S ammlung Critischer, Poetischer, und anderer geistvollen S chriften, Zur Verbesserung des Urtheiles und des Witzes in den Wercken der Wohlredenheit und der Poesie. Zwoͤlfftes und leztes Stuͤck. Zuͤrich , Bey Conrad Orell und Comp. 1744 . Critische Untersuchung, Wie weit sich ein Poet des gemeinen Wahnes und der Sage bedienen koͤnne. Critische Untersuchung/ Wie weit sich ein Poet des gemei- nen Wahnes und der Sage bedie- nen koͤnne. E Jn junger, noch ungezogener Schuͤler der Gottschedischen Weltweisheit, der sich J. A. K. nennet, hat in einer von denen ge- wohnten Uebungsstunden, die unter der Aufsicht des Hrn. Prof. Gottscheds gehalten werden, zur Materie einer Ausarbeitung die critische Frage be- kommen: Wie weit sich ein Poet des gemeinen Wahnes und der Sage bedienen koͤnne? Und weil diese Frage zu eroͤrtern fuͤr einen angehenden Schuͤler allzuschwer gefallen waͤre, um so viel mehr, da dasjenige Lehrbuch, dessen sich die Schuͤ- ler des Hrn. Professors bedienen, nemlich die Cri- tische Dichtkunst fuͤr die Deutschen, hieruͤber gar keinen gruͤndlichen Entscheid giebt; so hat man ihm aus dem Schrancke der Librorum pro- hibitorum Hrn. Breitingers Critische Dicht- kunst und Hrn. Alex. Gottlieb Baumgartens Meditationes philosophicas , aber diese leztern nur in einem deutschen Auszuge zu einer Anleitung mit nach Hause gegeben, mit beygefuͤgter ernstlicher Warnung, daß er sich gegen die Heterodoxie des [Crit. Sam̃l. XII. St.] A 2 Brei- Wie weit sich ein Poet Breitingerschen Buches wohl verwahre, und alles nach der Glaubens-Analogie der Gottschedischen Schule fleissig pruͤffe. Es hat auch dieser J. A. K. seine Sache so wohl ausgefuͤhret, daß Hr. Prof. Gottsched diese Ausarbeitung seines Schuͤlers vor wuͤrdig geachtet, sie dem XXX sten Stuͤcke seiner Crit. Beytraͤge Art. V. zu einverleiben. Jch ha- be gesagt, daß J. A. K. noch ein junger und un- gezogener Mensch sey; denn ob er mir gleich wei- ter nicht als aus diesem critischen Versuche bekannt ist, so glaube ich gleichwohl nicht ohne die groͤste Wahrscheinlichkeit von ihm, daß er die Kinder- schuhe noch nicht voͤllig zertreten habe. Diese Schrift giebt es uns auf allen Blaͤttern zu erken- nen, insonderheit finden wir auf der 259sten S. ein rechtes Muster eines kindischen und ungezoge- nen Wesens: „Epicurus behauptete, daß der „Leib der Goͤtter nur quasi corpus, und ihr Blut „nur quasi sanguis; oder nur ein aͤtherischer Leib „und ein aͤtherisches Blut sey, wie sich Hr. Bod- „mer von den Miltonischen Engeln zwar dunck- „ler, aber desto gelehrter ausdruͤckt. „Ey, das ist schoͤn, „Der Teufel selbst kans nicht verstehn!„ Und bald hernach: „Meine Waͤrterinnen, wenn „ich etwa vor dem Hause mit einer kleinen Stan- „ge nach der Luft stieß, warnten mich recht an- „daͤchtig: ich solte bey Leibe nicht in die Hoͤhe „stossen; ich koͤnnte die lieben Engellein todtste- „chen. ꝛc.„ Oder wer hat jemals dergleichen grobe, witzlose Schertze bey einem wohlgezogenen Scribenten, der allbereit unter der Nase trucken war, des Wahnes bedienen koͤnne. war, gelesen? Jch habe fehrner gesagt, daß J. A. K. ein angehender Schuͤler der deutschen Welt- weißheit sey. Man wird hiervon aus meiner fol- genden Abhandlung genug uͤberzeuget werden, jezo will ich zum vorlaͤuftigen Beweise dessen nur die Stelle Bl. 260. anfuͤhren, wo es heißt: „Wir „wissen aus der Sittenlehre, daß unsre gantze „Erkenntniß ihren Ursprung von den Sinnen neh- „me. Die Erfahrung lehret, wie leicht es ge- „schehen sey, daß der Gegenstand, welcher un- „sere Sinnen beruͤhren soll, zu weit von ihnen ab- „stehe, daß sich entweder ein gantz undeutliches „Bild von ihnen in der Seele abdruͤcket; oder „gar von einem allzueilfertigen Urtheile ein Jrr- „thum geboren wird. Die Einbildungskraft sezt „Bilder und Begriffe zusammen, welche sich „nicht auf einander reimen, es geschehe nun von „uns oder von andern.„ Ein Abecedarius in der Weltweisheit weiß, daß so viel als zwo Quel- len unsrer Erkenntniß sind, nemlich die Erfahrung und die Vernunft; und dieses zwar weiß er nicht aus der Sittenlehre, sondern schon aus der Ver- nunftlehre und der Erfahrung: Eben diese Ver- nunftlehre giebt uns auch gantz andern Unterricht von dem Jrrthum der aus dem Betrug der Sin- nen entstehet. Und welcher Mensch weiß, wie er die lezten worte, es geschehe nun von uns oder von andern, reimen oder verstehen sol? Jch habe endlich gesagt, daß dem J. A. K. zu dieser Arbeit die Breitingersche Dichtkunst behuͤlflich gewesen sey: dieß zeiget sich aus der Vergleichung des VI ten und IX ten Abschnitts derselben, mit die- A 3 ser Wie weit sich ein Poet ser Schrift, in welcher J. A. K. kaum ein Exem- pel anfuͤhren kan, das er nicht bey jenem gefun- den hat: Wiewohl er die Gedancken des Schwei- zers uͤber diese Frage so lange verdrehet und ver- hudelt, bis sie ihm gantz eigen geworden, und er endlich aus denselben den Schweitzer selbst nach seiner Art hat widerlegen koͤnnen. Es will sich zwar fast der Muͤhe nicht loͤhnen, diesem Schuͤler sein Exercitium zu corrigieren, und ich haͤtte es wuͤrcklich unterlassen, wann nicht Hr. Prof. Gott- sched dasselbe in seinen Schutz genommen, und ihm von dem Ueberfluß seines Ansehens einen wich- tigrn Zusatz gegeben haͤtte: „Denn von einem „ehrlichen Duͤnnehaupt wird man nicht so leicht „die Verfuͤhrung junger Leute zu besorgen haben. „Wie leicht ist es hingegen nicht, sich in die „Fehler eines Mannes zu verlieben, von dem wir „nichts als eine Anpreisung lauter Schoͤnheiten „gehoͤret haben?„ Nach der Anmerckung eines von den Greifswaldischen Gesellschaftern Bl. 193. des ersten Bandes. J. A. K. koͤmmt nach einer muͤhesamen und recht schuͤlerhaften Vorbereitung zulezt auf der 260sten Seite auf die Erklaͤrung des Wahnes, die er seiner Eroͤrterung zum Grund legt; und diese Erklaͤrung koͤmmt doch noch welsch genug her- aus: „Der Wahn ist eine ungewisse Erkennt- „niß von einem Dinge, die aber doch von seinem „Besitzer fuͤr gewiß und untruͤglich gehalten wird. „Wir erkennen leicht, wie weit er von der Mey- „nung unterscheiden sey: Bey einer Meynung „laͤßt man es dahin gestellt seyn, ob sie wahr „oder des Wahnes bedienen koͤnne. „oder irrig sey; welches sich bey dem Wahne „gantz anders verhaͤlt.„ J. A. K. redet in dieser Erklaͤrung von einem Besitzer des Wahnes; also wird nach ihm der Wahn auch inter dominia re- rum oder zu dem Eigenthum zu rechnen seyn: da man sonst bisdahin geglaubt hat, daß man von dem Wahne eher koͤnne besessen werden. Er sagt, der Wahn sey die Erkenntniß von einem Dinge, die fuͤr gewiß und untruͤglich gehalten werde, und doch ungewiß sey; nemlich nicht in Ansehung dessen, der sie fuͤr wahr und untruͤglich haͤlt, denn so muͤßte dieser einerley Erkenntniß zugleich fuͤr gewiß und ungewiß halten: sondern in Anse- hung der Erkenntniß eines andern. Folglich will diese Erklaͤrung so viel sagen: der Wahn sey, wenn ich z. E. fuͤr wahr und untruͤglich halte, was ein anderer ungewiß erkennt, oder nicht weiß, ob es wahr oder falsch sey. Allein so lang ein ande- rer selbst ungewiß ist, ob etwas wahr oder falsch sey, wie kan er meine Meynung fuͤr einen Wahn halten? Der Wahn hat allezeit eine Beziehung auf eine andere gruͤndlichere Einsicht und Erkennt- niß, ohne dieselbe koͤnnte niemahls kein Wahn entdeckt werden. Sehet welche Ungewißheit und Verwirrung! Wer die stoltze Vorbereitung und die prahlerhafte Erzehlung, wie er auf die Entdeckung dieser Erklaͤrung gekommen, lieset, dem muß das Parturiunt montes, nascetur ridiculus Mus in den Sinn kommen. Es stehet aber J. A. K. bey dieser ungluͤcklichen Entdeckung nicht stille, sondern er waget sich ferner den Unterscheid zwi- schen dem Wahne und einer Meynung anzuzei- A 4 gen. Wie weit sich ein Poet gen. Er sagt: „Bey einer Meynung laͤßt man „es dahin gestellt seyn, ob sie wahr oder irrig „sey, welches sich bey dem Wahne gantz anders „verhaͤlt.„ Hiemit waͤre nach J. A. K. eine Meynung eine ungewisse Erkenntniß, es sey, daß der Besitzer derselben sie fuͤr wahr oder ir- rig haͤlt. Seine Meynung von etwas geben, ist folglich, etwas daher sagen, von dem ich ungewiß bin, ob es moͤchte wahr oder irrig seyn, welches ich auch dahin gestellt seyn lasse: da doch nach dem gemeinen Gebrauche dieses Worts, derjenige, der seine Meynung uͤber etwas erklaͤret, sagt, was er fuͤr wahr, gut und nuͤtzlich halte; etwas gut heisset oder verwirft. Da der grosse deutsche Weltweise dieses finstere Galimathias selbst vor etwas wohl ersonnenes hal- ten muß: so will ich ihn und seinen Schuͤler, wo moͤglich, aus ihrer Verwirrung auf ordentlichere Gedancken fuͤhren. Ein Jrrthum ist, wenn ei- ner etwas, das an sich selbst betrachtet wahr ist, fuͤr falsch, oder das an sich selbst betrachtet falsch ist, fuͤr wahr haͤlt. So lange einer etwas fuͤr wahr ansiehet, so kan er sich dasselbe unmoͤglich zugleich als falsch vorstellen; und so lange er et- was fuͤr falsch ansiehet, so wird er sich dasselbe un- moͤglich als wahr vorstellen koͤnnen. Der Jrr- thum wird demnach allemahl durch eine gruͤndli- chere Erkenntniß des Wahren oder des Falschen entdeckt und vertrieben. Ein Wahn ist, wenn einer dasjenige, was an sich selbst betrachtet un- gewiß ist, fuͤr gewiß haͤlt. Ungewiß nenne ich, was noch zur Zeit nicht genugsam erwiesen ist, oder erwie- des Wahnes bedienen koͤnne. erwiesen werden kan. Und was ungewiß ist, kan demnach bey dem Zuwachs eines mehrern Lichts der Erkenntaiß wahr, oder falsch und irrig befun- den werden. Befindet man bey genauerer Einsicht und Untersuchung einer Sache, daß der vorgefaßte Wahn von derselben ohnbegruͤndet und darum irrig und falsch ist, so sagt man mit Recht, das sey bis- dahin ein irriger Wahn gewesen, weil sich nem- lich iezund offenbar zeiget, daß der Wahn, den man von einer Sache gefasset hatte, Jrrthum ist. Befindet sich aber in der Untersuchung das Ge- gentheil, nemlich daß der Wahn, den man von einer Sache gehabt, wuͤrcklich nicht ohne zurei- chenden Grund, folglich gewiß und wahr ist, so nen- net man ihn schlechtweg einen Wahn, weil man das- jenige bisdahin ohne genugsamen Grund fuͤr wahr und gewiß gehalten, was zwar als wahr befun- den wird; das man aber nichts destoweniger auch fuͤr wahr gehalten haͤtte, wenn es gleich in der naͤhe- ren Untersuchung als falsch waͤre befunden worden. Der Wahn entspringet hiemit aus einem uͤbereil- ten Urtheil von Sachen, die man nicht genugsam untersucht und gepruͤffet hat, deren Wahrheit oder Falschheit man nicht erkennet, da man den Schein fuͤr das Wesen nimmt, und wo man vernuͤnftiger Weise sein Urtheil zuruͤckhalten sollte. Eine Mey- nung ist endlich, wenn man in zweifelhaften Sa- chen und Faͤllen nach gewissen Wahrscheinlichkei- ten etwas als sicherer, besser und nuͤtzlicher bey sich fest setzet: Wo diese Wahrscheinlichkeiten, nach welchen sich unsre Meynungen richten, fehl schla- gen oder nicht eintreffen, da kan unsre Meynung betriegen. A 5 Man Wie weit sich ein Poet Man vergleiche nun mit diesen Saͤtzen und Er- klaͤrungen, was J. A. K. sonderlich Bl. 263. von dem wahren Wahne fuͤr neue Entdeckungen ge- machet haben will, und sehe, wie uͤbel es in die- sem Kopf muß aufgeraͤumt seyn, und wie zuver- sichtlich dieser arme Stuͤmper die Sprache der groͤsten Erfinder in dem Munde fuͤhret, und sich kaum enthalten kan, uͤberlaut auszuruffen, εὕϱηκα, εὕϱηκα! Von diesem wahren Wahne sagt er: „Es klingt etwas fremde: allein ich bin dadurch „darauf gebracht worden, weil man in dem ge- „meinen Leben immer noch das Beywort Falsch „bey dem Wahne gebraucht, wenn man willens „ist, eine irrige und unrichtige Erkenntniß anzu- „deuten. Es koͤnnte vielleicht seyn, daß dieß „Wort vor Zeiten zu den mittlern Woͤrtern „gehoͤret, und eben so wohl eine gute als boͤse „Bedeutung gehabt; welche aber hernach verlo- „ren gegangen. Der gute Geschmack wuͤrde zu „dieser Art des Wahnes fuͤglich koͤnnen gerech- „net werden. Doch es mag dieses einer reifern „Ueberlegung heimgestellet seyn.„ Eine gantz un- erhoͤrte Entdeckung des wahren Wahnes! Denn da es einen falschen und irrigen Wahn giebt, so kan es ja nicht anders seyn, es muß auch einen wahren Wahn geben. Trefflich wohl geschlos- sen! Und das Woͤrtgen Wahn muß vor Zeiten eine gute Bedeutung gehabt haben, es wird nem- lich entweder eine gruͤndliche Erkenntniß des Wah- ren und des Falschen bedeutet haben, oder man mag vor Zeiten ein uͤbereiltes Urtheil ohne Unter- suchung fuͤr was gutes angesehen haben. Neben dem des Wahnes bedienen koͤnne. dem haben wir hier ein aufrichtiges Bekenntniß von einem qualificierten Oberdeutschen aus der Gottschedischen Schule selbst, was von dem guten Geschmack dieser Schule zu halten sey, nemlich daß er ein blindes Gluͤck und Ungefehr im Urthei- len von dem Schoͤnen und Haͤßlichen einer Schrift, ein blosser Wahn, der ohne Verstand und Ein- sicht oͤfters das Gute und Schoͤne gutheisset, aber eben so wenig weiß, warum er etwas gutheisset, als warum er etwas verwirfft; hiemit ein blindes Loos sey, welches, wenn es von ungefehr richtig ein- trift, einen eben so guten Geschmack haben muß, als der Hr. Prof. Gottsched selbst. Sollte man nicht einen solchen unwissenden Stoͤltzling zu- vor noch in die Schule verweisen, um in seinem Compendio logico erst noch recht zu lernen, was opinio, was opinio vera \& falsa waͤre, ehe man ihm gestatten wuͤrde, als ein Lehrer und Kunst- richter aufzutreten, und sich anzustellen, als ob er neue Wahrheiten entdecken wolle. Noch mehr aber verraͤth J. A. K. seine Un- wissenheit, wenn er auf der 262. Seite bey An- laß der Eintheilung des Wahns in seine Classen, in den unmoͤglichen, unwahrscheinlichen, und wahrscheinlichen, den Wahn mit den Erdich- tungen vermenget, und was Hr. Baumgarten, u. Hr. Breitinger Bl. 135. seiner Dichtk. von diesen gesagt haben, ohne Unterscheid auf jenen zeuhen will. Jedermann verstehet, was eine moͤgliche, eine wahrscheinliche, eine wahre; was im gegentheil eine unmoͤgliche, eine unwahrscheinliche, eine falsche Erdichtung sey: Eine Erdichtung ist nem- Wie weit sich ein Poet nemlich, wenn wir durch eine willkuͤhrliche Zu- sammensetzung der Bilder neue Vorstellungen er- schaffen: Diese Zusammensetzung ist entweder schlechterdings unmoͤglich, wo man solche getrenn- te Bilder zusammenordnet, die einander wider- sprechen, und mit einander wesentlich streiten; die darum Herr Baumgarten Utopische Erdichtun- gen genennet hat, weil sie in keinem moͤglichen Zu- sammenhange der Dinge Platz haben koͤnnen, ja nicht einmahl koͤnnen gedacht werden. Oder die Zusammensetzung der Erdichtung ist moͤglich; Al- les was moͤglich ist, hat schon einige Wahrschein- lichkeit, und gehoͤret entweder zu dem gegenwaͤrti- gen Zusammenhang der Dinge, oder zu einem an- dern moͤglichen Zusammenhang. Jst das erdichtete Moͤgliche in der gegenwaͤrtigen Welt moͤglich, so ist es eben darum, weil es ohne Widerspruch in dieser Welt wuͤrcklich seyn koͤnnte, wahr: Jst es aber in einer andern Welt moͤglich, so ist es eben darum, weil es nicht unmoͤglich ist, und doch mit der gegenwaͤrtigen Ordnung der Dinge nicht voͤl- lig uͤbereinstimmet, wahrscheinlich, oder eine he- terocosmische Erdichtung. Zu einer Erdich- tung wird demnach uͤberhaupt nicht mehr erfor- dert, als daß sie moͤglich sey: Der Erdichtung ste- het nicht die Wahrheit, sondern das Unmoͤgliche entgegen; denn die Wahrheit oder das Wirckliche gehoͤret mit dem Moͤglichen unter ein Geschlecht. Aber der Wahn wird einer sichern und begruͤndten Erkenntniß des Wahren und Falschen entgegen ge- setzet: Der Wahn gehet nicht bloß auf die Moͤg- lichkeit der Dinge, sondern er wird erkennt und entde- des Wahnes bedienen koͤnne. entdecket, wenn man gruͤndlich zeigen und erwei- sen kan, daß dasjenige, was man bisdahin un- begruͤndter Weise vor wahr gehalten, im Grunde entweder wahr oder falsch sey. Wie ist es denn moͤglich, daß man Sachen, die in ihrer Natur so sehr von einander unterschieden sind, mit einan- der vermischet, und der einen diejenigen Eigen- schaften beylegen will, die der andern zugehoͤren; zumahlen da auch der eingefuͤhrte Sprachgebrauch solches kaum erlauben will? Denn da der Wahn allezeit ein unbegruͤndetes Urtheil zum Grund hat, ohne Grund und Einsicht aber urtheilen, unver- nuͤnftig gehandelt ist, so kan der Wahn, als ein solcher betrachtet, niemahls wahr seyn; oder er muͤßte gantz uneigentlich wahr genennet werden, in der blossen Absicht, weil dasjenige, was man ohne Grund sich fuͤr wahr einbildet, eben so wohl wahr, als falsch seyn kan. Eben so moͤgte ich wohl hoͤren, wie man mir deutlich erklaͤren wolte, was ein wahrscheinlicher Wahn sey, wenn man ihn nicht mit einer unwahrscheinlichen Erdichtung vermischen will: Der Wahn vergnuͤget sich immer mit blossen Wahrscheinlichkeiten, und sein Wesen bestehet darinnen, daß dasjenige, was einer ohne weitere Untersuchung fuͤr wahr annimmt, ihm eben nicht unwahrscheinlich vorkoͤmmt, ob sich gleich sein Urtheil nur auf einen betruͤglichen Schein der Wahr- heit gruͤndet. Wollte man sagen, der Wahn sey dannzumahlen unwahrscheinlich, wenn ein an- derer fuͤr unwahrscheinlich erkennt, was dieser fuͤr gewiß haͤlt, so habe ich schon oben erwiesen, daß eine blosse Unwahrscheinlichkeit einen Wahn weder ent- Wie weit sich ein Poet entdecken, noch stuͤrtzen kan. Eine Erdichtung kan freylich zu einem Wahne, der sich nach und nach ausbreitet, Anlaß geben; aber darum ist die Erdichtung mit dem Wahne nicht einerley. Am meisten aber verraͤth sich der grosse Unverstand und die Unbedachtsamkeit des J. A. K. wenn er von einem heterocosmischen Wahne, d. i. von un- begruͤndten Urtheilen redet, die nicht in der wirck- lichen, sondern in einer andern moͤglichen Welt Statt haben, und den wahrscheinlichen Wahn von demselben unterscheidet; welches daher ruͤhret, weil er nicht gemerckt, daß Herr Baumgarten die wahrscheinliche und die heterocosmische Erdich- dichtung fuͤr eins haͤlt. Jm uͤbrigen ist freylich wahr, daß zuweilen ein gantz unvernuͤnftiger und widersprechender Satz ein allgemeines Ansehen er- langen kan, insonderheit wenn er von dem Aber- glauben unterstuͤtzet wird: Allein dieses ruͤhret kei- neswegs von dem Wahne her, in so ferne er als ein solcher betrachtet wird; sondern von dem Jrr- thum, der mit einem falschen Wahne immer ver- knuͤpfet ist; denn der Jrrthum streitet etwann mit denen ersten Grundwahrheiten, die kein Vernuͤnf- tiger in Zweifel ziehet; etwann aber mit andern da- von hergeleiteten Saͤtzen, so daß er um etwas ver- steckt ist, und nicht so geschwind einem jeden in die Augen leuchtet; allein da die Falschheit alle- mahl mit der Wahrheit im Widerspruch stehet, so kan ein irriger Wahn niemahls moͤglich seyn. So ungluͤcklich aber J. A. K. in seinen Lehrsaͤtzen ist, eben so ausschweifend ist er in seinen Exem- peln und der Anwendung derselben: Er fuͤhret auf der- des Wahnes bedienen koͤnne. derselben oben angezogenen 262sten S. den Wahn von den sichtbaren Coͤrpern der Goͤtter an, und sagt davon: „Es sey schlechterdings unmoͤglich, „daß Wesen von den vortrefflichsten Eigenschaf- „ten, welche man als Goͤtter verehrte, die mensch- „liche, als eine sehr unvollkommene Gestalt an „sich haben sollten.„ Er muß nicht bedacht ha- ben, daß die H. Schrift von vielen Erscheinun- gen des wahren Gottes Jsraels unter sichtbarer Gestalt so oft Meldung thut; daß er die Vereini- gung der Goͤtter mit der menschlichen Gestalt fuͤr an sich selbst und schlechterdings unmoͤglich aus- giebt: Denn was an sich selbst und schlechterdings unmoͤglich ist, das kan niemals, auch nicht fuͤr eine kleine Zeit moͤglich werden, sondern bleibet allezeit ungereimt und widersprechend. Es ist in Wahrheit nicht zu begreiffen, daß ein gewaltiger Lehrer, der selbst eine deutsche Weltweißheit ge- schrieben hat, dergleichen unbestimmte, verworre- ne, unvernuͤnftige Saͤtze an einem Schuͤler ohne Verdruß sollte dulden, geschweige noch selbst billi- gen, und der Welt als etwas lesenswuͤrdiges vor- legen duͤrfen. Wenn nun J. A. K. ferner auf der 243. u. f. Seite das Recht des Poeten uͤber den Wahn zu- folge der gemachten Eintheilung bestimmen will, so redet er fast immer unter dem Nahmen des Wahns von den Erdichtungen, und dieses ver- leitet und stuͤrtzet ihn in ein unverstaͤndiges, weit- laͤuftiges Gewaͤsche, wo weder Ordnung, noch Deutlichkeit zu finden ist. Er leitet die Einschraͤn- kung der Gewalt des Poeten uͤber den Wahn, oder Wie weit sich ein Poet oder vielmehr uͤber die Erdichtung daher, daß die Poesie in einer Nachahmung der Natur be- steht, und ein Poet ihre Grentzen niemals uͤber- schreiten darf, ohne einen Fehler zu begehen: Er machet daraus den Schluß, daß ein Poet sich des Wahnes nicht schlechterdings bedienen duͤrfe, wenn er unmoͤglich oder unwahrschein- lich ist. Es gehoͤret nemlich zu der Natur, und muß uͤberhaupt als wahrscheinlich angesehen wer- den, was durch die unendliche Kraft des Schoͤ- pfers der Natur moͤglich ist, hiemit alles, was mit denen ersten und allgemeinen Grundsaͤtzen, auf welchen alle Erkenntniß der Wahrheit beruhet, in keinem Widerspruche stehet: Was hingegen mit denselben streitet, das hat auch in der Macht des Schoͤpfers keinen Grund der Wahrheit, ist also schlechterdings unmoͤglich, und kan nicht einmal gedacht werden: Und folglich haͤtte J. A. K. schlies- sen sollen, daß unmoͤgliche und utopische Erdich- tungen in keinem Gedichte jemahls zu gebrauchen seyn, es sey dann daß der Poet sich mit Fleiß laͤ- cherlich machen wolle. Aber eine gantz andere Bewandtniß hat es mit dem Wahne: Ein Wahn ist ein unbegruͤndetes Urtheil von einer Sache, welches die Unvernunft gezeuget, und der Aber- glaube in Ansehen gebracht hat. Ein irriger Wahn, der die Welt jemahls beherrschet, hat, so lange er nicht von einer besser erkannten Wahr- heit verdrungen wird, das Ansehen und die Macht der Wahrheit selbsten; und auch nachdem er sein Ansehen wircklich verlohren hat, und fuͤr irrig er- kennt wird, behaͤlt er noch immer eine historische Wahr- des Wahnes bedienen koͤnne. Wahrheit; er mag an sich selbst so ungereimt und widersprechend seyn, als er immer will, weil doch einmal Menschen gewesen sind, die denselben fuͤr wahr gehalten haben. Da nun ein Poet in den vornehmsten Stuͤcken der Poesie, nemlich in dra- matischen und epischen Gedichten, entweder gar nicht, oder doch sehr sparsam in seinem eigenen Nahmen redet; sondern groͤstentheils fremde Per- sonen redend einfuͤhret, so ist er nicht befugt ihnen seine eigenen, obgleich vernuͤnftigern und bessern Gedancken und Urtheile von den Sachen zu leihen, sondern er muß sie reden und urtheilen lassen, wie es ihr Character, so ferne er aus der Historie be- kannt ist, oder das Licht der damahligen Zeiten wahrscheinlich mit sich bringt. Ein Wahn, er mag uͤbrigens noch so gottloß und irrig seyn, weil er eine historische Wahrheit hat, gehoͤret nicht in Utopien, sondern in die gegenwaͤrtige wuͤrckliche Welt, laut dem bekannten Spruͤchwort: Es koͤnne nichts so ungereimtes und widersinniges er- dacht werden, das nicht selbst einer von den Phi- losophen jemals sollte gelehret haben. Von solcher Art ist das Exempel der Biblis, welches J. A. K. auf der 266. Seite aus Ovidius anfuͤhret. Jch schaͤme mich fast die elenden Anmerckungen, wo- mit er seine Critick zu rechtfertigen suchet, zu be- ruͤhren: Das vornemste koͤmmt wohl darauf an, daß er behaupten will, ein vernuͤnftiger und tugend- liebender Scribent oder Poet koͤnne ohne Verle- zung seines Gewissens, und ohne den Verdacht, daß er der Wahrheit und Tugend nicht allzu gewogen sey, keine gottlose Personen und Character auf- [Crit. Sam̃l. XII. St.] B fuͤh- Wir weit sich ein Poet fuͤhren, weil er ihnen der Wahrscheinlichkeit ge- maͤß keine andere als gottlose und leichtfertige Re- den in den Mund geben koͤnnte. Jch will diesen scheinheiligen Lehrsatz, der die Zulassung des Boͤ- sen in der Welt gleichsam meistert, und die mei- sten Stuͤcke in Hrn. Gottscheds deutscher Schau- buͤhne zugleich verdammet, nicht anders widerle- gen, als daß ich J. A. K. erinnern will, daß die H. Schrift selbst, ohne einige Befleckung ihrer Heiligkeit, diese Wahrscheinlichkeit beobachtet, daß sie hin und wieder gottlose Menschen, ia selbst Teufel auffuͤhret, denen sie ihrem Character ge- maͤß unvernuͤnftige, ja laͤsterliche Reden beyleget. Nach des J. A. K. Lehrsatz ist sie nicht zu ent- schuldigen, daß sie diese Nachbildungen nicht weg- gelassen hat. Die Poesie ist eine Nachahmung der Natur in dem Wircklichen, wie in dem Moͤg- lichen: da nun Thorheit, Aberglauben, Gottlo- sigkeit, nicht nur moͤglich sind, sondern die Welt wircklich beherrschen, die Wahrheit und Tugend verfolgen, und so fern sie koͤnnen, unterdruͤcken; so hoͤret die Poesie auf zu seyn, was sie ist, wenn sie die Natur nur in einem kleinen Theil des Wuͤrck- lichen nachahmen darf. Jm uͤbrigen findet J. A. K. seine voͤllige Abfertigung in Hrn. Breitingers Crit. Dichtkunst Bl. 339. wo es heißt: „Jndessen ist „in dem Gebrauche dieses Kunstgriffes grosse Be- „hutsamkeit noͤthig; ich wollte nicht, daß die „Poesie mißbraucht wuͤrde, den Aberglauben „in seinen abentheurlichen Traͤumen zu besteif- „fen, und dieselben noch weiter auszubreiten. „Der Poet muß sich freylich die Historie des Aber- „glau- des Wahnes bedienen koͤnne. „glaubens und die verschiedenen Meynungen, die „von Zeit zu Zeit einen allgemeinen Glauben bey „den Leuten erhalten haben, bekannt machen, „damit er das Wunderbare in seinen Vorstel- „lungen nach Beschaffenheit der Materie alle- „mahl auf solche Meynungen gruͤnden koͤnne, die „zu der Zeit, da die Personen, die er auffuͤh- „ret, gelebet, einen durchgaͤngigen Beyfall ge- „habt hatten. Die Meynung, die er ihnen zu- „schreibet, muß zu derselben Zeit allgemein gewe- „sen seyn, keine geschickter erklaͤrte und besser be- „kannte Wahrheiten muͤssen damahls mit ihr im „Widerspruche gelegen haben, sonst wuͤrden diese „wunderbaren Vorstellungen alle Glaubwuͤrdig- „keit verlieren, und also gantz abentheurlich wer- „den.„ Man kan auch mit Nutzen nachlesen, was ferner hieruͤber auf der 340. und etlichen fol- genden Seiten gruͤndlich ausgefuͤhrt worden. Was endlich die Beschuldigung und Entschuldigung der alten Poeten, Homers und Virgils, wegen der Fabeln von ihren Goͤttern anbelanget, so muß J. A. K. noch erweisen, 1. daß diese Dichter uͤber die Goͤtterhistorie mehr Erleuchtung gehabt haben, als das Volck, und bestimmen, wie deutlich sie den gemeinen Jrrthum des Aberglaubens eingese- hen haben? Denn so lange der unvernuͤnftige Wahn von mehr als einer Gottheit nicht abgele- get ist, so kan ich nicht wohl absehen, wie man sollte unfaͤhig seyn, allen andern abentheurlichen Erzehlungen Glauben zuzustellen, zumahl wenn ihnen der Aberglauben das Ansehen heiliger Ge- heimnisse zuleget. 2. Muß er erweisen, daß die B 2 Alle- Wie weit sich ein Poet Allegorischen Absichten, die ihnen von alten und neuen, heidnischen und christlichen Kunstrichtern zugeschrieben werden, schlechterdings unmoͤglich seyn. 3. Da Homer und Virgil aͤltere Geschich- ten zum Grund ihrer Gedichte genommen, so muͤß- te gezeiget werden, daß sie ohne Verletzung der Wahrscheinlichkeit, denselbigen Zeiten mehrere Er- leuchtung haͤtten zutheilen koͤnnen und sollen, als sie nicht gehabt haben. Und endlich 4. stehet noch unerlaͤutert, wie weit ein Poet, insbesondere ein epischer Dichter, der den Jrrthum des herrschen- den Aberglaubens seiner Zeiten in einigen Stuͤcken einsiehet, geschickt sey, unter einem Haufen aber- glaͤubischer Goͤtzendiener zugleich das Ansehen eines guten und glaubwuͤrdigen Dichters und eines Ver- fechters einer gesunden Theologie zu behaupten; denn davon ist auf der 161. Seite der Breitinger- schen Dichtkunst die Frage; nicht aber wie J. A. K. die Worte haͤmischer Weise verkehret, als ob Hr. Breitinger so gar zu einer Pflicht der alten Poe- ten gemacht habe, der Theologie des Poͤbels gemaͤß zu reden, uͤber welchen besondern Glau- ben J. A. K. sich nicht genug verwundern kan. Aber dieser ungeschickte Schuͤler zeiget eben dadurch, daß er zwischen einer moralischen und einer phy- sicalischen Nothwendigkeit noch keinen Unterscheid zu machen wisse; Hr. Prof. Breitinger hat an dem angezogenen Orte den Homer in der Noth- wendigkeit betrachtet, in welcher er gestanden, sei- ne erleuchtetern Begriffe, wenn er je dergleichen gehabt, dem Vorsatz, das Ansehen eines epischen Dichters zu erwerben, aufzuopfern: Diese Noth- wen- des Wahnes bedienen koͤnne. wendigkeit fuͤhret er theils aus der Natur der Dich- tung her, die sich an dem bloß Wahrscheinlichen begnuͤget, und um das philosophische Wahre fast gaͤntzlich unbekuͤmmert ist; theils von der Beschaf- fenheit derjenigen, denen er durch sein Gedicht zu gefallen suchte. Dieses verkehret nun J. A. K. nach seinem boshaften Unverstand in eine Pflicht, und dichtet Hrn. Breitinger an, als ob er gesagt haͤtte, Homer waͤre schuldig gewesen, auch bey ei- ner mehrern Erleuchtung, dem thoͤrichten Aber- glauben seiner Zeiten nachzugeben, nur damit er seinen erzoͤrnten Lehrmeister hinter der Wand durch ein heuchlerisches Aergerniß an der ihm so verhaß- ten Schweitzerischen Dichtkunst raͤchen koͤnne. Wenn nun J. A. K. ferner auf der 268 Seite nach seiner scharfsinnigen Eintheilung zu der an- dern Gattung des Wahns, den er zwar moͤglich, aber unwahrscheinlich genennt hat, fortgehen soll, so weiß er sich fast nicht mehr fortzuhelfen; er wird es selbst gewahr, daß er mit dem moͤglichen und dabey unwahrscheinlichen Wahne gantz stecken bleibt, und thut daher einen Absprung auf die he- terocosmischen oder wahrscheinlichen Erdichtun- gen, die man auf einen Wahn steifen kan, der bloß moͤglich ist, welches aber keinen Verstand hat, und sich selbst offenbar widerspricht: Denn ein wuͤrcklicher Wahn, auf den ich eine Erdich- tung gruͤnden soll, kan ja nicht bloß moͤglich seyn: Und ein irriger Wahn von dem Moͤglichen ist, wenn ich vor moͤglich halte, was an sich selbst un- moͤglich und utopisch ist; und eine Erdichtung, die auf einen solchen Wahn gegruͤndet ist, waͤre B 3 dem- Wie weit sich ein Poet demnach unmoͤglich und utopisch, und gehoͤrte zu der ersten Classe. Zudem hat das Moͤgliche schon einen Grad der Wahrscheinlichkeit, und kan also nicht schlechterdings unwahrscheinlich und doch zu- gleich moͤglich seyn. Was ist sichs dann zu ver- wundern, daß die gantze Abhandlung von dieser zweiten Eintheilung in diesen wenigen Worten be- stehet: Von einer solchen Art (nemlich der moͤg- lichen und wahrscheinlichen Erdichtungen) waͤre mir fast keine bekannt, man wollte denn Guͤllivers oder Klimms Reisen dahin rechnen. Wohin rechnet denn der gute Mensch die Aesopi- schen Fabeln? Damit ich von so vielen emblema- tischen und allegorischen Stuͤcken in der alten My- thologie, in Homers und Ovidius Gedichten, dies- mahlen nichts sage, weil dieses Sachen sind, die dem armen Stuͤmper zu hoch sind. Jch rathe ihm also wohlmeynend, daß er Hrn. Prof. Breitin- gers Abhandlung von der Fabel mit Verstand durchlese, so wird er finden, daß dieses vornehme Stuͤck der Dichtung, weder zu den wahren Er- dichtungen, noch zu den utopischen gehoͤret: denn aus seiner Gottschedischen Dichtkunst hat er sol- ches bisher nicht lernen koͤnnen. Nicht deutlichere Begriffe, aber wohl eben so viel Boßheit zeiget dieser J. A. K. wann er auf der 269. Seite zu der dritten Classe fortschreiten will; wo er von den wahren Erdichtungen han- deln soll, die in die itzige Reihe der Dinge ge- setzt werden. Da erfodert er, doch wiederum ohne Verstand, daß der Wahn, auf welchen sich eine solche Erdichtung gruͤnden kan, nicht nur moͤg- des Wahnes bedienen koͤnne. moͤglich sey, sondern auch einen gewissen Grad der Wahrscheinlichkeit an sich habe; welches ja eben so viel gesagt ist, als, der moͤgliche Wahn muͤsse nicht unmoͤglich seyn; weil alles was moͤg- lich ist, schon einen gewissen Grad der Wahrschein- lichkeit an sich hat. Er hat aber sagen sollen, ein solcher Wahn, der den Grund zu einer Erdich- tung hergeben soll, muͤsse nicht nur moͤglich und schlechterdings wahrscheinlich seyn, sondern auch mit dem gegenwaͤrtigen Zusammenhang der Dinge nicht streiten. Es wuͤrde demnach eine auf den Grund der Meynung von der Wanderung der Seelen geschickt aufgefuͤhrte Erdichtung Wahr- scheinlichkeit genug haben, und bey den Pythago- raͤern noch gar fuͤr eine Wahrheit gelten: Aber zu einer solchen Ausfuͤhrung brauchte es in der That nicht einen so ungehirnten Kopf als des J. A. K. ist, in welchem es wie in dem chaotischen und anarchischen Reiche gantz finster, dunckel und wild aussiehet. Auf der 270. Seite beruͤhret J. A. K. noch ei- nen doppelten Gebrauch des Wahnes, nemlich daß er einestheils dienen koͤnne, eine Wahrheit da- mit zu erlaͤutern, anderntheils aber ihre Ursache dar- aus anzugeben. Was den erstern Gebrauch an- gehet, so erklaͤrt er sich daruͤber auf der 271. Seite also: „Ueberhaupt moͤchte es zu erleiden seyn, „sich des Wahnes, um etwas damit zu erlaͤutern, „zu bemaͤchtigen: weil es wohl angehet, wirckli- „che Dinge mit moͤglichen in Vergleichung zu „bringen.„ Jch will mich bey der seltsamen Art des Erweises, in so fern er auf den moͤglichen B 4 Wahn Wie weit sich ein Poet Wahn gehet, nicht aufhalten; ich muͤßte nur widerholen, was ich schon oft gesagt habe; son- dern nur dieses anmercken, daß dieses Recht uͤber den Wahn nicht nur dem Dichter, sondern einem jeden andern Scribenten zukoͤmmt, weil nemlich auch etwas an sich falsches und irriges zur Erlaͤuterung dienen kan, nach dem bekann- Axioma: Opposita juxta se posita magis elucescunt. Aber das Exempel, welches er aus Milton an- fuͤhret, ist gantz uͤbel gewehlet, angesehen es auf eine Sage und historische Erzehlung gegruͤn- det ist, nicht aber auf einen blossen Wahn, da- von er doch ein Exempel hat geben wollen, der- gleichen nach seiner Aussage Milton haͤufig hat. Dieser Englaͤndische Poet hat alles angewendet, seinem Bilde eine Wahrscheinlichkeit mitzuthei- len, er redet von einem kleinen Jagdschiffe, um durch dieses Maß die Groͤsse des Anckers naͤ- her zu bestimmen; er redet von der Nacht, um den sinnlichen Betrug des Piloten wahrschein- lich zu machen; er redet von dem schlafenden Leviathan, um seine Unempfindtlichkeit dadurch zu vergroͤssern. Es muß ihm fast vorgeschwa- net haben, daß einmahl in Leipzig ein junger K. aufstehen moͤgte, der diese Erzehlung in Zwei- fel ziehen wuͤrde, daß er so sorgfaͤltig gewesen, dieselbe gegen allen Unglauben zu verwahren; Zudem gruͤndet der Poet seine Erzehlung auf eine standhafte Sage der Seefahrenden. Will J. A. K. dieser Sage nicht glauben, so steht es ihm frey. Er wird ja so billig seyn, und nicht fodern, daß eine Sage ihrem Wesen nach noth- wendig wahrhaft seyn muͤsse; zugeschweigen daß diese des Wahnes bedienen koͤnne. diese Sage zum theil auf einem Betruge der Sinnen beruhet. Wenn ich aber J. A. K. wuͤrcklich recht lassen wuͤrde, was wuͤrde er da- mit gewinnen? Der Poet giebt es nicht fuͤr eine wahrhafte und untruͤgliche Erzehlung, son- dern fuͤr eine blosse Sage dar, und diese Sage dienet ihm nicht weniger dasjenige damit zu er- laͤutern, was er erlaͤutern will, als wenn es ei- ne unstreitige Geschichte seyn wuͤrde. Was den andern Gebrauch des Wahnes an- siehet, so erklaͤrt er sich auf der 271. Seite dar- uͤber also: „Allein, daß es angehe, von einer „Wahrheit oder einem Erfolge die Ursache an- „zugeben, darwider streitet der Grundsatz der „Poesie, man muͤßte jedesmahl eine Sache „bilden, wie sie ist.„ Es ist mir fast ich lese in einem Woͤrterbuch ein Blatt voll einzelner Woͤrter, so sehr scheinet diese Erklaͤrung ohne Verstand durch den blossen Zufall erwachsen zu seyn. Jch verstehe nicht, was die Ursache von einer Wahrheit ist; warum sollte es nicht ange- hen, von einem Erfolge eine Ursache anzuge- ben? Wo hat er den Grundsatz der Poesie ge- lernet, man muͤsse jedesmahl eine Sache bil- den, wie sie ist? Nach diesem Grundsatz ist kei- ne Poesie noch Erdichtung nicht einmahl moͤg- lich, wie kan es dann ein Grundsatz der Poesie seyn? Jch mag vor Ungeduld die Zeit nicht er- warten, daß ich seines Lehrmeisters, des Hrn. Prof. Gottscheden ausfuͤhrlichen Commentarium uͤber folgende und andere dergleichen Regeln in Aristoteles Poetick lesen kan: „Der Poet „muß die unmoͤglichen Dinge, wenn solche nur B 5 „wahr- Wie weit sich ein Poet „wahrscheinlich sind, denen moͤglichen, die bey „ihrer Moͤglichkeit unglaͤublich sind, vorziehen.„ Warum sollte ein Poet, der die Sachen nicht so sehr vorstellen muß, wie sie wircklich sind, als wie sie wahrscheinlich seyn koͤnnten, von ei- nem Erfolge oder Wirckung nicht eine wahr- scheinliche Ursache angeben duͤrffen? Warum sollte z. E. ein Dichter, wenn er schon das alte Systema von dem Umlauffe der Sonne um die Erden, als den Mittelpunct ihres Kreises, vor ei- nen irrigen Wahn haͤlt, doch aus demselben in ei- nem Gedichte nicht manches Phaͤnomenon erklaͤ- ren doͤrfen? Warum sollte er nicht eine Sym- pathie und angeborne natuͤrliche Neigung fuͤr die Ursache mancher Begebenheit angeben doͤrfen? Warum sollte er nicht von Gott dem Herren selbst z. E. sagen duͤrffen, der Suͤnder ist auch in dem geheimsten und finstersten Winckel nicht alleine, noch verborgen, denn das Auge des Herren sieht, durchdringt und erleuchtet alles; da selbst die H. Schrift von Gott nach mensch- licher Art zu reden pflegt? Es sagt zwar J. A. K. dadurch gebe man Anlaß zu Jrrthuͤmern: Aber er sage mir, wie muͤßte man reden, wie muͤßte man schreiben, wie muͤßte man dichten, wenn man davor gaͤntzlich gesichert seyn wollte? Gerade die H. Schrift selbst ward von den An- thropomorphiten zu einem Anlasse eines groben Jrrthums genommen: kan man darum die Schuld dieses Jrrthums der H. Schrift zumes- sen? oder wuͤnschen, daß sie von Gott etwa phi- losophischer moͤchte geredt haben? Hat uns nicht der Schoͤpfer gegen den Betrug des Jrr- thums des Wahnes bedienen koͤnne. thums zulaͤnglich bewaffnet? Brauchen wir diese Waffen nicht, sondern lassen sie durch Nach- laͤssigkeit verrosten, so ist die Schuld unser. Da- rum haͤtte J. A. K. die Critick uͤber den Aeolus beym Virgil wohl zu Hause lassen koͤnnen; es waͤre auch geschehen, wenn er sie nicht zu allem Ungluͤcke beym Clerc angetroffen haͤtte. Jm uͤbrigen wird J. A. K. wohl thun, wenn er die Gesetze des Wahrscheinlichen in Hrn. Breitin- gers Dichtkunst auf der 138. Seite (denn in der Gottschedischen wuͤrde er sie vergeblich suchen) sich wohl bekannt machet und erwiegt, damit er nicht fernerhin in waͤhrender Zeit, daß er vermeynet die Rechte der Poesie uͤber den Wahn zu beschuͤtzen, die Poesie selbst bestreite und ver- urtheile. Endlich koͤmmt J. A. K. auf der 274. Seite auf den Artickel von der Sage. Er giebt davon folgende Erklaͤrung: „Wenn ein Wahn die „Gestalt einer Geschichte annimmt, und als „eine Begebenheit unter den Menschen fortge- „pflantzet wird, er mag nun entsprungen seyn „woher er wolle, so bekoͤmmt er den Nahmen „einer Sage.„ Wie nimmt ein Wahn die Gestalt einer Geschichte an? Kan denn aller Wahn ohne Unterscheid zu einer Sage werden? Oder entspringt jede Sage nothwendig aus ei- nem vorgaͤngigen Wahn? Wie oft war die Zeit her bey uns die Sage, die Franzosen haben gesieget: Aus was fuͤr einem Wahne mag wohl diese Sage entstanden seyn? Wenn die Glaub- wuͤrdigkeit einer Erzehlung nicht genugsam be- zeuget, wenn sie mit Grund noch zweifelhaft ist, was Wie weit sich ein Poet was ist denn wohl der wesentliche Unterscheid zwischen einer solchen Erzehlung und einer Sage? Wenn Hr. Breitinger die Sage durch eine Af- terhistorie, d. i. durch eine ungegruͤndete Erzeh- lung erklaͤret, sagt diese kurtze Erklaͤrung nicht mehr, als das ungewisse Geschwaͤtze des J. A. K.? Der gantze Unterscheid zwischen einer Sa- ge und einer wahren Geschichte beruhet darauf, daß jene nicht durch genugsame und glaubwuͤr- dige Zeugen bekraͤftiget ist, daß man also nicht mit Gewißheit sagen kan, ob sie wircklich Grund habe, oder nicht: Sonst findet sich in Ansehung ihrer Moͤglichkeit zwischen beyden kein Unter- scheid, es muͤssen beyde nicht schlechterdings un- moͤglich, sondern wahrscheinlich seyn, wenn sie sollen Glauben finden. Und warum sollte denn ein Poet auf eine Sage, so lange ihr Ungrund nicht entdeckt und offenbar ist, eben so wohl als auf eine wahre Geschichte ein episches Gedicht auffuͤhren koͤnnen? Findet doch eine Sage, wie Hr. Prof. Breitinget wohl bemercket, bey dem grossen Haufen insgemein mehr Glauben, als die Historie: welche Anmerckung der junge Schuͤ- ler nach den Regeln einer Definition oder Erklaͤ- rung auf der 275. Seite auf eine recht laͤcher- liche Weise beurtheilet; so daß man wohl ver- huͤten muß, daß dieser unverstaͤndige K. nicht hinter solche Buͤcher gerathe, wo nicht bey ei- nem jeden Satze an dem Rande ausdruͤcklich gemeldet wird, ob er ein Grundsatz, eine Er- klaͤrung, ein Heischesatz, eine Anmerckung ꝛc. sey, und nach was fuͤr Regeln derselbe beur- theilet werden muͤsse. Jn dieser Anmerckung fuͤh- des Wahnes bedienen koͤnne. fuͤhret Hr. Breitinger einige Ursachen an, wo- her es komme, daß die Sage uͤber die Histo- storie weg eine so grosse Macht zu bereden habe? Und J. A. K. weiß aus eigener Erfahrung, und bekennet es oben auf der 260. Seite, daß das Ansehen seiner Waͤrterinn ehemahlen eine grosse Macht uͤber ihn gehabt, welches sich unter an- dern daraus gar klar zeiget, daß noch izo die abentheurlichsten Erzehlungen derselben besser als die Regeln der Vernunftlehre, die er doch in frischerm Andencken haben sollte, bey ihm haften: Denn wie armselig heißt doch das ge- schlossen? Wenn Hr. Breitinger sagt: Die Sa- ge findet bey dem grossen Haufen mehr Glau- ben als selbst die Historie: so macht J. A. K. diesen Schluß: Er setzet in seinem Begriffe mit voraus, daß eine Sage allezeit eine wahr- haftige Historie zum Gegentheile haben muͤsse, welches doch unstreitig hoͤchst falsch ist. Wem Dummheit und Bosheit den Verstand nicht verblenden, der weiß wohl, daß, wenn man der Sage die Historie entgegen setzet, man eben nicht von einer besondern Sage, oder von ei- ner besondern Geschichte, die der Sage entge- gen stehen sollten, sondern von dem redet, was man nur uͤberhaupt Sage und Historie heisset: Doch ist auch dieses nicht unstreitig hoͤchst falsch, sondern gantz begruͤndt, daß da die Sage eine ungegruͤndete Erzehlung ist, der Jrrthum aber der Wahrheit immer entgegen stehet, allemahl das Gegentheil von einer irrigen Sage wahr seyn muß; wiewohl eben daraus nicht nothwen- dig folget, daß das Gegentheil von der Sage eben Wie weit sich ein Poet eben wuͤrcklich muͤsse geschehen seyn, weil eine Sage sich auf eine blosse Luͤgen und Erdichtung gruͤnden kan. Und diesen seinen Unverstand legt K. noch deutlicher an den Tag, wenn er Bl. 276 Hrn. Breitinger deswegen einen Wider- spruch aufbuͤrden will: „Er hatte gesezt, daß „die Sage dem groͤsten Haufen mehr gefalle, „als die wahrhafte Geschichte, und also zum „voraus als bekannt angenommen, daß die- „selbe wohl vorhanden seyn koͤnne; welches „er hier wieder in Zweifel zieht.„ Obgleich dem Hrn. Breitinger diese Frage, ob die der Sage entgegen stehende wahrhafte Geschichte wohl vorhanden seyn koͤnne, nur nicht einmahl mag in den Sinn gekommen seyn, und also die- ser Widerspruch, neben hundert andern, sich nirgends als in des J. A. K. Kopf selbsten befin- det; so muß ich doch hier wegen des unbe- stimmten Ausdrucks anmercken, daß, ob es gleich nicht nothwendig und allgemein ist, doch freylich die wahrhafte Geschichte, die der unge- wissen Sage entgegen stehet, sehr oft wohl vor- handen seyn kan. Wenn z. E. die Sage erge- hen wuͤrde, Hr. Prof. Gottsched habe der Fr. Neuberin die wiederholte Auffuͤhrung des ihm so widrigen Vorspieles durch einen hohen Be- fehl verwehren koͤnnen, so wuͤßte jedermann, daß gerade das Gegentheil wuͤrcklich gesche- hen und vorhanden, und daß er nicht verhin- dern koͤnnen, daß diese Frau nicht vollkom- men uͤber ihn triumphierte. Wenn des Wahnes bedienen koͤnne. Wenn endlich J. A. K. sein Urtheil von Hrn. Prof. Breitingers Gedancken von dem Recht der Dichter uͤber die Sage geben soll, so offen- baret er dabey neben dem groͤsten Unverstand eine noch groͤssere Bosheit, indem er durch eine falsche Auslegung und Verdrehung sei- ner Worte ihm nicht bloß einen fremden Sinn andichtet; sondern den Text, den er aus ihm anfuͤhret, wircklich verfaͤlscht, da er die Wor- te unter dem Poͤbel zwischen einschaltet, da- mit er ihn sagen lasse, es sey schon genug, die Leute durch falsche Sagen zu hintergehen, wenn nur der Poͤbel nichts bessers wisse, und den Betrug nicht mercke. Jch habe oben die gantze Stelle angefuͤhret, und man kan sie auf der 340. Seite in dem ersten Theil von Hrn. Breitingers Critischer Dichtk. nachsehen, so wird man den Betrieger finden, und sehen, daß Hr. Br. gerade das Gegentheil von dem- jenigen gesagt hat, was ihm dieser ausver- schaͤmte J. A. K. andichtet. Und was muß man wohl von Hrn. Prof. Gottsched selbst gedencken, da er sich nicht scheuet, sich derglei- chen Mittel und Waffen oͤffentlich zu bedie- nen, um sein Ansehen vor dem gaͤntzlichen Falle und Untergang zu schuͤtzen, und seinen Dagon, ich meyne seine sogenannte Critische Dichtkunst, vor dem so nahen Umsturtz zu versichern? Er kan sich gegen allen boͤsen Argwohn nicht bes- ser decken, als wenn er den J. A. K. nach seinem wahren Nahmen entdecket, ihn zur bil- ligen Verantwortung anhaͤlt, und bekennet, daß Wie weit sich ein Poet ꝛc. daß er diese Schrift seinen Beytraͤgen, ohne sie zuerst gelesen zu haben, einverleibet habe. Jch wuͤnsche im uͤbrigen, daß Hr. Prof. Gott- sched in seiner Schule verstaͤndigere, besser ge- sittetere und tugendhaftere Schuͤler ziehen moͤ- ge, die, wofern sie nicht geschickt seyn, sein ge- fallenes Ansehen zu heben, es doch nicht vol- lends in den Koth druͤcken. Erlenbach Conrector. Der Versuch uͤber den Ursprung der Wissenschaften, Geschrieben Aus den Wuͤsten Nubiens, an den Hochgelehrten Herrn Dr. J. R. S. Von dem gelehrten Herrn Martinus Scriblerus. Vorrede. Mein Leser! J Ch habe dich und die ganze gelehrte Welt uͤber die wichtige Entdeckung des Herrn Martinus Scriblerus hiemit begluͤckwuͤnschen wollen: Die Hrn. Scribleri sind diejenige, welchen man wol die allermeisten Buͤcher, und folglich auch den allergroͤssesten Theil des Schazes der Gelehrsamkeit, zu dancken hat; wie sich denn ihr Geschlecht nicht nur in Engel- land (wo unser Herr Martinus lebt), son- der beynebens in Holland, Deutschland, Franckreich, ja in der ganzen Welt, un- gemein ausbreitet. Was mir indessen Sorge verursachet, ist, daß da alle irrdi- sche Dinge in periodischen Zirkeln herum- gehen, bald eine Zeit kommen moͤchte, in welcher das Geschlecht der Urheber der ersten Kuͤnste und Wissenschaften, welche jezt (wie der Hr. M. Scriblerus gar schoͤn zeiget), in der traurigen Gestalt der Affen und Bastanen herumgehen, wieder in den Stand seiner er- sten Wuͤrde eingesezet, und hingegen un- C 2 sere sere jezige Gelehrten zu Affen und Basta- nen werden koͤnnten. Jch wollte dieses gern nicht foͤrchten, wenn sich nur, leyder! nicht wircklich schon einige starcke Zeichen zu dieser bevorstehenden Verwandelung bey denselben aͤusserten: angesehen ja be- kannt genug ist, daß je mehr die Kranken in hizigen Fiebern schwazen, je naͤher ein endliches Stillschweigen (der wirckliche ar- me Zustand des obgedachten, ehedem so beruͤhmten Geschlechts) zu seyn pflegt, und daß nebst dem sehr viele heutige Ge- lehrte die Eigenschaft der Erfindung und Vorstellung eigener Gedancken mit der blossen Nachahmungskunst der Affen schon laͤngst vertauschet haben. Lieber, wie be- truͤbt! wenn man sie an statt ihres jezi- gen Ansehens von den Marcktschreyern zur Schaue herumgefuͤhrt, und in rothen Brustkleidern auf den Theatris Haselnuͤs- se aufbeissen sehen wird. Jch wuͤnsche, mein Leser, daß wir es nicht erleben muͤs- sen. Der Uebersezer. Ein Ein Versuch uͤber den Ursprung der Wissenschaften, geschrieben aus den Wuͤsten Nubiens, an den hochgelehrten Herrn Dr. J. R. S. Von dem gelehrten Herrn Martinus Scriblerus. U Nter allen denen Nachforschungen, welche von curieusen und wissensbegierigen Ge- muͤthern angestellet worden sind, ist wol keine der Muͤhe eines Gelehrten mehr wuͤrdig, als diejenige, so den Ursprung der Kuͤnste und Wissenschaften, (welche uns so sehr uͤber das ge- meine Volck erheben), die Laͤnder, in welchen sie entsprossen, und die Canaͤle, durch welche sie geleitet worden sind, betrifft. Gleichwie dieje- nige, welche dieselbe zuerst unter uns gebracht ha- ben, in die entfernteste Theile der Welt gereiset sind, um sie zu erlangen, also mag ich mich auf eben dieselbe Weise einiger Vortheile ruͤhmen; an- gesehen ich aus den Wuͤsten Aethiopiens schrei- be, aus denen Sandfeldern, welche den Stolz einbrechender Armeen begraben haben, aus einer Gegend, wo ich vielleicht izt mit meinem Fuß bey C 3 zehen Versuch uͤber den Ursprung zehen Klaftern uͤber das Grab des Cambyses trette, aus einer Wildniß, wo weder Pythagoras noch Apollonius jemahls hingedrungen sind. Man stimmet durchgehends uͤberein, daß die Kuͤnste und Wissenschaften von den Aegyptern und Jndianern herzuleiten seyn, allein von wem diese sie zuerst bekommen, das ist noch ein Geheimniß. Der hoͤchste Zeit-Periodus, auf welchen die Ge- lehrten es wagen ihnen nachzuspuͤhren, ist der An- fang der Assyrischen Monarchie, da die Erfinder derselben als Goͤtter verehret wurden: Daher wird noͤthig seyn, daß wir in noch entferntere Zei- ten zuruͤckgehen, und einige Erkaͤnntniß ihrer Hi- storie aus denen auch noch so dunckeln und un- terbrochenen Spuhren, welche uns alte Schrift- steller daruͤber an die Hand geben, herholen. Weder Troja noch Thebes waren die ersten Rei- che: Wir finden Meldung, wiewol keine Be- schreibungen, einer noch fruͤhern kriegerischen Na- tion, welche den Nahmen der Pygmeer getragen. Wenn ich die Erzehlungen eines Homers, Aristo- teles, und anderer betrachte, die von dem, was diese Nation angeht, als von bekannten Din- gen reden, so kan ich nicht anders gedencken, als daß ihre Geschichten, Kriege, Revolutionen, ꝛc. ein Theil der Wissenschaften gewesen, derer sich da- mahls die Gelahrten beflissen haben. Und wenn wir schon geradeswegs nur von ihren Kriegstha- ten in Beschuͤtzung ihres Vaterlands gegen die jaͤhrliche Einfaͤlle eines maͤchtigen Feindes Nach- richt haben, so zweifle ich doch keineswegs, daß sie sich in den Kuͤnsten einer friedlichen Regierung eben der Wissenschaften. eben so sehr hervorgethan haben, obgleich keine Spuhren ihrer buͤrgerlichen Anordnungen mehr uͤbergeblieben sind. Es sind wol eben so grosse Reiche in dem Schiffbruch der Zeiten verschlun- gen worden, und dergleichen Zeitlaͤuffe uͤber sie verhaͤnget gewesen, die eine gaͤntzliche Vergessen- heit ihrer Geschichte verursachet haben. Und wenn ich muthmassen sollte, daß diesem Volck durch ei- ne allgemeine Ausrottung desselben, von den Hee- ren der ungeheuren Voͤgel, welche sie, nach einhel- ligem Bericht der alten Scribenten, immer zu Feinden gehabt haben, ein gleiches begegnet sey, so moͤchte ich wol nichts unglaublicheres vorbringen, als wenn wir lesen, daß eine von den Baleari- schen Jnseln durch Kaninichen, Smynthe durch die Maͤuse, und noch unlaͤngst Bermudas beyna- he, durch die Ratten, gaͤntzlich verwuͤstet, und ihrer Einwohner entbloͤsset worden. Nichts ist natuͤr- licher, als sich vorzustellen, daß die wenige uͤber- gebliebene sich hernach weit in ihre Wuͤsten hin- eingezogen, allwo sie ungestoͤrt gelebt, biß sie Osy- ris auf seiner Reise, welche er die Menschen zu unterrichten vorgenommen, gefunden hat. Er traff (sagt Diodorus) in Aethiopien eine Art kleiner Satyren an, die biß auf den halben Leib mit Haaren bewachsen gewesen, und derer Haupt Pan ihn auf seinem Zug begleitete. Nun was diesen beruͤhmten Pan angehet, so geben uns die alten Scribenten eine umstaͤndliche Beschrei- bung desselben, und kommen alle einmuͤthig darinn uͤberein, daß sie ihn rauch, baͤrticht, uͤberall mit Haaren bewachsen, halb als einen Menschen und C 4 halb Versuch uͤber den Ursprung halb als ein Thier vorstellen, anbey aufrecht ge- hend, mit einem Stab in der Hand; welches eben die Postur ist, in welcher man uns, seine Nachkommen, biß auf den heutigen Tag sehen laͤßt. Und da seine vornehmste Bemuͤhung gewe- sen, die Menschen ein buͤrgerliches Leben zu leh- ren, so gewinnt es wol das Ansehen, daß man die ersten Anfaͤnge der Wissenschaften nirgend an- derstwoher zu leiten habe, als von diesem Volck; welches die Goͤtter, wie Homerus berichtet, alle Jahr zwoͤlf Tage lang besuchet, nur daß sie des Umgangs mit solch weisen und gerechten Einwoh- nern der Erden pflegen koͤnnten. Gehen wir nun aus Aegypten fort, und bese- hen Jndien, so werden wir finden, daß die Wis- senschaften auch da von einer gleichen Quelle herruͤh- ren. Diese edle Geschoͤpfe begleiteten nemlich den Bacchus auf seinem Zuge in diese Laͤnder, unter der Anfuͤhrung des Silenus, welcher uns mit eben denselben Merckmahlen und Eigenschaften be- schrieben wird: Man weiß nicht, sagt Diodorus, wo Silenus sein sehr altes Geschlecht herfuͤhret; Er trug aber einen Schweif an seinen Lenden, so wie alle seine Nachkommen zum Zeichen ihrer Abstammung. Hier dann sezten sie eine Colonie ab, welche bis auf den heutigen Tag mit derglei- chen Schweiffen bestehet. Und von dieser Zeit an haben sie sich, wie es scheint, nur denjenigen un- ter den Menschen mitgetheilet, welche den Um- gang ihres eigenen Geschlechts verlassen, und sich zu einer weniger unterbrochenen contenplativi- schen Lebensart gewendet haben. Mir koͤmmt sehr der Wissenschaften. sehr wahrscheinlich vor, daß sie mitten in diesen Einoͤden den so beruͤhmten Orden der Gymnoso- phisten gestiftet haben; denn wer die Art und Weise ihres Lebens betrachtet, der wird leicht fin- den, daß sie die Manieren und Gewohnheiten ih- rer Lehrmeister auf das genaueste nachgeahmet ha- ben. Es wird von ihnen gemeldet, sie wohnen in den dickesten Waͤldern, sie gehen nacket, sie lassen ihren Leib gantz haaricht werden, und ihre Naͤgel biß auf eine ungeheure Laͤnge wachsen. Plutarchus schreibt: Sie essen, was sie in den Feldern bekommen koͤnnen; ihr Tranck sey Wasser, und ihre Better machen sie sich von Laub oder Mooß. Und Herodotus erzehlet uns, sie achten es fuͤr etwas heldenmaͤssiges, einen Hauffen Amei- sen oder anders kriechendes Ungeziefer um das Le- ben zu bringen. Wir sehen hieraus, daß die zwo Nationen, welche in Ansehung des Ursprungs der Wissen- schaften sich um den Vorzug bemuͤhen, eben die- selben sind, welche mit diesem geistreichen Geschlecht jederzeit am meisten versehen gewesen. Ob sie gleich mit einander gestritten, welche von ihnen den Segen der Wissenschaften zuerst erlanget, so sind sie doch darinn uͤbereingekommen, daß sie sich beyde gegen diese ihre gemeinen Lehrmeister danck- bar erwiesen haben. Es ist bekannt, daß Aegyp- ten in den alleraͤltesten Zeiten dieselben in ihren ei- genen Bildnissen verehret hat: Und man mag mit Grund sagen, daß Jndien ein gleiches gethan, wenn man sich die in den leztern Zeiten vorkom- mende Anbettung des Zahns eines dieser haarich- C 5 ten Versuch uͤber den Ursprung ten Philosophen vorstellt, gleich als ob sie es zur Danckbarkeit gegen den Mund thaͤten, aus wel- chem sie ihre Wissenschaften erlernet haben. Laßt uns nun in Griechenland uͤbergehen, wo- hin wir den Orpheus in gleicher Absicht aus Aegyp- ten zuruͤckkehren finden, in welcher Osyris und Bacchus ihre Zuͤge unternommen: Von diesem Periodo an ists, daß Griechenland zuerst den Nah- men der Satyren gehoͤrt, oder sie fuͤr Semideos erkennt hat: Und aus diesem laͤßt sich gantz ver- nuͤnftig schliessen, daß er einige von diesem wun- derbaren Geschlecht, die auch einen Anfuͤhrer von der Linie Pans gehabt, gleichen Nahmens, und welchen Theocritus, ausdruͤcklich einen Koͤ- nig nennet, mit sich gebracht habe. Wenn man so viel gestehet, so ist mir leicht, von zwoen der ausserordentlichsten Erzehlungen in dem gan- zen Alterthum Rechenschaft zu geben: Fuͤr das erste erhellet, daß die Tradition von des Orpheus Musik, deren die unvernuͤnftigen Thiere nachge- folget, (welches man von seiner Kunst wilde und unbaͤndige Gemuͤther zu zaͤhmen erklaͤret hat) dem Buchstaben nach verstanden werden muͤsse: Und zweytens, (worauf wir besonders dringen), daß die Liebe, welche diese Weise gegen unser weibli- ches Geschlecht tragen, eine Aufloͤsung aller der Fabeln alter Zeiten, nach welchen die Goͤtter in Gestalt gewisser Thiere in den Waͤldern Weibs- personen beschlaffen haben, an die Hand giebt. Jch weiß wol, man kan einwenden, es heisse, sie seyn in Gestalt verschiedener Thiere beschlaffen worden: Allein auf dieses antworten wir, daß das Frauen- der Wissenschaften. Frauenzimmer, wo es dergleichen zu foͤrchten hat, nicht wol im Stand ist, zu unterscheiden wie die aussehen, mit denen es zu thun hat. Aus dem, was wir so eben gesagt, ist hoͤchst glaubwuͤrdig, daß die Welt diesem alten und edeln Stamme, wo nicht die Helden, doch wenigstens die allersinnreichsten Koͤpfe des Alterthums, zu dan- ken habe. Eins der merckwuͤrdigsten Beyspiele ist jener grosse und in der Kunst der Nachahmung so weit gekommene Geist Aesopus: Fuͤr dessen Ab- stammung von diesen Hominibus sylvestribus wir aus dem Planudes einen Beweis ziehen koͤnnen, welcher sagt, Aesopus heisse eben so viel als Aethio- pus, die urspruͤngliche Nation unsers Volcks. Zu einem zweyten Grund moͤgen wir die Beschrei- bung seiner Person angeben: Er war kurtz, unge- staltet, und sahe beynahe als ein Wilder aus, so daß er gar wol in den Waͤldern haͤtte leben koͤn- nen, wenn ihn nicht sein guͤtiges Temperament vermocht haͤtte, sich nach unsern Manieren zu richten, und in Kleidern an den Hof zu kommen: Das dritte Beweisthum ist sein sinnreicher und sa- tyrischer Wiz; und endlich, sein grosses Erkennt- niß in der Natur der Thiere, nebst dem Vergnuͤ- gen und der natuͤrlichen Neigung, welche er hatte, bey allen Anlaͤssen von denselben zu reden. Das naͤchste Beyspiel, welches ich anfuͤhren will, ist Socrates: Erstlich war es eine bestaͤndige Tra- dition, daß derselbe etwas besonderes und von dem uͤbrigen menschlichen Geschlecht unterschiedenes ge- wesen: 2tens war sein aͤusserliches Aussehen von ei- ner Beschaffenheit, welche klar verrieth, von was fuͤr Versuch uͤber den Ursprung fuͤr einer Linie er abstammete; angesehen er einen kahlen Kopf, eine stumpfe Nase, und hervorra- gende Augen hatte, und unter sich zur Erden sahe: Drittens, brachte er einige Fabeln des Aesopus in Verse, wahrscheinlich aus Hochachtung fuͤr die Thiere uͤberhaupt, und aus Liebe fuͤr seine Fa- milie ins besondere. Jn dem Verfolg der Zeiten haben die Weibs- personen, mit welchen diese Sylvani gern ge- schlaffen haͤtten, sey es daß Menschen sie so geleh- ret, oder daß sie es aus Forcht vor ihrer Gestalt gethan, derselben Beywohnung gemieden, so daß unsere Weltweisen genoͤthiget waren, sich mit den Thieren zu vermischen. Dieses verursachte, daß das haarichte Wesen ihrer Nachkommen sta- felweise hoͤher als bis auf die Mitte ihres Leibs gewachsen; in der ersten Generation kam es ihnen bis an die Arme, in der andern bemaͤchtigte es sich des Halses, und in der dritten stieg es uͤber den Kopf hin, bis so das verdorbene Aussehen, in wel- chem die Species sich gegenwaͤrtig versencket befin- det, vollkommen entstanden. Doch muͤssen wir hier anmercken, daß einige wenige gewesen, wel- che das allgemeine Ungluͤck nicht betroffen, indem es zu allen und jeden Zeiten noch einige, von Vor- urtheilen nicht eingenommene, Weibspersonen ge- geben, durch derer tugendhaftes Mittel die gaͤnz- liche Ausloͤschung der Art, wie sie urspruͤnglich ge- wesen, ist verhuͤtet worden. Und eben so ist merck- wuͤrdig, daß ihre Natur auch selbst, wenn sie sich mit den Thieren vermischt haben, nicht gantz verlo- ren gegangen, angesehen sich immer verwunderliche Eigen- der Wissenschaften. Eigenschaften an ihnen gewiesen, wie solches klar an denen zu sehen gewesen, welche dem Alexander in Jndien gefolget sind. Lieber, wie nahmen sie seine Armee in Acht, und welch ein wachendes Auge hatten sie auf seinen Befehl; wie stelleten sie sich in gleiche Verfassung, wenn es um einen Marsch oder um ein Treffen zu thun war! Wel- che Nachahmung seiner ganzen Kriegsordnung! Nichts anders als alte und aͤchte Ueberbleibsel ih- rer vorigen kriegerischen Neigung, und derjenigen Verfassung, in welcher sie gestanden, da sie eine Monarchie ausmachten. Nun auf Jtalien zu kommen. Als sich diese wilde Philosophen zuerst da gezeiget, hat es eini- ge von denen, die am wenigsten vermischet waren, gegeben, welche sich gefallen liessen, mit Men- schen einen Umgang zu haben; dies ist aus dem Nahmen des Faunus à fando, vom Sprechen, of- fenbar. Und ein solcher war jener, der aus Haß gegen die Tyrannie die Waͤlder verlassen, und die Roͤmische Armee angefrischet, wider die He- trurier, die den Tarquinius wieder wollten ein- gesezet wissen, feindlich zu agieren: Allein hier, so wol als in allen westlichen Theilen der Welt, eraͤugete sich eine grosse und merckwuͤrdige Aera, nemlich die, in welcher sie anfiengen stillzuschwei- gen. Wir moͤgen dieselbe etwas nahe an die Zei- ten des Aristoteles sezen, da die Anzahl, der Stolz, und die Thorheit der Weltweisen aus dem Ge- schlecht der Menschen uͤberhand genommen, und durch sie den Leuten der Kopf zu irre gemachet worden, als daß sie tuͤchtig gewesen seyn sollten, die Weißheit dieser Versuch uͤber den Ursprung dieser alten Wald-Philosophen zu empfangen. Die Fragen dieser Academie waren zu zahlreich, denn daß sie mit Musse von ihnen beantwortet werden; und zu verwirret, zu abgeschmackt, zu boͤse, und zu schaͤdlich, denn daß sie denselbigen anderst als eine Materie zur Verachtung und zur Verlachung vorkommen koͤnnten. Jmmer von diesem Periodo an, wenn wir etwas von ihren gegebenen Ant- worten hoͤren, ist nur zu verstehen, daß sie es ge- than, wenn sie gefangen, gebunden und gezwun- gen worden; nicht anders, als jener alte griechi- sche Profet Proteus. So lesen wir in des Sylla Zeiten von einem solchen nahe bey Durrachium gefangenen Philo- sophen, der nicht beredet werden konnte, Lectionen zu geben, was man ihm auch immer sagte, und seine Geschicklichkeit in den Toͤnen, nur einzig durch wiehern, wie die Pferde, zeigete. Ein gluͤcklicherer Versuch ward unter dem Reich des Augustus, von dem forschenden Geist, dem Virgilius gemacht; die Commentatores halten ihn und den Varus fuͤr die eigentliche Personen, von de- nen im 6ten St. der Bucolic. erzehlet wird, daß sie einen unserer Philosophen, und zweifelsfrey ei- nen von den aͤchten aus dem Geschlecht des alten Sylenus, gefangen haben: damit sie nun mach- ten, daß er sich ihnen mittheilete, (wie dann Vir- gil die Wichtigkeit davon wol eingesehen), haben sie ihn nicht nur fest gebunden, sondern auch noch durch ein schoͤnes Maͤdgen, Aegle genannt, ange- locket, welches dann vermocht, daß er beydes sehr lieblich und lehrreich gesungen. Jn diesem Ge- sang der Wissenschaften. sang finden wir ihre Lehre von der Schoͤpsung, wie sie nach aller Wahrscheinlichkeit vor so langer Zeit in dem grossen Pygmaͤischen Reiche gelehret worden, nebst verschiedenen hieroglyphischen Er- zehlungen, unter welchen sie ihre Sittenlehre ver- bargen, und selbige damit auszierten. Daher ich dieß Bucolicon als einen unschaͤtzbaren Schatz der alleraͤltesten Wissenschaften ansehe. Unter der Regierung des Constantinus wird uns von einem andern Nachricht gegeben, der in ei- nem Netze gefangen und nach Alexandria gebracht worden; das Volck versammelte sich hauffenweise um ihn her, seine Weisheit anzuhoͤren, allein er war einer der stummen Philosophen, und lehrete, wie Am. M. berichtet, nur durch Gebehrden. Der lezte, welchen wir anfuͤhren wollen, der von der aͤchten Linie herzustammen scheint, ist der, von dem Hieronymus meldet, daß er dem St. An- tonius in der Wuͤsten erschienen: Dieser fragete ihn, welches der Weg waͤre; worauf er seinen Verstand und seine Hoͤflichkeit durch deuten mit dem Finger zu erkennen gab; im uͤbrigen aber woll- te er nichts antworten, denn er war ebenfalls ein stummer Weltweiser. Dieses ist alles, was ich von der Erscheinung eines so grossen und gelahrten Volcks in eurem Welttheil fuͤr dießmahl habe zusammenbringen koͤn- nen: Wenn wir aber in ihre alte angebohrne Size, Africa und Jndien, zuruͤckgehen wollen, so wer- den wir auch selbst in diesen neuern Zeiten Spuh- ren ihrer ersten Auffuͤhrung und Dapferkeit an- treffen. Jn Versuch uͤber den Ursprung Jn Africa (gleich wir in den Sammlungen des unermuͤdeten Hrn. Purchas lesen) hat ein Hauffen derselben, dessen Anfuͤhrer in ein Weibs- bild verliebt war, durch Gewalt und Kriegslist denen Portugiesen eine Vestung abgenommen. Aber ich muß alle andere vorbeygehen, um fuͤr- nehmlich das Lob zweyer ihrer Monarchen in Jn- dien, welche ihres gleichen nicht gehabt, zu erhe- ben: Der erste war Perimal der Praͤchtige, ein uͤberaus gelahrter und gutherziger Printz, dem die Malabaren in der Hitz ihres Eifers einen Tempel geweyhet, welcher auf 700. Pfeilern stehet, die, nach des Maffeus Meynung, des Agrippa seinem in dem Pantheon nichts nachgeben. Der andre, Hanimant der Wunderwuͤrdige, Perimals Vet- ter und Nachfolger, dessen Wissenschaft so groß gewesen, daß seine Anhaͤnger zweifelten, ob es moͤglich waͤre, daß eben dieses weise Geschlecht es wol auf einen so hohen Staffel der Vollkom- menheit zu bringen im Stand waͤre; und daher lie- ber glaubten, er und sein Stamme waͤren eine in Af- fen vergestaltete Art Goͤtter: Der Zahn war sein, den die Portugiesen An. 1559. in Bisnagar weg- genommen, und fuͤr welchen die Jndigner, nach Linschottens Bericht, die entsetzliche Summe von 700000. Ducaten angeboten haben. Noch soll ich endlich diese Materie nicht fahren lassen, ohne mit aller gebuͤhrender Hochachtung Oran Outangs des Grossen, des lezten von dieser Linie, dessen un- gluͤckseliges Schicksal gewollt hat, daß er in die Haͤnde der Europaͤer fiele, Meldung zu thun: Oran Outangs, dessen Werth wir nicht kennen; denn der Wissenschaften. denn er war ein stummer Philosophus: Oran Ou- tangs, durch dessen Anatomie der gelehrte Dr. Tyson unserm Systema, aus der Uebereinkunft dieses Hominis sylvestris mit unserm menschlichen Leib in denen Theilen, durch welche die vernuͤnf- tige Seele sich wircksam erweiset, eine neue Be- kraͤftigung gegeben hat. Wir muͤssen nun fortgehen, und diese Nation betrachten, wie sie in brutam naturam verfallen aussiehet: aber auch selbst in diesem Zustand, wie viele Erfahrungen geben sie uns nicht an die Hand, von solchen, die sie von der Milzsucht oder von Ge- schwaͤhren befreyeten, indem sie dieselben zu rechter Zeit lachen macheten? Mit was vor Fertigkeit ahmen sie alles, was je das merckwuͤrdigste in dem mensch- lichen Leben ist, nach? Und was fuͤr erstaunliche Sachen erzehlet uns nicht Le Combe nnd andere von ihren Begierden, Handlungen, Begreiffungs- kraft, Zuneigungen, vielerley Erfindungen, und der Geschicklichkeit dieselben ins Werck zu setzen? Gewiß, wenn sie bey so elenden Umstaͤnden ihrer Gebuhrt und Auferziehung, und bey einem so kur- zen Lebensziel, als ihnen iezo zu Theil geworden, dennoch alle andern Thiere so weit uͤbertreffen, und es vielen Menschen gleich thun, so kan man gedencken, was Wunders man sich von jenen vor- stellen muͤsse, die melioribus Annis nati fuerant, jenen langlebenden, antidiluvianischen, Erzvaͤtern dieses Volcks, welche die Welt zuerst die Wissenschaf- ten gelehret haben. Jch darf mich ruͤhmen, daß ich bey dieser mei- ner Nachricht (wie sie dann gaͤntzlich und allein [Crit. Sam̃l. XII. St.] D mein Versuch uͤber den Ursprung mein ist.) aus einer Quelle geschoͤpfet habe, mit deren verschiedene Meynungen der Alten wol uͤber- ein kommen, ob sie gleich bisher weder von den al- ten noch den neuern Gelahrten jemahls entdeckt wor- den ist. Und was soll ich nun den Menschen, in Betrachtung dieser grossen Entdeckung, sagen? Was anders, als daß sie ihren Hochmuth herun- terreissen, und bedencken, daß die Urheber unse- rer Erkenntnissen sich unter den Thieren befinden; daß die, welche einst bey der Schoͤpfung unsere aͤltere Bruͤder gewesen, und deren Reich, wie Platons Abriß einer vollkommenen Regierungs- Form erfodert, von Philosophen beherrschet wor- den, die endlich, deren Gelehrsamkeit in Aethiopien und Jndien in hoͤchstem Flor gestanden, nun von ihnen nicht unterschieden, und iezo einzig als Thiere unter den Nahmen der Affen und Bafia- nen bekannt sind. Was die Rede angehet, so zweifle ich keineswegs, daß es in ihren angebohrnen vaterlaͤndischen Wuͤsten noch einige Ueberbleibsel von dem ersten noch nicht so gar verdorbenen Geschlechte gebe, welche derselben noch iezo maͤchtig sind. Jndessen ist die gemeine Ursach, welche die Spanier angeben, daß sie nicht reden wollen, weil sie nemlich foͤrchten, man moͤch- te sie zur Arbeit halten, allein genugsam dafuͤr; wenn man nur bedenckt, wie sehr die Gelehrten ihre Gemoͤchlichkeit lieben. Eine andere ist, daß diese aufmercksamen Geschoͤpfe, da sie Augen- Zeugen von der Grausamkeit gewesen, mit wel- cher diese Nation ihren Bruͤdern, den Jndia- nern, begegnet, es nothwendig finden zu verhoͤhlen, daß der Wissenschaften. daß sie Menschen sind, damit sie so nicht nur vor der Arbeit, sondern auch vor der Grausamkeit, beschuͤzet bleiben. Und gesezt es stuͤhnde auch mit diesen aufs beste, so koͤnnten sie drittens kein Ver- gnuͤgen an dem Umgang mit den Spaniern haben, als deren ernsthaftes und unfreundliches Tempera- ment derjenigen natuͤrlichen und offenen Froͤ- lichkeit, welche man uͤberhaupt bey aller rechtschaf- fenen Erkenntniß wahrnimmt, so sehr zuwider ist. Jndessen wenn es iezt, da die Sachen so stehen, moͤglich waͤre, auf einige Weise ein Mittel zu fin- den, durch welches man ihre verborgenen Quali- taͤten aus ihnen hervorbringen koͤnnte, so bin ich versichert, daß dieses der gelehrten Welt, so wol in Absicht auf die Widererlangung verlohrner Wis- senschaften, als auf die Befoͤrderung der noch zu- kuͤnftigen, von einem ungemeinen Nuzen seyn wuͤr- de. Lieber, mag dann keine artige, geschickte Manier erdacht werden, durch welche wir uns ih- nen beliebt machen koͤnnten? Jst keine Nation in der Welt, deren natuͤrliche Beschaffenheit so gekehret waͤre, daß sie sich ihre Gesellschaft zuwe- gen bringen, und sie, vermittelst einer angeneh- men Gleichheit der Manieren, gewinnen moͤgte? Kein Volck, da die Maͤnner sie durch eine aus- nehmende Hoͤflichkeit anlocken, und durch nachge- machte Bewegungen auf gewisse Weise bezaubern; das Frauenzimmer aber, durch gutmuͤthig erlaubte Freyheiten und das allerfreundlichste Betragen, diese verliebte Creaturen zu einer danckbaren Wi- dergeltung der Hoͤflichkeit bewegen koͤnnte? Die Liebe, die ich fuͤr mein Vaterland hege, giebt mir D 2 den Versuch uͤber den Ursprung den Wunsch ein, daß Groß-Brittannien diese Na- tion seyn moͤgte; Aber ach! wie koͤnnen wir hoffen, daß Fremde von so grosser Klugheit ihre Gedan- ken bey unserer gegenwaͤrtigen ungluͤckseligen Tren- nung, und derselben so weiten Entfernung von ih- ren Freunden, Verwandten, und Vaterland, mit- ten unter gewaltsamen Parteyen, frey an den Tag legen werden? Die Neigung, die ich gegen un- sern benachbarten Staat trage, heisset mich wuͤn- schen, Holland waͤre dieselbe: Sed læva in parte mamillæ nil salit Arcadico. Franckreich ist es also, von da wir diese Widerherstellung der Gelehrsam- samkeit erwarten muͤssen, als dessen lezter Monarch die Wissenschaften unter seinen Schutz genommen, und auf einen so hohen Staffel gebracht hat. Jch meyne wir haben Grund zu hoffen, daß seine Emis- sarien uͤber kurz oder uͤber lang den Befehl erhal- ten werden, nicht nur gelehrte Leute, sondern auch gelehrte Thiere, (verstehe die alte aͤchte Aethio- pische und Jndianische Tiegeraffen,) in ihr Vater- land einzuladen. Und koͤnnte man nicht als- dann die Talente einer jeden besondern Art dersel- ben zum Aufnehmen auch einer jeden besondern Wis- senschaft anwenden? Die Tigeraffen Helden, Staatsleute, und Gelehrte zu unterrichten; die Bafianen den Hofleuten die Ceremonien und an- staͤndige Geschicklichkeiten zu zeigen; die Meerkatzen die Damen und ihre Liebhaber in der Kunst eines ar- tigen Umgangs und angenehmen Liebesbezeigungen zu unterweisen; die Affen von minderer Gelehrsam- keit zum besten der Comoͤdianten und Danzmeister; die Marmosets denen Hofpages und reisenden jun- gen der Wissenschaften. gen Engellaͤndischen Stutzern zum Dienst gebrau- chen? Allein ich uͤberlasse dieselben nach ihren Ar- ten zu unterscheiden, und einer jeden ihre besondere Beschaͤftigung zu bestimmen, dem nachforschenden und einsichtsvollen Geist der Hrn. Jesuiten in ih- ren verschiedenen Missionen. VALE et FRUERE. M. S. D 3 Stru- Strukaras/ oder Die Bekehrung; Eine historische Erzehlung aus dem Franzoͤsischen. W Eit gegen Norden liegt ein beruͤhmtes Koͤnigreich, welches schon mehr als ei- nen guten Kopf hervorgebracht hat, die den Ruhm von Schoͤpfern fuͤr ihre Nation ge- gen ihre suͤdlichen und westlichen Nachbarn haͤtten behaupten koͤnnen, und die in ihrer Spra- che eine Geschicklichkeit gefunden hatten, die er- habensten und die genaust-bestimmten Gedan- ken in aller ihrer Verschiedenheit auszudruͤcken. Nichts destoweniger waren ihre Nahmen in der Dunckelheit geblieben, und ihre Schriften hat- ten sich verkriechen muͤssen. Ein falscher Lehrer, Strukaras genannt, hatte den poetischen Ge- schmack der Nation verderbet, in dem er ihn mit Regeln gefesselt, welche er nicht aus der allge- meinen Natur der Menschen, sondern bloß aus seiner eigenen hergeleitet hatte, wiewohl er vorgab, daß sein Naturell ein Abdruck des Naturells der Nation waͤre, und daß diese in ihm daͤchte, und empfaͤnde. Er ruͤhmte sich, daß seine Sprache alle poetischen Schoͤnheiten in Strukaras, oder die Bekehrung. in sich fassete, und daß, wenn man sie in ih- rer Reinigkeit redete, die Gedancken und Bil- der unter den Redensarten und Woͤrtern von sich selber entstuͤhnden, und sich in Saͤtze und Ordnung stellten. Was denn in derselben nicht erhoͤret war, was von andern gedacht wor- den, und ihm zu dencken zuschwer war, das er- klaͤrete er vor barbarisch, und vor unergruͤnd- lich. Er machte diese Sprache zur Richtschnur der Poesie der Alten und der Neuern, und ver- bannete also alle die herrlichsten Bilder und Vor- stellungen aus derselben. Homer, Virgil und Ovidius, wenn er sie in seiner Sprache reden ließ, verlohren ihre lebhafteste Munterkeit, und ihr hellestes Licht. Aber er schwur, daß sie da- durch nur regelmaͤssiger und von besserm Ge- schmack geworden waͤren. Seine Geschicklich- keit zum verfuͤhren war so gar fein nicht, und man hoͤret nicht, daß ein erwachsener Mensch, dessen Verstand und Geschmack zur Reife gelan- get gewesen, von ihm waͤre betrogen worden: Er gab sich auch mit solchen keine Muͤhe, son- dern machete sich nur an Juͤnglinge, welche noch keine nette Begriffe hatten. Dieselben uͤber- zeugete er von seinen Lehren mit einer hohen Mi- ne, und mit einem ausgestreckten Arm. Er zog sie in Kleinigkeiten so zaͤrtlich, und so weibisch, daß sie die starcke und gesunde Nahrung in den unsterblichen Schriften der Griechen und Latei- ner nicht mehr ertragen mogten. Eine Zeile voller Begriffe druͤckete sie, und der Vers floß ihnen nicht, wenn sich ihm ein ungewoͤhnlicher D 4 Gedan- Strukaras, Gedancke in den Weg legete. Diese Juͤnglinge wurden mit zunehmenden Jahren zwar am Coͤr- per, aber nicht am Geschmacke staͤrcker. Jhr Ge- schmack blieb verzaͤrtelt, bloͤde und ungewiß. Sie brachten ihn mit sich in die untern Classen, auf die Universitaͤten, in die Staatscabinete, und an die Hoͤfe. Der Rector, der Professor, der Staatsminister, der Consistorialrath, wa- ren verderbt, und verderbten wieder. Dadurch wurden die falschen Lehrsaͤtze des Verfuͤhrers beynahe allgemein. Sie machten eine Secte, ja es schien daß sie den Dienst des Apollo und der Musen noch verdringen wuͤrden. Die Koͤpfe von gutem Geschmacke, deren man noch allezeit zwanzig bis dreissig zehlete, berieffen sich zwar auf das Urtheil der Nachwelt, aber das half ihnen wenig, weil diese zu ihren Zeiten nicht er- schien, oder nicht reden wollte. Sie schrien mit einem gluͤcklichern Fortgang den Apollo an, er warf einen guͤtigen Blick auf sie. Der Stoltz, die Gewalt und der Jammer, den sie in dem Reiche des Witzes anstelleten, verdroß ihn. Er gab der Critick, einer Goͤttin, die unter ihm herrschete, Befehl, sich den Betriegern zu wi- dersetzen, und den reinen Lehren der Musen, sei- ner Toͤchter, wieder aufzuhelfen. Die Critick munterte in dieser Absicht etliche einsichtsreiche Koͤpfe auf, welche in der poe- tischen und andern angenehmen Schreibarten bald ein neues Licht aufstecketen. Denn sie holeten die unveraͤnderlichen Grundsaͤtze wieder hervor, welche mit der menschlichen Natur ihren Ursprung oder die Bekehrung. Ursprung genommen haben, und mit dem Ge- muͤthe und den Empfindungen des Menschen gleich alt sind. Bey dieser Fackel fieng man hier und dar an zu sehen, man entdeckete die Jrrthuͤmer in des Betriegers Lehrbuͤchern, und die Bloͤdigkeit der Schriften, welche nach sei- nen Regeln verfertiget waren. Sein Ansehen blendete nicht mehr, und das Lob ward ihnen nicht mehr vor einen Tribut bezahlt. Doch geschah dieses nicht so stille; seine Anhaͤnger machten einen wilden Laͤrmen mit harmonischen Schmaͤhworten, und mit schliessenden Laͤsterun- gen; sie zogen auch den Leibrock des Hohenprie- sters an, und guͤrteten das Schwerdt der welt- lichen Macht an die Seite. Sie hatten auch auf ihrer Partey Goͤtter; die Dummheit, welche den Blocksberg dem Parnasse entgegen sezet, und die tobende Phre- nesie, die ihren Sitz zu Waldheim auf einer Waͤlle Stroh aufgeschlagen hat. Diese beyde fuͤhrten sie zu dem Streit mit der Critik an, und unterrichteten sie, wie sie dem Gewaͤsche einen Nachdruck von Schall geben sollten. Man erzehlet, daß ihnen einmahl der falsche Ge- schmack sichtbarlich erschienen sey, als sie eben in einem Synodus berathschlageten, wie sie das einbrechende Licht der Critik von ihren Graͤn- zen zuruͤckhalten wollten; derselbe habe ihnen das Haupt mit einem zertheilenden Rauche von allem noch uͤbrigen Verstande gesaͤubert, und es dagegen mit Spinneweben und Staube an- gefuͤllet. Damahls geschah es, daß sie den Erz- D 5 verfuͤh- Strukaras, verfuͤhrer Strukaras zu ihrem Hierarchen er- waͤhleten, und ihm schwuren, den Unverstand selbst in seinen Worten zu verehren, und unter seinem Stabe auf die Wahrheit und den Witz zu Felde zu ziehen. Strukaras verdiente diesen elenden Vorzug damit, daß er zuerst an dem Verderben der aͤchten Poesie gearbeitet, und seine Schriften sorgfaͤltiger, als sonst einer, vor Ordnung, Wahrheit, Witz und Anmuth bewahret hatte. Er hatte von dem Geschwaͤtze Kunstregeln gege- ben, und den Schall in ein Lehrbuch verfasset. Er wußte Recepte fuͤr Gedichte, welche weder den Kopf brachen, noch das Hertz in Unruh sezeten. Seine Poesie kriecht mit einer angenehmen Nach- laͤssigkeit; wann er sich in die Wolcken erhebet, so faͤllt er augenblicklich wieder auf den Boden; er ist wahrscheinlich ohne Neuigkeit, und wo er neu und wunderbar ist, verliehrt sich die Wahr- scheinlichkeit. Er hat mittelst einer Scheer und eines Topfes voll Pappe ein Trauerspiel verfer- tiget, in welchem alle seine Regeln dieser Schreib- art beobachtet sind. Durch seinen Antrieb ist die goͤttliche Aeneis von der Hoheit ihrer Be- griffe und der Pracht ihrer Ausbildung befreyet worden. Er selbst hat den Horatz von der Dicht- kunst in den Mischmasch und die Dunckelheit sei- ner eigenen Jrrthuͤmer uͤbersezet. Mit den Schriften dieses Ertzverfuͤhrers gab die Critik sich nicht wenig Muͤhe, sie klopfte ihm seine Lehrbuͤcher mit der aͤussersten Geduld aus, sie las mit grosser Langmuth das wunderbare Gemen- oder die Bekehrung. Gemenge von falschen Gedancken, widersinni- gen Ausdruͤcken, und sich selbst zerstoͤrenden Saͤ- zen in seinen Schriften aus einander. Aber es war in Ansehung des Strukaras verlohrne Muͤhe, er besserte sich von ihren Lehren nicht, er straͤu- bete sich nur destomehr dagegen, und erklaͤrte sich iezo oͤffentlich wider die eigensten Rechte der Poesie, indem er ihr die wahrscheinlichen Moͤg- lichkeiten, die sinnlichen und die allegorischen Vorstellungen abgesonderter Begriffe, der En- gel, und der Geister absprach. Ein Poet aus den westlichen Gegenden hatte viel wunderbare und phantasiereiche Geschichten von dem Him- mel und der Hoͤlle, von den seligen Geistern, und von den gefallenen Engeln erzehlet, er hat- te den Satan unter Stroͤmen von Feuer ver- senket, welches er von Wirbelwinden in einen rasenden Sturm aufblasen lassen, er hatte die Suͤnde in die Gestalt einer verfuͤhrerischen Schoͤnheit verkleidet, und den Tod mit einem versteinernden Blick und einem herzdurch dringen- den Wurffpfeile bewaffnet; Wider diese Vorstel- lungen sezete sich Strukaras mit der aͤussersten Bloͤdigkeit des Geschwaͤtzes und des Geschreyes; er hieß sie Gespensterhistorien, und Hexenmaͤhr- gen; wovon man sich keinen Begriff machen koͤnnte, und welche nur dieneten, die Nation in Schrecken und Angst zu setzen. Er sezte ihn in die Classe des Marino, und noch ungeheu- rerer Dichter. Er wußte, wenn er seinen Lehr- lingen einen Abscheu vor der poetischen Schoͤ- pfung und den sinnlichen Vorstellungen bey- brin- Strukaras, bringen koͤnnte, daß alle Poesie zugleich uͤber einen Haufen fallen und die matte und nicht den- kende Reimerey derselben Stelle ungehindert und ungestraft besitzen wuͤrde. Die Critik versuchte darauf ein empfindliche- res Mittel den Strukaras wo nicht vernuͤnfti- ger doch schamhaftiger zu machen. Sie hezete ihre Schwester, die Satyre, gegen ihn auf. Diese droschete ihn etliche mahl wacker ab, sie gab ihn der gantzen Nation zum besten, er war die Kurtzweil aller muntern Koͤpfe, und nur bey dieser Gelegenheit haben sie mehr Witz ver- schwendet, als man vorher der Nation zuge- trauet hatte, daß sie in ihrem gantzen Vermoͤ- gen haͤtte. Die Strukaramben selber muß- ten mitten in der Zeit, da sie sich uͤber dieses Ge- spoͤtte der Satyre beklageten, bekennen, daß es fein und voll Geistes waͤre; aber sie kehreten sich nicht daran, weil sie nicht erkenneten, daß das Gelaͤchter der Satyre auf wirckliche Schwach- heiten des Verstandes und des Willens fiel. Daher legeten sie alle Scham ab. Strukaras blieb in ihren Augen die Ehre der Nation, der Pfeiler der Dichtkunst, der Koͤnig des Witzes, der nordliche Fontenelle, der Corneille der Schaubuͤhne. Er fuͤhrete ein Weib mit sich herum, seine Busemsfreundin; sie hatte in ihrer zartesten Jugend einen grossen Witz gewiesen, die Bil- der und Figuren von Kupferstichen aus ihrer Verbindung mit einer Schaͤre herauszuschnei- den, und alsobald in einer neuen Verknuͤpfung auf oder die Bekehrung. auf einer Puderschachtel oder einer Zuckerbuͤch- se wieder zusammenzusetzen; oder ein halbes Hun- dert Kloͤppel auf einem Spitzenpult herumzu- werfen, daß Rosen und Tulpen von Goldfaden unter ihren Fingern hervorwuchsen. Struka- ras gewann sie lieb, und bestuͤrmete sie sechs Jahre lang mit trukenen Figuren der Redekunst, und mit kalten Ausdruͤcken von Liebesflammen. Sie gab ihm das Jawort, nur damit sie sich von seinen Verfolgungen erledigete. Nach- dem sie sein Weib geworden, bildete er ihr Ge- hirn nach seinem eigenen, und goß alle seine Kuͤnste in dasselbe. Priscilla erwies sich so ge- lehrig, daß sie den Strukaras in kurtzer Zeit in dem vollkommensten Abdruck darstellete. Es plauderte iezo in beyden ein Verstand, ein Witz frohr in beyden, und eine Kunst kruͤmmete sich in beyden; in den Schriften des Weibes entde- kete man den Mann, und in des Mannes das Weib. Er ehrete sie darum nach ihrem Ver- dienste, und nahm sie in ein Consortium studio- rum auf. Aber ihr Herz war aufrichtig, und irrete mit gutem Gewissen den Lehren ihres Freundes nach. Als nun die Critik und die Satyre sich mit denselben so viel zu schaffen ge- macht hatten, hielt sie in der Unschuld ihres Hertzens das alles vor lauter Wuͤrckungen des Neids und der Boßheit, und staͤrckete sich im Geist, ihnen ihren Ungrund deutlich zu zeigen. Allein als sie in dieser Gemuͤthsverfassung ihre Schrifften erwog, und gegen die Lehren ihres Mannes hielt, leuchtete die Wahrheit ihr mit einem Strukaras, einem so erheiternden Licht in den Verstand, daß sie sich nicht entbrechen konnte, sie zu erken- nen. Je mehr sie fortlas, je mehr fand sie Er- weise und Ueberzeugungen. Jn der schaͤrfesten Jronie selbst entdeckete sie einen festen, auf die Natur der Sachen gegruͤndeten Fuß. Sie sah iezt in den Wercken ihres Freundes ein harmo- nisches Galimathias, mit dem Gedaͤchtniß aus- gefuͤhrte Erweise, eine gereimte Unordnung, kaltsinnige Figuren, und eine Sprache ohne Seele. Jndem sie diese Entdeckungen machete, veraͤnderte sich die Gestalt ihres Angesichtes sie- benmahl, ihr Hertz pochete, die Knie wurden schlaff, Hitze und Frost wechselten in ihrem Ge- bluͤte. Sie stuhnd iezo ganz betreten, und un- schluͤssig, ob sie die Wahrheit oder die Freund- schaft ehren wollte; nicht lange, sie bestrafte sich bald selbst, daß sie zwischen beyden hatte zweifeln koͤnnen. Sie fuͤrchtete indessen, daß Strukaras anderst dencken wuͤrde; sie kannte seinen Hochmuth; er mußte nothwendig, kraft seines hoͤhern Verstandes die Wahrheit einge- sehen haben, welche sie mit ihren schwaͤchern Einsichten entdecket hatte; nichtsdestoweniger hatte er sie verleugnet; und auf was vor eine Art sollte sie ihm zu wissen thun, daß sie seinen Mischmasch entdecket haͤtte? Wie wuͤrde ers aufnehmen, wenn sie sich zu der Wahrheit be- kennete, gegen welche er das Herz und den Ver- stand verhaͤrtet haͤtte; wuͤrde er ihr nicht seine Liebe entziehen, und koͤnnte sie ohne dieselbe le- ben? Aber wie koͤnnte sie kuͤnftig ein Herz zu ihm oder die Bekehrung. ihm haben, zu einem Menschen, der ein so ver- kehrtes Gemuͤthe haͤtte? Sie quaͤlete sich mit diesen Gedancken, und prophezeihete sich selber viele betruͤbte und verdrießliche Stunden. Al- lein die Pflicht uͤberwand, und staͤrckete sie gegen alles Leiden, das sie vorhersah. Sie eroͤffnete ihrem Mann an einem hellen Morgen die Veraͤnderung, die sich in ihrem Verstande zugetragen hatte, mit grosser Ge- schicklichkeit, sie wußte dasjenige, was ihm in ihrem Vortrage widrig oder hart scheinen konn- te, mit angenehmen Liebkosungen und kuͤnstli- chen Vorbiegungen gut zu machen, ohne daß dem Nachdruck ihrer Rede etwas dadurch ab- gegangen waͤre. Sie trieb ihn auch in der That dergestalt in die Enge, daß er ihr gestehen muß- te, er haͤtte den Erweis fuͤr seine Lehrsaͤtze nicht in dem Verstande sonder bloß in dem Willen gesuchet. Aber er that dieses Bekenntniß mit einer Stirne, in welcher weder Reue noch Scham zu erblicken war; und als sie nur ein Wort von der Pflicht einstreuete, die erkannte Wahrheit oͤffentlich zu bekennen, widersezete er sich dieser Zumuthung mit der Hartnaͤckigkeit eines Bar- barn. Er sagte: Sollte ich so manchen Erweis auf den Grund eines lieblichen Schalles auf- gefuͤhret haben; sollte ich so manche Beurthei- lung der verschiedensten Sachen nach einem Lei- sten verfasset, und nach ein Paar Regeln von logicalischen Erklaͤrungen alle Arten der poeti- schen Vorstellungen gerichtet haben, damit ich dieses gantze so krause, so mechanische, Gebaͤude durch Strukaras, durch mein eigenes Wort wieder umstuͤrzete? Sollte ich durch einen Widerruf nicht bloß mein eigenes sondern das Urtheil aller derjenigen ver- dammen, welche meinem geglaubt haben? Hat nicht vielmehr mein Geschmack das Siegel der Gruͤndlichkeit empfangen, nachdem er von einem so zahlreichen Haufen angenommen worden? Gesezt, daß ich auf meine Urtheile und Lehrsaͤtze zufaͤlliger Weise gefallen sey, haben sie nicht den gehoͤrigen Erweis durch das Nachsprechen so vie- ler tausend Schulhalter und Magister empfan- gen? Aber gestanden, daß die Wahrheit nicht auf meiner Seite ist; Soll ich den Ruhm eines unfehlbaren Kunstrichters mit dem Nahmen ei- nes gemeinen aufrichtigen Mannes vertauschen, und mich selber der Dummheit anklagen, da- mit ich meine Redlichkeit rette? Jst es nicht ein groͤsserer Schimpf, wenn man uns der Dumm- heit schuldig befindet, als wenn man uns bloß vor boshaft haͤlt? Mein groͤssester Ruhm ist, daß ich zwar bey mir selbst eben so gut, als die witzigsten Leute, den gruͤndlichen Geschmack mei- ner Widersacher einsehe, dabey aber nichtsde- stoweniger meine verdorbene Sache behaupten, und mein Ansehn der Vernunft zu Trutze auf- recht erhalten kan. Seine aufrichtige Freundin erschrack daruͤber, und fieng an, ihm aus getreuem Hertzen vorzu- halten, daß es keins von den geringsten Ver- brechen waͤre, sich an den Vermoͤgensarten der Seele, dem Verstand, der Einbildungskraft und dem Witz zu versuͤndigen, dieses haͤtte weit mehr oder die Bekehrung. mehr zu bedeuten, als sich bloß an dem Coͤrper, oder an den Gluͤcksguͤtern zu vergreiffen. Die buͤrgerlichen Gesetze waͤren sehr scharf gegen einen, der einen Garten zertraͤte, und durch- wuͤhlete, warum es einem, der in dem Hirn eines jungen Menschen, ja einer gantzen Nation, das unterste zu oberst kehrete, ungestraft hinge- hen sollte? Der Gerechtigkeit muͤßte allemahl eine Gnuͤge geschehen; nun waͤre es vortraͤgli- cher, ihr in der gegenwaͤrtigen Welt, als in der zukuͤnftigen eine Gnuͤge zu thun. Er stuͤhn- de in Gefahr, den Nahmen eines Aufrichtigen zu dem Nahmen eines Kunstverstaͤndigen zu ver- liehren. Sie wollte noch weiter mit ihren Vermah- nungen fortfahren, aber Strukaras sah sie mit der Mine eines ottomanischen Ehemanns an, dergleichen er sonst nie gewohnt gewesen, gegen sie zu brauchen; er schrie uͤber Neid und Unhoͤf- lichkeit, sie mißgoͤnnete ihm seinen Ruhm, und haͤtte sich von seinen Widersachern bestechen las- sen. Endlich befahl er ihr mit hoher Stimme, sie sollte sich zu ihren Maͤgden begeben, und mit ihnen des Spinnerokens warten. Priscilla ver- stuhnd, was er damit sagen wollte; daß er sie von der Hoheit einer Scribentin, in welche er sie zu ihm erhoben hatte, wieder absetzen, und in den Stand eines gemeinen nicht schreibenden Weibes erniedrigen wollte. Dennoch gehor- samte sie ihm, und schluͤckte den Verdruß in sich. Er vertraute ihr nach diesem nicht den platte- sten Gedancken mehr in einen Vers zu verfas- [Crit. Sam̃l. XII. St.] E sen, Strukaras, sen, er hielt sie von allen Buͤchern entfernt, in- sonderheit verhuͤtete er mit einer Art von Eifer- sucht, daß ihr keine von den Schriften der Cri- tik oder der Satyre zu Gesichte kaͤme. Mit ei- nem Worte, er tractirte sie als eine Frau, die zu nichts weiterm faͤhig waͤre. Man sagt, daß dieses sie nicht so sehr gekraͤncket habe, als daß er so verstockt wider sein besseres Wissen han- delte. Dieses Begegniß war der Critik nicht verbor- gen, sie wußte, daß mit seinem verderbten Ver- stande nichts in Vergleichung kaͤme, als sein verderbter Wille. Darum besann sie sich eines Mittels ihm das Gewissen zu ruͤhren, damit er aufhoͤrete der Wahrheit zu widerstreben. Sei- ne Bekehrung war ihr nicht um seiner Person willen alleine angelegen, sondern um aller derer unschuldigen willen, welche von seinen Groß- sprechereyen verfuͤhrt, Recepte fuͤr den Witz und den Geschmack von ihm nahmen, womit sie aber nur ihr gutes Naturell und ihre natuͤrlichen Empfindungen verderbeten. Sie verfuͤgete sich zu dem Schlaf in seine braunen Zimmer der Nacht und des Schattens, und bat ihn, daß er ihr den Phantasos, denjenigen von seinen Traͤumen zugeben wollte, welcher die langver- strichenen, die weit entfernten, die bloßmoͤgli- chen Dinge so lebhaft in die Phantasie schildern konnte, daß sie gegenwaͤrtig zu seyn schienen. Auf dessen willfaͤhrige Einwilligung befahl sie diesem Traume, daß er sich auf die Bettstaͤtte des Strukaras setzen, und drey Naͤchte nach einan- oder die Bekehrung. einander die Erscheinungen vor ihm auffuͤhren sollte, welche sie ihm anzeigete. Er gehorsam- te ihr, und als Struckaras die folgende Nacht auf seinem Bette ruhig schlief, flog er auf seinen Hauptpfuͤlben hinunter, und legete sich hart an dessen linkes Ohr, wo er seine Phantasie auf alle die Arten angriff, wie es seyn sollte, damit Bilder, Gestalten und Blendungen dem emp- fangenen Befehl gemaͤß hervorgebracht wuͤrden. Jezo duͤnckete es den Strukaras, daß er in dem Paradiese der Narren angelanget waͤre; er sa- he daselbst alle diejenigen, welche unnuͤtzliche Dinge thun, und ihr Vertrauen auf eitele Din- ge setzen, einen grossen Nahmen oder Reichthuͤ- mer zu erlangen; alle die, welche das Lohn ihrer Thaten auf dieser Welt dahin nehmen; eine unzaͤhlbare Menge! Nimrot bauete hier noch an dem Thurm von Babel; Tetzel bot noch die Verzeihung der Suͤnden um Geld feil; Triller und Schwartz schrieben Libelle wider diejeni- gen, welche die Guͤtigkeit gehabt hatten, sie von ihren Schreibsuͤnden zu unterrichten, sie hoffeten ihre Fehler durch Schmaͤhungen gut zu machen; aber wenn sie izo dachten, daß sie ihr Vorhaben zu Ende gebracht haͤtten, kam eine Windsbraut und warf sie mit ihren Thuͤrmen, Jndulgenzen und Libellen bunt uͤber Eke in den Limbo der Eitelkeit, einen unermeßlichen Ab- grund. Strukaras mischete sich alsobald un- ter diese Freundesschaaren, und fieng an einen Altar von seltsamen Materialien zu baueu; Bai- les Dictionnaires in Woͤrterbuͤcher verwandelt E 2 wa- Strukaras, waren zu einem Fußgestelle von etlichen Trep- pen geleget, uͤber denselben lagen Dicht- und Redemaschinen, uncritische Beytraͤge, erdichtete Weltweisheiten, umgesezte Fontenellen, ver- kleidete Virgils, und undeutsche Schaubuͤhnen, in abgemessenen Eken und Linien; noch hoͤher lagen kleine Jphigenien und Catonen in schmaͤ- lern Schichten; Strukaras freuete sich in sei- nem Hertzen, als er die Breite, die Staͤrcke und die Hoͤhe dieses Altars, den er sich selbst gesezet hatte, betrachtete, sein Muth schwellete auf, er stieg iezo auf einer Leiter auf denselben, und stuhnd oben darauf mit einer zufriedenen Majestaͤt, als ein wuͤrdiger Goͤtze fuͤr einen sol- chen Altar. Er sah von da auf tausend kleine Scribenten und elende Poeten hinunter, welche von dieser Hoͤhe wie Zwerge in seinen Augen schienen. Aber sein Triumph war kurtz; als er sich iezo eine Lust machete, faule Eyer, Ruͤben, und Birnen, wovon er einen Vorrath in der Taschen hatte, auf seine eigenen Bruͤder hinun- ter zu werfen, fuhr ploͤtzlich ein Wirbelwind da- her, und schmieß ihn mit dem gantzen Bau sei- ner poetischen Hoheit weit von dar in den Lim- bo der Eitelkeit, wo er zehntausend Klafter tief hinuntersanck, indem er vergeblich mit Kopf, Hand und Fuß in die Luft schlug. Er hatte noch nicht aufgehoͤret zu sincken, als er aus dem Schlaffe erwachete. Er sann dem Gesichte nach, es hatte einen tiefen Eindruck in seinem Gemuͤthe gemacht, es schien ihm eine gewisse Aehnlichkeit mit seinem Zustan- oder die Bekehrung. Zustande zu haben, und eine heimliche Prophe- zeyung in sich zu fassen. Doch sagte er niemanden was davon, als dem kleinen Bathyll, dem er gewohnt ist seine Gedancken zu zeigen, wann sie noch ohne Gestalt und Form mit einem halben Leben unausgebruͤtet in seinem Kopf liegen und noch nicht franzoͤsisches Phoͤbus stammeln koͤn- nen. Bathyll ließ ihn nicht ungetroͤstet, er be- deutete ihm, daß der gantze Traum nichts an- ders waͤre, als eine Nachaͤffung der gaukleri- schen Phantasie, welche auf die Erfindung des Kupferstiches vor Pops Duncias gearbeitet haͤtte. Sie hatten voriges Tages die Auflage dieses satyrischen Gedichtes von 1729. empfan- gen, und sich lange bey der hieroglyphischen Fi- gur des Kupferbildes aufgehalten. Strukaras bemuͤhete sich dem Bathyll zu glauben, doch konnte er nicht davor, daß nicht das Gesichte ihm bestaͤndig in den Gedancken schwebete; es schwindelte ihm noch im wachen, und er bildete sich immerfort ein, daß er noch saͤncke. Jn der andern Nacht stieg Phantasos wieder hinunter, in die Phantasie des Strukaras un- erhoͤrte Gestalten zu schildern. Er ließ ihn einen wuͤsten und wilden Ort sehen, ein greuli- ches Gefaͤngniß, das rundherum wie ein uner- meßlicher Offen brannte, wo aber die Flammen kein Licht von sich gaben, sondern nur eine dun- kele Daͤmmerung zeigeten, in welcher man trau- rige Anblicke, und Gegenden voller Schmertzen sehen konnte. Hier brannte das Land mit einem festen geronnenen Feuer, und die See mit ei- E 3 nem Strukaras, nem fluͤssigen. Es duͤnckete den Strukaras, daß er einen Riesen auf dem Feuerpfuhl schwim- men saͤhe, er reckete den Kopf uͤber den Wellen empor, die Augen funkelten ihm, seine uͤbrigen Theile waren auf den Wogen viel Hufen lang ausgestreckt; er richtete sich nunmehr auf, und trug den ungemessenen Koͤrper uͤber das Feuer- meer empor, er schaltete die Feuerwellen von sich, und gieng nach dem Gestade. Seine Ge- stalt war wie die Gestalt eines Ertzengels, und hatte noch einen grossen Rest von Glantz an sich. Aber auf seinem Angesichte waren tiefe Narben eingegraben, und die Sorge saß auf seinen blaß- lichten Wangen. Jn den Augenbraunen ließ sich ein unbaͤndiger Muth, und ein rachgieriger Stoltz wahrnehmen. Als er an dem Gestade angekommen, stuͤzte er sich auf sein Speer, ge- gen welchem die laͤngste Tanne auf den norwe- gischen Bergen nur eine Ruthe war, und indem er die giftvollen Augen hin und her gehen ließ, sagte er: Dieses ist die Gegend, die wir mit dem Himmel haben vertauschen muͤssen; dieses Reich haben wir mit unserer Rebellion gewonnen! Jn fliessendem Feuer, oder in truckenem zu wohnen, ist alle Wahl, die man uns in der Hoͤlle uͤbrig laͤßt. Unser Jammer ist nur allzu wuͤrcklich, er ist kein Hexenmaͤhrchen; hier in dieser aͤusser- sten Finsterniß ist unser Kerker, hier sind wir unter Orkane von Feuer begraben, und mit uns alle diejenigen, welche sich wider die Wahrheit empoͤren, und vorsetzlich die Unvernunft predi- gen. Jndem er diese Worte sagte, duͤnckte es oder die Bekehrung. es den Strukaras, daß er die Augen starr auf ihn gerichtet hielt, daruͤber nahm ein kalter Schauer seine innersten Adern ein, er fuhr ploͤtz- lich auf, und rief, indem er aufsprang: Nein, ich sage nicht mehr, daß Miltons Hoͤlle ein He- renmaͤhrchen sey; Jezt weiß ich, daß seine Teu- fel kein Siebensachen sind, daß ihre Maschinen fuͤr die Hoͤlle nicht zu groß, und die Hoͤlle fuͤr sie nicht zu klein ist, ich sehe auch, daß ein gros- ser Unterschied zwischen einem gefallenen Ertzen- gel und dem Teufel von Juͤterbock ist, den der fromme Schmied daselbst in einen Sack gescho- ben hat. Priscilla hoͤrte ihn diese Worte zitternd sagen, und sah ihn gantz im Schweisse baden, sie fragte ihn, was ihm widerfahren waͤre, und er erzehl- te ihr die grausame Erscheinung, die er gesehen, und die fuͤrchterliche Stimme, die noch in seinen Ohren donnerte. Er fuͤgete hinzu, daß er fuͤrch- tete, er haͤtte sich an Milton versuͤndiget, aller- massen er seit drey Jahren nichts anders gethan haͤtte, als sich den Kopf zerbrochen, damit er seinem Verl. Paradiese einen Kleck anwerffen koͤnnte. Zugleich wieß er ihr etliche Blaͤtter, die er zusammen gestoppelt hatte; die Aufschrift davon lautete: Untersuchung, wie weit sich Milton des gemeinen Wahnes mißbraucht ha- be, und, Vergleichung des Verl. Paradieses Johann Miltons mit Joseph Nicolaus Maiers hochzeitlichen Freudenschall auf Perseus und dessen befreyte Gemahlin Andromeda, als Kaiser Carl den VII. und das Roͤmische Reich. E 4 Sie Strukaras, Sie las in diesen Blaͤttern mit Entsetzen, wie schwermerisch er wider diesen goͤttlichen Poeten wuͤthete, und weil sie ihn durch das naͤchtliche Ge- sicht geruͤhret sah, redete sie ihm mit grosser Drei- stigkeit zu, und berief sich auf sein eigenes Gewis- sen, daß das Miltonische Gedichte die empfind- lichsten Eindruͤcke von Verwunderung, Furcht, Schrecken, Vergnuͤgung in seinem Gemuͤthe ge- than haͤtte. Er gestuhnd es ihr, und bezeigete ei- ne grosse Reue uͤber die Undanckbarkeit, mit wel- cher er diesem Poeten dafuͤr gelohnet hatte. Aber diese redliche Gemuͤthsverfassung waͤhrete nicht laͤn- ger, als bis zu der Ankunft Bathylls, der gleich in ein Gelaͤchter ausbrach, als er das Nachtge- sichte, und die Angst vernahm, welche es dem Stru- karas verursachet hatte. Er sagte, dieser Traum waͤre wieder nichts anders, als eine abentheurliche Nachahmung der Phantasie, welche sich in der Zeit geschaͤftig erzeigete, da die Vernunft schlief, durch dieselbe waͤre der Traum aus verschiedenen Lappen des Verl. Paradieses wunderlich zusam- mengesezet, er waͤre eine Frucht des starcken Nach- sinnens, mit welchem Strukaras dieses abentheur- liche Gedichte gelesen haͤtte, und das gaͤbe einen deutlichen Beweis, was vor unergruͤndliche Ge- dancken es in dem aufgeraͤumtesten Kopfe hervorbrin- gen koͤnnte. Es waͤre zu nicht anders gut, als das Gewissen aufruͤhrisch zu machen, und das Gehirn mit Erdichtungen und Gespenstern anzufuͤllen. Da- her rieth er, daß Strukaras diese gespenstmaͤssi- ge Teufel mit einer Kanne Burgunder austreiben sollte. Dieser folgete ihm, Korax und der Buch- drucker oder die Bekehrung. drucker Bucephalus wurden beruffen, ihm nebenst Bathyll Gesellschaft zu halten; sie blieben den gan- zen Tag, und die halbe folgende Nacht bey ihm. Wie sehr sich aber Strukaras Zwang anthat, sah er bestaͤndig den gefallenen Ertzengel auf dem trukenen Feuer stehen, und hoͤrete bestaͤndig den Schall seiner entsetzlichen Stimme. Gegen den Morgen kam Phantasos das dritte mahl ihn mit Schreckbildern zu plagen. Es duͤnkete ihn, daß ein ansehnlicher Alter mit einem majestaͤtischen Angesichte, doch dunkeln Augen, zu ihm sagte: Sieh mich an, Strukaras, ich bin der Engellaͤnder, der das epische Gedichte geschrie- ben hat, gegen welches du eine so unsinnige Wuth bezeigest. Du hast in der vorigen Nacht meine Hoͤlle und meine gefallenen Engel darinnen mit deinen Augen gesehen, und vermuthlich erkennet, daß es keine Schattengespenster oder Hexenmaͤhr- chen sind. Jch will dir iezo auch die Suͤnde und den Tod zeigen, welche du vor leere und erdichtete Gespenster ausgiebst. Vielleicht thun sie den gluͤck- lichen Eindruck auf dich, daß du dich huͤtest in ihre Gewalt zu fallen, wenn du ihre abscheuliche Ge- stalten mit deinen koͤrperlichen Augen erblicken wirst. Mit diesem Worte erhaschete er ihn bey einem Schopfe Haare Ein augenscheinlicher Beweiß, daß Strukaras nicht, wie einige argwoͤhnische vermeinen wollten, G. sey, weil die- ser leztere mit fremden Haaren pranget. , und fuͤhrte ihn mit der Schnel- ligkeit des Blizes uͤber das Firmament und die Wasser, die dasselbe umfliessen, hinaus, hernach durch den Golfo, der zwischen dem Himmel und E 5 der Strukaras, der Hoͤlle liegt, wo der alte Anarch, Chaos, herrschet, hindurch zu den Pforten der Hoͤlle. Sie hoͤreten lange vor ihrer Annaͤherung bey denselben ein Geraͤusche, das gantz anders toͤnete, als die Musik bey einem Ballete, es war ein Winseln, und Wehklagen, und knirschendes Wuͤthen. Die Pforten stuhnden weit aufgeschlossen. Milton stellete ihn innerhalb auf den versengten Boden, und ließ ihn daselbst alleine stehen. Das erste, das ihm in die Augen fiel, war ein graͤßliches Un- geheuer, bis auf die Huͤften ein schoͤnes Frauen- zimmer, aber von unten ein schuppigter Fisch, der den Schwantz in haͤßliche Ringe drehete. Um sie herum bellete eine Schaar Hoͤllenhunde ohne Auf- hoͤren, sie krochen zuweilen in ihren Bauch hinein, nisteten darinnen, und heuleten immerfort. Ne- ben ihr stuhnd ein noch scheußlicheres Geschoͤpfe, schwartz wie die Nacht, grimmiger als zehn Fu- rien; es schwung in der Rechten einen fuͤrchterli- chen Stachel. Sein blosses Anschauen versteiner- te, was ihm begegnete, mit einem kaͤltern Blicke, als der gorgonischen Schwestern. Strukaras be- trachtete das erstere Bild von dem Haupte bis auf die Huͤften mit einiger Lust, aber als er die Au- gen von den Huͤften bis auf den Fischschwantz lau- fen ließ, uͤberfiel ihn ein haͤßliches Grausen, er lenkete das ekelnde Gesicht geschwinde auf die Sei- te, aber da begegnete ihm das andere noch ekel- haftere Geschoͤpfe, welches eben in einer Stellung stuhnd, als ob es iezo den toͤdtlichen Wurfpfeil nach ihm loosschiessen wollte. Ein kaltes Schre- ken ergriff den Strukaras, und schlug ihn mit einer oder die Bekehrung. einer nie zuvor gefuͤhlten Angst. Er fuhr mit ei- nem scharfen Angstschrey auf, und sah mit ver- kehrten Augen lange um sich her, bis er sich selbst wieder fand; bis er fand, daß er in seinem eige- nen Bette ruhete, und daß noch Leben in seinem Hertzen schlug. Er freuete sich, als er sich davon vergewissert hatte, und that den Augenblick ein Geluͤbde, daß er die Wahrheit oͤffentlich bekennen wollte. Es waͤhrete eine gute Stunde, bis daß er sich erholet hatte, darauf erzehlte er seiner Freun- din die neue Erscheinung, und indem er an ihrem Halse weinete, befahl er, daß sein Beichtvater geholet wuͤrde. Korax und Bathyll waren schon da, zu fragen, wie er die Nacht geruhet haͤtte. Aber sobald er sie ansichtig ward, rief er, daß man sie ihm aus dem Gesichte schaffen sollte, sie waͤren falsche Schlangen, die ihn durch ihre ver- fuͤhrenden Lobspruͤche auf dem Pfade des Verder- bens aufgehalten haͤtten. Als Hr. Adams gekommen, erzehlte er ihm erst- lich die drey erschrecklichen Erscheinungen, und wie er sich gegen die zwo erstern so unbußfertig versto- ket haͤtte. Er versicherte, daß er darinnen eine hoͤhere Hand wahrnaͤhme, eine ausserordentliche Stimme, die ihm zur Besserung rief, und der er sich nicht laͤnger widersetzen wollte. Er wollte oͤffentliche Proben von einer ungefaͤrbten Busse von sich geben, wenn er nur dadurch das Boͤse, das er durch seinen Hochmuth gestiftet haͤtte, ei- nigermassen gut machen koͤnnte. Darauf legete er erstlich muͤndlich ein langes Bekaͤnntniß aller derer Ausschweifungen und Uebelthaten ab, die er als Strukaras, als ein Kunstlehrer und als ein Poet begangen hatte; hernach forderte er einen Schreibzeug und Papier, und verfassete davon mit eigener Hand folgendes summarisches Register: I. Jch bekenne, daß ich meine Nation schaͤndlich verunehret habe, indem ich mich vor ihren Sachwalter ausgegeben, und die Uneh- re, die ich mit meinen elenden Schriften er- holet, auf sie geschoben habe. II. Jch bekenne, daß ich mein Lehrgebaͤu- de von der Dichtkunst auf meinen Eigenduͤn- kel aufgefuͤhrt, und mich bestrebet habe, mei- nen Aberwitz unter dem Nahmen des Ge- schmackes zu einem unbetruͤglichen Sinn zu erheben. III. Jch bekenne, daß ich die Dichtkunst habe organisiren und das Gedencken so mecha- nisch machen wollen, daß man ohne einen Kopf voll Hirnes schreiben koͤnnte. IV. Jch bekenne, daß ich die Demonstra- tion in das Gedichte, und die Dichtung in die Weltweisheit habe bringen wollen, und bey- demahl gleich thoͤricht gethan habe. V. Jch bekenne, daß ich einen Anschlag gemacht habe, die platte Schreibart vor die natuͤrliche einzufuͤhren, und die gedanckenrei- che, unter dem Vorwande, daß sie schwuͤl- stig, dunkel und unergruͤndlich waͤre, zu ver- bannen. VI. Jch oder die Bekehrung. VI. Jch bekenne, daß ich Horatzens Dicht- kunst nicht aus dem Original, das ich nicht verstanden habe, sondern aus meinem schwa- chen Kopfe uͤbersezet habe. VII. Jch bekenne, daß ich den Satan zu Miltons Helden erhoben, und gelehret, der Teufel habe sich an dem Hoͤchsten geraͤchet: Jch bekenne auch, daß ich die gottlosen Ge- dancken dieses hochmuͤthigen Geistes an dem Poeten gestraft habe. VIII. Jch bekenne, daß ich der gesunden Critik feind geworden, und mich an ihr habe raͤchen wollen, weil sie sich unterstanden hatte, mir und meinen Freunden die falsche Einbil- dung von unsrer Vortrefflichkeit zu benehmen. IX. Jch bekenne, daß ich eine Falschheit vor erlaubt gehalten, wenn sie dienen konnte, mein Ansehn zu beschuͤtzen, oder meine Gegner zu beschimpfen. X. Jch bekenne, daß ich mich allemahl habe quaͤlen muͤssen, wenn ich etwas artiges und sinnreiches habe vorbringen wollen, und daß die Natur mir die Gabe zu schertzen gaͤntzlich versagt habe. XI. Jch bekenne, daß ich die Engellaͤnder, die Franzosen, die Griechen und die Roͤmer nach meinem Vermoͤgen erniedriget habe, da- mit ich meine und meiner Freunde Hoheit auf ihren Fall auffuͤhren koͤnnte. Nach Strukaras, Nach dieser meiner redlichen und freyen Bekenntniß bitte ich es meiner Nation, der Engellaͤndischen, der Franzoͤsischen, und allen denen grossen und geschicktern Maͤnnern, den todten so wohl als den lebenden, in der Be- truͤbniß meines Hertzens ab, daß ich mich so groͤblich an ihnen vergangen habe; Jch beken- ne, daß dieses alles, und was ich ihnen noch weiter zu leide gethan habe, mir ohne Heu- cheley und von Hertzen leyd sey; mit Nahmen bitte ich den Herrn Ceremonienrath Kooning, daß er mir die neidischen und undanckbarn Streiche, die ich auf seine natuͤrliche Poesie gefuͤhrt, vergeben wolle. Jch hoffe auch, daß der Hr. Uebersetzer des Longinus mir die hoͤhnische Gelassenheit vergeben werde, womit ich ihn abgefertiget, weil er meine Einthei- lung der Schreibart einen Mischmasch genennt, und gestehe gerne, daß dieses nicht nur von derselben, sondern von meinen beruͤhmtesten Schriften wahr ist. Jch bekenne endlich, daß ich mir fest vor- genommen habe, meinem naͤrrischen Hochmuth, der mich zu diesen Thorheiten und Sunden verleitet hat, Abschied zu geben, und dem Schreiben und Dichten gaͤntzlich abzusagen, allermassen ich dazu weder Geschick noch Be- ruf empfangen habe. Jch will mich dafuͤr be- fleissigen, mich mit der Arbeit meiner Haͤnde redlich oder die Bekehrung. redlich zu ernehren, ohne daß ich solche weiter vor Arbeiten des Kopfes oder des Witzes ver- kaufen wolle. Und damit ich denjenigen, wel- che ich mit meinen Schriften beleidiget habe, ein Zeichen meiner wahren Reue gebe, und mich ihrer Verzeihung desto wuͤrdiger mache, will ich mit allem Fleisse und bester Treue an der Zernichtigung derselben arbeiten, und kei- ne Muͤhe sparen, sie zu der Vergessenheit, zu der ich sie verurtheile, zu befoͤrdern. Solches alles bekennet Strukaras, ma- gnus Impostor \& peccator. Er uͤbergab diese Schrift dem Hr. Adams, und bat ihn, daß er sie durch den oͤffentlichen Druck bekannt machete. Er sagte, weil seine Suͤnden im oͤffentlichen Licht erschienen waͤren, so waͤre bil- lig, daß seine Busse ebenfalls offenbar gemacht wuͤrde. Er fuͤgete mit Thraͤnen hinzu, daß ihn nicht nur seine eigenen Suͤnden druͤcketen, sondern die Suͤnden aller derjenigen schlimmen Kunstrich- ter und Poeten, welche durch ihn verfuͤhrt, in sei- nem Geschmacke und nach seinen Regeln schrieben. Alle elenden Schriften, sagte er, welche von mei- nen entsprungen sind, gehoͤren mir zu, ich habe sie zu verantworten, ich habe nicht nur in meiner Person ungeschickt geschrieben, sondern in den Per- sonen aller derer, welche ihre magern Geburten nach meinem Unterricht verfertigen. Jch, nur ich, habe die Aeneis ihrer Pracht und ihrer Hoheit be- raubet, nur ich habe sie in einen schlechtern Kittel geklei- Strukaras, gekleidet, als der franzoͤsische Scarron gethan. Jch bin Ursache, daß Ovids Feuer in den neuen Verwandlungen verloͤschen, und seine so lebhafte und anmuthige Gestalt vergehen wird. Meine Suͤnden bleiben demnach, und dauren immerfort, so lange als meine Buͤcher gelesen, und zum Mu- ster genommen werden. Der Hr. Adams schlug sich zwanzigmahl an die Brust, als er diese Reihe von critischen Uebeltha- ten vernahm; er sah aber auch die Busse eben so groß, als die Suͤnden gewesen waren. ‒ ‒ ‒ Hic nonnulla expuncta. Er troͤstete ihn zulezt, daß wahrscheinlicher Weise seine Schriften nicht lange leben wuͤrden. Die Critik und die Satyre haͤtten das ihrige schon red- lich gethan, sie zu ihrem Untergange zu begleiten, und der Fortpflantzung seiner Suͤnden vorzubiegen. Nach diesem schied er mit grosser Erbauung von ihm. Die Bekehrung des Strukaras war aufrichtig, er gab davon unbetruͤgliche Proben, er verbannete den Bathyll, den Korax, und den Bucephalus auf ewig aus seinem Gesichte; er kaufte etliche hun- dert Exemplare von seinen eigenen Schriften den- jenigen wieder ab, die damit betrogen worden, und stellete sie in dem Vorhofe seines Hauses in der Form eines Altares nach der Bauart zusammen, wie er in dem Paradiese der Narren gethan hatte; aber an- statt daß er sich daselbst zur Verehrung darauf gestel- let hatte, legete er iezo Feuer darunter an, und ver- brannte ihn zu Asche. Er konnte seine Ehegattin nicht genug erheben, daß sie das klingende Ge- schwaͤtze oder die Bekehrung. schwaͤtze in seinen Schriften vor so viel tausend Maͤnnern erkannt, und daß sie die Redlichkeit ge- habt hatte, ihm solches zu offenbaren: Er bat sie hundertmahl um Verzeihung, daß er ihr deßwe- gen so unfreundlich begegnet waͤre. Jn zweyen einzigen Stuͤcken seines critischen Lebenslaufes war er noch mit sich selbst zufrieden, naͤmlich, daß er die Hand nicht an des Aristoteles Poetik, und an Opitzens Gedichte geleget hatte; dadurch, sagte er, haͤtte sich das Maaß seiner poetischen Vergreif- fungen nothwendig um ein grosses vermehren muͤs- sen. Damit er auch den Wissenschaften den Nu- zen, und den Schriften die Ehre braͤchte, welche sie von einem Menschen von so geringen Gaben haben konnten, lernete er das Buchbinder-Hand- werck. Er band recht gruͤndlich und mit einem feinen Geschmack. Doch nahm er keine andere Wercke an, als welche befoͤrderlich waren, seine Schriften der Vergessenheit zu empfehlen. Man sagt, daß er allein in einem Jahre hundert Stuͤcke von dem verlohrnen Paradiese in Franzband ein- gekleidet haͤtte. Sonst that ihm seine Frau in die- ser neuen Profession eben so gute Dienste, als sie ihm ehmahls bey dem Buͤcherschreiben gethan hatte. Nach dieser Zeit unterbrach keine satyrische Geissel des Tages, und keine Erscheinung des Nachtes seine Ruhe. Der Schlaf sendete ihm lauter an- genehme und vergnuͤgte Traͤume. Die Bekehrung des Strukaras zog die Zerstreu- ung und den Untergang seiner Sekte nach sich. Ein Theil derselben entwich nach Waldheim, wo sie sich vor den Lectionen der Critik und der Zuchtru- [Crit. Sam̃l. XII. St.] F the Strukaras, oder die Bekehrung. the der Satyre gesichert wußten; ein andrer schlug die Huͤtten auf dem Blocksberge auf, wo Midas und die Faunen ihrem Gesange zuhoͤren, und ihn mit Kraͤntzen von Hasenpappeln und Kappesblaͤt- tern belohnen. Der Geschmack ward allgemach gut, nachdem kein Rector, kein Consistorialrath, und kein Minister sich mehr die Muͤhe nahmen, ihn durch ihre Lehren oder durch ihr Ansehn zu ver- derben. Jedermann schrieb natuͤrlich, der nichts anders schrieb, als was er empfand, oder dacht, und man ergriff die Kunst zu schreiben, so bald als niemand mehr Regeln vorschrieb, wie man mit Kunst schreiben sollte. Nach- Nachrichten von Critischen Geschichten. E S hatte sich ein Geruͤchte ausgebreitet, daß der beruͤhmte Profess. von Leipzig, der sonst gewohnt war zu ruͤhmen, daß die Deut- schen erst seit 13. Jahren, seit nemlich seine critische Dichtkunst zum Vorschein gekommen, das wahre Wesen der Poesie haben kennen lernen, endlich den Sieg uͤber sein hochmuͤthiges Hertz erhalten haͤtte, welches ihn bisdahin vermocht hatte, daß er sich gegen die deutlichsten Lehren der Critik und das gruͤndlichste Gespoͤtte der Satyre verhaͤrtete. Er haͤtte, hieß es, der Wahrheit, die er oͤfters erkannt, ungeachtet er wider sie zu Felde gegangen waͤre, die Ehre gegeben, und oͤffentlich vor Freun- den und Feinden bekennt, daß er das Ungluͤck ge- habt haͤtte, seinen Geschmack, den er zufaͤlliger Weise angenommen, nach der Hand, da er ihn an dem Probiersteine der Untersuchung gepruͤffet, vor unrichtig und betruͤglich zu erkennen; die Dresd- nischen Nachrichten von gelehrten Sachen, der Hamburgische Correspondent, die Zuͤrcherischen Sammlungen von critischen Schriften haͤtten in allen den Beschuldigungen, so sie gegen ihn gefuͤhrt, allerdings recht, seine Schuͤler, denen er iezo die Erlaubniß gaͤbe, diese Schriften zu lesen, wuͤrden es bey dem kleinsten Lichte Verstandes selber wahr- nehmen. Man fuͤgte hinzu, er wuͤrde mit naͤch- stem sein leztes Buch unter die Presse legen, und F 2 dieses Nachrichten dieses bestuͤhnde in einer Abbitte an alle die unschul- digen Seelen, welche die Schwachheit gehabt haͤt- ten, sich von ihm bey der Nase herumfuͤhren zu lassen, und einer treuhertzigen Warnung vor dem Geschwaͤtze, das in seinen Lehrbuͤchern und poeti- schen Schriften mit solcher Kraft des Schalles und des Mischmasches angebracht waͤre; dazu waͤre ein Schluͤssel hinzugefuͤget, die mechanischen Hand- griffe und Springfedern, welche er dabey gebraucht, zu entdecken. Man hatte so gar wissen wollen, was ihn zu diesem Bekenntniß, das einem Manne von seinem Ansehn so sauer ankommen mußte, vermocht haͤtte. Die Frau Professorin haͤtte zuerst einen Stral der Wahrheit erblicket, als sie die Criti- ken, die gegen ihren Ehegatten geschrieben wor- den, mit einer gewissen Aufmercksamkeit gelesen, damit sie sich in den Stand sezete, sie in dem Grun- de zu widerlegen, so daß sie Satz gegen Satz, Schluß gegen Schluß, und Erweis gegen Erweis sezete. Sie haͤtte die Aufrichtigkeit gehabt, der erkannten Wahrheit beyzutreten, und die Partey der Critik gegen ihren Mann selbst zu ergreifen. Sie haͤtte in einer langen Unterredung mit ihm, die Sache der Vernunft und des Witzes mit so nachdruͤcklichen Gruͤnden unterstuͤtzet, und diese Gruͤnde mit untermischten Liebkosungen und hun- dert kleinen Kunststreichen eines liebenswuͤrdigen Weibes so gut befestiget, daß sie ihn zulezt, nach Erregung manches Affectes und der Eifersucht selbst, auf den Pfad der Wahrheit und der Aufrichtig- keit geleitet haͤtte, dergestalt, daß er alle ungerechte Scham abgeleget, und sich entschlossen, der guten Sache von critischen Geschichten. Sache mit Abbruch des eiteln und falschen Ruhms Zeugniß zu geben. Es ist nicht zu sagen, wie sehr alle ehrlichen Gemuͤther durch diese siegreiche Ver- leugnung seiner selbst erbauet worden. Man be- reitete ihm deßwegen einen Triumph, der weit herr- licher war, als der Ruhm, den er auf den san- digten Grund seiner einsichtslosen und tonreichen Schriften gebauet hatte. Allein ich sehe mich gezwungen zu sagen, daß diese so erbauliche Bekehrung ein leeres Geruͤchte ist. Der Hr. Professor gestehet seinen critischen Gegnern noch nicht die offenbarste Wahrheit zu; und es ist, ungeachtet des guten Vertrauens, das wir gerne zu den Einsichten dieses Scribenten fas- sen wollten, doch gewiß, daß er von allen den Schreib- und Hochmuthssuͤnden, welche ihm vor- geworffen worden, noch eine schlechte Ueberzeugung hat. Wenn euch der Weg ungefehr nach Leipzig fuͤhrt, so koͤnnet ihr aus seinem eigenen Munde vernehmen, daß er fest bey sich beschlossen hat, die hohe Einbildung von seinen Schriften wenigstens fuͤr sich zu behalten. Es ist vermuthlich, daß das Geruͤchte von seiner Bekehrung von einer franzoͤ- sischen Schrift entstanden, welche neulich unter diesem Titel zu Neufchatel herausgekommen, und einige Umstaͤnde in sich enthaͤlt, die eine ziemliche Aehnlichkeit mit der Geschichte des Leipzigischen Professors haben. Alleine wer dieselbe mit Be- dacht lieset, wird bald sehen, daß wir den Stru- karas, und die von ihm verfuͤhrte Nation nicht in Deutschland, sondern weit naͤher gegen den Nord- pol suchen muͤssen. Ein so dicker Kopf, als des Stru- F 3 karas Nachrichten karas war, wird nimmermehr denckende, schoͤ- pfungs- und kunstreiche Leute, die sich in den un- sterblichen Schriften der Alten und der Neuern umgesehen, und die Erkenntniß des menschlichen Gemuͤthes zum Grund ihrer Schriften geleget ha- ben, verfuͤhren koͤnnen. Wieder auf den deutschen Professor zu kommen, so ist allein das gewiß, daß er seit einiger Zeit alle Hoffnung hat verschwinden lassen, jemanden zu sei- ner Seckte zu bereden, der seinen Geschmack auf die vorhergegangene Untersuchung gegruͤndet hat, oder mit seiner Poesie jemanden einzunehmen, der sich zu Horazens, Miltons und Hallers Schoͤnhei- ten gewoͤhnet hat. Er ist zufrieden, wenn er sich nur bey dem ungehirnten Theile der Nation im Ansehn erhalten mag; und er ist nunmehr beschei- den genug zuzugeben, daß sein Nahme, und seine Schriften mit ihm leben und sterben. Nur dieses suchet er durch das vereinigte Lermen des kleinen und des vornehmen Poͤbels von seinem Anhange zu erlangen. Zu dieser Absicht und nicht weiter zielet die muͤhsame Arbeit, die er durch seine alten Renommisten, die Belustiger, in den haͤllischen Bemuͤhungen hat vornehmen lassen. Man sieht auch wohl, daß die sophistischen Kunstgriffe in diesem Wercke so plump und offenbar sind, daß nur mit dem Staren behaftete Menschen in Ge- fahr kommen, dadurch hintergangen zu werden. Leute, die eine Auferziehung gehabt, die gelernet ha- ben, dencken und aufrecht gehen, sind uͤber diese Klippe weg. Der Verfasser des Erweises, daß die Gottschedianische Secte den Geschmack ver- von critischen Geschichten. verderbe, hat diesem Gezuͤchte von kleinen Kunst- tadlern einen toͤdtlichen Schlag versezet, sein uͤbri- ges Leben wird ein bestaͤndiger Kampf mit dem To- de seyn, und es waͤhret nur darum noch laͤnger mit ihm, weil es, wie die Hydra, hundert Koͤpfe hat, deren jeder Gift speyet und zischet. Sein vornehm- ster Kopf, der Hr. Professor, ist laͤngst in demsel- ben Zustande, und es waͤre schier den Krieg zu weit getrieben, wenn man ihn die kurtze Zeit, die er noch unter den Jeztlebenden zuzubringen hat, in seiner Herrschaft uͤber die kruͤppligten und krie- chenden Scribenten und Leser stoͤren wollte; Er ist genug gezuͤchtiget, daß er von dem Gipfel des Parnasses, worauf er sich in der Einbildung ge- setzet hatte, in die niedrigen und morastigen Thaͤ- ler desselben gestuͤrtzet worden. Man findet darum billig, den Tummelplatz, der in gegenwaͤrtigen Critischen Sammlungen eroͤffnet worden, zuzu- schliessen. Dieses Werck hat ohnedies seine gehoͤ- rige Statur erreicht; und wenn der Hr. Prof. sich geluͤsten liesse, sein Reich weiter als uͤber die gebrechlichen Koͤpfe der Nation zu erstrecken, wird es der Critik an Gelegenheit nicht fehlen, ihm mit Huͤlfe der Satyre den lezten-Stoß in die Gru- be zu geben. Es ist uͤbrigens fremden Ursachen zuzuschreiben, daß die Proben von dem Vermoͤgen der deutschen Schoͤpfungskraft und Geschicklichkeit in gegenwaͤr- tiger Sammlung nicht in groͤsserer Anzahl erschie- nen sind. Man ward durch die Anfaͤlle, welche auf das wahre Wesen der poetischen und anderer geistreichen Schreibarten geschahen, genoͤthiget, den F 4 Platz Nachrichten von crit. Geschichten. Platz, den geschickte Schriften selbst mit besserm Rechte eingenommen haͤtten, der Vertheidigung der Kunstmittel, dadurch sie zum Reitzen und Entzuͤcken tuͤchtig gemacht werden, einzuraͤumen. Und weil die Angriffe, die zwar an sich hertzlich schwach waren, dennoch mit ungestuͤmem Geschrey und Wuͤthen gethan, und etliche mahl widerho- let wurden, so ist es so gekommen, daß der niederreissen- den Schriften mehr geworden sind, als der aufbauenden. Dennoch hat man in der Zeit, da man mit der einen Hand auf den Feind zuschlug, nicht unterlassen mit der andern fortzubauen. Oefters hat man mitten im Niederwerffen die Zeichnung und die Materialien zu einem geschicktern Bau gegeben. Die Hoffnung, die wir bey der Unternehmung dieser Sammlung zu der Beyhuͤlffe geschickter Maͤnner bey uns genehret hatten, hat uns nicht betrogen. Kunstverstaͤn- dige Maͤnner, welche mitten unter den schlimmen Poeten und Kunstlehrern lebeten, aber dem Elend, das sie zwar laͤngst eingesehen hatten, sich nicht mit der noͤthigen Si- cherheit und Freyheit entgegen setzen konnten, sind zu uns getreten, und haben uns die schaͤndliche Nachrede bestrei- ten helffen, in welche die Nation durch die ungezaͤumte Frechheit ihrer Landsleute gesezt worden; sie haben uns nicht allein die noͤthigen Nachrichten von den Bestrebun- gen, und dem Fortgange der schlimmen Critik mitgetheilt, sondern auch unsere Sammlung mit etlichen absonderli- chen Schriften, da sie es so hinter dem Berge thun konn- ten, vermehret. Andere sind durch unser Beyspiel ermun- tert, oder wenn das zuviel gesagt ist, wenigstens veran- lasset worden, fuͤr sich selbst, und in ihrer Heimat den Eingriffen des verderbten Geschmakes, so weit sie Gele- genheit gefunden, es mit Sicherheit zu thun, zu widerste- hen. Wir leben versichert, daß die guten Wirckungen von diesem allen sich taͤglich staͤrcker und haͤufiger erzeigen werden. Die Falschheit siehet man nur eine Zeitlang ehren, Der Wahrheit Feuer weiß sie endlich zu verzehren. Regi- Register Von den Titeln oder Aufschriften der Wercke und Abhandlungen, welche in dieser Critischen Sammlung zusam- mengetragen worden. Erstes Stuͤck. Probe einer neuen Uebersetzung Johann Miltons Verlohr- nen Paradieses. Bl. 1 Alexander Popen Versuch von den Eigenschaften eines Kunstrichters. 49 Von dem Sinnreichen und dem Scharssinnigen. 85 Hans Sachs, ein Heldengedicht. 115 Dunckle Erklaͤrungen dieses Heldengedichts. 132 Auszuͤge aus Herr Prof. Breitingers Widerlegung der Lettres sur la Religion essentielle à l’homme, distinguée de ce qui n’en est que l’accessoire. 138 Zweytes Stuͤck. Nothwendiges Ergaͤntzungs-Stuͤcke zu der Schutz-Vor- rede Hrn. Dr. Tr*ll*rs vor seinem neuen Aesopischen Fabelwercke. 1 Nuͤtzlicher Anhang von einigen authentischen Urkunden, welche dienen, den Ruhm der Tr*ll*rischen Fabeln zu befestigen, und die neue Critische Dichtkunst schwartz und haͤßlich zu machen. 56 Ablehnung des Verdachts, daß die Schweitzerische Nation sich habe bereden lassen, an Miltons Verl. Par. einen Geschmack zu finden. 73 Nachrichten von dem Ursprung und Wachsthum der Cri- tk bey den Deutschen. 81 Drollingers Ode uͤber die Unsterblichkeit der Seele. 181 F 5 Drittes Register. Drittes Stuͤck. Erklaͤrung auf einige Antworten, welche jemand dem Verfasser der Lettres sur la Religion essentielle à l’hom- me gegen gewisse Einwuͤrffe Hr. Prof. Breitingers ge- liehen hat. 1 Von der verbluͤmten Schreibart. 17 Von der possenhaftigen Schreibart. 29 Apologia del Edippo di Sofocle contra le Censure del Si- gnor di Voltaire. 37 Abhandlung von der Schreibart in Miltons verlohrnen Paradiese. 75 Nachrichten von den Belustigungen des Witzes. 134 Der Complot der herrschenden Poeten und Kunstrichter. 161 Viertes Stuͤck. Grundriß eines epischen Gedichtes von dem geretteten Noah 1 Weitere Ausfuͤhrung etlicher Erfindungen mit mehrern Umstaͤnden, nebst den vornehmsten Ursachen derselben. 9 Echo des deutschen Witzes. 19 Critische Untersuchung, wer der Verfasser der neuen An- merckungen zu der Trillerischen Schutzvorrede sey. 36 Zureichender Grund, warum der Herausgeber des Er- gaͤntzungsstuͤckes den Nahmen Tr*ll*r nur mit Sternen und Alltagsstrichlein geflickt habe druͤcken lassen. 48 Historischer Erweis, daß das Ergaͤntzungsstuͤck zu der Vorrede vor dem Trillerischen Fabelbuche, Herr Doc- tor Trillern; die Vorrede und Anmerckungen zu dem- selben aber mich zum Verfasser haben. 61 Abgenoͤthigtes Lob eines critischen Versuches von einer freyen Uebersetzung aus der schweitzerischen in die saͤch- sische Sprache. 71 Absonderliche Nachricht. 84 Fuͤnftes Stuͤck. Des Hrn. von Mauvillon Brief von der Sprache der Deutschen. 5 Des Hrn. von Mauvillon Brief von den deutschen Poe- ten. 30 Anfang Register. Anfang des Briefes von dem Fortgang der Philosophie in Deutschland. 77 Kurtze Abhandlung von den Dichtungen uͤberhaupt. 80 Sechstes Stuͤck. Fortsetzung der Echo des deutschen Witzes. Eroͤrterung der Frage: Wie ferne die Koͤniginn von Sa- ba und der Koͤnig Herodes mit der Christlichen Reli- gion einen Zusammenhang haben? 5 Von der critischen Hoͤflichkeit einiger hochdeutscher Kunst- richter. 14 Von der critischen Gerechtigkeit einiger hochdeutschen Kunstrichter. 34 Wie die Unvollkommenheit des Gottschedischen Versuches einer critischen Dichtkunst am sichersten koͤnne entschul- diget und gegen alle Vorwuͤrffe sicher gestellt werden. 44 Ob es wahr sey, daß die Deutschen an Miltons verlohr- nem Paradiese keinen Geschmack finden. 54 Ein halbes Hundert Vorschlaͤge zu wichtigen und gantz lehrreichen critischen Untersuchungen. 76 Neue Vorrede zur dritten Auflage der Gottschedischen Dichtkunst von 1742. 93 Ecloga. 139 Siebendes Stuͤck. Von dem wichtigen Antheil, den das Gluͤck beytragen muß einen Epischen Poeten zu formiren. 3 Von den vortrefflichen Umstaͤnden fuͤr die Poesie unter den Kaisern aus dem schwaͤbischen Hause. 25 Von der Poesie des sechszehnten Jahrhundert nach ihrem schoͤnsten Lichte. 54 Abentheuer, das sich mit der Aeneis Hrn. Joh. Christ. Schwartzen in Conrector Erlenbachs Schule zugetra- gen hat. 81 Neue Sachen in der critischen Literatur. 91 Achtes Stuͤck. Von der Poesie des sechszehnten Jahrhunderts. 3 Critische Betrachtungen uͤber des Herrn von Hagedorn Ode auf den Weisen. Wohl- Register. Wohlgemeinter Vorschlag, wie Herrn Christoph Schwar- zen deutsche Aeneis von dem Gerichte der Maklatur noch zu erretten waͤre. 33 Versuch einer Uebersetzung von Fabeln aus einer deutschen Handschrift des vierzehnten Jahrhunderts. 54 Sinnliche Erzehlung von der mechanischen Verfertigung des deutschen Original-Stuͤckes von Cato. 80 Neuntes Stuͤck. Von dem Zustande der deutschen Poesie bey Ankunft Mar- tin Opitzens. 3 Martin Opitzens verworffene Gedichte. 42 Genaue Pruͤffung der Gottschedischen Uebersetzung Hora- zens von der Dichtkunst. 75 Nachrichten von einigen neuen Schriften. 106 Zehntes Stuͤck. Versuch eines epischen Gedichtes von David dem Koͤnig in Juda. 3 Des Herrn Vatry Gedancken von den Choͤren in den Trauerspielen. 85 Eilfftes Stuͤck. Hrn. Joh. Christoph Gottscheds Schreiben an die deutsche Gesellschaft von Greifswalde. 6 Petermanns von Langnau Schreiben an die deutsche Ge- sellschaft von Greifswalde. 25 Arion eine poetische Erzehlung. 69 Neue Fabeln. 88 Zwoͤlfftes Stuͤck. Critische Untersuchung, wie weit sich ein Poet des gemei- nen Wahnes und der Sage bedienen koͤnne. 1 Versuch uͤber den Ursprung der Wissenschaften. 33 Strukaras, oder die Bekehrung. 54 Nachrichten von critischen Geschichten. 88 ENDE.