Gewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

Ludwig Gotthard Kosegarten
Gedichte

[3] Gewitter und Selma

Grevesmühlen. 1775.


Wetterträchtig Gewölk hänget vom Scheitelpunkt
Tief, und schwillet und sinkt. Berstend ergeußt sein Bauch
Ströme stygischen Schwefels
Auf die blumige Frühlingsflur.
Und die blumige Flur bebet, und, ach! der Halm
Senkt sein traurendes Haupt. Blumen, erst aufgeblüht,
Schlägt der wandelnde Orkan
Tief zurück in der Mutter Schooß.
[3]
So, ach! blühete mir Selma, wie Morgenroth,
Jung und lieblich und sanft. Aber ein Gräbersturm
Schlug das blühende Mädchen
Tief zurück in der Mutter Schooß.
Selma, Selma ist hin! – Dunkle Gewitternacht
Schwille, birste, und triff Fluren, Blum' und Halm,
Triff auch mich, und ich fliege
Hoch im Wetter hinauf zu ihr! –
MelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[4] Melancholikon

Greifswald. 1775.


Fern von meinem Vaterlande,
Fern vom Ort, der mich gebar;
Weilt mein Fuß in fremdem Lande,
Wo der Meinen keiner war;
Fern von allen meinen Lieben,
Spuken Larven um mich her,
Seelelos, und von den Trieben
Warmer Menschenfreundschaft leer.
O! wo seyd ihr nun, ihr süßen
Heimischen und stillen Höh'n,
Wo ich meinen Morgen sprießen,
Und in seinem Blüh'n geseh'n,
[5]
Wo mir in der Lieben Mitte
Jeder Tag, ein Fest, verschwand,
Und auf jedem meiner Schritte
Ein vertraulich Mädchen stand?
Rein, wie euer reiner Himmel,
Sanft, wie eure sanfte Luft,
Hört' ich da kein Stadtgewimmel,
Hauchte keinen Gräberduft.
Kannte nicht die wilden Freuden,
Drin die Thorheit sich vergnügt;
Nicht der Unschuld heimlich Leiden,
Wenn die Frechheit sie bekriegt.
Nein, in euren stillen Gründen
Hauchte Schönheit und Natur.
Zwischen dunkelgrünen Linden
Wohnt' ich auf vertrauter Flur.
Heiter fand mich jeder Morgen,
Ruhig jedes Mittags Pracht,
Jede Dämm'rung, frei von Sorgen,
Leis' entschlummert jede Nacht.
[6]
Früh ergriff ich meine Flöte,
Wandert' durch bethaute Au'n,
Sah des Morgens erste Röthe
Hinter Hamberg's Hügeln grau'n,
Sah den jüngsten Strahl der Sonne,
Wie er mild die Flur bestrich,
Und des Morgens ganze Wonne
Goß sich segnend über mich.
Tages auf den bunten Matten,
Zwischen Wiesen, Hain und Bach,
Spürte ich auf leisen Schritten,
Freundliche Natur, dir nach,
Trank an deinem Mutterbusen
Reine Weisheit, echten Ruhm;
Und die lieblichste der Musen
Zog mich in ihr Heiligthum.
Blickten dann die Abendsterne
Lieblich aus den blauen Höh'n,
O, wie lauscht' ich da so gerne
Auf des Unbekannten Weh'n,
[7]
Horchte, wie, gleich Waldesstimme,
Seine Stimm' die Flur beschlich,
Und mir ahndete, als schwümme
Leise Gottheit rings um mich,
Und ein heimlich hohes Grauen
Zuckte mir durch Mark und Bein.
Ich entfloh den offnen Auen
Und dem hellen Mondenschein,
Warf mich hin am dunklen Seë,
Wo der Wind den Schilf belief,
Und ihr süßes Klagewehe,
Nachtigall und Unke rief.
Da entquollen leise Töne
Meiner Flöte, wie dem Bach
Wellen, und dem Klag'getöne
Floh'n die Abendgeister nach.
Längs dem Schilfe hört' ich's säuseln
Klärer, als ein Zephyr saus't,
Sah die Fluth des Sees sich kräuseln
Schöner, als ein West sie kraus't.
[8]
Heller glitschte von dem Seë
Mondschein jenseits auf die Au',
Milder träufelt' aus der Höhe
Auf mein Haar der Abendthau;
Und dem armen süßen Schwärmer
Ward es von erträumter Lust
Immer wärmer, immer wärmer
Und erhabner um die Brust.
Todt für Haß und Zorn und Liebe,
Todt für jede Leidenschaft,
Rissen namenlose Triebe
Mich hinweg mit Geisterkraft.
Hoch auf Abendsternenstrahlen
Stieg ich himmelan, und sah
Mond und Erd' im Tiefen wallen:
Und mich selbsten Eden nah.
Oft auch sah ich, wie die Wolke
Flamm' und Hagel um mich spie,
Doch umringt von Geistervolke,
Bebte meine Seele nie.
[9]
Windsbraut war mir Gottes Wagen,
Donner sein Trompetenhall,
Blitz die Rosse, die ihn tragen,
Und sein Troß des Hagels Fall. – – –
Ach, den Frieden, der so milde
Dort auf meine Seele floß,
Ferne scheucht ihn dieß Gefilde,
Wie den Thau des Windes Stoß.
Leer, wie diese öden Felder,
Find' ich diesen Busen hie.
Keine Feier heil'ger Wälder,
Keine Bergkluft schmücket sie.
Und die Lieben, all' die Lieben,
Die mir Blut und Neigung band,
Deren Umgang jeden Trieben
Meiner Seele Nahrung fand,
Die in meines Busens Wunden
Oehl und Balsam träufelten,
Und in freudevollen Stunden
Doppelt Lust mir lächelten,
[10]
Die – und ach! die Busenfreundinn,
Mild, wie Milch, wie Rosen schön,
Meiner Jugend frühe Freundinn,
Richtung meiner Lust und Weh'n,
Die mich mehr als Abendsterne,
Mehr als Wald und Nacht erfreut –
Die auch, die auch, ach! ist ferne,
Und vergrößrunglos mein Leid. –
Schicksal, Schicksal, welche Schlüsse
Schleudern mich aus freundem Land,
Ueber Berg und Thal und Flüsse,
Her an diesen öden Strand,
Wo gesetzlos handeln Ehre,
Wo die Freundschaft Heuchlerlist,
Wo Empfindsamkeit Chimäre,
Und die Liebe Wollust ist.
Kalter Schauder gießt mich über,
Todes Schrecken bleckt mich an.
Oft schon ging er vor mir über,
Kalt und blaß, der Sensenmann.
[11]
Ha! den Stahl aus seinen Händen
Rüng' ich längst, und wär' entfloh'n,
Hielt' mich nicht mit Demantbänden
Weisheit und Religion!
SchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[12] Schwangesang

1775.


Endlich stehn die Pforten offen.
Endlich winket mir das Grab,
Und nach langem Fürchten, Hoffen,
Neig' ich mich die Nacht hinab.
Ausgemacht sind nun die Tage
Meines Lebens. Milde Ruh'
Drückt nach ausgeweinter Klage
Mir die müden Wimper zu.
Auge, schleuß dich! Strahl der Sonne,
Wecke nicht den Schlummrer mehr.
Meine Uhr ist ausgeronnen.
Meines Lebens Brunn ist leer.
[13]
Durchgerannt sind meine Schranken,
Durchgekämpfet ist mein Kampf.
Seht, der Erde Pfeiler wanken,
Seht, die Welt verwallt wie Dampf.
Dunkel wird mein Blick, und trübe,
Taub mein Ohr, und starr mein Herz.
In ihm klopft nicht mehr die Liebe,
In ihm bebt nicht mehr der Schmerz.
Ausgeliebet, ausgelitten
Hab' ich, und die Leidenschaft
Tobt nicht mehr, und abgeschnitten
Dorrt mein Reben, eis't mein Saft.
Oeffne deines Dunkels Pforten,
Oeffne, Engel Tod, sie nun!
Lange will ich, lange dorten
Bei dir in der Kammer ruh'n.
Sanft geräuschlos, kühl und stille
Soll's in deiner Kammer seyn.
O, so eile, Trauter, hülle
In dein Schlafgewand mich ein.
[14]
Die mich gern und liebend schauten,
Mond und Sonne, lebet wohl!
Die mir süße Wehmuth thauten,
Früh und Spatroth, lebet wohl!
Lebet wohl, ihr Saatenfelder,
Du, mein Tausendschönchenthal,
Düstre feierliche Wälder,
Bäch' und Hügel allzumal!
Die ihr zärtlich mich umschlanget,
Mit mir theiltet Weh und Wohl,
Mit mir kämpftet, mit mir ranget,
Lebet, Freunde, lebet wohl!
Die du meinen Staub erschufest,
Und ihn heut' in deinen Schooß,
Mutter Erde, wieder rufest,
Hüll' ihn sanft und störunglos!
Ewig wird die Nacht nicht dauern,
Ewig dieser Schlummer nicht.
Hinter jener Gräber Schauern
Dämmert mir ein neues Licht.
[15]
Aber bis das Licht mir funkle,
Bis der junge Tag erwacht,
Steig' ich ruhig in die dunkle,
Stille, kühle Schlummernacht!
An meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[16] An meine Freunde

1776.


Noch blüht mein jugendlich Leben
Wie Frühlings Morgenroth heiter. Mir tagt die Sonn'
Im jüngsten des Maienfrüh.
Auch brennt mir mächtig im Busen
Der Gedanke, reißend, wie Donner im Schlachtgewühl:
Daß Jüngling ich bin und frei.
Ich fühl's, und fühle den Adel
Der deutschen Seele – und fühle für Zärtlichkeit
Der Tugend vollbürtige Schwester.
[17]
Auch hab' ich Freunde gefunden
In Grevesmülens heimischer stiller Flur,
Am Balth, an der Warne, am Rikk:
Und Mädchen hab' ich gefunden,
Töchter des Schöpferhauchs, goldgelockt, süß und mild,
Und rein an Busen und Seele.
Fern wandl' ich jetzt von der Warne
Von Balth, von Grevesmülens heimischer Flur,
Bald fern auch vom düsternblauen Rikk,
Und weilt' ich im wüthigen Zaara
Auf Tempens blumigen Feldern, auf Zembla's Schnee –
Ich dächte Euer, ihr Edlen,
Dächt' Euer im Säuseln des Abends,
Im Dämmern der Sommermondnacht, dächte Eu'r
Und weinte mir die Wonne der Wehmuth. –
[18]
Wer kommt vom Hügel? Ein Edler,
Der sucht mich lange und findet mich nicht, und spricht:
Wo ist er, der Sänger, mein Freund?
»Suche nicht den Sänger, du Edler.
Er ruht im kühleren Hause. Der Nordwind wiegt
Den Wermuth auf seinem Grabe.«
Und hoch erseufzt mir der Edle:
So bist du, Guter, so früh gefallen. Zu früh
»Bist mir gefallen, du Guter!«
Er wandelt thränend. Von fernen
Ergeht das Mädchen meiner Seele und harrt,
Und rufet: Wo bleibt mein Freund!
[19]
»Rufe nicht dem Freund', du Holde!
Er schläft den eisernen Schlummer. Nicht hört sein Ohr
Hinfort die Stimme der Theuren.«
Und kläglich jammert das Mädchen.
Ihr blaues Auge bewölkt sich. Ihr golden Haar
Fließt milde über den Busen.
Sie wandelt nächtlich zum Grabe.
Im Wehen der Pappeln umsaus't sie mein Schatten, und sie
Seufzt: Ruhe mir sanft, du Werther!!
ThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[20] Thränen

1776.


Wie? der Thränen sollt' ich grausam wehren,
Sollte schämen mich der Trösterinn? –
Armer! kenntest du den Werth der Zähren,
Welten gäbest du für Eine hin.
Thränen, die die Menschheit weint, vergießen,
O, der Seligkeit, der Seelenwonn'! –
Heller blicket nach des Regens Fließen
Aus geklärter Bahn die reine Sonn'.
So, wenn Wolken meines Lebens Sonne
Dicht umdunkeln, Dämm'rung um mich wallt,
Fließt vom Aug' der Schauer, und die Wonne
Und des Auges Klarheit folgen bald.
[21]
Und die Thränen, die ich duldend weine,
Sammelt Dodiel, und in Rubin
Wandelt er sie, und in Demantsteine,
Einst's in meinem Diadem zu glühn.
WonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[22] Wonna

1776.


Ich hab' das Mädchen funden,
Das sich mein Herz erkor,
Und jede dieser Stunden
Kommt mir geflügelt vor.
Mein Aug' hat sie gesehen,
Mein Herz ist ihr erglüht,
Kaum mag ich ihr's gestehen,
Obgleich ihr Aug' es sieht.
Ich kann ihr nicht enteilen,
Ich muß ihr nahe seyn,
Muß auf der Stätte weilen,
Die ihre Füße weihn.
[23]
Ich muß das Lüftchen trinken,
Das die Geliebte trank,
Muß jeden Raum durchdringen,
Durch den die Heil'ge drang.
Seh' ich sie nicht, wie sehnet,
Wie schrei't mein Herz nach ihr,
Mein dunkles Auge thränet,
Mein Herz zerschmilzt Begier;
Seh' ich sie, schnell verjaget
Den Harm die reinste Lust,
Und Engelwonne taget,
In meiner trunknen Brust.
Von ihres Lächelns Schallen
Bebt jede Nerve mir;
Von ihres Fußtritts Hallen
Schwillt Brust und Seele mir.
Sie ist von meinen Kräften
Die Richtung, sie allein
Ist's bei des Tag's Geschäften
Und spät bei Lampenschein.
[24]
Ich seh' ihr Bild am Tage,
Ich seh's in dunkler Nacht;
Bei jedem Seigerschlage
Verfolgt mich seine Pracht.
Im tiefsten, festen Schlummer
Seh' ich's so klar vor mir,
Und rufe ihr im Schlummer,
Und streck' den Arm nach ihr.
Ist's Sünd', in Lieb' entbrennen –
Weh' dir, mein sündig Blut!
Mir zückt in Mark und Sehnen
Der Liebe wilde Gluth.
Sie ist mir Lust und Wehe,
Ist Tod und Eden mir.
Ich fühl, ich hör', und sehe,
Und leb' und web' in ihr.
So ist die Ruh' verloren,
Die vormals mich erfreu't;
Doch, daß ich sie verloren,
Hat mich noch nie gereu't;
[25]
Mir kommt von meinen Wunden
Die tiefste heilsam vor –
Hat sie in mir ihn funden,
Den sich mein Herz erkor!
An SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[26] An Sophie

1776.


Mädchen mit den blonden Locken,
Höre Deines Sängers Lied.
Wie der Hall von Abendglocken
Rühr' es fei'rlich Dein Gemüth.
Mädchen mit dem sanften Auge,
Horch auf meiner Saiten Klang;
Lehre, die Dir heilsam tauge,
Weisheit tönt Dir mein Gesang.
Dirne, Dirne, deutschen Samens
Bist Du, bist ein deutsches Kind.
O, der Klang des stolzen Namens
Schmettr' in Dir wie Nachtsturmwind.
[27]
Wie den Strahl aus wetterträcht'gen
Dunkeln Wolken fühl's Dein Geist,
Daß Du deutsch, und deutscher Mädchen
Unverfälschte Enklinn heißt.
Groß wie die, und echt und bieder,
Hold und edel mußt Du sein;
Würde strahle um Dich wieder,
Wie um Eichen Mondenschein,
Und Dein Hochglanz scheuch' den losen
Weiß bestäubten Schmetterling,
Der sich an der Wange Rosen,
An des Busens Lilien hing.
Dennoch schwelle mächtig Feuer,
Edle, Deinen Busen hoch –
Freiheit, Freiheit, sei Dir theuer
Und wie Tod des Sklaven Joch.
Wie auf Bergen Gottes Zeder,
Hebe kühn Dein Haupt und steh,
Und kein unbekannter, blöder
Schwachmuth stürz' Dich von der Höh'.
[28]
Doch auch Veilchen gleich im Thale
Blüh geräuschlos, still für Dich,
Und im Abendsonnenstrahle
Bade Deine Wange sich.
Fleuch der Mode Thorheitschimmer,
Wie des Wandrers Irrlichtschein,
Und wie Mond im Wolkenflimmer
Hülle Sittsamkeit Dich ein.
Mädchen, Mädchen, auf dem Pfade,
Den Dein schwacher Fuß durchirrt,
Liegt ein lustig Blumgestade,
Lüstern lockend, bunt geziert.
Auf ihm sitzt im Modenflitter
Buhlend schön die Eitelkeit;
Winken wird sie Dir, doch zitter' –
Drachenschweife deckt ihr Kleid.
Wandle herzhaft auf dem Pfade
Weiter, und im stillen Licht
Siehst Du dann noch ein Gestade,
Einfach schön und ungeschmückt.
[29]
Dorten wohnt in Myrtenwäldern
In der Unschuld weißem Kleid,
Und in monddurchstrahlten Feldern,
Himmelstochter – Zärtlichkeit.
Um sie flöten Nachtigallen,
Um sie girrt ein Taubenpaar,
Und auf goldnen Wolken strahlen
Liebesgötter um ihr Haar;
Klopft Dein Pulsschlag da geschwinder,
Bebet Deine Seel' empor,
Und Du wähnest, Himmelskinder
Sänger Hymnen in Dein Ohr,
Gutes Mädchen, das ist Liebe –
Lieb' ist Tugend – zittre nicht,
Schleuß mir ja dem edlen Triebe
Den gerührten Busen nicht.
Wirst Du einst den Jüngling schauen
Deutsch und bider so wie Du,
Wird er Dir sein Herz vertrauen,
Dem, o Mädchen, höre zu.
[30]
Deutsches Mädchen, wird er sagen,
Sieh mich hier, ich liebe Dich;
Wie die Sonn' in Sommertagen
Strahlt Dein Angesicht auf mich.
Gerne weiht den süßen Trieben
Sich mein standhaft Herze – Sprich',
Kann das Deine denn nicht lieben? –
Edles Mädchen, liebe mich!
Und Du wirst den Jüngling lieben
Und mit heißer Wange stehn –
Mädchen, da ihn noch betrüben
Und ihm nicht den Trieb gestehn –
Das geziemt nicht deutscher Dirne;
Sanft und edel sieh ihn an,
Und mit offner heitrer Stirne
Kündige sein Glück ihm an.
Dann wird sich der Jüngling freuen,
Und Du wirst Dich mit ihm freuen,
Und im gegenseit'gen Freuen
Wird Dein Leben Wonne seyn,
[31]
Rein Dein Morgen, mild und labend,
Ruhig Deines Mittags Pracht,
Säuselnd, süß, und kühl Dein Abend,
Und gestirnt und klar die Nacht.
Der AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[32] Der Aurikelnstrauß

1776.


Die ihr noch gestern an Sophiens Busen,
Diesem stolzesten aller Sitze, lieblich glühtet,
Und aus braunen Kelchen der süßen Düfte
Fülle entströmtet,
Blümchen, wie bloß, wie schlaff, geknickt, gesunken
Hängt ihr heute mir am bestäubten Arme,
Den mein süßes scheidendes Mädchen mit euch
Gestern bekränzte.
Blümchen, ihr welktet, und kein süßes Duften
Wird auf Silberstaub euch hinfort entschweben,
Noch zum Pflücken lächelnder Mädchen Hände
Ferner herbeiziehn.
[33]
Blümchen, ihr welkt, und kein junger Busen
Wird euch heben hinfort mit schweren Seufzern,
Noch der seufzersteigenden Brust ein trunkner
Jüngling euch rauben.
Klage, Sophie, um des jungen Maien
Frühgeborne, frühgestorbene Töchter!
Klag' um sie, und jeglicher Erdenschöne
Flüchtigen Schimmer.
Blumen verwelken. Und der Herbststurm störet
Ab die Blätter. Und Jugendblüthen mordet
Frost des Alters. Alles vergeht. Sophie,
Ach! auch die Treue?
AbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[34] Abendphantasie

1776.


Angelächelt vom Mond, wandl' ich im Wiesengrün,
Wo das flüsternde Schilf, wo das bethaute Gras
Frische labende Düfte
In die kühlere Luft ergeust.
O, wie ist mir so wohl! Wonne, die lauterste,
Die ein Himmlischer fühlt, fühl' ich im Busen tief –
Milde, stille und süße,
Wie die Wonne des sterbenden.
[35]
Bluterkauften Manns, welchen der Engel winkt,
Der ins stille Gemach ewiger Ruh' ihn führt –
Und wie Klang der Posaune,
Die am jüngsten der Tag' uns ruft,
Tönt mir feiernd das Lied flötender Nachtigall,
Lockt mich ferne zum Busch, rührt mir die Seel' empor,
Und der Fahne der Tugend
Schwört mein huldigend Herz aufs neu!
Das Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[36] Das Wehen des Allliebenden

1776.


Was ist's, wonach ich schmachte,
Wonach schreit all' mein Seyn?
Welch' unbekannte Sehnsucht
Durchzuckt mir Mark und Bein?
Strebt mächtig mir im Busen,
Setzt mir das Herz in Gluth,
Und peitscht durch jede Ader,
Gedoppelt stark mein Blut?
Ist's Durst nach Ruhm und Ehre?
Nein, nein! Die Zauberinn
Verblend't mich oft. Doch heute
Ergreift mich's, wer ich bin!
[37]
Ist's Durst nach Gold und Schätzen?
Nein, wahrlich nicht! Denn sieh!
Mein Glück in dem zu suchen –
So tief fiel ich noch nie!
Ist's Durst denn nach der Theuren,
Ist's, Wonna, Schrei'n nach dir?
Du, Tages mein Gedanke,
Du, Traum im Schlummer, mir? –
Vielleicht! – – Doch nein. Empfindung
Für Wonna ist nicht das.
Es ist nicht Erdenliebe,
Es ist – o, wüßt' ich's, was? – – – –
Ich sprach's. Da ward es stille,
Und Unk' und Nachtigall,
Und Frosch und Westwind schwiegen,
Und ich, im grünen Thal,
Lag hingestreckt, und Schauder
Durchfuhr mir Blut und Mark.
Im Busen pocht' und klopfte
Mir's übermenschlich stark.
[38]
Da hört' ich's leise flüstern
Ins Schilf des Teich's. Es rann
Auf jedem Märgelblümchen,
Als schwebt' ein Westwind d'ran.
Mich däucht', als ständen Jüngling'
Im Abendroth vor mir,
Und einer spräch' mit Stimme
Der Nachtigall zu mir:
»Nicht Durst nach Ruhm und Ehre,
Nicht Schrei'n nach Gold der Welt,
Nicht nach dem Erdenmädchen
Ist's, das die Brust dir schwellt.
Es ist – – hinweg vom Auge
Den Staar! Hinweg vom Ohr
Die dicke Haut!! O Jüngling,
Fühl' selbst, und sieh empor!
Siehst du im West den Purpur,
Den Boden grün und schön?
Die tausend Märgelblümchen,
Die lächelnd um dich steh'n?
[39]
Hörst du der Nacht'gall Schmettern?
Schau'st du im finstern Gras
Die Würmer – Nationen?
Wer schuf, wer gab dir das?
O Jüngling, Erdenjüngling!
Dich schuf aus feinrem Thon
Die Hand, die das geschaffen,
Und du vergißt es schon?
Zeuchst Schönheit des Geschöpfes
Des Schöpfers Schönheit vor? –
O Jüngling, weg vom Auge
Den Staar, die Haut vom Ohr!
Er, den dein Herz verkennet,
Und doch mit Inbrunst sucht,
Er ist von dir nicht ferne.
Das Auge, das ihn sucht,
Wie leicht mag's ihn entdecken!
Er wandelt um dich her,
Im Abendroth, im Walde,
Zu Land' und auf dem Meer.
[40]
Von ihm, du Sproß des Himmels,
Stammst du, allein von ihm.
Dein Geist, des Ursprungs kundig,
Schrei't, schmachtet, dürst't nach ihm.
Ihn, ihn, den Vater, kennen,
Ist mehr denn Erdenfreud'.
Ihn innig, innig lieben,
Ist Himmelseligkeit.
Sein Rang ist Hocherhaben,
Sein Nam' Allliebender,
Sein Thun ist Ewigschaffen,
Sein Werk der Welten Heer;
Sein Wo ist Allenthalben,
Sein Ebenbild bist – du
O Jüngling, fühl' die Würde,
Du bist sein Abglanz, du!« – – –
So sprach's, und sieh! Wie Schuppen
Fiel mir's vom Aug'. Ich sah
Rings um mich her mein Wesen
Dem Unbekannten nah'.
[41]
Mein Ohr, mit reinern Zügen,
Vernahm sein leises Weh'n,
Und hörte seine Stimme
Im Abendsäusel geh'n.
Da sank ich, anzubeten,
Ins Knie, und feierlich
Und unaussprechlich Fühlen
Ergriff und lohnte mich – –
»Ich hab', ich hab' dich funden,
Dich wunderbaren Mann,
Und lass' dich nicht, ich schaue
Dein segnend Antlitz dann.«
Die SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[42] Die Sterne

1776.


Hast du wol eh' die Sterne gesehn? –
Ihr'r ist so wunder viel.
Ihr Gesicht ist herrlich anzuschau'n,
Auch gar zu herrlich und hehr!
Ich bin manche liebe liebe Nacht
Hinaus gegangen, und hab'
Die große Gotteskraft beschau't
In seinem Sterngebäu.
Jetzt eben – es ist nach Mitternacht –
Ich bin hinaus gewest,
Zu denken an mein Mädchen daheim –
Ich konnt' nicht denken dran.
[43]
Ich mußte denken an Gott, den Herrn,
Den Sternbaumeister so groß.
Ich mußte knien, mußte heiß
Anbeten den großen Mann.
Du Großer – Großer – – Wie ist Dein Nam'?
Er ist die Liebe. (Mir hat's
Dein freundlicher Jünger Johannes gesagt;
Den Jünger hab' ich lieb.)
Du bist die Liebe – Du Liebesgott,
Wie sing' ich Dir dann. Wie fleußt
Mein Herz Dir aus, das voll ist, voll
Von Deinem Sterngebäu?
Die Nacht, die ist so klar. Es ist
Der Himmel so blau. Der Mond
Steht nicht daran. Das Blaue hindurch
Blinkt mehr denn Mondenschein.
Viel tausend tausend Sterne sind's,
Die blitzen klein und groß
Das schöne Dunkelblau hindurch –
Das machte Gott, der Herr!!
[44]
Ich steh' und schau' empor, und schau'
Die Sternlein all'. Sie steh'n
Da oben so die Kreuz und Quer,
So wild und doch so wahr
Und schön geordnet. – Fürwahr! Das muß
Ein großer Meister seyn,
Ein großer weiser Baumeister – Er hat's
Auch gar zu herrlich gebau't. – –
Dort steht ein Stern, ist groß und hell,
Und brennt und leuchtet sehr –
Hast du wol eh' den Stern geseh'n?
Er ist so werth des Aug's.
Dort, denk' ich, mag's wol seyn, wo nun,
Wie mir Freund Asmus sagt,
Rabbuni Jesus sein Wesen hat
Mit seinen Jüngern all'.
Rabbuni, Du großer Wundermann,
Der Du den klaren Stern
Dort hoch bewandelst, blick' auf mich
Mit Deinen Jüngern all'.
[45]
Blick' her, wie hier im bereiften Gras
Ich niederknie vor Dir,
Und bete: Du seyst, Wundermann,
Dem Sternbaumeister so lieb! –
Auch steht vom hellen Stern nicht weit
Ein andrer Stern. Er sieht
So trüb', so trüb'. Sein Antlitz ist
So röthlich dunkel und doch
Dabei so lieblich. Ich muß ihn stets
Anseh'n mit leisem Schau'r.
Denn sieh! mich ahnt's, als wandeln dort
Die Lieben, die ich verlor!
Der Lieben, die ich verloren hab',
Der sind schon viel. Ich hatt'
Eine Mutter sanft und liebevoll
Und mild' und menschenhold.
Die hatt' mich immer so lieb. Sie hat
Zwölf Monden mich gesäugt
An ihrer Brust, auf ihrem Schooß
Vier Frühlinge geherzt.
[46]
Vier Frühlinge waren um. Da starb
Meine Mutter!! Sanft und süß
Schläft nun im Tempel Gottes ihr Leib.
Den klagend milden Geist,
Den trugen weg vom Jammerthal,
Wo stets ihr Auge geweint,
Drei heil'ge Engel, sanft und schön,
Zum trüblich milden Stern.
Auch hab' ich eine Schwester gehabt.
Sie war noch klein. Sie hat
Mit ihrem dreijährigen blauen Aug'
Die Sternlein selten geseh'n.
Da kam ihr Engel schon. Er gewann
Sie lieb, und nahm sie mit.
Sie entschlief auf unsrer Mutter Schooß,
Und schläft zur Rechten ihr.
Auch die mich liebten, denen ich's
Oft sagt': Ich bin dir gut,
Auch derer sind viele todt, gewelkt
In ihrem Morgenblühn!! –
[47]
Doch getrost! sie wallen oben nun
Im trüblich milden Stern,
Und lächeln mir herab, sind mir
Noch gut, und lieben mich! – –
Ihr Lieben, gehabt euch wohl, bis ich
Euch wieder seh'. Ich seh'
Doch bald euch wieder? Mir wird die Zeit
Hienieden schon zu lang!!
Hienieden ist doch nicht Freud'. Es ist
Nur Tand und Augenschein.
Die ew'ge Freudensonne brennt
Bei euch da oben. – So sprach
Ich in dem Nachtspaziergang. Es schoß
Nordaufwärts hell ein Schein,
Weiß, strahlend, herrlich anzuschau'n,
Mir ward so hehr. Mir ward,
Als wär's Elias Wagen, als führ'
Ich schon hinauf zu Dir,
Du großer Rabbuni, als grüßt' ich euch,
Ihr lieben Todten all'!
Bei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[48] Bei Salmors Abschied

1777.


Die Sonn' ist hin –
Welch' Düsterniß umschwebt mir den verstörten Sinn!
Die kalte Flur umsitzt die Nacht,
Und auch in meiner Brust hat's ausgetagt.
Mein Freund ist hin –
Welch' Düsterniß umschwebt mir den verstörten Sinn!
Mein Jonathan ist fort,
Und mit ihm floh die Lust aus meinem Herzen fort –
[49]
Schweren, dumpfen, hohlen Klangs
Hallete des Abschieds düstre Stunde,
Wie aus heis'rer Unken Munde
Die Stimme des Wehegesangs.
Weh! – Weh!
Sie hallet, der Stunden düsterste.
Nun kommt er, langsam, finster, beklemmt,
Wie Hagelgewölk im Herbste kömmt.
Und es wird feierlich stille,
So wie die Schöpfung vor kommendem Donner wird –
Des Schweigens finstre Hülle
Umgiebet ihn. Sein dunkles Auge irrt.
Dem starren Mund enthallte
Kein Lebewohl!
Dem starren Aug' entwallte
Kein Thränchen – Schwermuthvoll
Und schweigend sah' auf ihn der Freunde Antlitz nieder –
[50]
Er naht sich – bebet und – geht,
Und – bebt noch mehr, und – kehret wieder,
Und – strecket die Arme – und geht. – – –
Weh! – Weh!
Er geht, der Gute, der Redliche! –
Da quoll die Zähre der Edlen
Dem Auge des lieblichen Mädchens
Entquoll der Zähren Köstlichste.
Ein Seraph faßte die Zähre,
Wandelte sie in Rubin,
Um zu des Mädchens Ehre
Künftig in ihrem Diadem zu glühn.
Und flöss' um mich des Mädchens Zähre,
Weinte sie um mich ihr helles Auge roth –
Ich stürzte durch Eisgebirge, durch uferlose Meere,
Durch Schwert und Flammen in deine kalten Arme, Tod!!
An WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[51] An Wonna

1777.


Mädchen, gib mein Herz mir wieder,
Oder schenk' das deine mir,
Denn mein Herz und meine Lieder,
Alles, alles raubst du mir,
Bändigest mit Einem Blicke
Ganz mein stolzes Jünglings-Herz,
Lenkst gebietend mein Geschicke,
Meine Wonna, meinen Schmerz – –
Wenn in süßen Augenblicken
Ich an deinen Locken spielt',
Und mit innigem Entzücken
Deine warmen Hände hielt,
[52]
Wenn ich dich an meinen Busen
In der Liebe Taumel zog,
Und dein junger reiner Busen
Athmend mir entgegen flog;
Dann, wie Strahl der Abendsonne,
Dämmerte mir Seelen-rein,
Und ich träumte mir die Wonne,
Mädchen, dir geliebt zu seyn.
Aber wenn, so wild wie Winde,
Du mir andrer Zeit entflohst,
Und, damit mein Traum verschwinde,
Mir die warme Hand entzogst;
Dann, ach! schwand in Wintertrübe
Meiner Hoffnung Frühlingschein,
Und der Stolz verschmähter Liebe
Stürmet mächtig auf mich ein.
Jüngling, dacht' ich, frei von Stirnen
Bist du, und dein mildes Herz
Beugte so viel stolze Dirnen,
Und hier diese schmäht dein Herz? –
[53]
Und dann schwor ich, nicht zu lieben,
Wähnte auch, mein Herz sei kalt,
Aber, o, den Frost vertrieben
Deine Feuerblicke bald,
Und ich kann nicht von dir lassen,
Und ich muß mein Herz dir weihn,
Muß bei deinem Lieben, Hassen,
Ewig dein Getreuer sein.
Aber, Mädchen, deutsch und bider
Bin ich, und nicht ungleich dir –
Gib dann, gib mein Herz mir wieder,
Oder schenk' das deine mir!
KlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[54] Klage

1777.


Du liebst mich nicht –
O Gott, wie traf mein Herz mit schmetterndem Gewicht,
Wie traf mit wilder Mörderkraft
Die Zeitung mich: Verschmäht ist deine Leidenschaft!
Unsäglich hab' ich dich geliebt –
Mein Herz hat nah' und fern nach dir gestrebt, gesehnet,
Mein Auge heimlich dir gethränet,
Und jede Nerve sich nach dir gespannt, gedehnet –
Fürwahr, ich hab' unsäglich dich geliebt.
[55]
Noch jetzt sogar,
Noch jetzt, zerreißt mein wundes Herz
Die Leidenschaft um dich mit jedem Höllenschmerz,
Und tausend Mahl hab' ich in schwarzen Stunden
Verdammter Geister Qual um dich, um dich empfunden.
Zwar hab' ich auch in stillern Augenblicken,
Mit süßerm seeletrauerndem Entzücken,
Um dich geweint!!
Und sieh! Nicht ganz unselig ist der Mann,
Deß Auge nur noch weinen kann!
Doch ach! in wenigen Sekunden
Ist diese Dämmerung aus meiner Seele schwunden,
Und öd' und schwarz,
Wie Gräber, stand vor mir der stumme große Schmerz,
Und Eine lange Mitternacht
Hab' ich um dich verwälzt, verseufzet und verwacht.
[56]
Mit hellgeschliff'nem Feuerschein
Lud oft mitleidig mich mein Stahl zum Tode ein.
Gefaßt, geblößt, gezückt hab' ich ihn, doch sofort
Gedacht' ich dein, und fuhr um dich zu leben fort!
Denn wehe mir!
Noch unzertrennlich hängt mein ganzes Herz an dir.
Ich saug' aus deinen Blicken
Den Tod!
Ich schlinge mit rasendem Entzücken
Den Gift von deiner Wangen Blumenroth.
Du aber wandelst stolz und heiter
Vor meiner Qual vorbei, und bist
Erfreut ob meinem Schmerz, siehst ihn, und wandelst weiter,
Zufrieden, daß mein Stolz herab erniedrigt ist – –
Ich kann's nicht tragen –
Mit wilden Schlägen
Empört sich mein Herz.
[57]
Ich kann's nicht fassen,
Ich will dich hassen,
Und meinen Schmerz.
Noch Einen Tag,
So will ich dir enteilen,
Von deinen Pfeilen
Verwund't und bis zum Tode schwach.
Doch diese tiefen Wunden, ach!
Wird keiner Ferne Kraft, kein fremder Boden heilen – –
Es flieht, den Stahl im Busen,
Das Reh den Platz, wo es der Pfeilschuß trifft.
Es fliehet, blutet, rennt, trägt fort den Tod im Busen,
Stürzt, blutet, ächzt und stirbt auf fremder Trift.
An EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[58] An Elise

1777.


Was blickest du mit deiner Mädchenmilde
Mich an, und fragst, was meinen Kummer schafft?
Was meinen Kummer schafft, das heilt nicht deine Milde,
Das heilet keine Erdenkraft.
Im Busen tief, da steht mit Demantkeilen
Die Wunde eingebohrt, die mir das Herze bricht.
Sie blutet, tödlich! – ach! sie heilen kann nur Eine,
Und diese Eine will es nicht.
[59]
Du wolltest wol, und – – ja! du kannst! Im Busen
Zerreiß den Faden nur, daran mein Herz noch hangt,
Und röchelt dann dieß Herz, und drängt zum blut'gen Busen
Heraus, und zuckt, und bebt – so wiss', daß es dir dankt!!
Klage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[60] Klage der Brüder am Rick um ihre scheidenden Freunde Barkow und Schimmelmann

1777.


Da kommt er her in allen seinen Wehen,
Der bange finst're Klagetag.
Schon lange sah'n wir ihn – ein fernes Wetter – stehen,
Und ahnten Blitz und Schlag.
Und strömten Seufzer, daß sein Falkenflügel
Gehemmt, und seiner Faust das Schwert
Entrungen würd'! – Umsonst! Schon schwärzet Wald und Hügel
Die Wolke, d'rinn er fährt.
[61]
Sein Morgenroth ist trüb' und bleich gestaltet,
Und seines Odems Frost verdirbt –
Des Frühlings Erstgeburt, das Veilchen, halb entfaltet,
Fühlt seinen Hauch und stirbt.
Und gräbertrüb' – zween Sterne, von Gewittern
Und Nebeln rund umdunkelt – stehn
Die Jünglinge, die uns sein Kommen raubt, und zittern
Vor seiner Flügel Wehn – –
Was stehet ihr, ihr Jünglinge, und zittert,
Daß ihr uns lassen sollt? – Verlaßt
Uns nicht. Der Morgen weht so kalt. Die Eiche splittert,
Von wildem Sturm gefaßt.
Verlaßt uns nicht. Gedenkt der Maientage,
Die ihr mit uns so froh genoßt.
[62]
Sie fliehn. Ihr laut Gejauchz verwandelt sich in Klage,
Und Jugendgluth in Frost.
Gedenkt der Freuden, die im Jubelkreise
Ihr öfters uns entgegen sangt,
Wo ihr, entbrannten Aug's, nach echter deutscher Weise,
Das volle Kelchglas schwangt.
Gedenk', o goldgelockter Freund, der Wonne
In deines Mädchens Minneblick –
Wie Maienfrühroth sanft, wie Glanz der Sommersonne.
Gebietend strahlt ihr Blick.
Gedenk', o du, deß Geist mit Flammenblicke
Der Wahrheit Heiligthum durchflog,
Der Schätze, die du grubst, der Blumen, die am Ricke
Dein Fleiß herauf erzog.
[63]
Noch braus't, wie Bergstrom, der das Feld beschwemmet,
So wild, so frei eu'r Herz dahin.
Da, wo ihr hingeht, schnaubt die Sklaverey, und hemmet
Des Jünglings stolzen Sinn.
Verlaßt uns nicht! – Noch steht ihr bleich und trübe?
Und klagt des Schicksals Steifsinn an,
Klagt, daß sein Felsenwort euch von den Freunden triebe? –
So gehet, gehet dann!
Der sey nicht edel, sey nicht werth des Namens,
Den eure Freundschaft ihm geschenkt,
Der nicht mit Seelendrang und Wärme eures Namens,
Ihr fernen Edlen, denkt!
Der werde, wie er euch vergaß, vergessen,
Der nicht mit klärerem Gesicht
[64]
Im Freudenzirkel, wo auch ehmals ihr gesessen,
Von euch mit Freuden spricht!
Heut' aber klagen wir gerührt und bange
Um euren Hinschied, schämen nicht
Der Thränen uns. Denn – selbst des Helden braune Wange
Entehrt die Thräne nicht!
Ihr wandelt hin, und jedem eurer Tritte
Strömt heiß ein Heer von Seufzern nach,
Und wird zum Genius, und leitet eure Schritte
Durch jeden Erdentag.
Wir aber wandeln mit gesenktem Blicke
An unsern Strand zurück, und Der
Rauscht uns entgegen, klagt: »Der Herrlichen am Ricke,
Sind Zweene weniger!!«
NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[65] Nachtphantasie

1777.


Wenn im Mohrengewand Mitternacht mein Gemach
Rings umsitzt, wenn die Welt still ist, als harrte sie
Schon des kommenden Richters –
Oefter lausch' ich im Lager dann
Wach und sinnig und ernst auf die Vergangenheit,
Und bleichdämmernd, wie Traum, kommt sie. Mein Aug' entdeckt
Labyrinthengewebe,
Drinn ich, Knabe und Jüngling, schritt.
[66]
Und ich wende mich, wag's, rufe der Zukunft auch –
Scheltend bleibt sie zurück. Riesengestalten gehn
Zürnend vor mir vorüber,
Und ich schließe mein schwimmend Aug'.
Irr' und schreckenbetäubt lauschet der Wanderer
So im graulichen Hain, wo ihn die Nacht ergriff,
Wo ihn sibenfach Dunkel
Aengstigt, bis ihm die Sonn' aufgeht.
Zwar mir geht sie nicht auf. Aber mir dämmert doch
Der Gedanke ins Herz: »Siehe, Vergangenheit
War vor kurzem die Zukunft« –
Und ich öffne getrost mein Aug'.
Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[67] Wonna

Auf Stubbenkammer.


1777.


Hier an Deutschlands letzter Felsenspitze,
In der Hertha schauervollem Hain,
Voller Hehrgefühl, und Wand'rerhitze,
Theures Mädchen, denk' ich dein.
Grabe hier in dieser Buchenrinde
Deinen Namen ein – Bewahr' ihn mir
Treulich, heil'ge Buche. Leise Winde
Flistern ewig über dir!
Nachtigallen flöten in den Zweigen
Wonna's Namen, und der Pilger steh',
Lese dich mit ehrfurchtvollem Schweigen,
Fühle sich gerührt und geh'.
[68]
Ach, daß einst der Edlen, die ich liebe,
Einer, wenn auf Stubnitz Felsenhöh'
Neugier und Naturgefühl ihn triebe,
Diesen theuren Namen säh'.
Trauen würd' er kaum dem Auge, würde
Schnell noch einmal lesen, dann sich freu'n,
Und vergessen seines Schicksals Bürde,
Und den Freundschaftschwur erneu'n.
Fürchte aber – sieh! dem Greif zur Seiten
Spann' ich Tauben – führte übers Meer,
Ueberall die freundelosen Weiten,
Wonna selbst, die Liebe, her.
Und sie säh' auf dieser Felsenspitze
In der Buche ihren Namen blüh'n,
O, wie würd' in schnell entbrannter Hitze
Wang' und Auge ihr erglüh'n!
Lieben würde sie den Vielgetreuen,
Oder, wenn ihr das ein Schicksal wehrt,
Wird sie Thränen seiner Treue weihen,
Und der Thränen war er werth!!
Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[69] Wonna

1777.


Sie liebt mich,
Sie liebt mich!!
Welch Zittern ergreift mich!
Welch Sturm zerrüttet mir die fliegende Brust! –
Sie liebt mich!
Sie liebt mich!
Welch' Trunkenheit faßt mich,
Welch strömendes Leben, und paradiesische Lust! –
Sie liebt mich!
Sie liebt mich! –
Wie fass' ich die Wonne,
Die hohe unaussprechliche Wonne,
[70]
Daß meine Wonna mich liebet!
Wonne, du herrliche
Schmetternde, schütternde,
Du unaussprechliche! kann ich dich fassen,
Daß meine himmlische Wonna mich liebet? –
Wonna, Wonna,
Meine himmlische Wonna,
Liebest du mich? –
Ja, du liebst mich!
Du liebst mich! –
Brennend und weinend,
Mit Stammeln und Stocken,
Mit Zittern und Beben.
Mit tausend Küssen,
Tausend brünstigen glühenden Küssen,
Hast du mir die Wonne geschworen, geweint:
Daß meine Wonna mich liebe!!
Also liebst du mich,
Meine Wonna?
Du meine erwählte,
[71]
Meine auserkorne geliebteste Braut!
Ja, du liebest mich!!
Du hast mir's geschworen,
Du hast mir's geweint,
Daß ewig, ewig die Meinige, du! – –
Wonna, die Meine!
Meine Wonna! Sie ist die Meine!
Mir säuselt's ihr Odem,
Mir rauscht es ihr Liebeskuß.
Mir lispelt's jedes halb hergestammeltes Wort:
»Ich bin die Deine!
Ewig, ewig die Deine!!!«
O, du, die mich liebet,
O, du, die die Meine ist,
Wie fühl' ich's so mächtig,
Daß meine Wonna mich liebet!
Mit Stürmen und Rasen,
Mit Donner und Kraftgefühl
Faßt mich der Heldenmuth der Liebe – – –
Wo bist du, o Wonna? –
O, du, die mich liebet,
[72]
Wo bist du? – –
Fern hinter Gebirgen,
Fern hinter zehn tausend feuerflammenden Oceanen
Hindurch die Gebirge!
Hindurch die Flammenmeere!
Denn Wonna liebt mich, liebt mich ewig,
Ewig, ewig!!
Siehe! Siehe! sie liebt mich,
Siehe ihr Auge,
Ihr thränenrothes Auge,
Ihre trübröthliche Wange,
Ihre seufzergeschwellte zärtliche Brust –
Sie zeugen mir's, daß sie mich liebet – –
Ich taumle, ich falle,
Verglühe vor Wonne,
Vergehe vor Wonne.
Noch heb' ich mein gebrochnes Auge
Zum Himmel,
Zum liebenden Vater der Liebe,
Und dank' es dem Vater,
Daß meine Vielgeliebte mich liebt!!
[73]
Ist's möglich? Kannst du mich lieben?
Kannst du lieben,
Innig, herzinniglich lieben,
Den Jüngling, der dich so inniglich liebt –
Ja, du kannst es.
Du willst es.
Du liebst mich herzinnig.
Ich weiß es, daß du herzinnig mich liebest – –
Und weine vor glühender Wonne.
Wohl mir, daß ich weine.
Linde Stille
Folgt den verwehenden Stürmen.
Mein Aug' ist dunkel,
Mein Auge weint.
Sieh, meine Wonna,
Wie sanft mein Auge weint, daß du mich liebst.
O, ich liebe dich ewig.
Ewig, ewig
Liebt dich meine Seele – –
[74]
Warum weinet meine Wonna!
Meine himmlische Wonna,
Du weinest der Liebe himmlische Thränen! –
So laß uns denn weinen,
Liebe weinen,
Bis endlich unser weinendes Auge
Ein letzter liebeathmender Seufzer schließt!!!
Wonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[75] Wonna

Am Bundesaltar.


1777.


Der Altar glänzt. Aus gold'ner Opferschale
Glüht Blut des Mittlers purpurroth –
Da tritt die Herrliche einher zum Hochzeitmahle,
Von Inbrunstschauer wechselnd bleich und roth.
Sei mir gegrüßt in deinem Brautgewande,
Im heil'gen Schmuck der Mitternacht!
Du bist so schön, du strahlst aus deinem Ernstgewande,
So wie ein Stern aus dunkler Wolkennacht.
Was aber bebst du, Heilige, was wanken
Die Schritte dir! Du vielgeliebte Braut
Des Herrn – und meine Braut!! – O, bei dem Wonngedanken
Schlägt hoch mein Herz empor und wonnelaut.
[76]
Erbebe nicht. Aus gold'ner Opferschale
Winkt dir des Mittlers Bundesblut,
Und strömt herab auf dich vom hohen Todespfahle,
Versöhnung und unsterblich's Guts.
Erbebe nicht. Tritt hin zum Stuhl der Gnaden,
Und fei'r' den neuen Seelenbund.
Dein Engel fei'rt ihn auch, und macht den Myriaden
Am Thron die neue Schwester kund. – –
Der Altar glänzt. Des Engels Strahlenschwinge
Umrauscht den Altar um und um.
Ihm glüht vom Prophezei'n sein Antlitz. Hohe Dinge
Verkünd't er dir und Evangelium.
Von Gottes Stuhl, von Christi Todeshöhe,
Und von des Geist Krystallstrom, Fried' und Heil
Herab auf dich! Getilgt sei Sünd' und Sünderwehe,
Und Gottes Gnade sei dein Theil!
[77]
Heil dir! du bist dem Herrn und Sions Lamme
Mit Blut und Thränen angetraut.
Dein Beten stieg hinauf vor Gott wie Weihrauch-Flamme,
Und Christus grüßete dich, Braut!!
So halt ihm denn, was du ihm heut' geschworen,
Und freue dich der Seligkeit
Im Arm des Jünglinges, den du dir auserkoren,
Und den ich, dich zu lieben, eingeweiht.
Mit ihm geh, Hand mit Hand, und Geist mit Geist, verbunden,
Dein Leben durch. Und kämpft und glaubt!
In Eden ist euch schon ein frischer Kranz gewunden,
Wenn euch den irdischen der Todesengel raubt!
Abschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[78] Abschied von Wonna

1777.


Du, o Theure meiner Seelen,
Meine auserkorne Braut,
Die nach so viel bitterm Quälen
Mir die Liebe selbst vertraut;
Die aus einer Welt von Schönen
Sich mein Herze auserkor,
Und die mir vor allen Söhnen
Dieser Erde Treue schwor –
Hier, ach! in der trauten Stunde,
Wo ich Lieb' aus deinem Aug',
Und aus deinem Honigmunde
Paradieseswonne saug';
[79]
Wo an deiner Rosenwange
Meine heiße Wange strebt,
Und mit immer stärkerm Drange
Meine Brust an deiner bebt;
Wo dein Hauch mit leisem Fluge
Mich umsäuselt, und mein Geist
Sich bei jedem Odemzuge
In den deinigen ergeußt.
Hier, ach! in das Meer der Wonne
Fleußt ein Tropfen Bitterkeit:
Wie den Glanz der Mittagsonne
Wolkendunkel überstreut.
Dämm'rung sinkt vom Himmel nieder.
Noch, du Liebe, bin ich hier.
Zwar die Dämm'rung kommt wol wieder –
Aber ich nur nicht mit ihr.
Eh' noch mit der gold'nen Locke
Eos durch die Himmel fährt,
Stürmt die dunkle Abschiedsglocke,
Stößt in meine Brust ein Schwert.
[80]
Und das Seelenschwert im Busen,
Muß ich deinem Aug' entfliehn,
Darf nicht mehr an deinem Busen,
Nicht an deinen Lippen glühn.
Hin, wo Oceane stürmen,
Wo sich hoch vom weißen Strand
Ueberschnei'te Berge thürmen,
Werd' ich einsam hingebannt. – –
Aber stürmten gleich der Meere
Zwanzig tausend vor mir hin;
Riss' gleich eine ganze Sphäre
Mich von dir, o Lieblinginn –
Brüllt, ihr Meere, heult, ihr Winde;
Meine Wonna liebt mich doch!
Braus't herauf, des Abgrunds Schlünde,
Meine Wonna lieb' ich doch.
Ewig bleibt die Engelreine
Meiner Seele angetraut.
Ewig bleibet Wonna meine
Auserkorne theure Braut.
Klage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[81] Klage der Zurückgelassenen um Riesenberg

1777.


Immer weniger wird der Edlen am Ricke! Zehn tausend
Gingen dahin, und stets gehen der Guten noch mehr.
Täglich verrinnen unsre Lieben. Sie kommen und glänzen
Und verschwinden, wie Thau glänzt in der Sonn' und verschwindt.
Düster gelockter Freund, du Jüngling von herrlichem Ausblick,
Warum kamst du, und nahmst uns das Herze? Warum
[82]
Mußten wir dich ob deiner Milde und Jünglings-Würde
Liebgewinnen? – Du gehst, wandelst die Lieb' uns in Gram.
Deine Blicke die waren so freundlich, wie Abendsternstrahlen.
Deine Seel' ist des Stoffs edlerer Geister. Dir flammt
Tief im Busen, wie Gottesflamme, Geniusstärke,
Und der Musen geweiht Adytum steht dir enthüllt.
Aber, wehe! da gehst du nun, wandelst in Thränen die Wonne
Deiner Geliebten um dich, tauschest das Freudengestad',
Unsrer Hylde um unwirthbarere Ufer, verlässest
All die Freuden, die dir gastfrei die Hylde gerauscht –
[83]
Schau! da stehn wir nun all', im Brausen des Herbststurms, die Lieben
Deiner Seele. Wir stehn, harren mit hangendem Haupt
Deines Scheidens. Die Scheidensthräne verfließt in den Regen-
Schauer, der über uns stiebt, unsere Locken zerstört.
Schau! mit zerstreutem Haar, mit der Wange, durch Harm und des Herbstwinds
Rauhes Blasen verbleicht, steht dein blauäugiges Kind,
Eleonore, die Sanfterröthende, winkt den Geliebten
Ihrer Seele und bebt unter dem herbstlichen Frost –
Aber, du achtest nicht des Rufes der Hylde-Freuden,
Nicht des Kummers der Schar, welche dein Scheiden so beugt,
[84]
Nicht der Seufzer des silbergelockten Mädchens, das unter
Tausend Jünglingen dich ihren Geliebten erkor –
Jüngling, Jüngling, eile nicht so! Die Freudentage,
Die du hier verlebt, kommen in Minnegestalt
Einst dir vor Augen, täuschen im Traum dich, lassen im Busen
Dir, ist schwunden dein Traum, krankes Erinnern zurück. – – –
Ha! braunlockiger Freund! Dein heiteres Auge wölkt sich!
Deine männliche Wang' rinnt die Thräne hinab! –
Sey uns geklagt! Du lässest nicht harmlos die Freuden der Hylde
Und Eleonore, dein Kind, lieblich und silbergelockt.
[85]
Aber der Schickung Wuthschluß steht! – Da hallt sie, die dunkle
Abschiedsstunde! Du fliehst? Bruder, Geliebter, du fliehst? – – –
Klagt ihm, Brüder! Auch der ist hingegangen!! Im Winde
Weht sein langfließend Gewand Kunde des Harmes zurück! –
Klage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[86] Klage Telynhards um seine Entfernten Bergen

1777.


Wo seyd ihr, all' ihr Lieben?
Mit Sturm und heißem Drang,
Mit Seufzen und bangem Sehnen,
Ruft euch mein Wehgesang.
Wo seyd ihr hin, ihr Edlen?
Was täuscht ihr mich so sehr?
Ihr habt mich sonst geliebet,
Und liebt mich jetzt nicht mehr?
Ich steh' auf hohem Felsen,
Und rolle mein Aug' umher,
Und krauses Regengewölke,
Umdunkelt Luft und Meer.
[87]
Ich stürme durch Gebirg' und Thale,
Durch Morast und Dorngesträuch,
Durch Distel und Donnernessel,
Und dürst' und schrei' nach euch,
Der Eichwald steht entblättert,
Und todt und starr die Au',
Der feuchte Herbstwind sauset
Ueber Stoppeln kalt und rauh –
Was trau'rst du so, o Aue,
Was heulst du so, o Hain?
Seyd ihr auch von den Lieben verlassen?
Seyd ihr auch, wie ich, allein?
Ich bin allein, in fremdem
Einöden Land allein.
Noch sah ich hier noch Sonnen-,
Noch Mond-, noch Sternenschein.
Die Luft ist irrer Nebel,
Und nackter Fels die Au',
Und klapperndes Gerippe
Der Frost, und Reif der Thau.
[88]
Mein Aug ist ausgeweinet,
Mein Angesicht verbleicht.
Da kommt kein freundlicher Wandrer,
Der mir die Hände reicht.
Meine Klage überhallt die Felder,
Die Berge, den Forst, und laut
Gibt mir das Echo Antwort,
Doch keines Menschen Laut.
Ich bin allein. Es schweben
Phantome sichtbarlich,
Und tanzen im Wolkenwirbel,
Und schrei'n im Sturm um mich.
Der Sturm brüllt lauter. Das Weltmeer
Wälzt berghoch seine Fluth,
Und Felsenvesten erheben
Vor des stolzen Orkans Wuth.
Brülle nur, o Sturm, und schreie
Wie tausend Donner laut.
Mir hallt dein düstres Schreien,
Wie Morgengruß der Braut.
[89]
Stürme nur, und peitsch' die Berge,
Hochstolzer Ocean,
Ich hör' dein Wogengetümmel
Wie Flötenwirbel an.
Was soll mir Frühlingsmilde
Und laues Westgeweh?
Es wiegt des Verlaßnen Seele
Nur in noch heiß'res Weh!
Was soll mir Haingesäusel,
Und Nachtigallgetön?
Meine Seele wird drob in Sehnsucht
Und düsterm Gram vergehn! –
Lebt wohl, lebt wohl, ihr Lieben!
Mein kummermüdes Herz,
Mein ausgeweintes Auge
Zuckt schon vom letzten Schmerz –
Lebt wohl. Im Runde der Steine,
Hier sey mein Grab. Hier wird
Mein Geist eure Wang' umschauern,
Wenn ihr das Grab umirrt.
Der NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[90] Der Nachtsturm

1777.


Sturm der brüllenden Nacht, wie so entsetzlich schön
Hallt dein Donner! Du brüllst tief in die Seele mir,
Wie des Schlachtrufs Drommete,
Jünglingswilde und Heldenkraft –
Draußen hauset die Nacht. Heulend und zischend fährt
In allmächtigem Pomp Sturm durch die Felder hin,
Beugt der Schöpfung Gewalt'ge,
Stäupt die Berge, und zaus't – den Wald.
[91]
Orkan! Orkan! was schlägst du mir mein einsames
Rundumbrülltes Gemach, schütterst die Scheiben mir
In den Fenstern? – Ich komme,
Wogenstürmer, und sprech' dir Hohn.
Schau! gewalt'ger Tyrann, schaue, da komm' ich, steh'
Rings in Dunkel und Nacht, bebe nicht deiner Wuth,
Die die Sterne des Himmels,
Die die Fackel des Mond's erlöscht.
Bebe nicht vor des Wald's tiefem Geheul, und nicht
Vor des zornigen Meer's Düstergebrüll, und nicht
Vor den Schreckenphantomen,
Die die Lüfte durchsegeln – – Doch
[92]
Nein, ich hasse dich nicht, Starker! In deinem Pomp
Sey mir festlich begrüßt. Siehe! ich liebe dich,
Wenn im Segel der Windsbraut
Gottes Schöpfung dein Fuß durchwälzt.
Schön und fürchterlich ist's, wenn du die Weitzensaat
Niederwühlst, wenn dein Arm herrisch den stolzen Wald
Dir zu huld'gen gebietet,
Und die Kron' ihm zu Boden schmeißt.
Schön und fürchterlich ist's, wenn du die Klippe spalt'st,
Wenn das grauliche Meer wuthschäumt, dein Odem dann
Seine Maste und Kiele,
Und die Zinnen der Städte bricht –
[93]
Orkan! Orkan! und mir, der ich dich liebe, mir
Stürmt dein Schreckengetös' Freuden und wilde Lust
In die Seele. Mir brennet
Zwiefach Leben im Feueraug'
O, mir hallt dein Gebrüll lieblich, wie Westgeweh,
Süß, die Lächeln der Braut, herrlich, wie Glockensturm,
Gottesflamme und Starkmuth
Reißt mir mächtig durch Mark und Bein,
Und ich stürm' ins Gefild', heule mit dir, erklimm'
Hoch die Felsen, und renn' wieder hinab, und schrei',
Daß die Halle der Berge
Mir ertösen, daß Wanderer
[94]
Bange lauschen – Doch, ha! rastlos durchschweift mein Fuß
Die durchbrüllete Nacht, schmettert und reißt, und ras't;
Denn noch bin ich ein Jüngling,
Stark wie der Sturm, und wild wie der.
Mein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[95] Mein zwanzigstes Jahr

1777.


Sey mir, sterbendes Jahr, sey mir zum letztenmal,
Eh' du stirbest, und eh' die Zeit
Auf die Bahre dich wirft, die in das Leichenfeld
Der Vergangenheit tief verscharrt –
Sey mir einmal nur noch heute gegrüßt, und nimm
Meines Herzens Ergießung an.
Zwar du hast mir das Herz öfter gequält, doch auch
Oefter mit stürmischer Lust durchbebt.
Oft wiegtest du mich Abends am Weidenbach
In schwermüthige Ruh', und oft
Hast du glühend Gefühl mir an der Mädchenbrust
Durch die Adern gejagt. Du hast,
Jahr, der Wonn' und des Weh's herrlich und wunderbar
Mich geführet. Drum liebet dich
Meine Seele. Darum blick' ich dir Scheidendem
Heute mit weinenden Augen nach.
[96]
Weil', o scheidendes Jahr, weile ein Kleines noch,
Daß ich dir in dein Angesicht,
Dir in dein brechendes Aug' einmahl noch schau'. Dann wird
Meine Seele Erinnerung
Deiner Wonnen und Weh'n treffen. Mein Herz wird dann
Dir nachsegnen, mein Auge dir
Thränen der Dankbarkeit weih'n –
Als du geboren wardst,
Scheidendes Jahr, da fand dein Blick
Mich am Hyldagestad'. Unter den Bruderreihn
War ich herrlich. Mein Name scholl
Ihnen Freude und Ruhm. Aber mein ganzes Herz
Hing, o Jüngling mit gold'nem Haar,
Hing, o Werthing, an dir, und an dem Redlichen
Mit dem Auge voll hohen Ernst,
Edle, Liebe, mit euch hab' ich gejauchzt. Ich hab'
Mich des Schönen auf Gottes Erd'
Herzlich mit euch gefreut. Aber wir haben auch
[97]
Mit einander gelitten und
Mit einander geweint. – Ueber das Rosenthal
Lag noch krystallener Schnee. Es stand
Noch die Hylda im Eis', als ich, o Ehrbegier,
Dir entbrannt'! an des Königs Fest
Aufstand, ihm mit Gesang feierte, am Altar
Uns'rer Musen ihm Weihrauch streut'!
Und da lächelte mir – herrlicher Tag! das Aug'
Uns'rer Väter. Da brannte mir
Meine Seele vom Lob meiner Geliebeten.
Aber am Abend wehten mir
Kunden über das Meer, Kunden des Grams: der Tod
Meines wellenverschlungenen
Dellwar, und ein Befehl herrischer Gönner – o
Ihre Wohlthat war mir zur Qual! –
Ein Befehl, der im Schooß meiner Geliebeten,
Im Getümmel der Freud', im Chor
Uns'rer Lieder mein Herz beugte, mein Aug' umwölkt';
Ein Befehl, der den Schnee hindurch
Und die Wetter hindurch mich an die Warne rief –
Warne, Warne, dein Silberfluß
[98]
Hat mich oft mit der Freud', oft mit der wüthendsten
Qualen Becher getränkt! – Ich floh
Nun durch Wetter und Schnee zu ihr. Die Lieben sah'n
Bang'schauernd dem Pilger nach.
Dreimal ging mir der Mond über das Schneefeld auf,
Da erblickt' ich die Warnestadt.
Ha! da strahlete mir eine Gestalt, wie Blitz,
Der das Dunkel der Nacht durchbricht,
Also siegend und hell, doch auch, wie Mondenglanz,
Mild' und bleibend. Die Hochgestalt
Ahnt' ich längstens. Sie war, siehe! mein Knabentraum
Und mein Seufzer im schönen Lenz,
Meine Klag' im Gesang, meine gesungene
Wonna, golden von Haar, von Wuchs
Schlank, und blaulich von Aug', lieblich von Stimm' und Blick,
Und von Herzen so sanft und gut.
O, ich sah sie. Ich stand zitternd von Schmerz und Lust.
[99]
Ihr unschuldiger Schwesterkuß
Hauchte mir Balsam und Gift. Aber ich sog den Gift,
Wie der Durst'ge den Regen, ein.
Lieblich lächelte mir Wonna. Da faßte mich
Ahndung, die hohe, berauschende,
Ihr geliebet zu seyn. Aber die Ahndung ward,
Ach! erst Empfindung nach Todesqual.
Bald zu voll des Gefühls, ihr der Empfindung Drang
Länger zu bergen, nicht stark genug
Kam ich, stammelt' und sprach: Mädchen, ich liebe dich;
Meine Seele ist ewig dein!
Da bewölkete sich meiner Geliebten Aug',
Und ihr zärtlicher Busen stieg
Gleich der schwellenden Fluth. Jüngling, ich kann dich nicht
Lieben! sprach sie. Zerreiße mir
Nicht mit Klagen mein Herz. Weinend und wehmuthvoll
[100]
Sprach sie's, wandte sich bebend weg.
Und ich stand erstummt, starr, mit dem Seelendolch
Tief im Busen. Kein Seufzerlaut,
Keine Klage entscholl. Düster und höchst betrübt
Wandelt' ich Wonna drei Tage noch
Stumm vorüber. Ihr Blick sahe mir thränend nach.
Aber ich floh mit dem Seelendolch
Tief im Busen, mit Harm, der an Verzweiflung grenzt,
An das Hyldegestad' zurück.
Und das Hyldegestad' sahe mich, freute sich
Seines Sängers. Sein Sänger, ach!
Sang nicht Freuden hinfort. Eisern und schwer gebeugt
Wandelt' er längs dem Ufer hin,
Schrie im Sturmwind, und klagt' unter dem Fluthgeräusch.
Seine Klagen, die hat die Welt
Angehört, und er hat öfter des Fühlenden
Glänzend Auge geseh'n und hat
[101]
Oft des Edlen Geseufz über sein Weh gehört.
Darum kümmert des Eisernen
Sauergesicht, und des Hohns Rümpfen ihn nicht. Er sang
Trost den Freunden und sich ins Herz.
Und die steigende Sonn' schmelzte den Schnee. Die Luft
Wehte milder. Des Lenzgefühls
Süße Ahndung beschlich heimlich den Wanderer.
Aber tieferes Wehe fuhr
Mir ins Herz. Uns verließ Zamor, der liebliche
Minnesänger, und Selino
Mit dem freundlichen Blick, und der tief denkende
Ernste Baldor. Ihm hatte Gott
Flammenden Scharfsinn verlieh'n. O, wie im Mondenlicht,
Wie bei dämmerndem Lampenschein,
Wenn im trauten Gespräch Zukunft und Ewigkeit
Unsre Seelen erschütterte,
O, wie glänzte ihm da öfter sein braunes Aug'!
Wie, beim Strahl, der von oben her
[102]
Seine Denkkraft durchfuhr, hellte sein Antlitz sich!
Aber, nun ging er auch dahin
Mit den andern. Ich hab' ihren Verlust geklagt,
Habe ihnen beim Lebewohl
Heiß am Busen geweint. Nun sind sie fern. Ich werd'
Ueber den Sternen sie wieder seh'n.
Zwar es blieben mir noch Geldar, der Redliche,
Und Rhysollhall mit Flammengeist,
Und mein Liebling, mein Freund, dem ich auf Erden nie
Einen gleichen geliebet hab',
Werthing blieb mir. Doch, ach! Werthing war selbst wie Nacht
Dunkel. Sein Blick war Verzweifelung.
Oftmal hab' ich den Stahl, wider sich selbst gezückt,
Schwerarbeitend der Mörderfaust
Abgerungen. Ich hab' oftmal die Nacht hindurch
Ihm zur Seiten geweint, gebebt.
Und des lautersten Glücks Quelle, die Zärtlichkeit,
Quoll mir Kummer und heiße Angst.
[103]
Itzund lachte der Mai über die Flur herauf.
Durch die Weiden am Hyldabach
Strömten freudige Reih'n Mädchen und Jünglinge.
Aber die heilende Frühlingsluft
Und der Hylde Gestad' rauschte mir Tröstung zu.
Meine Lieben umringten mich
Mit der Freude Gejauchz. Freiheit und alter Stolz
Faßten wieder mein Herz. Ich stand
Glühenden Auges, begann unter den Freundereih'n
Mitzujauchzen. Der Freiheitruf
Und das Freudengetös, und die Ermunterung
Meiner Getreuen, die heilten mich
Mit dem Balsam der Zeit. Oder betäubten sie,
Nur den blutenden Schmerz? Denn oft
Riß die Narbe. So oft, als ich des Taumels satt
Einsam Abends im Felde stand,
Und der Mond und der Stern blinkt', und die Nachtigall
Flöt'te ferne. Mich däuchte dann,
Liebe blinke der Mond, Liebe der Abendstern,
Liebe flöte die Nachtigall.
Dann ergriff mich mein Schmerz wieder. Verzweifelung
[104]
Schütterte mich mit dem Frost der Nacht.
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
Itzund strömte der Sirius
Neue wildere Gluth mir in die Brust hinein.
Ich besuchte die Strahlenstadt,
Fand ein Mädchen in ihr. Sanft war ihr Aug'. Ihr Blick
Still und schüchtern. Ihr Busen stieg
Von Empfindung und Geist unter dem Flor empor.
Damal ahnt' ich, es sey mein Herz
Nicht auf ewig betäubt. Mächtig und wonnelaut
Neigt' es sich zu Majora hin.
Und Majora empfand es ähnlich. Mir blickete
Mehr als Freundschaft ihr sanftes Aug'.
O, Majora, vergib, wenn du dich täuschtest,
Wenn mein Auge, wie Liebe, dir
Freundschaft blickte. Mein Herz war dir geneigt. Doch blieb
Seine Leere unausgefüllt.
Heißer brannte mein Herz, heißer und zärtlicher
Dir, o Mädchen am Trebelbach,
Dir, o Hulda! Du warst, Ossians Fräulein gleich,
[105]
Hold und edel und stolz gebaut,
Rein und züchtig und gut, und unaussprechlich sanft.
Sanfter hab' ich des Schöpferhauchs
Töchter nimmer geseh'n. O, ich erkannte bald
Deinen Werth, und dein blaues Aug'
Glänzte auch von Gefühl mehr denn vorhin. Ich ging
Früh mit jeglichem Morgenroth
In die Gärten, und brach Rosen voll Thau für dich,
Und du trugst sie den Tag hindurch;
Dein hochklopfendes Herz trieb auf der hohen Brust
Oft noch höher die Ros' empor.
O, Geliebte, entsinnst du dich des Abends noch,
Als der Himmel in Wolken stand?
Als wir draußen am Thor unter der duftenden
Linde saßen, als deine Hand
Sanft die meinige nahm, sanfter sie drückete.
Unschuldstochter, mein ganzes Herz
Brannt' und bebete da, und mich umsäuselte
[106]
Liebeswonne. Mit inniger
Sanftschwermüthiger Ruh', mit dem Gefühl, das nur
Reine Liebe und Tugend schafft,
Saß ich neben dir, sah sinnig den goldnen Mond,
Wie er sich durch die Wolken brach.
Eine Ros' an der Brust, welche mir Hulda gab,
Und im Herzen ihr theures Bild,
Also kehrt' ich getrost wieder zur Hylde um.
Ruhiger öffnete hier mein Herz
Sich der Weisheit aufs neu'. An den Kathedern zwar
Saß ich selten. Die Weisheit trägt
Da den Stämpel der Kunst, schleppt der Profession
Sklavenfessel, betäubt den Kopf,
Nährt nicht Herz, noch Verstand. Sklavinn, mein ganzes Herz
Ist dir gram und verachtet dich.
Du, die im Rosengewand lächelt, mit offener
Honigtriefender Brust uns winkt,
Tochter der freien Natur, offen und mild wie die;
Die du mit allen vernehmlicher
[107]
Stimme durch der Natur blumiges Buch, durchs Licht
Unverrückter Vernunft, und durch
Das, was deutlich und klar Seher uns kündeten,
Sprichst, und Worte des Lebens sprichst,
Die du durchs Haines Gesaus' und durch des Abendsternes
Blinken, und durch der Gewitternacht
Rauschen Liebe und Kraft predigst, und weis' und gut
Uns zu wandeln gebeutst; du bist's,
Echte Weisheit. Dir schwor Huld'gung und ew'ge Treu'
Meine Seele. Heißdurstend hab'
Ich dich immer gesucht. Oft auch im einsamen
Nachtspaziergang umwehte mich
Deines Sternengewands heiliger Saum. Dann hab'
Ich ihn berührt und geküßt. Was mir
Ward, das theilte ich gern meinen Geliebten mit,
Die es fühlten, und freute dann
Mich des Strahls, der ihr Aug' hellte, ihr Herz durchfuhr.
Als der Schnitter die reife Saat
[108]
Niedermäht' und das Feld golden in Garben stand,
Da besucht' ich das herrliche
Meerumdonnerte Land, wo sich der Sturm sein Haus
Zwischen Wald und Gebirg' erbaut.
Dorten fand ich ein Volk, gastfrei und deutsch und gut,
Unverdorben vom Narrentand,
Der mit steifem Gepräng' aller Geselligkeit
Freuden bannt, dem mein Vaterland –
O des Blöden! – nun auch knechtischen Weihrauch streut.
Dorten sah' ich das strömende
Volle Herz der Natur, das sie in wildem Pomp
Ueber Wald und Gebirg' ergeußt.
Hoch vom Rugard herab faßt' ich das Wasserland
Mit weitschauendem Aug' und ging,
Sah' Arkona's Gestad', sahe den Herthawald,
Und die Mahle der Drudenburg,
Und das Wundergestad', welches vom Königsstuhl
Tief hinab in das Weltmeer schaut,
Weiß und furchtbar. Ich stand dorten im Sonnenstrahl,
[109]
Und begrüßte mein Vaterland,
Mein geliebtes, von dem hier die entfernteste
Oestliche Klippe mein Fuß betrat.
Itzund tanzte der Herbst, röthlich, und weinberauscht,
Ueber die welkende Flur her.
Da entbot mich ein Ruf meines Erzeugenden
In mein heimisches Feld. Ich zog
Bald in brüllendem Sturm unter dem Schutzgeleit
Meiner Lieben den Weg hinan –
Itzt im Feiergeweh' einer wildrauschenden
Eich' umarmten wir uns – Es blieb
Nur mein Geldar bei mir. Und wir beschleunigten
Unsre Schritte – Uns dämmerte
Schon mit des zweiten Tags Frühroth die Rosenstadt.
Muthig sah' ich die Siegerinn
Meines Herzens zuerst. Aber ihr Angesicht
War erblichen. Ihr Auge schien
Ausgeweinet. Ihr Blick trüblich und dunkelschön
Blickte öfter unsägliche
[110]
Wehmuth mir in mein Herz. Aber ich wandte mich
Dann und floh die Gefährliche –
Ach, ich floh sie umsonst. Wüthend und reißend stand
Bald die erwachete Leidenschaft
Mir im Busen – Wohl mir, daß sie erwachete!
Ihr Erwachen war Seligkeit.
Selig ward ich, viel mehr, als die schwelgende
Muse jemal in Bildern sah,
Sel'ger, denn daß mein Gesang hier die unendliche
Wonne priese. Es faßt sie doch
Keiner, der nicht des Kelches selber getrunken hat.
Ueber Erdglück und Erdenweh
Weit erhaben, mit Ruh', welche mein ganzes Seyn
Sanft durchströmte, veredelte,
Also selig und groß, reist' ich hinweg, um nun
Meine Freunde daheim zu seh'n.
Dreimal stieg mir die Sonn' über dem Weg' ins Meer,
Und nun trat ich den Wald heraus
Auf den traulichen Berg, drauf ich, als Knabe, mich
[111]
Täglich sonnte. Da lag im Glanz
Der verschwindenden Sonn' meine geliebte Stadt
Ferne von mir. Der Himmel stand
Brennend, blaulich der Wald, feurig und roth der See,
Sanft geröthet der alte Thurm
Voller Glocken und Moos. Ha! da erschütterte
Mich mein Knabengefühl. Ich stand,
Rief die Jahre des Traums mir in den Sinn, verglich
Nun die Kenntniß des Jünglinges
Mit des Knaben Begriff, der in die Welt hinaus
Heiß sich sehnte – Ich fand dich nicht,
Gleißnerinn, wie ich dich wähnt', als ich ein Knabe noch
Sinnend auf das Gebirge stieg,
Um mich sah, und das Land, und das entfernte Meer
Abmaß, bis es in Dämmerung
Sich verlor, und nach dir weinte. Wie wenig, ach!
Bist du der sehnenden Thräne werth!
Warm von Feiergefühl, sinnig und heimlich still,
[112]
Kam ich nun an den trauten Ort,
Der mich gezeugt und genährt. Meine Geliebtesten,
Die mir die Stärke des Bluts verbindt,
Sah'n mich, freu'ten sich mein, weinten an meiner Brust,
Und ich weint' an der ihrigen;
Ging zum Tempel, und dort weiht' ich der kalten Gruft
Meiner Mutter den Thränendank;
Ging zum Altar, und dort, wo ich als Knabe einst
Rang und bebte und betete,
Rang und bebt ich aufs neu', schwur der Religion
Und der Tugend von neuem Treu'.
Einmal sah' ich den Mond wachsend und voll im Schooß
Meiner Lieben. Dann kehrte ich
Durch die Nebel des Herbst wieder mit meinem Freund
Zu den Ufern der Hylde um.
Hylde, Hylde, ich kam itzt nicht, an deinem Strand
Mich zu freuen, mit deiner Schar
[113]
Ferner zu jauchzen. Ich kam, ach! um das Lebewohl
Dir zu weinen. Mein Mißgeschick
Rief mir Trennung, und nie hab' ich der Trennung Wuth,
Wie die Trennung von dir, gefühlt.
Düster herrliche Nacht, nimmer vergess' ich dein,
Schöne, furchtbare, letzte Nacht,
Drinn die Klage der Schar meiner Getreuesten
Um mich hallte. Der Paukensturm
Und der Drommeten Gejauchz, und der hochstolze Hall
Unsrer Lieder, die stürmeten,
Jauchzten und halleten mir Weh in das Herz, ein Weh,
Wie es den sterbenden Helden faßt.
Furchtbar warst du, o Nacht! Rings an dem Himmel hing
Dicht Gewölke. Die Nacht hindurch
Hallte unser Gesang dumpfig und seufzerlaut,
Und die Thräne des Scheidens rann
In den Wein, und es hing immer der Weinenden
[114]
Einer mir um die heiße Brust,
Schluchzt' und stammelte mir ewiges Lebewohl,
Ewige Liebe und Treue zu!
Aber als er nun kam, jener umdüsterte
Wetterbelastete Augenblick,
Der zum Scheiden mich rief, ha! da versank mein Herz
Immer tiefer – Ach, laßt es mich,
Laßt mich's verschweigen, wie nun unter dem Roßgeschrei,
Unter dem Rädergeroll, des Volks
Dumpfem Getös, wie ich da, siehe! zum letztenmal
Durch die hallenden Gassen fuhr.
Laßt mich's verschweigen, wie mir meine Geliebtesten
Scharenweise zu Roß und Fuß
Folgten, wie ich die Stadt aus dem Gesichte verlor,
Wie ich Mittags im Wogenlärm
Staalbrovs stand, wie sich hier meine Geliebtesten
Nah'ten, gleich Hagel und dunkler Nacht,
Wie mein stammelnder Mund ihnen das Lebewohl
Schluchzte, den kalten Abschiedskuß
[115]
Ihnen weih'te, sie dann langsam das Ufer hin
Ritten, öfter zurück noch sah'n,
Ich im Fahrzeug betäubt, thränen- und seufzerlos,
Ihnen nachsah, die Arme noch
Einmal streckte, dann laut schrie und im Fluthgeräusch
Ihrem weinenden Blick entschwand. – – –
Einsam, wandl' ich nun, still und getümmelfrei,
Hier im felsigen Rugia,
Renn' im Schnee und im Sturm durch das Gefild', besteig'
Oft die Berge und schau' von dort
Nach den Thürmen der Stadt, drinnen die Freiheit jauchzt,
Strecke sehnend den Arm nach ihr,
Seufze, bis mein Gesang über die Seufzer strömt
Und mich in sanftere Schwermuth wiegt.
Dennoch blühn auch hier Blumen. Ich habe sie
Zwischen Felsen und Schnee gesucht,
Und gefunden. Mein Herz kannte die Wenigen
[116]
Bald, die es liebete. Mein Geschäft
Ist ein großes Geschäft: Seelen der Ewigkeit
Auszubilden! Auch lieb' ich sie,
Die ich bilde. Mein Herz liebet, o Jüngling, dich,
Wenn dein Herz dir nach Tugend klopft,
Wenn dein durstender Geist forschend und ruhelos
Nach der Quelle der Weisheit späht.
Meine Seel' ist dir hold, Mädchen mit goldnem Haar,
Wenn dein Antlitz Empfindung glänzt,
Wenn dein himmelblau Aug', deine hochklopfende
Brust der Seufzer nach Tugend schwellt.
Freuden höherer Art schafft mir der Barden Lied,
Reine Wollust, o, Himmelschwung
Göthens, Asmus und Youngs, und die Geliebtesten
Meiner Seele, mein Ossian
Und mein Klopstock. Ihr seyd's, welche Entzückungen
Durch die trunkene Seele mir
Strömen. Eurem Gesang flieget mein Herz empor,
[117]
Weint mein Auge, und durstet heiß
Meine Seele dereinst ähnlich zu seyn. O, dann
Wär' ich selig und groß. Ich stieg'
Gleich dem Phönix alsdann jauchzend und weit beklagt
In mein palmenumpflanztes Grab!
Ueber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[118] Ueber Utermarks Tod

An Gustav und Karoline von Wolffradt.


1778.


Errungen, früh errungen hat er seine Palme,
Der theure Kämpfer, und sein Rettungstag
Ist früh gedämmert und in Jubelpsalme
Verwandelt all' sein Erdenach!
Aus seinem Glanzpfad, seinem Regenbogenkleide,
Mit freud- und wehmuthsanftgemischtem Blick,
Schaut nun der Schönverklärte auf euch beide,
Die er hienieden liebt', zurück. –
[119]
Er liebte dich, o Jüngling, liebte deine Seele,
Und tränkte deinen Durst nach Wissenschaft,
Und rief das Kraftwort tief in deine Seele:
»Sey, Jüngling, fromm und tugendhaft!«
Er liebte dich, o Mädchen! Wie der Engel einer,
Die Gott dem Erdenwaller zugesellt,
So liebt' er dich, so schwang er deine Seele
Erdabwärts zu der bessern Welt. –
Ihr habt ihn auch geliebt! Ihr saht voll Ahndungsschauer –
Zween Monden sind's – den Guten von euch gehn
Und, nun er hin ist, hab' ich eure Trauer
Und eure Thränen fließen sehn. –
Schön ist's und menschlich, um den Todten Gottes klagen,
Und tröstend ist die Thräne, die ihn ehrt.
Doch, Vielgeliebte, denkt bei euren Klagen:
Er selbst ist nie beklagenswerth.
[120]
Beglückt, beglückt ist er, und glänzt im Siegerkranze,
Den ihm die jüngste Saronstochter wand,
Und schwingt die Palm', und jauchzt, das Aug' voll Glanze,
Daß er den großen Sieg bestand.
Ihn ewig lieben, sein, auch nach versiegter Zähre,
Mit heißem Danksturm eingedenk zu seyn,
Ist Pflicht, ist mehr dem Hingeschiednen Ehre,
Als Marmorschrift auf seinem Stein –
Und euch, welch' Ruhm, welch' Trost in jenem Hochgedanken:
Der uns als Freund, als Lehrer, liebete,
Der trinkt den Quell nun, den die Väter tranken,
Und blickt auf uns aus seiner Höh'.
O Freund, o Freundinn, wenn im wilden Sturmgetümmel
Euch Jugendlust durch Nerv' und Adern zückt,
So denkt, wie euer Freund aus seinem Himmel
Mitleidig auf euch niederblickt.
[121]
Ringt aber euer Geist im schönen Tugendstreite
Dem Geiste eures Hingegangnen nach,
So denkt: dem Schlachttag folgt ein Tag der Beute,
Und Rast dem schwülen Arbeittag.
Denkt: Gottes Saat erstirbt auf Hoffnung; ihrer harret
Ein Tag der Ernte, dunkelschön und groß.
Da windet sich der Staub in Staub verscharret
Auf seines Herrn Posaunruf los.
Rings rauscht das rege Feld vom Auferstehn. Es glänzen
Die Sicheln, und die Schnitter jauchzen laut,
Und freudig stehn in goldnen Erntekränzen,
Die hier das Feld des Herrn gebaut.
Dann stürzen wir mit euch, die sich hier uns vertrauten,
Zum Stuhl des großen Ernteherrn und schrei'n:
»Sieh hier die Garben, Herr, die wir dir bauten!
Nimm sie in deine Scheuern ein!!«
Sie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[122] Sie und Mai und Nachtigall

1778.


Wie leuchtet milde, blaß und schön,
Die Abendsonne! Sieh, wie wehn
Die Blüthen, röthlich, weiß und bunt,
Und überschnei'n den Gartengrund!
Wie schwimmt die kühl'ge Abendluft
In Mai- und Nachtviolenduft!
Wie wölkt sich die Laube blätterschwer
So dunkel freundlich um uns her.
Und, horch! durch Garten, Busch und Thal,
Schlägt ihren Schlag die Nachtigall!
Dein Schlag schlägt mir durch Mark und Bein –
O Nachtigall, Nachtigall, schone mein!
[123]
Und, ach! in ihrer Lieblichkeit,
In ihrer Schönheit Feierkleid,
Wallt neben mir das Mädchen mein!
O Mädchen, Mädchen, schone mein!
O schone mein, du bist so hold,
Viel holder als der Sonne Gold,
Viel schöner als die Blüthen all',
Viel süßer als die Nachtigall.
Dein Aug' ist blau und freundlich gut,
Dein Mund in seiner Rosengluth!
Dein Blick so lieb! dein Busen rein!
O Herzensmädchen, schone mein!
In meiner Seele lebt's und webt's.
In meinem Herzen strebt's und bebt's.
Es wogt und wirbelt Fluth auf Fluth.
Es blitzt und lodert Gluth auf Gluth.
Und, horch! durch Busch und Blüthen all'
Schlägt noch einmal die Nachtigall.
Dein Schlag schlägt mir durch Leben und Sein.
O Nachtigall, Nachtigall, schone mein!
[124]
Mir wird so heiß! Mir wird so weh,
Um dich, du innig Innige!
Wer ist, wie ich, so stark, so held!
Ich schlüge für dich mit der ganzen Welt.
Ich stürbe für dich den heißesten Tod!
Zehntausendfachen grimmigen Tod!
Wol grimmig, düster, wild ist er!
Doch ist die Liebe noch grimmiger!
Wer will mir rauben das Mädchen mein?
Zu Staub soll stieben sein Gebein!
Wer hadert um meine erwählte Braut?
Das Verhängniß hat mir sie angetrau't.
O Mädchen, Mädchen, bleib nur mein!
So ist mir Welt und Schicksal klein!
So reißt mich von dir nicht Gewalt noch Noth,
Selbst nicht der eiserne grimmige Tod.
Der Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[125] Der Wagen des Himmels

1778.


Wie fährst du langsam, heilig und feierlich,
Du goldner Himmelswagen, in blauer Luft!
Ich höre deiner Räder Rasseln,
Höre das Wiehern von deinen Rossen!
Sieh! wie sie Flammen schnauben, die Wieherer!
Sieh! wie sie Funken schlagen, die Schnaubenden!
Horch! wie die hohe Himmelstraße
Hallt von dem Stampfen der Demanthufe.
Ich liebe dich. Ich habe dich längst geliebt,
Du königlicher Wagen! Mein Knabenblick
Hat oft in tiefen Mitternächten
Ahndend und staunend an dir gehangen!
[126]
Nun lieb' ich dich noch heißer, du Herrlicher!
Ich seh' dich oft mit inniger Wehmuth an,
Und eine leise Thräne bebt mir
In dem entbrannteren Jünglingsauge.
Ein sanftes Thränchen weint' ich an Jinny's Brust,
Ein sanftes Thränchen weinte die herrliche,
Als wir uns im vertrauten Garten
Busen an Busen umschlungen hielten!
Tiefe Mitternacht war um uns. Der blühende
Jasmin der Laube duftete um uns her,
Der Leu, die Beier, und die Bären
Blinkten uns an durch das Grün der Laube.
Da fuhr mir durch die Seele ein düsterer,
Ein Wehgedanke, dumpf wie ein Unkenruf,
Und scharf wie Schwert in Mörderhänden –
Ach! ein Gedanke von nahem Scheiden.
[127]
Ich drückte heiß mein holdiges Kind an mich.
Ich riß mich ungeduldig von ihrer Brust
Empor, und sah des Himmelswagens
Goldene Deichsel das Laub durchfunkeln.
Ich fühlte dunkle Wonne mit Weh gemischt.
Ich sprach zu meines Herzens erwählter Braut:
»Siehst du des hohen Himmelswagens
Goldene Deichsel? Sie sey uns heilig!
Wenn ich mich um dich gräme in öder Fern',
Wenn du dich um mich grämest in öder Fern',
So wollen wir bei diesen Sternen
Inniger einer des andern denken!«
Ich sprach's, und eine Thräne der Wehmuth rann
Von Jinny's Rosenwange. Sie rinnt seit dem
Ihr oft die Wang' hinab, wenn's dunkel
Rund um sie ist, und die Sterne funkeln!
[128]
Der du den weltenwimmelnden Sternenplan
Mit spiegelblauem Marmor gepflastert hast –
Der du die goldgemähnten Rosse
Schirrst an die Deichsel des Flammenwagens,
O höre, was ich flehe, Allliebender!
O reiß mich nicht von meiner erwählten Braut!
Laß meine Jinny mir! Laß Jinny,
Jinny am Arm mir durchs Leben wandeln!
Von ihrem Engellächeln zu That entflammt,
Von ihrem keuschen Kusse mit Kraft beseelt,
Werd' ich mit Adlerflug der Tugend
Sonnigste, schwindelndste Höhe erfliegen!
UnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[129] Unsterblichkeit

Boldewitz 1777.


Ich bin unsterblich!
Fühl' es, meine selige Seele!
Die du durstest den heißen Durst nach Ewigkeit, fühl' es ganz:
Du bist unsterblich!
Was du gesehnet, gedurstet du hast
Mit dem Durste des Jünglings nach dem ersten Kuß der Erwählten –
Siehe, das ist nun kommen,
Und Anschau'n worden die Ahndung.
[130]
Was du erflehet, erbetet du hast,
Kommt über dich heut', wie über den Jüngling die Wonne,
Die errungne, erstürmte Wonn', ein Strahl vom Himmel, kommt,
Daß die ihn liebe, die seine Seele sich erkor.
Wie den Wiedergebornen der Gnade Gefühl
Ueberdrängt mit Seligkeitschauern,
So überdrängt mich mit Schauern Gottes,
Unsterblichkeit, dein großes Gefühl.
Ich ahndet' 's, ich hofft' es – nun weiß ich, daß ich bin!
Ich weiß und fühl' es, daß ich ewig bin! –
Neige deine Wipfel, Eiche!
Ein Unsterblicher wandelt unter dir!
Ründe die silberne Scheibe, Mond.
Entblinket dem Nachtgedüft, schimmeräugige Sterne!
Sirius, wälze dein Flammenend'. Glanzgegürteter Orion,
Wandle staatlich den Riesengang.
[131]
Wonne! Stolz! Entzücken!
Ich bin unsterblich!
Mehr als Eich' und Mond, mehr als Orion und Sirius
Bin ich – bin unsterblich!
Himmel und Erde vergeh'n.
Ich vergehe nicht – –
Ach! wenn ich verginge –
Quell der ewigen Leben! wer wär' ich dann?
Staub, Traum, Nichts,
Gestern gerufen aus dem Nichts,
Morgen wieder hingeschleudert in das todte Nichts –
Der wär' ich!
Ach! und weniger noch, als Gras und Staub!
Elender noch, als der Kiesel der Gasse.
Denn wer nicht gefühlt hat des Daseyns Entzückungen,
Kann das Grauen des Nichtmehrseyns nicht fühlen.
[132]
Ach! wenn ich unsterblich nicht wäre,
So heult' ich dem kommenden Tag'
Entgegen, so heult' ich, käme die Nacht,
Und verhüllte mich, und schwiege verzweifelnd,
So würd' ich unter die Blumen des Frühlings
Mich legen und mich winden; und die Blume beneiden,
So würd' mir Verwesung duften der Blüthenbaum,
Todeston mir heulen die Nachtigall.
So würd' ich diese herrliche Kraft,
Die du gegeben, Ewiger, mir hast,
Ersticken in Rausch, Wollust, Taumel,
Daß mich nicht träfe der Donnergedanke: Vernichtung.
Aber er träfe mich doch!
Packete mit Tiegerkralle
In der Freude Schallgelächter an der Kehle mich, brüllte mir zu:
Elender, bald wirst du nicht mehr seyn.
[133]
Und der Kelch sänke mir schnell aus der zitternden Hand.
Mich däuchte Schierlingssaft sein goldner Wein!
Grabesmoder die Speisen!
Grabgeheul die Musik!
Hassen würd' ich, wenn ich unsterblich nicht wäre,
Euch alle, die itzt ich liebe!
Daß, käme der Tag, der vernichtende, gräßliche Tag,
Ich nicht heulen dürfte Verzweiflung, daß, die ich liebte, ewig ich verließ'.
Und käme nun der vernichtende Tag,
Stünden um den Verzweiflung knirschenden die bleichen Freunde – –
Halte, halte, mein Geist! Denke den Höllengedanken nicht aus! –
Du bist unsterblich!
[134]
Du bist's! du bist's! und ich fühle, daß du es bist,
Als rief' es mir der Himmel, als zeugt' es mir die Erde!
Und rufen sie es nicht? und zeugen sie es nicht?
Und schwor der Ewiglebende es nicht bei seinem Leben?
Leises Gefühl
Lispelt es der Seele des Edlern.
Dem Denker strahlt es die Fackel: Vernunft,
Dem Gläubigen die Sonn': Offenbarung.
Ist hienieden auch Tod?
Auch Untergang hienieden, und Nichtmehrseyn?
Ist, was Tod wir nennen und Untergang,
Nicht Enthüllung nur? Entwicklung? Veredlung?
[135]
Mag auch das edlere Selbst,
Das denkende, wollende, schmachtende Selbst
Versiegen mit dem Oehl, das die Nerve schmeidigt,
Verfliegen mit der Asche, die dem Moder entfliegt?
Mag auch Gott der Liebe,
Gott der ewigen Liebe,
Des Bösen Bösestes, was nur die Allmacht mag,
Des Bösen Bösestes üben: Vernichtung?
Schreitet nicht mächtigen Schritts, und fliegt nicht rastlosen Fluges
Das große All der Vollkommenheit strahlendem Ziel
Näher mit jedem Odemzuge, mit jedem Pulsschlag –
Und ich – taumelte, schwindelte einsam zurück?
[136]
Nein, ich fühl' es: Ich bin!
Ich ahnd', ich weiß, ich glaub' es: Ich bin!
Und werde ewig seyn –
Ewig! Ewig
Wie ertragen die Wonne?
Wie aussingen den Jubel?
Wie genügen der lastenden, schreckenden Seligkeit:
Ich werde ewig seyn!!
Jauchze, mein ewiger Geist, daß die Kräfte der Himmel es hören,
Und niederschweben, den Jauchzenden zu seh'n!
Daß das Gejauchz' dringe in des Allerheiligsten Nacht,
Und der Ewigselige niederlächle auf den ewigen Staub.
[137]
Jauchz' auf die Gräber voll Todtengraus!
Du bist unsterblich!
Jauchz' in der Schaufel Getös', in der Seile banges Schnurren,
In des Sarges dumpfen Rückhall!
Thaut, Frühling', auf meinen Rasen! Regen, wein' auf ihn herab!
Ich bin unsterblich!
Sause, Winterwind, um mein kaltes, überschneietes Haus!
Ich bin unsterblich!
Die ihr trauert an meinem Sterbelager, jauchzet laut:
Ich bin unsterblich!
Eilt und sterbet und jauchzet und schwingt euch mir nach –
Wir sind unsterblich!
ElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[138] Elegie

1778.


Die du mich öfter am Arm der Freunde, beim blinkenden Kelchglas,
Oefter an Jinny's Brust, öfter im Wald' ergriffst,
Oefter mich im Rauschen der Kirchhofpappel besuchtest,
Wenn ich mich ernst wie die Nacht unter den Todten erging –
Süße, ernste, trauernde Wehmuth, wer bist du? wie hast du
Heute so ganz mich umwölkt! Hast von des sprießenden Tags
Frühsten Strahlen bis zu den Rosen des lächelnden Abends
Deinen Sänger umhüllt. Aehnlich dem sinkenden Mond,
[139]
Bin ich umher gewandelt in Dämmrung, und habe die Schöpfung
Lächelnd angeweint, habe den Wald und die Flur
Und den Wurm und den Vogel und meine Brüder, die Staube,
Mit dem unsterblichen Geist doppelt liebend umfaßt,
Habe nicht des Thoren gespottet, den Lasterhaften
Nicht gehaßt, nur beklagt; habe mit doppelter Gluth
Meine Freunde jenseit des Meers, und meine Geliebte
Jenseit der Berge gedacht; habe das silberne Haar
Und den wankenden Schritt des Greisen, die schwindenden Kräfte
Und sein dunkleres Aug', und sein ersterbendes Herz,
Und die letzte ringende Stunde, das Streben und Aengsten
Und Aufraffen der hebenden bangen Natur,
Und das letzte stammelnde Lebewohl, und das enge
[140]
Ueberregnete, überschneiete Haus,
Und das Wiedererwachen und Wiederersteh'n, und das Jubeln
Deß, der den Sieg bestand, und des Getreueren Lohn
Und die Amarantengefilde des ewigen Lebens,
Hab' ich ernsteren Blicks, bleibenden, tiefern Gefühls
Heute durchgeschaut und durchempfunden, als vormal –
Wehmuth, die mich umwölkt, rede, du Heilige, dann,
Rede, wer hat dich so mächtig in meine Adern gegossen!
Liebe hat 's nicht gethan, Durst nach Entferneten nicht;
Melancholische Wonne des Weins ist's auch nicht gewesen,
Auch kein Heimgeleit' eines Geschiednen – auch nicht
Schauer eines schmelzenden himmelanfliegenden Liedes,
[141]
Wie es mein Klopstok es schafft, wie es mein Neefe singt. –
Ha! ich weiß, ich weiß schon – du bist es, Liebling der Erde,
Du, den die lauere Sonn', und die erduftende Flur
Und das sprießende Moodelblümchen, die purpurbekränzte
Knosp' am Haselzweig, und der geröthete Wald,
Und das Spatzegezwitscher, und Lerchengetriller, des Hänflings
Flöten, der gurgelnde Frosch, und das lebendigre Feld
Mir verkünden. Ich bin von Rosen des schwellenden Morgens
Bis zu den Sternen der Nacht, einsam und feierlich still
Diesen ganzen lieblichen Tag umher gewandelt –
Siehe, da rief mir der Wald, siehe, da duftet's die Flur,
Siehe, da strahlt es die Sonn': Er kommt! Die linderen Lüfte
[142]
Säuselten sich's: Er kommt! Von Trift zu Trift, von Gebüsche
Zu Gebüsch' erscholl's, und von erjubelndem Thal
Jubelt es über die Berge zu mir herüber. – Da glaubt' ich's,
Daß du kämest; und wohl ward mir, so feierlich wohl!
Also wird dem gramverdorrenden Dulder. Schon lange
Lechzt' er nach Thränen, und lang' lechzte der Arme umsonst.
Lang' blieb dürr und starr sein Gram, bis etwa die Mondnacht,
Oder in heiliges Lied, oder die Freundschaft ihn schmelzt'.
Jähling fühlt' er dämmern sein Auge. Ihm zittern die Wimper –
Warum schau'st du so starr, Freund, in den blendenden Tag? –
Siehe, wie schwellen, wie stürzen die Schauer labender Thränen
[143]
Seine Wangen hinab, schwemmen sein schweigendes Lied
Sanft hinweg – So wird mir. So fühl' ich, kehrender Lieber,
Deine Wiederkehr. Sey mir, Holdseliger, dann,
Sey mir in deiner ganzen süß schwermüthigen Schöne,
Herzlich, herzlich, gegrüßt! Sey mir mit jedem Gefühl
Meines Selbst, mit jeder von meinen unsterblichen Kräften,
Mit der Denkerinn und mit der Dichterinn gegrüßt!
Sey mir im Allerheiligsten meines Herzens, da, wo mir's
Für die Liebe flammt, und für die Tugend und für
Ihre vollbürtige Schwester, die Seherinn Gottes – da sey mir
Herzlich, herzlich gegrüßt! – Blühender Sohn der Natur!
Niederströmende Milde des Himmels, Buhle der Erde,
[144]
Ach! wie soll dich mein Lied singen? Du sollst es nicht, Lied!
Aber du, mein ganzer unsterblicher Wandel, du sollst es!
Frühe vom Morgenroth bis zu den Sternen der Nacht
Will ich hangen an deinem Busen, will athmend und stürmend,
Wie der Jüngling die Braut, Freund, dich umfangen. Ich will
Deines Thaues trinken, mich lagern auf deinen Blumen,
Und die Blumen, die einst Freunde mein einsames Grab
Ueberstreuen werden, gedenken! Den weißeren Winter
Und das engere Haus, und die längere Nacht
Und das Wiedererwachen und Wiedererstehn, und das laut auf-
Weinende Wonnegeschrei des, der die Krone bestand,
Und die Amarantengefilde des ewigen Lebens
[145]
Will ich, kehrender Freund, während dein Flügel mir weht,
Immer inniger denken, und immer lieber gewinnen,
Daß mich der ewige Kranz tröste, wenn du mir verblühst.
Der TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[146] Der Tod

1779.


Kommst du bald, du dunkle ernste Stunde,
Die zu meinen Vätern mich hinüber ruft?
Hergesehnte, hergeweinte Stunde,
Braut des langen Schlummers, und der engen Gruft? –
Kommst du einst zu mir, du grause Stunde,
Trost des Jammervollen, und des Christen Lust;
Blutet mir die heiße Todeswunde
Einstens aus der fliegenden gepreßten Brust –
O wie wird sich dann der stolze Jüngling schmiegen,
Alles Erdenwesens müd' und satt!
O wie ruhig wird der wilde Schwärmer liegen,
Wie ein abeschlachtet Lamm so matt!
[147]
Seine Kraft wird sich zum Grabe neigen!
Löwengrimmig wird des Mörders Wuth
Sein Gebein zerbrechen, seinen Nacken beugen,
Durstig saufen sein gegeißelt Blut!
Um sein letztes todumduftet Lager
Werden abgehärmt die Freunde stehn!
Werden um ihn jammern: Bruder! Bruder!
Bald laut heulen, bald in stummen Harm vergehn!
Leiser wird sein Odem werden!
Bleicher sein entstellt Gesicht –
Sterben werd' ich, und im Schooß der Erden
Ruhe finden, die mir hier gebricht! –
Aber daß in jener grausen Stunde
Mir nicht Kraft, im Kampf nicht Muth vergeh',
Daß mich nicht die letzte heiße Stunde
Allzu grimmig niederschmettere;
Dazu hilf, Erbarmer! Hoch von oben
Sende mir des Himmels Vorgefühl,
Vorgeschmack der Seligkeiten droben,
Und die Grabesruhe still und kühl!
[148]
Fege ab von meiner Menschenseele
Allen Sündenwust und Sündenweh,
Daß ich frei von aller Erdenfehle
Grad' hinauf zu meinem Vater geh'!
Läutre mich, wie Gold im Feuertiegel!
Würg' in mir die Schlange Sinnlichkeit!
Ha! so flieg' ich mit Elias Flügel
Durch den Orionendonner hoch hinauf zur Seligkeit!
Unsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[149] Unsre Mütter

An Ida.


1780.


Es schläft im Schooß der Erde die Freundliche,
Die mich gebar, und säugte, und auferzog.
Schon lange schläft sie, und der Knabe
Hat ihr nicht Liebe noch Dank gestammelt.
Allein im Jünglingsbusen erglüht sie mir,
Umrauscht mich oft in sinnender Einsamkeit,
Umweht mich in der Sommermondnacht,
Kräftigt im Traum mich zu That und Tugend.
Sie schläft, mein trautes Mädchen, im kühlen Grab'
Auch deine Mutter luftigen leisen Schlaf,
Und ließ dir, als sie schied, ihr Erbtheil,
Fülle des Herzens und Weibesmilde.
[150]
Sie schläft. Ihr Schlaf sey friedlich und kühl und still!
Allein ihr Angedenken erwärmt dein Herz,
Entflammt auch mich – du hast die Flamme
In mir gezündet – o Ruhm! o Wonne!
Hast mich in ihre letzten durchrungenen
Durchkämpften Tage, hast mich an ihre Gruft
Und in das Heil'ge eures Grames,
Theure, geführt – o Wonne! o Wehmuth!
Ich seh', ich seh' es, wie sie so sanft! so still!
Dem Grabe welkte, wie sie den großen Schmerz
In sich verschloß, und ihren Kindern
Freundlichkeit lächelt' aus matten Augen.
Und wie des Todes eisernen Riesenschritt
Sie hallen hörte, dumpfig und ferneher!
Und ihr es Bräut'gams Stimme däuchte,
Welcher die Braut in die Kammer winket.
[151]
Und wie, des Herrn erquickenden Tag zu sehn,
Ihr sie ans Fenster rolltet, und Vorgefühl
Die fromme Dulderinn durchzuckte
Jenes viel herrlichern hellern Tages.
Und wie sie rang den ringenden letzten Kampf,
Und mit verhülltem Angesicht Ida stand,
Und sie die letzte Hand ihr reichte,
Kraftlos sie drückte, und sank und einschlief!
Der Abend graut. Nun läuten sie Todeston.
Nun tragen sie die Heilige dir hinaus.
Der blinde Vater wankt. Es wanken
Ida ihr nach, und die stummen Söhne.
Die Seile rasseln. Nieder die enge Gruft
Sinkt schon der Sarg. Die ängstliche Schaufel schurrt.
Die lockre Erde rollt hinunter –
Decke sie leis' und los', o Erde!
[152]
Nun zogen Regenschauer im Sturm herauf.
Und nun ergossen rasselnd die Schauer sich.
Von ihrem stillen Stern' herunter
Schaute die Heil'ge und weint' ein Thränchen.
Nun schläft sie dort im Kühlen. Es schneit auf sie,
Und thaut auf sie! Es duften im Mondenschein
Aus ihrem Rasen Ernstgedanken,
Schauern um dich, wie Gesäusel Gottes.
Du aber, meine Ida, so sanft wie Thau,
Wie Mainacht traut, wehmüthig, wie Mondenschein,
Laß schlummern deine Mutter. Schlummern
Laß ich die Meine die kurze Nacht durch.
Kurz ist die Nacht. Nicht lange, so schlafen wir
Wie sie im jammerhüllenden Erdenschooß.
Um unsre Trümmer weinen Freunde.
Aber wir schlummern bei unsern Müttern!
Der Tag erwacht. Dann jauchzen wir fröhlich auf.
Der Tag erwacht. Dann jauchzen sie fröhlich auf.
Dann suchen, finden, freuen wir uns
Jenes unsterblichen Geisterlebens.
Eine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[153] Eine Blume auf ihr Grab

An Christi Auffahrt – und meiner Mutter Sterbetage.


1780.


Wie thaun die Nebel über die Morgenflur!
Wie freundlich nickt der regnende Blüthenbaum
Mir seinen Morgengruß durchs Fenster,
Golden vom jüngsten der Sonnenstrahlen.
Ich will dich feiern, heiliger, schöner Tag!
Mit Wonn' und Wehmuth feiern – So feierten
Dich Christus Jünger, als ihr Meister
Ihnen entschwebte vom hohen Tabor.
[154]
Noch stand er unter ihnen. Itzt segnete
Sie seine Rechte. Rührender scholl sein Wort –
Und immer heller ward sein Antlitz,
Strahlender immer, und immer hehrer.
Itzt säuselt' es, wie Säusel im Zedernhain –
Itzt hüllten Wolken, duftig und goldbesäumt,
Den Gottgeliebten. – Itzt entschwebt' er
Feierlich langsam seinen Freunden!
Wie standen die Verlaßnen! Wie streckten sie
Ihm nach die heißen Arme! Wie starrt' ihr Blick!
Nun sah'n sie ihn nicht mehr. – Nun stürzten
Thränen der Wehmuth und Wonnethränen!
Ich will dich feiern, heiliger, schöner Tag!
Bist du es nicht, an welchem vor zwanzig sechs
Verblühten Lenzen meine Mutter
Wieder zur himmlischen Heimath kehrte?
Noch rang sie auf dem Lager – es trauerte
Der erste Gatt'! Es wimmerten um ihr Bett
Die Kinder ihres Herzens – Weinend
Sah sie gen Himmel. Der Himmel sah sie.
[155]
Sie sprach zum Gatten: Friede, mein Trauter, dir!
Und: Friede sey mit euch! zu den Wimmernden!
Und immer stiller ward ihr Antlitz,
Ruhiger immer und immer heller! –
Und Engelstimmen flisterten: »Komm hinweg!
Komm, theure Schwester! Dulderinn! komm hinweg!«
Da brach ihr müdes Aug'. Ihr Schutzgeist
Trug sie in Veilchengewölk gen Himmel.
Ich will dich feiern, heiliger, schöner Tag!
Mit Wonn' und Wehmuth feiern, so oft du kehrst –
Und kehrst du mir nicht mehr im Staube –
Wonne, so feir' ich dich ihr am Busen!
Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[156] Elldor an Elldore

Erstes Lied.


1780.


Noch vier und zwanzig Stunden!
So flieh' ich fern von dir;
So breitest du die Arme
Umsonst, umsonst nach mir!
Ich wend' auf jedem Schritte
Den trüben Trauerblick.
Es schlägt mit jedem Schlage
Mein sehnend Herz zurück.
Noch vier und zwanzig Stunden,
So schmacht' ich fern von dir,
Und breit' in leere Lüfte
Den Arm umsonst nach dir,
[157]
Nach dir, mein Eins und Alles,
Mein süßes Eigenthum,
Mein Gram und mein Entzücken,
Mein Preis, mein Lied, mein Ruhm!
Verschwunden sind, verschwunden,
Gleich einer Sommernacht,
Die goldgesäumten Tage,
Die ich mit dir vollbracht.
Die Stunden, ach! des Habens
Gehn raschen Jünglingsgang.
Die Stunden des Entbehrens
Verschleichen lahm und krank.
Laß, laß die Zeit mich klagen,
In deren raschem Flug
So innig und so selig
Mein Herz an deinem schlug;
Wo ich so liebemüde
An deinen Busen sank,
Und ew'gen Lebens Wonnen
Aus deinen Lippen trank.
[158]
Laß, laß mich um sie klagen!
Von Liebeswein berauscht,
Hatt' ich um Edens Freuden
Die Schnellen nicht vertauscht.
Sie sind, sie sind verschwunden
Sie flogen Adlerflug –
Trau' nicht der Erde Schwüren;
Ihr Schwur ist Lug und Trug.
Ist alles Trug hienieden?
Und alles Tand und Traum?
Und alles luft'ger Schatten,
Und leichter Wasserschaum?
Wohl ist es Wein und Wollust,
Wohl ist es Gold und Ruhm.
Nur du verblühest nimmer,
Der Lieb' Elysium.
Elysium der Liebe,
Du, du betrogst mich nicht.
Elldore lächelt. Plötzlich,
Umströmt mich glänzend Licht.
[159]
Gelehnt an ihren Busen
Verlern' ich Grimm und Gram.
Es wird in ihren Armen
Der Löwe lämmchenzahm.
Ein Nick nur von der Holden,
Ein Wink nur, der mich meint;
Und keines Schicksals Tücke
Schreckt, Huldinn, deinen Freund.
Ein Augenblick nur Ruhens
In deinem sanften Schooß,
Und ich werd' alles Rasens
Und alles Stürmens los.
Wann aber düstre Kälte,
Elldore, dich umstarrt,
Wann Elldor deines Blickes
Und Winks vergebens harrt –
Dann möcht' jach und grimmig
Die Welt zertrümmern sehn,
Und selbst, von ihren Trümmern
Umgraus't, zu Grunde gehn.
[160]
So wahr der Liebe Odem
Rings um mich lebt und webt!
Wie du, so ward kein Mädchen
Erstürmt, erkämpft, erstrebt;
Um keines so gestritten,
Um keines so gegrämt,
Um keins der Trotz des Herzens
So ritterlich gezähmt.
Auch wird, so wahr in Eden
Der Liebe Lauben blühn,
Hinfort für dich so feurig
Kein Mann noch Jüngling glühn.
Und wär' er schön vor Tausend,
Vor Tausend glatt und klug –
Sein Glanz ist eitel Gleißen,
Sein Liebeln eitel Lug.
Ich aber will dich lieben,
So lang' in Rührung mir
Die Brust erschwillt – und trennten
Auch Zonen mich von dir;
[161]
Und müßt' ich um dich hadern
Mit tausend Buhlern frech,
Ich haderte, bis ich siegte,
Und führte dich jauchzend weg.
Denn wie ein Streiter Gottes
Ist Liebe kühn und stark,
Und nie erschlafft ihr Bogen,
Und nie versiegt ihr Mark.
Kein Strom kann sie ersäufen,
Kein Feu'r so lodernd glüh'n,
Kein Sturm so herrlich brausen,
Kein Pfeil so reißend fliehn.
Ihr drohn trotz'ge Dränger;
Sie läßt die Trotzer drohn.
Ihr winken goldne Kronen;
Sie schmähet Kron' und Thron.
Ihr lächeln feile Dirnen.
Spart andern euren Blick,
Sie geißelt euer Lächeln
Mit hohem Hohn zurück.
[162]
Fest, wie in Gottes Schlössern
Die Demantpfeiler stehn –
Kein Blitz kann sie zerschmettern,
Kein Sturm sie niederwehn –
Fest, wie die Himmels Achse,
Soll meine Treue stehn.
Wenn jene kracht und splittert,
Mag diese untergehn.
Auch weiß ich meine Traute –
Und Himmelmelodei
Entklingt dem Hochgedanken –
Ich weiß, du bleibst mir treu.
Wohl koset dir verlockend
Der Schmeichler schnöder Mund;
Du aber wahrst der Liebe
Beschwornen Engelbund.
Wohl kriechen Lotterbuben
Staub leckend rund um dich,
Und gleißen zehnmal glatter
Und flimmernder, als ich.
[163]
Trotz sey den glatten Gecken!
Dein Jüngling, stolz und gut,
Sein Mädchen, brav und edel,
Verschmähn die Raupenbrut.
Triumph! mir flammt die Seele,
Wie Blitz von Gottes Schwert.
Triumph! Die heil'ge Treue
Wird nie von dir versehrt.
Noch vier und zwanzig Stunden,
So flieh' ich fern von dir.
Was thut's? mein Kleinod bleibet,
Elldore bleibet mir.
Triumph! ich kehre wieder,
Und treu, und keusch und rein,
Schließ' ich in heißen Armen
Elldoren wieder ein.
Triumph! auf deinen Lippen
Versiegeln wir den Bund.
Kein Bubenkuß entweihte
Den frischen Rosenmund.
[164]
Was drohst du, Abschiedsstunde,
So groß? Dein Dolch ist stumpf.
Der Treue goldner Panzer
Beschirmet uns. Triumph!
Triumph! Ich kehre wieder.
Ihr Treuen, trauert nicht!
Triumph! Die Treue sieget!
Elldore, traure nicht!
Elldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[165] Elldor an Elldore

Zweites Lied.


1781.


Welch eine Nacht! Wie grauenvoll! wie dunkel
Von Sturm und Schlag wie schauerlich!
Ich aber schritt getrost durch ihr erebisch Dunkel;
Die starke Liebe schirmte mich.
Ich schritt getrost hindurch. Ich hätte nicht gezittert,
Und hätten um mich her die Winde Tod geheult.
Und hätte Gottes Blitz den Wald um mich zersplittert –
Ich wär' getrost hindurch geeilt.
[166]
Und hätte Mord auf mich mit jedem Schritt gelauert,
Und hätte über mir der Himmel roth gebrannt,
Und wäre unter mir der Abgrund aufgeschauert;
Getrost wär' ich hindurch, getrost zu dir gerannt.
Zu dir! Zu dir! Dein erstes Grußgeflister,
Dein erster leiser Handdruck, ach!
Dein volles feuriges Umfahn im Rabendüster
Der Mitternacht tilgt' all' mein Ungemach.
Zu süße Nacht! Zu rasch verpraßte Stunden!
Zu schnell verrauschte Trunkenheit!
Herz, Herz, wie daß du nicht vom Staube los gewunden
Mit ihr empor dich schwangst ins All der Seligkeit!
Auf ihrem Lager lieblich hingegossen,
Wie duftete die junge Rose mir!
Wie glühte sie! wie thaute sie! wie flossen
Rings um sie Frisch' und Füll' und lechzende Begier!
[167]
Von ihren Armen sanft hinabgezogen,
Hinabgesunken an ihr schlagend Herz,
Itzt steigend, sinkend itzt mit ihres Busens Wogen,
Wie kämpft' ich zwischen Lust und Schmerz!
Wie strebten meine Kräfte, ha! wie drängten
Die Mächtigen sich hin zu ihr!
Und daß sie nicht der Tugend Riegel sprengten,
Elldore, das verdanke dir!
Das danke dieser hellen Morgenröthe
Von Unschuld, die dein Angesicht
So rührend schmückt, die mich so flehend flehte:
»Mein Elldor, ach, zerstöre nicht!«
Das danke deinem leisen Wimmern:
»Mein Auserwählter, ich bin dein!
Doch könntest du dein Heiligthum zertrümmern?
Harr' aus! Einst werd' ich ganz und ewig deine seyn.«
Ja, du bist mein. Du bist an mich gebunden,
Mit Banden, die kein Arm zerbricht.
Komm bald, o seligste der Stunden,
Darin Elldore mich mit Gattinnarm umflicht.
[168]
Sie kommt! sie kommt! In deinem Brautgeschmeide
In deinem Myrtenkranz sey mir gegrüßt!
In deiner weißen Hochzeitseide
Bist du die schönste Braut, die je ein Mann geküßt.
Was schleichst du heut' so langsam, träge Sonne?
Hinunter mit dem Lärmer Tag!
Daß ich die schöne Braut – o Wonne, Wonne! –
In meine Kammer führen mag.
Ich bin erhört. Die hochzeitliche Kammer
Umfängt uns schon mit süßer Dunkelheit.
Und jeder alte Gram, und jeder alte Jammer
Taucht unter in Vergessenheit!
Schön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[169] Schön Hedchen

1781.


Schön Hedchen, ein Fräulein aus edlem Geblüt,
Noch edler durch Schönheit und hohes Gemüth,
Schön Hedchen, das lieblichste Blümchen der Au',
War züchtig und duftig wie Röschen im Thau.
Auch blüht im Lande zur selbigen Zeit
Ein stattlicher Jüngling, ein Wetter im Streit.
Wie flog um die Schultern sein bräunliches Haar!
Wie rollt' ihm der Augen schwarzfunkelndes Paar!
Wild schwärmte der Jüngling manch freudiges Jahr.
Da sah er schön Hedchen mit goldigem Haar.
Wie wurde dem Schwärmer im Herzen so warm.
Doch wärmer noch ward ihm das Mädchen im Arm.
[170]
Viel Thränen hat Liebe. Doch Freuden noch mehr.
Sie streiten ums Herz sich, ein brüderlich Heer.
Sie streiten und fallen sich friedlich zu Arm.
Da weinet die Freude, dann lächelt der Harm!
Bald flocht man die schmeidige Myrte zum Kranz.
Schon übten sich Jüngling und Mädchen zum Tanz.
Bald graute der Abend der kommenden Nacht,
Der letzten vom einsamen Jüngling durchwacht!
Der Abend war lieblich und kühlig und frisch,
Die Nachtigall flötet im Maiengebüsch.
Da wallten die Treuen den Garten entlang,
Und horchten der Nachtigall Klagegesang.
»Wie ist dir, lieb Hedchen, wie fühlt sich dein Herz?
Ach! schwimmt es noch immer in Wehmuth und Schmerz?
[171]
Das Thränchen, das blinkend die Wangen dir näßt –
Ach! sprich, ob der Schmerz dir das Thränchen entpreßt?« –
»Die Thräne, die über die Wange mir rollt.
Wird von dem Entzücken der Liebe gezollt.
Es klingt mir im Herzen so himmlischen Klang,
Mir tönts um die Seele, wie Harfengesang.
Der Becher der Liebe hält köstlichen Wein,
Ich weinte viel bittere Thränen hinein.
Nun trink' ich des Weins, mit Thränen vermengt,
Das macht, daß die Wonne mir Thränen entdrängt!
Ich ruf' der Vergangenheit Tage zurück.
Mir bebet die Seele. Mir schwindelt der Blick.
Da war mir so nächtlich der sonnigste Tag
Wie daß ich dem lastenden Gram nicht erlag!
[172]
Ich wende den Blick aus den Nächten voll Graus,
Und schau' in die selige Zukunft hinaus.
Da seh' ich der nächtigen Freuden so viel!
Wie fass' ich, wie trag ich dich, Wonnegefühl!
Der Stärke, zu stehn in den Stürmen, mir gab,
Der stütze mich ferner mit freundlichem Stab!
Doch führe mich, Liebster – es wehet so frisch –
Komm, führe mich heim aus dem Maiengebüsch.« –
Jetzt trat aus der Wolke der Vollmond hervor.
Dem Abend entrollte sein hüllender Flor.
Wie glänzten der Garten, der Busch und der Quell
Im schwimmenden Monde, so silbern! so hell!
Still blickte der Jüngling, im zweifelnden Licht
Des Mondes, schön Hedchen ins Rosengesicht.
Sie lächelte Wehe, sie lächelte Ruh'
Aus Thränen umschimmerten Augen ihm zu.
[173]
Er sandt' ihr noch einmal den sorglichen Blick
Ins Antlitz, und bebt' – o Wehe! – zurück.
Ihr rosiges Antlitz – die Rose verschwand –
War bleich, wie ein linnenes Todtengewand.
Es rann ihm, wie Regen, den Rücken entlang,
Die Nachtigall flötet' ihm Todtengesang.
Es hauchten die Blüthen ihm Moder und Graus,
Und grauenvoll führt' er schön Hedchen nach Haus.
Und bald, als schön Hedchen im Lager sich barg,
Da rollt' ihr die Krankheit durch Adern und Mark.
Wie neigte die Blum' ihr trauerndes Haupt,
Des lebenden Glanzes und Duftes beraubt.
Die Mitternacht kam, es entschwand ihr die Kraft.
Sie lag auf dem Lager erschöpft und erschlafft;
Her wehte der Morgen, von Rosen umglüht,
Da war ihr die Rose im Antlitz verblüht.
[174]
»Wie schmückst du dich, Morgen, in bräutlicher Pracht!
Mir winkt, mich umhüllt schon die ängstliche Tracht.
Wie schön dir die Rosen im Angesicht glühn!
O weh, daß die meinen so frühe verblüh'n!«
»O wehe, so wird mir mein bräutlicher Kranz
Zur Krone des Sarges, der festliche Tanz
Wird Leichengepräng', und Priester und Gast
Geleiten mich heim zur düsteren Rast.
Mein hochzeitlich Bette, wie enge! wie kalt!
Mein Bräutigam – Wehe! Weg Schreckengestalt!
Weg Scheusal! Die Knochen durchheult dir der Wind!
Vor Entsetzen das Blut mir in Adern gerinnt –«
So stöhnt, wie die Hindinn vom Jäger gejagt,
So klaget schön Hedchen. Fast war sie verzagt.
Da wiegt sie ihr Engel in labende Ruh'
Und lispelt im Schlummer ihr Tröstungen zu:
[175]
»Was trauerst du, Schwester, was klagst du so bang'?
Es währt ja hienieden Augenblick lang!
Hoch oben ist Wonne! hoch oben ist Licht!
Das dämmert und dunkelt in Ewigkeit nicht.«
»Die bräutliche Seide, der grünende Kranz,
Der goldene Traurig, der festliche Tanz,
Am Busen des Jünglings die liebliche Ruh',
Das lächelt auch alles hoch oben dir zu!
Es lächelt dort oben dir schöner als hier.
Komm, trauliche Schwester, komm freudig mit mir,
Was blickst du so rückwärts? Er folgt dir ja nach.
Komm, folge mir freudig. Ich hol' ihn dir nach!«
So lispelt, so singt es der Engel ihr zu,
Und wiegt ihr die zagende Seele in Ruh'.
Wie lächelt im Schlummer ihr blaßes Gesicht!
Wie umstrahlt die Erwachende himmlisches Licht!
[176]
»Was grämst du, mein Jüngling? Was zagst du so sehr?
Die Lauben der Liebe blühn oben noch mehr.
Es durchbohrt mir die Seele dein schneidendes Ach.
Ach! sieh nicht so starrend! Du folgst mir ja nach!«
»Aus Tausenden hab' ich dich ewig erwählt,
Du bist mir vor Himmel und Engeln vermählt.
Es trennen die Himmel die Liebenden nicht,
So sehn wir uns wieder im himmlischen Licht.«
»Ich sehe dich wieder. – Wie wird mir – wie wohl!
Wie weh und wie bange! wie dämmernd – leb' wohl!
Leb' wohl, mein Vertrauter – wir finden uns – ach! –«
Da schwand ihrem Auge der irdische Tag.
[177]
Die Seele, umflossen von Blüthenduft
Und schwebend auf strahlender Morgenluft,
Entwallte der Erden und schwebete rein
Zur Pforte des Gartens der Seligen ein!
Da blühen der ewigen Blumen so viel.
Da wehen die Lüfte so milde! so kühl!
Da rauscht es, da glänzt es so strömend, so hell!
Von thauigen Myrten am duftigen Quell!
Ihr Engel umschwebt sie in sonnigem Schein,
Und führt sie die stilleste Laube hinein.
Die Lüftlein, die Bächlein in leiserem Gang
Vereinen die Töne zum Schlummergesang.
»Kind Gottes, so lächelt der Engel ihr zu,
Kind Gottes, verweil' hier drei Stündlein in Ruh'.
Bald jauchzet unendliche Freude dich wach.
Ich geh' und hole den Liebling dir nach.«
Er fand den verlassenen Liebling am Sarg,
Der sorgsam schön Hedchens Verwesungen barg.
Er wiegte den Dulder in labende Ruh',
Und weht' ihm himmlische Kühlungen zu.
[178]
Und als er vom tröstenden Schlummer erwacht',
Da war es schon Abend. Es thaute die Nacht.
Schön Hedchen lag lächelnd von Kerzen umglänzt,
Und die goldigen Haare mit Myrten bekränzt.
Nun tönen die Glocken. Nun wallen beim Schein
Von wehenden Fackeln die düsteren Reih'n
Der Trauerbegleiter die Gassen hinab,
Und tragen sanftklagend schön Hedchen ins Grab.
Sie senkten sanft weinend schön Hedchen hinein.
Bald hüllet die kühlige Erde sie ein.
Bald grünet der Rasen den Hügel empor.
Bald sprossen Violen und Maßlieb hervor.
Mit jeder aufgrauenden Dämmerung ging
Der arme Verlaßne zum Hügel, und hing
Sich rund um den blühenden Hügel herum,
Bald laut wie die Winde, bald schweigend und stumm.
[179]
»Was säumst du, schön Hedchen? Was säumst du so lang'?
Und machst mich so ängstig, und machst mich so bang'?
Du wandelst wol oben im sonnigen Licht
Und denkst des verlassenen Trauernden nicht.
Wer war es, schön Hedchen, wer war es? wer sprach:
Sey ruhig, mein Trauter! du folgst mir bald nach!
Wo bleibt dein Geloben? Wie säumst du so lang'
Und machst mir's im zagenden Busen so bang'?
Ich trag' es nicht länger. Ich halt' es nicht aus.
Mir ekelt das Leben, wie Moder und Graus –
Schön Hedchen, du logst mir! wer wehrt es mir, ha!
Ich komme schon selber! – Du täuschtest mich ja –«
[180]
Er riß aus der Scheide sein funkelndes Schwert –
Da erbebte der Hügel. Da stand es verklärt,
Und sonnenhell vor ihm, und lächelt' und sprach:
»Acht Tage noch, Jüngling, so folgst du mir nach!«
Es verschwand in goldenem Wolkengesäum:
Da ging der getröstete Trauernde heim.
Der Morgen brach an. Da kam ein Gebot.
Sein König entbot ihn zu Schlachten und Tod.
Das hallte dem Jüngling, wie Stimme der Braut;
Ihm jauchzte die Seele so freudig, so laut!
Er flog zu den Streitern. Die siebente Nacht
Verrann kaum, so kam es zur donnernden Schlacht.
Wie schnoben die Rosse in schweflichtem Duft!
Wie rollten die sausenden Tod' in der Luft!
Sie saus'ten, sie rollten den Helden vorbei.
Nach Tausenden traf ihn ein freudiges Blei.
[181]
»Willkommen! Willkommen!« so rief er und sank –
»Willkommen! Willkommen!« und streckte sich lang
Auf thürmende Leichen im Felde von Graus,
Und hauchte die Seele, die ringende, aus!
Sie eilte dem Garten der Seligen zu!
Schön Hedchen war wach, und entjauchzte der Ruh'.
Sie jauchzt' ihm entgegen – »Mein Jüngling, so bald?« –
Ihr wären die Monden wie Stündlein verwallt.
Sie führt' ihn die duftige Laube hinein,
Und tränkt' ihn mit Wasser des Quells aus dem Hain.
Da schwand aus dem Herzen ein jeglicher Harm,
Da sank er ihr selig, wie selig! in Arm.
Nun schwebten die Geister des Himmels herbei,
Und freuten sich herzlich der glücklichen Zwei!
Sie stimmten die Herzen zu goldenem Klang,
Und sangen den himmlischen Treuegesang.
[182]
»Heil, Heil den Getreuen! Wie grünet ihr Kranz!
Heil, Heil den Verklärten! Wie hell ist ihr Glanz!
Die Treue währt länger als Unglück und Noth,
Siegt über des eisernen Schicksals Gebot.
Triumph! Dahinten sind Unglück und Noth!
Dahinten der eiserne grimmige Tod!
Heil! Heil den Getreuen! Nie welket ihr Kranz!
Es dunkelt sich nimmer ihr sonniger Glanz!«
Trost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[183] Trost der Ewigkeit

1781.


Umschatte mich mit deinem Engelflügel,
Gedank' der Ewigkeit!
Ich seh' in dir, wie in krystallnem Spiegel
Vergolten all' mein Leid.
Wonach ich rang mit tausend Inbrunstthränen,
Wird dort von mir erweint.
Wonach ich schmachtete mit ew'gem Sehnen,
Umarmt mich dort, wie Freund.
Was mir verborgen blieb im Reich des Wahren,
Wird dort mir offenbart.
Was ich verlor in längst verschiednen Jahren,
Wird dort mir aufbewahrt.
[184]
Da werd' ich euch, ihr Guten, wieder schauen,
Die ich mir angekies't,
Und die ihr mich in dieses Lebens Grauen
Allein zurücke ließt.
Da werd' ich dich, Verklärte, wieder küssen,
Die mir das Schicksal nahm.
Ich werde vor den Engeln, Braut! dich grüßen,
Und du mich Bräutigam!
Da werd' ich dich, der Welten Urgebilde,
Dich, ursprungloses Schön,
In aller deiner Lieb' und Treu und Milde
Ganz und gewandlos sehn.
Mein Saitenspiel, das hie von Erdendingen
Nur matt und irdisch klang,
Wird da gewaltig durch die Himmel klingen,
Wie Sphären Hochgesang.
Homer und David werden mein sich freuen,
Ihr goldnes Harfenspiel
Mir reichen, mich zum Himmeldichter weihen
Am palmbekränzten Ziel. – – –
[185]
O laß mich nicht, mein Theurer, Süßer, Lieber!
Gedank' der Ewigkeit!
Verwehe du, wird meine Seele trüber,
Verwehe du mein Leid!
Wenn mich in finstern allzu finstern Stunden
Mein alter Kummer faßt,
So geuß du Oehl und Wein in meine Wunden,
Und schaff' mir wieder Rast.
Und lieg' ich einst – o wär' es bald! zu sterben,
So säus'l' auf mich herab.
Und fröhlich steig' ich, jenes Heil zu erben,
Ins jammerlose Grab!
Die Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[186] Die Sprüche Jehovah

1782.


Also lauten die Sprüche Jehovah, von Sinai's Höhen
Niedergerufen im Hall der Posaunen, in rasselnder Donner
Kriegsgeschrei, im Festgeläut wild reißender Stürme.
Also lauten die Stimmen vom Sina', die Stimmen Jehovah,
Eingegraben vom Finger Gottes in Tafeln von Demant,
Ueberliefert dem Manne Gottes mit sonnigem Antlitz,
Ueberliefert an uns von dem Mann mit strahlender Stirne.
Also lauten sie. Höret die Stürme des Odems Jehovah.
Ich bin Jehovah, dein Gott. Nur Einer bin ich. Nicht sollt du
[187]
Neben mir fremde Götter ehren. Die fremden sind Götzen.
Ich bin schön vor allem, was schön ist im Himmel und Erden,
Schöner als Sonn' und Mond, und des Menschen leuchtendes Antlitz.
Darum sollst du mich inniger lieben, als irdische Schöne –
Schrecklich bin ich, ein Eifrer, ein Rächer, den Blitz in der Rechten.
Darum scheue dich, mich zu erzürnen. Mein Zorn ist ein Wetter –
Jugend verblüht, und Schöne verwelkt. Es scheitert die Stärke.
Menschen lecket die Zeit hinweg, wie die Sonne den Frühthau.
Ich bin ewig, ein Fels, der nicht sinkt, ein Schild, der nicht splittert.
Darum sollst du auf Jugend, auf Stärke, auf Menschen nicht bauen.
Bauen sollt du auf mich! Ich bin Jehovah, der Eine,
Endelos, und änderunglos, und immer derselbe.
[188]
Ich bin Jehovah, dein Gott. Ich fülle Himmel und Erden,
Alldurchdringend und allumfangend – doch nicht zu ergreifen,
Noch zu erschau'n – unsichthar, gestaltlos, formlos, einfach!
Darum sollt du mich nicht in Gold und Silber gestalten,
Nicht aus adrigem Marmor hauen, nicht Gleichheit des Thieres
Noch des Menschen mir geben – Ich kenne dein Herz und die Schwäche
Deines Herzens. Du möchtest sonst bald das Bild statt des Bildners
Oder den Thon statt des Töpfers ehren. In gröberen Irrthum
Möchtest du sinken, von mir unwürdig denken, und selber
Täglich vergröbern, verschlimmern, versinnlichen – Sieh', ich weiß es,
Daß dein Herz am Sinnlichen klebt, wie die Schneck' am Dornbusch.
[189]
Hehr ist mein Nam'! Ihn kennen, ist ewiges Leben. Erkennen
Magst du ihn wohl aus dem Buch der Natur, aus dem Munde der Seher!
Wohl dir, weißest du ihn, und brauchst ihn zum Preis' und Lobe,
Dir zum Trost in den Mühen des Lebens, im Dunkel zum Leitstern.
Weißest du ihn, und er frommt dir nicht zu reinerem Leben,
Nicht zu heißerm Liebesgefühl für mich und die Brüder,
Nicht zu hingeworfner Demuth in Staub' und in Aschen,
Nicht zu hoher brünstiger himmelgeflügelter Andacht –
Weh dann, wehe dir! Unheilbar bist du! Unfehlbar
Werden dich meine Strafen treffen, du Kalter, du Lauer!
Mensch, ich kenne dein Elend, und deine Mühen, die Schweiße,
[190]
Die dir die Wang' hinunter rinnen, vom dämmernden Morgen
Bis zu den Schatten der Nacht. Ich kenne die Sorgen, die öfter
Deinen Wimpern den Schlaf entscheuchen – das jammert mich, Armer.
Sieh, ich setze dir einen Tag von Sieben. Den sollt du
Ruhen von deiner Arbeit, und deines Kummers vergessen,
Sollt dich freuen mit deinen Gespielen, am Kusse der Gattinn
Satt dich laben, im Zirkel der Deinen dein Leben genießen,
Dich ergetzen im heitern Spaziergang auf Feldern und Fluren,
Dich erlaben im Tempel am Preisgesang der Gemeinden,
Hören mein Wort, mit dem tröstenden Worte dich letzen, und weiser,
Ruhiger, besser geworden, mit neuen Kräften gegürtet
[191]
Zu den Schweißen der harrenden Woche hinüber schlummern.
Also gebiet' ich dir. Von sieben Tagen sey Einer
Mir und der Ruhe heilig, und unverletzbar dem Dränger!
Ehre Vater und Mutter! Wer Vater und Mutter nicht ehret,
Sey verflucht! Vertilgt von des Himmels Angesicht. Modern
Müss' auf den Bergen sein Aas! Sein Auge hacken die Raben!
Ehre Vater und Mutter! Wer Vater und Mutter gehorchet,
Ihnen dient, sie lieb und werth hält, ihre Gebrechen
Freundlich duldet, sie pflegt im Alter, das Küssen der Krankheit
Ihnen kindlich zurecht legt – Lieben will ich den Guten,
Will ihn lohnen mit langem Leben. Sein Leben soll friedlich
[192]
Auf der Erde verwallen, sein Haupt mit silbernen Locken
Schön bekränzt in Frieden hinunter fahren die Grube.
Tödte nicht! Wer das Blut des Bruders der durstigen Erde
Zu verschlingen gibt, deß Blut soll die durstige Erde
Wieder saufen! Sein Haupt nicht entrinnen der Rache des Rächers!
Tödte nicht! hasse nicht! Schilt nicht! Aergre nicht meine Geliebten,
Deine Brüder. Laß mir die Rache. Ich hasse das rasche
Zürnen, die schnaubende Wuth, das zähnefletschende Dräuen.
Sanftmuth lieb' ich, und bin sanftmüthig selber von Herzen.
Sanftmuth lohn' ich, und gebe dem Dulder Kronen zu erben.
Heilig sey dir die Eh'! Ich weihte sie selber. Ich selber
[193]
Schuf den Menschen ein Männlein und Fräulein, auf daß sie beisammen
Wohnten, und an einander hingen in Eintracht und Liebe,
Treulich theilten die Mühen des Lebens, die Schweiße der Arbeit
Freundlich einander vom Antlitz trockneten – Rein sey die Ehe,
Heilig und unverletzlich! Und daß du reinerer Ehe,
Tugendlichen Gemahls gewürdiget werdest – o Jugend,
Zarter Jüngling, reisendes Mädchen – auf daß du der Wonne
Keuscher Eh'-Umarmung theilhaftig werdest – so wahre
Wahre der Unschuld Schneegewand! sey keusch und sey züchtig!
Eine verschämte Ros' im Garten Gottes! ein reiner,
Ungefälschter Lilienduft in den Düften des Gartens.
Stehlen sey fern von dir! Ernähre dich ehrlich, Sey sparsam,
[194]
Daß dir des Nächsten Gut nicht lüsten dürfe – Und lüstet
Dir's – hinab mit dem Rabengedanken zum heimischen Abgrund.
Thürme nicht Schätze! Gedeiht dein Gut im Antlitz des Himmels,
Ach, so laß dir's Köder nicht seyn des Stolzes und Geitzes!
Stachel laß es dir seyn zur Milde! Sey mild und erwuchre
Mit dem nichtigen Mammon dir unvergängliche Güter.
Fleuch die Lüge! Sie ist Geburt der Hölle! Die Wahrheit
Ist mein geliebtes Kind, und wer sie liebet, mein Lieber!
Fleuch die Lüge. Ich hasse die Schändliche. Wer sie umarmet
Soll nicht vor mein Angesicht kommen, so wahr ich der Herr bin!
[195]
Rein sey dein Herz und unentweiht von böser Begierde!
Unbefleckt von schnödem Gelüst nach der Habe des Nächsten,
Seinem Weib' und seinen Töchtern – Die böse Begierde,
Ach! wer sie hegt und nährt, deß Herz ist Gräu'l der Verwüstung,
Grab voll Todtengebeins. Wer der Gewaltigen wehret,
Sie mit Füßen tritt, die trotzige Riesinn, im ersten
Keim den Basilisken erstickt, den Helden, den Sieger
Will ich mit Lorbeer kränzen, will zu ihm kommen und Wohnung
Machen in seinem reinen Herzen! Sein Herz sey mein Tempel!
Also strömt es in tausend Gewittern vom Sinai nieder.
Israel horchte zitternd – Itzt wurde der Hall der Posaunen
Siebenmal gellender, lauter die Donner. Zuckende Flammen
[196]
Rissen die gährende Luft aus einander. Die Wurzeln des Berges
Bebten. Es bebte sein rauchendes Haupt. Durch das grause Getümmel
Hallte Jehovahs Dräuung, ein tausendstimmiger Sturmwind:
Ich bin Jehovah, dein Gott, ein Starker, ein Eifrer. Die Frevler
Will ich schlagen in meinem Grimm, daß das Schäumen der Boßheit
Schäumen werde der Angst, daß die laute Lache des Hohnes
Werde Verzweiflungslache! Die Sünden der sündigen Väter
Will ich strafen an ihren Kindern, am Enkel des Enkels.
Wer kann tragen den Zorn, des Starken, des Eif'rers auf Sion.
Also stürzt' es, ein Wolkenbruch, vom Sinai nieder,
[197]
Plötzlich wandelten sich die Stürm' in liebliches Säuseln,
Und der Posaunen Kriegsgeschrei in Harfengelispel.
Süßes Geduft, wie nach schweren regenrauschenden Wettern
Aus den thymianblühenden Auen mildiglich aufsteigt,
Duftet' um Sinai her. Und durch die wehenden Düfte,
Durch die Säusel und Lispel scholl die Stimme des Milden:
Ich bin Jehovah, dein Gott, barmherzig, geduldig und gnädig,
Und von unaussprechlicher Hulde den Frommen und Guten.
Wer mich liebet, den will ich lieben mit ewiger Liebe,
Wohl thun will ich dem Mann, dieweil er wallet auf Erden,
Wohl thun seinen Kindern und seiner Kinder Erzeugten,
Wohl thun seinem tausendsten Glied. – So redet Jehovah!
Klage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[198] Klage um Elisa

1782.


Tief im Grabe schläft Elise.
Und der lindre Sonnenstrahl,
Und das junge Grün der Wiese,
Und der Schlag der Nachtigall,
Wecken ihr nicht Lust noch Wonne.
Ach! in ihrer kühlen Gruft
Weht kein süßer Blüthenduft,
Fruchtet keine goldne Sonne.
Ach! Was frommt uns Frühlingsmilde,
Und der Schöpfung junge Pracht?
In dem hellen Lenzgefilde
Wallen wir in Trauertracht,
[199]
Danken nicht für deine Gabe,
Lenz, für deine Freude dir!
Denn Elisa ist nicht hier.
Ach! Elisa schläft im Grabe.
War sie nicht so fromm, so weise?
War gefällig, mild' und gut!
War auf ihrer Lebensreise
Immer frei und froh von Muth!
Ach! sie war uns Stolz und Freude!
Ach! sie war uns Licht und Rath!
Unverzagt in Edelthat!
Tröstend und getrost im Leide.
O wie manche Wonnestunden
Haben wir mit ihr verscherzt!
O wie manche herbe Wunden
Haben wir mit ihr verscherzt!
Ihre Liebe, ihre Treue
Lindert' alles Herzeleid,
Strahlte frohe Heiterkeit
Ueber unsre kleine Reihe!
[200]
Abends in der Geißblattlaube
Saßen wir im Kühlgelüft,
Kosteten die goldne Traube,
Athmeten das Thaugedüft.
Künftig sollst du, Laube, trauern,
Denn Elisa ist nicht hier.
Ach! Elisa kehrt zu dir
Nimmer aus des Grabes Schauern.
Künftig wird sie dich nicht pflegen,
O, du duftig Blumrevier!
Wartung, Wahrung, Pfleg' und Segen
Nimmst du förder nicht von ihr.
Helle Rosen, sanfte Nelken,
Myrte, Raute, Rosmarin,
Welket alle, welkt nur hin –
Mußte doch Elisa welken!
All' die Freuden vor'ger Jahre
Flohn mit ihr die Gruft hinab;
Starrten mit ihr auf der Bahre,
Sanken mit ihr tief ins Grab!
[201]
Von uns ist sie, von uns gangen,
Unsre Traute, Freundliche,
Achtet nicht auf unser Weh,
Weiß nicht unser heiß Verlangen.
Fließt ihr, fließt ihr, stille Thränen,
Wenn der goldne Tag erwacht.
Ruf' ihr, unser banges Sehnen,
In verschwiegner Mitternacht!
Hall' ihr, dumpfe Todesklage,
Bis auch uns das Schicksal ruft,
Und uns in Elisa's Gruft
Bettet bis zum jüngsten Tage.
Salem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[202] Salem und Sulamith

Heiliges Liebeslied.
1782.
Sulamith.

Dich lieb' ich, mein Salem, dich lieb' ich vor allen.
Was könnte, was möchte wol sonst mir gefallen!
Dich hab' ich. Dich halt' ich. Dich will ich umfassen,
Will fest dich umschlingen, will nimmer dich lassen.
Salem.

Geliebte, du wähnest, mich könnte nichts trüben,
Drum magst du wol herzlich, wol innig mich lieben.
Doch wenn sich der Himmel der Liebe mal trübte,
Wie stünd' es um's Lieben, du Inniggeliebte?
[203] Sulamith.

Wol ewiges Leuchten, wol ewige Wonne
Ist, Salem, dein Lieben. Doch hülle die Sonne
Der Liebe in Wolken. Laß stürmen und wehen.
Ich werde – wie leichtlich! – die Probe bestehen.
Salem.

Geliebte, mein Lieben bringt köstliche Gaben.
Ach, magst wol so lieb um die Gaben mich haben.
Doch wenn ich die Gaben dir künftig verhielte –
Wer weiß, ob die brünstige Liebe nicht kühlte!
Sulamith.

Ich liebe den Geber, ich liebe die Gaben.
Doch sollt' ich den Geber nicht lieber noch haben?
Laß fahren die Gaben! Laß schwinden die Freuden!
Das wird mich von dir, mein Erwählter, nicht scheiden.
Salem.

Doch wenn ich in's Dunkel der Armuth dich stieße,
Und darben und zappeln und zagen dich ließe,
[204]
Nicht hörte dein Rufen, nicht hörte dein Schreien,
Dann würdest du wol dein Lieben bereuen!
Sulamith.

Mein Salem, mein Heiland, so kannst du nicht wähnen.
Bist du nicht mein Seufzen, mein Schmachten und Sehnen?
Was frag' ich nach eiteln vergänglichen Schätzen?
Bleibst du mir, mein Reichthum, mein Seelenergetzen!
Salem.

Doch wenn ich – erwäg' es, – beherz' es, o Seele –
Sprich, wenn ich der Ehre helle Juwele
Dir raubte, dich stürzte in Schmach und in Schande,
Dann rissen wol, Freundinn, die zärtlichen Bande?
Sulamith.

Laß dräuen Verachtung und Schmähung und Schande!
Das reißt nicht die zärtlichen ewigen Bande.
[205]
Was acht' ich's, ob Menschen mich schmähen und höhnen,
Wenn Myrten der himmlischen Liebe mich krönen?
Salem.

Ich glaub' es. Ich weiß es. Ich kenne dein Lieben.
Auch werd' ich so schmerzlich dich schwerlich betrüben.
Doch wenn ich, damit sich die Liebe bewährte,
Mit Ketten und gräßlichem Kerker dich schwerte,
Wo nimmer das dumpfige Dunkel verwallte,
Wo nimmer ein tröstendes Lächeln dir hallte,
Wo Schlangen und schwellende Nattern verweilten,
Und Eulen aus ängstlichem Schlummer dich heulten? –
Sulamith.

O Salem, mein Salem, o würd' ich erfunden
So würdig, zu tragen in Kerker und Wunden
Die Ketten der Liebe, wie würd' ich sie küssen,
Und dichter an dich, mein Geliebter, mich schließen!
[206] Salem.

Doch wenn dir die Liebe nur Martern erweckte,
Und Tod mit hellfunkelnder Sichel dich schreckte –
Wie stünd' es, Geliebte, im Todesverzagen?
Dann würdest du wol dem Geliebten entsagen!
Sulamith.

O Salem, mein Salem, das kannst du nicht wähnen.
Du kennest, du weißest mein inniges Sehnen.
Ach! würd' ich gewürdigt, so selig zu sterben,
Wie würd' ich die Palme mir jauchzend erwerben!
Ich würde mich fest um den Bräutigam schmiegen,
Und mächtig die Schrecken des Dräuers besiegen.
Ich würde nicht wanken vom Lieben und Glauben,
Wer wollte mein Leben, mein Lieben mir rauben?
Salem.

Ich weiß es. Ich glaub' es. Ich kenne dein Lieben.
Auch werd' ich so schmerzlich dich schwerlich betrüben –
[207]
Doch wenn ich den Honig der Liebe dir gällte,
Den Rücken dir kehrte und fremde mich stellte,
Dann würden dich höhnen die jauchzenden Rotten.
Sie würden mit giftigem Lachen dein spotten.
Du würdest wol Anfangs dich härmen und grämen,
Bald aber des wankenden Liebsten dich schämen.
Sulamith.

O Salem, mein Salem, du kannst nicht betrüben!
Das wüßt' ich – drum würd' ich nicht müde, zu lieben.
Ich würde dir folgen mit Seufzen und Sehnen.
Ich würde dich flehen mit blutigen Thränen.
Salem.

Doch wenn ich nun weinen und flehen dich ließe,
Und zornig hinab zu der Hölle dich stieße,
Dann würdest du denken: Er hat mich verlassen!
Und drunten mit wüthigem Hasse mich hassen!
[208] Sulamith.

O Salem, mein Salem, das kannst du nicht wollen.
O Wehe! zur Hölle mich stoßen zu wollen!
Wie könnte mein Salem sein theures Versprechen,
Den Eid der Verlobung der Liebenden brechen!
Salem.

Wer hat dir gelobet? Wer hat dich geliebet?
Verworfne, die stündlich mich bitter betrübet!
Ich liebe die Reinen. Ich segne die Frommen.
Doch Bosheit darf nicht vor mein Angesicht kommen.
Sulamith.

Ist's möglich – mein Salem – ach! kannst du ergrimmen?
Wie beb' ich, wie zittr' ich der zürnenden Stimmen!
Sieh her, mein Geliebter, mein Kleid ist gewaschen.
Es ist ja im Blut der Versöhnung gewaschen.
Wer ist es, wes Blut hat der Liebe geflutet?
Wer hat mir Versöhnung und Frieden erblutet?
[209]
Wer gab sein Verdienst mir zur bräutlichen Seide?
Sein heiliges Leben zum Hochzeitgeschmeide?
Mein Salem, mein Retter, du kannst mich nicht hassen,
Dich hab' ich. Dich halt' ich. Dich will ich umfassen.
Ach sieh! wie ich ring' im Glauben und Lieben.
Ach! kannst du, ach! willst du im Ernst mich betrüben? –
Salem.

Ich kann nicht. Ich will nicht. Es ist dir gelungen,
Unsterbliche Seele, du hast mich bezwungen.
Ich liebe dich ewig. Ich will dich nicht lassen,
Komm, Theuererrungne, komm, laß dich umfassen!
Sulamith.

O Wonne, du Starke! O Liebe, du Süße!
Mich brennen, mich schmelzen die brünstigen Küsse!
Wie beb' ich! Wie fühl' ich die schlagenden Wellen
Den seligkeitflutenden Busen mir schwellen!
[210] Salem.

Sey treu, du Geliebte, sey treu bis an's Ende,
Bis daß ich den rufenden Boten dir sende.
Dann eil' und entreiß dich dem irdischen Harme,
Und wirf dich in meine heißharrenden Arme.
Dann sollst du von Antlitz zu Antlitz mich schauen.
Dann will ich dich ganz mir und ewig vertrauen.
Dann will ich dich kleiden in bräutliche Seide,
Dich schmücken mit festlichem Hochzeitgeschmeide.
Dann soll die Myrthe des Bundes dich kränzen,
Der Ring der Vertrauung am Finger dir glänzen;
Dann will ich den Kuß der Verlobung dir küssen,
Und Braut und Vermählte und Gattinn dich grüßen.
Sulamith.

Ach Retter, ach eil' und entreiß mich dem Harme
Der langen Verbannung mit mächtigem Arme. –
Mich lüstet, dein seliges Antlitz zu schauen,
Und ganz mich und ewig dir anzuvertrauen.
[211]
Ach! eil' und entreiß mich dem nichtigen Tande.
Mich lasten, mich pressen die ängstenden Bande.
Mich dürstet, mich inniger an dich zu schmiegen,
Und wonneberauscht dir am Busen zu liegen.
Ich liebe dich ewig. Ich will dich nicht lassen,
Will täglich und stündlich dich dichter umfassen.
Ach! eil' und entreiß mich dem schmachtenden Harme,
Und nimm mich in deine heißharrenden Arme.
Klage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[212] Klage um Lotte von Platen

1782.


Rose, Rose, wie dem Sturm gefallen!
Wie so plötzlich! Duft – und lebenleer
Schmachtest du im Staube. Traurig wallen
Deine welken Blätter um dich her.
Und du warst so lieblich! warst so milde!
Herrlich perlt' auf dir der Morgenthau!
Keine Rose glich dir im Gefilde!
Keine Blum' auf weiter Blumenau!
Dein Düfte wallten durch den Garten,
Hauchten Wohlgerüche durch die Luft.
Wandrer, die vorübergingen, harrten,
Athmeten der Blume süßen Duft.
[213]
Freundlich that der Sonne Strahl ihr kosen,
Und Aurora weine früh und spat
Auf die schönste, rötheste der Rosen,
Die der Sturm nun abgebrochen hat.
Wild und grausam hat er sie entblättert,
Ihre Krone hat er abgerast.
Alle ihre Zier ist abgewettert.
Alle ihre Farb' und Frisch' erblass't.
All' ihr süßer Duft ist ausgegossen.
Ihre Blätter wehn im Wind' einher –
Zwar den Mutterstamm, dem sie entsprossen,
Schmücken noch der edeln Knospen mehr;
Aber von den zarten Knospen allen,
War die frühste, reifste, liebste sie!
Und die Eine ist dem Sturm gefallen!
O du Wüther, warum? warum die?
[214]
Zwar, es ist das Loos der Erdenschöne,
Zu verfliegen, wie der Thau verfliegt,
Den die Sonne weg leckt, wie die Thräne
In den Staub, darein sie sank, versiegt.
Und was wegwelkt aus den Erdenthalen
Schwindet darum nicht aus Gottes Welt.
Nicht des Morgenroths verstrahlte Strahlen,
Nicht die Blume, die zu Staub zerfällt,
Nicht die Asche ausgebrannter Sonnen,
Nicht die Düfte, die der Ros' entwehn,
Nicht das Fädchen, das vom Wurm gesponnen
In der Luft verflattert, mag vergehn!
Mag nicht schwinden aus dem großen Alle!
Geht nicht gar verlohren! – Klein und groß,
Hauch des Würmchens, Staub der Weltenballe
Wahret Gott in seinem treuen Schooß.
[215]
Und o Wonn'! o Tröstung! Jedes Staubes
Harrt ein großer Wiederbringungstag!
Frischer Saft durchströmt des welken Laubes
Eingeschrumpfte Röhren. Dürr Gebein wird wach!
Morgenröthen, welche hier verstrahlen,
Blüh'n in schöner'n Welten schöner auf!
Lieder hie erstummter Nachtigallen
Weckt ein ew'ger Mai in Eden auf – –
Und du Blume, die wir heut beweinen,
Die du daliegst, deiner Zier beraubt,
Schöne Blume, hebst in Edens Hainen
Herrlicher als hier dein sonnig Haupt.
Ach es war dir in der Erde Lüften
Viel zu rauh! Drum welktest du so früh.
Hoch im Himmel sollst du blüh'n und düften,
Darum pflückte dich der Tod so früh.
[216]
Schlummr' in Frieden! Wehmuth, Sehnsucht, Kummer
Blickt dir unser weinend Auge nach.
Schlummr' in Frieden! Und erwach' vom Schlummer
An der Allvollendung großem Gottestag.
An Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[217] An Christiane von Smiterlöwe

1784.


Komm herab von deiner Klageweide,
Meine goldne Harfe, du mein Ruhm,
Meine Trösterinn im Lebensleide,
Meinem Lieblinginn, mein Heiligthum,
Meine Sehnsucht, meine süße Freude,
Mein gewünschtes einzig's Eigenthum,
Komm herab, und klinge lind' und leise,
Süß, wie Kußgelispel, hold, wie Liebesweise.
Dir, o Freundinn, sey mein Lied gesungen,
Die du liebst der Harfe Zauberklang!
Gerne fühlt sich deine Brust durchdrungen
Von der Dichter Weh – und Wonnedrang,
[218]
Gerne deine Seel' emporgeschwungen
Von des Psalters heil'gem Weihgesang.
Solche Seelen sind dem Dichter theuer,
Solchen schwillt sein Herz, entbrennt sein schönstes Feuer.
Meines Blumengartens schönste Pflanze
Brächt' ich gerne dir zum Opfer dar;
Flöchte gern' aus meinem Dichterkranze
Einen Lorbeer in dein blondes Haar;
Führte gerne dich zum Reihentanze
In der Grazien und Musen Schaar;
Reichte gerne dir beim Göttermahle
Der Unsterblichkeit kristallne Nektarschaale.
Doch ein Geist, durchglüht von Dichterfeuer,
Ist nicht edler, als ein reines Herz.
Edel, wie Gefühl für Harf' und Leyer
Ist Gefühl für Menschenwohl und Schmerz.
Theu'r dem Engel und dem Menschen theuer
Ist ein zartes ungefärbtes Herz,
Dessen Einfalt noch kein Wahn verschraubte,
Dem noch Thorheit nicht die schöne Unschuld raubte.
[219]
Schöner ist, als Klopstocks schönste Ode,
Eine That der reinen Menschlichkeit;
Sie beschämt den Putz der schönsten Mode,
Lohnt mit himmlischer Zufriedenheit,
Lächelt, wie ein Engel, Trost im Tode,
Und geleitet in die Ewigkeit.
Solcher Thaten viel dir zu erstreben,
Freundinn, sey dein Preis, dein Kranz, dein Heil im Leben!
Sey geadelt mit dem großen Namen:
Menschenfreundinn – durch ihn edel g'nug,
Trüge gleich dein Schild nicht Helm und Fahnen,
Die er schon seit sieben Säkuln trug;
Wärst du gleich nicht aus des Helden Saamen,
Der den Löwen in der Wüste schlug.
Menschenadel beugt nur Knie und Rücken,
Während, Edle, dir die Seelen selbst sich bücken.
Schonend decken seines Bruders Blöße,
Sorgsam kühlen rascher Jugend Gluth;
Muthig dulden harte Schicksalsstöße,
Groß verachten blinde Bubenwuth;
[220]
Giebet Seelenwerth und Geistesgröße,
Zeugt von Edelsinn und Heldenblut.
Solchem Adel huldigt auch der Weise,
Huldigen des Dichters auserwähltste Preise.
Was ist Leibesschönheit? Was ihr Prangen?
Was ist Lilienhals und ringelnd Haar?
Was sind Purpurlippen, Rosenwangen,
Schwanenbrust und schimmernd Augenpaar?
Blumen sind sie, gestern aufgegangen,
Heut verwelkt, verstoben morgen gar.
Unvergänglich sind des Geistes Schimmer;
Seine Blüthe welkt – sein Kelch verduftet – nimmer.
Reges Mitleid mit der Menschheit Nöthen
Breitet Strahlen übers Angesicht.
Eifer, den Bedrängten zu vertreten,
Leiht auch matten Augen Glanz und Licht.
Leuchtender, als alle Morgenröthen,
Leuchtet, Menschlichkeit, dein Angesicht.
Solche Schönheit ist die Lust der Geister,
Ist des Erdenrunds, ist selbst des Himmels Meister.
[221]
Soll ich denn dich schön und edel preisen,
Holde Freundinn, so sey tugendhaft!
Willst du ernten Lob und Preis der Weisen,
So besiege niedre Leidenschaft!
Willst du g'raden Weg's zum Himmel reisen,
Ringe wohlzuthun mit reger Kraft! –
Schön'ren Inhalt kann mein Lied nicht singen,
Süßern Klanges nicht die goldne Harfe klingen.
Doch noch einmal, meine goldnen Saiten,
Klingt und lispelt, süß, wie Brautgesang!
Singt des reinen Herzens Seligkeiten,
Daß von tiefempfundner Rührung Drang
Thränen meiner Freundinn Aug' entgleiten,
Und sie hang' hinfort mit süßem Hang
An der Tugend, wie am theuren Schatten
Hängt der Uebrigblieb'ne zwei getrennter Gatten.
Groß ist auch schon in des Staubes Hütten,
Groß und rein der Tugend Seligkeit.
Zwischen Freud' und Weisheit in der Mitten
Wandelt sie im lilienweißen Kleid.
[222]
Ueberall auf ihren leisen Schritten
Sprießt das Blümchen Herzensfröhlichkeit.
Reichlich trinket sie des Kelchs der Liebe;
Ihrer Freundschaft Wein wird nimmer schal und trübe.
Süßes Labsal, reine Seelenweide,
Saugt sie aus den Brüsten der Natur.
Sieh, wie schmückt sich ihr im Feierkleide,
Sieh, wie lacht ihr die smaragdne Flur!
Rosen sprießen ihr auf nackter Heide;
Liebend koset ihr die Kreatur.
Nur der reinen Seele, der gesunden,
Mag dein Kelch, Natur, dein Becher, Freude, munden.
Nie versiegt der Brunnquell ihrer Freude.
Ihrem Leben mangelt nie Genuß,
Ihrem Herzen nie ein Trost im Leide,
Ihren Lippen nie ein Liebeskuß,
Ihrem Geiste nie erhabne Weide,
Bis der Ruhe holder Genius
Mit gesenkter Fackel still und milde
Sie hinüber führt in schönere Gefilde,
[223]
Wo sie weilt in Amaranthengründen;
Wo sie ruht am klarer Bächlein Rand,
Die sich murmelnd durch Violen winden;
Wo sich Alle, die ins stille Land
Vor ihr übergingen, zu ihr finden,
Und sie freundlich leiten Hand in Hand
Durch die lotosreichen Sonnenauen,
Die Ambrosia und Nektartropfen thauen.
Wo sie einst sich mit des Lichtes Schnelle
Von Orion zu Orion schwingt,
Nicht mehr blinzelt ob der Sonnenhelle,
Mit des Stoffes Trägheit nicht mehr ringt,
Schöpfet aus der Weisheit reinster Quelle,
Und ins Adytum der Schönheit dringt –
Schweiget, schweiget, zu verwegne Saiten!
Unaussingbar sind der Tugend Seligkeiten!
An Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[224] An Karl und Ernst von Kathen

Bei ihrem Abschiede.


1784.


Schon erschallt die fei'rlich ernste Stunde.
Schon entlispelt banges Lebewohl
Eurer Freunde trauerstummen Munde,
Und die Seele schwillt euch schwül und voll!
Seyd getrost und ziehet hin in Frieden!
Unsre Augen sehn euch liebend nach;
Nie ermatten wird, und nie ermüden
Unser Flehen für euch, Nacht und Tag.
Seyd getrost, und trocknet eure Zähren,
Folgt, wohin euch Gott und Tugend ruft.
Klimmt hinan die steile Bahn der Ehren!
Bebt vor keinem Abhang, keiner Kluft!
[225]
Zittert nicht, zu ziehn in eine große,
Eine weite, eine fremde Welt!
Wo ihr seyd, da ruht ihr dem im Schooße,
Der in hohler Hand den Erdball hält.
Fürchtet ihn, der alles weiß und siehet!
Traut auf ihn, der ewig lebt und liebt!
Denkt in guten Tagen sein, und fliehet
Ihm in Arm, wenn sich der Himmel trübt!
Weichet nicht zur Linken noch zur Rechten
Von den Pfaden, d'rauf euch Jesus wies.
Fackel ist sein Wort in Lebensnächten.
Morgenstern in Todesdüsterniß.
Werdet groß in eurer Brüder Mitte!
Werdet Ruhm für euer Vaterland!
Tauschet nimmer edle deutsche Sitte
Um des Auslands bunten Flittertand!
[226]
Haltet fest an Redlichkeit und Treue,
Fest an Männlichkeit und heil'ger Schaam,
Unverzagt im Donnersturm wie Leue,
Doch im Sonnenschimmer lämmchenzahm.
Nie vergeudet in den Sklavenlüsten
Feiger Frevler eure edle Kraft!
Mit dem Muth des Helden und des Christen
Bändiget die Riesinn Leidenschaft!
Herrlich ist ein Held im Schlachtgetümmel,
Lorbeern werth ein stahlerrungner Sieg.
Aber herrlicher vor Gott im Himmel
Ist ein Held im Leidenschaftenkrieg.
Solchem Helden rauschen Edens Palmen.
Solches Name flammt im Lebensbuch.
Himmeldichter singen Feuerpsalmen,
Wie der Held die Schlachten Gottes schlug.
[227]
Solcher Kronen müßten viel euch schimmern!
Solcher Thaten müßt ihr viele thun.
Also werdet ihr auf Weltentrümmern,
Wie auf Blumenrasen lächelnd ruhn!
Also zieht durch Dorn- und Blumgefilde!
Zieht in Segen und in Frieden hin!
Eure Obhut sey die ew'ge Milde,
Und die Tugend eure Führerinn!
Ziehet hin, und kehret einst mit Ehren,
Und mit Trefflichkeit geschmückt, zurück,
Daß der Vater euch mit Freudenzähren,
Und die Mutter euch mit stummer Wonne an den frommen Busen drück'.
Der BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[228] Der Blumenstrauß

Blümchen, die ihr lieblich blühtet,
Düfte hauchtet, Strahlen sprühtet,
Blümchen, ach, ihr seyd verblüht!
Eure Reize sind entwichen,
Eure Schönheit ist verblichen,
Eure Strahlen sind versprüht.
Eures Kelches süße Düfte,
Ausgegossen durch die Lüfte,
Schmeicheln keinem Wandrer mehr.
Eure goldbesprengten Glocken
Kränzen keines Mädchens Locken,
Schmücken keinen Busen mehr.
[229]
Erdentöchter, Erdensöhne,
Rühmet euch nicht eurer Schöne,
Trotzet nicht auf eure Kraft.
Jedes Daseyns Quell versieget,
Jedes Athems Hauch verflieget,
Jeder Stärke Nerv' erschlafft.
Jüngling, dein gewaltig Leben,
Deiner Kräfte rastlos Streben,
Deines Stolzes Herrlichkeit
Wird zerflattern. Starrend liegen
Wirst du, fühllos für Vergnügen,
Fühllos selbst für Lieb' und Leid.
Mädchen, deiner Wangen Rosen
Welken, und das süße Kosen
Deiner Purpurlippen schweigt.
Deines Trittes Reheschnelle
Lähmt die Zeit. Die Frisch' und Helle
Deines Angesichts verbleicht.
[230]
Mond, du wirst nicht ewig schimmern;
Blaue Feste, du wirst trümmern;
Sternensaat, du wirst verweh'n.
Was aus Moder sproß, muß modern,
Was der Asch' entglomm, verlodern,
Was begann, muß untergehn.
Untergehn? ... Nein, untergehen,
Gar verflattern, gar verwehen,
Mag aus Gottes Schooße nichts.
Altern, kränkeln, welken, sterben
Mag es wohl, doch gar verderben,
Gar verlieren mag sich nichts:
Nicht die Asch' erlosch'ner Sonnen,
Nicht Gespinnst, vom Wurm gesponnen,
Nicht des Baumes fallend Laub,
Nicht zerborst'ner Welten Trümmer,
Nicht verblich'ner Wangen Schimmer,
Nicht verflog'ner Blumenstaub.
[231]
Unverloren ruhet Alles,
Stoff des Blatts, des Sonnenballes,
In des Ew'gen sicherm Schooß',
Windet einstens aus dem Staube –
Süße Hoffnung! schöner Glaube! –
Herrlicher sich wieder los. –
Blümchen, die ihr hold und lieblich
Gestern blühtet, still und trüblich
Heute welket – trauert nicht!
Eurer Asch' entsprießen Keime,
Himmelsblumen, Lebensbäume,
Die kein Herbststurm knickt noch bricht.
Edler Jüngling, sey nicht traurig,
Wenn so früh, so dumpf und schaurig
Dir die ernste Stimme ruft!
Edler, kräftiger, verklärter,
Liebevoller, liedenswerther,
Ueberstrahlst du einst die Gruft.
[232]
Mädchen mit der sanften Seele,
Zitt're nicht, die enge Höhle
Langer Ruh' hinab zu sehn!
Ueber Grab und Grabestrümmer
Wirst du einst im Sonnenschimmer
Himmlischer Verklärung stehn.
Englisch wird dein Antlitz glänzen;
Kränzen wirst du dich mit Kränzen,
Deren Rose nie erblass't.
In den sel'gen Myrthenthalen,
Horchend ew'gen Nachtigallen,
Wirst du pflegen süßer Rast.
Leibesschönheit bleibt dahinden;
Seelenschönheit kann nicht schwinden,
Grünt und blüht in Ewigkeit.
Sanftmuth, Demuth, Unschuld, Tugend,
Kränzt mit immergrüner Jugend,
Lohnt mit Himmelseligkeit.
[233]
Erdenseligkeit vergehet;
Himmelseligkeit bestehet.
Hoheit, Schönheit bleibt zurück.
Wie der Himmel unvergänglich,
Wie die Gottheit überschwänglich,
Bleibt der Tugend reines Glück.
[234]
An RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[3] An Rosa

Elegie.


Wolgast. 1785.


Eine Rose blühte. Sie war die schönste des Thales.
Ihre schwellende Brust überblitzte der Thau.
Ihre Blätter glühten im hellesten Purpur des Frühroths.
Ihr vollströmender Duft lockte den Wandrer herbei.
Jünglinge liebten die Holde. Des Thales blühendste Töchter
Hingen zärtlich an ihr, staunten erröthend sie an –
Aber sie starb. Ihr Purpur erblaßte. Ihr athmender Duftkelch
[3]
Lechzte, versiegte. Verwelkt wehten die Blätter umher.
Frühlinge wurden geboren, und Frühlinge starben. Der Rose
Uranfänglicher Stoff wallt' im Aether umher.
Da beseelte des Ewigen Hauch den wandelnden Urstoff,
Hauchte Stimm' und Gesang, Leben und Lieben ihm ein.
Eine Nachtigall ward er, die liederreichste des Thales.
Durch die Weiden am Bach scholl ihr schmelzendes Lied.
Liebende wandelten horchend am Bach', und inniger schlang sich,
Wenn die Sängerinn schlug, an den Verlobten die Braut. –
Einen Frühling sang sie. Und nun verwelkte der Frühling,
Und der Sängerinn Lied scholl nicht weiter am Bach.
Mit den sinkenden Blättern entsank sie dem Aste des Baumes,
[4]
Schwebete, wallender Staub, wieder zum Aether empor.
Frühlinge wurden geboren, und Frühlinge welkten. Noch immer
Kreis'te der Sängerinn Staub hoch im Aether umher.
Wieder beseelte des Ewigen Odem den kreisenden Urstoff,
Hauchte lebendigern Hauch, edlere Schönheit ihm ein.
Und er reift' empor zu einer unsterblichen Seele
Hellem Gewande, zu dir, edle Rosa, empor! –
Sieh, ein holdes Mädchen entblühte dem Staube, mit jeder
Herzgewinnenden Huld, jeder Güte begabt.
Traulich, wie Schatten, und züchtig, wie Veilchen, und milde, wie Lenzthau,
Rein, wie der Lilie Kelch, süß, wie Narcissengedüft – –
Unter dem Auge des Himmels, und unter des irdischen Vaters
[5]
Zärtlich schirmendem Blick' knosp'te die Blum' empor.
Sechszehn Frühlinge flohn, und sechszehn Herbste verwelkten.
Jeder kehrende Lenz schwellte den knospenden Keim.
Und nun drängte die Reine in tausendblättriger Schönheit
Hocherröthend hindurch, düfteschauernd hervor.
Ihres Auges Stern umrieselte Bläue des Himmels.
Ihre Wangen umhaucht' leises Morgenroth.
Goldener Locken Geringel umfloß ihr die leuchtende Schläfe.
Leicht, wie Lüftchen des Hains, trat sie schwebend einher.
Jeglichem rührenden Laut der Lippen entbebt' Empfindung,
Und aus jeglichem Blick quoll die Seele hervor,
Ihre noch reine und unentheiligte Seele, des Schöpfers
[6]
Mildester Odemzug, einfach, edel und schlicht,
Unverkrümmt durch Thorheit, und unverdunkelt durch Launen,
Unerniedringt durch Wahn – nein, durch Demuth erhöht,
Durch Empfindung verschönert, veredelt durch Liebe zur Tugend,
Und durch Liebe zu dir, Vater des Lebens und Lichts.
Also blühte das Mädchen, und also wallt' es geräuschlos
Deinen blumigen Pfad, freudige Jugend, hinab.
Zween Abgründe belauern die Pfade des wandelnden Mädchens.
Einer der Eitelkeit, Einer des falschen Gefühls,
Aber sie täuschten sie nicht. Von Gottes Auge geleitet
Mied sie die Lockenden, ging graden sichern Pfad;
[7]
Dachte, doch ohne zu träumen; empfand, doch sonder Empfindelei;
Fühlte, doch handelte mehr; liebte, doch liebelte nicht;
Liebt' und wurde geliebt – O Tropfe der Seligkeit Gottes,
Allgeliebt, und werth, allgeliebt zu seyn!
Was beblümet die Pfade des Wallers? Was kühlet des Lebens
Brennende Schwüle? Was schafft Wetter zu Sonnenschein um?
Selig lächelnde Freundschaft, du thust es, du reichetest Rosen
Deinen goldenen Kelch perlenden Nektars voll.
Tochter des Himmels, du führtest dem Mädchen ein Mädchen entgegen,
Edel und fühlend, wie sie! zärtlich und liebend wie sie!
Und sie gewannen sich lieb mit unvergänglicher Liebe;
[8]
Wandelten Arm in Arm zwischen den Blumen der Flur;
Schmolzen Seel' in Seele bei jedem höhern Gedanken,
Jedem süßeren Bild, jedem regern Gefühl;
Spiegelten jegliche sich in ihrer Lieblinginn Antlitz;
Uebten in jeglicher Kraft, jeglicher Thätigkeit sich.
Also wallen auf himmlischen Fluren zwo ähnliche Seelen,
Trinken einerlei Kelch, athmen einerlei Duft.
Also wandelte Rosa an ihrer Amalia Armen.
Bis sie ein heißerer Arm ihrer Umarmung entriß,
Bis die Mitte des Bundes die goldenen Locken ihr kränzte,
Und das spätere Band Trennung dem frühern gebot.
Frühlinge blühten, und Sommer verreiften, und Herbste verwelkten,
Und auf Flügeln des Sturms stöberten Winter vorbei.
[9]
Und noch wallte, wie eine Erscheinung aus besseren Welten,
Reich an Tugend und That, Rosa auf irdischer Flur.
Hochauf wallte der Duft von ihrer Tugend. Zum Himmel
Rauschte die wogende Saat ihrer Thaten empor.
Aehre du neigst dein Haupt, von Segen Gottes belastet.
Reifende Frucht du entsinkst deinem Mutterast.
Also neigte sich Rosa, gereift zu besseren Welten,
Senkte öfter den Blick grabverlangend hinab.
Einen schimmernden Jüngling – es war der Engel des Mädchens,
Reiner und liebender hat keinen der Himmel gezeugt –
Sandte der Vater der Geister, die Tochter zu holen. Er schwebte
Um die Schlummernde her, flüsterte zärtlich ihr zu:
»Schwester, komm hinweg!« Da verronnen, wie rauschende Wogen,
[10]
Ihr die Sinnen. Ihr schwand Himmel und Erde hinweg.
Dichteres Dunkel umdämmert' ihr Auge. Festerer Schlummer
Ueberwältigte sie. Träume umwallten ihr Haupt,
Goldene Träume von Perlen und Kränzen und wehenden Palmen,
Von edenischer Ruh, von der Himmel Genuß.
Mit dem grauenden Morgen entfloh die entfesselte Seele,
Und ihr trümmernd Gewand ward in die Erde gesä't.
Blumen sprossen empor auf ihrem Rasen. Es klagten
Trauerharfen umher. Thränen thauten hinab – –
Und wenn meine Harfe nicht dann auf ewig verstummt ist,
Wenn das Licht des Gesangs meiner Seele noch glänzt,
Siehe, so raff' ich mich auf in meinen silbernen Locken,
[11]
Sing' ein heiliges Lied über der heiligen Gruft,
Daß ein Schauer des ewigen Lebens den Rasen umrausche,
Daß den schlummernden Staub süßerer Schlummer umfah.
Frühlinge welken zu hundert, und Herbste verrinnen zu tausend.
Reißend, donnernd und wild strudeln die Zeiten dahin –
Immer noch schlummert im Busen der Erde die heilige Asche,
Schwimmt im Sonnenstrahl, wiegt sich in wogender Luft. –
Aber nun hebt aus dem Schooße der Nacht sich ein ewiger Morgen,
Röthlich, feierlich, ernst, schön und schrecklich und hehr.
Gräber schwellen, und Urnen gebähren; aus rauschenden Feldern
[12]
Keimt unsterbliche Saat, flutet himmelempor – –
Welche himmlische Bildung, welch ein seliger Seraf
Steigt aus jener Gruft schimmernd und lächelnd hervor? –
Rosa, sey mir gegrüßt in deiner unsterblichen Schönheit.
Deinem Aug' entblitzt mehr denn sterblicher Glanz.
Mehr denn Röthe des Morgens bestrahlt dir die leuchtende Wange.
Mehr denn Westgeweh ringelt dein goldenes Haar!
Rosa, wo schwebest du hin? Durch welche Himmelreviere
Trägt dich dein Sonnenflug, leuchtender Seraf, empor?
Willst du baden im Strome des Lebens? des himmlischen Lichtes
Urquell trinken? Des Borns, welcher Vollendete tränkt?
[13]
Willst du suchen den Hain voll silberrieselnder Quellen,
Wo ins Quellengeräusch jubelt der Seligen Chor?
Willst du mengen dein jubelndes Lied in die Chöre der Feirer,
Weil, wie ihnen, auch dir Fülle der Seligkeit ward?
Fahre wohl, Geliebte! – Nun sind der Endlichkeit Fluten
Alle verflutet. Verrollt ist der Vergänglichkeit Bach.
Alle Zeit ist verschlungen, und alles Ende geendet.
Jedes Ziel ist errannt, jegliches Kleinod ersiegt.
Droben ist alles bleibend und alles dauernd, und alles
Fleucht geraden Flugs Adlerbahnen empor.
Droben wachsen die Töchter der Tugend von Schöne zu Schöne,
[14]
Klimmen von Kraft zu Kraft, reifen von Heil zu Heil,
Strömen alle vollendet zuletzt in der höchsten Schönheit
Allumarmenden Schooß allbeseligt zurück.
Die Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[15] Die Wehmuth der Erinnerung

1785.


Schöner herbstlicher Tag, dunkel und schön zugleich!
Welches heimliche Weh, welche Melankolie
Weckt dein traurendes Lächeln
In des Jünglings durchstürmten Brust!
Welk ist jegliches Grün. Jeder Gesang ist stumm.
Jeder Schimmer ist blaß, jeglicher Saft verdorrt.
Laublos trauren die Bäume.
Einsam grämt sich das Blumrevier.
Wenig schwirrendes Laub, golden und roth gefärbt,
Wenig welkendes Laub schmücket die Laube noch,
Wo ich träumend und wähnend
An Odaliens Busen lag.
[16]
Abend war es. Der Mond flimmerte durch das Laub.
Blüthen bebten im Thau. Düfte umwallten uns.
Blühender, duftender, reiner
Saß Odalia neben mir.
Hingesunken an sie, innigst geschmiegt an sie
Träumt' ich seligen Traum, schmolz in Vergessenheit,
Bis das Flüstern der Blätter
Mich dem seidenen Traum' entriß.
Itzund flüstern sie nicht. Jedes Gelispel schweigt.
Jeder Jubel verhallt. Jedes Gedüft verweht.
Schlaff ist jegliche Sehne,
Leer der Köcher der Schöpferinn.
Jede Blüthe verweht, welche der Lenz gebar.
Jede Schöne verwelkt, welche dem Staub' entsproß. –
Doch die schönere Seele
Blüht unsterblichen schönen Lenz.
[17]
Ewig jugendlich blüht meine Odalia.
Jeden kehrenden Lenz schöner und blühender.
Jeden rollenden Aeon
Reiner, edler, vollkommener!
Ewig flammet die Gluth heiliger Simpathie.
Nie ermattet der Zug, welcher mich zu dir zog,
Meine Reine, als Ahndung
Deines Werthes mein Herz ergriff.
An OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[18] An Odalia

1785.


Unser Leben verwallt, meine Odalia!
Unser Jubel erstummt, unser Gejammer schweigt,
Wie ein Lächeln im Antlitz,
Wie ein Aechzen in weiter Luft.
Tage schmelzen wie Schnee, Monden wie Schloßen hin.
Jahre schwinden wie Hauch. Wieder verrollt ist eins,
Eins der schönsten, Geliebte,
Die mir schwanden im Schwung der Zeit.
Dich, Odalia, dich führte das freundliche
Schon verscheidende Jahr mir in den heißen Arm,
Dich, du Reine und Milde,
Dich, du holde Vertrauliche!
[19]
Manches selige mal sah es mich frei und froh
Dir und Minnen am Arm wandeln auf stiller Flur,
Zwischen Blumen des Frühlings,
Zwischen Herbstes Verwelkungen.
Manches leise Gefühl färbte die Wange dir.
Manches dämmernde Weh trübte dein blaues Aug'.
Säusel faßten dich, Milde!
Stürme Gottes mich Wilderen!
Selten haucht' ich es aus, was mir den Busen hob.
Selten riß es sich los, was mir im Herzen rang.
Denn ich hass', es zu sagen,
Was der Rede zu mächtig ist.
Ohne Red' und Gesang faßt uns der Edlere.
Auch mit Red' und Gesang faßt uns der Laue nicht.
Gleichbesaitete Herzen
Ahnden, suchen, erkennen sich.
[20]
Schweigend saß ich bei dir, meine Odalia,
Stumm und staunend bei dir unter dem Bogengang,
Im Gedämmer des Abends,
Im wehmüthigen Mondenschein.
Schweigend stand ich bei dir unter den grausigen
Burggewölben. Ihr wart, grausige Trümmer, mir
An Odaliens Busen
Ein kristallenes Feienschloß.
Schweigend sahst du mich einst, moosiger Golchaberg
– Durch den herbstlichen Flor weinte die bleiche Sonn' –
Sahst mich glühend und schweigend
An Odaliens Seiten ruhn – –
Denk, Odalia, mein, wenn du auf Fluren wallst,
Wo ich wallte mit dir, unter dem Bogengang,
Durch die Flieder des Schlosses,
Auf dem heiligen Golchaberg.
[21]
Denk, Odalia, mein, bis du dich selbst verlierst,
Bis der Räuber dein Herz raubet, dem keins entrann –
Dann vergiß mich, Geliebte;
Denn ich hass' es, der Zweite seyn!
Mehr denn starrenden Frost, hass' ich den lauen Sinn.
Warm und weich ist mein Herz, trotzig und stolz dabei,
Tauscht nur Flammen um Flammen,
Wechselt Freundschaft um Freundschaft nur!
Innig giebt es sich hin, wo man sich wiedergiebt,
Schauert jähling zurück, fühlt es die Gluth verkühlt,
Bricht demantene Ketten,
Wie du Fäden versengst und brichst.
Dennoch will ich an dich denken, und bist du gleich
Längst erkaltet, noch lang' deiner Vortrefflichkeit,
Deiner Tugend und Schöne
Mich erinnern, Odalia! – –
[22]
Sey glückselig! Was ist wahre Glückseligkeit?
Reines Herzens zu seyn, schauen mit Ruheblick
In die Tage, die waren,
Und in jene, die künftig sind.
Sey glückselig! Was ist Menschenglückseligkeit?
Vollen Herzens zu seyn, off'ner und treuer Brust,
Thränen tauschen um Thränen,
Lieb' um Lieben, und Gluth um Gluth.
Sey glückselig! Was ist Wonne des Edleren?
Die glückselig zu sehn, welche ihm theuer sind. – –
Dis- und jenseit der Urne
Sey glückselig, Odalia!
Des Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[23] Des Siechen Flehgesang

1785.


Auf welchen Fluren wandelt Odalia?
In welchen Lüften athmet die Herrliche?
Wo trinkt ihr dunkelblaues Auge
Friedlich und liebend das Licht des Himmels?
O, komm in deiner rührenden Mädchenhuld!
In deiner herzgewinnenden Milde, komm!
In meinen Adern lodern Flammen.
Blitze durchzücken die freche Schläfe.
O, komm in deiner freundlichen Innigkeit!
In deiner unentheiligten Reine komm! –
Denn deine Stirn' umleuchtet Ruhe.
Heilung entträufelt den Honiglippen.
[24]
Ein Augenblick Hinsinkens an deine Brust,
Ein Augenblick Umfangens von deinem Arm,
Erlabt mich, wie dein Flügelwehen,
Engel der himmlischen Wiedergenesung.
Der Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[25] Der Jüngling von Nain

1787.


Das Haupt gesenkt, die Wange lilienbleich,
Saß Zidli staar und stumm. In halbverwehrter Töne
Gewimmer trug man ihn, den Einzigen der Söhne,
Ins freundenlose Todtenreich.
Dumpf hallte noch der Träger letzter Tritt
Der Mutter in das Ohr, und perlenhelle Thränen
Entstürzten ihrem Aug'. »So – ewig du mein Sehnen,«
Rief Zidli, »wallst du mit?
Du wallest mit, und wie ein stablos Rohr
Der Wüste beuget mich der Sturmwind grasser Schmerzen,
Der Wandrer tritt auf mich mit mitleidlosem Herzen;
Denn nimmer hebst du mich empor.«
[26]
Sie sank zurück. Der Lippen Purpurroth
Erblich. Ihr letzter Laut erstarb. Und düstres Schweigen
Umhüllt sie, öde Ruh', und lebensmüdes Neigen
Hinab in Nacht und Grab und Tod.
Indessen war bei schwuler Sommerluft
Der Feierleichenzug bis vor das Thor gekommen.
Ein Chor von Jünglingen, von Jungfrau'n und von frommen
Wallfahrern wallte mit zur Gruft.
Hoch ragte sie in weißem Leichgewand
Empor, den Schlaf umkränzt, die schöne Jünglingsleiche –
Ich mag, ich mag nicht sehn der Wangen Schauerbleiche,
Nicht sehn die lebenlose Hand.
[27]
Und hold und hehr, von Jüngern rings umdrängt,
Naht Jesus Christus sich voll Hoheit und voll Milde.
Er sieht die Leiche, sieht die Mutter, hört das wilde
Gejammer, das die Wolken sprengt.
Sein göttlich Herz zerschmilzt. Sein nasser Blick
Schau't flehend himmelan. Er heißt die Träger stehen,
Und ruft den todten Funken aus der Himmel Höhen
Aus seines Vaters Schooß' zurück.
Der Funke kehret – glimmet – lodert – sieh!
In helle Flammen auf – der Todte lebt! Ich sehe
An seiner Mutter Hals ihn stürzen! – Wonne! Wehe!
Schweig, Saitenspiel, du singst es nie!
[28]
Die Schaaren staunen! starren! – Plötzlich stürmt
Der Freude Donnerruf empor zum Himmelbogen.
Der wilde Jubel ras't und braust, wie Meereswogen,
Wenn sie die Kraft des Orkans thürmt.
FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[29] Frühgesang

1787.


Der Aufgang flammt. Der Abend steht düsterblau.
Der Mond hangt bleich am Himmel. Im fernen Ost
Erblühn des Morgens junge Rosen,
Röthlich und trüblich wie Rosa's Wangen.
Erwacht ihr Leben alle! Lobsingt dem Herrn!
Lobsing' ihm Lerche, Drossel und Nachtigall!
Brüllt euren Dank ihm, satte Heerden!
Wiehert ihm, Rosse, und rauscht ihm, Adler!
Neig' ihm die Häupter, wallender Aehrenwald!
Hauch' ihm Gerüche, thymianreiche Flur!
Erdampft ihm, Wiesen! Flüstert, Haine!
Rieselt, ihr Quellen, und donnre, Weltmeer!
[30]
Erwach' in deiner Schöne, Holdselige!
In deiner Strahlenfülle, Goldlockige!
Erwach' und schüttle, Sonne Gottes,
Segnend den Thau aus den gold'nen Locken!
Schau, sie erwacht! Wie rollt sie den Flammenblick!
Wie glüht ihr Heldenantlitz! – Wie liegt die Erd'
Anbetend vor ihr, schauert Düfte,
Blitzt ihr Entzücken, und jauchzt ihr Jubel!
Kraft meines Geistes, schwinge dich, Ewige!
Schlag meines Herzens, schlage gewaltiger!
Rauscht feierlich, meine frommen Saiten!
Jauchzt in den Jubel der Morgenschöpfung!
Wem tönt mein unentheiligter Frühgesang?
Wem flammt die Flamme meiner entbrannten Brust? –
Urschöner, dir! und deiner Schönheit
Lichtestem, holdestem, hellstem Abglanz.
[31]
Wem weih' ich diese trauten Vergißmeinnicht?
Die erste, Unvergeßlicher, weih' ich dir!
Die zwote deines reinen Odems
Reinster, unsträflichster, schönster Tochter!
An Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[32] An Rosa

1787.


Rosa, denkst du an mich? Innig gedenk' ich dein.
Durch den grünlichen Wald schimmert das Abendroth.
Auf den Wipfeln der Tannen
Rinnt das Säuseln des Ewigen.
Rosa, wärst du bei mir, säh' ich das Abendroth
Deine Wange beglühn, sähe den Abendhauch
Deine Locken durchrieseln –
Edle Seele, so wär' mir wohl!
Lieber lehn' ich an dir, als an der Einsamkeit
Trautem Busen. Mir klingt süßer der Flötenton
Deiner klagenden Stimme,
Als das Säuseln im Tannenhain.
[33]
Oft umfingst du mich, meine Holdselige,
Mit vertraulichem Arm, wenn ich an deiner Brust
Melancholischen Frieden
Schwärmens müde mich rettete.
Jedes leisere Weh, jedes verschwiegne Ach,
Das den Busen mir preßt, haucht' ich dir öfter aus,
Schöpfte freieren Odem,
Klomm heroischer felsenan.
Nie soll darum ein Freund meiner holdseligen
Rosa ermangeln, und nie Mild'rung ihrem Gram!
Nie sey trostlos ihr Leiden!
Ihre Urne nie blumenleer!
Die Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[34] Die Gräber von Dustra

Eine Kunde der Vorzeit.


1787.


In Osten erwacht der Tag. Die Wolken glühen in seinem Strahl. Des Himmels düstres Blau erdämmert. Blaß ist die Wange des Mondes. Die Augen der Sterne funkeln matter. Sie bleichen, sie schwinden hinweg vor der Glorie der kommenden Sonne. – Erscheine, Sonne, in deiner Kraft! Goldlockige Himmelstochter, erscheine!

Schau, sie kömmt! sie kömmt! ihr Antlitz ist röthlich und schön. Gelb sind die Locken ihrer Jugend. Holdselig blickt sie hinter dem Nebelschleier. Die Nebel rollen schauernd zurück. Die Wolken fliehen schüchtern hinweg. Die Kraft des Ozeans brüllt Die Berge zeigen ihre Schneewipfel, [35] und die schweigende Ebene glänzt. Gesegnet sey dein Strahl, o Sonne! Er gleitet durch mein enges Fenster, und vergoldet die Wände meiner Halle.

Allein bin ich in der öden Halle. Fern ist mein grauer Vater. Fern sind die Gefährten meiner Jugend. Fern ist das Mädchen meiner Liebe, meine sanfterröthende Rina, mit ihrem schüchternen Blick, mit der Milde ihrer schmachtenden Augen. Viel und schwer sind ihres Busens Seufzer. Ihre Arme sind ausgestreckt durch die Nacht, und ihr Traum ist von dem Jüngling ihrer Liebe.

Allein bin ich in der öden Halle. Keines Freundes Stimm' erklingt mir. Kein Gesang der Söhne des Liedes – Komm herab von deiner Säule, meine Harfe! Ich fühle meine Seele entbrennen. Das Licht des Gesangs bestrahlt sie, wie die Sonne die Ebne bestrahlt. Ich sehe die Helden der Vorzeit, Führer, die in ihrer Jugend fielen, und Mädchen, die um ihre Gefallenen trauerten. Komm herab von deiner Säule, meine Harfe! Ich will singen die Kunde der Wehmuth, und die Tochter des Gesanges soll mich hören.

[36] Sulvina, Tochter des Gesanges, willst du hören die Kunde der unglücklichen Mora? – Oft hab' ich deine Stimme gehört. Sie schmolz mich in die Wonne der Wehmuth. Wenn du das Lied der Gräber anstimmtest, kam Dunkel in meine Seele. Wenn du den goldnen Morgen grüßtest, frohlockt' ich in der Fülle meines Lebens. – Höre Mora's Schicksal, der Jammervollen! Das Lied ist sanft, aber traurig.

Wer auf jenem Hügel ist das? Am Ufer der meerbespülten Dustra. Eine Eiche rauscht zu ihren Häupten. Wogen tummeln zu ihren Füßen. Wirbelwinde heulen über die See. Und der schäumende Ozean brüllt – Wer sollt' es seyn, als Mora? – Das Mädchen der Nebelinsel – Die Liebe Morglans, des Fürsten von Dustra. Er war gegangen auf die Jagd der Wölfe. Er hatte verheißen zu kehren von der Jagd, eh' Abend die Ebne schwärzte. –

Lang' zuvor, eh' Abend die Ebne schwärzte, saß Mora harrend am Ufer. Die Sonne war gesunken zu ihrer Ruhe. Noch spielten ihre Strahlen auf [37] dem Wasser. Noch glühten die Berggipfel in ihrem Golde. Röthlich stand der ferne Westen, und schimmerte durch den düsterblauen Wald. Mora saß allein am Ufer. Ihre blumige Wange brannt' im Abendroth. Ihre goldnen Locken floßen im Abendwinde. Schwere Seufzer hoben ihren hohen Busen. Ihr Seufzen war um den Jüngling ihrer Liebe. Ihr Rufen war um den wogengebornen Morglan.

»Die Sonn' ist zur Ruhe gegangen. Der Abend entwallt den Höhen. Des Meeres Antlitz verfinstert sich. Der düstre Wald steht schwarz. Morglan, du verzeuchst zu kommen. Deine Mora trauert allein. Zu meinen Häupten rauscht die Eiche. Zu meinen Füßen spielen die Wogen. Der hohle Wind seufzt in meinen Locken. Morglan, du verzeuchst zu kommen.«

»Jäger des waldigen Dustra, welch ein Lichtstrahl bist du Mora's Seele! Deine Schritte sind stattlich auf dem Hügel. Dein Wuchs ist lang und schlank. Dein Antlitz wie der steigende Mond. Dein Aug' eine Wetterflamme, furchtbar dem Feind' in der [38] Schlacht, aber süß und gewünscht dem Mädchen deiner Liebe. – Jäger des waldigen Dustra, ich harr' auf dich, ich schmachte nach dir, ich sieche vor Sehnsucht und vor Liebe. – Morglan, warum verzeuchst du zu kommen?« –

»Jüngling mit dem gelben Haar, vergaßest du deiner Vielgeliebten? Hat die Jagd des Wolfes dich verlockt? Ist Goor, der Schreckliche, dir begegnet? In Wahrheit, mein Liebling ist verirrt. Er ist gehemmt im Lauf seiner Liebe. – Er würde Mora nicht allein gelassen haben in der Dunkelheit am Ufer der See. – Jüngling des edelmüthigen Herzens, meine Seele ängstet sich ob deinem Fall. – Und wenn du fallen solltest, edler Morglan, was wird aus deiner Mora werden?«

»Dunkler und dunkler wird die Nacht. Alle Schimmer in Westen sind erloschen. Der Mond ist verloren vom Himmel. Die Sterne lauschen heimlich in ihren Kammern. – Zerreiß die Wolken, o Mond, daß mein Jäger den Pfad der Liebe finde! Zeigt eure grünlichen Häupter, ihr Sterne, und leitet meinen Wandrer zu meinem arbeitenden [39] Busen! – Morglan, du verzeuchst zu lang'! Meine Seele ängstet sich ob deinem Säumen.«

»Dunkler und dunkler wird die Nacht. Die Wolken fliegen. Der Sturm ist auf! – Weh mir! Es blitzt. – Dumpf grollt der Donner auf den Bergen. Wild rasseln Hagelwetter auf meine Eiche nieder. – Weh mir! Mein Morglan ist nicht mehr! Er ist gefallen in der Blume der Jugend! Er würde Mora nicht allein gelassen haben, allein am wilden Ufer, verloren in der Nacht der Stürme.« – –

»Der Sturm zerreißt die Wolken. Er jagt sie drängend hinter die Berge hinunter. Des Mondes Antlitz erscheint. Tonthena enthüllt ihr rothes Auge. – Wer rauscht durch den Wald? Ist es mein holder Jäger? Das ist nicht der Jäger von Dustra. Sein Antlitz ist wild und wolkig. Sein Auge düsterbrennend unter der dräuenden Braue. Wer bist du, Nachtsohn? du erschreckst die einsame Mora.« –

»Und kennst du Wustrons Fürsten nicht, den starken Goor mit dem Arm des Todes? Mein [40] Schwert ist ein Blitzstrahl. Meine Stimme wie der Donnersturm. Viel sind der Schlachten meines Arms, und mein Name lebt im Liede. – Tochter des wogengebornen Mora's, wie so allein am Ufer? Wie so verlassen in der stürmischen Nacht? Lang', meine Holde, sucht' ich dich. Meine Seele ist entzückt, dich zu finden – – Mora, du bist die Liebe des starken Goor.« –

»Bin ich die Liebe des starken Goor? – Düstrer Goor, du bist nicht die Liebe Mora's. Mein Geliebter ist ein Sohn des Hügels, ein Jüngling mit Schneebrust, und mit gelbem Haar. Morglan, du Erster der Menschen, du allein bist meines Busens Seufzer. Meine Arme suchen dich im Schlaf. Mein Traum ist von deiner süßen Umarmung. – Und immer noch verzeuchst du, mein Trauter? Wie lange soll Mora harren?«

»Lang' soll sie harren! sprach Goor. Hier am Speer ist sein Blut. Ich hab' erschlagen deinen holden Jäger. Er wagte, meinem Grimme zu trotzen. Aber ich traf ihn, wie der Donnerkeil. Seine Schneebrust ist beströmt mit Blut. Seine gelben Locken [41] fegen den Boden. – Lang' magst du harren auf Morglan – Morglan liegt tief im Staube.«

»Und hast du meinen Liebling erschlagen, du blutiger Mann? Und wird mein edler Morglan nicht mehr erwachen? – Morglan, ich ahndete deinen Fall! Ich will dir folgen in dein enges Haus. – Thürmet seinen Hügel noch nicht, seine Freunde! Verzieht noch heut' und morgen! So mögt ihr Einen Hügel thürmen für Mora und für Ihn.«

Sie weinte, die tiefgeschlagene Mora. Thränen badeten ihr blaues Aug', und Thränen die Rose ihrer Wange. – Goor, den Schrecklichen, jammerte das weinende Mädchen. Sein düstres Antlitz ward noch düstrer. Die Flamme seines Auges matter. Sein eisernes Herz schmolz. Kraftlos stand er vor ihr, und der Speer zitterte lose in seiner Hand.

Sie sah ihn, gebändigt in seinem Grimm. Sie entriß ihm den zitternden Speer, und stieß ihn tief in seine starke Seite. Er fiel, dumpf tösend, wie die Eiche, die der Blitz trifft. Die Hügel schütterten [42] unter ihrem Fall. Schlummernde Wandrer fahren jähling auf, und beben.

»Tochter Mora's, du tödtest mich. Du hemmst den Schwung meines Ruhmes. – Und ich that dir kein Leides, Mora. Ich erschlug deinen Liebling nicht. Das Blut auf meinem Speer ist nicht seins. Es ist das Blut der Keuler des Waldes. Ich that dir kein Leides, Mora, und ich muß fallen in meiner Jugend. – Kalt ist der Stahl in meinem Eingeweide. Zeuch mir den Stahl aus der Seite, Mora! Er ist so kalt!« –

Sie nahte sich ihm in all ihren flutenden Thränen. Sie zog ihm den Stahl aus der Seite. Er erhascht' ihn, und stieß ihn ihr tief ins Herz. – Sie sank, sie fiel am Ufer. Ihre rosige Wang' erblass'te. Ihr sonniges Aug' erlosch. Sie schloß die goldne Wimper, und öffnete sie nimmer wieder.

Morglan war nicht erschlagen von Goor. Er war verirrt auf der Jagd der Wölfe. Als die Sonn' in die Fluten sank, als der Abend die Ebenen verfinsterte, gedacht' er seines harrenden Mädchens, und hörte auf, das Wild zu verfolgen. – Aber [43] weit und pfadlos war die Wildniß. Die Stätte der Liebe fern. Und die schattende Nacht sank vom Himmel.

Er erklomm einen schroffen Felsen. Er schaut' umher. Er horcht' umher. Nichts sah er, als die Bäume des Waldes. Nichts hört' er, als das Brüllen der See. Laut scholl sein Rufen durch den Wind, laut die Antwort des Wiederhalls.

»Mora, wo bist du, meine Theure? Wo in den Strahlen deiner Schönheit? – Meiner Seel' ist bang' um Mora, daß sie muß sitzen allein am schäumenden Ufer, und auf ihren verirrten Liebling warten. – Mora, Mora, ich bin's, der dir ruft. Hörst du nicht meine Stimme? Antwortest mir nicht vom hallenden Ufer?«

»Lauter und lauter brüllt der Wind. Wilder und wilder stürmt die Woge des Ozeans. – Schweig eine Weile, o Wind! Seyd still' eine Weile, ihr Wogen! Daß meine Liebe mich am Ufer höre! Da sie sich freue der Stimme ihres Jägers, und mir antworte von ihrem einsamen Hügel.«

»Finstrer und finstrer wird die Nacht. Die [44] Wolken thürmen sich am Himmel. Kein Mondstrahl, zu leuchten meinem Pfade! Kein Sternlein, zu richten meinen Lauf. – Blitz' erglimmen. Donner grollen über die See. Hagel entrasselt der Wolke. – Weh! meine geängstete Mora! Wer wird sie trösten in der Nacht der Schrecken? Wer wird sie schirmen vor der Wuth der Wetter?«

»– – Ha! welch ein wandelnder Schatten ist dies? Sein Angesicht ist hold, aber traurig. Blaß seine Wange. Dunkel sein Auge. Sein weißer Busen träufelt Blut. – Meine Seele bebt in Ahndung. – Rede, du dunkle Gestalt! Bist du ein Kind der Luft? – Bist du der Geist meiner weißarmigen Mora?«

Es sprach. Es wisperte durch den Wind. Die Stimme war hohl und schwach, wie Lüftchen, die im Schilfe säuseln. – »Rufe Mora nicht, mein Jüngling! Harr' auf Mora nicht, mein Trauter! – Morglan, ich bin gefallen in meiner Schöne. Komm, mich zu umarmen auf meinem Staubbett.«

Es schwamm, es schwand hinweg, wie Nebel vor dem Hauch des Windes. Morglan stand ergriffen [45] von Grausen, und seine Hunde krochen bang' zu seinen Füßen. – »Und bist du gefallen, du Erste der Mädchen? Bist du gefallen in der Blume der Jugend? – Ja, ich will hingehn, wo du liegst. Ich will dich umfangen auf deinem Lager von Staub.«

Er stürmt hinan in seinem Schmerz. Seine Doggen vorauf witterten die Stätte des Jammers. Ein jählinger Windstoß enthüllte den Mond. Die Stätte des Jammers erschien. Mora im Staube. Ihre goldenen Locken flutend um sie her. Ihre Arme ausgebreitet über den Boden. – Morglan stand in schweigendem Gram. Er sank nieder an ihre holde Brust. Sie war weiß, und kalt, wie Schnee. Goor, in letzten Zügen zuckend, ermannte sich bei dem Geräusch. Noch einmal erwacht er aus dem Schlaf des Todes. Noch einmal öffnet er die schweren Wimper. Er erkannte den Feind seiner Seele. Er fühlte seinen kehrenden Grimm. Er sammelte seine fliehende Kraft, und durchbohrte Morglans Seite. – Morglan fühlte die Todeswunde. Er umklammerte die kalte Mora, und [46] »Willkommen!« sprach er, »auf deinem Bett' von Staub. Willkommen, meine geliebte bleiche Braut. – Wir sind vereint auf ewig!« –

Mit dem grauenden Morgen fand man die Edlen entseelt. Ihre Gräber wurden am Ufer gethürmt. Zu ihren Häupten drei rauschende Eichen. Zu ihren Füßen drei bemooste Steine. – Der Jäger verweilt hier gern, und gedenkt des Paars der Liebe. – Zuweilen wandeln Dustra's weißbusige Töchter hier, und singen den Gesang des Grabes:

»Gesegnet sey eure Ruh' im Grabe, ihr Bewohner des engen Hauses! Morglan, der Menschen Erster! Mora, du Erste der Mädchen! – Er war ein Blitz des Himmels. Sie war ein Sonnenstrahl auf der Heide. – Morglan und Mora, getrennt im Leben, wurden vereinigt im Tod' auf ewig. – Gesegnet sey eure Ruh' im Grabe, ihr Wohnenden im engen Hause!«

Sulvina, Erste der Mädchen, ich habe die Gräber der Todten gesehn. Ich hab' ihnen die Thräne der[47] Wehmuth geweint. – Wein' um die Wohnenden im Grabe, Tochter des Gesanges, weine! Unser Loos wird seyn, wie ihres. Wie ihrer harrt unser der Tod.

Noch frohlock' ich im Stolze meiner Jugend. Meine Seel' ist ein Feuerstrahl. Meine Hand ist mächtig auf der Harfe. Viel sind der Lieder meiner entflammten Seele. Mein Name verrollt nicht mit der großen Flut. – Aber, ach! wie lang'! Und das Mark meiner Jugend wird schwinden. Der Blitz meines Auges wird erlöschen. Meine Stimme wird schweigen im Felde. Meine Harfe modern im Staube! – Der Wandrer wird kommen, und fragen: Wo ist Telynhard, des Liedes Sohn? – Wandrer, sein Lied ist erstummt! Er ruhet schweigend in der Nacht des Grabes.

Sulvina, du Erste der Mädchen, du bist ein Sonnenstrahl auf duftiger Heide. Röthlich sind die Wangen deiner Jugend. Mild sind die Blicke deines Auges. Dein Gesang ist sanft und traurig, wie Lüftchen, die um Gräber lispeln. – Jahre verrollen in ihrem Lauf. Sie werden dich suchen, [48] und dich nicht mehr finden. – Stumm ist die Tochter des Gesangs. Ihre Schönheit ist verwelkt im Felde. Niedrig ist das Kissen ihrer Ruhe. Tief ihr Schlummer im Staube.

Wein' um die Wohnenden im Grabe! Tochter des Gesangs, weine! Unser Loos wird seyn, wie ihres. Wie ihrer, harrt unser der Tod! –

Wallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

Wallder und Oda

[49]

Wallder und Oda

1788.


Oda, Oda, meine Früherwählte,
Meine Lang'verlobte, meine Neuvermählte,
Meine Eine, Eig'ne, Einzige!
Horch, sie schlägt, die heißersehnte Stunde.
Ew'ge Weihe winket unserm Bunde.
Wonne wird der Sehnsucht schmachtend Weh.

Oda.

Wallder, Wallder, welche süße Trauer
Ueberwölkt mich? Welche Wonneschauer
Ueberglühn dein Mädchen Guß auf Guß!
Ueberwunden, Wallder, überwunden
Sind der Treue schwüle Prüfungsstunden,
Und ich küsse dich mit Gattinnkuß!
[50] Wallder.

Also, Theure, bist du mein auf immer!
Mein für Zeit und Ewigkeit! und nimmer
Reißt mich Zeit und Ewigkeit von dir?
Oda.

Dein, Geliebte, bin ich, dein auf immer!
Dein vor Welt und Himmel. Nimmer, nimmer
Trennen Welt und Himmel mich von dir!
Wallder.

Aber Oda, meine Oda, sage:
Wirst du nach, wie vor dem Bundestage,
Mich auch lieben voll so lieb? so warm?
Oda.

Wallder, Wallder, du mein Früherwählter,
Du mein Lang'gewünschter, du mein Neuvermählter,
Deine Frage weckt mir leisen Harm.
Ahndet' ich nicht deines Geistes Tugend
Schon im Knospen meiner Rosenjugend,
[51]
Schloß mich fest an dich, Geliebter, an?
Wies zurück des Heuchlers süßlich Heucheln,
Blickte Hohn des Schmeichlers ekelm Schmeicheln,
Hing an dir, du deutscher g'rader Mann?
Weiht' ich dir nicht meine schönsten Kräfte?
Dachte dein in meinem Taggeschäfte,
Dein, wenn Schlummer meine Wimper schloß?
Dein, sobald des Morgens Rosenschimmer
Mich umstrahlten? dein, wenn seine Flimmer
Blaß der Vollmond in mein Fenster goß?
O, wie oft, an deine Brust gesunken,
Und vom Kelch der Liebe wonnetrunken,
Sehnt' ich mich, erst ewig dein zu seyn!
Heute, heute hab' ich dich erwunden!
Und vollendet sind der Prüfung Stunden,
Und mein Wallder ist nun ewig mein!
[52]
Wallder, Wallder, du mein Theu'rerrung'ner,
Mein Nunganzumfang'ner, mein nun Ganzumschlung'ner,
Und du fürchtest, deiner Gattinn Arm
Werde minder innig dich umschmiegen?
Minder traut ihr Herz sich zu dir fügen?
Ihre Brust dir klopfen minder warm?
Wallder, nein! Mit jedes Morgens Sprießen
Will ich inniger mich an dich schließen!
Will mich näher dir, mein Edler, nahn!
Wie die Rebe um den Ulmbaum ranket,
Mit ihm steigt und mit ihm niederschwanket,
Will ich dich in Freud' und Leid umfahn.
Fest mich lehnend, Freund, an deine Rechte,
Will ich mit dir durch des Lebens Nächte,
Und des Todes Grauenthale gehn;
Nimmer von dir wanken, nimmer von dir lassen,
Dir am Busen athmen, dir im Arm' erblassen,
Dir zur Seite schlummern, mit dir auferstehn.
[53] Wallder.

Halt, Geliebte! Deine Lieb' und Treue,
Warm, wie Frühlingsodem, rein, wie Tempelweihe,
Uebermannet meine Männlichkeit.
Deine Lieb' ist stark, wie Mark der Jugend,
Seelelabend, wie der Wein der Tugend,
Unverletzlich, wie ein Altareid.
Welcher Friede, meine Vielgetreue,
Welcher Freuden ungebroch'ne Reihe
Harret mein an deiner treuen Brust!
Mögen Menschen und Verhängniß schmollen!
Mögen Stürme stürmen! Mögen Donner grollen!
Dir am Busen blüht mir Trost und Lust.
Dir am Busen wär' die Welt voll Mängel
Mir Elisium, der Mensch mir Engel
Und das Leben mir ein Jubelreih'n;
Wenn mich nicht der Nachtgedanke trübte,
Meine Oda, daß auch die Geliebte,
Und die sel'ge Liebe sterblich sey'n!
[54] Der Dichter.

Sollte Liebe mit dem Staube modern?
Ihre Flamme kerzengleich verlodern?
Ihre Blüthe Blättern gleich verblüh'n? –
Liebe, die in Herzensreinheit flammet,
Liebe, die aus bessern Welten stammet,
Mag nicht gar verlodern, mag nicht gar verglüh!
Zwar das Auge, das Empfindung blicket,
Zwar die Hand, die simpathetisch drücket,
Zwar der Mund, der Liebe lispelte, wird Staub.
Und der Unschuld helle Morgenröthe,
Und die Jugend, die Verschonung flehte,
Wird des mitleidslosen Würgers Raub.
Aber – Lichtgedanke! Wonneglaube! –
Aus des Aschenkruges stillem Staube
Windet sich ein lichter Funke los,
Schwingt sich über Grab und Grabestrümmer,
Ueber Aldabarans Flammenschimmer
In der ew'gen Liebe sichern Schooß.
[55]
Liebe rauscht in Edens hellen Palmen.
Liebe jubelt in des Serafs Psalmen,
Ueberblendet der Verklärung Glanz.
Lieb' ist Puls und Herz der Welten alle,
Schürzet Siebensterne, ballet Sonnenballe,
Flicht die Schöpfungen in Einen Kranz.
In des Kranzes duftigem Gewinde
Thronet Gott der Liebe, mild und linde.
Seine Braut ist die Unendlichkeit.
Seinem Liebesblick entglimmen Sonnen.
Seinem Inbrunstkuss' entsäuseln Wonnen,
Und umfluten seine Schöpfung weit und breit.
An Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[56] An Charlotte Schwarz

Blumen sucht' ich meiner Holden,
Blumen unter Schnee und Schloßen.
Doch der hochgeschwoll'nen Dolden
Fand ich keine noch erblüht.
Hyacinthen fand ich schossen,
Krokos, Primeln kaum erst sprossen.
Nimm denn, Traute, was die Noth beschied,
Nimm dieß Buch, dieß Band, dieß Lied!
In des Büchleins Silberblättern
Hörst du itzt ein Heimchen schwirren.
Itzt den Sprosser gellend schmettern,
Itzt den Bach, der schwatzend rollt.
[57]
Nie verlocken, nie verirren
Wird dich dieser Zither Girren;
Unentheiligt klingt ihr bebend Gold:
Darum sey dem Büchlein hold!
Dieses Gürtels Goldgewinde
Wird dich, Beste, nicht entstellen.
Heilig ist das Angebinde,
Heilig aus des Dichters Hand.
Seiner Schleifen lose Wellen
Laß um deine Hüften schwellen!
Ehre, Freundinn, in dem armen Band'
Edler Freundschaft Unterpfand!
Doch, des Dichters beste Habe,
Seines Geistes süße Weide,
Seiner Freundschaft schönste Gabe
Ist der heilige Gesang.
Dieser adelt seine Freunde,
Tröstet ihn im Lebensleide,
Kühlt ihn in der Leidenschaften Drang,
Sichert ihm der Enkel Dank.
[58]
Also flötet Philomele,
Wenn die Abendwolken blühen;
Flammen strömen in die Seele,
Und der Brust entstöhnt ein Ach!
Also zittern, also glühen,
Wenn des Liedes Strahlen sprühen,
Fromme Herzen, schlagen heißern Schlag,
Und die Thräne stürzet nach.
Kennst du, Freundinn, wol die Feien,
Die des Mädchens Herz bewachen?
Jene Guten, jene Treuen,
Die, aus Eden hergesandt,
Der Entschlaf'nen Kühlung fachen,
Die Erwachende umlachen,
Und die Tappende mit treuer Hand
Leiten in das bess're Land?
Einfalt mit dem Taubenmuthe,
Unschuld mit der Lammesblöde,
Anmuth mit dem Schäferhute
Diese sind der Jungfrau hold.
[59]
Sorgsam leiten sie die Blöde,
Durch des Lebens Wüst' und Oede,
In das Land, wo keine Thräne rollt,
Keine Tücke schmollt, noch grollt.
Sahst du wol die Einfalt sitzen,
Fremd dem modischen Getändel,
Fremd dem Plutz' von Flor und Spitzen,
Unterm niedern Halmendach?
Ihr Parfum ist Wiesenquendel
Und die Blüthe der Lavendel,
Ihre Zierde die Viol' am Bach',
Ihr Concert der Wachtelschlag.
Willst du schau'n der Unschuld Züge?
Leise, leise, wie auf Socken,
Nahe dich der kleinen Wiege,
D'rin der holde Säugling ruh't!
Ihn umringeln blonde Locken,
Wie der Schlüsselblume Glocken.
Still in blauen Adern fließt sein Blut,
Weil er schuldlos ist und gut.
[60]
Siehst du dort bei Kerzenglanze
Nymphenhaft die Anmuth schweben,
Itzt im ernstern Feiertanze,
Itzt im raschern Ringelreih'n?
Dieses Sinken, dieses Heben,
Dieses Wallen, dieses Weben,
Dieser hohe Rythmus ist allein
Inn'rer Schönheit Widerschein –
Die ihr unversöhnlich hasset,
Euch der Schuld zu offenbaren,
Aber gern euch schauen lasset
Ungefälschtem, reinem Sinn:
O ihr Treuen, o ihr Wahren,
O ihr Himmlischen, ihr Klaren,
Leitet freundlich meine Lieblinginn
Durch des Lebens Irren hin!
In des Frühroths lichtem Schimmer,
In des Spätroths blassem Golde
Wandle friedlich, meine Holde,
Auf der Freude Rosenspur!
[61]
Fern vom kerzenhellen Zimmer
Ruhe gern im Sterngeflimmer
Auf dem Teppich der beblümten Flur,
An dem Busen der Natur!
Wenn zu brausend und zu lüstern
Dir der Freude Becher blinket,
Lausch' auf jener Stimme Flistern,
Die in deinem Busen spricht!
Wenn die Sünde kosend winket,
Wenn die Schwachheit schwankt und sinket,
Höre du den ernsten Ruf der Pflicht,
Höre sie und wanke nicht!
Würzig dufte, rosig blühe,
Eine schimmernde Aurore,
Deines Lebens süße Frühe,
Bis dir winkt die ernstre Pflicht;
Bis die hochzeitliche Hore,
Hold wie Hebe, frisch wie Flore,
Dir mit hocherröthendem Gesicht
Myrthen um die Locken flicht!
[62]
Keines Unmuths Wölkchen trübe
Deiner Zukunft glatten Spiegel!
Wandl' im Schirm der ew'gen Liebe,
Bis dein Mittag Abend wird!
Schwinge, Psyche, nun die Flügel,
Während um den stillen Hügel
Melancholisch die Cypresse schwirrt,
Und ein Täubchen einsam girrt!
Das EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[63] Das Echo

Echo, Echo, du Wiederhall aus Maalen der Vorzeit,
Welcher Erinn'rungen Flut reget dein magischer Laut?
Grauer Rousseu, so scholl aus den Tagen dämmernder Kindheit
Dir ein schmeichelnder Laut in das verödete Herz.
EusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[64] Eusebia

Wem, o Freundinn, als dir, die du den einsamen Waller
Auf der Reis' in das Grab leitest mit freundlicher Hand,
In den einsamen Weg manch duftendes Blümchen ihm streu'test,
Aus dem Antlitz' ihm bogst manchen verwundenden Dorn;
Die du, sorgsam den Frieden der eigenen Seele bewahrend,
In des Gefährten Brust öfter die Stürme beschworst,
Jede Schickung ertrugst mit überwindender Liebe,
[65]
Immer wahr und treu, jegliche Prüfung bestand'st;
Die du uns, Beste, umschlangst mit dieser Blumenguirlande
Knospender Menschen, – sie pflegt liebend der Strahl und der Thau.
Horch, wie jauchzen die Frohen! Wie stürmen die Freudigen, siehe!
Diese mit Anmuth geschmückt, jene gerüstet mit Kraft!
Zwischen den Lilien spielt, selbst Lilie, unsre Allwine,
Hinter dem Schmetterling jagt Gottfried, der Schmetterer, her;
Während am Saume der kosenden Mutter sich Julie anschmiegt,
Und in dem Schooß', der ihn trug, lächelnd Emilius ruht –
Edele, Anspruchlose, Demüthige, Friedliche, Stille,
Wem, Geliebte, als dir, sollt' ich Eusebien weih'n!
[66]
Hast du Eusebia wol, die Tochter des Himmels, gesehen?
Zu den Hütten des Grams stieg sie erbarmend herab.
Ihre Lippen umfließt ein trostverkünendes Lächeln;
Ihrer Augen Gewalt mildert der Menschlichkeit Thau.
Freundlich leitet und sicher die Hohe den tappendrn Wandrer
Auf der Pflicht und des Rechts steilen Pfaden hinan;
Leuchtet im Nebel des Meinens ihm vor mit der Lampe des Glaubens;
Rettet auf schmalen Steg' ihn durch die Sümpfe des Wahns,
Mahlt ihm in jegliche träufelnde Wolke den Bogen des Friedens,
Färbet mit Lasur und Gold jeden zerfließenden Duft;
Und wenn hinter die Gräber die Sonne des Lebens hinabsinkt,
[67]
Wenn erebische Nacht um die Erblindenden starrt,
Zeigt sie der Ewigkeit Riesenscheitel uns funkeln im Goldglanz'
Einer Aurora, die dir, Insel der Seligen, strahlt.
Mög' Eusebia uns durch's trübe Leben geleiten!
Möge sie Kühlungen uns weh'n in der Schwüle des Tag's,
In den Frösten der Nacht uns decken mit wärmendem Fittig,
Uns in der ehernen Schlacht wapnen mit ehernem Muth!
Möge sie letzen das Sehnen des schwerbefriedigten Herzens,
Möge sie schlichten den Streit zwischen dem Nicht-Ich und Ich!
Wenn der Vergangenheit Leichenflor die Gegenwart einhüllt,
Wenn die Gegenwart selbst schwindelt am Rande der Zeit,
[68]
Möge die Gütige dann den dichtgewebeten Schleier,
Welcher die Zukunft deckt, lüpfen mit freundlicher Hand;
Daß, umgossen vom Glanz des nie erblassenden Frühroths,
Von Accorden umtönt, welche kein Mozart vernahm,
Von Gestalten begrüßt, die keine Angelika mahlte,
Ueber die Sterne hinaus schwebe der trunkene Geist!
Friede, Beste, mit dir! Mit unsern Lieblingen Freude!
Deine Liebe dem Mann, der dir Eusebia weiht!
An Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[69] An Juliens Grabe

Welches Säuseln regt die Espenwipfel?
Welches Flistern spricht im Fliedergang?
Durch der Pappeln mondbestrahlte Gipfel
Schwirrt verwehter Stimmen Widerklang.
»Julie!« ächzt es in den regen Blättern;
»Julie!« in der Wachtel hellem Schmettern;
»Julie!« in des Rohrspatz dumpfem Ach.
Weste schauern, und im lauen Hauch des Westes
Taumeln weiße Blüthen auf das grüne Grab,
Das dich, Julie, deckt, dich, Köstlichstes und Bestes,
Was der Ewige mir gab.
[70]
Julie, Julie, du des Nachts mein Träumen,
Und des Tag's mein Gram, wo schwebst du itzt?
Schwebst du droben, in den lichten Räumen,
Wo Arkturus glänzt und Gemma blitzt?
Wallst du unter dieser Bäume Schatten,
Schöne Psyche, wo dein Flügelkleid verbleicht?
Wo, gestützt auf den verarmten Gatten,
Die verarmte Mutter jammernd schleicht?
Siehst du, Selige, die Salzfluth bittrer Thränen,
Die der Deinen nimmertrockne Augen überschwemmt?
Weißt du um das stumme, niegestillte Sehnen,
Das ihr trauernd Herz beklemmt?
Süßes Kind, zu plötzlich uns entwunden!
Holde Tochter, uns zu früh geraubt!
Flohen nicht gleich dreißig kurzen Stunden,
Deine dreißig Monden über unser Haupt?
War nicht Wohllaut jeder deiner Züge?
Nicht dein Bau die reinste Eurythmie?
[71]
Sprach dein sanftes Aug' nicht Seeleng'nüge?
Nicht dein klares Lächeln Seelenmelodie?
Lag ein Himmel nicht in deinem Antlitz offen,
Dessen Glanz und Heitre Sinn und Herz erquickt'?
Und zermalmt im Keim ward unser schönstes Hoffen!
Unsre Ros' als Knosp' erstickt!
O, der finstersten der finstern Stunden,
Wo dein zarter Bau zusammenbrach!
Wo nach hundert durchgequälten Stunden
Deine Kraft dem Stärkern unterlag!
Lächelnd griffst du in den Stahl der Parzen,
Der dir zögernd durch das Leben fuhr!
Lächelnd lagst du auf dem Bett der Schmerzen,
Und verweht war jedes Schmerzes Spur!
Wahrlich, diese himmelan gebroch'nen Augen
Sehn Geheimnisse, die Worte nur entweihn.
Diese lechzend aufgeschloss'nen Lippen saugen
Himmelslüfte lüstern ein!
[72]
Und schon prangt die Alabasterbüste
In der Unschuld Liliengewand,
Auf dem schwarz beflorten Klaggerüste,
Eine Ros' in ihrer rechten Hand,
In der Linken fünf Violenglöckchen,
Die der Frühe lauer Hauch erschloß,
Einen Myrthenkranz um ihre blonden Löckchen,
Myrthenreiser rings auf Brust und Schooß –
Wie sie lächelnd liegt! – Ist das des Todes Weise?
Nein, dieß holde Mägdlein ist nicht todt; es schläft!
Ich beschwör' euch, Freunde! tretet leise, leise!
Denn mein theures Mägdlein schläft!
Tragt die Schläferinn in ihre Kammer!
Tragt sie in ihr kühles Schlafgemach,
Daß sie ruhe sonder Qual und Jammer
Bis zu des Erwachens schön'rem Tag! – –
– – Horch, es brausen schon die Tempelhallen,
Die Gewölbe dröhnen dumpfen Klangs.
Durch das Schluchzen und das Weinen wallen
Trunkne Töne des Triumphgesangs:
[73]
»Wonne, Wonne, meine Palm' hab' ich erwunden!
Freude, Freude, meinen Kranz hab' ich erkämpft!
Frühe, frühe ward ich aller Qual entbunden –
All mein Jammer früh gedämpft!«
Einzeln dann und matt, wie aus den Tiefen
Weiter Ferne, weht ein leiser Laut:
»Selig sind, die früh und sanft entschliefen!
Selig ich, des Himmels jüngste Braut!
Weinend scheiden ist das Loos der Erden;
Doch ihr Weinen währet kurze Zeit.
Freunde, euer Gram wird Freude werden,
Und Entzücken euer Herzeleid.
Noch ein Kleines, und ich werd' euch nicht mehr sehen!
Noch ein Kleines, und ich werd' euch wiedersehn.
Lebt denn wohl, und laßt zu jenen lichten Höhen,
Lasset mich zum Vater gehn!«
[74]
Nun, so zeuch denn hin zum rechten Vater!
Zeuch in Frieden, herzgeliebtes Kind!
Ich befehle dich dem großen Vater,
Ohne Den wir alle Waisen sind!
Einmal nur noch laß dich, Tochter, grüßen,
Einmal noch dein liebes Antlitz sehn!
Einmal noch mich diese Stirne küssen!
Und nun Lebewohl auf Wiedersehn!
Also sprach ich, und nach letzter, bittrer Letze
Senkten sie ins ernste Dunkel sie hinab;
Und den edelsten, den schönsten meiner Schätze,
Ach, verschlang das öde Grab.
Julie, Julie, du des Nachts mein Träumen,
Und des Tag's mein Gram, wo weilst du itzt?
Weilst du droben, in den lichten Räumen,
Wo das schöne Schnittermägdlein blitzt?
Wandelst du in grünen Paradiesen,
Musterst deines Vaters Blumenflor,
Tanzest auf den amaranth'nen Wiesen
Unter leuchtender Gespielen Chor?
[75]
Welche Glanzgestalt hieß freundlich dich willkommen?
Welche Huldinn wurde deine Führerinn?
Süße Tochter, bist du etwa meiner frommen
Weisen Mutter Zöglinginn?
O des holden Wahns! des goldnen Traumes! – –
– – Und warum denn Wahn und Traum und Tand? –
Zirkel unsrer Zeit und unsers Raumes,
Wärest du es, der das All umspannt?
Was den ruhbedürft'gen Geist gemahnet,
Was des Daseyns Räthsel einzig löst,
Was dem sehnsuchtkranken Herzen schwanet,
Was dem Ich kein Grübler eingeflößt?
Worauf Socrates den Schierlingsbecher leerte,
Worauf Jesus Christus ruhig blutete –
Wäre Täuschung? Nein! Du gingst nicht unter, Werthe!
Du erwachst einst, Schlummernde!
[76]
Schlumm're denn in deinem engern Hause!
Schlummr' entgegen einem schönern Nu!
Rings um deine grünende Karthause
Säus'le tiefe ahnungsreiche Ruh'!
Röth', Aurora, meiner Julie Hügel!
Gieße Silber, Luna, auf ihr Grab!
Reget, Weste, die bethauten Flügel!
Sprengt Juwelen auf ihr Moos herab!
Kommt, ihr Wenigen, die mir noch übrig blieben!
Laßt uns Blumen auf der Schwester Urne streu'n!
Julie, Julie, sieh, wie dich die Deinen lieben!
Julie, nie vergess' ich dein!
Cidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[77] Cidli und Meli

Eine Idylle aus dem Paradiese.


Zilia saß im Zederschatten. Die liebliche Cidli
Saß auf Ziliens Schooß'. Es flog dem blühenden Mägdlein
Rings um die Schultern das ringelnde Haar im Säusel des Abends.
Staunend saß sie. So staunt, wer süß geträumet, und plötzlich
Aus dem Traum' erwacht. So staunte die sinnende Cidli
Ob dem jüngst verflatterten Traume des nichtigen Lebens.
Manches fragte die Kleine; und manche lehrende Antwort
[78]
Gab ihr Zilia schonend zurück. Mit vertraulicher Liebe
Hing des Mägdleins glänzendes Aug' an der Führerinn Antlitz.
Und es neigte der Tag. Auf des Meers lasurenem Bette
Ruhete großgeaugt und segenspendend die Sonne.
Feiernd lag vor der Segnenden Auge die freundliche Schöpfung.
Düft' entströmten dem Wipfel der Zedern, melodische Stimmen
Rieselten durch ihr säuselndes Laub. Aus der Näh und der Ferne
Wehten äolischer Harfen Kläng' und der Orphica Lispel.
Cidli's staunende Seele durchzitterten Schauer auf Schauer.
Inniger schmiegte sie sich und fester an Ziliens Busen.
Und nun waltete heilig die Nacht auf Hügeln und Thalen,
Lau und frisch und strömend von Düften. Es glimmte das Spätroth
[79]
Durch das flitternde Laub, und färbte die Wangen des Mägdleins.
Staunend empor sah Cidli zum sternebesäeten Himmel.
Andere Stern' erschienen der Wundernden; andre, als jene,
Die ihr der Vater gezeigt, wenn gegenüber den Fenstern
Sirius flammten und Rigel, und Betegeuze, die Schöne;
Andere, schönere, funkelnd're Stern' erschienen der Kleinen.
Emsig schaute sie auf. Und sieh! am Saume des Osten
Glomm ein weißlicher Schimmer empor. Der silberne Schimmer
Lichtete sich mit jeglichem Nu. Und siehe, mit einmal
Quoll ein leuchtender Ball herauf aus den grollenden Fluten,
Weithin glänzte die Flut; es glänzten die Häupter der Berge.
Ziliens hehres Aug' erglänzt' in Thränen der Rührung.
[80]
Zärtlicher schmiegte sich Zidli an sie; und »Zilia,« sprach sie:
»Welch ein Mond ist dieß! Viel schöner wahrlich ist dieser,
Als der blasse, der manche Nacht mit fließendem Silber
Unsre Wände daheim besprengt' und mein schwellendes Lager.
Lieb war jener und gut; doch größer ist dieser und schöner.«
Lächelnd durch ihre Thränen sprach Zilia: »Liebliches Mägdlein,
Was du schauest, ist nicht der Mond, der einstens die Kissen
Deines Bettchens umflittert'. Es ist die Wiege, Geliebte,
D'rin du den Traum geträumt des schnell verflatternden Lebens.«
Cidli schau'rte sanft zusammen. Ihr helles Geburtland
[81]
Sahe sie schweben im glänzenden Blau. Sie schmiegte sich innigst
In der Führerinn Arm, und sprach mit seufzender Sehnsucht:
»Soll ich dir sagen, o Gute, wie deiner Cidli ums Herz ist?
Schön, unnennbar schön, ist dieses blühende Eiland,
Jenes Smaragdgebirg', und diese Lilienebne.
Mildere Lüfte schmeicheln um uns; ein blauerer Himmel
Aeugelt auf uns herab, und eine freundlichere Sonne.
Diese Blumen nicken mir zu, gleich liebenden Wesen;
Diese Blätter flistern um mich, wie kosende Zungen;
Jene Vögelein flöten mich an, wie fühlende Seelen.
Köstlicher mundet der Palme Saft, die ambrosische Traube,
Als die Milch und das Obst, das mich dort unten gespeiset.
[82]
Seliger fühl' ich mich, Traute, an deinem Busen, als einstens
Auf der Gebärerinn Schooß' und in dem Arm des Erzeugers.
Dennoch denk' ich noch oft mit heimverlangender Wonne
An die wenigen flüchtigen Monden (sie dünken mich Stunden),
Die ich im Arm des Vaters gelebt, auf dem Schooße der Mutter,
Und im Kreise geliebter Gespielen. Ach, sage mir, Gute,
Vater und Mutter hatten mich lieb. Ach, sollten bisweilen
Vater und Mutter noch wol der fernen Cidli gedenken?«
Lächelnd durch ihre Thränen sprach Zilia: »Nimmer vergessen
Vater und Mutter dein. Nicht leicht vergißt sich der Säugling,
[83]
Den man empfing im Wonnemoment des höchsten Entzückens,
Den man dem Herzen zunächst neun lange Monden getragen,
Den man mit Angst gebar, mit seinen Brüsten ihn tränkte –
Nie, o Töchterchen, nie vergessen deiner die Deinen.«
Heiterlächelnd sprach Cidli: »Und meine Trauten, o Gute,
Lilla, die Holde, und Lili, der Fromme, was machen wol diese?
Manchen fröhlichen Tag und manchen vertraulichen Abend
Haben wir mit einander gekürzt in mancherlei Spielen.
Greisens spielten wir itzt, und itzt Versteckens. Am liebsten
Spielten wir Bräut'gam und Braut. Der silberlockige Lili
[84]
Pflegte der Bräut'gam zu seyn, und deine Cidli das Bräutchen.
Festlich geschmückt ward Cidli dann mit Blumen und Bändern.
Priesterlich pflegt' uns Lilla zu trau'n. Der kindischen Trauung
Folgte der festliche Schmaus, dem Schmause der Tanz und der Reigen.
Lilla und Lili, o süße Gespielen, was macht ihr wol itzund?«
Lächelnd durch ihre Thränen sprach Zilia: »Lilla und Lili
Wallen noch drunten und trauern um dich. Sie werden nicht wieder
Bräutigam spielen und Braut; es fehlt die bräutliche Cidli.«
»Ach und Meli,« rief itzt die Kleine mit steigender Sehnsucht,
»Wäre doch Meli hier, der süße, lächelnde Säugling!
[85]
Wenige Monden erst ruht am Busen der Mutter der Kleine.
Seinen Lippen ist noch kein kosendes Wörtchen entquollen;
Aber es redet das flammende Aug' unaussprechliche Dinge.
Ach, ich hatte Meli so lieb! Ich sah' ihn so gerne
Liegen und zappeln und girren vor Wonne im Schooße der Mutter,
Sah' ihn schlummern so gern in seinem schwebenden Bettchen.
Dieser Schooß hat ihn öfter getragen, mit diesen Armen
Hab' ich ihn öfter umfaßt. Dann lächelte Meli so freundlich.
Wäre doch Meli hier, der holde, lächelnde Säugling!«
Also rief es die Kleine. Mit Inbrunst rief sie's, und plötzlich
Schimmert' ein Regenbogen vor ihr im Nebel des Thaues.
[86]
Sanft zerflossen die Nebel. Es flatterten glänzende Wölkchen
Rings durch das ausgeheiterte Blau; der glänzenden Wölkchen
Schwebte das Eine heran. Es zerfloß, und schimmernd von Schönheit,
Rein gebadet im lauteren Strom des lebendigen Aethers,
Stand vor seiner staunenden Schwester der lächelnde Meli.
»Meli, Meli, bist du's? rief Cidli. Aus Ziliens Armen
Wand sie eilend sich los, und umschlang den schimmernden Bruder.
Meli, Meli, bist du's? O sage, sage mir, Trauter,
Sage, von wannen du kommst? wohin du eilest? O sage,
Ob auch Vater mich grüßt, ob Mutter? ob Lilla und Lili?
Ob sie an Cidli auch denken? O sage, sage mir alles!«
[87]
Tief erschüttert stand Zilia auf. Vom Baume des Lebens
Brach sie der goldenen Aepfel einen, und reichet' ihn Meli.
Meli genoß der ambrosischen Frucht. Da wurde dem Knaben
Aufgeschlossen der innere Sinn. Zu hellem Bewußtseyn
Lichtete sich sein dämmernd Gefühl. Aus dem Abgrund des Geistes
Stiegen Erinn'rungen auf des dumpfverträumten Lebens.
Siehe, sein Auge ward aufgethan. Er erkannte die Schwester.
Horch, ihm wurde die Zunge gelös't. Er redete lieblich:
»Cidli, Trau'te, bist du's? Ja, süße Schwester, dich grüßen
Vater und Mutter. Es grüßen dich, Trauteste, Lili und Lilla.
Wenige Tag' erst warest du weg. Das Auge der Deinen
[88]
War noch nicht trocken um dich. Da erkrankt' ich; Flammen versengten
Mir das Gehirn und das innerste Mark. Auf Saliens Schooße
Lag ich sieben Tag' und sieben Nächte, vom Arme
Itzt der Mutter umschlungen und itzt vom Arme des Vaters.
Mit der Frische des achten Morgens erloschen die Flammen;
Liebliches Kühl umfing mich. Es summte, wie Wiegengelulle
Mir in das klingende Ohr. Den brechenden Augen erschienen
Helle Gestalten. Itzt stand mein Herz, der Athem versiegte.
Eingelispelt vom Engel der Ruh' in seligen Schlummer,
Lag ich, wie trunken. Wie träumend, vernahm ich die Stimme des Vaters:
Zeuch in Frieden, o Sohn! Zeuch hin zu Cidli und grüße,
[89]
Tausendmal grüße die Süße von uns!« Ja Cidli, dich grüßen
Vater und Mutter, es grüßen dich, Trauteste, Lili und Lilla.
Tausendmal grüßen sie dich, und lieben uns ewig, Geliebte.«
Also entquoll es den Lippen des Knaben, wie Lautengelispel.
Feuriger itzt umschlang den Liebling die freudige Schwester.
Zärtlich umschmiegte die zitternde Schwester der liebliche Meli.
Zilia aber, in Rührung zerschmolzen, umfaßte die Kleinen,
Drückte sie heiß an das schlagende Herz, und feierlich sprach sie:
»Ich bin Zilia. Ich bin die Mutter des Mannes,
[90]
Welchen ihr Vater grüßtet, bin euere Mutter, ihr Lieben.
Wenige Lenze nur sah' ich die schwellende Knospe des Knaben.
Sah' sie und freu'te mich ihrer. Sie schwoll, um herrlich zu blühen.
Aber ich sollte die Blüthe nicht schau'n. Hinweg aus der Erde
Ward ich gerückt, um dir, o Sohn, die Kindlein zu ziehen.«
Weiter sprach sie mit segnendem Blick' und gefaltenen Händen;
»Sproßet ihr Zarten heran in des Himmels schauendem Auge!
Blühet herauf, ihr Holden, zu nimmerwelkender Schöne!
Werdet geschmückt mit jeglicher Kraft, mit jeglicher Tugend,
Daß ich dem Vater dereinst die vollgezeitigte Jungfrau,
[91]
Daß ich der Mutter dereinst den thatenrüstigen Jüngling
Führen mög' an Edens Schwell' in die offenen Arme!
Sproßet ihr Zarten indeß, und reift vor des Ewigen Antlitz!«
Also sprach sie, und endet' in inbrunstvoller Umarmung.
Rings in Eden war fei'rliches Still und heiliges Schweigen.
Aber nicht lange, so folgte der Still' unauslöschlicher Jubel.
Aus der Näh' und der Fern' von des Arara Höh'n, von des Pison
Goldsandwälzendem Strom, von des Gihon Ambragestaden,
Aus den Palmen des Phrath, und aus den Zypressen Hidekel
Flatterten flimmernd und zartbeschwingt, wie Libellen zur Herbstzeit,
[92]
Ueber die Lilieneb'nen heran die Seelen der Kindlein,
Welche knospend des Ewigen Hauch aus der Erde gehoben.
Ringsumgürtet vom hellen Chor stand Cidli verwundernd;
Freudig erschreckt stand Meli. Des Tonreichs Wirbel erwachten;
Lautenlispel entbebten den Wipfeln der Zedern. Die Quellen
Quollen dahin mit Orphicaklang. Aeolische Harfen
Weh'ten aus Myrthengebüschen daher zum Reigen der Kinder.
Cidli und Meli flogen dahin im himmlischen Reigen.
Taumelnd und wirbelnd flogen sie hin, daß rings um die Schultern
Ihnen das Haar wild strömt' und die Kränze den Locken entstoben.
Also waltet' im seligen Eden unendlicher Jubel,
[93]
Während drunten, im Lande der Gräber, der einsame Vater
Neben den Urnen stand, und seine Verlornen beweinte.
Die BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[94] Die Blumenchiffer

Eine Eugenia sah' ich, vermählt dem edlen Platanus,
Froh des vertraulichen Schirms, blüheten Blumen umher;
Jegliche anders gefärbt, und jegliche anders gestaltet,
Jegliche anders begabt von der Natur und dem Gott.
Schwermuthduftend entgegen der strahlenden Sonne der Schönheit,
Wendend den ahnenden Blick, schoßte der Heliotrop.
[95]
Blendender blüht' und brannte zugleich die schöne Ixora.
Stilleren Reizes zunächst senktest du Blöde den Blick,
Holde Mimosa. Es hing der gedankenhauchende Diptam
Schweigsam das sinnige Haupt. Göttern und Menschen geliebt,
Funkelt' im Schmelz des Rasens die tausendblätt'rige Bellis.
Ein Schneeglöckchen entsproß keimend dem grünenden Grund'.
Schlanke Eugenia, dir, gestützt auf deinen Platanus,
Danket der schimmernde Strauß reinen harmonischen Sinn.
Streb' empor in freudiger Kraft, getränkt von Aurorens
Duftigsten Thränen, von Gä's kräftigstem Marke genährt!
Spat laß sinken, Geliebte, die liebesäuselnden Blätter!
[96]
Spat einst welkend, verstreu' welkend den süßesten Duft!
Schön und bedeutend verwallt der Blum' unschuldiges Leben.
Friedlich durchblüht sie des Seyns freundlich beschlossenen Kreis,
Giebt nach verströmtem Duft und verströmtem Saamen dem Aether
Farb' und Gestalt, den Stoff ruhig der Tellus zurück.
Von Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[97] Von Herrn Peter und der schönen Margaretha

Schwedisches Volkslied.


Herr Peter und schön Gretchen, sie saßen bei Tisch.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Sie kosten, sie scherzten froh und frisch.
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.
Herr Peter sprach zu dem Liebchen sein,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
»Nächsten Sonntag soll meine Hochzeit seyn.« –
Herallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.
[98]
»Soll nächsten Sonntag eure Hochzeit seyn,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Ihr vergönnet mir wol, dabei zu seyn.« –
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
»Meine Hochzeit wird tief ins Land hinein.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Es paßt dir nicht, dabei zu seyn.« –
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.
»Wird eure Hochzeit gleich tief ins Land hinein,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Es paßt mir doch dabei zu seyn.« –
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Schön Gretchen erschrak ob solcher Mähr.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Das Herz ward ihr so voll und schwer.
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
[99]
Herr Peter wohl über die Tafel sprang.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Ihm klirrten die Sporen, das Gewölb' erklang.
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.
Herr Peter hinaus zur Thüre sprang.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Es krachte die Füllung, das Schloß erklang.
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.
Er rennt in die Koppel und sattelt sein Roß.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen:
Er reitet und reitet, und erreitet sein Schloß.
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Schön Gretchen tritt heraus zur Thür,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Sieht weinend ihn reiten und sieht ihn nicht mehr. –
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.
[100]
Herr Peter hält alles zur Hochzeit bereit.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Schön Gretchen bestellt sich ihr Hochzeitkleid.
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.
Ihr Röcklein war von güldenem Stab.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Von grünem Scharlacken ihr Leibchen knapp.
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Ihr Latz war mit Gold und Perlen gestickt,
Treu Lieb' laß dein Leid uns ermessen!
Die Arme mit demant'nen Schnallen geschmückt.
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.
Herr Peter schickt alles zur Hochzeit an.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Schön Gretchen läßt ihren Klepper beschla'n.
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.
[101]
Schön Gretchen reitet vors Hochzeits Thor,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Ein sauberes Bürschchen tritt höflich hervor.
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Schön Gretchen bindet ihr Roß an das Gatter-Thor.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Sie kämmet und kräuset ihr goldgelb Haar.
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.
Schön Gretchen tritt weinend in Herrn Peters Hof.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Es flimmern die Schnallen, es rauschet der Stoff.
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
[102]
»Geh' Bürsch'chen ins Hochzeithaus hinein!
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Sprich, draußen hält ein Mägdlein hübsch und fein.«
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
»Hält draußen ein Mägdlein hübsch und fein?
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermssen!
Sie sey willkommen, sie trete herein!« –
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Schön Gretchen trat herein zur Thür,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Da brannten die Backen ihm und ihr.
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.
»Schön Gretchen, du sollt willkommen seyn,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Ich schenke dir Meth, ich schenke dir Wein.« –
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
[103]
»Ich begehre nicht Meth, ich begehre nicht Wein,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Ich begehre zu sitzen bei dem Bräutchen dein.« –
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
»Du darfst nicht sitzen bei dem Bräutchen mein,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Geh in Keller und hol' uns Meth und Wein!« –
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Schön Gretchen mußte in Keller gehn,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Man sah' die Augen ihr übergehn.
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Die Braut sprach zu der Diener Zween,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
»Wer ist die Jungfrau fromm und schön?« –
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
[104]
»Herrn Peters Schatz ist's, reich und schön,«
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
»Sie ist gekommen, die Braut zu sehn.«
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
»Mehr werth als Herrn Peters Haus und Hof
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Ist ihres Röckleins goldner Stoff.«
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
»Mehr werth als Herrn Peters Land und Sand
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Ist die Spange, die ihren Fuß umspannt.« –
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Sie tranken Einen Tag, sie tranken zween.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Die Braut nicht mochte zu Bette gehn.
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
[105]
Und als es Abend am dritten ward,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Zu Bette verlangte dem Mägdlein zart.
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.
Sie führten die Braut in Bräut'gams Haus.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Schön Gretchen trug Fackeln und Kerzen voraus.
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.
Es setzt sich auf einen Stuhl die Braut,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Schön Gretchen zog Schuh und Strümpfe ihr aus.
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Sie brachten die Braut und Bräut'gam zu Bett.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Schön Gretchen sie beide zudecken thät.
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.
[106]
Schön Gretchen trat hinaus zur Thür.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
»Gute Nacht, ich seh' euch nimmer mehr.« –
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Schön Gretchen ging in Garten, der Mond schien klar.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Sie erhing sich mit ihrem goldgelben Haar.
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Herr Peter hinaus zur Thüre sprang.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Es krachten die Dielen, das Schloß erklang.
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Er rannt' in den Garten, der Mond schien klar.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Da hing sie an ihrem goldgelben Haar.
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen. –
[107]
»Wie hangst du, mein stolzes Gretchen, hier?
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Ich war so hold im Leben dir.«
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Er ließ graben ein Grab so lang als breit.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
»Hie wollen wir liegen Seit' an Seit'.«
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Er ließ graben ein Grab, so breit als lang.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
»Hie wollen wir schlafen nach Qual und Drang.«
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Er stemmte sein Schwert wohl gegen den Stein,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Er stach es sich tief ins Herz hinein.
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
[108]
Er stemmte das Schwert wohl gegen den Baum.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Aus war sein Leben, erfüllet sein Traum.
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Und als es tagte den Morgen darauf,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Drei Leichen lagen in Herrn Peters Haus.
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Herr Peter und Herrn Peters Liebchen traut,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Herr Peter und Herrn Peters junge Braut.
Herzallerliebster, ich kann dich nimmer vergessen.
Sie nahm sich zu Herzen die bittere Noth,
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Sie grämte so sehr sich, sie grämte sich todt.
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.
[109]
Das Liedchen ist aus, die Leute sind todt.
Treu Lieb', laß dein Leid uns ermessen!
Bewahre uns Gott vor so bitterer Noth!
Herzallerliebster, dich kann ich nimmer vergessen.
Von der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[110] Von der unschuldigen Hilla Lilla, und ihres Bruders unbrüderlichem Betragen

Schwedisches Volkslied.


Hilla Lilla liegt auf dürrem Stroh.
Fragt nicht, warum ich weine!
Ihr Schlaf ist unruhig, ihr Traum nicht froh.
Mein Leid weiß Gott alleine.
Stracks wird der Königinn angesagt,
Fragt nicht, warum ich weine!
Daß Hilla Lilla im Schlaf handthiert und wehklagt.
Mein Leid weiß Gott alleine.
[111]
Die Königinn stand auf noch vor dem Tag.
Fragt nicht, warum ich weine!
Sie begab sich dahin, wo Hilla Lilla lag.
Mein Leid weiß Gott alleine.
Die Königinn trat herein zur Thür.
Fragt nicht, warum ich weine!
Hilla Lilla wendet weg die Augen von ihr.
Mein Leid weiß Gott alleine.
Die Königinn schlug ihr auf den bleichen Mund.
Fragt nicht, warum ich weine!
Wie magst du so lärmen zu nachtschlafender Stund'!
Mein Leid weiß Gott alleine.
Frau Königinn schlagt mich nicht so hart.
Fragt nicht, warum ich weine!
Ein Königskind bin ich, wie ihr, so zart.
Mein Leid weiß Gott alleine.
[112]
Sie breitet die Decken wohl über das Stroh.
Fragt nicht, warum ich weine!
Nehmt Platz, Frau Königinn, setzt euch! – So –
Mein Leid weiß Gott alleine.
Es dürft' euch verdrießen, zu steh'n die Zeit,
Fragt nicht, warum ich weine!
Wo ich euch klagte mein Herzeleid.
Mein Leid weiß Gott alleine.
Es dürft' euch verdrießen, so lange zu stehn,
Fragt nicht, warum ich weine!
Als ich euch klagte all' meine Weh'n.
Mein Leid weiß Gott alleine.
Als ich noch lebt' in meines Vaters Pallast,
Fragt nicht, warum ich weine!
Zween Ritter mir ließen nicht Ruh' noch Rast.
Mein Leid weiß Gott alleine.
[113]
Der eine der hieß Herzog Ronnebruh,
Fragt nicht, warum ich weine!
Der muhtete mir viel Schnödes zu.
Mein Leid weiß Gott alleine.
Der andre hieß Herzog Hillebrand,
Fragt nicht, warum ich weine!
Ein Königssohn aus Engelland.
Mein Leid weiß Gott alleine.
Er ging spatzieren in den grünen Hain.
Fragt nicht, warum ich weine!
Um dort zu schlummern ein Stündelein.
Mein Leid weiß Gott alleine.
Hillebrand, Hillebrand, schlaf nicht ein;
Fragt nicht, warum ich weine!
Ich höre meines Vaters Rosse schrei'n.
Mein Leid weiß Gott alleine.
[114]
Laß Ross' und Reuter allzuhand,
Fragt nicht, warum ich weine!
Laß sie kommen! Ich heiße Herzog Hillebrand.
Mein Leid weiß Gott alleine.
Er schlug die erste Rotte,
Fragt nicht, warum ich weine!
Zwölf Ritter sammt meinem Vater.
Mein Leid weiß Gott alleine.
Er schlug die zweite Rotte,
Fragt nicht, warum ich weine!
Meine fünf krauslockigten Brüder.
Mein Leid weiß Gott alleine.
Hillebrand, Hillebrand, o blinde Wuth,
Fragt nicht, warum ich weine!
Dein Schwert trank meines Vaters Blut.
Mein Leid weiß Gott alleine.
[115]
Kaum hatt' ich das Wort gesprochen,
Fragt nicht, warum ich weine!
Lag Hillebrand vor mir erstochen.
Mein Leid weiß Gott alleine.
Hillebrand griff nach seinem Schwert.
Fragt nicht, warum ich weine!
Fahr wohl, Hilla Lilla, du warst mir werth.
Mein Leid weiß Gott alleine.
Mein Bruder erwischt mich bei'm gelben Haar,
Fragt nicht, warum ich weine!
Und band mich an Knopf des Sattels gar.
Mein Leid weiß Gott alleine.
Ich mußte laufen, derweil er ritt.
Fragt nicht, warum ich weine!
Er spornte, er sprengte, ich mußte mit.
Mein Leid weiß Gott alleine.
[116]
Es ging durch Busch und Sumpf und Moor,
Fragt nicht, warum ich weine!
Mich ritzten die Dornen, mich schnitt das Rohr.
Mein Leid weiß Gott alleine.
Sie warfen mich tief ins Burgverließ,
Fragt nicht, warum ich weine!
Wo man mich hungern und dursten ließ.
Mein Leid weiß Gott alleine.
So oft ich mich rührte,
Fragt nicht, warum ich weine!
Nur Nattern und Schlangen ich spürte.
Mein Leid weiß Gott alleine.
So oft ich mich wandte,
Fragt nicht, warum ich weine.
Gewürm um mich zischte und rannte!
Mein Leid weiß Gott alleine.
[117]
Sie verkauften mich für eine Glocke neu,
Fragt nicht, warum ich weine!
Sie hängt noch im Thurm zu Dalbry,
Mein Leid weiß Gott alleine.
So oft ich die Glocke höre klingen,
Fragt nicht, warum ich weine!
Das Herz im Leib' mir will springen.
Mein Leid weiß Gott alleine.
So oft ich die Glocke hör' schlagen,
Fragt nicht, warum ich weine!
Will Seel' und Gemüth mir verzagen.
Mein Leid weiß Gott alleine.
Hin klangen die Glocken. – Los war sie der Qual.
Fragt nicht, warum ich weine!
Hilla Lilla frohlockt im Himmelssaal.
Mein Leid weiß Gott alleine.
[118]
Vaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte
Deutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[119] [123]Vaterländische Gesänge

Verfaßt im Frühling des Jahres 1813.

Deutschlands Erwachen

1.

Erwachst du endlich aus dem Todesschlummer,
Heimath des Hermann, Marbod, Wittekind?
Wird endlich Grimm das Grämen, Zorn der Kummer?
Verräth die Zunge, wie die Brust gesinnt?
Ja, du erwachst! du sprengst die Kette,
Du raffst dich auf voll Scham und Schmerz;
Der Kinder Angstruf: Rette! Rette!
Zerreißt dein Ohr und schwellt dein Herz.

Chor.

Teutonia erwacht! Sagts an den Nationen,
Die an des Ebro Strand, die an der Tiber wohnen!
Empor zum blauen Dom, hinab zur alten Nacht,
Von Pol zu Pol erschall's: Teutonia erwach!

[123] 2.
O Vaterland, o Deutschland, Land der Freien,
An deren Kraft der Römer Trotz sich brach,
Wird deine Glorie endlich sich erneuen?
Wird endlich noch getilgt die lange Schmach?
Ja, du stehst auf. Scham färbt die Wange.
Dem Aug' entblitzt gerechter Zorn.
Du weichst dem allgewalt'gen Drange.
Die Banner weht. Es schrillt das Horn.
Chor.

Teutonia steht auf! Gekränzt mit Eichenlaube,
Zuckt sie den heil'gen Stahl zur Rettung, nicht zum Raube;
Nicht stolz, nicht frech, nicht roh! Stets war, Thuiskon's Stamm,
Freiheit dein Feldgeschrei, Frommheit dein Oriflam.

3.
Hinfort, o Freude! werden fremde Horden
Nicht mehr den heil'gen Boden uns entweihn.
[124]
Nicht wird der Bruder mehr den Bruder morden!
Nicht schnöde Mißgunst unser Volk entzwei'n.
Ein Gott, Ein Glaub', Eine Zung', Ein Boden,
Ihr Stämme Deutschlands, einigt euch.
Entzünd' uns dann Ein Gattesodem,
Und bild' aus uns Ein Gottesreich!
Chor.

Teutonia tritt auf, die Hohe, Frohe, Starke!
Hie gilt nicht Süd noch Nord. Hie gilt nicht Gau noch Marke.
Ein Gott begeistert uns; uns knüpft Ein heilig Band;
Nur Eine Losung gilt: Rettung dem Vaterland!

4.
Wer mag der Donau Riesenstrudel hemmen?
Und wer des jungen Rheins Titanenfall?
Und wer mag, Deutschland, deine Vollkraft dämmen,
Stehst du nur All für Eins, und Eins für All?
D'rum bis einträchtig, fromm und kindlich!
Hab' Glauben nur und festen Muth!
[125]
Zu Grunde geht, was schnöd' und sündlich,
Und oben bleibt, was recht und gut!
Chor.

Die Rettungsstunde schlägt. Gott wills! Gott hat gesprochen!
Die Schande sey getilgt! Es sey das Joch gebrochen!
Der Freien Psalm nur ehrt den Herrn! Der Herr ist nah!
Gott wills! Gott winkt! Gott ruft! Frei ist Teutonia!
Unsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[126] Unsere Fürsten

Vom Rheinstrom bis zum Weichselstrand,
Vom Golf, der Istriens Fluren wäscht,
Bis wo die Ostsee blau't;
Von Gau zu Gau, von Mark zu Mark
Erschallt der Völker Feldgeschrei ...
Und ihr, ihr Fürsten, schweigt?
Gewaltiger von Nu zu Nu,
Ergrimmter, wüthiger, stürmischer
Erschallt der Völker Schrei.
Zu ihren Hirten schau'n sie auf.
Sie bieten Gut und Blut euch an ...
Und ihr, ihr Hirten, schweigt?
[127]
Urenkel Hermann's, Wittekind's,
Und Radbods, Wallrams, Isenbarts,
Und Landulfs, Billungs, Welfs,
Ihr Ringelheim und Rödelheim,
Ihr Beutelsbach und Wittelsbach,
Ist's möglich, daß ihr schweigt?
Auf, Heldenenkel, auf zum Kampf!
Entstrickt der seid'nen Fessel euch!
Zerbrecht des Zwingherrn Joch!
Den güldnen Reif, der Knechtschaft Pfand,
Tauscht um der grünen Eiche Kranz,
Erst Freie, Fürsten dann!
Von eurer Völker Geist entflammt,
Zieht aus mit dem getreuen Volk,
Zieht aus zum heil'gen Streit!
Und der mit uns bei Teutoburg,
Im Lechfeld und bei Höchstätt war,
Gott, Gott wird mit uns seyn.
[128]
Und ist die Rettung nun geschehn,
So bau't ein neues Reich uns auf,
Ein heil'ges deutsches Reich!
So weit das deutsche Ja und Nein,
So weit das deutsche Lied erschallt,
Soll Deutschlands Banner wehn!
Und Kaiser sey der Würdigste!
Und wer dem Würdigsten zunächst,
Sey Herzog, Fürst und Graf!
Und adlich sey, wer edel nur,
Und edel sey, wem hoch das Herz
Für Deutschlands Rettung schlägt!
ErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[129] Ermuthigung

Getreues Deutschland, zittre nicht,
Mag dir der Feind gleich dräuen!
Schau unverzagt ins Angesicht
Dem wuthentflammten Leuen!
Nicht lenkt der Mensch den Krieg.
Gott giebt und nimmt den Sieg.
Doch den getrosten Muth,
Den Muth der Wunder thut,
Giebt die gerechte Sache!
Gerecht ist deiner Krieger Kampf,
Gerecht dein Kampf, das glaube!
Nicht lockt uns eiteln Ruhmes Dampf,
Nicht schnöde Lust zum Raube.
[130]
Es gilt für Seel' und Leib,
Für Gut, Ehr', Kind und Weib,
Für Freiheit, Kirch' und Heerd,
Für alles was uns werth,
Was köstlich uns und heilig!
D'rum denke der vergang'nen Zeit,
Gedenk der großen Ahnen,
Und laß der Väter Tüchtigkeit
Zu gleichem Ernst dich mahnen!
Mild war ihr Sinn im Rath,
Ein Wetterstrahl die That.
Es wagten Herr und Knecht
Für Pflicht, Gesetz und Recht
Getrost Gut, Blut und Leben.
Denk, wie zu deinem Untergang
Sich Ost und West verbanden!
Heiß war der Kampf und hart der Drang;
Doch ward der Feind zu Schanden.
[131]
Des schnöden Varus Hohn,
Des furchtbar'n Etzel Drohn,
Des stolzen Ludwig Wuth
Brach sich am Heldenmuth,
O Deutschland, deiner Braven!
O Deutschland sey der Väter werth,
Und laß an deinen Wällen,
An deiner Starken gutem Schwert
Des Feindes Grimm zerschellen!
Trotz' seiner Macht und Wuth!
Du stehst in Gottes Hut.
Wer freudig wagt, obsiegt!
Der Feige nur erliegt!
Der Tapfre fällt frohlockend!
Getreues Deutschland, zittre nicht,
Wie sehr der Leu auch schnaube!
Gott sey dein Hort, das Recht dein Licht,
Dein Schild und Schwert der Glaube
[132]
Wohl auf, Herr Zebaoth!
Wohl her zu Streit und Tod!
Beschirme Leut' und Land!
Halt' uns in deiner Hand,
Wir siegen oder fallen!
SchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[133] Schlachtgesang

Auf, wohl auf! der Feind ist da!
Nah ist Deutschlands Rettung, nah!
Deutschlands Gott sey unser Hort!
Deutschlands Rettung sey das Wort!
Auf, frisch auf! Die Schlacht erbrüllt.
Deutschland ruft! Die Brust erschwillt.
Brüder auf! Das Herz wird weich.
Traute Brüder, ordnet euch!
Auf und dran! Hinan! Hinan!
Rott' an Rott' und Mann an Mann!
Schaar an Schaar und Freund an Freund!
Ernstlich, traun! ist's heut' gemeint.
[134]
O, der Stunde schwul und schön!
Auf dem blutigen Würfel stehn
Vater, Mutter, Kind und Weib,
Hab' und Gut und Seel' und Leib.
Vater, Mutter, fahret wohl!
Braut und Weib, gehabt euch wohl!
Bleiben wir hie auf dem Plan,
Droben blitzt die Sternenbahn.
Auf, frisch auf! Mit Schweiß und Blut
Wird erstrebt das höchste Gut.
Gott mit uns! Durch Dampf und Gluth
Funkelt uns das höchste Gut.
Te DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[135] Te Deum

Zu singen im Felde nach gewonnener Schlacht.


Herr Gott dich loben wir!
Herr Gott dir danken wir!
Dich, Gott Vater in Ewigkeit,
Ehret die Welt weit und breit.
All Engel und all Himmelsheer,
All was da dienet deiner Ehr,
Auch Cherubim und Seraphim
Singen immer mit hoher Stimm:
Heilig ist unser Gott!
Heilig ist unser Gott!
Heilig ist unser Gott! Der Herr, Herr Zebaoth!
[136]
Herr Zebaoh, du bist gerecht,
Du hassest, Herr, was schnöd' und schlecht;
Du strafst, wer treu und Glauben bricht,
Und hilfst dem, der das Recht verficht.
Dein war die Sach', Herr, dein der Krieg;
D'rum hast du uns beschert den Sieg.
Herr Zebaoth, wer dir vertraut,
Du starker Held, hat wohl gebaut!
Kyrie Eleis! Die Noth war groß,
Das Reich der heißen Hölle los!
Es stürzten rechts, es stürzten links
Die frommen Brüder Eines Winks.
Da schrie'n wir auf mit lautem Schrei;
Steh, du im Himmel, steh uns bei!
Da winktest du! Du sprachst das Ja!
Da floh der Feind. Hallelujah!
Hallelujah, Hallelujah!
Sieg, Sieg, Triumph, Victoria!
[137]
Der Amalek geraubt den Raub,
Den Goliath gestreckt in Staub,
Dem Holofern das Haupt gekürzt,
Den Sanherib vom Stuhl gestürzt,
Er half auch uns! Er war uns nah!
Sieg, Sieg! Heil, Heil! Hallelujah!
Herr unser Gott, so groß als gut,
Du weißt, wir dursten nicht nach Blut.
Gieb unsern Feinden Freundessinn,
So ziehn wir heim, so ziehn sie hin,
Und Freude lacht und Wonne weint,
So weit die Sonne reis't und scheint!
Täglich, Herr Gott, wir loben dich,
Und ehren deinen Namen stetiglich!
Herr, Herr, in deiner starken Hand
Halt Altar, Heerd und Vaterland!
Schirm' unsern König, deinen Knecht!
Fördr' unter uns Zucht, Licht und Recht!
[138]
Steur' und wehr' aller Tyrannei,
Daß Friede rings auf Erden sey!
Auf dich hoffen wir, lieber Herr,
In Schanden laß uns nimmermehr!

Amen.

Todten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[139] Todten-Ehre

Zu singen bei der Bestattung der Gefallenen.


Sieg, Sieg, euer Kampf ist aus!
Ihr habt den Kranz erwunden!
Im heißen Streit und Strauß
Seyd ihr bewährt erfunden.
Das Bitterst' ist erlitten.
Das Edelst' ist erstritten.
Gelös't habt ihr den Eid,
Entsündigt das Gewissen.
Der Schuld seyd ihr entfreit.
Der Bannbrief ist zerrissen.
Ihr drangt aus Eng' und Schwüle
Ins Freie, Weite, Kühle.
[140]
Nein, nein, das höchste Gut
Wird nicht zu theu'r erstanden!
Wer Athem spart und Blut,
Wird sicherlich zu Schanden.
Durch Arbeit nur und Wunden
Wird die Erlösung funden.
Schön, Brüder, sankt ihr hin,
Der Freund an Freundes Seite!
Gehoben Blick und Sinn
In jene Höh' und Weite.
Im Donner und im Blitze
Flogt ihr zum Sternensitze.
O neidenswerthes Loos!
O wollustreiches Sterben!
O schön, des Himmels Schloß
Also im Sturm erwerben!
Sagt nicht, daß die gestorben,
Die ew'gen Ruhm erworben!
[141]
Nein, nein, das ew'ge Gut
Wird nicht zu theu'r errungen.
Die ihr, getauft mit Blut,
Zu Gott euch aufgeschwungen,
Die Zeit ist euch zerronnen,
Die Ewigkeit gewonnen.
Auf euren Schädeln strebt
Empor der Freiheit Tempel!
Der Enkel Brust durchbebt
Das mahnende Exempel!
Der Sklaven Kniee schüttern,
Und die Tyrannen zittern!
Grabt, Brüder, nun das Grab!
Das tiefe, weite, breite.
Senkt weinend sie hinab!
Freund schlaf' an Freundes Seite!
Ein Hügel soll sie decken.
Einst wird Ein Tag sie wecken.
[142]
Schlaft, traute Brüder, schlaft,
Schlaft sanft im Schooß' der Erde,
Bis Gott euch neu erschafft,
Durch sein allmächtig Werde;
Wann die Posaun' erklungen
Und Grab und Sarg zersprungen!
Thürmt, Brüder, nun das Maal,
Thürmt's hoch bis an die Sterne,
Thürmt's bis zum Himmelssaal,
Weit leucht' es in die Ferne!
Das Kreuz auf seiner Spitzen
Soll Trost in's Herz uns blitzen.
Horch, horch! die Trommel rollt!
Es ruft uns die Drommete.
Der Himmel ist uns hold,
In Osten blüht die Röthe.
Fahrt wohl, erlöste Brüder!
Fahrt wohl, wir sehn uns wieder!
Das Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[143] Das Eine Nothwendige

Eine Mahnung.


Traute Brüder, wollt nur Eins!
Minder noch frommt viel, denn Keins!
Viel zerstreut, verwirrt, erschlafft,
Trübt den Blick und lähmt die Kraft.
Eins ist Noth und Eins genügt!
Eins bricht Bahn sich, Eins obsiegt!
Dieses: daß das Recht besteh',
Ob die Welt zu Grunde geh'!
Männiglich ins Auge schau'n
Sonder Trutz und sonder Grau'n,
Herzhaft auf dem Recht bestehn,
Für das Recht zum Richtplatz gehn;
[144]
Meister unsers Bodens seyn,
Von der Weichsel bis zum Rhein,
Von des Histreich fernstem Rand,
Bis zur heil'gen Ostsee Strand;
Schirmen unser Eigenthum,
Unsern Leumund, unsern Ruhm,
Unser Hab' und unser Gut,
Unsern Schweiß und unser Blut;
Los des fremden Jochs, allein
Pflichtig unsern Fürsten seyn:
Habsburg, Zollern, Zäringen,
Wittelsbach, Askanien;
Niemands Herr und Niemands Knecht,
Das ist, traun, des Deutschen Recht.
Nicht zu starr und nicht zu zart
Ist des Deutschen Sinn und Art.
[145]
Daß nun solches Recht besteh',
Solche Art nicht untergeh',
Dieß genügt und dieß ist noth,
Lebend noth und noth im Tod.
So ihr dieß nur, dieß nur meint,
Trotz dann, Brüder, Trotz dem Feind!
Unser Werk wird fürder gehn:
Licht und Recht den Sieg bestehn!
Die zwölf GeboteDas Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[146] Die zwölf Gebote

Ein Krieger-Codex.


Vernimm die zwölf Gebote,
Die Gott dem Kriegsmann gab,
Und füge dich dem Gotte,
Und folg' ihm bis ans Grab!
Du sollt von Herzen lieben
Gott und den Bruder dein;
Den Feind sollt du betrüben,
Dem Freunde freundlich seyn!
Du sollt auf Hut und Wache,
Auf Zahl und Zeug nicht bau'n;
Du sollt der guten Sache
Und deinem Recht vertrau'n!
[147]
Fürchten sollt du gar kindlich
Den Feldherrn, der gebeut.
Dem Feind' unüberwindlich
Ist, wer den Feldherrn scheu't.
Den Bürger und den Bauer
Sollt du in Ehren ha'n;
Und sollt wie Wall und Mauer
Vor Heerd und Altar stahn!
Heilig sey dir vor allen
Der Frau'n und Jungfrau'n Zucht;
Denn nichts mag Gott gefallen,
Was schamlos und verrucht!
Du sollt ein Leu mit Leuen,
Ein Lamm mit Lämmern seyn.
Ein Wetterstrahl im Freien,
Daheim wie Sonnenschein!
[148]
Du sollt kein Held im Prahlen,
Nicht keck seyn mit dem Maul!
Mit Thaten sollt du zahlen.
Wer schwätzt' wird hohl und faul.
Du sollt den Feind nicht lästern,
Baß kleiden Maß und Glimpf.
Der Feind ist nicht seit gestern
Geübt auf Ernst und Schimpf.
Du sollt den Feind nicht richten!
Ihn richten darf nur Gott!
Dir ziemt ihn zu vernichten,
Magst du's, mit Kraut und Loth.
Du sollt in frommen Sprüchen
Nicht sprudeln Gift und Gall;
Gebet stimmt nicht zu Flüchen,
Christ nicht zu Belial!
[149]
Trag nicht das Kreuz im Munde,
Trag's nicht auf Hut und Latz;
Heimlich ins Herzens Grunde
Trag den verborg'nen Schatz!
Und gilt es nun, ihr Brüder,
Zieht hin dann! Schaut nicht um!
Wer's Leben wagt, kommt wieder,
Wer's Leben spart, kommt um.
Dieß sind die zwölf Gebote,
Gegeben von dem Gott.
So du nun folgst dem Gotte,
So schadet dir kein Tod.
Die gute SacheDie zwölf GeboteDas Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[150] Die gute Sache

Eine Warnung.


Hab' Acht, daß nicht entarte,
Was Anfangs ächt und fein!
Gar leicht verdirbt das Zarte,
Und unrein wird, was rein.
Wohl edel ist's, zu kämpfen
Für Freiheit, Recht und Pflicht.
Wohl schön, den Feind zu dämpfen,
Der Treu und Glauben bricht.
Ist heilig nun die Sache,
Der Kampf gerecht und gut;
So schnaube nicht nach Rache,
So durste nicht nach Blut!
[151]
Dem Keuler laß das Schnauben;
Blut schlürfe der Vampyr!
Zu lieben und zu glauben,
O Mensch, geziemet dir.
Wohl schön steht es, zu eifern
Für Bruderwohl und Weh;
Doch knirschen, schäumen, geifern
Thut nur der Rasende.
Willst du die Welt erretten,
Von schnöder Knechtschaft Fluch;
So brich zuvor die Ketten,
D'rinn dich die Sünde schlug!
Willst du das Volk erlösen
Von herber Tyrannei;
So steur' in dir dem Bösen,
Und werd' erst selber frei.
[152]
Willst du durch Schrift und Rede
Das Vaterland erneu'n;
So ziemt es nicht, so schnöde
Dem Ausland Weihrauch streu'n!
Zumeist meint sich der Fremde,
Zunächst Den, der ihm traut;
Wohl näher als das Hemde
Ist ihm die eig'ne Haut.
Vertrau' der eig'nen Rechte!
Schau auf den eig'nen Stern!
Was frommt der Tausch dem Knechte,
Tauscht er nur bloß den Herrn?
Sey klug, gerecht und gütig,
Besonnen, kalt und klar;
Nicht frech noch übermüthig,
Aufrichtig, offen, wahr!
[153]
Dem Bösen steur' und wehre;
Vom Frevel bleibe fern!
Gieb Ehre, dem die Ehre
Gebühret, Gott dem Herrn!
Bist du also gesonnen,
So zeuch, zeuch hin mit Gott!
Der Kampf ist schon entbronnen;
Sieg gilt es oder Tod!
Wir und Ihr, oder die Waage der GerechtigkeitDie gute SacheDie zwölf GeboteDas Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[154] Wir und Ihr,
oder
die Waage der Gerechtigkeit

Ihr stammt von Mannus und von Teut;
Von Teut und Mannus stammen wir;
Ein Eichwald zog uns groß.
Ihr überstürmtet Ost und West;
Wir blieben heim im Vaterhaus,
Hütend den heil'gen Heerd.
Euch tummelnd unter Galliern
Und Römlingen, verlerntet ihr
Der Väter Zung' und Zucht.
Wir tragen noch der Väter Bild,
Wir reden noch die Sprache Teuts,
Die jede Fälschung scheu't.
[155]
Zu Thor und Wodan riefen wir;
Ihr zu Sankt Guy und Sankt Denys;
Eins war des Andern werth.
Doch Winfried, Gall und Fridolin,
Sie wurden uns gesandt durch euch,
Das fordert unsern Dank.
Für Christus strittet ihr bei Tours;
Im Lechfeld stritten wir für Ihn,
Das stellt uns gleich mit euch.
Doch als zu Clermont Gott gebot,
Habt ihr erkämpft das heil'ge Grab;
Das, traun! gabt ihr voraus.
Den Gottesfrieden gabet ihr,
Das Ritterthum erfandet ihr;
Das heischt der Menschheit Dank.
Es kam die Sitt', es kam die Kunst,
Die Bildung kam zu uns von euch;
Das heischt auch unsern Dank.
[156]
Des Liedes Leib erwecktet ihr,
Wir hauchten eine Seel' ihm ein,
Eins ist des Andern werth.
Doch wer, der unserm Eschilbach,
Unserm Veldegk einmal gelauscht,
Lauscht eurem Troubadour?
Der Schönheit Blume pflücktet ihr;
Uns stärkt des Wissens nährend Mark,
Wohl dies wiegt jenes auf.
Ihr brachtet Cartes und Pascal
Leibniz und Kepler brachten wir,
Und unsre Schale sank.
Gerson gabt ihr und Fenelon,
Wir Tauler, Spener, Frank und Ar'nd;
Die Schalen schweben gleich.
Doch wiegt auch Quesnel Luthern, auf,
Wol den Melanchton Abälard,
Wol Ailly den Reuchlin?
[157]
Ihr nennet Cid uns und Oedip,
Wir nennen Egmont euch und Tell;
Und eure Schale steigt.
Bossuet nennt ihr und Arouet,
Klopstock und Müller nennen wir,
Und unsre Schale sinkt.
Gelt, ihr seyd witzig, glatt und fein;
Wir sind nicht witzig, fein und glatt,
Wir sind nur schlecht und recht.
Ihr trotzt auf hohes Ehrgefühl;
Wir trotzen nicht, wir pflegen still
Den Sinn für Pflicht und Recht.
Wohl Heldenmuth und Rittersinn
Habt ihr erprobt gar oft und viel;
Nicht minder wir, noch mehr!
Für euch zeugt Guesclin, Chatillon,
Bayard, Turenne, Catinat;
Für uns zeugt Friederich!
[158]
Hart wurdet ihr bedrängt; da stand
Die gotterfüllte Jungfrau auf,
Erlöste euch und starb.
Hart sind auch wir bedrängt; doch schon
Regt mächtig sich der Geist des Herrn,
Der uns, auch uns erlöst.
Doch g'nug des Haders! Einem Blut
Entsproßt, getauft auf Einen Christ,
Was hadern wir und ihr?
Begabt seyd ihr, begabt sind wir,
Nicht minder sündig wir wie ihr;
D'rum laßt uns Freunde seyn!
Wohl schön und groß ist euer Land;
Auch unser Land ist weit und schön;
Raum's g'nug für uns und euch!
Gott schied uns durch Gebürg und Strom;
Scheu't, wackre Brüder, scheu't den Gott,
Und Friede sey mit euch!
Sehnsucht nach dem FriedenWir und Ihr, oder die Waage der GerechtigkeitDie gute SacheDie zwölf GeboteDas Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[159] Sehnsucht nach dem Frieden

1.

Schooßkind des Himmels, vielgewünschter Friede,
Bist du auf ewig unserm Stern' entflohn?
Verödet ist die Welt, die Menschheit müde;
Rechts brüllt und links des Schlachtrufs Donnerton.
Es wetterleuchten Süd und Norden,
Der Himmel färbt sich flammenroth.
Nur Eine Kunst gilt: Menschen morden!
Nur Eine Zuflucht bleibt: Der Tod!

[160] Chor.

Wohl stürmt es nah und fern; wohl ist die Menschheit müde;
Doch aus dem Weltensturm erblüht der Weltenfriede.
Das Edelste wird nur durchs Theuerste erkauft.
Mit Feuer und mit Blut wird, wen Gott liebt, getauft.

2.
Es schallt nicht mehr des Hirten weiche Flöte;
Der Feuerschlünde Krachen sprengt die Luft.
Die Trommel rollt. Es schmettert die Drommete,
Die unsre Kinder auf den Kampfplatz ruft.
Fliehn sieht die Mutter, bleich von Harme,
Den Liebling, den ihr Schooß umschloß,
Und aus der Braut erstarrtem Arme
Reißt sträubend sich der Jüngling los.
[161] Chor.

Wohl schweigt des Hirten Rohr, wohl schweigen Harf' und Flöte;
Allein zur Freiheit ruft, zur Rettung die Drommete.
Nicht weine, süße Braut! nicht brich, o Mutterherz!
Er kehrt! der Liebling kehrt! Und Wollust wird der Schmerz!

3.
Zu lang', zu streng peitscht uns des Richters Ruthe.
Die Menschheit wildert. Wüste wird die Welt.
Mit Menschenmark gedüngt und Menschen-Blute,
Trägt Dorn und Disteln das versäumte Feld.
Die Flamme rast. In Schutt und Trümmern
Sinkt Hütt' und Pallast, Dorf und Schloß;
Und auf der schwarzen Brandstatt wimmern
Verwaiste Kindlein, nackt und bloß.
[162] Chor.

Was frommen Hab' und Gut, der Kindlein theure Bürde,
Wenn uns die Freiheit fehlt, des Lebens Würz' und Würde!
Dem Sohn der Knechtschaft dient der Pallast zum Verließ;
Dem Freien nur gemahnt die Wildniß Paradies.

4.
Der Frühling schwingt schon die smaragd'nen Schwingen,
Der Sprosser lockt, die Turteltaube girrt.
Wirst du, o Lenz, die güld'ne Zeit uns bringen,
Wo keine Kett' und wo kein Schwert mehr klirrt?
Wird bald die frohe Botschaft schallen:
»Gestillt sind Hader, Zorn und Harm,
Und die ergrimmten Völker fallen
Versöhnt einander in den Arm!«
[163] Chor.

Getrost, getrost! Sie naht, die vielgewünschte Stunde,
Wo jeder Schmerz vernarbt, und heil wird jede Wunde!
Wo Zorn und Haß nicht mehr der Menschheit Milch vergällt;
Wo nur Ein Bruderherz die Brust der Menschheit schwellt!
An den Heerführer der SchwedenSehnsucht nach dem FriedenWir und Ihr, oder die Waage der GerechtigkeitDie gute SacheDie zwölf GeboteDas Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[164] An den Heerführer der Schweden

Bei seiner Ankunft auf dem deutschen Boden.


Fürst sonder Furcht und Trug, du kommst zum lauern Süden
Fernher vom starren Nord, zu fördern Ruh und Frieden,
Zu schlichten jeden Zwist, zu sühnen alle Wuth!
Den Trutz willst du bekämpfen,
Gewalt und Frevel dämpfen,
Der Unschuld Hort und Hut!
Bis uns willkommen dann! Und Gott der Herr sey gnädig
Dem, das du willst und würkst! Der Bande los und ledig
[165]
Werd' unser Volk durch dich! Mögst du mit reiner Hand
Der Zwietracht Thor verriegeln,
Der Rache Schlund versiegeln,
Held, bis zum Weltenbrand!
Mögst du vom Untergang der Menschheit Trümmer retten!
Geling' es dir, den Feind, den Argen, anzuketten!
Stift' ein atlantisch Reich! Pflanz' einen Gottesstaat!
Und schimmern soll dein Name,
Und wuchern soll dein Same,
Fürst, gleich der Sternensaat!
Wer ist es, sagt mirs an, wer ist der Recht' und Eine,
Der Gottes Bild noch trägt in seiner Treu und Reine?
[166]
Der Held ist's, der zugleich kindlich und fromm und mild!
Der Wüthrich wird zerstäuben;
Der Gütige wird bleiben;
Denn er trägt Gottes Bild!
Die ihr auf Thronen prangt, um bald im Staub zu modern,
Der Könige König wird vor seinen Stuhl euch fodern,
Prüfend so Schrot als Korn, ein strenger Waradein.
Er schürt der Schmelzgluth Flammen,
Nur er mag euch verdammen,
Nur er mag euch verzeihn!
Weh, Krieger, über dich, dem ob dem kalten Morden
Das Eingeweid' zu Stein, zu Stahl die Brust geworden,
[167]
Dem nie die Wimper naß und nie das Herz wird weich!
Nicht mag der Lorbeer dauern,
Um den die Völker trauern;
Ihr Jammer wäscht ihn bleich!
Fürst sonder Trutz und Trug, magst du den Ruhm erneuern
Deß, der bei Lützen stritt, den Deutschlands Hymnen feiern,
Weil er den Unhold schlug, vor dem der Welt gegraut!
Held, laß die Banner fliegen;
Denn schier in letzten Zügen
Liegt Deutschland, deine Braut!
Als Paris gefallen warAn den Heerführer der SchwedenSehnsucht nach dem FriedenWir und Ihr, oder die Waage der GerechtigkeitDie gute SacheDie zwölf GeboteDas Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[168] Als Paris gefallen war

Stanzen.


Verehrte Gönner, eh vor euren Blicken
Der Bühne wechselnd Spiel sich heut' erregt,
Sey mir vergönnt, zwar schüchtern, auszudrücken,
Was mächtig unser aller Brust bewegt!
Geziemt es doch der Bühne, sich zu schmücken
Mit jeder Farbe, die das Leben trägt!
Mag Gram euch düstern, Frohes euch erheitern;
Der Kunst gebührt, die Leidenschaft zu läutern!
Das große Räthsel lösten diese Tage;
Gesprochen hat der Gott ein mahnend Wort;
Schicksalentscheidend klang die Völkerwaage,
Und ihrem Klang' erbebten Süd und Nord.
[169]
Wie Windsbraut wälzt die ungeheure Sage
Von Strom zu Strom, von Strand zu Strand sich fort.
Wohin ihr lauscht, hört ihr die Losung schallen:
Der Franken stolze Hauptstadt ist gefallen!
Sie, deren Ring den Raub des Erdballs faßte,
Sie, die Europens Königinn sich pries;
Die in der Völker Blut und Thränen prass'te,
Und jede Mahnung höhnend von sich wies;
Die aus der Hütte längst und dem Pallaste
Den Glauben sammt der Liebe von sich stieß;
Sie hat des herben Kelchs nun auch getrunken,
Ihr prangend Haupt ist in den Staub gesunken.
Ein Höherer hat über sie gesprochen,
Ein Stärkerer hat ihr den Raub geraubt.
Auch über sie ward nun der Stab gebrochen,
Die unantastbar sich bis jetzt geglaubt.
Wien und Berlin und Moskau sind gerochen;
Die alte Roma hebt ihr würdig Haupt.
Die jüngst noch Herrinn hieß, wird Magd gescholten,
Und wie sie andern that, wird ihr vergolten!
[170]
Vergeltung, traun! harrt jenseit jener Sterne;
Doch auch hienieden wird vergolten schon!
Es greife nicht zu lüstern in die Ferne,
Es baue nicht in Wolken seinen Thron,
Wen eines Weibes Schooß gebar! Es lerne
Die höhern Mächte scheu'n der Erde Sohn!
Nicht Sterblichen ziemt schrankenloses Schalten;
Es ziemt allein den himmlischen Gewalten.
Das wars, worauf die Ueberwinder bau'ten,
Und was der Ueberwund'ne frech verlacht.
Nicht wars die Zahl, d'rauf unsre Tapfern trau'ten,
Nicht ihrer Ross' und Wagen Uebermacht;
Es war der Frommen Hort, auf den sie schau'ten,
Und der durch sie das große Werk vollbracht.
Ihr glaubensvollen Helden, seyd gesungen!
Der Kränze schönster ward durch euch errungen.
Hört ihr den Jubelpsalm der Nationen?
Sie rafften auf sich aus dem dumpfen Harm.
Es fallen schon die Kinder ferner Zonen
Versöhnt einander in den Bruderarm.
[171]
In unsern Hütten wird nun wieder wohnen
Der Väter Herzlichkeit, treu, deutsch und warm.
Der Geister Aufschwung lähmt nicht mehr der Schrecken;
Die neue Zeit wird neue Kräfte wecken.
Nicht mehr geleiten uns der Späher Rotten
Daheim und draußen, feldwärts und an Bord.
Des Zwanges ledig, steuern unsre Flotten
Furchtlos von Meer zu Meer, von Port zu Port.
Der Bosheit trotzen und der Dummheit spotten
Die freie Letter und das freie Wort.
Asträa schwingt die blitzende Egide,
Und rings gedeihn Zucht, Ordnung, Recht und Friede.
Hör' auf dann, trautes Land, auch du zu trauern,
Und wandl' erhabnen Haupts die neue Bahn!
Ergrünt ihr Fluren nun aus Schlag und Schauern
Die wir noch jüngst im Eise starren sahn!
[172]
Frohlock' im Ninge deiner freien Mauern,
Stadt, der die Mus' und Hore liebend nahn!
Und ihr, verehrte Pfleger alles Schönen,
Seyd freundlich, wie ihr wart, Thaliens Söhnen!
Das erlöste DeutschlandAls Paris gefallen warAn den Heerführer der SchwedenSehnsucht nach dem FriedenWir und Ihr, oder die Waage der GerechtigkeitDie gute SacheDie zwölf GeboteDas Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[173] Das erlöste Deutschland
Cantate

Chor.

Feiert!
Feiert!
Feiert!
Die Wetter schweigen! Gülden glänzt der Tag!
Das Joch, das schwer auf Deutschlands Nacken lag,
Es ist zerschellt. Gerochen ist die Schmach.
Dem Trutz und Frevel ward gesteuert,
Und Deutschlands Glorie strahlt erneuert.
D'rum feiert!
Feiert!
Feiert!
[174] Recitativ.

Ist's möglich? Ist der Wunsch gekrönt?
Ist das Verhängniß endlich uns versöhnt?
Ist unsre lange Schmach gerochen?
Ist unsrer Dränger Trotz gebrochen?
Ist Ziel gesetzt der herben Tyrannei?
Hermanns und Luthers Heimath, bist du frei?
Ja, du bist frei, du theure deutsche Erde!
Der Ewige sprach sein allwaltend Werde;
Da sprang die Fessel. Unsers Helden Hand
Brach deine Ketten, trautes Vaterland!
Arie.

Held, der aus der Schlacht Gewittern
Triumphirend wiederkehrt;
Der die Rettung uns errungen,
Sey gegrüßt uns, sey gesungen,
Held, den Mit- und Nachwelt ehrt!
Der das Rächerschwert geschwungen,
Der des Drängers Trotz bezwungen,
[175]
Der die Rettung uns errungen,
Würdig unsrer Huldigungen,
Unsrer Hymnen bist du werth!
Held, der aus der Schlacht Gewittern
Triumphirend wiederkehrt;
Der die Rettung uns errungen,
Sey gegrüßt uns, sey gesungen,
Held, den Mit- und Nachwelt ehrt!
Recitativ.

Heiß war der Kampf. Die frechen Myriaden,
Verwüstung drohend unsern Lustgestaden,
Zerstörung lüsternd, stürmten sie heran;
Da traf dein Arm sie, Karl Johann!
Wo sind sie nun, die siegberauschten Schaaren,
Die uns seit zwanzig unheilschwangern Jahren
Zertraten? Von der Rache Strahl
Sind sie getilgt. Es traf sie, Held, dein Stahl.
Auf Dennewitz und Leipzigs Angern modert,
Was nicht durch schnelle Flucht der Rach' entrann;
[176]
Wo Gustav Adolphs Ruhm zur Sonn' emporgelodert,
Brachst du dir ew'ge Lorbeern, Karl Johann!
Arioso.

Der Lorbeer, den mit frommer Hand
Das neugeborne Vaterland
Um seines Retters Schläfe wand,
Wird wie des Friedens Oelzweig ewig grünen.
Verdorren wird das schnöde Reis,
Das, großgesäugt durch Blut und Schweiß,
Um Thränen nur und um Verbrechen weiß,
Die keine Reue tilgt und keine Opfer sühnen,
Der Lorbeer, den mit frommer Hand
Das neugeborne Vaterland
Um seines Retters Schläfe wand,
Wird ewig wie des Friedens Oelzweig grünen.

[177] Arie

Vierstimmig.

Alle Stimmen.

O Urquell aller Wonne,
O alles Segens Bronne,
Gewünschte Friedenssonne,
Schau aus dem Trauerflor,
Mildtröstend schau hervor!
Erste.

Die du dem Trübsinn steuerst,
Des Herzens Kraft erneuerst,
Zu Wort und That befeuerst,
Füll' uns mit Löwenmark!
Fromm sey das Volk und stark!
Zweite.

Die du die Künste hegest,
Die du das Wissen pflegest,
All edles Streben regest,
Es kräftige dein Kuß
Den matten Genius!
[178] Dritte.

Die du die Flur erquickest,
Mit güldner Saat sie schmückest,
All' Aug' und Herz entzückest,
Laß deine Strahlen sprühn,
Ein neues Eden blühn!
Vierte.

Du heilest alle Wunden,
Du machst das Herz gesunden,
Du bringst die Freudenstunden;
D'rum, holder Genius,
Letz' uns mit mildem Kuß!
Alle Stimmen.

O alles Segens Bronne,
O Urquell aller Wonne,
Gewünschte Friedenssonne,
Schau auf das weite Grab,
Den Erdkreis, mild herab!
[179]
Recitativ.

Bis gutes Muths! schon in die Ferne zogen
Die Ungewitter. Sieh! es klärt sich schon die Luft.
Es murmeln leiser schon die Meereswogen;
Und der Verheißung farbenheller Bogen
Blüht heilverkündend in dem grauen Duft.
Schon freier athmen rings die Kreaturen;
Und frischer grünen die erquickten Fluren;
Aus goldbesäumter Wolken zartem Flor
Tritt friedelächelnd Gottes Sonn' hervor.
D'rum bis getrost! nicht zage! nicht ermüde!
Denn aus dem Weltensturm erblüht der Weltenfriede.
Chor.

Feiert!
Feiert!
Feiert!
Nah ist das Heil uns! nah die güldne Zeit!
Zur Hölle stürzten Zwietracht, Zorn und Neid;
Hinfort sind heilig wieder Schwur und Eid;
[180]
Dem Rath der Bösen wird gesteuert,
Das tausendjähr'ge Reich erneuert,
Und Deutschlands Stern strahlt unverschleiert!
D'rum feiert!
Feiert!
Feiert!

Ende der vaterländischen Gesänge.
An Karl Heinrich LindeDas erlöste DeutschlandAls Paris gefallen warAn den Heerführer der SchwedenSehnsucht nach dem FriedenWir und Ihr, oder die Waage der GerechtigkeitDie gute SacheDie zwölf GeboteDas Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[181] An Karl Heinrich Linde

Bei seiner Amtsjubelfeier.


Greifswald. 1814.


»Heil dem Mann, der dem Herrn vertraut, der spricht zu dem Herrn, Herrn:
Herr, mein Fels, meine Burg, Herr, mein Erretter, mein Hort,
Schirmender Schild in der Schlacht, Horn unantastbarer Stärke,
Auf Dich hofft' ich, und nie hast Du den Hoffer getäuscht!
Heil dem Mann! Ihn umfängt mit Adlerrfittig die Vorsicht;
Ihm glänzt tröstend die Sonn', ob auch der Himmel sich schwärzt.
Nicht schreckt ihn das Grauen der Nacht. Nicht trifft ihn des Mittags
[182]
Tödtlicher Pfeil. Ihn umgarnt nimmer das lauernde Netz.
Tausend stürzen zur Rechten dem Sicheren, tausend zur Linken;
Sein nur schont das Geschoß, welches die Tausend erlegt.
Mein begehrt er und stracks helf' ich ihm aus. Aus den Aengsten
Reiß' ich ihn eilig heraus, weil er mit Namen mich nennt.
Rufe mich an in der Noth, und ich will dich erretten; Ich will dich
Setzen zu Ehren, ich will hold und gewärtig dir seyn.
Sättigen will ich dein Herz mit langem Leben. Ein Beispiel
Sollst du den Sterblichen seyn seltenen dauernden Heils.«
Würdiger Greis, was so der Prophet hochahnend gesungen,
[183]
Was er geschauet im Geist, hast Du im Leben erprobt.
Seltenes ward dir gewährt vom Herrn. Mit dem Manna von oben
Stärkt' er dich, tränkete dich aus dem verjüngenden Quell.
Siebenzig wurden beschieden dem Sterblichen, achtzig aufs höchste;
Ueber die achtzig hinaus ward Dir gemessen das Maß.
Dreimal sahst du erneuert um Dich die Geschlechter der Menschen.
Welche zugleich mit Dir einstens betraten die Bahn,
Längst schon schlafen die Meisten den eisernen Schlaf in der Tiefe.
Schon auch ruhn, die mit Dir einerlei Mutter geherzt.
Du nur schreitest einher mit Kraft, ein unsterblicher Jüngling;
Nicht ward blöder der Blick; zögernder ward nicht der Gang.
[184]
Rüstig förderst du Tag vor Tag das beschiedene Tagwerk,
Wegerst der Lasten Dich nicht, welche wol Jüngere scheu'n,
Schau'st mit Ruhe zurück in die längst versunkene Vorzeit,
Blickst gleichmüthig hinaus in das Verhängniß, was kommt.
Freue dich, würdiger Ohm, des Tags, den Gott Dir beschieden!
Viel zwar sähen ihn gern; aber sie sehen ihn nicht,
Jenen belohnenden Tag, der zwanzigtausend der ältern
Blühenden Brüder begrub, kräftiglich blühend, wie sie.
Schau' auf, würdiger Greis, mit Dank und Vertrau'n zu dem Herrn Herrn,
Welcher vor andern an Dir Großes und Gutes gethan!
Schlürf' aus dem Becher des Lebens die letzten rinnenden Tropfen!
[185]
Keiner verrinne, der nicht andre gelabet, wie Dich!
Jüngeren werde verziehn, zu verschwenden die Tag' und die Monden!
Aber am Rande der Zeit steigen Minuten im Preis.
Ach um Eine, nur Eine der unschätzbaren Minuten
Gäbe der König sein Reich, gäbe den Lorbeer der Held,
Gäbe der Dichter dahin den unsterblichsten seiner Gesänge;
Aber nicht Gold nicht Gesang kauft die Minute zurück.
Laßt, dann, Freunde, uns haschen die Flüchtige! Würdig benutzen
Lasset das Nun uns; das Nun richtet, was war und was wird.
»Friede dir, würdiger Ohm, und sprich noch ferner zum Herrn Herrn:
[186]
Herr, mein Fels, meine Burg, Herr, mein Erretter, mein Hort!
Dir vertrau' ich und halte an Dir, ob auch Himmel und Erde
Um mich versänken; Du bleibst, Ewiger, dem, der Dir traut!«
An Diederich Herrmann BiederstedtAn Karl Heinrich LindeDas erlöste DeutschlandAls Paris gefallen warAn den Heerführer der SchwedenSehnsucht nach dem FriedenWir und Ihr, oder die Waage der GerechtigkeitDie gute SacheDie zwölf GeboteDas Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[187] An Diederich Herrmann Biederstedt bei der Feier seiner fünf und zwanzigjährigen Amtsführung

Greifswald. 1814.


Wohl lieblich sind des Boten Füße,
Der uns die Friedenszeitung bringt:
Wohl singt die Nachtigall so süße,
Die uns die ew'gen Freuden singt.
Doch, nur dem Krieg' entblüht der Friede;
Das wahre Leben giebt der Tod;
D'rum rufe kräftig! Nicht ermüde,
Uns zu verkünden, was uns noth!
[188]
Und was ist noth uns? Buß und Glaube!
Ach, Buß' und Glaube thun so noth!
Vom Dornstrauch lies't sich nicht die Traube;
Die Diestel bringt kein Lebensbrod.
Durch Zittern nur und durch Erbangen
Erringt sich die Beruhigung;
Und niemand mag zum Heil gelangen,
Als auf dem Weg' der Heiligung.
Thut Buße! rief in seinem Grimme
Der Täufer mit des Donners Ton.
Thut Buße sprach mit sanfter Stimme
Des ew'gen Vaters ein'ger Sohn.
Die hohen Zwölf, die Boanergen,
Sie blieben ihrer Sendung treu:
Und in den Thalen, auf den Bergen
War Buße rings das Feldgeschrei.
Ignatius, der du am Stamme
Des Kreuzes deine Lieb' umschlangst;
Hirt Smyrna's, der du mit der Flamme,
Der innern und der äußern, rangst;
[189]
Held, der mit Kraft den Feind geschädigt,
Karthago's Vater, Hort und Haupt;
Es war die Echo eurer Predigt:
»Seyd wacker, Kindlein, kämpft und glaubt!«
Den blutbeladnen Kaiser bannte
Ambrosius, getreu der Pflicht.
Wie heiß des Mörders Reu' auch brannte,
Der Priester Gottes wankte nicht.
Chrysostomus schoß Blitz' auf Blitze,
Entflammt für seines Meisters Braut.
Die Kaiserinn fuhr bleich vom Sitze,
Und Constantins Stadt weinte laut.
Johannes Gerson schlief im Grabe;
Doch blieb des Eifrers Grab nicht stumm;
Thut Buße, rief er aus dem Grabe,
Und glaubt dem Evangelium!
Als an des Leman Lustgestaden
Die Stimme Labadie's erscholl,
Sah man Geneva thränenbaden,
Und der Rhodan schwieg ehrfurchtsvoll.
[190]
O Tauler, sey uns unvergessen!
O Spener, bleib' uns lieb und werth!
O Ar'nd, wer mag mit dir sich messen?
Wer hat, wie Du, den Herrn verklärt!
Und Du, der Ost und West zum Segen
Sein Marterlamm inthronisirt!
Und Du, demüthiger Ter Steegen,
Der Groß und Klein in's Nichts geführt ...
Kehrt wieder, Starke! Unsre Rede,
Beschämt durch euer kräftig Wort,
Wallt durch des Münsters weite Oede
Dumpfhallend über Gräbern fort.
Ihr straftet, und das Todte lebte!
Wir schonen, und was todt, bleibt todt!
O Geist, der in den Vätern webte,
Geist Gottes, lehr' uns, was uns noth!
Eins und noch Eins thut noth dem Volke!
Ach, Buß' und Glaube thun ihm noth!
Zeugt, Brüder, mit der Zeugenwolke
Von Jesu Kreuz, von Jesu Tod!
[191]
O Wort vom Kreuz! o Wort des Lebens!
Erhabnes, unausforschlichs Wort!
Wer dich versäumt, irrfährt vergebens;
Wer dich begriff, gewann den Port.
Das Wort vom Kreuz ist stark und kräftig,
Und scharf wie kein zweischneidig Schwert;
Lebendig ist es, schnell, geschäftig,
Und haut und brennt und nagt und zehrt;
Es richtet Sinnen und Gedanken;
Es scheidet läuternd Mark und Bein;
Dieß Wort, mein Bruder, sonder Wanken
Laß dieß Wort deine Waffe seyn!
Sey stark im Herrn! Sey allzeit fertig,
Deß Werk, der dich gesandt, zu thun!
Dem Willigen ist er gewärtig!
Und nach der Arbeit ist gut ruhn!
Und, o des Trostes! nicht verloren
Soll, Bruder, unsre Arbeit seyn!
Er hat's gesagt; Er hat's geschworen!
D'rum glauben wir, zu Trutz dem Schein.
[192]
»Wie sich der Thau vom Himmel senket,
Und nicht zum Himmel wieder kehrt,
Er habe dann die Flur getränket,
Das Gras erfrischt, den Halm genährt;
Also das Wort aus meinem Munde!
Es kehrt nicht leer zurück zu mir;
Es bringt die Frucht zur rechten Stunde.«
Dem Wort, mein Bruder, trauen wir.
An IngerslebenAn Diederich Herrmann BiederstedtAn Karl Heinrich LindeDas erlöste DeutschlandAls Paris gefallen warAn den Heerführer der SchwedenSehnsucht nach dem FriedenWir und Ihr, oder die Waage der GerechtigkeitDie gute SacheDie zwölf GeboteDas Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[193] An Ingersleben

Ueberbracht von den Studirenden zu Greifswald, als Schwedisch-Pommern und Rügen dem Hause Brandenburg übergeben wurden.


1815.


Also ward Glauben Schau'n, Wahrheit der Traum des Frommen!
Reich Gottes, Reich des Heils, du bist mit Pracht gekommen!
Fröhlich grünt rings das Land, gedüngt durch Märt'rerblut!
Der Herr Herr hat gerichtet;
Das Böse ward vernichtet;
Es siegt nach langem Hader,
Was schön, was wahr, was gut!
[194]
Germania frohlockt! Aus ihren hundert Gauen,
Rechts wo die Donau brüllt, links wo die Belten blauen,
Stürmt himmelan ihr Psalm, lodert die Opferflamm:
»Der Herr Herr hat gerichtet,
Die Zwietracht ward geschlichtet;
Thuiskons hundert Stämme
Sind nun Ein Volk, Ein Stamm!«
Auf Pomerania dann! Auf Rugia, du Traute!
Legt ab den Trauerflor! Laßt Rosmarin und Raute!
Hüllt euch in Seid' und Sammt; spart der Geschmeide keins!
Das Jawort ist gesprochen;
Der Scheidebrief gebrochen;
Der Trauring ward gewechselt;
Was Zwei gewest, ist Eins.
Was Gott zusammenfügt, das soll der Mensch nicht scheiden!
Hinfort soll Pommern nicht zwiespältig Pommern neiden;
[195]
Ewig sey Eins hinfort, was Sprach' und Abkunft eint!
Wohl unter den drei Kronen
Ließ sich's gemächlich wohnen;
Doch mag das Band nicht dauern,
Was die Natur verneint.
Fahr', Odins Volk, fahr wohl! In nie bewölkter Klarheit
Funkl' ewig dir dein Stern, der Angelstern der Wahrheit!
Wir scheiden ... Fahre wohl ... Wohl thut das Scheiden weh ....
Doch ach, die Brüder winken;
Sie winken, und wir sinken
An Hals und Herz den Brüdern,
Und Wollust wird das Weh!
Wer wollte mit Vertrau'n nicht in das Lichtreich treten,
Wo Friedrich Wilhelm thront, umringt von weisen Räthen,
[196]
In Mitten seines Volks, das heldisch ernst und mild;
Wo nicht die Willkühr schaltet,
Wo das Gesetz nur waltet,
Wo noch der Väter Glaube,
Der Alten Weisheit gilt.
Wer ist, wer sagt uns an, was Staaten weckt und decket,
Was Thronen stützt und schmückt, was die Tyrannen schrecket?
Ist's nicht der Drang, der kühn ins Mark der Wesen dringt?
Nie mag ein Volk verknechten,
Nie ein Geschlecht verschlechten,
Das nach dem Vließ der Wahrheit
Und Schönheit rastlos ringt!
Preis dir Germania! An deinen Stromgestaden
Lustwandelt rings der Chor der Helikoniaden;
So weit dein Adler fliegt, springt Phöbos güld'ner Quell.
[197]
Er springt am Rhein und Mayne,
Am Neckar, an der Leine,
An Spree und Pleiß' und Saale,
Sonnhoch und sonnenhell.
Du säumst, bescheid'ner Strom, kalmusbekränzteHilde?
Nicht säume! Dich auch deckt mit diamantnem Schilde
Athene. Deutschlands Nord dankt dir sein tagend Licht.
Jahrhunderte verflossen;
Und rastlos, unverdrossen
Hast du gepflegt das Schöne,
Gestrebt für Recht und Pflicht.
Jahrhunderte entflohn. Verstummt ist Albertine;
Entschlafen Julia; verschieden Viadrine...
Wie? auch Leukoris neigt ihr lorbeernschweres Haupt? ...
[198]
Nur Gryphia stand den Stürmen.
Ein Hort, den Engel schirmen.
Der Ahnherrn Fluch vertilgte,
Die ihren Heerd beraubt.
Schau, Vater Wratislaf, herab von deinem Sterne,
Ernst, Philipp, Bogislaf, schau't aus der lichten Ferne,
Auf euer Kindlein schau't, das ihr mit Angst gebart,
Das ihr mit Inbrunst hegtet,
In Sorg' und Jammer pflegtet!
Freu't Euch der schönern Zukunft,
Die eures Lieblings harrt.
Denn Friedrich Wilhelm sprach: (Laßt es in Goldschrift schreiben!)
»Was Fürstenfrömmigkeit gestiftet, das soll bleiben.
Was Geister säugt und nährt, nährt auch der Staaten Mark.«
[199]
Dem Königswort vertrauend,
Auf Schuckmann's Weisheit bauend,
Auf Putbus Güte trutzend,
Wer, der nicht kühn und stark?
Vernimm dann, edler Mann, den uns Sein König sandte,
Dem längst die deutsche Brust für Pflicht und Recht entbrannte,
Vernimm den Schwur, der uns, auch uns an Preußen band:
»Derweil das Herz sich reget,
Derweil der Pulsschlag schläget,
Sey'n heilig uns und theuer
Gott, König, Vaterland!«
An HardenbergAn IngerslebenAn Diederich Herrmann BiederstedtAn Karl Heinrich LindeDas erlöste DeutschlandAls Paris gefallen warAn den Heerführer der SchwedenSehnsucht nach dem FriedenWir und Ihr, oder die Waage der GerechtigkeitDie gute SacheDie zwölf GeboteDas Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[200] An Hardenberg

Namens der Universität zu Greifswald.


1816.


Im All der Sonnen walten der Kräfte zwei.
Nach außen drängt die Eine; die Andre lockt
Zurück zum Schwerpunkt. Solchem Zwist dankt
Ordnung und Dauer der Sphären Prachtbau.
Zwei Kräft' auch sind es, welche dem Staat Bestand
Und Wohlfahrt sichern, schwebend im Gleichgewicht:
Des Helden Zorn, der Glimpf des Weisen,
Spornend der Eine, der Andre zügelnd.
[201]
Wem dieß, wie jenes liebend beschied der Gott,
Heil solchem Reiche! Heil dir, Borussia!
Gestützt auf Hardenberg und Blücher,
Weicht nicht der König vom Pfad der Mitte.
Derselbe, wie auch wechs'le der Loose Fall,
Ruhig, ob schmeichl', ob drohe der Horizont,
Ehrt Er den Thatendurst des Feldherrn,
Achtend zugleich auf des Staatsmanns Mahnung.
Sey uns gegrüßt dann, weiser Canzlar des Reichs!
Ein wack'rer Steurer hast Du das Schiff des Staats,
Das schwerarbeitende, zum Hafen
Kräftig gelenkt durch Geklipp und Brandung.
Was Kaiser Friedrich Petrus de Vineis,
Was seinem Ludwig Suger der Würdige,
Was Sully Frankreichs viertem Heinrich,
Warst Du dem König, und bist, und bleibst es,
[202]
Bis auch der Wunden letzte zur Narbe wird,
Daraus Europa blutet; bis Ost und West
Des müden Welttheils tiefaufathmend
Schlummern im Schatten des heil'gen Bundes.
Indeß sey hold uns, die wir das deutsche Herz
Sorgsam bewahrten, saß gleich der König uns
Jenseit der Wasser, lag gleich fern uns
Frohes und Trübes der Bruderstämme.
Sey hold uns, Hehrer, der Du dem Thron zunächst
Rathspendend sitzest! Werd' uns ein Genius!
Zum Bürger adle den Privatmann!
Steigr' uns die Heimath zum Vaterlande!
Samml' um des Thrones Stufen den Völkerrath!
Gut, Ehr' und Leben sichr' uns das gleiche Recht!
Oeffn' aller Kraft der Thaten Rennbahn!
Keinem Verdienst sey versagt die Palme!
[203]
Der Boden eigne dem, der den Boden baut!
Die Marken hüte, welchen die Mark gesäugt!
Heer sey das Volk; die Schule Stoa;
Areopagus die Pfalz des Rechtes!
Der Geister Aufschwung lähme kein Machtgebot!
Die freie Type fess'le kein Zwanggesetz!
Dem Höhern huld'ge Kron' und Inful!
Innigst durchdringe sich Staat und Kirche! ...
Der Vorwelt Aeren, güld'ne Jahrhunderte
Des, dem Athen, dem Roma den Glanz verdankt,
Dem Bagdad, dem die schöne Florenz,
Kehret, ihr Leuchtenden, kehrt ihr wieder?
Satt Markts und Lagers, lauschet' Augustus Freund,
Wenn Flaccus Lyra, Livius Tuba klang;
Also auch Hardenberg-Maecenas,
Den die Kamöne verneint dem Lethe!
[204]
Wohl fehlt der Flaccus, fehlt auch der Titus uns;
Dennoch sey hold, Fürst, unserem Helikon!
Auch Naso ward gekränzt mit Maro,
Florus genannt mit Sallust und Cäsar.
Drum lächl' auch unsern Musen! Der Muse dankt
Unsterblich Leben, was der Moment gewirkt.
Des Dichters Liedern horcht die Nachwelt;
Nimmer vermoost der Geschichte Marmor.
An Friedrich Christoph Scheele bei seiner AmtsjubelfeierAn HardenbergAn IngerslebenAn Diederich Herrmann BiederstedtAn Karl Heinrich LindeDas erlöste DeutschlandAls Paris gefallen warAn den Heerführer der SchwedenSehnsucht nach dem FriedenWir und Ihr, oder die Waage der GerechtigkeitDie gute SacheDie zwölf GeboteDas Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[205] An Friedrich Christoph Scheele bei seiner Amtsjubelfeier

dargebracht von der Gesammtheit der Kaufmannschaft zu Stralsund.


1817.


Was sind der Volkskraft Sehnen? Was die Adern
Des Bürgerthums? Was dessen Band und Kranz?
Sind es die Mauern? Sinds die starren Quadern?
Ists der Palläste Prunk? der Münster Glanz?
Nein, Treu' und Glaub' ists, Eintracht und Vertrauen,
Der schöne Sinn, der keine Opfer scheu't;
Der Jugend frischer Muth, die strenge Zucht der Frauen,
Der Alten heit'rer Ernst, der sich des Jenseits freut!
[206]
Wohl uns! Nicht gar verschwand aus uns'rer Mitte
Die Tugend, die uns von den Vätern kam:
Nicht gar verloren ging der Ahnen Sitte;
Nicht gar zur Fabel ward uns Zucht und Scham.
Noch mangeln nicht die Männer unserm Kreise,
In deren Brust das heil'ge Feuer brennt;
Noch grünen da und dort die ehrenwerthen Greise,
Die achtend ihre Zeit, preisend die Nachwelt nennt.
Zu solchen zählt, Heil Ihm! auch unser Scheele,
Der G'rade, Brave, Wackre, Würdige;
Der Mann von biedrem Sinn und lautrer Seele,
Der, wie er sprach, auch dacht' und handelte;
Er, der durch funfzig arbeitsvolle Jahre
Mit Kraft und Treue des Berufs gepflegt,
Dem trotz des Alters Frost, und trotz dem Reif der Haare,
Ein vaterländisch Herz im warmen Busen schlägt.
[207]
Ihm sprudelt noch der reiche Born der Kräfte,
Der Ihn gestärkt, wo mindre Kraft erlag.
Er pflegt, wie sonst, der löblichen Geschäfte
Mit jugendlichem Eifer Tag vyr Tag.
Schon mehr denn einmal ward um Ihn erneuert
Der Sterblichen hinfälliges Geschlecht.
Das Licht, was jenen schwand, glänzt Ihm noch unverschleiert;
Sie ruhn! Er wirkt und schafft rastlos und ungeschwächt.
Sey uns gegrüßt dann zu dem Doppelfeste,
Das Wenigen des Schicksals Gunst gewährt!
Wir bringen Dir das Liebst' und Schönst' und Beste,
Was uns der Gott zu Trost und Lust beschert:
Ein herzlich Lied, ein Deutsches Händedrücken,
Glückwünsche, die nicht hohler, leerer Trug,
Und Augen, die gerührt für Dich gen Himmel blicken,
Und Herzen sonder Falsch und Lippen sonder Lug.
[208]
Mag schützend über Dir auch künftig walten
Die Macht, die liebend Dich bisher geschützt!
Mag spät und lange noch Dich aufrecht halten
Der Arm, der hülfreich Dich bis itzt gestützt!
Mag Deines Lebenstages Sonne sinken,
Wie sie gestiegen, ruhig, roth und rund!
Magst Du des Daseyns Wein aus güldnem Becher trinken,
Nach wackrer Zecher Art, rein aus bis auf den Grund!
In Frieden, Bester, magst Du niederwandeln
Des Wegs, den Dir der Ewige bestimmt!
Magst wirken unverdross'nen Muths und handeln,
So lang' in Dir des Lebens Lohe glimmt!
Und wird Dich einst die lange Nacht ereilen,
Die schnelle, der kein Sterblicher entrann;
So ziere Deinen Stein die schlichteste der Zeilen:
»Tritt leise, Wanderer! Hie ruht ein Biedermann!«
[209]
Die Sprüche der Sträusser-MädchenAn Friedrich Christoph Scheele bei seiner AmtsjubelfeierAn HardenbergAn IngerslebenAn Diederich Herrmann BiederstedtAn Karl Heinrich LindeDas erlöste DeutschlandAls Paris gefallen warAn den Heerführer der SchwedenSehnsucht nach dem FriedenWir und Ihr, oder die Waage der GerechtigkeitDie gute SacheDie zwölf GeboteDas Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte
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[210] [213]Die Sprüche der Sträusser-Mädchen

Vertheilt auf einem Maskenballe zu Greifswald.


Im Januar 1818.

Dialog

Warst du zu Nacht auf dem Ball? ... »Du nicht?« ... Mich hielten die Akten ...
»Aber ich riß dießmal von dem Geschreibe mich los« ...
Nun was gab es denn dort Anmuthigs zu schaun, und Ergötzlichs? ...
»Was es zu geben denn pflegt: Spanier, Türk und Tyrann,
Mönch, Sklav, Ritter und Knapp, Eremit, Skaramuz, Mephistophel!« ...
Und so Dürftigem, Freund, mochtest du opfern den Schlaf? ...
[213]
»Aber Glyzerion auch war dort, das Göthe'sche Mädchen;
Aber Musarion auch, die uns der Wieland beschrieb!« ...
Ei das wäre! Wohlan denn, was schafften, was trieben die Mägdlein? ...
»Wie sie es treiben im Buch, trieben sie's eben auch dort,
Streuten die Sträußer umher, und die Distichen, Dutzend auf Dutzend,
Sinnig die Einen und zart, spitzig die Andern und scharf« ...
Und nichts brachtest du heim, Selbstling, zur Labe des Freundes? ...
»Doch Freund; Manches erhascht hab' ich und theile mit dir.«
Glyzerion's DarbietungDialogDie Sprüche der Sträusser-MädchenAn Friedrich Christoph Scheele bei seiner AmtsjubelfeierAn HardenbergAn IngerslebenAn Diederich Herrmann BiederstedtAn Karl Heinrich LindeDas erlöste DeutschlandAls Paris gefallen warAn den Heerführer der SchwedenSehnsucht nach dem FriedenWir und Ihr, oder die Waage der GerechtigkeitDie gute SacheDie zwölf GeboteDas Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[214] Glyzerion's Darbietung

Glyzerion, das Blumenmädchen,
Das einst auf Melos Kränze wand,
Verschlug das Schicksal in dieß Land
Des Strickzeugs und der Spinnerädchen.
Doch Spuhl' und Strumpf sind ihr nicht lieb;
D'rum treibt sie hier, was dort sie trieb.
Wollt denn, ihr Leutchen, euch bequemen,
Die Sträußer, die ich für euch band,
Die Sprüche, die ich klug erfand,
Gesällig von mir anzunehmen!
Nehmt, riechet, leset, geht nach Haus ...
Frisch bleibt der Spruch, welkt gleich der Strauß!

Glyzerion.

Musarion's EinladungGlyzerion's DarbietungDialogDie Sprüche der Sträusser-MädchenAn Friedrich Christoph Scheele bei seiner AmtsjubelfeierAn HardenbergAn IngerslebenAn Diederich Herrmann BiederstedtAn Karl Heinrich LindeDas erlöste DeutschlandAls Paris gefallen warAn den Heerführer der SchwedenSehnsucht nach dem FriedenWir und Ihr, oder die Waage der GerechtigkeitDie gute SacheDie zwölf GeboteDas Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[215] Musarion's Einladung

Ihr Herrn und Frau'n, im Januar
Sind, wie ihr wißt, die Blumen rar;
Nichts sonderlichs giebt es zu schenken!
Doch ihr seyd gut, und werdet nicht
Mit einem höhnischen Gesicht
Das blöde Sträußermädchen kränken.
Schlicht ist mein Strauß, doch klug mein Spruch;
D'rum hält mich werth, wer fromm und klug.

Musarion.

Die SprücheMusarion's EinladungGlyzerion's DarbietungDialogDie Sprüche der Sträusser-MädchenAn Friedrich Christoph Scheele bei seiner AmtsjubelfeierAn HardenbergAn IngerslebenAn Diederich Herrmann BiederstedtAn Karl Heinrich LindeDas erlöste DeutschlandAls Paris gefallen warAn den Heerführer der SchwedenSehnsucht nach dem FriedenWir und Ihr, oder die Waage der GerechtigkeitDie gute SacheDie zwölf GeboteDas Eine NothwendigeTodten-EhreTe DeumSchlachtgesangErmuthigungUnsere FürstenDeutschlands ErwachenVaterländische GesängeVon der unschuldigen Hilla LillaVon Herrn Peter und der schönen MargarethaDie BlumenchifferCidli und MeliAn Juliens GrabeEusebiaDas EchoAn Charlotte SchwarzWallder und OdaDie Gräber von DustraAn Rosa [1]FrühgesangDer Jüngling von NainDes Siechen FlehgesangAn OdaliaDie Wehmuth der ErinnerungAn RosaDer BlumenstraußAn Karl und Ernst von KathenAn Christiane von SmiterlöweKlage um Lotte von PlatenSalem und SulamithKlage um ElisaDie Sprüche JehovahTrost der EwigkeitSchön HedchenElldor an Elldore [1]Elldor an ElldoreEine Blume auf ihr GrabUnsre MütterDer TodElegieUnsterblichkeitDer Wagen des HimmelsSie und Mai und NachtigallUeber Utermarks TodMein zwanzigstes JahrDer NachtsturmKlage Telynhards um seine Entfernten BergenKlage der Zurückgelassenen um RiesenbergAbschied von WonnaWonna [3]Wonna [2]Wonna [1]NachtphantasieKlage der Brüder am Rick um ihre scheidenden FreundeAn EliseKlageAn WonnaBei Salmors AbschiedDie SterneDas Wehen des AllliebendenAbendphantasieDer AurikelnstraußAn SophieWonnaThränenAn meine FreundeSchwangesangMelancholikonGewitter und SelmaGedichteKosegarten, Gotthard LudwigGedichte

[216] Die Sprüche

Distichen.

1.
Würdige Herren und Frau'n, was wir bescheidentlich bieten,
Beides, den Strauß und den Spruch, wollet ihr schonend empfahn!
2.
Tausende blühen der Blumen auf irdischer Flur. Doch die schönste
Blüht in Elysium bloß. Ruhe der Seelen, du bist's!
[217] 3.
Nimm die Myrthe! Sie mahnt an die süßeste Stunde des Lebens.
An die erhabenste mahnt, ernste Zypresse, dein Grün!
4.
Rose der Liebe, du bist auch die Rose des Schweigens. Zu roh ist
Jener das irdische Wort. Lieber erstummt sie und stirbt!
5.
Rosenknospe, du mögst ausblühn dein flüchtiges Daseyn,
Weder entblättert vom Sturm, weder versengt von dem Strahl!
[218] 6.
Ros' und Myrthe gepaart, Sinnbild des Schönsten im Leben,
Dir, holdseliges Kind, bringen wir ahnend es dar.
7.
Ernstes Wintergrün, dich gesell' ich zur Myrthe der Jugend.
Ernst sey die Jugend und froh; munter das Alter und frisch!
8.
Wo ist das Paradies? Wo die Unschuld scherzt mit der Freude;
Fremd blieb Eitelkeit noch, fremd noch die Lüsternheit ihr.
[219] 9.
Inseln der Seligen, weis't zu euch hin nicht Charte, nicht Compaß? ...
Suche die Insel, die dir weiset die Nadel der Brust!
10.
Ringle dich, bräutliches Grün, um die seidenen Locken der Freundinn!
Flüster' ihr traulichen Gruß leis' in das lauschende Ohr!
11.
Liebliches Kind, nimm hin den Strauß, der Süßes dir weissagt!
Wird er zur Mumie einst, haucht er Erinn'rung dir zu.
[220] 12.
Manchen duftenden Strauß hab' ich gewunden. Verwelkt sind
Alle. Was Wunder! Verwelkt doch auch die Hand, die sie wand!
13.
»Sag' an, Mädchen, wie heißt du?« ... Glyzerion! ... »Also aus Paphos!« ...
Meinst du, Gewächse wie wir wüchsen auf Paphos allein?
14.
Vormals wandelt' ich frei auf dem meerumflossenen Eiland;
Greifswalds steinerner Ring hält mich gefangen seitdem.
[221] 15.
Rauh ist das Clima. Der Nord bläst barsch. Eis decket das Erdreich.
Aber Arkadien grünt auch in Siberien fort.
16.
Veilchen Athens, euch sucht' ich umsonst, euch, Rosen von Rhodos!
Moos und Ranken und Gras, Anders beschert nicht der Nord.
17.
»Sind die Blumen dir feil? Sag' an, wie theuer die Sträußer?«
Was mir umsonst aufsproß, spend' ich, wie billig, umsonst.
[222] 18.
»Aber, Glyzerion, sprich: Woher dir die Sprüch' und die Sträußer?« ...
Einerlei Heimath erzog Blumen und Zeilen und mich!
19.
»Sag' an, Mägdlein, wie alt du sey'st?« ... Wie jung, magst du fragen!
Denkt an das Alter doch nur, welchen das Alter schon drückt!
20.
»Aber Glyzerion sprich: wie heißt dein Trauter?« ... Mein Trauter
Heißt, wie die Mutter ihn hieß. Frage sie, falls du sie triffst!
[223] 21.
»Deine Blumen verschenkst du wie Nichts! Wem schenkst du dich selbst dann ...«
Schwerlich dem, der da fragt! Zarteren spar' ich den Preis.
22.
»Brachte die Mutter noch mehr so kluge Kinder dem Vater?« ...
Hätte sie dich ihm gebracht, wehe dem Trefflichen dann!
23.
»Ei der Tausend! So jung und schon so schnippisch?« ... Natürlich!
Wie ihr die Saite berührt, tönt's aus der Saite zurück.
[224] 24.
»Also Musarion! Sage Musarion: Warst du in Delphi?« ...
Hättest du etwa den Gott etwas zu fragen, mein Freund?
25.
»Ob wol der Lorbeer noch wächst am Altar des Delphischen Gottes?« ...
Freilich noch wächst er und grünt. Hier ist die Probe davon!
26.
Dahne, von Phöbos verfolgt, ward Lorbeer. Mag denn der Lorbeer
Sinnbild heiliger Zucht, sträubender Tugend uns seyn!
[225] 27.
Wer hat Dichtern allein den Lorbeer vermacht? Wer den Helden?
Keinem der bieder und brav, werde verweigert der Kranz!
28.
O der erlesenen Lust, kranzwürdige Stirnen zu kränzen!
Sorgt für die Stirnen, ihr Herr'n, und wir besorgen den Kranz.
29.
Anderen dienet zu Anderm Dasselbige. Dient nicht der Lorbeer
Diesem zum Kranze des Ruhms? Jenem zur Würze der Wurst?
[226] 30.
Sage, was schmeichelt dem Ohr am süßesten? Wenn der Geliebte
Dich lobt? oder wenn ihn preisen die Edlern im Volk.
31.
»Aber woher dir der Name, Musarion?« ... Freund, von der Muse
Leiten die Braven ihn ab, aber die Schlaffen vomMuß.
32.
»Sage, Musarion, welcher der Musen du hold seyst vor allen?«
Allen bin ich's; doch der Preis bleibet,Terpsichore, dir!
[227] 33.
»Rechts Glyzerion; Links Musarion! Weß ist die Mitte?« ...
Freund, bist du Kalokagath, magst du der Mittelste seyn! ...
34.
Gruß und Strauß sey gebracht Musarions wackerm Piloten,
Der in den Port sie geführt, Stürmen und Klippen zu Trutz!
35.
Gruß und Dank sey gezollt Glyzerions mannlichem Ritter,
Welcher sie barg in der Burg, Riesen und Zaubrern zu Trutz!
[228] 36.
Trefflicher Meister, gegrüßt und gemahnt zugleich an den Freitag
Mögest du seyn durch den Strauß, den dir die Schülerinn wand!
37.
Dichtkunst, sey uns gegrüßt, Hochheilige, Himmelgeborne!
Ewig doch bleibet Barbar, wer nicht der Göttlichen lauscht!
38.
»Alle Neune!« so brüllt's durch die Stadt von Dämm'rung zu Dämm'rung,
Aber die Musen nicht, Freund, gilt es! Die Regel nur gilt's!
[229] 39.
Dichtkunst stritt um den Rang mit der Tonkunst. Schwestern versöhnt euch!
Mag doch das Herz nicht den Geist missen, der Geist nicht das Herz.
40.
Aepfel verlangt ihr von mir? Nichts hab' ich zu schaffen mit Aepfeln!
Schwer hat Eva um sie, schwer auch Helena gebüßt.
41.
Eva, verziehn sey dein Raub! Ward doch von den Söhnen der Weisheit
Rein ausgeplündert der Baum, den mir Sanct Niklas beschert!
[230] 42.
Zweierlei Menschen nur giebts: Philister und Bursch! Zum Philister
Wird wol der Bursch, doch nie aus dem Philister ein Bursch.
43.
Warum, o Zeus, hast du dem Sommer Flügel gegeben?
Krücken dagegen bekam, Barscher, der Winter von dir!
44.
Hab' ich umsonst doch genäßt den Saum! Schneeglöckchen zu finden
Hofft' ich. Der Flocken genug fand ich, der Glöckchen nicht eins.
[231] 45.
Ausgeglitscht bin ich auf dem Glatteis. Spottet nur Schwestern!
Hink' ich ein bischen seitdem, hink' ich mit Grazie doch!
46.
Nehmt euch, ihr Schwestern, in Acht! Leicht gleitet sichs aus auf der Gleitbahn.
Manche, berückt durch das Eis, hatte zum Schaden den Spott.
47.
Heut' Nacht träumt' ich, ich säß in den Lustanlagen mit Jemand.
Jähling erwacht' ich, und laut heulte der Sturm um das Dach.
[232] 48.
Sage doch, ob du nicht jüngst in den Lustanlagen gewesen?
Knospet das Geisblatt schon? Rötheln die Haseln noch nicht?
49.
Was ich mir wünschte? ... Daß Sommer es wär', und wir beide spazierten
Traulich entlang den Wall, kosend von diesem und dem!
50.
Herzlich verlangt mich zu stehn auf dem lindenumrungenen Erdwall
Und in des Abendroths heilige Flammen zu schau'n!
[233] 51.
Lau war die Nacht. Die Luft voll Veilduft. Nachtigallwirbel
Schlug fernher. Hoch auf seufzt' ich und ... hatte geträumt!
52.
Hast du die Schwäne gesehn? Sie trugen zu Neste. Sie theilten
Treulich die Lust und die Last. Sieben schon wurden aus zween.
53.
Halme hab' ich geknüpft mit Absicht, end- und erfolglos.
Nun ich bewußtlos es that, sieh! da gerieth mir der Kranz.
[234] 54.
Hast du um Ja und um Nein wol eh' befragt das Orakel?
Traue dem Tückischen nicht! Böslich hat mich es berückt.
55.
Gerne spaziert' ich einmal in den Lustanlagen. Nun macht mir
Grauen der Minotaur, welcher die Gänge durchstampft.
56.
Laß doch sehen zuvor, ob auch das Gatter gesperrt sey!
Nicht gern siehet man ja in den April sich geschickt.
[235] 57.
Jüngst noch wagt' ich zu nah'n dem bezauberten Park. Doch es stiebte!
Und vor der Nase sofort schlug man die Pforte mir zu.
58.
»Unsere Pflanzungen sind zum Beschau'n nur, nicht zum Betasten!« ...
Aber beriechen, ihr Herr'n, darf man die Pflanzen doch wohl!
59.
Und ein Gebot ging aus vom Kaiser Augustus: »Beschau'n nur
Dürft ihr, bei namhafter Pön, was Wir großmächtig gepflanzt!«
[236] 60.
Lustzuwandeln, ihr Herr'n in eurer Pflanzung, verdreußt uns!
Schleicht doch der Zerberus stets hinter den Wandelnden her!
61.
Kochet nur immer den Kohl mit den diktatorischen Tafeln!
Gilt doch Dekalogos nicht, Dodekadeltos nicht mehr!
62.
Sey mir gepriesen, Natur, mildherzige, freundliche Feie,
Die du dem Wandelnden gern Rasen und Blumen vergönnst!
[237] 63.
Hunden verwehrt ihr mit Recht zu eurem Prater den Zutritt.
Eins noch mangelt, daß ihr ihn auch den Mücken verwehrt!
64.
Zweierlei ist mir verhaßt in deinen Gassen, o Greifswald:
Bettlergewinsel des Tags! Hundegebelfer des Nachts!
65.
Christlich glaubt' ich die Stadt. Doch das Saturnal der Neujahrsnacht
Hat mich ein Anders gelehrt; Heiden noch sind wir, wie sonst.
[238] 66.
Unsre Beleuchtung! Gewiß, zu loben ist höchlich die Anstalt.
Wird man des Dunkels doch nun mittelst des Scheines gewahr!
67.
Distichen streu'ten wir aus, wie ihr seht, harmlose Gebilde.
Sind's Sternschnuppen doch nur, welche zersprühn im Entglühn!
68.
Wunderlich wird mir zu Muth in dem bunten beklemmenden Wirrwarr.
Dünk' ich mich doch ein Fantom unter Fantomen zu seyn!
[239] 69.
Lasset uns ländern, ihr Schwestern! Es ländert die Erd' um die Sonne,
Und um die Erde der Mond, und um das Zentrum das All.
70.
Bleibt mit dem Menuet, mit der Polonäse zu Hause!
Wirbelnder Walzer, nur dir hebt sich das deutsche Geblüt.
71.
Hört ihr die Sphärenmusik? Sie fordert zum Schleifer das All auf;
Und in dem rhythmischen Schwung walzen die Welten dahin.
[240] 72.
Krank bin ich, sterbenskrank! »Nun, was fehlt dir denn, Aermste?«.. Denkt nur,
Sitzen ließ mich Damöt. Sylvien bot er den Arm.
73.
Jungfrau mögt ihr uns grüßen, auch Fräulein, Mühmchen und Bäschen;
Kommt ihr uns mit der Mamsell, drehn wir den Rücken euch zu.
74.
Wohl war bündig das Blatt durchdacht, auch würdig geschrieben;
Aber sie haschten es weg, als es zu wirken begann.
[241] 75.
Wälschlinge mögt ihr begrüßen auf Wälsch, franzhaft die Verfranzten;
Uns, die wir deutsch, grüßt Deutsch, oder erspart euch den Gruß!
76.
Sterne zu schenken, gefiel in den Tagen Werthers und Siegwarts.
Dir sey der Diamant, Freund, aus der Krone geschenkt!
77.
Berenizens Haar, das schimmernde, strömende, blonde,
Schenkt' ich dir gerne, mein Schatz. Leider bedarf ich es selbst!
[242] 78.
Karls Herz, sieh, wie es blitzt aus des Aethers dunkelnder Tiefe!
Während es d'runten zerstäubt, funkelt es droben im Licht!
79.
Taube des Himmels, entschwebe den Höh'n! Das tröstende Oelblatt
Bringe dem lechzenden Freund! Fächl' ihm Kühlungen zu!
80.
Würdigster Denker, dir schenk' ich den Esel der himmlischen Krippe.
Buridans sprödes Dilemm werde durch ihn dir gelös't!
[243] 81.
Stehst du schon wieder und sinnst? Besinn' auf dich selber dich, Bester!
Seyn oder Nichtseyn gilt! Aber ich bin für das Seyn!
82.
Nacht deckt beiderlei Pol des irdischen Seyns. Und den Gleicher
Dämmert es. Lehre mich, Freund, wann es und wo es uns tagt!
83.
Immer noch rathschlagt ihr, wie der Staat am besten zu modeln?
Fragt nur die Frauen! Sie sind's, die sich verstehn auf den Staat.
[244] 84.
Alles vertreten die Herr'n, Bau'r, Bürger, Priester und Adel;
Uns, die ein jeder zertritt, leider vertritt uns kein Mensch.
85.
»Zeigt mir die Auster!« So sprach zu den rechtenden Parten der Gaugraf,
Theilte die Schalen genau, schmauste behaglich das Fleisch.
86.
Leget die Larven nur hin! Es bleibt die werthe Gesellschaft
Maskerade auch so! Maske ein jedes Gesicht.
[245] 87.
Lächerlich, daß ihr es wißt, sind eure Brillen mir. Wird doch
Weder versteckt durch sie, weder geschaut das Gesicht!
88.
Viel noch hätt' ich der Sprüch' im Vorrath. Aber die Sträußer
Gingen mir aus. So versiegt denn auch der Distichen Flut.
89.
Gaukelnde Rolle fahr' wohl! Satt hab' ich dich! Wahrheit und Einfalt,
Seyd mir gesegnet, zu euch kehr' ich verlangend zurück.