm ein Männchen, giebt ihm ein Stück Kreide in die Hand und befiehlt ihm, damit um3/411 Uhr zwischen Altar und Fussende des Sarges einen Kreis zu beschreiben und hineinzutreten, bis es 12 schlägt. Er thut's und wird gerettet. In der zweiten Nacht hat er den Kreis zwischen Altar und Kopfende des Sarges zu beschreiben. Die Sache gelingt, ebenso in der dritten Nacht, wo er den Kreis zwischen Altar und der Sargmitte zu schlagen hat. Darauf ist die Prinzessin erlöst, und »Hans« heiratet sie. – In Petznick, Kreis Pyritz, wird die Geburt der Prinzessin darauf zurückgeführt, dass die Königin, um dem König ein Kind zu gebären, auf den Rat einer alten Hexe einen Zauberthee zu sich nimmt. Als das Mädchen zur Welt kommt, ist es halb Teufel, halb Mensch. Es kann sofort laufen, klettert aus der Wiege heraus und springt über Tische und Bänke. Die Eltern »katzbalgen« sich mit dem Kinde herum, bis es 14 Jahre alt ist. Es folgt die Verwünschung in der Kirche. Der Erlöser wird von einer alten Frau beraten. Das erste Mal muss er sich in der Kirche unter der dritten Bank von vorne, das zweite Mal unter der dritten Bank von hinten [356] verstecken; das dritte Mal hat er sich frei auf den Altar zu stellen. Er befolgt genau den Rat der Alten, erlöst und heiratet die Prinzessin.
Nr. 17. Mündlich aus Quatzow, Kreis Schlawe. – In Ferdinandshof, Kr. Ueckermünde, hörte ich folgende Variante: Ein Bauer hat einen über die Massen starken Sohn, den »starken Hans«. Da ihn der Vater nicht ernähren kann, schickt er ihn Martini zum Edelmann, dass er da sein Brot suche. Er verübt dort dieselben Streiche, wie oben in der Quatzower Fassung, und wird vom Edelmann abgelohnt und zum König geschickt. Nachdem er durch seine unbändige Kraft Feldwebel und Hauptmann in Schrecken gesetzt hat, wird er vom König dazu ausersehen, ein verwünschtes Schloss zu erlösen. Im Unterschied zu der Quatzower Fassung führt er das Erlösungswerk in den drei Nächten allein aus. In der ersten Nacht besteht er ein Abenteuer mit drei schwarzen Kerlen. Er ladet sie zu einem Solo ein. Da die Schwarzen jedoch falsch spielen und ihn ärgern, so ergreift er den ersten besten beim Kragen und schlägt mit ihm auf die andern ein, dass sie tot zu Boden sinken. Um 12 Uhr kommt ein steinaltes Mütterchen, schleppt die Toten zur Thüre hinaus und wischt das Blut auf. In der zweiten Nacht kommen zwölf Kerle. Sie kegeln. Die Kugeln sind Schädel, die Kegel Totenbeine. Der starke Hans soll den Kegeljungen spielen. Das will er nicht. Endlich bringen ihn die zwölf soweit, dass er mitmacht bei der Partie. Während des Kegelns kommt's zum Streit. Der starke Hans ergreift einen Feuerbrand, leuchtet dem vorlautesten damit ins Gesicht und, siehe, da war's derselbe Kerl, mit dem er gestern die beiden andern zu Tode geschlagen. Das kränkt ihn, und er packt ihn wieder beim Kragen und erschlägt mit ihm die elf andern. Schlag 12 Uhr erscheint die Hexe, trägt die Leichen beiseite und wischt den Fussboden auf. »Das sind schlechte Kerle,« meint der starke Hans, »die spielen falsch und ärgern die Menschen, und wenn man sie tot schlägt, werden sie wieder lebendig. Sollten sie morgen wiederkommen, so binde ich erst garnicht mit ihnen an.« Er musste aber wohl, denn am dritten Abend stürzen mit dem Glockenschlage 11 vierundzwanzig Kerle auf ihn ein, und Hans sinkt unter ihren Streichen auf ein Knie. Der Schluss dann genau so, wie in Nr. 17, nur dass Hans nicht drei, sondern nur eine Prinzessin erlöst, die er dann auch heiratet. – Ein Erzähler aus Zabelsdorf, Kreis Randow, kannte nur den ersten Teil des Märchens ohne die Erlösungsgeschichte. Johann muss bei seinem Vater Hunger leiden und geht deshalb zum Edelmann und bietet sich ihm als Knecht an. Sie werden dahin einig, dass Johann als Lohn Sattessen, Satttrinken und am Ende des Jahres einen hölzernen Dreier und eine Ohrfeige bekommt. Den Schlag darf er aber vergelten. Die Sache behagt dem Herrn, aber schon am ersten Tage wird sie ihm leid. Zunächst isst Johann für zwanzig; dann hebt er einen beladenen Kornwagen, dessen Räder der Knecht zu schmieren vergessen, in die Höhe, streift ein Rad nach dem andern von der Achse und schmiert es ein, setzt es wieder an seinen Ort und stellt dann den Wagen zur Erde. Darauf geht's mit den andern Knechten in den Wald. Hier machen sich die Leute mit den Hebebäumen an die Arbeit; Johann lacht sie aus, legt mit freier Hand die grössten Stämme auf seinen Wagen und kehrt zum Hofe zurück. Dort findet er den Thorweg verschlossen. Sofort nimmt er den Wagen samt Pferden und Ladung und wirft ihn über das Thor weg mitten auf den Hof. Dem Edelmann wird himmelangst, und er will den starken Johann töten. Zu dem Zwecke heisst er ihn, als die Knechte zurückkommen vom Busch, in den Brunnen steigen und dort den Sand ausschippen. Kaum ist er drinnen, so werfen allesamt Feldsteine auf ihn herab. Johann wirft nach einer kleinen Weile die Steine wieder zurück und spricht dabei: »Was haben die Hühner stark gemistet!« Jetzt lässt der Herr die Glocke vom Turm holen, und die Knechte werfen sie [357] in den Brunnen, Johann auf den Kopf. Der kommt mit fröhlichem Gesicht aus dem Schacht hervorgekrochen und freut sich über die schöne Schlafmütze. Nun ist's mit dem Witz des Edelmanns zu Ende; er lohnt Johann ab und giebt ihm den hölzernen Dreier und die Ohrfeige. Jetzt war Johann an der Reihe. Er langt aus und giebt dem Herrn einen Schlag hinter die Ohren, dass derselbe zur Erde fällt. Darauf reisst er das Fenster auf und schlägt ihn mit solcher Gewalt hinten vor, dass er weit ins Land hinaus fliegt und erst am vierzehnten Tag wieder zur Erde herabkommt. Johann aber ist inzwischen seiner Wege gegangen und hat sich nicht wieder in der Gegend blicken lassen. – Ebenfalls nur den ersten Teil des Märchens, aber mit einer weit grösseren Anzahl märchenhafter Züge ausgeschmückt, bietet das Märchen vom Jsermartin aus dem Bütower Kreise bei Knoop, Volkssagen etc. aus dem östlichen Hinterpommern. S. 208ff. Der Inhalt desselben ist kurz folgender: Ein Grobschmied lebt mit seiner Frau in kinderloser Ehe. Die Frau macht dem Meister eines Tages beim Mittagsmahle Vorwürfe darüber; da eilt derselbe nach dem Essen in die Schmiede, nimmt ein Stück Eisen und hämmert einen Jungen daraus. Den bringt er seiner Frau; und da er sich so kalt anfühlt, wird er hinter den Ofen gestellt, um aufzutauen. Nach einer Viertelstunde fordert er denn auch schon Speise und Trank und isst von da an tagaus tagein so fürchterlich viel, dass die guten Grobschmiedsleute in Armut geraten. Als sie darüber betrübt sind, lässt er sich einen 15 Pfund schweren eisernen Stock schmieden und geht auf die Wanderschaft, um Geld zu verdienen und seinen Eltern durch den Verdienst den angerichteten Schaden zu ersetzen. Zuerst verdingt er sich bei einem bösen Gutsbesitzer. Bedingung ist: Jsermartin hat für das blosse Essen zu arbeiten und alle Befehle des Herrn genau auszuführen. Nach Ablauf des Jahres darf er den Herrn dreimal mit drei Fingern hinten vor schlagen. Derselbe befiehlt ihm am ersten Tag, nicht eher zu Mittag auszuspannen, als bis der Hund nach Hause geht. Der Hund will nicht gehen; da hilft Jsermartin mit dem Zwölfpfünder nach, und als er nun heulend davon läuft, jagt Jsermartin mit den Gäulen hinter ihm drein. Der Hund setzt über den Gartenzaun, Jsermartin ergreift das Gespann und wirft es ihm nach, so dass die Pferde tot liegen bleiben. Am Nachmittag soll der Hof gereinigt werden. Jsermartin hebt das Scheunenthor aus den Angeln und schaufelt damit einmal um den Hof herum, da ist alles in Ordnung. Am nächsten Tag denkt der Herr, es recht klug anzufangen, und befiehlt dem Jsermartin, nicht eher Mittag zu machen, als bis die Pferde lachen. Jsermartin schneidet ihnen die Lippen ab, dass die Zähne sichtbar werden, und kehrt bald nach der Vesperzeit auf den Hof zurück. Einmal soll Jsermartin mit den Bauern in den Wald, Kien roden. Er verlangt als Frühstück 1 Tonne Schnaps, 2 Tonnen Bier, 12 Brote und 2 Butten mit Butter. Das isst er mit den Bauern im Walde auf, ehe sie an die Arbeit denken, dann legt er sich schlafen. Jetzt treten die Leute neugierig an ihn heran, um ihn genauer zu besehen. Siehe da, seine Hosen stehen weit offen, und einer von den Männern tritt ihm mit dem Fuss zwischen die Beine, kann aber die Öffnung nicht füllen. Jetzt kommen die andern Bauern dazu, und siehe, allesamt haben sie bequem darin mit ihren Füssen Platz. Plötzlich zieht Jsermartin das Gekröse zusammen, und alle Bauern sitzen fest. Nun erhebt er sich und geht im Walde hierhin und dorthin, wo die Stubben am dichtesten stehen. Die Bauern klammern sich in ihrer Herzensangst daran fest und entwurzeln sie, sobald Martin weiter schreitet. Endlich ist der Kienhaufen gross genug, und er entlässt die Geschundenen. – Ein andermal dreschen die Leute. Jsermartin treibt sie allesamt auf das Fach, reisst den stärksten Balken heraus und heisst sie nun die Garben herunterwerfen. Sowie eine Ladung kam, hieb er einmal zu, und die Garben [358] waren nicht nur ganz leer, sondern auch gleich zu Krummstroh geworden. Als die ganze Ernte auf diese Weise gedroschen ist, bläst Jsermartin mit vollen Backen ein paar Mal hinein, und Spreu und Körner sind von einander geschieden. Dann schaufelt er alles mit der Scheunenthür in einen einzigen Sack, in den alle Laken und Bettbezüge aus dem ganzen Dorf vernäht waren. Den Sack wirft er sich auf den Buckel, um ihn auf den Speicher zu tragen. Sein Weg führt ihn durch das Thor. Schnell lässt der Herr seinen schlimmsten Bullen los. Wie dieser den Jsermartin anrennt, ergreift er ihn beim Schwanz und wirft ihn mit einem Ruck oben auf den Sack, dann geht er durch den Thorweg und zermalmt dabei das böse Tier vollständig. Es folgt das Abenteuer mit dem Brunnen. Der Herr schickt Jsermartin zum Ausbessern des Schachtes in den Brunnen und lässt dann einen Mühlstein und die grosse Glocke auf ihn werfen. Er kommt herauf und freut sich über den neuen Kragen und die neue Nachtmütze. Wieder einige Zeit später schickt ihn der Herr mit den lachenden Pferden in den Wald, dass er eine Fuhre Holz hole. Er hat aber die Axt vergessen. Ein Bauer, den er um die seine angeht, weist ihn zurück, aus Furcht, Jsermartin möchte sie ihm in tausend Stücke zerschlagen. Da reisst der Starke mit der Hand die Bäume aus und trägt sie auf den Wagen. Siehe, da haben zwei Löwen die Pferde zerrissen. Sofort wirft er das Geschirr über sie und treibt sie mit dem Fünfzehnpfünder an, die schwere Last durch das Thal den Berg hinauf zu ziehen. Oben lässt Martin die Löwen verschnaufen und setzt sich nieder, um sich zu erleichtern. Das that er nur einmal im Jahre, und so füllte er das ganze Thal voll. Als der Bauer mit seinem Wagen kam, konnte er nicht durch. Martin aber lachte und sprach: »Das war für die Axt«; dann trieb er die Löwen weiter, bis sie auf den Hof kamen. Dort sollten sie Heu fressen, und als sie's nicht wollten, schlug er sie tot. Ein neues Abenteuer hat er auf das Geheiss seines Herrn in einer Wassermühle zu bestehen, in welcher der Teufel hauste (vgl. den ganz ähnlichen Zug in dem Märchen Nr. 18 vom Wolfskinde). Der Teufel will ihn hindern; da packt ihn Jsermartin am Kragen und schleift ihm auf dem Mühlstein soviel hinten ab, bis er verspricht, nicht nur das Kaff zu Weizenmehl zu mahlen, sondern auch die Mühle fortan in Ruhe zu lassen. Dem Herrn ist inzwischen der Knecht leid geworden, und er möchte ihn vor der Zeit los sein. Zu dem Zweck heisst er seine Frau auf den Baum klettern und Kuckuck rufen. »Das Jahr ist um, der Kuckuck ruft,« spricht der Herr. Jsermartin aber nimmt ein Gewehr und schiesst den falschen Kuckuck vom Baume herab. Endlich ist das Jahr um, und der rechte Kuckuck schreit. Nun hat der Pakt ein Ende, nur die drei Streiche sind noch auszuteilen. Aber schon beim zweiten giebt der Herr, der aus dem Fenster bis an die Grenze des Gutes flog, seinen Geist auf. Jsermartin lässt nun seinen Mitknechten das Gut als Eigentum und geht zum Himmel. Petrus weist ihn ab und schickt ihn zur Hölle. Dort schlägt er mit dem Eisenstock an das Höllenthor. Alle Teufel fliehen, nur Beelzebub, der in der Mitte der Hölle an einer eisernen Kette lag, heisst ihn herein kommen. Zur Strafe für seinen Übermut soll Jsermartin in ein Bett gelegt werden, dessen Boden aus Rasiermessern bestand, die Schneiden nach oben. Er versteht aber die Sache falsch, packt den Beelzebub, dass seine Kette wie Glas zerspringt, und drückt ihn in das Bett. Um los zu kommen, muss der Teufel versprechen, fortan die Menschen zu verschonen; ausserdem muss er Jsermartin eine Tonne Gold geben. Ehe dieser mit seinem Schatz die Hölle verlässt, üben sie noch ein Wettwerfen mit der Axt aus. Der Teufel wirft die Axt so gewaltig (in den Weltenraum (!), wie Knoop erzählt), dass sie erst nach zwei Stunden zurückkommt. Jetzt ist Jsermartin an der Reihe. Da er aber die ganze Welt samt der Hölle zu zertrümmern droht, unterbleibt sein Wurf, und er zieht so von [359] dannen. Zu seinem Vater, dem Grobschmied, zurückgekehrt, übergiebt er ihm das Gold; dann kriecht er hinter den Ofen und wird wieder in Eisen verwandelt, was er vorher gewesen war.
Nr. 18. Mündlich aus Sydow, Kreis Schlawe.
Nr. 19. Mündlich aus Ferdinandshof, Kreis Ueckermünde.
Nr. 18–19 Ähnliche Märchen wohl allenthalben in Pommern zu finden. Hier möge es an folgenden Varianten genug sein: Ein Schmied schmiedet einen eisernen Mann »Îsenkîerl« und stellt ihn ins Schapp. Am andern Morgen will er Essen aus dem Schapp hervorlangen. Da spricht der Îsenkîerl: »Vater, was willst du hier?« Den Schmied wundert die Sache; da der eiserne Mann aber sprechen und hantieren kann, so heisst er ihn aus dem Schapp herausgehen und ihm beim Schmieden helfen. Zwei Hammer schlägt er entzwei; der dritte hält aus, aber der Îsenkîerl schlägt damit den Amboss tief in den Erdboden hinein. »Dich kann ich nicht brauchen,« sagt der Schmied. Er schmiedet ihm einen gewaltigen eisernen Krückstock und heisst ihn auf die Wanderschaft gehen. Unterwegs trifft er einen Jäger, einen Steinhauer und einen Holzhacker. Er nimmt sie mit sich und kommt in die kleine Hütte. Dort wohnen sie. Drei jagen Wild, einer bleibt zu Hause und besorgt die Wirtschaft. Erst hat der Jäger, dann der Steinhauer, dann der Holzhacker wie in 18 u. 19 das Abenteuer mit dem Unterirdischen zu bestehen. Endlich bleibt der eiserne Mann zu Hause. Er bezwingt den Zwerg und klemmt seinen Bart in der Thürspalte fest, die Haare reissen aus, und der Zwerg entkommt in den Berg. Dort suchen ihn der eiserne Mann und seine drei Genossen auf. Sie lassen sich nach einander in das Bergloch hinab, zuerst der Jäger, dann der Steinhauer, dann der Holzhacker, keiner vermag ihn zu finden. Endlich macht sich der eiserne Mann selbst auf die Fahrt. Unten findet er eine Menge Drachen. Er tötet sie. Bei den Drachen weilte eine Hexe. Dieselbe zeigt ihm den Versteck des Unterirdischen. Nachdem er denselben zur Strafe durchgeprügelt hat, lässt er sich von der Hexe auf die Oberwelt zurückhexen. Oben bestraft er seine drei Genossen, weil sie davon gelaufen waren und ihn nicht wieder in die Höhe gezogen hatten. Dann nimmt er alles Geld, was er in dem Häuschen fand, und kehrt zu dem Schmied zurück. Mündlich aus der Umgegend von Putbus auf Rügen. – Mit Nr. 19 »dem Märchen vom Männchen Sonderbar« stimmt folgende Variante aus Quatzow, Kr. Schlawe, im wesentlichen überein: Ein Schmied hat einen starken Gesellen. Der Inspektor fährt den letzteren rauh an; der Geselle lässt ihn darauf den Hammer fühlen. Da es zur Zeit der Unterthanenschaft (d.i. Leibeigenschaft) war, mnsste der Meister den Gesellen entlassen. Der Edelmann fertigt ihm sein Buch aus. Wie er nun über den Hof geht, lässt der Inspektor den Bullen auf ihn. Jener fasst das Tier beim Schwanz und wirft's sich über den Buckel, geht damit zur Schmiede und schneidet ihm die Kehle durch. »Was bringst du da?« fragt der Meister erschrocken. »Fleisch für dich und mich,« antwortet der Gesell und haut mit dem Beil den Bullen in zwei Teile. Dann geht er in die Werkstatt und schmiedet sich einen festen eisernen Korb und einen eisernen sechszölligen Handstock. In den Korb thut er den halben Bullen, den Stock nimmt er in die Hand, dann sagt er dem Meister lebewohl und zieht seiner Wege. Im Wald trifft er nach einander zwei starke Männer, die ihre Kraft mit ihm messen. Zuerst müssen sie seinen Korb und Stock tragen, sie können's nicht; darauf ein Ringkampf, in dem der Geselle sie auf den Rasen wirft. Das Ende des Kampfes ist in beiden Fällen dasselbe, die Starken geben sich in die Dienste des Gesellen und folgen ihm nach. Es folgt nun wie in Nr. 19 das Abenteuer mit dem Unterirdischen. Der Geselle besiegt ihn, und der Zwerg flüchtet unter einen gewaltigen, haushohen Stein, der ganz mit Moos bewachsen [360] ist. Der eine der beiden Starken, seines Zeichens ein Steinsprenger, macht sich an die Arbeit und spaltet den Stein. Unter ihm ist ein tiefes Loch, dessen Ende mit den längsten Stangen nicht erreicht werden kann. Da flechten die drei ein Seil und binden den Korb daran. Darauf wird der Schmied in die Tiefe gelassen. Unten ist's heller lichter Tag. Vor ihm liegt ein grosses Schloss. Er geht hinein und kommt von einem Zimmer zum andern. In dem letzten ist ein grosses Bett, in welchem ein gewaltiges Ungetüm mit neun Köpfen liegt. Davor sitzt eine wunderschöne Prinzessin. »Mach, dass du fort kommst, Unglücklicher,« spricht sie leise, »ein Drache liegt im Bett, und wenn er erwacht, so bist du des Todes!« An der Wand hing aber ein grosses Schwert. Der Schmied griff danach, konnte es jedoch nicht von der Stelle rühren. Da deutet die Prinzessin mit dem Finger nach der Flasche auf dem Tisch. Er setzt sie an den Mund und leert sie in einem Zug. Sogleich durchdringt ihn zehnmal grössere Kraft, als vorher; er ergreift das Schwert und schwingt's, wie einen Flederwisch, haut zu und schlägt dem Drachen im Bette mit einem Hieb die neun Köpfe ab. Nun ist die Prinzessin erlöst und verspricht dem Schmied, dass sie ihn heiraten wolle. Das ist dem schon recht, aber wie hinaufkommen. Geht er zuerst in den Korb, so rauben die Unterirdischen inzwischen die Prinzessin; lässt er aber der Prinzessin den Vorrang, so lassen ihn seine Gefährten im Elend sitzen. Als ihm die Königstochter aber ihren Ring giebt und ihm verspricht, drei Jahre seiner zu warten, da entschliesst er sich kurz und lässt sie hinaufziehen. Kaum ist sie oben, so lassen die beiden Starken den Korb wieder herab. Der Schmied traut ihnen jedoch nicht und legt den Handstock in den Korb. Er hat sich nicht verrechnet. Als der Korb drei Viertel in die Höhe gezogen ist, lassen die Bösewichter die Last fallen, und der Schmied muss geschwind beiseite springen, dass er das Leben behält. Inzwischen hat die Prinzessin den beiden zuschwören müssen, dass sie ihrem Vater, dem König, sagen wolle, die Starken hätten sie erlöst. Dann zogen sie mit ihr in ihr Reich; und der alte König war so erfreut, als er seine Tochter wieder sah, dass er sie sogleich einem der beiden geben wollte. Sie aber will noch drei Jahre warten und um die schwere Zeit trauern, die sie bei dem Drachen durchgemacht. Der Schmied läuft indessen unter dem Berge umher und durchsucht das ganze Schloss. Dabei findet er den Zwerg. Er droht ihm mit dem Tode, wenn er ihm nicht wieder aus der Unterwelt heraus hilft. Darauf sagt der Zwerg: »Geh immer gerade aus! Dann kommst du an ein grosses Wasser. Dort hat Vogel Strauss sein Nest, und das ist der grösste von allen Vögeln. In seinem Nest liegen zwei Junge, die müssen elendiglich verhungern, weil Vogel Strauss nur alle sechs Monde einmal kommen und ihnen Atzung bringen kann. Fütterst du ihm die Jungen auf, so wird dich Vogel Strauss zum Lohne dafür in die Oberwelt tragen.« Wie der Zwerg geraten, so that der Schmied. Er kam an das Wasser, fand das Nest und fütterte die Jungen auf. Eines Tages vernahm er ein gewaltiges Sausen. Auf den Rat der Jungen flüchtete er unter ihre Flügel, und das war sein Glück. Denn schon war Vogel Strauss da und rief: »Was ist das? Ihr seid am Leben? Wer hat euch gefüttert? Zum Dank werde ich ihn auffressen!« Endlich hatten die Jungen ihm die bösen Gedanken ausgeredet. Da durfte dann der Schmied hervorkriechen, und Vogel Strauss versprach ihm, dass er ihn zur Oberwelt tragen wolle. Sie mussten aber über ein grosses, grosses Wasser, und als sie drei Viertel darüber waren, verliessen Vogel Strauss seine Kräfte, und er rief: »Ich kann nicht weiter, ich muss dich fallen lassen, wenn ich nicht etwas zu fressen bekomme!« Da schnitt sich der Schmied mit dem Messer ein grosses Stück Fleisch unter dem Arme weg und gab's Vogel Strauss. Der frass es auf und rief: »Hätte ich das gewusst, dass du so gut schmeckst, ich hätte [361] dich doch vor Freuden gefressen. Aber nun mag's drum sein!« Dann flog er weiter und weiter, bis das Wasser zu Ende war. Dort setzte er den Schmied nieder und flog zu seinen Jungen zurück. Der Schmied reist zum Schloss des Königs, dessen Tochter er erlöst hat. Als er ankommt, sind gerade die drei Jahre verflossen; die Stadt ist geflaggt, und auf dem Schloss wird Polterabend gefeiert. Er geht ins Wirtshaus und schickt den Wirt mit dem Ring aufs Schloss. Die Prinzessin lässt ihn zu sich holen; er tritt vor den König und erzählt die ganze Geschichte. Darauf erhält er die Prinzessin zur Frau, seine schlechten Kameraden werden mit vier Ochsen aus einander getrieben. – Durch Vermittlung von Herrn O. Knoop, den verdienstvollen Herausgeber der ostpomm. Sagen, ist mir ferner folgende von Herrn Archut in Wusseken, Kreis Bütow, aufgezeichnete Variante zugestellt worden: Ein König hatte drei Töchter. Um das Schloss zog sich ein prächtiger Garten, den die Prinzessinnen vor ihrem 14. Jahre nicht betreten durften. Die älteste übertrat das Verbot, und kaum war sie im Garten, so war sie auch spurlos verschwunden. Ebenso erging es drei Jahre darauf der zweiten und dritten Prinzessin. Nun hatte der König unter seinen Soldaten einen Tambour; der betrank sich eines Abends und verlor dabei seinen Säbel. Da liess er sich einen von Holz machen. Als das dem Könige gemeldet wurde, beschied er den Tambour zu sich und sprach zu ihm: »Tambour, du weisst, dass ich grossen Ärger habe um meine drei Töchter. Ich mag nicht länger leben; zieh deinen Säbel und schlag mir den Kopf ab! Und weigerst du dich, so lass' ich dich an den Galgen hängen!« Der Tambour war aber ein schlauer Fuchs und antwortete: »Wenn ich euch denn mit meinem Schwerte den Kopf abhauen soll, ei, so wünschte ich gleich, dass er von Holz wäre.« Damit zog er den hölzernen Säbel hervor und stellte sich verwundert, als ob sein Wunsch in Erfüllung gegangen sei. Der alte König jedoch freute sich der Klugheit des Mannes und sprach zu ihm: »Du bist der rechte, du musst meine drei Töchter erlösen. An Geld soll's dir nicht fehlen; nimm so viel aus meiner Schatzkammer, als du irgend magst. Auch zwei Begleiter sollst du haben. Aber bringst du die Sache nicht zu Ende, so soll dich der Henker an den Galgen hängen.« Nachdem der König dies gesprochen, ging der Tambour, nahm von seiner Kompanie zwei lustige Brüder und begann ein Luderleben, bei dem die königliche Kasse stark herhielt. Neun Monde hatte er's so getrieben und noch immer nichts für die Erlösung der drei Prinzessinnen gethan. Da befiel ihn die Furcht, der König möchte dahinter kommen; er besprach sich mit seinen Gesellen, und sie machten sich auf und davon. Als sie die Grenze überschritten hatten, kamen sie in einen ungeheuren Wald. Es folgt nun die Auffindung der Hütte und das Abenteuer mit dem Unterirdischen. Derselbe führt sich den ersten Tag damit ein, dass er sagt: »Hab' ich doch schon hundert Jahre hier gewankt und noch nie jemand in diesem Hause gesehen.« Am zweiten Tag werden 200, am dritten, als der Tambour zu Hause bleibt, gar dreihundert Jahre daraus. Abweichend ist ferner in dieser Version, dass der Zwerg als Waffe eine eiserne Peitsche hat, die er am ersten und zweiten Tage den beiden Gefährten des Tambours zu fühlen giebt, dass ihnen die Sinne vergehen. Ehe der Unterirdische am dritten Tage mit dem Tambour ein Gleiches thun kann, bittet ihn dieser, ihm bei dem Spalten eines gewaltigen Hauklotzes behilflich zu sein. Der Zwerg thut das, schlägt mit aller Kraft in das Holz, kann aber das Eisen nicht wieder herausbringen. Zornig springt er auf den Klotz, um besser ziehen zu können. Die Arbeit gelingt, aber der lange Bart kommt in die Spalte, und das Männchen ist gefangen. Der Tambour lässt ihn dort zappeln und freut sich schon, wie die beiden andern sich über den gefangenen Vogel hermachen würden. Als dieselben aber kommen und nachsehen wollen, ist das Männchen samt dem Klotz verschwunden. Sie gehen der Spur [362] nach und kommen an ein Loch, das tief in einen hohen Berg hinabführt. Ein Strick wird gewunden, 100 Klafter lang; der eine von den Gefährten lässt sich in einem Korbe herab, findet aber keinen Grund unter seinen Füssen. Der Strick wird um 100 Klafter verlängert und der zweite heruntergelassen. Er kommt in der Unterwelt an, wagt aber nicht vorzugehen und lässt sich sofort wieder heraufziehen. Jetzt ist der Tambour an der Reibe. Glücklich langt er unten an und findet ein prächtiges Schloss. Er durchschreitet drei Zimmer; in dem vierten weilen die drei Prinzessinnen. Sie freuen sich über seine Ankunft, warnen ihn jedoch vor dem unermesslich starken König des unterirdischen Reiches. Nur ein Mittel gebe es: auf dem Sims stehe eine Flasche, darüber hinge ein Schwert. Wenn er den Inhalt der Flasche austränke, so könne er mit dem Schwert den König der Unterirdischen erschlagen. Der Tambour befolgt den Rat. Gewaltige Kraft ergreift ihn. Da öffnet sich die Thür und zornig tritt das Männchen mit der eisernen Peitsche, welches kein anderer als der König der Unterirdischen war, herein. Jetzt will er sich an dem Tambour rächen; doch dieser hat das Schwert schon gezückt und schlägt ihm das Haupt von den Schultern. Nun sind die Prinzessinnen erlöst. Er lässt eine nach der andern von seinen Gefährten heraufziehen; doch bevor das geschieht, muss ihm eine jede ein Andenken geben. Bereitwillig überreichen sie ihm die Kleider, die Fingerreifen und das Halsgeschmeide, die sie in ihrer Gefangenschaft bei dem Zwergkönig getragen haben; ausserdem muss ihm die jüngste zuschwören, in Jahr und Tag nicht zu heiraten, sondern auf ihn zu warten. Das that er aber deshalb, weil er fürchtete, seine Kameraden möchten ihn verraten und in der Unterwelt zurücklassen. So geschah es auch. Als die Prinzessinnen in die Höhe gezogen sind, senden die Schelme wohl den Korb wieder herab; aber in halber Höhe lassen sie ihn fallen, dass er in den Abgrund zurück stürzt, doch ohne den Tambour. Der hatte aus Vorsicht statt seiner einen schweren Stein hineingethan; und so hart war der Fall, dass der Stein sieben Klafter tief in die Erde fuhr. Der Tambour geht darauf in das Schloss zurück und sucht sich die Zeit zu vertreiben. Eines Tages findet er in einem alten Eckspind eine Querpfeife. Er setzt sie an den Mund und spielt darauf; da rücken Unterirdische über Unterirdische zu Fuss und zu Ross heran und fragen nach seinem Begehr. Erstaunt blickt er sie an, dreht die Pfeife um und bläst nachdenklich hinein. In demselben Augenblick sind alle Zwerge verschwunden. Jetzt wusste der Tambour Bescheid, er blies noch einmal und befahl dem Führer der Unterirdischen, ihm aus dem Berge herauszuhelfen; dann könne er an seiner Statt König der Zwerge sein. Alsobald überreicht ihm der Führer der Zwerge einen Hammer, und wie der Tambour damit an eine Thüre schlägt, befindet er sich wieder auf der Oberwelt, und zwar in dem kleinen Buschkaten. Der Tambour sucht nun nach Speise und Trank. Dabei erwischt er einen Geldbeutel. Wie er den ausschüttet, fiel Gold über Gold heraus, und soviel er auch schütteln mochte, es wollte kein Ende nehmen. Unweit des Wunschbeutels standen ein Paar Stiefel. Er zog sie an und schritt aus; siehe, da hatte er sieben Meilen zurückgelegt. Nun war er aller Freuden voll. In wenig Augenblicken befand er sich in der Stadt, wo der alte König herrschte. Er quartiert sich bei einem Schneider ein und erfährt von demselben, dass die ältesten Prinzessinnen die beiden Soldaten heiraten müssten. Sie wollten aber zuvor dieselben Kleider, dieselben Ringe und dasselbe Halsgeschmeide haben, die sie bei dem Zwergkönig unter der Erde getragen; und das war nicht leicht, denn die Kleider hatten nur eine Naht, und die Schmucksachen waren über alle Massen kunstreich gearbeitet. Als der Tambour das hörte, fordert er seinen Wirt auf, sich zu der Sache zu melden, er wolle selbst alles übrige besorgen. Das thut der Schneider auch; und nachdem[363] der Tambour aus dem Wunschbeutel genug eingekauft und genug Gold und Silber verschmolzen und genug Sammet und Seide verschnitten hatte, gab er dem Schneider die Kleider, die Ringe und das Geschmeide, welches ihm die beiden ältesten Prinzessinnen als Andenken gegeben hatten, dass er es zu ihnen auf das Schloss trüge. Der Schneider gehorcht dem Befehl und kommt mit grosser Belohnung zurück. Über ein Jahr soll auch die jüngste Tochter heiraten. Sie stellt dieselben Bedingungen, wie ihre Schwestern, und wieder schickt der Tambour das Kleid, das Geschmeide und den Ring. Die jüngste Prinzessin erkennt sogleich, dass es keine Nachbildungen, sondern dieselben Stücke sind, die sie in der Unterwelt getragen. Sie befiehlt darum dem Schneider, dass er den Verfertiger der Sachen zu ihr auf das Schloss bestelle. Der Tambour sendet als Antwort, er achte, es sei nicht weiter von ihr zu ihm, als von ihm zu ihr. Jetzt weiss sie, dass es ihr Erlöser ist. Die Staatskutsche wird angespannt und der Tambour darin zum König geholt. Dort berichtet er alles, wie es gekommen ist, und zum Lohn wird er mit der jüngsten Tochter verheiratet; die beiden falschen Gesellen aber, seine Schwäger, werden mit vier schwarzen Ochsen aus einander getrieben. – Manche Ähnlichkeit mit dieser kassubischen Variante hat eine Fassung, die ich von Zigeunern hörte, welche seit Jahrzehnten in Pommern und den Nachbarprovinzen ihr Wesen treiben: Ein alter Schäfer hat eine schwangere Frau. Wie er eines Tages auf dem Felde ist, kommt eine Kutsche angefahren, ein Herr springt heraus und redet dem Manne solange zu, bis er ihm die Frau samt dem ungeborenen Kinde verkauft. Am nächsten Morgen, wie die Schäfersfrau ihrem Manne das Essen bringen will, wird sie von den Leuten des Herrn, der ein Räuberhauptmann war, entführt und tief in den Wald hinein in eine grosse Höhle geschleppt. Dort legen sie die Frau an eine lange Holzkette, und sie muss der Bande Küche und Stube besorgen. Ausserdem wird ihr angekündigt, dass sie sterben müsse, wenn sie ein Mädchen zur Welt brächte; wäre es ein Junge, so solle ihr das Leben geschenkt sein. Zu ihrem Glück bekommt sie einen Sohn, der mit 14 Jahren so stark ist. dass er die Waldbäume mit den Wurzeln aus der Erde heraus zu reissen vermag, wovon er auch den Namen Baumstark erhält. Da erzählt ihm die Mutter, wer sein Vater sei und wie er in die Höhle zu den Räubern gekommen wäre. Er reisst eine Fichte aus dem Erdboden und erschlägt damit die 20 Räuber und ihren Hauptmann. Dann packt er sich alle Kostbarkeiten, die in der Höhle sind, auf den Buckel und kehrt mit der Mutter in das Haus seines Vaters zurück. Nachdem er denselben gezwungen hat, seine Frau wieder anzunehmen, lässt er sich einen Stab schmieden, an dem 24 Gesellen zu arbeiten haben und der ihm von dem Schmied mit vier Pferden zugefahren wird. Er nimmt ihn und begiebt sich auf die Wanderschaft. Unterwegs gewinnt er drei Gesellen: einen Mann, der die Eichen im Walde zerhackte, als wären es Strohhalme, einen zweiten, der mit der Faust Nägel in ein Zinkdach schlug, und endlich drittens einen Scharfsichtigen, der so gut sah, dass ihm nichts verborgen blieb. Letzterer entdeckt das Hüttchen im Walde. Es folgt nun das Abenteuer mit dem Unterirdischen und Baumstarks Fahrt durch das Erdloch in die Unterwelt. Dort findet er eine grosse grüne Wiese. Darauf stehen 4 Schlösser. In jedem sitzt eine verwünschte Prinzessin: die erste wird von 2 Drachen, die zweite von 2 Löwen, die dritte von 2 Bären, die vierte von 2 Elephanten bewacht. In allen vier Schlössern steht ein Stärketrank und hängt ein Schwert; er trinkt den Trank und erschlägt nach einander die Drachen, die Löwen, die Bären und die Elephanten und erlöst dadurch die vier Prinzessinnen. Am schwersten war's ihm geworden, die von den Drachen behütete Prinzessin zu gewinnen, mit ihr verlobt er sich darum. Nachdem er sich dann von allen 4 Jungfrauen Andenken hat geben lassen: von der Drachenprinzessin das Kleid, [364] von der Löwenprinzessin Tuch und Ring, von der Bärenprinzessin die Schuhe, von der Elephanten-Prinzessin die Pantoffeln, lässt er die Königstöchter von seinen drei Gesellen in die Höhe ziehen. Der Schluss ganz ähnlich, wie in der Variante aus Wusseken. Die Gefährten täuschen ihn. Er bleibt in der Unterwelt zurück, bis er eines Tages den Unterirdischen entdeckt und ihn zwingt, ihm aus der Not zu helfen. Der Zwerg umfasst ihn darauf mit beiden Armen und dreht sich dreimal mit ihm im Kreise herum. Sogleich ist er wieder auf der Oberwelt. Er wandert in das Reich, wo der Vater der 4 Prinzessinnen König war. Die Andenken weisen ihn als den rechten Erlöser aus und die drei falschen Gesellen werden hingerichtet, während er mit der Drachenprinzessin vermählt wird.
Nr. 20. Mündlich aus Petznick, Kreis Pyritz, und Quatzow, Kr. Schlawe. Der Petznicker Erzähler wich insofern ab, als nach seinem Bericht Siegfried nicht ein Einhorn, sondern einen Riesen erschlug und sich mit dessen Blute bestrich und dadurch hörnern wurde.
Nr. 21. Mündlich aus Petznick, Kreis Pyritz. – Mit dem Anfang der Geschichte vergleicht sich das Märchen vom Löwensohn, wie es in Sydow, Kr. Schlawe, erzählt wird (vgl. dazu auch Anm. zu Nr. 19 den Anfang des Zigeunermärchens vom »Baumstark«):
In einem Dorfe wohnten einmal ein Paar junge Leute. Er hatte nichts, und sie hatte nichts, aber weil sie sich lieb hatten, liessen sie sich dennoch zusammengeben. Nach der Hochzeit ging's ihnen denn nun freilich sehr kümmerlich; er musste alle Tage in den Busch und Grenzholz schlagen, damit er ein paar Groschen verdiene, und sie trug ihm um die Mittagszeit das Essen nach. Das ging eine Zeit lang so eben weg, da sagte eines Morgens der Mann: »Heute sollen wir an einer andern Stelle schlagen. Geh den Beiweg entlang, der zur Linken abführt von der Strasse, so wirst du mich nicht verfehlen.« Die Frau versprach ihm auch, gut Obacht zu geben; doch als sie um die Mittagszeit mit dem Korbe fortging, hatte sie die rechten Worte vergessen und, statt links ab zu gehen, schlug sie den Beiweg zur Rechten ein. Wie sie so ging, trat mit einem Male ein grosser schwarzer Kerl auf sie zu. »Wisst Ihr nicht, wo die Leute Grenzholz schlagen?« fragte die Frau, denn sie dachte, es wäre der Jäger, weil ihm ein Gewehr an der Seite hing und ein Hund hinter ihm drein lief. »Komm nur,« sagte der Schwarze, »ich werde dich zu deinem Manne bringen!« Aber er führte sie nur immer tiefer in den Wald hinein, bis sie endlich vor einem Berge standen, in den eine Höhle hineinging. Vor dem Eingange lag ein grosser Stein, und zur Rechten und zur Linken hielten zwei Löwen die Wache. Der schwarze Kerl wälzte den Stein fort; und als die Frau merkte, wohin sie geraten sei, und fliehen wollte, stiess er sie in die Höhle hinein und schob den Stein hinter ihr wieder an seine alte Stelle, dann that er seinen Mund auf und sprach: »Du bist hier in einer Räuberhöhle. Wir sind unser zwölf Mann, und ich bin der dreizehnte, und wenn du fliehen willst, so bist du des Todes. Schwörst du mir aber zu, dass du uns jederzeit treu dienen willst, so sollst du es gut haben.« Der Frau bangte um ihr Leben, und weil sie keine andere Rettung sah, sprach sie den furchtbaren Eid nach, den der Räuberhauptmann ihr vorbetete; und nachdem sie geschworen hatte, setzte er sie über Küche und Keller, dass sie den Räubern Speise und Trank besorgte. Nachdem ein paar Monate verflossen waren, kam die Zeit, dass sie gebären sollte. In denselben Tagen hatte aber auch die Löwin an dem Eingang der Höhle ein Junges geworfen. Als nun das Kind geboren war und der Räuberhauptmann sah, dass es ein kräftiger, hübscher Knabe wäre, nahm er ihn und legte ihn zu der Löwin, dass sie ihn mit ihrem Jungen säuge. Und so geschah es auch. Der Knabe [365] trank von der Löwin Milch, als liege er an seiner Mutterbrust; und weil ihm die Speise so gut gefiel, nahm er nicht Brot und nicht Fleisch, sondern blieb an der Löwin Euter sieben volle Jahre lang. Die Löwenmilch gab ihm aber Riesenkräfte, und der Hauptmann gewann ihn um seiner Stärke willen so lieb, dass er ihn hielt wie seinen eigenen Sohn. Als der Junge nun sieben Jahre alt geworden war und gerade seinen Geburtstag feierte, fiel es seiner Mutter schwer auf's Herz, dass sie mit ihm tief unter der Erde in einer Räuberhöhle sitzen müsse, derweile ihr Mann sich nach ihnen sehne; und über den tiefen Gedanken fing sie an zu weinen und wollte sich nicht trösten lassen. »Mutter, warum weinst du?« fragte der Junge. »Lass nur, mein Sohn, es ist nichts,« sagte die Frau, und damit gab er sich auch zufrieden. Von da an war aber an jedem Geburtstage dieselbe Geschichte. Als der Junge nun zwölf Jahre alt geworden war und die Mutter wieder weinte und ihm auf seine Frage, weshalb sie jammere und klage, dieselbe Antwort gab, wie die Jahre vorher, ward er zornig und bedrohte sie, dass sie ihm die Wahrheit sage. Antwortete die Mutter: »Wenn du es denn wissen willst: ich klage, dass wir beide hier tief unten in der Erde sitzen müssen und nie wieder das liebe Sonnenlicht sehen werden«, und dann erzählte sie ihm alles, wie es gekommen war. »Mutter,« sagte der Junge, »da ich das weiss, nun soll's auch nicht lange mehr dauern, dass wir zum Vater zurückkehren.« – »Mein Sohn, wie wolltest du das zu stande bringen,« sagte die Mutter, »lass dir nur nichts merken, es kostet mich und dich das Leben.« Das that der Junge auch; aber der Räuberhauptmann warf doch einen Verdacht auf ihn, weil er nicht mehr so zutraulich mit ihm that, wie zuvor. Eines Tages stellte er ihn darüber zur Rede. »Vater,« sagte der Junge, denn so nannte er den Hauptmann, »ich bin zu Euch wie Ihr zu mir. Was soll ich hier unten in der Höhle! Lasst mir ein Schwert schmieden, zwölf Fuss lang und fünfzig Pfund schwer, dass ich mit den andern auf Raub ausziehen möge und meine Kraft versuchen!« Da lachte der Hauptmann und sprach: »Ein Schwert, zwölf Fuss lang und fünfzig Pfund schwer, das kannst du nicht schwingen«, und er schickte zum Schmied, der musste ihm eins schmieden, das halb so lang und schwer war. Als es fertig war, reichte der Hauptmann dasselbe dem Jungen dar; der nahm es und brach es in Stücken, als wär's ein trockener Stab. Da erkannte der Hauptmann erst des Jungen Kräfte, und der Schmied musste jetzt wirklich einen halben Zentner Eisen in ein Schwert verschmieden. Und das war dem Jungen denn auch zupass, und er schwang es so geschwind in der Luft, dass es eine Freude war mit anzusehen. Den nächsten Tag sollte er nun mit der Bande auf Raub ausgehen, derweile der Hauptmann bei seiner Mutter in der Höhle blieb. Kaum waren sie einhundert oder zweihundert Schritt gegangen, so sprach er zu den Räubern: »Seht hier, welch ein Schlag!« Die Kerle steckten die Köpfe zusammen, hui sauste es in der Luft, und sechs davon lagen im Sande. Die andern überkam darüber ein grosser Schrecken; aber ehe sie fliehen konnten, hatte der Junge zum zweiten Male ausgeholt, und auch den andern sechs waren die Köpfe vom Rumpfe geschlagen. Nun war nur noch der Hauptmann übrig, und das war der stärkste in der ganzen Schar; doch den Jungen kümmerte das wenig. Wie er ging und stand, kehrte er um und stiess den Stein zurück und schritt stolzen Muts in die Höhle hinein. »Warum bist du nicht bei den andern geblieben?« wollte der Hauptmann sagen, aber er hatte die Worte noch gar nicht zu Ende gesprochen, da hatte ihm der Junge ebenfalls das Lebenslicht ausgeblasen, und nun waren sie frei, seine Mutter und er, und konnten leben, wie sie wollten. Die Nacht über blieben sie in der Höhle; am andern Morgen zog der Junge das Fuhrwerk hervor, auf dem der Hauptmann auszufahren pflegte. Dahinein trug er die goldenen und silbernen Geräte und die grosse[366] Geldkiste, dann setzte er sich mit der Mutter auf den Bock, der Löwenbruder lief neben ihm her, und fort ging's, bis sie in das Dorf gelangten, wo sein Vater gewohnt hatte, noch ehe sein ältestes Kind geboren war. Sie fragten hin, sie fragten her, endlich wies sie ein Bauer in das richtige Haus. Was meint ihr wohl, was der arme Tagelöhner für Augen gemacht hat, als er den vornehmen Wagen vor seiner Thüre halten sah. Wie ihm nun aber die feine Dame darin sagte, dass sie seine Frau und der Junge sein Sohn wäre, da wusste er vor Staunen sich gar nicht zu lassen. Der Junge aber besann sich nicht lange und trug eins nach dem andern von den köstlichen Geräten in das Haus hinein; die Geldkiste nahm er unter den Arm, und doch hätten an ihr vier starke Männer vollauf zum Tragen gehabt. Das war alles recht schön, wenn der Tagelöhner seine erste Frau nicht für tot gehalten hätte und schon längst zum zweiten Male verheiratet gewesen wäre. So wollte die eine Frau der andern nicht weichen. Der Mann sagte es dem Pastor, und der lief zum Gutsherren, und der Gutsherr wusste es auch nicht und brachte die Sache vor den Richter. »Herr Richter,« sagte der Tagelöhner, »ich hatte ein schönes Schloss. Das ging mir verloren, nur den Schlüssel behielt ich; und weil ich's nicht wiederfinden konnte, kaufte ich ein neues Schloss an des alten Stelle. Nun hat sich's wiedergefunden! Welches soll ich behalten? Das alte oder das neue?« – »Das alte,« sagte der Richter, »dafür ist der Schlüssel gemacht, und es ist und bleibt das beste.« – »Ich meine auch,« sagte der Tagelöhner und erzählte die Geschichte. Da konnte die zweite Frau wieder zu ihren Eltern zurückkehren, während der Tagelöhner mit seiner ersten Frau und den Kindern, welche ihm die andere Frau geboren hatte, lustig und vergnügt von dem vielen Gelde lebte, das sie aus der Räuberhöhle mitgebracht hatten. Was sollten sie aber mit dem Jungen thun, der von der Löwin gesäugt war, und mit seinem Löwenbruder? – Das war eine schlimme Sache. Zuerst wurde ein Christenmensch aus ihm gemacht, und um der Seltsamkeit willen standen der Edelmann, der Pastor und der Küster Gevatter, und er wurde getauft auf die Namen Johann Jochem Georg; dann musste er mit den andern Kindern in die Schule. Aber der Küster vermochte ihn nicht zu bändigen, und wenn seine Mitschüler ihm etwas anhängen wollten, so schlug er sie braun und blau, und es verging kein Tag, an dem er seinem Vater nicht einen neuen Ärger bereitete. Weil er nun obendrein mit seinen Stiefgeschwistern von der zweiten Frau keinen Frieden hielt und mehr ass und zerschlug, als das Gut einbrachte, welches er aus der Räuberhöhle mitgenommen, so warf ihn der Tagelöhner samt seinem Löwen zum Hause heraus und gab ihm den Laufpass.
Als Fortsetzung dieses Märchens folgt nun das Märchen vom Meisterdieb (vgl. Nr. 53 u. Anm.): Der Löwensohn will in die Welt und ein Handwerk lernen. Zur Tagelöhnerarbeit ist er nicht zu gebrauchen. Als er z.B. Stubben klöben soll, schlägt er dermassen, dass die Axt tief in den Stubben hineinfährt und niemand das Eisen herausziehen kann, während der Stiel zerbricht. Er geht also mit seinem Löwenbruder fort und kommt in einen Wald. Hunger befällt ihn, und er tötet seinen Löwenbruder und isst ihn auf. Da kommt eine Schar Räuber, und der Hauptmann will ihn in die Bande nehmen, wenn er ein Probestück macht. Zu dem Zwecke stiehlt er einem Fleischer sein Kalb in der Weise, dass er erst den rechten Stiefel auf den Weg legt und dann den linken. Der Fleischer holt die Stiefel, derweile treibt der Löwensohn das Kalb fort. Dann geht er in den Sumpf und blökt, wie ein Kalb. Der Schlächter denkt, das Kalb habe sich dorthin verirrt, zieht die Stiefel aus und geht hinein. Da nimmt ihm der Löwensohn die Stiefel wieder ab und hat somit seine Probe bestanden. Nachdem er als Räuber grossen Reichtum erworben, kehrt er nach Hause zurück [367] und erzählt, welches Handwerk er kann. Das hört der Gutsherr, und er droht seinem Paten mit dem Galgen, wenn er seine Kunst nicht an drei Probestücken bewiese. Das erste Stück ist das Stehlen des Schimmelhengstes. In der bekannten Weise ausgeführt. Zum zweiten soll er die Ochsen vom Pfluge stehlen. Er fängt einen jungen Hasen und lässt ihn die Furche entlang laufen. Die Knechte hinter ihm drein. Derweile spannt der Löwensohn die Rinder aus, schneidet ihnen aber die Schwänze ab und steckt sie vor den Pflügen in die Erde. Die Knechte kommen zurück und denken, die Ochsen sind in die Erde gelaufen. Sie ziehen, und als sie die Schwänze in den Händen haben, glauben sie, sie hätten dieselben ausgerissen. Nun holen sie Spaten und graben. So trifft sie der Herr und giebt ihnen die Hundepeitsche. Der Löwensohn aber bekommt als drittes Stück auf, der Frau den Fingerring und die Bettdecke zu stehlen. Er führt es aus in der bekannten Weise, indem er sich der Leiche eines Hingerichteten bedient. – Interessant war, dass der Erzähler 1885 die Geschichte, da er sie erst kurz zuvor von einem Märchenerzähler gehört hatte, mit der Fortsetzung vom Meisterdieb erzählte, 1887 aber beide »Historjen« entschieden trennte.
Nr. 22. Mündlich aus Quatzow, Kreis Schlawe. Der Schluss ähnelt den auch sonst bekannten Lügenmärchen in gebundener Form. Ein solches aus Demmin lautet:
Nr. 28. Mündlich aus Quatzow, Kr. Schlawe; Petznick, Kr. Pyritz; Grambin, Kr. Ueckermünde.
Nr. 29. Mündlich aus Ferdinandshof, Kr. Ueckermünde. Vgl. dazu in Jahn, Volkssagen aus Pommern und Rügen Nr. 630 die von Prof. E. Kuhn aus Mesow, Kr. Regenwalde, aufgezeichnete Sage, welche nur das Abenteuer des alten Fritz mit dem Soldaten kennt.
Nr. 30. Mündlich aus Petznick, Kr. Pyritz.
Nr. 31. Mündlich aus Quatzow, Kr. Schlawe. Das Märchen ist allenthalben in Pommern bekannt und wird gern gehört und erzählt. Der Gang der Handlung weicht in den einzelnen Gegenden nur wenig von einander ab. Am [368] häufigsten sind lange Ausdehnungen der Stellen, wo der Soldat den verkleideten Jäger durchprügelt. So wusste ein Erzähler aus Petznick, Kreis Pyritz, noch ein Langes und Breites über die Zeit zu berichten, da der König mit dem Soldaten im Kruge war. Er muss ihm die Stiefel putzen, die Kleider bürsten u.s.w. Da er keins dieser Geschäfte versteht, so setzt es Prügel über Prügel, bis der König in Sorge um sein Leben nach Berlin läuft. – Abweichend wird hier und da auch der Kampf des Soldaten mit den Räubern berichtet. In Kicker, Kreis Naugard, will der Soldat die Räuber lehren, wie sie sich unsichtbar machen können, und spritzt ihnen dann das kochende Wasser in die Augen. An andern Orten wird einfach erzählt, dass er mit Riesenstärke zweimal ohne weiteres je fünfundzwanzig Mann erschlagen habe u.s.w. – Vergleichsweise mag hier herangezogen werden die Sage vom alten Fritz, wie er mit Ziethen bei dem Bauern einkehrt, die ich von einem Manne aus Zabelsdorf, Kreis Randow, hörte (Jahn »Volkssagen aus Pommern und Rügen« Nr. 626). Auch dort läuft im Grunde alles darauf hinaus, dass der alte Fritz Prügel bekommt. Um das Volk kennen zu lernen, kehrt er mit Ziethen bei einem Bauern ein. Die Grütze, welche er zum Nachtmahl bekommt, schmeckt ihm nicht, und sofort bestraft der Bauer den Kostverächter mit einem Backenstreich. Am andern Morgen sollen die beiden beim Dreschen helfen; sie haben aber noch nicht ausgeschlafen und wollen nicht kommen. Zur Strafe dafür bekommt der alte Fritz, der vorne liegt, Schläge. Beim zweiten Mal soll Ziethen die Prügel erhalten, denkt der König und tauscht mit ihm den Platz. Der Bauer ist aber gerecht und zieht bei dem nächsten Besuch über den, der hinten liegt, her. Jetzt reisst dem König die Geduld, und er kehrt nach Berlin zurück. Der Schluss ist ähnlich wie in Nr. 30 u. 31. Der Bauer wird vor den König geführt und von ihm genau so behandelt, wie der alte Fritz in dem Bauernhause. Jetzt erkennt der Schelm, was er gethan. Der König aber vergiebt ihm und entlässt ihn reich beschenkt nach Hause.
Nr. 32. Mündlich aus Quatzow, Kreis Schlawe. Das Märchen ist sehr verbreitet in Pommern und ebenso das Lied, letzteres bald in längerer, bald in kürzerer Fassung, aber immer die Strophe zu vier sechsfüssigen Versen. – Den Anfang des Märchens hörte ich in Grambin, Kreis Ueckermünde, abweichend folgendermassen: Der König von Holland hat zwei Söhne und verspricht demjenigen sein Reich, der die schönste Braut heimführt. Der älteste sucht nicht lange, sondern verlobt sich mit einer reichen Grafentochter aus der Nachbarschaft; der jüngste dagegen zieht im Handwerksburschenkleid durch das Land und trifft vor einem Häuschen am Brunnen eines Besenbinders Tochter von wundersamer Schönheit. Flugs eilt er hin, um ihr das Wasser zu schöpfen. »Vom Handwerksburschen nehm' ich nichts,« giebt sie ihm zur Antwort und lässt ihn stehen. Da erscheint der Königssohn am folgenden Tage als ein Feldwebel und will ihr helfen. Spricht sie wieder: »Vom Feldwebel nehm' ich nichts.« Den dritten Tag kommt er gar als ein Hauptmann; aber auch jetzt will die Besenbinderstochter nichts von ihm wissen. »Vom Hauptmann nehm' ich nichts,« ruft sie aus, »und überhaupt von keinem Menschen, es müsste denn des Königs Sohn sein.« Da erscheint er denn am nächsten Morgen als Prinz im goldnen Gewande; und wie er ihr jetzt das Wasser schöpfen will, lässt sie's ihm gerne zu und willigt auch ein, als seine Braut mit ihm in das königliche Schloss zu ziehen. Alles lässt sie dabei zu Hause im Stich, nur ihre Harfe nicht. Mit der hatte es folgende Bewandtnis. Als die Jungfrau eines Tages im Walde Reiser schnitt, sah sie bei einer Traueresche einen Kasten stehen. Der Baum war aber auf dem Leichnam eines Pilgers erwachsen, den schlechte Menschen an dieser Stelle im Walde erschlagen hatten. Wie das Mädchen nun den Kasten besah, rief [369] eine Stimme aus dem Laube: »Öffne den Kasten!« Sie that's und fand darin eine Harfe und ein Pilgerkleid; und als sie die Harfe in Händen hielt, kam es über sie, und sie konnte so schön spielen und Lieder singen, wie kein anderer auf der ganzen Welt. Und das beste war, den Kasten vermochte nur sie zu öffnen, und kein Feuer, kein Wasser vermochte ihm etwas anzuhaben, und kein Stahl, kein Eisen konnte ihn erbrechen. Auch der Pilgeranzug blieb stets, wie er war, und nutzte sich nicht ab. Mit der Harfe hatte sich das Mädchen bisher die Einsamkeit im Walde und in ihres Vaters Hütte vertrieben; nun nahm es dieselbe samt dem Kasten mit sich auf das königliche Schloss. Dort sah die Grafentochter sie scheel an; aber es half ihr alles nichts, der jüngere Prinz hatte die schönere Braut heimgeführt, und so wurde er von dem alten König zu seinem Nachfolger im Reiche ernannt. Und das ganze Volk hatte seine junge Königin, ob sie schon nur eines armen Mannes Kind war, von Herzen lieb, und damit sie bei der Hochzeit der reichen Grafentochter nicht nachstehe, legten alle Frauen in Holland ihr Scherflein zusammen und liessen von dem Gelde ein grosses Mannwar (Kriegsschiff) bauen. Das war der jungen Königin Hochzeitgut, und dadurch war sie reicher geworden, als ihre Schwägerin, die stolze Grafentochter. Einst fahren nun die jungen Prinzen zur See und werden dabei von einem Schiffe des Sultans überfallen, gefangen genommen und in die Sklaverei geschleppt. Da sie nicht wieder kommen, geht die junge Königin aus, sie zu suchen. Sie thut das Pilgerkleid an, nimmt die Harfe zur Hand und wandert und wandert, bis sie zum Sultan kommt. Der hört die Lieder des Pilgers, gewinnt ihn lieb und setzt ihn über alle seine Diener. Dadurch gelingt es ihr, die beiden Prinzen zu befreien; sie selbst rettet sich vor der Rache des Sultans auf einem kleinen Boote. Der Sultan setzt ihr auch wirklich mit einem grossen Schiffe nach. Schon glaubt sie sich verloren, da erblickt sie plötzlich ihr Mannwar, das sie von den Frauen Hollands geschenkt bekommen hatte und das ihre gestickte Fahne trug. Sie lässt sich von dem Mannwar aufnehmen, giebt sich zu erkennen und schlägt nun das Schiff des Sultans in die Flucht. Darauf kehrt sie nach Holland zurück, wo die beiden Prinzen inzwischen schon angekommen sind. Der Schluss stimmt mit demjenigen von Nr. 32 überein.
Nr. 33. Mündlich aus Quatzow, Kreis Schlawe.
Nr. 35. Mündlich aus Petznick, Kreis Pyritz.
Nr. 34–35. Als drittes derartiges Märchen mag das folgende, welches ich in Zabelsdorf, Kreis Randow, hörte, seinen Platz finden: Ein Schiffer rüstet sein Fahrzeug aus, heuert Matrosen an und sticht in See. Plötzlich werden sie von einem Kossär (Korsar) angerufen, der den Schiffsherrn auffordert, drei nackte Mädchen an Bord zu nehmen. Thäte er es nicht, so müssten die Jungfrauen sterben; denn jeder Kossär schwört vor der Ausfahrt einen fürchterlichen Eid, jeden Menschen, den er gefangen genommen, unbarmherzig umzubringen, sobald er mit seinem Schiffe an Land kommt. Der Schiffer willfahrt darum dem Seeräuber, giebt den Mädchen Matrosenkleider anzuziehen und kehrt dann mit seinem Schiffe nach Hause zurück. Unterwegs erzählt ihm das schönste der drei Mädchen, dass sie die Tochter eines Königs und die beiden andern ihre Dienerinnen seien. Sie hätten am Strande gebadet und seien dann von dem Kossär geraubt worden. Wie der Schiffer erfährt, dass er es mit einer Königstochter zu thun hat, gewinnt er sie lieb; und als sie zu Hause angekommen sind, heiratet er sie. So vergehen einige Monde, da bittet die Königstochter ihren Mann, meerüber zu fahren und ihrem Vater Kunde von ihrem Schicksal zu bringen. Da der Schiffer sich damit einverstanden erklärt, so giebt sie ihm ferner folgenden Rat: »Lass einen Maler kommen und uns drei, mich und meine [370] beiden Dienerinnen, abmalen. Wenn du dann vor dem Königsschlosse vor Anker liegst, so heisst du auf jede der drei Masten ein Bild, und das meine in der Mitte. Dann werden die Bewohner des Schlosses dich vor den König führen, und du kannst ihm dein Anliegen vorbringen.« Den Schiffer dünkte die Rede seiner Frau weise, und die Bilder wurden gemalt und auf das Schiff gebracht. Ehe aber der Schiffer selbst einstieg, ging er zuvor noch einmal in die Kirche, um den lieben Gott um glückliches Gelingen der Fahrt anzuflehen. Auf dem Kirchhof sieht er Leute, die einen Toten wieder ausgegraben haben und ihn misshandeln. Auf seine Frage erfährt der Schiffer, dass der Tote bei seinen Lebzeiten ein Schuldner der Leute gewesen sei. Nun habe er sie sitzen lassen, und so wollten sie sich denn noch im Tode an ihm rächen. Den Schiffer jammerte des Leichnams, und er bezahlte die Schulden des Toten. Da gruben sie ihn wieder ein, dass er fortan Ruhe hatte. Nachdem der Schiffer darauf sein Gebet in der Kirche verrichtet hatte, fährt er über das Meer nach dem Königsschloss und heisst dort die drei Bilder auf die Masten. Alsbald erkennen die Einwohner die geraubte Prinzessin wieder. Der Schiffer wird vor den König gebracht, und nachdem dieser erfahren hat, dass es der Mann seiner Tochter sei, der vor ihm stünde, steigt er sofort mit grossem Gefolge zu seinem Schwiegersohn auf das Schiff, um die Prinzessin wieder in das Königreich zurückzuführen und ihren Mann als Prinzen und Nachfolger im Königreich einzusetzen. Sie kommen auch glücklich in der Stadt des Schiffers an; auf der Rückfahrt aber trifft den Schiffer schweres Unheil. In dem Gefolge des Königs befand sich auch der Minister, der, ehe der Seeräuber sie geraubt hatte, mit der Prinzessin verlobt gewesen war. Den litt es nicht, dass seine Braut einem andern gehörte, und als er eines Abends allein mit dem Schiffer auf dem Achterdeck stand, stiess er ihn hinterrücks in das Meer hinein; dem König aber und seiner Tochter sagte er, eine Sturzsee habe ihn in das Meer geschleudert und dort sei er ertrunken. Das war dem König und der Prinzessin bitter leid; da es nun aber nicht mehr zu ändern ging, so fügte sie sich darein, und der König beschloss, eine neue Hochzeit auszurichten und seine Tochter ihrem früheren Bräutigam, dem Minister, antrauen zu lassen. Der Schiffer war aber nicht gestorben, sondern, da er ein guter Schwimmer war, trieb er tagelang in der wilden See umher und bat Gott um Errettung. Plötzlich erscheint ihm der Geist des Toten, den er seiner Zeit aus den Händen seiner Gläubiger gerettet hat, und trägt ihn über das Meer und lässt ihn gerade vor der Thür des Königsschlosses nieder. Dort trifft er einen Diener. Er übergiebt ihm seinen Ring und bittet ihn, denselben der Königstochter in den Becher zu legen. Der Diener willfahrt der Bitte des Fremden; und als die Prinzessin den Becher geleert hat, findet sie den Ring und erkennt ihn als den ihres Mannes. Der Diener gesteht, von wem er das Kleinod erhalten hat, und nun eilt sie hinaus und kehrt mit dem Schiffer in den Saal zurück. Hier muss er alles erzählen, wie es ihm ergangen ist, und als der König von der schändlichen That des Ministers erfährt, wird sofort der Henker geholt, der ihm das Haupt vom Rumpfe schlägt. Dann wird noch einmal die Hochzeit des Schiffers mit der Prinzessin gefeiert und derselbe als Prinz und Nachfolger des Königs im Reich ausgerufen.
Nr. 36. Mündlich aus Quatzow, Kreis Schlawe.
[371] Nr. 41. Mündlich aus Deyelsdorf, Kreis Griminen, der dortigen Mundart nacherzählt.
Nr. 42. Mündlich aus Deyelsdorf, Kreis Grimmen, der dortigen Mundart nacherzählt. Die Fassung bei Grimm, Kinder- und Hausmärchen Nr. 19, stammt ebenfalls aus Pommern. Abweichend heisst dort das Verschen:
Ferner fehlt bei Grimm in der Wunschlitanei der Bauerhof. Übrigens ist die Grimmsche Fassung auch heute noch unter dem Volke in Vorpommern zu finden, die oben wiedergegebene Form des Verschens mit eingeschlossen. In den meisten Fällen freilich ist die Wunschstaffel nicht so vollständig. So kannte z.B. ein Erzähler aus Grambin, Kr. Ueckermünde, den Fischer nur als Edelmann, als Graf und als König; dann will er Herrgott werden. Ganz ähnlich in Stolzenburg, Kr. Randow, wo die Lust der Frau, vom König der Herrgott zu werden, damit begründet wird, dass ein Unwetter sie beim Ausfahren in dem Vergnügen stört. Sie will auch regnen und stürmen, donnern und blitzen lassen und findet sich darauf mit ihrem Manne wieder im »Pott« zusammen.
Nr. 43. Mündlich aus Ferdinandshof, Kreis Ueckermünde.
Nr. 44. Mündlich aus Ritzig, Kreis Schivelbein.
Nr. 45. Mündlich aus Ferdinandshof, Kreis Ueckermünde. Ähnlichkeit mit diesem Märchen hat das folgende, welches ich in Völschendorf, Kreis Randow, hörte: Es war einmal ein Edelmann, der war so geizig, wie kein anderer Herr weit und breit. Und einen Knecht hatte der Edelmann, der war so stark, dass man nirgends seines gleichen fand. Und so stark er war, so stolz war er auch. Er litt es nicht, dass ein anderer Arbeiter gegen ihn aufkommen konnte; und wer ihm den Widerpart halten sollte, der durfte gar nicht lange warten, und er musste mit Schimpf und Schande zurück bleiben. Das war aber alles noch zur Zeit der Unterthänigkeit, da die Bauern oder ihre Knechte den Dienst auf dem Gutshofe verrichten mussten. Nun begab es sich zur Zeit der Ernte, dass eines Hofbauern Knecht, damit er nicht mit dem starken Vormäher zusammen arbeiten musste, bei Nacht und Nebel auf und davon lief. Da war der Bauer in grossen Nöten, und schon wollte er sich selbst auf den Weg machen, als ein Mann bei ihm vorsprach. Der sagte: »Bauer, was machst du für ein trauriges Gesicht?« – »Es geht mir gar nicht gut,« gab ihm der Bauer zur Antwort, und dann erzählte er ihm, wie sich alles zugetragen hatte. »Weisst du, Bauer,« sagte der Fremde, »ich will als dein Knecht auf den Hof gehen. Geld verlange ich nicht; denn ich ziehe nur zu meinem Vergnügen durch die Welt; aber eine Sense musst du mir geben.« Wer war da froher, als unser Bauer, und nachdem er den fremden Gast noch vor dem starken Vormäher gewarnt, führte er ihn in die Kammer hinein, wo die Sensen und Beile, Hacken, Harken und Spaten lagen. Der Fremde liess aber alle die blanken, glitzrigen Dinger an den Pflöcken hangen und kramte aus der Ecke ein altes, verrostetes Arftknief (Erbsenmesser) hervor; dann zog er statt der Stiefel ein paar Holzschuhe über die Füsse und wankte auf den Herrenhof. »Du mein Gott, was ist das für einer!« sagten die Gutsleute und lachten. »Ich bin des Bauern Knecht und will mit dem Grossknecht mähen,« sagte der Fremde. Da lachten die Knechte und Mägde noch mehr; er aber kümmerte sich nicht darum, sondern wankte ihnen mit seinem Arftknief in den hölzernen Schuhen nach, bis sie an das Feld kamen, das gemäht werden sollte. Der Grossknecht nahm seinen Streek [372] und strich seine Sense, dass es weithin schallte; der Fremde hatte keinen Streek bei sich, und da ihm niemand aushalf, zog er eins fix drei den Holzschuh vom Fusse und strich damit das Arftknief, und siehe, da ward daraus die schönste Sense, die sich jemand nur denken kann. Nun ging's an das Mähen. Der Grossknecht holte gewaltig aus, aber es half ihm alles nichts; der Fremde, welcher kein anderer als Jenner war, mähte ihm immer weit voraus, und als sie die Schwaad zu Ende gebracht hatten, fiel der Vormäher um und war tot; Jenner aber kehrte sich nicht daran, sondern mähte weiter und weiter, bis das ganze Feld, wohl an die hundert Morgen gross, abgemäht war. Die andern rissen die Augen auf und wussten nicht, was sie sagen sollten. Indem kam der Edelmann dazu, und nachdem er gehört hatte, wie alles gekommen war, dachte er bei sich: »Was thut's, wenn der Grossknecht auch tot ist! Bekommst du diesen dafür, so ist es dir dreimal nützer!« Dann sprach er laut: »Höre, Gesell, wenn du solch Drescher bist, als du ein Mäher warst, so sollst du all mein Korn ausdreschen.« – »Das will ich thun,« sagte Jenner, »und als Lohn bedinge ich mir soviel Korn, als ich auf meinem Buckel davon tragen kann.« Das dünkte den Edelmann ein guter Handel, und Jenner ward in die Scheune geführt. Es dauerte gar nicht lange, so war das Korn gedroschen und gereinigt, und noch ein Weilchen, da stand es in den Säcken. Dann nahm Jenner einen nach dem andern und warf ihn sich auf den Buckel, und sie klebten fest an einander, dass sie wie ein Turm in die Luft ragten, und das ging so lange, bis auch kein einziger Sack mehr in der Scheune zu sehen war. Dann machte sich Jenner auf, um seiner Wege zu gehen. Dem Edelmann frass es das Herz ab, dass der fremde Kerl all sein Korn mit sich nehmen sollte, und er liess den Bullen von der Kette lösen, dass er auf den Fremden ginge und ihm die Säcke vom Buckel stosse. Das war dem Jenner schon recht; kaum war der Bulle bei ihm, so packte er ihn bei den Hörnern und warf ihn über sich, dass er hoch oben auf dem obersten Sacke lag und kein Glied mehr rührte. Da sah der Edelmann ein, dass es gegen den Mann keine Hilfe gab, und weil er den Verlust seines Gutes nicht verwinden konnte, ging er in den Garten und hängte sich an einen Baum. Jenner aber trat vor des Bauern Thür, warf seine Last nieder und sprach: »Hier hast du Korn und Fleisch. Miete mich aber nicht zum zweiten Male, es möchte übel ablaufen.« – »Was ist denn dein Lohn?« fragte der Bauer. »Zwei Seelen,« antwortete Jenner, »den hoffärtigen Grossknecht und den geizigen Edelmann hab' ich gewonnen, und das ist genug für einmal.« Sprach's, und weg war er; der Bauer aber hatte an dem Korn und Fleisch genug für lange Zeit.
Nr. 46. Mündlich aus Ferdinandshof, Kreis Ueckermünde. Hierher gehört auch das Märchen vom Wolfgrambär, wie ich es in Neuklenz, Kreis Fürstentum, hörte: Einem Soldaten gefällt's nicht in des Königs Rock, er will gern ein reicher Herr werden und ohne Sorgen leben. Tief in Gedanken steht er eines Tages Posten; da kommt der Teufel auf ihn zu und fragt ihn: »Warum so in Gedanken? Ein braver Soldat muss immer heiter und froh sein!« Der Soldat erzählt ihm seine Wünsche und wird darauf mit dem Teufel handelseinig, dass dieser für ihn ein ganzes Jahr Posten stehen soll und ihm ausserdem einen Wunschbeutel, der nie leer wird, auszuhändigen hat. Der Soldat geht dafür die Verpflichtung ein, sich ein ganzes Jahr nicht zu waschen, nicht die Kleider zu wechseln, weder Haare noch Bart zu scheren, sich nicht zu kämmen und zu schnäuzen. Bricht er den Vertrag, so gehört er nach Jahresfrist mit Leib und Seele dem Teufel, bricht er ihn nicht, so ist, wenn das Jahr um ist, der Wunschbeutel sein eigen. Der Teufel bezieht darauf den Posten, nimmt statt des Gewehrs eine Kanone über den Buckel und stellt sich damit vor das Schilderhaus. Als [373] die Ablösung kommt und den schwarzen Kerl mit der Kanone sieht, läuft sie zurück. Es heisst von da an, dort spuke es, und der Teufel muss, um nicht kontraktbrüchig zu werden, bei Wind und Wetter auf ein und demselben Flecke das Jahr durch aushalten. Da endlich kommt der Soldat zurück, der wegen des grauen Anzuges, den ihm der Böse mitgegeben hatte, und weil er so struppig aussah, allenthalben der Wolfgrambär hiess; er löst den Teufel wieder ab, und da er seinen Vertrag gehalten hat, darf er den Wunschbeutel behalten. Eine Zeit lang bleibt er auf seinem Posten; da ihn aber niemand ablöst, denn er galt für verschollen, so geht er ins nächste Wirtshaus und verlangt ein prächtiges Quartier und gut Essen und Trinken. Der Schluss des Märchens läuft darauf hinaus, dass die Personen, welche ungeachtet des abschreckenden Äusseren des Wolfgrambär ihm die geforderten Dienste erwiesen haben, königlich belohnt werden, worauf sich die andern, welche ihn mit Hohn zurückgestossen hatten, aus Gram und Verzweiflung das Leben nehmen. – Lokalisiert in Colberg erscheint das Märchen bei Knoop, Volkssagen etc. aus dem östlichen Hinterpommern S. 187ff. Ein Soldat in Colberg, Namens Johann Schulz, verschreibt sich dem Teufel mit seinem Blute auf sieben Jahre. Dafür muss der Böse seinen Posten versehen, während Schulz mit dem Wunschbeutel auf Reisen geht. Bedingung ist auch hier, dass der Soldat sich nicht wäscht und weder Haare noch Nägel beschneidet. Auf seiner Reise lernt er einen Wirt mit drei Töchtern kennen. Die beiden ersten weisen ihn mit Verachtung zurück, nur der jüngsten ist er genehm. So verlobt er sich denn mit ihr und kehrt dann nach Colberg zurück, um sich mit dem Teufel aus einander zu setzen. Der steht noch immer Posten, und da er mit Johann nichts Bestimmtes über die Ablösung abgemacht hat, so muss er froh sein, dass dieser ihn ablöst unter der Bedingung, dass er den Pakt zurückerhält. Nun geht Johann zu einem Barbier, um sich säubern zu lassen. Der will lieber den Teufel rasieren, und so wendet sich Johann denn an einen des Weges kommenden Tambour. Der besorgt alles aufs beste und wird dafür so reich beschenkt, dass der Barbier sich vor Verzweiflung in den Strom stürzt und ersäuft. Ähnlich geht's mit den Schwestern seiner Braut. Als er sich am andern Tage ihr vorstellt und dieselben gewahr werden, welchen hübschen und reichen Mann sie von sich gestossen haben, gehen sie in den Garten des Vaters und ertränken sich in dem Teich.
Nr. 47. Mündlich aus Ferdinandshof, Kreis Ueckermünde.
Nr. 48. Mündlich aus Ferdinandshof, Kreis Ueckermünde. Dasselbe Märchen, nur ohne dass die Person Sankt Peters genannt wird und ohne die Einleitung, bei Knoop, Volkssagen etc. aus dem östlichen Hinterpommern S. 203ff.
Nr. 49. Mündlich aus Petznick, Kreis Pyritz.
Nr. 47. u. Nr. 49. Mancherlei Abweichungen bietet das Märchen vom Schmied Bielefeld und dem Teufel, das ich in Völschendorf, Kreis Randow, hörte: In einem Dorfe wohnte einst ein Schmied, der hiess Bielefeld. Anfangs ging es ihm recht gut; da kam die teure Zeit, und er verarmte schliesslich so, dass er nicht mehr Geld genug in der Tasche hatte, um die Kohlen zu kaufen. So ging er denn in den Wald, um Holz zu schlagen und sich selbst Kohlen zu brennen. Unterwegs begegnet ihm ein Teufel und fragt ihn, warum er so traurig sei. Schmied Bielefeld klagt ihm sein Leid, und der Teufel erbietet sich, ihm zu helfen. Kohlen solle er haben, dass er sein Leben lang daran genug hätte, nur solle er ihm mit seinem Blute Leib und Seele verschreiben. Schmied Bielefeld gefiel die Sache, er schnitt sich in den Finger, dass das Blut hervorquoll, und verschrieb sich dann damit dem Teufel. Als Schmied Bielefeld nach Hause zurückkehrte, fand er soviel Kohlen vor, dass er sie nicht zu lassen wusste. Während er so dastand, kam ein anderer Teufel und bot ihm, unter denselben [374] Bedingungen, wie der erste Teufel, so viel Eisen an, als er zeitlebens verschmieden könne. Auch darauf ging Schmied Bielefeld ein, und dasselbe Geschäft machte er schliesslich noch mit einem dritten Teufel, der ihm soviel Kundschaft verhiess, dass er niemals zu feiern brauchte. So hatte sich Schmied Bielefeld drei Teufeln verschrieben; aber das kümmerte ihn wenig, denn Kohlen, Eisen und Arbeit wurden ihm ja nie alle. Freilich als er alt wurde und die Zeit nicht mehr ferne war, dass ihn die Teufel holen würden, wurde er nachdenklich; und traurig ging er eines Tages im Walde spazieren und grübelte nach, wie er sich aus der schlimmen Sache herausziehen könne. Da begegnete ihm ein kleines Männchen mit langem, weissem Bart und Haar, das sprach zu ihm: »Was ist dir, Schmied Bielefeld?« Als der Meister dem Männchen seinen Kummer offenbart, wurde dasselbe mitleidig und erlaubte ihm, drei Wünsche zu thun, nur das beste solle er nicht vergessen. Schmied Bielefeld denkt nun, genau wie oben in Nr. 47 u. 49, nicht an die Seligkeit, sondern wünscht seinem Grossvaterstuhl, seinem Birnbaum und seiner Knöpftasche (Armtasche) die Eigenschaft, dass jedermann, der sich auf den Stuhl setzt, auf den Baum klettert, in die Tasche kriecht, davon nicht wieder los kommen kann, es sei denn, dass ihn der Schmied selbst befreie. Nun entwickelt sich das Märchen ganz, wie oben. Der erste Teufel wird auf den Grossvaterstuhl gebannt und so lange gequält, bis er die Handschrift herausgiebt. Ebenso ergeht es dem zweiten Teufel auf dem Birnbaum. Besonders schlau fängt er es mit dem dritten an. Er bequemt sich dazu, mit ihm zur Hölle zu gehen. Unterwegs kommen sie an einen grossen Baum. »Bist du wirklich ein so gewaltiger Kerl,« fragt Schmied Bielefeld, »dass du über diesen Baum gucken kannst?« »Gewiss,« sagt der hoffärtige Teufel und macht sich so lang, dass er weit über den Baum hinwegsehen kann. »Viel ist's freilich nicht,« meint darauf Bielefeld; »mehr wär' es schon, wenn du dich so klein machen könntest, dass du in meine Knöpftasche kriechst.« »Das kann ich auch,« sagt der dumme Teufel, und schon ist er drinnen. Jetzt ergeht es ihm, wie den beiden andern, und er muss die Handschrift zurückgeben. Von nun an lebt Schmied Bielefeld vergnügt und froh, bis er stirbt. Da geht er zur Himmelsthür, wird aber von Petrus, welcher kein anderer als das kleine graue Männlein gewesen war, abgewiesen. Flugs macht sich der Meister auf den Weg zur Hölle. Aber so viel er auch klopfen mochte, die Teufel hatten ein für alle mal genug von ihm, und keiner liess ihn herein. Da hat sich denn Bielefeld vor der Hölle eine Schmiede gebaut und lässt nun auch seinerseits keinen Teufel mehr auf die Erde. Seit der Zeit hat man bei den Men schen nur noch wenig vom Teufel gehört.
Nr. 50. Mündlich aus Quatzow, Kreis Schlawe.
Nr. 51. Mündlich aus Trzebiatkow, Kreis Bütow.
Nr. 50–51. Ein drittes Märchen, in welchem der Teufel durch einen seltsamen Vogel getäuscht wird, hörte ich in Neuenkirchen bei Greifswald. Ein Bauer verschreibt sich dem Bösen mit seinem Blut, und zwar sind die Bedingungen folgende: Der Teufel hat Geld herbeizuschaffen, der Bauer dagegen muss sich nach Jahresfrist verstümmeln lassen oder, wenn er selbst nicht will, einen Ersatzmann stellen. Als das Jahr um ist, weigert sich die Bäuerin, ihren Mann dem Messer des Teufels preiszugeben, und da kein Ersatzmann zu bekommen ist, spielt sie selbst den Vertreter. Sie kriecht in die Teertonne und dann in die Federtonne und stellt sich so dem Bösen dar. Der erschrickt über dem Anblick und meint, bei dem Mann wäre mehr zu schneiden als zu heilen. Beim Abschied fragt er noch, wie der Ersatzmann denn heisse. »Das ist ein Ulenkücken,« antwortet der Bauer. »Ist das ein Kücken, so will ich die Glucke nicht sehen,« ruft der Teufel und eilt davon.
[375] Nr. 52. Mündlich aus Petznick, Kreis Pyritz. Die Episode mit der Wunschrute bildet in einem Märchen, das ich in Quatzow, Kreis Schlawe, hörte, den Kernpunkt (siehe das Märchen in U. Jahn, Schwänke und Schnurren aus Bauernmund. Berlin 1890. Mayer u. Müller. S. 19–33): Ein Bauer hat drei Söhne, Michel, Krischan und Hans. Da lässt der König bekannt machen, er suche einen Hofjäger. Jeder von den drei Jungen möchte die Stelle gern haben; die beiden ältesten kommen aber gar nicht bis in die Stadt, da sie sich gegen ein kleines, steinaltes Männchen im Walde hartherzig zeigen. Hans dagegen teilt alles, was er hat, mit dem Unterirdischen und bekommt dafür einen Jägeranzug und das Versprechen, dass er und kein anderer Hofjäger würde. Ausserdem schenkt ihm der Zwerg aber noch ein Stöckchen, welches die Wunschkraft hat, dass alles, was damit geschlagen wird, Rede stehen und die lautere Wahrheit sagen muss. Hans wird nun wirklich Hofjäger und benutzt das Stöckchen dazu, um sich eine Frau zu suchen, die vorher noch nie brauten gegangen ist. Er hält nach einander an um des Kaufmanns, des Amtmanns und des Edelmanns Tochter. Bedingung ist jedesmal, dass er das Mädchen zuvor im Schlafe gesehen hat, und jedesmal spricht der Mund der Schlafenden die Schande derselben aus. Da Hans von seinen Entdeckungen den Eltern gegenüber kein Hehl macht, so bringen ihn dieselben vor den Richter. Der König will seinem Liebling helfen und ist nun Zeuge der Wunschkraft des Stockes. Denn da die Mädchen gegen ihn aussagen, nimmt Hans den Stab und schlägt eine nach der andern auf den Mund und heisst diesen reden. Des Kaufmanns und des Amtmanns Tochter sind bald überführt; schwieriger ist's mit dem Edelfräulein, denn deren Mund will nicht reden. Hans weiss sich jedoch Rat. Er schlägt ihr mit dem Stock auf die Nase und fragt: »Näschen, was ist Mäulchen, dass es nicht reden kann?« – »Mäulchen hat einen Kloss Semmeln zwischen den Zähnen!« antwortet die Nase. Das Hindernis wird beseitigt, und auch das Edelfräulein ist überführt, und Hans geht frei und unbehelligt nach Hause. Der König will nun das Wunschstöcklein gern einmal bei seiner einzigen Tochter anwenden; und zu dem Zwecke entlehnt er es von seinem Hofjäger. Als er mit seiner Frau bei Nacht auf den Mund der schlafenden Prinzessin klopft und die Frage stellt: »Wie oft hat dich ein fremder Mann schon geküsst?«, erhält er die Antwort: »Noch keiner, und wenn es einer thäte, dürfte es nur Hans, unser Hofjäger, sein.« Das Königspaar ist vernünftig und denkt: »Haben sie sich gern, so kommen sie doch zusammen, mögen wir wollen oder nicht,« und am andern Tag wird zwischen der Prinzessin und dem Hofjäger Verlobung und Hochzeit gefeiert.
Nr. 53. Mündlich aus Cratzig, Kreis Fürstentum. – Eine Variante aus Sydow, Kreis Schlawe, bietet der zweite Teil des Märchens vom Löwensohn siehe oben die Anmerkung zu Nr. 21. – Auf der Insel Usedom fand ich das Märchen lokalisiert in Mellentin. Der Junge geht zu einem Räuberhauptmann in die Lehre, dessen Höhle zwischen Aalbeck und Swinemünde liegt. Mit der Zeit wird er selbst Räuberhauptmann und besucht als solcher einmal seinen Vater, einen alten Tagelöhner in Mellentin. Derselbe führt ihn vor den Herrn, und diesem muss er vier Proben seiner Kunstfertigkeit geben. Zuerst soll er den 12 Knechten, die in den Busch fahren, die Gespanne vom Wagen stehlen. Sie wetten auf 100 Thaler. Der Spitzbube führt den Streich folgendermassen aus: Er hängt sich im Anfang des Waldes an einen hohen Baum. Die Knechte wundern sich über den Erhängten und fahren weiter. Schnell springt er herab und knüpft sich ein Endchen weiter wiederum in dem Wipfel eines Baumes auf, und dasselbe thut er noch ein drittes Mal. Die Knechte waren schon beim zweiten Male in Streit geraten, ob das zwei verschiedene Personen oder ob es der Teufel sei, der sie necken wolle. Beim dritten Male wird der Zank weit [376] grösser, sie wetten, lassen ihre Pferde im Stich und laufen zur ersten Stelle zurück, um sich Gewissheit zu verschaffen. Inzwischen spannt der Dieb die Gespanne aus und bringt sie dem Gutsbesitzer; als die Knechte am Mittag heimkehren, bekommen sie die Knurrpeitsche zu schmecken. Die zweite Probe ist, wie in dem Cratziger Märchen, der Diebstahl des Reitpferdes; die dritte Probe der Diebstahl von Bettlaken (doch nimmt er statt des Toten ein Schüchsel vom Felde) und Fingerring. Endlich viertens muss er alles Geld und Gut des Priesters und des Küsters herbeischaffen. – In dem Pyritzer Kreise (Petznick) ist der Gang des Märchens folgender: Ein Bauer hat drei Söhne, jeder soll ein Handwerk lernen. Wer es am besten kann, bekommt die Wirtschaft. Der erste wird Schmied, der zweite Strickspinner, der dritte gerät im Walde unter die Räuber, wird trunken gemacht, schwört ihnen zu und lernt auf Leben und Tod. Mit der Zeit wird es ihm über; er hält die Gefährten mit List bei dem Überfall eines Schlosses hin, derweile er in die Höhle geht, alles Geld zusammen sucht und nach Hause zurückkehrt. Die Räuber haben das Nachsehen. Der Sohn mag zu Hause dem Vater nicht sagen, was er gelernt hat und woher das Geld kommt. Der wird kleingläubig und geht zum Schulzen, welcher den Jungen vor sich bestellt. Er soll gestehen, »Pate,« sagt er endlich, »ich bin auf Tod und Leben.« Das versteht der Schulze nicht, und als ihm des Wortes Sinn erklärt wird, verlangt er von dem Paten drei Proben seiner Geschicklichkeit zu sehen, sonst koste es ihm das Leben. Die erste Probe: Er soll den Bullen stehlen, welcher zur Vorsicht in ein anderes Dorf geschafft wird. Auf dem Wege macht's der Dieb, wie nach der Mellentiner Erzählung mit den Gespannen. Diezweite Probe: Er soll von den drei Pferden im Stalle das hinterste stehlen. Dasselbe wird von drei Knechten und drei Arbeitsleuten bewacht. Wie oben. Die dritte Probe: Er soll des Schulzen Frau Bettlaken und Fingerring stehlen. Zu dem Zweck schneidet er einen Toten vom Galgen. Sonst wie oben. Den Fingerring fordert er ebenfalls als Wahrzeichen; in das Bettlaken legt er Sauerteig, so dass die Frau sich schämt und es eilig fortnimmt und bei Seite wirft.Schluss: Er darf im Dorfe wohnen bleiben und bekommt den Bauernhof.
Nr. 54. Mündlich aus Quatzow, Kreis Schlawe.
Nr. 57. Mündlich aus Züllchow, Kreis Randow.
Nr. 54–57. Dieser Märchengruppe habe ich noch zwei Varianten zuzufügen. Die erste stammt aus Puddenzig, Kreis Naugard. Ein armer Fischer läuft tagtäglich vergebens an den See, kein Fischlein geht in seine Netze. Bald ist's so weit gekommen, dass er mit seinem Weibe Hungers sterben muss; da erscheint der Böse und verspricht ihm Fische und Brot und Geld, so viel er nur haben will, wenn er ihm das gäbe, was in seinem Hause verborgen wäre, sobald es 14 Jahre alt geworden sei. Der Fischer geht darauf ein, und der Vertrag wird ausgefertigt. Wie er aber nach Hause kommt, um seinem Weibe von all dem Glück Kunde zu geben, erfährt er, dass sie sich schwanger fühle. Die Freude ist nun in eitel Traurigkeit verkehrt; und als die Frau niederkam und einen Sohn gebar, liess es den Fischer nicht länger, und er beichtet die Sache dem Pastor. Dieser tröstet den Mann und verspricht ihm seinen Beistand, wenn der schlimme Tag gekommen sei. Sein Plan ist, den Tag über mit dem Jungen auf dem Wasser zuzubringen, da die Macht des Bösen auf das Wasser nicht reicht. Und so thun sie auch. Als der Tag da ist, wo der Knabe 14 Jahre alt geworden, gehen der Pastor, der Fischer und der Junge, das Bibelbuch in der Hand, an den Strand, treten in den Kahn und fahren ein Stückchen in den See [377] hinein. Richtig, der Böse vermag nicht, sein Opfer zu holen; um aber wenigstens seine Wut abzulassen, erregt er einen solchen Sturm, dass die Wellen den Kahn verschlingen und die drei sich nur durch Schwimmen retten. Dabei kommt der Knabe von seinem Vater und dem Pastor ab; und als er endlich an den Strand verschlagen wird, befindet er sich vor einem grossen Walde. Mutig wandert er darauf los und kommt gegen Abend in ein kleines Häuschen. In der Stube stehen ein Tisch, ein Stuhl und ein Bett; eine schwarze Jungfrau empfängt ihn und bittet, dass er sie erlöse. Bedingung ist, dass er drei Nächte durch von 11–12 Uhr ausharrt, ohne einen Laut von sich zu geben, mag kommen, was will. Der Junge geht darauf ein und hält auch Wort. Drei schwarze Männer spielen die erste Nacht mit ihm Ball, so dass er am ganzen Körper zerschunden und zerschlagen wird; die zweite Nacht werfen sie ihn gegen Decke und Boden, dass ihm alle Rippen im Leibe brechen; die dritte Nacht endlich zerhacken sie seinen ganzen Körper mit Wiegemessern, dass das Blut an den Kanten des Tisches herunterläuft und den ganzen Fussboden bedeckt. Jedesmal mit dem Schlage 12 ist der Spuk vorüber, und die Jungfrau erscheint und heilt seine Wunden mit zauberkräftigem Balsam. Nach der dritten Nacht ist die Jungfrau erlöst und mit ihr das Königreich, dessen Erbe sie ist. Sie heiratet darauf den Jungen und lebt mit ihm vergnügt und fröhlich lange Zeit. Da überfällt den jungen König die Sehnsucht nach seinen Eltern; und die Königin hat auch nichts gegen die Reise einzuwenden, nur muss er versprechen, nichts davon zu erzählen, was ihm in der Zwischenzeit zugestossen ist. Wie er aber bei seinen Eltern ist, vermag er es nicht über sich, deren Bitten zu widerstehen, und er berichtet ihnen seine Erlebnisse. Kaum hat er angefangen, so klopft es an das Fenster, und er erkennt seine Frau, die Königin, wie sie ihm mit flehentlicher Gebärde bedeutet, er möge schweigen. Doch schon ist's zu spät, er erzählt weiter und weiter; und wie er fertig ist und nach seiner Frau sehen will, ist sie verschwunden und mit ihr auch der goldene Wagen und das Sechsgespann; auf der Schwelle aber lagen ein Paar eiserne Schuhe und ein Zettel, auf dem stand geschrieben: »Da du nicht schweigen konntest, bin ich mit meinem Königreich an das Ende der Welt entrückt. So unmöglich es ist, dass du die eisernen Schuhe vertreten kannst, so unmöglich ist's auch, dass du je wieder zu mir gelangst.« Der junge König verliert aber den Mut nicht, sondern wandert drauf los, seine Frau wieder zu finden. In einem grossen Walde wird er von Räubern überfallen und, da er jung und stark ist, in die Bande aufgenommen. Eines Tages thut die Bande einen guten Fang nnd erbeutet drei Wunschdinge: ein Paar Siebenmeilenstiefel, einen Hut, aus dem bei jeder Drehung und Wendung Kanonenkugeln fliegen, und einen Mantel, der seinen Träger unsichtbar macht. Der junge König stellt sich, als glaube er nicht an die Wunschdinge, und will sie selbst ausprobieren. Die Bande gestattet es gerne. So zieht er denn die Stiefel an, setzt den Hut auf den Kopf und legt den Mantel um. »Seht ihr mich?« fragt er die Räuber. »Nein,« antworten sie. »So seht ihr mich nun und nimmer nicht!« ruft er, und die Räuber haben das Nachsehen. Noch vor Sonnenuntergang langt er am Ende der Welt in seinem Königreiche an. Dort ist grosse Not. Der Nachbarkönig ist mit gewaltiger Heeresmacht eingedrungen und verwüstet Land und Sand; die junge Königin aber sitzt verzweiflungsvoll auf ihrem Stuhle und spinnt. So trifft sie ihr Mann, und unsichtbar tritt er auf sie zu und zerreisst ihr den Faden in der Hand. Er thut es ein zweites und drittes Mal; und wie sie sich zu fürchten beginnt und aus der Stube flüchten will, lässt er den Mantel fallen und giebt sich ihr zu erkennen. Darauf besiegt er mit Hilfe seines Wunschhutes den Feind und lebt dann mit seiner Frau vergnügt und fröhlich bis an sein Ende. – Die zweite Variante stammt aus [378] Marienfliess, Kreis Saazig. Ein reicher Edelmann nimmt sich eines armen Jungen an und lässt ihn mit seinen Kindern aufziehen. Zu seinem Geburtstage erhält er einmal einen wunderschönen Ball. Wie er den vor sich hinwirft und im Springen wieder auffängt, kommt er vom Wege ab in einen Ellernbruch, und dort versinkt der Ball in dem Teiche. Da beginnt der Junge, bitterlich zu weinen. Mit einem Male rauscht es und braust es in dem Teiche, und aus dem Wasser heraus tritt eine verwünschte Prinzessin, den Ball in der Hand, und giebt ihn dem Jungen zurück. Dabei macht sie jedoch ein so trauriges Gesicht, dass er nach der Ursache ihres Kummers fragt. »Mein gutes Kind,« entgegnet die Prinzessin, »ich bin in diesen Pfuhl verwünscht, und du könntest mich wohl erlösen, wenn du thust, was ich dir sage. Sobald du eingesegnet bist, geh in die Stadt zu einem Manne, der den Putz betreibt (d.i. zu einem Barbier) und lerne bei ihm sein Handwerk. Alle Jahre einmal musst du hierher an diesen Teich kommen und meiner Befehle warten. Niemals aber darfst du die ganze Zeit über, bis du ausgelernt hast, irgend jemand etwas von mir erzählen. Hältst du aus, so bin ich erlöst, und du sollst mein Mann und König in meinem verwünschten Reich werden.« Dem Jungen scheint die Sache nicht zu schwer, und er verspricht, das Erlösungswerk zu vollbringen. Schon ist er das dritte Jahr in der Lehre, als eines Tages zwei vornehme Fräulein zu dem Meister in die Stube treten. Der Junge war aber so schön, dass die eine von den beiden ihm von Herzen gut ward und ihn fragte, ob er sie nicht heiraten wolle. Da vergass er sich und gab zur Antwort: »Du bist wohl schön; aber dennoch freie ich dich nicht, denn ich hab' schon eine Braut, die ist tausendmal schöner, als du.« Kaum hatte er diese Worte gesprochen, so fiel ihm ein, dass er sein Gelübde gebrochen habe. Er eilte hinaus zum Ellernbruch. Siehe, da hielt am Teiche ein goldener Wagen mit vier kohlschwarzen Rappen bespannt; aber alles, Pferde und Kutscher und Wagen, war mit schwarzem Flor verhüllt. In dem Wagen sass die Prinzessin, die weinte und jammerte, und als sie den Jungen erblickte, rief sie laut: »Jetzt bin ich tausend Mal mehr verwünscht!« Dann zogen die Pferde an, und im Augenblick war alles verschwunden. Der Junge beschliesst nun, seine Braut aufzusuchen, und wandert zu dem Zwecke in die weite Welt hinaus. Eines Tages kommt er in einen grossen Wald. Darin floss ein Bach, dessen Wasser war rot, wie Blut. Verwundert geht er stromauf und findet drei Riesen, die sich um ihr Erbe zanken: ein Paar alte Stiefel, einen zerrissenen Mantel und eine verrostete Flinte. Das waren aber Wunschdinge: die Stiefel waren Siebenmeilenstiefel; der Mantel machte seinen Träger unsichtbar; die Flinte endlich war stets geladen und verfehlte nie das Ziel. Der Junge erbietet sich nun, den Erbteiler zu machen, und zwar schlägt er einen Wettlauf vor. Wie die Riesen jedoch zurücktreten, zieht er geschwind die Stiefel an und hängt sich die Flinte über die Schulter; dann wirft er den Mantel um und ist verschwunden. Es dauert nicht lange, so kommt er an ein grosses Erdloch, aus dem heraus es greulich in die Luft blies; das war die Wohnung des Windes. »Guten Tag, lieber Wind,« sagt der Junge, »hast du meine verwünschte Prinzessin nicht gesehen?« – »Nein,« antwortet der Wind, »ich weiss zwar viel, aber das weiss ich nicht; doch mein Bruder, der Sturm, wird's wissen, der kommt überall hin.« So ging denn der Junge, bis er zu dem Erdloch kam, wo der Sturm wohnte. Das war einmal ein Sausen und Brausen, dass es kaum zu sagen ist. Doch den Jungen focht es wenig an, sondern er rief sogleich in das Erdloch hinein: »Guten Tag, lieber Sturm, hast du meine verwünschte Prinzessin nicht gesehen?« Diesmal gelang es ihm besser; der Sturm wusste Bescheid und wies ihm den Weg zu einem grossen, hohlen Berg, in den war die Prinzessin mit ihrem ganzen Hofstaat verwünscht. Ein paar Schritte mit den Siebenmeilenstiefeln, [379] und er war drinnen im Berge und stand in der Küche neben der Köchin. Die kochte gerade die Suppe; doch er schlug ihr den Löffel unsichtbar aus der Hand, und das that er zu dreien Malen. Jetzt wurde ihr graulich zu Mute, und sie lief zur Prinzessin und erzählte ihr die Geschichte. Die ward neugierig und kochte gleichfalls; als es ihr aber nicht anders erging, wie dem Mädchen, schrie sie auf vor Schrecken. Geschwind warf der Junge den Mantel von sich und gab sich der Prinzessin zu erkennen. Da war sie denn erlöst, und es wurde Hochzeit gefeiert, und der Junge ward König in dem verwünschten Reich.
Nr. 58. Mündlich aus Petznick, Kreis Pyritz. Ganz ähnlich das Märchen aus dem Bütower Kreise, das Knoop (Volkssagen etc. aus dem östlichen Hinterpommern S. 215–223) bringt. Abweichend ist einmal die Erlangung des Zauberbuches. Gegen das Ende des dritten Dienstjahres regt sich in dem Jungen die Neugier, und er öffnet das zwölfte Zimmer. Durch das Fenster erblickt er einen so herrlichen Garten, wie er noch keinen gesehen hat. Plötzlich kommt ein Specht angeflogen und flattert vor dem Fenster auf und nieder. Der Junge ergreift alsbald ein Gewehr, das an der Wand hängt, um den Vogel zu schiessen. Dabei stösst er ein Buch herunter, das sich im Fallen öffnet; sogleich springt ein schwarzer Mann heraus, der sich vor dem Jungen verbeugt und nach seinen Befehlen fragt. Erschrocken klappt der Junge das Buch wieder zu und legt es an seine Stelle, aber immer wieder fällt es herunter. So steckt er es, um sich nicht zu verraten, zu sich und behält es auch, als der Herr zurückkommt, ihm seinen Lohn auszahlt und ihn entlässt. Es folgen nun, wie in Nr. 58, die Rückkehr zur Mutter, die Erwerbung des Bruches, der Bau des Schlosses, die Zurückweisung der Tochter des Edelmanns, die Heirat mit der Prinzessin und der Verrat des Ministers, der sich durch List in den Besitz des Wunschbuches bringt und dann von dem Geiste des Buches das Schloss in eine Grube bringen lässt, die weder Sonne noch Mond bescheint. Mancherlei Abweichung zeigt aber der Fortgang des Märchens. Der Junge trifft im Walde zwei Riesen, die sich um einen Wunschmantel zanken, der seinen Träger unsichtbar macht. Er schlichtet den Streit dadurch, dass er ihn für sich behält, und die Riesen sind auch damit zufrieden. In derselben Weise erlangt er einen Wunschstiefel, welcher die Eigenschaft besass, dass der, welcher ihn an hatte, jedesmal 100 Meilen vorwärts machte, wenn er sagte: »Stiefel schreit!« Mit den beiden Wunschdingen ausgerüstet, macht er sich auf den Weg, das verlorene Schloss wieder zu suchen. Es dauert nicht lange, so kommt er zum Riesenkönig, welcher über alle Fische, Vögel und Mäuse herrschte. Derselbe zieht eine Pfeife aus der Tasche, und sofort erscheinen alle Fische der Welt; doch weiss niemand Auskunft über das verschwundene Schloss zu geben. Ebenso ist's mit den Vögeln. Als jedoch die Mäuse zusammen gerufen sind, ist eine, die zuletzt gekommen, imstande, dem Jungen als Führer zu dienen. Der Weg ist weit, so dass der Junge die Maus auf seinen Hut setzt, um dann mit dem Wunschstiefel wacker auszuschreiten. Je näher sie dem Ziele kamen, um so dunkler wird's aber, und schliesslich lässt sich die Maus einen Faden an den Fuss binden und leitet den Jungen. Als sie an Ort und Stelle angelangt sind, kriecht die Maus in die Schlafkammer und zerrt das Buch hervor. Der Schluss wie oben in Nr. 58. – Eine zweite Variante aus dem Bütower Kreise, aufgezeichnet von Herrn Lehrer Archut in Wusseken, ist mir durch Herrn Knoop handschriftlich zugegangen. Ein armer Taglöhnersjunge zieht aus, einen Dienst zu suchen. In einem Walde begegnet ihm ein feiner Herr, der fragt ihn, ob er auch gut lesen könne. Als der Junge die Frage bejaht, antwortet der Herr, so könne er ihn nicht gebrauchen. Geschwind lief der Junge um den Berg herum und stand nach kurzer Zeit wieder vor dem Fremden. Dieser durchschaute die List nicht und stellte dieselbe Frage. Diesmal [380] sagte der Junge, er könne gar nicht lesen. Da nahm ihn der Herr mit sich und zeigte ihm eine grosse Stube voll Bücher, die sollte er tagtäglich abstäuben. Schon war der Junge drei Jahre dort, da fiel ihm beim Abstäuben ein Buch fortwährend auf die Erde. Endlich ward er neugierig, öffnete es und las darin. Sogleich stand ein weisser Geist hinter ihm und fragte nach seinen Befehlen. Er eilt nun mit dem Wunderbuch nach Hause, und es geht ihm genau so, wie dem Jungen in den beiden oben angeführten Märchen, nur dass es nicht der Minister des Königs, sondern ein Diener der jungen Königin ist, der ihn um das Buch und damit um das Schloss bringt. Diesem Diener erscheint übrigens der Geist des Buches in schwarzer Gestalt, während er sich dem Jungen stets weiss gezeigt hat. Er muss das Schloss nach Düsterland versetzen und seinen ehemaligen Herrn bis über die Ohren in den Schlamm stecken. Nachdem sich der Junge aus dem Schlamme herausgearbeitet hat, tritt er den Weg nach Düsterland an. Eines Abends kommt er zu einem Schäfer und fragt ihn, wo Düsterland sei. »Ich weiss es nicht,« antwortet der Schäfer, »aber tausend Meilen weiter, da wohnt mein Bruder, der hat über alle Ratten zu sprechen, der wird es wissen.« Und damit er schneller zum Ziel gelange, gab ihm der Schäfer ein Paar Siebenmeilenstiefel mit auf den Weg. Der Rattenkönig wusste ihm aber keine Hilfe, denn die Ratten kannten Düsterland nicht. Da schickte er ihn denn 1000 Meilen weiter zu dem dritten Bruder, dem Mäusekönig, und als Geschenk gab er ihm einen Hut. Wenn er denselben auf den Kopf setzte und drehte, so standen lauter Soldaten um ihn herum. Als der Junge bei dem Mäusekönig angelangt war, scheint anfangs auch alles verloren; endlich meldet sich ein verspätetes Mäuslein, das geradewegs von Düsterland kommt. Das muss den Jungen führen, wozu ihm derselbe ein Bändchen um den Fuss bindet. Ausserdem schenkt ihm der Mäusekönig einen Wunschmantel, der seinen Träger unsichtbar macht. Durch die Hilfe des Mäuschens und seiner drei Wunschdinge gelangt er nach Düsterland und findet den Diener mit seiner Frau schlafend im Bette; doch lag ein blankes Schwert zwischen ihnen. Die Mauss muss darauf das Zauberbuch dem Diener unter dem Kopfkissen hervorholen. Sofort schlägt es der Junge auf, und der weisse Geist steht wieder hinter ihm. Er erhält den Befehl, das ganze Schloss wieder an Ort und Stelle zu setzen, und zwar müssten der Diener und seine Frau im Schlafe bleiben. Als das geschehen ist, ruft der Junge den alten König herbei. Derselbe ersticht den Diener voll Zorn, die junge Prinzessin lebt aber seit der Zeit mit ihrem Manne vergnügt und fröhlich bis an ihr seliges Ende. – Sehr dürftig wird das Märchen in Klein-Kübbelkow auf Rügen erzählt. Ein vornehmer Herr nimmt einen armen Jungen als seinen Diener an; er hat weiter nichts zu thun, als ein mit Büchern angefülltes Zimmer von Staub und Schmutz rein zu halten. Auf das strengste wird ihm untersagt, irgend ein Buch aufzuschlagen und darin zu lesen. Zwei Jahre kann der Junge seine Neugier bezähmen, im dritten übertritt er das Gebot. Er öffnet eins der Bücher, und kaum hat er es auseinander geklappt, so ruft eine Stimme aus dem Buche heraus: »Was wünschst du dir, Herr?« »Einen Tisch voll Braten!« giebt er zur Antwort, und alsbald ist das Geforderte zur Stelle. Am nächsten Tag kehrt der Herr zurück, merkt sofort, dass der Diener sein Gebot übertreten hat, und nimmt ihn mit sich in das Bücherzimmer. Dort zieht er eins der Bücher hervor, schlägt es auf und fragt, wann der Diener das Unrecht gethan. Als er erfährt, dass es erst gestern geschehen ist und dass der Schelm weiter nichts als eine Mahlzeit bestellt hat, wird er wieder freundlich, schenkt dem Jungen das Buch, das derselbe aufgeschlagen hatte, und entlässt ihn aus seinem Dienste. Der Junge aber kehrte nach Hause zurück und lebte dort, dank der Wunschkraft seines Buches, vergnügt und fröhlich bis an sein Ende.
[381] Nr. 59. Mündlich ans Quatzow, Kreis Schlawe. In Ferdinandshof, Kreis Ueckermünde, weicht die Erzählung erheblich ab: Ein Junge verdingt sich einem Herrn, der ein Schloss hat tief im Walde. Das muss er tagtäglich reinigen. Da der Herr nur alle Jahr einmal zu Hause ist, so liest er dessen Zauberbuch durch und wird über die Massen klug. Nach drei Jahren kündigt er den Dienst, trifft einen andern Mann, dem er aus einer Höhle eine Lampe und ein Schloss holen soll; dazu findet er dort ein Paar alte Stiefeln und ein Schwert. Beim Herausgehen überwirft er sich mit dem Manne und behält die Sachen für sich. Putzte er an der Lampe, so kamen die Luftgeister, drehte er an dem Schlosse, so erschienen die Erdgeister, zog er die Stiefel an, so legte er mit jedem Schritt sieben Meilen zurück, schwang er das Schwert, so besiegte er alles; jeder, den er mit der Schneide berührte, fiel tot zu Boden. Der Junge zieht mit den Schätzen in eine Stadt, lässt durch die Luft- und Erdgeister einen herrlichen Palast erbauen und bekommt wegen seines Reichtums die Königstochter zur Frau. Die Prinzessin weiss aber nichts von den Wunschdingen. Die Lampe steht in der Küche, und das Schloss liegt in einer Ecke. Während der Junge im Kriege ist und die Feinde mit seinem Zauberschwerte schlägt, kommt der Zauberer, als Klempner verkleidet, auf das Schloss und tauscht alte Lampen gegen neue ein. Dann kleidet er sich als Schlosser aus und giebt für jedes alte Schloss ein neues. In beiden Fällen erhält er das Wunschding, reibt darauf die Lampe, dreht das Schloss, und die Erd- und Luftgeister bringen den Palast dahin, wo sieben Jahre Nacht ist und die Welt ihr Ende hat, damit der Junge ihn nicht entdecken kann. Als dieser vom Felde zurückkommt und nichts als den öden Platz sieht, auf dem sein Palast gestanden, macht er sich in den Siebenmeilenstiefeln auf den Weg. Er kommt zu den Sternen und fragt: »Ach, Sterne, ihr kommt doch überall hin, habt ihr mein Schloss nicht gesehen?« – »Wir haben's nicht gesehen,« antworten die Sterne, »kommen auch nicht überall hin; aber der Mond wird's wissen.« Der Mond weiss es auch nicht, ebenso die Sonne, welche ihn zum Windmacher sendet. Der kommt wirklich überall hin und sagt ihm auch, wohin er sich zu wenden hat. Vor dem Thore sitzt eine alte Frau, die spinnt an einem goldenen Faden; so lange derselbe nicht zerrissen ist, bleibt's Nacht. Auf Befehl des Windes zerreisst er ihn und schleicht sich nun in das Schloss hinein, findet Lampe und Schloss und wird von seiner Frau mit grossen Freuden empfangen. Die Luft- und Erdgeister schaffen das Schloss an seine alte Stelle, der Zauberer aber wird in dem dunklen Lande gelassen, wo er eines elenden Todes sterben musste.
Nr. 60. Aus Meesow, Kreis Regenwalde. Nach der Erzählung von Dienstmägden mitgeteilt durch Professor E. Kuhn.
Nr. 61. Mündlich aus Reckow, Kreis Lauenburg.