Liebesgeschichten des Jeremias Pechvogel Erste Liebe 1. Da draußen vor dem Tore, Da steht ein Lindenbaum, Wo ich so süß geträumet Der ersten Liebe Traum. Da draußen vor dem Tore, Wo sie mich hinbestellt, Schenkt' ich ihr dies und jenes Von meinem Taschengeld. Da draußen vor dem Tore, In stiller Abendstund', Hab' ich ihr oft geküsset Die Stirne und den Mund. Da draußen vor dem Tore, Beim stillen Mondenschein, Da schenkt' ich meiner Holden Von Gold ein Ringelein. Da draußen vor dem Tore, Da schien der Mond so hell. Ich war ein junger Schüler, Sie eine Nähmamsell. 2. In jener dunklen Gasse, Da wohnt der Pfänderjud', Da hab' ich's auch erfahren, Wie falsche Liebe tut. In jener dunklen Gasse, Dort in des Juden Schrein, Da seh' ich etwas glänzen Als wie ein Ringelein. In jene dunkle Gasse, Da ging ich heimlich nur; Bei Abraham, dem Juden, Versetzt' ich meine Uhr. In jener dunklen Gasse, Da sah ich – tief gekränkt – Das Ringlein ew'ger Treue, Das ich ihr jüngst geschenkt. In jener dunklen Gasse, Da ward mir alles klar. Mit meiner ersten Liebe War's aus für immerdar. Zweite Liebe 1. Ich wohnte hinten nach dem Hof hinaus, Mir gegenüber stand ein altes Haus. Das alte Haus, das hat der Fenster viel, Doch eins war meiner Augen stetes Ziel. Denn an dem Fenster, blumenüberdeckt, Saß jeden Tag ein Mädchen halbversteckt. Sie las – begoß die Rosen; -– hie und da Ihr schmachtend' Aug' zu mir herübersah. Da klebt' ich an mein Fenster, halb im Scherz, Aus Rosaglanzpapier ein flammend Herz. Sie aber wandte sich. – Mit weißer Hand Spielt' sie an ihrem losen Busenband. Und träumerisch, als wär' es aus Versehn, Ließ sie die Schleife aus dem Fenster wehn. Ich hob sie auf, ich küßt' sie tausendmal. Mein Visavis war auch mein Ideal. 2. Auf Promenaden sahen wir uns nie; Doch schrieb sie mir, und ich, ich schrieb an sie. Viel Liebes und viel Schönes schrieb sie mir Auf goldumsäumtem Rosapostpapier. Doch eins – dies eine sollte uns entzwei'n, Eins schrieb sie nicht. – Sie hatt' ein kurzes Bein. Dritte Liebe 1. Meine Freunde und Gesellen Haben mich dazu verleitet, Daß zu den Kasinobällen Ich sie neuerdings begleitet. Leicht und krinolinen-luftig, Halb gefühlt und halb gesehen, Fein eau-de-Cologne-duftig Spürt' ich ihr Vorüberwehen. Kaum daß in den Saal wir kamen, Fühlt' ich schon mein Herz erbeben, Denn die schönste aller Damen Sah ich leicht vorüberschweben. Ihre Wange war umgaukelt Von den Locken, lang und lose, Und als wie auf Wellen schaukelt' Ihr am Busen eine Rose. Und das Aug', das feurig matte, – Ja! ich mußt' sie engagieren. Eilig zupft ich die Krawatte, Würdig mich zu präparieren. 2. Ach! Wie ist mir nur geschehen?! – Ihn, den ich schon lange scheute, Hatt' ich gänzlich übersehen, Jenen Herrn an ihrer Seite. Er fixierte mich so listig Mit vertrautem Augenzwinken; Und, weiß Gott! mir war, als müßt' ich Spurlos in den Boden sinken. – Heimlich bin ich fortgeschlichen. – Jener Herr – so war es leider! – Dem ich lang schon ausgewichen, War ihr Vater und – mein Schneider.