[155] Ihr Sünder auf der Bank vor Gericht!

Ihr Sünder auf der Bank vor Gericht!
Ihr Sträflinge in Zellen,
Ihr Totschläger in eisernen Fußketten
Und schweren Handschellen,
Wer bin ich denn, der ich nicht im Gericht,
Nicht im Gefängnis sitze?
Ich, so ruchlos und teuflisch wie nur je einer!
Warum haben meine Hand- und Fußgelenke nicht
Auch schwere Eisenklammern?
Ihr Dirnen, die ihr vorübergeht,
Prunkend zwischen den Prüden
Auf dem Bürgersteige,
Oder schamlos lüstern
In eurer Kammer –
Wer bin ich, daß ich euch schamloser schelte
Als mich selbst?
O schuldig!
Ich bekenne mich, ich entblöße mich selbst.
(O Verehrer, verehrt mich nicht, lobt mich nicht,
Ihr macht mich beben,
Denn ich sehe, was ihr nicht seht – weiß, was ihr nicht wißt!)
Hinter meinem Brustkorb ersticke ich vor unreiner Lust,
Hinter meinem Antlitz, das so unbewegt scheint,
Fließen der Hölle Feuerfluten friedlos!
Lüsten und Lastern bin ich zugänglich,
Ich verkehre mit den Missetätern leidenschaftlich gern!
[156]
Ich fühle, daß ich ihresgleichen bin,
Ich gehöre zu diesen Sträflingen und Ausgestoßenen,
Fortan will ich sie nicht verleugnen,
Denn wie kann ich mich selbst verleugnen?

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