[164] [169]7. Clorinda beklagt ihr unvernünfftige Gottlosigkeit/indeme sie ein so geraume Zeit keinen Gott erkennt

Dixit insipiens in corde suo, non est Deus.

Psal. 13. v. 1.


Der Unweise hat gesagt in seinem Hertzen/ es ist kein Gott.


1.
Das hat die Sünd/ 1
Daß sie verblendet/
Des Menschen Hertz geschwind
Von seinem Gott abwendet/
Und welcher sich darinn vertiefft/
Vor Gott/ wie Jonas, sich verschliefft/ 2
Wird flüchtig/ wie die Tauben/
Gottloß/ wie Ephraim, 3
Verliehrt den Glauben/
Und Gott mit ihm.
2.
Wohl wird der Nacht
Die Sünd verglichen/
Indem sie alles macht
Verfinstert/ und verblichen;
[169]
Bey dieser Nacht der Wandersmann
Des Wegs sich nicht verrichten kan/
Blind hin und wieder wattet/
Biß in dem Irrthumms-Moos
Er/ gantz ermattet/
Stirbt Hoffnungs-loß.
3.
Dieses hab ich
Auch selbst erfahren/
Als ich befunden mich
Noch in den Wollusts-Jahren/
So sehr wurd' ich des Liechts beraubt/
Daß ich an Gott nicht mehr geglaubt/
Hab'/ als ein Spiel der Affen/
Veracht das Göttlich Ammt/
Und/ als ein Pfaffen-
Gedicht/ verdammt.
4.
Ich glaubte nicht
Zu seyn ein Himmel/ 4
Die Höll wär' ein Gedicht/
Und nur ein Schreck-Getümmel/
Sie wäre nur ein Pfaffen-Traum/
Die Leut zu halten in dem Zaum/
Und wenn ein Gott schon wäre/
So hätt' er dennoch nicht
So groß- und schwäre
Straff zugericht.
[170] 5.
Wann ihm bewußt/
Wie wir beschaffen/
Könnt eine kleine Lust
Er nicht wohl ewig straffen; 5
So blöde Schwachheit hätte nicht
Verdient ein solches Blut-Gericht/
Wie könnt Er also raasen/
Wann Er das Höchste Gut?
Die Höll anblasen
Zu solcher Glut?
6.
Für selig hab'
Ich nur gehalten
Des Glückes reiche Gaab/
Und Schönheit der Gestalten:
Nach Wollust/ Reichthum/ Freud/ und Ehr/
Und was die Welt kan geben mehr/
Hab' embsig ich getrachtet:
Die Tugend aber/ ach!
Viel mehr verachtet/
Als keine Sach.
7.
Das ist der Grund/
Und gantzes Wesen/
Worinn mein Glaub bestuhnd'/
Den ich mir auserlesen:
[171]
Mein Fleiß/ Gewerb/ und Ubung war'
Die Buhlerey nur immerdar;
Mein hoch-geschätzte Bibel
Geweßt ist Amadis, 6
Wovon mein Ubel
So sehr einriß'.
8.
Als aber ich
Zu überflüßig
Der Lust/ gebrauchte mich/
Wurd' endlich ich verdrüßig/
Vermerckte/ wie daß alle Freud
Geäuglet wär auff Dorn-Gestäud/
Wie ihr geschärfftes Ende 7
Das Hertz zu stechen pfleg'/
In Traur verwende/
Die Wollusts-Täg.
9.
Dahero wann
Ich müd des Schertzens
Mithin gefühlet dann
Die Bitterkeit des Hertzens/
Hab' ich von dem Verdruß bewegt/
Mich an ein Fenster hingelegt/
Den Himmel angeschauet
Fürwitzig hin und her/
[172]
Wie er gebauet
So künstlich wär'. 8
10.
Ich nahme wahr
Am Hauß der Sternen
Die hoch-vergüldte Schaar
Der Himmlischen Laternen/
Ich sahe bey entfärbter Nacht/
Wie sie bezogen ihre Wacht/
Wie zu gewissen Stunden
Sie zeigten ihren Glantz/
Darauff verschwunden/
Erbleichten gantz.
11.
Wie daß der Mon
Bald gantz verblichen/
Drauff bald gehörnert schon/
Mit Silber überstrichen/
Wie daß er bald in vollem Schein/
Bald wiederumb gezogen ein:
Wie Hesperus 9 am Abend/
Zu Morgens Lucifer
Vor ihm hoch-trabend'
Stäts lauffen her.
12.
Bey Tag/ wann ich
Von dem Getümmel
[173]
Was abgeschrauffet mich/
Und angeschaut den Himmel/
Vermerckt ich/ wie die göldne Sonn/
Die Tages-Mutter/ unser Wonn/
In vier und zwantzig Stunden/
Unmüd in ihrer Raiß/
Den groß- und runden
Erd-Klotz Umbkräiß.
13.
Wie daß man sie
Nie hörte girren/
In ihrem Lauff auch nie
Vermerckte zu verirren/
Noch daß sie jemal Schaden lidt'/
Ob sie schon thät so lange Schritt'/
Und wann sie sich verloren
Von uns schon in die Ferr/
Neu doch gebohren
Zu Morgens wär'.
14.
Wie daß die Erd
Durch warme Regen
So schön befeuchtet werd'/
Nachdem sie kahl gelegen/
Wie sie aus ihrer schwangern Schos
Hervor die Blumen häuffig stoß'/
Und zwar der schönsten Arten
So mancherley/ daß man
Von ihr erwarten
Nichts edlers kan.
[174] 15.
Wann dieses ich
Bey mir erwogen/
Hat die Vernunfft dann mich
Zu solcher Frag gezogen/
Wer dieser Dingen Ursach sey/
Ob auch ein Werck des Meisters frey?
Was für ein Hauß jemalen 10
Sich selbst hab' auffgericht?
Ob es auch Strahlen.
Geb' ohne Liecht?
16.
Wann diese Welt
Steh' von sich selber/
Von niemand auffgestellt/
Sey ewig sie unfehlbar;
Und ist dann ewig sie allein/
So muß sie Gott unfehlbar seyn/
Dann alle diese Sachen/
Die man auffwachsen sicht.
Sich können machen
Ja selbsten nicht.
17.
So muß zuvor
Dann aller Dingen
Ein Ursach seyn/ empor/
Was werden soll/ zu bringen/
Wer aber ist die Grund-Ursach
Als Gott/ der keinem Ding zu schwach;
[175]
Dem so viel edle Wercke
Zu schaffen viel zu schwär/
Wann seine Stärcke
Nicht Göttlich wär'.
18.
Kan aber die
Natur seyn Göttlich/
Die da beständig nie?
Das wär' nicht Göttlich/ spöttlich:
Wir sehen ja von Stund zu Stund/
Wie auch die Felsen gehn zu Grund/
Wie daß die Krafft der Erden
Sehr nemme täglich ab/
So daß sie werden
Müß' selbst ihr Grab.
19.
Was ewig ist/
Das bleibt beständig/
Wird auch zu keiner Frist
Von seinem Seyn abwendig:
So ist die Welt dann ewig nicht/
Weil immerzu ihr Wesen bricht/
Ist endlich sie/ so rühret
Sie von dem Wesens her/
Dem da gebühret
Die Göttlich' Ehr.
[176] 20.
O Gott/ du hast
Die Welt erhaben/ 11
Sammt ihrem gantzen Last
Aus nichts hervor gegraben; 12
Du bist der grosse Sabaoth,
Der Erden/ und des Himmels Gott/
Dich will ich ewig preisen/
Dann du hast mich getröst/ 13
Von dem unweisen
Gestanck erlößt.

Fußnoten

1 Prov. 18. v. 3. S. Thom. 1. p.q. 14. a. 1.

2 Ion. 1.

3 Osea 7 v. 11.

4 Deren Atheisten Gedancken.

5 Fehler des alten Origenis.

6 Ein Fabel- und Buhlerey-Buch/ von welchem und andern dergleichen Liebes-Büchern die junge Leut verführet werden/ daß sie nachmalen zu den Tugenden und Andacht keinen Lust mehr haben.

7 Das End der Freud ist Laid. Prov. 14. v. 13.

8 In der Welt-Freud verursachet die Begierd eine Ersättigung/ die Ersättigung Verdruß. In der Geistlichen verursachen die Begierd eine Ersättigung/ und die Ersättigung das Verlangen. S. Greg. in hom.

9 Abend- und Morgen-Stern.

10 Weil die Natur abnimmt/ so ist sie nicht ewig/ Ist sie nicht ewig/ so ist sie nicht Gott.

11 Psal. 88. v. 12.

12 2. Mach. 7. v. 28.

13 Quàm magnificata sunt opera tua Domine, omnia in sapientia fecisti. Psal. 103. v. 24.

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