Auslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

Mirantisches Flötlein

[1] Auslegung des ersten Kupffers

1.
Die Stadt dort in dem Brand
Zeigt an den ersten Stand
Der Buß/ wo man/ berennt
Von Trübsal/ wird gebrennt.
2.
Die Magd/ so nach dem Port
Mit Christo säglet fort/
Und nach dem Land begehrt/
Den Hoffnungs-Stand erklärt.
3.
Die Stadt/ so an dem Meer
Von allem Unglück ferr/
Zeigt an das Freuden-Land
Der Buß im dritten Stand.
4.
Der Hirt/ so auff der Erd
Auffpfeifft der Wullen-Herd/
Und nennt sich Mirant/
Den Schreiber macht bekandt.
[1]

[1] Zuschrift

Dem Hochwürdigsten des Heil. Röm. Reichs Fürsten/Herrn/ Herrn Emmerich/ Bischoffenzu Wienn/ u. der Röm. Käyserl. Majestät Würcklich-Geheimen Raht/etc. Meinem Gnädigsten Fürsten und Herrn.


Hochwürdigster Fürst/ Gnädigster Herr!

Es schreibt der H. Gregor. Nazianzen. Or. 2. in Jul. & ibid. Nizet. Setr. in scholiis aus dem Ovidio 6 fast. daß Minerva, die Göttin der Weißheit/ [2] und Erfinderin deren Flöten wegen unvergleichlich-schöner Leibs-Gestalt manche Augen in Verwunderung setzend'/ unter ihren fürnehmsten Gemühts-Erquickungen ein Flötlein gehabt, mit welchem/ weilen sie dasselbige sehr lieblich und künstlich zu spielen wußte/ viel Zeit zugebracht. Als sie aber einst bey einem klaren Brunnen niedergesessen/ von dem Geschwätz des so anmühtig-fliessenden Crystalls gereitzt/ das Flötlein hervorgezogen/ und in den Brunnen fürwitzig hinein schauend zu spielen angefangen/mithin aber wider alles Verhoffen mit höchster Bestürtz- und Verwunderung sehen müssen/ wie daß ihre zuvor so holdselige Gestalt in eine verdrießliche Heßlichkeit verendert/ habe sie/ sehr übel zufrieden/das Flötlein/ welchem sie wegen vielfältigen Spielens die Haupt-Ursach zugemessen/ auff die Erdenge worffen/ und mit Füssen trettend/ auff ewig beurlaubet.

Das Widerspiel/ Hochwürdigster Fürst/ Gnädigster Herr/ hat sich mit meiner Clorinda zugetragen/ massen sie zuvor sehr heßlich/ und ungestaltet/ durch embsiges Spielen aber eines Flötleins dermassen schön/ wohlgestaltet/ und holdselig worden/ daß sie auch so gar die Himmlische Augen in Verwunderung[3] gezogen/ und zwar also/ daß wegen ihres lieblichen Spielens/ und daraus folgender schönen Gestalt der Himmlische Bräutigamm selbst in sie verliebt/ gesprochen: Deine Stimm ist süß/ und deine Gestalt ist schön/ Cant. 2 v. 14. Dahero sie dann das Flötlein/durch welches sie so hoch beglücket worden/ billich biß an ihr Lebens-Ende in höchstem Werth gehalten.

Durch meine Clorinda/ Hochwürdigster Fürst/ verstehe ich die von dem Sünden-Unraht/ vermittelst der wahren Christlichen Buß/ zu GOTT sich bekehrende Seel: durch das Flötlein aber die Buß selbst; massen dieselbige einen so lieblichen Thon von sich gibt/ daß auch der gantze Himmel sich darab erfreuet/ wie solches Christus der Himmlische Hirt selber/ Luc. am 15. vers. 7. weitläuffig/ und unter andern also bezeuget: Ich sage euch/ also wird auch Freud im Himmel seyn über einen Sünder/ der Buß thut/ vor neun und neuntzig Gerechten/ welche der Buß nicht bedörffen.

Daß aber Ihro Hoch-Fürstl. Gn. ich dieses Buß- Flötlein underthänigst zuzueignen [4] mich vefreche/ hat mich nicht allein meine demühtigste Zuversicht/ sondern/ und bevoraus die erheischende Billichkeit darzu genöhtiget; in Bedenckung/ daß einem so höchst-eyferigen Seelen-Hirten/ welcher nicht nur durch den Hertz-durchdringenden Klang seiner kräfftigsten Worten/ sondern/ und hauptsächlich durch die in dem Seraphischen Buß-Stand erbauliche Werck/ sich dieses Buß-Flötlein stäts/ und eyferigst gebraucht/eigenthummlich zustehe. Gelebe derohalben der underthänigsten Zuversicht/ ich werde auff dem geraden Fuß-Weg meines auffrichtigen Beginnens gar nicht irr gegangen seyn/ indem ich meinem von sich selbst Thon-losen Flötlein einen so geistreichen Anstimmer/und meiner nach der Vollkommenheit trachtenden Clorinda einen so fürtrefflichen Lehr-Meister werde auserkiesen haben; welcher Zweiffels- ohne dieses auff der Erden der Demuht ligende Flötlein nicht mitMinerva zertretten/ sondern viel mehr sammt der in der Sünden-Wildnüß irr-gegangenen Schäfferin/ oder (besser zu sagen) Schäfflein/ nach dem Beyspiel des Guten Hirtens/ von der Erden ihrer Nichtigkeit auff die liebreiche Schultern dero Hoch-Fürstlichen Gnaden [5] gnädigst auff- und annemmen wird; Welches dann meiner angewendten Mühe/ und Arbeit/ nächst Göttlicher Ehr/ und Seelen-Heyl/ eine zwar unverdiente/ jedoch höchstbegnügende Belohnung und Krönung meiner Zuversicht seyn wird.


Ihro Hoch-Fürstl. Gn.

Demühtigst-Underthänigster in Christo Diener F. Laurentius, Capuc. indign.

[6] Approbatio 1.

Ex mandato Superiorum sacram Poësin, à M.V.P. Laurentio ex Schnüffis decantatam, pervolvi, & probè perspexi, quòd in ea cum magno Isaia currens non habeat offendiculum, sed gregem Christianum per vias asperas vitæ Purgativæ, cum Salomone ad vias Pulchras illuminativæ, & semitas pacificas unitivæ deducat melo tam dulcisono, ut meritò in omnium animis intonetur, & publico prælo demandetur, ita censeo. Constantiæ 8 Augusti 1681.

F. Aloysius, Veldkirch. Guardianus, Difinitor & Custos.

Approbatio 2.

Ex mandato Superiorum sacrum Pastorale A.V.P. Laurentii ex Schnüffis Concionatoris perlustravi, vidique cuncta in eo prospera, atque proficua omni statui, ac hominum conditioni dum, quod infirmum est, consolidat; quod ægrotum, sanat; quod confractum, alligat; quod abjectum, reducit; quodque perierat, quærit. Nec dubium, quin & propriæ, & alienæ oves vocem ejus audituræ sint, cùm non solùm caulas, sed & principum aulas liberè ingrediens pastorali muneri suo solicitè satagat, cumque nihil contra fidem Orthodoxam contineat, sed potiùs ejusdem sanitatem integerrimam spiret, dignum censeo, ut pro DEI gloria, & animarum salute prælo publicetur. Lauffenbergæ 7 Augusti 1682.

F. Pancratius, Engensis Guardianus, & Custos ibidem indignus.

Approbatio 3.

De mente Superiorum legi attentè isthæc vernacula Poemata M.V.P. Laurentii ex Schnüffis Concionatoris, Capucini, quem benè & utiliter tempus flendi per orationem, & tempus canendi per sacram hanc Poësin distinxisse comperi; cùm ex hoc ejus florifero Parnasso non nisi odorem vitæ in vitam emanare senserim. Alii [7] verbo clamant coæqualibus suis, & peccatores ad pœnitentiam invitant; iste secundùm Evangelistæ dictum etiam tibiis cantat, ut aberrantes in lege Domini saltare doceat. Quandoquidem ergò, quod Elisæo quondam Psalte coram canente, hoc etiam lectoribus, vel auditoribus hujus sacræ Psalmodiæ proventurum esse non ambigam, ut nempe Spiritum Domini inde supra se venientem persensuri sint. Ideò, ut sonus hujus libri in omnem terram per publicum prælum exeat, dignissimum censeo. Dabam Wangæ 2. Augusti 1681.

F. Lucianus, Guardianus ibid.

Approbatio 4.

Nos Fr. Bernardus à Portu-Mauritio Ordinis Fratrum Min. Capucinorum Minister Generalis L.I. Salutem.

Opus, cui titulus Tibia Mirantis sacra de Christo, & anima pœnitente à F. Laurentio de Schnüffis compositum, à tribus Theologis, quibus id commisimus, relectum, & approbatum, ut typis mandari possit, servatis servandis, tenore præsentium facultatem concedimus. In quorum fidem has literas manu nostra signatas, ac sigillo Officii nostri munitas dedimus in loco nostro Valentiæ in Hispania die 28. Novembr. 1682.

F. Bernardus, Minister Generalis.

Privilegium Cæsareum,
Cum Facultate R.P. Provincialis Anterioris Austriæ

Ego infra scriptus Fratrum Min. Capucinorum Provinciæ Anterioris Austriæ nuncupatæ Minister Provincialis, juxta privilegium Officio meo concessum (quo nempe Typographis & Bibliopolis omnibus prohibetur, ac libros à nostris Patribus compositos absque ejusdem Ordinis Superiorum permissione imprimant ac distrahant) concedo ac permitto Dnno Joanni Jacobo Mantelin, civi ac mercatori Lauffenburgi, ut P.F. Laurentii ex Schnüffis ejusdem Brovinciæ nostræ Concionatoris Opusculum Mirantisches Flötlein intitulatum, & authoritate M.R.P. Generalis nostri Bernardi à Portu-Mauritio legitimè censuratum, & approbatum typo mandet, ac jus usurpandi Cæsarei Privilegii. An. 1674. die 7. Maji Laxenburg. Ordini nostro concessi habeat, ac illo gaudeat, catenus quidem, ut præfato Dnno Mantelin invito nemo Opusculum hoc sive ex toto sive ex parte recudere, & intra fines S.R. Imperii, aut in hæreditarias Cæsareæ Majestatis Provincias importare, aut venum exponere præsumat, prout hæc omnia latiùs in ipso Originali exponuntur. In cujus fidem has literas manu mea subscriptas, & consueto Officii mei sigillo munitas dedi Wangæ in Algoia 27. Februarii 1682.

F. Marcus Jacobus, Cellensis, Ord. FF. Min. Capucinorum Provinciæ Ant. Austriæ p.t. Minister Provinc. licèt indignus.

Privilegium hoc & jus usurpandi Privilegii Cæsarei contractu emtionis à laudato Dnno Joh. Jac. Mantelin cum Eman. & J.G. König Bibliopolis Munat 1. Febr. 1691. inito, ad nos hæreditario jure pervenir.

[8] Vorrede an den Gönstigen Leser

Wann David/ ein Mann nach dem Hertzen Gottes/und arosser Eyferer der Göttlichen Ehr/ sich nicht nur nicht gescheuht die Geheimnussen der himmlischen Offenbahrungen Gesangs-weise zu verfassen/ sondern ungezweiffelt darfür gehalten/ daß solche Art GOTT die angenehmste/ und ihme selbst die rühmlichste seyn werde/ wie er dann/ Psal. 56. v. 9. mit grosser Frolockung auffgeschryen/ Exurge gloria mea, exurge psalterium, & cithara; Auff/ auff meine Ehr/ auff/auff/ mein Psalter/ und Harff: Wann der. H. Paulus an die Epheser cap. 5. v. 19. auff solche Art GOTT zu loben den ersten Christen anbefohlen: Wann der H. Pabst Damasus, der H. Gregorius Naz. der H. Bischoff Paulinus von Nola: Aurelius, Prudentius, Alcuinus, Avitus Viennensis, Juvencus Presbyter, Cœlius Sedulius, Scotus, Arator Cardinalis, Drepanus Florus, der H. Fortunatus Pictaviensis, und viel andere mehr/ etc. schöne Sachen in Versen/ und Music verfertiget/ welche von der H. Catholischen Kirchen zum Lob Gottes theils noch heutiges Tags gebraucht/und theils sonsten hoch gehalten worden: Wann Christus/ unsers Lebens Richtschnur/ selber zu dem Leyden gehend/ Matth. 26. v. 30. sich des Lobgesangs gebrauchet/ und der himmlische Bräutigamm GOTT der heilige Geist seine Braut/ die Menschliche Seel/durch die hohe Lieder zur Buß/ und Gegen-Lieb locken wollen/ als ziehe ich ungescheuht mein klingendes Flötlein aus meinem Aermel heraus/ (nach dem Beyspiel meines H. Seraphischen Vatters Francisci/welcher durch das Sonnen-Lied/ so er selbst gemacht/die Feindschafft zwischen dem Bischoff und Statthaltern zu Assis auffgehoben und ewige Freundschafft verursachet/ Chron. FF. Min. p. 1. l. 1. c. 93.) und gelebe der sichersten Zuversicht/ diese meine Schreibens-Art werde auch mir nicht zu Argem ausgedeutet werden. Es möchte mich aber einer fragen/ warumb ich dann die Lauten in meinem Miranten beurlaubet/ziehe hergegen mit einem Flötlein auff? dem gebe ich demühtig zur Antwort/ daß ich die Lauten der Eitelkeit zwar/ wie billich/ verworffen/ nicht aber auch darmit das [9] Gott- preisende Buß-Flötlein/ welches ein jeder Seelen-Hirt unverlierlich bey sich haben solte/auf daß er nicht nur seine Herd in der Nähe vermittelst seiner Zungen/ und aufferbaulichen Wandels/wäide/ sondern auch durch den Klang seines Feder-Flötleins die in die Weite herumb irrende Schäfflein vor dem Anfall deren höllischen Wölffen befreyen möchte/ auff welches dann auch mein meistes Absehen gehet/ nach dem Vorspiel des himmlischen Hirtens Christi/ welcher neun und neuntzig wäidende/umb ein irrgehendes auffzusuchen/ verlassen/ Matth. 18. v. 12. und 13. In Bedenckung/ daß solche/ wann sie lange Zeit von der Herd flüchtig/ gantz erwildet die Stimm der Predigern entweders gar nicht anhören/oder nur auslachen/ von der fetten Wäid der Geistlichen Büchern einen Eckel tragen/ viel minder die heimliche Ermahnungen annemmen/ also/ daß ihres Bekehrens wenig Hoffnung zu schöpffen. Dahero ich mir fürgenommen/ vermittelst eines heiligen Betrugs/durch dieses zwar fürwitzig-klingendes/ doch durchaus geistliche Flötlein gegen solche einen Versuch zu thun/ in Hoffnung/ es möchte etwan das Gedicht von Orpheus/ welcher durch sein Spiel die wilde Thier zahm gemacht/ an etwelchen wild-verstockten Sündern in Mitstimmung der Gnaden Gottes ein Geschicht werden/ wie ich dann solches ihnen von Gott hertzlich anwünsche/ und verlange.

Dieses Flötlein bestehet in 30. Elegien, eine jedeElegia in 20. Gesätzlein/ nicht zwar eigentlich zu singen/ weilen sie zu lang seynd/ den Liebhabern der Music aber zu Gefallen habe ich einer jeden Elegia ihr eigene Melodey/ und auff die Sach dienendes Sinnbild in Kupffer beysetzen wollen/ beyneben den Geliebten Leser erinnerende/ daß durch meine CLORINDA keine gewisse/ und absönderliche Person/sondern eine jede sich zu Gott rechtbekehrende Seel/durch den DAPHNIS aber Christus verstanden werde.

Daß ich aber ihne Daphnis nenne/ ist die Ursach/theils auff daß sein heiligster Namme nicht etwan von den Unandächtigen in Aussprechung desselbigen entehret werde/ theils weilen der fürnehmste/ wider die wilde Thier sieghafftigste Hirt von den Poeten Daphnis genennt worden/ welcher Namm dann keinem besser als CHRISTO gebührt/ indem Er/ sich selbsten einen guten Hirten nennend/ sein Leben für seine Schäfflein dargegeben/ den Teuffel/ die Sünd/ und die Welt herentgegen überwunden.

Ich habe underweilen zu End der Blätteren etwelche Verzeichnussen gesetzt/ auff daß die jenige/ welche der Poeterey unerfahren/ [10] den Sinn desto eigentlicher verstehen mögen/ und wo ich das Wörtlein Poët. setzen lassen/ ist zu wissen/ daß/ was darvon verzeichnet/ und in den Versen fürgebracht worden/ nur ein Gedicht/ und Fabel seye. Und weilen es unmöglich ist/ ein gantzes Buch in Versen zu schreiben/ und sich keiner Poetischen Freyhetten zu gebrauchen/ als hab ich mich underweilen selbiger auch/ aber so bescheiden/ bedienet/ daß sie keine Unlieblichkeit verursachen werden.

Der Verlegere Zusatz

Biß hieher der AUTHOR: Aus welchem der Sönstige Leser die Intentio und eigentlichen Zweck dieses sehr nutzlichen Werckleins (welches nach dem Urtheil vieler Verständigen wenig seines gleichen hat/) zur Genüge ersehen kan. Wir haben aber/ auff Einrahten einiger Music-Liebhabern/ für nutzlich und wohlgethan zu seyn erachtet/ die Melodien/ so zu einer Stimm gesetzt/ und hiemit nur von einer Person bisiher haben können musicirt oder gesungen werden/ durch einen Berühmten Musicum zu drey Stimmen neben ihren dienlichen Rittornello und Basso Continuo componiren zu lassen/ damit/ dey Zusammenkunfft underschiedlicher Musicorum, ein jeder sich zu exerciren Gelegenheit hätte: Wo aber die Anzahl gering/ können die Rittornello ausgelassen/ und die Lieder auch nur zu zwey Stimmen oder gar solo gesungen werden: Uber diß ist diesem Wercklein ein Anhang Neuer Geistlicher Liedern von einer Stimm sammt demBasso Continuo für eine Person allein zu singen und zu spielen nebst einem dienlichen Register angehänget worden. Wir wünschen indessen/ daß diese unsere wohlgemeynte Arbeit von allen rechtschaffenen Musicis und Liebhabern der Sing- und Spiel-Kunst wohl auffgenommen/ und dieses Geistlichen Büchleins Zweck bey einem jeden Christen möge erreichet werden; Darzu der Himmlische Daphnis seinen Seegen verleihen wolle.

ErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[11] Des Miranten an sein in die Fremmde Räiß-fertiges Flötlein Ermahnungs-Lehre

1.
Seh' hin nach fremmdem Land/
Hell-klingendes Buß-Flötlein/
Sey mir ein treues Böttlein/
An jeden Sünder-Stand;
Geh' hin mit meinem Gunst
Zur Welt/ die Sünden voll/
Und lehre sie die Kunst/
Wie man Buß würcken soll.
2.
Dein hallendes Gethön
Laß aller Orten hören/
Und dich gar nicht verstören
Das Momische 1 Gehön:
Nach grossen Höfen lauff
Zu der beglückten Schaar/
Spiel' ihnen kläglich auff
Ihr grosse Heyls-Gefahr.
3.
Trag' ihnen lieblich vor
Das Beyspiel der Clorinden/
Wie sie aus schwären Sünden
Geschwungen sich empor:
Sag ihnen/ daß die Freud
Der Welt sey Rosen-Art/
An wessen Dorn-Gestäud
Man sich verletze hart.
[12] 4.
Biß in die Seel hinein
Durchdringe ihre Ohren/
Auff daß sie nicht verlohren
Hingehn zur Höllen Pein;
Sag' ihnen/ daß die Buß
Ihr einigs Mittel sey/
Sich von dem Sünden-Ruß
Und Kaht zu machen frey.
5.
Zum Dantz/ und Freuden-Spiel
Laß dich bey Leib nicht dingen/
Weil in dem eitlen Springen
Offt wird gesündigt viel:
Wie manches reines Hertz
Hat gähling bey dem Dantz
(Wol sicher anderwerts)
Verlohren seinen Glantz.
6.
Das sey absönderlich/
Und erstlich dir gebotten/
Wann deiner man wird spotten/
Daß du nicht rächest dich:
Geselle dich auch nicht
Zu der Poeten-Schaar/
Auff daß dir kein Gedicht
Von ihnen wiederfahr'.
7.
Du weißst wohl/ daß du nur
Ein schlechtes Hirten-Flötlein/
(Und gar nicht ein Poetlein)
Einfältig von Natur/
Von einem Hirten her/
Wessen Poeterey
[13]
Nichts/ als ein Schaafs-Geplär/
Und wilde Wald-Schallmey.
8.
Laß' dich mit keinem ein
Mit in die Wett zu spielen/
Wilst du kein Unglück fühlen/
Und ohne Kummer seyn:
Gedenck' an Marsyas,
Was er durch solche That
Für Ungunst/ Spott und Haß
Haut-loß erlitten hat.
9.
Und solt' es glücken schon/
Must du doch nicht vergessen/
Als eigen dir zumessen
Den nur entlehnten Thon:
Du bist von schlechtem Holtz/
Und einem dürren Ast/
Darumb zu werden stoltz
Du keine Ursach hast.
10.
Du bist ja ein Gemächt/
Eines vast immer Krancken/
Als wessen Geists-Gedancken
Gar Sinn-loß/ schwach und schlecht;
Bist nur ein Mißgeburt/
Und armes Findel-Kind/
Drumb/ wann man dich anmurrt/
So geh' in dich geschwind.
11.
Geh' hin/ doch nicht allein/
GOTT wöll' mit seinem Segen
Auff allen Weg- und Stegen
Dein treuer Gläitsmann seyn:
[14]
Geh' hin mit gutem Glück/
Und halte dich sein wohl/
Kehr' aber nicht zurück/
Wie du geschieden/ hohl.
12.
Wann du wirst treffen an
Noch jemand von Bekandten/
Die gegen dem Miranten
Mit Neigung zugethan/
So melde meinen Gruß/
Und bitte sie für mich
Zu bätten/ auff daß ich
Mög würcken wahre Buß.

Fußnoten

1 Tadlerische.

Anflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

Anflehung Himmlischer Hülffe

Soll ich nun von der Buß zu schreiben mich befrechen/
Der ich doch solcher Kunst selbst unerfahren bin/
So muß das mir dein Geist/ O weiser GOTT/ einsprechen/
Und die Unwissenheit von mir gantz nemmen hin;
Sey mein Apollo dann/ du wahrer Musen-Meister/
Dein Blut/ O Jesu/ sey mein süsser Hippocren,
Da will ich meine Sinn/ und halb-erstorbne Geister/
Wie auch mein dürre Zung frisch anzuseuchten gehn.
Maria sey von mir zur Pallas auserkiesen/
Die Mutter klugster Sinn/ und höchster Wissenschafft/
Die vor den Englen wird/ erleucht zu seyn gepriesen/
Die wird von Helicon mir bringen guten Safft.
Sion, so dort so schon auff blauer Höh' erbauet/
Sey meine Lorbeer-Hütt/ und Christlicher Parnass,
Von dort hoff ich zu seyn/ wie Danaë, bethauet/
Von dorten ich den Thau dern göldnen Gnaden faß'.
Zu Gottes Lob/ und Ehr fang' ich dann an zu dichten/
(Ach/ daß es auch zum Heyl dern grossen Sündern sey!)
Will nach des Himmels Port hertzhafft die Sägel richten/
So stoß ich dann von Land/ Glücks-Winde steht mir bey.
Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein
[Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[15] [1]Der Clorinden erster Theil

In welchem vorgestellt wird der Streit-Stand einer von der Welt zu Gott kehrenden Seelen/ nach dem Spruch/


Eccles. 2. v. 1.


Mein Kind/ wilt du in Gottes Dienst tretten/ so stehe in Gerechtigkeit/ und schicke dich zu der Anfechtung.

[1] [5]1. Die in Sünden Sorg-loß schlaffende Seel Clorinda wird von dem Himmlischen Daphnis zu der Buß aufferweckt

Nunquid, qui dormit, non adjiciet, ut resurgat?

Psalm. 40. v. 9.


Soll dann/ der da schlafft/ nicht wiederum auffstehen?


1.
Auff träge Seel/ auff auff/
Dem Untergang entlauff/
Dein Schlaffen ist sterben/
Dein Ruhen verderben/
Dein Leben ist träumen/
Dein Warten versäumen/
Du hast sehr hohe Zeit/
Auff auff von hinnen weit.
2.
Die Schlaff-Sucht ist fürwahr
Ein Ubel voll Gefahr/
Verstopffet der Sinnen
Vernünfftigs Beginnen/
Entkräfftet die Glieder/
Schlägt Helden darnieder/
Sie macht die Weise tumb/
Und stoßt die Riesen umb.
[5] 3.
Der Schlaff/ und Tode seind
Die allernächste Freund:
Viel haben ihr Leben
Im Schlaffen auffgeben/
Seind todtes verfahren
In blühenden Jahren:
Schandlich wurd Isboseth
In süssem Schlaff getödt. 1
4.
Was hatte Holofern
Im Schlaff nicht für Unstern? 2
Er wurde geschoren
So/ daß er verlohren
Den Sieg/ und darneben
Den Kopff/ und das Leben:
Der Schlaff hat ihn verkürtzt/
Und in die Höllgestürtzt.
5.
Als dorten müd/ und schwach 3
Elias schlieffe: sprach'
Der Engel des Herren:
Wie lang soll es währen?
Was soll das besinnen?
Auff/ eilends von hinnen/
Auff auff/ da ist kein Ort
Zu schlaffen du must fort.
6.
Ein Räißmann/ der nur schlafft/
Sehr wenig Nutzen schafft/
[6]
Versaumet sein Glücke/
Bleibt immer zurücke/
Wird gähling benachtet/
Von Mördern geschlachtet:
Das Schlaffen endlich war'
Der Troja Todtenbar.
7.
Das Schiff/ als ich dort schlieff'/ 4
Schon sinckte nach der Tieff'/
Es fiengen die Wällen/
An grausam zu bellen/
Der Oeolus saußte/ 5
Neptunus sehr braußte: 6
So bald ich nur erwacht/
Wurd gleich der Fried gemacht.
8.
Morpheûs, 7 der falsche Dieb/
Ein Kuppler geiler Lieb/
Bezaubert mit Schertzen/
Die schlaffende Hertzen/
Macht stattliche Beuten
Bey müßigen Leuten:
Schickt sie nach langer Ruh'
Der Höllen endlich zu.
9.
Als Gott dem Adam dort 8
Eingab' den schönen Ort/
[7]
Da heißt' Er ihn schaffen/
Nicht ruhen/ und schlaffen.
Vor allen Gefahren
Den Garten verwahren/
Des Müßigganges Schlaff
Bracht' ihn in grosse Straff.
10.
Wie lang/ O Seel/ wie lang
Wilst in dem Müßiggang/
Im Bette der Sünden
Dich schlaffend befinden?
Das Leben hinschleichet/
Die Gnaden-Zeit weichet/
Du bist schon allbereit
Am Thor der Ewigkeit.
11.
Du weißst/ daß dorten ist
Kein Ort der Gnaden-Frist:
Wer diese verschertzet/
Vergebens behertzet
Nachmalen den Schaden/
Kommt nimmer zu Gnaden:
Aus diesem vesten Hauß
Kan niemand reissen auß.
12.
Die Reu/ und guter Raht
Seind läider dann zu spaht:
Noch Bitten/ noch Weynen/
Noch Klagen/ noch Greynen/
[8]
Noch Fluchen/ noch Schwören/
Noch Augen-verkehren
Wird aus der Höllen-Schoß
Dich können würcken loß.
13.
Wie wird nicht in dem Feur
Das Schlaffen werden theur/
Wann Wollust in Plagen/
Wann Jauchtzen in Klagen/
Das Schimpffen/ und Schertzen
In Trauren/ und Schmertzen
Dort wird verkehren sich/
Und währen ewiglich.
14.
Dir wird Machiavell, 9
Die aller Boßheits-Quell/
Die Qualen der Höllen
Nicht können abstellen/
Sein Freyheit-erdichten/
Und Tugend-vernichten
Man in der andern Welt
Für gar ungültig hält.
15.
Die Höll (nach seiner Lehr
Ein' Fabel) brennt nun sehr/
Hat läider erfahren
Nach Länge der Jahren/
Wie grausam die Flammen
Dort schlagen zusammen:
[9]
Aus diesem nur Gedicht
Ist worden ein Geschicht.
16.
Glaub' nicht/ daß dein Unglaub
Die Höll der Hitz beraub'.
Die Sonne nicht minder/
Ob gleichwol ein Blinder
Dieselbe verneinet/
Ohn' Underlaß scheinet:
Des Blinden Boßheit macht
Das Liecht zu keiner Nacht.
17.
Ach bau'/ Clorinda/ nicht
Auff blosse Zuversicht!
Das Hoffen betrieget/
Die Zuversicht lieget/
Ihr theures Versprechen
Pflegt Clotho 10 zu brechen/
Der Tod betrieget offt/
Kommt still und unverhofft.
18.
Als König Balthasar
In besten Freuden war'/ 11
Und ihne das Glücke
Durch göldene Blicke
Der Gnaden verbürget/
Da wurd' er erwürget/
Und warm fein an der Stell
Geschickt hinab zur Höll.
[10] 19.
Aman nichts minder/ als
Sorgsam für seinen Hals/
Sich frölich erzeigte/
Vor keinem sich neigte/
War' herrlich/ und prächtig/
Glückseelig/ und mächtig:
In einem Augenblick 12
Müßt' er fort an den Strick.
20.
So mache dich dann auff/
Clorinda renn' und lauff'/
Wirst länger da schlaffen/
So warte der Straffen/
Ich werde dich hassen/
Und ewig verlassen:
Schau'/ daß alsdann von mir
Nicht schmertzlich traume dir.

Fußnoten

1 2. Reg. 4.

2 Iudith. 13.

3 3. Reg. 19.

4 Mar. 4.

5 Gott der Winden.

6 Gott des Meers.

7 Gott des Schlaffs Poët.

8 Gen. 2. ut operaretur & custodiret illum. v. 5.

9 Ein Atheist.

10 Die Todt-Göttin.

11 Dan. 5.

12 Esth. 7.

[O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[11] [15]2. Clorinda erwachet aus dem schädlichen Sünden-Schlaff/ und befindet sich sehr übel getröst

Ego dormivi, & soporatus sum, & exsurrexi.

Psal. 3. v. 6.


Ich bin entschlaffen/ und hab einen sehr tieffen Schlaff gethan/ und bin aufgestanden.


1.
O Gott! wo bin ich doch?
Auff was für einer Erden?
O weh mir! leb ich noch?
Ach! ach! wie will mir werden!
Ich bin gantz müd/ und schwach/
Erfüllt mit Ungemach/
Und schmertzlichen Beschwerden.
2.
Ey laß! was thue ich hier/
Wie lang hab ich geschlaffen?
Was gibt nicht Morpheûs 1 mir
Ohn' Underlaß zu schaffen?
Es hätte können mich
Das böse Jäger-Vieh/ 2
Wie den Actæon straffen.
[15] 3.
O was ein wilder Ort/
Den ich nicht kan erkennen!
Man solt' ihn wohl den Port
Der bösen Hoffnung nennen. 3
Ach hätt' ich Hirschen-Läuff/
Und Flügel/ wie ein Greiff/
Von hinnen schnell zu rennen.
4.
Wo ist das schöne Feld/
Da ich zuvor gelegen?
Und wo das Lust-Gewäld/
Bethaut mit göldnem Regen?
Wo ist der Freuden-Gart
Erfüllt mit mancher Art
Der Lustbarkeit zu pflegen?
5.
Wie hat nicht alles sich
So unverhofft verkehret?
Noch kurtz zuvor hab ich
Die Zeit in Freud verzehret/
Nun lig' ich von dem Leyd
Auff einer wilden Heyd
An gantzem Leib versehret!
6.
Ach könnt' ich nun mit Ruhm
Auch/ wie Adonis, 4 sterben/
Verkehrt in eine Blum
[16]
Ein ehrlichs End erwerben!
So dörfft ich jetzund nicht
Mein rothes Angesicht
So wunderlich entfärben.
7.
Weh' mir daß ich gehorcht
Dem Morpheûs so vermessen/
Und also ohne Forcht
Der edlen Zeit vergessen!
Nun will der Reuer mir
Das Hertz abnagen schier/
Der Kummer will mich fressen!
8.
Dann/ wie ich läider seh'/
So geht die Sonn zu Gnaden/
Stürtzt ihre Pferd schon gäh/
Im Hesper-Meer zu baden: 5
Es will nun werden kühl/
Und ich Bethörte fühl'
Erst meines Schlaffens Schaden.
9.
Zu dem/ so find ich/ daß
Mich jedermann verlassen/
Bin forchtsam/ wie ein Haß/
Auff den die Hunde passen:
Kan auch/ weil in die Fehr
Kein Trost zu spühren mehr/
Kein Hertz zur Hoffnung fassen!
[17] 10.
Daphnis zwar könnte mich
Noch aus dem Würbel schwingen/
Wie wird Er aber sich
Zu solchem können zwingen?
Weil ich ihn nur verlacht/
Sein' edle Lieb veracht/
Wie kan Er mir beyspringen?
11.
Als Syrinx 6 dort verschmächt
Des Pans verliebtes Wincken/
Und in dem Lauff vergächt
Gefangen an zu sincken/
Ließ Pan 7 die stoltze Nymph/
Zu rächen seinen Schimpff/
Ohn' alle Hülff ertrincken.
12.
Ich (Edler Daphnis) auch
Hab deine Lieb verachtet/
Und nach verkehrtem Brauch
Nach fremmder Lieb getrachtet/
Da unterdessen du
In feuriger Unruh'
Nach mir schier gar verschmachtet.
13.
Ich stoltze Vasthi hab' 8
Den Assuër entehret/
Mich frech geworffen ab/
Und gegen ihm gespehret.
[18]
Nun kocht sein Liebes-Hitz.
Nemesische 9 Feur-Plitz'/
Lieb wird in Rach verkehret.
14.
Wo soll ich dann nun hin
Mich arme Tröpffin wenden/
Die ich verlassen bin
An allen Ort- und Enden?
Wer ist wohl/ der mir mag/
Auff daß ich nicht verzag'/
Genuge Hoffnung senden.
15.
So gar/ Andromede, 10
Mehr Hoffnung hat gefunden/
Als sie dort in der See
Am Felsen hieng' gebunden/
Perseûs hat sie getröst!/
Von ihrem Läid erlöst/
Das Meer-Thier überwunden.
16.
Ich aber werde nu
Durch alle Wüsteneyen
Widhopffisch pu pu pu
Mit Tereûs 11 müssen schreyen/
Wer wird nachmalen mich
(Daphnis entfehret sich)
Des Untergangs befreyen?
17.
Das Urtheil ist gefällt/
[19]
Daphnis hat es gesprochen/
Weil ich das Böß erwöhlt/
Und meine Treu gebrochen/
Wird er mir diese Schmach
So bald nicht sehen nach/
Und lassen ungerochen.
18.
Wo ist nun jetzt die Welt/
Der ich so sehr bewogen/
Die mich umb Gut/ und Gelt/
Umb Leib/und Seel betrogen?
Sie hat eydbrüchig mich
Gelassen in dem Stich/
Treu-loß darvon gezogen.
19.
Weil sie mich dann verlaßt/
Soll ich sie nicht verfluchen?
Weil mich der Himmel haßt/
Wo soll ich Rettung suchen?
Habt doch Mitleyden/ ihr
Vernunfft-beraubte Thier/
Und Schatten-reiche Buchen.
20.
Echo 12 in einen Stein
Die du vor Läid verkehret/
Hör' an doch meine Pein/
Die schier mein Hertz verzehret/
Ich will durch Berg/ und Thal
Ausruffen meine Quaal/
Biß alle Welt mich höret.

Fußnoten

1 Der Schlaff-Gott. Poët.

2 Wilde Thier.

3 Promontorium malæ spei.

4 Adonis ein schöner Jüngling von einem wilden Schwein verletzt/ ist in eine schöne rothe Blum verwandelt worden. Poët.

5 Das Meer gegen dem Untergang der Sonnen.

6 Eine Nymph. Poët.

7 Ein Wald-Gott. Poët.

8 Esth. I.

9 Rachgierige.

10 Eine Nymph.

11 Ein Fürst in einen Widhopff verwandelt. Poët.

12 Des Narcissen Liebhaberin.

[Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[20] [24]3. Clorinda erkennet ihre Boßheit/ und wird mit grosser Forcht überfallen

Timor, & tremor venerunt super me,

Psal. 54. v. 6.


Forcht/ und Zittern ist über mich kommen.


1.
Will dann der Jüngste Tag
Noch vor der Zeit einbrechen/
Sich Daphnis an mir rächen
Ohn' einigen Vertrag?
Will dann das Sternen-Hauß
Mit aller Macht einfallen/
Das Meer mit seinem Wallen
Zornmühtig brechen auß?
2.
Der Himmel ist gantz schwartz
Mit Hagel-Sturm bewittert/
Würfft/ über mich erbittert/
Aus Schwebl'/ Feur/ und Hartz:
Kocht in ergrimmter Hitz/
Stracks meinen Kopff/ und Rucken
Tyrannisch zu zerstucken/
Gantz neue Pfeil/ und Blitz.
[24] 3.
Ich höre schon das Horn
Der höllischen Megæren, 1
Sie will an mir auslähren
Rachgierig ihren Zorn:
Dort kommt ein gantzes Heer
Der höllischen Geschwadern/
Das Blut aus meinen Adern
Tringt mir zu Hertzen sehr!
4.
Schau'/ wie mit tieffem Schlund/
Und auffgesperrtem Rachen/
Den Garaus mir zu machen/
Dort steht der Höllen-Hund:
Licaon 2 das Unthier
Sammt Löwen/ Lür/ und Bären/
Mit grossem Wuht begehren
Sattsame Rach von mir.
5.
Wo ich mich nur hinkehr'/
Steht mir der Tod vor Augen/
Will mir die Seel aussaugen/
Da hilfft kein Bitten mehr/
Wär' nur ein Feind allein/
Dörfft' ich noch Gnad begehren/
Weil aber tausend deren/
Kan nichts zu hoffen seyn!
[25] 6.
Kein solches Elend war'
Alldort zu Noë Zeiten/
Wo von so vielen Leuten
Verblieben kaum vier Paar/
Dort stritt' allein/ und bloß
Der bleich-erzörnte Himmel/
Hier geht ein gantz Gewimmel
Der Feinden auff mich loß.
7.
Gott selbst ist wider mich
Erzörnt zu Feld gezogen/
Die Sähn an seinem Bogen
Zieht er schon hindersich/
Den Zorn-geflammten Pfeil
Beginnt er auffzutragen/
Mir durch das Hertz zu jagen/
Laßt mir zur Flucht nicht Weil.
8.
Und könnt' ich fliehen schon/
So wurd mich dannoch spissen
Mein eigen böß Gewissen
Zum wohl-verdienten Lohn/
Mein ärgster Feind bin ich/
Solt' mich auch niemand straffen/
Wolt' ich doch selbst die Waffen
Ergreiffen wider mich!
9.
O ich betrübte Magd!
Kan auch auff gantzer Erden
[26]
Ein Mensch gefunden werden/
Der also sey geplagt?
Ich möcht' in Läid vergehn/
Und doch kan ich zu sterben/
Die Gnad auch nicht erwerben/
Muß da zum Unglück stehn!
10.
Ach daß mein armer Leib
(Vom Sodoms-Feur bethöret)
Auch wurd in Saltz verkehret/
Wie dorten Loths Eheweib! 3
So wurd ich auch mit ihr
Kein Elend mehr empfinden/
Der Sturm der Unglücks-Winden/
Auch nicht mehr schaden mir.
11.
Ey laß! daß Perseûs 4 doch
So unvertreulich handlet/
Mich nicht in Stein verwandlet/
Die ich es wünsch' so hoch!
Könnt' ich Aglauros seyn/ 5
So wolt' ich ihr mein Leben
Mit höchster Freud hingeben/
Ich aber werden Stein.
12.
Man sagt/ das Sonnen-Bild/
Ein Wunder der Metallen/
[27]
Zu Rhodis sey gefallen/
Und lig' jetzt wüst und wild:
Könnt ich/ O Bild/ für dich
In deine Stell zu tretten
Es von dem Glück erbetten/
So wär glückselig ich!
13.
Was wünsch ich aber lang!
Wunsch ist ein armer Jäger/
Ein unglückhaffter Häger/
Hägt stäts/ doch ohne Fang:
Des Fortunatus Hut/ 6
Und Glücks- Horn ist verlohren/
Midas 7 mit langen Ohren
Verflucht den Wunsches Wuht.
14.
Niemand/ auch in die Weit
Ist/ der mein Klagen höre/
Vergebens ich verzehre
Die heil-versaumte Zeit:
Daphnis hat/ wie Ulyss,
Die Ohren dick verstopffet/
Sein Hertz von Myrrhen 8 tropffet/
Der Tod ist mir gewiß.
15.
Kein Reh ist so verzagt/
Wann es von vielen Hunden
[28]
Schon schier gar überwunden
Sich in die Weite wagt/
Wann es unfehr zuruck
Die Büren höret knallen/
Und siht vor ihme fallen
Bald da/ bald dort ein Stuck.
16.
Die Tochter Jephte war'/ 9
Als man sie wolte schlachten/
Glückselig noch zu achten
In ihrer Tods-Gefahr:
Ihr wurde noch vergönnt/
Daß sie in Berg- und Heinen
Ihr Jungfrauschafft beweinen/
Drauff rühmlich sterben könnt'.
17.
Ich aber/ läider! kan
Dergleichen nichts erwerben/
Muß ohn' Erbärmnuß sterben/
Es ist mit mir gethan/
Die Unschuld kan auch ich
Zum Auffschub nicht einwenden/
Dann sie aus meinen Lenden
Schon längst verlohren sich.
18.
Zu dem ist Jephtias 10
Für Gottes Ehr gestorben/
Hat grosses Lob erworben/
Viel Augen wurden naß:
[29]
Mich/ Laster aber/ ach!
Kein Weiser wird beklagen/
Mit Spöttlen wird man sagen/
Es brennt das rechte Dach.
19.
Ich mein selbst Abentheur/
Ein Spiegel aller Thoren/
Hab Daphnis Gnad verlohren/
Verdient das Höllen-Feur!
Ach komm' Amelecith'
Von Gelboës Gebürgen/
Wie Saul mich zu erwürgen/
Ich will gern sterben mit.
20.
Die Waffen förcht ich nicht/
Eh' lieber/ als so leben/
Wolt ich den Geist auffgeben/
Wär' es darmit geschlicht:
Die grosse Sünden-Zahl
Und Daphnis Unmuht machen/
Daß mir die Seel zu krachen
Beginnt vor grosser Qual.

Fußnoten

1 Höllen-Gespenst. Poët.

2 Wurd in einen Wolff verwandelt.

3 Gen. 19. v. 27. steht noch unversehrt/ doch unempfindlich.

4 Ein tapfferer Held/ welcher mit Medusa Haupt die Menschen in Stein verwandlete. Poët.

5 Aglauros wurd in einen Stein verwandlet. Ovid. 2. Met. Poët.

6 Des Fortunatus Wünschhütlein.

7 Ein König/ welcher alles/ was er angerührt/ zu Gold gemacht. Poët.

8 Ist erbittert.

9 Iud. II. V. 38.

10 Die Tochter Iephte.

[O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[30] [34]4. Clorinda trachtet in ihrer Aengstigkeit dem Zorn Gottes zu entfliehen/ befindet aber/ daß Gott allenthalben gegenwärtig

Quò ibo à Spiritu tuo? & quò à facie tua fugiam.

Psal. 138. v. 7.


Wo soll ich hingehen vor deinem Geist/ und wohin soll ich vor deinem Angesicht fliehen?


1.
O ihr verborgne Ritzen
In hoher Felsen Spitzen/
Ihr auffgespaltne Stein/
Seyt mir in meinem Jammer
Doch eine Zufluchts-Kammer/
Ach laßt mich bey euch ein!
2.
Ach aber bey den Steinen
Darff ich gar nicht erscheinen
Ohn grossen Zanck/ und Streit/
Weil ich den Lebens-Felsen/ 1
Den niemand kan umbwälsen/
Von mir gestossen weit.
[34] 3.
Ihr aber hole Krufften/
Ihr unbewohnte Klufften
In zugeschloßner Erd'/
Laßt mich in euer Tieffen
Verborgenheit verschlieffen/
Daß ich unsichtbar werd'.
4.
Ach aber keine Gräber
Seind frey von dem Urheber/
Der alles hat gemacht. 2
Nichts kan in tieffer Erden
Vor ihm unsichtbar werden/
Er weißt von keiner Nacht. 3
5.
Möcht ich dann mit den Knaben
Von Hamel mich vergraben/
Und ewig sperren ein:
So wolt' ich eingeschlossen
Gar gern/ und unverdrossen
Des Tods Gefangner seyn.
6.
Doch nein/ dann auch was Dunckel 4
Scheint ihm/ gleich wie Carfunckel/
Die Nacht gläntzt/ wie der Tag/
Die Schatten ihme scheinen/ 5
Wie Gold/ in finstern heinen
Sich niemand bergen mag.
[35] 7.
Wann auch schon die Berg-Knappen
Die Aertz-vernarrte Lappen
Meil-tieff verstoßten mich/
So wurd' ich doch alldorten/
Gleich wie an allen Orten/
O Gott/ antreffen dich.
8.
Als Adam in den Hecken 6
Sich forchtsam wolt verstecken/
Wurd' er gefangen bald:
Gott siht scharff ohne Brüllen/
Niemand kan sich verhüllen/
Auch nicht im dicksten Wald.
9.
Cain nicht könnte fliehen/ 7
Obschon sich wolt' entziehen
Der blutige Bößwicht:
Gott wurd' es eilends innen/
Er konnte nicht entrinnen
Vor seinem Angesicht.
10.
Jonas nach Tharsis flüchtig 8
Hielt' alles schon für richtig
Holländisch durchzugehn.
Könnt' aber nicht entweichen/
Den Segel müßt er streichen/
Und Gott gehorsam stehn.
[36] 11.
Kein Ort ist also finster/
Und zu der Flucht gewünschter/
Als das Cimmerjer-Land/
Allwo die Sonn entfehret/
Die Nacht sechs Monat wehret
In unverwendtem Stand.
12.
Du aber Ursprungs-Bronnen 9
Der Morgen-Röht/ und Sonnen/
Du beyde hast gemacht:
Vor dir ist nichts verborgen/
Dein ist der Tag/ und Morgen/
Der Abend und die Nacht.
13.
Man sagt viel von dem weiten/
Grund-losen aller Seiten/
Mæotischen Morast/
Daß niemand dorten wohne/
Als etwann (Zweiffels ohne)
Ein Welt-verwies'ner Gast.
14.
Dort mitten in den Rohren
Wolt' Ich/ ich wär' verlohren/
Und nicht zu finden mehr/
Dort' wolt' ich mich betragen/
Mein Elend heimlich klagen
Dem wanckenden Geröhr.
[37] 15.
Ach! aber aller Enden
Bin ich in Gottes Händen/
Wo niemand ist/ ist Er:
Sein Liecht unumbekräntzet 10
Den Himmel übergräntzet/
Kein Ort ist seiner lähr.
16.
Vielleicht ist in dem nassen
Neptunus Reich gelassen
Zur Ausflucht noch ein Ort?
Wird dann/ wo Thetys 11 wohnet/
Den Flüchtigen verschonet/
Daß sie unsträfflich dort?
17.
Ach nein! vergebens bellen 12
Vor Gott die wilden Wellen/
Er herrschet über sie:
So klein ist kein Geschöpfflein/
(Auch nicht ein Wassertröpfflein)
So ihm verborgen je.
18.
Werd' ich mich schon aufschwingen/
Biß in den Himmel dringen/ 13
O Gott/ so bist du dort:
Erzeigest also mächtig/
So sichtbar/ und so prächtig
Dich auch an keinem Ort.
[38] 19.
Und werd' ich nach der Höllen
Mich auch begeben wöllen/ 14
O Gott/ so bist du da!
Du wirst da von den bösen
Ohn' einiges erlösen
Genug gefühlet ja.
20.
Nemm' ich früh meine Flügel/ 15
Und flieg' mit vollem Zügel
Biß an das End des Meers/
So wirst du mich berühren/
Mit deiner Rechten führen/ 16
Ich wöll' es/ oder wehrs.

Fußnoten

1 Christum den Heiland.

2 Ad Hebr. 4. v. 13.

3 Tenebræ non obscurabuntur à te. Psal. 138. v. 12.

4 Nox sicut dies illuminabitur. ibid.

5 Tenebræ ejus, ita & lumen ejus. Psal. 138. v. 12.

6 Gen. 3. v. 8.

7 Gen. 4. v. 14.

8 Ion. 1.

9 Psal. 73. v. 16. Tu fabricatus es auroram, & solem.

10 Iob. 37. v. 3.

11 Die Meer-Göttin/ das Meer.

12 Psal. 88. v. 10. Tu dominaris potestati maris.

13 Psal. 138. v. 8. Si ascendero in cælum, tu illic es.

14 Si descendero in infernum, ades.

15 Si sumpsero pennas meas disuculò, & habitavero in extremis maris.

16 Tenebit me dextra tua.

[Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[39] [43]5. Clorinda betrachtet in ihrer Kleinmühtigkeit die so vielen grossen Sündern erzeigte Barmhertzigkeit Gottes/ und schöpfft darauff neue Hoffnung

Cùm iratus fueris, misericordiæ recordaberis.

Habac. 3. v. 2.


Wann du zörnest/ so wirst du der Barmhertzigkeit gedencken.


1.
Ach Daphnis zörne nicht so sehr/
Laß deinen Grollen sincken/
Laß' mich nicht in dem tieffen Meer
Der Traurigkeit ertrincken!
Dein bleicher Zorn dringt/ wie ein Dorn/
Mir scharff/ und tieff zu Hertzen/
Brennt ungeheur/ gleich wie ein Feur/
Macht unerhörte Schmertzen.
2.
Gedencke deiner Gütigkeit/
Nicht meiner schwären Sünden/
Sey länger nicht mit mir entzweyt/
Laß' mich Gnad bey dir finden/
Was hilfft es dich/ wann du schon mich
Zur Höll hinunter plitzest?
[43]
Schlagst du schon zu/ im Himmel du
Nicht desto höher sitzest.
3.
Du zörnest zwar unbillich nicht/
Dein Straffen ist zu loben/
Dem deine Hand den Halß zerbricht/
Hat Ursach nicht zu toben/
Mehr aber wirst/ ô Himmels-Fürst/
Der zarten Lieb gepriesen/
Und dir viel mehr Danck/ Lob/ und Ehr
Der Güte halb erwiesen.
4.
Es reute dich ja selbst der Rach
Dort Genesis am achten/
Als du/ wie daß der Mensch so schwach/
Beginntest zu betrachten/
Du sagtest dort/ ich will hinfort
Die Sündfluth nicht mehr schicken/
Warumb dann soll ich/ Thränen-voll/
In meinem Läid ersticken?
5.
Der den Urias wider Recht/
Und Billichkeit entweibet/ 1
Ja ohne Schuld in dem Gefecht
Mit fremmder Hand entleibet/
Der könnte stracks ( ô Plitz von wachs)
Die Huld von dir erpressen/
Mit einem Kind wurd' seine Sünd
Vergraben/ und vergessen.
[44] 6.
Als Roboam dein ärgster Feind 2
Drey Wörtlein nur gesprochen/
Da wurd' er schon dein bester Freund/
Als hätt er nichts verbrochen/
Kaum sagt' Er schlecht: Gott ist gerecht:
Und seufftzte was beyneben/
Da war' ihm schon der Spott/ und Hon/
So er dir thät'/ vergeben.
7.
Manasses noch ein junger Knab 3
Schon deines Namens Spötter
Hat sich von dir gezogen ab/
Verehrt die falsche Götter/
Zu solcher That so gar auch hat
Dein gantzes Volck gemüsset/
Doch hat er mit geringer Bitt
Dein bitters Hertz ersüsset.
8.
Was hast du wegen Ninive 4
Nicht für ein Lob bekommen/
Als du es nach entwehntem Weh'
Zu Gnaden auffgenommen?
Man preiset hoch ja heute noch
Deßwegen deinen Nammen/
So nicht gescheh'/ wann du es gäh
Gestrafft mit Schwerdt/ und Flammen.
9.
Wie schlecht hast dich alldorten nicht 5
An jenem Weib gerochen/
[45]
Die man gebracht für dein Gericht/
Als sie die Ehe gebrochen?
Du sagtest nur (ô Sünden-Cur)
Geh'/ bessere dein Leben/
Die Sünd ist dir/ weil niemand hier/
Der dich verdamm'/ vergeben.
10.
Viel wird zwar von Gottlosigkeit
Der Sünderen gelesen/
Ist niemand doch so gar verschreyt/ 6
Wie Magdalen gewesen/
Doch wurde sie ohn' alle Mühe
Mit deinem Zorn versöhnet/
Indem sie suß nur deine Füß
Umbfangen/ und bethränet.
11.
Der Schächer/ der im Menschen- Blut
Offt seine Händ gewaschen/ 7
Der viel im Wald gefischtes Gut
Gesteckt in seine Taschen/
Der böß gethan von Jugend an/
Biß daß er müßte hangen/
Sagt' nur allein: Gedencke mein:
Drauff hast du ihn umbfangen.
12.
Der Jünger/ dem du sonderbar
Geneigt/ und wohl bewogen/ 8
Den du den andern immerdar
Hast mercklich vorgezogen/
[46]
Der hat hernach zu deiner Schmach
Dich dreymahl frech verneinet/
Doch war' die Schuld verkehrt in Huld/
So bald er heiß geweinet.
13.
Maria, ein' berühmte Dam, 9
Gebürtig aus Aegypten/
Ein freche Lais 10 ohne Scham/
Ein schaum der Geyl-verliebten/
Hat bey dir Gnad im höchsten Grad
Durch nasse Reu erworben/
Drauff heilig sehr zu deiner Ehr/
Und meinem Trost gestorben.
14.
Theophylus, als er dort war' 11
Entsetzet seiner Ehren/
Hat dörffen dich/ ô Gott/ so gar
Verfluchen/ und verschwören/
Indem sich er dem Lucifer
Mit Leib und Seel verschrieben/
Doch hat er mit Maria Bitt
Dich zu der Huld getrieben.
15.
Du sagst bey Isaia rund/ 12
Wer sich nur wöll' bekehren/
Dem wöllest du zu keiner Stund
Die Gnaden-Thür versperren/
Wann seine Sünd/ und arge Fünd'
[47]
Schon roth/ wie Scharlach/ wären/
So wilst du/ wie Baumwollen/ sie/
Und neuen Schnee erklären.
16.
David hat deine Gütigkeit
Sehr hoch herfür gestrichen/ 13
Als konnt' in deiner Wesenheit
Ihr werden nichts verglichen/
Kein Eigenschafft 14 hab solche Krafft
In äusserlichen Wercken:
Soll dieses nicht die Zuversicht
In mir/ ô Daphnis, stärcken?
17.
Wann schon ein Kind den Vatter hat
Zum öffteren betrübet/
Aus Boßheit manche Missethat
Zu seiner Schmach verübet/
So bald es sich demühtiglich
Einstellt mit Reues-Zeichen/
Laßt er sein Hertz/ wann es von Aertz
Schon wäre/ doch erweichen.
18.
Das zeuget der verlohrne Sohn/ 15
Der alle Gnad erworben/
Ob er in Sünd- und Lastern schon
Schier allerdings erstorben/
Er sagt allein/ ach Vatter mein/
[48]
Ich hab gesündigt läider!
Da wurden an Ihm stracks gethan
Die Gnad- und Ehren-Kleider.
19.
O Gott/ du bist mein Vatter ja
(Will Bräutigam nicht sagen)
Seh' an/ wie ich bereuet da
Schier will in Läid verzagen/
Ich muß vergehn mit Magdalen
In heiß- geweinten Thränen/
Wilst du/ als Stein/ dann härter seyn/
Und mich dir nicht versöhnen?
20.
Ach bleibe mir nicht länger gram/
Halt' ein den Zornes-Besen/
Gedencke/ daß mein Bräutigam
Du bist zuvor gewesen:
Wann du mich recht/ und nicht nur schlecht
Geliebt vor meinen Sünden/
Wird meine Reu dich auff das neu
Ja leicht mit Lieb entzünden.

Fußnoten

1 David. 2. Reg. 12.

2 2. Paralip. 12.

3 2. Paralip. 33.

4 Ionæ 3.

5 Ioan. 8.

6 Luc. 7.

7 Luc. 23.

8 Matth. 26.

9 Laurent. Surius 9. Ap. ex Paulo diacono.

10 Ein unehrbares Weib.

11 Chron. Sigeberti ad ann. 537.

12 Isai. 1.

13 Psal. 44. v. 9.

14 Attributum.

15 Miserationes super omnia opera invenies. Ps. 144. v. 9.

[O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[49] [53]6. Clorinda betrachtet die Falschheit der Welt sammt ihren schnöden Wollüsten/ und verändert ihre Welt-Lieb in dero heiligen Haß

Meliùs est ire ad domum luctus, quàm ad domum convivii.

Eccles. 7. v. 3.


Es ist besser in das Klag-Hauß/ dann in das Trinck-Hauß gehen.


1.
O falsche Welt/ wer kan
Wohl deine Tück ergründen/
Dem Volck genug verkünden/
Und ernstlich zeigen an!
Hierzu zu wenig wäre
Der Pytho 1 Zungen-Kunst/
Was ich darvon erkläre/
Nur Schatten ist/ und Dunst.
2.
Doch muß ich deine Tück'/
So gut ich kan/ beschreiben/
Zu diesem Werck mich treiben
Mein Elend und Unglück/
In welche mich gestürtzet
[53]
Dein falsche Boßheit hat/
So/ daß ich Heyl-verkürtzet
Muß leben ohne Raht.
3.
Du bist dem Straussen gleich/
Wild/ grausam/ und zornmühtig:
Ob du schon scheinest gütig/
Holdselig/ und liebreich/ 2
Du legst die Wollust-Wäider
Zwar süß an deine Brust/
Erwürgst sie aber/ läider!
In mitten ihrer Lust.
4.
Was Dalila einmahl
An Samson hat begangen/ 3
Das hast du/ Bruth der Schlangen/
Verübet ohne Zahl/
Niemand ist dir entwichen/
(Der deine Gunst gesucht)
So nicht/ mit vielen Stichen
Verwundet/ dich verflucht.
5.
Du pflegest auch so gar
Der Seelen zu beranben/
Die deiner Falschheit glauben/
Sehnd Kinder der Gefahr:
[54]
Du scheinest zwar zu lieben
Den/ welcher dir anhangt/
Ach aber gleich dem Dieben/
Der nach dem Beutel langt.
6.
Du bist den Apfflen gleich/
Die dort auff Sodoms-Heyden/
Zu sehen an mit Freuden/
Als wären sie Gold-reich/
Innwendig seynd sie aber
Voll Aschen; wie man meldt/
So ist/ ô Welt-Liebhaber/
Auch deine Braut/ die Welt.
7.
Auswendig/ wie der May/
Inwendig viel unstäter/
Als das Aprillen- Wetter/
Falsch/ wie ein altes Ay:
Auswendig schertzst/ und lachest/
Innwendig ungeheur/
Gleich einer Bomben/ krachest/
Die heiß schon von dem Feur.
8.
Du Seelen- Rauberin
Bist ärger/ und viel schlimmer/
Als dort gewesen nimmer
Circe die Zauberin/
So die Ulyss-Gesellen
Aus Spaß in Schwein verkehrt:
[55]
Die dir anhangen wöllen/
Desgleichen wiederfahrt.
9.
Circe 4 hat wiederumb
In Menschen sie verwandlet/
Mit ihnen mild gehandlet/
Als eine/ die noch frumb/
Du läider auch verkehrest
Die deinige in Schwein/
Ach aber ihnen sperrest
Den Menschen gleich zu seyn!
10.
Was Meroë 5 gestifft
Für Unheil bey den Leuten/
Viel deren auszureuten
Mit ihrem Zauber-Gifft/
Ist gegen deinen Thaten
Nichts/ als ein Kinder-Spiel/
Viel tausend müssen braten/
Die dir getraut zu viel.
11.
Es ist/ ô böse Welt/
Dein arge Lieb beschaffen/
Gleich wie die Lieb der Affen/
Die nur den Liebsten quält/
Gehst um mit deinen Jungen
Im Schein der Lieb so hart/
Daß dero Seel gezwungen
Aus nach der Höllen fahrt.
[56] 12.
Gleich wie der Wind geneigt/
(Den Schiffmann unerschrocken
Nach hohem Meer zu locken)
Sich an dem Port erzeigt/
Wann er das Schiff erhoben/
Und weit hinein geweht/
Fangt er an wild zu toben/
Biß es zu scheitern geht.
13.
Auch du/ Wind-gleiche Welt/
Erzeigest dich auswendig
In deiner Lieb beständig/
Biß man dir Glauben hält/
Wann du das Hertz gewonnen/
Erfahrt man deine Treu/
Was du falsch angesponnen/
Verübst du ohne Scheu.
14.
Wer ist in deiner Gnad
Beständig je geblieben/
Dem du nicht umbgetrieben
Das leichte Glückes-Rad?
Wer diesen sich darff nennen/
Aus gantzer deiner Rott/
Der komm'/ ich will erkennen 6
Ihn für den Lorbeer-Gott.
[57] 15.
Gleich wie der Artzt aus List
Die Pillulen vergüldet/
Dem Krancken süß fürbildet/
Was Gallen-bitter ist/
So gibst du auch mit Zucker
Das Gifft dem Menschen ein/
Da meint der arme Schlucker/
Es sey gewürtzter Wein.
16.
Wann bey dem Sünder dann
Die Wollust was verjesen/
So findt er/ daß gewesen
Der Zucker Entzian/
Drauff kommt die Forcht der Sünden/
Und machet solche Qual/
Die schärffer zu empfinden/
Als ein geschliffner Stahl.
17.
Der nie-vergnügte Schwamm
Der weltlichen Gelüsten
Ist gleich den Dracken-Brüsten/
Wo Milch und Gifft beysamm/
Vergifftet/ und ergötzet/
O wohl ein schöne Freud!
Wodurch die Seel verletzet/
Fallt in das gröste Läid.
[58] 18.
Man sagt viel von dem Zwang
Der reitzenden Sirenen,
Wie sie die Schiff-Leut hönen
Mit lieblichem Gesang:
Wann ihnen man zuhöret/
Wird das verzuckte Schiff
Von ihnen umbgekehret
Durch gantz verborgne Griff'.
19.
Du auch pflegst lieblich sehr
Den Menschen vorzusingen
Dein Untreu anzubringen
Auff diesem wilden Meer:
Mit deiner süssen Kählen
Bethörest du die Leut/
Daß die fürnehmste Seelen
Auch werden deine Beut.
20.
Weil niemand in der Höll/
Der nicht durch deine Thaten/
O Welt/ dahin gerahten/
So lieb' dich/ wer da wöll'/
Ich aber will verfluchen
Nun deine Grausamkeit/
Und meiner Seelen suchen
Die wahre Sicherheit.

Fußnoten

1 Die Beredungs-Göttin. Poët.

2 Filia populi mei crudelis, quasi ftruthio in deserto. Thren. 4. v. 3.

3 Iudic. 16.

4 Zauberin.

5 Zauberin.

6 Eris mihi magnus Apollo. Gott der Weißheit. Poët.

[Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[59] [63]7. Clorinda bejammert die abscheuliche Finsternuß ihres Hertzens/ in welcher sie/ deren Gnaden Gottes beraubt/ so lange Zeit gesteckt

Deus meus illumina tenebras meas.

Psalm. 17. v. 19.


O Gott/ erleuchte meine Finsternuß.


1.
Feindliche/ trutzige/ Rußige/ schmutzige/
Häßliche Nacht/
Welche den Räisenden/ Weit herum-kräisenden/
Herren und Knechten/ Edlen/ und Schlechten/
Grosse Forcht macht/
Ja unversehens gar
Stürtzt in des Tods Gefahr.
2.
Falsche/ verdächtliche/ Schwartze verächtliche/
Schelmische Nacht/
Welche die fallende/ Kaht-herumb wallende
Gäntzlich entweegte/ Gfährlich versteegte
Menschen auslacht:
Die an Mitleydens-Statt
Nur Freud an Unglück hat.
3.
Grausame/ greuliche/ Förchtlich-abscheuliche/
Diebische Nacht/
[63]
Welche den Muhtigen/ Menschen-mord-blutige
Mörder- und Raubern/ Hexen/ und Zaubern
Sicherheit macht/
Und gibt zu böser That
Selbst ihnen Hülff und Raht.
4.
Reinigkeit-hassende/ Unschuld-verlassende/
Schandliche Nacht/
Welche den stinckenden/ Tugend-versinckenden
Venus-Geseilen/ Wo sie nur wöllen/
Unterschlauffs macht:
Verhüllt die geile Böck'
Mit ihrer schwartzen Deck.
5.
Neidige/ häßige/ Henckers-Hand-mäßige/
Bubische Nacht/
Welche der Wälderen/ Wiesen/ und Felderen/
Gärten/ und Auen Schönes Anschauen
Freuden-loß macht:
So gar das schönste Gold
Entfärbt die Liechts-Unhold.
6.
Grimmige/ läidige/ Freche/ meineydige/
Gifftige Nacht/
Welche die ruchtbare/ Sonsten gar fruchtbare/
Aecker/ und Matten Unter dem Schatten
Früchten-loß macht:
Dahero ihr dann seind
Viel Länder Spinnen-Feind.
[64] 7.
Tägliche/ schmertzliche/ Mündliche/ hertzliche
Klagen man hört/
Wie sie die prächtige Weite/ großmächtige
Nilische 1 Haiden/ Saaten/ und Waiden/
Grausam verstört/
Das Land so schwartz bedeckt/
Daß Leut und Vieh verreckt.
8.
Sehet die nächtige/ Immer schattächtige
Finnen doch an/
Wie sie mit dünsteren/ Dicken/ und finsteren
Nebel/ und Düfften/ Schatten/ und Lüfften
Seynd eingethan:
Die Sonne sehen sie
Auch etlich Monat nie.
9.
Treu-loß-unärtige Böse leichtfertige
Schröckliche Nacht/
Welche die brennende Feld-herum-rennende
Schwürmische Geister/ Völlige Meister
Ihres Reichs macht/
Und reitzt so viel sie kan/
Sie zu der Boßheit an.
10.
Unter der feindlichen/ Dürmisch-unfreundlichen
Nächtlichen Schaar/
[65]
Aerger/ gefährlicher/ Böser/ beschwärlicher/
Schädlicher/ schlimmer/ Schwärtzer und tümmer
Keine doch war'/
Als die/ so ich stock-blind
An meiner Seel empfind'.
11.
Alle Mæotische/ Wendisch- und Gothische 2
Nächte seind nur
Eine noch gläntzende/ Morgen-angräntzende/
Lieblich-bemahlte/ Sonnen-bestrahlte
Schatten-Figur/ 3
Gegen der schwartzen Nacht/
So mir die Sünd gebracht.
12.
Diese verhinderet/ Schwächet und minderet
Allen den Schein/
Welcher/ zum anderen Leben zu wanderen
Wider die Fälle Solte ein' helle
Fackel mir seyn:
Macht/ daß in Finsternuß
Ich immer leben muß.
13.
Alle Gott-zeigende/ Tugend-zuneigende
Strahlen seynd hin/
Weil ich in allerhand/ (Leider nicht ohne schand!)
Bubische Thaten/ Willig gerahten
Jederzeit bin/
[66]
So/ daß der Tugend-Glantz
In mir verfinstert gantz.
14.
Diese Heil-flüchtige Eitelkeit-süchtige/
Schädliche Nacht/
Haben die sinnliche/ Eilens-zerrinnliche
Eitele/ schnöde/ Himmels-Trost öde
Freuden gemacht:
Der schnöde Freud-Genuß
Bringt nichts/ als Finsternuß.
15.
Diese betriegende Freuden-vorliegende
Schmeichlende Nacht/
Eh' ich ihr Thun erkennt/ Hatte mich so verblendt/
Daß ich nachmahlen Alle Liecht-Strahlen
Völlig veracht/
Und mit dem Welt-Gesind
Zu Gutem worden blind.
16.
Diese Nacht schwächet mich/ Diese Nacht macht daß ich
Vollends verderb'/
Massen der gnadenschein Nimmer kan tringen ein.
So/ daß ich endlich Flammen-erkenntlich
Tugend-loß sterb':
Wo keine Sonn auffgeht/
Der Baum unfruchtbar steht.
17.
Diese verteufflete/ Gnaden-verzweifflete/
Höllische Nacht/
[67]
Dannoch den Sünderen Bösen Welt-Kinderen
Wegen des sterbens/ Seelen-verderbens
Wenig Forcht macht:
Sie förchten nur das Licht/
Die Finsternuß gar nicht.
18.
Läider diß eulenblind Schwürmische Nachtsgesind
Bildet sich ein/
Unter den lebenden Welt-herum-schwebenden
Erden-Geschöpffen/ Sehenden Köpffen
Klugste zu seyn:
Vermeinen allezeit
Zu seyn von Blindheit weit.
19.
Dieses seind aber die Schlimste nächt/ welche nie
Werden erkennt/
Können vom gnadenlicht Werden vertriebe nicht/
Sonder nur immer Aerger/ und schlimmer
Läider verblendt!
Sie fliehen allen Schein/
Drumb geht das Liecht nicht ein.
20.
Eya dann gläntzendes/ Glori-bekräntzendes/
Göttliches Licht/
Laß' mich in nächtlichen Also verächtlichen/
Schatten der Sünden/ Ohne Gnad-finden
Sterben doch nicht:
Vertreibe mir die Nacht/
Die mich stock- blind gemacht.

Fußnoten

1 Aegyptische.

2 Mittnächtige Länder.

3 Obschon der Schatten nicht kan bestrahlt seyn/ so ist doch zwischen Tag und Nacht kein so tunckler Schatten/ als zu Mitternacht.

[Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[68] [72]8. Clorinda erwegt die Zergengligkeit dieser betrieglichen Dingen/ und bewäinet ihr verübte Eitelkeit

Væ, qui trahitis iniquitatem in funiculis vanitatis!

Isa. 5. v. 18.


Wehe Euch/ die ihr die Boßheit an denen Stricken der Eitelkeit ziehet!


1.
Weh' meiner Eitelkeit/
Der ich so manches Jahr
Zu Diensten angewendet/
Von welcher ich verblendet/
Des Himmels gantz und gar
Vergessen allbereit!
Weh' meiner Eitelkeit/
Die mich mit Gott entzweyt!
2.
Sagt mir/ ô werthste Freund'/
Was ist auff gantzer Welt
So starck/ und auserlesen
In seinem Thun/ und Wesen/
So lang bleib ungequält/
Und frey vor seinem Feind?
Wer ist/ an dem das Glück
Nicht übe seine Tück?
[72] 3.
Was ist die schöne Stadt
Und Himmels-hohe Maur
Des starcken Thurns zu Babl
Nunmehr/ als eine Fabl/
An welchem man so saur/
Und lang geschwitzet hat?
Wer sie nun finden will
Braucht eine scharffe Brill.
4.
Wo ist/ ô Assuër, 1
Nunmehr dein schöner Saal
Mit Edelgstein gepflastert/
So schön veralabastert
Mit Bildern überal/
Als wann er Göttlich wär?
In deinem stoltzen Hauß
Wohnt jetzt der wilde Strauß.
5.
Ach wo ist Salomon
Mit allem seinem Pracht/
Und Herrlichkeit hinkommen? 2
Der Tod hat ihn genommen/
Und/ wie er auch verwacht/
Gestürtzt von seinem Thron:
Das Helffenbein war' ein 3
Ihm gar kein-Helffenbein.
[73] 6.
Sein prächtiger Pallast/
Und schönes Gottes-Hauß
Sich schon vor längsten haben
Mit eignem Last begraben/
Und sehen/ läider! auß/
Daß es ungläublich fast/
Seynd so gerissen ein/ 4
Daß nicht mehr Stein auff Stein!
7.
Sein unerhörter Pracht/
(Vor dem die Königin
Von Saba sich entsetzte/ 5
Daran so sehr ergetzte/
Daß sie gefallen hin
Vor Wunder in Ohnmacht)
Ach nur zu gar behend
Genommen hat ein End.
8.
Obschon er tausendfach
Nach Kräfften seiner Witz
Der Lustbarkeit genossen/
In dem hervor geflossen
Von seinem Glückes-Sitz
Ein grosser 6 Nectar-Bach:
Was hatte er darvon/
Als Reu/ den Freuden-Lohn?
[74] 9.
Er selbst hat alle Freud/
Wie hoch ergetzlich sie/
Ein' Eitelkeit genennet/ 7
Indem er klar erkennet/
Daß man sie niessen nie
Könn' ohne Seelen-Läid:
Dann was den Leib ergetzt/
Die arme Seel verletzt.
10.
Wo ist die Majestät/
Und hoher Glückes-Stand
Der stoltzen Pharaonen/
Die sich auff göldnen Thronen
Dort in Aegyptenland
Groß machten in die Wett?
Die Zeit hat ihren Pracht
Und sie zu Staub gemacht.
11.
Wo ist der tolle Götz
Nabuchodonosor,
Der als ein Gott der Erden
Wolt' angebetten werden/
(O Königlicher Thor
Wohl würdig des Gespötts!)
Er müßt' in Wald hinaus/
Spöttlich/ wie Acheloûs. 8
[75] 12.
Obschon an jedem Ohr
Ein gantzes Königreich
Cleopatra getragen/ 9
Und sich auff göldnem Wagen
Der stoltzen Juno gleich 10
Geschwungen hoch empor
So/ daß ihr keine Lust
Verblieben unbewust.
13.
Ob sie schon geiler/ als
Volupia gelebt/ 11
Und an den weichen Brüsten
Der weltlichen Gelüsten
Gantz Kletten-zäh geklebt
Voll Lusts biß an den Halß/
Obschon diß Venus-Thier
In Lust ertruncken schier.
14.
Wie lang hat es gedeyt/
Wie lang hat es gewehrt?
In ihren besten Jahren
Hat sie mit Läid erfahren/
Daß niemand vor dem Schwerdt
Des Unglücks sey befreyt:
Zwo Schlangen an der Brust
Vertrieben ihr die Lust.
[76] 15.
Wo ist Sardanapal,
Der dapffre Kunckel-Held/
Der sich befunden immer
Nur bey dem Frauen-Zimmer/
Hingegen in das Feld/
Gewagt sich nicht einmal?
Der eitler/ als ein Weib/
Gepflogen seinem Leib?
16.
Wie wurd' ihm nicht so theur/
Und scharff die Freud verwürtzt/
Indeme dieser Königs
(Gar unglückhaffte) Phœnix
Verzweifflend sich gestürtzt
Vor Unmuht in das Feur/
Und so auff heisser Gluht
Geendet seinen Muht.
17.
Sagt/ wo ist Julius,
Der Käysern Ruhm/ und Zier/
Der niemahl unterlegen
Mit seinem Glückes-Degen:
Den die Fortuna schier
Ertränckt mit Uberfluß/
Und ihn so hoch geführt/
Daß ihn kein Läid berührt?
[77] 18.
Ey laß! in bestem Lust
Da war' es mit ihm auß/
Dann er von seinen Feinden/
(Vermeinten besten Freunden)
In dem befreyten Hauß 12
Erbärmlich sterben mußt:
Brutus sein eigner Sohn
Riß' ihn von seinem Thron.
19.
Der Zucker Gallen macht:
Der Wollust folgt das Läid/
Gleich wie dem Leib der Schatten:
Der Ochs wird von der Matten/
Wann er fett von der Wäid/
Geführet auff die Schlacht:
Das Glück speißt seine Knecht
Nur umb das Jäger-Recht.
20.
Ade dann Eitelkeit/
Du böse Seelen-Pest/
An wessen göldnen Stricken
Nicht wenig Leut ersticken/
Die schier auch mir den Rest
Gegeben allbereit/
Wo mich nicht Daphnis Hand
Erlößt von deinem Band.

Fußnoten

1 Esther. 1.

2 Sexaginta fortes ambiunt ex fortissimis Israël. Cant. 3. v. 7.

3 Salomons Thron ware von Gold und Helffenbein. 3. Reg. 10. v. 18.

4 Matth. 24. v. 2.

5 2. Paralip. 9. v. 4.

6 Götter-Tranck/ alle Wollust.

7 Eccles. 1. v. 2.

8 Acheloûs wurde in einen Ochsen verwandlet. Poët.

9 Königin in Aegypten hat Perl an den Ohren getragen/ die ein Königreich werth.

10 Himmels-Göttin/ Poët.

11 Die Göttin der Wollüst. Poët.

12 Capitolio.

[Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[78] [82]9. Clorinda betrachtet den theuren Verlurst der edlen zum Heyl von Gott gegebenen/ und von ihro boßhafft-zugebrachten Zeit

Recogitabo tibi omnes annos meos in amaritudine animæ meæ.

Isa. 38. v. 15.


Ich will dir alle meine Jahr in Bitterkeit meiner Seelen gedencken.


1.
Beginn' ich meine Jahr
Ein wenig zu betrachten/
So muß ich nur nicht gar
In Kümmernuß verschmachten/
Dann ich Betrübte find'/
Daß wie der Rauch im Wind/
Mein Leben ohne Frucht
Genommen hat die Flucht!
2.
Ich hab von Kindheit an
Geführt ein eitles Leben/
Mich auff die Tugend-Bahn
Mit keinem Fuß begeben/
Mein gantze Arbeit war'
Die Schmückung meiner Haar:
[82]
Kein ander Ding mein Ziel/
Als Lust/ und Freudenspiel.
3.
Die Andacht wolte mir
Durchaus nicht gehn zu Hertzen/
Ich suchte für und für
Nur mit der Welt zu schertzen:
In eitlem Müßiggang
Hab' ich mein Leben-lang
Die Zeiten zugebracht/
Des Heyls niemahl gedacht.
4.
Und ob ich schon (ô Spott!)
Zu seyn andächtig scheinte/
Ich dannoch es mit Gott
Niemahlen redlich meynte/
Fromm stellt' ich mich allein
Zum äusserlichen Schein:
Mein Welt-verwirrtes Hertz
War' immer anderwerts.
5.
Nun fühl' ich (aber ach
Zu spaht!) den grossen Schaden/
Weil Clotho allgemach 1
Vollendet meinen Faden:
Wie hätt' nicht können ich
Mit Gott bereichen mich?
Nun muß ich arm/ und bloß
Mit Charon auff den Floß. 2
[83] 6.
Und diese Armut wär'
Noch endlich zu erdulden/
Wann ich nur nicht so schwär
Beladen auch mit Schulden:
Nichts haben/ und doch ein
Noch grosser Schuldner seyn/
Ist ein sehr armer Stand/
Der selten ohne Schand.
7.
Wer arm/ doch Schulden-frey/
Kan noch getröstet sterben/
Dann niemand wird darbey
Gebracht in das Verderben:
Ich aber schuldig bin/
Daß meine Seel mithin
(Beraubet meiner Buß)
Elend verderben muß!
8.
Ich hab auff sie gemacht
Nur Schulden über Schulden/
Und sie dardurch gebracht
Aus ihres Gläubers Hulden/
Nun geht zum End dahin
Der strenge Pfands-Termin/
Und weil nichts in der Hand/
Gilt es das Unterpfand.
9.
So bald mir die Vernunfft
Gefangen an zu scheinen/
[84]
Beginnt' ich nach der Zunfft
Der Uppigkeit zu geinen.
Der rauche Tugend-Weeg
Auff schmahlen Himmels-Steeg/
Den ich antretten solt'/
Mir nicht behagen 3 wolt.
10.
Den Augen hab' ich gleich
Den freyen Flug gelassen/
Und sie ohn' alle Scheuh
Geschickt nach allen Gassen/
Wordurch ich dann gantz frech/
Im Sehen/ und Gespräch/
Fürwitzig angeschaut/
Was niemand sich getraut.
11.
Das Gegen-Theil-Geschlecht
Gefiehle mir vor allen/
Drumb sucht ich/ wo ich möcht'/
Demselben zu gefallen/
Ich schmuckte zum Verkauff
Mich auff das prächtigst auff/
Gold/ Perlen/ Edelgstein
Flocht in den Haaren ein.
12.
Ein Meer-Schneck müßte mir
Die bleiche Wangen färben/
Die schöne Seelen-Zier
Ließ' ich im Kaht verderben/
[85]
Mir könnt kein teutsche Hand
Recht machen mein Gewand/
Um Kleyder schickt ich biß
Nach Lyon/ und Pariß.
13.
Ich gienge geil daher/
Zur Reitzung der Gelüsten/
Als wann ich Venus wär'/
Mit halb-entblößten Brüsten:
Viel keusche Augen hab'
Ich lockende Rahab, 4
Durch mein' schamlose Tracht
Gantz geil und frech gemacht.
14.
Ich führte heimlich kein
Penelopeisch 5 Leben/
Und dannoch wolt' ich seyn
Lucretia 6 darneben:
Kein Mensch in gantzem Reich
War mir an Hoffart gleich/
Casiope 7 so gar
Mir unvergleichlich war'.
15.
Bey allen Spielen führt'
Ich Uppigste den Reyen/
Ich gieng' herein geziert/
Wie Flora 8 in dem Meyen/
[86]
Es wallte mir das Blut
Im Leib vor Ubermuht:
Dem Spielen/ und dem Tantz
War' ich ergeben gantz.
16.
Nur an den Zucker-Huht
Wolt' ich den Schnabl wetzen/
Mein Hertz nach vollem Wuht
Der Sinnlichkeit ergützen:
Wann auff dem Marckt nur was
Rebhünlein/ oder Haas)
Seltzames kommen ein/
War' es unfehlbar mein.
17.
Gar offt bin ich zur Beicht/
Doch ohne Reu/ gegangen/
Hab' mich gar nicht gescheuht
Unwürdig zu empfangen
Zu meiner Seelen Todt
Das süsse Himmels-Brodt/
Hab' es zu seyn erkennt
Ein Brodt/ kein Sacrament.
18.
Das ist der blosse Schaum
Von meinem bösen Leben/
Weil ich vor Schmertzen kaum
Den Schatten kan angeben/
Aus Forcht der Aergernuß
Ich viel verschweigen muß/
[87]
So meiner Seelen heiß
Offt macht biß auff den Schweiß.
19.
Wann erst wird zu Gericht
Der bleiche Richter sitzen/
Wie werd' ich arme nicht
Alsdann erbärmlich schwitzen!
Wann ich auch kleine Ding/
Die ich geschätzet ring/
Werd' in dem strengen Feur
Dort müssen zahlen theur.
20.
O Freunde dieses macht/
Daß ich in dunckler Hölen
Die böse Jahr betracht'
In Bitterkeit der Seelen:
Dann ich kein' Ursach hab'/
Die Traur zu legen ab/
Biß Daphnis zu mir sagt:
Steh auff bereute Magd.

Fußnoten

1 Der Tod.

2 Ein Höllischer Schiffmann. Poët.

3 Gefallen.

4 Eine offene Sünderin/ Iosue 2. v. 1.

5 Penelope eine Frau wunderlicher Keuschheit.

6 Lucretia eine keusche Römerin.

7 Ein sehr hoffärtiges Weib.

8 Die Göttin der Blumen/Poët.

[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[88] [92]10. Clorinda bewäinet ihr unmenschliche Grausamkeit/ so sie sowol gegen ihr eigne/ als viel andere durch ihr verführerische Lieb verkehrte Seelen verübt

Nunc reminiscor malorum, quæ feci in Jerusalem.

1. Maccab. 6. v. 11.


Nun gedencke ich des Ubels/ so Ich an Jerusalem verübt.


1.
Was Ubels an Jerusalem
Antiochus vollbracht/
Indem er es zu einer Schwemm
Der Thränen hat gemacht:
Den Tempel rein geplündert auß/
Die Stadt biß auff das letste Hauß
Verwüstet/ und verstört/
Nur nicht gar umbgekehrt.
2.
Das hab' an meiner Seelen ich
Auch allerdings verübt/
Indem ich sie stieffmütterlich
Biß in den Tod betrübt:
Ich hab' Sie/ als das Oberhaupt/
Der Herrschung meines Leibs beraubt/
[92]
Und immer nur veracht/
Zur Sclavin mir gemacht.
3.
In meiner zarten Jugend noch
Hab ich sie unterdruckt
Unbändig ihrem Tugend-Joch
Mich meisterlich entzuckt:
Den Schatz der Unschuld hab' ich ihr
Entfremmt/ eh' sie vernünfftig schier/
Ja mörderisch verletzt'
In armen Stand gesetzt.
4.
Man sagt was einer bösen Art 1
Die Manticora sey/
Ein Thier von Zähnen scharff/ und hart/
Sehr grausam auch darbey/ 2
Groß wie ein Löw/ Haarlocken-reich/
Von Angesicht den Menschen gleich/
So seinen wilden Wuht
Erkühlt mit Menschen-Blut.
5.
Die Manticor' so wild/ wie ich/
Niemahlen sich verhält/
Dann sie aus Hunger nur dem Vieh-
Und Menschen-Fleisch nachstellt:
Ich aber habe (läider ach!)
Den Seelen auch gesetzet nach/
Sie mörderisch versehrt/
Zerrissen/ und verzehrt.
[93] 6.
Was für ein grosse Missethat
Hat Cain nicht vollbracht/
Als er dort seinen Bruder hat
Zu einer Leich gemacht:
Wann Menschen-Blut gen Himmel schreyt/
Wie wird nicht seyn vermaledeyt/
Der eine Seel bezwingt?
Und umb das Leben bringt?
7.
Ein Basilisc mit schauen an
So gar zu töden pflegt/
Der Seelen doch nicht schaden kan/
Wann er den Leib erlegt/
Ich aber voller argen Tück
Durch geil-vergiffte Liebes-Blick
Den Seelen/ wie ein Pest/
Gegeben hab' den Rest.
8.
Unmenschlich Diomedes war'/
Und tausend Höllen werth/
Weil er mit Menschen-Fleisch so gar
Gespeiset seine Pferdt:
Ich aber böse Jezabel 3
Hab' manche fromm und edle Seel
Dem Höllen-Beel-phegor 4
Zur Speiß geworffen vor.
[94] 9.
Dem Jasons-Weib 5 war' auff der Welt
Zu grausam keine That/
Als die zerrissen/ wie man meldt/
Ihr' eigne Kinder hat:
Den Bruder in viel Stuck verzehrt/
Den Mann verfolget unerhört:
Sein Hauß mit Feur berennt/
Sammt neuen Weib verbrennt.
10.
Daß aber ein so grosse Rach
Medea hat verübt/
Gab Jason dessen ihr Ursach/
Weil er sie höchst betrübt/
Indem er sie von seinem Hauß/
Ehbeth/ und Lieb gestossen auß/
Ein anders Weib getraut/ 6
Die nicht mehr angeschaut.
11.
Ich aber mit den Seelen bin
Grausam gegangen umb/
Hab' Türckisch sie gerichtet hin/
Und wußte nicht warumb?
Die Lieb allein die Ursach war'/
Daß ich an der bethörten Schar/
Vorauß die mich geliebt/
Dergleichen Mord verübt.
12.
Procrustes ein verruchter Mann 7
[95]
Begierig auff die Beut/
Geschlachtet hat/ wie ein Tyrann/
Die Weeg-verirrte Leut/
Hat doch/ ob er fürsichtig schon/
Empfangen endlich seinen Lohn:
Theseûs hat ihn erhägt/
Und mit dem Schwerdt erlegt.
13.
Ich aber hab die Seelen-Mord
Begangen so verdiebt/
Daß man mich dannoch immerfort
An Hassens-statt geliebt:
Wie Moloch dort das Götzen-Bild/ 8
So mit den Kindern haußte wild/
Die man ihm schlachten müßt/
Doch göttlich wurd gegrüßt.
14.
Busiris, der den Göttern auch 9
Geschlachtet seine Gäst'/
Ist nicht/ wie ich/ so wild/ und rauch
Gewesen/ glaub' ich vest/
Dann er vermeinte/ dieses wär'
Gefällig dem Gott Jupiter,
Ich auch der Seelen nach
Thät es zu Gottes Schmach.
15.
Ein so Blut-durstigs Löwen-Hertz
Gehabt hat Phalaris, 10
[96]
Daß einen Ochsen er von Aertz
Zur Marter giessen ließ/
In welchen er gesperret eyn
(Der Meister 11 müßt der erste seyn)
Die Menschen/ und im Feur
Verbrennet ungeheur.
16.
Ich hab' gar die Plutonische 12
Schwitz-Oefen eingeheitzt/
Indem ich das Adonische 13
Volck zu der Lieb gereitzt:
Wer sich aus ihnen nicht bekehrt/
Unfehlbar wird darein gesperrt/
Und immer immer fort/
Gemartert werden dort.
17.
Was könnte doch so grausam seyn/
Als der Medusa Haupt/ 14
So stracks verkehrt in einen Stein
Den/ der es angeschaut:
Ich auch von keiner bessern Art
Die Leut mit meiner Gegenwart
Zur Christlichen Andacht
Hab' Diemant-hart gemacht.
18.
Wie groß/ ô höchst-erzörnter Gott/
Ist meine Boßheit nicht/
[97]
Indem ich fast ein gantze Rott
Der Seelen hingericht!
O wär' ich Æsculapius, 15
So wolt' ich (durch das Kraut der Buß)
Erwecken aus dem Grab/
Die ich entseelet hab'!
19.
Orpheûs mit seiner Lauten hat 16
Sein Weib der Höll entführt/
Als er auff wohlbeglücktem Raht
Die Seyten süß gerührt:
O wär ich jetzt an Orpheûs Stell/
So wolt' ich aus der Sünden-Höll
Erlösen wiederumb/
Die ich gemacht unfrumb.
20.
Doch seynd noch übrig alle beyd'/
Des Æsculapen Kraut/
Und/ für das lange Höllen-Leyd/
Des Orpheûs süsse Laut:
Das Kraut der Buß das Leben bringt:
Des Creutzes-Spiel die Höll bezwingt:
Gebraucht euch dieser Kunst/
So brennt die Höll umsunst.

Fußnoten

1 Elian. lib. 7. c. 21.

2 Plin. lib. 8. c. 21.

3 Ein gottlose Königin.

4 Ein unersättliches Götzenbild/ die Geilheit bedeutend. Num. 25.

5 Der Medea.

6 Genommen.

7 Ein grausamer Mörder.

8 4. Reg. 23. v. 10. Ein Götzenbild/ welchem man die Kinder geschlachtet.

9 Ein grausamer Wüterich in Aegypten.

10 Ein grausamer König in Sicilien.

11 Perillus.

12 Höllische.

13 Bulerische.

14 Medusa Haupt hatte die Krafft/ alle Menschen/ die es angeschaut/ in Stein zu verwandlen. Poët.

15 Æsculapius ein berühmter Artzt/ der einen Todten zum Leben erweckt. Poët.

16 Orpheûs ein fürtrefflicher Lautenschlager hat durch sein Spiel sein Weib Euridice aus der Höll erlöset. Poët.

Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein
[Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[98] Der Clorinden anderer Theil

In welchem vorgestellt wird der süßwerdende Busses-Stand einer nunmehro zu Gott bekehrten/und hoffenden Seelen/ nach dem Spruch Davids/


Psal. 93. vers. 19.


Nach der Vielheit deren Schmertzen meines Hertzens haben mich deine Tröstungen ergetzt.

[99] [103]1. Der Himmlische Daphnis Christus nimmt die büssende Seel Clorinda wiederum zu Gnaden an/ und bezeugt/ wie hoch Er die bereute/ obschon gröste/Sünder liebe

Nolo mortem impii, sed ut convertatur, & vivat.

Ezech. 33. v. 11.


Ich will nicht den Tod des Sünders/ sondern daß er sich bekehre/ und lebe.


1.
Wie können jemal rechtgläubige Sünder
Zur Hoffnung sincken lassen ihren Muht/
Da ich des ewigen Lebens Erfinder
Sie doch erlöset hab' mit meinem Blut?
Hab' ich sie dann jemahl auff dieser Welt
Mit rauhen Worten hundisch angebellt?
2.
Ich hab' ja ihnen vor allen erwiesen
Ein' mehr/ als vätterliche Freundlichkeit/
Sie gar zu Kinder/ und Erben erkisen/
Als die mir angenehm insonderheit;
Warumb verzagest du/ ô Sünder/ dann/
Als wär' ich grausamer/ als ein Tyrann?
[103] 3.
Bin ich die Göttliche Güte nicht selber?
Ist meine Wesenheit dann nicht die Lieb?
Bin ich vor Grimmen dann bleicher und gelber
Als Schinis der verruchte Lebens-Dieb?
Ach nein/ ach nein/ ich bin derselbig nicht/
Der seinen Feinden gleich den Halß zerbricht.
4.
Ist auch ein eintziger Sünder zu finden/
Dem zu verzeihen ich mich je beschwert?
Hab ich jemalen gelassen dahinden
Ein Schäflein/ welches meiner Hülff begehrt?
Was für ein Schäffer ist/ der zornig werd'/
Wann sein verlohrnes Schäflein kehrt zur Herd?
5.
Hab' ich so hefftig/ und blutig gestritten
Nur zu erlösen die gerechte Schaar?
Und nicht vielmehro den Tode gelitten/
Die Sünder zu erretten der Gefahr? 1
Die grosse Lieb zu dir/ ô Sünder/ hat
Allein getrieben mich zu solcher That.
6.
Weist du nicht/ daß mich die Juden gescholten/
Daß ich der Sünder mich genommen an? 2
Hab' ich nicht immer mit Gutem vergolten
Das Böse/ so man mir hat angethan?
War' auch ein Mutter je/ wie ich/ so mild?
Wer kan mich halten dann für rauch und wild?
[104] 7.
Als ich von Judas dort würcklich verrahten
Gelieffert ware schon an meine Feind'/ 3
Hab (ungeachtet der grausamen Thaten)
Ich dannoch ihn genennet einen Freund/
Und hätt' der arme Tropff verzweifflet nicht/
Ihm geben hätt kein saures Angesicht.
8.
Gleichwie der Schatten urplitzlich muß weichen/
So bald die helle Morgenröht erwacht/
Und wie die liebliche Zephyr-Wind streichen
So bald der Winter sich von hinnen macht/
Auch also eilends wird mein Zorn zerstreut/
So bald der Sünder nur die Sünd bereut.
9.
Wer aus Letæischem 4 Wasserfluß trincket/
Vergangner Sachen alsobald vergißt/
Dann die Gedächtnuß ihm gäntzlich versincket/
Und also alles/ was er je gewüßt:
So macht/ ô Sünder/ auch dein Thränen-Bach
Vergessen mich gleich aller Sünd/ und Rach.
10.
Ein Feur/ wie sehr es auch tobet/ und brennet/
Von vielem Wasser endlich wird gedemmt/
Wer meine Flammen mit Thränen berennet/
In kurtzer Zeit dieselbe stillt/ und hemmt:
Ein einigs Tröpfflein durch gepreßter Reu
Stillt mir den Zorn und macht die Liebe neu.
[105] 11.
So gar die Löwen in völligem Wühten
Sind einer noch so wohl gesinnten Art/
Daß sie mit Thränen sich lassen begüten/
Verfahren nie mit nassen Augen hart: 5
Und solt ich/ als ein Löw/ dann wilder seyn/
Von Thränen abgemahnet/ schlagen drein?
12.
Ein' treue Mutter ihr Kindlein nicht hasset/
Ob es ihr schon gebracht sehr grosse Qual/
An statt des Zörnens es lieblich umbfasset/
Gedenckt vor Lieb der schmertzen nicht einmal/
Hat mehr Mitleyden mit dem armen Kind/
Als daß sie solches unbarmhertzig schind'.
13.
Laß den so schmertzlich gewonnenen Erben
Der zugefügten Qual entgelten nicht/
Will ihr die Freude nicht selber verderben/ 6
So ihr von einem lieben Kind geschicht:
Siht/ wie ein Hertz-verwundter Pelican
Die Kinder-Lieb/ und nicht die Schmertzen an.
14.
Hat auch ein' Mutter jemahlen gebohren
Die Kinder schmertzlicher/ als eben Ich?
Indem ich nemlich darüber verlohren
Mein theures Blut/ und Leben williglich?
Und sollt ich jetzund aller wild/ und thumm
So theur-erworbne Kinder bringen umm?
[106] 15.
Der seiner Erbschafft heillose Verschwender
Mit keinem rauhen wörtlein wurd versehrt 7
Als er bereuet verlassen die Länder/
Und zu dem Vatter wiederumb gekehrt/
Mit einem süssen Kuß wurd' er gebüßt/
Vor lauter Freud der Vatter wäinen müßt.
16.
Ich bin ja dieser mitleydende Vatter/
Der den Bereuten solche Lieb erzeigt/
Laß' ihnen offen den Zuversichts-Gatter/
Zur Sünd-Vergebung überaus geneigt/
Wer seufzend nur: Ich hab gesündigt spricht/
Hat sich vor meinem Zorn zu förchten nicht.
17.
Wann schwartz der zornige Himmel bewettert
Mit grossem Krachen seine Plitze wetzt/
Er nur die harte Vorwürffe zerschmettert/
Was weich/ und lind ist/ bleibet unverletzt.
Der Degen in der Scheiden wird verzehrt/
Die Scheid hingegen bleibet unversehrt.
18.
Auch also werden die Sünder nicht fühlen
Meines geflammten Zornes Wetterstreich/
Die meine Plitze mit Thränen abkühlen/
Und haben eine Seel von Reu gantz weich:
Was soll das Schwerdt in des erzörnten Hand/
Wo weder Feinde mehr/ noch Widerstand?
[107] 19.
Bespiegelt euch nur an meiner Clorinden/
Die mich beläidigt mehr als jemand hat
Doch nach begangnen unzahlbaren Sünden
Bereuet endlich ihre Missethat:
Darumb sie lieber mir/ als alle die/
So mich auff solche Weiß beläidigt nie.
20.
Dann ob sie schon mich zum höchsten betrübet/
Mit ihrer lasterhafften Uppigkeit/
Anjetzo dannoch so inniglich liebet/
Daß sie zu sterben auch für mich bereit;
Hätt' sie beläidigt mich niemal so schwär/
Zu solcher Lieb sie niemal kommen wär'.

Fußnoten

1 Nm veni vocare justos, sed peccatores, Matth. v. 13.

2 Matth. 11. v. 19. Deren Publicanen und Sündern Freund.

3 Matth. 26. v. 50.

4 Ein Fluß/ wer daraus trinckt/ vergisset alles.

5 Plin. lib. 8. c. 16. Prostratis parcit Leo. ibid.

6 Ioan. 16. v. 21.

7 Verlohrne Sohn. Luc. 15.

[Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[108] [112]2. Clorinda ersiht unverhofft ihren himmlischen Daphnis, empfangt grossen Trost darab/ und neue Hoffnung/ etc

Audivit Dominus, & misertus est mei.

Psal. 29. v. 11.


Der Herr hat es gehört/ und sich meiner erbarmet.


1.
Die Nacht der Traurigkeit/
Sammt den Verzweifflungs-Schatten/
Die mich besessen hatten/
Verschwinden allbereit/
Und geht die Heils-Auror' 1
Erwünscht zu tausend malen/
Mit vollen Hoffnungs-Strahlen/
Die gantz verwelckt zuvor/
Trostreich in mir empor.
2.
Dann als ich gestern matt
Am Schatten der Cypressen
Gantz Hoffnungs-loß gesessen/
Und mir gewäinet satt
So/ daß ich Thränen-lähr
Nun nicht mehr könnte wäinen/
Da laufft ich in den Heinen 2
[112]
Weh-klagend hin und her/
Als wann ich närrisch wär'.
3.
Die Seufftzer schossen mir
So ungestümm von Hertzen/
Daß ich vor Angstes-Schmertzen
Lufft-loß gestorben schier/
Und wäre mir nicht gleich
Die Müder-Brust zerspalten/
Wodurch ich Lufft erhalten/
So wär' ich im Gesträuch
Dort worden eine Leich.
4.
Ich schaute hin und her
Nach jedem Ort der Winden/
Ob nicht ein Mensch zu finden/
Der mir verhülfflich wär/
Ach aber auch so gar
Auff Feldern/ Berg- und Auen/
So weit ich könnte schauen/
In meiner Tods-Gefahr
Kein Mensch zu spühren war'.
5.
Ich stellte mich alldort/
Und fienge an zu schreyen/
Daß in den Wüsteneyen
Erschallten meine Wort/
Und weilen ich sie schlimm
Mit seufftzen underbrochen/
[113]
Als hat der Wald entsprochen/
Wie ich geruffen ihm/
Auch nur mit halber Stimm.
6.
Ich bildete mir ein/
Es müßte die verliebte/
Um den Narciß betrübte
Thal-Göttin Echo 3 seyn:
Als welche in dem Thal/
Und duncklen Satyr-Hainen 4
Pflegt kläglich zu bewäinen
In ewiger Trangsal
Ihr strenge Liebes-Qual.
7.
Und weil ich mich befand'
In gleichem Läid begriffen/
Mit gleichen Unglücks-Schiffen
Gestrandet auff dem Sand/
So hab' ich auch mit Ihr
Den Jammer meiner Plagen
Gefangen an zu klagen
So/ daß die wilde Thier
Mit mir gewäinet schier.
8.
Ich stuhnde was erhöcht'
Von Bäumen abgesündert/
Auff daß ich ungehindert/
Dem Thal zuschreyen möcht'?
Sprechend: Ich frage dich/
[114]
O Echo, kan auff Erden
Ein Mensch an Läids-Beschwerden
Auch übertreffen mich?
Echo antwortet: Ich.
9.
Ach nein! das kan nicht seyn/
Sagt' ich/ dann niemand leidet/
So lang mich Daphnis meidet/
Wie ich/ so grosse Pein!
Sag' mir/ ist es' nicht schwär
In Gottes Zorn zu leben/
Wer kan vom Geist-auffgeben
Mich retten dann? Ach wer!
Echo antwortet: Er.
10.
Ach Echo, deine Wort
Sehr pflegen zu betriegen/
Indem sie halb nur fliegen
Aus deiner Kählen fort/
Du wilst darmit allein
Mich also unerschrocken
Zu dem Verderben locken
Tieff in den Wald hinein/
Echo antwortet: Nein.
11.
Wohlan dann wann ich dir/
Sagt' ich/ recht darff vertrauen/
Auff deine Wörter bauen/
So sag'/ ô Echo, mir/
[115]
Werd' ich dann (ungescheucht
So vieler meiner Sünden)
Verzeihung können finden
Bey Daphnis noch vielleicht?
Echo antwortet: Leicht.
12.
Vor Freuden muß mein Hertz/
Sagt' ich/ noch heut zerbrechen/
Wann dieses dein Versprechen
Herrührt aus keinem Schertz:
Soll Daphnis auff das neu
Sich lassen wohl versöhnen/
Ach was kan doch beschönen
Mein Eyd-gebrochne Treu?
Echo antwortet: Reu.
13.
Die Reu in mir ist groß/
Sagt' ich/ schneidt wie ein Messer/
Ist gleich groß dem Gewässer 5
In tieffer Thetys-Schoß: 6
Sie quälet mich so hart/
Daß ich gantz muß zerfliessen?
Wann werd' ich dann geniessen
Des Daphnis Gegenwart?
Echo antwortet: Wart'.
14.
Ach ja von Hertzen gern
[116]
Win ich anhier verbleiben/
Mich soll da nicht vertreiben
Der spahte Abend-Stern:
So soll sich dann allda
Mein Daphnis lassen sehen?
Ach wird es bald geschehen
O liebste Sylvia? 7
Echo antwortet: Ja.
15.
O grünes Trost-Gestäud/
O lang erwünschte Zeitung/
Du meines Läids Ausreitung/
Und Pflantzung meiner Freud!
O ein erwünschte Sach!
Sag'/ Echo, hab' ich aber/
Den himmlischen Liebhaber
Zu lieben/ nicht Ursach?
Echo antwortet: Ach.
16.
Die Stimm mir kame vor/
Als wäre sie sehr nahe/
Darumb ich mich umbsahe/
Eh sie sich gar verlohr'/
Und sehe: nächst bey mir
Ein Schäffer sich befande
Mit scheinendem Vorwande/
Als sucht' Er etwann hier
Ein irrends Wullen-Thier.
[117] 17.
Ich fragte stracks/ was Er
Auff diesem Abweg machte/
Ob Er der Herden wachte/
Und was sein werben wär'?
Er sagte mir/ Er hätt'
Mein Traur-Geschrey vernommen/
Darumb wär' Er gekommen
Zu meiner Hülff/ und Rett'
Auff diese Jammer-Stätt.
18.
Er wär' gegangen auß
Ein Schäfflein auffzusuchen
Im Forst der grünen Buchen/
Und braunem Tannen-Hauß:
Sein Schäfflein sey Clorind'/
Die Er nunmehr gefunden:
Darauff ist Er verschwunden/
Und mehr als Plitz-geschwind
Verstiegen in den Wind.
19.
Als ich das sahe/ bin
(Weil Daphnis es gewesen)
Ich/ wie geschnittner Fesen/
Krafftloß gesuncken hin:
Als aber bald hernach
In mir die Lebens-Geister
Der Ohnmacht worden meister/
[118]
Da fühlt' ich/ gleichwohl schwach/
Erquickung allgemach.
20.
Es scheinte mir der Psön
Leiß in ein Ohr zu sagen/
Clorind' hör' auff zu klagen/
Daphnis ist nicht mehr hön:
Worauff ich wohl getröst
Von hinnen mich begeben/
Gefangen an zu leben/
Der grossen Forcht entblößt/
Von allem Läid erlößt.

Fußnoten

1 Des Heils Morgenröthe.

2 Dicken Wald-Gesträuche.

3 Wiederhall.

4 Dickes Gestaud.

5 Velut mare contritio. Thren. 2. v. 13.

6 Thetys die Göttin des Meers. Poët.

7 Wald-Göttin.

[Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[119] [123]3. Clorinda die rauhe Tugendstraß/ und dornigen Himmels-Weeg betrachtende/ fühlet wegen widerstrebenden bösen Gewonheiten noch grosse Beschwerden/ und begehrt von Daphnis Hülff

Ego custodivi vias duras, perfice gressus meos in semitis tuis.

Psal. 16. v. 4. & 5.


Ich hab' harte Weg bewahret/ erhalte meinen Gang auf deinen Fußsteigen.


1.
Weil diese falsche Welt
Mich so tyrannisch hält/
Daß es nicht zu erzehlen/
Als will ich mir die Reyß
Nach jenem Erden-Kreyß/
Der besser ist/ erwehlen/
Nach dem gelobten Land
Der höchst-beglückten Erden/
Die frey von allerhand
Betrübnuß/ und Beschwerden.
2.
Ach aber so viel Weeg/
So viel der bösen Steeg/
Schier einer an dem andern/
Der eine hier/ der her
[123]
Mir wöllen fallen schwär/
Weißloß dahin zu wandern:
Zu dem so find' ich auch/
Daß über alle massen
Gefährlich hart und rauch
Die Ubung dieser Strassen.
3.
Der Weg/ so von Trœcen
Sich zieht biß auff Athen,
Wo Schinis sich enthalten/
Der blutige Tyrann/
So manchem Wandersmann
Den müden Kopff zerspalten/
Ist nicht so kümmerlich/
Wie meine Straß zu räisen/
Dann jene liesse sich/
Die aber nicht umbkräisen.
4.
Der Weg nach Hiericho.
Bey weitem ist nicht so
Voll mörderischer Buben/
Allwo getroffen an
Der fromm Samaritan
Den Krancken in der Gruben:
Alldorten wurde zwar
Des Menschen Leib verletzet/
Hier aber wird so gar
Den Seelen nachgesetzet.
[124] 5.
Nicht ist zu finden bald
Auff gantzer Welt ein Wald/
Der mehr Leut hingenommen/
Als der im Böhmer-Land/
Allwo des Mörders Hand
Man schwärlich möcht entkommen/
Wo aber dorten war'
Ein kleine Zahl der Mördern/
Ist da ein gantze Schar
Zur Höll mich zu befördern.
6.
Von Wegs-Unsicherheit
Ist ruchtbar/ und verschreyt
Arabia, 1 vor allen/
Dieweil alldorten offt
Die Menschen unverhofft/
Gleich wie die Stöck'/ hinfallen/
Indem der gähe Wind
Mit bergigem Sand-Hauffen
Anstürmet so geschwind/
Daß niemand kan entlauffen.
7.
Gantz Lybien ist zwar
Ein stähte Todten-Bar'
Von wegen vieler Löwen/ 2
[125]
Die offt nach sattem Fraß
Die Blut-besprengte Straß
Mit Menschen-Fleisch bestrewen:
Hier aber ist ein Heer
Der Cerberischen Hunden/ 3
Welche begierig sehr/
Mich tödtlich zu verwunden.
8.
Ein sehr unsichers Land
Ist das am Nilus-Strand 4
Ursach der Crocodilen/
Die dorten am Gestatt/
Des Menschen-Fleisches satt/
Noch mit den Knochen spihlen/
Hier ist das Crocodil
Die Welt/ so offt betrogen
Der armen Seelen vil/
Und nach der Höll gezogen.
9.
Von Schlangen wurd' bethört/
Ja endlich gar verstört
Die schöne Stadt Amicle, 5
Mit welchen Thieren Ich
Euridice nun mich 6
Gar ungern mich verwickle;
Hier ist die alte Schlang/
[126]
Den armen Adams-Kindern
Den glücklichen Zugang
Des Himmels zu verhindern.
10.
Auff dem Sicilier-Meer
Ist es gefährlich sehr
Zwar wegen der Sirenen, 7
So manches Schiff zu grund
Mit Lachen/ Schertzen/ und
Mit süssem Singen hönen:
Hier singt die Welt-Siren
Mit Zucker-süsser Kählen/
Wodurch zu scheittern gehn
Viel tausend arme Seelen.
11.
Bey Scilla, und Charibd 8
Es viel zu schaffen gibt
Schad-loß hindurch zu schiffen/
Dann weil die Klippen eng/
Der Wind hingegen streng/
Wird man dort hart ergriffen:
Die Welt/ das böse Meer/
Pflegt an den Glücks-Gebürgen/
Und Felsen eitler Ehr
Die Seelen zu erwürgen.
12.
Ich glaub'/ es sey kein Reich
Auff Erden jemahl gleich
[127]
Dem Colchischen gewesen/
Allwo an Phasis Rand 9
Das Gold/ wie kleines Sand/
Wurd' häuffig auffgelesen;
Zudem war' es beglückt
Mit Uberfluß der Früchten/
So reich war angespickt
Das Præster-Feld mit nichten. 10
13.
In dieser Landschafft war'
Ein Fehl von göldnem Haar/ 11
Ein Schatz von grossem Wunder/
Von dessen Bildnuß hoch
Zu unsern Zeiten noch
Sich rühmen die Burgunder;
Aus welchem allem dann
Ein jeder Mensch kan schliessen/
Daß es/ wie Canaan, 12
Von Honig müsse fliessen.
14.
Weil aber diese Erd
Mit einer gantzen Herd 13
Der Abentheur umbgeben/
Als sind viel Ritters-Leut/
Erhitzt auff diese Beut/
Dort kommen umb ihr Leben;
[128]
Ein wildes Oxen-Heer 14
Den Paß zum Land verhütet;
Ein Segel-loses Meer 15
Auff sein Gestad zuwütet.
15.
Und wann schon allbereit
Durch Stärck/ und Dapfferkeit
Diß alles überwunden/
Hat alsdann endlich vor
Des Mavors Tempels-Thor 16
Ein Drack sich noch befunden/
So diesen reichen Schatz
Mit Feur/ und Gifft beschützet/
Vor wessen Widersatz
Sich viel zu tod geschwitzet.
16.
Dem schönen Reich/ wohin
Ich Segel-fertig bin/
Das Colchische muß weichen/
Dem auch die gantze Welt?
Sammt was sie in sich hält/
Durchaus nicht zu vergleichen/
Dann dieses alles ist
In Schätzung jener Freuden
Nichts/ als nur Koht und Mist
Nichts/ als nur Schmertz/ und Leyden.
17.
Der Weg/ ach aber ach! 17
[129]
Dahin ist Ungemach/
Und überaus beschwärlich/
Ja wegen Abentheur/
So sich da ungeheur
Erzeigen sehr gefährlich!
Indem das Höll-Geschmeiß 18
Mir trutzig steht entgegen/
In meiner Himmels-Räiß
Den Durchzug zu verlegen.
18.
O schröcklicher Gewalt!
O starcker Hinderhalt
Der böß-gewohnten Sitten/ 19
Von welchen ich so sehr/
Wie starck ich mich auch wehr'/
Werd' immerdar bestritten!
Gewohnheit ist ein Ding/
Voraus bey jungen Leuten/
So einzupflantzen ring/
Und schwärlich auszureuten.
19.
Weil aber diese Straß
Dem wilden Seelen-Fraß/
Der Höllen/ mich zuführet/
Als kaufft mein enges Hertz 20
So theur nicht solchen Schertz/
Wodurch man Gott verliehret:
[130]
Will lieber durch das Läid
Die Himmels-Räiß anstellen/
Als durch so kurtze Freud
Hinfahren nach der Höllen.
20.
Durch Hagel/ Feur/ und Plitz/ 21
Durch Schwerdter/ und Geschütz/
Will muhtig ich durchbrechen/
Und sollt' auch Atropos 22
Mit ihren Mord-Geschoß
Mein schwaches Hertz durchstechen:
Daphnis mit seiner Gnad
Wird mich sorgfältig läiten/
Und auff des Creutzes-Pfad
Nach seinem Reich begläiten.

Fußnoten

1 Verstehe in dem wilden unfruchtbaren Arabia, wo zu Zeiten der Wind gantze Sand-Berg zusammen wehet/ und die räisende Leut darmit ersteckt/ dahero dann die Mismia kömmt.

2 In keinem Land gibt es mehr Löwen/ und Bären/ als in Lybia.

3 Cerberus ein Hund vor der Höllen Thür/ mit drey Köpffen. Poët.

4 In dem Fluß Nilus in Aegypten gibt es viel Crocodil.

5 Eine beruhmte Stadt/ welche wegen vielen Schlangen zu Grund gangen.

6 Euridice von einer Schlangen gebissen/ hat sterben müssen.

7 Meerfräulein/ welche mit süssem singen die Schiff zugrund richten/ Poët.

8 Ein gefährlicher Ort im Meer.

9 Phasis ein goldreicher Fluß in dem Reich Colchis.

10 Zu Præsto wurden die Früchten zweymal im Jahr zeitig.

11 Das göldne Fluß.

12 Canaan das gelobte Land.

13 Wilde Oxen/ ein Feur-spenender Drack/ und sehr gefahrliches Meer.

14 Oxen/ die Füß von Aertz gehabt. Poët.

15 Unschiffbares.

16 Mavors oder Mars ein Gott des Kriegs.

17 Contendite intrare per augustam Portam. Luc. 13. v. 24. Durch die Müste in das gelobte Land. Mille per anfractus, per mille pericula mundi.

18 Iter nostrum, quasi quidam latrunculi, obsident. S. Greg. Papa. hom. II. in Evang.

19 Consuetudo altera natura.

20 Tanti pœnitere non emo. Demosth.

21 Aut vincendum, aut moriendum Muß gestritten oder gestorben seyn.

22 Eine von den dreyen Lebens-Göttinen/ welche den Lebens-Faden abschneidet. Poët.

[Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[131] [135]4. Clorinda kommt in Erkanntnuß/ daß die zeitliche Straff Gottes/ Creutz/ und Leyden ein Zeichen seiner Liebe seye

Disciplina tua, Domine, correxit me in finem, Disciplina tua ipsa me docebit.

Psal. 17. v. 36.


Deine Straff hat mich zu dem End gezüchtiget/ und deine Züchtigung wird mich underweisen.


1.
Weil ich auff dem Wollusts-Weg
Meine Täg'
Ohne Sorg verzehret/
Hab' ich Heyl-vergessen mir
Selbst die Thür
Zu dem Heyl versperret/
Massen ich so Laster-geyl
Nach der Höll geloffen/
Daß von meinem Seelen-Heyl
Wenig mehr zu hoffen.
2.
Als nun Daphnis also mich
Liederlich
Sah' in Sünden leben/
[135]
Und nur nach der Eitelkeit
(Allbereit
Gott-vergessen) sterben/
Bracht ihm meine Heyls-Cefahr
Kümmerliche Sorgen;
Dann mein böses Leben war'
Ihm gar nicht verborgen.
3.
Klopffe derohalben offt 1
Unverhofft/
An bey meinem Hertzen/
Sagte mir/ ich solte nicht
Wider Pflicht
Seine Lieb verschertzen;
Aber sein Ermahnungs-Lehr
War' an mir verlohren/
Dann ich gab' ihm nur Gehör
Mit Ulysses-Ohren. 2
4.
Als er mich zu seiner Schmach
Also sah'
Allen Raht verachten/
Müßt' auff andre Mittel Er/
Weil ich schwer
Zu bekehren/ trachten;
Kame mit der Höllen-Straff
Ernstlich mich zu schröcken/
[136]
Von dem tieffen Sünden-Schlaff
Endlich auffzuwecken.
5.
Schickte mir in bester Ruh
Gähling zu
Schwäres Creutz/ und Leyden,
Mir den Weg zum Undergang
Mit Bezwang
Also abzuschneiden;
Dann weil ich im Glückes-Stand
Stäts verbeint geblieben/
Hat Er mich mit scharffer Hand
Zu dem Joch getrieben. 3
6.
O wohl ein gantz allerseits
Güldnes Creutz/
So die Sünder bessert
Welches des Gottlosen Aug
Mit der Laug
Wahrer Reu bewässert!
Unglück ist das beste Glück/ 4
Glück bringt nur verderben/
Wessen Gnaden-reiche Dück'
Heilig machen sterben.
7.
Reben/ die man Frühlings-Zeit
Fleißig schneidt/
Zwar anfänglich wäinen/
[137]
Aber/ wann der Herbst einbricht/
Sie gar nicht
Mehr betrübt erscheinen/
Dann sie zierlich auffgemutzt
Voll der Trauben hangen/
Hätte man sie nicht gestutzt/ 5
Wurden sie schlecht prangen.
8.
Wann dem Baum die geile Proß/
Zweig/ und Schoß
Man nicht wird benemmen/
Wird vor andern Bäumen er/
Früchten lähr/
Sich bald müssen schämen/
Muß demnach aus seiner Stätt
Auff den Scheiter-Wagen:
Wann man ihn gestümmlet hätt'/
Hätt' er Frucht getragen.
9.
Machen auch die Krieges-Leut
Gute Beut/
Die nicht scharff gefochten?
Keinem wird der Sieges-Krantz
Bey dem Dantz
Ohne Streit geflochten:
Durch die Wunden werden sehr
Ruchtbar die Soldaten/
Keiner kan zu grosser Ehr/
Sonder 6 Mühe gerahten.
[138] 10.
Will die Erde fruchtbar seyn/
Korn und Wein
Nach Erfordrung haben/
Muß sie ihr verwachsnes Hertz
Durch das Aertz
Lassen tieff durchgraben/
Durch des kalten Winters Wuht
Reiffen/ Schnee/ und Regen/ 7
Wird sie wiedrum frisch und gut:
Räuche bringt den Segen.
11.
Ob die Drucker dem Papier
Schon offt schier
Gar die Seel auspressen/
Kan es doch sein Ungemach
Keiner Rach/
Oder Zorn zumessen/
Massen es dardurch empfangt
Weißheit der Buchstaben/
Welches jederman verlangt
Stäts bey sich zu haben.
12.
Zierlich prangt die göldne Cron
Auff dem Thron
Mittelst vieler Streichen/
Alle Klopffer/ Schläg'/ und Schnitt'/
So sie litt'/
Ihr zur Zierde reichen/
[139]
Auff den Königs Häuptern macht
Sie das Leyden prangen/
Ohne welches solchen Pracht
Sie nicht wurd' erlangen.
13.
Niemal werden Flachs/ und Hampff
Ohne Kampff
Zarte Leinwat geben/
Müssen durch der Hächel Zähn
Mühlich gehn
Ohne widerstreben/
Endlich wird ein Hemmd daraus/
Oder zarter Kragen/
So aus einem schlechten Hauß
Wird nach Hof getragen.
14.
Rauche Stöck'/ und grobe Stein'
Werden fein
Nach erlittnen Wunden/ 8
Und nach gantz entwetztem Stahl
Manches mahl
Schöne Werck' befunden:
Was zuvor abscheulich wild
An Gestalt gewesen/
Durch das Hauen wird ein Bild
Schön/ und auserlesen.
15.
Also macht das Affter-Glück 9
Schöne Stück'
[140]
Aus den Menschen-Kindern/
Pflegt den Hoch- und Ubermuht
Durch die Ruht
Seiner Tück zu mindern:
Leyden schreckt die Sünder ab
Von gottlosem Leben:
Leyden macht die Welt schabab/
Und nach Tugend streben.
16.
Als Manaß' im Glückes-Stand
Sich befand'/
Hat er Gott verachtet/
Balaim den falschen Gott/
Gott zum Spott/
Fettes Vieh geschlachtet/
Als ihn aber hingeführt
Seine Feind' gefangen/
Ist er von der Reu berührt
In sich selbst gegangen.
17.
Auch Nabuchodonosor 10
Kurtz zuvor
Gott nicht wollt' erkennen/
Als darauff er aber bald
In dem Wald
Herumb müßte rennen/
Hat ihn endlich sein Unglück
Zu der Buß getrieben/
[141]
Sonsten wär' er weit zurück
Von dem Heyl geblieben.
18.
Wann der Artzt aus reiffem Raht
Zucker hat
Frucht-loß vorgeschrieben/
Muß durch bitters Aloë 11
Dann das Wehe
Werden abgetrieben;
Daphnis pflegt das Myrrhen-Oel
Häuffig zu ertheilen/
Wann die Sund-erkranckte Seel
Schwärlich mehr zu heilen.
19.
Wann die scharffe Straffes-Ruht
Dann so gut
Für die krancke Seelen/
Ey so komm' Samaritan
Bald heran
Mit den schärffsten Oelen/
Dopple deine Streich'/ und Schläg/
Oeffne/ schneid und brenne/ 12
Daß gesund ich werden mög'/
Und zur Höll nicht renne.
20.
Gern will mit dem Phœnix ich 13
[142]
Legen mich
Auff den Myrrhen-Hauffen/
Mit Abtödung meiner Sinn
Mit Gewinn
Neues Leben kauffen/
Daß alsdann/ wie er/ auch ich
Ewig möge leben/
Weil ich allem Creutz nun mich
Willig undergeben.

Fußnoten

1 Sehe/ ich stehe bey der Thür/ und klopffe an. Apoc. 3. v. 20.

2 Vlysses hat seine Ohren mit Wax verstopfft.

3 Compelle intrare. Luc. 14. v. 24.

4 Plus, reor, hominibus adversam, quàm prosperam prodesse fortunam. Poët. de consol. Philo. c. 2. pros. 8.

5 Post gemitum botri. Nach Wäinen/ Wein.

6 ohne

7 Necessaria est pluria, glacies, ut vernans exurgat spica, S. Chrysost. hom. 3. ad Pop.

8 A vulnere forma. Nach den Wunden/ schön befunden.

9 Unglück.

10 Dan. 4.

11 Ein sehr bitteres/ doch heylsames Kraut/ und Wurtzel.

12 S. August. Hìc ure, hìc seca, dummodo in æternum parcas.

13 Ein Vogel/ welcher/ wann er als ist/ sich auff bitteres Gewürtz legt/ diß es von der Sonnen-Hitz angezündet/ und er darmit verbrennt wird/ aus wessen Aschen ein Würmlein/ aus dem Würmlein wiederum der zuvor geweßte Phœnix neu gebohren wird. Lact. Firmin. in Carm. De Phœnice.

[Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[143] [147]5. Clorinda bewäinet ihre Sünde/ und fühlet allgemach die Süßigkeit des himmlischen Trosts

Caput meum plenum est rore, & cincinni mei guttis noctium.

Cant. 5. v. 3.


Nein Haupt ist voll des Taus/ und meine Haarlocken der Tropffen.


1.
Meine Augen/
Die voll weicher Perlen stehn/
Mir nun taugen
Nach des Daphnis Gnad zu gehn:
O ihr Thränen
Fliesset häuffig früh/ und spaht/
Zu versöhnen
Meiner Sünden Missethat.
2.
Agar wäinte
Umb den lieben Ismaël, 1
Daß sie scheinte
Auffzugeben ihre Seel/
Sie verzagte
Schier um ihr tod-schwaches Kind/
[147]
Aber klagte
Ihre Plag dem lähren Wind.
3.
Von dem Brunnen
Vieler heisser Zähern war' 2
Uberrunnen
Jacobs Leib fast immerdar/
Ihn bekränckte
Sein verlohrner Joseph hart/
Schier vertränckte
In den Thränen seinen Bart.
4.
Das verbeinte
Gottloß Israëliter-Volck 3
Dorten wäinte/
Wie ein ausgebrochne Wolck/
Ihre Thränen
Flossen nach Aegypten-Land
Nach dem schönen
Knoblauch-reichen Ubelstand.
5.
Als durch Flammen/ 4
Wie ein dürres Holtz-Gehäg/
Dort zusammen
Eingefallen Siceleg,
Wäinte kläglich
David sammt dem gantzen Heer 5
[148]
So unsäglich/
Daß kein Zäher übrig mehr.
6.
Heisse Zäher
Hat mit grossem Läid beschwärt/
Der Vorseher 6
Hieremias ausgelährt/ 7
Als vor Zeiten
Er der Stadt Jerusalem
Müßt andeuten
Ihre Blut- und Thränen-Schwemm.
7.
Gantze Bäche
Wäinte David auch so gar 8
Als der freche
Absolon erstochen war'/
Weil er wüßte/
Daß sein Gott-vergeßner Sohn
Büssen müßte
In dem tieffen Acheron 9
8.
Ohn' auffhören
Wäinte Petrus immerfort/ 10
Zu verstöhren
War' er auch an keinem Ort/
Endlich haben
[149]
Ihm die Thränen eine Furch
Auffgegraben
Durch die Wangen durch und durch.
9.
Der gezierte
Wunden-Träger von Assis 11
Offt verliehrte
Sein Gesicht durch Thränen-Güß!
Er bewäinte
Daphnis Tod so schmertzlich sehr/
Daß er scheinte
Zu zerrinnen in ein Meer.
10.
Diese Thränen
Möcht ich ihnen allzumal
Abentlehnen
Zu versencken meine Qual:
Gantz zerfliessen
Müßte auch so gar mein Hirn/
Wasser giessen
Wie des Wassermanns Gestirn. 12
11.
Ich will wäinen/
Wie ein Mutter-loses Kind;
Mit der reinen
Fara werden endlich blind/ 13
[150]
Die erblinden
Lieber wolt' aus grosser Scham/
Als verbinden
Sich mit einem Bräutigam.
12.
Meine Glieder
Sollen trieffen immerdar/
Dem Geschlüder
Gleich von angefangnem Jahr;
Meine Wangen
Sollen von der Sünd beschämmt
Wegen langen
Wäinens werden überschwemmt.
13.
Ich will machen
Mir ein eignes Thränen-Teich/
Und verlachen
Den Neptun in seinem Reich/ 14
Will im tieffen
Augen-Wasser watten her/
Also trieffen/
Als wann ich die Thetys wär. 15
14.
Satte Thränen
Wird mir geben meine Reu/
Zu versöhnen
Mich mit Daphnis auff das Neu:
Wann ich meine
[151]
Sünd'/ und Daphnis Lieb bedenck/ 16
Ich umb keine
Thränen-Armuth mich bekränck'.
15.
O ihr Sünde/
Billich muß ich hassen euch/
Dann ich finde/
Daß ihr seyt ein' böse Seuch:
Ach wie schmertzet
Ihr das Hertz/ so euer frey/
Recht behertzet/
Was da Gott erzörnen sey.
16.
Auff die Freuden/
Bald verschlucktes Linsen-Muß/
Folgt das Leyden
Einer lang- und harten Buß: 17
Esau büßte
Seine kurtze Wollust lang;
Der versüßte 18
Apffel macht uns allen bang.
17.
Doch ihr Büsser
Allen Schrecken von euch leint/
Dann viel süsser
Ist die Buß/ als man vermeint:
In der herben 19
[152]
Schelffen ist ein süsser Kern:
Trost erwerben/
Die mit Daphnis leyden gern.
18.
Was man liebet/
Ob es schon sehr hart/ und schwär/
Nicht betrübet
Wann es selbst der Tod auch wär':
Edle Ritter
Haben in dem Streit nur Lust/
Alles bitter
Ist Liebhabern unbewußt.
19.
Ey so fliesset
Stäts ihr meine Augen beyd'/
Dann versüsset
Wird dardurch mein Hertzen-Läid:
Herbe Thränen
Werden durch die Hoffnung süß/
Helffen denen/
Die gefallen/ auff die Füß.
20.
Von dem Wäinen
Will ich nimmer lassen ab/
Biß ich meinen
Daphnis gantz versöhnet hab:
Will erträncken
In den Thränen meine Sünd'/
So versencken/
Daß auch Gott sie nicht mehr find'.

Fußnoten

1 en. 21.

2 Gen. 37.

3 Num. 11.

4 1. Reg. 30.

5 Planxerunt, donec deficerent in eis Lachryma. 1. Reg. 30. v. 4.

6 Hierem. 9.

7 Thren. 1. 2. & 3.

8 2. Reg. 19. Mein Sohn Absolon, Absolon mein Sohn. v. 4.

9 Ein Fluß in der Höllen. Poët.

10 S. Clemens lib. 1. Recog.

11 Der H. Vatter Franciscus.

12 Der Wassermann gießt zwar kein Wasser/ ist doch ein Ursach grosser Wassergussen.

13 S. Fara Hagarii Tochter wäinte sich blind/ als sie sich verheyrathen solte. Ravisius, & Valent. Leucthius in vita SS. 7. Ian.

14 Neptunus der Meer-Gott.

15 Meer-Göttin. Poët.

16 Die Seel/ die da sündiget/ wird sterben. Ezech. 18. v. 4. Die Engel wurden lieber in die Verdammnuß gehn/ als Gott mit der geringsten Sünd beläidigen. in vit. Cathar. Genuen.

17 Gen, 25. in fine.

18 Gen. 3.

19 Nach der Viele meiner Schmertzen haben mich deiner Tröstungen erfreuet. Psal. 93. v. 19.

[Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[153] [157]6. Clorinda bedenckt das grosse Ubel der Hoffart/ und die Hochschatzung der Demuht: schätzet sich glückselig in ihrer Demühtigung

Custodiens parvulos Dominus: humiliatus sum, & liberavit me.

Psal. 114. v. 6.


Der Herr bewahret die Kleinen: Ich bin gedemühtiget worden/ und Er hat mir geholffen.


1.
Lucifer gläntzend' über alle Engel/
Welchen erschaffen Gott hat ohne Mängel/ 1
Weilen er aber schön/ und auserlesen
Trutzig aus Hoffart gegen Gott gewesen/
Wurde vom Himmel neben einer grossen
Menge verstossen/ 2
Mußte mit seinen bösen Mit-Gesellen
Fahren zur Höllen.
2.
Kaum da geschloffen Adam aus der Erden/
Wolte den Göttern er schon ähnlich werden/ 3
Wordurch in Ungnad Gottes er gefallen/
[157]
Nicht ohne grossen Schaden unser allen/
Wurde/ weil er demühtig nicht geblieben/
Ewig vertrieben;
Mußte dem schönen Paradeiß absagen/
Seuffzen/ und Klagen.
3.
Jenes aus Hoffart hocherhebte Babel 4
Wolte zuhoch mit seinem Ehren-Schnabel/
Suchte biß in den Himmel auffzusteigen/
Gott aber zeigt ihm früh genug die Feigen/
Massen es bald von Ubermuht bethöret/
Wurde verstöret/
Mußte zum Hon-Spiel (ohne Spitze) werden
Billich auff Erden.
4.
Boßheit/ und Hoffart/ beyde Schwestern haben
Den mehr als stoltzen Pharaon begraben/ 5
Weilen er Gott nur hönisch hat getrutzet/
Wurde sein Hochmuht unerhört gestutzet/
Massen er mit vielen kümmerlichen Plagen/
Wurde geschlagen/
Mußte/ wie Bley/ sammt seinem Heer versincken/ 6
Spöttlich ertrincken.
5.
Grausam entsetzlich haben endlich müssen
Die Sodoms-Kinder ihre Hoffart büssen/ 7
Himmlisches Feur hat ihre Städt' verzehret/
[158]
Alles in lauter Wüsteney verkehret/
Niemand/ als Loth mit Seinen/ ist entrunnen/
Alle verbrunnen:
Geilheit/ und Hoffart kamen in die Flammen
Beyde zusammen. 8
6.
Arphaxad dort ein schöne Stadt erbaute/ 9
Welcher er mehr/ als seinem Gott/ vertraute/
Hatte den Feind zu seinem höchsten Schaden
Mit seinem Hochmuht reitzend' eingeladen/
Mußte von seinen schön- und hohen Mauren
Fort mit Bedauren/
Wurde gestürtzt von seinem Ehren-Wagen/
Elend erschlagen/
7.
Hätte Darîus seinen Stand erkennet/ 10
Niemal sich einen Götter-Sohn genennet/
Nicht Schmach erwiesen eine auff die ander
Dem/ seinen Knecht genennten/ ALEXANDER,
Er noch ein Herr des Reiches unvertrieben
Wäre geblieben;
Seinen Hals aber haben ihm zerbrochen
Trutzen/ und Pochen.
8.
Hoffart ist gleich den hoch gewachsnen Eychen/
Welche der Wolcken blaues Hauß erreichen/
[159]
Weil sie bey ihnen aber Wohnung machen/
Pflegen sie hefftig wider die zu krachen/
Plitzen erzörnt mit unerhörten Toben
Auff sie von oben/
Dann sie durchaus nicht bey sich haben wöllen
Solche Gesellen.
9.
Also kan Gott auch keine Stoltze leyden/
Müssen auff ewig seinen Hofe meyden/
Wann sie zu hoch-auff ihre Köpffe richten/
Macht er sie/ gleich dem Sonnen-Staub/ zu nichten/ 11
Stürtzet herunder mit Unglückes-Streichen
Solche Berg-Eychen:
Niemal ist Hoffart/ Ubermuht/ und Prangen
Glücklich abgangen.
10.
Gleich wie der Rauch zu nichte sich versteiget:
Gleich wie der Thon nur währet/ da man geiget:
Gleich wie die Liechter scheinend' Ehr erwerben/
Aber unrühmlich auch mithin abserben/
Also auch sich die schnöde gröster Ehren-
Dünste verzehren:
Billich ein Brand die Schöne seiner Flammen
Solte verdammen.
11.
Wann die Ragueten nach der Höhe ziehlen/
Sie zwar alldorten schöne Sachen spiehlen/
[160]
Gleich darauff aber/ wie die Plitze/ knallen/
Mithin auch Ruhm-loß auff die Erde fallen:
Also ist auch der Ehr-verliebten Affen
Glücke beschaffen/
Unverhofft/ ehe sie gar hinauff gestiegen/
Fallen/ und ligen. 12
12.
Niemal ist Hoffart ohne Schand geblieben/
Hat zu dem Fall den Phaćton getrieben/
Welcher auff seinem schönen Ehren-Wagen
Meisterloß wolte durch die Höhe jagen/
Hochmuht hat aber seine Räiß verkürtzet/
Ihne gestürtzet/
Mußte im 13 mit unerhörtem Schaden
Zu tode baden.
13.
Icarus von dem Ubermuht betrogen/ 14
Ist hoch aus Hoffart übersich geflogen/
Wolte den Vatter muhtig überfliegen/
Fangte darauff an hin und her zu wiegen/
Könnte der Sonnen Hitze nicht erleyden/
Müßte sie meyden/
Biß er entflüglet ohne Krafft gesuncken.
Völlig ertruncken.
14.
Kleine hingegen hoch erhaben werden
[161]
Nicht nur im Himmel/ sonder auch auf Erden/ 15
Gott pfleget sie zu lieben/ und zu preisen/
Selbst die Prachthansen ihnen Ehr beweisen/
Welche die Demuht zwar in andern lieben/
Keine doch üben:
Hochmuht in andern (ohne selbst verlassen/)
Schelten/ und hassen.
15.
Unglück hat nächst sein Hause bey den Reichen/
Unverhofft pflegt es ihnen einzuschleichen;
Gnad herentgegen ruhet auff den Kleinen/
Welche bey sich selbst kleine Zwerge scheinen;
Daphnis setzt ab die/ so nach Ehren dürsten/
Keine Prachthansen neben ihm in Hulden
Kan Er erdulden.
16.
Gleich wie die Hennen ihre Jungen schützen
Immerdar wider dero Feinde glutzen/ 16
Also beschützt Gott die mit eignen Händen/
Welche demühtig sich zu ihme wenden/
Laßt ihnen nichts/ so schaden auch den Haaren
Möcht'/ wiederfahren:
Seine Verfolgung jener auff sich hetzet/
Der sie verletzet. 17
17.
Hoffart ist Ursach/ daß die Hölle brennet/
Der man unsinnig schaaren-weiß zurennet/
[162]
Hochmuht ist Ursach/ daß wir alle sterben/
Ja so viel tausend ewiglich verderben:
Hochmuht ist Ursach/ daß viel edle Christen
Seynd Atheisten: 18
Hochmuht hat Teutschland/ läider! umbgekehret/
Spöttlich entehret.
18.
Hochmuht ist stracks die grade Straß zur Höllen/
Weh' denen/ die sich nur erheben wöllen/
Welche nur stäts nach Glück/ und Ehren trachten/
Mithin ihr eignes Seelen-Heyl verachten/
Hoch werden solche sich betrogen finden/
Bleiben dahinden:
Prächtig mit Aman zwar auf Erden prangen/
Aber dort hangen.
19.
Eitle Welt-Kinder/ deren Hertz gefangen
Von schnödem Ehrgeitz höret auf zu prangen/
Wolt' ihr aus Gottes Lieb/ und Huld nicht fallen/
Ey so vermeydet diese Pest vor allen;
Aendert in Demuht/ selig einst zu werden/
Eure Geberden;
Suchet mit mir die wahre Glückes-Güter/
Edle Gemühter.
[163] 20.
Alles ist eitel/ nichtig alles alles/ 19
Nicht wohl ein Nachklang eines öden Halles/
Alles hinschleichet/wie der lähre Schatten/
Alles entweichet/was wir jemal hatten/
Himmlische Güter aber ewig währen/
Niemal erlähren:
Demuht ist/ so die Seligkeit erzwinget/
Höchst hinauff tringet.

Fußnoten

1 Isa. 4. v. 12.

2 Apoc. 8: v. 12.

3 Ecce Adam quasi unus ex nos his factus est. Gen. 3. v. 22. ibid. v. 23.

4 Gen. 11.

5 Exod. 5. 6. 7. 8. 9. 10.

6 Exod. 15. v. 10.

7 Gen. 19.

8 Ezech. 16. v. 49.

9 Ecbatanis, Iudish. 1.

10 Lib. 2. Supplem. ad Q. Curt.

11 Isa. 1. v. 30. & 31.

12 Vidi impium superexaltatum, & elevatum, sicut cedros Libani, Es transivi, & ecce non erae. Psal. 36. v. 35. & 36. Vt casu graviore ruantsolluntur in altum.

13 Der Fluß Padus in Italia.

14 Icarus wolte mit wärinen Flüglen fliegend seinen Vatter Dædalus überwinden; ist aber gefallen/ und ertruncken.

15 In Cant. Magnificat. v. 7. Deposuit.

16 Deut. 32. v. 10. & 11.

17 Ezech. 2. v. 8.

18 Halten zeitliche Glückseligkeit/ und die Ehr für ihren Gott.

19 Eccl. 1. v. 2.

[Das hat die Sünd][Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[164] [169]7. Clorinda beklagt ihr unvernünfftige Gottlosigkeit/indeme sie ein so geraume Zeit keinen Gott erkennt

Dixit insipiens in corde suo, non est Deus.

Psal. 13. v. 1.


Der Unweise hat gesagt in seinem Hertzen/ es ist kein Gott.


1.
Das hat die Sünd/ 1
Daß sie verblendet/
Des Menschen Hertz geschwind
Von seinem Gott abwendet/
Und welcher sich darinn vertiefft/
Vor Gott/ wie Jonas, sich verschliefft/ 2
Wird flüchtig/ wie die Tauben/
Gottloß/ wie Ephraim, 3
Verliehrt den Glauben/
Und Gott mit ihm.
2.
Wohl wird der Nacht
Die Sünd verglichen/
Indem sie alles macht
Verfinstert/ und verblichen;
[169]
Bey dieser Nacht der Wandersmann
Des Wegs sich nicht verrichten kan/
Blind hin und wieder wattet/
Biß in dem Irrthumms-Moos
Er/ gantz ermattet/
Stirbt Hoffnungs-loß.
3.
Dieses hab ich
Auch selbst erfahren/
Als ich befunden mich
Noch in den Wollusts-Jahren/
So sehr wurd' ich des Liechts beraubt/
Daß ich an Gott nicht mehr geglaubt/
Hab'/ als ein Spiel der Affen/
Veracht das Göttlich Ammt/
Und/ als ein Pfaffen-
Gedicht/ verdammt.
4.
Ich glaubte nicht
Zu seyn ein Himmel/ 4
Die Höll wär' ein Gedicht/
Und nur ein Schreck-Getümmel/
Sie wäre nur ein Pfaffen-Traum/
Die Leut zu halten in dem Zaum/
Und wenn ein Gott schon wäre/
So hätt' er dennoch nicht
So groß- und schwäre
Straff zugericht.
[170] 5.
Wann ihm bewußt/
Wie wir beschaffen/
Könnt eine kleine Lust
Er nicht wohl ewig straffen; 5
So blöde Schwachheit hätte nicht
Verdient ein solches Blut-Gericht/
Wie könnt Er also raasen/
Wann Er das Höchste Gut?
Die Höll anblasen
Zu solcher Glut?
6.
Für selig hab'
Ich nur gehalten
Des Glückes reiche Gaab/
Und Schönheit der Gestalten:
Nach Wollust/ Reichthum/ Freud/ und Ehr/
Und was die Welt kan geben mehr/
Hab' embsig ich getrachtet:
Die Tugend aber/ ach!
Viel mehr verachtet/
Als keine Sach.
7.
Das ist der Grund/
Und gantzes Wesen/
Worinn mein Glaub bestuhnd'/
Den ich mir auserlesen:
[171]
Mein Fleiß/ Gewerb/ und Ubung war'
Die Buhlerey nur immerdar;
Mein hoch-geschätzte Bibel
Geweßt ist Amadis, 6
Wovon mein Ubel
So sehr einriß'.
8.
Als aber ich
Zu überflüßig
Der Lust/ gebrauchte mich/
Wurd' endlich ich verdrüßig/
Vermerckte/ wie daß alle Freud
Geäuglet wär auff Dorn-Gestäud/
Wie ihr geschärfftes Ende 7
Das Hertz zu stechen pfleg'/
In Traur verwende/
Die Wollusts-Täg.
9.
Dahero wann
Ich müd des Schertzens
Mithin gefühlet dann
Die Bitterkeit des Hertzens/
Hab' ich von dem Verdruß bewegt/
Mich an ein Fenster hingelegt/
Den Himmel angeschauet
Fürwitzig hin und her/
[172]
Wie er gebauet
So künstlich wär'. 8
10.
Ich nahme wahr
Am Hauß der Sternen
Die hoch-vergüldte Schaar
Der Himmlischen Laternen/
Ich sahe bey entfärbter Nacht/
Wie sie bezogen ihre Wacht/
Wie zu gewissen Stunden
Sie zeigten ihren Glantz/
Darauff verschwunden/
Erbleichten gantz.
11.
Wie daß der Mon
Bald gantz verblichen/
Drauff bald gehörnert schon/
Mit Silber überstrichen/
Wie daß er bald in vollem Schein/
Bald wiederumb gezogen ein:
Wie Hesperus 9 am Abend/
Zu Morgens Lucifer
Vor ihm hoch-trabend'
Stäts lauffen her.
12.
Bey Tag/ wann ich
Von dem Getümmel
[173]
Was abgeschrauffet mich/
Und angeschaut den Himmel/
Vermerckt ich/ wie die göldne Sonn/
Die Tages-Mutter/ unser Wonn/
In vier und zwantzig Stunden/
Unmüd in ihrer Raiß/
Den groß- und runden
Erd-Klotz Umbkräiß.
13.
Wie daß man sie
Nie hörte girren/
In ihrem Lauff auch nie
Vermerckte zu verirren/
Noch daß sie jemal Schaden lidt'/
Ob sie schon thät so lange Schritt'/
Und wann sie sich verloren
Von uns schon in die Ferr/
Neu doch gebohren
Zu Morgens wär'.
14.
Wie daß die Erd
Durch warme Regen
So schön befeuchtet werd'/
Nachdem sie kahl gelegen/
Wie sie aus ihrer schwangern Schos
Hervor die Blumen häuffig stoß'/
Und zwar der schönsten Arten
So mancherley/ daß man
Von ihr erwarten
Nichts edlers kan.
[174] 15.
Wann dieses ich
Bey mir erwogen/
Hat die Vernunfft dann mich
Zu solcher Frag gezogen/
Wer dieser Dingen Ursach sey/
Ob auch ein Werck des Meisters frey?
Was für ein Hauß jemalen 10
Sich selbst hab' auffgericht?
Ob es auch Strahlen.
Geb' ohne Liecht?
16.
Wann diese Welt
Steh' von sich selber/
Von niemand auffgestellt/
Sey ewig sie unfehlbar;
Und ist dann ewig sie allein/
So muß sie Gott unfehlbar seyn/
Dann alle diese Sachen/
Die man auffwachsen sicht.
Sich können machen
Ja selbsten nicht.
17.
So muß zuvor
Dann aller Dingen
Ein Ursach seyn/ empor/
Was werden soll/ zu bringen/
Wer aber ist die Grund-Ursach
Als Gott/ der keinem Ding zu schwach;
[175]
Dem so viel edle Wercke
Zu schaffen viel zu schwär/
Wann seine Stärcke
Nicht Göttlich wär'.
18.
Kan aber die
Natur seyn Göttlich/
Die da beständig nie?
Das wär' nicht Göttlich/ spöttlich:
Wir sehen ja von Stund zu Stund/
Wie auch die Felsen gehn zu Grund/
Wie daß die Krafft der Erden
Sehr nemme täglich ab/
So daß sie werden
Müß' selbst ihr Grab.
19.
Was ewig ist/
Das bleibt beständig/
Wird auch zu keiner Frist
Von seinem Seyn abwendig:
So ist die Welt dann ewig nicht/
Weil immerzu ihr Wesen bricht/
Ist endlich sie/ so rühret
Sie von dem Wesens her/
Dem da gebühret
Die Göttlich' Ehr.
[176] 20.
O Gott/ du hast
Die Welt erhaben/ 11
Sammt ihrem gantzen Last
Aus nichts hervor gegraben; 12
Du bist der grosse Sabaoth,
Der Erden/ und des Himmels Gott/
Dich will ich ewig preisen/
Dann du hast mich getröst/ 13
Von dem unweisen
Gestanck erlößt.

Fußnoten

1 Prov. 18. v. 3. S. Thom. 1. p.q. 14. a. 1.

2 Ion. 1.

3 Osea 7 v. 11.

4 Deren Atheisten Gedancken.

5 Fehler des alten Origenis.

6 Ein Fabel- und Buhlerey-Buch/ von welchem und andern dergleichen Liebes-Büchern die junge Leut verführet werden/ daß sie nachmalen zu den Tugenden und Andacht keinen Lust mehr haben.

7 Das End der Freud ist Laid. Prov. 14. v. 13.

8 In der Welt-Freud verursachet die Begierd eine Ersättigung/ die Ersättigung Verdruß. In der Geistlichen verursachen die Begierd eine Ersättigung/ und die Ersättigung das Verlangen. S. Greg. in hom.

9 Abend- und Morgen-Stern.

10 Weil die Natur abnimmt/ so ist sie nicht ewig/ Ist sie nicht ewig/ so ist sie nicht Gott.

11 Psal. 88. v. 12.

12 2. Mach. 7. v. 28.

13 Quàm magnificata sunt opera tua Domine, omnia in sapientia fecisti. Psal. 103. v. 24.

[Satan sammt allen Gespenstern der Höllen][Das hat die Sünd][Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[177] [182]8. Clorinda erfreut sich/ daß sie von dem unglückseligen Sünden-Stand/ und böser Gesellschafft erlößt/ in den Stand der heylsamen Buß versetzt worden

Domine, deduxisti ab inferno animam meam, salvâsti me à descendentibus in lacum,

Psal. 29. v. 4.


Herr/ du hast meine Seel aus der Höllen geführt: du hast mich erlöst von denen/ die in die Grube fahren.


1.
Satan sammt allen Gespenstern der Höllen/
Welche des Menschen gefährlichste Feind/
Einen gottsförchtigen Menschen zu fällen/
Warlich so mächtig bey weitem nicht seind/
Als die Leichtfertigkeit böser Welt-Kinder/
Weilen geschwinder
Der Mensch durch eine böse That
Verführt wird/ als durch blossen Raht.
2.
Welcher mit spitzigen Dörnern umbgehet/
Ohne Verletzung kommt nimmer darvon;
Waitzen/ der unter die Distel gesäet/
Leichtlich ersticket/ wie gut er auch schon;
[182]
Malvasier unter dem Eßig nicht dauret/
Gäntzlich versauret:
Wer bey den Bösen Freundschafft sucht/
Mit ihnen auch bald wird verrucht. 1
3.
Unter den räudigen Schaafen niemalen
Bleibet ein sauberes Lämmlein gesund;
Auch so gar göldne Becher/ und Schalen
Werden besudlet von kräncklichem Mund:
Köche bey rußigen Häfen/ und Härden
Schmutzig bald werden:
Wer Vögel-Kleb/ und Hartz berührt/
Wird von demselben leicht beschmiert. 2
4.
Weißlich die Vögel dem Geyer abweichen/
Billich abscheuhet den Habich die Daub/
Wann sie viel wolten mit ihnen umbstreichen/
Wurden sie ihnen bald werden zum Raub;
Lämmer/ der Wölffen Gemeinschafft beflissen:
Werden zerrissen:
Wer sich den Träbern mischet ein/
Den fressen/ wie man sagt/ die Schwein.
5.
Dieses hat Dina genugsam erfahren/
Als sie welt-süchtig gezogen von Hauß/ 3
Hätte den Kosten wohl können erspahren/
Massen es übel geschlagen ihr auß/
[183]
Dann sie ein seufftzende Trägerin wurde
Kindlicher Burde:
Bey Frommen in dem Vatterland
Erlidten hätt kein solche Schand.
6.
Lucifer unter den Englen schlimm hausend/
Wegen der Boßheit ein räudiges Schaff/ 4
Tödtlich ansteckte derselben viel tausend/
Zoge sie mit sich zur ewigen Straff;
Wenig sind die nicht durch böse Gesellen
Fahren zur Höllen:
Ein fauler durchgehölter Zahn
Steckt unvermerckt viel andre an.
7.
Salomon, welcher in blühender Jugend 5
Weiser gewesen/ als niemand vor ihm/
Welchen Gott wegen vielfältiger Tugend
Oeffter gewürdigt mit leiblicher Stimm/
Als er die Heydnische Weiber berühret/
Wurde verführet:
Ein zahmer Baum im wilden Wald
Die gute Art verliehret bald.
8.
Petrus hat unter den bösen Gesellen 6
Bey dem Feur sitzend sich hefftig verbrennt/
Als er den Menschen bekennen nicht wöllen
Welchen er besser/ als niemand/ gekennt/
[184]
Eine nur schwache Magd machte den alten
Felsen zerspalten:
Dem Stroh kommt die Gesellschafft theur/
Wann es sich nahet zu dem Feur.
9.
Judas ist worden der ärgste Mißthäter/ 7
Weil er der Juden Gemeinschafft gesucht/
Wurde gar seines Erlösers Verrähter
Also/ daß er sich auch selbsten verflucht/
Wäre zu solcher Mißhandlung nicht kommen
Unter den Frommen: 8
Dem Mäußlein/ so mit Katzen spilt/
Unfehlbar es das Leben gilt.
10.
Weilen Proserpina 9 eintzig spatzierte
Frecherweiß auff dem Ennæischen Feld/
Pluto 10 von dannen sie gähling entführte
Nach dem unlustigen Höllen-Gewäld/
Wäre/ wann sie die Gesellschafft geschohen/
Leichtlich entflohen:
Wer sich nicht scheucht vor böser Schaar/
Der geht zu grund in der Gefahr. 11
11.
Abraham mußte die Freunde verlassen/
Vatter/ und Mutter aus Gottes Geheiß/ 12
Böse Gesellen abscheuhen/ und hassen/
[185]
Meiden das schädliche Götzen-Geschmeiß/
Also sich selber von schlimmen/ und bösen
Freunden erlösen:
Der Safft muß abgesöndert seyn
Von Träbern/ soll er werden Wein.
12.
Gleicher weiß müßte von Sodoma weichen
Eylends der übel-gesellete Loth, 13
Ohne verschnauffen dem Berge zu keichen/
Gäntzlich verlassen die sündige Rott/
Hätte unschuldig sonst eben auch müssen
Fremmde Sünd büssen:
Wer sich den Mördern zugesellt/
Sich selbst ein böses End erwehlt.
13.
Moyses bey Pharaon wolte nicht bleiben/
Ob er schon wurde gehalten sehr hoch/
Wolte viel lieber die Wullen austreiben/
Als sich ergeben dem Heydnischen Joch/
Sorgte von Gott sich gar endlich zu scheiden
Unter den Heyden:
Wer ein verfaultes Aaß nicht fliecht/
Auch den Gestanck bald an sich ziecht.
14.
Wann dich die Sünder/ sagt Salomon, locken/
Lasse bey Leib dich mit ihnen nicht ein/ 14
Ob sie schon zeigen die köstliche Brocken/
Göldene Schalen mit Cretischem Wein/
[186]
Sonsten wirst du es in ewigen Qualen
Müssen bezahlen:
Dann keinem wird die Zech geschenckt:
Heißt/ mit gestohlen/ mit gehenckt.
15.
Unter der bösen Gesellschafft ich immer/
Läider! gewesen von Jugend auff bin/
Wurde dahero nur immerdar schlimmer/
Lauffend' nach aller Leichtfertigkeit hin
So/ daß ich endlich im Cyprischen Orden 15
Meisterin worden/
Vertiefft gantz in der Sünden-Höll/
Vertretten hab'/ der Lais Stell. 16
16.
Endlich als Daphnis mich also gesehen
Unter der nunmehr verworffenen Schar/
Daß es umb meine Seel wäre geschehen/
Massen ich ärger/ als Rosemund war/ 17
Hat Er sich meiner Gottlosen erbarmet/
Heimlich umbarmet/
Und aus des Satans Rachen mich 18
Gezogen mit Gewalt zu sich.
17.
Gleich wie Andromede wurde errettet
Aus dem Verderben durch Perseus Hand/
Als sie am Felsen anhangte gekettet/
[187]
Und sich nun gäntzlich verschätzet befand';
Also hat Daphnis mich aus dem gewissen
Elend gerissen:
Das von Andromede Gedicht
An mir ist worden ein Geschicht.
18.
Orpheûs hat seine Gemahlin entzogen
Mittels der Harpffen dem traurigen Reich 19
Weilen er aber dem Pluto gelogen/
Hat er verlohren sie wiederumb gleich/
Welches Verbrechen Euridice büssen
Schmertzlich hat müssen:
Mich Daphnis aber hat erlößt/
Daß ewig ich darmit getröst.
19.
Machte die böse Gesellschafft mich fliehen/
Stellte mich völlig auff sicheren Fuß;
Ach daß ich sie auch mir könnte nachziehen/
Ernstlich zu würcken erforderte Buß!
Daß wir nachmalen/ gottselig bereuet/
Wurden erfreuet:
Ach werdet schmertzlich doch berührt
Ihr endlich/ die ich hab' verführt!
20.
Eya dann Sünden-vertieffte Welt-Kinder
Kommet/ und folget mir büssenden nach;
Wer sich selbst straffet/ der büsset gelinder/
Rettet sich selber vor künfftiger Schmach:
[188]
Allezeit pflegen beläidigte Waffen
Strenger zu straffen.
Wo Gott nicht muß/ da strafft Er nie/
Wer sich selbst strafft/ spart Ihm die Mühe.

Fußnoten

1 Proverb. 13. v. 20. Amicus stultorum efficitur similis.

2 Eccles. I.v.t. qui tangit picem, inquinabitus ab ea.

3 Gen. 34.

4 Tertia pars stellarum. Apoc. 8. v. 12.

5 3. Reg. 3.

6 Marc. 14. 4. Matth. 16. Tu es Christus filius Dei vivi.

7 Matth. 26. v. 14. tunc abiit.

8 Cum electo electus eris, & cum perverso, pervertéris. Psal. 17. v. 27.

9 Die Höllen-Göttin.

10 Der Höll-Gottt Poët.

11 Eccles. 3. v. 27. Qui amas periculum, peribit in illo.

12 Gen. 14.

13 Gen. 19.

14 Prov. 1. v. 10. Si te lactaverint peccatores, ne acquieseas eis.

15 In der Unlauterkeit.

16 Lais ein berühmte Gelt-Gewinnerin zu Corinth.

17 Ein gottlose Königin.

18 Simulacris sacrificabant, & ego, quasi Nutritius Ephraim, portabam eos in brachiis meis: & nescierunt, quòd curarem eos: in funiculis Adam trahebam eos. Osc. II. v. 3. & 4.

19 Der Höllen. Hat die Bedingnuß gebrochen. Poët.

[So bald der heiß-hungrige Bär][Satan sammt allen Gespenstern der Höllen][Das hat die Sünd][Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[189] [194]9. Clorinda fühlet allgemach/ wie lieblich der Herr/dahero sie lieber sterben/ als durch einige Widerwärtigkeit von Ihm abweichen will

Qui nos separabit à charitate Christi, tribulatio, an angustia, an fames, an nuditas, an periculum?

Rom. 8. v. 35.


Wer will uns scheiden von der Liebe Christi/ Trübsal/ oder Angst/ Hunger/ oder Blösse/ oder Gefahr.


1.
So bald der heiß-hungrige Bär/
Den lieblichen Honig vernimmt/
Umb selben (wie tölpisch auch er)
Unsteigbare Bäume beklimmt/
Und ob ihn die Immlein schon stechen/
Am Honig-Dieb dapffer sich rächen/
So laßt er von dannen doch sich
Abtreiben mit keinem Gewalt/
Verachtet die schmertzliche Stich'/
Der Honig den Schmertzen bezahlt.
2.
So bald der begierige Falck
Vermercket die seuffzende Daub/
[194]
Verfolgt der arglistige Schalck
Den Felsen-zuflüchtigen Raub/
Verachtet des Falckeniers Locken/
Erhitzet auff sinnlichen Brocken/
Nachsetzet demselben so lang/
Biß daß er ihn endlich gefaßt/
Durch keinen auch tödtlichen Zwang
Von solchem abschrecken sich laßt.
3.
Wer einmal verkostet/ und schmeckt/
Wie gütig/ und lieblich der Herr/ 1
Denselben kein Abentheur schreckt/
Und wann es Megæra 2 schon wär'/
Ja alle Gespenster der Höllen/
Wie ungeheur sie sich auch stellen/
Da müssen abweichen mit Spott/
Ablegen ihr stumpffes Gewehr;
Dann welcher sich sehnet nach Gott/
Durchdringet die feindliche Heer. 3
4.
Wie stärcker alldorten ergriff' 4
Und risse vom Boden hervor
Die Flut das Noëische Schiff/
Je mehr es gestiegen empor/
Durch grausames Brausen/ und Bellen
Der rasenden Winden/ und Wellen
Getrieben wurd' immer nur fort
[195]
Schnell-fliegend Armenien zu/ 5
Nach seinem erfreulichen Port/
Und ewig-verordneter Ruh.
5.
Es könnte des Potiphars Weib/
Eydbrüchig an weiblicher Pflicht/
Den mehr als Lucrecischen Leib
Des Josephs begwältigen nicht/
Wie starck sie auch ihne bestritten
Mit strengen Anhalten/ und Bitten/ 6
Dann Joseph in Schützung der Zucht
Ein wahrer Freund Gottes verblieb':
Auff Parthisch mit löblicher Flucht 7
Die freundliche Feindin vertrieb'.
6.
Ein treulich Gott-liebende Seel
Von ihrem Vorhaben nicht weicht/
Umbstürtzet den Höllischen Bel 8
Mit Daniels Waffen gar leicht:
Gott lieben macht Zwerge zu Riesen/
Wird klärlich an David erwiesen/
Der dorten ergriffen fünff Stein
(Von Göttlichem Eyffer bewegt) 9
Mit welchen er/ ob er schon klein/
Den trutzigen Riesen 10 erlegt.
7.
Gleich wie der Eyßvogel die Bruht
[196]
Aushäcket bey grimmigster Kält'/
Auch ihme das Wasser nichts thut/ 11
Bey dem er sich immer auffhält/
Auch also den/ welcher Gott liebet/
Kein einiges Unglück betrübet/
Ist wie ein felßechtes Gestad/
An welchem das starcke Gewäll
Sich gäntzlich zerstosset/ und matt
Abweichet mit lährem Gepräll.
8.
Nichts könnte den liebenden Job 12
Von seinem Gott trennen jemal/
Obschon ihn der Satan sehr grob
Ergriffen mit allerhand Qual/
Obschon er ihm grausam gezwagen/
Die Häuser sammt Kindern erschlagen/
Kühe/ Rinder/ Schaaf/ Oren/ Camel
Auff einen Tag alles entführt/
Den gantzen Leib (ohne die Seel)
Mit hefftigsten Plagen berührt.
9.
Die Himmel-hoch steigende Flamm
Die fromme Hebræër nicht hat/ 13
Wie hoch sie auch schlagte zusamm/
Vermögen zu sündlicher That/
In Mitte der Flammen stäts haben
Gesungen die muhtige Knaben/
[197]
Hingegen hat selbiges Feur
Die böse Chaldeér verzehrt:
Die Boßheit kommt Bösen sehr theur:
14Gott schützet den/ welcher Ihn ehrt.
10.
Gleich wie das beständige Gold
Im Ofen nur köstlicher wird
So/ daß ihm die Menschen gantz hold
Nachstreben mit heisser Begierd/
Wird in dem Feur immer nur feiner/
Fürtrefflicher/ schöner/ und reiner;
Auch also nimmt zu der Gerecht'
In seinem hochschätzbaren Wehrt/
Je mehr ihm durch scharffes Gefecht
Der Satan zu schaden begehrt.
11.
Wie wurd' Eleazarus nicht 15
Zu sündigen nöhtlich geträngt/
Und wider die Jüdische Pflicht
Zu handlen an hefftig gestrengt;
Doch könnte das Wüten der Heyden
Von seinem Gott ihne nicht scheiden/
Kein Marter/ wie schrecklich auch sie/
Abschrecken ihne könnt' von Gott/
Wolt' eher auch sterben/ als je
Verlassen sein heiligs Gebott.
12.
So bald sich das Epheu der Maur
[198]
Viel-füßig gehefftet hat an/
Dasselbig noch Regen/ noch Schaur
Hinfüro absönderen kan/
Laßt eher sich völlig zerreissen/
Ja Stuck-weiß zur Erden hinschmeissen/
Als daß es freywillig abweich'/
Von welcher es wurde gesteurt/
Womit es sein' Treu/ und zugleich
Beständige Liebe betheurt.
13.
So kan auch den Liebenden nicht
Von seinem Gott sönderen ab
Noch Schrecken/ noch scharffes Gericht/
Noch schmeichlen/ noch reitzende Gaab;
Wird lieber sein köstliches Leben/
Als seinen Gott treuloß auffgeben;
Verachtet die Freuden/ so ihm
Die schnöde Glücks-Göttin fürhält/
Als eine Sach/ welche mehr schlimm/
Dann alle Trübsalen der Welt.
14.
Viel tausend bezeugten ja diß
Mit häuffig vergossenem Blut/
Indem sie der Hencker hinriß'
Zur Marter mit grimmigem Wuht; 16
Theils liessen lebendig sich schinden/
Theils an das Creutz andere binden/
Theils haben auff glüendem Rost
[199]
Die stoltze Tyrannen gespilt/
Von oben mit Göttlichen Trost
In ihrer Verfolgung erfüllt.
15.
Es hat der Satan zwar sich
Bemühet mit allem Gewalt
Durch seine Versuchungen mich
Zu stürtzen auff manche Gestalt/
Doch würd ich von keiner so hefftig
Beträngt/ und bestritten so kräfftig/ 17
Als von dem nichtswertigen Wohn
Zu werden bey denen veracht/
Bey welchen ich/ läider! mich schon
Durch Boßheit annehmlich gemacht.
16.
Ach diese gemeine Welt-Pest
Mich hatte bethöret sehr lang/
Zurucke gehalten so vest/
Daß schwärlich zu siegen der Zwang:
Ich dencke mit Seufftzen/ und Klagen:
Was werden die Menschen doch sagen?
Wann Welt-scheuh Clorinda nunmehr
Gantz Nonnisch sich halten wird ein?
Das wird ja die gröste Unehr
Mir bey den Welt-Kinderen seyn.
17.
O wie viel/ viel tausend (sag' ich)
[200]
Dem bösen Feind haben gehorcht/
Von Daphnis gesönderet sich
Krafft dieser armseligen Forcht!
Viel lieber Gott wolten mißfallen/
Als rühren den Sündern die Gallen/
Verlassen das ewige Gut/
Zu bleiben bey diesen in Huld/
Gehn also zur Höllischen Glut
Aus eigner freywilliger Schuld.
18.
Diß ware der Gordische 18 Knopff/
Womit ich viel Zeiten verzehrt/
Indeme mein närrischer Kopff
Stäts wolte nur werden geehrt;
Als aber ich meine Gedancken
Gezwungen in engere Schrancken/
Betrachtend/ daß aller Welt-Gunst
Als Schatten/ vergänglicher sey/
Und wie ein auffsteigender Dunst
Im Augenblick schleiche vorbey.
19.
Als hab' ich mit starckem Entschluß
Den blöden Forcht-Teuffel veracht/
Hingegen durch Menschen-Verdruß
Mir Daphnis zum Freunde gemacht/
Als der sich ein pfleget zu stellen
Getreuer/ als jene Gesellen/
[201]
Die Freunde bey lachendem Glück/
Bey rasendem keine mehr seynd/
Sich diebisch dann ziehen zurück/ 19
Verlassen den seuffzenden Freund.
20.
Gott aber in äusserster Noht 20
Ein treuer Freund bleibet allein/
Drumb will ich im Leben und Tod
Mit ihme vereiniget seyn:
Und ob es mit seinen Feld-Heeren
Gradivus 21 auch wolte verwehren/
So muß er mit seinem Gewalt
Doch endlich abweichen mit Spott;
Dann wer mich von Daphnis abhalt/
Wird müssen seyn stärcker/ als Gott.

Fußnoten

1 Quàm magna multitudo dulcedinis tuæ. Psal. 30. v. 28.

2 Höll-Gespenst.

3 Si consistant adversum me castra, non timebit cor meum Psal. 26, v. 3.

4 Gen. 7.

5 Gen. 8.

6 Gen. 39.

7 Die Parthier pflegten mit Fliehen zu siegen.

8 Ein Heydnischer Abgott. Dan. 14.

9 1. Reg. 17.

10 Goliath.

11 Non contristabit justum, quicquid acciderit ei. Prov. 12. v. 21.

12 Iob. 1. & 2.

13 Effundebatar flamma super fornacem quadraginta novem, cubitis. Dan. 3. v. 47.

14 Quicunque glorificaverit me, glorificabo eum. 2. Reg. 2. v. 30.

15 2. Math. 6.

16 So viel 1000. Blut-Zeugen Christi.

17 Menschlicher Respect/ welcher die meiste Sünder von der Bekehrung abhaltet.

18 Ein sehr verwirrter Knopff/ welchen Alexander mit dem Schwerdt auffgelößt.

19 Vnusquisque se à proximo suo custodiat, & in omni fratre suo non habeat fiduciam, etc. Isa. 9. v. 4.

20 Pater meus, & mater mea dereliquerunt me, Dominus autem assumpsit me. Psal. 26. v. 10.

21 Der Kriegs-Gott. Poët.

[Es ist des Himmels Schluß][So bald der heiß-hungrige Bär][Satan sammt allen Gespenstern der Höllen][Das hat die Sünd][Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[202] [206]10. Clorinda erfreut sich deren so viel ausgestandenen Beschwärnussen und Widerwärtigkeiten/ weilen ihr Gott dieselbige mit Himmlischen Trost so reichlich ersetzet

Secundùm multitudinem dolorum meorum in corde meo consolationes tuæ lætificaverunt animam meam,

Psal. 93. v. 19.


Nach Viele deren Schmertzen meines Hertzens haben deine Tröstungen meine Seel erfreuet.


1.
Es ist des Himmels Schluß
Den Faulen zum Verdruß/
Daß niemand werd' belohnt/
Der treulich nicht gefrohnt;
Vor ausgeraufftem Dorn
Wachßt weder Wein/ noch Korn;
Ein ungebautes Land
Bringt wenig Frucht der weich- und zarten Hand.
2.
Dem Jäger in der Ruh'
Laufft das Gewild nicht zu/
[206]
Muß sich bewerben lang
Umb einen guten Fang:
Man schlupfft nicht ein so gleich
In das Schluraffen Reich:
Nach dem Land Canaan 1
Hat Josuë viel harte Tritt gethan.
3.
Das hat schon Rom erkennt/
Und sinnreich eingewendt/
Indem' es auffgeführt
Ein Hauß/ sehr schön geziert/ 2
Woraus es wohl bedacht
Zwey Tempel hat gemacht;
Der Arbeit einer zwar/
Der andere der Ehr geheiligt war'.
4.
Zum Ehren-Tempel doch
War' weder Thür/ noch Loch/
So/ daß man gehn hinein
Nicht könnte/ dann allein
Nur durch der Arbeits-Thür/
Die offen für und für:
Der faulen Burst zur Lehr/
Daß ohne Mühe zu hoffen sey kein Ehr.
5.
Es war auff einem Feld
Ein schönes Obs-Gewäld/ 3
[207]
So voll der Früchten war'
Von reinstem Gold so gar;
Ein Drack' lag' aber vor
Des Gartens starcken Thor/
Wer was von dieser Frucht
Wolt' haben/ mußt' ihn schlagen in die Flucht.
6.
Das schöne Paradeiß
Vor diesem hatt den Preiß/
Dann dieses Früchte trägt/
Die man auch Gott vorlegt/ 4
Doch steht an Drackens Stell
Ein Creutz am Thür-Geschwell;
Wer dieses auff sich nimmt/
Dem ist zu Lohn das Paradeiß bestimmt.
7.
Wer aber allerseits
Nur fliehen will das Creutz/
Ohn' alle Arbeit seyn/
Den laßt man dort nicht ein;
Dann wer des Creutzes Feind/
Der ist nicht Daphnis Freund/ 5
Und wer ein solcher ist/
Der wird erkennet nicht zu seyn ein Christ.
8.
Das Leyden ist ein Spiel/
Dem auffgesetzt sehr viel; 6
Dem Sieger ist bereit
[208]
Die Cron der Seligkeit;
Wer sich darumb nicht reißt/
Und Krafft-gemäß befleißt/
Nur fliehen will die Mühe/
Der wird niemalen auch bekommen Sie.
9.
Der nicht versucht das Schwerdt/
Ist keines Sieges wehrt;
Die ausgestand'ne Schlacht
Den Kriegsmann ruchtbar macht:
Wer keiner Arbeit hold/
Wird sammlen wenig Gold/
Und wer verschmächt das Bier/
Der ist nicht werth zu trincken Malvasier. 7
10.
Zu der Erquickungs-Ruh'
Rufft Gott nur die hinzu/
So alles Trostes lähr/
Mit Creutz beladen schwär; 8
Wer hier will selig seyn/
Der muß dort leyden Pein/
Das zeuget in der Höll
Der reiche Mann/ 9 des Bacchus Tischgesell. 10
11.
Drumb ist es tröstlich mir
Zu leyden viel allhier/
Dann was mich hart da brennt/
Wird mir in Trost verwendt:
[209]
Das Leyden daurt nicht lang/
Ist nur ein Ubergang/
Nach kurtz-erlittnem Leyd
Folgt gähling ohne End die Himmels-freud. 11
12.
Nach ungeheurer Nacht
Die Morgenröht erwacht/
Erfreut die gantze Welt/
Die von der Nacht gequält/
Vertreibt des Hertzens Traur;
Nach Donner/ Blitz und Schaur
Laßt sehen sich alsdann
Der Regenbogen/ trostreich jedermann.
13.
Dem Winter folgt der Lentz/
Setzt auff die Freuden-Kräntz'/
Sein bunt-geblümmtes Kleid
Vertreibt das Winter-Läid;
Nach Unfall kommt das Glück/
Treibt das Unheil zurück/
Und trücknet ab den Schweiß/
Dem es gemacht zuvor sehr bang und heiß.
14.
Nach Wäinen folgt der Trost/
Der alle Qual hinstoßt:
Nach Krieges Wütterey
Macht sich der Fried herbey:
Nach ungestühmen Meer
[210]
Legt sich der Wellen-Heer:
Nach vielem Ungemach
Quällt endlich auch hervor der Nectar-Bach.
15.
Ich fühl auff Erden schon
Der Arbeit grossen Lohn/
Dann alles wird mir leicht/
Was ich zuvor gescheucht/
Mir wird in meiner Hand
Schon ring/ was ich befand'
Vorhero schwär zu seyn;
Die Liebe Gottes wirfft den Zucker drein.
16.
Die Creutz-Einbildung macht
Den Sonnenschein zur Nacht/
Es scheinet alles hart/
Was sonsten lind/ und zart;
Wer diese überwindt/
Viel anderst es befindt;
Was kan dem bitter seyn/
Der nur einmal versucht den Liebes-wein? 12
17.
Wann ich nichts anders hätt'/
Als nur das sanffte Bett/
Wo mein Gewissen ruht
In unverstörtem Muht/ 13
So könnt ich wohl mit Fug
Erfreuen mich genug;
[211]
Ach was für harte Sturm'
Entstehen nicht von dem Gewissens-Wurm!
18.
Wie plagt/ und nagt er nicht/
Wo er viel Sünde sicht!
Was macht er nicht für Pein/
Wo er genistet ein!
Wann sich zu Nachts im Hauß 14
Nur regt ein arme Mauß/
Wann nur ein Läublein sich
Bewegt/ so geht schon in das Hertz ein Stich.
19.
O wann ihr Menschen wißt/
Wie süß das Leben ist/
Wo das Gewissen frey
Der Sünden-Tyranney/
Und/ flüchtig von der Welt/
Allein an Gott sich hält/
Ihr wurdet heute noch
Ablegen das schmertzhaffte Sünden-Joch.
20.
Vor grosser Freud kan ich
Schier selbst nicht fassen mich/
Daß Gott mich aus dem Kaht
Der Sünd gerissen hat:
Ihm sey Danck/ Lob und Ehr/
Der mich geliebt so sehr/
Daß er durch allerhand
Beschwärnuß mich gebracht zu solchē Stand.

Fußnoten

1 Gelobte Land.

2 Templum honoris & laboris.

3 Der Hesperische Garten, Poët.

4 Umh kleine Trübsal ewige Glory. 2. Cort. 4. v. 18.

5 Deren Feinden des Creutzes Christi Ende ist der Undergang. Philipp. 3. v. 18.

6 Non coronnabitur, nisi legitimè etc. 2. Tim. 2. v. 5.

7 Dulcia non meruit, qui etc.

8 Venite ad me omnes. Matth. II. v. 28.

9 Luc. 16. v. 19.

10 Sauff-Gott. Poët.

11 S.P. Franciscus post regulam ad Fratres.

12 Cant. 2. v. 4.

13 Secura mens quasi juge convivium, Prov. 15. v. 15.

14 Terrebit eos sonitus solii volantis. Lev. 26. v. 36.

Der Clorinden dritter Theil[Es ist des Himmels Schluß][So bald der heiß-hungrige Bär][Satan sammt allen Gespenstern der Höllen][Das hat die Sünd][Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein
[Sie Lieb ist viel stärcker]Der Clorinden dritter Theil[Es ist des Himmels Schluß][So bald der heiß-hungrige Bär][Satan sammt allen Gespenstern der Höllen][Das hat die Sünd][Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[212] Der Clorinden dritter Theil/

In welchem vorgestellt wird der Freuden-Stand einer liebenden/ und mit Gott vereinigten Seelen/nach dem Spruch der geistlichen Braut.


Cant. 3. v. 4.


Da ich ein wenig für ihnen überkam'/ da fande ich den meine Seele liebet/ ich hab' ihne gefunden/ und will ihn nicht entlassen.

[213] [219]1. Der Himmlische Daphnis eröffnet der büssenden Seel seine grosse Lieb/ und nimmt sie zu seiner Liebhaberin an

Vulnerâsti cor meum, soror mea sponsa, vulnerâsti cor meum in uno oculorum tuorum, & in uno crine colli tui.

Cant. 4. v. 9.


Du hast mir das Hertz verwundet/ meine Schwester/ liebe Braut/ das Hertz hast du mir verwundet mit deiner Augen einem/ und mit einem Haar deines Halses.


1.
Sie Lieb ist viel stärcker/
Als Danaës Kärcker/ 1
Als alle der Erden
Jemal geweßte Riesen/
Weil von diesen
Man noch loß offt könnte werden;
Aber wo die Lieb
Heimlich/ wie ein Dieb/ 2
Die Hertzen der Menschen hat gebunden/
Wird die Kett' befunden/
Mehr als tausendfach
[219]
So/ daß ihr die Rach/
Und der Tod zu schwach. 3
2.
Diß müßte erfahren/
Der unter den Haaren
Die Stärcke getragen/
Und tausend Philisteer
Noch viel eher/
Als in einem Tag/ erschlagen; 4
Der den Löwen dort
Wehr-loß hat ermordt; 5
Die Pforten zu Gaza hingetragen/
Und mit vielen Plagen
Seine Feind gedemmt/
Von der Lieb gelämmt/
Endlich wurd gehemmt.
3.
Sie ist so gar meister
Auch über die Geister/
Die oben beysammen/ 6
Dann sie den Cherubinen, 7
Seraphinen
Zugesetzt mit heissen Flammen;
Thronen/ Herrschafft/ Gwalt
Sie gefangen halt/
Die Fürsten/ Ertz-Engl/ Engl/ Kräfften
[220]
Pflegen sie anzuhefften
An das Liebes-Band:
Es ist ja kein Stand
Frey von ihrem Brand.
4.
Die Lieb ist so mächtig/
Hochmühtig/ und prächtig/
Daß sie sich eindringet
So gar auch in den Reyen
Höchster Zweyen/
Und sie zu der Dreyheit zwinget/
Bindet uns zusamm
Mit sehr heisser Flamm/
Indem sie vom Vatter (zart gewehet) 8
Und von mir ausgehet
So/ daß auff dem Thron
Unter einer Cron
Sie die Dritt' Person.
5.
Die Lieb ist geschäfftig/
Tyrannisch/ und hefftig/
Hat auch so gar dörffen
Mich Gottes Sohn verwunden/
Und gebunden
In die Liebs-Gefängnuß werffen:
Dann/ als dorten Ich
Allzukümmerlich
Die Menschen im Elend hab erblicket/
[221]
Hat sie mich verstricket
Mit dem Liebes-Seil/
Daß ich umb ihr Heil
Mich gegeben feil.
6.
Hab' müssen auff Erden
Ein blöder Mensch werden/
Mit Fätschen/ und Windlen
Mich wegen ihrer Sünden
Lassen binden
Gleich den armen Adams-Kindlen/
Stracks darauff müßt' ich fort
Nach dem Nilus-Port 9
Als einer/ der mißgehandlet/ ziehen/
Vor Herodes fliehen/
Welcher ohn' Ursach
Voller Neid/ und Rach/
Mir gesetzet nach.
7.
Als ich aus Aegypten
Mit meinen Geliebten
Nach Nazareth kehrte/
Müßt' ich verächtlich leben/
Mich dem geben
In Gehorsam/ der mich nährte: 10
Ohne Kräfften noch
Müßt' ich an das Joch/
Der Himmel und Erden ich gezimmert/
[222]
Umb dein Heil bekümmert/
Müßte Herbergloß
Mich ergeben bloß
In der Armuht-Schoß.
8.
In vielen Trangsalen/
Und ängstigen Qualen/
In stätem Arbeiten
Müßt' ich die Zeit zubringen/
Mit nicht ringen
Wercken dir dein Heil bereiten;
Dreissig gantzer Jahr
Ich beschäfftigt war'
Mit allerhand kümmerlichen Wercken
Deine Seel zu stärcken/
Auff daß nemlich du
Möchtest kommen zu
Der gewünschten Ruh'.
9.
Drauff müßt' ich barfüssig
(Zu keiner Stund müssig)
Der Welt mich erklären
Und unerhört-viel leiden/
Alles meiden/
Was ein Tröstlein könnt' gebähren.
All mein Thun/ und Raht
War' ein Missethat;
Mit bösem wir haben es vergolten/
[223]
Meine Werck gescholten/
Ausgeruffen frey/
Daß nur Zauberey 11
Mein Beginnen sey.
10.
Sie haben mich endlich
Des Todes erkänntlich
Verfolget/ verhasset/
Und mir mit schlauen Worten
Aller Orten/
Wie die Schlangen auffgepasset;
Haben ihren Wuht/
Und verkehrten Muht
Vielfältig an meinem Leib verübet/
Auff das höchst betrübet/
Daß mit Blut so gar
Ich/ in Tods-Gefahr/
Ubernommen war'.
11.
Ich müßte gefangen
Darreichen die Wangen
Den Speychlen/ und Schlägen/
Und zu dem Tod erkennet/
Sturm-berennet/
Mich zu ihren Füssen legen: 12
Geißlen Dörner-Cron/
Grossen Spott/ und Hon/
[224]
Ja endlich das schwäre Creutz gar tragen/
Schwach zerfetzt/ zerschlagen
An den Creutzes-Pfal/
Hilff-loß überall/
Sterben voller Qual.
12.
Zu diesem mich triebe
Die grausame Liebe/
Die also gehauset
Mit meinem treuen Hertzen/
Daß vor Schmertzen
Auch der Sonnen hat gegrauset/
Welche ihren Schein
Gantz gehalten ein;
Die Felsen vor Unmuht sind zerspalten/
Gantz darfür gehalten/
Daß der jüngste Tag
Wegen meiner Plag
Würcklich sich zutrag.
13.
Nach dem ich ich verschieden/
War' noch nicht zu frieden
Die grausame Liebe/
Dann sie/ da ich gestorben/
Sich beworben/
Wie sie an mir noch übe:
Durch Longinus Hand/
Der sich da befand/
Durchstache mein Hertz mit solchem Trucken
[225]
Daß auch durch den Rucken
Gangen das Gewehr/
Wann es nicht so sehr
Selbst erschrocken wär'.
14.
Das Elend der Seelen
Mich machte erwehlen
Viel lieber zu sterben/
Als sie vor Augen sehen
In den gähen
Sünden-Fahl hilff-loß verderben:
Hab mit meinem Blut
Sie der Höllen-Glut/
Und aller Gefährlichkeit befreyet/
Mit der Gnad beschneyet/
Und so schön gemacht/
Daß mein Hertze lacht/
Wann ich sie betracht?
15.
Die frey sich befinden
Von tödtlichen Sünden/
Nach bestem Vermögen
Auch hüten vor den kleinen/
Mich als einen
Bräutigam zur Lieb bewegen:
Wer die Sünde flieht
Mein Hertz an sich zieht/
Gleich wie der Magnet anzieht das Eisen;
Diese Art der Weisen
[226]
Pfleg ich innerlich/
Wie ein Liebster sich/
Zu erzeigen mich.
16.
Wer hertzlich mich liebet/
In Tugend sich übet/
Und embsig befleisset
Den Hauffen meiner Ehren
Zu vermehren/
Mit Gewalt mich zu sich reisset:
Da muß ich dann seyn/
Und geschlossen ein
Mit hertzlicher Lieb vereinigt wohnen/
Seine Lieb belohnen
Auff ein solche Art/
Die nur der erfahrt/
Der mich liebet zart.
17.
Dergleichen Leut scheinen
Von Edelgesteinen
Der Tugend so prächtig/
Gleich wie die Tages-Böttin/
Farben-Göttin/ 13
Wann sie nun der Wolcken mächtig:
Diese weit vor Ihr
Wohlgefallen mir/
Weil nemlich ihr Schönheit nie verschwindet/
[227]
Standhafft sich befindet
Auch bey dunckler Nacht:
Dann der Tugend Pracht
Alles heiter macht.
18.
Wer seine Sünd' hasset/
Reumühtig verlasset/
Hat Gnade gefunden:
Dann wer mit Reu benetzet/ 14
Stracks verletzet
Mich mit tieffen Liebes-Wunden:
Seine Lieb ist gar
Ein verführend Haar/ 15
So meine Seel tausendfach gefangen/
Listig hindergangen/
Daß ich seiner Schoß/
Wär' ich noch so groß/
Nicht kan werden loß.
19.
Darumben so komme/
Mein schöne/ und fromme/
Clorinda/ nun deines/
Verlangens zu geniessen/
Einzuschliessen
Dein verliebtes Hertz in meines;
Ich bin nunmehr dein/
Du hingegen mein/
Auff ewig will ich mich dir vermählen/
Es soll dir nicht fehlen/ 16
[228]
Beyde wöllen wir
Seyn getreu/ ich dir/
Du hingegen mir.
20.
Vergesse ich deiner
So wil ich selbst meiner
Auch nicht mehr gedencken/
Viel minder meiner Knechten/ 17
Dir verschmächten/
All mein Gut und Reichthumm schencken
Meine Zung am Gaum 18
Kleben soll wie Schaum/
Wann jemal ich deiner soll vergessen/
Dann du hast besessen
Mein Gemüht so sehr/
Daß ich nimmermehr
Es von dir abkehr'.

Fußnoten

1 War von Eisen. Poët.

2 Amor vincit omnia.

3 Fortis, ut mors, dilectio. Cant. 8. v. 6.

4 Iudic. 15. v. 15.

5 Iudic. 15. v. 15. Iudic. 16. v. 3.

6 Alle Chör der Englen.

7 Cherubin. Seraphin. Thronen, Herrschafften/ Gewalt/ Fürstenthum/ Kräfften/ Ertz-Engel/ Engel.

8 Spiratus.

9 Aegypten.

10 St. Joseph.

11 Quoniam Beelzebub habet. Marc. 3. v. 33.

12 Conculcaverunt me inimici mei tota die: quoniam multi bellantes adversum me. Psal. 55. v. 3.

13 Vielfärbige Morgenröth.

14 In einem deiner Augen.

15 Mit dem Haar deines Halses. Cant. 4.

16 Osea 2. v. 19.

17 Psal. 136. v. 5.

18 Adhæreat lingua mea faucibus meis. Psal. 136. v. 6.

[Ist niemand allhier][Sie Lieb ist viel stärcker]Der Clorinden dritter Theil[Es ist des Himmels Schluß][So bald der heiß-hungrige Bär][Satan sammt allen Gespenstern der Höllen][Das hat die Sünd][Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[229] [233]2. Clorinda/ nunmehr in dem Stand der Liebe Gottes/erzehlet unter einem verblümten Verstand/ wie sie von dem Wein der Liebe Gottes wunderlicher Weise truncken worden

Introduxit me in Cellam vinariam, ordinavit in me charitatem.

Cant. 2. v. 4.


Er hat mich in den Wein-Keller geführt/ und die Liebe hat Er in mir geordnet.


1.
Ist niemand allhier
Verlassenen mir
Hilffreiche Hand zu reichen?
Ach lasset euch doch/
Ihr Wanders-Leut/ noch
Durch mein Geschrey erweichen!
Seht: wie ich so blöd/
Ohnmächtig/ und öd/
Mich selbst nicht mehr mag tragen:
Ich watte daher
So langsam/ und schwär/
Wie des Bootes Wagen. 1
2.
Vergessen der Zeit/
[233]
Von Hause so weit/
Muß ich mich hier benachten:
Darff heute nicht mehr/
Verspahtet so sehr/
Nach meiner Herberg trachten;
Zu diesem hab ich
Zu förchten auch mich
Vor streiffenden Gewilden
So/ daß ich mir muß/
Gantz übel zu Fuß/
Ein strenge Nacht einbilden.
3.
Besonders weil auch
Ich wider den Brauch
Darzu noch bin gantz truncken/
Zur Erden offt hin/
Wie leicht ich auch bin/
Vor Blödigkeit gesuncken:
Des süssen Weins voll
Bin worden so toll/
So sinnloß/ und verwirret/
Daß ohne Hilff ich/
Muß lägern da mich/
Nachdem ich weit verirret.
4.
Ich gienge heut früh'/
Voll sorglicher Müh'/
In Wald hinaus spatzieren/
An heimlichen Ort
[234]
Vertraulich alldort
Die Seuffzer auszuführen;
Bin kommen in Streit
Mit Echo so weit/
Daß ich mich gantz verlohren/
Indem ich bethört
Ihr Klagen gehört
Mit unverwendten Ohren.
5.
Und als sich der Tag/
Auff sinckender Wag
Nun allbereit befunden/
Da wurde ich/ satt
Des Klagens/ gantz matt/
Verletzt mit neuen Wunden;
Wolt' also mich aus
Der Dryaden Hauß/ 2
Zu mir selbst kommend/ würcken;
Hab' aber mich sehr/
Je länger je mehr/
Vertieffet in die Bürcken.
6.
Ich sahe mich umb/
Vor Unmuht sehr thumb/
Gleich den entwegten Botten;
Und kame gar bald/
Noch mitten im Wald/
Zu einer Wasser-Grotten;
[235]
Zu welcher ich schnell/
Von silberner Quell
Gereitzet/ hingegangen/
Mein durstiges Hertz/
So glüend/ wie Aertz/
Zu kühlen nach Verlangen.
7.
Und als ich nun mir
Mit Adams Geschirr
Zu trincken wolte schöpffen/
Da zoge zum Glück
Mich sachte 3 zurück
Ein Hirt bey meinen Zöpffen/
Und sagte; Ach nein:
Clorinda/ halt' ein/
Diß ist ein schädlichs Wasser/ 4
So eben jetzt hat
Mit seinem Unraht
Vergifft der Menschen-Hasser.
8.
Bey solchem Zustand
Mich hefftig befand'
Entrüstet/ und bestürtzet;
In meinem Entschluß
Wie Procrys im Schuß
Des Cephalus, verkürtzet; 5
[236]
Ich ware gar nach/
Als dieses ich sah'/
In grosser Angst ersticket/
Wann Daphnis mich nicht
Mit seinem Gesicht/
So ich erkennt'/ erquicket.
9.
Ich seuffzte/ und sprach'/
Ach Daphnis ach! Ach!
Mein Hoffnung/ und mein Leben!
Vor Schrecken/ und Freud
In diesem Gestäud
Muß ich den Geist auffgeben:
Er sprache/ Clorind'/
Dich rühig befind'/
Bey mir wirst du nicht sterben!
Das Leben vielmehr/
Und sondere Ehr
Von Daphnis heut erwerben.
10.
Da führte mich Er
Von dannen nicht fehr
In einen schönen Keller/
Und reichte dort mir
Ein göldnes Geschirr
Mit rohten Muscateller/
Mit sprechen: nehm' hin/
Lieb-durstige Binn/
[237]
Ein wenig dich zu laben/
Von diesem Getranck/
Wie sehr du auch kranck/
Wirst du Erquickung haben.
11.
Ich nahme es zart/
Nach höfflicher Art/
An meinen Mund zu setzen/
Die Lippen nur kaum
An jäsendem Schaum
Des rohten Saffts zu netzen:
Er sagte: der Wein/
Clorinda/ ist dein/
Du must ihn nicht verschmähen/
Du kanst dich gar nicht/
Wie etwann geschicht/
Der Hitze halb vergähen.
12.
Ich setze ihn an/
Hab eben gethan
Wie er es mir befohlen/
Und trinckte nach Lust
Der hitzigen Brust
(Bekenn es unverholen)
Es schleichte der Wein
So lieblich mir ein/
Daß ich nicht könnt' ablassen/
[238]
Biß nichtes schier gar
Darinnen mehr war'
Von dem sattlosen Nassen.
13.
Es hatte der Safft
So treffliche Krafft/
Daß ich gantz wurd erfrischet:
So lieblich war' er/
Als wann er gantz wär'
Mit Hyblen-Safft vermischet: 6
Vor diesem Getranck
Muß unter den Banck
Der edle Bacharacher/
Den jedermann nennt/
Der ihne nur kennt/
Den Lust- und Freuden-Macher.
14.
Desgleichen am Rhein/
Etsch/ 7Mosel/ und Meyn/
Niemalen ist zu finden:
Des Neckers Geschmack/
Verkrochen in Sack/
Muß bleiben weit dahinden:
Es weicht ihm auch weit/
Der sonsten die Leut
Bald singen macht/ und pfeiffen/
[239]
Den man erst einführt/
Wann alles gefrührt/
Und gut wird von dem Reiffen. 8
15.
Vernatscher/ Veldtlin-
Leutacher/Tromin-
Veldkirch- und Luethenberger/
Die sonsten nicht schlimm/
Seynd Wasser vor ihm/
Zu schätzen/ ja noch ärger:
Der Frantz-Wein so gar
Und Spannische Wahr
Ihm nicht seynd zu vergleichen:
Was gutes Engadd,
Und Candia hat/
Vor diesem müssen weichen.
16.
Der Malvasier auch
Ist saiger/ und rauch/
Safftloß der von Lagotten/ 9
So sinnlichen Wein
Hat Bacchus nicht ein-
Geführt aus seinen Trotten: 10
Auch Ganimed, satt
Des Götter-Weins/ hat
Desgleichen nicht verkostet/
Aus Perlen auch nie
So köstliche Brühe
Cleopatra gemostet.
[240] 17.
Er ware so gut
Zu machen den Muht/
Daß ich stracks räuschig wurde
So/ daß mir nunmehr
Ist worden zu schwer
Mein träge Leibes-Burde:
Worauff ich dann bin
Gesuncken dahin
Krafft-los vor Liebs-Ohnmachten:
Auffschreyend offt laut
Mit Himmlischer Braut:
Ich muß vor Lieb verschmachten.
18.
Als gegender Nacht
Ich endlich erwacht/
Und mich allein befunden/
Da ware mein Hertz/
(O liebreicher Schmertz!)
Verletzt mit Liebes-Wunden:
Ich machte mich auff
Mit Hirschischem Lauff/
Dem Daphnis nachzujagen:
Ach aber kein Haar
Zu sehen mehr war'/
Die Lufft hat ihn vertragen.
19.
Was solt'/ ich danun
[241]
Verlassene thun?
Wohin mich arme wenden?
All Hoffnung/ und Raht
Verlassen mich hat
An so hülfflosen Enden;
Ich nahme die Räiß
Durch manchen Umbkräiß/
Biß ich hieher gehuncken:
Nun lig' ich allhier
Ohn' alle Sinn schier
Von Liebe Gottes truncken.
20.
Ist niemand zu Land
Mir armen die Hand
Und treue Hülff zu reichen?
Ach lasset euch doch/
Ihr Wanders-Leut/ noch
Erbetten/ und erweichen!
Ach lasset mich nicht/
Wie öffter geschicht/
Auff offner Straß verderben!
Ich werde euch schon
Von Daphnis den Lohn
Der treuen Hülff erwerben.

Fußnoten

1 Ein langsames Gestirn am Himmel.

2 Aus dem Wald/ dann die Dryades seynd Wald-Göttinen.

3 Gelind.

4 Brunn der Wollust.

5 Cephalus hat sein Weib Procrys unwissend erschossen.

6 Honig. Hybla ist ein Berg/ auff welchem der beste Honig gesammlet wird.

7 Ein Wasser/ fleußt im Etschland.

8 Neiffwein.

9 Lagotter-Wein.

10 Torcklen.

[Wer kan mir sagen][Ist niemand allhier][Sie Lieb ist viel stärcker]Der Clorinden dritter Theil[Es ist des Himmels Schluß][So bald der heiß-hungrige Bär][Satan sammt allen Gespenstern der Höllen][Das hat die Sünd][Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[242] [246]3. Clorinda wegen Abwesenheit ihres Himmlischen Daphnis gantz unruhig/ sucht denselben an allen Orten

Indica mihi, quem diligit anima mea, ubi pascas, ubi cubes in meridie, ne vagari incipiam post greges sodalium tuorum.

Cant. 1. v. 6.


Sage mir an/ du/ den meine Seele liebet/ wo du weydest/ wo du ruhest im Mittag/ daß ich nicht hin und her gehn müsse nach den Herden deiner Gesellen.


1.
Wer kan mir sagen/
Wo Daphnis sich
Hab' hingeschlagen
Mit seinem Wollen-Vieh?
Ich bin vor Liebe kranck/ und schwach/
Ach aber ach!
An keinem Ort der Winden
Weiß ich Ihn mehr zu finden!
2.
Sag' mir/ mein Leben/
Dem meine Seel
[246]
Gantz ist ergeben/
Was für ein' dunckle Höhl
Halt neidig dich geschlossen ein?
Wilst du dann seyn
Zu Mehrung meiner Sorgen
Vor mir so lang verborgen?
3.
Als Saul alldorten 1
Erlegen schier
An allen Orten
Auffsuchte seine Thier/
Hast du durch den Propheten ihn
Geleitet hin/
Wo er in wenig Stunden
Die Maulthier hat gefunden.
4.
Der Magdalenen
Hast dich gezeigt: 2
Wilst meinen Thränen
Dann bleiben ungeneigt?
Die mich frühe suchen finden mich: 3
(Seynd deine Sprüch')
Wie wilt du der Clorinden
Dann weigern/ dich zu finden?
5.
Sag'/ was für Heyden
Beziehest du?
[247]
Wo wirst du weyden
Zu der Mittages-Ruh? 4
Damit ich nicht geh hin und her
Weit in die Fehr
Nach deiner Hirten Herden
Mit ängstigen Beschwerden.
6.
Als des Narcissen
Liebhaberin 5
Sich lang beflissen
Irgends zu finden ihn/
Ist endlich nach vergebner Mühe
Gesuncken sie/
Und/ weil er sie verachtet/
Vor Traurigkeit verschmachtet.
7.
Ihr Leib verkehret
In einen Stein
Ligt jetzt bethöret/
Die schwache Stimm/ allein
Noch übrig/ klagt durch Berg/ und Thal
Ihr Liebes-Qual/
Kan aber auff der Erden
Nicht mehr getröstet worden.
8.
Als dort Oenone
Den Paris hatt' 6
Gesucht/ und ohne
[248]
Denselben worden matt/
Hat endlich sie in Uberfluß
Der Kümmernuß
Zu Clotho sich gewendet/ 7
Den Faden selbst vollendet.
9.
Wer ohne Finden
Muß suchen lang/
Dem wird geschwinden
Vor grossem Liebes-Zwang:
Hat Dido nicht den Tod erwehlt/
Sich selbst gefällt?
Die Lieb ist gar unärtig/
Will stäts seyn gegenwärtig.
10.
Will nicht verwiesen/
Nicht seyn veracht/
Zeigt gegen diesen
Ein Herculische 8 Macht/
Wo sie einmal geschlichen ein/
Da will sie seyn/
Und solte sich entgegen
Enceladus 9 auch legen.
11.
Evadne rennte
Mit vollem Rann/
Als man verbrennte 10
[249]
Ihr den verstorbnen Mann/ 11
Und stürtzte sich vor Liebes-Hitz/
Gantz ohne Witz
Mit in des Ehemanns Flammen
Zu bleiben stäts beysammen.
12.
Ich auch desgleichen/
O Daphnis, nicht
Von dir will weichen/
Weil grösser meine Pflicht:
Will sterben hertzlich gern mit dir/
Wann du nur mir
Vergönnest dich zu finden
Vergessend meiner Sünden.
13.
Was aber frage
Ich immerzu/
Wo zu Mittage
Du habest deine Ruh'?
Das Creutz ist deine Ligerstatt/
Wohin gantz matt 12
Mit hertzlichem Verlangen
Zu ruhen bist gegangen.
14.
Ich kan nicht irren/
Dort auff dem Berg 13
Der bittern Myrrhen
[250]
Am Holtz/ so überzwerg/
Werd ich dich finden ohne Krafft/
Wo du schmertzhafft
In mitten scharffer Waffen
Vor Lieb in Gott entschlaffen.
15.
Da find' ich Schatten
Bey grosser Hitz/
Wann mich abmatten
Die Forcht- und Kummer-Blitz'/
Da wird mich/ wann mein Hertz gantz trüb/
Dein' grosse Lieb
Mit deinen allergrösten
Angsthafftigkeiten trösten.
16.
Wann ich betrachte/
Wie dich/ ô Gott/
Mein Hochmuht machte
Vor aller Welt zu Spott/
So weiß ich nicht/ wie daß ich soll/
Der Sünden voll/
Hergehn in Gold/ und Seyden/
Kein Unehr wöllen leyden.
17.
Wann ich erwäge/
Wie schmertzlich dich
Die Streich/ und Schläge
Ankommen seynd für mich
Wie du verwundet allerseits/
[251]
So muß mein Creutz
Vor deinem Creutz sich schämen/
Mich zur Gedult bequämen.
18.
Was kan mich schmertzen/
Wann deine Qual
Ich führ' zu Hertzen/
Die ohne Maß/ und Zahl?
Solst du dann leyden nur allein/
Ich frölich seyn?
Wie kan sich das wohl schicken/
Ich lachen/ du ersticken?
19.
Wann ich dich liebte/
Ich billich auch
Mit dir gern übte/
Was mühelich/ hart/ und rauch;
Bin oder besser ich/ als du?
Wer glaubt es nu?
Wer ohne Creutz dich liebet/
Sehr weit dich von sich schiebet.
20.
So will ich ziehen
Dem Berge zu/
Das Creutz nicht fliehen
Dem Leib zu schaffen Ruh';
Dein Joch ist süß/ die Burd ist leicht: 14
Wer es nicht scheucht/
Und selbst sich überwindet/
Dich/ und die Ruh bald findet.

Fußnoten

1 1. Reg. 9.

2 Ioan. 20. v. 16.

3 Prov. 8. v. 17.

4 Cant. 1. v. 6.

5 Echo.

6 Parthanius in Eroticis. c. 4.

7 Zum Tod/ hat sich selbst entleibt.

8 Risen-Macht.

9 Ein grosser Niß.

10 Ovid. lib. 3. de arte.

11 Den Capaneus.

12 Cornel. à Lapide hic Cant. 1. v. 6.

13 Calvari-Berg.

14 Matth. II. v. 30.

[Mein Liebster ist][Wer kan mir sagen][Ist niemand allhier][Sie Lieb ist viel stärcker]Der Clorinden dritter Theil[Es ist des Himmels Schluß][So bald der heiß-hungrige Bär][Satan sammt allen Gespenstern der Höllen][Das hat die Sünd][Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[252] [256]4. Clorinda/ ihren Himmlischen Daphnis, welcher in den Garten hinunter gestiegen/ suchende/ kommt in Erkanntnuß/ daß es kein irrdischer Wollusts-Garten/wo er die Gilgen sammle/ sondern die Seel eines keuschen Menschen sey

Dilectus meus descandit in hortum suum ad areolas aromatum, ut pascatur in hortis, & lilia colligat.

Cant. 6. v. 1.


Mein Geliebter ist hinab gegangen in seinen Garten zu den Wurtz-Gärtlein/ daß Er sich wäide in den Gärten/ und breche Rosen.


1.
Mein Liebster ist
Ohn mein Erwarten
Hinab in seinen Garten/
Eh' ich was von gewißt;
Nun kan ich höchst-beflissen
Ja nicht wissen/
In welchem ungefehr
Zu finden Er/
Dann weil der Gärten viel/
Ist ungewiß das Ziel.
2.
Wo soll ich hin
Den Weg dann nemmen?
Zu was Schluß mich bequemen?
[256]
Weil ich gantz weisloß bin;
Er ist auch nicht nach Hyblen, 1
Wegen üblen
Zugangs/ als welcher streng/
Mühsam und eng:
Das Immenkraut ist je
Nicht werth so grosser Mühe.
3.
Hymettus 2 auch/
Der manchen wäinen
Gemacht mit seinen Steinen/
Ist viel zu hart/ und rauch;
Er kan den Honig haben
Ohne Waben
Aus der Melissen Hand 3
Auff flachem Land:
Er selbst der Honig ist 4
Wer seinen Namen lißt.
4.
Cantaon 5 zwar
Ist worden ruchtbar/
Daß es beglückt/ und fruchtbar
Dreymal in einem Jahr/
Ziecht doch mit solchen Früchten
Auff mit nichten/
Wie Daphnis, welcher selb 6
[257]
(Zum Schnitt gantz gelb)
Ein solches Brot/ und Wein/
So nicht könnt' edler seyn.
5.
Er hat auch nicht
Nach des so zarten
Adonis 7 Blumen-Garten
Sein Hertz/ und Gang gericht/
Dann Er von Davids Stammen 8
Bestem Samen
Entsprossen eine Blum/
Als die den Ruhm
Von wegen edler Saat
Vor allen Blumen hat.
6.
Er geht nicht mehr
Allwo die Diebe warten
Auff der Susannen Ehr; 9
Wo man die keusche Gilgen
Will vertilgen;
Wo man die Rosen bricht/
Da bleibt er nicht;
Er pflegt nicht hinzugehn/
Wo welcke Blumen stehn.
7.
Ist Zweiffels ohn'
Auch nicht gegangen
[258]
Nach Garten/ die dort hangen 10
Erhöcht zu Babylon;
Er förcht/ sie möchten knallen/
Gar einfallen;
Wo man in Lüfften hangt/
Stoltziert/ und prangt
Mag seine Demuht nicht
Hinwenden ihr Gesicht.
8.
Er wird nicht gehn/
Glaub' ich/ desgleichen
Nach dem durchaus Gold-reichen
Feld der Hesperiden; 11
Wo sich der Geitz befindet/
Da verschwindet
Er stracks im Augenblick/
(Geitzhals erschrick')
Gott/ und Mammona 12 seynd
Zwey abgesagte Feind'.
9.
Die Flora kan
Kein Oertlein zeigen/
Ob alles schon ihr eigen/
Wo er zu treffen an:
Dann weil die Blumen welcken/
Und versälcken
Offt/ eh' die erste Nacht
Herzu sich macht/
[259]
So hält er solche Ding
Für sich viel zu gering.
10.
Obschon der Pfön
Sammt den Etesen 13
Den Garten der Farnesen 14
Zu Rom beblümet schön:
Und sich die Wunder-Affen
Dort vergaffen
An mancher Seltsamkeit
Insonderheit/
Weil dorten der Fürwitz
Bekommen seinen Sitz.
11.
So kan die Kunst
Verstorbner Händen/
Die gähling pflegt zu schänden
Ein' unverhoffte Brunst/
Den Daphnis nicht bewegen
Nach zu hegen:
Einfalt/ und Demuht kan
Ihn ziehen an:
Die Lieb Ihn stärcker hält/
Als alle Kunst der Welt.
12.
Ist Er vielleicht
Dahin gegangen/
Wo süsse Trauben hangen/
[260]
Die man dem Mett vergleicht?
Wo bey den Safft-Rubinen/
Gleich den Binnen/
Man sich in Wollust setzt/
Und stäts ergetzt?
Wo man ist immer naß/
Hat Daphnis keinen Spaß.
13.
Die Nüchterkeit
Ist bey den Keuschen/
Die Geilheit bey den Räuschen
Sammt der Vermessenheit; 15
Viel Wein/ und geile Weiber
Seynd die Räuber
Der Weißheit/ und Andacht: 16
Enthalten macht
Gottsförchtig/ klug/ und weiß/
Führt zu dem Paradeiß.
14.
Ist er dann hin
Vielleicht gegangen/
Wo man mit Spieß- und Stangen 17
Zum Tod geführet ihn?
Ach nein/ dann wo den Frommen
Wird genommen
Mit Unrecht Ehr/ und Gut
Sammt Schweiß/ und Blut/
[261]
Wo es geht Jüdisch her/
Da will nicht bleiben Er.
15.
Wo wird Er doch
Dann seyn zu finden?
Ach sagt es der Clorinden/
Die es verlangt so hoch!
Sagt mir mit wenig Worten/
An was Orten
Er anzutreffen sey?
Auff daß ich frey
Der Sorg- und Kummers-Qual
Ihn finden mög einmal.
16.
Nun merck' ich schier/
Wo Er seyn werde/
Nemlich bey seiner Herde/
Die gar nicht weit von hier: 18
Er pflegt auff wilden Heyden
Nicht zu weyden/
Will nur auff fettem Land/
Wo allerhand
Gewürtz/ und Blumen stehn/
Sich stäts zu weyden gehn. 19
17.
Wie man erfahrt/
Ihm doch vor allen
Die Lilien wohl gefallen/
[262]
Wann sie von guter Art/
Der wilden ist er aber
Kein Liebhaber/
So Gilgen nur allein
Seynd nach dem Schein/
Auswendig weiß wie Blust/
Inwendig voller Wust.
18.
Des Menschen Hertz
Ist sein Lustgarten/ 20
Wann es geblümt (von Arten
Der Tugend) wie der Mertz:
Da will Er seyn/ und bleiben/
Kurtzweil treiben/ 21
In solchen Garten will
Er in der Still
In hoch-erwünschter Ruh'
Die Täge bringen zu.
19.
Absonderlich
Wo die Gold-reine/
Nicht allenthalb gemeine/
Keuschheit befindet sich/
Da pflegt er sich zu weyden
Ohne scheiden;
Da sammlet er gantz rein
Die Gilgen ein:
[263]
Da ist sein Bett geblümt: 22
Wie er sich dessen rühmt.
20.
So will ich dann
Nun seyn beflissen/
Mit Lilien/ und Narcissen
Mein Hertz zu füllen an:
Ich will an Tugend grünen/
Zu verdienen/
Daß ich der Garten sey/
Allwo er frey
Ohn' alle Scheuh einkehr'
Zu scheiden nimmermehr'.

Fußnoten

1 Hybla ein Blumen-Berg in Sicilia

2 Ein Blumen-Berg in Africa.

3 Metissa hat den Honig erfunden/ in ein Immlein verwandlet. Poët.

4 In ore mel mirificum. S. Bern. in suo lub.

5 Ein Stadt in Indien, Melchior Nuguez Soc. Iesu 1555.

6 Ich bin das lebendige Brot. Ioan. 6. v. 51. Mein Blut ist wahrhafstig ein Tranck. v. 56.

7 Adonis ein Wollust-liebender König in Cypren.

8 Isa. 11. v. 1. aus der Wurtzel Iesse.

9 Dan. 13.

10 Horti pensiles.

11 Ein Garten/ worinnen göldene Früchten waren,Poët.

12 Gott der Reichthumm. Matth. 6. v. 24.

13 Sanffte Blumen-Wind'.

14 Ein Welt-berühmter Garten/ deren Farnesischen Fürsten zu Rom.

15 Prov. 20. v. 1.

16 Eccles. 19. v. 2.

17 Gethsemani.

18 Vt pascatur in hortis.

19 Ad areolas aromatum, ut colligat lilut.

20 Præbe, fili mi, Cor tuum mihi. Prov. 23. v. 26.

21 Prov. 8. v. 31.

22 Lectulus noster floridus. Cant. 3. v. 15.

[Hinweg mit allem Pracht][Mein Liebster ist][Wer kan mir sagen][Ist niemand allhier][Sie Lieb ist viel stärcker]Der Clorinden dritter Theil[Es ist des Himmels Schluß][So bald der heiß-hungrige Bär][Satan sammt allen Gespenstern der Höllen][Das hat die Sünd][Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[264] [268]5. Clorinda die Schönheit ihres himmlischen Bräutigams betrachtende/ befindet/ daß alle Schönheiten dieser Welt nur Kaht gegen Ihme seyen

Dilectus meus candidus, & rubicundus, electus ex millibus.

Cant. 5. v. 10.


Mein Geliebter ist weiß/ und roht/ auserkohren unter viel Tausenden.


1.
Hinweg mit allem Pracht
Der menschlichen Schönheiten/
Weil all ihr Glantz
Nichts ist/ als eine Nacht
Von den Gebrechlichkeiten
Verfinstert gantz;
Wo Daphnis zeigt sein Angesicht/
Besteht so gar auch Phœbus 1 nicht.
2.
Vor seiner Schönheit muß
Der tolle Turnus 2 weichen/
Alexis 3 ist
Nur gegen ihm ein Ruß/
Der Tamyras 4 desgleichen
[268]
Nur Kaht/ und Mist:
Der schöne Käiser Friderich 5
Vor ihm muß weit verkriechen sich.
3.
Des Josephs Leibs-Gestalt/
Ein Wunder in Aegypten/ 6
So lieblich war'/
Daß ihne manigfalt
Die Heyden selbst auch liebten/
Und also zwar/
Daß er zur Unehr offt begrüßt
Gar mit der Flucht sich schützen müßt.
4.
Es ware Jonathas
Mit edlen Schönheit-Gaaben
Beglückt so zart/ 7
Daß ihn' ohn' Underlaß
Die Menschen wolten haben
In Gegenwart:
Als welcher in dem Schönheit-Streit
Die Weiber übertroffen weit. 8
5.
Es ist ja Absolon 9
Schier gar ein Gott gewesen
An Leibs-Gestalt/
Wann ihn Timanthes 10 schon/
[269]
Ein Künstler auserlesen/
Hatt' abgemahlt:
So hätt' er seine Schönheit doch
Nicht/ wie sie war'/ gebracht so hoch.
6.
Adam, das Meisterstück
Selbst eigner Händen Gottes/
War' also schön/
Daß Hyas 11 weit zuruck/
Als nur ein bleich- und todtes
Bild/ müßte stehn:
Wie solte Gott selbst haben nicht
Gemacht das schönste Angesicht?
7.
Doch waren diese all'
Nichts/ als farblose Schatten
Ohn allen Schein/
Die gegen dem Crystall
Ein solche Gleichheit hatten/
Wie Kisel-Stein;
Wie scheinend Holtz bey dunckler Nacht
Zu dem gantz vollen Sonnen-Pracht.
8.
Daphnis, des Höchsten Sohn/
Ist weit der Schönste under
Der Menschen Zahl/ 12
Ab welchem Sonn/ und Mond
[270]
Erstaunen gantz vor Wunder
Am Sternen-Saal;
Er ist das wahre Liecht allein/
So allen andern gibt den Schein.
9.
Er ist das Freuden-Licht/
Dem stäts die Flügel-Knaben 13
Seynd zugethan/
Als wessen Angesicht
Sie groß Verlangen haben
Zu schauen an: 14
In welchem auch insonderheit
Gegründet ihre Seligkeit.
10.
Mein Liebster roht/ und weiß
Hat mir mein Hertz verletzet
So/ daß auff ihn'
Ich nun mit höchstem Fleiß 15
All meine Lieb gesetzet
So lang ich bin/ 16
Er ist allein/ dem ich vermähl'
Auff ewig mein' verliebte Seel.
11.
Er ist viel weisser/ als
Der Schnee/ so erst gefallen
Zu Winters Zeit;
Es muß der Esther Hals/ 17
[271]
Gezieret mit Corallen/
Ihm weichen weit/
Dann er ist seines Vatters Glantz/ 18
Und Bildnuß/ so ihm ähnlich gantz.
12.
Weiß ist Er von Unschuld/
Weiß von der allerhöchsten
Leibs-Reinigkeit/
Bey welchem sich der Huld
Ein jeder kan getrösten/
Der allbereit
Schon ihm die Reinigkeit auffweißt/
Derselben oder sich befleißt.
13.
Roht ist Er von der Lieb/
So Er/ den Dritten wehend/ 19
Zum Vatter trägt/
Roht: wann er Kummer-trüb
Offt einer Seel nachgehend
Sie nichts erhägt.
Roht: weil er mit erhitztem Muht
Für uns vergossen all sein Blut.
14.
Er ist der schön geziert
In rohten Kleidern pranget 20
[272]
Von Bosra her/
Der sich im Läid verliert/
Wann man der Welt anhanget
Gantz Tugend-lähr;
Er ist der sich (vor Lieb gantz roht)
Für uns gegeben in den Tod.
15.
Drumb ist er auserwehlt 21
Vor allen Menschen-Kindern/
So je gelebt/:
Den man hoch billich hält/
Weil er weit von den Sündern
Von Gott erhebt;
Dann er/ von schöner Lieb erhitzt/
Nun zu des Vatters Rechten sitzt.
16.
Wer wolte ihn dann nicht
Vor aller Welt erwehlen/
Der also schön/
Daß auch die Sonn ihr Liecht
Vor ihme muß verhölen/
Und dunckel stehn?
Wer einen solchen Bräutigam 22
Nicht liebt/ verflucht er ist/ als Cham. 23
17.
Ich will der Chloris gern
Den Neleûs überlassen/
Mit ihm nur fort:
[273]
Die Phyllis heur/ und fern
Mag auff den Liebsten passen 24
Betrübt alldort.
Ich lasse gern Caßiope 25
Mit Cepheûs tretten in die Eh'.
18.
Nun fort mit euren schon
Verfaulten Staub/ und Aschen.
Liebt immer sie/
Umb einen Coridon, 26
Der sterblich/ werd' ich waschen
Die Wangen nie:
Daphnis mein eintzige Begierd 27
Auff ewig mich erfreuen wird.
19.
Wie muß man förchten nicht
Bey wahrer Lieb das Scheiden
Ohn' Underlaß
So/ daß offt schier zerbricht
Das Hertz/ indem stäts beyden
Die Augen naß:
Coresus, und Calirrhoë 28
Bezeigen uns des Scheidens-Weh'.
20.
So will dann lieben ich
Nichts/ was da ist zerstörlich
Auch übernacht/
Nichts: was nur schmertzlich mich
[274]
Betrübt/ und unauffhörlich
Erseufftzen macht:
Will lieben/ der mich ewig liebt/
Und durch kein Scheiden mehr betrüb'.

Fußnoten

1 Die Sonn.

2 Ein schöner Mann Virg. l. 6. Æneid.

3 Ein schöner Knab. Virg. Bucc. Ecl. 2.

4 Ein schöner Poët Völat lat. lib. 10. Antrop.

5 Hertzog von Oesterreich/ nachmalen Käyser. Cuspinianus. A.D.

6 Genes. 39. v. 6.

7 v. 12. ib.

8 2. Reg. 1. v. 26.

9 2. Reg. 54. v. 25.

10 Ein fürtrefflicher Mahler. Plin. 1. 35. c. 9.

11 Ein Sohn des Königs Atlantis, sehr schön von Gestalt.

12 Psal. 44. v. 3.

13 1. Pet. 1. v. 12.

14 D. Thom. 12. q. 3. a. 4.

15 Das ist in Ewigkeit.

16 Psal. 103. v. 33.

17 Esth. 2. v. 15.

18 Sap. 7. v. 26. Hebr. 1. v. 3. Hieron. Greg. Cassiod. Beda.

19 Den H. Geist.

20 Hieron. in Isa. 53. Greg. hic, & in Psal. 4. Pœnit. Isa. 63. v. 1.

21 Vor viel tausenden auserwehlt. Cant. 5. v. 10.

22 1. Cor. 16. v. 22.

23 Gen. 9. v. 2. 3.

24 Demophoon.

25 Alle verliebte Persohnen.

26 Liebhaber.

27 Oseæ 2. v. 19.

28 Haben sich beyde umbgebracht. Paus. in Achaicis.

[Wie pflegt verdiebt][Hinweg mit allem Pracht][Mein Liebster ist][Wer kan mir sagen][Ist niemand allhier][Sie Lieb ist viel stärcker]Der Clorinden dritter Theil[Es ist des Himmels Schluß][So bald der heiß-hungrige Bär][Satan sammt allen Gespenstern der Höllen][Das hat die Sünd][Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[275] [280]6. Clorinda beklagt sich/ daß ihr Himmlischer Daphnis bey ihr nicht eingekehrt/ vermerckt aber/ daß die Welt-Sorgen/ welchen sie noch nicht völlig abgesagt/ wie auch/ daß Er seine Liebhaber bißweilen mit der Verlassenheit zu prüfen pflege/ dessen Ursach sey

Pessulum ostii mei aperui Dilecto meo, at ille declinaverat, atque transierat,

Cant. 5. v. 6.


Da ich meinem Geliebten den Riegel meiner Thür auffgethan hatte/ war' Er hinweg/ und hingegangen.


1.
Wie pflegt verdiebt
Nicht immer mit vielen
Die Liebe zu spielen/
Insonderheit wann
In hefftigem Brann
Die Menschen seynd verliebt?
Sie schärfft nur immerzu/
Und räizet das Verlangen
Laßt aber schmertzlich hangen
Die Hertzen in Unruh'.
[280] 2.
Diß Jacob hat' 1
Erfahren auch müssen
Nicht ohne Verdriessen/
Als ihme zur Burd'
Getrungen auff wurd' 2
Lea an Rachels-statt/ 3
Mit vielem Streit/ und Zanck
Die Rachel müßt erwerben
So/ daß er von dem herben
Verlangen/ offt schier kranck.
3.
Ich hab die Thür
Gelassen was offen
Mit gantzem Verhoffen
Mein Daphnis werd' auch/
Nach seinem Gebrauch/
Heut kehren ein bey mir/
Er aber/ läider! ist
Vorüber sacht' geschlichen/ 4
Gantz heimlich abgewichen
Als einer/ der entrüst!
4.
Es macht die Sach
Nicht ohne Bekräncken
Mir schwäres Nachdencken/
Indem Er sonst nie
Wie spat es auch je/
[281]
Verschmächt mein armes Tach:
Was muß die Ursach seyn/
Daß Er heut ausgeblieben?
Hab' ich Ihn dann vertrieben?
O Schmertz/ O Qual/ O Pein!
5.
Als in dem Meer
Leander gesuncken/
Armselig ertruncken/
Und nimmer verrucht
Die 5 Liebste besucht/
Hat es sie kränckt so sehr/
Daß in den Hellestont 6
Sie eylends sich gestürtzet/
Das Leben ihr verkürtzet
Des Schmertzens ungewohnt.
6.
Wie kan dann ich
Von Atropos-Ketten 7
Nunmehro mich retten/
Wann Daphnis nicht meh
Mit seinem Einkehr
Forthin wird trösten mich?
Ich will ja tausendmahl
Eh-zeitig lieber sterben/
Als Hoffnung-los abserben
In stäter Liebes-Oual!
[282] 7.
Man sagt/ ein Löw/ 8
Der Wunden genesen/
Sey nachmals gewesen
Aus Viehischem Raht
Nach schlechter Gutthat
Dem Artzten also treu/ 9
Daß er auff dessen Grab/
Der ihn zuvor geheilet/
Die Nahrung mitgetheilet/
Sich todt geheulet hab'.
8.
O treues Thier!
Soll meine Lieb deiner
Dann weichen/ und kleiner
Zurücke weit stehn/
Nicht trauren umb Den/
Der gar vermählt mit mir!
Soll minder ich betrübt
Dann seyn umb Den/ der sterbend'/
Am Creutz mein Heyl erwerbend'
Mich mehr/ als sich/ geliebt?
9.
Ach nein/ O Gott!
Ich lasse den Löwen
Mit seiner so trewen
Vergeltung mir nicht
Zu einem Gedicht
[283]
Erweisen solchen Spott:
Niemand soll diese Schmach/
(Ich hab so schlecht geliebet/
Daß ich mich nicht betrübet
Umb Daphnis) sagen nach.
10.
Wann Er mich solt'
Hinfüro verschmähen/
Nicht lassen mehr sehen
In meinem Hauß sich/
Vor Traurigkeit ich
Zu tod mich wainen wolt';
Mit Myrrha 10 wolt' ich seyn
Bald in den Baum verkehret
Der vast niemahl auffhöret
Zu zähern seine Pein.
11.
Wo Daphnis nicht
Sich würcklich befindet/
Gleich alles verschwindet/
Was tröstlich je war'/
Unlustig so gar
Wird auch des Tages-Licht/
Und wo er sich auffhält/
Da ist der Trost vollkommen/
Wird alles hingenommen/
Was sonsten schmertzt und quält. 11
[284] 12.
Wie kanst du doch/
O Daphnis mich hassen/
So gähling verlassen/
In dem du doch mir
Unlängsten allhier
Verpflichtet dich so hoch!
Ist das die Liebes-Art/
Daß man so bald abbauet/
Versagt die Gegenwart! 12
13.
Ich halt' darfür/
Ich hab mich verschossen
(So Daphnis verdrossen)
Weil nemlich ich heut
Eröffnet zu weit
Den Rigel meiner Thür:
Des Menschen Hertz soll seyn
Ein gantz verschloßner Garten/ 13
Wo niemand zu erwarten/
Als eintzig Er allein.
14.
Merckt diese Lehr/
Ihr keusche Jungfrauen/
Nicht leichtlich zu trauen;
Ach stosset der Thür
Die Rigel doch für/
[285]
Wann lieb euch eure Ehr:
Ein Hauß/ so immerdar
Auch bey der Nacht steht offen/
Nichts anders hat zu hoffen/
Als eine Diebs-Gefahr.
15.
Weil/ läider! ich
Mit etwas Verlangen
Noch schwanger gegangen/
Und dessen nicht gar
Entäusseret war'/
Hat Er gemeydet mich:
Er/ wie die Arch/ kan nicht
Bey sich den Abgott 14 leyden/
Er pflegt das Hertz zu meyden/
Wo Er Mitfreyer 15 sicht.
16.
Zu dem pflegt Er
Die Liebe der Hertzen
Durch Kummer/ und Schmertzen
Zu prüfen/ ob man
Beständig auch dann/
Wann man des Trostes lär?
Es aßt sich durch kein Weh'
Die wahre Lieb zertrennen/
[286]
Das gabe zu erkennen
Gar schön Penelope. 16
17.
Und wann offt schon
Sich Daphnis erzeiget
Sehr übel geneiget/
Als wann Er nunmehr
Erzörnet/ sich fehr
Gemachet hätt' darvon;
Bleibt Er doch an der Thür/ 17
Und schaut/ wann dein Hertz bitter/
Heimlich durch das Gegitter
Mitleidenlich herfür.
18.
Als Daphnis dort
Der frommen Cathrinen
Von Senis erschienen/
Als welche sehr lang
Durch Beriths 18 Bezwang
Geängstigt fort und fort:
Sagt sie; wo waret Ihr/ 19
Mein Herr/ in meinem Schmertzen?
Er sprach: in deinem Hertzen/
Und halffe streiten dir.
[287] 19.
So will ich ihn
Dann nimmer verdencken/
Noch hefftig mich kräncken/
Ob schon Er mir nicht
Stäts tröstlich zuspricht/
Wann ich betrübet bin:
Genug ist es/ wann Er
Mich nur nicht gar verlasset/
Als eine Feindin hasset/
Wie ich es würdig wär'.
20.
Ich will fünfffach 20
Die Thüren verriglen/
Ja gar sie versiglen/
Auff daß mir kein Dieb
Durch weltliche Lieb
Mein Hauß verdächtig mach';
Damit Er die Clorind'
Allein in ihrem Zimmer
Den Dagon 21 aber nimmer
In ihrem Hertzen find'.

Fußnoten

1 Gen. 29.

2 vers. 25.

3 vers. 25, 26.

4 Cant. 5. v. 6.

5 Die Ero.

6 Das enge Meer zwischen Sest und Abidus, nicht weit von Constantinopel.

7 Von dem Tod.

8 Sophronius in Prato Spir. c. 107.

9 Dem H. Abbt Gerasimus, der ihme einen Dorn aus den Klawen gezogen. Sophron. in Prato spir. c. 107.

10 Myrrha ist vor Läid in einen Myrrhen-Baum verwandlet worden. Ovid. 10. Met. Poët.

11 Thom. de Kemp. lib. 2. c. 8. v. 11.

12 Thom. de Kemp. lib. 2. c. 8. v. 1.

13 Hortus conclusus Cant. 4. vers. 12.

14 1. Reg. 5. v. 3. & 4. Dagon.

15 Mitbuhler.

16 Die Frau Vlißis, welche 20. Jahr dem abwesenden Mann getreu verblieben.

17 Prospiciens per cancellos. Cant. 2. v. 9.

18 Geist der Unremigkeit.

19 Valent, Leuchtius in vitu SS. 29. April.

20 Die. 5. Sinn.

21 Welt-Sorgen/ dann Dagon heißt Geträid/ und Fisch.

[Was kan doch auff Erden][Wie pflegt verdiebt][Hinweg mit allem Pracht][Mein Liebster ist][Wer kan mir sagen][Ist niemand allhier][Sie Lieb ist viel stärcker]Der Clorinden dritter Theil[Es ist des Himmels Schluß][So bald der heiß-hungrige Bär][Satan sammt allen Gespenstern der Höllen][Das hat die Sünd][Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[288] [292]7. Clorinda erfreuet sich/ und frolocket sehr/ daß der Himmlische Bräutigamm ihr so trostreich zu Hertzen redet

En Dilectus meus loquitur mihi: Surge, Propera, amica mea, columba mea, formosa mea, & veni.

Cant. 2. v. 10.


Sehe/ mein Geliebter spricht zu mir: Steh' auff/ meine Freundin/ und mache dich auff herzu/ meine Daub/ meine Schöne/ und komme her.


1.
Was kan doch auff Erden
Geliebet mehr werden/
Als süsses Gesang?
Was treibet von Hertzen
Behender die Schmertzen/
Als lieblicher Klang?
Die Music allein
Die Thränen abwischet/
Die Hertzen erfrischet/
Wann sonst nichts hülfflich will seyn.
2.
Die Music vertreibet/
Vertilget/ verschreibet
[292]
Nach Thule 1 das Läid/
Macht Hinckende springen/
Verzagende singen
Vor hertzlicher Freud:
Sie treibet die Feind'
Den Frieden zu schliessen
So/ daß sie offt müssen
Gezwungen/ werden gut Freund. 2
3.
Mit klingender Harffen
Hat David den scharffen
Sauls-Grimmen gestillt 3
So/ daß er/ offt wütig/
Gleich worden gantz gütig/
Wann David gespilt:
Woferren nicht dort
Die fromme Propheten
Gesungen schön hätten/
Hätt' er sie alle ermordt. 4
4.
Die Music den Krancken
Macht ringe Gedancken/
Vertreibet das Gifft: 5
Offt haben die Säiten
In schwären Kranckheiten
[293]
Viel gutes gestifft:
Der liebliche Thon
Die Immlein bethöret/
Daß/ wann sie empöret/ 6
Nicht können fliegen darvon.
5.
Die Löwen/ und Bären
Sich Freunde erklären
Bey klingendem Spiel/
Ja wer sie will fangen/
Kan leichtlich erlangen
Durch Music sein Ziel:
Die grimmige Thier
Hat Orpheûs 7 gedemmet
Gezogen/ gehemmet
So/ daß zahm worden sie schier.
6.
Es hatte dort einer/
Dem gleich vielleicht keiner/
Des Heinrichs Gemüht/
(Als welcher bey Frommen
Den Namen bekommen
Von freundlicher Güt') 8
Durch künstlichen Klang
Zu tödtlichen Schlägen
Gar können bewegen/
Den sonst kein Eyfer bezwang'.
[294] 7.
Als krancken Leibs wegen
Franciscus gelegen
In schmertzlicher Qual/
Der Music begehrte/
Ihn niemand gewehrte
Der Bitte damal; 9
Durch eintzigen Strich
Der himmlischen Säiten/
Loß aller Schwachheiten
Gleich in Verzuckung hinwich'.
8.
Was pranget/ ach! aber
Der Music-Liebhaber
Mit eitelem Thon?
So bald er auffhöret/
Ist alles verkehret
In Traurigkeit schon:
Ein eintziges Wort
Aus Daphnischer Kehlen
Von ängstigen Seelen
Treibt alle Kümmernuß fort.
9.
Wann Daphnis sagt: komme
Mein' schöne/ und fromme 10
Hertz-Freundin zu mir/
[295]
Der Winter geschlichen/
Der Regen gewichen
Ist völlig von hier: 11
Was könnte doch seyn
Erwünschter zu hören:
Von Englischen Chören/
Als solche Wörter allein.
10.
O Music/ vor allen
Anmühtigen Hallen
Sehr lieblich/ und schön!
All Harffen/ und Geigen
Still müssen ja schweigen
Vor diesem Gethön;
Arion 12 selbst muß
Die Zitter ablegen/
Darff keine Hand regen/
Sein Spiel ist lauter Verdruß.
11.
Als Assuër dorten
Mit freundlichen Worten
Die Esther gegrüßt/ 13
Da hat er ihr liebes/
Von Kümmernuß trübes/
Hertz völlig ersüßt:
Amphion 14 nicht hätt'
[296]
Mit lieblichem Zicken
Sie können erquicken/
Wie Assuër, da er geredt.
12.
Hat Assuërs Zungen
Der Esther durchdrungen
So lieblich das Hertz/
Und ihre Trangsalen
Sammt allen den Qualen
Verkehret in Schertz?
Wie meynst du/ wird nicht
Mich Daphnis erquicken/
Mit lieblichen Blicken/
Wann er mir freundlich zuspricht?
13.
Als Phœbus 15 auffspilte/
Mit Wunder erfüllte
Der Driaden Reich/ 16
Ist Athis 17 vermessen
Dort nidergesessen
Zu singen ihm gleich;
Sie aber hat bald/
Die Frechheit zu büssen/
Vor Lieblichkeit müssen
Den Geist auffgeben im Wald.
14.
O Daphnis, dein Reden
Mir Schwachen/ und Blöden
[297]
Durchdringet das Marck/
So häuffige Freuden
Mir länger zu leyden/
Will werden zu starck!
Unfehlbar werd ich
Vor Süßigkeit müssen
Mein Leben beschliessen/
Wirst du nicht stärcken bald mich.
15.
Vor diesem sein' Feindin:
Sein' Daube/ sein' Freundin 18
Mich Daphnis jetzt nennt/
Ja auch so gar seiner/
Nicht schlecht -und gemeiner
Liebwürdig erkennt;
Er ladet mich eyn
Ohn alles Verweilen
Zu ihme zu eylen/
Was mag die Ursach doch seyn? 19
16.
Man könnte der Sachen
Die Rechnung bald machen
Was Er darmit meint:
Die/ welche den Willen
Des Daphnis erfüllen
Seynd ihme befreundt: 20
Er wollte/ daß ich
Die Sünde sollt' hassen/
[298]
Die Wollust verlassen/
Und ihm' ergeben gantz mich.
17.
Die Dauben in Ritzen
Der Felsen gern sitzen/
Zu ruhen alldort/
Ich hab' mich auch eben
Mit ihnen begeben
Zum sichersten Ort/
Indem ich/ verspehrt
In Daphnis halb-runden
Blut-trieffenden Wunden
Die Zeit mit Seufftzen verzehrt.
18.
Der/ welcher vertreulich
Von dem/ was bereulich/
Zu Daphnis sich kehrt/
Von seinem Trost-reichen
Mund eben dergleichen
Wort alsobald hört:
Komm/ Freundin/ mein Daub'
Zu deiner Belohnung
Die stäte Beywohnung
Bey mir dir ewig erlaub'.
19.
Ihr Harffen erstummet/
Ihr Zincken erkrummet
Vor diesem Gethön;
[299]
Dein Singen ist heulen/
Geh' singe den Eulen/
Kunstreiche Camœn? 21
Auch Orpheûs mich nicht/
Wie künstlich er krätzet/
Wie Daphnis ergetzet/
Wann Er mir lieblich zuspricht.
20.
So will ich dann fliehen/
Der Welt mich entziehen/
Und bleiben allein;
Von allem Getümmel
Und Menschen-Gewimmel
Entferret zu seyn/
Auff daß ich die Stimm
Des Herren mög' hören/
Und ohne Verstören
Mich könn' ergetzen mit ihm.

Fußnoten

1 Eine nächtliche unlustige Landschafft an der Welt End.

2 Der Bischoff/ und Hauptmann zu Assis haben Krafft eines Gesangs/ den Frieden geschlossen.Chron. FF. Min. part. 1 lib. 1. c. 93.

3 1. Reg. 16. v. 23.

4 1. Reg. 19 v. 22, 23, 24.

5 Die von dem Tarantula gestochen werden/ können nicht/ als durch Music geheylet werden. Alex, Genial, dierum l. 2. c. 17.

6 Wann sie schwärmen.

7 Ein Lautenschläger.

8 Henrici cognomento Boni. Mendoza Viridar. l. 6. orat. 9. n. 127.

9 Von Assis.

10 Chron. FF. Min. p. 1. l. 2. c. 62. Amica mea, formosa mea. Cant. 2. v. 10.

11 Iam hyems transiit, imber abiit. v. 11.

12 Ein Zitterschläger. Poët.

13 Ego sum frater tuus, noli metuere. Esther 15. v. 12.

14 Ein fürtrefflicher Harffenist.

15 Erfinder der Music.

16 Den Wald.

17 Philomela, oder Nachtigall. Poët.

18 Amica mea, columba mea.

19 Veni propera.

20 Vas amici mei estis, si feceritis, etc. Ioan. 15. v. 14.

21 Musa, oder Kunst-Göttin. Poët.

[Es ist mein freyes Hertz][Was kan doch auff Erden][Wie pflegt verdiebt][Hinweg mit allem Pracht][Mein Liebster ist][Wer kan mir sagen][Ist niemand allhier][Sie Lieb ist viel stärcker]Der Clorinden dritter Theil[Es ist des Himmels Schluß][So bald der heiß-hungrige Bär][Satan sammt allen Gespenstern der Höllen][Das hat die Sünd][Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[300] [304]8. Clorinda erkennt/ daß/ wer auch alle Schätze/Reichthumm/ und Wollüste dieser Welt/ doch ohne die Liebe Gottes/ besitzte/ arm/ elend/ und nichtig wäre; da herentgegen in der Liebe Gottes alles Gutes zu finden

Si dederit homo omnem sustantiam domus suæ pro dilectione, quasi nihil despiciet eam.

Cant. 8. v. 7.


Wann einer alles Gut in seinem Hauß umb die Liebe geben wolt/ so verachtet sie alles/ als nichts.


1.
Es ist mein freyes Hertz
Dem schwären Aertz/
Und bleichen Gold
Nun nicht mehr hold;
Ich laß der armen Welt
Ihr eitles Gelt/
Und Edelgstein
Gar gern allein;
Ich geb' umb alle Perel
Nicht ein Härel/
Auff Diemant/ und Rubin
Steht mein Gemüht nicht hin.
[304] 2.
Weit einen andern Schatz
Hab' ich im Hatz/
Dem keiner gleich
In keinem Reich?
Des Nereus 1 Reichthumm ist
Nur Gänse-Mist/
Was Midas hatt'/ 2
Ein eytler Schatt:
Die Tharsische Gold-Grufften
Seynd nur Klufften
Voll Bettlerey/ wovon
Gerühmt wird Salomon. 3
3.
Wo ist jemahl geweßt
Ein Schatz so vest/
Der niemahl hab'
Genommen ab?
Wer zeiget mir den Platz/
Wo Crœsus Schatz/
Geschätzt so hoch/
Zu finden noch?
Von so viel tausend Pfunden
Wird gefunden
Nicht mehr ein Stäublein schwär/
So auffzuweisen war.
4.
Ich will mir sammlen ein
[305]
Den Schatz allein/
Der sich vermehrt/
Und nicht verzehrt;
Und dieser ist die Lieb'
Den mir kein Dieb
Noch greiffen an/
Noch stehlen kan;
Der mir ohn' alle Sorgen
Bleibt verborgen/
Ab welchem ewiglich
Ich werd erfreuen mich. 4
5.
Der/ so die Liebe hat/
Der ist schon satt/ 5
Hat keine Freud'
Am Gold-Geschmeid;
Gibt alles gern herauß
Aus seinem Hauß/
Die theurste Ding
Schätzt er gering;
Die Lieb/ was man besessen/
Macht vergessen: 6
Allda/ wo sie einschleicht/
Wird alles Gold zu leicht.
6.
Den Apffel wirfft das Kind
Von sich geschwind/
[306]
So bald geneigt
Die Amm sich zeigt;
Wirfft hin das Tauff-Geschenck/
Sein Halß-Gehenck
Hält nicht ein Haar
Auff solche Waar;
Die zarte Liebes-Flammen/
Zu der Ammen
Seynd ihm viel lieber/ als
Das Gold an seinem Hals.
7.
Ein' zart-verliebte Braut/
Die erst vertraut/
Laßt gern zuruck
Den Braut-Geschmuck.
Vergnügt sich wundersam
Am Bräutigam;
Muß sie auch schon
Mit ihm darvon;
Verlasset all ihr Glücke
Gern zurücke;
Die reiche Liebe macht/
Daß alles sie veracht. 7
8.
Das Zünglein/ vom Magnet
Bestrichen/ geht
Zu seiner Ruh'
[307]
Dem Polus 8 zu/
Kein Gold noch Silber kan
Es ziehen an;
Es laßt gar nicht/
Wie sonst geschicht/
Zum Gold sich von dem Eisen
Leicht abweisen;
Wo es die Lieb' hinträgt/
Da bleibt es unbewegt.
9.
Barlaâm, und Josaphat, 9
Als sie nun satt
Der schnöden Welt
Sammt ihrem Gelt/
An Liebe Gottes doch
Beflammet hoch/
Gott worden seynd
Sehr liebe Freund:
Mühselig an den Höfen
Nach den Schröfen
Seynd (arm bey ihrer Kron)
Gezogen reich darvon.
10.
Viel haben all ihr Gut
Mit frischem Muht
Verlassen/ und
Verachtet rund/ 10
[308]
Auff daß sie mit der Lieb
(O Himmels-Dieb')
Unmäßiglich
Bereichten sich:
Ihr Gold/ und Silber haben
Sie vergraben
Durch reiche Wucher-Spend
Tieff in der Armen Händ'. 11
11.
Recht Paulus alles hat 12
Geschätzt/ wie Kaht/
Die Lieb hat ihn
Gereitzt dahin/
Dann wer an Liebe lähr/
Wie reich auch er
An Edelgstein/
Und Gold mag seyn/
Der ist vor allen Armen
Zu erbarmen/ 13
Weil all sein Haab/ und Gut
Nicht einen Häller thut.
12.
Ich bin reich 14 (sagst du zwar)
Mir fehlt kein Haar/
Und geht nichts ab/
Satt alles hab':
[309]
Weißt aber nicht darbey
Dein' Armuthey/
Wie elend du/
Und blind darzu:
Drumb raht ich dir/ zu lauffen/
Einzukauffen/
Ein feurigs Gold von mir: 15
Spricht Gottes Mund zu dir.
13.
Wann schon dein Reichthumm groß,
Und du gottloß/
Was hilfft es dich
Dort ewiglich?
Dein Leben heut vielleicht
Noch von dir weicht:
Dein Gut/ und Gelt
Bleibt in der Welt/
Wer wird dir dann dort geben/
Wohl zu leben/
Wann du mit lährer Hand
Must in ein fremmdes Land! 16
14.
Die Lieb' ist dort der Werth/
Den man begehrt
Nohtwendig umb
Dein Eigenthumb/
Allweilen gangbar dort
Kein andre Sort/
[310]
Wer die nicht hat/
Bleibt in dem Kaht/
Wird nicht ein Tröpfflein Wasser/
Gleich dem Prasser/ 17
Dort können kauffen ein/
Zu lindern seine Pein.
15.
Wer auch schon in die Wett
Fürtrefflich hätt'
Der Englen Krafft/
Und Wissenschafft/ 18
Und wär' ihm auch vergönnt
So/ daß er könnt'
Die gröste Berg
Thun überzwerg/ 19
Hätt aber in der übe
Keine Liebe/
So hätt'/ und wär' er nichts
Am Tage des Gerichts. 20
16.
Wann von dem Himmel ferr
Die Liebe wär'/
So wär' alldort
Kein Freuden-Ort/
Und hätt' sie ihre Stell
Auch in der Höll/
So könnte seyn
Dort keine Peyn;
[311]
Aus ihrem Zanck-Getümmel
Wurd' ein Himmel:
Die Lieb' vertreibt das Läid/
Ohn' sie ist keine Freud.
17.
Wer recht zu lieben pflegt/
Gott bey sich trägt/
Er selbst/O Christ/
Die Liebe ist; 21
Und hast du Gott/ was kan
Dich stossen an?
Kan es bey Ihm
Ergehn dir schlimm?
Seynd oder deine Kinder/
Schaaff/ und Rinder/
Dein Gelt/ und Gut (O Spott!)
Dir besser/ als dein Gott?
18.
Das Gelt ist nur ein Last;
Je mehr du hast/
Je minder du
Wirst haben Ruh';
Viel Reichthumm Tag/ und Nacht
Nur Sorgen macht;
Wird ohne Müh
Besessen nie;
Macht den/ der sie besessen/ 22
[312]
Gott vergessen:
Sein gantzes Thun nur ist
Zu füllen seine Kist.
19.
Die Lieb macht Sorgen-frey/
Trostreich darbey/
Wer sie besitzt/
Vor Angst nicht schwitzt: 23
Weißt nichts von Kümmernuß/
Noch von Verdruß/
Dann sie versüßt/
Das/ was verdrießt;
Macht daß die Tods-Beschwerden
Lieblich werden:
Wer liebt/ hat allbereit
Hier schon die Seligkeit.
20.
So will hinfüro ich
Befleissen mich/
Daß in der Lieb'
Ich stäts mich üb'/
Auff daß ich also reich/
Den Englen gleich/
Wohl immerfort
Leb' hier/ und dort/
Will umb die Lieb auch geben
Gar mein Leben;
Auff daß ich leb' in ihr/
So lebt auch Gott in mir. 24

Fußnoten

1 Was in dem Meer.

2 Ein König der alles/ was er angerührt/ zu Gold gemach Poët.

3 2. Paralip. 9.

4 Vbi neque tinea corrumpis. Matth. 6. v. 20.

5 Si dederit homo, etc. Cant. 8. v. 7.

6 Quasi nihil despiciet cam.

7 Obliviscere populum mum, & domum patris tui, etc. Psal. 44. v. 11.

8 Himmels-Angl/ Sonnen-wend/ Polus Stern.

9 S. Ioan. Damasc. in vita SS. Barlaam & Iosaphat.

10 Ecce nos reliquimus omnia, Matth. 19. v. 27.

11 In calestes thesauros manus pauperum deportaverunt S. Laurent.

12 Sic est, qui siti thesaurizat, & non est in Deo dives. Luc. 12. v. 21.

13 Ad Philipp. 3. v. 8.

14 Dicis, quod dives sum, & locupletatus, & nullius egeo, & nescis, quia tu miser, etc. Apoc. 2. v. 17. & 18.

15 Stulte, hac nocte animam tuam repetent à te. Luc. 12. v. 20.

16 Quæ parásti, cujus erunt? Ibid.

17 Fili, recordare, quia recepisti bona in vita tua. Luc. 16. v. 24, 25.

18 Si linguis hominum loquar, & Angelorum. 1. Corinth. c. 13. v. 1, 2, 3.

19 Vt montes transferam.

20 Charitatem autem non habuero, nihil sum.

21 Deus charitas, 1. Ioan. 4. v. 16.

22 Aus ihrem Gold/ und Silber haben sie abgöttische Götzen gemacht/ daß sie ja umbkämen. Ose. 8. v. 4. Der Geitz ist ein Dienst der Abgötterey, ad. Ephes. 5. v. 5.

23 Timor non est in charitate 1. Ioan. 4. v. 18.

24 Qui manet in charitate, in Deo manet, & Deus in eo. 1. Ioan. 4. v. 16.

[Gott sey gepriesen][Es ist mein freyes Hertz][Was kan doch auff Erden][Wie pflegt verdiebt][Hinweg mit allem Pracht][Mein Liebster ist][Wer kan mir sagen][Ist niemand allhier][Sie Lieb ist viel stärcker]Der Clorinden dritter Theil[Es ist des Himmels Schluß][So bald der heiß-hungrige Bär][Satan sammt allen Gespenstern der Höllen][Das hat die Sünd][Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[313] [317]9. Clorinda erfreuet sich des Ends ihrer Pilgerfahrt/und der hoch-erwünschten Zunahung ihrer Seligkeit: Nimmt Urlaub von denen Welt-Kinderen; gibt ihnen eine gute Lehr/ und stirbt selig/ mehr aus Gewalt der Lieb'/ als Kranckheit

Concupiscit, & deficit anima mea in atria Domini.

Psal. 83. v. 2.


Meine Seele verlanget/ und wird Krafft-loß nach den Vorhöfen des Herren.


1.
Gott sey gepriesen/
Der mir erwiesen
So grosse Lieb/ und Gnad/
Daß Er gezogen/
Mir höchst bewogen/
Mich auff die Himmels-Pfad:
Der mich beruffen zu der Buß/
Und biß zum End
Durch seine Händ'
Darbey gesteurt auff steiffem Fuß.
[317] 2.
Nun will auff Erden
Es Abend werden
Mit meiner Lebens-Zeit/
Bin von der Lände/
Wohin ich wende
Mein Schifflein/ gar nicht weit/
Sehr wenig Zeit ist übrig noch/
Dann geh ich fort
Nach jenem Ort/
Wohin ich stäts verlangt so hoch.
3.
Die Liebes-Schmertzen
In meinem Hertzen
Seynd allzu ungeheur;
Kan nicht mehr wehren/
Mich will verzehren
Das strenge Liebes-Feur;
Die Qual durchdringet Marck/ und Bein
Mir tausendfach/
Ach/ Daphnis, ach!
Vor Lieb werd' ich geäschert ein!
4.
Wie der Theresen, 1
Dort sey gewesen/
Ich nunmehr glauben kan/
Als sie zu schwitzen
Vor Liebes-Hitzen
[318]
So starck gefangen an/
Daß sie ohn' alle andre Seuch/
(O süsser Tod/
Gleich meiner Noht!)
Ist endlich worden eine Leich.
5.
So heisse Flammen/
Verspehrt beysammen/
Bald werden brechen auß/
Und mich vertreiben;
Wer wolte bleiben/
In einem solchen Hauß/
So ärger auch/ als Ætna brennt/
Und mir zumal
Mit süsser Qual
Den Leib biß in die Seel durchrennt.
6.
Ich will mit Freuden
Diß Häußlein meyden/
Und ziehen stracks darvon;
Hab' dieses Elend/
Den Tod erwehlend'/
Genug verkostet schon;
Will nach dem Hauß des Herren gehn/ 2
Wie gestern spat
Mir Daphnis hat
Trostreich gegeben zu verstehn.
[319] 7.
Zu Cusco waren
Vor wenig Jahren
Noch Häuser/ und Palläst/ 3
Als welcher Tächer/
Zimm- und Gemächer
Mit Gold bedeckt geweßt;
Ja/ wie die Sag' der Schreibern geht/
Von Gold so gar
Alldorten war'
Das Felder-Hauß- und Tisch-Geräht. 4
8.
O Bettler-Häußlein/
Nur für die Mäußlein
Ein armer Underschlauff!
Ich hab' in Händen/
Bald zu vollenden
Wohl einen andern Kauff;
Desgleichen war' auff Erden nicht
Zu keiner Zeit
So groß/ und weit/
Noch also köstlich auffgericht. 5
9.
Wann auff den Gassen
Sich sehen lassen
Von Gold die Pflaster-Stein; 6
[320]
Von Edlen-Steinen 7
Die Mauren scheinen/
Wie wird die Wohnung seyn? 8
O Wohnung/ so kein Menschen-Zung
Entwerffen kan!
Wie solte man
Nicht stutzen vor Verwunderung?
10.
Wann in den Wäldern/
Geblümten Feldern/
Und grünendem Gestäud/
Zu Frühlings-Zeiten
Den jungen Leuten
Begegnet solche Freud/
Daß man sich selber ohngefehr
So weit verschliefft/
In Lust vertiefft/
Als wann man gantz verzucket wär.
11.
Was wird nicht dorten
An jenen Orten
Für Freud und Wollust seyn?
Allwo zu schauen
So gar die Auen
Mit Gold gehaget ein?
Allwo die Landschafft also schön/
Daß einer möcht'/
Von Lust geschwächt/
[321]
In lauter Lieblichkeit vergehn.
12.
Der stäte Jäger/
Gewild-Erleger
Genannt/ Hippolitus, 9
Sich so ergetzte/
Der Jagd nachsetzte
Ohn' eintzigen Verdruß/
Daß ihn in sieben Jahren auch
Kein Dach bedeckt/
Noch Müh erschreckt/
Ob schon das Wetter wild/ und rauch.
13.
O arme Freuden/
Nicht zu beneyden/
Bey so viel Ungemach;
Was ist das Jagen
Bey nassen Tagen
Für ein' trostreiche Sach/
Allwo der Leib gemattet ab/
Und immer zu/
Beraubt der Ruh'/
Samt seiner Lust geht nach dem Grab.
14.
Die Freud dort oben/
Die ist zu loben/
Und zu verlangen sehr/
Weil mit Beschwerden
Alldort nicht werden
[322]
Vermischt die Freuden mehr:
Die Nuß hat dort kein' bittre Schelff;
Die Herden seynd
Dort ohne Feind/
Weil zu beförchten keine Wölff'.
15.
Diß ist die Wohnung/
Der Buß-Belohnung/
In meines Daphnis Reich/
Was kan mir Schrecken/
Und Forcht erwecken/
Wann ich von hinnen weich'?
Wann ich aus diesem Jammerthal/
Und Thränen-Bach/
Wo nicht als ach/
Wird' eingehn in den Freuden-Saal.
16.
Mein hier-verbleiben/ 10
Und Zeit vertreiben/
Ach währet allzu lang!
Das groß Verlangen
Gott umbzufangen 11
Macht mir unsäglich bang!
Ey laß! warum dann sterb' ich nicht/
Der langen Zeit
Forthin befreyt/ 12
In Schauung Gottes Angesicht!
[323] 17.
Dich aber gebe
Zu Ruh'/ und lebe
Clorinda/ wohl getröst:
Es wird bald brechen/
Kanst kaum mehr sprechen/
Wirst werden bald erlößt;
Das Blut in meinen Adern schon/
So stäts gewallt/
Wird aller kalt/
Der Tod eylt starck mit mir darvon.
18.
Nun/ du verwandte/
Liebreich-bekandte/
Sehr werthe Hirten-Schar
Und ihr Freundinne:
Mit-Schäfferinne/
Euch alle Gott bewahr':
Nemmt wohl in acht die Ewigkeit/
Sie kommt behend/
Und hat kein End/
Feur/ oder Freud ist dort bereit.
19.
Wär' ich an Brüsten
Der Welt-Gelüsten
Gehangen biß hieher/
Und müßt' jetzt sterben/
Zum Heyl-erwerben
Gantz Trost- und Hoffnung-lär/
[324]
Was wurd' es nunmehr helffen mich/
Wann ich nun müßt/
Gantz ungebüßt/
Gehn zum Verderben ewiglich?
20.
Ach/ ach! bedencket/
In euch versencket
Tieff meine letste Wort:
Niemand kan leben 13
Der Freud ergeben/
Glückselig hier/ und dort!
Ade: Clorind' nach Gott verräißt/
Es geht zum End'
In deine Händ'/
O Gott/ befehl' ich meinen Geist!

Fußnoten

1 Breviar. Rom. 15. Octobr.

2 Psal. 121. v. 1.

3 Regis Atabalibæ Palatium cum 20. Domibus.

4 Die Pflüge/ und alles Haußgeschirr.

5 O Israël, quàm magna est domus Dei. Baruch. 3. v. 24.

6 Apoc. 21. Plateæ civitatis aurum mundum. v. 21.

7 Apoc. 21. Plateæ civitatis aurum mundum. v. 20.

8 Structura muri ejus ex Lapide Iaspide. v. 18.

9 Ein Sohn Thesei, ein fürtrefflicher Jäger. Poët.

10 Heu mihi, quia incolatus meus prolongatur. est. Ps. 11. v. 5.

11 Coarctor, etc. desiderium habens dissolvi, & esse cum Christo. Philipp. 1. v. 23.

12 Quando veniam, & apparebo antefaciem Dei. Ps. 41. v. 3.

13 Impossibile est, ut præsentibus quis, & futuris fruatur bonis. S. Hieron. Epist. 34. ad. Juliau. vers. fin.

[Komme- liebste Braut Clorind'][Gott sey gepriesen][Es ist mein freyes Hertz][Was kan doch auff Erden][Wie pflegt verdiebt][Hinweg mit allem Pracht][Mein Liebster ist][Wer kan mir sagen][Ist niemand allhier][Sie Lieb ist viel stärcker]Der Clorinden dritter Theil[Es ist des Himmels Schluß][So bald der heiß-hungrige Bär][Satan sammt allen Gespenstern der Höllen][Das hat die Sünd][Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[325] [329]10. Der Himmlische Daphnis vermählet sich in dem Himmel auff ewig mit Clorinda; krönet sie mit dem köstlichen Krantz der Seligkeit/ und ladet alle Sünder zu der Buß ein

Veni de Libano, Sponsa mea, veni de Libano, veni, coronaberis.

Cant. 4. v. 8.


Komme von Libano/ meine Braut/ komme von Libano/ gehe herein/ du solt gekrönet werden.


1.
Komme/ liebste Braut Clorind'/
Komm' von Libano geschwind/
Du bist frey
Von des Unglücks Wüterey;
Hitz/ und Kälte seynd nun ferr/
Keine Nordwind' rasen mehr; 1
Pein/ und Qual
Seynd vergangen überal;
Da ist nunmehr kein Bemühen/
Lieblich blühen
Nun die Blumen allerhand/ 2
Wollust ist in diesem Land.
[329] 2.
Durch den stäten Busses-Fleiß
Bist du worden Lilien-weiß/
Schön/ und rein/ 3
Wie der göldne Sonnen-Schein;
Von so vielen Tugend-Glantz
Bist du nun holdselig gantz/
Göttlich schier/
Weil kein Flecklein mehr an dir/
Steigest gleich der Tags-Auroren, 4
Neu-geboren
Unverwendt in deinem Lauff/
Von dem Weissen-Berg herauff. 5
3.
Komme/ Freundin/ komm' zu mir/
Ich will mich vermählen dir 6
Ewiglich/
Und Glorwürdig krönen dich;
Es wird nun kein Affter-Glück
Können stossen dich zurück/
Du wirst kein'
Eh-verschmächte Vahsti seyn; 7
Dich kein Mißgunst wird entehren/
Noch verstöhren;
Dieses Land entfernet ist
Weit von Untreu/ Neyd/ und List.
[330] 4.
Du kanst da nicht werden alt/
Noch viel minder ungestalt/
Immer neu
Werk en seyn die Lieb und Treu:
Da ist weder Raach/ noch Zorn/
Weder Distel/ weder Dorn:
Zanck/ und Streit
Seynd von hinnen ferr/ und weit:
Hier wird dich kein Unmuht äffen/
Minder treffen;
Die Betrübnuß ist vorbey/
Du bist aller Sorgen frey.
5.
Ohne Eckel/ und Verdruß
Ist allda der Freud-Genuß;
Niemahl kan
Werden dir was Läids gethan:
Weder Hunger/ Krieg/ noch Pest/
Keines sich hier blicken läßt;
Dieses Reich
Ist befreyt von aller Seuch;
Da ist man/ gleich wie die Engel/
Ohne Mängel;
Hier ist die Vollkommenheit
Weit von der Gebrechlichkeit.
6.
Da ist nichts/ als Freud/ und Wonn;
Jeder gläntzet/ wie die Sonn: 8
[331]
Nichts als Lust
Diesen Burgern ist bewußt/
Welche in Zeit-loser Eyl/
Schneller/ als des Parthers Pfeil/
An den Ort/
Wo sie wöllen/ fliegen fort;
Nichts kan ihnen widerstehen/
Sie durchgehen/
Wie der Plitz/ die harte Stein/
Wie durch Glaß der Sonnenschein.
7.
Alle Wiesen seynd geblümt/
Weit vor dem Hymett' 9 berühmt:
Aller Spaß
Findt sich da ohn' Underlaß;
Feld- und Wälder seynd geziert/
Daß man sich darein verliert;
Göldne Frücht'
Man an allen Bäumen sicht:
Alle Bäche von dem süssen
Nećtar 10 fliessen;
Alle Brünne schencken ein
Unbeschreiblich guten Wein.
8.
Ein so hoch beglücktes Reich/
Dem die gantze Welt nicht gleich/
Will ich hier
Heute noch einraumen dir/
[332]
Tausend Engel/ O Clorind/
Werden seyn dein Hoff-Gesind;
Ohne mich
Will ich niemahl lassen dich/
Sondern mit Wollust ergetzen/
Und dich setzen
Für den ausgestandnen Hohn
Auff den hohen Ehren-Thron.
9.
Dieses ist der Lohn der Buß/
Welchen man verdienen muß/
Ohne Müh
Wird man ja gekrönet nie: 11
Müßte nicht auch Ich so gar/
Der Ich Gottes Sohn doch war'/
Gleicher Weiß
Kauffen mir das Paradeiß? 12
Durch viel Leiden/ und Trübsalen/
Angst/ und Qualen
Muß man in das Reich eingehn; 13
Zärtling müssen draussen stehn.
10.
Die der Welt ergeben/ seynd
Wahrlich ihre eigne Feind'/
Weil ihr Ziel
Nur gericht auf Kinder-Spiel:
[333]
Lassen sich offt saur/ und heiß
Werden/ auch biß auf den Schweiß/
Nur allein
Auff der Welt beglückt zu seyn;
Lauff- und rennen auff/ und nieder/
Hin/ und wider/
Wagen Leben/ Leib und Blut
Um ein wenig schnödes Gut.
11.
Achten meine Schätz gering/
Nur vertiefft auff solche Ding'/
Welche strachs
Sich vertieffen/ wie das Wachs: 14
All ihr Trachten/ Hertz/ und Sinn
Steht auff Wucher/ und Gewinn;
Auff die Ehr
Seynd erhitzet sie noch mehr:
Ihrer Seelen underdessen
Gantz vergessen:
Um das zeitlich Glück/ und Heyl
Bieten sie den Himmel feil.
12.
Diese Freud/ die ewig währt/
Man hingegen nicht begehrt/
Halten sie
Nicht für eine Linsen-Brüh;
Schätzen meine Werck/ und Lehr
Nun für eine Fabel mehr/
[334]
Voll des Neyds
Gegen mich/ und meinem Creutz;
Wöllen es nur von sich jagen/
Nicht nachtragen/
Ob ich schon es bey dem Stab
Des Gebotts befohlen hab. 15
13.
O ihr Menschen/ mercket diß/
(So unfehlbar/ und gewiß)
Daß niemand
Creutz-loß kommt in dieses Land:
Durch das Creutz seyt ihr erlößt/
Durch die Lust des Heyls entblößt/
Unberührt
Jenes nicht zum Himmel führt:
Seyt ihr nicht/ O Adams-Kinder/
Worden Sünder
Durch die Lust/ im Paradeiß
Wegen der verbottnen Speiß?
14.
Es seynd ja die gute Täg' 16
Zu dem Leben nicht der Weg:
Wer ist/ der
Ohne Arbeit Lohn begehr'?
Kostet offt ein Stücklein Gut/
Zu besitzen/ so viel Blut/
Was soll man
[335]
Nicht thun umb den Himmel dann?
Oder aber ist er schlechter?
(O Gelächter!)
Als ein Land/ so nichts als Kath/
Nichts/ als müh/ und Arbeit hat?
15.
Ey so würcket/ würcket dann/
Grosse/ Kleine/ Weib und Mann/
Weil noch ist
Vor der Thür die Gnaden-Frist; 17
Würcket/ und befleißt euch doch
Euer Heyl zu würcken noch/
Weil es gilt/
Dann darnach ist es verspielt;
Schätzt den Himmel nicht geringer/
Als die Finger/
Es ist werth/ daß man nicht träg 18
Umb denselben sie beweg.
16.
Seyt doch nicht wie Pharaon,
Hart in dem verkehrten Wohn/
Denckt/ wie er
Endlich wurd' gestrafft so schwer;
Nemmt ein Beyspiel doch an ihm;
Höret euers Daphnis Stimm; 19
Wartet nicht/
Biß ich sitze zu Gericht;
[336]
Jetzt könnt ihr das Heyl erwerben/
Vom Verderben
Euch gar leichtlich machen frey/ 20
Und mir ewig sitzen bey.
17.
Schlagt doch dieses nicht in Wind/
Folgt mir weißlich/ wie Clorind'/
Seht/ wie sie
Worden groß mit schlechter Müh:
Niemand ist zur Buß zu schwach;
Büssen ist kein solche Sach/
Daß man müß'
Haben starcke Händ'/ und Füß';
Braucht nur einen starcken Willen/
Mich zu stillen
Durch ein hertzlich-wahre Reu/
Und zu lieben auff das neu.
18.
Einer solchen Hertzens-Buß
Ich die Sünd verzeihen muß/
Kan diß dann
Nicht verrichten jedermann?
Diß ist ein' so ringe Sach/
Daß kein Krancker ihr zu schwach/
Was für Peyn
Kan doch wohl Gott lieben seyn?
Oder ist das Sünde-fliehen
Karren-ziehen?
Sünde seyn ein schwäres Joch/ 21
Welches abzuscheuhen hoch.
[337] 19.
Wann man grosser Sünden loß/
Ligt man in der Freuden-Schoß;
Sünden-frey
Ist ein stäte Gasterey: 22
Wie ist nicht hingegen der
Sünden-Last so grausam schwer!
Herculs-Burd'
Leichter ihm zu tragen wurd':
Ey so kommt/ zu meinen Gnaden
Eingeladen/
Kommt/ ich will erquicken euch 23
Nach so schwärer Sünden-Seuch.
20.
Ach bedencket offtermal
Diese Freud/ und jene Qual/ 24
Freud/ und Läid 25
Seynd in euren Händen beyd:
Ach! erwehlet doch das Best'!
Werdet dieser Freuden Gäst'/
Dann euch ist
Meine Mahlzeit zugerüst: 26
Laßt euch von verkaufften Rindern 27
Doch nicht hindern/
Dann diß ist ein solch Geschäfft/
Woran euer Heyl gehäfft. 28

Fußnoten

1 Iam hyems transiit. Cant. 2. v. 11.

2 Flores apparuerunt in terra nostra. Cant. 2. v. 11.

3 Electa ut Sol. Cant. 6. v. 9.

4 Quasi Aurora consurgens. Cant. 6. v. 9.

5 Libanus candidus Glossa.

6 Sponsabo te mihi in sempiternum. Oseæ 2. v. 19.

7 Esther. 1.

8 Iusti fulgebunt, licur Sol. Matth. 13. v. 43.

9 Ein Blumreicher Berg.

10 Götter-Tranck. Poët.

11 Non coronatur, nisi legitimè certaverit. 2. Tim. 2. v. 5.

12 Nonne hæc oportuit pati Christum, & ita intrare in gloriam suam. Luc. 24. v. 26.

13 Per mulsas tribulationes oportes nos insrare in Regnum Dei. Act. 14. vers. 21.

14 Omnes, quæ sua sunt, quærunt, non quæ Iesu Christi. ad. Philip. 2. vers. 21.

15 Qui non accipit crucem suam, & sequitur me, non est me aignus. Matth. 10. v. 38.

16 Quis est homo, Qui vuls visam, diligis dies viaero bonos? Psal. 33. v. 13.

17 Dum tempus habemus, operemur bonum. ad Galat. 6. vers. 10.

18 Faul/ nachlaßig.

19 Hodie si vocem ejus audieritis, nolite abdurare corda vestra. Ps. 94. v. 8.

20 Ecce nunc tempus acceptabile est, Ecce nunc dies salutis. 2. Cor. 6. v. 2.

21 Drucken den Menschen in die Höll hinunder.

22 Secura mens juge convivium. Prov. 15. v. 15.

23 Venite ad me omnes, qui laboratis, & onerati estis, & ego reficiam vos. Matth. 11. v. 28.

24 Memorare novissima, & in æternum non peccabis. Eccl. 7. v. 40.

25 Apposuit sibi ignem, & aquam, ad quod volueris porrige manum tuam. Eccl. 15. v. 17.

26 Ecce, prandium meum paravi. Matth. 22. v. 4.

27 Juga boum emi quinque, & eo probare illa. Luc. 14. v. 19.

28 Porrò unum necessarium est Luc. 10. v. 42.

Abschied des Miranten von dem Geliebten Leser[Komme- liebste Braut Clorind'][Gott sey gepriesen][Es ist mein freyes Hertz][Was kan doch auff Erden][Wie pflegt verdiebt][Hinweg mit allem Pracht][Mein Liebster ist][Wer kan mir sagen][Ist niemand allhier][Sie Lieb ist viel stärcker]Der Clorinden dritter Theil[Es ist des Himmels Schluß][So bald der heiß-hungrige Bär][Satan sammt allen Gespenstern der Höllen][Das hat die Sünd][Lucifer gläntzend' über alle Engel][Meine Augen][Weil ich auff dem Wollusts-Weg][Weil diese falsche Welt][Die Nacht der Traurigkeit][Wie können jemal rechtgläubige Sünder]Der Clorinden anderer Theil[Was Ubels an Jerusalem][Beginn' ich meine Jahr][Weh' meiner Eitelkeit][Feindliche- trutzige- Rußige- schmutzige][O falsche Welt- wer kan][Ach Daphnis zörne nicht so sehr][O ihr verborgne Ritzen][Will dann der Jüngste Tag][O Gott! wo bin ich doch][Auff träge Seel- auff auff]Der Clorinden erster TheilAnflehung Himmlischer HülffeErmahnungslehreAuslegung des ersten KupffersGedichteLaurentius von SchnüffisMirantisches Flötlein

[338] Abschied des Miranten von dem Geliebten Leser

Es hat die Göldne Sonn-
Zu Gnaden sich geneiget/
Und ihr bestrahltes Haupt-
Versencket in das Meer/
Der müde Tag nunmehr-
Den braunen Abend zeiget/
Der Himmel wird entfärbt/-
Die Welt verduncklet sehr/
Dahero will ich mich-
Nach Hause nun verfügen/
Biß Phæbus wiederumb-
Mit frischem Tag erscheint/
Geliebte Leser/ laßt-
Mit diesem euch begnügen/
Was ich nicht wohl gereimt-
Hab' ich doch wohl gemeint.
Allein will freundlich ich-
Noch was gebätten haben/
Wann dieses Wercklein nicht-
Nach jedes Willen krauß/
Daß man nicht etwan wöll'-
Nach hinckenden Buchstaben/
[339]
Sondern mehr nach dem Sinn-
Es treulich legen auß/
Und nicht nach böser Art-
Der Neideren verrencken
Auff einen/ der sehr weit-
Entfernt von meinem Sinn:
Sie wöllen öfftermal-
Clorinden Thun bedencken/
So wird dann hoffentlich-
Seyn häuffig mein Gewinn.
[340]