Franz von Schober
Alfonso und Estrella
Romantische Oper in drei Akten

[2] Personen

    • Mauregato, König von Leon

    • Estrella, seine Tochter

    • Adolfo, dessen Feldherr

    • Troila

    • Alfonso, sein Sohn

    • Edwiga, ein junges Mädchen

    • Gnisto, ein Jäger

    • Ein Greis

    • Landleute, Jäger und Krieger

1. Akt

1. Szene
1. Scene.
Der Chor, geführt von Edwiga und Guisto, tritt langsam und behutsam auf und schmückt während des Gesanges die Hütte mit Blumen und Kränzen.

CHOR.
Still, noch decket uns die Nacht.
Schaffet hurtig, gehet leise,
Daß der Vater nicht erwacht;
Er, der Gütige und Weise,
Der uns Heil und Glück gebracht.
Seit er heut' vor zwanzig Jahren
Hier in unserm Thal erschien
Schützte er uns vor Gefahren
Und erhob uns Herz und Sinn.
EDWIGA.
D'rum fröhlich und munter, –
Das Fest zu bereiten,
Laßt reicher und bunter
Das Haus uns umkleiden
Mit Blumen und Grün
In dankbarem Sinn.
[3]
CHOR.
D'rum fröhlich und munter, –
Laßt reicher und bunter
Das Haus uns umkleiden
Mit Blumen und Grün.
GUISTO.
Er war unser Lehrer
In männlicher Tugend,
Erzog seinen Sohn hier
Als Vorbild der Jugend,
D'rum bleib' er noch lange
Uns Führer und Freund.
CHOR.
Er war unser Lehrer
In jeglicher Tugend,
D'rum bleib' er noch lange
Uns Führer und Freund.

Indem der Chor den ersten Gesang wiederholt, geht er leise wieder ab. Mittlerweile ist es heller geworden, die Sonne geht auf. – Troila kommt aus der Hütte.
2. Szene
2. Scene.
TROILA.
Sei mir gegrüßt, o Sonne!
Alltäglich neue Wonne
Gießest Du in dieses Herz.
Es saugen Deine Strahlen
Aus jeder Brust die Qualen,
Und heilen jeden Schmerz.
Recitativ.

Einst schmückten wohl die Strahlen der Krone dieses Haupt,
Da ward in einer Stunde mir Kron' und Reich geraubt.
[4] Arie.

Hier in diesen stillen Gründen,
Wo ich Ruh' und Glück gefunden,
Von der Sorgen Last entbunden,
Mußten alle Schmerzen schwinden.
Für des Rathes leichte Gabe
Wird mir tausendfacher Segen,
Liebe kommt mir rings entgegen
Und versüßt die kleine Habe.
Doch soll mein kühner Sohn
In diesen Felsenmauern
Sein Leben nicht vertrauern,
Ihm winkt der Väter Thron.
Der Thaten sich bewußt,
Ruht wohl das Alter gerne,
Allein in weite Ferne
Strebt rasche Jugendlust.

Nach der Arie wendet sich Troila gegen die Hütte, bemerkt mit freudiger Ueberraschung dieselbe geschmückt. Alfonso tritt aus der Hütte, Troila geht ihm einige Schritte entgegen.
3. Szene
3. Scene.
TROILA.
Recitativ.

Sieh', o sieh, mein Sohn!
Wie die Liebe dieser guten Leute
Die Wiederkehr des Tages feiert,
An dem wir verlassen und hilfesuchend hier erschienen.
Doch du nimmst keinen Antheil
An dem reinen Glücke, das mein Herz erfüllt.
ALFONSO.
Mich drückt Dein streng Gebot,
Daß ich aus diesem Thale mich nicht entfernen soll.
[5]
TROILA.
So lautet das Gesetz und noch muß es besteh'n.
ALFONSO.
Ach, länger kann ich nicht die Schranken mehr ertragen,
Es liegen diese Berge wie lastend auf der Seele.
Arie.

Schon wenn es beginnt zu tagen,
Wird in mir die Sehnsucht wach,
Vögel fliegen, Wolken jagen
Und mein Herz will ihnen nach.
Mittags lieg' ich an der Quelle
An dem hellen Silberbach,
Welle sendet er auf Welle
Und mein Herz eilt jeder nach.
Seh' ich dann den Abend glühen
Und das Licht stirbt allgemach,
Möcht' ich mit der Sonne ziehen
Ihren gold'nen Strahlen nach.
Nachts erglänzen tausend Sterne
An des Himmels blauem Dach,
Mächtig zieht's mich in die Ferne
Ihrem süßen Schimmer nach.
Und so rufet jede Stunde
Heißes Sehnen in mir wach,
Aus des Herzens tiefstem Grunde
Tönt's: Gib meinem Drängen nach.
TROILA.
Recitativ.

Wohl begreif' ich Deinen Schmerz,
Doch kann ich ihn nicht lindern;
[6] Es herrscht in jenem Land, das an das uns're grenzt,
Ein mächtiger Tyrann.
Vor seinem kühnen Schwert
Schützt uns der Felsen Wall und unser stilles Leben.
ALFONSO.
So laß' mich zu ihm ziehen
Und ihn zum Kampfe fordern.
TROILA.
O zähme, lieber Sohn, den Muth in kühner Brust,
Noch ist die Zeit nicht da,
Doch bald – bald wird sie erscheinen.
Duett.

Schon schleichen meine Späher
Auf sich'rer Feindesspur,
Die Rache schreitet näher
Und dringt zur stillen Flur.
Die Ketten werden fallen,
Die Dich so lang gedrückt,
Im Lichte wirst Du wallen,
Bewundert und beglückt.
ALFONSO.
Noch kann ich nicht verstehen,
Was Deine Lippe spricht.
TROILA.
Viel' Dinge wirst Du sehen,
Noch ahntest Du sie nicht,
Doch glaub', daß ich Dich rette
Aus diesem düstern Ort.

Gibt Alfonso eine goldene Kette.

[7] Empfange diese Kette,
Zum Pfande für mein Wort.
ALFONSO.
O Vater, ja errette
Mich aus dem düstern Ort,
Ich nehme diese Kette
Zum Pfande für Dein Wort.
TROILA.
Es knüpft an dies Geschmeide
Das Schicksal Deine Bahn,
Es sei in jedem Leide
Dein Hort, Dein Talisman.
ALFONSO.
Es leuchte dies Geschmeide
Als Stern auf meine Bahn,
Es sei in jedem Leide
Mein Hort, mein Talisman.

Ein Hornruf ertönt vom Thale herauf.
TROILA.
Recitativ.

Das Horn des Rufers ertönt,
Huldigend nahen die Freunde.
4. Szene
4. Scene.
Landleute, Hirten und Jäger erscheinen festlich geschmückt, unter ihnen Edwiga und Guisto. Mädchen und junge Bursche tragen Geschenke – Blumen und Früchte – für Troila.

CHOR.
Herbei, Ihr Freunde, herbei!
Versammelt Euch Brüder,
[8] Singt fröhliche Lieder,
Den festlichen Tag mit Lust zu begeh'n.
Laßt Hörner erschallen,
Den Wald widerhallen,
In fröhlichem Tanz im Kreise uns dreh'n.
EDWIGA
vortretend, zu Troila.
Blicke huldvoll auf die Gaben
Uns'rer Lieb' und Dankbarkeit.
EDWIGA UND GUISTO.
Was wir können, was wir haben,
Sei in Liebe Dir geweiht.
CHOR DER MÄNNER.
Du hast Alles uns gegeben,
Dir sei unser ganzes Leben
In Lieb' und Dankbarkeit geweiht.
CHOR DER FRAUEN UND MÄDCHEN.
Blicke huldvoll auf die Gaben
Uns'rer Lieb' und Dankbarkeit.
TROILA.
Viele Jahre sind entschwunden,
Seit ich dieses Thal erblickt.
Hier vernarbten meine Wunden,
Hier ward' ich durch Euch beglückt.
D'rum sei stets in Dank ergeben
Euch mein Herz für's ganze Leben,
Euch sei es in Lieb' geweiht.
[9] CHOR DER MÄNNER.
Wie Dein Wort uns sanft gemeistert,
Wie Dein Sang uns hat begeistert,
Sind wir ewig Dir in Lieb' geweiht.
CHOR DER FRAUEN UND MÄDCHEN.
Blicke huldvoll auf die Gaben
Uns'rer Lieb' und Dankbarkeit,
Ewig Dir sei unser Herz geweiht.
GUISTO.
Recitativ.

Es hat in allen Spielen des Krieges und des Liedes,
Die Du uns anbefohlen,
Alfons, Dein Sohn gesiegt.
D'rum gib der Herrschaft Zeichen,
Uns Allen zu gebieten, gib sie in seine Hand.
TROILA
Alfonso ein Horn reichend.
Empfang' das Horn des Rufers,
Das Beste zu berathen, versammle Du die Schaar.

Alfonso ein Schwert reichend.

Empfang' das Schwert des Führers,
Zu kühnen Heldenthaten führ' Deine Freunde an!
CHOR.
Heil Alfonso! Heil unser'm neuen Führer!
ALFONSO.
Ich danke Freunde Euch für Euer Vertrau'n.
Ihr könnt im Spiel und blut'gen Ernst fest auf mich ban'n.
[10]
CHOR.
Nun munter ihr Brüder,
Singt fröhliche Lieder,
Den festlichen Tag mit Lust zu begeh'n.
Laßt Hörner erschallen,
Den Wald widerhallen,
In fröhlichem Tanz im Kreise uns dreh'n.

Während des Gesanges entfernt sich der Chor allmälig, Troila und Alfonso bleiben.
5. Szene
5. Scene.
ALFONSO.
Recitativ.

O Vater, wie ist mein Herz so tief bewegt!
Uns're ärmliche Hütte, die Felsenklüfte und der Wald
Erscheinen jetzt mir neu und wunderbar.
TROILA.
Doch nun, Alfonso, laß' mich gehen,
Schon harren meiner Kranke,
Die auf Trost und Lind'rung durch mich hoffen!

Geht ab.
ALFONSO
ihm nachblickend.
Gott schenke Segen Deinem frommen Wirken!
6. Szene
6. Scene.
ALFONSO.
Ich kann noch nicht zur engen Hütte kehren,
Zu voll ist dieses Herz. –
Und hier im Freien ist mir leicht und wohl.
[11] Doch, welch' seltsames Geräusch?
Wer dringt von unwegsamen Höh'n
Herab in uns're Einsamkeit?
Estrella tritt ängstlich aus dem Walde.
ESTRELLA.
Duett.

Von Fels und Wald umschlossen
Verirrt seh' ich mich hier,
Getrennt von den Genossen –
Wer zeigt die Pfade mir?
ALFONSO.
Welch' himmlisch süßes Traumbild
Seh' ich verwirklicht hier!
ESTRELLA.
Ein Jüngling! Soll ich fliehen?
ALFONSO.
O wolle nicht entflieh'n.
ESTRELLA.
Doch scheint er sanft und mild.
ALFONSO.
Du holdes Engelsbild!
ESTRELLA.
Doch was soll ich?
ALFONSO.
O wolle nicht entflieh'n.
[12]
ESTRELLA.
O könnt' ich ihm vertrau'n –
ALFONSO.
Du darfst auf mich bau'n!
ESTRELLA.
Es flößen seine Züge
Mir Muth und Hoffnung ein.
ALFONSO.
Der holden Stimme Kosen
Dringt tief in's Herz mir ein.
ALFONSO.
Recitativ.

Wer bist Du, holdes Wesen,
Das wie ein sanfter Sonnenstrahl
Dies dunkle Thal erhellt?
ESTRELLA.
Auf allzurascher Jagd verlor ich im Gebirge
Mein zögerndes Gefolge.
Durch Schlünde, über Felsen den Weg mir mühsam suchend,
Kam ich in dieses Thal.
O zeige mir die Pfade zur Königsstadt zurück!
ALFONSO.
O eile nicht, o bleib',
Du, die beim ersten Anblick
Mein ganzes Herz geraubt.
[13]
ESTRELLA.
Willst Du der Armen spotten,
Die von den Ihren ferne,
In banger Sorge zittert?
ALFONSO.
Arie.

Wenn ich Dich, Holde, sehe,
So kenn' ich keinen Schmerz,
Schon Deine süße Nähe
Beseligt dieses Herz.
Die Leiden sind zeronnen,
Die sonst die Brust gequält,
Es leuchten tausend Sonnen
Der lustentbrannten Welt.
Und neue Kräfte blitzen
In's trunk'ne Herz hinein,
Ja, ich will Dich beschützen,
Ich will Dein Führer sein.
CHOR DER LANDLEUTE
aus der Ferne, vom Thale herauf.
Der Frühling kam gezogen
Mit seinem milden Schein,
Auf Liedes sanften Wogen
Zieht Lieb' in's Herze ein.
Und wonnige Gefühle
Sie laden uns zur Lust,
In freudigem Gewühle
Durchströmen sie die Brust.
ESTRELLA
dem Gesange lauschend.
Welch' süßer zauberhafter Klang,
Der tief in's Herz mir drang!
[14]
ALFONSO.
O lausche dem Gesang!
CHOR
wie oben.
Der Frühling kam gezogen
Mit seinem milden Schein
Auf Liedes sanften Wogen
Zieht Lieb' in's Herze ein.
ESTRELLA UND ALFONSO.
Und wonnige Gefühle
Erfüllen mich mit niegeahnter Lust,
In freudigem Gewühle
Durchströmen sie die Brust.
CHOR
wie oben.
Der Frühling kam gezogen
Mit seinem milden Schein.
ESTRELLA UND ALFONSO.
Auf Liedes sanften Wogen
Zieht Lieb' in's Herze ein.

Chor verklingt, Alfonso hat Estrella sanft umschlungen.
ESTRELLA
sich losreißend.
Nicht länger darf ich weilen,
Die Stunden zieh'n dahin,
Ich muß von hier nun eilen,
Dem stillen Glück entflieh'n.
ALFONSO.
Warum willst Du enteilen,
Dein Antlitz mir entzieh'n,
[15] O wolle noch verweilen
Im stillen Waldesgrün.
ESTRELLA.
Laß uns eilen!
ALFONSO.
O verweile!
ESTRELLA.
Sieh' mich bitten –
ALFONSO.
Nein, befiehl!
ALFONSO UND ESTRELLA.
O hartes grausames Geschick! –
Plötzlich aus den Himmelshöhen
Läßt das Glück sich freundlich sehen,
Doch bevor wir's ganz empfunden,
Ist's entschwunden!
So die Wonne mir zu künden,
Kamst Du still auf meine Bahn.
Ach so schnell willst Du entschwinden
Süßer Wahn!
Werd' ich je Dich wiederfinden
Wann, ach wann werd' ich Dich wiederfinden?

Alfonso und Estrella wenden sich zum Gehen.

Der Vorhang fällt.
Ende des ersten Aktes.
[16]
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