Woran krankt die deutsche Gewerkschaftsbewegung? Ein zeitgemäßes Wort mit besonderer Berücksichtigung der Arbeitslosen- Unterstützungfrage von Bruno Poersch . Preis 15 Pf. Berlin 1897. Verlag von Joh. Sassenbach , Invalidenstr. 118. Verlag von J. Sassenbach , Berlin 4. Joh. Sassenbach, Die Freimaurerei. Ihre Geschichte, Thätigkeit und innere Einrichtung. 4. verb. Auflage 1897. 64 Seiten. 40 Pf. Joh. Sassenbach, Die heilige Inquisition. Ein Beitrag zur Geschichte der christlichen Religion. 2. Auflage 1894. 192 Seiten. 60 Pfg. Klaus Kraus, An der Wende. Humoresken und Satyren. Geschichten aus dem Leben. 1893. 170 Seiten. 40 Pf . Friedrich Hofmann, Die Zukunft der deutschen Gewerkschaften. 2. Auflage 1896. 30 Seiten. 15 Pf. Fr. von Oppeln-Bronikowski, Erinnerungen an Richard Wrede. Nachtrag zu den letzten Preß-Vorkommnissen. 1897. 22 Seiten. 50 Pf. Woran krankt die deutsche Gewerkschaftsbewegung? Ein zeitgemäßes Wort mit besonderer Berücksichtigung der Arbeitslosen- Unterstützungsfrage von Bruno Poersch. Berlin 1897. Verlag von Joh. Sassenbach , Invalidenstr. 118. Einleitung. Die deutsche Gewerkschaftsbewegung ist nicht das, was sie sein soll. Die Organisationen sind zu schwach, da nur ein ganz geringer Prozentsatz der Berufsangehörigen sich diesen ange¬ schlossen hat. In den meisten Gewerben schwankt die Zahl der Organisirten zwischen 2 bis 10 pCt, und nur wenige Verbände haben einen größeren Prozentsatz Organisirter aufzuweisen. Die Kassenbestände der Organisationen sind gleichfalls sehr minimal, wenig Pfennige kommen durchgängig auf den Kopf des Mit¬ gliedes und nur die Organisationen der Buchdrucker, Bildhauer und noch einige andere besitzen größere Kapitalien. Daß bei einer solchen Sachlage die meisten Organisationen keinen großen Einfluß auf die Lohn- und Arbeitsbedingungen ausüben können, ist begreiflich. Namentlich das vergangene Jahr hat dieses wieder zur Genüge bewiesen. Trotzdem die allgemeine Geschäftslage äußerst günstig war, verliefen viele Streiks — besonders die größeren — zu Ungunsten der Arbeiter, wie z. B. die Ausstände der Berliner Lithographen , Hut- u . Musikinstrumenten¬ macher und der Arbeiter von Dürrkopp u. Comp . in Biele¬ feld . Andere wieder zeitigten Resultate, die keineswegs den Opfern entsprachen, die für sie gebracht wurden, wie z. B. der Kottbuser Textilarbeiter-Streik und der Ausstand der Stuhlarbeiter zu Lauterburg a. H. Nur eine geringe Anzahl endete mit Siegen für die Interessirten. Aber auch viele dieser gemeldeten Siege sind oft sehr problematischer Natur. Wenn z. B. ein Theil der Streikenden nicht wieder in die Be¬ triebe eingestellt wird, kann man unmöglich von einem wirk¬ lichen Siege reden. Dann aber sind in vielen Fällen die erzielten Errungenschaften schon wieder den Siegern entrissen worden und wo sie noch eingehalten werden, da wird dasselbe eintreten — wie immer — sobald die Konjunktur sich verschlechtert. Dieses sind die Resultate der vorjährigen Gewerkschaftskämpfe, die sich zu Zeiten eines wirthschaftlichen Aufschwunges abgespiel haben, wie einen solchen Deutschland noch nie gesehen hat. Sind die Geschäftszeiten schlechter, dann können die meisten deutschen ge¬ werkschaftlichen Organisationen gar keinen Einfluß auf die Lohn- und Arbeitsbedingungen ausüben und müssen Alles so gehen lassen, wie es geht. — Nicht mit Unrecht schrieb daher vor Kurzem die „Versöhnung“, daß die Kämpfe der deutschen Ge¬ werkschaften sich im Kreise herumdrehen. Woher diese ganzen Erscheinungen? Sind sie in der Natur des gewerkschaftlichen Kampfes begründet? — Meiner Meinung nach nicht, sondern ganz andere Dinge spielen hierbei eine Rolle mit: 1. Die Unterschätzung des gewerkschaftlichen Kampfes , 2. Das ungenügende Hilfskassen- und Unter¬ stützungswesen und 3. Der mangelhafte und unge¬ nügende Beamtenstab der meisten deutschen Gewerkschafts¬ organisationen. — In den folgenden Abschnitten will ich dieses näher auseinandersetzen und meine Behauptungen zu beweisen suchen. Zwar werde ich dabei Ausführungen machen müssen, die schon oft gemacht sind, doch dieses liegt in der Natur der Sache. I . Der gewerkschaftliche Kampf und seine Bedeutung für die Arbeiterklasse. Von vielen deutschen Arbeitern wird der gewerkschaft¬ liche Kampf noch immer unterschätzt und nur in der politischen Bewegung das einzige Heil erblickt. Sie legen der Gewerkschafts¬ bewegung eine sehr minimale Bedeutung bei; glauben nicht, daß dieselbe irgend etwas zur Hebung der Lebenslage des Prole¬ tariats beitragen könne, und wollen die gewerkschaftlichen Orga¬ nisationen nur als Vorbildungsschule , als Rekrutirungs¬ institut für die politische Bewegung betrachtet wissen. Ist die Zahl dieser Leute auch nur gering, so üben sie doch einen großen Einfluß auf die herrschenden Anschauungen aus, da sie meistens die intelligentesten Arbeiter sind und die Masse an Bildung und Wissen überragen. Der gewerkschaftliche Kampf hat wohl eine große Bedeutung, mindestens dieselbe wie der politische. Er kann die Löhne er¬ höhen, die Arbeitszeit verkürzen, kurz die Lage des Proletariats heben und anderseits stärkt er gewaltig auch die politische Macht der Arbeiterklasse. Das Alles wird uns so schlagend durch die englische Ge¬ werkschaftsbewegung bewiesen, die leider den meisten deutschen Arbeitern eine terra incognita ist. — Meine Gegner im eigenen Lager — ich meine die „Nur“-Politiker — werden sofort gegen die letzte Behauptung Einwände machen. — „Die englischen Ge¬ werkschaftsorganisationen haben nur deshalb auf ihre heutige Höhe kommen können, weil sie sich viel freier entwickeln konnten, als die deutschen.“ Das ist einer der beliebtesten Einwände, der aber nicht zutrifft, da die Trade-Unions in ihrer Jugend ebenso brutal verfolgt und unterdrückt wurden, wie die gewerkschaftlichen Organisationen der deutschen Arbeiter, ja vielleicht noch brutaler. — Dafür hier nähere Beweise zu bringen, kann nicht meine Aufgabe sein, weil dieses zu weit führen würde. Ich erinnere nur an die Verschwörungsakte, an die Bestimmungen des Kon¬ traktbruches, die Stempelsteuer betreffs der Presse u. s. w. Wer sich darüber näher informiren will, der studire nur die Geschichte des Trade-Unionismus und er wird diese Behauptung bestätigt finden. — Trotzdem ist die englische Gewerkschaftsbewegung in die Höhe gekommen, hat bedeutend die materielle Lage des eng¬ lischen Proletariats gehoben und dieses auch in politischer Be¬ ziehung zu einem gewaltigen, Ausschlag gebenden Faktor im Staats¬ leben gemacht. Oder sind diese Angaben nicht wahr? Man ver¬ gleiche nur die Lage der englischen Arbeiterklasse am Anfange dieses Jahrhunderts mit ihrer gegenwärtigen und man wird finden, daß diese sich bedeutend verbessert hat. Die deutsche Ar¬ beiterklasse wurde überhaupt nie so brutal ausgebeutet, als die englische in ihrer ersten Jugendzeit; ich weise nur auf die Ar¬ beiterkasernen, auf das gewaltig ausgebreitete Trucksystem und auf die Frauen- und Kinderarbeit hin. — Heute dagegen ist die wirthschaftliche Lage der englischen Arbeiter bedeutend besser als die des Proletariats aller anderen europäischen Länder. Zwar schmachten auch dort noch tausende in Noth und Elend, doch man übersehe die Thatsache nicht, daß mit einem Schlage nie aus der Hölle der kapitalistischen Gesellschaft ein sozialistisches Paradies gemacht werden kann. Dieses widerspricht den Gesetzen der Entwickelung. — Ausbeutung und Unterdrückung sind das Produkt von Jahrtausenden und was Jahrtausende erzeugt haben, können wenige Jahre nicht beseitigen. Das mag für Manchen, der da glaubt, schon in den nächsten Jahren im sozialdemo¬ kratischen Zukunftsstaat zu leben, nicht erfreulich sein. Nimmt man jedoch dieses an, so beweist man damit nur, daß man aus der Geschichte der Menschheit keine Lehren gezogen hat. Die Kulturentwickelung ist von jeher den Schneckengang gegangen und große Veränderungen in wirthschaftlicher Beziehung voll¬ ziehen sich nur langsam und nicht sprungweise. — Dann zu der politischen Macht, welche die englische Arbeiterklasse besitzen soll. Das englische Proletariat hat eine viel bessere Arbeiterschutz¬ gesetzgebung aufzuweisen, die auch von dem Unternehmerthum beachtet wird; es ist im englischen Staate eine mit den anderen Gesellschaftsschichten gleichberechtigte Klasse und wird in seinen Bestrebungen nicht so verfolgt, bekämpft und beschimpft, als das deutsche. Die politische Macht, welche die englische Arbeiter¬ klasse wirklich besitzt, kam auf dem letzten internationalen Berg¬ arbeiterkongreß wieder einmal so recht zum Ausdruck. Die Frage der Bergwerksverstaatlichung wurde behandelt, also eine Frage, die sozialistischen Charakters ist. Durch die Verstaatlichung der Bergwerke wird der Einzel-Unternehmer beseitigt und die Ge¬ sammtheit tritt als Unternehmer auf. Die „liberalen“ Engländer stimmten für die Verstaatlichung derselben und die sozialdemo¬ kratischen Deutschen enthielten sich der Abstimmung. Sie konnten auch garnicht für die Verstaatlichung stimmen, denn das würde in Deutschland für die Bergarbeiter Musterausbeutung und Unterdrückung jeder Meinungsfreiheit bedeuten. Warum haben die englischen Arbeiter aber derartiges nicht zu erwarten? Weil sie eine Macht im englischen Staate sind! Und so ist es auch in allen anderen Dingen. — Starke wirthschaftliche Organisation bedeutet politische Macht; ohne eine starke Gewerkschaft¬ bewegung ist wirkliche politische Macht des Prole¬ tariats undenkbar . Auch die politische Macht unseres Agrarierthums, der Industriellen u. wurzelt zum großen Theil in den wirthschaftlichen Organisationen derselben. Der rein -politische Kampf der Arbeiterklasse trifft nur im Allgemeinen die staatlichen Vertreter des Kapitalismus, den Kapitalismus da¬ gegen selbst nur sehr wenig; der gewerkschaftliche Kampf jedoch berührt jede Faser des Kapitalismus Die ganze kapitalistische Gesellschaft wird durch den gewerkschaftlichen Kampf bis in die tiefsten Tiefen aufgerührt, jeder Kapitalist hat mit ihm zu rechnen. Dieses führt dahin, daß der Kapitalist schließlich gezwungen wird, die Arbeiter als gleichberechtigt anzuerkennen, was zur Folge haben muß, daß auch auf politischem Gebiete im Laufe der Zeiten das gleiche eintritt. Der gewerkschaftliche Kampf ebnet ferner erst den Boden für eine vernünftige Arbeiterschutzgesetzgebung, er bringt große geschlossene Massen für bestimmte Schutzgesetze in Bewegung, zwingt die herrschenden Gewalten dadurch, sich mit diesen Dingen zu beschäftigen und schließlich nachzugeben. Er bietet ferner eine Garantie dafür, daß die bestehenden Ar¬ beiterschutzgesetze auch zur Durchführung gelangen. — Wenn von allen diesen Wirkungen des gewerkschaftlichen Kampfes in Deutsch¬ land bisher nur wenig verspürt worden ist, so liegt dieses meines Erachtens nach, wie ich bereits bemerkt habe, nicht in dem Wesen der Gewerkschaftsbewegung selber, sondern an ganz anderen Dingen, die ich auch bereits erwähnt und später zu be¬ weisen versuchen werde. — In England hat der gewerkschaftliche Kampf die angegebenen Wirkungen zur Folge gehabt und auch bei uns muß dieses naturgemäß eintreten. — Gelingt es selbst durch den politischen Kampf Arbeiterschutzgesetze den Machthabern abzutrotzen, so haben diese doch nur eine sehr minimale Be¬ deutung für das Proletariat, wenn keine starken gewerkschaftlichen Organisationen vorhanden sind, um sie auch zur Durchführung zu bringen, was so schlagend durch die deutschen Verhältnisse bewiesen wird. Wir besitzen eine ganze Anzahl Arbeiterschutz¬ bestimmungen, die jedoch nur durchschnittlich auf dem Papier vorhanden sind und in der Praxis nicht beachtet werden. Warum nicht dieses? Weil die meisten deutschen Arbeiter von den näheren Bestimmungen derselben keine Ahnung haben und anderseits auch nicht die genügende Macht besitzen, um sie zur Durch¬ führung bringen zu können. Diese Erscheinung ist nur die Folge der mangelhaften gewerkschaftlichen Organisation. Wahrhaft trostlos sieht es auf diesem Gebiete aus. Die Unternehmer treten in der offenkundigsten Weise alle gesetzlichen Bestimmungen mit Füßen, ja stellen oft die Arbeiter nur unter der ausdrück¬ lichen Bedingung ein, daß die bezüglichen Gesetze nicht inne ge¬ halten werden. Der politische Kampf wird in diesen Dingen nie, nie Aenderungen schaffen können, das kann nur der gewerk¬ schaftliche. Zwingen aber die Arbeiter das Unternehmerthum, die gesetzlichen Bestimmungen zu beachten, so bedeutet das ein Fortschritt, der naturgemäß einen weiteren Fortschritt zur Folge haben muß. Ich habe zu verschiedenen Malen, um die Richtigkeit meiner Behauptungen zu beweisen, die englische Gewerkschaftsbewegung angeführt und daher muß ich noch auf eine Annahme zurück¬ kommen, durch die man die Stärke und Bedeutung der englischen Gewerkschaftsorganisationen zu erklären sucht. — „Die englischen Organisationen seien zu einer Zeit entstanden, wo England die kapitalistische Alleinherrschaft ausübte“, so lautet diese Annahme. Man will also damit sagen, daß England einen großen Absatz für seine industriellen Produkte hatte und die Geschäftslage äußerst günstig war, welches natürlich auch auf die Lage der englischen Arbeiterklasse und deren Bestrebungen seinen Einfluß ausüben mußte. Doch auch diese Annahme kann unmöglich richtig sein, denn wir finden, daß einmal die Lage des englischen Proletariats in jenen Zeiten eine äußerst schlechte war und daß anderseits eben solche gewaltige Krisen wütheten, wie gegenwärtig. Wenn ferner von dem Absatzgebiet der damaligen englischen In¬ dustrie gesprochen wird, so ist dabei auch nicht zu vergessen, daß in den ersten Jahrzehnten unsers Jahrhunderts die Absatzgebiete für kapitalistische Produkte viel kleiner waren, als jetzt. Man ist in den Kreisen der deutschen Arbeiter deshalb nicht besonders gut auf das englische Proletariat zu sprechen, weil es nicht zur Sozialdemokratie schwört. Gewiß sind die deutschen Arbeiter den englischen in der Theorie überlegen, sie haben die Tendenz der heutigen Entwickelung und das Endziel der Ar¬ beiterbewegung richtig erfaßt, aber in der Praxis stehen sie weit hinter den englischen Arbeitern. Die Praxis ist von jeher die schwache Seite der Deutschen gewesen, während sie in der Theorie immer sehr revolutionär waren. So auch heute. Durch Theorien wird kein Elend aus der Welt geschafft, durch Theorien wird kein Hungriger satt, aber das kann durch den Weg der Praxis geschehen. Der Weg der Praxis muß naturgemäß auch ohne Theorie in Folge der Entwickelung zum Sozialismus führen. — Dann wird ferner gegen die Gewerkschaftsbewegung der Einwand erhoben, daß diese schon deshalb keine große Zu¬ kunft haben könne, weil die Weiterentwickelung der kapitalistischen Gesellschaft (Konzentration des Kapitals, chronische Ueberproduktion, Kartelle ꝛc.) naturgemäß die Chancen des gewerkschaftlichen Kampfes verschlechtern müßte. — Dieser Einwand, der durch die Praxis, durch die Thatsachen und in der Theorie durch Kautsky und Schippel längst widerlegt worden ist, spukt noch immer in den Köpfen vieler deutscher Arbeiter umher. Namentlich wenn ein Streik zu Ungunsten der Arbeiter verlaufen ist, wird immer wieder und wieder die Behauptung aufgestellt, daß die Zeit der gewerkschaftlichen Kämpfe vorbei sei und nur noch der politische helfen könne. Gewiß verfolgt die kapitalistische Produktionsweise die Ten¬ denz, die Kleinbetriebe zu vernichten und dafür immer größere Betriebe entstehen zu lassen, doch bedeutet dieses noch lange nicht, daß der gewerkschaftliche Kampf dadurch zur Unfruchtbarkeit verdammt sei. Einmal haben wir in Deutschland noch viel mit Kleinbetrieben zu rechnen, welche der Agitation ꝛc. große Hinder¬ nisse in den Weg legen und anderseits tauchen mit der Konzen¬ tration des Kapitals eine Reihe von Momenten auf, die jene Nachtheile, welche der Gewerkschaftsbewegung durch die Konzen¬ tration zugefügt werden, auf der anderen Seite wieder auf¬ wiegen. — Je größer die Betriebe sind, je leichter ist im Allge¬ meinen die Agitation. Nicht tausende verschiedener Mängel sind hier aufzuweisen, sondern die gleichen, die Alle treffen; der auf¬ geklärte Arbeiter kann den Unaufgeklärten viel leichter für seine Ideen gewinnen, da er fortwährend mit ihm zusammen ist. Er kann ferner durch den moralischen Druck diesen zwingen, mitzu¬ thun. Auch das Solidaritätsgefühl muß sich in größeren Be¬ trieben schneller entwickeln, als in vielen Kleinbetrieben, da tausende klar und sichtbar an demselben Uebel kranken. Wir sehen daher schon an diesem Umstande, daß die Konzentration des Kapitals gleichzeitig Momente erzeugt, die für den gewerk¬ schaftlichen Kampf günstig wirken. — Ich halte es in dieser ganzen Frage mit Kautsky , der in der „Neuen Zeit“ schrieb: „Je mehr die Konzentration des Kapitals fortschreitet, desto größer wird, im Verhältniß zur Zahl die beschäftigten Arbeiter, die Masse des in einem industriellen Unternehmen angelegten Kapitals (Baulichkeiten, Maschinen, Rohmaterial u. s. w.). Jede Einstellung des Betriebes entwerthet dieses Kapital und zwar um so mehr, je länger die Arbeitseinstellung dauert. In einem Unternehmen, in dem relativ viel konstantes Kapital angelegt ist, bedeutet jede Betriebsunterbrechung nicht nur einen Gewinn¬ verlust, sondern einen erheblichen, positiven Schaden für den Kapitalisten. Dazu kommt ein anderer Umstand: Die Abgaben, die der Unternehmer von seinem Mehrwerth abzugeben hat — Steuern, Grundrenten, Zinsen für geborgtes Kapital u. s. w. — müssen von ihm bezahlt werden, mag sein Betrieb im Gang sein und Mehrwerth schlucken oder nicht. Auch das drängt ihn, von jeder Betriebseinstellung möglichst abzusehen. Diese Ab¬ gaben haben aber im Allgemeinen die Tendenz zu wachsen und daher das Vermehrungsbedürfniß des industriellen Kapitals zu steigern. Alle diese Umstände tragen wesentlich mit bei, den Drang nach Ueberproduktion zu fördern; sie wirken aber auch dahin, jeden ungelegenen Streik immer verlustvoller für den Kapitalisten und diesen immer geneigter zu machen, einem Streik, der ihn im Einsacken von Mehrwerth auch nur Wochen oder Tage hindern könnte, durch Konzessionen vorzubeugen, oder ihn dadurch möglichst rasch zu beenden.“ Parvus kann sich in seiner bekannten Schrift über „Die Gewerkschaften und die Sozialdemokratie“ mit diesen Ausfüh¬ rungen nicht ganz einverstanden erklären. Er sagt z. B.: „Man sehe doch, wie diese Ungethüme Millionen über Millionen aus¬ geben, ihre Waaren massenweise unter den Rohstoffpreis ver¬ schleudern, wenn es gilt, einen Konkurrenten zu erdrücken. Und da soll es ihnen vor einem Streik angst und bange werden?“ Wenn diese Riesenbetriebe ungeheure Summen zur Er¬ drückung unliebsamer Konkurrenten ausgeben, so thun sie es doch nur aus dem Grunde und in der Gewißheit, daß sie, so¬ bald der unliebsame Konkurrent todt ist, mit Leichtigkeit diese Summen wieder gewinnen und noch weitere ungeheure Summen dazu. Dieses ist die Ursache, weshalb sie so han¬ deln. — Ganz anders liegt es jedoch bei einem Streik. Da ist in der Regel die Summe, welche sie eventuell den streikenden Arbeitern bewilligen im Verhältniß zu jenem Schaden, den sie durch einen Streik erleiden, eine so minimale, daß sie das kleinere Uebel wählen und nachgeben. Die Hamburger Rheder z. B. hätten gewiß in zehn Jahren nicht je Mehrausgabe ge¬ habt, wenn sie die Forderungen der Arbeiter bewilligt haben würden, die sie jetzt innerhalb weniger Wochen gehabt haben und doch früher oder später die Forderungen bewilligen werden müssen. Sie ziehen aus diesem Kampfe die Lehre, welche schon so viele Kapitalisten gezogen haben, daß es für sie in geschäft¬ licher Beziehung, im Interesse ihres Geldbeutels, besser ist, die minimalen Forderungen zu bewilligen, als es zu großen Diffe¬ renzen kommen zu lassen. — Die Aussichten, die der Kapitalist bei der Todtmachung eines unliebsamen Konkurrenten hat, sind beim Streik in der Regel nicht vorhanden. — Dann kommt noch der Umstand hinzu, daß der Schaden, welchen der Kapitalist durch Bewilligung von Forderungen erleidet, zum Theil durch die eintretende größere Leistungsfähigkeit des Arbeiters wieder gedeckt wird. Der englische Kapitalist, der seine Arbeiter 8 und 9 Stunden arbeiten läßt und ihnen einen angemessenen Lohn zahlt, fährt vom geschäftlichen Standpunkte aus schlauer, als der russische, der 16 Stunden arbeiten läßt und Hungerlöhne zahlt. Diese Ueberzeugung drängt sich auch den Kapitalisten auf, sobald die Arbeiterbewegung erstarkt ist und sich durch keine Macht der Erde mehr hemmen läßt. — Dann sagt Parvus weiter: „Diese Riesenbetriebe trotzen ja sogar der Krise, die viel verheerender wirkt, als ein Streik.“ Der Krise müssen sie gezwungen trotzen, weil diese eine eherne Macht ist, die sich im Rahmen der kapitalistischen Ge¬ sellschaft nicht beseitigen läßt; dem Streik aber können sie aus¬ weichen. — Dann kommt noch ein weiterer Umstand zu Gunsten der Gewerkschaftsbewegung hinzu, den Parvus sehr richtig betont, es ist die fortschreitende Theilarbeit. Sie verschlechtert nicht die Chancen des gewerkschaftlichen Kampfes, wie oft an¬ genommen wird; sie bedingt eine Menge von Kunstgriffen, welche sich im Laufe der Jahrzehnte hin ausgebildet haben, die aber oft den Arbeitern in demselben Arbeitsraum unter¬ einander unbekannt sind und eine große Leistungsfähigkeit. Solche streikende Arbeiterarmeeen , wo dann der einzelne Ar¬ beiter nur ein Rädchen in dem ungeheuren Betriebe ist, sind schwer zu ersetzen. Daher auch die Erscheinung, daß nach ver¬ loren gegangenen Streiks durchweg die Streikbrecher wieder hinausfliegen, da sie beim besten Willen die Streikenden nicht ersetzen konnten. Aus allen diesen Gründen glaube ich daher, daß keines¬ wegs durch die Konzentration des Kapitals die Chancen des gewerkschaftlichen Kampfes sich verschlechtern müssen. — An¬ dererseits ist aber auch der Streit nicht die einzige Waffe des gewerkschaftlichen Kampfes, sondern es giebt noch andere Waffen, auf die ich später zu sprechen kommen werde. — Dann zu den Kartellen. — Da Kartelle größere Betriebe sind, so gilt auch von ihnen das vorher schon Ausgeführte. Ferner sind aber bei der Kartellfrage noch weitere Punkte in’s Auge zu fassen, und ich will in dieser Beziehung hier nur lediglich die Ausführun¬ gen Kautskhy’s wiedergeben. Er sagt einmal: „Man darf aber auch nicht etwa glauben, daß die gesammte Produktion binnen Kurzem in den Händen von Kartellen sein wird. Bisher ist die Kartellirung in der Regel nur in In¬ dustrien geglückt, die eine Monopolstellung entweder von vorn¬ herein besaßen, wie z. B. viele Bergwerke, oder sie durch die ökonomische Entwickelung und staatliche Maßregeln-Schutzzölle, Steuergesetzgebung und dergl. — erhalten haben.“ Ferner: „Jedes Kartell stellt sich außerhalb des Getriebes der freien Konkurrenz, damit aber auch außerhalb der Solidarität der bürgerlichen Interessen. Denn diese beruht auf die Freiheit der Konkurrenz, auf die Möglichkeit, die jeden Besitzenden (wenigstens ideell) gegeben ist, sein Vermögen in jener Industrie anzulegen, wo es den meisten Profit verspricht; auf die Mög¬ lichkeit, an jedem Ausnahmeprofit dadurch theilzunehmen, daß man sich auf das Industriegebiet wirft, welches ihn liefert, und auf die Möglichkeit, ihn dadurch schließlich auch wieder auf das Durchschnittsniveau des Profits zu senken. Das Klassenin¬ teresse des Kapitals duldet kein Privilegium, kein Monopol innerhalb der Kapitalistenklasse. Jedes Kartell bildet aber ein solches Monopol, ein solches Privilegium. Es grenzt ein bestimmtes Gebiet industrieller Thätigkeit als ausschließliches Privateigenthum einiger Wenigen ab, zu welchem der ganzen übrigen Kapitalistenklasse der Eintritt verwehrt wird, und läßt dort die verlockendsten goldnen Aepfel hoher Extraprofite ge¬ deihen, indeß gleichzeitig die Holzäpfel des Durchschnittsprofits, welche außerhalb des eingehegten Industriegebietes wachsen, immer spärlicher und sauer werden. Das ist ein Zustand, der jedes ehrliche Kapitalistenherz revoltiren muß. Nicht in prole¬ tarischen Kreisen, sondern in bürgerlichen ist die Entrüstung über die Trusts und Kartelle am lebhaftesten laut geworden. — Bricht in einer derartig zu einem Privatmonopol geworde¬ nen Industrie ein Kampf zwischen den Unternehmern und Ar¬ beitern aus, dann kann unter Umständen das bürgerliche Pu¬ blikum durch seine Gegnerschaft gegen das Monopol soweit ge¬ trieben werden, daß es seine Gegnerschaft gegen die Arbeiter¬ klasse für einen Moment vergißt und mit den Arbeitern sym¬ pathisirt.“ Parvus macht in seiner schon erwähnten Schrift noch darauf besonders aufmerksam, daß viele Kartelle zur Zeit der wirthschaftlichen Depression entstehen und nur kurzlebig sind, was wohl auch unbedingt zutrifft. Wie verhält es sich dann weiter mit der chronischen Ueber¬ produktion? Die Annahme, daß die kapitalistische Gesellschaft sich immer in dem Zustande der chronischen Ueberproduktion befinden müsse, nie mehr günstige Geschäftszeiten sehen werde, diese Annahme, welche bis noch vor Kurzem von Vielen ver¬ theidigt wurde, ist durch die Thatsachen, durch den bedeutenden wirthschaftlichen Aufschwung längst widerlegt worden. — Auch in dieser Beziehung schließe ich mich im Allgemeinen den Kautsky'schen Ausführungen an. Dieser sagt: „Nach wie vor bewegt sich das Geschäftsleben im Zyklus von Belebung, flotte¬ rem Geschäftsgang, Zusammenbruch, Hinsiechen und Wieder¬ belebung; der Unterschied gegen früher ist nur der, daß die Zeit¬ räume des Siechthums immer länger werden, die Wiederbele¬ bung immer schwerer und langsamer, die Zeiten des flotten Geschäftsganges immer kürzer, der Gewinn daraus immer un¬ sicherer, der Zusammenbruch immer verheerender. Aber gerade je mehr das der Fall ist, desto sorgsamer muß der Unternehmer darauf achten, daß die Zeit der günstigen Konjunktur, die immer prekrärer , der Ausnützung aber immer nothwendiger wird, nicht durch Streiks verloren geht. Je mehr die chronische Ueber¬ produktion sich ausdehnt, um so härter trifft dem Unternehmer jeder Streit in der Zeit des kümmerlichen Aufschwunges, der sich hier und da noch bemerkbar macht, desto eher ist er in einer solchen Zeit zu Konzessionen geneigt. — Die chronische Ueber¬ produktion macht also das Streiken nicht aussichtslos, sie be¬ wirkt blos, daß die Anforderungen an die beruflichen Organi¬ sationen der Arbeiter und an ihre Führer wachsen. Es wird jetzt immer nothwendiger, den richtigen Zeitpunkt abzuwarten, diesen dann aber raschest auszunützen; die Ausdauer, Geduld und Disziplin der Massen, ihre Einsicht in die wirthschaftlichen Verhältnisse und die Straffheit ihrer Organisation müssen in demselben Maße wachsen, in dem die chronische Ueberproduktion sich entwickelt, soll ihre Widerstandsfähigkeit durch diese nicht ge¬ schädigt werden.“ — Ob die Kautsky 'sche Annahme, daß die Zeiten des flotten Geschäftsganges immer kürzer werden, auf Thatsache beruht, ist eine Frage. Nimmt doch Parvus von dem gegenwärtigen wirthschaftlichen Aufschwung an, daß er, bedingt durch die Eröffnung gewaltiger Absatzgebiete, der größte der kapitalistischen Gesellschaft sein wird. — Wie dem nun auch sei: die Ueberproduktion herrscht nicht immer und die Chancen des gewerkschaftlichen Kampfes werden durch sie nicht naturgemäß verschlechtert. — Wie falsch die Annahme ist, daß mit der Weiterentwickelung des heutigen Produktionssystems auch die Position der Arbeiterklasse für den gewerkschaftlichen Kampf sich verschlechtern müsse, wird ferner durch die englische Gewerkschaftsbewegung bewiesen, England ist auf dem Gebiete der Industrie am höchsten entwickelt und es besitzt die stärksten Gewerkschaftsorganisationen, die namentlich in den letzten Jahr¬ zehnten gewaltig gewachsen und immer mehr und mehr sich aus¬ breiten. Die größten Organisationen sind aber hier gerade in jenen Industrieen aufzuweisen, wo das Kapital am konzentrirtesten ist, während in jenen Gewerben, wo dieses nicht zutrifft, die Berufsvereinigungen schwächer sind. Darum hat wohl auch Karl Marx recht gehabt, wenn er bereits 1847 schrieb, daß der Entwickelungsgrad der Koalitionen genau den Rang be¬ zeichnet, den das betreffende Land in der Hierarchie des Welt¬ marktes einnimmt. Dann zu den anderen Einwänden, die gegen die Gewerk¬ schaftsbewegung erhoben werden. — Einer derselben lautet: „Schon deshalb habe die gewerkschaftliche Bewegung so gut wie keine Bedeutung, weil der Kapitalist, sobald die Arbeiter durch eine Lohnbewegung verbesserte Löhne erhalten haben, auch sofort die Preise seiner Fabrikate erhöht, so daß also in letzter Instanz die Arbeiterklasse aus den gewerkschaftlichen Kämpfen keinen Nutzen ziehen kann. Sie muß für Lebensmittel, Mobilien, Wohnungsmiethe ꝛc. soviel mehr zahlen, als jene Lohnerhöhung ausmacht, welche durch Streiks u. s. w. von den verschiedensten Kategorien erreicht worden ist.“ Diese Ansicht habe ich oft ge¬ hört, ja selbst von Personen, die gewerkschaftlich organisirt waren. — Sie wurden auch einst von Proudhon vertheidigt, und sah sich Karl Marx bereits vor 52 Jahren veranlaßt, ihr im „Elend der Philosophie“ gegenüberzutreten und die Unrichtigkeit derselben zu beweisen. — Gewiß kommt es vor, daß an irgend einem kleinen Orte, wo z. B. die Schuhmacher¬ gesellen eine Erhöhung des Lohnes erreicht, und die Schuh¬ machermeister darüber vor Aerger beinahe den Verstand ver¬ loren haben, in allen Zeitungen bekannt machen, daß von jetzt ab das Stiefelbesohlen so und so viel mehr kostet; doch die Konkurrenz bringt die wild gewordenen Meister bald wieder zur Vernunft und drückt die Preise auf das frühere Niveau herunter. — Auch ist es nicht abzuleugnen, daß Streiks von den Kapitalisten provozirt worden sind, um die Preise ihrer Fabrikate steigern zu können. Doch alles dieses sind nur Aus¬ nahmen, die garnichts besagen. Wäre die erwähnte Behauptung richtig, so müßten die englischen Arbeiter noch immer auf der¬ selben elenden Stufe stehen, wie am Anfange dieses Jahr¬ hunderts. Dieses ist nicht der Fall und damit die Unrichtigkeit dieser Annahme bewiesen. Ferner legen deshalb einige Personen der gewerkschaftlichen Bewegung keine große Bedeutung bei, weil sie annehmen, daß die deutsche Arbeiterklasse, einerseits in Folge ihrer starken po¬ litischen Bewegung und anderseits durch die Zuspitzung der heu¬ tigen Verhältnisse, bald die Staatsgewalt erobern werde. „ Ehe wir es in Deutschland zu einer starken Gewerkschafts¬ bewegung gebracht haben , besitzen wir längst die po¬ litische Macht .“ Diesen Ausspruch habe ich viele, viele Male zu hören bekommen, doch sind meines Erachtens noch derartige Aussichten garnicht vorhanden. — Die deutsche Sozialdemokratie arbeitet nun schon über drei Jahrzehnte und hat erst — wie dieses auch nicht anders sein kann — den kleineren Theil der arbeitenden Bevölkerung für sich gewonnen. Die bisher ge¬ leistete Arbeit ist aber viel leichter gewesen als die kommende. — Ferner: — Ist in der heutigen Sozialdemokratie Alles Gold was glänzt?! Ist nicht nur Vieles Talmi?! In den Großstädten ist es unter den Arbeitern förmlich zur Mode geworden, Sozial¬ demokrat sein zu müssen. Jeder Klimbimverein, Skat-, Rad¬ fahrer-, Raucherklub ꝛc. muß einen sozialdemokratischen Anstrich haben, trotzdem die meisten Mitglieder dieser Vereine nicht die blasse Ahnung von der Sozialdemokratie und deren Bestrebungen besitzen, noch nie eine Stunde sich den Kopf mit derartigen Fragen zerbrochen haben. Wenn ferner angenommen wird, daß ein kommender großer Krieg , oder eine gewaltige Krise plötzlich die Massen in die Arme der Sozialdemokratie treiben und so diese die Staatsgewalt er¬ obern und die sozialdemokratische Gesellschaft verwirklichen werde können, so ist das weiter nichts, als ein Glaube an kommende Wunder. Traurig wäre es aber mit der deutschen Arbeiterklasse bestellt, wenn sie ihre ganze Zukunft auf blinden Glauben auf¬ bauen wollte; sie hat zu arbeiten, Stein für Stein des herrschenden Systems niederzureißen und in den Rahmen desselben die Vor¬ bedingungen für das zukünftige aufzubauen. Dazu dient aber vor allen Dingen der gewerkschaftliche Kampf. Ich glaube diesen Abschnitt nicht besser schließen zu können, als mit den vorzüg¬ lichen Worten Eduard Bernstein's : „Man braucht kein Manchestermann oder Anarchist, kein Gegner der Anrufung oder Benutzung des Staates zu sein, um es für wenig wünschens¬ werth zu halten, daß die Arbeiter sich daran gewöhnen, alle Hilfe und Verbesserung vom Staat, „von oben her“, zu erwarten. Wer sich nicht einem Glauben an zukünftige Wunder ergiebt, der Vorstellung, daß man in jedem Augenblick des Bedarfs leistungsfähige organische Gebilde aus dem Boden stampfen kann, wird in der Gewerkschaft nicht nur eine Vorschule weit¬ gehender demokratischer Selbstverwaltung begrüßen, sondern auch einen wichtigen Hebel der von der Sozialdemokratie erstrebten wirthschaftlichen Umgestaltungen. Der Satz, daß die Emanzipation der Arbeiterklasse das Werk dieser selbst sein muß, hat eine weitere Bedeutung als blos die der Eroberung der Staatsgewalt durch die Arbeiter.“ „Die Geschichte des Britischen Trade-Unionismus“ von S. u. B. Webb, Nachwort. II. Das Hilfskassen- und Unterstützungswesen in den Gewerkschaftsorganisationen . „Schreibt man über Gewerkschaften, so kann man nicht um¬ hin, von England zu sprechen“, so sagt Parvus in seiner wiederholt erwähnten Schrift. Auch ich habe dieses schon in dem vorherigen Abschnitt gethan und muß es jetzt wieder thun. — Wenn man die englischen Gewerkschaftsorganisationen näher betrachtet, so wird man finden, daß sich dieselben vor Allem in einem Punkte wesentlich von denen der deutschen Arbeiter unterscheiden. Die meisten Berufsorganisationen des englischen Proletariats und namentlich die größeren sind nicht sogenannte reine Gewerkschaftsvereine, sondern sie besitzen auch den Charakter von Versicherungs-Gesellschaften auf Gegenseitigkeit und zwar dadurch, indem sie Unterstützungen bei Arbeitslosigkeit, Un¬ fällen, Arbeitsunfähigkeit, Auswanderung, in Krankheits-, Todes¬ fällen u. s. w. gewähren. Die meisten deutschen Gewerkschafts¬ organisationen haben derartige Unterstützungen nicht, oder doch nur ganz minimale. — Und dieses scheint mir der springende Punkt zu sein, weshalb die englischen Organisationen stärker sind, Stabili t ät besitzen und einen wirklichen dauernden Einfluß auf die Lohn- und Arbeitsverhältnisse ausüben können, als die deutschen Durch das Unterstützungswesen hat man die Masse für die Organisation gewonnen, hat sie dauernd an der¬ selben gekettet und ist durch einzelne Unterstützungszweige ferner im Stande, den Arbeitsmarkt, resp. den Preis der Waare Ar¬ beitskraft, auch ohne Streiks indirekt beeinflussen zu können. — Daß diese meine Annahmen richtig sind, wird durch folgende Thatsachen bewiesen. — Die englische Gewerkschaftsbewegung war einst ohne ihr jetziges ausgebautes Unterstützungswesen genau dasselbe was gegenwärtig die deutsche ist. Auch sie drehte sich damals im Kreise herum und bildete eine Kette von un¬ unterbrochenen Niederlagen. Erst als durch William Allon und William Newton die Amalgamirte Vereinigung der Ma¬ schinenbauer mit ihrem ausgedehnten Unterstützungswesen im Jahre 1851 in's Leben gerufen wurde, ist die englische Gewerk¬ schaftsbewegung zu ihrer heutigen Bedeutung gekommen; erst als dieses „Neue Muster“ von den meisten anderen Organi¬ sationen nachgeahmt wurde, haben sich diese auf ihre gegenwärtige Stärke und Stabilität entwickelt. Man studire nur Ge¬ schichte des Britischen Trade-Unionismus und man wird die Behauptung bewahrheitet finden. Aber auch durch die deutsche Gewerkschaftsbewegung wird dieselbe bestätigt. Die wenigen deutschen Gewerkschaftsorganisationen, welche ihren Mitgliedern größere Unterstützungen gewähren, also auch gleichzeitig den Charakter von Versicherungsgesellschaften haben, besitzen einen viel stärkeren und festeren Mitgliederbestand als diejenigen, welche nur reine Gewerkschaftszwecke verfolgen. — Das Haupt¬ mittel des gewerkschaftlichen Versicherungswesen ist meines Er¬ achtens nach die Arbeitslosen-Unterstützung: ich werde sie in dem folgenden Abschnitt eingehend behandeln und dabei eine Reihe von Ausführungen machen, die ich eigentlich schon hier machen müßte, um aber Wiederholungen zu vermeiden, unterlassen habe. III. Die Unterstützung der Arbeitslosen und die gewerkschaftlichen Organisationen. Parvus sagt sehr richtig, daß die Frage der Arbeitslosen- Unterstützung für die Gewerkschaftsorganisationen keine prin¬ zipielle , sondern eine rein taktische ist. Alle diejenigen, welche für die Einführung der Arbeitslosen-Unterstützung ein¬ treten, thun dann auch dieses nicht aus Gründen der Humanität, also aus Prinzip, sondern lediglich aus Gründen der Taktik, der Kriegsführung, um dasjenige zu erreichen, was bisher nicht möglich gewesen ist. — So auch ich. — Ich glaube, daß die Einführung der Arbeitslosen-Unterstützung in die Ge¬ werkschaftsorganisationen vor allem folgende Umstände be¬ dingen muß: 1. Der Mitgliederbestand der Organisationen wird bedeutend wachsen. 2. Der Mitgliederbestand wird erheblich an Sta¬ bilität zunehmen. 3. Die Kassenbestände werden sich vergrößern. Schon diese Umstände müssen, wenn sie zutreffend sind, eine bedeutende Verbesserung der Chancen der gewerkschaftlichen Kämpfe zur Folge haben. 4. Die Organisationen können die erzielten Er¬ rungenschaften auch auf die Dauer festhalten und sind im Stande, auch ohne Streiks, in¬ direkt einen Einfluß auf den Arbeitsmarkt, resp. auf die Lohn- und Arbeitsbedingungen auszuüben . Die jetzt folgenden Ausführungen sollen die aufgestellten Thesen beweisen. Nach einer im Jahre 1894 vom „Correspondent“ veröffent¬ lichten Statistik — neue Zahlen stehen mir nicht zur Verfügung, doch hat dieses wenig zu sagen, da gegenwärtig die Verhältnisse genau so oder doch ähnlich liegen — waren in folgenden Bran¬ chen, deren gewerkschaftliche Vereinigungen die Arbeitslosen- Unterstützung eingeführt hatten, folgender Prozentsatz der Berufsgenossen organisirt: Buchdrucker 50 pCt., Handschuh¬ macher 74 pCt., Bildhauer 56 pCt., Kupferschmiede 35 pCt., Porzellanarbeiter 25 pCt. und Zigarrensortirer 24 pCt. In den Berufen, deren Organisationen keine Arbeitslosen-Unterstützung zahlten, stellt sich dagegen das Verhältniß wie folgt: Tabak¬ arbeiter 11 pCt., Maurer 3 pCt., Metallarbeiter 8 pCt., Holz¬ arbeiter 2 pCt., Zimmerer 5 pCt. u. s. w. Wenn man diese Zahlen näher betrachtet, muß sich doch jedem die Ueberzeugung aufdrängen, daß die Arbeitslosen-Unterstützung eine gewaltige Rolle bei der Stärke der Organisation mitspielt, — Jene An¬ nahme, daß die Buchdrucker nur deshalb stärker organisirt wären, weil ihr Beruf eine bessere Bildung erfordere, als die der anderen Branchen, ist irrthümlich. Die bessere Bildung kann nur eine ganz untergeordnete Rolle mitspielen, sonst könnten die Handschuhmacher, Kupferschmiede ꝛc. nicht stärker organisirt sein als die Metallarbeiter, da diese Berufe in betreff der erforderlichen Bildung auf ein und derselben Stufe stehen. — Man frage ferner nur die Leiter jener Organisationen, welche Arbeitslosen-Unterstützung gewähren, weshalb sie besser organi¬ sirt sind, so wird man stets die Antwort erhalten, daß es das Unterstützungswesen und vor allem die Arbeitslosen-Unterstützung sei, durch die man die meisten Mitglieder gewonnen hat. Die Menschen sind nun einmal Egoisten und auch die Ar¬ beiter machen davon keine Ausnahme; für jeden Groschen, den sie zu irgend einer Sache geben, wollen sie gleich greifbare ma¬ terielle Vortheile sehen. Man agitire nur in Werkstätten, Fa¬ briken und Versammlungen unter Indifferente für die Organi¬ sation und in der Regel ist stets die erste Frage, die man hört: „Was bietet mir die Organisation?“ Was bekomme ich denn, wenn ich derselben beitrete?“ Jeder geschickte Gewerkschaftler wird mit dieser Thatsache rechnen müssen und daher die Orga¬ nisation so einzurichten haben, daß sie den Wünschen der Masse entspricht. An den höheren Beitrag stoßen sich die meisten Arbeiter nicht, wie alle bisherigen Erfahrungen lehren. — In Berlin haben in letzterer Zeit einige Verwaltungsstellen zentraler Organisationen die Arbeitslosen-Unterstützung nur für ihre Verwaltungsstelle eingeführt und trotzdem eine lokale Arbeitslosen-Unterstützung nie die Bedeutung haben kann, wie die zentrale, trotzdem sind diese Organisationen sofort gewachsen; und jene Mitglieder, welche früher zu den enragirtesten Gegnern der Arbeitslosen-Unterstützung gehörten, sind durch die That¬ sachen belehrt, zu eifrigen Befürwortern derselben geworden. Diejenigen, welche annehmen, die Masse auch ohne derartige Zugmittel gewinnen zu können, befinden sich im gewaltigen Irrthum; alle bisherige Erfahrungen schlagen dieser Annahme geradezu in's Gesicht . Tausende von Agi¬ tatoren können noch Jahre und Jahre mit Engels¬ zungen reden und immer werden wir auf dem alten Standpunkte stehen bleiben . — Auch die englische Gewerk¬ schaftsbewegung beweist dieses. Schon im vorigen Abschnitt habe ich angeführt, daß dieselbe erst dann ihre jetzige Höhe er¬ reicht hat, als sie das Unterstützungswesen einführte und aus¬ baute. — Daß die meisten englischen Gewerkschaftsorganisationen und namentlich die der größeren Industriezweige Arbeitslosen- Unterstützung zahlen, dafür folgende Beweise: Von den 202 Trade-Unions, welche Arbeitslosen-Unter¬ stützung z. B. im Jahre 1894 zahlten, gehörten 40 mit 175 544 Mitgliedern den Eisenbahnarbeitern und Schiffbauern an. 23 mit 97 703 Mitgliedern dem Baugewerbe, 41 mit 94 881 Mitgliedern der Textilindustrie, 13 mit 65 998 Mitgliedern der Bekleidungsindustrie, 19 mit 34 715 Mitgliedern dem Buchdruck- und Buch¬ bindergewerbe, 28 mit 25 185 Mitgliedern der Möbelindustrie und ver¬ wandten Gewerben (wie Wagenbauer, Faßbinder, Kork-, Glas-, Leder- und Hafenarbeiter), 10 mit 87 585 Mitgliedern der Montanindustrie an. Nur zwei größere englische Gewerkschafts-Verbände — ab¬ gesehen von dem der ungelernten Arbeiter — zahlen keine Arbeitslosen-Unterstützung und zwar die der Baumwoll- und Bergarbeiter von Lankashire und Yorkshire. Wenn diese beiden Verbände trotzdem stark und von Bedeutung sind, so kommt dieses nur daher, daß ganz besondere Umstände in diesen In¬ dustrieen günstig für die Organisation wirken. Einmal ist dieses die Arbeiterschutzgesetzgebung , welche, wie z. B. das Berggesetz verlangt, daß jede Grube Wiegekontrolleure anzu¬ stellen hat, die von den Arbeitern zu wählen sind. Nun wählt man hierzu meistens die Ortsbeamten der Organisation und sichert sich dadurch einen festen Beamtenstab. Trotzdem ist die Bergarbeiter-Föderation von Lankashire im Jahre 1894 von 41000 auf unter 20000 Mitglieder zusammengeschrumpft. — Dann kommt zweitens noch der Umstand hinzu, daß die ge¬ nannten Industriezweige sich auf bestimmte Punkte Englands konzentriren und so die Organisationsarbeit bedeutend erleich¬ tern. — Sidney und Beatrice Webb konstatiren in ihrem Werk „Die Geschichte des britischen Trade-Unionismus“ und auch Ed . Bernstein in dem Nachwort desselben, daß das Hilfskassenwesen viel zur heutigen Stärke und Stetigkeit der englischen Gewerkschaftsbewegung beigetragen hat. — Man ziehe nun doch die Lehre daraus und thue desgleichen! — Oder gilt denn wirklich das Wort, daß die Menschen aus der Geschichte nichts lernen?! Dann zu meiner zweiten Behauptung. Nach ihr sollen die Organisationen durch die Arbeitslosen-Unterstützung auch er¬ heblich an Stabilität gewinnen. — Heute fehlt den Organi¬ sationen ohne Arbeitslosen-Unterstützung solche gänzlich. Sie gleichen Taubenschlägen; die Mitglieder kommen und gehen ständig. Auf der einen Seite lassen sich zehn aufnehmen und auf der anderen Seite müssen zu gleicher Zeit zehn wegen Rückständigkeit der Beiträge ausgeschlossen werden. In Wirk¬ lichkeit gehören diesen Organisationen keine 25 pCt. der Mit¬ glieder längere Zeit an und darum sinkt die Zahl der wirklich Organisirten auf das äußerste Minimum herab. — Einige Be¬ weise dafür. — Der deutsche Holzarbeiter-Verband nahm im Jahre 1895 20000 neue Mitglieder auf und in derselben Zeit traten 17000 Mitglieder aus. Der Verband der Schneider nahm im Jahre 1894 12000 Mitglieder auf und 10000 schieden aus. — So aber verhält es sich mit allen Organisationen ohne Arbeitslosen-Unterstützung. — Woher diese Erscheinung? Tau¬ sende treten, nachdem ein Agitator in bezaubernden Worten gezeigt hat, was alles zu erreichen sei, wenn Einigkeit geschaffen werde, in den schönen Traum der Organisation bei, daß nun endlich bald eine bessere Zukunft hereinbrechen werde. Sie zahlen einige Wochen und vielleicht auch Monate ihre Beiträge, doch die schöne Zukunft kommt nicht; entweder steht noch immer die Masse der Organisation fern, oder die Konjunktur ist schlecht, daß momentan nichts unternommen werden kann. Der schöne Traum verliert allmählich an Schönheit, verschwindet schließlich ganz und der Gedanke taucht auf und wurzelt sich immer fester und fester, daß doch durch die Organisation nichts zu erreichen sei. Wozu dann Beiträge zahlen? Sie werden nicht mehr ge¬ zahlt und der Ausschluß erfolgt. Tausende und abermals tausende haben diesen Ideengang durchgemacht. In Berlin z. B. und so auch in den meisten anderen größeren Orten, giebt es in sehr vielen Branchen wohl so gut wie keine Arbeiter, die nicht schon einmal organisirt waren. Aber deshalb, weil sich ihre Hoffnungen nicht erfüllt, sind sie wieder ausgetreten. Ja selbst Leute, welche einst die bestehenden Organisationen in's Leben gerufen haben, zu ihren thätigsten Mitgliedern gehörten, sind heute aus genau denselben Gründen von der Bildfläche verschwunden. — Ganz anders liegt die Sache in Organi¬ sationen mit Arbeitslosen-Unterstützung, oder anderen Unter¬ stützungseinrichtungen. Hier erwerben die Mitglieder durch die Zahlung eines höheren Beitrages nach bestimmter Frist Rechte auf Unterstützungen. Zahlen sie ihre Beiträge nicht regelmäßig, so gehen sie dieser Rechte verlustig. Dieser Umstand zwingt die Mitglieder, der Organisation treu zu bleiben. Die meisten Arbeiter haben heute mit der Thatsache zu rechnen, daß sie einst arbeitslos werden können, dann sind sie, gehören sie einer Organisation mit Arbeitslosen-Unterstützung an, vor der größten Noth geschützt. Das überlegt und sagt sich Jeder. Schon des¬ halb werden die meisten in solchen Organisationen nicht mit ihren Beiträgen im Rückstande bleiben und sich ausschließen lassen, weil dieses mit direktem materiellem Schaden verbunden ist, was in den Organisationen ohne Arbeitslosen-Unterstützung so gut wie nicht zutrifft. In den letzten Organisationen kann man zu jeder Zeit vollberechtigtes Mitglied werden, in den Or¬ ganisationen mit Arbeitslosen-Unterstützung nicht, da tritt dieses erst nach ein oder zwei Jahren ein, nachdem man eine höhere Summe an dieselbe gezahlt hat. — Schon der gesunde Menschen¬ verstand muß es sagen, daß unsere Annahme richtig ist und durch die Thatsachen wird sie auch bestätigt. Der Verband der Buchdrucker verlor 1893 bei 16000 Mitgliedern nur 1210 durch Austritt, Todesfall und Ausschluß — So wird also durch dieses Mittel die Masse dauernd an die Organisation gekettet und diese erhält einen stabilen Charakter, Das sogenannte reine „ geistige Band “ genügt nun einmal nicht, um die Masse für die Organisation zu gewinnen und sie an derselben zu fesseln, es bedarf des materiellen Bandes, dieses aber wird durch die Arbeitslosen-Unterstützung geschaffen. — Selbst die wirthschaftlichen Organisationen der Besitzenden haben derartige materielle Bänder nothwendig. Die landwirthschaftlichen Or¬ ganisationen sorgen für Kredit, Düngermittel, Maschinen, Feuer¬ versicherung u. s. w.; die der Industriellen und des Handels¬ standes gewähren ähnliche Dinge. — Auch die Arbeiter werden nur so die Masse für die Berufsorganisationen gewinnen und halten können. — Man lasse sich nicht etwa durch den gegen¬ wärtigen wirthschaftlichen Aufschwung täuschen; wenn auch durch denselben viele Organisationen an Mitgliedern und Stabilität gewonnen haben, so ist das doch nur vorübergehend. — Ge¬ winnen aber die Organisationen durch die Arbeitslosen-Unter¬ stützung an Stabilität, so muß dieses eine ganze Reihe von weiteren Vortheilen für dieselbe zur Folge haben. Jene Zän¬ kereien kleinlichen Charakters, die heute viele Organisationen beherrschen, werden abnehmen. Das Wissen der einzelnen Mitglieder in gewerkschaftlichen Dingen muß zunehmen, sie werden selbst urtheilen lernen und sich nicht von Personen ge¬ brauchen lassen, die nur ehrgeizigen und selbstsüchtigen Plänen unter dem Deckmantel anderer Fragen nachlaufen und oft die ganze Organisation zerstören. Dann zu meiner dritten Behauptung, daß die Kassenbestände sich durch die Einführung der Arbeitslosen-Unterstützung ver¬ größern müssen. — Dieses muß unbedingt eintreten. Man betrachte nur die Kassenbestände der Organisationen mit Arbeits¬ losen-Unterstützung und man wird meine Behauptung bestätigt finden. Nach der letzten von der General-Kommission veröffentlichten Statistik hatten die Buchdrucker einen Kassenbestand von 49,12, Bildhauer 15,06, Handschuhmacher 14,47, Hutmacher 34,80, Zi¬ garrensortirer 18,69 Mk. pro Kopf des Mitgliedes. Das waren Organisationen mit Arbeitslosen-Unterstützung. Bei Verbänden ohne Arbeitslosen-Unterstützung stellt sich das Verhältniß wie folgt: Metallarbeiter 1,17, Maler 3,61, Holzarbeiter 1,13, Former 2,86, Bäcker 0,67, Bauarbeiter 0,46 Mk. u. s. w. — Sehen die Unternehmer, daß größere Kassenbestände vorhanden sind, so werden sie sich bei Lohnbewegungen ꝛc. lange nicht so halsstarrig stellen, wie gegenwärtig. Jetzt wissen sie sehr gut, daß den eventuell Streikenden bald das Geld ausgeht und sie dann wieder kommen müssen; darum geben sie nicht nach und bleiben Sieger. Sind doch im vorigen Jahre unbedingt auf Grund dieser Thatsache eine ganze Reihe Streiks von den Unternehmern provozirt worden, um die ihnen einst vielleicht später gefährlich werden könnende Orgauisation in ihrem Keime zu vernichten. — Die deutschen Arbeiter müssen zur Zahlung höherer Beiträge erzogen werden, wollen sie durch den gewerk¬ schaftlichen Kampf etwas erreichen. — Die Arbeitslosen-Unter¬ stützung wird dazu führen. Betrachten wir uns einmal die englischen Gewerkschaftsorganisationen in dieser Beziehung. Staunen werden tausende deutscher Arbeiter, wenn sie die Ein¬ nahmen, Ausgaben und Kassenbestände derselben sehen. Bei den Vereinigten Maschinenbauern stellte sich dieses Verhältniß 1893 — neuere Zahlen habe ich nicht zur Verfügung — wie folgt: Einnahme ....... 5400000 Mk. Ausgabe ....... 5700000 " Kassenbestand .....4000000 " Alle 49 zentralisirten deutschen Organisationen hatten 1895 eine Einnahme von ..... 2745617 Mk. Ausgabe von ..... 2140985 " Kassenbestand von .... 1640437 " Hierbei ist nicht zu vergessen, daß die Hälfte der Einnahme, Ausgabe und des Kassenbestandes auf das Konto der deutschen Buchdrucker kommt. — Also sind in einer einzigen englischen Organisation die Kassenverhältnisse beinahe 2½ mal so groß, als wie in allen deutschen Gewerkschafts-Verbänden zusammen. Wenn man sich diesen ungeheuren, gewaltigen Gegensatz vor Augen führt, so wird man begreifen müssen, wo des Pudels Kern liegt, weshalb die englischen Arbeiter andere Erfolge wie die deutschen aufzuweisen haben. — Nach dieser Richtung hin müssen also die deutschen Gewerkschaftsorganisationen ausgebaut werden, dann werden sie auch Fortschritte machen. Ohne Pulver und Blei kann kein Krieg geführt werden und ohne Geld kein gewerkschaftlicher Kampf, der Aussicht auf Erfolg haben soll. Die deutschen Arbeiter kämpfen aber meistens ohne Geld. Sehr richtig sagte der Genosse Dreher auf dem zweiten Kongreß der Handelshilfsarbeiter: „Eine Kampfesorganisation ohne Kriegs¬ fonds kommt mir vor wie ein Soldat, der unter dem Tamtam der Schlachtmusik in's Feld zieht, zu Hause aber Gewehr und Patronen vergessen hat.“ — Darum führe man die Arbeitslosen- Unterstützung ein; sie wird größere Kassenbestände zur Folge haben, sie wird die Masse zur Zahlung höherer Beiträge er¬ ziehen. — Treffen die vorher näher erläuterten Umstände zu, wachsen die Organisationen an Mitgliedern, Stabilität und Geld, so müssen sich dadurch naturgemäß die Positionen der gewerkschaft¬ lichen Kämpfe bedeutend verbessern. Die Organisationen werden z. B. Minimallöhne, wie in den meisten Berufen Englands, zur Durchführung bringen können, die in Deutschland noch fast überall in's Reich der Märchen gehören. — Sie werden weitere Erfolge erzielen. — Viele Kämpfe, die bisher mit einer Nieder¬ lage endeten, würden dann Siege bedeuten. — Ferner zu meiner vierten Behauptung, daß Organisationen mit Arbeitslosen-Unter¬ stützung auch im Stande sind, die erzielten Errungenschaften auf die Dauer festzuhalten. — Die gegenwärtigen Organisationen können dieses in der Regel nicht. Sobald die Geschäftslage sich verschlechtert, ist der Unternehmer bemüht, den Arbeitern wieder jene Zugeständnisse zu entreißen, die er ihnen zu Zeiten der günstigen Konjunktur machen mußte. Dieses gelingt ihm in den meisten Fällen ohne große Schwierigkeiten, da die Arbeiter so gut wie gar keinen Widerstand dem entgegensetzen können. — Nehmen wir einmal an, daß es den Arbeitern irgend einer Branche bei günstiger Konjunktur gelungen war, einen Lohn von 21 Mk. pro Woche zu erzielen, so wird der Unternehmer, sobald die günstige Geschäftslage etwas nachläßt, sofort den Versuch machen, nur 20 oder 19 Mk. zu zahlen. Er rechnet sehr richtig mit dem Umstand, daß sich in Folge der vergrößerten Arbeits¬ losigkeit genug Leute finden werden, die der Hunger zwingt, zu diesen Bedingungen zu arbeiten. Daher werden seine Arbeiter von 1000 in 999 Fällen, ohne auch nur ein Wort zu sagen, sich mit der Bedingung einverstanden erklären, weil auch sie sehr gut wissen, daß sie sonst sofort hinausfliegen und dann dem Hunger preisgegeben sind. Wohl wird mancher eine Faust in der Tasche machen, doch durch das drohende Gespenst des Hungers ge¬ zwungen, beugt er sich dem Willen und der Ausbeutung des Unternehmers. — Darum auch die Erscheinung, daß durchweg den Organisationen ohne Arbeitslosen-Unterstützung die erzielten Errungenschaften bald wieder entrissen werden, daß sie sich in ihren Kämpfen im Kreise herumdrehen, Streiks unternehmen müssen, um dasjenige wieder zu erobern, was bereits vor zehn oder mehreren Jahren einmal errungen war — Ganz anders liegt die Sache in Organisationen mit Arbeitslosen-Unterstützung. Die Lohn- und Arbeitsbedingungen bewegen sich hier nicht im Kreise, sondern durchgängig auf aufsteigender Skala. Warum? Weil die Arbeitenden durch die Arbeitslosen-Unter¬ stützung gegen beabsichtigte Reduzirungen sich erfolgreich wehren können ; weil ferner die Arbeitslosen in Folge der Arbeitslosen-Unterstützung nicht zu jedem Preis an¬ fangen werden . — Denn in Organisationen mit Arbeitslosen- Unterstützung erlangt die Organisation eine viel größere Macht gegenüber den einzelnen Mitgliedern; sie kann dieselben zwingen, die gefaßten Beschlüsse zur Durchführung zu bringen und sie ein¬ zuhalten, was in Organisationen ohne Arbeitslosen-Unterstützung so gut wie nicht der Fall ist. Letztere Vereinigungen haben zur Durchführung und Einhaltung gefaßter Beschlüsse nur das Mittel des moralischen Drucks zur Verfügung, während die Organisationen mit Arbeitslosen- und anderen Unterstützungen auch einen gewissen materiellen Druck auf ihre Mitglieder aus¬ üben können. Versucht der Unternehmer die Löhne zu reduziren oder andere Verschlechterungen vorzunehmen, so wird der Ar¬ beiter, der Arbeitslosen-Unterstützung erhält, wenn er sich nicht selbst dagegen wehrt, von seiner Organisation gezwungen, da¬ gegen Front zu machen, sonst wird er — natürlich immer vor¬ ausgesetzt, daß seine Berufsvereinigung bestimmte Lohnsätze ꝛc. festgesetzt hat — ausgeschlossen, was für ihn mit materiellem Schaden verbunden ist, da dann alle seine langjährig erworbenen Rechte zum Teufel gehen. Der reine moralische Druck kann nie in demselben Maaße eine Wirkung ausüben, da er zum Theil durch Noth und Elend beseitigt wird und an den wenig festen Charakteren scheitert. — Daher finden wir auch, daß stabile Or¬ ganisationen mit Arbeitslosen-Unterstützung ein großes Augen¬ merk auf die Einhaltung gefaßter Beschlüsse und erzielter Er¬ rungenschaften richten, wählend die Organisationen ohne Arbeits¬ losen-Unterstützung dieses meistens nicht thun und in Folge der geschilderten Umstände nicht thun können und stillschweigend, ohnmächtig zusehen müssen, wie die Beschlüsse und Abmachungen nicht eingehalten werden. — Dann ferner wird der Arbeitslose — wie bereits betont — nicht zu jedem Preis anfangen, weil er vor der größten Noth gleichsam geschützt ist, und auch nicht anfangen dürfen aus den schon vorher angeführten Gründen. — So ist also die Arbeitslosen-Unterstützung im Stande, die Ar¬ beitskraft resp. den Preis der Waare Arbeitskraft indirekt zu beeinflussen und erweist sich daher als ein vorzügliches Kampfes¬ mittel zur Verbesserung der Lebenslage des Proletariats. — Die Geschichtsschreiber der englischen Gewerkschaftsbewegung betonen daher auch, daß eines der wichtigsten und wirksamsten Mittel der besseren Organisationen zur indirekten Beeinflussung des Arbeits¬ marktes und zur Verhütung von Lohnreduktionen die Unter¬ stützung der Arbeitslosen sei. — Obgleich die Richtigkeit meiner Ausführungen für jeden Denkenden selbstverständlich sein muß, will ich doch noch einen Beweis für dieselben anführen. — Der Vorstand des Verbandes der deutschen Handschuhmacher theilte z. B. der General-Kommission der Gewerkschaften Deutschlands im Jahre 1894 mit daß in Folge der ungünstigen Konjunktur und übergroßen Arbeitslosigkeit die Gefahr vorliege, daß die Fabrikanten die Arbeitsverhältnisse verschlechtern würden. Durch Gewährung von Arbeitslosen-Unterstützung auch an die noch nicht bezugs¬ berechtigten Mitglieder gelanges, den Zuzug von Handschuhmachern von den bedrohten Orten fernzuhalten und dadurch einer Lohn¬ reduktion seitens der Fabrikanten vorzubeugen. — Und was sagen zu solchen Thatsachen die Helden, welche durch leere Redens¬ arten die Arbeitslosen-Unterstützung glauben abthun zu können? — Komme ich nun zu den hauptsächlichsten Einwänden, die gegen die Arbeitslosen-Unterstützung gemacht werden. — „Die Unter¬ stützung der Arbeitslosen sei aus prinzipiellen Gründen zu ver¬ werfen.“ „Der Staat habe die Verpflichtung, die Arbeitslosen zu unterstützen.“ — So lauten einige der ersten Einwände. Ich habe nun schon am Anfang dieses Abschnittes darauf ausführlich hingewiesen, daß die Frage der Arbeitslosen-Unterstützung gar keine prinzipielle , sondern eine rein taktische ist. — Ferner: Der heutige Staat erkennt die Verpflichtung, irgend einem seiner Mitglieder eine Garantie für seine Existenz zu bieten, nicht an und ebensowenig glaubt er verpflichtet zu sein, die Arbeitslosen zu unterstützen. Es sind auch nicht die geringsten Aussichten vorhanden, daß er in den nächsten Jahren und Jahrzehnten eine solche Verpflichtung anerkennen wird. — Sind wir nun auch der Meinung, daß die Gesellschaft wohl die Verpflichtung habe, ihren Mitgliedern, soweit diese zum Nutzen derselben thätig sein wollen, eine Garantie für ihre Existenz zu bieten, so ist es doch kindisch gehandelt, wenn man aus diesem Grunde gegen die Ein¬ führung der Arbeitslosen-Unterstützung ist. Gerade sie soll dazu dienen, um das Proletariat vorwärts zu bringen, um so immer näher jenem Gesellschaftszustand zu kommen, der uns als Ideal vorschwebt. Ist die Behauptung richtig, daß der Staat die Ver¬ pflichtung habe, die Arbeitslosen zu unterstützen und deshalb eine Unterstützung derselben durch die Gewerkschaftsorganisationen zu verwerfen sei, so muß man logischer Weise auch die Gewerkschafts¬ bewegung verwerfen, denn in demselben Sinne hat dann auch der Staat die Verpflichtung, den Arbeitern eine solche Existenz zu gewähren, bei der sie auskömmlich leben können und nicht erst sich eine derartige durch große Opfer erkämpfen müssen. — Dann sind viele aus dem Grunde gegen die Arbeitslosen-Unter¬ stützung, weil sie meinen, die Arbeiterklasse müsse noch tiefer in ihrer materiellen Lage sinken, dann erst werde sie sich zu einem gewaltigen Kampfe aufraffen; die Unterstützung der Arbeitslosen diene aber zur Verbesserung ihrer Lage. — Diese Ansicht ist grundfalsch. Sinkt das Proletariat in seiner Lebenslage noch tiefer, so wird es sich nie aus seinem elendiglichen Verhältnissen befreien können. Nur Massen, die einigermaßen ihren Hunger befriedigen können, sind im Stande, zu denken, sich planmäßig zu organisiren und so eine bessere Zukunft zu erstreben. Massen, die dagegen hungern müssen, werden so weit durch die Noth ge¬ trieben, daß sie nicht mehr in dem Kapital ihren Feind erblicken, sondern in dem eigenen Arbeitsbruder. Die Noth korrumpirt die Massen, jedes Klassengefühl geht ihnen verloren, niedere Selbstsucht, Schmeichelei und Kriecherei tritt an die Stelle der Moralität, Die Losung geht dann dahin, durch unmoralische Mittel sich eine Existenz zu schaffen. Das Lumpenproletariat, dieses Produkt der größten Noth, hat nie Klassenbewußtsein be¬ sessen, sondern ist durchgängig bei allen gewerkschaftlichen, po¬ litischen Kämpfen und Revolutionen auf die Seite der gewalt¬ habenden Klasse getreten. Wohl ist es nicht ausgeschlossen, daß Massen, die äußerst tief in ihrer Lebenslage stehen, einen dumpfen gewaltsamen Verzweiflungskampf unternehmen, doch diese Massen werden dann unterliegeu oder die Kultur vernichten. Unterliegen deshalb, weil dann unmöglich von einem planmäßigen Vorgehen die Rede sein kann, (antike Sklavenkämpfe, Bauern¬ krieg ꝛc.); die Kultur vernichten, wenn sie selbst zur Herrschaft gelangen sollten, weil es ihnen an der Fähigkeit mangelt, die zerstörte Gesellschaft aufzubauen. Donnelly hat in seinem Ro¬ man „Caesars Säule“ wohl sehr richtig geschildert, wohin es führen muß, wenn die Masse immer tiefer sinkt, nämlich zur Vernichtung der Kultur. Darum ist es unsere Pflicht, für die Hebung der Lebenslage des Proletariats einzutreten und nicht auf eine verzweifelte, gewaltsame Erhebung der Massen unsere Hoffnung zu setzen. — „Ja aber die Arbeitslosen-Unterstützung ist aus materiellen Gründen nicht durchführbar, da dann die Beiträge bedeutend erhöht werden müssen,“ so lautet ein weiterer Einwand gegen dieselbe. Müssen die Beiträge denn wirklich so bedeutend erhöht werden? Nein, keineswegs! Wenn oft zum Beweise dieser Behauptung ausgeführt wird, daß die Buchdrucker doch 1,10 Mk. pro Woche Beitrag zahlen, um die Arbeitslosen unterstützen zu können, so ist auch dieser Beweis vollständig ver¬ fehlt. Die Buchdrucker zahlen zur Unterstützung der Arbeitslosen nach der Angabe von Eichler , welche derselbe auf dem letzten Gewerkschaftskongreß machte, pro Woche nur 10 Pfg., während der andere Beitrag zu ganz anderen Dingen verwandt wird. Im Jahre 1894 gab die Vereinigung der Buchdrucker für Reise-Unterstützung 114913,15 Mark, für Umzugskosten 16921,40 Mark, für Unterstützung an dauernd Arbeitsunfähige 15967,00 Mark, für Kranken-Unterstützung 301931,84 Mark, ür Begräbnißgeld 16552,26 Mk., für außerordentliche Unter¬ stützungen 361,20 Mk. und für Arbeitslosen-Unterstützung 101562,00 Mk. aus. Wir sehen also aus diesen Zahlen, daß der Beitrag von 1,10 Mk. pro Woche noch zu ganz anderen Unterstützungszwecken gezahlt wird, als einzig und allein zur Unterstützung der Arbeitslosen. — Können aber die Arbeiter eine Erhöhung des Beitrages um 10 und einige Pfennige mehr pro Woche ertragen? Mancher verneint dieses, ich bejahe es. Die Annahme, daß durch die staatliche Versicherung die deutschen Arbeiter in ihrer gewerkschaftlichen Zahlungsfähigkeit bedeutend beeinträchtigt würden, ist schon durch Parvus widerlegt worden. Er behauptet mit Recht, daß die gewerkschaftliche Zahlungs¬ fähigkeit der deutschen Arbeiter im Verhältniß zu den englischen durch die staatliche Kranken- und Invaliditäts-Versicherung ver¬ mehrt werde, da bei uns die Arbeitgeber einen Theil dieser Beiträge aufbringen müssen, was in England nicht der Fall ist. — Ferner: Viele tausende von deutschen Arbeitern gehören heute allen möglichen Klimbim-Vereinen an, die vielfach höhere Beiträge erheben, als die heutigen Gewerkschaftsorganisationen. Dann erinnere ich an die Fabrikkassen, an die privaten Ver¬ sicherungsgesellschaften ꝛc. — Weiter: Von was leben die Arbeitslosen? Alle nehmen sich doch unmöglich das Leben! Von dem Gelde entweder, das sie zur Zeit der Arbeit gespart haben, oder sie machen Schulden, die nachher wieder abgezahlt werden müssen, oder die verschiedensten Gegenstände wandern in's Pfandhaus und werden später gegen hohe Zinsen ausgelöst. Sind sie verfallen, so schafft man sich auf Abzahlung zu theuren Preisen neue Gegenstände an. Die Summen, die auf solchen Art und Weise zum Teufel gehen, sind natürlich erheblich größer, als wie jene, die man für die Arbeitslosen-Unterstützung zahlen würde. — „Aber durch die Verbesserung der Technik wird das Heer der Arbeitslosen immer größer, so daß schon deshalb auf die Dauer die Unterstützung der Arbeitslosen nicht durch¬ geführt werden kann“, so sagen wieder Andere. Auch dieser Ein¬ wand ist nicht stichhaltig. — Liest man die sozialdemokratische Literatur der 70er 80er Jahre, so wird man oft die Be¬ hauptung finden, daß die englischen Gewerkschaftsorganisationen ihrem Ende entgegen gehen, da sie infolge der fortschreitenden Arbeitslosigkeit die Unterstützung der Arbeitslosen unmöglich lange mehr durchführen werden können. Jetzt schreiben wir 1897 und die Gewerkschaftsverbände der englischen Arbeiter haben nicht ab, sondern erheblich an Mitglieder zugenommen und die er¬ wähnten Prophezeihungen sind nicht eingetroffen. — So schlimm steht es mit der fortschreitenden Arbeitslosigkeit nicht, wie dieses sich in den Köpfen Vieler ausmalt. Das Fortschreiten der Technik bedingt für den Kapitalisten Mehrverdienst; dieser Mehrverdienst wird entweder zur Vergrößerung der Anlagen verwandt, oder aber der betr. Kapitalist baut sich eine Villa, schafft sich andere Dinge an, die er früher nicht hatte, wodurch natürlich auf anderen Gebieten mehr Arbeiter beschäftigt werden. — Sind alle diese Einwände widerlegt worden, so kommen die Gegner der Arbeitslosen-Unterstützung mit weiteren Behauptungen gegen dieselbe. „Die Organisationen seien dann aber keine Kampfesorgani¬ sationen mehr“. Sind etwa die heutigen Organisationen Kampfes¬ organisationen?! Kämpfe haben nur dann einen Zweck, wenn sie Vorcheile , Erfolge für die Arbeiter bringen. Die heutigen Gewerkschaftskämpfe verlaufen aber in ihrer Mehrzahl zu Un¬ gunsten der Arbeiter und die hier und da noch erzielten geringen Erfolge werden den Arbeitern bald wieder entrissen. Solche Kämpfe haben in Wirklichkeit keine Bedeutung, unnütz werden Kräfte vergeudet und gewaltige Opfer vergebens gebracht. — Erst durch die Ausbauung des Unterstützungswesens, wodurch die Organisationen, wie bewiesen, stärker und fester werden, er¬ zielte Errungenschaften dauernd erhalten können, die Löhne, resp. den Arbeitsmarkt, zu beeinflussen im Stande sind, erst dadurch werden die Verbände wahre Kampfesorganisationen. — Gerade die englischen Gewerkschaftsverbände mit ihrem Unterstützungs¬ wesen haben Kämpfe durchgemacht, gegen welche die deutschen Arbeiter wahre Waisenknaben sind. — Die Einführung der Ar¬ beitslosen-Unterstützung führt nicht zur Versumpfung; die Orga¬ nisationen verlieren den Kampfescharakter nicht Wohl hat ein¬ mal eine große englische Arbeiterorganisation (Maschinenbauer) mit ausgebautem Unterstützungswesen Zeichen des Verfalls auf¬ zuweisen gehabt, doch nur deshalb, weil sie zu wenig Beamte besaß und deren ganze Arbeitskraft durch das Unterstützungs¬ wesen in Anspruch genommen wurde. Diesen Fehler hat man jedoch bald eingesehen und durch Vergrößerung des Beamten¬ wesens beseitigt. — In Deutschland, wo das Klassenbewußtsein, der Sozialismus, unter den Arbeitern tief Fuß gefaßt, ist eine Versumpfung gänzlich ausgeschlossen. — Ferner wird eingewandt, daß dann alle guten Ideale zum Teufel gehen. — Sind denn die Bestrebungen der gewerkschaftlichen Organisationen rein idealer Natur?! Ich finde das nicht. Sie wollen die Lohn- und Arbeitsbedingungen verbessern, dieses ist aber ziemlich ma¬ teriell. Wenn nun wirklich ein kleines Häuflein aus reinem Idealismus den Organisationen angehört, so möge dieses Häuf¬ lein nicht vergessen, daß krasser Materialismus die Masse be¬ herrscht, auch die Arbeiter, und mit diesem Umstande ist zu rechnen. Und dann: Wie oft werden selbst die idealst an¬ gelegten Naturen durch die Noth, durch die eherne Gewalt der heutigen Verhältnisse gezwungen, alle Ideale über Bord zu werfen. Von Idealen kann Niemand leben, und wenn der Hunger erst mitspricht, dann wird zu niedrigeren Löhnen ange¬ fangen, als die Gewerkschaft es gestattet, die Preise gedrückt, ja womöglich der Arbeitsbruder aus seiner Stellung hinausgebissen, um selbst Arbeit zu erhalten. — Daher weg mit allen diesen Redensarten, man lerne die Menschen begreifen, wie sie sind und handele dementsprechend. Weiter wird dann noch eingewandt, daß die Arbeiter, welche sich in festen Stellen befinden, nie für eine Organisation mit Arbeitslosen-Unterstützung zu gewinnen sein werden, da sie von der Arbeitslosen-Unterstützung nichts haben. Einmal, welcher Arbeiter befindet sich heute in einer festen Stellung? Der Arbeiter ist für den Kapitalisten zur Waare ge¬ worden; zu einem Gegenstand, der zu seiner Bereicherung dienen soll. Ist er erst alt geworden, kann er nicht mehr so viel leisten, wie eine jüngere Kraft, so fliegt er hinaus, und viele andere Um¬ stände können jederzeit zu seiner Entlassung führen. Dann aber hat auch der in „fester“ Stellung Befindliche einen Vortheil von der Arbeitslosen-Unterstützung. Wie ich bereits vorher zur Ge¬ nüge bewiesen habe, wird durch dieselbe der Arbeitsmarkt be¬ einflußt, das Unterbieten läßt nach, der Unternehmer wird auch mit ihm nicht so willkürlich herumspringen können, wie heute; kurz, auch er hat Nutzen von derselben. Nun ist es ja allerdings Thatsache, daß in einigen Organi¬ sationen die Arbeitslosen-Unterstützung nicht gut durchführbar sein wird. So z. B. in den Organisationen jener Industrien, wo die Heimarbeit vorherrscht, da eine Kontrolle nicht gut denk¬ bar und dem Betrug Thür und Thor geöffnet sind. Auch die Saisonarbeit, wie z. B. im Baugewerbe, bereitet größere Schwierig¬ keiten; doch läßt sich hier dadurch ein Ausweg finden, indem sie für die Zeit eingeführt wird, wo die Saison stattfindet, wie z. B. dieses die deutschen Steinsetzer beabsichtigen. Wo die Arbeitslosen-Unterstützung nicht durchführbar ist, versuche man durch andere Unterstützungszweige Mitglieder zu gewinnen und an die Organisation zu fesseln. Wächst die Mit¬ gliederzahl und die Stabilität in jenen Organisationen, wo man die Arbeitslosen-Unterstützung durchführen kann und durchgeführt wird, so muß dieses ganz naturgemäß auch einen Einfluß auf jene Organisationen ausüben, die sie nicht durchführen können. Die Macht, das Ansehen und die Bedeutung der gewerkschaft¬ lichen Vereinigung wird dann im Allgemeinen zunehmen. — Darum Einführung der Arbeitslosen-Unterstützung und anderer Versicherungszweige. IV. Der Beamtenstab der deutschen Gewerkschafts-Organisationen . Auch betreffs des Beamtenwesens haben die englischen Gewerk¬ schafts-Organisationen andere Verhältnisse aufzuweisen, als die deutschen. Sie besitzen einen größeren, besser besoldeten und stabileren Beamtenstab. Ich will hier zunächst die Gehälter der Zentralbeamten einiger englischen Organisationen angeben, um die Gegensätze zu beweisen. Die Vereinigung der Maschinen¬ bauer zahlt ihren Hauptbeamten ein jährliches Gehalt von 4200 Mk., Kesselschmiede 5875 Mk., Londoner Maurer 3182 Mk., Schuhmacher 5100 Mk. u. s. w. C. Hugo nennt diese Gehälter in seinem Werk „Die englische Gewerkvereins-Bewegung“ mäßig. — Daher ist es wohl auch erklärlich, daß die Leiter der englischen Gewerkschafts-Organisationen den deutschen überlegen sind. — Leute mit hervorragender In¬ telligenz und Befähigung finden heute in der politischen Arbeiter¬ bewegung oder aber in bürgerlichen Berufen eine besser dotirte Stellung, als ihnen die gewerkschaftlichen Organisationen bieten können. Daher werden auch der deutschen Gewerkschaftsbewegung Kräfte entzogen, die für sie Bedeutendes leisten könnten. Nichts ist so falsch, als jene Ansicht, welche in den Köpfen vieler deut¬ scher Arbeiter herumspukt, daß es ganz egal sei, wer an der Spitze steht. Die Menschen sind durch Veranlagung, Erziehung und so weiter sehr verschieden in ihrer Intelligenz, Begabung, Wissen und Talenten, weshalb auch die Person eine Rolle mitspielt. So schreibt z. B. Fr . Engels in „Die Lage der arbeitenden Klasse in England“, daß die Bergarbeiter-Assoziation von Gro߬ britannien und Irland in den vierziger Jahren zum großen Theil nur deshalb in ihren juristischen und politischen Unter¬ nehmen solche Erfolge aufzuweisen hatte, weil sie einen äußerst fähigen und energischen Anwalt, W. P. Roberts , angestellt hatte. Dann besitzen die größeren englischen Zentral-Verbände neben den Hauptbeamten festangestellte Distriktbeamten, d. h. Beamte für die einzelnen Landestheile; welche die Fragen der Agitation, Organisation, Lohnbewegungen ꝛc. zu erledigen haben. Dieser größere Beamtenstab kann nur zum Nutzen der Bewegung sein. Je mehr unabhängige Kräfte, je mehr kann für die Or¬ ganisation geleistet werden. Die Fragen der Gewerkschaftspolitik werden mit der Konzentration des Kapitals immer schwieriger, tausenden von Punkten ist jetzt eingehendere Aufmerksamkeit zu widmen, so daß es fast zur Unmöglichkeit wird, daß derjenige, welcher vom frühen Morgen bis zum späten Abend in der Fabrik thätig ist, diese Dinge genau verfolgen und entsprechend richtig handeln kann. Aus diesem Grunde geht auch unbedingt ein großer Theil der Streiks für die deutschen Arbeiter verloren. — Dann zu den Ortsbeamten. — Dieser Einrichtung fehlt in den meisten deutschen Organisationen gleichfalls jede Stabilität. Kommt man nach einem Ort, den man vor einigen Jahren ver¬ lassen hat, so findet man durchgängig neue Personen in der Gewerkschaftsbewegung. Diejenigen, die einst mit Feuereifer für die Organisationen thätig waren, sind längst von der Bild¬ fläche verschwunden, gehören garnicht mehr derselben an, haben nur noch ein mitleidiges Lächeln für die ganze Sache, oder aber sind stiller Theilnehmer geworden. — Woher diese Erscheinung? Einmal wurzelt sie in den schon vorher genügend erwähnten Umständen, in den Mißerfolgen der Bewegung, andererseits kommt noch eine weitere Ursache hinzu. — Die Beamten der Ortsverwaltungen erhalten für ihre Thätig¬ keit durchweg keine Entschädigung, ja, meistens nicht einmal die baaren Auslagen vergütet. Sie sollen alles aus „Interesse für die Sache“ machen, wie die gedankenlose Behauptung lautet. Daß dieses „Interesse für die Sache“ meistens den leitenden Ortspersonen mit materiellen Opfern verbunden ist, die sich jährlich oft über mehrere hundert Mark belaufen, wird dabei nicht berücksichtigt. Drei Sitzungen und mehr sind vielfach in einer Woche nöthig, um die laufenden und außerordentlichen Geschäfte erledigen zu können. Jede Sitzung kostet mindestens 50 Pf., dann kommen die Arbeitsversäumnisse und Ausgaben beim Suchen von Lokalitäten, Referenten, Erledigung sonstiger Dinge, Mankos, die mit den Sammlungen ꝛc. naturgemäß ver¬ bunden sind, indirekte Maßregelungen u. s. w. hinzu, und nun rechne man aus, welche materiellen Opfer solche Personen zu bringen haben. Das können sie aber unmöglich auf die Dauer. Die Wirthschaft, die Familie der Betreffenden leidet schließlich mit darunter, Streitereien brechen dieserhalb in derselben aus — und was ist die Folge davon? Die Betreffenden ziehen sich ent¬ weder gänzlich von der Bewegung zurück, oder aber werden in ihrer Thätigkeit lässig, um nicht zu große Opfer bringen zu müssen. In beiden Fällen leidet aber darunter auch die Or¬ ganisation. Sie hat fortwährend mit neuen Kräften zu rechnen, die keine praktische Thätigkeit hinter sich haben, die Lehrlinge, aber auch zugleich Feldherr sind. — Alle Erfahrungen — und diese spielen im gewerkschaftlichen Kampfe eine gewaltige Rolle — welche der Einzelne im Laufe seiner Thätigkeit gesammelt hat, und sie später nutzbringend verwenden konnte, gehen der Bewegung verloren, weil diese immer m t neuen Kräften — wie schon gesagt — zu rechnen hat und daher auch die vielen Böcke, die bei uns in gewerkschaftlichen Kämpfen ge¬ schossen werden. — Bedeutend vernünftiger und praktischer da¬ gegen handeln in dieser Beziehung wieder die englischen Organi¬ sationen. Die selbstmörderische Kurzsichtigkeit der deutschen Or¬ ganisationen fehlt ihnen auch in diesem Punkte. Sie gewähren ihren leitenden Personen pro Sitzungsabend eine Entschädigung von 50 Pfg. bis 1 Mk. Die Ortssekretäre erhalten ein kleines Gehalt, welches nach C . Hugo sich bei 300 Mitgliedern bis auf 400 Mark pro Jahr beläuft. — Hierdurch verlangen sie von ihren führenden Kräften nicht Opfer, die niemand ohne sich selbst zu schädigen bringen kann und sichern sich einen erfahrenen und tüchtigen Beamtenstab. — Natürlich wird, wenn die Organi¬ sationen mit der Ausbauung des Unterstützungswesens an Stabilität zunehmen, auch dieses einen günstigen Einfluß auf das Beamtenwesen ausüben. V. Die Sozialpolitik und die Gewerkschaften. Die Frage, ob die Gewerkschaften Sozialpolitik treiben sollen oder nicht, ist in den letzten Monaten wiederholt behandelt worden, so durch Quarck , Parvus und in den allerletzten Wochen durch einen Aufsatz von G . Maurer in der „Neuen Zeit“. Daher will auch ich meine diesbezügliche Ansicht kurz darlegen. Meiner Ansicht nach unterliegt es gar keinem Zweifel, daß die Gewerkschaften Sozialpolitik treiben müssen. — Sie haben solche auch immer getrieben, nur nicht im genügenden Maße, mehr unbewußt als bewußt und nicht planmäßig. Die Gewerk¬ schaften werden namentlich nach drei Richtungen in dieser Be¬ ziehung arbeiten müssen und zwar: 1) für die Durchführung der bestehenden Sozialgesetzgebung Sorge zu tragen ; 2) in die Verwaltungskörper der sozialen Gesetz¬ gebung einzudringen und 3) Verbesserungsvorschläge bestehender Sozialgesetze zu machen und weitere , neue Sozialgesetze zu verlangen . — Wie ich früher schon ausgeführt habe, steht durchweg die ganze Arbeiterschutzgesetzgebung nur auf dem Papier; sie wird in tausenden und abermals tausenden Fällen täglich von dem Unternehmerthum mit Füßen getreten. Das führen schon die Berichte der Fabrikinspektoren aus, und die Fabrikinspektoren können selbst bei dem besten Willen nur einen ganz geringen Theil dieses Gebietes beobachten. — Die Gewerkschaften müssen deshalb dahin arbeiten, daß die Arbeiterschutzgesetze und sonstige Vorschriften von dem Unter¬ nehmerthum durchgeführt und beachtet werden. — Wenn auch der Staat die Pflicht hat, für die Durchführung derselben durch Polizei und Gewerbeinspektion einzutreten und gewiß in dieser Beziehung von ihm noch viel zu wenig geleistet wird, so kann man doch auch nicht Alles von demselben verlangen und seine ganze Hoffnung auf sein Wirken setzen. — So gut wie der Staat nicht jedem Staatsbürger einen Polizisten in's Haus schickt und fragen läßt, ob ihn jemand bestohlen oder geschlagen hat, ebensowenig wird er jemals hinter jeden Arbeiter einen Schutzmann oder Gewerbeinspektor stellen können. Die Arbeiter werden zum großen Theil immer ihre Rechte selbst wahren müssen. Was ist aber auf diesem Gebiet bisher von den deutschen Gewerkschaften gethan? Nur äußerst wenig! Erst an einigen Orten ist man mit der Gewerbeinspektion in Verbindung getreten und hat eine Ueberwachung der Fabrikanten organisirt. So ist z. B. in Berlin mit seinen 50000 gewerkschaftlich organi¬ sirten Arbeitern in dieser Beziehung so gut wie noch nichts unternommen. Dann aber müssen die Organisationen auch da¬ für Sorge tragen, daß die Arbeiter über die Bestimmungen der bestehenden Arbeiterschutzgesetze aufgeklärt werden, da es in dieser Beziehung sehr schlimm bei den meisten Arbeitern aussieht. — Ferner sollen die Organisationen in die Verwaltungskörper der sozialen Gesetzgebung eindringen, vor Allem sollen sie die Kranken¬ kassen in ihre Hände zu bekommen suchen. Diese befinden sich vielfach noch unter der Leitung von Personen, die der Arbeiter¬ bewegung entweder feindlich oder doch gleichgiltig gegenüber¬ stehen. Die Krankenkassen liefern die Arbeitervertreter für die Schiedsgerichte ꝛc., der Berufsgenossenschaften, für die Ausschüsse, Aufsichtsräthe und Schiedsgerichte der Invaliditäts- und Alters- Versicherung. Daß es aber von großem Vortheil für die Arbeiter ist, wenn in diesen Körperschaften aufgeklärte Leute sitzen, dar¬ über herrscht wohl kein Zweifel. Anderseits vernimmt die Re¬ gierung auch öfters Mitglieder dieser Institutionen in Fragen der Arbeiterschutzgesetzgebung als Sachverständige. — Wird aber in Zukunft von den Gewerkschaften mehr als wie bisher auf diesem Gebiet geleistet, so werden sich eine ganze Reihe von Fehlern und Mängeln herausstellen, welche die Sozialgesetz¬ gebung aufzuweisen hat und die einer Abänderung bedürfen. Die Vorschläge hierzu werden naturgemäß immer die am leich¬ testen und besten machen können, welche mit diesen Dingen fort¬ während zu thun hatten und das sind die Gewerkschaften. — Anderseits aber wird es mit der Weiterentwicklung des heutigen Systems immer nöthiger, für einzelne Berufe resp. Industrie¬ gruppen Spezial-Schutzgesetze zu schaffen, so z. B. im Bau¬ gewerbe, in der Hausindustrie, bei Staats- und Kommunal¬ arbeiten, im Bergwerkswesen u. s. w. Sehr richtig sagt Par v us : „Dies alles kann aber die politische Partei nicht thun. Es wäre aber auch taktisch verfehlt, ihr diese Aufgaben zuzuschreiben. Denn sie würde dadurch ihre Thätigkeit in eine wahre Liliputaner¬ politik zersplittern.“ — Das ist unbedingt wahr. — Wie Kohlen und Erz gewogen werden soll, wie Baugerüste anzulegen sind, das werden stets die betreffenden Berufsgenossen am Besten wissen und nicht Laien. Die vor Kurzem von der General-Kommission herausgegebene Schrift über „Mißstände im Baugewerbe“ beweist uns, was die Gewerkschaften auf diesem Gebiet zu leisten im Stande sind. Solches Material hätte die politische Bewegung nie zusammen¬ bringen können. Dann aber wird auch die Agitation für solche Spezial-Schutzgesetze resp. Verordnungen immer die interessirte Branche selbst zu führen haben, womit natürlich nicht ausge¬ schlossen ist, daß auch die politische Bewegung sich mit diesen Dingen befassen kann. Nur wird sie dieses nie so intensiv können, wie die direkte interessirte Gruppe, weil ihr dazu die Berufskenntnisse fehlen. — Allerdings, so lange die Organi¬ sationen nicht stärker sind, als jetzt, so lange sie und das Be¬ amtenwesen keinen festeren Charakter haben, wie gegenwärtig, so lange werden dieselben auch Bedeutendes auf diesem Gebiete nicht leisten können. — Ob nun noch besondere Gewerkschafts- Kongresse, die sich mit diesen Fragen beschäftigen sollen, wie Quarck sie wünschte, nothwendig sind, darüber kann man wohl getheilter Meinung sein. Jedenfalls ist aber das Thatsache, daß die Parteitage sich unmöglich mit der Spezial-Schutzgesetzgebung befassen können, im Allgemeinen vielleicht ja, im Speziellen aus Mangel an Berufskenntnissen nie. Anderseits würde dadurch aber auch nur das Ansehen der Partei leiden, wenn man auf den Parteikongressen darüber sprechen wollte, wie Leitern bei Bauten zu stellen sind, wie Koakskörbe beschaffen sein sollen und welchen Minimallohn der Sattler für staatliche Arbeiten zu er¬ halten hat. Zwar würden auf den Gewerkschafts-Kongressen, die ja auch aus allen Berufen sich zusammensetzen müßten, genau so wie auf den Parteitagen den Einzelnen die Berufskenntnisse bei den verschiedensten Fragen fehlen; doch könnten diese Kon¬ gresse auch nur den Zweck haben, die allgemeinen Linien für ein planmäßiges Vorgehen in diesen Beziehungen festzulegen und um das Auge der herrschenden Gewalten mehr für die Ver¬ langen der Arbeiter zu gewinnen, als dieses durch einzelne Ver¬ sammlungen und Berufskongresse möglich ist. VI. Schluß. Vom historischen Gesichtspunkte aus ist der gegenwärtige Stand der deutschen Gewerkschaftsbewegung vollkommen be¬ greiflich. Es würde dem ewigen, eisernen Gesetze der organischen Entwickelung widersprechen, wollte man von ihr mehr verlangen, als sie heute darstellt. Nichts tritt gleich in seiner ganzen Größe, in seiner ganzen Bedeutung ins Leben, sondern muß sich vom Niedern zum Höhern, vom Kleinen zum Großen entwickeln. Die deutsche Gewerkschaftsbewegung hat kaum ihre ersten Kinderjahre hinter sich. In ihren Sturm- und Drangperioden befindlich, in dem Stadium, wo sie sich zu ihrer eigentlichen Lebensaufgabe herausbilden soll, treten allmählich, langsam immer mehr An¬ zeichen auf, daß sie diese bald begriffen haben und so zum Mann heranreifen wird. Doch wir, die wir in der Gewerkschaftsbewegung selber stehen, haben ihre heutigen Fehler nicht historisch zu entschuldigen, sondern dieselben zu beseitigen. Die Wege, welche ich vorge¬ schlagen habe, werden dazu führen. Dann erst wird die deutsche Gewerkschaftsbewegung das werden, was sie sein soll: ein Staat im Staate; ein gewaltiges Mittel zur Emanzipation des Proletariats, ein Mittel zu einer höheren gesellschaftlichen Kulturstufe. Maurer \& Dimmick. Berlin S.O. Elisabeth-Ufer . Verlag von J. Sassenbach , Berlin 4. Seit Oktober 1896 erscheint die Monatsschrift „Neuland“. Jede Nummer ist ein stattlicher Band von 64-96 Seiten. Abonnementspreis pro Quartal: 1,30 Mk. durch Post oder Buchhandel, 1,60 Mk. bei direkter Zusendung. Einzelnummer 50 Pfennige . Aus den Preßstimmen über „Neuland“ greifen wir folgende heraus: Volks-Zeitung , Leipzig: Wir verweisen darauf, daß mit Ausnahme der Conrad-Merian¬ schen Gesellschaft, es in Deutschland keine einzige Zeitschrift giebt, die in ihren Darbietungen auf den innigen und wesentlichen Zusammen¬ hang der modernen Litteratur und Kunstströmungen mit den wirth¬ schaftlichen und sozialen Erscheinungen unserer Zeit einginge. Die vorliegenden Hefte von „Neuland" beweisen, daß seine Herausgeber nicht nur theoretisch die Wichtigkeit dieses Punktes erkannt haben, denn wir finden neben einer Anzahl aesthetischer Abhandhandlungen künstlerische Darbietungen von Richard Dehmel, Gustav Falke, Julius Hart und den ersten Abdruck von Arno Holz' prächtigen Sozialaristokraten. Volksblatt für Halle : Die Redaktion der Zeitschrift ist in jeder Hinsicht bemüht, allen Anforderungen der Volkswirthschaftslehre und der Kunst gerecht zu werden. Die Zeitschrift dürfte sich bald einer großen Beliebtheit er¬ freuen. Wir wenigstens können dieselbe nur sehr empfehlen. Zeitung für Pommern : Wir machen unsere Leser auf die gediegene Zeitschrift nochmals ganz besonders aufmerksam und empfehlen dieselbe zum Abonnement auf's Wärmste. Brandenburger Zeitung : Was „Neuland“ sehr empfehlenswerth macht, ist, daß neben der eingehenden Berücksichtigung der politischen und sozialen Angelegenheiten auch andere Gebiete, insbesondere die sogenante schöne Litteratur in eigenen Produktionen wie in sorgfältiger Kritik hier eine Stätte finden. Eine Fülle von Aufsätzen auf den Gebieten der Litteratur, der Aesthetik und Kunstkritik, auch des Theaters, von Gedichten und Novellen ent¬ halten die sechs Hefte. Nicht zu vergessen sei ein fünfaktiges Drama von Arno Holz. Der I. Halbjahrsband von „ Neuland “, 472 S., mit einer Fülle von interessanten Aufsätzen und künst¬ lerischen Abbildungen, kann, solange der Vorrath reicht, zum Preise von 2,50 Mk. durch jede Buchhandlung, sowie direkt vom Verlage nachbezogen werden. Joh. Sassenbach Bücher-Versand und Verlag, Berlin 4 empfiehlt eine reiche Auswahl von Fachschriften und Lehrbücher für folgende Handwerker und Gewerbetreibende: Architekten Lederarbeiter Bäcker Maler Bauführer Maschinenbauer Bildhauer Maschinisten Böttcher Maurer Brauer Metallarbeiter Buchbinder Mühlenbauer Buchdrucker Musikinstrumentenmacher Chemiker Optiker Conditoren Photographen Dachdecker Sattler Dekateure Schachtmeister Destillateure Schlosser Drechsler Schmiede Eisengießer Schuhmacher Essigfabrikanten Seifenfabrikanten Färber Spiritusfabrikanten Gärtner Stärkefabrikanten Gerber Steindrucker Gipser Steinsetzer Glaser Stellmacher Goldarbeiter Tapezierer Gürtler Techniker Holzarbeiter Thierzüchter Holzhändler Tischler Kesselschmiede Töpfer Klempner Uhrmacher Korbmacher Wagenbauer Kupferschmiede Weber Lackirer Zeichner Landwirthe Zimmerleute. Katalog gratis und franko. Maurer \& Dimmick, Berlin S.O., Elisabeth-Ufer 55.