Da jetzo der Reichsfreyherr Stettner von Grabenhoff, mit seiner Braut der schönen Fräulein von Rockhausen mit viel Vergnügen wird getraut; So [245] wird aus einer Freundin Händen, gleich da man Hochzeit-Tafel hält, ein Brief den zwey verliebten Seelen im Schloß Ophausen zugestellt

Hochwohlgebohrne Zwey!
Die jetzo durch den Orden
Des Ehstands eine Seel, ein Herz und Fleisch geworden.
Vergebet meiner Hand, verzeihet meinem Kiel,
Der euch in eurer Lust und Freude stöhren will;
Der euch, da ihr anjetzt einander Küsse schenket,
Und allzu zärtlich thut, nur zu verhindern denket.
Reißt eure Lippen loß! verschiebt die Zärtlichkeit
Bis in die Hochzeit-Nacht, da bringet Beyderseit
Das alles zweyfach ein, was ihr jetzt müßt versäumen,
Blickt her auf diesen Brief, und leset diese Reimen!
Es gieng bisher der Ruf, als ob am Geren-Strand
Zwey Fräulein sich so fest und tief ins Freundschafts-Band
Verwickelt und verknüpft, und eingeschlossen hätten;
Sie nähmen alle Tag das Muster von den Kletten.
Es hieß: Hier ist ein Herz, ein Wille und ein Sinn,
Denn wo die eine war, gieng auch die andre hin.
Das Herze war gemein, daß was die eine hörte,
Sie auch der andern bald erzehlete und lehrte.
Ein Zimmer und ein Tisch und Bett war ihre Lust,
Adonis lag wohl nie so fest an Venus Brust,
Als dieses Fräulein-Paar fest an einander hingen;
So gar, daß sie zugleich auch auf den Abtritt gingen;
Was Eifersucht und Neid und Groll und Zwietracht heist,
Das wusten diese nicht: Weil Rosemunden Geist
Und Belleminens Herz vor Liebes-Glut fast brannten,
Und sich einander nur mein liebes Mäusgen nannten.
So wolte selbst der Ruf darbey nicht müßig seyn.
Jetzt aber stellet sich ein seltner Vorwurf ein;
Es heist: Dieß Freundschafts-Band ist jämmerlich zerissen,
Die Fräuleins können sich nicht mehr vertraulich küssen,
Sie biethen fort nicht mehr einander Mund und Hand;
Denn Rosemunde ist nicht mehr am Geren-Strand.
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Ein Fränkischer Baron, den Stand und Tugend zieret,
Hat dieses schöne Kind nach Neuenburg geführet.
O schön und starker Feind, der Belleminens Herz
In solche Unruh setzt, und ihr so herben Schmerz,
Durch diese Wegfahrt bringt! Ach! daß doch Stettners Liebe,
Und sein entflammter Geist, und seine heisen Triebe
Der Belleminen Trost und Freundin weggeraubt!
Wer hätte dieses wohl gedacht, gemeint, geglaubt!
Der neidische Baron will nun die Lippen küssen,
Die Belleminens Mund bisher vergnügen müssen.
Er nimmt ihr Liebstes nun aus Zimmer, Bett und Arm,
Und machet sich damit und seine Seite warm.
Die Bellemine klagt um ihre Rosemunde,
Und fluchet auf die Zeit, und hasset diese Stunde,
In welcher Stettner Lust zu dieser Maus bekam,
Und sie durch List und Kunst vergnügt gefangen nahm.
Er ist nach Katzen Art ins Zimmer eingekommen,
Und hat zu ihrem Schmerz ihr Mäusgen weggenommen.
Das Mäusgen ist nun hin! o du so kühner Dieb!
O wenn sich doch davor das Mäusgen an dir rieb,
Und liefe dir ans Bein, und kniepte dich in Backen,
Und bisse dich in Mund, an Stirn und Brust und Nacken,
O so geschähe dir, du höchst-verwegner Gast!
Du kühner Mäuse-Dieb! was du verdienet hast!
Hochwohlgebohrne Zwey! Ihr habt bereits gehöret,
Was Belleminens Lust verhindert und verstöhret,
Und weggenommen hat. Nun hört auch dieses an,
Wodurch man ihren Geist hinwieder trösten kan.
Der fränkische Baron hat kaum die Rosemunde
Gesehn, gegrüßt, gehört, so fühlte er die Wunde,
So diese Schöne ihm in seine Brust gebracht.
Er meinete die Hand, so selbige gemacht,
Die könt ihm ebenfalls auch Linderung ertheilen,
Und durch ein süsses Oel aufs allerbeste heilen.
Sie nahm sich seiner an, und stillte seinen Schmerz.
Wodurch? Sie übergab und schenkte ihm ihr Herz.
Er hat sie nicht entführt, er hat sie hoch gebethen:
Obs ihr gefällig wär, ihr Herz ihm abzutreten?
Und weil sein Mund so hold und die Person so schön,
Der Stand zu Edel war; so ließ sie es geschehn.
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Sie ließ sich ohne Zwang in seinen Armen führen!
Und wolt Er ihren Mund mit seinem Mund berühren;
So hielt sie wie ein Lamm und frommes Schäfgen still,
Und sagte oft zu Ihm: Dein Wille ist mein Will!
Wie kan denn Brod zu Brod wohl schön und lieblich schmecken,
Was kan vor eine Kraft in Frauen- Küssen stecken!
Sie hat ja Fleisch und Blut; was Wunder, daß Sie liebt,
Und sich mit Leib und Seel dem Liebsten übergiebt!
Das Mäusgen ließ sich auch mit gutem Willen fangen,
Sonst wär es nicht so oft der Katz entgegen gangen.
Die Mäusgen gehen gern nach Fleische und nach Speck,
Darüber schnappt sie denn der Mund der Katze weg:
So giengs dem Mäusgen auch. Denn da es wolte naschen;
So suchte mans davor zur Strafe wegzuhaschen.
Sieht Eva Sehnsuchts-voll den Baum mit Früchten an,
So glaubt sie, daß man wohl davon geniessen kan;
So dacht dieß Mäusgen auch. Denn da es Stettnern sahe,
So gieng ihm dessen Pracht und Schönheit gar zu nahe,
Es sagte zu sich selbst: da kostet sichs wohl gut!
Hier labt sich Aug und Geist, Mund, Seele, Fleisch und Blut.
Es sehnte sich darauf gar bald nach Mannes-Fleisch,
Und sprach, seyd Nonnen seyd nur immer vor mich keusch;
Ich werde warlich mich der Vesta nicht ergeben.
Wohlan! es soll mein Kranz bey Mannes-Hosen schweben!
Wenn Bellemine auch deswegen traurig ist,
Daß Rosemundens Mund sie ferner nicht mehr küßt;
So wird ihr dieß zum Trost und starken Labsal dienen,
Die Freundschaft kan entfernt in vorgem Werth doch grünen.
Die wahre Freundschaft trennt kein Ort, kein Weg, kein Land,
Viel minder scheidet sie ein süsses Ehe-Band.
Drum können Beyde auch aus ihren zarten Händen,
Einander manches Blat von treuer Freundschaft senden.
Nicht Belleminen, nein, dem Stettner zum Behuf
Der Herr der Creatur die Rosemunde schuf;
Dem ist Sie warlich mehr als Belleminen nütze!
Wer jung und munter ist, und Liebe, Glut und Hitze
Wie unsre schöne Braut in Brust und Blut empfindt,
Der Liebe auch wie Sie ein angenehmes Kind.
Was soll die holde Braut bey Belleminen bleiben?
Hier kan sie nicht den Stand, den Gott geboten, treiben;
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Bey Ihrem Bräutigam thut Sie, was Gott gefällt:
Seyd fruchtbar, mehret Euch, und füllet diese Welt!
So viel Ergötzlichkeit auch Rosemunde siehet,
Und in Vergnügen lebt; so stark sie sich bemühet,
Der Belleminen Herz zu gleichen Liebes-Band
Zu bringen; O so haßt sie doch den Ehe-Stand;
Und schätzt die Freyheit hoch: Sie will durchaus von Küssen,
Von Lieb und Gegen-Lieb und Freyen gar nichts wissen.
Denn sie hat an der Braut gemerket und gesehn,
Wie die Verliebten nur in starker Unruh stehn.
Die Liebe peinget sie, und foltert ihre Herzen,
Und setzet sie in Angst, und Sorgen, Furcht und Schmerzen.
Wenn auf der Liebes-Post ein Brief aus Pohlen kam.
Und seine Zuflucht nur zu Rosemunden nahm:
Was hat sie nicht darbey erstaunend wahrgenommen!
War einer aus dem Reich und Francken angekommen,
Da nahm sie wiederum viel Abentheuer wahr;
Bald wurde sie entzückt, bald schiens, als wolt sie gar
Vor Ohnmacht aus der Welt ins ewge Leben gehen,
Bald sahe sie sie bleich, bald roth vor Augen stehen.
Sie aß und trank fast nicht, und zehrte sich ganz ab,
Nur blos des Liebsten Nam Ihr Trost und Kräfte gab.
Und darum hütet sich die schlaue Bellemine,
Daß sie, wie jene nicht, der Göttin Venus diene.
Hochwohlgebohrne Braut! bey deinem Hochzeit-Fest
Das dich der Himmel heut mit Jauchzen feyren läßt,
Will deine Freundin dich mit einem Wunsch beehren:
Der Himmel wolle dir dein Glück nach Wunsch vermehren!
Sey an Vergnügen reich; an Kummer aber klein!
Und schließ nebst Deinem Schatz auch in Dein Herze ein

Die, welche sich so unterschreibt, Daß sie stets deine Freundin


Bleibt.

Erfurt, den 8. des Weinmon. 1736.

In fremden Namen.

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