Ernst Meier
Deutsche Volksmärchen aus Schwaben
Aus dem Munde des Volks gesammelt und herausgegeben

[3] Vorrede.

Seit die Brüder Grimm vor vierzig Jahren in ihren Kinder- und Hausmärchen 1 das unergründlich reiche Wesen des deutschen Volksmärchens uns wieder erschloßen und den schlichten, reinen Ton, in welchem diese epischen Nachklänge einer längst vergangenen Zeit erzählt sein wollen, in musterhafter Weise getroffen, seitdem hat sich die Liebe der Jungen und Alten von Jahr zu Jahr diesen Ueberlieferungen mehr zugewandt. Fast überall hat man nach solchen einfältigen Erzählungen gelauscht und eine nicht unbedeutende Zahl derselben dem Untergange entzogen. Indes bilden die eigentlichen Märchen immer nur eine verhältnismäßig kleine Beigabe zu den weit reicheren Sagensammlungen. Eine besondere Märchensammlung aus einer bestimmten Gegend Deutschlands besitzen wir außer der Grimm'schen Sammlung nicht; diese aber erstreckt sich, obgleich sie auch aus Süddeutschland einzelne Beiträge enthält, doch wesentlich auf Mittel-und Norddeutschland, speciell auf Heßen; und selbst die späteren Nachlesen deutscher Volksmärchen gehören fast ausschließlich den nord- und mitteldeutschen Gebieten an 2. Nur im äußersten Norden, bei einem [3] nahverwandten Stamme, der einst mit uns denselben Götterhimmel theilte, ist eine besondere Sammlung erschienen, die, unmittelbar aus frischer Ueberlieferung geschöpft, sich der der Brüder Grimm würdig an die Seite stellt: ich meine die norwegischen Volksmärchen von Asbjörnsen und Moe, deutsch von Bresemann, 1847.

Der deutsche Süden dagegen, und namentlich der schwäbische Theil desselben, ist bis jetzt fast noch völlig unvertreten geblieben 3. Und doch besitzt er an Sagen, Märchen und andern alten Ueberlieferungen so reiche und ungeahnte Schätze wie nur irgend ein anderer deutscher Landesstrich.

In Beziehung auf Märchen mag die vorliegende Sammlung davon Zeugnis geben. Ich habe dieselben, wie alle verwandten Volksüberlieferungen, mit wißenschaftlichem Interesse gesammelt, daher Treue und Wahrheit mein höchstes Ziel war 4. Ich wollte nur wiedergeben, was ich hörte, und habe jeden verschönernden Zusatz, jeden ausfüllenden Zug selbst bei offenbaren Lücken, sorgfältig vermieden.

Was außerdem die Darstellung betrifft, so konnte ich einzelne Stücke, die ein Blinder in Bühl erzählte, bei einem ziemlich [4] langsamen und wiederholten Vortrage fast wörtlich nachschreiben. Alle übrigen Märchen sind wenigstens immer unmittelbar nach der mündlichen Mittheilung aufgezeichnet und zwar mit möglichster Beibehaltung des Ausdrucks und der eigenthümlichen, stehenden Wendungen.

Die ganze Ausdrucksweise, der das Volk bei diesen Erzählungen sich bedient, ist immer so gehalten, wie man etwa Kindern dieselben vortragen würde, und diesen Maaßstab muß meiner Meinung nach auch der schreibende Nacherzähler im Allgemeinen vor Augen haben. Dabei hält das Volk sich einfach an die Handlung und entwickelt rasch und schmucklos in echt epischer Weise nur diese, ohne Lob oder Tadel darüber auszusprechen, und noch weniger ergeht es sich in breiter, hochtrabender Ausmalung des Gefühls und des subjectiven Eindrucks, wie dieß z.B. noch in Bechsteins Märchenbuche nicht selten vorkommt. Da liest man in der bezauberten Prinzessin Sätze wie folgende, S. 29.:

»Nachdenklich und mit hochschlagendem Herzen schritt der ehrliche Meister über die vom Abenddämmer umsponnene Heimathflur seinem Dörflein zu. Schon sah er in Gedanken seinen ältesten Sohn, Hellmerich, den er ungleich mehr liebte als seinen andern, Hans, im Königsschloß, und die holde Prinzessin als seine hochverehrteste Schnur.«

Und so geht es fort. Würde ein mündlicher Erzähler in diesem überladenen Tone ein wirkliches Märchen vortragen, es müßte die Kinder im höchsten Grade langweilen und die Erwachsenen zum Lachen nöthigen; beim Lesen bleibt es vollends ohne Wirkung. Form und Inhalt widersprechen sich hier, indem die Einfachheit und Wahrheit, die Kindlichkeit und Unschuld einer echt epischen Erzählung unter solch falschem Schmucke zur Karikatur verzerrt wird und nothwendig verloren gehen muß. Es entsteht hierdurch eine widerwärtige Zwittergattung in der schönen Literatur, eine Gattung, die den Inhalt der Volks-oder Naturpoesie mit dem äußerlich abgeborgten Schmucke der Rhetorik und [5] Kunstpoesie behängt und auf die Art weder der Volksdichtung noch der Kunstdichtung ein Genüge thut. Zu dieser Gattung gehören sowohl die innerlich höchst leblosen, selbsterfundenen oder zusammengeleimten Märchen, als namentlich auch alle novellenartig zugestutzten und modern ausgesponnenen Volkssagen. Daß übrigens selbstständige Dichtungen, wie z.B. Fouque's Undine und Chamisso's Peter Schlemihl nicht zu dieser Zwittergattung gehören, versteht sich von selbst; denn in diesen Stücken haben Form und Inhalt, Körper und Geist zu vollkommener Befriedigung sich durchdrungen und vermählt.

Was die epischen Stoffe betrifft, welche diesen schwäbischen Märchen zur Grundlage dienen, so gehören sie bekanntlich einem großen Theile nach der mythischen Götter- und Heldensage an und müßen ein uraltes Gemeingut aller deutschen Stämme gewesen sein. Deshalb finden sich auch hier die altheidnischen Elemente und selbst die stehenden Charaktere der Grimm'schen Märchen in ähnlicher Weise wieder, aber vielfach eigenthümlich und mit neuen, überraschenden Zügen. Auf's mannigfaltigste und immer neu ist z.B. das bekannte Thema behandelt, wie ein Jüngling, gewöhnlich der jüngste und anscheinend dümmste von drei Brüdern, eine Jungfrau, die entweder dem Teufel verfallen ist, oder theils von einem Drachen, theils von drei Riesen in Verwahrung gehalten wird, befreit, dann sie heirathet und mit ihr unermeßliche Schätze gewinnt. So z.B. Nr. 1, der Schäfer und die drei Riesen; Nr. 5, der kranke König und seine drei Söhne; Nr. 29, Hans und die Königstochter; Nr. 58, der Drachentödter u.s.w. Siegfried (der nordische Sigurd), der göttliche Held voll unbewußter Hoheit, der die Kriemhild vom Drachen erlöst, blickt hier überall deutlich durch. Umgekehrt werden auch Männer durch kühne Jungfrauen aus der Gewalt böser Mächte befreit. Die Schwester zieht aus, um die zu Raben verwünschten Brüder zu suchen und zu erlösen und besteht glücklich alle Gefahren; oder es gelingt ihr, einen Schatz zu gewinnen, den die Brüder nicht hatten heben können, und deshalb [6] einer feindlichen, dämonischen Gewalt verfallen waren, aus der sie nun durch die Schwester befreit werden; vgl. Nr. 72. Verwandt ist damit die Erlösung durch Liebe überhaupt, wie in Nr. 57.

Im Einzelnen finden sich hier die echt mythischen Erzählungen vom Glasberge (dem glänzenden Götterberge), Nr. 49, 73; vom Kraut des Lebens, oder von Früchten, die dem kranken König allein helfen können, Nr. 5; von Jungfrauen, die ein Schwanenkleid haben und damit fortfliegen (Schwanen-Jungfrauen), Nr. 7; von Wunschdingen, z.B. von dem Fläschlein, das jeden Wunsch gewährt, Nr. 22, und besonders eigenthümlich in dem Märchen von einem Hahn mit Goldfedern, Nr. 75. Auch die Sagen von dem Sack, von dem Ranzen, in den man Alles hineinwünschen kann, gehören hieher; vgl. Nr. 78. Mythisch ist ferner der weißagende Vogel in Nr. 72; die goldene Ente, an der Alles hängen bleibt, Nr. 17; der Stab, vor dem die Höllenthür sich aufthut, Nr. 16; das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht, Nr. 31, und anderes, was schon die Brüder Grimm in den Anmerkungen zu ihrer Sammlung genauer nachgewiesen haben.

Außer viel Bekanntem und Verwandtem wird man in der vorliegenden Sammlung auch Einiges finden, das völlig neu ist. Dahin gehört unter andern das merkwürdige Stück Nr. 6, Donner, Blitz und Wetter, worin altmythische Erinnerungen, namentlich an Donar, klar vorliegen. Ferner die schönen Märchen Nr. 25, der Sohn des Kohlenbrenners, und Nr. 42, der Sohn des Kaufmanns, die meines Wißens sonst nicht vorkommen 5. Wo sich ähnliche Märchen bei Grimm finden, habe ich dieß angegeben und gelegentlich auch einige andre Sammlungen berücksichtigt.

[7] Sehr merkwürdig sind die Berührungen mit Erzählungen in 1001 Nacht, auf die bereits Grimm bei 7 Märchen hingewiesen. – Seit den Kreuzzügen war der Verkehr mit den Arabern sehr lebhaft und so könnte durch mündliche Ueberlieferung (namentlich auch durch die spanischen Araber,) manches morgenländische Märchen uns zugeführt worden sein, wie ja auch die Erzählung von den sieben weisen Meistern und Einzelnes in andern Volksbüchern, z.B. im Herzog Ernst, nachweisbar dem Orient angehört. Andrerseits aber enthält jene arabische Märchensammlung, die als Schriftwerk erst spät unter uns bekannt geworden ist, nicht wenige Züge, die offenbar germanischen Ursprungs sind. Dahin möchte ich unter andern die Erwähnung von Schwanenjungfrauen rechnen. Einzelne weitere Berührungen mögen sich daraus erklären, daß der eigentlich mythische Haupttheil dieser Märchen den mit uns stammverwandten Indern angehört.

Eine besondere Eigenheit der schwäbischen Märchen ist es, daß einige noch, ganz wie die mehr geschichtlichen Sagen, sich an bestimmte Oertlichkeiten knüpfen. So z.B. Nr. 16, das Märchen vom Räuber Matthes; Nr. 22, Fläschlein, thu deine Pflicht; Nr. 59, der langnasige Riese und der Schloßergesell; Nr. 61, das Nebelmännle; Nr. 74, der Knabe, der zehn Jahre lang in der Hölle gedient, u.a.m. Ich habe deshalb einige Stücke der Art, z.B. die Befreiung der Jungfrau von einem Drachen, die sich an das Dorf und ehemalige Schloß Drackenstein knüpft, der Sagensammlung zugetheilt.

Mögen Kinder und Unverbildete an diesen anspruchlosen Märchen, die einen reichen Schatz echter Poesie enthalten, sich nicht minder erfreuen, als ich selbst beim Suchen und Sammeln derselben mich stets erfreut und erfrischt habe.


Tübingen, im Winter 1852.


Dr. Ernst Maier.

Fußnoten

1 1. Bd. 1812. 2. Bd. 1814.

2 So z.B. Kuhns märkische Sagen und Märchen, 1843 (16 Märchen enthaltend), und desselben Verf. Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche, 1848 (mit 19 Märchen). Müllenhoff, Sagen, Märchen und Lieder aus den Herzogthümern Schleswig-Holstein und Lauenburg, 1845 (mit 38 Märchen). E. Sommers Sagen, Märchen und Gebräuche aus Sachsen und Thüringen, 1846 (mit 11 Märchen).Wolfs deutsche Sagen, 1845 (mit 40 Märchen). – Auch in Bechsteins deutschem Märchenbuche beschränken sich die neuen Stücke auf Thüringen. Darunter kommt aber manches entschieden Unechte und Selbsterfundene vor, wie ich hier nur beiläufig bemerken will. So ist z.B. die Rosenkönigin, S. 35, wohl erst durch die bezauberte Rose von Ernst Schulze veranlaßt worden. Ebenso ist das Märchen S. 39, wie der Teufel den Branntewein erfunden, ein modern-didaktisches und gewiß nicht volksthümliches Stück.

3 Diese Worte, die ich schon im Jahr 1850 geschrieben, passen jetzt nicht ganz mehr, indem wir kürzlich durch J. W. Wolf eine treffliche Sammlung von 51 Märchen, hauptsächlich aus dem Odenwalde, erhalten haben. Allein von Schwaben, dem eigentlichen Herzen Süddeutschlands, gelten sie noch heute.

4 Vgl. meine deutschen Kinderreime und Kinderspiele aus Schwaben. Tüb. 1851; ferner: Deutsche Sagen, Sitten und Gebräuche aus Schwaben, die demnächst in 2 Bänden zu Stuttgart erscheinen werden. Auch eine Sammlungschwäbischer Volkslieder habe ich vorbereitet.

5 Dieß letzte Märchen findet sich jetzt auch in der Wolf'schen Sammlung aus dem Odenwalde: des Todten Dank, S. 243. Auch sonst enthält sie manches Verwandte, das aber in der schwäbischen Ueberlieferung, wie z.B. der goldene Hirsch, S. 73, bei mir Nr. 54: der lustige Ferdinand, einfacher geblieben ist.

1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[1] 1. Der Schäfer und die drei Riesen.

Es war einmal ein Edelmann, der besaß viel Geld und Gut und bekam immer noch mehr; das kam aber daher, weil er seine einzige Tochter dem Teufel versprochen hatte. Dieser Edelmann hielt sich auch eine große Heerde Schaafe und hatte beständig einen eigenen Hirten, der sie hüten mußte; allein mit seinen Schaafen wollt's ihm nicht glücken. Es waren nämlich in der Nähe des Schloßes drei Thäler, und wenn ein Hirt in eins derselben die Heerde trieb, so wurde sie jedesmal von einem Riesen zerrißen und auch der Hirt wurde umgebracht. So oft nun der Edelmann einen neuen Schäfer annahm, sagte er ihm zwar jedesmal: »Du darfst überall hüten, wo Du willst, nur nicht in den drei Thälern; denn da wird Dir's schlecht gehen!« Allein die Schäfer konnten es immer nicht laßen und wollten es doch wenigstens Einmal probiren, und trieben in eins der drei Thäler und kamen niemals wieder lebendig heraus.

So hatte der Edelmann auch einmal wieder seine ganze Schaafheerde mitsammt dem Schäfer verloren, kaufte sich aber sogleich eine andere und suchte nun einen Hirten [1] für dieselbe. Da meldete sich eines Tags ein junger hübscher Bursch bei ihm, und da derselbe ihm wohl gefiel, vertraute er ihm die Heerde an, sagte ihm aber zugleich, wie es seinen Vorgängern nun schon mehrmals ergangen sei und warnte ihn, daß er doch ja, so ihm sein Leben lieb wäre, die drei Thäler meiden möchte. Der Bursch sagte nein, er wolle auch nicht dahin »fahren« und hütete eine Weile anderswo mit seinen Schaafen, so daß ihm kein Leid geschah. Allein er mußte doch im Stillen immer an die drei Thäler denken und meinte: »Ich möchte doch sehen, wer mir da etwas thun könnte; wollt's Niemand rathen! es sollt' ihm übel bekommen!« Und so zog er eines Morgens ganz wohlgemuth in das eine Thal, fand vortreffliches Gras darin und hütete dort bis Mittag, ohne daß ihm etwas aufgestoßen wäre. Dann trieb er seine Heerde auf's Feld, wo er sein Nachtlager hatte, aß daselbst zu Mittag und führte nachher abermals seine Schaafe in das verbotene Thal und blieb darin bis gegen Abend.

Da kam mit einem Male ein gewaltiger Riese auf den Schäfer zu und sprach: »Was machst Du da mit Deinen Grasmücken?« »Das geht Dich nichts an!« sagte der Schäfer. »Das will ich Dir zeigen!« sprach der Riese und wollte sein Schwert ziehen und dem Hirten zu Leibe gehen; allein ehe er das Schwert aus der Scheide brachte, wobei er sich ein wenig bücken mußte, hob der Schäfer seine »Schippe« (Hirtenstecken) in die Höhe und schlug den Riesen auf den Kopf, daß er betäubt umfiel; dann gab er ihm noch ein paar Hiebe auf den Kopf, daß er vollends todt [2] war. Hierauf nahm er das Schwert und die Kleider des Riesen und warf den Leichnam in's Gebüsch.

Wie sich nun aber der Schäfer nach seiner Heerde umsah, erblickte er plötzlich ganz nahe ein schönes Schloß und gieng in dasselbe hinein und kam in ein prächtiges Zimmer, darin stand ein Tisch, der war gedeckt, und auf dem Tische stand eine Flasche Wein, woneben ein Zettel lag, und auf diesem Zettel standen die Worte:


Wer diese Flasche trinkt

Und dieses Schwert regiert,

Der zwingt den Teufel.


Das las der Schäfer, dachte aber nichts weiter dabei und ließ den Wein stehen, legte auch das Riesenschwert so wie die Kleider des Riesen in das Zimmer und besah sich das Schloß. Da fand er denn unten im Stalle einen prächtigen Schimmel, ließ aber Alles in dem Schloße und zog mit seinen Schaafen heim.

Weil's ihm nun das erste Mal so geglückt war, so konnte er's nicht laßen und zog am folgenden Morgen auch in das zweite Thal, nahm aber, um sich beßer wehren zu können, einen langen Spieß mit. Als er nun ein paar Stunden hier gehütet hatte, kam wieder ein Riese, der war noch größer als der erste und sprach: »Was machst Du da mit Deinen Grasmücken?« »Was geht's Dich an?« sprach der Schäfer. »Das will ich Dir gleich zeigen,« sagte der Riese und zog sein Schwert; allein der Schäfer legte sogleich seinen Spieß ein und rannte auf den Riesen los, traf aber eine Rippe, so daß die Spitze nicht sehr tief eindrang und[3] der Riese schon sein Schwert schwang, um dem Schäfer den Kopf abzuschlagen; der aber zog schnell seinen Spieß heraus und sprang zurück, worauf der Riese den Hieb in die Luft that und zu Boden fiel. Sogleich sprang der Schäfer nun wieder herzu und bohrte ihm seinen Spieß tief in den Leib, daß er alsbald todt war. Dann zog er dem Riesen die Kleider aus, warf den Leichnam in's Gebüsch und wollte eben mit dem Schwerte fortgehen, als er wieder ein schönes Schloß vor sich sah. Er gieng hinein und fand ein Zimmer, darin war ein gedeckter Tisch, auf dem Tische aber stand eine Flasche Wein und daneben lag ein Zettel mit den Worten:


Wer diese Flasche trinkt

Und dieses Schwert regiert,

Der zwingt den Teufel.


Kurz, alles war hier gerade so wie in dem ersten Schloße. Der Schäfer legte wieder die Kleider und das Schwert des Riesen in das Zimmer und ließ den Wein stehen. Als er aber das Schloß besah, fand er hier ebenfalls ein Pferd unten im Stalle; dieß war aber ein Fuchs. Alsdann gieng er mit seiner Heerde heim.

Als der Schäfer am andern Morgen »ausfuhr,« dachte er unterwegs: »Ei, ich möchte doch auch wißen, wie's in dem dritten Thale aussieht!« und zog auch sogleich mit seinen Schaafen dahin. Wie er aber in das Thal trat, kam ihm alsbald ein ungeheurer Riese entgegen; der hatte eine Haut, grad wie Eichenrinde sah sie aus, und langes Moos wuchs in seinem Gesichte, daß es dem Schäfer schier angst [4] ward; denn er hatte keine Waffen bei sich als bloß seine Schippe. Allein er besann sich nicht lange, sondern als der Riese brüllte: »was willst Du hier?« sprach er: »das sollst Du schon sehen!« und nahm rasch einen Stein auf die kleine Schaufel, die an der Schippe sich befindet, und warf nach dem Riesen. Der Stein aber traf nur den Bauch des Riesen, daß er's kaum spürte. Sogleich nahm der Schäfer einen zweiten Stein auf die Schippe und warf und traf die Brust des Riesen; allein das that ihm noch nichts; nun rückte er aber immer näher heran, und als er endlich schon ganz nahe war, da warf der Schäfer einen dritten Stein mit seiner Schippe, und der traf gerade die Stirn des Riesen, daß er umstürzte und mausetodt war. Sogleich stand auch wieder ein prächtiges Schloß da, in das trug der Schäfer das Schwert und die Kleider, die er dem Riesen abgenommen, und fand in einem Zimmer auch wieder eine Weinflasche mit dem Spruche: daß wer den Wein trinke und das Schwert führe, der könne den Teufel bezwingen, ganz so wie in den beiden andern Schlößern; allein er ließ alles stehen, rührte den Wein nicht an und sah bloß zu, ob in dem Stalle auch wieder ein Pferd stehe. Ja, es stand richtig eins darin, und war ein Rappe.

Darauf zog der Schäfer ganz vergnügt nach Haus, und als ihn nach einiger Zeit der Edelmann einmal fragte: »bist Du auch schon in den drei Thälern gewesen?« Da antwortete er: »ja wohl, ich bin darin gewesen.« Da ward der Edelmann bitterböse, und wollte den Burschen auf der Stelle fortjagen; weil er aber so sehr bat, daß der Edelmann [5] ihn doch behalten möge, so gab er's endlich zu und sagte: »Nun, so magst Du bleiben und kannst dem Gärtner helfen und Mist und Waßer tragen; aber die Schaafe kann ich Dir nicht länger laßen.« Das war dem Burschen ganz recht, und so half er dem Gärtner bei seiner Arbeit.

Da geschah es, daß die Zeit nahe war, wo der Edelmann seine Tochter dem Teufel übergeben sollte, wie der Böse sich's ausbedungen hatte. Darüber entstand große Trauer im Schloß, und der Edelmann hatte keine Ruhe und Rast, und klagte dem Gärtner seine Noth. Der aber wußte auch keinen Rath, und erzählte seinem Gehülfen die Geschichte und sagte: »morgen muß unser Herr seine Tochter dem Teufel übergeben und auf den Berg bringen; wer da helfen könnte, der hätte auch sein Glück gemacht.« »Wie war das?« fragte der junge Bursch und ließ sich die ganze Geschichte noch einmal genau erzählen. Darauf sagte er nichts mehr. Es fiel ihm wieder ein, was er in den drei Schlößern gelesen hatte, und er nahm sich auch sogleich vor, daß er die Jungfrau erlösen wollte; denn er hatte Mitleiden mit ihr, da er sie oftmals gesehen hatte, und sie so brav und wunderschön war. Deshalb begab er sich am folgenden Morgen in das nächste Thal, gieng in das Schloß und dann in das Zimmer, trank die Flasche Wein aus, nahm das Wammes des Riesen und hieng sich's um, obwohl es ihm viel zu weit und zu lang war, und wie ein Mantel auf die Erde hieng; endlich nahm er auch das Schwert, setzte sich auf den Schimmel und jagte davon dem Berge zu, wo der Teufel die Jungfrau holen wollte. Und wie er [6] dort hinkam, war's grad ein Uhr, und der Edelmann stand mit seiner Tochter schon da und meinte, es sei der Teufel, als er den Reiter erblickte. Der Teufel kam aber alsbald in der Gestalt einer Schlange und fuhr auf den Reiter los; der zog sein Schwert und kämpfte dreiviertel Stunden lang mit der Schlange und erlegte sie endlich; dann ritt er, ohne ein Wort zu reden, wieder fort nach dem Schloße, führte den Schimmel in seinen Stall, legte das Schwert und das Kleidungsstück des Riesen in das Zimmer, und begab sich nach Haus an seine Arbeit.

Nun meinte der Edelmann, seine Tochter sei erlöst und gieng vergnügt mit ihr heim; allein alsbald erschien der Teufel und sagte: »morgen Mittag um ein Uhr mußt Du mit Deiner Tochter wieder auf den Berg kommen!« Da jammerte alles auf's Neue in dem Schloße, und durch den Gärtner erfuhr es auch der Gehülfe, daß der Teufel noch nicht zufrieden sei, obwohl er heute schon von einem fremden Manne überwunden worden wäre.

Da begab sich der Gärtnerbursch am andern Morgen in das zweite Schloß, trank die Flasche aus, die auf dem Tische stand, hieng sich das Leibchen des Riesen und sein Schwert um, setzte sich auf den Fuchs und ritt wieder nach dem Berge. Alsbald erschien auch der Teufel als feuriger Drache und kämpfte mit dem Reiter, bis dieser endlich nach dreiviertel Stunden den Drachen besiegte und ihm mit dem Schwerte den Kopf abschlug. Dann wandte er sogleich sein Roß um und wollte es wieder in das Riesenschloß bringen, hörte aber noch, wie eine Stimme aus der Erde dem Edelmann [7] zurief als dieser auch gerade fortwollte: »Du mußt morgen um dieselbe Zeit noch einmal mit Deiner Tochter hierher kommen!« Das hörte der Bursch noch und dachte: »schon recht! ich werde auch dabei sein!« und jagte davon, ohne sich dem Edelmann zu erkennen zu geben, und brachte Alles wieder an den Platz, wo er's genommen hatte.

Am folgenden Morgen zog er nun in das dritte Schloß, trank den Wein und bewaffnete sich mit der Riesenjacke und dem Riesenschwerte, und bestieg den Rappen und ritt dem Berge zu. Der Edelmann aber dachte: »zweimal ist deine Tochter jetzt erlöst worden; wer weiß, was beim dritten Male geschehen könnte!« Deshalb war er entschloßen, daheim zu bleiben. Allein es befiel ihn alsbald eine große Angst und Unruhe, so daß er nicht länger in seinem Schloße zu bleiben wagte, und nun auch zum dritten Male seine Tochter dem Teufel entgegenführte. Dießmal aber kam der Teufel als ein feuriger Adler durch die Luft gefahren und schoß auf den Reiter so wild hernieder, daß es grausig anzusehen war wie dieser mit dem Ungethüme streiten mußte; aber nach dreiviertel Stunden war auch der Adler besiegt. In dem Augenblick aber, wo der Bursch dem Adler den Todesstoß gab, traf derselbe mit der einen Flügelspitze noch die Hand des Reiters, daß es eine große Wunde gab. Das sah der Edelmann noch und dankte Gott, als Alles glücklich überstanden war. Der Reiter aber eilte sogleich fort, brachte das Pferd in seinen Stall, und legte das Kleid so wie das Schwert in das Zimmer und kehrte zum Schloße des Edelmanns zurück, als ob nichts vorgefallen wäre. Allein am [8] andern Morgen, als er schon im Garten an der Arbeit war, that ihm die Hand so weh, daß er den Verband losmachte, um zu untersuchen, wie die Wunde aussähe. Dabei überraschte ihn der Edelmann und fragte sogleich, woher er die Wunde habe? Der Bursch wollte das lange nicht gestehen; allein der Edelmann ließ ihm keine Ruhe und nahm ihn sogleich mit in das Schloß, denn er vermuthete ganz fest, daß er der Retter seiner Tochter sei. Und da gestand ihm denn endlich der Bursch auch Alles, wie er die drei Riesen erlegt und durch den Wein und die Riesenschwerter den Teufel bezwungen habe, ganz wie es auf den Zetteln gestanden. Da dankte ihm der Edelmann tausendmal und sprach: »nun mußt Du auch meine Tochter heirathen!« Der Bursch aber sagte: »ja, wenn sie mich nur mag!« »O gewiß!« sprach der Vater und holte die Tochter her und sagte zu ihr: »sieh, das ist Dein Erretter, den sollst Du zum Manne haben!« »O mein Leben wollt' ich für ihn laßen!« rief die Tochter aus und herzte und küßte ihn, und ward seine liebe treue Gemahlin ihr Leben lang.

2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[9] 2. Das Vöglein auf der Eiche.

Ein Holzhauer arbeitete oftmals im Walde, und um keine Zeit zu verlieren, ließ er sich von seiner Frau das Eßen in den Wald bringen. Da schlachtete die Frau eines Tags ihr eigen Kind und kochte es und brachte es dem Manne hinaus; der aß nun das Fleisch ohne Arg. Als er aber heimgieng, hörte er im Walde auf einer Eiche ein Vöglein singen und verstand ganz deutlich die Worte:


Zwick, zwick,

Ein schönes Vöglein bin ich!

Meine Mutter hat mich kocht,

Mein Vater hat mich geßt.


Als der Mann nach Hause kam, erzählte er seiner Frau, was er von dem Vöglein gehört hatte und fragte nach seinem Kinde. Die Frau sagte: »Das Kind liegt schon im Bett und schläft; was Du mir aber da von dem Vöglein erzählst, das kann ich nimmermehr glauben.« Und obgleich der Mann es ihr ganz fest versicherte, daß er die Worte genau so gehört habe, so wollte sie es doch nicht zugeben und sagte, daß er sich getäuscht haben müße.

Am andern Morgen früh gieng der Mann wieder in den Wald, und wie er an die Eiche kam, sang dort das Vöglein dasselbe Lied, welches es gestern gesungen hatte. Da verwunderte er sich noch mehr und gieng auf der Stelle wieder heim, um seine Frau zu holen, damit sie selbst es hören möchte. Und so wie sie nun mit einander an den Eichbaum kamen, da sang das Vöglein:


[10]

Zwick, zwick,

Ein schönes Vöglein bin ich!

Meine Mutter hat mich kocht,

Mein Vater hat mich geßt.


Kaum aber war das Lied aus, so fiel der Eichbaum krachend um und schlug die böse Frau todt. Dem Holzhauer aber geschah kein Leid.

3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

3. Der Räuber und die Hausthiere.

Da war einmal ein Müllerknecht, der hatte seinem Herrn schon viele Jahre lang treu und fleißig gedient, und war alt geworden in der Mühle, also, daß die schwere Arbeit, die er hier zu verrichten hatte, endlich über seine Kräfte gieng. Da sprach er eines Morgens zu seinem Herrn: »Ich kann Dir nicht länger dienen, ich bin zu schwach; entlaß mich deshalb und gib mir meinen Lohn!« Der Müller sagte: »jetzt ist nicht die Wanderzeit der Knechte; übrigens kannst Du gehen, wenn Du willst, aber Lohn bekommst Du nicht.« Da wollte der alte Knecht lieber seinen Lohn fahren laßen, als sich noch länger in der Mühle so abquälen, und verabschiedete sich von seinem Herrn.

Ehe er aber das Haus verließ, gieng er noch zu den Thieren, die er bis dahin gefüttert und gepflegt hatte, um ihnen Lebewohl zu sagen. Als er nun zuerst von dem [11] Pferde Abschied nahm, sprach es zu ihm: »wo willst Du denn hin?« »Ich muß fort,« sagte er; »ich kann's hier nicht länger aushalten.« Und wie er dann weiter gieng, so folgte das Pferd ihm nach. Darauf begab er sich zu dem Ochsen, streichelte ihn noch einmal und sprach: »jetzt b'hüt di Gott, Alter!« »Wo willst Du denn hin?« sprach der Ochs. »Ach, ich muß fort; ich kann's hier nicht länger aushalten,« sagte der Müllerknecht und gieng traurig fort, um auch noch von dem Hunde Abschied zu nehmen. Der Ochs aber zog hinter ihm her wie das Pferd, und ebenso machten es die übrigen Hausthiere, denen er Adieu sagte, nämlich der Hund, der Hahn, die Katze und die Gans.

Als er nun draußen im Freien war und sah, daß die treuen Thiere ihm nachzogen, redete er ihnen freundlich zu, daß sie doch wieder umkehren und daheim bleiben möchten. »Ich habe jetzt selber nichts,« sprach er, »und kann für euch nicht mehr sorgen.« Allein die Thiere erklärten ihm, daß sie ihn nicht verlaßen würden und zogen vergnügt hinter ihm drein.

Da kamen sie nach etlichen Tagen in einen großen großen Wald; das Pferd und der Ochs fanden hier gutes Gras; auch die Gans und der Hahn ließen sich's schmecken; die andern Thiere aber, die Katze und der Hund, die mußten Hunger leiden wie der alte Müllerknecht, und knurrten und murrten nicht darüber. Endlich, als sie ganz tief in den Wald hineingekommen waren, sahen sie auf einmal ein schönes großes Haus vor sich stehen; das war aber fest zugeschloßen; nur ein Stall stand offen und war leer, und von [12] hieraus konnte man durch eine Scheuer in das eigentliche Haus kommen. Weil nun Niemand in dem Hause zu sehen war, so beschloß der Knecht, mit seinen Thieren daselbst zu bleiben, und wies einem jeden seinen Platz an. Das Pferd stellte er vorn in den Stall, den Ochsen führte er an die andere Seite; der Hahn bekam seinen Platz auf dem Dache, der Hund auf dem Miste, die Katze auf dem Feuerheerde, die Gans hinterm Ofen. Dann reichte er jedem sein Futter, das er in dem Hause reichlich vorfand, und er selbst aß und trank was er mochte, und legte sich dann schlafen in ein gutes Bett, das in der Kammer fertig dastand.

Als es nun schon Nacht war und er fest schlief, kam der Räuber, dem dieß Waldhaus gehörte, zurück. Wie der aber in den Hof trat, sprang sogleich der Hund wie wüthend auf ihn los und bellte ihn an; dann schrie der Hahn vom Dache herunter: »Kikeriki! Kikeriki!« also, daß es dem Räuber angst und bange wurde; denn er hatte in seinem Leben noch keine Hausthiere gesehen, die mit dem Menschen zusammenleben, sondern kannte bloß die wilden Thiere des Waldes. Deshalb nahm er Reißaus und sprang eilig in den Stall; aber da schlug das Pferd hinten aus und traf ihn an die Seite, daß er um und um taumelte und sich nur mit Mühe noch in die hintere Seite des Stalles flüchten konnte. Kaum aber war er hier angekommen, so drehte sich auch schon der Ochs um und wollte ihn auf seine Hörner nehmen. Da bekam er einen neuen Schrecken und lief, was er konnte, durch die Scheuer hindurch und dann in die Küche, um ein Licht anzuzünden und zu sehen, was da los sei. [13] Wie er nun auf dem Heerde herumtastete und die Katze anrührte, fuhr die auf ihn los und kratzte ihn dermaßen mit ihren Tatzen, daß er halsüberkopf davonsprang und sich eben in der Stube hinter den Ofen verkriechen wollte. Da wachte aber die Gans auf und schrie und schlug mit den Flügeln, daß es dem Räuber höllenangst wurde und er sich in die Kammer flüchtete. Da schnarchte nun der alte Müllerknecht in dem Bette so kräftig wie ein schnurrendes Spinnrad, daß der Räuber meinte, die ganze Kammer sei mit fremden Leuten angefüllt. Da überfiel ihn ein arges Grauen und Grausen, kannst du glauben, und er lief schnell zum Hause hinaus und rannte in den Wald hinein, und stand nicht eher still, als bis er seine Raubgesellen gefunden hatte.

Da fieng er nun an zu erzählen: »Ich weiß nicht, was mit unserm Hause vorgegangen ist; es wohnt ein ganz fremdes Volk darin. Als ich in den Hof trat, sprang ein großer wilder Mann auf mich zu und schalt und brüllte so grimmig, daß ich dachte, er würde mich umbringen. Ein anderer reizte ihn noch auf und rief vom Dache herunter: ›gib'm au für mi! gib'm au für mi!‹ (gib ihm auch für mich!) Da mir's der Erste schon arg genug machte, so wollte ich nicht warten, bis ihrer etwa mehre über mich herfielen, und flüchtete mich in den Stall. Aber da hat ein Schuhknecht (Schuster) mir einen Leisten an die Seite geworfen, daß ich's noch spüre; und als ich dann hinten in den Stall kam, stand da ein Gabelmacher und wollte mich mit seiner Gabel aufspießen; und als ich in die Küche[14] kam, saß da ein Hechelmacher und schlug mir seine Hechel in die Hand; und als ich in die Stube sprang und mich hinterm Ofen verstecken wollte, da schlug mich ein Schaufelmacher mit seiner Schaufel; als ich aber endlich in die Kammer lief, da schnarchten darin noch so viele andere, daß ich nur froh sein mußte, als ich lebendig wieder draußen war.«

Als die Räuber dieß hörten, entsetzten sich alle so sehr, daß keiner Lust hatte, in das Haus zu gehen. Nein, sie meinten, die ganze Umgegend sei durch dieß fremde Volk unsicher geworden und zogen noch in selbiger Nacht fort, weit weg in ein anderes Land, und sind nie wieder gekommen.

Da lebte nun der Müllerknecht mit seinen treuen Thieren in Ruh und Frieden in dem Hause der Räuber, und brauchte sich nicht mehr zu plagen in seinen alten Tagen; denn der schöne Garten neben dem Hause trug ihm jährlich mehr Obst, Gemüse und allerlei Nahrung, als er und seine Thiere verzehren konnten.

4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[15] 4. Aschengrittel.

Ein junges Mädchen hatte eine Stiefmutter und zwei Stiefschwestern, die es alle mit einander beständig zankten und quälten und neckten, also, daß das arme Kind schon früh recht viel zu leiden hatte. Es mußte alle Arbeiten im Hause thun, und ihre jüngern Schwestern durften ihr befehlen, was sie nur wollten; und das thaten sie denn auch und gebrauchten sie zu den niedrigsten Arbeiten, als ob sie eine gewöhnliche Dienstmagd wäre. Sie mußte Waßer holen, Schuhe und Kleider putzen, das Haus kehren, die Schüßeln spülen, und bekam immer alte, abgetragene Kleider. Aus Spott wurde sie von der Stiefmutter und den Schwestern bloß Aschengrittel genannt; denn um sie zu ärgern, warfen sie zuweilen eine Handvoll Linsen in die Asche und sagten ihr, daß sie sie wieder herauslesen sollte.

Da geschah es, daß der Vater einmal eine Reise machen wollte und seine Töchter fragte, was sie sich wünschten, daß er ihnen mitbringe. Da wünschten sich die beiden jüngsten schöne Kleider und goldene Ohrringe und Halsketten, die ihnen der Vater auch mitzubringen versprach. Aschengrittel aber wünschte sich bloß das erste Zweiglein, welches der Vater unterwegs mit seinem Hute berühre. Die Schwestern lachten und spotteten darüber, weil's ihnen gar zu dumm vorkam; allein Aschengrittel kümmerte sich nicht darum und war ganz vergnügt, als der Vater ihr einen kleinen Haselzweig mitbrachte; denn der hatte wirklich [16] zuerst seinen Hut berührt. Aschengrittel steckte den Zweig aus Freude an seine Brust und trug ihn beständig bei sich. Als es nun am folgenden Tage zum Brunnen gieng, um Waßer zu schöpfen, da kam mit einem Male aus dem Brunnen ein »Zwergle,« ein kleines altes Männlein, das hatte einen ganz weißen Bart und sagte zu Aschengrittel: es dürfe für sich drei gute und drei böse Wünsche thun, die sollten ihm gewährt werden. Da wollte aber Aschengrittel die bösen Wünsche nicht nehmen und wünschte sich zum ersten: daß doch ihre Mutter und die Schwestern künftig freundlich gegen sie sein möchten. Darüber verwunderte sich das Zwerglein und sagte: »ich sehe wohl, daß Du ein gutes Herz hast, und will Dir deshalb dieß goldne Stäblein schenken, das wird Dir Alles verschaffen, was Du Dir nur wünschen magst. Du darfst nur mit dem Stabe zum Brunnen gehen und damit auf den Brunnenrand klopfen und Deinen Wunsch aussprechen, so wird er alsbald Dir erfüllt werden.« Und wie das Männlein dieß gesagt hatte, war es mit einem Male wieder verschwunden. Aschengrittel aber verwahrte das Stöcklein sehr wohl und war fröhlich und guter Dinge.

Da trug sich's zu, daß der junge König einen großen Ball veranstaltete; denn er gedachte sich zu vermählen und wollte gern sehen, welches wohl die schönste Jungfrau im Lande sein möchte. Auf diesen Ball giengen auch die Schwestern von Aschengrittel; aber Aschengrittel selbst durfte nicht hinkommen, weil es so zerrißene und schmutzige Kleider anhabe, sagten sie. Kaum aber waren alle fort, so that [17] Aschengrittel flink seine Hausarbeit, dann wusch und kämmte es sich, holte sein goldenes Stäblein hervor und gieng damit zum Brunnen und klopfte auf den Rand und wünschte sich ein schönes Ballkleid mit allem Schmuck, der dazu gehöre. Mit einem Male lag ein wunderschönes Kleid und der prächtigste Schmuck von Gold und Perlen daneben. Schnell legte Aschengrittel alles an und gieng in's Schloß auf den Ball. Da kannte nun Niemand das schöne Fräulein. Sie war aber so wunderschön anzusehen, daß man die Augen gar nicht von ihr wegwenden konnte, weshalb denn auch der junge König den ganzen Abend hindurch am meisten und am liebsten mit ihr tanzte und sehr vergnügt war. – Mit einem Male aber, noch ehe die andern fortgiengen, war Aschengrittel verschwunden. Dem Könige that das sehr leid, weil er gar nicht wußte, wer die Jungfrau war und wo sie wohnte. Deshalb veranstaltete er bald einen zweiten Ball. Da machte es Aschengrittel ebenso wie das erste Mal und hatte einen noch weit kostbareren Schmuck und schien so schön, daß der König sich ganz in sie verliebte und sie gar nicht mehr von seiner Seite ließ. Zuletzt bat er sich's sogar aus, daß er sie nach Haus begleiten dürfe; allein Aschengrittel wußte sich wieder allein fortzuschleichen. Nun hatte der junge König keine Ruhe mehr, bis daß der dritte Ball gegeben wurde. Da erschien auch Aschengrittel wieder und der König meinte, sie sei dießmal noch viel schöner als die beiden früheren Male, und war über die Maßen glücklich. Damit sie aber nicht noch einmal ihm entschlüpfe und damit er endlich erfahre, wo sie wohne, so [18] ließ er alle Thüren des Schloßes bis auf eine verschließen, an dieser einen aber die Schwelle mit Pech bestreichen. Nun gab er beständig Achtung auf Aschengrittel und gedachte sie nach Haus zu begleiten, und sah auch richtig, wie sie eben sich fortschleichen wollte. Da gieng er ihr nach; allein Aschengrittel hatte ihn auch gesehen und lief, was sie nur konnte, zu der Thür hinaus, und ließ lieber ihren einen goldenen Schuh, der an dem Pech stecken blieb, im Stich, als daß sie den König mit nach Haus genommen hätte.

Der junge König aber war doch froh, daß er wenigstens Etwas von dem lieben Mädchen bekommen hatte; und außerdem war der goldne Schuh so schön, so sein und zierlich, wie er noch nie einen gesehen hatte. Deshalb ließ er gleich am folgenden Tage bekannt machen: daß das Fräulein, welchem dieser Schuh passe, seine Gemahlin werden solle, und gieng selbst damit von Haus zu Haus, damit alle jungen Mädchen ihn anprobiren möchten.

Da kam er auch in das Haus, wo Aschengrittel wohnte, und die Stiefmutter führte sogleich ihre beiden Töchter in die Kammer, um den Schuh anzuprobiren, und beredete die eine, als sie nicht hineinkommen konnte, sich die große Zehe abzuschneiden, was sie auch that; allein es war umsonst. Die andere Schwester schnitt sich ein Stück von der Ferse ab; aber es half ihr auch nichts. – Den König aber hat es angeschauert, wie er in dem Schuh noch Blutflecken erblickte, und er sprach:


[19]

Gru, Gru!

Der Schuh ist voll Blut!

Das ist nicht die rechte Braut.


Als er sodann hörte, daß die Frau auch noch eine Stieftochter habe, so wollte er sie durchaus sehen, obwohl die Mutter ihm sagte, daß sie ein schmutziges und wüstes Ding sei und man sich ihrer schämen müße und sie nicht sehen laßen könne. Als nun endlich Aschengrittel hervorgeholt wurde und den kleinen Schuh anprobirte, so passte er ihr ganz genau, und der König erkannte, trotz der schlechten Kleider, auch sogleich seine Geliebte, und herzte und küsste sie und machte sie zur Königin.

5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

5. Der kranke König und seine drei Söhne.

Da war einmal ein König von England, der war schon viele viele Jahre krank gewesen, und kein Doktor in ganz England konnte ihm helfen. Da träumte er einstmals in der Nacht: »weit weg in einem fremden Lande sei ein Garten, darin wüchsen die schönsten Früchte von der Welt, und wenn er von diesen Früchten welche eße, so würde er wieder gesund werden.« Als er diesen Traum des Morgens seinen drei Söhnen erzählte, so waren sie auch sogleich bereit, den Garten aufzusuchen und Früchte daraus für ihren Vater zu holen. Zuerst wollte es der Aelteste versuchen. [20] Er ließ sich ein Pferd satteln, versah sich reichlich mit Gold und Silber und nahm Abschied von seinem Vater und sagte: »wenn ich heut über's Jahr nicht wieder da bin, so werde ich nimmer zurückkommen.« Und damit reisete er ab.

Nach einiger Zeit kam er in einen großen Wald; da begegnete ihm ein alter Mann und bat um eine kleine Gabe, weil er so arg Hunger leide und kein Geld habe. Der Prinz aber schalt ihn aus und wies ihn fort, ohne ihm etwas zu geben, und ritt immer tiefer in den Wald hinein. Als er nun schon mehre Tage lang keinen Menschen mehr gesehen hatte, traf er plötzlich mitten im Walde ein großes Gasthaus und stieg ab; da konnte er von dem Wirthe alles bekommen, was er nur wünschte. Und als er nun durch Eßen und Trinken sich erquickt hatte, traten einige wunderschöne Mädchen in's Zimmer, die brachten ein Kartenspiel mit und forderten ihn auf, zum Zeitvertreib mit ihnen ein Spiel zu machen. Ja, das war ihm ganz recht. Da dauerte es aber nicht lange, da hatte er all sein Geld, das er mitgenommen, verspielt; und weil er immer meinte, er müße und müße doch endlich gewinnen, so machte er Schulden, und als er zuletzt nicht bezahlen konnte, so wurde er eingesperrt und zugleich wurde ihm angekündigt, daß er zwei Jahre lang Frist haben solle, dann müße das Geld aber bezahlt sein. Uebrigens gestand der Prinz nicht, daß er ein Königssohn sei, weil er sich schämte.

Nachdem nun ein Jahr um war und der älteste Prinz nicht heimkehrte, so machte der zweite sich auf den Weg. Er kam auch alsbald in den Wald; da bat der alte Mann [21] um ein Almosen; aber der Prinz machte es wie sein Bruder, und speiste den Bettler mit unfreundlichen Worten ab und ritt weiter, bis er an das Wirthshaus mitten im Walde kam. Da stieg er ab, ließ Eßen und Trinken sich schmecken, spielte dann Karten mit den schönen Mädchen, die dort waren, und verlor sein Geld und machte so viele Schulden, daß er ebenfalls wie sein Bruder eingesperrt wurde, und mit ihm in dasselbe Gefängnis kam.

Als wieder ein Jahr um war und auch der zweite Prinz nicht zurückkehrte, so wollte der jüngste, welcher Karl hieß, die Reise antreten und den Garten aufsuchen. Aber der Vater wollte ihn nicht ziehen laßen; er fürchtete, es möchte ihm ein Unglück zustoßen wie seinen Brüdern; denn er meinte nicht anders, als daß sie umgekommen seien. Weil aber dieser Sohn ihm keine Ruhe ließ und Tag aus Tag ein seine Bitten wiederholte, so gab es der Vater endlich zu und ließ ihn abreisen.

Nun schlug er dieselbe Straße ein wie seine Brüder und kam zuerst in den großen Wald. Da dauerte es nicht lange, da begegnete ihm der alte Bettler und sprach ihn um eine Gabe an. Sogleich griff er in die Tasche und gab dem alten Manne ein Goldstück und unterhielt sich freundlich mit ihm und erzählte ihm auch, weshalb er diese Reise unternommen. Sprach der Alte: »Es wird Dir schon gut gehen; nur hüte Dich ja und kaufe kein Galgenfleisch!« Der Prinz aber wußte nicht, was der Mann damit sagen wollte und ritt weiter, bis er endlich auch an das Wirthshaus kam. Da nöthigte der Wirth ihn mit schönen Worten,[22] daß er doch einkehren und sich ein wenig ausruhen möchte; allein er ließ sich nicht verleiten und aufhalten, sondern setzte ohne Unterbrechung seine Reise fort.

Nach langer langer Zeit kam er endlich in ein Land, in welchem er nichts als lauter große Affen antraf; aber nirgend war ein Mensch, noch eine Stadt, noch ein Dorf zu sehen. Nachdem die Affen ihn gefragt, was er wolle, und er es ihnen gesagt, brachten sie ihn zu ihrem Könige; der war ebenfalls ein Affe, und nahm den fremden Prinzen freundlich auf und sagte ihm genau, wo er den Garten finden, und wie er in denselben hineinkommen könne. »Mittags um elf Uhr wird eine goldene Brücke niedergelaßen, über die wirst Du in den Garten gelangen; rechts und links liegen zwei mächtige Löwen, aber die schlafen von elf bis zwölf und können Dir nichts thun. Während dieser Zeit mußt Du einige Früchte in dem Garten pflücken und noch vor dem Schlag zwölf wieder draußen sein, denn sonst kostet Dir's Dein Leben. Bringst Du aber die Früchte glücklich aus dem Garten, so wirst Du nicht bloß Deinen Vater wieder gesund machen, sondern wirst auch mich und mein ganzes Königreich nebst allen Bewohnern erlösen; denn wir sind alle mit einander verwünschte Menschen.« Das sagte ihm der Affenkönig, und da machte der Prinz sich sogleich auf den Weg und kam auch richtig zu dem Garten. Da wartete er nun, und als es elf schlug ward eine goldene Brücke über den tiefen Graben herabgelaßen, und sogleich spazierte er hinüber und sah drüben die zwei grimmigen Löwen; die schliefen aber ganz fest. Dann trat er in den [23] Garten und konnte sich gar nicht satt sehen an den schönen Früchten, die auf allen Bäumen glänzten. Mitten in dem Garten stand ein prächtiges Schloß, in das gieng er hinein und erblickte unten in einem Zimmer ein so schönes Mädchen, wie ihm noch nie eins vor Augen gekommen war, und da das Mädchen gar freundlich gegen ihn war, so dauerte es nicht lange, da herzten und küßten sich die beiden und hatten sich lieb wie Mann und Frau. Aber plötzlich war das Mädchen aus seinen Armen verschwunden und war nirgend mehr zu sehen. Der Prinz sah nach der Uhr; da war's drei Viertel auf zwölf. Schnell schrieb er auf ein Blättchen Papier, das da lag: »ich heiße Karl und bin der jüngste Sohn des Königs von England. Wenn das schöne Fräulein in diesem Schloße ein kleines Kind bekommt, so bin ich der Vater.« Dann lief er in den Garten, brach einige Früchte ab und machte, daß er über die Brücke kam; und wie er eben drüben war, schlug's zwölf, und sogleich wurde die goldene Brücke aufgezogen.

Nun ritt er rasch weiter und kam bald in die Gegend wo er den Affenkönig verlaßen hatte. Wie der ihn kommen sah, zog er ihm entgegen, und kaum hatte der Prinz ihm einige von den schönen Früchten gegeben und er sie genoßen, so stand er wieder da als ein ordentlicher Mensch, und zu gleicher Zeit wurden auch alle seine Unterthanen aus Affen wieder in Menschen verwandelt, und die Städte und Dörfer, die versunken waren, stiegen aus der Erde hervor, und Straßen und Gärten und Alles ward wieder so, wie es vorher gewesen; aus allen Fenstern wehten weiße Fahnen [24] und die Freude und der Jubel wollten gar kein Ende nehmen; jeder wollte den Prinzen sehen und sich bedanken. Der König bot ihm an, was er nur wünsche, und wenn's sein Königreich sei; allein er wollte nichts nehmen und eilte weiter, um nun auch seinen Vater von der Krankheit zu erlösen.

Wie der Prinz nun ohne sich aufzuhalten seiner Heimath zureiste, kam er eines Tages in eine Stadt, da sah er zwei schwarze Fahnen auf dem Thurme wehen und fragte: was das zu bedeuten habe? Da erzählte ihm ein Mann: »in einem benachbarten Wirthshause haben zwei fremde Prinzen so viele Schulden gemacht, daß sie morgen sollen aufgehängt werden, weil sie nicht zahlen können und nicht sagen wollen, wo sie her sind.« Sprach unser Prinz: »kann sie denn Niemand retten?« »O ja,« sagte der Mann; »wenn Einer ihre Schulden bezahlen will, so wird man sie schon loslaßen.« Da besann sich Karl nicht lange und bezahlte sogleich die Schulden für die Gefangenen, und die wurden frei und zogen mit ihm zur Stadt hinaus in den Wald. Karl aber erkannte sogleich, daß die Gefangenen seine Brüder waren; doch sie hatten ihn nicht erkannt.

Als sie nun eine gute Strecke mit einander gewandert waren, konnte Karl sich nicht mehr halten, und gab sich seinen Brüdern zu erkennen und erzählte ihnen Alles, wie es ihm ergangen war: wie er den Garten mit den herrlichen Früchten gefunden und den Affenkönig mitsamt seinem Reiche erlöset habe, und nun auch bald ihrem Vater Hülfe zu bringen hoffe. Das hörten die beiden Brüder mit heimlichem [25] Neide und faßten böse Gedanken in ihren Herzen; und wie sie bald darauf an eine tiefe Grube kamen, packten sie den Bruder und warfen ihn hinein, stachen sein Pferd todt und nahmen die Früchte und zogen fort, bis sie zu ihrem Vater kamen.

Da war die Freude groß, als er hörte, daß sie den Garten gefunden und Früchte daraus mitgebracht hatten; als sie ihm aber sagten, daß ihr jüngster Bruder umgekommen sein müße, weil sie sein Pferd unterwegs todt gefunden, da jammerte der Vater und war untröstlich; denn seinen jüngsten Sohn hatte er ganz besonders lieb gehabt. Von seiner Krankheit aber wurde er geheilt, so wie er nur ein wenig von den mitgebrachten Früchten gegeßen hatte. –

Nachdem Karl lange Zeit in der Grube gesteckt und umsonst versucht hatte, daraus hervorzusteigen, und schon glaubte, er werde elendiglich darin verhungern müßen, hörte er eines Tags eine Stimme, die rief in die Grube hinein: »Prinz, was machst Du da unten?« Nun erzählte er, wie seine Brüder ihn in dieß Loch geworfen und bat, daß der Mann ihm doch heraushelfen möchte. Da sagte der Mann: »ich bin der Bettler, dem Du das Goldstück geschenkt. Hab' ich Dir nicht gesagt, Du solltest kein Galgenfleisch kaufen? Indes will ich Dich retten unter der Bedingung, daß Du nicht in Deine Heimath, sondern in ein anderes Land ziehst.« Das versprach ihm der Prinz; dann half der Mann ihm aus der Grube und wünschte ihm Glück auf den Weg, als er weiter gieng. Darauf begab sich Karl in eine ganz abgelegene Gegend und verdingte sich bei einem Bauer und hütete ihm die Schweine.

[26] Eines Tags, als der Prinz mit der Schweinheerde im Felde war, kam ein stattlicher Wagen dahergefahren, und in dem Wagen saß ein reicher englischer Kaufmann, der erkundigte sich bei dem Sauhirten nach Land und Leuten, und merkte bald aus den Antworten, die er bekam, daß der Sauhirt ein gar kluger junger Mann war, und vermuthete sogleich, daß er wohl einem höhern Stande angehören möchte, und beredete ihn, daß er seine Schweine verlaßen und mit ihm fahren und Kaufmann werden solle. Ja, das gefiel dem Prinzen auch beßer, und er fuhr mit nach England. Dem Kaufmann aber ward er bald so lieb, daß der ihn an Kindes Statt annahm und ihm sein ganzes Vermögen vermachte; denn er selbst hatte keine Kinder.

Nicht lange nachher geschah es, daß das schöne Fräulein, welches der Prinz in dem Garten getroffen und so lieb gewonnen hatte, einen Sohn kriegte. Da war dieß Fräulein, welches eine Prinzessin war, auch erlöset; denn sie war in das Schloß so lange verwünscht worden, bis ein fremder Prinz sie besuche und ihr einen Sohn schenke. An dem Zettel aber, den der Prinz beschrieben, erkannte sie, daß der jüngste Sohn des Königs von England der Vater ihres Kindes sei. Und wie sie nun frei war und wieder in ihre Heimath kam, da ruhte sie nicht und ließ ein mächtiges Kriegsheer rüsten und führte es selbst an, und machte sich mit ihrem Kinde auf den Weg nach England. Wie sie dort ankam, zog sie gerades Wegs auf die Hauptstadt los und lagerte sich eine Stunde weit vor derselben. Die Straße bis zur Stadt aber ließ sie mit scharlachrothem Tuche belegen, [27] und schickte Abgesandte zum Könige und ließ seinen jüngsten Sohn zu sich entbieten, denn sie betrachtete ihn als ihren rechtmäßigen Gemahl. Da entstand groß Jammern und Wehklagen in der Stadt, weil der Prinz nicht wieder gekommen war. Der König aber schickte seinen ältesten Sohn hinaus, um mit der Prinzessin zu reden. Wie der nun ganz schüchtern neben der Scharlachdecke herritt, so ritt die Prinzessin mit eingelegter Lanze ihm entgegen und hieß ihn weichen und heimgehen. Dann kam der zweite und machte es ebenso wie sein Bruder, und ritt gar ängstlich neben der rothen Decke her. Die Prinzessin aber hielt ihm den Speer entgegen und befahl, daß der jüngste Prinz kommen sollte, wo nicht, so werde sie nach drei Tagen die Hauptstadt von allen Seiten anzünden laßen.

Nun schickte der König in alle Gegenden seines Reichs reitende Eilboten, die sollten den Prinzen aufsuchen und Erkundigungen über ihn einziehen. Das hörte auch der reiche Kaufmann, der den Prinzen als Pflegsohn angenommen hatte, und beredete ihn, daß er sogleich mit zur Hauptstadt reiste. Er sagte aber nicht, was er mit ihm im Sinn hatte. So wie sie nun in der Residenz angekommen waren, ließ der Kaufmann sich beim Könige melden und entdeckte ihm seine Vermuthung, daß sein Pflegsohn wohl der verlorene Sohn sein möchte. Da begleitete der König sogleich den Kaufmann in's Wirthshaus, und da kannst du wohl denken, wie der alte Vater sich freute, als er seinen Sohn wieder sah und ihn umarmen und küssen konnte.

Am andern Morgen ritt nun der Prinz in königlichen [28] Kleidern in's Lager der Prinzessin; er ritt aber mitten auf der Scharlachdecke hin, und wie die Prinzessin ihn kommen sah, kam sie mit ihrem Kinde ihm entgegen, und da wollte das Herzen und Küssen und der Jubel in dem Kriegsheere gar nicht wieder aufhören. Dann zog der Prinz mit seiner Gemahlin zu seinem Vater in die Hauptstadt und erzählte Alles, was ihm begegnet war, und wie die eignen Brüder ihn hatten umbringen wollen. Da wurden die zwei gottlosen Prinzen von acht Stieren in Stücke zerrißen; Karl aber wurde König von England und lebte glücklich mit seiner Gemahlin bis an sein Ende.

6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

6. Donner, Blitz und Wetter.

Es war einmal ein alter König, der hatte einen Sohn und drei Töchter und verordnete, als er seinen letzten Willen aussprach, daß die Töchter erst sechs Jahre nach seinem Tode heirathen sollten. Dem Sohne aber legte er's recht an's Herz, dafür zu sorgen, daß dieser sein letzter Wille genau vollzogen werde. Das versprach ihm der Sohn denn auch. Und als später nach dem Tode des Königs gar viele Prinzen kamen, und die schönen Prinzessinnen heirathen wollten, so gab es der junge König nicht zu und sagte, daß sie warten müßten, bis die sechs Jahre herum seien.

So waren schon drei Jahre vergangen, und mancher [29] Prinz war abgewiesen worden, da kamen eines Tags drei vornehme Brüder, von denen hieß der eineDonner, der andre Blitz und der dritte Wetter, und bewarben sich um die drei Schwestern. Allein sie erhielten dieselbe Antwort wie die früheren Freier; blieben aber doch in der Nähe des Schloßes wohnen und gaben sich Mühe, daß sie so oft als möglich die schönen Prinzessinnen zu sehen kriegten.

Da geschah es eines Tags, als der König eben verreist war, da drangen die drei Brüder in's Schloß, nahmen jeder eine der Schwestern, und dann gieng's zu Pferde und davon durch Felder und Wälder, daß Niemand wußte, wo sie geblieben waren. Der König aber war ganz untröstlich, als er heimkam und seine drei Schwestern nicht mehr da fand. Er machte sich sogleich auf den Weg, um sie zu suchen, und sollte er gehen bis an's Ende der Welt.

Nach langer langer Zeit kam er endlich in einen großen Wald, und gieng immer weiter fort, und sah sich überall nach seinen Schwestern um; konnte aber nirgends auch nur die geringste Spur von ihnen entdecken. – Auf einmal traf er ein schönes Schloß mitten im Walde, und wie er darauf zugieng, rief ihm aus dem Fenster eine Stimme entgegen: »O Bruder! zu einer unglücklichen Stunde bist Du ausgezogen und hieher gekommen! Mach, daß Du fortkommst. Es wohnt hier der Blitz, und der ist mein Mann. Wenn er heimkommt und Dich findet, wird er Dich umbringen.« Und wie der König diese Worte hörte und genau hinsah, erkannte er seine älteste Schwester, und freute sich über die Maßen und wollte nicht von ihr weichen, sie mochte ihm [30] noch so viel zureden. Während die beiden nun so mit einander sprachen und sich gegenseitig erzählten, wie es ihnen seit der Trennung ergangen war, kam der Blitz nach Haus, begrüßte den König freundlich und lud ihn ein, da zu bleiben, so lange es ihm gefallen möge. Das that der König denn auch gern, um seiner Schwester willen.

Nun suchte der Blitz den König zu unterhalten und mit allerlei Spielen ihm die Zeit zu vertreiben. Gewöhnlich kegelten sie mit einander. Die Kegelbahn aber war eine Stunde lang; dabei hatte die Kugel die merkwürdige Eigenschaft, daß sie immer von selbst wieder zurückkam, und dazu brauchte sie jedesmal zwei volle Stunden. Der König konnte sich nicht genug darüber wundern, zumal der Blitz so heftig warf, daß die Kugel weit über das Ziel hinausgieng und tief in einen Felsen drang, und dennoch immer wieder zurückrollte. Indes nach acht Tagen reiste der König weiter, um seine andern beiden Schwestern aufzusuchen.

Er gieng immer gerades Wegs in dem Walde fort und kam endlich an ein Schloß, da rief ihm aus dem Fenster eine Stimme zu: »O Bruder, zu einer unglücklichen Stunde bist Du ausgezogen und hieher gekommen! Mach daß Du fortkommst! Es wohnt hier der Donner und der ist mein Mann; wenn der Dich hier fände, würde er Dich gewiß umbringen.« Da freute sich der König, daß er sein zweites Schwesterlein wieder gefunden und ließ sich nicht bang machen und blieb da. Und als der Donner heimkam und den Bruder seiner Frau erblickte, war er freundlich gegen ihn und that ihm kein Leid an, bat ihn vielmehr, daß er[31] eine Weile da bleiben und sich vergnügen möchte. Dann führte er ihn auf seine Kegelbahn, die war ebenso lang wie die seines Bruders, und die Kugel kam auch nach jedem Wurfe von selbst wieder zurück, dazu brauchte sie aber immer zwei volle Stunden.

Nachdem der König acht Tage lang bei seinem Schwager, dem Donner, sich aufgehalten hatte, zog er abermals weiter, um seine dritte Schwester zu suchen, und traf schon nach einigen Tagen in demselben Walde ein drittes Schloß, daraus rief ihm von ferne eine Stimme entgegen: »O Bruder! zu einer unglücklichen Stunde bist Du ausgezogen und hieher gekommen. Rette Dich, so gut Du kannst! Dieß Schloß gehört meinem Mann, der heißt Wetter, wenn der Dich hier fände, so würde er Dich umbringen.« Der König aber beruhigte seine Schwester und blieb getrost bei ihr, bis ihr Gemahl kam; der freute sich ebenfalls über den Besuch des Königs, und suchte ihm den Aufenthalt so angenehm als möglich zu machen, und weil er selbst die Jagd über Alles liebte, so lud er den König ein, daß er ihn begleiten und ihm jagen helfen möge. Das that denn der König auch gern.

Als sie nun eines Tages im Walde jagten, erblickte der König plötzlich einen Hirsch, der war so wunderschön, wie er noch nie einen gesehen zu haben meinte; deshalb gab er sich alle Mühe, ihn zu erlegen. Allein der Hirsch schien ihn ordentlich zu necken. Er ließ den König immer ganz nah herankommen, und wenn dieser dann seinen Pfeil abschoß, so sah er alsbald in der Ferne den Hirsch ganz munter weiter spazieren, und das gieng mehre Stunden lang [32] so fort, indem der König nicht merkte, daß er seinen Jagdgefährten schon lange verloren hatte. Plötzlich war auch der Hirsch verschwunden und der König wußte nicht, wo aus noch wo ein, bis er endlich auf einen großen freien Wiesgrund kam und daselbst einen Schäfer fand, der eine Heerde Schaafe hütete. Bei diesem erkundigte er sich nach dem Wege und hörte, wie weit er sich schon verirrt hatte. Und als er dem Schäfer die Geschichte mit dem Hirsch erzählte, sagte der: »das war kein gewöhnlicher Hirsch, sondern Wetter, Euer Schwager, war es, der diese Gestalt angenommen hatte, um Euch zu täuschen und irre zu führen.«

Der König gedachte nun heimzugehen und ein großes Kriegsheer zu sammeln, und dann seine Schwestern zu befreien. Der Schäfer aber gab ihm Anweisung, wie er in sein Land kommen könne und sagte: »Ihr müßt durch jenen Wald, der gehört dem Wolfskönig und müßt diesem, so wie Ihr den Saum des Waldes betretet, rufen und ihm sagen: Wolfskönig, ich bringe Dir da ein Schaaf! sonst werdet Ihr von wilden Thieren zerrißen werden.« Darauf schenkte der Schäfer dem König ein Schaaf und das brachte er dem Wolfskönig; der bedankte sich freundlich und hieß ihn ohne Furcht durch den Wald gehen und sagte: »wenn Dir je einmal ein Unfall zustößt und Du einer Hilfe bedarfst, so denke nur an mich, dann werde ich gleich Dir zu Diensten sein.«

Das merkte sich der König und zog wohlgemuth weiter, und wie er nun so in dem Walde des Wolfskönigs fortgieng, kam er an einen See, da lag ein schöner rother Fisch [33] auf trockner Erde und schlug mit dem Schwanze. Der König nahm ihn voll Mitleid und setzte ihn wieder in's Waßer, worauf der Fisch sich bedankte und sprach: »wenn Du einmal in Noth bist, so denke nur an den Fischkönig; dann werde ich gleich zu Deiner Hilfe bereit sein.«

Der König setzte dann ungehindert seine Reise fort. Da sah er am andern Tage vor seinen Füßen eine Horniß (»Hurnauß«) liegen, die konnte sich nicht allein in die Luft erheben, und weil er ein gutes Herz hatte, hob er sie auf und ließ sie fliegen. Ehe sie aber fortflog, sagte sie ihm noch: »ich bin der Hornißkönig! wenn Du je einmal in Noth bist, so denke nur an mich, dann werde ich gleich zu Deiner Hilfe bereit sein.«

Nach mehren Tagen erreichte der König alsdann das Ende des Waldes; er kam auf eine Wiese, und fand daselbst eine Hütte und darin ein altes Mütterchen, das nahm ihn freundlich auf, und weil er müd und hungrig war, so blieb er da, um sich zu erholen. Diese alte Frau war aber eine Zauberin und war die Mutter von den drei Söhnen: Donner, Blitz und Wetter; die kamen in der Nacht zu ihr. Und weil sie meinten, daß der König schon fest schliefe, so sprachen sie in dem Nebenzimmer ganz laut mit einander, und der König hörte Alles, was sie da redeten. Da sagte denn das alte Mütterchen: »wenn wir dem König nicht eine Arbeit aufgeben, die er nicht ausführen kann, so ist es um uns und unsere Herrschaft geschehen.« Dann sagte sie weiter, daß der König in den nächsten Nächten ihre Pferde hüten solle und bat ihre Söhne: »versteckt Euch aber im [34] Wolfswalde nur recht, daß Euch Niemand finden kann, denn sonst ist es aus mit uns.«

Das Alles hatte sich der König wohl gemerkt. Und als nun am andern Morgen das alte Mütterchen ihm sagte: für das Nachtquartier, das sie ihm gegeben, müße er in den nächsten drei Nächten ihre Pferde hüten, so sagte der König ja, das wollte er wohl thun und blieb da und bekam am Abend drei prächtige Pferde, die sollte er auf der Wiese weiden laßen. »Sieh aber wohl zu, daß Dir keins verloren geht!« sagte das alte Mütterchen, und der König meinte, er wolle wohl Acht geben, trieb die Pferde auf die Wiese und wandte kein Auge von ihnen ab.

So weideten die Pferde einige Stunden lang ganz ruhig, indem der König immer dicht bei ihnen blieb; aber auf einmal waren alle drei verschwunden und nirgends mehr zu sehen noch zu hören. »Wie wird dir's gehen?« dachte der König, und suchte die Pferde überall bis daß der Tag anbrach. Da überfiel ihn eine große Angst und er seufzte: »wenn jetzt nur der Wolfskönig da wäre und dir helfen könnte.« Kaum hatte er das Wort gesagt, so stand der Wolfskönig auch schon da und fragte ihn, was er wünsche. Der König klagte ihm seine Noth; der Wolfskönig aber beruhigte ihn und gieng fort und sandte sechstausend Diener aus, die mußten den ganzen Wolfswald durchlaufen und durchsuchen; fanden aber die Pferde nicht und kamen leer wieder heim. Darauf schickte der Wolfskönig zwölftausend Diener aus und befahl ihnen streng, daß sie die Pferde finden müßten und nicht ohne dieselben wieder heimkommen [35] dürften. Und da dauerte es auch nicht lange, da fanden sie tief in einer Felsenhöhle die drei Pferde und brachten sie ihrem Herrn, und der führte sie dem Könige zu.

Das alte Mütterchen aber staunte nicht wenig, als der König ihr die Pferde wieder brachte; dann legte er sich in sein Bett, um ein wenig auszuruhen und hörte alsbald, wie die Frau mit ihren Söhnen zankte, daß sie nicht beßer sich versteckt hätten; denn die drei Pferde waren eben ihre Söhne Donner, Blitz und Wetter, die sie in diese Thiere verwandelt hatte. Die Söhne aber sagten: »hätte der Wolfskönig nicht zwölftausend Diener ausgeschickt, so hätte uns gewiß Niemand gefunden.« Dann sagte die Mutter: »so versteckt Euch in der folgenden Nacht tief im Waßer, da können die Boten des Wolfskönigs Euch nicht suchen.«

Am Abend bekam der König wieder die drei Pferde, und das Mütterchen sagte, daß er ja keins verlieren möchte, und der König meinte, er wolle wohl Acht geben und die Pferde wieder heimbringen. Darauf gieng es ihm aber gerade so wie in der ersten Nacht. Ein paar Stunden lang weideten die Pferde und er hatte sie beständig vor Augen; dann aber waren sie plötzlich wie der Blitz verschwunden. Der König aber blieb ganz ruhig und dachte: der Fischkönig wird dir wohl helfen; und kaum hatte er dieß still gedacht, so war der Fischkönig auch schon da und fragte ihn, was er wünsche. Nachdem der König es ihm gesagt, entbot er alle Fische, die mußten alle Gewäßer durchschwimmen und durchsuchen, und fanden am Ende auch richtig tief auf dem Grunde des Meers unter einem gewaltigen Steine die [36] drei Pferde und brachten sie dem Fischkönig, der übergab sie dem König der sie hatte hüten müßen und der sie nun wohlgemuth dem alten Mütterchen zuführte.

Der König legte sich dann wieder in's Bett, um auszuruhen und hörte, wie die Mutter ihre Söhne schalt, daß sie nicht beßer sich verborgen hätten; sie aber sagten: der Fischkönig hat ihm geholfen. »So versteckt Euch in der nächsten Nacht,« sagte die Mutter, »hoch in den Wolken, denn dahin kann der Fischkönig nicht kommen. Ich bitte Euch aber, laßt Euch dießmal nicht finden, denn sonst hat unsre Macht ein Ende.«

Der König, der alle diese Reden wohl vernommen hatte, bekam am Abend wieder die drei Pferde zu hüten und trieb sie auf die Wiese, und sah ihnen mehre Stunden lang zu wie sie fraßen; aber auf einmal waren sie wieder spurlos verschwunden. Nun wußte der König schon, wo sie zu suchen waren und dachte: da wird dir der Hornißkönig wohl aushelfen können, und kaum hatte er dieß gedacht, so war der Hornißkönig auch schon da und fragte, wie er ihm dienen könne. Und als er erfuhr, daß er die drei Pferde vermiße, so befahl er allen Hornißen, sie sollten die Luft durchstreifen und alle Wolken durchsuchen, bis sie die drei Pferde fänden. Das thaten sie auch; und nachdem sie lange vergeblich umhergeschwärmt, fanden sie endlich hoch oben in einer dichten Wolke die drei Rosse und brachten sie ihrem Herrn und Meister, und der übergab sie dem Könige. Als dieser sie heimführte und dem alten Mütterchen auslieferte, ward sie sehr traurig und sagte: »zum Lohn für Deine [37] Dienste will ich Dir da ein anderes merkwürdiges Pferd schenken, auf dem Du heimreiten kannst.«

Dieß Pferd, was die alte Frau ihm zeigte, hatte vier Köpfe und war ein hölzernes Bildwerk; die Köpfe aber stellten eigentlich ihre drei Söhne vor, und der ihrige war der vierte. Wie der König nun das seltsame Gebilde betrachtete, so rief ihm eine Stimme vom Himmel zu: »nimm das Schwert, welches das eine Pferd im Munde hält, und haue dem Zauberthier die vier Köpfe ab, so werden Deine Schwestern erlöst sein.« Das that denn der König auch auf der Stelle, und so wie er den letzten Kopf abgeschlagen, stand ein wirkliches wunderschönes Pferd da, das bestieg er und ritt eilig zurück zu seinen Schwestern.

Da war die Freude groß; alle waren frei und sahen und hörten nichts mehr von den drei Brüdern, die sie entführt hatten. Der König aber nahm unermeßliche Schätze aus den drei Schlößern mit in seine Heimath, also, daß er der reichste König in der Welt geworden, und behielt seine drei Schwestern bei sich bis an ihr Ende.

7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[38] 7. Von drei Schwänen.

Es war einmal ein Jäger, der war sehr betrübt, weil ihm seine Frau gestorben war, und gieng oft ganz allein im Walde herum und dachte, ob er wohl noch eine zweite Frau finden möchte, die er eben so lieb haben könnte, als seine erste. Da gieng er einsmals mit seinem Gewehr an der Seite einen ganzen Tag lang immer weiter in den Wald hinein und wußte selbst nicht, wo er hin wollte, und kam endlich an eine Strohhütte. In die trat er hinein und fand darin einen alten Mann, der hatte ein Kreuzbild vor sich liegen. Er grüßte den Mann, worauf derselbe ihn freundlich aufnahm und ihn fragte, was ihn in diese Waldhütte führe? Da klagte ihm der Jäger sein Leid, daß er seine Frau verloren habe und nun so einsam lebe und nicht wiße, ob er wohl noch einmal glücklich sein werde. Sprach zu ihm der Alte: »dieser Noth wird wohl zu helfen sein. Es werden alsbald drei ›Schwane‹ hieher kommen, die betrachte Dir recht genau! Und wenn sie dann in den Weiher fliegen, so mußt Du heimlich hingehen und ohne daß er es merkt, dem einen Schwan sein Kleid nehmen und gleich damit zurückkommen!« Und wie der Alte dieß gesagt hatte, da flogen drei schneeweiße Schwäne daher zu der Strohhütte, und nachdem der Jäger sie sich angesehen hatte, flogen sie weiter in einen benachbarten Weiher.

Da schlich der Jäger hin und nahm ganz heimlich den Rock, den der eine Schwan ausgezogen und an's Ufer gelegt hatte und brachte ihn zu der Hütte des Alten. Als darauf [39] die Schwäne sich wieder anziehen wollten, hatte der eine nur noch sein Hemd, und kam sogleich als eine schöne Jungfrau zu dem Jäger, der ihren Rock hatte, und zog mit ihm in sein Haus und ward seine liebe Frau.

Ehe der Jäger jedoch den alten Mann verließ, sagte ihm derselbe noch: »Du mußt aber das Schwanenkleid sorgfältig vor Deiner Frau verbergen, daß sie es ja nicht wieder findet!« Das that der Jäger denn auch und so lebte er fünfzehn Jahre lang mit seiner zweiten Frau und sie gebar ihm mehre Kinder, und beide Eheleute waren recht glücklich mit einander.

Da geschah es, daß der Mann eines Morgens ausgieng und zu seiner Frau sagte: »ich komme zum Mittagseßen wieder!« Und als er fortgieng, sah die Frau ihm nach, und wie er nun im Walde war, gieng sie auf die Bühne, welche der Mann dießmal nicht verschloßen hatte, machte den Koffer auf, worin das Schwanenkleid lag, und zog es an und flog als Schwan wieder davon, weit weit weg. – Als der Mann nun zum Eßen kam, war die Frau verschwunden, und auch seine Kinder konnten nicht sagen, wo sie geblieben war, denn sie hatten nichts von ihr gesehen.

Da begab sich der Jäger wieder in den Wald zu dem alten Mann und klagte ihm sein Unglück, daß er abermals seine Frau verloren habe und nicht wiße, wo sie hingekommen sei. Da sagte der Mann: Du hast das Kleid nicht gehörig verwahrt; das hat sie gefunden und ist damit fortgeflogen.

[40] »Ach, sagte der Jäger ganz traurig, ist es denn gar nicht mehr möglich, daß ich sie noch einmal wieder bekomme?«

»Möglich ist es wohl, sprach der Alte; aber jetzt ist es gefährlich; es kann Dir leicht das Leben kosten.« Der Jäger aber wollte ja gern Alles für seine Frau thun und so sagte ihm der Alte: »Du mußt zuerst suchen, in das Schloß zu kommen, wo Deine Frau jetzt lebt, und das wird am besten so gehen: sie hält Esel, die jeden Tag von einem Müller Mehl holen; da geh also zu dem Müller und bitte ihn, daß er Dich in einen Mehlsack steckt. Das Weitere wirst Du dann schon von Deiner Frau erfahren.« – Darauf begab sich der Jäger zu dem Müller und beredete ihn und ließ sich in einen Sack stecken und von einem Esel weit weg in ein prächtiges Schloß tragen, und wie er dort ankam, fand er auch sogleich seine Frau daselbst, und da konnte Niemand eine größere Freude haben als sie, und sie dankte ihrem Manne herzlich, daß er gekommen sei, um sie zu erlösen. Sie sagte ihm aber: »ehe wir glücklich mit einander leben können, mußt Du mit drei Drachen, die hier sind, kämpfen; sie werden an drei Tagen in verschiedenen Gestalten zu Dir kommen und Dich eine Stunde lang peinigen und quälen; aber wenn Du es aushältst und keinen Laut von Dir gibst, so können sie Dir nichts anhaben und ich werde frei; redest Du aber nur ein einziges Wort, so werden sie Dich umbringen.« Da versprach ihr der Jäger, daß er sie gewißlich erlösen wolle.

Darauf kamen am ersten Tage drei mächtige Schlangen und wanden sich dem Jäger um die Füße, daß er nicht [41] aus und nicht ein konnte, und quälten ihn eine ganze Stunde lang. Weil er's aber still ertrug, giengen sie fort, ohne ihn zu beschädigen. Am folgenden Tage kamen die Drachen als »Krotten« (Kröten) und schoßen in Einem fort feurige Kugeln auf den Jäger ab, daß es schier nicht mehr zum Aushalten war; aber er hielt es doch aus und gab keinen Laut von sich, so daß sie nach einer Stunde ihn wieder verließen. – Am dritten Tage endlich kamen sie wieder als ungeheure Schlangen und nahmen den ganzen Jäger frei in ihren Rachen, daß es ihm höllenangst wurde und er meinte, er müße schreien und könne es nicht länger ertragen; aber aus Liebe zu seiner Frau ertrug er's doch. Und als die dritte Stunde nun um war, da standen plötzlich statt der drei Schlangen drei vornehme Frauen da. Das waren die drei verwünschten Schwäne, die er jetzt mit einander erlöst hatte; und die blieben nun auch bei ihm und bei seiner Frau in dem Schloße, und Alle lebten in Frieden und Freude beisammen und wenn sie nicht gestorben sind, so leben sie noch.

8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

8. Die vier Brüder.

Es waren einmal vier Brüder, die hießen Hans, Jörg, Jockel und Michel, davon war der erste ein Scharfschütz, der zweite ein Windbläser, der dritte ein Läufer und der vierte, der Michel, der war so stark, daß er die dicksten Eichen nur [42] so spielend wie Grashalme aus der Erde rupfen konnte. Alle vier Brüder aber waren mit einander in die Welt gegangen. Da traf einmal ein Forstmann den Hans, der eben sein Gewehr angelegt hatte, als wenn er in die Luft schießen wollte, weshalb ihn der Förster fragte, wornach er denn ziele? Sprach jener: »hundert Stund von hier, auf einer Kirchthurmsspitze in Berlin sitzt ein Spatz, den will ich schießen,« und in demselben Augenblicke drückte er los und sprach nach einer kleinen Weile: »da liegt er!« Der Förster aber wollte nicht glauben, daß er etwas getroffen habe, worauf der Scharfschütz den Schnellläufer herbeirief und ihn nach Berlin schickte, um den geschoßenen Spatz zu holen. Der lief auch sogleich hin und war nach zwei Stunden wieder da und brachte richtig den Spatz mit; der war aber so gut getroffen, daß der Kopf rechts, der Leib links von dem Kirchthurm herabgefallen war.

Darauf begleitete sie der Förster noch eine Strecke und traf den Jörg, der stand da bei sieben Windmühlen und schien ganz müßig in die Luft zu schauen und hielt beständig ein Rohr vor seinen Mund. Sprach der Förster: »Ei Kamerad, was machst du da?« – »Nun, sprach der Jörg, ich blase die Windmühlen an, daß sie nicht still stehen, weil heute der Wind nicht weht.« –

Nicht weit davon traf der Förster auch den Michel, der hatte ein großes Seil um siebenzig Morgen Wald gespannt, daß der Förster gar nicht wußte, was das bedeuten sollte und ihn fragte, was er damit anfangen wolle? »Ach, sagte der Michel, ich wollte mir nur ein Büschele Holz holen, damit [43] ich mir auch ein Feuerle machen kann, wenn's etwa im Winter kalt werden möchte,« und riß den ganzen Wald um, daß es krachte und trug ihn fort. Da mußte der Förster sich schier verwundern und eilte, daß er nach Haus kam. Die vier Brüder aber wanderten bald darauf nach Berlin.

Da geschah es, daß der König von Preußen schwer erkrankte und der Leibarzt desselben erklärte: der König müße sterben, wenn nicht das Kraut des Lebens, das auf dem Sankt Gotthardt in der Schweiz wachse, binnen acht Stunden herbeigeschafft werde. – Da ließ der König sogleich bekannt machen: »wer das Kraut des Lebens innerhalb acht Stunden vom Sankt Gotthardt aus der Schweiz holen könne, der solle so viel Geld haben, als er nur begehre.« – Darauf meldete sich der Schnellläufer und erklärte sich bereit, das Kraut des Lebens holen zu wollen, wenn man ihm schriftlich den verheißenen Lohn zusichere. Das geschah denn auch. Darauf sprang der Jockel schnell davon und kam schon in zwei Stunden auf dem Gotthardt an und fand dort auch sogleich das Kraut des Lebens und eilte damit wieder zurück. Als er aber noch etwa hundert Stunden von Berlin entfernt war, setzte er sich, um ein wenig auszuruhen, unter eine Eiche und schlief ein. Da ward den übrigen Brüdern die Zeit etwas lang, weshalb der Scharfschütz nach ihm ausschaute und alsbald sah, wie er unter der Eiche saß und fest eingeschlafen war. Da nahm der Scharfschütz flink sein Gewehr und schoß mit einer Kugel nach dem Rockzipfel des Bruders. Dem kam es grad so vor, als ob ihn Jemand am Rock zupfte, also, daß er aufwachte und schnell nach [44] seiner Uhr sah. Da war's die höchste Zeit und er lief gleich fort und kam nach fünf viertel Stunden noch zeitig genug in Berlin an und übergab das Kraut; daraus wurde für den König eine Arzenei bereitet, durch welche er in wenigen Stunden vollkommen wieder gesund ward.

Nun war der König sehr froh und ließ dem Schnellläufer sagen, er möge nur kommen und seinen Lohn holen. Der aber ließ vorher einen Sack machen, zu dem gebrauchte er zweihundert Ellen Zwilch, und nahm zugleich seinen Bruder Michel, den Eichenumreißer, mit, daß er in dem Sack das Geld tragen sollte, was der König zu geben versprochen hatte, nämlich so viel als Einer tragen könnte, und so begaben sie sich zum König. Da führte sie der König in eine Schatzkammer und sagte: »hier nehmt Euch so viel als Einer tragen kann!« Da machte der Michel seinen großen Sack auf und nahm eine Tonne Goldes nach der andern wie einen Spielball in die Hand und warf sie hinein; aber der Sack war noch lange nicht voll und der Michel konnte noch viel mehr tragen. Deshalb begaben sie sich in eine zweite Schatzkammer und steckten ebenfalls alles Geld in den Sack, was sie dort vorfanden. Als sie darauf aber in die dritte giengen und noch immer nicht genug bekommen konnten, da ward der König bös und gab Befehl, daß zwei Regimenter Fußsoldaten und zwei Regimenter zu Pferd vor das Schloß rücken sollten. Das dauerte aber zwei Stunden, bis sie ankamen. Unterdessen hatte der Michel seinen Sack über die Schulter geworfen und war fortgegangen. Weil der Sack aber so dick und breit war, so konnte er nicht ganz ungehindert [45] damit aus dem Schloße kommen, sondern mußte ein wenig ziehen; da gieng zwar der Sack hindurch, aber auch die ganze Schloßthür nebst acht Säulen blieben daran hängen.

Darauf gieng der Michel seines Weges weiter, bis er zum Königsthore kam; da war wieder der Durchgang zu klein; allein er drückte herzhaft und hob das ganze Königsthor aus und trug's auf seinen Schultern von dannen nebst den acht Säulen der Schloßthür und den vielen Tonnen Goldes. So kam er mit dieser Last an einen See und sprach: »Ich will doch ein Weilchen hier ausruhen, bis der Jockel und Jörg kommen; auch drückt mich das dumme Säckle ein wenig auf der Schulter.« Und wie er's nun ablegte, da sah er erst, was Alles noch auf dem Sacke lag, und als die beiden Brüder jetzt ankamen, so mußten sie über den starken Michel recht herzlich lachen. – Es dauerte aber nicht lange, da rückten die vier Regimenter Soldaten an den See und wollten das Geld wieder holen. Da nahm aber der Jörg bloß sein Windrohr und blies alle Soldaten in den See, daß sie jämmerlich ums Leben kamen, und darauf zogen die vier Brüder in Frieden weiter, theilten unter sich das Geld und lebten als reiche Leute vergnügt bis an ihr Ende.

9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[46] 9. Die Schultheißen-Wahl.

In einem Dorfe mußte ein neuer Schultheiß gewählt werden. Da wurde bekannt gemacht, daß wer den besten Reim machen könne, der solle Schultheiß werden. Darauf besannen sich drei Leute, ein Jäger, ein Bauer und ein Hirt lange Zeit, weil sie gar zu gern Schultheiß geworden wären, und brachten auch alle drei einen Reim heraus. Der Jäger wollte sagen:


Ich bin der Jäger Geil,

Ich führ' mein'n Hund am Seil.

Und der Bauer wollte sagen:

Ich bin ein Bauer stolz,

Ich führ' einen Wagen Holz.

Der Hirt aber hatte sich folgenden Reim ausgedacht:

Der April ist nicht so gut,

Er schneit dem Hirten auf den Hut.


Als nun der Tag da war, wo ein jeder seinen Reim vorbringen sollte, da sprach zuerst der Jäger:

Ich bin der Jäger Geil,

Ich führ' meinen Hund am Bändel.


»Ei, das ist ja gar kein Reim!« sprachen die Richter, worauf sich der Bauer erhob und sagte:

Ich bin ein Bauer stolz,

Ich führ' ein'n Wagen Scheiter.


»Das ist auch kein Reim!« riefen die Richter. Da kam die Reihe an den Hirten und der sprach:

Der April ist nicht so gut,

Er schneit dem Hirten auf sein Bareitle.


[47] Da lachten die Richter und sagten, dieß sei gleichfalls kein Reim. Der Hirt aber besann sich schnell und sprach: »ei, so laßt mich doch nur ausreden!« und dann fügte er hinzu:


Der Hans, der kriegt einen frohen Muth,

Der tanzt mit seinem Greitle.


Da meinten die Richter, daß dieß jetzt ein richtiger und guter Reim sei und machten den Hirten zum Schultheiß.

10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

10. Hans und der Teufel.

Hans sollte wandern und hatte gar keine Lust dazu und sagte: »wenn doch nur der Teufel käm' und mir Geld brächte, daß ich nicht fort brauchte!« Da stand sogleich ein schwarzes Männlein da und reichte ihm ein Säckchen voll Geld; das nahm Hans und stellte es bei Seite; dann aber packte er auch das schwarze Männlein und schob's in seinen Ranzen, schnürte ihn zu und hieng ihn auf den Rücken und fragte ein paar Bauern, die mit Dreschflegeln daher kamen: »was soll ich Euch geben, wenn Ihr einen Tag lang diesen Ranzen dreschen wollt?« Die Bauern versprachen, es für billigen Lohn thun zu wollen, und schlugen dann den ganzen Tag hindurch aus allen Kräften darauf los.

Dann gieng Hans in ein zweites Dorf und ließ von einigen handfesten Burschen seinen Ranzen zum zweiten Mal [48] durchwalken, und zwar dieß Mal mit Waschschlegeln. (Waschklöpfeln.)

In einem dritten Dorfe gieng er endlich zu einem Schmid, legte seinen Ranzen auf den Ambos und sprach: »Nun Meister, schlaget doch ihr mit euren Gesellen so lange darauf los, bis ihr müde seid!« was sie denn auch rechtschaffen thaten, so daß Hans ganz bestimmt glaubte, der Teufel müßte jämmerlich zu Tod geprügelt sein und deshalb den Ranzen aufschnürte. Aber kaum war der Ranzen halb geöffnet, so schlüpfte das schwarze Männlein heraus und lief gerades Wegs der Hölle zu. »O weh, rief Hans, jetzt ist der Teufel los!«

Hans hatte nun Geld genug, so lang er lebte und blieb lustig und liederlich bis an sein Ende. Als er aber nach seinem Tode vor die Himmelsthür kam, sagte Petrus: »o Dein Platz ist schon besetzt! Du gehörst dorthin in die Hölle!« Da zog er vor das Höllenthor und klopfte an. Als aber der Teufel die Thür öffnete, schlug er sie schnell wieder zu und sagte zu den übrigen Teufeln: »laßt nur den nicht herein, sonst sind wir Alle hin!« – Da gieng Hans ganz ärgerlich, weil er nirgends ein Unterkommen finden konnte, abermals zum Thor des Himmels, und da Petrus grade Jemand einließ, so warf Hans seine Mütze mit hinein, drängte sich dann selbst durch die Thür und setzte sich auf seine Mütze und sprach: »ich sitz' auf meinem Eigenthume, was geht's Euch an?« Da mußte Petrus lachen und ließ ihn sitzen.

11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben
1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[49] 11. Christus und Petrus auf Reisen.

1.

Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal bei einem groben Bauer in Schwaben. Wie nun der Tag eben graute, war der Bauer schon auf den Beinen, denn er wollte gerade sein Korn dreschen. Da weckte er seine Leute und gieng auch zu den Fremdlingen, die er beherbergte, und schrie: »Uff, zur Arbet! mer wöllet drescha!« Aber die regten sich nicht und blieben ruhig in ihrem Bett liegen. Deshalb schrie der Bauer nach einer Weile zum zweiten Male: »Kotz Blitz Element! sind iahr no nit ussam Bett, ihr Drümmler iahr! haun i deretweagan ui b'halta, daß iahr faullenza söllet! I muoß jo huit, bim Blitz! meih schreia, as Gotts Willa is.« – Als sie aber immer noch nicht aufstanden, nahm der Bauer seine Peitsche und haute den ersten, der vorn im Bett lag, – und das war der Petrus, – recht tüchtig durch. Allein weil der Meister nicht aufstand, so blieb auch Petrus liegen und verließ ihn nicht. – Da hörte Petrus auf's Neue den Bauer kommen und sagte: »ach lieber Meister, leg Du Dich vornhin, sonst krieg ich noch einmal Schläge!« – »Wie Du willst,« sprach Christus, und ließ den Petrus hinten liegen.

Als der Bauer nun mit der Peitsche hereintrat, sprach er: »Hätt' i nu dia Schloafmützan it b'halta! Wött iahr bei-nem Baura schloafa, so deand au schaffa, sust geit's Stroafa! Vorig haun i's dem vordera gean, dees moal g'hairts dem hintera!« Und dabei schlug er auf den armen [50] Petrus los, der hinten lag, also, daß der beide Mal die Prügel bekam. – Als der Bauer fort war, sprach Christus zu Petrus: »an diesen Schlägen bist Du selber Schuld; Du willst ja klüger sein als ich.«

2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

2.

Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen. Da sprach Petrus: »ich will vorher Sauhirt in dem Dorfe werden, dann krieg' ich den Kirchweihkuchen umsonst,« und verließ seinen Meister und gieng hin und hütete die Schweine, während sich der Heiland auf die Kirchweih begab. – Wie Petrus nun hütete, pfiff der Heiland, worauf alle Schweine aus einander stoben und in die Kornfelder liefen, ohne daß Petrus sie halten konnte. Da riefen die Bauern: »Das ist uns ein sauberer Sauhirt!« und schlugen ihm den Buckel voll. Petrus aber schrie und rief: »Ach, liebster Meister, hilf mir! ich will auch gewiß kein Sauhirt wieder werden und gern mit Dir auf die Kirchweih gehen!« Allein der Meister kam nicht. Da suchte ihn Petrus auf und traf ihn in einem Wirthshause und klagte ihm seine Noth und sagte: »Ach, lieber Heiland, ich habe wieder ›Pumpes‹ kriegt!« Sprach Christus: »die hast Du verdient, weil Du immer klüger sein willst als ich.«

[51]
12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

12. Die drei Schwestern.

Ein Vater hatte drei Töchter, von denen wünschte ein Mann sich eine zur Frau und zwar diejenige, welche der Vater ihm geben wollte. Darüber kamen nun die drei Schwestern in Streit mit einander; denn die zwei ältesten hätten alle beide gern den Mann genommen; die jüngste aber wehrte sich so viel sie nur konnte und sagte: »ich brauche keinen Mann und will auch keinen Mann!« – Da befahl endlich der Vater, die Töchter sollten alle drei zu gleicher Zeit ihre Hände ins Waßer stecken und herausziehen, ohne sie abzutrocknen. Diejenige nun, deren Hände zuerst wieder trocken würden, die müße den Freier nehmen. Da gehorchten sie alle. Während aber die zwei ältesten, damit das Waßer leicht ablaufe, ihre Hände stillschweigend herabhängen ließen, so wiederholte die jüngste in Einem fort und immer heftiger die Worte: »Ich brauche aber keinen Mann und will auch keinen Mann!« Und dabei focht sie so lebhaft mit ihren Händen in der Luft herum und schüttelte und schlenkerte sie so eifrig, daß die Waßertropfen nach allen Seiten hin spritzten, woher es denn kam, daß gerade ihre Hände zuerst trocken wurden und sie den Mann heirathen mußte.

13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[52] 13. Die Sonne wird Dich verrathen.

Ein Schneider schlug einst einen Juden todt, um ihn zu berauben. Der Jude aber sagte, bevor er starb, zu dem Schneider: »Die Sonne wird Dich noch verrathen!« Und das waren seine letzten Worte.

Viele Jahre vergiengen und Niemand dachte mehr an den gemordeten Juden. Der Schneider nahm eine Frau und war glücklich und wohlhabend und geachtet von seinen Mitbürgern. – Da lag er eines Sonntagmorgens noch im Bett, als die Sonne schon hell durch's Fenster schien und bis auf sein Bett kam. Da mußte er laut lachen, daß die Frau gar nicht begreifen konnte, was ihrem Manne sei und weshalb er lache, und sie ließ ihm keine Ruhe, bis er ihr Alles entdeckte. »Ich habe, fieng er an, vor vielen Jahren einmal einen Juden umgebracht und der hat sterbend gesagt: die Sonne werde mich noch verrathen. Und wie sie nun eben da auf's Bett scheint, fällt mir die Geschichte wieder ein und ich mußte lachen, indem ich dachte: die Sonne würde wohl gerne schwätzen; aber sie hat ja keine Zunge!«

Der Frau war es entsetzlich, daß ihr Mann ein Mörder war und sie konnte ihn nimmer lieb haben. Bald bekamen sie Streit mit einander, und da sie es nicht länger bei ihm aushalten konnte und ein Grauen vor ihm hatte, so zeigte sie die ganze Sache dem Gerichte an. Nachdem der Schneider alsdann selbst seine Schuld eingestanden, wurde [53] er hingerichtet. Bevor ihm aber der Kopf mit dem Schwerte abgeschlagen wurde, sagte er noch: »die Sonne hat mich doch noch verrathen!«

14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

14. Der Löwe, der Bär und die Schlange.

Es war ein Kaufmann, der reiste alle halbe Jahr durch einen Wald seiner Geschäfte wegen. Da gieng einmal nicht weit vor ihm her der Bediente des Königs und stürzte in eine tiefe Grube und konnte sich nicht wieder herausarbeiten. Als der Kaufmann herzukam, drehte er ein Seil und ließ das hinab und zog eine schwere Last herauf. Aber wie erschrak er, als er statt des Bedienten einen Löwen heraufgezogen hatte. Der sprach zu ihm: »Ich danke Dir, und hier hast Du auch Geld, daß Du mich befreit hast; ich war schon lange da unten. Der aber, für welchen Du das Seil gemacht hast, der ist nicht werth, daß Du ihn heraufziehst.« – Indes ließ er doch noch einmal sein Seil hinab und zog etwas Schweres herauf, aber nicht den Bedienten des Königs, sondern einen Bären. Der bedankte sich ebenfalls und gab ihm Geld und sagte: »Der Löwe war mein nächster Nachbar. Der aber, für welchen Du das Seil gemacht hast, der ist nicht werth, daß Du ihn heraufziehst.« – Als der Kaufmann nun zum dritten Male sein Seil hinunterließ, da zog er eine Schlange herauf, die gab ihm gleichfalls Geld und sagte, daß derjenige, für welchen er das Seil gedreht, es nicht verdiene, [54] daß er ihn heraufziehe. Dennoch ließ er sein Seil zum vierten Mal in die Thiergrube hinab und brachte dießmal richtig den Bedienten herauf.

Als dieser das viele Geld sah, so faßte er den gottlosen Entschluß, seinen Erretter zu verrathen und machte auch sogleich beim Gericht die Anzeige, daß dieser Kaufmann mehre Menschen, die man vermißte, gemordet und ausgeplündert und daher das viele Geld bekommen habe. Die Wahrheit aber war, daß eben dieser Bediente selbst jene Menschen gemordet und beraubt hatte. – Weil nun das Gericht den Kaufmann für den Mörder hielt, so wurde ihm zur Strafe die Haut abgezogen und auf eine Eiche gehängt; er selbst aber wurde mit Stricken an dem Baume festgebunden und sollte auf die Art elendiglich sterben. Da kamen jedoch der Löwe und der Bär, die er befreit hatte, und zernagten die Stricke und führten ihn in ihre Höhle und pflegten ihn hier, bis daß er geheilt war und beschenkten ihn dann, als er fortgieng, wiederum mit Geld und mit Kleidern. – Wie das Gericht aber sah, daß er entkommen und am Leben geblieben war, nahm man ihn zum zweiten Male gefangen und warf ihn in einen Thurm. – Da besuchte ihn die Schlange und sprach: »Bist Du auch einmal in Noth?« – »Ach ja, sprach er, ich weiß mir nicht mehr zu helfen!« Sprach die Schlange: »Nun, ich will Dir schon beistehen; ich habe so eben des Königs Tochter in die Stirn gestochen, also, daß Niemand ihr helfen kann. Hier aber bring' ich Dir ein Kraut, wenn Du damit ihre Stirn bestreichst, so wird sie in drei Stunden geheilt sein.«

[55] Da ließ der Kaufmann durch den Gefangenwärter dem König sagen, daß er ein sicheres Mittel gegen den Schlangenbiß habe, worauf er alsbald zu der Prinzessin geführt wurde und ihre Stirn mit dem Safte des Heilkrautes bestrich. Darnach war die Königstochter in drei Stunden wieder frisch und gesund, worüber der König, der sie schon für verloren gehalten hatte, eine solche Freude empfand, daß er seinen Ring vom Finger zog und ihn dem Kaufmann gab, indem er sprach: »Ich bin alt und verlaße gern den Thron; nimm Du ihn an meiner Stelle ein! Denn die Tochter, die Du mir wiedergegeben hast, die ist mir viel lieber als ein ganzes Königreich.« So ist der Kaufmann noch König geworden.

15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

15. Der Spielmann und die Wanzen.

Ein Spielmann hatte so viele Wanzen in seinem Hause, daß es nicht zum Aushalten war; was er aber auch dagegen gebrauchen mochte, das war Alles umsonst. Da steckte er endlich sein Haus an, nahm seine Geige und spielte und sang dazu:


Wenn das nicht gut für die Wanzen ist, Dann weiß ich nicht, was beßer ist!

16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[56] 16. Der Räuber Matthes.

Vor vielen Jahren wollte einmal ein Fuhrmann die große Steige bei Haigerloch im Hechinger Ländchen mit einem schwer beladenen Fuhrwagen hinauffahren; da stand plötzlich das ganze Fuhrwerk still als ob's verhext wäre und kein Pferd wollte mehr anziehen. Der Fuhrmann versuchte es nun erst mit der Peitsche und schlug auf die Pferde los, um sie anzutreiben; aber es war umsonst. Dann betete er still; aber auch das half nichts. Endlich ward er zornig und fieng an zu wettern und zu fluchen, so arg er's nur konnte. Darauf trat ein buckeliger Jäger zu ihm hin und sagte: »was gibst Du mir, wenn ich Dir helfe?« – »Laß mal hören, was Du verlangst!« sprach der Bauer. Da sagte der Jäger: »Du mußt mir Etwas versprechen, was Du daheim besitzest, ohne es zu wißen.«

Nun besann sich der Fuhrmann eine Weile und dachte: »Alles, was Werth hat in meinem Hause, das kenne ich ja; kenne ich etwas aber nicht, so hat's auch keinen Werth für mich,« und dann sprach er zu dem Jäger: »Du magst es meinetwegen nehmen; hilf mir jetzt nur, daß ich weiter fahren kann.« Da ließ sich der Jäger mit einem Blutstropfen diese Zusage verschreiben und dann konnten die Pferde ganz bequem den Wagen hinaufziehen.

Als der Bauer nun wißen wollte, was der Jäger gemeint hatte, so sprach er: »Deine Frau trägt ein Kindlein unter ihrem Herzen, davon Du noch nichts weißt, und wenn das geboren ist, so gehört's mein.« Da wurde der Bauer [57] sehr traurig und verlangte die Unterschrift zurück; aber der Jäger lachte und machte daß er fortkam.

Seit der Zeit hatte der Bauer keine ruhige Stund' mehr in seinem Hause; er seufzte und weinte, mochte weder eßen noch trinken und konnte bei Nacht kein Auge zuthun. Da drang seine Frau so lange in ihn, bis er ihr endlich Alles gestand und sagte, daß er das Kind, das sie bekommen werde, dem Teufel versprochen und verschrieben habe.

Da betete die Frau bei Tag und Nacht und weinte und jammerte; und als die Zeit nahe kam, wo sie ihr Kind gebären sollte, gieng sie zu einem geistlichen Herrn ins Kloster und klagte dem ihre Noth. Da behielt der Geistliche die Frau im Kloster und tröstete sie; und als sie hier einen Sohn geboren hatte, weihte sie ihn dem Dienste Gottes und seiner Kirche und ließ ihn zurück in dem Kloster.

Hier wurde der Knabe nun früh zu allem Guten angehalten, und war so fromm und brav, daß der Böse keine Gewalt über ihn hatte. Als er fünf Jahre alt war, lehrte man ihn ein Gebet, das mußte er alle Tage in der Kapelle der heiligen Jungfrau hersagen; und als er eben sein zehntes Jahr erreicht hatte, erschien ihm Maria und sprach zu ihm: »in zwei Jahren will ich Dir einen Stab geben, mit dem mußt Du in die Hölle wandern und Deinen Namen, der einem bösen Geiste verschrieben ist, zurückfordern.«

Nach dieser Zeit erschien ihm Maria noch öfters in der Kapelle und gab ihm gute Lehren und offenbarte ihm Mancherlei. Und als die zwei Jahr herum waren, brachte sie ihm den Stab, mit dem er seinen Namen aus der Hölle [58] holen sollte und beschrieb ihm genau alle Wege und Stege, die er zu gehen hatte, und sagte ihm, wie er mit dem Stabe an die drei Höllenthore klopfen müße und wie sie dann vor ihm aufspringen würden und wie er die Unterschrift seines Vaters von dem obersten der Teufel sich herausgeben laßen sollte. Das Alles merkte sich der Knabe wohl und trat gutes Muthes seine Reise an.

Wie er nun mutterseel allein durch einen großen Wald gieng, kam er zu einem Baume, der hieng ganz voll von blutrothen Aepfeln und daneben kniete ein alter Mann auf dem Stumpfe eines abgehauenen Baumes und rief den Knaben an und sprach zu ihm: »Wohin, mein Sohn?« Sprach der Knabe: »Zur Hölle, um meinen Namen zurückzufordern.« Sprach der Knieende: »Ach, ich warte schon lange darauf, daß Jemand zu mir kommt; vergiß doch nicht, Dich in der Hölle nach dem Bett des Räubers Matthes zu erkundigen, und gib mir auf dem Rückwege Nachricht, was Du davon erfahren hast!« Das versprach ihm der Knabe und zog weiter und kam an das erste eiserne Höllenthor und klopfte mit seinem Stabe an dasselbe, daß es von selbst aufsprang. Da trat Lucifer, der Oberste der bösen Geister, hervor und fragte den Knaben, was er wolle? Und als der Knabe ihm sein Begehren gesagt, pfiff Lucifer, und alsbald erschien ein großer Haufen schwarzer Männlein, die fragte er, ob einer unter ihnen sei, der den Namen des Knaben habe? Nein, da war keiner, der ihn hatte.

Da zog der Knabe weiter bis an ein zweites Höllenthor, klopfte mit seinem Stabe an, daß es aufsprang, und [59] alsbald erschien auch Lucifer hier und fragte ihn, was er wolle? Und nachdem er es ihm gesagt, pfiff Lucifer abermals einen Haufen schwarzer Männlein zusammen und erkundigte sich nach dem Namen des Knaben; aber auch hier hatte ihn keiner.

So mußte er zum dritten Höllenthor eingehen, und nachdem Lucifer hier einen dritten Haufen armer Teufel herbeigepfiffen und befragt hatte, fand sich einer darunter, ein buckliger Jäger, der hatte die Handschrift mit dem Namen des Knaben. Da befahl ihm Lucifer, die Handschrift herauszugeben; er aber sprach: »es soll mich eher eine Krott (Kröte) freßen, eh' ich das thue.« Da drohte ihm Lucifer und sagte: »gibst Du nicht auf der Stelle den Namen heraus, so wirst Du in das Bett gelegt, das für den Räuber Matthes da steht!« Und dabei zeigte er auf ein leeres Bett, das bestand aus nichts als aus Feuer und Flammen. Da gab der bucklige Jäger schnell die Unterschrift her, und als er die hatte, trat der Knabe unversehrt seine Rückreise an.

Unterwegs kam er auch wieder in den Wald und zu dem Baume, wo er den knieenden Mann auf der Hinreise gesehen hatte und traf ihn noch ebenso dort an. So wie der Greis den Jüngling erblickte, rief er ihm entgegen: »Hast Du das Bett des Räubers Matthes gesehen?« – »Ja, sprach der Knabe, ich habe es gesehn und mich entsetzt; das Bett war lauter Feuer und eine Flamme schlug über der andern empor.« – »Das wirdmein Bett einmal werden!« seufzte der Greis. – Der Jüngling aber sagte hierauf, Maria habe ihm in der Kapelle geoffenbart, daß [60] sogar der Räuber Matthes nicht verloren sein werde, wenn er ein aufrichtiges Bekenntnis ablege. Dann versprach ihm der Jüngling, daß er wieder zu ihm kommen wolle, sobald er Priester geworden sei. Das dauerte aber noch zwölf Jahre.

Nach dieser Zeit, als der junge Mann zum Priester geweiht war, machte er sich auf den Weg zu dem Greise, und traf ihn noch ebenso wie vor zwölf Jahren neben dem Apfelbaume auf einem abgehauenen Stumpf knieend, und forderte ihn auf, seine Sünden zu beichten. Da sprach der greise Räuber mit zitternder Stimme: »so viel blutrothe Aepfel auf dem Baume da sitzen, so viel himmelschreiende Mordthaten hab ich begangen. Gott sei mir armen Sünder gnädig!« – Dann verhieß ihm der Priester, weil er so tiefe Reue zeigte, im Namen Gottes Vergebung, und nachdem er das heilige Abendmahl genoßen, sank er plötzlich zu einem rauchenden Aschenhaufen zusammen; aus der Asche aber stieg eine weiße Taube empor und flog gen Himmel, und das war die erlöste Seele des Räubers Matthes.

17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[61] 17. Die goldene Ente.

Es war einmal eine Witfrau, die hatte drei Söhne, Namens Kasper, Melchior und Baltes, die erlernten alle drei ein Handwerk; der älteste wurde ein Weber, der andere ein Schuhmacher, der dritte ein Sattler. Und als sie ausgelernt hatten, sollten sie wandern und in der Fremde ihr Glück versuchen. Da schickte die Mutter zuerst den Aeltesten auf die Reise, und füllte ihm, wie es in dem Orte Sitte war, das Felleisen mit selbstgebackenen Küchlein, so viele nur zu dem Zeuge, das er mitnahm, noch hineingiengen, und sagte: »lieber Sohn, wenn Dir ein Armer begegnet, so theile ihm auch von diesen Küchlein mit!« – Darauf zog er von dannen, und nachdem er einige Tage gewandert war, kam er in einen Wald; da begegnete ihm eine alte Frau und bat ihn, daß er ihr etwas zu eßen geben möchte; er aber sagte: »ich werde selbst noch brauchen, was ich habe.« Da bewirkte die Frau, welche ein Zauberfräulein war, daß er nicht weiter konnte, und auf der Stelle nach Haus umkehren mußte.

Als nun die Zeit kam, wo der zweite Sohn seine Wanderreise antreten sollte, da that ihm die Mutter gleichfalls Küchlein in sein Felleisen und sprach: »nun will ich doch sehen, wie weit Du kommen wirst. Vergiß aber nicht, auch den Armen von deinen Küchlein abzugeben!« – Da zog er dieselbe Straße wie sein älterer Bruder, und kam nach einigen Tagen in den Wald, wo das Zauberfräulein sich aufhielt. Das begegnete ihm alsbald und sagte: sie sei [62] hungrig, er möge ihr doch etwas zu eßen geben. Allein er sagte: »die Küchlein eße ich selbst gern« und wollte weiter gehen. Da machte es aber das Zauberfräulein, daß er keinen Schritt mehr vorwärts thun konnte und auf der Stelle zu seiner Mutter zurückreisen mußte.

Endlich schickte die Mutter ihren dritten Sohn auf Reisen und sagte: »wenn Dir's nur nicht ebenso wie Deinen Brüdern geht; ich will sehen, wie Du durchkommst; ich habe Dir da auch Küchlein in Dein Felleisen gelegt, die mußt Du aber nicht allein eßen, sondern auch den Armen davon mittheilen.« Dann trat er wohlgemuth seine Wanderschaft an und kam nach wenigen Tagen in den Wald, wo ihm die alte Frau begegnete und ihn um etwas zu eßen bat. Da nahm er sogleich sein Felleisen vom Rücken und machte es auf und schüttete der Frau alle Küchlein, die er noch hatte, in den Schooß, worauf das Fräulein sehr vergnügt wurde und ihm sagte: »weil Du so gut gegen mich gewesen bist, so soll Dir's auch gut gehen.« Da will ich Dir eine Ente schenken, die hat goldene Federn und heißt: »gute Gonda.« Das mußt Du Dir merken; denn wenn Jemand sie Dir stehlen oder ihr eine Feder ausziehen will, so brauchst Du nur den Namen auszusprechen und dabei zu sagen: »es bleibe an dir hangen, was bei dir ist!« so kann es nicht fort, sondern muß mit, »wohin die Ente geht.« Darauf bedankte er sich und zog weiter durch den Wald und kam in ein Wirthshaus, wo er übernachten und sein Abendbrod verzehren wollte. Die Ente aber durfte auch miteßen und fischte sich besonders die Fleischbrocken aus der [63] Schüßel heraus. Da guckten alle Leute groß auf, besonders aber drei Frauenzimmer, die ebenfalls in dem Wirthshause übernachteten, und baten den jungen Sattler, daß er ihnen doch eine Feder von der Ente schenken solle. Allein das schlug er ihnen ab; denn er mochte die kostbaren Federn seiner Ente nicht ausrupfen. Da besprachen sich die drei Mädchen mit dem Wirthe, daß er sie mit dem Sattler in demselben Zimmer zusammen schlafen laßen möge, was der Wirth auch zugab. Als es nun Nacht war und sie meinten, daß der Sattler fest schliefe, da stiegen sie still aus ihrem Bett und giengen zu seinem Lager, woneben die Ente saß und versuchten, ihr einige Federn auszureißen. Da schrie sie aber: »quack, quack!« daß der Baltes sogleich aufwachte und sprach: »gute Gonda, bleibe stehn was bei dir ist!« Da mußten die drei Mädchen fasernackt, wie sie waren, die ganze Nacht bei der Ente stehen bleiben; und als der Baltes am andern Morgen frühstücken wollte und seiner Ente rief: »gute Gonda, komm herunter und was bei dir ist!« da mußten die Mädchen auch mit herunter und nackt frühstücken und ebenso hinter der Ente herziehen, als er weiter gieng.

Da kam er in ein Dorf, wo die Maurer an einem neuen Hause arbeiteten, und als die die nackten Mädchen sahen, liefen sie zu ihnen hin und hielten ihnen die Maurerkellen vor den Leib. Der Baltes aber sprach: »gute Gonda, es bleibe an dir hangen, was bei dir ist!« Da konnten die Maurer nicht wieder fort und mußten auch mitziehen. –

Darauf zogen sie durch einen andern Ort; da schaute [64] gerade der Pfarrer zum Fenster heraus und sah den Zug und rief: »ei, so bedeckt Euch doch, ihr großen Mädchen! schämt Ihr Euch denn nicht, daß Ihr so nackt auf der Straße geht?« Und dann kam er eilig aus dem Hause gelaufen und nahm seine große Kappe ab und wollte, auf daß Niemand ein Aergernis nehme, wenigstens das eine Mädchen damit zudecken. Der Baltes aber rief wieder seiner Ente: »gute Gonda, es bleibe an dir hangen, was bei dir ist!« Da mußte auch der Pfarrer mit. –

Als sie so nun eine Weile gegangen waren, kamen sie abermals in ein Dorf, wo eine große Bäckerei war. Wie nun die Bäckerknechte den wunderlichen Zug und besonders die nackten Jungfern sahen, da kamen ihrer fünfunddreißig mit Backschaufeln aus dem Hause gesprungen, und hielten den Mädchen die Schaufeln vor den Leib, worauf der Baltes wiederum sprach: »gute Gonda, es bleibe an dir hangen, was bei dir ist!« also, daß auch die fünfunddreißig Bäckergesellen dem Zuge sich anschließen mußten.

In dem Wirthshause, wo der Baltes mit seiner goldenen Ente und dem ganzen großen Zuge übernachtete, las er in der Zeitung, daß der König von Portugal eine Tochter habe, die niemals lache, und daß der König habe ausschreiben laßen: »wer seine Tochter zum Lachen bringen könne, der dürfe sie heirathen.« Da machte sich der Baltes gleich am andern Morgen auf den Weg nach Portugal, und meldete sich, sobald er angekommen war, beim Könige und sagte: daß er es sich wohl getraue, seine Tochter zum Lachen zu bringen, worauf der König ihn sogleich am folgenden[65] Morgen um zehn Uhr mit seinen Leuten kommen hieß. Die Königstochter stand auf dem Altan, und wie sie von da herab den seltsamen Transport vor's Schloß kommen sah, die drei nackten Jungfern, die Maurer mit ihren Kellen, den Pfaffen mit der großen Mütze und die fünfunddreißig Bäckerknechte mit ihren Schaufeln, da konnte sie sich nicht mehr halten und mußte überlaut auflachen. Und also gewann der Sattler die Königstochter zur Gemahlin, und erbte nach dem Tode des Königs das Reich.

18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

18. Der Büttel im Himmel.

Ein ganzer Gemeinderath war nach und nach mit Tode abgegangen und in den Himmel gelaßen worden; zuletzt kam auch der Büttel noch an und wollte hinein. Allein Petrus wies ihn ab und sagte: »Das wird mir zu viel! da sitzt schon der ganze Gemeinderath drin; für Dich ist kein Platz mehr!« Sprach der Büttel: »darf ich hinein, wenn ich den Gemeinderath herausschaffe?« »Ja, das darfst Du,« sagte Petrus, »wenn Du es kannst.« »O, so öffne mir nur ein klein wenig die Thür!« bat der Büttel, worauf Petrus die Himmelsthür so weit aufmachte, daß der Büttel nur grad mit Einem Auge hindurchsehen und mit Einem Finger einen Wink geben konnte, wobei er rief: »pst! pst! [66] ihr Herre! haußen gibts en Weinkauf 1.« Und wie der Blitz eilte der ganze Gemeinderath sogleich zum Himmel hinaus, und als er nun draußen war, gieng der Büttel hinein, und Petrus schloß hinter ihm die Thüre zu.

Fußnoten

1 Wobei der Gemeinderath umsonst mittrinken darf.

19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

19. Das Posthorn.

Es war einmal ein sehr kalter Winter, da fuhr ein Postillion auf dem Schwarzwalde in einem Hohlwege und sah einen Wagen auf sich zukommen, nahm sein Horn und wollte dem Fuhrmann ein Zeichen geben, daß er stillhalte und ihn erst vorbeilaße; allein der Postillion mochte sich anstrengen wie er wollte, er konnte doch keinen einzigen Ton aus dem Horne hervorbringen. Deshalb kam der andre Wagen immer tiefer in den Hohlweg hinein, und da keiner von beiden mehr ausweichen konnte, so fuhr der Postillion geradeswegs über den andern Wagen hinweg. Damit aber dergleichen Unbequemlichkeiten nicht noch einmal vorkommen möchten, so nahm er alsbald wieder sein Horn zur Hand und blies alle Lieder hinein, die er nur wußte; denn er meinte, das Horn sei zugefroren und er wollte es durch seinen warmen Athem wieder aufthauen. Allein es half alles nichts; es war so kalt, daß kein Ton wieder herauskam.

[67] Endlich gegen Abend kam der Postillion in das Dorf, wo ausgespannt wurde und wo ein andrer Knecht ihn ablöste. Da ließ er sich einen Schoppen Wein geben, um sich zu erwärmen; weil aber in dem Wirthshause grade eine Hochzeit gefeiert wurde und die Stube von Gästen ganz voll war, so begab er sich mit seinem Wein in die Küche, setzte sich auf den warmen Feuerheerd, hieng sein Horn auf einen Nagel an die Wand und unterhielt sich mit der Köchin. – Auf einmal aber erschrack er ordentlich, als das Posthorn von selbst an zu blasen fieng; da blies es zuerst einige Male das Zeichen, das die Postillione gewöhnlich geben, wenn Jemand ausweichen soll; dann aber auch alle Lieder, die er unterwegs hineingehaucht hatte und die darin festgefroren waren, und die jetzt an der warmen Wand alle nacheinander wieder aufthauten und herauskamen, z.B. »Schier dreißig Jahre bist du alt u.s.w.« »Du, du liegst mir am Herzen.« »Mädle, ruck ruck ruck« und andere Schelmenlieder. Zuletzt auch noch der Choral: »Nun ruhen alle Wälder,« denn dieß war das letzte Lied, welches der Postillion hineingeblasen hatte.

20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[68] 20. Der Himmelsreisende.

Da war einmal ein lustiger Wandersmann, der gieng in ein Wirthshaus, um ein Glas Wein zu trinken. Sprach die Wirthin: »Woher die Reise?« »Ich komme eben vom Himmel!« sagte der Fremde. »Was Sie sagen! vom Himmel kommen Sie?« sagte die Frau. »Ei freilich!« versetzte er. »Ei,« sagte die Frau, »da haben Sie ja auch wohl meinen seligen Mann, den Hans, gesehn?« »Ha, das versteht sich,« sagte der Fremde, »daß ich ihn gesehn habe; ich kenne ihn sehr gut, wir sind beständig gute Freunde zu einander gewesen.« »Jesus Maria!« rief die Frau, »was Sie sagen! also Sie haben ihn wirklich gesehn und gesprochen und gekannt?« »Ei warum nicht?« versetzte der Mann. »Um Gottes willen!« sagte die Frau, »wie geht's ihm denn nur?« »Ach, so so! nicht eben zum Besten,« sagte der Fremde. »Da droben ist's halt schwer fortkommen. Er muß viel schaffen und der Verdienst ist gering. Als ich ihn das letzte Mal gesehn habe, hat er beinah kein heils Hemd mehr am Leibe gehabt.« »Daß sich Gott erbarm!« seufzte die Frau. – »Ach, wüßt' ich nur,« fuhr sie nach einer Weile fort, »wie ich ihm etwas zuschicken könnte, ich wollt' ihm gern was abgeben, ich hab's ja, Gott sei Dank.« – »O,« sagte der Wandersmann, »da wäre wohl Rath; ich gehe nächstens zurück, und kann ihm schon Einiges mitnehmen, was Ihr ihm schicken wollt. Das wird eine Freude sein!« – »Ach, bester Freund,« sprach die Frau, »also kein Hemd hat er mehr am Leibe gehabt, kein heils? Ich hab [69] da grad ein halbes Dutzend ganz neue für meinen ältesten Sohn machen laßen, die passen auch für meinen Mann selig; ach, wenn Ihr die mitnehmen wolltet!« »Recht gern!« sprach er. »Und diese dreihundert Gulden auch!« »Auch die,« sprach er, »kann ich schon noch tragen.« »Ach Gott,« sprach sie weiter, »und da hab ich noch einen halben Schinken und ein paar Würste, die hat er immer so gern gegeßen!« Auch die nahm der Fremde noch in Empfang und trat unter tausend Danksagungen seine Weiterreise an.

Als der älteste Sohn der Wirthin nach Hause kam und von der Mutter erfuhr, was vorgefallen war, sattelte er schnell ein Pferd und jagte dem Himmelsboten nach. – Der hatte sich indes wohlgemuth in's Freie begeben und gerade beim Eingang des Waldes hingesetzt, als er den Reiter dahersprengen sah und Unrath vermerkte. Sogleich setzte er seinen Hut auf die Erde und that, als ob er ihn eifrig bewache. – Wie der Reiter nahe kam, hielt er an und fragte den Wanderer, ob er der Mann sei, der in den Himmel reise? »Freilich,« sagte er, »der bin ich.« »Nun,« rief er, »so gebt nur sogleich das Geld heraus, das ihr meinem Vater bringen solltet!« »Wie Ihr wollt,« sprach der Reisende, »mir kann es einerlei sein; wenn Ihr's Eurem Vater nicht gönnt, so brauch ich's nicht zu tragen. Nur müßt Ihr ein wenig warten. Ich hab da grad unterm Hut einen sehr seltenen und kostbaren Vogel sitzen, den ich hier gefangen, der ist wenigstens dreihundert Gulden werth, und hab einen Mann in die Stadt geschickt, daß er mir einen Käfig holen soll. Diesem Manne hab ich, weil er nichts [70] zu tragen hatte, auch die dreihundert Gulden mitgegeben, die Euer Vater haben sollte. Wenn er zurückkommt mit dem Käfig, müßt' Ihr eben mit mir in die Stadt reiten.« Ja, das war dem Sohne ganz recht und er blieb da. – Nach einer Weile aber sprach der Himmelsreisende: »wenn Ihr mir den Vogel recht sorgfältig hüten möchtet, so könnte ich dem Manne auch gleich nachlaufen, denn er wird ohnehin wohl sobald nicht zurückkommen; oder, noch schneller würde es gehen, wenn Ihr mir Euer Pferd leihen wolltet; da wäre ich gleich wieder hier und Ihr könntet bei Zeiten noch heimkehren.«

Dieser Vorschlag schien dem Sohne sehr vernünftig, weshalb er ihn auch auf der Stelle annahm und den Reisenden sein Pferd besteigen ließ, indessen er selbst den kostbaren Vogel unter dem Hute bewachte.

Da saß er nun, und hatte schon mehre Stunden neben dem Hute geseßen, und der Himmelsreisende wollte immer noch nicht mit dem Pferde und dem Gelde zurückkommen. Seinen Posten mochte er nicht verlaßen wegen des kostbaren Vogels, der ihm zugleich ein Unterpfand däuchte für die dreihundert Gulden, und doch kam der Abend schon heran, so daß er endlich sich entschloß, den Vogel in die Hand zu nehmen und selbst damit in die Stadt zu gehen. Mit der größten Vorsicht hob er deshalb den Hut ein klein wenig in die Höhe, so daß er mit seiner Hand darunter langen konnte; bekam aber gar keinen Vogel zu faßen, sondern etwas ganz anders, was er niemals gesagt hat.

Mit einem Male war er jetzt entschloßen, sogleich zu [71] seiner Mutter heimzukehren. Die verwunderte sich sehr, daß der Sohn so spät und ohne sein Pferd kam. Als er ihr aber sagte, daß er unterwegs sich besonnen und das Pferd ebenfalls dem Himmelsreisenden mitgegeben habe, damit er die Sachen schneller dem Vater überbringen könne, da gab die Mutter sich gern zufrieden, und auch der Sohn hat nicht weiter von der Sache gesprochen.

21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

21. Der dumme Hans.

Ein Wirth hatte einen einzigen Sohn, der hieß Hans, der mochte nichts arbeiten und nichts lernen und blieb in allen Dingen dumm. Da sagte sein Vater zu ihm eines Tages: »Hör' mal, Hans, Du bist nun groß und stark, verstehst aber noch nichts; Du mußt jetzt fort von hier und in der Welt Dich umsehen und wandern, damit Du auch gescheidt wirst.« »Ja Vater,« sagte Hans, »das will ich thun; gib mir nur Geld, daß ich leben kann!« Das versprach ihm der Vater; sagte aber, daß er vor der Abreise erst noch beichten müße.

Nachdem Hans nun gebeichtet hatte, gab ihm der Pfarrer folgende vier Punkte als Buße mit auf den Weg: erstens, er solle sieben Jahre lang keinen Wein trinken; zweitens, sieben Jahre lang kein Fleisch eßen; drittens, sieben Jahre lang in keinem Federbett liegen, und viertens, diese [72] sieben Jahre hindurch bei keinem Mädchen schlafen. – Darauf füllte ihm sein Vater einen Beutel mit Geld und dann wanderte er wohlgemuth in die Welt hinaus.

Es dauerte aber gar nicht lang, da war der Geldbeutel leer, und Hans konnte in kein Wirthshaus mehr einkehren und sah sich genöthigt, die Klöster aufzusuchen. – So kam er eines Abends auch ganz ermüdet und hungrig in ein Kloster und bat um ein Unterkommen und um ein Nachteßen. Da holte ihm die Klosterfrau sogleich eine Flasche Wein her und sagte, er solle sich daran einstweilen erquicken. »Ach,« seufzte Hans, »der Pfarrer hat mir als Beichtbuße für sieben Jahre den Wein verboten!« Sprach die Klosterfrau: »hat er Dir auch Champagner verboten?« »Nein,« sagte Hans, »den hat er mir nicht verboten.« »Nun gut,« sagte die Frau, »so trink Du nur in Gottes Namen, denn das ist Champagner!«

Darauf holte sie einen Braten, zerschnitt ihn und nöthigte Hansen zum Eßen. »Ach,« sagte Hans wieder, »der Pfarrer hat mir als Beichtbuße auferlegt, sieben Jahre lang kein Fleisch zu eßen!« – Fragte die Frau: »Hat er Dir auch Braten verboten?« »Nein,« sagte Hans, »bloß Fleisch hat er mir verboten.« »Nun,« sagte die Klosterfrau, »so laß Dir in Gottes Namen den Braten schmecken!«

Als es endlich Zeit war, zu Bett zu gehen, führte ihn die Klosterfrau in eine Kammer an ein schönes Bett. Wie Hans das aber sah und anfühlte, seufzte er und sprach: »ach, der Pfarrer hat mir als Beichtbuße auferlegt, sieben Jahr lang in keinem Federbett zu liegen!« »Hat er Dir,« [73] fragte die Klosterfrau, »auch verboten, auf Flaumen zu schlafen?« »Nein,« sagte Hans, »das hat er mir nicht verboten.« »Nun, so leg' Dich in Gottes Namen hinein! denn dieß ist ein Flaumenbett.«

Nachdem Hans sich ausgekleidet und in das weiche Bett gelegt hatte, kam die Klosterfrau noch einmal zu ihm in die Kammer und fragte, ob er schon schlafe. »Nein,« sagte Hans, »noch nicht; aber ich war eben daran, einzuschlafen.« »Nun,« sagte die Frau, »so rück ein wenig an die Seite und laß mich bei Dir schlafen! das Bett hat Platz für uns beide; denn wenn zwei bei einander liegen, so wärmen sie sich; wie kann ein Einzelner warm werden? sagt der Prediger Salomo.« (Kap. 4, 11.) »Ach,« seufzte Hans wieder, »der Pfarrer hat mir als Beichtbuße aufgelegt, sieben Jahre lang bei keinem Mädchen zu schlafen.« »Hat er Dir auch verboten, bei einer Klosterfrau zu schlafen?« fragte die Frau. »Nein,« sagte Hans, »das hat er mir nicht verboten,« und ließ die Klosterfrau getrost an seiner Seite schlafen.

Das Leben im Kloster gefiel dem Hans aber so gut, daß er gar nicht forteilte, und da die Klosterfrau ihn ebenfalls gern bei sich behielt, so blieb er da, aß Braten und trank Champagner und schlief bei der schönen Klosterfrau bis die sieben Jahre herum waren. – Da gab er vor, er müße seinen Vater einmal besuchen, worauf ihm die Klosterfrau ein schönes Reitpferd mitgab und ihm den Geldbeutel füllte, und so ritt er hin vor das Wirthshaus seines Vaters; der aber erkannte ihn nicht und sagte: »wenn so doch auch einmal mein Hans aus der Fremde heimkehrte! aber der [74] wird alles verputzt und wenig verdient haben.« – Wie aber die Mutter hereintrat, erkannte sie ihren Hans sogleich wieder, und nun waren alle vergnügt mit einander. Auch der Pfarrer wurde gerufen, und dem mußte Hans viel von seiner Reise erzählen. Zuletzt erinnerte der Pfarrer ihn noch, daß er jetzt auch wieder beichten müße.

Als Hans am nächsten Sonntag zum Pfarrer gieng, um zu beichten, fragte ihn dieser: »Nun Hans, sag mir einmal aufrichtig: hast Du alles gehalten, was ich Dir auferlegt habe? Hast Du in diesen sieben Jahren keinen Wein getrunken?« »Nein,« sagte Hans, »keinen Tropfen Wein, sondern immer nur Champagner.« »Ei, um Gottes willen,« rief der Pfarrer, »das ist ja noch schlimmer! das ist ja der vornehmste Wein! – Aber Fleisch wirst Du doch nicht gegeßen haben?« fragte er weiter. »Nein,« sagte Hans, »kein Bröckele Fleisch, sondern immer nur Braten.« – »Ei, das ist ja das vornehmste Fleisch!« sprach der Pfarrer. – »Aber in Federn hast Du doch nicht geschlafen?« »Nein,« sagte Hans, »in keinen Federn, sondern immer nur in Flaumen.« »Ei, das sind ja die vornehmsten Federn! – Aber bei keinem Mädchen wirst Du hoffentlich geschlafen haben?« »Nein,« sagte Hans, »ich habe niemals bei einem Mädchen, sondern immer nur bei einer Klosterfrau geschlafen.« »Um Gottes willen,« rief der Pfarrer, »das ist ja das Allerschlimmste! die Klosterfrau ist ja unsers Heilands Schwester!« »Ei, so ist der Heiland ja mein Schwager,« sagte Hans, »der wird mir schon weiter helfen.«

22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[75] 22. Fläschlein, thu deine Pflicht!

Einige Stunden von Stuttgart, in der Gegend wo jetzt Hohenheim liegt, wohnte in alten Zeiten ein Müller, der konnte mit seiner Mühle nicht vorwärts kommen, denn sie gehörte erstens nicht ihm, sondern einem Edelmann, dem er viel Pachtgeld dafür bezahlen mußte; und zweitens fehlte es der Mühle oft an Waßer, so daß er nur wenig mahlen und wenig damit verdienen konnte. Dadurch war der Müller allmählig so arm geworden, daß er schon seit mehren Jahren nicht im Stande war, das Pachtgeld zu bezahlen. Weil der Edelmann ihn aber so sehr bedrängte, und ihn aus der Mühle vertreiben wollte, wenn er nicht alsbald seine Schuld entrichtete, so nahm der Müller endlich seine einzige Kuh und gedachte, um Geld zu bekommen, sie auf dem Markte zu verkaufen.

Wie er nun bekümmert mit seiner Kuh durch den Wald zog, kam ein kleines Männlein daher und fragte den Müller: was ihm fehle? Nachdem er dem Männlein alles genau erzählt hatte, sprach es: »ich will Dir die Kuh abkaufen und gebe Dir dieß kleine Fläschlein dafür. Wenn Du das auf den Tisch stellst und sprichst: Fläschlein, thu deine Pflicht! so wird Dir nichts mehr mangeln.« Der Müller aber war ängstlich und sagte: »ach, was wird meine Frau sagen, wenn ich statt des Geldes mit diesem Fläschlein komme!« »Ei,« antwortete das Männlein, ganz ärgerlich, »wie magst Du Dich noch lang besinnen? weißt Du denn, ob Du Deine Kuh auch nur lebendig auf den Markt bringen wirst?«

[76] Da fürchtete sich der Müller, weil er's für eine Drohung hielt, und gab dem Männlein die Kuh für das Fläschlein, worauf das Männlein plötzlich mit der Kuh in die Erde sank, so daß nichts mehr von beiden zu sehen war. Darauf gieng der Müller heim, stellte das Fläschlein sogleich auf den Tisch und sprach: »Fläschlein, thu deine Pflicht!« Da war alsbald der ganze Tisch mit goldenen Schüßeln und den herrlichsten Speisen besetzt; die ließ er sich schmecken, und als er satt war, verkaufte er die Schüßeln und erhielt so viel Geld dafür, daß er mit einem Male ein reicher Mann war.

Da bezahlte er sogleich alle seine Schulden dem Edelmann, daß der sich nur wundern mußte, woher der Müller so schnell das Geld bekommen habe, und gab ihm so viel gute Worte, bis er endlich die ganze Geschichte erzählte. – Darauf bot ihm der Edelmann große Summen, wenn er ihm das Fläschlein verkaufen wollte, wogegen sich der Müller zwar lange sträubte; als ihm aber der Edelmann nicht nur die Mühle, sondern auch sein ganzes Schloß dafür anbot, da mochte der Müller nicht widerstehen und gab es hin. Wie der Edelmann aber das Fläschlein in der Hand hatte, sprach er: »so, das Schloß bleibt mein! Du hast an der Mühle genug, die kannst Du behalten!« Und so war der Müller betrogen. Nun hatte er zwar noch ein gutes Sümmchen; allein weil die Mühle ihm nichts eintrug, so war das Geld bald verbraucht und er gerieth wieder in bittere Armuth.

In dieser Noth wollte er einstmals einen Freund besuchen [77] und bitten, daß er ihm etwas leihen möchte; und als er im Walde ganz allein dahin wanderte, wurde sein Herz bewegt und er kniete nieder und betete zu Gott, daß er ihm doch helfen möge. Und während er noch betete, kam ein schwarzer Mann daher, der fragte den Müller, was er sich denn wünsche? Da erzählte er, wie es ihm gegangen war und wie der Edelmann ihn so arglistig betrogen und ihn in's Elend gebracht hatte. Darauf gab der fremde Mann dem Müller ein kleines Fläschlein und sprach: »da nimm das Fläschlein! Das ist aber kein solches, wie das erste, sondern es soll Dir nur helfen, daß Du jenes wieder erhältst. Sobald Du sprichst: Fläschlein, thu deine Pflicht! so kommen vier Ritter heraus und zerschlagen Alles, was sie außer Dir finden, und hören nicht eher auf, als bis Du sagst: Fläschlein, du hast deine Pflicht gethan!«

Da gieng der Müller zu dem Edelmann und sagte: er habe wieder ein solches Fläschlein, und als er es dem Edelmann gezeigt, ließ dieser schnell Eßen und Trinken auftragen und bewirthete den Müller auf's Beste, denn er gedachte ihm auch das zweite Fläschlein abzulocken. – Nachdem aber der Müller gegeßen und getrunken hatte und der Edelmann wiederum von dem Fläschlein zu reden anfieng, da zog er's hervor und sprach: »Fläschlein, thu deine Pflicht!« Und alsbald stiegen vier Ritter daraus hervor und hieben wetterlich auf den Edelmann los, also, daß er ganz erbärmlich zu schreien anfieng und den Müller um Gottes willen bat, er möchte ihn doch verschonen. »Hast meiner auch nicht geschont!« rief der Müller, »und mich noch dazu um [78] das Fläschlein betrogen!« Da zeigte der Edelmann den Schrank, in welchem das Fläschlein lag, worauf es der Müller nahm und damit fortgieng; die vier Ritter aber ließ er so lange schlagen, bis daß der Edelmann todt und das ganze Schloß nur noch ein Steinhaufen war; dann sprach er: »Fläschlein, du hast deine Pflicht gethan!« und sogleich wurden die Ritter ganz klein und krochen wieder in das Fläschlein.

Nun war der Müller sehr vergnügt, daß er auch das erste Fläschlein wieder bekommen hatte und sprach täglich zu ihm: »Fläschlein, thu deine Pflicht!« Dann stand sogleich der ganze Tisch voll goldener Schüßeln, die mit den köstlichsten Speisen gefüllt waren; die ließ er sich schmecken und wurde ein so reicher Mann, daß es nicht zu sagen ist. – Darauf baute er das alte Schloß zu Hohenheim, und weil er meinte, daß er Schätze genug habe, so legte er das Fläschlein in den Grundstein und vermauerte es; das zweite aber, worin die vier Ritter waren, das behielt er zur Abwehr gegen Feinde und Diebe.

23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[79] 23. Der arme Fischer.

Es waren einmal zwei Brüder, davon war der eine ein Geistlicher, der andre ein Fischer; dieser aber wußte nichts von jenem. Da begab es sich eines Abends, daß ein vornehmer Herr zu dem Fischer kam und ihn um ein Nachtlager bat. Der Fischer entschuldigte sich, daß er ihm nichts zu eßen und zu trinken reichen könne; allein der andere bat bloß um Dach und Fach, was ihm der Fischer auch gern gewährte, worauf sie sich noch lange mit einander unterhielten.

Am folgenden Morgen, als der Fremde abreisen wollte, sagte er zu dem Fischer: »wenn Ihr mich begleiten mögt, so will ich Euch glücklich machen und Euch ein Waßer zeigen, wo Ihr einen guten Fang thun und Euer Brod leicht verdienen könnt.« Ja, dazu war der Fischer gleich bereit und gieng mit, bis daß sie an einen See kamen. Da sprach der Fremde: »so, hier mußt Du fischen; und jetzt behüt Dich Gott, Bruder!« »Wie nennst Du mich Bruder?« sprach der Fischer verwundert. Der andre aber sagte: »ich kann mich nicht länger aufhalten, leb wohl!« und damit gieng er weiter. –

Nun warf der Fischer sein Netz in den See und fieng eine große Menge Fische von allerlei Art, so daß er sie kaum mit fortbringen und aufbewahren konnte. Dann gieng er ganz vergnügt zu einem Edelmann und der kaufte ihm alle ab und gab ihm ein gutes Geld dafür. Als aber die Köchin die Fische zurechtmachen und braten wollte, da kam [80] aus der Feuerwand eine alte Frau hervor, die hatte eine Haselruthe in der Hand und sprach:


Fischlein, Fischlein!

Lebet ihr lang,

Sterb' ich bald.


Nicht lange nachher gieng der Fischer abermals an den See, um zu fischen und fieng ebenso viel als das erste Mal und verkaufte den ganzen Fang wieder an den Edelmann. Der Köchin aber gieng es beim Braten gerade so wie das erste Mal; es kam ein altes Weib aus der Feuerwand und sagte das Sprüchlein:


Fischlein, Fischlein!

Lebet ihr lang,

Sterb' ich bald.


Dasselbe geschah, als sie nach einiger Zeit zum dritten Mal die Fische, welche dieser Mann gebracht hatte, zubereiten sollte.

Als der Fischer aber zum vierten Male sein Netz in den See warf, da zog er und zog und brachte endlich mit Mühe eine große schwere Kiste an's Ufer, daran hieng ein ganzes Bund Schlüßel. Da nahm er einen davon, steckte ihn in das Schloß und versuchte die Kiste aufzuschließen; und richtig, es gieng. Als er sie aber aufmachte, kam ein großer großer Mann heraus und sprach: »Kerl, was machst Du da? jetzt mußt Du in diese Kiste.« Der Fischer aber sagte: »geh Du nur wieder hinein, wenn Du darin gewesen bist!« worauf der große Mann sich wie eine Kugel zusammenrollte[81] und sich hineinlegte. Dann verschloß der Fischer die Kiste und schob sie wieder in den See und gieng fort und legte sich unter einen Baum, woselbst er einschlief. Als er endlich wieder aufwachte, hörte er von fern ein Geläut und lief hin und her, indem er dachte: »wenn ich nur dort wäre, wo man läutet!« Und alsbald sah er auf dem See ein Schiff, darin waren Männer, die ihm winkten, daß er zu ihnen kommen möchte. Darauf gieng er an's Ufer und stieg in das Schiff, fragte die Männer, wer sie wären und wo sie hin wollten? erhielt aber keine Antwort von ihnen, sondern sie winkten ihm immer nur mit dem Kopfe; deshalb stieg er wieder aus und gieng fort und kam in eine Stadt; da standen Soldaten als Schildwache am Thor, die redete er an, erhielt aber auch hier keine Antwort. Nun war der Fischer aber hungrig geworden und gieng deshalb in mehre Häuser, um etwas zu eßen zu bekommen; allein er fand nirgends etwas vor, auch keinen Menschen, bis er endlich in ein Schloß kam, da traf er Schweine und anderes Vieh, aber immer noch keinen Menschen. Endlich stieg er eine Treppe hinauf und trat in ein Zimmer, daselbst saß ein alter Mann auf einem Seßel und fragte den Fischer, was er wolle? Der Fischer sagte, er möchte gern etwas eßen, weil er Hunger habe.

Da trat die Frau des alten Mannes herein und brachte demselben sein Eßen, schlug ihn aber zugleich mit einem Stecken, den sie mitgebracht, so heftig, daß er vor Schmerzen nicht einmal schreien konnte; dann gieng sie ohne ein Wort zu reden wieder fort.

[82] Darauf rief der alte Mann den Fischer zu sich her und erzählte ihm, wie es ihm mit seiner Frau gegangen, und daß sie's ihm beständig so mache. Wenn sie aber von ihm fortgehe, so gehe sie immer in das oberste Zimmer; dort habe sie einen Mohren, der liege im Bett, und den frage sie, so oft sie zu ihm komme, immer dreimal: »Willst Du getreu sein an mir oder nicht?« Allein sie bekomme nie eine Antwort von ihm. Dann sagte der alte Mann weiter: »Du könntest mich erlösen.« Du mußt aber zuerst den Mohren nehmen und in den Abtritt werfen, dann Dir das Gesicht schwarz machen und Dich an seiner Statt in's Bett legen, und wenn alsdann mein Weib zu Dir kommt und Dich fragt: »Willst Du getreu sein an mir oder nicht?« so mußt Du ihr auf die dritte Frage erwidern: »ja, wenn Du mir versprichst, daß Alles wieder sein soll wie vorher.« Dann wird sie zu Dir sagen: »so nimm diese silberne Klinge und schneide mir den Kopf ab, und besprenge mit meinem Blut die Wände, dann wird Alles wieder sein wie vorher.« Und das mußt Du dann auch thun.

Da stieg der Fischer in das oberste Zimmer des Schloßes, nahm den Mohren und warf ihn den Abtritt hinunter, schwärzte sich dann das Gesicht und legte sich in das Bett. Als hierauf die Frau kam und ihn fragte: »willst Du getreu sein an mir oder nicht?« so sagte er zu ihr, als sie ihn zum dritten Male gefragt hatte: »ja, wenn Du mir versprichst, daß Alles wieder sein soll wie vorher.« Darauf bot sie ihm die silberne Klinge und forderte ihn auf, ihr das Haupt abzuschneiden und mit dem Blut die Wände [83] zu besprengen, was er denn auch sogleich that. – Darauf gieng er zu dem alten Manne hinunter und erzählte ihm, wie's gegangen war. Der aber war sehr froh und dankte dem Fischer tausendmal und sagte: »Nun gottlob! daß ich erlöst bin! denn mein Weib, die eine Hexe war, und der Mohr, der Erzzauberer, die haben mich verwünscht; zum Dank aber sollst Du nun meinen Thron einnehmen, denn ich bin ein König.« Und wie sie noch mit einander redeten, da kamen große Haufen Soldaten in's Schloß gezogen, die waren bisher zu Fischen verwünscht gewesen; und auch die Fische, welche der arme Fischer gefangen und dem Edelmann verkauft hatte, waren lauter verwünschte Menschen und kamen jetzt auch wieder herbei und freuten sich, daß der alten Zauberin der Kopf abgeschlagen worden. Das Schloß war von Innen und von Außen wieder ebenso herrlich als es früher gewesen war, und der Fischer war König darin und hatte ein großes Heer Soldaten.

Durch seine Soldaten aber wurde der König zuletzt übermüthig und wollte sich ein noch größeres Reich erwerben; deshalb fieng er Krieg an mit Fürsten und Grafen, wurde aber von diesen überwunden und aus seinem Schloße und Königreiche fortgejagt, worauf er seine alte Hütte wieder aufsuchte und wieder die Fischerei trieb, und ein kümmerliches Leben führte bis an sein Ende.

24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[84] 24. Die Rübe im Schwarzwalde.

Ein Samenhändler reiste einst über den Rhein, ließ aber vorher auf dem Schwarzwalde ein Samenkorn fallen. Und als er wieder zurückkam, fand er, daß aus dem Körnlein eine gewaltige Rübe gewachsen war, mit der konnte er zwei große Schlachtochsen fett machen. Diese Ochsen hatten aber während der Fütterung so ungeheuer lange Hörner bekommen, denk dir nur, daß, wenn man zu Martini in eins hineinblies, der Ton erst zu Georgi wieder daraus hervorkam, und also ein ganzes halbes Jahr nöthig hatte, bis er durch das lange lange Horn hindurchfahren konnte.

25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

25. Der Sohn des Kohlenbrenners.

In Böhmen war ein Dorf, darin lauter Kohlenbrenner wohnten, weshalb es den Namen Schwarzdorf bekommen hatte. Hier lebte auch ein Köhler, der hatte zwei Söhne, von denen war der jüngste ein schöner und stattlicher Bursch, wollte aber nicht gut thun und machte deshalb seinem Vater vielen Kummer. Wenn der Vater ihn des Nachts zu dem Kohlenhaufen schickte, daß er dabei wachen und auf das Feuer Acht haben und zu rechter Zeit die Luftlöcher verstopfen und frisches Brennholz nachlegen sollte, so ließ er Kohlen Kohlen sein und besuchte die hübschen Mädchen im [85] Dorf, oder gieng in's Wirthshaus und trank, so daß der Vater oft in einer einzigen Nacht für mehr als fünfzig Gulden Schaden an seinen Kohlen erlitt. Alle Ermahnungen halfen nichts mehr; der Vater band ihn sogar mit Ketten im Hause fest, um ihn zu züchtigen; allein es wurde nicht beßer mit dem Sohne. Deshalb blieb der Vater lieber selbst des Nachts bei den Kohlen auf und versagte sich den Schlaf.

Eines Sonntags aber, nachdem der Vater die ganze Woche lang bei Tag und Nacht gearbeitet und niemals geruht hatte, bedurfte er des Schlafs gar sehr und sagte zu seinem jüngsten Sohne: »heut Nacht mußt Du einmal bei dem Kohlenhaufen aufbleiben; ich kann nicht mehr und will sehen, ob Du endlich Dich gebeßert hast und nicht wieder in Deine alten Sünden verfällst.« Da versprach ihm der Sohn, daß er dießmal ganz gewiß seine Schuldigkeit thun und recht ordentlich Achtung geben wolle, gieng auch gutes Muthes hinaus in den Wald und nahm sich vor: »von jetzt an will ich ein anderer Mensch werden und mich beßern!« Dann versah er auch Alles wie sich's gehörte bis ungefähr gegen zehn Uhr Abends. Da dachte er: »ei, es ist doch eigentlich überflüßig, daß ich die ganze Nacht hier am Feuer stehe; das kann jetzt allein wohl fortbrennen; ein Stündchen wenigstens darf ich schon weggehn und eins trinken.« Und sogleich war er auch schon auf dem Wege in's Wirthshaus.

Aus dem Stündchen aber, das er hier bleiben wollte, wurden bald zwei, endlich drei und vier Stunden. Als er nun aber fortgieng, war ihm so fröhlich und leicht um's [86] Herz, daß er dachte: »ach, wenn du jetzt doch nur deinen Schatz in den Arm nehmen und recht küssen und drücken könntest!« Und wie er's dachte, so machte er's auch, schlich sich an's Fenster, wo das hübsche Mädchen schlief, klopfte an und wurde eingelaßen, und plauderte und scherzte nun mit ihr bis zum hellen Morgen. Als er jetzt endlich zu seinem Kohlenhaufen zurückkam, da war alles verbrannt und verdorben und ein großer Aschenhaufen geworden.

Das fiel ihm schwer auf's Herz, und er fürchtete, daß der Vater dießmal seine Drohung ausführen und ihn schlagen möchte, so lang er sich rühren und regen könnte, wie er gesagt hatte. Deshalb machte er sich schnell auf und davon, und floh in den Wald immer tiefer hinein und wußte gar nicht, wo er hinkam; denn er fand weder Weg noch Steg, noch irgend einen Menschen, den er hätte fragen können. Als endlich der Hunger sich bei ihm einstellte, suchte er auch vergeblich nach Speise und mußte sich mit Waßer und Wurzeln und mit der Rinde von jungen Bäumen begnügen. Das dauerte wohl einige Tage lang, indem er beständig in dem Walde umherirrte und sich sagen mußte, daß er selbst an seinem Elend Schuld sei.

Zu derselben Zeit geschah es, daß der Sohn des Vice-Königs von Böhmen in jenem Walde jagte; denn er hatte sich daselbst ein Schloß bauen laßen, und das hatte er aus zweierlei Ursachen gethan: erstens, weil er ein großer Freund der Jagd war; zweitens, weil er sich mit seiner Schwester nicht vertragen konnte und deshalb an seines Vaters Hof nicht länger bleiben mochte. – Wie der Prinz nun den [87] Kohlenbrenner im Walde traf, redete er ihn mit rauher Stimme an und fragte ihn, was er da mache? also, daß der arme Bursch schier an zu weinen fieng und dem Prinzen sein Unglück klagte. Der aber hatte Mitleid mit ihm und gab mit dem Jagdhorn ein Zeichen, daß die Dienerschaft herbeikommen sollte, was auch alsbald geschah, worauf der Prinz befahl, den Burschen mit heimzunehmen, ihn zu waschen, zu kleiden und zu beköstigen. Am folgenden Morgen mußte er dann selbst vor dem Prinzen erscheinen und der sah nun, daß es ein gar flinker und feiner Bursch war, und fragte ihn, ob er nicht Stallknecht bei ihm werden möchte. Ja, das wollte er sehr gern und trat sogleich in die Dienste des Prinzen. Von jetzt an hielt er sich aber so gut und war so fleißig und ordentlich, daß der Prinz seine wahre Freude an ihm hatte und ihn bald zu seinem Kammerdiener machte und sich gern mit ihm unterhielt.

In jener Zeit aber mußte sich der Prinz über seine Schwester gar zu sehr ärgern und konnte nicht mehr mit ihr auskommen; denn das junge blondköpfige Ding war zwar sehr schön, aber auch so blitznaseweis, daß ihr kein Mann gut genug war. Da kam ein Prinz nach dem andern und wollte sie heirathen; allein an dem einen wußte sie dieß, an dem andern das auszusetzen, und wies sie alle mit einander ab. Da dachte endlich ihr Bruder: »wart nur, du dummes Ding du, ich will dich schon dran kriegen! Sind dir die Prinzen zu schlecht, so ist dir mein Kammerdiener wohl recht!« und ließ den hübschen Burschen kommen und sagte ihm, was er mit ihm vorhabe, daß er ihn nämlich mit seiner Schwester [88] zu verheirathen gedenke. »Ich will Dich am nächsten Sonntag mit Wagen und Pferden und Bedienten in die Kirche meines Vaters schicken; da mußt Du aber mit Niemanden ein Wort reden, sondern gleich nach der Kirche wieder zurückfahren. So wollen wir den Faden anspinnen.«

Als es nun Sonntag war, legte der Prinz dem Kammerdiener fürstliche Kleider an, ließ ihn mit Dienerschaft und in einem schönen Wagen nach der Schloßkirche fahren, und wie er dort ankam, war die junge Prinzessin schon darin und sah verwundert den fremden Prinzen kommen und dachte: »ei, das ist mal ein schöner Prinz!« Sie mußte ihn nur immer ansehen und konnte ihn gar nicht genug betrachten, hörte auch beinah nichts von der ganzen Predigt, sondern sprach still in ihrem Herzen etwa so: »ich glaube, der könnte mir gefallen; der ist einmal wirklich schön; den möcht' ich heirathen!« Und als die Kirche aus war, lief sie eilends zu ihrem Vater und sagte ihm: »da ist heut ein fremder Prinz in der Kirche gewesen, den muß ich zum Gemahl haben und keinen andern!« – Als der Vater sich nun nach ihm umsah, war er bereits wieder fortgefahren. Da war die Tochter außer sich und ganz trostlos; der Vater aber sagte ihr: »gib Dich zufrieden! wenn er noch keine Frau hat und er Dich mag, wird er schon wiederkommen.«

Indes war der Kammerdiener wieder bei dem Prinzen und versah die Woche hindurch seinen Dienst. Am nächsten Sonntag aber erhielt er noch schönere Kleider und noch stattlichere Pferde und einen prächtigen Wagen nebst Dienerschaft und fuhr wiederum in die Schloßkirche. Wer da nicht fehlte, [89] das war die Prinzessin und war überaus glücklich, als sie den fremden Prinzen wieder erblickte und meinte, daß sie noch nie einen so schönen Mann gesehen habe. Als die Predigt aber aus war und der Prinz abermals sogleich davonfuhr, da eilte sie zu ihrem Vater und ward sehr zornig und machte ihm Vorwürfe, daß er den Prinzen nicht sogleich zur Tafel habe einladen laßen. Allein der Vater tröstete sie und sprach: »nachdem er zwei Mal dagewesen, wird er auch wohl zum dritten Mal wiederkommen, wenn er überhaupt ein gutes Aug auf Dich haben sollte und nicht schon längst, wie ich fast vermuthe, verheirathet ist.« Das machte die Tochter ganz wehmüthig und sie konnte die Zeit kaum abwarten, wo es wieder Sonntag war.

Endlich war die Woche herum und der Vize-König schickte seinen ersten Minister hinaus, daß sie den fremden Prinzen, wenn er wieder zur Kirche kommen sollte, mit allen Ehren empfangen und zur königlichen Tafel einladen möchten. – Das geschah denn auch; er wurde mit Musik eingeholt und zur Tafel eingeladen, was er annahm, und fuhr, sobald die Predigt aus war, vor's königliche Schloß. Dort wurde er von allen, besonders aber von der Prinzessin, überaus freundlich empfangen. – Als es nun zur Tafel gieng, fragte ihn der König noch mit aller Höflichkeit nach seinen Namen. »Ich bin der Prinz – von Schwarzdorf,« gab er zur Antwort, wie es ihm sein Herr geheißen hatte; denn er war ja aus Schwarzdorf gebürtig.

Nachdem sie nun mit einander gegeßen, getrunken und allerlei Scherz und Kurzweil getrieben hatten und der Vize-König [90] wohl merkte, daß der fremde Prinz in seine Tochter ebenso verliebt war, als sie in ihn, so sprach er: »Ich bin nun alt und hab das Regieren satt, bin daher Willens, meiner Tochter einen Mann zu geben, der mein Nachfolger sei, und dazu hab ich Dich ausersehen, mein lieber Prinz! und würde mich freuen, wenn Du mein Tochtermann werden wolltest.« – Der Prinz von Schwarzdorf besann sich nicht lang, sondern willigte sogleich mit Freuden ein und verlobte sich mit der schönen Prinzessin. Alsbald wurde auch Hochzeit gehalten und er ward Vize-König von Böhmen und lebte überaus glücklich mit seiner Gemahlin.

So waren ihm bereits schnell mehre Jahre hingegangen. Da gedachte der junge Vize-König in seinem Glücke auch an seine Eltern in Schwarzdorf, und ließ eines Tags einen Wagen mit Geld und Gut packen, nahm Abschied auf einige Wochen von seiner lieben Frau und begab sich auf den Weg nach Schwarzdorf. Als er aber unterwegs durch einen finsteren Wald kam, wurde er von Räubern überfallen; die nahmen sein Geld, verbanden ihm die Augen und führten ihn so in ihre Höhle. Zum Glück war der Räuberhauptmann gerade krank, sonst wäre er wohl nicht mit dem Leben davon gekommen; jetzt aber begnügte man sich damit, daß man ihm die schönen Kleider auszog und ihm dafür alte, abgetragene Lumpen gab, womit er seine Blöße decken konnte; und so führten sie ihn wieder ins Freie und ließen ihn laufen.

Jetzt war er wieder so arm und elend als früher, da er von Haus geflohen war, und wußte gar nicht, was er [91] nur anfangen sollte, beschloß aber doch, weil er schon so nahe bei Schwarzdorf war, seine Eltern erst zu besuchen, obwohl er jetzt wie ein armer Bettler zu ihnen kam und sich deshalb gar sehr ärgerte und schämte. – Als er nun aber mit seinen zerrißenen Kleidern in seiner Eltern Haus anlangte und ihnen erzählte, wie er Vize-König von Böhmen geworden sei und seinen Eltern jetzt einen Wagen voll Geld habe bringen wollen, wie aber die Räuber ihm Alles bis auf's Hemd genommen und ihm dafür bloß diese Lumpen gegeben hatten, da meinten sein Bruder wie auch der Vater: das seien schamlose Lügen und sprachen: »Du bist mir ein sauberer Vize-König; man braucht Dich nur anzusehen; ein loser Landstreicher und Lügner bist; wir kennen Dich noch von früher her!« Als aber der Sohn sich hoch und theuer verschwor und bitterlich weinte, daß man seinen Worten nicht trauen wollte, da glaubte der Vater, es sei bei dem Sohne nicht ganz richtig im Kopf und er müße durch sein unordentliches Leben seinen Verstand verloren haben. Um ihn deshalb unschädlich zu machen, nahm er eine Kette und schloß ihn daran fest, gab ihm auch schmale Kost, daß er nicht gerade Hungers starb, denn er selbst hatte nicht viel übrig.

So mußte er eine Zeit lang elendiglich schmachten und wurde von allen verlacht und verhöhnt, wenn er sagte: »ich bin doch Vize-König von Böhmen!« Deshalb waren auch all seine Bitten, ihn doch zu seiner Gemahlin zurückzuführen, umsonst, denn man hielt es für Verrücktheit und hütete ihn um so mehr, auf daß er nicht noch einmal davon laufen möchte.

[92] Während dieser Zeit verfiel seine Gemahlin in eine schwere Gemüthskrankheit und war immer traurig und mochte weder eßen noch trinken, weil ihr Gemahl gar nicht zurückkam und sie nicht einmal wußte, ob er auch noch am Leben sei. – Da kam eines Tages ein Geistlicher zu ihr, um sie zu trösten; dem aber reichte sie einen Schlaftrunk, so daß er alsbald fest einschlief. Darauf zog sie ihm den Priesterrock aus und legte ihn selbst an, ließ einen Wagen bespannen und viel Geld hineinthun und fuhr als Priester gekleidet nach Schwarzdorf zu.

Als sie aber mitten im Walde war, kamen die Räuber und nahmen sie ebenfalls gefangen und führten sie in die Höhle, wo sie sogleich an der Wand die Kleider ihres Gemahls hängen sah und nun ungefähr vermuthen konnte, wo er sein mochte.

In der Höhle aber lag der Räuberhauptmann todtkrank, und als er den Geistlichen hereinkommen sah, bat er ihn, daß er ihm doch die Beichte abnehmen möchte. Da fühlte sie dem Kranken nach dem Puls und sagte: »Dir ist noch zu helfen; ich habe ein Mittel, das ist für Alles gut, und wenn Du nur einen Löffel voll davon nimmst, so wirst Du ganz gewiß wieder gesund werden.« – Da holte sie eine Flasche hervor und gab ihm zu trinken; dann wollten auch die übrigen fünf und zwanzig Räuber etwas davon haben und rißen sich schier darum, weil sie besorgten, der Letzte möchte zu kurz kommen. Indes reichte der Trank für Alle hin. – Kaum aber hatten sie ihn genoßen, so wurden sie müd und schliefen fest ein; denn es war ein Schlaftrunk, den sie eingenommen, [93] derselbe, mit dem die Vize-Königin auch den Priester eingeschläfert hatte.

Als sie nun alle schliefen, nahm die Vize-Königin ein Schwert und hieb den fünf und zwanzig Räubern der Reihe nach den Kopf ab, gieng darauf zu dem kranken Hauptmann und fuhr ihm mit den Fingern kitzelnd über die Fußsohlen, so daß er erwachte und die Augen aufschlug, und dann sprach sie zu ihm: »Jetzt will ich Dir beichten, daß ich die Vize-Königin von Böhmen bin; sag Du mir nur, wie die Kleider, die da hängen, hieher gekommen sind?« Da sprach er: »Wenn ihr die Vize-Königin seid, so sind das die Kleider eures Gemahls; die haben meine Leute ihm abgenommen; ihm selbst aber ist kein Haar gekrümmt worden, und also ist er weiter gezogen in andern Kleidern.« – »Dann ist es gut!« sprach sie, hob das Schwert und schlug auch dem Räuberhauptmann den Kopf herunter, nahm sodann die Kleider ihres Gemahls und alle Schätze, die in der Höhle waren und lud sie auf den Wagen und fuhr schnell weiter auf Schwarzdorf zu.

Wie sie nun in das Dorf kam, wurde gerade Kirchweih gehalten. In dem Wirthshause aber, wo sie bleiben wollte, war es so voll und unruhig, daß der Wirth zu seinem Nachhar lief und den fragte, ob er nicht einen fremden geistlichen Herrn über Nacht behalten wollte. Ja, das wollte er wohl; und so führte der Wirth den Gast zu seinem Nachbar, der ein Kohlenbrenner war. Dieser grüßte den Geistlichen freundlich und lud ihn sogleich zum Abendeßen ein; und als sie mit einander gegeßen hatten, seufzte [94] Jemand hinter dem Ofen, in einer finstern Ecke, worauf der Geistliche fragte, wer denn da noch hinterm Ofen sei?

Da sagte der alte Kohlenbrenner: »Das ist mein Sohn, der war viele Jahre lang fort, kommt endlich ganz zerlumpt wieder und sagt: er sei Vize-König von Böhmen; die Räuber aber hätten ihm unterwegs Alles abgenommen; allein ich glaube, daß es ihm im Kopfe spukt.« Da dachte die Vize-Königin still für sich: »So, so! Prinz von Schwarzdorf!« und gab dem Kohlenbrenner, der noch in's Wirthshaus zur Kirchweih wollte, einen Dukaten und sprach: »trinkt auch meine Gesundheit und gebt dem Burschen da noch etwas zu eßen!« Dann eilte der Kohlenbrenner ganz glückselig fort und sagte zu seiner Frau: »komm auch bald nach, Alte!« Und als sie fertig war und zu ihrem Manne wollte, bekam sie von dem Geistlichen ebenfalls einen Dukaten und wußte gar nicht, was sie vor lauter Freude nur anfangen und sagen sollte.

Sobald nun die beiden Alten fort waren, legte die Vize-Königin die Priesterkutte ab und zog ihr Brautkleid an, und nahm ein Licht in die Hand und sah dem Burschen, der hinter dem Ofen angebunden lag, in's Gesicht. Da erkannte sie sogleich ihren Gemahl und er erkannte sie und fieng bitterlich an zu weinen. Sie aber rief ganz erfreut: »Ei, weine doch nicht! Du bist und bleibst ja mein lieber Gemahl!« Dann machte sie ihn los, wusch ihn und legte ihm sein Hochzeitskleid an, das sie mitgebracht hatte, und dann giengen sie mit einander Arm in Arm in's Wirthshaus.

[95] Jetzt führte er seine Gemahlin zuerst zu seinem Vater, der unten im Saale war, und reichte ihm die Hand und rief: »Gelt Vater, ich bin doch Vize-König von Böhmen!« und dann gab er ihm eine Handvoll Geld und sagte: »Nun trinkt auch ihr Alle, die ihr da seid, unsre Gesundheit!« so daß der Vater nur staunte und gar nicht wußte, was er dazu sagen sollte.

Darauf gieng er in den obern Saal zu seinem Bruder und sprach: »Nicht wahr, Bruder, ich bin doch Vize-König von Böhmen!« und zu allen Kameraden, die es nicht hatten glauben wollen, gieng er mit seiner Gemahlin und sagte immer: »Gelt, ich bin doch Vize-König!« und vertheilte unter Alle viel Geld, daß sie die Nacht hindurch so lustig waren, wie noch nie. Alle tranken seine und seiner Gemahlin Gesundheit und er selbst tanzte mit ihr und feierte eine überaus fröhliche Nacht. – Nachdem er sodann seine Eltern wie auch seinen Bruder reichlich beschenkt hatte, kehrte er mit seiner Gemahlin nach der Hauptstadt zurück und regierte in Frieden und Segen bis an sein Ende.

26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen.

Ein junger Schäfer hütete oft seine Heerde in einem schönen, abgelegenen Thale. Wie er nun so da stand und sich auf seinen Stab lehnte und die Berge und Bäume und [96] Lüfte anguckte, da sah er eines Tags auf einem Hügel drei schneeweiße Jungfrauen; wagte aber nicht zu ihnen hinzugehen, so gern er sich auch mit ihnen unterhalten hätte. –

Am folgenden Tage, als er seine Schafe in dasselbe Thal trieb, waren auch die drei Jungfrauen wieder da, und erschienen seit der Zeit nun immer, so oft nur der Himmel schönes Wetter gab. Da konnte es der Schäfer endlich nicht mehr aushalten, nur aus der Ferne die weißen Frauen anzublicken, sondern nahm sich ein Herz und trieb seine Schafe ganz dicht an dem Garten hin, in welchem sie sich aufhielten. Da winkten sie ihm. Darauf trat er frisch zu ihnen in den Garten und fand so großes Wohlgefallen an ihren Gesprächen, daß er sie von da an jedesmal besuchte, wenn er mit seiner Heerde in das Thal kam und sie sich sehen ließen.

Da sagten ihm die Jungfrauen eines Tages, daß sie verbannte Geister seien und daß er sie erlösen könne. Das versprach ihnen der Schäfer denn auch herzlich gern, wenn sie ihm nur anzeigen wollten, wie er es zu machen habe. Da sagten sie: er müße von dem Holderbusche im Garten vor Sonnenaufgang drei Stöcklein schneiden und mit jedem derselben an drei Freitagen vor Sonnenaufgang einen bestimmten Platz im Garten, den sie ihm zeigten, schlagen. Das erste Mal werde dann eine Schlange auf ihn zufahren; das zweite Mal eine »Krott« (Kröte), das dritte Mal ein Skorpion. Er dürfe sich aber vor diesen Thieren nicht fürchten; denn sie würden ihm nichts zu Leide thun, sondern sprängen vor lauter Freude an ihm hinauf. Dabei sei es aber nöthig, daß er während des Abschneidens der drei [97] Ruthen so wie während des Schlagens kein Wörtchen rede; sonst sei alles umsonst. – Darauf führten sie ihn in ein Schloß und durch viele Gänge hindurch vor eine eiserne Thür und sagten: »diese Thür mußt Du öffnen, wenn Du die drei Schläge gethan hast; dann wirst Du einen großen Schatz hier finden und den darfst Du mitnehmen und behalten; nur mußt Du ja nichts reden!«

Nein, das wollte er auch gewiß nicht thun, sagte der Schäfer, und versprach Alles genau auszuführen, um die drei Jungfrauen zu erlösen: schnitt vor Sonnenaufgang die drei Holderstecken und that an drei Freitagen vor Sonnenaufgang mit jedem Stecken einen Schlag auf den Boden an dem bezeichneten Platze; darauf sprangen die drei Thiere auf ihn zu: am ersten Freitag eine Schlange, am zweiten eine Krott, am dritten ein Skorpion. Dann gieng er vergnügt in's Schloß, um den Schatz zu holen, und fand auch die eiserne Thür und machte sie auf. Da sah er aber an einem Zwirnsfaden einen gewaltigen Mühlstein über seinem Haupte hängen, daß ihm unversehens der Ausruf: »O Jes!« entfuhr. Da war auf Einmal Alles verschwunden. –

Als der Schäfer am folgenden Tage ganz betrübt mit seiner Heerde wieder in das Thal zog, kamen auch die drei Jungfrauen weinend und wehklagend zu ihm her und sagten: »Nun müßen wir noch unerlöst umherschweben, bis eine Eichel von jenem Baume fällt und daraus eine Eiche und aus der Eiche eine Wiege wird; das erste Kind, welches man in diese Wiege legt, das kann uns dann erst erlösen.«

27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[98] 27. So lieb wie das Salz.

Ein König fragte einstmals seine Tochter, wie lieb sie ihn habe? »O so lieb, so lieb – wie das Salz!« sagte sie. Das schien dem König aber sehr gering und er ward ungehalten über diese Antwort seines Kindes. – Bald darauf gab er ein großes Gastmahl. Da bewirkte es die Tochter, daß alle Speisen ungesalzen auf den Tisch gebracht wurden, woher es denn kam, daß dem König gar nichts schmecken wollte. Als die Tochter ihm endlich die Ursache davon entdeckte, da sah er ein, wie gut das Salz war und daß seine Tochter neulich ein sehr gutes Wort gesprochen, und er hatte sie wieder lieb wie vordem.

28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

28. Hans ohne Sorgen.

Es lebte vor Zeiten ein fröhlicher Müller in Schwaben, der hatte über seine Hausthür die Worte geschrieben: »Hans ohne Sorgen.« – Da ritt einmal der Herzog von Schwaben an der Mühle vorbei, las die Ueberschrift und dachte: »wart, wenn du keine Sorgen hast, so will ich dir schon welche machen!« und ließ den Müller zu sich rufen und sprach: »Du mußt doch auch erfahren, was Sorgen sind. Da will ich Dir ein Räthsel aufgeben; kannst Du das lösen, so ist's gut; kannst Du es aber nicht, so sollst Du nicht [99] länger Herr in Deiner Mühle bleiben, sondern sollst sie mir abtreten. Das Räthsel, welches Du lösen sollst, ist aber dieß: Du mußt mich besuchen, nicht bei Tag und nicht bei Nacht, nicht nackt und nicht bekleidet, nicht zu Fuß und nicht zu Pferd.« Und als er das gesprochen hatte, ritt der Herzog weiter.

Da zerbrach sich der Müller den Kopf und dachte hin und her und konnte das Räthsel nicht lösen, also, daß es ihm viele Sorgen machte. Dann wandte er sich endlich an seinen Mahlknecht und sagte zu ihm: »wenn Du mir das Räthsel lösen könntest, wollte ich Dir gern meine Tochter zur Frau geben und Du solltest nach mir die Mühle erben.« – Dem Knecht schien das Räthsel sehr leicht und er sagte auf der Stelle zu seinem Herrn: »ei, so geht doch am Mittwoch zum Herzog! denn der Mittwoch ist ja gar kein Tag, weil das Wörtlein ›Tag‹ wie in Sonntag, Montag u.s.w. darin fehlt, und ist doch auch keine Nacht. Und wenn Ihr nicht nackt und nicht bekleidet sein sollt, so hängt doch ein Fischergarn um! und sollt Ihr nicht zu Fuß und nicht zu Pferd kommen, ei, so reitet auf einem Esel hin!«

Da wurde der Müller wieder lustig und guter Dinge, hüllte sich in ein Fischergarn und begab sich eines Mittwochs auf einem Esel zum Herzog, der mit dieser Auflösung zufrieden war und den Hans-ohne-Sorgen freundlich entließ. Der Müller aber verlobte alsbald seine einzige Tochter dem Mahlknecht, und nicht lange nachher gab's eine fröhliche Hochzeit in der Mühle.

29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[100] 29. Hans und die Königstochter.

Es war einmal ein reicher Müller und Wirthsmann, der hatte drei Söhne, die gedachte er in die Fremde zu schicken, damit sie in der Welt sich umsehen und etwas Tüchtiges lernen sollten; nur den dritten und jüngsten, welcher Hans hieß, den wollte er nicht mitfortlaßen, denn er meinte, der sei zu dumm, um etwas zu lernen und werde bloß sein Geld verschwenden. Allein Hans ließ dem Vater keine Ruhe, bis er ihm endlich auch die Erlaubniß ertheilte. Da bekam jeder der Brüder fünfzig Gulden Reisegeld und außerdem einen Rohrstock, und so zogen sie mit einander fort.

Als sie nun an den ersten Wegweiser kamen, beschloßen sie, sich zu trennen und jeder eine besondere Straße einzuschlagen, steckten aber ihre Reisestöcke an den Wegweiser, bis sie heimkehren würden, auf daß dann ein jeder, sobald er nur zu dem Wegweiser käme, sogleich erkennen könnte, wer von ihnen zurückgekehrt sei. Und darauf zog der eine zur Rechten, der andre zur Linken und der Hans gieng grad aus.

Nachdem Hans nun einige Tage lang auf seiner Straße fortgewandert war, fieng es an zu regnen und wollte gar nicht wieder aufhören; deshalb setzte er sich in ein Wirthshaus, aß und trank, was er mochte, und weil er endlich lange Weile kriegte, so spielte er und verspielte alsbald all sein Reisegeld. Da wußte er sich nicht mehr zu helfen und wanderte traurig weiter und kam gegen Abend vor ein Schloß, schaute hinauf und dachte: »vielleicht behält man dich hier über Nacht« und gieng hinein. Der Edelmann [101] gab ihm auch Herberge, fragte ihn aber: was er denn in der Welt so herumlaufe? – »Ich suche Arbeit!« sagte Hans. – »Wenn das ist, versetzte der Edelmann, so kannst Du bei mir bleiben und meine Schafe hüten; nur mußt Du mir versprechen, daß Du nie in den Wald treiben willst; denn dort sind drei Riesen, und wenn die Dich sähen, so müßtest Du sterben.« Nein, der Hans sagte, daß er gewiß nicht in den Wald gehen wolle, und hütete im freien Felde und hatte große Freude an der Schäferei.

Eines Sonntags aber, als Hans spazieren gieng, kam er in die Nähe des Waldes, und weil er sich vor Niemand fürchtete, so dachte er: du sollst doch einmal untersuchen, wie es in dem Walde aussieht, und spazierte hinein. – Da kam er an ein Schloß und sah unten im Stalle sechs schöne Schimmel stehen; dann gieng er in das Schloß hinein und spazierte von einem Zimmer in's andre, konnte aber nirgends einen Menschen gewahr werden. Endlich im obersten Stockwerk, im allerletzten Zimmer, da traf er ein Fräulein, das saß da und fragte ihn ganz verwundert, was er hier wolle? »ich bin spazieren gegangen, sagte Hans, und so bin ich hieher gekommen.« Da bat ihn aber das Fräulein, er solle doch ja gleich wieder fortgehen; denn wenn die drei Riesen ihn hier anträfen, sagte sie, so würden die ihn umbringen. Allein Hans sagte, er fürchte sich vor Niemand. Darauf schenkte ihm das Fräulein, welches eine verwünschte Prinzessin war, eine Pfeife und sprach: »wenn Du da hineinbläsest, so muß Alles tanzen, was den Ton hört. Nun aber leb wohl, und denke an mich, wenn es Dir gut geht!«

[102] Als Hans nun wieder seines Herrn Schafe hütete, bekam er große Lust, einmal in den Wald zu treiben, weil er so schönes Gras darin gesehen hatte; er wagte es aber nicht recht wegen des Versprechens, das er dem Edelmann hatte geben müßen. Endlich aber dachte er: »was kann's schaden!« und trieb seine Schafe hinein und Abends wieder heraus, ohne daß ihm irgend etwas geschehen wäre, und deshalb hütete er von dem Tage an öfters in dem Walde. Von dem guten Grase aber gediehen die Schafe so sichtbar, daß der Edelmann sich nicht genug darüber verwundern und freuen konnte.

Eines Abends aber, als Hans seine Schafe noch spät in den Wald trieb, kam einer der drei Riesen auf ihn zugeschritten und sprach: »was machst Du hier, Du kleiner Erdenwurm?« Da zog Hans flink seine Pfeife hervor und blies hinein; da fieng der Riese auf der Stelle an zu tanzen und drehte sich immerge schwinder wie ein Kreisel, daß ihm Hören und Sehen vergieng. Darauf nahm Hans einen Stein und warf ihn dem Riesen so heftig an den Kopf, daß er davon todt hinstürzte; dann schnitt er ihm die Zunge ab und stach ihm die Augen aus, und wickelte dieß als Wahrzeichen ein und schob's in die Tasche; den Leichnam aber wälzte er in's Gebüsch und gieng heim, und sagte keinem Menschen, was er gethan hatte.

Als Hans am folgenden Tage wieder in dem Walde hütete, kam der zweite Riese und redete ihn ganz grimmig an: »was machst Du hier, Du kleiner Erdenwurm?« Und wie er nun auf den Hans losschlagen wollte, griff der gleich [103] wieder nach seiner Pfeife und pfiff in Einem fort, daß der Riese an zu tanzen und zu taumeln fieng und gar nicht wußte, wie ihm geschah. Da nahm Hans einen Stein und schleuderte den dem Riesen an den Kopf, so daß er umfiel und todt war; dann schnitt er ihm auch die Zunge ab und stach ihm die Augen aus und wickelte diese Zeichen ein und steckte sie in die Tasche. – Ebenso machte er es am andern Tage dem dritten Riesen und schnitt ihm ebenfalls die Zunge und die Augen heraus und nahm sie mit; die Leichen aber wälzte er in's Gebüsch und ließ sie im Walde liegen.

Nachdem nun Hans die drei Riesen umgebracht hatte, gieng er in's Schloß zu der verzauberten Prinzessin und fragte sie: ob bloß drei Riesen da wären? Da schaute sie ihn ganz ernsthaft und verwundert an und sprach: »ja, es sind drei!« Dann aber sprach sie weiter: »weshalb fragst Du so? sind drei nicht genug?« Da sagte Hans: »nun, wenn es nicht mehr sind, so ist's gut; mit den dreien bin ich schon fertig.« Und dabei zeigte er der Jungfrau die Zungen und Augen der Riesen, und als sie nun sah, daß sie wirklich todt waren, da ward ihr überaus leicht und fröhlich zu Muth und sie bedankte sich, daß Hans sie wirklich erlöst hatte und fragte ihn: ob er sie heirathen und König werden wolle? – Da besann sich Hans nicht lange, denn die Prinzessin war so lieb und schön, daß es gar nicht zu sagen ist, und verlobte sich mit ihr ganz in der Stille; aber einstweilen müße er seine Dienstzeit bei dem Edelmann aushalten, sagte er, und gieng wieder zu ihm hin und hütete ihm die Schafe, während die Prinzessin zu ihren Eltern reiste.

[104] Als Hans nun aber nach längerer Zeit immer noch nicht zu seiner Braut kam, so ließ der König bekannt machen, daß derjenige, welcher die drei Riesen erlegt habe, sich doch bei ihm einfinden möge; denn er wolle ihm seine Tochter zur Gemahlin geben und mit ihr solle er das ganze Königreich erben. Zugleich hatte er den Tag festgesetzt, an welchem der Besieger der Riesen sich bei ihm melden und seine Siegeszeichen vorweisen sollte. – Da hatte Hans keine Ruhe mehr und verrieth es dem Edelmann, daß er die Riesen todt geworfen habe; und weil ihn der Edelmann so sehr plagte, so nannte er ihm sogar den Platz im Walde, wo die Leichen lagen.

Da gedachte der Edelmann den Hans um das Königthum zu betriegen, und ließ heimlich die Leichen holen und schickte seinen Sohn damit zum Könige. Allein Hans war auch nicht zu Haus geblieben; und als nun der Sohn des Edelmanns mit den todten Riesen ankam und die Königstochter haben wollte, da trat er hervor und meinte, es sei eine Kleinigkeit, die todten Leichen hieher zu führen; man solle doch nur nachsehen, diese Riesen hätten ja keine Augen und keine Zungen. Und als dieß so befunden wurde, wußte der junge Edelmann gar nicht, was er sagen sollte. Hans aber hielt ihm seine Arglist vor und zog die Wahrzeichen aus der Tasche und wurde also als der wahre Riesenerleger erkannt, und die Prinzessin bestätigte es endlich noch.

Jetzt wollte Hans die Prinzessin auch heirathen, wie es der König versprochen hatte; allein dem König und seinen Prinzen schien der Hans viel zu gering und sie wollten's [105] nicht zugeben, es sei denn, daß er auch in einem Ringstechen Sieger bleiben würde. Sie meinten aber ganz gewiß, daß der dumme Schäferbursch hier den Sieg nicht gewinnen werde.

Da begab sich Hans in den Wald zu den Dienern der Riesen, die noch immer in dem Schloße wohnten, und erzählte ihnen, wie es ihm gegangen war. Da gaben sie ihm schöne Kleider und sattelten ihm ein Pferd und sagten ihm, wie er es bei dem Ringstechen machen müße. Dann ritt er hin und wurde von Niemand erkannt, und ließ alle andern Ritter zuerst nach dem Ringe stechen; aber keiner konnte ihn treffen; zuletzt ritt er selbst hin und stach ihn herunter. – Als er aber darauf sich zu erkennen gab und wiederum die Prinzessin verlangte, hatte der König neue Ausreden und sagte: er müße vorher auch erst eine Weile in's Kloster gehen und etwas lernen, dann solle er König werden.

Das Kloster aber, in welches Hans jetzt geschickt wurde, war ein verwünschtes Schloß, darin trieben dreizehn Teufel alle Nacht einen wilden Lärm und brachten Alles um, was darin sich schlafen legte. Hans gieng nun ganz wohlgemuth in das Kloster, durchsuchte es von unten bis oben und sah nirgends Niemand; nur im allerobersten Stock, im letzten Zimmer, traf er eine Frau, die erschrack als sie ihn sah und fragte: was er da machen wolle? er solle doch ja eilen, daß er wieder hinauskomme; denn Nachts um zwölf Uhr kämen dreizehn Teufel, und die ließen keinen Menschen wieder lebendig fort, sagte sie. – Hans aber sagte: »ich fürchte mich vor keinem Teufel!« und blieb da.

Als es nun Mitternacht war und eben Zwölf ge schlagen [106] hatte, da rasselte und trappelte es in dem Schloß die Treppe herauf, und alsbald gieng die Thür auf und die dreizehn Teufel traten in das Zimmer, wo Hans sich aufhielt; der aber nicht faul, zog sogleich seine Pfeife aus der Tasche und fieng an zu blasen; da mußten sogleich alle dreizehn tanzen und sprangen wie die Narren: je ärger er pfiff, je toller mußten sie sich drehen, das gieng auf Mord und Brand und währte so lang, bis alle dreizehn umfielen und sich rein zu todt getanzt hatten. Dann schlief Hans getrost bis zum Morgen, gieng zum König und sagte: »die dreizehn Teufel liegen im Schloß und sind todt; auch hab' ich jetzt genug studirt und begehre das, was mir versprochen worden.« Da wagte es der König nicht länger, den Hans abzuweisen, sondern gab ihm seine Tochter zur Gemahlin und mit ihr ein ganzes Königreich, welches Hans alsdann wohl regierte; und beide junge Eheleute waren sehr froh und glücklich mit einander.

Nach einigen Jahren aber dachte Hans: »ich möchte doch einmal wieder nach Haus und sehen, ob meine Brüder schon da sind und was aus ihnen geworden ist.« Deshalb legte er seine alten Schäferkleider wieder an, nahm die Schippe in die Hand, verabschiedete sich von seiner Gemahlin und reiste fort. – Als er nun an den Wegweiser kam, wo sie ihre Rohrstöcke mit einander eingesteckt hatten, da war bloß der seinige noch da; den nahm er flink und fröhlich und eilte, daß er damit heimkam zu seinen Brüdern.

Zu Haus aber fragte ihn alsbald der Vater: »Hans, was hast Du denn gelernt?« »Ich bin ein Schäfer!« sagte [107] Hans. Ei, das verdroß den Vater gar sehr und er ward böse und sprach: »der eine Bruder ist General geworden, der andre ein Kaufmann, und Du bloß ein Schäfer! Nun so kannst Du künftig unsre Gänse hüten.« Und wie er gesagt hatte, so geschah es auch. Dazu bekam Hans des Nachts kein ordentliches Bett, sondern mußte unter der Treppe im Gänsestall liegen, kriegte auch so wenig zu eßen, daß er nur eben nicht Hungers zu sterben brauchte. Das Alles aber ließ er sich ganz ruhig gefallen und schmachtete, und wenn er allein war, so unterhielt er sich mit seiner Pfeife und tröstete sich im Stillen mit seiner Königin.

Endlich, nach etwa sechs Wochen, als Hans eines Abends mit seinen Gänsen heimkam, war eine fremde Dame da, die in dem Wirthshaus übernachten wollte, und das war die Königin, die war ausgezogen, um ihren Gemahl zu suchen, ließ aber nicht merken, wer sie war.

Als sie nun Abends die beiden ältesten Söhne des Müllers sah, fragte sie ihn: ob er sonst keine Kinder mehr habe? Er sagte, ja, er habe wohl noch einen Sohn, der sei aber so einfältig, daß er sich ordentlich seiner schäme und ihn nicht sehen laßen könne. Die Dame aber wollte ihn doch gern sehen und ließ nicht eher ab, als bis der Vater versprach, den Hans zu holen. – Wie er nun ankam, erkannte er sogleich seine Gemahlin, verstellte sich aber und machte nichts als Dummheiten vor der Königin, daß der Vater ihn beinah geprügelt hätte; die Dame aber, die ihn ebenfalls sogleich wieder erkannt hatte, ließ es nicht zu und mußte recht herzlich über ihn lachen.

[108] Jetzt sollte zu Nacht gegeßen werden. Der Vater schickte den Hans in die Küche, er sollte die Suppe holen. Hans gieng hin, nahm die Suppenschüßel, trug sie bis in die Thür, und – »patsch, da liegst!« daß die Suppe in der Stube herumschwamm. Da wurde der Vater ganz wild und ergriff einen dicken Stock, und hätte ihn gewiß grün und blau geschlagen; allein die fremde vornehme Dame litt es nicht. Dann wollte der Vater ihn wenigstens zur Stube hinausjagen; allein auf Bitten der Dame mußte er da bleiben und seine Streiche fortmachen.

Als es nun Schlafenszeit war, wurde dem Hans wieder der Gänsestall unter der Treppe angewiesen; die Königin aber flüsterte ihm heimlich in's Ohr: »ich laß' ein Fenster offen!« und gieng zu Bett. Und wie nun Alles im Hause fest eingeschlafen war, kroch Hans aus seinem Stalle hervor, kletterte auf den Nußbaum, der hinter dem Fenster stand, und stieg von da in's Fenster und husch! zu seiner Königin hinein.

Da gab's ein Küssen und Drücken, als sie sich wie der hatten, und schliefen vergnügt beisammen, bis daß der helle Tag anbrach. Dann legte Hans seine königlichen Kleider an, die ihm seine Gemahlin mitgebracht hatte, und gieng an ihrer Seite hinunter in die Wirthsstube und sagte seinem stolzen Vater und den beiden Brüdern rechtschaffen die Meinung, daß sie ihn so gequält hatten. Sein väterliches Erbtheil aber vermachte er den Armen und zog vergnügt mit seiner Gemahlin wieder in die Hauptstadt seines Reiches, wo er sein Lebenlang in Frieden und Freude regiert hat.

30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[109] 30. Die Brautschau.

Ein Mann wollte sich aus drei Schwestern, die ihm alle recht gut gefielen, eine Frau auswählen und lud sie in's Wirthshaus und aß mit ihnen zu Mittag. Er wünschte aber, eine recht tüchtige Hausfrau zu bekommen, und diese wollte er daran erkennen, wie sie den Käse eßen würde. – Als der Käse nun gebracht wurde, schnitt die älteste die Rinde so dick herab, daß noch viel Gutes daran blieb und verloren gieng. »Die wird zu viel verbrauchen und Alles aushausen, dachte der Mann; die darfst du nicht nehmen!«

Als darauf die zweite Schwester den Käse bekam, so verschlang sie ihr Stück ohne es abzuputzen mit Allem, was an einer Käserinde nur sitzen mag. »Das ist auch keine Frau für dich, die wird unreinlich sein!« dachte der Mann. – Dann kam der Käse an die jüngste Schwester. Die schabte ihr Stückchen ganz fein und rein ab, so daß nicht zu viel und nicht zu wenig davon verloren gieng, und ließ sich's dann schmecken. Da dachte der Freier: »die ist die rechte!« und hat sie auch richtig geheirathet.

31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[110] 31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht.

Es war einmal ein König von Holland, der ließ in seinem Reiche bekannt machen, daß wer ein Schiff bauen könne, das zu Waßer und zu Land gehe, der dürfe seine Tochter heirathen und solle König werden. Da war nun ein reicher Müller in Holland, der hatte drei Söhne, und sprach zu ihnen: »ich will gern Alles aufwenden, was ich habe; versucht es doch, ob nicht einer von Euch ein solches Schiff zuwege bringt!« Ja, das wollten sie alle drei recht gerne thun und stritten sich darum, wer's zuerst probiren dürfe, bis daß endlich der Vater gebot: der Aelteste solle den Anfang machen. Er gab ihm Käse, Brod und Wein und schickte ihn mit seinen Arbeitern in den Wald, um Holz zu fällen; und als sie einen Taglang darin gearbeitet hatten, kam ein alter Mann daher und bat um ein Stück Brod. Der Sohn aber sagte: »ich habe nur Brod für mich und meine Leute, ich kann Dir nichts abgeben.« »Was machen denn die Leute da?« fragte der alte Mann. »Ein Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht!« sagte der andere. »Das werden sie wohl bleiben laßen!« sagte der alte Mann und gieng weiter. Und wie er's gesagt hatte, so geschah es auch; denn sie arbeiteten ganz umsonst und konnten ein solches Schiff nicht zu Stande bringen.

Als der älteste Sohn nun wieder nach Haus gekommen war, so zog der zweite aus, nahm Zimmerleute mit und Brod und Käse und Wein, und fieng auch an, im Walde Holz zu hauen. Da kam derselbe alte Mann zu ihm her [111] und bat um ein Stück Brod, erhielt aber zur Antwort, daß für fremde Leute kein Brod da sei. Daraus fragte der alte Mann: »was wollt Ihr denn hier machen?« »Ein Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht!« sagte der Müllerssohn. »Ei, das könnt Ihr ja nicht!« sprach der alte Mann und gieng fort. – Es war aber auch so; die Zimmerleute mochten sich besinnen so viel sie wollten, sie wußten gar nicht, wie sie ein solches Schiff einrichten sollten, und zogen mit einander wieder heim.

Jetzt kam die Reihe an den jüngsten Sohn, der hieß Hans, der nahm ebenfalls Arbeitsleute an und sein Vater gab ihm Brod, Käse und Wein, und so zog er in den Wald und legte hurtig Hand an's Werk. – Da kam zu ihm der alte Mann und bat um ein Stückchen Brod. Sogleich gieng Hans hin, holte Brod und Käs und ein Glas Wein und gab es dem alten Manne, und nöthigte ihn, daß er sich doch an's Feuer setzen und sich wärmen möchte. Das that der alte Mann gern und fragte endlich, was sie denn da machen wollten? »Ein Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht,« sagte Hans. »Meine zwei Brüder haben's schon probirt, aber es ist ihnen nicht gelungen; jetzt will ich sehen, wie es mir geht; denn wer ein solches Schiff dem König bringt, der kriegt seine Tochter und das Königreich.« Da sprach der alte Mann: »Deine Leute können es nicht zuwege bringen; weil Du aber der Beste von Deinen Brüdern bist, so will ich Dir eins machen.« Darauf gieng er fort, während Hans seine Leute noch einige Tage lang auf gut Glück beschäftigte, obwohl sie nichts zu Stande brachten.

[112] Dann kam mit einem Male der alte Mann daher gefahren und übergab dem Hans das Schiff, das zu Waßer und zu Lande gieng. Nun sollten sich die Arbeiter sogleich hineinsetzen, daß er's probiren könne; allein sie hatten Angst und mochten's nicht wagen. Der Hans aber sagte, sie sollten es nur dreist thun, er selbst wolle fahren, und so setzten sie sich alle hinein und Hans fuhr sie auch glücklich nach seines Vaters Haus, das gieng, hast mich nicht gesehn!

Als nun die Brüder, welche den Hans immer für den Allerdümmsten gehalten hatten, sahen, daß es ihm gelungen war, ein Schiff zu machen, womit man zu Waßer wie zu Lande fahren konnte, so ärgerten sie sich und wurden gegen ihn falsch und feindselig und beschloßen, daß sie ihn umbringen wollten. Der Vater merkte das und gab seinem Hans einen Wink, daß er noch in derselbigen Nacht fortreisen und mit seinem Schiffe nach der Hauptstadt des Königs fahren sollte; und nachdem er ihn gehörig mit Eßen und Trinken versehen hatte, fuhr Hans davon.

Wie er nun mit seinem Schiffe dahinsegelte, sah er einen Mann am Wege stehn, der hatte ein Gewehr angelegt und zielte. Da hielt Hans sein Schiff an und sprach: »was machst Du da?« Der Jäger sagte: »ich will einen Spatzen schießen, der auf der Kirchthurmspitze in Berlin sitzt.« Hans meinte, das sei nicht möglich; der Schütz aber sagte, daß er auf vierhundert Stunden weit jeden Vogel treffen könnte. Da fragte ihn Hans, ob er nicht mitfahren wolle? Ja, das wollte er recht gern; aber er habe nur kein Geld, [113] sagte er. »Das thut nichts!« sagte Hans, und darauf setzte er sich in das Schiff und sie fuhren mit einander weiter.

Nicht lange nachher trafen sie einen Mann, der hatte auf der rechten Seite ein ungeheuer langes Ohr, das reichte bis auf die Erde. Da hielt der Hans wieder still und fragte den Mann, was er denn mit dem langen Ohr anfange? »Damit, sprach er, kann ich auf vierhundert Stunden weit alles hören, was gesprochen wird.« »Ei, so horch' einmal, sagte Hans, was man im Schloße zu Amsterdam spricht!« Da horchte der Langohr ein Weilchen hin und sagte: »Man spricht dort in diesem Augenblicke von einem Schiffe, das zu Waßer und zu Land geht, und sagt: es sei nicht möglich, daß man so eins machen könne.« »Willst Du nicht mitfahren?« fragte Hans. Ja, das wollte er wohl; aber er sagte, daß er kein Geld habe. »Das thut nichts!« sagte Hans und ließ ihn einsitzen und fuhr weiter.

Bald trafen sie wieder einen Mann am Wege, der hatte ganz gewaltig große Stiefel an. Fragte ihn Hans, was er mit den großen Stiefeln mache? »In diesen Stiefeln, sagte der Mann, kann ich schneller laufen als die Eisenbahn.« »Ei, willst Du nicht mitfahren?« fragte ihn Hans. Ja, dazu hätte er wohl Lust, meinte er; aber er hätte kein Geld, daß er's bezahlen könne. »Das thut nichts!« sagte Hans, und so fuhr der Schnellläufer auch mit.

Ueber eine Weile sahen sie noch einen vierten Mann am Wege; dieser Mann hatte in seiner Hinterthür einen großen Zapfen stecken, daß der Hans sich schier verwunderte und sein Schiff anhielt und den Mann fragte: weshalb er [114] dahinten einen solchen Zapfen habe? »Das hat guten Grund, sagte der Mann; denn wenn ich den Zapfen herauszöge, könnte ich ein ganzes Königreich vollmachen.« »Ei, sagte Hans, fahr mit mir! mein Vater hat viel Land und braucht alle Jahre viel Dünger, den er theuer bezahlen muß; er wird Dich gern in seinen Dienst nehmen.« Der Zapfenmann aber sagte: »ich muß auch sehr viel eßen, und Geld hab ich keins!« Hans sagte, das sei einerlei, er solle nur mitfahren, und so stieg er ein und fuhr mit nach Amsterdam.

Sobald Hans dort ankam, fuhr er auf's Schloß, übergab das Schiff mit den vier Männern der Wache zur Beaufsichtigung und gieng selbst grades Wegs zum König und sagte: »ich habe da ein Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht!« Sprach der König zu ihm: ob er es auch selbst gemacht habe? und als der Hans ja sagte, sagte der König: so solle er einmal ein Stück heraussägen und es dann wieder einsetzen. Da sagte Hans: »ich habe ein ganzes und heiles Schiff gemacht; aber flicken thu ich es nicht!« Als der König den Hans auf die Art nicht los werden konnte, ließ er seine Minister kommen und berathschlagte mit ihnen, was hier zu machen sei; denn er meinte, dem dummen Burschen könne er doch nicht seine Tochter geben, und noch viel weniger könne er König werden.

Da sagte einer der Minister: der König solle ihm doch eine Arbeit aufgeben, die er gewiß nicht ausführen könne und ihm sagen, daß wenn er dieß vollbringe, so solle er die Tochter und das Reich haben; er dürfe ihn ja nur nach dem und dem Brunnen schicken, der dreihundert und fünfzig [115] Stunden weit weg liege und ihm sagen, daß er binnen drei Stunden von dorther eine Flasche Waßer holen müße; das werde der Hans wohl bleiben laßen. – Der Rath gefiel dem Könige und er sprach zu Hansen: »Hör' einmal, Du mußt mir vor der Hochzeit erst noch eine Flasche Waßer aus dem und dem Brunnen holen, und zwar binnen drei Stunden, von jetzt zehn Uhr an bis heut Mittag um eins; dann sollst Du Alles haben, was ich Dir versprochen.«

Darauf lief der Hans flink zu seinen Leuten, und der Läufer mußte die großen Stiefel anziehen und Hans fuhr ihn in seinem Schiffe über's Waßer; dann lief der Mann in seinen Stiefeln zu dem Brunnen, schöpfte eine Flasche voll Waßer daraus und wollte sich auf den Rückweg begeben, dachte aber: »du hast noch Zeit, du sollst dich erst ein wenig ausruhen!« und setzte sich unter einen Baum und schlief ein. – Nun wartete der Hans und wartete, und der Läufer wollte immer nicht kommen. Es hatte schon zwölf geschlagen; da sagte endlich Hans zu dem Langohr: »Ei, horch doch einmal hin, wo der Läufer wohl stecken mag!« Das that er auch sogleich, legte sein Ohr an die Erde und sprach: »der ist bei dem Brunnen eingeschlafen, ich höre ihn dort schnarchen.« Da nahm der Scharfschütz seine Büchse, lud einen Kieselstein hinein und schoß den dicht über den Kopf des Läufers hin, daß es sauste und pfiff. Davon wachte er sogleich auf und lief fort und kam mit seiner Flasche noch zu rechter Zeit an. Hans brachte sie sogleich dem König und verlangte nun die Tochter und das Reich. Da war Holland wieder in Noth; denn das hatte kein [116] Mensch gedacht, daß der Hans so schnell das Waßer herbeischaffen könne. Weil der König nun aber keinen Ausweg mehr wußte, fragte er endlich den Hans: ob's ihm nicht einerlei sei, wenn er Geld bekäme anstatt der Prinzessin und des Reiches? Hans sagte ja, er sei damit zufrieden, aber er verlange so viel, daß das ganze Schiff davon voll würde. – Das mußte der König nun wohl zugeben, besprach sich aber mit seinen Ministern, daß man dem Hans, sobald er mit dem Gelde fortziehe, ein halb Regiment rothe Husaren nachschicke, die sollten ihm die Hälfte wieder abnehmen.

Nun wurde eine Tonne Goldes nach der andern in das Schiff gebracht, bis es voll war, worauf Hans mit seinen Gehülfen die Rückreise antrat.

Als sie eben zum Thore hinausfahren wollten, sagte Hans zu dem Langohr, er solle einmal horchen, was man im Schloß jetzt wohl spreche? Da horchte er auf und sagte: »Es wird so eben ein halb Regiment Husaren abgeschickt, die sollen dem König das Geld zurückbringen.« Es dauerte auch nicht lange, da kamen die Rothjacken dahergesprengt; und als sie nah genug waren, sprach Hans zu dem Zapfenmann: »Du könntest wohl einmal deinen Zapfen herausziehen und den Husaren deinen Rücken zuwenden, daß sie wieder umkehren müßten.« Dazu war der Mann sogleich bereit, zog den Zapfen heraus, und da gieng's wie aus einer Feuerspritze auf die rothen Husaren los, daß sie gar nicht wußten wie ihnen geschah; und als sie nun Alle übel zugerichtet waren, und es nicht länger aushalten konnten, wandten sie ihre Pferde um und ritten zum Schloße zurück. – Wie [117] aber der König sie zurückkommen sah und hörte, daß sie dem Hans nichts abgenommen hatten, ward er sehr zornig und sprach: »das habe ich vorher gewußt, daß die gelben nichts ausrichten würden; deshalb hatte ich ausdrücklich die rothen dazu bestimmt; aber so geht's, wenn meine Befehle nicht pünktlich ausgeführt werden!«

Indessen segelte Hans mit seinen Gefährten ungestört der Heimath zu und gab hier einem jeden sein Theil von dem Gelde, so daß sie alle mehr bekamen, als sie jemals in ihrem Leben verzehren konnten.

32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

32. Die zwölf Geister im Schloße.

Es war einmal ein armer Reisender, der kam ganz durchnäßt in ein Landstädtchen und bat einen Wirth um Herberge. Der Wirth aber wies ihn ab, weil alle Zimmer und Betten bereits besetzt seien. »Ist denn kein Winkel für mich mehr da?« sagte der Wandersmann. »Nein, sagte der Wirth, Alles ist besetzt bis auf das alte Schloß da. Darin mag aber Niemand wohnen und schlafen, und ich selbst möchte mich nicht hineinlegen.« »Warum denn nicht?« fragte der Reisende. »Weil Geister darin spuken, sagte der Wirth, und weil noch keiner, der sich hineingewagt hat, lebendig wieder herausgekommen ist.« Der Wandersmann aber war so müd und matt, daß er meinte, es sei einerlei,[118] ob er hier oder anderswo sein Leben laßen müße, und ließ sich getrost in das alte Schloß führen, legte sich zu Bett und schlief ein.

Als es aber eben zwölf schlug, hörte er im Nebenzimmer ein Geräusch, davon er aufwachte. Da sah er zwölf Ritter, die sich um einen Tisch herumsetzten und aus goldenen Bechern Wein tranken und Brot dazu aßen. Bald darauf kam auch Einer zu ihm an's Bett heran und bot ihm gleichfalls Wein und Brot, was er aber stillschweigend ablehnte. Dann kam ein zweiter, ein dritter und so der Reihe nach elf Ritter, von denen er nichts annehmen wollte. Als endlich aber der zwölfte kam und ihm den goldenen Becher mit Wein anbot, nahm er ihn und sprach:


Ich trinke Jesu Christi Blut,

Das komme mir und euch zu gut!


Da verschwanden plötzlich die elf Ritter; nur der zwölfte blieb und sagte zu dem Reisenden: »Jetzt endlich sind wir Alle durch Dich erlöst worden.« (Hätte er nämlich den Becher schon früher genommen, so würde die Erlösung nur die getroffen haben, die denselben ihm bereits angeboten.) »Dafür, sprach der Ritter weiter, sollst Du nun auch deinen Lohn erhalten!« Dann führte er ihn durch viele Gänge und Treppen in einen tiefen Keller hinab, zeigte ihm eine große Kiste und gab ihm den Schlüßel dazu und verschwand. Weil der Mann aber die Kiste allein nicht tragen konnte, ließ er sie stehen und legte sich wieder in sein Bett und schlief bis zum Morgen. Da traten drei Männer zu ihm herein und das waren die Knechte des Wirthes, die dachten schon, sie [119] müßten wieder eine Leiche heraustragen wie noch jedesmal, wenn Jemand es gewagt hatte, in dem Schloße zu schlafen; und sie verwunderten sich daher sehr, als sie dießmal den Mann noch am Leben sahen. »Da ihr doch gekommen seid, sprach er, um etwas fortzutragen, so könnt ihr anstatt meiner eine Kiste mitnehmen.« Dann führte er sie in den Keller und sie mußten die schwere Kiste in's Wirthshaus bringen. Hier erzählte der Mann nun Alles dem Wirthe, was ihm begegnet war und öffnete die Kiste. Da war sie mit lauter Goldstücken angefüllt. – Der Wirth aber freute sich, daß das verrufene Schloß nun endlich von den Geistern befreit worden war, und theilte das Geld mit dem armen Wanderer, so daß sie Beide plötzlich die reichsten Leute wurden.

33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

33. Der angeführte Teufel.

Ein junger Mann hatte mit dem Teufel folgenden Vertrag gemacht: der Teufel versorgte den Mann mit Geld; dafür sollte der Mann zu einer bestimmten Zeit den Teufel einen ganzen Tag lang mit Arbeit beschäftigen; wenn der Mann das könne, so wollte der Teufel ihm das Geld umsonst gebracht haben; könne er es aber nicht, so sollte der Mann dem Teufel gehören und dieser ihn holen dürfen. – Da traf sich's eben, daß die festgesetzte Zeit um war, als der Mann Hochzeit hielt; und ein Knabe trat zu ihm hin [120] und meldete ihm, daß draußen ein fremder Herr sei, der ihn zu sprechen wünsche. Der Mann aber gedachte gleich an den Teufel und gieng nicht hin. Kam der Knabe noch einmal, um ihn herauszurufen; allein er gieng wieder nicht hin. Darauf trat der Teufel in eigner Person herein und verlangte Arbeit, oder ihn selbst. Nun zeigte der Mann ihm einen Acker, der Klee getragen, diesen Acker sollte er umhacken. Dazu gebraucht ein einzelner Mann sonst wohl mehre Tage; der Teufel aber war im Augenblick damit fertig und forderte weitere Beschäftigung. – Da nahm der Mann ein Simri Kleesamen, streute den auf dem Felde aus und sagte, der Teufel solle den Samen wieder auflesen. Das war ihm eine Kleinigkeit und war in einer halben Stunde geschehen, so daß es dem Manne höllenangst wurde, als der Teufel schon wieder frische Arbeit verlangte. – Da merkte die Braut die Unruhe ihres Mannes und sprach: »was hast Du denn, daß Du so beständig ab und zuläufst?« Da gestand der Mann ihr Alles und klagte ihr die Noth und die Gefahr, in der er schwebte. Die Braut aber sprach: »da will ich wohl helfen, hättest Du mir's nur gleich gesagt!« und zupfte sich ein kurzes krauses Haar aus und gab das ihrem Manne und sprach: »bring das dem Teufel und verlange, daß er es grad mache!« Das that der Mann denn auch. Der Teufel aber machte ein bös Gesicht und zupfte und zog und bog an dem Härlein herum, und legte es sogar auf einen Ambos und versuchte es mit einem Hammer grad zu klopfen; allein es war umsonst; der Teufel konnte [121] diese Arbeit an dem Tage nicht zu Stande bringen; das Haar blieb kraus und krumm und er war um seinen Preis geprellt. –

34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

34. Der Schneider und die Sündflut.

Als Gott dem Vater Noah befahl, sich ein großes Schiff zu bauen und von allen Thieren ein Paar darin aufzunehmen, da verordnete er zugleich, daß von jedem Handwerke ein Meister in dem Schiff gerettet werden solle, aber nur kein Schneider; denn die waren von Anfang an ein böses Geschlecht und sollten deshalb ausgerottet werden. Trotz aller Vorsicht, die Noah anwandte, stahl sich aber doch ein Schneider in das Schiff und verbarg sich so gut, daß ihn Niemand gewahr wurde. Indes war es dem Schneider gar nicht wohl zu Muth, daß er sich so still halten mußte und keine losen Streiche ausführen und die Menschen nicht quälen konnte. Da fieng er endlich ein Paar Flöhe und machte denen von seinen Nadeln spitzige Stacheln; ebenso setzte er den Bienen und Hornißen ihre Stacheln ein, die sie seit der Zeit behalten haben. Alsbald aber entstand ein großer Lärm in der Arche Noahs; die erste Floh stach die Frau des Vater Noah; die Bienen und Horniße quälten Menschen und Thiere, also, daß man gar nicht begreifen konnte, wer diesen Thierchen die Nadeln gegeben [122] haben könnte und sogleich den Verdacht schöpfte, daß ein Schneider mit in der Arche sein müße. Deshalb wurde das ganze Schiff sogleich durchsucht; und richtig, man fand auch den losen Schneider und warf ihn ohne Gnade sogleich aus dem Schiffe in's Waßer. Da hätte er nun elendiglich versaufen müßen und dann wären wir noch heutiges Tages ohne Schneider und müßten unsre Kleider selbst machen, wenn nicht eine langbeinige Waßerspinne eben in der Nähe gewesen wäre; auf die setzte sich flink unser Schneider und ritt auf ihren Rücken so lang herum, bis die große Flut verlaufen und die Erde wieder trocken geworden war.

35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

35. Der Schneider im Himmel.

Als der erste Schneider in den Himmel aufgenommen wurde, entstand dort eine große Freude, weil's etwas gar Unerwartetes und Seltenes war, und der liebe Gott verordnete deshalb eine feierliche Prozession zu Ehren des Schneiders. Weil aber die Schneider ein merkwürdiges Völklein und ganz besonders hochmütig sind, so war's auch unserm Schneider im Himmel viel zu gering, an dem Zuge Theil zu nehmen, und er blieb daheim und besah sich unterdessen den Himmel. Da kam er auch an den göttlichen Thron, stieg hinauf und setzte sich drauf, und bemerkte alsbald zur Seite ein Fenster, das öffnete er und schaute herab [123] auf die Erde und konnte von da aus Alles erkennen, was nur auf der Erde geschehen mochte. Da sah er alsbald einen Schneider am Fenster sitzen und der war eben im Begriff, ein kleines Knäuel Garn zu stehlen. Darüber ergrimmte der Schneider aber so sehr, daß er plötzlich ein Stuhlbein abbrach und das dem Schneider an den Kopf schleuderte. Als der liebe Gott zurückkam und den zerbrochenen Stuhl sah, fragte er den Schneider, wer das gethan habe? Darauf erzählte er die ganze Geschichte, die er gesehen hatte, sehr eifrig. Der liebe Gott aber sprach: »hätte ich also mit Dir verfahren, und jedesmal, wenn Du etwas gestohlen, Dir ein Stuhlbein an den Kopf werfen wollen, so würde hier gewiß kein einziges mehr zu finden sein.« Dann mußte der Schneider wieder fort aus dem Himmel, und seither, sagt man, habe man nie wieder einen Schneider hinein gelaßen. Möchte wohl wißen, ob's wahr ist.

36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein.

Es war einmal ein armer Mann, der hatte sehr viele Kinder und nichts zu eßen für sie. Da wußte er sich endlich gar nicht mehr zu helfen, und nahm einen Strick und steckte ihn ein und sagte zu seinen Kindern: »ich will fort und sehn, daß ich euch Brod schaffe.« In seinem Herzen [124] aber hatte er den Gedanken, sich zu erhängen. – Als er nun in den Wald kam, band er den Strick an eine Eiche und wollte sich wirklich aufhängen, sah sich aber erst noch einmal um, ob auch Niemand in der Nähe sei, der ihn sehen könne. Und wie er eben sich umwandte, so stand ein schwarzes Männlein hinter ihm und fragte: »was willst Du da machen?« Darauf erzählte ihm der arme Mann, daß er viele Kinder habe und die müßten Hunger leiden; diesen Jammer könne er nicht länger mehr mitansehen, und weil er doch nicht helfen könne und die Noth nur noch vermehre, so habe er lieber seinem Leben selbst ein Ende machen wollen.

Darauf sagte das schwarze Männlein: »da hast Du nichts Gutes im Sinn; es wäre Dir wohl sonst noch zu helfen. Wenn Du mir deine zwölfjährige Tochter geben willst, so sollst Du so viel Geld haben, daß ihr Alle mit einander reichlich davon leben könnt.« Ja, die Tochter wollte der arme Mann ihm wohl geben, da sie es gewiß gut bei ihm habe, und darauf sagte das Männlein weiter: »nun, so will ich Morgen in einer Kutsche zu Dir kommen und das Geld bringen; das mußt Du aber, ohne ein Wort zu reden, hinnehmen und deine Tochter dafür in den Wagen setzen!«

Alsdann gieng der Arme wieder gutes Muthes nach Haus und sprach zu seiner Tochter: »morgen wird ein vornehmer Herr in einer Kutsche kommen und Dich abholen.« Da freute sich das Mädchen und meinte, daß es glücklich sei. Und als der fremde Herr am folgenden Tage wirklich ankam und das Geld brachte, da setzte die Tochter sich vergnügt [125] zu ihm in den Wagen und fuhr mit ihm davon, bis daß sie vor ein Schloß kamen. Da führte der Mann sie hinein, und sagte ihr, daß sie ihn erlösen könne. Dann gieng er mit ihr in einen schönen Garten, der war ganz voll von Rosen und sagte zu ihr: »morgen werde ich verreisen; dann mußt Du an drei Morgen nach einander in dem Garten spazieren gehn und darfst von allen Rosen Dir abbrechen, so viele als Du haben willst; nur den Einen Stock mußt Du unberührt stehn laßen und mußt auch an mich nicht denken, wenn Du daran vorübergehst. Wenn Du das thust, dann werde ich erlöst werden; sieh, und dann will ich dieß Schloß mit allen Schätzen, die darin verborgen sind, Dir schenken.«

Da versprach ihm das Mädchen, daß es gewiß Alles so machen wollte, wie er es gesagt hatte, und gieng gleich an den beiden nächsten Morgen in den Rosengarten und pflückte sich Rosen, aber keine von dem verbotenen Stocke. Als sie aber am dritten Morgen wiederkam, da waren gerade an diesem Einen Stocke so viele und so prächtige Rosen aufgeblüht, daß sie dabei stehn bleiben mußte und sie nicht genug betrachten konnte und dachte: »das sind einmal schöne Rosen! von denen möchte ich wohl eine haben! wenn es nur das schwarze Männlein nicht sähe!« Und dabei kam es ihr vor, als ob Jemand ihre Hand an den Rosenstock hinzöge, und dann dachte sie: »was kann denn das schaden, wenn ich ein paar abpflücke! das Männlein wird's nicht merken; es ist ja nicht einmal hier!« Und alsbald langte sie zu und brach sich ein paar Rosen von dem verbotenen Stocke.

[126] Als sie darauf in das Schloß zurückgieng, kam ihr sogleich das schwarze Männlein entgegen und sagte: »ach, was hast Du gethan! was hast Du gethan! – aber erlösen mußt Du mich dennoch!« Und dabei griff er ihr in den Mund und faßte ihre Zunge und ratsch! war sie abgeschnitten. Da versank plötzlich das Schloß in die Erde, und das Mädchen stand ganz allein und verlaßen da und hatte viele Schmerzen. Dann lief sie überall umher und kam in einen Wald und mußte von Kräutern leben, weil sie keine andere Nahrung finden konnte.

Da geschah es eines Tags, daß ein Graf in dem Walde Jagd anstellte und das Mädchen fand und es fragte: wo es her sei? Allein es konnte auf alle Fragen nicht ein einziges Wort erwiedern und nur durch Zeichen andeuten, daß es nicht reden könne; dem Grafen aber gefiel es so gut, daß er es mit auf sein Schloß nahm. Da schrieb es nun Alles auf, was ihm von Anfang an begegnet war, worüber der Graf ein großes Mitleid bezeigte und das junge Mädchen, das alle Tage schöner wurde, endlich so lieb gewann, daß er es zu seiner Frau nahm.

Da stand es kaum ein Jahr an, da gebar sie ihm ihr erstes Kind. Bevor das Kind aber getauft werden konnte, ließ der Graf jede Nacht wachen und ließ Lichter brennen, damit nicht etwa böse Geister es stehlen oder einen Wechselbalg dafür einlegen möchten. Aber dennoch kam das schwarze Männlein und holte das Kind, ohne daß die Wächter es hindern konnten. Darüber wurde der Graf sehr zornig und gab sich erst einigermaßen zufrieden, als seine Frau bald[127] darauf neue Hoffnung hatte, wieder ein Kind zu bekommen. So wie sie es aber zur Welt gebracht hatte, wurde es ihr abermals, trotz aller Vorsicht, von dem schwarzen Männlein gestohlen.

Die junge Gräfin wurde endlich zum dritten Male guter Hoffnung und kam glücklich mit ihrem Kinde nieder. Da ließ der Graf ein ganzes Regiment Soldaten vor dem Schloße aufstellen und alle Thüren wohl verwahren; das schwarze Männlein erschien aber doch wieder und gieng mitten durch die Wache, die es nicht abhalten konnte, hindurch und begab sich in das Schloß. – Allein dießmal war es nicht gekommen, um auch das dritte Kind zu holen, sondern es brachte vielmehr die ersten beiden frisch und gesund mit und stellte sie der Mutter wieder zu; gab ihr auch die abgeschnittene Zunge zurück und sagte: »Jetzt bin ich erlöst!« und war alsbald verschwunden. – Da war die Freude groß, daß die Gräfin wieder reden konnte und daß sie auch ihre Kinder wieder bekommen hatte, und von da an lebte sie noch lange vergnügt und glücklich mit ihrem Manne und mit ihren lieben Kindern.

37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[128] 37. Das tapfere Schneiderlein.

Es war einmal ein Schneiderlein, das nähte um Lohn bei einer Bauersfrau; und wie es nun recht fleißig war, da kam eine Fliege nach der andern herbeigeflogen und plagte es; dann aber ließen sie sich nieder auf die Milchtropfen, die das Schneiderlein beim Frühstück verschüttet hatte, also, daß sich allmählig ein ganzer Schwarm dort zusammenfand. Und wie dieser Schwarm eben im besten Zuge war und trank, da nahm das Schneiderlein eine Fliegenpatsche und that einen kräftigen Streich auf die ungebetenen Milchtrinker, so daß ihrer wenige entkamen. Da staunte das Schneiderlein über seine große Kraft und Gewandtheit und begann die schwarzen Leichen zu zählen und zählte von eins bis dreißig. Dabei wurde es ihm ganz wunderbar zu Muth. »Frau, sagte es, ich kann nicht länger Schneider bleiben!« »Ei, warum denn nicht?« fragte die Wirthin. »Zählt doch nur! dreißig Stück auf Einen Schlag! Nein, ich bin zu andern Dingen berufen!« rief das Schneiderlein, ließ Nadel und Scheere und Fingerhut und all sein Geschirr liegen und schrieb auf ein Blatt Papier mit großen Buchstaben: »Ich hab ohne Zorn dreißig todt geschlagen auf Einen Schlag.« Dieß Blättchen steckte es dann wie einen Schild an seinen Hut und wanderte hinaus in die Welt.

Wie das Schneiderlein nun so mitten auf der Straße dahinzog, kam ein schöner Wagen ihm entgegen, darin saß ein vornehmer Herr; da schritt es grad auf den Wagen los und wich weder zur Rechten noch zur Linken, so daß der [129] Kutscher zuletzt anhalten mußte; nachdem er aber gelesen, was an dem Hute des Schneiderleins stand, berichtete er es schnell dem Grafen, der in dem Wagen war, und dieser sagte: »guter Freund, ist das auch wahr, was da an eurem Hute steht?« – »Ei, sagte das Schneiderlein, es muß ja wohl wahr sein, wie könnt' es sonst da geschrieben stehen?« Sprach der Graf weiter: »wollt ihr in meine Dienste treten und das Land von den drei Riesen befreien, die auf dem Berge hausen, so will ich Euch meine Tochter zur Gemahlin geben.« Ja, dazu war das Schneiderlein sogleich mit Vergnügen bereit und zog auf den Berg um die Riesen aufzusuchen.

Unterwegs traf es drei große große Männer, die sagten: »was willst Du hier, Du Erdenwürmlein?« Da erzählte ihnen das Schneiderlein ganz aufrichtig: »ein Graf hat mir seine Tochter versprochen, wenn ich die drei Riesen auf diesem Berge todt schlüge, und deshalb bin ich hergekommen.« Da sahen die drei Männer einander an und lachten; denn das Schneiderlein hatte gar nicht gemerkt, daß die drei Männer eben die drei Riesen waren.

Als die drei Riesen nun aber die Worte am Hut des Schneiderleins lasen, stutzten sie und sagten, ob das wahr sei. »Ei freilich, antwortete es, wie könnt' es sonst da geschrieben stehen?« – Darauf wünschten die Riesen, daß es doch eine Probe seiner Stärke ablegen möge. »Gut, sagte das Schneiderlein, wir wollen sehen, wer der stärkste von uns ist, und das wollen wir daran erkennen, daß er Waßer aus einem Steine drücken kann.« Da nahmen die Riesen [130] harte Steine in die Hand und zermalmten sie zu Staub, aber Waßer wollte nicht herauskommen. Das Schneiderlein jedoch hatte zwei flache Steine gesucht und einen alten Käs, den es in der Tasche hatte, dazwischen gelegt, und als es nun an zu drücken fieng, da floßen wirklich schmutzige Waßertropfen aus den Steinen, daß die Riesen sich schier verwundern mußten und es nicht begreifen konnten.

Als sie darauf wieder eine Weile mit einander gegangen waren, fragten die Riesen das Schneiderlein: ob es auch werfen könne? »Das will ich meinen!« sagte das Schneiderlein, und da es gerade auf der Erde ein Lerchennest sah und das Weibchen über den Eiern brütete, so bückte es sich und fieng flink die Lerche und rief: »Achtung! aufgepaßt!« und warf den Vogel in die Luft. Der aber freute sich nicht wenig, daß er so schnell wieder loskam und stieg in die Luft immer höher und war bald gar nicht mehr zu sehen. Da guckten die Riesen und guckten sich beinah die Augen aus; aber der Stein kam nicht wieder herunter und sie glaubten fest, daß er bis in den Himmel geflogen sei. Das hätten die Riesen dem kleinen Männlein gar nicht zugetraut und kriegten ordentlich Respekt vor ihm, und weil sie wußten, was es im Sinne führte, so luden sie es ein, bei ihnen zu übernachten und nahmen es mit in ihr Schloß.

Hier merkte das Schneiderlein endlich aus Allem, was es dort sah, daß die drei großen Männer die Riesen sein müßten, und es war ihm gar nicht wohl bei der Sache, weil es seine Absicht schon verrathen hatte. – Als es in seine Schlafkammer kam, untersuchte es deshalb genau sein [131] Bett, und fand einen Leichnam unter demselben. Da grauste es ihm zwar ein wenig, aber es zog doch den todten Mann hervor und legte diesen in's Bett, und es selbst verkroch sich unter das Bett. Und das war sein Glück.

Denn die Riesen sagten, als sie allein waren: »das Würmlein könnte uns doch noch was zu schaffen machen; wir wollen ihm deshalb lieber gleich heute Nacht sein Lebenslichtlein ausblasen.« Und wie es eben zwölf Uhr war, trat einer von den Riesen mit einer großen Eisenstange herein und that ein paar mächtige Schläge auf den Leichnam im Bette, daß Alles bebte und sagte, als er fortgieng: »der wird genug haben!« – Das Schneiderlein aber kroch darauf unter dem Bett hervor und legte die Leiche hinunter und sich selbst in das Bett, und schlief ruhig bis an den Morgen.

Wie verwunderten sich aber die Riesen, als das Schneiderlein wohlgemuth aus der Kammer trat. »Wie hast Du geschlafen?« fragten sie. »O recht gut! sagte das Schneiderlein; nur haben mich eure Flöhe ein wenig gestochen.« Da wußten sie gar nicht, was sie sagen sollten, und luden es ein, es möchte doch noch länger bei ihnen bleiben. Ja, das wollte es wohl, und blieb da.

In der folgenden Nacht, als es zu Bett gieng, machte es das Schneiderlein nun wieder ebenso, wie in der ersten, und legte die Leiche in's Bett und sich selbst unter das Bett. Wie es nun Mitternacht war, kamen zwei Riesen mit einander und hieben beide so wetterlich auf die Leiche los, daß es dem Schneider fast angst wurde. Als sie aber fort [132] waren, legte er die Leiche an ihren Platz und er selbst schlief dann in dem Bett bis zum Morgen. – Da staunten die Riesen noch weit mehr, als das Schneiderlein abermals lebendig hervortrat und sie fragten es sogleich, wie es geschlafen habe? »Recht gut, sagte es; aber ich glaube, es haben mich Wanzen gebißen.«

In der dritten Nacht, dachte das Schneiderlein, werden wahrscheinlich alle drei mit einander über mich herfallen, und dann will ich mich wehren. Das Schneiderlein versah sich deshalb in der dritten Nacht mit einem Beil und legte sich weder in, noch unter das Bett, sondern stellte sich hinter die Thür in die Ecke. Und richtig, als es zwölf schlug, machten alle drei Riesen mit eisernen Stangen sich auf, um das Schneiderlein todt zu schlagen. Aber das stand hinter der Thür und passte wohl auf, und wie der erste Riese hereintrat, bekam er mit dem Beile einen scharfen Hieb in den Rücken, daß er todt hinfiel; ebenso der zweite; und als das der dritte sah, fürchtete er sich vor dem Schneiderlein und floh und lief bis zur Treppe. Aber das Schneiderlein hüpfte schnell hinter ihm her und gab ihm einen »Schuck« (Schupps), daß er die Treppe hinabstürzte und den Hals brach.

So waren alle drei Riesen todt, und nun begab sich das Schneiderlein zu dem Grafen und bat um die Tochter, die er ihm versprochen hatte. Die Tochter aber mochte das kleine Männlein nicht, und Einige erzählen, das Schneiderlein habe erst noch allerlei tapfere Thaten ausführen müßen, ehe der Graf ihm seine Tochter und seine halbe Herrschaft [133] übergeben habe. So viel aber ist gewiß, daß die schöne junge Gräfin am Ende noch die Gemahlin des tapfern Schneiderleins geworden ist.

38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

38. König Blaubart.

Dicht an einem großen Walde lebte ein alter Mann, der hatte drei Söhne und zwei Töchter; die saßen einstmals beisammen und dachten eben an nichts, als plötzlich ein prächtiger Wagen angefahren kam und vor ihrem Hause still hielt. Dann stieg ein vornehmer Herr aus dem Wagen, trat in das Haus und unterhielt sich mit dem Vater und seinen Töchtern, und weil ihm die eine, welche die jüngste war, überaus wohl gefiel, so bat er den Vater, daß er sie ihm zur Gemahlin geben möchte. – Dem Vater schien das eine sehr gute Heirath, und er hatte schon lange gewünscht, daß seine Töchter noch bei seinen Lebzeiten versorgt sein möchten. Allein die Tochter konnte sich nicht entschließen, ja zu sagen. Der fremde Ritter nämlich hatte einen ganz blauen Bart, und vor dem hatte sie ein Grauen und es ward ihr unheimlich zu Muth, so oft sie ihn ansah. – Sie gieng zu ihren Brüdern, die tapfere Ritter waren, und fragte diese um Rath. Die Brüder aber meinten, sie solle den Blaubart nur nehmen, und schenkten ihr ein Pfeiflein und sagten: »wenn Dir irgend ein Leid zugefügt werden sollte, [134] so blas nur in diese Pfeife hinein! dann wollen wir Dir schon zu Hülfe kommen.« So ließ sie sich denn bereden und ward die Frau des fremden Mannes, bewirkte es aber, daß ihre Schwester sie begleiten durfte, als der König Blaubart sie zu seinem Schloße führte.

Als die junge Gemahlin dort ankam, herrschte großer Jubel im ganzen Schloße und auch der König Blaubart war ganz vergnügt. Das gieng etwa vier Wochen lang so fort; da wollte er verreisen und übergab seiner Gemahlin alle Schlüßel des Schloßes und sagte: »Du darfst überall im ganzen Schloße umher gehen und aufschließen und besehen, was Du willst; nur die eine Thür, zu welcher dieser kleine goldene Schlüßel gehört, die darfst Du, so dein Leben Dir lieb ist, nicht aufschließen!« O nein, sie wollte diese Thür auch gewiß nicht öffnen, sagte sie. – Als aber der König eine Weile fort war, hatte sie keine Ruhe mehr und dachte beständig daran, was wohl in der Kammer sein möchte, die er ihr verboten hatte, und war schon im Begriff, sie aufzuschließen; da kam aber ihre Schwester dazu und hielt sie noch davon zurück. Allein am Morgen des vierten Tags konnte sie es nicht mehr über's Herz bringen und schlich sich heimlich mit dem Schlüßel hin und steckte ihn in das Schloß und öffnete die Thüre. Aber wie entsetzte sie sich da, als das ganze Zimmer voller Leichen lag, und das waren lauter Weiber. Sie wollte zwar die Thür sogleich wieder zuschlagen; allein der Schlüßel fiel heraus und in's Blut. Nun hob sie ihn schnell auf, aber er hatte Blutflecken, und wie viel sie ihn auch reiben und putzen mochte, die Flecken waren nicht [135] mehr wegzubringen. Da gieng sie zu ihrer Schwester und klagte und jammerte.

Als endlich König Blaubart von der Reise zurückkehrte, erkundigte er sich sogleich nach dem goldenen Schlüßel; wie er aber die Blutflecken daran sah, sagte er: »Weib, warum hast Du auf meine Warnung nicht gehört? deine Stunde hat jetzt geschlagen; bereite Dich vor zum Sterben! denn Du bist in dem verbotenen Zimmer gewesen.«

Da gieng sie weinend zu ihrer Schwester, die oben im Schloß wohnte, und während sie derselben ihr Unglück klagte, gedachte die Schwester der Pfeife, die sie von den Brüdern bekommen hatte und sprach: »gib mir doch die Pfeife! ich will unsern Brüdern ein Zeichen geben; vielleicht, daß sie Dir noch helfen können.« Und sie blies dreimal in die Pfeife hinein, daß es einen hellen Klang gab, davon die Wälder sich regten und bewegten.

Nach einer Stunde aber hörten sie den Blaubart, wie er rasselnd die Stiege herauf kam, um seine Gemahlin zu holen und zu schlachten. »Ach Gott, ach Gott! rief sie aus, kommen denn meine Brüder nicht?« und eilte zur Thür und verschloß sie und hielt sie aus Angst selbst noch zu. Da pochte der Blaubart und schrie, sie sollten ihm aufmachen, und als sie das nicht thaten, versuchte er's, die Thür zu erbrechen. »Ach Schwester, Schwester, kommen denn meine Brüder nicht?« sprach sie zur Schwester; die stand am Fenster und guckte in die Weite hinaus und sagte: »ich sehe noch Niemand!« Unterdessen zertrümmerte Blaubart die Thüre immer weiter und wie er beinah so weit war, daß [136] er durch die Oeffnung hätte eindringen können, da sprengten plötzlich drei Ritter vor das Schloß und die Schwester rief aus dem Fenster, was sie nur konnte: »Hülfe! Hülfe!« und winkte ihren Brüdern zu. Die stürmten auch alsbald die Treppe hinauf, wo sie den Hülferuf der Schwester gehört hatten, und als sie hier den König Blaubart mit dem Schwerte in der Hand vor der erbrochenen Thüre antrafen und drinnen das Geschrei der Schwester vernahmen, da merkten sie sogleich, was er im Sinn führte, und stießen ihm schnell den Degen durch die Brust, daß er todt war.

Als die Brüder darauf erfuhren, was der gottlose König ihrer Schwester hatte anthun wollen und daß er schon so viele Frauen umgebracht, da zerstörten sie sein Schloß, so daß kein Stein auf dem andern blieb, und nahmen alle Schätze mit fort und führten vergnügt ihre Schwestern wieder in das Haus ihres Vaters.

39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

39. Der Engel auf Erden.

Ein Engel sagte einst zum lieben Gott: »ich möchte doch auch einmal auf die Erde und möchte sehen, wie es dort zugeht.« Da sagte der liebe Gott: »ja, wenn Du es wünschest, so magst Du vier Wochen lang hinabgehen.« Da kam der Engel sogleich vom Himmel auf die Erde. Auf der Erde aber war selbiges Jahr Alles sehr wohl gerathen, [137] also, daß die Menschen überall fröhlich und guter Dinge waren und große Hochzeiten und Schmausereien hielten, wozu sie auch den Engel einluden; aber es wußte Niemand, daß der Fremde ein Engel war.

Dem Engel gefiel es nun so gut unter den Menschen, daß er nicht nur die ganzen vier Wochen, sondern auch noch zwei Tage länger dablieb. Als er darauf wieder zum Himmel zurückkehrte, bat er den lieben Gott um gnädige Strafe, daß er seine Erlaubnis übertreten habe; allein es habe ihm gar zu wohl bei den Menschen gefallen. »Zur Strafe dafür, sagte der liebe Gott, sollst Du von jetzt an alle Jahr einmal auf die Erde gehen und darfst vier Wochen dort bleiben.« Das wollte der Engel gern thun. Der liebe Gott aber fragte den Engel noch: »wird denn von mir auch auf Erden gesprochen?« »Nein, sagte der Engel, von Dir hat Niemand gesprochen.«

Darauf ließ Gott im nächsten Jahr sehr wenig wachsen, wenig Korn, wenig Obst und wenig Wein, so daß die Lebensmittel theuer wurden, und die Menschen allerorten sich kaum des Hungers erwehren konnten. Als nun der Engel dießmal auf die Erde kam, wurde er zu keiner Hochzeit, zu keinem Schmause und zu keinem Tanze eingeladen; denn es gab nichts als Hunger und Elend im Lande; Hochzeiten wurden gar nicht gefeiert, und wenn etwa eine vorkam, so ward sie ganz still gehalten. Das gefiel dem Engel gar nicht, weshalb er schon nach zwei Tagen wieder in den Himmel zurückkehrte. Sprach zu ihm der liebe Gott: »warum kommst Du so bald wieder?« »Ei, sagte der Engel, [138] dieß Jahr gibt's da unten nichts als Hunger und Kummer; das mag ich nicht mit ansehen!« »Spricht man von mir auch?« fragte der liebe Gott weiter. »Ja wohl, sagte der Engel, sie sprechen beständig von Dir.« »Und was sprechen sie denn?« »Nun, sagte der Engel, sie meinen, Du würdest ihnen doch auch einmal wieder ein gutes Jahr geben, und bitten Dich darum.«

Der Engel hatte nun gar kein Verlangen mehr, die Erde noch ferner zu besuchen; ob aber der liebe Gott ihm diese Besuche erlaßen hat, kann ich nicht sagen.

40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

40. Der Arme und der Reiche.

Der liebe Heiland und Petrus waren einmal mit einander auf Reisen; da kamen sie ganz ermüdet zu einem reichen Bauer und baten ihn, daß er ihnen ein Nachtlager geben möge. Der aber wies sie mit groben Worten ab und sagte: »da könnte mir jeder kommen; mein Haus ist nicht für Landstreicher gebaut. Geht zu meinem Nachbar da! der ist so ein gutmüthiger Narr und behält Euch vielleicht.« – Da giengen sie fort und versuchten es bei dem Nachbar; der war ein ganz armer Mann und besaß nur ein kleines Häuschen, nahm aber doch die unbekannten Wanderer freundlich auf und hieß sie willkommen und versprach sogleich, ihnen ein Nachtlager zu bereiten so gut er [139] es könne; dann lud er sie zu seinem Nachteßen ein und setzte ihnen vor, was sich in seinem kleinen Haushalte vorfand. Die Gäste aber dankten herzlich für den guten Willen und aßen nichts, sondern schliefen bloß in der Hütte des Armen.

Ehe sie am andern Morgen sich verabschiedeten, sagten sie noch ihrem Wirthe: er dürfe drei Wünsche thun, die sollten ihm gewährt werden; doch möge er das Beste nicht vergeßen. Da überlegte er mit seiner Frau, was sie sich wünschen sollten, und beide meinten, daß sie erstens wohl ein beßeres Haus brauchen könnten, zweitens, so viel Geld, als sie zum Leben nöthig hätten, und drittens, nach dem Leben das Himmelreich. »Das Alles soll Euch werden!« sprach der Heiland und gieng fort.

Wie der reiche Nachbar nun aus seinem Bett gestiegen war, sah er zum Fenster hinaus und guckte und guckte und glaubte noch zu träumen; denn es kam ihm so vor, als ob auf dem nämlichen Platze, wo Tags zuvor noch die ärmliche Hütte seines Nachbars gestanden, jetzt das prächtigste Haus stehe. Und so war es auch wirklich der Fall. Der Bauer hatte aber keine Ruhe, bis er selbst hinübergegangen war und das Haus berührt und erkannt hatte, daß es kein Luftgebilde war. Dann gieng er hinein und fragte den Nachbar: »um Gottes willen, Nachbar! wie kommt Ihr zu dem schönen Hause?« Der sagte: »es sind zwei Fremdlinge bei mir übernachtet und haben mir beim Abschiede drei Wünsche gewährt, davon ist der eine dieß neue Haus.« Da schlug sich der andre vor den Kopf und sagte: »dieß Glück war eigentlich mir zugedacht; sie wollten zuerst bei mir einkehren, [140] ich aber habe sie Dir zugewiesen.« Darauf ließ er sich den Weg weisen, den sie eingeschlagen, spannte seine Pferde an den Wagen und eilte ihnen nach.

Nicht lange so traf er auch die beiden Wanderer auf der Straße und grüßte sie freundlich und fragte, ob sie nicht auch ihm drei Wünsche gewähren möchten, wie dem Bauer, bei dem sie übernachtet. Der Heiland aber erkannte sogleich, daß dieß derselbe Mann war, der ihn gestern Abend nicht hatte aufnehmen wollen und sprach: »Du hast uns so gröblich von Deiner Thür gewiesen und uns nicht einmal eine einzige Nachtherberge gewähren mögen, und verlangst jetzt noch oben drein solche Wohlthaten von uns?« Wie der Bauer sich aber noch nicht zufrieden geben wollte und noch weiter und zudringlicher redete, da ward der Heiland zornig und machte es, daß er plötzlich, wie vom Schlage gerührt, todt zur Erde stürzte, und das war seine Strafe.

41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

41. Der Müller Hillenbrand.

Ein Müller, Namens Hillenbrand, war eifersüchtig auf seine Frau und glaubte, daß sie allzu freundlich gegen den Herrn Pfarrer sei. Um seiner Sache gewiß zu werden, unternahm der Müller eine Reise nach Seebronn, traf unterwegs einen Mann mit einer »Krätze« (Korb) auf dem Rücken und bat ihn, daß er ihn in die Krätze nehmen und unvermerkt [141] in die Mühle tragen und daselbst mit ihm übernachten möge. Der Mann war dazu bereit und brachte ihn wohl verborgen wieder in die Mühle und hieng seine Krätze an die Wand.

Da kam alsbald auch der Pfarrer, und setzte sich mit der Frau zu Tisch und beide aßen und tranken und wurden so lustig mit einander, daß sie zuletzt ein Lied anstimmten. Da sang zuerst der Pfarrer:


Wenn wir gegeßen und getrunken hab'n,

Dann liegen wir auf Stroh.

Viderallala, Viderallala!

Darauf sang die Frau:

Mein Mann, der ist nach Seebronn aus,

Ist zehn Stund weit von hier.

Viderallala, Viderallala.

Dann fiel der Krätzemann ein und sang nach derselben Weise weiter:

Dort steckt ein Nagel in der Wand,

Dort hängt mein lieber Hillenbrand.

Viderallala, Viderallala!

Da regte sich's auf einmal in der Krätze und der Müller selbst sang zum Schluß:

Jetzt kann ich aber nimmer schweigen,

Jetzt muß ich aus meiner Krätze steigen.

Viderallala, Viderallala!

Und dann kam er heraus und nahm einen Stock und jagte den Pfarrer zur Mühle hinaus.
42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[142] 42. Der Sohn des Kaufmanns.

In England lebte einmal ein reicher Kaufmann, der hatte einen einzigen Sohn, Namens Karl, der wünschte sich schon als Knabe nichts so sehr, als daß er einmal eine Reise nach Italien machen dürfe. Allein seine Eltern fürchteten, es könnte ihm auf einer so großen Seereise leicht ein Unglück zustoßen; deshalb erlaubten sie es ihm nicht, zumal er noch so jung war. Da mußte er warten, und wurde nun alle Tag um einen Tag, und alle Jahr um ein Jahr älter, bis er das zwanzigste Jahr erreicht hatte.

Da kam eines Tags ein Bote zu Karls Vater mit der Nachricht, daß sein Schiff, welches allerlei Waaren aus Italien holen sollte, untergegangen sei. Das war ein Schrecken für den Kaufmann! Er klagte und jammerte und wußte sich gar nicht zu faßen. – Da sagte endlich der Sohn: »Lieber Vater, es ist ja schon so Mancher um ein Schiff betrogen worden, indem man fälschlich angegeben hat, es sei gescheitert. Weißt Du was? laß mich nach Italien reisen! Da kann ich mich an Ort und Stelle nach dem Schicksale unsers Schiffs erkundigen und will es schon herausbringen, wenn ein Betrug damit vorgegangen ist.« Dieser Vorschlag schien dem Vater gut, und er traf sogleich alle Einrichtungen und rüstete seinen Sohn aus, so daß er mit dem nächsten Schiffe gleich abreisen konnte.

Nach kurzer Fahrt landete das Schiff unterwegs an einer Küste, bei einer Stadt, in der man einige Einkäufe machen und Erfrischungen zu sich nehmen wollte. Während [143] der Zeit war Karl an's Land gestiegen und hatte sich in ein Wirthshaus begeben, das dicht am Ufer lag, und sah hier dem Spiel der Wellen zu, wie sie sich hin und hertrieben und eine die andere verdrängte, und konnte sich nicht satt daran sehen. – Endlich war das Schiff wieder vollständig ausgerüstet, der Wind war günstig, man lichtete die Anker, zog die Segel auf und nun gieng's lustig fort in das weite wogende Meer hinein.

Ohne einen Unfall kam Karl sodann an der Küste von Italien an, landete in der Hauptstadt des Königreichs und miethete sich eine Wohnung in einem schönen Gasthofe, der mitten in der Stadt lag. Von seinem Fenster aus konnte er hier in vier lange Straßen hineinsehen.

Da hörte er eines Tags einen gewaltigen Lärm und ein Geschrei auf der Straße, daß er schnell an's Fenster sprang und hinaussah. Da waren unten eine Menge Männer und Weiber und Kinder versammelt und sahen zu, wie eine zusammengerollte Kuhhaut durch die Straßen geschleift wurde. »Was soll das bedeuten?« fragte Karl den Wirth. »Das ist ein Kaufmann, sagte dieser, der hat Bankerott gemacht, und ein solcher wird nach dem Gesetze aufgehängt und seine Leiche dann in eine Kuhhaut genäht und in der ganzen Stadt herumgeschleift, dann auf das Feld geworfen und den Vögeln zum Fraße Preis gegeben.«

Da bedauerte Karl den armen Mann und fragte den Wirth, ob denn Niemand die Leiche beerdigen dürfe? »O ja, sagte der Wirth, wer den dritten Theil der ganzen Schuld bezahlen will, der darf es thun.« Darauf erkundigte sich [144] Karl nach der Größe der Schuld, und als er sah, daß sein Geld hinreichend sei, so gieng er zum Richter und bezahlte den dritten Schuldtheil und erhielt dafür die Leiche, der er nun ein ehrliches Begräbnis zukommen ließ.

Von dem Schiffe seines Vaters konnte er aber gar nichts erfahren, deshalb reiste er bald wieder nach England zurück. Nach einer glücklichen Fahrt landete das Schiff endlich an derselben Küste und in demselben Hafen, wo es auch bei der Hinreise sich eine Weile aufgehalten hatte. Karl begab sich wieder in das Wirthshaus, wo er eine so schöne Aussicht auf das Meer hatte. Da sah er alsbald ein kleines Schiff anfahren, aus dem stiegen zwei Männer und zwei Mädchen heraus und kamen in dasselbe Wirthshaus, in welchem Karl sich aufhielt. – Nachdem sie sich die Tageszeit geboten und einander ausgefragt hatten, wo sie hergekommen und wo sie hin wollten, fiengen sie an zu spielen, und da hatte Karl so großes Glück, daß er ihnen alles Geld, was sie bei sich hatten, abgewann. Darauf sagten jene: »jetzt kauf uns auch die zwei Frauenzimmer ab, daß wir nur weiter kommen können!« Das that Karl sogleich und gab ihnen, was sie forderten; denn er merkte wohl, daß die Männer Seeräuber waren und die armen hübschen Mädchen irgendwo mit Gewalt weggenommen hatten; und dann schiffte er vergnügt mit ihnen weiter und brachte sie in das Haus seines Vaters.

Der Vater machte ein bitterböses Gesicht, als Karl mit den zwei Mädchen ankam; und weil Karl bestimmt erklärte; daß er die Mädchen niemals verlaßen werde, so verwies [145] der Vater sie alle miteinander aus seinem Hause. Da kaufte Karl sich einen kleinen Kaufladen und richtete ein eigenes Handelsgeschäft ein, und die beiden Mädchen, die Schwestern waren, halfen ihm dabei; die jüngste besorgte den Haushalt, und die älteste und schönste wurde Ladenjungfer, und alle beide waren so sparsam und fleißig und sorgten so gut für ihren Herrn, daß er schon nach wenigen Jahren seinen Kaufladen bezahlen konnte und ein schuldenfreies Haus hatte.

Als Karls Vater dieß erfuhr, und hörte, wie Jedermann die beiden Mädchen so sehr lobte, da gedachte er sich selbst davon zu überzeugen und verkleidete sich und gieng eines Morgens, als sein Sohn gerade ausgegangen war, in den Laden, um ein Stück Tuch zu kaufen. Die Ladenjungfer legte ihm allerlei Proben vor; allein er handelte so genau und das Mädchen, das ihn nicht erkannte, hielt dagegen so fest an dem geforderten Preise, indem sie sagte, sie dürfe ohne den Willen ihres Herrn das Tuch nicht billiger hergeben, daß der Mann, ohne etwas zu kaufen, wieder fortgieng. Für sich aber dachte er: »das muß doch ein ordentliches Mädchen sein; die ist gehörig auf den Vortheil meines Sohnes bedacht.« Und dann nahm er sich vor, daß er sich mit seinem Sohne wieder aussöhnen und ihn wieder unterstützen wollte, ließ ihn deshalb zu sich rufen und sagte zu ihm: »Es ist nicht länger gut, daß Du so allein und ledig Dein Geschäft führst; nimm Dir eine Frau, und ich will Dir Geld geben, daß Du deinen Handel größer und freier einrichten kannst!« »Wenn ich einmal heirathen werde, sagte[146] Karl, so nehme ich aber keine andere, als eine von den beiden Mädchen, die ich gekauft habe.« »Nun, wie Du willst, sagte der Vater; ich glaube, daß es sehr ordentliche Mädchen sind, und wenn sie auch kein Geld haben, so magst Du doch immerhin eine von ihnen heirathen; ich habe nichts mehr dagegen.«

Da gieng Karl vergnügt heim und sagte den beiden Mädchen alles, was er mit dem Vater gesprochen hatte, worüber ihnen das rothe Blut schier in die Wangen schoß, daß sie wunderlieblich anzusehen waren. Karl sagte aber weiter: »Ich habe euch alle beide so lieb, daß ich nicht weiß, welcher von euch ich den Vorzug geben könnte; ich will deshalb das Loos befragen; das wird mir wohl anzeigen, welche von euch der Himmel mir zur Frau bestimmt hat.« Die Mädchen waren damit zufrieden, und so zog Karl das Loos, und zog sich die älteste und schönste, die alsbald auch seine liebe Frau wurde.

Nachdem sie mehre Jahre glücklich mit einander gelebt hatten, las die Frau einmal in der Zeitung. Da wurde aus Italien geschrieben: der König habe bekannt machen laßen, daß wer seine beiden Töchter, die von Seeräubern geraubt worden, ihm wieder zuführen könnte, der sollte König von Italien werden. – Da dachte die Frau: es ist doch beßer, Königin von Italien zu sein, als eine Kaufmannsfrau; und als ihr Mann nach Hause kam, entdeckte sie ihm, wer sie und ihre Schwester eigentlich seien und bat ihn dann, daß er doch sein Hab und Gut verkaufen und sie nach Italien zu ihrem Vater zurückbringen und dort König[147] werden möchte. Ja, dazu hatte Karl wohl Lust, verkaufte sein Haus, nahm Abschied von Vater und Mutter und segelte mit seiner Frau und ihrer Schwester vergnügt wieder in's Meer hinaus, um König von Italien zu werden.

Unterwegs wollten sie an derselben Küste, wo Karl die beiden Prinzessinnen den Seeräubern abgekauft hatte, landen, und sprachen eben mit einander von jener Zeit, als sie von der andern Seite her zwei große Schiffe an's Land fahren sahen. »Ach, das sind ja italienische Schiffe!« rief die jüngste Schwester. »Und ich glaube, sagte die andere, ich sehe italienische Soldaten darauf.« Deshalb warteten sie, bis die Leute ausstiegen. Aber wie erschrack die junge Frau, als unter den Soldaten, die aus dem Schiffe kamen, plötzlich ein italienischer Prinz erschien und vor ihr stand; sie kannte den Prinzen recht gut; denn es war eben der, der schon lange gewünscht hatte, sie zu heirathen. Seit sie aber von den Seeräubern entführt war, hatte er sich mit zwei Schiffen auf's Meer begeben und kreuzte hin und her, um sie aufzusuchen und wollte nicht von ihr ablaßen, weil er sie so sehr lieb hatte.

Als er nun seine Geliebte wieder vor sich sah und den Mann an ihrer Seite, sprach er ganz heftig: »wer ist der Mensch da?« Denn er hielt ihn für den Räuber. »Der ist mein Gemahl!« sagte sie. »So? der ist dein Gemahl?« rief der Prinz ganz wüthend, und gab sogleich Befehl, daß die Soldaten den Mann todtschießen sollten. Da fielen ihm aber die beiden Schwestern zu Füßen und baten ihn so dringend, ihren Freund doch nicht zu erschießen, daß der Prinz für den Augenblick nachgab. Alsbald aber ließ er [148] ihn auf ein Brett binden und das Brett in's Meer werfen, daß die Wellen es forttrieben. Dann führte er die beiden Prinzessinnen in dasselbe Wirthshaus, wo Karl sie von den Seeräubern losgekauft hatte. Da stellten sie sich an's Fenster und blickten in das Meer hinaus und sahen alsbald, wie die Wellen ihren Retter auf und ab trieben, und fiengen bitterlich an zu weinen, weil sie ihm gar nicht helfen konnten. Das ärgerte aber den Prinzen und er hieß sie von dem Fenster weggehen und sprach: »Wenn euer Leben euch lieb ist, so schwört mir hier auf der Stelle, daß ihr daheim eurem Vater sagen wollet: ich hätte euch von den Seeräubern erlöst, und sagt nur kein Wort von dem Menschen da!« Die Prinzessinnen aber waren so bestürzt, daß sie zu allem Ja sagten, wozu er sie zwang. Dann fuhren sie mit einander zu ihrem Vater zurück; der war überaus glücklich, als er seine Kinder wiedersah, und machte sogleich Anstalt, die älteste Tochter mit dem Prinzen zu vermählen und ihm das ganze Reich zu übergeben. –

»Was ist denn aber aus Karl geworden?« fragst Du mich. Gib Acht! ich will Dir's genau erzählen:

Er wurde erst noch eine lange Zeit von den naßen Wellen hin und her geworfen und konnte nicht sterben, weil er nicht untersank. Endlich aber kam ein großer Vogel auf ihn zugeflogen, trieb das Brett an's Ufer auf eine Sandbank, hackte dann mit seinem Schnabel die Stricke entzwei und sprach zu Karl: »Ich bin der Geist des Kaufmanns, den Du einst hast begraben laßen. Zum Dank für diese Wohlthat will ich Dir nun wieder helfen. Geh nach Italien [149] in die Stadt, woselbst mein Grabmal ist! Dort gib Dich für einen Maler aus, und man wird Dich alsbald in das königliche Schloß bestellen und Dir ein Zimmer zum Bemalen übergeben. Dann mußt Du aber Niemand bei Dir dulden, mußt die Thür verschließen und den Oberflügel des Fensters aufmachen. Für das Weitere will ich dann schon sorgen.« Nachdem der Vogel dieß gesagt hatte, flog er fort.

Nun benutzte Karl die erste Gelegenheit, um nach der Hauptstadt des Königs zu fahren und kam glücklich dort an. Da war ein großer Jubel in der Stadt; denn überall sprach man von der Vermählungsfeier des Prinzen mit der Prinzessin, und die ganze Stadt sollte festlich geschmückt werden.

Als Karl in's Wirthshaus trat, fragte ihn der Wirth, wo er herkomme? »Ich komme aus England, und bin ein Maler.« »Ei, sagte der Wirth, da kommt ihr ja grade recht; denn unser Hofmaler hier sucht schon seit einigen Tagen einen Gehülfen, der ihm einige Zimmer im Schloße bemalen helfen soll.« Und sogleich schickte der Wirth zu dem Hofmaler und ließ ihm melden, daß ein fremder Maler bei ihm angekommen sei. Darüber war der Hofmaler sehr froh und kam auf der Stelle selbst und nahm ihn mit in das Schloß.

Nun wünschte aber Karl, daß er allein ein Zimmer erhalte, wo er malen solle, was der Andere gern zugab und ihn allein ließ. Darauf schloß Karl die Thür zu, öffnete den obern Flügel des Fensters und sah hinaus in die Luft und guckte und guckte, daß ihm Zeit und Weile lang wurde [150] und er sich gar nicht mehr zu helfen wußte; denn der Geist des Kaufmanns ließ sich nirgends sehen.

Endlich kam der Vogel angeflogen und hielt einen Degen im Schnabel, setzte sich in das offene Fenster und sagte: »nimm den Degen und hau mir den Kopf ab!« Karl aber sagte: »Ach nein, das kann ich nicht!« »Wenn Du das nicht thust, sagte der Vogel, so kann ich Dir auch nicht helfen.« Da nahm er den Degen und hieb dem Vogel den Kopf herunter; da fiel der Kopf in's Zimmer, der Rumpf aber flog fort, und mit einem Male stand der Geist des gehängten Kaufmanns vor Karl, worüber er so erschrack, daß er ohnmächtig wurde und bewußtlos zu Boden fiel.

Nachdem er auf die Art eine lange Zeit in tiefem Schlafe gelegen hatte, klopfte Jemand an der Thür, davon wachte er auf und sah, daß das ganze Zimmer bemalt war; an der Decke war das Firmament dargestellt, Sonne, Mond und Sterne, an den Seiten aber sein eigener Lebenslauf, von seiner ersten Reise nach Italien an bis zu dieser zweiten. Darauf öffnete er die Thür, um zu sehen, wer geklopft hatte; es war der König, der mit seinen beiden Töchtern die Malerei besehen wollte. Kaum aber waren sie hereingetreten, als die älteste Tochter ihn erkannte und rief: »Um Gottes willen, lieber Mann, wie bist Du hieher gekommen?« Da erzählte er Alles, was ihm begegnet war, und seine Frau erzählte ihrem Vater nun, wie dieser Mann sie von den Seeräubern losgekauft und wie sie schon seit mehren Jahren seine Frau geworden sei; wie sie dann auf ihrer jetzigen Heimreise mit dem Prinzen zusammen getroffen [151] sei; der habe ihren Mann erst erschießen laßen wollen, und endlich auf ein Brett gebunden und in's Meer geworfen; sie aber und ihre Schwester hätten ihm schwören müßen, zu sagen, daß er sie erlöst habe.

Darauf sagte der König zu Karl: »halt Dich ganz ruhig in dem Gasthofe bis zu dem Tage, wo die Vermählung meiner Tochter sein soll! Du mußt auf jeden Fall dabei sein.« Und schon nach einigen Tagen wurde Karl zu einem großen Gastmahle geladen, welches der König vor der Hochzeit geben wollte. Da kamen viel vornehme Gäste in dem Saale zusammen, den Karl bemalt hatte, und aßen und tranken und bewunderten die schöne Malerei an der Decke und an den Seitenwänden. Und endlich stand der König auf und sagte: »Wer mir erklären kann, was die Bilder da bedeuten, der soll König von Italien werden.« Da gaben sich Alle große Mühe und studirten, besonders der Prinz; allein er mochte sich besinnen so viel er wollte, so konnte er doch nicht herausfinden, was die Gemälde vorstellen sollten.

Da erhob sich endlich Karl, nahm einen kleinen Stock in die Hand und deutete auf die Bilder und sprach:

»Das da oben ist das ganze Firmament: Sonne, Mond und Gestirne. Das Bild da an der Seite stellt einen englischen Kaufmannssohn vor. Hier tritt er seine erste Seereise nach Italien an. Hier landet er unterwegs in einer Hafenstadt. Hier fährt er in die Hauptstadt des Königs von Italien ein. Hier kauft er einen Kaufmann los, den man erhängt und in eine Kuhhaut genäht hatte. Hier läßt er den Kaufmann begraben. Hier tritt er seine Rückreise [152] nach England an. – Hier landet er unterwegs in der Hafenstadt. Hier spielt er mit zwei Seeräubern. Hier kauft er ihnen zwei junge Mädchen ab. Hier betritt er sein Vaterhaus. Hier verstößt ihn sein Vater mitsamt den beiden Mädchen. Hier verheirathet er sich mit dem einen Mädchen. Hier reist er mit seiner Frau und ihrer Schwester wieder nach Italien. Hier landen sie unterwegs und besuchen dasselbe Wirthshaus, wo er seine Frau losgekauft. Hier sind zwei italienische Schiffe gelandet. Hier wollen die Soldaten den Kaufmannssohn todt schießen, während die beiden Frauenzimmer fußfällig für ihn bitten. Hier wird er, auf ein Brett geschnallt, in's Waßer geworfen. Hier kommt ein Vogel und löst ihm die Banden. Hier kommt er in der königlichen Hauptstadt an. Hier bemalt er im Schloß ein Zimmer. Hier sitzt er im königlichen Schloß bei der Vermählung seiner Frau, und dieser Kaufmannssohn, – das bin Ich!«

Kaum hatte er diese Worte ausgesprochen, so wurde der Prinz auf Befehl des Königs festgenommen und in's Gefängnis geworfen und zum Tode verurtheilt. Karl aber feierte jetzt zum zweiten Male seine Vermählung; da gieng's erst recht fröhlich her, das kannst Du glauben, und dann ist er König von Italien geworden.

43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[153] 43. Eschenfidle.

Es war einmal eine Mutter, die hatte zwei Töchter, von denen mochte sie die eine viel lieber als die andere. Die eine bekam die schönsten Kleider und durfte spazieren gehen, so oft sie wollte, und alle Gesellschaften und Tänze besuchen, weil die Mutter meinte, daß ihre Lieblingstochter auf die Art recht bald einen vornehmen Bräutigam finden werde. Die andre Tochter aber mußte immer zu Haus bleiben und die niedrigste Arbeit im Kuhstall, in der Küche und im Garten verrichten, und bekam außerdem so schlechte Kleider, daß sie sich vor fremden Leuten gar nicht sehen laßen konnte. Weil sie aber von der Hausarbeit beständig staubig und schmutzig aussah, und oftmals, wenn sie sich ausruhen wollte, auf den Aschenheerd in der Küche sich setzen mußte, so nannte man sie zu Haus nur das »Eschenfidle.« – Was dem armen Mädchen aber am wehesten that, das war, daß die Mutter ihm auch verboten hatte, in die Kirche zu gehen und ihm deshalb keine Sonntagskleider geben wollte.

Da setzte sich Eschenfidle eines Sonntags in den Garten unter einen Baum und weinte bitterlich, weil es gar niemals in die Kirche kommen konnte. Da trat ein kleines weißes Männlein zu ihm her und fragte: »was weinst Du?« Als nun Eschenfidle dem weißen Männlein seinen Kummer geklagt hatte, da sprach es zu ihm: »sei nur still! wenn Du des Sonntags in die Kirche gehen willst, so komm nur immer zu diesem Baum und sprich:


[154]

Bäumlein, Bäumlein schüttle dich,

Schüttle alles Gold und Silber an mich!


Dann wirst Du sogleich die schönsten Kleider erhalten. Du mußt aber jedes Mal so lange warten, bis daß alle Leute in der Kirche sind und immer nur ganz zuletzt hineingehen. Dagegen mußt Du immer die erste sein, die die Kirche wieder verläßt und mußt mit deinem Schmucke zu dem Baume hintreten und sprechen:


Bäumlein, Bäumlein schüttle dich,

Zieh alles Gold und Silber an dich!


Dann wird der Baum Alles wieder zurücknehmen.«


Gleich am nächsten Sonntag machte es nun das Eschenfidle gerade so, wie es das weiße Männlein gesagt hatte, gieng zu dem Baume, als ihre Mutter und Schwester so wie alle andern Leute schon in der Kirche waren und sagte den Spruch her:


Bäumlein, Bäumlein schüttle dich,

Schüttle alles Gold und Silber an mich!


Da wurde es mit einem Male von oben bis unten in die schönsten Kleider von Gold und Silber eingehüllt und gieng damit in die Kirche, hörte die Predigt an und verließ die Kirche, ehe noch ein anderer herausgekommen war, und übergab dem Baum auch sogleich wieder diese Sonntagskleider.

Alle Leute aber, die in der Kirche waren, verwunderten sich über das schöne Mädchen mit den goldenen Schmucksachen, und keiner hätte geglaubt daß das arme Eschenfidle darunter stecke. Auch ihre Schwester war ganz entzückt davon [155] und sagte, als sie heimkam: »Eschenfidle, wärst Du heut in der Kirche gewesen, so hättest Du was Schönes sehen können. Da war ein fremdes Fräulein, die hatte Kleider von lauter Gold und Silber an, daß es eine Freude war.« Dabei war Eschenfidle ganz vergnügt und lächelte still für sich. – Als es aber am folgenden Sonntage zum zweiten Male in der Kirche sich sehen ließ und ohne daß Jemand es erkannte, wieder verschwand, da zerbrachen sich alle Leute den Kopf über das reiche schöne Fräulein; am meisten aber ein junger reicher Kaufmann. Dem gefiel sie so gut, ach so gut, daß er sie gar zu gern zu seiner Frau genommen hätte.

Da passte er nun jeden Sonntag auf und hätte sie gern einmal allein gesprochen; aber er konnte sie niemals treffen. Gieng er ganz früh in die Kirche, so war sie noch nicht da; wartete er bis spät, so daß er meinte, er sei der letzte, so kam sie doch immer noch später und war die Allerletzte. Und wenn er nach der Predigt auch sogleich fortgieng, so war sie doch jedesmal schon vor ihm hinausgegangen und war wie verschwunden.

So hatte Eschenfidle schon an fünf Sonntagen die Kirche besucht. Am sechsten endlich ließ der Kaufmann alle Leute bis auf das schöne Fräulein in die Kirche gehen und bestrich dann den Steinboden vor der Kirchenthür mit Pech und verbarg sich in der Nähe. Er dachte nämlich, das schöne Mädchen sollte mit ihren Füßen an dem Pech sich festtreten und dann wollte er es wieder losmachen und mit ihm reden. Und richtig kam auch Eschenfidle alsbald und [156] gieng über das Pech, und blieb stecken. Da lief der Kaufmann herzu; aber Eschenfidle ließ den einen Pantoffel stecken und gieng ohne ihn und ohne mit dem Kaufmann gesprochen zu haben, in die Kirche. Der Kaufmann aber konnte das wunderschöne Pantöffelchen nicht genug betrachten und nahm es mit nach Haus.

Als Eschenfidle dießmal aus der Kirche kam und zu dem Baume gieng und sprach:


Bäumlein, Bäumlein schüttle dich,

Zieh alles Gold und Silber an dich!


da wollte der Baum die goldenen Kleider nicht neh men, weil etwas daran fehle. Da mußte Eschenfidle sie sich selbst ausziehen und legte sie zusammen und versteckte sie in seinem Bette.

Am andern Tage nun fragte der Kaufmann in dem ganzen Orte herum, ob nicht Jemand einen goldenen Pantoffel verloren habe, und gieng selbst von Haus zu Haus und sagte, daß diejenige seine Frau werden solle, für deren Fuß dieser schöne kleine Pantoffel passe. Da probirten ihn gar viele Mädchen an, kannst Dir denken! die alle gern den reichen Kaufmann geheirathet hätten; aber für alle war er zu klein. Ein Mädchen schnitt sich sogar die große Zehe vom Fuße herunter und meinte, sie müßte das Pantöffelchen mit Gewalt anbringen; aber es wollte immer doch nicht passen.

Da kam der Kaufmann auch zu der Mutter vom Eschenfidle mit seinem Pantoffel. Die Mutter sagte ihm, sie habe zwar zwei Töchter, aber die eine sei so häßlich, daß sie sie Niemand zeigen könne, und führte ihm bloß ihre Lieblingstochter [157] vor. Die hatte zwar ein ganz zierliches Füßchen; aber für das Pantöffelchen war es doch noch viel zu groß. Da nöthigte der Kaufmann die Mutter so lange, bis sie endlich auch ihre andere Tochter holte.

Wie nun Eschenfidle hereintrat und das goldene Pantöffelchen sah, sprach es sogleich: »ach das hab ich schon lange vermißt!« und probirte es an. Da passte es auch so genau auf sein Füßchen, als ob's ihm angegoßen wäre. Und nun war der Kaufmann ganz glückselig, und da er dem Eschenfidle ebenfalls sehr gut gefiel, so verlobten die beiden sich auf der Stelle und haben bald darauf Hochzeit gehalten.

44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

44. Der erlöste Kapuziner.

Ein Bauersmann hatte eine Tochter, die mußte ihm auf dem Felde die Schweine hüten; weil ihr aber seit einiger Zeit fast an jedem Tage ein Schwein verloren gieng, so bestrafte sie endlich der Vater recht tüchtig. Da passte sie das nächste Mal den ganzen Tag auf und wandte ihr Auge von der Heerde gar nicht mehr ab. Als nun die Mittagsstunde kam, lief eine Sau fort. Da sprang das Mädchen ihr sogleich nach, um sie zurückzutreiben; aber die Sau rannte in Einem fort und das Mädchen rannte hinter ihr her, bis sie in eine »Klinge« (Thal) kam. Da sah sie großmächtige Felsen. Auf einmal aber war das Schwein verschwunden, [158] und als das Mädchen zu der Stelle kam, bemerkte es daselbst einen Eingang und begab sich hinein. Da war sie in einer Höhle und fand dort das Schwein, indem es aus einer Spühlgelte fraß, und nachdem es sich satt gefreßen, wollte sie es hinaustreiben. Da rief aber eine Stimme dem Mädchen zu: »die Sau darf nicht wieder fort, sondern muß hier verzehrt werden; und Du darfst auch nicht mehr fort; denn Du bist dazu geboren, daß Du mich erlösen kannst. Deshalb mußt Du hier bleiben und mußt für mich kochen. Ich bin ein Kapuziner, bin schwarz und muß weiß werden, und wenn ich so einmal komme, dann bin ich erlöst. Es werden jeden Tag zwölf Männer in die Höhle kommen, die werden hier eßen, und wenn sie gegeßen haben, werden sie tanzen und alsdann wieder fortgehen. Du darfst aber nie ein Wort mit ihnen reden, sonst werden sie Dich umbringen. Wenn Du nun Alles so machst, wie ich Dir's gesagt habe und meine Erlösung zu Stande bringst, dann sollst Du alle Schätze haben, die in dieser Höhle verborgen sind.«

Darauf that das Mädchen in Allem so, wie ihr der Kapuziner gesagt hatte, und versah seine Küche. Als sodann die zwölf Männer kamen, die halb weiß und halb schwarz gekleidet waren, sprachen sie sogleich zu dem Mädchen: »was machst Du da?« Das Mädchen aber gab ihnen keine Antwort. Dann aßen sie und tanzten und giengen weiter.

Das dauerte so eine lange Zeit und oft dachte das Mädchen still für sich: »ach, wenn doch nur erst der Kapuziner im weißen Kleide erschiene, daß ich aus der Höhle [159] wieder hinaus könnte!« – Und endlich und endlich kam auch ein schneeweißer Mann, der sprach: »jetzt bin ich erlöst; Du kannst nun heimgehen und einen Wagen holen, und alles Geld nehmen, das hier in der Höhle ist.« Darauf verschwand er. Das Mädchen aber lief voller Freuden zu ihren Eltern zurück und erzählte ihnen Alles, wie es ihr gegangen war: wie sie dem Schwein nachgelaufen und in die Höhle gekommen sei und einen Mann habe erlösen müßen.

Da waren auch die Eltern froh, denn sie hatten große Sorge wegen ihrer Tochter ausgestanden und sie schon überall gesucht, aber nirgends eine Spur von ihr gefunden, und erkannten sie fast nicht mehr. Dann fuhr ihr Vater mit einem Wagen hin und holte das Gold und Silber aus der Höhle, so daß er auf einmal unermeßlich reich wurde.

45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

45. Der Klosterbarbier.

Ein junger Mann hatte von seinen Eltern ein großes Vermögen geerbt; weil er selbst aber nicht haushalten konnte und arbeiten nicht mochte, so nahm sein Reichthum ein rasches Ende und eh er sich's versah, war er genöthigt, Haus und Hof zu verkaufen, um nur seine Schulden bezahlen zu können. Da blieb ihm nichts übrig, als ein Schuldschein von dreihundert Gulden, der lag schon seit vielen Jahren da; der Schuldner aber wohnte weit weg, und deshalb machte[160] er sich eines Tages auf, um diese Forderung einzutreiben, mußte aber das Geld zu der Reise von einem Freunde entlehnen, so arm war er jetzt. Dann wanderte er fort und traf, als es schon Abend geworden und er sehr müde war, einen Mann; bei dem erkundigte er sich nach dem Wege und nach einer Herberge, und hörte von diesem Manne, daß es nur noch eine halbe Stunde Wegs bis zum Kloster sei, wo er umsonst übernachten könne. Das war ihm sehr lieb, denn viel Geld hatte er nicht zu verzehren und war auch an dem ganzen Tage noch in kein Wirthshaus eingekehrt.

Wie er nun endlich zum Kloster kam, und so recht behaglich dasaß und sich ausruhen und erquicken konnte, rief er aus: »ach eine freudige Stund läßt doch zehn traurige vergeßen!« und war wieder ganz vergnügt und ließ sich das Eßen und Trinken schmecken. Als er aber schlafen gehn wollte, sagte man ihm, daß alle Betten bereits besetzt seien und daß er auf den Boden der Stube sich hinlegen müße. »Es ist zwar noch ein Bett leer, sagte ein Klosterbruder, das steht im Schloß; allein wir können es Niemand zumuthen, sich dahineinzulegen, weil ein Geist dort spukt.« Der Reisende aber sagte: »es wird ja wohl der Teufel nicht sein!« und ließ sich hinführen und legte sich getrost in das Bett; konnte aber doch vor Angst kein Auge zuthun.

Als es nun eben Mitternacht war und Zwölf schlug, hörte er ein Schlüßelbund rasseln und die Thür seiner Schlafkammer ward aufgeschloßen und ein Geist trat herein, der trug in der einen Hand ein Becken mit Seife und Waßer, in der andern hielt er ein Rasirmeßer und winkte dem Gaste; [161] der aber blieb still liegen. Dann winkte er zum zweiten Male, worauf er wiederum sich nicht rührte und regte. Darauf faßte ihn der Geist und zog ihn mit Gewalt zum Bett heraus und gab zu verstehen, daß er ihn rasiren solle, und setzte sich auf einen Stuhl. – Da machte der Reisende sogleich den Schaum zurecht, seifte das Gesicht des Geistes gehörig ein und rasirte ihm den langen Bart herunter, daß es eine Art hatte. – Dann rasirte auch der Geist den Reisenden und sagte, nachdem dieser es gelitten: »jetzt endlich bin ich erlöst! Seit dreihundert Jahren muß ich schon in diesem Schloße umgehen und noch nie hat mich einer rasiren wollen. Ich bin früher Barbier in dem Kloster gewesen und habe einen dicken Klosterbruder einmal zum Schabernack in die Lippen geschnitten, daß das rothe Blut auf den Boden floß und ich mich des Lachens nicht enthalten konnte. Zur Strafe dafür hat er mich auf dreihundert Jahre in's Kloster verwünscht.«

Dann fragte er den Fremden: »was wünschest Du Dir jetzt? willst Du sterben, oder was magst Du sonst?« Der andre meinte, nein, sterben möge er noch nicht; er wünsche sich aber Geld, denn das hab er zum Leben nöthig. »Nun, sprach der erlöste Barbier, so geh nur hin und heb die Steine auf, die vor der Klosterthür liegen, da wirst Du Geld genug finden!« – Wie er nun den ersten Stein aufhob, sprang eine »Krott« (Kröte) ihm entgegen, und das war gewiß Niemand anders, als der Teufel; unter dem zweiten Steine aber fand er einen Schatz, an dem er sein Lebenlang genug hatte.

46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[162] 46. Die schwarzen Männlein.

Eine Hausfrau hatte einmal eine große Wäsche vor und wollte schon früh Morgens damit anfangen und sagte der Magd, sie sollte doch ja die Zeit nicht verschlafen. Nein, sagte die Magd, das wollte sie gewiß nicht, und nahm sich, ehe sie einschlief, recht fest vor, daß sie bei Zeiten aufwachen wollte; und da wachte sie auch schon mitten in der Nacht wieder auf, meinte aber, es sei schon ganz spät und sprang deshalb flink zum Bett heraus und zog sich an und gieng in die Waschküche. Aber wie erschrack sie da, als sie die Thür aufmachte! Da war es in der Küche ganz hell und am Feuerheerde sah sie mehre kleine schwarze Männlein, die hatten hohe »Häfen« (Töpfe) auf dem Heerde stehen und winkten ihr, daß sie zu ihnen kommen möchte. Da gieng sie auch in die Küche, und nun gaben ihr die kleinen Männlein durch Zeichen und Winke zu verstehen, daß sie mit der Schaufel die brennenden Kohlen, die da lagen, nehmen und in die Häfen werfen sollte. Da warf sie einige Schaufeln voll hinein, und nun waren die schwarzen Männlein plötzlich verschwunden.

Die Magd hatte aber einen solchen Schrecken bekommen, daß sie kaum noch ihren Hausherrn wecken und ihm erzählen konnte, was sie gesehen hatte; dann mußte sie sich wieder in's Bett legen und war mehre Tage lang recht krank.

Am andern Morgen, als der Hausherr die Waschküche untersuchte, sah er, daß die Feuerkohlen in den Häfen in [163] helles blankes Gold verwandelt waren; das wagte er jedoch nicht anzurühren, sondern ließ es bis zum folgenden Tage in den Häfen stehen; als es aber auch da noch ebenso drin lag, glaubte er es nehmen zu dürfen und brachte es der Magd, die nun mit einem Male unermeßlich reich geworden war. Und weil sie schon lange den Sohn ihres Hausherrn ganz still lieb gehabt hatte und er sie, so hat der Vater jetzt nichts mehr dagegen gehabt, daß die beiden sich geheirathet haben.

47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat.

Diese Geschichte scheint zwar lügenhaft und ganz unglaublich, ist aber doch wahr. – Da ist einmal frühmorgens ein Schneider zum Ausnähen in ein Haus gekommen, und als er in's Zimmer getreten und noch Niemand da gewesen ist, hat er die Elle Tuch, welche die Hausfrau ihm zurecht gelegt hatte, genommen und in seinen Sack gesteckt und nach Haus gebracht; dann ist er wieder gekommen und hat die Frau gefragt: »was soll ich nähen?« Hat die Frau ihm geantwortet: »ich hab's schon hergerichtet!« und sucht und sucht und sieht am Ende, daß kein Tuch mehr da ist. »Ach Du lieber Gott!« hat sie da ausgerufen, »das Tuch ist fort! ach saget doch, saget doch nur meinem Hansen[164] nichts davon, meinem Mann, sonst schlägt er mich zu Tod!« »Seid nur ruhig, Frau!« hat der Schneider da gesagt; »ich hab grad eine Elle Tuch zu Haus, die will ich holen.« Da hat er die Elle wiedergebracht und der Frau heimlich verkauft, und hat dann ihrem Mann eine Weste daraus geschnitten, hat aber nur drei Viertel Ellen dazu gebraucht und das vierte Viertel wieder in seinen Sack geschoben, also, daß er in Wahrheit von einer einzigen Elle Tuch fünf Viertel Elle gestohlen hatte; und der Hans merkte nichts davon.

48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau.

Es ist schon lange her, da war einmal eine Gräfin, die befand sich nicht wohl und gieng deshalb an einem See spazieren. Da hörte sie im See die Waßerfrau sprechen und redete sie an, worauf die Waßerfrau hervorkam und sich mit ihr unterhielt. Auch später sprachen sich die beiden noch öfters an diesem See und wurden so vertraut mit einander, daß die Waßerfrau ihr anbot, sie wolle als Pathin das Kind zur Taufe halten, das die Gräfin gerade damals zu bekommen hoffte. Dieß Versprechen nahm die Gräfin auch gern an, und als sie bald darauf wirklich eine kleine Tochter kriegte, so lud sie auf einen bestimmten Tag die Waßerfrau als Pathin ein. – Als der Tag da war und [165] die Gräfin Alles zur Taufe zugerichtet hatte, fehlte nur die Pathin noch. Man wartete und wartete; aber immer umsonst. Endlich gieng die Thür auf und die Waßerfrau trat herein mit einem großen weißen Schleier, der war aber halb naß. Sie hielt nun das Kind zur Taufe und legte ihm als Pathengeschenk ein Körbchen mit drei Eiern unter's Kissen und sagte: diese Eier solle man ja recht sorgsam aufheben; die könnten dem Kinde einmal nützlich werden.

Nicht lange nachher, da starb die Gräfin. Die Frau, welche der Graf alsdann wieder heirathete, bekümmerte sich nicht viel um das Kind der frühern Frau, weil sie's nicht recht leiden konnte, und übergab es deshalb einem Kindermädchen, das konnte mit ihm machen, was es wollte, und gieng oftmals mit ihm spazieren und ließ es dann ganz allein in der Nähe des See's spielen. Da kam dann aber jedesmal die Waßerfrau und hütete es und unterhielt es und erzählte ihm allerlei hübsche Geschichten. – Da gedieh die junge Gräfin sehr wohl und war schon ziemlich erwachsen, als in einer Nacht das Schloß ihres Vaters abbrannte und er mit einem Male ein ganz armer Mann wurde. – In dieser Noth flüchtete sich die junge Gräfin mit ihrem Eierkörbchen, das sie gerettet hatte, zu ihrer Pathin im See und fragte diese um Rath, was sie jetzt anfangen sollte. Als die Waßerfrau sah, daß die junge Gräfin die drei Eier noch hatte, so sagte sie zu ihr: »Du bist noch reich genug; denn durch diese Eier werden Dir drei Wünsche, die Du thun darfst, gewährt, sie mögen so groß und so schwer sein, wie sie wollen. Indes mußt Du ja nicht leichtsinnig deine[166] Wünsche verschwenden und immer noch für den Nothfall einen aufsparen.« Sodann sagte sie ihr weiter, sie solle durch den Wald zu einer hohen Herrschaft gehen und dort als Dienstmagd sich verdingen. Ja, damit war die junge Gräfin wohl zufrieden und machte sich sogleich auf den Weg dahin.

Unterwegs aber traf sie ein Bauermädchen, die hieß Kätterle und hatte ganz gewöhnliche Kleider an. Weil sie nun besorgt war, daß man sie in ihren vornehmen Kleidern nicht leicht als Dienstmagd nehmen würde, so fragte sie das Kätterle, ob sie nicht Lust habe, die Kleider umzutauschen und die ihrigen dafür anzuziehen? Ja, dem Kätterle war es ganz recht, und so gab die junge Gräfin ihren ganzen Anzug hin, und zog dafür die Bauernkleider an. Dann wanderte sie allein weiter durch einen großen Wald und kam zu einem Schloße, darin wohnte eine vornehme Herrschaft, bei der fragte sie an, ob man keine Dienstmagd brauche? O ja, die könnte man wohl brauchen, hieß es; allein die Gräfin sah doch gar zu jung und zu zart aus, so daß man sie anfangs nicht nehmen wollte. Weil sie indes nur sehr wenig Lohn forderte und versprach, daß sie jede Arbeit im Hause und in der Küche thun wolle, so behielt man sie endlich doch. Und da mußten nun ihre weißen Händchen die härteste Arbeit verrichten und wurden auch ganz hart und braun davon. Auch ihre Kleider sahen zuletzt von der Arbeit ganz schmierig und schmutzig aus, – denn neue konnte sie sich nicht anschaffen, – so daß sie deshalb die Wohnzimmer der vornehmen Herrschaft niemals betreten durfte.

[167] So waren schon sieben Jahre hingegangen und die junge Gräfin war noch immer Dienstmagd und Küchenmädchen. Da gedachte der Sohn des Hauses sich zu verheirathen, und um sich die schönste Frau aussuchen zu können, veranstaltete er einen großen Ball, dazu wurden alle vornehmen Töchter aus der Umgegend eingeladen. Als die nun eines Abends in prächtigen Kleidern ankamen, da dachte die junge Gräfin: »es wäre doch schön, wenn ich auf den Ball könnte!« Da fielen ihr plötzlich die drei Eier ein, und nachdem sie ihre Arbeit in der Küche gethan hatte, nahm sie Waßer, gieng auf ihr Zimmer und wusch sich und wünschte sich dann ein recht hübsches Ballkleid mit Allem, was dazu gehörte. Im Augenblick war Alles da. – Da zog sie es an und gieng in den Ballsaal, wo die Gäste schon versammelt waren und alle das schöne unbekannte Fräulein bewunderten. Auch dem Sohne vom Hause gefiel sie so gut, da er sich den ganzen Abend am liebsten mit ihr unterhielt und sie bat, als sie fortgieng, ihm ihr Taschentuch zu schenken; das that sie gern, und er gab ihr dann zum Andenken das seinige. Dann schlich sie sich ganz heimlich auf ihre Schlafkammer und versteckte das prächtige Ballkleid und zog wieder ihr schlechtes Küchenkleid an. – Am folgenden Tage nun sprachen die übrigen Mägde viel von dem fremden schönen Fräulein, das dem Herrn so gut gefallen habe, und die eine vermuthete dieß, die andere das. Das Alles hörte die junge Gräfin aufmerksam mit an und war ganz still und vergnügt dabei.

Nach vier Wochen gab der junge Herr einen zweiten [168] Ball, und wie die Mägde sich erzählten, so wollte er an diesem Abend sich eine Frau auswählen. Da meinte die junge Gräfin, sie möchte doch auch wohl dabei sein und konnte es nicht unterlaßen, ihren zweiten Wunsch zu thun und sich für den Ball ein Kleid voll Diamanten nebst allem übrigen Schmuck zu wünschen. Das legte sie an und trat wieder zuletzt in den Saal. Da staunten alle Männer und Frauen noch weit mehr als das erste Mal über das wunderschöne Fräulein; am meisten aber der junge Hausherr selbst; der wich gar nicht mehr von ihrer Seite und gestand ihr am Ende, daß er sie lieber habe als Alles, was es sonst noch auf der Welt geben möge, und wenn sie ihn ebenfalls lieb haben könne, so sollte sie seine Frau werden.

Da sagte ihm aber die junge Gräfin: sie fürchte nur, es werde sein Wort ihn gereuen, sobald er erführe, wer sie sei. Allein als er sagte: sie möge sein, wer sie wolle, er habe Niemand so lieb wie sie und könne nicht mehr leben ohne sie, da willigte sie endlich ein und nahm den Ring, den er ihr gab, und gab ihm dagegen ebenfalls einen Ring, den sie von ihrem Finger zog. Zugleich wurde verabredet, daß sie in vier Wochen wiederkommen und dann wirklich seine Frau werden sollte. Darauf gieng sie wieder ganz heimlich fort, so daß Niemand wußte, wo sie geblieben war.

Die Mägde aber sprachen am andern Tage viel von der schönen jungen Braut und wie der junge Hausherr sie so lieb habe. Das Alles hörte das Küchenmädchen gern mit an, und wenn ihr das Herz in der Brust auch zuweilen [169] vor Freude hüpfte, so sagte sie doch Niemand, was sie wußte und wer sie war.

So kam denn der Tag, wo der große Hochzeitsball gefeiert werden solle. Da fiel es aber der jungen Gräfin mit Schrecken ein, daß sie nur noch einen einzigen Wunsch übrig habe und daß die Waßerfrau sie so dringend ermahnt hatte, doch ja noch Einen Wunsch für einen Nothfall aufzusparen. Deshalb glaubte sie, sie dürfe dießmal nicht auf den Ball gehen. Sie wäre zwar gar zu gern wieder hingegangen; aber sie blieb dießmal doch zu Haus. – Darüber war nun der Bräutigam ganz unglücklich, und weil er von seiner Braut gar nichts mehr hörte und sah, so wurde er krank aus Kummer. Kein Arzt konnte da helfen. Er dachte immer nur an seine Braut und hätte vor Heimweh und Sehnsucht sterben mögen. Als dieß die junge Gräfin von der Köchin, der sie immer helfen mußte, erfuhr, so that es ihr herzlich leid und sie machte sich stille Vorwürfe darüber, daß sie den dritten und letzten Wunsch noch zurückbehalten und nicht, ihrem Herrn zu lieb, auf den Ball gegangen war. Vielleicht, meinte sie, sei er dann wohl nicht krank geworden. Jetzt aber dachte sie Tag und Nacht daran, wie sie ihm helfen und sich ihm zu erkennen geben könnte.

Da verordnete eines Tags der Arzt dem Kranken eine Suppe und das Küchenmädchen bat die Köchin, daß sie ihr doch erlaube, diese Suppe zu kochen. Die Köchin wollte das durchaus nicht zugeben. Weil das Küchenmädchen aber so dringend und um Gottes willen bat, so ließ sie es endlich geschehen. Und nun bereitete sie die Suppe, so gut sie es [170] nur konnte und als sie fertig und in eine Schüßel gefüllt war, warf sie ihren Brautring hinein. Dann mußte die Köchin sie dem Kranken hinbringen; denn das Küchenmädchen durfte die Zimmer des vornehmen Herrn durchaus nicht betreten. Die Suppe aber schmeckte dem Kranken so gut, o so gut, daß er sie rein ausaß. Da sah er mit einem Male unten in der Schüßel den Ring seiner Braut und war ganz glücklich und ließ sogleich die Köchin kommen und fragte, wer die Suppe gekocht und den Ring hineingethan habe? Da kam die Köchin in große Noth; denn von dem Ringe wußte sie nichts und gestand es endlich, daß das Küchenmädchen diese Suppe zubereitet habe. Da wurde das Küchenmädchen herbeigerufen, und wie sie in's Zimmer trat, sprach der junge Hausherr: »Also Du bist es, Du lumpiges, schmutziges Ding? Du hast die Suppe gekocht? Woher hast den Ring da?« Da antwortete ihm das Küchenmädchen sanft und schüchtern, den Ring habe ihr der gnädige Herr ja selbst geschenkt. Darauf wurde er ganz zornig und schalt sie aus und wies sie zur Stube hinaus. Dann aber befahl er, man solle genau Acht geben, was das Küchenmädchen mache und mit wem sie umgehe. Das Küchenmädchen aber war ganz beschämt in ihre Schlafkammer gegangen, hatte sich gewaschen und ihr diamantenes Ballkleid angezogen. Auch das Kleid, welches sie auf dem ersten Balle getragen und das Taschentuch, welches ihr der Hausherr geschenkt hatte, nahm sie mit, und so gieng sie jetzt zu dem Kranken.

Wie sie aber aus der Thür trat, stand ein Bedienter da, um aufzupaßen, und als der die wirkliche Braut sah [171] und erkannte, wollte er der erste sein, der es dem Herrn meldete und stürzte in der Eile die Treppe hinunter und brach ein Bein. Ein anderer Bedienter, der unten stand, wurde von dem Glanze der Diamanten so geblendet, daß er erblindete. Als nun das Küchenmädchen in diesem Schmucke zu dem Kranken kam, da erkannte er sogleich seine Braut und fühlte nichts mehr von seiner Krankheit. Die Braut aber sagte zu ihm: »Da ist nun das lumpige, schmutzige Ding, das Du vorher aus der Stube gewiesen hast, und das Dir die Suppe gekocht und den Ring, den Du ihm geschenkt, hineingeworfen hat. Habe ich nicht recht gehabt, als ich Dich warnte und Dir sagte, Du würdest mich nicht heirathen, wenn Du wüßtest, wer ich sei?« Dann erzählte sie ihm Alles, was er je mit ihr gesprochen, zeigte ihm das Kleid, was sie auf dem ersten Balle getragen und das Taschentuch, das er ihr damals geschenkt hatte. – Da sah der junge Herr nun wohl, daß seine Frau eben das Küchenmädchen war und bat sie tausendmal um Verzeihung wegen der harten Worte, die er, ohne sie zu kennen, zu ihr gesprochen hatte, und betheuerte ihr noch einmal, daß er Niemand anders heirathen werde, als sie.

Er hat ihr auch Wort gehalten und hat sie zu seiner Frau genommen, obwohl seine Mutter es gar nicht zugeben wollte und sehr bös war, daß er so ein verlaufenes Küchenmädchen heirathete.

Als nun die junge Gräfin ihr erstes Kindlein kriegte, und das war eine Tochter, so nahm die alte Schwiegermutter sie ihr heimlich weg und warf sie in den See. Ebenso [172] machte sie es später mit der zweiten Tochter. Ihrem Sohne aber sagte sie, daß seine eigene Frau die beiden kleinen Kinder umgebracht habe. Da ward der Mann sehr zornig und so lieb er früher seine Frau auch gehabt hatte, so bös ward er jetzt auf sie und befahl, daß sie zur Strafe in ihrem Zimmer verbrannt werden sollte. – Darauf wurde sie eingeschloßen und der große Ofen ganz glühend gemacht, und als die Frau die Hitze nicht mehr ertragen konnte, fiel es ihr ein, daß sie noch einen Wunsch habe, und wünschte sich sogleich ihre Pathin, die Waßerfrau herbei. Die war auch im Augenblick da und half ihr, machte es kühl und öffnete das Zimmer und sagte: »Deine beiden Töchter, welche die Schwiegermutter in den See geworfen hat, habe ich gerettet und aufgezogen. Ich will sie noch heute nebst einem geschriebenen Zettel an's Ufer stellen; von dort mußt Du sie abholen; dann wird Alles gut gehen.« Und so geschah es denn auch. Als nun die beiden Töchter, die beide wunderschön waren, in das Schloß zu ihrem Vater kamen und dieser aus allen Zeichen genau erkannte, daß dieß wirklich seine eigenen Kinder waren und daß seine übermüthige Mutter sie hatte umbringen wollen, da herzte und küßte er sie vielmals vor Freude, und bat seine Gemahlin mit Thränen um Verzeihung. Die böse alte Gräfin aber mußte nun die Strafe leiden, die sie der Frau ihres Sohnes hatte bereiten wollen, und darauf lebte die junge Gräfin mit ihrem Manne und ihren Kindern immer in Frieden und Freude und Jedermann hatte sie gern; besonders gut aber hatten es die [173] Mägde bei ihr die früher mit ihr gedient hatten, und namentlich die alte Köchin, die ihr erlaubt hatte, die gute Suppe zu kochen.

49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

49. Die drei Raben.

Es war einmal eine Frau, die erwartete Besuch und hatte deshalb drei Pasteten gebacken und in den Keller gestellt. Sie hatte aber drei Söhne, die besaßen gar feine Nasen und rochen die Fleischkuchen im Keller, und stiegen hinein und aßen sie ganz heimlich mit einander auf. Als nun die Mutter die Pasteten holen wollte, waren alle fort. Da wußte sie gar nicht, wer sie gegeßen haben mochte und war ganz ärgerlich und sprach für sich: »so wollt' ich doch, daß die Pastetenfreßer zu Raben würden!« Und sogleich flogen ihre drei Söhne als schwarze Raben in der Stube herum und dann zum Fenster hinaus. Ehe sie aber fortflogen, riefen sie aus der Luft noch ihrer einzigen Schwester zu: »besuch' uns auch, lieb's Schwesterlein, über's Jahr in dem Schloße auf dem gläsernen Berge! Du mußt aber zwei Hühnerfüßchen mitbringen, um hineinzukommen, und findest Du uns nicht zu Haus, so mußt Du ein wenig warten!« Dann schwangen sie sich hoch in die Luft dem gläsernen Berge zu, indem die Schwester ihnen lange nachsah, bis sie endlich so klein, so klein wurden wie ein Pünktchen, und ihr[174] Aug sie zuletzt gar nicht mehr von dem blauen Himmel unterscheiden konnte. Da war sie sehr traurig und ihre Mutter noch viel mehr, weil sie, ohne es zu wißen, ihre eigenen Kinder zu Raben verwünscht hatte.

Als nun das Jahr herum war, ließ die Schwester sich nicht länger halten und machte sich, so ungern es die Mutter auch zugab, ganz allein auf den Weg nach dem gläsernen Berge, um ihre drei verwünschten Brüder zu besuchen, und wenn es möglich wäre, zu erlösen. Sie nahm, wie die Brüder ihr gesagt hatten, zwei Hühnerfüßchen mit, und fand richtig den Weg zu dem Berge und zu dem Schloße, und gieng in dasselbe hinein. Da war es gerade halb zwölf Uhr und das Mittagseßen stand fertig da; aber kein Rabe war zu sehen und zu hören.

Da nahm sie den einen Löffel und aß damit ein wenig von dem zweiten Teller und trank aus dem Glase, das ihrem dritten Bruder gehörte. Dann durchsuchte sie das ganze Schloß, und als sie nirgends einen Menschen, noch sonst ein lebendiges Wesen antraf, verkroch sie sich in einen Backofen. – Nachdem sie eine kleine Weile darin gelegen, kam die Mittagsstunde, und mit dem Schlag zwölf hörte sie auch die Raben schreien und durch's Fenster fliegen. Die merkten bald, daß ein Mensch in dem Schloße sein müße und sagten: »unser Schwesterlein ist da!« »Ja, sagte der Erste, sie hat meinen Löffel genommen,« »und hat von meinem Teller gegeßen!« sagte der Zweite, »und hat aus meinem Glas getrunken!« sagte der Dritte. Dann suchten sie so lange, bis sie endlich im Backofen ihr Schwesterlein [175] fanden. Da kroch es heraus und gieng mit den Brüdern zu Tisch und aß und trank, und Alle waren recht vergnügt beisammen.

»Ach, sagte aber dann die Schwester, wenn ich Euch nur erlösen könnte, daß Ihr auch wieder Menschen würdet! Ist denn das ganz unmöglich?« »Das wohl nicht, sagten die Brüder, aber schwer ist es, sehr schwer! Du müßtest sieben Jahre lang in den Wald gehen und kein Wort reden, dann würden wir erlöst sein und unsre Menschengestalt wieder bekommen.« »O, rief die Schwester, wenn's weiter nichts ist, so soll es schon gehen und ich will Euch gewiß erlösen.« Darauf nahm sie Abschied von ihren Brüdern und begab sich tief in den Wald hinein.

Nachdem sie hier von Kräutern und Beeren eine Zeitlang ganz einsam gelebt hatte, begegnete ihr eines Tags ein Jäger, der redete sie an und fragte hin und her, bekam aber auf keine Frage eine Antwort. Das that ihm sehr leid; denn das Mädchen war sehr schön und gefiel ihm so gut, daß er sich ganz in sie verliebte und sie gar zu gern in seine Hütte geführt und geheirathet hätte; aber er wußte ja nicht, ob sie ihn auch nur verstand. Indes eh er fortgieng, konnte er es nicht unterlaßen, seinen Wunsch wenigstens auszusprechen und sie zu fragen: ob sie ihn nicht heirathen möge? Ja, da nickte sie, und nun nahm er sie vergnügt mit in sein Jägerhaus und hielt Hochzeit mit ihr.

Der Jäger aber hatte viel im Walde zu thun und war selten daheim; oft mußte er ganze Wochen lang abwesend sein und seine Frau allein laßen. – So war er auch [176] gerade wieder einmal in einer ganz anderen Gegend des Waldes, als seine Frau ein kleines Söhnlein bekam. Die Hebamme aber war eine böse Frau und konnte die Jägersfrau nicht leiden, weil sie nie einen Laut von sich gab, selbst nicht bei der Geburt ihres Kindes. Deshalb schrieb sie dem Jäger, seine Frau habe einen Hund zur Welt gebracht, was er damit anfangen wolle? Der Jäger antwortete, man solle die Misgeburt in's Waßer werfen. Das that denn auch die Hebamme sogleich, ohne daß die arme Mutter etwas dagegen machen oder auch nur sagen durfte. – Kaum hatte aber die Hebamme den Knaben in's Waßer geworfen, so kamen drei Raben herbeigeflogen und zogen ihn heraus und nahmen ihn mit auf ihr Schloß und fütterten ihn auf.

Der Jäger aber hatte seine Frau noch ebenso lieb wie vorher und freute sich, als sie bald hernach wieder guter Hoffnung wurde. Es traf sich jedoch auch dießmal, daß er gerade abwesend war, als seine Frau niederkam und zum zweiten Male ein Söhnlein zur Welt brachte. Da ließ die böse Hebamme dem Vater sagen, seine Frau habe wieder einen Hund geboren, worauf der Jäger zur Antwort gab, man solle den Hund in's Waßer werfen. Da nahm die Hebamme auch den zweiten Sohn und warf ihn in ein tiefes Waßer; aber da waren auch sogleich die drei Raben bei der Hand und retteten das Kind und brachten es auf's Schloß zu seinem Brüderchen, wo es keine Noth litt.

Der Jäger war nun zwar bekümmert über die zweimaligen Misgeburten seiner Frau, glaubte aber, es sei dieß eine Schickung des Himmels, die er in Geduld ertragen [177] müße, und war deshalb nicht minder lieb und freundlich gegen seine Frau, als früher. – Als sie aber zum dritten Male in seiner Abwesenheit ein Söhnlein kriegte und die falsche Hebamme ihm schrieb, seine Frau habe ihm nochmals einen Hund geboren, da schrieb er wieder zurück, man solle den Hund sogleich ersäufen; aber nun war es ihm auch mit der Frau zu arg, und je mehr er darüber hin und her dachte, um so gewißer wurde es ihm, daß sie eine gottlose Hexe sein müße, weil der Himmel sie so sichtbar strafe. – Da gieng er heim und ließ auf der Stelle einen Scheiterhaufen errichten und die Frau darauf binden, um sie lebendig zu verbrennen. »Ach Gott im Himmel, wie wird mir's gehen?« dachte still die arme Frau bei sich, und durfte doch kein Wörtchen reden.

Wie nun aber der Holzhaufen angezündet wurde und der Rauch schon dick aufstieg und die Frau einhüllte, da waren gerade die sieben Jahre bis auf Stunde und Minute herum, und im Augenblick kamen drei glänzend weiße Reiter auf schneeweißen Pferden dahergesprengt, und Jeder hatte ein hübsches Knäblein im Arm und rief, was er konnte: »halt! halt! nehmt die Frau herunter!«

Das waren die erlösten Brüder; die brachten die drei Söhne ihrer Schwester mit und erzählten, wie und wo sie dieselben gerettet hatten, und sprachen: »o liebe Schwester, jetzt sind wir wieder Menschen, jetzt rede!« Da erzählte sie ihrem Mann, weshalb sie so lange habe schweigen müßen; und als sie nun so ihre Kinder wieder bekommen hatte und ihre Unschuld an den Tag gebracht war, da [178] wurde an ihrer Statt die boshafte Hebamme auf den Scheiterhaufen gelegt und zu Asche verbrannt. – Weil aber der Jäger so leichtgläubig gewesen war und seine Frau für eine Hexe gehalten hatte, so wollten ihre Brüder sie ihm nicht länger laßen, sondern nahmen sie mit und behielten sie bei sich bis an ihr Ende und vergaßen niemals, was die treue Schwester für sie gethan und ausgestanden hatte.

50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

50. Der Schatz im Keller.

Es war einmal Markt in einem Orte; da kam Abends ein fremder Mann in ein Wirthshaus und wünschte daselbst zu übernachten. Der Wirth aber sagte: »Alles ist schon besetzt, weil ich nur wenig Platz habe; denn das neue Haus, das ich da gebaut habe, kann ich gar nicht benützen.« Fragte der Reisende: »warum nicht?« – »Ei, sagte der Wirth, weil böse Geister drin sind, die jeden umbringen, der sich Nachts hineinlegt.« Der fremde Mann jedoch sagte, er habe keine Furcht vor Geistern; der Wirth solle ihm nur zu eßen und zu trinken geben und auch Lichter für die ganze Nacht, damit er sehen könne, was sich etwa begeben würde, dann wolle er gern in dem neuen Hause schlafen. Und weil er von seinem Vorsatze sich nicht abbringen laßen wollte, so gab ihm der Wirth endlich, was er wünschte. Darauf begab er sich in das Haus, aß und trank und blieb wohlgemuth am Tische sitzen.

[179] Auf einmal aber, wie es eben elf geschlagen, that sich die Decke über seinem Tische auf, und ein großer Mann ließ sich herunter, der hatte ein Tuch um, das halb weiß und halb schwarz war, und sagte: »was machst Du hier?« Darauf sagte der Fremde: »ich habe keine andre Herberge mehr bekommen können, und so bin ich hier geblieben.« – »Das ist ein schlimmer Platz, sprach der Geist; Du wirst dein Leben wohl hier laßen müßen; hast Du aber den Muth, mich zu erlösen, so bist Du gerettet.« Als der Reisende sich dazu bereit erklärte, sprach der Geist weiter: »es werden alsbald zwölf Teufel oder Geister erscheinen, die werden eßen und trinken und Dich nöthigen, mit ihnen zu eßen, und werden auch mit Dir reden wollen. Du darfst aber nichts von ihnen annehmen, auch kein Wort mit ihnen reden, sondern nur durch Winke sie abweisen. Dann werden sie Dir drohen und werden Anstalt machen, Dich zu verbrennen, und werden Holz zusammenlegen und Dich darauf binden. Aber sei nur ohne Angst! sie mögen mit Dir anfangen, was sie wollen, sie werden es vor zwölf Uhr nicht zu Stande bringen, und mit dem Schlag zwölf müßen sie fort und dann bist Du gerettet. Deshalb laß sie nur machen und sprich nur kein Wort! Dann wird Dich ein Geist in den Keller führen und Dir Bickel (spitze Haue) und Schaufel anbieten; zu dem mußt Du sprechen: hast du's eingegraben, kannst's auch wieder ausgraben!« Und als er dieß gesagt hatte, verschwand der Geist und schwebte gegen die Decke zu, woher er gekommen.

[180] Da währte es nicht lange, da kamen die zwölf Teufel, deckten einen Tisch und trugen Eßen und Trinken auf, und quälten den fremden Mann, daß er miteßen solle. Als dieser aber Alles abwies, sprachen sie: »so wollen wir ihn nur verbrennen!« und fiengen an, viel Holz herbeizutragen und einen Scheiterhaufen zu errichten; allein ehe sie damit fertig wurden, schlug es Zwölf. Da zogen sie ab, rasselten und wetterten aber dabei so gewaltig, daß man hätte glauben sollen, das Haus werde zusammenstürzen. – Darauf trat wieder der erste Geist herein, kam aber dießmal durch die Thür und führte den Fremden stillschweigend in den Keller und bot ihm Bickel und Schaufel an; die nahm er jedoch nicht, sondern sagte: »hast Du's eingegraben, kannst's auch wieder ausgraben!« Darauf verschwand der Geist, der nun erlöst war; der Mann aber legte sich jetzt ruhig in's Bett, und als am andern Morgen der Wirth kam, erzählte er ihm Alles, was er habe aushalten und thun und sagen müßen als ihn der Geist zuletzt noch in den Keller geführt. Darauf nahm der Wirth sogleich zwei Tagelöhner und ließ in dem Keller nachgraben; da fanden sie alsbald drei Kisten voll Gold und Silber, die der Wirth aus Dankbarkeit mit dem Fremden theilte. Seitdem wurde Niemand in dem Hause mehr umgebracht.

51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[181] 51. Der faule Frieder.

Da dienten einmal bei einem Schullehrer zwei Knechte, davon hieß der eine Matthes, der andre Frieder. Der Matthes war fleißig, der Frieder aber mochte gar nicht arbeiten. Da sagte ihm endlich der Schullehrer: er solle doch in die Kirche gehen und die Mutter Gottes anrufen, so bekomme er wohl Brod, ohne zu arbeiten und brauche nicht mehr zu dienen. Der Rath gefiel ihm und er begab sich in die Kirche, um zu beten. Der Matthes aber schlich heimlich hinter ihm her, und als er nun zur Maria rief und sprach: »ach Maria, Mutter Gottes, gib mir doch Brod, ich mag nicht schaffen!« da rief der Matthes aus einem Winkel, wo er sich versteckt hatte: »wer nicht arbeitet, soll auch nicht eßen!« Darauf lief der Frieder ganz erschreckt nach Haus und erzählte dem Schullehrer, wie es ihm ergangen war und sagte, daß ein Geist in der Kirche sei. Der Schullehrer aber wollte das nicht glauben und sagte, er solle nur noch einmal recht ordentlich beten. Das that er denn auch; allein der Matthes hatte sich wieder hingeschlichen und rief, als der Frieder ausgebetet hatte: »wer nicht arbeiten will, soll auch nicht eßen!« also, daß der Frieder lief, was er nur laufen konnte und Alles dem Schullehrer erzählte. Der meldete den Vorfall sogleich dem Pfarrer; der war eben krank an der Fußgicht und konnte nicht gehen, ließ sich daher in die Kirche tragen, um den Geist zu beschwören. Der Frieder mußte ebenfalls in die Kirche und sein Gebet an die Maria noch einmal sprechen. Da antwortete aber zum dritten [182] Mal der Matthes aus seinem Hinterhalte: »wer nicht arbeiten will, soll auch nicht eßen!« Da begann der Pfarrer von der Kanzel herunter also:


»Geist, Geist, ich beschwöre Dich

Beim Elemente!«


Da schrie aber der Mathes ganz fürchterlich:

»Und ich freße Dich

Beim Sakramente!«


Darüber entsetzte sich der Pfarrer dermaßen, daß er plötzlich gehen konnte und von der Kanzel sprang und nach Haus lief und von seiner Fußgicht kurirt war. Ob's aber auch den Frieder von seiner Faulheit kurirt hat, das weiß ich nicht.

52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

52. Hans holt sich eine Frau.

Es waren einmal drei Brüder, von denen wollten zwei auf Reisen gehn, um sich eine Frau auszusuchen. Sprach die Mutter: »nehmt nur auch den Hans mit; denn für sich allein bekommt der sonst doch nie ein Weib.« Der Hans nämlich der war der jüngste und war über die Maßen dumm. Da nahmen ihn endlich die Brüder mit, verlangten aber, daß er ihnen überall folgen müße. Ja, das wollte er auch. – Nun besuchten sie zuerst ein Wirthshaus, darin [183] war ein hübsches Mädchen; sie sagten aber vorher dem Hans, er solle ihnen hier nur keine Schande machen und nicht so viel eßen wie zu Haus; deshalb wollten sie ihm ein Zeichen geben und unter den Tisch klopfen, wenn er genug habe und aufhören müße. Ja, der Hans wollte wohl Acht geben und sich genau danach richten.

Da trug sich's zu, als sie in dem Wirthshause bei Tisch saßen und dem Hans die Linsensuppe gar zu gut schmeckte, daß der Hund unter dem Tische mit seinem Schwanze unter die Tischdecke schlug, also, daß der Hans meinte, seine Brüder gäben ihm das verabredete Zeichen und alsbald seinen Löffel niederlegte und nicht mehr eßen wollte, so sehr ihn auch die Wirthin und ihre Tochter dazu nöthigten. Auch die Brüder forderten ihn auf, er solle nur noch mehr eßen; allein Hans meinte, sie sagten das nur so, damit die Wirthin nichts von dem gegebenen Zeichen merken sollte. Er hatte aber in der That erst sehr wenig gegeßen. Deshalb sagte er zu seinen Brüdern, als sie zu Bett gehen wollten: »ich halt's nicht aus, ich muß noch etwas zu eßen haben!« Da verspotteten sie ihn noch, daß er durch den Hund sich hatte täuschen laßen, sagten aber, wenn er's gar nicht aushalten könne, so solle er nur in die Küche gehen, dort stehe noch eine ganze Schüßel voll Linsen. Da machte Hans sich auf den Weg und fand auch richtig in der Küche die Linsenschüßel und aß sie rein aus mit seiner Hand, kam dann zu den Brüdern zurück und wollte am Betttuch sich abtrocknen; die Brüder aber schickten ihn fort an den Brunnen, dort solle er sich erst waschen. Hans gieng hin und fand am [184] Brunnen einen Krug, der mit Waßer gefüllt war, steckte seine Hand hinein und spülte sie drin ab, konnte sie aber nicht wieder herausbringen, weil er sie zusammenballte. Deshalb kam er mit dem Kruge zu seinen Brüdern und klagte ihnen seine Noth. Sie sagten ihm aber: »ei, so zerschlag ihn doch am Brunnen, da wird er schon heruntergehen!« Das that er denn auch.

Als Hans nun eben den Krug zerschlagen hatte, kam die schöne Wirthstochter und wollte noch einen frischen Trunk für die Nacht holen. Hans aber nicht faul, faßte das Mädchen mit seinen starken Armen und trug's schnell fort zum Dorf hinaus, es mochte sich wehren und schreien, so viel es wollte, und kam nach wenigen Stunden damit zum Hause seiner Mutter und sagte: »da hab' ich eine Frau!« daß die Mutter sich nicht genug verwundern konnte. Dann gieng er zu Bett und die Wirthstochter mußte an seiner Seite liegen. Da schnarchte der Hans nun bald aus Leibeskräften, daß es dem armen Mädchen schier angst wurde und sie dachte: »ach, wärst du nur erst wieder fort und bei deiner Mutter!« – Endlich, als auch Hans seine Mutter fest schlief, stand sie ganz sacht auf und schlich sich aus der Kammer und suchte durch den Ziegenstall aus dem Hause zu kommen. Vorher aber band sie erst die Ziege los und führte sie in die Kammer und legte die dem Hans in's Bett; dann machte sie, daß sie fort kam.

Als Hansens Mutter am andern Morgen aufwachte, rief sie: »Hans, Hans, lieber Hans, hast Du auch deine Frau noch?« Da erwachte der Hans aus seinem gesunden [185] Schlafe und sprach: »ich will mal zufühlen!« und langte zur Seite und sagte: »ja Mutter, sie ist noch da; aber sie ist ganz haarig.« – »Ach Narr, sprach die Mutter, das kommt Dir nur so vor!« –»Nein Mutter, sagte Hans, ich habe noch mal zugefühlt, sie ist über und über voller Haare!« – »Ach Hans, Du bist nicht recht gescheidt, sagte die Mutter, fühl nur recht zu!« Da fühlte der Hans noch einmal hin und sagte: »ach Mutter, sie hat auch ein Horn!« »Um Gottes willen, rief die Mutter, das wird doch der Teufel nicht sein!« – »Ach Mutter, sie hat zwei Hörner!« sagte Hans nach einer Weile und konnte das gar nicht begreifen. Die Mutter aber stand auf und zündete ein Licht an, und meinte nicht anders, als daß es der leibhaftige Teufel sei und besprengte ihn mit Weihwaßer, auf daß er ihr und ihrem Hans keinen Schaden zufügen könne.

Als es endlich Tag wurde, erkannte die Mutter ihre Ziege und führte sie wieder in den Stall. – Hans aber sagte, er wolle es wohl bleiben laßen, sich noch einmal eine Frau zu holen, weil diese ihm sogleich wieder davon gelaufen sei.

53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[186] 53. Simson, thu dich auf!

Es waren einmal sieben Räuber, die wohnten in einem Berge und bei ihnen war auch ein verwünschter Prinz, der mußte die niedrigste Arbeit thun, mußte Holz tragen und Kohlen holen und Feuer anmachen und Alles, was sonst die Küchenmagd thut, und wurde von den Räubern »Hans Dunsele« genannt. Da brachten die Räuber eines Tags auch eine Prinzessin, die sie gestohlen hatten, in den Berg. Wie die nun einmal stille in einem Winkel saß, hörte sie, wie der verwünschte Prinz bei seiner Arbeit so für sich hinsang:


Daß das die Königin nicht weiß,

Daß ich Hans Dunsele heiß'!


Darauf gieng sie zu ihm hin und redete ihn an und Beide erzählten sich dann, wie sie in den Berg gekommen waren und konnten gar nicht begreifen, wie es die Räuber nur anfangen mochten, daß sie in den Berg herein und wieder hinauskamen; wenn sie aber draußen waren, so schloß der Berg sich jedesmal wieder zu.

Einmal aber, als die Räuber fort wollten, versteckte sich die Prinzessin und hörte, wie der eine rief: »Simson, thu' dich auf!« Da öffnete sich der ganze Berg und sie giengen hinaus und alsbald schloß er sich wieder. Das erzählte sie sogleich dem Prinzen und nun verabredeten sich beide, daß sie mit einander fliehen wollten, und als sie Alles zugerichtet hatten und die Räuber eines Tages nicht da waren, so sprach die Prinzessin: »Simson, thu' Dich auf!« [187] Da that der Berg sich auf und sie konnten frei hinausgehen und zogen fort, weit weit in den Wald hinein; der wurde aber immer dichter und sie konnten weder Weg noch Steg finden. Da sprach der Prinz das Sprüchlein, das er oft für sich so hinsummte:


Daß das die Königin nicht weiß,

Daß ich Hans Dunsele heiß'!


Die Königin aber, seine Mutter, die hatte sich aufgemacht, ihren verwünschten Sohn zu suchen und war just in der Nähe, als er sang, so daß sie von ihm selbst seinen Namen erfuhr, den er bei den Räubern führte, und sogleich rief sie ganz laut und vergnügt: »Hans Dunsele!« – Da war er erlöst und alsbald lichtete sich der Wald und sie fanden den Weg nach Haus. Darauf hat er die Prinzessin, die ihm aus dem Berge geholfen hatte und mit ihm geflohen war, zu seiner Gemahlin genommen und lebte mit ihr glücklich bis an sein Ende.

54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch.

Es war einmal ein Soldat, der war immer lustig und guter Dinge, obwohl er nur wenig zu beißen hatte; denn die Groschen und Kreuzer wollten nie lange in seiner Tasche bleiben, so daß oft Schmalhans bei ihm Koch war. Doch [188] ließ er sich das nicht verdrießen; er blieb immer der lustige Ferdinand; so nannten ihn nämlich seine Kameraden.

Als er nun eines Tages vor der Thür des Königs die Wache hatte und sich das schöne Schloß mit seinen Kostbarkeiten recht betrachtete und all die vornehmen Herrn sah, die da aus und eingiengen und dem König zu Diensten waren: da dachte er, so ein König hat es doch gut; der hat Geld genug und für Geld kann man ja Alles haben in der Welt. Hätt' ich nur Geld, ich wüßte wohl was ich thäte.

Wie dem lustigen Ferdinand diese Gedanken so im Kopfe herum giengen und er Niemand hatte, dem er sie hätte mittheilen können, so nahm er ein Stück Kreide und schrieb an die Thür, die zum Zimmer des Königs führte:


Das Geld

Bezwingt die ganze Welt.


Als später der König ausgieng und diese Worte las, ließ er eine strenge Untersuchung anstellen, wer das geschrieben. Da gestand es der lustige Ferdinand sogleich ein, und weil der König ein guter gnädiger Herr war, ließ er ihn selbst vor sich kommen und stellte ihn darüber zur Rede, verzieh es aber dem Soldaten leicht, weil dieser sagte: er habe das nur so hingeschrieben, weil er auf dem Posten nicht habe reden dürfen und doch den Gedanken nicht habe los werden können. Dann aber wollte der König ihm beweisen, daß jener Gedanke unrichtig sei. Allein der lustige Ferdinand wußte den König immer zu widerlegen und sagte endlich sogar: »Herr König, wenn ich nur Geld genug hätte, so wollte ich Alles erreichen, es möchte sein, was es wollte; [189] ja ich glaube fest, ich wollte Eure Tochter zur Frau kriegen und selbst noch ein König werden.«

Diese Rede von einem gemeinen Soldaten verdroß zwar den König ein wenig, doch ließ er sich's nicht merken und sagte vielmehr: »um Dich zu widerlegen, will ich eine Wette mit Dir eingehen. Du sollst ein ganzes Jahr lang so viel Geld haben, als Du verlangst; kannst Du während dieser Zeit die Liebe meiner Tochter gewinnen, so ist es gut, Du sollst sie haben; will sie Dich dann aber nicht, so kostet Dir's den Kopf. Jetzt besinn Dich wohl!« Der lustige Ferdinand besann sich aber nicht lange und sagte sogleich, er wolle die Wette wohl eingehen, erhielt dann vom König den Schlüßel zur Schatzkammer und nahm sich für's erste so viel Geld, als er nur heimtragen konnte. Dann ließ er Eßen und Trinken sich schmecken, lud seine Kameraden zu sich ein, fuhr spazieren und gieng auf Reisen und sah und genoß für sein Geld Alles, was das Herz nur begehrte. Um die schöne Prinzessin aber kümmerte er sich gar nicht. Die war indes nicht so vergnügt wie Ferdinand. Um sie nämlich vor allen Nachstellungen und Bewerbungen zu hüten, hatte der König sie auf eine kleine Insel, die in der Nähe des Schloßes lag, bringen laßen und hatte streng verboten, daß ja kein Mannsbild zum Besuch zu ihr gelaßen würde. Da lebte sie nun wie in einem Gefängnis und hatte oft Langeweile.

Als der lustige Ferdinand eines Tages wieder in die Schatzkammer kam und seine leeren Taschen mit Gold füllte, fragte ihn der König, wie es gehe und mahnte ihn zugleich, daß er nur noch ein halbes Jahr übrig habe und wohl sehen [190] möge, wie er in dieser Zeit das Herz seiner Tochter gewinne; denn sonst werde es ihm unfehlbar das Leben kosten, sagte er. –

Ferdinand blieb gutes Muthes und dachte, es ist wahr, Du mußt Dich jetzt wohl nach der Prinzessin umsehen, und gieng zu einem Goldschmid, der war so geschickt wie kein anderer Meister in der ganzen Welt, und bestellte bei ihm einen goldenen Hirsch, ganz so groß wie ein rechter Hirsch, mit großem, zackigem Geweih; im Innern aber sollte der Hirsch hohl sein, so daß ein ausgewachsener Mann sich darin verbergen könne. Das Gold dazu holte Ferdinand aus der Schatzkammer des Königs, und da dauerte es nicht lange, da war der Hirsch fertig und war so überaus schön geworden, daß man gar nichts Herrlicheres sehen konnte.

Durch eine geheime Thür, die Niemand fand, wer es nicht wußte, kroch der lustige Ferdinand in den Bauch des Hirsches und nahm zugleich seine Zither mit, die er ganz ordentlich zu spielen verstand. Dann hatte er dem Goldschmid Alles entdeckt und hatte ihn für vieles Geld dazu bewogen, daß er den Goldhirsch auf's Schloß brachte und ihn dem König vorstellte. Der konnte sich gar nicht genug darüber verwundern. Als nun aber der Goldschmid ein bestimmtes Zeichen gab und im Bauche des Hirsches eine Zither anfieng zu spielen, da wußte der König nicht, was er vor Entzücken sagen sollte. Auch die Königin war ganz außer sich und bat den König, er solle den Hirsch doch kaufen und seiner Tochter auf die Insel schicken, daß sie sich damit unterhalten möchte. – Der König sagte ja, das wolle er gern [191] thun, und kaufte den Goldhirsch und ließ ihn sogleich der Tochter bringen. Die freute sich nicht wenig darüber und ließ den Hirsch beständig die Zither schlagen und konnte das Spiel nicht satt hören, bis sie endlich müde wurde und ein schlief.

Da machte der lustige Ferdinand leise die Thür auf und schlüpfte heraus und besah sich die Prinzessin, die in ihrem Bett lag und ruhig schlief. Sie war aber so wunderschön, daß er seine Augen nicht von ihr wegwenden mochte und es endlich nicht laßen konnte, ihr einen recht langen und herzhaften Kuß auf die Lippen zu drücken, also, daß die Prinzessin davon erwachte und schier erschrack, als sie einen Mann vor ihrem Bett stehen sah. Ferdinand aber sagte ihr sogleich, wer er sei und bat sie so dringend und rührend, sie möge ihn doch nicht verrathen, er wolle ihr auch alle Tage was vorspielen, so lange sie's nur hören möge, daß die Prinzessin es endlich ihm versprach, wenn er hübsch still in seinem Versteck bleiben wollte. Ja, das wollte er ja herzlich gern, sagte er, und verkroch sich alsbald wieder in den Bauch des Hirsches.

Am andern Morgen konnte die Prinzessin es gar nicht erwarten, bis sie den Hirsch wieder spielen hörte. Auch der König kam, um es zu hören und freute sich ganz besonders, weil seine Tochter so vergnügt war; ja sie meinte, daß sie jetzt gewiß keine Langeweile auf der Insel mehr haben werde.

Als es nun Abend war und die Prinzessin wieder ganz allein war und zu Nacht aß, da machte der lustige Ferdinand die Thür auf und rief leise: »Prinzessin, ach liebe Prinzessin, [192] darf ich nicht ein wenig heraus kommen? Ich habe so arg Hunger! seit gestern habe ich nichts mehr gegeßen und heut so viel spielen müßen!« Ja, da erlaubte es ihm die Prinzessin, daß er heraussteigen und mit ihr eßen durfte. Und wie sie ihn nun recht betrachtete und sich mit ihm unterhielt, da gefiel er ihr recht gut und immer beßer, also, daß sie es gern geschehen ließ, als er zu guter letzt sie in den Arm nahm und recht tüchtig abküßte. Und wie sie nun zu Bett gieng und der lustige Ferdinand ihr klagte, wie ihm der Rücken gar so weh thäte, weil er in dem Hirschbauche immer krumm liegen müße und wie ganz erbärmlich er in der letzten Nacht habe frieren müßen, da ließ die Prinzessin ihn mit unter ihre Bettdecke schlüpfen und beide hatten sich dann recht herzlich lieb und versprachen sich, daß sie nicht von einander laßen, sondern immer so beisammen bleiben wollten.

So gieng das nun vier oder fünf Monate lang fort und die beiden waren überaus glücklich. Den lustigen Ferdinand sah man nirgends, und der König meinte, er werde wohl wieder auf Reisen sein. Da wurde plötzlich die Prinzessin bleich und krank, so daß der König ihr seinen Leibarzt schickte, der sie untersuchen und ihr was verordnen sollte. Der Doktor aber schüttelte den Kopf, gieng zum König und sprach: »der Prinzessin kann ich nicht helfen; die wird in einigen Monaten, wenn sie ein kleines Kind bekommen hat, von selbst schon wieder wohl werden.« Darüber ward der König so ungehalten und aufgebracht, daß er den Arzt in's Gefängnis werfen ließ. Dann schickte er einen andern Doktor zu der Prinzessin; der sagte aber dasselbe wie der [193] erste und wurde ebenfalls dafür eingesperrt. Und ebenso gieng es noch einigen andern, bis der König endlich selbst zu seiner Tochter gieng und sie fragte, ob sie denn heirathen wolle. Sie sagte, sie habe schon geheirathet. Und als der König fragte, wer denn ihr Gemahl sei, sagte sie: »der lustige Ferdinand, den Du ja selbst in dem goldenen Hirsche mir geschenkt hast,« und öffnete die Thür und ließ ihn aussteigen. Da ärgerte sich der König zwar, konnte aber doch sein Wort nicht brechen, weil die Prinzessin erklärte, daß sie nie einen andern lieben und heirathen möge; und so hat der lustige Ferdinand, noch ehe das Jahr herum war, seine Wette gewonnen, hat die Prinzessin behalten und ist nach dem Tode ihres Vaters auch noch König geworden.

55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

55. Der kluge Martin.

Ein armer Vater hatte drei Söhne, davon war der eine ein Schuster und hieß nur: der kluge Martin; der andere war ein Weber, der dritte ein Schneider. Nachdem sie alle mit einander ausgelernt hatten, schickte der Vater sie auf Reisen in die Fremde und gab einem jeden ein hübsches Besteck, damit sie nicht unterwegs, wenn man ihnen etwas zu eßen gebe, mit fremden Löffeln und mit fremden Meßern und Gabeln eßen dürften, sondern ihre eigenen hätten. Weiter konnte er ihnen, außer seinem Segen, nichts mitgeben.

[194] In einem Wirthshause, wo die Brüder unterwegs einkehrten, beschloßen sie, daß von hier ein jeder einen verschiedenen Weg einschlagen sollte, daß sie aber nach fünf Jahren an demselben Tage und in demselben Wirthshause sich wieder zusammen finden wollten. Nun, das war gut. Nachdem sie diese Verabredung getroffen hatten, trennten sie sich und ein jeder zog seiner Straße nach.

Da kam denn der kluge Martin alsbald an eine Brücke und hörte daselbst ein Glöcklein läuten und dachte: wie mag eine Glocke so für sich läuten? denn er sah keinen Menschen dort. Als er aber genauer sich überall umsah und eben die Brücke von unten näher betrachten wollte, trat ihm ein Mann entgegen und sagte: »was suchst Du hier, und wo willst Du hin?« Sprach der kluge Martin: »ich bin ein Schuhmacher und suche Arbeit und habe mich hier über das Läuten der Glocke verwundert; aber nun sag mir auch, wer Du bist und was Du hier machst?« Da sprach der andere: »ich bin ein Räuber.« – »O, sagte der kluge Martin, dieß Handwerk habe ich zwar nicht gelernt, aber ich denke mir, ich verständ es doch; weißt Du was? behalt mich hier! ich will auch ein Räuber werden!« Der andre meinte, er wolle ihn wohl einstweilen da behalten; allein unter die Räuber dürfe er Niemand für sich aufnehmen, das könne nur sein Meister thun und der sei nicht zu Haus. Da wartete der kluge Martin drei Tage lang, da kam der Räuberhauptmann zurück, und nachdem ihm Martin seinen Wunsch eröffnet hatte, sagte er: ja, er wolle ihn wohl aufnehmen, aber er müße vorher erst eine Probe ablegen und seine Geschicklichkeit zeigen. [195] Da sagte der kluge Martin, ja, das wolle er sogleich thun, und gieng fort und hatte nichts bei sich als das Besteck, das ihm sein Vater geschenkt hatte.

Wie er nun in einen Wald kam, sah er einen Metzger dahin ziehen, der führte ein Kalb bei sich. Der kluge Martin schlich sich sogleich durch den Wald und gewann durch einen Seitenweg einen Vorsprung und kam dem Metzger vor, zog sein Besteck aus der Tasche, nahm Löffel, Meßer und Gabel heraus und warf die Scheide mitten auf den Weg. Ueber eine Weile, nachdem er eine gute Strecke weiter gegangen war, ließ er die Gabel fallen, und wieder nach einer Weile, in einer ziemlichen Entfernung, das Meßer und den Löffel zusammen auf einen Platz, und dann versteckte er sich im Gebüsch.

Sobald der Metzger die Scheide fand, besah er sie zwar, dachte aber, was sollst du mit der leeren Scheide machen und ließ sie liegen, denn sie war ohnehin ganz schlecht. Ebenso gefiel ihm auch die Gabel nicht und er mochte sie nicht aufheben. Als er aber weiter zog und zuletzt das Meßer und den Löffel da liegen sah, die beide sehr schön waren, nahm er sie auf und dachte: »ei, jetzt solltest du doch auch das ganze Besteck beisammen haben! hättest du nur gleich Alles mitgenommen!« und band flink sein Kalb an einen Baum und lief zurück, um die andern Sachen zu holen. – Während er nun fort war, sprang der kluge Martin geschwind hervor, band das Kalb los und trieb es in den Wald hinein, indem er beständig blöckte. Als der Metzger zurückkam und mit seinem Kalbe weiter wollte, war es fort, und [196] er dachte, es muß sich losgerißen und verlaufen haben und gieng dem Blöcken nach, das er immer noch im Walde hörte.

Der kluge Martin aber war an einen Teich gekommen und hatte dort schnell das Kalb geschlachtet und den abgeschnittenen Kopf mitten in den Teich geworfen und blöckte nun in Einem fort ganz erbärmlich, also, daß der Metzger, wie er an den Teich kam, nicht anders glaubte, als sein Kalb sei in das Waßer gelaufen und könne nur noch den Kopf daraus hervorstrecken. Deshalb zog er flink sich aus und sprang in den Teich, um es herauszuziehen. Während er nun im Waßer war, kam der kluge Martin, nahm alles Zeug und Geld des Metzgers und auch das Besteck, das er ihm hingeworfen hatte, und war wie der Wind damit fort und brachte es dem Räuberhauptmann und erzählte ihm, wie er es bekommen. Da war der Räuberhauptmann mit dem Probestück zufrieden und nahm den klugen Martin auf unter seine übrigen Gesellen. Der kluge Martin aber wurde bald ein so geschickter und kühner Räuber, daß man ihn weit und breit fürchtete und die Obrigkeit ihm eifrig nachstellte; allein er war viel zu vorsichtig, als daß er sich hätte fangen laßen.

Als nun gerade die fünf Jahre herum waren, gedachte er seine Brüder einmal zu besuchen, wie sie's mit einander verabredet hatten und bekam von seinem Hauptmann Wagen und Pferde dazu und fuhr in das Wirthshaus. Da saßen seine zwei Brüder schon da, erkannten ihn aber nicht wieder bis er selbst sich ihnen entdeckte. Da waren sie vergnügt, und Martin gab ihnen so viel zu eßen und zu trinken als sie nur mochten.

[197] Da trug sich's zu, daß der Räuberhauptmann mit der ganzen Räuberbande gefangen wurde; bloß den klugen Martin hatten sie nicht bekommen; die Obrigkeit ließ aber bekannt machen, daß der, welcher den klugen Martin lebendig oder todt bringen könnte, eine Belohnung von tausend Gulden haben sollte. Das las der kluge Martin selbst eines Morgens in der Zeitung, als er noch bei seinen Brüdern in dem Wirthshause war. Da verkaufte er sogleich seinen Wagen mit den schönen Pferden und kaufte sich einen ganz schlechten Krämer-Wagen, lud ein Faß voll Branntewein darauf, zog schlechte Kleider an und fuhr so zu dem Orte hinaus, ohne daß ihn Jemand erkannte. – Es dauerte aber nicht lange, so kam er an eine Brücke, da standen fünf und zwanzig Husaren und sollten auf den klugen Martin passen. Sobald er aber die Soldaten erblickte, fieng er an, sich betrunken zu stellen und taumelte von einer Seite zur andern und sang und schrie und schlug sein Pferd, und das setzte er fort, bis er in die Nähe der Husaren kam, da trieb er das Pferd so heftig auf die eine Seite des Wegs, daß das Rad mit einem Male in den Graben lief und der Wagen umfiel. Da jammerte er nun laut und versuchte es, den Wagen wieder aufzurichten; aber er konnte es nicht allein und bat deshalb die Husaren, daß sie ihm helfen möchten. Die halfen ihm denn auch und brachten Alles wieder in Ordnung. Zum Dank dafür schenkte er einem jeden ein groß Glas Branntewein ein und dann noch eins, und endlich so viel sie nur wollten, bis Alle ganz betrunken waren und sich nicht mehr regen konnten. Darauf holte Martin aus seiner [198] Höhle, die in der Nähe war, fünf und zwanzig Kapuzinerkutten und zog die den Husaren an und fuhr sie dann in der Nacht bis dicht vor die Schloßwache des Kaisers. Als der am andern Morgen die Kapuziner auf der Wache sah und die ganze Geschichte erfuhr, fragte er den Räuberhauptmann, wer ihm wohl den Streich gespielt habe? Sprach der: »das hat gewiß Niemand anders als mein Martin gethan, das ist ein Blitzkerl.«

Dann fragte der Kaiser den Hauptmann weiter: wie man den klugen Martin wohl fangen könne? Da sagte er: der Kaiser möge einmal einen öffentlichen Ball ausschreiben und den Fußboden des Tanzsaals mit Goldstücken belegen laßen; da werde der Martin gewiß nicht fehlen, und wenn er das Gold sehe, so könne er's nicht liegen laßen und werde sich bücken und es aufheben; daran werde man ihn dann leicht erkennen und ihn festnehmen können. Der Rath gefiel dem Kaiser und er ließ sogleich den Ball ausschreiben und machte Alles so, wie der Räuberhauptmann es ihm gerathen hatte. Der kluge Martin aber hörte auch von dem Balle und gedachte hinzugehn, und begab sich auch wirklich mit einem Bedienten in den Tanzsaal des Kaisers. Wie er da nun die Goldstücke am Boden liegen sah, meinte er: die lägen in meiner Tasche viel beßer. Und wie der nächste Tanz aus war, gieng er hinaus zu seinem Bedienten, und der mußte ihm Pech holen, das machte er warm und klebte es unter seine Schuhsohlen und gieng wieder in den Saal und tanzte, daß es eine Art hatte. So oft aber ein Tanz zu Ende war, gieng er aus dem Saal und ließ von seinem [199] Diener die Goldstücke abnehmen, die an dem Pech hängen geblieben waren, und so trug er manches Stück hinaus, ohne sich zu verrathen und ohne gefangen zu werden.

Als dem Kaiser dieß mißlungen war und er den Hauptmann um einen andern Vorschlag angieng, wie er den klugen Martin fangen könnte, so sagte der Hauptmann: der Kaiser möge ein Turnier ausschreiben und einen recht hohen Preis für den Sieger bestimmen; da werde der kluge Martin ganz gewiß den Preis gewinnen und der Kaiser könne ihn dann nur gefangen nehmen laßen.

Nun ließ der Kaiser ein Turnier ausschreiben und ließ bekannt machen, daß er dem Sieger seine einzige Tochter zur Gemahlin geben wolle. Da kamen nun viele Fürsten und Grafen und Ritter zusammen und turnierten und gar Mancher hätte die schöne Kaiserstochter gern gewonnen; aber was meinst Du, wer wohl der Sieger wurde? Der alte Räuberhauptmann hatte Recht; der kluge Martin besiegte alle Fürsten und Grafen und Ritter und wurde darauf mit der Kaiserstochter verlobt. Der Kaiser aber und seine Räthe merkten bald, daß es der kluge Martin wirklich war, der den Preis gewonnen hatte. Da wurde er auf Befehl des Kaisers festgesetzt und sollte hingerichtet werden. Allein der Tochter des Kaisers hatte er so gut gefallen, daß sie ihrem Vater erklärte: »den will ich heirathen und keinen andern!« Da mußte der Kaiser wohl nachgeben und der kluge Martin bekam seine Tochter und ist zuletzt auch noch Kaiser geworden.

56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[200] 56. Die gescheidte Ziege.

Da ist einmal ein Mann gewesen, der hat so viele Ratten im Hause gehabt, daß es nicht mehr auszuhalten war. Sagt er endlich zu seiner Frau: »Frau, bring auch Gift mit von der Apotheke, daß wir die vielen Ratten los werden, sonst freßen sie uns noch auf bei lebendigem Leibe.« Ja, die Frau wollte das thun und brachte Gift mit von der Apotheke und backte Küchlein und vergiftete sie und legte die vergifteten Küchlein in den Keller, in die Küche, in den Ziegenstall und im ganzen Hause herum, auf daß die Ratten davon eßen sollten. –

Als der Mann am andern Morgen zu seiner Ziege kam und sie melken wollte, was er immer selbst that, stand sie nicht auf wie sonst und sagte auch nicht: guten Morgen! sondern blieb ruhig liegen. Sprach er: »na, Kitzle, wo fehlt's?« Aber die Ziege blieb still und stumm. Sprach er weiter: »o Kitzle, hast doch nicht von dem Gift gefreßen?« – Da sah ihn aber das Thier so gescheidt an, nein, so gescheidt! man sollte gar nicht glauben, daß eine dumme Ziege so gescheidt aussehen könnte, und er sah ihr ganz deutlich an den Augen an, was sie sagen wollte und sprach daher weiter: »ach Kitzle, so willst Du wirklich uns verlaßen?« Da sagte die Ziege: »m – m – m –!« und dann ist sie gestorben.

57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[201] 57. Drei Rosen auf Einem Stiel.

Es war einmal ein Mann, der hatte zwei Töchter, die konnten sich nicht gut mit einander vertragen; daran war aber besonders die Eine Schuld. – Eines Tages wollte der Vater auf den Markt gehen und fragte die Töchter: »was soll ich Euch mitbringen?« Da wünschte sich die eine ein schönes Kleid, die andre, welche die bravste war, drei Rosen auf Einem Stiel. »Wenn ich die nur bekommen kann,« sagte der Vater und gieng fort und kaufte auf dem Markte ein neues Kleid; aber so viel er sich auch unterwegs und nachher auf dem Markte nach Rosen umsah, so konnte er doch keine gewahr werden.

Endlich, als er schon wieder auf dem Heimwege war, sah er in einem Garten einen blühenden Rosenstrauch, und da waren auch gerade drei Rosen auf Einem Stiel beisammen, wie es die Tochter sich gewünscht hatte. Da stieg er in den Garten und brach sich die Rosen ab. Aber mit einem Male stand da ein schwarzes, haariges Ungeheuer und sagte: »was machst Du da in meinem Garten?« Der Mann erzählte nun, daß er eine Tochter habe, die sich drei Rosen auf Einem Stiel gewünscht habe, und bat, daß er diese Rosen, die er schon so lange gesucht, mitnehmen dürfe. Da sagte das Thier: »ja, Du darfst sie mitnehmen, mußt aber dafür Morgen um die und die Stunde mit deiner Tochter hieherkommen, sonst wirst Du sterben.« Da versprach der Mann, daß er wiederkommen wollte, und gieng mit seiner Rose heim und führte am andern Tage die Tochter her; [202] verspätete sich aber ein wenig. Indessen war es eben noch Zeit. Da fand er in dem Garten einen Tisch schön gedeckt und mit Speisen reichlich besetzt; und er setzte sich mit seiner Tochter hin und aß; und als sie fertig waren, erschien auch das Thier und fragte: ob das die Tochter sei, welche sich die drei Rosen gewünscht? Und als der Vater ja sagte, sagte das Ungeheuer: »nun, so kannst Du nur wieder nach Haus gehen; deine Tochter aber muß hier bleiben.«

Da gieng der Vater allein heim und ließ seine Tochter voll Sorge zurück. Das Ungeheuer aber führte sie alsbald in ein schönes Gartenhaus und zeigte ihr die herrlichsten Schmucksachen von Gold und Silber und Edelsteinen, von denen sie sich auswählen durfte, was ihr gefiel; und als sie das gethan hatte, sagte das Ungeheuer: »jetzt kannst Du auch wieder heimgehen, mußt aber morgen um die und die Zeit wieder hier sein!« Ja, das wollte das Mädchen auch gern, und kehrte vergnügt zu ihren Eltern zurück.

Da ärgerte sich aber die andre Schwester über den kostbaren Schmuck, und hielt ihr Schwesterlein am folgenden Tage, als es wieder in den Garten wollte, aus Neid so lange auf, daß es zu spät kam. Wie es nun in den Garten trat, war Niemand da zu sehen und zu hören. Da rief es ganz ängstlich: »liebes Thierle, wo bist?« Da hörte es zur Seite in dem Graben etwas wimmern und winseln (»gilfen«) und gieng darauf zu, und sah das Thier drin liegen. »Ach, seufzte das Unthier, wärst Du nicht bald gekommen, so hätte ich sterben müßen.« – Dann kroch es aber heraus, streifte sich mit einem Male den haarigen Pelz [203] herunter und stand da als ein schöner junger Mann. Da waren beide seelenvergnügt und hielten Hochzeit und lebten glücklich mit einander bis an ihr Ende.

58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

58. Der Drachentödter.

Es war einmal ein König, der hatte drei Söhne, die ließ er alle auf gleiche Weise kleiden, und gab jedem ein Schwert und viel Geld und sagte: nun sollten sie auf Reisen ihr Glück versuchen und in der Welt sich umsehen. Ja, dazu waren auch die drei Brüder sogleich bereit und zogen mit einander fort in die weite Welt hinaus. – Wie sie nun schon ein gutes Stück gewandert waren, beschloßen sie, sich zu trennen, und steckten ihre Schwerter zusammen in eine Tanne; wenn dann Einer von uns zurückkommt, so kann er gleich sehen, ob wir noch alle am Leben sind, sagten sie; hat das Schwert Einen Rostflecken, so ist Einer von uns todt; hat es zwei, so sind zwei von uns todt; hat es aber drei, so sind wir alle mit einander todt. Dann gieng der eine zur Rechten, der andre zur Linken; der jüngste aber gieng grad aus und kam bald in einen großen großen Wald.

Wie er nun so allein seinen Weg dahingieng und eben an nichts dachte, kam ihm mit einem Male ein Bär entgegen. Da griff er flink nach seiner Flinte und legte an [204] und wollte ihn todt schießen; der Bär aber rief: »tödte mich nicht, es wird dein Glück sein!« Da ließ er ihn leben, und dann kam der Bär ganz freundlich heran und war zahm und begleitete ihn durch den Wald. – Als er eine Strecke weiter gegangen war, kam plötzlich ein großer Wolf dahergesprungen, so daß er erschrack und gleich seine Flinte anlegte und ihm eine Kugel auf den Pelz schicken wollte. Der Wolf aber rief schnell: »tödte mich nicht, es wird dein Glück sein!« Da ließ er ihn auch leben und nun zog der Wolf mit dem Bären hinter ihm her. – Als er abermals eine Strecke weiter gegangen war, spazirte ein Löwe daher; den wollte er auch erst todt schießen; weil aber der Löwe sagte: »tödte mich nicht, es wird dein Glück sein!« so schenkte er ihm gern das Leben, und nun zog auch der Löwe mit dem Wolfe und dem Bären hinter ihm her und alle drei Thiere wichen nicht mehr von ihm.

Nachdem der Prinz nun eine lange Zeit mit seinen Begleitern immer grad aus durch den Wald fortgewandert war, ohne einen Menschen zu begegnen, kam er endlich an eine Stadt, in die gieng er vergnügt mit seinen Thieren hinein. Die Stadt aber hatte ein gar sonderbares Aussehen; alle Häuser waren mit schwarzem Flor behangen und die Menschen waren alle so still und so traurig, daß der Prinz nur alsbald fragen mußte, was denn der Stadt fehle, daß sie eine solche Trauer anstelle? Da erzählten ihm die Leute: »Auf dem Berge dort, wo die Kapelle steht, da hauset ein Drache, der hat sieben Köpfe, und dem muß man alle Tage einen Menschen und ein Schaaf zum Eßen bringen, sonst ist [205] Niemand vor ihm sicher. Nun hat er aus unserer Stadt schon so viele Menschen verzehrt, daß morgen die Reihe an die einzige Tochter des Königs kommt; deshalb ist die ganze Stadt in so tiefer Trauer.«

Da dachte der Prinz: »ei, wenn Du den Drachen erlegen könntest!« und nahm sich vor, daß er es mit seinen Thieren versuchen wollte, und begab sich am folgenden Tage zu der bestimmten Stunde auf den Berg nach der Kapelle, wo der Drache sich immer zeigen sollte! Er hatte ein gutes Schwert mitgenommen und seine Thiere begleiteten ihn. Wie er nun zu der Kapelle kam, gieng die Prinzessin eben hinein, um zu beten, und winkte ihm mit der Hand zu, daß er fortgehen möge. Er aber sprach: »Sei gutes Muthes, ich bin gekommen, Dich zu erretten und den Drachen zu tödten!« Darauf kniete die Jungfrau in der Kapelle nieder und betete; und alsbald kam der siebenköpfige Drache ganz wild angeschoßen und drang auf den Prinzen ein; während der nun sein Schwert zog, kämpften der Wolf und der Löwe mit dem Drachen und jeder riß und biß ihm drei Köpfe ab; den siebenten und letzten Kopf hieb ihm dann der Prinz mit seinem Schwerte ab, also, daß das Ungeheuer überwunden und todt war. – Da kam die Prinzessin aus der Kapelle und dankte ihrem Retter und nahm eine goldene Kette, die sie getragen und vertheilte sie unter die Thiere und hieng einem jeden ein Stück davon um den Hals. Dem Prinzen aber sagte sie: »Du hast mich erlöst, nun mußt Du auch König werden und mich heirathen.« Ja, das wollte der Prinz wohl gern; denn sie war so schön, wie [206] er noch nie eine Jungfrau gesehen hatte. »Aber erst muß ich noch reisen und in der Welt mich umsehen; über Jahr und Tag komme ich wieder und dann wollen wir Hochzeit halten!« sagte er. Darauf schnitt er noch aus den Drachenköpfen die sieben Zungen heraus, wickelte sie in ein Tuch und steckte das ein, dann nahm er Abschied von seiner Braut und zog mit seinen getreuen Thieren auf gut Glück in die weite Welt hinaus.

Sobald er fort war, nahm der Kutscher, welcher die Prinzessin zur Kapelle gefahren hatte und der sie jetzt auch wieder heimfahren sollte, die sieben Drachenköpfe in den Wagen und zwang unterwegs die Prinzessin durch Drohungen dazu, daß sie daheim sagen mußte, er habe den Drachen getödtet. Dem Drachentödter aber hatte der König schon lange seine einzige Tochter zur Gemahlin versprochen; deshalb wollte der Kutscher auch alsbald Hochzeit mit der Prinzessin halten; allein sie wußte bald unter diesem, bald unter jenem Vorwande es dahin zu bringen, daß die Hochzeit aufgeschoben wurde. So trieb sie es ein ganzes Jahr lang; dann mußte sie nachgeben und that es auch williger, weil sie hoffte, daß der rechte Bräutigam sich jetzt wohl wieder einstellen werde.

Und richtig, nachdem der Prinz sein Geld verzehrt hatte und das Jahr bald um war, hatte er sich auf den Weg zu seiner Braut gemacht. Da kam er in die Stadt, als eben noch ein einziger Tag an dem Jahre fehlte. In der Stadt aber gieng's überall lustig und lebendig zu. Da fragte er den Wirth: »Was gibt's denn hier? vor etwa einem Jahre [207] war die ganze Stadt mit Trauerflor behangen; heute dagegen sehe ich überall fröhliche Gesichter und die ganze Stadt ist wie zu einem Feste geschmückt.« Da erzählte ihm der Wirth, daß morgen die Tochter des Königs Hochzeit habe mit dem Kutscher, der sie vor einem Jahr von dem Drachen erlöst habe. –

Am andern Tage nun gab der König ein großes Gastmahl. Wie der Prinz, der als Jäger gekleidet war, nun allein im Wirthshause saß, sagte er zu dem Wirthe: er solle ihm doch eine Flasche Wein holen, wie die Braut im Schloße ihn trinke. Ja das könne er nicht, meinte der Wirth. »Dann muß ich wohl meinen Wolf hinschicken,« sagte der Prinz und schickte ihn hin zu der Prinzessin: sein Herr laße um eine Flasche von dem Wein bitten, den sie selbst trinke. Da dauerte es nicht lange, da kam der Wolf auch richtig damit zurück, daß der Wirth sich nicht genug verwundern konnte. »Jetzt will ich auch von dem Braten haben, wie die Braut ihn ißt,« sprach der Prinz und schickte den Bären auf's Schloß; der brachte alsbald auch ein Stück von dem allerbesten und feinsten Braten. »Nun muß ich auch Brod haben, wie die Prinzessin es ißt!« sprach der Prinz und schickte den Löwen hin, der es auch nach kurzer Zeit ihm brachte. – Die Thiere nämlich hatten durch nichts sich abhalten laßen und waren bis in den Saal zu der Braut vorgedrungen; die hatte sie sogleich erkannt und ihnen alles gegeben, was sie für ihren Herrn forderten.

Da nahm endlich der König seine Tochter bei Seite und sprach: »was hast Du denn mit den wilden Thieren [208] vor?« Da erzählte und entdeckte sie ihm, daß der wahre Drachentödter jetzt da sei und daß sie den und keinen andern heirathen werde. Darauf schickte der König sogleich eine Ordonanz in's Wirthshaus und ließ den Herrn der wilden Thiere zur Tafel laden. Da kam er. Endlich, als alle recht vergnügt waren, sagte der König: jetzt solle auch ein jeder seine Lebensgeschichte erzählen, und da kam denn zuerst die Reihe an den Bräutigam, der den Drachen besiegt haben wollte; der hatte die sieben Köpfe auf einen Tisch hinstellen laßen und erzählte nun, wie er sie dem Drachen abgeschlagen habe. Als er fertig war, forderte der König den fremden Mann mit den wilden Thieren auf, daß er jetzt doch auch seinen Lebenslauf erzählen möge. Das that er denn auch gern und erzählte, wie er die treuen Thiere bekommen und wie sie ihm geholfen hatten, einen siebenköpfigen Drachen zu überwinden und eine Königstochter zu erlösen und wie er darauf noch ein Jahr lang in der Welt herumgezogen sei. Indem er alsdann die sieben Drachenköpfe betrachtete, sprach er weiter: »Jedes Thier hat sonst doch eine Zunge; aber die da werden keine haben.« Und als man nachsah, – nein, da hatten alle sieben Drachenköpfe keine Zungen. Darauf zog er die Wahrzeichen aus der Tasche, und die Zungen passten ganz zu den abgeschnittenen Enden im Rachen der Drachenköpfe, also, daß die Arglist des Kutschers an den Tag kam. Sodann fragte der Prinz noch die Prinzessin: ob sie die goldene Kette am Halse der Thiere wohl kenne? »O gewiß, sagte sie, die kenne ich sehr gut! ich selbst habe sie ja deinen Thieren umgehängt, [209] weil sie Dir so treu und tapfer bei der Erlegung des Drachen geholfen hatten.« Und nun war die Braut froh, daß der rechte Bräutigam da war; den hat sie dann geheirathet und er ist König geworden. Dem falschen aber wurde der Kopf abgeschlagen.

Was nun aus den beiden Brüdern des Prinzen geworden ist, ob sie heimgekehrt sind, oder noch in der Welt herumwandern, das hat mir Niemand sagen können. Wenn ich aber an den Tannenbaum komme, will ich doch nachsehen, ob sie noch am Leben sind, oder ob die Schwerter Rostflecken bekommen haben.

59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell.

Der Herr auf dem »Rauber,« der zwischen Teck und Wielandstein liegt, ließ einst einen Schloßer aus Owen zu sich kommen und bestellte bei demselben ein so kostbares und kunstvolles Schloß, daß der Meister gestand, er selbst könne ein solches nicht machen; allein er habe einen sehr geschickten Gesellen, der werde es vielleicht können. Darauf mußte der Gesell zum »Rauber« kommen und versprach, das Schloß sogleich zu verfertigen, jedoch unter der Bedingung, daß der Rauber ihm dafür seine Tochter zur Frau gebe. Ja, das wollte er gern thun und versprach dem Gesellen noch obendrein [210] ein kleines Schlößlein, das leer stand, darin er mit seiner Frau wohnen könne. –

Nun machte der Gesell das kunstvolle Schloß für den Rauber und vergoldete es und bekam dafür die Tochter und eine kleine Burg als Belohnung. Kaum aber hatte er mit seiner Frau die neue Wohnung, die zwischen dem Rauber und der Teck lag, bezogen und wollte hier sein Handwerk fortsetzen, als sich ein Spukgeist in dem Schloße vernehmen ließ. Jeden Abend erschien nämlich ein großer Mann, der hatte eine Nase, ja die war wenigstens anderthalb Schuh lang, und guckte dem Schloßer beständig auf die Arbeit. Nachts aber tappte er in der Schlafkammer auf und ab. Endlich gelang es dem Schloßer eines Abends, als der Riesenkerl ihm wieder auf die Arbeit stierte, die lange Nase desselben zu faßen und in den Schraubenstock zu bringen, und ließ sie so lange fest eingeklemmt darin, bis er versprach, daß er nicht wieder kommen wolle. Dann ließ er ihn los, und er kam auch wirklich nicht wieder.

Nach einiger Zeit aber gieng der Schloßer einmal mit seiner Frau in dem schönen Walde spazieren, und wie sie eben an nichts weiter dachten, wen sahen sie daher kommen? – Den Mann mit der langen Nase! »Jetzt sind wir verloren! rief die Frau; ach wär ich doch bei meinem Vater geblieben!« »Sei nur still, sprach der Mann und laß mich nur machen!« Und sogleich ergriff er seine Frau und stellte sie auf den Kopf, daß die Füße in die Höhe standen wie die beiden Klammern eines Schraubenstocks. Wie das der[211] lange Mann sah, blieb er erschrocken stehen und rief in näselndem Tone: »So? Du bist schon wieder da mit deinem verfluchten Schraubenstock!« und wandte sich um und lief was er konnte, und hat sich nie wieder blicken laßen.

60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

60. Die Schlange und das Kind.

Zu einem Kinde kam beständig, wenn es seine Milch nebst eingebrocktem Brode im Garten aß, eine Schlange (Otter) und trank mit ihm von seiner Milch. Da sagte eines Tages das Kind, das noch nicht recht sprechen konnte: »iß et no Ilch, (Milch) iß au Ocke!« (Brocken.) Die Mutter wußte aber gar nicht, weshalb das Kind immer so gern im Garten seine Milch eßen wollte; und da sie es nun mit Jemand reden hörte, sah sie genau hin und entdeckte die Schlange. Da eilte sie in den Garten und schlug die Schlange auf den Kopf, daß sie fortkroch. – Seit der Zeit zehrte das Kind ab und starb nicht lange nachher. Auf sein Grab aber soll die Schlange einen Kranz gebracht haben.

61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[212] 61. Das Nebelmännle.

Auf der alten Burg Bodmann, die in der Nähe des Ueberlinger See's liegt, wohnte einst ein Herr v. Bodmann, der wollte eine große Reise machen bis an's Ende der Welt, und nahm einen Wagen, einen Kutscher und einen Diener mit, und verabschiedete sich von seiner Frau, indem er sprach: »wenn ich von heut an in sieben Jahren nicht wieder hier bin, so darfst Du auf mich nimmer warten und kannst einen andern heirathen.« Darauf reiste er fort und kam durch viele Städte und Länder und zuletzt in eine große Wüste, in der gieng er weit weit fort, ohne daß er irgend einen Menschen zu sehen bekam. Endlich gelangte er an einen Platz, der war mit einer hohen Mauer umgeben, und weil er gern gewußt hätte, was dahinter war, so half er seinem Bedienten hinauf. Wie der aber droben war und hinter die Mauer sehen konnte, so winkte er bloß dem Kutscher und sprang hinab. Nach einer Weile, als er immer nicht wieder kam, sagte der Herr zu seinem Kutscher: er solle doch einmal nachsehen, wo der Bediente geblieben sei, und half ihm ebenfalls auf die Mauer. Der Kutscher aber machte es ebenso wie der Bediente und sprang in den Garten, der hinter der Mauer war; denn das war der Paradiesgarten, und darin gefiel es den beiden so gut, daß sie nicht wieder herausmochten und deshalb ihren Herrn im Stich ließen.

Der Herr v. Bodmann konnte allein die Mauer nicht ersteigen, und nachdem er noch längere Zeit vergebens auf seine [213] Diener gewartet hatte, irrte er allein in der Wüste weiter und kam endlich an ein kleines Haus. In das gieng er hinein und traf daselbst ein altes Weib; dem sagte er, wie es ihm ergangen war und wünschte dort zu bleiben. Das Weib aber sagte, ihr Mann sei ein Menschenfreßer und werde ihn gewiß riechen, wenn er hier bliebe. Allein der Herr v. Bodmann mochte nicht weiter mehr in der Welt herumirren und versteckte sich in dem Hause. Doch so wie der Mann des alten Weibes heimkam, sprach er gleich: »ich schmeck (rieche) einen Menschen!« und entdeckte alsbald auch den Herrn v. Bodmann, war aber nicht unfreundlich gegen ihn und sah auch nicht furchtbar aus, sondern war nur ein kleines Männlein und wurde gewöhnlich das »Nebelmännle« genannt.

Nachdem nun das Nebelmännle von dem Herrn v. Bodmann erfahren hatte, wie er daher gekommen, so sprach es zu ihm: »ich will Dir nichts zu Leide thun und will Dich sogar noch in dieser Nacht zu deinem Schloße führen (denn sonst hält deine Frau morgen mit einem Andern Hochzeit), wenn Du mir versprichst, daß Du künftig das Läuten mit der Nebelglocke unterlaßen willst.« Das versprach ihm der Herr v. Bodmann herzlich gern, und darauf nahm ihn das Nebelmännle auf seine Schultern und flog mit ihm, schneller als der Wind, durch die Luft und setzte ihn am Morgen richtig vor seinem Schloße nieder.

Wie der Herr v. Bodmann seine Burg betrat, erkannte ihn Niemand, selbst seine Frau nicht. Diese reichte ihm Waschwaßer, und nachdem er sich gewaschen, zog er seinen [214] Trauring vom Finger und ließ ihn hineinfallen. Als aber seine Frau das Waßer ausgoß und den Ring erblickte, hatte sie eine herzliche Freude und behielt doch lieber ihren alten Mann, als daß sie den neuen genommen hätte, dessen Andringen sie nicht länger hatte ausweichen können, weil die sieben Jahre eben um waren.

Das Läuten mit der Nebelglocke, welches die Nebel verscheuchen sollte, ist seitdem eingestellt worden; die Nebelglocke aber hängt noch immer auf dem alten Schloße Bodmann.

62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

62. Bruder Lustig.

Der Bruder Lustig befand sich einmal auf Reisen und hatte nur noch drei Kreuzer im Sack und ein einziges Brod, das er sich gekauft. Da begegnete ihm der heilge Petrus und sprach: »grüß Dich Gott, armer Bruder!« »Grüß Dich Gott!« sagte Bruder Lustig. »Wohin geht die Reise?« sprach Petrus. »Weiß nicht, sprach der Bruder Lustig, wohin mich der Wind noch führen wird.« Sprach der heilge Petrus zu ihm weiter: »ach, ich habe Hunger und kein Geld; sei so gut und gib mir ein Almosen!« »Ich bin zwar selbst ein armer Schlucker, sagte Bruder Lustig, und hab nur noch drei Kreuzer und ein Brod im Sack, doch wir wollen's theilen;« und darauf gab er dem heilgen [215] Petrus, der als Bettler verkleidet war, einen Kreuzer und einen Vierling Brod. »Vergelts Gott!« sprach Petrus und gieng weiter.

Ueber eine Weile begegnete ihm abermals der heilge Petrus als Bettler, aber in einer andern Gestalt als das erste Mal und sprach: »grüß Dich Gott, Bruder! ein Armer spricht Dich um eine Gabe an!« »Grüß Dich Gott, armer Bruder!« sprach der Bruder Lustig und gab dem Bettler einen Kreuzer und einen Vierling von seinem Brode. »Vergelts Gott!« sprach Petrus und gieng weiter.

Wieder über eine Weile kam der heilge Petrus zum dritten Male als Bettler in einer andern Gestalt und bat ihn um eine Gabe, weil er so hungrig sei. Da sagte Bruder Lustig: »mit zwei Armen hab ich schon getheilt, was ich hatte; jetzt hab ich grad noch einen Kreuzer und ein halbes Brod, das wollen wir noch einmal theilen.« Sprach der heilge Petrus: »Nun, ich habe auch noch einen Kreuzer, so wollen wir in's Wirthshaus gehen und zu dem Brod ein Halbes Bier mit einander trinken.« Ja, das war dem Bruder Lustig ganz recht und sie machten es so; und als sie nun alle beide nichts mehr hatten, so beschloßen sie, daß sie mit einander weiter reisen wollten.

Wie sie nun so eine gute Strecke zusammen marschirt waren, kamen sie in eine Stadt, darin war große Trauer, weil die Tochter des Königs gestorben war. Darauf ließ Petrus bei dem Könige sich melden als Doktor und versprach, die Prinzessin wieder lebendig zu machen; aber es sollte Niemand dabei sein und zusehen als bloß der Bruder [216] Lustig. – Nun ließ Petrus sich einen Keßel mit kochendem Waßer geben, zerschnitt den Leichnam und kochte das Fleisch in dem Keßel, legte dann die Knochen wieder zusammen, rief die Todte bei Namen und sprach die drei höchsten göttlichen Namen aus und hieß die Jungfrau aufstehen. Da stand sie auf und lebte und war frisch und gesund wie vorher. – Der König war außer sich vor Freude und bot dem heilgen Petrus Alles an, was er sich nur wünschen möge, und wenn's das halbe Königreich wäre! Aber Petrus schlug Alles aus und wollte keinen Lohn. »Narr, sprach der Bruder Lustig zu ihm, Du hast selber nichts, so daß Du betteln mußt, und willst einem König was schenken!« Petrus aber hörte nicht darauf und gieng fort, und Bruder Lustig ließ ihn allein ziehen und blieb in dem Schloße zurück, und ließ sich erst seinen Ranzen mit Geld füllen, so viel er nur tragen konnte. Dann lebte er eine lange Zeit herrlich und in Freuden, bis endlich der Ranzen leicht und leer war.

Da trug sich's zu, daß der Bruder Lustig in ein Dorf kam und hörte, die Tochter eines reichen Bauers sei todtkrank. Da gieng er hin; wie er aber hinkam, war sie schon gestorben. Nun erbot er sich, er wolle sie wieder lebendig machen, und machte es grad so, wie er es den heilgen Petrus hatte thun sehen: er zerschnitt die Leiche, kochte das Fleisch und legte dann die Knochen an einander. Aber damit wollte es ihm nicht gelingen, denn er wußte nicht, welche Knochen zusammen gehörten, so daß er in die allergrößte Angst und Unruhe gerieth und sich gar nicht [217] mehr zu helfen wußte. Da klopfte plötzlich der heilge Petrus an's Fenster und er ließ ihn sogleich herein. Der aber machte ein bös Gesicht und sprach: »ei Du schlechter Kerl, glaubst Du auch zu können, was ich kann! das geht ja nimmermehr so! – Dießmal will ich Dir noch helfen; aber daß Du Dir's nur nicht einfallen läßest, so etwas noch einmal zu probiren, sonst wird Dir's schlecht gehen!« Darauf ordnete Petrus die Gebeine wie sie zusammen gehörten, und rief das Mägdelein bei Namen und hieß es aufstehen. Da stand es auf und gieng zu seinen Eltern. Dann entfernte sich Petrus wieder durch das Fenster, durch das er gekommen war, nachdem er noch dem Bruder Lustig streng anbefohlen hatte, daß er ja keine Belohnung nehmen sollte. Nein, das wollte er auch gewiß nicht, sagte er. Als nun die Bauersleute aus Dankbarkeit ihm Geld und Gut anboten, so schlug er's aus, ließ es aber endlich doch geschehen, weil sie ihn so sehr nöthigten, daß sie ihm ein Lamm mit auf den Weg gaben. Das nahm er und trieb es zum Dorfe hinaus.

Vor dem Dorfe traf er wieder mit dem heiligen Petrus zusammen, der stellte ihn sogleich zur Rede wegen des Lammes. »Ach, sprach der Bruder Lustig, ich weiß nicht, was ich von Dir denken soll; wir sind alle beide arme Hungerleider und sollen nichts von andern Menschen annehmen! Komm her, wir wollen uns mit einander das Lamm schmecken laßen!« – »Nun, meinetwegen, sprach Petrus, so mach es zurecht; ich will unterdessen einen Gang machen; aber Du mußt nicht eher anfangen zu eßen, bis ich wieder da [218] bin!« – »Ei bei Leibe!« sprach der Bruder Lustig und schlachtete sogleich das Lamm und machte ein Feuer an und briet es. Da dauerte es nicht lange, da war es fertig und roch so gut, daß der Bruder Lustig nicht wiederstehen konnte und das Herz herausfischte und es aufaß; denn Petrus blieb auch gar zu lange und er hatte außerdem Hunger. – Endlich kam Petrus zurück und sagte: »Du kannst alles eßen, bloß das Herz bitt' ich mir aus!« – »Ei Brüderchen, wo denkst Du hin?« sprach Bruder Lustig; »besinn' Dich doch, ein Lamm hat ja kein Herz!« – »Ei freilich, sprach Petrus, ein Lamm muß doch ein Herz haben wie jedes andre Thier.« – »Ganz gewiß nicht! glaub's nur auf mein Wort! ein Lamm hat kein Herz!« sprach der Bruder Lustig in Einem fort, so daß Petrus ihn zuletzt gewähren ließ und sagte: »so kannst Du auch das übrige allein eßen!« Darauf gieng er fort. Bruder Lustig aber ließ sich den Braten schmecken, und wer auf der Straße daherkam, den lud er ein zum miteßen, bis das Lamm aufgezehrt war.

Nachdem er sich also gelabt und gesättigt hatte, reiste er weiter und kam an ein Waßer, über das er hinüber mußte. Das Waßer aber war angeschwollen, und wie er eben drin war, stieg es immer höher, daß er nahe dran war zu ertrinken und sich nicht mehr zu helfen wußte. Da rief mit einem Male von dem andern Ufer her Petrus: »gesteh mir, daß ein Lamm ein Herz hat und daß Du es aufgegeßen, so will ich Dir helfen!« Bruder Lustig aber antwortete: »wie kann ich das gestehen und wie kann ich das Herz gegeßen haben, da ja ein Lamm, wie Jedermann [219] weiß, gar kein Herz im Leibe hat!« Und obwohl Petrus das Waßer immer höher steigen ließ, so daß Bruder Lustig um's Haar hätte ertrinken müßen, so wollte er doch nicht bekennen. Deshalb ließ Petrus, weil er Mitleid hatte mit dem gutmüthigen Narren, das Waßer wieder sinken, so daß er hindurchgehen konnte. Dann aber sagte Petrus zu ihm: »Du bist nun doch einmal ein rechter Taugenichts; damit Du aber nicht wieder so gottlose Streiche machst und Todte erwecken willst um's Geld, so will ich Dir da einen Ranzen schenken, in den kannst Du Dir Alles hineinwünschen, was Du nur begehrst. Und nun leb' wohl!« Mit diesen Worten verließ ihn der heilige Petrus und Bruder Lustig wanderte mit seinem Wunsch-Ranzen allein weiter fort.

So kam er nach einiger Zeit einmal in ein Wirthshaus und trank ein Glas Bier. Da sah er zwei gebratene Gänse im Ofen stehen, ach, die rochen gar zu gut, und er hätte wohl ein Stück davon verzehren mögen. Wie er nun wieder draußen war, dachte er: ei, du solltest doch einmal den Ranzen probiren! und wünschte sich die Gänse hinein. Mit einem Mal fühlte er, daß der Ranzen schwer wurde und er roch auch sogleich den Duft der gebratenen Gänse, und setzte sich nieder und ließ sie sich wohlschmecken. Derweil kamen zwei Handwerksburschen daher, die baten um ein Stückchen Fleisch; da gab er ihnen die eine Gans, denn er hatte genug an der andern. Nun traf es sich, daß die beiden Handwerksburschen in dasselbe Wirthshaus kamen, aus welchem Bruder Lustig die Gänse weggewünscht hatte, und sich daselbst Bier und Brod geben ließen und dann vergnügt ihren Gänsebraten verzehrten. [220] Nach einer Weile wollte die Wirthin ihre Gänse holen; denn sie hatte Gäste am Tisch, die sie verzehren sollten. Aber da hättest Du einmal das Gesicht sehen sollen, das sie machte, als sie merkte, daß die Gänse fort waren und daß die Handwerksburschen sie aufgegeßen hatten; die mochten nun sagen, was sie wollten und so viel sie wollten: es habe Jemand draußen vor der Stadt ihnen den Braten geschenkt, – das half ihnen alles nichts; sie wurden für die Diebe gehalten und wurden in's Gefängnis gesperrt, also, daß sie den Braten theuer bezahlen mußten.

Bruder Lustig aber ließ sich's in der Welt wohl sein und wanderte von einer Stadt zur andern, bis daß er ein alter Mann geworden und er des ewigen Herumziehens müde war; auch dachte er, sein letztes Stündlein werde nicht mehr gar ferne sein, fragte deshalb einen frommen Einsiedler, was er thun müße, um in den Himmel zu kommen? Der fromme Mann sagte: er solle Buße thun und fleißig beten, und behielt den Bruder Lustig bei sich und wollte ihn vorbereiten auf den Himmel. – Allein es dauerte nicht lange, da konnte es der Bruder Lustig bei dem Einsiedler nicht mehr aushalten, denn er war ihm gar zu ernsthaft; deshalb nahm er alsbald seinen Ranzen auf den Rücken und begab sich wiederum auf die Wanderschaft.

Da war er nun den ganzen Tag lang fortgegangen und hatte nirgend einen Menschen oder ein Haus angetroffen. Endlich, als es schon dunkel wurde und er ganz ermüdet war, kam er in ein Wirthshaus und wollte daselbst übernachten. Da waren aber alle Zimmer schon besetzt und der [221] Wirth entschuldigte sich, daß er nicht mehr Raum habe; er habe da wohl noch ein zweites, großes Haus, das stehe leer; aber er könne keinen Menschen hineinquartiren; denn es sei noch Niemand, der es gewagt habe, darin zu schlafen, lebendig wieder daraus hervorgekommen. Bruder Lustig aber sagte: er müße irgendwo ein Unterkommen haben, der Wirth solle ihn nur in das Haus führen. Das that er denn auch, weil's der Bruder Lustig so wollte; der legte sich dann getrost in's Bett und schlief ein; sein Licht aber hatte er brennen laßen.

Wie es nun Mitternacht war und eben zwölf schlug, da wachte Bruder Lustig auf; denn er hörte ein Geräusch, und alsbald gieng die Thür auf und es traten neun Teufel in sein Schlafzimmer und stellten sich um sein Bett und stierten ihn beständig an. Das war ihm doch nicht angenehm, und weil er müde war und gern weiter fortschlafen wollte, so wünschte er die neun Teufel in seinen Ranzen, und wutsch! waren sie alle verschwunden. Dann schlief er ruhig bis zum andern Morgen; da nahm er seinen Ranzen und gieng damit in eine Schmiede und ließ den Schmied und seine Gesellen so lange darauf losschlagen mit den schwersten Hämmern, daß er meinte, von den Teufeln werde wohl keiner sich mehr rühren und regen. Als er aber den Ranzen aufmachte, war doch noch Einer am Leben und der lief was er konnte, gerades Wegs in die Hölle hinein. Niemand aber war jetzt vergnügter als der Wirth; denn es ließ sich von dem Tage an kein Teufel mehr in dem neuen Hause sehen, und zum Dank dafür behielt er den Bruder Lustig umsonst [222] bei sich, so lange er nur bleiben wollte. Es gefiel dem Bruder Lustig auch weit beßer in dem Wirthshause als bei dem Einsiedler und deshalb blieb er da bis zu seinem Ende.

Als er nun gestorben war und vor das Himmelsthor kam und anklopfte und Petrus ihn erblickte, sprach er: »So, Du kommst auch und willst in den Himmel? sieh, dorthin gehörst Du!« und damit wies er ihn zum Höllenthor. Wie Bruder Lustig dort ankam, wurde er eingelaßen und wollte sogleich mit den Teufeln ein Kartenspiel machen; sie spielten aber um menschliche Seelen, und es war ausgemacht, daß er die Seelen, die er gewönne, mit herausnehmen dürfe. Da kam aber der eine Teufel dazu, der in dem Ranzen so gottsjämmerlich geklopft war und erkannte sogleich den Bruder Lustig und sagte zu den andern Teufeln: »fangt nur mit dem Kerl nichts an, sonst sind wir verloren und er nimmt uns alle Seelen mit fort!« Da jagten sie ihn Hals über Kopf zur Hölle wieder hinaus, und Bruder Lustig wanderte ganz ärgerlich zurück zum Himmelsthore und klopfte an. So wie Petrus aber aufthat, warf er flink seinen Ranzen in den Himmel und wünschte sich dann selbst in seinen Ranzen hinein, und so ist er doch noch in den Himmel gekommen, obwohl Petrus ihm die Thür vor der Nase zuschlug.

63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[223] 63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter.

Es war ein reicher Müller, der wohnte ganz allein in einem Thale und hatte drei schöne Töchter; von denen hörte ein Räuberhauptmann und fuhr in einem prächtigen Wagen hin und bat, daß der Müller ihn doch beherbergen möge. Ja, das wollte er wohl thun. Wie sie nun Abends bei Tische saßen und allerlei mit einander redeten, so sagte der Fremde auch, daß er noch unverheirathet sei und fragte den Müller, ob er ihm nicht eine von seinen Töchtern zur Frau geben wolle. Der Müller, der den Räuber für einen vornehmen Herrn hielt und meinte, daß seine Tochter nicht beßer versorgt werden könne, sagte ja, er solle sich nur eine auswählen. Da wählte er sich die älteste.

Nun hätte der Räuber gern sogleich Hochzeit gehalten; allein der Müller sagte: die Aussteuer müße erst noch gemacht werden. Dafür dankte zwar der Fremde; denn sein Schloß sei mit Allem wohl versehen. Aber die Tochter selbst wünschte vor ihrer Verheirathung die Wohnung ihres Bräutigams einmal zu sehen; deshalb wurde die Hochzeit noch aufgeschoben, und sie fuhr einstweilen zum Besuche mit. Da wurde ihr aber der Weg sehr lang. Es gieng durch Berg und Thal, immer dichter und tiefer in den Wald hinein. »Kommt dein Schloß noch nicht bald?« fragte sie immer ängstlicher ihren Bräutigam. »Es wird bald kommen! sagte er jedesmal, nur noch ein wenig Geduld!« Endlich und [224] endlich kamen sie wirklich an. Da war Alles in dem Schloß auf's Schönste eingerichtet und der Bräutigam selbst führte seine Braut überall hin und zeigte ihr Alles; nur ein einziges Zimmer schloß er nicht auf. Dann brachte er sie zurück zu den Eltern und hielt nicht lange nachher wirklich Hochzeit mit ihr.

Der jungen Frau aber wollte es auf dem Schloße gar nicht gefallen. Ihr Mann war oft wochenlang fort, ohne daß sie wußte, wo er war, und wenn er dann heimkam, brachte er einen ganzen Haufen roher Menschen mit, die aßen und tranken und spielten, während die arme Frau sich oftmals zu der Mühle zurückwünschte, wo ihre Eltern wohnten. Ganz besonders unheimlich aber war es ihr, daß der Mann ihr so streng verboten hatte, ein einziges Zimmer nie aufzuschließen und nie hineinzusehen. Außerdem gab er ihr jedesmal, wenn er verreiste, ein Ei, welches sie sorgfältig aufheben und nie aus der Hand legen sollte. Das that die Frau denn auch gewißenhaft. Sobald der Mann aber zurückkam, ließ er sich immer gleich das Ei zeigen.

Eines Tages jedoch, als er fort war, konnte die Frau es nicht laßen, die verbotene Thüre zu öffnen, und da sah sie ein ganzes Zimmer voll Leichen und Todtengerippen, und entsetzte sich so darüber, daß sie am ganzen Leibe zitterte und bebte und das Ei fallen ließ. Da war es zerbrochen; und als nun der Mann heimkam und das Ei verlangte, konnte sie es nicht vorweisen. Da merkte er auch aus dem ganzen Aussehen seiner Frau, was sie gethan hatte, und sagte: »nun komm nur mit, jetzt darfst Du in die Kammer, [225] weil Du hineingesehen hast!« und schleppte sie hin, schnitt ihr den Hals ab und warf sie zu den übrigen Leichen.

Nicht lange darauf nahm der Mann einen andern Wagen und andre Pferde und kleidete sich ganz anders und fuhr abermals zu dem Müller und sagte: er habe gehört, daß er zwei so schöne Töchter habe, er möge ihm doch eine davon zur Frau geben. Der Müller entschloß sich schwer dazu, willigte aber doch ein, weil die Tochter Lust hatte, und ließ sie sogleich mitfahren und gab ihr eine reiche Aussteuer.

Dieser zweiten Frau ergieng es bald ebenso wie ihrer Schwester. Sie bekam immer ein Ei, wenn ihr Mann ausgieng, das sollte sie sorgfältig in der Hand tragen, und außerdem hatte er ihr verboten, ja niemals die eine Thür aufzumachen. Als sie aber dennoch eines Tags die Todtenkammer aufschloß und hineingieng, ließ sie vor Schrecken das Ei in einen Eimer mit Blut fallen, und eh sie es abwaschen konnte, war ihr Mann zurückgekommen und sah das Blut an dem Ei und sagte: »jetzt ist es aus mit Dir!« und führte sie ebenfalls in die Kammer und schnitt ihr den Hals ab.

Der Räuberhauptmann aber wußte sich so geschickt zu verkleiden und zu verstellen, daß, als er jetzt zum dritten Male zu dem Müller kam und um die jüngste Tochter anhielt, der Müller ihn nicht wieder erkannte, sondern ihn für einen ganz anderen Menschen hielt. Mit vieler Mühe bekam er endlich auch die dritte Tochter und machte es mit dieser nun ebenso wie mit ihren beiden Schwestern. Er untersagte ihr streng, das eine Zimmer aufzuschließen und gab ihr, wenn er ausgieng, jedesmal ein Ei, das sie beständig[226] tragen sollte. Diese Frau aber war vorsichtig und legte das Ei in ein Körbchen und ließ es darin liegen, wenn sie im Schloße umhergieng. So kam sie denn auch einmal an die verbotene Thür, die sie schon oft angesehen hatte, und dachte: ei, du sollst doch einmal zusehen, was wohl darin ist, und schloß die Thür auf. Aber wie erschrack sie da, als sie hier lauter Leichen fand und darunter auch die Köpfe ihrer beiden Schwestern, die sie noch erkennen konnte.

Schnell setzte sie sich nun hin und schrieb einen verstellten Brief, als ob ihr Vater schwer erkrankt sei und sie noch einmal vor seinem Tode zu sehen wünsche. Als darauf der Räuber nach Haus kam und die Frau ganz traurig fand, so fragte er sogleich nach dem Ei; das war zwar nicht zerbrochen, aber die Frau bat ihn um Alles in der Welt, daß er sie doch zu ihrem Vater bringe, der wolle sterben und wünsche, sie noch einmal zu sehen. Und als der Räuber den Brief gelesen, gab er endlich ihren Bitten nach und fuhr schon am andern Morgen mit ihr fort.

Die Frau aber hatte ganz heimlich die Köpfe ihrer Schwestern mit in die Kleiderkiste gepackt, die sie mitnahm, und kam deshalb in große Angst, als ihr Mann unterwegs noch einmal umkehren wollte; er habe vergeßen, nach seinen Vögeln zu sehen, sagte er. Die Frau konnte wohl denken, daß er damit die Todtenkammer meinte und sie fürchtete, daß er entdecken könnte, was darin vorgefallen war. Deshalb bat sie ihn so dringend und so zärtlich, ihre Reise nicht aufzuhalten, daß er endlich nachgab und sie zu ihrem Vater führte. Den trafen sie ganz gesund an; die Tochter aber [227] hatte sogleich die Knechte ihres Vaters bestellt; die umgaben das Haus und nahmen den Räuber gefangen. Der wurde dann vor ein Gericht gestellt und verurtheilt und hingerichtet.

Zugleich aber verlangte der Richter von der jungen Frau, daß sie seinen Leuten den Weg zu dem Räuberschloße zeigen sollte, damit auch die Gehülfen des gottlosen Mannes ihre Strafe bekämen. Das that die Frau auch sogleich und wies den Leuten den Weg in den Wald. Weil sie aber vorangieng, und die andern nicht recht Acht gaben und zurückblieben, so geschah es, daß sie plötzlich ihre Führerin verloren hatten und deshalb wieder umkehrten. Da irrte die Frau nun allein herum und stieß mit einem Male auf die Räuberbande und wurde gefangen genommen. »Da haben wir also das böse Weib, das unsern Hauptmann verrathen hat!« sagten die Räuber und beschloßen, sie lebendig in Harz zu sieden, und banden sie an einen Baum und begaben sich in den Wald, um Holz und Harz herbeizuschaffen.

Als die arme Frau nun bitterlich weinte, kam plötzlich die alte Mutter des geköpften Räubers zu ihr und band sie los, weil sie Mitleid mit ihr hatte. Dann eilte sie so schnell sie nur konnte, zum Walde hinaus, und traf auf der Straße einen Fuhrmann, der hatte Reife (Faßringe) geladen, und den bat sie, er möge sie doch aufsitzen laßen und unter den Ringen verstecken, weil die Räuber sie verfolgen könnten. Der Mann aber sagte: »das könnte mir Wagen und Pferde kosten! ich mag mit den Räubern nichts zu thun haben!« Da gieng die Frau fort und kam bald zu einem zweiten Fuhrmann, der hatte Fäßer auf dem Wagen und auch keinen [228] Muth, die Frau aufzunehmen. So lief sie wieder eine Strecke weiter, bis sie ganz ermattet zu einem dritten kam, der hatte Brunnentröge geladen, den einen immer größer als den andern, so daß mehre in einander gelegt werden konnten. Dieser Fuhrmann nahm sie auf und versteckte sie unter dem untersten Brunnenstein und legte die übrigen über sie her.

Als die Räuber nun aber mit vielem Holz und Harz zurückkamen und die Frau nicht mehr vorfanden, sprangen sie ihr nach. Da trafen sie den ersten Fuhrmann mit den Reifen und luden ihm den ganzen Wagen ab und eilten weiter, als sie die Frau bei ihm nicht fanden. Ebenso machten sie es dem zweiten und dann auch dem dritten Fuhrmann. Diesem letztern warfen sie die Brunnensteine einen nach dem andern herunter bis auf den untersten, unter welchem die Frau verborgen war. Da gerieth der Fuhrmann in Todesangst. Als nun aber grade Einer den Stein anfaßte, um ihn aufzuheben, da rief der neue Anführer: »wir wollen weiter gehn! da sitzt sie doch nicht drunter.« Und so ließen sie den letzten Brunnenstein liegen und zogen ab. Der Fuhrmann aber lud eilig einige Steine wieder auf und brachte dann die Frau glücklich zu ihrem Vater.

Darauf hatten die Räuber einen so großen Zorn auf die Frau, daß sie mehrmals versuchten, des Nachts in die Mühle einzubrechen und Feuer darin anzulegen. Als sie aber zum dritten Male kamen, hatte man ihnen aufgepasst und nahm alle gefangen.

Der Müller aber mochte in der Mühle nicht länger wohnen und zog mit seiner Tochter in die benachbarte Stadt. [229] Dort wohnte auch der brave Fuhrmann, der die Frau gerettet hatte, und zum Danke dafür und weil er ihr auch sonst gefiel, hat sie ihn geheirathet und beide haben noch lange glücklich mit einander gelebt.

64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

64. Die drei Handwerksburschen.

Es saßen einmal drei Handwerksburschen ganz still und traurig in einem Wirthshause beisammen; denn sie konnten keine Arbeit bekommen und hatten nur noch fünf Kreuzer mit einander zu verzehren. Und wie sie nun so dasaßen, trat ein fremder Herr zu ihnen hin und fragte, warum sie denn so betrübt wären? Da klagten sie dem Manne ihre Noth, daß ihr Geld zu Ende sei und sie gar nichts verdienen könnten. Sprach der fremde Herr zu ihnen: »ei, deshalb dürft ihr nicht so traurig sein, da ist wohl noch Rath zu schaffen! Wenn ihr mir einen Gefallen thun wollt, so soll euch das Geld nie ausgehen.« Da fragten sie: was denn das wäre? Darauf sagte der Fremde: »ihr dürft nichts weiter reden, man mag euch fragen, was man will, als diese Worte: der erste von Euch muß immer antworten: ›wir alle drei!‹ der zweite: ›um's Geld!‹ der dritte: ›und so ist's recht!‹ Wenn ihr das thut, so werdet ihr keine Noth mehr leiden.«

[230] Da sahen die Handwerksburschen sich verwundert an und wollten's nicht wagen, weil sie sich fürchteten; allein da der fremde Herr versicherte, daß ihnen kein Leid dadurch geschehen werde, so versprachen sie es ihm und erlaubten ihm sogar, daß er ihnen eine Ader aufschlug, worauf dann ein jeder mit seinem eigenen Blute dieß Versprechen unterschrieb. Darauf verschwand der Mann.

Die drei Handwerksburschen hatten aber, seitdem sie mit ihrem Blute unterschrieben, die Sprache verloren und konnten gar nichts mehr hervorbringen, als die Worte: »wir alle drei,« was der eine sprach, worauf dann jedesmal der andere versetzte: »um's Geld!« und der dritte hinzufügte: »und so ist's recht!« Alsbald fühlten sie aber, daß ihre Taschen voll Geld waren; deshalb besuchten sie nur gute Gasthäuser und ließen sich das Eßen und Trinken schmecken und bezahlten Alles wie vornehme Herrn, indem sie von dem hingegebenen Gelde, wenn's zuviel war, nichts wieder zurücknehmen wollten. – So kamen sie auch einmal in ein vornehmes Wirthshaus und setzten sich an den Tisch. Da fragte der Wirth, ob sie etwas zu trinken haben wollten? »Wir alle drei!« sagte der eine. »Das kann ich mir denken!« antwortete der Wirth. »Um's Geld!« versetzte der Zweite. »Ja freilich, sagte der Wirth; umsonst ist der Tod.« – »Und so ist's recht!« fügte endlich der dritte Handwerksbursch hinzu. »Das versteht sich!« sprach der Wirth und lachte und gieng hin und holte für jeden einen Schoppen Wein. Und als sie den Wein getrunken hatten, fragte der Wirth wieder: ob sie auch etwas eßen möchten? »Wir alle [231] drei!« sprach der erste, und dann der zweite: »um's Geld!« der dritte: »und so ist's recht!« – Da sah der Wirth groß auf, und auch die Gäste, die da waren und das mit anhörten, verwunderten sich über die sonderbaren Leute; denn sie brachten weiter nichts vor, als eben diese drei Redensarten.

In demselben Wirthshause übernachtete aber auch ein reicher Kaufmann, der führte viel Geld bei sich und schlief dicht neben ihnen an. Da hörten sie um Mitternacht ein Geräusch in dem Nebenzimmer und ein Geschrei, was aber alsbald still ward. Dann vernahmen sie ganz deutlich die Stimme des Wirthes, der befahl, daß man die Geldsäcke forttragen sollte, und sie konnten nun wohl denken, was da geschehen sein mochte, blieben aber mäuschenstill liegen, weil sie angst hatten. – Wie es nun Tag wurde und Alles aufstand, gieng der Wirth in das Zimmer, wo der Kaufmann geschlafen, und erhub ein Geschrei: »Mörder! Mörder!« und lief zum Gericht und zeigte es an, daß ein Kaufmann über Nacht in seinem Hause ermordet worden sei, und daß er schweren Verdacht gegen drei Handwerksburschen hege, die dicht neben dem Kaufmann geschlafen hätten.

Da kam das Gericht herzu und fand den Kaufmann in seinem Blute liegen, nahm dann auch sogleich die drei Handwerksburschen gefangen und fragte sie: ob sie den Mann ermordet hätten? Da sagte der erste: »wir alle drei!« der zweite: »um's Geld!« der dritte: »und so ist's recht!« – »Ei, ihr gottlosen Menschen!« rief der Richter, und befahl, daß man sie fortführte. Und weil man in ihren Taschen so viel Geld fand, wie man es sonst bei Handwerksburschen [232] nicht antrifft, und sie ganz unverholen die Mordthat bekannten, so wurden sie zum Tode verurtheilt und zum Richtplatze hinausgeführt. Als sie nun aber geköpft werden sollten, da rief eine unsichtbare Stimme: »halt!« Und mit einem Male fühlten die Handwerksburschen, daß sie wieder reden konnten und erzählten nun Alles, wie es ihnen ergangen war und wie sie nichts weiter, als die drei Antworten auf alle Fragen hätten geben können; zugleich aber zeigten sie den Richtern an, daß der Wirth selbst den Kaufmann umgebracht und seine Geldsäcke ihm weggenommen habe. Da wurde der Wirth festgesetzt, und als man das Geld mit dem Namen des ermordeten Kaufmanns bei ihm fand und seine Schuld offenbar war, erhielt er seine Strafe; die drei Handwerksburschen aber zogen nach der Angst, die sie ausgestanden, fröhlich von dannen und hatten nun Geld genug ihr Lebenlang.

65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

65. Die drei Wünsche.

Unser Heiland und der heilige Petrus kamen auf ihren Wanderungen eines Abends in ein Dorf und baten einen Mann, der ein großes schönes Haus hatte, um eine Nachtherberge. Der Mann aber wies sie ab und gab ihnen noch böse Worte mit auf den Weg. Da giengen sie zu seinem nächsten Nachbar, der war sehr arm und hatte nur eine [233] kleine Hütte, nahm aber die beiden Wanderer sogleich freundlich auf, obwohl er sie nicht erkannte, und theilte mit ihnen Alles, was er nur hatte.

Als die Fremden nun ausgeruht hatten und am andern Morgen fort wollten, sagte der Heiland zu dem armen Mann und zu seiner Frau: sie dürften drei Wünsche thun, die sollten ihnen gewährt werden. Da wünschten sie sich ein beßeres Haus, eine Kuh nebst Futter für dieselbe, und drittens wünschten sie, daß sie immer einen »übrigen Groschen« in der Tasche haben möchten, damit sie auch den Armen etwas abgeben könnten. Und wie die Leute sich dieß gewünscht hatten, so bekamen sie es auf der Stelle. Die Fremdlinge aber reisten weiter.

Als der Nachbar nun anstatt der kleinen Hütte plötzlich das schöne neue Haus erblickte verwunderte er sich über die Maßen und schickte sogleich seine Frau hinüber, daß sie sich erkundigen sollte. Die erfuhr nun Alles, wie es gekommen war. Da ärgerte sich der Mann, daß er die Reisenden abgewiesen hatte und machte sich sogleich mit seiner Frau auf den Weg hinter ihnen her, holte sie auch alsbald ein und bat, daß der Heiland doch ihm und seiner Frau ebenfalls drei Wünsche gewähren möchte. Der Heiland sagte: ja, das wollte er wohl thun, was sie sich denn wünschten? Da sagte die Frau sogleich: »ach, eine neue Hechel!« Und kaum hatte sie es ausgesprochen, so war auch die Hechel schon da. Ihr Mann aber ward unwillig, daß sich die Frau etwas so Geringes gewünscht hatte und verlangte, daß er die beiden andern Wünsche thun dürfe. Der Heiland [234] sagte ihm: ja, er solle nur nach Haus gehen und was er sich wünsche, das werde ihm gewährt werden.

Als der Mann nun mit seiner Frau heimgieng und diese über ihre schöne Hechel eine große Freude bezeigte, so konnte es der Mann gar nicht verschmerzen, daß die Frau sich nicht etwas Beßeres gewünscht hatte und schalt sie recht tüchtig aus wegen ihrer Dummheit. Die Frau aber bekümmerte sich nicht darum und hielt ihrem Mann beständig die Hechel hin und sagte: »aber sieh doch nur diese schöne Hechel!« Da sagte er endlich im Zorn: »ach ich wollte, daß Du auf deiner Hechel reiten müßtest, da würdest Du wohl still davon sein!« Und mit Einem Male saß die Frau auf der Hechel und fieng ganz erbärmlich an zu schreien; denn die eisernen Spitzen stachen ihr den Allerwerthesten ganz wund und blutig, und sie war nicht im Stande, sich davon loszumachen.

Nun sah der Mann mit Schrecken, was für Unheil er durch seinen Wunsch angerichtet hatte, und suchte seine Frau zu trösten. »Sei doch nur still, sprach er, wir haben ja noch einen Wunsch und können uns die größten Schätze der Welt verschaffen!« Die Frau aber schrie immer lauter und jämmerlicher und sagte: »was helfen mir alle Schätze, wenn ich solche Schmerzen ausstehen soll?« und sie ließ ihrem Manne keine Ruhe, als bis er den dritten Wunsch aussprach, um sie von der Hechel frei zu machen. »Ei, so hol der Henker deine Hechel!« rief er endlich ganz zornig. Da war die Frau wieder frei aber ihre schöne Hechel war fort,[235] also, daß sie von ihren drei Wünschen gar nichts mehr hatten, als Aerger und den Spott der Leute, und die Frau noch außerdem viele Wunden und Schmerzen am Allerwerthesten.

66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe.

In einem Dorfe hatten die Bauern ihren Pfarrer so gern, daß sie ihm beinah alle, so oft sie ein Schwein schlachteten, etwas von der Metzelsuppe schickten. Da geschah es, daß der Pfarrer selbst einmal ein Schwein gemästet hatte; als es aber geschlachtet werden sollte, fiel ihm mit Schrecken ein, daß er allen Bauern, die ihm sonst etwas geschickt, nun ebenfalls ein Stück Fleisch und ein paar Würste schicken müße. »Dazu wird das eine Schwein kaum hinreichen, und für mich behalte ich gar nichts,« dachte er, und begab sich zu seinem Meßner und fragte den um Rath, wie er es doch machen solle, daß er den Bauern keine Metzelsuppe zu geben brauche. Da rieth ihm der Meßner: wenn er das Schwein geschlachtet, so solle er es nur vor dem Hause hängen laßen bis es Nacht sei, dann dasselbe still bei Seite schaffen und am andern Tage den Bauern sagen: das Schwein sei ihm gestohlen worden, so werde Niemand eine Metzelsuppe von ihm erwarten. Dieser Rath gefiel dem Pfarrer so gut, daß er ihn sogleich in Ausführung brachte und das Schwein schlachten und vor dem Hause aufhängen ließ.

[236] Als es nun dunkle Nacht war, kam der Meßner ganz heimlich, nahm das Schwein herunter und gieng damit fort in seine Wohnung. Darauf begab sich der Pfarrer am andern Morgen zu dem Meßner und sprach: »da ist mir doch gestern Abend ein arger Streich gespielt worden; man hat mir mein Schwein gestohlen!« »Ja ja, sprach der Meßner, so muß man sagen, dann glauben's die Leute!« »Nein in der That, es ist kein Spaß, man hat mir ganz eigentlich mein Schwein gestohlen!« sagte der Pfarrer. »So ist's recht, so muß man sagen, sprach der Meßner und ich will schon helfen, daß es unter die Leute kommt.« Als aber der Pfarrer gar nicht nachgab, sagte endlich der Meßner: »Ach Herr Pfarrer, ich weiß ja Alles, ich habe ihnen ja selbst diesen Rath gegeben, bei mir bedarf's keiner Verstellung!« Da wurde der Pfarrer nur immer ungeduldiger, und weil das Betragen des Meßners ihm verdächtig vorkam, so bat er ihn zuletzt, ob er nicht eine Kiste, die er im Augenblick nicht gut unterbringen könne, ihm einige Tage lang in seiner Stube aufbewahren wolle. Ja, das wollte er recht gern thun. In die Kiste aber steckte der Pfarrer seine Schwiegermutter, die sollte horchen und ausspüren, ob nicht der Meßner das Schwein weggenommen habe; denn der Pfarrer meinte gewiß, daß er sich wohl mit seiner Frau davon unterhalten würde. Dem Meßner aber sagte er noch, daß er die Kiste ja nicht öffnen solle.

Am nächsten Sonntag nun kochte die Frau des Meßners Sauerkraut und dazu ein Stück von dem frischen Schweinsfleische; und als sie bei Tisch saßen und aßen, sagte die Tochter [237] des Meßners: »Ach, wie schmeckt des Herrn Pfarrers sein Fleisch so gut!« Das hörte die alte Schwiegermutter in der Kiste und konnte das Lachen nicht verhalten, also, daß es der Meßner merkte. Da dachte er: wart, ich will Dir doch für deine Horcherei ein Andenken geben! und nahm eine Schwefelschnitte, zündete sie an und steckte sie durch eine Ritze in die Kiste hinein. Die Frau aber verhielt sich ganz ruhig in der Kiste und rief nicht um Hülfe, wie er erwartet hatte. Deshalb brach er nach einer Weile selbst die Kiste auf. Allein wie erschrack er da, als die Frau von dem Schwefeldampfe erstickt, todt dalag! Neben ihr lag Fleisch und Brod, davon sie gegeßen hatte. Da nahm der Meßner schnell ein Meßer, schnitt ein Stück von dem Fleische ab und steckte ihr das in den Hals und machte dann die Kiste wieder zu.

Als nun der Pfarrer am folgenden Morgen die Kiste zurückholen ließ und sie aufmachte, da schlug er die Hände über sich zusammen und rief: »Ach Du lieber Gott, meine Schwiegermutter ist erstickt, was soll ich armer Mann nun anfangen!« Dann ließ er den Meßner kommen und sagte ihm: die Schwiegermutter sei so plötzlich gestorben, daß er fürchte, man werde ihm Vorwürfe machen, weil er keinen Arzt zu Hülfe gerufen habe. Deshalb möge er sie doch heimlich begraben, er wolle ihm auch gern dafür einen Scheffel Dinkel geben, den er selbst sich einmeßen dürfe. Der Meßner war es zufrieden, nahm die Todte und trug sie mit auf den Kornboden, wo er sich den Scheffel Frucht einmaß, und als er damit fertig war, stellte er die Frau mitten in den Kornhaufen und gieng heim. Auf der Treppe [238] aber verzettelte er eine ganze Handvoll von dem Korn. Und als nun am andern Morgen die Magd die Treppe abkehren wollte und das Korn sah, strich sie es zusammen und trug es wieder in die Fruchtkammer. Kaum aber hatte sie die Thür aufgemacht, so sah sie die alte todte Frau in dem Kornhaufen stehen und entsetzte sich darüber so sehr, daß sie kaum die Treppe hinabsteigen und zu dem Pfarrer gehn und ihm sagen konnte, was sie auf dem Fruchtboden erblickt hatte. Der Pfarrer aber eilte zum Meßner und fragte ihn: ob er denn seine Schwiegermutter nicht begraben habe? »Ei, freilich hab ich sie begraben!« »Nicht möglich, sprach der Pfarrer, sie steht ja auf meinem Fruchtboden!« »Die wird eine Hexe sein, sagte der Meßner, sonst wäre sie wohl nicht wiedergekommen!«

Da bat der Pfarrer den Meßner so dringend und bot ihm hundert Gulden als Belohnung an, wenn er sie noch einmal begraben wolle, so daß er endlich sich dazu verstand und die Leiche mitnahm und sie in den Wald trug. In dem Walde aber traf er unter einem Baume einen Krämer, der war eingeschlafen und hatte eine große Kiste neben sich stehen. Da rief ihn der Meßner an und schüttelte ihn; allein der Mann schlief so fest, daß er davon nicht aufwachte.

Darauf öffnete der Meßner die Kiste und nahm alle Waaren, die sich darin befanden, heraus, versteckte sie in einem hohlen Baume und legte dafür die todte Frau hinein und schloß die Kiste wieder zu. Dann hielt er sich in der Nähe bis gegen Abend auf, wo der Krämer endlich wach wurde, und gieng zu ihm und fragte, was er da zu verkaufen [239] habe? Da sprach der Krämer: »Ich habe allerlei Waaren, besonders sehr schönes schwarzes Zeug; wißt ihr mir Niemand, der etwas kauft?« »O ja, sagte der Meßner, geht nur da in's nächste Dorf zum Pfarrer, der hat Trauerkleider nöthig, weil ihm seine Schwiegermutter gestorben ist.«

Da begab sich der Krämer in's Pfarrhaus, bot seine Waare an, und als er sie sehen laßen wollte und die Kiste aufmachte, da rollte eine todte Frau heraus. »Um Gottes willen, rief der Pfarrer, da ist ja meine Schwiegermutter wieder!« Der Krämer aber fiel vor Schrecken in Ohnmacht.

Nun ließ der Pfarrer sogleich wieder den Meßner holen und sagte: ob er denn seine Schwiegermutter nicht begraben habe? »Ei freilich, sagte er, schon zweimal; ich habe sie dießmal noch dazu in den Wald hinausgetragen; aber daran, daß sie immer wieder kommt, kann man recht deutlich sehen, daß sie eine Hexe gewesen sein muß.«

Der Pfarrer bat ihn, doch noch einmal die Schwiegermutter zu vergraben, was der Meßner denn auch für zweihundert Gulden endlich versprach und dießmal wirklich ausführte.

»Was bekomme ich denn für meine Waare?« sprach der Krämer, der sich allmählig wieder erholte.

»Ich kann euch nichts geben, sagte der Pfarrer; ich habe von euch ja nichts bekommen!« »Dann verklage ich euch, sagte der Krämer, und eure Schwiegermutter dazu; denn die hat mir meine Sachen gestohlen, die wenigstens zweihundert Gulden werth waren.« »Nun so haltet nur reinen Mund und bringt meine Schwiegermutter nicht in [240] das Gerede der Leute, sprach der Pfarrer; ich will euch die zweihundert Gulden geben!«

Das ist die wahrhafte Geschichte von einer Metzelsuppe, die der Pfarrer für sich allein zu verzehren gedachte.

67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

67. Ei so beiß!

Ein armer Holzhauer war das ganze Jahr hindurch mit seiner Frau im Walde und machte Holz; bei jedem Hiebe aber, den er mit der Axt that, sagte er seufzend: »ei, so beiß!« Da kam ein vornehmer Graf des Wegs daher und hörte dem Manne eine Weile zu, und fragte ihn endlich: weshalb er denn immer »ei so beiß!« sage? Ach, antwortete er, hätte Eva nicht in den Apfel gebißen, so wären wir noch im Paradiese und ich brauchte hier kein Holz zu hauen! So oft ich daran denke, muß ich seufzen und werde bös auf die Eva.

Darauf nahm der Graf die armen Leute mit auf sein Schloß und gab ihnen Eßen und Trinken so gut, als sie es nur haben wollten. Einmal gab er ihnen auch ein Fest und hatte alles mögliche für sie kochen und auftragen laßen; darunter war auch eine verdeckte Schüßel, von der sagte der Graf, daß sie dieselbe ja nicht aufmachen sollten; sie dürften sie bloß ansehen! Dann ließ er sie allein in ihrem Zimmer. – Nun hätte die Frau aber gar zu gern gewußt [241] was in der verdeckten Schüßel war; bald dachte sie an dieß, bald an das. Endlich aber trieb sie die Neugier so sehr, daß sie nicht widerstehen konnte und den Deckel nur ein wenig aufhob. Aber in demselben Augenblick sprang auch eine Maus aus der Schüßel und als die Frau sie wieder fangen wollte, da war sie längst in ihrem Loche.

Als nachher der Graf kam und sah, daß die Maus fort war, so sprach er zu dem Manne: »jetzt beklage Dich nicht mehr über die Eva! deine Frau würde es ebenso gemacht haben!« Und dann behielt er die Leute nicht länger in seinem Schloße, und sie mußten wieder im Walde durch Holzhauen sich ihr Brod verdienen. Bei jedem Hiebe, den der Mann jetzt that, mußte er an das gute Leben auf dem Schloße und an die Fürwitzigkeit seines Weibes denken und sagte deshalb nicht mehr: »ei so beiß!« sondern: »ei so guck!« Und wenn er nicht aufgehört hat oder gestorben ist, so kannst Du ihn wohl noch im Walde hauen und klagen hören.

68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen.

Da zogen einstmals fünf Handwerksburschen aus einem Orte zusammen auf die Wanderschaft und hatten sich gegenseitig versprochen, daß sie sich nicht trennen wollten von einander. Wie sie nun schon ein gut Stück Wegs gegangen waren, [242] fiel's dem einen plötzlich ein, ob sie auch wohl noch alle fünf beisammen wären und er machte seine Kameraden aufmerksam darauf. Da standen sie alsbald still und der eine fieng an zu zählen: »das bin ich, eins, zwei, drei, vier!« Ach Gott, wie erschracken sie da, als Einer fehlte! Sie zählten nun einer nach dem andern und brachten immer nur vier heraus, weil der Zähler sich selbst übergieng. Da kam ein Fremder daher und fragte, was sie hätten. Sie sagten's ihm und baten, er solle doch suchen helfen. Der Mann aber rieth, sie sollten alle ihre Nasen einmal in dem Koth abdrücken und dann die Löcher zählen. Das thaten sie und da kamen richtig fünf Nasen heraus, und nun wußten sie gewiß, daß sie noch keinen Kameraden verloren hatten und setzten vergnügt ihre Reise wieder fort.

69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

69. Die drei todten Schwestern.

Es waren einmal drei Schwestern; die eine starb am Abend, die andre um Mitternacht und die dritte am Morgen. Da kamen sie vor Petrus Thür. Petrus sprach: wer steht draußen? »Drei arme Seelen!« Zwei sollen herein kommen und eine soll draußen stehn! »Warum soll ich draußen stehn? hab ich denn eine Sünd gethan?« Hast Du nicht Vater und Mutter geschlagen. So gehe Du den rothen Weg! – Da kam sie vor Satans Thür. Satan machte geschwind auf [243] und blies drei feurige Kohlen auf und setzte sie darauf. Da schrie sie: o weh, o weh, wär ich bei meinen andern zwei Schwestern!


Die sind in Kirchen und Schulen gegangen, Und ich bin vor dem Spiegel gestanden. Was hilft mir mein Haar zieren, mein Haar schmieren, In der Hölle muß ich ewige Pein leiden.

70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

70. Der Rathsherr und das Büble.

R. Büble, was greinst?
B. Ha, lache wurd i nit.
R. Hat Dir der Wolf Dein Schäfle g'nomme?
B. Gebe han i's em nit.
R. Ist er mit über de Bach?
B. Ha, unne durch nit!
R. Büble, sei nit so grob, i bin a Rathsherr!
B. Na, so rath mal, was i in meiner Tasch han!
R. Ha, was wirst Du drin han! a Stückle Brod?
B. Ja Dreckle! meine Hänschich!
71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[244] 71. Der Tod des Hühnchens.

's ist emal e Hühnle und e Gockeler gwä; (der Gockeler ists Mannle gwä, und 's Hühnle sein Weible;) die beid sind emal spaziere gangen und sind an e Waßer komme, und da ist e Brückle nüber gange. Da hats Mannle zum Weible gsait: »gang Du z'erste nüber, i komm dann nacher!« Da saits Weible: »gang Du nur z'erste, Du bist stärker, als i!« Da saits Mannle: »noi, Du mußt z'erste nüber!« »Ach, i fürcht mir!« saits Weible. »O, 's gschieht Dir nix! Gang Du nur nüber!« saits Mannle; und da hats des Weible gwagt und hat wölle nüber gaun; is aber ins Waßer gfalle.

Da is des Mannle hingloffen und hat en Schubkarre gholt, und wie's de Karre über d' Straß schiebt, da sind Ratten und Mäus und Hasen und Reh und älls Vieh zu em kommen und hent gsait: »derf i au mit?« Da hats Mannle gsait: »alls daher! alls daher!« und hat älles einsitze laun und hats mitgnomme; und da habet se mit enander des Weible außem Waßer zoge; da ists aber todt gwä. Na habet se's uf de Karre glade und sind mit fortgfahren und habets uf de nächst Miste vergrabe. Da hat der Gockeler die Leichered ghalte: »Kikeriki! Kikeriki!« und die andere Thierle habet dazu gsunge.

72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[245] 72. Der König Auffahrer des Meers.

Es war einmal ein junger König, den nannte man gewöhnlich: König Auffahrer des Meers, wahrscheinlich, weil er schon viel auf dem Meer herumgefahren. Diesem Könige träumte es einst drei Nächte hinter einander: er solle ein armes Mädchen heirathen, das keinen Kreuzer Geld besitze. Das erste Mal lachte er darüber. Als aber der Traum sich dreimal wiederholte, schien ihm die Sache doch ernstlich zu sein, und er dachte darüber hin und her und meinte endlich: er könne auch wohl mit einer solchen Frau glücklich werden, wenn sie sonst nur brav und lieb sei. Deshalb unternahm er alsbald eine große Reise, um sich in der Welt umzusehen und sich eine Frau auszusuchen.

Da geschah es, daß er eines Abends in ein Dorf kam und bei einem armen Schuster übernachten mußte. Der Schuster aber hatte eine junge hübsche Tochter, die machte für den König das Abendeßen und das Nachtlager zurecht, und gab dann dem Könige auf alle Fragen, die er an sie richtete, so gute und kluge Antworten, daß sie ihm überaus wohl gefiel und er noch an demselben Abend den Schuster bat: er möge ihm doch seine Tochter zur Frau geben. Der arme Schuster ward fast böse über diesen Heirathsantrag, indem er glaubte, der König wolle ihn zum Besten haben. Er sagte ihm deshalb: »Herr König, Ihr solltet meiner Armuth nicht spotten! Mein Kind ist zwar brav und gut; aber ich weiß recht wohl, daß ihm Alles fehlt, was die Gemahlin eines Königs besitzen muß.« Als aber der König [246] mit allem Ernst versicherte, daß seine Tochter und keine andre seine Gemahlin werden müße: da sagte der Schuster: »nun, so will ich nichts mehr dagegen sagen, und ihr müßt es mit meiner Tochter ausmachen.« – Als nun der König am andern Morgen mit der Tochter allein im Garten war, und ihr versicherte, daß er sie sein Lebenlang lieb haben und beschützen wolle, da gab sie ihm endlich ihr Wort, und bald darauf wurde die Hochzeit gefeiert und die beiden lebten sehr vergnügt mit einander.

Aber schon nach einem halben Jahre brach ein schwerer Krieg aus und der König mußte sich an die Spitze seines Heeres stellen, und weit bis an die Gränzen seines Landes fortziehen. Wie er nun schon mehre Monate abwesend war, da kriegte seine Frau auf einmal drei wunderschöne Kinder, zwei Buben und ein Mädchen, die hatten jedes ein goldenes Kreuz auf dem Rücken. Die Mutter des Königs aber war eine böse Frau und konnte die junge Königin nicht leiden, weil sie so arm und von ganz niederer Herkunft war. Deshalb nahm sie ihr alsbald die drei Kinder weg und schrieb ihrem Sohne: seine Frau müße eine rechte Hexe sein, denn sie habe ihm drei Hunde geboren. Darüber wurde der König gar zornig und schrieb sogleich zurück: man solle die Hunde nur in's Waßer werfen, seine Frau aber in einen tiefen Thurm einsperren, bis er selbst zurückkomme. So geschah es denn auch. Die Königin wurde festgesetzt und bekam Waßer und Brod; die drei Kinder aber ließ die gottlose Schwiegermutter in ein Faß verschließen und so in's Waßer werfen. Das Faß aber schwamm auf dem Fluße [247] fort und kam endlich an eine Mühle. Da bemerkte es der Müller und zog es heraus und öffnete es, und wie verwunderte er sich da, als er drei wunderschöne Kinder darin fand. Die brachte er sogleich seiner Frau, und zog sie auf wie seine eigenen Kinder, deren er fünf hatte.

So waren beinah fünfzehn Jahre vergangen. Der König mußte beständig Krieg führen, seine Gemahlin blieb in dem Thurme sitzen und seine drei Kinder wurden in der Mühle groß gezogen. Nun geschah es aber, daß die Kinder des Müllers sich mit den Königskindern nicht gut vertragen konnten, indem jene sie oft von ihren Spielen ausschloßen und sie neckten, daß sie ja keinen Namen und keine Heimath hätten und bloß gefundene Kinder wären. Das verdroß die Königskinder endlich so sehr, daß sie sich verabredeten, die Mühle zu verlaßen, und eines Tages heimlich fortzogen weit weit in den Wald hinein. Da begegneten ihnen mancherlei Leute; sie giengen aber kecklich an allen vorüber und die Knaben zogen vor Niemanden ihr Käpplein vom Kopfe. Endlich kamen sie auch zu einer alten Frau, die war eine Zauberin, und als sie bei ihr sich nach dem Wege erkundigten, so sagte sie ihnen, sie sollten nur bei ihr bleiben, sie habe ihnen etwas Wichtiges zu entdecken, wodurch sie glücklich werden würden. Dann erzählte sie ihnen, daß hier im Walde ein verwünschtes Schloß stehe, und das könnten sie erlösen. »Ihr braucht bloß, sagte sie, den Käfig mit der Amsel aus dem Schloße zu holen; müßt Euch aber durch nichts aufhalten laßen und müßt eilen; denn nur Mittags zwischen 11 und 12 Uhr ist das Schloß zugänglich und [248] die Erlösung möglich. Wem die Erlösung gelingt, der bekommt das Schloß mit allen Schätzen darin.«

Darauf zogen die beiden Prinzen das Loos, und der eine, den es traf, der machte sich sogleich auf den Weg, um das schöne Schloß zu gewinnen. Er kam auch richtig alsbald hin, und da es eben Mittag war, konnte er ungehindert hineingehen. Da konnte er nicht genug staunen über das prächtige Schloß und wollte sich die Zimmer einmal ansehen. In dem ersten, das er aufmachte, waren lauter Affen, in dem zweiten ein Löwe, in einem dritten ein Bär. Wie er diesen eben betrachtete, hörte er auf einmal eine so wunderschöne Musik, wie er in seinem Leben noch keine gehört hatte, und blieb ganz entzückt still stehen und horchte und horchte. Aber plötzlich that es einen mächtigen Knall, daß er vor Schrecken zusammenfuhr und meinte, das Schloß wolle einfallen. Es hatte nämlich eben zwölf geschlagen und so hatte er die Stunde der Erlösung versäumt. Zugleich aber waren alle Thüren fest verschloßen und er konnte nicht mehr hinauskommen.

Als er am folgenden Tage nicht zurückkam, sagte die Zauberin zu dem zweiten Prinzen: »nun kannst Du Dich auf den Weg machen und Dein Glück probiren; Dein Bruder hat die rechte Stunde versäumt und das Schloß nicht erlöst. Du darfst Dich ja nicht zu lang darin aufhalten!« Nein, das wollte er auch nicht, sagte der Prinz, und reiste ab und kam zu dem Schloße und sah die Thiere und hörte die wunderschöne Musik, und konnte sich gar nicht satt daran hören; und da gieng's ihm gerade so wie seinem [249] Bruder. Er verspätete sich, es that einen heftigen Knall und er war eingesperrt und konnte nicht mehr aus dem Schloße kommen.

Am andern Tage sagte die alte Zauberin zu der Prinzessin: »jetzt kannst Du noch wieder gut machen, was Deine Brüder versäumt haben, und kannst sie selbst zugleich aus dem verzauberten Schloße befreien.« Dann wiederholte sie ihr noch einmal Alles genau, was sie zu thun hatte, und darauf gieng sie hin zu dem Schloße. Wie sie hineintrat, kamen ihr sogleich ihre Brüder entgegen und klagten ihr Unglück; sie aber gab ihnen keine Antwort und eilte, ohne auf die schöne Musik zu hören, von einem Zimmer in's andere, bis sie endlich im allerletzten den Käfig mit der Amsel fand; den ergriff sie schnell und eilte damit eben so flink zum Schloße hinaus, wie sie hereingekommen war. Kaum aber war sie draußen, so that's einen furchtbaren Knall und dann riefen eine Menge Stimmen mit einander: »Vivat hoch, jetzt sind wir erlöst!« Darauf hatten die Affen, der Löwe und der Bär wieder ihre menschliche Gestalt bekommen und bedankten sich vielmals bei der Prinzessin, daß sie sie erlöst hatte. Ihre Brüder aber blieben bei ihr in dem Schloße und waren nun alle ganz glücklich.

Von diesem Schloße aber wurde in der ganzen Welt viel gesprochen, besonders aber von der Amsel, die darin war; denn die konnte sprechen wie ein Mensch und wußte Alles, was seit hundert Jahren geschehen war, und was in den nächsten hundert Jahren geschehen werde, weshalb oftmals [250] vornehme Herren und Damen dahin zogen, um sie zu befragen.

Auch der König Auffahrer des Meers, der noch immer im Kriege war, hatte von dieser Amsel gehört, und als er nun nach einigen Jahren endlich Frieden machen konnte und auf seiner Heimreise in die Nähe des Schloßes kam, so kehrte er daselbst ein und wurde freundlich empfangen. – Nach einiger Zeit erkundigte er sich auch nach der wunderbaren Amsel, von der er gehört hatte, und wünschte sie zu sehen und eine Probe mit ihr anzustellen. Alsbald führte man ihn in das Zimmer, wo der Käfig mit der Amsel hieng. Wie die Amsel den König erblickte, grüßte sie ihn sogleich als »König Auffahrer des Meers,« worüber der König sich nicht genug verwundern konnte und sprach: »nun, wenn Du meinen Namen und Stand kennst, so sag mir auch einmal, was mir vor achtzehn Jahren wiederfahren ist!«

Da begann die Amsel: »Herr König, vor achtzehn Jahren träumtet Ihr dreimal nach einander: Ihr solltet ein ganz armes Mädchen heirathen, das keinen Kreuzer Geld habe. Dann zoget Ihr aus und verspracht der Tochter eines armen Schusters unter freiem Himmel die Ehe und habt sie auch geheirathet und lieb gehabt. Bald aber mußtet Ihr in den Krieg. Indessen gebar Eure Frau drei Kinder zumal, zwei Knaben und ein Mädchen; Eure Mutter aber, die die junge Königin wegen ihrer Armuth haßte, schrieb Euch, sie habe drei Hunde geboren, und darauf befahlt Ihr, die Hunde in's Waßer, die Königin aber in einen tiefen Thurm zu werfen. Und das Alles hat Eure Mutter [251] auch ausführen laßen.« Da weinte der König bitterlich und klagte: »ach, wie man berichtet wird, so richtet man!« – Die Amsel aber fragte ihn: ob er auch noch weiter wißen wolle, was aus seinen Kindern geworden sei? »Ach, die Armen werden elendiglich ertrunken sein!« sagte der König. Darauf erzählte die Amsel ihm die ganze Geschichte, wie der Müller die Kinder gefunden und aufgezogen, wie sie dann in ihrem fünfzehnten Jahre von den Kindern des Müllers angefeindet und heimlich weggegangen seien, und wie sie endlich in einem Walde ein verwünschtes Schloß mit der sprechenden Amsel erlöst hätten, und jetzt alle drei vor ihrem Vater stünden.

Da hätte man die Freude sehen sollen, die der König hatte, als er seine Kinder herzte und küßte, und wie die Kinder sich freuten, als sie zum ersten Male ihren Vater sahen! Dann aber fragte der König die Amsel: »was ist denn aus meiner Frau geworden?« »Die schmachtet, sagte die Amsel, seit siebzehn Jahren in dem Thurme bei Waßer und Brod, wie Du es befohlen.«

Da reiste der König schnell ab und das erste, was er that, als er in seinem Schloße ankam, war dieß, daß er seine böse Mutter in zwei Stücke zersägen ließ. Dann holte er selbst seine arme Gemahlin aus dem Gefängnisse und bat sie tausendmal um Verzeihung. Sie sagte: »ich vergebe Dir gern, was Du mir angethan; aber Deine Frau kann ich nicht länger sein; nimm Dir eine andere Königin.« Und soviel der König sie auch bitten mochte, so [252] blieb sie doch bei ihrem Vorsatze und zog zu ihrer Tochter und ihren beiden Söhnen. Bei denen lebte sie nun in Frieden und Freude bis an ihr Ende.

73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

73. Die drei Federn des Drachen.

Da sollte einmal ein Mann hingerichtet werden und bat den König um Gnade. »Ja, sagte der König, wenn Du auf den Glasberg gehen und den Drachen fragen willst, weshalb meine Tochter beständig krank sei, und wo der Schlüßel zu meiner Schatzkammer sich befinde, so soll Dir das Leben geschenkt sein.« Dazu war der Mann denn gern bereit und machte sich sogleich auf den Weg.

Nach einiger Zeit kam er an ein tiefes Waßer und sah auch zugleich einen Mann in einem Schiffe daselbst, den bat er, daß er ihn doch hinüberfahren möchte. »Wohin geht die Reise?« fragte der Schiffer. »Nach dem Glasberge!« sagte der Mann. »So fraget doch einmal, versetzte der Schiffer, den Drachen auf dem Glasberge, weshalb ich immerwährend hier fahren muß?« Ja, das wollte er wohl thun, sagte der Mann, und ließ sich überfahren und setzte seine Reise dann fort, bis er endlich auf den Glasberg kam. Ganz oben stand ein Haus; er gieng hinein und fand daselbst eine alte Frau, die fragte ihn, was er wolle, und warnte ihn vor dem Drachen, der ihn tödten werde, wenn [253] er ihn hier antreffe. Da erzählte der Mann ihr Alles, was er den Drachen fragen sollte und sagte dann: »es ist einerlei, ob ich hier oben oder dort unten mein Leben verliere; laßt mich nur hier bleiben und wenigstens einen Versuch wagen!«

Da fühlte die alte Frau Mitleid mit ihm und sagte: »ich will sehen, daß ich Euch durchhelfe; gebt nur Achtung auf Alles, was der Drache in dieser Nacht sprechen wird!« Darauf versteckte sie den fremden Mann hinter ihrem Bette. –

Als nun Abends der Drache nach Haus kam, rief er sogleich: »ich rieche Menschenblut!« »Ach, wer weiß, was Du riechst, sagte die Frau; es sind wohl gestern einige Tropfen auf den Boden gefallen.« Da war er zufrieden und legte sich bald in sein Bett und schlief ein. Die alte Frau aber mußte immer an seiner Seite schlafen, und wie er nun eben fest schnarchte, da zog sie ihm eine Feder aus, daß der Drache aufwachte und ganz unwillig rief: »Was zupfest Du mich denn so?« »Ach, nimm's nicht übel, sprach die Frau, ich hab es bloß im Traume gethan.« »Na, was träumte Dir denn?« fragte der Drache. »Ach, es ist ein dummer Traum, sagte die Frau; ich träumte, weshalb die Tochter des Königs wohl immer krank sei.« »Es ist wahr, sprach der Drache, sie ist schon lange krank; allein wenn sie ihren ersten Geliebten heirathen wollte, so würde sie bald gesund werden.«

Als der Drache nach einer Weile wieder eingeschlafen war, zog die Frau ihm die zweite Feder aus, daß er ganz bös wurde und aufsprang und sagte: »was willst Du denn, [254] daß Du mich so zupfest?« – »Ach verzeihe, rief die Frau, ich wollte nichts, ich hab' es bloß im Traume gethan.« – »Na, was träumte Dir denn schon wieder?« fragte der Drache. »Ach, sagte die Frau, es träumte mir, wo wohl der Schlüßel zur Schatzkammer des Königs geblieben sei.« – »Es ist wahr, sprach der Drache, der König kann den Schlüßel nicht finden; denn er ist in seinem Sopha eingenäht und eingepolstert. Nun laß mich aber in Ruhe.« – Nach einer Weile aber, wie der Drache abermals eingeschlafen war, riß sie ihm die dritte Feder aus. Da wurde er aber so wild, daß er die Frau packte und sie zum Bett hinaus werfen wollte. Als sie ihm aber sagte, daß sie es nur im Traum gethan habe, da gab er sich zufrieden und fragte: »was hat Dir denn jetzt schon wieder geträumt?« – »Ach, sagte die alte Frau, ich weiß gar nicht, was ich diese Nacht für dumme und seltsame Träume habe! denke Dir nur, ich träumte eben, auf dem und dem Waßer müße ein Schiffer beständig hin und her fahren und wiße gar nicht, wie er von seiner Arbeit erlöst werden könne.« – »Es ist wahr, sprach der Drache, auf dem Waßer fährt der alte Schiffer schon viele hundert Jahre lang; aber der Narr sollte nur einmal einen andern, den er übergefahren, in seinem Schiffe laßen und selbst aussteigen und sagen: ›jetzt fahr du!‹ so wäre er abgelöst. Wenn Du mich jetzt aber noch ein mal im Schlafe störst, so werf ich Dich zum Bett hinaus.« Nein, das wollte sie auch ganz gewiß nicht, sagte die Alte, und ließ ihn nun auch schlafen bis zum hellen Morgen; da flog er fort, wie gewöhnlich.

[255] Jetzt zog sie den fremden Mann, den sie hinter ihrem Bett versteckt hatte, hervor und fragte ihn, ob er Alles gehört habe? Ja, er hatte Alles genau gehört und bedankte sich vielmals bei der alten Frau, und als er Abschied nahm, schenkte sie ihm noch die drei Federn, die sie dem Drachen ausgezogen; die würden ihm Glück bringen, sagte sie.

Als der Mann nun auf seiner Rückreise an das Waßer kam, fragte der Schiffer, was der Drache gesagt habe. »Fahr mich nur erst hinüber! dann will ich Dir Alles erzählen,« sprach der andre. Und als er nun ausgestiegen war, sagte er zu dem Schiffer: »wenn ihr das nächstemal wieder einen überfahrt, so müßt ihr selbst vor ihm aussteigen und sagen: jetzt fahr du! so werdet ihr erlöst sein.« Da bedankte sich der Schiffer und wünschte ihm Glück auf den Weg. – Es dauerte auch nicht lange, so kam er bei dem Könige an und berichtete, was der Drache gesagt hatte. Darauf wurde die Prinzessin sogleich mit ihrem ersten Geliebten verheirathet und war von Stund an ganz gesund. Sodann ließ der König sein Sopha auftrennen, und fand richtig darin den Schlüßel zu seiner Schatzkammer und war darüber so vergnügt, daß er den Mann, der ihm wieder dazu verholfen hatte, reichlich beschenkte. Dieser wurde aber auch außerdem durch die drei Drachenfedern ein so reicher Mann, daß er sein Geld gar nicht aufzehren konnte.

74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[256] 74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente.

In dem Dorfe Bodelshausen, das an der Straße zwischen Rotenburg und Hechingen liegt, war einmal ein Mann, dem starb seine Frau und hinterließ ihm sechs unerzogene Kinder. Da suchte der Mann eine Mutter für seine Kinder und heirathete eine zweite Frau, die war aber ein böses Weib und eine rechte Rabenmutter und quälte ihren Mann und ihre armen Kinder, und oft hörte man sie den Wunsch aussprechen: »wenn ihr nur alle beim Teufel wäret!«

Als nun der älteste Sohn konfirmirt war, wollte die Stiefmutter ihn sogleich aus dem Hause schicken und ihn bei fremden Leuten in Dienst geben. Ihr Mann sagte zwar: »der Knabe ist noch zu schwach, er kann noch nicht dienen, auch nimmt ihn jetzt noch Niemand.« Aber das galt nichts, was der Mann sagte. Die Stiefmutter sprach: »ei was! er soll fort; ich will schon einen Herrn für ihn finden und sollt's auch nur der Teufel sein.« Und dann packte sie ein kleines Bündelchen zusammen, das enthielt die Kleider und die Wäsche des Knaben, und so gieng sie mit ihm fort dem Oberlande zu.

Wie sie nun im Sigmaringer Walde waren, begegnete ihr ein Jäger, grüßte sie und fragte, wo sie mit dem Knaben hin wollte? »In's Oberland,« sagte sie. »Und was soll er dort machen?« fragte der Jäger. »Dienen muß er,« sprach die Frau. Da meinte der Jäger, der Knabe sei noch viel zu klein und zu schwach und werde keinen Herrn bekommen. [257] Die Frau aber sprach: »ich will schon einen für ihn finden, und sollt's auch nur der Teufel sein.« Sprach der Jäger: »der Knabe dauert mich, laßt ihn mir, er soll's gut bei mir haben.« Ja, die Stiefmutter war gleich damit zufrieden, und nachdem sie den Lohn für das Kind ausbedungen und ihm sein Bündelchen mit den Kleidern übergeben hatte, kehrte sie vergnügt um und fragte nicht einmal, wo der Jäger denn zu Haus sei. Der zog nun mit dem Knaben im Walde fort bis sie an eine Höhle kamen; in die giengen sie hinein, mußten mehre Stiegen hinabsteigen und kamen endlich an ein großes Thor, an das klopfte der Jäger, da gieng's auf, sie traten ein, das Thor ward wieder geschloßen und da merkte der Knabe bald, daß er beim Teufel in der Hölle war.

Sogleich wies der Teufel dem Knaben seine Arbeit an: er mußte Holz tragen und das Feuer, das unter den großen Keßeln in der Hölle brannte, beständig nachschüren: wenn er das versäumte, so kriegte er Schläge, sagte der Teufel. Auch verbot er ihm ganz streng, daß er niemals einen Deckel aufheben und in die Keßel sehen dürfte. – Als aber einstmals der Teufel nicht in der Nähe war und der Knabe gar zu gern gewußt hätte, wer wohl in den Keßeln sein möchte und er es endlich wagte, den einen Deckel aufzuheben: wie erschrack er da, als er seinen eigenen Großvater und seine Großmutter darin sitzen sah! Die heulten und jammerten und baten ihn: »er möchte doch unter diesen Keßel nicht so viel Holz legen, denn sie müßten gar zu fürchterliche Schmerzen leiden!« – Da verschonte der Knabe so viel er nur [258] konnte, diesen Keßel und ließ das Feuer manchmal erlöschen; dafür hat er aber auch manchen buckelvoll Schläge bekommen.

Nach einiger Zeit sah der Knabe auch, wie zwei Teufel seine böse Stiefmutter brachten und erst auf einen glühenden Rost legten und dann in einen Keßel mit siedendem Oele steckten und sie braten ließen.

Da ward es ihm gar zu unheimlich in der Hölle, und als eben zehn Jahre herum waren, mochte er nicht länger dem Teufel dienen und passte auf, wo er den Schlüßel zum Höllenthor hinlegte, erwischte ihn dann einmal, schloß auf und schlich sich fort und war froh wie er wieder droben auf der Erde war. Von dem Rauch und Ruß aber, der ihm so lange um den Kopf geflogen war, sah sein Gesicht ganz schwarz aus, also, daß man ihn hätte für einen Mohren halten können.

75. Der Hahn mit den Goldfedern74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

75. Der Hahn mit den Goldfedern.

Es waren einmal zwei englische Offiziere, die hatten sich unter das preußische Militär aufnehmen laßen und dienten hier schon lange Zeit. Da gefiel's ihnen endlich nicht mehr und sie beschloßen, heimlich das Heer zu verlaßen, und besprachen eben ihre Flucht, als ihr Bedienter, der Bernhard hieß, zu ihnen wollte und an der Thür horchte und also ihren ganzen Plan erfuhr. Da besann er sich nicht lange, [259] sondern trat zu den Offizieren in's Zimmer und sagte: er habe Alles gehört, was sie vorhätten, und wenn sie ihn nicht auch mitnähmen, so würde er's dem General anzeigen, daß sie desertiren wollten. Da sagten sie: ja, sie wollten ihn wohl mitnehmen und machten sich gleich am andern Morgen ganz in der Stille auf und davon, und marschirten Tag und Nacht durch, obwohl das Wetter kalt und naß war. Weil sie aber nicht wagten, in ein Wirthshaus einzukehren, so mußten sie unter freiem Himmel übernachten.

So blieben sie auch einmal in einem Walde und ließen ein Feuer anmachen, um ihre Kleider zu trocknen, und legten sich nieder unter einen Baum und schliefen ein; der Diener aber mußte wachen und das Feuer unterhalten. Da war das Holz abgebrannt und der Bediente gieng hin, um frisches zu suchen und zu brechen; allein eh' er zurückkam, war das Feuer schon ganz erloschen, also, daß er den Platz, wo seine Herren ruhten, nicht wieder finden konnte und nun im Walde hin und her irrte, bis er endlich ein Licht sah und darauf zugieng und an ein großes Haus kam. Da freute er sich und hoffte, hier etwas zu eßen zu bekommen, denn schon seit mehren Tagen war Schmalhans bei ihm Koch gewesen, und außerdem war er durch das Wachen und das Marschiren bei dem schlechten Wetter ganz müd und matt geworden.

In dem Hause aber war keine menschliche Seele zu finden; alle Zimmer waren leer. Da legte sich endlich Bernhard in dem letzten Zimmer, in das er kam, nieder, um sich zu erholen, weil's hier so gut warm war, und wollte eben [260] einschlafen, als er einen Hahn krähen hörte. Da suchte er im ganzen Zimmer umher, aber nirgends war ein Hahn zu sehen. Nach einer Weile krähte der Hahn zum zweiten Mal; aber er mochte suchen so viel er wollte, es war kein Hahn zu finden. Wie er nun recht genau aufpasste, wo der Ton wohl herkomme, da krähte der Hahn zum dritten Mal und da merkte er deutlich, daß der Ton aus dem Tische kam und zog sogleich die Schublade auf und richtig: da saß ein »Gokeler« mit goldnen Federn darin. Nun zog er geschwind sein Meßer aus der Tasche und wollte den Hahn nehmen und schlachten und verzehren; denn er hatte großen Hunger; aber der Hahn redete ihn an wie ein Mensch und sagte: er solle ihn nicht umbringen, sondern sich nur eine Feder aus seinem Schwanze ziehen: mit der könne er sich Alles herwünschen, was er wolle; er brauche es bloß mit der Feder zu schreiben und sogleich werde es da sein. Darauf riß er dem Hahn eine Goldfeder aus und schrieb damit, daß er sich ein gutes Eßen wünsche. Und auf der Stelle war der Tisch mit den besten Speisen und Getränken besetzt, und nachdem er sich gesättigt und gestärkt hatte, schrieb er: er wünsche, daß das Feuer im Walde brenne und er bei seinen Herren wäre und daß diese gut schlafen und ihre Kleider trocken sein möchten. Und kaum war er mit dem letzten Worte fertig, so war er auch schon wieder bei den Offizieren, die schliefen noch fest und ihre Kleider waren getrocknet und das Feuer brannte hell und lustig. Dann weckte er die beiden und reiste mit ihnen weiter; sagte aber nichts von seiner goldenen Feder, weil's der Hahn ihm verboten hatte.

[261] Nach einigen Tagen, als der große Wald noch immer kein Ende nehmen wollte, blieb der Bediente einmal zurück und schrieb flink mit seiner Feder: »er wünsche, daß er und seine Offiziere bald in die Gegend von England kommen möchten, wo sie zu Haus seien.« Da dauerte es kaum eine Viertelstunde, da gieng der Wald zu Ende und sie befanden sich in einer freundlichen Gegend und der eine Offizier blieb stehen und sagte zu seinem Kameraden: »aber sieh nur die Berge und dieß Thal und die Stadt dort! wüßte ich nicht, daß wir hier noch auf preußischem Boden sind, so würde ich sagen, dieß wäre unsere Heimath.« Der Andere sagte das Nämliche. Als sie aber im nächsten Dorfe einkehrten und nach den Namen der Ortschaften und des Landes fragten, da erfuhren sie, daß sie in England waren, ganz nahe bei ihrer Heimath, und konnten gar nicht begreifen, wie das nur möglich sei. – Bald darauf traten die Offiziere wieder in englische Dienste und wollten auch den Diener bereden, daß er bei ihrem Regiment dienen möchte; allein er sagte, er habe das Soldatenleben satt und wolle sein Glück anderswo versuchen und nahm Abschied von seinen Herrn und wanderte fort in die weite Welt hinaus.

Da kam er nach langer langer Zeit auch einmal in eine große schöne Stadt und hörte, daß die einzige Tochter des Königs schon viele Jahre lang krank sei und Niemand ihr helfen könne. Da ließ er beim König sich melden und gab sich für einen Doktor aus und verlangte die Prinzessin zu sehen und versprach, sie zu kuriren. Allein der König traute keinem Doktor mehr und mochte seine Tochter, [262] die am ganzen Leibe mit bösen Geschwüren bedeckt war, nicht einmal mehr sehen laßen und wies deshalb den fremden Doktor ab. Der aber ruhte nicht, bis der König endlich es zugab, daß er die Prinzessin besuchen und ihr etwas verordnen durfte. Da schrieb er ihr mit seiner Goldfeder ein Getränk auf und wünschte, daß es ihr darnach ein klein wenig beßer gehen möchte. Und so geschah es auch, und die Freude in dem königlichen Schloße war groß. Dann verordnete er ein zweites Getränk und wünschte, daß es danach allmählig immer beßer werden möchte, und da gieng's denn auch von Tage zu Tage beßer, so daß die Prinzessin es kaum erwarten konnte, bis ihr Doktor wiederkam. Als er ihr nun ein drittes Getränk gab, hatte er gewünscht, daß sie danach vollkommen gesund werden möchte, und da dauerte es nicht lange, da war sie frisch und wohl wie der Fisch im Waßer und wußte gar nicht, wie sie ihrem Retter genug Dank und Liebe erweisen sollte, denn sie hatte ganz fest gemeint, sie müße sterben. Auch der König war über die Maaßen froh und bot dem Doktor so viel Geld und Gut, als er nur verlange; aber Bernhard wollte nichts nehmen. Als der König jedoch ihm keine Ruhe ließ und zuletzt fast mit Gewalt ein goldenes Scepter ihm aufnöthigte, so nahm er's zwar hin, um nur fortzukommen; legte es draußen aber in ein Nebengäßchen nieder, weil's ihm nur Mühe machte, es zu tragen, und wanderte weiter.

Nach einiger Zeit sagte die Prinzessin eines Tags ihrem Vater: »ich bin nun wieder gesund wie der Fisch im Waßer und möchte nicht als alte Jungfer sterben, sondern heirathen.« [263] Ei, da war der König so froh, daß er seiner Tochter gelobte und versprach: »sie sollte nur sagen, welchen Mann sie gern haben möchte, den sollte sie bekommen.« Da sagte sie: »keinen andern, als den Doktor, der mich geheilt hat.« –

Nun erschrack der König zwar nicht wenig und hätte gern sein Wort zurückgenommen, wagte es aber doch nicht, weil er seine Tochter sehr lieb hatte. Deshalb sandte er Boten aus, die suchten den Doktor und brachten ihn zum König, und der verlobte ihn dann mit seiner Tochter, und nicht lange nachher war die Hochzeit; die beiden Leute aber waren so vergnügt und glücklich mit einander, daß es eine rechte Freude war, sie nur zu sehen.

Von den unermeßlichen Schätzen, die Bernhard sich gewünscht hatte, um als Prinz leben zu können, baute er sich zuerst ein prächtiges Schloß und daneben eine große Kirche, die man nach seinem Namen die Bernhardskirche nannte, und stiftete in dieselbe ein großes Kreuzbild von lauterm Golde; in eine verborgene Röhre dieses Bildes legte er die goldne Hahnenfeder, der er all sein Glück verdankte; denn er glaubte reich genug zu sein für sein Lebenlang und wollte zugleich die Wunschfeder beseitigen, weil er versprochen hatte, Niemanden etwas davon zu sagen. – Als später aber seine Gemahlin ihm keine Ruhe ließ und gar zu gern gewußt hätte, durch welche Mittel ihr Mann sie geheilt habe, da widerstand er endlich ihren Bitten nicht länger und sagte ihr Alles wie es gekommen, und nannte ihr auch den Ort, wo er die Feder verborgen hatte.

[264] In ihrer Herzensfreude erzählte die Tochter nun alsbald auch ihrem Vater diese Geschichte und ahnte nichts Schlimmes. Der König aber, der seinen Schwiegersohn nicht leiden konnte, faßte sogleich einen bösen Anschlag gegen ihn und gieng in die Kirche und ließ die Feder aus dem Goldbilde herausholen und schrieb dann damit: »er wünsche, daß ein Sturmwind käme und seinen Tochtermann bis an den äußersten Rand des Meers verschlage.« Da erhob sich sogleich ein heftiger Sturm und führte den Schwiegersohn des Königs durch die Luft, weit weg über's Meer und warf ihn endlich auf ein Schiff; darin waren Seeräuber und die erschracken recht ordentlich, als da mit Einem Male ein ganz fremder Mensch in ihr Schiff geflogen kam. Doch nahmen sie ihn mit und verkauften ihn an einen Edelmann; da wurde er Bedienter. Nicht lange so machte ihn der Edelmann zu seinem Kammerdiener und er hatte es gut bei ihm, besonders weil die Tochter des Edelmanns so verliebt in ihn war und täglich ihren Vater mit Bitten angieng, daß er ihr doch den schönen Kammerdiener zum Manne geben möchte. Endlich erlaubte es der Edelmann und verheirathete seine Tochter mit dem Kammerdiener, und der mußte sich's gefallen laßen.

Als er nun eines Tags sich in einen leichten Kahn setzte und am Ufer des Meers spazieren fuhr, kam plötzlich ein starker Wind und trieb den Kahn mitten auf's hohe Meer, ohne daß er es hindern konnte, und trieb ihn immer weiter und weiter, bis er endlich nach mehren Tagen an der entgegengesetzten Seite des Meeres landen konnte und [265] sich ganz nahe bei der Stadt befand, wo seine Gemahlin lebte. Da wollte er eilig zu ihr gehen; aber am Stadtthor wurde er von den Soldaten festgenommen, denn so hatte es der König befohlen; und als man dem König jetzt meldete, daß sein Tochtermann wieder da sei, ließ er ihn in einen tiefen Kerker werfen, wo weder Sonne noch Mond hinein scheinen konnten; seiner Tochter aber sagte er nichts davon, obwohl sie keine frohe Stunde mehr hatte, seit ihr Gemahl verschwunden war und sie gar nicht wußte, wo er sein mochte.

Nachdem nun Bernhard lange Zeit in dem unterirdischen Loche geschmachtet und schon die Hoffnung aufgegeben hatte, daß er noch daraus erlöset werden würde, da schien eines Tags in sein Gefängniß etwas Helles herab, das sah aus wie ein Lichtstrahl und rief ihm zu: »Bernhard, was machst Du? Ich bin der Hahn, der Dir die Feder gegeben. Warum hast Du nicht reinen Mund gehalten wie ich Dir geboten hatte?« Da klagte ihm Bernhard seine Noth und bat ihn dringend, daß er ihm doch noch einmal helfen möchte; und da gab der Hahn ihm endlich eine zweite Goldfeder, mit der er sich Alles wünschen konnte.

Nun schrieb er zuerst: er wünsche, daß die erste Goldfeder nie wieder an das Tageslicht kommen möchte; für's zweite wünschte er sich in's Schloß, in das Zimmer des Königs und sagte hier seinem Schwiegervater: »weil er so bös und grausam an ihm gehandelt, so solle er barfuß, mit dem Felleisen auf dem Rücken als Handwerksbursch bei Tag und Nacht durch die Welt reisen.« Dann wünschte er sich [266] zu seiner Gemahlin und war im Augenblick bei ihr. Das war aber eine Freude! Nachdem er dann die Strafe für den alten König aufgeschrieben hatte, sah man ihn alsbald barfuß mit dem Ranzen auf dem Rücken zum Schloße herauskommen und fortwandern und hat ihn nie zurückkommen sehen. Da wurde Bernhard König und regierte viele Jahre lang zum Segen des Volkes und war glücklich mit seiner rechten Gemahlin bis an sein Ende.

76. Ein Lügen-Märchen75. Der Hahn mit den Goldfedern74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

76. Ein Lügen-Märchen.

Da war mal ein Mann, der hörte junge Vögel pipsen in einem hohlen Baume und stieg hinauf und wollte das Nest ausnehmen. Weil aber das Loch zu klein war, als daß er mit seiner Hand hätte hinein kommen können, – was that er? – er besann sich nicht lang und kroch flink mit seinem ganzen Leibe hinein und nahm sich das Nest. – Nun aber saß er in dem Baume und konnte durch das Loch nicht wieder heraus; denn das war nur gerade für einen Vogel groß genug, mußt Du wißen. – Was sollte er nun anfangen? Er mußte sich endlich dazu entschließen, in seine Wohnung zu gehen und sich eine Axt zu holen, und dann kroch er wieder in den Baum und haute von innen heraus das Loch so groß, daß er mit seinem ganzen Leibe und mit [267] dem Vogelneste in der Hand nun auch bequem wieder herauskriechen konnte. Das war aber ein Stück Arbeit; ja, das will ich meinen!

77. Die zwei Mädchen und der Engel76. Ein Lügen-Märchen75. Der Hahn mit den Goldfedern74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

77. Die zwei Mädchen und der Engel.

Ein junges Mädchen wollte gern in den Wald, um Erdbeeren zu suchen. Da erlaubte es ihm die Mutter und gab ihm Kraut und Speck mit auf den Weg. Als das Mädchen an's Thor kam, saß da ein Engel und bat um etwas zu eßen. Da gab ihm das Mädchen sogleich Alles hin, was es von der Mutter bekommen hatte, und gieng vergnügt weiter in den Wald und suchte sich ein Körbchen voll Erdbeeren. Und wie es nun heimgieng und aus dem Walde trat, stand der Engel wieder da und bat um einige Erdbeeren. Die gab ihm das Mädchen gern. Dann sprach der Engel: »wenn Du an's Thor kommst, so wirst Du eine Schachtel finden; die mußt Du mitnehmen, mußt sie aber ja nicht eher aufmachen, als bis Du daheim bist.« – Nein, das wollte es auch nicht thun, sagte es, und gieng hin und fand die Schachtel und trug sie flink in das Haus ihrer Mutter und machte sie dann auf: da war sie ganz voll von kostbaren Edelsteinen und von Goldstücken, also, daß das Mädchen auf einmal sehr reich geworden war.

Das hörte ein anderes Mädchen und wollte nun auch [268] in den Wald um Erdbeeren zu suchen, und bekam auch von der Mutter Kraut und Speck mit auf den Weg. Als es nun an das Thor kam, saß da der Engel und bat:


»Gib mir auch ein wenig Kraut und Speck!«

das Mädchen aber antwortete:

»Iß Du en Dreck!«


und gieng weiter und suchte sich im Walde einen ganzen Korb voll Erdbeeren. Und als es aus dem Walde kam, war auch derselbe Engel wieder da und bat:


»Gib mir auch ein paar Erdbeern!«


»Die Erdbeern eß' ich selber gern,«


sagte das Mädchen und gab ihm auch dießmal nichts und gieng weiter, worauf der Engel ihr nachrief: »Nun so geh nur hin! am Thore wirst Du eine Schachtel finden; die darfst Du mitnehmen, mußt sie aber zu Haus erst aufmachen.«

Ei, wie konnte das Mädchen da laufen bis sie an das Thor kam und die Schachtel fand! Da war sie ganz außer sich vor Freude. Als sie aber nach Haus kam und die Schachtel aufmachte – was war darin? – lauter kleine schwarze Teufelchen.

78. Hui in mein' Sack!77. Die zwei Mädchen und der Engel76. Ein Lügen-Märchen75. Der Hahn mit den Goldfedern74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[269] 78. Hui in mein' Sack!

Ein armer Handwerksbursch war schon lange auf der Wanderschaft und hatte nur noch drei Kreuzer in der Tasche. Er gedachte im nächsten Orte sich Taback dafür zu kaufen, als eben ein andrer Handwerksbursch daherkam und ihn um eine Gabe ansprach. Er gab ihm einen Kreuzer, und war nicht weit gegangen, als ein zweiter kam und ihn um eine Gabe bat. Er gab auch diesem einen Kreuzer. Endlich kam noch ein dritter und sprach ihn um eine Gabe an. Er sagte, indem er in die Tasche langte und den letzten Kreuzer hervorzog: »das ist alles, was ich noch habe; doch es sei drum! da habt ihr ihn!« und gab den letzten Kreuzer dem armen Handwerksburschen. Dieser dritte aber war der liebe Gott selbst. Der sprach nun zu dem freigebigen Handwerksburschen: »ich will Dir zum Dank für deine Gabe drei Wünsche gewähren; Du darfst sie nur aussprechen!« Da wünschte sich der Handwerksbursch erstens: daß seine Pfeife beständig voll Taback sei und gleich von selbst brenne, wenn er sie anziehe. Zweitens wünschte er, daß Alles in seinen Sack fahren müße, sobald er rufe: »hui in meinen Sack!« Und drittens bat er um die ewige Seligkeit. Ja das sei recht, sagte der liebe Gott, es solle ihm das Alles gewährt werden und verließ ihn.

Alsbald nahm der Handwerksbursch sein Pfeifchen aus der Tasche, steckte es in den Mund und fieng an zu ziehen, und da brannte es und dampfte es, daß es eine Lust war, und wie lange er auch rauchte, so gieng ihm der Taback [270] nicht aus. Am Abend suchte er ein gutes Wirthshaus und aß und trank, was ihm schmeckte. Da saßen reiche Kaufleute da, und als sie ihre Zeche bezahlten und Goldstücke wechseln ließen, dachte der Handwerksbursch: du sollst doch einmal den Sack probiren, und als die Kaufleute eben das Geld in den Beutel stecken wollten, so sprach er leis: »hui in mein'n Sack!« und plötzlich fühlte er, daß sein Sack schwerer geworden war und dachte, jetzt ist es gut, nun bist du ein gemachter Mann. Die Kaufleute aber merkten nichts davon. So verschaffte sich der arme Handwerksbursch Geld, so oft es ihm ausgieng und zog am Tage mit seiner Pfeife im Munde vergnügt in der Welt herum.

Da hatte er sich einmal müd gelaufen und kam spät in einen Ort, darin nur ein einziges Wirthshaus war und wollte daselbst übernachten. Aber alles war schon von Fremden besetzt. Er bat den Wirth recht dringend, er möchte ihn doch behalten, er könne nicht weiter. Der Wirth aber sagte: »es ist mir unmöglich; ich habe da zwar noch ein Schloß, das steht ganz leer, weil Niemand darin übernachten kann, ohne sein Leben darin zu verlieren!« Der Handwerksbursch aber sagte, er sollte ihn nur hineinlaßen, es werde ihm nichts geschehen. Darauf ließ er sich in das Schloß führen und aß zu Nacht und schloß die Thür fest zu und legte sich zu Bett. Als es eben Mitternacht war und er fest schlief, pochte es heftig an der Thür, daß er aufwachte und fragte: wer da? Er bekam aber keine Antwort, sondern man pochte immer heftiger. Endlich sprang die Thür auf und der leibhaftige Teufel trat herein und wollte den Handwerksburschen [271] holen, hatte aber keine Macht über ihn, weil er sich die ewige Seligkeit gewünscht, und suchte ihn daher bloß zu quälen. Als dieß dem Handwerksburschen zu arg wurde, rief er nur: »hui in mein'n Sack!« und auf einmal war der Teufel ganz mäuschenstill und saß in dem Sack, während der Handwerksbursch ruhig fortschlief. Am andern Morgen aber nahm er seinen Knotenstock und schlug auf den armen Teufel im Sacke so lange los, als er sich nur rühren konnte, und als er meinte, er werde wohl genug haben, ließ er ihn los, worauf er eilig zur Hölle zurücklief. – Seitdem hat er sich in dem Schloße nicht wieder sehen laßen und aus Dankbarkeit behielt der Wirth den Handwerksburschen bei sich so lang er lebte.

Als er sein Ende herankommen sah, sagte er, sie sollten ihm doch den Sack mit in's Grab geben und unter sein Kopfkissen legen. Das geschah denn auch. Als er nun gestorben und begraben war und vor die Himmelsthür kam, wollte Petrus ihn nicht einlaßen, weil er leichtsinnig in die Welt hinein gelebt habe und wies ihn zur Hölle. Wie er dort ankam und anklopfte, öffneten zwei junge Teufel und packten ihn an. Allein der oberste der Teufel rief plötzlich: »laßt doch den fahren, sonst geht's uns Allen schlecht!« Denn er sah, daß er den Sack bei sich hatte, darin er so jämmerlich war geprügelt worden und schob ihn sogleich wieder zur Hölle hinaus. Er gieng wieder an's Himmelsthor und klopfte. Als Petrus aufthat, warf er sogleich seinen Sack hinein und rief: »hui in mein'n Sack!« Da war er darin und Petrus mußte ihn da laßen.

79. Die Reise zum Vogel Strauß78. Hui in mein' Sack!77. Die zwei Mädchen und der Engel76. Ein Lügen-Märchen75. Der Hahn mit den Goldfedern74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[272] 79. Die Reise zum Vogel Strauß.

Ein reicher Graf hatte einen Bedienten, der mußte ihn begleiten so oft er eine Reise machte, und weil der Bursch immer treu, flink, fleißig und freundlich war, so hatte er ihn sehr gern. Indes einmal, als er wieder auf Reisen war, begieng der Bediente ein kleines Versehen; darüber ward der Graf so zornig, daß er den Burschen nicht mehr vor Augen sehen mochte und ihn mit einem Briefe an seine Frau heimschickte. »In dem Briefe aber stand: ›die Gräfin solle den Bedienten sogleich einsperren und ihm den Kopf abschlagen laßen.‹«

Nun wußte der Bursch zwar nicht, was der Graf geschrieben, war aber doch sehr traurig, daß er so bös auf ihn geworden sei und ihn allein fortgeschickt hatte; und viel Gutes werde in dem Briefe auch wohl nicht stehen, meinte er. Und wie er nun nur noch eine Tagreise bis zum Schloß des Grafen hatte und in einem Wirthshause übernachtete, und Abends ganz niedergeschlagen dasaß, fragte ihn der Wirth, woher er komme und wohin er gehe und was ihm fehle. Da erzählte er seine ganze Geschichte und zog zugleich den Brief des Grafen hervor. Der Wirth aber war ein pfiffiger Mann und sagte: den Brief gäbe ich nicht ab, wenn ich nicht wüßte, was darin stände, und beredete den Burschen, daß er ihn endlich aufbrach und las. Da sah er nun, daß der Graf ihn wollte umbringen laßen. Sprach zu ihm der Wirth: »hat der Graf solche Gedanken gegen Dich, so wollen wir ihm einen noch ganz anderen [273] Streich spielen; jetzt laß Du mich nur machen.« Und sogleich nahm der Wirth Papier und Feder und Tinte, und machte ganz genau die Handschrift des Grafen nach und schrieb an die Gräfin: »daß sie den Bedienten, sobald er heimkomme, mit ihrer Tochter verheirathen solle.«

Das Ding schien dem Bedienten zwar gefährlich; allein da ihm der Graf doch einmal nach dem Leben trachte, so wolle er ihm auch erst einen rechten Anlaß geben und sich, wenn es angehen möchte, mit seiner Tochter verheirathen, meinte er; und wie er so an die junge Gräfin dachte, wurde er plötzlich wieder so vergnügt, daß er am andern Morgen ganz früh aufbrach, um so bald als möglich zu ihr zu kommen.

Nachdem er den Brief abgegeben, that die Gräfin sogleich, wie ihr Mann es befohlen; denn sie wußte, er war ein strenger Herr und konnte keine Widerrede leiden, sonst hätte sie ihm gar zu gern Vorstellungen darüber gemacht, daß sie doch ihre einzige Tochter nicht einem Bedienten zur Frau geben dürfe. Die Tochter aber war ganz wohl damit zufrieden, und so wurde sie richtig mit dem Bedienten ihres Vaters verheirathet.

Als der Graf nun nach einiger Zeit zurückkam und erfuhr, was seine Frau angerichtet, da hätte er vor Aerger und Zorn sich alle Haare ausreißen mögen und würde gewiß seine Frau umgebracht oder fortgejagt haben, wenn die Schrift nicht so treu nachgeahmt gewesen wäre, daß er gestehen mußte: »die Buchstaben sind so verdammt ähnlich, daß ich selbst den Brief hätte für echt halten können.« – Nun [274] aber warf er einen noch viel größeren Haß auf den Bedienten, der sein Schwiegersohn geworden, und suchte ihn auf eine andre Art zu Grunde zu richten. Er that um der Leute willen, als ob er mit der Heirath einverstanden sei, zumal da die Tochter sich ganz glücklich fühlte, sagte aber zu seinem Schwiegersohne: »Ich gebe nur unter der Bedingung meine Einwilligung, daß Du mir nachträglich noch eine Feder aus dem Schwanz des Vogel Strauß holst.« O, das wollte er recht gern thun, sagte der Schwiegersohn. »Und für mich,« sagte die Gräfin, »frag den Vogel Strauß, wo mein Trauring geblieben sei.« Das wollte er auch wohl thun, sagte er, und nahm Abschied von seiner jungen Frau und machte sich sogleich auf den Weg. Da freute sich der Graf schon im Stillen; denn er meinte nicht anders, als der Vogel Strauß werde ihn zerreißen und auffreßen.

Wie er nun schon ein gut Stück Wegs zurückgelegt hatte, kam er durch ein Dorf; und als die Leute ihn fragten, wo er hin wolle? und er es ihnen sagte, da baten sie ihn: »O frag doch den Vogel Strauß auch, warum denn unser Dorfbrunnen gar nicht mehr laufen will.« Ja, das wollte er thun, sagte er und gieng weiter. – Nachdem er wieder eine weite weite Strecke gegangen war, kam er an einen breiten Fluß, über den führte keine Brücke; aber ein Mann stand da, der mußte jeden, der daher kam, hinübertragen und trug auch den Burschen sogleich hinüber und fragte ihn dann, wo er hinreise? »Zum Vogel Strauß,« sagte er. »O so vergiß doch nicht und frag ihn, wie lange ich hier noch die Menschen hinüber tragen müße und wann ich endlich [275] erlöst sein werde?« Nein, er wollte es nicht vergeßen und ihn schon fragen, sagte er und gieng weiter.

Nun mußte unser Wandersmann zwar noch durch vieler Herren Länder; aber endlich und endlich kam er an ein kleines Häuschen, da traf er ein altes Mütterchen und das fragte er: ob hier nicht der Vogel Strauß wohnte? Ja, der wohnte da, sagte sie; er sei aber ausgegangen und das sei nur ein Glück, denn sonst würde er ihn gewiß zerreißen; deshalb solle er nur geschwind machen, daß er wieder fortkomme. Als der junge Mann ihr nun aber sagte, was er Alles von dem Vogel Strauß wißen sollte und daß er auch eine von seinen schönen Schwungfedern dem Grafen bringen müße und deshalb nicht fortgehen dürfe, da versprach das Mütterchen, es wolle ihm beistehen und ihm durchhelfen, und versteckte ihn dann unter dem Bett.

Als der Vogel Strauß nun nach Haus kam, rief er sogleich: »Du hast Menschenfleisch hier; ich riech's; gib's her!« »Nur gemach!« sagte das Mütterchen; »es ist freilich ein Mensch hier gewesen, der wollte Allerlei von Dir wißen, was Du ihm doch nicht hättest sagen können.« »Das wäre doch!« sagte der Strauß. »Was wollte er denn wißen?« »Ach,« sagte das Mütterchen, »die Frau des Grafen läßt Dich fragen, wo ihr Brautring geblieben sei und meint, das wüßtest Du?« »Nun, ich weiß es auch; die dumme Frau dürfte nur die Thürschwelle aufbrechen, so würde sie ihn finden; denn da ist der Ring durch einen Spalt hineingefallen. – Hat er sonst noch was wißen wollen?« »Ja, warum der Dorfbrunnen schon so lange nicht mehr laufe; aber das [276] weißt Du gewiß nicht.« »Nun, ich weiß es freilich,« sagte der Strauß; »die einfältigen Bauern dürften nur den Frosch wegnehmen, der die Quelle verstopft, da würde der Brunnen schon wieder laufen.« »Was Du nicht Alles weißt!« sagte das Mütterchen. »Aber das hättest Du ihm doch gewiß nicht sagen können, warum der Mann beständig die Leute über's Waßer tragen muß und wann ihn einmal Jemand ablösen wird.« »O der Narr!« sagte der Strauß; »er sollte nur den Ersten Besten, den er herüberträgt, in's Waßer werfen und sagen: jetzt nimm Du meinen Platz ein! so wäre er frei. – Hat er weiter nichts gewollt?« »O ja,« sagte das Mütterchen; »er wollte für den Grafen etwas von Dir geschenkt haben; aber das war gar zu dumm, ich mag's nicht einmal sagen.« »O sag's nur!« rief der Strauß, »ich möchte es doch wißen.« »Gibst Du mir's, wenn ich es Dir sage?« sprach das Mütterchen. »Ei warum nicht? sag's nur schnell!« Da sprach das Mütterchen: »er wollte eine von deinen Schwungfedern.« Da machte der Strauß zwar ein grimmig Gesicht; weil er's aber versprochen hatte, so riß er sich doch eine Feder aus und gab die dem Mütterchen und dachte nun nicht mehr an den Burschen, der die Nacht ganz wohlgemuth unter dem Bette zubrachte.

Am andern Morgen, sobald der Vogel Strauß ausgegangen war, rief das Mütterchen den Burschen und fragte ihn, ob er auch alles wohl gehört und verstanden habe, was der Strauß ihr gesagt? Ja, er hatte es gut gehört und sich gemerkt. Dann gab sie ihm die Feder und er bedankte sich viel viel Mal und trat vergnügt seine Rückreise an.

[277] Als er nun an das Waßer kam und der Mann ihn hinüber trug, fragte der, was der Vogel Strauß gesagt habe. »Bring mich nur erst hinüber!« sprach der Bursch; und als er am andern Ufer stand, sagte er: »den Nächsten, den Du tragen mußt, den wirf in's Waßer und sprich: jetzt nimm Du meinen Platz ein! dann bist Du erlöst.« »Das hätte ich eher wißen sollen,« brummte er vor sich hin. Der Bursch aber gieng tapfer weiter und kam dann auch bald in das Dorf und sagte den Bauern, sie sollten nur den Frosch aus dem Brunnen nehmen, und als sie das thaten, lief der Brunnen wieder ganz prächtig. Da schenkten sie dem Reisenden dreihundert Gulden als Belohnung für seine Mühe.

Nach vielen vielen Wochen kam er endlich wieder in das Schloß, daß der Graf sich nicht genug verwundern konnte. Dann sagte er der Schwiegermutter: ihr Trauring liege unter der Thürschwelle, und als sie die aufbrechen ließ, lag er richtig da. Dem Grafen aber sagte er: »der Vogel Strauß läßt Dich freundlich grüßen und schickt Dir da eine goldene Feder; wenn Du selbst aber einmal zu ihm kommen möchtest, so solltest Du so viele Schätze haben, als Du nur mitnehmen könntest.« Da dachte der Graf, die Einladung müße er annehmen, denn die goldne Feder war gar zu schön und er hätte gern deren noch mehre gehabt, ließ sich deshalb von seinem Schwiegersohne den Weg genau beschreiben und trat sogleich die Reise zum Vogel Strauß an.

Nun kam er auch glücklich bis an ein Waßer, über das keine Brücke führte; aber alsbald trat ein Mann hervor und fragte, ob er ihn hinüber tragen solle. Ja, er möchte [278] es doch thun, sagte der Graf, denn er wolle zum Vogel Strauß. Da nahm ihn der Andere auf den Rücken und trug ihn bis in die Mitte und – plumps! warf er ihn in's Waßer und sagte: »jetzt nimm Du meinen Platz ein!« und machte, daß er fortkam. Der Graf krabbelte sich zwar bald wieder heraus, konnte aber nicht weiter und mußte nun da bleiben und die Leute durch's Waßer tragen, und wenn ihn keiner abgelöst hat, so muß er's noch heute thun. Sein Bedienter lebte indes seelenvergnügt mit der jungen Gräfin und bekam alsbald die ganze Grafschaft, und wenn ihn Niemand daraus vertrieben hat und er nicht etwa gestorben ist, so lebt er noch darin.

80. Hähnle und Hühnle79. Die Reise zum Vogel Strauß78. Hui in mein' Sack!77. Die zwei Mädchen und der Engel76. Ein Lügen-Märchen75. Der Hahn mit den Goldfedern74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

80. Hähnle und Hühnle.

Es ist emal a Gockeler und a Henne gwä, die sind mit anander g'reist. Da sind sie an-en Grabe kommen und sind nüber g'hopst; da ist dem Gockeler 's Bäuchle ufgsprunge. Da sind sie zu em Schuhmacher gange:


Schuhmacher, gib Du mir Draht,

Daß i mei Bäuchle zunaht!


Der Schumacher sait: »hol Du mir Borst!« Da sind sie zu-ere Sau gange:

Sau, gib mir Borst!

Borst i Schuhmacher gib,

[279]

Schuhmacher mir Draht,

Daß i mei Bäuchle zunaht.


Die Sau hat gsait: »gib Du mir Milch!« Da sind sie zu-ere Kuh gange:

Kuh, gib mir Milch!

Milch i Sau gib,

Sau mir Borst,

Borst i Schuhmacher gib,

Schuhmacher mir Draht,

Daß i mei Bäuchle zunaht.


Da hat die Kuh gsait: »gib Du mir Gras.« Da sind sie zu-ere Gräsere gange:

Gräsere, gib mir Gras!

Gras i Kuh gib,

Kuh mir Milch,

Milch i Sau gib,

Sau mir Borst,

Borst i Schuhmacher gib,

Schuhmacher mir Draht,

Daß i mei Bäuchle zunaht.


Die Gräsere hat gsait: »gib Du mir Weck!« Da sind sie zum Beck gange:

Beck, gib mir Weck!

Weck i Gräsere gib,

Gräsere mir Gras,

Gras i Kuh gib,

Kuh mir Milch,

Milch i Sau gib.

Sau mir Borst,

Borst i Schuhmacher gib,

[280]

Schuhmacher mir Draht,

Daß i mei Bäuchle zunaht.


Der Beck hat gsait: »gib Du mir Mehl!« Da sind sie zum Müller gange:

Müller, gib mir Mehl!

Mehl i Beck gib,

Beck mir Weck,

Weck i Gräsere gib,

Gräsere mir Gras,

Gras i Kuh gib,

Kuh mir Milch,

Milch i Sau gib,

Sau mir Borst,

Borst i Schuhmacher gib.

Schuhmacher mir Draht,

Daß i mei Bäuchle zunaht.


Der Müller hat gsait: »gib Du mir Frucht!« Da sind sie zum Acker gange:

Acker, gib mir Frucht!

Frucht i Müller gib,

Müller mir Mehl,

Mehl i Beck gib,

Beck mir Weck,

Weck i Gräsere gib,

Gräsere mir Gras,

Gras i Kuh gib,

Kuh mir Milch,

Milch i Sau gib,

Sau mir Borst,

Borst i Schuhmacher gib,

Schuhmacher mir Draht,

Daß i mei Bäuchle zunaht.


[281] Der Acker hat gsait: »gib Du mir Mist!« Da sind sie zu-ere Miste gange:

Miste, gib mir Mist!

Mist i Acker gib,

Acker mir Frucht,

Frucht i Müller gib,

Müller mir Mehl,

Mehl i Beck gib,

Beck mir Weck,

Weck i Gräsere gib,

Gräsere mir Gras,

Gras i Kuh gib,

Kuh mir Milch,

Milch i Sau gib,

Sau mir Borst,

Borst i Schuhmacher gib,

Schuhmacher mir Draht,

Daß i mei Bäuchle zunaht.


Die Miste hat g'sait: »gib Du mir Stroh!« Da sind sie uf d' Heubühne gangen und habet Stroh 'runter gworfe und sind au mit runter gfallen, und da sind sie dod gwä.

81. Kätzle und Mäusle80. Hähnle und Hühnle79. Die Reise zum Vogel Strauß78. Hui in mein' Sack!77. Die zwei Mädchen und der Engel76. Ein Lügen-Märchen75. Der Hahn mit den Goldfedern74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[282] 81. Kätzle und Mäusle.

's ist emal a Kätzle und a Mäusle spaziere gange; da hat's Kätzle dem Mäusle 's Schwänzle runter biße. Da sait 's Mäusle zum Kätzle: »gib mir mei Schwänzle wieder!« Da sait 's Kätzle zum Mäusle: »wenn Du mir Käs holst.« Na ist 's Mäusle zum Keller (Kellner) gangen und hat em gsait:


Keller, mir Käs! Kätzle Käs,

Kätzle mir mei Schwänzle wieder geä.


Na hat der Keller gsait: »wenn Du mir a Meßer holst.« Na ist 's Mäusle zum Schmid gangen und hat gsait:


Schmid mir Meßer! Keller Meßer,

Keller mir Käs, Kätzle Käs,

Kätzle mir mei Schwänzle wieder geä.


Na hat der Schmid gsait: »wenn Du mir Horn holst.« Na ist 's Mäusle zur Gais gangen und hat gsait:

Gais mir Horn! Schmid Horn,

Schmid mir Meßer, Keller Meßer,

Keller mir Käs, Kätzle Käs,

Kätzle mir mei Schwänzle wieder geä.


Na hat d' Gais gsait: »wenn Du mir Heu holst.« Na ist 's Mäusle zum Mäder gangen und hat gsait:

Mäder, mir Heu! Gais Heu,

Gais mir Horn, Schmid Horn,

Schmid mir Meßer, Keller Meßer,

Keller mir Käs, Kätzle Käs

Kätzle mir mei Schwänzle wieder geä.


[283] Na hat der Mäder gsait: »wenn Du mir Suppe holst.« Na ist 's Mäusle zur Köche (Köchin) gangen und hat gsait:


Köche, mir Suppe! Mäder Suppe,

Mäder mir Heu, Gais Heu,

Gais mir Horn, Schmid Horn,

Schmid mir Meßer, Keller Meßer,

Keller mir Käs, Kätzle Käs,

Kätzle mir mei Schwänzle wieder geä.


Na hat d' Köche gesait: »wenn Du mir Toffele holst.« Na ist 's Mäusle zum Schuhmacher gangen und hat gsait:


Schuhmacher, mir Toffele! Köche Toffele,

Köche mir Suppe, Mäder Suppe,

Mäder mir Heu, Gais Heu,

Gais mir Horn, Schmid Horn,

Schmid mir Meßer, Keller Meßer,

Keller mir Käs, Kätzle Käs,

Kätzle mir mei Schwänzle wieder geä.


Na hat der Schuhmacher gsait: »wenn Du mir Borst holst.« Na ist 's Mäusle zur Sau gangen und hat gsait:


Sau mir Borst! Schuhmacher Borst,

Schuhmacher mir Toffele, Köche Toffele,

Köche mir Suppe, Mäder Suppe,

Mäder mir Heu, Gais Heu,

Gais mir Horn, Schmid Horn,

Schmid mir Meßer, Keller Meßer,

Keller mir Käs, Kätzle Käs,

Kätzle mir mei Schwänzle wieder geä.


Na hat d' Sau gesait: »wenn Du mir Kleie holst.« Na ist 's Mäusle zum Müller gangen und hat gsait:

[284]

Müller mir Kleie! Sau Kleie,

Sau mir Borst, Schuhmacher Borst,

Schuhmacher mir Toffele, Köche Toffele,

Köche mir Suppe, Mäder Suppe,

Mäder mir Heu, Gais Heu,

Gais mir Horn, Schmid Horn,

Schmid mir Meßer, Keller Meßer,

Keller mir Käs, Kätzle Käs,

Kätzle mir mei Schwänzle wieder geä.


Na hat der Müller gsait: »wenn Du mir Waßer holst.« Na ist 's Mäusle an Bach gangen und hat wölle Waßer hole. Da ist's nei gfallen und ist versoffe.

82. Jokele81. Kätzle und Mäusle80. Hähnle und Hühnle79. Die Reise zum Vogel Strauß78. Hui in mein' Sack!77. Die zwei Mädchen und der Engel76. Ein Lügen-Märchen75. Der Hahn mit den Goldfedern74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

82. Jokele.

Es schickt der Herr des Jokele naus,
Soll die Bire schüttle;
's Jokele will net d' Bire schüttle,
D' Bire wöllet net falle.
Schickt der Herr a Hundle naus,
Soll des Jokele beiße.
's Hundle will net 's Jokele beiße,
's Jokele will net d' Bire schüttle,
D' Bire wöllet net falle.
Schickt der Herr a Prügele naus,
Soll das Hundle schlage.
's Prügele will net 's Hundle schlage,
[285]
's Hundle will net 's Jokele beiße,
's Jokele will net d' Bire schüttle,
D' Bire wöllet net falle.
Schickt der Herr a Feuerle naus,
Soll das Prügele brenne.
's Feuerle will net 's Prügele brenne,
's Prügele will net 's Hundle schlage,
's Hundle will net 's Jokele beiße,
's Jokele will net d' Bire schüttle,
D' Bire wöllet net falle.
Schickt der Herr 's Wäßerle naus,
Soll das Feuerle lösche.
's Wäßerle will net 's Feuerle lösche,
's Feuerle will net 's Prügele brenne,
's Prügele will net 's Hundle schlage,
's Hundle will net 's Jokele beiße,
's Jokele will net d' Bire schüttle,
D' Bire wöllet net falle.
Schickt der Herr a Oechsle naus,
Soll das Wäßerle saufe.
's Oechsle will net 's Wäßerle saufe,
's Wäßerle will net 's Feuerle lösche,
's Feuerle will net 's Prügele brenne,
's Prügele will net 's Hundle schlage,
's Hundle will net 's Jokele beiße,
's Jokele will net d' Bire schüttle,
D' Bire wöllet net falle.
Schickt der Herr a Metzgerle naus,
Soll das Oechsle metzge.
's Metzgerle will net 's Oechsle metzge,
's Oechsle will net 's Wäßerle saufe,
[286]
's Wäßerle will net 's Feuerle lösche,
's Feuerle will net 's Prügele brenne,
's Prügele will net 's Hundle schlage,
's Hundle will net 's Jokele beiße,
's Jokele will net d' Bire schüttle,
D' Bire wöllet net falle.
Schickt der Herr den Henker naus,
Soll das Metzgerle henke.
Henker will ja 's Metzgerle henke,
's Metzgerle will ja 's Oechsle metzge,
's Oechsle will ja 's Wäßerle saufe,
's Wäßerle will ja 's Feuerle lösche,
's Feuerle will ja 's Prügele brenne,
's Prügele will ja 's Hundle schlage,
's Hundle will ja 's Jokele beiße,
's Jokele will ja d' Bire schüttle,
D' Bire wöllet ja falle.
83. Wie ein ehrliches Fräulein frühstückt82. Jokele81. Kätzle und Mäusle80. Hähnle und Hühnle79. Die Reise zum Vogel Strauß78. Hui in mein' Sack!77. Die zwei Mädchen und der Engel76. Ein Lügen-Märchen75. Der Hahn mit den Goldfedern74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

83. Wie ein ehrliches Fräulein frühstückt.

Guter Gesell, ich frage Dich,
»Was fragst Du mich?«
Was hat ein ehrlichs Fräulein gefreßen
Den ersten Morgen alleinig?
»Ein Körnlein klein,
Das hat ein ehrtichs Fräulein gefreßen
Den ersten Morgen alleinig.«
[287]
Guter Gesell, ich frage Dich,
»Was fragst Du mich?«
Was hat ein ehrlichs Fräulein gefreßen
Den zweiten Morgen alleinig?
»Zwei Hanfvögelein,
Ein Körnlein klein,
Das hat ein ehrlichs Fräulein gefreßen
Den zweiten Morgen alleinig.«
Guter Gesell, ich frage Dich,
»Was fragst Du mich?«
Was hat ein ehrlichs Fräulein gefreßen
Den dritten Morgen alleinig?
»Drei Täublein weiß,
Zwei Hanfvögelein,
Ein Körnlein klein,
Das hat ein ehrlichs Fräulein gefreßen
Am dritten Morgen alleinig.«
Guter Gesell, ich frage Dich,
»Was fragst Du mich?«
Was hat ein ehrlichs Fräulein gefreßen
Den vierten Morgen alleinig?
»Vier Hennen und einen Gockel,
Drei Täublein weiß,
Zwei Hanfvögelein,
Ein Körnlein klein,
Das hat ein ehrlichs Fräulein gefreßen
Den vierten Morgen alleinig.«
Guter Gesell, ich frage Dich,
»Was fragst Du mich?«
Was hat ein ehrlichs Fräulein gefreßen
Den fünften Morgen alleinig?
[288]
»Fünf Haasen in einem Pfeffer,
Vier Hennen und einen Gockel,
Drei Täublein weiß,
Zwei Hanfvögelein,
Ein Körnlein klein,
Das hat ein ehrlichs Fräulein gefreßen
Den fünften Morgen alleinig.«
Guter Gesell, ich frage Dich,
»Was fragst Du mich?«
Was hat ein ehrlichs Fräulein gefreßen
Den sechsten Morgen alleinig?
»Sechs Paar Ochsen und eine Kuh,
Daran hat's noch nicht genug,
Fünf Haasen in einem Pfeffer,
Vier Hennen und einen Gockel,
Drei Täublein weiß.
Zwei Hanfvögelein,
Ein Körnlein klein,
Das hat ein ehrlichs Fräulein gefreßen
Den sechsten Morgen alleinig.«
84. Der Birnbaum auf der Haide83. Wie ein ehrliches Fräulein frühstückt82. Jokele81. Kätzle und Mäusle80. Hähnle und Hühnle79. Die Reise zum Vogel Strauß78. Hui in mein' Sack!77. Die zwei Mädchen und der Engel76. Ein Lügen-Märchen75. Der Hahn mit den Goldfedern74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

84. Der Birnbaum auf der Haide.

Draußen auf grünester Haide
Dort steht ein Birebaum, trägt Laub.
Was wächst an selbigem Baume?
Ein wunderschöner Nast! (Ast.)
Nast am Baum, Baum in der Eck.
Draußen auf grünester Haide
Dort steht ein Birebaum, trägt Laub.
[289]
Was wächst an selbigem Naste?
Ein wunderschöner Zweig!
Zweig am Nast, Nast am Baum,
Baum in der Eck.
Draußen auf grünester Haide
Dort steht ein Birebaum, trägt Laub.
Was wächst an selbigem Zweige?
Ein wunderschöner Stiel.
Stiel am Zweig, Zweig am Nast,
Nast am Baum, Baum in der Eck.
Draußen auf grünester Haide
Dort steht ein Birebaum, trägt Laub.
Was wächst an selbigem Stiele?
Eine wunderschöne Bir'.
Bir' am Stiel, Stiel am Zweig,
Zweig am Nast, Nast am Baum,
Baum in der Eck.
Draußen auf grünester Haide
Dort steht ein Birebaum, trägt Laub.
Was wächst an selbiger Bire?
Ein wunderschöner Butz.
Butz an der Bir, Bir am Stiel,
Stiel am Zweig, Zweig am Nast,
Nast am Baum, Baum in der Eck.
Draußen auf grünester Haide,
Dort steht ein Birebaum, trägt Laub.
Was wächst in selbigem Butze?
Ein wunderschönes Nest.
Nest im Butz, Butz an der Bir,
Bir' am Stiel, Stiel am Zweig,
[290]
Zweig am Nast, Nast am Baum,
Baum in der Eck.
Draußen auf grünester Haide,
Dort steht ein Birebaum, trägt Laub.
Was wächst in selbigem Neste?
Ein wunderschönes Ei.
Ei im Nest, Nest im Butz,
Butz an der Bir, Bir am Stiel,
Stiel am Zweig, Zweig am Nast,
Nast am Baum, Baum in der Eck.
Draußen auf grünester Haide
Dort steht ein Birebaum, trägt Laub.
Was wächst in selbigem Ei?
Ein wunderschöner Vogel.
Vogel im Ei, Ei im Nest,
Nest im Butz, Butz an der Bir,
Bir am Stiel, Stiel am Zweig,
Zweig am Nast, Nast am Baum,
Baum in der Eck.
Draußen auf grünester Haide
Dort steht ein Birebaum, trägt Laub.
Was wächst an selbigem Vogel?
Ein wunderschöner Schnabel.
Schnabel am Vogel, Vogel im Ei,
Ei im Nest, Nest im Butz,
Butz an der Bir, Bir am Stiel,
Stiel am Zweig, Zweig am Nast,
Nast am Baum, Baum in der Eck.
Draußen auf grünester Haide,
Dort steht ein Birebaum, trägt Laub.
85. Eine Kinder-Predigt84. Der Birnbaum auf der Haide83. Wie ein ehrliches Fräulein frühstückt82. Jokele81. Kätzle und Mäusle80. Hähnle und Hühnle79. Die Reise zum Vogel Strauß78. Hui in mein' Sack!77. Die zwei Mädchen und der Engel76. Ein Lügen-Märchen75. Der Hahn mit den Goldfedern74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[291] 85. Eine Kinder-Predigt.

Heut schieß ich einen Haasen,
Den bring ich meiner Basen,
Meiner Basen bring ich ihn,
Auf den Bäumen da wachsen Biren,
Biren wachsen auf den Bäumen,
Aus dem Leder macht man Zäume,
Zäume macht man aus dem Leder,
Die Gänse hent Federn,
Federn hent die Gäns,
Die Hämmel hent Schwänz,
Schwänz hent die Hämmel,
Und i sitz auf einem Schemel,
Uf einem Schemel sitz i,
Die Nadel ist spitzig,
Spitzig ist die Nadel,
Der Fad' hat en Dradel (ist zu sehr gedreht),
En Dradel hat der Faden,
An Ostern bächt man Fladen,
Fladen bächt man an Ostern,
Im Wald da fliegen Drosteln,
Drosteln fliegen im Wald,
Im Winter ist es kalt,
Kalt ist es im Winter,
Die Hundstäg hol' der Schinder!
86. Noch eine Predigt85. Eine Kinder-Predigt84. Der Birnbaum auf der Haide83. Wie ein ehrliches Fräulein frühstückt82. Jokele81. Kätzle und Mäusle80. Hähnle und Hühnle79. Die Reise zum Vogel Strauß78. Hui in mein' Sack!77. Die zwei Mädchen und der Engel76. Ein Lügen-Märchen75. Der Hahn mit den Goldfedern74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[292] 86. Noch eine Predigt.

Eins, zwei, drei,
Und alt ist et neu,
Neu ist et alt,
Die Gans hat ein'n Darm,
Ein'n Darm hat die Gans,
's Glöckle schlägt an,
An schlägt 's Glöckle,
's braune Mädle hat a Röckle,
A Röckle hat's braune Mädle,
Der Pflug hat a Rädle,
A Rädle hat der Pflug,
Die Reichen hent gnug,
Gnug hent die Reichen,
Der Weber ist ein Schleicher,
Ein Schleicher ist der Weber,
Im Sommer fliegen Käfer,
Käfer fliegen im Sommer,
Der Stier ist ein Brummler,
Ein Brummler ist der Stier,
Die schwarzbraunen Mädchen gefallen mir.
87. Kinder-Märlein86. Noch eine Predigt85. Eine Kinder-Predigt84. Der Birnbaum auf der Haide83. Wie ein ehrliches Fräulein frühstückt82. Jokele81. Kätzle und Mäusle80. Hähnle und Hühnle79. Die Reise zum Vogel Strauß78. Hui in mein' Sack!77. Die zwei Mädchen und der Engel76. Ein Lügen-Märchen75. Der Hahn mit den Goldfedern74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[293] 87. Kinder-Märlein.

Der Reiter reit't a Rößle,
In Stuttgart steht a Schlößle,
In Stuttgart steht a Guckehaus,
Gucket drei schöne Jungfere raus.
Die ein' spinnt Seide,
Die ander wickelt Weide,
Die dritt spinnt en rothe Rock
Für den liebe Herregott.
Sitzt a Kindle an der Wand,
Hat a Gakele (Ei) in der Hand,
Möcht's gern eßa,
Hat kei Meßer.
Fällt a Meßer oba runter,
Schlägt em Kind sei Aermle runter;
D' Magd geht zum Balbierer;
's ist Niemand zu Haus.
D' Katz kehrt d' Stuben aus,
D' Maus trägt de Kutter naus,
Sitzt e Gokeler auf em Dach,
Der hat se halba z'kropfet glacht.
88. Was die Gans Alles trägt87. Kinder-Märlein86. Noch eine Predigt85. Eine Kinder-Predigt84. Der Birnbaum auf der Haide83. Wie ein ehrliches Fräulein frühstückt82. Jokele81. Kätzle und Mäusle80. Hähnle und Hühnle79. Die Reise zum Vogel Strauß78. Hui in mein' Sack!77. Die zwei Mädchen und der Engel76. Ein Lügen-Märchen75. Der Hahn mit den Goldfedern74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

[294] 88. Was die Gans Alles trägt.

Was trägt die Gans auf ihrem Schnabel?
Federgans!
Ein'n Husar mitsammt dem Sabel
Trägt die Gans auf ihrem Schnabel,
Federgans.
Was trägt die Gans auf ihrer Haube?
Federgans!
Ein Paar schöne Turteltaube
Trägt die Gans auf ihrer Haube,
Federgans.
Was trägt die Gans auf ihrem Halse?
Federgans!
Eine Kuh mitsammt dem Kalbe
Trägt die Gans auf ihrem Halse,
Federgans.
Was trägt die Gans auf ihrem Rucken?
Federgans!
Einen Schuster mitsammt der Brucken (Sitz)
Trägt die Gans auf ihrem Rucken,
Federgans.
Was trägt die Gans auf ihrem Bauche?
Federgans!
Einen Küfer mitsammt dem Schlauche
Trägt die Gans auf ihrem Bauche,
Federgans.
[295]
Was trägt die Gans auf ihrem Schwanze,
Federgans!
Eine Braut mitsammt dem Kranze
Trägt die Gans auf ihrem Schwanze,
Federgans.
89. Der Brief im Ei88. Was die Gans Alles trägt87. Kinder-Märlein86. Noch eine Predigt85. Eine Kinder-Predigt84. Der Birnbaum auf der Haide83. Wie ein ehrliches Fräulein frühstückt82. Jokele81. Kätzle und Mäusle80. Hähnle und Hühnle79. Die Reise zum Vogel Strauß78. Hui in mein' Sack!77. Die zwei Mädchen und der Engel76. Ein Lügen-Märchen75. Der Hahn mit den Goldfedern74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

89. Der Brief im Ei.

Es war einmal ein schöner Garten,
Hier ein Garten, da ein Garten,
War es nicht ein schöner Garten!
In dem Garten war ein Baum,
Hier ein Baum, da ein Baum,
War es nicht ein schöner Baum!
In dem Baum da war ein Nest,
Hier ein Nest, da ein Nest,
War es nicht ein schönes Nest!
In dem Nest da war ein Vogel,
Hier ein Vogel, da ein Vogel,
War es nicht ein schöner Vogel!
In dem Vogel war ein Ei,
Hier ein Ei, da ein Ei,
War es nicht ein schönes Ei!
In dem Ei da war ein Dotter,
Hier ein Dotter, da ein Dotter,
War es nicht ein schöner Dotter!
[296]
In dem Dotter war ein Brief,
Hier ein Brief, da ein Brief,
War es nicht ein schöner Brief!
In dem Briefe stand geschrieben:
Jedermann soll Jesus lieben!
90. Die schmale Brücke89. Der Brief im Ei88. Was die Gans Alles trägt87. Kinder-Märlein86. Noch eine Predigt85. Eine Kinder-Predigt84. Der Birnbaum auf der Haide83. Wie ein ehrliches Fräulein frühstückt82. Jokele81. Kätzle und Mäusle80. Hähnle und Hühnle79. Die Reise zum Vogel Strauß78. Hui in mein' Sack!77. Die zwei Mädchen und der Engel76. Ein Lügen-Märchen75. Der Hahn mit den Goldfedern74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente73. Die drei Federn des Drachen72. Der König Auffahrer des Meers71. Der Tod des Hühnchens70. Der Rathsherr und das Büble69. Die drei todten Schwestern68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen67. Ei so beiß!66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe65. Die drei Wünsche64. Die drei Handwerksburschen63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter62. Bruder Lustig61. Das Nebelmännle60. Die Schlange und das Kind59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell58. Der Drachentödter57. Drei Rosen auf Einem Stiel56. Die gescheidte Ziege55. Der kluge Martin54. Der lustige Ferdinand oder der Goldhirsch53. Simson, thu dich auf!52. Hans holt sich eine Frau51. Der faule Frieder50. Der Schatz im Keller49. Die drei Raben48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen hat46. Die schwarzen Männlein45. Der Klosterbarbier44. Der erlöste Kapuziner43. Eschenfidle42. Der Sohn des Kaufmanns41. Der Müller Hillenbrand40. Der Arme und der Reiche39. Der Engel auf Erden38. König Blaubart37. Das tapfere Schneiderlein36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein35. Der Schneider im Himmel34. Der Schneider und die Sündflut33. Der angeführte Teufel32. Die zwölf Geister im Schloße31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht30. Die Brautschau29. Hans und die Königstochter28. Hans ohne Sorgen27. So lieb wie das Salz26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen25. Der Sohn des Kohlenbrenners24. Die Rübe im Schwarzwalde23. Der arme Fischer22. Fläschlein, thu deine Pflicht!21. Der dumme Hans20. Der Himmelsreisende19. Das Posthorn18. Der Büttel im Himmel17. Die goldene Ente16. Der Räuber Matthes15. Der Spielmann und die Wanzen14. Der Löwe, der Bär und die Schlange13. Die Sonne wird Dich verrathen12. Die drei Schwestern2. [Ein andres Mal wollte Christus mit Petrus eine Kirchweih besuchen]1. [Unser Herr Christus und der heilige Petrus übernachteten einmal]11. Christus und Petrus auf Reisen10. Hans und der Teufel9. Die Schultheißen-Wahl8. Die vier Brüder7. Von drei Schwänen6. Donner, Blitz und Wetter5. Der kranke König und seine drei Söhne4. Aschengrittel3. Der Räuber und die Hausthiere2. Das Vöglein auf der Eiche1. Der Schäfer und die drei RiesenMärchenMeier, ErnstDeutsche Volksmärchen aus Schwaben

90. Die schmale Brücke.

Es war einmal ein Schäfer, der hatte eine große große Schaafheerde, mit der zog er fort über Berg und Thal, weit in die Welt hinaus. Da kam er an ein tiefes Waßer, über das führte zum Glück eine Brücke; die Brücke aber war so winzig klein und schmal, daß immer nur ein einzig Schaaf hinübergehen konnte; und eher durfte nie eins von den übrigen Schaafen das schmale Brücklein auch nur betreten, als bis das andre Schaaf drüben war; denn sonst hätte das Brücklein leicht brechen können. Da kannst Du wohl denken, wie lange das dauert, ehe die vielen vielen Schaafe alle hinüber kommen. – Ja, siehst Du, und jetzt müßen wir ganz ruhig so lange warten, bis sie alle mit dem Schäfer drüben sind; das wird wohl noch eine Weile dauern, und dann will ich die Geschichte von dem Schäfer und seiner großen großen Schaafheerde Dir weiter erzählen.

[297]

»Ich möcht' mich der wundersamen Historien, so ich aus zarter Kindheit herübergenommen, oder auch, wie sie mir vorkommen sind in meinem Leben, nicht entschlagen, um kein Gold.«

Luther. [298]

Anmerkungen.

[299] [301]1. Der Schäfer und die drei Riesen. Mündlich aus dem würtembergischen Oberlande. In denselben Kreis gehören Nr. 5. 29. 58. Verwandt ist bei Müllenhoff: Sagen u.s.w. aus Schleswig-Holstein, das Märchen vom Kupferberg, Silberberg und Goldberg, S. 432. In den Kinder- und Hausmärchen der BrüderGrimm entspricht Nr. 165. vgl. Nr. 60.

2. Das Vöglein auf der Eiche. Mündlich aus Derendingen. Verwandt ist das weit vollständigere Märchen der Brüder Grimm, Nr. 47: »Van den Machandelboom.«

3. Der Räuber und die Hausthiere. Mündlich aus Derendingen von einem Handwerker, der dieß Märchen in Zürich gehört hatte. Verwandt ist in der Grimm'schen Sammlung Nr. 27, die Bremer Stadtmusikanten; Nr. 10, das Lumpengesindel und Nr. 41, Herr Korbes.

4. Aschengrittel. Mündlich aus Schwäbisch-Hall. Bei Geiler von Kaisersberg findet sich der AusdruckEschengrüdel für einen verachteten Küchenknecht. Vgl. die andere Erzählung: Eschenfidle, Nr. 43. In Grimm's Kinder-Märchen entspricht »Aschenputtel,« Nr. 21. Im Italienischen, im Pentamerone das Basile I. Nr. 6, das Aschenkätzchen.

5. Der kranke König und seine drei Söhne. Mündlich aus dem würtembergischen Oberlande, aus der Gegend von Ulm. Bei Grimm entspricht Nr. 57, dergoldene Vogel, besonders eine Erzählung in den Anmerkungen dazu, und bei Wolf, deutsche Hausmärchen: »die Königstochter in Muntserrat.« Verwandt ist auch bei Grimm Nr. 97, das Waßer des Lebens, und in 1001 Nacht: der Sultan von Jemen und seine drei Söhne, Nacht 483-486 bei Habicht und v.d. Hagen.

6. Donner, Blitz und Wetter. Mündlich aus Kirchheim an der Teck. Wahrscheinlich sind hier drei verschiedene Götter ursprünglich gemeint mit drei verschiedenen Spielen, während jetzt Donner und Blitz Dasselbe treiben. Der Donnergott ist hier gar nicht zu verkennen. [301] Thor's Hammer (der Donnerkeil) hatte die Eigenschaft, daß er immer von selbst wieder in die Hand des Werfenden zurückkam wie hier die Kegelkugel. Zu beachten sind die Redensarten: Petrus kegelt und ähnliche, wenn es donnert. Vgl. bei Grimm die Bienenkönigin.

7. Von drei Schwänen. Mündlich aus Bühl. InGrimm's Kinder-Märchen entspricht im Allgemeinen Nr. 49, die sechs Schwäne; bei Wolf, deutsche Hausmärchen, S. 217, von der schönen Schwanenjungfer. In 1001 Nacht die Geschichte Asems und der Geisterkönigin, Nacht 455-457 der deutschen Uebersetzung von Habicht und Hagen.

8. Die vier Brüder. Mündlich aus Derendingen. In Grimm's Märchen ist verwandt Nr. 71, Sechse kommen durch die ganze Welt, und die sechs Diener; vgl. auch daselbst: das Waßer des Lebens; ferner in der Fortsetzung der 1001 Nacht von Chavis und Cazotte Bd. 8. Die Geschichte des Hauptmanns »Bergspalter« und seiner Gefährten. Wie unser Hans trägt auch Simson ein ganzes Stadtthor fort.

9. Die Schultheißen-Wahl. Mündlich aus Derendingen. Auch sonst sehr bekannt, mit abweichenden Reimen.

10. Hans und der Teufel. Mündlich aus Bühl. Verwandt ist in den norwegischen Volksmärchen von Asbjörnsen und Moe, deutsch von Bresemann, 1847, Nr. 21 im 1. Bd., vom Schmid, der den Teufel nicht in den Himmel laßen durfte.

11. Christus und Petrus auf Reisen. Mündlich aus Bühl verwandt ist der Schwank von Sankt Peter mit der Gais bei Hans Sachs.

12. Die drei Schwestern. Mündlich aus Derendingen. Derselbe Schwank findet sich schon in Pauli's »Schimpf (= Scherz) und Ernst« aus dem Anfang des 16. Jahrhunderts.

13. Die Sonne wird Dich verrathen. Mündlich aus Dußlingen. In Grimm's Märchen: »die klare Sonne bringt's an den Tag.« Zu Grunde liegt hier wohl die uralte Idee von der göttlichen Natur der Sonne, »die Alles durchschaut und die Menschen erspäht,« wie es im Indischen, im Rigveda heißt.

14. Der Löwe, der Bär und die Schlange. Mündlich aus Bühl. Die Gesta Romanorum enthalten eine verwandte Erzählung; vgl. Grimm's Kinder-Märchen, Bd. 3. S. 375, und das deutsche Märchen von den treuen Thieren. Im Pentamerone entspricht Nr. 25, Käfer, Maus, Grille, und Nr. 31, Hahnenstein. In denselben Kreis gehört ferner in 1001 Nacht die Geschichte des Prinzen von Sind und der Fatime, Nacht 489 bei Habicht und v.d. Hagen.

[302] 15. Der Spielmann und die Wanzen. Mündlich aus Derendingen und sonst sehr bekannt.

16. Der Räuber Matthes. Mündlich aus Rotenburg a. Neckar und aus Bühl. – In der Erzählung aus Bühl ist die Verschreibung des Kindes nicht motivirt; es heißt bloß: ein fremder Herr habe den Mann dazu genöthigt. Auch wird hier die Scene nicht an einen bestimmten Ort verlegt. – Ein verwandtes Märchen steht in Mone's Anzeiger, 1837, S. 399. und ein walachisches in der Sammlung von Schott, Nr. 15, »der Versöhnungsbaum.« Ferner gehört hieher der erste Theil des Märchens: »die eisernen Stiefel« bei Wolf, S. 198. – Der Stab, den der Knabe bekommt, ist der Stab des Wunsches, (Wünschelrute) und mahnt an den goldenen Friedensstab Merkurs, an den Caduceus, und näher noch an unsere Springwurzel, vor der alle Schlößer und Thüren sich öffnen. Sonst verleiht Wuotan diese Wunschdinge. Aber auch die alte Frick (d.i. Frigga, Wuotans Gemahlin) hat in dem ersten Märchen in Kuhn's Norddeutschen Sagen u.s.w. einen solchen Zauberstab. Statt ihrer wird in der christlichen Erzählung Maria genannt.

17. Die goldene Ente. Mündlich aus Derendingen. Bei Grimm entspricht Nr. 64, die goldene Gans. In Bechstein's Märchenbuch: Schwan, kleb an! Im Allgemeinen gehört dahin auch bei Wolf: »der Geiger und seine drei Gesellen,« (Laufer, Bläser, Träger) mit deren Hülfe er eine Prinzessin gewinnt, indem er durch sein Spiel drei Schweine tanzen läßt und die Prinzessin dadurch zum Lachen bringt.

18. Der Büttel im Himmel. Mündlich aus dem Schwarzwalde.

19. Das Posthorn. Mündlich aus dem Schwarzwalde. Auch in Münchhausens Reisen, nach Volkserzählungen.

20. Der Himmelsreisende. Mündlich aus Bühl. In einer zweiten Erzählung wird statt des Sohnes der zweite Mann der Frau genannt. Er läßt sich ebenso anführen und gesteht zuletzt seiner Frau: »Du bist dumm, aber ich bin noch dummer.« Eine dritte Erzählung aus Tübingen lautet so:

Es war einmal eine Frau, die kochte ihrem Manne Tag aus Tag ein nichts als Aepfelschnitzen und Speck. Da sagte der Mann ihr eines Tags: koch doch auch einmal etwas anders und heb die Schnitz' auf bis der lange Frühling kommt. Das hörte ein Fremder, der ein großer Mann war, hieng einen langen Sack um die Schulter und gieng zu der Frau. Wie die ihn sah, fragte sie: ob er der lange Frühling sei? [303] Ja, der sei er, sagte der Mann. Da gab ihm die Frau den ganzen Vorrath von Speck und Schnitzen, den sie noch hatte. – Der Mann gieng damit fort, und als er auf die Straße kam, blieb er stehen und guckte und guckte auf Einer Stelle in die Höhe, als wollte er ein Loch in den Himmel gucken. Das sah eine andre Frau und fragte ihn: was er da in der Luft suche? Ach, sagte der Mann, ich bin eben vom Himmel herabgestiegen und sehe nur genau zu, wo ich hergekommen bin, daß ich später den Weg wieder finde. Nun erkundigte sich die Frau und fragte, ob er auch ihren verstorbenen Hans Jörg kenne. »Ei freilich,« sagte er. »Und wie geht's ihm denn?« »Er ist wohl auf,« sagte der Mann, »aber der Verdienst ist schlecht; er hat halt kein Geld und sein Zeug sieht arg verrißen aus.« Da gab ihm die Frau Geld und ein Dutzend Hemden für ihren Hans Jörg im Himmel, und der Reisende versprach, daß er Alles auf's Beste besorgen wolle, hat sich aber nie wieder blicken laßen.

In Westfalen (Schaumburg-Lippe) und sonst ist das Märchen bekannt. Vgl. auch Müllenhoff, Sagen u.s.w. aus Schleswig-Holstein. S. 413 ff. Norwegische Volksmärchen von Asbjörnsen und Moe, Bd. 1, Nr. 10: Es gibt noch mehr solche Weiber. Das genau entsprechende walachische enthält die Sammlung der walachischen Märchen von Schott, 1845, Nr. 45, die Botschaft vom Himmel. – Zu Grunde liegen vielleicht die alten Mythen über die Wanderungen der Götter auf Erden, die hier aber, nachdem sie nicht mehr geglaubt wurden, ihrer göttlichen Natur entkleidet, in einen Schwank rationalistisch aufgelöst erscheinen.

21. Der dumme Hans. Mündlich aus Bühl und Owen.

22. Fläschlein, thu deine Pflicht. Mündlich aus Lustnau. Es geht die Sage, daß Theophrastus Bombastus Paracelsus von Hohenheim durch eine Goldtinktur jenes eingemauerte Fläschlein entdeckt und herausgezaubert habe; dadurch, sagt man, habe er allen Menschen helfen können und sei ein so berühmter Doktor geworden. – Verwandt ist in Grimm's Kinder-Märchen: Tischchen deck dich, Goldesel und Knüppel aus dem Sack. Nr. 36. Ferner Nr. 54, der Ranzen, das Hütlein und Hörnlein. Vgl. auch: der Geist im Glas, und dazu die Anmerkungen im 3. Bd. Im Pentamerone des Basile entspricht: der wilde Mann. In den norwegischen Volksmärchen von Asbjörnsen und Moe I. Nr. 7; von dem Burschen, der zu dem Nordwind gieng und das Mehl zurückforderte. Ferner ein walachisches Märchen bei Schott, [304] Nr. 20, die Wundergaben. – In 1001 Nacht die Wunderlampe in der Geschichte von Aladdin, Nacht 316-348 bei Habicht.

23. Der arme Fischer. Mündlich aus Bühl. Anfang und Ende haben allgemeine Aehnlichkeit mit dem Märchen »von dem Fischer und sine Fru,« Nr. 19 bei Grimm. Vgl. Kuhn und Schwarz, norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche, S. 337, Nr. 10, die beiden gleichen Brüder. Unsre Erzählung ist wohl nicht ohne Einfluß der »Geschichte des Fischers mit dem Geiste« in 1001 Nacht entstanden. Vgl. die Uebersetzung von Habicht und Hagen, Nacht 8-11. 22. 31.

24. Die Rübe im Schwarzwalde. Mündlich aus dem Schwarzwalde. Vgl. in Grimm's Kinder-Märchen: der Dreschflegel im Himmel, und die Rübe.

25. Der Sohn des Kohlenbrenners. Mündlich aus der Gegend von Ulm.

26. Der Schäfer und die drei Jungfrauen. Mündlich aus Derendingen. Die Erzählung gehört eher zu den Sagen, als zu den Märchen, in denen solche Erlösungen in der Regel glücklich ausgehen, was in den mehr geschichtlichen Sagen sehr selten der Fall ist. Weil sich aber die obige Erzählung an keine bestimmte Oertlichkeit knüpft, habe ich sie unter die Märchen gestellt.

27. So lieb wie das Salz. Mündlich aus Derendingen.

28. Hans ohne Sorgen. Mündlich aus Derendingen. Eine zweite Erzählung aus Bühl heißt: »der Bischof ohne Kreuz.« Dieß hatte ein Bischof über seine Hausthür setzen laßen. Als der König das las, dachte er, wart, ich will Dir schon ein Kreuz aufladen, und ließ den Bischof kommen und legte ihm drei Fragen vor: 1) Wie weit ist es in den Himmel? 2) Wie tief ist das Meer? 3) Wie viel Laub hat deine Linde? Diese drei Fragen sollte ihm der Bischof in drei Tagen beantworten; könnte er es aber nicht, so sollte ihm der Kopf abgeschlagen werden, sagte der König. – Da hatte der Bischof Kreuz genug; denn er mochte sich besinnen, wie er wollte, so brachte er doch nichts heraus. Da fragte ihn sein Schäfer, weshalb er so traurig sei. Er will's erst nicht sagen. Allein wie der Mann ihn zum dritten Mal fragte und seine Angst immer größer wurde, gesteht er ihm Alles. Der Schäfer übernimmt dann die Beantwortung der Fragen und geht in den Kleidern des Bischofs sofort zum Könige. Der sah zwar wohl, daß es nicht der rechte Mann war, wollte aber doch hören, was er zu sagen wiße und fragte: Nun, wie weit ist's in den Himmel? Sprach jener: [305] »eine Tagreise; denn es ist noch Niemand unterwegs über Nacht geblieben.« Und wie tief ist das Meer? »Einen Steinwurf tief; denn wenn man einen Stein hineinwirft, so kommt er sicher auf den Grund.« Und wie viel Laub hat des Bischofs Linde? »Grad so viel Blätter als sie Stiele hat,« sprach der Schäfer. Der König war damit zufrieden und fragte weiter: »jetzt kannst Du mir wohl auch noch sagen, wie weit es ist bis zur Armuth.« Der Schäfer sprach: »Eine Stunde weit; denn vor einer Stunde war ich noch ein armer Schäfer, nun aber bin ich Bischof.« »So sollst Du es auch bleiben,« sagte der König, »und wer Schäfer ist, soll Schäfer bleiben.« Und so ist es auch geschehen. – Vgl. Bürger's bekanntes Gedicht und die zu Grunde liegende englische Erzählung: »der König Johann und der Abt von Canterbury« in den altschottischen und altenglischen Balladen, bearbeitet von W. Doenniges, 1852, S. 152 ff.

29. Hans und die Königstochter. Mündlich aus dem würtembergischen Oberlande. Hier nimmt Hans für kurze Zeit wie der Sohn des Kohlenbrenners Nr. 25, die Stelle eines männlichen Aschenputtel oder Aschenbrödel ein. Der Zug, daß sich der wirkliche Sieger durch die abgeschnittene Zunge ausweist, kommt öfters vor. Vgl. Nr. 58. Hans trennt sich von der Königstochter wie Sigurd, der Drachentödter von der befreiten Brynhild. Ebenso Nr. 58. – Verwandt ist bei Wolf, S. 369, der Hinkelhirt (Hühnerhirt) der auf drei verschiedenen Pferden eine Prinzessin von einem dreiköpfigen Drachen erlöst, dann dreimal in einem Ringstechen siegt und zuletzt an einer Wunde erkannt wird, wie bei mir in Nr. 1, der Schäfer und die drei Riesen. Vgl. bei Grimm Nr. 60. die zwei Brüder. Eine zweite Erzählung aus Bühl hat manches Eigenthümliche:

Ein reicher Bauer hatte drei Söhne; von denen giengen zwei oft in's Wirthshaus; so oft sie aber etwas sagen wollten, hieß es immer: was wißt denn ihr? ihr seid ja noch nie hinter euers Vaters Brodtisch weggekommen. Darüber ärgerten sie sich so, daß sie endlich ihren Vater baten, er möge sie reisen laßen. Der Vater erlaubt es. Da will auch Hans, der jüngste, mit, obwohl er sonst nie aus dem Hause gekommen war. Sie ziehen mit einander aus, verstecken ihre Rohrstöcke und machen aus, wer zuerst heimkomme, der solle die Stöcke mitnehmen. Die Brüder ziehen zur Rechten und zur Linken, der Hans aber grad aus und kommt durch zwei Königreiche; in dem letztern findet er Arbeit und kriegt die Schaafe des Königs zu hüten. Das verstand [306] er aber so gut, daß er die Schaafe exerciren ließ. Als er nun gegen Abend heimkam und die Schaafe alle aufrecht auf den Hinterbeinen giengen und im Schritt und Takt: »Eins, zwei!« aufmarschirten, da mußte der König und Alles, was im Schloße war, laut lachen. Der König läßt ihn kommen und fragt ihn, wie er heiße? »Grad so wie mein Vater,« sagt der Hans. »Wie heißt denn dein Vater?« fragt der König. »Grad so wie ich,« sagt Hans, so daß der König lachte und ihn gehen ließ. Nun verbot ihm aber der König einen Garten, darin seien drei Riesen, die würden ihn freßen. Das reizte aber den Hans, daß er gleich am andern Morgen mit seinen Schaafen dorthin marschirte. »Ich bin der Hans-fürcht-di-nit, so g'schieht-dir-nichts! und will doch sehen, wer mir da was thun könnte,« sagte er. Aber Mittags kam ein großer Riese; Hans stellt sich auf einen Steinhaufen, läßt den Riesen nah kommen und ersticht ihn dann mit seinem kleinen Schwerte und schneidet ihm die Zunge ab. Ebenso macht er es noch zwei andern Riesen, die aber noch größer waren, als der erste. Der letzte hatte ein Bund Schlüßel bei sich; das nimmt Hans und sieht ein Schloß und hört Holz hauen und sägen und arbeiten um das Schloß herum. Das waren die Sclaven der Riesen. In dem Schloß trifft er die Tochter des Königs, die er erlöst hat, schickt die Sclaven nach Haus bis auf einen, der ihm das Schloß hüten muß. Ebenso entläßt er die Prinzeß zu ihrem Vater, während er mit seinen Schaafen heimkehrt. Indes zwingt der Mundschenk die Prinzessin, die er unterwegs trifft, zu sagen, daß er die Riesen erlegt habe. Nun läßt der König bekannt machen, wer in einem Ringstechen Sieger werde, der solle die Prinzessin zur Frau bekommen. Allein Niemand kann es. Hans, der Morgens mit seinen Schaafen exercirend ausgerückt war, geht in das befreite Schloß, läßt von dem Diener sich ein schönes Pferd und einen weißen Anzug bringen und reitet hin und siegt und geht unerkannt wieder fort. Ebenso das zweite Mal in einem blauen Anzuge und das dritte Mal in einem königlichen Kleide. Dann geht er in seiner Schäfertracht zu seinem Vater und muß dort die Gänse hüten. – Eines Abends, wie er mit den Gänsen heimzieht und auf einer Gais wie gewöhnlich hinter drein reitet, kommt der älteste Bruder in einem schönen Wagen daher gefahren. Hans erkennt ihn und grüßt ihn vergnügt; er aber sagt: »Ich habe keinen Gänsehirten zum Bruder,« und will nichts von ihm wißen. Da ruft Hans: »Hettelse, Hettelse!« (so lockt man gewöhnlich die Gais oder Hettel,) worauf alle Gänse sich erheben [307] und vor den Wagen fliegen, so daß der stolze Bruder nun langsam bis an sein elterliches Haus hinter den Gänsen her fahren muß, während Hans ganz lustig auf seiner Gais reitet. Ebenso machte er es bald darauf auch dem zweiten Bruder, der aus der Fremde heimkehrte und sich viel vornehmer dünkte, als Hans, der Gänsehirt.

Mittlerweile hatte die Prinzessin sich aufgemacht, um ihren Erretter selbst aufzusuchen und zog von Land zu Land, bis daß sie endlich auch zu Hans kam. Beide erkannten sich sogleich, und die Prinzessin merkte wohl, daß er nur vor den Leuten sich so verstellte und lachte daher über die Maßen bei all den Thorheiten und Tollheiten, die er machte. So warf er mehrmals die Eßschüßeln, die er auftragen sollte, auf den Boden. Als er zur Strafe dafür in den Gänsestall gesperrt wird, schlachtet er alle Gänse; als er darauf in den Keller geworfen wird, öffnet er alle Weinfäßer und läßt sie auslaufen. Dafür bekommt er von den Brüdern einen Buckelvoll Schläge, tröstet sich aber, daß er die Nacht bei der Prinzessin schlafen dürfe. Am andern Morgen erscheint er in seinem königlichen Anzuge, gibt seinem Vater 200 Mann Einquartirung, läßt seinen Brüdern die Schläge heimgeben und zieht dann mit seiner Prinzessin fort und bekommt mit ihr zugleich ein ganzes Königthum.

Die exercirenden Schaafe kommen auch in einem Märchen bei Wolf. S. 327 vor.

30. Die Brautschau. Mündlich aus Derendingen. Ebenso in Grimm's Kinder-Märchen: die Brautschau. Vgl. Müllenhoff's Sagen, Märchen u.s.w.S. 413 und 586.

31. Das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht. Mündlich aus dem würtembergischen Oberlande. Durch die vier wunderbar begabten Gesellen: den Schützen, den Langohr, den Schnell-Läufer und den Zapfenmann oder Vielfraß hat es Verwandtschaft mit den vier Brüdern in Nr. 8. – Dasselbe Märchen ist im Ditmarschen bekannt, wie Müllenhoff, a.a.O.S. 357 Not. bemerkt. Verwandt ist ebenda Rinroth, S. 453 ff. Vgl. Grimm's Märchen, Nr. 64. Noch näher entspricht eine Erzählung in Wolf's deutschen Märchen und Sagen, Nr. 25. und im Norwegischen bei Asbjörnsen und Moe 1. Bd. Nr. 24. Hier bekommt Lillekort ein Schiff, das über Süßwaßer und Salzwaßer, über Berg' und tiefe Thäler fährt. – Der altnordische Gott Freir, deutsch Fro (der erfreuende), der Gott der Fruchtbarkeit, des Friedens u.s.w. erhielt ebenso von kunstfertigen Zwergen ein [308] wunderbares Schiff, das sich wie ein Tuch zusammenfalten ließ. Vgl. Grimm's deutsche Mythologie I.S. 197.

32. Die zwölf Geister im Schloße. Mündlich aus Tübingen.

33. Der angeführte Teufel. Mündlich aus Derendingen.

34. Der Schneider und die Sündflut. Mündlich aus Wurmlingen.

35. Der Schneider im Himmel. Mündlich aus Wurmlingen. Verwandt ist in Grimm's Kinder-Märchen Nr. 35, der Schneider im Himmel. Vgl. Wolf's deutsche Sagen und Märchen Nr. 16, Jan im Himmel. – Nach heidnischer Vorstellung hatte Odhin einen Thron, von dem aus er Alles sehen und hören konnte, was auf Erden vorgieng. Dieser Thron heißt Hlid-skialf, d.i. Thürbank. Grimm's Mythologie, S. 124 ff.

36. Die Tochter des Armen und das schwarze Männlein. Mündlich aus Derendingen. Verwandt ist in Grimm's Kinder-Märchen Nr. 3, das Marienkind, besonders die Erzählung in den Anmerkungen. In den norwegischen Volksmärchen von Asbjörnsen und Moe 1. Bd. Nr. 8, die Jungfrau Maria als Gevatterin. Hier wird das Mädchen aus dem Himmel verstoßen und wird stumm, weil sie drei verbotene Thüren geöffnet und einen Stern nebst Sonne und Mond hatte herausschlüpfen laßen. Wegen ihrer Schönheit heirathet sie ein Prinz. Ihre drei Kinder holt aber die Gevatterin. Doch als sie deshalb verbrannt werden soll, gibt Maria ihr die Kinder nebst der Sprache wieder.

37. Das tapfere Schneiderlein. Mündlich aus Heubach. Mehrfach abweichend und ausführlicher in den Märchen der Brüder Grimm, Nr. 20. In Kuhn's märkischen Sagen das 11te Märchen.

38. König Blaubart. Mündlich aus dem würtembergischen Oberlande. Verwandt ist der Räuberhauptmann und die drei Müllerstöchter Nr. 63. Dasselbe Märchen im Französischen bei Perrault, le barbe bleue. – Das Verbot eines Zimmers oder auch mehrer, kommt öfters vor, z.B. bei Grimm im Marienkind, wo die 13te Himmelsthür verboten wird; ferner im treuen Johannes. Ebenso in 1001 Nacht, in der Erzählung des dritten Kalenders von dem Magnetberge, Nacht 57-66 bei Habicht und v.d. Hagen. Zuweilen sollte durch diese Enthaltsamkeit wohl wie in Nr. 36 eine Erlösung bewirkt werden. Ursprünglich aber läßt sich in der verbotenen Zimmerthür Odhin's Hochsitz nicht verkennen. Das »rothe« Gold der Märchen, das hier in einem Keßel kocht und von dem Finger, der es berührt hat, nicht wegzubringen ist, [309] entspricht ganz dem rothen, unvertilgbaren Blut der Räubergeschichten. – Die Pfeife, deren Schall die Wälder bewegt und die entfernten Brüder zum Beistande aufruft, mahnt an Heimdalls Giallarhorn, dessen Klang in allen Welten gehört wird und die Götter zum letzten Kampfe zusammenbläst.

39. Der Engel auf Erden. Mündlich aus Kusterdingen. Es erinnert an die Wanderungen der Götter wie folgende Erzählung.

40. Der Arme und der Reiche. Mündlich aus Bühl. In Grimm's Märchen entspricht Nr. 87, wo der Reiche ebenfalls drei Wünsche thun darf, die aber alle zu seinem Nachtheil ausschlagen, wie in der andern schwäbischen Erzählung Nr. 65. Vgl. auch bei Hebel: »drei Wünsche.« Christus, für den sonst auch der liebe Gott genannt wird, vertritt hier die Stelle Wuotans, des Wunsch-Gottes.

41. Der Müller Hillenbrand. Mündlich aus Derendingen. Vollständiger bei Grimm: der alte Hildebrand.

42. Der Sohn des Kaufmanns. Mündlich aus dem Oberlande. Bei Wolf entspricht des Todten Dank, S. 243. Eine entfernte Verwandtschaft hat der »Dummling« in den Nächten des Strapparola. Vgl. die Kinder-Märchen der Brüder Grimm, Bd. 3. S. 275.

43. Eschenfidle. Mündlich aus Heubach; es ist nur eine andre Ausführung von Aschengrittel Nr. 4. (Für den Ausdruck: Eschenfidle d.i. Aschenarsch, vgl. Abersel, Abärschel für einen Aschenbrödel.) In den norwegischen Volksmärchen von Asbjörnsen und Moe entspricht im 1. Bde. Nr. 19, Kari Trästak (d.i. Holzrock). Der Baum unsers Märchens erinnert an die fünf Bäume in Indra's himmlischem Paradiese, die jeden Wunsch gewährten.

44. Der erlöste Kapuziner. Mündlich aus Bühl.

45. Der Klosterbarbier. Mündlich aus Bühl. Musäus hat ein ähnliches Märchen in die Erzählung: »Stumme Liebe« verflochten.

46. Die schwarzen Männlein. Mündlich aus Tübingen. Vgl. Mone's Anzeiger, 1839. S. 183.

47. Wie ein Schneider von Einer Elle Tuch fünf Viertel gestohlen. Mündlich aus Dußlingen.

48. Die junge Gräfin und die Waßerfrau. Mündlich aus Heubach. Verwandt ist in Grimm's Märchen Nr. 65, Allerlei-Rauch. Im Norwegischen bei Asbjörnsen und Moe 1. Bd. Nr. 19, Kari Trästak. Im Pentamerone II, 6. die Bärin. Vgl. auch Aschengrittel und Eschenfidle.

[310] 49. Die drei Raben. Mündlich aus Bühl. Bei Grimm entsprechen: die sieben Raben, Nr. 25. Die zwölf Brüder, Nr. 49, und die sechs Schwäne Nr. 9. In den märkischen Sagen von Kuhn, das Märchen Nr. 10: vom Mädchen, das seine Brüder sucht. Ferner Sagen, Märchen u.s.w. aus Sachsen und Thüringen von E. Sommer, Nr. 11, die beiden Raben. Im Norwegischen bei Asbjörnsen und Moe Bd. 2, Nr. 3, die zwölf wilden Enten. Im Pentamerone Nr. 38, die sieben Tauben.

50. Der Schatz im Keller. Mündlich aus Derendingen. Verwandt sind die zwölf Geister im Schloß Nr. 32. Der erlöste Kapuziner Nr. 44. und der Klosterbarbier Nr. 45.

51. Der faule Frieder. Mündlich aus Dußlingen.

52. Hans holt sich eine Frau. Mündlich aus Bühl. In Grimm's Märchen entspricht Nr. 32, der gescheidte Hans.

53. Simson, thu dich auf. Mündlich aus Pfullingen. Leider unvollständig. Die Bedeutung der Königin, wer sie eigentlich gewesen u.s.w., war der Erzählerin nicht mehr klar. In Grimm's Märchen entspricht derSimeliberg, worin 12 Räuber hausen. Das Märchen scheint aus einer deutschen Zwergsage entstanden zu sein, jedoch wohl nicht ohne Einwirkung der arabischen Erzählung von den 40 Räubern. Der Name »Semsi« (bei Grimm) und Simson erinnern zu stark an den arabischen Felsen Sesam. Vgl. 1001 Nacht, 374-368.

54. Der lustige Ferdinand, oder der Goldhirsch. Mündlich aus Bühl. In Wolf's deutschen Hausmärchen stimmt damit überein »der goldene Hirsch.« Wahrscheinlich liegt ein alter Göttermythus zu Grunde, dessen Deutung ich im Folgenden kurz versuchen will.

Der goldene Hirsch wäre wohl mit dem goldborstigen Eber zu vergleichen, den der nordische Freir, der deutsche Fro, besitzt, zumal auch sonst der Hirsch, wie es scheint, dem Freir als dem Gott der Jagd heilig war. Dieser Gott, heißt es in der Edda: »herrscht über Regen und Sonnenschein und über das Wachsthum der Erde; ihn soll man anrufen um Fruchtbarkeit und Frieden.« Freir ist nicht eigentlich Sonnengott, obwohl er in inniger Beziehung zur Sonne steht. Er ist vielmehr die in den Erdschooß herabstrahlende, die Winterriesen besiegende und die Erde befruchtende Sonnenkraft; oder, er ist die die Erde durchdringende Zeugungskraft der Sonne, eine Anschauung, welche der goldborstige, erdwühlende Eber trefflich symbolisirt. Seine Gemahlin Gerda, deren [311] Bruder Beli er erschlagen, erscheint als eines Riesen Tochter, die von ihren Verwandten zurückgehalten wird (vgl. Skirnirs Fahrt Str. 12) und nur gezwungen dem über mächtigen Gotte sich verspricht und dann in dem Hain Barri, d.i. dem grünenden (also im Frühling) ihre Vermählung mit ihm feiert. Vgl. die Edda, übersetzt von Simrock, S. 348 ff. Gerda ist wohl nur eine andre Form der mütterlichen Erde überhaupt, der Nerthus bei Tacitus, die schon ihrem Namen nach mit Freir's Vater, Niördr, identisch ist. – (Niördr beherrscht den Gang des Windes, stillt Meer und Feuer. Schiffer und Fischer rufen ihn besonders an. Das Wort entspricht genau dem sanskritischen Nritu, Tänzer, Stürmer, in den Veda's ein häufiges Beiwort Indra's und der Maruts, der verheerenden Winde. Auch Nritû (Nominativ Nritûs) als Erde kommt im Wörterbuch bei Wilson vor und stimmt vollkommen zu Nerthus, obwohl das Wort als männlich bezeichnet ist.) – Zu beachten ist für die Deutung jenes Mythus die schwedische Sitte, daß Freir's verhüllter Wagen (hier wohl sein Hochzeitswagen) im Frühjahr durch das Land gezogen wurde, ganz wie es Tacitus von der terra mater erzählt. So erklärt sich nun die große Schönheit der Geliebten des Freir, indem die Luft und alle Waßer vom Scheine ihrer weißen Arme widerstrahlen, wobei wir gewiß nicht an den »Nordschein,« sondern eher an den glänzenden Blüthenschmuck des Frühlings zu denken haben. – Das schöne Eddalied, Skirnisför, stellt die glückliche Werbung Freir's um die schöne Riesentochter durch seinen Diener Skîrnir dar. Dasselbe Thema enthält wahrscheinlich auch das räthselhafte Lied von Fiölswidr. Ein Fremdling, Swipdagr, (d.i. Schnelltag) der Sohn Solbiarts (des Sonnenglänzenden) kommt unter dem Namen Windkaldr (der Windkalte) zu der hohen, von zwei Hunden gehüteten festen Burg, wo in einem von Flammen (d.i. von Gold vgl. Str. 5) umschlungenen Saale seine Verlobte Menglada (die Schmuckfrohe) wohnt (vgl. Skirnirs Fahrt Str. 8. 9. 11.). – Der Wächter der Burg, Fiölswidr (Vielwißer) beantwortet all seine Fragen und meldet ihn dann bei seiner Herrin. Er entspricht Freir's Diener Skirnir. – Die Hunde schmeicheln dem Gaste, die Thüren thun sich ihm auf und die Geliebte, die lang seine Rückkehr erwartet hat, erkennt und empfängt ihn mit offenen Armen. Während das andre Lied Freir's erste Verbindung mit Gerda feiert, scheint dieß zweite seine Rückkehr und erneute Vermählung mit der im Winter verlaßenen Gattin darzustellen, wobei die einzelnen Nebenzüge minder wesentlich sind und [312] wohl nur eine entfernte Beziehung zu dem ursprünglichen Naturmythus haben.

Hier sei nur noch kurz angemerkt, daß unser Märchen die Elemente des eddischen Mythus, wie es scheint, vollständig enthält. Der goldborstige Eber wie der goldene Hirsch mit seinem Geweih werden die strahlende Sonnenkraft des Freir oder überhaupt den Gott der Fruchtbarkeit vorstellen. Die Königstochter wird gehütet und abgesperrt wie Gerda in ihren umflammten, umzäunten und von wüthenden Hunden bewachten Saale; aber der in dem Goldhirsch verborgene fröhliche Soldat findet den Weg zu ihrem Herzen und Schooße und befruchtet sie. Zu beachten ist, daß der lustige Ferdinand gerade ein ganzes Jahr gebraucht, aber 6 Monate lang sich um die Prinzessin nicht kümmert, was vielleicht eine Beziehung auf den natürlichen Verlauf der beiden großen Jahreshälften hat. Auch der Zug, daß der Goldhirsch Musik macht, ist wohl bedeutsam und würde, wenn die obige Deutung richtig ist, an uralte Sagen von dem Klang der auf- und untergehenden Sonne erinnern. Tacitus Germ. 45. Grimm's Mythologie 703.

Einen andern Zug aus dem Eddaliede über Freir's Brautwerbung enthält, wie Wolf (Beiträge zur deutschen Mythologie S. 102 f.) richtig hervorgehoben das Märchen vom getreuen Johannes, bei Grimm Nr. 6. Hier erblickt der Königssohn in einem verbotenen Zimmer das Bild »der Königstochter vom goldenen Dache« und wird von heftiger Liebe zu ihr ergriffen, ganz wie Freir von Odhins Hochsitze aus die schöne Jungfrau in dem Riesenlande erblickt und in leidenschaftlicher Liebe zu ihr entbrennt. – Wir sind zu diesen Erklärungen jener Märchen um so mehr berechtigt, da sich auch sonst bestimmte Erinnerungen an Freir oder Fro erhalten haben. Namentlich ist in schwäbischen Sagen von weißen Schweinen, die zu Weihnachten umgehen, Freir's Eber nicht zu verkennen. Vgl. auch Nr. 31, das Schiff, das zu Waßer und zu Lande geht, und die Anmerkung dazu.

55. Der kluge Martin. Mündlich aus Owen. Verwandt ist der Meisterdieb in den norwegischen Volksmärchen von Asbjörnsen und Moe, Bd. 2. Nr. 4; und in Wolf's Hausmärchen der Räuberhauptmann Hans Kühstock S. 397.

56. Die gescheidte Ziege. Mündlich aus dem Schwarzwalde.

57. Drei Rosen auf einem Stiel. Mündlich aus Tübingen. Verwandt ist bei Grimm das Löweneckerchen, Nr. 88, und weiter auch [313] im Allgemeinen: Hans mein Igel und das Eselein. Im Pentamerone entspricht das Zauberkästchen II, 9.

58. Der Drachentödter. Mündlich aus Bühl. Der Erzähler hatte dieß leider nicht ganz vollständige Märchen vor 30 Jahren in der Schweiz gehört. Vgl. Nr. 1. und 29. In Grimm's Märchen entspricht Nr. 60, die zwei Brüder.

59. Der langnasige Riese und der Schloßergesell. Mündlich aus Owen. Vgl. Wolf's Märchen: Hans ohne Furcht, S. 328, wo ebenfalls die Nase eines Riesen in den Schraubenstock geklemmt wird. Dasselbe geschieht dem Teufel bei Wolf in dem Märchen: »Fürchten lernen.« S. 408.

60. Die Schlange und das Kind. Mündlich aus Derendingen und sonst in vielen Sagen. Der letzte Zug mit dem Kranze war der Erzählerin nicht mehr ganz treu im Gedächtnis geblieben.

61. Das Nebelmännle. Mündlich aus Engen. In diesem Nebelmännle wie sonst im Graumännle, Graale, ist Wuotan, Odhin, der nur von Wein lebt, nicht zu verkennen. Das christliche Läuten verscheucht die heidnischen Götter. Auch das Entrücken durch die Luft führt auf Wuotan.

62. Bruder Lustig. Mündlich aus Derendingen. Bei Grimm Nr. 81. Dem Märchen liegen alte Mythen zu Grunde. Die Wanderer sind zwei Götter, wobei Petrus wie gewöhnlich an die Stelle Donars, des Donner-und Regengottes getreten ist. Der Bruder Lustig aber, wie J. Grimm bemerkt, entspricht schon wegen des Herzeßens dem listigen Loki, dem auch die Edda eben diese Dieberei zuschreibt. Wir haben hier deutlich den Mythus, wie Thor und Loki auszogen, bei einem Bauer über Nacht blieben, Thor seine Böcke schlachtete und verzehren ließ, die Knochen dann zusammenlegte und wieder belebte. – Den Bock vertritt hier das Lamm; die Belebung aber wird nicht an dem Thier, sondern an den abgekochten Beinen einer Jungfrau vorgenommen. – Das Schwellenlaßen des Stroms passt gut für den Regengott. Vgl. weiter Grimm deutsche Mythologie XXXVI. ff. und Wolf, Beiträge zur deutschen Mythologie S. 88. 142. – In unserm Märchen haben sich auch noch andre Züge dem Mythus angehängt. So verleiht die Wunschdinge sonst Wuotan, während der Schmid, der auf den Teufel im Ranzen loshämmern muß, Donar ist. Ebenso führt das Spiel um Seelen in der Hölle auf Wuotan, dem Erfinder des Würfelspiels. Vgl. das Fabliau: Saint Pierre et le jongleur, worin [314] erzählt wird, wie Petrus vom Himmel in die Hölle steigt, um einem verstorbenen Spieler die Seelen, die er daselbst bewachen muß, abzugewinnen.

63. Der Räuberhauptmann und die Müllerstöchter. Mündlich aus Derendingen und Bühl. In der Erzählung aus Bühl fehlen die Eier, welche die Frauen tragen sollen. Bei der ersten will die Thür nicht wieder zu; die zweite verräth sich durch ihre Verwirrung. Die dritte veranlaßt ihren Mann, nachdem sie die entsetzliche Entdeckung gemacht hat, ihre Eltern zu besuchen. Dort wird ein großes Fest veranstaltet. Die Frau läßt die Köpfe ihrer Schwestern gebraten auf den Tisch bringen und fragt den Räuber: was dem Mann gebühre, der zwei Schwestern umgebracht. Er spricht sich selbst sein Urtheil und wird hingerichtet. Damit schließt die Erzählung aus Bühl. – Dieß Märchen soll einzeln gedruckt in Schwaben ziemlich verbreitet sein. Ich habe aber ein derartiges fliegendes Blatt nicht erhalten und nicht vergleichen können, wie weit es auf die obige Erzählung eingewirkt haben mag. Meine Erzählerin so wie der Erzähler, ein Blinder, kannten sie nur durch mündliche Ueberlieferung. Verwandt ist der König Blaubart, Nr. 36. s.d. Anmerk. dazu, und bei Grimm Nr. 40, der Räuberbräutigam und Nr. 46, Fitchers Vogel.

64. Die drei Handwerksburschen. Mündlich aus Lustnau. Bei Grimm entspricht das vollständigere und im Einzelnen abweichende Märchen: die drei Handwerksburschen. Vgl. Müllenhoff a.a.O.S. 150, der betrügerische Wirth, und S. 457, die drei gelernten Königssöhne.

65. Die drei Wünsche. Mündlich aus Rotenburg a. Neckar. Vgl. der Arme und der Reiche, Nr. 40, und dazu die Anmerk.

66. Die Geschichte von einer Metzelsuppe. Mündlich aus Lustnau und Bühl.

67. Ei so beiß. Mündlich aus Derendingen, Bühl, und sonst sehr bekannt.

68. Die fünf Handwerksburschen auf Reisen. Mündlich aus Bühl. Ebenso aus Schleswig-Holstein bei Müllenhoff a.a.O. Nr. 111, von den Büsumern.

69. Die drei todten Schwestern. Wörtlich so aus Heubach. Es ist eine in Prosa aufgelöste Ballade, die unvollständig auch im Schwäbischen noch vorkommt. Vgl. Müllenhoff a.a.O.S. 496 f.

[315] 70. Der Rathsherr und das Büble. Mündlich aus Brackenheim und Neuffen.

71. Der Tod des Hühnchens. Mündlich aus Tübingen.

72. Der König Auffahrer des Meers. Mündlich aus Bühl. Die goldenen Kreuze, die sonst auf der Stirne stehen, sind Zeichen edler Abkunft. Das Aussetzen der Kinder mahnt an uralte Sagen. Vgl. Mose; Siegfried (Sigurd) nach der Wilkina-Sage. Eine merkwürdige Verwandtschaft hat die Erzählung in 1001 Nacht: von den beiden auf ihre jüngste Schwester neidischen Schwestern. Nacht 426-436 in der Breslauer Uebersetzung. In Wolf's Hausmärchen: die drei Königskinder, S. 168 ff. stimmen ganz zu der arabischen Erzählung: der Baum mit goldenen Früchten (statt des singenden Baums), der sprechende Vogel und das springende (tanzende) Waßer, das sich als Waßer des Lebens erweist. Zwei Kinder sehen sich um, als sie diese Dinge auf Anreizung der böslichen Großmutter holen wollen und werden in Salzsäulen verwandelt. Der jüngsten Schwester gelingt's, zugleich erweckt sie mit dem Waßer die Salzsäulen. Im Arabischen steht dafür ein schwarzer Stein. Statt der drei Hunde der schwäbischen Erzählung hat die arabische: einen Hund, eine Katze und ein Stück Holz, die als drei verschiedene Misgeburten angegeben werden. Bei Grimm entspricht Nr. 96: »de drei Vügelkens.« Vgl. besonders die Anmerkungen dazu. In den Nächten des Strapparola: »die drei Königskinder.« Nr. 44 in der Uebers. von Schmidt.

73. Die drei Federn des Drachen. Mündlich aus Bühl. Verwandt ist Nr. 79, die Reise zum Vogel Strauß, und bei Grimm Nr. 29, der Teufel mit den drei goldenen Haaren. In Wolf's deutschen Märchen und Sagen Nr. 28, des Teufels drei Federn; in Wolf's Hausmärchen: die fünf Fragen S. 184.

74. Der Knabe, der zehn Jahr in der Hölle diente. Mündlich aus Rotenburg a. Neckar. Verwandt ist bei Grimm: des Teufels rußiger Bruder.

75. Der Hahn mit den Goldfedern. Aus Nördlingen.

76. Ein Lügenmärchen. Mündlich.

77. Die zwei Mädchen und der Engel. Mündlich aus Bühl. Verwandt mit dieser dürftigen Erzählung ist die weit reichere bei Grimm Nr. 24, Frau Holle, womit namentlich die in den Anmerkungen mitgetheilten Variationen zu vergleichen sind. Bei Kuhn, norddeutsche Sagen u.s.w. das 9. Märchen. Im Norwegischen bei Asbjörnsen [316] und Moe, I. Nr. 15, die Tochter des Mannes und der Frau. Im Pentamerone IV, 7, die zwei Kuchen.

78. Hui in mein'n Sack. Mündlich aus Kiebingen. Verwandt ist der Bruder Lustig, Nr. 62. Hans und der Teufel, Nr. 10; auch der Arme und der Reiche, Nr. 40.

79. Die Reise zum Vogel Strauß. Mündlich aus Bühl. Verwandt ist Nr. 73, die drei Federn des Drachen. – Der Vogel Strauß steht hier statt des Greifen oder Drachen. – In Wolf's deutschen Hausmärchen entspricht: der Jüngling im Feuer und die drei goldenen Federn S. 312. Im Norwegischen bei Asbjörnsen und Moe I. Nr. 5, der reiche Peter Krämer. Hier findet sich dieselbe Einleitung wie in der schwäbischen Erzählung und stimmt zu der Sage vom Kaiser Heinrich III, der in der Mühle zu Hirschau (Hirsau) geboren sein soll.

80. Hähnle und Hühnle. Mündlich aus Derendingen. Vgl. bei Grimm Nr. 80, von dem Tod des Hühnchens, und des Knaben Wunderhorn Bd. 3. Anhang S. 23. (1. Ausgabe.)

81. Kätzle und Mäusle. Mündlich aus Brackenheim und Tübingen. Vgl. A. Stöber, Elsäßisches Volksbüchlein, 1842, S. 95: Vom Kätzchen und vom Mäuschen.

82. Jokele. Mündlich aus Derendingen, Tübingen, Wurmlingen und sonst allgemein bekannt. Anstatt des Henkers heißt es in der Mittheilung aus Wurmlingen: »a Teufele,« und die zweite Zeile lautet: »soll das Metzgerle hole.« Der Schluß heißt allemal: »d' Bire weand it (wollen nicht) falle.« – (Bire, vom lat. pira, ist Birne mit unorganischem n.) Vgl. aus Deßau bei Fiedler, Volksreime u.s.w. Nr 36: »der Bauer schickt den Gepel aus,« aber unvollständig, ohne Schluß. Englisch bei Halliwell: The nursery rhymes of England, 2. ed. 1843, p. 219-224, in mehren Versionen, die, wie ähnliche Häufungsreime, uralte Verwandtschaft beurkunden.

Ein sehr ähnliches und dem Thema nach offenbar verwandtes Lied findet sich chaldäisch in den gewöhnlichen jüdischen Hagada's für das Passah; es ist das letzte Stück dieser zusammengestellten Festlieder und Vorträge und wird am Schluß des Osterfestes gesungen. Es beginnt: chad gadjâ, chad gadjâ, dezabbîn abbâ bitrê zuzê, chad gadjâ u.s.w. deutsch:

1.

Ein Böckchen, ein Böckchen,

Das kaufte der Vater für zwei Silberstück,

Ein Böckchen.

[317] 2.

Da kam die Katz und fraß das Böckchen,

Das gekauft der Vater für zwei Silberstück,

Ein Böckchen, ein Böckchen.

3.

Da kam der Hund und biß die Katz,

Die gefreßen das Böckchen,

Das gekauft der Vater für zwei Silberstück,

Ein Böckchen, ein Böckchen.

4.

Da kam der Stock und schlug den Hund,

Der gebißen die Katz,

Die gefreßen das Böckchen,

Das gekauft der Vater für zwei Silberstück,

Ein Böckchen, ein Böckchen.

5.

Da kam das Feur und verbrannte den Stock,

Der geschlagen den Hund,

Der gebißen die Katz,

Die gefreßen das Böckchen,

Das gekauft der Vater für zwei Silberstück,

Ein Böckchen, ein Böckchen.

6.

Da kam das Waßer und löschte das Feuer,

Das verbrannt den Stock,

Der geschlagen den Hund,

Der gebißen die Katz,

Die gefreßen das Böckchen,

Das gekauft der Vater für zwei Silberstück,

Ein Böckchen, ein Böckchen.

7.

Da kam der Stier und trank das Waßer,

Das gelöscht das Feuer,

Das verbrannt den Stock,

Der geschlagen den Hund,

Der gebißen die Katz,

Die gefreßen das Böckchen,

Das gekauft der Vater für zwei Silberstück,

Ein Böckchen, ein Böckchen.

8.

Da kam der Schlächter und schlachtete den Stier,

Der getrunken das Waßer,

Das gelöscht das Feuer,

Das verbrannt den Stock,

Der geschlagen den Hund,

Der gebißen die Katz,

Die gefreßen das Böckchen,

Das gekauft der Vater für zwei Silberstück,

Ein Böckchen, ein Böckchen.

9.

Da kam der Todesengel und schlachtete den Schlächter,

Der geschlachtet den Stier,

Der getrunken das Waßer,

Das gelöscht das Feuer,

Das verbrannt den Stock,

Der geschlagen den Hund,

Der gebißen die Katz,

Die gefreßen das Böckchen,

Das gekauft der Vater für zwei Silberstück,

Ein Böckchen, ein Böckchen.

10.

Da kam der Heilge, der gesegnet sei! und erschlug den Todesengel,

Der geschlachtet den Schlächter,

Der geschlachtet den Stier;

Der getrunken das Waßer,

Das gelöscht das Feuer,

Das verbrannt den Stock,

Der geschlagen den Hund,

Der gebißen die Katz,

Die gefreßen das Böckchen,

Das gekauft der Vater für zwei Silberstück,

Ein Böckchen, ein Böckchen.

Im Wunderhorn, 3. Bd. Anhang S. 44, steht eine Uebersetzung, wie sie in jüdischen Hagáda's vorkommt. Die Diminutive kennt das Original nicht.Halliwell hat eine historisch-allegorische Deutung beigefügt, wie sie von diesem Liede zuerstP.R. Leberecht, im »Christlichen Reformator,« Leipzig, 1731, vol. XVII. p. 28 aufgestellt haben soll. Danach ist der Vater = Gott; dasBöckchen ist das hebräische Volk; die zwei Silberstücke (Drachmen) bezeichnen Mose und Ahron. Dann folgen judenfeindliche Völker von den alten Assyrern bis auf die Türken, deren Macht (d.i. den Todesengel) der Heilige, [319] d.i. Gott selbst, in der messianischen Zeit vernichten wird!! Ein ähnliches englisches Sprechlied steht p. 222:

1.

Dieß ist das Haus, das Haus gebaut.

2.

Dieß ist das Malz,

Das lag im Haus, das Hans gebaut.

3.

Dieß ist die Ratz',

Die fraß das Malz,

Das lag im Haus, das Hans gebaut.

4.

Dieß ist die Katz',

Die tödtete die Ratz',

Die fraß das Malz,

Das lag im Haus, das Hans gebaut.

Die Katze wird dann vom Hunde zerrißen, der Hund von der Kuh gestoßen, die Kuh von einer Jungfer gemelkt, die Jungfer von einem ganz verlumpten Mann geküßt, beide von einem ganz abgeschabten und geschornen Priester getraut u.s.w.

Genauer entspricht dem »Jokele« im Englischen die prosaische Erzählung von der alten Frau, die beim Auskehren einen halben Schilling findet, dann auf den Markt geht und ein Schwein kauft. Auf dem Heimwege kommt sie an eine Steige; das Schwein will nicht hinüber; sie bittet einen Hund, das Schwein zu beißen; der Hund will nicht. Dann bittet sie weiter einen Stock, den Hund zu schlagen; ein Feuer, den Stock zu brennen; Waßer, das Feuer zu löschen; einen Ochsen, das Waßer auszutrinken; einen Metzger, den Ochsen zu schlachten; einen Strick, den Metzger zu hängen; eine Ratte, den Strick zu zernagen; eine Katze, die Ratte zu tödten. – Die Katze will es, wenn sie ein Schälchen Milch bekommt; die Kuh will die Milch geben für eine Handvoll Heu und gibt sie. Die Katze trinkt sie und will nun die Ratte tödten, da fängt die Ratte an, den Strick zu zernagen u.s.w., bis endlich das Schwein über die Steige springt.

Ebenso in den oldenburgischen Spielen, Reimen und Räthseln »Aus der Kinderstube,« 1851. S. 64; nur endet es hier damit, daß die Katze sich ebenfalls weigert, die »Maus« zu freßen.

83. Wie ein ehrliches Fräulein frühstückt. Mündlich aus Bühl. Dieß Sprechlied erinnert an alte Sagen von vieleßenden Riesentöchtern. [320] Zu vergleichen sind die altdänischen Lieder, wo die Braut ebenfalls wie hier ganze Ochsen verzehrt und dazu aus Tonnen trinkt.

84. Der Birnbaum auf der Haide. Mündlich aus Bühl. Aehnlich bei Fiedler, Volksreime und Volkslieder in Anhalt-Deßau, 1847. Nr. 38. Dasselbe aus dem Oldenburgischen in den Spielen, Reimen und Räthseln »Aus der Kinderstube,« 1851, (von Thöle und Strakerjan) S. 70. Ein plattdeutsches aus Iserlohn bei Woeste: Volksüberlieferungen aus der Grafschaft Mark, 1848, S. 19. Ein verwandtes englisches bei Halliwell: The nursery rhymes of England, 2. ed. Nr. 242: This is the key of the kingdom, in that kingdom there is a city u.s.w.

85. Eine Kinderpredigt. Mündlich aus Wurmlingen. Vgl. A. Stöber, Elsäßisches Volksbüchlein, Nr. 44.

86. Noch eine Predigt. Mündlich aus Wurmlingen. Vgl. Büsching's wöchentliche Nachrichten, I.S. 210.Müllenhoff's Sagen u.s.w.S. 477.

87. Kinder-Märlein. Aus Groß-Heppach, Brackenheim, und sonst sehr bekannt. Vgl. in meinenschwäbischen Kinderreimen die Reiterliedchen Nr. 14. 15. 66; und ähnliche Kindergeschichten daselbst, Nr. 38-40. – In einer schriftlichen Mittheilung aus Stuttgart lautet der Schluß des obigen Märleins:

Fällt a Meßerle oba rab,

Schlägt em Kindle 's Aermle rab;

D' Magd geht zum Balbierer,

's ist Niemand daheim;

D' Katz kehrt d' Stub aus,

D' Vögel traget da Kutter naus,

Sitzt a Täuble auff-em Dach,

Des sich halba kropfig lacht.

88. Was die Gans Alles trägt. Mündlich aus Brackenheim. Vgl. des Knaben Wunderhorn, Bd. 3. Anhang (1. Ausg.) S. 52. ff. Hoffmann v. Fallersleben, Schlesische Volkslieder mit Melod. 1842. S. 80-82, wo drei verschiedene Lesarten um 3, 4 und 5 Strophen länger. Dasselbe aus Deßau bei Fiedler a.a.O. Nr. 37, nur 3 Strophen lang. Hier steht für »Federgans« jedesmal: »Dank sei der Gans,« und dazu am Schluß der Zusatz:

Dank sei der Gickel-Gackel,

Hinten geht es wickel-wackel,

Vorne geht es Fli-Fla-Flederwisch.

89. Der Brief im Ei. Aus Tübingen, Vgl. bei Fiedler a.a.O. Nr. 46. das Räthsel: »Stangenbohnen«:

Hier en Baum un da en Baum un dort en Baum,

Hier en Nest un da en Nest un dort en Nest;

In das Nest da lak en Ei,

Hier en Ei un da en Ei un dort en Ei.

90. Die schmale Brücke. Mündlich aus Bühl; ein sehr altes Vexir-Märchen. Ein ganz ähnliches trägt Sancho Panza höchst ergötzlich dem Don Quixote vor, I. Kap. 20. Die 300 Ziegen werden in einem kleinen Schiffe, das jedesmal nur Eine Ziege faßen kann, über den Fluß gesetzt. »Jetzt, gnädiger Herr, zählt mir die Ziegen ordentlich, die der Fischer hinüberbringt; denn wenn ihr eine einzige vergeßt, so ist meine Erzählung zu Ende und es ist mir nicht möglich, noch ein Wort davon zu sagen.«