Die in der Liebe herumschweifende oder bestrafte Untreue, beschrieben von der Frau von D. Anno 1763. Die bestrafte Untreue. D ie schoͤne Natur lebte bey dem angehenden Fruͤhling wieder auf. Die Erde - - - - Doch dergleichen Beschrei- bungen und Abbildungen sind abge- kommen, und die ietzige Welt gehet billig kuͤrzer. Wir wollen denn ganz einfaͤltig sa- gen, daß der April-Monath angieng, da man beym Anbruch des Tages ei- A 2 nen nen der wohlgestaltesten Edelleute, mit Nahmen Don Ferdinand , aus der in Andalusien beruͤhmten Stadt Ubeda kommen sahe. Er wollte in Madrid dem damahls regierenden Koͤ- nige, Philipp dem Vierten , die Dienste seiner Vorfahren vorstellen, und um den Orden des guͤldenen Vliesses bitten. Der Gebrauch der Welt verhinderte, daß er nicht durch die Eitelkeit verblendet wurde, welche alle Spanische Edelleute beherrschet. Er trauete seinen eigenen Verdiensten so viel nicht zu, daß er hoffte, die be- schwerliche lange Zeit, die man an al- len Hoͤfen, die geringste Gnade zu er- halten, warten muß, zu verkuͤrzen. Diese Gedanken brachten ihn auf den Entschluß, seine Frau und sein gan- zes Haus mit sich zu nehmen. Die- ses war ohne Zweifel ein kluger Vor- schlag, welcher machte, daß er den Verdruß und die Beschwerlichkeiten der Reise und des Aufenthaltes vermin- derte. Don Ferdinand war kaum fuͤnf und zwanzig Jahr alt, er war seiner Gestalt und seinem Verstande nach nach allen denen Romanen-Helden gleich, von denen sich ein ieder Leser schon wird einen Begriff gemacht ha- ben. Der einzige Unterschied, wel- chen er bey dieser Aehnlichkeit hatte, war, daß er uͤberhaupt alle Frauen liebte. Sein groß Vermoͤgen hatte gemacht, daß er die Donne Marie geheyrathet, welche ihm wenigstens an Artigkeit, an Gebuhrt sowohl, als an Reichthum gleich kam. Ob sie gleich schon seit zwey Jahren verheyrathet war, und dem Don Ferdinand nach dem ersten Jahre einen Sohn gegeben hatte, so war sie doch erst siebenzehn Jahr alt. Jhr Gemahl, der bey ihren Verdiensten wenig ge- ruͤhrt war, suchte allezeit sein Gluͤck anderswo; er fand es oft ohne Muͤ- he, und ließ eine der schoͤnsten Frauen, die Spanien gebohren worden, und je gesehen, bey nahe taͤglich alleine zu Bette gehen, da er indeß die Nacht mit andern, die ihr das Gleichgewicht bey weiten nicht hielten, zubrachte. So wenig erstreckt sich der Geschmack an dem, was uns eigen gehoͤrt, der A 3 sonst sonst bey allen Menschen so stark ist, uͤber diesen Punct der Ehe. Wie unsere liebenswuͤrdige Rei- sende uͤber die hohen Berge von Sier- ra Morena mit vieler Muͤhe gestie- gen waren, so verdoppelten die Pfer- de, da sie sich in der Ebene befanden ihre Schritte, und ohngeachtet der schweren Gutsche, vor welche sie ge- spannet waren, langten sie vor Un- tergang der Sonnen in dem Flekken Viso an. Die Gutscher wollten noch weiter fahren, aber die Donne Ma- rie , die eben nicht gewohnt war, zu reisen, fand die Tagereise lang ge- nung, und wollte ausruhen. Man brachte die Kammern in Ordnung, man hohlte Eß-Waaren, man that sie zu denen, welche man nach der Spanischen Gewohnheit mitgebracht hatte; kurz, ein ieder Bedienter ließ bey seiner Verrichtung einen grossen Eifer in dem Dienst seiner Herrschaft sehen. Don - Donne Marie stieg in die Kammer, welche man ihr anwieß, und unterhielt sich mit ihren Frauen, da indeß Don Ferdinand des Wirths Nichte Cataline mit be- gierigen Augen gesehen, und sie mit desto groͤsserem Eifer angeredet hatte, weil sie uͤberaus artig war. Man kann sich leicht vorstellen, daß er mit ihr von keinen Staats-Sachen, noch von der Belagerung von Ostende , mit welcher Europa damahls sehr be- schaͤftiget war, sondern von Mitteln, die Nacht zwischen zwey Bettlaken mit ihr hinzubringen, geredet habe. Das junge Weib war seit kurzen ver- heyrathet, und fand die Sache sehr schwer. Jhr Mann war zwar ab- wesend, aber wenn man ihn auch nicht alle Augenblicke erwartet haͤtte, so kostet doch der erste Fehltritt einer Frauen allezeit viel. Diese Schwuͤ- rigkeiten vermehrten nur die Begierde des Don Ferdinands ; und das Verlangen, welches ihm die Catali- ne nicht verheelte, gaben ihm eine Beredsamkeit, welche in dergleichen A 4 Fall Fall allezeit uͤberredet. Sie wurden demnach ihrer Sachen eines, das ist, sie wieß ihm ihre Kammer und ihr Bette, und versicherte ihn, daß er um zwoͤlf Uhr zu ihr kommen koͤnn- te; eine Zeit, wo iedermann sich in sein Haus begeben, und zu Bette ge- gangen. Nachdem Don Ferdinand sei- ne Sachen so wohl eingerichtet, so gieng er in seiner Frauen Kammer, und schien so vergnuͤgt, so aufgeklaͤrt, daß sie sich nicht enthalten konnte, ihn um die Ursach zu fragen. Aber er war gewohnt, diese Art von Wahr- heiten ihr zu verheelen, und er haͤtte leicht einen Vorwand ausgesonnen: zum hoͤchsten wuͤrde ihn die Ankunft des Abendessens alsobald aus der Sor- ge gezogen haben, wenn er deswegen eine gehabt haͤtte. Cataline , die ihnen bey der Ta- fel aufwartete, schlug die Augen nie- der, und unterstand sich nicht, den Don Ferdinand anzusehen, aus Furcht, Furcht, man moͤchte die heftige Be- gierde gewahr werden, mit welcher sie gegen ihn gereizet war, und da sie die grosse Schoͤnheit der Donne Marie betrachtete, so konnte sie sich nicht schmeicheln, daß er sie verlassen, und ihr einen Vorzug geben wollte, welchen sie bey sich selbst nicht zn ver- dienen glaubte. Don Ferdinand war seiner Seits nicht freyer. Die Augen der Cataline waren so munter und fun- kelnd, daß sie ihn in Feuer brachten. Er war demnach waͤhrend des Abend- essens wegen ihrer Person in grosser Verwirrung: denn er zwang sich, sie nicht anzusehen. Nachdem sie gegessen hatten, stell- te sich Don Ferdinand , als wenn er vom Schlafe uͤberfallen wuͤrde, und, um desto besser seinen Betrug zu spie- len, ließ er unterschiedene mahle ein Buch aus seinen Haͤnden fallen. Donne Marie , welche seinen Zu- stand der Beschwerlichkeit der Reise A 5 zu- zuschrieb, und wuste, daß sie den folgenden Morgen sehr fruͤhe reisen musten, schlug ihm vor, sich zu Bette zu legen. Don Ferdinand stellte sich, als wenn er kaum aufwache, und sagte zu ihr: Gehet ihr immer zu Bette, ich will nur meinen Leuten einige Befehle geben, und hernach mich wieder bey euch einfinden. Sie wil- ligte darein. Unter dieser Zeit gieng er hurtig zur Cataline , und frug sie, ob in ihren guten Gesinnungen nichts veraͤndert waͤre? Sie kuͤßte ihn einige mahle, und versicherte ihn, daß er Herr waͤre, und aus Furcht fuͤr einen naͤchtlichen Jrrthum wieß sie ihm nochmals ihre Kammer. Er kam endlich in die seinige wieder, wo sich seine Frau bereits niedergelegt hatte. Er kleidete sich aus, ließ seine Leute gehen, verschloß die Thuͤr, legte sich zu Bette, und stellte sich alsobald dar- auf, als wenn er in den tiefsten Schlaf versunken waͤre. Donne Marie war sich nichts weniger als ein solch unzeitiges Beginnen vermu- then; sie hatte sich im Gegentheil ge- schmei- schmeichelt, daß der Schlaf nach dem Abendessen den Don Ferdinand nur munterer wuͤrde gemacht haben. Es verdroß ihr: aber weil sie seine boͤse Weise befuͤrchtete, wenn sie ihn aufweckte, so verschob sie das Spiel auf den folgenden Morgen, und schlief in einer so angenehmen Hof- nung ein. Es war diesen Tag in dem Gast- hofe zu Viso keiner als Don Fer- dinand und seine Leute: Alles schlief um eilf Uhr, wie es Cata- line vorhergesehen. Lange vorher, ehe die Glocke geschlagen, hatte sie ge- horchet, ob derjenige, nach welchen sie sich mit so vielem Eifer sehnte, nicht ankaͤme, und ob er nicht an ihre Thuͤr schluͤge. Aber Don Fer- dinand , der eben die Ungeduld aus- stand, ließ sie nicht lange warten. Er stand von seiner Frauen auf, nahm seinen Mangel, oͤfnete die Thuͤr wie ein Dieb, ließ sie offen, und gieng hinaus. Da er an der Thuͤr der Catalein war, so rufte er er sie mit leiser Stimme, und im Augenblick fuͤhlte er, daß er aufs feu- rigste umarmet wurde. Er hielt sich bey den trockenen Reden nicht auf; an welchen sich die Verliebten gemei- niglich vergnuͤgen, und, wenn er Willens gewesen waͤre, eine so kost- bahre Zeit so schlecht anzuwenden, so haͤtten ihn dich die Kuͤsse, die Lieb- kosungen der Cataline keine Frey- heit dazu gelassen. Er nahm sie also in seine Arme, er warf sie auf ihr Bette, ohne daß seine Lippen ihren schoͤnen Mund verliessen; und wer kann die Hitze und die Trunkenheit dieser ersten Vergnuͤgungen beschrei- ben? welche Verlangen, Zwang und Neuigkeit zeugte. Nach diesen koste- ten sie von einer andern Art viel laͤn- gere und angenehmere, dabey Cata- line eben so munter, als Don Ferdinand hitzig war. Einige Zeit nachher, als Don Ferdinand aus seiner Kammer ge- gangen, war einer von seinen Edel- knaben, mit Nahmen Valerio , von acht- achtzehen Jahren, sehr klug und schoͤn, durch etwas nothwendiges auf- geweckt worden. Er stand auf, und gieng hinab, seines Behufes zu thun. Er war mit einem von seinen Came- raden zu Bette gegangen, welchen er nicht aufwecken wollte. Die Kam- mern dieses Gasthofes waren so ein- gerichtet, daß deren drey hinter ein- ander waren, welche auf einen gros- sen Gang zugiengen. Don Fer- dinand und seine Frau hatten die- jenige inne, welche am meisten von der Treppe entfernet war, die Edel- knaben schliefen in der andern, und die Frauen der Donne Marie wa- ren in der ersten. Weil Valerio ohne Licht wieder hinauf gieng, so verirrte er sich leicht, und erkannte die Kammer nicht, aus der er gegan- gen war. Wie er die Kammer sei- ner Frauen offen fand, so gieng er ohne einiges Bedenken hinein, er such- te sachte sein Bette, indem er der Mauer folgte, er fand es, und leg- te sich nieder. Das Geraͤusch, wel- ches er machte, um sich in seinem Bette Bette zurechte zu legen, weckte die Donne Marie auf, welche ihn, da sie ihn fuͤr ihren Mann hielt, leb- haft umarmete, und zu ihm sagte: Mein Schatz, wie kalt seyd ihr? und indem sie ihre Fuͤsse zwischen die sei- nigen legte, so machte sie ihm tau- send Liebkosungen. Sie hatte so sach- te geredet, daß der Edelknabe der Un- terschied der Stimme nicht bemerket; er glaubte bey einem von seinen Ca- meraden zu seyn, und lachte seines Jrrthums, oder des Traums, der ihn uͤberredte, daß er mit einer Frau zu Bette gegangen. Wie er aber einen Augenblick nachher fuͤhlte, daß viel weichere und zaͤrtere Haͤnde auf eine besondere Art ihn anruͤhrten, und daß man zu ihm sagte: Kehret euch doch, mein Herz, auf meine Seite, und habt zum wenigsten nicht die Grau- samkeit, mir einen Kuß abzuschlagen: Was, ihr wollet nicht? sprach eine englische Stimme; da erkannte Va- lerio seinen Jrrthum deutlich, und konnte nicht zweifeln, daß er in den Armen der Donne Marie waͤre. Es Es uͤberfiel ihn ein Schrekken, aber wie er sich wieder erholet hatte, so be- griff er die ganze Wahrheit der Sa- che; denn er hatte etwas von dem Umgang der Cataline mit Don Ferdinand gehoͤret. Er hoffte, daß sein Stillschweigen die Donne Marie noͤthigen wuͤrde, wieder ein- zuschlafen, und daß er alsdann sachte aufstehen, und in seine Kammer zu- ruͤckkehren koͤnnte. Aber Donne Marie war allzusehr erhitzt, sich zu maͤßigen, und die Liebkosungen, welche sie demjenigen, den sie fuͤr ihren Mann hielt, machte, fiengen an ihn zu erhitzen, gleich einem halb versaͤuf- ten Sperling, den man gegen die Hi- tze des Feuers haͤlt. Valerio wur- de ganz entzuͤndet. Welcher Marmor haͤtte den lebhaften und bestaͤndigen Umarmungen zweyer Arme, die weis- ser als Alabaster waren; den Kuͤssen eines rosenrothen Mundes, und der frischer als der Thau war; den abge- kuͤrzten Worten, die durch das Ver- langen unterbrochen, und mit einer jungen, zarten und ruͤhrenden Stimme aus- ausgesprochen wurden, widerstehen koͤnnen? So hatte auch dem Vale- rio die Schoͤnheit seiner Frauen schon hundertmahl geblendet, seitdem er in ihren Diensten war. Er vergaß all- maͤhlich das Unrecht, das er seinem Herrn anthaͤt, er kuͤßte ihren schoͤnen Hals, ihren niedlichen Busen, und ih- ren unvergleichlichen Mund, ohne sich eigentlich entschliessen zu koͤnnen, was am meisten vorgezogen zu wer- den verdiente. Er war in dieser an- genehmen Unentschlossenheit, als sie zu ihm sagte: Toͤdte mich nicht, mein werther Schatz, durch so viel Liebko- sungen; du willst mich in deinen Ar- men sterben lassen; wenn du mir das Leben wieder geben wilst, so vergnuͤge meine und deine Begierden. Welcher Mensch haͤtte so lange gewartet, sich uͤberwunden zu lassen? Er uͤbergab sich demnach mit eben so viel Vergnuͤgen und Nachdruck, als sein Herr bey des Wirths Nicht gebrauchen konnte. Gleichwohl erregten diese Umarmungen, die viel lebhafter und feuriger waren, als diejenige, welche sie gemeiniglich von von ihrem Manne empfieng, die wie- derhohlten Kuͤsse, das Stillschweigen bey dergleichen Gelegenheit, die un- gleich dergleichen Gelegenheit, die un- gleich groͤssere Munterkeit und Bemuͤ- hung, bey ihr einen Argwohn, so bald die erste Verblendung der Wol- lust vorbey war. Auf der andern Sei- te befand sich der Edelknabe in einem grausamen Zustande; er glaube all Augenblicke seinen Herrn mit einem Dolche ankommen zu sehen, mit wel- chem er ihm nach hundert Stoͤssen das Leben naͤhme; er unterstand sich nicht, seine Frau um Vergebung zu bitten, und ihr die Wahrheit zu entdecken: Er sahe die Schwierigkeiten, sie zu ver- lassen, ohne ihr etwas zu sagen: Er befuͤrchtete, Donne Marie moͤch- te ihrem Mann wider ihren Willen durch die blosse Erzehlung dessen, was vorgegangen waͤre, davon Nachricht geben. Kurtz, er sahe sich vielleicht eben so sehr durch die Unruhe gemar- tert, als er von seinen Ergoͤtzungen bezaubert war. Nach alle dieser Un- schluͤßigkeit nahm er sich vor, zu ihr zu reden, als waͤre er bey der Chi B mene , mene , einer von der Donne Ma- rie Frauen, mit der er einen heimli- chen Liebes-Handel hatte, der aber durch die strengen Befehle des Don Ferdinands unterbrochen war. Folglich, wiewohl er keinen weiten Weg zu gehen hatte, nahete er sich zu ihr, und umarmete sie mit vieler Jnnbrunst; da er aber sahe, daß sie ihm nichts antwortete, und daß ihre Verwirrung und ihr Nachsinnen alle ihre Empfindungen hemmeten, so sprach er zu ihr: Jch haͤtte mir, meine wer- the Chimene , niemahls auf die Guͤ- tigkeit Hoffnung gemacht, welche du mir eben bezeuget hast: Jch befuͤrch- tetet, des Don Ferindands Ver- both moͤchte alle die Liebe, die du mir so oft zugeschworen hast, aus deinem Herzen vertrieben haben: aber, setzte er hinzu, indem er sie kuͤßte und lieb- kosete, nachdem du mir dieses zuge- standen hast, so ist keine Gefahr, der ich mich nicht aussetzen koͤnnte, um von dir die Proben eines so grossen Gluͤcks zu empfangen; Aber, meine artige Schoͤne, warum sagst du nichts zu zu mir? was fuͤrchtest du? Deine Ge- sellin ist unsere Vertraute; wenn sie uns hoͤrte, wuͤrde nicht viel daran ge- legen seyn: Don Ferdinand muß dir nicht die geringste Unruhe verursa- chen, er ist ietzo in den Armen der Nicht des Wirths: Donne Marie ist in den tiefsten Schlaf versunken, und weiß nichts von der Untreue, wel- che ihr Mann gegen sie begehet. Die- se mit Liebkosungen und Kuͤssen beglei- tete Worte liessen bey der Donne Marie gar keinen Zweifel. Da sie aber sahe, daß sie nicht Unrecht haͤt- te, und daß der Himmel ihren Mann auf eben die Weise haͤtte strafen wol- len, als er sie beleidiget, so gab sie dem Valerio einen von ihren Ohr- ringen; denn sie hatte vergessen, sel- bige beym Bettegehen abzunehmen, und sagte zu ihm so leise als es ihr moͤglich war: Nimm, gluͤckseliger Juͤngling, diesen Zeugen, und mor- gen solt du dasjenige erfahren, was dir begegnet ist: sey verschwiegen uͤber dein gutes Gluͤck, wenn du nicht willst grausam gestraft werden - - - - B 2 Der Der Edelknabe stand auf, ohne zu antworten, kam wieder in seine Kam- mer, schloß seine Thuͤr zu, und legte sich bey seinen Cameraden, der nicht aufgewacht war. Wer kann sich die angenehmen Bilder vorstellen, mit denen Vale- rio alsdann beschaͤftiget war? Weil sie frey von aller Furch waren, so mahlten sie ihm den Besitz einer so schoͤnen Frau, als Donne Marie , mit lebhaften Farben vor; er wie- derhohlte bey sich alle Umstaͤnde sei- nes genossenen Vergnuͤgens, und er haͤtte sich gern allen Gefaͤhrlichkeiten ausgesetzt, um es noch einmahl zu schmecken. Zu eben dieser Zeit war Donne Marie mit der Schoͤnheit, mit dem artigen Wesen und mit der Bescheidenheit beschaͤftiget, welche sie in der Gestalt und in allen Hand- lungen des Valerio allezeit bemerket hatte; und sie konnte uͤber das, was ihr begegnet war, nicht mißvergnuͤgt seyn. Sie freuete sich so gar, daß sie sich an ihrem Manne mit so viel Un- schuld schuld auf ihrer Seite hatte raͤchen koͤnnen. Aber wie sie hernach sa- he, daß ihr Mann nicht wieder kam, so klagte sie ihre Einfalt an, und bestrafte sich selbst, daß sie den Va- lerio so geschwind weggehen las- sen, dessen Verrichtungen einen laͤn- gern Aufenthalt verdienten. Der Edelknabe und sie endigten ihre an- genehme Gedanken mit einem suͤssen Schlafe, der auf die Ergoͤtzungen folget. Lasset uns wieder auf Don Fer- dinand kommen. Er war noch kei- ne zwo Stunden bey der Cataline gewesen, als ihr Mann Roderige an die Pferdstall-Thuͤr pochte; sie war so weit von seiner Frauen Kam- mer, daß sie ihn nicht hoͤren konnte. Der Stall-Knecht, der ihn an der Stimme erkannte, oͤfnete ihm eiligst die Thuͤr. Diesem gab er sein Pferd, band seinen Mantel-Sack ab, nahm ein Licht, und giengt geschwinde nach seiner Kammer, wo unsere Verlieb- ten ihn nicht erwarteten. Sie gedach- B 3 ten ten so wenig an ihn, daß er zwey oder dreymahl an ihre Thuͤr pochte. Wer ist da? frug Cataline : Jch bin es, antwortete Roderige . Wer bist du? versetzte sie: Es ist dein Mann, sagte er, indem er seine Be- theurungen verdoppelte, kennest du mich nicht? Nach dem Cataline hier al- le ihre Sinne zusammenfaßte, und in der That ihren Mann erkannte, so bliebt sie mehr todt als lebendig, und fand kein ander Mittel den Don Ferdinand zu retten, als ihn un- ter das Bette zu verstecken. Allein wie man in dergleichen Faͤllen nicht alles vorhersehen kann; so blieb sein Mantel auf dem Tische, wohin er ihn beym Hineingehen geworfen hatte, liegen. Nachdem ihr nun deuchte, daß alles eingerichtet, so sagte sie ganz laute: Bist du es denn, mein lieber Roderige , so sey willkommen; aber wer erwartete dich so spaͤt? ha- be ein wenig Gedult, denn ich habe kein Licht, laß mich aufstehen. Als sie endlich die Thuͤr geoͤfnet, und ihr Mann sie beynahe nackend und vol- ler ler Anmuth sahe, wie alle Frauen nach einer solchen Beschaͤftigung schei- nen, so wollte er sie auf das Bette werfen. Sie aber, die von einer Per- son, die ihr mehr als ihr Mann ge- fiel, vergnuͤgt war, wegerte sich, und sagte zu ihm, er moͤchte ein wenig Ge- duld haben, er koͤnnte sich erhitzen und Schaden thun, zudem haͤtten sie die Nacht vor sich. Roderige wurde ganz eingenom- men, wie er sage, daß sie mehr An- theil an seiner Gesundheit, als an ih- rem eigenen Vergnuͤgen, nahm, so maͤßigte er sich, und entfernte sich, aus Furcht, noch entbrannter zu werden. Damit er ihr aber einige Kleinigkeiten, die er ihr in der That mitgebracht hatte, zeigen moͤchte, so oͤfnete er seinen Mantel-Sack, und wie er sie auf den Tisch legen wollte, so war das erste, was er beym Ab- raͤumen gewahr wurde, der Mantel von Don Ferdinand , daruͤber sie sehr verwirrt wurde. B 4 Da- Damit nun Cataline die Ge- fahr, in welche sie und ihr Liebhaber deßfals liefen, abwenden moͤchte, so sagte sie mit einer bewunderswuͤr- digen Hurtigkeit des Verstandes, welche die Weiber in dergleichen Fall allezeit haben werden: Jch wette, daß ich auf diesem Tische etwas wer- de liegen gelassen haben, und da sie immer naͤher hinzu gieng, und den Mantel nahm, so machte sie sehr viel Zeichen des Creuzes, und sag- te: Ach, ich bin toll, und habe nicht mehr Verstand, dieses offenbahr lie- gen gelassen zu haben; wenn ein an- derer als du hier herein gekommen waͤre, so wuͤrde mir meine Nachlaͤs- sigkeit theuer zu stehen kommen. Der Mann, der von dem, was sie ihm sagte, nichts verstand, antwortete ihr mit Kopf-Schuͤtteln: was be- deutet dieser Mantel, und alle die Geberden, welche du machst? Du sollst es wissen; aber, setzte die Ver- schlagene hinzu, indem sie die Thuͤr aufmachte, und draussen umher guck- te, laßt uns sehen, ob uns niemand hoͤre. hoͤre. Nach aller dieser Vorsichtig- keit verfolgte sie weiter: Erinnerst du dich des Herrn nicht mehr, wel- cher die verwichene Tage hier schlief, und nach Sevilien gieng? Was fuͤr ein Herr? sagte der Mann. Ein junger Mensch, versetzte das Weib, der hiedurch gieng ohngefehr fuͤr einem Monathe, der mit einem braunen mit Golde besetzten Laken und einer rothen Weste bekleidet war, auf einem braͤunlichen Pferde saß, daran der Sattel, die Decke und Pistolen- Kappen und Gallaunen verbremet wa- ren? Jch erinnere mich davon nichts, antwortete ihr Roderige . Du lie- ber GOtt? was hast du ein schlecht Gedaͤchtniß, unterbrach Cataline , willst du wetten, daß ich machen wer- de, daß du dich seiner erinnerst. Zu gleicher Zeit oͤfnete sie einen Koffer, aus welchem sie eine silberne Schale hervorlangte, welche ihr Mann dem Koche des Herrn gestohlen hatte, und wie sie ihm dieselbe wieß, so sagte sie: Du hast ohne Zweifel den Herrn dieser Schale nicht vergessen. B 5 Ja Ja ja, rief der Mann, es faͤlt mir einiger maassen wieder ein. Eben dieser Herr, fuhr Cataline fort, gieng vor acht Tagen mit eben dem Gefolge wieder hiedurch, und weil die Nacht einbrach, so wurde er ge- zwungen hier zu schlafen. Als sich seine Leute abgesetzt hatten, machte ein jeder seinen Mantel-Sack loß, einer aber unter ihnen, der einen Knoten in dem Strick, womit er gebunden war, (denn er hatte vermuthlich seinen Riemen verlohren,) nicht aufloͤsen konnte, legte seinen Mante bei seite, um weniger be- schwert zu seyn, und warf ihn auf einen Stuhl; er machte endlich sei nen Knoten auf, und hab sein Pferd dem Stall-Knecht, er trug nachher sein Felleisen weg, aber er vergaß sei- nen Mantel, gleich als wenn er ihm niemahls zugehoͤret haͤtte, und gieng in seine Kammer hinauf. Jch gab indessen Acht, was vorgient, und da ich sage, daß niemand die Augen nach mir hatte, so nahm ich den Man- tel und verbarg ihn so wohl, daß ihn nie- niemand nachher gesehen oder ange- troffen. Zum Gluͤck fuͤr mich langte in diesem Augenblick eine so grosse An- zahl Fuhrleute und Fußgaͤnger an, daß das ganze Haus voll war. Eine Stunde nachher erinnerte sich der Herr seines Mantels, und suchte ihn da, wo er ihn liegen gelassen, und wo er nicht mehr war. Es war ver- geblich, daß er hundertmahl sagte: Jch habe ihn doch da liegen lassen, wer hat ihn mir doch weggenommen? Jch antwortete ihm mit Lachen: Wer ihn weggenommen hat, wird nicht kom- men, und es euch sagen. Wie der gu- te Mensche endlich die Menge Leute sa- he, welche aus dem Hause aus und eingegangen waren, so begab er sich weg, und gestand durch sein Still- schweigen, daß er den Verlust, den er gelitten, keinen als sich selbst zuschrie- be. Endlich, sagte sie weiter, der Mantel blieb mir, und nach der Zeit habe ich ihn in meinen Kasten gelas- sen. Diesen Abend habe ich ihn oh- ne daran zu denken herausgezogen mit deinen Hemdern, welche ich ausbes- sern sern wolte, und mit deinem neuen Kleide, welches du meiner Meynung nach morgen anziehen wirst, denn es ist Sonntag, und ich wuͤrde mich sehr betrogen haben, wenn du nicht waͤrest wieder kommen. Jch habe schaͤndlich vergessen, ihn wieder zu verstecken, um dich zu verhindern, ihn zu verkaufen, wie du viel anderen Sachen gethan hast, ohne mir etwas davon abzugeben. Sie endigte diese Geschichte, indem sie trau- rig und mißvergnuͤgt uͤber ihn schien. Roderige aber fieng an zu lachen, und antwortete ihr: GOtt behuͤte dich fuͤr Ungluͤck, da er dir so gute Haͤnde gegeben. Bey meiner Treue, fuhr er fort, diesen Mantel koͤnnte ein heiliger Georg tragen: wir wol- len ihn verkaufen, und das Geld da- vor theilen, ich gebe dir mein Wort. Und nachdem er ihn von verschiedenen Seiten umkehrte, so sagte er: Er ist wohl zwanzig Thaler werth; aber sage mir: Weiß dein Vetter nichts von dieser Sache? Behuͤte GOtt, ant- wortete Cataline , wenn er es wuͤ- ste, so wuͤrde er wenigstens die Helf- te te davon verlangen. Jch werde nichts zu ihm sagen, fuͤrchte nur nichts; un- terbrach Roderige : und uͤbermor- gen will ich ihn zu Almagro oder zu Santa Crux verkaufen. Don Ferdinand , der von der List und Hurtigkeit des Verstandes der Cataline eingenommen wurde, haͤtte gern zwoͤlf Mantels gegeben, um den Mann hinaus gehen zu sehen. Er hatte es, nach seiner Art sehr schlecht; er war sehr kalt, nackend im Hemde auf dem Boden, daß er befuͤrchtete, niemahls aus dieser Kammer wieder zu kommen. Jndeß wollte Roderige sich auskleiden, um bey seiner Frau zu schlafen, welche sich wieder ins Bette gelegt hatte. Wie aber Cataline sa- he, daß dieses kein Mittel waͤre, den Don Ferdinand wegzuschaffen, so sagte sie: Jch vergesse bald, dir ei- ne halbe Flasche Ribadatica Wein trinken zu lassen, du hast so etwas gu- tes niemahls getrunken. Ehe du dich zu Bette legest, so gehe in die Kuͤ- che; du wirst finden, was ich dir auf- geho- gehoben habe mit einer Keule von ei- nem Rebhune in einer porcellanen Schuͤssel. Und woher kommt mir die- se schoͤne Mahlzeit, versetzte Rode- rige , der wenigstens eben so fraͤßig als diebisch war. Sie antwortete: Die Frau eines Herrn, welche hier schlaͤft, hat es mir gegeben, da ich ihr beym Abendessen aufgewartet. Jst die- se Frau alleine hier? versetzte der Mann. Sie frug: Was soll diese Frage? Wenn keiner bey ihr waͤre, sagte er, so wollte ich mein Gluͤck versuchen. Und was fuͤr ein Gluͤck? unterbrach ihm die Frau, indem sie sich unwillig anstellte; wenn du dich bey ihr se- hen liessest, so wuͤrden dich ihre Die- ner hundert Schlaͤge mit dem Steig- Riemen geben. Du gute Frau, Ca- taline , versetzte Roderige , ich wuͤrde ihren Hahnrey von Mann bey ihr antreffen, der sich vielleicht nicht unterstehen wuͤrde, mir etwas davon zu sagen. Aber da ich seit einer vier- tel Stunde trocke schwatze, so wer- de ich durstig, und das Andenken des guten Weins macht mir einen so gros- sen sen Durst, daß ich nicht mehr aushal- ten kann. Du kannst ihn holen, sag- te ihm Cataline , ich habe ihn in das kleine Schrank verschlossen; du wirst um desto besser thun, wenn du alsobald hingehest, weil ich den jun- gen Purschen, der in der Kuͤche die- net, fuͤrchte: Er mag den Wein wohl, er naschet aͤrger als eine Ka- tze, wenn du bis morgen wartest, so wird er dir vielleicht zuvorgekommen seyn. Jch will es ihn wohl verbie- ten, versetzte Roderige , und fuͤhr- wahr, ich habe es noͤthiger als er. Jndem er dieses sagte, so wollte er einen von seinen Schuhen kriegen, der unter seinen Fuͤssen weggekommen, und weit unter das Bette geschurret war. Da er ihn aber ohne Licht nicht finden konnte, so wollte er es von dem Tische holen. Cataline , welche die Gefahr sahe, die sie lief, kam geschwinde aus dem Bette, nahm ihm das Licht, das er schon hatte, weg, und sagte mit einer zornigen Stimme zu ihm: Kannst du nicht einmahl nach einer halben Stunde einen Schuh Schuh finden? und indem sie sich von der Seite des Tisches kehrte, so such- te sie ihn wo sie wohl wuste, daß er nicht war. Der Mann wurde unwillig, wie er sahe, daß seine Frau mit blossen Fuͤssen gieng, und sagte zu ihr: Jch glaube, du hast den Verstand verlohren, willst du dir ei- ne Krankheit zuziehen, welche uns al- le unser Geld kosten wird? Lege dich nieder in dein Bett; ich hab, GOtt Lob! Verstand genung, einen Schuh ohne deine Huͤlfe zu finden. Man kann leicht von der Angst urtheilen, die Don Ferdinand in diesem Augenblick ausstand. Er war unge- zweifelt verlohren, wenn Cataline sich nicht gestellt haͤtte, als stoßte ihr etwas unter die Fuͤsse, und mit dem Leuchter und Lichte nicht gefallen waͤ- re, welches sie also auszuloͤschen das Gluͤck hatte. Waͤhrend dieser Zeit, daß der Mann sie aufhelfen wollte, so naͤherte sich die Frau an das Bet- te, griff mit dem Arm unter das- selbe, und ruͤhrete die Fuͤsse des Don Ferdinands an, der ihre Hand Hand fuͤr ihres Mannes Hand hielt, und im Begriff war, heraus zu sprin- gen, um sein Leben zu vertheidigen, und ihn mit dem Dolche zu toͤdten, den er bey sich behalten hatte. Da aber die Person, welche ihn anruͤhr- te, kein Wort sagte, so uͤberredete er sich der Wahrheit: und nachdem Cataline endlich den Schuh, den sie tausendmahl verfluchte, wieder ge- funden hatte; so gab sie ihn ihrem Manne, welcher seiner Seits das Licht und den Leuchte hielt, die Finsterniß, Frau, Schuh und sich selbst allen Teufeln uͤbergab. Darauf fand sich Cataline trotzig, oder wenigstens fieng sie an, in ihren Sa- chen klaͤrer zu sehen, legte sich in ihr Bette, hieß ihren Mann naͤrrisch und tumm, und sagte endlich: Fuͤrwahr ich glaube, daß er nicht Herz ge- nung hat, ein Licht anzuzuͤnden. Man kann sich nicht besser verant- worten, als mit Dingen, die wehe thun, oder die gleichguͤltig sind: das ist noch eine von den natuͤrlichen Ga- ben der Weiber, daß sie dergleichen C leicht leicht erfinden. Dieser Vorwurf griff die Ehre des Roderigen an, und ganz fluchend sagte er: Du solst se- hen, ob ich es nicht anstecken wer- de. Alsobald gieng er hinaus, um in die Kuͤche zu gehen, wo er glaub- te, Feuer und fuͤrnemlich den Wem, davon ihm seine Frau gesagt hatte, zu finden. Er war noch nicht vier Schritte von der Thuͤr, als Cata- line aufstunde, den ungluͤcklichen Don Ferdinand eiligst zu erloͤsen, der vor Kaͤlte erstarret, mit Federn und Dreck bedeckt, sich nicht zwey- mahl sagen ließ; wegzugehen. Er unterstand sich nicht, in dem Stan- de, worinn er sich befand, bey sei- ne Frau zu kommen; er gieng dem- nach nach der Kammer seiner Edel- knaben, er schlug zwey oder drey- mahl an ihre Thuͤr. Valerie schlief noch nicht, er frug: was man woll- te? Und wie er seines Herrn Stim- me erkannte, so uͤberfiel ihn ein Schrecken; und, ohne zu erwegen, daß Donne Marie nicht wuͤrde gestanden haben, was sich zugetra- gen, gen, zweifelte er nicht, da er von der Wahrheit berichtet, und nun kaͤ- me, ihn seiner Rache aufzuopfern. Er stund demnach ganz erschrocken auf, da er einen kalten Schweiß hat- te; und seine Furcht war um desto staͤrker, weil die Kammer keinen an- dern Ausgang hatte, und die Fenster mit Gittern vermacht waren. Es fehlte wenig, daß er nicht seinen Herrn zu Fusse fiel, indem er die Thuͤr aufmachte, und ihn nicht um Verzeihung seiner Untreue bar. Da er ihn aber bey dem Monden-Schein so bleich und erschrocken sahe, daß er Muͤhe gehabt haͤtte, ihn zu erkennen, und an ihm kein Zeichen der Eifer- sucht gewahr wurde: so sammlete er die Kraͤfte seines Geistes, um zu wis- sen, was er ihm befehlen wollte. Ohngeachtet seiner Bemuͤhung, sich zu zwingen, merkte Don Ferdi- nand seine Verwirrung, und frug ihn um die Ursache. Valerio sag- te ihm mit zitternder und undeutli- cher Stimme, daß der Zustand, in welchem er ihn faͤnde, wie er voll C 2 Schre- Schrecken erwacht waͤre, ihm eine Bestuͤrzung verursachte, davon er sich lange nicht erhohlen wuͤrde. Don Ferdinand , der mit andern Sa- chen beschaͤftiget war, und er nicht im Stande war, diese Fragen weiter zu treiben, befahl ihm das Still- schweigen; vertrauete ihm seine Be- gebenheit, forderte ein Hemd, und befahl ihm, geschwinde Feuer zu ma- chen. Der Edelknabe zog den Stroh- Sack aus seinem Bette, und fand ei- nige in der Asche gebliebene Kohlen. Jm Augenblick waͤrmete sich Don Ferdinand , reinigte sich, that seiner Frau, da er in das Bette wie eine Schlange kroch, aus Furcht sie aufzuwecken. Unter dieser Zeit bließ Roderige einen Brand an, und brachte mehr als eine Viertel-Stunde zu, eher er sein Licht ansteckte. Wie diese gros- se That geschehen, so gieng er gera- de auf den kleinen Schrank zu, und fand die Schuͤssel und die Flasche. Aber Aber das eine war so rein, als das andere leer. Er bekam den Argwohn wieder, den ihm seine Frau gegen den kleinen Jungen gemacht hatte: und da er einen grossen Stock un- ter seinen Haͤnden fand, so gieng er nach seinem Bette, und weckte ihn mit so guten Schlaͤgen auf, daß der arme Junge, der ihn fuͤr den Teu- fel hielt, die Flucht nahm, und tau- send Zeichen des Creuzes machte, und alle Heiligen im Himmel anrief. Jndeß verfolgte ihn Roderige im- mer, und schlug zu, indem er sag- te: War der Ribadatica gut? war das Rebhuhn muͤrbe? Endlich entkam der arme Junge, ohne et- was von dem, was er ihn frug, ver- standen zu haben, in den Hof, und versteckte sich in dem Stalle. Wie Roderige eine solche ungerechte Zuͤchtigung verrichtet hatte, indem Cataline selbst alles getrunken und gegessen hatte; so wollte er sich zu Bette legen, doch nicht ohne vorher seiner Frauen seine Ausrichtung, die er gethan hatte, zu berichten. Ca- C 3 taline taline lobte ihn, und vergaß nicht, den aus Geitz und Filtzigkeit so oft wiederhohlten locum communem oder Lehr-Spruch, daß es nicht sowohl um den Werth der Sachen, als um der Folgen waͤre, welche sie nach sich ziehen koͤnnten. Sie umarmeten sich darauf, und liebkoseten sich nach ih- rer Gewohnheit; da indeß Valerio sich von seinem Schrecken erhohlte, und den Rest der Nacht wach blieb: So viel Vergnuͤgen verschaffte ihm das Gluͤck seines Liebes-Handels. Nach dem Befehle, den die Gut- scher und Stall-Bediente den Abend vorher empfangen hatten, wollten sie beym Anbruch des Tages ihrem Herrn berichten, daß sie fertig zu reisen waͤren. Aber die Stille und Dunkelheit, welche da herrschten, sag- ten ihnen des Don Ferdinands Schlaf; deswegen unterstanden sie sich nicht, ihn aufzuwecken. Don- ne Marie hoͤrte sie, und erinnerte sich anfangs nur als in einem Trau- me, was ihr mit dem Edelknaben begeg- begegnet war. Jnzwischen ihr Ohr- ring und andere Merkmaale sagten ihr bald die Wahrheit; und aus dem Schlafe ihres Mannes konnte sie ur- theilen, daß er wenigstens die Nacht eben so gut hingebracht. Sie glaub- te, daß ihm der Schlaf noͤthig waͤ- re: sie stand auf, rief ihre Frauen, um sich anziehen zu lassen, und sag- te ihnen, daß sie die ganze Nacht ge- schlafen, ohne aufzuwachen. Denn ie weniger man zu luͤgen gewohnt ist, desto besser ist es, sich auf eine Luͤ- ge zu schicken, die man vorher wohl ausgedacht. Wie Chimene sie aufsetzte, sagte sie zu ihr: Jch glau- be, meine Frau, daß ihr einen von euren Ohrringen verlohren habt. Nein, sagte sie, er fiel gestern auf die Erde, und ich habe ihn dem Va- lerio gegeben, um ihn euch wieder zuzustellen. Chimene gieng also- bald hin, ihm zu sagen, den Ohr- ring zu bringen, den ihre Frau ihm in Verwahrung gegeben. Valerio , der wohl verstand, was die Donne Marie ihm zu verstehen geben woll- C 4 te, te, brachte ihr denselben; da sie ihn aber sahe, und von dem, was vor- gegangen, noch eingenommen war, so erroͤthete sie, und erhoͤhete dadurch ihre Schoͤnheit. Valerio wurde nicht weniger verwirrt, und unter- stand sich nicht, sie anzusehen. Don Ferdinand zog sie aus dieser Sor- ge, indem er aufwachte; aber er bat seine Frau, seine Leute zu ihrer Rei- se nicht anzutreiben: Jch wollte, sag- te er, erst Nachmittage reisen. Seyd ihr unpaß? frug ihn Donne Ma- rie . Nein, antwortete er ihr, ich habe Kopfweh, welches ein Schlaf von einigen Stunden sicher vertrei- ben wird. Schlafet! versetzte sie; man soll alles hier zumachen, und un- terdeß will ich mit meinen Frauen in die Messe gehen. Wie sie wieder aus der Kirche kam, wurde sie eines Herrn gewahr, der eine Frau zu Pferde begleitete, welcher eine Jungfrau und drey oder vier wohl bekleidete Bediente folgten. Die Tracht dieser Leute erweckte in ihr eine eine Neugier. Sie stand stille, um sie zu betrachten, und wurde billig von der schoͤnen Leibes-Gestalt, von dem artigen Wesen und von der gu- ten Wahl der Kleider dieser Frau eingenommen. Sie ritte einen weis- sen Zelter, dessen von Gold reicher Sattel von viel roͤthern, als Coral- len, Brasilien-Holz war. Das Kuͤs- sen, auf dem sie saß, war von kar- mesin Tassent, mit durchgeneheten Spitzen besetzt. Sie hatte ein Wams von Silber-Damast mit sechs Bor- ten von Gold; ihr Rock war von eben dem Zeuge. Die Brust bedeck- te ein mit Gold durchwirktes Tuch, und ihr Hut war ganz mit Federn bedeckt. Dieser Haufe gieng eines nach dem andern vor der Donne Marie her. Aber eine Haube von weissen Taffent, welche das Gesicht der Frau bedeckte, verhinderte, daß die Neugier der Donne Marie nicht vergnuͤget wurde. Sie konnte sich nicht anders einbilden, als daß ihre Schoͤnheit mit alle dem, was sie an ihr bemerkte, uͤbereinstimmen wuͤr- C 5 de. de. Diese Fremde gruͤsseten die Don- ne Marie , wie sie es verdiente; und der Herr, der diese schoͤne Un- bekannte fuͤhrte, sagte zu ihr: Mei- ne Frau, ihr sehet, daß diese Ber- ge, welche sehr rauh scheinen, schoͤne Personen herfuͤrbringen. Dieses Land, versetzte die Unbekannte, kann sich einer so schoͤnen Frucht nicht ruͤhmen. Diese schmeichlerische Reden mißfielen der Donne Marie nicht. Sie war damit beschaͤftiget, da sie diesen schoͤnen Haufen bey eben dem Gast- hofe stille halten sahe, wo sie uͤber- nachtet hatte. Jnzwischen stieg der Herr ab, und hob die Frau vom Pferde, wel- che, um einige Fragen an den Wirth zu thun, der sie zu empfangen her- bey gekommen war, ihre Haube ab- nahm, und ein blendendes Angesicht entdeckte. Der Herr frug sie: ob sie etwas nehmen wollte? Aber sie antwortete: weil sie ein wenig muͤde waͤre, so wollte sie lieber ausruhen. Man fuͤhrte sie in einen kleinen Saal; da da indeß der Herr, der sie begleitet hatte, frug: ob eine Frau, welche mit ihrem Mann und ihrem ganzen Hause nach Hofe gienge, die ver- wichene Nacht nicht in diesem Gast- hofe uͤbernachtet haͤtte? Er setzte hin- zu, daß seine Nichte ein groß Ver- langen truͤge, sie anzutreffen, wegen der Lobspruͤche, die sie von ihr haͤt- te machen hoͤren. Es kommt nur auf euch an, antwortete der Wirth, davon zu urtheilen: denn diese Frau ist nahe bey euch; sie ist so artig, daß sie eure Gesellschaft, wie ich glau- be, nicht ausschlagen wird. Man muß wissen, versetzte der Herr, ob die Frau darein williger wird; dabey er sie zugleich gruͤßte. Ja, antwor- tete ihm die Donne Marie , ich willige darein; ich habe eure Nicht von ferne gesehen: inzwischen werde ich sehr vergnuͤgt damit seyn. Nach einige gegenseitigen Hoͤflichkeitsbezeu- gungen verließ ihn Donne Marie , um von ihrem Manne etwas neues zu hoͤren. Sie fand ihn, daß er auf- stand: sie sagte zu ihm von der Ge- sell- sellschaft, welche sich mit der ihrigen vereinigte. Die Lobspruͤche, die sie der Schoͤnheit der Unbekannten gab, machten den Don Ferdinand , aufmerksamer, und vertrieben sein Kopfweh voͤllig: und, um den Ver- lust seines Mantels desto leichter ver- bergen zu koͤnnen, so sagte er, daß er ein ander Kleid, und zwar das allerkostbahrste, das er mitgebracht haͤt- te, anlegen wollte; welches er aus einem verbuhlten Anzuge zufrieden war, so gieng er nach der Messe. Einige Augenblicke nachher kamen Don Alonso und Donne Pan- tasilee , (dieses ist der Nahme der zway Unbekannten,) um der Donne Marie fuͤr ihre Hoͤflichkeit Dank zu sagen. Sie trafen selbige an, wie sie sich eben, ihre Gedanken zu vertreiben, mit Chimenen unter- hielt. Don Alonso stellte ihr sei- ne Nichte vor, und diese Frauen machten sich tausend Hoͤflichkeiten. Jhr Gespraͤch wurde um desto mun- terer, terer, da Donne Marie gewahr wurde, daß Pantasilee einem jungen Menschen, Nahmens Don Francesco , den sie vor ihrer Hey- rath sehr geliebet hatte, ungemein aͤhnlich war. Diese Vorstellungen nahmen sie ein, und brachten ihr noch andere wieder ins Gedaͤchtniß; und verhinderten, daß sie nicht auf alles antwortete, was ihr die schoͤne Pantasilee aufgewecktes und arti- ges sagte. Diese stand endlich, oh- ne ihr merken zu lassen, daß sie ih- re Verwirrung gewahr worden, auf, um ihre Befehle zur Abreise zu ge- ben, weil sie gluͤcklich genung war, sie zu begleiten. Donne Marie wollte sie noch zuruͤck halten; woruͤ- ber Don Ferdinand herein trat, der von ihren Reizungen ganz geblen- det wurde. Er fuͤgte seine Bitte dem Ansuchen seiner Frau hinzu; sie er- hielten von ihr, sich niederzulassen. Don Alonso nahm die Sorge fuͤr das Reise-Geraͤthe auf sich, da in- zwischen die Frauen und Don Fer- dinand ihre Vorschlaͤge der Reise wegen abredeten. Sie fiengen an, unter sich eine Freundschaft aufzurich- ten. Jedoch aus Furcht, die Pan- tasilee , welche vom Pferde gestie- gen, zu ermuͤden, so wurden sie ei- ning, den Rest dieses Tages in eben diesem Gasthofe zu bleiben. Chime- ne , die Verstand und Gaben hatte, verschafte ihnen tausend Veraͤnderun- gen, deren man wohl entbehren konn- te: denn die Aehnlichkeit der Pan- tasilee mit Don Francesco be- schaͤftigte die Donne Marie hin- laͤnglich; und die Augen eben dieser Pantasilee machten einen grossen Eindruck in des Don Ferdinands Herz. auf der andern Seite nahm Don Alonso nach seinem lustigen und muntern Wesen und nach seinem Verstande von allen Gelegenheit, ih- nen die Zeit zu vertreiben, und sich selbst aufzumuntern. Wie endlich die Frauen in Spielen und Taͤnzen, wel- che Chimene zusammengebracht hat- te, bey einander gewesen waren; so begaben sie sich mit verschiedenen Ge- danken weg, die sie bey Tage be- schaͤfti- schaͤftiget hatten. Die Reisenden gien- gen bey guter Zeit zu Bette, des Vorhabens, den folgenden Morgen beym Anbruch des Tages abzureisen. Es begegnete ihnen in der Nacht nichts, welches ihrem Anschlage eine Hinder- niß in den Weg legen konnte. Don Ferdinand und Donne Marie lagen einer wie die andere der Pan- tasilee und dem Don Alonso an, in ihrer Gutsche Platz zu nehmen; und ihre Gespraͤche verlohren nichts von der Annehmlichkeit und Munter- keit, welche sie den Abend vorher gehabt hatten. Der Weg selbst schien ihnen so kurz, daß sie sich zu Al- magro befanden, ehe sie wohl glaub- ten, kaum aus den Vorstaͤdten von Viso gekommen zu seyn. Sie spei- seten daselbst sehr lustig, und brach- ten den Rest des Tages mit Spatzi- rengehen und die Stadt zu besehen zu, welche nicht ohne Schoͤnheit ist. Den folgenden Tag waren sie immer mehr vergnuͤgt, daß sie bey einander wa- ren. Sie speiseten zu Melangon , und machten sich wieder auf den Weg. Weg. Aber im Augenblick, da sie es am wenigsten gedachten, klagte Donne Pantasilee uͤber so hefti- ge Kopfschmerzen, daß ihre Ergoͤtzun- gen sich in Unruhen verkehreten. Donne Marie war bemuͤhet, ihr zu helfen: sie band ihren Kopf mit ihrem Schnupf-Tuche, da indeß ih- re Klagen das Herz des Don Fer- dinands durchschnitten, der ihren Reizungen alle Gerechtigkeit, die sie verdienten, wiederfahren ließ. Der Donne Marie ruͤhrte das Uebel ihrer neuen Freundin so empfindlich, daß sie dieselbe in ihre Arme nahm, und sich auf ihre Knie sich lehnen ließ. Don Alonso bezeugte die Unruhe, die ihm seine Nichte machte, und frug, ob er gleich besser als jemand davon unterrichtet war, ob man noch weit von dem ersten Dorfe waͤre. Er schien mit Vergnuͤgen zu verneh- men, daß man auf einen Buͤchsen- Schuß von dem Gasthofe von Car- cuela waͤre. Das ist eine schlechte Herberge, sagten die Gutscher. Es hindert nichts, riefen die Herren, wir wir werden da Huͤlfe finden. Der Pantasilee Uebel schien sich zu ver- doppeln; sie bath daher ihren Vetter instaͤndigst, sie aus der Gutsche zu heben, deren Schuͤtteln, wie sie sag- ten, ihr unertraͤglich waͤre. Die Ge- sellschaft stieg heraus. Don Fer- dinand und Don Alonso hiel- ten die Kranke unter den Armen, und hatten den Verdruß, sie in Ohn- macht fallen zu sehen. Donne Ma- rie sprengte ihr stark riechend Was- ser ins Gesicht; aber die Thraͤnen, mit welchen sie dieselbe benetzte, wa- ren viel kraͤftiger, sie wieder zu sich selber zu bringen. Was war dies fuͤr eine Freude fuͤr die ganze Gesell- schaft? Man brachte die Kranke nach Carcuela ; man legte sie auf das Bette der Wirthin, um ihr ei- nige Ruhe zu lassen. Don Alonso wußte sehr wohl, daß in diesem Hau- se dieses einzige Bette war. Man machte die Koffer auf, um der schoͤ- nen Kranken eingemachte Sachen zu geben, indeß da Donne Marie oben bey dem Bette ihre Haͤnde hielt, D und und sie mit Kuͤssen, die durch das Andenken ihres lieben Don Fran- cesco angefeuret wurden, uͤberhaͤuf- te. Pantasilee widersetzte sich ih- ren Liebkosungen gar nicht, sondern naͤherte sich mit ihren Lippen an die ihrige, und kuͤßte sie mit so zaͤrtli- chen Seufzern, daß sie in ihren Ar- men ohne Empfindung blieb. Die Nacht brach ein, als Don Ferdi- nand und Alonso bey der Kran- ken ihren Besuch ablegten, und sie lachend und voͤllig wieder hergestellt an- trafen. Jch habe nur, sagte sie zu ihnen, einen uͤbergehenden Zufall ge- habt, der mir nur mehr Lust ge- macht hat, mich eben so zu ergoͤtzen, wie wir diese letzte Tage her gethan haben. Die Herren wurden voller Freuden, wie sie selbige in so gutem Zustande sahen, und suchten sie durch allerhand Erzehlungen aufzuraͤumen, die sie nur erfinden konnten, und welche sie bis auf die Ankunft des Edelknaben fortsetzten, der ihnen mel- dete, daß das Abendessen aufgetra- gen waͤre. Nachdem dieses geendet, so so machten sie einen Spatziergang, um die Verdauung zu befoͤrdern. Sie kamen wieder zu Haus, um sich bey guter Zeit zu Bette zu legen, und fruͤh abzureisen. Sie sagten beym Hineingehen zur Wirthin, geschwin- de weisse Laken auf die Betten zu le- gen. Aber diese, die keine andere, als das Jhrige hatte, antwortete ih- nen: Jch werde bestuͤrzt, daß Leute wie ihr, die ihr ohne Zweifel durch ganz Spanien gereiset seyd, nicht wisset, daß in solchen Wirthshaͤusern, als dieses ist, darin die Reisende nie- mahls mehr thun als zu Mittage es- sen, sich kein Bette finde: Wenn dieser schoͤnen Frauen nichts zugestos- sen waͤre, so wuͤrdet ihr euch hier nicht laͤnger als die andern aufgehal- ten haben; Alles, was ich thun kann, ist, mein Bette diesem Frauenzimmer abzutreten, und zurechte zu machen. Was euch, ihr Herren, betrift, so gebe ich euch den Rath, euch diese Nacht mit diesen Karten, welche ich aus Vorsorge fuͤr euch habe bringen lassen, die Zeit zu vertreiben. Don D 2 Ferdi- Ferdinand billigte den Vorschlag, und sagte: Jch habe noch schlimme- re Naͤchte erlebt: (Er muͤste ein wenig Gedaͤchtniß gehabt haben, wenn er die Nacht zu Viso schon vergessen haͤtte) Leget euch zu Bette, meine Frauen, fuhr er fort, wenn ihr wol- let, wir wollen uns die Zeit schon vertreiben: Jch befehle euch meine Frau wohl an, setzte er laͤchenlnd hin- zu, indem er sich zu der Pantasi- lee wandte. Die Frauen machten zwar einige Hoͤflichkeiten, und sag- ten, daß sie ihnen Gesellschaft leisten wollten, und daß es billig sey, daß sie ihre Beschwerlichkeiten theilten. Die Herren aber, die darein gar nicht willigen wollten, stellten fuͤr, wie noͤthig die Ruhe fuͤr die Gesundheit der Pantasilee waͤre. Die Frauen giengen demnach zu Bette, und die Herren setzten sich bey das Spiel. Es ist nunmehro wohl Zeit, dem Leser, der vielleicht davon schon eini- gen Argwohn hat, zu melden, daß diese schoͤne Pantasilee Don Fran- Francesco war, derjenige, wel- chen Donne Marie vor ihrer Hoch- zeit so heftig geliebt hatte, und hier ist der Ort, diese Geschichte zu er- zehlen. Don Francesco war eines Herzogs Sohn; und man kann von den Reizungen seiner Gestalt leicht ein Urtheil faͤllen, da er die Frauen- Kleidungen mit einem Vortheil trug, der einer ieden Manns-Person, so schoͤn ihn auch sonst die Natur ge- bildet hat, allezeit schwer ist. Sein Vater schickte ihn nach der damahls in Spanien so beruͤhmte hohen Schule zu Osmus , um zu studi- ren. Donne Marie wohnte mit ihrem ganzen Hause in eben dieser Stadt; und das Gluͤck wollte, daß ihr Haus gerade gegen dem Quartier uͤber war, welches Don Frances- co bezog. Das erste mahl, da die- se Schoͤne an ihrem Fenster erschien, wurde er in sie verliebt, und fand bald Mittel, ihr seine brennende Lie- be zu bezeugen. Er hatte das Gluͤck, D 3 zu zu sehen, daß sie wohl aufgenommen wurde. Jhr Liebes-Handel war ver- borgen, aber endlich wuchs ihr Ver- langen: und da sie nicht verhindern konnten, in derselben bis an denje- nigen Grad zu kommen, wornach al- le Verliebten sich sehnen; so gelang- te sie endlich dahin, nachdem Don Francesco der Donne Marie im Ernst versprochen hatte, sie zu heyrathen. Diese Heyrath war in Ansehung der Gebuhrt und der Guͤ- ter sehr ungleich: und nachdem des Don Francesco Hofmeister von dem, was vorgegangen war, Nach- richt bekommen hatte; so konnte er nicht umhin, es seinem Vater zu hin- terbringen. Die Ungleichheit der Guͤ- ter ist von Alters her eine Ursach des Verdrusses bey den Geschlechtern; aber die Eitelkeit macht die Ungleich- heit der Gebuhrt noch empfindlicher. Also wollte des Don Francesco Vater unsinnig werden, als er die- se Zeitung hoͤrte: er nahm die Post, um diese Heyrath zu hintertreiben; und er langte zu Osmus in dem Au- gen- genblick an, da sie sollte vollzogen werden. Die Ankunft des Herzogs verruͤckte alles: er wurde gegen seinen Sohn aufgebracht, und schickte ihn nach Flandern ; indem er die Ab- wesenheit und Entfernung von der Schoͤnheit, die er liebte, als das ein- zige Mittel ansahe. Der Hohn und veraͤchtliche Ton, in welchem der Her- zog von der Donne Marie Ge- schlechte redete, haͤtte ihn bald zu ei- nem Zweykampf genoͤthiget. Don Pedro , der Donne Marie Va- ter, behauptete gegen ihn mit hinlaͤng- licher Wahrheit, daß er aus einem bessern Hause, als er, waͤre, ob er gleich nur ein schlechter Edelmann sey. Sie waren schon im Begriff, sich zu schlagen, aber man brachte sie von einander, und der alte Herzog gieng nach Hause, nachdem er seinen Sohn den Weg nach Flandern nehmen sehen. Jnzwischen Beschloß Don Pe- dro , um das Geruͤchte und den Aus- bruch dieser Sache zu unterdruͤcken, D 4 seine seine Tochter, so bald es ihm moͤg- lich seyn wuͤrde, zu verheyrathen. Ei- ner von seinen Freunden schlug ihm den Don Ferdinand vor, und er nahm ihn ohne Schwierigkeit an. Don Francesco war seit zwey Jahren abwesend, als seine Mutter an ihnen einen Bothen abfertigte, ihm den Tod seines Vaters zu melden, und zu befehlen, aufs eheste wieder nach Spanien zu kommen. Dieser Befehl war ihm nicht unangenehm; ohngeachtet des neuen Liebes-Han- dels, welcher ihn in diesem Lande wohl haͤtte zuruͤck halten koͤnnen; und ohngeachtet der Gunst, die er unter der Versprechung der Heyrath erhal- ten hatte. Jch habe mich allezeit ge- wundert, daß ein so schoͤner Mensch, als Don Francesco , nichts als nur die letzten Freyheiten der Ehe hat- te; es duͤnkt mich, daß dieses der Muͤhe nicht werth war. Dem sey wie ihm wolle, seine Unbestaͤndigkeit brachte ihm das Bild der Donne Marie ins Gedaͤchtniß, und ließ ihn ihn den Entschluß ergreifen, seine neue Liebste zu verlassen, um die Donne Marie aufs eheste heyrathen zu koͤn- nen. Er reisete demnach von Bruͤs- sel weg, ohne von iemand Abschied zu nehmen; und er war auf seiner Rei- se so hurtig, daß er nach vierzehn Ta- gen in seinem Hause ankam. Er hielt sich darinn nur so lange auf, als noͤ- thig war, von den Beschwerlichkeiten der Post auszuruhen, und dasjenige zu thun, was er dem Andenken sei- nes Vaters schuldig war. Darauf be- gab er sich nach Osmus , wo er die Heyrath seiner Liebste erfuhr. Dies gieng ihm so sehr zu Herzen, daß er davon krank wurde. Die Jugend und die Vorstellungen, welche ihn uͤberre- deten, daß Donne Marie einiger massen so seyn wuͤrde, als sie war, stellten seine Gesundheit bald wieder her. Nachdem er von alle dem, was seine alte Liebste angieng, Nachricht einge- zogen, so reisete er so bald als ihm moͤglich war nach Ubeda , wo Don Ferdinand seine ordentliche Woh- nung hatte. Kaum war er da an- D 5 gelan- gelanget, als man ihm sagte, daß diejenige, die ihm so viel Wege mach- te, selbst unverzuͤglich nach Hofe reisen wuͤrde. Dieser unversehene Streich wuͤrde ihn bald verzweifelt gemacht haben. Denn wenn den Be- gierden etwas in den Weg gelegt wird, so bringen sie uns gerne zur Ver- zweifelung. Aber Don Alonso war zum Gluͤck bey ihm. Er hatte ihn auf allen seinen Reisen nicht ver- lassen. Dieser Edelmann liebte ihn, und sein Verstand wußte in allen bald Rath zu schaffen. Er hielt ihn ab, daß er nicht, wie er thun wollte, unbedachtsamer Weise auf des Don Ferdinands Schloß lief; und rieth ihm, sich als eine Frau auszu- kleiden, sich fuͤr seine Nichte auszu- geben, sich zu den Reisenden auf ih- rem Wege zu verfuͤgen: und er ver- sprach ihm, so wohl alle Sachen zu spielen, daß er der Donne Marie geniessen koͤnnte. Ob sie gleich bei ihrem Mann war, so trieb er das Zutrauen gar so weit, daß er sich anheischig machte, es dahin zu brin- gen, gen, daß er mit ihr in ihres Man- nes Gegenwart zu Bette gehen soll- te. Worin williget die Liebe nicht, um zu den Besitz desjenigen, was sie liebt, zu gelangen? Don Fran- cesco ließ fuͤr sich und einen von sei- nen Edelknaben, den er zu seiner Kammer-Jungfrau annahm, Klei- der machen. Und nachdem alles Noͤ- thige angeschaft war, so reisete er von Ubeda den Abend eben des Ta- ges, als Don Ferdinand und Donne Marie , ab; und er kam, wie vorher gesehen, erst den folgen- den Tag um neun Uhr in dem Flecken Viso an. Die Herren, die sich entschlossen hatten, die Nacht mit Spielen hin- zubringen, setzten sich in dem Saa- le, wo sie zu Abend gegessen hatte; und die Wirthin fuͤhrte die Frauen in ihre Kammer, welche sie so ge- putzt als das Bette rein und wohl zu- recht gemacht funden. Jhre Frauen kleideten sie aus, sie legten sie ins Bette, zogen die Fuͤrhaͤnge vor, gien- gen gen weg, und nahmen den Schluͤssel mit, dem Befehl der Pantasilee zu folgen, welche unter dem Vor- wande ihrer Gesundheit nicht uͤberlau- fen werden wollte. Wie sich Don Francesco so nahe bey der Person fand, nach de- ren Besitz er sich mit so vieler Hitze sehnte, so fuͤrchtete er sich anfangs, sich zu erkennen zu geben. Die Un- besonnenheit einer solchen List, und der Widerstand der Donne Marie machten ihn zitternd. Denn die Furcht begleitet das Verlangen. Doch da er seine Beine um seiner Liebsten ihre schlang, ihr bald den Busen kuͤßte, bald die feurigsten Kuͤsse gab, so sagte er ihr die verliebtesten und reizendesten Sachen vor. Donne Marie willigte in alles, und ant- wortete so gar auf das, was er ihr bezeugte, ohne selbst zu wissen, was sie gedachte. Wie endlich Don Francesco einer so dringenden Ge- legenheit nicht widerstehen konnte, so gab er sich mitten unter den heissesten Seuf- Seufzern als denjenigen zu erkennen, der er war, und that ein Gestaͤnd- niß von dem Streiche, den er aus Liebe gemacht hatte, um sie wieder zu sehen, und in seinen Armen zu finden. Ein Vater, der den Tod seines Sohnes beweinet hat, umar- met ihn, wenn er denselben siehet, nicht mit einer so grossen Freude, die der Donne Marie ihrer gleich ist, da sie ihren alten Liebsten wie- der erkannte. Jhre Freude war so groß, daß sie stumm blieb. So ar- tig eine solche Ruͤhrung ist, so konn- te es doch Don Francesco wegen der Nacht in den Augen derjenigen, die er liebte, nicht lesen. Wie er we- gen ihres Stillschweigens bestuͤrzt wur- de, so machte er es wie ein verlieb- ter Tauber, welcher, wenn er sie- het, daß seine zarte Taube an einer Aehre, die ihr in der Kaͤhle stecken blieben, leidet, alle seine Kraͤfte an- wendet mit seinen Schnabel sie ihr heraus zu nehmen. Eben so schonete er keine Liebkosungen, um sie zum reden zu noͤthigen. Doch endlich faß- te te Donne Marie , die von Liebe und Verlangen ausser sich selbst war, ihre Sinne zusammen, und verdop- pelte ihre lebhafte Umarmungen und ihre bruͤnstige Seufzer. Wer wollte eine solche Antwort nicht annehmen? Jhr Gluͤck war so vollkommen, daß sie lange in dieser stummen Trunken- heit waren. Wer kann einen solchen Zustand beschreiben? Er ist fuͤr al- le Worte und Schreibart zu hoch. Jch stelle ihn mit in Gedanken vor, ich sehne mich auch darnach, ein je- der Leser mache es eben so. Alles, was ich als ein aufrichtiger Ge- schichtschreiber erzehlen muß, ist, daß der Hahn schon einige mahl die Ankunft der Sonnen verkuͤndigt hat- te, ohne daß der eine oder der ande- re die geringste Schwachheit in dem Streite bezeugte haͤtte; so gleich wa- ren ihre Waffen. Wie sie endlich ganz ermuͤdet, so machten sie sich zum Schlaf bereit: aber die Liebe liesse sie nicht lange in einem so schimpflichen Schlage, und weckte sie auf, um das wieder anzufangen, was was sie mit so grosser Hartnaͤckigkeit verrichteten, bis endlich Don Fran- cesco der Munterkeit und Hitze der Donne Marie nicht mehr wider- stehen, und sich fuͤr uͤberwunden be- kennen mußte. Alsdann uͤberhaͤuften sie sich mit denen zarten Liebkosun- gen, welche die Muͤdigkeit noch er- laubet, und welche die Probe und der Triumph des Herzens sind. Don Ferdinand und Don Alonso setzten ihr Spiel fort, ob- gleich die Sonne bereits aufgegangen. Der eine, den sein Verlust verdroß, dachte nicht daran, ein Ende zu ma- chen: der andere schien aus Hoͤflich- keit eines gluͤcklichen Spielers, aber in der That um das Vergnuͤgen, welches sein Herr kosten sollte, zu verlaͤngern, dazu verbunden zu seyn. Also hatten unsere gluͤckliche Verlieb- ten Zeit, ihre Reizungen bey lichtem Tage zu betrachten; sich alles, was sich seit einer so langen Trennung zu- getragen hatte, zu erzehlen, und ih- re Auffuͤhrung auf das Zukuͤnftige einzu- einzurichten. Die Zeit verlief in die- sen suͤssen Beschaͤftigungen sehr ge- schwinde: und sie hoͤrten mit Ver- druß ihre Frauen die Thuͤr oͤfnen, um sie zum Aufstehen zu noͤthigen; wel- ches sie auch eiligst thaten, um den Don Ferdinand und Don Alon- so zu verhindern, sie in einem Bet- te anzutreffen, welches eben so we- nig als ihr Aufputz im Stande war, Besuche anzunehmen. Sie waren kaum angekleidet, als die Herren in ihre Kammer kamen. Sie erzehlten ihnen den Ausgang des Spiels, welcher nicht sonderlich ge- wesen war: und Don Ferdinand machte mit seiner Frau sehr vielen Scherz uͤber die Nacht, die sie ge- habt hatte, welcher wahrhafter war, als er selbst glaubte. Er war uͤber die Gesundheit der Pantasilee er- freuet, weil sie ihm aber noch ein wenig matt schien, so rieth er ihr, sich zu schonen. Sie reiseten ab, und der Wirth und die Wirthin wurden kostbar bezahlt, und insgeheim von dem Don Alonso fuͤr die Sorge, die die sie sich gegeben hatten, und fuͤr die Art, mit der sie seine Befehle aus- gerichtet hatten. Die Reisende stiegen in ihren Wa- gen: Das Verlangen des einen, und die Zufriedenheit der andern mach- ten die Gesellschaft lebhafter, als sie vorher gewesen war. Carcuela , wo von der beruͤhmten Stadt Toledo ; aber der Weg ist so gut, daß man Muͤhe hat, die hitzigen Pferde zuruͤcl zu halten. Sie ließ sich sehen, denn unsere Reisende befanden sich zu guter Zeit in dem Gesichte von Toledo . Der erste Anblick davon ist so praͤch- tig, daß die Frauen eine halbe Mei- le von der Stadt aus der Gutsche stiegen, um das schoͤne Schloß, wel- ches die Stadt beschiessen kann, und ihr zum Zierrathe dienet, zu besehen. Das Schloß, wo das schoͤne Wasser des Tago , das durch den beruͤhm- ten Jnvanel dahin geleitet wird, in Springbrunnen faͤllt, die aus Jaspis mit vortreflicher Arbeit gemacht sind, E um um seine Gaͤnge und Garten zu zie- ren; die Pracht und ungeheure Groͤs- se der Haupt-Kirche, in welcher der heilige Alphonsus das Meßgewand von der heiligen Jungfrau empfieng, erweckt eine nicht geringe Verwunde- rung, wenn man sie auch nur von weiten siehet. So viel Schoͤnheit und sehr vie- le andere, welche man entdeckt, wenn man sich Toledo naͤhert, nahmen die Donne Marie und ihre Frauen ein, und noͤthigten sie, den Don Fer- dinand zu bitten, einige Tage in die- ser Stadt zu verbleiben, um ihnen Zeit zu geben, diese Schoͤnheiten recht zu bewundern. Don Ferdinand , dem alles gleichguͤltig war, wenn er nur nicht von der Pantasilee ge- trennet wurde, in welche er alle Au- genblicke verliebter wurde, antwortete ihnen: Jch habe in einer so guten Gesellschaft nichts zu befehlen; wenn die Frau und ihr Herr Vetter eure Bitte genehm halten, so soll es mir sehr lieb seyn. Diese Gunst war leicht zu zu erhalten. Aber damit Alonso die Sache noch wahrscheinlicher machen, und ausser allen Verdacht setzen moch- te; so setzte er hinzu, daß dieser Ver- zug ihm um desto angenehmer waͤre, weil er eine wichtige Sache, die er zu Toledo haͤtte, endigen wuͤrde, wo- ran er aus Furcht, eine so gute Ge- sellschaft auch nur einen Augenblick zu verlassen, nicht haͤtte denken wollen. Jhre Gespraͤche wurden durch den Anblick sehr vieler Leute zu Pferde, welche auf ihre Seite kamen, unter- brochen. Don Alonso frug einen Reuter, der vor ihm her ritt, was das fuͤr Gesellschaft waͤre. Er ant- wortete ihm, daß diejenigen, welche ihm folgten, Edelleute vom Lande waͤ- ren, welche aus der Stadt zuruͤk kaͤ- men, wo sie ein Stier-Gefechte ge- sehen haͤtten. Don Alonso schlug den Frauen vor, um zu vermeiden, von allen denen, welche vorbey gien- gen, betrachtet zu werden, ihre Gut- sche, welche sie voraus fahren lassen, zuruͤck kommen zu lassen. Da sie aber schon zu weit weg war, so beschlossen E 2 sie, sie, in den Wald zu gehen, wohin die Schoͤnheit und der kuͤhle Schat- ten sie um so mehr, einige Ruhe zu nehmen, einluden, weil sie daselbst laͤnger als eine Stunde bleiben, und doch vor der Nacht in Toledo gehen konnten. Sie folgten einem kleinen Fußsteige, der sie dahin fuͤhrte. Sie suchten einen Ort aus, der am mei- sten mit Blumen bedeckt und ausge- schmuͤckt war. Sie ergoͤtzten sich an den Reizungen der Natur, an dem Gesange der Nachtigalle. Ein reines Vergnuͤgen, das dadurch, daß sie zu- sammen waren, noch vermehret wur- de; da eine Stimme einer Frau, die nahe genung war, daß sie deutlich konnte verstanden werden, sie auf ei- ne ganz andere Aufmerksamkeit zog. Sie hatten Ursach, sich dahin zu rich- ten. Die Stimme und die Worte verdienten gehoͤret zu werden. Wie die Arie geendet war, so hoͤrten sie Klagen und Beschwerden, die von ei- ner andern Stimme hervorgebracht wurden, welche geschickter war, zum Mitleiden zu bewegen, weil sie sich uͤber uͤber eine erschreckliche Untreue beklag- te, und ihre Stimme durch Seufzer, Thraͤnen und Schluchsen unterbrach. Diejenigen, welche ein Herz voll Lie- be haben, haben mit allen Ungluͤckse- ligen am meisten Mitleiden. Also stan- den Donne Marie , Donne Pantasilee und Don Ferdi- nand , mehr aus Mitleiden als Neu- begierde, auf, um diejenige, deren Ungluͤck ihnen so empfindlich schien, zu betrachten. Sie machten einige Aeste eines Baumes von einander, und sa- hen eine Frau an dem Ufer eines Ba- ches; sie kehrte ihnen aber den Ruͤ- cken zu. Jhre schoͤne Haare flogen ganz unordentlich, wohin sie der Wind trieb, sie hatte einen schwarzen samme- ten mit Silber-Blumen gestickten Rock an, mitten in einer ieden Blume war ein Stern von durchsichtigen Crystall mit einem Knopfe von Zahl-Perlen gesetzt. Unsere Reisende wurden un- gedultig, das Gesicht dieser Schoͤn- heit zu sehen, und standen im Be- griff, sich zu naͤhern, da zwo sehr wohlgestalte Jungfrauen bey ihr ka- E 3 men, men, welches sie noͤthigte, ihren Vor- satz aufzuschieben. Die Aelteste von diesen Jungfrauen setzte sich dieser schoͤ- nen Betruͤbten zur Seiten, und sag- te zu ihr mit einer Art von Unwillen: Jch weiß, daß es umsonst ist, euch zur Vernunft zu bringen; aber euer Schmerz bringt mich zur Verzweife- lung, er wird mir das Leben kosten. Jhr kennet meine Verbindung, ich habe euch erzogen: Wenn euch die Verzweifelung etwas nuͤtzlich waͤre, so wuͤrde ich mich darein geben; aber es kann nichts helfen, als eure Schoͤn- heit zu verringern, und euch in den Augen eures ungetreuen Gemahls, und eines Fuͤrsten, den ihr um Gerechtig- keit bittet, weniger reizend zu machen. Jhr warte ja ruhiger, euer Herz ließ sich ja vor einige Tagen der Hoff- nung uͤber; was kann denn den Schmerz, welchen ihr heute bezeuget, verdoppeln? Diese und andere derglei- chen Reden gaben dieser schoͤnen Be- truͤbten einigen Trost, so weit, daß sie einwilligte, ihren Putz in Ordnung zu bringen, und ihre Haare zurechte zu zu legen. Aber alle diese Bewegun- gen, die sie machte, um aufzustehen, gaben unsern Neugierigen das Vergnuͤ- gen nicht, sie ins Gesicht zu sehen; und sie gieng von diesen zwo Jung- frauen begleitet in das Holz, wo sie dieselbe aus dem Gesichte verlohren, da sie von dieser Seite wenig zufrie- den gestellt. Sie giengen auch aus dem Walde, in Hofnung, ihre Neu- gier zu vergnuͤgen; sie folgten dem Wege, der sie hinein gefuͤhrt hatte, indem sie von dieser Begebenheit rede- ten. Die einzige Pantasilee sagte nichts, und war tief in Gedanken. Wie Don Ferdinand sie so trau- rig sahe, naͤherte er sich ihr, um des- sen Ursach zu wissen. Donne Ma- rie und Don Alonso giengen ein wenig geschwinder, und blieben voran, um ihnen die Freyheit, sich zu unter- reden, zu lassen. Jn der That, nach- dem Don Ferdinand einige Seuf- zer ausgestossen hatte, so erklaͤrte er ihr seine Liebe in den lebhaftesten und zaͤrtlichsten Ausdruͤcken. Ohngeachtet der Pantasilee die Lust zu lachen E 4 ankam, ankam, welches sie zu verbeissen wu- ste, so schlug sie die Augen bescheiden nieder, und sagte zu ihm mit leiser Stimme: die Menschen waͤren betruͤ- gerisch, denen man nicht trauen muͤß- te. Don Ferdinand antwortete ihr mit Schwuͤren: und da Pan- tasilee nicht wußte, was sie ihm sa- gen sollte, so begnuͤgte sie sich, ihn zaͤrtlich anzusehen, und ihn vollends durch ihre Blick zu entzuͤnden. Er wollte sich alsobald die Gelegenheit zu Nutze machen, und sie in seine Ar- me nehmen; aber sie bediente sich der ihrigen, welche sie die Nacht vorher viel wuͤrdiger gebrauchet hatte, ihn zu- ruͤck zu stossen und davon zu laufen, dabey sie zugleich zu ihm sagte: Glaubt ihr, Verwegener, daß Gewalt ein Mittel sey, mich zu verfuͤhren. Jch will es euch wohl vergeben, antworte- te sie, wie er sie um Vergebung bat; glaubet mir, seyd ins kuͤnftige kluͤger, jedoch, setzte sie hinzu, lasset uns wie- der zu der Gesellschaft machen; ich wollte nicht, daß mein Vetter den ge- ringsten Verdacht von dem Vorge- gange- gangenen haͤtte, und die Zeit wird mir die Liebe, die ihr vor mich habet, zu erkennen geben: Das ist gewiß, daß es mir leyd thun sollte, an eines so vollkommenen Herrn Tode Ursach zu seyn. Don Ferdinand , der sich eine so guͤnstige Antwort nicht vermu- thend war, wurde davon ganz ent- zuͤckt; und sie kamen wieder zu der Donne Marie und Don Alon- so , welche sich aufgehalten, um an die Leute bey einer Gutsche, welche auf jemanden zu warten schien, eini- gen Fragen zu thun. Sie erfuhren von ihnen, daß sie einem von den vor- nehmsten Herrn in Toledo zugehoͤr- ten, der ihnen aufgetragen, eine frem- de Frau zu fuͤhren, welche verlangt haͤtte in dem Walde frische Luft zu schoͤpfen. Diese Rede brachte sie auf die Spuhr ihrer Neugier, daß sie sel- bige um den Nahmen der Unbekann- ten frugen, welche sie die Frau mit den Sternen genannt hatten. Die Bedienten antworteten: es sey ihnen unbekannt; sie wuͤsten nur, daß es eine vornehme Frau waͤre; und daß E 5 der der Koͤnig sie sehr wohl empfangen haͤt- te, als sie ihm einen Brief von der Jnfantin aus Flandern uͤber- geben haͤtte. Sie setzten hinzu, daß sie vollkommen schoͤn waͤre, und daß sie in dem besten Gasthofe von ganz Castilien auf dem Markte von Cocobee eingekehret. Wie unsere Reisende von ihnen weiter nichts her- aus bringen konnten; so beschlossen sie, in eben dem Hause abzusteigen, um sie desto leichter zu erkennen. Sie ver- fuͤgten sich nahe bey das alte Schloß, ihre Leute warteten da auf sie, sie stiegen in die Gutsche, und wandten sich durch das Bruͤcken-Thor flugs nach dem Hause, welches man ihnen angezeiget hatte. Die Frau mit den Sternen kam erst des Nachts wieder: also konnte Don Ferdinand und seine Gesellschaft sie nicht sehen; und die Fragen, welche sie thaten, gaben ihnen keine weitere Nachricht. Laßt uns nun sehen, was sich un- terdessen zu Viso zugetragen. Don Ferdinand hatte seinen Mantel in der der Cataline Kammer gelassen, mehr als zu gluͤcklich, desselben so wohlfeil loß geworden zu seyn. Seit diesen Tagen machte sich Roderige , der ein eben so eigennuͤtziger als boß- hafter Kerl war, sehr fruͤh auf, um nach Santa Crux zu gehen, und besagten Mantel zu verkaufen. Sei- ne erste Sorge war, nach einem Kleider-Haͤndler von seiner Kunde zu gehen, der am geschicktesten war, alle Arten von Kleider zu veraͤn- dern und so unkenntlich zu machen, daß er sie selbst denenjenigen, welche sie verlohren hatten, wieder verkau- fen konnte. Der Kleider-Haͤndler versprach ihm, im Augenblick sich nach der Herberge zu begeben, wo er sei- ne Sachen gelassen hatte, und wo er unverzuͤglich den Kauf schliessen wollte. Roderige war kaum wie- der gekommen, und wartete seiner, als er durch zweene Gerichts-Knech- te angehalten und gefangen genom- men wurde, welche durch das Ver- gnuͤgen, einen Menschen ohne Gegen- wehr gefangen zu nehmen, noch mehr mehr aber durch einen Raths-Die- ner angefrischt wurden, welcher wie ein Galeeren-Bube schrie: Nehmet ihn gefangen, haltet ihn feste, sehet euch vor, daß er euch nicht entwische; nach dem Zeichen, das man mir gege- ben hat, ist es der Raͤuber, den wir suchen. Wie sich Roderige gefan- gen, und mit einem Nahmen benen- net sah, den erh sehr wohl verdien- te; so wurde er so bestuͤrzt, daß er, an statt zu antworten, auf alle Fra- gen, welche der Raths-Diener an ihn that, nichts als stammlete und stotterte. Seine Unruhe und Bestuͤr- zung dienten nur zur Vekraͤftigung , daß er der waͤre, nach dem sie lie- fen. Man ließ ihn in die Kammer treten, welche der Wirth ihm bey sei- ner Ankunft gegeben, wohin alle Gerichts-Knechte aus der Stadt ka- men, um gerichtliche Huͤlfe zu lei- sten, und heimlich mitzunehmen, was sie abseiten und schlecht verwahrt an- treffen wuͤrden. Sie fiengen an Ro- derigen bis aufs Hemd auszuziehen, und ihm alle Ficken durchzusuchen. Da Da sie aber nichts als funfzehn oder zwanzig Realen finden, die der Raths-Diener zu sich nahm; so such- ten sie seinen Quersack durch, und hatten nicht viel Muͤhe, den Man- tel des Don Ferdinands zu fin- den. Da sagte der Raths-Diener: Jch wollte mir wohl die Ohren ab- schneiden lassen, wenn dieser Mensch nicht ein Strassen-Raͤuber ist: seine Gesichtsbildung und dieser Mantel, den er ohne Zweifel gestohlen, ma- chen mir dieses glaubhaft. Roderi- ge , der sich ein wenig wieder erho- let, antwortete ihm: Jch schwoͤre, daß man ausser dem Koͤnige keinen ehrlichern Menschen, als mich, in ganz Spanien antreffen koͤnnte. Weil er aber wenig gewohnt war, sich in dem, wessen man ihn beschuldigte, unschuldig zu finden: so wurde er so verwegen, daß er dem Raths-Die- ner so viel Schimpf-Worte oder Wahrheiten sagte, daß dieser, dem es verdroß, ohngeachtet der Wirth schrie, daß man ihn sollte gehen las- sen, daß er vor ihn Buͤrge seyn woll- te, te, ohngeachtet des Worts desjenigen, der die Haͤscher aufgebracht hatte, und der ihnen schwur, daß es sein Raͤu- ber nicht waͤre, daß der Raths-Die- ner, sage ich, ihm tausend Schlaͤge geben, und nach dem Gefaͤngniß schlep- pen ließ. Der Wirth, der Roderi- gen kannte, sandte geschwinde nach Viso , seinem Freunde Osmin von dem Zufall seines Vettern Nachricht zu geben. Dieser begab sich gleich nach Santa Crux , welches nicht weiter als zwo Meilen davon liegt. Er hielt so nachdruͤcklich an, er brach- te so viel unverwerfliche Zeugen, und gab so gute Gruͤnde, denen er eini- ges Geld kluͤglich hinzuthat, daß Ro- derige in weniger als zweenen Ta- gen von der Anklage des Mantels ganz loßgesprochen, und mit der Eh- re, der ehrlichste Mensch des Landes zu seyn, aus dem Gefaͤngiß gelas- sen wurde. Die beiden Vettern traten den Weg nach Viso an, und nahmen den ungluͤckseligen Mantel mit sich, der der ihnen damahls wenigstens eben so viel, als wenn sie ihn ganz neu ge- kauft haͤtten, kostete. Auf dem Wege frug Osmin den Roderige , woher dieser verteufelte Mantel kaͤ- me? Diese Frage verwirrte ihn, wegen der Ursachen, deren man sich erinnern kann. Wie er aber sahe, daß er davon unterrichtet seyn woll- te, und leicht urtheilte, daß ihm doch die Warheit uͤber kurz oder lang bekannt werden wuͤrde, so antwort- tete er: Meine Frau und ich haben einen grossen Fehler begangen, daß wir euch das Vorgegangene verhee- let haben. Was willt du sagen? versetzte Osmin . Roderige sagte weiter: Dies ist der Mantel, den meine Frau einem von den Reutern genommen hat, die bey dem Herrn gewesen, der bey euch uͤbernachtet, da ich abwesend gewesen. Jch erin- nere mich dessen nicht, antwortete Osmin , es sind schon mehr als zwey Jahre, daß in meinem Hause kein Mantel verlohren worden, und, wiewohl das Alter allmaͤhlich an- faͤngt, faͤngt, mein Gedaͤchtniß zu schwaͤ- chen, so kann ich es doch nicht ver- gessen haben. Es muß denn hinter diesem Mantel ein Geheimniß stek- ken, setzte Roderige hinzu, denn warum sollte es mir meine Frau ge- sagt haben, was ich euch eben ietzo erzehle. Glaube mir, antwortete Osmin , dein Weib hat entweder deiner gespottet, oder du willst mir etwas weiß machen, und du hast ihn sonst wo weggenommen , Jch kann euch nichts antworten, sagte Rode- rige , wenn wir aber nach Viso werden gekommen seyn, so sollt ihr von meiner Unschuld uͤberzeugt wer- den. Mit dergleichen Reden, denen sie die Rechnung ihrer Unkosten hin- zu thaten, kamen sie an, und Os- mins erste Sorge war, des Rode- rigen Sack in Gegenwart seiner Nichte, eines Knechtes und einer Magd, der einzigen Bedienten seines Hauses, aufzumachen. Er zog den Mantel heraus, und frug sie, ob sie ihm nicht sagen koͤnnten, wem er gehoͤret haͤtte unter denen, die bey ihm ihm in der Zeit, da Roderige ab- wesend gewesen, eingekehret waͤren? Der Knecht sagte gleich anfangs: Es ist so lange noch nicht, daß man es vergessen haͤtte. Er ist dem Herrn, welcher mit seiner Frau eben die Nacht, da euer Vetter wiederkommen ist, hier schlief. Ambrosa hat recht, setzte die Magd hinzu, ich erkenne ihn an dieser Borte und an dem Un- terfutter ganz wohl, zumahl da ihn Don Ferdinand mir bey seiner Ankunft gab, und ich ihn in die Kammer des Herrn trug, wo er lie- gen blieb, bis einer von seinen Edel- knaben ihn holete. Nichts ist wah- rer, sagte darauf Osmin , es faͤllt mir bey, ja, es ist Don Ferdi- nands Mantel, es hat gar keinen Zweifel mehr. Cataline , die sich im Augenblick uͤberfuͤhrt zu werden sa- he, sagte kein Wort, und konnte keine List erfunden, so deutlichen An- zeigen etwas entgegen zu setzen. Wenn ein eifersuͤchtiger Mann erst anfaͤngt, so viel Umstaͤnde nach einander zu be- trachten, so gehet die Sache gemei- F niglich niglich sehr geschwinde. Der Nah- me Ferdinand , der ausgesprochen worden, gab dem Roderige gleich Verdacht: Er erinnerte sich, den folgenden Tag nach seiner Ankunft die Augen seiner Frau bestaͤndig auf diesen Herrn geheftet gesehen zu ha- ben, und alle Anzeigen kamen zusam- men, ihm die Schmach, die ihm angethan war, sehen zu lassen. Er schloß, daß dieser Mantel eine augenscheinliche Probe von der Un- treue seiner Frauen sey. Jn dieser Vorstellung ergriff er sie bey der Hand, und ließ sie in seines Vet- tern Kammer gehen, der ihnen folg- te, er schloß die Thuͤr zu, und sag- te zu ihr: Jch will alsobald deutlich unterrichtet seyn, und ich schwoͤre, daß, wenn diese Verwegene mir nicht die Wahrheit bekennet, ich sie also- bald an diesem Fenster aufgangen wer- de. Hernach machte er dem Osmin eine Erzehlung von alle der List und Kunstgriffen, kurz, von alle den Mitteln, welche sie angewandt hat- te, um den Don Ferdinand aus aus ihrer Kammer zu schaffen, wel- cher ohne Zweifel, wie er sagte, un- ter dem Bette muͤsse gewesen seyn. Cataline that nichts als weinen, aber Roderige , der von Eifer und Wuth ganz ausser sich war, nahm einen Strick, und sagte zu ihr: Wenn du beym Leben bleiben willst, um Zeit zu haben, deine Suͤnden zu beweinen, so antworte frey auf das, was ich dich fragen werde; Jch will es dir vergeben, wenn du mir versprichst, mir kuͤnftig treuer zu seyn: sonst soll dieser Strick dich stra- fen, und meine Rache vergnuͤgen. Die von Schmerz und Angst gedrun- gene Cataline sahe ihren Mann auf eine so ruͤhrende Weise an, daß ein Barbar dadurch waͤre erweichet worden, und gestand alles, und be- schloß mit Bitten um Verzeihung. Ehe ich weiter gehe, will ich nur das dabey sagen, daß eine Frau ni- mahls dieses bekennen muß. Nach ei- nem solchen Gestaͤndniß, welches der Natur ungemein viel kostet, fiel sie in Ohnmacht, und der Mann lief F 2 zu zu ihr, um sie mit dem Dolche durch- zustossen. Er wuͤrde sein Vorhaben vollfuͤhret haben, wenn nicht sein Vetter, den der Zustand dieses un- gluͤcklichen Weibes ruͤhrte, ihn da- von abgehalten haͤtte. Laß sie leben, sagte er zu ihm, daß ist die groͤßte Rache, welche du ausuͤben kannst; die Furcht des Todes ist erschroͤckli- cher, als der Tod selbst: Jch bin, fuhr er weiter fort, in dieser Sache fast eben so viel beleidiget, als du, laßt uns mit einander sehen, was wir fuͤr einen Weg nehmen wollen, und laßt uns vornemlich ein Ungluͤck, das zum Gluͤck keinem als uns bekannt ist, nicht ruchtbar machen. Siehe dieses Unwissenheit der Leute nicht als eine Kleinigkeit an; viele Leute wuͤr- den ihre Ehre nicht achten, wenn sie versichert waͤren, daß niemand ihre Schande erfahren wuͤrde; glaube mir, stecke deinen Dolch bey, und huͤte dich, nichts zu thun, das dir gereuen koͤnnte; komm mit mir, wir wollen sie fuͤr die, die sie gelten kann, lassen. Wie er diese Worte geendet hatte, hatte, so ließ er ihn heraus gehen, schloß die Thuͤr zu, wo die arme Ca- taline noch ganz ohnmaͤchtig war, er fuͤhrte Roderigen in ein klein Zimmer, zog aus einem starken Ka- sten einen Beuteln heraus, in welchem ohngefehr sechs hundert Realen waren, und sagte zu ihm: Der Kluͤgste und Gelindeste wuͤrde den Zorn, den das Ungluͤck, das dir begegnet ist, ver- ursachen muß, nicht zuruͤck halten koͤnnen, deine Wuͤrde macht es nicht zur Unmoͤglichkeit, deinem Weibe zu vergeben: Aber ich liebe euch, den einen wie den andern, und ich sehe euch wie meine Kinder an, ich habe keine andere Erben, so wollte ich euch auch gerne behalten: aber da ich sehe, daß sich diese Sache nicht anders al mit einem traurigen Ausgange, und vielleicht mit dem Verluste aller bey- den endigen kann, wenn der eine oder der andere sich nicht entschließt, sich zu entfernen, so giebt mir mein Alter und meine Erfahrung, welche mich dessen versichern, ein Mittel da- gegen an die Hand: Nimm dies Geld F 3 und und ein Pferd, und gehe hin, und diene dem Koͤnige in einer von seinen Armeen, ich bin versichert, daß die Zeit dich das Vorgefallene wird ver- gessen lassen, und ich stehe dir dafuͤr, daß du deine Frau bey deiner Wieder- kunft antreffen sollt, wie du es ver- langen koͤnnen. Denn die Weiber, denen dergleichen Faͤlle zugestossen, re- den hernach in ihre, ganzen Leben ge- gen ihre Maͤnner allezeit mit vieler Ehrerbietung, und bemuͤhen sich, ih- nen zu gehorchen, weil sie billig glau- ben, daß sie das Recht, im Hause zu befehlen, verlohren haben. Diese kluge Rede uͤberwand den Roderige , er war jung, beherzt und stolz, er glaubte selbst, viele Geschicklichkeit zu haben: denn er hatte vor seiner Hey- rath die Vorstaͤdte von Malago , die Fischerey zu Velez , die Bauer- Taͤnze zu Valence und zu Toledo , den Platz zu Cordua , und den Markt zu Segovien gesehen; also stellte er sich auch in diesem Augen- blick die Freude vor, welche er haben wuͤrde, wenn er in dem Lande und in in den Augen aller derer, die ihn in sehr schlechten Umstaͤnden gesehen hat- ten, in einem ganz andern Aufzuge erschiene. Er nahm dahero die sechs hundert Realen, und noch drey hun- dert andere statt des Pferdes, welches ihm Osmin angebothen hatte. Er wollte lieber seine Reise zu Fusse thun. Er reisete weg, ohne seine Frau zu sehen, und nahm den Weg nach den Canal. Wir wollen ihn gehen las- sen, und wieder nach Toledo kom- men. Um acht Uhr des Morgens wa- ren alle Leute in der Herberge aufge- standen, bis auf Don Ferdinand und Donne Pantasilee , die von ihrer Liebe beunruhiget waren, und nicht hatten schlafen koͤnnen. Don Francesco , konnte die suͤsse Nacht, die er den Tag vorher zu Carcuela gehabt hatte, nicht vergessen, er sa- he sich als den gluͤckseligsten Menschen an, und hab der Geschicklichkeit des Don Alonso tausend Lobeserhebun- gen. Die Wollust, die er geschme- F 4 cket cket hate, erweckten in ihm ein desto heftiger Verlangen, sie nochmahl zu versuchen, aber die Mittel schienen ihm desto unmoͤglicher, weil er seine Verkleidung nicht lange mehr behalten konnte. Wie er mit diesen Gedanken beschaͤftiget war, so stellte er sich, als befaͤnde er sich unpaß, um in seinem Bette zu bleiben, und desto freyer nach- zudenken. Unterdessen noͤthigte Don Alonso den Don Ferdinand , den seine verliebte Ungedult endlich zum Aufstehen gebracht hatte, frische Luft zu schoͤpfen, und auf einem grossen Gange des Hauses, der gegen Nor- den gelegen, und nach dem Platze von Cacodure gieng, spatzieren zu ge- hen. Er hatte dieses Mittel ausge- sonnen, der Donne Marie Zeit zu geben, bey der Pantasilee den Be- such abzulegen; sie war allzu klug als eine solche Gelegenheit sich nicht zu Nutze zu machen. So bald sie dem- nach ihres Mannes Entfernung merk- te, gieng sie nach ihrer Kammer. Sie fand leicht einen Vorwand, ihr Bedienten zu entfernen, und bediente sich sich dieser Freyheit nachdruͤcklich. Aber Don Ferdinand war viel zu ver- liebt, als daß er sich von seinem ge- liebten Gegenstande so lange entfernen sollte. Don Alonso konnte ihn, ohngeachtet aller seiner Geschicklichkeit, nicht zuruͤck halten, und wollte durch- aus von der Pantasilee neue Zei- tung hoͤren. Er war im Begriff, un- sere Verliebte zu uͤberfallen; denn sie machen sich schon fertig, noch einmahl anzufangen. Aber der Himmel ließ nicht zu, daß dieses Ungluͤck sich zu- trug, und daß er nichts merkte, er setzte sich oben bey das Bette der ver- meinten Kranken. Donne Marie und Don Alonso entferneten sich, und giengen gar aus der Kammer weg, um ihnen Freyheit zu lassen, sich zu unterreden. Er gab ihr sein Verlan- gen ihre Gesundheit zu hoͤren, und al- le den Antheil der Liebe oder der Sehn- sucht, die ihn eingenommen hatte, zu verstehen. Pantasilee antwortete ihn mit leiser Stimme, und stoßte ei- nige Seufzer aus, daß die Liebe, wel- che er ihr eingefloͤsset, sie verhindert F 5 haͤtte haͤtte zu schlafen, und die annehmlichen Reden, welche er ihr den Abend vor- her gethan, sie die ganze Nacht be- schaͤftiget haͤtten. Don Ferdinand wollte ihr seine uͤbermaͤßige Freude be- zeugen, aber einige Bediente, welche sonder Zweifel auf des Don Alon- so Vorsorge herein traten, unterbrach alle seine entzuͤckende Freude, und noͤ- thigten ihn, selbige zu maͤßigen. Ei- nige Zeit nachher, da Don Ferdi- nand den Don Alonso kommen sahe, so zwang ihn der Wohlstand wegzugehen. Die falsche Pantasi- lee hieß alsdenn ihren vorgegebenen Vettern auf ihr Bette setzen, bezeug- te ihm die herzlichste Erkenntlichkeit fuͤr dasjenige, was er ihr zu Liebe gethan hatte, und das aͤusserste Ver- langen, das er haͤtte, ihm hievon Pro- ben zu geben. Aber du must, mein lieber Alonso , sagte er, indem er ihn umarmte, das, was du mit so grosser Geschicklichkeit verrichtet hast, vollends zu Ende bringen, ich werde sterben, wenn du mich nicht noch ei- ne Nacht, die der zu Carcuela gleich gleich ist, verschaffest. Jch verspreche es euch, antwortete ihm Alonso , aber wozu wird es euch helfen, wenn ihr allemahl nur desto heftigere Be- gierden bekommet, ich befuͤrchte alle Augenblick, daß ihr entdeckt werdet: welchem Ungluͤck wird Donne Ma- rie und ihr nicht ausgesetzet seyn? Jch schwoͤre dir bey Edelmanns Glaub- ben, antwortete ihm Don Fran- cesco , daß ich mich morgen von der Donne Marie scheiden werde, wenn du mir heute die Gefaͤlligkeit, darum ich dich bitte, verwilligest: Jch weiß, wie gefaͤhrlich meine Verklei- dung fuͤr sie und mir in einer so gros- sen und dem Hofe so nahen Stadt ist. Don Alonso gab ihm sein Wort, und wollte ihn noch mehr be- staͤrken; er sagte deswegen hernach: Jhr wisset, daß der wegen eures Ge- schlechts betrogene Ferdinand euch heftig liebet, beweiset ihm mehr Liebe: Jch habe schon den Anfang gemacht, unterbrach ihm Don Francesco : Um desto besser, versetzte Alonso , fahret denn heute fort, und sagt ihm, daß daß ihr erlaubet, daß er diese Nacht bey euch schlafe, daß er um eilf Uhr kommen koͤnne, und daß er die Thuͤr eurer Kammer offen finden sollte; be- fehlet ihn vornehmlich das groͤßte Still- schweigen in Ansehung meiner an, der ich in eurer Kammer schlafe; er wird euch glauben, denn woran kann derjenige, der mit solchem Feuer liebet, zweifeln? Welcher Gefahr setzen sich nicht die kluͤgsten Menschen aus Hof- nung der Wollust aus! Jch will den Augenblick mit der Magd dieses Hau- ses reden. Sie scheinet mir, daß man bald mit ihr zurecht kommen koͤnne, und die einem Herrn ihre Gunst nicht abschlagen kann; Jch will ihr geben, daß sich sich ein hollendisch Hemd, eine schoͤne Nachthaube, und wohlriechen- den Puder kaufen koͤnne: Jch will ihr eben das Stillschweigen anbefehlen, das ihr von dem Don Ferdinand werdet gefordert haben, und ich will sie um halb eilf Uhr bestellen: ihr sol- let ein wenig vorher, ehe sie ankommt, weggehen, und in der Kammer eurer Leute, die Befehl haben werden ih- re re Thuͤr offen zu lassen, verziehen. Jch will die Magd in meinem Bet- te erwarten; ich will daraus wegge- hen unter dem Vorwande etwas noͤ- thtiges zu verrichten: kurz darauf nach ihrer Ankunft will ich ihr so sachte, als es mir moͤglich seyn wird, sagen, meiner zu warten; ich ich will zu euch in die Kammer eurer Leute kom- men, wo ihr noch seyn werdet. Jhr muͤsset eine Ursache ausfinden, um Don Ferdinanden zu verstaͤndi- gen, warum ihr nicht in dem Bette seyn werdet, worin er euch diesen Morgen gesehen hat: saget ihm, sich beym Hineingehen zur Linken zu hal- ten, er wird die Magd fertig finden, ihn wohl zu empfangen: und unter- deß, daß er bey ihr seyn wird, wer- det ihr nach seiner Frau gehen. Nach- her werdet ihr auf nichts mehr als auf Mittel denken muͤssen, euer Stillschwei- gen bey eurer Frau Mutter zu ent- schuldigen; seyd ruhig, ich will schon alles ins Feine bringen, wenn wir bey ihr seyn werden. Don Francesco war allzu vergnuͤgt, um die Verbind- lichkeit lichkeit auszudruͤcken, welche er dem Don Alonso wußte, der ihn ver- ließ, um alles zurecht zu machen: da indeß sein Herr aufstand, der Don- ne Marie von seinen Anstalten Nach- richt gab, und den Don Ferdinand bestellete, so daß sie alle die Nacht mit der aͤussersten Ungeduld und gar mit ein wenig Betruͤbniß erwarteten. Denn je hitziger die Begierden sind, desto weniger sind die Menschen froͤ- lich. Vor zehn Uhr gieng Don Fran- cesco aus seiner Kammer; und die Magd begab sich kurze Zeit nachher auf den Weg, nach der Abrede mit Don Alonso . Sie hatte alsobald Lust gehabt zu wissen, ob die Um- armungen eines Edelmannes angeneh- mer waͤren als der Stall-Knechte. Wer sie bey Tage gesehen haͤtte, wuͤr- de uͤber ohren poßirlichen Haupt-Putz gelacht haben. Sie war nach dem Geschmack einer Dorf-Braut ge- schmuͤckt, die sich mehr durchgeraͤu- chert als eine Alte, die sich auf einem bestell- bestellten Sammel-Platz fertig macht, und die Fehler des Alters und der Natur ausbessern will. Wie die Magd in der Kammer angelangt war, wo sie Don Alon- so erwartete; so machte sie die Thuͤr leise zu, und fand ohne Muͤhe das Bette, das er ihr angezeiget hatte: denn sie konnte des Nachts wohl wan- dern. Don Alonso nahm sie in seine Arme. Der liebliche Geruch und die Beschaffenheit des Orts liessen ihn bald vergessen, von was fuͤr Art die- ses Maͤdgen war, und noͤthigte ihn, sie als ein gutes Gluͤck anzusehen; und bald erkannte er in dem Vergnuͤgen, das er empfand, daß viele vornehme Frauen ihm in einer gleichen Finster- niß nicht angenehmer gewesen waͤren. Er blieb nur eine Viertel-Stunde bey ihr, allezeit in dem tiefsten Stillschwei- gen, und da die Stunde seines Herrn nahe war, so gieng er sachte hinaus, und zu ihm in seiner Leute Kammer. Sie scherzeten einige Zeit uͤber das, was sich zugetragen. Auf der andern Sei- Seite zaͤhlte Don Ferdinand alle Augenblicke, nach der Pantasilee zu gehen, er stand auf, so bald er eilf schlagen hoͤrte: Er war kaum mitten auf dem Gange, auf welchem die Kam- mern des Hauses herum waren, da er ein Gespenst sahe, welches zu ihm kam, und ihm ein so grosses Schrecken ein- jagte, daß er auf der Stelle zuruͤck gehen wollte; Aber eben diese Gestalt war alsobald vor ihm. Wie er also genoͤthiget war, stille zu stehen, so er- kannte er klaͤrlich, daß diese Person das Gesicht ein wenig bedeckt hatte. Er zog seinen Dolch, und druͤckte sich an die Mauer, um sich zu vertheidi- gen, im Fall er von dieser Gestalt angegriffen wuͤrde, welche so nahe zu ihm kam, daß er bey dem Scheine ei- ner Lampe, welche den Gang erleuch- tete, seinen Vater erkannte, der vor kurzer Zeit gestorben war, und der drey oder vier Seufzer ausstieß, und nachher mit einer fuͤrchterlichen Stim- me zu ihm sagte: Wo gehest du hin? Gehe in dich, lebe als ein Christ; Wann du wuͤßtest, was ich im Fege- feuer feuer ausstehe, so wuͤrdest du dein Le- ben aͤndern. Beweine deine Suͤnden, denn du wirst morgen sterben. Bey diesen Worten verschwand das Ge- spenst, und Don Ferdinand blieb so verwirrt, daß er weinete, GOtt um Vergebung bat, und sich nichts angelegener seyn ließ, als wieder in seine Kammer zu gehen, und sich bey seine Frau zu legen, da er sich ent- schloß, eher zu sterben, als eine einzi- ge Tod-Suͤnde zu begehen, Wie in- zwischen Don Francesco sahe, daß es schon einige Zeit eilfe geschlagen hat- te, verfuͤgte er sich nach der Thuͤr der Donne Marie : aber er fand sie verschlossen. Er gieng einige mahl wie- der hin mit eben so wenigen Fortgang. Wie er endlich sehr unruhig war, was wohl moͤchte vorgegangen seyn, so warf er sich auf das Bette eines seiner Knech- te, wo er den Rest der Nacht zubrachte. Die Magd wartete ihrer Seits auf die Wiederkunft des Don Alonso ; da sie aber sahe, daß er nicht erschien, so begab sie sich nach ihrer Kammer, und G zwei- zweifelte nicht, daß man ihrer nur ge- spottet haͤtte. Don Ferdinand stand Mor- gens um sechs Uhr auf, und wollte bey den Theatinern beichten, er hoͤrte die Messe, that seine Gebeter, und gieng aus der Kirche hinaus, um in noch vielen andern Vergebung zu erhalten, und wollte bey der Haupt-Kirche an- fangen. Nachdem er aber uͤber Alca- na oder Kramer-Strasse gegangen, und in eine kleine Strasse gieng, welche nach der grossen Kirche fuͤhrte, so begegnete ihm ein Mensche, welcher bestuͤrzt wur- de, ihn zu sehen, stille stand, seinen Dolch auszog, und ihm einen Stoß bey der linken Brust versetzte, dabey er ganz laut sagte: Stirb, du Verraͤther, der mir meine Ehre geraubet. Er ließ den Dolch in dem Coͤrper stecken, und begab sich in die Kirche. Viele Leute liefen dem Verwundeten zu Huͤlfe, und tru- gen ihn in das naͤchste Haus, wo nach dem Gebrauche der eine ihn betrachtete, der andere ihn beweinete, ein anderer ihn fragte, der eine einen Feldscher, der an- dere dere Pflaster holete, ein anderer sein Blut durch Zaubereyen aufhielt, welche das geistliche Religions-Gericht erlau- bet, wegen des Nutzens, den man aus diesen heiligen Worten zieht. Aber die Sorgfalt und die Worte halfen ihm we- nig. Jnzwischen hoͤrte man Geschreye, und ein groß Lermen vor der Thuͤr der Kirche: Ein Hauffen Gerichts-Knech- te und andere verordnete Personen woll- ten mit Gewalt hinein gehen, um den Moͤrder des Don Ferdinands an- zuhalten, da das Volk und die Priester sie davon abzuhalten suchten. Der Lerm wurde um desto groͤsser, da der Schul- dige gefangen und wieder weggenommen wurden: Auf der einen Seite rief die Obrigkeit im Nahmen des Koͤniges um gerichtlichen Beystand; Auf der andern schrien. die Pfaffen: Helfet der Kirche. Die Obrigkeit nahm ihn endlich mit, und der Uebelthaͤter wurde wider der Pfaffen Willen ins Gefaͤngniß gebracht. Don Antonio , der Stadthalter, kam auf diesen Lermen herbey, und ließ den Verwundeten nach seiner Herberge tragen, und begleitete ihn selbst, um sich G 2 wegen wegen seines Standes und der Ursachen seines Ungluͤcks zu erkundigen. Das Weinen und Heulen der Donne Ma- rie und aller seiner Bedienten war ent- setzlich, wie man ihn auf einem Bette in dem untern Saale, wohin man ihn gelegt hatte, ausgestreckt sahe. Die Frau mit den Sternen, die sich noch nicht hat- te sehen lassen, lief bey dem Lerm herzu, und kam bey den Verwundeten, der sei- ne Frau mit grossem Muthe troͤstete, und sie instaͤndigst bat, keine Zeit zu ver- lieren, und ihm die Sacramente reichen zu lassen. Nachdem ihn die Dame mit den Sternen mit vieler Aufmerksamkeit betrachtet hatte, so fiel sie ohnmaͤchtig nieder, und sagte: Ach! das ist mein Vetter. Man brachte sie eiligst in ihre Zimmer, und vornehmlich wollte sie der Stadthalter, da er von ihrer Schoͤn- heit eingenommen war, nicht verlassen. Kaum war sie weggegangen, da Don Ferdinand den letzten Seufzer von sich gab; Man riß die Donne Ma- rie mit Muͤhe von seinem Leichnam weg. Unterdessen hatte die Hofmeiste- rin der Frau mit den Sternen, die in der der Messe gewesen war, den Don Francesco und Don Alonso an- getroffen, und beschloß, sie nicht aus dem Gesichte zu verlieren: Sie folgte ihnen, da sie auf das Ungluͤck, das dem Don Ferdinand zugestossen war, in das Wirthshaus liefen. Sie wurde bestuͤrzt, wie sie dieselben in das Haus, worin sie eingekehret war, gehen sahe. Sie wollte vergnuͤgt uͤber ihre Entde- ckung ihrer Frau geschwinde Nachricht davon geben; Sie war sich nicht vermu- then, sie ohne Verstand mit vielen Leu- ten um ihr anzutreffen, die sich angelegen seyn liessen, sie wieder zu sich selber zu bringen. Sie gieng naͤher hinzu, und da sie wieder Verstand zu bekommen schien, so brachte sie sie voͤllig wieder zu sich, indem sie ihr ihren gehabten Vor- fall ganz sachte erzehlte. Sie bezeugte ihr ihre Freude und Verwunderung, aber sie sagte mit so grosser Lebhaftigkeit, daß man dem Hofe davon eilig Nachrich- geben muͤste, daß der Stadthalter seine Dienste ihr anboth, und ihr seinen Stand eroͤfnete. Da berichtete sie ihm die Be- fehle, welcher der Koͤnig gegeben hatte, G 3 um um einen jungen Menschen, die sich in diesem Hause als eine verkleidete Frau aufhielt, anhalten zu lassen. Don Antonio schickte den Augenblick eine Wache vor die Thuͤr des Hauses, mit Befehl, keinen Menschen hinaus zu las- sen, und da er sich bey ihr allein befand, so bezeugte er ihr die Neubegier und den Antheil, den eine so schoͤne Person in ihm erweckte. Die Frau mit den Ster- nen, die erkannte, was er ihr fuͤr Dien- ste leisten koͤnnte, machte keine Schwuͤ- rigkeit, ihn zu vergnuͤgen, da sie zu- mahl uͤberzeugt war, daß die Erzehlung ihres Ungluͤcks ihn nothwendig ruͤh- ren, und zu ihrem Besten zum Mitleiden bewegen koͤnnte. Ge- Geschichte der Hortensie von Mendosa . J hr kennet das Geschlecht von Mendosa ; das ist das mei- nige; ich heisse Hortensie , und bin zu Ubeda , einer der vornehmste Staͤdte des Koͤnig- reichs Granada , gebohren. Jch bin mit diesem verwundeten Edelmann, den ihr hieher bringen lassen, erzogen wor- den. Da wir Kinder von zween Bruͤdern, und seit unserer zartesten Kindheit vereinigt waren, so habe ich fuͤr ihm eine Freundschaft behal- ten, die mich, wie ihr gesehen, bey dem Zustande, wo ich ihn wieder angetroffen, empfindlich gemacht hat. Jch war kaum zwey Jahr alt, da mein Vater als Hauptmann ei- ner Compagnie der leuchten Reuter unter dem Befehl des Herzogs von Alba nach Flandern zog. Die wichtigen Dienste, welche er that, machten, daß er bald zu den an- sehnlichsten Ehren-Stuffen stieg. Aber das Gluͤck ist allezeit mit Bitter- keit vermengt. Jch war zehn Jahr G 5 alt, alt, da meine Mutter starb. Jch fuͤhlte die Groͤsse meines Verlustes nur mittelmaͤßig. Mein Vater vernahm zu gleicher Zeit, daß mei- ne Schoͤnheit anfieng beruͤhmt zu werden, und weil er sich wegen der Sorge fuͤr meine Auffuͤhrung auf kei- nem als auf sich selbst verlassen woll- te, so kam er zu mir nach Spanien, und nahm mich aus dem Hause seines Bruders, des Don Ferdinands Vaters, in welchem man mich auf- genommen hatte. Er fuͤhrte mich nach Flandern , und gab mich an die Jnfantin , unsers Koͤniges Schwester und des Erzherzogs Al- berts Gemahlin. Sie nahm mich in die Reihre ihres Hof-Frauenzim- mers auf. Diese Prinzeßin hatte vie- le Gewogenheit fuͤr mich, und ich kann versichern, daß ich mich die Lie- be ihres ganzen Hofes erwarb. Mit- ten unter so vielen Gluͤckseligkeiten und Lobeserhebungen, welche man von mir machte, indem man mir den Preiß der Schoͤnheit uͤber alle Frauen in Flandern zugestand, starb mein Va- ter, ter, der an Jahren und Ruhm zu- genommen, und ich empfand dieses Ungluͤck nachdruͤcklich. Doch die Ju- gend troͤstete mich in kurzer Zeit, und mein Gram endigte sich mit meiner Trauer. Jch fieng bald an den Re- den der jungen Leute Gehoͤr zu ge- ben. Dies geschah zwar mit so viel Klugheit und Eingezogenheit, daß meine Gespielinnen selbst mir nichts vorgeworfen haben. Allein endlich machte die Liebe, deren Herrschaft man uͤber kurz oder lang erfahren muß, daß von den Verdiensten eines jungen Herrn, des Herzogs von An- dalusien Sohn, geruͤhret wurde, welcher erst seit einigen Tagen an den Hof der Jnfantin angelanget war. Ohngeachtet aller Buͤcher, die ich ge- lesen, ohngeachtet aller der Rathschlaͤ- ge, die man mir gegeben, ohngeach- tet aller der Exempel, die ich vor Au- gen gehabt hatte, ohngeachtet der Fa- sten, Gebete, und Betrachtungen, welche ich anstellte, um mich zu ver- wahren, konnte ich doch die Liebe aus meinem Herzen nicht heraus trei- ben. ben. Jch sahe den Don Frances- co an, ohne mich davon abhalten zu koͤnnen, und ich laß mit Vergnuͤgen in seinen Augen, daß er mich mit eben der Lust ansaͤhe. Endlich wur- de ich durch seine Thraͤnen uͤberwun- den, durch das Wort, das er mir gab, mich zu heyrathen, entschlos- sen, ich ergab mich ihm. Aber kaum hatte er das groͤste Geschenk, das ich ihm machen konnte, erhalten, da er vom Hofe weggieng. Jch erfuhr, daß er wieder in sein Vaterland ge- kommen. Urtheilet, in was fuͤr ei- nem Zustande ich mich gebracht fand? Der einzige Weg, der sich vor mich schickte, war, mich der Jnfantin zu Fuͤssen zu werfen, und ihr mein Un- gluͤck und die Verraͤtherey, die mir begegnet war, zu erzehlen. Die Prinzeßin wurde anfangs unwillig gegen mich; aber da sie die Briefe, die er mir geschrieben hatte, durchge- lesen, und das Versprechen der Ehe, das er mir gegeben, untersuchet, so schrieb sie an den Koͤnig, ihren Bru- der, der, und hab mir ihren Brief mit. Jch begab mich mit zwo Jungfrauen und zween Edelleuten, die mich be- gleiten sollten, auf den Weg. Mei- ne Reise ist gluͤcklich gewesen. Jch bin zu Toledo angekommen. Jch hab den Koͤnig den Tag, da er von da weggereiset ist, gesehen, er hat den Brief von der Prinzeßin, seiner Schwe- ster, gelesen, er hat meine Gruͤnde gehoͤrt, und einen Gefreyten von seiner Leibwache Befehl gegeben, den Herrn, daruͤber ich mich beschwere, allenthalben, wo er ihn antreffen koͤnnte, in Arrest zu nehmen. Das Gluͤck hat ohne Zweifel den Schmerz, den mir des ungluͤcklichen Don Fer- dinands Tod verursacht hat, lin- dern wollen, indem es mir Nachricht gegeben, daß eine von den Frauen, welche in diesem Hause zur Herber- ge sind, eben der Don Francesco ist, um welchen ich Tag und Nacht Thraͤnen vergiesse; wuͤrdiget mich, setzte sie hinzu, zu rathen, und mich nach dem Stadthalter zu fuͤhren, die Jnfantin, meine Frau, wird euch da- fuͤr fuͤr danken, und der Koͤnig, der die Gerechtigkeit liebet, wird es euch ver- gelten. Der Stadthalter bat sie, sich auf sein Verlangen zu verlassen, das er haͤtte, ihr zu dienen, und das noch staͤrker waͤre als die Vorstel- lung, was diese Prinzen ihres Theils verdienten. Jch werde eure Sache ohne Lerm und ohne Proceß endi- gen, sagte er ihr, auf allen Fall will ich euren Mann gefangen neh- men, und an einen Ort bringen, wo ihn der Koͤnig wird die Strafe koͤn- nen ausstehen lassen, welche er fuͤr ihm bequem finden wird. Dies ist eine Gelegenheit, der ich mich zu Nutze mache, um die Verbindlichkeit zu erkennen, die ich vor einem Va- ter gehabt habe, davon ihr mir eine so wuͤrdige Tochter scheinet, nnd un- ter dessen Befehlen ich lange Zeit ge- dienet habe. Jch habe nur einen Zweifel, fuhr er weiter fort, ich be- fuͤrchte, daß eure Hofmeisterin sich ge- irret habe, denn es duͤnket mich schwer, daß eine Manns-Person so viel Schoͤnheit als die Frauen, die ich bey bey dem Verwundeten gesehen, ha- ben koͤnne. Seyd versichert, versetz- te ihm die Hofmeisterin, daß ich mich nicht betrogen, ihr glaubt doch wohl, daß er mir nicht unbekannt seyn kann, und daß die Zeit einer Messe hinreichend gewesen ist, um ihn so- wohl als Don Alonso , einen von seinen Edelleuten, genau zu betrachten: Er hat ein Frauen-Kleid von weis- sen silbernen Damast an. Jch will alsobald mit ihm sprechen, sagte der Stadthalter, und eure Sachen in Ordnung bringen; seyd ruhig, meine Frau, sagte er zu ihr beym Abschied nehmen. Nachher gieng er in die Kammer, wo Donne Marie , Donne Pantasilee und Don Alonso waren. Ob er gleich uͤber ihrer ausnehmenden Schoͤnheit erstau- net war, so gieng er doch hinein, oh- ne sie zu gruͤssen. Er redete den Don Alonso mit einem ernsthaften Gesichte an: Bekennet alsobald die Ursach, die euch bewogen hat, den Don Ferdinand ermorden zu las- sen, oder ich will es auf der Folter von von euch heraus bringen. Don Alonso , der sehr bestuͤrzt wurde, antwortete ihm mit einem Adlichen Stolze, und mit der Versicherung, welche die Unschuld geben kann, daß der Koͤnig ihm keine Gewalt vertrauet, als nur um die Schuldigen zu stra- fen, und nicht ehrliche Leute zu be- schimpfen. Der Stadthalter ließ durch seine Wache alle Leute hinaus jagen, um den Don Alonso zu ver- nehmen, der doch ein Vebrechen , das er nicht begangen, nicht bekennen konnte. Er befahl, daß man die Don- ne Marie zu ihm braͤchte; er ver- both ausdruͤcklich, daß man die Ge- fangenen mit einander, auch so gar nicht, wenn man sie von einander tren- nete, sprechen lassen sollte. Die Fra- gen, die er an diese schoͤne Wittwe er- gehen ließ, waren nicht lang, sie wa- ren auch nur zum Schein. Er ließ sich nachher Pantasilee herbrin- gen, und sagte nach einige allgemeinen Fragen zu ihm: Muß man sich wun- dern, daß das Volk nicht mehr Tugend bezeiget, da der Adel ihm so boͤse Ex- empel empel giebt? Die Edelleute waren vormahls Muster der Tugenden. Jst es moͤglich, daß ein Herzog, des- sen Muth und Tapferkeit jetzo in der Welt beruͤhmt werden muͤsten, sich so weit habe vergessen koͤnnen, daß er unter einer so unanstaͤndigen Klei- dung sich sehen laͤsset, und reiset? Vergebet mir, fuhr er fort, wenn ich so frey zu euch rede, und, da ich euch kenne, eure Auffuͤhrung nicht lobe. Unwuͤrdige Schmeichler allein koͤnnten anders zu euch reden; was mich aber anbetrift, so glaubte ich Ehre und Redlichkeit zu vergessen, wenn ich euch die Wahrheit verhehl- te. Jch rede mit euch nicht von dem Tode des Edelmanns, mit dem ihr hier angekommen seyd; ich glaube, daß ihr keinen Theil daran habt, und daß wir allem abhelfen koͤnnen: aber erlaubet mir, euch zu sagen, als euer und eures ganzen Hauses Die- ner, daß ihr keinen bessern Vor- schlag zu nehmen habt, als eiligst wieder nach Flandern zu gehen, und die Tocher des Gonsalve von H Men- Mendosa zu heyrathen. Jhr muͤs- set aus allen Ursachen ihre und eure Ehre wieder gut machen. Wenn ihr euch nicht dazu entschliessen wollet, so befehle ich euch von Seiten des Koͤniges, alsobald das Kleid, das ihr traget, abzulegen, das eurige wieder zu nehmen, und mit mir nach dem Koͤnige zu gehen, der in Ansehung des Briefes, den er von der Jnfan- tin empfangen hat, mit euch spre- chen wird. Uebrigens koͤnnet ihr mir nichts verhehlen, denn Don Alon- so , euer Edelmann, hat mir alles gestanden. Don Francesco wur- de sehr bestuͤrzt, daß er den Stadt- halter so frey reden hoͤrte, und sehr verdrießlich, da er vernahm, daß der Koͤnig von seiner Auffuͤhrung unter- richtet waͤre. Denn die Monarchen von Spanien sind unumschraͤnkt, und die Obrigkeit hat sogar uͤber die Grossen so viel Gewalt, daß einer von ihnen, der einem Gerichtsdiener Stockschlaͤge geben wollen, von dem Praͤsidenten in Castilien zu einer sehr ansehnlichen Geld-Strafe verdammt wur- wurde. Don Francesco , der die- sen Gebrauch wohl wußte, gab sich auf die gelinde Seite, und antwor- tete ihm: Jch will das Laster, das heut zu Tage herrschet, nicht verthei- digen; und weit gefehlt, daß ich mei- ne Auffuͤhrung rechtfertigen wollte. vielmehr tadle ich sie: aber die Liebe hat allezeit die groͤßten Leute uͤber- wunden; und ich wuͤrde euch selbst fragen, ob euch diese Leidenschaft un- bekannt sey, und ob ihr nicht zu eben dieser List eure Zuflucht genommen haͤttet, wenn ihr waͤret versichert ge- wesen, daß sie euch gelungen waͤre? Der Stadthalter gab ihm Recht. So habe ich denn, was die Verklei- dung betrift, nicht so groß Unrecht, verfolgte Don Francesco ; Und was die Heyrath anbelangt, so schwoͤre ich euch, das Wort zu hal- ten, das ich der Frau, von der ihr redet, gegeben habe: Jch thue noch mehr, ich gebe euch mein Wort, morgen nach Madrid zum Koͤnige zu gehen, ihn um Vergebung des be- gangenen Fehltrittes und um Er- H 2 laub- laubniß zu bitten, alsobald nach Flandern zu derjenigen zu gehen, welche ich allezeit als meine Frau an- sehen will, und von der ich mich nur auf Befehl meiner Verwandten ge- trennet habe. Sehet, das ist mein Vorhaben. Alles, was ich von eurer Hoͤflichkeit verlangen wuͤrde, wuͤrde seyn, meine Begebenheit nicht kund zu machen. Jch verspreche euch mei- ner Seits, versetzte der Stadthalter, alle meine Sorge darauf zu richten, doch im Fall, daß weder ihr noch eu- re Leute an dem Tode des Don Ferdinands nicht schuldig seyd. Jch schwoͤre euch bey Edelmanns Treu und Glauben, fiel ihm Don Fran- cesco in die Rede, daß ihr mich un- schuldig finden werdet. Jn diesem Fall, verfolgte der Stadthalter, er- laubet mir, euch zu umarmen, und euch der Reise nach Flandern zu uͤberheben. Don Francesco wuß- te nicht, was er sagen wollte, und folgte ihm in die Kammer, darin Hor- tensie war. Er sahe anfangs ihr Gesicht nicht, weil sie sich auf ihrem Bette Bette tief eingedruͤckt, und auf ei- nem damastenen Kuͤssen saß, auch mit Jasminen, Blumen, Lilien und Rosen umgeben war. Der Schmerz, den sie ausgestanden hatte, und die Ohnmacht, von der sie sich kaum er- holet hatte, hatten ihr Schoͤnheit ein wenig verdorben: Aber so bald er sie erkannte, lief er zu ihr, und umarmte sie, ohngeachtet ihres Wie- derstandes, wobey er sie hundert- mahl seine liebe Frau nannte. End- lich wurden die Erkenntlichkeit und die Liebkosungen dieser zween Ver- liebten so zaͤrtlich und ruͤhrend, daß der Stadthalter und alle diejenigen, welche Zeugen davon waren, sich mitleidig befanden. Nach diesen er- sten Augenblicken bezeugten sie dem Stadthalter die Verbindlichkeit, die sie gegen ihm haͤtten, und das Ver- langen, sie sehen zu lassen. Jhr habt nur ein Mittel, sagte er zu ihnen, das ist, mein Haus anzunehmen; denn ich muß, setzte er hoͤflich hinzu, fuͤr meine Gefangene stehen. Sie willigten endlich drein, und er ver- H 3 ließ ließ sie, um fuͤr sie Zimmers zurecht machen zu lassen, und ihnen seine Gutschen zu schicken, um sie hin zu bringen. Wie indeß Don Francesco durch den traurigen Tod des Don Ferdinands bestuͤrzt und durch die Liebe und Gegenwart der Horten- sie wieder erwacht war, so fand er seine Liebe gegen die Donne Marie so erkaltet, daß er sich, ohne ihren ungluͤcklichen Zustand, kaum ihres Daseyns wuͤrde erinnert haben, von welchen sie wahrhaftig so geruͤhrt war, daß sie kaum die Vortheile merkte, welche die Tochter des Gon- salve von Mendosa uͤber sie und uͤber die Rechte, welche sie auf das Herz des Don Francesco wieder machte, davon trug. Sie hatten viele Muͤhe, sie schluͤßig zu machen, daß sie ihre Gesellschaft nicht verließ, da man ihnen die Ankunft der Gutschen des Stadthalters berichte- te. Man versicherte sie, daß die Be- fehle gegeben waͤren, ihr alle ihres Man- Mannes Stande schuldige Ehre an- zuthun. Endlich ließ sie sich dadurch bewegen, daß sie folgte. Sie kamen also alle bey dem Stadthalter an. Seine Frau Clarina , zwo von sei- nen Toͤchtern, und eine Nichte, alle von einer grossen Schoͤnheit, em- pfiengen sie. Die ganze Gesellschaft war nach den ersten Hoͤflichkeitsbe- zeugungen mit nichts beschaͤftiget, als die Donne Marie zu troͤsten; Sie richteten aber damit wenig aus. Den folgenden Morgen schickte der Stadt- halter beym Aufstehen dem Don Francesco ein Feld-Kleid, welches er fuͤr eines seiner Kinder damahls in Jtalien hatte machen lassen, dessen Alter und Groͤsse mit ihm voͤllig uͤber- ein kamen. Das Kleid war von ei- nem sehr schoͤnen Lacken von Sego- vien , das Wamms von Gold-Lacken, das Unterkleid war an den Seiten of- fen; alles war mit goldenen Creutzen bedeckt, und in den Zwischen-Raͤu- men waren Schnuͤren mit so grosser Kunst gesticket, daß sie, wo sie wieder zusammen lieffen, allerley wunderliche H 4 Gestal- Gestalten machten. Der Mantel, der Hut, der Halskragen, und der Degen waren von gleicher Kostbar- keit. Wie endlich Don Francesco erschien, so konnte man nicht sagen, ob die heutige oder gestrige Kleidung ihm schoͤner zuließ. Hortensie sahe ihn steif an, und konnte sich nicht satt an ihm in dem Kleide sehen, wel- ches sich besser als das andere, wor- innen sie ihn angetroffen hatte, fuͤr ihn schickte. Die Liebe machte, daß sie sich auch nicht enthalten konnte, ihm tausend Kuͤsse zu geben, welche die Begierden der Frau, der Toͤch- ter und der Nichte des Stadthalters nur noch mehr aufbrachten, die ihn recht nach ihrem Willen fanden. Es ist Zeit, wieder auf den Moͤr- der des Don Ferdinands zu kom- men. Er war nicht lange auf der Folter, da er sein Verbrechen be- kannte, und sagte, daß er Roderi- ge von Garcia hiesse, ein Sohn Peteres Garcia , eines Einwohners in Viso , waͤre, daß er des Osmins Guti- Gutierrez , eines Wirths in diesem Flecken, Nichte, Nahmens Catalina von Croix , geheyrathet haͤtte: und da er nicht nur Proben, sondern auch das Gestaͤndniß selbst, der Untreue, die sie ihm mit Don Ferdinand angethan, gehabt haͤtte; so habe er ihn erstochen. Denn nachdem er von Osmin Geld bekommen, um in Flandern gegen die Hollaͤnder zu dienen; so haͤtte ihn der Teufel ver- fuͤhret, daß er wieder umgekehret, und sich nicht haͤtte entschliessen koͤn- nen, sie seine Ehre uͤberleben zu las- sen; welches er auch ins Werk ge- setzet haͤtte: da er hernach seine Reise weiter fortsetzen wollen, so ha- be ihn sein boͤser Geist nach Toledo gefuͤhret; und da er beym Herausge- hen aus der grossen Kirche, zum Un- gluͤck dem Don Ferdinand begeg- net waͤre, so sey er bey seinem An- blick in eine so grausame Wuth ge- rathen, daß er sich nicht habe ent- halten koͤnnen, seiner Rache ein Ge- nuͤge zu thun. Nach dieser Erklaͤ- rung gab der Stadthalter allen Leu- H 5 ten ten des Don Ferdinands und der Donne Marie die Freyheit, und ließ Roderigen sehr fruͤh aufhaͤn- gen, aus Furcht, seine Hinrichtung moͤchte einen Aufstand erregen. Denn der Ertz-Bischof hatte sie nach dem Gebrauche verboten, und den Stadt- halter in den Bann gethan, weil er den Missethaͤter in der Kirche in Arrest nehmen lassen, ohne ihn her- ausgeben zu wollen. Dieses Ver- bot war so strenge, daß man in kei- ner Kirche der Stadt Messe lesen konnte, ehe es nicht aufgehoben war. Wenn aber gerichtlich bewiesen ist, daß der also gefangen genommene Mensch des Mordes schuldig ist, so laͤßt die Obrigkeit den Koͤrper in die Kirche tragen; und in demselben Au- genblick ist das Verbot aufgehoben: welches man auch mit Roderigen so machte. Ohngeachtet aller Sorgfalt und Bemuͤhungen des Stadthalters, sei- ne Saͤfte nicht nur in der Stadt, son- dern auch auf einem niedlichen Land- hause, hause, mit Namen Cigaral , wel- ches er bey Toledo hatte, zu belu- stigen: so hatte Don Francesco andre Vergnuͤgungen noͤthig, und die Strenge seiner lieben Hortensie zehrten ihn nach gerade auf, denn sie wollte ihm keine Gunst iemahls ver- statten, ehe nicht die Hochzeit voll- zogen waͤre. Weil er nun seine Un- geduld nicht uͤberwinden konnte, so bath er sie um Erlaubniß, sich nach Madrid zu begeben, um von dem Koͤnige die Einwilligung ihrer Hey- rath zu erhalten. Er bestellte seine Mutter auch dahin, und unterrich- tete sie von dem, was sich begeben hatte; sie reiseten demnach drey Ta- ge nachher. Donne Marie woll- te sie wieder verlassen und nach Ube- da zuruͤck gehen; aber Don Fran- cesco und Hortensie wollten nie- mahls darein willigen: obgleich diese letztere einigen Argwohn uͤber das vor- gegangene hatte, und folglich etwas eyfersuͤchtig war. Jedoch der Sohn, den sie von ihrem Vetter hatte, der betruͤbte Zustand, worinn sie war, wel- welchen in edelmuͤthigen Herzen das Antheil verdoppelt, vielleicht auch, weil sie sich, wegen des Vortheils, den sie uͤber sie in des Don Fran- cesco Herzen davon trug, schmeichel- te; alle diese Ursachen zwangen sie, dieselbe aufs innigste zu noͤthigen, sie nicht zu verlassen. Jhre Bitten hat- ten vollkommenen Fortgang. Sie reisete mit ihnen sowohl als der Stadthalter. Der Koͤnig und die Koͤnigin empfiengen sie ungemein, und kuͤsseten sie eins ums andere; ja die Schoͤnheit der beiden Verliebten nahm den ganzen Hof ein. Der Koͤ- nig gab dem Don Francesco zur Erkenntlichkeit fuͤr die Dienste seines Hauses funfzig tausend Ducaten Ein- kuͤnfte; und aus Hochachtung gegen die Vorsprache seiner Princeßin Schwester, wollte er ihre Hochzeit auf seine Kosten ausrichten. Die Pracht des Hofes und der Bedienten war sehr groß fuͤr die Spiele von Lascanos, welche vor der Hochzeit hergeben sollten. Aber Aber mitten bey alle diesem, was denen Herzen und der Eitelkeit der beyden Verliebten schmeicheln konnte, vergassen sie der Donne Marie nicht: und, damit sie nicht von ein- ander getrennet wuͤrden, so schlugen sie ihr vor, sich bey Hofe niederzu- lassen. Die Sache war nicht schwer, da sie sahe, daß der Vorzug der Schoͤnheit und der Jugend durch ei- nen grossen Ruhm unterstuͤtzet war, so willigte sie drein. Aber sie schlug alle Maͤnner aus, die man ihr an- trug, um Valerio , ihres Mannes Edelknaben, vorzuziehen. Weil sie von seiner Bescheidenheit geruͤhret war, so schien es ihr, daß sie zur Beruhi- gung ihres Gewissens und fuͤr das Wohl ihrer Seelen keinen andern neh- men koͤnnte. Jhr Beichtvater rieth ihr eben das. Don Francesco ver- wunderte sich uͤber ihre Wahl: Aber wie er hoͤrete, daß dieser Edelknabe ein Edelmann war, und keinen Feh- ler, als sein weniges Vermoͤgen, hat- te; so versprach er, fuͤr sein Gluͤck zu sorgen. Die Die beyden Hochzeiten wurden al- so zu desto groͤsseren Vergnuͤgen bey- der Theile gefeyret, weil sie sich kannten; und sie schliefen in bessern Betten, als in den Herbergen zu Sierra Morena und zu Carcue- la . Aber ist man wohl bey dem, was man liebet, und was man lange nicht genossen hat, uͤbel daran? ENDE .