Gedichte von Annette Freiin von Droste-Hülshof . Gedichte von Annette Freiin von Droste-Hülshof . Stuttgart und Tübingen . J. G. Cotta'scher Verlag . 1844 . Inhaltsverzeichniß. Zeitbilder . Seite Ungastlich oder nicht? 3 Die Stadt und der Dom 6 Die Verbannten 11 Der Prediger 16 An die Schriftstellerinnen in Deutschland und Frankreich 19 Die Gaben 22 Vor vierzig Jahren 24 An die Weltverbesserer 27 Alte und neue Kinderzucht 29 Die Schulen 33 Haidebilder . Die Lerche 37 Die Jagd 41 Die Vogelhütte 45 Der Weiher 51 Der Hünenstein 55 Die Steppe 58 Die Mergelgrube 59 Die Krähen 64 Das Hirtenfeuer 71 Der Haidemann 74 Das Haus in der Haide 77 Der Knabe im Moor 79 Seite Fels, Wald und See . Die Elemente. Luft 83 Wasser 84 Erde 85 Feuer 87 Die Schenke am See 89 Am Thurme 92 Das öde Haus 94 Im Moose 97 Am Bodensee 99 Das alte Schloß 102 Der Säntis. Frühling 104 Sommer 105 Herbst 106 Winter 107 Am Weiher. Ein milder Wintertag 108 Ein harter Wintertag 109 Fragment 111 Gedichte vermischten Inhalts . Mein Beruf 115 Meine Todten 118 Katharine Schücking 120 Nach dem Angelus Silesius 123 Gruß an Wilhelm Junkmann 126 Junge Liebe 128 Das vierzehnjährige Herz 130 Brennende Liebe 132 Der Brief aus der Heimath 134 Ein braver Mann 136 Stammbuchblätter. 1. Mit Laura's Bilde 140 2. An Henriette von Hohenhausen 141 Nachruf an Henriette von Hohenhausen 142 Vanitas Vanitatum! 144 Seite Instinkt 146 Die rechte Stunde 148 Der zu früh geborene Dichter 149 Noth 152 Die Bank 153 Clemens von Droste 156 Guten Willens Ungeschick 158 Der Traum 160 Locke und Lied 163 An *** 165 Poesie 166 An *** 168 An Elise 169 Ein Sommertagstraum 171 Die junge Mutter 182 Meine Sträuße 184 Das Liebhabertheater 187 Die Taxuswand 189 Nach fünfzehn Jahren 191 Der kranke Aar 194 Sit illi terra levis! 195 Die Unbesungenen 198 Das Spiegelbild 199 Neujahrsnacht 201 Der Todesengel 205 Abschied von der Jugend 207 Was bleibt 209 Scherz und Ernst . Dichters Naturgefühl 213 Der Theetisch 217 Die Nadel im Baume 221 Die beschränkte Frau 224 Die Stubenburschen 228 Die Schmiede 232 Des alten Pfarrers Woche. Sonntag 234 Montag 235 Seite Dienstag 238 Mittwoch 240 Donnerstag 243 Freitag 245 Samstag 248 Der Strandwächter am deutschen Meere 251 Das Eselein 255 Die beste Politik 259 Balladen. Der Graf von Thal 263 Der Tod des Erzbischofs Engelbert von Cöln 274 Das Fegefeuer des westphälischen Adels 280 Die Stiftung Cappenbergs 285 Der Fundator 289 Vorgeschichte ( Second sight ) 294 Der Graue 299 Die Vendetta 307 Das Fräulein von Rodenschild 314 Der Geyerpfiff 318 Die Schwestern 325 Meister Gerhard von Cöln 334 Die Vergeltung 339 Der Mutter Wiederkehr 343 Der Barmekiden Untergang 352 Vajazet 355 Der Schloßelf 357 Kurt von Spiegel 361 Der spiritus familiaris des Roßtäuschers 365 Das Hospiz auf dem großen St. Bernhard 397 Des Arztes Vermächtniß 457 Die Schlacht im Loener Bruch 489 Zeitbilder. v . Droste-Hülshof , Gedichte. 1 Ungastlich oder nicht? (In Westphalen.) Ungastlich hat man dich genannt, Will deinen grünsten Kranz dir rauben, Volk mit der immer offnen Hand, Mit deinem argwohnlosen Glauben; O rege dich, daß nicht die Schmach Auf deinem frommen Haupte laste, Und redlich, wie das Herz es sprach, So sprich es nach zu deinem Gaste: „Fremdling an meiner Marken Stein, Mann mit der Stirne trüben Falten, O, greif in deines Busens Schrein, Und lass' die eigne Stimme walten. Nicht soll bestochner Zeugen Schaar Uns am bestochnen Worte rächen, Nein, Zeug' und Richter sollst du klar Dir selbst das freie Urtheil sprechen. Fühlst du das Herz in dir, nicht heiß Doch ehrlich, uns entgegen schlagen, Dein Wort kein falsch und trügend Gleis, Besteckend was die Lippen tragen, Fühlst du ein Gast dich wie er lieb Dir an dem eignen Hausaltare, Dann frisch heran — nicht wie ein Dieb, Nein, frisch, mit fröhlicher Fanfare! Wer unsres Landes Sitte ehrt, Und auch dem seinen hält die Treue — Hier ist der Sitz an unserm Heerd! Hier unsres Bruderkusses Weihe! Wer fremden Volkes Herzen stellt Gleich seinem in gerechter Wage — Hier unsre Hand, daß er das Zelt Sich auf bei unsern Zelten schlage! Doch sagt ein glüh' Erröthen dir, Du gönntest lieber einer andern Als deiner Schwelle gleiche Zier — Brich auf, und mögest eilends wandern! Wir sind ein friedlich still Geschlecht Mit lichtem Blick und blonden Haaren, Doch unsres Heerdes heilig Recht Das wissen kräftig wir zu wahren. Die Luft die unsern Odem regt, Der Grund wo unsre Gräber blühen, Die Scholle die uns Nahrung trägt, Der Tempel wo wir gläubig knieen, Die soll kein frevler Spott entweihn, Dem Feigen Schmach und Schamerröthen, Der an des Heiligthumes Schrein Läßt eine falsche Sohle treten! Doch einem Gruß aus treuem Muth Dem nicken ehrlich wir entgegen. Hat jeder doch sein eignes Blut, Und seiner eignen Heimath Segen. Wenn deine Ader kälter rinnt, So müssen billig wir ermessen: Wer könnte wohl das fremde Kind Gleich eignem an den Busen pressen? Drum, jede Treue sey geehrt, Der Eichenkranz von jedem Stamme; Heilig die Glut auf jedem Heerd, Ob hier sie oder drüben flamme; Dreimal gesegnet jedes Band Von der Natur zum Lehn getragen, Und einzig nur verflucht die Hand, Die nach der Mutter Haupt geschlagen! Die Stadt und der Dom. Eine Carricatur des Heiligsten . „Der Dom! der Dom! der deutsche Dom! Wer hilft den Cölner Dom uns baun!“ So fern und nah der Zeitenstrom Erdonnert durch die deutschen Gaun. Es ist ein Zug, es ist ein Schall Wie ein gewaltger Wogenschwall. Wer zählt der Hände Legion In denen Opferheller glänzt? Die Liederklänge wer, die schon Das Echo dieses Rufs ergänzt? Und wieder schallt's vom Elbestrand: „Die Stadt! die Stadt! der deutsche Port!“ Und wieder zieht von Land zu Land Ein Gabespendend Klingeln fort; Die Schiffe kommen Mast an Mast, Goldregen schüttet der Pallast, Wem nie ein eignes Dach bescheert, Der wölbt es über fremde Noth, Wem nie geraucht der eigne Heerd, Der theilt sein schweißbenetztes Brod. Wenn eines ganzen Volkes Kraft Für seines Gottes Heiligthum Die Lanze hebt so Schaft an Schaft, Wer glühte nicht dem schönsten Ruhm? Und wem, wem rollte nicht wie Brand Das Blut an seiner Adern Wand, Wenn eines ganzen Volkes Schweiß Gleich edlem Regen niederträuft, Bis in der Aschensteppe heiß Viel Tausenden die Garbe reift? Man meint, ein Volk von Heil'gen sey Herabgestiegen über Nacht, In ihrem Eichensarg aufs neu Die alte deutsche Treu' erwacht. O werthe Einheit, bist du Eins — Wer stände dann des Heilgenscheins, Des Kranzes würdiger als du, Gesegnete, auf deutschem Grund! Du trugst den goldnen Schlüssel zu Des Himmels Hort in deinem Bund. Wohlan ihr Kämpen denn, wohlan Du werthe Kreuzesmassoney, So gebt mir eure Zeichen dann Und euer edles Feldgeschrei! Da, horch! da stieß vom nächsten Schiff Die Bootmannspfeife grellen Pfiff, Da stiegen Flaggen ungezählt, Cantate summte und Gedicht, Der Demuth Braun nur hat gefehlt, Jehova's Namen hört ich nicht. Wo deine Legion, o Herr, Die knieend am Altare baut? Wo, wo dein Samariter, der In Wunden seine Thräne thaut? Ach, was ich fragte und gelauscht, Der deutsche Strom hat mir gerauscht, Die deutsche Stadt, der deutsche Dom, Ein Monument, ein Handelsstift, Und drüber sah wie ein Phantom Verlöschen ich Jehovas Schrift. Und wer den Himmel angebellt, Vor keiner Hölle je gebebt, Der hat sich an den Krahn gestellt Der seines Babels Zinne hebt. Wer nie ein menschlich Band geehrt, Mit keinem Leid sich je beschwert, Der fluthet aus des Busens Schrein Unsäglicher Gefühle Strom, Am Elbestrand, am grünen Rhein, Da holt sein Herz sich das Diplom. Weh euch, die ihr den zorn'gen Gott Gehöhnt an seiner Schwelle Rand, Meineid'gen gleich in frevlem Spott Hobt am Altare eure Hand! Er ist der Herr, und was er will Das schaffen Leu und Krokodill! — So baut denn, baut den Tempel fort, Mit ird'schem Sinn den heilgen Haag, Daß euer bessrer Enkel dort Für eure Seele beten mag! Kennt ihr den Dom der unsichtbar Mit tausend Säulen aufwärts strebt? Er steigt wo eine gläubge Schaar In Demuth ihre Arme hebt. Kennt ihr die unsichtbare Stadt Die tausend offne Häfen hat Wo euer werthes Silber klingt? Es ist der Samariter Bund, Wenn Rechte sich in Rechte schlingt, Und nichts davon der Linken kund. O, er der Alles weiß, er kennt Auch eurer Seele ödes Haus; Baut Magazin und Monument, Doch seinen Namen laßt daraus! Er ist kein Sand der glitzernd stäubt, Kein Dampfrad das die Schiffe treibt, Ist keine falsche Flagge die Sich stahl der See verlorner Sohn, Parol' nicht die zur Felonie Ins Lager schmuggelt den Spion! Baut, baut, — um euer Denkmal ziehn Doch Seufzer fromm und ungeschmückt, Baut, — neben eurem Magazin Wird doch der Darbende erquickt. Ob eures Babels Zinnenhang Zum Weltenvolk euch stempeln mag? Schaut auf Palmyrens Steppenbrand, Wo scheu die Antilope schwebt, Die Stadt schaut an wo, ein Gigant, Das Collosseum sich erhebt. Den Wurm der im Geheimen schafft, Den kalten nackten Grabeswurm, Ihn tödtet nicht des Armes Kraft, Noch euer toller Liedersturm. Ein frommes, keusches Volk ist stark, Doch Sünde zehrt des Landes Mark; Sie hat in deiner Glorie Bahn, O Roma, langsam dich entleibt, Noch steht die Säule des Trajan, Und seine Kronen sind zerstäubt! Die Verbannten. Ich lag an Bergeshang, Der Tag war schon gesunken, In meine Wimper drang Des Westen letzter Funken. Ich schlief und träumte auch vielleicht, Doch hört ich noch der Amsel Pfeifen, Wie Echo's letzte Hauche, feucht Und halb verlöscht, am Schilfe streifen. Mein äußres Auge sank, Mein innres ward erschlossen: Wie wild die Klippenbank! Wie grau die Moose sprossen! Der Oede Odem zog so schwer Als ob er siecher Brust entgleite, Wohin ich blickte, Rohres Speer, Und Dorngestrüpp und Waldesweite. Im Grase knistert' es, Als ob die Grille hüpfte, Im Strauche flüstert' es, Als ob das Mäuslein schlüpfte; Ein morscher halbverdorrter Stamm Senkte die bräunliche Gardine, Zu Füßen mir der feuchte Schwamm, Und über'm Haupt die wilde Biene. Da raschelt' es im Laub, Und rieselte vom Hange, Zertretnen Pilzes Staub Flog über meine Wange. Und neben mir ein Knabe stand, Ein blondes Kind mit Taubenblicken, Das eines blinden Greises Hand Schien brünstig an den Mund zu drücken. Von linder Thränen Lauf Sein Auge glänzte trübe, „Steh auf“, sprach es, „steh auf! Ich bin die Kindesliebe, Verbannt, zum wüsten Wald verbannt, In's öde Dickicht ausgesetzet, Wo an des sumpfgen Weihers Rand Der Storch die kranken Eltern ätzet!“ Dann faltete es hoch Die hagern Händchen beide, Und sachte abwärts bog Es des Geröhres Schneide. Ich sah wie blutge Striemen leis An seinen Aermchen niederflossen, Wie tappend ihm gefolgt der Greis, Bis sich des Rohres Wand geschlossen. Ich ballte meine Hand, Versuchte mich zu schwingen, Doch fester, fester wand Der Taumel seine Schlingen. Und wieder hörte ich den Schlag Der Amsel und der Grille Hüpfen, Und wieder durch den wilden Haag Der Biene sterbend Sumsen schlüpfen. Da schleift' es, schwer wie Blei, Da flüstert' es aufs neue: „O wache! steh mir bei! Ich bin die Gattentreue.“ Das Auge hob ich, und ein Weib Sah ich wie halbgebrochen bücken, Das eines Mannes wunden Leib Mühselig trug auf seinem Rücken. Ein feuchter Schleyer hing Ihr Haar am Antlitz nieder, Des Schweißes Perle fing Sich in der Wimper wieder. „Verbannt! verbannt zum wilden Wald, Wo Nacht und Oede mich umschauern! Verbannt wo in der Felsen Spalt Die Tauben um den Tauber trauern!“ Sie sah mich lange an, Im Auge Sterbeklagen, Und langsam hat sie dann Den Wunden fortgetragen. Sie klomm den Klippensteig entlang, Ihr Aechzen scholl vom Steine nieder, Wo grade unterm Schieferhang Sich regte bläuliches Gefieder. Ich dehnte mich mit Macht Und langte nach dem Wunden, Doch als ich halb erwacht, Da war auch er verschwunden, Zerronnen wie ein Wellenschaum, — Ich hörte nur der Wipfel Stöhnen, Und unter mir, an Weihers Saum, Der Unken zart Geläute tönen. Die Glöckchen schliefen ein, Es schwoll der Kronen Rauschen, Ein Licht wie Mondenschein Begann am Ast zu lauschen, Und lauter raschelte der Wald, Die Zweige schienen sich zu breiten, Und eine dämmernde Gestalt Sah ich durch seine Hallen gleiten. Das Kreuz in ihrer Hand, Um ihre Stirn die Binde, Ihr langer Schleyer wand Und rollte sich im Winde. Sie trat so sacht behutsam vor, Als ob sie jedes Kräutlein schone, O Gott, da sah ich unter'm Flor, Sah eine blutge Dornenkrone! Die Fraue weinte nicht Und hat auch nicht gesprochen, Allein ihr Angesicht Hat mir das Herz gebrochen, Es war wie einer Königin Pilgernd für ihres Volkes Sünden, Wo find ich Worte, wo den Sinn, Um diesen Dulderblick zu künden! Als sie vorüber schwand Mit ihren blutgen Haaren, Da riß des Schlummers Band, Ich bin empor gefahren. Der Amsel Stimme war verstummt, Die Mondenscheibe stand am Hügel, Und über mir im Aste summt' Und raschelte des Windes Flügel. Ob es ein Traumgesicht Das meinen Geist umflossen? Vielleicht ein Seherlicht Das ihn geheim erschlossen? O wer, dem eine Thrän' im Aug', Den fromme Liebe je getragen, Wer wird nicht, mit dem letzten Hauch, Die heiligen Verbannten klagen! Der Prediger. Langsam und schwer vom Thurme stieg die Klage, Ein dumpf Gewimmer zwischen jedem Schlage, Wie Memnons Säule weint im Morgenflor. Am Glockenstuhle zitterte der Balke, Die Dohlen flatterten vom Nest, ein Falke Stieg pfeifend an der Fahne Schaft empor. Wem dröhnt die Glocke? — Einem der entkettet, Deß müden Leib ein Fackelzug gebettet In letzter Nacht bei seinem einzgen Kind. Wer war der Mann? — Ein Geist im ächten Gleise, Kein Wucherer, kein Ehrendieb, und weise Wie reiche Leute selten weise sind. Darum so mancher Greis mit Stock und Brille, So manches Regentuch und Handpostille, Sich mühsam schiebend durch der Menge Drang. Er war ein heitrer Wirth in seinem Schlosse, — Darum am Thor so manche Staatskarosse, So mancher Flor das Kirchenschiff entlang. Die Glocken schwiegen, alle Kniee sanken, Posaunenstoß! — Die Wölbung schien zu wanken. O „Dies iræ, dies illa!“ Glut Auf Sünderschwielen, Thau in Büßermalen! Mir war als säh ich des Gerichtes Schalen, Als hört ich tröpfeln meines Heilands Blut. Das Amen war verhallt. Ein zitternd Schweigen Lag auf der Menge, nur des Odems Steigen Durchsäuselte den weiten Hallenbau. Nur an der Tumba schwarzer Flämmchen Knistern Schien leise mit dem Grabe noch zu flüstern, Der Weihrauchwirbel streute Aschengrau. „Geliebte!“ scholl es von der Wölbung nieder, Die Wolke sank, und mählich stiegen Glieder, Am Kanzelbord ein junger Priester stand. Kein Schattenbild dem alle Lust verronnen, Ein frischer saftger Stamm am Lebensbronnen, Ein Adler ruhend auf Jehovah's Hand! „Geliebte“, sprach er, „selig sind die Todten So in dem Herrn entschliefen, treue Boten, Von ihrer Sendung rastend.“ Dann entstieg Das Wort, gewaltig wie des Jordans Wallen, Mild wie die Luft in Horebs Cederhallen, Als er bezeugte des Gerechten Sieg. Die Stimme sank, des Stromes Wellen schwollen, Mir war als hört ich ferne Donner rollen: „Weh über euch, die weder warm noch kalt! O, wäret kalt ihr oder warm! die Werke Von eurer Hand sind todt, und eure Stärke Ist gleich dem Hornstoß der am Fels verhallt.“ Und tiefer griff er in der Zeiten Wunde, Die Heller ließ er klingen, und vom Grunde v . Droste-Hülshof , Gedichte. 2 Hob er den seidnen Mottenfraß an's Licht. Erröthen ließ er die bescheidne Schande In ihrem ehrbar schonenden Gewande, Und zog der Lust den Schleier vom Gesicht. Die Kerzen sind gelöscht, die Pforte dröhnte. Ich hörte schluchzen, — am Gemäuer lehnte Ein Weib im abgetragnen Regentuch. Ich hörte säuseln — neben mir, im Chore, Ein Fräulein gähnte leise hinterm Flore, Ein Fahnenjunker blätterte im Buch. Und alle die bescheidnen Menschenkinder, Wie sich's geziemt für wohlerzogne Sünder, Sie nahmen ruhig was der Text bescheert. Und Abends im Theater sprach der Knabe, Der achtzehnjährge Fähndrich: „Heute habe Ich einen guten Redner doch gehört!“ An die Schriftstellerinnen in Deutschland und Frankreich. Ihr steht so nüchtern da gleich Kräuterbeeten — Und ihr gleich Fichten die zerspellt von Wettern — Haucht wie des Hauches Hauch in Syrinxflöten — Laßt wie Dragoner die Trompeten schmettern; Der kann ein Schattenbild die Wange röthen — Die wirft den Handschuh Zeus und allen Göttern; Ward denn der Führer euch nicht angeboren In eigner Brust, daß ihr den Pfad verloren? Schaut auf! zur Rechten nicht — durch Thränengründe, Mondscheinalleen und blasse Nebeldecken, Wo einsam die veraltete Selinde Zur Luna mag die Lilienarme strecken; Glaubt, zur Genüge hauchten Seufzerwinde, Längst überfloß der Sehnsucht Thränenbecken; An eurem Hügel mag die Hirtin klagen, Und seufzend drauf ein Gänseblümchen tragen. Doch auch zur Linken nicht — durch Winkelgassen, Wo tückisch nur die Diebslaternen blinken, Mit wildem Druck euch rohe Hände fassen, Und Smollis Wüstling euch und Schwelger trinken, Der Sinne Bachanale, wo die blassen Betäubten Opfer in die Rosen sinken, Und endlich, eures Sarges letzte Ehre, Man drüber legt die Kränze der Hetäre. O dunkles Loos! o Preis mit Schmach gewonnen, Wenn Ruhmes Staffel wird der Ehre Bahre! Grad', grade geht der Pfad, wie Stral der Sonnen! Grad', wie die Flamme lodert vom Altare! Grad', wie Natur das Berberroß zum Bronnen Treibt mitten durch die Wirbel der Sahare! Ihr könnt nicht fehlen, er, so mild umlichtet, Der Führer ward in euch nicht hingerichtet. Treu schützte ihn der Länder fromme Sitte, Die euch umgeben wie mit Heilgenscheine, Sie hielt euch fern die freche Liebesbitte, Und legte Anathem auf das Gemeine. Euch nahte die Natur mit reinem Schritte, Kein trunkner Schwelger über Stock und Steine, Ihr mögt ihr willig jedes Opfer spenden, Denn Alles nimmt sie, doch aus reinen Händen. Die Zeit hat jede Schranke aufgeschlossen, An allen Wegen hauchen Naphtablüthen, Ein reizend scharfer Duft hat sich ergossen, Und Jeder mag die eignen Sinne hüten. Das Leben stürmt auf abgehetzten Rossen, Die noch zusammenbrechend haun und wüthen. Ich will den Griffel eurer Hand nicht rauben, Singt, aber zitternd, wie vor'm Weih' die Tauben. Ja, treibt der Geist euch, laßt Standarten ragen! Ihr ward die Zeugen wild bewegter Zeiten, Was ihr erlebt, das läßt sich nicht erschlagen, Feldbind' und Helmzier mag ein Weib bereiten; Doch seht euch vor wie hoch die Schwingen tragen, Stellt nicht das Ziel in ungemessne Weiten, Der kecke Falk ist überall zu finden, Doch einsam steigt der Aar aus Alpengründen. Vor Allem aber pflegt das anvertraute, Das heilge Gut, gelegt in eure Hände, Weckt der Natur geheimnißreichste Laute, Kniet vor des Blutes gnadenvoller Spende; Des Tempels pflegt, den Menschenhand nicht baute, Und schmückt mit Sprüchen die entweihten Wände, Daß dort, aus dieser Wirren Staub und Mühen, Die Gattin mag, das Kind, die Mutter knieen. Ihr hörtet sie die unterdrückten Klagen Der heiligen Natur, geprägt zur Dirne. Wer hat sie nicht gehört in diesen Tagen, Wo nur ein Gott, der Gott im eignen Hirne? Frischauf! — und will den Lorbeer man versagen, O Glückliche mit unbekränzter Stirne! O arm Gefühl, das sich nicht selbst kann lohnen! Mehr ist ein Segen als zehntausend Kronen! Die Gaben. Nie fand, so oft auch scherzend ward gefragt, Ich einen Mann, vom Grafen bis zum Schneider, Der so bescheiden oder so betagt, So hülflos, keinen so Gescheiten leider, Der nicht gemeint, des Herrscherthumes Bürde Sey seinen Schultern grad das rechte Maaß. War Einer zweifelnd je an seiner Würde, So schätzt er seine Kräfte desto baß, Der hoffte auf der Rede Zauberbann; Schlau aus dem Winkel wollte Jener zielen, Kurz, daß er wisse wie und auch den Mann, Ließ Jeder deutlich durch die Blume spielen. Ihr Thoren! glaubt ihr denn daß Gott im Zorne Die Großen schuf, ungleich der Menschenschaar, Pecus inane , das sein Haupt zum Borne Hinstreckt wie weiland Nebukadnezar? Daß, weil zuweilen unter Zotten schlägt Ein Herz wo große Elemente schlafen, Deßhalb wer eine feine Wolle trägt Unfehlbar zählt zu den Merinoschafen? Daß langes Schauen zweifellos erblinde, Und wer den Fäden rastlos nachgespürt, Daß dieser, gleich dem überreizten Kinde, So dümmer wird je länger er studirt? Wer zweifelt, daß ein Herz wie's Throne schmückt Gar oft am Acker fröhnt und Forstgehege, Daß manche Scheitel sich zur Furche bückt, Hochwerth daß eine Krone drauf man lege? Doch ihr des Lebens abgehetzte Alten, Ihr innerliche Greise, seyd es nicht. Bewahr' der Himmel uns vor eurem Walten, Vor dem im Sumpfe angebrannten Licht! Ihr würdet mahnen an des Fröhners Sohn, Der, woll' ihm Gott ein Königreich verschreiben, Für's Leben wüste keinen bessern Lohn, Als seine Schweine dann zu Roß zu treiben. Vor vierzig Jahren. Da gab es doch ein Sehnen, Ein Hoffen und ein Glühn, Als noch der Mond „durch Thränen In Fliederlauben“ schien, Als man dem „milden Sterne“ Gesellte was da lieb, Und „Lieder in die Ferne“ Auf sieben Meilen schrieb! Ob dürftig das Erkennen, Der Dichtung Flamme schwach, Nur tief und tiefer brennen Verdeckte Gluten nach. Da lachte nicht der leere, Der übersatte Spott, Man baute die Altäre Dem unbekannten Gott. Und drüber man den Brodem Des liebsten Weihrauchs trug, Lebend'gen Herzens Odem, Das frisch und kräftig schlug, Das schamhaft, wie im Tode, In Traumes Wundersarg Noch der Begeistrung Ode Der Lieb' Ekloge barg. Wir höhnen oft und lachen Der kaum vergangnen Zeit, Und in der Wüste machen Wie Strauße wir uns breit. Ist Wissen denn Besitzen? Ist denn Genießen Glück? Auch Eises Gletscher blitzen Und Basiliskenblick. Ihr Greise, die gesunken Wie Kinder in die Gruft, Im letzten Hauche trunken Von Lieb' und Aetherduft, Ihr habt am Lebensbaume Die reinste Frucht gepflegt, In karger Spannen Raume Ein Eden euch gehegt. Nun aber sind die Zeiten, Die überwerthen, da, Wo offen alle Weiten, Und jede Ferne nah. Wir wühlen in den Schätzen, Wir schmettern in den Kampf, Windsbräuten gleich versetzen Uns Geistesflug und Dampf. Mit unsres Spottes Gerten Zerhaun wir was nicht Stahl, Und wie Morgana's Gärten Zerrinnt das Ideal; Was wir daheim gelassen Das wird uns arm und klein, Was Fremdes wir erfassen Wird in der Hand zu Stein. Es wogt von End' zu Ende, Es grüßt im Fluge her, Wir reichen unsre Hände, — Sie bleiben kalt und leer. — Nichts liebend, achtend Wen'ge Wird Herz und Wange bleich, Und bettelhafte Kön'ge Stehn wir im Steppenreich. An die Weltverbesserer. Pochest du an — poch' nicht zu laut, Eh du geprüft des Nachhalls Dauer. Drückst du die Hand — drück nicht zu traut, Eh du gefragt des Herzens Schauer. Wirfst du den Stein — bedenke wohl, Wie weit ihn deine Hand wird treiben. Oft schreckt ein Echo, dumpf und hohl, Reicht goldne Hand dir den Obol, Oft trifft ein Wurf des Nachbars Scheiben. Höhlen giebt es am Meeresstrand, Gewalt'ge Stalaktitendome, Wo bläulich zuckt der Fackeln Brand, Und Kähne gleiten wie Phantome. Das Ruder schläft, der Schiffer legt Die Hand dir angstvoll auf die Lippe, Ein Räuspern nur, ein Fuß geregt, Und donnernd überm Haupte schlägt Zusammen dir die Riesenklippe. Und Hände giebts im Orient, Wie Schwäne weiß, mit blauen Malen, In denen zwiefach Feuer brennt, Als gelt' es Liebesglut zu zahlen; Ein leichter Thau hat sie genäßt, Ein leises Zittern sie umflogen, Sie fassen krampfhaft, drücken fest — Hinweg, hinweg! du hast die Pest In deine Poren eingesogen! Auch hat ein Dämon einst gesandt Den gift'gen Pfeil zum Himmelsbogen; Dort rührt ihn eines Gottes Hand, Nun starrt er in den Aetherwogen. Und läßt der Zauber nach, dann wird Er niederprallen mit Geschmetter, Daß das Gebirg' in Scherben klirrt, Und durch der Erde Adern irrt Fortan das Gift der Höllengötter. Drum poche sacht, du weißt es nicht Was dir mag überm Haupte schwanken; Drum drücke sacht, der Augen Licht Wohl siehst du, doch nicht der Gedanken, Wirf nicht den Stein zu jener Höh' Wo dir gestaltlos Form und Wege, Und schnelltest du ihn einmal je, So fall auf deine Knie und fleh', Daß ihn ein Gott berühren möge. Alte und neue Kinderzucht. 1. In seiner Buchenhalle saß ein Greis auf grüner Bank, Vor ihm, in grünlichem Pokal, der Rebe Feuertrank; Zur Seite seiner Jugend Sproß, sich lehnend an den Zweigen, Ein ernster Vierziger, vernahm des Alten Wort in Schweigen. „Sohn“, sprach der Patriarch, es klang die Stimme schier bewegt: „Das Kissen für mein Sterbebett du hast es weich gelegt; Ich weiß es, eine Thräne wird das Leichentuch mir netzen, In meinen Sessel wird dereinst ein Ehrenmann sich setzen. Zu Gottes Ehr' und deiner Pflicht, und nach der Vordern Art, Zog ich in aller Treue dich, als schon dein Kinn behaart. Nicht will die neue Weise mir zum alten Haupte gehen, Ein Sohn hat seinen Herrn, so lang zwei Augen offen stehen. Mein Vater, — tröst ihn Gott, er fiel in einem guten Straus! — War Diener seinem Fürsten und ein König seinem Haus, Sein treues Auge wußte wohl der Kinder Heil zu wahren‚ Den letzten Schlag von seiner Hand fühlt ich mit zwanzig Jahren. So macht' er mich zum Mann, wie du, mein Sohn, zum frohen Greis, Zum Mann der tragen kann und sich im Glück zu fassen weiß, Wie mag, wer seiner Launen Knecht, ein Herrenamt be¬ zwingen? Wer seiner Knospe Kraft verpraßt, wie möcht er Früchte bringen? Nur von der Pike dient sich's recht zum braven General. Gesegnet sey die Hand die mir erspart der Thorheit Wahl! Mit tausend Thränen hab' ich sie in unsre Gruft getragen, Denn eines Vaters heilge Hand hat nie zu hart geschlagen. Mein Haar ist grau, mein blödes Aug' hat deinen Sproß gesehn, Bald füllst du meinen Sitz, und er wird horchend vor dir stehn. Gedenk der Rechenschaft, mein Sohn, lehr deinen Blick ihn lesen, Gehorsam sey er dir, wie du gehorsam mir gewesen!“ So sprach der Patriarch, und schritt entlang die Buchenhall', Ehrfürchtig folgte ihm der Sohn, wie Fürsten der Vasall, Und seinen Knaben winkt er sacht herbei vom Blüthenhagen, Ließ küssen ihn des Alten Hand, und seinen Stab ihn tragen. 2. An blühender Akazie lehnt ein blonder bleicher Mann, Sehr mangelt ihm der Sitz, allein die Kinder spielen dran, So schreibt er stehend, immer Ball und Peitschenhieb ge¬ wärt'gend, Schnellfingrig für die Druckerei den Lückenbüßer fert'gend. „In Osten steigt das junge Licht, es rauscht im Eichenhain, Schon schlang der alte Erebus die alten Schatten ein, Des Geistes Siegel sind gelöst, der Aether aufgeschlossen, Und aus vermorschter Dogmen Staub lebend'ge Cedern sprossen. O Geistesfessel, härter du als jemals ein Tyrann, Geschlagen um des Sclaven Leib, du tausendjähr'ger Bann! Geheim doch sicher hat der Rost genagt an deinem Ringe, Nun wackelt er und fürchtet sich vor jedes Knaben Klinge! Hin ist die Zeit wo ein Gespenst im Büßermantel schlich, In seinen Bettelsack des Deutschen Gold und Ehre strich, Wo Greise, Schulmonarchen gleich, die stumpfe Geißel schwenkten, Des Sonnenrosses Zaum dem Grab verfallne Hände lenkten. Nicht wird im zarten Kinde mehr des Mannes Keim erstickt, Frei schießt die Eichenlode, unbeengt und ungeknickt; Was mehr als Wissen, wirkender als Gaben, die zerstückelt — Des kräftgen Wollens Einheit wird im jungen Mark ent¬ wickelt. Wir wuchsen unter Peitschenhieb an der Galeere auf, Und dennoch riß das Document vom schnöden Seelenkauf Durch deutsche Hand, durch unsre Hand, die, nach Egyptens Plagen, Noch immer stark genug den Brand an's Bagnothor zu tragen! Doch ihr, die ihr den ganzen Saft der Muttererde trinkt, An deren Zweig das erste Blatt schon wie Smaragde blinkt, Ihr!“ — unser Dichter stutzt — er hört an den Hollunder¬ sträuchen Sein Erstlingsreis, den Göttinger, wie eine Walze keuchen. Und auf der Bank — sein Manuscript — o Pest! sein Dichter¬ kranz — Dort fliegt er, droben in der Luft, als langer Drachen¬ schwanz! Und — was? ein Guß? — bei Gott, da hängt der Bub', die wilde Katze, Am Ast, und leert den Wasserkrug auf seines Vaters Glatze! Die Schulen. Kennst du den Saal? ich schleiche sacht vorbei, „Der alte Teufel todt, die Götter neu“ — Und was man Großes sonst darin mag hören. Wie üppig wogend drängt der Jugend Schwarm! Wie reich und glänzend! — aber ich bin arm, Da will ich lieber eure Lust nicht stören. Dann das Gewölb' — mir wird darin nicht wohl, Wo man der Gruft den modernden Obol Entschaufelt, und sich drüber legt zum Streite; Ergraute Häupter nicken rings herum, Wie weis' und gründlich! — aber ich bin dumm, Da schleich' ich lieber ungesehn bei Seite. Doch die Katheder im Gebirge nah, Der Meister unsichtbar, doch laut Hurrah Ihm Wälder, Strom und Sturmesflügel rauschen, Matrikel ist des Herzens frischer Schlag, Da will zeitlebens ich, bei Nacht und Tag, Demüth'ger Schüler, seinen Worten lauschen. v . Droste-Hülshof , Gedichte. 3 Haidebilder . Die Lerche. Hörst du der Nacht gespornten Wächter nicht? Sein Schrei verzittert mit dem Dämmerlicht, Und schlummertrunken hebt aus Purpurdecken Ihr Haupt die Sonne; in das Aetherbecken Taucht sie die Stirn, man sieht es nicht genau, Ob Licht sie zünde, oder trink' im Blau. Glührothe Pfeile zucken auf und nieder, Und wecken Thaues Blitze, wenn im Flug Sie streifen durch der Haide braunen Zug. Da schüttelt auch die Lerche ihr Gefieder, Des Tages Herold seine Liverei; Ihr Köpfchen streckt sie aus dem Ginster scheu, Blinzt nun mit diesem, nun mit jenem Aug'; Dann leise schwankt, es spaltet sich der Strauch, Und wirbelnd des Mandates erste Note Schießt in das feuchte Blau des Tages Bote. „Auf! auf! die junge Fürstin ist erwacht! „Schlaftrunkne Kämm'rer, habt des Amtes Acht; „Du mit dem Saphirbecken Genziane, „Zwergweide du mit deiner Seidenfahne, „Das Amt, das Amt, ihr Blumen allzumal, „Die Fürstin wacht, bald tritt sie in den Saal!“ Da regen tausend Wimpern sich zugleich, Masliebchen hält das klare Auge offen, Die Wasserlilie sieht ein wenig bleich, Erschrocken, daß im Bade sie betroffen; Wie steht der Zitterhalm verschämt und zage! Die kleine Weide pudert sich geschwind Und reicht dem West ihr Seidentüchlein lind, Daß zu der Hoheit Händen er es trage. Ehrfürchtig beut den thauigen Pokal Das Genzian, und nieder langt der Stral; Prinz von Geblüte hat die erste Stätte Er immer dienend an der Fürstin Bette. Der Purpur lischt gemach im Rosenlicht, Am Horizont ein zuckend Leuchten bricht Des Vorhangs Falten, und aufs neue singt Die Lerche, daß es durch den Aether klingt: „Die Fürstin kömmt, die Fürstin steht am Thor! „Frischauf ihr Musikanten in den Hallen, „Laßt euer zartes Saitenspiel erschallen, „Und, florbeflügelt Volk, heb' an den Chor, „Die Fürstin kommt, die Fürstin steht am Thor!“ Da krimmelt, wimmelt es im Haidgezweige, Die Grille dreht geschwind das Beinchen um, Streicht an des Thaues Kolophonium, Und spielt so schäferlich die Liebesgeige. Ein tüchtiger Hornist, der Käfer, schnurrt, Die Mücke schleift behend die Silberschwingen, Daß heller der Triangel möge klingen; Diskant und auch Tenor die Fliege surrt; Und, immer mehrend ihren werthen Gurt, Die reiche Katze um des Leibes Mitten, Ist als Bassist die Biene eingeschritten: Schwerfällig hockend in der Blüte rummeln Das Contraviolon die trägen Hummeln. So tausendarmig ward noch nie gebaut Des Münsters Halle, wie im Haidekraut Gewölbe an Gewölben sich erschließen, Gleich Labyrinthen in einander schießen; So tausendstimmig stieg noch nie ein Chor, Wie's musizirt aus grünem Haid hervor. Jetzt sitzt die Königin auf ihrem Throne, Die Silberwolke Teppich ihrem Fuß, Am Haupte flammt und quillt die Stralenkrone, Und lauter, lauter schallt des Herolds Gruß: „Bergleute auf, herauf aus eurem Schacht, „Bringt eure Schätze, und du Fabrikant, „Breit' vor der Fürstin des Gewandes Pracht, „Kaufherrn, enthüllt den Saphir, den Demant.“ Schau, wie es wimmelt aus der Erde Schooß, Wie sich die schwarzen Knappen drängen, streifen, Und mühsam stemmend aus den Stollen schleifen Gewalt'ge Stufen, wie der Träger groß; Ameisenvolk, du machst es dir zu schwer! Dein roh Gestein lockt keiner Fürstin Gnaden. Doch sieh die Spinne rutschend hin und her, Schon zieht sie des Gewebes letzten Faden, Wie Perlen klar, ein duftig Elfenkleid; Viel edle Funken sind darin entglommen; Da kommt der Wind und häkelt es vom Haid, Es steigt, es flattert, und es ist verschwommen. — Die Wolke dehnte sich, scharf strich der Hauch, Die Lerche schwieg, und sank zum Ginsterstrauch. Die Jagd. Die Luft hat schlafen sich gelegt, Behaglich in das Moos gestreckt, Kein Rispeln, das die Kräuter regt, Kein Seufzer, der die Halme weckt. Nur eine Wolke träumt mitunter Am blassen Horizont hinunter, Dort, wo das Tannicht über'm Wall Die dunkeln Candelabern streckt. Da horch, ein Ruf, ein ferner Schall: „Halloh! hoho!“ so lang gezogen, Man meint, die Klänge schlagen Wogen Im Ginsterfeld, und wieder dort: „Halloh! hoho!“ — am Dickicht fort Ein zögernd Echo, — alles still! Man hört der Fliege Angstgeschrill Im Mettennetz, den Fall der Beere, Man hört im Kraut des Käfers Gang, Und dann wie zieh'nder Kranichheere Kling klang! von ihrer luft'gen Fähre, Wie ferner Unkenruf: Kling! klang! Ein Läuten das Gewäld entlang, Hui schlüpft der Fuchs den Wall hinab Er gleitet durch die Binsenspeere, Und zuckelt fürder seinen Trab: Und aus dem Dickicht, weiß wie Flocken, Nach stäuben die lebend'gen Glocken, Radschlagend an des Dammes Hang; Wie Aale schnellen sie vom Grund, Und weiter, weiter, Fuchs und Hund. Der schwankende Wachholder flüstert, Die Binse rauscht, die Haide knistert, Und stäubt Phalänen um die Meute. Sie jappen, klaffen nach der Beute, Schaumflocken sprühn aus Nas' und Mund; Noch hat der Fuchs die rechte Weite, Gelassen trabt er, schleppt den Schweif, Zieht in dem Thaue dunklen Streif, Und zeigt verächtlich seine Socken. Doch bald hebt er die Lunte frisch, Und, wie im Weiher schnellt der Fisch, Fort setzt er über Kraut und Schmehlen, Wirft mit den Läufen Kies und Staub; Die Meute mit geschwoll'nen Kehlen Ihm nach wie rasselnd Winterlaub. Man höret ihre Kiefern knacken, Wenn fletschend in die Luft sie hacken; In weitem Kreise so zum Tann, Und wieder aus dem Dickicht dann Ertönt das Glockenspiel der Bracken. Was bricht dort im Gestrippe am Revier? Im holprichten Galopp stampft es den Grund; Ha! brüllend Heerdenvieh! voran der Stier, Und ihnen nach klafft ein versprengter Hund. Schwerfällig poltern sie das Feld entlang, Das Horn gesenkt, wagrecht des Schweifes Strang, Und taumeln noch ein paarmal in die Runde, Eh Posto wird gefaßt im Haidegrunde. Nun endlich stehn sie, murren noch zurück, Das Dickicht messend mit verglas'tem Blick, Dann sinkt das Haupt und unter ihrem Zahne Ein leises Rupfen knirrt im Thimiane; Unwillig schnauben sie den gelben Rauch, Das Euter streifend am Wachholderstrauch, Und peitschen mit dem Schweife in die Wolke Von summendem Gewürm und Fliegenvolke. So langsam schüttelnd den gefüllten Bauch Fort grasen sie bis zu dem Haidekolke. Ein Schuß: „Halloh!“ ein zweiter Schuß: „Hoho!“ Die Heerde stutzt, des Kolkes Spiegel kraußt Ihr Blasen, dann die Hälse streckend, so Wie in des Dammes Mönch der Strudel saust, Ziehn sie das Wasser in den Schlund, sie pusten, Die kranke Stärke schaukelt träg herbei, Sie schaudert, schüttelt sich in hohlem Husten, Und dann — ein Schuß, und dann — ein Jubelschrei! Das grüne Käppchen auf dem Ohr, Den halben Mond am Lederband, Trabt aus der Lichtung rasch hervor Bis mitten in das Haideland Ein Waidmann ohne Tasch und Büchse; Er schwenkt das Horn, er ballt die Hand, Dann setzt er an, und tausend Füchse Sind nicht so kräftig todtgeblasen, Als heut es schmettert über'n Rasen. „Der Schelm ist todt, der Schelm ist todt! „Laßt uns den Schelm begraben! „Kriegen ihn die Hunde nicht, „Dann fressen ihn die Raben, „Hoho halloh!“ Da stürmt von allen Seiten es heran, Die Bracken brechen aus Genist und Tann; Durch das Gelände sieht in wüsten Reifen Man johlend sie um den Hornisten schweifen. Sie ziehen ihr Geheul so hohl und lang, Daß es verdunkelt der Fanfare Klang, Doch lauter, lauter schallt die Gloria, Braust durch den Ginster die Victoria: „Hängt den Schelm, hängt den Schelm! „Hängt ihn an die Weide, „Mir den Balg und dir den Talg, „Dann lachen wir alle Beide; „Hängt ihn! Hängt ihn „Den Schelm, den Schelm! — —“ Die Vogelhütte. Regen, Regen, immer Regen! will nicht das Geplätscher enden, Daß ich aus dem Sarge brechen kann, aus diesen Bretter¬ wänden? Sieben Schuhe ins Gevierte, das ist doch ein ärmlich Räumchen Für ein Menschenkind, und wär' es schlank auch wie ein Rosenbäumchen! O was ließ ich mich gelüsten, in den Vogelheerd zu flüchten, Als nur schwach die Wolke tropfte, als noch flüsterten die Fichten: Und muß nun bestehn das Ganze, wie wenn zögernd man dem Schwätzer Raum gegeben, dem langweilig Seile drehnden Phrasen¬ setzer; Und am Knopfe nun gehalten, oder schlimmer an den Händen, Zappelnd wie der Halbgehängte langet nach des Strickes Enden! Meine Unglücksstrick' sind dieser Wasserstriemen Läng' und Breite, Die verkörperten Hyperbeln, denn Bindfäden regnet's heute. Denk ich an die heitre Stube, an das weiche Kanap é e, Und wie mein Gedicht, das meine, dort zerlesen wird beim Thee: Denk ich an die schwere Zunge, die statt meiner es zerdrischt, Bohrend wie ein Schwertfisch möcht ich schießen in den Wassergischt. Pah! was kümmern mich die Tropfen, ob ich naß ob säuberlich! Aber besser stramm und trocken, als durchnäßt und lächerlich. Da — ein Fleck, ein Loch am Himmel; bist du endlich doch gebrochen, Alte Wassertonne, hab ich endlich dich entzwei gesprochen? Aber wehe! wie's vom Fasse brodelt, wenn gesprengt der Zapfen, Hör ich's auf dem Dache rasseln, förmlich wie mit Füßen stapfen. Regen! unbarmherz'ger Regen! mögst du braten oder sieden! Wehe, diese alte Kufe ist das Faß der Danaiden! Ich habe mich gesetzt in Gottes Namen; Es hilft doch alles nicht, und mein Gedicht Ist längst gelesen und im Schloß die Damen, Sie saßen lange zu Gericht. Statt einen neuen Lorbeerkranz zu drücken In meine Phöboslocken, hat man sacht Den alten losgezupft und hinter'm Rücken Wohl Eselsohren mir gemacht. Verkannte Seele, fasse dich im Leiden, Sey stark, sey nobel, denk, der Ruhm ist leer, Das Leben kurz, es wechseln Schmerz und Freuden, Und was dergleichen Neugedachtes mehr! Ich schau mich um in meiner kleinen Zelle: Für einen Klausner wär's ein hübscher Ort; Die Bank, der Tisch, das hölzerne Gestelle, Und an der Wand die Tasche dort; Ein Netz im Winkelchen, ein Rechen, Spaten — Und Betten? nun, das macht sich einfach hier; Der Thimian ist heuer gut gerathen, Und blüht mir grade vor der Thür. Die Waldung drüben — und das Quellgewässer — Hier möcht ich Haidebilder schreiben, zum Exempel: „Die Vogelhütte“, nein — „der Heerd“, nein besser: „Der Knieende in Gottes weitem Tempel.“ 'S ist doch romantisch, wenn ein zart Geriesel Durch Immortellen und Wachholderstrauch Umzieht und gleitet, wie ein schlüpfend Wiesel, Und drüber flirrt der Stöberrauch; Wenn Schimmer wechseln, weiß und seladonen; Die weite Eb'ne schaukelt wie ein Schiff, Hindurch der Kibitz schrillt, wie Halcyonen Wehklagend ziehen um das Riff. Am Horizont die kolossalen Brücken — Sind's Wolken oder ist's ein ferner Wald? Ich will den Schemel an die Luke rücken, Da liegt mein Hut, mein Hammer, — halt: Ein Teller am Gestell! — was mag er bieten? Fundus! bei Gott, ein Fund das Backwerk drin! Für einen armen Hund von Eremiten, Wie ich es leider heute bin! Ein seid'ner Beutel noch — am Bort zerrissen; Ich greife, greife Rundes mit der Hand; Weh! in die dürre Erbs' hab ich gebissen — Ich dacht', es seye Zuckerkand. Und nun die Tasche! he, wir müssen klopfen — Vielleicht liegt ein Gefang'ner hier in Haft; Da — eine Flasche! schnell herab den Pfropfen — Ist's Wasser? Wasser? — edler Rebensaft! Und Edlerer, der ihn dem Sack vertraute, Splendid barmherziger Wildhüter du, Für einen armen Schelm, der Erbsen kaute, Den frommen Bruder Tuck im Ivanhoe! Mit dem Gekörn will ich den Kibitz letzen, Es aus der Lücke streun, wenn er im Flug Herschwirrt, mir auf die Schulter sich zu setzen, Wie man es lies't in manchem Buch. Mir ist ganz wohl in meiner armen Zelle; Wie mir das Klausnerleben so gefällt! Ich bleibe hier, ich geh nicht von der Stelle, Bevor der letzte Tropfen fällt. Es verrieselt, es verraucht, Mählig aus der Wolke taucht Neu hervor der Sonnenadel. In den feinen Dunst die Fichte Ihre grünen Dornen streckt, Wie ein schönes Weib die Nadel In den Spitzenschleier steckt; Und die Haide steht im Lichte Zahllos blanker Tropfen, die Am Wachholder zittern, wie Glasgehänge an dem Lüster. Ueberm Grund geht ein Geflüster, Jedes Kräutchen reckt sich auf, Und in langgestrecktem Lauf, Durch den Sand des Pfades eilend, Blitzt das gold'ne Panzerhemd Des Kurier's; Buprestis , ein in allen Farben schimmernder Prachtkäfer, der sich im Haidekraut aufhält. am Halme weilend v . Droste-Hülshof , Gedichte. 4 Streicht die Grille sich das Naß Von der Flügel grünem Glas. Grashalm glänzt wie eine Klinge, Und die kleinen Schmetterlinge, Blau, orange, gelb und weiß, Jagen tummelnd sich im Kreis. Alles Schimmer, alles Licht, Bergwald mag und Welle nicht Solche Farbentöne hegen, Wie die Haide nach dem Regen. Ein Schall — und wieder — wieder — was ist das? Bei Gott, das Schloß! Da schlägt es Acht im Thurme — Weh mein Gedicht! o weh mir armem Wurme, Nun fällt mir alles ein, was ich vergaß! Mein Hut, mein Hammer, hurtig fortgetrabt — Vielleicht, vielleicht ist man discret gewesen, Und harrte meiner, der sein Federlesen Indeß mit Kraut und Würmern hat gehabt. — Nun kommt der Steeg und nun des Teiches Ried, Nun steigen der Alleen schlanke Streifen; Ich weiß es nicht, ich kann es nicht begreifen, Wie ich so gänzlich mich vom Leben schied — Doch freilich — damals war ich Eremit! Der Weiher. Er liegt so still im Morgenlicht, So friedlich, wie ein fromm Gewissen; Wenn Weste seinen Spiegel küssen, Des Ufers Blume fühlt es nicht; Libellen zittern über ihn, Blaugoldne Stäbchen und Karmin, Und auf des Sonnenbildes Glanz Die Wasserspinne führt den Tanz; Schwertlilienkranz am Ufer steht Und horcht des Schilfes Schlummerliede; Ein lindes Säuseln kommt und geht, Als flüstr' es: Friede! Friede! Friede! — Das Schilf . Stille, er schläft, stille! stille! Libelle, reg' die Schwingen sacht, Daß nicht das Goldgewebe schrille, Und, Ufergrün, hab' gute Wacht, Kein Kieselchen lass' niederfallen. Er schläft auf seinem Wolkenflaum, Und über ihn läßt säuselnd wallen Das Laubgewölb der alte Baum; Hoch oben, wo die Sonne glüht, Wieget der Vogel seine Flügel, Und wie ein schlüpfend Fischlein zieht Sein Schatten durch des Teiches Spiegel. Stille, stille! er hat sich geregt, Ein fallend Reis hat ihn bewegt, Das grad zum Nest der Hänfling trug; Su, Su! breit', Ast, dein grünes Tuch — Su, Su! nun schläft er fest genug. Die Linde. Ich breite über ihn mein Blätterdach So weit ich es vom Ufer strecken mag. Schau her, wie langaus meine Arme reichen, Ihm mit den Fächern das Gewürm zu scheuchen, Das hundertfarbig zittert in der Luft. Ich hauch' ihm meines Odems besten Duft, Und auf sein Lager lass' ich niederfallen Die Lieblichste von meinen Blüten allen; Und eine Bank lehnt sich an meinen Stamm, Da schaut ein Dichter von dem Uferdamm, Den hör' ich flüstern wunderliche Weise, Von mir und dir und der Libell' so leise, Daß er den frommen Schläfer nicht geweckt; Sonst wahrlich hätt' die Raupe ihn erschreckt, Die ich geschleudert aus dem Blätterhag. Wie grell die Sonne blitzt; schwül wird der Tag. O könnt' ich! könnt' ich meine Wurzeln strecken Recht mitten in das tief kristall'ne Becken, Den Fäden gleich, die, grünlicher Asbest, Schaun so behaglich aus dem Wassernest, Wie mir zum Hohne, der im Sonnenbrande Hier einsam niederlechzt vom Uferrande. Die Wasserfäden . Neid' uns! neid' uns! lass' die Zweige hangen, Nicht weil flüssigen Kristall wir trinken, Neben uns des Himmels Sterne blinken, Sonne sich in unserm Netz gefangen — Nein, des Teiches Blutsverwandte, fest Hält er all uns an die Brust gepreßt, Und wir bohren uns're feinen Ranken In das Herz ihm, wie ein liebend Weib, Dringen Adern gleich durch seinen Leib, Dämmern auf wie seines Traums Gedanken; Wer uns kennt, der nennt uns lieb und treu, Und die Schmerle birgt in uns'rer Hut Und die Karpfenmutter ihre Brut; Welle mag in unserm Schleier kosen; Uns nur traut die holde Wasserfey, Sie, die Schöne, lieblicher als Rosen. Schleuß, Trifolium, Trifolium , Dreiblatt, Menianthes trifoliata . L . Biberklee. Eine Wasserpflanze, die nur in sehr tiefem Wasser wächst, mit schöner aber sehr vergänglicher Blüthe. die Glocken auf, Kurz dein Tag, doch königlich sein Lauf! Kinder am Ufer . O sieh doch! siehst du nicht die Blumenwolke Da drüben in dem tiefsten Weiherkolke? O! das ist schön! hätt' ich nur einen Stecken, Schmalzweiße Kelch' mit dunkelrothen Flecken, Und jede Glocke ist frisirt so fein Wie unser wächsern Engelchen im Schrein. Was meinst du, schneid' ich einen Haselstab, Und wat' ein wenig in die Furth hinab? Pah! Frösch' und Hechte können mich nicht schrecken — Allein, ob nicht vielleicht der Wassermann Dort in den langen Kräutern hocken kann? Ich geh, ich gehe schon — ich gehe nicht — Mich dünkt, ich sah am Grunde ein Gesicht — Komm lass' uns lieber heim, die Sonne sticht! Der Hünenstein. Zur Zeit der Scheide zwischen Nacht und Tag, Als wie ein siecher Greis die Haide lag Und ihr Gestöhn des Mooses Teppich regte, Krankhafte Funken im verwirrten Haar Elektrisch blitzten, und, ein dunkler Mahr, Sich über sie die Wolkenschichte legte; Zu dieser Dämmerstunde war's, als ich Einsam hinaus mit meinen Sorgen schlich, Und wenig dachte, was es draußen treibe. Nachdenklich schritt ich, und bemerkte nicht Des Krautes Wallen und des Wurmes Licht, Ich sah auch nicht, als stieg die Mondesscheibe. Grad war der Weg, ganz sonder Steg und Bruch; So träumt ich fort und, wie ein schlechtes Buch, Ein Pfennigs-Magazin uns auf der Reise Von Station zu Stationen plagt, Hab' zehnmal Weggeworf'nes ich benagt, Und fortgeleiert überdrüß'ge Weise. Entwürfe wurden aus Entwürfen reif, Doch, wie die Schlange packt den eignen Schweif, Fand ich mich immer auf derselben Stelle; Da plötzlich fuhr ein plumper Schröter jach An's Auge mir, ich schreckte auf und lag Am Grund, um mich des Haidekrautes Welle. Seltsames Lager, das ich mir erkor! Zur Rechten, Linken schwoll Gestein empor, Gewalt'ge Blöcke, rohe Porphirbrode; Mir überm Haupte reckte sich der Bau, Langhaar'ge Flechten rührten meine Brau, Und mir zu Füßen schwankt' die Ginsterlode. Ich wußte gleich, es war ein Hünengrab, Und fester drückt' ich meine Stirn hinab, Wollüstig saugend an des Grauens Süße, Bis es mit eis'gen Krallen mich gepackt, Bis wie ein Gletscher-Bronn des Blutes Takt Aufquoll und hämmert' unterm Mantelvließe. Die Decke über mir, gesunken, schief, An der so blaß gehärmt das Mondlicht schlief, Wie eine Wittwe an des Gatten Grabe; Vom Hirtenfeuer Kohlenscheite sahn So leichenbrandig durch den Thimian, Daß ich sie abwärts schnellte mit dem Stabe. Husch fuhr ein Kibitz schreiend aus dem Moos; Ich lachte auf; doch trug wie bügellos Mich Phantasie weit über Spalt und Barren. Dem Wind hab' ich gelauscht so scharf gespannt, Als bring er Kunde aus dem Geisterland, Und immer mußt ich an die Decke starren. Ha! welche Sehnen wälzten diesen Stein? Wer senkte diese wüsten Blöcke ein, Als durch das Haid die Todtenklage schallte? Wer war die Drude, die im Abendstral Mit Run' und Spruch umwandelte das Thal, Indeß ihr gold'nes Haar im Winde wallte? Dort ist der Osten, dort, drei Schuh im Grund, Dort steht die Urne und in ihrem Rund Ein wildes Herz zerstäubt zu Aschenflocken; Hier lagert sich der Traum vom Opferhain, Und finster schütteln über diesen Stein Die grimmen Götter ihre Wolkenlocken. Wie, sprach ich Zauberformel? Dort am Damm — Es steigt, es breitet sich wie Wellenkamm, Ein Riesenleib, gewalt'ger, höher immer; Nun greift es aus mit langgedehntem Schritt — Schau, wie es durch der Eiche Wipfel glitt, Durch seine Glieder zittern Mondenschimmer. Komm her, komm nieder — um ist deine Zeit! Ich harre dein, im heil'gen Bad geweiht; Noch ist der Kirchenduft in meinem Kleide! — Da fährt es auf, da ballt es sich ergrimmt, Und langsam, eine dunkle Wolke, schwimmt Es über meinem Haupt entlang die Haide. Ein Ruf, ein hüpfend Licht — es schwankt herbei — Und — „Herr, es regnet“ — sagte mein Lakai, Der ruhig über's Haupt den Schirm mir streckte. Noch einmal sah ich zum Gestein hinab: Ach Gott, es war doch nur ein rohes Grab, Das armen ausgedorrten Staub bedeckte! — Die Steppe. Standest du je am Strande, Wenn Tag und Nacht sich gleichen, Und sah'st aus Lehm und Sande Die Regenrinnen schleichen — Zahllose Schmugglerquellen, Und dann, so weit das Auge Nur reicht, des Meeres Wellen Gefärbt mit gelber Lauge? — Hier ist die Dün' und drunten Das Meer; Kanonen gleichend Stehn Schäferkarrn, die Lunten Verlöscht am Boden streichend. Gilt's etwa dem Korsaren Im flatternden Kaftane, Den dort ich kann gewahren Im gelben Oceane? Er scheint das Tau zu schlagen, Sein Schiff verdeckt die Düne, Doch sieht den Mast man ragen, — Ein dürrer Fichtenhüne; Von seines Toppes Kunkel Die Seile stramm wie Aeste, Der Mastkorb, rauh und dunkel, Gleicht einem Weihenneste! — Die Mergelgrube. Stoß deinen Scheit drei Spannen in den Sand, Gesteine siehst du aus dem Schnitte ragen, Blau, gelb, zinnoberroth, als ob zur Gant Natur die Trödelbude aufgeschlagen. Kein Pardelfell war je so bunt gefleckt, Kein Rebhuhn, keine Wachtel so gescheckt, Als das Gerölle gleißend wie vom Schliff Sich aus der Scholle bröckelt bei dem Griff Der Hand, dem Scharren mit des Fußes Spitze. Wie zürnend sturt dich an der schwarze Gneus, Spatkugeln kollern nieder, milchig weiß, Und um den Glimmer fahren Silberblitze; Gesprenkelte Porphire, groß und klein, Die Okerdruse und der Feuerstein — Nur wenige hat dieser Grund gezeugt, Der sah den Strand, und der des Berges Kuppe; Die zorn'ge Welle hat sie hergescheucht, Leviathan mit seiner Riesenschuppe, Als schäumend übern Sinai er fuhr, Des Himmels Schleusen dreißig Tage offen, Gebirge schmolzen ein wie Zuckerkand, Als dann am Ararat die Arche stand, Und, eine fremde, üppige Natur, Ein neues Leben quoll aus neuen Stoffen. — Findlinge nennt man sie, weil von der Brust, Der mütterlichen sie gerissen sind, In fremde Wiege schlummernd unbewußt, Die fremde Hand sie legt wie's Findelkind. O welch' ein Waisenhaus ist diese Haide, Die Mohren, Blaßgesicht, und rothe Haut Gleichförmig hüllet mit dem braunen Kleide! Wie endlos ihre Zellenreihn gebaut! Tief in's Gebröckel, in die Mergelgrube War ich gestiegen, denn der Wind zog scharf; Dort saß ich seitwärts in der Höhlenstube, Und horchte träumend auf der Luft Geharf. Es waren Klänge, wie wenn Geisterhall Melodisch schwinde im zerstörten All; Und dann ein Zischen, wie von Moores Klaffen, Wenn brodelnd es in sich zusamm'gesunken; Mir über'm Haupt ein Rispeln und ein Schaffen, Als scharre in der Asche man den Funken. Findlinge zog ich Stück auf Stück hervor, Und lauschte, lauschte mit berauschtem Ohr. Vor mir, um mich der graue Mergel nur, Was drüber sah ich nicht; doch die Natur Schien mir verödet, und ein Bild erstand Von einer Erde, mürbe, ausgebrannt; Ich selber schien ein Funken mir, der doch Erzittert in der todten Asche noch, Ein Findling im zerfall'nen Weltenbau. Die Wolke theilte sich, der Wind ward lau; Mein Haupt nicht wagt' ich aus dem Hohl zu strecken, Um nicht zu schauen der Verödung Schrecken, Wie Neues quoll und Altes sich zersetzte — War ich der erste Mensch oder der letzte? Ha, auf der Schieferplatte hier Medusen — Noch schienen ihre Stralen sie zu zücken, Als sie geschleudert von des Meeres Busen, Und das Gebirge sank, sie zu zerdrücken. Es ist gewiß, die alte Welt ist hin, Ich Petrefakt, ein Mammuthsknochen drinn! Und müde, müde sank ich an den Rand Der staub'gen Gruft; da rieselte der Grand Auf Haar und Kleider mir, ich ward so grau Wie eine Leich' im Katakomben-Bau, Und mir zu Füßen hört ich leises Knirren, Ein Rütteln, ein Gebröckel und ein Schwirren. Es war der Todtenkäfer, der im Sarg So eben eine frische Leiche barg; Ihr Fuß, ihr Flügelchen empor gestellt Zeigt eine Wespe mir von dieser Welt. Und anders ward mein Träumen nun gewandet, Zu einer Mumie ward ich versandet, Mein Linnen Staub, fahlgrau mein Angesicht, Und auch der Scarabäus fehlte nicht. Wie, Leichen über mir? — so eben gar Rollt mir ein Bissusknäuel in den Schooß; Nein, das ist Wolle, ehrlich Lämmerhaar — Und plötzlich ließen mich die Träume los. Ich gähnte, dehnte mich, fuhr aus dem Hohl, Am Himmel stand der rothe Sonnenball Getrübt von Dunst, ein glüher Karniol, Und Schafe weideten am Haidewall. Dicht über mir sah ich den Hirten sitzen, Er schlingt den Faden und die Nadeln blitzen, Wie er bedächtig seinen Socken strickt. Zu mir hinunter hat er nicht geblickt. „Ave Maria“ hebt er an zu pfeifen, So sacht und schläfrig, wie die Lüfte streifen. Er schaut so seelengleich die Heerde an, Daß man nicht weiß, ob Schaf er oder Mann. Ein Räuspern dann, und langsam aus der Kehle Schiebt den Gesang er in das Garngestrehle: Es stehet ein Fischlein in einem tiefen See, Danach thu ich wohl schauen, ob es kommt in die Höh; Wandl' ich über Grunheide bis an den kühlen Rhein, Alle meine Gedanken bei meinem Feinsliebchen sein. Gleich wie der Mond ins Wasser schaut hinein, Und gleich wie die Sonne im Wald gibt güldenen Schein, Also sich verborgen bei mir die Liebe findt, Alle meine Gedanken, sie sind bei dir, mein Kind. Wer da hat gesagt, ich wollte wandern fort, Der hat sein Feinsliebchen an einem andern Ort; Trau nicht den falschen Zungen, was sie dir blasen ein, Alle meine Gedanken, sie sind bei dir allein. Ich war hinaufgeklommen, stand am Bord, Dicht vor dem Schäfer, reichte ihm den Knäuel; Er steckt' ihn an den Hut, und strickte fort, Sein weißer Kittel zuckte wie ein Weihel. Im Moose lag ein Buch; ich hob es auf — „Bertuchs Naturgeschichte“; les't ihr das? — Da zog ein Lächeln seine Lippen auf: Der lügt mal, Herr! doch das ist just der Spaß! Von Schlangen, Bären, die in Stein verwandelt, Als, wie Genesis sagt, die Schleusen offen; Wär's nicht zur Kurzweil, wär es schlecht gehandelt: Man weiß ja doch, daß alles Vieh versoffen. Ich reichte ihm die Schieferplatte: „schau, Das war ein Thier.“ Da zwinkert er die Brau, Und hat mir lange pfiffig nachgelacht — Daß ich verrückt sey, hätt' er nicht gedacht! — Die Krähen. Heiß, heiß der Sonnenbrand Drückt vom Zenith herunter, Weit, weit der gelbe Sand Zieht sein Gestäube drunter; Nur wie ein grüner Strich Am Horizont die Föhren; Mich dünkt, man müßt' es hören, Wenn nur ein Kranker schlich. Der blasse Aether siecht, Ein Ruhen rings, ein Schweigen, Dem matt das Ohr erliegt; Nur an der Düne steigen Zwei Fichten, dürr, ergraut — Wie Trauernde am Grabe — Wo einsam sich ein Rabe Die rupp'gen Federn kraut. Da zieht's in Westen schwer Wie eine Wetterwolke, Kreis't um die Föhren her Und fällt am Haidekolke; Und wieder steigt es dann, Es flattert und es ächzet, Und immer näher krächzet Das Galgenvolk heran. Recht, wo der Sand sich dämmt, Da lagert es am Hügel; Es badet sich und schwemmt, Stäubt Asche durch die Flügel Bis jede Feder grau; Dann rasten sie im Bade, Und horchen der Suade Der alten Krähenfrau, Die sich im Sande reckt, Das Bein lang ausgeschossen, Ihr eines Aug' gefleckt, Das andre ist geschlossen; Zweihundert Jahr und mehr Gehetzt mit allen Hunden, Schnarrt sie nun ihre Kunden Dem jungen Volke her: „Ja, ritterlich und kühn all sein Gebahr! Wenn er so herstolzirte vor der Schaar, Und ließ sein bäumend Roß so drehn und schwenken, Da mußt ich immer an Sanct Görgen denken, Den Wettermann, der — als am Schlot ich saß, Ließ mir die Sonne auf den Rücken brennen — Vom Wind getrillt mich schlug so hart, daß baß Ich es dem alten Raben möchte gönnen, Der dort von seiner Hopfenstange schaut, Als sey ein Baum er und wir andern Kraut! — „Kühn war der Halberstadt, das ist gewiß! Wenn er die Braue zog, die Lippe biß, v . Droste - Hülshof , Gedichte. 5 Dann standen seine Landsknecht' auf den Füßen Wie Speere, solche Blicke konnt er schießen. Einst brach sein Schwert; er riß die Kuppel los, Stieß mit der Scheide einen Mann vom Pferde. Ich war nur immer froh, daß flügellos, Ganz sonder Witz der Mensch geboren werde: Denn nie hab' ich gesehn, daß aus der Schlacht Er eine Leber nur bei Seit' gebracht. „An einem Sommertag, — heut sind es grad Zweihundert fünfzehn Jahr, es lief die Schnat Am Damme drüben damals bei den Föhren — Da konnte man ein frisch Drometen hören, Ein Schwerterklirren und ein Feldgeschrei, Radschlagen sah man Reuter von den Rossen, Und die Kanone fuhr ihr Hirn zu Brei; Entlang die Gleise ist das Blut geflossen, Granat' und Wachtel liefen kunterbunt Wie junge Kibitze am sand'gen Grund. „Ich saß auf einem Galgen, wo das Bruch Man überschauen konnte recht mit Fug; Dort an der Schnat hat Halberstadt gestanden, Mit seinem Sehrohr streifend durch die Banden, Hat seinen Stab geschwungen so und so; Und wie er schwenkte, zogen die Soldaten — Da plötzlich aus den Mörsern fuhr die Loh', Es knallte, daß ich bin zu Fall gerathen, Und als Kopfüber ich vom Galgen schoß, Da pfiff der Halberstadt davon zu Roß. „Mir stieg der Rauch in Ohr und Kehl', ich schwang Mich auf, und nach der Qualm in Strömen drang; Entlang die Haide fuhr ich mit Gekrächze. Am Grunde, welch' Geschrei, Geschnaub', Geächze! Die Rosse wälzten sich und zappelten, Todtwunde zuckten auf, Landsknecht' und Reuter Knirschten den Sand, da näher trappelten Schwadronen, manche krochen winselnd weiter, Und mancher hat noch einen Stich versucht, Als über ihn der Baier weggeflucht. „Noch lange haben sie getobt, geknallt, Ich hatte mich geflüchtet in den Wald; Doch als die Sonne färbt' der Föhren Spalten, Ha welch ein köstlich Mahl ward da gehalten! Kein Geier schmaußt, kein Weihe je so reich! In achtzehn Schwärmen fuhren wir herunter, Das gab ein Hacken, Picken, Leich' auf Leich — Allein der Halberstadt war nicht darunter: Nicht kam er heut', noch sonst mir zu Gesicht, Wer ihn gefressen hat, ich weiß es nicht.“ Sie zuckt die Klaue, krau't den Schopf, Und streckt behaglich sich im Bade; Da streckt ein grauer Herr den Kopf, Weit älter, als die Scheh'razade. „Ha,“ krächzt er, „das war wüste Zeit, — Da gab's nicht Frauen, wie vor Jahren, Als Ritter mit dem Kreuz gefahren, Und man die Münster hat geweiht!“ Er hustet, speit ein wenig Sand und Thon, Dann hebt er an, ein grauer Seladon: „Und wenn er kühn, so war sie schön, Die heil'ge Frau im Ordenskleide! Ihr möcht' der Weihel süßer stehn, Als andern Güldenstück und Seide. Kaum war sie holder an dem Tag, Da ihr jungfräulich Haar man fällte, Als ich an's Kirchenfenster schnellte, Und schier Tobias Hündlein brach. „Da stand die alte Gräfin, stand Der alte Graf, geduldig harrend; Er auf's Baretlein in der Hand, Sie fest aufs Paternoster starrend; Ehrbar, wie bronzen sein Gesicht — Und aus der Mutter Wimpern glitten Zwei Thränen auf der Schaube Mitten, Doch ihre Lippe zuckte nicht. „Und sie in ihrem Sammetkleid, Von Perlen und Juwel' umfunkelt, Bleich war sie, aber nicht von Leid, Ihr Blick doch nicht von Gram umdunkelt. So mild hat sie das Haupt gebeugt, Als woll' auf den Altar sie legen Des Haares königlichen Segen, Vom Antlitz ging ein süß Geleucht. „Doch als nun, wie am Blutgerüst, Ein Mann die Seidenstränge packte, Da faßte mich ein wild Gelüst, Ich schlug die Scheiben, daß es knackte, Und flattert' fort, als ob der Stahl Nach meinem Nacken wolle zücken. Ja wahrlich, über Kopf und Rücken Fühlt' ich den ganzen Tag mich kahl! „Und später sah ich manche Stund Sie betend durch den Kreuzgang schreiten, Ihr süßes Auge über'n Grund Entlang die Todtenlager gleiten; In's Quadrum flog ich dann hinab, Spazierte auf dem Leichensteine, Sang, oder suchte auch zum Scheine Nach einem Regenwurm am Grab. „Wie sie gestorben, weiß ich nicht; Die Fenster hatte man verhangen, Ich sah am Vorhang nur das Licht Und hörte, wie die Schwestern sangen; Auch hat man keinen Stein geschafft In's Quadrum, doch ich hörte sagen, Daß manchem Kranken Heil getragen Der sel'gen Frauen Wunderkraft. „Ein Loch gibt es am Kirchenend', Da kann man in's Gewölbe schauen, Wo matt die ew'ge Lampe brennt, Steinsärge ragen, fein gehauen; Da streck ich oft im Dämmergrau Den Kopf durch's Gitter, klage, klage Die Schlafende im Sarkophage, So hold, wie keine Krähenfrau!“ Er schließt die Augen, stößt ein lang „Krahah!“ Gestreckt die Zunge und den Schnabel offen; Matt, flügelhängend, ein zertrümmert Hoffen, Ein Bild gebroch'nen Herzens sitzt er da. — Da schnarrt es über ihm: „ihren Narren all!“ Und nieder von der Fichte plumpt der Rabe: Ist einer hier, der hörte von Walhall, Von Teut und Thor, und von dem Hünengrabe? Saht' ihr den Opferstein“ — da mit Gekrächz Hebt sich die Schaar und klatscht entlang den Hügel. Der Rabe blinzt, er stößt ein kurz Geächz, Die Federn sträubend wie ein zorn'ger Igel; Dann duckt er nieder, kraut das kahle Ohr, Noch immer schnarrend fort von Teut und Thor. — Das Hirtenfeuer. Dunkel, dunkel im Moor, Ueber der Haide Nacht, Nur das rieselnde Rohr Neben der Mühle wacht, Und an des Rades Speichen Schwellende Tropfen schleichen. Unke kauert im Sumpf, Igel im Grase duckt, In dem modernden Stumpf Schlafend die Kröte zuckt, Und am sandigen Hange Rollt sich fester die Schlange. Was glimmt dort hinterm Ginster, Und bildet lichte Scheiben? Nun wirft es Funkenflinster, Die löschend niederstäuben; Nun wieder alles dunkel — Ich hör des Stahles Picken, Ein Knistern, ein Gefunkel — Und auf die Flammen zücken. Und Hirtenbuben hocken Im Kreis' umher, sie strecken Die Hände, Torfes Brocken Seh ich die Lohe lecken; Da bricht ein starker Knabe Aus des Gestrippes Windel, Und schleifet nach im Trabe Ein wüst Wacholderbündel. Er läßt's am Feuer kippen — Hei, wie die Buben johlen, Und mit den Fingern schnippen Die Funken-Girandolen! Wie ihre Zipfelmützen Am Ohre lustig flattern, Und wie die Nadeln spritzen, Und wie die Aeste knattern! Die Flamme sinkt, sie hocken Auf's Neu' umher im Kreise, Und wieder fliegen Brocken, Und wieder schwehlt es leise; Glührothe Lichter streichen An Haarbusch und Gesichte, Und schier Dämonen gleichen Die kleinen Haidewichte. Der da, der Unbeschuh'te, Was streckt er in das Dunkel Den Arm wie eine Ruthe, Im Kreise welch' Gemunkel? Sie spähn wie junge Geier Von ihrer Ginsterschütte: Hah, noch ein Hirtenfeuer, Recht an des Dammes Mitte! Man sieht es eben steigen Und seine Schimmer breiten, Den wirren Funkenreigen Ueber'n Wacholder gleiten; Die Buben flüstern leise, Sie räuspern ihre Kehlen, Und alte Haideweisen Verzittern durch die Schmehlen. „Helo, heloe! „Heloe, loe! „Komm du auf uns're Haide, „Wo ich meine Schäflein weide, „Komm, o komm in unser Bruch, „Da gibt's der Blümelein genug, — „Helo, heloe!“ Die Knaben schweigen, lauschen nach dem Tann, Und leise durch den Ginster zieht's heran: Gegenstrophe . „Helo, heloe! „Ich sitze auf dem Walle, „Meine Schäflein schlafen alle, „Komm, o komm in unsern Kamp, „Da wächst das Gras wie Brahm so lang! — „Helo, heloe' „Heloe, loe!“ Der Haidemann. Hier nicht das bekannte Gespenst, sondern die Nebelschicht, die sich zur Herbst- und Frühlingszeit Abends über den Haidegrund legt. „Geht, Kinder, nicht zu weit in's Bruch, Die Sonne sinkt, schon surrt den Flug Die Biene matter, schlafgehemmt, Am Grunde schwimmt ein blasses Tuch, Der Haidemann kömmt! —“ Die Knaben spielen fort am Raine, Sie rupfen Gräser, schnellen Steine, Sie plätschern in des Teiches Rinne, Erhaschen die Phalän' am Ried, Und freu'n sich, wenn die Wasserspinne Langbeinig in die Binsen flieht. „Ihr Kinder, legt euch nicht in's Gras, — Seht, wo noch grad' die Biene saß, Wie weißer Rauch die Glocken füllt. Scheu aus dem Busche glotzt der Haas, Der Haidemann schwillt! —“ Kaum hebt ihr schweres Haupt die Schmehle Noch aus dem Dunst, in seine Höhle Schiebt sich der Käfer und am Halme Die träge Motte höher kreucht, Sich flüchtend vor dem feuchten Qualme, Der unter ihre Flügel steigt. „Ihr Kinder, haltet euch bei Haus, Lauft ja nicht in das Bruch hinaus; Seht, wie bereits der Dorn ergraut, Die Drossel ächzt zum Nest hinaus, Der Haidemann braut! —“ Man sieht des Hirten Pfeife glimmen, Und vor ihm her die Heerde schwimmen, Wie Proteus seine Robbenschaaren Heimschwemmt im grauen Ocean. Am Dach die Schwalben zwitschernd fahren Und melancholisch kräht der Hahn. „Ihr Kinder, bleibt am Hofe dicht, Seht, wie die feuchte Nebelschicht Schon an des Pförtchens Klinke reicht; Am Grunde schwimmt ein falsches Licht, Der Haidemann steigt! —“ Nun strecken nur der Föhren Wipfel Noch aus dem Dunste grüne Gipfel, Wie über'n Schnee Wacholderbüsche; Ein leises Brodeln quillt im Moor, Ein schwaches Schrillen, ein Gezische Dringt aus der Niederung hervor. „Ihr Kinder, kommt, kommt schnell herein, Das Irrlicht zündet seinen Schein, Die Kröte schwillt, die Schlang im Ried; Jetzt ist's unheimlich draußen seyn, Der Haidemann zieht! —“ Nun sinkt die letzte Nadel, rauchend Zergeht die Fichte, langsam tauchend Steigt Nebelschemen aus dem Moore, Mit Hünenschritten gleitet's fort; Ein irres Leuchten zuckt im Rohre, Der Krötenchor beginnt am Bord. Und plötzlich scheint ein schwaches Glühen Des Hünen Glieder zu durchziehen; Es siedet auf, es färbt die Wellen, Der Nord, der Nord entzündet sich — Glutpfeile, Feuerspeere schnellen, Der Horizont ein Lavastrich! „Gott gnad' uns! wie es zuckt und dräut, Wie's schwehlet an der Dünenscheid'! — Ihr Kinder, faltet eure Händ', Das bringt uns Pest und theure Zeit — Der Haidemann brennt! —“ Das Haus in der Haide. Wie lauscht, vom Abendschein umzuckt, Die strohgedeckte Hütte, — Recht wie im Nest der Vogel duckt, — Aus dunkler Föhren Mitte. Am Fensterloche streckt das Haupt Die weißgestirnte Stärke, Bläßt in den Abendduft und schnaubt Und stößt an's Holzgewerke. Seitab ein Gärtchen, dornumhegt, Mit reinlichem Gelände, Wo matt ihr Haupt die Glocke trägt, Aufrecht die Sonnenwende. Und drinnen kniet ein stilles Kind, Das scheint den Grund zu jäten, Nun pflückt sie eine Lilie lind Und wandelt längs den Beeten. Am Horizonte Hirten, die Im Haidekraut sich strecken, Und mit des Aves Melodie Träumende Lüfte wecken. Und von der Tenne ab und an Schallt es wie Hammerschläge, Der Hobel rauscht, es fällt der Span, Und langsam knarrt die Säge. Da hebt der Abendstern gemach Sich aus den Föhrenzweigen, Und grade ob der Hütte Dach Scheint er sich mild zu neigen. Es ist ein Bild, wie still und heiß Es alte Meister hegten, Kunstvolle Mönche, und mit Fleiß Es auf den Goldgrund legten. Der Zimmermann — die Hirten gleich Mit ihrem frommen Liede — Die Jungfrau mit dem Lilienzweig — Und rings der Gottesfriede. Des Sternes wunderlich Geleucht Aus zarten Wolkenfloren — Ist etwa hier im Stall vielleicht Christkindlein heut geboren? Der Knabe im Moor. O schaurig ist's über's Moor zu gehn, Wenn es wimmelt vom Haiderauche, Sich wie Phantome die Dünste drehn Und die Ranke häkelt am Strauche, Unter jedem Tritte ein Quellchen springt, Wenn aus der Spalte es zischt und singt, O schaurig ist's über's Moor zu gehn, Wenn das Röhricht knistert im Hauche! Fest hält die Fibel das zitternde Kind Und rennt als ob man es jage; Hohl über die Fläche sauset der Wind — Was raschelt drüben am Haage? Das ist der gespenstige Gräberknecht, Der dem Meister die besten Torfe verzecht; Hu, hu, es bricht wie ein irres Rind! Hinducket das Knäblein zage. Vom Ufer starret Gestumpf hervor, Unheimlich nicket die Föhre, Der Knabe rennt, gespannt das Ohr, Durch Riesenhalme wie Speere; Und wie es rieselt und knittert darin! Das ist die unselige Spinnerin, Das ist die gebannte Spinnlenor', Die den Haspel dreht im Geröhre! Voran, voran, nur immer im Lauf, Voran als woll' es ihn hohlen; Vor seinem Fuße brodelt es auf, Es pfeift ihm unter den Sohlen Wie eine gespenstige Melodey; Das ist der Geigemann ungetreu, Das ist der diebische Fiedler Knauf, Der den Hochzeitheller gestohlen! Da birst das Moor, ein Seufzer geht Hervor aus der klaffenden Höhle; Weh, weh, da ruft die verdammte Margreth: „Ho, ho, meine arme Seele!“ Der Knabe springt wie ein wundes Reh, Wär' nicht Schutzengel in seiner Näh', Seine bleichenden Knöchelchen fände spät Ein Gräber im Moorgeschwehle. Da mählig gründet der Boden sich, Und drüben, neben der Weide, Die Lampe flimmert so heimathlich, Der Knabe steht an der Scheide. Tief athmet er auf, zum Moor zurück Noch immer wirft er den scheuen Blick: Ja, im Geröhre war's fürchterlich, O schaurig wars in der Haide! Fels, Wald und See. v . Droste - Hülshof , Gedichte. 6 Die Elemente. Luft. Der Morgen, der Jäger . Wo die Felsenlager stehen, Sich des Schnees Daunen blähen, Auf des Chimborasso Höhen Ist der junge Stral erwacht; Regt und dehnt die ros'gen Glieder, Schüttelt dann sein Goldgefieder, Mit dem Flimmerauge nieder Blinzt er in des Thales Schacht. Hörst du wie es fällt und steigt? Fühlst du wie es um dich streicht? Dringt zu dir im weichen Duft Nicht der Himmelsodem — Luft? In's frische Land der Jäger tritt: „Gegrüßt du fröhlicher Morgen! Gegrüßt du Sonn', mit dem leichten Schritt Wir Beiden ziehn ohne Sorgen. Und drei Mal gegrüßt mein Geselle Wind, Der stets mir wandelt zur Seite, Im Walde flüstert durch Blätter lind, Zur Höh' gibt springend Geleite. Und hat die Gems, das listige Thier, Mich verlockt in ihr zackiges Felsrevier, Wie sind wir Drei dann so ganz allein, Du, Luft, und ich, und der uralte Stein! Wasser . Der Mittag, der Fischer . Alles still ringsum — Die Zweige ruhen, die Vögel sind stumm. Wie ein Schiff, das im vollen Gewässer brennt, Und das die Windsbraut jagt, So durch den Azur die Sonne rennt, Und immer flammender tagt. Natur schläft — ihr Odem steht, Ihre grünen Locken hangen schwer, Nur auf und nieder ihr Pulsschlag geht Ungehemmt im heiligen Meer. Jedes Räupchen sucht des Blattes Hülle, Jeden Käfer nimmt sein Grübchen auf; Nur das Meer liegt frei in seiner Fülle, Und blickt zum Firmament hinauf. In der Bucht wiegt ein Kahn, Ausgestreckt der Fischer drin, Und die lange Wasserbahn Schaut er träumend überhin. Neben ihm die Zweige hängen, Unter ihm die Wellchen drängen, Plätschernd in der blauen Fluth Schaukelt seine heiße Hand: „Wasser“, spricht er, „Welle gut, Hauchst so kühlig an den Strand. Du, der Erde köstlich Blut, Meinem Blute nah verwandt, Sendest deine blanken Wellen, Die jetzt kosend um mich schwellen, Durch der Mutter weites Reich, Börnlein, Strom und glatter Teich, Und an meiner Hütte gleich Schlürf' ich dein geläutert Gut, Und du wirst mein eignes Blut, Liebe Welle! heil'ge Fluth! —“ Leiser plätschernd schläft er ein, Und das Meer wirft seinen Schein Um Gebirg und Feld und Hain; Und das Meer zieht seine Bahn Um die Welt und um den Kahn. Erde. Der Abend, der Gärtner . Röthliche Flöckchen ziehen Ueber die Berge fort, Und wie Purpurgewänder, Und wie farbige Bänder Flattert es hier und dort In der steigenden Dämmrung Hort. Gleich einem Königsgarten, Den verlassen die Fürstin hoch — Nur in der Kühle ergehen Und um die Beete sich drehen Flüsternd ein Paar Hoffräulein noch. Da des Himmels Vorhang sinkt, Oeffnet sich der Erde Brust, Leise, leise Kräutlein trinkt, Und entschlummert unbewußt; Und sein furchtsam Wächterlein, Würmchen mit dem grünen Schein, Zündet an dem Glühholz sein Leuchtchen klein. Der Gärtner, über die Blumen gebeugt, Spürt an der Sohle den Thau, Gleich vom nächsten Halme er streicht Lächelnd die Tropfen lau; Geht noch einmal entlang den Wall, Prüft jede Knospe genau und gut: „Schlaft denn“, spricht er, „ihr Kindlein all, Schlafet! ich laß euch der Mutter Hut; Liebe Erde! mir sind die Wimpern schwer, Hab' die letzte Nacht durchwacht, Breit wohl deinen Thaumantel um sie her, Nimm wohl mir die Kleinen in Acht.“ Feuer. Die Nacht, der Hammerschmied . Dunkel! All Dunkel schwer! Wie Riesen schreiten Wolken her — Ueber Gras und Laub Wirbelt's wie schwarzer Staub; Hier und dort ein grauer Stamm; Am Horizont des Berges Kamm Hält die gespenstige Wacht, Sonst Alles Nacht — Nacht — nur Nacht. Was blitzt dort auf? — ein rother Stern — Nun scheint es nah, nun wieder fern; Schau! wie es zuckt und zuckt und schweift, Wie's ringelnd gleich der Schlange pfeift. Nun am Gemäuer glimmt es auf, Unwillig wirft's die Asch hinauf, Und wirbelnd über'm Dach hervor Die Funkensäule steigt empor. Und dort der Mann im ruß'gen Kleid, — Sein Angesicht ist bleich und kalt, Ein Bild der listigen Gewalt — Wie er die Flamme dämpft und facht, Und hält den Eisenblock bereit! Den soll ihm die gefang'ne Macht, Die wilde hartbezähmte Glut Zermalmen gleich in ihrer Wuth. Schau, wie das Feuer sich zersplittert! Wie's tückisch an der Kohle knittert! Lang aus die rothe Kralle streckt Und nach dem Kerkermeister reckt! Wie's vor verhaltnem Grimme zittert: „O, hätt' ich dich, o könnte ich Mit meinen Klauen fassen dich! Ich lehrte dich den Unterschied Von dir zu Elementes Zier, An deinem morschen, staub'gen Glied, Du ruchlos Menschenthier! Die Schenke am See. An Levin S. — Ist's nicht ein heit'rer Ort, mein junger Freund, Das kleine Haus, das schier vom Hange gleitet, Wo so possierlich uns der Wirth erscheint, So übermächtig sich die Landschaft breitet; Wo uns ergötzt im neckischen Contrast Das Wurzelmännchen mit verschmitzter Miene, Das wie ein Aal sich schlingt und kugelt fast, Im Angesicht der stolzen Alpenbühne? Sitz nieder. — Traube! — und behend erscheint Zopfwedelnd der geschäftige Pigmäe; O sieh, wie die verletzte Beere weint Blutige Thränen um des Reifes Nähe; Frisch greif in die kristallne Schale, frisch, Die saftigen Rubine glühn und locken; Schon fühl' ich an des Herbstes reichem Tisch Den kargen Winter nahn auf leisen Socken. Das sind dir Hieroglyphen, junges Blut, Und ich, ich will an deiner lieben Seite Froh schlürfen meiner Neige letztes Gut. Schau her, schau drüben in die Näh' und Weite; Wie uns zur Seite sich der Felsen bäumt, Als könnten wir mit Händen ihn ergreifen, Wie uns zu Füßen das Gewässer schäumt, Als könnten wir im Schwunge drüber streifen! Hörst du das Alphorn über'm blauen See? So klar die Luft, mich dünkt ich seh' den Hirten Heimzügeln von der duftbesäumten Höh' — War's nicht als ob die Rinderglocken schwirrten? Dort, wo die Schlucht in das Gestein sich drängt — Mich dünkt ich seh den kecken Jäger schleichen; Wenn eine Gemse an der Klippe hängt, Gewiß, mein Auge müßte sie erreichen. Trink aus! — die Alpen liegen Stundenweit, Nur nah die Burg, uns heimisches Gemäuer, Wo Träume lagern langverschollner Zeit, Seltsame Mähr und zorn'ge Abentheuer. Wohl ziemt es mir, in Räumen schwer und grau Zu grübeln über dunkler Thaten Reste; Doch du, Levin, schaust aus dem grimmen Bau Wie eine Schwalbe aus dem Mauerneste. Sieh' drunten auf dem See im Abendroth Die Taucherente hin und wieder schlüpfend; Nun sinkt sie nieder wie des Netzes Loth, Nun wieder aufwärts mit den Wellen hüpfend; Seltsames Spiel, recht wie ein Lebenslauf! Wir beide schaun gespannten Blickes nieder; Du flüsterst lächelnd: immer kömmt sie auf — Und ich, ich denke, immer sinkt sie wieder! Noch einen Blick dem segensreichen Land, Den Hügeln, Auen, üpp'gem Wellen-Rauschen, Und heimwärts dann, wo von der Zinne Rand Freundliche Augen unserm Pfade lauschen; Brich auf! — da haspelt in behendem Lauf Das Wirthlein Abschied wedelnd uns entgegen: „ — Geruh'ge Nacht — stehn's nit zu zeitig auf! — “ Das ist der lust'gen Schwaben Abendsegen. Am Thurme. Ich steh' auf hohem Balkone am Thurm, Umstrichen vom schreienden Staare, Und laß' gleich einer Mänade den Sturm Mir wühlen im flatternden Haare; O wilder Geselle, o toller Fant, Ich möchte dich kräftig umschlingen, Und, Sehne an Sehne, zwei Schritte vom Rand Auf Tod und Leben dann ringen! Und drunten seh' ich am Strand, so frisch Wie spielende Doggen, die Wellen Sich tummeln rings mit Geklaff und Gezisch, Und glänzende Flocken schnellen. O, springen möcht' ich hinein alsbald, Recht in die tobende Meute, Und jagen durch den korallenen Wald Das Wallroß, die lustige Beute! Und drüben seh' ich ein Wimpel wehn So keck wie eine Standarte, Seh auf und nieder den Kiel sich drehn Von meiner luftigen Warte; O, sitzen möcht' ich im kämpfenden Schiff, Das Steuerruder ergreifen, Und zischend über das brandende Riff Wie eine Seemöve streifen. War ich ein Jäger auf freier Flur, Ein Stück nur von einem Soldaten, Wär ich ein Mann doch mindestens nur, So würde der Himmel mir rathen; Nun muß ich sitzen so fein und klar, Gleich einem artigen Kinde, Und darf nur heimlich lösen mein Haar, Und lassen es flattern im Winde! Das öde Haus. Tiefab im Tobel liegt ein Haus, Zerfallen nach des Försters Tode, Dort ruh' ich manche Stunde aus, Vergraben unter Rank' und Lode; 'S ist eine Wildniß, wo der Tag Nur halb die schweren Wimpern lichtet; Der Felsen tiefe Kluft verdichtet Ergrauter Aeste Schattenhaag. Ich horche träumend, wie im Spalt Die schwarzen Fliegen taumelnd summen, Wie Seufzer streifen durch den Wald, Am Strauche irre Käfer brummen; Wenn sich die Abendröthe drängt An sickernden Geschiefers Lauge, Dann ist's als ob ein trübes Auge, Ein rothgeweintes drüber hängt. Wo an zerrißner Laube Joch Die langen magern Schoßen streichen, An wildverwachs'ner Hecke noch Im Moose Nelkensprossen schleichen, Dort hat vom tröpfelnden Gestein Das dunkle Naß sich durchgesogen, Kreucht um den Buchs in trägen Bogen, Und sinkt am Fenchelstrauche ein. Das Dach, von Moose überschwellt, Läßt wirre Schober niederragen, Und eine Spinne hat ihr Zelt Im Fensterloche aufgeschlagen; Da hängt, ein Blatt von zartem Flor, Der schillernden Libelle Flügel, Und ihres Panzers goldner Spiegel Ragt kopflos am Gesims hervor. Zuweilen hat ein Schmetterling Sich gaukelnd in der Schlucht gefangen, Und bleibt sekundenlang am Ring Der kränkelnden Narzisse hangen; Streicht eine Taube durch den Hain, So schweigt am Tobelrand ihr Girren, Man höret nur die Flügel schwirren Und sieht den Schatten am Gestein. Und auf dem Heerde, wo der Schnee Seit Jahren durch den Schlot geflogen, Liegt Aschenmoder feucht und zäh, Von Pilzes Glocken überzogen; Noch hängt am Mauerpflock ein Rest Verwirrten Wergs, das Seil zu spinnen, Wie halbvermorschtes Haar und drinnen Der Schwalbe überjährig Nest. Und von des Balkens Haken nikt Ein Schellenband an Schnall' und Riemen, Mit grober Wolle ist gestickt „Diana“ auf dem Lederstriemen; Ein Pfeifchen auch vergaß man hier, Als man den Tannensarg geschlossen; Den Mann begrub man, todt geschossen Hat man das alte treue Thier. Sitz ich so einsam am Gesträuch Und hör' die Maus im Laube schrillen, Das Eichhorn blafft von Zweig zu Zweig, Am Sumpfe läuten Unk' und Grillen — Wie Schauer überläufts mich dann, Als hör' ich klingeln noch die Schellen, Im Walde die Diana bellen Und pfeifen noch den todten Mann. Im Moose. Als jüngst die Nacht dem sonnenmüden Land Der Dämmrung leise Boten hat gesandt, Da lag ich einsam noch in Waldes Moose. Die dunklen Zweige nickten so vertraut, An meiner Wange flüsterte das Kraut, Unsichtbar duftete die Haiderose. Und flimmern sah ich, durch der Linde Raum, Ein mattes Licht, das im Gezweig der Baum Gleich einem mächt'gen Glühwurm schien zu tragen. Es sah so dämmernd wie ein Traumgesicht, Doch wuste ich, es war der Heimath Licht, In meiner eignen Kammer angeschlagen. Ringsum so still, daß ich vernahm im Laub Der Raupe Nagen, und wie grüner Staub Mich leise wirbelnd Blätterflöckchen trafen. Ich lag und dachte, ach so Manchem nach, Ich hörte meines eignen Herzens Schlag, Fast war es mir als sey ich schon entschlafen. Gedanken tauchten aus Gedanken auf, Das Kinderspiel, der frischen Jahre Lauf, Gesichter, die mir lange fremd geworden; Vergeßne Töne summten um mein Ohr, Und endlich trat die Gegenwart hervor, Da stand die Welle, wie an Ufers Borden. v . Droste-Hülshof , Gedichte. 7 Dann, gleich dem Bronnen, der verrinnt im Schlund, Und drüben wieder sprudelt aus dem Grund, So stand ich plötzlich in der Zukunft Lande; Ich sah mich selber, gar gebückt und klein, Geschwächten Auges, am ererbten Schrein Sorgfältig ordnen staub'ge Liebespfande. Die Bilder meiner Lieben sah ich klar, In einer Tracht, die jetzt veraltet war, Mich sorgsam lösen aus verblichnen Hüllen, Löckchen, vermorscht, zu Staub zerfallen schier, Sah über die gefurchte Wange mir Langsam herab die karge Thräne quillen. Und wieder an des Friedhofs Monument, Dran Namen standen die mein Lieben kennt, Da lag ich betend, mit gebrochnen Knieen, Und — horch, die Wachtel schlug! Kühl strich der Hauch — Und noch zuletzt sah ich, gleich einem Rauch, Mich leise in der Erde Poren ziehen. Ich fuhr empor, und schüttelte mich dann, Wie Einer, der dem Scheintod erst entrann, Und taumelte entlang die dunklen Haage, Noch immer zweifelnd, ob der Stern am Rain Sey wirklich meiner Schlummerlampe Schein, Oder das ew'ge Licht am Sarkophage. Am Bodensee. Ueber Gelände, matt gedehnt, Hat Nebelhauch sich wimmelnd gelegt, Müde, müde die Luft am Strande stöhnt, Wie ein Roß, das den schlafenden Reiter trägt; Im Fischerhause kein Lämpchen brennt, Im öden Thurme kein Heimchen schrillt, Nur langsam rollend der Pulsschlag schwillt In dem zitternden Element. Ich hör' es wühlen am feuchten Strand, Mir unter'm Fuße es wühlen fort, Die Kiesel knistern, es rauscht der Sand, Und Stein an Stein entbröckelt dem Bord. An meiner Sohle zerfährt der Schaum, Eine Stimme klaget im hohlen Grund, Gedämpft, mit halbgeschlossenem Mund, Wie des grollenden Wetters Traum. Ich beuge mich lauschend am Thurme her, Sprühregenflitter fährt in die Höh', Ha, meine Locke ist feucht und schwer! Was treibst du denn, unruhiger See? Kann dir der heilige Schlaf nicht nahn? Doch nein, du schläfst, ich seh' es genau, Dein Auge decket die Wimper grau, Am Ufer schlummert der Kahn. Hast du so Vieles, so Vieles erlebt, Daß dir im Traume es kehren muß, Daß deine gleißende Nerv' erbebt, Naht ihr am Strand eines Menschen Fuß? Dahin, dahin! die einst so gesund, So reich und mächtig, so arm und klein, Und nur ihr flüchtiger Spiegelschein Liegt zerflossen auf deinem Grund. Der Ritter, so aus der Burg hervor Vom Hange trabte in aller Früh; — Jetzt nickt die Esche vom grauen Thor, Am Zwinger zeichnet die Mylady. — Das arme Mütterlein, das gebleicht Sein Leichenhemde den Strand entlang, Der Kranke, der seinen letzten Gang An deinem Borde gekeucht; Das spielende Kind, das neckend hier Sein Schneckenhäuschen geschleudert hat, Die glühende Braut, die lächelnd dir Von der Ringelblume gab Blatt um Blatt; Der Sänger, der mit trunkenem Aug' Das Metrum geplätschert in deiner Flut, Der Pilger, so am Gesteine geruht, Sie Alle dahin wie Rauch! Bist du so fromm, alte Wasserfey, Hältst nur umschlungen, läßt nimmer los? Hat sich aus dem Gebirge die Treu' Geflüchtet in deinen heiligen Schoos? O, schau mich an! ich zergeh' wie Schaum, Wenn aus dem Grabe die Distel quillt, Dann zuckt mein längst zerfallenes Bild Wohl einmal durch deinen Traum! Das alte Schloß. Auf der Burg haus' ich am Berge, Unter mir der blaue See, Höre nächtlich Koboldzwerge, Täglich Adler aus der Höh', Und die grauen Ahnenbilder Sind mir Stubenkameraden, Wappentruh' und Eisenschilder Sopha mir und Kleiderladen. Schreit' ich über die Terrasse Wie ein Geist am Runenstein, Sehe unter mir die blasse Alte Stadt im Mondenschein, Und am Walle pfeift es weidlich, — Sind es Käuze oder Knaben? — Ist mir selber oft nicht deutlich, Ob ich lebend, ob begraben! Mir genüber gähnt die Halle, Grauen Thores, hohl und lang, Drin mit wunderlichem Schalle Langsam dröhnt ein schwerer Gang; Mir zur Seite Riegelzüge, Ha, ich öffne, laß die Lampe Scheinen auf der Wendelstiege Lose modergrüne Rampe, Die mich lockt wie ein Verhängniß, Zu dem unbekannten Grund; Ob ein Brunnen? ob Gefängniß? Keinem Lebenden ist's kund; Denn zerfallen sind die Stufen, Und der Steinwurf hat nicht Bahn, Doch als ich hinab gerufen, Donnert's fort wie ein Orkan. Ja, wird mir nicht baldigst fade Dieses Schlosses Romantik, In den Trümmern, ohne Gnade, Brech' ich Glieder und Genick; Denn, wie trotzig sich die Düne Mag am flachen Strande heben, Fühl' ich stark mich wie ein Hüne, Von Zerfallendem umgeben. Der Säntis. Die Kuppe des Alpsteins, der sich durch die Kantone St. Gallen und Appenzell streckt. Frühling. Die Rebe blüht, ihr linder Hauch Durchzieht das thauige Revier, Und nah' und ferne wiegt die Luft Vielfarb'ger Blumen bunte Zier. Wie's um mich gaukelt, wie es summt Von Vogel, Bien' und Schmetterling, Wie seine seidnen Wimpel regt Der Zweig, so jüngst voll Reifen hing. Noch sucht man gern den Sonnenschein Und nimmt die trocknen Plätzchen ein; Denn Nachts schleicht an die Gränze doch Der landesflücht'ge Winter noch. O du mein ernst gewalt'ger Greis, Mein Säntis mit der Locke weiß! In Felsenblöcke eingemauert, Von Schneegestöber überschauert, In Eisespanzer eingeschnürt: Hu! wie dich schaudert, wie dich friert! Sommer. Du gute Linde, schüttle dich! Ein wenig Luft, ein schwacher West! Wo nicht, dann schließe dein Gezweig So recht, daß Blatt an Blatt sich preßt. Kein Vogel zirpt, es bellt kein Hund; Allein die bunte Fliegenbrut Summt auf und nieder über'n Rain Und läßt sich rösten in der Glut. Sogar der Bäume dunkles Laub Erscheint verdickt und athmet Staub. Ich liege hier wie ausgedorrt Und scheuche kaum die Mücken fort. O Säntis, Säntis! läg' ich doch Dort, — grad' an deinem Felsenjoch, Wo sich die kalten, weißen Decken So frisch und saftig drüben strecken, Viel tausend blanker Tropfen Spiel; Glücksel'ger Säntis, dir ist kühl! Herbst. Wenn ich an einem schönen Tag Der Mittagsstunde habe Acht, Und lehne unter meinem Baum So mitten in der Trauben Pracht: Wenn die Zeitlose über's Thal Den amethystnen Teppich webt, Auf dem der letzte Schmetterling So schillernd wie der frühste bebt: Dann denk' ich wenig drüber nach, Wie's nun verkümmert Tag für Tag, Und kann mit halbverschlossnem Blick Vom Lenze träumen und von Glück. Du mit dem frischgefall'nen Schnee, Du thust mir in den Augen weh! Willst uns den Winter schon bereiten: Von Schlucht zu Schlucht sieht man ihn gleiten, Und bald, bald wälzt er sich herab Von dir, o Säntis! ödes Grab! Winter. Aus Schneegestäub' und Nebelqualm Bricht endlich doch ein klarer Tag; Da fliegen alle Fenster auf, Ein Jeder späht, was er vermag. Ob jene Blöcke Häuser sind? Ein Weiher jener ebne Raum? Fürwahr, in dieser Uniform Den Glockenthurm erkennt man kaum; Und alles Leben liegt zerdrückt, Wie unterm Leichentuch erstickt. Doch schau! an Horizontes Rand Begegnet mir lebend'ges Land. Du starrer Wächter, lass' ihn los Den Föhn aus deiner Kerker Schooß! Wo schwärzlich jene Riffe spalten, Da muß er Quarantaine halten, Der Fremdling aus der Lombardei; O Säntis, gib den Thauwind frei! Am Weiher. Ein milder Wintertag. An jenes Waldes Enden, Wo still der Weiher liegt Und längs den Fichtenwänden Sich lind Gemurmel wiegt: Wo in der Sonnenhelle, So matt und kalt sie ist, Doch immerfort die Welle Das Ufer flimmernd küßt: Da weiß ich, schön zum Malen, Noch eine schmale Schlucht, Wo all' die kleinen Strahlen Sich fangen in der Bucht; Ein trocken, windstill Eckchen, Und so an Grüne reich, Daß auf dem ganzen Fleckchen Mich kränkt kein dürrer Zweig. Will ich den Mantel dichte Nun legen über's Moos, Mich lehnen an die Fichte, Und dann auf meinen Schooß Gezweig' und Kräuter breiten, So gut ich's finden mag: Wer will mir's übel deuten, Spiel' ich den Sommertag? Will nicht die Grille hallen, So säuselt doch das Ried; Sind stumm die Nachtigallen, So sing' ich selbst ein Lied. Und hat Natur zum Feste Nur wenig dargebracht: Die Lust ist stets die beste, Die man sich selber macht. Ein harter Wintertag. Daß ich dich so verkümmert seh', Mein lieb' lebend'ges Wasserreich, Daß ganz versteckt in Eis und Schnee Du siehst der plumpen Erde gleich; Auch daß voll Reif und Schollen hängt Dein überglas'ter Fichtengang: Das ist es nicht, was mich beengt, Geh' ich an deinem Bord entlang. Zwar in der immer grünen Zier Erschienst, o freundlich Element, Du ähnlich den Oasen mir, Die des Arabers Sehnsucht kennt; Wenn neben der verdorrten Flur Erblühten deine Moose noch, Wenn durch die schweigende Natur Erklangen deine Wellen doch. Allein auch heute wollt' ich gern Mich des krystallnen Flimmers freun, Belauschen jeden Farbenstern Und keinen Sommertag bereun: Wär' nicht dem Ufer längs, so breit, Die glatte Schlittenbahn gefegt, Worauf sich wohl zur Mittagszeit Gar manche rüst'ge Ferse regt. Bedenk' ich nun, wie manches Jahr Ich nimmer eine Eisbahn sah: Wohl wird mir's trüb' und wunderbar, Und tausend Bilder treten nah. Was blieb an Wünschen unerfüllt, Das nähm' ich noch gelassen mit: Doch ach, der Frost so manchen hüllt, Der einst so fröhlich drüber glitt! Fragment. Savoyen, Land beschnei'ter Höh'n, Wer hat dein kräftig Bild geseh'n, Wer trat in deiner Wälder Nacht, Sah auf zu deiner Wipfel Pracht, Wer stand an deinem Wasserfall, Wer lauschte deiner Ströme Hall, Und nannte dich nicht schön? Du Land des Volks, dem Reiche weihen Ruhmvoll den Namen des getreuen, Bist herrlich, wenn der Frühlingssturm Die Berggewässer schäumend führt, Und deiner Fichte schlanker Thurm Sich mit der jungen Nadel ziert; Bist reizend, wenn die Sommerglut Erzittert um den Mandelbaum; Doch in des Herbstes goldner Flut Du ruhst gleich dunkeln Auges Traum. Dann treibt der Wind kein rasselnd Laub Durch brauner Haiden Wirbelstaub; Wie halb bezwungne Seufzer wallen, Nur leis' die zarten Nadeln fallen, Als wagten sie zu flüstern kaum. Der Tag bricht an; noch einsam steht Das Sonnenrund am Firmament; Am Strahl, der auf und nieder streicht, Gemach der Erdbeerbaum entbrennt; Noch will das Genzian nicht wagen Die dunkeln Wimpern aufzuschlagen; Noch schläft die Luft im Nebeldicht. Welch' greller Schrei die Stille bricht? Der Auerhahn begrüßt das Licht; Er schaukelt, wiegt sich, macht sich breit, Er putzt sein stattlich Federkleid, Und langsam streckt ihr stumpf Gesicht Marmotte aus hohlen Baumes Nacht: Das Leben, Leben ist erwacht; Die Geier pfeifen, Birkhahn ruft, Schneehühner flattern aus der Kluft; Die Fichten selbst, daß keiner säume, Erzählen flüsternd sich die Träume. Und durch Remi geht überall Ein dumpf Gemurr von Stall zu Stall. Gedichte vermischten Inhalts. v . Droste-Hülshof , Gedichte. 8 Mein Beruf. „Was meinem Kreise mich enttrieb, Der Kammer friedlichem Gelasse?“ Das fragt ihr mich als sey, ein Dieb, Ich eingebrochen am Parnasse. So hört denn, hört, weil ihr gefragt: Bei der Geburt bin ich geladen, Mein Recht soweit der Himmel tagt, Und meine Macht von Gottes Gnaden. Jetzt wo hervor der todte Schein Sich drängt am modervollen Stumpfe, Wo sich der schönste Blumenrain Wiegt über dem erstorbnen Sumpfe, Der Geist, ein blutlos Meteor, Entflammt und lischt im Moorgeschwehle, Jetzt ruft die Stunde: „tritt hervor, Mann oder Weib, lebend'ge Seele! „Tritt zu dem Träumer, den am Rand Entschläfert der Datura Odem, Der, langsam gleitend von der Wand, Noch zucket gen den Zauberbrodem. Und wo ein Mund zu lächeln weiß Im Traum, ein Auge noch zu weinen, Da schmettre laut, da flüstre leis, Trompetenstoß und West in Hainen! „Tritt näher, wo die Sinnenlust Als Liebe giebt ihr wüstes Ringen, Und durch der eignen Mutter Brust Den Pfeil zum Ziele möchte bringen, Wo selbst die Schande flattert auf, Ein lustiges Panier zum Siege, Da rüttle hart: „wach auf, wach auf, Unsel'ger, denk an deine Wiege!“ „Denk an das Aug', das überwacht Noch eine Freude dir bereitet, Denk an die Hand, die manche Nacht Dein Schmerzenslager dir gebreitet, Des Herzens denk, das einzig wund Und einzig selig deinetwegen, Und dann knie nieder auf den Grund Und fleh' um deiner Mutter Segen!“ „Und wo sich träumen wie in Haft Zwei einst so glüh ersehnte Wesen, Als hab' ein Priesterwort die Kraft Der Banne seligsten zu lösen, Da flüstre leise: „wacht, o wacht! Schaut in das Auge euch, das trübe, Wo dämmernd sich Erinnrung facht, Und dann: wach auf, o heil'ge Liebe!“ „Und wo im Schlafe zitternd noch Vom Opiat die Pulse klopfen, Das Auge dürr, und gäbe doch Sein Sonnenlicht um einen Tropfen, — O, rüttle sanft! „Verarmter, senk' Die Blicke in des Aethers Schöne, Kos' einem blonden Kind und denk' An der Begeistrung erste Thräne.“ So rief die Zeit, so ward mein Amt Von Gottes Gnaden mir gegeben, So mein Beruf mir angestammt, Im frischen Muth, im warmen Leben; Ich frage nicht ob ihr mich nennt, Nicht fröhnen mag ich kurzem Ruhme, Doch wißt: wo die Sahara brennt, Im Wüstensand, steht eine Blume, Farblos und Duftes baar, nichts weiß Sie als den frommen Thau zu hüten, Und dem Verschmachtenden ihn leis In ihrem Kelche anzubieten. Vorüber schlüpft die Schlange scheu Und Pfeile ihre Blicke regnen, Vorüber rauscht der stolze Leu, Allein der Pilger wird sie segnen. Meine Todten. Wer eine ernste Fahrt beginnt, Die Muth bedarf und frischen Wind, Er schaut verlangend in die Weite Nach eines treuen Auges Brand, Nach einem warmen Druck der Hand, Nach einem Wort, das ihn geleite. Ein ernstes Wagen heb' ich an, So tret' ich denn zu euch hinan, Ihr meine stillen strengen Todten; Ich bin erwacht an eurer Gruft, Aus Wasser, Feuer, Erde, Luft, Hat eure Stimme mir geboten. Wenn die Natur in Hader lag, Und durch die Wolkenwirbel brach Ein Funke jener tausend Sonnen, — Sprecht aus der Elemente Streit Ihr nicht von einer Ewigkeit Und unerschöpften Lichtes Bronnen? Am Hange schlich ich, krank und matt, Da habt ihr mir das welke Blatt Mit Warnungsflüstern zugetragen, Gelächelt aus der Welle Kreis, Habt aus des Angers starrem Eis Die Blumenaugen aufgeschlagen. Was meine Adern muß durchziehn, Sah ich's nicht flammen und verglühn, An eurem Schreine nicht erkalten? Vom Auge hauchtet ihr den Schein, Ihr meine Richter, die allein In treuer Hand die Wage halten. Kalt ist der Druck von eurer Hand, Erloschen eures Blickes Brand, Und euer Laut der Oede Odem, Doch keine andre Rechte drückt So traut, so hat kein Aug' geblickt, So spricht kein Wort, wie Grabesbrodem! Ich fasse eures Kreuzes Stab, Und beuge meine Stirn hinab Zu eurem Gräserhauch, dem stillen, Zumeist geliebt, zuerst gegrüßt, Laßt, lauter wie der Aether fließt, Mir Wahrheit in die Seele quillen. Katharine Schücking. Du hast es nie geahndet, nie gewußt, Wie groß mein Lieben ist zu dir gewesen, Nie hat dein klares Aug' in meiner Brust Die scheu verhüllte Runenschrift gelesen, Wenn du mir freundlich reichtest deine Hand, Und wir zusammen durch die Grüne wallten, Nicht wußtest du, daß wie ein Götterpfand Ich, wie ein köstlich Kleinod sie gehalten. Du sahst mich nicht als ich, ein heftig Kind, Vom ersten Kuß der jungen Muse trunken, Im Garten kniete, wo die Quelle rinnt, Und weinend in die Gräser bin gesunken; Als zitternd ich gedreht der Thüre Schloß, Da ich zum ersten Mal dich sollte schauen, Westphalens Dichterin, und wie da floß Durch mein bewegtes Herz ein selig Grauen. Sehr jung war ich und sehr an Liebe reich, Begeisterung der Hauch von dem ich lebte; Ach! Manches ist zerstäubt, der Asche gleich, Was einst als Flamme durch die Adern bebte! Mein Blick war klar und mein Erkennen stark, Von seinem Throne mußte Manches steigen, Und was ich einst genannt des Lebens Mark, Das fühlt' ich jetzt mit frischem Stolz mein eigen. So scheut' ich es, als fromme Schülerin, Dir wieder in das dunkle Aug' zu sehen, Ich wollte nicht vor meiner Meisterin Hochmüthig, mit bedecktem Haupte, stehen. Auch war ich krank, mein Sinnen sehr verwirrt, Und keinen Namen mocht' ich sehnend nennen; Doch hat dies deine Liebe nicht geirrt, Du drangst zu mir nach langer Jahre Trennen. Und als du vor mich tratest, fest und klar, Und blicktest tief mir in der Seele Gründe, Da ward ich meiner Schwäche wohl gewahr, Was ich gedacht, das schien mir schwere Sünde. Dein Bild, du Starke in der Läutrung Brand, Stieg wie ein Phönix aus der Asche wieder, Und tief im Herzen hab' ich es erkannt, Wie zehnfach größer du als deine Lieder. Du sahst, Bescheid'ne, nicht, daß damals hier Aus deinem Blick Genesung ich getrunken, Daß deines Mundes Laute damals mir Wie Naphtha in die Seele sind gesunken. Ein jedes Wort, durchsichtig wie Krystall Und kräftig gleich dem edelsten der Weine, Schien mir zu rufen: „Auf! der Launen Ball, Steh auf! erhebe dich, du Schwach' und Kleine!“ Nun bist du hin! von Gottes reinstem Bild Ist nur ein grüner Hügel uns geblieben, Den heut' umziehn die Winterstürme wild Und die Gedanken derer, die dich lieben. Auch hör' ich, daß man einen Kranz gelegt Von Lorbeer in des Grabes dunkle Moose, Doch ich, Cathinka, widme dir bewegt Den Epheu und die dornenvollste Rose. Nach dem Angelus Silesius. Des Menschen Seele du, vor Allem wunderbar, Du Alles und auch Nichts, Gott, Priester und Altar, Kein Pünktchen durch dich selbst, doch über alles Maaß Reich in geschenktem Gut, und als die Engel baß; Denn höher steht dein Ziel, Gott ähnlich sollst du werden; So, Seele, bist du's schon; denn was zu Glück und Ruhm In dir verborgen liegt, es ist dein Eigenthum, Ob unentwickelt auch, wie's Keimlein in der Erden Nicht minder als der Baum, und wie als Million Nichts Andres ist die Eins, bist du ihm gleich, sein Sohn, So wie dem Tropfen Blut, der aus der Wunde quillt Ganz ähnlich ist das Roth, das noch die Adern füllt; Nicht Kletten trägt die Ros', der Dornstrauch keine Reben, Drum, Seele, stürbest du, Gott müßt den Geist aufgeben. Ja, Alles ist in dir was nur das Weltall beut, Der Himmel und die Höll', Gericht und Ewigkeit, Gott ist dein Richter nicht, du mußt dir selbst verzeihn, Sonst an des Höchsten Thron stehst du in ew'ger Pein; Er, der dem Suchenden noch nie verlöscht die Spur, Er hat selbst Satan nicht verdammt nach Zeit und Ort; Deß unergründlich Grab ist seine Ichheit nur: Wär er des Himmels Herr, er brennte ewig fort, Wie Gott im Höllenpfuhl wär selig für und für, Und, Seele, bist du treu, so steht dies auch bei dir. Also ist deine Macht auch heute schon dein eigen, Du kannst, so oft du willst, die Himmelsleiter steigen; Ort, Raum, sind Worte nur von Trägheit ausgedacht, Die nicht Bedürfniß in dein Wörterbuch gebracht. Dein Aug' ist Blitz und Nu, dein Flug bedarf nicht Zeit, Und im Moment ergreifst du Gott und Ewigkeit; Allein der Sinne Schrift, die mußt du dunkel nennen, Da dir das Werkzeug fehlt die Lettern zu erkennen; Nur Geist'ges faßt der Geist, ihm ist der Leib zu schwer, Du schmeckst, du fühlst, du riechst, und weißt um gar nichts mehr; Hat nicht vom Tröpfchen Thau die Eigenschaft zu messen Jahrtausende der Mensch vergebens sich vermessen? Drum, plagt dich Irdisches, du hast es selbst bestellt, Viel näher als dein Kleid ist dir die Geisterwelt! Faßt's nicht zuweilen dich, als müßtest in der That Du über dich hinaus, das Ganze zu durchdringen, Wie jener Philosoph um einen Punkt nur bat, Um dann der Erde Ball aus seiner Bahn zu schwingen? Fühlst du in Demuth so, in Liebesflammen rein, Dann ist's der Schöpfung Mark, laß dir nicht leide seyn! Dann fühlst du dich von Gott als Wesenheit begründet, Wie Quelle an dem Strand, wo Ocean sich ründet. So sey denn freudig, Geist, da Nichts mag größer seyn, So wirf dich in den Staub, da Nichts wie du so klein! Du Würmchen in dir selbst, doch reich durch Gottes Hort, So schlummre, schlummre nur, mein Seelchen, schlummre fort! Was rennst, was mühst du dich zu mehren deine That? Halt nur den Acker rein, dann sprießt von selbst die Saat; In Ruhe wohnt die Kraft, du mußt nur ruhig seyn, Durch offne Thür und Thor die Gnade lassen ein; Dann wird aus lockerm, Grund dir Myrth' und Balsam steigen, Er kömmt, er kömmt, dein Lieb, giebt sich der Braut zu eigen, Mit sich der Krone Glanz, mit sich der Schlösser Pracht, Um die sie nicht gefreit, an die sie nicht gedacht! Gruß an Wilhelm Junkmann. Mein Lämpchen zuckt, sein Docht verglimmt, Die Funken knistern im Kamine, Wie eine Nebeldecke schwimmt Es an des Saales hoher Bühne; Im Schneegestöber schläft die Luft, Am Scheite ist das Harz entglommen, Mich dünkt, als spür' ich einen Duft Wie Weihrauch an der Gruft des Frommen. Dies ist die Stunde, das Gemach, Wo sich Gedanken mögen wiegen, Verklungne Laute hallen nach, Es dämmert in verloschnen Zügen; Im Hirne summt es, wie ein Lied Das mit den Flocken möchte steigen, Und, flüsternd wie der Hauch im Ried, An eines Freundes Locke neigen. Schon seh ich ihn, im gelben Licht, Das seines Ofens Flamme spielet, Er selbst ein wunderlich Gedicht, Begriffen schwer, doch leicht gefühlet. Ich seh ihn, wie, die Stirn gestützt, Er leise lächelt in Gedanken; Wo weilen sie? wo blühen itzt Und treiben diese zarten Ranken? Baun sie im schlichten Haidekraut Ihr Nestchen sich aus Immortellen? Sind mit der Flocke sie gethaut Als Thräne, wo die Gräber schwellen? Vielleicht in fernes fernes Land Wie Nachtigallen fortgezogen, Oder am heiligen Meeresstrand, Gleich der Morgana auf den Wogen. Ihm hat Begeistrung, ein Orkan, Des Lebens Cedern nicht gebeuget, Nicht sah er sie als Flamme nahn, Die lodernd durch den Urwald steiget; Nein, als entschlief der Morgenwind, Am Strauche summten fromme Bienen, Da ist der Herr im Säuseln lind Gleich dem Elias ihm erschienen. Und wie er sitzt, so vorgebeugt, Die hohe Stirn vom Schein umflossen, Das Ohr wie fremden Tönen neigt, Und lächelt geistigen Genossen, Ein lichter Blitz in seinem Aug', Wie ein verirrter Stral aus Eden, Da möcht' ich leise, leise auch Als Aeolsharfe zu ihm reden. Junge Liebe. Ueber dem Brünnlein nicket der Zweig, Waldvögel zwitschern und flöten, Wild Anemon' und Schlehdorn bleich Im Abendstrale sich röthen, Und ein Mädchen mit blondem Haar Beugt über der glitzernden Welle, Schlankes Mädchen, kaum fünfzehn Jahr, Mit dem Auge der scheuen Gazelle. Ringelblumen blättert sie ab: „Liebt er, liebt er mich nimmer?“ Und wenn „liebt“ das Orakel gab, Um ihr Antlitz gleitet ein Schimmer: „Liebt er nicht“ — o Grimm und Graus! Daß der Himmel den Blüten gnade! Gras und Blumen, den ganzen Strauß, Wirft sie zürnend in die Cascade. Gleitet dann in die Kräuter lind, Ihr Auge wird ernst und sinnend; Frommer Eltern heftiges Kind, Nur Minne nehmend und minnend, Kannte sie nie ein anderes Band Als des Blutes, die schüchterne Hinde; Und nun Einer, der nicht verwandt — Ist das nicht eine schwere Sünde? Muthlos seufzet sie niederwärts, In argem Schämen und Grämen, Will zuletzt ihr verstocktes Herz Recht ernstlich in Frage nehmen. Abentheuer sinnet sie aus: Wenn das Haus nun stände in Flammen, Und um Hülfe riefen heraus Der Carl und die Mutter zusammen? Plötzlich ein Perlenregen dicht Stürzt ihr glänzend aus beiden Augen, In die Kräuter gedrückt ihr Gesicht, Wie das Blut der Erde zu saugen, Ruft sie schluchzend: „ja, ja, ja!“ Ihre kleinen Hände sich ringen, „Retten, retten würd' ich Mama, Und zum Carl in die Flamme springen!“ v . Droste-Hülshof , Gedichte. 9 Das vierzehnjährige Herz. Er ist so schön! — sein lichtes Haar Das möcht' ich mit Keinem vertauschen, Wie seidene Fäden so weich und klar, Wenn zarte Löckchen sich bauschen; Oft streichl' ich es, dann lacht er traun, Nennt mich „seine alberne Barbe“; Es ist nicht schwarz, nicht blond, nicht braun, Nun rathet, wie nennt sich die Farbe? Und seine Geberde ist königlich, Geht majestätisch zu Herzen, Zuckt er die Braue, dann fürcht' ich mich, Und möchte auch weinen vor Schmerzen; Und wieder seh' ich sein Lächeln blühn, So klar wie das reine Gewissen, Da möchte ich gleich auf den Schemel knien, Und die guten Hände ihm küssen. Heut' bin ich in aller Frühe erwacht, Beim ersten Glitzern der Sonnen, Und habe mich gleich auf die Sohlen gemacht, Zum Hügel drüben am Bronnen; Erdbeeren fand ich, glüh wie Rubin, Schau, wie im Korbe sie lachen! Die stell ich ihm nun an das Lager hin, Da sieht er sie gleich beim Erwachen. Ich weiß, er denkt mit dem ersten Blick, „Das that meine alberne Barbe!“ Und freundlich streicht er das Haar zurück Von seiner rühmlichen Narbe, Ruft mich bei Namen, und zieht mich nah, Daß Thränen die Augen mir trüben; Ach, er ist mein herrlicher Vater ja, Soll ich ihn denn nicht lieben, nicht lieben! Brennende Liebe. Crategus pyracantha , auch sonst der „brennende Busch“ genannt. Und willst du wissen, warum So sinnend ich manche Zeit, Mitunter so thöricht und dumm, So unverzeihlich zerstreut, Willst wissen auch ohne Gnade, Was denn so Liebes enthält Die heimlich verschlossene Lade, An die ich mich öfters gestellt? Zwei Augen hab' ich gesehn, Wie der Strahl im Gewässer sich bricht, Und wo zwei Augen nur stehn, Da denke ich an ihr Licht. Ja, als du neulich entwandtest Die Blume vom blühenden Rain, Und » Oculus Christi « sie nanntest, Da fielen die Augen mir ein. Auch giebt's einer Stimme Ton, Tief, zitternd, wie Hornes Hall, Die thut's mir völlig zum Hohn, Sie folget mir überall. Als jüngst im flimmernden Saale Mich quälte der Geigen Gegell, Da hört ich mit einem Male Die Stimme im Violoncell. Auch weiß ich eine Gestalt, So leicht und kräftig zugleich, Die schreitet vor mir im Wald, Und gleitet über den Teich; Ja, als ich eben in Sinnen Sah über des Mondes Aug' Einen Wolkenstreifen zerrinnen, Das war ihre Form, wie ein Rauch. Und höre, höre zuletzt, Dort liegt, da drinnen im Schrein, Ein Tuch mit Blute genetzt, Das legte ich heimlich hinein. Er ritzte sich nur an der Schneide, Als Beeren vom Strauch er mir hieb, Nun hab' ich sie alle Beide, Sein Blut und meine brennende Lieb'. Der Brief aus der Heimath. Sie saß am Fensterrand im Morgenlicht, Und starrte in das aufgeschlagne Buch, Die Zeilen zählte sie und wußt es nicht, Ach weithin, weithin der Gedanken Flug! Was sind so ängstlich ihre nächt'gen Träume? Was scheint die Sonne durch so öde Räume? — Auch heute kam kein Brief, auch heute nicht. Seit Wochen weckte sie der Lampe Schein, Hat bebend an der Stiege sie gelauscht; Wenn plötzlich am Gemäuer knackt der Schrein, Ein Fensterladen auf im Winde rauscht, — Es kömmt, es naht, die Sorgen sind geendet: Sie hat gefragt, sie hat sich abgewendet, Und schloß sich dann in ihre Kammer ein. Kein Lebenszeichen von der liebsten Hand, Von jener, die sie sorglich hat gelenkt, Als sie zum ersten Mal zu festem Stand Die zarten Kinderfüßchen hat gesenkt; Versprengter Tropfen von der Quelle Rande, Harrt sie vergebens in dem fremden Lande; Die Tage schleichen hin, die Woche schwand. Was ihre rege Phantasie geweckt? Ach, Eine Leiche sah die Heimath schon, Seit sie den unbedachten Fuß gestreckt Auf fremden Grund und hörte fremden Ton; Sie küßte scheidend jung' und frische Wangen, Die jetzt von tiefer Grabesnacht umfangen; Ist's Wunder, daß sie tödtlich aufgeschreckt? In Träumen steigt das Krankenbett empor, Und Züge dämmern, wie in halber Nacht; Wer ist's? — sie weiß es nicht und spannt das Ohr, Sie horcht mit ihrer ganzen Seele Macht; Dann fährt sie plötzlich auf beim Windesrauschen, Und glaubt dem matten Stöhnen noch zu lauschen, Und kann erst spät begreifen daß sie wacht. Doch sieh, dort fliegt sie über'n glatten Flur, Ihr aufgelöstes Haar umfließt sie rund, Und zitternd ruft sie, mit des Weinens Spur: „Ein Brief, ein Brief, die Mutter ist gesund!“ Und ihre Thränen stürzen wie zwei Quellen, Die übervoll aus ihren Ufern schwellen; Ach, eine Mutter hat man einmal nur! Ein braver Mann. Noch lag, ein Wetterbrodem, schwer Die Tyrannei auf Deutschlands Gauen, Die Wachen schlichen scheu umher, Die Menge schlief in dumpfem Grauen; Ein Seufzer schien der Morgenwind Aus angstgepreßter Brust zu brechen; Nur die Kanone durfte sprechen Und lächeln durfte nur das Kind. Da lebt' im Frankenland ein Mann, Der bittre Stunden schon getragen, In drängenden Geschickes Bann Gar manche Täuschung sonder Klagen; Ihm war von seiner Ahnen Flur Der edle Name nur geblieben, Von allen, allen Jugendtrieben Des Herzens warm Gedenken nur. Durch frühes Siechthum schwer gebeugt Und jeglichem Beruf verdorben, Hätt' oft er gern das Haupt geneigt Und wär' in Frieden nur gestorben; An seinen Schläfen lagen schon Mit vierzig Jahren weiße Garben, Und seiner Züge tiefe Narben Verriethen steter Sorge Frohn. Doch freundlich trug er jeden Dorn, Der auf dem Pfade ihm begegnet, Geschlagen von des Schicksals Zorn, Doch von der Götter Hand gesegnet. Und eine Kunst war ihm bescheert, So mild wie seiner Seele Hauchen, Sein Pinsel ließ die Wiesen rauchen Und flammen des Vulkanes Heerd. Es waren Bilder die mit Lust Ein unverdorbnes Herz erfüllen, Wie sie entsteigen warmer Brust Und reiner Phantasie entquillen; Doch Mäcklern schienen sie zu zart, Den Stempel hoher Kunst zu tragen: So hat er schwer sich durchgeschlagen Und täglich am Bedarf gespart. Da ward in Winterabends Lauf Ein Brief ihm von der Post gesendet; Er riß bestürzt das Siegel auf: O Gott, die Sorgen sind beendet! Des fernen Vetters Todtenschein Hat als Agnaten ihn berufen, Er darf nur treten an die Stufen, Die reichen Lehne harren sein! Wer denkt es nicht, daß ihm gepreßt Aus heißer Wimper Thränen flossen! Dann plötzlich steht sein Auge fest, Der Zähren Quelle ist geschlossen. Er liest, er tunkt die Feder ein, Hat nur Sekunden sich berathen, Und an den nächsten Lehnsagnaten Schreibt muthig er beim Lampenschein: „Wohl sagt man, daß Tyrannenmacht Nicht Eides Der Huldigungseid, den er als Grundbesitzer hätte leisten müssen. Band vermag zu schlingen, Doch wo in uns ein Zweifel wacht, Da müssen wir zum Besten ringen. Nimm hin der Väter liebes Schloß, — O würd' ich einstens dort begraben! — Ich bin gewöhnt nicht viel zu haben, Und mein Bedürfniß ist nicht groß.“ Wer unter Euch von Opfern spricht, Von edleren, und Märtrerzeichen, Der sah gewiß noch Jahre nicht, Nicht vierzig Jahr in Sorg' entschleichen! Ihr die mit Stärke prunkt und gleich Euch drängt zu stolzer Thaten Weihe: — Er war ein Mann wie Wachs so weich, Nur stark in Gott und seiner Treue. Und wie es ferner ihm erging? Er hat gemalt bis er gestorben, Zuletzt, in langer Jahre Ring, Ein schmal Vermögen sich erworben; Nie hat auf der Begeistrung Höh' Sein schamhaft Schweigen er gebrochen, Und keine Seele hat gesprochen Von seinem schweren Opfer je. Zweimal im Leben gab das Glück Vor seinem Antlitz mir zu stehen, In seinem mild bescheidnen Blick Des Geistes reinen Blitz zu sehen. Und im December hat man dann Des Sarges Deckel zugeschlagen Und still ihn in die Gruft getragen. — Das ist das Lied vom braven Mann. Stammbuchblätter. 1. Mit Laura's Bilde. Im Namen eines Freundes . Um einen Myrthenzweig sich zu ersingen Schickt seinen Schwan Petrarka Laure'n nach, Mit Lorbeerreisern füllt er das Gemach, Doch kann er in den Myrthenhain nicht dringen. Da zieht er durch die Welt mit hellem Klingen, Schlägt mit den Flügeln an das theure Haus, Man reicht ihm den Cypressenkranz hinaus, Allein die Myrthe kann er nicht erringen. Mein Freund, wohl ist der Lorbeer uns versagt, Doch laß uns um den schnöden Preis nicht klagen, Von Dornen und Cypressen rings umragt. Will es in einer Laura Blick mir tagen, Dann hab' ich gern dem schweren Kranz entsagt, Die kleine Myrthe läßt sich leichter tragen. 2. An Henriette von Hohenhausen. Wie lieb, o Nähe; Ferne, ach wie leid; Wie bald wird Gegenwart Vergangenheit! Warum hat Trauer denn so matten Schritt, Da doch so leicht die frohe Stunde glitt? Ach, wer mir liebe Stunden könnte bannen, Viel werther sollt' er seyn, als der vermöchte Der trüben schlaffe Sehnen anzuspannen, Denn Leid im Herzen wirbt sich theure Rechte, Und wer es nimmt, der nimmt ein Kleinod mit. Reich' mir die Hand! du hast mich froh gemacht. In öder Fremde hab' ich dein gedacht, Werd' oft noch sinnen deinem Blicke nach, So mildes Auge hellt den trübsten Tag. Laß Ferne denn zur Nähe sich gestalten Durch Wechselwort und inniges Gedenken. Reich' mir die Hand! — ich will sie treulich halten, Und drüber her mag immergrün sich senken Der Tannenzweig, ein schirmend Wetterdach. Nachruf an Henriette von Hohenhausen. Henriette von Hohenhausen, in Herford geboren, starb im April des Jahres 1843 zu Münster, Sie ist Verfasserin verschiedener Erzählungen, Gedichte und Jugendschriften, die sich durch sittlich religiöse Richtung und große Gemüthlichkeit auszeichnen. An deinem Sarge standen wir, Du fromme milde Leidenspalme, Wir legten in die Hände dir Des Lenzes linde Blütenhalme; An deiner Brust, wie eingenickt, Die blauen Seidenschleifen lagen; So, mit der Treue Bild geschmückt, Hat man dich in die Gruft getragen. Die Sonne sticht, der Regen rauscht — Wir sitzen schweigend und beklommen; Es knirrt im Flur, und Jeder lauscht, Als dächten wir du könntest kommen; In jedem Winkel suchen wir Nach deinem Lächeln, deinem Blicke, Wer lehnte je am Busen dir, Und fühlt im Herzen keine Lücke? Daß dein Erkennen stark und klar, Auch Andre mögens mit dir theilen, Doch daß du so gerecht und wahr, Daß Segen jede deiner Zeilen, Der Odem den dein Leben sog, Der letzte noch, ein Liebeszeichen, — Das, Henriette, stellt dich hoch Ob Andre, die an Geist dir gleichen! Du warst die Seltne, die gehorcht Des Ruhmes lockender Sirene, Und keine Tünche je geborgt, Und keine süßen Taumeltöne; Die jede Perl' aus ihrem Hort Vor Gottes Auge erst getragen, Um ernstes wie um heitres Wort, Um keines durft' im Tode zagen. Am Sarge fällt die Blüthe ab, Zerrinnt der Glorie Zauberschemen, Dein Lorbeerreis, es bleibt am Grab, Du kannst es nicht hinüber nehmen; Doch vor dem Richter kannst du knien, Die reinen Hände hoch gefaltet: „Sieh, Herr, die Pfunde, mir verliehn, Ich habe redlich sie verwaltet.“ Nicht möcht ich einen kalten Stein Ob deinem warmen Herzen sehen, Auch keiner glühen Rosen Schein, Die üppig unter Dornen wehen; Des Sinnlaubs immergrünen Stern Möcht ich um deinen Hügel ranken, Und über'm Grüne säh ich gern Die segensreiche Aehre schwanken. Vanitas Vanitatum! R. i. p . Ihr saht ihn nicht im Glücke, Als Schaaren ihm gefolgt, Mit Einem seiner Blicke Er jeden Haß erdolcht, Das Blut an seinen Händen Wie Königspurpur fast, Und flammenden Geländen Entstieg des Nimbus Glast; Saht nicht, wie stolz getragen Schulfreund und Kamerad Die Stirn, mit welchem Zagen Der Fremdling ihm genaht, Wenn mit Kolosses Schreiten Das Klippenthor er stieß, Die kleinen Segel gleiten An seiner Sohle ließ. Ihr habt ihn nicht gesehen, Ihr Augen jugendklar, Du Haupt wo Ringel wehen Von süßem Lockenhaar; Jünglinge, blühnde Frauen, Ihr saht ihn nicht im Glanz, Ihn, seines Landes Grauen Und allergrünsten Kranz. Vielleicht doch saht ihr streifen Den alten kranken Leun, Saht seine Mähne schleifen Und zittern sein Gebein, Saht wie die breiten Pranken Er matt und stöhnend hob, Wie taumelnd seine Flanken Er längs der Mauer schob. Und Scheitel saht ihr, weiße, Am Fensterglase spähn, Die dann mit scheuem Fleiße Sich hinter'n Vorhang drehn; Vernahmt der Knaben Lachen, Der Greise schmerzlich Ach, Wenn er im freien flachen Geländ' zusammen brach. Allein ihr horcht als rede Ich von dem Tartarchan, Mit Augen weit und öde Starrt ihr euch lange an, Und Einer ruft: „O schauet, Wie man ein Ehrenmal Obscurem Burschen bauet! Wer war der General?“ v . Droste-Hülshof , Gedichte. 10 Instinkt. Bin ich allein, verhallt des Tages Rauschen Im frischen Wald, im braunen Haideland, Um mein Gesicht die Gräser nickend bauschen, Ein Vogel flattert an des Nestes Rand, Und mir zu Füßen liegt mein treuer Hund, Gleich Feuerwürmern seine Augen glimmen, Dann kommen mir Gedanken, ob gesund, Ob krank, das mag ich selber nicht bestimmen. Ergründen möcht ich, ob das Blut, das grüne, Kein Lebenspuls durch jene Kräuter trägt, Ob Dionæa Dionæa muscipula , auch „die Fliegenfalle“ genannt. um die kühne Biene Bewußtlos ihre rauhen Netze schlägt, Was in dem weißen Sterne Sparrmannia . zuckt und greift, Wenn er, die Fäden streckend, leise schauert, Und ob, vom Duft der Menschenhand gestreift, Gefühllos ganz die Sensitive trauert? Und wieder muß ich auf den Vogel sehen, Der dort so zürnend seine Federn sträubt, Mit kriegerischem Schrei mich aus den Nähen Der nackten Brut, nach allen Kräften treibt. Was ist Instinkt? — tiefsten Gefühles Heerd; Instinkt trieb auch die Mutter zu dem Kinde, Als jene Fürstin, von der Glut verzehrt, Als Heilge ward posaunt in alle Winde. Und du, mein zottger Tremm, der schlafestrunken Noch ob der Herrin wacht, und durch das Grün Läßt blinzelnd streifen seiner Blicke Funken, Sag an, was deine klugen Augen glühn? Ich bin es nicht, die deine Schale füllt, Nicht gab der Nahrung Trieb dich mir zu eigen, Und mit der Sklavenpeitsche kann mein Bild Noch minder dir im dumpfen Hirne steigen. Wer kann mir sagen, ob des Hundes Seele Hinaufwärts, oder ob nach unten steigt? Und müde, müde drück' ich in die Schmehle Mein Haupt, wo siedend der Gedanke steigt. Was ist es, das ein hungermattes Thier, Mit dem gestohlnen Brode für das bleiche Blutrünst'ge Antlitz, in das Waldrevier Läßt flüchten und verschmachten bei der Leiche? Das sind Gedanken, die uns könnten tödten, Den Geist betäuben, rauben jedes Glück, Mit tausendfachem Mord die Hände röthen, Und leise schaudernd wend' ich meinen Blick. O schlimme Zeit, die solche Gäste rief In meines Sinnens harmlos lichte Bläue! O schlechte Welt, die mich so lang' und tief Ließ grübeln über eines Pudels Treue! Die rechte Stunde. Im heitren Saal beim Kerzenlicht, Wenn alle Lippen sprühen Funken, Und gar vom Sonnenscheine trunken, Wenn jeder Finger Blumen bricht, Und vollends an geliebtem Munde, Wenn die Natur in Flammen schwimmt, — Das ist sie nicht die rechte Stunde, Die dir der Genius bestimmt. Doch wenn so Tag als Lust versank, Dann wirst du schon ein Plätzchen wissen, Vielleicht in deines Sopha's Kissen, Vielleicht auf einer Gartenbank: Dann klingt's wie halb verstandne Weise, Wie halb verwischter Farben Guß Verrinnt's um dich, und leise, leise Berührt dich dann dein Genius. Der zu früh geborene Dichter. Acht Tage zählt' er schon, eh ihn Die Amme konnte stillen, Ein Würmchen, saugend kümmerlich An Zucker und Kamillen, Statt Nagel nur ein Häutchen lind, Däumlein wie Vogelsporen, Und Jeder sagte: „armes Kind! Es ist zu früh geboren!“ Doch wuchs er auf, und mit der Zeit Hat Leben sich entwickelt, Mehr als der Doktor prophezeit, Und hätt' er ihn zerstückelt; Im zähen Körper zeigte sich Zäh wilder Seele Streben; Einmal erfaßt — dann sicherlich Hielt er, auf Tod und Leben. In Büchern hat er sich studirt Hohläugig und zu Schanden, Und durch sein glühes Hirn geführt Zahllose Liederbanden. Ein steter Drang — hinauf! hinauf! Und ringsum keine Palme; So klomm er an der Weide auf Und jauchzte in die Alme. Zwar dünkt ihn oft, bei trübem Muth, Sein Baldachin von Laube So köstlich wie ein alter Hut, Wie 'ne zerrissne Haube; Allein dies schalt man „eitlen Drang, Mit Würde abzutrumpfen!“ Und Alles was er sah, das sang Herab vom Weidenstumpfen. So ward denn eine werthe Zeit Vertrödelt und verstammelt, Lichtblonde Liederlein juchheit, Und Weidenduft gesammelt; Wohl fielen Thränen in den Flaum Und schimmerten am Raine, Erfaßte ihn der glühe Traum Von einem Palmenhaine. Und als das Leben ausgebrannt Und fühlte sich vergehen, Da sollt' wie Moses er das Land Der Gottverheißung sehen; Er sah, er sah sie Schaft an Schaft Die heil'gen Kronen tragen, Und drunter all die frische Kraft Der edlen Sprossen ragen. Und Lieder hört' er, Melodien, Wie ihm im Traum geklungen, Wenn ein Kristall der Gletscher schien, Und Adler sich geschwungen; Durch das smaragdne Riesenlaub Sah er die Lyra blinken, Und über sie gleich goldnem Staub Levante's Aether sinken. O, wie zusammen da im Fall Die alten Töne schwirrten, Im Busen die Gefangnen all Mit ihren Ketten klirrten! „Ha, Leben, Jahre! und mein Sitz Ist in den Säulenwänden, Auch meine Lyra soll den Blitz Durch die Smaragden senden!“ Ach, arme Frist, an solchem Schaft Mit mattem Fuß zu klimmen, Die Sehne seiner Jugendkraft, Vermag er sie zu stimmen? Und bald erseufzt er: „hin ist hin! Vertrödelt ist verloren! Die Scholle winkt, weh mir, ich bin Zu früh, zu früh geboren! Noth. Was redet ihr so viel von Angst und Noth, In eurem tadellosen Treiben? Ihr frommen Leute, schlagt die Sorge todt, Sie will ja doch nicht bei euch bleiben! Doch wo die Noth, um die das Mitleid weint, Nur wie der Tropfen an des Trinkers Hand, Indeß die dunkle Fluth, die Keiner meint, Verborgen steht bis an der Seele Rand — Ihr frommen Leute wollt' die Sorge kennen, Und habt doch nie die Schuld gesehn! Doch sie, sie dürfen schon das Leben nennen Und seine grauenvollen Höhn; Hinauf schallt's wie Gesang und Loben, Und um die Blumen spielt der Strahl, Die Menschen wohnen still im Thal, Die dunklen Geyer horsten droben. Die Bank. Im Parke weiß ich eine Bank, Die schattenreichste nicht von allen, Nur Erlen lassen, dünn und schlank, Darüber karge Streifen wallen; Da sitz' ich manchen Sommertag Und laß mich rösten von der Sonnen, Rings keiner Quelle Plätschern wach, Doch mir im Herzen springt der Bronnen. Dieß ist der Fleck, wo man den Weg Nach allen Seiten kann bestreichen, Das staub'ge Gleis, den grünen Steg, Und dort die Lichtung in den Eichen: Ach manche, manche liebe Spur Ist unterm Rade aufgeflogen! Was mich erfreut, bekümmert, nur Von drüben kam es hergezogen. Du frommer Greis im schlichten Kleid, Getreuer Freund seit zwanzig Jahren, Dem keine Wege schlimm und weit, Galt es den heil'gen Dienst zu wahren, Wie oft sah ich den schweren Schlag Dich drehn mit ungeschickten Händen, Und langsam steigend nach und nach Dein Käppchen an des Dammes Wänden. Und du in meines Herzens Grund, Mein lieber schlanker blonder Junge, Mit deiner Büchs und braunem Hund, Du klares Aug' und muntre Zunge, Wie oft hört' ich dein Pfeifen nah, Wenn zu der Dogge du gesprochen; Mein lieber Bruder warst du ja, Wie sollte mir das Herz nicht pochen? Und Manches was die Zeit verweht, Und Manches was sie ließ erkalten, Wie Banquo's Königsreihe geht Und trabt es aus des Waldes Spalten. Auch was mir noch geblieben und Was neu erblüht im Lebensgarten, Der werthen Freunde heitrer Bund, Von drüben muß ich ihn erwarten. So sitz' ich Stunden wie gebannt, Im Gestern halb und halb im Heute, Mein gutes Fernrohr in der Hand Und lass' es streifen durch die Weite. Am Damme steht ein wilder Strauch, O, schmählich hat mich der betrogen! Rührt ihn der Wind, so mein' ich auch Was Liebes komme hergezogen! Mit jedem Schritt weiß er zu gehn, Sich anzuformen alle Züge; So mag er denn am Hange stehn, Ein werth Phantom, geliebte Lüge; Ich aber hoffe für und für, So fern ich mich des Lebens freue, Zu rösten an der Sonne hier, Geduld'ger Märtyrer der Treue. Clemens von Droste. Clemens August Freiherr von Droste, Professor an der juristischen Fakultät zu Bonn, wurde im Jahre 1832, während eines Aufenthalts zu Wiesbaden, seinen Freunden durch einen plötzlichen Tod entrissen. — Seine Hülle ruht auf dem dortigen Gottesacker. An seinem Denkmal saß ich, das Getreibe Des Lebens schwoll und wogt' in den Alleen, Ich aber mochte nur zum Himmel sehn, Von dem ihr Silber goß die Mondenscheibe. Und alle Schmerzenskeime fühlt' ich sprießen, Im Herzen sich entfalten, Blatt um Blatt, Und allen Segen fühlt' ich niederfließen Um eines Christen heil'ge Schlummerstatt. Da nahte durch die Gräser sich ein Rauschen, Geflüster hallte an der Marmorwand, Der mir so theure Name ward genannt, Und leise Wechselrede hört' ich tauschen. Es waren tiefe achtungsvolle Worte, Und dennoch war es mir, als dürfe hier Kein anderer an dem geweihten Orte, Kein Wesen ihn betrauern neben mir. Wer könnte unter diesen Gräbern wandeln, Der ihn gekannt wie ich, so manches Jahr, Der seine Kindheit sah, so frisch und klar, Des Jünglings Glut, des Mannes kräftig Handeln? Welch fremdes Aug' hat in den ernsten Lettern, Dem strengen Wort des Herzens Schlag erkannt? Die Blitze saht ihr, aber aus den Wettern Saht ihr auch segnen eines Engels Hand? Sie standen da wie vor Pantheons Hallen, Wie unter Bannern, unter Lorbeerlaub; Ich saß an einem Hügel, wo zu Staub Der Menschenherzen freundlichstes zerfallen. Sie redeten von den zersprengten Kreisen, Die all er wie ein mächt'ger Reif geeint; Ich dachte an die Wittwen und die Waisen, Die seinem dunklen Sarge nachgeweint. Sie redeten von seines Geistes Walten, Von seinem starken ungebeugten Sinn, Und wie er nun der Wissenschaft dahin, Der Mann an dem sich mancher Arm gehalten; Ich hörte ihres Lobes Wogen schießen, Es waren Worte wohlgemeint und wahr, Doch meine Thränen fühlt' ich heißer fließen, Als ob man ihn verkenne ganz und gar. Und endlich hört' ich ihre Stimmen schwinden, Ihr letztes Wort war eine Klage noch: Daß nicht so leicht ein gleiches Wissen doch, Daß selten nur ein gleicher Geist zu finden. Ich aber, beugend in des Denkmals Schatten, Hab' seines Grabes feuchten Halm geküßt: „Wo giebt es einen Vater, einen Gatten, Und einen Freund wie du gewesen bist!“ Guten Willens Ungeschick. Du scheuchst den frommen Freund von mir, Weil krank ich sey und sehr bewegt, Mein hell und blühend Lustrevier Hast du mit Dornen mir umhegt; Wohl weiß ich, daß der Wille rein, Daß eure Sorge immer wach, Doch was ihn labt, was hindert, ach, Ein Jeder weiß es nur allein. Ich denke, wie ich einstens saß An eines Hügels schroffem Rain, Und sah ein schönes Kind, das las Sich Schneckenhäuschen im Gestein; Dann glitt es aus, ich sprang hinzu, Es hatte sich am Strauch gedrückt; Ich griff es an gar ungeschickt, Und abwärts rollte es im Nu; Auf hob ich es, das weinend lag, Und grimmig weinend um sich fuhr, Und freilich, was es stieß vom Haag, Mein schlimmes Helfen war es nur. — Und an der Klippe stand ich auch, Bei Vogelbrut mit Flaumenhaar, Und drüber pfiff wie ein Corsar Ein Weihe hoch im Nebelrauch. Nun blitzte wie ein Stral heran Und immer näher schoß der Weih, Ich schwang das Tuch, den Mantel dann, Die jungen Vögel duckten scheu; Und aufwärts funkelnd, angstgepreßt, Wie Marder pfiffen sie so klar; Da ward mir endlich offenbar, Dies sey des Weihen eignes Nest. So hab' ich hundertmal gefühlt, Und tausendmal hab' ich gesehn, Daß Nichts so hart am Herzen wühlt Wo seine tiefsten Adern gehn, Als — zürne nicht, die Lippen drück' Ich sühnend auf der Lippen Rand — Als eine liebe rasche Hand In guten Willens Ungeschick. Der Traum. An Amalie H. Jüngst hab' ich dich gesehn im Traum, So lieblich saßest du behütet, In einer Laube grünem Raum, Von duftendem Jasmin umblüthet, Durch Zweige fiel das goldne Licht, Aus Vogelkehlen ward gesungen, Du saßest da, wie ein Gedicht Von einem Blumenkranz umschlungen. Und deine liebe Rechte trug Das Antlitz mit so edlen Sitten, Im Sand das aufgeschlagne Buch Schien von dem Schooße dir geglitten; Dich lehnend an den frischen Haag Hauchtest du flüsternd leise Küsse, Im Auge eine Thräne lag Wie Thau im Kelche der Narzisse. Dich anzuschaun war meine Lust, Zu lauschen deiner Züge Regen, Und dennoch hätt' ich gern gewußt, Was dich so innig mocht' bewegen? Da bogst du sacht hinab den Zweig, Strichst lächelnd an der Spitzenhaube, An deine Schulter huscht' ich gleich, Sah einen Baum in schlichtem Laube: Und auf dem Baume saß ein Fink, Der schleppte dürres Moos und Reisig, „Schau her, schau wieder!“ zirpt' er flink Und förderte am Nestchen fleißig; Er sah so keck und fröhlich aus, Als trüg er des Flamingo Kleider, So sorglich hüpft er um sein Haus, Als fürcht' er bösen Blick und Neider. Und wenn ein Reischen er gelegt, Dann rief er alle Welt zu Zeugen, Als müsse was der Garten hegt, Blum' und Gesträuch sich vor ihm neigen; Um deine Lippe flog ein Zug, Wie ich ihn oft an ihr gesehen, Und meinen Namen ließ im Flug Sie über ihre Spalte gehen. Schon hob ich meine Hand hinauf Mit leisem Schlage dich zu strafen, Allein da wacht ich plötzlich auf Und bin nicht wieder eingeschlafen; Nur deiner hab' ich fortgedacht, Säh dich so gern am grünen Haage, Mich dünkt, so lieb wie in der Nacht Sah ich dich noch an keinem Tage. Im Eise schlummern Blum' und Zweig, Dezemberwinde schneidend wehen, Der Garten steht im Wolkenreich, Wo tausend schönre Gärten stehen; v . Droste-Hülshof , Gedichte. 11 So golden ist kein Sonnenschein, Daß er wie der erträumte blinke; Doch du, bist du nicht wirklich mein? Und bin ich nicht dein dummer Finke? Locke und Lied. Meine Lieder sandte ich dir, Meines Herzens strömende Quellen, Deine Locke sandtest du mir, Deines Hauptes ringelnde Wellen; Hauptes Welle und Herzens Fluth Sie zogen einander vorüber, Haben sie nicht im Kusse geruht? Schoß nicht ein Leuchten darüber? Und du klagest: verblichen sey Die Farbe der wandernden Zeichen; Scheiden thut weh, mein Liebchen, ey, Die Scheidenden dürfen erbleichen; Warst du blaß nicht, zitternd und kalt, Als ich von dir mich gerissen? Blicke sie an, du Milde, und bald, Bald werden den Herrn sie nicht missen. Auch deine Locke hat sich gestreckt, Verdrossen, gleich schlafendem Kinde, Doch ich hab' sie mit Küssen geweckt, Hab' sie gestreichelt so linde, Ihr geflüstert von unserer Treu', Sie geschlungen um deine Kränze, Und nun ringelt sie sich aufs neu, Wie eine Rebe im Lenze. Wenig Wochen, dann grünet der Stamm, Hat Sonnenschein sich ergossen, Und wir sitzen am rieselnden Damm, Die Händ' in einander geschlossen, Schaun in die Welle, und schaun in das Aug' Uns wieder und wieder und lachen, Und Bekanntschaft mögen dann auch Die Lock' und der Liederstrom machen. An *** Kein Wort, und wär' es scharf wie Stahles Klinge, Soll trennen, was in tausend Fäden Eins, So mächtig kein Gedanke, daß er dringe Vergällend in den Becher reinen Weins; Das Leben ist so kurz, das Glück so selten, So großes Kleinod, einmal sein statt gelten! Hat das Geschick uns, wie in frevlem Witze, Auf feindlich starre Pole gleich erhöht, So wisse, dort, dort auf der Scheidung Spitze Herrscht, König über Alle, der Magnet, Nicht frägt er ob ihn Fels und Strom gefährde, Ein Stral fährt mitten er durchs Herz der Erde. Blick' in mein Auge — ist es nicht das deine, Ist nicht mein Zürnen selber deinem gleich? Du lächelst — und dein Lächeln ist das meine, An gleicher Lust und gleichem Sinnen reich; Worüber alle Lippen freundlich scherzen, Wir fühlen Heilger es im eignen Herzen. Pollux und Castor, — wechselnd Glühn und Bleichen, Des Einen Licht geraubt dem Andern nur, Und doch der allerfrömmsten Treue Zeichen. — So reiche mir die Hand, mein Dioskur! Und mag erneuern sich die holde Mythe, Wo überm Helm die Zwillingsflamme glühte. Poesie. Frägst du mich im Räthselspiele, Wer die zarte lichte Fey, Die sich drei Kleinoden gleiche Und ein Stral doch selber sey? Ob ichs rathe? ob ich fehle? Liebchen, pfiffig war ich nie, Doch in meiner tiefsten Seele Hallt es: das ist Poesie! Jener Stral der, Licht und Flamme, Keiner Farbe zugethan, Und doch, über Alles gleitend Tausend Farben zündet an, Jedes Recht und Keines Eigen. — Die Kleinode nenn' ich dir: Den Türkis, den Amethisten, Und der Perle edle Zier. Poesie gleicht dem Türkise, Dessen frommes Auge bricht, Wenn verborgner Säure Brodem Nahte seinem reinen Licht; Dessen Ursprung Keiner kündet, Der wie Himmelsgabe kam, Und des Himmels milde Bläue Sich zum milden Zeichen nahm. Und sie gleicht dem Amethisten, Der sein veilchenblau Gewand Läßt zu schnödem Grau erblassen An des Ungetreuen Hand; Der, gemeinen Götzen fröhnend, Sinkt zu niedren Steines Art, Und nur Einer Flamme dienend Seinen edlen Glanz bewahrt; Gleicht der Perle auch, der zarten, Am Gesunden thauig klar, Aber saugend, was da Krankes In geheimsten Adern war; Sahst du niemals ihre Schimmer Grünlich, wie ein modernd Tuch? Eine Perle bleibt es immer, Aber die ein Siecher trug. Und du lächelst meiner Lösung, Flüsterst wie ein Widerhall: Poesie gleicht dem Pokale Aus venedischem Kristall; Gift hinein — und schwirrend singt er Schwanenliedes Melodie, Dann in tausend Trümmer klirrend, Und hin ist die Poesie! An *** O frage nicht was mich so tief bewegt, Seh ich dein junges Blut so freudig wallen, Warum, an deine klare Stirn gelegt, Mir schwere Tropfen aus den Wimpern fallen. Mich träumte einst, ich sey ein albern Kind, Sich emsig mühend an des Tisches Borden; Wie übermächtig die Vokabeln sind, Die wieder Hieroglyphen mir geworden! Und als ich dann erwacht, da weint' ich heiß, Daß mir so klar und nüchtern jetzt zu Muthe, Daß ich so schrankenlos und überweis', So ohne Furcht vor Schelten und vor Ruthe. So, wenn ich schaue in dein Antlitz mild, Wo tausend frische Lebenskeime walten, Da ist es mir, als ob Natur mein Bild Mir aus dem Zauberspiegel vorgehalten; Und all mein Hoffen, meiner Seele Brand, Und meiner Liebessonne dämmernd Scheinen, Was noch entschwinden wird und was entschwand, Das muß ich Alles dann in dir beweinen. An Elise. Am 19. November 1843 . Du weißt es lange wohl wie werth du mir, Was sollt' ich es nicht froh und offen tragen Ein Lieben, das so frischer Ranken Zier Um meinen kranken Lebensbaum geschlagen? Und manchen Abend hab' ich nachgedacht, In leiser Stunde träumerischem Sinnen, Wie deinen Morgen, meine nahnde Nacht Das Schicksal ließ aus Einer Urne rinnen. Zu alt zur Zwillingsschwester, möchte ich Mein Töchterchen dich nennen, meinen Sprossen, Mir ist, als ob mein fliehend Leben sich, Mein rinnend Blut in deine Brust ergossen. Wo stammt im Herzen mir ein Opferheerd, Daß nicht der deine loderte daneben, Von gleichen Landes lieber Luft genährt, Von gleicher Freunde frommem Kreis umgeben? Und heut', am Sankt Elisabethentag, Vereinend uns mit gleichen Namens Banden, Schlug ich bedächtig im Kalender nach, Welch' Heilige am Taufborn uns gestanden; Da fand ich eine königliche Frau, Die ihre milde Segenshand gebreitet, Und eine Patriarchin, ernst und grau, Nur werth um Den, deß Wege sie bereitet. Fast war es mir, als ob dies Doppelbild Mit strengem Mahnen strebe uns zu trennen, Als woll' es dir die Fürstin zart und mild, Mir nur die ernste Hüterin vergönnen; Doch — lächle nicht — ich hab' mich abgekehrt, Bin fast verschämt zur Seite dir getreten; Nun wähle, Lieb, und die du dir bescheert, Zu der will ich als meiner Heilgen beten. Ein Sommertagstraum. Im tiefen West der Schwaden grollte, Es stand die Luft, ein siedend Meer, An meines Fensters Vorhang rollte Die Sonnenkugel, glüh und schwer, Und wie ein Kranker, lang gestreckt, Lag ich auf grünen Sophakissen, Das Haupt von wüstem Schmerz zerrissen, Die Stirne fieberhaft gefleckt. Um mich Geschenke, die man heute Zu meinem Wiegenfest gesandt, Denare, Schriften, Meeres Beute, Ich hab' mich schnöde abgewandt; Zum Tode matt und schlafberaubt Studirt ich der Gardine Bauschen, Und horchte auf des Blutes Rauschen Und Klingeln im betäubten Haupt. Zuweilen dehnte sich ein Murren Den Horizont entlang, es schlich Am Haag' ein Rieseln und ein Surren, Wie flatternder Libelle Strich; Betäubend zog Resedaduft Durch des Balkones offne Thüren, In jeder Nerve war zu spüren Die schwefelnde Gewitterluft. Da plötzlich schien sich aufzurichten Am Fensterrahm ein Schattenwall, Und mählig schob die dunklen Schichten Er näher an den glühen Ball. Durch der Gardine Spalten zog Ein frischer Hauch, ich schloß die Augen, Um tiefer, tiefer einzusaugen, Was leise spielend mich umflog. Genau vernahm ich noch das Rucken Des flatternden Papiers, das Licht Der Stufe sah ich schmerzend zucken; Ob ich entschlief? mich dünkt es nicht. Doch schneller schien am Autograph Das dürre Jüngelchen zu wehen, Ein glitzernd Aug' der Stein zu drehen, Die Muschel dehnte sich im Schlaf. Und, nächt'ger Mücke zu vergleichen, Umsäuselte mich halber Klang, Am Teppich schien es sacht zu streichen, Und lief des Polsters Saum entlang, Wie wenn im zitternden Papier Der Fliege zarte Füßchen irren; Und heller feiner aus dem Schwirren Drang es wie Wortes Hauch zu mir: Das Autograph. Pst! — St! — ja, ja, Das mocht' eine Pracht noch heißen, Als ich am Ermel sah Die goldenen Tressen gleißen! Wie waren die Hände weiß und weich, Wie funkelten die Demanten! Wie schwammen drüber, so duftig, reich, Die breiten Brüsseler Kanten! Das waren Bilder und Lockenpracht, Wie mähnige Leu'n in Rahmen! Das Vasen! wo in der Gallatracht Spazierten schäfernde Damen! Und, o, das war eine Blumensee, Ein farbiges Blütengewimmel! Das eine berauschende Aethernäh' Von heißem südlichen Himmel! Pst' — St! — ich duckt' in meinem Fach, Pst! — still — wie Vögel im Nest', Und ward am Gitter die Brise wach, Dann ruschelt' ich mit dem West'. O, o! der war auch ein Vagabund: Von Bogen flog er zu Bogen, Hat aus der Siegel Granatenmund Säuselnde Küsse gesogen. Pst! — drunten, hart an meiner Klaus' Ein Tisch auf güldenen Krallen; Und wispelte ich zu weit hinaus, Ich wär auf den Amor gefallen; Der stand, einen Köcher in jeder Hand, Wie sinnend auf lustige Finte, Das Haupt gewendet vom stäubenden Sand, Und spiegelte sich in der Dinte. Sieh! drüben der Thüren Paneele, breit, Geschmückt mit schimmernden Leisten! Wie hab' ich geflattert und mich gefreut, Wenn leise knarrend sie gleißten! Dann kam das Ding — ein Mann — ein Greis? — Nie konnte ich satt mich schauen, Daß seine Lockenkaskaden so weiß, So glänzend schwarz seine Brauen! Schrieb, schrieb, daß die Feder knirrt' und bog, Lang lange schlängelnde Kette, Und sachte über den Marmor zog Und schleifte sich die Manschette. Das summt und säuselte mir wie Traum, Wie surrender Bienen Lesen, Als sey ich einst ein seidener Schaum, Eine Spitzenmanschette gewesen. Pst! — stille, — sieh, ein Andrer! — sieh! Wie schütteln des Schreibers Locken! Er beugt und schlenkert sich bis an's Knie, Schlürft und schleicht wie auf Socken. Ha! es zupft mich, — ich falle, ich falle! — Da liege ich hülflos gebreitet, Und über mich die dintige Galle Wie Würmer krimmelt und gleitet. Licht! Leben! durch die Fasern gießt Gleich Ichor sich der Menschengeist; Wie's droben tönt, die Spalte fließt, Gedankenwelle schwillt und kreißt. » Viva !« — ein König wird gegrüßt, — Es fault im Mark, die Rinde gleißt. — Und Schiffe, schwer von Proviant, Ziehn übers Meer vom Nordenstrand. Ich zittre, zittre, jenes Fremden Auge, Lichtblau und klar, ist über mich gebeugt; Ob es den Geist mir aus den Fasern sauge? Ich weiß es nicht, sein Blinzen sinkt und steigt, Ein Auge scharf wie Scheidewassers Lauge! — Er streicht die Brauen, faßt die Feder leicht, — Nun schlängelt er, — nun drunten steht es da: » Theodor' il primo, re di Corsica. « Pst! still! — der König spricht, Denar, halt Ruh! Was schaukelst dich, was klimperst du? Der Denar. O! über deinen König! ganz dir gleich, Du glattgeschlagner Lumpen, o, sein Reich Das Inselchen, deß kärglichen Tribut Lucull in eine Silberschüssel lud, Gebannt in eine Perle Cäsars Hand In der Egypterfürstin Locken wand. Du, zitternd vor Satrapenblicke, fahl Wärst du zerstäubt vor seiner Augen Strahl, Wenn langsam über's Forum, im Triumpf Das Viergespann ihn rollte; hörst du dumpf, Wie halberwachten Donner oder Spülen Der Brandung, Pöbelwoge ziehn und wühlen, Um die Quadriga summend, wie im Nahn Prüft seine Stimme murrend der Orkan? „Heil, Cäsar, Heil!“ um seine kahle Stirn Ragt Lorbeer, wie die Ficht' um Klippenfirn; Er lächelt, und aus seinem Lächeln fließet Ein leise schläfernd Gift, o Roma, dir, Sein halbgeschlossnes Auge Fäden schießet, Ein unzerreißbar Netz. — Gebückt und stier, Zerzausten Haares, vor den Rossen klirrt Endloser Gallierzug, die Fesseln schleifen, Und aus der Pöbelwelle gellt und schwirrt Gezisch, Gejubel, Cymbelklang und Pfeifen. Denare fliegen aus des Siegers Hand, Ha, wie es krabbelt im Arenasand! — Der Imperator nickt und klingelt fort. Noch lieg' ich unberührt im Byssusbeutel, — Was steigt so schwarz am Kapitole dort? Es dunkelt, dunkelt; — über Cäsars Scheitel Ein Riesenaar mit Flügelrauschen steigt, Die Sonne schwindet, — doch ein Leuchten streicht Um der Liktoren Beile, — wieder itzt — Sie zucken, schwenken sich — es blitzt! — es blitzt! Die Erzstufe. Ja, Blitze, Blitze! der Schwaden drängt Giftiges Gas am Risse hinaus, Auf einem Blitze bin ich gesprengt Aus meinem funkelnden Kellerhaus. O, wie war ich zerbrochen und krank, Wie rieselt's mir über die blanke Haut, Wenn langsam schwellend der Tropfen sank, Des Zuges Schneide mich angegraut! Kennst du den Bergmönch, den braunen Schelm, Dem auf der Schulter das Antlitz kreißt? Schwarz und rauh wie ein rostiger Helm, Wie die Grubenlampe sein Auge gleißt. O, er ist böse, tückisch und schlimm! Mit dem Gezähn „Gezähn“ das Handwerkszeug der Bergknappen. hackt er am Spalt, Bis das schwefelnde Wetter im Grimm Gegen die weichende Rinde schwallt. Steiger bete! du armer Knapp', Dem in der Hütte das Kindlein zart, Betet! betet! eh ihr hinab, Eh zum letzten Male vor Ort ihr fahrt. Sieben Nächte hab' ich gesehn Wie eine Walze rollen den Nacken, Und die Augen funkeln und drehn, Und das Gezähn schürfen und hacken. Dort, dort hinter dem reichen Gang Lauert der giftige Brodem; da Wo der Kobold den Hammer schwang, Wo ich am Bruche ihn schnuppern sah. v . Droste-Hülshof , Gedichte. 12 Gleich dem Molche von Dunste trunken Schwoll und wackelt' der Gnom am Grund, Und des Gases knisternde Funken Zogen in seinen saugenden Schlund. Bete, Steiger, den Morgenpsalm Einmal noch, und dein „walt's Gott“, Deinen Segen gen Wetters Qualm, Gäh' Verscheiden und Teufelsrott'. Schau noch einmal in's Angesicht Deinem Töchterchen, deinem Weib, Und dann zünde das Grubenlicht. „Gott die Seele, dem Schacht der Leib!“ Sie sind vor Ort, die Lämpchen rund Wie Irrwischflämmchen aufgestellt. Die Winde keucht, es rollt der Hund, „Der Hund“ der kleine kastenähnliche Karren, auf dem die Erzstufen aus dem Stollen zu Tage gefördert werden. Der Hammer pickt, die Stufe fällt, An Bleigewürfel, Glimmerspath Zerrinnend, malt der kleine Stral In seiner Glorie schwimmend Rad Sich Regenbogen und Opal. Die Winde keucht, es rollt der Hund. — Hörst du des Schwadens Sausen nicht? Wie Hagel bröckelt es zum Grund — Der Hammer pickt, die Stufe bricht; — Weh, weh! es zündet, flammt hinein! Hinweg! es schmettert aus der Höh'! Felsblöcke, zuckendes Gebein! Wo bin ich? bin ich? — auf der See? Und welch Geriesel — immer immerzu, Wie Regentropfen, regnet's? Die Muschel. Su, susu, O, schlaf im schimmernden Bade, Hörst du sie plätschern und rauschen, Meine hüpfende blanke Najade? Ihres Haares seidenen Tang Ueber der Schultern Perlenschaum; Horch! sie singt den Wellengesang, Süß wie Vögelein, zart wie Traum: „Webe, woge, Welle, wie „Westes Säuselmelodie, „Wie die Schwalbe über's Meer „Zwitschernd streicht von Süden her, „Wie des Himmels Wolken thauen „Segen auf des Eilands Auen, „Wie die Muschel knirrt am Strand, „Von der Düne rieselt Sand.“ „Woge, Welle, sachte, sacht, „Daß der Triton nicht erwacht. „In der Hand das plumpe Horn „Schlummert er, am Strudelborn. „In der Muschelhalle liegt er, „Seine grünen Zöpfe wiegt er; „Ries'le, Woge, Sand und Kies, „In des Bartes zottig' Vließ.“ „Leise, leise, Wellenkreis, „Wie des Liebsten Ruder leis' „Streift dein leuchtend Glas entlang „Zu dem nächtlich süßen Gang; „Wenn das Boot, im Strauch geborgen, „Tändelt, schaukelt, bis zum Morgen. „In der Kammer flimmert Licht; „Ruhig, Kiesel, knistert nicht!“ Das Lied verhaucht, wie Echo am Gestade, Und leiser, leiser wiegt sich die Najade, Beginnt ihr strömend Flockenhaar zu breiten, Läßt vom Korallenkamm die Tropfen gleiten, Und sachte strehlend schwimmt sie, wie ein Hauch, Im Stral der dämmert durch den Nebelrauch; Wie glänzt ihr Regenbogenschleyer! — o, Die Sonne steigt, — das Meer beginnt zu zittern, — Ein Silbernetz von Myriaden Flittern! Mein Auge zündet sich — wo bin ich? — wo? Tief athmend saß ich auf, aus Westen Bohrte der schräge Sonnenstral, Es tropft' und rieselt von den Aesten, Die Lerche stieg im Aethersaal; Vom blanken Erzgewürfel traf Mein Aug' ein Leuchten, schmerzlich flirrend, Und in des Zuges Hauche schwirrend Am Boden lag das Autograph. So hab' ich Donner, Blitz und Regenschauer Verträumt, in einer Sommerstunde Dauer. Die junge Mutter. Im grün verhangnen duftigen Gemach, Auf weißen Kissen liegt die junge Mutter; Wie brennt die Stirn! sie hebt das Auge schwach Zum Bauer, wo die Nachtigall das Futter Den nackten Jungen reicht: „mein armes Thier,“ So flüstert sie, „und bist du auch gefangen Gleich mir, wenn draußen Lenz und Sonne pragen, So hast du deine Kleinen doch bei dir.“ Den Vorhang hebt die graue Wärterin, Und legt den Finger mahnend auf die Lippen; Die Kranke dreht das schwere Auge hin, Gefällig will sie von dem Tranke nippen; Er mundet schon, und ihre bleiche Hand Faßt fester den Kristall, — o milde Labe! — „Elisabet, was macht mein kleiner Knabe?“ „Er schläft,“ versetzt die Alte abgewandt. Wie mag er zierlich liegen! — Kleines Ding! — Und selig lächelnd sinkt sie in die Kissen; Ob man den Schleyer um die Wiege hing, Den Schleyer der am Erndtefest zerrissen? Man sieht es kaum, sie flickte ihn so nett, Daß alle Frauen höchlich es gepriesen, Und eine Ranke ließ sie drüber sprießen. „Was läutet man im Dom, Elisabet?“ „Madame, wir haben heut Mariatag.“ So hoch im Mond? sie kann sich nicht besinnen. — Wie war es nur? — doch ihr Gehirn ist schwach, Und leise suchend zieht sie aus den Linnen Ein Häubchen, in dem Strale kümmerlich Läßt sie den Faden in die Nadel gleiten; So ganz verborgen will sie es bereiten, Und leise, leise zieht sie Stich um Stich. Da öffnet knarrend sich die Kammerthür, Vorsicht'ge Schritte über'n Teppich schleichen. „Ich schlafe nicht, Rainer, komm her, komm hier! Wann wird man endlich mir den Knaben reichen?“ Der Gatte blickt verstohlen himmelwärts, Küßt wie ein Hauch die kleinen heißen Hände: „Geduld, Geduld, mein Liebchen, bis zum Ende! Du bist noch gar zu leidend, gutes Herz.“ „Du duftest Weihrauch, Mann.“ — „Ich war im Dom; Schlaf, Kind“; und wieder gleitet er von dannen. Sie aber näht, und liebliches Phantom Spielt um ihr Aug' von Auen, Blumen, Tannen. — Ach, wenn du wieder siehst die grüne Au, Siehst über einem kleinen Hügel schwanken Den Tannenzweig und Blumen drüber ranken, Dann tröste Gott dich, arme junge Frau! Meine Sträuße. So oft mir ward eine liebe Stund' Unterm blauen Himmel im Freien, Da habe ich, zu des Gedenkens Bund, Mir Zeichen geflochten mit Treuen, Einen schlichten Kranz, einen wilden Strauß, Ließ drüber die Seele wallen; Nun stehe ich einsam im stillen Haus, Und sehe die Blätter zerfallen. Vergißmeinnicht mit dem Rosaband — Das waren dämmrige Tage, Als euch entwandte der Freundin Hand Dem Weiher drüben am Haage; Wir schwärmten in wirrer Gefühle Flut, In sechzehnjährigen Schmerzen; Nun schläft sie lange. — Sie war doch gut, Ich liebte sie recht von Herzen! Gar weite Wege hast du gemacht, Camelia, staubige Schöne, In deinem Kelche die Flöte wacht, Trompeten und Cymbelgetöne; Wie zitterten durch das grüne Revier Buntfarbige Lampen und Schleyer! Da brach der zierliche Gärtner mir Den Strauß beim bengalischen Feuer. Dies Alpenröschen nährte mit Schnee Ein eisgrau starrender Riese; Und diese Tange entfischt' ich der See Aus Muschelgescherbe und Kiese; Es war ein volles, gesegnetes Jahr, Die Trauben hiengen gleich Pfunden, Als aus der Rebe flatterndem Haar Ich diesen Kranz mir gewunden. Und ihr, meine Sträuße von wildem Haid', Mit lockerm Halme geschlungen, O süße Sonne, o Einsamkeit, Die uns redet mit heimischen Zungen! Ich hab' sie gepflückt an Tagen so lind, Wenn die goldenen Käferchen spielen, Dann fühlte ich mich meines Landes Kind, Und die fremden Schlacken zerfielen. Und wenn ich grüble an meinem Teich, Im duftigen Moose gestrecket, Wenn aus dem Spiegel mein Antlitz bleich Mit rieselndem Schauer mich necket, Dann lang' ich sachte, sachte hinab, Und fische die träufelnden Schmehlen; Dort hängen sie, drüben am Fensterstab, Wie arme vertrocknete Seelen. So mochte ich still und heimlich mir Eine Zauberhalle bereiten, Wenn es dämmert dort, und drüben, und hier, Von den Wänden seh ich es gleiten; Eine Fey entschleicht der Camelia sich, Liebesseufzer stöhnet die Rose, Und wie Blutes Adern umschlingen mich Meine Wasserfäden und Moose. Das Liebhabertheater. Meinst du, wir hätten jetzt Decemberschnee? Noch eben stand ich vor dem schönsten Hain, So grün und kräftig sah ich keinen je. Die Windsbraut fuhr, der Donner knallte drein, Und seine Zweige trotzten wie gegossen, Gleich an des Parkes Thor ein Häuschen stand, Mit Kränzen war geschmückt die schlichte Wand, Die haben nicht gezittert vor den Schlossen, Das nenn' ich Kränze doch und einen Hain: Und denkst du wohl, wir hätten finstre Nacht? Des Morgens Gluten wallten eben noch, Nothglühend, wie des Lavastromes Macht Hernieder knistert von Vesuves Joch; Nie sah so prächtig man Auroren ziehen! An unsre Augen schlugen wir die Hand, Und dachten schier, der Felsen steh' in Brand, Die Hirten sahn wir wie Dämone glühen; Das nenn' ich einen Sonnenaufgang doch! Und sprichst du unsres Landes Nymphen Hohn? Noch eben schlüpfte durch des Forstes Hau Ein Mädchen, voll und sinnig wie der Mohn, Gewiß, sie war die allerschönste Frau! Ihr weißes Händchen hielt den blanken Spaten, Der kleine Fuß, in Zwickelstrumpf und Schuh, Hob sich so schwebend, trat so zierlich zu, Und hör', ich will es dir nur gleich verrathen, Der schönen Clara glich sie ganz genau. Und sagst du, diese habe mein gelacht? O hättest du sie heute nur gesehn, Wie schlau sie meine Blicke hat bewacht, Wie zärtlich konnte ihre Augen drehn, Und welche süße Worte ihr entquollen! Recht wo ich stand, dorthin hat sie geweint: „Mein theures Herz, mein Leben, einz'ger Freund!“ Das schien ihr von den Lippen nur zu rollen. War das nicht richtig angebracht, und schön? Doch Eins nur, Eines noch verhehlt' ich dir, Und fürchte sehr, es trage wenig ein; Der Wald war brettern und der Kranz Papier, Das Morgenroth Bengalens Feuerschein, Und als sie ließ so süße Worte wandern, Ach, ob sie gleich dabei mich angeblickt, Der dicht an das Orchester war gerückt, Doch fürcht' ich fast, sie galten einem Andern! Was meinst du, sollte das wohl möglich seyn? Die Taxuswand. Ich stehe gern vor dir, Du Fläche schwarz und rauh, Du schartiges Visier Vor meines Liebsten Brau', Gern mag ich vor dir stehen, Wie vor grundirtem Tuch, Und drüber gleiten sehen Den bleichen Krönungszug; Als mein die Krone hier, Von Händen die nun kalt; Als man gesungen mir In Weisen die nun alt; Vorhang am Heiligthume, Mein Paradiesesthor, Dahinter Alles Blume, Und Alles Dorn davor. Denn jenseits weiß ich sie, Die grüne Gartenbank, Wo ich das Leben früh Mit glühen Lippen trank, Als mich mein Haar umwallte Noch golden wie ein Stral, Als noch mein Ruf erschallte, Ein Hornstoß, durch das Thal. Das zarte Epheureis, So Liebe pflegte dort, Sechs Schritte, — und ich weiß, Ich weiß dann, daß es fort. So will ich immer schleichen Nur an dein dunkles Tuch, Und achtzehn Jahre streichen Aus meinem Lebensbuch. Du starrtest damals schon So düster treu wie heut', Du, unsrer Liebe Thron Und Wächter manche Zeit; Man sagt daß Schlaf, ein schlimmer, Dir aus den Nadeln raucht, — Ach, wacher war ich nimmer, Als rings von dir umhaucht! Nun aber bin ich matt, Und möcht an deinem Saum Vergleiten, wie ein Blatt Geweht vom nächsten Baum; Du lockst mich wie ein Hafen, Wo alle Stürme stumm, O, schlafen möcht ich, schlafen, Bis meine Zeit herum! Nach fünfzehn Jahren. Wie hab' ich doch so manche Sommernacht, Du düstrer Saal, in deinem Raum verwacht! Und du, Balkon, auf dich bin ich getreten, Um leise für ein theures Haupt zu beten, Wenn hinter mir aus des Gemaches Tiefen Wie Hülfewimmern bange Seufzer riefen, Die Odemzüge aus geliebtem Mund; Ja, bitter weint' ich — o Erinnerung! — Doch trug ich muthig es, denn ich war jung, War jung noch und gesund. Du Bett mit seidnem Franzenhang geziert, Wie hab' ich deine Falten oft berührt, Mit leiser leiser Hand gehemmt ihr Rauschen, Wenn ich mich beugte durch den Spalt zu lauschen, Mein Haupt so müde daß es schwamm wie trunken, So matt mein Knie daß es zum Grund gesunken! Mechanisch löste ich der Zöpfe Bund Und sucht im frischen Trunk Erleichterung; Ach, Alles trägt man leicht, ist man nur jung, Nur jung noch und gesund! Und als die Rose, die am Stock erblich, Sich wieder auf die kranke Wange schlich, Wie hab' ich an dem Pfeilertische drüben Dem Töchterchen geringelt seine lieben Goldbraunen Löckchen! wie ich mich beflissen, Eh ich es führte an der Mutter Kissen! Und gute Sitte flüstert' ich ihm ein, Gelobte ihm die Fabel von dem Schaf Und sieben Zicklein, wenn es wolle brav, Recht brav und sittig seyn. Und dort die Hütte in der Tannenschlucht, Da naschten sie und ich der Rebe Frucht, Da fühlten wir das Blut so keimend treiben, Als müss' es immer frisch und schäumend bleiben; Des Ueberstandnen lachten wir im Hafen: Wie ich geschwankt, wie stehend ich geschlafen; Und wandelten am Rasenstreifen fort, Und musterten der Stämmchen schlanke Reihn, Und schwärmten, wie es müsse reizend seyn Nach fünfzehn Jahren dort! O fünfzehn Jahre, lange öde Zeit! Wie sind die Bäume jetzt so starr und breit! Der Hütte Thür vermocht ich kaum zu regen, Da schoß mir Staub und wüst Gerüll entgegen, Und an dem blanken Gartensaale drüben Da steht 'ne schlanke Maid mit ihrem Lieben, Die schaun sich lächelnd in der Seele Grund, In ihren braunen Locken rollt der Wind; Gott segne dich, du bist geliebt, mein Kind, Bist fröhlich und gesund! Sie aber die vor Lustern dich gebar, Wie du so schön, so frisch und jugendklar, Sie steht mit Einer an des Parkes Ende Und drückt zum Scheiden ihr die bleichen Hände, Mit Einer, wie du nimmer möchtest denken, So könne deiner Jugend Fluth sich senken; Sie schaun sich an, du nennst vielleicht es kalt, Zwei starre Stämme, aber sonder Wank Und sonder Thränenquell, denn sie sind krank, Ach, Beide krank und alt! v . Droste-Hülshof , Gedichte. 13 Der kranke Aar. Am dürren Baum, im fetten Wiesengras Ein Stier behaglich wiederkäut' den Fraß; Auf niederm Ast ein wunder Adler saß, Ein kranker Aar mit gebrochnen Schwingen. „Steig' auf, mein Vogel, in die blaue Luft, Ich schau dir nach aus meinem Kräuterduft.“ — „Weh, weh, umsonst die Sonne ruft Den kranken Aar mit gebrochnen Schwingen!“ — „O Vogel, warst so stolz und freventlich Und wolltest keine Fessel ewiglich!“ — „Weh, weh, zu Viele über mich, Und Adler all, — brachen mir die Schwingen!“ „So flattre in dein Nest, vom Aste fort, Dein Aechzen schier die Kräuter mir verdorrt.“ „Weh, weh, kein Nest hab' ich hinfort, Verbannter Aar mit gebrochnen Schwingen!“ „O Vogel, wärst du eine Henne doch, Dein Nestchen hättest du, im Ofenloch.“ „Weh, weh, viel lieber ein Adler noch, Viel lieber ein Aar mit gebrochnen Schwingen!“ Sit illi terra levis! So sonder Arg hast du in diesem Leben Mich deinen allerbesten Freund genannt, Hast mir so oft gereicht die hagre Hand, — Hab' ich gelächelt, mag mir Gott vergeben. Die Schlange wacht in jedes Menschen Brust, Was ich dir bot, es war doch treue Gabe, Und hier bekenn' ich es, an deinem Grabe, Du warst mir lieber als ich es gewußt. Ob ich auch nie zu jenen mich gesellte, Die lachend deine Einfalt angeschaut; Des Hauptes, das in Ehren war ergraut, Verhöhnung immer mir die Adern schwellte; Doch erst wo aller Menschen Witz versiegt, Ein armer Tropfen in Egyptens Sande, Hier erst erkenn' ich, an der Seelen Brande, Wie schwer des Auges warme Thräne wiegt. Sah ich sie nicht an deine Wimper steigen, Wenn du dem fremden Leide dich geeint? Hast du nicht meinen Todten nachgeweint, So heiß wie deines eignen Blutes Zweigen? O! wenn ich in der Freude deß vergaß, Mit bitterm Herzen muß ich es beklagen, Denn von des Schicksals harter Hand geschlagen, Wie gern ich dann in deinem Auge las! Noch seh ich dich im Hauch des Winterbrodems Herstapfen, wie den irren Haidegeist, Wenn Tropf' an Tropfen deiner Stirn entfleußt, Hör noch das Keuchen deines armen Odems. Es waren schlimme Wege, rauh und weit, Die du gewandelt manche Winterwende, Um des Altares heil'ge Gnadenspende Zu tragen mir in meine Einsamkeit. O manchem Spötter gabst du ernst Gedenken, Wenn höhnend deine kleine Hab' er prieß, Für schlechtes Ding dir Tausende verhieß, Und du nur glücklich warst ihn zu beschenken! So werth war dir kein Gut, so ehrenreich, Daß du es nicht mit Freuden hingegeben, Dann sah man deine Lippen freundlich beben, Und zucken wie das Dämmerlicht im Teich. An deinem Kleide, schwarz und Fadenscheinend, War jeder Fleck ein heimlich Ehrenmaal, Du frommer Dieb am Eignen! ohne Wahl Das Schlechteste dir noch genugsam meinend. Mann ohne Falsch und mit der offnen Hand, Drin wie Demant der Wittwe Heller blinken, Sanft soll der Thau auf deinen Hügel sinken, Und leicht, leicht sey dir das geweihte Land! Schlaf sanft, schlaf still in deinem grünen Bette, Dir überm Haupt des Glaubens fromm Simbol, Die Welt vergißt, der Himmel kennt dich wohl, Ein Engel wacht an dieser schlichten Stätte. Auch eine Thräne wird dir nachgeweint, Und wahrlich keine falsche: „ach sie haben, „Sie haben einen guten Mann begraben, Und mir, mir war er mehr“ — mein wärmster Freund. Die Unbesungenen. 'S giebt Gräber wo die Klage schweigt, Und nur das Herz von innen blutet, Kein Tropfen in die Wimper steigt, Und doch die Lava drinnen fluthet; 'S giebt Gräber, die wie Wetternacht An unserm Horizonte stehn Und alles Leben niederhalten, Und doch, wenn Abendroth erwacht, Mit ihren goldnen Flügeln wehn Wie milde Seraphimgestalten. Zu heilig sind sie für das Lied, Und mächtge Redner doch vor Allen, Sie nennen dir was nimmer schied, Was nie und nimmer kann zerfallen; O, wenn dich Zweifel drückt herab, Und möchtest athmen Aetherluft, Und möchtest schauen Seraphsflügel, Dann tritt an deines Vaters Grab! Dann tritt an deines Bruders Gruft! Dann tritt an deines Kindes Hügel! Das Spiegelbild. Schaust du mich an aus dem Kristall, Mit deiner Augen Nebelball, Kometen gleich die im Verbleichen; Mit Zügen, worin wunderlich Zwei Seelen wie Spione sich Umschleichen, ja, dann flüstre ich: Phantom, du bist nicht meines Gleichen! Bist nur entschlüpft der Träume Hut, Zu eisen mir das warme Blut, Die dunkle Locke mir zu blassen; Und dennoch, dämmerndes Gesicht, Drin seltsam spielt ein Doppellicht, Trätest du vor, ich weiß es nicht, Würd' ich dich lieben oder hassen? Zu deiner Stirne Herrscherthron, Wo die Gedanken leisten Frohn Wie Knechte, würd ich schüchtern blicken; Doch von des Auges kaltem Glast, Voll todten Lichts, gebrochen fast, Gespenstig, würd, ein scheuer Gast, Weit, weit ich meinen Schemel rücken. Und was den Mund umspielt so lind, So weich und hülflos wie ein Kind, Das möcht in treue Hut ich bergen; Und wieder, wenn er höhnend spielt, Wie von gespanntem Bogen zielt, Wenn leis' es durch die Züge wühlt, Dann möcht ich fliehen wie vor Schergen. Es ist gewiß, du bist nicht Ich, Ein fremdes Daseyn, dem ich mich Wie Moses nahe, unbeschuhet, Voll Kräfte die mir nicht bewust, Voll fremden Leides, fremder Lust; Gnade mir Gott, wenn in der Brust Mir schlummernd deine Seele ruhet! Und dennoch fühl ich, wie verwandt, Zu deinen Schauern mich gebannt, Und Liebe muß der Furcht sich einen. Ja, trätest aus Kristalles Rund, Phantom, du lebend auf den Grund, Nur leise zittern würd ich, und Mich dünkt — ich würde um dich weinen! Neujahrsnacht. Im grauen Schneegestöber blassen Die Formen, es zerfließt der Raum, Laternen schwimmen durch die Gassen, Und leise knistert es im Flaum; Schon naht des Jahres letzte Stunde, Und drüben, wo der matte Schein Haucht aus den Fenstern der Rotunde, Dort ziehn die frommen Beter ein. Wie zu dem Richter der Bedrängte, Ob dessen Haupt die Wage neigt, Noch einmal schleicht eh der verhängte, Der schwere Tag im Osten steigt, Noch einmal faltet seine Hände Um milden Spruch, so knien sie dort, Still gläubig, daß ihr Flehen wende Des Jahres ernstes Losungswort. Ich sehe unter meinem Fenster Sie gleiten durch den Nebelrauch, Verhüllt und lautlos wie Gespenster, Vor ihrer Lippe flirrt der Hauch; Ein blasser Kreis zu ihren Füßen Zieht über den verschneiten Grund, Lichtfunken blitzen auf und schießen Um der Laterne dunstig Rund. Was mögen sie im Herzen tragen, Wie manche Hoffnung, still bewacht! Wie mag es unterm Vließe schlagen So heiß in dieser kalten Nacht! Fort keuchen sie, als möge fallen Der Hammer, eh sie sich gebeugt, Bevor sie an des Thrones Hallen Die letzte Bittschrift eingereicht. Dort hör ich eine Angel rauschen, Vernehmlich wird des Kindes Schreyn, Und die Gestalt — sie scheint zu lauschen, Dann fürder schwimmt der Lampe Schein; Noch einmal steigt sie, läßt die Schimmer Verzittern an des Fensters Rand, Gewiß, sie trägt ein Frauenzimmer, Und einer Mutter fromme Hand! Nun stampft es rüstig durch die Gasse, Die Decke kracht vom schweren Tritt, Der Krämer schleppt die Sündenmasse Der bösen Zahler keuchend mit; Und hinter ihm wie eine Docke Ein armes Kind im Flitterstaat, Mit seidnem Fähnchen, seidner Locke, Huscht frierend durch den engen Pfad. Ha, Schellenklingeln längs der Stiege! Glutaugen richtend in die Höh', 'Ne kolossale Feuerfliege, Rauscht die Karosse durch den Schnee; Und Dämpfe qualmen auf und schlagen Zurück vom Wirbel des Gespanns; Ja, schwere Bürde trägt der Wagen, Die Wünsche eines reichen Manns! Und hinter ihm ein Licht so schwankend, Der Träger tritt so sachte auf, Nun lehnt er an der Mauer, wankend, Sein hohler Husten schallt hinauf; Er öffnet der Laterne Reifen, Es zupfen Finger lang und fahl Am Dochte, Odemzüge pfeifen, — Du, Armer, kniest zum letztenmal. Dann Licht an Lichtern längs der Mauer, Wie Meteore irr geschaart, Ein krankes Weib, in tiefer Trauer, Husaren mit bereiftem Bart, In Filz und Kittel stämmge Bauern, Den Rosenkranz in starrer Faust, Und Mädchen die wie Falken lauern, Von Mantels Fittigen umsaust. Wie oft hab' ich als Kind im Spiele Gelauscht den Funken im Papier, Der Sternchen zitterndem Gewühle, Und: „Kirchengänger!“ sagten wir; So seh' ichs wimmeln um die Wette Und löschen, wo der Pfad sich eint, Nachzügler noch, dann grau die Stätte, Nur einsam die Rotunde scheint. Und mählig schwellen Orgelklänge Wie Heroldsrufe an mein Ohr: Knie nieder, Lässiger, und dränge Auch deines Herzens Wunsch hervor! „Du, dem Jahrtausende verrollen Secundengleich, erhalte mir Ein muthig Herz, ein redlich Wollen, Und Fassung an des Grabes Thür.“ Da, horch! — es summt durch Wind und Schlossen, Gott gnade uns, hin ist das Jahr! Im Schneegestäub' wie Schnee zerflossen, Zukünftiges wird offenbar; Von allen Thürmen um die Wette Der Hämmer Schläge, daß es schallt, Und mit dem letzten ist die Stätte Gelichtet für den neuen Wald. Der Todesengel. 'S giebt eine Sage, daß wenn plötzlich matt' Unheimlich Schaudern Einen übergleite, Daß dann ob seiner künft'gen Grabesstatt Der Todesengel schreite. Ich hörte sie, und malte mir ein Bild Mit Trauerlocken, mondbeglänzter Stirne, So schaurig schön, wie's wohl zuweilen quillt Im schwimmenden Gehirne. In seiner Hand sah ich den Ebenstab Mit leisem Strich des Bettes Lage messen, — So weit das Haupt — so weit der Fuß — hinab! Verschüttet und vergessen! Mich graute, doch ich sprach dem Grauen Hohn, Ich hielt das Bild in Reimes Netz gefangen, Und frevelnd wagt' ich aus der Todtenkron' Ein Lorbeerblatt zu langen. O, manche Stunde denk ich jetzt daran, Fühl' ich mein Blut so matt und stockend schleichen, Schaut aus dem Spiegel mich ein Antlitz an — Ich mag es nicht vergleichen; — Als ich zuerst dich auf dem Friedhof fand, Tiefsinnig um die Monumente streifend, Den schwarzen Ebenstab in deiner Hand Entlang die Hügel schleifend; Als du das Auge hobst, so scharf und nah, Ein leises Schaudern plötzlich mich befangen, O wohl, wohl ist der Todesengel da Ueber mein Grab gegangen! Abschied von der Jugend. Wie der zitternde Verbannte Steht an seiner Heimath Gränzen, Rückwärts er das Antlitz wendet, Rückwärts seine Augen glänzen, Winde die hinüber streichen, Vögel in der Luft beneidet, Schaudernd vor der kleinen Scholle, Die das Land vom Lande scheidet; Wie die Gräber seiner Todten, Seine Lebenden, die süßen, Alle stehn am Horizonte, Und er muß sie weinend grüßen; Alle kleinen Liebesschätze, Unerkannt und unempfunden, Alle ihn wie Sünden brennen Und wie ewig offne Wunden; So an seiner Jugend Scheide Steht ein Herz voll stolzer Träume, Blickt in ihre Paradiese Und der Zukunft öde Räume, Seine Neigungen, verkümmert, Seine Hoffnungen, begraben, Alle stehn am Horizonte, Wollen ihre Thräne haben. Und die Jahre die sich langsam, Tückisch reihten aus Minuten, Alle brechen auf im Herzen, Alle nun wie Wunden bluten; Mit der armen kargen Habe, Aus so reichem Schacht erbeutet, Muthlos, ein gebrochner Wandrer, In das fremde Land er schreitet. Und doch ist des Sommers Garbe Nicht geringer als die Blüthen, Und nur in der feuchten Scholle Kann der frische Keim sich hüten; Ueber Fels und öde Flächen Muß der Strom, daß er sich breite, Und es segnet Gottes Rechte Uebermorgen so wie heute. Was bleibt. Seh' ich ein Kind zur Weihnachtsfrist, Ein rosig Kind mit Taubenaugen, Die Kunde von dem kleinen Christ Begierig aus den Lippen saugen, Aufhorchen, wenn es rauscht im Tann, Ob draußen schon sein Pferdchen schnaube: „O Unschuld, Unschuld,“ denk ich dann, Du zarte, scheue, flüchtge Taube! Und als die Wolke kaum verzog, Studenten klirrten durch die Straßen, Und: » Vivat Bona !« donnert's hoch, So keck und fröhlich sonder Maßen; Sie schaarten sich wie eine Macht, Die gegen den Koloß sich bäume: „O Hoffnung“, hab' ich da gedacht, „Wie bald zerrinnen Träum' und Schäume!“ Und ihnen nach ein Reiter stampft, Geschmückt mit Kreuz und Epaulette, Den Tzacko lüftet er, es dampft Wie Oefen seines Scheitels Glätte; Kühn war der Blick, der Arm noch stramm, Doch droben schwebt' der Zeitenrabe: Da schien mir Kraft ein Meeresdamm, Den jeder Pulsschlag untergrabe. v . Droste-Hülshof , Gedichte. 14 Und wieder durch die Gasse zog Studentenhauf, und vor dem Hause Des Rektors dreimal „hurrah hoch!“ Und wieder „hoch!“ — aus seiner Klause, In Zipfelmütze und Flanell, Ein Schemen nickt am Fensterbogen. „Ha“, dacht ich, „Ruhm, du Mordgesell, Kömmst nur als Leichenhuhn geflogen!“ An meine Wange haucht' es dicht, Und wie das Haupt ich seitwärts regte, Da sah ich in das Angesicht Der Frau, die meine Kindheit pflegte, Dies Antlitz wo Erinnerung Und werthe Gegenwart sich paaren: „O Liebe“, dacht ich, „ewig jung, Und ewig frisch bei grauen Haaren!“ Scherz und Ernst. Dichters Naturgefühl. Es war an einem jener Tage, Wo Lenz und Winter sind im Streit, Wo naß das Veilchen klebt am Haage, Kurz, um die erste Maienzeit; Ich suchte keuchend mir den Weg Durch sumpfge Wiesen, dürre Raine, Wo matt die Kröte hockt' am Steine, Die Eidechs schlüpfte über'n Steg. Durch hundert kleine Wassertruhen, Die wie verkühlter Spüligt stehn, Zu stelzen mit den Gummischuhen, Bei Gott, heißt das Spazierengehn? Natur, wer auf dem Haberrohr In Jamben, Stanzen, süßen Phrasen So manches Loblied dir geblasen, Dem stell dich auch manierlich vor! Da ließ zurück den Schleier wehen Die eitle vielbesungne Frau, Als fürchte sie des Dichters Schmähen; Im Sonnenlichte stand die Au, Und bei dem ersten linden Stral Stieg eine Lerche aus den Schollen, Und ließ ihr Tirilirum rollen Recht wacker durch den Aethersaal. Die Quellchen, glitzernd wie Kristallen, Die Zweige, glänzend emaillirt — Das kann dem Kenner schon gefallen, Ich nickte lächelnd: „es passirt!“ Und stapfte fort in eine Schluft, Es war ein still und sonnig Fleckchen, Wo tausend Anemonenglöckchen Umgaukelten des Veilchens Duft. Das üpp'ge Moos — der Lerchen Lieder — Der Blumen Flor — des Krautes Keim — Auf meinen Mantel saß ich nieder Und sann auf einen Frühlingsreim. Da — alle Musen, welch ein Ton! — Da kam den Rain entlang gesungen So eine Art von dummen Jungen, Der Friedrich, meines Schreibers Sohn. Den Epheukranz im flächsnen Haare, In seiner Hand den Veilchenstrauß, So trug er seine achtzehn Jahre Romantisch in den Lenz hinaus. Nun schlüpft er durch des Hagens Loch, Nun hing er an den Dornenzwecken Wie Abrams Widder in den Hecken, Und in den Dornen pfiff er noch. Bald hatt' er beugend, gleitend, springend, Den Blumenanger abgegrast, Und rief nun, seine Mähnen schwingend: „Viktoria, Trompeten blast!“ Dann flüstert er mit süßem Hall: „O, wären es die schwed'schen Hörner!“ Und dann begann ein Lied von Körner; Fürwahr du bist 'ne Nachtigall! Ich sah ihn, wie er an dem Walle Im feuchten Moose niedersaß, Und nun die Veilchen, Glöckchen alle Mit sel'gem Blick zu Sträußen las, Auf seiner Stirn den Sonnenstral; Mich faßt' ein heimlich Unbehagen, Warum? ich weiß es nicht zu sagen, Der fade Bursch war mir fatal. Noch war ich von dem blinden Hessen Auf meinem Mantel nicht gesehn, Und so begann ich zu ermessen, Wie übel ihm von Gott geschehn; O Himmel, welch' ein traurig Loos, Das Schicksal eines dummen Jungen, Der zum Copisten sich geschwungen Und auf den Schreiber steuert los! Der in den kargen Feierstunden Romane von der Zofe borgt, Beklagt des Löwenritters Wunden Und seufzend um den Posa sorgt, Der seine Zelle, kalt und klein, Schmückt mit Aladdins Zaubergabe, Und an dem Quell, wie Schillers Knabe, Violen schlingt in Kränzelein! In dessen wirbelndem Gehirne Das Leben spuckt gleich einer Fey, Der — hastig fuhr ich an die Stirne: „Wie, eine Mücke schon im Mai?“ Und trabte zu der Schlucht hinaus, Hohl hustend, mit beklemmter Lunge, Und drinnen blieb der dumme Junge, Und pfiff zu seinem Veilchenstrauß! Der Theetisch. Läugnen willst du Zaubertränke, Lachst mir höhnisch in die Zähne, Wenn Isoldens ich gedenke, Wenn Gudrunens ich erwähne? Und was deine kluge Amme In der Dämmrung dir vertraute, Von Schneewittchen und der Flamme, Die den Hexenschwaden braute; Alles will dir nicht genügen, Ueberweiser Mückensieber? Nun, so laß die Feder liegen, Schieb dich in den Cirkel, Lieber, Wo des zopfigen Chinesen Trank im Silberkessel zischet, Sein Aroma auserlesen Mit des Patschul's Düften mischet; Wo ein schöner Geist, den Bogen Feingefältelt in der Tasche, Lauscht wie in den Redewogen Er das Steuer sich erhasche; Wo in zarten Händen hörbar Blanke Nadelstäbe knittern, Und die Herren stramm und ehrbar Breiten ihrer Weisheit Flittern. Alles scheint dir noch gewöhnlich, Von der Sohle bis zum Scheitel, Und du rufst, dem Weisen ähnlich: „Alles unter'm Mond ist eitel!“ Dir genüber und zur Seite Hier Christinos, dort Carlisten, Lauter ordinäre Leute, Deutsche Michel, gute Christen! Aber sieh die weißen schmalen Finger sich zum Griff bereiten, Und die dampfumhüllten Schalen Zierlich an die Lippen gleiten: Noch Minuten — und die Stube Ist zum Kiosk umgestaltet, Wo der thränenreiche Bube, Der Chinese zaubernd waltet; Von der rosenfarbnen Rolle Liest er seine Zauberreime, Verse, zart wie Seidenwolle, Süß wie Jungfernhonigseime; „Ting, tang, tong“ — das steigt und sinket, Welch Gesäusel, welches Zischen! Wie ein irres Hündlein hinket Noch ein deutsches Wort dazwischen. Und die süßen Damen lächeln, Leise schaukelnde Pagoden; Wie sie nicken, wie sie fächeln, Wie der Knäuel hüpft am Boden! Aber, weh, nun wird's gefährlich, „Tschi, tsi, tsung.“ — Die Töne schneiden, Schnell hinweg die Messer! schwerlich Uebersteht er solche Leiden; Denn er schaukelt und er dehnet Ob der Zauberschale Rauche; Weh, ich fürcht' am Boden stöhnet Bald er mit geschlitztem Bauche! Und die eingeschreckten Frauen Sitzen stumm und abgetakelt, Nur das schwanke Haupt vor Grauen Noch im Pendelschwunge wackelt; Tiefe Stille im Gemache — Thrän' im Auge — Kummermiene, — Und wie Glöckchen an dem Dache Spielt die siedende Maschine; Alle die gesenkten Köpfe Blinzelnd nach des Tisches Mitten, Wo die Brezel stehn, wie Zöpfe In Verzweiflung abgeschnitten; Suche sacht nach deinem Hute, Freund, entschleiche unterm Lesen, Sonst, ich schwör's bei meinem Blute, Zaubern sie dich zum Chinesen, Löst sich deines Frackes Wedel, Unwillkührlich mußt du zischen, Und von deinem weißen Schädel Fühlst du Haar um Haar entwischen, Bis dir blieb nur Eine Locke Von des dunklen Wulstes Drängen, Dich damit, lebend'ge Glocke, An dem Kiosk aufzuhängen. Die Nadel im Baume. Vor Zeiten, ich war schon groß genug, Hatt' die Kinderschuhe vertreten, Nicht alt war ich, doch eben im Zug' Zu Sankt Andreas zu beten, Da bin ich gewandelt, Tag für Tag, Das Feld entlang mit der Kathi; Ob etwas Liebes im Wege lag? Tempi passati — passati! Und in dem Haideland stand ein Baum, Eine schlanke schmächtige Erle, Da saßen wir oft in wachendem Traum, Uud horchten dem Schlage der Merle; Die hatte ihr struppiges Nest gebaut, Grad in der schwankenden Krone, Und hat so keck hernieder geschaut Wie ein Gräflein vom winzigen Throne. Wir kosten so viel und gingen so lang', Daß drüber der Sommer verflossen; Dann hieß es: „Scheiden, o weh wie bang!“ Viel Thränen wurden vergossen; Die Hände hielten wir stumm gepreßt, Da zog ich aus flatternder Binde Eine blanke Nadel, und drückte fest Sie, fest in die saftige Rinde; Und drunter merkte ich Tag und Stund', Dann sind wir fürder gezogen, So kläglich schluchzend aus Herzensgrund, Daß schreiend die Merle entflogen; O junge Seelen sind Königen gleich, Sie können ein Peru vergeuden, Im braunen Haid, unter'm grünen Zweig, Ein Peru an Lieben und Leiden. Die Jahre verglitten mit schleichendem Gang, Verrannen gleich duftiger Wolke, Und wieder zog ich das Feld entlang Mit jungem lustigen Volke; Die schleuderten Stäbe, und schrieen „Halloh!“ Die sprudelten Witze wie Schlossen, Mir ward's im Herzen gar keck und froh, Muthwillig wie unter Genossen. Da plötzlich rauscht' es im dichten Gezweig, „Eine Merle“, rief's, „eine Merle!“ Ich fuhr empor — ward ich etwa bleich? Ich stand an der alternden Erle; Und rückwärts zog mir's den Schleier vom Haar, Ach Gott, ich erglühte wie Flamme, Als ich sah, daß die alte Nadel es war, Meine rostige Nadel im Stamme! Drauf hab' ich genommen ganz still in Schau Die Inschrift, zu eigenem Frommen, Und fühlte dann plötzlich, es steige der Thau, Und werde mir schwerlich bekommen. Ich will nicht klagen, mir blieb ein Hort, Den rosten nicht Wetter und Wogen, Allein für immer, für immer ist fort Der Schleier vom Auge gezogen! Die beschränkte Frau. Ein Krämer hatte eine Frau, Die war ihm schier zu sanft und milde, Ihr Haar zu licht, ihr Aug' zu blau, Zu gleich ihr Blick dem Mondenschilde; Wenn er sie sah so still und sacht Im Hause gleiten wie ein Schemen, Dann faßt es ihn wie böse Macht, Er mußte sich zusammen nehmen. Vor Allem macht ihm Ueberdruß Ein Wort, das sie an Alles knüpfte, Das freilich in der Rede Fluß Gedankenlos dem Mund entschlüpfte: „In Gottes Namen“, sprach sie dann, Wenn schwere Prüfungsstunden kamen, Und wenn zu Weine ging ihr Mann, Dann sprach sie auch: „in Gottes Namen.“ Das schien ihm lächerlich und dumm, Mitunter frevelhaft vermessen; Oft schalt er und sie weinte drum, Und hat es immer doch vergessen. Gewöhnung war es früher Zeit Und klösterlich verlebter Jugend; So war es keine Sündlichkeit Und war auch eben keine Tugend. Ein Sprichwort sagt: wem gar nichts fehlt, Den ärgert an der Wand die Fliege; So hat dies Wort ihn mehr gequält, Als Andre Hinterlist und Lüge. Und sprach sie sanft: „es paßte schlecht!“ Durch Demuth seinen Groll zu zähmen, So schwur er, übel oder recht, Werd' es ihn ärgern und beschämen. Ein Blüthenhaag war seine Lust. Einst sah die Frau ihn sinnend stehen, Und ganz versunken, unbewußt, So Zweig an Zweig vom Strauche drehen; „In Gottes Namen!“ rief sie, „Mann, „Du ruinirst den ganzen Hagen!“ Der Gatte sah sie grimmig an, Fürwahr, fast hätt' er sie geschlagen. Doch wer da Unglück sucht und Reu, Dem werden sie entgegen eilen, Der Handel ist ein zart Gebäu, Und ruht gar sehr auf fremden Säulen. Ein Freund fallirt, ein Schuldner flieht, Ein Gläub'ger will sich nicht gedulden, Und eh ein halbes Jahr verzieht Weiß unser Krämer sich in Schulden. Die Gattin hat ihn oft gesehn Gedankenvoll im Sande waten, Am Contobuche seufzend stehn, Und hat ihn endlich auch errathen; v . Droste-Hülshof , Gedichte 15 Sie öffnet heimlich ihren Schrein, Langt aus verborgner Fächer Grube, Dann, leise wie der Mondenschein, Schlüpft sie in ihres Mannes Stube. Der saß, die schwere Stirn gestützt, Und rauchte fort am kalten Rohre: „Carl!“ drang ein scheues Flüstern itzt, Und wieder „Carl!“ zu seinem Ohre; Sie stand vor ihm, wie Blut so roth, Als gält' es eine Schuld gestehen. „Carl“ sprach sie, „wenn uns Unheil droht, Ist's denn unmöglich, ihm entgehen?“ Drauf reicht sie aus der Schürze dar Ein Säckchen, stramm und schwer zu tragen, Drinn Alles was sie achtzehn Jahr Erspart am eigenen Behagen. Er sah sie an mit raschem Blick, Und zählte, zählte nun auf's Neue, Dann sprach er seufzend: „mein Geschick Ist zu verwirrt, — dies langt wie Spreue!“ Sie bot ein Blatt, und wandt' sich um, Erzitternd, glüh gleich der Granate; Es war ihr kleines Eigenthum, Das Erbtheil einer frommen Pathe. „Nein“ sprach der Mann, „das soll nicht seyn!“ Und klopfte freundlich ihre Wangen. Dann warf er einen Blick hinein Und sagte dumpf: „schier möcht' es langen.“ Nun nahm sie, aus der Schürze Grund, All ihre armen Herrlichkeiten, Theelöffelchen, Dukaten rund, Was ihr geschenkt von Kindeszeiten. Sie gab es mit so freud'gem Zug! Doch war's als ob ihr Mund sich regte, Als sie zuletzt auf's Contobuch Der sel'gen Mutter Trauring legte. „Fast langt es“, sprach gerührt der Mann, „Und dennoch kann es schmählich enden; Willst du dein Leben dann fortan, Geplündert, fristen mit den Händen?“ Sie sah ihn an, — nur Liebe weiß An liebem Blicke so zu hangen — „In Gottes Namen!“ sprach sie leis, Und weinend hielt er sie umfangen. Die Stubenburschen. Sie waren Beide froh und gut, Und mochten ungern scheiden; Die Jahre fliehn, es lischt der Muth, Der Tag bringt Freud' und Leiden, Geschäft will Zeit und Zeit ist schnell, So unterblieb das Schreiben, Doch öfters sprach Emanuel: „Was mag der Franzel treiben!“ Da trat einst Wintermorgens früh Ein Mann in seine Stube, Seltsam verschabt wie ein Genie, Und hager wie Coeur Bube, Sah ihn so glau und pfiffig an, Und blinzelt vor Behagen: „Emanuel, du Hampelmann! Willst du mir denn nichts sagen?“ „Er ist es!“ rief der Doktor aus, Und reicht ihm beide Hände. „Willkomm, Willkomm! wie siehst du aus? Ei, munter und behende.“ „Ha“ rief der Andre, „Sapperment, Man sieht, du darfst nicht sorgen! Wie roth du bist, wie corpulent! Du hast dich wohl geborgen.“ Drauf saß man zu Kamin und Wein, Ließ von der Glut sich rösten, Und ätzte sich mit Schmeichelein, Den Alternden zu trösten. Ein Jeder warf den Hamen hin Als wohlgeübter Fischer, Und Jeder dachte still: „ich bin Gewiß um zehn Jahr frischer.“ Man schüttelte die Hände derb, Dann gieng es an ein Fragen. Reich war des Medikus Erwerb, Und dennoch mocht' er klagen. Er sah den Franz bedenklich an, Und dacht', er steck' in Schulden, Doch dieser prahlt': er sey ein Mann Von „ täglich seinem Gulden .“ Zwei Jahre hat er nur gespart, Und dann, ein kecker Kämpfer, Gerasselt mit der Eisenfahrt, Gestrudelt mit dem Dämpfer! O wie er die „Stadt Leyden“ pries, Und der Kajüte Gleißen! Nach seiner Meinung dürfte sie „Viktoria“ nur heißen. Das hat den Medikus gerührt, Ihm den bescheidnen Schlucker Lebendig vor das Aug' geführt, Der Klöße aß wie Zucker. Und gar als jener sprach: „denkst du Noch an die halbe Flasche?“ Der Doktor kniff die Augen zu, Und klimpert' in der Tasche. Dann gieng es weiter: „denkst du dort? Und denkst du dies? und Jenes?“ Die Bilder wogten lustig fort, Viel Herzliches und Schönes. Wie Abendroth zog in's Gemach Ein frischer Jugendodem, Und überhauchte nach und nach Der Pillenschachteln Brodem. Am nächsten Morgen hat man kaum Den Doktor mögen kennen, Man sah ihn lächeln wie im Traum Und seine Wangen brennen; Im heiligen Studiercloset Hört' man die Gläser klingen, Und ein mistöniges Duett Aus Uhukehlen dringen. Nicht litt am Blute mehr der Mann, Am Podagra und Grieße; Sah er den dürren Franzel an, So schien er sich ein Riese; Hat er den Franzel angesehn Mit seinem Gulden täglich, So mußt er selber sich gestehn, Es geh' ihm ganz erträglich. Doch als der dritte Tag entschwand, Da sah man auch die Beiden Betrübten Auges stehn am Strand, Und wieder hieß es — Scheiden. — „Leb' wohl, Emanuel, leb' wohl!“ — — „Leb' wohl, du alte Seele!“ Und die „Stadt Leyden“ rauschte hohl Durch Dunst und Wogenschwehle. Drei Monde hat das Jahr gebracht, Seit Franzel ist geschieden, Mit ihm des Hypochonders Macht; Der Dokter lebt in Frieden. Und will der Dämon hier und dort Sich schleichend offenbaren, So geht er an des Rheines Bord Und sieht „Stadt Leyden“ fahren. Die Schmiede. Wie kann der alte Aepfelbaum So lockre Früchte tragen, Wo Mistelbüsch' und Mooses Flaum Aus jeder Ritze ragen? Halb todt, halb lebend, wie ein Prinz In einem Ammenmährchen, Die eine Seite voll Gespinns, Wurmfraß und Flockenhäärchen, Langt mit der andern, üppig roth, Er in die Funkenreigen, Die knatternd aus der Schmiede Schlot Wie Sternraketen steigen; Ein zweiter Scävola hält Jahr Auf Jahr er seine Rechte Der Glut entgegen, die kein Haar Zu sengen sich erfrechte. Und drunten geht es Pink und Pank, Man hört die Flamme pfeifen, Es keucht der Balg aus hohler Flank' Und bildet Aschenstreifen; Die Kohle knallt und drüber dicht, Mit Augen wie Pyropen, Beugt sich das grimmige Gesicht Des rußigen Cyklopen. Er hält das Eisen in die Glut Wie eine arme Seele, Es knackt und spritzet Funkenblut Und dunstet blaue Schwehle. Dann auf dem Ambos, Schlag an Schlag, Läßt es sein Weh erklingen, Bis nun gekrümmt in Zorn und Schmach Es kreucht zu Hufes Ringen. Des alten Pfarrers Woche. Sonntag . Das ist nun so ein schlimmer Tag, Wie der April ihn bringen mag Mit Schlacken, Schnee und Regen. Zum drittenmal in das Gebraus Streckt Jungfer Anne vor dem Haus Ihr kupfern Blendlaternchen aus, Und späht längs allen Wegen. „Wo nur der Pfarrer bleiben kann? Ach, sicher ist dem guten Mann Was über'n Weg gefahren! Ein Pfleger wohl, der Rechnung macht. — Aus war der Gottesdienst um acht: Soll man so streifen in der Nacht Bei Gicht und grauen Haaren!“ Sie schließt die Thüre, schüttelt baß Ihr Haupt und wischt am Brillenglas; So gut dünkt ihr die Stube; Im Ofen kracht's, der Lampenschein Hellt über'm Tisch den Sonntagswein, Und lockend lädt der Sessel ein Mit seiner Kissengrube. Pantoffeln, — Schlafrock, — alles recht! Sie horcht auf's neu; doch hört sie schlecht, Es schwirrt ihr vor den Ohren. „Wie? hat's geklingelt? ei der Daus, Zum Zweitenmale! schnell hinaus!“ Da tritt der Pfarrer schon in's Haus, Ganz blau und steif gefroren. Die Jungfrau blickt ein wenig quer, Begütigend der Pfarrer her, Wie's recht in diesem Orden. Dann hustet er. „Nicht Mond noch Stern! Der lahme Friedrich hört doch gern Ein christlich Wort am Tag des Herrn, Es ist mir spät geworden!“ Nun sinkt er in die Kissen fest, Wirft ab die Kleider ganz durchnäßt, Und schlürft der Traube Segen. Ach Gott! nur wer jahraus, jahrein In And'rer Dienste lebt allein, Weiß was es heißt, bei'm Sonntagswein Sich auch ein wenig pflegen. Montag. „Wenn ich Montags früh erwache, Wird mir's ganz behaglich gleich; Montag hat so eigne Sache In dem kleinen Wochenreich. Denn die Predigt liegt noch ferne, Alle Sorgen scheinen leicht; Keiner kömmt am Montag gerne, Sey's zur Trauung, sey's zur Beicht.“ „Und man darf mir's nicht verdenken, Will ich in des Amtes Frist Dem ein freies Stündchen schenken, Was doch auch zu loben ist. So erwacht denn, ihr Gesellen Meiner fleiß'gen Jugendzeit! Wollt' in Reih' und Glied euch stellen, Alte Bilder, eingeschneit!“ „Ilion will ich bekriegen, Mit Horaz auf Reisen geh'n, Will mit Alexander siegen Und an Memnons Säule steh'n. Oder auch vergnügt ergründen, Was das Vaterland gebracht, Mich mit Kant und Wolf verbünden, Zieh'n mit Laudon in die Schlacht.“ Auf der Bücherleiter traben Sieh den Pfarrer, lustentbrannt, Sich verschanzen, sich vergraben Unter Heft und Foliant. Blättern sieh ihn — nicken — spüren — Ganz versunken sitzen dann, Daß mit einer Linie rühren Du das Buch magst und den Mann. Doch was kann ihn so bewegen? Aufgeregt scheint sein Gehirn! Und das Käppchen ganz verwegen Drückt er hastig in die Stirn. Nun beginnt er gar zu pfeifen, Horch! das Lied vom Prinz Eugen; Seinen weisen Busenstreifen Seh' ich auf und niedergehn. Ha, nun ist der Türk geschlagen! Und der Pfarrer springt empor, Höher seine Brauen ragen, Senkrecht steht sein Pfeifenrohr. Im Triumph muß er sich denken Mit dem Kaiser und dem Staat, Sieht sich selbst den Säbel schwenken, Fühlt sich selber als Soldat. Aber draußen klappern Tritte, Nach dem Pfarrer fragt es hell, Der, aus des Gefechtes Mitte, Huscht in seinen Sessel schnell. „Ei! das wären saub're Kunden! Beichtkind und Kommunikant! Hättet ihr den Pfarr' gefunden Mit dem Säbel in der Hand!“ Dienstag . Auf der breiten Tenne drehn Paar an Paar so nett, Wo die Musikanten stehn, Geig und Klarinett, — Auch der Brummbaß rumpelt drein, Sieht man noch den Bräut'gamsschrein Und das Hochzeitbett. Etwas eigen, etwas schlau, Und ein wenig bleich, Sittsam sieht die junge Frau, Würdevoll zugleich; Denn sie ist des Hauses Sproß, Denn sie führt den Eh'genoß In ihr Erb' und Reich. Sippschaft ist ein weites Band, Geht gar viel hinein; Hundert Kappen goldentbrannt, Kreuze funkeln drein; Wie das drängt und wie das schiebt! Was sich kennt und was sich liebt Will beisammen seyn. Nun ein schallend Vivat bricht In dem Schwarme aus, Wo sogar die Thiere nicht Weigern den Applaus. Ja, wie an der Krippe fein Brüllen Ochs und Eselein Ueber'n Trog hinaus. Ganz verdutzt der junge Mann Kaum die Flasche hält, Spässe hageln drauf und dran, Keiner neben fällt; Doch er lacht und reicht die Hand. Nun! er ist für seinen Stand Schon ein Mann von Welt. Alte Frauen schweißbedeckt, Junge Mägd' im Lauf, Spenden was der Korb verdeckt, Reihen ab und auf. Sieben Tische kann man sehn, Sieben Kaffeekessel stehn Breit und glänzend drauf. Aber freundlich, wie er kam, Sucht der Pfarrer gut Drüben unter tausend Kram Seinen Stab und Hut; Dankt noch schön der Frau vom Haus; In die Dämmerung hinaus Trabt er wohlgemuth; Wandelt durch die Abendruh' Sinnend allerlei: „Ei, dort gieng es löblich zu, Munter, und nicht frei. Aber — aber — aber doch —“ Und ein langes Aber noch Fügt er seufzend bei. „Wie das flimmert! wie das lacht! Kanten Händebreit!“ Ach die schnöde Kleiderpracht Macht ihm tausend Leid. Und nun gar — er war nicht blind — Eines armen Mannes Kind; Nein, das gieng zu weit. Kurz, er nimmt sich's ernstlich vor, Heut und hier am Steg, — Ja, an der Gemeinde Ohr, Wächter treu und reg, Will er's tragen ungescheut; O er findet schon die Zeit Und den rechten Weg. Mittwoch. Begleitest du sie gern Des Pfarrers Lust und Plagen: Sich gleich an allen Tagen Triffst du den frommen Herrn. Der gute Seelenhirt! Tritt über seine Schwelle; Da ist er schon zur Stelle Als des Kollegen Wirth. In wohlgemeinten Sorgen, Wie er geschäftig thut! Doch dämmert kaum der Morgen, Dies eben dünkt ihm gut. Am Abend kam der Freund Erschöpft nach Art der Gäste; Nun säubre man auf's Beste, Daß alles nett erscheint. Schon strahlt die große Kanne, Die Teller blitzen auf; Noch scheuert Jungfer Anne, Und horcht mitunter auf. Ach, sollte sie der Gast Im alten Jäckchen finden: Sie müßte ganz verschwinden Vor dieser Schande Last. Und was zur Hand thut stehen, Das reizt den Pfarrer sehr, Die Jungfer wird's nicht sehen, Er macht sich drüber her; Die Schlaguhr greift er an Mit ungeschickten Händen, Und sucht sie sacht zu wenden; Der übermüth'ge Mann! Schleppt Foliantenbürde, Putzt Fensterglas und Tisch; Fürwahr mit vieler Würde Führt er den Flederwisch. v . Droste - Hülshof , Gedichte. 16 Am Paradiesesbaum Die Blätter zart aus Knochen, Eins hat er schon zerbrochen, Jedoch man sieht es kaum. Und als er just in Schatten Die alte Klingel stellt — Es kömmt ihm wohl zu statten — Da rauscht es draußen, gelt! Fidel schlägt an in Hast, Die Jungfer ist geflüchtet, Und stattlich aufgerichtet Begrüßt der Pfarr' den Gast. Wie dem so wohl gefallen Die Aussicht und das Haus, Wie der entzückt von allen, Nicht Worte drücken's aus! Ich sag' es ungenirt, Sie kamen aus den Gleisen, Sich Ehre zu erweisen, Der Gast und auch der Wirth. Und bei dem Mittagessen, Das man vortrefflich fand, Da ward auch nicht vergessen Der Lehr- und Ehrenstand. Ich habe viel gehört, Doch nichts davon getragen, Nur dieses mag ich sagen, Sie sprachen sehr gelehrt. Und sieh nur! drüben schreitet Der gute Pfarrer just, Er hat den Gast geleitet Und spricht aus voller Brust: „Es ist doch wahr! mein Haus, So nett und blank da droben, Ich muß es selber loben, Es nimmt sich einzig aus.“ Donnerstag . Winde rauschen, Flocken tanzen, Jede Schwalbe sucht das Haus, Nur der Pfarrer unerschrocken Segelt in den Sturm hinaus. Nicht zum besten sind die Pfade, Aber leidlich würd' es seyn, Trüg er unter seinem Mantel Nicht die Aepfel und den Wein. Ach, ihm ist so wohl zu Muthe, Daß dem kranken Zimmermann Er die längst gegönnte Gabe Endlich einmal bieten kann. Immer muß er heimlich lachen, Wie die Anne Aepfel las, Und wie er den Wein stipitzte, Während sie im Keller saß. Längs des Teiches sieh ihn flattern, Wie er rudert, wie er streicht, Kann den Mantel nimmer zwingen Mit den Fingern starr und feucht. Oefters aus dem trüben Auge Eine kalte Zähre bricht, Wehn ihm seine grauen Haare Spinnenwebig um's Gesicht. Doch Gottlob! da ist die Hütte, Und nun öffnet sich das Haus, Und nun keuchend auf der Tenne Schüttet er die Federn aus. Ach wie freut der gute Pfarrer Sich am blanken Feuerschein! Wie geschäftig schenkt dem Kranken Er das erste Gläschen ein. Setzt sich an des Lagers Ende, Stärkt ihm bestens die Geduld, Und von seinen frommen Lippen Einfach fließt das Wort der Huld. Wenn die abgezehrten Hände Er so fest in seine schließt, Anders fühlt sich dann der Kranke, Meint, daß gar nichts ihn verdrießt. Mit der Einfalt, mit der Liebe Schmeichelt er die Seele wach, Kann an jedes Herz sich legen, Sey es kraftvoll oder schwach. Aber draußen will es dunkeln, Draußen tröpfelt es vom Dach; — Lange sehn ihm nach die Kinder, Und der Kranke seufzt ihm nach. Freitag. Zu denken in gestandnen Tagen Der Sorge, die so treulich sann, Der Liebe, die ihn einst getragen, Wohl ziemt es jedem Ehrenmann. Am Lehrer alt, am Schüler mild Magst du nicht selten es gewahren; Und sind sie beide grau von Haaren, Um desto werther ist das Bild. Zumeist dem Priester wird beschieden Für frühe Treue dieser Lohn; Nicht einsam ist des Alters Frieden, Der Zögling bleibt sein lieber Sohn. Ja was erstarrt im Lauf der Zeit, Und wehrt dem Neuen einzudringen, Des Herzens steife Flechsen schlingen Sich fester um Vergangenheit. So läßt ein wenig Putz gefallen Sich heut der gute Pfarrer gern, Das span'sche Rohr, die Silberschnallen, Denn heute gehts zum jungen Herrn . Der mag in reifen Jahren stehn, Da ihn erwachsne Kinder ehren, Allein das kann den Pfarr' nicht stören, Der ihn vor Zeiten klein gesehn. Still wandelnd durch des Parkes Linden, In deren Schutz das Veilchen blüht, Der Alte muß es freundlich finden, Daß man so gern ihn Freitags sieht; Er weiß, dem Junker sind noch frisch Die lieben längst entschwundnen Zeiten, Und seines Lehrers schwache Seiten, Ein Gläschen Wein, ein guter Fisch. Schon tritt er in des Thores Halle; Da, wie aus reifem Erbsenbeet Der Spatzen Schaar, so hinterm Walle Hervor es flattert, lacht und kräht; Der kleinen Junker wilde Schaar, Die still gelauscht im Mauerbogen, Und nun den Pfarrer so betrogen, So überrumpelt ganz und gar. Das stürmt auf ihn von allen Seiten, Das klammert überall sich an; Fürwahr mühselig muß er schreiten Der müde und geduld'ge Mann. Jedoch er hat sie allzugern, Die ihn so unbarmherzig plagen, Und fast zu viel läßt er sie wagen, Die junge Brut des jungen Herrn. Wie dann des Hauses Wirth sich freute, Der Mann mit früh ergrautem Haar, Nicht wich von seines Lehrers Seite, Und rückwärts ging um dreißig Jahr; Wie er in alter Zeiten Bann Nur flüsternd sprach nach Schüler Weise, Man sieht es an und lächelt leise, Doch mit Vergnügen sieht man's an. Und später beim Spazierengehen Die Beiden hemmen oft den Schritt, Nach jeder Blume muß man sehen, Und manche Pflanze wandert mit. Der Eine ist des Amtes bar, Nichts hat der Andre zu regieren; Sie gehn auf's Neu' botanisiren, Der Theolog und sein Scholar. Doch mit dem Abend naht das Scheiden, Man schiebt es auf, doch kömmt's heran, Die Kinder wollen's gar nicht leiden. Am Fenster steht der Edelmann Und spinnt noch lange, lange aus Vielfarb'ger Bilder bunt Gezwirne; Dann fährt er über seine Stirne, Und athmet auf und ist zu Haus. Samstag. Wie funkeln hell die Sterne, Wie dunkel scheint der Grund, Und aus des Teiches Spiegel Steigt dort der Mond am Hügel Grad um die elfte Stund'. Da hebt vom Predigthefte Der müde Pfarrer sich; Wohl war er unverdrossen, Und endlich ist's geschlossen, Mit langem Federstrich. Nun öffnet er das Fenster, Er trinkt den milden Duft, Und spricht: „Wer sollt es sagen, Noch Schnee vor wenig Tagen, Und dies ist Maienluft.“ Die strahlende Rotunde Sein ernster Blick durchspäht, Schon will der Himmelswagen Die Deichsel abwärts tragen. „Ja, ja es ist schon spät!“ Und als dies Wort gesprochen, Es fällt dem Pfarrer auf, Als müß' er eben deuten Auf sich der ganz zerstreuten, Arglosen Rede Lauf. Nie schien er sich so hager, Nie fühlt' er sich so alt, Als seit er heut begraben Den langen Moriz Raben, Den Förster dort vom Wald. Am gleichen Tag geboren, Getauft am gleichen Tag! Das ist ein seltsam Wesen, Und läßt uns deutlich lesen, Was wohl die Zeit vermag! Der Nacht geheimes Funkeln, Und daß sich eben muß, Wie Mondesstrahlen steigen, Der frische Hügel zeigen, Das Kreuz an seinem Fuß: Das macht ihn ganz beklommen, Den sehr betagten Mann, Er sieht den Flieder schwanken, Und längs des Hügels wanken Die Schatten ab und an. Wie oft sprach nicht der Todte Nach seiner Weise kühn: „Herr Pfarr', wir alten Knaben, Wir müssen sachte traben, Die Kirchhofsblumen blühn.“ „So mögen sie denn blühen!“ Spricht sanft der fromme Mann, Er hat sich aufgerichtet, Sein Auge, mild umlichtet, Schaut fest den Aether an. „Hast Du gesandt ein Zeichen Durch meinen eignen Mund, Und willst mich gnädig mahnen An unser Aller Ahnen, Uralten ew'gen Bund;“ „Nicht lässig sollst Du finden Den, der Dein Siegel trägt, Doch nach dem letzten Sturme“ — Da eben summt's vom Thurme, Und Zwölf die Glocke schlägt. — „Ja, wenn ich bin entladen Der Woche Last und Pein, Dann führe, Gott der Milde, Das Werk nach Deinem Bilde In Deinen Sonntag ein.“ Der Strandwächter am deutschen Meere und sein Neffe vom Lande. „Sieben Nächte stand ich am Riff Und hörte die Woge zerschellen, Taucht kein Segel, kein irres Schiff? Schon dunkelt's über den Wellen. Nimm das Nachtrohr, Neffe vom Land'! Ich will in die Matte mich strecken, Dröhnt ein Schuß oder flackert ein Brand, Dann zieh' an der Schnur, mich zu wecken.“ — „Schöner Platz, an der Lucke hier, Für einen unschuld'gen Privaten! Drunten die See, das wüste Gethier, Das Haye speit und Piraten. Von der Seeschlang' wüthigem Kampf Auch hat man Neues vernommen, Weiß der Himmel, ob nicht per Dampf In's deutsche Meer sie gekommen?“ „Ist's doch jetzt eine Wunderzeit, Wo Gletscher brennen wie Essen, Weiber turnieren im Männerkleid, Und Knaben die Ruthe vergessen. Jeder Wurm entfaltet sein Licht, Und jeder Narr seine Kappe, Also, Seele, wundre dich nicht, Wenn heute du stehst an der Klappe.“ „Vetter! ein Segel, ein Segel fürwahr, Ein Boot mit flatternden Streifen, Lichterchen dann, eine schwimmende Schaar, Die unter den Flanken ihm schweifen! Schau, nun schleichen sie alle seitab, Nun wechseln sie hüben und drüben —“ „'S ist eine Fischerflotte, mein Knab', Sind nur Leute die fischen im Trüben.“ — „Wie das Wasser kräuselt und rennt, Und wie die Kämme ihm flittern! Vetter, ob wohl die Düne brennt? Ich höre das Seegras knittern.“ — „Dünste, mein Junge, nur Phosphorlicht, Vermoderte Quallen und Schnecken, Laß sie leuchten, sie zünden nicht, Und morgen sind's grünliche Flecken.“ — „Dort kein Räuber? kein Feuer hier? Ich hätt' es für Beides genommen. Wetter! ist doch die Welle mir Schier über den Tubus geschwommen. Welch' ein Leben, so angerannt Auf nackter Düne zu wohnen! Und die schnarchenden Robben am Strand, — Man meint es seyen Kanonen!“ „Schläft der Alte in gutem Muth, Und läßt mich allein mit dem Spucke, Und mir ist als steige die Fluth, Und bäume sich gegen die Lucke. Wahrlich, Vetter, es schäumt und schwemmt, Es brüllt um der Klippe Zinken!“ — „Ruhig, mein Junge, die Springfluth kömmt, Laß sie steigen, sie wird schon sinken.“ — „Gut dann, gut, ihr wißt es auf's Best', Ihr müßt die Sache verstehen. Hab' ich doch nie solch bedenkliches Nest Wie diese Baracke gesehen. Und die Wolken schleifen so schwer, Als schleppten sie Stürme in Säcken, Jene dort, mit dem fackelnden Speer, Scheint gar 'ne Posaune zu strecken.“ „Was! sie dröhnt? welch gräulicher Schall! Die Welle bäumt sich entgegen, Tosend und schwarz der ringelnde Wall Will an den Trichter sich legen; Ha, es knallt — es flattert und streut — Wo war's? wo ist es gewesen? Wind und Schaum! — was hab' ich doch heut Von der Wasserhose gelesen?“ „Aber dort, — ein Segel in See, Ist's aus der Welle gestiegen? Grad entgegen der sausenden Bö Scheint's über die Brandung zu fliegen. Vetter, schnell von der Matte herab! Ein Schiff gegen Winde und Wellen!“ „Gieb das Nachtrohr, Knabe, — seitab! Ich will an die Lucke mich stellen.“ „Gnad' uns Gott, am Deck zerstreut, Umhuscht von gespenstigen Lichtern, Welche Augen, so hohl und weit, In den fahlen verlebten Gesichtern! Hörtest vom Geisterschiffe du nicht, Von den westlichen Todesladern? Modernde Larve ihr Angesicht, Und Schwefel statt Blut in den Adern,“ „Mag die ehrliche deutsche See Vom Schleim der Molluske sich röthen, Springfluth brausen, zischen die Bö, Und die Wasserhose trompeten, Drunten, drunten ist's klar und licht, Wie droben die Wellen gebahren. Mögen wir nur vor dem fremden Gezücht, Vor dem Geisterjanhagel uns wahren!“ Das Eselein. Auf einem Wiesengrund gieng einmal Ein muntres Rößlein weiden, Ein Schimmelchen war's, doch etwas fahl, Sein Aeußeres nenn' ich bescheiden, Das schlechtste und auch das beste nicht, Wir wollen nicht drüber zanken, Doch hatt' es ein klares Augenlicht Und starke geschmeidige Flanken. In selbem Grunde schritt oft und viel Ein edler Jüngling spazieren, Hinter jedem Ohre ein Federkiel, Das thät ihn wunderbar zieren! Am Rücken ein Gänseflügelpaar, Die thäten rauschen und wedeln, Und wißt, seine göttliche Gabe war, Die schlechte Natur zu veredeln. Den Tropfen der seiner Stirne entrann, Den soll wie Perle man fassen, Ach, ohne ihn hätte die Sonne man So simpelhin scheinen lassen, Und ohne ihn wäre der Wiesengrund Ein nüchterner Anger geblieben, Ein Quellchen blank, ein Hügelchen rund, Und eine Handvoll Maslieben! Er aber fing in Spiegel den Stral, Und ließ ihn zucken wie Flammen, Die ruppigen Gräser strich er zumal Und flocht sie sauber zusammen, An Steinen schleppt er sich krank und matt, Für ein Ruinchen am Hügel, Dem Hasen kämmt' er die Wolle glatt Und frisirt' den Mücken die Flügel. So hat er mit saurem Schweiß und Müh' Das ganz Gemeine verbessert, Und klareres Wasser fand man nie, Als wo er schaufelt' und wässert', Und wie's nun aller Edlen Manier, Sich mild und nobel zu zeigen, So, seys Gestein, Mensch, oder Thier, Er gab ihm von seinem Eigen. Einst saß er mit seinem Werkgeräth, Mit Scheere, Pinsel und Flasche, In der eine schwärzliche Lymphe steht, Mit Spiegel, Feder und Tasche; Er saß und lauschte wie in der Näh Mein Schimmelchen galoppiret; Auf dem Finger pfiff er: „Pst, Pferdchen, he!“ Und wacker kam es trottiret. Dann sprach der Edle: „du wärst schon gut, 'Ne passable Rozinante, Nähm ich dich ernstlich in meine Hut, Daß ich den Koller dir bannte; Ein leiser Traber — ein schmuckes Thier — Ein unermüdeter Wandrer! Kurz, wenig wüßt' ich zu rügen an dir, Wärst du nur völlig ein Andrer.“ „Drum sey verständig, trab' heran, Und laß mich ruhig gewähren, Und sollt's dich kneipen, nicht zuck' mir dann, Du weißt, oft zwicken die Scheeren.“ Mein Schimmelchen stutzt, es setzt seitab, Ein paarmal rennt es in Kreisen, Dann sachte trabt es den Anger hinab, Dann stand es still vor dem Weisen. Der sprach: „dein Ohr — ein armer Stumpf! Armselig bist du geboren! Commandowort und der Siegstriumph, Das geht dir Alles verloren.“ Drauf rüstig setzt er die Zangen an, Und zerrt' und dehnte an Beiden; Mein Schimmelchen ächzt, und dachte dann: „O wehe, Hoffart muß leiden!“ „Auch deine Farbe — erbärmlich schlecht! Nicht blank und dennoch zu lichte, Nicht für die romantische Dämmrung recht Und nicht für die klare Geschichte.“ Drauf emsig langt' er den Pinsel her, Und mischte Schwarz zu dem Weißen; Mein Schimmelchen zuckt, es juckt ihn sehr, Doch dacht' es: „wie werd' ich gleißen!“ v . Droste-Hülshof , Gedichte. 17 „Und gar dein Schweif — unseliges Vieh! Der flattert und schlenkert wie Segel, Ich wette, du meinst dich ein Kraftgenie, Und scheinst doch Andern ein Flegel.“ Drauf mit der Scheere, Gang an Gang, Beginnt er hurtig zu zwicken, Hinauf, hinunter die Wurzel entlang, Von der Kuppe bis an den Rücken. Dann spricht er freudig: „mein schmuckes Thier, Mein Zelter edel wie Keiner!“ Und eilends langt er den Spiegel herfür: „Nun sieh, und freue dich deiner! Nun bist ein Paraderößlein, baß Wie Eines von Münster bis Wesel.“ Der Schimmel blinzt, und schaut in's Glas, — O Himmel, da war er ein Esel! Die beste Politik. Von Allem was zu Leid und Frommen Bisher das Leben mir gebracht, Ist Manches unverhofft gekommen, Und Manches hatt’ ich überdacht; Doch seltsam! wo ich schlau und fein Mich abgesorgt zu grauen Haaren, Da bin ich meistens abgefahren, Und Unverhofftes schlug mir ein. Ein Jeder kömmt doch gern zu Brode, Doch blieben mir die Gönner kalt, That ich gleich klein wie eine Lode Gen einen macht’gen Eichenwald; Und nur der ärmliche Student, Bei dem ich manche Nacht verwachte, Als Mangel ihn auf’s Lager brachte, Der dachte mein als Präsident. Den Frauen will man auch gefallen, — Zumal sieht man nicht übel aus, — In die Salons sah man mich wallen, Verschmitzt hinein, verdutzt heraus; Und nur die täglich recht und schlicht Mich wandeln sah im eignen Hause, Die trug in meine kleine Klause Des Lebens süßestes Gedicht. Auch Ruhm ist gar ein scharfer Köder, Ich habe manchen Tag verschwitzt, Verschnitzelt hab' ich manche Feder, Und bin doch schmählich abgeblitzt; Und nur als ich, entmuthigt ganz, Gedanken flattern ließ wie Flocken, Da plötzlich fiel auf meine Locken Ein junger frischer Lorbeerkranz. So hab' aus Allem ich gezogen Das treue Facit mir zuletzt, Daß dem das Glück zumeist gewogen, Der es am mindesten gehetzt; Und daß, wo Wirken ein Geschick Nach eigner Willkür kann bereiten, Nur Offenheit zu allen Zeiten Die allerbeste Politik. Balladen. Der Graf von Thal. I . Das war der Graf von Thal, So ritt an der Felsenwand; Das war sein ehlich Gemahl, Die hinter dem Steine stand. Sie schaut' im Sonnenstral Hinunter den linden Hang, „Wo bleibt der Graf von Thal? „Ich hört' ihn doch reiten entlang!“ „Ob das ein Hufschlag ist? „Vielleicht ein Hufschlag fern? „Ich weiß doch wohl ohne List, „Ich hab' gehört meinen Herrn!“ Sie bog zurück den Zweig. „Bin blind ich oder auch taub?“ Sie blinzelt' in das Gesträuch, Und horcht' auf das rauschende Laub. Oed' war's, im Hohlweg leer, Einsam im rispelnden Wald; Doch über'm Weiher, am Wehr, Da fand sie den Grafen bald. In seinen Schatten sie trat. Er und seine Gesellen, Die flüstern und halten Rath, Viel lauter rieseln die Wellen. Sie starrten über das Land, Genau sie spähten, genau, Sahn jedes Zweiglein am Strand, Doch nicht am Wehre die Frau. Zur Erde blickte der Graf, So sprach der Graf von Thal: „Seit dreizehn Jahren den Schlaf „Rachlose Schmach mir stahl.“ „War das ein Seufzer lind? „Gesellen, wer hat's gehört?“ Sprach Kurt: „Es ist nur der Wind, „Der über das Schilfblatt fährt.“ — „So schwör' ich bei'm höchsten Gut, „Und wär's mein ehlich Weib, „Und wär's meines Bruders Blut, „Viel minder mein eigner Leib:“ „Nichts soll mir wenden den Sinn, „Daß ich die Rache ihm spar'; „Der Freche soll werden inn', „Zins tragen auch dreizehn Jahr'.“ „Bei Gott! das war ein Gestöhn!“ Sie schossen die Blicke in Hast. Sprach Kurt: „Es ist der Föhn, „Der macht seufzen den Tannenast.“ — „Und ist sein Aug' auch blind, „Und ist sein Haar auch grau, „Und mein Weib seiner Schwester Kind —“ Hier that einen Schrei die Frau. Wie Wetterfahnen schnell Die Dreie wendeten sich. „Zurück, zurück, mein Gesell! „Dieses Weibes Richter bin ich.“ „Hast du gelauscht, Allgund? „Du schweigst, du blickst zur Erd'? „Das bringt dir bittre Stund'! „Allgund, was hast du gehört?“ — „„Ich lausch' deines Rosses Klang, „„Ich späh' deiner Augen Schein, „„So kam ich hinab den Hang. „„Nun thue was Noth mag seyn.““ — „O Frau!“ sprach Jakob Port, „Da habt ihr schlimmes Spiel! „Grad' sprach der Herr ein Wort, „Das sich vermaß gar viel.“ Sprach Kurt: „Ich sag' es rund, „Viel lieber den Wolf im Stall, „Als eines Weibes Mund „Zum Hüter in solchem Fall.“ Da sah der Graf sie an, Zu Einem und zu Zwei'n; Drauf sprach zur Fraue der Mann: „Wohl weiß ich, du bist mein.“ „Als du gefangen lagst „Um mich ein ganzes Jahr, „Und keine Sylbe sprachst: „Da ward deine Treu' mir klar.“ „So schwöre mir denn sogleich: „Sey's wenig oder auch viel, „Was du vernahmst am Teich, „Dir sey's wie Rauch und Spiel.“ „Als seye nichts gescheh'n, „So muß ich völlig meinen; „Darf dich nicht weinen seh'n, „Darfst mir nicht bleich erscheinen.“ „Denk' nach, denk' nach, Allgund! „Was du verheißen Noth. „Die Wahrheit spricht dein Mund, „Ich weiß, und brächt' es Tod.“ Und konnte sie sich besinnen, Verheißen hätte sie's nie; So war sie halb von Sinnen, Sie schwur, und wußte nicht wie. II . Und als das Morgengrau In die Kemnate sich stahl: Da hatte die werthe Frau Geseufzt schon manches Mal; Manch Mal gerungen die Hand, Ganz heimlich wie ein Dieb; Roth war ihrer Augen Rand, Todtblaß ihr Antlitz lieb. Drei Tage kredenzt' sie den Wein, Und saß bei'm Mahle drei Tag', Drei Nächte in steter Pein In der Waldkapelle sie lag. Wenn er die Wacht besorgt, Der Thorwart sieht sie gehn, Im Walde steht und horcht Der Wilddieb dem Gestöhn'. Am vierten Abend sie saß An ihres Herren Seit', Sie dreht' die Spindel, er las, Dann sahn sie auf, alle beid'. „Allgund, bleich ist dein Mund!“ „„Herr, 's macht der Lampe Schein.““ „Deine Augen sind roth, Allgund!“ „„'S drang Rauch vom Heerde hinein.““ „„Auch macht mir's schlimmen Muth, „„Daß heut vor fünfzehn Jahren „„Ich sah meines Vaters Blut; „„Gott mag die Seele wahren!““ „„Lang ruht die Mutter im Dom, „„Sind Wen'ge mir verwandt, „„Ein' Muhm' noch und ein Ohm: „„Sonst ist mir keins bekannt.““ Starr sah der Graf sie an: „Es steht dem Weibe fest, „Daß um den ehlichen Mann „Sie Ohm und Vater läßt.“ „„Ja, Herr! so muß es seyn. „„Ich gäb' um Euch die zweie, „„Und mich noch obendrein, „„Wenn's seyn müßt', ohne Reue.““ „„Doch daß nun dieser Tag „„Nicht gleich den andern sey, „„Les't, wenn ich bitten mag, „„Ein Sprüchlein oder zwei.““ Und als die Fraue klar Darauf das heil'ge Buch Bot ihrem Gatten dar, Es auf von selber schlug. Mit Einem Blicke er maß Der nächsten Sprüche einen; „Mein ist die Rach'“, er las; Das will ihm seltsam scheinen. Doch wie so fest der Mann Auf Frau und Bibel blickt, Die saß so still und spann, Dort war kein Blatt geknickt. Um ihren schönen Leib Den Arm er düster schlang: „So nimm die Laute, Weib, „Sing' mir einen lust'gen Sang!“ „„O Herr! mag's euch behagen, „„Ich sing' ein Liedlein werth, „„Das erst vor wenig Tagen „„Mich ein Minstrel gelehrt.““ „„Der kam so matt und bleich, „„Wollt' nur ein wenig ruh'n, „„Und sprach, im oberen Reich „„Sing' man nichts Anderes nun.““ Drauf, wie ein Schrei verhallt, Es durch die Kammer klingt, Als ihre Finger kalt Sie an die Saiten bringt. „Johann! Johann! was dachtest du „An jenem Tag, „Als du erschlugst deine eigne Ruh' „Mit Einem Schlag? „Verderbtest auch mit dir zugleich „Deine drei Gesellen; „O, sieh nun ihre Glieder bleich „Am Monde schwellen! „Weh dir, was dachtest du Johann „Zu jener Stund'? „Nun läuft von dir verlornem Mann „Durch's Reich die Kund'! „Ob dich verbergen mag der Wald, „Dich wird's ereilen; „Horch nur, die Vögel singen's bald, „Die Wölf' es heulen! „O weh! das hast du nicht gedacht, „Johann! Johann! „Als du die Rache wahr gemacht „Am alten Mann. „Und wehe! nimmer wird der Fluch „Mit dir begraben, „Dir, der den Ohm und Herrn erschlug, „Johann von Schwaben!“ Aufrecht die Fraue bleich Vor ihrem Gatten stand, Der nimmt die Laute gleich, Er schlägt sie an die Wand. Und als der Schall verklang, Da hört man noch zuletzt, Wie er die Hall' entlang Den zorn'gen Fußtritt setzt. III . Von heut am siebenten Tag' Das war eine schwere Stund', Als am Balkone lag Auf ihren Knien Allgund. Laut waren des Herzens Schläge: „O Herr! erbarme dich mein, „Und bracht' ich Böses zuwege, „Mein sey die Buß' allein.“ Dann beugt sie tief hinab, Sie horcht und horcht und lauscht: Vom Wehre tos't es herab, Vom Forste drunten es rauscht. War das ein Fußtritt? nein! Der Hirsch setzt über die Kluft. Sollt' ein Signal das seyn? Doch nein, der Auerhahn ruft. „O mein Erlöser, mein Hort! „Ich bin mit Sünde beschwert, „Sey gnädig und nimm mich fort, „Eh' heim mein Gatte gekehrt.“ „Ach, wen der Böse umgarnt, „Dem alle Kraft er bricht! „Doch hab' ich ja nur gewarnt, „Verrathen, verrathen ja nicht!“ „Weh! das sind Rossestritte.“ Sie sah sie fliegen durch's Thal Mit wildem grimmigen Ritte, Sie sah auch ihren Gemahl. Sie sah ihn dräuen, genau, Sie sah ihn ballen die Hand: Da sanken die Knie der Frau, Da rollte sie über den Rand. Und als zum Schlimmen entschlossen Der Graf sprengt' in das Thor, Kam Blut entgegen geflossen, Drang unter'm Gitter hervor. Und als er die Hände sah falten Sein Weib in letzter Noth, Da konnt' er den Zorn nicht halten, Bleich ward sein Gesicht so roth. „Weib, das den Tod sich erkor!“ — „'S war nicht mein Wille“ sie sprach, Noch eben bracht' sie's hervor. „Weib, das seine Schwüre brach!“ Wie Abendlüfte verwehen Noch einmal haucht sie ihn an: „Es mußt' eine Sünde geschehen — „Ich hab' sie für dich gethan!“ v . Droste-Hülshof , Gedichte. 18 Der Tod des Erzbischofs Engelbert von Cöln. I . Der Anger dampft, es kocht die Ruhr, Im scharfen Ost die Halme pfeifen, Da trabt es sachte durch die Flur, Da taucht es auf wie Nebelstreifen, Da nieder rauscht es in den Fluß, Und stemmend gen der Wellen Guß Es fliegt der Bug, die Hufe greifen. Ein Schnauben noch, ein Satz, und frei Das Roß schwingt seine nassen Flanken, Und wieder eins, und wieder zwei, Bis fünf und zwanzig stehn wie Schranken: Voran, voran durch Haid und Wald, Und wo sich wüst das Dickicht ballt, Da brechen knisternd sie die Ranken. Am Eichenstamm, im Ueberwind, Um einen Ast den Arm geschlungen, Der Isenburger steht und sinnt Und naget an Erinnerungen. Ob er vernimmt, was durch's Gezweig Ihm Rinkerad, der Ritter bleich, Raunt leise wie mit Vögelzungen? „Graf, flüstert es, Graf haltet dicht, Mich dünkt, als woll' es euch bethören; Bei Christi Blute, laßt uns nicht Heim wie gepeitschte Hunde kehren! Wer hat gefesselt eure Hand, Den freien Stegreif euch verrannt?“ — Der Isenburg scheint nicht zu hören. „Graf, flüstert es, wer war der Mann, Dem zu dem Kreuz die Rose Zu (dem Kreuz) Cöln die Rose (das Wappen von)Berg, dessen Besitz Engelbert dem Bruder von Isenburgs Gemalin vorenthielt. paßte? Wer machte euren Schwätzer dann In seinem eignen Land zum Gaste? Und, Graf, wer höhnte euer Recht, Wer stempelt euch zum Pfaffenknecht?“ — Der Isenburg biegt an dem Aste. „Und wer, wer hat euch zuerkannt, Im härnen Sünderhemd zu stehen, Die Schandekerz' in eurer Hand, Und alte Vetteln anzuflehen Um Kyrie und Litaney!?“ — Da krachend bricht der Ast entzwei Und wirbelt in des Sturmes Weben. Spricht Isenburg: „mein guter Fant, Und meinst du denn ich sey begraben? O laß mich nur in meiner Hand — Doch ruhig, still, ich höre traben!“ Sie stehen lauschend, vorgebeugt; Durch das Gezweig der Helmbusch steigt Und flattert drüber gleich dem Raben. II . Wie dämmerschaurig ist der Wald An neblichten Novembertagen, Wie wunderlich die Wildniß hallt Von Astgestöhn und Windesklagen! „Horch, Knabe, war das Waffenklang?“ — „Nein, gnäd'ger Herr! ein Vogel sang, Von Sturmesflügeln hergetragen.“ — Fort trabt der mächtige Prälat, Der kühne Erzbischof von Cöllen, Er, den der Kaiser sich zum Rath Und Reichsverweser mochte stellen, Die ehrne Hand der Clerisey, — Zwei Edelknaben, Reis'ger zwei, Und noch drei Aebte als Gesellen. Gelassen trabt er fort, im Traum Von eines Wunderdomes Schöne, Auf seines Rosses Hals den Zaum, Er streicht ihm sanft die dichte Mähne, Die Windesodem senkt und schwellt; — Es schaudert, wenn ein Tropfen fällt Von Ast und Laub, des Nebels Thräne. Schon schwindelnd steigt das Kirchenschiff, Schon bilden sich die krausen Zacken — Da, horch, ein Pfiff und hui, ein Griff, Ein Helmbusch hier, ein Arm im Nacken! Wie Schwarzwildrudel bricht's heran, Die Aebte fliehn wie Spreu, und dann Mit Reisigen sich Reis'ge packen. Ha, schnöder Straus! zwei gegen zehn! Doch hat der Fürst sich losgerungen, Er peitscht sein Thier und mit Gestöhn Hat's über'n Hohlweg sich geschwungen; Die Gerte pfeift — „Weh, Rinkerad!“ — Vom Rosse gleitet der Prälat Und ist in's Dickicht dann gedrungen. „Hussah, hussah, erschlagt den Hund, Den stolzen Hund!“ und eine Meute Fährt's in den Wald, es schließt ein Rund, Dann vor — und rückwärts und zur Seite; Die Zweige krachen — ha es naht — Am Buchenstamm steht der Prälat Wie ein gestellter Eber heute. Er blickt verzweifelnd auf sein Schwert, Er löst die kurze breite Klinge, Dann prüfend unter'n Mantel fährt Die Linke nach dem Panzerringe; Und nun wohlan, er ist bereit, Ja männlich focht der Priester heut, Sein Streich war eine Flammenschwinge. Das schwirrt und klingelt durch den Wald, Die Blätter stäuben von den Eichen, Und über Arm und Schädel bald Blutrothe Rinnen tröpfeln, schleichen; Entwaffnet der Prälat noch ringt, Der starke Mann, da zischend dringt Ein falscher Dolch ihm in die Weichen. Ruft Isenburg: „es ist genug, Es ist zuviel!“ und greift die Zügel; Noch sah er wie ein Knecht ihn schlug, Und riß den Wicht am Haar vom Bügel. „Es ist zuviel, hinweg, geschwind!“ Fort sind sie, und ein Wirbelwind Fegt ihnen nach wie Eulenflügel. — — Des Sturmes Odem ist verrauscht, Die Tropfen glänzen an dem Laube, Und über Blutes Lachen lauscht Aus hohem Loch des Spechtes Haube; Was knistert nieder von der Höh' Und schleppt sich wie ein krankes Reh? Ach armer Knabe, wunde Taube! „Mein gnädiger, mein lieber Herr, So mußten dich die Mörder packen? Mein frommer, o mein Heiliger!“ Das Tüchlein zerrt er sich vom Nacken, Er drückt es auf die Wunde dort, Und hier und drüben, immerfort, Ach, Wund' an Wund' und blut'ge Zacken! „Ho, hollah ho!“ — dann beugt er sich Und späht, ob noch der Odem rege; War's nicht als wenn ein Seufzer schlich, Als wenn ein Finger sich bewege? — „Ho, hollah ho!“ — „Halloh, hoho!“ Schallt's wieder um, deß war er froh: „Sind unsre Reuter allewege!“ III . Zu Cöln am Rheine kniet ein Weib Am Rabensteine unter'm Rade, Und über'm Rade liegt ein Leib, An dem sich weiden Kräh' und Made; Zerbrochen ist sein Wappenschild, Mit Trümmern seine Burg gefüllt, Die Seele steht bei Gottes Gnade. Den Leib des Fürsten hüllt der Rauch Von Ampeln und von Weihrauchschwehlen — Um seinen qualmt der Moderhauch Und Hagel peitscht der Rippen Höhlen; Im Dome steigt ein Trauerchor, Und ein Tedeum stieg empor Bei seiner Qual aus tausend Kehlen. Und wenn das Rad der Bürger sieht, Dann läßt er rasch sein Rößlein traben, Doch eine bleiche Frau die kniet, Und scheucht mit ihrem Tuch die Raben: Um sie mied er die Schlinge nicht, Er war ihr Held, er war ihr Licht — Und ach, der Vater ihrer Knaben! Das Fegefeuer des westphälischen Adels. Wo der selige Himmel, das wissen wir nicht, Und nicht, wo der gräuliche Höllenschlund, Ob auch die Wolke zittert im Licht, Ob siedet und qualmet Vulkanes Mund; Doch wo die westphälischen Edeln müssen Sich sauber brennen ihr rostig Gewissen, Das wissen wir alle, das ward uns kund. Grau war die Nacht, nicht öde und schwer, Ein Aschenschleier hing in der Luft; Der Wanderbursche schritt flink einher, Mit Wollust saugend den Heimatduft; O bald, bald wird er schauen sein Eigen, Schon sieht am Lutterberge er steigen Sich leise schattend die schwarze Kluft. Er richtet sich, wie Trompetenstoß Ein Hollah ho! seiner Brust entsteigt — Was ihm im Nacken? ein schnaubend Roß, An seiner Schulter es rasselt, keucht, Ein Rappe — grünliche Funken irren Ueber die Flanken, die knistern und knirren, Wie wenn man den murrenden Kater streicht. „Jesus Maria!“ — er setzt seitab, Da langt vom Sattel es überzwerg — Ein eherner Griff, und in wüstem Trab Wie Wind und Wirbel zum Lutterberg! An seinem Ohre hört er es raunen Dumpf und hohl, wie gedämpfte Posaunen, So an ihm raunt der gespenstige Scherg': „Johannes Deweth! ich kenne dich! Johann! du bist uns verfallen heut! Bei deinem Heile, nicht lach' noch sprich, Und rühre nicht an was man dir beut; Vom Brode nur magst du brechen in Frieden, Ewiges Heil ward dem Brode beschieden, Als Christus in froner Nacht es geweiht!“ — Ob mehr gesprochen, man weiß es nicht, Da seine Sinne der Bursche verlor, Und spät erst hebt er sein bleiches Gesicht Vom Estrich einer Halle empor; Um ihn Gesumme, Geschwirr, Gemunkel, Von tausend Flämmchen ein mattes Gefunkel, Und drüber schwimmend ein Nebelflor. Er reibt die Augen, er schwankt voran, An hundert Tischen, die Halle entlang, All edle Geschlechter, so Mann an Mann; Es rühren die Gläser sich sonder Klang, Es regen die Messer sich sonder Klirren, Wechselnde Reden summen und schwirren, Wie Glockengeläut, ein wirrer Gesang. Ob jedem Haupte des Wappens Glast, Das langsam schwellende Tropfen speit, Und wenn sie fallen, dann zuckt der Gast, Und drängt sich einen Moment zur Seit'; Und lauter, lauter dann wird das Rauschen, Wie Stürme die zornigen Seufzer tauschen, Und wirrer summet das Glockengeläut. Strack steht Johann wie ein Lanzenknecht, Nicht möchte der gleißenden Wand er trau'n, Noch wäre der glimmernde Sitz ihm recht, Wo rutschen die Knappen mit zuckenden Brau'n. Da muß, o Himmel, wer sollt' es denken! Den frommen Herrn, den Friedrich von Brenken, Den alten stattlichen Ritter er schaun. „Mein Heiland, mach' ihn der Sünden baar!“ Der Jüngling seufzet in schwerem Leid; Er hat ihm gedienet ein ganzes Jahr; Doch ungern kredenzt er den Becher ihm heut! Bei jedem Schlucke sieht er ihn schüttern, Ein blaues Wölkchen dem Schlund entzittern, Wie wenn auf Kohlen man Weihrauch streut. O manche Gestalt noch dämmert ihm auf, Dort sitzt sein Pathe, der Metternich, Und eben durch den wimmelnden Hauf Johann von Spiegel, der Schenke, strich; Prälaten auch, je viere und viere, Sie blättern und rispeln im grauen Breviere, Und zuckend krümmen die Finger sich. Und unten im Saale, da knöcheln frisch Schaumburger Grafen um Leut' und Land, Graf Simon schüttelt den Becher risch, Und reibt mitunter die knisternde Hand; Ein Knappe nahet, er surret leise — Ha, welches Gesummse im weiten Kreise, Wie hundert Schwärme an Klippenrand! „Geschwind den Sessel, den Humpen werth, Den schleichenden Wolf* geschwinde herbei!“ Horch, wie es draußen rasselt und fährt! Baarhaupt stehet die Massoney, Hundert Lanzen drängen nach binnen, Hundert Lanzen und mitten darinnen Der Asseburger, der blutige Weih! Und als ihm alles entgegen zieht, Da spricht Johannes ein Stoßgebet: Dann risch hinein! sein Ermel sprüht, Ein Funken über die Finger ihm geht. Voran — da „sieben“ schwirren die Lüfte „Sieben, sieben, sieben,“ die Klüfte, „In sieben Wochen, Johann Deweth!“ Der sinkt auf schwellenden Rasen hin, Und schüttelt gegen den Mond die Hand, Drei Finger die bröckeln und stäuben hin, Zu Asch' und Knöchelchen abgebrannt. Er rafft sich auf, er rennt, er schießet, Und ach, die Vaterklause begrüßet Ein grauer Mann, von Keinem gekannt‚ Der nimmer lächelt, nur des Gebets Mag pflegen drüben im Klosterchor, * Der schleichende Wolf ist das Wappen der Familie Asseburg. Denn „sieben, sieben,“ flüstert es stets, Und „sieben Wochen“ ihm in das Ohr. Und als die siebente Woche verronnen, Da ist er versiegt wie ein dürrer Bronnen, Gott hebe die arme Seele empor! Die Stiftung Cappenbergs. Der Mond mit seinem blassen Finger Langt leise durch den Mauerspalt, Und koset, streifend längs dem Zwinger, Norbertus' Stirne feucht und kalt. Der lehnt an bröckelndem Gestein, Salpeterflocken seine Daunen, An seinem Ohre Heimchen raunen, Und wimmelnd rennt das Tausendbein. Und über'm Haupte fühlt er's beben, Da geht es hoch, da zecht es frisch, In Pulsen schäumend pocht das Leben, Die Humpen tanzen auf dem Tisch. Der Graf von Arnsberg giebt ein Fest, Dem Schwiegersohn der graue Schwäher; So mehr er trinkt so wird er zäher, So wirrer steht sein Lockennest. Gern hat sein Kind er dem Dynasten, Dem reichen Cappenberg vertraut, Nun trägt sein Anker Doppellasten! Und seinen Feinden hat's gegraut. Da kömmt auf seinem Eselein Norbert, und macht den Sohn zum Pfaffen; Allein er wußte Rath zu schaffen, Er pferchte den Apostel ein. Wie, keine Enkel soll er wiegen? Soll in des Eidams Hora gehn, Und sehn sein Kind am Boden liegen Und Paternosterkugeln drehn? Nein, heute ist der Tag wo muß, Wo wird die Sache sich erled'gen, Und sollt' er mit dem Schwerte pred'gen, Ein umgekehrter Carolus. Und „Gottfried“, spricht er, „Junge, Ritter, So sieh doch einmal in die Höh! Du schaust ja in den Wein so bitter Wie Requiem und Kyrie. Was spinnst du an dem alten Werg? Laß die Kaputze grauen Sündern, Und deine Burg die laß den Kindern, Dein schönes festes Cappenberg!“ Und drunten in dem feuchten Thurme Der Heil'ge flüstert: „Großer Gott, Allgegenwärt'ger du im Wurme Als in der Krone blankem Spott, Wie größer deine Allmacht zeigt Sein Füßchen, das lebendig zittert, Als eine Mauer die verwittert, Und ob ein Babel drüber steigt!“ „Ja“ spricht der Graf, den Humpen schwenkend: „Wär Norbert hier, dein Eselmann, Ich ließ ihm füllen, dein gedenkend, Und trinken möcht er was er kann; Doch da ihm Pech und Schwefel glüht, Was andern Schächern mild und süße, So bleibt er besser im Verließe, Ein wohlkasteiter Eremit.“ Und drunten spricht's mit mildem Tone: „Du der, des Himmels höchste Zier, Gezogen bist zur Dornenkrone Auf einem still demüth'gen Thier, Du, der des Mondes Lieblichkeit In meinen Kerker ließest rinnen, Gezähmt mir die vertrauten Spinnen, Du, Milder, seyst gebenedeit!“ Und Gottfried, kämpfend mit den Thränen, Ergreift den Humpen, noch gefüllt, Vor seinem Ohr ein leises Stöhnen, Vor seinem Aug' ein bleiches Bild. O, dringen möcht er durch den Stein, Wo seine sünd'gen Füße stehen, O, einmal, einmal möcht' er sehen Durch Lichterglanz den Heil'genschein! „Ha!“ zürnt der Graf, „was ließ ich schenken Dir meinen allerbesten Wein! Eh möcht' ich einen Schädel tränken, Ja, oder einen Leichenstein. Gottfried, Gottfried, ich schwör es dir, So wahr ich Friedrich“ — seht ihn stocken, Vor seinem Auge schwimmen Flocken, Er hebt sich auf, er schwankt zur Thür, Und plötzlich auf den Estrich nieder Taumelt er wie ein wundes Roß, Es zucken, strecken sich die Glieder. Welch' ein Getümmel in dem Schloß! „Krank“ dieser, „todt“ spricht jener Mund, Ja wahrlich, das ist Todes Miene, Und eine mächtige Ruine Liegt Friedrich auf dem eignen Grund. Die Humpen sind in Hast zertrümmert, Burgunderblut fließt über'n Stein, Die Lampen mählig sind verkümmert, Wie Erdenlust sie qualmten ein. Doch drüben, in des Klosters Hut, Entflammte man die ew'ge Leuchte, Und knieend alles Volk sich beugte Dem reinen Wein, der Christi Blut. Der Fundator. Im Westen schwimmt ein falber Strich, Der Abendstern entzündet sich Grad' über'm Sankt Georg am Thore; Schwer haucht der Dunst vom nahen Moore. Schlaftrunkne Schwäne kreisen sacht Um's Eiland, wo die graue Wacht Sich hebt aus Wasserbins' und Rohre. Auf ihrem Dach die Fledermaus, Sie schaukelt sich, sie breitet aus Den Rippenschirm des Schwingenflosses, Und, mit dem Schwirren des Geschosses, Entlang den Teich, hinauf, hinab, Dann klammert sie am Fensterstab, Und blinzt in das Gemach des Schlosses. Ein weit Gelaß, im Sammetstaat! Wo einst der mächtige Prälat Des Hauses Chronik hat geschrieben. Frisch ist der Baldachin geblieben, Der güldne Tisch, an dem er saß, Und seine Seelenmesse las Man heut in der Kapelle drüben. Heut sind es grade hundert Jahr, Seit er gelegen auf der Bahr' v . Droste-Hülshof , Gedichte. 19 Mit seinem Kreuz und Silberstabe. Die ewge Lamp' an seinem Grabe Hat heute hundert Jahr gebrannt. In seinem Sessel an der Wand Sitzt heut ein schlichter alter Knabe. Des Hauses Diener, Sigismund, Harrt hier der Herrschaft, Stund' auf Stund: Schon kam die Nacht mit ihren Flören, Oft glaubt die Kutsche er zu hören, Ihr Quitschern in des Weges Kies, Er richtet sich — doch nein — es blies Der Abendwind nur durch die Föhren. 'S ist eine Dämmernacht, genau Gemacht für Alp und weiße Frau. Dem Junkerlein ward es zu lange, Dort schläft es hinter'm Damasthange. Die Chronik hält der Alte noch, Und blättert fort im Finstern, doch Im Ohre summt es gleich Gesange: „So hab' ich dieses Schloß erbaut, Ihm mein Erworbnes anvertraut, Zu des Geschlechtes Nutz und Walten; Ein neuer Stamm sprießt aus dem alten, Gott segne ihn! Gott mach' ihn groß! —“ Der Alte horcht, das Buch vom Schooß Schiebt sacht er in der Lade Spalten: Nein — durch das Fenster ein und aus Zog schrillend nur die Fledermaus; Nun schießt sie fort. — Der Alte lehnet Am Simse. Wie der Teich sich dehnet Um's Eiland, wo der Warte Rund Sich tief schattirt im matten Grund. Das Röhricht knirrt, die Unke stöhnet. Dort, denkt der Greis, dort hat gewacht Der alte Kirchenfürst, wenn Nacht Sich auf den Weiher hat ergossen. Dort hat den Reiher er geschossen, Und zugeschaut des Schlosses Bau, Sein weiß Habit, sein Auge grau, Lugt' drüben an den Fenstersprossen. Wie scheint der Mond so kümmerlich! — Er birgt wohl hinter'm Tanne sich — Schaut nicht der Thurm wie 'ne Laterne, Verhauchend, dunstig, aus der Ferne! Wie steigt der blaue Duft im Rohr, Und rollt sich am Gesims empor! Wie seltsam blinken heut' die Sterne! Doch ha! — er blinzt, er spannt das Aug', Denn dicht und dichter schwillt der Rauch, Als ob ein Docht sich langsam fache, Entzündet sich im Thurmgemache Wie Mondenschein ein graues Licht, Und dennoch — dennoch — las er nicht, Nicht Neumond heut im Almanache? — Was ist das? deutlich, nur getrübt Vom Dunst der hin und wieder schiebt, Ein Tisch, ein Licht, in Thurmes Mitten, Und nun, — nun kömmt es hergeschritten, Ganz wie ein Schatten an der Wand, Es hebt den Arm, es regt die Hand, — Nun ist es an den Tisch geglitten. Und nieder sitzt es, langsam, steif, Was in der Hand? — ein weißer Streif! — Nun zieht es Etwas aus der Scheiden Und fingert mit den Händen beiden, Ein Ding, — ein Stäbchen ungefähr, — Dran fährt es langsam hin und her, Es scheint die Feder anzuschneiden. Der Diener blinzt und blinzt hinaus: Der Schemen schwankt und bleichet aus, Noch sieht er es die Feder tunken, Da drüber gleitet es wie Funken, Und in demselbigen Moment Ist Alles in das Element Der spurlos finstern Nacht versunken. Noch immer steht der Sigismund, Noch starrt er nach der Warte Rund, Ihn dünkt, des Weihers Flächen rauschen, Weit beugt er über'n Sims, zu lauschen; Ein Ruder! — nein, die Schwäne ziehn! Grad hört er längs dem Ufergrün Sie sacht ihr tiefes Schnarchen tauschen. Er schließt das Fenster. — „Licht, o Licht!“ — Doch mag das Junkerlein er nicht So plötzlich aus dem Schlafe fassen, Noch minder es im Saale lassen. Sacht schiebt er sich dem Sessel ein, Zieht sein korallnes Nösterlein, — Was klingelt drüben an den Tassen? — Nein — eine Fliege schnurrt im Glas! Dem Alten wird die Stirne naß; Die Möbeln stehn wie Todtenmaale, Es regt und rüttelt sich im Saale, Allmählig weicht die Thür zurück, Und in demselben Augenblick Schlägt an die Dogge im Portale. Der Alte drückt sich dicht zu Hauf, Er lauscht mit Doppelsinnen auf, — Ja! am Parket ein leises Streichen, Wie Wiesel nach der Stiege schleichen — Und immer härter, Tapp an Tapp, Wie mit Sandalen, auf und ab, Es kömmt — es naht — er hört es keuchen; — Sein Sessel knackt! — ihm schwimmt das Hirn — Ein Odem, dicht an seiner Stirn! Da fährt er auf und wild zurücke, Errafft das Kind mit blindem Glücke Und stürzt den Corridor entlang. O, Gott sey Dank! ein Licht im Gang, Die Kutsche rasselt auf die Brücke! Vorgeschichte ( Second sight ). Kennst du die Blassen im Haideland, Mit blonden flächsenen Haaren? Mit Augen so klar wie an Weihers Rand Die Blitze der Welle fahren? O sprich ein Gebet, inbrünstig, ächt, Für die Seher der Nacht, das gequälte Geschlecht. So klar die Lüfte, am Aether rein Träumt nicht die zarteste Flocke, Der Vollmond lagert den blauen Schein Auf des schlafenden Freiherrn Locke, Hernieder bohrend in kalter Kraft Die Vampyrzunge, des Strahles Schaft. Der Schläfer stöhnt, ein Traum voll Noth Scheint seine Sinne zu quälen, Es zuckt die Wimper, ein leises Roth Will über die Wange sich stehlen; Schau, wie er woget und rudert und fährt, Wie Einer so gegen den Strom sich wehrt. Nun zuckt er auf — ob ihn geträumt, Nicht kann er sich dessen entsinnen — Ihn fröstelt, fröstelt, ob's drinnen schäumt Wie Fluthen zum Strudel rinnen; Was ihn geängstet, er weiß es auch: Es war des Mondes giftiger Hauch. O Fluch der Haide, gleich Ahasver Unter'm Nachtgestirne zu kreisen! Wenn seiner Strahlen züngelndes Meer Aufbohret der Seele Schleusen, Und der Prophet, ein verzweifelnd Wild, Kämpft gegen das mählig steigende Bild. Im Mantel schaudernd mißt das Parquet Der Freiherr die Läng' und Breite, Und wo am Boden ein Schimmer steht, Weitaus er beuget zur Seite, Er hat einen Willen und hat eine Kraft, Die sollen nicht liegen in Blutes Haft. Es will ihn krallen, es saugt ihn an, Wo Glanz die Scheiben umgleitet, Doch langsam weichend, Spann' um Spann', Wie ein wunder Edelhirsch schreitet, In immer engerem Kreis gehetzt, Des Lagers Pfosten ergreift er zuletzt. Da steht er keuchend, sinnt und sinnt, Die müde Seele zu laben, Denkt an sein liebes einziges Kind, Seinen zarten, schwächlichen Knaben, Ob dessen Leben des Vaters Gebet Wie eine zitternde Flamme steht. Hat er des Kleinen Stammbaum doch Gestellt an des Lagers Ende, Nach dem Abendkusse und Segen noch Drüber brünstig zu falten die Hände; Im Monde flimmernd das Pergament Zeigt Schild an Schilder, schier ohne End'. Rechtsab des eigenen Blutes Gezweig, Die alten freiherrlichen Wappen, Drei Rosen im Silberfelde bleich, Zwei Wölfe schildhaltende Knappen, Wo Ros' an Rose sich breitet und blüht, Wie über'm Fürsten der Baldachin glüht. Und links der milden Mutter Geschlecht, Der Frommen in Grabeszellen, Wo Pfeil' an Pfeile, wie im Gefecht, Durch blaue Lüfte sich schnellen. Der Freiherr seufzt, die Stirn gesenkt, Und — steht am Fenster, bevor er's denkt. Gefangen! gefangen im kalten Stral! In dem Nebelnetze gefangen! Und fest gedrückt an der Scheib' Oval, Wie Tropfen am Glase hangen, Verfallen sein klares Nixenaug', Der Haidequal in des Mondes Hauch. Welch ein Gewimmel! — er muß es sehn, Ein Gemurmel! — er muß es hören, Wie eine Säule, so muß er stehn, Kann sich nicht regen noch kehren. Es summt im Hofe ein dunkler Hauf, Und einzelne Laute dringen hinauf. Hei! eine Fackel! sie tanzt umher, Sich neigend, steigend in Bogen, Und nickend, zündend, ein Flammenheer Hat den weiten Estrich umzogen. All' schwarze Gestalten im Trauerflor Die Fackeln schwingen und halten empor. Und Alle gereihet am Mauerrand, Der Freiherr kennet sie Alle; Der hat ihm so oft die Büchse gespannt, Der pflegte die Ross' im Stalle, Und der so lustig die Flasche leert, Den hat er siebenzehn Jahre genährt. Nun auch der würdige Kastellan, Die breite Pleureuse am Hute, Den sieht er langsam, schlurfend nahn, Wie eine gebrochene Ruthe; Noch deckt das Pflaster die dürre Hand, Versengt erst gestern an Heerdes Brand. Ha, nun das Roß! aus des Stalles Thür, In schwarzem Behang und Flore; O, ist's Achill, das getreue Thier? Oder ist's seines Knaben Medore? Er starret, starrt und sieht nun auch, Wie es hinkt, vernagelt nach altem Brauch. Entlang der Mauer das Musikchor, In Krepp gehüllt die Posaunen, Haucht prüfend leise Cadenzen hervor, Wie träumende Winde raunen; Dann Alles still. O Angst! o Qual! Es tritt der Sarg aus des Schlosses Portal. Wie prahlen die Wappen, farbig grell Am schwarzen Sammet der Decke. Ha! Ros' an Rose, der Todesquell Hat gespritzet blutige Flecke! Der Freiherr klammert das Gitter an: „Die andre Seite!“ stöhnet er dann. Da langsam wenden die Träger, blank Mit dem Monde die Schilder kosen. „O, — seufzt der Freiherr — Gott sey Dank! Kein Pfeil, kein Pfeil, nur Rosen!“ Dann hat er die Lampe still entfacht, Und schreibt sein Testament in der Nacht. Der Graue. Im Walde steht die kleine Burg, Aus rohem Quaderstein gefugt, Mit Schart' und Fensterlein, wodurch Der Doppelhaken einst gelugt; Am Teiche rauscht des Rohres Speer, Die Brücke wiegt und knarrt im Sturm, Und in des Hofes Mitte, schwer, Plump wie ein Mörser, steht der Thurm. Da siehst du jetzt umher gestellt Manch' feuerrothes Ziegeldach, Und wie der Stempel steigt und fällt, So pfeift die Dampfmaschine nach; Es knackt die Form, der Bogen schrillt, Es dunstet Scheidewassers Näh', Und über'm grauen Wappenschild Liest man: Moulin à papier . Doch wie der Kessel quillt und schäumt, Den Brüß'ler Kaufherrn freut es kaum, Der hatte einmal sich geträumt Von Land und Luft den feinsten Traum; Das war so recht ein Fleckchen, sich Zu retten aus der Zahlen Haft! Nicht groß, und doch ganz adelich, Und brauchte wenig Dienerschaft. Doch eine Nacht nur macht er sich Bequem es — oder unbequem — In seinem Schlößchen, und er strich Nur wie ein Vogel dran seitdem. Sah dann er zu den Fenstern auf, Verschlossen wie die Sakristei'n, So zog er wohl die Schultern auf, Mit einem Seufzer, oder zwei'n. Es war um die Septemberzeit, Als, schürend des Kamines Brand, Gebückt, in regenfeuchtem Kleid, Der Hausherr in der Halle stand, Er und die Gäste, All' im Rauch; Van Neelen, Redel, Verney, Dahm, Und dann der blonde Waller auch, Der eben erst aus Smyrna kam. Im Schlote schnob der Wind, es goß Der Regen sprudelnd sich vom Dach, Und wenn am Brand ein Flämmchen schoß, Schien doppelt öde das Gemach. Die Gäste waren all' zur Hand, Erleichternd ihres Wirthes Müh'; Van Neelen nur am Fenster stand, Und schimpfte auf die Landparthie. Doch nach und nach mag's besser gehn, Schon hat der Wind die Glut gefacht, Den Regen läßt man draußen stehn, Champagnerflaschen sind gebracht. Die Leuchter hatten wenig Werth, Es gieng wie beim Studentenfest: Sobald die Flasche ist geleert, Wird eine Kerze drauf gepreßt. Je mehr es fehlt, so mehr man lacht, Der Wein ist heiß, die Kost gewählt, Manch' derbes Späßchen wird gemacht, Und mancher feine Streich erzählt. Zuletzt von Wein und Reden glüh, Rückt seinen Stuhl der Herr vom Haus: „Ich lud Euch zu 'ner Landparthie, Es ward 'ne Wasserfahrt daraus.“ „Doch da die allerschönste Fracht Am Ende nach dem Hafen schifft, So, meine Herren, gute Nacht! Und nehmt vorlieb, wie es sich trifft.“ Da lachend nach den Flaschen greift Ein Jeder. — Thüren auf und zu. — Und Waller, noch im Gehen, streift Aus seinem Frack den Ivanhoe. Er war tief in die Nacht hinein, Und draußen heulte noch der Sturm, Schnob zischend an dem Fensterstein Und drillt den Glockenstrang am Thurm. In seinem Bette Waller lag, Und las so scharf im Ivanhoe, Daß man gedacht, bevor es Tag Sey Englands Königreich in Ruh. Er sah nicht, daß die Kerze tief Sich brannte in der Flasche Rand, Der Talg in schweren Tropfen lief, Und drunten eine Lache stand. Wie träumend hört' er das Geknarr Der Fenster, vom Rouleau gedämpft, Und wie die Thüre mit Geschnarr In ihren Angeln zuckt und kämpft. Sehr freut er sich am Bruder Tuck, — Die Sehne schwirrt, es rauscht der Hain — Da plötzlich ein gewalt'ger Ruck, Und, hui! die Scheibe klirrt hinein. Er fuhr empor, — weg war der Traum — Und deckte mit der Hand das Licht, Ha! wie so wüst des Zimmers Raum! Selbst ein romantisches Gedicht! Der Sessel feudalistisch Gold — Am Marmortisch die Greifenklau' — Und über'm Spiegel flatternd rollt, Ein Banner, der Tapete Blau, Im Zug der durch die Lücke schnaubt; Die Ahnenbilder leben fast, Und schütteln ihr behelmtes Haupt Ergrimmt ob dem plebejen Gast. Der blonde Waller machte gern Sich selber einen kleinen Graus, So nickt er spöttisch gen die Herrn, Als fordert' er sie keck heraus. Die Glocke summt — schon Eins fürwahr! Wie eine Boa dehnt' er sich, Und sah nach dem Pistolenpaar, Dann rüstet er zum Schlafe sich. Die Flasche hob er einmal noch Und leuchtete die Wände an, Ganz wie 'ne alte Halle doch Aus einem Scottischen Roman! Und — ist das Nebel oder Rauch, Was durch der Thüre Spalten quillt, Und, wirbelnd in des Zuges Hauch, Die dunstigen Paneele füllt? Ein Ding — ein Ding — wie Grau in Grau, Die Formen schwanken — sonderbar! — Doch, ob der Blick sich schärft? den Bau Von Gliedern nimmt er mählig wahr. Wie über'm Eisenhammer, schwer Und schwarz, des Rauches Säule wallt; Ein Zucken flattert drüben her, Doch — hat es menschliche Gestalt! Er war ein hitziger Kumpan, Wenn Wein die Lava hat geweckt. »Qui vive!« — und leise knackt der Hahn, Der Waller hat den Arm gestreckt: »Qui vive!« — 'ne Pause, — »ou je tire!« Und aus dem Lauf die Kugel knallt; Er hört sie schlagen an die Thür, Und abwärts prallen mit Gewalt. Der Schuß dröhnt am Gewölbe nach, Und, eine schwere Nebelschicht, Füllt Pulverbrodem das Gemach; Er theilt sich, schwindet, das Gesicht Steht in des Zimmers Mitte jetzt, Ganz wie ein graues Bild von Stein, Die Formen scharf und unverletzt, Die Züge edel, streng und rein. Auf grauer Locke grau Barett, Mit grauer Hahnenfeder drauf. Der Waller hat so sacht und nett Sich hergelangt den zweiten Lauf. Noch zögert er — ist es ein Bild, Wär's zu zerschießen lächerlich; Und wär's ein Mensch — das Blut ihm quillt — Ein Geck, der unterfinge sich —?! Ein neuer Ruck, und wieder Knall Und Pulverrauch — war das Gestöhn? Er hörte keiner Kugel Prall — Es ist vorüber! ist geschehn! Der Waller zuckt: „verdammtes Hirn!“ Mit einmal ist er kalt wie Eis, Der Angstschweiß tritt ihm auf die Stirn, Er starret in den Nebelkreis. Ein Aechzen! oder Windeshauch! — Doch nein, der Scheibensplitter schwirrt. O Gott, es zappelt! — nein — der Rauch Gedrängt vom Zuge schwankt und irrt; Es wirbelt aufwärts, woget, wallt, Und, wie ein graues Bild von Stein, Steht nun am Bette die Gestalt, Da, wo der Vorhang sinkt hinein. Und drüber knistert's, wie von Sand, Wie Funke, der elektrisch lebt; Nun zuckt ein Finger — nun die Hand — Allmählig nun ein Fuß sich hebt, — Hoch — immer höher — Waller winkt; Dann macht er schnell gehörig Raum, Und langsam in die Kissen sinkt Es schwer, wie ein gefällter Baum. »Ah, je te tiens!« er hat's gepackt, Und schlingt die Arme wie 'nen Strick, — Ein Leichnam! todessteif und nackt! Mit einem Ruck fährt er zurück; Da wälzt es langsam, schwer wie Blei, Sich gleich dem Mühlstein über ihn; Da that der Waller einen Schrei, Und seine Sinne waren hin. Am nächsten Morgen fand man kalt Ihn im Gemache ausgestreckt; 'S war eine Ohnmacht nur, und bald Ward zum Bewußtseyn er geweckt. v . Droste-Hülshof , Gedichte. 20 Nicht irre war er, nur gepreßt, Und fragt: „ob Keiner ward gestört? Doch Alle schliefen überfest, Nicht einer hat den Schuß gehört. So ward es denn für Traum sogleich, Und Alles für den Alp erkannt; Doch zog man sich aus dem Bereich, Und trollte hurtig über Land. Sie waren Alle viel zu klug, Und vollends zu belesen gar; Allein der blonde Waller trug Seit dieser Nacht eisgraues Haar. Die Vendetta. I . Ja, einen Feind hat der Cors', den Hund, Luigi, den hagern Podesta, Der den Ohm, so stark und gesund, Ließ henken, den kühnen di Vesta. Er und der rothe Franzose Jocliffe, Die Beiden machten ihn hangen, Aber der ging zu dem Schmugglerschiff, Und liegt seit Monden gefangen. Steht im Walde Geronimo, Und klirrend zieht aus der Scheide Er das Messer, so und so An der Sohle wetzt er die Schneide; Gleitet dann in die Dämmerung, Dem Feinde auf Tod und Leben Mit des Thieres Verstümmelung Ein corsisch Cartel zu geben. Schau! wie Zweig an Zweige er streicht, — Kaum flüsternd die Blätter schwanken, — Gleich der gleißenden Boa leicht Hinquillt durch Gelaub und Ranken; Drüber träufelt das Mondenlicht, Wie heimlicher Thräne Klage Durch eine dunkele Wimper bricht. Nun kniet der Corse am Haage. Dort der Anger, — und dort am Hang Die einsam weidende Stute, Langsam schnaubt sie den Rain entlang; Aus andalusischem Blute, Hoch, schneeschimmernd, zum Grund gebeugt Den mähnumflutheten Nacken, Nah sie, näher dem Hagen steigt. Nun wird der Corse sie packen! Schon erfaßt er der Schneide Griff, Er reckt sich über dem Kraute, Da — ein Geknister und — still! ein Pfiff, Und wieder — summende Laute! Und es schreitet dem Hage zu, Grad wo Geronimo knieet, Nieder gleitet der Cors' im Nu, Ha, wie er keuchet und glühet! Dicht an ihm, — der Mantel streift, Die Ferse könnt' er ihm fassen, — Steht der hagre Podest' und pfeift; „Sorella! ruft er gelassen, Und „Sorella, mein kluges Thier!“ Der Lauscher höret es stampfen, Ueber ihm, mit hellem Gewieh'r, Zwei schnaubende Nüstern dampfen. Freundlich klatscht Luigi den Bug, Liebkosend streicht er die Mähnen, Hat nicht zärtlicher Worte genug, Er spricht wie zu seiner Schönen. Einen Blitz aus glühendem Aug', Und rückwärts taumelt die Stute. „Ei, Sorella, was fehlt dir auch? Mein Töchterchen, meine Gute.“ Candiszucker langt er hervor; Ha, wie ihre Nüstern blasen! Wie sie naschet, gespitzt das Ohr, Und immer glotzet zum Rasen! Einen Blick der Podesta scheu Schießt über die glitzernde Aue, Rückt am Dolche, und dann aufs neu: „Mein Schimmelchen, meine Graue!“ Wie er über den Hag sich biegt, Am Nacken des Thieres gleitet, Auf Geronimo's Auge liegt Des Feindes Mantel gebreitet; O, nie hat so heiß und schwer Geronimo, nie gelegen, Jede Muskel im Arm fühlt er Wie eine Viper sich regen. Doch er ist ein gläubiger Christ, Geht jede Woche zur Beichte, Hat voll Andacht noch heut geküßt Christofero's heilige Leuchte. Sünde wär's, das Messer im Schlund Des Ungewarnten zu bergen, Sonst — alleine, allein der Hund! Bewaffnet, und ohne Schergen! Eine Minute, die schnell vergeht, Der Corse gen Himmel schaute, Zum Patrone ein Stoßgebet, Dann fährt er empor vom Kraute; Blank die Waffe, den Bug geschlitzt, Dann wie ein Vogel zum Walde — Schreiend vom Hange die Stute blitzt, Der Richter starrt an der Halde. II . Mittagsstunde, — der Sonnenpfeil Prallt an des Weihen Gefieder, Der vom Gesteine grau und steil Blinzt in die Pinien nieder. Schwarz der Wald, eine Wetternacht, Die aus dem Aether gesunken, Drüber der Stral in Siegespracht Tanzt auf dem Feinde wie trunken. Plötzlich zuckt, es flattert der Weih, Und klatscht in taumelnden Ringen, Ueber'm Riffe sein wilder Schrei, Dann steigt er, wiegend die Schwingen; Und am Grunde es stampft und surrt, Hart unter dem Felsenmaale, Netz im Haare, Pistol im Gurt, Zwölf Schergen reiten zu Thale. Wo den Schatten verkürzt das Riff Wirft über die zitternde Aue, Starrt gefesselt der rothe Jocliffe Hinauf zum Vogel in's Blaue. Dürr seine Zunge, — kein Tropfen labt — Er lacht in grimmigem Hohne, Neben ihm der Podesta trabt Und pfeift sich eine Canzone. Rüstig stampfen die Rosse fort, Dann „halt!“ Es lagert die Bande; Hier ein Scherge, ein anderer dort, Gestreckt im knisternden Sande. Die Cigarre läßt an den Grund Ihr bläuliches Wölkchen schwehlen, Und der Schlauch, von Mund zu Mund, Strömt in die durstigen Kehlen. Wie so lockend die Taube lacht Aus grünem duftigem Haine! Von den Zwölfen heben sich acht, Sie schlendern entlang das Gesteine, Lässig, spielend, so sorgenbaar Wie junge Geier im Neste, Dieser zupfet des Nachbars Haar, Der schnitzelt am Zwiebelreste. Einer so nach dem andern schwankt In's Grün' aus der sengenden Hitze, Halt! wie elektrisch Feuer rankt Von Aug' zu Aug' ein Geblitze. Horch, sie flüstern! Zwei und zwei Die Pinien streifen sie leise, Wie die Hinde witternd und scheu Schlüpft über befahrene Gleise. Zwei am Hange und zwei hinab Und vier zur Rechten und Linken, Sachte beugen den Ast sie ab, Ihre Augen wie Vipern blinken, Da — im Moose ein dürrer Baum Mit wunderlich brauner Schale, — Hui! ein Pfiff auf gekrümmtem Daum, — Und dort — und drunten im Thale. Fährt vom Moose Geronimo, Und eh ihn die Schergen umschlingen, Wie im Haid die knisternde Loh', Ha! sieh ihn flattern und springen! Knall auf Knall, eine Kugel pfeift Ihm durch der Retilla Knoten, Blutend er an dem Gesteine läuft Bis zum Jocliffe, dem rothen. Hoch die Rechte — will er schnell Sich rächen zu dieser Stunde? Nein, am Rosse schreibt das Cartel Er rasch mit klaffender Wunde. Hoch die Linke — es knallt, es blitzt, Und taumelnd sinkt der Podesta; Ruft der Corse: „so hab' es itzt, Du Hund, für den kühnen di Vesta!“ O Geronimo! hätten dich fort, Fort, fort deine Sprünge getragen, Als die Einen am Riffe dort, Die Andern klommen am Hagen! Schwerlich heute, so mein' ich klar, Sie würden die Stadt erschrecken Mit der Leiche auf grüner Bahr' Und mit dir, gebunden am Schecken! Das Fräulein von Rodenschild. Sind denn so schwül die Nächt' im April? Oder ist so siedend jungfräulich' Blut? Sie schließt die Wimper, sie liegt so still, Und horcht des Herzens pochender Fluth. „O will es denn nimmer und nimmer tagen! O will denn nicht endlich die Stunde schlagen! Ich wache, und selbst der Seiger ruht! Doch horch! es summt, eins, zwei und drei, — Noch immer fort? — sechs, sieben und acht, Elf, zwölf, — o Himmel, war das ein Schrei? Doch nein, Gesang steigt über der Wacht, Nun wird mir's klar, mit frommem Munde Begrüßt das Hausgesinde die Stunde, Es bestand, und besteht hier und dort noch in katholischen Ländern die Sitte, am Vorabende des Oster- und Weihnachtstages den zwölften Glockenschlag abzuwarten, um den Eintritt des Festes mit einem frommen Liede zu begrüßen. Anbrach die hochheilige Osternacht.“ Seitab das Fräulein die Kissen stößt, Und wie eine Hinde vom Lager setzt, Sie hat des Mieders Schleifen gelöst, In's Häubchen drängt sie die Locken jetzt, Dann leise das Fenster öffnend, leise, Horcht sie der mählig schwellenden Weise, Vom wimmernden Schrei der Eule durchsetzt. O dunkel die Nacht! und schaurig der Wind! Die Fahnen wirbeln am knarrenden Thor, — Da tritt aus der Halle das Hausgesind' Mit Blendlaternen und einzeln vor. Der Pförtner dehnet sich, halb schon träumend, Am Dochte zupfet der Jäger säumend, Und wie ein Oger gähnet der Mohr. Was ist? — wie das auseinander schnellt! In Reihen ordnen die Männer sich, Und eine Wacht vor die Dirnen stellt Die graue Zofe sich ehrbarlich, „Ward ich gesehn an des Vorhangs Lücke? Doch nein, zum Balkone starren die Blicke, Nun langsam wenden die Häupter sich.“ „O weh meine Augen! bin ich verrückt? Was gleitet entlang das Treppengeländ? Hab' ich nicht so aus dem Spiegel geblickt? Das sind meine Glieder, — welch ein Geblend'! Nun hebt es die Hände, wie Zwirnes Flocken, Das ist mein Strich über Stirn und Locken! — Weh, bin ich toll, oder nahet mein End'!“ Das Fräulein erbleicht und wieder erglüht, Das Fräulein wendet die Blicke nicht, Und leise rührend die Stufen zieht Am Steingelände das Nebelgesicht, In seiner Rechten trägt es die Lampe, Ihr Flämmchen zittert über der Rampe, Verdämmernd, blau, wie ein Elfenlicht. Nun schwebt es unter dem Sternendom, Nachtwandlern gleich in Traumes Geleit, Nun durch die Reihen zieht das Phantom, Und Jeder tritt einen Schritt zur Seit'. — Nun lautlos gleitet's über die Schwelle, — Nun wieder drinnen erscheint die Helle, Hinauf sich windend die Stiegen breit. Das Fräulein hört das Gemurmel nicht, Sieht nicht die Blicke, stier und verscheucht, Fest folgt ihr Auge dem bläulichen Licht, Wie dunstig über die Scheiben es streicht. — Nun ists im Saale — nun im Archive — Nun steht es still an der Nische Tiefe — Nun matter, matter, — ha! es erbleicht! „Du sollst mir stehen! ich will dich fahn!“ Und wie ein Aal die beherzte Maid Durch Nacht und Krümmen schlüpft ihre Bahn, Hier droht ein Stoß, dort häkelt das Kleid, Leis tritt sie, leise, o Geistersinne Sind scharf! daß nicht das Gesicht entrinne! Ja, muthig ist sie, bei meinem Eid! Ein dunkler Rahmen, Archives Thor; — Ha, Schloß und Riegel! — sie steht gebannt, Sacht, sacht das Auge und dann das Ohr Drückt zögernd sie an der Spalte Rand, Tiefdunkel drinnen — doch einem Rauschen Der Pergamente glaubt sie zu lauschen, Und einem Streichen entlang der Wand. So niederkämpfend des Herzens Schlag, Hält sie den Odem, sie lauscht, sie neigt — Was dämmert ihr zur Seite gemach? Ein Glühwurmleuchten — es schwillt, es steigt, Und Arm an Arme, auf Schrittes Weite, Lehnt das Gespenst an der Pforte Breite, Gleich ihr zur Nachbarspalte gebeugt. Sie fährt zurück, — das Gebilde auch — Dann tritt sie näher — so die Gestalt — Nun stehen die Beiden, Auge in Aug', Und bohren sich an mit Vampyres Gewalt. Das gleiche Häubchen decket die Locken, Das gleiche Linnen, wie Schneees Flocken, Gleich ordnungslos um die Glieder wallt. Langsam das Fräulein die Rechte streckt, Und langsam, wie aus der Spiegelwand, Sich Linie um Linie entgegen reckt Mit gleichem Rubine die gleiche Hand; Nun rührt sich's — die Lebendige spüret Als ob ein Luftzug schneidend sie rühret, Der Schemen dämmert, — zerrinnt — entschwand. Und wo im Saale der Reihen fliegt, Da siehst ein Mädchen du, schön und wild, — Vor Jahren hat's eine Weile gesiecht — Das stets in den Handschuh die Rechte hüllt. Man sagt, kalt sey sie wie Eises Flimmer, Doch lustig die Maid, sie hieß ja immer: „Das tolle Fräulein von Rodenschild.“ Der Geyerpfiff. „Nun still! — Du an den Dohnenschlag! Du links an den gespaltnen Baum! Und hier der faule Fetzer mag Sich lagern an der Klippe Saum: Da seht fein offen über's Land Die Kutsche ihr heran spazieren: Und Rieder dort der Höllenbrand, Mag in den Steinbruch sich postiren!“ „Dann aufgepaßt mit Aug' und Ohr, Und bei dem ersten Räderhall Den Eulenschrei! und tritt hervor Die Fracht, dann wiederholt den Schall: Doch naht Gefahr — Patrouillen gehn, — Seht ihr die Landdragoner streifen, Dann dreimal, wie von Riffeshöhn, Laßt ihr den Lämmergeyer pfeifen .“ „Nun, Rieder, noch ein Wort zu dir: Mit Recht heißt du der Höllenbrand; Kein Stückchen — ich verbitt' es mir — Wie neulich mit der kalten Hand!“ Der Hauptmann spricht es; durch den Kreis Ein Rauschen geht und feines Schwirren, Als sie die Büchsen schultern leis, Und in den Gurt die Messer klirren. Seltsamer Troß! hier Riesenbau Und hiebgespaltnes Angesicht, Und dort ein Bübchen wie 'ne Frau, Ein zierliches Spelunkenlicht; Der drüben an dem Scheitelhaar So sachte streift den blanken Fänger, Schaut aus den blauen Augen gar Wie ein verarmter Minnesänger. 'S ist lichter Tag! die Bande scheut Vor keiner Stunde — Alles gleich; — Es ist die rothe Bande, weit Verschrien, gefürchtet in dem Reich; Das Knäbchen kauert unter'm Stier Und betet, raschelt es im Walde, Und manches Weib verschließt die Thür, Schreit nur ein Kukuk an der Halde. Die Posten haben sich zerstreut, Und in die Hütte schlüpft der Troß — Wildhüters Obdach, zu der Zeit, Als jene Trümmer war ein Schloß: Wie Ritter vor der Ahnengruft, Fühlt sich der Räuber stolz gehoben Am Schutte, dran ein gleicher Schuft Vor Jahren einst den Brand geschoben. Und als der letzte Schritt verhallt, Der letzte Zweig zurück gerauscht, Da wird es einsam in dem Wald, Wo über'm Ast die Sonne lauscht; Und als es drinnen noch geklirrt, Und noch ein Weilchen sich geschoben, Da still es in der Hütte wird, Vom wilden Weingerank umwoben. Der scheue Vogel setzt sich kühn Auf's Dach und wiegt sein glänzend Haupt, Und summend durch der Reben Grün Die wilde Biene Honig raubt; Nur leise wie der Hauch im Tann, Wie Weste durch die Halme streifen, Hört drinnen leise, leise man, Vorsichtig an den Messern schleifen. — Ja, lieblich ist des Berges Maid In ihrer festen Glieder Pracht, In ihrer blanken Fröhlichkeit Und ihrer Zöpfe Rabennacht; Siehst du sie brechen durch's Genist Der Brombeerranken, frisch, gedrungen, Du denkst, die Centifolie ist Vor Uebermuth vom Stiel gesprungen. Nun steht sie still und schaut sich um — All überall nur Baum an Baum; Ja, irre zieht im Walde um Des Berges Maid und glaubt es kaum; Noch zwei Minuten, wo sie sann, Pulsiren ließ die heißen Glieder, — Behende wie ein Marder dann Schlüpft keck sie in den Steinbruch nieder. Am Eingang steht ein Felsenblock, Wo das Geschiebe überhängt; Der Epheu schüttelt sein Gelock, Zur grünen Laube vorgedrängt: Da unter'm Dache lagert sie, Behaglich lehnend an dem Steine, Und denkt: ich sitze wahrlich wie Ein Heil'genbildchen in dem Schreine! Ihr ist so warm, der Zöpfe Paar Sie löset mit der runden Hand, Und nieder rauscht ihr schwarzes Haar Wie Rabensittiges Gewand. Ei! denkt sie, bin ich doch allein! Auf springt das Spangenpaar am Mieder; Doch unbeweglich gleich dem Stein Steht hinter'm Block der wilde Rieder: Er sieht sie nicht, nur ihren Fuß, Der tändelnd schaukelt wie ein Schiff, Zuweilen treibt des Windes Gruß Auch eine Locke um das Riff, Doch ihres heißen Odems Zug, Samumes Hauch, glaubt er zu fühlen, Verlorne Laute, wie im Flug Lockvögel, um das Ohr ihm spielen. v . Droste-Hülshof , Gedichte. 21 So weich die Luft und badewarm, Berauschend Thimianes Duft, Sie lehnt sich, dehnt sich, ihren Arm, Den vollen, streckt sie aus der Kluft, Schließt dann ihr glänzend Augenpaar — Nicht schlafen, ruhn nur eine Stunde — So dämmert sie und die Gefahr Wächst von Sekunde zu Sekunde. Nun Alles still — sie hat gewacht — Doch hinter'm Steine wird's belebt Und seine Büchse sachte, sacht, Der Rieder von der Schulter hebt, Lehnt an die Klippe ihren Lauf, Dann lockert er der Messer Klingen, Hebt nun den Fuß — was hält ihn auf? Ein Schrei scheint aus der Luft zu dringen! Ha, das Signal! — er ballt die Faust — Und wiederum des Geyers Pfiff Ihm schrillend in die Ohren saust — Noch zögert knirschend er am Riff — Zum dritten Mal — und sein Gewehr Hat er gefaßt — hinan die Klippe! Daß bröckelnd Kies und Sand umher Nachkollern von dem Steingerippe. Und auch das Mädchen fährt empor: „Ei, ist so locker das Gestein?“ Und langsam, gähnend tritt hervor Sie aus dem falschen Heil'genschrein, Hebt ihrer Augen feuchtes Glühn, Will nach dem Sonnenstande schauen, Da sieht sie einen Geyer ziehn Mit einem Lamm in seinen Klauen. Und schnell gefaßt, der Wildniß Kind, Tritt sie entgegen seinem Flug: Der kam daher, wo Menschen sind, Das ist der Bergesmaid genug. Doch still! war das nicht Stimmenton Und Räderknarren? still! sie lauscht — Und wirklich, durch die Nadeln schon Die schwere Kutsche ächzt und rauscht. „He, Mädchen!“ ruft es aus dem Schlag, Mit feinem Knix tritt sie heran: „Zeig uns zum Dorf die Wege nach, Wir fuhren irre in dem Tann!“ — „Herr,“ spricht sie lachend, „nehmt mich auf, Auch ich bin irr' und führ' Euch doch.“ „Nun wohl, du schmuckes Kind, steig auf, Nur frisch hinauf, du zögerst noch?“ „Herr, was ich weiß, ist nur gering, Doch führt es Euch zu Menschen hin, Und das ist schon ein köstlich Ding Im Wald, mit Räuberhorden drin: Seht, einen Weih am Bergeskamm Sah steigen ich aus jenen Gründen, Der in den Fängen trug ein Lamm; Dort muß sich eine Heerde finden.“ — Am Abend steht des Forstes Held Und flucht die Steine warm und kalt: Der Wechsler freut sich, daß sein Geld Er klug gesteuert durch den Wald: Und nur die gute, franke Maid Nicht ahnet in der Träume Walten, Daß über sie so gnädig heut Der Himmel seinen Schild gehalten. — Die Schwestern. I . Sacht pochet der Käfer im morschen Schrein, Der Mond steht über den Fichten. „Jesus Maria, wo mag sie seyn! Hin will meine Angst mich richten. Helene, Helene, was ließ ich dich gehn Allein zur Stadt mit den Hunden, Du armes Kind, das sterbend mir Auf die Seele die Mutter gebunden!“ Und wieder rennt Gertrude den Weg Hinauf bis über die Steige. Hier ist ein Tobel — sie lauscht am Steg, Ein Strauch — sie rüttelt am Zweige. Da drunten summet es Elf im Thurm, Gertrude kniet an der Halde: „Du armes Blut, du verlassener Wurm! Wo magst du irren im Walde!“ Und zitternd löst sie den Rosenkranz Von ihres Gürtels Gehänge, Ihr Auge starret in trübem Glanz, Ob es die Dämmerung sprenge. „Ave Maria — ein Licht, ein Licht! Sie kömmt, 's ist ihre Laterne! — Ach Gott, es ist nur ein Hirtenfeur, Jetzt wirft es flatternde Sterne. Vater unser, der du im Himmel bist Geheiliget werde dein Name“ — Es rauscht am Hange, „heiliger Christ!“ Es bricht und knistert im Brahme, Und drüber streckt sich ein schlanker Hals, Zwei glänzende Augen starren. „Ach Gott, es ist eine Hinde nur, Jetzt setzt sie über die Farren.“ Gertrude klimmt die Halde hinauf, Sie steht an des Raines Mitte. Da — täuscht ihr Ohr? — ein flüchtiger Lauf, Behend galoppirende Tritte — Und um sie springt es in wüstem Kreis, Und funkelt mit freud'gem Gestöhne. „Fidel, Fidel!“ so flüstert sie leis, Dann ruft sie schluchzend: „Helene!“ „Helene!“ schallt es am Felsenhang, „Helen'!“ von des Waldes Kante, Es war ein einsamer trauriger Klang, Den heimwärts die Echo sandte. Wo drunten im Tobel das Mühlrad wacht, Die staubigen Knecht' an der Wanne Die haben gehorcht die ganze Nacht Auf das irre Gespenst im Tanne. Sie hörten sein Rufen von Stund' zu Stund', Sahn seiner Laterne Geflimmer, Und schlugen ein Kreuz auf Brust und Mund, Zog über den Tobel der Schimmer. Und als die Müllerin Reisig las, Frühmorgens an Waldes Saume, Da fand sie die arme Gertrud im Gras, Die ängstlich zuckte im Traume. II . Wie rollt in den Gassen das Marktgebraus! Welch ein Getümmel, Geblitze! Hanswurst schaut über die Bude hinaus, Und winkt mit der klingelnden Mütze; Karossen rasseln, der Trinker jucht, Und Mädchen schrein im Gedränge, Drehorgeln pfeifen, der Kärrner flucht, O Babels würdige Klänge! Da tritt ein Weib aus der Ladenthür, Eine schlichte Frau von den Flühen, Die stieß an den klingelnden Harlekin schier, Und hat nicht gelacht noch geschrien. Ihr mattes Auge sucht auf dem Grund, Als habe sie Etwas verloren, Und hinter ihr trabt ein zottiger Hund, Verdutzt, mit hängenden Ohren. „Zurück, Verwegne! siehst du denn nicht Den Wagen, die schnaubenden Braunen?“ Schon dampfen die Nüstern ihr am Gesicht, Da fährt sie zurück mit Staunen, Und ist noch über die Rinne grad Mit raschem Sprunge gewichen, Als an die Schürze das klirrende Rad In wirbelndem Schwunge gestrichen. Noch ein Moment, — sie taumelt, erbleicht, Und dann ein plötzlich Erglühen, O schau, wie durch das Gewühl sie keucht, Mit Armen und Händen und Knieen! Sie rudert, sie windet sich, — Stoß auf Stoß, Scheltworte und Flüche wie Schlossen — Das Fürtuch reißt, dann flattert es los, Und ist in die Rinne geflossen. Nun steht sie vor einem stattlichen Haus, Ohne Schuh, besudelt mit Kothe; Dort hält die Karosse, dort schnauben aus Die Braunen und rauchen wie Schlote. Der Schlag ist offen, und eben sieht Sie im Portale verschwinden Eines Kleides Falte, die purpurn glüht, Und den Schleyer, segelnd in Winden. „Ach“ flüstert Gertrude, „was hab ich gemacht, Ich bin wohl verrückt geworden! Kein Trost bei Tag, keine Ruh bei Nacht, Das kann die Sinne schon morden.“ Da poltert es schreiend die Stiegen hinab, Ein Fußtritt aus dem Portale, Und wimmernd rollt von der Rampe herab Ihr Hund, der zottige, fahle. „Ja“ seufzt Gertrude, „nun ist es klar, Ich bin eine Irre leider!“ Erglühend streicht sie zurück ihr Haar, Und ordnet die staubigen Kleider. „Wie sah ich so deutlich ihr liebes Gesicht, So deutlich am Schlage doch ragen! Allein in Ewigkeit hätte sie nicht Den armen Fidel geschlagen.“ III . Zehn Jahre! — und Mancher der keck umher Die funkelnden Blicke geschossen, Der schlägt sie heute zu Boden schwer, Und Mancher hat sie geschlossen. Am Hafendamme geht eine Frau, — Mich dünkt, wir müssen sie kennen, Ihr Haar einst schwarz, nun schillerndes Grau, Und hohl die Wangen ihr brennen. Im Topfe trägt sie den Honigwab, Zergehend in Julius-Hitze; Die Trägerin trocknet den Schweiß sich ab, Und ruft dem hinkenden Spitze. Der sie bestellte, den Schiffspatron, Sieht über die Planke sie kommen; Wird er ihr kümmern den kargen Lohn? Gertrude denkt es beklommen. Doch nein, — wo sich die Matrosen geschaart, Zum Strande sieht sie ihn schreiten, Er schüttelt das Haupt, er streicht den Bart, Und scheint auf die Welle zu deuten. Und schau den Spitz! er schnuppert am Grund — „Was suchst du denn in den Gleisen? Fidel, Fidel!“ fort strauchelt der Hund, Und heulet wie Wölfe im Eisen. Barmherziger Himmel! ihr wird so bang, Sie watet im brennenden Sande, Und wieder erhebt sich so hohl und lang Des Hundes Geheul vom Strande. O Gott, eine triefende Leich' im Kies, Eine Leich' mit dem Auge des Stieres! Und drüber kreucht das zottige Vlies Des lahmen wimmernden Thieres. Gertrude steht, sie starret herab, Mit Blicken irrer und irrer, Dann beugt sie über die Leiche hinab, Mit Lächeln wirrer und wirrer, Sie wiegt das Haupt bald so bald so, Sie flüstert mit zuckendem Munde, Und eh die zweite Minute entfloh, Da liegt sie kniend am Grunde. Sie faßt der Todten geschwollene Hand, Ihr Haar voll Muscheln und Tange, Sie faßt ihr triefend zerlumptes Gewand, Und säubert von Kiese die Wange; Dann sachte schiebt sie das Tuch zurück, Recht wo die Schultern sich runden, So stier und bohrend verweilt ihr Blick, Als habe sie Etwas gefunden. Nun zuckt sie auf, erhebt sich jach, Und stößt ein wimmernd Gestöhne, Grad eben als der Matrose sprach: „Das ist die blonde Helene! Noch jüngst juchheite sie dort vorbei Mit trunknen Soldaten am Strande.“ Da that Gertrud einen hohlen Schrei, Und sank zusammen im Sande. IV . Jüngst stand ich unter den Föhren am See, Meinen Büchsenspanner zur Seite. Vom Hange schmählte das brünstige Reh, Und strich durch des Aufschlags Breite; Ich hörte es knistern so nah und klar, Grad' wo die Lichtung verdämmert, Daß mich gestöret der Holzwurm gar, Der unter'm Fuße mir hämmert. Dann sprang es ab, es mochte die Luft Ihm unsre Witterung tragen; „Herr,“ sprach der Bursche: „links über die Kluft! Wir müssen zur Linken uns schlagen! Hier naht kein Wild, wo sie eingescharrt Die tolle Gertrud vom Gestade, Ich höre genau wie der Holzwurm pocht In ihrer zerfallenden Lade.“ Zur Seite sprang ich, eisig durchgraut, Mir war als hab ich gesündigt, Indeß der Bursch mit flüsterndem Laut Die schaurige Mähre verkündigt: „Wie Jene gesucht, bei Tag und Nacht, Nach dem fremden ertrunkenen Weibe, Das ihr der tückische See gebracht, Verloren an Seele und Leibe. Ob ihres Blutes? man wußte es nicht! Kein Fragen löste das Schweigen. Doch schlief die Welle, dann sah ihr Gesicht Man über den Spiegel sich beugen, Und zeigte er ihr das eigene Bild, Dann flüsterte sie beklommen: „Wie alt sie sieht, wie irre und wild, Und wie entsetzlich verkommen!“ „Doch wenn der Sturm die Woge gerührt, Dann war sie vom Bösen geschlagen, Was sie für bedenkliche Reden geführt, Das möge er lieber nicht sagen. So war sie gerannt vor Jahresfrist, — Man sah's vom lavirenden Schiffe — Zur Brandung, wo sie am hohlsten ist, Und kopfüber gefahren vom Riffe. Drum scharrte man sie in's Dickicht dort, Wie eine verlorene Seele.“ Ich schwieg, und sandte den Burschen fort, Brach mir vom Grab' eine Schmehle: „Du armes gehetztes Wild der Pein, Wie mögen die Menschen dich richten!“ — Sacht pochte der Käfer im morschen Schrein, Der Mond stand über den Fichten. — Meister Gerhard von Cöln. Ein Notturno . Wenn in den linden Vollmondnächten Die Nebel lagern über'm Rhein, Und graue Silberfäden flechten Ein Florgewand dem Heilgenschrein: Es träumt die Waldung, duftumsäumt, Es träumt die dunkle Fluthenschlange, Wie eine Robbe liegt am Hange Der Schürg' und träumt. Tief zieht die Nacht den feuchten Odem, Des Walles Gräser zucken matt, Und ein zerhauchter Grabesbrodem Liegt über der entschlafnen Stadt: Sie hört das Schlummerlied der Well'n, Das leise murmelnde Geschäume, Und tiefer, tiefer sinkt in Träume Das alte Cöln. Dort wo die graue Cathedrale, Ein riesenhafter Zeitentraum, Entsteigt dem düstern Trümmermale Der Macht, die auch zerrann wie Schaum — Dort, in der Scheibe Purpurrund Hat taumelnd sich der Stral gegossen Und sinkt, und sinkt, in Traum zerflossen, Bis auf den Grund. Wie ist es schauerlich im weiten Versteinten öden Palmenwald, Wo die Gedanken niedergleiten Wie Anakonden schwer und kalt; Und blutig sich der Schatten hebt Am blut'gen Märtyrer der Scheibe, Wie neben dem gebannten Leibe Die Seele schwebt. Nach der Zaubersage. Der Ampel Schein verlosch, im Schiffe Schläft halbgeschlossen Blum' und Kraut; Wie nackt gespülte Uferriffe Die Streben lehnen, tief ergraut; Anschwellend zum Altare dort, Dann aufwärts dehnend, lang gezogen, Schlingen die Häupter sie zu Bogen, Und schlummern fort. Und immer schwerer will es rinnen Von Quader, Säulenknauf und Schaft, Und in dem Strale will's gewinnen Ein dunstig Leben, geisterhaft: Da horch! es dröhnt im Thurme — ha! Die Glocke summt — da leise säuselt Der Dunst, er zucket, wimmelt, kräuselt, — Nun steht es da! — Ein Nebelmäntlein umgeschlagen, Ein graues Käppchen, grau Gewand, Am grauen Halse grauer Kragen, Das Richtmaaß in der Aschenhand. Durch seine Glieder zitternd geht Der Stral wie in verhaltner Trauer, Doch an dem Estrich, an der Mauer Kein Schatten steht. Es wiegt das Haupt nach allen Seiten, Unhörbar schwebt es durch den Raum, Nun sieh es um die Säulen gleiten, Nun fährt es an der Orgel Saum; Und aller Orten legt es an Sein Richtmaaß, webert auf und nieder, Und leise zuckt das Spiel der Glieder, Wie Rauch im Tann. — War das der Nacht gewalt'ger Odem? — Ein weit zerflossner Seufzerhall, Ein Zitterlaut, ein Grabesbrodem Durchquillt die öden Räume all: Und an der Pforte, himmelan Das Männlein ringt die Hand, die fahle, Dann gleitet's aufwärts am Portale — Es steht am Krahn. Und über die entschlafnen Wellen Die Hand es mit dem Richtmaaß streckt; Ihr Schlangenleib beginnt zu schwellen, Sie brodeln auf, wie halb geweckt; Als drüber nun die Stimme dröhnt, Ein dumpf, verhallend, fern Getose, Wie träumend sich im Wolkenschooße Der Donner dehnt. „Ich habe diesen Bau gestellt, Ich bin der Geist vergangner Jahre! Weh! dieses dumpfe Schlummerfeld Ist schlimmer viel als Todtenbahre! O wann, wann steigt die Stunde auf, Wo ich soll lang Begrabnes schauen? Mein starker Strom, ihr meine Gauen Wann wacht ihr auf?“ — „Ich bin der Wächter an dem Thurm, Mein Ruf sind Felsenhieroglyphen, Mein Hornesstoß der Zeitensturm, Allein sie schliefen, schliefen, schliefen! Und schlafen fort, ich höre nicht Den Meißel klingen am Gesteine, Wo tausend Hände sind wie eine, Ich hör' es nicht!“ — „Und kann nicht ruhn, ich sehe dann Zuvor den alten Krahn sich regen, Daß ich mein treues Richtmaaß kann In eine treue Rechte legen! Wenn durch das Land ein Handschlag schallt, Wie einer alle Pulse klopfen, Ein Strom die Millionen Tropfen —“ Da silbern wallt v . Droste-Hülshof , Gedichte. 22 Im Osten auf des Morgens Fahne, Und, ein zerflossner Nebelstreif, Der Meister fährt empor am Krahne. — Mit Räderknarren und Gepfeif, Ein rauchend Ungeheuer, schäumt Das Dampfboot durch den Rhein, den blauen — O deutsche Männer! deutsche Frauen! Hab' ich geträumt? — Die Vergeltung. I . Der Kapitän steht an der Spiere, Das Fernrohr in gebräunter Hand, Dem schwarzgelockten Passagiere Hat er den Rücken zugewandt. Nach einem Wolkenstreif in Sinnen Die Beiden wie zwei Pfeiler sehn, Der Fremde spricht: „was braut da drinnen?“ „Der Teufel,“ brummt der Kapitän. Da hebt von morschen Balkens Trümmer Ein Kranker seine feuchte Stirn, Des Aethers Blau, der See Geflimmer, Ach, Alles quält sein fiebernd Hirn! Er läßt die Blicke, schwer und düster, Entlängs dem harten Pfühle gehn, Die eingegrabnen Worte liest er: „ Batavia . Fünfhundert Zehn .“ Die Wolke steigt, zur Mittagsstunde Das Schiff ächzt auf der Wellen Höhn, Gezisch, Geheul aus wüstem Grunde, Die Bohlen weichen mit Gestöhn. „Jesus, Marie! wir sind verloren!“ Vom Mast geschleudert der Matros', Ein dumpfer Krach in Aller Ohren, Und langsam löst der Bau sich los. Noch liegt der Kranke am Verdecke, Um seinen Balken fest geklemmt, Da kömmt die Fluth, und eine Strecke Wird er in's wüste Meer geschwemmt. Was nicht geläng' der Kräfte Sporne, Das leistet ihm der starre Krampf, Und wie ein Narwall mit dem Horne Schießt fort er durch der Wellen Dampf. Wie lange so? er weiß es nimmer, Dann trifft ein Stral des Auges Ball, Und langsam schwimmt er mit der Trümmer Auf ödem glitzerndem Kristall. Das Schiff! — die Mannschaft! — sie versanken. Doch nein, dort auf der Wasserbahn, Dort sieht den Passagier er schwanken In einer Kiste morschem Kahn. Armselge Lade! sie wird sinken, Er strengt die heisre Stimme an: „Nur grade! Freund, du drückst zur Linken!“ Und immer näher schwankt's heran, Und immer näher treibt die Trümmer, Wie ein verwehtes Mövennest; » Courage !« ruft der kranke Schwimmer, „Mich dünkt ich sehe Land im West!“ Nun rühren sich der Fähren Ende, Er sieht des fremden Auges Blitz, Da plötzlich fühlt er starke Hände, Fühlt wüthend sich gezerrt vom Sitz. „Barmherzigkeit! ich kann nicht kämpfen.“ Er klammert dort, er klemmt sich hier; Ein heisrer Schrei, den Wellen dämpfen, Am Balken schwimmt der Passagier. Dann hat er kräftig sich geschwungen, Und schaukelt durch das öde Blau, Er sieht das Land wie Dämmerungen Enttauchen und zergehn in Grau. Noch lange ist er so geschwommen, Umflattert von der Möve Schrei, Dann hat ein Schiff ihn aufgenommen, Viktoria! nun ist er frei! II . Drei kurze Monde sind verronnen, Und die Fregatte liegt am Strand, Wo Mittags sich die Robben sonnen, Und Bursche klettern über'n Rand, Den Mädchen ist's ein Abentheuer Es zu erschaun vom fernen Riff, Denn noch zerstört ist nicht geheuer Das gräuliche Corsarenschiff. Und vor der Stadt da ist ein Waten, Ein Wühlen durch das Kiesgeschrill, Da die verrufenen Piraten Ein Jeder sterben sehen will. Aus Strandgebälken, morsch, zertrümmert, Hat man den Galgen, dicht am Meer, In wüster Eile aufgezimmert. Dort dräut er von der Düne her! Welch ein Getümmel an den Schranken! — „Da kömmt der Frei — der Hessel jetzt — Da bringen sie den schwarzen Franken, Der hat geläugnet bis zuletzt.“ „Schiffbrüchig sey er hergeschwommen,“ Höhnt eine Alte: „Ei, wie kühn! Doch Keiner sprach zu seinem Frommen, Die ganze Bande gegen ihn.“ Der Passagier, am Galgen stehend, Hohläugig, mit zerbrochnem Muth, Zu jedem Räuber flüstert flehend: „Was that dir mein unschuldig Blut! Barmherzigkeit! — so muß ich sterben Durch des Gesindels Lügenwort, O mög' die Seele euch verderben!“ Da zieht ihn schon der Scherge fort. Er sieht die Menge wogend spalten — Er hört das Summen im Gewühl — Nun weiß er, daß des Himmels Walten Nur seiner Pfaffen Gaukelspiel! Und als er in des Hohnes Stolze Will starren nach den Aetherhöhn, Da liest er an des Galgens Holze: „ Batavia . Fünfhundert Zehn . Der Mutter Wiederkehr. Du frägst mich immer von neuem, Marie, Warum ich mein Heimathland Die alten lieben Gebilde flieh Dem Herzen doch eingebrannt? Nichts soll das Weib dem Manne verhehlen, Und nichts dem treuen Weibe der Mann, Drum setz dich her, ich will erzählen, Doch abwärts sitze — schau mich nicht an. Bei meinen Eltern ich war, — ein Kind, Ein Kind und dessen nicht froh, Im Hause wehte ein drückender Wind, Der ehliche Friede floh, Nicht Zank noch Scheltwort durfte ich hören, Doch wie ein Fels auf Allen es lag, Sahn wir von Reisen den Vater kehren, Das war uns Kindern ein trauriger Tag. Ein Kaufmann, ernst, sein strenges Gemüth Verbittert durch manchen Verlust, Und meine Mutter die war so müd, So keuchend ging ihre Brust! Noch seh' ich wie sie, die Augen geröthet, Ein Bild der still verhärmten Geduld, An unserm Bettchen gekniet und gebetet. Gewiß, meine Mutter war frei von Schuld! Doch trieb der Vater sich um — vielleicht In London oder in Wien — Dann lebten wir auf und athmeten leicht, Und schossen wie Kressen so grün. Durch lustige Schwänke machte uns lachen Der gute Meßner, dürr und ergraut, Der dann uns Alle sollte bewachen, Denn meiner Mutter ward Nichts vertraut. Da schickte der Himmel ein schweres Leid, Sie schlich so lange umher, Und härmte sich sachte in's Sterbekleid, Wir machten das Scheiden ihr schwer! Wir waren wie irre Vögel im Haine, Zu früh entflattert dem treuen Nest, Bald tobten wir toll über Blöcke und Steine, Und duckten bald, in den Winkel gepreßt. Dem alten Manne ward kalt und heiß, Dem würdigen Sakristan, Sah er besudelt mit Staub und Schweiß Und glühend wie Oefen uns nahn; Doch traten wir in die verödete Kammer, Und sahn das Schemelchen am Clavier, Dann strömte der unbändige Jammer, Und nach der Mutter wimmerten wir. Am sechsten Abend nachdem sie fort — Wir kauerten am Kamin, Der Alte lehnte am Simse dort Und sah die Kohlen verglühn, Wir sprachen nicht, uns war beklommen — Da leis' im Vorsaal dröhnte die Thür, Und schlürfende Schritte hörten wir kommen. Mein Brüderchen rief: „die Mutter ist hier!“ Still, stille nur! — wir horchten all, Zusammen gedrängt und bang, Wir hörten deutlich der Tritte Hall Die knarrende Diel' entlang, Genau wir hörten rücken die Stühle, Am Schranke klirren den Schlüsselbund, Und dann das schwere Krachen der Diele, Als es vom Stuhle trat an den Grund. Mein junges Blut in den Adern stand, Ich sah den Alten wie Stein Sich klammern an des Gesimses Rand, Da langsam trat es herein. O Gott, ich sah meine Mutter, Marie! Marie, ich sah meine Mutter gehn, Im schlichten Kleide, wie Morgens frühe Sie kam nach ihren zwei Knaben zu sehn! Fest war ihr Blick zum Grunde gewandt, So schwankte sie durch den Saal, Den Schlüsselbund in der bleichen Hand, Die Augen trüb wie Opal; Sie hob den Arm, wir hörtens pfeifen, Ganz wie ein Schlüssel im Schlosse sich dreht, Und in's Closet dann sahn wir sie streifen, Drin unser Geld und Silbergeräth. Du denkst wohl, daß keines Odems Hauch Die schaurige Oede brach, Und still war's in dem Closete auch, Noch lange lauschten wir nach. Da sah ich zusammen den Alten fallen, Und seine Schläfe schlug an den Stein, Da ließen wir unser Geschrei erschallen, Da stürzten unsere Diener herein. Du sagst mir nichts, doch zweifl’ ich nicht, Du schüttelst dein Haupt, Marie, Ein Greis — zwei Kinder — im Dämmerlicht — Da waltet die Phantasie! Was wollte ich nicht um dein Lächeln geben, Um deine Zweifel, du gute Frau, Doch wieder sag’ ichs: bei meinem Leben! Marie, wir sahen und hörten genau! Am Morgen kehrte der Vater heim, Verstimmt und müde gehetzt, Und war er nimmer ein Honigseim, So war er ein Wermuth jetzt. Auch waren es wohl bedenkliche Worte, Die er gesprochen zum alten Mann, Denn laut sie haderten an der Pforte, Und schieden in tiefer Empörung dann. Nun ward durchstöbert das ganze Haus, Ein Jeder gefragt, gequält, Die Beutel gewogen, geschüttet aus, Die Silberbestecke gezählt, Ob Alles richtig, versperrt die Zimmer, Nichts konnte dem Manne genügen doch; Bis Abends zählte und wog er immer, Und meinte, der Schade finde sich noch. Als nun die Dämmerung brach herein, Ohne Mutter und Sakristan, Wir kauerten auf dem staubigen Stein, Und gähnten die Flamme an. Verstimmt der Vater, am langen Tische, Wühlt' in Papieren, schob und rückt, Wir duckten an unserm Kamin, wie Fische, Wenn drauf das Auge des Reihers drückt. Da horch! — die Thüre dröhnte am Gang, Ein schlürfender Schritt darauf Sich schleppte die knarrende Diel' entlang. Der Vater horchte — stand auf — Und wieder hörten wir rücken die Stühle, Am Schranke klirren den Schlüsselbund, Und wieder das schwere Krachen der Diele, Als es vom Stuhle trat an den Grund. Er stand, den Leib vorüber gebeugt, Wie Jäger auf Wildes Spur, Nicht Furcht noch Rührung sein Auge zeigt', Man sah, er lauerte nur. Und wieder sah ich die mich geboren, Verbannt, verstoßen vom heiligen Grund, O, nimmer hab' ich das Bild verloren, Es folgt mir noch in der Todesstund! Und Er? — hat keine Wimper geregt, Und keine Muskel gezuckt, Der Stuhl, auf den seine Hand gelegt, Nur einmal leise geruckt. Ihr folgend mit den stechenden Blicken Wandt' er sich langsam wie sie schritt, Doch als er sie an's Closet sah drücken, Da zuckte er auf, als wolle er mit. Und „Arnold!“ rief's aus dem Geldverließ, — Er beugte vornüber, weit — Und wieder „Arnold!“ so klagend süß, — Er legte die Feder bei Seit' — Zum dritten Mal, wie die blutige Trauer, „Arnold!“ — den Meerschaumkopf im Nu Erfaßt er, schleudert' ihn gegen die Mauer, Schritt in's Closet und riegelte zu. Wir aber stürzten in wilder Hast Hinaus an das Abendroth, Wir hatten uns bei den Händen gefaßt, Und weinten uns schier zu todt. Die ganze Nacht hat die Lampe geglommen, Geknattert im Saal des Kamines Rost, Und als der dritte Abend gekommen, Da setzte der Vater sich auf die Post. Ich habe ihm nicht Lebewohl gesagt, Und nicht seine Hand geküßt, Doch heißt es, daß er in dieser Nacht Am Bettchen gestanden ist. Und bei des nächsten Morgens Erglühen, Das Erste was meine Augen sahn, Das war an unserem Lager knieen Den tief erschütterten Sakristan. Dem ward in der Früh' ein Brief gebracht, Und dann ein Schlüsselchen noch; „Ich will nicht lesen,“ hat er gedacht Und zögerte, las dann doch Den Brief, in letzter Stunde geschrieben Von meines unglücklichen Vaters Hand, Der fest im Herzen mir ist geblieben, Obwohl mein Bruder ihn einst verbrannt. „Was mich betroffen, das sag' ich nicht, Eh dorre die Zunge aus! Doch ist es ein bitter, ein schwer Gericht, Und treibt mich von Hof und Haus. In dem Closete da sind gelegen Papiere, Wechsel, Briefe dabei. Dir will ich auf deine Seele legen Meine zwei Buben, denn du bist treu. Sorg' nicht um mich, was ich bedarf Deß hab ich genügend noch, Und forsch auch nimmer, — ich warne scharf — Nach mir, es tröge dich doch. Sey ruhig, Mann, ich will nicht tödten, Den Leib, der Vieles noch muß bestehn, Doch laß meine armen Kinderchen beten, Denn sehr bedarf ich der Unschuld Flehn. Und im Closete gefunden ward Ein richtiges Testament, Und alle Papiere nach Kaufmannsart Geordnet und wohl benennt. Und wir? — in der Fremde ließ man uns pflegen, Da waren wir eben wie Buben sind, Doch mit den Jahren da muß sich's regen, Bin ich doch jetzt sein einziges Kind! Du weißt es, wie ich auch noch so früh, So hart den Bruder verlor, Und hätte ich dich nicht, meine Marie, Dann wär ich ein armer Thor! — Ach Gott, was hab' ich nicht All geschrieben, Aufrufe, Briefe, in meiner Noth! Umsonst doch Alles, umsonst geblieben. Ob er mag leben? — vermuthlich todt!“ Nie brachte wieder auf sein Geschick Die gute Marie den Mann, Der seines Lebens einziges Glück In ihrer Liebe gewann. So mild und schonend bot sie die Hände, Bracht' ihm so manches blühende Kind, Daß von der ehrlichen Stirn am Ende Die düstern Falten gewichen sind. Wohl führt' nach Jahren einmal sein Weg Ihn dicht zur Heimath hinan, Da ließ er halten am Mühlensteg, Und schaute die Thürme sich an. Die Händ' gefaltet, schien er zu beten, Ein Wink — die Kutsche rasselte fort; Doch nimmer hat er den Ort betreten, Und keinen Trunk Wasser nahm er dort. Der Barmekiden Untergang. Das Geschlecht der Barmekiden gehörte, zur Zeit des Kaliphats, zu den edelsten, mächtigsten und zahlreichsten. Zuletzt war „Dschafer der Barmekide“ Großvezier des Kaliphen Harun-al-Reschid, und sein Liebling. — Die Schwester des Kaliphen, Maimuna, faßte eine glühende Leiden¬ schaft für den schönen und edlen Mann, und da sie sich ihm auf keine andre Weise zu nähern wußte, betrat sie seinen Pallast in den Kleidern einer Tänzerin — Die Folge dieser Zusammenkunft war ein Verhältniß, das, eine Reihe von Jahren verborgen geblieben, doch endlich zur Kenntniß des Kaliphen gelangte, und den Untergang des ganzen Geschlechts nach sich zog. — Dschafer ward hingerichtet, sein Kopf über eins der Stadtthore Bagdads aufgesteckt, und sämmtliche Barmekiden, in die Wüste getrieben, unterlagen dort dem Hunger und Elende. — Siehe „Rosenöl.“ Reiche mir die Blutorange Mit dem süßen Zauberdufte, Sie die von den schönsten Lippen Ihre Nahrung hat geraubt. Sagt' ich es nicht, o Maimuna, Flehend, händeringend, knieend, Sagt' ich es zu sieben Malen, Nicht zu tausend Malen dir? „Laß, o Fürstin, diese Liebe! Laß von dieser dunklen Liebe, Dir die ganze Brust versengend, Unheil bringend und Gefahr! Daß nicht merk' es der Kaliphe, Er, der zornbereite Bruder, Nicht den Dschafer dir verderbe, Deinen hohen Barmekiden, Nicht den Dschafer dir verderbe Und dich selber, Fürstin, auch!“ Doch was ist die weise Rede In dem liebentglühten Herzen? Wie das Winseln eines Kindleins In der wuthentbrannten Schlacht, Wie ein linder Nebeltropfen In dem flammenden Gebäude, Wie ein Licht, vom Borde taumelnd In den dunklen Ocean! In der Tänzerin Gewande Schmiegen sich der Fürstin Glieder, Um die Schultern Seide flattert, In dem Arm die Zither liegt. O, wie windet sie die Arme Hoch das Tambourin erschwingend, O, wie wogen ihre Schritte, Ihre reizerblühten Glieder, Daß der Barmekide glühend Seine dunklen Augen birgt! Sieben Jahre sind verschwunden, Sieben wonnevolle Jahre, Zu den sieben drei und fünfe, Und in den Gebirgen irrend Zieht der Barmekiden Schaar. v. Droste-Hülshof , Gedichte. 23 Mütter auf den Dromedaren, Blind geweint die schönen Augen, In den Armen Kindlein wimmernd In die lagerlose Nacht. Ueber Bagdads Thor ein Geyer, Kreisend über Dschafers Schädel, Rauscht hinan und rauscht vorüber, Hat zur Nahrung nichts gefunden Als in seiner Augen Höhlen Nur zwei kleine Spinnlein noch. Bajazet. Der Löwe und der Leopard Die singen Wettgesänge, Glutsäulen heben Wettlauf an, Und der Samum ihr Herold. O Sonne, birg die Stralen! Was schleicht dort durch den gelben Sand, Ist es ein wunder Schakal? Ist es ein großer Vogel wohl, Ein schwergetroffner Ibis? O Sonne, birg die Stralen! Ein wunder Schakal ist es nicht, Kein schwergetroffner Vogel, Es ist der mächt'ge Bajazet, Der Reichste in Cairo, Er, der die dreizehn Segel hat, Die reichbeladnen Schiffe, Auf seiner Achsel liegt der Schlauch, Der Stab in seiner Rechten. O Sonne, birg die Stralen! „Weh dir, du unglücksel'ges Gold, Verrätherisches Silber! Und weh dir, Hassan, falscher Freund, Du ungetreuer Diener! Nahmst in der Nacht die Zelte mir Und nahmst mir die Kameele.“ O Sonne, birg die Stralen! „Wie einen Leichnam ließest mich, Wie Mumien, verdorrte, Wie ein verschmachtetes Kameel, Wie ein Gethier der Wüste! Und gab dir doch das reiche Gut, Die zwanzigtausend Kori.“ O Sonne, birg die Stralen! „So fluch' ich denn zu sieben Mal, Und tausend Mal verfluch' ich: Daß dich verschlingen mag das Meer, Dein brennend Haus dich tödten! Daß breche dein Gebein der Leu, Dein Blut der Tiger lecke! Der Beduine plündre dich, Preis gebe dich der Wüste, Daß in dem Sande du versiechst, Verschmachtend — hülflos — irrend!“ O Sonne, birg die Stralen! Der Schloßelf. In monderhellten Weihers Glanz Liegt brütend wie ein Wasserdrach' Das Schloß mit seinem Zackenkranz, Mit Zinnenmoos und Schuppendach. Die alten Eichen stehn von fern, Respektvoll flüsternd mit den Wellen, Wie eine graue Garde gern Sich mag um graue Herrscher stellen. Am Thore schwenkt, ein Steinkoloß, Der Pannerherr die Kreuzesfahn, Und courbettirend schnaubt sein Roß Jahrhunderte schon himmelan; Und neben ihm, ein Tantalus, Lechzt seit Jahrhunderten sein Docke Gesenkten Halses nach dem Fluß, Im dürren Schlunde Mooses Flocke. Ob längst die Mitternacht verklang, Im Schlosse bleibt es immer wach; Streiflichter gleiten rasch entlang Den Corridor und das Gemach, Zuweilen durch des Hofes Raum Ein hüpfendes Laternchen ziehet; Dann horcht der Wandrer, der am Saum Des Weihers in den Binsen knieet. „Ave Maria! stärke sie! Und hilf ihr über diese Nacht!“ Ein frommer Bauer ist's, der früh Sich auf die Wallfahrt hat gemacht. Wohl weiß er, was der Lichterglanz Mag seiner gnäd'gen Frau bedeuten; Und eifrig läßt den Rosenkranz Er durch die schwiel'gen Finger gleiten. Doch durch sein christliches Gebet Manch Heidennebel schwankt und raucht; Ob wirklich, wie die Sage geht, Der Elf sich in den Weiher taucht, So oft dem gräflichen Geschlecht Der erste Sprosse wird geboren? Der Bauer glaubt es nimmer recht, Noch minder hätt' er es verschworen. Scheu blickt er auf — die Nacht ist klar, Und gänzlich nicht gespensterhaft, Gleich drüben an dem Pappelpaar Zählt man die Zweige längs dem Schaft; Doch stille! In dem Eichenrund — Sind das nicht Tritte? — Kindestritte? Er hört wie an dem harten Grund Sich wiegen, kurz und stramm, die Schritte. Still! still! es raschelt über'n Rain, Wie eine Hinde, die im Thau, Beherzt gemacht vom Mondenschein, Vorsichtig äßet längs der Au. Der Bauer stutzt — die Nacht ist licht, Die Blätter glänzen an dem Hagen, Und dennoch — dennoch sieht er nicht, Wen auf ihn zu die Schritte tragen. Da, langsam knarrend, thut sich auf Das schwere Heck zur rechten Hand, Und, wieder langsam knarrend, drauf Versinkt es in die grüne Wand. Der Bauer ist ein frommer Christ; Er schlägt behend des Kreuzes Zeichen; „Und wenn du auch der Teufel bist, Du mußt mir auf der Wallfahrt weichen!“ Da hui! streift's ihn, federweich, Da hui! raschelt's in dem Grün, Da hui! zischt es in den Teich, Daß bläulich Schilf und Binsen glühn, Und wie ein knisterndes Geschoß Fährt an den Grund ein bläulich Feuer; Im Augenblicke wo vom Schloß Ein Schrei verzittert über'm Weiher. Der Alte hat sich vorgebeugt, Ihm ist als schimmre, wie durch Glas, Ein Kindesleib, phosphorisch, feucht, Und dämmernd wie verlöschend Gas; Ein Arm zerrinnt, ein Aug' verglimmt — Lag denn ein Glühwurm in den Binsen? Ein langes Fadenhaar verschwimmt, — Am Ende scheinen's Wasserlinsen! Der Bauer starrt, hinab, hinauf, Bald in den Teich, bald in die Nacht; Da klirrt ein Fenster drüben auf, Und eine Stimme ruft mit Macht: „Nur schnell gesattelt! schnell zur Stadt! Gebt dem Polacken Gert' und Sporen! Viktoria! so eben hat Die Gräfin einen Sohn geboren!“ Kurt von Spiegel. O frommer Prälat, was ließest so hoch Des Marschalks frevlen Muth du steigen! War's seine Gestalt deren Adel dich trog, Sein flatternder Witz unter Bechern und Reigen? O frommer Bischof, wie war dir zu Muth, Als rauchend am Anger unschuldiges Blut Verklagte, verklagte dein zögerndes Schweigen! Am Wewelsberge schallt Wald-Hurrah, Des Rosses Flanke schäumt über den Bügel, Es keucht der Hirsch, und dem Edelwild nah, Ein flüchtiger Dogge, keucht Kurt von Spiegel; Von Thurmes Fahne begierig horcht Der arme Tüncher, und unbesorgt Hält in der Hand er den bröckelnden Ziegel. Da horch! Halali! das Treiben ist aus, Des Hirsches einzige Thräne vergossen, Ein Hörnerstoß durch das waldige Haus Vereint zum Geweide die zott'gen Genossen, Und bald aus der nickenden Zweige Geleit Die Treiber so stumm, die Ritter so breit, Ziehn langsam daher mit den stöhnenden Rossen. Der Spiegel spornt sein rauchendes Thier, „Verfluchte Canaille, du hast mich bestohlen!“ Da sieht er, hoch an des Thurmes Zimier, Den armen Tüncher auf schwankenden Bohlen. „Ha,“ murrt er, heute nicht Beute noch Schuß, Nie kam ich noch wieder mit solchem Verdruß, Ich möchte mir drüben den Spatzen wohl holen!“ Der Tüncher sieht wie er blinzelt empor, Und will nach dem ärmlichen Hütlein greifen, Da sieht er drunten visieren das Rohr, Da hört er den Knall, und die Kugel noch pfeifen; Getroffen, getroffen! — er schaukelt, er dreht, Mit Ziegel und Bohle und Handwerksgeräth Kollert er nieder zum rasigen Streifen. Als träf ihn selber das Todesgeschoß So zuckt der Prälat, seine Augen blitzen, „Marschalk!“ stöhnt er, die Stirne wird naß, Am schwellenden Halse zittern die Spitzen, Dann fährt auf die Wange ein glühendes Roth, Und „Marschalk!“ ruft er, „das bringt dir den Tod! Greift ihn, greift ihn, meine Treiber und Schützen!“ Doch lächelnd der Spiegel vom Hengste schaut, Er lächelt umher auf die bleichen Vasallen: „Mein gnädigster Herr, nicht zu laut, nicht zu laut, Eu'r Dräuen möchte im Winde verhallen!“ Dann wendet er rasch, im sausenden Lauf Durchs Thor und die donnernde Brücke hinauf. — Zu spät, zu spät sind die Gitter gefallen! Im Dome zu Paderborn ist verhallt Das Sterbegeläute des alten Prälaten, Und wieder im Dom hat Kapitels Gewalt Den neuen Beherrscher gewählt und berathen. Stumm fährt das Gebirg und die Felder hinein Der neue Bischof zur Wewelsburg ein, Geleitet von summenden Volkscomitaten. Und als nun über die Brücke er rollt, Und sieht die massigen Thürme sich strecken, Wie ihm im Busen es zittert und grollt! An seiner Inful — o brandiger Flecken! Des Spiegels Blut in dem Ahnenbaum hell! Leis seufzet er auf, dann murmelt er schnell: „Herr Truchses, laßt unsre Tafel nun decken,“ Es kreisen die Becher beim Böllergeknall, Die stattlichen Ritter, die artigen Damen, Sich schleudernd des Witzes anmuthigen Ball, Fast von der Stirne die Falten ihm nahmen; Da horch! im Flure ein Schreiten in Eil; Es knarren die Thüren, es steht eine Säul', Der Spiegel, der blutige Marschalk, im Rahmen! Der Bischof schaut wie ein Laken so bleich, — Im weiten Saal keines Odems Verhallen — An's Auge schlägt er die Rechte sogleich, Und langsam läßt er zur Seite sie fallen. Dann seufzt er hohl und düster und schwer: „Kurt! — Kurt von Spiegel, wie kömmst du daher! — Greift ihn, ergreift ihn, ihr meine Vasallen;“ Kein Sünderglöckchen geläutet ward, Kein Schandgerüst sah man zimmern und tragen, Doch sieben Schüsse die knatterten hart, Und eine Messe hörte man sagen. Der Bischof schaut' auf den blutigen Stein, Dann murmelt' er sacht in's Breve hinein: „Es ist doch schwer eine Inful zu tragen! Der spiritus familiaris des Roßtäuschers. Der spiritus familiaris des Roßtäuschers. Deutsche Sagen; herausgegeben von den Gebrüdern Grimm. Berlin. 1816. Nr. 84. Spiritus familiaris. Er wird gemeiniglich in einem wohlverschlossenen Gläslein auf¬ bewahrt, sieht aus nicht recht wie eine Spinne, nicht recht wie ein Skorpion, bewegt sich aber ohne Unterlaß. Wer diesen kauft, bei dem bleibt er, er mag das Fläschlein hinlegen wohin er will, immer kehrt er von selbst zu ihm zurück. Er bringt großes Glück, läßt verborgene Schätze sehen, macht bei Freunden geliebt, bei Feinden gefürchtet, im Kriege fest wie Stahl und Eisen, also daß sein Be¬ sitzer immer den Sieg hat, auch behütet er vor Haft und Gefäng¬ niß. Man braucht ihn nicht zu pflegen, zu baden und kleiden, wie ein Galgenmännlein. Wer ihn aber behält bis er stirbt, der muß mit ihm in die Hölle, darum sucht ihn der Besitzer wieder los zu werden. — — Ein Soldat, der ihn für eine Krone gekauft und den gefähr¬ lichen Geist kennen lernte, warf ihn seinem vorigen Besitzer vor die Füße und eilte fort; als er zu Hause ankam, fand er ihn wieder in seiner Tasche. Nicht besser ging es ihm, als er ihn in die Donau warf. Ein Augsburgischer Roßtäuscher und Fuhrmann zog in eine berühmte deutsche Stadt ein. Der Weg hatte seine Thiere sehr mitgenommen, im Thor fiel ihm ein Pferd, im Gasthaus das zweite und binnen wenigen Tagen die übrigen sechs. Er wußte sich nicht zu helfen, ging in der Stadt umher, und klagte den Leuten mit Thränen seine Noth. Nun begab sich's, daß ein anderer Fuhrmann ihm begegnete, dem er sein Unglück erzählte. Dieser sprach: „seyd ohne Sorgen, ich will euch ein Mittel vorschlagen, dessen ihr mir danken sollt.“ Der Roßtäuscher meinte, dieß wären leere Worte. „Nein, nein, Gesell, euch soll geholfen werden. Geht in jenes Haus und fragt nach der „Gesellschaft,“ der erzählt euren Unfall, und bittet um Hülfe.“ Der Roßtäuscher folgte dem Rathe, ging in das Haus und fragte einen Knaben, der da war, nach der Ge¬ sellschaft. Er mußte auf Antwort warten, endlich kam der Knabe wieder und öffnete ihm ein Zimmer, in welchem etliche alte Männer an einer runden Tafel saßen. Sie redeten ihn mit Namen an, und sagten: „Dir sind acht Pferde gefallen, darüber bist du nieder¬ geschlagen, und nun kömmst du, auf Anrathen eines deiner Gesellen, zu uns, um Hülfe zu suchen: du sollst erlangen, was du begehrst.“ Er mußte sich an einen Nebentisch setzen und nach wenigen Minuten überreichten sie ihm ein Schächtelein mit den Worten: „Dieß trage bei dir, und du wirst von Stund an reich werden, aber hüte dich, daß du die Schachtel, wo du nicht wieder arm werden willst, nie¬ mals öffnest.“ Der Roßtäuscher fragte, was er für dieses Schäch¬ telein zu zahlen habe, aber die Männer wollten nichts dafür; nur mußte er seinen Namen in ein großes Buch schreiben, wobei ihm die Hand geführt ward. Der Roßtäuscher ging heim, kaum aber war er aus dem Haus getreten, so fand er einen ledernen Beutel mit dreihundert Dukaten, womit er sich neue Pferde kaufte. Ehe er die Stadt verließ, fand er in dem Stalle, wo die neuen Pferde standen, noch einen großen Topf mit alten Thalern. Kam er sonst wohin und setzte das Schächtelein auf die Erde, so zeigte sich da, wo Geld verloren oder vorzeiten vergraben war, ein hervordringen¬ des Licht, also daß er es leicht heben konnte. Auf diese Weise er¬ hielt er ohne Diebstahl und Mord große Schätze zusammen. Als die Frau des Roßtäuschers von ihm vernahm, wie es zuging, er¬ schrack sie, und sprach: „Du hast etwas Böses empfangen, Gott will nicht, daß der Mensch durch solche verbotene Dinge reich werde, sondern hat gesagt, im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brod essen. Ich bitte dich um deiner Seligkeit willen, daß du wieder nach der Stadt zurück reisest und der „Gesellschaft“ deine Schachtel zustellst.“ Der Mann von diesen Worten bewogen, ent¬ schloß sich und schickte einen Knecht mit dem Schächtelein hin, um es zurück zu liefern, aber der Knecht brachte es wieder mit der Nachricht zurück, daß die Gesellschaft nicht mehr zu finden sey, und niemand wisse, wo sie sich aufhalte. Hierauf gab die Frau genau Acht, wo ihr Mann das Schächtelein hinsetze, und bemerkte, daß er es in einem besonders von ihm gemachten Täschchen in dem Bund seiner Beinkleider verwahre. In der Nacht stand sie auf, zog es hervor und öffnete es: da flog eine schwarze sausende Fliege heraus und nahm ihren Weg durch das Fenster hin. Sie machte den Deckel wieder darauf und legte es an seinen Ort, unbesorgt wie es ab¬ laufen würde. Allein von Stund an verwandelte sich all das vorige Glück in das empfindlichste Unglück. Die Pferde fielen oder wurden gestohlen. Das Korn verdarb auf dem Boden, das Haus brannte zu dreienmalen ab, und der gesammelte Reichthum verschwand zu¬ sehends. Der Mann gerieth in Schulden und ward ganz arm, so daß er in Verzweiflung erst seine Frau mit einem Messer tödtete, dann sich selbst eine Kugel durch den Kopf schoß. Trutz Simplex Leben der Landstörzerin Courage . Cap. 18 und 23. Der Leipziger Avanturier . Frkft. u. Lpzg. 1756. Th. 2. S. 38–42. Den hier angegebenen Kennzeichen des Spiritus familiaris fügt der Volksglaube an manchen Orten noch andere hinzu. Seine un¬ unterbrochenen Bewegungen sollen von einem feinen knisternden Ge¬ räusch begleitet seyn, was den Träger Andern unheimlich und dem Wissenden kenntlich mache. Ueber Tag sey er schwarz, gebe aber im Dunkeln ein starkes phosphorisches Licht von sich, und so oft der Besitzer eine Kirche betrete, bete, oder sich nur einem frommen Gedanken überlasse, bekomme einer seiner feinen zahllosen Füße oder Fühlhörner die Macht, das Glas zu durchdringen und demselben einen Stich zu geben, der jedesmal die Lebenskraft bedeutend schwäche. Auch sollen seine Gaben dies mit andern höllischen gemein haben, daß sie zwar nicht wie diese zu Kohlen, aber schon in der zweiten Hand verderblich werden, das Vieh falle, das Getreide verderbe, oder, bis zur Aussaat gebracht, nicht keime, so daß dem Käufer von dem scheinbar vortheilhaftesten Handel nur der schlimmste Schaden bleibe. — Als Orte, wo die Fläschlein zu erhalten sind, wird bald ein Kreuzweg, bald der Rabenstein, bald ein leerstehendes, durch darin begangene Verbrechen dem Bösen anheim gefallenes Haus bezeichnet. v . Droste-Hülshof , Gedichte. 24 I . So hat er sich umsonst gequält, umsonst verkauft die werthe Stätte, Wo seiner Kindheit Linde steht und seiner Eltern Sterbe¬ bette, Umsonst hat er so manchen Tag den frostbeklemmten Hauch gesogen, In seiner starren Hand den Zaum, umknistert von des Schnees Wogen, Beim Morgenroth, beim Abendroth, Nur um ein Stückchen ehrlich Brod! Der Täuscher kniet am Pflastergrund, er streicht des Rosses heiße Flanken, Von des Gebälkes Sparren läßt die Leuchte irre Schatten wanken; Bei Gott, es lebt! — im Aug' ein Blitz! — es schaudert, zittert, hüben, drüben, Dann streckt es sich, die Nüstern stehn, vom wilden Schreie aufgetrieben, Und aus den Gliedern wirbelt Dampf, Der Lebenswärme letzter Kampf. Der Täuscher kniet und streichelt fort, nicht trauen will er seinem Auge, Und schwellend in die Wimper steigt der Mannesthräne bittre Lauge, Sacht langt die Decke er herbei und schlägt sie um des Thieres Weichen, Dann läßt er der Laterne Schein ob den gespannten Sehnen streichen; Es ist vorbei, kein Odemhauch, Und schon verschwimmt der Flanken Rauch. Vom Boden hebt er sich, er steht, der schwergebeugte Mann der Sorgen, Und langsam hat er seine Stirn, hat sie in hohler Hand geborgen; Was heute war? was morgen wird? wie könnt' er dessen sich entsinnen! Und der Verzweiflung Schlange fühlt er kalt zum Herzen niederrinnen; Was war? was ist? — er fährt empor, Ein Klirren, dicht an seinem Ohr! Und an dem nächsten Ständer lehnt, des todten Rappen Zaum und Zügel Gelassen wägend in der Hand, ein Mann mit Hafermaaß und Striegel, So stämmig wie durch Frost und Staub der Kärrner treibt die derben Glieder, In seinen breiten Nacken hängt der breite Schlapphut tröpfelnd nieder, Und ruhig auf den Täuscher itzt Sein graubewimpert Auge blitzt. „Herr!“ hebt er an: „ihr dauert mich, ein feines Thier ist euch gefallen, Doch weiß ich eins, ihm gleich wie sich am Paternoster zwei Korallen; Ich nenne euch den Ort, das Haus, ihr habt es um zwei¬ hundert Gulden, Dann wüßt' ich einen Herrn, der drum sein halbes Erbe würde schulden.“ Der Täuscher horcht, und stammelt dann: „Ich bin ein ganz verarmter Mann!“ „Wie, eure prächt'ge Kuppel hin? wie, die ich in den Oster¬ tagen So frisch das Pflaster stampfen sah? fürwahr, da seyd Ihr zu beklagen! O, euer Brauner mit dem Stern, der zierlich vor den Damen kniete! O, euer Weißgeborner, dem's wie Funken aus den Nüstern sprühte!“ Der Täuscher hat sich abgewandt, Er zupft am Zaume, ballt die Hand; Und sinnend steht der Schlapphut, mißt mit steifem Blick der Kiste Bohlen, „Herr!“ flüstert er: „schließt eure Faust um blankgerändete Pistolen! Die Stunde zehrt, es schwillt der Mond, bald ist des Jahres Schluß gekommen, Habt ihr auf euren Zügen denn von der Gesellschaft nichts vernommen?“ Der Täuscher blickt verwirrt umher, Und: „die Gesellschaft?“ murmelt er. „Wie, die so manchen braven Mann aus seinen Nöthen hat gezogen Und keinen Heller Zinsen nimmt, zwei Worte nur auf weißem Bogen, Die euch, und lebt ihr hundert Jahr, mit keiner Mahnung wird beschämen, Die kennt ihr nicht? die kennt ihr nicht? fürwahr, das muß mich Wunder nehmen!“ Der Täuscher horcht, er spricht kein Wort, Und flüsternd fährt der Andre fort: „Hört an, wenn in Silvesternacht das Mondlicht steigt in volle Bahnen, Kein Dach, kein Baum es schatten mag, wenn silbern stehn der Thürme Fahnen, Zum Schleusenthor geht dann hinaus, den Strom zur Rechten, links die Föhren, Wer euch begegnet — achtet's nicht; wer euch begrüßt — laßt euch nicht stören, Und hinterm Friedhof liegt ein Haus, Ein wenig öde sieht es aus. Verstorbnen Wuchrers Erb' um das sich sieben Lumpe hitzig streiten, Und drinnen stimmt ein schwaches Licht, ihr seht es freilich nicht von weiten, Alljährlich nur in dieser Nacht, sonst stehen Thür und Thor verrammelt, In einem Hinterbaue brennts, wo die Gesellschaft sich versammelt; Ihr trefft sie bis der Hahn gekräht, —“ Der Täuscher wendet sich und geht. Wie trunken schwankt er durch den Hof, schwankt in die buntgefüllte Halle; Der Kannen Klappen, das Geschrei — ihm ist als ob die Decke falle; Und seufzend löst vom Gürtel er die Lederkatze, und beklommen Läßt er den ärmlichen Gehalt so Stück vor Stück zu Tage kommen; Dann springt er auf, sein Sporenklang Klirrt trotzig das Gehöft entlang. Doch was er rufen, pfeifen mag, leer ist der Stall, nur aus den Raufen Hängt wirres Heu wie sträubend Haar, und drunter dam¬ pfen Strohes Haufen, Nur der Laterne feuchter Docht wirft Flämmchen auf mit leichtem Knallen, Und läßt ein seltsam zuckend Licht um den gestreckten Rappen fallen, Und in der Fensterscheibe steht Des Mondes bleiche Majestät. II . Das nenn' ich eine Winternacht! das eine Jahresleiche! Gnade Der Himmel Jedem den die Noth treibt über diese blanken Pfade! Sie glitzern auf, der Schlange gleich im weißen Pyramiden¬ sande, Und drüber hängt, ein Todtenlicht, der Mond an unsicht¬ barem Bande, Mit Fünkchen ist die Luft gefüllt, Die Sterbeseufzer zieht und quillt. Nie hat, seit Menschendenken, sich Sylvesternacht so scharf ergossen, Der Tag hat Flocken ausgestreut, der Abend sie mit Glas umschlossen; In den Gehöften Taub' und Huhn auf ihrer Stange ächzend ducken, Der Hund in seinem Schober heult und fühlt den Wurm im Hirne zucken; Zwei Spannen hat in dieser Nacht Das Eis dem Strome zugebracht. Verklommen steht am Thor die Wach' und haucht in die er¬ starrten Hände, „Wer da!“ „ein Freund!“ und hastig stampft es längs der Brücke Steingelände; Betroffen sieht ihn der Rekrut wie einen Mast am Strome schwanken: „Der ist betrunken oder irr!“ er steht ein Weilchen in Ge¬ danken, Bekreuzt sich, zieht die Uhr heraus, Und lehnt sich an sein Schilderhaus. In's offne Land der Täuscher tritt, er athmet auf und schaut nach oben; Kein Wölkchen hängt am Riesenbau der dunklen Saphir¬ kuppel droben, Er wendet sich, und sieht die Stadt wie eine Nebelmasse liegen, Und drüber, auf Sankt Thomas Thurm, das Wetterkreuz sich schimmernd wiegen, Den Mantel zieht er an's Gesicht Und schreitet fort im Mondenlicht. Was liegt dort über'm Weg? — ein Mensch, ein Mann in dünnem Zwillichrocke, — Der Täuscher zuckt, doch zaudert nicht; wohl sieht des Greisen dünne Locke, Die Glatze, leuchtend aus dem Schnee, er sieht sie im Vor¬ überschreiten, Und wie mit tausend Stricken zieht es nieder, nieder ihn, zur Seiten; An's Herz hat er die Faust geballt, Und weiter, weiter sonder Halt! Die Scholle unterm Fuße kracht, und scheint ihn wimmernd anzuklagen, Die Luft mit ihrem leisern Hauch ihm Sterberöcheln zuzu¬ tragen, In dem verglas'ten Föhrenwald ein irres Leben surrt und klingelt, Und seiner eignen Kehle Hauch mit Funkenstaube ihn umzingelt, Voran, voran, der Würfel liegt, Verloren oder keck gesiegt! Da wie ein Glöckchen tönt's von fern, und dann ein Licht¬ chen kömmt geschwommen Den blanken Schlangenpfad entlang, ist an des Hügels Bug geklommen, Das Glöckchen schwirrt, das Flämmchen schwankt, Gestalten dunkel sich bewegen, Ein Priester mit dem Sakrament zieht dem verstörten Mann entgegen, Und wie's an ihm vorüber schwebt Der Mönch die Hostie segnend hebt. Der Täuscher schaudert, und ihn reißt's wie Bleigewichte an den Knieen, Doch weiter, weiter! — und vorbei läßt er den Gnaden¬ engel ziehen; Noch einmal schaudert er — ein Knall — des Stromes Flächen spaltend zittern, Ein Windstoß durch der Föhren Haar, und die kristallnen Stäbchen klittern — Da tritt zum Friedhof er hinaus Und vor ihm liegt das öde Haus. Er starrt es an — ein düst'rer Bau! mit Zackengiebel, Eisen¬ stangen, Vom offnen Thore Nägelreihn wie rostige Gebisse hangen; Der Täuscher zaudert, dann umschleicht behutsam wie ein Fuchs im Winde Die Mauern er; — ist's nicht als ob ein Licht im Innern sich entzünde? Er schüttelt sich, er tritt hinein Und steht im finstern Gang allein; Tappt am Gemäuer, wendet sich; dort stimmt es durch der Thüre Spalten, Sacht beugt er zu der Ritze, lauscht, den schweren Odem angehalten; Kein Ton, kein Räuspern, nur ein Laut wie scharfgeführter Feder Schrillen, Und ein Geriesel wie wenn Sand auf Estrich stäubt durch schmale Rillen; Sacht greift er an die Klinke, sacht Hat er gepocht und aufgemacht. III . Wie friedlich in der Erde Schooß die still geringen Leutchen schlafen! Endlich ein Pfühl nach hartem Stroh, nach saurer Fahrt endlich ein Hafen! Dem Flockenwulste, sichtbar kaum, entheben sich die niedern Hügel, Doch Gottes Engel kennt sie wohl, und schirmend breitet er die Flügel Den Kreuzlein zu, die Pflock an Pflock Sich reihen um den Marmorblock. Am Sockel kreucht der Drachenwurm, und scheint zum Grund hinabzukrallen, Zum todten Wuchrer unter'm Stein, von eigner Frevelhand gefallen, Wohl hat ihm Gold ein ehrlich Grab geworben an der Fried¬ hofsmauer, Doch drüber zuckt sein Flammenschwert Sankt Michael in Zorn und Trauer, So silbergrau, ein Nachtgesicht, Steht das versteinerte Gericht. Vom öden Hause, seinem einst, wo blutge Thränen sind geflossen, Hat sich ein seltsam dämmernd Licht bis an den Marmel¬ stein ergossen, Es ist als ob das Monument bei der Berührung zitternd schwanke, Im Schnee wühlend eine Hand dem Schuldner sich entgegen ranke; Er kömmt, er naht, die Pforte dröhnt, Er hat sich an den Stein gelehnt; Bleich wie der Marmor über ihm, und finster wie das Kreuz zur Seiten, Von Stirn und Wimper, Zähren gleich, geschmolznen Reifes Tropfen gleiten; Was er in dieser schweren Nacht gelitten oder auch gesündet, Er hat es Keinem je geklagt und Keinem reuig es verkündet; In's Dunkel starrt er, wie man wohl So starrt gedankenlos und hohl. Ihm ist, als fühl' er noch die Hand die seinen Federzug geleitet, Als fühle er den Nadelstich, der seines Blutes Quell be¬ reitet, Und leise zitternd tastet er zum Gurte, — hörst du nicht ein Knirren, Viel schrillender als Uhrgetick, viel zarter als der Spange Klirren? — O, seine Heimath, still umlaubt! O, seines Vaters graues Haupt! Bewußtlos an des Engels Knie drückt er die Stirn, klemmt er die Hände, Der todten Gäule Klingeln hört er schleichen durch die Fichtenwände; Genüber ihm am Horizonte schleifen schwarze Wolkenspalten, Wie lässig eine träge Hand zum Sarge schleift des Bahr¬ tuchs Falten; Er streicht das Auge, reckt sich auf, Und schaut zum Aetherdom hinauf. Noch hängt die Mondesampel klar am goldgestickten Kuppel¬ ringe, Noch leuchtet von Sankt Thomas Thurm das Kreuz wie eine Doppelklinge, Noch ist die Stunde nicht, wo sich der Hahn auf seiner Stange schüttelt, O eilig, eilig, eh die Uhr das letzte Sandkorn hat gerüttelt! Er wendet sich, da — horch, ein Klang, Und wieder einer, schwer und bang! Und mit dem zwölften Schlage hat der Wolkenmantel sich gebreitet, Der immer höher, riesig hoch, sich um die Himmelskuppel weitet, Und, horch! — ein langgedehnter Schrei, des Hahnes mitter¬ nächt'ge Klage; Im selbigen Moment erbebt und lischt der Schein am Sar¬ kophage, Und Engel, Drache, Flammenschwert, Sind in die wüste Nacht gekehrt. IV . Ho! Gläserklang und Jubelsang und „Hurrah hoch!“ fährt's durch die Scheiben, Getroffen schwankt der goldne Leu, die Buben aus einander stäuben, Und drängen sich und balgen sich das fliegende Confekt zu fangen; Ein Glas, 'ne Frucht, 'ne Börse gar, die blieb am Speer des Schildes hangen, Und schreiend nach der Stange sticht Das kleine gierige Gezücht. Da klirrt aus des Balkones Thür ein Mann mit Gert' und Eisensporen, Ihm nach ein Andrer, Flasch' im Arm, in Rausches Selig¬ keit verloren, „Gesindel!“ ruft der Eine: „halt! ich will euch lehren Börsen stechen!“ „Frisch, Jungens, frisch!“ der Andre drauf: „die Birn ist mein, wer kann sie brechen? Ihn schlag' ich heut', ich, Hans von Spaa, Zum Ritter von Lumpatia.“ „Besinnt euch,“ spricht der Erste; „was, besinnen? hab' ich mich besonnen Als euer Falber wie'n gestochner Stier zusammenbrach am Bronnen? Besann ich mich zu zahlen, Herr? o euer Vieh! dreihundert Kronen!“ Die Stimme bricht in trunknem Weh, er schluchzt: „mag euch der Teufel lohnen!“ Und schraubt den Pfropfenzieher ein; Der Täuscher murmelt finster drein, Und wendet sich. „He, holla, halt!“ schreit's hinter ihm, „nicht von der Stelle! Hoch euer Galgenmännlein, hoch der kleine rauchige Geselle! Und wieder hoch! und dreimal hoch! — Alräunchen, Hütchen meinetwegen, Mag's ferner goldne Eier euch, und Andern todte Bälge legen!' Der Täuscher lächelt, aschenfahl, Und schlendert pfeifend in den Saal. Noch zwei Minuten, und du siehst den Gassenpöbel vor ihm weichen, Ihn scheu wie ein umstelltes Wild entlang die Häuserreihen streichen: So schleicht kein Trinker schweren Hirns und freudesatt sich vom Gelage, So grüßt kein freies Herz, nicht steht auf offner Stirn so trübe Frage; Man meint, das Thor gewinne jetzt Ein Schelm, von Gläubigern gehetzt. Erst als die Fichte ihn umstarrt, an seiner Sohle Nadeln rauschen, Hat er den Schritt gehemmt und steht, in sich gebeugt, zu lauschen — lauschen — So lauscht kein Liebender dem Klang der Glocke, die zur Minne ladet, Kein Kranker so des Priesters Schritt, der mit dem Heil¬ thum ihn begnadet: Ein Delinquent so lauschen mag Der letzten Stunde Pendelschlag. Am Sonnenbrande schlummernd liegt der Wald in des Aroma Wellen, Und Harz entquillt den Nadeln wie aus Schläfers Wimpern Thränen quellen, Die sonnentrunkne Klippe nickt, die Vögel träumen von Gesange, In sich gerollt das Eichhorn liegt, umflattert von dem Franzen¬ hange, An jeder Nadel weißer Rauch Verdunstet Terpentines Hauch. Durch das Gezweig' ein Sonnenstrahl bohrt in des Horchers Scheitellocke, Die aus dem dunklen Wulste glimmt wie Seegewürmes Feuerflocke; Er steht und lauscht, er lauscht und steht, vernimmst du nicht ein feines Schrillen, Ein Rieseln, wie wenn Sandgekörn auf Estrich stäubt durch schmale Rillen? So scharf es geht, so bohrend ein, Wie Sensenwetzen am Gestein. Der Täuscher richtet sich, er seufzt, dann drängend nach des Forstes Mitte, An eklem Pilze klirrt der Sporn und Blasen schwellen unterm Tritte, Hier wuchern Kress' und Binsenwust, Gewürme klebt an jedem Halme, Insektenwirbel wimmelt auf und nieder in des Mooses Qualme, Und zischend, mit geschwelltem Kamm, Die Eidechs sucht den hohlen Stamm. Der Wandrer bricht die Rank', er reißt und wüthet in den Brombeerhecken, Da seitwärts durch Geröhres Speer erglänzt des Kolkes Dintenbecken, Ein wüster Kübel, wie getränkt mit schweflichen Asphaltes Jauche, Langbeinig füßelnd Larvenvolk regt sich in Fadenschlamm und Lauche, Und faule Spiegel, blau und grün, Wie Regenbogen drüber ziehn. In Mitten starrt ein dunkler Fleck, vom Riesenauge die Pupille, Dort steigt die Wasserlilj' empor, dem Fußtritt lauschend durch die Stille; Wen sie verlockt mit ihrem Schein, der hat sein letztes Lied gesungen; Drei Tage suchte man das Kind umsonst in Kraut und Wasserbungen, Wo Egel sich und Kanker jetzt An seinen bleichen Gliedchen letzt. Der Täuscher steht, den Arm verschränkt, und stuurt ver¬ düstert in die Lache, Sein Haar voll Laub und Kletten bauscht sich finster an der Krempe Dache, Gleich einem Senkblei scheint der Blick des Kolkes tiefsten Grund zu messen, Zur Seite schaut er, rückwärts dann, kein Strauch, kein Hälmchen wird vergessen, Greift dann behend zum Gürtelband Und hält ein Fläschlein in der Hand. Kaum hat das Ohr sich überzeugt, im Glase klingle das Gerispel, Ein Wimmeln kaum das Aug' erhascht, wie spinnefüßelndes Gewispel, Da, hui! pfeifts im Schwung' und, hui! fährts an der Lilie Krone nieder, v . Droste-Hülshof , Gedichte. 25 Das Wasser zischt, es brodelt auf, es reckt die modergrünen Glieder, Und rückwärts, rückwärts sonder Halt Raschelt der Täuscher durch den Wald. Erst im Verhaue, wo die Luft spielt mit der Beere Würzarome, Und auf den goldnen Schwingen trägt das Festgeläut vom nahen Dome, Dort sinkt er schluchzend auf die Knie, so fest, so fest die Händ' gefaltet, O selten hat ein Seufzer so des Herzens tiefsten Grund gespaltet! Was dieser Seufzer trägt, es muß Sich nahen wie ein glüher Kuß. Und Zähren Perl' an Perle sich entlang die braunen Wangen schmiegen, So mochte der verlorne Sohn zu seines Vaters Füßen liegen; Da plötzlich zuckt der Beter — greift zum Gurte — tastet dann auf's Neue — Mit dumpfem Laute, klirrend fährt vom Grund er wie ein wunder Leue, Und in den Fingern angstgekrampft Die triefende Phiole dampft!! V . Tief tiefe Nacht, am Schreine nur der Maus geheimes Nagen rüttelt, Der Horizont ein rinnend Sieb, aus dem sich Kohlenstaub entschüttelt, Die Träume ziehen, schwer wie Blei und leicht wie Dunst, um Flaum und Streue, In Gold der hagere Poet, der dürre Klepper wühlt im Heue, Vom Kranze träumt die Braut, vom Helm Der Krieger, und vom Strick der Schelm. In jener Kammer, wo sich matt der Fenster tiefes Grau schattiret, Hörst du ein Rieseln, wie die Luft der Steppe zarten Staub entführet? Und ein Gesäusel, wie im Glas gefangner Bremse Flügel wispelt? Vielleicht 'ne Sanduhr die verrinnt? ein Mäuschen das im Kalke rispelt? So scharf es geht, so bohrend ein Wie Sensenwetzen am Gestein. Und dort am Hange — Phosphorlicht, wie's kranken Gliedern sich entwickelt? Ein grünlich Leuchten, das wie Flaum mit hundert Fäden wirrt und prickelt, Gestaltlos, nur ein glüher Punkt in Mitten wo die Fasern quellen, Mit klingelndem Gesäusel sich an der Phiole Wände schnellen, Und drüber, wo der Schein zerfleußt, Ein dunkler Augenspiegel gleißt. Und immer krimmelts, wimmelts fort, die grüne Wand des Glases streifend, Ein glüher gieriger Polyp, vergebens nach der Beute greifend, Und immer starrt das Auge her, als ob kein Augenlied es schatte, Ein dunkles Haar, ein Nacken hebt sich langsam an des Tisches Platte, Dann plötzlich schließt sich eine Hand Und im Moment der Schein verschwand. Es tappt die Diel' entlang, es stampft wie Männertritt auf weichen Sohlen, Behutsam tastend an der Wand will Jemand Rathes sich erholen, Dann leise klinkt der Thüre Schloß, die losgezognen Riegel pfeifen, Durch das Gemach, verzitternd, scheu, gießt sich ein matter Dämmerstreifen, Und in dem Rahmen, duftumweht Im Nachtgewand der Täuscher steht. Wie ist die stämmige Gestalt zum sehnenharten Knorren worden! Wie manches, manches graue Haar schattirt sich an der Schläfe Borden! O, diese Falten um den Mund, wo leise Kummerzüge lauern — So mocht an Babels Strömen einst der grollende Prophete trauern, So der Verfehmte sonder Rast, Wie ihn Salvator Salvator Rosa. aufgefaßt. Genüber, feingeschnitzelt, lehnt die Gnadenmutter mit dem Kinde, Das sein vergoldet Händchen streckt wie segnend aus der Mauerspinde, Und drunter, in Kristall gehegt, von funkelndem Gestein umbunden, Ein überköstlich Heiligthum, ein Nagel aus des Heilands Wunden; Zu seiner Ehre Nacht für Nacht Das Lämpchen am Gestelle wacht. Nie hat, in aller Schuld und Noth, der Täuscher einen Tag beschlossen. Daß nicht an dieser Schwelle ihm ein glüher Seufzer wär' entflossen, Selbst auf der Fahrt, auf nächt'gem Ritt, dämmert sein Auge in die Weite, Von des Polacken Rücken hat er mühsam sich gebeugt zur Seite, Und sein beladnes Haupt geneigt Woher das Kind die Händlein reicht. Ein scheuer Bettler Tag für Tag so steht er an des Himmels Pforte, Er schlägt kein Kreuz, er beugt kein Knie, nicht kennt sein Odem Gnadenworte, Schlaftrunknes Murmeln nur und glüh fühlt er's durch die Phiole ranken, Die seinem Leibe angetraut wie ragend Krebsgeschwür dem Kranken, Und von dem kargen Lebensheerd Ein Jahresscheit ist weggezehrt. Auch jetzt, in dieser Stunde, steht er lautlos, mit gestreck¬ ten Knieen, Nur leises Aechzen und voran! — schau, schau, wie seine Muskeln ziehen! Voran! — das Heilthum — der Krystall — er lehnt sich an die Wand, er schwindelt, Ein angstvoll Zupfen — ein Gestöhn — er hat den Nagel losgewindelt, Und stößt ihn dicht am Heil'genschrein In der Phiole Siegel ein. Hui! knallt der Pfropfen, hui, fährt das Glas in Millionen Splitter! Gewinsel hier, Gewinsel dort und spinnefüßelndes Geflitter; Es hackt und prickelt nach dem Mann, der unterm Gnaden¬ bilde wimmert, Bis Faser sich an Faser lischt, des Centrums letzter Hauch verschimmert, Und an der Gotteslampe steigt Das Haupt des Täuschers, schneegebleicht . VI . Weh, Glockensturm! Trompetenstoß! und Spritzen rasseln durch die Gassen, Der aufgeschreckte Pöbel drängt und kräuselt sich in wüsten Massen, Hoch schlägt die Brunst am Giebel auf, Gewieher kreischt aus Stall und Scheunen, Der Eimer fliegt hinab, hinauf, umhergestoßne Kinder weinen, Und zögernd steigt das Morgenroth Dem doppelt Glut entgegen loht. Es war beim ersten Hahnenschrei als alle Bürger aufge¬ schüttert Mit Schlossenpfeifen Knall auf Knall; so gräulich hat es nie gewittert! Grad ob des reichen Böhmen Dach, des Täuschers, ballte sich das Wetter, Wo Blitz an Blitze niederzuckt, mit ohrbetäubendem Ge¬ schmetter, Nun überall an Scheun' und Haus Prasselt der Flammenhaag hinaus. Im Hof die Knechte hin und her mit Axt und Beilen fluchend rennen, Wer schob die innern Riegel vor? die Thüren weichen nicht und brennen, „Der Herr! der Herr!“ ruft's hier und dort: „wo ist der Herr!“ daß Gott ihm gnade, An seinem Kammerfenster leckt die Loh' aus der geschlossnen Lade! Und eben krachte in's Portal Die Stiege zu dem obern Saal! Entsetzt Gemurmel läuft umher und schwillt in des Gedränges Wogen, Dann Alles todtenstill, sie stehn, die Brauen finster einge¬ zogen; So um den Scheiterhaufen einst gruppirten sich des Südens Söhne: „Da brennt der Schächer, dessen Vieh das Land verlockt mit fremder Schöne Und kaum verkauft, am dritten Tag, Ein todtes Aas im Stalle lag! Der Gaukler brennt, aus dessen Gurt ein wunderlich Ge¬ klingel surrte, Daß man in rabenschwarzer Nacht ihn kennen mocht' an seinem Gurte, Der keine Kirche je betrat, vor keinem Gnadenbild sich neigte, Wenn ihm begegnet Christi Leib von Schwindel stammelt' und erbleichte, Im gottgesandten Element Der Täuscher, mit der Kuppel, brennt!“ VII . Am Wiesenhang 'ne Linde steht, so lieblich winkend mit den Zweigen, Auf jedem Ast ein Vogelnest, um jede Blüth' ein Bienen¬ reigen, Sie scheint den düstern Föhrenwald aus ihren Kelchen an¬ zulächeln, Des nahen Städtleins Angelus ein säuselnd Ave zuzufächeln, Und für den nahen Friedhof auch Hat sie versüßt des Westes Hauch. Und Blatt an Blatt vom Blüthenzweig verstreut sie auf des Greises Stirne, Der in dem Wurzelmoose lehnt sein Haupt mit siedendem Gehirne; Zur Seite liegt der Stab, gefüllt mit Bettelbrode liegt der Ranzen, Und Schemen hier und Schemen dort mit Elfenschritten drüber tanzen, Wie sie der Brust geheimster Hut Entschlüpfen in des Fiebers Glut. Den Anger seiner Kindheit sieht er in den Lindenzweigen spielen, Die süße Heimat, und das Haupt der Eltern auf den Sterbe¬ pfühlen; Was er verloren und erstrebt, was er gesündet und getragen, Wie Eine Nacht sein Haar gebleicht, die eignen Knechte ihn geschlagen. O Nacht, die Ehre, Kräfte, Hab' Zerbrach und ihm die Seele gab! Er sieht sein faltiges Gesicht im Wasserspiegel widerscheinen Wie er sich selber nicht erkannt, und kindisch dann begann zu weinen; Ach, all die Thränen, so nachher aus tiefrer Quelle sind geflossen, Ob sie ihn Christi Blut vereint? des Himmels Pforten auf¬ geschlossen? Wohl Schweres trug er mit Geduld, Doch willenlos, durch eigne Schuld! Mit vierzig Jahren siecher Greis, ist er von Land zu Land geschlichen, Hat seines Namens Fluch gehört und ist zur Seite scheu gewichen, Aus mancher Hand, die ihm gedient, hat er das Bettelbrod gebrochen, Und ist, ein todeskranker Mann, an dieses Hügels Bug ge¬ krochen, An diesen Hügel — ew'ge Macht! Er schaudert auf; — Sylvesternacht! Der Föhrenwald — das öde Haus — dort stand der Priester, dort am Hagen — O, in der Sterbestunde hat sein irrer Fuß ihn hergetragen, Das ist kein Schemen, dieses nicht; dort streckt Sankt Michael die Flügel, Dort kreucht am Fußgestell der Drach' und schlägt die Kralle in den Hügel; Des Greises Auge dunkelt, wild Die Agonie zum Haupte quillt. Das Buch — das Buch — er sieht das Buch — o Gottes¬ mutter, Gnade! Gnade! Er liebte dich, er liebte dich in Sünd' und Schmach! — gleich einem Rade Die Zeichen kreisen — Gott, o Gott, er sieht ein Händchen niederreichen, Mit leisem goldnen Fingerzug die blutgetränkten Lettern streichen! Und auf des Täuschers bleichen Mund Ein Lächeln steigt in dieser Stund.' Um Mittag hat der Mähder ihn am Lindenstamme aufge¬ hoben, Und in des Karrens Futtergrün dem Leichenhause zuge¬ schoben, Auf der Gemeinde Kosten ist ein grobes Sterbehemd be¬ reitet, Ein kurzer träger Glockenschlag hat zu der Grube ihn ge¬ leitet, Wo sich der Engelsflügel neigt Und nicht des Drachen Kralle reicht. Das Hospiz auf dem großen St. Bernhard. Das Hospiz auf dem großen St. Bernhard. Erster Gesang . Die Sonne hat den Lauf vollbracht, Schon spannt sie aus ihr Wolkenzelt; So manche Thrän' hat sie bewacht, So manchem Lächeln sich gesellt; Um Sel'ge hat ihr Strahl gekräuselt, Wo süß versteckt die Laube säuselt, Und hat die Todtenbahre auch Gesegnet mit dem frommen Hauch; Nun einmal ihres Schleiers Saum Noch gleitet um der Alpen Schaum, Und in des Schneegestäubes Flaum, Das an Sankt Bernhards Klippe hängt, Der matte Hauch sich flimmernd fängt. Dort, wo es, aus des Passes Schlunde, Um's Pain de Sucre macht die Runde, Pain de Sucre, eins der Alpenhörner des großen St. Bernhard, beträchtlich vom Wege abwärts. Berührt ein menschlich Angesicht, Fürwahr zum letzten Mal, das Licht. Wie hat der Greis die dürre Hand So fest um seinen Stab gespannt! Und wie er so verkümmert steht, So ganz verlassen um sich späht, Da ist's als ob, erstaunt zumal, Noch zögern will der letzte Strahl. Schon zog der Aar dem Horste zu, Und nur die Gems vom Tour des foux Eine mächtige freistehende Felszacke auf dem Gipfel des St. Bernhard. Noch einmal pfeift, und schwindet dann. Am Riffe lehnt der alte Mann, Wie auf dem Meere, jüngst ergrimmt, Einsam noch eine Planke schwimmt. O, du bist immer schön, Natur! Doch dem, der Hertha's Bild gegrüßt, Die Woge bald die Lippe schließt. Bist Königin vernichtend nur! Der Blitz, der Seesturm, der Vulkan, Sie stehn als Zeugen oben an. Und jener Greis am Felsenrand? Dem Strahl, der widerprallt im Schnee, Will schützend die besennte Hand Sich vorbaun, an der Braue Höh'. Zum Montblanc hat er lang gesehn, Und wendet abendwärts den Fuß, Da ihm die Augen übergehn, Daß er vor Kälte weinen muß. Ihm ist wie taub, ihm ist wie blind, Er spricht gepreßt, und thut's nicht gern: „Mein Knabe! Henry! liebes Kind! Schau mal hervor, sind wir noch fern?“ Dann aus des Mantels Falten dicht Ein Bübchen windet sein Gesicht; Die kleinen Züge schwillt der Hauch, Die rothen Händchen birgt es auch Sogleich, und zieht des Vließes Saum Sorgfältig um der Stirne Raum, Daß nur der Augen röthlich Licht Durch des Gewandes Spalten bricht. Nun mit den Wimpern zuckt er schnell; „Großvater, schau! wie blitzt es hell!“ Der Alte seufzt: „es blitzt, mein Sohn, Am Himmel nicht um diese Zeit; Es ist die Sonne wohl, die schon Sich um die letzten Zacken reiht.“ Doch wiederum der Knabe spricht: „Großvater! 's ist die Alpe nicht, Es springt und zittert in die Höh', Wie wenn die Sonne tanzt im See Und spielt in unserm Fensterglas.“ „Wo, Henry? Kind, wo siehst du das?“ Ein Aermchen aus der Wolle steigt. Der Alte senkt das Haupt und schweigt. Nein, nein, das ist kein Hospital! In tausend Funken sprengt den Strahl, v . Droste-Hülshof , Gedichte. 26 Gleich nachtentbranntem Meeres-Drange, Nur Roche polie Eine von der Natur aufs glänzendste polirte Felsenwand. Man schreibt diese Erscheinung der gewaltsamen Reibung mit andern Felsenmassen bei einer früheren Erdumwälzung zu. von jenem Hange. Und zögernd schiebt des Greises Hand Den kleinen kalten Arm zurück, Zieht fester um ihn das Gewand. Er wirft den kummervollen Blick Noch einmal durch die dünne Luft, Auf jeden Fels, in jede Kluft; Dann folgt ein Seufzer, unbewußt, So schwer wie je aus Mannes Brust, Und langsam abwärts, mit Gefahr, Beginnt er Pfade unwirthbar. — Schmal ist der Raum, die Klippe jäh; — Zuweilen bietet das Gestein, Ein altergrauer Felsenspalt, Für Augenblicke schwachen Halt. Die Ferse drückt er in den Schnee, Und stößt des Stabes Stachel ein; Denn eine Zeit gab's, wo im Gau Von Saint Pierre kein Schütz sich fand, Der auf der Jagd, am Alphorn blau, Dem Benoit gegenüber stand. Kein Aug' so scharf, kein Ohr so fein, So sicher keine Kugel ging. Von all den Kühen er allein So sorglos an der Klippe hing! Zum letzten Mal dem Meister alt Sich dankbar seine Kunst erzeigt. Gottlob! nun ist die Schlucht erreicht. Er blickt empor, durch's graue Haupt, Fast von der Kälte sinnberaubt, Noch einmal durch die öde Brust Zieht sich das Bild vergangner Lust, An der sein ganzes Herz gehangen, Und doppelt fühlt er sich gefangen. In Quarzes Schichten eingezwängt, Durch die der schmale Pfad sich drängt, Streckt, überbaut von Felsenwucht, Sich lang des Pain de Sucre Schlucht. Kein Laut die todte Luft durchirrt, Kein Lebenshauch ist zu entdecken; Und, wenn es unversehens schwirrt, Das Schneehuhn kann den Wandrer schrecken. Wo droben schwimmt das Felsendach, An dem der Wintersturm sich brach Jahrtausende; — doch die Gedanken Verlassen ihn, — er sieht es wanken — Er fördert keuchend seinen Schritt — Und immerfort, in tollem Schwanken, Ziehn rechts und links die Klippen mit; Daß jener harrt, — sogleich — sogleich — Wie, aus der Lüfte Schwindelreich, Die ungeheure Masse klirrt, Und er sich schon zerschmettert glaubt, So sehr ihm Furcht die Sinne raubt. In diese wüste Bahn hat jetzt Der müde Mann den Fuß gesetzt, So schnell es gehn will, fort und fort. Noch immer glühn die Firsten dort, Und abwärts gleiten sieht den Strahl Mit Lust er und mit Graun zumal. Sobald der Abendsonne Schein Nicht mehr die letzte Zacke badet, In's Hospital ein Glöckchen rein Den Wandrer aus der Steppe ladet. Und schon am Pointe de Drone das Licht Kaum merklich noch den Schatten bricht. „O Sonne,“ seufzt der müde Greis, „Bald bist du hin! der Himmel weiß, Vielleicht hör' ich die Glocke nicht! —“ Blickt zweifelnd nach den Felsenwällen, An denen mag der Klang zerschellen. Das Kind, das Kind ist seine Noth! Schon fühlt er, wie, vom Froste laß, Der steife Arm zu gleiten droht; Und ohne Ende scheint der Paß! Ein Thurm ragt an dem andern her, Es ist, als würden's immer mehr. Dem Himmel Dank, die letzte Klippe! Und als, mit angestrengtem Fleiß, Sich immer näher treibt der Greis, Was knistert über'm Steingerippe? Am Rande schiebt sich's, zittert, blinkt, Langsam ein weißer Klumpen sinkt; Dann schneller, dann mit jähem Fall, Entlang die Klüfte tos't der Schall. Und zu des Alten Füßen rollen Schneetrümmer und gesprengte Schollen. Und dieser einen Augenblick Steht regungslos, mit Schwindel ringt; — So scharf vorüber zog der Tod! Gefaßt er dann zusammenrafft, Was ihm von Wollen bleibt und Kraft. Und vorwärts nun, mit harter Noth, Er in den Trümmerhaufen dringt. Doch neben, vor und um ihn stemmt Die Masse sich, zum Wall gedämmt. Mitunter eine Scholle auch In schwachem Gleichgewichte steht, Nur wartend auf den nächsten Hauch, Und aufwärts ihre Kante dreht. Wenn das Geschiebe sich belebt, Ein Sarkophag, der ihn begräbt! Horch! wie er durch die Zacken irrt, Zuweilen eine Scheibe klirrt; Ein feines Schwirren — schwaches Rucken — Vor seinen Augen Blitze zucken; Doch immer wieder fügt sich's ein, Und starr die Mauer steht wie Stein. So muß er, fast in Todesbanden, Wie durch ein Labyrinth sich schmiegen. Es ist vorüber, ist bestanden, Und hinter ihm die Trümmer liegen. Indeß des Tages matte Zeichen Allmählig von den Kuppen bleichen, Und, nach und nach, am Firmament Des Mondes Lampe still entbrennt; Verschwimmend, scheu, ihr zartes Licht Malt noch der Dinge Formen nicht. Doch allgemach aus Wolkenschleier Ersteht die klare Scheibe freier. Die Felsen scheinen sich zu regen, Geflimmer zittert über'n Schnee, Und langsam steigend aus der Höh' Die Schatten auf den Grund sich legen. Gebeugt, mit angestrengtem Schritt, Aus seiner Schlucht der Wandrer tritt In eine öde Fläche vor. Er steht — er lauscht — er trägt das Ohr Zur Erde bald und bald empor, Und alle Sinne lauschen mit. Er wendet sich, ob nichts vom Schalle Aus einer andern Richtung falle. — Nur hohl und zischend sich die Luft In des Gesteines Spalten fängt, Und, mit Geknister, durch den Duft Zu Nacht gefall'ner Flocken drängt. Der Kälte, die den Stamm zerschellt, Kein Schirm sich hier entgegenstellt. Ach Gott, wohin! ringsum kein Steg, Sich überall die Ebne gleicht. Doch vorwärts, vorwärts, immer reg', Eh dich im Schlummer Tod beschleicht, Nur immer in die Nacht hinein. Da, durch die Steppe fällt ein Schein, Wie wenn sich Kerzenschimmer brechen In angehauchten Spiegels Flächen. Und über dieses Meteor Ragt eine Masse dunkel vor. Gegrüßt, o Stern im Mißgeschicke! Es ist die Drance, es ist die Brücke. Kaum die bekannten Pfade schaut Der Greis, ihm ist wie aufgethaut; Halb kehrt der Jugend Muth zurück, Er wähnt sich einen Augenblick Für dies und Schlimmres noch genug. Die Brücke naht sich wie im Flug. Schon hat er rüstig sie beschritten, Schon steht er in der Ebne Mitten, Schon keucht er um des Stromes Bogen: Und vor ihm her die glas'gen Wogen Durchrollt des Mondes Silbertuch. Vergebens! diese Kraft ist Schein; Mit jedem Hauche sinkt sie ein, Mit jedem Schritte weicht das Blut. Ach keine Wunder wirkt der Muth! Schon matter wird des Greises Tritt. Das Licht im Strome fliegt nicht mehr, Es wandert zögernd vor ihm her. Aus den gelähmten Fingern glitt Der Stab und eine weite Strecke In Sätzen prallend von der Decke, Dann lagert er an Stromes Rand. Hin schleppt der müde Mann den Schritt; Er bückt sich mühsam, welche Qual! Ergreift ihn, der zum dritten Mal Ihm immer gleitet aus der Hand. Und schwindelnd, bei dem sauren Beugen, Fühlt er das Blut zum Haupte steigen, Sein Aug', von kalten Thränen schwer, Sieht kaum das Allernächste mehr. Noch tappt er, wo aus dunklem Schaft Die glatte Eisenspitze blinkt. Da weicht des Armes letzte Kraft, Und auf den Schnee das Knäbchen sinkt; Es rafft sich auf, ergreift den Stab, Gehorsam, leichtem Dienst gewöhnt. „Mein Kind! mein Kind!“ der Alte stöhnt, Und nimmt die kleine Last ihm ab, „Was willst du noch zuletzt dich plagen!“ Späht mit der Augen trübem Stern Beklommen durch den nächt'gen Schein; — „Du kannst nicht gehn, ich dich nicht tragen, Und ach! das Hospital ist fern. So müssen wir das Letzte wagen, Und kehren bei den Todten ein.“ Er lenkt die Schritte von dem Strand, Sein Knäbchen hält er an der Hand. Das Mondlicht, das mit kaltem Kusse Liebkoset dem versteinten Flusse, Gleich links, auf ein Gewölbe klein, Streut alle seine Schimmer rein, Die, wie sie Wolkenflor umwebt, Bald auf dem Dache, wie belebt, Sich kräuseln, in den Fenstern drehn, Und bald wie eine Lampe stehn, Die halb der Grüfte Dunkel bricht. So leisten sie die fromme Pflicht Dem, so der Fremde ward zum Raube, Und bei dem unbeweinten Staube Entzünden sie das Trauerlicht. Ja, diese Mauern, wohl erbaut Mit Christensinn, sie bergen doch, Wovor des Menschen Seele graut, Wem Blut rollt in den Adern noch. Sie alle, die zum Todesschlaf Sankt Bernhards leiser Odem traf, Wenn sie nicht Freundes Wort genannt, Nicht Eidgenossen Blick erkannt, An diesen Ort sind sie gebannt. Der Bettler, dem kein Heimathland, Der Jude, so auf Geld bedacht Gefahrenvollen Weg betrat, Der arme wandernde Soldat, Der Flüchtling vor Gesetzes Macht: Sie alle liegen hier, wie Tod Aus dieser Wildniß sie entbot. Im Pelze der, im Mantel weit, Und jener im Studentenkleid. Das tiefe Auge, trüb und offen, Auf liebe Züge scheint zu hoffen; So Zeit auf Zeiten, keine Thräne Rann auf die bleiche Wange noch; Und ließen treue Kinder doch, Und sind geliebter Eltern Söhne. Die Schwelle kennt der Greis genau, Hier führt ein Steg nach Wallis Gau, Sein alter Pfad, wenn von der Jagd Er heimwärts manchen Gang gemacht, Ans Fenster pflegt er dann zu treten, Nachdenklich in die Gruft zu sehn, Und sinnend auch, im Weitergehn, Ein Vaterunser wohl zu beten. Doch vor dem Tode auf der Flucht Erfaßt ihn ungeheures Grauen, Als tret' er in das eigne Grab Und soll die eigne Leiche schauen. Kaum wehrt er den Gedanken ab. „Hinweg! hinweg! so weit der Fuß Dich trägt“; und unwillkührlich muß Er wenden. Doch da weint das Kind: „Großvater! weiter sollen wir? Wir sind ja hier an einer Thür. Ich kann nicht mehr.“ Verschwunden sind Die Zweifel; mühsam öffnet jetzt Der Greis das Thor, mit Rost versetzt, Tritt in die Wölbung, kauert sich Dann auf den Boden kümmerlich, Und nimmt an seine Brust den Kleinen. So eine Weile sitzen sie, Der Knabe auf des Mannes Knie In stummen Schauern an ihn biegend, Der Alte, sich nach innen schmiegend, Das Haupt am feuchten Mauerstein, Und übermüdet, überwacht, Hat minder der Umgebung Acht; Minuten noch, so schläft er ein. — Schon summt es um ihn wie ein Schwarm, Der Mantel gleitet mit dem Arm; Und als das Haupt zur Seite sinkt, — „Großvater! ist das Glas? es blinkt!“ Der Alte fährt empor, er blickt Verschüchtert seitwärts, unverrückt Zu Boden dann: „sey still, sey still, Mein Kind, es sey auch was es will.“ Und seufzend fügt er noch hinzu: „Es ist so spät! gib dich zur Ruh.“ Doch wie ein Strahl es ihn durchfliegt, Daß Schlaf den Willen fast besiegt. Schon greift der Krampf die Glieder an: Zu reiben gleich beginnt der Mann. Und als das Blut nun schneller rinnt, Er immer heller sich besinnt, Auch der Gedanke Kraft gewinnt. Was war es, das, vom Schlaf erwacht So in Verwirrung ihn gebracht? Es war ein Blitz, es war ein Licht! Und dennoch war es beides nicht. Indessen har das Knäbchen leis' Die beiden Aermchen ausgestreckt, Und aus des Mantels Huth mit Fleiß Den kleinen Kopf hervorgesteckt. Das Schlummern will ihm nicht gelingen; Die Langeweile zu bezwingen Am Mantel nestelt's immerfort, Schaut unverrückt nach einem Ort, Bald gähnend, bald mit halbem Wort. „Ja!“ flüstert's, vor Ermattung roth, Die Händchen in des Mantels Tasche, „Dort steht das Glas, und dort die Flasche, Und auf dem Tische liegt das Brod.“ Dann zieht es sacht den Mantel los; Es gleitet von des Alten Schooß, Es taucht in's Dunkel. Auf sich rüttelnd Aus wüster Träumereien Graus, „Henry! mein Kind!“ ruft jener aus, Das graue Haupt verdrossen schüttelnd, „Wo bist du nur? komm wieder, Sohn!“ Dort glänzen seine Löckchen schon! Was reicht und streicht es an der Wand? An's Auge hebt der Greis die Hand: Fürwahr! nach einem Brode sucht Der kleine Arm hinauf zu langen; Und nebenan sich Schimmer reihn, Bald roth, bald grün, wie sie gefangen Im Glase dort, und dort im Wein. O unverhoffter Segen! Schon Vom Boden taumeln sieh den Alten. „Laß, du vermagst es nicht zu halten, Laß ab!“ Es zittert jeder Ton, Der aus bewegter Brust sich windet, Und kaum im Odem Nahrung findet. Die Glieder, so in Frost und Qual Ihn treulich trugen durch die Steppen, Kaum vorwärts weiß er sie zu schleppen Bis hin, wo harrt das karge Mahl. Er faßt das Brod und kann's nicht theilen, Und stöbert, sucht mit wirrem Eilen In allen Taschen, allen Falten, Selbst in der Stiefel engen Spalten. „Hab' ich mein Messer denn verloren?“ Die Rinde bricht, sie ist noch warm. „Nun iß, nun trink, mein Würmchen arm! O, kam ich eher um zwei Stunden! Um eine einz'ge Stunde nur!“ Die Mönche hätt' er noch gefunden; Dies ist des Hospitales Spur. Denn was die kühnste Flamme bricht, So wild sie durch die Adern tobt: Es löscht die fromme Liebe nicht, Die Leib und Leben hat verlobt. Wenn Windsbraut an den Klippen rüttelt, Wenn sich das Schneegestöber schüttelt, Wenn durch die öde Winternacht, Nur wie ein fernes Mordgeschütz, Die zitternde Lawine kracht, Wenn um die Gipfel spielt der Blitz: Das sind die Boten, die er kennt; Vom Betstuhl, wo die Lampe brennt, Der Mönch sich hebt, den Weg beginnt Zum Tobel, wo der Sturzbach rinnt, Zum Passe, wo der Schnee am höchsten, Zum Steg, wo die Gefahr am nächsten, Hinauf, hinab Sankt Bernhards Rund; Voran ihm spürt sein kluger Hund. Dann, kehrend zu des Klosters Pforte, Die Nahrung, so er bei sich trägt, Mit milder Sorgfalt wird gelegt An sichre sturmgeschützte Orte. Und oft, im letzten Augenblick, Trat die gebrochne Kraft zurück Durch sie in die versiegten Adern. Wer mag mit solchen Mönchen hadern! Welch' seelerstorbner Atheist So frevler Thorheit sich vermißt, Daß er auf sie die Pfeile richte? Schau! wie, gleich neuentflammtem Lichte, Das Kind des Glases volle Last Mit beiden rothen Händchen faßt. Nun setzt es an, und trinkt, und trinkt‚ Durch alle Adern strömt das Heil, Und läßt nicht ab, und stöhnt vor Eil, Fast wird der Athem ihm versetzt. Des Alten Auge freudig blinkt: „Mein Junge, sprich, wie ist dir jetzt?“ Doch kaum und unverständlich nur Des Kindes Antwort ihn erreicht, Das auf sein Stückchen Brod gebeugt, Natur, nach deinem weisen Walten, Das schwache Leben zu erhalten, Gefahr zu fliehn, die es nicht sieht, Aus allen Kräften ist bemüht. Indeß hat draußen durch die Nacht Ein Murmeln, Rauschen sich verbreitet, Wie wenn erzürnte Woge schreitet; Des Sturmes Stimme ist erwacht. Noch fern und hohl im Klippenschacht, Von Fels zu Felsen hört man's klagen. Der Alte sinnt: soll er es wagen, Sich und sein Liebstes fortzutragen? Bald ist das Hospital erreicht! — Ein Stoß um das Gewölbe streicht, Und heulend singt er über'm Dache Das Todtenlied dem Grabgemache. Am Boden leises Knistern irrt, Die Thür in ihren Angeln klirrt; Umsonst! umsonst! es ist zu spät, Der Wirbel durch die Steppe geht. Und nun? Des Greises Blicke fragen, Ob nirgends hier ein Plätzchen sey Noch unbesetzt, vom Zuge frei. Durch des Gewölbes Mitte stehn Drei lange Bahren, sind sie leer? Das Dunkel wirbelt drüber her. Doch rechts und links und gegenüber, Wohin der scheue Blick sich richtet, Wenn flieht ein Mondenstrahl vorüber, Der die zerrißnen Wolken lichtet, Der bleichen Schläfer Reihn er streift, Die rings in Nischen aufgeschichtet. Ein Antlitz halb dir zugewandt, Hier braunes Haar, und dort gebleicht, Aus jenem Winkel wie versteckt Sich eines Fußes Spitze streckt, Und dort sich wächsern eine Hand Wie abgetrennt vom Körper zeigt. Wer ist der Mann so unverzagt, Den solch ein Anblick nicht erschüttert? Wenn über ihm, wie schmerzdurchzittert, Die mitternächt'ge Stimme klagt, Gleich Geistern durch der Nacht Revier. Ein heimlich Flüstern zischt und kocht, Und an die schlecht verschloßne Thür Der Wind mit leisem Finger pocht. Dem alten Manne wird's zu viel, Die Phantasie beginnt ihr Spiel; Auf seinem Haupt in jedes Haar Scheint Leben und Gefühl zu kommen. Mehr ist der Athem ihm benommen Als je vor Zeiten in Gefahr. Den Steinbock hat er oft gehetzt, Dem Lämmergeier sich gesellt, Und fröhlich pfeifend in die Welt Dann über'n Klippenspalt gesetzt. Ein Andres, dem Geschick sich stellen In frischer Luft, auf freien Wellen, Ein Andres ist's, am Grabe stehn Und ruhig dem verzerrten Ich In's eingesunkne Auge sehn. Sieh! wie schon wieder schauerlich Der Strahl durch das Gewölbe streicht, Und dem betäubten Manne sich Am Winkel dort ein Bänkchen zeigt In das Gemäuer eingefugt. Das ist ja eben, was er sucht! Und muß nun seufzend sich bereiten, Die ganze Wölbung zu durchschreiten. Wie er die Schritte zögernd lenkt, Die Augen bleiben scharf gesenkt, Beinah' geschlossen, als er quer Um eine Bahre wendet her, Zu eilig; mit dem Fuße schwer Trifft er an des Gerüstes Stützen, Durch das Gewölbe dröhnt der Schall. Die Bahre schwankt, er will sich schützen, Er gleitet; modriges Gewand, Verwirrtes Haar streift seine Hand. Der Alte taumelt und erbleicht. Wie jener Winkel noch erreicht, Das weiß er nicht, hält immer fest An seine Brust das Kind gepreßt, Und sucht vergebens zu bezwingen Der Phantasie verstörtes Ringen. Die Wölbung dreht, die Mauern singen, Ihm ist, als hätte seine Hand Des Todten Züge all ergründet; v . Droste-Hülshof , Gedichte. 27 Er sieht das große Augenband, Das sinkend die Verwesung kündet, Und drüber her, zu treu! zu treu! — So tragend eigner Schwäche Joch Doch bleibt ihm das Bewußtseyn noch Und eben noch die Willenskraft, Zu kämpfen gegen schnöde Haft. Er sinnt und grübelt allerlei, Wie wohl zum Hospital der Weg? Wie zu beschreiten jener Steg? Wie fern die Morgenstunde sey? Sucht heitre Bilder aufzuwecken, Als in der Scheibe Herzen stecken Ein Jeder Benoits Kugel sah. — Indessen lehnt der Knabe da, Des späten Wachens ungewöhnt, Und schaukelt sich und seufzt und gähnt, Ahmt leis' des Sturmes Stimme nach, Verfolgend mit den schweren Blicken Die Strahlen, so durch das Gemach Zuweilen lichte Streifen schicken, Ergötzlich, im beschränkten Meinen, Ihm an der Wand die Bilder scheinen; Der klare Blitz, wenn sich das Licht In den metallnen Knöpfen bricht Die Reih' entlang, so Funk' an Funken Aufsprühn und sich in's Dunkel tunken. — Die Scene wechselt, langsam streicht Ein Wolkenvorhang sich zurück, Und in die ganze Wölbung steigt Der Mond mit seinem Geisterblick. Was noch verborgen war in Nacht Wird an ein mattes Licht gebracht; Aus allen Winkeln sieht man's rücken, Was niedrig lag scheint aufzustehn, Und was erhaben sich zu bücken. Vorüber nun. In starrer Rast, Wie Grabmal sich an Grabmal fast In königlichen Grüften zeigt, Am Boden schlummert das Gebein, Und drüber her der Mann von Stein. Um manchen Busen spielt der Schein, Mich dünkt ich seh' ihn sinken, heben, Und lange Athemzüge schweben. Der arme Kleine wie bethört An seines Vaters Busen fährt. „Großvater, schau! die Bilder leben, Sie athmen All und wollen gehn!“ Den Greis durchzuckt ein leises Beben: „Sey still, es wird dir nichts geschehn.“ Wohl denkt er an den nächt'gen Schein, (Es fällt ihm manches Blendwerk ein,) Und zögert dennoch aufzusehn. Und wieder hebt der Knabe an: „Dort auf dem Tische sitzt ein Mann; Er sitzt nicht, nein — er liegt schon wieder — Und stand doch erst so eben auf.“ Dann hebt die Aermchen er hinauf Und zieht des Greises Stirne nieder, Ihm flüsternd, mit verstecktem Ton: „Es ist der Pfarr, ich kenn' ihn schon! Er hat den Mantel umgeschlagen Und seinen großen weißen Kragen.“ Nun wieder fröstelnd schaut das Kind Mit offnem Munde, vorgebückt, Dann an des Vaters Arm gedrückt: „Wie weiß ihm seine Finger sind!“ Der Alte sucht mit allem Fleiß Sich der Gedanken zu entschlagen, Die fast wie Irrwahn ihn bedräun. „Henry! du solltest ruhig seyn, Allein du weißt mich nur zu plagen. Schlaf ein, schlaf ein, mein kleiner Sohn!“ Der Knabe bei dem harten Ton Verschüchtert sich zur Seite schiebt, Die müden Aeuglein reibt betrübt. Sein Köpfchen ruht so los' und schlecht, Auch ist der Sitz ihm gar nicht recht, Zu dick der Mantel hängt und schwer; So lange rutscht er hin und her Bis, von dem harten Schooße gleitend, Er auf den Grund die Sohlen setzt, Und, wie ein Häschen matt gehetzt, In's dürre Laub sein Häuptlein reckt, So aus die zarten Arme streckt Das Kind, um Vaters Leib sie breitend, Und bricht vor unverstandnem Graus In ganz geheime Thränen aus. Doch jener, in sich selbst gekehrt, Des Kleinen Stimme nicht beachtet, Mit angestrengter Sorge trachtet Die innern Feinde abzuwehren, So pochend durch die Adern gähren. Er birgt die Augen, sinnt und sinnt: Zu Saint Remi, im Stübchen klein, Was seine Tochter wohl beginnt? Die Wände hell, die Schemel rein Sucht er den Sinnen vorzuführen. Vergebens! wunderlich berühren Auch hier sich Wirklichkeit und Schein; Die todte Schwester fällt ihm ein. Gleich Träumen die Gedanken irren, Im Ohre hallt ein feines Schwirren, Ein Klingeln, seltsam zu belauschen; Es ist des eignen Blutes Rauschen, Das, murrend ob der Adern Band, Zum Haupt die Klagen hat gesandt. So geht es nicht, so darf's nicht bleiben! Der Greis, in seiner Seelenqual, Beginnt die Glieder allzumal Mit angestrengtem Fleiß zu reiben. Des Mantels Rauschen an der Wand, Das Rispeln seiner eignen Hand, Des Haares Knistern, wenn er schwer Streicht mit den Fingern drüber her: Ein Laut des Lebens scheint dem schwachen Bedrängten Busen Luft zu machen. Und dann — ein Schrei! woher und wie? Des Alten Blut zu Eis gerinnt. Er tappt umher: „Henry! Henry! Wo bist du nur? wo bist du, Kind?“ Da wieder das Gestöhn beginnt, Und „Vater! Vater!“ und auf's neu' „Mein Vater!“ wimmert's im Geschrei. Der Alte, nach dem Laut gerichtet, Hat jenen Winkel bald erreicht, Wo, schwach vom nächt'gen Strahl umlichtet, Sich dunkel eine Nische zeigt, Drin sichtbar halb ein Leichnam ruht, Auf breiter Stirn den Schweizerhut. Und um des Todten Hand geklemmt Der Knabe wimmert und sich stemmt Den lieben Vater aufzuwecken. „Was machst du, Henry? Kind, komm her! Er ist's ja nicht, er kehrt nicht mehr, Du arme Waise!“ und im Schrecken Hat er des Knaben Arm geschüttelt, Bis, von dem Todtenhaupt gerüttelt, Der Hut sich in die Kante stellt, Und dicht an seine Ferse fällt. Mit Einem Ruck des Kindes Hand Befreiend, stürzt in tollem Graus Der Alte in die Nacht hinaus. Die Thüre hat er eingerannt, Und klirrend sprengt sich hinter ihm Die Feder ein mit Ungestüm. Nur fern erst an der Drance Rand Gewinnen die Gedanken Stand. Der Arm des Sturmes halb gesenkt Nicht mehr so wild die Flagge schwenkt; Doch auch das Mondlicht halb erbleicht Ihm dämmernd nur die Richtung zeigt. Getrost, getrost! kurz ist der Weg, Bekannt, betreten jeder Steg! Nur immer vorwärts, immer reg', Eh' dich im Schlummer Tod beschleicht. Ein Weilchen geht's mit hartem Muth, Wie Noth ihn und Verzweiflung leiht. Die Schatten dehnen sich so breit, Die Luft verrauscht, entschlummert, ruht; Ein grauliches Gewölke steigt Allmählig an den Mond hinauf, Der einmal noch die Scheibe zeigt. Dann dicht und dichter zieht es auf, Ein Nebelsee, in hoher Luft; So wallt und wogt und rollt der Duft, Bis, durch den Horizont verbreitet, Sich formlos eine Decke spreitet. Nun fällt ein Flöckchen, unbemerkt, Nun wieder, auf des Greises Hand, Trifft hier und dort des Hutes Rand. Nun das Gestöber sich verstärkt, Bis wimmelnd, in verwirrten Kriegen, Die Flocken durch einander fliegen. Dann, einer Staublawine gleich, Entlastet sich der Lüfte Reich. So ganz entschlafen ist die Luft, Daß sich vernehmlich reibt der Duft Und durch die eingewiegten Flächen Der Glocke Stimme hörbar wird, Die mild und lockend scheint zu sprechen: Kommt Alle her, die ihr verirrt! Der Alte stutzt und bei dem Klingen Gewaltsam sich zusammen rafft. „O! könntest du mir junge Kraft In meine alten Adern singen!“ Doch enger stets in Frostes Haft, Wie kleine spitze Dornen wühlen, Muß er's in allen Muskeln fühlen. Gleich einer Trümmer, überschneit, Er schleppt sich durch die Einsamkeit; Sein Mantel, seine grauen Locken Sie starren unter Eis und Flocken. Oft von dem schlecht gebahnten Pfad Der Fuß, getäuscht durch falsches Licht, Auf eine lockre Masse trat Und stampfend ihre Decke bricht. „O namenlose Todesqual! So nah, so nah dem Hospital! Nur noch ein Steg, nur noch ein Paß, O spannt euch an ihr Sehnen laß! Mein armes Kind! allein um dich, Nicht um mein Leben kämpfe ich.“ So tappt er fort. Die Bahn sich neigt: Der Alte hat den Sieg erreicht, Den durch des Wirbels stäubend Rennen Er eben, eben mag erkennen. Die Drance in ihrem engen Bette Sich windet um das Felsenriff, Und drüber her, ein luftig Schiff, Der Fichte Stamm vereint die Kette. Am Tag', bei hellem Sonnenschein, Wer schaute ohne Schwindel drein! Zudem der Steg, jüngst überschwemmt Von aufgelös'ten Schnees Wogen, Mit Eises Rinde ist umzogen, Die sich zu glatten Hügeln dämmt. Hier steht der Greis in seinen Nöthen, Der nichts mehr kann und nichts mehr weiß Und sachte noch versucht zu beten; Schiebt dann voran die Sohle leis'. Schau! wie auf dem beglas'ten Bogen Um einen Tritt er vorwärts schreitet; Er steht nicht fest, er schwankt, er gleitet, Er ist verloren — nein — er steht. Mit blindem Glück zurück gezogen Sein Fuß auf festem Grund sich dreht. Zuerst der Alte ganz betäubt Am Rand der Kluft gefesselt bleibt: Dann, wie aus plötzlichem Entschlusse, Den Mantel schiebt er von der Brust Und herzt mit langem, langem Kusse, Dem letzten irdischen Genusse, Das Kind in Scheidens bittrer Lust. Und nun: „Wohlan! es sey gewagt! Uns hier der Morgen nimmer tagt.“ Doch horch! ein Klang die Luft durchweht. Der Alte steht und lauscht und steht — Ein Zittern durch die Züge geht. Auf's neu' der Ton herüber treibt, Doch schwach nur unter'm Winde bleibt. „Henry! Henry! leih mir dein Ohr! Mein guter Junge, lausch hervor!“ Das Kind nur zögernd und betrübt Sein fröstelnd Häuptlein aufwärts schiebt, Ein Thränchen flirrt um Wang' und Mund: „Großvater! 's ist ja nur ein Hund!“ „Ist's auch gewiß ein Hund, der bellt? Mein Gott! du sahst die bittre Qual! Dann sey's in deine Hand gestellt, Dann wag' ich's nicht zum zweiten Mal.“ Er steht und horcht: und horcht und steht, Auf's neu' der Wind den Klang verweht. Nun wieder heller — ha! sie nah'n; Schon räumt der greise Mann die Bahn. Ganz nah — sie drehn um jene Bucht; — Ein Weilchen still — dann, wie zum Spott, Ganz aus der Ferne — heil'ger Gott! Sie ziehn vorüber an der Schlucht. Des Alten morscher Körper nicht Erträgt die Last des Schreckens mehr. Es flirrt, es wirbelt um ihn her, Noch hält er sich, noch sinkt er nicht. Doch höher schon die Schauer steigen, Allmählig sich die Knie neigen, Noch einmal seufzt er auf in Weh Und fällt dann taumelnd in den Schnee. Die Luft, so auf und niedergeht, Jetzt frischen Klang herüber weht, Nicht klaffend, wie zu Jagd und Lust, Nein, gleich dem Ruf aus Menschenbrust, Mit kurzen wiederholten Stößen, Wie Wächter die Signale lösen, Verhallend oft in Windes Rauschen Der Ton auf Antwort scheint zu lauschen. Nun wiederum in weiten Reifen Sie spürend durch die Gegend schweifen Bald fern, bald näher; wie im Traum Der Greis vernimmt die Laute kaum. Nur einmal zuckend seine Hand Dem Knaben klemmt sich in's Gewand. Kein Schmerz mehr durch die Nerven wühlt, Kein Glied er mehr als eignes fühlt. Nur wie von tausend Ketten spielt Im Haupt ein wunderliches Klirren; Die Töne wechseln — sich verwirren — Nun wird's zum Klingeln — nun zum Schwirren — Nun wie ein linder Hauch vergeht's — Und leiser — leiser — leiser stets, Er schläft — — Zweiter Gesang. Wo auf Sankt Bernhards Mitte recht Die Zinnen streckt der Felsenbau, In seiner Trümmer Irrgeflecht Ein Thal sich lagert, eng und rauh. Da harrt es nun in ew'gem Lauschen, Nicht Vogelsang, nicht Blätterrauschen, Nein, wie die Stürme Seufzer tauschen. Inmitten schwärzlich ruht der See, Der des verlornen Strahles Weh Gefesselt hält in seinen Flächen, So dort gleich dem Gefangnen liegt, Sich angstvoll an die Decke schmiegt, Den glas'gen Kerker zu durchbrechen. Und nah dem unwirthbaren Strand Das Hospital steigt in die Höh' So schlicht wie eine Klippenwand, Der Wandrer unterscheidet's nicht. Nur wenn ein Klang die Stille bricht, Vom Hochaltar das ew'ge Licht Wenn's durch die Nacht den blassen Schein Wirft in das Schneegefild' hinein, Lenkt er zur Schwelle seinen Schritt, Der wahrlich sonst vorüber glitt. Denn in der Dämmrung ungestalt Erscheint es wie ein Felsengrat Rings eingekerbt von weitem Spalt. Doch jetzt ein Flockennebel kraus Löscht duftig alle Formen aus. Die Schneenacht dieser ew'gen Wüste, Als ob sie nimmer enden müßte, So dicht die Mauern hält umrungen, In jede Zelle ist gedrungen. Auf allen Wimpern liegt der Mohn, Und nur des Schlafes tiefer Ton, Wie er bejahrter Brust entsteigt, Gespenstig durch die Gänge schleicht. Ein Augenpaar noch offen steht. Nachlässig, in verklommten Händen, Der Mönch des Glockenstranges Enden, Sich auf und nieder windend, dreht. Ermüdung kämpft in seinen Zügen, Die Nacht ist streng, der Dienst ist schwer. Wie die Gedanken abwärts fliegen, Er wirft den düstern Blick umher, Zumeist sein Auge ist gericht't Doch immer auf den Estrichgrund, Wo ew'ger Lampe schlummernd Licht Geträumet hat ein mattes Rund. In dieser todten Einsamkeit Der Bruder sich des Schimmers freut. Er weiß es selbst nicht wie ihm ist, So öd', so öd' zu dieser Frist. Das Dunkel, das im Bethaus waltet, Der leeren Bänke Reih'n, ein Bild, Das scheinbar aus der Nische quillt, Und von der Decke hochgestaltet, Manch' grauer Heil'ger zürnend schaut. Zudem — das Eis an Wänden hängt, Vom Glockenstuhl ein Luftzug drängt, Wie endlos Bommeln über'm Haupt Schier die Geduld dem Bruder raubt. Ob denn die Stunde nimmer endet? Doch still! die Klosteruhr sich wendet: Eins — zwei — und drei — das Echo dröhnt, Und auch der Mönch die Glieder dehnt. Er läßt den Strang, im Spähn verloren, Ihm summt's noch immer vor den Ohren. Nun knarren Thüren, schlurfen Tritte, Ein Lichtstrahl durch die Ritze gleitet; Dann, haltend vor des Auges Mitte Sein Lämpchen in gebräunter Hand, Hervor Denis der Alte schreitet. Längst vom Gesetz dem Dienst entbunden Hat er sich nimmer drein gefunden, Ein eifervoller Gottesknecht, Behauptend seiner Pflichten Recht. Grau ist sein Haar wie sein Gewand, Und da er bleibt am Pförtchen stehn Den Finger mahnend aufgehoben, Du meinst den Alpengeist zu sehn. „O Eleuth è re! soll man dich loben? Mein junger rüstiger Gesell, Ermattest du im Dienst so schnell?“ Der Bruder läßig faßt den Strang Und läßt sogleich ihn wieder fallen; „Dem Vater wird die Zeit wohl lang; Ihr seyd der Rüstigste von Allen.“ Dann steht er, streicht mit flacher Hand Die Falten von der Stirne Rand: „Nehmt's, Vater, heut nicht so genau, Die Nacht war gar zu wüst und rauh, Mir friert das Hirn am Schädel an.“ „Schlaf wohl!“ versetzt der alte Mann. Sein Lämpchen zündet Eleuth è re, Zupft an dem Dochte mit Bedacht, Und nickt und murmelt drüber her: „Hab' ich mich je dem Dienst entzogen, Wenn Schnee die Pässe gleich gemacht, Und jede alte Spur getrogen? Allein, was in der Jahre Lauf, Uns reibt am allermeisten auf, Dies Läuten, Läuten durch die Nacht, Wo nicht das Schneehuhn kommt hervor, Wo nicht der Uhu selber wacht, Wo auf dem Bernhard klimmt kein Thor; Und wir!“ Er hebt die Lamp' empor. An dem Gemäuer, überall, Steigt glitzernd auf der Eiskristall, Daß klar, wie in polirtem Stahl, Steht geisterhaft der kleine Strahl. „'S ist eben eine hies'ge Nacht,“ Versetzt Denis, „doch kannst du sagen, Dich habe Trug hieher gebracht Zu Ruhe und bequemen Tagen? Und, Eleuth è re, wie magst du wissen, Daß Niemand in der Steppe wacht? Ich selbst hab' in Decembernacht Vor Zeiten diesen Weg gemacht. Ich macht' ihn, hab' ihn machen müssen, Und, rathlos am Montmort gebettet, Hat unser Glöckchen mich gerettet. So treibt die Noth“ — der Alte schweigt, Doch nieder auf den Strang sich beugt, Und angeschlagen mit Gewalt Das Glöckchen durch die Steppe schallt. Dann — „still! rief's meinen Namen nicht?“ „Nein, Vater.“ „Hast du nichts vernommen?“ „Ein Schnauben, Scharren?“ Jener spricht: „Ist's möglich! unsre Hunde kommen.“ „Still! Bruder, still!“ — Man horcht auf's neu; Ein leises Winseln schleicht herbei Vom Klosterthor, ein Stoßen, Kratzen, Ein Rütteln wie mit schweren Tatzen. „Schnell, Eleuth è re! schnell aufgemacht! Schau, was der Barry uns gebracht!“ Denis, gebannt am Glockenstrang, Doch immer schaut den Weg entlang. Nun nahen Tritte, ja gewiß — Die Gänge tappt's hinauf — allein Ein Hund scheint's und ein Mensch zu seyn. Das Pförtchen öffnet sich. „Denis!“ Ruft Eleuth è re, „o seht doch hier Das gute kluge treue Thier!“ Und nach ihm, schwer ermüdet, wankt Der große Hund in die Kapelle; Er dreht die Augen rings, er schwankt, Ihm hängt das Eis vom zott'gen Felle, Auf seinem Rücken liegt ein Kind, Ein armes Knäbchen, schier erfroren: Voll Reifen seine Löckchen sind; Die Hände hat es eingeklemmt In seines Trägers rauhe Ohren, Mit schwachen Beinchen sich gestemmt Um Barry's Leib: in Angst verloren Wagt's nicht zu schrein, nur allgemach Ein Thränchen rinnt dem andern nach. „O Barry, brav!“ der Bruder hebt Das Kind empor, das schaudert, bebt, Sich immer noch nicht fassen kann, Die kalten Händchen nun und dann An sein geblendet Auge hebt, Und von dem wunderlichen Mann, Der, fort es tragend kos't und schilt, Sich angstvoll loszuwinden strebt. Hart nebenher, das Ebenbild Des Mönches schier, die Dogge trabt, Mit gleicher Einsicht fast begabt, Der auch den Knaben will ergötzen, Glutäugig, mit gehobnem Haupt Gar liebreich in die Höhe schnaubt, Und tummelt sich in wüsten Sätzen; Peitscht mit dem Schweif, steigt gähnend auf, Streckt seine breite Tatze auf Bis an das Kind, das vor Entsetzen Beginnt zu schrei'n, der Hund zu bellen: v . Droste-Hülshof , Gedichte. 28 Die Fenster klirren, alle Zellen Beleben sich, und vorgeduckt Aus jeder Thür ein Mönchlein guckt. Und wie das Knäbchen sie erschau'n, Das Kindchen unter ihrem Dache, Da ist's, als ob die Sonne, traun! Auf jedem Angesicht erwache. Und alle eilen, wie bethört, Ihm irgend Gutes zuzufügen; Auf die Geschichte keiner hört. Das ist das heilige Vergnügen, Das ist die unverstandne Macht, So über Kindes Leben wacht! Der Infirmier Infirmier, Krankenwärter. mit leiser Hand Die Glieder rührt, ob sie auch schwellen, Die Schuh ihm von den Füßchen zieht, Und heimlich, an der Zellenwand, Ein alterschwacher Mönch sich müht Den kleinen Korb herabzustellen, Darin nach seiner thör'gen Art Er gute Bissen aufgespart. Dem Pater Koch nicht schnell genug Das Reisig will die Flamme zollen. Dort Einer bringt ein warmes Tuch; Doch — horch! die Gitterpforten rollen. — „Der Prior!“ läuft's von Mund zu Mund. Mit freud'gem Funkeln lauscht der Hund, Die Mönche mit den Brüdern schelten Und lassen sie den Lärm entgelten; Zur Zelle ein Noviz sich schleicht. Der Prior naht, gesetzt, doch leicht. Die Schritte, schon vor manchen Jahren, Der schlanken Gemse tödlich waren, Als auf dem Montblanc diese Hand Vergebens nie den Schuß entsandt. Und der Gewohnheit zähes Band Verräth sich noch bei grauen Haaren; Ja, dieser blauen Augen Blitz Scheint noch zu spähn des Geiers Sitz; Den Stab er in der Mitte faßt, Wie einst der Doppelbüchse Last. Fürwahr! als einst, gedankenschwer, Berathend in der Brüder Kreis Er zum Brevier griff ungefähr, Sah man das heil'ge Buch ihn schütteln, Wie's Pulverhorn die Jäger rütteln. So leis' und fest die Schritte greifen. Nun, redend, an des Gurtes Strang Die Sehne scheint er noch zu streifen. „Was, Brüder, zaudert ihr so lang? Der Barry hat das Kind gebracht, Allein wer nahm das Kind in Acht? Wo ist der Mann, wo ist die Frau, So auf den Bernhard es getragen? Seyd Väter ihr umsonst so grau? Muß euch des Hundes Witz verklagen? Seht, wie das arme Thier sich müht, Euch eure Pflichten anzusagen, Wie's den Eugene am Kleide zieht! Ja, Barry, solche Lässigkeit Erfährst zum ersten Mal du heut!“ Hier wirft er einen Blick umher, Der trifft nur wen'ge, aber schwer; Zwei Brüder nur, von Schüchternheit An ihren Plätzen festgehalten. Schon in den Zellen sind die Alten, Schon zur gefahrumgebnen Fahrt An dieses Schneemeers falschen Küsten In Eile sich die Jungen rüsten. Bereit nun alles. Aus dem Thor Sechs Brüder treten hastig vor Im Schneelicht wie ein Geisterchor. Die grauen Mäntel, Kappen rauh, An ihrem Fuß der Filzschuh grau, Gewirkte Gürtel um die Lenden, Der Eisenstachel in den Händen. Und ihrer zwei an Stangen auch, Die arme Leiche einzuschlagen, Ein festgerolltes Leilach tragen. Voran, in der Laterne Schein, Die Funken sendend über'n See, Tritt festen Schritts der Marronier; Marronier, derjenige Bruder, dessen eigentliches Amt es ist, täglich ohne Ausnahme nach Verunglückten zu suchen. Den Alpstock trägt er in die Höh', So kühn wie den Kommandostab Der Feldherr über Schlachtfelds Grab. Er kennt die Stege, jeden Stein: Ein Felsgeäder sichtbar kaum, Des Schneehuhns überjährig Nest, Geborgen in der Spalte Raum, Das Strombett sich nur wenig dehnend, Ein Block sich an den andern lehnend Stellt ihm sogleich die Richtung fest. Denn täglich in des Hunds Geleite Grüßt er die todtdurchhauchte Weite — Ja, jeden Tag und ganz allein! Drum man zu diesem Amte schafft Den Besten stets an Muth und Kraft. Doch seht, wer mischt sich in den Zug? Gebeugt, mit angestrengtem Schritte Denis ist in der Brüder Mitte. Du Alter, hast du nicht genug Durch dreißig saure Jahr' getragen? Nein, heute muß er es schon wagen. Ihm Eleuthère, des Trägen, Wort Bohrt wie ein Dorn im Herzen fort. Da hilft kein Mahnen, kein Versagen: Sie sollen sehn, die Leute jung, Der Alte thut auch noch genung. Schau, wie voran in weiten Sprüngen Den starken Leib die Hunde schwingen, Dickmaulig, scheckig, lang von Haar, Fest in den Gliedern ganz und gar, Nicht Wachtelhund, nicht Dogge ganz, Halb Spaniens, halb Englands Race Ist's eine eigne edle Klasse. Die Augen drehn in klugem Glanz, Bei jedem Sprunge Schellchen klingen An ihrer Nacken Lederringen. Barry voran, obgleich in Scheiben Und Schollen sich die Zotten reiben, Der Barry mag zu Haus nicht bleiben. Bald geht es abwärts; näher schon Die ungeheuren Massen drohn. Den Todtenschädel reckt Montmort Und scheint den Wanderern zu nicken. Der Weg, beengt von Felsenstücken, Die längs der Mutterklippe Rand Entrafft des Wintersturmes Hand, Muß oft an das Gestein sich drücken; Dann schlingt er mühsam sich heran, Springt über eingeschneite Zacken; Die Brüder wandeln Mann für Mann, Und ziehn die Kappen in den Nacken. Zuerst manch abgebrochnes Wort Fliegt durch die Reihe hier und dort, Vom letzten Zuge, jener Frau, Die halb erstarrt man heimgetragen; Was in den jüngsten zwanzig Jahren Das Hospital an Leid erfahren, Gezählt an Kranken und an Bahren: Der Marronier weiß ganz genau Dir jeden Umstand herzusagen. Doch steiler sinkt der Pfad; vom Schaft Gestützt, eindrängend mit Gewalt Den Stachel in des Eises Spalt, Die Brüder nur mit ganzer Kraft Der strammen Sohle Gleiten hemmen. Und immer, immer näher sich Die glimmerblanken Riffe klemmen: Steil, zackenreich, ein Riesenschloß, Wo aus gespaltner Scharten Hort Sich niederdrängt des Winters Zeichen, Als wollten Riesenjungfrau'n dort Im Nebelthau die Schleier bleichen. Und oben drauf an Zinnenwand Die wunderlichsten Steingestalten, Und einen Zoll breit nur vom Rand Im Gleichgewichte scharf gehalten, Noch aufrecht, zu getreuer Wacht. Doch weiter — und in Schlummers Macht Die Häupter immer schwerer neigen, So schwindelnd an einander beugen, Daß kaum in seinem höchsten Stand Läßt einen Strahl der Sonnenbrand Auf Augenblicke niedersteigen. Oft Einer an des Andern Hand Die frommen Brüder, keuchend nur, Ein Jeder in des Vormanns Spur, Verstummt auf ihre Tritte achten, Als noch des Himmels karger Schein Verlischt, und nur die Leuchte klein Flammt heller auf bei tiefrem Nachten. Sieh an des Glimmers reinen Scheiben Den Strahl sich mit Geflatter reiben, Ein Silbernetz auf Felsen webend, Und an der Brüder Kutte bebend, Die reiferglänzend ganz und gar Nachziehn wie des Kometen Haar. Wie lang die Schlucht, die Nacht wie kalt! Des Nordes schneidende Gewalt Strömt langsam durch die schmale Gasse, Sich öffnend nur nach Mitternacht. Die Brüder mit der Sohle Rand, Und wechselnd dieser, jener Hand Den Schaft der Eisenstange schlagen, Daß nicht der Frost die Glieder fasse. Nur kaum vermögen sie's zu tragen; Und Einen hört man heimlich klagen, Der noch in keiner solchen Nacht Den Klosterzug hat mitgemacht. Frei wird die Bahn, doch milder nicht; Der Wind sich an den Klippen bricht, Und wirft ihm Flocken in's Gesicht. „Hätt' er's gewußt, hätt' er's gedacht! Es ist zu arg! und“ — horch! sie lauschen, Nicht fern seitab Gewässer rauschen, Doch kollernd, dumpf, wie überdacht Von einer Röhre hohlen Gängen. Die Hunde schnaubend näher drängen, Und Barry plötzlich wie gehetzt Zur Seite in den Flugschnee setzt; Steht still dann, winselt, schaut sich um Dann fort er watet, mühvoll stöhnend, Versinkend oft, nun auf sich dehnend, In kurzen Sprüngen weiter jetzt: Und immer mit gestoßnem Laut Er rückwärts nach deu Brüdern schaut. Voran der Marronier, geschürzt, Sein Mantel unter'm Arm sich kürzt; Die Brüder nach mit weiten Schritten, Versenkt bis an des Leibes Mitten; Und rechts und links die Hunde klimmen, Im aufgerührten Schneemeer schwimmen. So vorwärts; „halt! der Führer ruft: Hier steh'n wir an der Drance Kluft! Nicht weiter!“ Aber Barry leicht Mit Einem Satz den Stamm erreicht, Der zweier Felsen Rücken bindet; Tief drunter sich die Drance windet, Wo aus gesprengten Eises Spalt Das Wasser brodelt mit Gewalt. Nur einmal sich der Barry schüttelt, Die Flocken aus dem Pelze rüttelt, Im Hui schwindet: längs der Kluft Hört man ihn rauschen über'n Duft. Der Marronier die Leuchte jetzt Dicht an den Rand der Tiefe setzt. Auf steigt die alte Fichte weiß, Ein ungeheurer Zapfen Eis, Wo überall gleich Bergkrystallen Die blanken Stengel abwärts fallen, Wie sich der Tropfstein bildet leis' In feuchter Grottenwölbung Hallen. Und drunten das Gewässer schäumt, Sich sprühend an der Scholle bäumt, Wirft Perlen auf, in Bogen springt Und tiefe heis're Weisen singt, Bis, nicht zu fern, des Winters Macht Auf's neu' in Fesseln es gebracht, Wo pfeilgeschwinder Wellen Zug Des Strudels Macht verräth genug. Die Brüder stehn und sehn sich an. — Der Marronier der feste Mann Streicht mit den Fingern bald die Sohlen, Bald prüfend auf den Steg sie reibt Und in die Tiefe blickt verstohlen. Kopfschüttelnd spricht er: „Brüder, bleibt! Hier ist nur sichrer Tod zu holen; Der Wildbach hat den Steg beschwemmt, Seht, wie das blanke Eis sich dämmt: So sey die Leiche Gott befohlen! Was für den Lebenden uns Pflicht, Das bleibt es für den Todten nicht. He, Barry! Barry!“ Aber dicht Von drüben Wind und Stromes Rauschen Ein wohlbekannter Ruf durchbricht, Erst kurz, gestoßen — Alles still — Dann folgt ein ungeduldig Heulen, Man hört ihn hin und wieder eilen; Nun scheint er an der Kluft zu lauschen, Wo über'm Rande, weiß umhegt, Ein matter dunkler Fleck sich regt. — Und plötzlich in des Steges Mitte Erscheint die zottige Gestalt: Ein Sprung — sich vor den Brüdern schmiegt Das fromme Thier; es winselt, keucht, Am Marronier sich angstvoll streicht, Zupft an den Kleidern mit Gewalt. „Ich fürcht' — ich hoffe — ja, ich glaube —“ Haucht ein Noviz, der Angst zum Raube, „Was trüben liegt, todt ist es nicht.“ Und „Barry! alter Barry!“ spricht Der Führer, streichelt sanft das Thier, Vielleicht zum ersten Mal verlegen In seines Amtes schwerem Segen. Da stöhnend durch den Schnee sich bricht Denis, die morschen Kniee schüttern, Vor Zorn mehr als Erschöpfung zittern. „Zurück! ruft er, ich will voran!“ Trifft mit dem Arm und grimmen Blicken, Was schnell nicht aus dem Pfad kann rücken, Und vorwärts bricht der rauhe Mann. Betäubt, fast willenlos die Brüder Gestalten einer Kette Glieder; Nun vorwärts, mit verschränkten Händen; Der Himmel mag ein Unglück wenden! Er hat's gewandt: tief athmend setzt Jenseits den Fuß der Letzte jetzt. Nur einen Blick, der war nicht süß, Schenkt den Genossen noch Denis, Brummt etwas noch von „trägen Hunden;“ Dann hat er schon den Ort gefunden, Wo an die Felsenwand geschmiegt Benoit der alte Senne liegt, Und neben ihm der Barry gut, Der Wanderstab, der breite Hut, Sein Mantel, oben festgehalten Durch der erstorbnen Finger Band, Scheint, unten offen, aus den Falten Gezerrt von ungeschickter Hand, Wo in dem Schnee steckt tief genug Die Flasche, so der Barry trug. Zu Nacht gefallne Flocken haben Den Körper mehr als halb begraben. Wenn nicht ein Knie sich aufwärts streckt, Man hätt' ihn nicht so bald entdeckt. Herbei, Elias' fromme Raben! Stemmt euch, hebt, hebt, das Leilach breitet! Die steifen Glieder, drein geschlagen, Ein Bruderpaar sich stumm bereitet Auf seinen Schultern heimzutragen. Derselbe Paß, erhöhte Noth! Bräch' jetzt hervor des Mondes Licht! Auf allen Zügen steht der Tod, Doch keine Lippe widerspricht. Zuerst der Marronier gebeugt Dicht an den Steg die Leuchte streicht, Daß jeder sieht zu jeder Seite Der überglas'ten Wölbung Breite. Schwieg jetzt des Strudels Rauschen auch, Man hörte keines Athems Hauch, Und Mancher schlöss' die Augen gar, Doch reißt sie offen die Gefahr. Nur langsam — flach den Fuß gesetzt — Des Vormanns Stange Jeder fasse — Und seyd auf einen Ruck bereitet, Wenn Einer schwankt, wenn Einer gleitet; Nur immer langsam — Schritt vor Schritt. — Ha! auf den Grund der Erste tritt Und zieht mit seiner festen Hand Die ganze Kette an den Strand. Und Jeder, wie er fühlt das Land, Den Athem stößt mit voller Kraft Aus der befreiten Kehle Haft. Dem Himmel Dank! das war ein Wagen! Hat Niemand es zu künden Lust? Doch war sich Keiner in der Brust Nur Eines sichern Schritts bewußt, Und Keinem blieb, so kühn er sey, Das Auge klar, Bewußtseyn frei, Als sie, wo drunten Wogen spühlten, Der Sohle leises Gleiten fühlten, Und in der Hand verklommen, zitternd Die Stange hin und her sich schütternd. Ja, Gottes Huld hat sie getragen, Des Herrn, so sprach: „Ich bin dein Reich,“ Und: „Meinen Engel send' ich euch.“ Erst späterhin und fern vom Stege Löst mählig sich der Zungen Band, Und wenn auch auf demselben Wege, Den früher man so übel fand, Scheint doch, nach dem was man befuhr, Ein Kinderspiel die Heimfahrt nur. Entschlossen wird der Fuß gesetzt, Was schlüpfrig sonst, scheint sicher jetzt; Auch klimmt sich's leichter wohl hinan Als abwärts auf beeister Bahn. Nah ist der Tag, der Frost gewaltsam; Allein die Luft, da man gekehrt, Den Wandernden so unaufhaltsam Nicht ferner in die Augen fährt. Und wer sie hört, nicht sollt er sagen, Daß diese einen Leichnam tragen; So überstandne Fährlichkeit Die Herzen stimmt zur Heiterkeit. Man lockt die Hunde, lobt und streichelt, Geplauder wechselt durch die Reihe, Zumeist bei der Gefahr es bleibt; Und, wie's der Phantasie nun schmeichelt, Wenn Dieser spricht mit Heldenweihe, Die Schrecken Jener übertreibt. Der Marronier auch redet drein, Die Träger selber stimmen ein; Sogar das Lachen überrascht Den Jüngsten, als ein Bruder gleitet, Nach der entfallnen Kappe hascht Und stolpernd auf dem Alpstock reitet. Doch wen dort, als von ungefähr Der Lampe Schimmer sich verbreiten, Sieht hinter'm Zuge man von weiten? Denis! Wird ihm der Weg so schwer? Man ruft und harrt, er schreitet an. „Reicht mir die Hand!“ Ein Bruder spricht: „Stützt euch auf mich!“ Der alte Mann Erwiedert: „Müde bin ich nicht.“ Dann setzt er an mit festem Schritt Und rüstig in die Reihe tritt. Was wohl den Mann betroffen hat? Nicht kraftlos scheint er, in der That! Und doch ihm in so kurzer Frist Die Stimme klein geworden ist. Wie das Gespräch sich wieder rege, Er wandelt stumm und träumend fort, Und fällt auch wohl ein schlimmes Wort, Daß allzuviel in dieser Nacht Um eine Leiche sey gewagt, Nur tiefer sich der Alte bückt, Nur in den Schnee die Ferse drückt, Und der, so geht zunächst im Wege, Meint, täusch' ihn nicht des Frostes Knistern, Er höre schwere Seufzer flüstern. Was wohl das gute Mönchlein quält? Dem alten treuen Männchen fehlt? Indessen, nun zum zweiten Mal, Hat man die Klippenschlucht betreten; Hier sind die Sinne all vonnöthen. Hu, wie der Wirbel streicht durch's Thal! Die Luft gleich Aether scharf und fein! Sogar die Worte frieren ein. Und wieder hört man durch die Stille Der Mäntel Reiben an den Kappen, Des Tritt's Geknarr, des Alpstocks Klappen; Ein Jeder schmiegt sich in die Hülle, Und treibt den Fuß, so sehr er kann, Voran, und immer nur voran. Das Lampenlicht, was hier zuvor Um Vließe duftbestreut geflogen, Trifft sie mit Eise jetzt umzogen, Und ganz von Glas erscheint der Chor. Voran, voran! zieht sacht den Hauch, Und streicht die Kappe dicht an's Aug'! Voran! — Schaut nicht die Klippe hier Fast wie ein formlos wüstes Thier? Hier ein verstümmelt Riesenhaupt, Das rechte Aug' ist ihm geraubt. Voran, voran! — Was flattert dort? Ein Lämmergeier, aufgeweckt Aus seinem Lager, flieht erschreckt, Gefangen in des Passes Enge. Seht, wie er angstvoll krallt die Fänge! Zurück! zurück! er naht dem Licht. Und nun er über'm Leilach schwebt, Mit ausgespanntem Fittig bebt. Die Lampe bergt! Da steigt er auf, Um's Riesenhaupt noch einmal kreisend Und pfeifend, daß die Gasse schallt; Und nun verschwimmt er in die Nacht. Noch einmal, sein Gekreisch verhallt. Gottlob! jetzt hebt die Leuchte auf! Leicht wird des Weges Rest vollbracht, Ein Schimmer, nach dem Ausgang weisend, Des Tages erster Bote scheint. Ganz recht! hier öffnet sich das Thal! Die Brüder schau'n empor zumal: Montmort steht schwarz, die Jungfrau grau: Doch südlich im versenkten Blau Die mächt'ge Rosenkuppel schwebt, Bewegungslos am Aether hängt, Und unter ihr Gewölke webt. Es ist die Stirn, so stets empfängt Den ersten Strahl der niedersank, Es ist der Alpenfürst Montblanc. Allein des Dunkels Ueberrest Verdoppelt auf die Fläche preßt; Formlose Massen noch, die Höh'n Im Horizont verschwimmend stehn. Nur links am breiten Felsenthurm Erscheint, ein mächt'ger Feuerwurm, Die ew'ge Lampe, deren Strahl So milde winkt in's Hospital. Noch tausend Schritt — die Wandrer keuchen, Noch hundert Schritt — sie stehn am Thor. Und eben bricht, ein glühend Zeichen, Verschämt der Jungfrau Stirn hervor. Was zaudert Bruder Pförtner noch? Vielleicht vom Schlummer aufgestört! Du alter Benoit, hat dich doch v . Droste - Hülshof , Gedichte. 29 Dein Wunsch in's Hospital gebracht! Ach, anders gar wie du gedacht. Da klinkt das Schloß, und eben hört, Als grade sie ins Thor ihn tragen, Man sechs die Klosterglocke schlagen. Der Infirmier indeß zu Nacht Durch Schmeicheln und geduld'ges Fragen Vom Knäbchen hat herausgebracht: Wie Mutter schon vor vielen Tagen Geschlafen, Vater auch nachher, Der wenig Stunden krank gewesen, Und beide gar nicht wachten mehr. Wie anders dann Großvaters Wesen, Wie sein Gesicht geworden schmal; Und wie er gestern erst vom Thal Bei argem Frost und harter Müh' Getragen ihn auf üblen Wegen Und viel verzählt von St. Remi, Wo Tante Rose ganz genau Ihn wie die Mutter werde pflegen, Etienne la Borte des Sennen Frau. O wohl mein armer Henry dir, Daß du entschlummert unter Klagen, Da sie vorbei an deiner Thür Jetzt deinen guten Aetti tragen! Sähst du so blau das Antlitz treu, Zu stillen nicht wär' dein Geschrei. Im Krankenzimmer schon die Glieder Man hüllt in Schnee, man bürstet, reibt, Sucht den entfloh'nen Athem wieder Ihm einzuhauchen; alle Brüder Verstummt und lauschend stehn dabei. Kein Regen — und der Kerze Licht Kein Zucken zeigt im Angesicht; — Am vorgehaltnen Flaume nicht Ein schwaches Fäserchen sich beugt, Und mächtig schon das Morgenroth Bis an den Rand des Thales steigt. „Ihr Brüder!“ nun der Prior spricht, „Es scheint, der arme Greis sey todt. Doch thut noch ferner eure Pflicht; Ihr seyd zur eignen Seele Frommen Bis jetzt ihr treulich nachgekommen: Allein zumeist, das ist gewiß, Am allermeisten that Denis. Wo ist er? nun er ruht wohl aus! Und sicher war's ein harter Strauß Für seine Jahre.“ Ach Denis An keinen Schlummer denkt gewiß, Vor dem Altare, wo im Bild Die Gottesmutter rauchgeschwärzt Ihr eingeräuchert Kindlein herzt, Verzeichnet, bunt, doch gut genug, Da es dem Manne sonder Trug Mit Andacht so die Seele füllt, Denn ganz besonders hat er sich Geweiht der Jungfrau minniglich. Was mag ihm so zu Herzen gehn? Die Falte um den Mund, dies Stöhnen So hat man sonst ihn nicht gesehn. Wie, schmolz der Mauerduft? Sind's Thränen, Die niederfallen auf den Stein? Dies feste Auge scheint mir nicht Gewöhnt zu solcher Tropfen Pflicht. Der Alte ist ja ganz allein! Stets weiß die Jungfrau was er denkt: Wär' zehnfach herber auch sein Grämen, Vor ihr braucht er sich nicht zu schämen. Indeß das Dämmergrau zergeht; Nur einzeln in die Mauerlücken Sich kleine schwarze Schatten drücken. Schon in der Fenster Mittelscheiben Die rothe Sonnenkugel schwebt; Viel goldbestreute Wölkchen treiben, Die ganze Luft ist glanzdurchbebt. Im Morgenlichte doppelt mild Dem Beter scheint das Mutterbild; Selbst Märtyrer aus Gitterschrein Nicht all so kläglich schauen drein. Und nun das Diadem, das klare, Am Haupt der Tagesfürstin ragt, Da aus dem Winkel am Altare Den letzten Schatten sie verjagt. Sich von den Knieen hebt Denis, Ein andrer Mann; die Finger leis' Streicht er durch seine Löckchen weiß, Er ordnet sorglich sein Gewand, Dem eingedrückt des Estrichs Sand, Und zu den Brüdern, die noch immer Versammelt sind im Krankenzimmer, Vegibt entschlossen sich der Greis. Doch als er nun die Thüre lichtet, Auf ihn sich jedes Auge richtet; Da, deut' ich recht der Finger Zucken, Am Gurt' das unbewußte Rucken, So sinkt ein wenig ihm der Muth, Auch in die Wange tritt das Blut. „Wie, alter Vater! schlaft ihr nicht?“ Ruft ihm der Prior schon entgegen, „Nein, Maaß muß seyn in allen Wegen, Auch ihre Schranken hat die Pflicht. Ihr scheint's Euch heute vorzunehmen Uns alle gründlich zu beschämen, Und Ihr seyd matt, man sieht's Euch an. Zu Bett, zu Bett!“ Der alte Mann Steht lautlos, und in seiner Noth Auf's neu beginnt das Kleid zu reiben, Als sollte nicht ein Stäubchen bleiben: Bis an die Stirne steigt das Roth. Dann holt er tief und tiefer aus, Und zitternd bricht die Stimm' heraus: „Nein, lobt mich nicht, ich bin's nicht werth! Ich will den schlimmsten Vorwurf dulden Und daß ihr mir den Rücken kehrt; Allein vergebt mir meine Schulden, Der alte Feind hat mich bethört. Der alte eingefreßne Zorn, Im Herzen mir ein steter Dorn, Seit ich in meinen jungen Tagen Den Sennen blutig einst geschlagen.“ Hier stockt er, seufzt so tief betrübt, Daß jede Brust ihm Antwort gibt. „Als ich nach einem Ausweg sah Am Drance-Rand die Brüder suchen, Da fühlt' ich seine Kralle nah, Und innerlich begann zu fluchen. Und als nun sprach der Marronier: „Hier ist nur sichrer Tod zu holen,“ Und: „sey die Leiche Gott befohlen!“ Es kribbelt mir durch alle Glieder: Den Alpstock hob ich in die Höh', Dem Himmel Dank, ich senkt' ihn wieder. Und als nun endlich, als am Strand Barry, das unerschrockne Thier, Ich treu auf seinem Posten fand: Da hab' ich, hab' in Zornes Brand Den Bruder einen Hund genannt.“ Er athmet auf: „Es ist heraus! Ihr Brüder, ach vergebt dem alten Verstockten Mann, was ich verbrach; Kein böses Beispiel bleibe nach. Vergib mir Bruder!“ Ganz gebeugt Zum Marronier er langsam schleicht Und küßt voll Demuth ihm die Hand. Dann, eh noch Einer spricht ein Wort Vor Rührung, Staunen, tiefer Scham, Schon stapft er durch das Zimmer fort, Nicht ganz so trübe als er kam, Um sich in seine Zelle klein Drei Tage, frierend und allein Bei Brod und Wasser einzuschließen. Noch immer stehn die Brüder stumm Und Jeder heimlich schilt sich dumm, Daß sie den Alten ziehen ließen. Die Stirn soldatisch in die Höh' Am steifsten steht der Marronier. Zuerst das lange Schweigen bricht Der Prior: „Was wir alle denken, Ihr Brüder, brauch' ich nicht zu sagen. Denis will uns in diesen Tagen Nicht nur von wandelloser Pflicht, Von Reue auch ein Vorbild schenken, So demuthsvoll ein Christ nur handelt: Deshalb“ — Er stockt und wendet sich, Denn eine Regung wunderlich In Zittern ihm die Rede wandelt. Der Prior sich zur Seite kehrt, Und, dem Erstarrten zugewandt, Die steifen Glieder abwärts fährt. Den Flaum noch einmal mit der Hand Bringt langsam an des Mundes Rand, Erst quer, dann senkrecht aus der Höh'. Nun hebt er sich, vom Bücken roth: „Eugene und Louis! nehmt ihn fort! Jetzt gleich! Und, Bruder Clavendier, Clavendier, der Bruder, dem die Besorgung der Hausgeschäfte obliegt. Zum Sennen Etienne la Borte Schickt nach Remi! Der Mann ist todt.“ Des Arztes Vermächtniß. Des Arztes Vermächtniß. So mild die Landschaft und so kühn, Aus Felsenritzen Ranken blühn; So wild das Wasser stürmt und rauscht, Und drüber Soldanella Soldanella alpina , Alpendrottelblume. lauscht! Nichts was ein wundes Herz so kühlt Als Bergesluft die einsam spielt, Wenn Maienmorgens frische Rosen Mit Fichtendunkel flüsternd kosen. Wo über'm Wipfelmeer das Riff Im Aether steht, ein flaggend Schiff, Um seinen Mast der Geier schweift: Tief im Gebüsch das Berghuhn läuft, Es stutzt — es kauert sich — es pfeift Und flattert auf; — ein Blättchen streift Die Rolle in des Jünglings Hand. Der schaut, versunken, über Land, Wie Einer, so in Stromes Rauschen Will längst verklungner Stimme lauschen. Er ruht am feuchten Uferrand. — In seinem Auge Einklang liegt Mit dem, was über ihm sich wiegt, Mit Windgestöhn' und linden Zweigen: Was ist ihm fremd, und was sein eigen? Gedankenvoll dem Boden ein Gräbt Zeichen er mit spitzem Stein, Und löst gedankenvoll das Band Am Blatt, wo, regelloser Spur, Ach! eine Hand, zu theuer nur, Vertraut gestörter Seele Leiden, Die Wahr und Falsch nicht konnte scheiden. Und will er — soll er — dringen ein In ein Geheimniß das nicht sein? Es sey! es sey! die Hand ist Staub, Und ein Vermächtniß ja kein Raub! Dann — Wasser, Felsen, Alles schwand. „Ich war noch jung; o Zeit, entfloh'ne Zeit! Wohl vierzig Jahre hin, mir ist's wie heut. Ein frisches Wasserreis war ich, im Traume Von Blüthe, Frucht und tausendjähr'gem Baume. Ein Flämmchen war ich, lustig angebrannt, Mein Sohn, nicht Schlacke wie du mich gekannt. Ach! damals hatte fremde Sünde nicht Gelegt auf meinen Nacken ihr Gewicht. Klar war mein Hirn, die Seufzer durften ruhn: So war's, so war's, und anders ist es nun. Der dunkle Mann — das Bild das mich umkreist — Ich sage nichts, mein Sohn, was du nicht weißt. Zu Nacht mein Auge fand das deine offen, Dein sorglich Ohr mein Aechzen hat getroffen, Wenn Mißgeschick in Sünde mir zerfleußt, Zur Gegenwart wird die Erinnerung. Alt bin ich, krank, umdunkelt oft mein Geist, Das kennst du nicht, du bist gesund und jung. Am zwölften Mai, bei einsam tiefer Nacht, Nach einem Tag, ich hatt' ihn froh verbracht Auf Waldeshöh'n, die wimmelnd von Gesindel Zum Aether strecken ihrer Fichten Spindel, An Böhmens Gränze eine starre Wacht: Dort nahm, der Wissenschaft und Armuth Sohn, Ein kleines Haus mich auf seit Wochen schon, Wo Kräuter suchend zwischen Fels und Gründen Die Einsamkeit ich traulich konnte finden. Am zwölften Mai, wo das Geschick mich traf — Auf meinen Wimpern lag der Jugend Schlaf, Doch ruhig nicht, mein Traum war wie ein Fieber — Auf Felsen stand ich, Adler kreisten drüber; Mir näher, näher aus dem tiefen Grau, Der Flügel Schlag ich hört' ihn ganz genau, Und hört' es immer, als der Traum zerrann. Vernahm ich's wirklich? Und was war es dann? Den Athem haltend lausch' ich vorgebeugt, Und wahrlich — zweimal — dreimal — nah der Wand Pocht es vernehmlich an des Fensters Rand. Dann Schatten seh' ich vor der Scheibe schwanken, Ein langer Arm, ein dunkler Finger steigt; Ich war noch jung, wie Pulver die Gedanken, Wenn aufgeregt, erkannten keine Schranken. Man weckt den Arzt um Mitternacht so leicht: Gewöhnlich fänd' ich's jetzt, dort wunderbar; Doch Jugend schäumt entgegen der Gefahr Und ohne Sprudel ist kein Trank ihr klar. So war's nur Neugier und verwegne Glut, Was durch die Adern trieb das üpp'ge Blut, Als ich verlassen jener Hütte Frieden Um einen Wunden, wie man mich beschieden, In jener Nacht so schwarz und schauerlich, Daß nicht ein Glühwurm durch die Kräuter schlich; Des Grases Knistern nur, der schwache Hauch Des eignen Athems brach die Stille auch. Vor ging ein Mann, und Einer nach mir schritt. Ich sah nur Grau in Grau und tappte mit, Als wir dem Bergwald zogen stumm entgegen‚ Gleich Kohlenstämmen unter Aschenregen. Zuerst ein Weiher kam, und dann ein Steg, Dann ging es aufwärts halb verwachsnen Weg; Im tiefern Grau verschwammen die Gestalten; Nur selten zeigten mir des Waldes Spalten Noch meines Vormanns untersetzten Bau. An einer Klippe meine Führer halten, Und ich mich wende zu verstohlner Schau. Nur dunkle Massen rings — wo mag ich seyn? Da über mir hört' ich die Eule schrei'n Und dachte noch, ihr Nest liegt im Gestein. Doch dort und dort und dorten überall, Entlang die Waldung, gellt's im Wiederhall, Ringsum die Zweige knistern wie im Brand, Vor mir ein Mantel, drüben eine Hand, Dann über meine Schulter es sich stemmt, Und eine Binde hat den Blick gehemmt. Der Boden schwindet; eh ich mich gefaßt‚ Ein Roß trägt schnaubend fürder seine Last. Mir war doch schwül, als ich zum Zügel griff; Seekranken war mir's gleich auf leckem Schiff. Verwirrung hatte mich betäubt, zum Heil, Sonst hätt' ich mich gefürchtet, als so steil Pfadlosen Weg betrat des Thieres Fuß, Wo ich nur klammernd mich erhalten muß An seine Mähne mein Gesicht gelegt, Daß mir des Thieres Schweiß vom Kinne rann. Ich hörte wie, von seinem Huf geregt, Des Weges Steine langsam rollten, dann Von Klipp' zu Klippe sprangen, bis zuletzt Der Schall im Nachhall schwand. Ich hörte jetzt Ob meinem Haupt die Wasser niederrauschen, Daß zarter Regen mein Gesicht benetzt. Oft warnte eine Stimme mich in Hast: „Dich vorgebückt!“ und über meinem Nacken Strich sich ein breiter Ast mit trägem Knacken. Entferntem Knalle glaubt' ich oft zu lauschen, Der Boden einmal klang wie Estrich fast; Was weiß ich, meine Phantasie war reg'; — Doch immer seltsam blieb und schlimm der Weg. So öde war mein Hirn, gedankenleer, Die Zügel ließ ich, oft dem Falle nah, Dann wieder kehrte das Bewußtseyn schwer. Mit angeklemmten Gliedern saß ich da Und log, von Sorge überschlau gemacht, Ein heitres Angesicht der finstern Nacht. Wie lange so, vermag ich nicht zu sagen. Mir ist wie dem der aus dem Schlaf erwacht: Ihm scheint's vom Abend ein Moment zum Tagen, Doch blieb ihm das Gefühl entschwundner Zeit, Und öfters über's Ziel ihn führend weit, Daß er die Sonne sucht um Mitternacht. Ja! sinn' ich was noch all sich zugetragen Bevor es tagte, hat die Fahrt wohl kaum Gefüllt auf's längste einer Stunde Raum. Dann stand das Thier, und Arme fühlt' ich wieder; Nun schwebt' ich in der Luft, nun ließ mich's nieder; Und tiefer in die Brust der Athem glitt, Als Grund, als festen Grund mein Fuß beschritt. Voll Schwindel war ich, halb bewußtlos noch, So griff ich nach der Binde; hastig doch Mich faßte eine Hand, die war so stark, Der leichte Druck mir rieselte in's Mark. Und weiter, weiter durch bethautes Kraut; Man wandle rechts und links und sucht' zu meiden, Was, weiß ich nicht; doch konnt' ich unterscheiden Im Gras verstreuten Schutt, hier ward gebaut. Dann Stufen ging's hinunter, seltsam hallend, Und immer tiefer, eine lange Reih'. Ich stütze mich auf Mauern, morsch, zerfallend, Hier klang der Athemzug, ein halber Schrei; Zur Seite hör' ich's tröpfeln, wie vom Regen — Ich räuspre — und es schmettert mir entgegen — Des Kleides Reibung flüstert am Gestein — Dies mußt' ein lang und tief Gewölbe seyn. Vor Allem seltsam war's, als, unterm Grund Auftauchend, Schritte rechts sich gaben kund. Wie Schmiedehämmer pocht es um und neben; Die eingepreßte Luft, es trog mich nicht, Ich fühlte um Gesicht und Brust sie beben. Doch ferner, schwächer schon der Schall sich bricht. Nur immer weiter, wie die Wege drehn, Und bald verschwimmt das Klirren, Rufen, Gehn In ein Geschwirr, dem Hall des Wassers gleich, Wenn's niederrauscht in einer Grotte Reich. Oft sinn' ich wie mir alles noch so klar; Ich war betäubt, drum scheint mir's sonderbar. Ja, Angst ist fein, und schier bewußtlos doch, Mechanisch sammeln ein die Sinne noch. Nun stand mein Führer: schwere Riegel klirrten, Schnell schwand das Tuch, und schneller vor's Gesicht Schlug ich die Hand, mich blendete das Licht, Man sprach zu mir, ich sah und hörte nicht; Von allen Seiten bunte Flügel flirrten: Es that der Binde Druck, denn da's zerging, Ein einsam Lämpchen nur im Winkel hing, Wo einer Scheibe vieldurchlöchert Ziel Das Erste war was mir in's Auge fiel. Und, als ich noch dem Schwindel kaum entrann, Zu einer Wölbung zieht man mich hinan, Bis dicht vor meinen Füßen liegt ein Mann. Und Dieser ist's? vom groben Pelz bedeckt? So ausgespannt wie sich die Leiche streckt? Und Diesem soll ich helfen? Wenn ich kann. Ich sah den halbentblößten Fuß, die Hand, Kalt, todtenfahl, erschlafft der Muskeln Band; Ich sah recht um der Lunge Sitz das Tuch, Wodurch ein Streif sich naß und dunkel wand; Ich sah das schwarze Blut am Boden hier, v . Droste-Hülshof , Gedichte. 30 Und weiß nicht wo ich die Gedanken trug. Gleich einer fremden Stimme sprach's aus mir: „Bei Gott! bei Gott! bei Gott! der hat genug.“ Ob man's vernommen hat? ich glaub' es kaum; Mich dünkt, gemurmelt hab' ich wie im Traum. Ein Schimmer jetzt auf den Enthüllten fällt, Auf Züge, edel doch gefällig nicht. Dies Auge kalt und unbezwungen bricht Da sich dem Tod' zum Kampf die Seele stellt. Vor Grimm dies Antlitz schien mir zu erbleichen Um einen Gegner dem es jetzt muß weichen. Kraftsammlung, tiefes Brüten, sollt' man glauben, Bewegung ihm und Sprache müsse rauben; Und drüber, wahrlich, noch ein Hauch sich rührt Von dem was Herzen anlockt und verführt. Ich sah wohl wie es mit uns zweien stand, Mit mir und ihm, wir beid' an Grabes Rand, Da hab' ich auch gefühlt zu diesem Mal, Wie Todesangst in vollem Laube thut. Man meint, am besten sey's so kurz und gut, Bevor uns Krankheit Zoll um Zoll verzehrt; Glaub mir, es ist 'ne wunderliche Wahl, So um sich, neben sich kein Fußbreit Raum, Und über'm Haupt an Einem Haar das Schwert, Fürwahr die Zunge klebte mir am Gaum! Vielleicht dem Fischer mag ich mich vergleichen, Der sonder Nahrung im verschlag'nen Boot Die Möve streifen sieht und an dem bleichen Gewölk aufzucken ferner Blitze Roth, Gleich nah dem Abgrund und dem Hungertod. Doch die Besinnung kehrte mir zum Heil, Auch etwas Muth und eben List genug; Ich konnte fragen in geschäft'ger Eil' Nach jener Waffe so die Wunde schlug. Der Führer sprach — fürwahr, ich weiß nicht was. Mein Blick hing an des Kranken Muskelspiel: Die Lippe bebt, das Auge hat kein Ziel. Auf seinen Busen legt' ich meine Hand, Und fühlte wie der Herzschlag kam und schwand, In Stößen bald, dann wieder träg und laß; Da grade ward das Eisen mir gereicht, Ein Messer aus dem Küchenschrank vielleicht, Mit einer Schling', es an die Wand zu hängen; Das Ansehn einer Waffe hat's zumal, Die man ergreift in Angst und Todesqual. Ich fühlte wohl wie mein Gesicht erblich. Und als der Klinge blutgefärbte Längen Am Ermel auf und ab der Führer strich, Und recht als ob ihn wilde Lust beschlich, Nun spielend zuckt und ausholt gegen mich: Es war mir doch als dringe ein der Stich. Verbergen wollt' ich meiner Kniee Schwanken, Und suchte nach des nächsten Schemels Halt, Man sollte wähnen, sorglos, in Gedanken: Da traf ich eine Hand, so feucht und kalt; Doch jene nicht der kämpfenden Gestalt, Nein, neben mir, daß Arm an Arm sich drücken, Sitzt eine Frau, das Auge wie von Stein, Auf Den gewendet, der dem öden Seyn, Es scheint, mit sich zugleich sie wird entrücken. Im Antlitz lag so tiefer Seelenschlaf Wie nie bei Kranken ich noch Irren traf; Die Stirn — ein Gletscher klar im Alpenthal, Durchkältend uns mit dem gefrornen Strahl; Dies Auge, seltsam regungslos und doch, Erloschen gleich, voll todten Lichtes noch. Nicht Wahnsinn war's, doch Schlimm'res was ich sah; Und mich bezwang's, daß ich vergaß was nah. Zudem da dämmernd, dämmernd, halb gefühlt, Wie Wetterleuchten die Erinn'rung spielt. Dies Antlitz ist — und doch ein Andres ganz, Ich hab's gesehn, es war im höchsten Glanz. Und wo? Und wo? Halt an! Wie fuhr ich auf! Mein Führer zupfte an der Binde Knoten. Ward der gelös't und frei des Blutes Lauf, Gewiß nichts Gutes ward mir dann geboten! Was wär' ich jetzt? Ein Schattenbild deß dann Gedenkt noch hier und dort ein alter Mann. Und du mein Sohn? Was die Atome sind; Sonst andrer Mann, und andren Mannes Kind. — Ach, alles Leben ist wie Schaum und Duft! Und doch hat jede Stunde ihre Pein. Die Enkel treten meiner Freunde Gruft; Wo bist du, Eduard? ich bin allein — Ach Gott! mich quälen meine Träumerei'n.“ Hier folgt ein Blatt, bekritzelt und zerpflückt, Quer über'n Raum die wilden Schnörkel fahren, Mitunter Striche, durch's Papier gedrückt, Gepreßter Finger Zucken offenbaren. Der Jüngling seufzt, und wendet rasch das Blatt. Hier steht's: „Mir war nicht wohl, nun bin ich matt, Fürwahr, fürwahr, und auch des Lebens satt. Doch weiter — da du's wissen mußt, mein Sohn — Naphta bekam der Kranke, sagt' ich schon; Was soll man sonst in solcher Noth verschreiben? Noch einmal wollt' ich künstlich Feuer treiben Durch seine Adern, ob sich mir vielleicht Indeß der Himmel weiß welch' Ausweg zeigt: So jung noch sollt' ich in der Schlinge bleiben? Ein junges Blut ist hoffnungsreich und leicht; Ich gab ihm Naphta; bis die Wirkung kömmt Laß ich verstohlen meine Blicke streifen; Die Dämm'rung ferner nicht das Auge hemmt, Es möchte jeden Gegenstand ergreifen. Ich war in einem dunstigen Gemach, Langsame Tropfen glitten von den Wänden; Aufrecht gestellt träf' ich der Wölbung Dach; Ob dies die Werke sind von Menschenhänden? Zu schlecht zum Keller, und zu gut zum Stollen: Was mögen diese langen Zapfen sollen? Ich meinte Stalacktiten; in der That, Die erste Höhle war's so ich betrat. Und ring's, wie zu gemeiner Maskerade, Hing's überall in schmutziger Parade: Ein Bauernkittel und ein Mönchsgewand, Soldatenkleider, Roßkamms langer Rock, Beim Judenbart des Aelplers Hakenstock, Und gleich am Lager mir zur rechten Hand Hier ein Gewehr von Damascirung falb, Ein andres dort, beschmutzt, zertrümmert halb. Auch nicht zu fern auf rohbehau'nen Stein Die Lampe warf den halbentschlafnen Schein Aus einer Schale wie mich dünkte reich Mit Wappen oder Bildern ausgeziert. O, daß man mich an diesen Ort geführt, Von übler Vorbedeutung schien mir's gleich! Denn wie man die Umgebung so vergaß, Nachläßig war es über alles Maaß! So irrend trifft mein Aug' auf jene Frau; Sie ist verwandelt, in den schönen Bau Kam Leben, aber erst wie Dämmerlicht Sich mählig, mählig durch die Nebel bricht. Sie sitzt nicht mehr, sie hat sich aufgerichtet, Hält mit der Hand des Kranken Haupt gelichtet, Sie blickt wie ein vom Schlaf erwachtes Reh. Auf ihre Wange zog ein zarter Schein, Wie Morgenhimmel wogend über'n Schnee Ihm seine lichte Spuren drückte ein. Nun hebt den Arm sie, rückt die Locken, ja! Da plötzlich tritt mir die Erinn'rung nah, Wien, Carneval, der Maskenball sind da. Um diesen Nacken Perlenschnüre spielten, In diesen dunklen Locken lag ein Kranz, Es war als ob auf sie die Fackeln zielten, Wenn sie vorüberglitt, ein Lichtstrom ganz. Noch seh ich wie der milde Kerzenschein In Atlasfalten schlüpfte aus und ein, Wie eine Rose sich, gelös't vom Band, Ob ihrer Augen Bronnen schien zu bücken. Sie war das schönste Grafenkind im Land: Dennoch ein Etwas lag in ihren Blicken, Als ob sie Alle dulde, achte Keinen, Der schöne Mund geformt schien zum Verneinen: Nicht Härte hab' ich's und nicht Hohn genannt, Jedoch zu allernächst es beidem stand. Man sagte mir, dies wunderschöne Bild, — Vertraute Stimmen wurden drüber laut, Für Herzensschwächen ist die Menge mild — Man nannt' es eine unglücksel'ge Braut. Der Mann, dem Elternwille sie versprach, Er legte selbst den Grundstein seiner Schmach, Als er mit ungestümer Grille Hang, Wie Schwache gerne keck und seltsam scheinen, Dem Fremdling auf sich zum Genossen drang, Der sich am mindesten ihm mochte einen, Der zehnfach schöner, tausendfach so kühn, Mit Sitten die beleid'gen und verführen, Genau gemacht ein starkes Herz zu rühren, Geheim, man wußt' es, ließ die Braut erglühn; Der folgt sein Blick, wie dem Kometen klar Die Seuche und das segenlose Jahr. Von beiden Männern dort ich keinen sah, Gefährlich war der Fremde, oder nah, Von ihm man flüsterte; mit offnem Hohne Den Grafen macht' zum albernen Patrone. Partheiisch man des Weibes Fehl vergaß, Nur Männer wurden laut dort wo ich saß. Mir schien sie stolz, weit über Ziel und Maaß, Und minder trauernd auch als still entbrannt, Dem Himmel zürnend, Andern, ihm und sich Daß er's gewagt, daß er den Schlüssel fand, Zum mindesten so wirkte sie auf mich. Doch all mein Sinnen hielt sie so gebannt, Um sie das Fest vor meinem Auge schwand; Und als sie zeitig ging, da ging auch ich. Drei Jahre waren hin seit dies geschah, Und jetzt an sie mich mahnte was ich sah, Wie Steingebilde über's Grab gestellt An jenes mahnt was unter ihm zerfällt, Wenn Seele fordernd stehn die Formen da. — Es pickt der Fink am Auge regungslos, Und ruhig wächst auf ihrem Haupt das Moos — Nur wenig minder Todtes war mir nah. Im dunklen Blick, so überreich gewesen, Doch Eins noch war aus jener Zeit zu lesen: Verhärtet Dulden — ob von Haß getrennt? Zu tief versenkt lag's in dem tiefen Blau. Ich sann, und daß ich's that in dem Moment, Bezeugt wie seltsam fesselnd diese Frau. Des Kranken Muskeln totenbleich erschlafft Indeß hat aufgespannt des Aethers Kraft; Nicht all so stier das Auge glänzte mehr, Den Arm sah ich ihn heben minder fahl, Das Haupt verrücken auch nach eigner Wahl, Und Zeichen geben wie ihn dürste sehr. „Wird's besser?“ sprach mein Führer, „kömmt er auf?“ Ich nickt'. Er gähnte, dehnte sich, stand auf Und stapfte fort; die Freude schien nur klein, Und locker hier der Schlimmen Band zu seyn. Mir war's wie ein Gewitter das verzog, Als er so langsam um die Ecke bog Und träge schob die langen Glieder vor. Ich hört' ihn rauschen durch Gerüll und Sand, Dann seitwärts, ferner dann, dann ging ein Thor; Ich lauschte, lauschte, lauschte — Alles schwand. Und Muth nun, Muth! der Augenblick ist mein: Ich muß ihn halten oder gehn verloren; Noch einmal flammt, dann lischt das Meteor! Ich war allein, mit jener Frau allein. Sprach ich zu ihr? Sie blickte nicht empor, Ihr Auge will sich in den Estrich bohren, Kaum athmet sie; mir Alles deuten muß, Auf Schweigens tief verhärteten Entschluß. Ob sie mich sieht? Sie scheint betäubt zu seyn, Und „Hört mich schöne Frau!“ Sie regt sich — nein. Und wieder „Hört mich schöne Frau!“ Sie schweigt. Ganz sacht erheb' ich mich — was rauscht, was steigt Im Winkel dort? Ein Fleck, ein Schatten, ha! Nun rückt es vor — und nun, nun steht es da! Ungern gedenk' ich deß, den du wohl weißt, Des Dunklen, der allnächtlich mich umkreis't, Auf meine Scheitel legt die heiße Hand, Ungern gedenk' ich deß, der vor mir stand. Ihn zu beschreiben, unnütz wär's und kühn. Du willst mir's hehlen, Sohn! doch sahst du ihn, Als lang und bleich zu deinem Bett er trat; Er rührte dich, du zucktest wie gebrannt, Du zucktest, ja du zucktest in der That, Und seufzen hört' ich dich in jener Nacht; Mich schlafend meintest du? Ich hab' gewacht! Ob nicht ein Sternbild seine Augen scheinen, Das über Klippen steht und dürren Hainen? Die Wimper schattet seiner Züge Bau, Wie über's Leichenfeld sich senkt der Thau: Was er verbrach, Gott mög' ihm gnädig seyn! Und Eine That, der mög' er ledig seyn! In dieser Brust wohl keimte gute Saat, Ob mir's verborgen blieb was sie zertrat. Ich sprach zu ihm, nicht nur was ich beschloß, Geheimes selbst mir von den Lippen floß: Ein Pilger, der, in Räuberhand gefallen, Hört plötzlich nahe Wanderlieder schallen, Dünkt minder sich des Nahenden Genoß. Seltsam gewiß, wie ich so ganz vergaß Daß er im blut'gen Rath mit jenen saß. Ich ward gehört, und ob kein Wort er sprach, Nur tiefer legte seiner Wimper Haag: Sein Schweigen selber meine Zweifel brach. Was dann dem Kranken er geflüstert hat, Erwiedert dieser auch mit Zeichen matt: Nur wenig Laute kamen an mein Ohr; Einmal der Wunde zuckte doch empor. Die wilde Fassung, so sein Antlitz sprach, Doch unwillkührlich sich in Schauder brach, Und noch zu bergen sah ich ihn bedacht, Was selbst den Wurm im Staub sich krümmen macht: Ich wußte daß der Tod ihm angesagt. Den Namen jener Frau dann hört' ich nennen, Und einen Laut sich von der Kehle trennen, Gewaltsam zwar, so hohl und heißer doch, Wie ihn die Woge ächzt im Klippenloch. Mit raschem Flüstern ein der Andre fällt, Was Wildes seiner Stimme war gesellt; „Sie folgt dir!“ Ein dann eine Pause trat, Und dann, und dann — hält um den Arzt man Rath. Alsbald der Jüngre hatte sich gewandt, Daß beider Antlitz mir in Schatten stand. Was meinst du was durch meine Adern bebte, Als über'm Haupt des Richters Stäbchen schwebte? Nur Lispeln hört' ich, wie die Pappel rauscht, Doch Angst dem Lispeln selber Deutung gab; So feinen Ohres hab' ich nie gelauscht. Es stieg und sank, mit einem Mal brach's ab, Und plötzlich eine Hand sich aufwärts ruckt, Die winkt und winkt und nach der Pforte zuckt. Dann fiel sie schlaff hinab — es war vorbei — Gott lösche ihm die Schuld! er gab mich frei! Der Jüngling blickte auf den todten Mann, Wie sehr er ihn geliebt, man sah's ihm an. Doch Etwas lag im Auge offenbar, Was dämpfen mochte allzu herbe Glut; Mich dünkt so blickt man auf verwandtes Blut, Deß Schmach uns bittrer als die eigne war, Wenn's endlich ruht im Sarge, schandebaar. Nur ein Moment noch wo er stand und sann, Und einen Eid ließ er mich schwören dann, Des Räubers Fluch, daß, sinne ich Verrath, Geschick mich treiben soll' zu gleicher That, Und diese Höhle sey mein letzter Rath; Ich soll' den Wald mich drin zu bergen suchen, Den Menschen nahn, damit sie mich verfluchen, Am schrecklichsten mir sey der Heimath Licht, Und tödtend meiner Mutter Angesicht. — Matt war sein Ton, das Ende hört' ich nicht. Und fort nun, fort! Was ward aus jener Frau? Sie ruhte jetzt, gleich Schlummernden genau, Das Haupt im Schooß, mehr ist mir nicht bewußt, Die Eil den Athem schnürte in der Brust; Und fort nun, fort! Geblendet wie zuvor, Durch manche Krümmung ging's und manch ein Thor; Voran der Jüngling zog in Hast mich nach, Einmal nur Bretterwand uns schien zu scheiden, Von Gläserklang und ausgelaß'nen Freuden. War etwas minder tobend das Gelag, Ich hätte wohl verstanden was man sprach. Hier war von einem Quell der Weg durchschnitten, Geräusch zu meiden wir behutsam schritten; Und nun hinauf, die Hand dort angeklemmt, Den Kopf gebückt, und hier den Fuß gestemmt. Die Mauern bröckeln, rieseln uns entgegen; Wir rutschen lang', oft an den Grund uns legen, Mein letzter Griff in Kräuter war und Gras. Nun noch ein Schwung: ich stand in freier Luft. Noch wenig Schritt', hier wehte Fliederduft: Auf meines Führers Ruck ich niedersaß, Zwei Worte sprach er, die ich nicht verstand. Dann plötzlich schwand aus meiner seine Hand, Mir war nicht wohl zu Muth, ich war allein! Vor Einer Stunde hätt' ich nicht gedacht, Als jedes Auge schien 'ne grimme Wacht, Daß Einsamkeit mir peinlich könnte seyn. Ich saß am Grund wie ein verspätet Kind, Das rispeln hört den Wolf, die böse Fee In jedem Strauch. Wenn reger strich der Wind, Ein Halm mich rührte, wenn in meiner Näh' Ein Vogel rückt' im Nest, die Brut zu decken: Zusammen fuhr ich in geheimen Schrecken. Doch Alles ruhig, nur die Fichten rauschen, Und eine nahe Quelle murmelt drein. Die Zeit verrinnt, es wächst, es wächst die Pein. Was knistert dort? Ein Hirsch vielleicht, ein Reh, Das nächtlich Nahrung sucht, so mußt es seyn. Am Zweige hört' ich's nagen, schnauben, lauschen, Dann sprang es fort; — gekauert saß ich da, Denn plötzlich waren Männertritte nah. Und vor mir im Gesträuch es knackt und bricht, Die Zweige schlagen feucht an mein Gesicht. „Ist's hier? Nein dort, es ist die Stelle nicht.“ Kaum hielt ich mich, daß nicht ein Schrei entfuhr, Ja mühsam ich des Athems Keuchen zwang. Sie stöbern, wie der Hund auf Wildes Spur, Um manchen Baum und das Gebüsch entlang; Dann endlich gehn sie, schleifen etwas nach, Das dicht vor mir im Strauch verborgen lag. Dem Himmel Dank! mir ward die Seele wach; Es war gewiß, sie wußten nichts von mir. Was sie gesucht, nie hab' ich dran gedacht; Vielleicht ein Raub hier ins Versteck gebracht. Ich dacht' und wünschte Eins, den Jüngling hier Der mich geleitet, und er war mir nah; Kaum sind die Andern fort, so steht er da. „Zu Pferd'! zu Pferd'! es ist die höchste Zeit!“ An mir gewiß nicht lag's, ich war bereit, Saß auf; und über Stock und Stein wir traben Wie solche, die den Feind im Nacken haben; Nie macht' ich gleichen Ritt. So Nebel fliehn, Wenn Stürme über braune Haiden ziehn, So Schwalben, wenn die Wolke murrt und droht; Am Sattel mich zu halten that wohl Noth, Da wahrlich schlimmer als zuvor der Weg, Wenn ich so nennen soll, wo weder Steg, Noch Haag uns Hemmung schien: dies Wege waren, Die heute wohl und nimmermehr befahren. Bald rechts, bald links; bald offen schien das Land, Bald peitschten Zweige mir Gesicht und Hand. Den Führer nur verrieth des Hufes Ton; Zuweilen doch, wenn stutzt das Roß im Trab, Macht Sätze gleich dem Hirsch, und wenn's bergab Sich kunstreich stemmend gleitet auf den Eisen, Ist ihm ein kurzer Warnungsruf entflohn. Der Lärm bringt alle Vögel aus den Gleisen: Das flattert, zirpt, mich Aeste blutig färben, Fürwahr! ich dachte auf dem Thier zu sterben! Es war ein Hexenritt. Doch lange nicht, So stand das Roß: mein Führer sprach: „Steig ab, Der Mond ist auf, wir müssen Bahn uns brechen.“ Die Binde fiel, ich sah ein sanftes Licht; Doch Jener trieb: „Voran! voran! voran!“ Und drängte in's Gebüsch so schwarz und dicht, Wo Dorn uud Ginster uns die Fersen stechen. Doch endlich dämmert's, und nun kam heran Zuerst ein Strahl, und dann durch Waldeslücke Der ganze Mond auf seiner Wolkenbrücke. Dann standen wir am Haage, wo ein Thal Tief unten breitet seinen grünen Saal. Der Jüngling sprach: „Halt dich am Waldessaum' Und spute dich, wir beide haben Eil. Leb' wohl! An deinen Schwur ich mahne kaum, Du wirst verschwiegen seyn zu eignem Heil.“ Und auf mein Haupt legt' er die Hände heiß Und blickte tief mir in die Augen ein; Noch einmal sah ich in des Mondes Schein Sein Angesicht, die Züge blaß und rein, Ich sah noch zucken seine Wimper leis'; Dann schnell gewendet, eh' ich mich verwahrt, Behend umfaßt er, wirbelt mich im Kreis. Fort war er, hin. Vollendet war die Fahrt! Ich streckte mich auf grünen Teppich nieder Zum Tod erschöpft, es schütterten die Glieder, Und kann nicht sagen, wie so wohl mir war. Der wüste Ritt, entschwundene Gefahr, Ließ doppelt noch den Augenblick empfinden, Nachdenken konnte keine Stelle finden, Da sich in Taumel herbe Spannung brach. Halbschlummernd sah ich in den grünen Haag: Die Nacht war jetzt so milde, lichtbewegt Als sie begonnen schwarz und schauerlich. Ein jedes Kräutchen Thaugeflitter trägt, Es schläft der Klee, die Blumen bücken sich, Im Traume lächelnd scheint der Mond zu beben, Wenn linde Nebelstreifen drüber schweben. So ruhig wohl am dritten Schöpfungstag In ihrem ersten Schlaf die Erde lag, Wo Leben nur in Kräutern noch und Gras. Ganz heimisch war die Scholle wo ich saß; Denn tausend Schritt von dieser Stelle noch Barg meine Klause jenes Klippenjoch: Dies Wasser rauscht' an ihren Bretterwänden, Ihr Gärtchen lag an jenes Waldes Enden, Dies ist der Baum, wo ich im Schatten lag, Und dies die Höhe, wo ich Kräuter brach. Ob wohl die Quelle drunten wacht im Thal? Ein Glitzern nur verrath das klare Naß. So sinnend wär' entschlummert ich zumal, Wenn nicht der Thau sich durch den Mantel stahl. Die Kälte weckte mich, es war im Mai, Es war wohl schön, doch frisch die Nacht dabei. Nicht fern mehr schien der Tag: so stand ich auf Und dämmerte gemach den Wald hinauf, Durchaus nicht, wie du denken magst, erschüttert, Nein, gleich dem Kranken, wenn nach Fiebers Wuth Ihm schlafend durch die Adern schleicht das Blut, Nur vor Ermattung jede Muskel zittert. So träumte und so schlief ich halb voran, Folgt' einem Pfade, einem andern dann, Sah endlich auf und stand in Waldes Bann. Ob schon so weit ich mich bereits verirrt, So stumpf mein Sinn in diesem Augenblick? Genug, ich ging und ging, und immer wirrt Der Pfad sich tiefer in den Hain zurück. Wie lang' ich so getappt die Kreuz und Quer, Durch Dornen mich und durch Gestrippe schlug, Bald Pfaden folgte, bald dem Ungefähr, Und jeder Schritt mir üble Früchte trug: Nicht meld' ich's lang, der Weg war schlimm genug, Von oben dunkel und am Grunde wüst. Manch' Vogel strich vom Lager mit Geschwirr, Unsichtbar aus der Luft die Eule grüßt, Doch ließ mich träg' und dämmrig das Gewirr, Ich ging ja ungefährdet, ob auch irr. Mich dünkt in dieser Stunde litt mein Hirn, Brand und Gekrimmel fühlt' ich in der Stirn. Gesumme hört' ich wie von fernen Glocken, Und wie am Auge schossen Feuerflocken; Einmal gefallen, blieb ich liegen gar, Ließ mich geduldig von den Ranken tragen Und mein Gesicht Gezweig' und Blätter schlagen Und nahm von allem dem nur wenig wahr. v . Droste-Hülshof , Gedichte. 31 Die Ranken lös'ten sich, ich rutschte nach, Geblieben wär' ich sonst bis an den Tag. Als ich zuletzt der Wildniß doch entkam, Nichts mehr um mich den Sinn in Anspruch nahm; Daß frei die Luft, daß moosbedeckt der Grund, Daß süß die Ruh', dies war allein mir kund. So lag ich nieder unter Kraut und Steinen, Und ließ den Mond mir in den Nacken scheinen; Noch zuckten Funken, Sterne roth und grün, Und dann — und dann — das Auge langsam bricht. Die Glocken läuten — bimmeln — weiter ziehn — Wie hoch es an der Zeit, ich weiß es nicht. In Tönen kehrte das Bewußtseyn mir; So lieblich aus der Luft die Wirbel dringen, Gewiß ich hörte eine Lerche singen, Und dachte noch, sie muß den Morgen bringen: Ob Traum, ob Wirklichkeit, das fragt sich hier. War's Traum, dann trag' ich manches graue Haar Umsonst und manche tiefe Furche gar. Allein ich wußte wie das Haupt mir schwer, Auch daß ich mich gewendet, rückwärts lag, Auch daß mir dürres Laub den Nacken stach. — Nein, nein! Nicht schlief ich, da so fest gekettet War jede Muskel, wie im Tod gebettet; Der kleinste Ruck versagt, so lag ich fort Und horchte immer dem Gewirbel dort. Mit einem Male hör' ich's seitwärts knistern, Mir immer näher tappen, klirren, flüstern; Ich konnte zählen, ihrer waren drei: Sie strichen mir so dicht am Haar vorbei, Daß jedes Mantel meine Schläfe rührt. Dann still, wie Wild das nach dem Winde spürt, Und dann, aus Weibes Brust ein schwacher Schrei: „Ich mag nicht leben; doch von eurer Hand! Nein, nicht von eurer Hand!“ Man flüstert, steht, Und dann, ein Laut der mir die Seele bannt; Du ahnest wohl, mein Sohn, wen ich erkannt. „Bet', Theodora, sammle dich und bet'!“ — „Ich kann nicht beten!“ — „Deine Hand ist rein, Versuch' es nur; Gott mag dir gnädig seyn!“ Angstvoll Gemurmel glaubt' ich jetzt zu hören Und Seufzer die das Blut im Herzen stören; Nie wünsch' ich meinem Feinde solche Pein, Als mir aus diesen Tönen schien zu klagen. „Ich kann nicht sterben, schmachvoll und allein: O bringt mich fort, nur fort, wohin es sey!“ Und hastig flüsternd fallen ein die Drei. Was man gedroht, gefleht, ich nicht vernahm, Doch ruhig ward's und eine Pause kam. Gott gebe, daß sie sich zu ihm gewandt, In dessen Huld ihr einzig Hoffen stand. Mit einmal hört' ich's an die Klippen schlagen, Und einen Schrei noch aus der Tiefe ragen; — Vorüber war's, so todtenstill umher, Der Nadel Fall mir nicht entgangen wär'. Wo blieben jene Drei? Ich kann's nicht sagen, Sie waren fort; kein Läubchen rauschte mehr! Nun kommt in holprigem Galopp ein Hund: Er will vorüber, nein, er stellt sich, knurrt; Da kriecht er in's Gebüsch, legt an den Mund Mir seine Schnauze, schnuppert mir am Gurt; Doch auf ein fernes Pfeifen trabt er fort, Läßt mich in kaltem Schweiß gebadet dort Noch immer an der Erde wie gebannt. Du magst ermessen was ich wohl empfand, Da all mein Trost in Traumes Hoffnung stand. Denn wenn ich träumte, war ich mir's bewußt, Und daß ich träume, dacht' ich halb mit Lust, Versuchte auch zu regen meine Hand; Vergebens anfangs: doch ein Finger ruckt, Und plötzlich bin ich in die Höh' gezuckt. Da saß ich aufrecht, aber wüst und schwer. Der Wald war stumm, die Fichten starrten her, Die Dämm'rung um mich wogte wie ein Meer, Und Alles schien dem Traume zu gehören. Da saß ich, schweißbedeckt, von Kälte zitternd, Ein scharfer Ost an Strauch und Halmen knitternd Verkündete des Tages Wiederkehr. Noch kämpfte Dämm'rung, doch das Morgenroth Aus halbgeschloßner Wolkenpforte droht' Und spülte kleine Feuerwellchen her. Es streckt sich, dehnt sich, gleitet in den Raum, Die rothe Welle schlägt der Berge Saum, Allmählig zündet's, geht in Flammen auf: Der Tag, der Tag beginnt den frischen Lauf! Zum hohlen Stamme Nachtgevögel kehren, Hoch oben läßt der Geier Ruf sich hören Und tausend Kehlen stimmen jubelnd ein. So maienhold kein andrer Tag mag seyn Wie dieser, und so mild in Waldes Haag Noch nie ein Thal am Morgenstrahle lag; Wie war das neugeschenkte Leben reizend! Ich schlürfte Licht und Luft, nach Allem geizend. Und als ich sah die Heerde drunten grasen, Am Quellenrande sich die Weiden neigen, Ein einfach Lied den Hirten hörte blasen, Und durfte wenig Schritt nur abwärts steigen: Da schien mir Alles, alles dies mein eigen. Doch weiß ich auch, daß Schauer mich beschlich, Da allgemach der Morgenstern erblich, Als scheide Etwas das mir theuer war; Nie hab' ich später diesen Stern gesehn, Daß jene Nacht nicht muß vorüber gehn. Der Rausch verschwand, und mählig ward mir klar, Vom Traume sey doch wohl die Hälfte wahr. Ja, deutlich wird mir's wie ich nachgedacht; Den Ruf, das Höhlennest, den Ritt bei Nacht Muß ich mit Schauder doch dem Leben lassen. Das Letzte nur, gewiß, das blieb ein Traum! Wo war die Kluft, der sich der Schrei entrang? Wo Kampfes Spuren hier am linden Hang, Da abwärts alle Hälmchen aufrecht standen, Da frisch wie je sich Zweig' und Ranke wanden? Deß ward ich froh. Ach Gott! ich ward es kaum, So fiel mein Blick in einer Kuppe Raum, Gespalten grade einen Leib zu fassen. Nicht sieben Schritt von mir die Klippe stand; Zuvor erschien sie ungetheilte Wand, Doch eben traf ein Strahl den scharfen Rand. So unversehens fällt kein Schlag im Spiel, Als mir's wie Hammerschlag zum Herzen fiel. Die Angst, die Angst mir schnürte alle Sinnen, Hinan zu treten konnt' ich kaum gewinnen. Und — höre Sohn! — das Ufer hing hinein, Wie wenn man rutscht und nach die Scholle bricht, Vielleicht doch, möglich, konnt' es Zufall seyn: Der Rand war schroff, und bröcklig das Gestein. Und — höre mich! — ob Röthel in der Schicht? Roth war die Wand, unmöglich wär' es nicht. Und hör'! — Am Grunde sah ich Etwas ragen, Das weiß und zuckend an der Scholle hing. Mir schien's ein Tuch vom Wellenschlag getragen, Der Himmel wolle, daß ich falsch gesehn! Vielleicht im Spalt sich eine Taube fing: Doch damals meint' ich in's Gericht zu gehn. Es war ein bitter, o ein hart Geschick, Was mich betraf in Jugendmuth und Glück Und lange, lange mußt ich heimlich tragen. Doch Zeit ist kräftig und die Heimath lind. Um meine Scheitel wehte mancher Wind. Ich nahm ein Weib, ich sah mein eignes Kind. Nicht wahr, mein Sohn? Du weißt noch, als du klein, Daß ich gelacht und öfters fröhlich war. Ich sah mich frisch an deinen Augen klar: Ja, Kinder müssen unsre Engel seyn! Wenn ich mit dir getändelt, ward mir's helle, Ich fühlte nicht am Kopf die heiße Stelle. Das Alter kam, das Alter stellt sich ein; — Nun vor den Augen schwebt es mir zumal, Nun vor dem Ohre hallt es ohne Zahl: „O bete! ringe! hilf ihm aus der Qual!“ Ach Gott! du weißt nicht, wie voll Brand mein Hirn, Wenn mir der Dunkle nächtlich rührt die Stirn, Genau wie scheidend er gestreckt die Hände: Auch jetzt ich fühle wie das Blut sich dämmt. Geduld, Geduld! Da kömmt er, kömmt er, kömmt!“ Das Blatt ist leer; hier hat die Schrift ein Ende. So mild die Landschaft und so kühn! Aus Felsenritzen Ranken blühn, Der wilde Dorn die Rose hegt. In sich versenkt des Arztes Sohn Schwand in des Waldes Spalten schon, An seine Stirn die Hand gelegt. Und wieder einsam tos't der Fall, Und einsam klagt die Nachtigall. Mich dünkt es flüst're durch den Raum: O Leben, Leben! bist du nur ein Traum? Die Schlacht im Loener Bruch. 1623. Die Schlacht im Loener Bruch. Erster Gesang. 'S ist Abend, und des Himmels Schein Spielt um Westphalens Eichenhain, Gibt jeder Blume Abschiedskuß, Und auch dem Weiher linden Gruß, Der ihm mit seinen blanken Wellen Will tausendfach entgegen schwellen. Am Ufer Wasserlilien stehn, Und durch das Schilf Gesäusel gehn, Wie Kinder, wenn sie, eingewiegt, Verfallen halb des Schlafes Macht, Noch einmal flüstern: „Gute Nacht!“ Es ist so still; die Ebne liegt So fromm, in Abendduft gehüllt, Der Wittwe gleich in Trauer mild, Die um sich zieht den Schleier fein, So doch nicht birgt der Thränen Schein. Am Horizont das Wolkenbild, Ganz, wie ihr Sinnen, zuckend Licht, Das bald sich birgt, bald aufwärts bricht, Phantastisch, fremd, ein Traumgesicht. Seh ich dich so, mein kleines Land, In deinem Abendfestgewand: Ich meine, auch der Fremdling muß Dir traulich bieten Freundesgruß. Du bist nicht mächtig, bist nicht wild, Bist deines stillen Kindes Bild, Das, ach, mit allen seinen Trieben Gelernt vor Allem dich zu lieben! So daß auch keines Menschen Hohn, Der an des Herzens Fäden reißt, Und keine Pracht, wie sie auch gleißt, Dir mag entfremden deinen Sohn. Wenn neben ihm der Gletscher glüht, Des Berges Aar sein Haupt umzieht, Was grübelt er? Er schaut nach Norden! Und wo ein Schiff die Segel bläht An würzereichen Meeresborden, Er träumerisch am Ufer steht. Ich meine, was so heiß geliebt, Es darf des Stolzes sich erkühnen. Ich liebe dich, ich sag' es laut! Mein Kleinod ist dein Name traut. Und oft mein Auge ward getrübt, Sah ich in Südens reichen Zonen, Erdrückt von tausend Blumenkronen, Ein schüchtern Haidekräutchen grünen. Es wär' mir eine werthe Saat, Blieb ich so treu der guten That, Als ich mit allen tiefsten Trieben, Mein kleines Land, dir treu geblieben! So sey dir alles zugewandt, Mein Geist, mein Sinnen, meine Hand, Zu brechen die Vergessenheit, Der rechtlos dein Geschick geweiht. Wacht auf ihr Geister früher Zeit! Und mögt an jenen Himmelsstreifen Ihr Schatten gleich vorüber schweifen. Wacht auf, wacht auf, der Sänger ruft! Und sieh, es steigt am Wolkensaum, Noch scheu und neblig wie ein Traum, Es schwillt und wirbelt in der Luft, Und nun wie Bienenschwarm gescheucht Es stäubend aus einander fleucht: Ich sehe Arme, Speeres Wucht, Ich sehe Nahen, sehe Flucht, Und gleich entfernten Donners Grollen Hör' ich es leise zitternd rollen. Ihr seyd's, ihr bracht den langen Schlaf! Der tolle Herzog!1 Anholts Graf!2 Es war im Erntemond, ein Tag Gleich diesem auf der Landschaft lag, Wo Windes Odem, süß und reg', Hielt mit den Zweigen Zwiegespräch, Der letzte einer langen Reihe, Voll Glaubenswuth und Todesweihe, Da, ach! um Lehren, liebereich, Gefochten ward den Wölfen gleich. 'S war eine thränenschwere Zeit Voll bittrer Lust und stolzem Leid, Wo schwach es schien den Todten klagen, Wo so verwirrt Gesetz und Recht, So ganz verwechselt Herr und Knecht, Daß selbst in diesen milden Tagen, Da klar und friedlich jeder Blick, Nicht Einer ist, so möchte sagen: Der ward allein um Schuld geschlagen, Und der allein durch Mißgeschick. Das Recht, es stand bei jedem Hauf, Und schweres Unrecht auch vollauf, Wie sie sich wild entgegen ziehn, Hier für den alten Glauben kühn, Und dort für Luther und Calvin. Fast dreißig Jahre sind entschwunden, Und noch kein Ende ist gefunden: Es rollt der Rhein die dunklen Wogen, Durch brandgeschwärzter Trümmer Graus; Da ist kein Schloß, kein niedres Haus, Das nicht, vom Wetter schwer umzogen, Von Freund und Feinde gleich geplagt, Dem Wurf der nächsten Stunde zagt. O Tilly,3 deine blut'ge Hand Hat guter Sache Schmach gespendet! Wohin dein buschig Aug' sich wendet, Ein Kirchhof wird das weite Land. Ständ' nicht so mild in deiner Näh', Ein Pharus an ergrimmter See, Der fromme Anholt, dessen Wort So gern den Irren ruft zum Port Und mag den Strandenden geleiten, Du wärst ein Fluch für alle Zeiten! Doch wo der tolle Braunschweig sengt, Da ist die Gnade gar verdrängt, Wenn, des Corsaren Flagge gleich, Sein Banner weht im Flammenreich, Sein Banner, rothen Blutes helle, Mit „Tout pour Dieu et tout pour Elle!“ Die Kirchen ihres Schmuckes baar, Die Priester am Altar erschlagen, Sie können ohne Worte sagen, Daß hier der tolle Herzog war. So diese stille Gegend auch In ihrem Abendfriedenhauch; Sie ruht, doch wie in Schreck erstarrt, Und todtbereit des Schlages harrt. Noch hat die Flur kein Feind betreten, Noch zittert nur die fromme Luft Vom Klang der Glocke, welche ruft Die Klosterfrauen zu Gebeten, Wo dort aus dichter Buchen Kranz Sich Meteln4 hebt im Abendglanz. Ach, mancher Seufzer quillt hinauf! Und stöhnend manche Stimme bricht Der schonungslosen Hora Pflicht. Bei jeder Pause horcht man auf: Und dann die Melodie sich hebt, So angstvoll wie die Taube bebt, Wenn über ihr der Falke schwebt. Ein Landmann, heimgekehrt vom Pfluge, Hat alle Sinne aufgestört; Er glaubte in des Windes Zuge Zu horchen wüster Stimmen Schall, Und war es Furcht was ihn bethört, Doch hatte jedes Ohr gehört Des donnernden Geschützes Hall. Es ist gewiß, sie sind bedroht, Die Hülfe fern und groß die Noth. Und hier an diesem Weiher klar Saß damals kleiner Mädchen Schaar; Nichts wußten die von Furcht und Scheu, Und spielten an dem Borde frei. Sie warfen flacher Steinchen Scheiben, Die tanzend blanke Tropfen sprühn; Dann pflückten Blumen sie und Grün, Und sah'n sie mit den Wellen treiben, Und schauten in den Spiegel ein, Und ordneten die Mützchen fein; Denn sey ein Mädchen noch so klein, Es mag sich gerne zierlich wähnen. Auch haschten sie nach den Phalänen, Die summend kreisen über'n Teich. Es war ein holdes Friedensreich, Der grüne Bord, die leisen Wellen Und diese tändelnden Gesellen. Doch still! — Die Mädchen schauern auf. — Was steigt dort hinterm Dickicht auf? Es stampft und knackt, es schnaubt und klirrt, Dazwischen es wie Sensen schwirrt. Schau, in das Ufer dichtumbuscht, Ist schnell die kleine Schaar gehuscht. Und immer näher trabt es an, Und immer heller schwirrt's heran. Nun sind sie da, ein starker Troß, In Eisen starrend Mann und Roß; Die Rüstung wohl des Glanzes baar, Und manche Klinge schartig war, Bevor sie kamen hier zur Stell'. Sie sprengen an den Weiher schnell, Dann mühsam beugend über'n Rand Das Wasser schöpfen mit der Hand. Und tief die heißen Nüstern tauchen, Die Rosse, Gras und Binsen rauchen, Man hört des Odems schweren Drang, Und Worte fallen sonder Klang, Als wollten sie in heis'ren Tönen Hervor die müde Seele stöhnen. Dort einer klirrt den Rain entlang Zur Seite abgewendet schier, Ein Andrer hält sein schnaubend Thier, An seinem Hut ein Handschuh steckt Vom Reiherbusche halb verdeckt; Die Federn hangen drüber her, Geknickt, von rothen Tropfen schwer. Nun baarhaupt einen Augenblick, Die Locken schiebt er wild zurück: Nie sah man in so jungen Zügen So tiefen Grolles Spuren liegen; Ja, als er ob der Welle beugt, v . Droste-Hülshof , Gedichte. 32 Wo ihm sein Bild entgegen steigt, Man meinte diese Zweie gleich, Sie müßten fassen sich am Teich. Lang schlürft er, gierig, tief geneigt, Nun faßt den Zaum die Eisenfaust, Und nun voran! Die Haide saus't, Das Laub von dem Gezweige stäubt Wie sich der Zug vorüber treibt, Und aufgejagten Sandes Wellen Sich lagern erst an fernen Stellen. Sie sind dahin — des Hufes Spur Blieb am zerstampften Weiher nur. Doch in der Haide Nebelweiten Wie Vögelschwärme sieht man's gleiten; Es wimmelt längs der Wolkenbahn, Und wie die Eisenmänner nahn, Ein summend Jauchzen, hörbar kaum, Verzittert in der Ebne Raum. Und nun verschwimmt's im Nebelthau, Und wieder ist der Himmel blau, Und wieder friedlich liegt das Land. Doch schon an Horizontes Rand Steigt hier und dort ein wallend Roth: O wehe! das Panier der Noth! O wehe! wehe! Mord und Brand! Und durch die Ebne, halb wie Zagen Und halb wie Jauchzen, geht ein Schrei: „Der tolle Braunschweig ist geschlagen! Der tolle Herzog floh vorbei!“ Wohl ist er toll, wohl ist er schlimm, Ein Tigerthier in seinem Grimm; Und doch so mancher edle Keim, War einst in dieser Brust daheim, Als noch an Vaters Hof den Knaben Sein heimlich Sinnen durfte laben, Wenn er, dem Zwange schlau entzogen, In seinem Mark die junge Glut, Von der Gefährten Schaar umflogen Die höchsten Zweige klimmend bog, Des Sturmes Odem gierig sog, Und dann ertappt, o schnöde Pein! Die Strafe willig trug allein. Für einen Freund gäb' er sein Blut! Es war ein stolzer, frischer Stamm, Der siechte in des Hofes Schlamm; Denn damals man wie heute that, Und zog nicht die Natur zu Rath: Man heischte von der Ceder Wein. Fest stand der Schluß, und schon genannt Das Bisthum ward, das zuerkannt Dem Knaben, wenn der Jahre Lauf Die reife Stunde trüg' herauf. So konnt' es wohl nicht anders seyn, Die edlen Säfte mußten gähren, Zum Mark die Thräne siedend kehren, Und Keinem trauend, Keinem hold, Der junge Prinz des Herzens Gold Zu schnöden Schlacken ließ verglimmen. Doch weiß die Sitte er zu stimmen, Wie es gebeut des Hofes Ton, Und Keiner sah den bittern Hohn; Die Mutter lobt den klugen Sohn, Ob von der Wespe Stiche gleich Galläpfel trägt der bunte Zweig. Was will man mehr? So wächst er auf, Und nach dem wohlbeschloßnen Lauf, Fürwahr! die Inful nimmt er auch. Und Keiner sah sein blitzend Aug', Und sah, wie krampfhaft seine Hand Des Hirtenamts Symbol umspannt'. Gemacht zum Priester, meinte man, Hab' ihn nicht eben die Natur, Doch Tugend setze Alter an Dem Geist, wie Rost dem blanken Stahl: Kurz Jeder war vergnügt der Wahl. Und Vaters Augen bald nachher In Frieden auch geschlossen sind, Sein letzter Seufzer war nicht schwer, Er klagte kein verlornes Kind; Sind ewig denn die Fürsten blind? — Indessen dringt das Kriegsgeschrei, Und immer näher dringt's herbei; Wie schlummert noch der junge Leu? Träumt er die edlen Stunden hin? O Böhmens schöne Königin!5 Aus deinen Augen fällt ein Strahl, Da zucken seine Brau'n zumal. Er springt empor, die Mähne schüttelnd, An seiner Kette grimmig rüttelnd; Sie bricht, und aus der langen Haft Verdoppelt stürmt die wilde Kraft. O Frau! bethört von Stolzes Trug,6 Der nicht ein Fürstenhut genug, Du hast geweckt den schlimmsten Leu'n, Der Himmel mag es dir verzeihn! Sie sah so sanft, man sollte wähnen, Dies Auge, um des Thieres Noth, Vergießen müss' es fromme Thränen, Und ihrer lichten Wangen Roth Schien so verschämt, als könne sie Dem Manne seh'n in's Auge nie. Wohl öfters wie ein Blitz es zog Durch ihr Gesicht, dann war sie hoch, Und aller Frauen Kaiserin: Doch nichts verrieth den harten Sinn, Der sich durch tausend Leichenhaufen Ein schnödes Zepter will erkaufen. Doch war es so; seit den Gemahl Von Böhmens Ständen traf die Wahl, That sie sich heimlich diesen Schwur, Als Königin zu sterben nur; Und Keiner in der Zeiten Drang Gleich ihr des Aufruhrs Fahne schwang. Sie fand die tief versteckte Spur, Die Herzens Beben mochte künden, Das, ach! an ihrem Odem hing. Sie war gemacht, es zu ergründen, Und nie umsonst sah sie ein Ding. Daß sie ihn liebte sag' ich nicht, Sie wahrte treu der Gattin Pflicht. Zwar durft' er ihren Handschuh tragen, Das war nicht viel in jenen Tagen, Ein Spiel, nicht von Bedeutung gar. Doch edel war er, das ist wahr! Und jung, und da er liebte, auch Verklärt von süßer Flamme Hauch. Sein Gang war adelig, gewandt, Vor Allem zierlich Fuß und Hand: Vom Antlitz wich der bittre Hohn Jetzt träumerischer Schwermuth Thron; Und zuckt unheimlich es zusammen, Sie wußte ja, es war um sie; Wird eine Frau ihn drum verdammen? Ich weiß es nicht und glaub' es nie. Kurzum, er wirft die Inful fort Und greift zum Schwert; ein Panzer hüllt Die Brust von trüber Glut erfüllt, So harrend auf der Herrin Wort; Denn dienen kann ein Fürstensohn Nur Frauen, Keinem sonst um Lohn. — Was soll von diesem Zug' ich künden? Das Schiff nur segelt mit den Winden, Und ohne Nahrung stirbt die Glut, Nichts ohne Glück vermag der Muth. Das war für ihn ein schwerer Tag, Als nieder Böhmens Banner lag! Er gab es nicht, es ward entwandt Der noch zum Kampf bereiten Hand, Durch jener Wort, die ihn gesendet; Sie schrieb: „Fahrt wohl! Wir müssen fliehn, Als Heimathlose fürder ziehn; Legt hin das Schwert! Es war zu kühn, Das Königsspiel es ist geendet.“ Ja, Böhmens Banner ist verloren, Doch nicht sein Schwert! Er hat geschworen, Nicht rasten will er Nacht und Tag, Bis es die Schmach der Herrin brach. Soll reuig an die Brust er schlagen? Soll wieder seine Inful tragen? Noch weiß er, weiß noch einen Mann, Den auch Geschick nicht beugen kann, Obwohl er tief und grimmig fühlt. Für einen Abenteurer hielt Er ihn bis jetzt; doch mag es seyn! Auch ihn verließ der Sonne Schein. Ein Fürst, ein Feldherr war er schon, Und jetzt? Fortunens kecker Sohn! So geh' es denn auf eigne Hand! Und bald um seinen Führer stand Ein Heer, vom Reiche ausgestoßen, Landstreicher, flüchtige Matrosen, Manch' Räuber auch, entfloh'n dem Rad, Und wen geächtet sonst der Staat. „So recht! so recht!“ der Braunschweig lacht, Denn ihn auch träf' des Reiches Acht. Und vor dem Mansfeld7 tritt er auf, Die Hand ihm bietend: „Nun wohlauf! Gesell, wir müssen uns vereinen, So mag die Sonne wieder scheinen. Mein Heer, ein wenig bunt und klein, Allein geächtet: also mein.“ Und schallend schlug der Mansfeld ein. Seit diesem Tage war es ganz Als lösche jener trübe Glanz, Der zwischen Braunschweigs hohen Brauen Ließ seiner Brust Geheimniß schauen, Der Liebe nicht, nein, jene Schrift, Die Mischung kündend, draus bestand Sein seltsam Wesen: Frost und Brand, Heilkräftig Gold, Oxides Gift. Das war nun hin, dafür entstand Ein zuckend Fältchen an der Stelle, Schwach im Gefechte, tief beim Brand, Wie eingeätzt, wenn Mönches Zelle In schwarzen Wolken qualmt empor. Schlimm war er, dennoch schwer zu sagen, Wie viel von seiner Thaten Last Muß argen Heeres Willkühr tragen; Er hatte sich so tief gefaßt In Stolz und Schlauheit, daß es schien, Kein Hälmchen falle ohne ihn. So meint gehorsam sich der Knecht, Wenn was geschehn zumeist ist recht; Und anders nicht zu lenken war Ein Heer wie dieses, das ist klar. Nicht soll man zweifeln, daß zu Zeiten Es schlimmer ward, als er gedacht, Daß öfters die verschwiegne Nacht Manch schweren Seufzer sah entgleiten, Wenn zuckend hellt der Lampe Strahl Auf seiner Stirn das Runenmahl, Obschon es ihm wie Labsal war, Sah er aus einem Kloster klar Die Funken wie Raketen ziehen. Und „Gottes Freund, der Pfaffen Feind!“8 Von Herzen war der Spruch gemeint. Auf seinen Münzen liest man dies. Ja, seine Brust war ein Verließ, Drin tief wie ein Gefangner lag Der Groll um längst vergangnen Tag. Und ach! das wüste Leben brach Zuletzt auch jeder Tugend Blühen, Daß nur die Treue blieb allein Wie weinenden Gestirnes Schein, Wie Palmeninsel in der Wüste, Korallenglanz an öder Küste. Und nicht die Amnestie er nahm, So ihm von Kaisers Hulden kam, — Zu Regensburg am Fürstentag, — Doch seinem Heere ließ die Schmach: Laut war das „Nein,“ so er da sprach: Und um die Seinen ist es nur, Daß sich die fürstliche Natur Zu neuem Dienste kann bequemen Und Sachsens Fahne wieder nehmen; Viel lieber würd' er fallen kühn, Sein blutig Banner über ihn; Doch Treue läßt ihm keine Wahl. Und so, des Bundes General, Sah ihn der Rhein, sah ihn Westphalen Mit scharfer Münze klingend zahlen, Auf seinem Weg' die Flamme prahlen. Der Platow, seine rechte Hand, Brandmeister ward im Heer genannt,9 Er selbst der tolle Herzog nur. Ihm war es recht, er sagt' es offen, Der Titel schien ihm wohl getroffen. Wild war er wenn Fortuna lacht, Ihr Zürnen ihn zum Tollen macht; Der Himmel mag sich deß erbarmen, Den heut er trifft! Wir sah'n ihn fliehn, Und schwarz ihm nach wie Flüche ziehn Rauchsäulen aus dem Dach des Armen. In einem Schloß, vom Wald geschützt Man scherzt und kos't beim heitern Mahl. Stieg denn das Wetter auf? Es blitzt, Entlang die Zweige zuckt der Strahl, Und alle Fenster klirren auf. Ha! dort und dorten steigt es auf! Und alle trifft des Wortes Wucht: „Der tolle Herzog auf der Flucht!“ So stürmt er fort, ein Meteor Mit Flammenspur am Himmelsthor, Bis nun auf Ahaus10 Haidegrund Sein Heer sich lagert wirr und bunt. Ach, armes kleines Städtchen du, Wie steht's um deine nächt'ge Ruh! All deine Bürger blieben wach Und zittern vor dem jungen Tag, Wie Jener, dem der Sonne Licht Nur leuchten soll zum Hochgericht. Man hat gehemmt der Glocke Schlag, Kein Lämpchen in der Kammer glimmt; Der Blendlaterne trüber Schein Nur wohlverdeckt im Keller schwimmt, Wo zitternd birgt, so gut er kann, Sein bischen Hab der ärmste Mann. Auch in den Kammern Manche sind, Die betend an den Fenstern stehn, Und sehen gleich Dämonen gehn Die Wache längs der Feuer Schein. Im Bett der Kranke bleibt allein, Und langsam in des Mondes Glanz Regt klappernd sich der Rosenkranz: Daß Gott, der einst in seiner Huld Für Israel bedeckt mit Schuld Die Sonne ließ am Himmel weilen, Ach heute nur, dies Eine Mal, Den Sternen Dauer mög' ertheilen! Umsonst! die Stunde rollt heran. Im Lager drüben Roß und Mann, — O ein Geräusch! den Tod zu bringen, — Vom Lager hört man klirrend springen, Doch zögert noch der Morgenstrahl. — Dort, wo gelehnt am Lanzenstab, Ein dunkler Fleck, die Wache steht, In seinem Zelte auf und ab Der Christian von Braunschweig geht. Er ist alleine; was er denkt, Sein Auge kündet tief gesenkt, Das nur zum Grund die Blicke führt. Zuweilen seine Rechte rührt Des Hutes Rand, wo blutbefleckt Am Reiherbusch der Handschuh steckt, Als zweifle er, ob nicht dies Zeichen Mit seinem Glücke müsse weichen. Und soll sein Antlitz ich vergleichen: Des Griechen Feuer müßt' es seyn, Das heimlich frißt mit kaltem Schein. Ja! wessen Auge jetzt ihn trifft, Der läse schnell die Runenschrift: „Ein Held! ein Schwärmer! ein Soldat! Und seines Glaubens Renegat!“ Schau, ein Papier am Boden dort! Er schleudert's mit dem Fuße fort. Der Mansfeld hat ihm aufgesagt;11 „Ein Narr, der es mit Schelmen wagt!“ — Im Lager bleibt es immer still, Noch schlummert rauchend der Vulkan, Was hemmte seiner Lava Bahn? Die Vorsicht, so nicht gönnen will, Der Beute Lust sich zu ergeben, Wo Schwerter über'm Haupte schweben. Nur Rosses Wiehern, Wächters Gang, Vom Hammerschlag ein ferner Klang Durch des Gezeltes Spalten drang. Sie öffnen sich, und langsam tritt Vor seinen Feldherrn Obrist Spar.12 Ein Mann so aller Milde baar, Daß ihn der Herzog oft verglich Der Roßkastanie, deren Stich Nur trotzig zu verbergen sucht, Daß ungenießbar ist die Frucht. Im Zelt sie wandeln Schritt bei Schritt, Was sie gesprochen war nicht lang; Doch weiß man, in den Herzog drang Er wiederholt: nach solchem Streite Zumeist dem Krieger zieme Beute, Daß Eine Lust noch rüttle wach Den Muth, der im Gefechte brach. — O stolzer Feldher, gib nicht nach! Wie endlos ist der Kirche Bogen, Wie geisterhaft der Ampel Strahl, Wenn Furcht und Seelenglut zumal In Stößen treiben Blutes Wogen. Die Decke schwimmt, der Leichenstein Scheint aus den Fugen sich zu heben, Und ein unheimlich, blutlos Leben Regt flimmernd sich im Heil'genschrein. Auf leerer Kanzel knackt ein Tritt, Wie Nachtwind an den Fenstern wühlt; Von unsichtbarer Hand gespielt Die Orgel summend scheint zu beben, Sein Schwert Sankt Michael zu heben Und Zugluft, die dem Spalt entglitt, Regt nun und dann des Greises Haar, Der dort am Hochaltare liegt, So regungslos in sich geschmiegt, Als sey er schon des Lebens baar. Und wie es flatternd ihn umfliegt, Er meint, es sey des Vorfahrs Odem, Ins Ohr ihm flüsternd immer neu: Halt aus, halt aus! auf schwankem Boden Bleib deinem Heiligthume treu! Nicht rühme sich die blut'ge Schaar, Verlassen traf sie den Altar! Was war das? Stimmen, und ganz dicht! „Jesus, Maria, steh uns bei!“ Nun ist es still. Und nun auf's neu'! — „O heil'ge Jungfrau, laß mich nicht, Wenn nun mein Stündlein kommt herbei!“ Es klopft und drängt, es dreht am Schloß, Die Flügel schwanken. Ha! da bricht Es splitternd mit gewalt'gem Stoß: Sturmhaube, Federbusch und Hut, Von Lanzenspitzen eine Flut; — Mit gelben Kollern angefüllt Die Kirche dröhnt von Flüchen wild. Und, o mein armer Sakristan! Zum Hochaltar die grade Bahn Treibt wie ein Strom der Troß hinan. „Wo blieb der Kelch? wo die Monstranz? Das beste Paar im ganzen Tanz! Der graue Schelm hat sie versteckt!“ Und zwanzig Fäuste krallen an Den Greis, der gen der Waffen Glanz Die unbewehrten Hände streckt. „Bekenne, Hund!“ und hochgepflanzt Die Partisane zuckend tanzt: So hängt der Boa Haupt vom Ast Und züngelt, eh den Raub sie faßt. „Bekenne, Hund!“ — Kein Sterbenswort, Der Greis die Wimper hat geschlossen. Nun flüstert er. — Da kniet sofort Ein grauer Leitbock der Genossen; Er bückt sich, lauscht, dann springt er auf, Und grimmig seine Lache schallt. „Ave Maria, Jesu mein!“ Ist zitternd in sein Ohr gehallt. Risch steigt die Partisane auf Noch einmal kreisend mit Gewalt, Dann krachend in der Rippen Spalt. Ein Zucken längs den Gliedern, dann — Es ist vorbei! — Das Blut entrann. „Mein Jesu!“ war sein letztes Wort. Und „Hussah Braunschweig! nun voran!“ — Ach, soll ich künden, wie entehrt Ward meines Glaubens theurer Heerd! Wie man die Heiligthümer fand, Und kirchenschänderische Hand Mit Branntwein füllt bis oben an Den Kelch, so faßte Christi Blut! Wie man Gewänder, gottgeweiht, Sah wehn um Kriegerschultern breit! Was schonte jemals Schwärmerwuth? Was mehr noch ein Verbrecher, der Soldat nur ist von ungefähr? Die Fenster klirren, vom Gestell Apostel schmettern, schwankend zischt Die ew'ge Lampe und erlischt. Vom Lanzenstich der Märtyrer Zum zweitenmal wird todeswund. Reliquien bestreu'n den Grund, Von Hammerschlägen, Speeres Stoß Reißt der Altar sich krachend los, Und „Hussah Braunschweig!“ bricht es ein. Zierrathen splittern auf den Stein, Und heulend muß die Glocke gellen, Jetzt ein Signal den Raubgesellen. Schau, dort ein bärtiger Bandit Selb einem Andern stampft und glüht. „Ha, dort ein Kruzifixchen noch Im Winkel; Silber muß es seyn!“ Er schiebt sich hin, so schlau und scheu, Vermeidend des Gefährten Blick. Nun faßt er es — ein lauter Schrei! Und wie ein Block er stürzt zurück; War nicht schon nah sein Kamerad, Leicht kam es, daß man ihn zertrat. Doch nun, im Winkel hingestreckt, Die Stirn er mit den Händen deckt, Nur leise ächzend, nun und dann: „Der Teufel — Teufel — sah mich an!“ Dann auf sich rafft er, taumelt weg, Wie Blinde wanken über'n Steg. Sein Kamerad vergaß ihn schon, Das Kruzifix nimmt er zum Lohn. „Ha, Spiegelglas!“ und klirrend bricht Es an der Jungfrau Angesicht. Von Ulmenschatten halb versteckt Ein Häuschen liegt mit Stroh gedeckt, Wohin nur schwach der wilde Klang Gleich Kranichheeres Schrillen drang, Da dem Soldaten nicht vergönnt Zu streifen längs der Mauer Kreis: Die Kirche gab der Herzog preis, Kein Hälmchen sonst; nach einer Stunde Macht er im Lager selbst die Runde, Ob Alles in der Ordnung sey, Vollzählig jedes Regiment. Und diese Hütte liegt allein. Was kauert dort im Mondenschein, Undeutlich, wie ein Klumpen grau Und ächzt gleich Sterbenden genau? Gertrude lauscht am Fensterrand: Sacht, sachte schiebt sie mit der Hand Den Riegel auf, wohl schaudert ihr; Sie ist so fromm, das junge Blut. O nenne nicht gering den Muth Von diesem schlichten Waisenkind! Der Koller, Speer — sie ist nicht blind. Doch, wär' es nur ein armes Thier! v . Droste-Hülshof , Gedichte. 33 Und, geh, es ist ein Mensch in Noth! Da steht sie zitternd, feuerroth. Und wenn er, wie ein wirrer Geist, Die Kräuter aus dem Rasen reißt, Ein wenig rückwärts tritt sie dann; Doch wenn er seine Hände ringt, Aus tiefem Auge Jammer dringt, Sie näher, näher rückt heran. Und: „Armer Mann, ihr armer Mann!“ Ob er es nicht vernahm? Er schweigt. Da zögernd sie die Hand ihm reicht, Er hebt sich auf, er folgt, so lind, So ganz unmündig wie ein Kind. Und nun ihr jungfräuliches Bett Bereitet sie geschwind und nett; Und Labung auch vom Besten reicht, Und steht so sorgenvoll gebeugt, Verwundert daß sich nirgends Blut Und nirgends eine Wunde zeigt. Nun schlummert er, das ist wohl gut; Er sieht doch gar entsetzlich grimm, Man sollte denken, er sey schlimm. Und fort sie huscht wie Wirbelwind, Dreht auch den Schlüssel um geschwind. Kaum ist sie fort: vom Lager hebt Der Gast sich, seine Wimper bebt, Er grübelt, an den Fingern dreht Und murmelt was man nicht versteht. Nun heller: „Ja ich hab's gesehn, „Ich sah den Teufel vor mir stehn, „Ich sah ihn seine Krallen strecken. „Johannes May, verruchter Hund!13 „Mit Blute mußtest dich beflecken „Von Jenen, die der Taufe Bund „Mit dir geweiht am gleichen Becken, „Die Kirche, die dir Tröstung gab, „Die einschließt deiner Eltern Grab, „Die dich gelabt mit Christi Leib, „Dir am Altare gab dein Weib, „Wo deine Kinder alle drei „Steh'n im Register nach der Reih'; „O wehe, wehe! Mord und Brand!“ Und wieder schlägt er seine Hand An das Gesicht, man meinet sprengen Die Adern muß des Blutes Drängen, Und nun im Ton der Leidenschaft: „Genugthun will ich, wie nur kann Ein einzelner und niedrer Mann; Doch meine Reu' sey meine Kraft! Vergoß so oft ich Freundes Blut — Mein Arm ist fest, die Büchse gut.“ Nach einer kleinen Pause dann: „Herzog, du bist ein todter Mann!“ Nun steht er rüttelnd an der Schwelle, Nun durch das Fenster huscht er schnelle! Nun schreitet er den Rain entlang. O arme Taube, mild und bang! Wie ward dir da du dies gehört? Das Blut sich ihr im Herzen kehrt, Und Mord und Brand, und Brand und Mord Im Ohre hallt es immerfort; Wie fühlt sich ihr Gemüth beschwert! Stellt sie die Sache Gott anheim? Läßt sprießen des Verbrechens Keim? Sucht sie zu hindern, wie's vermag Ein machtlos Weib von ihrem Schlag? So fallen, reulos, unbewehrt, Von seines Untergebnen Hand! Und schaudernd sie am Heerde stand So jammervoll in ihrer Schöne, Wie unterm Kreuze Magdalene. Vielleicht gibt ihr die Kirche ein, Was mag des Himmels Wille seyn. Schon weicht dem Morgenroth die Nacht, Laut wird das Vogelnest am Ast; Sie kann schon gehn, der Bürger wacht; Und ach! ihr dünkt, mit dieser Last Wie Kain gemarkt von Gottes Hand, Sie könne wandern durch das Land. Fremd scheint es ihr, daß alles stumm, Gesperrt die Läden rings herum. Gottlob, die Kirche! Aber wie! Weit auf die Pforten, schon so früh? Und — ist sie blind? — der Ampel Licht, Der Hochaltar — sie sieht ihn nicht! Es ist zu viel: ihr Auge schattet, Und auf ein Grab sinkt sie ermattet. Da über ihr Gezisch, Geknarr, Die Uhr im Thurme mit Geschnarr Setzt aus und dröhnend, Schlag auf Schlag, Wie Wetterkrachen donnert's nach; Sie meint, es sey der jüngste Tag. Gespenster schau'n aus Fensterluken, Im Thurm beginnt ein wildes Spuken, Hinab die Stiegen mit Gescharr. Nein, wehe! das ist Menschenhand, Die jetzt sie zerrt am Gürtelband. O, schlimmer als Gespenster weit, Soldaten sind's in Trunkenheit! Sie schreit nicht, wehrt sich nicht, nur sacht Sie wimmert wie ein Vogel klein, Dem man das schwache Hirn drückt ein; Vor ihren Augen wird es Nacht. Da rückwärts taumelt der Geselle, „Der Herzog!“ ruft's, und plötzlich nah Ein Dritter stand, unbärtig noch, Doch über Manneslänge hoch. Ja, wie ein Schatten stand er da, Kalt, tödtlich bohrt sein Blick sich ein: Die beiden Männer sind wie Stein. Und als den Strahl er tiefer trug, Blaß ihr Gesicht ward wie ein Tuch. Er winkt, sie weichen auf der Stelle. Auch sie noch schaut er seitwärts an, Sich, seltsam lächelnd, wendet dann Und geht, ist fort. O Jesus Christ! Ihr Retter selbst der Herzog ist, — Und dieser liegt im Kirchenbann. So freundlich war das Himmelblau, So klar im Grase lag der Thau; Man dachte nur, zu Lust und Frieden Ein solcher Morgen sey beschieden. Im Sonnenlichte stand das Heer, Glanzwellen brachen sich am Speer, Und leise wallend an den Stäben Die Fahnen hob der Lüfte Weben. Ein leerer Kreis, ein Haufen Sand, Und seitwärts an der Lanzenwand Zwei Krieger ihrer Wehr beraubt, Tief auf die Brust das bleiche Haupt. Die sahen nicht nach Sonnenlicht, Sie hörten Rosses Wiehern nicht; Vor ihrem Ohre summt es nur, Ein Spinngewebe schien die Flur. O anders, frischen Tod erwerben, Als schmählig vor dem Standrecht sterben! Zur Seite, mit den Offizieren, Die flüsternd rasche Reden führen, Der General verdüstert stand. Kopfschüttelnd redet Obrist Spar, Der Styrum nickt und lächelt gar, Und der Sergent und Reiter auch Sich wahren ihrer Rechte Brauch: Es ist vorbei, das Stäbchen brach, Den beiden stieg der letzte Tag. Wer diese bleichen Sünder sah, War er kein Stein, es ging ihm nah. Sie hatten lustig fortgelebt, Vertrauend auf ihr gutes Schwert, Das manche Wunde abgewehrt; So manche Kugel pfiff vorbei, Und nun — am Sande stehn die zwei; Und eh das Tuch die Augen deckt, Noch sehn sie wie der Arm sich streckt, Sehn zwölf der bravsten Kameraden Maschinen gleich die Büchsen laden. Ade, o Strahl! nun ist es Nacht. Geblendet schon der Lunte Rauch, Zu ihnen trägt des Windes Hauch. Stieg himmelan ein Seufzer auch? Ich weiß es nicht; es blitzt, — es kracht! — Geendet ist das Kriegsgericht, Verlöscht des Himmels Gnadenlicht. Zwei liegen dort im kalten Grund, In ihrer Brust ein Stückchen Blei; Die feuchte Scholle deckt den Mund: Daß Gott der Seele gnädig sey! Die Schützen putzen ihr Gewehr, Ein Wald von Lanzen steht das Heer, Die Züge starr, den Blick gesenkt, Man kann nicht sehn was Einer denkt. Geschlagen sind sie, dennoch kühn, Und ganz verhaßt die Disciplin. Entlang der Herzog geht die Reih'n, Und Manchen schaut er an mit Fleiß; Ward Einem bang? Es mag wohl seyn; Doch Vielen ward es siedend heiß. War nicht sein Schlangenauge da, Man kann nicht wissen was geschah. Nun, stauend wie ein Mühlenbach, Zum Lager schiebt es drängend nach, Es ist ein fürchterlicher Troß, Dem Führer ein unbändig Roß. Ungern der Herzog drum, wie heut, Zum Fehlen gibt Gelegenheit. Als in den Zelten sie zumal, Am Sande weilt der General; Er bohrt den Degen sinnend ein, Stößt mit dem Fuß des Weges Stein; Und neben ihm der Obrist Brand, Graf Styrum auch, sein Adjudant, Ein kühnes Blut und lockrer Fant: Die Zunge läuft mit ihm davon, Und halb Gedachtes gibt sie schon. So jetzt, zum Obristen gewandt: „Die Pferde knirschen in's Gebiß, „Des Tilly Silber hat gewiß „Noch, als sein Eisen, schärfern Zahn. „Was meint ihr? Ist der alte Hahn „Ein Basiliskenei zu legen „Nicht eben recht? Ich sage dies. „Und ferner noch: Herr Herzog nehmt „Nicht allzu leicht, was heut beim Tagen „Das schmucke Ding euch vorgetragen, „Was sich so bürgerlich geschämt. „Man sah, von Herzen ward's ihr schwer, „Drum glaub' ich es um desto mehr, „Vielleicht — Was trabt denn dort heran? „Ein Weihquast? Was, zum letzten Segen? „Und steckt doch seinen kahlen Kopf „Grad' in die Fall', armsel'ger Tropf!“ Gelassen tritt der Mönch heran. Man spricht so viel aus jener Zeit Von Clerus Ausgelassenheit; Dies war ein still gelehrter Mann, Und einzig seiner Bücher froh Im Gotteshause zu Burloh.14) Von seinem Obern ausgesandt Und kehrend heut durch Ahaus Thor, Des Glaubens Feinde er davor Und jammervoll die Bürger fand. Daß nicht der Kelch, nicht die Monstranz So wie der Leuchter Silberglanz Zu retten, scheint ihm selber doch; Allein die Kreuzreliquie noch, So nur in schlechtes Holz gefaßt — Drum gönnt er sich denn keine Rast, Und tritt den Herzog muthig an. Er bittet um geneigtes Ohr, Trägt ruhig sein Gesuch ihm vor; Hat nun geredet, blickt empor, Doch hastig wieder auf den Grund: Dies Muskelspiel um Wang' und Mund, Und dieser Augen todte Glut — Fürwahr die Sache steht nicht gut! „Herr!“ fährt er fort, „was nützt es Euch? „Wir werden arm, und ihr nicht reich. „Zum ersten Mal im Leben ich „Schau einen Fürsten, sicherlich; „Und ihr seht ganz so adelich „Wie Fürsten sollen.“ O Geduld! Fast blendet ihn das Muskelspiel. „Gebt mir dies Zeichen Eurer Huld, „Was Euch so wenig, mir so viel. „Gedenkt wie Cyrus alter Zeit „Hat den Zorobabel erfreut, „Dem er die Heiligthümer gab „Zu beten an der Väter Grab; „Wie Julian der Apostat“ — Spricht Styrum lachend: „Schmucke Wahl, „Mit Apostaten uns zumal, „Mit Juden deine Schaar vergleichen: „Mein Alter das sind schlimme Zeichen! „War Julian ein Apostat, „Du scheinst mir halber Renegat.“ Was nun den Herzog hat gerührt, War es das Wort so schlicht geführt, War es das Zutraun unverdeckt, Ein Zug der ihm Erinn'rung weckt: Genug er winkt, er spricht ein Wort, Und lachend wandert Styrum fort. Wie war doch unser Mönch so froh, Als er die Kreuzreliquie sah; Er faßt sie an dem Rande, so, Dem heil'gen Splitter nicht zu nah; Und vor dem Herzog bückt er sich, Und abermals und wiederum, Er meint es sey noch nicht genug; Der steht und lächelt wunderlich: „Ihr spracht ja eben wie ein Buch, „Und seyd mit Einem Mahle stumm. „So sagt uns denn gleich klar und schön, „Was Ihr auf eurer Fahrt gesehn.“ Der Mönch den Seufzer drängt zurück, Er zögert einen Augenblick: „Zuerst traf ich am Küchenheerd „Den Mann mit Frau und Kindern werth, „Die nahmen ihr geringes Mahl. „Demnächst ich sie im Felde fand „Nach Abend schauend unverwandt, „Die trieben seufzend und mit Müh' „Dem Dickicht zu der Rinder Zahl; „Dann eine Hütte unbewacht, „Und dann — nicht finster war die Nacht, „Die Flamme“ — O welch dunkles Roth Von Braunschweigs hoher Stirne droht! „Ich frage nicht nach Mann und Weib! — „Saht ihr die Baiern?“ „O bei Leib! „Deß war nicht meine Furcht gering; „Der Baier bleibt auch nur Soldat. „Doch sagt man, daß der Tilly naht. „Herr! seht Euch vor, das ist mein Rath.“ Zeit war es, daß der Pater ging. 'S ist schaurig, wenn im Felsenthal Die Kuppen bleicht des Mondes Strahl, Wenn Windeszug entlang der Kluft Mit Seufzern füllt die graue Luft, Und Uhu's Auge auf der Wacht Vom Riffe leuchtet: doch bei Nacht Wohl standest du am Meere je, Und hörtest wie der Wellenschlag Sich wühlend am Gestade brach? Ein wüstes Unthier ist die See, Wenn schwärzer als die Dunkelheit Hascht Wog' auf Woge nach dem Strand. Doch schauriger die Haide weit, Wo Lichter flattern über's Moor, Die Kröte unter'm Rasen schrillt. Bei jedem Tritt es schwankt und quillt, Und dampfend aus dem Grund empor Sich Nebelchaos wirbelnd streckt, Wie Geisterhüllen halb geweckt, Als wollten die Atome ringen Sich los aus Gras und Krautes Schlingen, Die vor der grauen Sündfluth Zeit Lebend'gen Odems sich gefreut. Auf Gräbern glaubst du nur zu schreiten, Durch halbgeformten Leib zu gleiten; Die Mährchen deiner Kinderzeiten Sich unabwendbar drängen an: Fast glaubst du an den Haidemann. Es ist kein Trug, dort rückt er an! Nein! Menschenstimmen, männlich Eine, Die andre Vögeln gleich an Feine. „Gertrude, war das wohlgethan? „Was ließest du dem Himmel nicht „Sein freies Walten und Gericht? Und nun die klare Stimme spricht: „So war es nicht des Himmels Wille, „Daß ich vernahm was jederzeit „Wohl hätte Menschenohr gescheut? „Wenn es nicht Gottes Finger that, „Was führte dann den Reiter grad' „An meine ganz entleg'ne Thür? „O Eberhard! sey stille, stille, „So Hartes rede nicht zu mir, „Bei Gott! ich bin genug gequält!“ — „Nun wohl! noch hast du nicht erzählt. „Doch horch, Gemurmel! — 's ist der Wind, „Und das Gewitter steigt geschwind.“ — „Ich wählte einen Blumenstrauß „Und meine blankste Schüssel aus; „So ging ich langsam aus dem Haus, „Gewiß! es war ein saurer Gang! „Ich betete den Weg entlang „Zu den Nothhelfern allesammt, „Antonius, dem Schutzpatron; „Und sieh! da stand der Herzog schon! „War das nicht seltsam?“ — „Still, was flammt „Dort auf!“ — „Du siehst ja, daß es blitzt; „Wir müssen eilen. — Als ich itzt „So vor ihm stand ganz nah am Thor: „Kein einzig Wort bracht' ich hervor, „Ich hielt ihm nur die Schüssel hin „Und weinte wie 'ne Sünderin; „Die bei ihm standen, lachten helle, „Zu sterben meint' ich auf der Stelle, „Und bracht' es endlich doch heraus, „Wie Jener kam zu meinem Haus', „Ganz wirrig, schaudernd und bethört, „Und wie ich sagen ihn gehört, „Was ich bei Gott beschwören kann: „Herzog, du bist ein todter Mann! „Mußt' ich das nicht? Dann fragt' er mich, „Ob ich ihn kenne, sicherlich „Ich sagte nein; recht war es nicht. „Ich sah wohl deutlich sein Gesicht. „Was trug er? — Wie ein Landesknecht „Den Koller, Lederstrümpfe schlecht. „— Schon gut! und Dank für den Bericht, — „Und denk', er bot mir Geld und Wein, „Doch wie ein Haas lief ich feldein. „Gott gab mir eine schwere Last, „Nun Kummer mir das Herze bricht, „Daß ich verrathen meinen Gast, „Vielleicht — fürwahr! da klirrt es gleich. „Doch nein! der Fisch sprang auf im Teich. „Die Nacht ist schwül.“ — „Gertrude komm! „Du bist ein thöricht Ding, zu fromm. „Kam jene Kunde in mein Ohr, „Dem Ofen sagt' ich's lieber vor, „Könnt' ich nicht schweigen. Komm geschwind, „Schau, wie das Wetter treibt der Wind; „Wir haben weit bis Ottenstein,15) „Ich weiß, der Oheim wartet dein. „Und, wahrlich! das ist Waffenklang, „Gewiß, den Liesner16) ganz entlang — „Fort! fort!“ — Wie Schatten schwinden sie. Und Zug auf Zug, aus Waldeshagen Sieht man die schwarzen Säulen ragen, Sich endlos die Kolonne zeigt, Wie drüben Wetterwolke steigt, Als wollten Heere jener Welt Sich nächtlich treffen über'm Feld, Das ihre Gräber mußte tragen. Nun breitet sich's, wie Stromes Fall, Nun windet sich's, ein wüster Ball; Im Hui schlägt die Flamme auf, Und dort und drüben wie im Lauf Steifstiefeln, Koller rings umher: Es ist der Tilly und sein Heer; Ganz deutlich wie am Tage schier Sieht man des Rautenschilds Panier. Die Reiter von den Rossen steigen, Den Hals die Thiere dampfend neigen; Und Wiehern, Hämmern, Stimmenschall Verschwimmen in des Donners Knall, Da grade über Mann und Zelt Sich das Gewitter hat gestellt. Oft röthlich zuckend hellt ein Strahl Die ganze Masse auf einmal. Schon zischen Tropfen in der Glut, Nun schwenkt schon der Soldat den Hut, Am Federbusche flirrt es fein: Und nun mit grenzenloser Wuth Die Elemente brechen ein, Und niederstürzend eine Flut Wie über's Wrack sich schäumend legt. Der Donner schwieg, doch Sturmes Macht Und Hagelschlag die Haide fegt — Ich sehe nichts mehr, es ist Nacht! Zweiter Gesang. Wie tiefberauschend ist dein Odem, O Phantasie! was kommt ihm gleich, Wenn über Mauerzinnen bleich Du gleiten läßt den Grabesbrodem! An einem Tage muß es seyn, Wo bläulich steigt der Höhenrauch, Vielleicht auch wenn der Dämmerhauch Mit grauem Staube füllt die Luft, Des Meteores falber Schein, Ein fallend Sternlein, theilt den Duft. Weß Seele würde nicht bewegt, Gedenkt er dann der warmen Hand, Die diesen kalten Stein gelegt, Des Geistes, der die Formen fand, Die, Greise selber, gliedermatt, Wie von dem Baume Blatt um Blatt, Langsam nachrollen in die Gruft. Am Thurme lieb' ich dann zu stehn, Zu lauschen Wetterhahnes Drehn, Mag wandeln um des Städtchens Kreis, Und aus der Mauerscharte weiß Des Grases Finger winken sehn, Die alten Gräben, halb verschüttet, Die Warte bröckelnd, grau, zerrüttet, Und über'm Thor das Fensterlein, Draus öfters trat der Fackel Schein v . Droste-Hülshof , Gedichte. 34 Bevor das Gitter steigend klang. Mich dünkt, ich höre Geistersang: Wie kurz o Leben, Zeit wie lang! Siehst drüben du den stolzen Bau?1 Bald wird an jenes Schlosses Pforte, Das kein Jahrhundert noch gesehn, An meiner Statt ein Andrer stehn, Entziffernd halb verlöschte Worte, Wird Bischofstab und Mitra nur Errathen aus entstellter Spur. Dann wird er Ahaus Bürger fragen, Und dieser weiß nur dunkle Sagen, Daß in verjährter Zeiten Grau Ein Baierfürst geführt den Bau. Noch kurze Zeit, so sinkt er ein. Wie heute schon kein Mauerstein Verkündet wo die Veste lag, Darin des Tilly starrer Muth Sich barg vor Elementes Wuth, Ingrimmig harrend auf den Tag. Und nur der Dichter kennt allein Den Fleck wo einst die Halle stand, Gebilde schauten von der Wand, Wo des Kamins geschweiften Bogen Hinauf die Funken knisternd zogen, Und manche kühne blut'ge Hand Sich friedlich streckte über'n Brand. Am Heerde, abwärts von der Glut, Der Feldherr steht und streicht den Bart; Das war nun einmal seine Art, Gekannt von Allen, Keinem gut; Gewaltsam aufgeregtes Blut So will er dämpfen: diesen Strich Sieht der Soldat und richtet sich. Sein Auge klar, doch grau wie Blei, — So durch die Welle blitzt der Hai, — Gespannt auf der Tapete ruht, Wo schaumbedeckt, mit Todesmühen, In's Dickicht scheint der Hirsch zu fliehen. Auf Tilly's Stirn die Ader steigt, Denkt seines Wildes er vielleicht, Und meint, schier sey der Forst erreicht, Da Hollands Gränze schützen kann Vor'm Schlage den verfehmten Mann? O alle Teufel, welch ein Streich! — Zunächst ihm, lust'gem Strauche gleich, Der über'n Krater streckt den Zweig, Der junge Albrecht Tilly kniet, Dreht auch am Zwickelbärtchen fein Und um das Feuer ist bemüht; Sein Antlitz blüht im Widerschein. Wär' nicht dies Auge, stolz und kühn, Man dächte, nicht so frisches Grün Kann sprossen aus verbranntem Stein. Dann Schönberg, wie ein Reutersknecht, Im Lederkoller schlicht und recht, Die Glatze kahl, behaart die Hand, Und Holsteins Herzog, schlau, gewandt, Manierlich wie ein Wiesenbach: Die beiden zogen schweigend Schach. Graf Fürstenberg, bedacht und kalt, Erwitte's hagere Gestalt, Und Obrist Lindler noch dabei. Am Tische standen diese drei Und sahen mit gespannten Blicken Der Karte längs die Feder rücken, Die, flüchtig deutend Moor und Wall, Graf Anholt führt, der Feldmarschall. Im Saale war es still genug: Man hörte wie der Regen schlug, Wie Ströme von den Dächern rinnen, Die Fahnen kreischen auf den Zinnen, Und — Schach dem König! à la Reine ! Spricht Tilly plötzlich: „Wenn er doch „Entwischt. Fürwahr, es kann gescheh'n! „Allein bis Prag bleibt immer noch „Ein Stückchen Weg, und Gabor2 mag „Sein harren bis zum jüngsten Tag.“ Nach einer kleinen Pause schnell: „Verdammt hartnäckiger Gesell!“ Drauf Albrecht: „Daß er heute gar „Vor seiner abgehetzten Schaar „Das Feldspiel ließ so lustig rühren, „Als gelt' es sie zum Tanz zu führen: „Ein furchtlos übermüth'ger Gast, „Und mir gefallen könnt' er fast. „Bei Höchst3, als er im Kahne floh, „Und an der Brücke Groß und Klein „Wie Lachse zappelten im Rhein, „Ich sag' es frei: wir waren froh. „Fast übel ward es unsern Leuten: „So gegen einen Mann zu streiten, „Der die Kanonenkugeln mehr „Nicht achtet als ein Nudelheer.“ Er blickt umher: „Ihr Herren seyd „Nicht ungehalten; jederzeit „Hab' ich gehört, mehr als der Freund „Den Braven ziert ein tapfrer Feind.“ Des Tilly Auge gleitet, schier Mit Huld, auf seinen jungen Geier, Doch immer unwirsch, doppelt heuer: „Ein Renegat, ein räud'ger Hund!“ Er murmelt, fährt hinab den Mund, Und tritt in die Tapetenthür, Wo tiefgebückt bei'm Lampenschein Man emsig sieht das Schreiberlein; Der Riegel klingt. „Mein junger Graf!“ Erwitte spricht: „Ich bin kein Schaf, „Mag gern an keckem Feind mich üben; „Doch sprech' ich frei mich, ihn zu lieben.“ Er schweigt, bewußt daß Wittich's4 Au Ihm Braunschweigs Rücken gab zur Schau, Wo er den Erben ließ im Feld, Seitdem auf Sühne nur gestellt, Und mehr nun Rächer, minder Held. Um Albrechts Lippe zuckt es auf, Das Zwickelbärtchen steigt hinauf. Doch Anholt spricht: „Ihr Kameraden, „Wollt nicht so scharf die Zunge laden; „So leicht entglitten ist ein Hauch, „So schwer gesühnt. Doch mein' ich auch, „Frei anerkennen Feindes Muth „Steht immer dem Soldaten gut, „Und zeigt zum Grolle keine Spur.“ Drauf Fürstenberg: „Das ist gewiß, „Mein General! doch sag' ich dies: „Wer so die menschliche Natur „Im eignen Bruder kann zerstören, „Daß der, mit Knittel, Sens' und Beil „Den Bauern waffnend, schmählich Theil! „Sich gen das eigne Blut muß kehren,5 „Um den in hundert Kirchen heut „Beängstet steht die Christenheit: „Erlös' uns, Herr! vom Halberstadt!6 „Gewiß, der ist im Marke matt; „Und mehr noch jener, schlangenglatt, „Der Winterkönig7, den man noch „Bei Zabern8 sah, nachdem er doch „Die Fürsten bat mit frommen Mienen „Des Kaisers Majestät zu sühnen, „Der so viel Märtyrer in Prag, „Als gleich der Pest er drüber lag, „Ließ bluten, daß so edle Spur „Es trägt als Cöln, der Christen Ruhm, „Und seine Oefen heizte nur „Mit Kruzifix und Heiligthum:9 „Fürwahr, ein Stern der Braunschweig ist, „Sofern man ihn mit Jenem mißt; „Der kommt doch seinem Worte nach, „Ein treuer Diener schlechtem Herrn.“ „Hier murmelt Schönberg über'm Schach: „Heißt Lucifer nicht auch ein Stern?“ „ Au roi !“ versetzt der Holstein drauf. Das Spiel ist aus, sie stehen auf. Doch Schönborn noch bedächtig sprach: „Ihr Herr'n, es naht der jüngste Tag!“ Auf Schemel, Polster, wie sich's traf, Die Führer hatten sich gestreckt; So leicht und wachsam war ihr Schlaf, Ein Rispeln hätte sie geweckt. Noch hielt Graf Fürstenberg das Schwert, Die Flasche Lindler fest genug, Und Holstein zierlich lag am Heerd, Um seine Stirn ein seidnes Tuch. An Beten dachte Keiner heut; Sie ritten scharf und ritten weit Durch Regenguß und Sonnenglut: Ein Kreuz sie schlugen, damit gut. Nur Anholt mochte nie sich legen Ohn' Rosenkranz und Abendsegen; So eine Weile kniet' er jetzt; Und wie das Wort auch war gesetzt, Die Seele, die hinein er trug, That ihrem Schöpfer wohl genug. Nicht Viele gab's zu jener Zeit, So mochten ohne Bitterkeit In ihr Gebet die Feinde schließen, Die Formel müßte sie verdrießen. Doch als ein wahrhaft frommer Mann Der Anholt stets sie zweimal sprach, Und einen Vers um Frieden dann Aufricht'gen Herzens sandte nach. Dann „Amen“ und sein Augenlied Sich schloß. Doch Albrecht Tilly mied Den Schlaf, er mochte viel vertragen An Stürmen, Traben, Tanz und Jagen. Wenn todesmatt, nach heißen Tagen, Auf seine Streu der Reiter fiel: Trieb er noch Neckerei und Spiel. Klar ist die Nacht, von Sturmesbraus Die Sterne ruhen friedlich aus Im Aether, wolkenlos und rein, Und also fällt ihm eben ein, Recognosciren möcht' er reiten! Was ihm gestellt Fortunens Hand, Das Ziel, beschau'n von allen Seiten. Und sieh, dort trabt er über Land! Vom Glockenthurme dröhnte just Die Mitternacht, und jede Lust, So Schauer nur gewähren mag, Schwerhauchend auf der Landschaft lag. Die Sterne standen kalt und klar, Kein Lüftchen hob des Mooses Haar, Das Thaugeperl' am Flechtenring Wie Feilstaub am Magneten hing. Weit, weit das Feld, ein graues Tuch, Johanniswürmchen hier und dort Das matte Silberfunken trug, Wie Schlangenauge über'm Hort; Ein Knistern durch die Haide fort, Ein leises Brodeln unterm Moos, Ein Quitschern in der Kräuter Schooß; Mit Hügelchen der Grund belegt, Wo's d'runter gährt und Dämpfe regt, Wie Elfenkirchhof, Geisterheerd; Und d'rüber her das schwarze Pferd Mit grauem Reiter, dessen Schritt Treibt Brodem auf bei jedem Tritt: So durch die Haide zieht der Tod. Doch Albrecht dachte nicht daran, Er schien sich wie ein andrer Mann; Ihm war die Stunde ganz genehm, Da noch so fern das Morgenroth, Das Dunkel recht, der Weg bequem, Und nicht im kleinsten schauerlich. So vorwärts längs der Haide Strich Durch manche Lache sprengt' er frisch, Daß d'rin das Sternenlicht erlosch, Behend zum Grunde fuhr der Fisch, Und plätschernd der erschreckte Frosch Kopfüber in den Ginster schnellt. Ein wenig fluchte unser Held, Da immer länger schien das Feld; Und endlich zeigte doch ein Pfad Des Waldes rechten Eingang grad. Als in den Liesner10 kam der Graf, Die Zügel zog er straffer an. Ringsum die Aeste wie im Schlaf Streckt schwarz und wüst der weite Tann, Ein Riesenheer in Zaubermacht Für tausend Jahr und Eine Nacht. Schwer war ihr Traum, da überall Wie Schweiß sich aus den Poren stiehlt, Man rauschen hört der Tropfen Fall, Wenn nur ein Lüftchen, kaum gefühlt, Um die beladnen Nadeln spielt. Stickdunkel rings; war nicht so breit Der Weg, mein Fant kam nimmer weit. Doch nun er lustig trabt voran; Zuweilen einer Lichtung Rund Die kargen Schimmer läßt heran, Vom goldbestreuten Himmelsgrund Ein Stamm auch, nadellos und hohl, Durchblitzen läßt ein Sternlein wohl. Viel nutzt es nicht, und manchen Streich Vorlieb muß unser Ritter nehmen Von manchem derben Tannenzweig, Und brauchte deß sich nicht zu schämen; Die Ehre blieb, nur Wasser floß, Daß es entlang den Koller goß; Und ohne manchen guten Fluch, Der ächt und kräftig mußte seyn, Mein Tilly kam nicht aus dem Hain, Er war erhitzt und grimm genug. Denn sah er einmal einen Schein, So war es wohl der Funke blos, Der öfters ihm vom Auge schoß Wenn drein die Fichtennadel schlug. Doch auch die schlimmste Stunde rennt, Und lange Schnur hat auch ein End'. Als sich des Waldes Ausgang zeigt, Von seinem Rosse Albrecht steigt, Zieht es ins Dickicht, und in Hast Die Zügel schlingt am Tannenast; Dann leise, wie die Welle schreitet, — So zu dem Liebchen los' und leicht Ein lockrer Vogelsteller schleicht, — Er über Moos und Nadeln gleitet, Tritt aus dem Forst und stutzt beinah, Als auf Karthaunenweite nah Vor ihm sich Feindes Lager breitet. Er faßt sein Sehrohr, tritt zurück, Und lauscht nun mit gespanntem Blick, Wie über'n Ast der Falke neigt, Bevor, ein Pfeil, er pfeifend steigt. So viele Feuer sind gezündet, Da Thau dem Regenguß verbündet, Daß sich dem Lauscher ganz genau Die volle Masse gibt zur Schau. Nicht manches Zelt war aufgespannt, Zumeist der Reiter bei dem Roß Im Mantel ruhte, Schwert zur Hand, Wo Funken sprüht der Fichtenschoß. Tief tiefer Schlaf die Krieger deckt, Am Boden rücksichtlos gestreckt, Man meint, es sey ein Feld voll Leichen; Und wie sie hin und wieder geht, Die Wache, noch Nachzügler spät Auf Beute laurend, scheint zu schleichen. So deutlich Alles zeigt das Rohr, Daß wenn ein Schläfer rückt das Haupt, Ein Roß, die Mähne schüttelnd, schnaubt, Am Glase steigt es dicht empor. Und sehr vermindert war die Zahl Der Männer seit dem letzten Tag; Man sah, daß in des Dunkels Haag Feldein sich mancher Reiter stahl; Die Fahnen trennt nur schwacher Raum. Allein zur Rechten, wo der Leu Ergrimmt am sturmgebeugten Baum, „ Ventus Altissimi !“ sich frei Von Zeichen eine Fläche zeigt; Mit tausend Mann und mehr vielleicht, Wilhelm von Weimar führt die Schaar, Im Felde streng und kraus von Haar. Sein Rohr der Albrecht schiebt zurück, Wirft noch umher den Falkenblick; Dann leise, leise schleicht er fort, Bald tief gebückt und bald gestreckt, Wie sich die Fläche breitet dort, Und hier ein Baum den Lauscher deckt, So nah und frei oft, daß ein Schuß Ihn unvermeidlich treffen muß, Wenn Schwerteskuppel Blitzen nur Dem Wächter gab die kleinste Spur. Doch keine Kugel ward gesandt, Kein Wacheruf den Späher schreckt; Oft rückt das Schwert in seiner Hand, Wenn der Soldat sich gähnend streckt; Wenn Funken sprühend knackt der Brand. Der Graf wie eine Säule stand, Dann leise, leise fürder schreitet — So um den Teich der Weihe gleitet, So Wölfe um der Hürde Reif, — Ein Dunstgebild, ein Nebelstreif! Dort, wo nicht fern im Haidegrund Der Linden Dunkel sich verzweigt, Dort, meint er, gebe Lagers Rund Die rechte Schau. Sie sind erreicht, Und Albrecht steht, und athmet leicht. Was war das? Räuspern, und so nah? Husch duckt der Lauscher in das Kraut, Wie eine Boa lag er da. — Nun Husten — naher Stimmen Laut! — Und — weh! vom Baum nicht Spannen lang, Ein Posten just beginnt den Gang. Unglaublich daß er ihn nicht sah! Sein Tritt, so nah an Albrechts Ohr, Lockt Schweißestropfen kalt hervor. Geschieden durch die Stämme blos, Der Landsknecht schreitet über's Moos, Nach schwerem Tage feuchte Nacht Blutsauer ihm das Stehen macht. Nun, tauchend aus der Zweige Schoos, Des Hutes Feder schwankt hinauf, Am Karabiner blitzt es auf, Er hebt ihn auf, er legt ihn an; — Nein, eine Lunte steckt er an. Dann wieder wandelnd auf und ab, Gesang versüßt den sauern Trab: „Unser Feldherr das vernahm, „Der Grave von Mansfelde, „Sprach zu dem Kriegsvolk lobesan: „Ihr lieben Auserwählte! „Nun seyd ganz frisch und wohlgemuth, „Ritterlich wollen wir fechten, „Gewinnen wollen wir Ehr' und Gut, „Gott wird helfen dem Rechten.“ Ein wenig beugend um das Rund Dicht der Soldat am Tilly stund, Gleichlinig mit der Linde Stamm; Doch schauend nach der Zelte Kamm, Zieht Brod, ein Würstchen er hervor, Gar streng verboten auf der Wacht, Doch Niemand sieht ihn, es ist Nacht, So kecklich speisend unter'm Thor. Ein Bröselchen den Tilly traf: O, wie so ruhig lag mein Graf! Er fühlt' wie über sein Gesicht Die Schnecke zog den zähen Schlamm: Still lag er, wie ein Haidedamm, Und fürchtete sich wahrlich nicht, Doch war zum Aeußersten gefaßt. Da vorwärts tritt der Linde Gast, Und neu erfrischt den Rain entlang Mit hellerm Laut der Landsknecht sang: „Die Reiter die seynd lobenswerth, „Ob sie die besten wären. „Der Graf von Mansfeld wird geehrt, „Sein Lob das thut sich mehren; „Im Felde er der Beste war, „Adelich thät sich stellen, „Die Landesknecht' auch ganz und gar „Ihre Spieß' thäten fällen.“ Was hält ihn auf? Er hebt die Hand An's Auge, starrend über Land, Dann wieder längs der Blätterwand. „Und der gesungen dieses Lied „Wohl auf der grünen Haide, „Dabei ist er gewesen mit; „In dem Kampf und Streite „Ward' ihm geschlagen manche Wund'; „Der Püffe that er warten, „Als er uff der Mauern stund „Hinter der Münche Garten. „Wer da!“ — Und Todtenstille drauf. „Wer da!“ — Am Zweige steigt der Lauf. Noch einmal „Wer da!“ und es knallt, Tiefdröhnend Antwort gibt der Wald. Ha, Wächterruf! Und den Soldaten Gedehnten Halses Tilly sieht Hinstarren in das Haideblüth; Dann ruhig die Muskete laden, Und langsam wieder schreiten an. Der Rauch verfliegt, im Haidekraut Man formlos eine Masse schaut. Bald standen Krieger um den Wunden; Die Fackel, tiefgesenkt zur Schau, Sich flimmernd brach im blut'gen Thau. Was nicht gesucht, das ward gefunden, Denn deutlich sah man ein, es war Ein Mann vom Regimente Spar, Der zuckend lag im gelben Sand, Die Lederflasche in der Hand. „Wer kennt ihn?“ Eine Stimme sprach. Die Antwort drauf: „Ich sah ihn oft „Im Kugelregen, wenn es galt „Die Schanze nehmen mit Gewalt, „Und wie ein Sturmbock drängt' er nach. „Hm, Zufall! seltsam, unverhofft!“ Ein Dritter dann: „Bei meiner Treu! „Soldatenherz vom ächten Schrot, „Das nach dem Teufel nichts gefragt, „Doch öfters trunken, wie man sagt; „Sein Name war Johannes May.“ Allein der Landsknecht war nicht todt; Ob nahe an der Scheidewand Des Jenseits, furchtbar, ungekannt. Den Arm beginnt er matt zu regen, Das stiere Auge zu bewegen, Ein Athemzug, gehemmt im Lauf, „Wo ist der Herzog?“ röchelt's auf. „Hier Kamerad!“ Und tief geneigt Sich Reiherbusch und Handschuh zeigt. Ein Wort heißt die Begleiter geh'n, Und wie der Mond das klare Rad Läßt steigen über'm Liesner grad', Den tollen Herzog kann man seh'n Im Moose knieen, — wahrlich nie That er so fromm, als nur vielleicht Den Sporn zu schnallen Morgens früh; — Um seinen Arm der Mantel bauscht. So ruhig wie ein Felsenriff, An dem sich ächzend reibt das Schiff, Dem Wort des Sterbenden er lauscht. Matt war der Hauch, die Stimme wund, Verschwiegen blieb der Lüfte Mund, Was er vernahm, es ward nicht kund. Nur einmal als die kalte Hand Der Wunde hob, des Mondes Schein Drang durch die blassen Finger ein, Es heller ächzt: „An Grabes Rand „Ich warne dich, o Halberstadt! „Laß ab, laß ab; auch Petrus hat „Dreimal verläugnet seinen Herrn „Bevor der Hahn gekräht.“ Und fern So lang und klagend durch die Nacht Hebt just den hellen Schrei der Hahn; Der Wunde zuckt dann: „Christian „Von Halberstadt! gedenk der Stunde, „Wenn so du liegen wirst am Grunde, „Dann denken nicht an Sieg und Feind, „Ein Fetzen dir die Fahne scheint, „Doch deine Eltern aus der Gruft, „Zerhau'ne Rümpfe ohne Haupt, „Und hier und dort“ — Er schnappt nach Luft, v . Droste-Hülshof , Gedichte. 35 Dann still — „Wer hätte das geglaubt!“ Die Worte sprach der Herzog blos, Als er sich langsam hob vom Moos. Nicht mehr am Baume Tilly lag; Bevor der Pulverdampf verflog, Feldein er wie ein Reiher zog, Geborgen von des Qualmes Haag. Doch öfters noch mußt' er sich stellen, Wenn grad' der Mond die klaren Wellen Zog über eine Fläche nah; Und dicht am Herzog stand er da, Auf dreißig Schritte sah er ihn So schußgerecht und ruhig knien, Sah ganz genau die Liebeslocke11 Sich streichen an der Binsenflocke. Brav war der Albrecht, aber wild, Schier Blut ihm aus den Augen quillt; Und war ihm ein Pistol zur Hand, Ich fürcht', er hätt' es abgebrannt, Obwohl es ewig ihn gereut. Doch nun die Strecke war zu weit, Das Schwert zu kurz; er duckt am Strauch: Und wenn ein wandernd Wölkchen leicht Sich über Himmelsauge streicht, Er fürder gleitet wie ein Hauch. Und war der Herzog in Gefahr, Weit mehr noch Tilly, offenbar; Daß keiner ihn der Späher sah, Fast wie ein Wunder steht es da. Doch in den Liesner glitt er schon So leicht und freudig, als sein Roß Ihn wiehernd grüßt vom Fichtenschoß, Als sey er dem Schaffott entflohn. Das Dunkel wich, des Mondes Schein Drang flimmernd durch die Zweige ein, Und, eine weiße Schlange, sich Im Walde zog des Weges Strich. „Frisch auf, Alerte, tummle dich!“ Und durch den Liesner flog der Graf, Die Vögel zirpten auf im Schlaf; So reiten drei und zwanzig Jahr. Um seine Finger strich der Wind, Er meint es sey des Rosses Haar, Nie flog ein Reuter so geschwind, Als der sich selber Urlaub nahm. Und als er an die Veste kam, Ein wenig schwül ward ihm zu Muth, Doch Alles still in rechter Hut; Nur leise knisternd im Kamin Die Scheite noch zerfallend glühn. Glück auf, mein ritterliches Blut! Dem Kühnen ist Fortuna gut. Und Braunschweigs Herzog? Christian? Ei nun, der schlief in seinem Zelt. O hege nicht den frommen Wahn, Daß ihm Minuten nur vergällt, Der drüben starr im Moose lag! Nicht einen Deut gab er darum Was irgend eine Lippe sprach. Und sahst du ihn, gespannt und stumm, Sein Ohr dem trüben Warner leih'n, So sog es andre Kunde ein, Als die des Herzens Rinde bricht; Ihm ward ein ungenügend Licht. „Armsel'ger Narr! verrückter Wicht!“ Das war die ganze Litanei, Das Requiem für Johannes May. Und auf sein Feldbett streckte sich Der Braunschweig so gelassen schier Als ging es morgen zum Turnier; Nur einmal seine Rechte strich Die Locken aufwärts, dies allein Mocht' Zeichen tiefrer Regung seyn, Und dann — die Wimpern schlossen sich. So groß war seine Willenskraft, Daß sie dem Schlummer selbst gebot, Die Sinne hielt in steter Haft; Er konnte, wie es eben Noth, Die Ruhe scheuchen Wochen lang, Und schlafen unter Schwertes Hang. Jetzt, wo Geschick die Würfel hält Zum letzten Satz um Land und Ehr', Sähst du ihn schlummern unter'm Zelt: Du dächtest, nur von Sehnen schwer Verträum' ein achtzehnjährig Kind In süßem Wahn die Nächte lind. Wie edel seine Formen sind! Die Stirne, hochgewölbt und rein, Die Farbe klar, die Lippe fein; Ja, ja! so war er, eh der Wurm Am Marke nagte, eh der Sturm Die Blätter schüttelte vom Ast, Ein zärtlich stolzer Page fast: So hätt' er seiner Königin Gedient, schien Anmuth ihr Gewinn, Und drum nicht minder ruhmeswerth Gezückt sein tadelfreies Schwert. Ich sag' es noch: ein edler Stamm Verflechte in des Hofes Schlamm; An eine Ceder Frauenhand Zerstörend hat gelegt den Brand, Die, wehe! jetzt in Traumes Haag Nur Sodomsäpfel treiben mag! Um sein Gesicht ein Lächeln flog, So sonnig als am Tage nie, Und nach ihm glühe Röthe zog; Vielleicht im Traume sah er sie Die Laute rühren, und vielleicht Ein Wort ihr von den Lippen fleugt, Wie arglos schwimmend in den Tönen, Dem jeder Herzschlag mußte fröhnen. So ward es ihm zum letzten Mal, Es war ein Maientag in Prag, Als flimmernd stieg der Wasserstrahl, Die Nachtigall den süßen Schlag Ertönen ließ aus Busch und Haag, Und achtlos hingesummte Weise, Oft unterbrochen, klagend, leise, Wie Echo von den Lippen flog, Indeß der Schwan die Kreise zog, Und mancher Silbertropfen traf Der Herrin Blüthenstirn und Schlaf. Träumt ihm so Süßes? Nun, es mag! Nur Herbes bietet ihm der Tag. Und in demselben Zelte lag Der junge Schlick, und Styrum auch, So war des Herzogs steter Brauch: Bei Tag und Nacht der Adjudant Sey immer fertig und zur Hand. Drum nahe an der Leinenwand Das brüderliche Feldbett stand. Und Styrum mochte fester schlafen, Als alle deutsche Herr'n und Grafen; Doch also nicht der finstre Schlick, Den seltsam paarte das Geschick Mit Jenem der so leicht und klar, Als schwer und trübe Otto war. Graf Otto Schlick — horch, wie er stöhnt! Schau, wie er ruhelos sich dehnt! Nicht Luft und Lampe sollen wissen, Was heut er hat erleben müssen; Drum hält er seine Hand so fest An die geschwollne Stirn gepreßt, Und weiß nicht, daß an Fingerspitzen Verrätherische Tropfen blitzen. In dieser Nacht, vor Einem Jahr — Es war ein ehrenwerthes Haupt, Ein theures Haupt mit grauem Haar — Und jetzt — wer hätte das geglaubt! Es ist ein Sohn, dem grimmig wacht Der Wunde Qual in dieser Nacht; Es ist ein Sohn, deß Phantasieen Um augenlose Schädel ziehen, Um tapfre Rechten, fleischesbaar. 12 Und wahrlich, wer in diesem Jahr Die Moldaubrücke ging entlang, Wenn einsam nur die Welle klang, Der Mond durch Regenwolken drang, Der sagte: schaurig sey zu sehen Im feuchten Wind der Bärte Wehen. An Otto's Brust wie ein Vampyr Die Rache lag so grimm und gier, Und keinem Andern war so lieb In Feindes Leib der blanke Hieb. O, könnt' er deine Thürme, Prag, Zerschmettern nur mit Einem Schlag: Gleich wär' es, ob der Hammer brach! Vom Lager sprang der junge Schlick, Trat vor das Zelt und sah hinauf, Wo in das Dämmergrau zurück Verrauchend wich des Mondes Lauf. Nur einsam ließ die Schimmer fallen Der Morgenstern aus Domes Hallen. „O Sonnenbote, Hesperus! „Führ' ihn herauf den heißen Tag, „Der manche Scharte zahlen mag!“ Die Lüfte kalt wie Sterbekuß Erseufzten, als er dieses sprach. Es war am siebenten August, Als so die Sonne ward ersehnt; 'S war eine kühne treue Brust, Um die der Morgenwind gestöhnt. Hell schmetterte Trompetenton; Frisch auf zu Roß, der Feind ist wach! Entlang den Liesner hörten schon Die Posten dumpfen Trommelschlag. Und wimmelnd über'm Haidegrunde Das Heer sich ordnete zur Stunde; Die Ordonnanzen flogen, laut Signale dröhnten über's Kraut, Ein langer Scolopender zog Des Fußvolks Linie, Speere hoch; Und klare Schlangenblitze floh'n, Wenn stäubend schwenkte die Schwadron. Es war ein heiß und klarer Tag, Wie der August ihn bringen mag; Vom Himmelsbogen glüh und steil Die Sonne schoß den goldnen Pfeil, Die Lüfte kochten, Mann und Roß Im Dampfe standen, das Geschoß Ward heiß dem Schützen in der Hand. Von Käfern wimmelte der Sand, Wenn langsam knarrend über'm Pfad Sich wälzte der Kanone Rad. Trompeten schweigen, Schaar an Schaar, Ein Säulenwall die Linie steht. Vor seinem Regimente Spar Mit langen Schritten musternd geht. Geprüfte Krieger, Feder weht Vom Eisenhute, Gürtel blitzt, Der Lederkoller aufgeschlitzt, Und Lederstrümpfe, derbe Schuh, Pumphosen, Taschen noch dazu, Ein Troß vor Allen kühn und schlecht; Die Partisane und das Schwert Sind seine Waffen, oft bewährt Beim Marodiren und Gefecht. Dicht hinter ihm der Obrist Schricken Ließ seine Karabiner rücken, Daß kräuselnd schwacher Windeshauch Trieb durch die Bärte blauen Rauch. Zur Linken Herzog Friederich Von Altenburg, dünn wie ein Strich, Mit rothem Haare, scharfen Zügen, Gewandt in Schwert- und Federkriegen, Hat seine Reiter aufgestellt. Ihm Thurn und Tolle sind gesellt; Graf Bernhard Thurn, ein schmucker Held, Ein Sprosse jenes dessen Witz So schlecht behagt dem Martinitz. Und diese Truppen allzumal Geworben sind mit größrer Wahl; Die Sitte nahm man nicht genau, War nur der Bursche keck und schlau. Filzhüte, Mäntel trugen sie, Stulpstiefel, steigend über's Knie; Der Mantel war ein seltsam Ding, Dem flügelgleich der Ermel hing, Und dieses Eine mocht' allein Die Engelspur am Träger seyn. Beim Schwerte sie Pistolen führten, Und trafen wenn sie galoppirten. Sie plünderten mit Höflichkeit Und kamen drum nicht minder weit. Wilhelm von Weimar hatte sich Gepflanzt zur Rechten ritterlich, Kraushaarig, stark, ein zorn'ger Mann; Die Eisenmänner führt' er an, Und seine Reiter schmolzen fast In ihrer heißen Kerkerlast. Der tolle Herzog nannte nie Sie anders als den „Thurm im Schach“. Wie Felsenblöcke saßen sie Und gaben grad' so wenig nach, Wenn, ungelenk wie Elephanten, Sie über Stock und Steine rannten, Auf Rossen von der schwersten Art; Brabants Gestüte gab die Zucht, Hochbeinig, knochig, lang behaart, Und selber eine wüste Wucht. Dennoch die Disciplin traf man Allein bei diesem Haufen an, Das heißt, was damals so genannt, Doch nicht verwehrte Raub und Brand; Und ganz allein auch diese Schaar Vollzählig noch seit gestern war. Auch Hakenschützen sah man stehn An ihren Gabeln, grad' wie Rohr; Aus Linienlücken grollend sehn Karthaunenschlünde schwarz hervor. Und Grenadiere, starke Leute, Die schweren Beutel an der Seite, — Der starke Arm, der feste Fuß Den Grenadier bezeichnen muß, — Sah man mit Zündstrick und mit Beilen Längs den Plotonen sich vertheilen. Dann Alles still, es stand das Heer So ruhig wie ein schlafend Meer, Die Blicke nach dem Forst gewandt, Man sah auch rucken keine Hand. Nur sacht der Fahne Welle rauscht, Ein Jeder horcht, ein Jeder lauscht. Und leiser als des Odems Fall, Viel leiser als der Fahne Wallen, Zog von des Feindes Feldmusik Heran ein ungewisser Hall; War's Windeszug? War es ein Schall? Und in demselben Augenblick Ein Rabenschwarm, so schwarz und dicht, Daß er gehemmt der Sonne Licht, Stieg krächzend aus dem Liesner auf, Dann langsam streichend über's Heer; Die Flügelschläge klatschten schwer, Und tausend Augen hoben sich. Ward Einem schauerlich zu Muth? Ich weiß es nicht, zu jener Zeit Viel anders fühlte man als heut, Wo kalt der Glaube, matt das Blut. Nun wieder mit des Windes Strich Der Bayern Marsch — ganz deutlich schon — Und um den Liesner, Zug auf Zug Der Rautenschildes Fahne trug, Sich schwenkte Fußvolk und Schwadron. Nun sind sie da, auf Schusses Weit', Es wimmelt, ordnet, dehnt sich breit: Die Heere steh'n zum Schlag bereit. Wer kann viel tausend Menschen seh'n In ihrer Vollkraft muthig steh'n, Und denken nun, wie Mancher fand Den jähen Tod, eh Sonne schwand, Daß ihn dann Schauer nicht beschlich! So glänzend unter'm Sonnenstich Die Waffe prahlt; der Loener Bruch,13 Mit Hirtenbuben nur bekannt, Barfüßig, lagernd in dem Sand, Noch nie so Blank- und Schönes trug. Schau! brechend aus der Linie Zug, Ein leichter Trupp stolzirend sprengt: Er theilt sich, fliegt, den Zaum verhängt; Auf steigt der Arm, es knattert frisch, Lichtblaue Wölkchen; im Gemisch Sieht, lustig plänkelnd über's Grün, Man Bayer, Sachs, gewandt und kühn Abblitzen und wie Pfeile fliehn. Man dächt', es sey ein zierlich Spiel, Säh' man nicht schwanken dort und hier Den Reiter, das verletzte Thier Im Felde schnauben herrenlos. Kommandowort — Trompetenstoß — Und Holsteins leichte Reiterei Trabt wie ein Sturmgewölk herbei. Standarte hoch: da hui! in's Knie, Den Speer gefällt, die Infanterie Lag wie ein Wall, und drüber her Es knatterte wie Wetterschlag; Der nahen Eiche Wipfel brach. Dann Pulverdämpfe schwarz und schwer Verhüllen Alles, einmal noch Den Qualm durchflog ein matter Schein, Als nun die Reiter hieben ein. Heiß ward gekämpft an diesem Tag; In beiden Heeren Keiner war, Der weichen mochte um ein Haar. Und nicht am weißen Berge mag So wilder Strauß gefochten seyn, Wo es um eine Krone galt. Mit den Centauren Weimar brach Die Linie ohne Widerhalt; Wohl Mancher stürzte wie ein Stein; O schwerer Tod! zerbrochen seyn, Zerschmettert von des Panzers Last! Was übrig blieb drang frisch voran, Und auch vom Regimente Spar, Da kein Pardon zu hoffen war, Da Aechter jeder einzle Mann. Die Landsknecht thaten Wunder fast, An Wittich dachten sie mit Wuth; Bei'm Himmel! sie bezahlten gut. Und heut Erwitte ward gewahr, Daß Glück und Muth nicht stets ein Paar; Obgleich vorauf an seiner Schaar Der Obrist wie ein Fleischer hieb, Mehr mußt' er räumen als ihm lieb. Schmid und Mortaigny thaten brav, Scharf der Kroaten Klinge traf, Des Holstein zierlich Rößchen flog Und tanzte wie ein Elfenthier, So fest den Hahn der Reiter zog, Gelassen, kalt wie im Revier, Und wer ihn zielen sah vom Roß, Denkt daß er nach der Scheibe schoß. Kühn waren Styrum auch und Reck; Doch Keiner wie der junge Schlick, Im Auge Basiliskenblick, Hieb zweimal stets auf Einen Fleck. Doch tapfer waren All' zumal, Nicht Einer der sich mochte schonen. Sechs Stunden brüllten die Kanonen, Sechs Stunden lang der helle Stahl Auf Pickelhaub' und Harnisch klang, Und über'n Grund sechs Stunden lang Sah man wie Hühnerschwärm' in Haufen Granat und Wachtel pfeifend laufen, Daß noch die Waage um kein Haar Zu Eines Heil gesunken war. Bei'm Braunschweig stand die Minderzahl, Doch Alles Männer hart wie Stahl, Den Tod nicht scheuend im Gefecht; Sie schlugen drein wie Henkersknecht'. So glühend wurde ihr Geschütz, Daß drüber fuhr der Funken Blitz Und mancher Kanonier die Hand An diesem Tage hat verbrannt. Viel spricht man von der Alten That; Doch kühner nicht Leonidas Focht zu Thermopylä am Paß, Als heut der tolle Halberstadt. Die Kugeln schienen ihn zu meiden, Das Schwert zu stumpfen seine Schneiden, Die brennende Granate lief Um Rosses Huf und schnurrte fort. Man sah ihn hier, man sah ihn dort: Wo das Gewühl am meisten tief, Da flog der Reiherbusch umher. Fürwahr, den Bayern ward es schwer Im dichten Staub und Pulverrauch, Wo glüh und aschig jeder Hauch, Da Windes Odem, umgestellt, Zu ihren Feinden ward gesellt, Und öfters nicht gesehn die Hand, Bevor gefühlt der Wunde Brand. Es fuhr der Speer wie eine Schlange, Die Erde dröhnt' vom Trommelklange, Gespenst'ge Waffen schienen sich Zu kreuzen wild und mörderlich. Doch ob es keinen Zollbreit wich, Allmählig schmolz des Herzogs Heer, Wie Schneeball unter'm Sonnenstich; Viel tausend lagen kalt umher. Und als für Augenblicke sich Der Dampf zertheilte, sah man klar, Wie schwer bedrängt der Haufen war. Ein Tropfen hing an jedem Haar, Aus den zerfetzten Kollern rann Das warme Blut den Grund hinan, Und Mancher mit der linken Hand Hat die Muskete abgebrannt. Noch standen sie wie eine Wand; Doch bald dem Bayer es gelang, Daß er ein wenig fürder drang; Und langsam weichend, Schritt für Schritt, Die matten Landsknecht' drängten mit, Dem Moore zu, das binsenreich Sich dehnte wie ein grüner Teich. O Christian! was frommt dein Muth, Dein fester Arm, dein fürstlich Blut! Als seine Krieger mußten weichen, Ha, welch ein Wüthen sonder Gleichen! Hätt' er den Hut des Fortunat, Sie sollten büßen auf der That! Doch die Besinnung kehrte schnell, Man sah ihn wenden auf der Stell', Und durch das Heer nach allen Seiten Mit abgezognem Hute reiten; Man sah ihn winken mit der Hand, Inständig flehend: „Haltet Stand!“ Nicht Einer war, der ihn verstand. So todesmüde der Soldat, So stumpf an Sinnen, ohne Rath, Kaum hörte des Signales Klang; Und schwer dem Herzog es gelang Mit wenig Treuen für Minuten Zu hemmen noch den letzten Schlag. Sie thaten was ein Mensch vermag, Vom Rosse sinkend, im Verbluten, Die Finger, steif in Todesnahn, Noch suchten des Pistoles Hahn, Sie stießen mit der Partisan, Am Grund auf blut'gen Stümpfen liegend, Und wimmernd sich im Moose schmiegend, Des Schwertes Spitze suchten sie Zu bohren in der Rosse Knie. Da plötzlich wie ein Ebertroß, Der knirschend vor dem Jäger rennt, Heran der Spar'sche Landsknecht schoß; Und hinterdrein auf flücht'gem Roß Das Herberstorfsche Regiment,14 Die Säbel hoch im Sonnenblitze, Den Albrecht Tilly an der Spitze. Und ein Gemetzel nun begann, So trieb es nie ein braver Mann Gen Feinde unbewehrt und wund; Man sah sie knieen auf den Grund, Die Hände falten um Pardon: v . Droste-Hülshof , Gedichte. 36 Ein Klingenhieb, geschärft durch Hohn, Die Antwort drauf, und Kolbenschlag Half Partisan und Schwerte nach. Kroatenmesser, scharf gewetzt, Auch hielten ihre Erndte jetzt; Wie Reisebündel, Kopf an Kopf Sah schwanken man vom Sattelknopf An Lederriemen oder Strick; Und glücklich wen der Tod beschlich, Eh' über'n Hals die Schneide strich. Wohl Einigen die Flucht gelang; Doch seitwärts nach dem Moore drang Des Feindes Nah'n; und wem das Glück Die feste Stelle gab im Moor, Der kam am Ende wohl hervor, Ein hülflos Wrack für Lebenstag, Das betteln oder stehlen mag. Doch Mancher an des Schlundes Rand Noch hat zum Kampfe sich gewandt, Und zog mit letzter Kraftgewalt Den blut'gen Feind vom sichern Halt; Dann wüthig kämpfend in dem Schlamm, Sie rangen wie zwei Wasserschlangen, Die sich in grimmer Lieb' umfangen. Zuletzt nur noch des Helmes Kamm Sah aus den Binsen, und der Schlund Schloß zuckend seinen schwarzen Mund. Nicht Albrecht Tilly ist der Mann, Den solch' ein Schauspiel freuen kann; Ob noch so heiß sein Blut gewallt, Als er geflucht im Hinterhalt, Ob ihm der erste Säbelhieb, Die erste Kugel so er schoß, Sogar die erste Wunde lieb, Gleich fürstlichem Araberroß, Das, wenn zu wild das Feuer kreis't, Sich auf die heißen Adern beißt: Doch sah man überall im Troß Ihn steuern, wie es möglich war; Zurück er Manchen riß am Haar; Vor Partisan und Kolbenschlag Er schützte Viel' an diesem Tag. Und selbst der wilde Obrist Spar, Dem des Kroaten blanker Schnitt Schon prüfend um die Gurgel glitt, Muß ihm Erhaltung danken. Doch, Ist Leben eine Gabe noch, Gefangen, wund, in Schmaches Joch? Und Christian? O bittrer Hohn! Er mußte fliehn, er ist entflohn! Kein kluger Rückzug, wie zuvor: Nein, scharf gehetzt durch Ruhmes Thor, Das krachend hinter ihm sich schloß. Als er die Sporen gab dem Roß, Sein Antlitz war so weiß wie Schnee, Und, schwärzlich steigend in die Höh', Auf seiner Stirn das Runenmahl Schien wie geätzt vom Wetterstrahl. Auch zuckt' er, und die Sage scholl, Es traf ihn eine Kugel dort; Doch sagt' er nichts und sprengte fort, Vielleicht nur zuckte inn'rer Groll. Vier Kompagnie'n, zerfetzt genug, Das war der ganze Heereszug Des Christian vom Loener Bruch. Auf Wiesenfluren, nett und fein, Zeigt sich der Flecken Ottenstein:15 Recht wie ein Fräulein, das sich jetzt Zur Bumenlese hat gesetzt, Wenn Bürger, stattlich, Mann und Frau, Lustwandeln durch die grüne Au. Am Schattenbaum die heitre Bank, Manch' Wiesenquellchen, klar und schlank, Den müden Wandrer weiß zu locken, Und gerne mag der Fuß hier stocken. Doch damals eine Veste lag, Wo jetzt des Gärtchens Blumenhaag. Und über'm Thore, schwarz und hoch, Das zwitschernd Schwalbenbrut umflog, Auf hohem Stuhl der Wächter saß, Bedächtig in der Chronik las, Nur wenig achtend auf das Paar, Das in der Fensterbrüstung stand, So leise flüsternd immerdar, Daß er die Hälfte nicht verstand. Gertrude ist's und Eberhard, Scheu vor des Ohmes Gegenwart, Ein Brautpaar seit der letzten Stunde, Mit allem Himmelsglück im Bunde. Was ward gesprochen? Allerlei, Wie immer reden solche zwei, Vom ersten Strahle überglänzt; Ist Einer dem es nicht ergänzt Nicht Gegenwart, Erinnerung: Gar arm ist er! wo nicht, gar jung! Sie hörten des Geschützes Schall; Doch brach es sich wie Widerhall An ihres Glückes heil'gem Dom. Und immer fürder las der Ohm Von Wechselbälgen, Wunderzeichen, Von Helden, mächtig ohne Gleichen; Es dünkt ihn seltsam, daß Ein Mann So viele Tausend zwingen kann. War er doch auch zu seiner Zeit Kein schlechter Kämp' im ernsten Streit, Der manche gute Lanze brach, Und weiß wohl was ein Mann vermag. Ständ's nicht mit klarer Schrift gedruckt, Er zweifelte; unwillig zuckt Die Braue, daß er, mit Verdruß, Sich so gering erscheinen muß. Zuweilen fährt ein halber Blick Auf seine Rüstung, Stück vor Stück, Wo an den Eisenpanzer just Gertrude hat die Stirn gelegt, Wie Balsam saugend in die Brust Des Liebsten Worte, tiefbewegt. Du ahnest Liebeständelei? Ach Nichts von diesem war dabei! Ein Gärtchen vor dem Thor hinaus, Ein kleines wohlbestelltes Haus Am Moore, wo man Feurung gräbt: Aus diesem Stoff ward es gewebt; Doch war es ihre Häuslichkeit, Ein Paradies zukünft'ger Zeit, Und um die Worte wiegten sich Viel tausend Engel minniglich. Und immer fürder las der Ohm Vom Pabste, vom Concil zu Rom, Von Fasten, Skapulier und Sack, Das war nicht eben sein Geschmack. Allmählig tiefer sinkt das Haupt, Die Lettern tanzen, sinnberaubt, Gleich einer Lampe im Verglimmen; Schon fühlt er die Gedanken schwimmen. Ein heller Ruf! Er fährt empor. Ha! Reiterschaaren dicht am Thor! Sie fliegen, daß der Anger pfeift. Von Mann und Thiere tröpfelnd läuft Das klare Blut, und Flockenschaum Fährt flatternd an Gesträuch und Baum. Wie ward der Thorwart grimm und wach! Wie griff er nach der Partisan! Rief laut: „Der tolle Christian!“ Und war der Herzog nicht so jach, Er sandt' ihm seine Waffe nach. Doch durch die Wiesen langgestreckt Das Roß die wunden Hufe reckt. Nun noch an Horizontes Grund — Nun sind sie fort. Des Wächters Mund Gab ihnen manchen guten Fluch, Daß, wen er trifft, der hat genug. So triumphirend schaut er nach, Wie Simson der Philister Schmach. Und wieder durch den grünen Raum Vereinzelt trabt ein armer Troß, Todtmüde Reiter ohne Roß, Die steife Ferse trägt sie kaum; Wie Hirsche keuchend vor dem Hunde, Nicht achtend Blutverlust und Wunde, Sie stolpern längs dem weichen Grunde; Der Eine fällt und rafft sich auf, Der Andre reckt den Arm hinauf, Und gichtrisch Zucken deutet an, Daß nun der Todeskampf begann. Dort hinkend ein erschöpfter Mann Steht an der Linde Stamm gelehnt, Man glaubt zu hören wie er stöhnt; Das Haupt er zweimal beugt zurück, Man glaubt zu sehn den stieren Blick. Dann stemmend an der Linde Zweigen, Die schattig über'n Anger neigen, Er müht sich mit der letzten Kraft Zu klimmen an des Baumes Schaft. Dreimal fiel er zurück in's Gras, Und schmerzbetäubt am Grunde saß, Und wieder dreimal setzt er an, Bis er den ersten Ast gewann. Dann schwindend in der Blätter Dach, Wo ihn der Himmel schützen mag. Und schon der Bayern Feldgeschrei Wie Rabenkrächzen dringt herbei, Schon Staubeswolken dicht und schwer Vom Horizonte rollen her: Da durch den Anger matt heran Trabt einzeln noch ein wunder Mann; Die Haltung edel, ob gebeugt, Von stolzem Blut genugsam zeugt. Man kann nicht wissen ob er floh, Krank war die Haltung, furchtsam nicht; Er wandte öfters sein Gesicht, Und eine Weile hielt er so. Dann langsam steigend von dem Thier Er schleppt sich mühsam für und für, Am Erlenstamme sah man ihn Im blutgetränkten Grase knien; Zum Fliehen fühlt' er keine Lust, Die Kugel lag in seiner Brust; Doch sterben unter Feindes Spott! Kroatenmesser! großer Gott! Zum Himmel blickt' er fest hinauf, Dann lös't er sacht den Koller auf, Und lang' sich streckend über's Grün, Noch einmal zucken sah man ihn. Mein junger Held, mein Otte Schlick! War dein der jammervolle Blick? Ob ungekannt dein stilles Grab, Das Morgens dir der Bauer gab, Nicht Marmorthräne drüber weint: Doch ewig bleiben wird dein Recht, Ein treuer Sohn, ein tapfrer Feind, Und heut der Letzte im Gefecht. Wie über'n Förster der durchwacht Auf Frevlers Spur die Sommernacht, Wenn halb die Wimpern sanken schwer, In Aesten braus't das wüth'ge Heer, Fuhr nun heran die wilde Jagd. Sie sprengten über Todt' und Wunde, Die hülflos wimmerten am Grunde, Und im Vorüberfliegen blos Schoß einzeln wohl ein Lanzenstoß. Als Einer längs der Linde strich, Ein Blutestropfen fiel herab, Da rasch im Fluge wandt' er sich, Und brannte die Muskete ab, — Nur Blätter wirbelten herab. Und weiter, weiter, nur voran, Sie saus'ten durch den Wiesenplan Dem tollen Herzog stets im Nacken, Wie Rüden nach dem Wilde packen. Sie sah'n ihn streifen über'n Raum, Oft nur auf Schusses Weite kaum Und jener moosbedeckte Stein Fürwahr, muß Holland's Gränze seyn: O hurtig setzt die Sporen ein! — Es ist umsonst, der letzte Mann Grad' über'm Scheidestrich entrann. v . Droste-Hülshof , Gedichte. 37 Dort mag, von Schaum und Dampf umhüllt, Verschnaufen das gehetzte Wild. Und grimmig schmetternd über'n Rasen Zum Rückzug die Trompeten blasen. Zweihundert Jahre sind dahin: Und alle, die der Sang umfaßt, Sie gingen längst zur tiefen Rast. Der Tilly schläft so fest und schwer, Als gäb' es keinen Lorbeer mehr; Und Christians verstörter Sinn Ging endlich wohl in Klarheit auf. Wie trübt die Zeit der Kunde Lauf! An seiner Brüder moos'gem Grab Beugt weidend sich das Rind herab, Und schreiend fliegt der Kibitz auf. Willst du nach diesen Hügeln fragen: Nichts weiß der Landmann dir zu sagen; „Multhäufe“ nennt er sie und meint Stets sey Wachholderbusch ihr Freund. Am Moore nur trifft wohl einmal Der Gräber noch auf rost'gen Stahl, Auf einen Schädel; und mit Graus Ihn seitwärts rollend, ruft er aus: „Ein Heidenknochen! Schau, hier schlug „Der Türke sich im Loener Bruch!“16 Anmerkungen zum ersten Gesange. 1) Christian Herzog von Braunschweig, gewöhnlich der tolle Herzog, der tolle Braunschweig, auch Halberstadt genannt, als ernannter Bischof von Halberstadt, ging in den ersten Jahren des dreißigjährigen Krieges zur protestantischen Religion über und trat als General in die Dienste des Pfalzgrafen Friedrich des Fünften, den die aufrührerischen Böhmen sich aus eigner Macht zum König gesetzt hatten, auch der Winterkönig genannt, nach der kurzen Dauer seiner Herrschaft. Christian, noch sehr jung, wurde zu diesem Schritte nicht sowohl durch Ueberzeugung geleitet, als durch seinen glühenden Haß gegen den Stand, den man ihm so ganz gegen seine Wünsche und die natürliche Neigung seines kriegerischen Geistes gegeben hatte, zu¬ gleich durch ein tiefes leidenschaftliches Interesse für die Gemahlin des Winterkönigs, Elisabeth, Tochter Jakobs des Ersten von England, eine der schönsten und vielleicht die ehrgeizigste Frau ihrer Zeit. Nach dem Ver¬ fall ihrer kurzen Herrschermacht konnte Christian sich nicht zur Ruhe geben. Ohne eigne Mittel dennoch ein bedeutendes Heer meistens von Rathlosen und Geächteten, von denen es damals wimmelte, zusammenbringend und sich mit einem kühnen Abentheurer, dem Grafen Ernst von Mansfeld ver¬ bindend, wagte er es den Krieg auf eigne Hand fortzusetzen. Dann von der protestantischen Union in Dienste genommen, unternahm er, mit ab¬ wechselndem Glück, die kühnsten Wagstücke, jedoch an der Uebermacht sich nach und nach verblutend. — Seit Monaten bereits vom Feldmarschall der katholischen Ligue, Johann Tscherklas, Grafen von Tilly, hart gedrängt, erhielt seine Macht am siebenten August 1623 bei dem Städtchen Stadtloen im Bisthum Münster den letzten Schlag, von dem er sich nicht wieder erholte. Nur mit Wenigen gelang es ihm die holländische Grenze zu erreichen, und als er bald nachher sowohl vor Kummer als an den Folgen seiner Wunden starb, ward sein Tod kaum bemerkt. Er war ein gewaltiger Krieger, die Geißel der Rheinlande und Westfalens. Da im Verlauf der Erzählung selbst sowohl der Charakter als das Schicksal des Christian von Braunschweig sich genugsam und durchaus geschichtlich treu entwickelt, so mag es mit diesen Andeutungen genügen. Er starb mit 25 Jahren. 2) Graf von Anholt, General der katholischen Ligue, hat dem Braun¬ schweig überall die meisten Niederlagen bereitet. Bei der Schlacht im Loener Bruch (eine weite Haide unweit Stadtloen) wird der Sieg zum größten Theile ihm zugeschrieben. Die Geschichte schildert ihn als einen wahrhaft frommen und milden Mann. 3) Johann Tscherklas, Graf von Tilly, Oberbefehlshaber der katholischen Ligue, doch unter dem Kurfürsten Maximilian von Bayern, der aber in den letzten Kriegsjahren nicht mehr persönlich bei der Armee war. — Sein kühner, grausamer Charakter ist hinlänglich bekannt. 4) Ein adeliches Frauenstift auf dem Wege von Steinfurt nach Ahaus. 5) Eben jene Pfalzgräfin Elisabeth, siehe Anm. 1. 6) Als ihr Gemahl, der Pfalzgraf Friedrich, Bedenken trug, sich in eine so gefährliche Sache, als die Annahme der böhmischen Krone, einzu¬ lassen, machte sie ihm die heftigsten Vorwürfe: Wie? Ihr habt es gewagt, eine Königstochter zu ehlichen, und habt nicht den Muth, nach einer Euch dargebotenen Krone zu greifen? Lieber will ich trocknes Brod an Eurem königlichen Tische essen, als Leckerbissen am pfalzgräflichen. 7) Ernst Graf von Mansfeld, gewöhnlich „der Bastard“ genannt, um ihn von seinem Vater Ernst von Mansfeld zu unterscheiden, der ihn in nicht ebenbürtiger Ehe zeugte, war einer der schlausten und zugleich kühnsten Abentheurer. Nachdem er vorher unter dem Erzherzoge Leopold gegen die Protestanten gefochten, ging er späterhin zu ihnen über, und richtete überall, bald im Dienste irgend eines protestantischen Fürsten, bald auf eigne Hand, mordend und raubend Alles zu Grunde, was ihm in den Weg kam. Sein Ende war traurig. Keinem recht treu, hatte er sich auch Niemandes Liebe und Beistand erworben. Als die allmählige Annäherung beider Partheien zum Frieden kriegerischen Freibeutern seiner Art keinen Spielraum mehr vergönnte, verlassen von denen, die ihn früher benutzt, zwang die Noth ihn, sein Heer in Böhmen zu entlassen, und nach so vielen Räubereien arm wie ein Bettler, brachte er durch den übereilten Verkauf seines Kriegsgeräthes eine kleine Summe zusammen, womit er zuerst nach Venedig, und, ging es fehl, weiter zu pilgern gedachte bis er ein Unterkommen gefunden. Bei Zara übereilte ihn der Tod. 8) Wahlspruch des Christian, den er sowohl in seinen Fahnen, als auch auf den Münzen anbrachte, die sämmtlich oder doch größtentheils aus ge¬ raubtem Kirchensilber geschlagen sind. Beim ersten Schlage bekam der Stempel einen Riß, den man deutlich auf den Münzen sieht. Als man den Braunschweig aufmerksam machte, daß dieses als ein übles Omen könne gedeutet werden, ließ er einen neuen Stempel mit gleichem Spruche ver¬ fertigen. Alle Münzen von ihm sind selten, die mit dem Stempelriß vor allen andern. Er führte übrigens in den Fahnen außer dem genannten Spruche noch mancherlei Sinnbilder und Devisen, z. B. tout pour Dieu et pour elle , dann einen Löwen an einem vom Sturm bewegten Baume: Ventus Altissimi , auch zwei Löwen, die nach der kaiserlichen Krone greifen, mit: Leo septentrionalis etc . 9) Der Lieutenant Platow hieß nicht nur, sondern war wirklich be¬ stellter Brandmeister im Heere. 10) Ahaus, eine kleine Stadt, fast am Eingange eines bedeutenden Fichtenwaldes, des Liesner , der sich bis an das Schlachtfeld, Loener Bruch, eine starke Stunde weit erstreckt. Sie war früher befestigt, doch zu jener Zeit waren die Werke bereits zerfallen; nur stand noch eine Veste in der Stadt, die ihrem Namen aber wenig entsprach. 11) In den letzten Tagen vor der entscheidenden Schlacht erhielt Braun¬ schweig drei Briefe von Mansfeld; der erste: „er werde ihm unfehlbar zu Hülfe kommen“; der zweite schon in zweifelnden und ausweichenden Aus¬ drücken; endlich am Abend vor dem Treffen: „er möge sich durchhelfen so gut es gehe, und auf ihn nicht ferner rechnen.“ 12) Spar, Obrist eines Regiments Landsknechte. Die übrigen bedeuten¬ den Anführer in Christians Heere waren: Herzog Friedrich von Sachsen- Altenburg, Herzog Wilhelm von Sachsen-Weimar, Obrist Schniken, die Obristen Tolle, Thurn und noch einige Andere, die in der Schlacht eine weniger bedeutende Rolle spielten. 13) Johannes May, eine fingirte Person, und nicht zu verwechseln mit dem Obristen May, einem der unbedeutenderen Anführer Christians. Die Sage, daß in der letzten Zeit sich mancherlei Anschläge und Verschwörungen gegen den Braunschweig angesponnen, die aber alle, mitunter durch die seltsamsten Zufälle, gescheitert, hat mich veranlaßt diese Episode einzu¬ schieben. 14) Groß Burloh, ein Cisterzienser Kloster, etwa eine Meile von Ahaus gelegen. 15) Ottenstein, ein hübscher damals befestigter Flecken in einer anmu¬ thigen Wiesengegend, etwa eine Meile von Stadtloen, und der holländi¬ schen Grenze nah. 16) Liesner, Name jenes Fichtenwaldes, wovon Anm. 10 Rede ist. Anmerkungen zum zweiten Gesang. 1) „Siehst drüben du den stolzen Bau?“ Einer der letzten gefürsteten Bischöfe von Münster, Clemens August von Bayern, baute ein schönes und großes Lustschloß in der Stadt Ahaus, vor etwa hundert Jahren. 2) Bethlem Gabor, Fürst von Siebenbürgen, versuchte zugleich mit Friedrich von der Pfalz seinen Fürstenhut mit einer Königskrone zu vertauschen und mit Hülfe der Pforte das Zepter von Ungarn an sich zu reißen. Die Geschichte dieses Unternehmens ist lang, allgemein bekannt, und gehört nicht hieher. Jetzt war er geschlagen und hatte sich nach Prag gewendet, doch noch mit einer bedeutenden Macht und großen Hoffnungen im Vertrauen auf den Beistand der Pforte, Christians Plan war, sich wo möglich mit ihm zu vereinigen. 3) Christian ward bei Höchst von dem vereinten Heere der Ligue ge¬ schlagen, eigentlich nur durch einen Mißverstand, da er seine Position un¬ vortheilhaft findend sich über die Rheinbrücke zurückzuziehen versuchte, was sein Heer als den Beginn der Flucht ansah. Das Gedränge auf der Brücke ward so groß, daß Viele in den Rhein stürzten und darin umkamen. Christian suchte Ordnung zu halten, so lange es möglich war; endlich daran verzweifelnd, ließ er sich im Kahne übersetzen, seinen Leuten zurufend: „Sauve qui peut!“ Er hielt sich übrigens auch dieses Mal unbegreiflich lange gegen die Uebermacht. 4) Erwitte hatte das Glück dem Christian beim Flecken Wittich eine kleine Schlappe anzuhängen, und erinnerte sich dessen zuweilen wohl etwas zu übermüthig. Er sowohl, wie die übrigen Hauptführer im Heere des Tilly, sind im Verlaufe des Gedichts genugsam charakterisirt und es bedarf keiner weitern Erläuterungen. 5) Geschichtlich. 6) Geschichtlich. 7) Friedrich von der Pfalz. 8) Es wird dem Friedrich zur Last gelegt, daß er noch heimlich bei der Belagerung des erwähnten Platzes zugegen gewesen sey, während die Fürsten für ihn beim Kaiser unterhandelten und er selbst sich zu den demüthigsten Bitten herabließ. 9) Geschichtlich. 10) Siehe Anm. 10 des ersten Gesangs. 11) Liebeslocke wurde eine lange Locke genannt, die am linken Ohre bis auf die Schulter herabhing, während das übrige Haar bedeutend kürzer gehalten wurde. Christian von Braunschweig erscheint aus allen Bildern mit dieser damals sehr beliebten Zierde. 12) Johann Andreas, Graf von Schlick, ward von den böhmischen Edlen abgesandt den Winterkönig an der Grenze zu empfangen; späterhin ward er nebst 11 andern der vornehmsten Rädelsführer enthauptet, und von jedem der Kopf und die rechte Hand an der Moldaubrücke zu Prag auf¬ gesteckt, sechs auf jeder Seite; die gleichzeitigen Schriftsteller erwähnen mit Grausen: wie schaurig es an trüben Abenden gewesen sey, das Wehen der greisen Bärte im Winde zu sehen. Johann Andreas starb sehr gefaßt; als man ihm stark zusetzte seinen Glauben zu verlassen, antwortete er: „Laß mich zufrieden, ich gehe zum Tode.“ Auf dem Schaffotte zog er noch seinen Siegelring vom Finger und übergab ihn seiner Tochter, mit dem Auftrage ihn baldmöglichst seinem abwesenden Sohne zukommen zu lassen. Ob es nun gleich nicht geschichtlich fest steht, daß dieser Sohn derselbe mit dem Schlick in Christians Heere sey, der bei Stadtloen so muthig kämpfte und tödtlich verwundet ward, in der Geschichte immer der junge Schlick ge¬ nannt, so steht doch dieser Voraussetzung auch nichts entgegen. 13) Loener Bruch: Name des Schlachtfeldes, einer weiten Haide zwi¬ schen Stadtloen und Ahaus, an der Einen Seite vom Liesner begränzt. Nicht fern, nach der Seite von Holland zu, liegt ein Moor; jetzt ist das Feld getheilt und beackert. 14) Das Herberstorfsche Kavallerie-Regiment ward an diesem Tage, in Abwesenheit seines Obristen, vom jungen Tilly kommandirt. 15) Ottenstein, siehe Anm. 15 zum ersten Gesange. 16) „Der Türke“ — unter dem Landvolk finden sich nur noch schwache Spuren einer Sage vom 30jährigen Kriege, unter dem Namen des Türken¬ krieges.