[Ia freilich wird zu nichts das prangen hoher sinnen]Jugend-FlammenGedichteGedichteZesen, Philipp vonDas erste Lied

[266] 1. Das erste Lied/ auf den sin- und wahl-spruch der Durchleuchtigen und Hochgebohrnen Fürstin/ und Fräulein/ Fräulein Julianen/ Fürstin zu Anhalt/ Gräfin von Askanien/ Fräulein zu Zerbst und Bernburg. uam

Sçience sans consçience est vanité.

Wissenschaft ohne gewissen ist eitel.

gesetzet durch Johan Langen.


[267] 1.
Ia freilich wird zu nichts das prangen hoher sinnen/
Und alle Wissenschaft/ die kein gewissen hägt;
Lebt gleich ein mensch alhier auf höchster klugheit zinnen/
Ists doch nur eitle frucht der tohrheit/ die er trägt.
Acht man schon für der welt als-göttlich seine kunst/
Neugt sie sich doch/ und bleibt für Gotte lauter dunst.
[268] 2.
O mensch/ was trotzest du auf dein so eitles wissen/
da deiner werke bild dier niemahls ist bewust!
was bistdu nuhr auf kunst/ auf solche kunst/ beflissen/
da du sonst deiner selbst erkäntnüs missen must.
Viel kennen/ und sich selbst nicht kennen/ ist nur dunst;
viel wissen und sich selbst nicht wissen/ ist ümsunst.
3.
Doch wan ich etwas sol von eitlen dingen haben/
so wil ich wissenschaft/ die alles niedertrükt/
die mier erst redlich zeugt den preis der ädlen gaben/
und macht/ daß für mier selbst der hochmuht geht gebükt.
Wer wissenschaft nicht acht/ der stirbet wie ein vieh.
wer wissenschaft und kunst erlangt/ der stirbet nie.
An eben-selbige J.F. Gn.[Ia freilich wird zu nichts das prangen hoher sinnen]Jugend-FlammenGedichteGedichteZesen, Philipp vonDas erste Lied

An eben-selbige J.F. Gn.

als er Sie bei schlüßung eines briefes Ihres gebuhrts-tages erinnerte.


Juliane/ Zier der Jugend/
schönstes Bild der schönen tugend/
kluge Fürstin/ nim doch hin/
was zu deinen Nahmens-ehren
meine zunge lässet hören/
was ersinnen kan mein sinn.
Frohe tag' und freuden-stunden/
die ein mensch hat je entfunden/
sollen stehn üm dein Geschlecht!
Gott und glük sei Dier geneuget/
und Du dem/ der sich erzeuget
als dein stets-ergebner knecht.
Der VeränderungAn eben-selbige J.F. Gn.[Ia freilich wird zu nichts das prangen hoher sinnen]Jugend-FlammenGedichteGedichteZesen, Philipp vonDas erste Lied

[269] Der Veränderung

zwo wider-sinnige töchter.


Zwo seind zu viel/ die du uns hast gebohren/
Veränderung. Verlohren/
verlohren geht die Freude/ wann das leiden/
das bastärt/ sie macht scheiden.
Ein kind ist guht:
das andre stürmt/ und tämmt den muht.
Bringt uns ein mahnd der Mannen und der Märsen
die frühe lilj' aus Persen;
so folgen nach die bunten oster-wochen/
und kommen aus-gebrochen
in froher tracht
mit vielgefärbter tulpen-tracht.
Drauf brechen an des Rosen-mahndes lüste/
die zier der frohen brüste/
in keuscher schaam mit milch' und bluht besprühet:
dan milcht die ros' und blühet;
dan bluhten sie
die lieblichen/ die schönen Rosen die.
Sie tauren noch am längsten unter allen/
und wan sie ja verfallen;
dan fallen auch darnieder alle freuden/
ach weh! verkehrt in leiden.
dan stirbt zur stund
die gantze lust mit Rosemund.