Balduin Bählamm der verhinderte Dichter 1883 Erstes Kapitel Erstes Kapitel Wie wohl ist dem, der dann und wann Sich etwas Schönes dichten kann! Der Mensch, durchtrieben und gescheit, Bemerkte schon seit alter Zeit, Daß ihm hienieden allerlei Verdrießlich und zuwider sei. Die Freude flieht auf allen Wegen; Der Ärger kommt uns gern entgegen. Gar mancher schleicht betrübt umher; Sein Knopfloch ist so öd und leer. Für manchen hat ein Mädchen Reiz, Nur bleibt die Liebe seinerseits. Doch gibt's noch mehr Verdrießlichkeiten. Zum Beispiel läßt sich nicht bestreiten: Die Sorge, wie man Nahrung findet, Ist häufig nicht so unbegründet. Kommt einer dann und fragt: Wie geht's? Steht man gewöhnlich oder stets Gewissermaßen peinlich da, Indem man spricht: Nun, so lala! Und nur der Heuchler lacht vergnüglich Und gibt zur Antwort: Ei, vorzüglich! Im Durchschnitt ist man kummervoll Und weiß nicht, was man machen soll. – Nicht so der Dichter. Kaum mißfällt Ihm diese altgebackne Welt, So knetet er aus weicher Kleie Für sich privatim eine neue Und zieht als freier Musensohn In die Poetendimension, Die fünfte, da die vierte jetzt Von Geistern ohnehin besetzt. Hier ist es luftig, duftig, schön, Hier hat er nichts mehr auszustehn, Hier aus dem mütterlichen Busen Der ewig wohlgenährten Musen Rinnt ihm der Stoff beständig neu In seine saubre Molkerei. Gleichwie die brave Bauernmutter. Tagtäglich macht sie frische Butter. Des Abends spät, des Morgens frühe Zupft sie am Hinterleib der Kühe Mit kunstgeübten Handgelenken Und trägt, was kommt, zu kühlen Schränken, Wo bald ihr Finger, leicht gekrümmt, Den fetten Rahm, der oben schwimmt, Beiseite schöpft und so in Masse Vereint im hohen Butterfasse. Jetzt mit durchlöchertem Pistille Bedrängt sie die geschmeid'ge Fülle. Es kullert, bullert, quitscht und quatscht, Wird auf und nieder durchgematscht, Bis das geplagte Element Vor Angst in Dick und Dünn sich trennt. Dies ist der Augenblick der Wonne. Sie hebt das Dicke aus der Tonne, Legt's in die Mulde, flach von Holz, Durchknetet es und drückt und rollt's, Und sieh, in frohen Händen hält se Die wohlgeratne Butterwälze. So auch der Dichter. – Stillbeglückt Hat er sich was zurechtgedrückt Und fühlt sich nun in jeder Richtung Befriedigt durch die eigne Dichtung. Doch guter Menschen Hauptbestreben Ist, andern auch was abzugeben. Der Dichter, dem sein Fabrikat So viel Genuß bereitet hat, Er sehnt sich sehr, er kann nicht ruhn, Audi andern damit wohlzutun; Und muß er sich auch recht bemühn, Er sucht sich wen und findet ihn; Und sträubt sich der vor solchen Freuden, Er kann sein Glück mal nicht vermeiden. Am Mittelknopfe seiner Weste Hält ihn der Dichter dringend feste, Führt ihn beiseit zum guten Zwecke In eine lauschig stille Ecke, Und schon erfolgt der Griff, der rasche, Links in die warme Busentasche, Und rauschend öffnen sich die Spalten Des Manuskripts, die viel enthalten. Die Lippe sprüht, das Auge leuchtet, Des Lauschers Bart wird angefeuchtet, Denn nah und warm, wie sanftes Flöten, Ertönt die Stimme des Poeten. – Vortrefflich! ruft des Dichters Freund; Dasselbe, was der Dichter meint; Und, was er sicher weiß, zu glauben, Darf sich doch jeder wohl erlauben. Wie schön, wenn dann, was er erdacht, Empfunden und zurechtgemacht, Wenn seines Geistes Kunstprodukt, Im Morgenblättchen abgedruckt, Vom treuen Kolporteur geleitet, Sich durch die ganze Stadt verbreitet. Das Wasser kocht. – In jedem Hause, Hervor aus stiller Schlummerklause, Eilt neugestärkt und neugereinigt, Froh grüßend, weil aufs neu vereinigt, Hausvater, Mutter, Jüngling, Mädchen Zum Frühkaffee mit frischen Brötchen. Sie alle bitten nach der Reihe Das Morgenblatt sich aus, das neue, Und jeder stutzt und jeder spricht: Was für ein reizendes Gedicht! Durch die Lorgnetten, durch die Brillen, Durch weit geöffnete Pupillen, Erst in den Kopf, dann in das Herz, Dann kreuz und quer und niederwärts Fließt's und durchweicht das ganze Wesen Von allen denen, die es lesen. Nun lebt in Leib und Seel der Leute, Umschlossen vom Bezirk der Häute Und andern warmen Kleidungsstücken, Der Dichter fort, um zu beglücken, Bis daß er schließlich abgenützt, Verklungen oder ausgeschwitzt. Ein schönes Los! Indessen doch Das allerschönste blüht ihm noch. Denn Laura, seine süße Qual, Sein Himmelstraum, sein Ideal, Die glühend ihm entgegenfliegt, Besiegt in seinen Armen liegt, Sie flüstert schmachtend inniglich: »Göttlicher Mensch, ich schätze dich! Und daß du so mein Herz gewannst, Macht bloß, weil du so dichten kannst!!« Oh, wie beglückt ist doch ein Mann, Wenn er Gedichte machen kann! Zweites Kapitel Zweites Kapitel Ein guter Mensch, der Bählamm hieß Und Schreiber war, durchschaute dies. Nicht, daß es ihm an Nahrung fehlt. Er hat ein Amt, er ist vermählt. Und nicht bloß dieses ist und hat er; Er ist bereits auch viermal Vater. Und dennoch zwingt ihn tiefes Sehnen, Sein Glück noch weiter auszudehnen. Er möchte dichten, möchte singen, Er möchte was zuwege bringen Zur Freude sich und jedermannes; Er fühlt, er muß und also kann es. Der Muße froh, im Paletot, Verläßt er abends sein Bureau. Er eilt zum Park, um hier im Freien Den holden Musen sich zu weihen. Natürlich einer, der wie er Gefühlvoll und gedankenschwer, Mag sich an weihevollen Plätzen Beim Dichten gern auch niedersetzen. Doch schon besetzt ist jeder Platz Von Leuten mit und ohne Schatz. Da lenkt er doch die Schritte lieber Zum Keller, der nicht fern, hinüber. Er wählt sich unter vielen Bänken Die Bank, die angenehm zum Denken. Zwar erst verwirrte seinen Sinn Das Nahgefühl der Kellnerin; Doch führt ihn bald ein tiefer Zug Zu höherem Gedankenflug. Schon brennt der Kopf, schon glüht der Sitz, Schon sprüht ein heller Geistesblitz; Schon will der Griffel ihn notieren; Allein es ist nicht auszuführen, Der Hut, als Dämpfer der Ekstase, Sinkt plötzlich tief auf Ohr und Nase. Ein Freund, der viel Humor besaß, Macht sich von hinten diesen Spaß. Empört geht Bählamm fort nach Haus. Der Freund trinkt seinen Maßkrug aus. Zu Hause hängt er Hut und Rock An den gewohnten Kleiderstock Und schmückt in seinem Kabinett Mit Joppe sich und Samtbarett, Die, wie die Dichtung Vers und Reim, Den Dichter zieren, der daheim. Scharf sinnend geht er hin und wider, Bald schaut er auf, bald schaut er nieder. Jetzt steht er still und ruft: »Aha!« Denn schon ist ein Gedanke da. Schnell tritt Frau Bählamm in die Tür, Sie hält in Händen ein Papier. Sie ruft: »Geliebter Balduin! Du mußt wohl mal den Beutel ziehn. Siehst du die Rechnung breit und lang? Der Schuster wartet auf dem Gang.« Besonders tief und voll Empörung Fühlt man die pekuniäre Störung. 's ist abgetan. – Das Haupt gesenkt, Steht er schon wieder da und denkt. Begeistert blickt er in die Höh: »Willkommen, herrliche Idee!« Auf springt die Tür. – An Bein und Arm Geräuschvoll hängt der Kinderschwarm. – »Ho!« – ruft der Franzel – »Kinder hört! Jetzt spielen wir mal Droschkenpferd! Papa ist Gaul und Kutscher ich.« »Ja!« – ruft die Gustel – »Fahre mich!« »Ich« – ruft der Fritz – »will hinten auf! Hopp hopp, du altes Pferdchen, lauf!« »Hüh!« – ruft der kleine Balduin – »Will er nicht ziehn, so hau ich ihn!« – Wer kann bei so bewandten Dingen Ein Dichterwerk zustande bringen? – Nun meint man freilich, sei die Nacht, Um nachzudenken, wie gemacht. Doch oh! wie sehr kann man sich täuschen! Es fehlt auch ihr nicht an Geräuschen. Der Papa hat sich ausgestreckt, Gewissenhaft sich zugedeckt; Warm wird der Fuß, der Kopf denkt nach; Da geht es Bäh! vielleicht nur schwach. Doch dieses Bäh erweckt ein zweites, Dann Bäh aus jeder Kehle schreit es. Aus Mamas Mund ein scharfes Zischen, Bedrohlich schwellend, tönt dazwischen, Und Papas Baß, der grad noch fehlte, Verstärkt zuletzt das Tongemälde. Wie peinlich dies, ach, das ermißt Nur der, der selber Vater ist. Drittes Kapitel Drittes Kapitel Ein großer Geist, wie Bählamm seiner, Ist nicht so ratlos wie ein kleiner. Er sieht, ihm mangelt bloß im Grunde Der stille Ort, die stille Stunde, Um das, was nötig ist zum Dichten, Gemächlich einsam zu verrichten; Und allsogleich spricht der Verstand: Verlaß die Stadt und geh aufs Land! Wo Biederkeit noch nicht veraltet, Wo Ruhe herrscht und Friede waltet! – Leicht reisefertig ist zumeist Ein Mensch, wenn er als Dichter reist. Die kleine Tasche, buntgestickt, Ist schnell gefüllt und zugedrückt. Ein Hut von Stroh als Sommerzier, Ein Dichterkragen von Papier, Das himmelblaue Flattertuch, Der Feldstuhl, das Notizenbuch, Ein Bleistift Nr. 4 und endlich Das Paraplü sind selbstverständlich. Zum Bahnhof führt ihn die Familie. Hier spricht er: »Lebe wohl, Cäcilie! Ich bring euch auch was Schönes mit!« Dann schwingt er sich mit leichtem Schritt, Damit er nicht die Zeit verpasse, In die bekannte Dichterklasse. Der Pfiff ertönt. Die Glocke schlug. Fort schlängelt sich der Bummelzug. Vorüber schnell und schneller tanzen, Durch Draht verknüpft zu einem Ganzen, Die schwesterlich verwandten langen Zahlreichen Telegraphenstangen. Der Wald, die Wiesen, das Gefilde, Als unstet wirbelnde Gebilde, Sind lästig den verwirrten Sinnen. Gern richtet sich der Blick nach innen. Ein leichtes Rütteln, sanftes Schwanken Erweckt und sammelt die Gedanken. Manch Bild, was sich versteckt vielleicht, Wird angeregt und aufgescheucht. Bald fühlt auch Bählamm süßbeklommen Die herrlichsten Gedanken kommen. – Ein langer Pfiff. – Da hält er schon Auf der ersehnten Bahnstation. – Ein wohlgenährter Passagier In Nägelschuhen wartet hier. Er zwängt sich hastig ins Coupé. Pardon! – Er tritt auf Bählamms Zeh. – Des Lebens Freuden sind vergänglich; Das Hühnerauge bleibt empfänglich. Wie dies sich äußert, ist bekannt. Krumm wird das Bein und krumm die Hand; Die Augenlöcher schließen sich, Das linke ganz absonderlich; Dagegen öffnet sich der Mund, Als wollt er flöten, spitz und rund. Zwar hilft so eine Angstgebärde Nicht viel zur Lindrung der Beschwerde; Doch ist sie nötig jederzeit Zu des Beschauers Heiterkeit. Viertes Kapitel Viertes Kapitel Wie lieb erscheint, wie freundlich winkt Dem Dichter, der noch etwas hinkt, Des Dörfleins anspruchloses Bild, In schlichten Sommerstaub gehüllt. Hier reitet Jörg, der kleine Knabe, Auf seinem langen Hakenstabe, Die Hahnenfeder auf der Mütze, Kindlich naiv durch eine Pfütze. Dort mit dem kurzen Schmurgelpfeifchen Auf seinem trauten Düngerhäufchen Steht Krischan Bopp und füllt die Luft Mit seines Krautes Schmeichelduft. Er blickt nach Rieke Mistelfink, Ein Mädel sauber, stramm und flink. Sie reinigt grad den Ziegenstall; Und Friede waltet überall. Sofort im ländlichen Logis Geht Bählamm an die Poesie. Er schwelgt im Sonnenuntergang, Er lauscht dem Herdenglockenklang, Und ahnungsfroh empfindet er's: Glück auf! Jetzt kommt der erste Vers! Klirrbatsch! Da liegt der Blumentopf. Es zeigt sich ein gehörnter Kopf, Das Maulwerk auf, die Augen zu, Und plärrt posaunenhaft: Ramuh!! Erschüttert gehen Vers und Reime Mitsamt dem Kunstwerk aus dem Leime. Das tut die Macht der rauhen Töne. Die Sängerin verläßt die Szene. Fünftes Kapitel Fünftes Kapitel Die Nacht verstrich. Der Morgen schummert. Hat unser Bählamm süß geschlummert? Kennst du das Tierlein leicht beschwingt, Was, um die Nase schwebend, singt? Kennst du die andern, die nicht fliegen, Die leicht zu Fuß und schwer zu kriegen? Betrachte Bählamm sein Gesicht. Du weißt Bescheid, drum frage nicht. Hier auf dem Dreifuß unterm Flieder Sitzt er bereits und dichtet wieder. Der Knabe Jörg, in froher Laune, Bemerkt ihn durch ein Loch im Zaune, Er zieht die Nadel aus der Mütze, Durchbohrt damit die Hakenspitze Und hat verschmitzt auch schon begonnen Den kleinen Scherz, den er ersonnen. Der Dichter greift sich ins Genicke. Mal wieder, denkt er, eine Mücke. Er nimmt die Hand in Augenschein. Es mußte doch wohl keine sein. Kaum hat er dies als wahr befunden, So kommt ein Stich direkt von unten. Um diese Gegend zu beschützen, Kann man das Sacktuch auch benützen. Insoweit wäre alles gut. O weh! Wohin entschwebt der Hut? »Ein leichtes Kräusellüftchen!« rief er, Holt seinen Hut und setzt ihn tiefer. Ganz arglos will er sich soeben Zurück auf seinen Sitz begeben. Doch die gewohnte Stütze mangelt. Der Dreifuß wird hinweggeangelt. Anstatt in den bequemen Sessel, Setzt er sich in die scharfe Nessel. Und hell durchblitzt ihn der Gedanke: Es sitzt wer hinter dieser Planke! Sehr gut in solchen Fällen ist Bedachtsamkeit, gepaart mit List. Verlockend und zugleich gespannt Setzt er sich wieder vor die Wand. Aha! Und jetzt wird zugefaßt, Und trefflich hat er's abgepaßt; Denn grad im Zentrum bohrte sich Durch seine Hand der Nadelstich. Natürlich macht ihn das nervos. Der Jörg entfernt sich sorgenlos. Sechstes Kapitel Sechstes Kapitel In freier Luft, in frischem Grün, Da, wo die bunten Blümlein blühn, In Wiesen, Wäldern, auf der Heide, Entfernt von jedem Wohngebäude, Auf rein botanischem Gebiet, Weilt jeder gern, der voll Gemüt. Hier legt sich Bählamm auf den Rücken Und fühlt es tief und mit Entzücken, Nachdem er Bein und Blick erhoben: Groß ist die Welt, besonders oben! Wie klein dagegen und beschränkt Zeigt sich der Ohrwurm, wenn er denkt. Engherzig schleicht er durch das Moos, Beseelt von dem Gedanken bloß, Wo's dunkel sei und eng und hohl, Denn da nur ist ihm pudelwohl. Grad wie er wünscht und sehr gelegen Blinkt ihm des Dichters Ohr entgegen. In diesen wohlerwärmten Räumen, So denkt er, kann ich selig träumen. Doch wenn er glaubt, daß ihm hienieden Noch weitre Wirksamkeit beschieden, So irrt er sich. – Ein Winkelzug Von Bählamms Bein, der fest genug, Zerstört die Form, d.h. so ziemlich, Die diesem Wurme eigentümlich, Und seinem Dasein als Subjekt Ist vorderhand ein Ziel gesteckt. Sogleich und mit gewisser Schnelle Vertauscht der Dichter diese Stelle Für eine andre, mehr erhöht, Allwo ein Bäumlein winkend steht. Ein Vöglein zwitschert in den Zweigen; Dem Dichter wird so schwül und eigen. Die Stirn umsäuseln laue Lüfte; Es zuckt der Geist im Faberstifte. Pitschkleck! – Ein Fleck. Ein jäher Schreck. – Erleichtert fliegt das Vöglein weg. Indessen auch der andre Sänger Verweilt an diesem Ort nicht länger. Den Himmel, der noch eben blau, Umwölkt ein ahnungsvolles Grau. Vor Regen schützt die Scheidewand Des Schirmes, wenn er aufgespannt. Verquer durch Regen und Gestrüppe Kommt Krischan mit der scharfen Hippe. Vom Regen ist der Blick umflort, Und richtig wird der Schirm durchbohrt. Betrübend ist und wenig nütze Das Paraplü mit einem Schlitze; Doch ist noch Glück bei jedem Hieb, Wobei der Kopf heroben blieb. Auch braucht man, läßt der Regen nach, Ja sowieso kein Regendach. Und hier, begleitet von der Ziege, Kommt Rieke über eine Stiege; Und Bählamm, wie die Dichter sind, Will diesem anmutsvollen Kind Als Huldigung mit Scherz und Necken Ein Sträußlein an den Busen stecken. Ein Prall – ein Schall – dicht am Gesicht – Verloren ist das Gleichgewicht. So töricht ist der Mensch. – Er stutzt, Schaut dämisch drein und ist verdutzt, Anstatt sich erst mal solche Sachen In aller Ruhe klarzumachen. – Hier strotzt die Backe voller Saft; Da hängt die Hand, gefüllt mit Kraft. Die Kraft, infolge von Erregung, Verwandelt sich in Schwungbewegung. Bewegung, die in schnellem Blitze Zur Backe eilt, wird hier zu Hitze. Die Hitze aber, durch Entzündung Der Nerven, brennt als Schmerzempfindung Bis in den tiefsten Seelenkern, Und dies Gefühl hat keiner gern. Ohrfeige heißt man diese Handlung, Der Forscher nennt es Kraftverwandlung. Siebentes Kapitel Siebentes Kapitel Der Mond. Dies Wort so ahnungsreich, So treffend, weil es rund und weich – Wer wäre wohl so kaltbedächtig, So herzlos, hart und niederträchtig, Daß es ihm nicht, wenn er es liest, Sanftschauernd durch die Seele fließt? – Das Dörflein ruht im Mondenschimmer, Die Bauern schnarchen fest, wie immer. Es ruhn die Ochsen und die Stuten, Und nur der Wächter muß noch tuten, Weil ihn sein Amt dazu verpflichtet, Der Dichter aber schwärmt und dichtet. Was ist da drüben für ein Wink? Ist das nicht Rieke Mistelfink? Ja, wie es scheint, hat sie bereut Die rücksichtslose Sprödigkeit. Der Dichter fühlt sein Herz erweichen. Er folgt dem liebevollen Zeichen. Er drängt sich, nicht ganz ohne Qual, In ein beschränktes Stallokal. Mit einem Mäh! mit einem langen Sieht er sich unverhofft empfangen. Doch nur ein kurzes Meck begleitet Den Seitenstich, der Schmerz bereitet. Ein Stoß grad in die Magengegend Ist aber auch sehr schmerzerregend. Daß selbst ein Korb in solcher Lage Erwünscht erscheint, ist keine Frage. Bedeckung findet sich gar leicht; Es fragt sich nur, wie weit sie reicht. – Und grade kommt die Rieke hier, Der Krischan emsig hinter ihr; Sie mit vergnügtem Mienenspiel, Er mit dem langen Besenstiel. Er schiebt ihn durch des Korbes Henkel Und zwischen Bählamm seine Schenkel. Nachdem er sicher eingesackt, Wird er gelupft und aufgepackt. Er strampelt sehr, denn schwer im Sinn Liegt ihm die Frage: Ach, wohin? Ein Wasser, mondbeglänzt und kühl, Ist das erstrebte Reiseziel, Und angelangt bei diesem Punkt Wird fleißig auf und ab getunkt; Worauf, nachdem der Korb geleert, Das Liebespaar nach Hause kehrt. Achtes Kapitel Achtes Kapitel Es tut nicht gut, wenn man im Bad Und nur die Füße draußen hat. – Auch Bählamm hat's nicht wohlgetan. Es zog ihm in den Backenzahn. – Das Zahnweh, subjektiv genommen, Ist ohne Zweifel unwillkommen; Doch hat's die gute Eigenschaft, Daß sich dabei die Lebenskraft, Die man nach außen oft verschwendet, Auf einen Punkt nach innen wendet Und hier energisch konzentriert. Kaum wird der erste Stich verspürt, Kaum fühlt man das bekannte Bohren, Das Rucken, Zucken und Rumoren – Und aus ist's mit der Weltgeschichte, Vergessen sind die Kursberichte, Die Steuern und das Einmaleins. Kurz, jede Form gewohnten Seins, Die sonst real erscheint und wichtig, Wird plötzlich wesenlos und nichtig. Ja, selbst die alte Liebe rostet – Man weiß nicht, was die Butter kostet – Denn einzig in der engen Höhle Des Backenzahnes weilt die Seele, Und unter Toben und Gesaus Reift der Entschluß: Er muß heraus!! – Noch eh' der neue Tag erschien, War Bählamm auch so weit gediehn. Er steht und läutet äußerst schnelle An Doktor Schmurzel seiner Schelle. Der Doktor wird von diesem Lärme Emporgeschreckt aus seiner Wärme. Indessen kränkt ihn das nicht weiter; Ein Unglück stimmt ihn immer heiter. Er ruft: »Seid mir gegrüßt, mein Lieber! Lehnt Euch gefälligst hintenüber! Gleich kennen wir den Fall genauer!« (Der Finger schmeckt ein wenig sauer.) »Nun stützt das Haupt auf diese Lehne Und denkt derweil an alles Schöne! Holupp!! Wie ist es? Habt Ihr nichts gespürt? Ich glaub, es hat sich was gerührt! Da dies der Fall, so gratulier ich! Die Sache ist nicht weiter schwierig! Hol – – – upp!!!« Vergebens ist die Kraftentfaltung; Der Zahn verharrt in seiner Haltung. »Hab's mir gedacht!« sprach Doktor Schmurzel, »Das Hindernis liegt in der Wurzel. Ich bitte bloß um drei Mark zehn! Recht gute Nacht! Auf Wiedersehn!« Neuntes Kapitel Neuntes Kapitel Dem hohen lyrischen Poeten Ist tiefer Schmerz gewiß vonnöten; Doch schwerlich, ach, befördert je Das ganz gewöhnliche Wehweh, Wie Bählamm seines zum Exempel, Den Dichter in den Ruhmestempel. Die Backe schwillt. – Die Träne quillt. Ein Tuch umrahmt das Jammerbild. Verhaßt ist ihm die Ländlichkeit Mit Rieken ihrer Schändlichkeit, Mit Doktor Schmurzels Chirurgie, Mit Bäumen, Kräutern, Mensch und Vieh, Und schmerzlich dringend mahnt die Backe: Oh, kehre heim! Doch vorher packe! – Gern möcht er still von dannen scheiden, Gern jede Ovation vermeiden, Allein ihm bleibt bei seiner Fahrt Ein Lebewohl nicht ganz erspart. Meckmeck! so schallt's aus jener Ecke; Meckmeck! ruft einer durch die Hecke, Meckmeck! so schmettert's in der Näh, Und Riekens Ziege macht mähhäh! – Da wundert sich wohl mancher sehr, Wie's möglich sei, daß ein Malör So schleunige Verbreitung finde. Der Weise schweigt. Er kennt die Gründe. – Als Bählamm sein Coupé erreicht, Wird ihm verhältnismäßig leicht. 'ne Frau, 'n Kind und eine Tasche, Worin die Gummistöpselflasche, Sind unsers Reisenden Begleiter. Der Säugling zeigt sich äußerst heiter. Er strebt und webt mit Händ und Füßen, Er läßt sein Mäulchen überfließen; Er ist so süß, daß fast mit Recht Ein Junggesell ihn küssen möcht. O weh! Die Fröhlichkeit entweicht. Wohlmeinend wird ihm dargereicht Das Glas, woraus er sich ernährt; Er lehnt es ab; er ist empört; Und penetrant, gleich der Trompete, Klagt er in Tönen seine Nöte. – Die Mutter seufzt. Der Trank ist kalt. Wohl uns! Hier hat man Aufenthalt. »Ach!« – bat sie – »halten S' ihn mal eben, Ich muß ihm etwas Warmes geben!« Sie eilt hinaus ins Restaurant. Der Zug hält drei Minuten lang. Einsteigen! Fertig! Pfüt! – Und los, Mit seinem Säugling auf dem Schoß, Mit dicker Backe, wehem Zahn, Rollt er dahin per Eisenbahn Der Heimat zu und trifft um neun Präzise auf dem Bahnhof ein. – Der Säugling, des Gesanges müde, Ruht aus von seinem Klageliede, Umhüllt mit einer warmen Windel, Auf Bählamms Arm als stilles Bündel. Trotzdem hat Bählamm das Bestreben, Ihn möglichst baldig abzugeben. Der Schaffner, ohne Mitgefühl, Bedankt sich höflich, aber kühl. Desgleichen auch der Bahnverwalter; Desgleichen auch der Mann am Schalter. So muß er sich denn wohl bequemen, Sein Bündel mit nach Haus zu nehmen. »Der Papa kommt!« so rufen hier Die frohen Kinder alle vier. »Und« – sprach die Mutter – »gebt mal acht! Er hat was Schönes mitgebracht!« Jedoch bei näherer Belehrung Wie wenig schätzt sie die Bescherung. »Oh!« – ruft sie – »Aber Balduin!« Dann wird's ihr vor den Augen grün. Zum Glück in diesem Ungemach Kommt bald des Knaben Mutter nach. Zwar ist die Flasche kalt wie nie, Doch weil's pressiert, so nimmt er sie. – Der Abschied war nicht sehr beschwerlich, Was auch bei Bählamm sehr erklärlich; Denn gerne gibt man aus der Hand Den Säugling, der nicht stammverwandt. Schluß Schluß Sofort legt Bählamm sich zur Ruh. Die Hand der Gattin deckt ihn zu. Der Backe Schwulst verdünnert sich; Sanft naht der Schlaf, der Schmerz entwich, Und vor dem innern Seelenraum Erscheint ein lockend süßer Traum. – Ihm war als ob, ihm war als wie, So unaussprechlich wohl wie nie. – Hernieder durch das Dachgebälke, Auf rosenrotem Duftgewölke, Schwebt eine reizend wundersame In Weiß gehüllte Flügeldame, Die winkt und lächelt, wie zum Zeichen, Als sollt er ihr die Hände reichen; Und selbstverständlich wunderbar Erwächst auch ihm ein Flügelpaar; Und selig will er sich erheben, Um mit der Dame fortzuschweben. Doch ach! Wie schaudert er zusammen! Denn wie mit tausend Kilogrammen Hängt es sich plötzlich an die Glieder, Hemmt das entfaltete Gefieder Und hindert, daß er weiterfliege. Hohnlächelnd meckert eine Ziege. Die himmlische Gestalt verschwindet, Und nur das eine ist begründet, Frau Bählamm ruft, als er erwacht: »Heraus, mein Schatz! Es ist schon acht!« Um neune wandelt Bählamm so Wie ehedem auf sein Bureau. – So steht zum Schluß am rechten Platz Der unumstößlich wahre Satz: Die Schwierigkeit ist immer klein, Man muß nur nicht verhindert sein.