H ofzimmer der K lugen/ oder Unterricht/ wie sich eine Person/ so wohl bey Hof/ oder in andern Verrichtungen sich geschicklich verhalten soll. Aus den Frantzoͤischen uͤbersetzet durch G eorg M artzi. Franckfurth/ 1692 . Vorrede. Guͤnstiger L eser: E S haben sich von vielen Se- culis her unter den vernuͤnff- tigen erbahren Heyden iederzeit Leute ge- funden/ welche sich hoͤchlich angelegen seyn lassen/ wie sie in den B emuͤthern der Menschen die Tugend ein- pflantzen/ und hingegen die Laster Vorrede. Laster ausreuten moͤchten: Dannenhero sie ihren Lehr- S chuͤlern und Z uhoͤrern heilsame Regeln und Erin- nerungen vorgeschrieben/ wornach sie sich in ihrem Le- ben und Wandel zu richten haͤtten. Dann nur etlicher weniger anitzo zu gedencken/ welchem Gelehrten sind nicht die Buͤcher des hoch- weisen Philosophi Aristotelis von der S itten- L ehr be- kant/ in welchen derselbe so grund-richtig und hoch-ver- staͤndig von den Tugenden und Lastern geschrieben/ daß sich hoͤchlich zu verwundern/ wie ein Heyde und der kei- ne Vorrede. ne rechte Eꝛkaͤntniß des wah- ren GOttes gehabt/ aus dem Liecht der Natur so weit habe kommen koͤnnen. Was auch der Weltberuͤhm- te Roͤm. Redner Marcus Tullius Cicero in seinem Buche de Officiis, oder von der Gebuͤhr eines Tugend- hafften Mannes fuͤr treff- liche L ehren hinterlassen/ solches kan niemand/ als der in seinen Schrifften un- belesen ist/ unbewust seyn. Diesem hat des tyranni- schen und gottlosen Kaͤy- sers Neronis Præceptor, L. Annæus Seneca, ruͤhmlich nachgefolget/ wie seine ):( 3 nach- Vorrede. nachgelassene Schrifften hie- von ein unverwuͤrffliches Zeugnuͤß geben koͤnnen. Die- sen koͤnten noch mehr ande- re beygefuͤget werden/ wann man sich mit Anfuͤhrung derselben auffhalten wolte; Genug ist es/ daß iedermaͤn- niglich weiß/ daß bey diesen unsern Zeiten viel vortreff- liche Leute und sinnreiche Koͤpffe in derselben Fuß- stapffen getreten/ welche ihre klug-sinnige Gedancken hievon an des Tages-Liecht gebracht/ und in den offent- lichen Druck kommen lassen. P. Nierenberg, ein grund- gelehrter Mann/ welcher in Spa- Vorrede. Spanischer Sprache einen ausbuͤndigen Tractat, Klu- ger Betrachtungen/ Mora- lischen Gedancken/ und Po- litischer Grund-Regeln/ geschrieben/ ist nicht unbil- lig mit zu zehlen/ welchen ein auch gelehrter Frantzoͤsi- scher Jesuit/ P. d’ Obeihl, wuͤrdig geachtet/ wegen der darinnen begriffenen nuͤtz- lichen Lehr-Saͤtze/ deren sich ein ieder in seinem Stande bedienen kan/ in seine Mut- ter-Sprache zu uͤbersetzen? Welches mir dann auch Anlaß gegeben/ gemeltes Tractaͤtlein/ um gedachter Ursache willen/ gleichfalls in Vorrede. in unsere Teutschen Sprache uͤbersetzen zu lassen/ und in Druck zu befordern/ in ge- wisser Zuversicht/ der ge- neigte L eser werde sich sol- ches zu seinem Nutzen zu gebrauchen wissen. Kluge Kluge Betrachtungen. I. K Ein besserer Lehrmeister uns in der Klugheit zu unterweisen kan gefunden werden/ als die Erfahrung. Diese vortreff- liche Qualitaͤt kan ohne grosse Muͤhe erlanget werden/ wann man ihm das Ungluͤck anderer Leute vor Augen stel- let/ und aus ihrem Schaden klug wird. Das heist den Gebrauch aller Dinge recht wissen/ wann man sich der Gelegenheit recht bedienen kan. Sie entdeckt uns den Unterscheid zwischen einem weisen und un- weisen Mann. Der erste vermerckt die Gelegenheit von fernen/ und erwartet ihrer standhafftig/ damit er sie ergreiffen moͤge. Der andere siehet sie nur von hinden an/ wann sie schon voruͤber ist. II. Die groͤsseste Kunst der Klugheit bestehet nicht so wohl darinnen/ daß man auff das A Ge- Gegenwaͤrtige siehet/ als darin/ daß man das Zukuͤnfftige betrachtet. Man sagt von gewissen Leuten/ welche sich befleissen/ kuͤnff- tige Dinge zu verkuͤndigen/ daß sie so durch- sichtige Augen haben/ daß sie auch durch die Mauren und biß unter die Erde fehen koͤn- nen; Also ist es auch gewiß/ daß ein weiser Mann alles was in der Folge der Zeiten verdecket liegen kan/ mit dem Liecht seines Geistes entdeckt. Er verliehret das Ge- daͤchtnuͤß der vergangenen Dinge nimmer- mehr/ er nimt die gegenwaͤrtige Zeit wohl in acht/ und veꝛsorget sich ohne grosse Muͤhe auff die zukuͤnfftige. III. Derjenige/ welcher bald zu dem hoͤchsten Gipffel der Weißheit ohne Huͤlffe eines fremden Lehrmeisters gelangen will/ darff sich nur felbst allezeit am ersten anklagen/ und sorgfaͤltig erforschen/ ob er nicht auch solcher Fehler/ wie andere/ schuldig seye. Man wird in kurtzer Zeit seiner selbst Mei- ster/ wann man sich eines andern Fehler be- dienet/ als eines Spiegels/ darin man seine eigene ersehen kan. IV. Die Vernunfft soll alle unsere Actiones er- erklaͤren; Man muß nichts Gutes thun aus Zuneigung/ noch boͤses aus Begierden. Verordne niemahls eine Straffe/ wann du erzoͤrnet bist/ und denck nicht an die Be- lohnung/ wann du etwa mit Freuden uͤber- nommen bist. Nicht als wann man nicht mit Lust Gutes thun solte/ sondern weil es sich nicht geziemet/ daß die Freude und Lust die Wolthaten austheilen sollen. V. Sich nicht allzusehr auf das Gluͤck ver- lassen/ und die Klugheit allezeit zu Raht zie- hen/ ist ein gewisses Mittel in demjenigen/ welches man ihm vornimt/ wohl fortzukom- men. Es ist eine groͤssere Geschicklichkeit/ wann ein guter Raht schon seinen Zweck nicht erreichet/ als wann man sein Vorha- ben mit Verwegenheit ins Werck setzet. VI. Die Heimlichkeit ist nichts anders als der Schluͤssel der Klugheit. Derjenige/ welcher einer einigen Persohn seine Heim- lichkeit offenbahret/ darff sich nicht beklagen/ wann es die gantze Welt erfaͤhret. Wann du nicht wilt/ daß ein Ding vielen bewust seyn solle/ so entdecke es keinem Menschen. Man thut nicht wol/ daß man seinem Nach- A 2 barn barn trauet/ wann man sich selber verach- tet. VII. Durch Schweigen erlangt ein Narr/ daß man etwas auf ihn achtet/ und ein wei- ser Mann befestiget seine Reputation noch mehr dadurch. Man waget nichts/ und gewinnet offt viel/ wann man eingehalten ist mit Reden; aber es ist allezeit gefaͤhrlich viel zu reden/ und der ehrbarste Mensch macht sich durch einen grossen Fluß von Worten verschreyt. VIII. Man muß niemand etwas sagen/ dessen man nicht selber wol versichert ist; dann wann es etwas ist/ daß einen grossen Herꝛn betrifft/ so ist nicht zu zweiffeln/ daß dasje- nige/ so du in geheim gesagt/ bald offenbahr werde. Diejenige/ welche Profession machen den grossen und reichen Herren zu gefallen/ koͤnnen auch biß in anderer Leute Gedancken hinein sehen; also auch derjeni- ge/ dem du nur etwas von deinem Verdacht wirst gesagt haben/ wird vor eine Warheit ausgeben/ was du dir vielleicht noch nicht techt eingebildet hast. IX. IX. Es ist ein gluͤckseliger ja nuͤtzlicher Feh- ler/ wann man wohl von allerhand Leuten redet. Man hat nicht so grosse Ursache diejenigen Schmeichler zu nennen/ welche nicht nur die Grosse und Maͤchtige loben/ sondern auch von den Abwesenden und de- nen so in dem Elend und Bekuͤmmernuͤß seynd/ gutes reden. X. Man wird von jederman hoch gehalten/ wann man seine Zunge weißlich regieret/ und den Nutz/ den man darauß hat/ ist die- ser/ daß keiner uͤbel von demjenigen reden wird/ welcher von allen Leuten gutes sagt. XI. Es seynd etliche Leute/ welche durch Huͤlffe der Klugheit sehr vergnuͤgt zu seyn scheinen/ ob sie es schon nicht sind. Durch solches Kunststuͤck wollen sie derjenigen Gnade erlangen/ von denen sie dependi- ren, und loben alles dasjenige/ was diese Leute gern haben. In Summa/ man verliehret nichts dabey/ wann man bezeu- get/ daß man dasjenige hoch achtet/ was ei- nem andern gefaͤllt/ und es ist nicht so ge- faͤhrlich/ wann man sein Gut und seinen A 3 Hauß- Haußrath lobet/ als wann man Gutes von seiner Persohn saget/ wann er dessen nicht wuͤrdig ist. XII. Man klagt sich vor der Zeit an/ wann man allzusehr eylet ein Genuͤgen zu thun; es ist eine Thorheit/ wann man sich selber verdamt/ da noch kein Klaͤger ist; es ist Zeit zu antworten/ und seine Ursachen vorzu- bringen/ wann man gefragt wird/ und man etwas von uns wissen will. Wann du da- vor haͤltest/ daß die bevorstehende Klage von Wichtigkeit ist/ so erfodert die Klugheit/ daß du den Wuͤrckungen derselben zuvor kommest/ und die Persohn/ die sich be- schwert befindet/ durch ehrliche Entschuldi- gungen zu frieden stellest. Wann du aber versichert bist/ daß man keine Ursach zu kla- gen hat/ so dencke nicht an das verantwor- ten/ dann dadurch wuͤrdest du der Klag ein groͤssers Ansehen und Krafft geben. XIII. Es ist besser eine Unbilligkeit leiden/ als eine Schmeicheley mit Lust anhoͤren. Ja ich halte davor/ man koͤnne einen Mann nicht hoͤher beleidigen/ als wann man ihn betriegt/ und ihm des Verstands Urtheil be- neh- nehmen will. Stopffe den Schmeichlern/ die dich allzusehr loben/ und den Verlaͤum- dern/ die andern Leuten allzuviel uͤbels nach- reden/ die Ohren zu gleicher Zeit. XIV. Wann ein Maͤchtiger dir etwas ver- drießliches sagt/ so stelle dich nicht/ als wann du es empfindest/ sondern uͤberrede dich viel- mehr/ er habe dir einen Gefallen erwiesen/ und es sey eine Gnade/ die du von ihm em- pfangest. Es scheint/ daß die Worte die- ser Gattung Menschen ein Privilegium und absondere Freyheit haben/ als andere Leute. Also verhoffe nicht denselben deß- wegen zu Rede zu stellen. Ja ich wolte dir nicht rathen/ daß du es thun soltest/ wann du es auch schon koͤntest. So laß denn den- jenigen frey reden/ der dir eine Gnade er- weisen/ und dessen du dich in der Noth be- dienen kanst. XV. Nichts ist der wahren Klugheit also zu- wider/ als diese Staats-Grund-Regel/ welche will/ daß man denjenigen/ der uns Ubels gethan/ auch Ubels thun soll/ damit man den andern eine Furcht einjage/ und ihnen in der That erweise/ daß sie nicht bes- A 4 ser ser sollen gehalten werden/ wann sie uns an- greifsen. Es ist leichter durch Sanfftmuͤ- thigkeit Freunde zu erlangen/ als etliche der- selben durch die Furcht erhalten. XVI. Es ist sehr gefaͤhrlich/ wann man nicht vergeben will. Die Verzweiffelung macht/ daß man seltzame Sachen unterfangt. Wann ein Mensch dein unversoͤhnlicher Feind seyn muß/ und sein Haß gegen dir allezeit waͤhret/ so kan er dir grossen Scha- den thun/ und mit der Zeit viel Leute auff- wickeln/ ihm zur Rache gegen dir zu helffen. Es ist Rache/ wann man einen solchen Menschen sich veraͤndern siehet/ welchem die Passion die Sinnen benommen/ der nichts fuͤrchtet/ und der weder seine Freun- de anhoͤret/ noch seine Schuldigkeit in acht nimt. XVII. Du beklagest dich zur Unzeit wegen der Unbillichkeit/ so dir ein Mensch/ dem du ge- trauet hast/ zugefuͤget/ wann du gewiß/ daß er andern uͤbels gethan/ und sie betrogen. Nach solcher Erfahrung hast du nur allzu grosse Ursache ihm nicht zu trauen/ aber mache es also/ daß er es nicht vernehme. XVIII. XVIII. Schmeichle dir nicht selber/ daß man es auffrichtig meyne/ wann man etwas loͤb- liches von dir sagt/ es ist genug solches zu glauben/ wann man von den Worten zu der That kommet. Man findet viel Leute/ welche von einander uͤbels reden/ aber un- terdessen auch keinem nichts gutes thun. Man muß die Schmeicheley errathen koͤn- nen/ und aufs Zukuͤnfftige eine Probe thun/ und ihr nicht glauben/ als wann wir sehen/ daß sie eine Wuͤrckung hat. XIX. Es ist gefaͤhrlich einen Mann zu beleidi- gen/ der sich an einem erhabenen Ort befin- det/ und der einen grossen Vortheil uͤber dich hat: Jedoch ist es auch bißweilen ge- faͤhrlicher sich an seinen warhafften Freund zu reiben/ weil er davor haͤlt/ seine Reputa- tion werde dadurch geschmaͤlert/ wann man denjenigen angreifft/ dem er alle seine Gedancken vertrauet: Derowegen wird er sich mehr bemuͤhen/ diese Unbillichkeit zu raͤchen/ als wann man ihn an seiner eigenen Person angegriffen haͤtte. Ein großmuͤ- thiger Mann ist gemeiniglich zu frieden/ wann er siehet/ daß er verpflichtet ist/ seinen A 5 Freund Freund zu raͤchen/ so faͤllt es ihm schwer/ sei- nen Verdruß ein Maaß und Ziel zu setzen. Er kan wohl begreiffen/ daß es keinem gros- sen Gemuͤth anstehe/ sich selber zu raͤchen/ aber die Unbillichkeit/ so seinem Freund ge- schehen/ zu straffen/ findet allezeit seine Ehre verpflichtet. XX. Es kostet viel/ einen/ der in hohem Stan- de ist/ anzugreiffen. Alle Dienste und Un- terthaͤnigkeit/ die man ihm nachmals erwei- set/ sind bißweilen nicht genugsam das Ge- daͤchtnuͤß der zugefuͤgten Schmach auszu- loͤschen. Es ist kein Mensch/ der die Ehre nicht ansiehet/ als ein Ding/ so ihm von Rechtswegen gebuͤhret/ und der nicht vor der Verachtung ein Abscheu traͤgt. In Summa/ es ist gewiß/ daß es schwerer ist/ sich verachtet sehen/ als es Freude bringet/ wann man der hoͤchsten Ehre geniest. XXI. Die groͤste Geschicklichkeit des Lebens bestehet darinn/ daß man das Ubel/ so einem begegnet/ gedultig ertraͤgt. Die Gedult ist das staͤrckeste Fundament der Tugend/ und kan man nicht zu der warhafftigen Ho- heit gelangen/ als wann man ungewoͤnlich leidet. leidet. Es ist nicht so viel Muth von noͤh- ten/ einen erschrecklichen Feind anzugreif- fen/ als die Zuͤchtigung des Gluͤcks/ oder ei- nen andern verdrießlichen Unfall mit Ge- dult außzustehen. XXII. Diejenige/ welche ein billiches Urtheil zu fuͤhren wissen/ setzen den groͤsten Theil der Tapfferkeit darin/ daß man sich selber uͤber- winde. Die Koͤnige/ welche mit maͤchti- gen Armeen Schlachten erhalten/ Staͤdte einnehmen/ haben ihren Ruhm den Haupt- leuten und Soldaten/ die ihre Schuldig- keit wohl verrichtet haben/ zu dancken/ hin- gegen hat ein rechter Held/ der seine Pas- siones uͤberwunden/ diesen herrlichen Sieg nur seiner Tapfferkeit zu dancken. XXIII. Ein boßhafftiger Mensch kan einen ieden beschimpffen/ aber es stehet nur grossen Her- ren zu/ denselben zu verachten/ und sich nicht des geringsten Verdrusses mercken zu las- sen. Andern uͤbels thun/ ist das leichteste Ding/ aber dasselbe großmuͤthig leyden/ ist das allerschwereste auf der Welt. XXIV. Du giebst deinem Feind eine neue Krafft/ A 6 in in dem du dich uͤber ihn beklagest/ es kan ihm nichts bessers gefallen/ noch ihn hoch- muͤthiger machen/ als wann er siehet/ daß du das Unrecht/ so er dir thut/ nicht leyden kanst. Dardurch entdeckest du ihm seine Schwachheit/ und weisest ihm/ wordurch er dich auf ein andermahl angreiffen soll/ also/ daß eigentlich zu reden/ du selbst zu deinem Verdruß Anlaß giebest. Man hat seine Lust daran/ wann man eine solche Persohn siehet/ deren man gutes gethan aber diejeni- ge/ die man beleydiget hat/ siehet man nicht anderst an/ als mit Verachtung und Haß. XXV. Es ist gut/ wann man von allen Leuten geliebet wird/ aber einen Feind zu haben/ kan nicht anders/ als schaͤdlich seyn/ die recht ehrliche Leute sind der Gesellschafft und Conversation faͤhig; Aber gleich wie nichts rarers ist/ als ein getreuer Freund/ also rathe ich dir/ denselben mit grossem Fleiß zu suchẽ. Wann du einen solchen gefunden/ so ver- sichere dich/ daß dein Gluͤck nicht gering ist. Man gewinnet ihm Freunde durch das Leiden/ und durch die Freygebigkeit. XXVI. Nichts ist so gefaͤhrlich/ als ein boͤser Mensch/ Mensch/ der sich befleist/ seine Boßheit zu verbergen/ ob er sich aber schon verdeckt/ so wird doch die Zeit die Larve/ damit er sich bedeckt/ von seinem Angesicht hinweg tuhn. Die Erwartung hat ihren Platz nach der Vernunfft/ und mit einem geringen Ver- zug und Gedult kan man die Boßheit und Luͤste/ welche gegen dem Liecht der groͤssesten Geister/ undurchdringlich zu seyn scheinen/ entdecken. XXVII. Wann du etwas gutes von deinen Freunden zu sagen hast/ so rede es vor der gantzen Welt/ aber wann du davor haͤlst/ du seyest verpflichtet sie zu bestraffen/ so muß solches in geheim gesch e hen/ derjenige/ wel- cher zu der Unordnung und Suͤnde seines Freundes durch die Finger siehet/ oder/ der das Hertz nicht hat/ ihn davon abzuhalten/ machet sich eben desselben Lasters theilhaff- tig. Der Kaͤyser Domitianus, welcher schien/ als waͤre er umb keiner andern Ur- sach/ als Ubels zu thun/ in die Welt kom- men/ hat doch diesen Vernunfft-Spruch/ welcher der menschlichen Gesellschafft hoch- nuͤtzlich ist/ gegeben: Das Stillschweigen der frommen Leute macht den boͤsen Maͤu- A 7 lern lern ein Hertz/ und man vermehret ihre Un- sinnigkeit/ wann man sich nicht bekuͤmmert/ den Lauff ihrer Boßheit zu hemmen. XXVIII. Wir koͤnnen von dem Reichthum nicht urtheilen/ als nach dem boͤsen oder guten Gebrauch desselben. Das Geld ist ein Sclave/ wann man es recht anzuwenden weiß/ und es macht sich zum Herrn uͤber denjenigen/ welcher sich zu sehr an dasselbe bindet/ oder der sich dessen nicht bedienet/ wie er solte: du eroberst viel/ wann du demjenigen beyspringest/ die in Noth seynd. Ein barmhertziger Mensch gewinnet mehr/ wann er gutes thut/ als diejenigen/ denen er seine Wolthaten erweiset. XXIX. Wann es sich begibt/ daß man etwas von dir begehret/ so antworte bald darauff. Man ist nur halb betrogen/ wann man bey Zeiten eine abschlaͤgige Antwort bekomt. XXX. Eine abschlaͤgige Antwort ist denjenigen/ welche arm sind/ und kein Mittel haben ih- nen zu helffen/ ein empfindliches Ding; Aber kein Ubel ist schwerer zu ertragen/ als die Undanckbarkeit. XXXI. XXXI. Es ist ein Gleichnuͤß zwischen einem Frey- gebigen und einem Saͤmann. Dieser wirfft sein Korn auf gerath wohl/ der Wind fuͤhret es hinweg/ und zertheilet es/ wie es ihm gefaͤllt. Die Voͤgel fressen ein Theil/ welches also in Koth verwandelt wird/ aber das andere/ so tieff in die Erde kommet/ und eine Zeitlang als vergraben darinn geblieben/ wird dem Vauersmann wieder vor Gesicht kommen/ denselben freuen/ und mit Wucher auf seinen Spey- cher gesamlet werden. XXXII. Thue den Leuten gutes/ so viel dir moͤg- lich/ zu den Zeiten/ wañ dir das Gluͤck guͤn- stig ist/ du wirst es wieder finden zur Zeit der Widerwaͤrtigkeit. Derjenige/ dem du gutes thust/ indem er sich dessen nicht ver- siehet/ meynt/ er sey dir zweyfaͤltig verpflich- tet. Die gantze Welt ist demjenigen Danck schuldig/ welcher frommen Leuten gutes thut. XXXIII. Derjenige/ welcher niemand nichts giebt/ ist seines Erben Schatzmeister/ welcher nach dem Todt dieses Geitzigen die wahr- haff- hafftige Freude seiner Seelen unter ge- zwungenen Thraͤnen/ und einem Schein- Schmertzen verbergen wird. Der Geitz der alten Leute ist ein Wunder-Thier/ wel- ches in dieser Welt sehr gemein ist/ aber wann man eigentlich von dem Eyffer/ mit welchem die reichen Leute ihr Gut zu ver- mehren suchen/ reden wil/ so muß man sa- gen/ daß diese Begierde nichts anders ist/ als eine sehr reich-gezierte Armuth. XXXIV. Versage einem dasjenige nicht/ was du vielleicht zu deiner Zeit auch von ihm begeh- ren must/ und wann du klug bist/ so begehre nicht was du versagt hast. Laß demjeni- gen/ welcher Recht begehret/ Recht wie- derfahren/ und erweise denen ein Gefallen/ die du dessen vor wuͤrdig erachtest. XXXV. Es ist allezeit vortheilhafftiger zu geben/ als anzunehmen. Wann du andern gu- tes thust/ so verpflichtest du dieselbe zu dei- nem Nutzen/ und scheinet es/ als wann du dich zum Herrn uͤber sie machtest; Hergegen wann du etwas von ihnen empsaͤngest/ so wirst du auf einige Weise ihr Sclav. Ruͤh- me dich nicht/ wann du deinem Freunde gu- tes tes gethan hast/ du thust ihm eine Schmach an/ wann du davon redest. Uberlasse ihm die Sorge/ deine Großmuͤthigkeit zu offen- bahren/ du kanst kein herrlichers Zeugnuͤß seiner Erkaͤntnuͤß und Danckbarkeit be- gehren. XXXVI. Es ist kein grosser Unterscheid zwischen einem Undanckbahren und demjenigen/ welcher sich allzu oͤffentlich beklaget/ daß man ihm eine solche Wolthat/ die er ver- hofft/ abgeschlagen. Er thut unrecht/ daß er dasjenige eine Ungerechtigkeit nennet/ welches auffs hoͤchste nicht anders als ein Mangel der Freygebigkeit kan genennet werden; Ein Mensch/ der es also macht/ und nicht unterscheidet/ was sich von Rechtswegen gebuͤhret/ und was man aus Freygebigkeit gibt/ der bildet ihm niemahls ein/ daß man solches erkennen muͤsse. XXXVII. Man verpflichtet sich nicht offt zu geben/ wann man schon offt gibt; ja es scheinet vielmehr/ man habe desto groͤssers Recht zu versagen/ sonderlich/ wann man Undanck- bahren gutes gethan/ und also seine Wol- thaten verlohren hat; aber ausser Zweiffel ist ist es/ daß derjenige/ welcher immerdar em- pfaͤngt/ darum kein Recht hat/ allezeit zu fordern. XXXIIX. Die Undanckbarkeit ist ein sehr gemei- nes Ding. Es geschiehet selten/ daß die Erinnerung einer Wohlthat/ laͤnger als einen Tag/ waͤhret. Die Groͤsse einer Wohlthat wird leichtlich ausgeloͤscht/ durch die Groͤsse der Beleidigung/ und es sind die Menschen so verkehret/ daß sie ih- nen einbilden/ sie seyn nicht mehr schuldig an die Wolthaten zu gedencken/ wann man sie beleidiget hat. XXXIX. Lasse dich nicht verblenden durch die Gunst der Grossen/ und gruͤnde dich nicht allzusehr auff ihre Freundschafft. Man kan mit entlehnten Fluͤgeln nicht gar hoch fliegen. Es ist nichts unbestaͤndigers als das Gluͤck/ es stuͤrtzt offtmals diejenige/ welche es ihm vorgenommen zu erhoͤhen; aber wann schon dieses nicht geschicht/ so solt du doch vor gewiß wissen/ daß die Men- schen nicht eben allezeit diejenige Gedan- cken haben. XL. XL. Wann du in dem Schatten der Gluͤck- seeligkeit und der Erhoͤhung einer vorneh- men Persohn seyn wirst/ so bearbeite dich nicht selbst an deinem Untergang/ indem du andere suchest zu faͤllen/ sondern erinnere dich/ daß die Sonne alle Tage ihren Schein verliehren kan. Das ist eine Thorheit/ wann man eines einigen Freund seyn will/ damit man allen andern schaden moͤge. XLI. Wann du bey dem Fuͤrsten in Gnaden bist/ so wende dein Ansehen an/ dir so viel Leuthe/ als moͤglich ist/ zu verpflichten/ und bediene dich nicht der Gunst irgend einen/ er sey/ wer er wolle/ zu beleidigen. Befleisse dich/ dein Gluͤck also in acht zu nehmen/ daß alle deine Freunde verpflichtet seyn/ dasselbe anzusehen/ als ihr eigenes. In Summa/ gib allen Leuten Anlaß sich zu erfreuen/ daß du in solchen Gnaden bey demjenigen bist/ der alles kan. XLII. Sage nicht oͤffentlich/ daß du der Favo- tit seyest/ wann solches nicht allen Leuten bekant ist; sey eine zeitlang eingezogen/ und ge- geniesse deines Gluͤcks heimlich/ biß daß es offenbahr/ und Grossen und Kleinen kund werde/ darauf muß man es frey bekennen/ und sich nicht weigern vor diejenige zu bit- ten/ die dich deswegen ansprechen/ ob sie schon dasjenige/ so du vor sie suchest/ nicht erlangen. Dein guter Will allein wird sie vergnuͤgen/ und wann es sich begibt/ daß das Werck nicht nach ihren Wunsch aus- schlaͤgt/ so koͤnnen sie sich uͤber niemand be- klagen/ als an dem es allein gelegen ge- wesen. XLIII. Du befestigest ein Hauß gar uͤbel/ wann du es in allzu grosser Eyl uͤber sich fuͤhrest. Was in Eyl geschicht/ faͤllt leichtlich ein/ weil es nicht wohl unterstuͤtzet ist. Du must dir nicht einbilden/ dich auf einmahl zu er- hoͤhen/ ob du dich schon in grossen Gnaden befindest/ aus Furcht/ daß du wieder in ei- nem Augenblick moͤchtest gestuͤrtzet wer- den. XLIV. Setze deinem Gluͤck mittelmaͤßige Graͤn- tzen/ dieses ist der gluͤckseeligste Stand/ und der am meisten zu wuͤnschen ist/ man lebt viel ruhiger darinnen/ und ist weniger in Ge- Gefahr/ als in allen andern. Ein grosses Gluͤck fuͤhret tausend Sorgen mit sich/ und muß man alles darbey fuͤrchten. Allzu grosser Reichthum schlaͤgt den Menschen zu Boden/ und setzt ihn alle Augenblick in Gefahr. Der Donner schlaͤget viel eher einen hohen Thurn/ als die kleinen Hir- ten Haͤuser zu Boden/ die erste Kranckheit schlaͤget die staͤrckesten Leiber am meisten darnieder. XLV. Aus allen Passionen ist die Hoffnung diejenige/ so uns am uͤbelsten thun kan; ich verstehe dieselbe/ die nur auf Menschen- Gunst gegruͤndet ist/ sie betriegt uns gemei- niglich. Und nach dem sie gemacht/ daß diejenige/ welche sie anhoͤren/ hohe Gedan- cken gefast/ stuͤrtzet sie dieselbe in einen er- schrecklichen Abgrund des Ungluͤcks. XLVI. Traue einen furchtsamen und kleinmuͤ- thigen Menschen nicht/ er ist mehr zu foͤrch- ten als andere/ dann weil es ihm am Hertz mangelt/ und keinen Muth hat/ so nimt er seine Zuflucht zu der List und dem Betrug. Du wirst viel eher wider zwey offenbahre Feinde streiten koͤnnen/ als wider einen ver- borgenen. XLVII. XLVII. Die kleinmuͤthige und forchtsame Leute sind gemeiniglich schwach am Verstand/ sehr mißtrauisch/ leichtglaͤubig/ grausam und blutgierig. Die Furcht/ die ihnen ei- ne Gefahr vormahlet/ da keine ist/ beredet sie zugleich/ daß man derselben vorkommen muͤsse/ derowegen sind sie in einem immer- waͤhrenden Mißtrauen; und ob schon die Nachstellungen/ so sie foͤrchten/ nur lautere Einbildungen sind/ iedoch weil sie ihnen ein- bilden/ dem sey also/ so sehen sie den meisten Theil der Leute/ als ihre Feinde an/ ob man schon wenig an sie gedencket. Aus dieser Furcht entstehet der Haß/ und dieser erweckt die Rachgier/ die niemand aufhalten kan; ja sie fallen bißweilen in barbarische Exces, und muͤssen bißweilẽ die allerunschuldigsten herhalten: Es ist keine List/ so sie nicht an- wenden/ diejenigen/ welche sie meinen/ daß sie ihre Feinde sind/ umzubringen/ und sind so lang nicht versichert/ biß daß sie alles zu Grund gerichtet/ was ihnen eine Furcht verursachet hat: Also kan man von den Furchtsamen und Kleinmuͤthigen sagen/ sie seyn verschwenderisch/ weil sie die Ruhe und eingebildete Sicherheit so theuer kauffen. XLIIX. XLIIX. Darzu kan man setzen/ daß man einen solchen Menschen fuͤrchten soll/ welcher selb- sten befuͤrchtet in die aͤusserste Noth zu fal- len/ sintemahlen der Geitz ihnen nur laster- haffte und barbarische Gedancken eingibt. Die Verraͤtherey und der Meineyd/ samt der Kleinmuͤthigkeit ersetzet den Mangel der Tapfferkeit/ also daß ein Mensch/ der keine Großmuͤthigkeit in sich hat/ mehr zu fuͤrchten ist/ als derjenige/ der großmuͤthig ist. Aber von einem solchen/ der schier nichts mehr kan/ und dem sein Elend und Armuth erschrecklich faͤllt/ hat man schier nichts zu verhoffen/ als seltzame Grausamkeiten/ und gantz barbarische Anschlaͤge. XLIX. Man fuͤrchtet nichts/ wann man nichts verhofft. Es ist sehr schwer einen Men- schen/ welcher ohne Unterscheid alles fuͤrch- tet/ der bey der geringsten Begebenheit erblast/ und zittert/ zu heilen/ und wann er sich versaͤumet/ und sich wider solche falsche Lermen nicht bewaffnet/ und sich von der Schwaͤre/ welche an diese Gattung der Furcht gebunden/ unterdruͤcken laͤst/ so muß man schliessen/ daß das Ubel keine Huͤlffe mehr zulasse. L. L. Wann du betrachtetest/ daß du ein Mensch bist/ so waͤre dir dein Ungluͤck nicht so seltzam/ und wann du betrachtetest/ was an ern vor Ungluͤck widerfaͤhret/ so ver- sichere ich mich/ daß dasjenige dir leicht vor- kommen wird. LI. Greiffe die Sachen an dem besten Ort an; Viel Leute meynen/ sie seyn ungluͤck- seelig/ und sind es doch nicht anders/ als weil sie sich mit den Allergluͤckseeligsten ver- gleichen. Das Ungluͤck/ welches gemein ist/ wird zu einer Ursach des Trostes/ oder bekuͤmmert auffs wenigste so hoch nicht. Und die Erfahrung giebt uns genug zu ver- stehen/ daß ein mittelmaͤßiges Ungluͤck auff- hoͤret ein Ungluͤck zu seyn/ ja auch den Nah- men desselben nicht behaͤlt/ wann man ihm ein groͤssers entgegen setzet. LII. Es ist uͤbel gethan/ auf eines andern Acker zu jagen/ aber meines Beduͤnckens/ ist es viel ein groͤsserer Fehler/ wann man seine Velustigung und Vergnuͤgung nicht anderst als ausser ihm selber sucht. Das Hertz muß sich von seinem eigenen Reich- thum thum unterhalten/ nichts kan dasselbe mehr erfreuen/ als eine gute Disposition des Lei- bes und Geistes. Ein Mensch/ der sich wohl auf befindet und Hunger hat/ der vergnuͤgt sich mit den gemeinesten Speisen/ und be- findet sie vor gar gut. LIII. Die Nuͤchterkeit erwecket den Appetit/ und macht/ daß man die Speisen besser kostet. Ein lasterhaffte Lust hinterlaͤst lau- ter Bitterkeit und Sorgen/ da hergegen Ergetzlichkeit/ die der Tugend nicht zu wi- der ist/ weiß/ was vor eine Suͤßigkeit sie in dem Gemuͤth außgiesst/ welches dann lange von derselben versuͤsset bleibet. Die Aller- groͤsseste Muͤhe und Arbeit wird durch das Zeugnuͤß eines guten Gewissens gelindert und leicht gemacht. LIV. Ein Feind ist allezeit zu fuͤrchten/ wie ver- aͤchtlich er auch zu seyn scheinet. Es giebet keine Leute/ welche fertiger sind einen boͤsen Streich zu thun/ als diejenige/ die weder Ehr noch Muth haben. Es mangelt niemals an Ursachen/ wann man etwas abschlagen oder andern Ubels thun will. Eine verachte- te Gefahr kehret meistentheils bald wieder- um. B LV. LV. Es ist in der Gesellschafft ehrlicher Leute guter Nutz zu schaffen/ aber nichts ist so ge- faͤhrlich/ als mit boͤsen umzugehen. Auch diejenige Tugend/ welche am besten gegruͤn- det ist/ wancket in ihrer Gesellschafft/ auffs wenigste verliehret sie allen ihren Respect/ und hat grosse Muͤhe ihren Glantz zu er- halten. Ein guter Raht dienet sehr wohl/ das gute Exempel hat grosse Gewalt zu be- reden/ und wir sehen/ daß nur dieses von noͤthen ist/ auch den Allerkleinesten ein Hertz und tapffere Resolution einzupflantzen. Alles beydes findet man bey frommen Leu- ten. Ihr Exempel machet uns ein Hertz/ und ihr Bericht macht eine Ordnung in allen unsern Actionen. Von den Laster- hafften ist gerade das Widerspiel zu sagen. Ihr Raht stuͤrtzt diejenigen/ die ihnen sol- gen/ in grosses Ungluͤck/ und ihr Exempel macht/ daß auch die Allereingehaltenste aller Schamhafftigkeit absagen. Es be- gibt sich gewoͤnlich/ daß ein Tugendsamer unter den boͤsen Leuten schier uͤberdruͤßig wird/ fromm zu seyn. LVI. Die Dissimulation vergraͤbet viel Un- billig- billigkeit/ und haͤlt den Lauf vieler Schmaͤ- hungen auff/ welche man ohne dieselbe schwerlich vermeyden koͤnte. Man muß ihm nicht einbilden/ daß derjenige/ welcher uns aus Haß/ so er wider uns gefast/ belei- digt/ allein Ursache daran sey/ wir helffen auch darzu/ wann wir es nicht geduͤltig leiden. LVII. Die unschuldigste und zaͤrtlichste Rache ist diejenige/ wann man sich stellet/ als waͤre man nicht beleidiget worden; sintemahl der Verdruß und Mißsallen/ so unser Freund uns anthun wollen/ indem er uns einen Schimpff bewiesen/ auff ihn selber faͤllt/ und ihn hefftig plaget/ wann man sich dessen nicht annimmet/ wie er gemeynet; also daß er schier unsinnig wird/ wann er siehet/ daß seine Hoffnung vergebens/ und also die Straffe vor seinen boͤsen Willen selber traͤgt. LIIX. Man sol sich nicht zu sehr bekuͤmmern um den Ausgang der Sachen/ auch muß man keine grosse Bekuͤmmernuͤß spuͤren lassen/ wann sie uns nicht nach unserm Willen gehen. Wann dir einiges Ungluͤck wieder- B 2 faͤhret/ faͤhret/ so laß keinen allzu grossen Schmer- tzen deßwegen vermercken/ damit du deinen Feind nicht erfreuest. Hergegen wann die Sachen nach Lust außschlagen/ so maͤßi- ge deine Freude/ damit du den Ehrgeitzigen zu einem Exempel dienest. LIX. Man greifft ein Schloß an dem schwaͤ- chesten Theil an; es ist eine Thorheit/ wann man sich mercken laͤst/ wo unser Geist am schwaͤchesten und empfindlichsten ist; man wird uns bald an demselben Ort verwun- den. So mache es dann also/ daß man nicht wisse/ was dich am meisten an demsel- ben Ort trifft. LX. Man macht sich leichtlich zum Herrn uͤber eines andern Gedancken/ wann man sich seine Zuneigungen zu erforschen befleisset; das heist/ durch die Bresse drein dringen/ wann man sich dieses unschuldigen Kunst- stuͤcks bedienet/ damit man Theil an seiner Gunst bekommet. Es ist nicht so leicht/ wie man meinet/ den Leuten zu gefallen/ man muß Gluͤck und Geschicklichkeit haben/ wañ man wohl damit wil zu recht kommen/ son- derlich/ wann man sich keiner Schmeiche- ley bedienen will. LXI. LXI. Sey langsam und betraͤchtlich in Unter- fangung eines Wercks/ und hurtig in Vollfuͤhrung desselben. Einen Krieg in kurtzer Zeit gluͤcklich zu enden/ muß man auf viel Sachen acht haben; Das Werck ist schon halb vollendet/ wann man es wol bedacht hat/ ehe man es angefangen. LXII. Das ist thoͤricht gethan/ wann man sich in Gefahr setzt/ seine Reputation zu verlieh- ren/ indem man sie allzuhart beschuͤtzen will; dieses geschicht gemeiniglich demjenigen/ welcher dieselbe zu erhalten viele Worte ge- brauchet/ dann wann es die Passion ist/ welche ihn darzu bewegt/ so wird er die Graͤntzen uͤberschreiten/ und einen Exces begehen/ ob er schon recht hat/ also/ daß er ihm mehr unrecht wird thun/ indem er seine Reputation auf solche Weise beschuͤtzet/ als sein Feind ihm haͤtte thun koͤnnen/ in- dem er sich beflissen/ ihm dieselbe zu schmaͤh- lern. LXIII. Der Neid verderbt das Gluͤck/ wie der Wurm das Holtz zernagt und zerbeist. Nicht als wann es nicht allezeit besser waͤre B 3 der der geneldete/ als der Neider zu seyn; die- ser kan die Schande/ die solchem Laster auff dem Fuß nachfolget/ nicht entgehen/ jener aber befindet sich in einer ehrlichen Gefahr/ und dabey ein Ruhm zu erlangen ist. LXIV. Ein Mensch kan keinen erschrecklichern Feind haben/ als einen andern; Und wann der Neid sein Gifft in das Hertz dieses Fein- des hat fliessen lassen/ so ist kein Gegen-Gifft starck genug/ daß es dessen Wuͤrckung ver- hindern koͤnne. Diejenige Eiffersucht ver- ursachet vielmehr Unordnungen/ und brin- get groͤssere Feindschafft hervor/ als alle Unbillichkeit/ so man von den aller-unver- soͤhnlichsten Feinden empfangen kan. Der Neid findet sich niemals in der genauen Maaß/ welche wir die Mittel-Maaß nen- nen; er ist allezeit gar schaͤdlich/ außgenom- men/ wann er wider die Tugend streitet/ dann alsdann ist er gar nuͤtzlich. LXV. Man muß demjenigen/ was ein passio- nir ter Mensch sagt/ nicht leichtlich Glauben stellen; derjenige von welchem man weiß/ daß er warhafftig unpartheyisch ist/ ist wol wehrt daß man ihm glaube/ aber dem Nei- der muß man nicht glauben. LXVI. LXVI. Ein unerlaubter Gewinn/ und der nicht durch rechte Wege gesucht wird/ verursa- chet vielmehr Schaden als wuͤrcklichen Verlust/ auff was Weise er auch geschicht; um des Verlusts willen wird man nur ein- mahl recht bekuͤmmert/ aber die Gedaͤcht- nuͤß des Schadens wird nicht aus dem Ge- muͤth geleschet/ und ist ein immerwaͤhrende Quelle des Unlusts. LXVII. Halte dasjenige nimmermehr vor einen Gewinn/ was dich reicher macht/ sondern nur dasjenige/ welches dir eine Reputation bringet. Diese zu vermehren/ muß man groͤssere Sorge tragen/ als die Guͤter zu haͤuffen. Ein Mensch/ der mit Verlust seiner Ehre reich wird/ verliehret mehr/ als man meynet. Eine schoͤne Reputation ist ein grosses Erbgut. LXIIX. Es ist keine Sicherheit in der Welt. Der Boͤse fuͤrchtet sich vor der Schaͤrffe der Gesetze/ ein frommer Mann hat sich billich vor dem Spiel und Unbestaͤndigkeit des Gluͤcks zu befuͤrchten. Man ist allezeit besser versichert/ wann man lange Zeit auff B 4 das- dasjenige/ was man thun soll/ bedacht ge- wesen ist. LXIX. Man reist sich viel geschwinder und leichter aus den Gefahren/ denen man hier- unden unterworffen ist durch weisen Raht/ als durch grosse Macht. Es ist ein groͤs- sers Ubel/ wann man nicht wol zu leben weiß/ als wann man gar nicht leben kan. Es ist schwerer/ das Gluͤck zu hemmen/ als dasselbe anzutreffen. LXX. Halt dein Wort/ und leiste alles/ was du versprochen hast/ mit guter Treue; Ein Mann hat nichts mehr zu verliehren/ wann er seinen Credit verlohren/ und man ihm nicht mehr trauet. Es giebet Leute/ die also gewohnet sind zum Schweren/ daß man ihnen kaum glaubet/ auch wann sie schon die Warheit reden. Derjenige/ welcher keinen Lust hat die Warheit anzu- hoͤren/ sagt dieselbe auch nicht gern. Die Schmelcheley ist ein sehr gefaͤhrliches Ubel/ aber sie behaͤlt doch allezeit ihren Lauff. LXXI. Alles und gar nichts glauben/ sind zwey Extremitä ten/ vor denen man sich huͤten muß; muß; das erste ist eine allzu grosse Gut- willigkeit/ aber in dem andern ist mehr Si- cherheit. LXXII. Es ist klar/ daß ein Mensch die War- heit nicht sonderlich liebt/ wann er selber thut/ was er an einem andern tadelt. Es heist schier auf eben solche Manier betrie- gen/ wann man nicht thut/ was man sagt/ aber das heist/ sich selbst betriegen/ wann man nicht redet/ wie man es meynt. LXXIII. Was uͤbels dir auch einer gethan hat/ so solt du ihn doch nimmermehr verachten/ noch hassen/ das ist thoͤricht gethan/ daß man suͤndigen will aus dem Haß gegen dem Suͤnder. Du wirst vor einen unverstaͤn- digen Menschen gehalten werden/ wann du deine Unschuld nicht wilt erhalten/ dar- um/ daß sie einander verlohren hat. Man muß nicht eine Suͤnde mit der andern straffen. LXXIV. Wann du kein frommer Mann bist/ so sey doch auffs wenigste gegen denjenigen leutseelig/ die dir gleich sind; Wann du aufgehoͤret hast boͤß zu seyn/ so verdamme B 5 die- diejenigen/ die noch so boͤß sind/ nicht so ge- schwinde/ sondern gib ihnen ein wenig Zeit/ daß sie sich moͤgen kennen lernen, LXXV. Wann man sich in dem Urtheil uͤberey- let/ so bleibt die Reue nicht lang auß. Gleich wie es schier unmuͤglich ist/ eine Person/ die man nur im voruͤbergang gesehen recht zu beschreiben/ so koͤnnen wir auch nicht recht von einem solchen Ding/ welches wir nur aussen her betrachtet haben/ urtheilen. LXXVI. Lebe mit allen Leuten friedlich/ streite allezeit wider die Laster/ und bleibe mit dir selbst allezeit einig. Dahin zu gelangen/ so darffst du nur deine Wort und Gedancken/ deinen Willen und deine Wercke mitein- ander uͤbereinstimmen lassen. LXXVII. Weil es unmoͤglich ist/ daß die Sachen allezeit so anschlagen/ wie wir gern wolten/ so muß unsere Zuneigung mit dem Aus- gang/ er sey wie er wolle/ uͤbereinstimmen. Man spahret ihm viel Muͤhe und Arbeit/ wann man seine Begierde recht im Zaum haͤlt. Es ist thoͤricht gethan/ wann man all- zu eyfferig begehret/ was man noch nicht in in seiner Gewalt hat/ oder was noch weit entfernet ist/ und das Gegenwaͤrtige/ das man in der Hand hat/ versaͤumet. LXXIIX. Sich in die Zeit richten/ ist eine sehr schoͤ- ne Wissenschafft/ die auch einem Koͤnige nicht uͤbel anstehet. Ich halte dich vor ei- nen der allerungluͤckseligsten Sclaven/ wann du gezwungen/ und nicht aus Zunei- gung dienest/ hergegen wann du von Her- tzen und mit Freuden dienest/ so erhebest du deine Dienstbarkeit auf eine edele Weise. LXXIX. Man muß sein Gewissen mehr fuͤrchten/ als das gemeine Geschwaͤtz/ das Gluͤck der Allerseligsten bestehet in einem reinen und unschuldigen Leben. Es ist kein schoͤners Lob/ als wann man Lob wuͤrdig ist/ es ist nichts/ wann man scheinet etwas zu seyn/ daß man nicht ist: Aber es ist bevorab dar- an gelegen/ daß man warhafftig derjenige sey/ der man seyn soll. Was soll es dir dienen/ wann du tausenderley Lob von an- dern empfaͤngest/ und dein eigen Gewissen dir erweiset/ daß du dessen nicht werth bist. LXXX. Die praͤchtige Verheissungen sind mir B 6 sehr sehr verdaͤchtig; es ist glaͤublich/ daß derje- nige/ der sie thut/ anderer Leute spotten will/ oder daß er sich zur Unzeit verpflichtet. Die raren Dinge sollen vielmehr gegeben/ als versprochen werden. Thue grosse Dinge/ aber verspreche sie nicht. LXXXI. Man gibt zweyfaͤltig/ wann man ge- schwind gibt. Der Wille ist das koͤstlich- ste an allen Geschencken/ und laͤst sich der- selbe am meisten sehen/ wann man eylet das- jenige anzubieten/ was man in seinem Ver- moͤgen hat. Die guten Dienste muͤssen die Unbillichkeiten uͤbertreffen/ und die Dancksagung muß allezeit groͤsser seyn/ als die Wolthaten. LXXXII. Es ist ein Gluͤck/ wann man kan bestraf- fet werden/ da man fehlet/ die Gluͤckselig- sten in der Welt haben solches nicht/ und Socrates sagt vor gewiß/ daß an der Koͤni- ge Hoͤfe keiner gefunden werde. Die Leute von mittelmaͤßigem Zustande geniessen der Lebens-Luͤste nicht so sehr/ wie dieselbe/ und bekuͤmmern sich nicht viel umb die Wollust/ wann sie zu leben haben; aber sie haben auch diesen Vortheil/ daß man sie ohne Furcht erin- erinnert/ wann sie nicht thun was sie thun sollen; uͤber das/ so dienen ihnen die Gesetze an statt eines Zaums. Die Fuͤrsten sind die- ses Guts beraubt/ dañ sie halten nur mit et- lichen wenigen Gemeinschafft/ und diese Personẽ besleissen sich nur ihnen zugefallen. LXXXIII. Derjenige/ welcher gesetzet ist uͤber andere zu herschen/ soll die Sanfftmuͤthigkeit eines Vaters an sich haben/ und nicht die Stren- ge eines Herrn. Es ist keine Herrschafft an- nehmlich/ die unter derselbigen wohnen be- finden sich allezeit beschwer- und verdrieß- lich; derowegen muß man sie besaͤnfftigen/ so viel es moͤglich ist/ und nichts thun oder befehlen/ daß nicht einige Guͤte in sich hat. LXXXIV. Hoͤre jederman an/ und thue hernach/ was dich wird duͤncken am besten zu seyn. Belade denjenigen niemals mit der Voll- fuͤhrung deines Anschlags/ der in denselbi- gen nicht hat willigen wollen. Es ist schaͤnd- lich/ in einem Dinge zweymahl fehlen/ sin- temahl man siehet/ daß auch die Thiere sich bey dem ersten aufhalten/ und Achtung ge- ben/ daß sie nicht zweymahl fallen. B 7 LXXXV. LXXXV. Halte denjenigen Rath/ der mit deinen Begierden uͤbereinkoͤmt/ vor verdaͤchtig/ und fuͤrchte dich vor desselben Ausgang. Du wirst vor einen unweisen Mann gehal- ten werden/ wann du dasjenige/ was du uͤbel angefangen hast/ fortsetzest/ und man wird Ursache haben/ dich verstaͤndig zu schelten/ wann du von deinem Vorhaben ablaͤssest. LXXXVI. Der sicherste Raht ist allezeit der beste/ und der leichteste ist der annehmlichste/ der nuͤtzlichste der dieses alles beysammen hat. Asclepiades hatte Ursache solches zu sagen/ wie Celsus vorbringt/ daß der allergeschick- lichste Medicus seinen Krancken sicher und anmuthig und in kurtzer Zeit gesund macht. LXXXVII. Sey nicht allzu sehr an deine Meynung gebunden; wann du dieselbe halstarrig be- hauptest/ so werden dich der meiste Theil der Leute in dem Irrthum lassen/ und dich nicht duͤrffen bestraffen/ damit sie sich nach deinem Kopff richten/ und dich nicht er- zoͤrnen. LXXXIIX. LXXXIIX. Solon, der beruͤhmte Gesetzgeber/ will nicht dulden/ daß man in der Spaltung ei- ner Herrschafft neutral bleiben soll; Un- terdessen wann zwey vornehme Maͤnner miteinander im Streit liegen/ so duͤncket mich/ es sey nicht gar sicher/ sich auff des ei- nen oder andern Seite zu begeben. Dann wann sich diese zwey miteinander versoͤh- nen/ wie gemeiniglich geschiehet/ fo geraͤht man in eine grosse Verwirrung und Noth. Dann der eine wird des erwiesenen Dien- stes vergessen/ und der andere hergegen den Schimpff/ den er vermeynt/ daß du ihm ge- than habest/ in reiffer Gedaͤchtnuͤß behal- ten. Jedoch ist in acht zu nehmen/ daß sich diejenige/ welche sich in der Uneinigkeit ei- ner Republic auf keine Seite begeben/ den Flaͤdermaͤusen gleich seyn/ welche die Voͤ- gel und die Maͤuse verfolgen; Diese Leute sind in grosser Gefahr/ weil sie nichts haben duͤrffen wagen. Nicht als wann es nicht grosse Gefahr waͤre/ sich aus der Gefahr loß machen wollen. Die Bekuͤmmerniß eines frommen Mannes ist ein Ubel/ wel- ches mit dem Gluͤck vergesellet ist. Was vor eine Gunst man von der Fortun em- pfaͤngt/ pfaͤngt/ so unterlaͤst man doch nicht/ dar- uͤber zu klagen. LXXXIX. Die Grausamkeit leistet der Unehrbar- keit gerne Gesellschafft/ und kan man von demjenigen sagen/ der sich in die Wolluͤste sencket/ daß er ein Selav seiner Begier- den sey/ daß er wie ein Vieh lebet/ und schier nichts von einem Menschen an sich habe. XC. Man kan die Sauberkeit und Pracht der Kleider nicht besser beschreiben/ als wañ man sie eine Unterschrifft der Leichtsinnig- keit und des Stoltzes nennet. Das heist gar wenig Verstands Urtheil haben/ wann man grosse Unkosten anwendet/ vor einen stoltzen und ehrgeitzigen Menschen gehal- ten zu werden/ und sich zu einem Bettler zu machen/ damit man vor reich angesehen werde. XCI. Der Ehrgeitz ist zweyen grossen Kranck- heiten unterworffen/ er ist allezeit sehr ver- hasset/ und hat gemeiniglich einen sehr lei- digen Ausgang. Man siehet selten/ daß es einen Mann wohl abgehet/ der die Ver- wegenheit an sich hat/ daß er sich uͤber seinen Herrn erheben will. XCII. XCII. Die rare Sachen bringen denjenigen/ die sie besitzen/ keinen Nutzen/ und es ist sehr schwer dasjenige/ was der Welt gefaͤllt/ lange zu behalten. XCIII. Man muß den Untergang und die Zer- stoͤrung eines Reichs nicht so wohl den La- stern zuschreiben/ als denjenigen/ welche dieselbe nicht straffen. Man hat nichts als eine erschreckliche Verwirrung aller Sachen zu gewarten/ wann es erlaubet ist alles zu thun/ und die Gerechtigkeit verach- tet ist. In Summa/ das Ubel ist unheil- sam/ wann die Richter und die Obrigkeit/ an statt die Schuldigen hefftig zu straffen/ sich selber derselben Laster theilhafftig ma- chen. XCIV. Es ist eine geringere Gefahr allzu streng zu seyn/ als allzu sehr uͤbersehen/ und ein hart und strenges Verfahren ist einer Herr- schafft nicht so schaͤdlich/ als wann das Volck seinen Willen hat/ und in alle Uppig- keit faͤllt. Wann die Richter nachlaͤßig sind/ die Laster zu straffen/ so wird GOtt unfehlbarlich seinen Arm aufheben/ und zu- gleich gleich die Richter/ samt dem Volck zugleich straffen. Man thut den frommen Leuten groß Unrecht/ wann man die Schuldigen verschonet. Nichts nahet sich so sehr zur Vollkommenheit der Gerechtigkeit/ als die Strengheit. XCV. Sich allen Gesetzen unterwerffen/ und diejenige Gesetze/ die GOtt gegeben hat/ in acht zu nehmen/ ist die allerstaͤrckeste Prote- ction einer Monarchie/ und die beste Vor- hut/ welche die Voͤlcker zu ihrer Sicher- heit haben koͤnnen. Die Verachtung der Richter und derjenigen/ welche regieren/ ist der Republic allezeit fatal; wann man die Ehrerbietung gegen dieselben verlie- ret/ so bekuͤmmert man sich nicht umb die Gesetze. XCVI. Wann man in einer Herschafft nur die Allerreichsten zu Aemptern befodert/ und diejenige/ so das meiste anerbieten/ so kan sie nicht lange bestehen. Solche Leute werden sich nicht bedencken/ dieselbe uͤbern hauffen zu werffen. Wann man mit den Aemptern einen Handel treibet/ so werden die Leute/ die derselben werth sind/ meistentheils auß- ge- geschlossen/ und werden nur die Reichen dar- an Theil haben/ also daß man/ Geld zu er- langen/ tausenderley Gattungen der Unge- rechtigkeit begehet/ und wann man sich her- nach in dieser Gefaͤhrlichen Wissenschafft vollkommen gemacht/ und die Macht in der Hand hat/ wird man alle Schuldigkeit der Gerechtigkeit verachten. XCVII. Das gemeine Volck weiß von keiner Mittelmaaß/ es gehet allezeit auff die zwey Extremit aͤten loß: Wann es ein Ding ver- achtet/ so setzet es dasselbe viel niedrieger/ als es billich ist; wann es aber dasselbe lobt/ so erhoͤhet es solches unertraͤglich. XCIIX. Ob schon nichts so wanckelbar ist/ als die Affection des Volcks/ so muß man doch be- kennen/ daß nichts so maͤchtig ist/ dann man siehet alle Tage/ daß die groͤste Anzahl die O- berhand behaͤlt/ und/ die rechte Warheit zu sagen/ der meiste Theil Menschẽ wendet sich auf dieselbe Seite. Es ist rar/ daß man einen findet/ der der Vernunfft Gehoͤr gibt/ wañ schier die gantze Welt dieselbe verachtet. Wer kan der Menge widerstehen? Es ist ein Bach/ welcher/ wann er sich ergeust/ alles was was er antrifft/ mit sich ziehet. Wann das Volck ohne Passion handelt/ so kan man sa- gen/ seine Stimme sey Gottes Stimme; wann aber die Passion handelt/ so ist es eine Stimme des Satans. Es gibt deren we- nig/ welche die Passion nicht bißweilen aus- serhalb der Vernunft fuͤhret; aber es ist noch viel seltzamer einen solchen Mann zu finden/ dessen Actionen wol uͤbereinstimmen/ und keinen Fehltritt thut. Morali sche Gedancken. I. W Ir sind zu dem Ende geschaffen worden/ daß wir solten gluͤckselig seyn; Unterdessen sind wir un- gluͤckselig/ daß wir unser Gluͤck nicht erken- nen/ oder wann wir es erkennen/ so achten wir dasselbe nicht hoch genug. Wie soll ein Mensch den guten Weg erwehlen/ wann er den Ort nicht weiß/ dahin er gehen soll? Die Gluͤckseligkeit ist ein Gut/ welches unser ei- gen ist/ und diejenige betriegen sich/ welche dieselbe ansehen/ als ein fremb des Ding/ dar- daran sie kein Recht haben. Es gibt Leute/ welche sehr unordentlich leben/ dann ob sie schon alles in ihrem Hause haben/ was ihnen von noͤhten ist/ wohl und gluͤckseelig in dieser Welt zu leben/ so betrachten sie es doch nicht/ und suchen an entfernten Orten und mit unglaublicher Muͤhe/ was sie bey ihnen haben. II. Man soll keinen Unterscheid machen zwischen den vollkommenen und rechten Gluͤck/ und zwischen der Tugend: jedoch/ wann jemand erstlich behaupten wolte/ daß es nicht ein Ding sey/ so koͤnte er doch nicht laͤugnen/ daß eines ohne das andere beste- hen kan/ er muß auffs wenigste gestehen/ daß die Tugend gleichsam das Instrument zu Gluͤckseligkeit ist/ deren die Menschen in die- sem sterblichen Leib geniesen koͤnnen. Man kan nicht laͤugnen/ daß die Gluͤckseelichkeit nicht ein grosses Gut sey. Was ist nun fuͤr ein groͤsserer Reichthumb als die Tugend! Wann es billig und vernuͤnfftig ist/ die Sachen/ welche jederman vor gut und gluͤcklich achtet/ zu begehren/ so wird es ja auch billich seyn/ daß man tapffer arbeite/ ein rechtschaffener Mann zu werden. III. Die III. Die Tugend ist so vortreff- und koͤstlich an ihr selber/ daß sie keinen andern Vortheil wil/ als denjenigen/ der sie besitzt. Sie hat etwas an sich/ daß ihr ihre Muͤhe und Arbeit selbsten bezahlet; Die wuͤrdigste und hoͤchste Belohnung einer schoͤnen That/ ist der Ruhm/ daß man dieselbe gethan hat. Die Guͤtigkeit hat eine solche liebreiche Anzie- hung/ daß auch die Allerlasterhaffteste nicht unterlassen koͤnnen/ dieselbe zu lieben. In Summa/ wir sehen/ daß sie in ihrer groͤsten Verwirrung ihr Bildnuͤß anbeten/ ob sie schon faͤlschlich damit handeln/ dann sie su- chen nur darauß/ was sie vor sich am besten duͤncket. IV. Das Gute hat allezeit diesen Vortheil/ daß es nichts von seiner Guͤte verlieret/ weil es vor sich selbst gemacht ist. Hergegen ver- aͤndert das Ubel seine Natur nicht/ ob man es schon ein groͤsseres Gut zu erlangen thut/ und es behaͤlt seine Boßheit/ ob man dem- selben schon nachtrachtet/ als einem guten und vortheilhafftigen Ding. V. Es ist nich schwer/ der Tugend nachzuaͤf- fen/ fen/ das Laster lehnet gemeiniglich derselben Nahmen und Gestalt- In Summa/ nicht die Action, sondern die Intention macht ei- nen Unterscheid zwischen ihnen. VI. Man kan nicht laͤugnen/ daß die Tugend eine sonderbahre Hoheit in sich beschliest/ sin- temahl sie es/ eigentlich davon zu reden/ ist/ welche die grosse Leute macht; Und Zeno hat recht gesagt/ daß ein Mensch/ welcher hoch und erhaben in der Welt ist/ deßwegen nicht alsobald tugendhafft wird/ aber so bald er die Tugend hat/ so ist er warhafftig groß. Es mag geschehen/ was will/ so muß doch die Fortun allezeit der Tugend weichen. Man hoͤret nicht auffzuleben/ wann man in der Beschuͤtzung der Tugend stirbt. VII. Die Tugend erhebet einen Menschen sehr uͤber sich selbst/ das Laster schluckt ihn ein/ und macht ihn weniger als zu einem Menschen. Nicht nur die geziemende Wohlstaͤndigkeit/ sondern auch die Noth- wendigkeit verpflichtet uns/ die Tugend zu lieben/ wann wir den Vortheil/ den uns die Natur gegeben/ in acht zu nehmen begehrẽ. Derjenige/ so sich mit der Vernunfft von die- diesem wunderbahren Liecht entfernet/ ist nicht nur unvernuͤnfftig/ sondern er wirfft sich auch unter den Standt der unvernuͤnff- tigen Thiere. VIII. Nenne nichts gut/ als dasjenige/ welches die Leute gut und Tugendhafft machen kan. Wann jederman sich beslisse/ dir die groͤsseste Ehre zu erweisen/ wann du allen Reichthum der Welt besaͤssest/ wann die Gesundheit vollkommen und unveraͤnderlich waͤre/ so koͤnte man doch nimmermehr sagen/ daß du gut und fromm seyst/ dann du die Tugend nicht in der That hast. Es ist wenig daran gelegen/ daß du Mangel an andeꝛn Sachen habest/ wofern du nur die Tugend hast; man kan dich der Qvalitaͤt eines rechtschaffenen Mannes nicht berauben/ und dieses ist die edelste und vortreflichste unter allen/ die man in dieser Welt besitzen kan. IX. Es ist nichts als Betrug in dem Reich- thum/ die Ehre verschwindet/ das Gluͤck stuͤrtzet gemeiniglich diejenige/ welche es am meisten geliebet: Derowegen so siehe dann dasjenige/ was dir so uͤbel bekommen/ und dich zu keinem bessern Mann machen kan/ kan/ nicht an/ als ein gutes Ding. Die Tu- gend schadet keinem Menschen/ sondern sie ist allen nuͤtzlich/ und ob sie schon allein ist/ so ist sie doch besser/ als alles andere zugleich. X. Die Kluͤgsten unter den Weltweisen ha- ben davor gehalten/ sie koͤnten das Gute nicht besser beschreiben/ als wann sie sagen/ es sey eine reine Qvelle/ darauß die Men- schen tausenderley Nutzen schoͤpffen. Auch ist es/ damit ich auch etwas hinzu setze/ ein koͤstlicher Canal/ welcher die Tugend zu ei- ner Qvelle hat/ und dieselbe biß zu uns fuͤh- ret. Ohn dieselbe kan keiner hier gluͤcklich seyn/ und diese ist es auch/ die uns nach un- serm Tode gluͤckselig macht: Sie ist nicht nur der Seelen nuͤtzlich/ sondern sie dienet auch dem Leibe sehr/ und man findet sich bey- des in diesem und jenem Leben wol dabey. XI. Entferne dich gaͤntzlich von dem Laster/ und folge den schwachmuͤhtigen Leuten nicht/ welche sagen/ das ist alles was ich thun kan/ und meine Kraͤffte erlauben mir nicht/ weiter zu gehen. Das ist eben so viel/ als sagte man/ ich kan zwar/ aber ich will die Tugend nicht erlangen/ und als prote- C stirte stirte man/ wie gemeiniglich geschicht/ ich wolte gern/ aber es ist nicht in meinem Ver- moͤgen/ dieser Unordnung zu entgehen/ noch mich solches Lasters zu entschlagen. XII. Die Erde ist so weit vom Himmel entfer- net/ als der Himmel von der Erden/ es ist ei- ne gleiche Weite von einem szum andern/ und man kan keine Ungleichheit vermercken/ als zwischen der Tugend und den Lastern. In Warheit/ es ist ein kuͤrtzerer Weg von der Tugend zu dem Laster/ als von dem La- ster zu der Tugend. XIII. Weil die Tugend die edelste und vor- theilhafftigste unter allen Qualitaͤten ist/ so kan sie billich den ehrl chsten Platz begeh- ren/ derowegen siehet man sie allezeit in der Mitten; Die Bescheidenheit traͤgt Sorge/ ihr einen Platz zu bestimmen/ und stellet die Sachen so wohl an/ daß nichts zu viel ge- schicht/ und auch nichts an der Vollkom- menheit ermangele. XIV. Das Laster laͤgert sich allezeit zu der Tu- gend/ darum muß man sich nicht verwunde- ren/ daß man offt das Laster findet/ indeme man man die Tugend sucht; Derowegen siehe auf deiner Wacht/ damit du nicht betro- gen werdest. Es ist auch noch in acht zu nehmen/ daß es Leute in einem Gemaͤhlde/ und hergegen warhafftige und rechte Leute gibt/ das ist klaͤrer und ohne Raͤtzel zu sa- gen/ man findet rechte Tugenden/ und auch andere/ so nur in dem Schein bestehen. Die vermum̃te Tugend ist ein seltzames Wun- der Thier. Du solt wissen/ daß eine Action, die von ihr selbst gut ist/ und ohne Bedacht/ oder aus boͤsem Vorhaben ge- schicht/ nur den Schein und die aͤusserste Rinde der Tugend/ aber in der That die rechte Abscheulichkeit des Lasters an sich hat. XV. Unter den warhafftigen Tugenden wer- den etliche genennet einfaͤltige/ andere aber wichtige. Die ersten sind/ die Warheit zu sagen/ sehr schwach/ und waͤhren nicht lang/ die andern sind starck/ und widerste- hen allem. Ich gestehe/ daß ein kleiner Loͤw eben so wohl ein Loͤw ist/ als ein grosser/ iedoch ist ein grosser Unterscheid zwischen ihnen beyden. Eine helden- und tapffere Tugend ist allezeit begleitet von vielen an- C 2 dern dern Tugenden; Eine schwache Tugend ist zwar auch eine Tugend/ aber weil sie schwach ist/ so leisten ihr die andern Tugen- den keine Gesellschafft. XVI. Bediene dich der Vernunfft/ wie die Loͤwen sich ihrer Klauen/ die Hirsche ihrer Fuͤsse/ und die Henne ihrer Fluͤgel/ ihr Le- ben zu erhalten/ bedienen/ und sich wider diejenige/ die sie angreiffen/ beschuͤtzen. Es ist kein so kleines und veraͤchtliches Thier/ den die Natur zu seiner Beschuͤtzung nicht Waffen gegeben/ aber indem sie dem Mañ die Vernunfft gegeben/ hat sie ihn besser betrachtet/ und mehr verpflichtet als alle an- dere Creaturen zugleich. XVII. Ein Loͤw kan nicht lange ohne seine Waffen leben/ welches seine vordere Fuͤsse sind: Ein wildes Schwein/ dem seine Hau/ Zaͤhne ausgerissen oder abgebrochen sind/ kan sich nicht viel wehren. Also kan auch ein Mensch/ der nicht mehr aus der Ver- nunfft handelt/ nicht weit gehen/ daß er nicht in eine Unordnung faͤllet. Pythago- ras hat sehr wohl in acht genommen/ daß die die Klugheit dem Mann gegeben ist an statt einer Vestung/ Mauren und Wall. XIIX. Es ist kein gefaͤhrlichers Laster/ als das- jenige/ welches der Tugend am aͤhnlichsten ist/ iedoch gedencket man nicht/ wie man dasselbige vermeiden wolle. Das ist auch ein grosses/ samt einer sonderbahren Thor- heit/ wann man sich mit dem Laster eines andern beladen will/ damit man ihn dar- stelle/ als waͤre er unschuldig an dem Laster/ dessen er von andern beschuldiget wird. Derjenige/ der einer Missethat beystehet/ ist straffwuͤrdiger/ als der sie begehet/ dann ob schon etwan in jenem Schwachheit seyn kan/ so kan doch in diesem nichts anders/ als eine besondere Boßheit seyn. XIX. Wann man die Vernunfft/ mit welcher es dem Autori der Natur gefallen hat/ die Menschen zu erleuchten/ abbilden will/ so muß man sagen/ daß der gute Gebrauch derselben allen Tugenden ihre Geburth/ Schoͤn- und Vollkommenheit giebet/ und weil es keine Laster gibt/ als weil man der- selben mißbraucht. Kan man sich einen groͤssern Mißbrauch der Vernunfft einbil- C 3 den/ den/ als wann man sich derselben wider sie selber bedienet. Ich weiß/ daß unter den Lastern nur Unordnung und Verwirrung ist/ aber ich weiß auch wol/ daß sie sich in diesem Punct vergleichen/ daß sie allezeit der Vernunfft zuwider seyn/ daß sie sich alle an dem Untergang desjenigen bearbeiten/ so sich denselben zum Sclaven macht. Was vor eine Schande ist es vor einem Men- schen/ wann er das Liecht seines Geistes nur zu dem Ende anwendet/ damit er sich in den Stand der unvernuͤnfftigen Thiere er- niedriget. XX. Nichts ist einem Mann/ der in Lastern lebet/ so schimpflich/ als daß er seinen Pas- sionen als ein Sclav gehorchet/ und seine groͤsseste Straffe ist/ wann er sein Vor- haben nicht vollfuͤhren kan; dann es man- gelt ihm entweder an Kuͤnheit/ dasjenige/ was er wuͤnscht/ zu unterfangen/ oder wañ er es unterfaͤngt/ so verlieret er seinen Muth/ und trifft nur viel Sorge und Muͤ- he an/ also wird er grausamlich von seinen eigenen Begierden geqvaͤlet; Die Hoff- nung eines kurtzen Wollusts erweckt ihm ein grosses Leiden. In Summa/ das heist eine eine geringe Lust theuer kauffen/ wann man sie mit grosser Gefahr mitten in dem Fluß der Bitterkeit sucht. XXI. Das interesse gesellet sich zu allen La- stern/ aber der Nutz befindet sich nicht alle- zeit dabey. Man suchet das Laster nicht um seiner selbst willen/ allein das interesse bewegt uns/ dasselbe zu begehren. In Summa/ die Leute lassen sich leichtlich we- gen der Ehr von dem Hochmuth/ wegen des Reichthums von dem Geitz/ und wegen der Lust von der Empfindlichkeit verderben. Es ist kein Laster/ welches nicht einiges Gute zu versprechen schemet/ und davor die Menschen nicht eine grosse Vergnuͤgung erwarten; doch betriegen sie sich/ dann nichts/ als ein grosses Ubel/ daraus kom- men. XXII. Man muß dem Boͤsen entgegen/ und sich von dem Laster durch Haß und nicht nur durch Furcht entfernen. Man kan zwar denjenigen/ welcher das Ubel fliehet/ ob er schon keine rechte Abscheu davor traͤ- get/ furchtsam nennen/ aber deßwegen will ich ihn nicht vor gerecht oder tugendtsam C 4 hal- halten. Das ist wenig gesagt/ daß es eine Gefahr sey/ boͤß zu werden/ man muß darzu setzen/ daß man nicht ohne grossen Scha- den darzu gelangt. Wer uͤbel lebt/ der leidet einen wuͤrcklichen und hochbetraͤcht- lichen Verlust/ und der hat nicht nur die Gefahr/ darin er sich begibt/ zu befuͤrchten/ sondern wann er Verstand hat/ so soll er ohne unterlaß zittern/ dann sein Ruin ist un- vermeydlich/ wann er seinen Passionen Ge- hoͤr gibt. XXIII. Die Laster koͤnnen wohl auf einige Wei- se unser Leben einnehmen/ aber sie sind nicht wuͤrdig dasselbe anzuwenden/ als daß man das Leben der Libertiner recht zu beschrei- ben/ sagen muß/ es sey nur ein Schatten des Lebens. Wann man uͤbel lebt/ so hat man nichts als Muͤhe/ Arbeit/ uñ nicht den war- hafftigen Gebrauch des Lebens. Der Muͤs- siggang ist nichts anders als ein Verlust des Lebens/ und sein gaͤntzlicher Ruin kompt von den boͤsen Thaten/ in welche man faͤlt. Es ist ein grosser Unterscheyd unten auff der Welt seyn und leben. Man kan wol von einem Menschen/ so in dem Laster veraltet/ sagen/ er sey lang auff der Welt gewesen: aber aber daß er lang gelebet habe/ kan man nicht sagen. Gantz anders muß man von einem jungen Mann sagen/ der voller Ehre/ Ver- dienst und Tugend gewesen/ und der Todt in der Bluͤhte seiner Jahre hinwegrafft: Dann ob er schon eine kurtze Zeit auff der Welt gewesen/ so hat er doch lang gelebt/ weil er wohl gelebt hat. XXIV. Es dienet einem boͤsen Mann nichts/ daß er sein Laster verborgen haͤlt/ er kan zwar ei- ne Zeitlang machen/ daß niemand dasselbe erfahre/ aber wie kan er versichert seyn/ daß es niemand erfahren werde? Uberdas sage ich/ es sey vielmehr daran gelegen/ daß die Menschen das Ubel/ so wir gethan/ wissen/ weilen wir selber dessen bey uns uͤberzeuget sind/ und GOtt weiß es; derowegen/ wann wir schon eines theils ruhig seyn/ so muͤssen wir doch auf der andern Seite zittern. Man kan sich zwar bißweilen in diesen Zu- stand des Ungluͤcks und der Gefahren/ die uns drohen/ erwehren/ aber doch ist unmoͤg- lich/ daß man nicht tausenderley Schrecken unterworffen seyn/ und nicht grossen Ver- lust leyden solte. C 5 XXV. XXV. Man ist in groͤsserer Gefahr/ als man einbildet/ wann man ein unordentlich Leben fuͤhret. Ein boͤser Mensch ist nimmermehr versichert: Es ist nichts vor ihn/ daß ihm jederman verzeihet/ wann ihm sein Gewis- sen keine Ruhe laͤst/ und er allezeit in seinem Hause die Straffe und Marter findet. Es ist eine erschreckliche Zuͤchtigung vor einem lasterhafften Menschen/ wann er erkennet/ daß er uͤbel gelebt hat. XXVI. Trage noch mehr Sorge vor dein Ge- wissen/ als vor deine Reputation. Es ist viel an der Tugend gelegen/ und ist schier nichts wann man nur die Meinung dersel- ben hat. Man soll sich nichts anders ach- ten/ als was man in der That ist/ und das heist nicht wol von sich selber urtheilen/ wañ man sich auff das berufft/ was die Men- schen/ die uns nur von aussen kennen/ sagen. XXVII. Aus den Wolluͤsten des Leibes entstehen die Kranck- und Schwachheiten. Wann man seinem Fleisch allzusehr schmeichelt/ so verlieret das Gemuͤth seine Tugend/ aber wann man eine Gewonheit darauß macht/ so so wird man nicht nur die Krafft haben das- jenige zu unter fangen/ was anfaͤnglich gar leicht zu seyn schiene/ und man ernstlich ge- wolt hat. Wer sich in die Wolluͤste sen- cket/ der kan keine schoͤne edle und tapffere Seele haben. XXVIII. Wann die Lust ihre Graͤntzen uͤberschrei- tet/ so wird sie zu einer Marter und Straff. Es ist gewiß/ daß die Tugend grossen Nu- tzen in sich hat/ weil das Laster selber dersel- bigen nachaͤffen muß/ wann es zu seinem Zweck gelangen will; Und dem ist nicht an- ders/ es befleisset sich der Tugend nachzuar- ten/ indem es gewisse Maaß/ und sich auffs wenigste dem Schein nach von den Extre- mitaͤten/ welche allezeit vor einen Exces und Unordnung gehalten werden/ entfernet. XXIX. Ein Loͤw verliehret seine Grausamkeit und wird sanfftmuͤthig/ wann man ihm schmeichelt; Aber die Schmeicheley/ so du deinem Leibe anthust/ macht denselben noch hochmuͤhtiger und halßstarriger. Jß nicht/ deinen Appetit zu befriedigen/ sondern dich nur vor dem Hunger/ der dich plagt/ zu wehren. Lebe nicht/ damit du essen moͤgen/ C 6 son- sondern esse/ damit du lebest. Wenn du wenig issest/ so wirstu lange leben. Die Un- maͤssigkeit der Gurgel hat mehr Leute um- gebracht/ als die Schaͤrffe des Schwerds. XXX. Die Laster koͤnnen nichts anders verur- sachen/ als einen Widerwillen/ und man sa- ge/ was man will/ so kan man doch nimmer- mehr einen Nutzen darauß ziehen. Nichts ist dem Leib schaͤdlicher/ als die allzugrosse Sorg und unregulirte Liebe vor densel- ben. Wir sehen in der That/ daß das Wolleben und andere Luͤste/ welche den Sinnen schmeicheln/ den Leib schwaͤchen/ das Gut verzehren/ die Gefundheit weg- nehmen/ und diejenige/ welche dieselbe allzu eyffrig suchen/ in unendliche Sorgen/ Muͤ- he und Arbeit stuͤrtzen. XXXI. Man kan die Sinnlichkeit beschreiben/ daß sie sey ein suͤsser und lieblicher Anfang eines sehr bittern und leidigen Lebens. Das Laster kan ihm nicht selber unsichtbar ma- chen/ also daß/ weil es sich seiner Abscheu- lichkeit selber schaͤmet/ die Finsternuͤß sucht/ und sich verbirget/ so viel moͤglich ist. Un- terdessen ist ihme das Wagen/ welches von der der Fortun abtrenlich ist/ viel guͤnstiger/ als die Dunckelheit der Nacht. XXXII. Ein Mensch/ der den Luͤsten ergeben ist/ verunehret seinen Leib/ und die allzu grosse Sorge/ die er traͤgt/ denselben zu frieden zu stellen/ wird ihm zur Qvelle des Unmuths/ Verdrußes/ und Kranckheiten. Seinem Leib schmeicheln/ seinem Fleisch liebkosen/ sich denen Wolluͤsten ergeben/ heist seinem Feinde einen Muth machen/ und ihm die Waffen in die Hand geben. XXXIII. Das Leben eines Unzuͤchtigen ist ein vie- hisches Leben; Das Leben eines Menschen/ welcher der Gurgel ergeben ist/ kan billich mit demjenigen Leben verglichen werden/ welches man den Pflantzen zueignet/ dessen gantze Substan tz darin bestehet/ daß es die- jenige Nahrung sucht/ die es unterhalten kan. XXXIV. Der Stoltz ist nichts anders/ als ein praͤchtiges Kennzeichen der Thorheit; Dañ sage mir/ kan auch etwas seltzamers seyn/ als daß man sich mit einem Gut/ welches gaͤntz- lich frembd ist/ bereichern will? Ich wuͤrde/ C 7 mei- meines Beduͤnckens/ einem Menschen nicht unrecht thun/ wann ich ihn einen Narren hiesse/ weil er ihm einbildet/ man soll ihn hoͤ- her ehren/ weil er besser gekleidet ist/ oder in seinem Cabinet viel Raritaͤten hat. Die Ehre eines Mannes soll nicht von der Ge- schicklichkeit eines Schneiders/ oder eines vortrefflichen Goldschmiedes dependiren, man muß durch die Tugend und loͤbliche Thaten davon urtheilen. XXXV. Du wuͤrdest denjenigen/ der sich im Schnee herum waͤltzen wolte/ damit er sich erwaͤrme/ nicht vorklug halten. Nun ist ein hochmuͤhtiger und einbildischer Mann nicht ein geringerer Narr/ dann damit er zu sei- nem Zweck gelange/ so erwehlet er solche Mittel/ die ihn gaͤntzlich davon zuruͤcke hal- ten. Weil er seine Meriten und Tugend hoch achtet/ so will er/ alle Welt soll auch von ihm also urtheilen/ und denckt nicht/ daß man sich mit den allerschoͤnesten Qvalitaͤten veracht macht/ wann man sich vor andern will vorziehen. XXXVI. Die andern Laster verbergen sich gemei- niglich/ und suchen die Finsternuͤß: Nur der Hoch- Hochmuth sucht den Tag/ und hat diese Thorheit an sich/ daß er sich allezeit will se- hen lassen/ als wann alles was in der Welt ist/ weit unter ihm waͤre. Unterdessen duͤnckt mich doch/ es sey das allerschrecklich- ste unter allen Lastern. XXXVII. Ich finde nicht/ daß eine Thorheit derje- nigen gleich ist/ die ein Mann an sich hat/ der auffgeblassen ist und sich selber hoch achtet; dañ alles was er thut und dencket/ dienet sei- nem Leibe nichts/ und schadet seiner Seelen viel. Man gewinnet nichts/ wann man hochmuͤhtig ist/ als daß man ihm den Haß aller Leute auff den Hals ladet/ dieses ist die Frucht des Hochmuths. XXXVIII. Alles/ was wir hierunten sehen/ traͤgt eine Liebe gegen dasjenige/ so ihm gleichet/ nur allein der Hochmuth hasset seines gleichen/ als den Todt selbsten; also daß/ gleich wie die Gleichnuͤß die Liebe erweckt/ ein Mensch/ welcher dem Trieb des Hochmuths folget/ sich der Natur widersetzet. Der Hochmuth ist ein grausames Thier/ eine Feindin der Gesellschafft/ und die keine Lust hat/ als in der Einsamkeit. Dieses Laster ist vertraͤg- lich lich bey reichen Leuten/ und gantz abscheulich bey Armen. Wann sich der Hochmuth an einen reichen Mann hencket/ so macht sie ihn zum Narren. Wann er sich des Gemuͤhts eines Armen bemaͤchtiget/ so benimpt sie ihm alle Sinnen und Vernunfft. XXXIX. Was ich alhier sagen will/ ist etwas sel- tzam anzuhoͤren/ aber man muß sich dessen wider die Ordnung und das Ubel/ so der Hochmuth verursacht/ bedienen. Nemlich dieses Laster ist so abscheulich/ daß wann man es mit andern vergleicht/ es uns einbil- det/ wir finden einen Nutzen in der Suͤnde selbsten; und es ist in der That einem hoch- muͤthigen Menschen bißweilen nuͤtzlich/ daß er einen groben Fehler begehet/ damit er sich von dieser toͤdtlichen Aufgeblasenheit entle- digen moͤge. XL. Man muß sich der Aemter wuͤrdig ma- chen/ aber dieselbe nicht suchen; Es ist viel eine groͤssere Ehre/ wann man sie verdienet/ ehe man sie erhaͤlt/ als wann man sie erhaͤlt/ ehe man sie verdienet. Es ist eine grosse Unverschaͤmtheit/ wann man einem herr- lichen Amt nachtrachtet/ und nicht werth ist/ ist/ dasselbe zu haben; Aber die groͤsseste Schande ist es/ wann man sich unbillicher Mittel bedienet/ darzu zu gelangen. Ein Mensch/ der sich durch tadelhaffte Mittel erhoͤhet/ faͤllt viel eher/ als er auffsteigt. XLI. GOtt ist ein Anfaͤnger und Ursaͤcher alles Guten/ und das Ubel kan nur allein von dir herkommen. Was vor eine Ur- sach hast du nun dich zu ruͤhmen? Geschichts wegen des Boͤsen/ so du begangen/ so ist es nur lauter Schande und Schmach? Ge- schicht es wegen des Guten/ so ist es ein gantz frembdes Ding/ und welches seine Quelle ausserhalb dir hat. Ich wolte dich lieber in der Unordnung sehen mii einer de- muͤthigen und auffrichtigen Reu/ als tu- gendhafft mit einem vom Hochmuth beglei- tetem Vergnuͤgen. XLII. Der Ehrgeitz verirret sich/ indeme er den Weg gehen will/ der zu der rechten Ehre leitet; man gelangt zu derselben nicht durch grosse Aemter/ noch andere glaͤntzende Sachen des Gluͤcks/ sondern nur/ wann man den Fußstapffen der Tugend folget. Also entfernet sich ein Mensch mit allen sei- nen nen schoͤnen Prætensionen von demjeni- gen/ was er mit solchem Eyffer begehret. Wie solte ein Laster an demjenigen seyn koͤnnen/ welches nur in der Willkuͤhr der Tugend bestehet/ und sie niemand anders als dem Verdienst vergoͤnnet. XLIII. Traue dem Zorn nicht/ denn er wird sich befleissen dich zu bewegen/ daß du einen boͤ- sen Anschlag gut heissest/ als wann es der beste Raht waͤre. Ja indem er dich treibt andern leids zu thun/ so noͤthiget er dich/ dir selber zu schaden. Wie viel Leute haben wir gesehen/ die man des Landes verwiesen/ weil sie nicht haben dissimuliren, noch ein Wort/ welches schiene sie vor dem Kopff zu stossen/ nicht haben ertragen koͤnnen. XLIV. Nichts ist dem guten Raht so zu wider als der Zorn/ und die Ubernehmung der Gall/ derowegen ist ein Mann/ der dem Zorn unterworffen ist/ meines Beduͤnckens/ mehr schuldig/ die Klugheit um Rath zu fragen/ ehe er redet. Gestehest du mir nicht/ daß man starcke Gruͤnde haben muß/ wann man ihm will des Verstands-Urtheil neh- men lassen? Also hat man gewißlich auch wenig wenig Vernunfft/ wann man sich von dem Zorn uͤbernehmen laͤst/ als wann man sich mit Wein uͤberfuͤllet. XLV. Es ist allezeit viel sicherer/ seinem Feinde zu vergeben als sich an denselben zu raͤchen/ und es brauchet nicht weniger Beschwer- lichkeit. Du kanst die Schmach/ die du erlitten hast/ verzeihen/ ohne einigen Schritt zu thun/ da du hergegen viel thun/ und tau- send Gefahren ausstehen must/ ehe du deine Passion vergnuͤgen kanst. XLVI. Man darff von einem Todten keine Ant- wort/ und von einem Geitzigen keines rech- ten Dancks gewaͤrtig seyn. Die Begier- de/ die er hat/ allezeit zu nehmen/ macht/ daß er die Gedaͤchtnuͤß dessen/ so er empfangen hat/ verliehret. Wann er nehmen soll/ so duͤncken ihn auch die allergroͤssesten Sachen gar gering zu seyn: Aber wann er geben soll/ so duͤncken ihn die allergeringsten Sachen sehr koͤstlich und vortreflich zu seyn. XLVII. Oeffne dein Hertz dem Geitz nicht/ wann du nicht unlustig und elendig seyn wilt/ in- dem sich andere ergoͤtzen. Wann du dieser ver- verfluchten Passion Gehoͤr giebest/ so wird sie dir alle Muͤhseligkeit der Armuth mitten in deinem Gold und Silber auff den Halß laden/ und du wirst nichts thun/ als ver- schmachten/ an statt zu leben. Der Zustand eines Geitzigen ist so ungluͤckselig/ daß das groͤste Ubel/ so man ihm wuͤnschen kan/ die- ses ist/ wann man ihm ein langes Leben wuͤnscht. XLVIII. Es gibt viel Dinge/ welche reichen Leuten mangeln/ aber man kan sagen/ daß insge- mein einem Geitzigen alles mangelt; ja er ist so ungluͤckselig/ daß dasjenige/ was er unter handen hat/ ihm so wol mangelt/ als das er nicht hat/ und vielleicht mangelt es ihm noch mehr/ dann er empfaͤngt nicht die geringste Vergnuͤgung von demjenigen/ so er besitzt/ da er hergegen in jenem Fall etwas zu erlan- gen hofft/ das er noch nicht hat. Er samlet die Fruͤchte der Guͤter/ die er in seinem Hau- se hat/ nicht/ und hat auffs meiste nichts/ als das Ansehen und den Geruch von der Bluh- men/ die er wuͤnscht. XLIX. Es ist ein sehr grosser Unterschied zwi- schen zwey Maͤnnern/ deren der eine die Ar- Armuth fuͤrchtet/ und der andere des Reich- thums allzubegierig ist; Den ersten siehet man nicht gern/ den andern aber meidet man so viel moͤglich/ auch hasset man den- selben auffs hoͤchste. Die Nothwendigkeit gibt jenem eine Kuͤnheit ein/ und macht/ daß er erschreckliche Gedancken fasl; Aber der Geitz/ welcher eine schaͤndliche und ab- scheuliche Passion ist/ macht diesen veraͤcht- lich bey allen Leuten/ weil er nur seinem Erben/ und zwar ohne seine Intention/ gutes thut. L. Die Liebe/ so ein Geitziger gegen die weltliche Guͤter traͤgt/ ist ihm so schaͤdlich/ als ein Schiffbruch oder Feuersbrunst. In Summa/ sein Gut dienet ihm auf kei- ne Weise/ und es waͤre ihm eben so gut/ daß sein Gut vom Feuer verzehret/ oder vom Meer verschlungen waͤre. Das Gold/ dessen seine Kisten voll sind/ ist seinent wegen gaͤntzlich verlohren: Mich duͤncket/ man koͤnne mit einem Wort sagen/ daß des Gei- tzigen grosse Schaͤtze eine sehr wolgezierte Armuth sey. LI. Ein geitziger Mann ist keinem Menschen Nutz Nutz/ er thut ihm selber viel Leids/ er giebt andern nichts/ und doch nimt er ihm alles was er kan/ und macht sich zum Ungluͤckse- ligsten unter allen Menschen. In Sum- ma/ er geraͤht in eine solche Extremitaͤt/ baß er keine Wolthat erweisen kan/ als wann er stirbt/ und alsdann spotten die Erben seiner/ und stellen sich als weineten sie/ und bedecken eine warhafftige Freude mit einer scheinenden Traurigkeit. LII. Es mangelt einem Geitzigen nimmer- mehr an Ursachen/ wann er etwas versagen will/ aber ein rechter freygebiger Mann hat allezeit Ursachen/ wann er geben will/ auch wann man schon nichts von ihm be- gehret. Der erste geniest seines Reich- thums nichts/ der andere verlieret sein Gut nicht/ auch wann er sich dessen/ seinen Freunden zum Dienst/ schon beraubet. Je- ner ist ein Sclav dessen/ so er besitzet/ der aber ist noch ein Herr uͤber dasjenige/ so er gegeben hat. LIII. Es muß entweder der Mann uͤber das Geld/ oder das Geld uͤber den Mann her- schen/ und es ist kein Mittel-Ding zwischen die- diesen beyden Extremitä ten. Der Reich- thum mißbraucht sich desjenigen/ der sich dessen nicht bedienen kan/ wie sichs gebuͤh- ret. LIV. Der Neid hat dieses boͤse an sich/ daß er sich uͤber das Ungluͤck/ so andern wieder- faͤhrt/ erfreuet/ da er doch keinen Nutzen davon hat/ also ist nicht so wol eine Passion, als eine Unsinnigkeit/ wann er ihm aus der Freude und Vergnuͤgung anderer Leute seine Straffe und Marter machet. O wie ungluͤckselig sind diejenige/ die sich von sol- cher schandlosen Passion regieren lassen/ und wie sehr sind sie zu bedauren/ weil nicht nur das wuͤrckliche Ubel dieselbe plagt/ son- dern auch alles Gluͤck und Guͤte/ so sie an andern befinden. Das Boͤse/ so einem in diesem Leben wiederfahren kan/ ist nur all- zumaͤchtig/ einen Menschen ungluͤckselig zu machen/ aber der Neyd betruͤbt ihn zwey- faͤltig/ und bedient sich des Gluͤcks anderer Leute/ sie zu qvaͤlen. LV. Die Vergleich ng waͤre/ meines Be- duͤnckens/ billig geuug/ wann man sagt/ der Neid seye derjenigen Gattung der Steine gleich gleich/ deren man sich bedienet/ die Messer damit zu streichen/ daß sie schaͤrffer werden. In Summa/ der Neid ist zu nichts gut/ als die Zunge damit zu wetzen; Unterdes- sen aber ist es gut/ daß man von einem Ver- laͤumbder boͤse Nachrede leidet/ und sehen wir gemeiniglich/ daß diejenige/ welche sich der boͤsen Nachrede gantz ergeben/ sich nicht enthalten koͤnnen/ wider fromme Leu- te zu reden. LVI. Es ist besser Neid als Schmeicheley. Der Zustand eines Neiders ist tausend- mahl aͤrger/ als eines/ der von der Pest an- gesteckt ist. Ja es gibt deren/ die sich nicht scheuen zu sagen/ es sey besser vom Teuffel/ als von dem Neid/ besessen zu seyn. Wir sehen in der That/ daß der Neid boͤß ist/ auf was vor Manier man ihn auch betrachtet. Die Voßheit/ so dabey ist/ ist gar abscheu- lich/ und die Straffe/ welche sie nach sich ziehet/ ist noch viel groͤsser/ als man sich ein- bildet. LVII. Man muß gestehen/ daß der Neyd ein sehr seltzames Monstrum ist/ dann ob er schon die Ungerechtigkeit selber ist/ wie die gantze gantze Welt weiß/ so ist er doch auff einige weise gerecht. Dieses hat einer Erklaͤ- rung von noͤthen. Nichts ist so unbillig als der Neid/ sintemahl ein Mensch/ der davon angegriffen wird/ ihm einbildet/ er sey durch andere verletzt: Aber andern theils ist nichts gerechters als der Neid/ dann er zuͤchtiget denjenigen/ welcher ihm folget und anhoͤrt/ und verdam̃t ihn zu einer erschroͤck- lichen Straffe/ die man ihm kaum einbil- den kan. LVIII. Es ist schier kein Unterscheid zwischen einem Schmeichler/ der den Leuten liebko- set/ und einem Wolff/ der ein Schaff suchet; Er liebt es nicht/ sondern sucht es ihm zu ei- nem Raub. Derowegen entschlage dich eines Schmeichlers/ als deines aͤrgsten Feindes: Der Geitzige kennet ihn besser/ als ein anderer; Das ist nicht genug/ wann man sagt/ die Schmeicheley sey eine sehr subtile Luͤgen/ sondern man muß sagen/ sie sey eine schaͤndliche Verraͤtherey/ dann auch der allerboͤseste Mensch auf der Welt hat keine Muͤhe gutes von andern zu reden/ und ihnen uͤber seine Gewalt gutes zu thun/ wann es seinen Nutz angehet: Zu solcher D Zeit Zeit hat er allen Schein eines warhafften Freundes/ nichts defloweniger thut er alles boͤse/ so viel ihm moͤglich ist. LIX. Es ist ein sehr gemeines Sprichwort/ daß die Luͤgen keine Fuͤsse haben/ aber ich halte davor/ man koͤnne sagen/ die Luͤgen haben Fluͤgel/ und der Luͤgner habe keine Fuͤsse: Dann wir sehen/ daß eine Luͤge sehr schnell durchlaufft/ und sich in einem Augen- blick an vielen Orten befindet: Hergegen ertappet man einen Luͤgener eben so leicht/ als einen Mann/ der mit einem zerbroche- nen Bein darvon fliehen will. LX. Man ist niemals beredter/ als wann man sich in der Noth befindet/ und wann der Mensch jemals faͤhig ist/ sich seltner und ungemeiner Spruͤche zu bedienen/ so ist es zu der Zeit/ da er seine Noth vorbringen soll. Die Warheit ist viel staͤrcker/ als alle Vernunffts-Gruͤnde/ und sie ists/ eigent- lich zu reden/ welche die Krafft des Geistes unterhaͤlt. Unterdessen so sind die Men- schen gemeiniglich so uͤbel beschaffen/ daß sie die Warheit nicht verdauen/ ja auch nicht schmecken koͤnnen/ wann sie nicht ein wenig verdeckt ist LXI. LXI. Die Liebe kan nicht rechtmaͤßig noch ver- nuͤnfftig seyn/ wann sie nicht das Gute vor sich hat. Derowegen thun wir sehr uͤbel/ daß wir lieben/ was uns zu wider ist/ und welches uns nichts schaden kan/ als wann wir unsere Affection darauf werffen. Heißt daß nicht recht ungluͤcklich seyn in der Liebe/ wann man die Ursach seines Un- gluͤcks liebt? Und doch thun solches dieje- nigen/ welche das Gluͤck lieben/ und die Tu- gend verachten. LXII. Der geruhige Zustand/ in welchem sich die Seele bißweilen befindet/ und die Freu- de/ so sie fuͤhlet/ ist die Frucht/ oder die rech- te Vergeltung seiner Liebe. Man ist nicht nur gluͤcklich/ wann man seine Affection auff das Gute richtet/ sondern man hat auch Theil an den geliebten Sachen/ und wird warhafftig fromm. Der hohe Punct der Tugend bestehet in der Liebe GOttes/ und was auch die Libertiner sagen/ so ist doch keine Gluͤckseligkeit derjenigen gleich/ wann man von GOtt geliebet wird. LXIII. Ist das nicht eine grosse Thorheit/ daß D 2 man man sich bekuͤmmert um solche Guͤter/ wel- che wann sie von andern Persohnen gesu- chet/ sie tausenderley Unruhe verursachen werden? Dieses ist nicht die geringste/ wann man sich an solche Leute bindet/ wel- che von andern nicht koͤnnen geliebt wer- den/ es werde uns dann eine grosse Eyver- sucht und grausamer Verdruß verursachet. GOtt allein hat diesen Vortheil vor allen Creaturen/ daß wir ihn lieben/ und uns fe- stiglich an ihn halten koͤnnen/ ohne Furcht/ daß man uns denselben nehme. Man thut ihm eine grosse Schmach an/ wann man nur an der Standhafftigkeit seiner Gnade zweiffelt/ dann Er wird uns nimmermehr vergessen/ oder sich am ersten von uns ent- fernen. LXIV. Ein Ding lieben/ welches man billich verlieren soll/ darum/ weil man es liebt/ heisset lieben/ als ein Narr und Unsinniger. Wer nun Reichthum liebt/ der ist werth/ daß er denselben verliere. Wuͤnschest du in der Liebe vor weiß gehalten zu werden/ so liebe nur dasjenige/ was du wuͤrdig ma- chen wirst zu besitzen/ in dem du es liebest/ wie sichs gebuͤhret. Weist du wol/ daß die die Tugend die Stuͤtze der Liebe ist/ und es ist ein suͤsser Bissen geliebt zu werden/ die Freundschafft aber erwaͤchst aus diesen allen beyden. LXV. Man muß nur das Boͤse fuͤrchten: Weil nun alles Boͤse dieses Lebens nur den Schein hat/ so hat man keine Ursache/ das- selbe zu fuͤrchten. Der geringste Fehler soll uns zittern machen/ aber die Arbeit soll uns nicht erschrecken. Die Suͤnde ist ein rechtes Ubel; Die Arbeit ist kein solches Ubel/ wie mans ihm einbildet/ sie ist in der That gut/ wird aber von den Zaͤrtlingen und Sinnlichen nicht geliebt; ledoch ob ihr schon die Meynung nicht guͤnstig ist/ so hat sie doch die Warheit auf ihrer Seiten. LXVI. Gedencke daß in den Sachen selbst/ wel- che du so hefftig begehrest/ mehr zu fuͤrchten als zu hoffen ist. Zum Exempel/ wann du einer Wollust hefftig nachtrachtest/ warum fuͤrchtest du dich nicht vielmehr vor der Gallen/ damit sie vermischet ist/ und vor dem Verdruß/ der von ihr nicht kan abge- sondert werden? Vielleicht wirst du es die gantze Zeit deines Lebens empfinden/ da D 3 her- hergegen die Ergetzlichkeit in einer Viertel- stunde voruͤber gehet. LXVII. Die Furcht und Traurigkeit werden nicht uͤbel das Blut einer verwundeten Seele genennet. Man siehet das Blut nicht lang an aus der Wunden fliessen/ es ist besser/ daß man darauf bedacht sey/ wie man helffe und das Blut stille. Wann dir einiger Unfall drohet/ so verliehre keine Zeit/ zu erforschen/ wie schwer der Streich seyn werde/ aber gedencke vielmehr an die Mittel/ demselben zu entgehen/ oder ruͤste dich/ denselben wohl zu empfangen. LXVIII. Dein Elend und Ungluͤck wird dir nim- mermehr so groß vorkommen/ wann du es mit dem Ungluͤck anderer Leute vergleichest. Die allerbetruͤbteste Leute troͤsten sich leicht- lich/ wann sie betrachten/ was andere aus- stehen/ und es ist eine Gattung der Suͤßig- keit unter dem Elend/ wann man seines gleichen hat/ und nicht allein leidet. LXIX. Die Schande und Furcht erhalten die Guͤter dieses Lebens/ mit genugsahmer Sorge und Treue. Die Schande hat eine eine grosse Gewalt uͤber das Gemuͤth eines rechtschaffenen Mannes/ dieselbe haͤlt ihn meistentheils ab/ daß er nichts ungereimtes begehe. Der Poͤbel wird durch Furcht in seiner Schuldigkeit erhalten. Jene Ur- sache bezeuget eine grosse Seele und tapff- res Hertz: Diese aber entdeckt nichts an- ders/ als eine Niedrigkeit des Gemuͤths/ derowegen sehen wir schier alle Tage/ daß sie nur uͤber solche Leute Gewalt hat/ die zu der Dienstbarkeit gebohren sind. LXX. Die Furcht ist nichts anders/ als ein weiser Raht/ und ein heimlicher Bericht/ welchen die Natur allen Menschen gibt/ damit sie auff der Wacht stehen/ und sich huͤten vor allen uͤbel/ so sie angreiffen und uͤberfallen kan. Derowegen muß man sich vor demjenigen nicht befuͤrchten/ welchem man nicht entgehen kan/ weil es unmoͤglich ist zu verhindern/ daß sie geschehen: Die Furcht ist gut wider die Gefahr/ aber sie dienet nichts in den Kranckheiten/ so wohl als in dem Verlust/ den man leiden kan: oder wann man versichert ist/ daß es kom- men wird/ so muß man das Hertz nicht fal- len lassen/ noch sich gar zu sehr vor demsel- D 4 ben ben fuͤrchten/ sondern man soll desselben vielmehr standhafftig erwarten/ und mit ei- nem heroischen Gemuͤth ertragen. LXXI. Die Furcht des Ubels verursacht offt- mals Schmertzen/ und macht viel unruhi- ger/ als das Ubel selber/ wann es ankomt. Was sich auch vor ein verdrießlicher Zu- fall begibt/ so wird man nur einmahl davon getroffen/ und wann man den Streich er- litten hat/ so ist man davon befreyet; Her- gegen wañ man allezeit in der Furcht lebet/ so muß man gewaͤrtig seyn viel Streiche zu empfangen. Also thut man gar thoͤricht/ wann man sich allezeit vor einem solchem Ubel fuͤrchtet/ welches doch nicht immer waͤhren kan. LXXII. Ein furchtsamer Mensch ist nicht faͤhig viel Dinge zu unterfangen/ er glaubt leicht- lich alles was man ihm sagt; Die Furcht haͤlt die allerschoͤnsten Anschlaͤge zuruͤck/ und so lange man ihr Gehoͤr gibt/ setzt man die Resolution, so man gefast hat/ niemals ins Werck. In Summa/ sie stost die Ein- bildung der Leute also um/ daß sie auch den leich- leichtesten Verdacht/ vor eine sehr gewisse Warheit halten. LXXIII. Man muß von der Groͤsse der Gefahr nicht durch die Furcht/ welche man davor hat/ urtheilen. Es ist bißweilen gefaͤhrlich/ eine grosse Zuversicht zu haben. Wann du begehrest ruhiglich zu leben/ so suͤrchte dich maͤßiglich/ und folge nicht der Mey- nung etlicher Leute/ die ihnen einbilden/ daß man sich um nichts anders bekuͤmmern soll/ wann man nur gluͤcklich in der Welt ist. LXXIV. Es ist eine geringe Klugheit/ in dem Lauff dieses Lebens etwas zu hoffen/ als mit Ver- stand zu fuͤrchten; Das Boͤse hat eine groͤssere Zahl/ und ist gewisser als das Gute. Die Kranckheiten/ Schaden/ Ungluͤck/ Be- kuͤmmernuͤß sind so gemein/ daß man schier von nichts anders hoͤret/ und es ist rar/ ei- nen solchen Menschen anzutreffen/ der da- von befreyt ist. Wie viel Arme gibt es/ da es einen Reichen gibt? Die Zahl der Gluͤckseligen ist gar klein/ aber die Zahl der Elenden ist unzehlich. LXXV. Es ist wahr/ daß die Furcht alle Sachen D 5 sehr sehr uͤbel außlegt/ iedoch hat sie diesen Vor- theil/ daß sie niemals liegt. Auch kan man zu ihrer Entschuldigung sagen/ daß es sehr schwer ist von der Furcht zu befreyen/ wann man sich in Gefahr befindet. Man wird leichter betrogen wann man hofft/ sinte- mahl die Guͤter dieses Lebens nicht so ge- mein sind/ und es der Menschen gar viel gibt/ welche denselben nachtrachten. LXXVI. Keine Hoffnung haben heist der aller- elendeste unter allen Menschen zu seyn; und derjenige/ welcher nichts mehr hofft/ geraͤht in die letzte und aͤusserste Noht. Wie kan ein Mensch einiges Gut mehr haben/ nach- dem er die Hoffnung/ welche das letzte von allen Guͤtern ist/ verlohren. LXXVII. Die vergangene Ergetzlichkeit lindert das gegenwaͤrtige Ubel nicht/ aber das Boͤse/ so man erlitten/ benimt den Ge- schmack der gegenwaͤrtigen Ergetzlichkeit; Das Gut/ welches man erwartet/ ist kein wehrhafftiges Gut: Das Ubel mit Gedult erlitten/ ist kein Ubel mehr/ und so bald es auffgehoͤret/ so veraͤndert es sich in eine Lust/ und gibt demjenigen/ welcher es aus- ge- gestanden hat/ eine sehr grosse Vergnuͤ- gung. LXXVIII. Du wirst dich nimmermehr betriegen/ wann du deine Freude und deinen Schmeꝛ- tzen gleich auf den Fuß der Sachen selbst regulirest. So gebrauche es dann also/ daß du dich uͤber dasjenige/ das schier nichts ist/ nicht so sehr bekuͤmmerst; und dich auch nicht gar zu sehr erfreuest/ wann du nicht grosse Ursach hast. Die Klugheit will/ daß man gewisse Maaß in der Freyheit/ die man seinen Paßionen laͤst/ halte/ und man muß dieselbe nicht bey ieder geringsten Gelegen- heit/ die sich eraͤuget/ nach aller ihrer Ge- walt handeln lassen. Betrachte ein we- nig was dich erschreckt/ vielleicht wirst du es gantz nicht fuͤrchten/ wann du es recht ansiehest/ auffs wenigste so wirst du dich nicht so sehr davor fuͤrchten. Ey lieber/ warum bist du so traurig/ und was ist das- jenige/ das dich so sehr betruͤben kan? Nim die Gedult dasselbe zu erforschen/ so wirst du unfehlbarlich erkennen/ daß du ihm zu viel thust/ und daß es eine geringe Ursach/ und nicht werth ist/ daß du in eine solche Bekuͤm- mernuͤß deßwegen faͤllest; Deine Furcht D 6 ist ist nicht Vernunfft-maͤßig/ sintemahl alle Plagen dieses Lebens/ und wann es mit der Zeit sich endigen soll/ nicht so maͤchtig ist/ ei- nen Mann/ der sich ruͤhmet/ daß er durch das Licht des Verstandes geleitet werde/ zu bekuͤmmern. LXXIX. Das groͤste Elend der Menschen ist nicht/ wie man meynet/ daß er den Todt zum Feinde hat/ und er immerdar vor demselben in diesem Leben sich fuͤrchten muß/ sondern es bestehet darinn/ daß eꝛ in die Welt kompt/ damit er wieder vergehe/ er ist selber sein grausamster Feind/ und weil er gemeiniglich gar zu sehr an dem Leben haͤngt und dassel- be allzusehr liebt/ so macht er sich zum Scla- ven aller Laster/ an statt/ daß/ wann er den Todt recht foͤrchte/ er sich nicht faͤumen wuͤr- de/ ein frommer Mann zu werden. LXXX. Wer sich von der Furcht des boͤsen be- freyen will/ der darff sich nur befleissen gutes gu thun/ und dasselbe ohn unterlaß. Fliehe das Ubel/ damit du recht hast das Gute zu hoffen. Man wird ihm selber nuͤtzlich/ wann man andere Leute verpflichtet. Du thust dir mehr Leides/ als du meinest/ wann du nur nur auff deinen Nutzen siehest/ handelstu auff solche Weise/ so wird niemand in der Noth sich dir anbieten. Das heist schier nichts thun/ wann man uͤbels thut: Wann man aber andern dienet/ so erweiset man ihn nicht nur einen Gefallen/ sondern ver- pflichtet sich auch selbst. Mache dir so viel Freunde/ als moͤglich ist. Attalus sagte/ es sey viel suͤsser Freunde zu machen/ als Freun- de zu haben/ und ich sage/ daß es bißweilen viel nuͤtzlicher sey. LXXXI. Die Guͤtig- oder Auffrichtigkeit des Ge- muͤhts/ welche wir unter den lieblichen Nahmen der Unschuld kennen/ befleisset sich/ keinen Fehler zu begehen/ und hat die Ge- rechtigkeit zu ihrem Zweck/ daß sie keinem Menschen unrecht thut. Jedoch ist dieses nur ein Theil der Liebe; dieselbe nun voll- kommen zu machen/ muß man die Barm- hertzigkeit dazu setzen. In Summa/ der Glantz dieser Tugend/ die nicht zugibt/ daß man jemand beleidige/ wird von der edlen Freygebigkeit wunderbarlich erhoben. LXXXIII. Das Boͤse bißweilen in Verdacht ha- ben/ und demselben mißtrauen/ kan vor eine D 7 Gat- Gattung der Weißheit gehalten werden/ aber dasselbe ohne Grund zu glauben/ ist ei- ne Leichtsinnigkeit. Es ist eine Klugheit sein Vortheil einzuziehen/ und eine Billig- keit/ dasselbe geheim zu halten. Huͤte dich wohl/ daß du nicht allezeit auff die Zeugnuͤß der Sinnen urtheilest/ sie koͤnnen leichtlich uͤbernommen werden/ aber du solt dich nicht betriegen lassen. Derowegen thue keinen Spruch in der Eyl uͤber was es wolle/ die Zeit wird dich berichten/ und dir die War- heit zu erkennen geben/ damit du dieselbe nachmals andern Leuten sagen moͤgest. LXXXIV. Die Gerechtigkeit ohne Mildigkeit/ na- het sich sehr zu der Grausamkeit/ die Mildig- keit ohne Gerechtigkeit ist eine sehr gefaͤhr- liche Unweißliche Unweißheit. Zwar man muß der Gerechtigkeit allezeit den ersten Platz geben; Aber die Sanfftmuͤhtigkeit/ die Guͤtigkeit/ die Mildigkeit muͤssen diesel- be begleiten/ ja man muß diesen mehr Raum geben. Die Gerechtigkeit ist eine solche koͤstliche und edle Tugend/ daß sie werth ist gelobt zu werden/ wann sie schon nicht von der Klugheit unterstuͤtzet ist: Die Klugheit aber ohne Huͤlffe der Gerechtigkeit ist von kei- keinen Wuͤrden/ und hat keinen Schein. Die Gerechtigkeit hat diesen Vortheil/ daß/ ob sie schon allein/ doch sehr nuͤtzlich ist/ aber die Klugheit kan nur Schaden thun/ wann sie nicht von der Gerechtigkeit unterstuͤtzet ist. Es ist so kem gefaͤhrlichers Gifft als der Schlangen; man empfaͤngt auch nimmer- mehr so viel Schaden/ als von solchen Len- ten/ die mit lauter List umgehen. LXXXV. Wann man nichts anders sucht/ als was ergetzt/ so trifft man selten an/ was gut und nuͤtzlich ist. Wann der Wille die Ver- nunfft uͤberwindet/ so wird er seltzame An- schlaͤge formiren. Es ist unmoͤglich/ gerecht zu seyn/ so lange man von einiger Begierde regieret wird. Betrachte nicht die Persoh- nen/ sondern siehe nur auff derselben Wuͤr- digkeit; Ersorsche nur/ welcher recht habe/ und habe kein Absehen auff deine Macht/ und hoͤre deine absonderliche Zuneigung nicht an. LXXXVI. Das heist seiner Boßheit eine Staffel zu setzen/ wann man das Boͤse nur darum thut/ weil mans liebt/ aber das heist mit grossen Schritten zu der Boßheit eylen/ wann wann man das Boͤse liebt/ darum daß man es gethan. Es gebuͤhret nur einem Nar- ren boͤse zu werden/ damit man dem Boͤsen schade/ und das heist seinen Verstand ver- lieren/ wann man der Tugend absaget/ weil man diejenige hasst/ die das Laster lieben. LXXXVII. Man muß einen guten Muth und eine gute Resolution haben/ wann man die Schande uͤberwinden will/ aber das heist/ die Großmuͤhtigkeit so weit fuͤhren/ als sie gehen kan/ wann man sich nicht von der Noht unterdruͤcken laͤst/ wer das Hertz hat/ daß er ihr widersiehet/ erlanget nicht gerin- gere Ehre/ als derjenige/ der sich selber uͤber- windet. LXXXVIII. Die warhafftige Großmuͤthigkeit beste- het nicht darin/ daß man viel grosse und be- schwerliche Sachen unterfaͤngt/ sondern darinn/ daß man alles Boͤse/ so einem wie- derfaͤhret/ standhafftig erduldet. Es ist keine allgewaltige Macht auf Erden/ wel- che nicht bißweilen einen Widerstand sin- det/ aber die Gedult bleibet allezeit bestaͤn- dig und unbewegt/ und man vermag nichts wider sie. Wann man sagt/ man wolle eini- einigen verdrießlichen Zufall oder Unbillig- keit nicht leiden/ so redet man wie die Wei- ber/ und laͤst seine Schwachheit allzusehr sehen; ein Mann redet anderst/ und sagt mit einer großmuͤthigen Resolution, ich wil das nicht thun. LXXXIX. Die grosse Beschwerlichkeiten machen die behertzten Leute noch muthiger; Das Ungluͤck/ so ihnen begegnet/ erweiset/ was sie seynd. Sie wissen nicht/ was das ist/ die Furcht anzuhoͤren/ und sind versichert/ daß ein großmuͤthiges Hertz uͤber alle seine Feinde triumphiren kan. Man muß ge- stehen/ daß die Gedult gar starck ist/ weil sie mit allem zum Ende komt ohne Huͤlffe eini- ges Menschen. Es ist eine Vestung/ die sich selbst defendiret, und die des Zorns nicht von noͤthen hat/ diejenige/ welche sie angreiffen/ zuruͤcke zu schlagen. XC. Die Staͤrcke und Klugheit sind die zwey Tugen den/ welche den Triumpff-Wagen/ darauf die Victoria sitzt/ unterstuͤtzen. Man ist doppelt starck/ wañ man die Groß- muͤthigkeit mit dem guten Raht vergesellen kan. Wie tapffer man auch ist/ so kan man doch doch nicht lang einen gluͤcklichen Fortgang seines Anschlags haben/ wann man von der Klugheit keinen Beystand erhaͤlt. XCI. Die Mittelmaaß erhebt sich unfehlbar- lich biß auf den Sitz der Tugen den/ weil sie sich allezeit in der Mitten haͤlt: Die andern Tugenden/ wann sie die wahren Tugen- den seyn wollen/ muͤssen mit grosser Sorge und Muͤhe suchen/ was die Mittelmaͤßig- keit von Natur hat; Ihr Nahme giebt genugsahm zu verstehen/ daß es eine Tu- gend ist/ welche allezeit in der Mittelmaaß bestehet/ zu deren alle andere Tugenden sich befleissen zu gelangen. Es ist nichts gewissers als dieses/ ob es schon ein wenig seltzam ist: Was das geringste in den Sitten-Tugenden genennet wird/ ist das groͤsseste und vortreffnchste darinn: Der Excess wird billich vor einen Fehler/ und die mittelmaͤßige vor eine seltne Tugend gehalten. Die Maͤßigung macht alle Dinge zeitig/ ohne dieselbe wuͤrden die aller- suͤssesten und annehmlichsten sauer und un- annehmlich werden: Sie unterhaͤlt die Ehr/ sie bietet reine Lust und Vergnuͤgung an. In Summa/ man soll sie in acht neh- men/ men/ als die Quelle und Uhrsprung alles dessen/ so gut/ ehrlich und nuͤtzlich unter den Menschen ist. XCII. Ein maͤßiger Mann hat allezeit Gut ge- nug. Ja/ gleich wie die Passionen uns ins Verderben stuͤrtzen/ wegen der sehr grossen Unkosten/ die man anwenden muß/ sie zu befriedigen: also hilfft die Entfernung des Lasters nicht wenig/ uns zu bereichern. Man erlanget viel/ wann man keine unnoͤ- thige Unkosten anwendet. Derowegen ist die Maͤßigung nicht nur eine Tugend/ sondern auch ein grosser Schatz. Die Wuͤrffel und Weiber verzehren mehr Gut/ als eine grosse Feuersbrunst/ und ich halte davor/ daß aus allen Lastern der Welt/ das Spielen und die Uppigkeit am allerschwe- resten abzugewehnen sey. XCIII. Man muß nicht um anderer Ursach wil- len Sorge vor seinen Leib tragen/ als dar- um/ weil man seiner nicht entbehren kan: Derowegen/ weil du nicht um seinet willen lebest/ so bekuͤmmere dich so sehr nicht/ den- selben zu befriedigen. Regulire seine Be- qvemlichkeit nach seiner Nothdurfft/ und nicht nicht nach dem Vergnuͤgen/ welches er ihm zu Wege bringen will. Man wuͤrde nicht so vielen Kranckheiten unterworffen seyn/ wann man seinen Leib nicht so zaͤrtlich hiel- te/ wie gewoͤnlich geschicht. XCIV. Der Todt ist ein herrlichs Gemaͤhlde/ welches die Tugend sehr wohl vor Augen stellet. Wer da will lernen wohl zu leben/ darff nur die Todten um Raht fragen. Die warhaffte Philosophy ist eine ernst- liche Betrachtung des Todes; So last uns nun derselben Lehre bedienen/ damit wir uns vor der Abscheuligkeit des Lasters und der Eytelkeit aller Welt-Sachen beden- cken: Last uns auch denjenigen Regeln/ die sie uns gibt/ folgen/ damit wir in kurtzer Zeit grossen Fortgang in der Tugend erlangen. XCV. Du wirst niemals besser an dich selbst ge- dencken/ als wann du betrachtest/ daß du dermaleins sterben must. Die Todes-Ge- dancken haben eine wunderbare Fruchtbar- keit in sich/ dann sie lehren uns/ was wir anitzo seyn/ und geben uns zu verstehen/ was wir mit der Zeit seyn werden/ und unter- weisen uns/ was wir in unserm Lebens- Lauff Lauff thun sollen. In Summa/ der Todt ist die billichste Regel des menschlichen Le- bens/ und thut ihnen mehr gutes/ als sie ih- nen einbilden. XCVI. Bilde dir nicht ein/ daß du schlechthin auffhoͤrest zu leben/ wann du stirbest/ ich sa- ge/ daß du alsdann auffhoͤrest zu sterben. Zwar du hast angefangen zu leben/ von dem ersten Tage an/ da du in die Welt kommen bist/ aber von demselben Tage an hastu an- gefangen zu sterben: Du bist in das Leben und zu dem Tode eingegangen; Das Liecht/ welches dein Leben erklaͤhret/ ist dem Liecht gleich/ was dasselbe unterhaͤlt/ von demjeni- gen wird es auch verzehret. XCVII. Sage mir/ was ist der Mensch gewesen/ ehe er gebohren war? Nichts: Dieses nun ist die letzte und verdrießlichste Nothwen- digkeit. Und wer ist derjenige/ der kurtz zu- vor nichts war/ und der auch/ nachdem er sein Wesen empfangen/ schier nichts ist? Und der in kurtzer Zeit zu Aschen und Staub werden wird? Man muß gesiehen/ daß alle Sachen/ wann man sie in sich selbst betrach- tet hoͤchlich zuverachten sind. Nur allein die die Tugend begreifft solche Hoheit und Vortreflichkeit/ daß sie die Macht hat zu er- hoͤhen/ alles was zu ihr nahet/ und sie edel macht. So lasset uns dann dasjenige/ was uns so betraͤchtlich machen kan/ hoch halten. XCVIII. Es ist kein Unterschied zwischen langen Leben und langen Leiden. Die Bekuͤm- mernuͤß/ Muͤhe/ Thraͤnen und Schmertzen wachsen mit uns. Das Leben des Men- schen ist nichts anders/ als eine lange und verdrießliche Kette der Gefahr/ Marter und Ungluͤcks/ aber der Mensch hat einige Ursach sich zu troͤsten/ sintemal er gleich bey dem Anfang seines Lebens anfaͤngt zu dem Ende und Todt zu nahen. XCIX. Die Tugend hat keinen geringern Glantz von dem Ungluͤck/ welches den La- sterhafften wiederfaͤhret von der Arbeit/ welche gemeiniglich die Boͤse außste hen/ als von dem rechten Vergnuͤgen/ welches die Frommen in Ubung der schweresten Tu- gend geniessen. Das heist gantz elendig seyn/ eine solche Seele haben/ welche zu nichts dienet/ als den Leib zu erhalten/ und die ihre Bewegungen nicht reguliret. Man Man koͤnte wohl sagen/ wann dem also ist/ daß die Seele dem Leibe nicht anderst die- net/ als das Saltz den Speisen/ welche es von der Corruption nur eine Zeitlang er- haͤlt. C. Die Tugend ist nur ein accident, Phi- lo sophi sch zu reden/ aber dieses Accident erhaͤlt seine Substan tz. Alle Dinge sind von Gott zum Dienst der Menschen erschaf- fen/ und hat ER den Menschen deßwegen gemachet/ damit ER Ehre und Dienst von ihm habe/ so wohl als von allen andern Creaturen zugleich. Die Tugend machet uns tuͤchtig/ Denjenigen zu ehren und ihm zu dienen/ der uns gewuͤrdiget hat/ aus Nichts zuschaffen/ und ohne dieselbe koͤnnen wir unserm Schoͤpffer nicht gefallen. Stoi- Stoi sche Grund-Regeln. I. N Icht dasjenige/ welches man be- sitzet/ giebet ein grosses Vergnuͤ- gen/ sondern dasjenige/ welches man liebet. Und was auch den Menschen den aller-groͤssesten Unmuth macht/ ist nicht so wohl was ihnen mangelt/ als dasjenige/ was sie begehren. Wann man nichts be- gehrt/ so kan man eben so gluͤckseelig seyn/ als derjenige/ der alle seine Beqvemlichkei- ten hat. Keine Begierde in diesem Leben haben/ ist ein Schatz/ der keinem Koͤnig- reich zu vergleichen ist. Wie viel Dinge koͤnnen auch den groͤsten Koͤnigen der Welt mangeln? Hergegen ein Mensch/ der nichts begehret/ befindet sich nimmermehr in Ar- muth. II. Die Freude ist nicht unter dem Gebiethe des Gluͤcks/ es kan uns dieselbe nicht geben/ wann es schon wolte; Sie ist ein Haußraht des Hertzens/ nicht nur/ weil man sie an- ders- derswo nicht kan antreffen/ sondern auch weil sie in demselben ihre Gebuhrt hat. Die Sachen/ welche uns gefallen/ machen die Lust/ oder den Geschmack nicht; auch dieje- nigen/ die uns unruhig machen/ sind nicht Ursache daran/ man muß sich allein an sei- nen Willen halten/ welcher die rechte Qvelle ist/ daraus die Freunde/ die Lust/ der Unmuth und die Traurigkeit entspringet; Daher komt es/ daß dasjenige/ welches ei- nem beliebt/ dem andern sehr mißfaͤllt. Nicht die Verschiedenheit der Dinge/ son- dern des Willens/ macht/ daß unsere Her- tzen so viel gegen einander gesetzte Affectio- nen haben. III. Es ist ein gemeiner Irrthum bey allen Leuten/ daß sie auff solche Wege zu der Gluͤckseligkeit gelangen wollen/ welche zu derselben nicht leiten. Was vor ein Mit- tel ist das/ auf solchen Gipfel zu gelangen/ da man nichts mehr begehren soll/ wann man den Weg der Begierden nimt. Wilt du dir viel Muͤh und Arbeit ersparen? so regulire deine Begierden/ und binde dich an nichts allzuhart; wann man nichts zu- voraus begehret/ so befuͤrchtet man nicht E un- ungluͤckselig zu werden/ und man koͤmt zu dem Zweck ohne Muͤhe/ die man aus dem Wege haben muß. Die rechte Gluͤckse- ligkeit eines Menschen auf der Welt beste- het vielmehr darinn/ daß er nichts besitzt/ als daß er aus der Zahl der Lebendigen ist. Last uns einmahl unsern Begierden ab- sagen/ dann das allein ist in unserer Gewalt. IV. Das Mittel sich von vielen Muͤhselig- keiten zu erretten/ ist/ nichts zu fuͤrchten/ und nichts zu begehren. Dein gantzes Ubel/ wann du es bedenckest/ komt daher/ daß du nicht hast/ was du begehrest/ oder daß dir etwas begegnet/ welches nicht nach deiner Zuneigung ist. Du wirst kein Ungluͤck zu versuchen haben/ so lange dein Hertz seine Freyheit erhalten/ und ihm alle Sachen gleich gelten werden. V. Der Unmuth verringert sich in uns/ so viel die Begierden in uns ausgeloͤschet wer- den. Man ist niemals mehr entfernet in Bekuͤmmernuͤß zu fallen/ als wann man seinen Willen frey und ohne einiges An- hencken befindet/ Seine Zuneigung veraͤn- dern ist ein sehr leichtes und versichertes Mit- Mittel aus dem Elend zu kommen. Richte deine Begierden nach allerley Zufaͤllen/ so wirst du die allergroͤsseste Beschwerlichkei- ten ohne Muͤhe uͤbersteigen/ der Unmuth wird vielmehr genommen/ als daß er selbst komt. VI. Es ist eine grosse Kunst/ wann man be- gehren kan; wann man nicht gar geschick- lich damit umgehet/ so kan man nicht lang vergnuͤgt leben. Wer seine Begierden kan abschneiden/ ist uͤber alles/ und die gantze Welt hat nichts/ das seiner Werth ist. Es ist leicht/ eine vollkommene Ruhe zu fin- den/ und die ungluͤckliche Zufaͤlle/ welche das Leben verdrießlich und unertraͤglich machen; man muß sich nur von allen Crea- turen entziehen/ und sich uͤber sich selbst er- hoͤhen. Man hat solche Leute gefunden/ welche/ wann sie blind sind worden/ und den Gebrauch der Haͤnde und Fuͤsse ver- lohren/ doch vergnuͤgt gelebt haben. So laß dann dein Gluͤck nicht an dem Leib/ noch allen den jenigen hangen/ was den Sinnen schmeicheln kan. Ein lahmer Mensch den- cket nur nicht daran sich zu beklagen/ wann sein Hertz vergnuͤget ist. Wer mit ihm E 2 selbst selbst kan vergnuͤgt seyn/ der bekuͤmmert sich nicht um alles uͤbrige. Du kanst sehr reich seyn/ wann du dich deines Willens wohl und gut gebrauchest. VII. Es ist eine grosse Unverschamheit/ ohne Erwehlung und Unterscheid zu lieben/ man muß wohl zusehen/ wohin man seine Affe- ction werffe. Wann man verwirret/ und ins Grab begehret/ so kan es nicht fehlen/ daß man betrogen wird/ und der boͤse Fort- gang/ den unsere Begierden gehabt haben/ verursacht uns eine Traurigkeit und Be- kummernuͤß/ davon man schwerlich wieder zurechte kommen kan. Wann du begeh- rest/ was in der Gewalt eines andern ist/ so setzest du dich in Gefahr/ nichts davon zu ziehen/ als Unlust/ dahergegen/ wann du nur dasjenige begehrest/ so in deiner Ge- walt stehet/ als dann setzest du dein Vergnuͤ- gen nicht in Gefahr. Mache es also/ daß dein Wille sich nur an diejenige Sachen binde/ die unter seinem Gebieth sind. Was ist nun das mehr von demselben dependirt, als die Begierde ein rechtschaffener Mann zu seyn/ und sich nur zu loͤblichen und ehrli- chen Actionen gebrauchen zu lassen? VIII. VIII. Der Geschmack bestehet in Erfuͤllung der Begierde/ derowegen must du deinen Willen also reguliren, daß er nichts wuͤn- sche/ als solche Sachen/ damit er kan zu recht kommen/ und sich nicht mit solchen Sachen bemuͤhe/ so unmoͤglich sind zu er- langen. Du wirst der allergluͤckseligste seyn unter allen Menschen/ wann du deine inclinationen, deine Lieb und Begierde nach deinem Vermoͤgen missest; Wann du dich von dieser Regul entfernest/ so wirst du elendig seyn/ so offt du etwas begehren wirst. IX. Wann du dein Gemuͤth vergnůgen kanst/ in dem du wenig issest/ so wird man dich vor einen Narren halten/ wann du wilt viel essen/ den Hunger zu mehren/ und deinen Appetit zu reitzen. Also gehet es dir/ wann du vergnuͤgt seyn kanst/ indem du wenig begehrest/ und deinen Willen un- bedaͤchtlich den Zaum laͤssest/ welcher nicht zu frieden ist/ weil er sich mit einem wunder- bahren Excess uͤbernehmen laͤst/ alle das- jenige zu begehren/ was seiner Ruhe zu wi- der ist. Die Begierde ist eine sehr weite E 3 Ku- Kugel. Unser Hertz findet vielmehr seine Ruhe und Ergoͤtzlichkeit/ wann es nichts begehret/ als wann es nach grossen Sachen trachtet. X. Derjenige/ welcher so weit kommen/ daß er nichts fuͤrchtet und nichts hoffet/ hat et- was grosses erlanget/ der Friede und die Ruhe/ derer er geniesset/ ist ein Geschenck/ welches ihme die Fortun/ wie reich sie auch ist/ nicht geben kan: Ein Mann kan auf dieser Welt sein eigener Gutthaͤter werden. Er kan ihm mehr Vergnuͤgung schaffen/ indem er nichts begehret/ als er von Erobe- rung der gantzen Welt haben wuͤrde. Man weiß genug/ daß es großmuͤthige Persoh- nen gegeben hat/ welche die Welt mit Ver- achtung angesehen haben. Aber alle Leute auf der Welt wuͤndschen mit Verlangen/ daß sie eben so gluͤckselig seyn moͤchten/ als derjenige/ der nichts mehr in dieser Welt begehret. Dieses ist das rechte Vergnuͤ- gen und die wahre Gluͤckseligkeit unsers Hertzens. XI. Wann du Hertz genug hast dich zu re- solviren zu leiden/ so versichere ich dich/ daß du du dich von vielen Sorgen/ und von einer schweren Last entledigen wirst/ sintemahl du dich der Ungedult entschlagen wirst/ welche man nicht besser kan beschreiben/ als wann man sagt/ sie sey wie ein Faden/ der das Boͤse aneinander henckt/ oder wie ein Spieß/ der dem Ungluͤck und Leiden in unsere Seelen den Gang eroͤffnet. Die Un- gedult verringert das Ubel nicht/ sondern vermehret dasselbe. XII. Setze nicht ein zweytes Ubel zu demjeni- gen/ so du leidest/ indem du dich von der Ungeduit einnehmen lassest. Wer sein Leyd nicht mit Gedult traͤgt/ der ist uͤber dem Fehler/ den er begehet/ auch noch ver- pflichtet/ eine zweyte Pein/ welche viel groͤs- ser ist/ als die erste/ auszustehen. XIII. Man entgehet der Unsinnigkeit und Verzweiflung/ wann man das Ungluͤck mit Gedult leidet; aber man geniest einer sehr reichen Freude/ wann man sich befleist gu- tes zu thun: Es ist keine Vergnuͤgung derjenigen gleich/ so aus einer guten That komt. E 4 XIV. XIV. Halte dein Hertz frey von allen Begier- den entladen/ so wirst du groͤsser seyn als Alexander; Du wirst keines Menschen Sclav seyn/ da doch dieser Monarch ein Sclav seiner Passionen gewesen ist. Ich wolte lieber zum geringsten Sclaven wer- den/ als daß ich mich von einer Passion wol- te regieren lassen. XV. Ich setze die Freyheit des Hertzens der Herrschafft der gantzen Welt vor. Man ist noch nicht recht frey/ so lange man mit seinen Passionen zu kaͤmpffen hat/ und man wider seine eigene Zuneigungen streitet. Das heist ein Sclav etlicher Tyrannen auf einmahl seyn/ wann man seinen Passio- nen gehorchet. XVI. Eine Begierde uͤberwinden ist nicht ein geringer Sieg. Es ist ein groͤsserer Ruhm uͤber sein eigen Hertz zu triumphiren/ als ei- ne Vestung mit Gewalt einnehmen/ iedoch wofern man diesen edlen Sieg allein der Tugend und nicht der Begegnung und Ungestuͤmmigkeit einer andern Passion zu dancken hat: Dann es gibt etliche Laster/ deren deren eines das andere uͤbern hauffen wirfft/ also daß sich eines Lasters bedienen/ das andere zu vertreiben/ nicht so wohl eine Victorie/ als eine schaͤndliche Niederla- ge ist. XVII. Wann zwey Laster in unserm Gemuͤht grausamlich wieder einander stossen/ und das eine den Sieg erhaͤlt/ so treibt es dassel- be deß wegen doch nicht hinauß/ sondern es setzt dasselbe auffs meiste nur ins Gefaͤng- nuͤß/ also daß mit der ersten Gelegenheit es entgehet/ und aͤrger wird/ als zuvor. XVIII. Die Aeste eines Baums beschneiden/ und den Stamm gantz gruͤn lassen/ das heist/ sich vergeblich bemuͤhen. Die Tugend ist sehr uͤbel in einem solchen Hertzen befesttget/ da die Wurtzel des Lasters noch gantz ge- blieben ist. Eine Passion wird durch eine andere nicht zerstoͤret/ ein Laster lescht das andere nicht aus. XIX. Es gibt etliche verderbete Leute/ welche gewisse Laster fliehen/ nicht aus Liebe oder Ergoͤtzlichkeit/ die sie in der Tugend befin- den/ sondern von wegen der Zuneigung/ so E 5 sie sie zu andern Lastern tragen. Es ist ein grosses Ubel/ wann man das Boͤse hasset/ und doch das Gute nicht liebet. XX. Nichts ist seltzamer und doch zugleich wahrer/ als daß diejenigen Laster/ welche der Tugend am gleichsten sehen/ diejenigen sind/ die man am meisten fliehen muß/ dann sie seynd tausendmahl gefaͤhrlicher/ als die andern. Ein Feind/ welcher sich unter dem Schein einer auffrichtigen und warhaffti- gen Freundschafft verbirget/ ist vielmehr zu fuͤrchten/ als ein offenbahrer Feind. Wir werden den angemaßten Tugenden unsehl- barlich in die Haͤnde fallen/ wann wir un- ser Hertz nicht von allen Gattungen der Be- gierden und Passionen reinigen. XXI. Die vornehmste Geschicklichkeit des Le- bens bestehet darinn/ daß man das Gute erkennet und lieben kan. Die Sorgen/ Bekuͤmmernuͤssen und Muͤhseligkeiten ge- hen durch diese zwey Spaͤlte in die Seele/ und unser gantzes Ungluͤck komt entweder daher/ daß wir uͤbel von den Sachen urthei- len/ oder daher/ daß wir unsere Liebe nicht wol reguliren. Die Passion macht/ daß wir wir dasjenige/ was boͤß ist/ begehren/ und die Unwissenheit verhindert uns/ das Gute von dem Boͤsen zu unterscheiden. XXII. Last uns allezeit von der Warheit und niemals von der Opinion leiten. Die Furcht und der Betrug machen/ daß das Ubel gemeiniglich viel groͤsser scheinet/ als es ist/ und ohne dieselbe wuͤrde man nichts ver- drießliches in der Welt finden. XXIII. Wir erfreuen uns offt uͤber etwas/ das uns die Thraͤnen aus den Augen ziehen solte/ und wir weinen offtmals/ da wir lachen sol- ten. In Summa/ man siehet uns offt trau- rig/ oft froͤlich/ ob wir schon keine Ursach uns zu betruͤben/ und keine uns zu erfreuen ha- ben: Wir solten vielmehr uͤber unsere Schwachheit schamroth werden/ wann wir betrachten/ daß so geringe Sachen eine solche Macht in unserer Seele haben. XXIV. Das scheinbahre Ubel plagt uns fast mehr/ als das wuͤrckliche und thaͤtliche/ und kan man sagen/ daß dasjenige/ was die Traurigkeit/ den Unmuth und Verdruß verursacht/ ist nicht so wohl das Ubel/ so uns E 6 be- begegnet/ als das jenige/ so man ihm einbil- det/ daß uns wiederfahren werde. Die Meynung betrieget und vergifftet uns. XXV. Der Reichthum wird bey uns vor ein Gut gehalten/ und darinn urtheilen wir nicht weißlich; Dieser Nahm kompt eigent- lich nur mit dem guten Gebrauch des Gu- ten uͤberein/ wan man sich weißlich in demje- nigen verhaͤlt/ welches Gelegenheit zu einem groͤssern Ubel giebet. XXVI. Wann etwas gutes an dem Reichthum ist/ so ist es gar gering/ dann sie geben eine grosse Zuneigung zum Boͤsen/ werffen die- jenige/ welche sie besitzen/ in tausenderley Gefahr/ und verdammen sie zu vielen Sor- gen/ Muͤhe und Arbeit: sie unterhalten die Begierde/ und dienen vor eine Materie zu allen Lastern: sie beunruhigen diejenige/ wel- che sie begehren/ auch die/ so sie besitzen/ foͤrch- ten allezeit/ sie moͤchten ihnen entgehen Und diejenigen/ welche dieselbe verlohren haben/ koͤnnen sich schier von ihrer Bekuͤmmerniß nicht wieder erholen. XXVII. Die Armuth ist unter allen Guͤtern das groͤs- groͤsseste/ dann sie thut niemand leyd/ als demjenigen/ der sie fliehet/ und einen Haß gegen sie traͤgt: Hergegen verwundet der Reichthum diejenige/ welche ihn allzusehr lieben/ auffs hefftigste. Wann jemand sagt/ die Armuth sey gar unbeqvem/ so muß man ihm antworten/ daß die Unbeqvemlichkeit nicht an die Armuth/ sondern an die arme Person gebunden ist. XXVIII. Es ist ein grober Irrthum/ wann man ihm einbildet/ ein Mensch sey gar gluͤckselig/ wann er grosse Schaͤtze besitzt/ und man mehr auff ihn siehet/ als auff die Armen; Ich aber sage/ daß er viel elender sey/ als die jeni- ge/ die nichts besitzen/ dann jemehr Reich- thum er besitzt/ jemehr er von noͤhten hat. Was mangelt einem Armen? schier nichts; er ist zu frieden/ wann er so viel hat/ als er zur Speise und Kleidung bedarff; Herge- gen muß ein reicher Mann tausenderley ha- ben/ feinen Pracht und Eytelkeit zu unter- halten. XXIX. Die reichen Leute gerahten in eine grosse Noht/ sintemahl ihnen alles/ mangelt/ was sie begehren. Die Armen haben nur der E 7 Er- Ergetzlichkeit von noͤhten. Ein reicher Mann beflndet sich in eben so viel noͤhten/ als er Paßionen und Laster unterhaͤlt. Ein Armer gedencket an nichts als sein Leben zu unterhalten. Ich nenne einen Mann arm/ ob er schon sonsten reich ist/ wann er alles dessen/ so er besitzt/ von noͤhten hat. Ich nenne einen Mann reich/ so elendig er auch nur zu seyn scheinet/ wann er aller Sachen/ die ausserhalb ihm seynd/ nicht von noͤhten hat. Es gibt viel Leute/ die mit allen ihren Schaͤtzen arm sind/ in deme sie sich nicht mit wenigem vergnuͤgen koͤnnen. XXX. Diejenigen/ welche den Reichthum nur Wollusts halben begehren/ sind nichts werth; Diejenige/ so verhoffen Ehre darin zu finden/ betriegen sich leichtlich/ und dieje- nige/ welche ihn um keiner andern Ursache willen suchen/ als ihre Passionen zu vergnuͤ- gen/ machen sich einer grossen Schuld theil- hafftig/ aber diejenige/ die ihnen in solcher Ersuchung keinen andern Zweck vorsetzen/ als sich von der Noht zu entledigen/ solten gedencken/ daß der richtigste Weg/ darzu zu gelangen/ sey/ sich mit wenigem zu vergnuͤ- gen. Ich sage noch mehr/ man darff nur nichts nichts begehren/ wann man sich von der Nothwendigkeit entladen will. XXXI. Ich will nicht laͤugnen/ daß die Gesund- heit ein grosses Gut sey; aber ich wolte auch/ daß jederman bekennete/ daß die Kranckheit kein gar grosses Ubel sey/ sie lehrt die Leute/ sich zu kennen: dahergegen die Gesundheit sie betrieget/ indem sie ihnen einbildet/ sie werden nimmermehr sterben. Ist das ein Ubel/ wann man durch die Erfahrung weiß/ daß man ein Mensch ist? Wie viel meinestu/ daß es Leute gibt/ die sich anitzo wol auff be- finden/ welche dem Todt viel naͤher sind/ als diejenige/ so die Medici verlassen haben? Sehen wir nicht alle Tage solche Leute/ die gar schwach/ zaͤrt und kraͤncklich sind/ und doch laͤnger leben als andere/ die da scheinen/ als waͤren sie die allergesundesten. XXXII. Das Leben ist ein gutes Ding/ wann man es nuͤtzlich anwendet: Der Todt soll niemals ein grosses Ubel genennet werden/ als wann man nicht wol gelebt hat. Der Todt ist kein Mangel/ sondern ein gar na- tuͤrliches Ding. Es ist vielen ein grosses Ubel gewesen/ daß sie lange gelebt. Man stir- stirbet nimmer zu fruͤhe/ wann man ehrlich gelebt hat. XXXIII. Ein Mensch verlieret das Leben nicht/ ob schon der Todt eher ankompt/ als er meinet; dann derjenige/ welcher sagt/ er verliehre dasjenige/ was er schuldig ist/ laͤugnet die Schuld/ indem er sie bezahlet. Wir gehen ein in die Welt durch die Pforte des Lebens mit diesem Beding/ daß wir durch die Pfor- te des Todes sollen aus demselben herauß gehen. XXXIV. Wir sollen nicht so sehr den Todt fuͤrch- ten/ weil wir alle Tage sterben. Wann ein Mensch stirbt/ so hoͤret er nur auff zu leben: Wann jemand in die Welt kompt/ so faͤngt er an zu sterben. Wann wir sagen/ wir werden einmal sterben/ ist nicht gewisser/ als wann wir sagen/ wir sterben alle Augen- blick des Lebens. Wuͤrde ein Mann vor vernuͤnfftig gehalten werden/ welcher sich weigerte/ nur einmahl zu thun/ was er ohne unterlaß thut? So fuͤrchte dann nicht zu sterben. Wann dich der Todt uͤbereylet in der Bluͤte deines Alters/ so wird er eine Million Laster mit dir begraben; Wann er er aber erst in dem Alter koͤmpt/ so wird er dich alsdann von viel und mancherley Schwachheiten erloͤsen. XXXV. Das Gute/ so in der Ehre seyn kan/ ist groß oder mittelmaͤssig/ nach dem man ihm dasselbe einbildet. Achte die Meynung nicht/ sondern halte die Warheit uͤber alle Dinge. Bekuͤmmere dich nicht daruͤber/ daß man nicht wohl von dir redet/ sonder- lich wann es Leute sind/ die uͤbel reden/ und die ohne Unterscheyd allen Leuten uͤbel nach- reden. Wann sie die Warheit sagen/ so finde ich/ daß du keine Ursache hast zu mur- ren/ noch dich zu beklagen. Wann sie lie- gen/ so leyden sie vielmehr davon als du: Derowegen folge ihnen nicht nach/ und wann du bisweilen gezwungen bist von ih- nen zu reden/ so rede allezeit hoͤflich und ehr- bar von denselben. Wann sie uͤbel von dir reden/ so kanstu wohl ihre Rede verachten/ und derselben nicht nachdencken/ aber was vor Sorge du traͤgest sie zu befriedigen und zu besaͤnfftigen/ so wirstu doch nimmermehr zu recht darmit kommen. XXXVI. Eine Person/ die warhafftig werth ist/ ge- gelobt zu werden/ soll sich nicht sehr bekuͤm- mern/ wann man ihm solches Recht nicht wiederfahren laͤst; Aber man muß wohl Achtung geben/ daß man kein Lob begehret/ dessen man nicht werth ist. Wann man schon einen Mann lobt/ so ist er doch nicht desto tugendhaffter/ aber wann man die Gutheissung frommer Leute verdienet/ so ist ers in der That. Eine Persohn/ die weder Tugend noch Vollkommenheit an sich hat/ heist dieselbe schmaͤhen. Der Verdienst al- lein ohn Lob ist eine rare Tugend/ und eine sonderbahre Guͤtigkeit. Der Neid henckt sich nur an edle und grosse Qvalitaͤten. XXXVII. Deine Muͤhseligkeit wird dir nicht so ver- drießlich vorkommen/ wann du sie mit der Muͤhseligkeit anderer Leute vergleichest. Begehrest du nicht so viel zu leyden/ so leide das Ungluͤck/ so dir begegnet/ mit Gedult; Wann deine Schwachheit sich auff deine Seite begibt/ so befestige deine Seite mit der Vernunfft. Wann das Ungluͤck von deiner Schuld herkompt/ so nim es an als ein Ding/ so dir gebuͤhret; wann du nichts darzu gethan hast/ so thue dir selbst ein Ge- nuͤgen wegen deiner Unschuld in deinen Ge- dan- dancken/ und murre nicht/ aus Furcht/ du moͤgest einen Fehler begehen. XXXVIII. Ein Mensch/ der verlohren hat/ was er hoch gehalten/ und der sich selbst nicht ver- lohren hat/ darff sich nicht sehr bekuͤmmern. Wir nennen gemeiniglich ein Ungluͤck/ was unseꝛm Ubel ein herꝛliches Mittel ist/ und wir sehen offtmals dasjenige/ was uns grossen Nutzen bringet/ als einen grossen Schaden an. Man kan von einen Mann/ welcher sich uͤber den Verlust seiner Guͤter bekuͤm- mert/ sagen/ daß er sich selber verlohren hat. Das heist ein Raͤuber seyn/ wann man ei- nes andern Gut raubt. Schaͤtze mit Un- ruhe erhalten/ macht einen Geitzigen: Geld fodern/ heist arm seyn: Sich bekuͤmmern/ daß man keines hat/ heist elendig seyn. Ich weiß nur allzuwohl/ daß sich ein Mensch vor ungluͤckselig haͤlt/ wann er siehet/ daß er aller seiner Guͤter durch einiges Accident be- raubt wird; aber ich weiß auch/ daß er sich betriegt/ und keine Ursach hat zu klagen/ dann dasjenige/ was er als eine beschwer- liche Verdrießlichkeit betrachtet/ ist gewoͤn- lich die Qvelle seines Gluͤcks. XXXIX. XXXIX. Das heist sehr wenig Verstand haben/ wann man sich erzuͤꝛnet/ so ihm etwas wider seine Hoffnung begegnet ist. Man solte dasjenige nicht er warten/ was uns nie- mand versprochen hat. Nichts ist bestaͤn- dig in der Welt. Die allergewoͤnlichste Arth/ das allergemeineste und allgemeine- sie Gesetz unter den Menschen ist/ daß man schier alle augenblick etwas sehen muß/ das uns beleydiget. Auff was vor eine Seite man sich draͤhet/ so trifft man nichts an als Ungluͤck/ welches man auch wider willen versuchen muß. Hat man einem unter uns ein immerwaͤhrendes Gluͤck ohne Vermi- schung mit dem Ungluͤck versprochen? Be- trachte in dem Ungluͤck/ so dir wiederfahren ist/ niemals den Schaden/ so er dir verursa- chet hat/ sondern bedencke die Gefahr/ deren du entgangen bist/ denn derjenige/ der alles verlohren hat/ was er besessen/ hat nichts de- sto weniger Ursach sich zu troͤsten/ ja auch sich zu erfreuen/ daß er sich nicht sampt seinem Reich thum verlohren. XL. Ihr solt die Dinge nicht darum gut ach- ten/ weil du sie so hefftig begehret hast. Die Straf- Straffe ist offt die Frucht und der Zweck der Begierden/ und das heist gluͤckselich seyn/ wann man nicht alles erhaͤlt/ was man wuͤnschet. Entschlage dich deines Willens/ er betrieget den Verstand/ und fehlet am oͤfftersten in der Erwaͤhlung der Dinge. Nicht die inclination/ sondern die Ver- nunfft soll uns in allen Begebenheiten zur Richtschnur dienen. XLI. Wir sollen nicht alle Sachen dieser Welt hoch achten/ weil diejenigen/ welche eine Billichkeit und Verstand in sich haben/ urtheilen/ es sey ein groͤsser Ruhm sie mit grossem Gemuͤth zu verachten/ als sie durch seine eigene Kunst erlangen. XLII. Das Leben mit dem Laster ist ein Todt; ohne die Lust/ die bey der Suͤnde ist/ ist es eine sehr verdrießliche Nacht: wegen der Freude ist es auffs hoͤchste eine Stunde: wegen der Sorge und Muͤhe ist es ein gantzes Secu- lum: wegen der Hoffnung ist es ein Schlaff oder vielmehr ein Traum. In Summa/ von dem Leben zu reden/ wie es sich gebuͤh- ret/ so soll man dasselbe niemahls ein Leben nennen/ wann es nicht von der Tugend ge- leh- lehret wird. Das Leben duͤnckt die gluͤckseli- gen Leute sehr kurtz/ und die Elenden sehr lang zu seyn. Die gute Zeit ist diejenige/ welche unempfindlich dahin fleust/ und die am aller geschwindesten darvon laufft. XLIII. Wer wol leiden und außstehen kan/ der kan viel Arbeit uͤberwinden. Leiden und uͤ- berwinden gehoͤren in eben eine Wissen- schafft. Die Gedult lehret alles beydes sehr wohl/ die Fortun muß derselben auch mit ih- rer gantzen Macht weichen. XLIV. Gleich wie alle andere Sinnen das Ge- fuͤhl vorauß setzen/ also auch alle andere Tu- genden die Gedult/ und kan man sagen/ es sey eine fruchtbahre Qvelle/ darauß alle gu- te Actionen entstehen. XLV. Ein Mensch/ welcher wuͤnscht/ daß er in derjenigen Arbeit/ zu deren er wider seinen Willen genoͤthiget wird/ keine grosse Muͤhe finden moͤchte/ hat nur vor sich selbst Arbeit zu suchen/ dann man leidet lieber und leich- ter ein solches Ubel/ dessen man schon ge- wohnet ist; die Erfahrung hilfft nicht nur/ ei- einen Menschen klug zu machen/ sondern sie dient ihm auch/ viel Gedult zu erlangen. XLVI. Begnuͤge dich mit wenigem/ so wirstu in dem Elend anderer Leute einen reichen Schatz samblen. Die Armuth ist keine Tugend/ sondern die Liebe der Armuth ist wuͤrdig einen solchen Nahmen zu fuͤhren. XLVII. Man findet einen sehr grausamen Feind inder Armuth/ wann man keine Affection gegen denselben traͤgt: Denn ohne die Un- gelegenheit/ die sie nach sich ziehet/ oͤffnet sie auch vielen andern Ubeln die Thuͤr. Die Nothwendigkeit und die Schande sind zwey unerschoͤpffliche Quellen alles Ubels und Ungluͤcks. XLVIII. Ob schon der Reichthum in sich selber betrachtet nicht boͤß ist; so ist es doch alle- zeit sehr gefaͤhrlich und also billich zu verach- ten. Das Feuer ist gut zu hunderterley Sachen/ doch darff man nicht sagen/ daß es unter einen grossen Hauffen Pulver gut sey. Eben also gehet es mit dem Reich- thum/ derselbe wird boͤse/ so bald man sich daran bindet. XLIX. XLIX. Das Gold verursachet grosse Unord- nung/ wann es nicht in gute Haͤnde faͤllt. Wilt du wissen/ wann es gut ist? alsdann wann man sich von ihm entfernet. Wann derjenige/ der dessen Herr ist/ Lust hat/ et- was Nutzen davon zu ziehen/ so darff er es nur bald von sich thun. Ich will auch noch dieses darzu setzen/ daß diejenige Person/ welche dasselbe abschlaͤgt/ nicht weniger Lob verdienet/ als derjenige/ der es geben will. L. Man hat nicht allzuuͤbel von dem Reich- thum geredt/ wann man ihn ein außspeyen des Gluͤcks genennet: Dann es ist gewiß/ daß dasjenige/ so uns mit Gewalt aus dem Eingeweide gehet/ schon verdorben ist/ da- her komt es/ daß diejenigen/ welche nicht so zaͤrtlich sind/ dasselbe nicht ohne Schrecken ansehen koͤnnen. LI. Betrachte alle Guͤter dieser Welt/ als srembde Sachen/ es kan sich keiner ruͤhmen/ daß die Fortun von ihm dependiret. Wir sollen die Tugend nimmermehr unter unse- re Guͤter setzen/ als wann wir dieselbe er- lan- langet haben. Sage nimmermehr/ ich habe ein solches Ding verlohren/ dann du hast nichts/ das nicht entlehnet ist. Wann ie- mand von deinen Kindern zu sterben komt/ so siehe wohl zu/ daß du nicht weinest/ als wann du es verlohren haͤttest/ sondern be- gnuͤge dich zu sagen/ ich habe es demjenigen wieder geben/ dem es gehoͤret. Erfreut dich an statt des traurens/ wann man dich alle deines Gutes beraubet hat/ dann als- dann wirst du nichts mehr schuldig seyn. LII. Es ist wenig daran gelegen/ ob man wisse auff was Weise der Glaͤubiger das Geld/ so ihm gebuͤhrt/ bekommen/ wofern er seinen Schuldner nichts mehr abfordert. Es ge- buͤhret dir nicht/ diejenige Persohn anzu- sehen/ deren GOtt hat wiedernehmen wol- len/ was du ihr schuldig warest: Halte dich nicht auff zu erforschen/ ob die Persohn gu- te oder boͤse Qvalitaͤten an sich hat/ oder ob sie dich leiden mag: Ist es nicht genug/ daß du versichert bist/ daß dir dein Schuldherr nichts mehr abfordert? LIII. Das heist ein vollgewaltiger Herr seyn/ wann man nach oder wider seine inclina- F tion tion handelt: Nichts destoweniger kanst du diese Gewalt nicht uͤben/ als in denen Actionen, die von der Tugend herkommen/ denn sie erstrecket sich nicht auf diejenige Guͤter/ welche man von der Fortun em- pfangt: sich mit Gewalt daruͤber zum Herrn machen wollen/ heist/ bald ihr Scla- ve zu werden. LIV. Das waͤre ein grosser Streich der Weiß- heit und zugleich ein aͤusserstes Gluͤck/ wann du dich in einen solchen Stand begeben koͤntest/ da dir nichts widerwaͤrtiges wie- derfuͤhre/ und dieses stehet in deiner Macht/ wann du nur die allerverdrießlichste Zufaͤlle zu deinen Nutzen richtest/ und gutes aus dem boͤsen ziehest. Sey gaͤntzlich versichert/ daß/ ausgenommen die Suͤnde/ kein Ubel ist/ daß unter seiner Rinde nicht etwas gu- tes hat. LV. Ich weiß gewiß/ daß du keinen Reich- thum begehren wuͤrdest/ wann du darbey zum Sclaven werden soltest/ sintemahl un- ter allen Guͤtern/ deren man in der Welt geniessen kan/ keines der Freyheit gleich ist. Ich bitte dich/ sage mir/ welche von diesen zwey zwey Freyheiten woltest du am liebsten ver- liehren/ des Leibes und der Seelen? Du wirst mir alsobald antworten/ daß die Dienstbarkeit des Hertzens tausendmahl aͤrger ist/ als die Dienstbarkeit des Leibes: Ich gestehe es/ aber ich muß dich auch leh- ren/ daß die Freyheit des Hertzens nicht kan erhalten werden/ als durch eine großmuͤ- thige Verachtung des Reichthums. LVI. Erinnere dich/ daß du ein Mensch bist/ und setze alles was dir begegnet/ in die Zahl der Menschlichen Dinge/ es mag seyn/ was es wil. Ruͤste dich/ eine Million Wider- waͤrtigkeiten auszustehen/ und erschrecke nicht mehr daruͤber/ wann sie dich uͤberfal- len/ als wann du sie an deines gleichen siehest. Bist du gefaͤhrlich an der Hand oder am Arm verwundet? Es sind andere auch also tractiret worden/ und dieser Zu- fall ist auffs hoͤchste nichts mehr als ein Un- gluͤck. LVII. Gib Achtung/ daß du nicht alles begeh- rest/ was dich gut zu seyn duͤncket: Man muß so wohl auf das Mittel/ als auff das Ende sehen. Es gibt sehr anmuthige und F 2 ange- angenehme Oerter in der Welt/ dahin nie- mand darff gehen/ dieweil der Weg/ der dahin fuͤhret/ gar rauch und hart ist. Ge- setzt/ daß dasjenige so du begehrest vollkom̃- lich gut ist/ so wolte ich doch rathen/ du sol- test nicht mehr daran gedencken/ wann du eine Leichtfertigkeit begehen muͤssest/ oder es viel Arbeit kostete/ dasselbe zu erlangen. LVIII. Wohl von der Bekuͤmmerniß zu urthei- len/ so muß man dieselbe ansehen/ als den Anfang eines sehr grossen Guts/ und nicht als ein Ubel. Erschrecke nicht vor dem Schein/ es ist auch kein Riese/ der nicht klei- ner ist als eine Muͤcke/ wann er anfaͤngt in dem Leibe seiner Mutter formiret zu wer- den. LIX. Begib dich niemahls in die Meynung des gemeinen Mannes/ und ermesse die Sachen nicht nach der gemeinen Mey- nung; Es ist ein Irrthum/ geschwinde zu schliessen/ daß ein Mensch sehr gluͤckselig sey und sich wohl auff befindet/ weil man sie het/ daß er gar froͤlich ist; Auch muß man ihm nicht einbilden/ daß er kranck/ oder daß ihm etwas widriges begegnet sey/ wann man ihn ihn melancholisch uñ traurig siehet. Nichts ist in dem Gebrauch der Dinge gemeiner/ als die Verdeckung. Siehet man nicht alle Tage viel traurige und betruͤbete Leute unter dem Reichthum und den Ehren/ und andere/ die ihre Freude oͤffentlich sehen las- sen/ ob sie schon in der aͤussersten Noth stecken. LX. Ehe man von einem Dinge urtheilet/ muß man das Ende wohl betrachten. Du kanst in aller Sicherheit ein Ding gut nen- nen/ wann es also nach seinem Ende ist/ ob es schon anfaͤnglich scheinet/ als sey es nicht gut/ und dasjenige/ was nach seinem Zweck oder Ende nicht gut ist/ verwerffen als ein boͤses Ding/ ob es schon einen ziemlichen schoͤnen Anfang hat. In diesem Fall muß man alle Sachen in der Welt sehr geringe achten/ weil sie so nahe an ihrem Ende sind. Die Guͤter dieses Lebens sind weniger zu betrachten nach ihrer Menge/ als nach ihrer Waͤhrung. LXI. Das Gute/ wer es recht erforschen will/ bestehet in der Action, die Tugend ist ein Gut welches nicht an der Fortun henget/ F 3 und und an dem der Neid nichts vermag. Be- fleisse dich/ daß du dich moͤgest zum Herrn uͤber dieses Gut machen: Ich versichere dich/ daß du es kanst/ iedoch weil kein Mensch ist/ der dir diesen Schatz geben kan/ so must du es doch auch demjenigen nicht mißgoͤnnen/ die ihn gefunden haben. Was vor ein Guth auch ein Mann von dem Gluͤck empfangen/ so ist er doch deswegen nicht gluͤckseliger/ und sein scheinliches Gluͤck soll in deinem Hertzen keine Eyfersucht er- wecken/ trage vielmehr ein Mitleiden mit demselben/ und beklage ihn/ daß er dem Hochmuth und dem Willen der Fortun unterworffen ist. LXII. Wann du einen sehr reichen Mann sie- hest/ und dem es wohl gehet/ so huͤte dich wohl/ daß du ihn nicht vor gluͤckselich schaͤ- tzest: Ich sage vielmehr mit einem Mitlei- den/ ach! er ist nicht weit von seinem Fall/ auffs wenigste stehet ihm ein grosses Unheil vor/ und wann er lange lebet/ so wird er viel Widerwaͤrtigkeit ausstehen muͤssen. Allen solchen verdrießlichen Zufaͤllen ist man nicht unterworffen/ wann man in einem mittel- maͤßigen Stande lebet/ und wenig Reich- thum thum hat. Gesetzt/ daß einiger Vortheil ja auch eine Bestaͤndigkeit in den zeitlichen Guͤtern waͤre/ so bleibt es doch allezeit wahr/ das man sie nicht hoch achten solle/ weil sie nichts anders seynd/ als die Ursach alles unsers Ubels und die Quell alles un- sers Ungluͤcks. LXIII. Du wuͤrdest keinen Menschen verach- ten/ oder ihn neiden/ wann du an statt daß du ihn in dem gegenwaͤrtigen Zustand/ darinn er sich befind/ betrachtest/ wohl be- daͤchtest was er gewesen/ oder ins kuͤnfftig werden kan. Ist er nun gar reich? er kan arm werden. Hat er eines von den groͤ- sten Aemtern des Koͤnigreichs? man wird ihn vielleicht bald unter den Ubelthaͤtern in dem Gefaͤngnuͤß sehen: Verachte ihn nicht/ wann er in Noht ist/ dann du wirst seiner von noͤthen haben/ wann ihm die Fortun erhoͤhet. LXIV. Wann du es vor boͤß befindest/ daß man dir versagt/ was man einem Schmeichler leicht vergoͤnnet/ so bist du nicht besser als er/ auffs wenigste ist deine Klage nicht gar Vernunfftmaͤßig. Weist du noch nicht/ F 4 daß daß die Sachen dieser Welt niemahl um̃ nichts gegebẽ/ sondern daß sie allezeit theuer verkauffet werden/ und daß die Muͤntz/ welche am meisten unter den Menschen laͤuffig ist/ die Schmeicheley sey? Wann du dieselbe niemands angeboten/ warum verwunderst du dich/ daß man dir nichts ge- geben? und wann du dich derselben eben so wohl bedienet hast/ als die andere/ war- um gedenckest du nicht/ den Fehler/ so du begangen/ durch eine rechte Reue auszu- leschen. LXV. In dem kauffen und verkauffen empfaͤn- get der eine etwas/ aber der nichts kaufft/ bleibet mit dem/ was er hatte. Beklage dich nicht/ daß man dir dasjenige versagt/ was gemeiniglich nur den Lastern gegeben wird: Begnuͤge dich mit demjenigen/ so du zuvor besitzest/ und daß du nicht boͤß wor- den bist. Es ist nicht ein geringer Vor- theil vor dich/ daß du dich in einer so grossen Verderbnuͤß erhalten/ und dasjenige hast erhalten koͤnnen/ welches nur den Schein des Guten hat. LXVI. Das heist thoͤricht gethan/ wann man sich sich selber verkaufft/ damit man ein Kleid kauffen moͤge; wie darffstu dann dein Ge- muͤht verkauffen/ deinen Leib zu befriedigen? Wer sich vor die Beqvemlichkeiten und Lust des Leibes beunruhiget/ ist schon ein Sclav desjenigen/ so er begehret. Du hast nichts als was du werth bist/ wann sich dei- ne Seele in eine schaͤndliche Dienstbarkeit gestuͤrtzet/ weil du deinen Leib allzusehr ge- schmeichelt hast. XLVII. Nichts ist wunderbahrers noch billicher hoch zu achten/ als eine großmuͤhtige See- le/ welche das Lob bestaͤndig von sich abtrei- bet/ und der Tugend das unrecht nicht thut/ daß er ihr aus Eigennutzen dienet. Du kanst nichts groͤssers finden unter den Men- schen als einen edlen/ grossen und erhabenen Geist/ welcher alles/ was schier die gantze Welt blind macht und bezaubert/ verachtet. Nun ist es eben also mit demjenigen beschaf- fen/ welcher die Ehre verachtet/ und des Weyrauchs der Schmeichler nicht begeh- ret. LXVIII. Die Guͤter dieses Lebens sind wie die Nesseln/ welche von weiten schoͤn und gruͤn F 5 schei- scheinen/ aber wann man sie anruͤhret/ so brennen sie. Dasjenige/ so wir begehren/ oder was wir verhoffet/ duncket uns voll- kommen gut zu seyn/ so lange es entfernet ist/ aber kaum haben wirs in unsern Haͤnden/ so verwundet es uns biß ins Hertz. LXIX. Ein Narr begehret allezeit/ und betrach- tet nicht/ was er in seinem Vermoͤgen hat/ ob es schon gemeiniglich etwas bessers ist/ als dasjenige/ so er begehret. Also geniessen solche Leute keines Dinges/ indem sie alles haben wollen. Die Begierde streiten un- tereinander und fuͤhren Krieg/ einander zu Grunde zurichten. LXX. Es ist schwer zu erhalten/ was viel Per- sohnen wuͤnschen/ aber ich halte davor/ daß es sehr schwer sey dasselbe zu behalten/ nach- dem man es bekommen hat. Die grosse Anzahl der Nachtrachtẽ den verhindert oft- mahls/ daß man mit seinem Vorhaben nicht zum Ende gelangen moͤge; aber die Zahl der Neider beunruhiget einen Menschen in seiner Besitzung. In Summa/ je mehr man ein Ding begehret/ je mehr entfernt es sich. LXXI. LXXI. Dieses ist mit wenigen Worten die Ab- bildung eines weisen Mannes und die Be- schreibung: Er soll wollen ohne begehren/ nichts foͤrchten/ und sich allezeit wol vorse- hen: Vergnuͤgt seyn und die Wolluste flie- hen: Nur dasjenige lieben/ welches der Vernunfft gemaͤß ist: Zu allem was noth- wendig ist Versehung zu thun und sich nim- mermehr beunruhigen: Keine Zeitvertreib haben/ die nicht ehrlich ist: sich nicht bekuͤm- mern/ als wann er einen Fehler begangen/ ob er schon davon außgenommen seyn solte/ weil er Profession macht in allen der Ver- nunfft zu folgen. LXXII. Ein rechtschaffener Mann hat diesen Vortheil/ daß er sich vor gluͤckselig schaͤtzt unter allen grausamsten Plagen/ und ge- wißlich/ er irret sich nicht. Alles was seine Tugend nicht beflecken kan/ das ist bey ihm kein Ungluͤck/ er fuͤrchtet sich nur vor der Suͤnde/ er leidet die Straffe standhafftig- lich/ er fiiehet die Wollust/ er betrachtet die grosse Weite des Koͤnigreichs der Fortun/ mit einer großmuͤhtigen Verachtung/ und setzt sich aller ihrer Macht entgegen/ ohne F 6 eini- einige andere Huͤlffe/ als die jenige/ welche er von seiner Gedult und eigenen Hertzen hat. LXXIII. Stehe allezeit auff der Wacht wider die verdrießlichste und aͤrgste Zufaͤlle/ und ma- che es also/ daß alles Ungluͤck/ so dir begeg- nen kan/ vielmehr deinen Willen als deinen Verstands-Urtheil vorkomme. Der aller- weisseste Mann kan sich von dem Ungluͤck und Elend dieses Lebens nicht befreyen: A- ber das hat er sonderlich an ihm/ daß er sich nimmermehr bestuͤrtzt befindet. Beschliesse nichts/ du setzest dann dieses Beding darzu/ wofern mich die Fortun nicht hindert. Es ist gut/ wann man die Fortun nicht fuͤrchtet/ damit man mit derselben Eigensinnigkeit und seltzamen Possen nichts zu thun habe. LXXIV. Wann es sich zutraͤgt/ daß die Sachen nicht so uͤbel außschlagen/ wie du gemeint hattest/ ob schon der Fortgang nicht gantz nach deinem Willen ist/ so wird dich dieses kleine Ungluͤck auch bekuͤmmern. Wann man keinen Fortgang verhofft/ so bekuͤm- mert man sich nicht so sehr/ wann man sich betrogen siehet. LXXV. LXXV. Dencke vielmehr an das/ so sich begeben kan/ als an das/ so sich gemeiniglich begibt: Dieses ist das rechte Mittel in Ruhe zu le- ben. In Summa/ gleich wie man ein sol- ches Ubel/ zu welchem man sich schon lang gewehnt hat/ leichtlicher ertraͤgt/ also wird man uͤber einen solchen Zusall/ wie groß er auch ist/ weniger bestuͤrtzt/ wann man ihn zu- vor gesehen/ und sich geruͤstet hat/ denselben zu empfangen. Diejenigen/ so auff dem Meer fahren/ thun alle vor das Uugewitter dienende Sachen in das Schiff/ ob schon das Wetter zur selbigen Stundte gut ist/ und es kein ansehen der Gefahr hat. Also soll ein weiser Mann thun/ er muß sich ruͤsten das boͤse anzunehmen/ wann er im Gluͤck ist. LXXVI. Weil man davor haͤlt/ es sey eine Gat- tung der Freyheit/ wann man einem weisen Mann gehorcht/ so muß man auch sagen/ es sey eine Gattung der Dienstbarkeit/ wann man uͤber solche Leute herscht/ die weder Witz noch Verstand haben. Ein Narr wird von zween seltzamen Ubeln geplagt. Erstlich daß er ein Narr ist: Zum andern/ F 7 weil weil er den Mangel des Verstandes mit der Boßheit ersetzt: Dann gleich wie ein weiser Mann durch sein gutes Leben alles dasjenige ersetzt/ welches ihm sonsten man- gelt: also gebraucht sich auch derjenige/ wel- cher weder Geschicklichkeit noch Bescheiden- heit hat/ aller erdencklichen Boßheit. LXXVII. Aristoteles hat sehr weißlich in acht ge- nommen/ daß es der Narren Eygenschafft ist/ daß sie ohne unterlaß von allerhand Sa- chen ihre Meynung sagen/ ohne Rath der Vernunfft/ und in der Eyl die Sachen de- cidiren, sich der gegenwaͤrtigen Guͤter nicht befleissen wollen/ und sich nimmermehr bemuͤhen/ zu er kennen/ was einen Menschen in der Welt gluͤckselich machen kan. Ich setze dazu/ daß die Thorheit derjenigen gleich ist/ die ein Mensch/ der nicht weiß/ worinn die Gluͤckseeligkeit dieses Lebens bestehet/ be- gehet/ und allezeit doch ein unordentliches Leben fuͤhret. LXXVIII. Die vollkommene Weißheit bestehet nicht so wol darinn/ daß man tieff in die hoͤchste Wissenschafft hinein gruͤndet/ son- dern daß man sein Vorhaben wohl anstel- let/ let/ und seine Worte und Anschlaͤge in acht nimt. Es ist ein grosses Zeichen der Weiß- heit/ sich an dasjenige zu binden/ was gut in sich selber ist/ an statt daß man sich auffhaͤlt/ die Geheimnuͤß der Natur zu erforschen/ die Hefftigkeiten der Paßionen zu maͤßigen/ an statt daß man unnuͤtzliche Discurs und Schluß-Reden fuͤhret: sich mit ihm selber vergnuͤgen/ und machen/ daß man nicht von der Fortun dependire. LXXIX. Ich halte einen Mann vor gluͤcklich/ wel- cher weniger von noͤthen hat ruhig und still/ als nur schlechthin zu leben. Er hat der Nahrung/ Kleider/ und vieler anderer Dinge von noͤthen zum Leben: aber ver- gnuͤgt zu leben ist es genug/ daß er eine er- habene Seele habe/ welche die gute und boͤse Fortun ohne Unterscheid betrachte/ auch nichts achte/ als dasjenige/ was ewig waͤhren soll/ welche allen moͤglichsten Fleiß anwende/ sich GOtt gleich zu machen/ wel- che ihre Ruhe/ Freude und Gluͤckseeligkeit finde in Verachtung aller Guͤter/ so von dem Gluͤck herkommen. LXXX. Es ist leichter/ als man meinet/ sich zum Herrn Herrn der gantzen Welt zu machen/ man darff nur alles verachten/ und sich aller Dinge wol gebrauchen: Die Vortreflich- keit des Vermoͤgens muß aus dem Einkom- men geschlossen werden: Nun ist es ge- wiß/ daß kein Mensch einen groͤssern Nu- tzen aus den weltlichen Sachen ziehet/ als derjenige/ der sie durch die Tugend ver- achtet. LXXXI. Alle boͤse Leute sind Sclaven/ nur der allein der fromme Mann ist vollkommen frey; kan man ihm eine gaͤntzlichere Frey- heit einbilden/ als diejenige/ deren du ge- niessest? Sintemal dich keiner verhindern kan/ zu leben/ wie es dir gefaͤlt; es fehlet viel/ daß ein Libertiner so gluͤckselig seyn solte als du/ dann er hat ihm eine ungluͤckse- lige Nothwendigkeit aufgeleget/ seinen Paßionen zu folgen/ und unter der Herr- schafft der schaͤndlichen Laster zu leben. Die Gesetze verbieten ihm/ zu suchen/ was er be- gehre t : und er hat nicht die Freyheit/ das Gute zu wuͤnschen/ weil er sich zum Scla- ven seiner Begierden gemacht. Aber nichts kan sich den Begierden und Anschlaͤgen desjenigen widersetzen/ der sich auf der Tu- gend gend Seiten begeben/ er bindet sich allein an das/ so ehrlich ist/ er folget allzeit der Vernunfft/ als der einigen Regel seiner Actionen, und seiner Lebens-Leitung. LXXXII. Es ist keine Freyheit der Freyheit eines solchen Mannes gleich/ der sich gewehnet hat/ daß er nichts als was GOtt will/ es wiederfaͤhrt ihm nichts wider seinen Wil- len/ und vollfuͤhret sein Vorhaben/ ohnge- achtet alles widersetzens der Fortun. Man ist gaͤntzlich Meister uͤber sich selbst/ wann man an statt die Sachen auf seine Mei- nung und Ehr mit Gewalt zu zwingen/ sei- nen Willen und Meynung mit dem Ding selbst vergleichen kan. Heist das nicht in einer grossen Freyheit leben/ wann man gaͤntzlich uͤber sich disponiren kan? LXXXIII. Du magst ein Koͤnig seyn oder nicht/ wann du nicht darbey tugendsam bist/ so bist du ein Sclav: Wann du aber die Tu- gend hast/ so bist du in der That ein Koͤnig/ ob du schon andern dienen must. Der Wolluͤstige ist nicht ein Sclav eines Men- schen/ sondern vieler Laster. Der Fromme hat eine voͤllige Gewalt uͤber sein Hertz/ und er er hat das Recht/ daß er sich mag einen Koͤ- nig uͤber alle seine Begierden nennen. Was ist regieren/ als einer solchen Macht geniessen/ die niemand unterworffen ist? Und wo meynest du/ daß sie sich befinde? Frage den beruͤhmten Chrysippum, der wird dir antworten/ daß diese allgewaltige Authori taͤt nur in den Persohnen sitze/ die mit einer vollkommenen Weißheit begabet sind. LXXXIV. Die Gedult schlaͤgt die Unbillichkeit wunderbarlich zuruͤck/ und die Liebe macht/ daß man niemands beleydige. Wann du eine solche Seele hast/ daß du in dieser Welt nichts achtest/ als die lautere Tugend/ so wirstu den Schimpff und Unbillichkeit nicht so sehr empfinden/ und die verdrießliche Zu- faͤlle werden deine Standhafftigkeit nicht zerschuͤttern/ und du wirst sie nicht mehr an- sehen als ein Ubel. Laß dichs nicht verdrief- sen/ daß ein anderer uͤbel von dir redet. In Summa/ wann du recht weise bist/ so wir- stu dich nimmermehr bekuͤmmern/ als wann du dich einer Suͤnde theilhafftig befindest. LXXXV. Bemuͤhe dich nicht/ jederman zu gefallen/ be- befleisse dich nur demjenigen nachzufolgen/ so warhafftig weise und in der Tugend voll- kommen seynd. Thue deine Schuldigkeit/ und laß die Leute murren. Ich halte davor/ es sey ein grosses Lob/ wann man den Boͤ- sen nicht gefaͤlt: Betrachte wol/ wer diejeni- gen sind/ welche billigen/ was du thust: es ist besser/ einem einigen gefallen/ wofern dersel- be tugenhafft ist/ und Verstand hat/ als ei- nem hauffen verderbter Leute. Ich habe von einem Oraculo der Welt-Weißheit gelernet/ daß ein ehrlicher Mañ nicht gaͤntz- lich gluͤckseelig ist/ wann er nicht von den ge- meinen Leuten verachtet wird. LXXXVI. Gewehne dich/ in allen Begebenheiten gutes zu thun/ und es ist nichts/ daß mehr kostet zu unterhalten/ als die hochachtung. Von allen Kranckheiten ist keine zu heilen/ als die Kranckheit der Reputation, sonder- lich/ wann sie schon angefangen hat/ schwach zu werden. Die Reputation wird nicht ohne Gluͤck erlanget/ aber dieselbe zu erhal- ten/ muß man gar geschickt seyn/ und weder Muͤhe noch Arbeit spahren. LXXXVII. Ein tugendsamer Mann kan sich an sei- nen nen Feinden ohne Schuld raͤchen/ wann er fortfaͤhret gutes zu thun/ und ein boͤser Mann/ wann er sein Leben aͤndert. O welch eine gluͤckliche Rache? weil sie dem ei- nen Theil grossen Nutzen bringet/ und dem andern nichts schadet. LXXXVIII. Wann dasjenige/ das man von dir sagt/ sich der Warheit gemaͤß befindet/ so nimm es an/ als einen hochwichtigen Bericht; wann es falsch ist/ so bekuͤmmere dich nicht darum/ und versichere dich/ daß die Verlaͤumdung deine Reputation nur vermehren wird. Es wird dir nicht allezeit ruͤhmlich seyn/ daß man wisse/ daß dein Feind seine Zuflucht zu der Luͤgen genommen/ weil er in deinem Le- benslauff nichts hat koͤnnen zu tadeln fin- den. LXXXIX. Setze dich nicht auff deines Feindes Sei- ten/ indem du alle Dinge/ so er wider dich außgibt/ gar zu sehr zu Hertzen nimbst/ dann er sagt es nur/ dich zu erzuͤrnen/ und er thut es nicht darum/ damit er dich zu einem bes- sern Mann mache/ indem er sich wider dir auflehnet: sein gantzer Zweck gehet dahin/ wie er dir grossen Unmuth verursache/ raͤche dich dich an ihm/ sintemal solches in deiner Ge- walt stehet; und damit du seine Hoffnung zernichtest/ so verbessere deine Fehler/ erzoͤr- ne dich nicht/ und verachte seine Unbilligkeit. XC. Wann du siehest/ daß den Sachen nicht zu helffen ist/ so suche deiner seits/ daß du ein Mittel findest/ indem du deinen Unmuth muͤßigest/ auch durch Verachtung der Din- ge selbst/ von welchen er entstehet; Oder durch eine ernsthaffte Betrachtung des Schadens/ welchen eine gewaltthaͤtige Be- kuͤmmernuͤs thun kan. Wann dem Ubel nicht zu helffen ist/ so verzweiffele doch deß- wegen nicht; Die Boßheit der Menschen kan uns zwar in beschwerliche Extremit aͤ- ten setzen/ darauß kein Mittel ist/ sich wieder zu erholen: Aber nur wir allein seyn tuͤch- tig/ unsern Paßionen die Mittel/ so ihr ei- gen sind/ zu benehmen. XCI. Der Zorn schadet ihm selber mehr/ als man sich einbildet/ dann er beraubet sich der Vernunfft und des guten Verstandes/ wann er dessen am allermeisten von noͤthen hat. Du wirst mir gestehen/ daß man ein grosses Liecht und Verstands-Urtheil haben haben muß/ wann man sich aus einer gros- sen Gefahr/ so wol als wann man sich aus der Thorheit ziehen will: Sage mir nun/ ist auch eine groͤssere Gefahr und eine seltza- mere Thorheit zu erdencken/ als wann man sich in Gefahr setzt/ das Leben zu verlieren/ um seiner Rache ein Genuͤgen zu thun? XCII. Wann du/ nachdem du sehr gearbeitet/ eine zu der Rache rechte Zeit zu finden/ gros- se Hindernuͤß bey deinen Anschlaͤgen fin- dest/ was hast du alsdann gefunden/ als Un- muth/ Zorn und Verdruß? Man kan auch noch darzu setzen/ daß du deinem Fein- de eine schoͤne Gelegenheit gegeben/ sich an dir zu raͤchen/ also daß eben ein Ding dir zu einer Straffe/ und einer Rache wird. XCIII. Bist du arm/ so solt du dich troͤsten/ weil du versichert leben wirst/ dahergegen diejenige/ welche reich sind/ allezeit Ursach haben zu zittern/ in dem sie sich tausenderley leidigen Zufaͤllen unterworffen sehen. Es waͤre gut genug/ wann man eins um das andere haͤt- te/ aber dein Stand ist besser/ sintemal die Armuth und das uͤbrige Elend des Lebens schier nichts/ in Vergleichung des aͤussersten Un- Ungluͤcks/ welches den Reichen ohne unter- laß drohet. XCIV. Entschlage dich auffs allereheste derjeni- gen Gattung Dinge/ welche wann sie mit allzugrosser Sorge erhalten werden/ sind/ als wann sie verlohren waͤren. Das Gold ist einer boͤsen Feuchtigkeit gleich/ die man ausdorren und bald verzehren muß/ wann man sich vor dem Tode erretten will. Das heist/ sich einer seltzamen Untreue gegen GOtt theilhafftig machen/ wann man sich nicht bemuͤhet/ den Armen und Elenden mit demjenigen zu helffen/ was man zu viel hat. Wisse/ daß dieses Uberfluͤßige ihnen gebuͤhret/ und daß GOtt dir dasselbe nur unterhanden gegeben/ damit du ihnen in ihrer Noth zu Huͤlffe kaͤmest. XCV. Ich weiß nicht/ ob eine Thorheit derjeni- gen gleich ist/ wann einer/ der sich von aller Herrschafft entziehen/ und niemand unter- worffen seyn will/ meynet das rechte Mittel zu seinem Zweck zu gelangen seye dieses/ daß er sich seinem Reichthum zum Sclaven macht. Man kan wol ohne Schade einem Mann gehorchen/ aber es ist allezeit schaͤnd- lich/ lich/ ein Gefangener eines Metalls zu seyn. XCVI. Die Ehrgeitzige/ welche uͤber die Men- schen herschen wollen/ nehmen nicht acht/ daß sie Sclaven ihrer Passionen sind/ und daß sie weiß nicht wie viel Lastern gehorchen. Wer da sucht sich auff die Fortun zu stuͤtzen/ wird mit einer so schwachen Protection nicht weit gehen/ es waͤre ihm ehrlicher und nuͤtzer/ wann er die Tugend zu seiner Vor- hut nehme. Ein frommer Mann kan nicht fehlen gluͤckselig zu seyn/ und er wird allezeit in grosser Authori taͤt seyn/ so lange er sein Hertz und seine Begierden gaͤntzlich regie- ren wird. XCVII. Man soll die Macht und den Hochmuth des Gluͤcks nicht sehr fuͤrchten/ wann man wenig Gut hat/ und in einem mittelmaͤßigen Stande ist. Es ist besser/ so vielen Gefahren nicht unterworffen seyn/ als viel uͤbrig ha- ben Man findet Leute genug/ welche unend- liche Wolthaten von dem Gluͤck empfan- gen; unterdessen/ wie verschwenderisch es auch ist/ so kan es doch einen solchen Men- schen/ der mehr Gut begehret/ als ihm von noͤthen noͤhten ist/ nicht befriedigen. Derjenige/ welcher sein Geld uͤbel anlegen will/ hat nie- mals nichts uͤbrig. Es kostet schrecklich viel/ ein Laster zu unterhalten. XCVIII. Du schmeichelst dir gar zur unrechten Zeit/ daß du tugendhafft seyest/ darum/ die- weil du eine Verachtung erlitten hast. Du hast auffs meiste nicht mehr gethan/ als dei- ne Gedult mit der Gedult eines Ehrgeitzi- gen vergleichen/ welcher es nicht achtet/ ob er schon durch tausenderley Widerwertig- keiten zu seinem Zweck gelangen muß. Be- gehrestu gelobt zu werden/ weil deine Tu- gend dem Laster eines andern sehr gleichet? Ach welch eine Schwachsinnigkeit/ wann man nicht mehr leyden wil/ damit man ei- ne ewige Belohnung empfange/ als dieje- nige/ die der Welt nachfolgen umb ver- gaͤngliche Guͤter leiden? XCIX. Es ist besser keinen Verdruß erleiden/ als einen grossen Trost empfangen. Alle Freu- den der Welt koͤnnen uns nicht ein graues Haar vom Kopff nehmen/ aber man darff sich nur ein wenig bekuͤmmern/ so bekompt man ein graues Haar/ und wird vor der G Zeit Zeit weiß. Es muß ein Mensch einen gros- sen Verstand haben/ wann er sich niemals von nichts laͤst verunruhigen/ und in einer allgemeinen Beraubung der Lust und Er- getzlichkeit/ welche der meiste theil der Leute mit einer unglaublichen Hitze suchen/ ver- gnuͤgt lebt. C. Man beklagt sich in dem Ungluͤck/ und in dem Gluͤck wird man stoltz und auffgebla- sen. Es ist kein eintziger Stand/ der nicht einigem Laster unterworffen ist/ außgenom- men derjenige/ welcher der Tugend nach- folget/ und das Mittel haͤlt/ auch sich gar fleissig vor allen Extremit aͤten huͤtet. So siehestu nun/ daß es nicht so schwer ist/ als man sich gemeiniglich einbildet/ die Tugend zu erlangen; Es ist nicht mehr darzu von noͤthen/ als daß man das Ungluͤck mit Gedult ertrage/ und in dem Gluͤck ohne Hochmuth lebe. Koͤ- Koͤnigliche und Politi sche Be- trachtung/ Spruͤche oder Grund-Regeln. I. D Je Ober-Herrschafft ist eigentlich davon zu reden/ eine zugleich schwe- re und ehrenreiche Last: Ein Fuͤrst soll gedencken/ er sey um keiner andern Ur- sach willen auff den Thron kommen/ als auff daß er besser arbeite/ und nicht daß er ruhe. Weil er der einige auff dieser hohen Staffel ist/ so hat er vieler Leute Nutz zu be- obachten/ und muß sich befleissen/ ihnen alle erdenckliche Wolfahrt zu verschaffen. Es gibt etliche sehr muͤhsame und beschwerliche Geschaͤffte/ welche man nichts destoweniger im sitzen verrichtet: Und Philippus II. der grosse und kluge Monarch/ pflegte zu sagen/ daß die Geschaͤffte eines Koͤnigs sich wohl mit einem Weber vergleichen: denn gleich wie dieser Handwercksmann/ den Schein nach/ beqvemlich sitzt/ unterdessen aber mit Haͤnden und Fuͤssen mit dem Mund und G 2 sei- seinem gantzen Kopff arbeiten muß/ also soll auch kein grosser Herr seyn/ der sich nicht immerdar befleißige/ seinen Staat wohl zu regieren/ und seiner Unterthanen Nutzen und Ruhe zu befoͤrdern. II. Ein Fuͤrst/ welcher die Voͤlcker/ die ihme untergeben sind/ regieren will/ wie es sich gebuͤhret/ soll sich erstlich befleissen/ die Ver- nunfft bey ihm selbst regieren zu lassen. Was vor eine Schande ist es vor einen/ Menschen/ welcher unzaͤhlich viel Voͤlcker unter seiner Herrschafft hat/ daß er als ein Sclav seinen eigenen Begierden folgen muß? Wann ihm die Begierden regieren/ so fallen alle Dinge unvermeidlich in eine Unordnung und Verwirrung. Es ist keine eꝛschrecklichere Mißgeburth/ als ein Leib oh- ne Kopff; solches aber geschicht in einer sol- chen Herrschafft/ da der Oberherr seine Schuldigkeit nicht beobachtet/ und die Vernunfft und Gerechtigkeit verachtet. III. Die warhafftige Klugheit ist die staͤrcke- ste Stuͤtze eines Staats/ aber man be- schuͤtzet denselben unvergleichlich besser durch Verstandt und Geschicklichkeit/ als durch durch Gewalt/ und er wird vielmehr durch den Verstand der Regenten/ als durch die Vestung und viele Besatzungen erhalten. Die Klugheit traͤgt vor sich eine vollkom- mene Erkaͤntnuͤß der Sachen in ihrem Grund/ und dienet alles was sich begeben kan/ ja auch die geringsten Zufaͤlle zu ent- decken. IV. Ein Fuͤrst kan weder der Sicherheit noch der Klugheit nach einem an seinen Platz stel- len/ der sein Amt verfehe. Es ist nicht seltzam/ daß man viel Leute findet/ die viel kluͤger/ und viel tuͤchtiger waͤren diesen Platz zuer- suͤllen/ aber man wird deren teinen finden/ der nicht von GOtt darzu erwehlet ist/ sein Volck zu regieren. Der oberste Monarch unterlaͤßt nicht den Koͤnigen sonderlich bey- zustehen/ seine Vorsehung arbeitet immer- dar vor sie/ weil er sie erwehlet hat/ zu dem End/ damit er sich ihrer bediene als wun- derbahrer Werckzeuge/ sein grosses Vor- haben ins Werck zu setzen: Die Gaben/ die sie von GOtt empfangen/ seynd viel groͤsser und mehr als diejenige/ die er gemei- nen Leuthen mittheilt. Allein den Koͤnigen und Monarchen gibt er einen Ertz-Engel G 3 oder oder viel Engel zu/ sie zu bewahren/ und ih- nen zu helffen/ ihre Laͤnder wohl zu regie- ren: Und es ist von noͤthen/ daß man wisse/ daß zwar die Koͤnige die Last der Geschaͤff- ten auf ihre Diener abladen/ und einen von den tuͤchtigsten aus ihren Unterthanen er- wehlen koͤnnen/ an ihrer Stelle zu arbeiten/ aber sie haben die Macht nicht den Engeln zu befehlen/ die ihnen GOtt zugegeben/ und nur zu diesem Zweck bestimmet hat/ daß sie denjenigen sollen beystehen/ die er zu der Re- gierung der Herrschafften erwehlet hat. V. Ein Herr muß das Koͤnigreich nicht be- trachten/ als ein Gut/ welches er von seinen Eltern ererbet/ noch als eine ungewoͤhnliche Wolthat des Gluͤcks/ und einen gluͤcklichen Streich des Gestirns/ sondern er soll es be- trachten als ein Werck GOttes und hoch- wichtiges Amt/ so er ihm anvertrauet hat. Die Persianischen Koͤnige hatten vor Zei- ten nicht die Freyheit/ so lange zu ruhen/ als es ihnen beliebte: Ein Bedienter kam alle Morgen/ dieselbe auffzuwecken/ und muste er dem Koͤnige sagen: Stehe auff/ und arbeite an den Sachen/ die dir GOtt unterhanden gegeben. Ein Christlicher Fuͤrst Fuͤrst soll eine Lehre hieraͤuß fchoͤpffen/ die ihm sein eigenes Gewissen geben kan/ und muß Er seinen Stand nicht ansehen/ als eine lautere Gluͤckseligkeit/ sondern vielmehr als ein schweres Amt/ und eine Last die er immerdar tragen muß. VI. Regieren ist ein schweres und zugleich ge- faͤhrliches Ding. Die Unterthanen geben den besten Theil ihres Lebens der Arbeit/ sie werden in der Schuldigkeit durch die Ge- setze erhalten/ und haben auffrichtige Freun- de/ die sie bestraffen/ wann sie uͤbels thun. Dieses alles mangelt den Koͤnigen und O- berherren sagt Isocrates. Die Nohtdurfft zwingt sie nicht zu arbeiten/ ihre grosse Macht setzet sie uͤber die Gesetze/ uñ die Ma- jestaͤt/ die sie umgibt/ veꝛblendet also diejenige die zu ihnen nahen/ daß sie ihnẽ die Warheit nicht sagen/ noch ihre Fehler zu verstehen geben duͤrffen: Ohne Zweiffel ist ihre Noht- durfft groͤsser und ihr Standt beschwerli- cher/ als man ihm einbildet: Aber ihre Tu- gend muß alles/ was ihnen mangelt/ ersetzen. VII. Ein Fuͤrst hat nichts zu fuͤrchten/ wann er allezeit seine Majestaͤt und seine Crone in G 4 der der Furcht Gottes und der Liebe der Unter- thanen erhaͤlt. Wann der Koͤnig GOtt fuͤrchtet/ und sich befleisset die Hertzen seiner Unterthanen/ zu gewinnen/ so wird er von GOTT und Menschen geliebt werden. Wann er sich ohne außnahme GOtt ergie- bet/ so wird ihn GOtt mit allem Seegen erfuͤllen/ er wird ihm aller Menschen Hertz geben. Endlich/ wann der Koͤnig sich be- fleisset gutes zu thun und sanfftmuͤhtig und freundlich gegen alle diejenige ist/ welche un- ter seiner Herrschafft sind/ so versichere ich ihn/ daß seine Regierung das stilleste und gluͤckseligste auff der Welt seyn wird. VIII. Es ist nichts/ dessen ein Fuͤrst mehr von noͤhten hat/ als Gottes: Und unter allen vernuͤnfftigen Creaturen ist keine/ die Gottes so sehr von noͤhten hat/ als derjeni- ge/ welcher uͤber andere herschet: So ist es dann klar/ daß seine vornehmste Sorge seyn soll/ GOtt selber wohl zu dienen/ und zu ver- schaffen/ daß derselbe in seinem Koͤnigreich geehret werde. Man ist wuͤrdig/ uͤber Men- schen zu herschen/ wann man GOtt voll- koͤmlich gehorchen kan; aber man ist nicht werth zu regieren/ wann man vergist/ daß man man unter Gott stehet/ der doch der oberste und erste Monarch ist. Ein Fuͤrst/ der sich bemuͤhet/ GOtt zu befriedigen und Sorge traͤgt vor alles/ so seinen Dienst betrifft/ der kan sich versichern/ daß GOtt sein Vorha- ben segnen/ und eben solche Sorge vor seine zeitliche Sachen tragen wird. IX. Der Glaube und die Religion sind die staͤr- ckesten Stuͤtzen und das beste Fundament eines Reichs: Die Herrschafft vermehret sich/ wann dieselben im Schwang gehen/ und ihre Verringerung ist Ursach/ daß alles in einem Koͤnigreich allgemach und unem- pfindlich in Abgang und zu Grundt gehet: Ein Fuͤrst soll wissen/ daß er den rechten Ge- horsam und Unterthaͤnigkeit seines Volcks/ allein dem Glauben zu dancken hat: Aber zur Vergeltung erfodert der Glaube von dem Fuͤrsten/ daß er seine Geheimnuͤß/ Warl heit und Ceremonien bestaͤttige und unter- halte. Der Glaub wohnet in keiner wuͤrdi- gern Persohn/ als in dem Koͤnige/ von der Hoheit und Macht eines Fuͤrsten empfaͤn- get er seinen groͤsten Glantz/ aber man muß auch sagen/ daß der Fuͤrst keinen bessern Schutz hat wider seine Feinde/ als die un- G 5 fehl- fehlbare Warheit/ und ungezweiffelte Grund-Regeln des Glaubens. Der Glau- be bluͤhet/ der regieret eine heilige Politic: aber da derselbe in Verachtung ist/ da kan keine gerechte noch gluͤckliche Politic seyn: Dann man kehret die Ordnung der Dinge nicht um/ wann man sich der Religion als eines Mittels bedienet/ und die hoͤchste Au- thoritaͤt und allgewaltige Regierung zu sei- nem einigen Zweck hat: Im widerspiel wen- den sie die Kraͤfften des Staats und die o- berste Macht an als herrliche Mittel/ da- durch die rechte Gottesfurcht und Religion befestiget wird/ und dieses ist ihr einiges Ab- sehen. X. Die Religion unter die Unglaͤubigen außbreiten ist ein ehrliches und herrliches Werck vor einen Koͤnig/ und welches ihm sehr wohl anstehet; aber er wird mehr mit dem Glauben gewinnen/ als er durch die Macht seiner Waffen erobert. Ich weiß/ daß man mit maͤchtigen Krieges-Heeren gantze Nationen zwingen/ und ihre Haͤlse unter das Joch bringen kan; Aber die Re- ligion unterwirfft ihr ein gantzes Koͤnig- reich/ und thut doch keinem Menschen Ge- walt walt an/ und gewinnet das Hertz der Aller- hartnaͤckigsten. Wann man sich dieses unschuldigen Kunststuͤcks gebrauchet/ so koͤmt die Unterthaͤnigkeit denjenigen die uͤberwunden sind/ nicht sauer an/ sie erfreuen sich/ daß sie auf solche weise darzu gebracht sind/ und koͤnnen sich nicht enthalten/ dieje- nigen Persohnen zu lieben/ die ihnen die Freyheit weggenommen. Ja/ sie halten sich vor verpflichtet/ Goͤttlicher Vorsehung Danck zu sagen/ daß es Ihro gefallen hat/ sich der Waffen und des Krieges zu bedie- nen/ als eines herrlichen Mittels/ dadurch ihnen die Augen ihres Verstandes geoͤffnet worden/ und sie also die Suͤßigkeit schme- cken/ welche der Glaube in seiner so Ge- heimnuͤß-vollen und fruchtbahren Dunckel- heit verbirgt. XI. Eine rechte und Koͤnigliche Meynung hat dorten Pelopidas gehabt/ da er denjeni- gen/ die ihn so hefftig bahten/ er solle sich doch besser in acht nehmen/ und sich nicht also samt seinen Leben in Gefahr wagen/ ge- antwortet: Daß ist gut vor einen gemei- nen Mann/ der sich billich nur allein sucht zuerhalten/ und vor sich arbeitet; Aber ei- G 6 nem nem Koͤnige stehet es nicht zu/ dann derselbe soll nur auf die Wolfahrt seiner Untertha- nen sehen/ und sein eigenes Interesse ver- saͤumen/ wann es von noͤthen thut/ sein Volck zu beschuͤtzen und zu erhalten. Die Persohn wird von einer lautern menschli- chen Majestaͤt bekleidet/ aber das Beste und der Nutz des gantzen Koͤnigreichs ha- ben etwas goͤttliches an sich/ und es ist eine Grund-Regel/ welche von den weissesten Philosophis und Theologis gebillicht worden/ daß ie gemeiner und weitausge- streckter das Gute sey/ ie Goͤttlicher sey es. XII. Ein Fuͤrst wuͤrde sich sehr irren/ wann er meynte/ die Herrschafft sey mehr sein/ als er der Herrschafft sey. Alle seine Sorge und Arbeit soll dahin gehen/ daß er derselben nuͤtzlich und ohn unterlaß diene. Man kan sagen/ daß der Muͤßiggang die gemeine Leute lehret Ubels thun/ so bald er auffhoͤret um der Unterthanen Nutzen willen zu ar- beiten. XIII. Die warhafftige Großmuͤthigkeit lehret einen Koͤnig sich um seines Reichs Nutzen willen zuerhalten/ und sich in gefaͤhrlichen Be- Begebenheiten in acht zu nehmen/ damit er GOtt in andern Faͤllen nuͤtzlicher dienen koͤnne. Die hohe Großmuͤthigkeit erfo- dert nicht gerade/ daß man eine Abscheu vor dem Leben trage/ sondern daß man den Todt ohne Schrecken ansehen/ ja gar ver- achten solle. Ich sage noch mehr/ die Liebe des Lebens selber kan sich mit der Verach- tung des Todes vergleichen; sintemal die Verachtung dieses Guts nur einen Zweck haben soll/ welcher ist das gemeine Beste. XIV. Ob schon ein Fuͤrst allein ist/ so arbeitet er doch vor viel; Derowegen soll er seine Lebensleitung ernstlich betrachten. Es werden viel Leute Ubels thun/ wann er nicht guts thut: Hergegen werden viel guts thun/ wann er nicht Ubels thut. Die War- heit figuͤrlicher weise zu sagen/ so ist das Re- giment ein grosser Werckzeug/ welchen der Obriste richtet wie er will/ er hangt allein an ihm/ er reguliret alle seine Bewegun- gen/ und kan auch entweder aus Boßheit oder Nachlaͤßigkeit denselben gantz verder- ben. Das geringste Laster an einem Koͤ- nige ist offtmals Ursach einer grossen Un- ordnung unter dem Volck/ und es ist biß- G 7 wei- bißweilen nicht mehr von noͤthen eine gantze bluͤhende Monarchie zu Grunde zu richten: Dahergegen/ wann er fromm ist/ oder nur bezeuget/ daß er eine Neigung zu der Tu- gend habe/ und dieselbe hoch halte/ seine Au- thoritaͤt leichtlich erhalten/ und schier kei- ne Muͤhe haben wird in der Regierung sei- ner Herrschafft. XV. Der Wille des Fuͤrsten ist ein Ebenbild der hoͤchsten Macht Gottes: Dann gleich wie GOtt alles thut/ was ihm gefaͤllt/ dar- um/ weil er es will: also verpflichtet ein Fuͤrst seine Unterthanen/ alles dasjenige zu thun/ was ihm gefaͤlt. Damit aber seiner Gluͤckseligkeit nichts ermangele/ und seine Unterthanen auch ein voͤlliges Gluͤck unter seiner Herrschafft geniessen/ so soll er sich be- fleissen/ nur dasjenige zuersuchen/ welches gut in sich selbst ist/ und sich nur an die rechte Tugend halten/ vor allen Dingen aber die Gerechtigkeit lieben. XVI. Ein Koͤnig soll in zween Puncten unter- richtet seyn/ welche ich vor ihn sehr und hoch- wichtig achte. Erstlich/ daß er gedencke/ daß er uͤber Menschen herschet/ und zum an- andern/ daß er selbst ein Mensch sey. Die erste Betrachtung wird ihm bewegen/ sehr freundlich zu seyn/ die zweyte wird machen/ daß er nicht hochmuͤhtig wird. Weil ihn Gott erwehlet hat/ die Voͤlcker zu regieren/ so muß er sich befleissen/ eine Sanfftmuth/ Guͤtig und Freundlichkeit eines Vatters zu haben; Und weil er selber ein Mensch ist/ so soll er nicht mit Hochmuth herschen/ noch ein unertraͤglicher Herr seyn. XVII. Ein Fuͤrst/ der sich mit Hoheit umgeben/ und uͤber alle Leute/ die in seinem Koͤnigreich sind/ gesetzt siehet/ soll deßwegen nicht stoltz und hochmuͤhtig werden. Damit er nun den Hochmuth/ der ihm sich entgegen setzen moͤchte/ leichter darnieder schlagen koͤnne/ so soll er betrachten/ daß er nicht unsterblich ist/ und daß er aus allem/ was er in dieser Welt besitzt/ ihm nach diesem Leben nichts mehr uͤbrig bleiben wird als die Tugend/ welche allezeit mit warhafftigen Guͤtern be- gleitet ist/ und in der That allerley Vortheil in sich begreifft/ sie mag sich befinden/ wo sie will. XVIII. Man soll nimmermehr von der Hoheit ei- nes nes Potentaten durch seine Fortun/ sondern nur durch seine Tugend/ durch seine Ge- schaͤffte und durch sein herliches und schoͤnes Leben urtheilen. Wann er klug und tu- gendhafft ist/ so soltu ihn ansehen als einen sehr grossen Fuͤrsten/ ob er schon in seinen An- schlaͤgen ungluͤcklich ist. Lerne vor einmahl/ daß nicht der Fortgang/ sondern nur die An- schlaͤge/ die Anstalt und Resolution, die Ge- schicklichkeit und die Klugheit eines Monar- chen an den Tag geben. XIX. Die Tugenden eines Fuͤrsten sollen nicht falsch/ angemasst und betruͤglich/ sondern wuͤrcklich/ und wachafftig seyn; sintemahl weder der Ehrgeitz/ noch die Dependen tz/ in demjenigen Grad/ darin er ist/ seyn koͤn- nen. Dieses sind zwar die Vorwaͤnde/ da- mit sich diejenigen bedecken/ welche ihr Gluͤck sehr weit fortzustossen begehren: dann sie begnuͤgen sich gemeiniglich mit dem Schein der Tugend/ und warten ihr nicht anders auff/ als damit sie von ihrem Reichthum ei- nen Nutzen schoͤpffen: sie reissen ihr den Schleyer ab/ sie nehmen ihren Mantel/ da- mit sie sich damit zieren/ und lassen sie allein und als gleichsam gefangen. Auch ist die Tu- gend gend/ auffrichtig davon zu reden/ niemals freyer/ als wann sie in der untersten Staffel und Verachtung ist/ und dem Ehrgeitz vor eine Stuͤtze dienet/ welcher nur den aͤusser- lichen Schein von derselbigen entlehnet. XX. Nicht die Macht und Authoritaͤt sollen die Actionen und den Willen eines Koͤ- nigs reguliren, sondern die geziemende Wohlthaͤtigkeit und rechte Vernunfft. Der jenige/ welcher alles kan/ soll doch nichts begehren/ als was erlaubet ist: Derowegen muß ihm ein Fuͤrst nicht einbilden/ daß er alles thun koͤnne. Er kan nichts anders thun/ als was er mit Recht thun kan: Wann das Gluͤck demjenigen/ welchem es schmeichelt/ auch die Freyheit gebe alles zu thun/ was ihm seine Begierden an die Hand geben/ so wuͤrde man taͤglich nichts anders sehen/ als aͤusserste Verwuͤstungen/ und ei- ne gantze Umkehrung der Welt. Ich be- kenne/ daß ein Mensch/ der die hoͤchste Ge- walt hat/ viel Ubels thun kan. Aber man muß mir auch gestehen/ daß er sich nicht lan- ge erhalten kan/ wann er nichts als boͤses thut. XXI. XXI. Ein Fuͤrst/ welcher sich befleisset in allen Sachen die Ehrbarkeit und Wohlanstaͤn- digkeit zu halten/ der ist gewißlich sehr lob- wuͤrdig. Diese herrliche Qvalitaͤt hat nur einen geringen Glantz/ wann sie sich bey ge- meinen Leuten befindet/ aber bey grossen Potentaten glaͤntzt sie auff eine gantz wun- derbahre Weise/ derowegen/ weil schier nie- mand ist/ der nicht auff sie siehet/ und die Freyheit nicht gebrauchet/ von ihren Acti- onen zu urtheilen/ so sollen sie mit allem moͤglichsten Fleiß Achtung geben/ daß sie niemals in gewisse Fehler/ welche die gemei- ne Leute ohne Bedencken begehen/ weil man sie leichtlich wegen derselben entschuldiget/ und sie keine Muͤhe haben Vergebung zu erlangen/ fallen. Die Fuͤrnehmsten sollen sich erinnern/ daß ihre eigene Hoheit ihnen schaͤdlich ist/ weil man ihnen in nichts wider- sprechen darff/ weil sie ohne Widerstand le- ben/ und alles ungestrafft thun koͤnnen/ was ihnen in den Sinn kompt. XXII. Die oberste Macht ist der Diensibarkeit nicht befreyet/ dann es giebet zwar viel Sa- chen/ die man ins besonder leidet/ welche doch doch nicht bey der Hoheit und Majestaͤt der Koͤnige seyn koͤnnen/ also koͤnnen sie nicht al- les thun/ was ihre Unterthanen thun koͤn- nen. Also sagt auch Seneca von einem vor- nehmen Mann: Du darffst hunderterley Sachen nicht thun/ welche zu thun die ge- meinen Leute gleichsam ein Recht scheinen zu haben. Glaube mir/ ein hohes Gluͤck ist eine sehr grosse Dienstbarkeit/ du kanst in vielen Dingen dein Gemuͤht nicht befriedi- gen/ noch das jenige/ was du so hefftig begeh- rest/ ins Werck setzen. Du must auch wi- der deinen Willen so vielen Leuten Audientz geben/ die Klagen deiner Unterthanen an- hoͤren/ ihre Supplicationen empfangen/ ihre Fragen examiniren, und den besten Theil deiner Zeit an sehr beschwerliche Ge- schaͤffte wenden. XXIII. Steht es einem Fuͤrsten/ welcher in dem Stand ist da er alles thun kan/ nicht ruͤhm- lich an/ wann man das Boͤse/ so man gegen ihm hat/ großmuͤhtig zu leiden sucht/ das Un- recht/ so man ihm angethan/ leicht zu verzei- hen/ und diejenige/ welche seine Unterthanen plagen oder beleidigen/ ernstlich zu straffen? Dann/ die Warheit zu sagen/ man ist gar frey- freygebig/ wann man uͤber eines andern Gut zu walten hat/ aber von seinem eigenen Guth schenckt man wenig weg. Der Thron/ darauff der Koͤnig sitzt und die Ma- jestaͤt/ so ihn umbringt/ erfodern einen ho- hen Muth und eine gantz heroische Seele: Weꝛ weiß nicht/ daß die vollkommene Gꝛoß- muͤhtigkeit darinn bestehet/ daß man sich wegen erlittener Beleydigung nicht raͤche/ daß man so viel moͤglich allen Menschen gu- tes thue/ daß man sich um hunderterley Sachen/ die sich taͤglich begeben/ nicht be- kuͤmmere/ daß man so viel moͤglich allen Menschen gutes thue/ daß man sich den Un- muth nicht uͤbernehmen/ und sich von seinen Begierden nimmermehr uͤber winden lasse. Das heisse ich ein grosses Hertz/ und das heist recht tapffer/ kuͤhn und muhtig seyn/ da man nicht in Gefahr stehet/ vor verwegen gehalten zu werden. XXIV. Die Mildigkeit ist einem grossen Fuͤrsten so noͤhtig/ daß sie auch dienet/ zu erkennen zu geben/ daß er ein Fuͤrst in der That ist/ und daß kein Mensch daran zu zweiffeln habe: Ich habe gesagt/ daß die Mildigkeit erwei- se/ was er in der That ist/ denn indem er die Streng- Strengheit des Todten-Gesetzes maͤßiget/ so wird er angesehen/ als ein lebendiges Ge- setz. Ich habe auch gesagt/ daß dieselbe die Unterthanen in der Meynung befestigt/ daß ihr Koͤnig ein rechter Koͤnig sey/ weil er sich durch seine Billichkeit/ Weißheit und Guͤ- tigkeit zum Herscheꝛ uͤber die Heꝛtzen macht/ und sein Reich in denselben befestiget. Die Schuldigkeit eines Oberherrn bestehet darinn/ daß er 2. Dinge/ die von einander sehr entfernet sind/ betrachte/ nemlich den Schuldigen und den Staat. Wann der Schuldige durch den Fehler/ so er began- gen/ dem Nutzen des Staats schaden kan/ so muß man sich der Mildigkeit gegen dem Staat bedienen/ und den Thaͤter hart straffen: Wann aber der Fehler von kei- ner grossen Consequen tz ist/ oder wann die Quali taͤt oder Profession desjenigen/ der denselben begangen/ der Verzeihung koͤn- nen Platz geben/ so sage ich/ daß der Fuͤrst seiner Mildigkeit sich bedienen/ und verhin- dern soll/ daß man den Schuldigen nicht nach der Schaͤrffe der Gesetze Straffe. XXV. Das Gluͤck/ ja das Leben der Untertha- nen mit solcher Billichkeit/ Maͤßigung und Weiß- Weißheit regieren/ und ein solch exempla- ri sches Leben fuͤhren/ daß er niemals der Verzeihung von noͤthen habe; aber an- dern muß er gern verzeihen/ und sich nicht lang bitten lassen. Ich halte davor/ daß die vielen Straffen und Zuͤchtigungen den Fuͤrsten so viel Schaden thun/ als die allzu- viele Begraͤbnuͤsse den Medicis. Es mag ein lauteres Ungluͤck seyn/ oder ein Mangel der Wissenschafft und Erfahrung/ so tau- gen sie beyde nichts. Das heist schier/ in einem immerwehrenden Kriege leben/ wañ man unter der Herrschafft eines harten und grausamen Fuͤrsten ist. Man muß die Schuldigen nicht zuͤchtigen/ damit man sie sehr martere/ sondern nur/ damit man an- dere fromm mache/ und sie durch ein scharf- fes Exempel in ihrer Schuldigkeit erhalte. Auch soll man nicht verzeihen von wegen der Sanftmuth oder Lusts/ so dabey ist/ son- dern/ damit man den Schuldigen bewege Reu zu tragen/ und sich zu bessern. Wann der Fuͤrst sich derer Mildigkeit bedienet/ so macht er/ daß die Frommen noch eine groͤs- sere Abscheu vor den geringsten Fehlern tragen/ und verhindert auch auf solche Wei- se/ daß die uͤbrige Unterthanen in keinen Ex- Excess fallen/ und mit einem Wort zu sa- gen/ es ist viel edler und herlicher/ wann man die Fehler und das Verbrechen des Volcks mit Sanfftmuth/ als durch die Schaͤrffe der Straffen verbessert. XXVII. Die Straffe/ welche man verordnet/ ge- schiehet nicht so wohl wegen der Missethat/ als damit man inskuͤnfftige keine Missethat mehr begehe. Dem vergangenen ist nicht mehr zu helffen/ die Vorhut aber dienet auffs kuͤnfftige. Es ist bißweilen von noͤhten einen Mann/ der sehr uͤbel gelebt/ zum To- de zu verdammen/ damit viel andere lernen wohl zu leben. Ein unordentlicher und sel- tzamer Krancker zwinget seinen Medicum, scharff und streng zu seyn. Es waͤre eben ei- ne solche Grausamkeit/ wann man jederman ohne Unteꝛscheyd liesse ungestrafft hingehen/ als wann man keinem verzeihen wolte. Re- gieren ist ein Geschaͤffte und eine Kunst/ die ihre absonderliche Regeln hat/ und die mehr Geschicklichkeit erfodert/ als man ihm ein- bildet. Die Kunst des Koͤniges bestehet da- rinn/ daß er billich sey/ der Fleiß und seine Arbeit haben die allgemeine Ruhe und die Gluͤckseligkeit seiner Unterthanen zum Zweck. XXVIII. XXVIII. Das heist/ sich in der That selber verdam- men/ wann man einen boͤsen Menschen ver- schonet. Die Ruhe einer Herrschafft beste- het nur auff der Zuͤchtigung der Boͤsen. Ein Fuͤrst ist gehalten/ so wohl das Verbre- chen/ so wider seine Unterthanen/ als dasje- nige/ welches wider ihn geschicht/ straffen zu lassen. Zu diesem Ende muß er seinen Bedienten und Leuten die Macht und Ge- walt geben/ uͤber die Schuldige zu urthei- len/ und sie zu straffen. Er soll ihren Auß- spruch nicht ohne grosse Ursache umstossen/ auch nichts darinn veraͤndern/ damit die boͤ- sen nicht nur aus Furcht zuruͤcke gehalten werden/ sondern auch/ damit sie die Kuͤnheit nicht haben/ vor den Koͤnig zu gehen/ und von dessen Mildigkeit die Vergebung ihres Lasters erhalten. Wann man sich uͤberey- let mit dem Rechtsprechen/ so kan leichtlich eine Ungerechtigkeit mit unterlauffen/ und ich halte davor/ daß ein Urtheil/ so in der Eyl und ohne ferners Nach sehen gesprochen wird/ nicht gar billig seyn kan. XXIX. Ein Fuͤrst soll diejenigen/ welche er in Missethat gefunden/ niemals selber straffen/ auch auch nicht zugeben/ daß man sie in seiner Ge- genwart straffe: Und ich halte davor/ es sey eine herrliche Regel den Staat zu erhalten/ daß der Fuͤrst sich mehr befleissen soll/ gelie- bet als gefuͤrchtet zu werden. Zwar man kan eine Persohn nicht aufrichtig lieben/ wann man sich nicht zugleich fuͤrchtet/ der- selben zu mißfallen und sie zu beleidigen: Hergegen kan man wol eine Furcht haben/ und darbey doch nicht lieben. Ich gehe weiter/ und behaupte/ daß gemeiniglich die Furcht und der Haß beyeinander sind. Derowegen ist es besser/ daß ein Fuͤrst sich befleisse/ von allen geliebt und von niemand gehasst zu werden. Ein sehr sichers Mit- tel/ zu solchem Zweck zu gelangen/ ist ihm vorbehalten/ alles gutes zu thun/ so in einer Herrschafft zu thun ist/ und die Aemter und Belohnungen denjenigen zu geben/ die deren wuͤrdig sind/ und den Richtern und Bedienten die Sorge lassen/ die Schuldi- gen zu straffen. Wann der Koͤnig allezeit seinen Lebenslauff also richten will/ so ist nicht zu zweiffeln/ daß diejenige/ welche Be- lohnungen empfangen/ ihn lieben und an- sehen werden/ als ihren Gutthaͤter/ und daß er von denjenigen/ welche man verdammen H wird/ wird/ nicht wird gehasset werden/ weil er ihr Richter nicht gewesen ist. XXX. Ein Fuͤrst soll allezeit ein Ohr zuruͤcke be- halten vor die Gruͤnde desjenigen/ welcher als ein Missethaͤter ist angeklaget worden. Er soll die Warheit mit Gedult erwarten/ dann dieselbe komt erst mit der Zeit an den Tag. Es kostet nicht viel/ die Vollziehung eines Urtheils aufzuschieben/ weil man den Schuldigen allezeit straffen kan; Aber wann das Urtheil vollzogen ist/ so ist nicht mehr zu helffen. Es ist bißweilen gar gut/ sich anders zu stellen/ und ich wolte lieber rahten/ daß ein Oberherr sich bereden liesse/ als daß er seinen Verstand gar zu viel traue. Derowegen soll er sich gewehnen großmuͤthiglich zu verzeihen/ und bißweilen eine Lust haben/ dasjenige nicht zu wissen/ welches er nicht haͤtte verbergen sollen oder koͤnnen. XXXI. Eine Aufruhr kan offtmahls mehr in ei- ner Herrschafft schaden/ als ein grosser Krieg. Die Aufruhr ist nicht eine solche Kranckheit/ deren man im Anfang nicht gleich nicht helffen koͤnte/ aber sie wird un- heil- heilsam und verzweiffelt/ wann man ihr nicht zuvor koͤmt/ ja man muß sie auch fuͤrch- ten/ wann sie schon in ihrem Abnehmen ist. Es ist in solchen Begebenheiten gaͤntzlich von noͤthen/ ein groß und schreckliches Exempel zu setzen/ damit alle andere Auff- ruͤhrer wieder zum Gehorsam gebracht werden. Auf solche weise gewinnet man sie gar wohl/ wann man etliche von den Schuldigen hart strafft/ und den andern mit Sanfftmuͤthigkeit begegnet/ und ihnen Verzeihung anerbietet; Aber alsdann handelt man gar uͤbel/ und stehet in Gefahr alles zu verlieren/ wann man keinem eintzi- gen verzeihen will/ und kan man sagen/ daß man so viel Schaden leide/ so viel man Per- sohnen zuͤchtige. Aufruhr und Murren sind zwey unterschiedliche Dinge/ und muß man sie nicht untereinander mengen. We- gen der Klagen und etwas freyen Reden/ in welche das gemeine Volck bißweilen faͤlt/ muß man sich nicht erzuͤrnen und dieselbe nicht hoch achten/ aber was nur den Schein der Aufruhr und des Aufstands hat/ dem muß man auffs eheste bevorkommen. XXXII. Ein Fuͤrst soll seinen Actionen niemahls H 2 trau- trauen/ und allezeit genauer und wachtsa- mer in diesem Fall seyn/ als wann er maͤch- tige Feinde auf dem Halse hat. Er muß nicht fuͤrchten/ das Ubel zu leiden/ sondern er soll sich fleißig huͤten/ dasselbe zu begehen/ weil eines nothwendig von dem andern folget: Er muß einen grossen Unterscheid machen/ zwischen einem Koͤnige und einem Tyrannen; Der Koͤnigtraͤget Sorge vor seine Unterthanen/ weil er sie liebt/ der Ty- rann fuͤrchtet sie/ weil er nur sich selber liebt. Der Koͤnig bemuͤhet sich mit einer sonder- bahren Guͤtigkeit vor seine Unterthanen/ damit ihnen nichts verdrießliches begegne. Der Tyrann dencket nur an sein eigenes Interesse/ und zu verhindern/ daß man ihm nichts Leids thue. Die Authoritaͤt des Fuͤrsten und die Liebe der Voͤlcker sind zwey Dinge/ welche am meisten zu Erhaltung ei- ner Herrschafft thun/ und was die Autho- ritaͤt erhaͤlt/ ist die Furcht neben der Hoch- achtung/ oder vielmehr nebst der Verwun- derung. Die schoͤne und vortreffliche Art zu regieren macht/ daß man sich uͤber die Fuͤrsten verwundere/ wann man schon der Tugenden/ die in ihren Personen leuchten/ nicht gedencket: Seine Macht bewegt die Leute/ Leute/ ihn zu fuͤrchten/ und seine Tugend zu lieben. XXXIII. Derjenige/ welchen es GOtt gefallen hat auf den Thron zu erheben/ soll sich an- derer Leute bedienen/ wohl zu regieren/ aber nicht/ daß sie an statt seiner regieren. Er muß allein regieren: Er soll mit Lust anhoͤ- ren/ und mit Freuden aufnehmen/ was ihme gerahten wird/ alle Schmeicheley aber muß er verwerffen: ja er soll sie sonderlich fuͤrchtẽ/ dann sie behalten allezeit eine Gewalt in dem Gemuͤth desjenigen/ welcher sie zuruͤcke schlaͤget/ und wann sie nicht allezeit Ubels thun/ so ist es doch gewiß/ daß sie nimmer- mehr kan nuͤtzlich seyn. Es ist gut/ daß ein Fuͤrst von Zeit zu Zeiten den Versam̃- lungen beywohne/ in welchen man in sei- nem Nahmen und durch seine Authoritaͤt die Sachen so wohl die den Staat/ als die- jenige/ welche Privat- Personen betreffen/ decidire, dann/ in Summa/ es ist sehr schwer/ sich nicht zu irren/ wann man die Sachen nur von Erzehlung anderer Leute weiß. XXXIV. Es ist ein gewisses Ding/ daß derjenige/ H 3 so so sich von dem Ungluͤck laͤst niederschlagen/ und dem das Hertz mangelt/ in der Wider- waͤrtigkeit uͤberauß hochmuͤhtig/ und jeder- man unertraͤglich wird/ wann er siehet/ daß man ihn zu dem hoͤchsten Regiment erhebet. Gewißlich/ man ist gantz nicht tuͤchtig/ je- mand zu befehlen/ wann man von niemand etwas leiden kan: Man muß solche Leute/ welche von Natur mißtrauisch/ argwonisch und boßhafftig sind/ nimmermehr zum Regi- ment uͤber andere setzen. Derjenige/ wel- cher herschet/ kan sich versichern/ daß man ihm Gehorsam leistet/ wann seine Untertha- nen alle ihre Zuversicht auff ihn gesetzt ha- ben: Aber wann er hergegen in einem im- merwaͤhrenden Mißtrauen ist/ wann er sich ermuͤdet und ohn unterlaß qvaͤlet/ ob man seinen Befehl außrichte/ so sage ich/ daß er niemalhs zum Zweck gelangen werde. In Summa/ er wird mehr ein Fuͤhrer der ge- zwungenen und ungluͤckseligen Sclaven seyn/ als ein Haupt und Regierer freyer Persohnen. XXXV. Man ist zum Regiment nimmermehr tuͤchtig/ wann man sich durch den ersten Discurs/ den man hoͤret/ unbetraͤchtlich ein- neh- nehmen laͤsset/ oder sich auff die erste Be- schwerlichkeit/ so sich eraͤuget/ ohne einigen Widerstand ergibt. Ein Mann/ welcher herschet/ hat Muth von noͤhten/ er muß be- staͤndig resolvirt und unerschrocken seyn: Die Gefahr/ Eygensinnigkeit und Possen des Gluͤcks muͤssen seine Gemuͤths-Ruhe nicht zerstoͤhren/ sein Hertz muß nicht aus seinem gewoͤnlichen Sitz gehen/ was vor ein beschwerlicher Zufall sich auch begeben mag. In Summa/ das Gute und Boͤse/ wie groß dasselbe auch seyn mag/ muß ihm allezeit gering und leicht vorkommen. XXXVI. Es ist den Oberherrn sehr viel daran ge- legen/ daß sie wissen/ einen Unterscheyd zu machen zwischen Aempter und Belohnung. Man soll diejenige belohnen/ welche dem Fuͤrsten einen Dienst geleistet/ oder sich dem Staat verpflichtet haben. Das Ampt a- ber erfordert eine Tuͤchtigkeit/ also daß man den Dienst nicht mit Aempter belohnen soll/ wann die Leute nicht tuͤchtig genug sind/ die- selbe zu exerciren. Ja ich will auch darzu se- tzen/ daß/ wann 2 Persohnen um ein Ampt ansuchen/ und sich befindet/ daß der eine gros- se Dienste gethan/ aber nicht viel Verstand H 4 hat/ hat/ der andere aber keine Dienste gethan und doch tuͤchtig darzu ist/ so soll man ohne allen Zweiffel denjenigen vorziehen/ welcher tuͤchtig darzu ist. Die getreuesten Raͤhte des Fuͤrsten sind nicht diejenige/ welche blind hin alles nach seinem Willen thun und lo- ben/ sondern er soll sich allein denjenigen veꝛ- trauen/ welche auffrichtig von ihm reden/ und die allezeit seiner Meynung sind. XXXVII. Es ist nicht rahtsam/ daß man grosse Aempter solchen Leuten anvertrauet/ deren Geburt niedrig/ dunckel und gering ist/ und ich ermahne die Koͤnige sehr/ daß sie sich sol- cher Leute bedienen/ welche von edlen und herlichem Geschlechte sind/ so wohl wegen Ubung der Gerechtigkeit/ als ihre Authori- taͤt in den Staͤdten und Provintzen hand- zuhaben; die Ursache dessen ist klar/ denn ein Mensch erinnert sich doch allezeit seines Herkommens/ er hat immer einiges Bild- nuͤß davon in seinem Hertzen/ und kan mei- nes Beduͤnckens sein hohes und erhabenes Gemuͤth nicht verliehren/ noch so bald an seiner Schuldigkeit fehlen/ als andere/ dann das hiesse seine herliche Qvalitaͤten/ welche mit dem Blut in das Hertz der Edlen rin- nen/ nen/ zweyfaͤltig beflecken. Jedoch soll man die Aempter und Commißionen weder der Dienste und Verdiensts der Leute reguliꝛen/ und keinen zu den vornehmsten Aemptern erheben/ man habe dann denselben eine Zeit- lang in geringerem geprobirt. Dann eine allzugeschwinde Befoͤrderung und hohes Gluͤck/ so gleichsam in einem Augenblick kompt/ ist gemeiniglich der Zweck des Neids/ und mißsaͤlt jederman. In Summa/ wir sehen/ daß die Leute/ welche einsmals auff die hoͤchste Ehrenstaffel steigen/ so eyfersuͤch- tige uͤber ihre Hoheit und Richter ihrer Actionen und Worte finden/ als sie Leute unter ihnen haben. XXXVIII. Ein Fuͤrst/ der sich nichtirren will in Er- wehlung seiner Bedienten und Raͤhte/ soll mehr Achtung geben auff den guten Ver- stand und Urtheil/ als auff die Lebhafftigkeit des Geistes und das Feuer der Einbildung. Die gute Meynung/ so ein subtiler hurtiger Geist von sich selber hat/ ist der Klugheit sehr zu wider/ und diese Gattung Leute pfle- gen in Irrthum zu fallen/ und blind zu wer- den/ wegen des allzugrossen Liechts/ so sie zu haben vermeynen. Die Kaltsinnigkeit/ H 5 Ge- Gedult und Maͤßigung sind denjenigen gaͤntzlich vonnoͤhten/ welche die Differenti- en, die sich unter den particular Persohnen eraͤugen/ schlichten sollen/ und die viel Leute zu vergnuͤgen haben: Dieses dienet ihnen nicht nur die Muͤhe/ so ihrem Ampt unzer- trenlich anhengt/ zu lindern/ sondern auch sich von tausenderley Ungestuͤmigkeiten zu entledigen. Wann man sich aber zu einer dieser Extremit aͤten begeben muͤste/ nemlich zu dem eylen/ oder daß man sich nicht resol- viren koͤnne/ so wolte ich lieber ein um etwas geschwinde Resolution erwehlen/ als in ei- ner gewissen Langsamkeit/ welche nichts außmacht/ verbleiben. Wann man einen Raht geben muß/ so muß man mehr auf die Klugheit sehen/ und auf dasjenige/ was sich geziemet zu thun/ als auff das Gluͤck und den Fortgang/ den man haben kan. In Warheit/ ein Mann kan sagen/ was man weißlich thun soll/ er kan nach dem Licht sei- nes Geistes und seiner Erfahrenheit/ die Anschlaͤge und das Vorhaben des Koͤnigs reguliren, aber wegen des Fortgans oder das Ende kan er wenig oder nichts sprechen/ dann es ist keine Menschliche Weißheit/ welche sich so weit erstrecket. XXXIX. XXXIX. Die Gesetze sind auff die Vernunfft ge- gruͤndet/ aber die Richter sollen sich nach dem Gesetz richten. Das heist klaͤrlich wi- der die Klugheit suͤndigen/ wann man das kauffen und verkauffen der gemeinen Aem- pter billichet. Man solte auch den Obrig- keiten nicht zulassen/ sich von dem Einkom- men ihres Amptes zu unterhalten/ sondern ihnen eine genugsame Bestallung geben/ daß sie sich ehrlich und reputirlich außbrin- gen moͤgen/ und nichts andeꝛs annehmen/ es sey was es wolle. Eine jede Obrigkeit soll sich erinnern/ daß im Anfang die erste Authori- taͤt sehr groß scheinet/ aber in der Folge der Zeit erscheinet die allergroͤsseste nur mittel- maͤßig/ und man siehet nur allzuviel/ daß die- jenige/ welche/ ehe sie zu den Aemptern ge- langet/ fromme Leute und freundlich/ hoͤfflich und ehrbar gewesen/ ihre Natur hernach gantz veraͤndern. In Summa/ es ist ein Ding/ welches wunderbarlich bey uns waͤchst/ ob wir schon nicht daran gedencken: nehmlich die Begierde zu herrschen/ und uns unempfindlicher Weise uͤber andere zu erheben. Je mehr man Gehorsam und Un- terthaͤnigkeit findet/ je mehr will man seine H 6 Au- Authori taͤt ausbreiten: Die Menschen ge- wehnen sich also daran/ daß/ so bald man sich will befleißigen/ ihnen einen Widerstand zu thun/ sie sich also erzuͤrnen/ und nicht leiden koͤnnen/ daß man ihrer Macht einen Zaum anlege/ auf solche Weise setzet man die Graͤntzen der Koͤnigreiche und Herr- schafften so weit fort. XL. Drey Dinge helffen zur Vollkommen- heit und Vortreflichkeit des Regiments: und dieses ist die Abbildung/ die ich mir for- mirt habe/ eine Herꝛschafft zu regieren; Die Regierung muß ein wenig eingezogen/ ernsthafftig und bestaͤndig seyn. Ich sage ernsthafftig und nicht streng/ sintemahl man durch die Ernsthafftigkeit und Gelindigkeit dasjenige/ was man zu thun beschlossen/ vollziehen muß: dann dieses sind die allge- meinen Mittel zu dem Ende/ welches man ihm vorgenommen/ zugelangen. Ich sage eingezogen/ weil ein Fuͤrst sein Amt nicht theilen/ noch seine Authori taͤt einem andern mittheilen/ sondern dieselbige gantz vor sich behalten soll. Ich sage bestaͤndig/ und die- ses beweiset/ daß man nach den Gesetzen re- gieren/ und nichts von den alten Gewonhei- ten ten nachlassen/ und keine Neurung in der Herrschafft leiden soll. XLI. Ein Fuͤrst soll seiner Jugend nicht trauen/ sonderlich/ wann er noch keine Erfahrung hat/ und er sich voll Feuers und einer leb- hafftigen/ hurtigen und wachenden Natur befindet. Alsdann muß er sich befleißigen/ sich einzuhalten/ und nichts thun ohne den Raht der weissesten und geschicktesten seines Koͤnigreichs. Er soll sich mit nichten stuͤtzen auf die Guͤtigkeit und Lebhafftigkeit seines Geistes/ dann eben gleichwie ein gutes und herrliches Land/ welches man nicht pfluͤget/ und darein eine Hand nicht saͤet/ nichts bringet als Dornen und Unkraut: Also verlescht auch ein hohes Gemuͤth und hoher Geist/ welchen man nicht erbauet und bey Zeiten zu der Tugend und der Arbeit ge- wehnet/ und verdunckelt sich gaͤntzlich durch das Laster/ welches ihn leichtlich einnimt. Die Klugheit wird nicht nur mit den Jah- ren/ und durch einen langen Gebrauch der Dinge erlanget/ sondern das Studiren/ Betrachten und die Bemuͤhung macht/ daß man dieselbe vor der Zeit bekomt. Man muß sich nicht gaͤntzlich auf die Erfahrung H 7 ver- verlassen/ wann man eine Herrschafft wohl regieren wil: Die Vernunfft muß auffs wenigste eben so viel Theil daran haben. XLII. Ein Oberherr soll also leben und handeln/ daß unter allen denjenigen/ welche die Ehre haben/ zu ihm zu nahen/ keiner sey/ der sich nicht verpflichtet befinde/ dasjenige/ was er thun soll/ wohl auszurichten/ damit er seine Gnade nicht verliere. Er muß diejenige lieben/ welche tugendreich seyn/ und durch seine kluge Lebens Leitung die Hertzen der Menschen gewinnen: Sein Hoff muß der Tugend keine Steinklippe seyn/ und ein ie- der soll an demselben eine gaͤntzliche Frey- heit haben/ die Treue/ so ein ieder GOtt/ als dem groͤssesten Koͤnige schuldig ist. Derowegen muß ein Fuͤrst durch seine Re- gier-Kunst und durch seine Reden gegen dem Volck den Frommen ein Hertz machen/ und denjenigen/ welche in seinen Diensten sind/ eine ehrbare Freyheit lassen/ daß sie ihm sagen moͤgen/ was sie gedencken/ und die Warheit nicht verdecken. Er muß die Schmeichler verwerffen/ den Libertinern kein Gehoͤr geben/ ja sich gegen denselben erschrecklich erzeigen/ und allen boͤsen Leu- ten/ ten/ was Standes sie auch seyn/ uͤbel wollen. Ich gestehe/ daß ein Mensch nicht viel werth ist/ wann er die Tugend nur um sei- nes Nutzens halben liebet/ sintemahl dieselbe liebens werth ist in ihr selber/ und ihren Preiß und Vortrefflichkeit in sich begreifft: Jedoch ist einem Oberherrn nicht verboh- ten/ sich der Tugend zu befleissen/ und einige Action der Gottesfurcht und Froͤmmigkeit zu unterfangen/ damit er seinen Untertha- nen zum Exempel diene: auffs allerwenig- ste muß er sich huͤten/ daß er nicht gottloß zu seyn scheine/ damit er nicht vielen Anlaß gottloß zu werden/ und andern/ welche schon in der Unordnung weit vertieffet seynd/ Ge- legenheit gebe/ sich zu ruͤhmen/ und um die Bekehrung nicht mehr zu bekuͤmmern. XLIII. Die Gesetze unterhalten die Gerechtig- keit/ aber die Aufrichtigkeit und das exem- plari sche Leben des Allerhoͤchsten gibt der Tugend ein Ansehen. Er wendet die Krafft und Strengigkeit derselben an/ die Krie- gesleute in dem Gehorsam zu erhalten/ und gibt der Tugend durch seine gute Actionen einen Credit. Die Guͤtig- und Ernsthaff- tigkeit zusammen vereiniget machen/ daß man man die Gesetze genau in Obacht nimt/ als die zu des Koͤnigsreichs besten gegeben worden. Die Gerechtigkeit und Billig- keit/ von deren sie begleitet werden/ sind den Frommen eine genugsame Ursache/ daß sie denselben gaͤntzlich gehorchen/ und die Strengheit/ die auf sie folgt/ dienet die Up- pigkeit zur Gebuͤhr zu bringen/ und dersel- ben gottloses Wesen einzuhalten. Es ist ein Unterscheid zwischen ungehorsam seyn und verachten. Die Verachtung betrifft den- jenigen/ so das Gesetz gegeben/ der Unge- horsam aber streitet gerade wider die Be- festigung des Gesetzes. Wer das Gesetz heimlich uͤberschreitet/ der beleidiget die Reputation desjenigen nicht/ so dasselbe gegeben hat/ aber wer dasselbe offentlich verachtet/ der tractirt den Fuͤrsten oder Gesetzgeber unbillicher als das Gesetz selber. XLIV. Die Menge der Gesetze und Ordonan- tien dienet zu nichts/ als dieselbe zu veꝛschrei- en/ und zu machen/ daß man sie desto versi- cherter uͤberschreite: Aber die Sorge die man hat/ die Leute zu Beobachtung dersel- ben anzuhalten/ hilfft dieselbe in ihrer Krafft zu zu erhalten. Worzu dienen so viel verachte- te oder gantz vegessene Gesetze. Man hat nur eine kleine Anzahl Gesetze von noͤhten/ die Voͤlcker in der Schuldigkeit zu erhal- ten/ aber man muß machen/ daß dieselbe wohl in acht genommen werden. Ein Ge- setz/ das nicht mehr im Schwange gehet und gehalten wird/ ist/ die Warheit zu sa- gen/ ein sehr schaͤdliches Exempel/ ein gemei- nes Aergernuͤß/ und gibt vielen Leuten An- laß/ allerley Boßheit zu begehen. Es ist gut dieselbe bißweilen nach den Zeiten und Ge- legenheiten zu veraͤndern/ wann das Gesetz dem Verstandes. Urtheil/ und der Klugheit des Gesetzgebers nicht schimpfflich/ und an- dern theils dem gemeinen Wesen nuͤtzlich und vortheilhafftig ist/ so muß man dasselbe nicht versaͤumen/ noch zugeben/ daß es in Ab- gang komme. Nicht die Vernunfft macht das Gesetze/ sondern die Noth und gezie- mende Wohlstaͤndigkeit. Man soll so viel moͤglich verhindern/ daß die Gewonheit nicht auffkomme/ denn wo sie der Herr lei- det/ und das Volck unempfindlicher Weise auffnimpt/ so wird mit der Zeit ein Gesetz darauß/ und verpflichtet so wohl als die an- dere Verordnungen des Fuͤrsten. Es ist besser besser sehr wenig Gesetz haben/ und dieselbe wohl und standhafftig halten/ alsderselben viel zu haben/ die nur selten in acht genom̃en werden/ und die man entwedeꝛ aus Verach- tung oder aus Vergessenheit uͤberschreitet: Dann weil solche Gattungen deꝛ Gesetze fast alle Tage sich aͤndern/ so verwirren sie eine Herrschafft/ und dienen dem Volck zu einer Ursache des murrens und schreyens. In Summa/ du wirst mir gestehen/ daß das heist in eine sehr beschwerliche Dienstbarkeit gebracht zu seyn/ wann man keinen Schritt thun kan/ man stehe dañ in Gefahr zu fallen/ und wañ man nicht das geringste unterfan- gen darff/ da man nicht alsobald ein Gesetz findet/ welches das Gegentheil verbietet. Daher kompt es/ daß wo viel Gesetze sind/ auch grosse Fehler seynd/ und kan man den- selben nicht helffen/ als wann man den mei- sten theil der Gesetze/ Edicten, und Verord- nungen/ die man ohne Nohtdurfft gegeben und vermehret/ wieder abschafft. XLV. Diejenigen/ welche so kuͤhn sind/ daß sie am ersten ein Gesetz uͤbertretten/ sollen mit groͤsserm Ernst gezuͤchtiget werden/ als die andern/ welche ihrem boͤsen Exempel gefol- get. get. Die Ursache ist/ weil die ersten ohne Exempel suͤndigen/ also daß sie keine End- schuldigung oder Vorwand haben/ und eine grosse Aergerniß verursachen. XLVI. Die Koͤnige sind schuldig/ die buͤrgerliche Gesetze/ die sie um des Landes besten willen gegeben/ selber zu halten: Dann ob sie ihnen schon keinen Gehorsam schuldig sind/ so koͤn- nen sie doch denselben GOtt/ welcher der hoͤchste ist/ oder dem natuͤrlichen Gesetz/ wel- ches will/ daß das Haupt mit den andern Gliedern des Leibes in einer vollkommenen Vereinigung stehe/ und daß das Haupt und der Herr des Volcks nicht selber ver- dammen/ was er andern befiehlet gut zu heis- sen/ und anzunehmen als ein Ding/ welches der Vernunfft gar gemaͤß ist. Zwar die Koͤnige sind der Straffe und Zuͤchtigung nicht unterworffen/ ob sie sich schon in der That schuldig befinden/ wann sie an der Beobachtung der Gesetze ermangeln: Sie sind nicht verpflichtet/ denjenigen/ so unter ihnen sind/ Rechenschafft zu geben/ aber sie koͤnnen sich auch erwehren/ daß sie nicht von ihrem HErrn und obersten Gesetzgeber/ welcher GOTT ist/ examiniret werden. Der- Derselbe wird sie mit einer unvergaͤngli- chen Strengheit straffen/ wann Er sie einer groͤssern Missethat schuldig befindet/ wenn sie vor seinen Richterstuhl erscheinen wer- den. XLVII. Ein Fuͤrst muß nicht leiden/ daß die Ge- wonheiten in seinem Lande auffkommen/ und einen festen Fuß setzen: Dann uͤber das/ daß sie die Macht der Gesetze an sich nehmen/ wann man sie duldet: So ist auch dieses noch insbesondere zubetrachten/ daß es viel leichter ist/ das geschriebene Gesetz abzuthun/ als eine Gewonheit abzuschaffen. Jenes wird ohne Muͤhe wiederruffen/ und ist nur ein Blat Papier von noͤhten/ damit zum Ende zu kommen; aber man lescht eine Ge- wonheit/ welche das Volck angenommen/ und die es seither vielen Jahren gehabt/ viel schwerlicher aus: Es gehoͤret viel Zeit/ Kunst und Gedult dazu. XLVIII. Die beste Regel/ welche man einen gros- sen Herrn geben kan/ sein Land gluͤck- und friedlich zu regieren/ ist/ daß man ihm rahte/ daß er allezeit wohl lebe undsonderlich dieje- nigen liebe/ welche der Tugend ergeben sind. Sei- Seine Lebens-Leitung ist das Bildnuͤß des Lebens aller seiner Unterthanen. Man wird sich in dem gantzen Lande verhalten/ nach dem er lebt: Was vor ein Ubel waͤre das/ wann man die Qvelle und den Brun- nen/ welcher allen gemein ist/ vergifften wol- te? Derowegen soll ein Fuͤrst sehr fleissig be- trachten/ so wohl wegen seiner/ als auch we- gen seiner Unterthanen/ daß er andere lehrt uͤbels thun/ wann er auffhoͤret zu leben/ wie es seine Schuldigkeit erfodert. Der Muͤs- siggang ist eine Kunst/ die nichts anders lehrt als Ubels thun. XLIX. Es wird eher geschehen/ daß die Natur an ihrer Schuldigkeit fehle/ als daß die Voͤl- cker den Actionen des Fuͤrsten/ der sie regie- ret/ nicht nachfolgen solten. Derowegen muß er sich befleissen/ daß er nichts boͤses thue: Seine Actionen sollen zugleich eine Verwunderung und Furcht erwecken. Und ob er schon ohne Gesetz und Furcht lebt/ so soll er doch gedencken/ daß er selbst ein le- bendiges Gesetz ist: Und gleich wie die Straff-Gesetze einen Schrecken erwecken/ und diejenige welche das gute Regiment und die Policey betreffen/ weiß nicht was vor vor eine Verwunderung in das Gemuͤth des gemeinen Manns eindruͤcken: Also verdammen auch die Actionen des Ober- herrn/ wann sie nach der Vernunfft gerich- tet sind/ und durch ein Principium der Tu- gend geschehen/ die Unordnung und das boͤse Leben der Unterthanen hoͤchlich und kraͤfftig/ und setzen alle diejenige/ die ihre Lebens-Leitung in acht nehmen/ und diese glaͤntzende Ebenbilder und lebendige Co- peyen der Gottheit ernstlich ansehen/ in grosse Verwunderung. L. Ein guter und tugendsamer Fuͤrst/ wie Plutarchus sagt/ ist ein lebendiges Bildnuͤß Gottes/ welches/ wie iedermann bekennet/ gut/ allmaͤchtig und allweise ist. Die Guͤ- tigkeit eines Oberherrn giebt ihm ein/ allen seinen Unterthanen gutes zu thun/ und die Weißheit/ damit er erfuͤllet ist/ macht/ daß er sich nimmermehr irret: Die Macht ist ihm eine grosse Huͤlffe/ seine Anschlaͤge und Vorhaben ins Werck zu setzen. Aber von einem lasterhafften und unregulirten Fuͤr- sten muß man gantz anders sagen/ er ist das Bildnuͤß des Teuffels/ welcher sich seiner bedienet als eines Werckzeugs/ alles Unheil in in der Welt anzustifften. Ja so bald er sich erklaͤret hat als einen Feind der Tu- gend/ so wendet er seine Macht an/ seine Un- terthanen zu plagen: Dann die oberste Authoritaͤt/ dabey die Guͤtigkeit nicht ist/ schlaͤgt in eine Grausamkeit und Tyranney aus/ und alsdann/ wann sie nicht von der Klugheit unterhalten wird/ so ist sie nichts anders/ als eine leidige Qvelle alles Ubels und Unheils/ so sich auf die Unterthanen er- giesset/ und bißweilen die gantze Herrschafft uͤberschwemmet. LI. Ein Fuͤrst soll sein Wort eben so heilig halten/ als er eifferig ist seine Wuͤrdigkeit und den Nutzen seines Landes zu befodern. Man hat alles verlohren/ wann man sei- nen Credit verlohren hat/ welcher bey nahe ist/ wie die Seele/ welche nicht wieder in den Leib kommet/ aus welchen sie gegangen ist: Er muß ihm die Religion nicht dienen las- sen/ seine Herrschafft zu erweitern/ noch sein Wort treulich halten/ weil es seinen Nutzen betrifft/ dann wann man mercket/ daß er in allen beyden nur um dieser Ursache willen handelt/ so wird er alle gute Meynung/ so man von ihm gehabt/ fallen lassen/ und wird er er nimmermehr von den Voͤlckern also ge- ehret werden/ was vor Kunst er auch ge- brauchet/ damit zum Ende zu gelangen. LII. Die Koͤnige sollen sich nicht uͤbereylen mit versprechen/ aber was sie versprochen/ sollen sie ohne Auffschub und Verzug halten. Man muß nicht meꝛcken lassen/ daß ein gros- ser Herr sein Wort nicht gern halte/ und es muß keine lange Zeit seyn zwischen der Ver- heissung und Vollziehung: Man hat es sol- len zuvor sehen/ ehe man sich verpflichtet: Man kan sagen/ daß ein heimlicher Accord und Tractat zwischen dem Herrn und den Unterthanen sey; Und daß die Verheissun- gen dem Herrn dienen/ sich von der Pflicht die auff sie liegt/ zu endledigen/ und die Unter- thanen des Guten/ so sie erwarteten/ genies- sen zu lassen: aber sie muͤssen Achtung geben/ daß sie nur denjenigen gutes thun/ die dessen werth sind/ oder die uͤber das gemeine Volck verstaͤndig und getꝛeu seynd/ damit er sie auff solche Weise verpflichte dem Staat nuͤtzlich zu dienen/ und nimmermehr eine Reu tra- gen muͤsse/ wann er ihnen etwas verspro- chen hat. Der LIII. Der Fuͤrst muß gedencken/ daß er ver- pflichtet sey/ den Dingen/ die man von ihm sagt/ Glauben zuzustellen/ und daß es ihm viel dran gelegen/ daß andeꝛe ihm auch glau- ben. Was das erste anbelangt/ so muß er nicht so hartsinnig seyn/ daß er niemand glauben wolte/ er wuͤrde seiner Wuͤrdigkeit unrecht thun/ wann er davor hielte vaß un- ter seinen Unterthanen einer waͤre/ der ihn zu betriegen begehrt. Ge wißlich,es ist kei- ne Straffe zu schwer vor einen solchen Men- schen/ der seinem Koͤnig luͤgen darff; und wann jemand in diesen Fehler fiele/ so wuͤr- de er die allerschaͤrffeste Straffe verdienen/ und solte man ein erschreckliches Exempel an einem solchen statuiren, daß die Gedaͤcht- nuͤß desselben ewig behalten werde. Wañ man es nicht also macht/ so wird man in den Hoͤfen und Pallaͤsten groser Monarchen nichtes als Betrug/ Verdeckungen/ heim- lich murmeln/ und falsches Anbringen sehen/ welche Sachen aus dem Ehrgeitz/ Neid und Schmeicheley erwachsen. Zum zwey- ten/ so muß er so genau und gottesfuͤrchtig seyn/ und sein Wort also halten/ daß er sei- nem Versprechen ein Genuͤgen thue/ damit J jeder- jederman uͤberzeugt bleibe/ das Versprechen ins Werck setzen/ Sagen und Thun/ bey ihm nichts anders ist als Ding. LIV. Die Warheit ist so maͤchtig/ und hat ei- ne solche Krafft/ daß man sie nicht kan schwaͤchen/ hergegen die List und Bede- ckung/ mit deren die Luͤgen sich verbergen will/ kan nicht verhindern/ daß dieselbe nicht in tausenderley Beschwerlichkeiten falle. Man sagt gemeiniglich/ daß ein Mañ/ der nicht dissimuliren kan/ auch des Regi- ments nicht faͤhig ist: aber gewiß ist es/ daß derjenige/ welcher geneigt ist zu Luͤgen/ und der die Warheit gern verdeckt/ nicht werth ist/ daß er uͤber andere herrsche. Ich be- kenne/ daß ein Oberherr nicht gar weißlich thaͤte/ wann er seine Gedancken entdeckte/ und sein Vorhaben/ Anschlaͤge und Staats-Geheimnuͤsse/ solchen Leuten/ die er nur obenhin kennet/ und die nicht von seinem Rahte sind/ offenbahret: Aber es ist ihnen nimmermehr erlaubet zu liegen/ noch sich in einigen Betrugs oder falschen Scheins zu bedienen/ dañ dadurch schwaͤcht er seine Authoritaͤt/ befleckt den Glantz sei- ner Majestaͤt/ truckt seine Hoheit nieder/ und und bezeuget nur allzusichtbahr/ daß er kein Hertz und keine Erfahrung hat. LV. Die Freygebigkeit giebet der Koͤnig- lichen Majestaͤt nicht nur einen Glantz/ son- dern sie bringet ihm auch Nutzen und einen sehr grossen Gewinn. Und warum solte er nicht einen groͤsseꝛn Nutzen davon haben/ als seine Unterthanen? Derowegen so ist es ihm ruͤhmlich und zugleich nuͤtzlich/ daß er seinem Volck gutes thut: er gewinnet durch die Schaͤtze/ so er außgießt/ das Hertz derjenigen/ welche ihm unterthaͤnig sind/ und kan von ihnen grossen Dienst zur Zeit der Noth verhoffen. Bißweilen gewin- net er tausend/ wann er einem eine Gnade laͤst wiederfahren/ dann jene verhoffen mit der Zeit ein gleiches Gluͤck. Derowegen soll er mit Freuden geben/ und es ihm vor eine Ehre halten/ freygebig und bedacht zu seyn/ die Leute/ so es wehrt sind/ zu beloh- nen. Die Belohnungen ehren diejenige/ welche sie empfangen/ sonderlich diejenige/ die in den Armeen dienen/ und die Gelehr- ten. Es ist gut/ daß die gantze Welt um die Wolthaten des Fuͤrsten/ so er gelahrten Leuten thut/ wisse/ aber gut ist/ dasjenige in J 2 ge- geheim zu halten/ welches nicht so wohl eine Belohnung als eine Gnade gegen die Ar- men und Elenden ist. Er soll ihm eine Lust machen/ seinen Unterthanen guts zu thun und sie zu bereichern/ und nicht darauf se- hen/ daß er deßwegen hoͤher geachtet werd/ wann man gewiß weiß/ daß er so gut und großmuͤthig ist. Ja er sol mehr befuͤrch- ten/ er gebe denjenigen/ die nur eine gerin- ge Belohnung verdienet haben/ zu viel gebe. Er soll nicht unterlassen sreygebig zu seyn gegen den Frommen/ und die es ver- dienet haben/ ob schon in einer so grossen Anzahl bißweilen einer gefunden wird/ der es nicht so wol verdienet hat. Es ist besser/ daß man den Boͤsen gutes thue/ in Betrach- tung der Frommen/ als daß man diesen nichts gutes thut wegen jener. Im uͤbri- gen/ gleich wie er nicht gegen allen soll frey- gebig seyn/ also soll er auch nicht allzu einge- zogen seyn gegen gewisse Persohnen/ und er muß gedencken/ daß er alles empfange/ was er denjenigen gibt/ die dem Staat ge- dienet haben/ und vortrefliche und recht- schaffene Leute sind. Er verpflichtet sein gantzes Koͤnigreich/ wann er einem tugend- hafften/ gelehrten oder sonst wolverdienten Mann guts thut. LVI. LVI. Wann man belohnen will/ so muß man vor allen Dingen acht haben auff den Dienst der Leute/ und ihnen recht thun/ dann nicht alle Leute sind der Belohnung werth/ sondern nur diejenige/ die man derselben werth mit Verstand erachtet. Der Ehr- geitz soll nicht an statt eines Verdienstes seyn/ noch die Prætensionen vor einen wuͤrck- lichen Dienst geachtet werden. Der Kaͤyser Theodosius und Valentianus haben allezeit/ wann sie jemand zu Aemptern befoͤrdert/ in ihren Befehlen Meldung gethan/ warum sie dieselbe zu solchen Ehren erhaben/ und wolten also/ daß jederman wissen solte/ daß diejenigen Leute/ die sie erwehlet solche Aempter zu fuͤhren/ einiges Recht darzu haͤtten/ weil der Staat ohne ihre absonder- liche Verdienste/ auch grossen Dienst von ihnen genossen. Wer anders verfaͤhret/ der eignet ihm eine solche Macht zu/ die ihm nicht gebuͤhret: Und wann man sich bemuͤ- hen will/ ein Decret, welches eben diese Kaͤy- ser außgehen lassen/ zu examiniren, so wird man unfehlbarlich sehen/ wann man den Verstand der Worte recht in acht nimpt/ daß es denen Oberherrn nicht erlaubet sey/ J 3 nach nach ihrem Gefallen die Aempter außzuthei- len/ dann das Gesetz sagt außdruͤcklich/ daß in Ansehung der Dignit aͤten und Beloh- nungen eine Obligation sey/ die sich auff die Gerechtigkeit/ deren die Fuͤrsten in solcher Begebenheit ein Genuͤgen leisten sollen/ und daß sie nur als Ausleger sind/ und erklaͤren/ wem die Ehre gebuͤhre/ und wer derjenige sey/ welchen man belohnen soll. Oder wann du wilt/ so ist der Fuͤrst in solcher Gelegen- heit ein getreuer Diener/ welcher das Gut/ so ihm anvertrauet ist/ weißlich außtheilet. LVII. Wann die Aempter und Dignit aͤten an statt einer Belohnung seyn sollen/ so muß man 2 Dinge betrachten. Erstlich daß man dem Verdienst sein Recht muß wie- derfahren lassen/ zum andern/ daß man die- sem Ampt einen Meister geben soll. Dem Verdienst der Leute ein Genuͤgen zu thun/ ist eine Schuldigkeit/ dem Ampt und der Dignit aͤt einen Meister zu geben/ ist eine grosse Verpflichtung/ weil die Belohnung der Dienste nur die privat Persohn betrifft: Aber einem ein Ampt anvertrauen/ ist ein Ding/ daran dem gemeinen Wesen gele- gen ist. Ge- LVIII. Geben nur umb des gebens willen/ ist ein Kennzeichen der Freygebigkeit/ und es ste- het schoͤn zu sehen/ daß ein Koͤnig also verfah- re/ aber es ihm noch viel ruͤhmlicher aus Be- lohnung zu geben/ als auch Lust ihm einen verpflicht zu machen. Ich glaube nicht/ daß man hieruͤber ein rarers Exempel finde/ als dasselbige/ welches derjenige Historicus, der des grossen Alexandri Leben beschrie- ben/ beygebracht. Er sagt/ der ungluͤckliche Monarch Darius habe/ als er anitzo sterben wollen/ den Verlust seines Reichs/ oder die Gefaͤngnuͤß seines Weibs und Kinder nicht beweinet: Aber das habe ihm schmertzlich wehe gethan/ und er habe es unter sein aͤus- serstes Ungluͤck gerechnet/ daß er nicht Mit- tel hatte/ den Polistratem, welcher ihm/ da er erschrecklichen Durst gelitten/ frisch Wasser gebracht/ zu belohnen. LIX. Es stehet einem Fuͤrsten sehr wohl an/ daß er seinen Unterthanen die Freyheit lasse/ daß sie sich getrost in ihren Noͤhten zu ihm verfuͤ- gen moͤgen/ und ich halte davor/ es sey ihm gantz ruͤhmlich/ wann er in ihrem Gemuͤth vor freygebig/ sanfftmuͤthig und freundlich J 4 ge- gehalten wird. Er soll sich nicht viel be- kuͤmmern/ ob man ihm vor das gute/ so er er- weist/ Danck sage. Es ist dem Koͤnige An- tigono sehr schimpflich ausgelegt worden/ daß er das wenige/ so man von ihm so frey- muͤthig begehret/ abgeschlagen: Dann als ihn der beruͤhmte Cynicus gebehten/ er wol- te ihm einen Talent verehren/ befand er sei- ne Bitte vor allzu groß/ nahm ein stuͤck Gel- des/ und wiese es ihm/ sagte aber/ dieses Ge- schenck waͤre nicht groß genug vor einen Koͤ- nig. Seneca schreyet sehr daruͤber/ und ta- delt den Antigonum hefftig: siehe/ also ge- het er mit ihm um: O ungeziemende Subtili- taͤt! O welch eine Niederlage/ die einem Koͤniglichen Gemuͤht nicht wol anstehet; du hast die Entschuldigung gefunden/ da- mit du nichts geben duͤrffest. Du versagest den Talent dem Cynico, und sagst/ er sey dessen nicht werth: du giebest ihm auch das stuͤcke Geldes nicht/ weil es/ wie du sagest/ gar zu wenig ist vor die Macht und Maje- staͤt eines Koͤnigs. Du haͤttest den Talent sollen geben/ als ein Koͤnig/ und das stuͤcke Geldes noch darzu wegen der Armuth des Cynici. LX. LX. Ich! setze die Ehre und den Ruhm eines Koͤnigs nicht darinn/ daß er beschwerliche und gefaͤhrliche Sachen vornimt/ sondern darin/ wann er schoͤne Actionen begehet/ und sonderlich/ wann er mit demjenigen/ was er angefangen/ zu Ende kompt. Dañ/ in Summa/ es ihm eine groͤssere Schmach/ wañ er von seinem Voꝛhaben ablassen muß/ als er Ehre gehabt hat/ dasselbe vorzuneh- men. Damit er nun nicht in eine solche ver- drießliche Extremit aͤt gerathe/ so sol er die Mittel mehr erforschen als das Ende. LXI. Das Gluͤck und die Wohlfahrt der Koͤ- nigreiche wird durch den Frieden erhalten und vermehret/ wann er von langer Waͤh- rung ist. Man muß denselben allezeit dem Krieg/ dem Ruhm und allen andern Vor- theil/ den man ihm einbilden kan/ vorziehen. Ein Fuͤrst soll ihm diese Grund-Regel/ wel- che mich allezeit sehr gerecht und Ver- nunfftmaͤßig geduͤncket hat/ daß nemlich der Friede und die Einigkeit machen/ daß aus den geringen und kleinen Dingen gros- se werden: Da hergegen der Krieg und die Uneinigkeit auch das edelste und erhaben- ste ste darnieder schlagen/ wohl zu Hertzen fas- sen. Dieser Spruch gefiel dem Koͤnig A- grippa so wohl/ daß man ihn gar offt den- selben hat hoͤren wiederholen/ er hat ihm gedienet/ daß er gluͤcklich regiert hat/ und von allen Menschen ist geliebt worden. Ein weiser Koͤnig soll andere Krieg fuͤhren lassen/ und seines theils alle moͤgligste Mit- tel suchen/ sein Land und Herrschafften in Friede und Ruh zu erhalten/ und hierin soll er sich befleissen/ alle andere Monarchen zu uͤberwinden. Er lasse andere in Unord- nung und Verwirrung leben und verschaf- fe/ daß seiner seits nichts sey/ als Friede und Eynigkeit: Er soll allezeit mit den Leuten in gutem Verstaͤndniß stehen/ und mit den Lastern einen grausamen Krieg fuͤhren. LXII. Der Frieden soll aus der Begierde und der Krieg nur aus der Nothwendigkeit er- wachsen: dann man soll nicht Frieden ma- chen/ damit man nachmals Krieg fuͤhren koͤnne: sondern man fuͤhret eine zeitlang Krieg/ weil es gemeiniglich ein herlich Mit- tel ist/ einen dauerhafften Frieden zu erlan- gen: Ein Fuͤrst muß sich erinnern/ daß/ weil er ein Fuͤrst ist/ er sein Wort unzerbruͤchlich hal- halten soll/ wie gluͤcklich auch sein Fortgang sey: gewißlich er wuͤrde der grosse und her- lichen Qvalitaͤt/ damit er bekleidet ist/ un- recht thun/ wann er nur vom Frieden als- dann wolte reden hoͤren/ wann ihm ein all- gemeiner Abfall zu besorgen ist/ oder er son- sten einen beschwerlichen Zufall vor Augen siehet. Der Friede/ so zwischen Christl. Fuͤr- sten geschlossen ist/ sol um eines jeden Laͤr- mens und Unruhe willen gebrochen werden. Der Krieg/ welcher am aller vortheilhaff- tigsten zu seyn scheinet/ und den man ihm einbildet/ daß er gar nuͤtzlich seyn soll/ wird allezeit von vielem Ungluͤck begleitet/ es ko- stet vielen das Leben/ das Feld wird gantz verwuͤstet/ die Handthierung steckt sich/ der Soldat begehet allerley Boßheit/ das Volck wird noch mehr als sonst gedraͤnget: dann in solcher Zeit vermehret man die Contributionen und Aufflagen/ derowegen muß man den Krieg so viel moͤglich ist mei- den/ und denselben niemals ankuͤndigen/ als wann man es wol bedacht/ weil in die- sem Fall die Parthey auch Richter ist. LXIII. Man gewinnet viel dabey/ wann man lang rathschlaͤgt/ was am besten oder nuͤtz- J 6 lich- lichsten seyn mag. Man muß ihm wohl Zeit nehmen sich zu ruͤsten/ daß man einen Krieg wol zu Ende fuͤhren moͤge. Man siehet nicht leicht/ daß grosse Sachen wol von statten gehen/ wann man sie ohne Be- trachtung angefangen/ und dem Fortgang nur dem Gluͤck uͤberlaͤst. Der rechte Weg/ daß man von dem Ungluͤck nicht unter- druͤckt werde/ ist/ daß man sich vor demsel- ben sehr fuͤrchte. Nichts ist ungewisser als das Wagen/ nichts ist unbestaͤndiger als das Gluͤck/ auch alsdann/ wann es scheinet/ als wolte es uns schmeicheln: aber die Klugheit und der gute Rath betrieget niemand. LXIV. Silber und Gold kommen leichtlich mit allen Sachen zum Ende: Aber das Eisen und Feuer verzehren alles und richten alles zu grunde. Es ist besser/ daß man die Victorien mit viel Geld als mit Bluth ver- kauffe: dieser Ursach halber sollen die Koͤ- nige Schaͤtze sam̃len/ und die Zerstreuung ihrer Schaͤtze verhindern. Diese Sorge stehet ihnen gar wohl an/ und wer es also macht/ wird von verstaͤndigen Leuten nie- mals getadelt werden/ und wird man nicht Ur- Ursach haben ihn anzuklagen/ als wann er das Geld allzusehr liebet. Es ist ein Un- terscheid zwischen einem Fuͤrsten/ der vor seine Herrschafft weißliche Versehung thut/ und einem solchen/ der nur Schaͤtze sam̃let/ damit er seinen Geitz saͤttigen moͤge. Der Geitz ist ein grosser Fehler und ein schaͤnd- licher Flecken/ man muß ihn verfluchen allenthalben/ da er sich eraͤuget: aber die Vorsehung ist gaͤntzlich von noͤthen/ es ist eine herrliche Quali taͤt/ die grossen Lobs wuͤrdig ist. Derowegen ermahne ich ei- nen Fuͤrsten/ daß er sich aller ehrlichen/ rechtmaͤßigen und guten Mitteln bediene/ sich zu bereichern/ seine Macht zu vermeh- ren/ seine Vestungen zu staͤrcken/ viel Sol- daten zu unterhalten/ und also sein Koͤnig- reich in guten Flor zu setzen. Eines von den besten Mitteln sich reich zu machen/ ist/ daß man nicht so viel auff Gastereyen/ Co- moͤdien/ Spielen und dergleichen wende/ daß man nicht so praͤchtig sey mit Hauß- rath/ nicht so koͤstlich in Kleidern/ keine so kostbahre Pallaͤste bauen lasse/ und viel andere Gelegenheiten mehr/ darinn man sein Geld unnuͤtzlich verzehret/ vermeide. Die Politic hat einen grossen Nutzen in J 7 die- diesen Faͤllen/ und dienet/ tausenderley be- schwerlichen Zufaͤllen/ so aus der Ver- schwendung erwachsen/ vorzukommen. LXV. Der beste Gebrauch der obersten Macht und Authori taͤt bestehet darinn/ daß man derselben gar maͤßig gebrauche. Wann man ihr ihren gantzen Umkreiß lassen will/ so faͤllt man allezeit in einen Exces, Miß- brauch und Unordnung/ absonderlich in neuen Aufflagen. Ich weiß wohl/ daß des Fuͤrsten Recht ist/ dasselbe ohne Be- willigung des Volcks zu fodern/ und aufzu- legen: aber die Warheit zu sagen/ es waͤre etwas unregulirtes in seinem verfahren/ wann er seines Rechten auf eine gar zu hohe Manier und ohne vorhergehende Er- forschung/ was er vernunfftmaͤßig von sei- nen Unterthanen fodern koͤnne/ gebrauchen will: zwar weil es dem Oberherrn erlau- bet ist/ die Nothdurfft seines Staats und Hauses vorzustellen/ so scheint es um eben dieser Ursache willen/ daß es den Untertha- nen soll erlaubet seyn/ zu sehen/ was sie ver- moͤgen und dem Fuͤrsten geben koͤnnen. Man muß nicht etlichen die Aufflagen oder solche Aemter/ daran dem gemeinen We- sen sen gelegen/ und was andere tragen muͤssen/ nachlassen/ sondern es ist besser/ daß man eine grosse Anzahl Leute in den gewoͤhn- lichen Aufflagen begreiffe/ als daß man sich nur an etliche Leute halte/ und eine grosse Summa Geld von ihnen erpresse: Frey von Aufflagen und Subsidien -Geldern zu reden/ so sind die geringste und die am we- nigsten geschehen/ die besten: und wann man in der That benoͤthigt ist/ so muß man alles versuchen/ ehe man auf diese Extremi- taͤt kom̃t/ und soll man sich derselben nicht ohne grosse Vorhut bedienen. LXVI. Man soll nimmermehr einen Feind ver- achten/ er mag seyn wer er will/ noch eine gute Gelegenheit vorbey gehen lassen. Die Ubereilung und Verachtung eines andern/ und die grosse Zuversicht/ so man auf sich selbst setzet/ sind Qvellen alles Ungluͤck und Ubels/ welches man so offt sich begeben sie- het. Man kennet seinen Stand nicht gar wohl/ wann man meint/ man sey gar wohl versichert in dem Zustand/ darinn man ist. Ich halte davor/ daß es im Kriege nicht so empfindlich ist/ wann man durch Gewalt grossen Schaden leidet/ als wann man durch durch die Geschicklichkeit und Boßheit ei- nes Feindes zu Boden geworffen wird. Man laͤst sichs nicht so sehr bekuͤmmern/ wann man an Macht und Ansehen gerin- ger ist als andere/ als dieselbe uns am Ver- stand und Geschicklichkeit uͤberlegen seyn. LXVII. Wann ein Unterthan/ nach dem er oͤf- fentlich von seinem Herrn abgefallen/ den Ort/ dahin er sich begeben hat/ nicht verlas- sen will/ und bewaffnet in demselben ver- bleibt/ mit Vorhaben sich zu wehren/ wann man ihn herauß treiben wolte/ so soll man demselben nicht trauen/ er mag versprechen was er will. Er ist in seinem Gemuͤth eben so treuloß als zuvor. Die starcken Plaͤtze sind an den Graͤntzen hoch noͤhtig/ damit man den Feind moͤge auffhalten: aber die mitten in dem Koͤnigreich sind/ dienen nur die Auffwickler zu versuchen/ welche sich nicht verweilen/ dieselbe einzunehmen/ und daraus mit ihrem rechtmaͤßigen Fuͤrsten Krieg zu fuͤhren. Es soll allezeit auff seiner Wacht stehen/ und sich von den Frembden nicht uͤberfallen lassen: aber er muß auch gantz Herr seyn uͤber alle seine Unter- thanen. Ein Koͤnig/ damit er nicht un- unter die Haͤnde der Fremden/ die ihm den Krieg angekuͤndiget haben/ falle/ vertraut seinen gantzen Staas-Nutzen/ Macht und eigene Person keinen Generalen/ der ihn offtmahls verraͤht. Ein Gubernator wird nicht so kleinmuͤhtig seyn/ daß er den Feind in das Ort lasse/ welches ihm zu verwahren anbefohlen/ und wird er sich darin halten/ ob er schon von seinem Herrn Ordre empfaͤngt/ heraus zu gehen. Solches darff man von den Mauern/ Pasteyen und Vestungen nicht besoͤrchten/ zudem helffen sie auch zu der Zierde der Staͤdte und Oerter/ da sie ge- bauet sind. LXVIII. Zwey Dinge machen meines Beduͤn- ckens einen Krieg sehr zweiffelhafftig/ erstlich weil es uͤbel gelingen kan/ und man densel- ben nicht recht verstehet: zum andern/ weil es schwerlich geschicht/ daß die Verwegen- heit und Unklugheit nicht mit unterlaufft: Aber es ist noch ein groͤssere Gefahr/ wann man denselben gar nicht versteht: man soll denselben niemals vornehmen/ man habe dann Ursach. Man soll sich billich vor der Folge eines solchen Krieges fuͤrchten/ dessen man nicht gewaͤrtig gewesen/ welcher durch die die Eroberung einer Stadt/ oder durch ei- nen andern verdrießlichen Zufall anfaͤngt. Das Recht/ so man vermeynet uͤber eine Stadt zu haben/ grosse Foderung/ Verach- tung/ Schimpff und erlittene Injurie, das sind die gewoͤnlichste Vorwaͤnde/ durch wel- che man pflegt Krieg anzufangen/ aber der Ehrgeitz macht/ daß derselbe lang waͤhret/ und die unersaͤtliche Begierde zu herschen und seine Macht zu erweitern/ welche der Rache und Grausamkeit den Nahmen/ und die Farbe der Gerechtigkeit gibt. LXIX. Man kan nicht anders als denjenigen ei- ner Unweißheit bestraffen/ welcher sich in Gefahr steckt/ all sein Land zu verlieren/ da es keinen Schein hatte/ daß er etwas wich- tiges gewinnen koͤnte/ wann er sich in diese Gefahr begibt: Das ist ein verwegenes Stuͤck/ und koͤnte man einen grossen Herrn/ der sich in solche Gefahr geben/ nicht ent- schuldigen/ ob er schon gluͤcklich wieder her- aus gezogen worden. Man muß die Schlacht annehmen/ nicht nur/ weil der Feind dieselbe anerbietet/ sondern weil man urtheilet/ es sey nuͤtzlich/ eine Schlacht zu halten. Wann man weiß zu rechter Zeit und und guter Ordnung sich zuruͤck zu begeben/ ist man mehr Lobs werth/ als wann man sich ohne Noth in eine Schlacht eingelassen. Man kan sagen/ daß in einer ersten Schlacht der Sieg gaͤntzlich an dem Hertz und Verschrockenheit der Kaͤmpffenden liegt. Aber ich halte davor/ daß er in dem andern an der Noth liegt/ um welcher wil- len man mit dem Feinde zu thun hat/ und an der Wichtigkeit der Ursach/ um welcher willen man die Waffen ergriffen: Die Großmuͤhtigkeit begehret nichts anders/ als uͤberwinden/ und die Reputation, daß man eine Schlacht gewonnen: derjenige/ welcher weiß/ daß er seinen Feind schon in andern Begebenheiten uͤberwunden/ denckt an nichts anders/ als von neuem zu uͤber- winden; derjenige/ so gleichsam versichert ist/ die Schlacht zu gewinnen/ denckt an nichts anders als den Streit: Aber derje- nige/ der mit verzagten Hertzen den Streit angehet/ ist schon halb uͤberwunden. Die Einbildung der Hauptleute sind oftmals Ursach gewesen an der Niederlage und gaͤntzlichen Ruin der Armeen/ und das ist vielmehr zu fuͤrchten/ als die grosse Troupen des Feindes. Ein General/ welcher zweif- felt/ felt/ ob er den Sieg erhalten werde/ kan kei- ne grosse Thaten thun/ und alles was man von ihm verhoffen kan/ ist/ daß er sich eine zeitlang defendirt. LXX. Die allzu grosse Haͤrtigkeit der Haupt- leute und die uͤbermachte Strengheit/ so sie wider die Soldaten gebꝛauchen/ sampt der immerwaͤhrenden Arbeit/ davor sie doch keine Belohnung empfangen/ geben Anlaß zum Auffstand/ die man nachmahls mit gros- ser Muͤhe stillen kan. Man muß die Auff- ruͤhrer stillen mit Bestraffung ihrer Raͤdels- fuͤhrer. So bald die Auffruhr gestillet/ muß man die Armee gerad gegen den Feind fuͤh- ren/ und so bald als moͤglich eine Schlacht halten/ dann das ist das rechte Mittel/ die Ruhe und Gehorsam wieder unter die Sol- daten zu bringen. LXXI. Es ist nicht genug vor einen Koͤnig/ die Tugend zu haben/ noch in der Resolution seyn/ seine Herrschafft wohl zu fuͤhren; er muß auch in den Historien wohl erfahren seyn/ und wissen/ was sich von Zeit zu Zeiten vor Veraͤnderungen zugetragen/ und daß das menschliche Leben nichts anders ist/ als eine eine immerwaͤhrende Vermischung des Gluͤcks und Ungluͤcks/ der Freude und des Leids/ der Erhoͤhung und Erniedriegung. Auch soll er offtmals die wundersame Vor- sehung Gottes betrachten/ welche so fleißig uͤber alle Fuͤrsten in der Welt wachet. Ein Fuͤrst soll gedencken/ daß er noch naͤher uͤber ihm ist/ als uͤber gemeinen Leuten. Ja Er nimpt die Koͤnige in acht/ und erleuchtet sie/ als die hier auff Erden seine Stadthalter sind. LXXII. Es ist aus den Zeugnissen der heilgen Schrifft klar/ daß die Suͤnde/ so begangen werden/ Gott bewegen/ Staͤdte/ Laͤnder und Koͤnigreiche zu straffen. Bißweilen verfaͤhrt die goͤttliche Providen tz also damit/ wegen der Suͤnden der Koͤnige und ihrer Unterthanen: bißweilen strafft Gott auch die Koͤnige wegen der Suͤnde ihrer Unter- thanen: bißweilen straffet er das gantze Koͤnigreich wegen der Suͤnden des Koͤ- nigs. Derowegen muß sich der Koͤnig ent- halten zu suͤndigen/ und nachmahls seine Unterthanen hart anhalten/ daß sie Gott nicht beleydigen/ dann er ist alsdann in gꝛos- ser Gesahr auff allen Seiten. LXXIII. LXXIII. GOtt siehet offtmals durch die Finger bey den Suͤnden/ aber er verschonet derje- nigen/ die sie ungestrafft lassen/ gar selten. Der Untergang einer Herrschafft kompt nicht her von den grossen hauffen der Ubelthaͤter/ so sich darinn befinden/ son- dern/ ich halte davor/ daß ein Land gantz verlohren sey/ wann diejenigen/ so verordnet sind recht zu sprechen/ sich nicht bekuͤmmern/ den Lauff der Laster zu hemmen/ und die Schuldige zu straffen. Die Boßheit ist alsdann am gefaͤhrlichsten/ wann sie nicht gestraffet wird. LXXIV. Alles gehet hinter sich in einer Herr- schafft/ wann der Oberherr nur durch eines andern Augen siehet/ und sich nicht selbst in die Geschaͤffte mischet. Ein weiser Politi- cus hat wol gesagt/ daß ein Koͤnigreich des Mittleidens wuͤrdig/ und die Voͤlcker gantz ungluͤckselig seyn/ wann man den Koͤnig also mit seinen Dienern reden hoͤret: Gebt Achtung/ daß alles woll hergehen thut/ was ihr vors beste erachtet/ ich befehl euch die Sach/ ich uͤberlasse euch die gantze Sorge derselben: Last euch den Nutzen meiner Cron Cron wohl angelegen seyn. Diese Rede stehet einem grossen Fuͤrsten gar nicht wol an: er muß selber arbeiten/ und eine Er- kaͤntniß der Sachen seines Reichs haben/ und wissen/ was in seinem Koͤnigreich ge- schiehet: er muß von Zeit zu Zeiten seine Bedienten ruffen/ dieselbe Rechnung thun lassen/ ihr Leben erforschen/ und das Ruder seiner Herrschafft selber fuͤhren. LXXV. Der Untergang der Monarchien und Herrschafften komt schier allezeit her von der Unordnung und Hochmuth derer/ so sie regieren/ oder von den grossen Verschwen- dungen/ von ihrer Grausamkeit/ oder allzu- grossen Guͤtigkeit/ oder von ihrem Geitz/ oder von dem Aufruhr der Voͤlcker/ oder von Verachtung heiliger Sachen und Persohnen/ welche gesetzet sind die Reinig- keit des Glaubens zu erhalten. Dieses sind sehr gefaͤhrliche Klippen. LXXVI. Wann man mit den Dignit aͤten und Aemmtern einen Handel fuͤhren will/ so wird der geitzigste allezeit am meisten bieten denn er verhofft grossen Gewinn davon zu haben da er dann alle/ so unter ihm sind/ zu rantzio- niren/ niren/ und seinen Geitz zu saͤttigen/ wird An- laß und Macht haben. LXXVII. Man kan mit Warheit sagen/ daß nichts gering/ nichts mittelmaͤßig ist in Koͤnigen und Persohnen von hoher Quali taͤt. Ihre Tugend sind groß und glaͤntzend/ aber ihre Laster und Maͤngel sind auch gantz sichtbar und derowegen niemals mittelmaͤßig. In Summa/ gleich wie sich ein weiser Mann niemahls leichtlicht irrt/ wann er in einigen Irrthum faͤllt/ also faͤllt auch ein Mensch von hoher Quali taͤt niemals ohne Ver- letzung seiner. LXXVIII. Es ist nicht genug/ daß der Brunnen sau- ber und rein sey/ wann der Canal/ dadurch das Rohr gehet/ voll Koth und Unflath ist. So ist es auch nicht genug daß ein Fuͤrst gut und tugendhafft sey/ wann seine Die- ner und Leute/ die er in dem Regiment sei- ner Herrschafft gebraucht/ nicht zu der Tu- gend geneiget sind. Nicht nur das Exem- pel des Oberherrn/ sondern auch der Be- dienten hat viel bey dem Volck zu bedeu- ten/ und soll man gewiß davor halten/ daß die die boͤse Gesellschafft das Gemuͤth des Koͤ- nigs sehr verderben und veraͤndern kan. LXXIX. Der Krieg ist ein Theatrum, da man bald gluͤck-bald ungluͤckliche Zufaͤlle und mancherley Veraͤnderungen siehet: End- lich aber erklaͤret sich die Victoria zu demje- nigen/ welcher das Recht auff seiner Sei- ten hat: und kan man kuͤhnlich sagen/ daß ein Krieg/ den man ohne Ursach und zu ei- nem boͤsen Zweck angefangen/ nichts als Schande und Schmach hinter sich lassen kan. LXXX. Wann man einen Oberherrn treibet Krieg zu fuͤhren/ so soll er sonderlich dem Rath seines Weibes nicht folgen/ dann die Erfahrung hat seither erwiesen/ daß dersel- be Rath schier allezeit gefaͤhrlich ist/ und daß nichts als grosses Ungluͤck daraus entstehen kan. Im uͤbrigen laͤst sichs nicht verwun- dern/ sintemal gemeiniglich der Ehrgeitz/ Hochmuth oder die Rache macht/ daß die Weiber in dieser Begebenheit also reden. Der Koͤnig Ottocarus hat sich gaͤntzlich zu Grunde gerichtet/ darum daß er der Mey- nung seines Weibes/ welche gaͤntzlich haben K wolte/ wolte/ daß er solte Krieg fuͤhren/ gefolget. Parisatis hat 3 grosse Maͤnner/ nemlich den Artaxerxes, Mnemon und den juͤngern Cyrum wider einander gehetzt. LXXXI. Die Unterdruͤckung der Voͤlcker hat offt- mahls grosse und wunderbahre Veraͤnde- rungen in den Monarchien und Republic- quen verursacht: Und Lycurgus hatte Ur- sache zu sagen/ daß man in einer Herrschafft die reichen Leute nicht sehr fuͤrchten soll/ ob sie schon gar hohe Gedancken haben. Aber diejenige/ so kein Einkommen noch Haͤuser haben und in der aͤussersten Noth stecken/ soll man allezeit fuͤrchten. Man fanget viel seltzame Dinge an/ wann man siehet/ daß man arm ist/ und nirgends keine Huͤlffe her hat: Und Silius der zaͤrtliche und erleuchtete Poet hat sehr wol gesagt/ daß die Armuth ein schreckliches Ubel sey/ welches die Leute zwinget/ allerley Laster zu begehen. Est deforme malum \& sceleri proclivis egestas. LXXXII. Ein Fuͤrst soll so viel moͤglich ist/ die Gat- tung des Gemuͤths/ die Zuneigung und den Humor seiner Unterthanen kennen/ und ich finde finde/ daß Ulpianus sehr weißlich verordnet/ daß derjenige/ welcher einen verkauffen will/ zugleich sagen muͤsse/ wo er her sey/ und was er vor ein Gemuͤth habe. LXXXIII. Die Schaaffe verlieren ihre Wolle/ wann sie gerade gegen Mittag gehen/ und der Wein wird je heller je klaͤrer/ je naͤher er gegen Mitternacht liegt. Diese Beob- achtung gehoͤret den Naturkuͤndigern: aber siehe hier eine/ so klugen Politicis zu- kompt/ nemlich/ daß die Armeen/ welche aus mittaͤgigen Laͤndern kommen/ und allezeit gegen Orient steigen/ eine grosse Staͤrcke und Krafft haben; die sich aber gegen Mittag nahen/ werden unempfindlich/ matt und nicht tuͤchtig zu hohen Anschlaͤgen. LXXXIV. Man weiß/ daß es gewisse Pflantzen giebt/ welche mehr Frucht tragen und besser werden/ wann man sie in einander Erdreich setzt. Aber die Erfahrung hat uns offtmals sehen lassen/ daß einige Auslaͤndische besser mit den gemeinen Staats-Sachen zu recht kommen/ und daß es bißweilen gut ist/ sich derselben in einen Regiment zu bedienen. K 2 LXXXV. LXXXV. Kaͤyser Gordianus hatte pflegen zu sa- gen/ der allerungluͤckseligste Fuͤrst sey derje- nige/ dem man die Warheit verhaͤle. Ich glaube/ wann er sich erweist/ daß er froh sey dieselbe anzuhoͤren/ so werde man solche ihm nicht verbergen; aber wann er einen Eckel vor derselben hat/ so wird er sie niemals er- fahren/ und wird man sich nur befleissen/ ihn zu betriegen; man wird ihm schier so offt luͤgen/ als man mit ihm redet/ niemahls wird man ihm sagen/ wie die Sachen be- schaffen sind. Summa/ er wird ungluͤck- lich seyn/ wann er der Warheit nicht glaubt/ indem iemand ernstlich und unver- deckt mit ihm reden will. LXXXVI. Ich meines theils halte davor/ es sey die Authori taͤt/ welche die Majestaͤt sonderlich hoch erhebt/ und dieselbe in grossen Credit unter den Voͤlckern setzt: Der Koͤnig/ welcher dieselbe wol weiß in acht zu nehmen/ wird befinden/ daß sie ihm viel nothwendi- ger und nuͤtzlicher ist/ als alle seine Macht/ Armeen und alle Straffen; Aber er muß auch wissen/ daß man dieselbe weder durch Kunst/ noch durch Gewalt/ noch durch Huͤlffe Huͤlffe der Soldaten erlangen kan/ sondern es ist eine Gabe Gottes und eine Gnade/ die er nicht allen Fuͤrsten erweiset. LXXXVII. Drey Dinge sind gaͤntzlich von noͤthen/ daß ein Fuͤrst mit dieser Authori taͤt/ von deren ich allhier geredt habe/ bekleidet wer- de/ nemlich die Tugend/ das Gluͤck und die Affection der Voͤlcker. Diese erweckt GOtt in den Hertzen der Unterthanen/ der ists der sie bewegt ihren Oberherrn zu lie- ben. Was das Gluͤck anbelangt/ so ist es am schweresten zu erlangen/ und weiß man nicht/ wo man es suchen soll: Was das dritte anbelangt/ so ists GOtt/ welcher uns hilfft die Tugend zu erlangen. LXXXVIII. Wir haben gnug Exempel von Fuͤrsten und Oberherrn/ welche ihre Authori taͤt gaͤntzlich verlohren haben/ weil sie dieselbe durch ihre Strengheit und Grausamkeit haben wollen erhalten. Wann die Po- litici davon reden/ so wollen sie uns bere- den/ es sey eine goͤttliche Quali taͤt/ deren sehr wenig wuͤrdig sind/ darum muß man sie vom Himmel erhalten/ oder sich befleis- sen dieselbe vielmehr zu verdienen/ als daß K 3 man man mit Gewalt erweisen will/ daß man sie in der That besitzt/ indem man auf eine allzu hohe und allgewaltige Manier re- gieret. LXXXIX. Kein Staat/ keine Republicq, noch Mo- narchey kan lange bestehen/ wann man die Gesetze ungestrafft uͤbertritt/ und den Respect verliehret/ den man den Richtern und der Obrigkeit schuldig ist. XC. Die Unehrbarkeit ist einem grossem Herrn tausendmahl schaͤdlicher/ als die Grausamkeit. Ein grausamer Fuͤrst macht/ daß ihn nur seine Unterthanen hassen: aber wann er unzuͤchtig lebt/ so wird er von iederman verachtet und ge- hasset. Die Grausamkeit macht Furcht und verursacht einen grossen Schrecken unter dem Volck: aber das uͤppige Leben des Fuͤrsten gibt den Unterthanen einen Muth zu suͤndigen; dann ein ieder glaubt/ daß das Laster der Unzucht ein Kennzeichen ist eines sehr schwachen und geringen Hertzens. XCI. XCI. Gewiß ists/ daß die Armuth unzehlige Laster bedeckt/ aber man kan die Larve/ da- mit man verhuͤllet/ kuͤhnlich weg thun/ und man bekuͤmmert sich nicht mehr es zu ver- bergen/ wann man seinen Stand veraͤn- dert hat/ und nunmehr reich/ maͤchtig und des Gluͤcks Favorit ist. Man hat nicht heut erst in acht genommen/ daß diejenige/ welche das Ohr und die Gunst des Fuͤrsten haben/ ihr Gemuͤthe bald veraͤndern/ sie bleiben nicht so maͤßig/ freundlich und lieb- reich/ wie sie zuvor waren. Ein schwacher Magen hat grosse Muͤhe/ allerley Gattun- gen Speise zu verdauen/ und eine gemeine Seele laͤst sich durch die Gunst so sehr ver- dunckeln/ daß sie ihr Wesen gantz veraͤn- dert: man kan sagen/ daß sie sich verirren und verlieret/ so bald sie auf einen so glaͤn- tzenden Weg komt. Derowegen muß ein Fuͤrst erkennen/ wie groß die Krafft und der Verstand desjenigen sey/ den er will zum Regiment erheben/ damit er ihn nicht An- laß gebe zu fallen und sich gaͤntzlich zu ver- derben/ indem er ihn uͤber seinen Verdienst und uͤber seine Kraͤfften erhebt. K 4 XCII. CXII. Ein Koͤnig soll wissen/ worinn sein Gluͤck und Gluͤckseeligkeit auff der Welt bestehe. Tales hat es nicht gewust/ da er gesagt/ das heisse recht gluͤckselig seyn/ wann man ruhig auf seinem Bette sterbe/ nachdem man lan- ge Zeit in Ehren gelebt. Solon hats nicht jo wol getroffen/ da er gewuͤnscht/ daß die Monarchien bey nahem regulirt seyn sol- ten/ wie die Democrati sche Staͤnde. Ana- charsis hat davor gehalten/ daß das groͤste Gluͤck der Voͤlcker waͤre/ unter einem wei- sen und erfahrnen Koͤnig ruhig zu leben. Pittacus stellete das Gluͤck eines Fuͤrsten nicht darauf/ daß er sich zu fuͤrchten machte/ sondern daß er mache/ daß seine Untertha- nen sich seinent wegen fuͤrchten/ und alle Sorge anwenden/ ihn auch in den gering- sten Dingen zu befriedigen. Socrates re- det wohl davon/ da er sagte/ die Gluͤckselig- keit eines Oberherrn bestehet darinn/ daß er uͤber sich selbst vollkomlich Herr sey. Hen- ricus IV. einer von den besten Koͤnigen/ so Spanien gehabt/ hat diese Frage recht er- laͤutert/ in deme er gesprochen/ daß ein Ober- herr nicht fehlen koͤnne/ gluͤckselig zu seyn/ wann er sich immerdar befleisse/ seine Unter- thanen gluͤckselig zu machen. XCIII. XCIII. Derjenige/ welcher sich gewehnet/ ohne Unterscheyd allen Leuten zu geben/ der wird sich bald genoͤhtigt sehen/ daß er von andern begehren muß. Ein Koͤnig muß nicht ver- schwendisch seyn/ aber er soll grosse Achtung geben auff den Dienst und Qvalitaͤt der Leu- te/ denen er gutes thun will: er soll mit Un- terscheyd belohnen/ abeꝛ denen die arm und elendig sind/ ohne Unterscheyd beystehen. XCIV. Viel vortrefliche Politici haben in acht genommen/ daß wann eine solche Person stirbt/ die wegen ihrer Wissenschafft/ Erfah- rung und Treue beruͤhmt ist/ oder die sich in den Kriegs-Sachen oder Verwaltung der Justitz beruͤhmet gemacht/ es schier ein un- fehlbahres Zeichen ist/ daß es eine Veraͤn- derung geben/ oder dem Staat einiger ver- drißlicher Zufall begegnen werde. XCV. Die Koͤnigreiche und Herrschafften/ wel- che gar groß und weitlaͤufftig sind/ haben den Feind weniger zu fuͤrchten/ als ihre ei- gene Groͤsse. Dann ihr Untergang kompt gemeiniglich her von dem Auffruhr und Ge- gentheilen/ die sich in einem Staat ereigen/ und und sie sind unterworffen von dem Feuer ei- nes Buͤrgerlichen Krieges verzehret zu wer- den: Ein grosser Fuͤrst soll sich vor dem Auff- stand einer Provintz mehr fuͤrchten/ als vor der Macht eines ieden andern Monarchen/ der ihm zu wider ist. XCVI. Es ist nichts als alles gutes und weises an dem Spruch Hesiodi, so er von der Zu- versicht/ den man auff seine Feinde setzen sol/ außgegeben. Dieser grosse Mann will nicht/ daß man jemanden gaͤntzlich vertrau- en soll/ ja/ wie er sagt/ auch seinem eigenen Bruder nicht. Derowegen soll ein Fuͤrst in diesen Puncten sehr wol Achtung geben: aber ob er schon seine Heimlichkeit keinem so leicht vertrauen soll/ so muß er doch auch keinen Menschen ohne Ursach mißtrauen. XCVII. Der Zorn und die Ubereylung sind 2 sehr gefaͤhrliche Steinklippen/ und wer ein gu- tes Vorhaben formiren/ und eine gute Re- solution fassen will/ der soll diese 2 Felsen mit aller moͤglichsten Sorge vermeyden: Wann man nicht die Weile nimpt/ uͤber eine Sache Rath zu schlagen/ und nur oben- hin daran gedencket/ so arbeitet man ohne Nu- Nutzen/ und nimt grosse Muͤhe/ damit man wieder zur Reue gelange. Ich sinde/ daß Cæsar sehr wol gesagt/ daß die Sachen so wol außschlagen/ allezeit bald genug ver- richtet werden. XCVIII. Was der weise Ennius vor Zeiten ge- sagt/ befindet sich noch heute und alle Tage vor wahr. Nemlich/ daß ein krancker Geist allezeit in Irthum falle. Nun sage mir/ ist auch eine gefaͤhrlicher Kranckheit vor das Gemuͤht des Menschen als der Zorn? dar- um eben wie ein Blinder nicht unterschey- den kan/ was weiß oder schwartz/ also kan auch ein Mensch/ der dem Zorn unterworf- fen ist/ nicht sehen/ was in dergleichen Be- gebenheiten zu thun oder zu lassen ist. XCIX. Ein Fuͤrst sol keine melanchol - oder phlegma tische Leute zu seinen Raͤhten er- waͤhlen: Jene haben gewisse seltzame Ein- bildungen/ und gantz wunderbahre Gedan- cken: sie sind gemeiniglich gar mißtrauisch/ und der Neyd regieret meistentheils bey ih- nen. Diese seynd gar zu langsam/ furcht- sam/ nachlaͤßig/ und grosser Geschaͤffte un- faͤhig. C. C. Ich kan wohl sagen/ wie viel hochver- staͤndige Leute vor mir gesagt haben/ daß ein Fuͤrst mehr Ursache hat sich vor seinen Bedienten und denen die um ihn sind/ als vor frembden und offenbahren Feinden vor- zusehen. Koͤnig Antigonus war der War- heit dieser Grund-Regel uͤberzeugt/ dann er bath/ Gott wolle ihn vor seinen Freunden und Haußbedienten behuͤten: und als man ihm gesagt/ er solte vielmehr Gott bitten/ daß Er ihn vor seinen Feinden behuͤten wol- le/ hat er geantwortet: Ich weiß wol wie ich mich gegen meine offenbahre Feinde wehren soll/ aber Gott allein kan mich vor meinen verdeckten und heimlichen Feinden behuͤten. Last uns darzu setzen/ daß kein verdeckter Feind ist/ als ein Schmeich- ler/ ein Ehrsuͤchtiger und ein Neider. ENDE.