Verlobung

Es war ein schwüler Tag im Mai, als der Vikar zu einer Krankenkommunion auf die ziemlich entlegene Filiale gehen mußte. Luise hatte ihm durch Bruno einen Regenschirm nachgeschickt, da gewiß ein Gewitter komme; aber mit männlichem Mute hatte er den Schirm verschmäht und zurückgeschickt. Dieser Trotz rächte sich; auf dem Heimweg überraschte ihn das Gewitter, und furchtbare Regengüsse durchnäßten ihn; schaudernd [108] vor Frost und Nässe in der abgekühlten Abendluft eilte er heimwärts, die Pfarrkutsche begegnete ihm; sollte Luise sie ihm entgegenschicken? Ach nein, Herr und Frau Pfarrerin waren ja in der Stadt bei dem Abschiedschmaus eines abziehenden Beamten: denen galt die Kutsche, nicht ihm. Endlich erreichte er das Haus, – keine freundliche Seele, die ihn empfangen hätte! Luise hatte wohl genug zu tun gehabt, bis sie Schal und Tücher in den Wagen gerichtet, und mußte jetzt für die heimkehrenden Eltern sorgen. Etwas verstimmt und verbittert stieg er in sein Stübchen. Da war ihm, als ob auf dem dunklen Gang eine Gestalt an ihm vorbei die Treppe hinabschlüpfte, er erkannte sie nicht. Er trat ins Stübchen, dessen Fenster er offen gelassen hatte; sie waren sorgfältig verschlossen, die Bücher weggeräumt, die vom einschlagenden Regen hätten naß werden können; auf dem Tischchen an seinem Bette dampfte einladend ein duftender Tee. Nun, das war ja prächtig. Er eilte, sich unter die Decke zu stecken, das Bett war angenehm durchwärmt: eine Wärmpfanne! Nein, das war gar zu rührend, daran zu denken! Kaum konnte er vor Rührung den Tee trinken, erwärmt an Seele und Leib schlief er unter den angenehmsten Empfindungen ein. Die Bettpfanne leuchtete noch in seinen Träumen als aufgehende Morgensonne seines Glücks.

Er mußte noch gewiß sein, ob er diese zarte Fürsorge auch wirklich Luise verdanke. Als sie am folgenden Tag endlich zu Tische kam, lenkte er die Rede auf das gestrige Gewitter: »Sie sind auch naß geworden, Herr Vikar?« fragte der Pfarrer. – »So ziemlich,« entgegnete er; »aber ich habe mich herrlich erholt; ich trank köstlichen Tee und wurde durch die sorglichste Aufmerksamkeit überrascht.« Er wagte verstohlen nach Luise hinzusehen – nein, die Röte, die konnte nicht vom Küchenfeuer kommen!

Er war so hingenommen von seinen eigenen Gedanken, daß er kaum des Pfarrers Erwiderung und eine etwas spitze Zwischenrede der Frau vernahm. Noch im Gehen hörte er aber auf der Treppe, wie die Pfarrerin in ziemlich scharfem [109] Tone zu Luise sagte: »Ich muß sagen, meine Liebe, daß ich es nicht gern habe, wenn andre Leute über meinen Tee verfügen; auch halte ich für Pflicht, dich aufmerksam zu machen ...« Auf was? verstand er nimmer, da eben die Kinder aus dem Zimmer kamen; aber nachmittags beim Kaffee traf er Luise, die er noch nie anders als heiter gesehen, mit rotgeweinten Augen; er fand nicht wie sonst seine Tasse am gewohnten Platz und die Fidibusse dabei, sie schenkte schweigend auf einem Nebentischchen ein und verschwand wieder. »Ist Fräulein Luise unwohl?« fragte er besorgt. – »O nein, sie hängt die Kindswasch auf,« sagte die Mutter kurz. Das arme Kind, sollte sie seinetwillen noch leiden!

In diesen Gedanken geriet er statt in seine Stube ganz zufällig in den Grasgarten, wo die besagte Kindswäsche aufgehängt wurde. Tuisko und Adelgunde saßen im Gras und spielten mit Waschklammern, riefen daneben Schwester Luise jede Minute wieder von der Arbeit ab; sie aber war so vertieft in ihr Geschäft und in ihre Gedanken, daß sie den Vikar nicht bemerkte, bis er dicht bei ihr stand. »So fleißig, Fräulein Luise?« – »Ein wenig,« sagte sie, ohne ihn anzublicken. »Ich habe Ihnen noch nicht einmal gedankt.« – »Oh, ich bitte,« sagte sie, unfähig ihre Tränen zurückzuhalten, »ich habe ja das nämliche schon für unsre alte Nachbarin getan, wenn sie naß nach Hause kam.« – »Also nicht mir zulieb?« sagte er traurig und faßte ihre Hand. Keine Antwort. »Und dürfte ich nie hoffen, eine so treue Fürsorge für mein ganzes Leben zu genießen?« Abermals keine Antwort, aber ein halber, schüchterner Blick. »Ach, ich weiß wohl, ich kann Ihnen so wenig bieten; ich bin arm, ohne Familie, allein.« Jetzt leuchtete Luisens Auge auf, und ihr gesenktes Haupt erhob sich: er war arm, er fühlte sich allein, er bedurfte ihrer!

»Ich bin nicht schön, so einfach erzogen, so wenig gebildet,« sagte sie leise. – »Sie sind das allerbeste Mädchen, das ich je gekannt habe, und ein Segen für einen Mann!« rief feurig der Vikar. Es wurden nicht viele Worte mehr gewechselt, aber Blicke, die mehr sagten. Und die Vögel sangen, und der Apfelbaum[110] streute seine Blüten auf die beiden, die da standen und sich glückselig in die Augen schauten, und Luise fragte sich wie im Traum, womit denn sie solche Seligkeit verdient habe.

»Und nun zum Vater!« rief Lehner, der sich in diesem Augenblick zu allem stark fühlte, »und um seinen Segen gebeten!« – »Ach nein,« flüsterte Luise, die plötzlich wieder zu der Wirklichkeit erwachte, »wer sollte die Wäsche aufhängen? Ich bitte, gehen Sie; wenn man uns so hier sähe!« Man hatte sie aber gesehen; das kleine Volk nämlich, das sie in ihrer Seligkeit [111] ganz vergessen hatten. Adelgunde war hinaufgeeilt und der kleine Tuisko nachgequaddelt, so schnell es seine krummen Beinchen erlaubten, und sie hatten verkündet, daß der Herr Vikar Schwester Luise geküßt habe. Das gab große Bewegung ins Haus, und es war ein Glück, daß bald nach dieser entsetzlichen Kunde der Vikar selbst kam, und da er an dem Kichern und Köpfezusammenstrecken der naseweisen kleinen Kreaturen bald merkte, daß sie seine Untat verraten, hielt er es fürs beste, seine Werbung schnell vorzubringen, so geschickt oder ungeschickt, wie er konnte.

Der Pfarrer war nicht so sehr überrascht, desto mehr die Pfarrerin, die in Wahrheit nie an eine mögliche Verheiratung Luisens gedacht hatte; sie schien ihr, wie sie sich ausdrückte, »so ganz zur liebevollen Gehilfin für ihre jüngeren Geschwister geschaffen«. Unter sotanen Umständen war aber nichts zu tun, als den elterlichen Segen zu erteilen, was der Vater mit tiefer Rührung, die Mama mit viel mütterlichem Anstand tat. Es wurde sogar in den nächsten Tagen eine Art Verlobungsmahl gehalten, wobei Luise nur schmerzlich Fritz und Theodor vermißte, die man natürlich nicht aus der Lehre und aus dem theologischen Seminar berufen konnte. Wer noch nicht gewußt hatte, wie groß die Verdienste der Frau Pfarrerin um ihre Stiefkinder seien, der konnte es an diesem Abend recht gründlich erfahren.


Luise lebte noch wie in einem seligen Traum und wußte nicht, wie sie genug ihr demütiges und dankbares Herz zeigen sollte für all diese unverdiente Liebe und Güte. Sie war nun für eine Weile der Mittelpunkt des Hauses; ihr brachte man Glückwünsche dar; sie mußte mit Besuche machen, um den Bräutigam den Verwandten zu zeigen! Es war ihr eigentlich recht wohl, als die gewandte Mama die Sachen ins alte Geleise gebracht hatte und ihr vergönnt war, wieder in den Hintergrund zu treten.

Es blieb alles wie zuvor; sie blieb daheim, sie kochte, nähte, flickte, besorgte Haus und Geschwister, – und doch wie so viel [112] anders! Was für ein goldener Hauch lag auf dieser Alltagswelt! Wie fühlte sie bis zum innersten Herzensgrund das Auge, das mit Liebe und Beifall ihren Schritten folgte! Sie meinte gar nicht genug tun zu können, um zu zeigen, daß sie nicht übermütig sei in ihrem Glück, und um der Heimat, der sie nun doch nicht mehr so ganz eigen gehörte, noch alle ihre Liebe und Treue zuzuwenden. Die Mutter hätte gar nicht nötig gehabt, so oft ihre Zuversicht auszudrücken, daß Luise ihre kindlichen Pflichten nicht versäumen und die Opfer ihrer Eltern nicht mit Undank vergelten werde. Ein halbes Stündchen im Garten verplaudert, ein kleiner Abendspaziergang, ein verstohlener Gruß und Blick beim Begegnen den Tag über, ein Händedruck unter dem Tisch, das waren alle bräutlichen Genüsse, die sie sich gestatten durften; aber für Luisens genügsames Herz war es eine Welt von Seligkeit.

Und die Zukunftspläne, die goldenen Träume, mit welchen sie die Nachtstunden kürzte, in denen sie noch feinen Flachs zu ihrer Aussteuer spann! Ein eigenes Pfarrhaus mit einem Blumengärtchen vor den Fenstern, wo sie allein, ganz allein für den geliebten Mann leben und sorgen, wo sie frei und ungehemmt als Mutter einer Gemeinde sein schönes Amt teilen durfte; – sie malte sich die Abende, wo sie ihn im traulichen, warmen Stübchen empfangen würde, Schlafrock und Pantoffeln am warmen Ofen bereit, und sein Pfeifchen angezündet; die Gänge an seiner Seite durchs Dorf, die stillen Stunden, wo er ihrer Unwissenheit freundlich nach helfen würde, – oh, ein Leben voll Frieden und Freude! Die Einrichtung des Pfarrhauses besprachen sie zusammen: es mußte freilich alles viel einfacher werden als im elterlichen Haus, dem die Stiefmutter einen städtischen Anstrich gegeben hatte und wo man beim Eintritt ungewiß war, ob man in ein Porzellan- und Glaswarenlager oder in eine Pfarrstube trete; aber doch recht traulich, recht hübsch. Gardinen hielt der Vikar für unnötig wegen des Rauchens, aber darauf bestand Luise: »Das ist so gemütlich, ich will sie schon oft genug waschen.« Dafür bildete sich aber der Vikar große Stücke ein auf einen Doktor Luther, [113] den er als künftige Wandverzierung bereits erworben hatte; er hatte noch Pläne auf eine Katharina von Bora und eine mater amabilis; er hielt es für sehr nötig, etwas in Kunstwerken aufzuwenden, da an Tapeten natürlich nicht zu denken war.

Wann diese rosigen Pläne ins Leben treten sollten, das war freilich noch nicht abzusehen, und »die weite Aussicht« war das einzige Bedenken aller Bekannten gegen diese Verbindung; aber die Jugend ist hoffnungsreich, und ein Patronatsdienst blieb stets der letzte Rettungsanker.


So bescheiden auch das Paar seines bräutlichen Glückes genoß, so fanden es die Eltern doch in die Länge nicht passend, daß der Bräutigam Hausgenosse blieb. Die Mutter meinte, Luise könne sich ungestörter auf ihre häuslichen Pflichten vorbereiten, wenn er entfernt sei, und Luise fügte sich willig in die Trennung; war doch das Dorf, wo der Vikar eine andre Stelle bekam, kaum drei Stunden entfernt.

Da kam er denn manch liebes Mal zum Besuch herüber, und es war ein neues Glück für Luise, wenn sie ihn von ihrem Fenster aus weit übers Feld herschreiten sah oder wenn er sie unvermutet bei einer häuslichen Arbeit überraschte. Und wenn sie ihn abends begleiten durfte bis zu dem Weidengebüsch und sie dann noch still beisammensaßen, alles so ruhig umher und so friedevoll, und von der Zeit sprachen, wo sie nicht mehr Abschied nehmen müßten, gar nicht mehr – oh, das alles war auch so schön und gut!

Die Mutter hielt es für unnötig und nicht passend, daß Luise mit Lehner die arme Hütte seines Vaters besuchte: »Man könnte ja die Leute herkommen lassen;« – aber Luise ließ sich nicht davon abhalten.

Eine traurige Heimat! Sie meinte dem Geliebten mit zehnfältiger Liebe einbringen zu müssen, was er hier so lange entbehrt. Die keifende Stiefmutter war tot, der Schuster leidend und elend, ein kümmerlicher Knabe und ein verwahrlostes Mädchen, – alles verdorben, vernachlässigt, trübselig.

Luise kam in die düstere Hütte wie der Sonnenschein, aber [114] nicht wie ein greller, der das Elend erst deutlich zeigt, nur wie ein mildes Frühlicht. So natürlich, so einfach gab sie den Geschwistern die Hand, setzte sich zu dem Vater und ließ sich seine Leiden erzählen; so bescheiden erteilte sie der Schwester guten Rat, wie sie des Vaters Leiden erleichtern könne, und ermutigte den Bruder, den Betrieb des vernachlässigten Handwerks doch zu versuchen. Lehner selbst erschien seine Heimat und Kindespflicht wieder in ganz andrem Lichte, und hätte er Luise nie geliebt, er hätte sie jetzt liebgewinnen müssen. Zu den Zukunftsplänen gehörte von nun an auch ein Oberstübchen für den alten Vater. »Du wirst sehen,« sagte Lehner heiter, »er erholt sich bei uns wieder so weit, daß er selbst unsern Hausbedarf verfertigt; damit er sparen wir sehr viel, Schuhe sind auf dem Lande eine große Ausgabe! Und Katharine nehmen wir natürlich auch zu uns, dann brauche ich keine Magd; wir arbeiten alles zusammen, es soll ihr gewiß nicht schwer werden. Der Christian, der muß freilich hinaus, um was Rechtes zu lernen, wenn er ein wenig erstarkt ist; ich denke, der arme Junge hält sich gewiß gut, wenn er weiß, daß er eine freundliche Heimat hat, wo man für ihn sorgt.«

Daheim wagte Luise zum erstenmal den Vater um ein kleines Taschengeld zu bitten, und sie fand von nun an immer Mittel und Wege, den kranken Vater oder die Katharine mit einer kleinen Gabe zu erfreuen.

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