Neunundvierzigste Erzählung.

Von der Schlauheit einer Gräfin, insgeheim ihr Vergnügen von den Männern zu ziehen, und wie sie entdeckt wird.


Am Hofe eines Königs Karl von Frankreich – ich will nicht sagen, der wievielte er war, aus Rücksicht für die Dame, von der ich sprechen will, deren Namen ich auch aus ebendemselben Grunde verschweigen werde – lebte eine Gräfin aus sehr vornehmem Hause, jedoch Ausländerin. Da nun alle neuen Dinge gefallen, wurde diese Dame nach ihrer Ankunft sowohl wegen der Neuheit ihrer Kleidung, als auch wegen des Reichthums, den sie zur Schau trug, von jedermann angesehen. Obgleich sie nicht gerade zu den schönsten gehörte, war sie doch von großer Anmuth und selbstbewußtem Auftreten, zugleich auch geistvoll und ernst. Alle scheuten sich also, sich ihr zu nähern, mit Ausnahme des Königs, der sie sehr liebte und [334] um einmal mit ihr allein zu sein, ihrem Mann, dem Grafen, einen Auftrag gab, der ihn für längere Zeit abwesend hielt; währenddem unterhielt der König ein intimes Verhältniß mit dessen Frau. Mehrere Edelleute des Königs nun, welche von der guten Aufnahme, welche dieser bei ihr gefunden hatte, wußten, nahmen sich die Freiheit, ihr gleichfalls Anträge zu machen, vor allem ein gewisser Astillon, ein sehr liebenswürdiger und verwegener Mann. Anfangs trat sie ihm sehr ernst gegenüber und drohte ihm, es dem König zu sagen, um ihm Furcht einzujagen. Da er aber gewohnt war, auch die Drohungen eines kühnen Kriegers nicht zu fürchten, gab er nicht viel auf die ihrigen und verfolgte sie weiter, bis sie ihm bewilligte, sie allein zu sprechen, indem sie ihm genau angab, auf welche Weise er in ihr Zimmer gelangen sollte. Er merkte sich das wohl; damit aber der König keinen Verdacht schöpfte, bat er ihn um Urlaub für eine kleine Reise und verließ den Hof. Aber schon am ersten Tage ließ er seine ganze Reisebegleitung zurück und kam nachts wieder, um sich bei der Gräfin die Einlösung ihres Versprechens zu holen; er erhielt es auch erfüllt. Er war darüber so zufrieden, daß er sich den Zwang anthat, sechs bis sieben Tage in einem Ankleidezimmer eingeschlossen zuzubringen, ohne sich von der Stelle zu rühren. Er lebte dort nur von Kraftbrühen und vorzüglichen Fleischspeisen. Während der Zeit seines Verstecktseins kam einer seiner Genossen, namens Duracier, und machte der Gräfin Liebesanträge. Sie machte es mit dem zweiten, wie mit dem ersten; am Anfang sagte sie ihm abweisende und höhnende Worte, die aber immer sanfter wurden. An dem Tage, an welchem sie ihrem ersten Gefangenen Urlaub gab, setzte sie den anderen an dessen Stelle. Während die ser dort war, kam ein dritter, auch einer ihrer Genossen, namens Valnebon, mit demselben Anliegen, wie die ersten beiden. Nach diesem kamen noch zwei, drei andere, welche alle die süße Gefangenschaft kosteten. Dieses Leben dauerte eine lange Zeit so fort, und sie richtete es so schlau ein, daß keiner vom anderen etwas wußte. Und obwohl sie sich ganz genau auf die Liebe verstanden, die ein jeder von ihnen ihr entgegen brachte, dachte doch ein jeder auch, daß er der einzige sei, dessen Flehen sie erhört habe, und jeder machte sich im Stillen über den anderen [335] lustig, daß ihm ein so großes Glück entgangen sei. Als eines Tages die vorgenannten Edelleute ein Gastmahl feierten, fingen sie an, von den Glücksschwankungen und Gefangenschaften zu reden, die sie in Kriegszeiten durchgemacht hatten. Valnebon aber, dem es schon lange zu schwer geworden war, das Glück, das er gehabt hatte, für sich zu behalten, sagte plötzlich zu seinen Genossen: »Ich kenne die Gefängnisse, in denen Ihr gewesen seid; was mich aber anbetrifft, will ich einem gewissen Gefängniß zu Liebe dieses und auch alle anderen mein Leben lang loben, denn ich glaube, es giebt kein größeres Glück auf Erden, als in gewisser Art und Weise Gefangener zu sein.« Astillon, der erste Gefangene, glaubte das Gefängniß, von dem jener sprach, zu errathen und antwortete: »Valnebon, welcher Gefangenwärter oder welche Gefangenwärterin hat Euch so gut behandelt, daß Ihr Euer Gefängniß so liebtet?« Dieser sagte: »Welches auch der Gefangenwärter gewesen sein möge, die Gefangenschaft war eine so angenehme, daß ich wünsche, sie wäre von längerer Dauer gewesen; ich befand mich niemals wohler und war niemals zufriedener.« Duracier, welcher sehr wohl erkannte, daß man von dem Gefängniß sprach, an dem er, wie die anderen Theil genommen hatte, sagte zu Valnebon: »Womit wurdet Ihr in diesem Gefängniß, das Ihr so lobt, ernährt?« »Der König erhält keine besseren und nahrhafteren Speisen«, antwortete jener. »Ich muß aber noch wissen«, fuhr Duracier fort, »ob der, der Euch gefangen hielt, Euch Euer Brot schwer verdienen ließ?« Valnebon merkte, daß er verrathen war, und fluchte laut: »Donnerwetter, da habe ich ja Genossen gehabt, wo ich allein zu sein glaubte!« Astillon sah nun, daß sie von nichts anderem sprachen, als was auch ihm zu Theil geworden war, und sagte lachend; »Wir gehören alle einem Herrn an und sind Genossen und Freunde von Jugend auf; wenn wir also auch einmal Genossen im Mißgeschick sind, so brauchen wir nur darüber zu lachen. Damit ich aber weiß, ob ich auch auf richtiger Fährte bin, laßt mich Fragen an Euch richten und versprecht mir alle, die Wahrheit zu sagen. Ist uns allen, wie ich vermuthe, Gleiches widerfahren, so wäre das eine so spaßige Geschichte, wie sie sich wohl ein zweites Mal nicht wieder ereignet.« Sie schworen alle, die Wahrheit zu sagen, und schließlich war [336] auch garnichts mehr abzuleugnen. Er sagte nun: »Ich werde Euch also erzählen, wie es mir ging, und Ihr werdet mir mit ja oder nein antworten, wenn es mit Euch ebenso oder anders war.« Alle stimmten bei, und nun begann er: »Erst ließ ich mir vom König Urlaub zu einer Reise geben.« Sie antworteten: »Wir auch.« »Als ich zwei Meilen vom Hofe entfernt war, ließ ich mein Gefolge zurück und gab mich gefangen.« »Wir machten es ebenso.« »Ich blieb dann sieben bis acht Tage in einem Ankleidezimmer versteckt, wo man mir nur Kraftbrühen und das beste Fleisch, das ich je gegessen habe, vorsetzte. Am Ende dieser acht Tage entließen mich die, die mich festgehalten hatten, viel schwächer, als ich hingekommen war.« Die anderen versicherten, daß es mit ihnen ebenso gewesen sei. Astillon sagte nun: »Meine Gefangenschaft endigte an dem und dem Tage.« »Die meine«, sagte Duracier, »begann genau an dem Tage, an dem die Eure zu Ende ging, und dauerte bis dann und dann.« Valnebon verlor wieder die Geduld, fluchte von Neuem und sagte: »Kreuzschockschwerenoth, ich sehe, ich bin der dritte und glaubte der erste und einzige gewesen zu sein; ich trat an dem Tage ein und an dem Tage aus.« Die anderen Drei, welche noch mit am Tisch saßen, schworen, sie seien auch der Reihe nach daran gekommen. »Da dem so ist«, nahm Astillon wieder das Wort, »will ich den Stand unserer Gefangenwärterin bezeichnen; sie ist verheirathet, und ihr Mann ist weit fort.« »Es ist schon dieselbe«, sagten die anderen. »Um uns den letzten Zweifel zu nehmen, will ich, der ich der erste Vorgemerkte war, ihren Namen zuerst nennen: Es ist die Gräfin so und so, die so zurückhaltend und höhnisch immer war, daß, als ich sie gewonnen hatte, ich Cäsar besiegt zu haben wähnte. Sie möge zu allen Teufeln gehen, diese Kokette, die uns so hat arbeiten und uns glücklich schätzen lassen, sie erworben zu haben. Eine Durchtriebenere gab es nie, denn während sie noch den Einen im Käfig hatte, zähmte sie sich schon den Anderen, um niemals ohne Zeitvertreib zu sein. Ich möchte lieber todt sein, als daß wir sie ohne Strafe ließen.« Sie fragten Duracier, was er meine, welche Strafe sie erhalten solle, sie seien alle bereit, sie ihr zu geben. »Mir scheint, daß wir es dem König, unserm Herrn, sagen müssen, der sie ja wie eine Göttin behandelt.« Astillon sagte: »Das wollen wir nicht [337] thun, wir haben Mittel genug, uns an ihr zu rächen, ohne unsern Herrn zu Hülfe zu nehmen. Wir wollen uns alle einfinden, wenn sie morgen zur Messe geht, und ein jeder von uns möge eine eiserne Kette um den Hals tragen; wenn sie eintritt, begrüßen wir sie, wie schicklich.« Dieser Rath gefiel der ganzen Gesellschaft, und ein jeder versorgte sich mit einer eisernen Kette. Am anderen Morgen trafen sie, alle schwarz gekleidet, mit eisernen Ketten als Halsband um den Hals geschlungen, die Gräfin, als sie zur Messe ging; kaum bemerkte sie sie in diesem Aufzuge, als sie zu lachen begann und sagte: »Wo wollen diese traurig dreinschauenden Menschen hin?« Astillon antwortete: »Madame, wir, Eure Sklaven und Gefangenen, sind gekommen, um Euch dienstbar zu sein.« Die Gräfin that, als verstände sie kein Wort davon und antwortete: »Ihr seid nicht meine Gefangenen, und ich verstehe nicht, welchen Grund Ihr habt, mir mehr dienstbar zu sein, wie alle anderen auch.« Valnebon trat nun vor und sagte: »Wir haben so lange Euer Brot gegessen, daß wir nur undankbar wären, wenn wir Euch nicht zu Diensten sein wollten.« Sie verzog keine Miene, stellte sich immer noch als merke sie nichts, so daß sie sie mit dieser Verstellung in nicht geringes Erstaunen setzte. Sie führten aber ihren Plan so eifrig weiter, daß sie schließlich doch erkannte, daß alles entdeckt sei. Sie fand aber sofort ein Mittel, sie wieder irre zu führen. Sie hatte ihre Ehre und ihr Gewissen verloren, wollte aber nicht die Schande auf sich nehmen, die sie ihr anthun wollten. Vielmehr, da sie ihr Vergnügen ihrer Ehre vorzog, änderte sie ihr Benehmen ihnen gegenüber nicht, sondern behandelte sie so freundlich wie früher. Sie waren darüber so erstaunt, daß schließlich sie selbst die Schande heimtrugen, die sie ihr bestimmt hatten.

Hircan fuhr fort: »Wenn Ihr nach dieser Geschichte nicht findet, meine Damen, daß die Frauen eben so durchtrieben wie die Männer sind, so werde ich mir noch andere Geschichten zusammensuchen. Mir scheint aber, daß diese genügt, um Euch zu zeigen, daß eine Frau, welche ihre Ehre verloren hat, hundertmal verwegener und unschicklicher ist, als ein Mann.« Es gab keine Frau in der ganzen Gesellschaft, die nicht, während sie diese Geschichte horte, so viele Zeichen des Kreuzes machte, als sähen sie den leibhaftigen [338] Teufel vor sich. Oisille sagte ihnen aber: »Demüthigen wir uns, meine Damen, wenn wir einen solchen Fall hören, denn eine Person, welche von Gott abfällt, wird dem ähnlich, mit dem sie sich verbindet, und wie diejenigen, welche Gott anhänglich sind, seinen Geist in sich tragen, so ist es auch mit denen, welche sich dem Teufel hingegeben haben; nichts ist so thierisch und roh als eine Person, welche der Geist Gottes verlassen hat.« »Was diese arme Dame auch gethan haben möge«, sagte Emarsuitte, »ich kann doch auch diejenigen nicht loben, welche sich ihrer Gefangenschaft rühmten.« Longarine sagte: »Ich meine, ein Mann hat nicht weniger Mühe, sein Glück bei Frauen geheim zu halten, als es zu erlangen. Denn es giebt keinen Jäger, der nicht gern seine Beute ausposaunt, noch einen Liebhaber, der sich sei nes Sieges nicht rühmen möchte.« »Das ist eine Ansicht«, sagte Simontault, »die ich vor allen Inquisitoren als eine ketzerische bezeichnen möchte. Denn es giebt viel mehr verschwiegene Männer als Frauen, und ich weiß genau, das es manche darunter giebt, die lieber überhaupt nicht erhört sein möchten, als daß irgend ein lebendes Wesen etwas erführe. So hat auch die Kirche, unsere gemeinsame Mutter, Priester und nicht Frauen zur Entgegennahme der Beichte bestimmt, weil letztere nichts verheimlichen können.« »Das ist nicht der Grund«, sagte Oisille, »sondern weil die Frauen zu große Feinde des Lasters sind, würden sie nicht so leicht wie die Männer Absolution ertheilen und in ihren Bußen zu hart sein.« Dagoucin sagte: »Wenn sie es so sind, wie in ihren Antworten, so würden sie mehr arme Sünder zur Verzweiflung bringen, als zum Heil führen; deshalb hat in jeder Beziehung die Kirche weise Vorsicht geübt. Damit will ich aber die Edelleute, welche sich ihres Gefängnisses rühmten, nicht entschuldigen; denn niemals kann es einem Mann zur Ehre gereichen, Schlechtes von einer Frau zu sagen.« »Da allen dasselbe widerfahren war«, sagte Hircan, »finde ich es nur natürlich, daß sie sich gegenseitig trösteten.« Guebron sagte: »Sie durften es aber aus Rücksicht für ihre Ehre nicht sagen, denn die Bücher der Tafelrunde lehren uns, daß es keine Ehre für einen Ritter ist, einen, der kraftlos und schwach ist, niederzumachen. Ich wundere mich nur, daß diese arme Frau nicht vor Scham verging, angesichts ihrer[339] Gefangenen.« Oisille sagte: »Die, welche einmal ihre Ehre verloren haben, können sie nur schwer wiedererlangen, es sei denn, daß eine große und tiefe Liebe alles vergessen läßt; das habe ich oft genug gesehen. Ich glaube nur«, sagte Hircan, »daß Ihr sie auch davon habt wieder zurückkommen sehen, denn eine große und wahre Liebe findet sich selten bei einer Frau.« »Ich theile Eure Meinung nicht«, sagte Longarine, »denn ich weiß, daß es Frauen gegeben hat, welche bis in den Tod liebten.« »Eine solche Geschichte möchte ich gern hören«, sagte Hircan, »ich gebe Euch deshalb das Wort, um einmal bei einer Frau eine Liebe kennen zu lernen, die ich bei ihnen nicht vorhanden glaubte.« Longarine sagte: »Wenn Ihr es nun hört, so glaubt nur auch, daß es keine stärkere Leidenschaft als die Liebe giebt. Und wie sie ganz unmöglich scheinende Dinge zu dem Zweck unternehmen läßt, um in dieser Welt zu etwas Glück und Zufriedenheit zu kommen, so reibt sie auch mehr als irgend eine andere Leidenschaft denjenigen oder diejenige auf, die die Hoffnung auf Erfüllung ihrer Wünsche verliert, wie Ihr aus der folgenden Geschichte ersehen werdet.«

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