Lehrbuch der Gynaͤkologie, oder systematische Darstellung der Lehren von Erkenntniß und Behandlung eigenthuͤmlicher gesunder und krankhafter Zustaͤnde, sowohl der nicht schwangern, schwangern und gebaͤrenden Frauen, als der Woͤchnerinnen und neugebornen Kinder. Zur Grundlage akademischer Vorlesungen, und zum Gebrauche fuͤr praktische Aerzte, Wundaͤrzte und Geburtshelfer, ausgearbeitet von Carl Gustav Carus, Dr. der Philosophie, Medicin und Chirurgie, Professor der Entbindungskunst an der medicinisch-chirurgischen Akademie zu Dresden, und Director des dasigen Koͤnigl. Saͤchs. Hebammeninstituts, der Kais. Leopoldin. Akademie zu Bonn, der physikalisch-medicinischen Gesellschaft zu Erlangen, der Gesellschaft naturforschender Freunde zu Berlin, der naturforschenden zu Leipzig, der Koͤn. Saͤchs. oͤkonomischen und der mineralogischen zu Dresden Mitglied. Erster Theil. Mit einer Kupfertafel . Leipzig, bey Gerhard Fleischer. 1820 . Vorrede . W enn die Lehre von der Behandlung gesunder und krankhafter Zustaͤnde des weiblichen Koͤrpers uͤberhaupt, und besonders waͤhrend des hoͤchstwichtigen Zeitpunktes der Geburt, in neuer Zeit, verglichen mit dem Zustan- de in welchem sie sich noch vor ungefaͤhr hundert Jah- ren befunden, so große Fortschritte gemacht hat, so ver- danken wir dieses unfehlbar außer dem Einfluße des Fortschreitens gesammter aͤrztlicher Wissenschaft, doch ins- besondere der auch in diesem Zweige nach und nach im- mer mehr verloͤschenden widernatuͤrlichen Trennung zwi- schen Chirurgie und Medicin. Man darf sicher behaup- ten daß vorzuͤglich die Behandlung des Geburtsgeschaͤfts wenig ersprießliche Folgen haben konnte, so lange sie als bloßes Conglomerat gewisser mechanischer Fertigkei- ten erschien, die Beobachtung eigentlicher lebendiger Wirksamkeit des Organismus aber fast ausgeschlossen blieb, und man darf sogar uͤberhaupt annehmen daß Krankheiten des weiblichen Koͤrpers, so lange dem Arzte nicht eine klare Einsicht in die eigenthuͤmliche Natur dieses Geschlechts vorschwebte, nur wenig natur- gemaͤß behandelt werden konnten. Die Erkenntniß dieser Wahrheiten hat nun allmaͤhlig immer mehr auf Vernichtung der engen Grenzen, worin die Entbindungskunst sich eingezwaͤngt sah, hingewiesen, und darauf gedrungen, die Lehre von der Huͤlfsleistung bei der Geburt nur als eine besondere Disciplin der Lehre von der Natur und Behandlung des weiblichen Koͤrpers uͤberhaupt anzuer- kennen. Maͤnner wie Boër , mein trefflicher ehemaliger Lehrer Professor Joͤrg, Schmidmuͤller, Nolde, Schmitt, Faust , haben in diesem Sinne gelehrt und geschrieben, und wie ich mich selbst praktisch mehr mit diesem Zweige der Heilkunde befaßte, vorzuͤglich aber seit ich 1814 die Direktion einer bedeutenden Entbin- dungsanstalt uͤberkam, wurde mir dieses so zur festen Ueberzeugung, daß ich nicht nur nach diesen Grund- saͤtzen meine Vortraͤge ordnete, sondern fortwaͤhrend darauf bedacht war, Materialien zu sammeln, um eine Darstellung der gesammten Gynaͤkologie, welche als Ganzes bisher noch nirgens abgehandelt ist, einst daraus zu gestalten. Nachdem ich endlich mit der Ausarbeitung meiner naturwissenschaftlichen Studien zu einem Ganzen, durch die Herausgabe meiner Zootomie, nicht sowohl abgeschlos- sen, sondern mich nur durch Ordnung des Erworbenen zu weitern Forschungen vorbereitet und erleichtert hatte, schritt ich zur Ausfuͤhrung dieses Plans, welche Arbeit jetzt dem Publikum zu uͤbergeben ich mich im Begriff sehe. Ich lege diese Schrift fortwaͤhrend meinen Vor- traͤgen zum Grunde, und wuͤrde mich freuen wenn auch andere Lehrer dieselbe fuͤr gleichen Zweck zu benutzen angemessen faͤnden, habe denn auch deßhalb durchgaͤngig einer Praͤcision nachgestrebt, wodurch die Betrachtung der vielfachen hierher gehoͤrigen Gegenstaͤnde, welche in anderen Werken (z. B. dem in 4 Baͤnden noch nicht geschlossenen schaͤtzbaren Lehr- und Handbuche uͤber Ent- bindungskunst und Frauenzimmerkrankheiten des H. v. Siebold ) in einem groͤßern Umfange abgehandelt worden sind, in dem Raum zweier Baͤnde zu beendigen moͤglich wurde. Demungeachtet hat mich indeß diese Ruͤcksicht auch nicht abhalten koͤnnen, bey moͤglicher Kuͤrze doch den einzelnen Gegenstaͤnden diejenige Aus- fuͤhrung zu geben, wodurch dieses Buch zugleich Hand- buch fuͤr angehende Aerzte, und uͤberhaupt zum Nach- schlagen fuͤr besondere Faͤlle im praktischen Leben brauchbar werden konnte; denn was den muͤndlichen Vortrag be- trifft, so glaube ich nicht, daß er etwa nur dadurch indem er dem Zuhoͤrer einige Kenntnisse welche in dem absichtlich gewaͤhlten duͤrftigen Compendium fehlen, mit- theilt (obwohl man sie in jedem andern Handbuche leicht nachlesen kann), sondern dadurch seine wahre Bedeutung erfuͤllt, daß er durch lebendiges Wort und Wechselrede den Sinn fuͤr das selbstthaͤtige Eindringen in irgend eine Wissenschaft erwecke. — Mit Beifuͤgung literarischer Notitzen glaubte ich nur sparsam verfahren zu muͤssen, da ich es hier fuͤr die Hauptaufgabe hielt, zunaͤchst die Sache selbst, und zwar das Gepruͤfte und durch Erfahrung Bewaͤhrte, klar und bestimmt darzustellen. — Daß die zweckmaͤßige Benutzung des von Andern Geleisteten hierbei nicht uͤbergangen ist, wird man hoffentlich bemerken, jedoch auch sich uͤberzeugen daß ich, wo die Natur mir einen andern Weg zeigte, durchaus keiner bloßen Auto- ritaͤt gefolgt bin. Außer den literarischen Huͤlfsmitteln und in manchen schwierigen Punkten dem Rath gelehrter Freunde, unter denen ich insbesondre meine verehrten Collegen Hofrath Seiler und Kreysig zu nennen mich verpflichtet fuͤhle, habe ich so viel als moͤglich durchgaͤn- gig auf Naturbeobachtung mich gestuͤtzt, wozu mir ins- besondre die seit 1814 in den Annalen der Entbindungs- antalt genau aufgezeichneten mehr als tausend Geburts- faͤle Materialien liefern konnten, und so unterwerfe ich nit dem Bewußtseyn uͤberall das Beste treu beabsichtigt zu haben, diese Arbeit dem Urtheile sachkundiger Richter. Der Druck dieses ersten Theils war uͤbrigens bereits im vorigen Jahre beendigt, und wenn er selbst erst jetzt erscheint, so ist es nur um den zweiten Theil, welcher die physiologischen und pathologischen Zustaͤnde der Schwangern, Gebaͤrenden, Woͤchnerinnen und Neu- geborenen umfassen wird, diesem ersteren in kurzer Zeit nachfolgen zu lassen. Dresden , d. 1. Mai 1820. Dr. C. G. Carus . Inhalt des ersten Theils der Gynaͤkologie . Einleitung Seite 1 I. Allgemeine Gynaͤkologie . Erster Abschnitt. Von den Eigenthuͤm- lichkeiten im Baue und Leben des Wei- bes (allgemeine Physiologie) — 15 1) Eigenthuͤmlichkeiten in der Gesammtform des weiblichen Koͤrpers — — 2) Eigenthuͤmlichkeiten im Baue der weiblichen Ge- schlechtstheile und des weiblichen Beckens — 20 I. Zeichenlehre der weiblichen Geschlechtstheile — 35 II. Zeichen des regelmaͤßig gebildeten Beckens — 40 3) Eigenthuͤmlichkeiten der weiblichen physischen und psychischen Lebensaͤußerungen — — Zweiter Abschnitt. Von der Eigenthuͤm- lichkeit in den Krankheiten des weib- lichen Geschlechts (allgemeine Patho- logie — 57 Dritter Abschnitt. Von der aͤrztlichen Behandlung des weiblichen Organis- mus im gesunden und kranken Zustande (allgemeine Diaͤtetik und Therapie Seite 61 I. Von der Persoͤnlichkeit des Frauenarztes und Geburtshelfers — 62 II. von der Art und Weise die verschiedenen Zu- staͤnde des weiblichen Koͤrpers auszumitteln und zu untersuchen. 1) Untersuchung durch Gesicht und Getast. a ) die aͤußerliche — 68 b ) Innere Manualuntersuchung. — 72 2) Instrumental-Untersuchung — 76 III. Von den allgemeinen Regeln der Diaͤtetik und Therapie fuͤr das weibliche Geschlecht. a ) Diaͤtetik — 80 b ) Therapie — 84 II. Specielle Gynaͤkologie . Erster Theil . Vom Leben des Weibes an und fuͤr sich, im gesunden und kranken Zustande. Erster, physiologisch-diaͤtetischer Abschnitt . I. Von der normalen Entwickelung, Reife und Er- toͤdtung des Geschlechtscharakters — 89 II. Von den Regeln der Diaͤtetik waͤhrend der drei weiblichen Lebensperioden insbesondere — 98 Zweiter, pathologisch-therapeutischer Ab- schnitt . Erste Abtheilung . Von den Krankheiten in der ersten Lebensperiode des weiblichen Koͤrpers — 101 I. Von den angebornen Fehlern weiblicher Genitalien. 1) Von krankhaften Bildungen der aͤußern Ge- schlechtstheile Seite 101 2) Von krankhaften Bildungen der innern Ge- schlechtstheile — 104 II. Von der krankhaft zu zeitig entwickelten Pubertaͤt — 106 Zweite Abtheilung . Von den Krankheiten in der Zeit der Geschlechtsreife — 113 I. Allgemeine Krankheitszustaͤnde. 1) Unregelmaͤßigkeiten der Menstrualfunktion — 114 A. Mangelnde oder verzoͤgerte. Entwickelung der Men- strualfunktion — 115 B. Unvollkommene Menstruation — 127 C. Uebermaͤßiges Hervortreten der Menstrualfunktion — 143 D. Hemmung oder Unterdruͤckung der Menstrualfunktion — 151 2) Besondere durch Unregelmaͤßigkeiten der Puber- taͤtsentwickelung begruͤndete Krankheitszustaͤnde — 156 1. Verstimmung der Reproduktion waͤhrend der Pu- bertaͤtsentwickelung. Bleichsucht — 158 2. Verstimmung der animalen Funktionen waͤhrend der Pubertaͤtsentwickelung — 172 3) Mutterwuth, Manntollheit — 216 4) Unfruchtbarkeit — 221 5) Hysterie, Mutterbeschwerung — 231 II. Krankheitszustaͤnde der einzelnen weiblichen Ge- schlechtsorgane — 253 I. Krankheiten der Gebaͤrmutter . A. Stoͤrungen des Bildungslebens. 1) Entzuͤndung der nicht schwangern Gebaͤrmutter Seite 254 2) Blutfluß der nicht schwangern Gebaͤrmutter — 272 3) Weißer Fluß, Schleimfluß der weiblichen Ge- burtstheile — 294 4) Wassersucht der nicht schwangern Gebaͤrmutter — 309 5) Von den verschiedenen speckigen, fleischigen oder knoͤchernen Ausartungen der nicht schwangern Ge- baͤrmutter — 316 6) Von den polypoͤsen Auswuͤchsen an der innern Flaͤche der Gebaͤrmutter — 326 7) Von der boͤsartigen Verhaͤrtung und dem offe- nen Krebse der Gebaͤrmutter — 339 B. Abnorme Lagen der nicht schwangern Gebaͤrmutter. 1) Vorfall der nicht schwangern Gebaͤrmutter — 364 2) Schieflagen der nicht schwangern Gebaͤrmutter. 1) Vorwaͤrtsneigung — 379 2) Ruͤckwaͤrts eigung oder Zuruͤckbeugung — 381 3) Umkehrung oder Umstuͤlpung der nicht schwangern Gebaͤrmutter — 383 II. Krankheiten der Mutterscheide — 388 1) Von den Mutterscheidenpolypen — — 2) Von dem Vorfalle der Mutterscheide — 389 3) Von dem Mutterscheidenbruche — 393 Mittelfleischbruch — 399 III. Krankheiten der Eierstoͤcke — 400 1) Entzuͤndung der Eierstoͤcke — — 2) Wassersucht der Eierstoͤcke — 406 3) Von den Speck- und Fleischgeschwuͤlsten, Verknoͤ- cherungen, so wie von Erzeugung fremder Koͤrper in den Eierstoͤcken Seite 412 IV. Krankheiten der Bruͤste — 414 1) Krankhafte Entwickelung der Bruͤste in den Zeu- gungsfaͤhigen Jahren uͤberhaupt. 1) Congestionen nach den Bruͤsten und Schmerzhaft- werden derselben — 415 2) Unvollkommene Ausbildung der Bruͤste und vorzei- tiges Welken derselben — 417 3) Uebermaͤßige Ernaͤhrung und Fettanhaͤufung um dieselben — 418 2) Besondere Degenerationen im Innern der Bruͤste — 419 1) Von den Milchknoten in den Bruͤsten — 420 2) Von den skrophuloͤsen Verhaͤrtungen der Bruͤste — 422 3) Von den Balggeschwuͤlsten der Bruͤste — 423 4) Lymphatische und Blutgeschwuͤlste der Bruͤste — 427 5) Vom Skirrhus und Krebs der Bruͤste — 428 V. Von einigen krankhaften Zustaͤnden der aͤußern Geburtstheile — 441 VI. Von einigen krankhaften Zustaͤnden der weiblichen Harnwege — 445 1) Von der betraͤchtlichen Erweiterung der Harnroͤhre — — 2) Gefaͤßgeschwulst der Muͤndung der Harnroͤhre und Verdickung der die Harnroͤhre umgebenden Zell- haut, nebst varikoͤser Beschaffenheit ihrer Gefaͤße — 447 3) Von den Steinbeschwerden des weiblichen Ge- schlechts — 449 Dritte Abtheilung . Von den Krankheiten in der letzten Lebensperiode des weiblichen Koͤrpers Seite 454 I. Zu zeitiges Erloͤschen der Menstrualfunktion — 455 II. Von der zu lange fortdauernden Menstrualfunk- tion — 457. Erklaͤrung der zum ersten Theile gehoͤrigen Kupfertafel — 459. Lehrbuch der Gynaͤkologie . 1 Einleitung . §. 1. V iel des Eigenthuͤmlichen und Beachtungswerthen’ sowohl seiner Bildung, als seinem Leben nach, bietet der weibliche Koͤrper jeder aufmerksamen physiologischen und aͤrztlichen For- schung dar. Abgesehen sogar von den eigentlichen Werkzeu- gen des Geschlechts, finden wir so viel Ausgezeichnetes im Wesen und in der Art weiblicher Organisation, sehen dieß Al- les auf so regelmaͤßige und merkwuͤrdige Weise sich entfalten, nehmen wahr so mannigfaltiger Aeußerungen eines besondern Lebens, vom Erscheinen der Geschlechtsreife an, durch die hoͤchste Entwicklung des Fortpflanzungsvermoͤgens bis zum Erloͤschen dieser Thaͤtigkeit hin, und bemerken endlich in alle diesen Perioden so eigenthuͤmliche, nur in diesem Koͤrper moͤg- liche Krankheitszustaͤnde, daß dieß uns wohl berechtigen darf, auch diesen Kreis in sich streng verbundener Naturerscheinun- gen, gleich so manchem andern, als ein geschlossenes Ganze, als einen abgesonderten, fuͤr sich bestehenden Zweig der Na- tur- und namentlich der Heilwissenschaft zu betrachten. §. 2. Indem es nun in vorliegender Arbeit unser Zweck ist, eine Uebersicht saͤmmtlicher hierher gehoͤriger Gegenstaͤnde, in so weit sie den aͤrztlichen Wirkungskreis beruͤhren, zusammen- zustellen; so glauben wir dieselben unter dem Namen der Gynaͤkologie Von γυνη, γυναικος Weib und λογος Wort, Lehre. schicklich vereinigen zu duͤrfen. Ohne dem- nach das Wort Gynaͤkologie in seiner weitesten Bedeutung zu nehmen (so wenig als wir dieß bey andern aͤhnlichen Wor- ten z. B. Physiologie zu thun gewohnt sind) definiren wir es als: die Lehre von der Eigenthuͤmlichkeit des weiblichen Koͤrpers, seinem Bau, seinem Le- ben, seinen Krankheiten und der ihm angemesse- nen so diaͤtetischen als aͤrztlichen Behandlung nach . §. 3. So gewiß aber im Allgemeinen der volle Begriff eines Theiles nur erlangt wird aus der wohlaufgefaßten Idee des Ganzen, so unmoͤglich es z. B. seyn wuͤrde eine treue Vor- stellung vom Leben eines besondern Organs zu erhalten, ohne deutliche Ansicht des gesammten organischen Koͤrpers, so un- zweckmaͤßig scheint es auch zu seyn, wenn die Geschichte ei- niger besondern Vorgaͤnge des weiblichen Lebens aus dem Ganzen der Gynaͤkologie herausgerissen und als eine in sich beschlossene Lehre dargestellt werden soll. Demohnerachtet hat ein solches Verfahren ruͤcksichtlich der Geburtshuͤlfe bisher fast allgemein Statt gefunden, und wir werden leicht hierin den Grund davon erkennen koͤnnen, daß eben die Geburtshuͤlfe bisher einer strengern wissenschaftlichen Ordnung so sehr er- mangelte, ja sogar ihr Begriff von Verschiedenen auf so ver- schiedene Weise erfaßt wurde. §. 4. Streng genommen ist aber Entbindungskunde oder Ge- burtshuͤlfe nur die Lehre von den Huͤlfsleistungen bey der Geburt, und doch, wer wird zu jeder dieser Huͤlfsleistungen geschickt seyn, wenn er nicht zugleich die Kenntniß der Schwan- gerschaft, des weiblichen Beckens und dergl. mit sich bringt? — welcher Geburtshelfer wird den an ihn gemachten Anforderungen entsprechen koͤnnen, dafern er nicht vom nor- malen und abnormen Verlauf des Wochenbetts eine naturge- maͤße Ansicht sich erworben hat? — und wie endlich, koͤn- nen alle diese merkwuͤrdigen Vorgaͤnge des weiblichen Lebens begriffen werden ohne Erlangung einer klaren Idee vom We- sen und Charakter des weiblichen Koͤrpers uͤberhaupt? §. 5. Diese Beduͤrfnisse fuͤhlend wurde nun das System der Geburtshuͤlfe oft ein Aggregat der heterogensten Bestandtheile. Von einem Verfasser wurden ausfuͤhrlichere anatomische Be- schreibungen mit aufgenommen, von einem Andern die Krank- heiten der Woͤchnerinnen zugleich mit abgehandelt, von einem Dritten blos die Geschichte normaler und abnormer Geburten mit den noͤthigen Vorkenntnissen aus der Schwangerschafts- lehre durchgegangen und die Beschreibung der geburtshuͤlflichen Operationen beigefuͤgt, wieder andere wollten sie blos auf Kenntniß mechanischer Huͤlfsleistungen beschraͤnken u. s. w., kurz man ließ weg, setzte zu, richtete ein, alles nach Will- kuͤhr, und wenn auch bey so verschiedenen Richtungen die Kunst im Ganzen bedeutend gefoͤrdert wurde und das Fort- schreiten der Physiologie auch auf manche Punkte dieser Dis- ciplin ein helleres Licht warf, so aͤußerte sich doch noch im Innern der Mangel wahrer wissenschaftlicher Gesetzmaͤtzigkeit, ein Mangel welcher so lange gefuͤhlt werden wird, als man etwas, das, gleich der Geburtshuͤlfe, nur Fragment eines groͤßern Ganzen ist, als ein fuͤr sich Bestehendes aufstellen will. §. 6. Bereits haben zwar mehrere scharfsinnige Gelehrte in diesem Fach das Unvollstaͤndige der Geburtshuͤlfe durch Aus- arbeitung eigener Schriften uͤber die Krankheiten des weibli- chen Geschlechts zu ergaͤnzen, und so aus diesen beiden Thei- len ein geordnetes Ganze zu schaffen gesucht; allein selbst diese Trennung scheint noch zu gewaltsam, da in der Natur das Geburtsgeschaͤft mitten zwischen die Vorgaͤnge der Schwan- gerschaft und Wochenzeit eingefuͤgt ist, da Krankheiten so oft aus einer in die andere Periode hinuͤberwirken, und da ge- burtshuͤlfliche Untersuchungen, ja sogar Operationen, auch bey krankhaften Zustaͤnden der Schwangern und Woͤchnerinnen, ja auch sonst, vorkommen koͤnnen. §. 7. Indem wir nun aber eben diese Trennungen zu vermei- den, und die gesammte Masse hierhin einschlagender Kennt- nisse zu einem Ganzen zu verbinden wuͤnschten, wird es noͤ- thig seyn theils von dem Endzweck und der Eintheilung der Gynaͤkologie, theils von der Art des Studiums und den Ei- genthuͤmlichkeiten in der praktischen Anwendung derselben noch einige naͤhere Schilderungen zu geben. §. 8. Endzweck der Gynaͤkologie kann aber kein ande- rer seyn, als den naturgemaͤßen Gang der Entwicklung des weiblichen Koͤrpers, so wie seiner mannigfaltigen eigenthuͤm- lichen Verrichtungen zu erhalten, oder dann wenn Stoͤrungen eintraten, die Entwicklung gehindert ist, die Funktionen un- terbrochen werden, den naturgemaͤßen Gang wiederherzustellen oder jene krankhaften Zustaͤnde so unschaͤdlich als moͤglich zu machen. Dieser Zweck ist zugleich fuͤr alle Perioden und Zu- staͤnde des weiblichen Lebens derselbe, und als Endzweck der Geburtshuͤlfe z. B. duͤrfte man daher keinesweges etwa blos das Beendigen der Geburt betrachten, vielmehr bleibt auch hier, Sorge fuͤr die Erhaltung naturgemaͤßen Geburtsver- laufs, und Sorge fuͤr dessen Wiederherstellung bey abnormen Verhaͤltnissen (zuweilen also auch Verzoͤgerung der Geburt) oder zum Mindesten moͤglichstes Beseitigen und Unschaͤdlich- machen vorhandener Abnormitaͤten Hauptaugenmerk des Ge- burtshelfers. §. 9. Die Eintheilung der Gynaͤkologie wird sich aus einer Erwaͤgung der verschiedenen Lebenszustaͤnde des weiblichen Koͤrpers leicht ergeben, und vollkommen wissenschaftlich d. i. streng logisch seyn koͤnnen, was bisher in der gesonderten Be- handlung ihrer Theile nirgends moͤglich war. — Sie zerfaͤllt aber zuvoͤrderst in einen allgemeinen und speciellen Theil, von welchen der erstere a ) den besondern Bau des weiblichen Koͤrpers und seine allgemeinern Lebensverhaͤltnisse b ) den gemeinsamen Charakter seiner Krankheiten c ) die allge- meinen Grundsaͤtze der Behandlung dieser Krankheiten und der weiblichen Natur im Allgemeinen umfassen muß. — Die spe- cielle Gynaͤkologie hingegen betrachtet den weiblichen Koͤr- per als begriffen in seinen besondern Verrichtungen und zwar er- stens den Verlauf seiner Lebenserscheinungen im gesunden und kranken Zustande blos an und fuͤr sich, ohne Ruͤcksicht auf die Zustaͤnde erhoͤhter Geschlechtsthaͤtigkeit bey Schwangerschaft, Ge- burt u. s. w., indem der ganze Kreis des weiblichen Lebens al- lerdings beschlossen werden kann, ohne daß diese Zustaͤnde ein- traten. Es wuͤrden aber drei Perioden in diesem Leben zu un- terscheiden seyn: a ) die der Entwicklung, oder der Kindheit b ) die der Geschlechtsreife und c ) die des Absterbens der Ge- schlechtsfunktion oder des Alters. §. 10. Zweitens aber wird es Gegenstand der Gynaͤkologie, das weibliche Leben in dem ihm eigenthuͤmlichsten Zustande er- hoͤhter Geschlechtsthaͤtigkeit, d. i. in dem Verhaͤltnisse zu einem Erzeugten, und zwar gleichfalls im normalen und abnormen Gange zu betrachten. Es gehoͤrt folglich hierher die Geschichte der Schwangerschaft, Geburt und des Wochenbetts; dreier Pe- rioden des weiblichen Lebens, welche auf das Bestimmteste jenen allgemeinen Lebenskreis wiederholen, und einen nicht minder be- schlossenen Ring darstellen, in welchem die Schwangerschaft der allgemeinen Koͤrperentwicklung, die Geburt der Geschlechtsreife, so wie das Wochenbett und die Stillungsperiode, als Uebergang und Ruͤckkehr zu einem fruͤhern Zustande, der Periode der Decrepidi- taͤt entsprechen wird. In allen diesen drei Perioden ist sonach nicht mehr das Weib an und fuͤr sich, sondern im Verhaͤlt- niß und in Wechselwirkung, mit einem zweiten in ihm Ent- standenen, Gegenstand der Untersuchung, und so wie man daher laͤngst sich genoͤthigt sah, den Koͤrper und das Leben des Kindes bey der Geschichte der Geburt ausfuͤhrlicher zu beruͤcksichtigen, so wird es nun’, bei einer umfassendern Be- handlung nothwendig, das Erzeugte, gleichsam als einen Theil, als ein vom Mutterkoͤrper aus ernaͤhrtes Gebild, sei- ner mannigfaltigen normalen sowohl als abnormen Beschaf- fenheit nach in allen jenen drei Perioden zu betrachten. §. 11. Es wird sich auf diese Weise der Plan fuͤr die ganze Gynaͤkologie in folgendem Schema darlegen lassen: Anmerkung . Es zeigt sich in diesem Schema, daß man die Abtheilung II der besondern Gynaͤkologie auch mit dem gemeinsamen Namen der Entbindungskunde (im weitern Sinne des Worts, denn im engern begriffe es nur die Phy- siologie, Diaͤtetik, Pathologie und Therapie der Geburt), so wie die physiologische, diaͤtetische und pathologische Seite die- ser Abtheilung als Bereich der Hebammenkunst ansehen kann. Daß wir uͤbrigens die Physiologie, Pathologie und Therapie des Erzeugten waͤhrend der Schwangerschaft und Geburt so wie des Neugeborenen selbst, hier mit aufnehmen, wird außer den §. 10. erwaͤhnten Gruͤnden, auch dadurch nothwendig, daß wir bedenken, wie selbst krankhafte Zustaͤnde des Erzeug- ten so vielfach auf den muͤtterlichen Koͤrper uͤberwirken. Was endlich die Art und Folge der Abhandlung dieser Gegenstaͤnde betrifft, so wird es am zweckmaͤßigsten seyn sowohl im ersten als zweiten speciellen Theile, erst das Physiologische und Diaͤ- tetische durchzugehen und dann das Pathologische und Thera- peutische desselben folgen zu lassen. §. 12. Die Art des Studiums der Gynaͤkologie ist, gleich dem der uͤbrigen Zweige der Heilkunde, um nicht zu sagen der Naturwissenschaft uͤberhaupt, eine dreifache. Gy- naͤkologische Kenntnisse naͤmlich werden erworben durch muͤnd- lichen Unterricht, durch Benutzung der vorhandenen Schriften und durch Beobachtung der Natur selbst. Kein Weg von die- sen dreien allein leitet indeß zum rechten Ziel, denn auf dem letzten versinken wir leicht in rohe Empirie, auf dem zweiten wird eine praktisch unhaltbare Gelehrsamkeit erwor- ben, und der erstere kann das jurare in verba magistri wohl veranlassen. Wuͤnschenswerth bleibt es daher stets, alle drei Verfahren zu einigen, obwohl fuͤr die vollkommenere Aus- bildung, das Beobachten der uͤberall unerschoͤpflichen Natur, in welcher erst viele Erfahrung uns recht einheimisch machen kann, das Wesentlichste bleiben wird. — Daß uͤbrigens dem Studium der Gynaͤkologie immer viele und mannigfal- tige Vorkenntnisse vorhergehen muͤssen, liegt wohl am Tage, und als die wichtigsten hierher gehoͤrigen erwaͤhnen wir 1) die allgemeinen Lehren der Mathematik und besonders der Me- chanik, 2) menschliche und vergleichende Anatomie und Phy- siologie, 3) Pathologie, Materia medica und Therapie, 4) Chirurgie. §. 13. Von der Eigenthuͤmlichkeit in der prakti- schen Anwendnng der Gynaͤkologie wird zum Theil noch ausfuͤhrlicher bei Beruͤcksichtigung derjenigen Eigenschaf- ten die Rede seyn, welche den Frauenarzt und Geburtshelfer auszeichnen muͤssen, hier nur von der angenehmen, und von der Kehrseite dieses Zweiges der Heilkunde einige Worte. — Theilt naͤmlich auch die Behandlung des weiblichen und kind- lichen Koͤrpers mit Ausschluß der Geburtsperiode ziemlich die Vortheile und Nachtheile aͤrztlicher Praxis uͤberhaupt, so ist doch die eigentliche Geburtshuͤlfe um so mehr von letzterer unterschieden. — Als angenehme Seite geburtshuͤlflicher Kunstuͤbungen duͤrfen wir aber namentlich zaͤhlen: eine mehr gesicherte, auf festern zum Theil mathematischen Grundsaͤtzen beruhende Physiologie, Pathologie und Therapie, so wie die so oft sich darbietende Moͤglichkeit schnelle und entscheidende, daher auch dankbarer anerkannte Huͤlfe zu leisten. Als Nach- theile hingegen sind die vielfachen, mit dieser Praxis unzer- trennlich verbundenen geistigen und namentlich koͤrperlichen Anstrengungen, die Widerwaͤrtigkeit, um nicht zu sagen Ekel- haftigkeit mancher Untersuchungen und Operationen, ja selbst die nicht geringe von Ansteckungen u. s. w. zu befuͤrchtende Gefahr zu erwaͤhnen. — Ob man uͤbrigens bey Behand- lung von Frauen und Kindern im Allgemeinen fuͤr die dem Arzte durch Unfolgsamkeit, Nachlaͤssigkeit, Redseligkeit, uͤber- maͤßige Reizbarkeit u. s. w. veranlaßten Beschwerden, die Beob- achtung und Behandlung einer zaͤrtern und feinern Organisa- tion als einigen Ersatz gelten lassen will, wird der Neigung und Eigenthuͤmlichkeit des Arztes uͤberlassen bleiben. §. 14. So waͤre es denn am Schlusse dieser Einleitung viel- leicht nur noch uͤbrig von den Schicksalen der Gynaͤkologie bei der Entwicklung der Wissenschaften uͤberhaupt das Wich- tigere zu erwaͤhnen, zugleich aber auf die einzelnen Maͤnner und ihre Werke hinzuweisen, welchen diese Disciplinen ins- besondre eine weitere Bildung und Bereicherung verdanken; allein die Masse hierhergehoͤriger Nachrichten und Angaben ist groß und weitlaͤuftig; eine ausfuͤhrliche Bearbeitung derselben kann daher in einem Werke dessen Bestimmung es ist die gepruͤftesten und moͤglichst ersprießlichen Grund- saͤtze der Wissenschaft selbst aufzustellen, keinen Platz finden, und einen fluͤchtigen Abriß davon zu geben (wie es in einigen Handbuͤchern geschehen ist) verschmaͤhen wir um so mehr, da durch eine halbe Kenntniß uͤberall wenig gewonnen ist, und besondere, das Ganze umfassende Schriften hieruͤber nicht fehlen Unter den Werken welche die Geschichte der Gynaͤkologie von den aͤltesten bis auf die neuesten Zeiten darlegen, verdient unstreitig ne- ben der auch diesen Zweig beruͤcksichtigenden Geschichte der Medicin von C. Sprengel , Fr. B. Osiander ’s Lehrbuch der Entbindungskunst. 1r Thl. Literarische und pragmatische Geschichte dieser Kunst. Goͤttingen, 1799. 8. den ersten Platz, denn obwohl hierin eigentlich nur ein Theil der Gynaͤkologie ins Auge gefaßt wird, sind doch auch die Fortschritte der Wissenschaft in den uͤbrigen Theilen keineswegs unbeachtet ge- blieben. Ferner gehoͤren hierher: theils eine Literarhistorie der Ent- bindungskunst von Le Roi , uͤbers. 1779, theils die noch bessere Schrift: Le Sue gelehrte und kritische Versuche einer Geschichte der Ge- burtshuͤlfe a. d. Fr. Altenburg 1786. 2 Thle. 8. (das Original erschien 1779.) Ferner geben eine tabellarische Geschichtsuͤbersicht der Gynaͤkologie: J. F. Schweighäuser tablettes chronologiques de l’histoire de la médecine puerpérale. Strasb. 1806. 8. — so wie die (obwohl zunaͤchst fuͤr Entbindungskunst berechneten) Zeittafeln im theoretischpraktischen Handbuche der Geburtshuͤlfe von Lud. Friedr. v. Froriep . 6te Aufl. Weimar 1818. Und endlich sind auch noch einigen andern Lehrbuͤchern der Geburts- huͤlfe Geschichtserzaͤhlungen angehangen: so unter den aͤltern den Werken von Smellie und Astruc, unter den neuern außer dem von Froriep auch dem Versuche eines vollstaͤndigen Systems d. Geburts- huͤlfe von Fr. Heinr. Martens . (Leipzig 1802.) . Indem wir sonach auf diese sowohl, als hinsichtlich der Menge besonderer Abhandlungen uͤber einzelne gynaͤkologische Gegenstaͤnde auf die Werke uͤber Literatur der Medicin im Allgemeinen verweisen Was die Aufzaͤhlung einzelner uͤber gynaͤkologische Gegenstaͤnde er- schienener Schriften betrifft, so verweisen wir vorzuͤglich auf Guil. God. Ploucquet Literatura medica digesta s. Reper- torium medicinac practicae, chirurgiae atque artis obstetriciae T. I—IV. Tub. 1808. 4. u. Supplem. Tub. 1813. 4. (Haupt- werk.) K. Fr. Burdach Literatur der Heilwissenschaft. 2 Bde. 1810. 8. J. S. Ersch , Literatur der Medicin seit der Mitte des acht- zehnten Jahrhunderts bis auf die neueste Zeit. Leipz. 1812. (Als kurzes, freilich auch fuͤr diesen Zeitraum nicht vollstaͤndiges Hand- buch, zu empfehlen.) Auch erschienen mehrere literarische Sammlungen fuͤr Gynaͤkologie insbesondre, welche indeß meist nur kurze Zeit fortgesetzt worden sind. Dahin gehoͤren: D. H. Roͤmer Annalen d. Geburtshuͤlfe, Frauenzimmer- u. Kin- derkrankheiten fuͤr 1790—91. Winterthur 1793—94. F. H. Martens kritisches Jahrbuch der Geburtshuͤlfe 1802. und ein aͤhnliches von J. A. Schmidtmuͤller 1807. So wie denn zum Theil auch die allgem. gelehrten Zeitschriften und noch mehr die Journale f. Chirurgie u. Geburtshuͤlfe, z. B. die Stein ’schen Annalen, Mursinna ’s Journal f. Chirurgie, Stark ’s Archiv, v. Siebold ’s Lucina u. deren Fortsetzung als Journal f. Geb.hlf. u. s. w., die Salzburger Zeitungen und die Allgemeinen medicin. Annalen hier aufzufuͤhren sind. Endlich aber ist zu bemerken daß auch in einzelnen Handbuͤchern, z. B. in v. Sie- bold ’s theoret. prakt. Lehrbuche der Entbindungsk. so wie in dessen Handbuche zur Erkenntniß u. Heilung d. Frauenzimmerkrankheiten, und im theoret. prakt. Handbuch d. Geburtshuͤlfe v. Lud. Fr. v. Froriep die Literatur uͤber die meisten Gegenstaͤnde der Gynaͤkolo- gie ziemlich vollstaͤndig aufgefuͤhrt ist. ist nur noch zu bemer- ken, daß am Schlusse oder auch im Texte der einzelnen Ab- schnitte stets eine Auswahl von den gepruͤftesten, auch dem angehenden Frauenarzt nothwendigen Wer- ken, wo moͤglich mit einigen den Inhalt kurz andeutenden Worten aufgefuͤhrt werden sollen. — So viel indeß scheint hier zu erwaͤhnen unerlaͤßlich, daß, wenn es hier unternom- men wird, die Gynaͤkologie unter den Neuern zuerst in ih- rer Gesammtheit als medicinische Wissenschaft aufzustellen, doch deshalb dieses Unternehmen nicht uͤberhaupt als fruͤher gaͤnzlich unversucht betrachtet werden duͤrfe, indem vielmehr gerade die aͤltesten Schriften uͤber diese Gegenstaͤnde keine Trennung zwischen Geburtshuͤlfe und Frauenkrankheitslehre an- erkannten, wovon theils die dem Hippokrates zugeschrie- benen Buͤcher, theils Moschions , theils des Octavii Ho- ratiani Gynäcia, theils des Albertus magnus, und Ande- rer Schriften Zeugniß geben, welche man der Mehrzahl nach in einzelnen Sammlungen Eine solche Sammlung wurde z. B. von Conrad Gesner be- gonnen, von Casp. Wolf weiter gefuͤhrt, von Casp. Bauhin u. spaͤter von Israel Spach erneut und zwar unter dem Titel: Gynaeciorum sive de mulierum tum communibus, tum gravida- rum parientium, et puerperarum affectibus et morbis, Libri Graecorum, Arabum, Latinorum veterum et recentium quotquot extant etc. Argentin. 1597. Fol. abgedruckt finden kann. — Doch ist es ja wohl das Schicksal der meisten Wissenschaften, daß zwar schon der erste Blick in ihr Feld den Gesammtkreis derselben ahnen laͤßt, spaͤterhin aber die groͤßere Ausbildung einzelner Zweige mannigfaltige Spaltungen noͤthig macht, bis denn endlich die Vereinigung der getrennten Theile zu einem Ganzen unumgaͤnglich nothwendig wird. I. Allgemeine Gynaͤkologie . Erster Abschnitt . Von den Eigenthuͤmlichkeiten im Baue und Leben des Weibes (allgemeine Physiologie). §. 15. B evor wir den weiblichen Koͤrper in den einzelnen Stadien seines Lebens betrachten und verfolgen koͤnnen, ist es noͤthig theils ein allgemeines Bild der Eigenthuͤmlichkeit seiner Orga- nisation wie seines Lebens darzulegen, theils gewisse Organe, deren Bildung und Verrichtung fuͤr das weibliche Leben vor- zuͤglich wichtig sind, einer genauern Betrachtung zu unter- werfen. 1. Eigenthuͤmlichkeiten in der Gesammtform des weiblichen Koͤrpers . §. 16. Stellen wir einen wohlausgebildeten maͤnnlichen und ei- nen aͤhnlichen weiblichen Koͤrper einander gegenuͤber, so erge- ben sich alsbald die betraͤchtlichsten und bedeutungsvollsten Verschiedenheiten, deren Wesentliches, um es sogleich im Gan- zen anzudeuten, auf Vorwalten der fuͤr Assimilation und Reproduktion bestimmten Gebilde , oder (was eben hierdurch begruͤndet wird) auf ein Hinneigen zum Typus des nicht vollkommen ausgebildeten , des kindlichen Koͤrpers zuruͤckgefuͤhrt werden kann. §. 17. Wichtig ist zuvoͤrderst in dieser Hinsicht die allgemeine Koͤrpergroͤße. Das Weib ist der Regel nach kleiner als der Mann, es ist dieß das Resultat der fruͤher beendigten, beschraͤnkten individuellen Entwicklung, deren Ursache wiederum aus der mehr hervorgehobenen geschlechtlichen Productivitaͤt sich ergeben wird. Eben aber weil die geringere Koͤrpergroͤße die Folge einer fruͤhzeitiger beschraͤnkten Entwicklung ist, zei- gen auch Kopf, Rumpf und Glieder andere Verhaͤlt- nisse als im maͤnnlichen, laͤnger fortwachsenden, zu groͤße- rer Reife gelangenden Koͤrper, und eben diese Eigenthuͤmlich- keit der Verhaͤltnisse ist es, welche vorzuͤglich die Annaͤherung an die kindlichen Formen zeigt und jetzt noch eine naͤhere Bestimmung fordert. §. 18. Zunaͤchst aber das Verhaͤltniß des Rumpfs zu den Glie- dern angehend, so sind die letztern durch die Zartheit und ge- ringere Laͤnge ihrer Knochen, wie durch die weniger ausge- wirkten Muskeln (eine Eigenthuͤmlichkeit des weiblichen Koͤr- pers uͤberhaupt) besonders ausgezeichnet. Der zartere Bau ist es, welcher sich in den obern Gliedmaaßen vornehmlich, und zwar an der schlankern Form des Ober- und Vorderarms so wie in der schmaͤlern Hand zu erkennen giebt; die gerin- gere Laͤnge der untern Gliedmaaßen ist dagegen namentliche Ursache der verringerten Laͤnge des ganzen Koͤrpers, als wel- che aus dem Baue des Rumpfes allein keinesweges sich er- geben wuͤrde. Also wie bey dem Kinde der Rumpf zu den Gliedern verhaͤltnißmaͤßig groͤßer ist als bey den Erwachsenen, so auch, obwohl in geringerem Verhaͤltnisse, im weiblichen Koͤrper. §. 19. Am Rumpfe selbst faͤllt sogleich der groͤßere Umfang des Unterleibes im Verhaͤltniß der Brust (wieder wie beym Kinde) in die Augen, der ganze Rumpf, welcher bey dem Manne eine mit der Basis nach oben gerichtete Pyramide darstellt, zeigt hier das umgekehrte Verhaͤltniß und wird auf- waͤrts nach der Schultergegend zarter und schmaͤler, die Bauchflaͤche selbst tritt gewoͤlbter hervor, die Darmbeine wei- chen mehr auswaͤrts, die Schambeine schließen sich in einem staͤrker gewoͤlbten Bogen und aus dieser breitern Basis des Rumpfes sind ferner die staͤrkern Schenkelmuskeln und breitern Huͤften erklaͤrlich. Junen untersucht, zeigt die weibliche Bauchhoͤhle ebenfalls, theils groͤßere Laͤnge (von der laͤngern Saͤule der Lendenwirbel abhaͤngig), theils, und zwar besonders abwaͤrts, groͤßere Weite (oberwaͤrts, wo sie vom Thorax mit umschloßen wird, ist sie etwas enger als beym Manne). Eben so ist daher der Darmkanal verhaͤlt- nißmaͤßig laͤnger, die Leber (als lungenartiges, als Abson- derungsorgan, und im obersten Theile der Bauchhoͤhle lie- gend), kleiner. §. 20. Die Brusthoͤhle betreffend, so ist sie von schlankern, gebogenern Rippen, mit verhaͤltnißmaͤßig laͤngern Rippen- knorpeln und schwaͤchern geradern Schluͤßelbeinen umgeben, ihr Raum, der aͤußern Form entsprechend, beschraͤnkter, und die darin befindlichen Organe, namentlich Herz und Lungen, kleiner. Mit letzterm Umstande zeigt sich ferner die Eigen- schaft der Stimmwerkzeuge in nothwendiger Verbindung und wir beobachten deßhalb eine engere 5—6 Knorpelringe mehr haltende Luftroͤhre, und einen engern, etwas hoͤhern, elasti- schern, an der Vorderflaͤche mehr abgerundetern Kehlkopf. §. 21. Diese Verschiedenheiten sind nun in Beziehung auf die oben (§. 16.) erwaͤhnten allgemeinen Bildungsmomente von besonderer Wichtigkeit. 1) Der Koͤrper, seinem Stoffwechsel I. Theil. 2 nach betrachtet, zeigt uns naͤmlich in der Athmungs- und Absonderungs-Funktion ein staͤtes Verfluͤchtigen und Abschei- den organischen Stoffes, welches eben so staͤtig dann durch Assimilation eingenommener Stoffe compensirt wird. Eben deßhalb sehen wir dann das Verhaͤltniß uͤberwiegender Pro- duktivitaͤt im Weibe durch das Ueberwiegen der, namentlich der Assimilation bestimmten Bauchhoͤhle uͤber die der Athmung bestimmten Brusthoͤhle ausgesprochen, ja in der doch im Ganzen groͤßern Bauchhoͤhle wieder die Leber verhaͤltnißmaͤßig kleiner. 2) Wie die niedern Thiergattungen, z. B. Fische, einen Rumpf besitzen, welcher noch fast nichts als Bauch- hoͤhle ist, wie die Bauchhoͤhle auch im Rumpfe des mensch- lichen Foͤtus die Brusthoͤhle außerordentlich und je fruͤher um so mehr uͤberwiegt, so erscheint auch im Weibe dieses Ver- haͤltniß als eine zum Typus niederer oder unvollendeter Or- ganisation sich hinneigende Eigenthuͤmlichkeit. 3) Wie in den niedriger stehenden Thiergattungen, z. B. Fischen, oder in den noch unvollkommen entwickelten Foͤtus die Knochen und Muskeln, kurz die Bewegungsorgane verhaͤltnißmaͤßig weniger ausgearbeitet sind, wie uͤberhaupt groͤßere Muskelthaͤtigkeit und staͤrkere so wie ausgedehntere Respiration gewoͤhnlich (z. B. bey dem Vogel) sich verbunden finden, so haͤngt mit dieser Beschraͤnkung der Respiration und uͤberwiegenden Pro- duktivitaͤt, der schlankere, zartere Knochen Am Weibe haben die Knochen nur ungefaͤhr 3/100, im Manne 10/100 der gesammten Koͤrperschwere. - und Muskelbau des Weibes zusammen. 4) Die groͤßere Bauchhoͤhle ferner, so wie der laͤngere Darmkanal, entspricht eben so der staͤr- kern Assimilation, als 5) die geringere Entwicklung der Brusteingeweide, die Neigung zu Brustkrankheiten und der zartern (kindlichern) Stimme. §. 22. Die Verhaͤltniße am Kopfe des Weibes endlich, zeigen abermals ein deutliches Hinneigen zur kindlichen Form, und zwar theils in dem feinern Knochenbau desselben, theils in den weniger entwickelten Zuͤgen des Gesichtes, der kleinern Nase, den nicht so hervorgehobenen Wangenbeinen, vorzuͤg- lich aber in dem, dem Kinde so eigenthuͤmlichen Ueberge- wichte des Schaͤdels gegen das Antlitz, welches Verhaͤltniß, obwohl in geringerem Grade, auch am Weibe bemerklich ist. Es steht ferner wieder mit dem Bau des Schaͤdels in ge- naustem Zusammenhange, wenn das Gehirn im Weibe ver- haͤltnißmaͤßig groͤßer und schwerer als im Manne gefunden wird, so daß, obwohl das Ruͤckemnark in beiden ziemlich gleich ist Ich fand es bey einigen Waͤgungen ganz gleich. , doch im Weibe das Gehirn, auch im Ver- haͤltniß zum Ruͤckenmark, mehr als im Manne praͤdomi- nirt, wobey wir wieder an das im Manne groͤßere, im Weibe schwaͤchere Vermoͤgen willkuͤhrlicher Bewegung denken muͤßen. §. 23. Was die Nerven und Gefaͤße des Weibes betrifft, so finden die erstern sich im Allgemeinen, und ihrem Verhaͤlt- niße zum Gehirn nach, so wie das Ruͤckenmark selbst, fei- ner , mit Ausnahme der Riechnerven, welche durch ihre groͤ- ßere Staͤrke wieder an die starken Riechnerven des Kindes erinnern. Eben so scheinen dann endlich auch die Arterien im Verhaͤltniße des kleinern Herzens von geringerer Weite (die zu den Geschlechtsorganen gerichteten Staͤmme ausge- nommen); wenn hingegen die Venen offenbar ein Erweite- rungsvermoͤgen besitzen, welches im maͤnnlichen Koͤrper nur selten beobachtet wird, und wodurch diese Gefaͤße an den wichtigsten Funktionen des weiblichen Koͤrpers auf das Ent- schiedenste Theil nehmen. Eine aͤhnliche Bewandtniß scheint es mit den Saugadern zu haben, deren hier groͤßere Ent- wicklung und Thaͤtigkeit mit dem schnellern organischen Stoff- wechsel des weiblichen Koͤrpers in genauer Verbindung steht. §. 24. Endlich, nachdem wir allgemeine Koͤrpergroͤße, so wie die Verhaͤltniße der einzelnen Koͤrpergegenden und der wich- tigern innern Organe betrachtet haben, bleibt uns noch die Eigenthuͤmlichkeit der Koͤrperoberflaͤche zu beruͤcksichtigen uͤbrig. Auch diese aber deutet durch ihre Beschaffenheit wie- der bestimmt auf die oben (§. 16. u. 21.) angegebenen Hauptmomente. — Die Hautflaͤche naͤhmlich ist weicher, wellenfoͤrmiger, weniger Umrisse von Knochen und Muskeln zeigend, theils wegen geringerer Entwicklung der letztern, theils wegen staͤrkerer Unterlage von Fett und Zellgewebe in Folge der vermehrten Produktivitaͤt, zugleich aber wieder selbst im zartern Baue des Hautorgans, die Annaͤherung an den Typus eines kindlichen Koͤrpers darstellend. Dasselbe gilt endlich auch von den Produktionen der Haut; das Haar ist weicher, feiner, laͤnger, uͤppiger hervorkeimend, allein wie im Kinde auf kleinere Flaͤchen beschraͤnkt, so daß Mund, Kinn und After unbedeckt von Haaren bleiben, ja auch am uͤbrigen Koͤrper auf Brust, Ober- und Unterschenkel eine sparsamere Entwicklung beobachtet wird. 2. Eigenthuͤmlichkeiten im Baue der weibli- chen Geschlechtstheile und des weiblichen Beckens . §. 25. Ohne die ausfuͤhrlichere anatomische Beschreibung hier zu beruͤcksichtigen, haben wir fuͤr jetzt nur auf diejenigen Momente in der Entwicklungs-Geschichte und in der vollen- deten Form dieser Theile zu achten, welche fuͤr die Physio- logie des weiblichen Koͤrpers uͤberhaupt und namentlich fuͤr die Geschichte der Schwangerschaft und Geburt von Wich- tigkeit seyn koͤnuen. §. 26. Die Geschlechtstheile betreffend, so nehmen wir hier zuerst auf die Bildung der innern Geschlechtstheile, und zwar insbesondere auf die des Fruchtbehaͤlters und seiner Fortse- tzungen Ruͤcksicht, indem von den Eyerstoͤcken nur eben die Einfachheit und Gleichfoͤrmigkeit ihrer Struktur Erwaͤh- nung verdient. — Untersuchen wir naͤmlich die Eyerstoͤcke anderer Thierklassen, z. B. der Voͤgel, der Amphibien u. s. w. so nehmen wir wahr, daß sie bey diesen als aus wirklichen Eykeimen zusammengesetzt erscheinen, welche, indem sie nach, oder auch vor der Befruchtung sich absondern, das deutlich sichtbare Material zur Bildung des Foͤtus abgeben. Selbst bey mehreren Saͤugethieren ist eine solche Zusammenhaͤufung von Eyblaͤschen am Eyerstocke noch sichtbar; z. B. bey meh- reren Nagethieren, den Hasen, Kaninchen u. s. w., da hin- gegen in den menschlichen Ovarien bekanntlich die Eyblaͤschen so undeutlich werden, daß mehrere Physiologen (neuerlich Wilbrand ) die Bildung des Embryo aus einem von den Ovarien kommenden Keime gelaͤugnet haben, womit wir in- deß um so weniger uͤbereinstimmen koͤnnen, da auch an den menschlichen Ovarien die Narben abgeloͤster Eykeime deutlich zu sehen sind. Von der Bedeutung dieser Eigenthuͤmlichkeit der Ovarien und namentlich des menschlichen Weibes kann indeß erst spaͤterhin bey der Geschichte der Empfaͤngniß und Schwangerschaft die Rede seyn. §. 27. Was ferner die Bildung der Fallopischen Roͤh- ren , des Fruchthaͤlters und der Scheide betrifft, so ist es zuvoͤrderst nothwendig, um eine naturgemaͤße Vor- stellung von Entstehung ihrer Form, und der Eigenthuͤmlich- keit ihres Lebens zu erhalten, alle drei Theile, als ein Continuum, als einen aufwaͤrts getheilten Y foͤrmigen Gang zu betrachten, wie wir im Embryo, und in tiefern Thierklassen dann diese Form wirklich, naͤmlich als bloßen Eyergang ( Oviductus ), und zwar entweder einfach (wie bey den Voͤgeln), oder doppelt (wie bey den Amphibien und Fischen) antreffen. S. mein Lehrbuch der Zootomie S. 611 u. f. In dieser Gestalt erscheint ein solcher Kanal vollkommen darmartig, muͤndet noch oft (wie bey den Amphibien und Voͤgeln) in den untern Theil des Darmkanals, erscheint dadurch gleichsam als Anhang dessel- ben und erinnert dadurch eines Theils an die Fortpflanzung der niedrigsten Thiergattungen, wo, wie bey vielen Pflanzen- thieren, der Darmkanal selbst Geschlechtshoͤhle ist, so wie andern Theils dadurch der in der Thaͤtigkeit von Geschlechts- und Verdauungswerkzeugen, als urspruͤnglich gleichartigen Theilen, so deutlich bemerkbare Consensus erklaͤrt wird. §. 28. Wie nun uͤberhaupt die fortschreitende organische Aus- bildung wesentlich in immer groͤßerer Theilung nach verschie- denen Richtungen begruͤndet ist, so zeigt sich nun auch bey der Entwicklung des Thierkoͤrpers das Trennen dieses einfa- chen oder doppelten Eyerganges in mehrere Theile. Bey der Mehrzahl der Saͤugethiere naͤmlich bildet sich die untere Abtheilung beider Ovidukten (Fallopischen Roͤhren) in einen Fruchthaͤlter aus, welcher ebendeßhalb als zweihoͤrnig ( Uterus bicornis ), d. i. V foͤrmig erscheint. Diese Hoͤrner werden dann bey der aufsteigenden Thierreihe immer kuͤrzer, bis im menschlichen Uterus (obwohl auch dieser jene Bildungsstadien durchlaͤuft) nur die Stelle des Zusammentreffens beyder Eyer- gaͤnge sich bestimmter als Fruchthaͤlter entwickelt, weßhalb dann auch die Bildung desselben am untersten Ende, naͤmlich am eigentlichen Punkte der Vereinigung beyder Gaͤnge, d. i. am Muttermunde fruͤher als an den obern Theilen vervoll- staͤndigt wird. Untersucht man daher den Uterus eines neu- gebornen Maͤdchens, so findet man den Grund desselben noch sehr klein, die Hoͤhle wenig, d. i. nicht mehr als den Kanal des Mutterhalses entwickelt, den aͤußern Muttermund hinge- gen sehr groß, die Waͤnde des Mutterhalses staͤrker, als die des Gebaͤrmutterkoͤrpers, kurz man darf sagen, daß in dieser Periode die Region des Scheidentheils des Uterus, die Re- gion der Fruchthoͤhle, eben so bestimmt uͤberwiegt, als bey vollendeter Entwicklung der Fruchthaͤlterkoͤrper und Grund den Scheidentheil uͤberwiegt; ja es wird dieß noch auffallen- der, wenn man an die Entwicklung des Uterus in der Schwangerschaft denkt, wo die Hoͤhle eine so außerordentliche Ausbildung erlangt und die Vaginalportion zuletzt voͤllig ver- schwindet (vergl. Tab. I. Fig. I. u. II. ). §. 29. Weit entfernt indeß, daß der Uterus, als mehr ent- wickelter Theil des gesammten Fruchtganges (Fallopische Roͤh- ren, Uterus und Scheide), von der darmartigen Struktur dieses urspruͤnglichen Gebildes gaͤnzlich abweichen sollte, so zeigt sich vielmehr in diesem Organe die Urbildung des ge- meinsamen Ganzen in ihrer vollsten Ausbildung, ohngefaͤhr auf gleiche Weise, wie das Herz die ausgezeichnetst entwi- ckelte Stelle des Gefaͤßsystems genannt werden kann. Gerade so naͤmlich wie der Ovidukt eyerlegender Thiere gleich dem Darmkanale 1) aus einer aͤußern, vom Bauchfelle herruͤh- renden Haut, 2) aus einer Muskelhaut, 3) aus einer Ge- faͤß- und Nervenhaut, und 4) aus einer innersten Flocken- haut besteht, so auch der gesammte Fruchtgang des mensch- lichen Weibes, und namentlich der aus ihm entwickelte Ute- rus, an welchem man den untern Theil, die Vaginalpor- tion, gleichsam als eine Einschiebung in die Mutterscheide ( Intussusceptio ) betrachten kann; so wie die bedeutende Lage der (namentlich venoͤsen) Gefaͤßgeflechte als Gefaͤßhaut, und die, vorzuͤglich zur Zeit der Schwangerschaft so aͤußerst be- stimmt entwickelte Faserlage, als Muskelhaut betrachtet wer- den muß. §. 30. Im Uterus finden wir sonach alle die Gebilde, welche der ihm eigenthuͤmlichen Thaͤtigkeitsform entsprechen, mir vollkommenster Bestimmtheit vor: naͤmlich 1) Gefaͤße, als der bildenden Thaͤtigkeit entsprechend (wobey vorzuͤglich das am allerstaͤrksten waͤhrend der Schwangerschaft bemerkbare Ueber- gewicht der Venen physiologisch wichtig ist, indem die Venen uͤberhaupt als die fruͤhern und verhaͤltnißmaͤßig weniger ent- wickelten Gefaͤße des weiblichen Organismus vorherrschend sind (§. 13.), und an seiner staͤrkern Produktivitaͤt mehr, als man wohl bisher gemeynt hat, Antheil nehmen); 2) Ner- ven, obwohl in minderer Anzahl, und verhaͤltnißmaͤßig zum Uterus (namentlich denselben in schwangerm Zustande ge- dacht) keineswegs bedeutend. Auch dieser Punkt seiner Or- ganisation ist aber in so ferne wichtig, als damit gerade das außerordentlich thaͤtige Bildungsvermoͤgen des Organs zusammenhaͤngt. Im ganzen Thierreiche sehen wir naͤmlich die Thaͤtigkeit der Reproduktion, und die Entwicklung des Nervensystems im umgekehrten Verhaͤltniße; Thiere, bey welchen gar kein, oder nur ein sehr unvollkommenes Nerven- system nachzuweisen ist, zeigen das groͤßte Reproduktionsver- moͤgen (man denke z. B. an die ungeheuere Regenerations- kraft der Polypen, der Krebse, Schnecken, Salamander u. s. w.), ja selbst im Menschen sehen wir die nervenlosen Ge- bilde der groͤßten Regeneration faͤhig, z. B. der Haare, Naͤ- gel u. s. w. Es ist also hiermit vollkommen im Einklange, wenn der Uterus uͤberhaupt, und namentlich in der Gegend des Koͤrpers und Grundes, nervenaͤrmer gefunden wird, die Gegend des Muttermundes aber empfindlicher und nerven- reicher sich zeigt, indem das letztere eben sowohl mit der zur Empfaͤngniß noͤthigen Reitzung, als das erstere mit der außerordentlichen Entwicklung des obern Gebaͤrmuttertheils in der Schwangerschaft zusammenhaͤngt. §. 31. Die Muskelfasern endlich sind als integrirende Theile des Uterus bekanntlich von mehreren Anatomen und Phy- siologen (noch neuerlich von Wenzel ) gelaͤugnet worden, wir haben daher die Gruͤnde anzufuͤhren, welche uns zu de- ren Annahme berechtigen. Naͤmlich 1) die Bildungsgeschichte des Uterus als eines vollkommen darmartigen Gebildes, 2) die Analogie, indem bey dem darmartigen Uterus der groͤßern Saͤugethiere, selbst im ungeschwaͤngerten Zustande, die Muskelfasern deutlichst erscheinen; 3) die unlaͤugbare Anwe- senheit von starken Faserlagen am schwangern menschlichen Uterus, welche ihrer Farbe, Gestalt, und ihrem Verlaufe nach ganz mit den Faserlagen der Harnblase u. s. w. uͤberein- stimmen, und welchen man nicht etwa aus dem Grunde die muskuloͤse Beschaffenheit absprechen darf, weil sie außer der Schwangerschaft beynahe unmerklich sind, indem a ) der Ute- rus in der Schwangerschaft erst als in seiner wahrhaften und vollkómmenen Ausbildung begriffen anzusehen ist, und es folglich damit sehr uͤbereinstimmt, wenn wir außer dieser Periode nicht alle seine Gebilde bestimmt entwickelt finden, eben so, wie z. B. niemand im Stande seyn wird, an dem noch nicht vollkommen entwickelten Darmkanal des Embryo, die Muskelfasern sichtlich darzustellen; b ) ferner kann aber auch das Ausbilden der Muskelfasern in der Schwanger- schaft, und spaͤterhin das wieder Verwischtwerden derselben, so wie ihre Reproduktion in einer kuͤnftigen Schwangerschaft keineswegs als etwas der Natur so widersprechendes ange- sehen werden, indem in einem Gebilde dessen Produktivitaͤt im Allgemeinen so sehr uͤberwiegt, auch Erscheinungen dieser Art, so wenig als das Wiedererzeugen von Gliedern mit allen Muskeln bey Krebsen und Salamandern, unmoͤglich bleiben. 4) Die Thaͤtigkeitsaͤußerungen des Uterus, in welchen wir das Wirken einer außerordentlich starken Bewegkraft nicht ver- kennen duͤrfen, als eine Kraft, deren Organ im ganzen thierischen Organismus eben die Muskelfaser ist. 5) Das Aufregen dieser Thaͤtigkeit durch Reitze, welche uͤberhaupt Muskularthaͤtigkeit zu erwecken pflegen, wohin theils mecha- nische Reitzung gehoͤrt (so z. B. erwecken Friktionen des Un- terleibes Wehen), theils aber inbesondere der galvanische Reitz als das eigentlichste Reagens fuͤr Muskelfaser zu rechnen ist (bekanntlich sah Reil schon das Zusammenziehen des darm- artigen traͤchtigen Uterus in frisch getoͤdteten Kaninchen unter Anwendung des Galvanismus; Versuche, welche ich mit glei- chem Erfolge wiederholte). §. 32. Ruͤcksichtlich der Fallopischen Roͤhren und der Scheide, so ergiebt sich nun ferner schon aus dem Vorigen, daß diese als weniger entwickelte Theile des allgemeinen Fruchtganges (§. 27. 28.) angesehen werden muͤssen, folglich das Wesent- liche ihrer Organisation noch mit der des Fruchthaͤlters uͤber- einstimmen wird, beiden daher auch dieselben Lagen von Mem- branen eigen sind, mit Ausnahme der Scheide, welcher der Ueberzug des Bauchfelles abgeht. Unstreitig ist es hingegen, daß beiden, gleich dem Uterus, Gefaͤße und Muskelfasern zukommen, von welchen letztern, daß sie in den Fallopischen Roͤhren vorhanden sind, die bey Saͤugethieren bestimmt nach- zuweisende peristaltische Fortbewegung des Eyes, Zeugniß ab- giebt, so wie von der muskuloͤsen Struktur der Scheide an- dern Theils, die am Eingange derselben verdichteten Faser- lagen ( Constrictor cunni ), ferner die Querfaltung der in- nern Haut (gerade dieselbe Erscheinung zeigt sich auch am entleerten Darme), und endlich mehrere, z. B. bey der Ge- burt, der Nachgeburt, wahrnehmbare Thaͤtigkeitsaͤußerungen derselben Beweise liefern. §. 33. Der Bruͤste endlich gedenken wir hier unter den Ge- schlechtstheilen noch insbesondere, um theils auf die Gruͤnde ihres fuͤr die praktische Anwendung der Gynaͤkologie so wich- tigen Consensus mit dem Uterus hin zu weisen, theils ge- wisse Eigenthuͤmlichkeiten ihrer Struktur bemerklich zu ma- chen. — Wenn naͤmlich uͤberhaupt das Geschlechtssystem gleichsam nur als ein dem lebendigen Koͤrper eingepflanzter Theil anzusehen ist, so daß auch ohne dasselbe die indi- viduelle organische Existenz allerdings moͤglich bliebe (ob- wohl nicht die Existenz der Gattung), so gilt dieß vorzuͤg- lich auch von den Ernaͤhrungsorganen des Foͤtus im mensch- lichen Weibe, und namentlich von den Bruͤsten. Auf sehr merkwuͤrdige Weise naͤmlich ist die Brustdruͤse gleichsam wie der Mutterkuchen an den Uterus, so auf die aͤußere Flaͤche des Thorax geheftet (die Placenta wurde daher schon von alten Physiologen als Mamma uterina bezeichnet); dort empfaͤngt sie die Saͤfte, welche noch nach der Geburt zur Ernaͤhrung des Kindes erfordert werden, und welche in niedern Klassen dem Jungen sogleich vom Eyerstocke aus als Dottersack, als gemeinsamer Chylusbehaͤlter mitgetheilt zu werden pflegen, hier aber, nachdem sie zuvor im Fruchthaͤl- ter selbst dem Foͤtus zugefuͤhrt worden, zu den Bruͤsten sich wenden. — Fruchthaͤlter und Bruͤste sind also in dieser Hin- sicht von gleicher Bedeutung , und daher der im Leben derselben deutlich bemerkbare Zusammenhang; denn nicht so- wohl in Verbindung von einzelnen Nervenfaͤdchen und Ge- faͤßen (z. B. wollten Einige den Consensus zwischen Uterus und Bruͤsten aus der Anastomose der epigastrischen Gefaͤße und der Art. mammaria interna erklaͤren) ist die Begruͤn- dung solcher Mitleidenschaft zu suchen, sondern eben in der organischen Bedeutung und urspruͤnglichen Gleichartigkeit oder Entgegensetzung verschiedener Theile, weßhalb dann auch manche durch Nerven und Gefaͤße nahe verbundene Theile keinen Consensus zeigen, da hingegen bey andern, wo diese Verbindung als sehr unerheblich erscheint, die Mit- leidenschaft bedeutend ist. §. 34. Bey der Bildung der Groͤße insbesondere ist ferner theils auf ihre, dem Uterus voͤllig gleichmaͤßige Entwicklung uͤber- haupt Ruͤcksicht zu nehmen, theils die Gleichmaͤßigkeit des Verlaufes der Milchadern nach der Warze, und der Blut- adern nach dem Nabelstrange an der Placanta zu bemerken; in welcher letztern Hinsicht auch erwaͤhnt zu werden verdient, daß selbst bey Thieren eine Uebereinstimmung der Placenta und Bruͤste in so weit statt findet, so daß demnach bey Thieren, wo das Chorion am Eye die Stelle der Placenta vertritt, auch die Bruͤste sehr platt sind (z. B. beym Pferde), da hingegen, wo am Eye viele Placenten sich finden, auch die Zahl der Zitzen sich vervielfacht (z. B. bey der Kuh mit 4 Zitzen fuͤr ein Junges), und endlich bey mehrfach werfen- den Thieren die Zahl der Jungen (folglich auch die Zahl der Placenten) mit der der Zitzen uͤbereinstimmt (Z. B. bey Hunden). — Es wird hierdurch erklaͤrlich, daß und warum auch bey verschiedenen menschlichen Individuen die Eigen- thuͤmlichkeit der Bruͤste in der Regel mit der der Placenten uͤbereinstimmen werde, so wie umgekehrt die Placenta fuͤr die Prognose des Stillungsgeschaͤftes wichtig wird, wovon weiter unten das Naͤhere. §. 35. Wir kommen nun zur Betrachtung des Beckens , als eines knoͤchernen Kanals, durch welchen das Kind bey der Geburt hindurchgetrieben wird, und in welchem die innern Geschlechtsorgane enthalten sind. In ersterer Hinsicht werden uns sonach die Dimensionen und verschiedenen Richtungen der einzelnen Beckengegenden interessiren, in letzterer physio- logischer Hinsicht muß uns die der Entwicklung der Ge- schlechtstheile gleichmaͤßige Entwicklung der gesammten Be- ckenform merkwuͤrdig seyn. Wir beginnen, mit Uebergehung der Zusammensetzung desselben aus Knochen und Baͤndern, bey der Eintheilung und Ausmessung desselben. §. 36. Das ganze Becken also theilen wir in das große und kleine Becken ( Cavitas pelvis major s. superior et minor s. inferior ), so zwar, daß die uͤber den Vorberg ( Pro- montorium ) und den obern Rand des Schambogens ver- laufende ungenannte Linie ( Linea innominata ) die Graͤnze beyder abgiebt. — Die Hoͤhle des großen Beckens nun insbesondere betrachtet, welche von hinten durch die Lenden- wirbelsaͤule, von der Seite durch die schieflaufenden Darm- beinflaͤchen, und von vorne durch die weichen Bauch- waͤnde begraͤnzt wird, zeichnet sich aus durch eine, oben breite und weite, abwaͤrts verengerte, also beynahe trichter- foͤrmige Hoͤhle, deren Querdurchmesser im wohlgebauten weib- lichen Koͤrper, von der Mitte eines Huͤftbeinkammes bis zum andern, 9 bis 10 Pariser Zoll betraͤgt, wo dagegen ihre Breite am Eingange ins kleine Becken bis auf 5 Zoll ver- ringert erscheint. — Fuͤr den Verlauf des Geburtsgeschaͤftes nun, so wie fuͤr den Zustand der Schwangerschaft, ist diese Trichterform in mehrerer Hinsicht wichtig; einmal naͤmlich, indem dadurch der schwangere Uterus die sicherste und ange- messenste Unterstuͤtzung erhaͤlt, andern Theils, indem durch diese schiefen Flaͤchen, namentlich das Einrichten der Laͤngen- achse des Kindes in die Fuͤhrungslinie des Beckens, und das Eintreten des Kindeskopfes in das kleine Becken vorbereitet und erleichtert, ja sogar bedingt wird. §. 37. Mannigfacher begraͤnzt, und deßhalb schwerer auszu- messen, ist der Raum des kleinen Beckens , an welchem folgende drei Gegenden daher besonders betrachtet und ausge- messen werden: — 1) der Eingang ( Apertura pelvis supe- rior ), eine von der ungenannten Linie begraͤnzte Flaͤche; 2) die Hoͤhle ( Cavitas pelvis minoris ), eine Flaͤche, deren Umfang durch eine in die Verbindung des zweiten und dritten falschen Kreuzwirbels und in die Mitte des Schambogens gelegte Kreis- linie bestimmt wird; 3) der Ausgang ( Apertura pelvis infe- rior ), welcher von den untern Raͤndern des Ossis sacri und coccygis, so wie den Ligamentis sacrotuberosis und sacro- spinosis, und endlich von den ossibus ischii, pubis und der symphysis ossium pubis bestimmt wird. §. 38. Die Dimensionen dieser Gegenden sind beym wohlge- bauten weiblichen Koͤrper, und zwar nach dem hierbey uͤbli- chen Pariser Maaß, folgende: 1. im Eingange a ) der geraden Durchmesser Diameter recta s. conjugata ) vom obern Rande der Schamfuge bis zum Vorberge = 4 Zoll, b ) der Querdurchmesser ( Diameter transversa ) von den aus- geschweiftesten Stellen zu beiden Seiten der ungenannten Linie = 5 Zoll, c ) die schraͤgen oder Deventer’schen Durch- messer ( Diametri obliquae ), deren erster von der rechten Krenz- und Darmbeinverbindung ( Symphysis sacro-iliaca ) bis zur linken Scham- und Darmbeinverbindung ( Synostosis pubo-iliaca ), deren zweiter von der linken Kreuz- und Darmbeinverbindung bis zur rechten Scham- und Darmbein- verbindung reicht = 4½ Zoll. 2.) In der Beckenhoͤhle a ) der gerade Durchmesser, von der Verbindung des zweiten und dritten falschen Kreuzwirbels bis zur Mitte der Scham- fuge = 4½ Zoll, b ) der Querdurchmesser, von einem Sitz- beinstachel ( spina ossis ischii ) zum andern = 4 Zoll. (Auch zieht man wohl noch eine Diagonalconjugata, Behufs der Anwendung innerer Beckenmesser, von der Mitte der Schamfuge bis zum Vorberge, eine Linie, welche dann der Conjugata der Beckenhoͤhle gleich, also 4½ Zoll, gefunden wird, und folglich aus ihrer Groͤße auch einen Schluß auf die Conjugata des Beckeneinganges erlaubt.) — 3. Im Be- ckenausgange : a ) der gerade Durchmrsser , vom untern Rande der Schamfuge bis zur Spitze des Schwanzbeines = 3½ Zoll (beym Zuruͤckweichen des Schwanzbeines jedoch auf 4 bis 4¼, ja 4½ Zoll vergroͤßert); b ) der Querdurch- messer, von einem Sitzhoͤcker ( Tuberositas ossis ischii ) zum andern = 4 Zoll (vergl. Tab. I. Fig. III. IV. V. ). §. 39. Man findet sonach bey diesen Ausmessungen, daß Be- ckeneingang und Hoͤhle, als Ellipsen, der Beckenausgang hin- gegen (bey zuruͤckgebogenem Schwanzbein) mehr als Kreis- form sich darstelle, daß jedoch ferner der groͤßte Durchmesser dieser Elipsen nicht die gleiche Richtung habe, sondern im Eingange quer, in der Beckenhoͤhle gerade gestellt sey, eine fuͤr die Bewegung des Kindes durch das Becken aͤußerst wich- tige Bemerkung. Endlich aber hat man auch zu beachten, daß der Eingang des kleinen Beckens in der Natur nicht als regelmaͤßige Ellipse sich darstelle, sondern durch das Hervor- ragen des Vorberges mehr die Gestalt eines im Ausschnitte sowohl, als an der Spitze abgestumpften Kartenherzens er- halte, so daß man eine etwas kleinere Ellipse von 4½ Zoll Laͤnge, und 4 Zoll Breite, am angemessensten auf zweyerley Weise, naͤmlich nach der Richtung der zwei schiefen Durch- messer, und folglich in die zu beyden Seiten des Vorberges befindlichen Ausbiegungen auf den Kreuz- und Darmbeinver- bindungen legen koͤnne. §. 40. Ferner haben wir die Hoͤhe des Beckens, den Scham- bogenwinkel, so wie Abstand und Richtung der Schenkelkoͤpfe, und endlich auch Neigung und Kruͤmmung des Beckens ge- nauer zu bestimmen. — 1. Die Hoͤhe des gesammten Be- ckens betreffend, so mißt sie 7 Zoll, wovon dem kleinen Be- cken an der Ruͤckwaͤnd 4½ Zoll, an der Seitenwand 3½ Zoll, an der Vorderwand 1½ Zoll zukommen. 2. Der Winkel , welcher unter der Schamfuge durch Scham- und Sitzbeine gebildet wird, ist ein Winkel von 90° d. i. ein rechter Win- kel (er unterscheidet insbesondere nebst der groͤßern Woͤlbung des Schambogens und der auswaͤrts gedruͤckten Raͤnder der aufsteigenden Sitzbeinaͤste, das weibliche vom maͤnnlichen Be- cken, und ist namentlich fuͤr die Entwicklung des Kindeskopfes aus der untern Beckenoͤffnung von Wichtigkeit.) §. 41. 3. Ruͤcksichtlich der Verbindung der Schenkel- knochen mit dem Becken achtet man theils auf den Winkel, welchen der Schenkelknochen und dessen Hals bildet; er betraͤgt 120°; theils auf den Winkel, welchen die Fort- setzung der Direktionslinie der Schenkelhaͤlse vor dem Vor- berge bildet; er betraͤgt 100°. Eine Linie vom aͤußern Umfange des großen Rollhuͤgels am Schenkelknochen ( Tro- chanter major ) bis zu dem gleichen gegenuͤberliegenden Punkte betraͤgt 13 Zoll. §. 42. 4. Die Neigung ( Inclinatio ) des Beckens wird durch die Verbindung desselben mit der Wirbelsaͤule und sein Verhaͤltniß zur Laͤngenachse des Koͤrpers bestimmt. Es fin- den sich naͤmlich die Seitenwandknochen des Beckens ( Ossa innominata ) unter ziemlich rechtem Winkel an das Kreuzbein geheftet; allein, da letzteres selbst ruͤckwaͤrts gebogen ist, so kann auch die Richtung jener Knochen nicht horizontal, sie muß vorwaͤrts geneigt seyn, welches so viel betraͤgt, daß der obere Rand der Schambeinverbindung bey aufrechter Stellung gegen 3 Zoll tiefer als der Vorberg gefunden wird. Die Flaͤche des Beckeneinganges ist sonach stark nach vorwaͤrts abhaͤngig (geneigt), und will man diese Neigung nun noch genauer bestimmen, so muß man den Winkel messen, welchen die verlaͤngerte Conjugata des Beckeneinganges mit der Hori- zontalebene bildet (vergl. uͤber Neigung und Kruͤmmung Tab. I. Fig. VI. ). Diesen Winkel nun erklaͤren die meisten Lehrbuͤcher der Geburtshuͤlfe, alle Levret Man darf nur das ganz verzeichnete Becken bey Levret ( l’art des accouchemens. Paris 1766. Tab. 4.) ansehen, um das Unrichtige dieser Augabe zu fuͤhlen. folgend, fuͤr 35° betragend, H. Froriep setzt ihn dagegen auf 40—43°; indeß uͤberzeugen mich meine Beobachtungen, daß auch dieß noch viel zu gering ist, wie man leicht sehen wird, wenn man genau nach dieser Annahme einen Beckendurchschnitt aufzeichnet, oder an Skeletten diesen Winkel mißt, wo man ihn bey uͤbrigens ganz regelmaͤßiger Koͤrperform wohl bis zu 60—65° vergroͤßert sieht. Ich glaube daher der Regel am naͤchsten zu kommen, wenn ich denselben, als die Mittelzahl aus mehreren Messungen, auf 55° festsetze. Was dagegen die Flaͤche des Beckenausganges betrifft, so findet man auch diese schief gegen den Horizont gestellt, und zwar wieder so, daß die vordere Seite tiefer als die hintere steht, und folg- lich in gleicher Richtung ein Winkel mit dem Horizont ge- bildet wird, welcher 18° zu betragen pflegt. Subtrahirt man nun von dem Winkel des Beckeneinganges mit dem Horizont, den Winkel des Beckenausganges, so erhaͤlt man den Winkel, unter welchem die verlaͤngerten Conjugaten des Beckeneinganges und Ausganges zusammenstoßen, naͤmlich ei- nen Winkel = 55° — 18° = 37°. Anmerkung . Fast in saͤmmtlichen Saͤugethieren ist die Neigung des Beckens so stark, daß die ganze Schamfuge bloß dem Schwanzbeine, und gar nicht mehr dem Kreuz- beine gegenuͤbersteht, woher dann eben die stark ruͤckwaͤrts gerichteten Geschlechtstheile und die veraͤnderte Begattungs- weise ( Coitus a posteriori ) sich erklaͤren. §. 43. 5. Endlich die Beckenkruͤmmung betreffend, so ist es sowohl zur Verstaͤndniß des Geburtsmechanismus, als auch fuͤr zweckmaͤßiges Vollfuͤhren aller im und durch das Becken vorzunehmender Operationen und Untersuchungen wichtig, die Richtung derselben, welche man in Form einer durch das Becken gefuͤhrten Linie sich vorstellt, auf das genaueste zu bestimmen. Fruͤher nannte man nun diese Linie Achse des Beckens , und Levret bestimmte sie als eine senkrechte , auf die Mitte der Eingangsflaͤche fallende Linie, welche sich folglich zur senkrechten Laͤngenachse des weiblichen Koͤrpers genau eben so verhalten muß, als die verlaͤngerte Conjugata zur Horizontalebene, d. i. welche mit derselben einen Winkel von 55° bilden, und deren Verlaͤngerung vom Beckenein- gange aufwaͤrts ohngefaͤhr den Nabel treffen wuͤrde. Offenbar verdient nun aber diese Linie den Namen der Beckenachse keineswegs, indem fuͤr einen durchaus gekruͤmmten Gang keine gerade Linie als eigentliche Achse dienen kann. Um da- her die Hoͤhle des Beckens genauer zu bestimmen, zog Roͤ- derer eine zweite Linie senkrecht auf die Mitte der untern Beckenoͤffnung, welche um 18° von der Laͤngenachse des weiblichen Koͤrpers ruͤckwaͤrts abweicht, und folglich in der Beckenhoͤhle mit der Levret’schen Achse unter einem Winkel von 143° sich kreuzt. Allein auch diese beyden Achsen zu- sammen genommen bestimmen die Beckenhoͤhle, so wie die Bewegung des Kindes und die Fuͤhrung der Instrumente noch nicht genau, ja zum Theil ganz falsch (denn das Kind tritt nicht nach Roͤderers Achse nach hinten, sondern vielmehr nach vorwaͤrts aus dem Becken), und man sah sich daher genoͤthigt, die Idee einer oder mehrerer Beckenachsen ganz zu verlassen, dagegen aber eine gekruͤmmte Linie ( Fuͤhrungs- linie ) anzunehmen. §. 44. Um nun diese Fuͤhrungslinie wahrhaft geometrisch, und also vollkommen genau zu bestimmen, finde ich folgendes Ver- fahren am augemessensten: — Man nimmt die Mitte der Schambeinverbindung, da, wo die Conjugata der Becken- hoͤhle ausgeht, braucht von dieser Conjugata die Haͤlfte (also eine Linie von 2¼ Zoll) als Radius, und beschreibt nun mit diesem Halbmesser einen Kreis um die Synchondrose herum, wo sich dann ergeben wird, daß der in die Becken- hoͤhle fallende Abschnitt dieses Kreises sowohl die Mitte des Einganges als Ausganges durchschneidet, als uͤberhaupt durch- gaͤngig in der Mitte der Beckenhoͤhle verlaufend, die wahre Fuͤhrungslinie auf das Bestimmteste angiebt, woraus sich dann zugleich ergiebt, daß die Ruͤckwand des Beckens, also die innere Flaͤche des Kreuzbeines und des im zuruͤckge- bogenen Zustande betrachteten Schwanzbeines, einen Kreis- abschnitt darstellen muͤsse, dessen Radius die ganze Conjugata der Beckenhoͤhle ist; was dann beym vollkommen regelmaͤßi- gen Becken auch wirklich der Fall seyn wird. I. Theil. 3 Anmerkung . Weit seltner, als man gewoͤhnlich zu glauben scheint, ist es, daß ein weibliches Becken in aller Hinsicht als normal gebildet sich zeigt, und insbesondere habe ich dieß von der Kruͤmmung der Beckenhoͤhle bestaͤtigt gefun- den, wo man oft unter einer betraͤchtlichen Reihe, uͤbrigens ziemlich wohlgebauter Becken, kaum eines vorfindet, dessen Kruͤmmung ganz der wahren Norm entspraͤche. §. 45. So weit denn die mathematische Betrachtung des Be- ckens; was das in physiologischer Hinsicht noch Bemerkungs- werthe betrifft, so muß theils die Art seiner Knochenverbin- dungen, theils die Entwicklung desselben beruͤcksichtigt wer- den. Die Art der Beckenverbindungen angehend, so sind von den vier Knochenverbindungen drei (naͤmlich zwei Darm- und Kreuzbeinfugen und die Schamfuge) im normalen Zu- stande keiner Bewegung, keines Auseinanderweichens (worauf man sonst wohl bey der Theorie der natuͤrlichen Geburt Ruͤck- sicht nahm) faͤhig, dahingegen bey einigen Saͤugethieren (so nach Le Gallois beym Meerschweinchen) die Schamfuge sich wirklich oͤffnet, folglich die Seitenwandbeine sich allerdings bewegen, worin wir eine Aehnlichkeit mit dem beweglichen Becken niederer Thiergattungen, z. B. der Schildkroͤten, be- merken. Daß jedoch die Verbindung des Schwanz- und Kreuzknochens hinlaͤngliche Bewegung zulassen muͤsse, um eine normale Weite der untern Beckenoͤffnung zuzulassen, ergiebt sich schon aus §. 38. Ruͤcksichtlich der Entwicklung der gan- zen Beckenform endlich bemerken wir, daß diejenige Gestalt, welche wir im Vorhergehenden als die eigentlich normale fuͤr den ausgebildeten weiblichen Koͤrper beschrieben, nicht gleich im Kinde etwa nur im verjuͤngten Maaßstabe vorhanden sey, sondern ihre Eigenthuͤmlichkeit erst spaͤterhin erhalte. Unter- sucht man naͤmlich das Becken des neugebornen Maͤdchens, so ist allerdings wegen aͤußerst geringer Hervorragung des Vorberges und Schmalheit der Huͤftgegend auch die obere Beckenoͤffnung mehr ein der Laͤnge, als der Breite nach liegendes Oval; spaͤterhin wird dann der ganze Beckenraum mehr kreisrund, bis erst waͤhrend des Eintrittes der Ge- schlechtsreise das Becken (die Knochenhoͤhle fuͤr Geschlechts- organe, wie es der Thorax fuͤr Respirationsorgane ist) seine querovale Gestalt erhaͤlt, ja seine volle Ausbildung erst waͤh- rend der ersten Schwangerschaft erreicht, woher wir es leiten muͤssen, daß die Taille des weiblichen Koͤrpers eine andere ist im jungfraͤulichen Zustande und eine andere nach der ersten Geburt, ein Unterschied, welchen schon die alten plastischen Kuͤnstler in der verschiedenen Bildung der Venus anadyomene (die dem Meere entstiegene) und der Venus genetrix (der Er- zeugerin) sehr wohl ausgedruͤckt haben. §. 46. Es ist jetzt, bevor wir zur Betrachtung der Eigenthuͤm- lichkeiten des weiblichen Lebens uͤbergehen, nothwendig, zuvor noch die Kennzeichen zu beruͤcksichtigen, aus denen am leben- den Koͤrper das wahrhaft normale Befinden und der verschie- dene Zustand der einzelnen, vorher betrachteten Theile zu er- kennen ist, als welches dann das Geschaͤft einer besondern Zeichenlehre der weiblichen Geschlechtstheile und des weiblichen Beckens seyn wird. I. Zeichenlehre der weiblichen Geschlechtstheile. §. 47. 1. Zeichen der normalen, zu Zeugung, Er- naͤhrung des Kindes und Geburt uͤberhaupt ge- schickten weiblichen Geschlechtstheile . — Hierher gehoͤren a ) hinsichtlich der aͤußern Schamtheile : an- einanderschließende, doch nirgends verwachsene oder sonst ver- unstaltete, innerlich geroͤthete und glatte, aͤußerlich mit Haar bewachsene, große Schamlefzen; hinlaͤnglich weite, weder zu sehr ruͤckwaͤrts noch vorwaͤrts gerichtete Schamspalte ( Rima genitalium ); nicht zu weit vorragender und breiter, noch auch allzuschmaler oder zerrissener Damm ( Perinaeum ), und kein allzubreites Schambaͤndchen ( Frenulum vulvae ). Ferner re- gelmaͤßig gebildete, weder zu starke und vorragende, noch zu kleine oder unempfindliche, lebhaft geroͤthete, maͤßig feuchte, nicht mit dickem Schleim uͤberzogene, oder sonstigen Krank- heitszustand verrathende kleine oder Wasserlefzen, empfindliche ohngefaͤhr ¼ Zoll lange Klitoris, welche wenig vor dem Prae- putio Clitoridis vorragt, und unter dieser, ohngefaͤhr in der Tiefe von ¾ Zoll, der weder zu sehr erschlaffte und erwei- terte, noch allzusehr verengerte Eingang in die Harnroͤhre ( Orificium urethrae ). §. 48. b ) Hinsichtlich der Scheide und Gebaͤrmutter : eine am Eingange 1 bis 1½ Zoll weite, weder durch ein zu festes, noch allzugroßes Hymen verschloßene Scheide, welche da, wo das Hymen mangelt, die myrthenfoͤrmigen Karun- keln erkennen laͤßt, und ein maͤßig weiter, gegen 4 Zoll lan- ger, nach der Richtung des untern Theiles der Beckenfuͤh- rungslinie sanft gebogener, maͤßig durch Schleim befeuchteter, weder zu sehr, noch zu wenig erwaͤrmter, weder mit zu star- ken oder gar herabgesunkenen Querfalten versehener, noch ganz glatter Scheidenkanal. Ferner eine verhaͤltnißmaͤßig ge- bildete, hinter Schamfuge und Harublase, und vor dem Mastdarme, zwischen Eingang und Hoͤhle des kleinen Beckens liegende Gebaͤrmutter, deren Laͤngenachse der Levret’schen Be- ckenachse entspricht, und deren unteres Segment mittelst des 1 Zoll langen Mutterhalses ( Cervix uteri ) in die Scheide (welche diese Vaginalportion selbst aͤußerlich bekleidet) herab- ragt, woselbst der aͤußere Muttermund von gleicher elastischer Textur, ohne Verhaͤrtungen und Auswuͤchse, etwas ruͤckwaͤrts gerichtet, mit etwas verlaͤngerter vorderer Lippe, und zwar als Querspalte, oder zur Zeit der Menstruation als runde Oeffnung bemerkt wird. §. 49. c ) Hinsichtlich der Bruͤste : weder allzugroße, mit zu vielem Fette uͤberkleidete Brustdruͤsen; gleichfoͤrmige Halb- kugelgestalt beyder Bruͤste, welche weder platt aufliegend, noch zitzenartig herabhaͤngend, weder innerlich Verhaͤrtungen zeigend, noch allzusehr erschlafft, dagegen elastisch, mit einer zarten reinen Haut uͤberzogen gefunden werden. Ferner re- gelmaͤßig gestaltete, hinlaͤnglich große, nicht gespaltene, mit roͤthlicher oder brauner Haut uͤberdeckte, empfindliche, leicht turgescirende Warzen, und ein gegen ¾ Zoll breiter glatter, gleichmaͤßig mit den Warzen gefaͤrbter Hof um dieselben. §. 50. 2. Zeichen des jungfraͤulichen Zustandes die- ser Theile insbesondere . Obwohl es unlaͤugbar ist, daß der wahrhaft jungfraͤuliche Zustand des weiblichen Koͤr- pers schon in seiner allgemeinen Bildung dem schaͤrfern Beob- achter sich mit ziemlicher Bestimmtheit darstellt, so kann doch von diesem Gesammtuͤberblick namentlich fuͤr gerichtliche Faͤlle wenig Anwendung gemacht werden, indem die Entscheidung hierbey zu sehr der Individualitaͤt des Beobachters uͤberlassen bliebe, es waͤre denn, daß in dieser Hinsicht noch bestimm- tere Merkmale aufgefunden wuͤrden, etwa gleich dem, welches nach Winkelmann bereits den Alten bekannt gewesen: daß naͤmlich die Schlankheit des Halses als Zeichen jungfraͤulichen Zustandes gelten kann, und, sobald ein um den Hals gemessener Faden, leicht uͤber den Kopf weggefuͤhrt werden koͤnne, dieß als Andeutung verlorener Jungfrauschaft zu betrachten sey. Sicherer als diese Merkmale bleibt daher zur Bestimmung des jungfraͤulichen Zustandes noch der Zustand der Genitalien, obwohl auch hier im Voraus bemerkt werden muß: erstens, daß wenn man, wie Einige thun, zwischen physischer und moralischer Jungfrauschaft unterscheiden will, die zu erwaͤh- nenden Kennzeichen natuͤrlich blos fuͤr die erstere guͤltig sind; zweitens, daß ungewoͤhnliche urspruͤngliche Bildungen der Ge- nitolien, Krankheiten derselben, z. B. Leucorrhoe, Verletzun- gen, Entzuͤndungen, Eiterungen u. s. w. sehr leicht einen Zustand herbeyfuͤhren koͤnnen, welcher, indem er die Zeichen der Jungfrauschaft auch ohne statt gehabten Coitus zerstoͤrt, sehr leicht zu irrigen Urtheilen verleiten kann, weßhalb dann, indem auch viele der zu nennenden Kennzeichen, selbst das unverletzte Hymen auch nach gepflogenem Coitus bemerkt worden ist, in jeder Hinsicht bey den uͤber diesen Gegenstand zu ziehenden Resultaten mit moͤglichster Umsicht und Benutzung aller Anhaltungspunkte zu verfahren ist. §. 51. Als Zeugen jungfraͤulichen Zustandes an den Geschlechts- theilen betrachten wir aber: unverletztes, auch nicht allzusehr erschlafftes Hymen; wulstige, dicht an einander schließende, elastische, innerlich glatte und lebhaft geroͤthete große Scham- lefzen, welche die kleinen nicht allzuschlaffen oder verhaͤrteten und gleichfalls lebhaft geroͤtheten Scham- oder Wasserlefzen bedecken. Ferner eine kleine, groͤßtentheils von der Vorhaut bedeckte und zwischen den Schamlefzen verborgene Klitoris; ein enger, etwas wulstiger Rand der Harnroͤhrenoͤffnung, und ein uͤberhaupt zusammen gezogener, kaum 1 Zoll weiter Ein- gang der Scheide. — Ferner der engere, stark quergefaltete Scheidenkanal, der schlankere 1 Zoll lange Fruchthaͤlterhals von fester Substanz und glatter Oberflaͤche, nebst dem mit dichtschließenden Lippen (einer hintern kuͤrzern und einer vordern laͤngern) versehenen, eine Querspalte (zur Zeit der Men- struation jedoch bey wulstigern Lippen wehr gerundete Oeff- nung) zeigenden, etwas ruͤckwaͤrts gekehrten Muttermunde; wobey durch das Scheidengewoͤlbe so wie durch den Mast- darm der Gebaͤrmutter-Koͤrper und Grund, obwohl nur un- deutlich, ebenfalls klein und von starker Substanz wahrge- nommen werden. Endlich der glatte, gewoͤlbte, weder be- sondere Hautfalten noch Flecken zeigende Unterleib und die kleinern elastischen, halbkuglichen Bruͤste mit hellrothen War- zen und Hoͤfen um dieselben versehen. §. 52. 3. Kennzeichen des statt gehabten Beyschlafs . Es gilt von ihnen, ruͤcksichtlich ihrer Unsicherheit, bey- nahe dasselbe, was uͤber die Zeichen des jungfraͤulichen Zu- standes bemerkt wurde, und man darf annehmen, daß, wenn die zu erwaͤhnenden Kennzeichen bestimmt vorhanden seyn sollen, theils mehrere Male wiederholter Coitus statt gehabt haben, theils derselbe vollstaͤndig (nicht etwa sine immissione penis ) gewesen seyn muͤsse. Die Veraͤnderungen, welche in diesem Falle an den Geschlechtstheilen wahrgenommen werden, sind aber folgende: — Schlaffes, zerrissenes oder ganz ver- schwundenes Hymen, schlaffere innerlich braͤunlich gefaͤrbte mehr mit Schleim uͤberzogene große Schamlefzen, laͤngere oder haͤrtere ebenfalls braͤunliche mehr hervorragende Nymphen, empfindlichere weniger bedeckte Klitoris, weitere Harnroͤhren- muͤndung, schlaffere weniger dicht gefaltete Scheide, tiefer stehender, oft auch mehr angeschwollener Muttermund und Mutterhals, etwas schlaffere Bruͤste, dunklere Warzen und etwas vermehrtes Volumen der Schilddruͤse. §. 53. 4. Kennzeichen vorausgegangener Geburten . Auch ruͤcksichtlich dieser muß bemerkt werden, daß wir eigent- lich kein einziges haben, welches einzig und allein vollkom- mene Sicherheit der Unterscheidung gewaͤhrte, und daß durch vorausgegangene krankhafte Zustaͤnde der Genitalien, Polypen, Eiterungen, Syphilis, Wassersucht des Uterus u. s. w. meh- rere Zeichen herbeygefuͤhrt werden koͤnnen, welche ganz den Zustand vorhergegangener Geburten nachbilden, obwohl im Ganzen genommen, zumal da aͤhnliche Krankheitszustaͤnde doch seltner sind, sich auch sonst zu erkennen geben, diese Kennzeichen doch noch mehr Zuverlaͤßigkeit als die vorherge- henden gewaͤhren. Es sind folgende: — Mehr von einander klaffende große und kleine Schamlefzen und erweitertere Schei- denmuͤndung bey stark ausgedehntem oder verletztem Scham- baͤndchen, oder eingerissenem Damme; schlaffere, weitere, glat- tere, oft mit theilweisem Vorfalle behaftete Mutterscheide; wulstigere, schwammigere Vaginalportion des Fruchthaͤlters; groͤßerer, durch das Scheidengewoͤlbe leichter fuͤhlbarer Gebaͤr- mutterkoͤrper und dickerer Muttermund, an dessen weniger genau schließenden Lippen die Spuren fruͤherer Einrisse als Narben sich darstellen. Endlich schlaffere Bauchbedeckungen mit Querfalten oder veraͤnderter Hautfarbe bezeichnet, Spuren waͤhrend der Schwangerschaft vorhanden gewesener Venenge- schwuͤlste der Schenkel; schlaffere, zuweilen mit fuͤhlbaren vom Stillungsgeschaͤft zuruͤckgebliebenen Milchknoten versehene Bruͤste mit dunkelfarbigen mehr hervorragenden Warzen. II. Zeichen des regelmaͤßig gebildeten Beckens. §. 54. Als hierher gehoͤrige Kennzeichen sind zunaͤchst die all- gemeine regelmaͤßige Bildung des Koͤrpers und insbesondre des Skeletts nach aͤcht weiblichem Typus zu bemerken, in- dem Verbiegungen der Wirbelsaͤule, gekruͤmmte Gliederkno- chen oder gehinderte Bewegungen der Glieder, wie beym Hinken, sehr haͤufig mit fehlerhafter Beckenbildung sich ver- binden. Ferner hinlaͤngliche Breite der Huͤften- (9—10 Zoll) und Rollhuͤgelgegend (13 Zoll), regelmaͤßige Woͤlbung des Schambogens und Kreuzbeines, regelmaͤßige Tiefe des gan- zen Beckens (7 Zoll), normale Vorwaͤrtsneigung der Darm- beinkaͤmme, und weder zu weit vorwaͤrts noch zu weit ruͤck- waͤrts gerichtete aͤußere Schamtheile ( Genitalia quoad situm media ). Außerdem giebt vorzuͤglich die Geschichte vorher- gegangener Geburten (namentlich kurz vorhergegangener) uͤber die Beschaffenheit des Beckens Aufschluß, indem die normale Geburt eines ausgetragenen normal gebauten Kindes undenkbar ist ohne ein regelmaͤßig gebildetes Becken, obwohl auch ein solches spaͤterhin sich veraͤndern und vom Normal- baue betraͤchtlich abweichen kann. Das sicherste Merkmal bleibt daher immer die Anstellung einer genauen innern ge- burtshuͤlflichen Untersuchung (von welcher spaͤterhin die Rede seyn wird), auch wegen moͤglicher Weise vorhandener innerer Geschwuͤlste und Knochenauswuͤchse, welche in der aͤußern Form sich nicht andeuten. 3. Eigenthuͤmlichkeit der weiblichen physischen und psychischen Lebensaͤußerungen . §. 55. Wenn wir uͤberhaupt an dem wichtigen physiologischen Satze festhalten, daß der Organismus nur eins sey und folglich seine Thaͤtigkeit nicht etwas vom Organe wesent- lich verschiedenes, sondern beydes nur verschiedene Seiten eines Einzigen, so werden auch die §. 16—24 betrachteten Individualitaͤten der weiblichen Form uns im Voraus die wichtigern Eigenthuͤmlichkeiten dieses Lebens andeuten koͤnnen, unter welchen letztern wir uͤbrigens die allgemeinern Momente wieder zuerst einer naͤhern Betrachtung unterwer- fen. — So wie aber in der Natur uͤberhaupt eine zwey- fache Richtung allgemeiner Thaͤtigkeit bemerkbar ist, eine naͤm- lich, welche auf die Gestaltung des Einzelnen, auf Individua- litaͤt abzweckt, und eine zweite, welche auf das Allgemeine und Gesetzmaͤßige sich bezieht, als Bestreben nach Einheit, nach Totalitaͤt erscheint, so wiederholt sich auch ein solcher Gegensatz von Kraͤften in den besondern Naturwesen auf die mannigfaltigste Weise. So naͤmlich sehen wir das Reich der Pflanzen und Thiere sich entgegengesetzt, wo im erstern die Existenz selbst der Hauptzweck der Lebensverrichtungen ist, und daher alle einzelnen Thaͤtigkeiten der Pflanzen nur auf Naͤhren und Aussondern, Wachsen, Fortpflanzen und Ab- nehmen gerichtet sind, wenn hingegen der Zweck des thierischen Organismus mehr das Bestimmen der Existenz in Em- pfindung und Bewegung, die Willkuͤhr ist. Eben so wieder- holt sich dieser Gegensatz in der physischen und psychischen Natur des Menschen selbst, indem die erstere auf Bildung, Erhaltung und Wechsel des Stoffes gerichtet, die zweite aber auf Einheit und Freyheit gegruͤndet ist, und will man diese Unterscheidung endlich noch mehr auf das koͤrperliche des Or- ganismus beziehen, so beruht auch darin der Gegensatz der vegetativen oder produktiven, und der animalen Sphaͤre, wo wir zur erstern die gleichsam aus der Pflanzenwelt entlehn- ten Organe der Assimilation, Cirkulation, Respiration und Secretion so wie der geschlechtlichen Reproduktion rechnen, wenn wir unter der zweiten die Gebilde der Sinneswerk- zeuge, Bewegungswerkzeuge und des Nervensystems begreifen. §. 56. Endlich aber wiederholt sich dieser Gegensatz auch auf das Bestimmteste in dem Verhaͤltniße der beiden Geschlechter. Wie naͤmlich das Universum eben nur durch die wechselseitige Durchdringung von gesetzmaͤßiger Einheit und Mannigfaltig- keit, von Ewigkeit zu Ewigkeit besteht, und in einer staͤten Umwandlung, d. i. in einem staͤten Hervortreten, Erzeugen, und Aufloͤsen, Sterben begriffen ist (welches ausfuͤhrlicher nachzuweisen, Sache der hoͤheren Philosophie der Natur ist), so muͤssen auch, wo ein Individuelles neu hervortreten, d. i. erzeugt werden soll, Entgegengesetzte sich verbinden, um in ihrer Durchdringung eine neue Verwendung der ewigen Substanz (keine eigentlich neue Erschaffung, als welche undenkbar ist) zu bewirken, und wir sehen daher denn schon in der Pflanzenwelt das Hervortreten verschiedenartiger Gebilde, von denen einige die materielle Anlage zur kuͤnftigen Frucht in sich tragen (Staubwege, Pistilla ), wenn andere die befruchtende, d. i. begeistigende Thaͤtigkeit, die Idee der Gesetzmaͤßigkeit, der Bestimmung einer regelmaͤßigen Entwicklung , enthalten (Staubfaͤden, Stamina ). §. 57. Wenn indeß dieses Verhaͤltniß in der Pflanze, welche der Erde eingewurzelt gleichsam noch weniger in sich beschlos- sen ist, mit minderer Klarheit erscheint, so tritt es dagegen in der Sexualverschiedenheit der hoͤheren Thiere, und am schoͤnsten im Menschen mit vollkommenster Freiheit hervor; und wie wir in der Fortpflanzung das Weib als rein em- pfangend, das Koͤrperliche gestaltend, den Mann aber als befruchtend, als begeistigend finden, so ist auch in ihrem ge- sammten Leben ein solcher Gegensatz ausgesprochen, welcher, obwohl der Gattungscharakter in Thaͤtigkeit und Gestalt bey- den gemeinsam ist, doch in dem Weibe das physische, das auf vegetatives oder produktives Leben sich Beziehende eben so bestimmt uͤberwiegen laͤßt, als im Manne das psychische, das animale Leben vorherrschend erscheint. — Es wird sich dieß bey der nun erforderlichen Betrachtung der besondern Aeußerungen weiblichen Lebens am sichersten und deutlichsten ergeben. §. 58. Beruͤcksichtigen wir aber das weibliche Leben, in wie fern es sich durch Assimilation, Cirkulation und Respiration, Se- und Excretion, so wie durch Geschlechtsfunktion aus- zeichnet, so finden wir 1) die Assimilation , die Stoffauf- nahme betreffend, daß dem Weibe eine staͤrkere assimilative Kraft der Verdauungswerkzeuge eigenthuͤmlich sey, welches erwiesen wird durch das geringere aber oͤfter wiederkehrende Beduͤrfniß an Nahrungsmitteln bey nichts desto weniger sehr reichlicher Chylusbereitung und rascher Ersetzung verlorener Stoffe. Zugleich muß indeß auch bemerkt werden, daß die Sensibilitaͤt der weiblichen Verdauungsorgane staͤrker sey, als die der maͤnnlichen, weßhalb oͤftere Stoͤrungen der Verdauung und groͤßere Wirkung aufgenommener, reitzender, erregender Stoffe auf das allgemeine Befinden. Endlich pflegen selbst die Stuhlausleerungen, wegen der groͤßern Thaͤtigkeit der Aufsaugung, fester und seltner zu seyn. — Was 2) die den organischen Stoffwechsel unterhaltende Gefaͤßthaͤtigkeit betrifft, so haͤngt es eben von der raschen Assimilation ab, daß sich die Blutmasse im Weibe schneller als im Manne wieder erzeugt; ja uͤberhaupt ist der Umtrieb der Saͤfte ge- schwinder, der Pulsschlag daher frequenter, obwohl gemeinig- lich etwas kleiner, auch die Neigung zu Wallungen und leichtern Fieberbewegungen in diesem Geschlechte groͤßer, und die Thaͤtigkeit und Wichtigkeit des Nervensystems bedeutender als im Manne. §. 59. 3) Die Athmung und Ausscheidung betreffend, so ist die Aushauchung der Lungen im weiblichen Geschlechte schwaͤcher, dagegen die Ausduͤnstung und druͤsige Absonderung der zartern Haut verhaͤltnißmaͤßig allerdings bedeutender Wenn man nicht selten bemerkt, daß maͤnnliche Fruͤchte leichter als weibliche unter der Geburt asphyktisch werden und schwerer zu er- wecken sind, so scheint dieß allerdings mit dem groͤßern Athmungs- beduͤrfniße im maͤnnlichen Koͤrper in Verbindung zu stehen. , ferner wird auch in den groͤßern innern Absonderungsorganen gleichwie in den Lungen geringere Excretion wahrgenommen, die kleinere Leber laͤßt auf schwaͤchere Gallabsonderung schlie- ßen, und von den Nieren finden wir die Aussonderung einer geringern Quantitaͤt eines dunkler gefaͤrbten, staͤrker riechen- den Harnes bewerkstelligt. 4) Was endlich die Geschlechts- funktion angeht, so werden die folgenden Abschnitte dieser Schrift die einzelnen hierher gehoͤrigen Erscheinungen so aus- fuͤhrlich durchzugehen haben, daß eine besondere Eroͤrterung derselben schon deßhalb hier uͤberfluͤßig wird, und so begnuͤgen wir uns daher jetzt nur im Allgemeinen zu bemerken, daß auch in der Reproduktion der Gattung, eben so wie in der individuellen Reproduktion, die uͤberhaupt vorherrschende Thaͤ- tigkeit der Stoffbildung sich deutlichst zeige, ja wie es phy- siologisch hoͤchst merkwuͤrdig sey, daß der Bildungsstoff, durch welchen das Weib bey der Fortpflanzung thaͤtig ist, nicht sowohl wie beym Manne als ein abgesonderter Stoff, wie das Sperma, erscheint, sondern vielmehr durch das Blut selbst dargestellt wird, wie die Aussonderung des Blutes in der Periode nicht reger Geschlechtsthaͤtigkeit (als Menstrua- tion), und die hoͤchst bedeutende Anhaͤufung des Blutes im schwangern Uterus, Behufs der Foͤtusernaͤhrung beweiset. §. 60. Wir kommen nun zu den charakteristischen Erscheinun- gen des weiblichen Lebens, welche auf sensibele und Be- wegungssunktion, so wie auf hoͤheres Nervenleben d. i. psy- chische Eigenthuͤmlichkeit sich beziehen. — Was hier aber zu- voͤrderst die sinnliche Wahrnehmung betrifft, so ist diese im Allgemeinen allerdings feiner zu nennen als im maͤnnlichen Koͤrper, jedoch nicht so, daß die Reitzbarkeit und die Schaͤrfe und Genauigkeit der Wahrnehmung in gleichem Maaße sich entwickelt zeigten. Gewiß naͤmlich ist das Auge des Weibes gegen helles Licht, scharf entgegengesetzte Far- ben u. s. w. empfindlicher, aber es ist weniger fuͤr unmit- telbare Auffassung richtiger Verhaͤltnisse, großer Gesammtein- druͤcke u. s. w. geeignet; eben so wird das Ohr des Weibes gegen irgend einen heftigen Schall empfindlicher, fuͤr gewisse einzelne Klaͤnge reitzbarer gefunden, dagegen ihm das scharf unterscheidende musikalische Gehoͤr doch seltner zukommt, und es stimmt mit jener groͤßern Reitzbarkeit (so wie selbst mit dem durch engern Gehoͤrgang ausgezeichneten Baue des weib- lichen Ohres) allerdings uͤberein, daß in diesem Geschlechte haͤufigere Abstumpfung dieses Sinnes und oͤftere Schwerhoͤ- rigkeit bemerkt wird. Endlich was die Sinnesarten des Ge- tastes, Geruchs und Geschmacks beym Weibe anbelangt, so ist auch in diesen eine groͤßere Erregbarkeit und leichter moͤg- liche Ueberreitzung deutlich wahrnehmbar. Die groͤßere Recep- tivitaͤt sensibeler Organe ist uͤbrigens auch in aller andern Hinsicht, z. B. der Wirkung der Arzneymittel, der Einfluͤsse aͤußerer Temperatur und Witterungsveraͤnderungen, der groͤ- ßern Neigung zu exaltirten Zustaͤnden des Nervensystems, der groͤßern Empfaͤnglichkeit gegen thierischen Magnetismus u. s. w. so unverkennbar und folgt aus der mehr hervorgehobenen ve- getativen Natur, und somit weniger ausgesprochenen indivi- duellen Selbststaͤndigkeit so bestimmt, daß wir noch weitere Erlaͤuterungen hieruͤber fuͤr uͤberfluͤßig halten. §. 61. Die Bewegkraft angehend, so ist aus denselben Gruͤn- den, welche die erhoͤhte Sensibilitaͤt dieses Geschlechts erklaͤ- ren, auch die zwar schwaͤchere, dafuͤr aber auch dem Ner- vensysteme mehr unterworfene Muskelkraft zu folgern, und wir finden demnach in Uebereinstimmung mit der fruͤher be- merkten geringern Entwicklung des Muskel- und Knochensy- stems, daß die Bewegungen des weiblichen Koͤrpers, obwohl mit geringerer Energie, doch mit groͤßerer Zierlichkeit und Leich- tigkeit ausgeuͤbt werden; wobey uͤbrigens selbst der parallele Stand der verminderten Respiration und der schwaͤchern Mus- kelkraft in so fern merkwuͤrdig ist, als schon in der Thier- reihe eine solche Gleichstellung nachgewiesen werden kann, und schwaͤchere Respiration auch insgemein mit geringerer Mus- kelkraft verbunden ist. — Als Erzeugniß endlich von Bewe- gung und Athmung, von Sinneswahrnehmung und Reflexion zugleich, gehoͤrt noch hierher der Ton, die Sprache, als welche wir dann in Folge verminderter Athmung (§. 20.) und Bewegung auch schwaͤcher und hoͤher (kindlicher), zu- gleich aber auch gemuͤthvoller als die maͤnnliche finden. §. 62. Endlich ruͤcksichtlich des hoͤhern Nervenlebens , auf welches wir die Eigenthuͤmlichkeit weiblicher Gemuͤthsstimmung, weiblicher Temperamente und Leidenschaften beziehen, so ist auch hier das Psychische ein wahrer Spiegel des Koͤrperli- chen, ja vielmehr die ideale Seite des Organismus selbst. Wenn daher uͤberhaupt im Reiche des geistigen Lebens (ganz gemaͤß den drei Richtungen oder Systemen im Organischen der animalen Sphaͤre) unterschieden werden kann zwischen Gemuͤth (Empfindungs-, Gefuͤhlsvermoͤgen), Geist (Re- flexions-, Erkenntnißvermoͤgen) und Willen (Thatkraft, Vermoͤgen zur freien Bestimmung), so wird sich nun bereits aus dem Vorhergegangenen abnehmen lassen, welche Seiten im Weibe hervorgehoben, welche weniger ausgebildet seyn muͤssen. Wenn naͤmlich im Weibe uͤberhaupt Animalitaͤt, und folglich schaͤrfere Individualitaͤt so wie Selbststaͤndigkeit weniger vorherrscht, so wird sich dieß auch im Psychischen aͤu- ßern, und wir finden daher die Energie der Geisteskraft im Weibe nicht, welche dem Manne moͤglich ist. Das eigent- liche Feld der Wissenschaft und Spekulation, die Schaͤrfe des Urtheils, die Tiefe der maͤnnlichen Vernunft, sind der weib- lichen Seele unzugaͤnglich; dahingegen ist der Geist des Wei- bes feiner, schneller in der Auffassung, zur richtigen Erkennt- niß der einzelnen und naͤheren Verhaͤltnisse des menschlichen Lebens mehr geeignet, und ein gewisser Scharfsinn, Neigung zur List, so wie Fertigkeit im Uebergehen aus einer Vorstel- lungsreihe in die andere, ist ihm natuͤrlich. §. 63. Im Gemuͤth hinwiederum ist die groͤßere Reitzbar- keit, die Weichheit, Lebendigkeit des Gefuͤhls, die Regsam- keit der Phantasie allerdings diesem Geschlechte charakteristisch, allein eben diese zu große Beweglichkeit laͤßt die Tiefe des Gefuͤhls, die schoͤpferische Kraft der Phantasie, welche die Seele faͤhig macht zur Hervorbringung großer und hoher Werke der Dichtung und bildenden Kunst, vermissen. Ueber- dieß ist hierin die vorherrschende Neigung zum Anmuthigen, Zierlichen und Kleinen begruͤndet, da große und erhabene Ge- genstaͤnde zu gewaltsam die Seele des Weibes erschuͤttern, als daß ein reines Wohlgefallen hieran ihm wenigstens ganz natuͤrlich seyn koͤnnte. — Vorzuͤglich endlich werden die Aeu- ßerungen weiblichen Gemuͤths durch die Geschlechtsverhaͤlt- nisse des Weibes selbst bestimmt. Die Bestimmung, sich an einen Gatten anzuschließen, die Bestimmung, Mutter zu werden, ist schon in den Puppenspielen des Maͤdchens sicht- bar, und aͤußert sich spaͤter, wenn der Kampf des Selbst- gefuͤhls und der Neigung gegen das andere Geschlecht sich im Busen regt, als das Gefuͤhl holder jungfraͤulicher Scham, ja oft als ein gewisser edler jungfraͤulicher Trotz, bis endlich, wenn der Mann des Verlangens gefunden ist, alles dieses in anmuthige und seelenvollste Hingebung sich aufloͤst. Noch gewaltiger indeß als die Gattenliebe herrscht im Busen des Weibes die Mutterliebe, und hunderte von Beyspielen lassen uns die ungemeinen Aufopferungen bewundern, deren Muͤtter fuͤr ihre Kinder faͤhig waren. §. 64. An diese Grund-Regung und Richtung des weiblichen Gemuͤths schließen sich dann viele andere weibliche Neigungen und Leidenschaften an. Wir zaͤhlen dahin die aus dem Be- duͤrfniße an einen Staͤrkern sich anzuschließen, und aus dem Gefuͤhle der eigenen Schwaͤche hervorgehende Weichheit und Sanftmuth, die aus reger Phantasie und geringerer Energie des Geistes hervorgehende Neugier, die aus Haug zu gefallen und lebhafter Phantasie sich erzeugende Eitelkeit und Putzsucht, so wie die aus Neigung und Sorgfalt fuͤr Gatten und Kinder entstehende schoͤne Tugend der Haͤuslich- keit; dagegen aber liegt auch in ihnen Faͤhigkeit zu den hef- tigsten Ausbruͤchen des Hasses und der Rache, wenn jener feurigen Liebe gegen Gatten oder Kind sich Hindernisse in den Weg draͤngen, oder diese Liebe selbst sich unerwiedert, ja betrogen sieht. §. 65. Die Kraft des Willens endlich zeigt in der weib- lichen Seele ohngefaͤhr dieselben Eigenthuͤmlichkeiten, welche die Kraft der Bewegung im weiblichen Koͤrper wahrnehmen ließ. Im Ganzen wird namentlich die Festigkeit und Be- harrlichkeit des Entschlußes, so wie das Vermoͤgen, schnell nach Willkuͤhr uͤber alle Kraͤfte des Geistes und Koͤrpers zu be- stimmen (Gegenwart des Geistes) vermißt; obwohl dagegen nicht zu laͤugnen ist, daß das weibliche Geschlecht bey Ausdauer in klei- nen Dingen, zu deren Ertragung oder Besiegung nicht sowohl Muth und Kraft, als Geduld und Ruhe erforderlich sind, haͤufig den Vorrang vor dem maͤnnlichen behauptet; worin wir (um dieß beylaͤufig zu erinnern) gewiß den Hauptgrund dafuͤr finden koͤnnen, daß das Weib weit mehr als der Mann zum staͤtigen Beystande, zur ruhigen Verpflegung und Besorgung Kranker, Gebaͤrender, der Woͤchnerinnen, so wie der Neugebornen sich eignet. §. 66. Noch haben wir nun, bevor wir die allgemeinen phy- siologischen Betrachtungen der weiblichen Individualitaͤt be- schließen, die Entwicklung desselben nach seinen ein- zelnen Lebensperioden in einer Hauptuͤbersicht zusam- men zu stellen, wobey wir zuerst die Frage beleuchten muͤs- sen, ob wohl uͤberhaupt bereits im ersten Keime ein Unter- schied der Geschlechter anzunehmen sey, oder ob voͤllige Gleich- heit derselben uranfaͤnglich vorhanden und vielleicht (wie einige Physiologen wollen) zuerst alle Embryonen des weiblichen Geschlechts seyn moͤchten? — Wofern es aber gewiß ist, daß die organische Bildung nur ein Hervortreten, ein Aus- einanderweichen, ein Trennen eines urspruͤnglich Einfachen in die verschiedenen Werkzeuge des Lebens sey, daß folglich in diesem Einen und Zuerstgegebenen der Idee nach bereits der ganze Organismus liege, und nur erst in der Zeit aus diesem Einfachen wirklich werde (und diesen Satz stellen Vernunft und Erfahrung gleichmaͤßig fest), so kann auch aus diesem Keime nicht ein qualitativ Anderes hervorge- hen, als der Idee nach darin gegeben war, obwohl quan- titative Abaͤnderungen (z. B. durch unzureichende oder uͤbermaͤßig angefachte Bildungskraft, Hemmungen oder ab- norme Vergroͤßerungen) sehr leicht moͤglich sind; und es ist folglich erwiesen, daß die ersten Keime geschlechtlich verschie- dener Individuen keineswegs allesamt weiblich, oder uͤberhaupt einander ganz gleich seyn koͤnnten, wenn nicht alsobald die Nothwendigkeit, daß sie auch spaͤterhin sich gleich seyn muͤß- ten, also (was doch nicht der Fall) zu lauter weiblichen Koͤrpern anwuͤchsen, gefolgert werden sollte. §. 67. Erste Lebensperiode . Der Unterschied des Geschlechts muß daher als eine Verschiedenheit des ganzen Keimes noth- wendig zugleich als urspruͤnglich angenommen werden, und eben wiefern das Ganze verschieden ist, wird diese Verschiedenheit auch in den groͤßern organischen Verhaͤltnissen des Leibes uͤberhaupt, fruͤher noch als in den eigentlichen Geschlechts- organen angedeutet seyn. — Vergleicht man nun, um die Wahrheit dieses Vernunftsatzes auch durch die Erfahrung nachzuweisen, eine Reihe von Embryonen unter einander, so ergiebt sich allerdings, daß schon in zwei- und dreimonathli- chen regelmaͤßig gebildeten menschlichen Fruͤchten, der weibliche Typus an der groͤßern Bauchhoͤhle, dem engern Thorax und den zartern obern Gliedmaaßen kenntlich sey, wenn dagegen im maͤnnlichen das umgekehrte Verhaͤltniß Statt findet Unterschiede, welche in Soͤmmerings Iconibus embryonum. T. I. sehr schoͤn wiedergegeben sind. . — Obwohl nun also bereits in dieser Periode das Charakteri- stische der weiblichen Form ausgesprochen ist, so erscheint diese Bezeichnung doch nur sehr schwach in den Geschlechts- organen , und aller Geschlechtsunterschied in der Lebens- thaͤtigkeit ruht mit den wichtigsten uͤbrigen Funktionen noch vollkommen. Selbst im Neugeborenen, bis zum bestimmten Erwachen der sensibeln Lebenserscheinungen, findet die groͤßte Aehnlichkeit zwischen beiden Geschlechtern Statt, und das Geschlechtssystem liegt als Keim zu neuen Entwicklungen gleichsam noch schlafend im Koͤrper des weiblichen Kindes. §. 68. Wie indeß die Ausbildung des Koͤrpers im Allgemeinen vorschreitet, tritt auch der Typus des Geschlechts allmaͤhlig schaͤrfer hervor; der zartere Gliederbau, die Laͤnge des Un- terleibes, die Zierlichkeit und Geschicklichkeit der Bewegungen I. Theil. 4 unterscheiden das Maͤdchen schon bedeutend vom Knaben, und eben so geben fruͤhere geistige Entwicklung, groͤßere Fertigkeit im Auffassen und Behalten, bald sichtbar werdende Neugier (vorzuͤglich wie Pockels bemerkt auch auf Geschlechtsgeheim- nisse gerichtet), ferner eigene Spiele, in denen das Muͤtter- liche und die haͤusliche Sorgfalt immer vorherrschend sind, bezeichnende Merkmale dieses Geschlechts ab. — Rascher ent- wickelt sich nun bey uͤberwiegender produktiver Kraft der Koͤr- per, einer Pflanze vergleichbar, welche auf besserm Boden schneller zum Bluͤhen gelangt, und nach und nach, so wie Erzeugung plastischer Stoffe sich haͤuft, bildet sich nun auch das Geschlechtssystem, dessen stufenweise Entfaltung wir noch im Speciellen weiter unten zu verfolgen haben, vollkomm- ner aus. §. 69. Zweite Lebensperiode . Um vier bis sechs Jahre zeitiger als der maͤnnliche Koͤrper erreicht nun der weibliche die Zeit seiner Reife. Die individuelle Fortbildung wird ge- hemmt und es tritt nun die Fortbildung der Gattung, die Fortpflanzungsthaͤtigkeit hervor. Erst jetzt ist nun das Weib seinem Koͤrperlichen und Geistigen nach, so wie wir es im Obigen beschrieben haben, vom Manne unterschieden und aus- gebildet. Der groͤßere Reichthum erzeugten Blutes draͤngt sich periodisch gegen das Geschlechtssystem, deutend auf seine Bestimmung zur Ausbildung eines neuen Organismus ver- wendet zu werden, und erzeugt hier einen Zustand von Ueber- fuͤllung, welcher, in so fern nicht Schwangerschaft eintritt, gleichsam durch einen kritischen Blutfluß, d. i. durch die ih- ren besondern Erscheinungen nach weiter unten zu betrachtende Monathsreinigung oder Menstruation gehoben wird. §. 70. In wiefern nun schon aus dem Vorhergegangenen sich ergiebt, daß jene periodischen Congestionen nach dem Ge- schlechtssystem, welche die Menstruation erzeugen, auf die Fort- pflanzung sich beziehen, koͤnnte man (mit Cuvier ) diesen Zu- stand ohngefaͤhr der Brunst in den Thieren vergleichen, und es knuͤpft sich somit an die Betrachtung dieser Eigenthuͤmlich- keit des weiblichen Lebens zugleich die eines neuen Cyelus, welcher, indem er auf Reproduktion der Gattung abzweckt, nothwendig die Geschichte der individuellen Reproduktion mit ihren drei Stadien (Kindheit, Reife und Alter) wiederholt, und die Geschichte der durch die Empfaͤngniß veranlaßten Veraͤnderungen des weiblichen Koͤrpers, d. i. der Schwan- gerschaft , der Geburt , so wie der Wochen - und Stil- lungsperiode , in sich faßt, von welchen denn gleichfalls noch die wichtigsten physiologischen Momente (im Einzelnen werden sie im zweiten Theile eroͤrtert) hier durchzugehen sind. §. 71. Schwangerschaft . Von dem Zeitpunkte an naͤmlich, wo durch den Akt fruchtbarer Begattung, die Fransen der Fallopischen Roͤhren, von Blut strotzend, die Ovarien krampf- haft umfaßren, um den Urstoff einer spaͤterhin im Uterus auszubildenden Frucht zu empfangen, tritt eine Umaͤnderung im weiblichen Leben ein, in welcher das Ueberwiegen pro- duktiver Thaͤtigkeit (an sich schon diesem Organismus charak- teristisch) bis zum hoͤchsten Grade sich entwickelt. Das Ge- schlechtssystem und insbesondere der Uterus wird hierbey der Heerd dieser neuangeregten Bildung und es erfolgt daher ein Zustand von Congestion nach diesen Theilen, welcher ohnge- faͤhr dem der Menstruation vorausgehenden analog ist, weß- halb denn so viele Sypmtome angehender Schwangerschaft mit denen angehender Menstruation uͤbereinstimmen. Was indeß bey der letztern als Blutfluß sich entscheidet, geht hier in einen entzuͤndungsartigen Zustand uͤber, welcher sogar auf den uͤbrigen Koͤrper, gleich einer wahren beginnenden Ent- zuͤndung wirkt, Fieberbewegungen, Nervenleiden, Temperatur- wechsel, Verdauungsstoͤrungen veranlaßt Wie sehr Entzuͤndungs- und Bildungsprozeß im Wesen verwandt sind, laͤßt sich auf vielfache Art nachweisen; man vergleiche nur z. B. die Gefaͤßbildung im bebruͤteten Ey und die Gefaͤßbildung an der gereitzten sich entzuͤndenden Hautflaͤche, die Heilung von Wun- den durch Entzuͤndung, die vielen durch Entzuͤndung entstehenden . Endlich in einem Zeitraume, welcher den monathlichen Typus gerade zehn- mal wiederholt, erlangt bey gleichmaͤßiger Entwicklung des muͤtterlichen Bildungsorgans, des Fruchthaͤlters, auch die Frucht selbst ihre Reife, d. i. das Kind erreicht einen ge- wissen Grad von Selbststaͤndigkeit, wobey es auch außer dem muͤtterlichen Koͤrper sein Leben fortzusetzen faͤhig wird, und dieß ist der Grund, welcher die Trennung beider Koͤrper herbeyfuͤhrt. §. 72. Geburt . Wie naͤmlich etwa zwei Koͤrper von gleich- namiger Elektricitaͤt, wie die gleichnamigen Pole der Mag- netnadel sich abstoßen, so sondern sich am Ende der Schwan- gerschaft, sobald der Foͤtus der Moͤglichkeit individueller Exi- stenz nach dem muͤtterlichen Koͤrper gleich geworden, beyde Koͤrper von einander ab, und es erwacht somit im weiblichen Koͤrper das Bestreben, wieder in den Zustand, in welchem er vor der Empfaͤngniß war, zuruͤckzukehren und so diesen Cyclus zu beschließen. Vorzuͤglich deutlich tritt dieß im Fruchthaͤlter selbst hervor, und er aͤußert sich daher bey der Geburt durch Zusammenziehungen, Contractionen d. i. Wehen, deren Zweck aber zum Theil die Austreibung der Frucht, allein eben so sehr auch die eigene Verkleinerung ist, weßhalb sie auch nach der Geburt fortdauern. — Die Geburtsthaͤtig- keit selbst, als einen großen Theil mechanischer Kraft in Anspruch nehmend, als den Wendepunkt darstellend, von welchem aus die in der Schwangerschaft so bedeutend gesteigerte Bildungs- thaͤtigkeit wieder herabsinkt, ergreift und erschuͤttert fast alle organischen Systeme des Koͤrpers gewaltsam, ist daher in vieler Hinsicht Veranlassung zu krankhaften Erscheinungen, und uͤberhaupt eine der merkwuͤrdigsten Revolutionen, welche im Leben des Weibes, und zwar mehrere Male, Statt fin- den kann. krankhaften Gebilde u. s. w. (obwohl man allerdings zu weit geht, wenn man mit manchen Pathologen alle krankhaften Verbildungern fuͤr Produkte von Entzuͤndungen haͤlt). §. 73. Wochenbett und Saͤugungsperiode betreffend, so sind dieß nur Fortsetzungen und Abschließungen der vorigen Perioden. Im Wochenbett naͤmlich vollendet der Uterus seine Zusammenziehung und Wiederherstellung in den vorigen Stand, sowohl ruͤcksichtlich seines Parenchyma’s und seiner Form, als ruͤcksichtlich seiner innern Flaͤchen. Die besondere Gesaͤßthaͤ- tigkeit im Innern desselben verliert sich, die in Bezug auf geschlechtliche Functionen uͤberschuͤßig erzeugten Koͤrpersaͤfte nehmen andere Richtungen, bewirken theils eine vermehrte Thaͤtigkeit in der Haut, theils und hauptsaͤchlich Hervortreten einer zum Behuf fernerer Ernaͤhrung des Kindes geschehenden Absonderung in den Bruͤsten, theils endlich bey krankhaften Zustaͤnden wohl auch heftige Congestionen noch andern Or- ganen, Entzuͤndungen, Fieber u. s. w. — Am laͤngsten nun erhaͤlt sich unter jenen fuͤr die Thaͤtigkeit des Uterus eintre- tenden Funktionen die der Milchsekretion; sie ist es, welche fortwaͤhrend, und zwar dem Gange der Natur nach ohnge- faͤhr in einem der Schwangerschaftsperiode selbst entsprechen- den Zeitraum, die Menstruation ersetzt, und eine Empfaͤng- niß eben dadurch gewoͤhnlich hindert. §. 74. Nachdem wir sofort bemerkt haben, wie am Ende die- ses Cyclus von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett, der Koͤrper wieder bis auf wenige uͤbrig gebliebene Spuren, in den vorigen Zustand zuruͤckkehrt, wie sich dieser Cyclus selbst ein oder mehrere Male, ja sehr haͤufig wiederholen kann, oder aber im Gegentheile auch wohl ganz fehlt, gar nicht eintritt, und blos die stets wiederkehrenden monathli- chen Perioden die Zeit der Geschlechtsreife ausfuͤllen, so ist es nun noch uͤbrig, den Zustand zu betrachten, welcher er- folgt, wenn bey vorruͤckendem Alter der Ueberschuß jener, Behufs der Reproduktion der Gattung erzeugten Saͤfte sich allmaͤhlich verliert, und der Koͤrper ruͤcksichtlich der Geschlechts- funktion sich wieder dem kindlichen Zustande anschließt. §. 75. Dritte Lebensperiode . Wie naͤmlich in der ersten die Geschlechter sich mehr glichen, die weiblichen Geschlechts- theile ohne eigentliche Funktion waren, und der Uterus selbst, diesem angemessen, eine andere Gestalt und verdichtete weni- ger blutreiche Waͤnde zeigte, so tritt ein aͤhnlicher Zustand nun auch im hoͤhern Alter, in der dritten Lebensperiode des weiblichen Koͤrpers ein. Der Uterus wird fester, ja beynahe knorpelartig, und die Vaginalportion ist bey Frauen, welche mehrere Male geboren haben, wulstig; der Muttermund un- eben, und es erinnert so die allgemeine Gestalt des Frucht- haͤlters wieder einigermaßen an die noch nicht entwickelte Form desselben im Kinde. Die Ovarien welken und fallen zusammen, ja sogar die aͤußern Geschlechtstheile erschlaffen und verlieren die ihnen vorher eigenthuͤmliche Gestalt. Die aͤußern Schamlippen weichen aus einander, die innern Scham- lippen und die Klitoris werden wieder (wie beym unreifen Maͤdchen) sichtbar; die Bruͤste verlieren ihre Elasticitaͤt, fal- len zusammen, und sind, eben so wie der Uterus jetzt zur Ausscheidung der Menstruation unfaͤhig wird, zu einer er- hoͤhten absondernden Gefaͤßthaͤtigkeit nicht mehr geeignet. — Auf gleiche Weise indeß wie die erhoͤhte Thaͤtigkeit der Ge- schlechtsorgane in der Periode der Zeugungsfaͤhigkeit nicht sowohl Ursache als vielmehr Folge allgemeiner Koͤrperveraͤn- derungen war, so ist auch dieses Hinwelken im Alter nicht als Ursache, sondern als Folge von Umaͤnderungen anzuse- hen, welche im allgemeinen Koͤrperbefinden Statt gehabt ha- ben und sich auf Sinken reproduktiver Thaͤtigkeit beziehen. §. 76. Diese Verminderung der Assimilation und allgemeinen bildenden Thaͤtigkeit, welche dem Organismus uͤberhaupt bey vorruͤckender Lebenszeit nothwendig ist, und als Folge des Gegensatzes zwischen Individuum und Gesammtheit der Na- tur erscheint, aͤußert sich der Regel nach durch wirkliche Stoffabnahme; der Koͤrper faͤllt zusammen, die reichlichen Ablagerungen von Fett und Zellgewebe verschwinden, die Haut faltet sich, die Knochen treten mehr hervor, der Cha- rakter weiblicher Form verliert sich mehr und mehr, die Aehnlichkeit desselben mit dem maͤnnlichen wird (wie im Kin- desalter) groͤßer, und indem so der Koͤrper nicht einmal fuͤr eigene Erhaltung thaͤtig seyn kann, muß nothwendig das Aufrechterhalten der Thaͤtigkeit fuͤr Erhaltung der Gattung ganz unmoͤglich werden. — Wie denn nun aber die Aeu- ßerungen des Geistes und Gemuͤthes immer wesentlich durch die Organisation bestimmt werden, so zeigt sich dieß auch hier: — Die Sanftheit, Zartheit, die Erregbarkeit und Anmuth des weiblichen Gemuͤths verlieren sich, die mindere Energie des Willens und Klarheit der Vernunft machen das Weib empfaͤnglicher fuͤr die Schwaͤchen des Alters, zu wel- chen uͤbrigens eben so das maͤnnliche Alter geneigt, obwohl dagegen mehr geschuͤtzt ist, und erzeugen dann oft einen Charakter, welcher in eben so geringem Grade, als der der bluͤhenden Jungfrau oft in hohem Grade liebenswuͤrdig zu nennen ist. W. Roussel Physiologie des weiblichen Geschlechts. A. d. Franz. v. Michaelis. Berlin 1786. 8. Jac. Fid. Ackermann uͤber die koͤrperliche Verschieden- heit des Mannes vom Weibe außer den Geschlechts- theilen. A. d. Lat. von Wenzel. Coblenz 1788. 8. (Bey vielem Interessanten leider auf eine unstatthafte Hypothese gegruͤndet, naͤmlich daß das vermehrte oder verminderte Vorwalten des Sauerstoffs die Grundursache der Geschlechtsverschiedenheit bedinge.) C. Fr. Pockels Versuch einer Charakteristik des weibli- chen Geschlechts. Hannover 1806. 2te Aufl. in 4 Thln. (Beruͤcksichtigt hauptsaͤchlich die psychische Natur die- ses Geschlechts.) Naturgeschichte des Weibes, ein Handbuch fuͤr Aerzte u. s. w. nach J. L. Moreau von Rink und J. K. F. Leune 4 Thle. Leipzig 1810. 8. (Enthaͤlt vieles Interessante uͤber die Verhaͤltnisse des weiblichen Geschlechts in verschiedenen Zeiten und Laͤndern und umfaßt zugleich die Diaͤtetik.) Autenrieth uͤber die Verschiedenheit beider Geschlechter in Reil’s Archiv f. Phys. 7. Bd. 1. Hft. Ueber die Analogie der maͤnnlichen und weiblichen Ge- schlechtstheile von Dr. J. Chr. Rosenmuͤller im 1. Bde d. Abhandlungen d. physikalisch-medicinischen Societaͤt zu Erlangen. C. L. Creve vom Baue des weiblichen Beckens. Leipzig 1794. 4. S. Th. Soemmering Tabula Sceleti feminini. 1797. Traject. ad M. Fol. J. H. F. Autenrieth p. Fischer diss. sistens nonnul- las observationes de pelvi mammalium. Tub. 1798. uͤbers. im 2n Hefte 2ten Bds d. Beytraͤge f. Zergliede- rungskunde v. Isenflamm u. Rosenmuͤller. (Auch dienen zur naͤhern Kenntniß d. weibl. Beckens die kuͤnstlichen Pelviarien z. B. v. Froriep.) J. G. Walther Betrachtungen uͤber die Geburtstheile des weiblichen Geschlechts. Berlin 1776. J. Chr. G. Joͤrg uͤber das Gebaͤrorgan des Menschen und der Saͤugthiere. Fol. Leipz. 1808. J. F. Lobstein Fragment d’anatomie physiologique sur l’organisation de la matrice dans l’espece hu- maine. Paris 1803. J. G. Klees uͤber die weiblichen Bruͤste. Frankf. a. M. 3te Aufl. 1806. J. Ch. Rosenmüller quaedam de ovariis embryo- num. 1803. 4. J. G. Knebel Grundriß zu einer Zeichenlehre der ge- sammten Entbindungswissenschaft. 1798. Zweiter Abschnitt . Von der Eigenthuͤmlichkeit in den Krankheiten des weiblichen Geschlechts (allgemeine Pathologie). §. 77. So wie der weibliche Koͤrper ruͤcksichtlich des Physiolo- gischen zwar schon im Allgemeinen durch eigenthuͤmliche Ver- haͤltnisse seiner organischen Systeme und aͤußern Gesammt- bildung von dem maͤnnlichen abweicht, allein nur durch die geschlechtlichen Funktionen und Organe vollkommen von ihm sich unterscheidet, so auch ruͤcksichtlich der pathologischen Zu- staͤnde. — Es veranlaßt dieß die Krankheiten des weiblichen Organismus einzutheilen in solche, welche er mit dem maͤnn- lichen gemein hat, und welche in ihrem Verlauf nur modi- ficirt werden durch die Individualitaͤt des Koͤrpers, an wel- chem sie vorkommen, und in andere, welche als auf die be- sondere Organisation des Weibes gegruͤndet, nur in diesem Geschlecht moͤglich und ihm ganz eigenthuͤmlich sind. Zur erstern Klasse gehoͤrt demnach das ganze Heer von Krankhei- ten, welchen der Mensch uͤberhaupt unterworfen ist, als: Fieber, Entzuͤndungen, Laͤhmungen, Kraͤmpfe, Stoͤrungen organischer Bildung u. s. w.; zur zweiten Klasse hingegen rechnen wir die Stoͤrungen weiblicher Geschlechtsverrichtung und die daraus sich ergebenden allgemeinen oder oͤrtlichen Krankheiten. §. 78. Hier nur kann es allein unser Zweck seyn, von der zweiten Klasse eine ausfuͤhrlichere Darstellung zu geben, und wir erwaͤhnen daher von der erstern blos dasjenige, wodurch die Individualitaͤt des weiblichen Koͤrpers auch in den ihr nicht ausschließend eigenthuͤmlichen Krankheitszustaͤnden be- zeichnet wird. Es ist aber hieruͤber zu bemerken: erstens , daß die groͤßere Receptivitaͤt des weiblichen Organismus ihn im Allgemeinen fuͤr Einwirkung schaͤdlicher Einfluͤsse empfaͤng- licher, folglich zu Kraͤnklichkeit uͤberhaupt geneigter macht; das Weib erkrankt daher haͤufiger, oft in Folge scheinbar un- erheblicher Schaͤdlichkeiten, und alles dieß natuͤrlich um so mehr, je reitzbarer das Individuum ist (daher das unaufhoͤr- liche Krankseyn mancher uͤberfeinen weiblichen Constitution) und wir finden auch hier wieder die Aehnlichkeit mit dem Kindeskoͤrper, von welchem dasselbe gilt. — Zweitens : Die geringere Energie in der Reaction des weiblichen Koͤr- pers uͤberhaupt macht es indeß erklaͤrlich, daß die von ein- wirkenden Schaͤdlichkeiten erzeugten Krankheitsstuͤrme minder heftig, Faͤlle schweren Erkrankens im Ganzen seltner zu seyn pflegen als im maͤnnlichen Geschlecht; Frauen zeigen eben deßhalb oft unter den beschwerlichsten Lagen bewunderns- werthe Ausdauer, und werden weniger leicht ganz niederge- worfen aufs Krankenlager als Maͤnner. §. 79. Drittens . Das Vorherrschen vegetativer Funktionen im weiblichen Koͤrper bedingt ferner auch das haͤufigere Vor- kommen von krankhaften Zustaͤnden sowohl in den ersten We- gen des Assimilationsprozesses und den secernirenden Orga- nen, als in der allgemeinen Bildungsthaͤtigkeit, deren Traͤ- ger das Gefaͤßsystem ist, woher denn theils das hier so haͤu- fige Vorkommen von Unordnungen in der Art der Blutcirku- lation, theils die oͤftern Faͤlle abnormer, auf pathologische Bildung oder Ausscheidung abzweckender Gefaͤßthaͤtigkeit, und somit die haͤufigen Krankheitsformen der Entzuͤndung, Ver- wachsung, Verbildung, Gefaͤßerweiterung, Wasseranhaͤufung, Eiterung u. s. w. erklaͤrlich werden. — Viertens wird der Verlauf der Krankheiten in Folge des obenerwaͤhnten Ueber- gewichts produktiver Funktionen auch in so ferne modificirt, als der Koͤrper selbst in Hebung und Entscheidung der Krank- heiten sich thaͤtiger beweiset, woher denn die außerordentliche Heilkraft der Natur oft in Faͤllen der bedeutendsten organi- schen Zerruͤttungen (z. B. bey Eiterungen, durch Schwan- gerschaft außerhalb der Gebaͤrmutter veranlaßt) abgeleitet werden kann. — Fuͤnftens beruht es in dem besondern Vorwalten der Sensibilitaͤt dieses Geschlechts, daß Symptome, welche vom Nervensystem ausgehen, die meisten Krankheiten der Weiber begleiten, daß Schmerzen, Kraͤmpfe, Laͤhmungen, Sinnes-Taͤuschungen oder Ueberspannungen hier so ausge- zeichnet haͤufig erscheinen und Ruͤckwirkungen des Nervensy- stems auf andere Systeme und Organe auch oͤfters zu wei- tern Verstimmungen Anlaß geben, wenn hingegen Reaktionen des Muskularsystems, in Form von Convulsionen, Ausbruͤ- chen von Manie u. s. w. weniger heftig als im maͤnnlichen Geschlecht zu seyn pflegen. §. 80. Wie nun durch die erwaͤhnten Momente sowohl die Aetiologie als Symptomatologie weiblicher Krankheiten man- ches Eigenthuͤmliche erhaͤlt, so ist auch endlich ruͤcksichtlich der Prognose noch anzumerken, daß, so wie uͤberhaupt der geringern Energie der Reaktionen wegen das weibliche Ge- schlecht mehr zu chronischen als acuten Krankheiten geneigt ist, auch acute Krankheiten selbst im Allgemeinen hier min- der leicht eine so gefahrdrohende Hoͤhe erreichen; woraus denn die Erfahrung erklaͤrlich wird, daß in typhoͤsen Epide- mieen z. B. der Regel nach mehr Maͤnner als Frauen ver- starben. Unguͤnstiger hingegen muß eben dadurch die Prog- nose werden bey chronischen Krankheiten, theils wegen der groͤßern Neigung zu organischen Verbildungen, Wasseran- sammlungen u. s. w.; theils wegen der schneller eintretenden Atonie, welche haͤufig durch den mehrmals sich wiederholen- den Cyclus der hoͤhern, so tief in den weiblichen Organis- mus eingreifenden Geschlechtsverrichtungen von Schwanger- schaft, Geburt und Wochenbett unterhalten, befoͤrdert, oder doch vorbereitet wird; vorzuͤglich unguͤnstig muß jedoch die Prognose im Allgemeinen bey den chronischen Krankheitszu- staͤnden solcher Organe werden, deren Funktion schon an und fuͤr sich im weiblichen Koͤrper beschraͤnkter ist, z. B. bey Krankheiten der Lungen. §. 81. Was die zweite Klasse weiblicher Krankheiten, naͤmlich die diesem Geschlecht ausschließend eigenthuͤmlichen betrifft, so ist von ihnen im Allgemeinen zu bemerken, daß, so wie die Disposition dazu uͤberhaupt nur durch den geschlechtlichen Charak- ter gegeben wird, ihr haͤufigeres oder minder haͤufiges Vorkom- men auch an das Hervortreten oder Zuruͤcktreten weiblicher Indi- vidualitaͤt geknuͤpft ist. Es wird daher erklaͤrlich, warum z. B. das kindliche Alter, bey minder ausgepraͤgtem Ge- schlechtscharakter, auch beynahe gar keine dem weiblichen Ge- schlechte ausschließend eigenthuͤmlichen Krankheitszustaͤnde zeigt, wenn hingegen in den zeugungsfaͤhigen Jahren Krankheiten dieser Art in Menge vorkommen, und zwar auch hier wie- der in groͤßter Mannigfaltigkeit da, wo die Geschlechtsthaͤ- tigkeit am staͤrksten hervorgehoben ist, also namentlich waͤh- rend der Schwangerschaft und dem Wochenbette, am aller- haͤufigsten jedoch bey der Geburt, als deren Abnormitaͤten mit ihrer Behandlung ja sogar zur Bildung einer eigenen Disciplin die Veranlassung gaben. Eben deßhalb sehen wir im hoͤhern Alter, nach erloschener Zeugungsfunktion, zwar wohl manche der einer fruͤheren Periode eigenthuͤmlichen Krank- heiten fortdauern oder sich entwickeln, aber wir vermissen Krankheiten, welche in dieser Lebensperiode des Weibes aus- schließend vorkommen koͤnnten, und sehen vielmehr im Patho- logischen wie im Physiologischen den weiblichen Koͤrper wieder mehr dem maͤnnlichen genaͤhert. §. 82. Uebrigens gilt ruͤcksichtlich der Aetiologie, Symptomato- logie und Prognose auch von dieser Krankheitsklasse im All- gemeinen wieder was §. 78 — 80 uͤber die erstere Klasse ge- sagt ist, so daß auch hier z. B. großes Vorwalten der Nei- gung zu abnormen Bildungen und chronischen Zustaͤnden, so wie zu Stoͤrungen der Sensibilitaͤt bemerklich wird, wobey indeß noch außerdem erwaͤhnt zu werden verdient, daß, so wie die weiblichen Geschlechtsverrichtungen uͤberhaupt entschie- dener und staͤrker in das Befinden des gesammten Organis- mus eingreifen, auch die Stoͤrungen dieser Funktionen von groͤßerm Einfluße auf Erregung allgemeiner Krankheitszu- staͤnde sind, als dieß z. B. vom maͤnnlichen Geschlechte be- hauptet werden kann. — Die Eintheilung dieser eigentlichen Geschlechtskrankheiten, deren naͤhere Eroͤrterung nun vorzuͤg- licher Gegenstand des speciellen Theils dieser Arbeit seyn wird, kann uͤbrigens namentlich von zwey Standpunkten aus entworfen werden, d. i. entweder indem man unterscheidet zwischen oͤrtlichen Krankheiten des Geschlechtssystems: Ent- zuͤndungen, Verbildungen, fehlerhaften Lagen u. s. w. und allgemeinen obwohl von der Geschlechtsindividualitaͤt beding- ten Krankheitszustaͤnden, z. B. Bleichsucht, Hysterie u. s. w. — Oder indem man sie ordnet nach den einzelnen Lebensperio- den, wie es geschehen in dem §. 11. entworfenen Schema. — Fuͤr unsern Zweck halten wir es am schicklichsten, beide Ein- theilungsgruͤnde zu verbinden, und saͤmmtliche Geschlechts- krankheiten der Weiber uͤberhaupt nach den Lebensperioden, im Besondern aber nach ihrer Oertlichkeit oder Allgemeinheit zusammenzustellen. Dritter Abschnitt . Von der aͤrztlichen Behandlung des weiblicheu Organismus im gesunden und kranken Zu- stande (allgemeine Diaͤretik und Therapie). §. 83. Unter den hierher gehoͤrigen Gegenstaͤnden koͤnnen wir unterscheiden, erstens die Beachtung der Persoͤnlichkeit des Arztes fuͤr das weibliche Geschlecht, zweitens die Eroͤrterung der Art und Weise, sowohl die verschiedenen physiologischen als pathologischen Zustaͤnde des weiblichen Koͤrpers zu er- forschen (also der Untersuchungsmethode), und drittens Er- waͤgung der allgemeinen fuͤr die Behandlung selbst aufzustel- lenden Maximen. I. Von der Persoͤnlichkeit des Frauenarztes und Geburtshelfers . §. 84. Von einem jeden, der helfend und heilend auftreten will, fordert man mit Recht noch außer den genuͤgenden Kenntnissen und Fertigkeiten eine gesunde kraͤftige Individua- litaͤt, innere Sicherheit, Gegenwart des Geistes, Schaͤrfe sinnlicher Wahrnehmungen, Rechtlichkeit und Milde in seinem Handeln. Auch der Frauenarzt und Geburtshelfer muß da- her mit solchen Eigenschaften ausgestattet seyn, wenn er sei- nen Beruf wuͤrdig erfuͤllen soll, ja er muß es um so mehr, da das weibliche Geschlecht einen sehr feinen Sinn fuͤr maͤnn- lichen Werth zu besitzen pflegt, und ihm leicht das Ver- trauen, und mit ihm eine so wesentliche Bedingung der Hei- lung schwinden wird, wenn ein unsicheres, schwankendes oder wohl gar unschickliches Benehmen, Mangel eines wohlgegruͤn- deten Selbstvertrauens errathen laͤßt. Außerdem ist jedoch noch anzumerken, daß, wie namentlich die Entbindungskunst bey ihrer Ausuͤbung mit so vielen Schwierigkeiten und An- strengungen verknuͤpft ist, auch ebendeßhalb von dem sich ih- rer Ausuͤbung Widmenden eine vorzuͤglich dauerhafte Gesund- heit, kraͤftige obwohl nicht allzuvoͤllige Bildung des Koͤrpers, insbesondere aber kraͤftige, schlank- und wohlgebildete Arme und Haͤnde so wie feinfuͤhlende Finger erfordert werden; Er- fordernisse, welche auf laͤngere Zeit nur erhalten werden koͤnnen durch eine sorgfaͤltige, allen Ausschweifungen und Unmaͤßigkeiten absagende zweckmaͤßige Lebensordnung und wohl- geordnete Kultur und Uebung der Glieder. §. 85. Obwohl nun der Arzt mit diesen physischen und den obenerwaͤhnten psychischen Eigenthuͤmlichkeiten begabt, schwer- lich die rechte Art des Benehmens gegen weibliche Kranke verfehlen wird, und wir gern ein kleinliches Savoir faire der Nation uͤberlassen, welche auf Aeußerliches so streng hal- tend dieses unuͤbersetzbare Wort gebildet hat (um so mehr, da durch aͤhnliche Kunstgriffe wohl oft ein gewoͤhnlicher Rou- tinier Moͤchte doch, so wenig als auch dieses Wort in unserer Sprache sich unumschrieben wiedergeben laͤßt, eben so wenig die Sache selbst bey uns gefunden werden! — groͤßern Eingang als der gruͤndliche und wissenschaft- liche Arzt erhaͤlt) so darf man demohnerachtet mit Recht ei- nige besondere Punkte dieser aͤußern Behandlung des weibli- chen Geschlechts noch einer naͤhern Beachtung wuͤrdig erklaͤren. §. 86. So gehoͤrt hierher zunaͤchst schon die Aufmerksamkeit auf aͤußerliche Erscheinung des Arztes in Kleidung, Haltung und Betragen. — Ein Geschlecht, welches die Sitte als erste Richterin anerkennt, empfindet jede Unschicklichkeit dieser Art nothwendig mehr als der Mann, und eine jede gesuchte, geckenhafte Kleidung eben so sehr als ein allzuvernachlaͤßigtes Aeußere, ein jedes Auffallende, nach konventionellen Grund- saͤtzen Unpassende des Betragens wird das weibliche Gefuͤhl unangenehm afficiren, ja zuruͤckstoßen, wenn es von einem maͤnnlichen Individuum kaum bemerkt wuͤrde. §. 87. Außerdem hat das Betragen des Arztes sich insbeson- dere nach weiblicher Individualitaͤt zu fuͤgen, theils bey Er- forschung der Krankheitszustaͤnde, theils bey Anordnung des Heilplanes. In ersterer Hinsicht ist es die Aufgabe einer- seits, zart und wuͤrdig den Frauen zu begegnen, damit sie es wagen moͤgen, vertrauenvoll selbst Geheimnisse, welche weib- liche Schamhaftigkeit sonst gern verbirgt, dem Arzt offen darzulegen; ein Vertrauen, welches der Arzt durch eine einzige unschickliche leidenschaftliche Aeußerung bey zartfuͤhlenden Frauen verscherzen wird. Andererseits ist aber auch Scharf- blick, sichere Ordnung im Krankenexamen und vielfache Um- sicht noͤthig, um durch den gewandten, oft nur zu redseligen Vortrag der Kranken, ja durch absichtliche auf Taͤuschung abzweckende Darstellung eines zur List geneigten Geschlechts nicht von der richtigen Ansicht des eigentlichen Zustandes sich abbringen zu lassen; eine Aufgabe, welche oft namentlich bey Ausmittelung von Schwangerschaften u. dergl. mit nicht geringen Schwierigkeiten verbunden zu seyn pflegt. — Mit einem Worte: der Mittelweg zwischen einer zu regen Theil- nahme und einer abstoßenden Kaͤlte wird jeder aͤrztlichen Aus- mittelung bey weiblichen Individuen den sichersten Erfolg gewaͤhren. §. 88. Was zweitens die Anordnung des Heilplanes betrifft, so wird auch hier der Arzt theils durch ein gewisses Einge- hen in die Individualitaͤt seiner Kranken, durch Benutzung ihrer vorherrschenden Neigungen u. s. w. manches zur Ver- vollstaͤndigung seiner Kur beytragen, und seine Kranke dadurch zu genauerer Befolgung der ihr vorgeschriebenen Regeln ver- moͤgen koͤnnen; theils aber ist nicht zu uͤbersehen, wie der Arzt selbst durch seine Persoͤnlichkeit, durch seinen festen Wil- len oft auf das entschiedenste zur Beseitigung regelwidriger Zustaͤnde beytragen koͤnne. Die Einwirkung naͤmlich einer kraͤftigen, geistigen Individualitaͤt auf eine schwaͤchere schon an und fuͤr sich, ist (moͤgen wir dieß nun magnetische oder andere Kraft nennen) unlaͤugbar und durch vielfache Beob- achtungen erwiesen Man gedenke nur des schoͤnen Aufsatzes vom Archiater Brandis im Hufelandischdn Archiv f. d. pr. Heilk. 1815. Bd. II. St. 2. ; und daß von derselben nun gerade bey weiblichen Kranken, wo aufgeregte oder verstimmte Sensibi- litaͤt oft eine so große Rolle spielt, in vielen Faͤllen kraͤftige Huͤlfe erwartet werden duͤrfe, liegt am Tage. Wie oft hoͤ- ren wir daher nicht die Klagen reitzbarer weiblicher Kranken fast augenblicklich sich mindern, sobald der geehrte vertrau- ensvoll empfangene Arzt sich ihnen naͤhert? — Eben so bestimmt, als das Gefuͤhl des Krankseyns durch die Annaͤ- herung einer widerwaͤrtigen Person gesteigert wird. II. Von der Art und Weise, die verschiedenen Zustaͤnde des weiblichen Koͤrpers auszumit- teln und zu untersuchen . §. 89. Wir koͤnnen hierbey unterscheiden: a ) das allgemeine nach regelmaͤßig geordneten Fragen eingeleitete Vernehmen der zu Untersuchenden , ihrer fruͤhern Geschichte nach sowohl, als nach der Art ihrer gegenwaͤrtigen besonderen Empfindun- gen; und b ) die durch den Sinn des Gesichts oder des Getasts, ja selbst durch Instrumente vorzunehmende Unter- suchung der weiblichen Koͤrperbildung sowohl im Allgemeinen, als insbesondre den Geschlechtstheilen, so wie (bey Hinsicht auf Geburt) dem Becken nach. §. 90. Was zuvoͤrderst die Ordnung und Folge der zum Be- hufe solcher Ausmittelungen zu stellenden Fragen betrifft, so werden zwar im Ganzen wie bey maͤnnlichen Individuen auch hier Alter, Eigenthuͤmlichkeiten bey der Geburt, Ge- sundheitsumstaͤnde der Eltern, Kinderkrankheiten, aͤußere Ver- haͤltnisse, Temperatur, vorherrschende Neigungen, spaͤterhin erfahrene Krankheiten u. s. w. eroͤrtert werden muͤssen; es wird ferner der gegenwaͤrtige Zustand nach den einzelnen organi- schen Systemen zu erwaͤgen seyn, so daß man z. B. von der Funktion der Dauungsorgane beginnt, uͤbergeht sodann zur Funktion des Gefaͤßsystems, der Absonderungs- und Ath- mungsorgane, und endlich die Verrichtungen des hoͤhern thie- rischen Lebens, nach Sensation und Muskularthaͤtigkeit unter- sucht; allein immer wird nun noch einen sehr wesentlichen Theil dieser Untersuchung die Beruͤcksichtigung der eigentlichen Geschlechtsverhaͤltnisse ausmachen, wobey dann auf nachste- hende Punkte vorzuͤgliches Gewicht zu legen seyn wuͤrde. — §. 91. Zunaͤchst aber gehoͤrt hierher die Entwicklung des Ge- schlechtscharakters im Erscheinen der Menstruation, welche I. Theil. 5 durch die Zeit, in welcher sie erscheint, durch die Zufaͤlle, mit welchen sie eintritt, durch die Art ihrer Wiederkehr, durch die Quantitaͤt und Qualitaͤt des abfließenden Blutes, vielen Auf- schluß uͤber die urspruͤngliche Thaͤtigkeit des Geschlechtssystems, und die mehr oder minder vollkommene Harmonie in den Funktionen des Koͤrpers verheißt. — Nahe verbunden ist hiermit Erforschung der Regungen des Geschlechtstriebes, ob sie spaͤt oder fruͤh erwacht, ob sie in geringem oder hohem Grade, vielleicht zu Ausschweifungen fuͤhrend, empfunden wurden? — Eroͤrterungen, wobey allerdings nur durch be- sondere Vorsicht und Schonung der Schamhaftigkeit, und oft mehr durch Benutzung der Aussagen von Eltern, Verwand- ten, Hebammen u. s. w. als durch muͤndliches Examen zum Ziel der Erkenntniß des eigentlichen Zustandes zu gelangen ist. §. 92. Ferner verdienen bey nicht mehr jungfraͤulichem Zu- stande, namentlich bey Verheiratheten theils (unter der er- waͤhnten Vorsicht) die ehelichen Verhaͤltnisse, theils und na- mentlich die vorausgegangenen oder jetzt Statt habenden Zu- staͤnde von Schwangerschaft, Geburt, Wochenbett und Stil- lungsperiode die genaueste Beruͤcksichtigung, da vorzuͤglich von den letztern Zustaͤnden aus oft die Entstehung der ver- schiedenartigsten krankhaften Zustaͤnde gerechnet werden muß. Es sind daher theils die Anzahl und Art vorausgegangener Geburten, theils der Verlauf vorausgegangener Schwanger- schaften, das Befinden in denselben, die etwa Statt gehab- ten physiologischen und pathologischen Eigenthuͤmlichkeiten der Wochenbetten stets und zwar nach den einzelnen diese Perio- den charakterisirenden Erscheinungen (von welchen spaͤter die Rede seyn wird) moͤglichst genau zu erforschen; und endlich ist denn auch bey aͤltern weiblichen Individuen der Eintritt der klimakterischen Jahre (das Außenbleiben der Menstrua- tion) ausfuͤhrlich zu beruͤcksichtigen, da auch in diesen Zeit- raum mancher Krankheitszustand des weiblichen Koͤrpers wurzelt. §. 93. Anlangend zweitens die Untersuchung der weiblichen Koͤrperbildung , so ist es diese, welche man, da sie vorzugsweise bey Geburten vorgenommen werden muß (ob- wohl sie in vielen andern Zustaͤnden des weiblichen Koͤrpers nicht minder nothwendig ist), mit dem Namen der geburts- huͤlflichen Untersuchung ( Exploratio obstetricia ) be- zeichnet, und nach folgenden Grundsatzen unterschieden hat. — Zunaͤchst naͤmlich theilt man dieselbe, je nachdem sie uͤber die gesammte aͤußere Koͤrperbildung sich verbreitet, oder vor- zugsweise auf die innern Geburtstheile und das Becken be- schraͤnkt wird, in die aͤußere und innere Untersuchung ( Ex- ploratio obstetricia externa et interna ), welche letztere auch wohl noch insbesondere mit dem Nahmen des Zufuͤh- lens ( Touchement, Touchiren) belegt zu werden pflegt. Zweitens aber unterscheidet man, je nachdem die Untersu- chung durch die Hand des Geburtshelfers oder durch Werk- zeuge vorgenommen wird, Untersuchung durch Gesicht und Getast und Instrumentaluntersuchung ( Exploratio obstetri- cia manualis et instrumentalis ). §. 94. Wie nun schon theils im Allgemeinen ein decentes und schonendes Verfahren dem Frauenzimmerarzte zur Pflicht gemacht wurde (§. 86.), theils aͤhnliche Regeln ruͤcksichtlich des Kranken- examens (§. 91.) erwaͤhnt worden sind, so muͤssen nun ins- besondre bey dem genauern Erforschen der koͤrperlichen Bil- dung des Weibes die nachstehenden Grundsaͤtze beruͤcksichtigt werden: — 1) Ist beym Vortrage der Nothwendigkeit der Untersuchung selbst mit Anstand und Vorsicht zu verfahren (ohne wirkliche Nothwendigkeit wird natuͤrlich dieses jedem unverdorbenen weiblichen Geschoͤpfe hoͤchst unangenehme Ver- fahren gaͤnzlich uͤbergangen), und es sind demnach die Gruͤn- de, welche die Untersuchung erheischen, mit Ruhe und Festig- keit darzulegen. 2) Es wird zweckmaͤßig seyn, bey der Un- tersuchung selbst irgend eine vertraute Person, z. B. eine Verwandtin der zu Untersuchenden gegenwaͤrtig zu haben. 3) Bey der Untersuchung selbst wird man alle nicht unum- gaͤnglich nothwendigen Entbloͤßungen oder sonstige Beleidungen der auch im gefallenen Weibe zu ehrenden Schamhaftigkeit sorgfaͤltigst vermeiden, und was durch Getast ausgemittelt werden kann, nicht durch das Gesicht eroͤrtern. 4) Man bereite alle zur Untersuchung noͤthigen Utensilien, z. B. das Lager, die zum Bestreichen der Hand erforderliche Salbe oder des etwas, Tuͤcher, Waschwasser u. s. w., und sehe darauf, daß die zur Untersuchung selbst am meisten geeignete Lage oder Stellung des Koͤrpers zuvor angenommen werde. §. 95. 5) Bevor man zur Untersuchung schreitet, lasse man die Harnwege sowohl, als den Darmkanal (letztern mittelst eines Lavements) entleeren. 6) Man trage Sorge, daß die un- tersuchende Hand weder durch Rauhigkeiten, Ecken der Naͤ- gel, Kaͤlte, Naͤsse, oder durch Ringe u. dgl. den Koͤrper der zu Untersuchenden nachtheilig afftcire. 7) Man gewoͤhne sich die Untersuchung mit beyden Haͤnden gleich fertig unterneh- men zu koͤnnen, und 8) man verfahre bey der Untersuchung selbst in einer gewissen gesetzmaͤßigen Ordnung (ohngefaͤhr so wie wir sie hier beschreiben), beginne nach vorausgeschicktem Examen mit der aͤußern und endige mit der innern oder (wenn sie noͤthig seyn sollte) mit der Instrumentaluntersu- chung; auf welche Weise, wenn jeder Punkt sogleich hinlaͤng- lich genau beachtet wird, man der unangenehmen Nothwen- digkeit der Wiederholung einzelner Theile der Untersuchung am sichersten entgehen wird. 1. Untersuchung durch Gesicht und Getast . a ) Die aͤnßerliche . §. 96. Unter den Bereich dieser Untersuchung gehoͤrt nun ganz vorzuͤglich und zuerst die Beruͤcksichtigung der allge- meinen Koͤrperform , der Gestalt, der Torositaͤt, der Beschaffenheit von Haut und Haar nach, und zwar nament- lich in wiefern sie dem oben (§. 16. u. f.) angegebenen weib- lichen Typus entspreche oder nicht, sodann in wie weit etwa Spuren fruͤher Statt gehabter Krankheiten (z. B. der Rha- chitis) daraus sich abnehmen lassen, und endlich um auch daraus mit abzumessen, welche Constitution, welches Tem- perament im Koͤrper der zu Untersuchenden vorherrschend sey. Zunaͤchst an diese allgemeine Untersuchung schließt sich nun unter den Theilen einer speciellen aͤußern Untersuchung die der Bruͤste : — Hier naͤmlich ist durch Besichtigung sowohl als Betastung, theils uͤber Groͤße, Gestalt, Elastizitaͤt oder Schlaffheit des gesammten Brustkoͤrpers, uͤber das regelmaͤ- ßige oder abnorme Parenchyma desselben, Abwesenheit von Verhaͤrtungen, Anfuͤllung der Milchadern (welche vielleicht bey gelindem Drucke nach der Warze hin milchigte Fluͤßig- keit ergießen) u. dgl., theils uͤber Beschaffenheit der die Bruͤste uͤberkleidenden Haut, ob sie nicht durch Hautkrank- heiten entstellt, oder durch Narben fruͤherer Eiterungen be- zeichnet sey, und insbesondere endlich uͤber die Farbe und Bildung der Brustwarzen, ob sie klein, tiefliegend, gespal- ten, sehr oder nicht sehr empfindlich, mit kleinem oder gro- ßem, dunkelm oder hellem Hof umgeben seyen, zu ent- scheiden Man kann hierher auch die Untersuchung der Milch selbst rechnen, und wir werden die Zeichen gutartiger, oder weniger guter Milch bey der Geschichte des Wochenbettes eroͤrtern. . §. 97. Fernere Gegenstaͤnde dieser Untersuchung sind noch die uͤbrigen aͤußern Geschlechtstheile , der Unterleib und das Becken . In wiefern jedoch die Entbloͤßung dieser Theile insbesondere weiblicher Schamhaftigkeit entgegen ist, wird man hierbey nur in ungewoͤhnlichern, namentlich ge- richtlichen Faͤllen, das Gesicht zu Huͤlfe nehmen, da schon das Getast hieruͤber in den meisten Faͤllen genuͤgenden Auf- schluß zu geben vermag. — Wird jedoch vielleicht wegen Verdacht von Ansteckung, oder um uͤber Zeichen der Jung- frauschaft zu entscheiden, die genaueste Untersuchung noth- wendig, so laͤßt man der Person eine horizontale Lage (am beßten bey etwas erhoͤhter Kreuzgegend) annehmen, und wird so alsbald uͤber den Zustand der uͤbrigen aͤußern Genitalien entscheiden koͤnnen, wobey denn namentlich auf die Stellung derselben (ob mehr vor- oder ruͤckwaͤrts), auf Turgor oder Erschlaffung, Integritaͤt oder Verletzung, Verhaͤrtung, oder sonstige Entstellung derselben zu achten ist. §. 98. Bedarf man indeß der Ocularinspektion nicht, so wird man durch folgendes Verfahren den Zustand dieser Theile am sichersten ausmitteln: — Kann naͤmlich die zu Untersuchende außerhalb des Bettes und in aufrechter Stellung verweilen, so wird man dieselbe, leicht angelehnt, an eine Wand treten lassen, sich selbst laͤßt man sodann auf das rechte Knie (wenn man mit der rechten Hand untersucht, im Gegentheil auf das linke) nieder, und fuͤhrt nun die Hand (gewoͤhnlich die rechte) an dem ihr entsprechenden Schenkel der zu Untersu- chenden (also am linken) unter den Kleidern, jedoch ohne diese mehr als bis zum Knie aufzuheben, zur Huͤfte herauf, indem man zugleich auf Richtung und Form der Schenkel- knochen, etwaige Blutaderknoten, oͤdematoͤse Anschwellungen u. s. w. achtet. Hier angekommen fixirt die Hand erst den großen Rollhuͤgel, dann den Huͤftbeinkamm, indem mit der zweiten Hand auf der andern Seite, jedoch uͤber der (frey- lich nicht zu dicken) Bekleidung dasselbe geschieht. So nun die Breite des Beckens nach der Entfernung beyder Haͤnde zu bestimmen, fordert allerdings Uebung, ist aber bis zu ei- nem hohen Grade der Sicherheit sehr wohl moͤglich. Zugleich dient die Beruͤcksichtigung der Neigung des Huͤftbeinkammes, verbunden mit der spaͤtern Beachtung des Schambogens und der Stellung der Genitalien um die Neigung des Beckens zu erforschen. §. 99. Ferner gleitet die untersuchende Hand ruhig, ohne zu stark oder zu leicht und reitzend die Haut zu beruͤhren, nach der Ruͤckwand des Beckens, und indem hier Woͤlbung des Kreuzknochens, Tiefe des aͤußern Eindrucks in der Gegend des Vorbergs beachtet wird, fixirt wieder die zweite Hand uͤber der Kleidung den Schambogen, um auf aͤhnliche Weise, wie fruͤher die Breite, nunmehr auch die Tiefe des Beckens zu messen. Sodann bewegt man die untersuchende Hand vorwaͤrts nach dem Schambogen, dessen Stand und Woͤl- bung zu erforschen, man beachtet zugleich die Leistengegend, wegen etwaiger Bruͤche oder Druͤsengeschwuͤlste und bestimmt genauer das Verhalten der aͤußern Schamlippen, so wie des Dammes, ihrer Bildung und Richtung nach. §. 100. Endlich ist denn vorzuͤglich die Erforschung des Unter- leibes, seiner Ausdehnung oder Erschlaffung, und den durch die Bauchdecken zu fuͤhlenden Theilen nach, ein wichtiges Moment der aͤußern Untersuchung. Man wird auch dieses durch sorgfaͤltige Betastung der gesammten Unterleibsflaͤche in verschiedenen Richtungen beendigen, obwohl es, namentlich fuͤr die Ausmittelung angehender Schwangerschaften oder kurz vorhergegangener Geburten fast rathsamer ist, der zu Unter- suchenden, wenn man bis hierher in der Exploration gediehen ist, eine horizontale Lage mit etwas vorwaͤrts gebeugtem Oberkoͤrper annehmen zu lassen, um so bey erschlafften Bauch- muskeln tiefer eingreifen und den hinter dem Schambogen vielleicht noch verborgenen nicht zu sehr ausgedehnten Uterus entdecken zu koͤnnen. Außerdem ist hier auf das Verhalten des Nabels und der Linea alba, auf Gefuͤhl von Fluctua- tion im Uterus oder in der Bauchhoͤhle, auf Wahrnehmung von Kindestheilen oder Kindesbewegungen Ruͤcksicht zu neh- men, und was insbesondere die letztern betrifft, so raͤth man, um dieselben mehr aufzuregen, theils das abwechselnde gelinde Heben und Sinkenlassen des Uterus, welches noch wirksamer gemacht werden kann durch das bey gleichzeitig unternommener innerer Untersuchung Statt findende gelinde Andraͤngen an das untere Segment des Uterus (ein Verfah- ren, welches auch um den weniger ausgedehnten Fruchthaͤlter der von außen untersuchenden Hand fuͤhlbarer und erkenuba- rer zu machen, zu empfehlen ist), theils das Auflegen einer etwas kalten Hand auf den bloßen Leib; beyde Verfahren fuͤhren jedoch keineswegs immer zum Zwecke. — Hat man uͤbrigens auf die angegebene Weise die Untersuchung des Unterleibes bey aufrechter Stellung beendigt, so fuͤhrt man nun die untersuchende Hand nach der andern Huͤfte (welches, wo man mit der rechten Hand untersucht, die rechte seyn wird), betastet auch hier Huͤftbeinkamm und Rollhuͤgel, und gleitet nun an diesem Schenkel aͤußerlich eben so herab, wie man an dem andern heraufgegangen war. Wuͤrde uͤbrigens an dieser Seite noch eine besonders genaue Betastung noͤthig erachtet, so waͤhlt man dazu lieber die andere (d. i. die linke) Hand, so wie es sich denn auch von selbst ergiebt, daß bey Kranken oder Gebaͤrenden diese aͤußere Untersuchung ganz im Liegen oder Sitzen vorgenommen werden muß, obwohl diese letztere Haltung des Koͤrpers namentlich der Untersuchung des Beckens weit weniger guͤnstig ist als die aufrechte Stellung. b ) Innere Manual-Untersuchung . §. 101. In den Bereich derselben faͤllt hauptsaͤchlich Erforschung a ) der Mutterscheide, ihrer Weite, ihrer innern Flaͤche, ihrer Querfalten, Schleimabsonderung, Temperatur u. s. w.; sodann b ) der Scheidenportion des Fruchthaͤlters und des Mutter- mundes; c ) des vorliegenden Theiles vom Ey uͤberhaupt und insbesondere vom Kinde, so wie anderer vielleicht krankhafter hier wahrzunehmender Geschwuͤlste u. s. w., und endlich d ) des innern Raumes vom kleinen Becken. — Am zweckmaͤßigsten wird die innere Untersuchung blos mit einem Finger, dem Zeigefinger, unternommen; selten wird man, um etwas hoͤher herauf zu reichen, den Mittelfinger noch mit hinzu nehmen, und nur im Nothfall der genausten Bestimmung eines etwa sehr verunstalteten Beckens oder des vorliegenden Kindestheils, gebraucht man die ganze Hand. §. 102. Vorbereitungen zur innern Untersuchung sind, außer der §. 94. u. 95. angegebenen, erstens Sorge fuͤr eine zweck- maͤßige Stellung der zu Untersuchenden. Auch hier naͤmlich ist wieder der aufrechte Stand, bey welchem die Frau an eine Wand oder einen Tisch sich etwas anlehnt, und der Untersuchende auf das rechte Knie (wenn er mit der rechten Hand untersucht, im Gegentheil auf das linke) sich niederlaͤßt, der genauen Untersuchung am guͤnstigsten; naͤchst diesem kann man bey Kraͤnklichen oder Gebaͤrenden auch die sitzende Stel- lung (am beßten dann auf einem vorne mit einem Aus- schnitt versehenen Sessel, auf einem Geburtsstuhle, Sella ex- ploratoria ) oder die horizontale Lage waͤhlen, nur daß im letztern Falle der Untersuchende entweder auf dem Rande des Bettes sich niederlassen oder zur Seite desselben stehen wird. — Zweitens ist fuͤr Oehl, Fett oder ungesalzene Butter zu sor- gen, indem das Einsalben des untersuchenden Fingers theils um weniger Schmerz zu machen, theils um der Gefahr der Ansteckung sich nicht auszusetzen, unumgaͤnglich noͤthig ist Man benutzt wohl auch bey Untersuchung syphilitischer Personen das Unguentum neapolitanum fuͤr diesen Zweck, indeß schuͤtzt es wohl schwerlich viel mehr als gewoͤhnliches Fett. . Und endlich sind einige Tuͤcher zum Abtrocknen und zum Un- terbreiten auf den Boden des Zimmers bey Untersuchung in aufrechter Stellung, so wie Geraͤthschaften zum Waschen vor- raͤthig zu halten. §. 103. Die Untersuchung selbst vollzieht man so, daß, nachdem die zu Untersuchende eine passende Stellung angenommen, und Ausleerung von Stuhl und Urin, so wie (im Falle et- waiger Verunreinigung der Geschlechtstheile) Auswaschung derselben mittelst eines Schwammes Statt gehabt hat, man den untersuchenden Zeigefinger hinlaͤnglich mit einer Fettig- keit bestreicht, ihn in die Hand einschlaͤgt, mit Daumen und Mittelfinger bedeckt, und nun selbst eine der Haltung der Frau entsprechende Stellung annimmt. Man fuͤhrt jetzt die geschlossene Hand an der innern Flaͤche des Schenkels (wenn man mit der rechten Hand untersucht, am linken Schenkel) herauf, oͤffnet dieselbe an den Genitalien, um durch Daumen und Mittelfinger die aͤußern und innern Schamlippen vor- sichtig, ohne Schmerz zu erregen oder die Schamhaare zu dehnen, auseinander zu legen, und bringt nun den Zeige- finger selbst behutsam in die Schamspalte ein, indem man hierbey theils die Klitoris nicht zu beruͤhren Sorge traͤgt, theils bey jungfraͤulichem Zustande das Hymen vermeidet, streckt dann Mittel-, vierten und kleinen Finger nach hinten uͤber den Damm aus, und legt die andere Hand aͤußerlich uͤber die Kleidung an die Bauchflaͤche, um noͤthigenfalls den Uterus mehr zu fixiren oder gelind aufzuheben, wenn er we- gen zu weit vorwaͤrts gerichtetem Grunde die Untersuchung der Vaginalportion erschwert. §. 104. Indem nun so der Finger im Becken aufwaͤrts gefuͤhrt wird, untersucht man nach den §. 101. bemerkten Ruͤcksich- ten theils die Mutterscheide, den Mutterhals und Mutter- mund (wobey zum Messen des erstern das insgemein zoll- lange vorderste Fingerglied als bequemster Maaßstab dient) so wie den zuweilen durch das Scheidengewoͤlbe fuͤhlbaren Koͤrper oder Grund des Fruchthaͤlters genau, und mittelst ruhiger, Schritt vor Schritt gehender Betastung. Hierauf wendet man sich zur Ausmittelung der vielleicht zu entdecken- den Kindestheile oder anderer Theile des Eyes, wobey, was das Wahrnehmen des Kindestheils, namentlich in fruͤherer Zeit der Schwangerschaft betrifft, die Regel gelten kann, daß man denselben immer am leichtesten erreichen werde, wenn der Finger gerade hinter dem Schambogen heraufgefuͤhrt und hier etwas still gehalten wird, wobey sich der Kopf oft als bewegliche leichte Kugel, namentlich bey einem aͤußern Drucke von selbst auf die Fingerspitze auflegt. Endlich aber achtet man genau auf die Durchmesser, wie auf Kruͤmmung, Nei- gung, Hoͤhe und sonstige Bildung des Beckens, welches durch Hin- und Herbewegen der Fingerspitze (vorausgesetzt, daß das Gefuͤhl mittelst vielfacher Uebungen an trockenen Becken, Leichnamen und lebenden Koͤrpern hinlaͤnglich ge- schaͤrft sey) sehr wohl, ja am beßten bestimmt werden kann. — Ist nun alles hierher gehoͤrige genuͤgend unters n cht, so wird der Finger zuruͤckgefuͤhrt, wieder in die Hand eingeschlagen, und die Hand selbst ruhig wieder unter der Kleidung oder Bettdecke hervorgefuͤhrt, um sie alsbald zu reinigen. §. 105. Will man uͤbrigens mit zwey oder mehreren Fingern untersuchen, so verfaͤhrt man zwar im erstern Falle wieder ohngefaͤhr wie bey der Untersuchung mit einem Finger, im andern Falle hingegen muß man die ganze Hand mit Oehl bestreichen, dieselbe moͤglichst gestreckt und conisch zusammen- gelegt mit ihrer Breite im geraden Durchmesser des Becken- ausganges gestellt, behutsam, gelind drehend, und in der Fuͤhrungslinie einbringen. Im Becken dienen dann die ein- gebrachten ausgesperrten oder aneinanderliegenden fuͤnf Finger zu sehr genauer Schaͤtzung des Beckenraumes, und zwar in- dem man sich zuvoͤrderst durch Vergleichung an einem Zoll- stabe genau bekannt macht: theils wie viel der Raum zwi- schen ausgespanntem Zeige- und Mittelfinger, theils wie viel der Raum zwischen ausgesperrtem Zeigefinger und Daumen an der eigenen Hand betrage, dann aber auch mißt, wie breit drei, vier oder fuͤnf Finger der Hand sind, und nun diese Groͤßen mit dem Gefuͤhle bey der Untersuchung selbst ver- gleicht. — Noch ist denn auch der Untersuchung durch den Mastdarm als einer Abart der innern Untersuchung zu gedenken, in wiefern dieselbe namentlich bey manchen Krankheiten der innern Genitalien, Schwangerschaften außer- halb der Gebaͤrmutter u. s. w. von Wichtigkeit ist. — Man unternimmt dieselbe, nachdem vorher ein oder einige Lave- ments gegeben worden sind, ohngefaͤhr wie die innere Unter- suchung der Mutterscheide mit einem eingeoͤhlten Zeigefinger, laͤßt der zu Untersuchenden eine Seitenlage oder, noch besser, die Lage, auf Knie und Ellbogen gestuͤtzt, annehmen, und bringt nun den Finger gelind drehend nach der Richtung des Mastdarmes aufwaͤrts, um so das Verhalten des Uterus, des Beckens u. s. w. zu erforschen. Bey allen diesen Untersuchungen ist uͤbrigens die viel- fachste Uebung allein faͤhig, einen hoͤhern Grad von Fertig- keit zu gewaͤhren, und den Resultaten der Exploration eine groͤßere Sicherheit zu verschaffen, weßhalb denn allen ange- henden Frauenaͤrzten, Geburtshelfern und Hebammen dieselbe nicht dringend genug empfohlen werden kann. — 2. Instrumental-Untersuchung . §. 106. Sie beschraͤnkt sich vorzuͤglich auf die genauere Aus- messung des Beckens und theilt sich wieder, je nachdem diese Messung von außen oder im innern Beckenraume selbst ver- anstaltet wird, in die innere und aͤußere : — Zwar hat man auch zur naͤhern, durch den Sinn des Gesichts vorzu- nehmenden Untersuchung der innern weichen Geburtstheile vor einiger Zeit ein Instrument empfohlen, welches der von Bozzini S. D. Ph. Bozzini : Der Lichtleiter, oder Beschreibung einer einfachen Vorrichtung und ihrer Anwendung zu Erleuchtung innerer Hoͤhlen und Zwischenraͤume d. lebenden animalen Koͤrpers. Weimar, 1806. Fol. erfundene Lichtleiter ist; allein abgesehen, daß offenbar hier das Getast seiner Natur nach wichtigere Ergeb- nisse als das Gesicht verspricht, so wuͤrde auch dieser ganze Apparat in seiner Anwendung so unschicklich, ja komisch er- scheinen, daß wir ihn geradezu, wenigstens was Erforschung dieser Theile betrifft, in das Reich der praktisch voͤllig un- nuͤtzen Traͤumereyen verweisen muͤssen. — Ueberhaupt ist im Allgemeinen von der Instrumental-Untersuchung weit weniger praktischer Vortheil, und ein weniger sicheres Resultat zu ziehen, als von der Manual-Untersuchung, ja viele der er- fundenen Instrumente sind als voͤllig unbrauchbar zu verwer- fen, und wir gedenken daher nur der einigermassen nutzbaren, indem wir zugleich bemerken, daß die Idee des Beckenmessers als eine deutsche Erfindung zu betrachten, und von G. W. Stein dem aͤltern ausgegangen ist, welcher seinen ersten einfachen Beckenmesser 1772 bekannt machte. §. 107. Zu den aͤußerlich anwendbaren Beckenmessern gehoͤrt zuerst: der Dickenmesser Baudeloque’s (Compas d’epaisseur ), ein Tasterzirkel mit einem zwischen seinen Schenkeln angebrachten verjuͤngten Zollstabe, mittelst dessen die Zirkelschenkel selbst festgestellt werden koͤnnen. Man be- zweckt dadurch vorzuͤglich die Bestimmung der Conjugata des Beckeneinganges, indem die mit platten Knoͤpfen versehenen Schenkel des Zirkels, einer außen auf der Mitte der Scham- fuge, der andere hinten an der Spitze des Stachelfortsatzes vom letzten Lendenwirbel aufgesetzt werden, und nach festge- stellten Schenkeln nun das Instrument abgenommen, und die Entfernung des Knopfes am verjuͤngten Maaßstabe gemessen wird, von welcher Weite (bey regelmaͤßigem Becken insge- mein 7 Zoll) sodann 2½ Zoll fuͤr die hintere, und ½ Zoll fuͤr die vordere Beckenwand (also uͤberhaupt 3 Zoll) abzu- ziehen ist, um die Conjugata zu finden. Freilich lassen nun hierbey verschiedene Dicke der Beckenwaͤnde, innere Knochen- auswuͤchse u. s. w. Gelegenheit zu manchen Irrungen zu In meiner Anstalt z. B. gebar vor kurzem eine Person ein wohl- ausgetragenes starkes Kind natuͤrlich , und der Dickemesser zeigte nur eine Beckentiefe von 6 Zoll, ließ folglich auf eine Conjugata . von 3 Zoll schließen. , demohnerachtet stimme ich H. v. Siebold bey, welcher es in der Mehrzahl der Faͤlle ein nuͤtzliches und brauchbares Werkzeug nennt Lehrb. d. theoret. prakt. Entbindungsk. 2. Thl. S. 29. . — Laͤßt man das Instrument in nicht zu kleinen Dimensionen verfertigen (etwa so, daß die groͤßte Entfernung beider Knoͤpfe gegen 15 Zoll betraͤgt), so kann man es zugleich als Huͤftenmesser benutzen, ohne hierzu noch eines besondern Instrumentes zu beduͤrfen, und bestimmt demnach hierdurch theils den Querdurchmesser des großen Be- ckens beynahe unmittelbar, theils den Querdurchmesser des Beckeneinganges durch Messung der Breite an den Trochan- teren (insgemein 13 Zoll), von welchen man 8 Zoll fuͤr Seitenwaͤnde und Schenkelhals abzieht. — Ferner ist hier zu erwaͤhnen der Neigungsmesser ( Cliseometer ) von G. W. Stein , ein Quadrantenaͤhnliches Werkzeug, dessen Zweck ist, die Neigung der untern Becken- oͤffnung gegen den Horizont zu messen, dessen Anwendung jedoch mit zuviel Umstaͤndlichkeiten verknuͤpft ist, und dessen praktischer Nutzen so gering ist, daß es hoͤchstens zur Be- richtigung der Theorie und Anwendung an Skeletten zu em- pfehlen ist S. dessen Abbildung bey B. N. G. Schreger die Werkzeuge d. Entbindungskunst . 1. Thl. Erlangen 1799. Fol. Tab. III. Fig. 16. . Etwas leichter anwendbar ist dagegen der Neigungsmesser von B. Fr. Osiander , allein da er die Neigung des Beckens blos durch die mehr oder weniger schief gestellte Wand der Schamfuge bestimmt, so wird er bey ver- bildetem Becken wieder haͤufig irre leiten S. dessen Handbuch der Entbindungskunst. Bd. 1. S. 16 u. f. . §. 108. Zu den innerlich anwendbaren Beckenmessern gehoͤrt als eines der einfachsten Instrumente, der kleine ver- besserte Stein’sche Beckenmesser; ein bloßer geknuͤpfter Zoll- stab mit beweglichem Zeiger, mittelst welchem man, nachdem er eingeoͤhlt, moͤglichst tief gegen das Promontorium in das Becken gebracht, und der Zeiger an der innern Schamfugen- flaͤche fixirt worden, die Diagonalconjugata der Beckenhoͤhle (s. §. 38.) mißt, und folglich um die eigentliche Conjugata des Einganges zu finden, noch ½ Zoll abziehen muß. — Beynahe noch einfacher und in jedem Augenblicke zu fertigen ist ferner der Stark’sche Beckenmesser, welcher aus einem duͤnnen, um den Zeigefinger geschlungenen seidenen Faden, und einer auf diesem Faden durch den Daumen beweglichen Korkscheibe besteht. Man bringt Zeigefinger und Daumen aneinanderliegend, die Korkscheibe auf dem Daumennagel ge- stellt, ein, entfernt nun beyde Finger in der Richtung der Diagonalconjugata moͤglichst weit, nimmt dann das Werkzeug heraus und mißt die Entfernung der Korkscheibe von der Zeigefingerspitze mittelst eines Zollstabes. Endlich gedenken wir noch des groͤßern Stein’schen Beckenmessers , welcher aus zwei auswaͤrts gebogenen scherenartig beweglichen, durch eine Stellschraube zu fixiren- den Armen besteht. Er wird erwaͤrmt und eingeoͤhlt, ge- schlossen in die Scheide gebracht, der hintere Arm an den Vorberg, der vordere an die innere Flaͤche der Schamfuge gesetzt, die Erweiterung beyder Arme durch die Stellschraube bezeichnet und alsdann das Werkzeug geschlossen und wieder herausgefuͤhrt. Man mißt hierauf die Weite der bis zur Stellschraube wiederum geoͤffneten Arme, und findet auch so die Diagonalconjugata der Beckenhoͤhle S. d. Abbildung bey Schreger a. a. O. T. II. F. 2. . Die Anwendung dieses Instruments hat jedoch am lebenden Koͤrper große Schwierigkeit, es erregt leicht Schmerzen, wird in seiner Er- weiterung sehr durch die weichen Theile gehindert (was schon von den beiden vorigen einfachern Werkzeugen gilt) und giebt ein falsches Resultat, weßhalb es zum praktischen Behuf gar nicht empfohlen werden kann. Dasselbe gilt dann auch von den Beckenmessern Coutouly’s, Aitken’s, Koͤppe’s, As- drubali’s, Jumelin’s und Anderer, weßhalb wir dieselben ganz uͤbergehen. Auch von diesem giebt Schreger a. a. O. naͤhere Beschreibung. §. 109. Bevor wir nun die Lehre von der Instrumentaluntersu- chung gaͤnzlich verlassen, muͤssen wir noch, in wiefern nach §. 10. u. 11. nicht blos das Weib, sondern auch die Frucht Gegenstand der Gynaͤkologie ist, der zur Untersuchung des Kindes erfundenen Werkzeuge gedenken, welche wir unter- scheiden in solche, die zur Ausmessung des Kindes noch in- nerhalb des muͤtterlichen Koͤrpers, und in solche, die zur Messung und Waͤgung desselben außerhalb dieses Koͤrpers be- nutzt werden. — Zu den erstern gehoͤren aber die an den Griffen mehrerer Geburtszangen angebrachten Gradboͤgen oder Maaßstaͤbe Wir werden darauf bey den Geburtszangen zuruͤckkommen. , von Stein G. W. Stein kurze Beschreibung eines Labimeters. 4. 1782. , ihrem Erfinder, Labime- ter genannt, welche, indem sie den Grad der Eroͤffnung der Zangenblaͤtter anzeigen, auch das Maaß von dem zwischen die Zange gefaßten Kopfe angeben. Aitken, Osiander, Busch , haben diese Vorrichtung an ihren Zangen benutzt, doch gewaͤhrt sie wenig Genauigkeit wegen der verschiedenen Fassung des Kopfes, und im Allgemeinen wird schon jeder Geburtshelfer, der seine Zange kennt, die bedeutendere oder geringere Kopfgroͤße dem Augenmaaße nach bestimmen koͤn- nen. — Zu dem zweiten Behufe kann allerdings jede groͤ- ßere Wage, jeder Zollstab und Tasterzirkel benutzt werden, doch hat man auch hierzu besondere Werkzeuge erfunden, wo- hin der Cephalometer Stein’s (ein Tasterzirkel mit Gradbogen) und dessen Baromacrometer G. W. Stein kurze Beschreibung eines Baromacrometers und Cephalometers. 4. 1775. , Osiander’s Wage, und die besonders zweckmaͤßige Vorrichtung ( Paedio- meter ) von Siebold El. d. Siebold De Paediometro Commentarius. 4. Berol. 1318. gehoͤren. III. Von den allgemeinen Regeln der Diaͤtetik und Therapie fuͤr das weibliche Geschlecht . a. Diaͤtetik . §. 110. Alle Diaͤtetik oder Hygiastik, und so auch die fuͤr das weibliche Geschlecht, hat eines Theils den Zweck, den Willen der Natur ruͤcksichtlich der dem Koͤrper unerlaͤßlichen Beduͤrf- nisse zu deuten, und die Gewaͤhrung dieser Beduͤrfnisse zu leiten und zu ordnen, andern Theils den Zweck, alles der koͤrperlichen und geistigen Thaͤtigkeit Nachtheilige und Ge- faͤhrliche zu verhuͤten. In wiefern nun aber die Entwick- lung weiblicher Individualitaͤt eine rein menschliche, und in sofern der maͤnnlichen gleiche ist, welche demnach im Wesent- lichen nur die Beguͤnstigung durch rechte Anordnung von Nahrung und Luft, Ruhe und Bewegung, Schlaf und Wa- chen, Licht und Waͤrme fordert, so koͤnnen auch die Regeln der Hygiastik uͤberhaupt, sehr wohl auf die Leitung des ge- sunden weiblichen Organismus angewendet werden, und die Modifikationen, welche sich im speciellen Theile hieruͤber er- geben werden, koͤnnen folglich theils blos auf die dem weib- lichen Organismus ausschließend eigenthuͤmlichen Funktionen (z. B. Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett) sich bezie- hen, theils werden sie durch die allgemeinern Eigenthuͤmlich- keiten desselben bestimmt werden. Zu den letztern gehoͤren daher namentlich solche Regeln, welche von der individuellen Stimmung weiblicher Sensibilitaͤt, so wie des weiblichen Er- naͤhrungsprocesses herbeygefuͤhrt werden, und nur hieruͤber ist jetzt einiges Naͤhere zu erinnern, dahingegen die Regeln fuͤr Behandlung des gesunden weiblichen Koͤrpers im Zustande der Schwangerschaft, Geburt, Wochen- und Stillungsperiode durchaus fuͤr den speciellen Theil aufbehalten bleiben muͤssen. §. 111. Bey Entwerfung allgemeiner diaͤtetischer Regeln fuͤr das weibliche Geschlecht werden wir sonach auf die §. 58. u. f. eroͤrterten Regeln vorzuͤglich fußen. — Was also 1) Be- stimmung der Lebensordnung ruͤcksichtlich der Aufnahme von Nahrungsmitteln betrifft, so fordert der weibliche Koͤrper bey schnellerem Stoffwechsel, rascherer Assimilation und regerer Sensibilitaͤt der Verdauungsorgane a ) das haͤufigere Aufnehmen naͤhrender Stoffe. Den Frauen, beynahe wie den Kindern, scheint es daher natuͤrlich, oͤfterer zu essen und oͤfterer zu trinken, so daß also die hin und wieder ein- gefuͤhrte Sitte taͤglich nur eine einzige Mahlzeit zu halten, außer derselben aber, mit Ausnahme einiges Getraͤnkes, fast nichts zu genießen, dem weiblichen Koͤrper offenbar am wenigsten ange- messen ist. b ) Die Menge aufzunehmender Nahrung betref- fend, so steht es mit der vorigen Regel schon in Ueberein- stimmung, daß dieselbe geringer seyn muͤsse, und c ) die Art und Wahl der Nahrung anbelangend, so darf man weder eine zu rohe und schwerverdauliche Kost dem Weibe insbe- sondre zutraͤglich erklaͤren, noch duͤrfen namentlich erhitzende, stark reitzende Getraͤnke und Speisen fuͤr dieses Geschlecht gebilligt, und alle starken Gewuͤrze, stark gesalzene Speisen, so wie geistige betaͤubende Dinge muͤssen hier moͤglichst ver- mieden werden, wenn nicht nach und nach hysterische Be- schwerden, Kraͤmpfe, Obstruktionen u. s. w. entstehen sollen. Ebendeßhalb pflegen daher leichte Fleischspeisen, Milch, meh- lichte Vegetabilien u. s. w. eine dem weiblichen Geschlecht vor- I. Theil. 6 zuͤglich angemessene Nahrung zu seyn. — Die Ausleerungen des Darmkanals endlich, welche wie schon erinnert an und fuͤr sich im Weibe sparsamer zu erfolgen pflegen, muͤssen eben deßhalb sorgfaͤltig beruͤcksichtigt, durch maͤßige Koͤrperbewegung, Vermeidung des den Unterleib beengenden, durch weibliche Arbeiten leider oft veranlaßten zu vielen Sitzens, so wie durch Vermeidung aller den Unterleib nachtheilig pressender Kleidung, in regelmaͤßiger Ordnung erhalten werden. §. 112. 2) Die Gefaͤßthaͤtigkeit angehend, so werden, in wiefern dieselbe im Weibe uͤberhaupt schon verhaͤltnißmaͤßig aufgeregter ist, alle Einwirkungen, welche in dieser Hinsicht einen nachtheiligen Erethismus veranlassen koͤnnten, vermin- dert werden muͤssen. Heftige Gemuͤthsbewegungen, Stuͤrme der Leidenschaften muͤssen daher nicht minder, als Uebermaaß erhitzender Bewegungen, z. B. des Tanzes, oder erhitzender Speisen und berauschender Getraͤnke der Gesundheit nachtheilig sich zeigen; eben so wie ferner auch alle Einfluͤße, welche zur Bildung von lokalen Blutanhaͤufungen fuͤhren, als: sehr beengende Kleidung, Schlafen in dicken Federbetten, Ueber- ladung mit warmen Getraͤnken, Thee, Kaffee, Schokolade u. s. w. hier zu erwaͤhnen, und fuͤr das weibliche Geschlecht als nachtheilig zu bemerken sind. — 3. Die Athmung und Ausscheidung betreffend, so muß bey den kleinern Respirationsorganen und groͤßerer Neigung zu Brustkrankhei- ten um so sorgfaͤltiger alles, wodurch die Athmungsthaͤtigkeit gestoͤrt werden koͤnnte, vermieden werden; hierher rechnen wir denn theils Einathmen sehr erkaͤlteter reiner Luft, oder son- stige ploͤtzliche Abkuͤhlung durch Trunk oder Bad nach vor- ausgegangener Erhitzung, vorzuͤglich durch auhaltendes Tan- zen (die Todesursache fuͤr manche bluͤhende Maͤdchengestalt), ferner das Tragen von Schnuͤrbruͤsten, allzuangestrengtes Singen u. s. w. — Ruͤcksichtlich der im weiblichen Geschlecht uͤberhaupt thaͤtigern Hautaussonderung ist ferner eine sorgfaͤl- tige Hautkultur sowohl, als in allen kaͤltern Klimaten eine diesen angemessene waͤrmere Koͤrperbekleidung vorzuͤglich noth- wendig, und man erklaͤrt mit Recht die Entstehung vielfa- cher Leiden der Frauen aus der Vernachlaͤßigung dieser bey- den Punkte. §. 113. 4) Die Regeln, welche endlich in Bezug auf die hoͤ- hern animalen Funktionen im Allgemeinen zu geben sind, beziehen sich theils auf die Sinnesthaͤtigkeit, welche eben in wiefern sie feiner und erregbarer ist, uͤberall schoͤne sittliche Maͤßigung zur Pflicht macht; theils auf die Bewe- gung, welche, in wiefern sie von weniger ausgewirkten Or- ganen geuͤbt wird, allzugewaltsame und heftige Anstrengun- gen verbietet. Was ferner die Erscheinungen des hoͤhern Nervenlebens und ihre naturgemaͤße Leitung betrifft, so ist eine gewisse psychische Hygiastik fuͤr das weibliche leicht be- wegliche Gemuͤth ganz vorzuͤglich nothwendig, und man darf wohl hier an den Satz erinnern, welchen J. Paul Fr. Rich- ter uͤber geistige Ausbildung im Allgemeinen aufstellte, daß naͤmlich der Mensch nach der Seite hin, wo er von der Na- tur am wenigsten beguͤnstigt sey, sich vorzuͤglich zu bilden streben solle, um so das harmonische Gleichgewicht im In- nern zu erhalten. — Bey den Frauen nun, wo das Ge- muͤth an und fuͤr sich vorwaltet, wird eben dadurch Kultur des Verstandes und der Willenskraft Hauptaugenmerk allge- meiner Bildung seyn muͤssen; dahingegen eine auf staͤte Er- regung des Gemuͤths abzweckende geistige Beschaͤftigung, Ro- manenleserey, falsche Mystik u. s. w. dieses Geschlecht so leicht zur widrigsten Empfindeley, ja durch staͤte Ueberspannung des Nervensystems zu so vielfaͤltigen selbst koͤrperlichen Krankhei- ten fuͤhren muß. — Vertrauungsvolles Haften an einem Hoͤchsten, unerschuͤtterlich Festen und Ewigen im Innern, stille gleichmaͤßige wohlgeordnete Thaͤtigkeit im Aeußern, bey klarer einfacher aber wohlgegruͤndeter Entwicklung des Verstandes, dieß moͤgen die Elemente heißen, in denen die Seelengesund- heit, deren Wesen von dem scharfsinnigen Heinroth S. in dessen Lehrbuch der Seelenstoͤrungen die Vorbegriffe. Thl. I. so wahr gezeichnet worden, dem weiblichen Geschlechte erreicht und bewahrt wird, und in welchen die Reinheit und wohl- thuende Ruhe der edlen Frau sich bewaͤhrt. — b ) Therapie . §. 114. Nothwendig zwar muͤssen die allgemeinen Grundsaͤtze, nach denen wir die Heilung menschlicher Krankheiten einlei- ten, auch fuͤr die Behandlung weiblicher Krankheiten insbe- sondre guͤltig seyn, eben so wie die allgemeinen Grundsaͤtze der Hygiastik auch fuͤr das weibliche Geschlecht gegolten hat- ten, demohnerachtet koͤnnen und muͤssen fuͤr die aͤrztliche Be- handlung, selbst solcher Krankheiten, welche beiden Geschlech- tern gemein sind, gewisse besondre Regeln aufgestellt werden, welche abermals auf die im Vorigen eroͤrterte Individualitaͤt des Weibes im gesunden und kranken Zustande sich gruͤnden werden. Wir gehen die wesentlichsten derselben hier durch: — Es gehoͤrt aber hierher zunaͤchst eine nach der allgemeinen Indivi- dualitaͤt des Weibes abgemessene Lebensordnung bey Krankheiten. Weibliche Kranke verlangen in der Regel besondere Vorsicht in der Anordnung ihrer aͤußern Umgebungen; ein recht ru- higes freundliches Krankenzimmer, recht sorgfaͤltige Vermei- dung aller gewaltsamern Sinneseindruͤcke und Gemuͤthsbewe- gungen muͤssen sonach hier vorzuͤglich wuͤnschenswerth seyn, und in Verbindung mit angemessener Diaͤt (wo auch bey der Reconvaleszenz die erregenden roborirenden Dinge, als Wein u. dgl., bey uͤbrigens gleichen Umstaͤnden, in weit weniger starken Dosen als beym maͤnnlichen Geschlecht gegeben wer- den duͤrfen) werden sie bey einem Koͤrper, wo, fast wie im kindlichen, die Naturkraft uͤberhaupt zur Heilung von Krank- heiten mehr vermag, vorzuͤglich viel zur Wiederherstellung der Gesundheit beytragen. §. 115. Ferner was die Darreichung von Arzneymitteln u. s. w. betrifft, so ist zuvoͤrderst uͤberhaupt zu bemerken, daß sehr heftig einwirkende, sogenannte heroische Heilmittel fuͤr das weibliche Geschlecht im Ganzen am wenigsten sich eignen, daß aber auch von andern Arzneymitteln, der groͤßern weib- lichen Receptivitaͤt gemaͤß, bey uͤbrigens gleichen Umstaͤnden, weiblichen Kranken immer etwas schwaͤchere Gaben als maͤnn- lichen gereicht werden muͤssen. — Die Heilmethoden selbst anbelangend, so ist daruͤber im Allgemeinen wohl nur soviel zu erinnern, daß, da zufolge der vorherrschenden Thaͤtigkeit reproduktiver und insbesondre der Verdauungs-Organe, auch hier vorzuͤglich die Quelle unzaͤhliger Krankheiten verborgen liegt, die Aufmerksamkeit und Wirksamkeit des Arztes ins- besondre nach dieser Seite gerichtet seyn muͤsse Ueberhaupt bedenkt man wohl zu wenig, daß eigentlich die Krank- heiten des Koͤrpers insgesammt der bildenden (vegetativen) Seite desselben angehoͤren, daß die eigentliche Arzneykunde eben so nur die Bildung (den staͤtigen Stoffwechsel), ja zunaͤchst vorzuͤglich nur den Darmkanal in Anspruch nehmen koͤnne, und daß die Verirrungen der Nervenpathologie und des Brownianismus hauptsaͤchlich darin begruͤndet waren, daß sie staͤts das Erkranken von Thaͤtigkeiten vor Augen hatten, ohne die zunaͤchstliegenden und der Medicin wichti- gern abnormen Bildungsrichtungen zu beachten. . — Außer- dem noͤthigt uns indeß die vorwaltende Reitzbarkeit des weib- lichen Koͤrpers, die Neigung zu Schmerzen, Kraͤmpfen u. s. w. hier haͤufiger als im maͤnnlichen Koͤrper von Mitteln Ge- brauch zu machen, welche, obwohl wieder zunaͤchst das ve- getative Leben ansprechend, vorzuͤglich die angeregte Sensi- bilitaͤt herabzustimmen vermoͤgen; wohin insbesondre laue Baͤder, Narcotica u. s. w. gehoͤren; wobey jedoch sehr zu huͤ- ten ist, daß diese, insgemein nur als palliativ wirkende Mit- tel angezeigten Dinge, nicht als Hauptmittel angesehen wer- den, indem gerade bey weiblichen Krankheiten vorzuͤglich das gehaͤufte Anwenden sogenannter antispasmodischer und Ner- ven-Mittel oͤfters gar sehr zum Nachtheil gereicht. — Daß uͤbrigens auch bey diesem Geschlecht die eigentlich psychische Einwirkung des Arztes durch Erweckung eines festen Ver- trauens und durch entschiedenes Benehmen sehr viel ausrichte, unterliegt keinem Zweifel, und ist schon §. 88. erwaͤhnt worden. §. 116. Endlich aber bleibt es bey Behandlung weiblicher Krank- heiten immer von ausgezeichneter Wichtigkeit, die merkwuͤr- digen, so tief in das weibliche Leben eingreifenden eigen- thuͤmlichen Funktionen der Menstruation, Schwangerschaft, Geburt, Wochen- und Stillungsperiode genau zu beachten, woraus sich denn die Anzeige ergiebt, nicht nur Unordnun- gen, welche in diesen Funktionen Statt gehabt haben, zu be- seitigen, sondern auch dann, wenn gerade eine dieser Perio- den vorhanden ist, und andere krankhafte Zustaͤnde aͤrztliches Eingreifen noͤthig machen, darauf Ruͤcksicht zu nehmen, daß der normale Gang derselben dadurch keine Stoͤrung erleide. In letzterer Hinsicht geschieht es daher, daß z. B. zur Zeit der eintretenden Menstruation der Gebrauch von Arz- neymitteln gewoͤhnlich, und zwar mit Recht zuruͤckgesetzt wird, und in eben dieser Hinsicht erfordert die Behandlung der Krankheiten von Schwangern und Woͤchnerinnen, seyen es auch gar keine diesem Geschlecht ausschließend eigenthuͤm- liche Krankheiten (also z. B. Fieber, Rheumatismen, Diar- rhoͤen u. s. w.) besondere Vorsicht, damit nicht vielleicht ein im Allgemeinen vollkommen zweckmaͤßiges Mittel, in die- sem Falle durch Unterbrechung einer solchen wichtigen Funk- tion nachtheilig werde. §. 117. In wiefern wir nun uͤber allgemeine Pathologie, Hygiastik und Therapie des weiblichen Geschlechts keine besondern Werke besitzen, so halte ich es hier noch fuͤr den schicklichsten Ort, der beachtungswerthesten Hand- und Lehrbuͤcher theils uͤber den gesammten Kreis, theils uͤber einzelne Hauptfaͤcher der Gynaͤkologie zu gedenken. Zuerst nennen wir die Schriften, welche zusammengenommen ziemlich die ganze Gynaͤkologie begreifen. Dahin gehoͤren: a ) Fried. Benj. Osiander Abhandlungen, Beobach- tungen und Nachrichten von Krankheiten der Frauen- zimmer und Kinder. Tuͤbingen 1787. Dieser Schrift folgte spaͤter von demselben eine andere: Ueber die Entwicklungskrankheiten in den Bluͤ- thenjahren des weiblichen Geschlechts. 1. Th. Goͤttingen 1817. 2. Th. Tuͤbingen 1818. b ) Desselben Grundriß der Entbindungskunst in 2 Theilen. 1) Schwangerschafts- und Geburtslehre, 2) Entbin- dungs- und Werkzeugslehre enthaltend.) Goͤttingen 1802. 8. Neuerlich ist an dessen Stelle getreten das vorzuͤg- lich durch literarischen Reichthum interessante Lehrbuch der Entbindungskunst von demselben . Tuͤbingen 1818. 1r Thl. a ) J. C. G. Joͤrg Systematisches Handbuch der Geburts- huͤlfe. Leipz. 1807. u. desselben b ) Handbuch der Krankheiten des menschlichen Weibes nebst einer Einleitung in die Physiologie und Psycho- logie des weiblichen Organismus. Leipz. 1809. 8. a ) El. v. Siebold Lehrbuch der theoret. prakt. Entbin- dungskunde. 2 Bde. 3te Aufl. Nuͤrnb. 1812. und dessen b ) Handbuch zur Erkenntniß und Heilung der Frauenzim- merkrankheiten. Frankf. a. M. 1811. 2 Bde. (Ebenfalls eine ausfuͤhrliche Physiologie und Psy- chologie des weibl. Geschlechts enthaltend.) Uebersichten der Frauenkrankheiten allein geben: J. Astruc theoret. prakt. Abhandlung von den Frauen- zimmerkrankheiten. A. d. Franz. von Otto. Dresden 1768. 6 Bde. (eigentlich gehoͤrt auch hierzu noch eine obwohl sehr kurze Anleitung zur Geburtshuͤlfe unter dem Titel: L’art des accouchemens reduit à ses principes. Paris 1766. Chambon de Montaux medicin. prakt. Abhandlungen von den Krankheiten verheiratheter und unverheiratheter Frauenzimmer. A. d. Franz. v. Spohr. Nuͤrnb. 1787. 8. u. desselben Arzt f. Schwangere. A. d. Franz. 1792. Chr. Ludw. Mursinna Abhandlung von den Krank- heiten der Schwangern, Gebaͤrenden, Woͤchnerinnen und Saͤuglinge. Alex. Hamilton’s Unterricht in der Behandlung der Frauenzimmer und neugeborener Kinderkrankheiten. Joh. Ant. Schmidtmiller Handbuch d. medicinischen Geburtshuͤlfe (1. Th. die Krankheiten der Schwangern und Gebaͤrenden, 2. Th. die der Woͤchnerinnen und neu- geborenen Kinder enthaltend.) L. J. C. Mende die Krankheiten des Weibes nosologisch und therapeutisch bearbeitet. Leipz. 1810. 2 Thle. Kuͤrzer und unvollstaͤndiger als die vorhergehenden sind: Jos. A. Millmeyer der Arzt f. Frauenzimmer. Lpz. 1800. Mellin der Frauenzimmerarzt. Kempten. 1807. Mehr mit Hinsicht auf Hygiastik und zum Theil mehr populaͤr bearbeitet sind folgende: Ad. Nolde Gallerien der aͤltern und neuern Gesundheits- lehrer fuͤr das schoͤne Geschlecht. Rostock 1794. G. Fr. Hoffmann d. j. wie koͤnnen Frauenzimmer frohe Muͤtter gesunder Kinder werden, und selbst dabey ge- sund und schoͤn bleiben. 3 Bde. Frankf. 1791. Zum Theil gehoͤren auch hierher die fruͤher (§. 76.) an- gefuͤhrten Schriften von Roussel, Moreau, Klees u. s. w. Uebrigens werden auch in mehrern Lehrbuͤchern der Ge- burtshuͤlfe wenigstens die Krankheiten der Schwangern, der Woͤchnerinnen und Neugeborenen mit abgehandelt. Dahin gehoͤren: Theoretisch-praktische Abhandlung uͤber die Geburtshuͤlfe und Krankheiten der Schwangern, Kindbetterinnen und neugeborenen Kinder. A. d. Franz. mit Anmerk. von J. Chr. Stark . 2 Theile. Erfurt 1800. J. J. Plenk Anfangsgruͤnde der Geburtshuͤlfe. 5te Aufl. Wien 1792. Lud. Fr. v. Froriep theoret. prakt. Handbuch d. Ge- burtshuͤlfe. 6te Aufl. Weimar 1818. (Die Krankheiten d. Woͤchnerinnen u. Kinder mitumfassend.) Was nun uͤbrigens die wichtigern Lehrbuͤcher der Ent- bindungskunde selbst, so wie die besondern Schriften uͤber Kinderkrankheiten u. s. w. betrifft, so werden diese spaͤterhin im zweyten Theile der speciellen Gynaͤkologie nahmhaft ge- macht werden. II. Specielle Gynaͤkologie . Erster Theil . Vom Leben des Weibes an und fuͤr sich, im gesunden und kranken Zustande. Erster physiologisch-diaͤtetischer Abschnitt . I. Von der normalen Entwicklung, Reife und Ertoͤdtung des Geschlechtscharakters. §. 118. I ndem wir bereits fruͤher theils von der Entwicklung der Geschlechtstheile (§. 25. u. f.), theils von den einzelnen Le- bensperioden des weiblichen Geschlechts im Allgemeinen (§. 66. u. f.) gehandelt haben, bleibt uns fuͤr diesen speciellen phy- siologischen Theil hauptsaͤchlich noch die genauere Beachtung der dem Weibe im nicht schwangern Zustande charakteristischen Funktion der Menstruation ( Menstruatio, Fluxus mensium, Catamenia ), ihrer Evolution, Dauer und Re- volution, ihren Quellen, ihrer Qualitaͤt und Quantitaͤt nach uͤbrig; Gegenstaͤnde, welche allerdings um so genauere Erwaͤ- gung fordern, da wir gerade in Hinsicht dieser Function auf die mannigfaltigsten krankhaften Zustaͤnde stoßen werden, de- ren rechte Ansicht doch allein aus der moͤglichst vollkommnen Kenntniß des Gesunden sich ergeben kann. §. 119. Eintritt der Menstruation . Bedingt von der im Weibe uͤberwiegenden reproduktiven Thaͤtigkeit, welche in wiefern sie eben das Geschlecht charakterisirt, auch bey sich minderndem und aufhoͤrendem individuellem Wachsthum namentlich durch die Organe fuͤr Fortbildung der Gattung, d. i. durch die Geschlechtsorgane sich anzeigen und entladen muß, erscheint die Menstruation, gleichsam als kritischer Blutfluß, wodurch eine vorausgegangene Congestion nach den Genitalien sich entscheidet. Ihr Eintritt wird daher von mehreren Symptomen theils verkuͤndet, theils begleitet, welche wir als Vorboten , als Bestrebungen zur Men- struation ( Molimina ad Menstruationem ) bezeichnen. Wir unterscheiden bey diesen Zufaͤllen theils allgemeine, theils lo- kale Zustaͤnde: — Zu den erstern gehoͤren diejenigen Wahr- nehmungen, welche auf Ueberfluß der Saͤftemasse hindeuten; d. i. Schwere der Glieder, Roͤthe der Hant, Neigung zu Congestionen nach verschiedenen einzelnen Organen, aus de- nen sich manche schmerzhafte Empfindungen erklaͤren lassen; z. B. der dumpfe oft klopfende Kopfschmerz, Zahnschmerzen, Brustbeschwerden, und insbesondere die hier fast nie fehlen- den Kreuzschmerzen, welche von Anhaͤufung des Blutes in den venoͤsen Geflechten, so das Ende des Ruͤckenmarks um- geben, und in der Naͤhe der Beckennerven gefunden werden, ganz wie bey Haͤmorrhoidalbeschwerden, abzuleiten sind. Fer- ner gehoͤren hierher das freywillige Entstehen von rosenartigen oder auch Geschwuͤre (vorzuͤglich Paronychia ) veranlaßenden, in den Jahren der sich entwickelnden Pubertaͤt so haͤufig vor- kommenden Entzuͤndungen; die mannigfaltigen Verstimmun- gen des Gemuͤths, Ohnmachten, Schlafsucht u. s. w.; Zu- faͤlle, welche oft, wenn sie in hoͤherem Grade erscheinen, das Eingreifen aͤrztlicher Kunst noͤthig machen. §. 120. Die oͤrtlichen Vorboten und Begleiter der Menstruation betreffend, so haͤngen sie nun insbesondre von der Reitzung der Gefaͤße und Nerven des Fruchthaͤlters selbst, so wie der ihm zunaͤchst liegenden Organe ab, und sind namentlich merkwuͤrdig, in wiefern wir die meisten derselben bey an- gehender Schwangerschaft wieder finden. Am Uterus naͤm- lich bemerken wir zu dieser Zeit ein Aufschwellen seiner Wandungen, und insbesondre der Vaginalportion, tie- feres Herabsinken desselben ins Becken, Umaͤnderung der Querspalte des Muttermundes in eine rundliche Oeffnung. Die Empfindungen, welche diese Formaͤnderung begleiten, sind Druck und Spannung im Becken, erhoͤhter Begattungs- trieb, Draͤngen auf den Urin mit oft veraͤnderter Qualitaͤt desselben, Turgeszenz und erhoͤhte Waͤrme in den aͤußern Genitalien und der Vagina, verbunden mit vermehrter Schleimabsonderung in letzterer. Zugleich nehmen die Bruͤste auch an dieser Erregung des Uterus Antheil, schwellen an, erregen Stechen, ja kommen wohl, namentlich bey etwas verzoͤgertem Eintritt des Monatsflußes, zur wirklichen Milch- absonderung. §. 121. Das Lebensalter nun, wo unter solchen Zeichen die Regeln wirklich erscheinen, zeigt in verschiedenen Laͤndern und Climaten, nach verschiedener Lebensweise und Constitution, die groͤßte Verschiedenheit. Fuͤr unser Clima duͤrfte als mitt- lere Zeit wohl ziemlich das funfzehnte Jahr als Norm gelten. Bey mehr verfeinerter luxurioͤser Erziehung, zeitiger Anregung des Geschlechtstriebes, und sitzendem Stubenleben stellt sich indeß haͤufig auch bereits im zwoͤlften oder dreizehnten Jahre die Menstruation ein, fuͤhrt aber hier, so wie da, wo sie von sehr heißem Clima beguͤnstigt ist, oder auch durch sehr kaltes Clima Bey den Tartaren, Tongusen und Ostiaken, wie bey Negern und Chinesen werden die Maͤdchen sehr zeitig mannbar. S. Henke uͤb. d. Entwicklungen d. menschl. Organismus. S. 131. (wegen fruͤher gehemmter Koͤrperentwicklung) hervor- gerufen, bereits im achten oder zehnten Jahre erscheint, fruͤh- zeitigeres Altern herbey. Der noch zeitigere Eintritt der Re- geln kann nur als krankhaft angesehen, und als solcher be- handelt werden. §. 122. Dauer und Wiederkehr der Menstruation . Nachdem die Menstruation wirklich erschienen, pflegt sie ins- gemein 4 bis 6 Tage anzuhalten, und zwar so, daß das Blut selbst zuerst in etwas mehr seroͤser Beschaffenheit erscheint, und gegen das Ende meistens H. Osiander sah es allerdings auch am letzten Tage noch dun- kel ausfließen, doch waren die Geschlechtstheile krankhaft. S. des- sen Annalen der Entbindungslehranstalt. Thl. I. S. 176. abermals sich ver- duͤnnend, aufhoͤrt. Der Koͤrper, welcher waͤhrend dieser Zeit doch insgemein etwas angegriffen ist, und dieses durch ver- aͤnderte Hautfarbe, blauliche Ringe um die Augen, ver- minderten Appetit, veraͤnderten Geruch der Hautausduͤn- stung zu erkennen giebt, fuͤhlt sich nach Statt gehabter Men- struation erleichtert, befreit, die unangenehme Spannung ist gehoben, und ebendeßhalb der Uterus selbst zur Empfaͤngniß jetzt mehr als vor der Menstruation geeignet. Allein nach Verlauf einiger Wochen erscheint die Anhaͤufung plastischer Stoffe wieder, nach und nach kehren mehrere der obenge- nannten Vorboten zuruͤck, obwohl, der Regel nach, die naͤch- sten Male in weit geringerer Heftigkeit als das Erstemal, und die Menstruation ergießt sich von neuem, und zwar der Regel nach je nach Ablauf von 4 Wochen, vom Ein- tritte der vorhergehenden Periode an gerechnet. §. 123. Diese Periodicitaͤt nun, welche einer solchen Ausson- derung den Namen des Monathsflußes erworben hat, ist ih- ren Ursachen nach, auf verschiedene Weise eroͤrtert worden. Wollen wir eine ganz einfache und auch wohl zureichende Ansicht hieruͤber fassen, so waͤre es vielleicht folgende: — Jeder organisirte Koͤrper auf Erden naͤmlich, muß in gewis- ser Hinsicht gedacht werden als Glied des Erdkoͤrpers, als seinem Leben nach bedingt durch das Leben der Erde. Je hoͤher indeß die Organisation steigt, um so mehr wird sich die Abhaͤngigkeit individuellen Lebens vom irdischen Leben mindern, ja selbst in einem und demselben Organismus muͤssen edlere Organe freier, vom irdischen Leben unabhaͤngi- ger seyn als die niedern. Die Veraͤnderungen im irdischen Leben selbst sind aber regelmaͤßig periodisch, ja durch ihre Regelmaͤßigkeit zum Grunde unserer Zeiteintheilung geworden. Diesen Perioden nun folgt unter den Organismen am sicht- barsten das Leben der Pflanze, vorzuͤglich ihrer Fortpflan- zung nach, im Thiere aber regt sich gleichfalls das Repro- duktive zumeist nach jenem vom Leben der Erde entlehnten Typus, und insonderheit gilt dieß auch hier zumal von dem Geschlechtlichen, welches schon, in wiefern es auf das Ganze, auf die Erhaltung der Gattung gerichtet, und der individuel- len Reproduktion entgegengesetzt ist, mehr dem allgemeinen Leben der Erde verwandt erscheint. §. 124. Wie daher die Pflanze zu gewissen Zeiten bluͤht und Fruͤchte traͤgt, so geraͤth das Thier zu gewissen regelmaͤßig wiederkehrenden Zeiten in Brunst, und erzeugt Junge. — Auch der Mensch ist diesen Einfluͤßen nur zum Theil entzo- gen, und so kehrt namentlich beym Weibe die die Erzeugung bedingende Congestion nach dem Geschlechtssystem regelmaͤßig, obwohl sich durch eine freiwillige Ergießung wieder hebend, zuruͤck. — Warum indeß gerade in 4 Wochen die Ruͤckkehr dieser Congestion und dieses Blutflußes erfolgt — bleibt noch die Frage, und, so oft das Gegentheil behauptet worden ist, glauben wir doch hier das Einwirken der durch den Mon- deswechsel im Leben der Erde erzeugten Veraͤnderungen (welche sich vorzuͤglich durch Wechsel der Witterung und Erscheinung von Ebbe und Fluth des Meeres aussprechen) anerkennen zu muͤssen, um so mehr, da der Einfluß des Mondes auf aͤhn- liche auch im maͤnnlichen Geschlechte vorkommende Ausschei- dungen, z. B. des Haͤmorrhoidalflußes, unlaͤugbar ist. Ein- wuͤrfe dagegen, z. B. daß der Monathsfluß nicht durchaus zu einer Zeit bey dem weiblichen Geschlecht eintrete (ob- wohl er allerdings bey den meisten im Neumond erfolgt), und daß er bey manchen Individuen statt vierwoͤchentlich, stets drei- oder sechswoͤchentlich wiederkehre, sind leicht zu be- seitigen, indem man bedenkt, daß, was das erstere betrifft, die Menstruation ja nicht ihrem ersten Eintritt nach (welcher von eigener Koͤrperentwicklung abhaͤngt), sondern mehr ihrer Wiederkehr nach durch den Mondeswechsel bestimmt wird Ich beobachtete daher, daß, bey recht gesundem Koͤrper, wo die Menstruation waͤhrend des Stillens ganz wegbleibt, dieselbe genau vier Wochen nach der ganz willkuͤhrlich beendigten Stillungsperiode, und ebendaher wohl bey anderem Mondesstande als fruͤherhin wie- derkehrte. . Das zweite aber betrifft offenbar Ausnahmen von der Regel, und diese werden durch die weniger naturtreue, ja so oft naturwidrige Lebensweise vieler Individuen hinlaͤnglich er- klaͤrt. — Daß uͤbrigens der Mondesstand auf weibliche Ge- schlechtsfunktion wirkt, scheinen die zum groͤßern Theil auch von mir als bewaͤhrt erkannten Bemerkungen Osiander’s S. dessen Annalen der Entbindungslehranstalt zu Goͤttingen. 2. Bd. zu bestaͤtigen, nach welcher im Neumonde erzeugte Kinder mehr maͤnnlichen, die im Vollmonde erzeugten mehr weibli- chen Geschlechts werden. — Wie aber selbst im Menschenge- schlecht nicht nur Mondes- sondern auch Sonnenstand auf die Fortpflanzungsthaͤtigkeit einwirke, beweisen die den Fruͤh- lingsmonathen, der Empfaͤngnißzeit nach, entsprechenden, an Geburten so reichen Monathe December, Januar und Februar. — Sollte etwa vom Monde mehr die weibliche, von dem von Neuem staͤrker einwirkenden Sonnenlicht mehr die maͤnnliche Zeugungskraft in Anspruch genommen werden? — §. 125. Noch ist endlich die Qualitaͤt und Quantitaͤt des ausfließenden Blutes sowohl, als die Art und Stelle der Gefaͤße , welche es ergießen, etwas genauer zu er- waͤgen. Fruͤher hielt man naͤmlich dieses ausfließende Blut fuͤr unrein, fuͤr entmischt, und von der Art, daß selbst die Naͤhe der in der Menstruation begriffenen Personen einen nachtheiligen Einfluß auf Vegetations- und Gaͤhrungsprozesse aͤußern koͤnne, allein bestimmte Beobachtungen hieruͤber sind so wenig anzufuͤhren, daß wir diese Meynung als ein Vor- urtheil betrachten, dessen Entstehung nur aus der Voraus- setzung erklaͤrlich wird, zu Folge welcher, daß der Koͤrper durch diesen Blutfluß (daher Reinigung Es beruhen auf diesem Begriffe die Sitten der Neger und anderer Voͤlker, die Weiber in diesem Zeitraume abzusondern und als un- rein zu betrachten. S. Moreau’s Naturgesch. d. Weiber von Leune . 2. Th. S. 150. genannt) sich von schaͤdlichen Stoffen befreie, angenommen wurde. Im Gegentheil finden wir aber an diesem Monathsblute, welches durch seine dunkle Farbe dem Venenblute, und durch sein Nichtgerinnen Nach Lavagna (s. Meckels Archiv f. Phys. IV. 1. S. 151.) haͤngt dieses Nichtgerinnen vom Mangel des Faserstoffs ab. dem Foͤtusblute gleicht, weder besondern Ge- ruch noch sonstige ungewoͤhnliche Beschaffenheit, und wenn es zuweilen doch etwas dieser Art zeigt, so ist dieß mehr auf Rechnung des Aufenthalts desselben in der Vagina, der veraͤnderten Druͤsenabsonderung an den aͤußern Geschlechts- theilen und Unreiulichkeit zu setzen. — Die Quantitaͤt des in jedem Termin abgehenden Blutes ist schwer genau zu be- stimmen und auch aͤußerst verschieden, jedoch kann man sie im Durchschnitt wohl auf zwei bis sechs Unzen rechnen. §. 126. Was die eigentliche Quelle des Monathsblutes anbelangt, so ist, theils ob dasselbe aus den Arterien oder Venen hervor- komme, theils ob es aus der Hoͤhle des Fruchthaͤlters oder dem Kanale des Mutterhalses ausgeschieden werde, zweifelhaft. Was das erstere betrifft, so kann die Struktur des Uterus schon auf den Gedanken leiten, daß wohl nur die Venen es seyn moͤchten, welche dieses Blut ergießen. Das ausnehmende Uebergewicht dieser Venen uͤber die Arterien, die besondere Erweiterung derselben zur Zeit der Schwangerschaft Merkwuͤrdig ist es, daß man in einigen seltnen Faͤllen die Menstrua- tion, welche doch gewoͤhnlich zur Zeit der Schwangerschaft cessirt, gerade nur waͤhrend derselben fließen sah (s. Stein’s Annalen der Geburtshuͤlfe. III. S. 156.), welches zu beweisen scheint, daß eben die in der Schwangerschaft sich stets erweiternden Uterin venen hier auch den Grund der Menstruation abgeben. , das was sich uͤber die Quellen des Blutergußes nach Abtrennung der Pla- centa im Wochenbett spaͤter ergeben wird, wo naͤmlich deut- lichst die geoͤffneten Venenzellen, welche das Blut ergießen, nachzuweisen sind, geben dieser Meynung noch groͤßern Halt. Nehmen wir aber ferner hinzu, wie groß die Aehnlichkeit des Menstrualflußes mit dem doch offenbar von den Venen abzuleitenden Haͤmorrhoidalfluße ist, die Aehnlichkeit des Men- strualblutes mit dem Venenblute (s. §. 125.), so gewinnt diese Ansicht immer mehr Gewißheit, und es kann wenig dawider beweisen, wenn die normale Art der Blutbewegung in Venen entgegengesetzt wird, da auch bey dieser, wenn die Venen sich betraͤchtlich erweitern, eine Ausschwitzung Daß das Ausfließen des Monathsblutes nur ein Ausschwitzen aus kleinen Muͤndungen sey, beweiset der von Osiander beobachtete Fall einer Menstruation an einem prolabirten Uterus (s. Annalen d. Entbindungslehranstalt zu Goͤttingen. 1. Bd. S. 175.). durch Seitenoͤffnungen Statt finden koͤnnte, deren Daseyn uͤberhaupt um so weniger gelaͤugnet werden darf, je sicherer neuere (namentlich die von Prof. Meyer angestellten) Versuche die Einsaugung durch die Venen erweisen. Ob uͤbrigens der obere Raum des Fruchthaͤlters oder der Kanal des Mutter- halses die Menstruation ergieße, ist wohl nicht so leicht mit Gewißheit zu entscheiden, denn obgleich der Struktur nach man annehmen darf, daß wohl die Waͤnde der Hoͤhle hierzu am meisten geeignet seyn moͤchten, so bemerkte doch H. Osian- der A. a. O. deutlich das Ausschwitzen von Blut aus Gefaͤßen des Mutterhalses (wodurch zugleich die zuweilen vor- kommende Menstruation zur Zeit der Schwangerschaft erklaͤr- lich wird). Am wahrscheinlichsten ergießen es im gesunden Zustande beyde Gegenden zugleich. §. 127. Wie nun die Menstruation als eigenthuͤmliches Produkt allgemeiner Koͤrperentwicklung in dem angegebenen Zeitraume (§. 121.) erscheint, so auch verliert sie sich bey erloͤschender weiblicher Eigenthuͤmlichkeit in den allgemeinen Verhaͤltnissen der organischen Funktionen, und erscheint sonach uͤberhaupt (was fuͤr die Behandlung der abnormen Menstruation von groͤßter Wichtigkeit ist) als aͤußeres Zeichen des ge- meinsamen Zustandes in der Bildungsthaͤtigkeit des Organismus . — das Lebensalter betreffend, wo dieses Verschwinden der Menstruation und mit ihm das Er- loͤschen der Zeugungsfaͤhigkeit Statt hat, so ist dasselbe, dem verschiedenen Eintritte derselben gemaͤß, auch in unserm Clima mannigfachen Abaͤnderungen unterworfen, woruͤber na- mentlich von Haller in den Elementen der Physiologie viele Beyspiele gesammelt worden sind. Als gemeinguͤltigste Norm darf man bey uns das 45ste Jahr betrachten, obwohl auch Abweichungen vom 43sten bis 48sten Jahr haͤufig vor- kommen, ja Beyspiele, wo Weiber noch in den funfziger Jahren concipirt haben, nicht allzuselten sind Oeffentliche Blaͤtter erzaͤhlten noch neuerlich den Fall, wo eine Frau in Frankreich ihr letztes Kind im 69sten Jahre gebahr. . Uebrigens verschwindet gewoͤhnlich die Menstruation nicht ploͤtzlich, son- dern wird allmaͤhlig schwaͤcher, und es empfinder der Koͤrper bey dieser Revolution in der Regel eine Reihe ungewoͤhnlicher Zustaͤnde, welche den allgemeinen Vorboten der Menstruation (§. 119.) oft nicht unaͤhnlich sind, und sich leicht erklaͤren, wenn man bedenkt, daß bey beginnender Decrepiditaͤt an- faͤnglich doch immer die thaͤtigere Reproduktion fort wirke, obwohl nicht mehr mit hinreichender Kraft, um das Erschei- nen ihres aͤußern Zeichens (d. i. der Blutergießung) zu be- wirken, daß daher eine gewisse Ueberfuͤllung der Gefaͤße nicht mangeln koͤnne, und ebendadurch Congestionen nach Kopf und Brust, Stockungen im Pfortadersystem, Haͤmorrhoidalcongestio- nen oder Ergießungen, gichtische Beschwerden u. s. w. haͤufig ent- stehen muͤssen. Ja als einer besonders merkwuͤrdigen Erscheinung ist hier noch der zuweilen sogar im hohen Alter wieder erwachen- den Congestion nach den Genitalien, und der wiederkehrenden Menstruation zu gedenken, Faͤlle, welche dem Zahnen im hohen Alter vergleichbar sind, die Aehnlichkeit, welche in so mancher Hinsicht zwischen Decrepiditaͤt und Kindheit Statt findet (§. 75.) erhoͤhen, allein gewoͤhnlich fuͤr den Organis- I. Theil. 7 mus eben so sehr zum Nachtheil gereichen, als das zu fruͤhe Eintreten der Menstruation in der Kindheit. II. Von den Regeln der Diaͤtetik waͤhrend der drei weiblichen lebensperioden insbesondre. §. 128. Je vielfacher die Ruͤcksichten sind, welche bey Bestim- mung diaͤtetischer Pflege fuͤr Schwangere, Gebaͤrende, Woͤch- nerinnen und Stillende genommen werden muͤssen, um so weniger bleibt uns hier, wo wir das Weib außer diesen Zu- staͤnden betrachten, den oben (§. 111.) aufgestellten allge- meinen diaͤtetischen Regeln hinzuzusetzen uͤbrig, und es koͤn- nen sich diese Zusaͤtze allein auf die Leitung weiblicher Ent- wicklung, der Menstrualfunktion und des Geschlechtsverhaͤlt- nisses beziehen. §. 129. Die individuelle Entwicklung betreffend, so bedenke man vorzuͤglich, wie der weibliche Koͤrper, als zaͤrtere und doch uͤppigere Pflanze, rascher der Zeit seiner Bluͤthe entgegengeht, und wie schon aus dieser Ruͤcksicht jede Lebensweise, welche, indem sie den Koͤrper vielartigen Reitzungen aussetzt, das Reifen folglich noch mehr beschleunigt, verderbliche Folgen herbeyfuͤhren muͤsse. Ist daher irgend etwas ein großes Pal- ladium schoͤner und naturgemaͤßer weiblicher Entfaltung, so ist es Sittenreinheit . — Hierauf zunaͤchst sey daher die Sorgfalt der Erzieher gerichtet! Vermieden werde (und zwar, bey der Neugier junger Maͤdchen nach den Geheimnissen des Geschlechts, doppelt vorsichtig), was psychisch einwirkend die Phantasie befleckt, was physisch Congestionen nach den Ge- faͤßen der Geschlechtsorgane veranlaßt, als wohin erhitzende Getraͤnke, stark gewuͤrzte Speisen, Schlafen in dicken Feder- betten und warmen Stuben, so wie sitzende Lebensweise ge- hoͤren. — Der Geschlechtsgenuß selbst vor erschienener Men- struation ist verderblich. — Ueberhaupt aber wird durch sorg- same Leitung in dieser ganzen ersten Lebensperiode das Er- schließen reiner und edler Jungfraͤnlichkeit, und aus ihr die Folge wahrer und gesunder Weiblichkeit, bey urspruͤnglich kraͤftiger Natur, eben so gewiß sich ergeben, als die Vernachlaͤßigung dieser Periode den Grund zu den vielfachsten Krankheiten physischer und psychischer Lebensaͤußerungen, ja oft ein durch- aus widernatuͤrlich gewordenes zerstoͤrtes Leben herbeyfuͤhrt Man lese hieruͤber den interessanten Aufsatz von Schlegel uͤber die physische Erziehung des Menschen in Stark’s neuem Archiv. I. Bd. S. 516. . §. 130. Die Zeit des Eintritts der Menstruation selbst, fordert noch bestimmter: Auswahl leichter nicht reitzender Nahrungs- mittel und Getraͤnke, Vermeidung erhitzender Bewegungen, z. B. des Tanzens, Verhuͤtung von Erkaͤltungen, namentlich der untern Extremitaͤten, des Unterleibes und der Bruͤsie, von beengenden Kleidungen, Schnuͤrbruͤsten u. s. w. — So wie endlich bey starkgenaͤhrten Koͤrpern, wo Congestionen, Schwindel und andere Vorboten der Menstruation fuͤhlbarer werden, die Wahl einer beschraͤnkten, mehr vegetabilischen Diaͤt, verduͤnnender saͤuerlicher Getraͤnke, und vorzuͤglich der Gebrauch allgemeiner lauer Baͤder empfohlen zu werden ver- dienen. — Die ersterwaͤhnten Vorsichten muͤssen dann ins- besondre zur Zeit des Menstrualflußes selbst fortgesetzt, und alle Einfluͤße vermieden werden, welche dem Koͤrper in einer neuen und ungewohnten Funktion irgend stoͤrend werden koͤnnen. — Fragt man uͤbrigens, welcher Zeitraum nach somit erreichter Pubertaͤt der Geschlechtsverbindung und dem neu sich eroͤffnenden Cyclus von Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett am angemessensten sey, so darf man wohl annehmen, daß der Wille der Natur sie nicht eher fordre, bis der Koͤrper auf das Vollkommenste der Menstrualfunction, als wodurch das Geschlechtssystem auf nachfolgende hoͤhere Thaͤ- tigkeit vorbereitet wird, gewohnt worden ist; und die Erfahrung bestaͤtigt es vollkommen, daß jene die gesuͤndesten Frauen werden, welche zwei bis drei Jahre nach Eintritt der Pu- bertaͤt sich verheirathen, und daß hingegen eine zu schnell nach jener Periode vollzogene Verbindung oft der Gesundheit eben so nachtheilig werde, als eine zu lang verschobene oder widernatuͤrlich gaͤnzlich verschmaͤhte oder versagte. §. 131. Viel endlich liegt fuͤr die Gesundheit der Frau in der Wahl des Gatten selbst. Die Natur fordert eine gewisse Gleichartigkeit (d. i. eine gleiche Entwicklung der Geschlechts- individualitaͤt) unter zwei sich verbindenden Gatten, und be- deutende Ungleichheit unter beyden kann selbst durch Miß- verhaͤltniß der geschlechtlichen Organisation den Zweck der Verbindung ganz unerreicht lassen S. einige Beyspi e le dieser Art in Stark’s neuem Archiv fuͤr Ge- burtshuͤlfe. Bd. I. S. 376 u. 387. , weßhalb denn auch eine Berathung aͤrztlicher Personen bey Schließung ehelicher Verbindung wenigstens als wuͤnschenswerth anempfohlen wer- den muß. — In dieser Vereinigung selbst wird fruͤher erhal- tene Sittenreinheit am sichersten die Mysterien des Geschlechts gegen Entweihung schuͤtzen; denn obschon der haͤufigere Ge- schlechtsgenuß dem weiblichen Koͤrper im Allgemeinen wohl minder als dem maͤnnlichen nachtheilig ist, so entwuͤrdigt er doch im Uebermaaß den Zweck der Verbindung eben so sehr, als er physisch selbst dem Vermoͤgen zu empfangen nachthei- lig und der Entstehung organischer Krankheiten der Geburts- theile guͤnstig ist. — Zur Zeit der Menstruation Bekannt ist, daß man in den Ausschweifungen zwischen Europaͤern und Indianerinnen zur Zeit der Menstruation selbst die Quelle der Syphilis finden wollte. sowohl als in der Zeit des Wochenbettes ist der Geschlechtsgenuß widernatuͤrlich und folglich schaͤdlich, zur Zeit der Schwan- gerschaft und Stillung wenigstens nicht naturgemaͤß. §. 132. Was die Zeit des aufhoͤrenden Monathsflußes, die so- genannten klimakterischen Jahre betrifft, so muͤssen hier aͤhn- liche Vorsichtsmaaßregeln als bey der Evolution der Men- struation (§. 130.) beobachtet, heftig reitzende Speisen und Getraͤnke vermieden, namentlich aber haͤufige Aufregungen der Nerven der Geschlechtsorgane verhuͤtet werden, damit diese so bedeutende Revolution weder unmittelbar Krankheiten anlasse (wohin namentlich Blutfluͤße, Schleimfluͤße, Indu- rationen u. s. w. gehoͤren), noch fuͤr die spaͤtern Lebensjahre eine schwankende Gesundheit nach sich ziehe. Zweiter pathologisch therapeutischer Abschnitt. Erste Abtheilung. Von den Krankheiten in der ersten Lebens- periode des weiblichen Koͤrpers . §. 133. Es ist schon in der allgemeinen Pathologie des weib- lichen Koͤrpers bemerkt worden, warum gerade in dieser er- sten Lebensperiode nur wenige diesem Geschlecht eigenthuͤm- liche Krankheitszustaͤnde vorkommen koͤnnen (s. §. 81.), und indem wir nun zu einer naͤhern Betrachtung derselben uns wenden, finden wir hier allein theils mehrere praktisch wich- tige urspruͤngliche Mißbildungen der weiblichen Genitalien Vorzuͤglich diejenigen, wodurch die eigentlich weiblichen Funktionen mehr oder minder gestoͤrt werden, welche zuweilen auch aͤrztliche Huͤlfe zulassen, werden wir hierher ziehen, von den zwitterhaften Bildungen wird noch bey den Kinderkrankheiten die Rede seyn. aufzufuͤhren, theils die vorschuelle Entwicklung des Geschlechts- charakters zu beruͤcksichtigen. I. Von den angeborenen Fehlern weiblicher Genitalien . 1. Von krankhaften Bildungen der aͤußern Geschlechtstheile. §. 134. Die Bruͤste , Organe, welche uͤbrigens bey lebens- faͤhigen weiblichen Individuen nie ganz fehlten, bieten ihrer Zahl, Form, und namentlich der Bildung ihrer Warzen nach, eine Menge theils weniger, theils mehr einflußreicher Abnor- mitaͤten dar. Man fand S. Otto Handbuch d. patholog. Anatomie. S. 238. drei, vier, ja fuͤnf Bruͤste an einem Koͤrper, zwei Warzen an einer Brust, die uͤberzaͤhli- gen Bruͤste saßen zuweilen am Ruͤcken, oder unter den Ar- men, die Form der Brust fand man zuweilen zitzenartig, die Brustwarzen mangelten mitunter gaͤnzlich oder sie ent- wickelten sich wohl auch nach der Geburt nicht vollkommen. — Untersucht man naͤmlich die Bildung der Brustwarzen beym neugeborenen Kinde, so findet man sie platt und quergespal- ten, gleichsam einwaͤrtsgestuͤlpt (auf welche Form sowohl als auf den sich darin vorfindenden Milchsaft man die Meynung, daß sie wohl Einsaugungsorgane des Foͤtus seyn koͤnnten, gegruͤndet hat). Nach und nach sollen nun die Warzen waͤh- rend der ersten Lebensperiode sich hervorheben und ausbil- den, allein theils durch fest anliegende Kleider gehindert, theils in Folge unzulaͤnglicher Bildungskraft verharren sie zu- weilen in diesem fruͤhern Zustand und werden dadurch dem Stillungsgeschaͤft spaͤter aͤußerst hinderlich. Von allen hier erwaͤhnten Abnormitaͤten waͤre denn nur die letztere einer aͤrzt- lichen Abhuͤlfe faͤhig, und es wird daher theils prophylaktisch uͤberhaupt auf die Vermeidung eines nachtheiligen Druckes der Bruͤste in den Kinderjahren zu sehen seyn, theils, wo eine solche unvollkommene Entwicklung in den der Pubertaͤt bereits sich naͤhernden Jahren bemerkt wuͤrde, dieselbe durch Tragen eines angemessenen Warzendeckels (von denen wir spaͤterhin die zweckmaͤßigsten Formen betrachten werden) un- terstuͤtzt werden muͤssen. §. 135. Die Schamlefzen betreffend, so bieten diese ziem- lich haͤufige, jedoch groͤßtentheils voͤllig unschaͤdliche Abnormi- taͤten oder vielmehr Varietaͤten dar. So fehlen z. B. die Nymphen zuweilen bey neugeborenen Maͤdchen, zumal in asiatischen Laͤndern, wo das Beschneiden dieser hier gewoͤhnlich sehr großen Theile Sitte ist S. daruͤber Osianders Denkwuͤrdigkeiten fuͤr die Heilkunde und Ge- burtshuͤlfe. II. Bd. S. 66. , gleichso wie auch an maͤnn- lichen Kindern bey beschnittenen Voͤlkern, der Mangel der Vorhaut zuweilen angeboren erscheint. Hinwiederum findet sich zuweilen der Umfang der Schamlippen besonders groß, namentlich sind die kleinern haͤufig verlaͤngert und umgaben in einem von Haller erwaͤhnten Falle sogar den After. — Nur Faͤlle der letztern Art waͤren es auch hier, welche durch aͤrztliche Kunst beseitigt werden koͤnnten, indem mittelst einer leichten chirurgischen Operation die uͤberfluͤßigen, mancherley Unbequemlichkeiten veranlassenden Theile entfernt wuͤrden. §. 136. Die Klitoris ferner zeigt mehrere aͤhnliche Abnormi- taͤten, ist bald zu groß Daß dieser Theil sehr selten betraͤchtlich vergroͤßert ist, und die meisten Faͤlle, wo man eine solche Vergroͤßerung beobachtet haben wollte, wohl verunstalteten maͤnnlichen Individuen angehoͤrten, ist neuerlich von H. Osiauder (Handbuch d. Entbindungsk. 1r Thl. S. 145.) mit Recht bemerkt worden. , bald zu klein, selten (welches als eine Annaͤherung an verschiedene Thierbildungen, z. B. der Beutelthiere betrachtet werden darf) in zwei Spitzen auslaufend. Abhuͤlfe wird wieder nur bey zu betraͤchtlicher Entwicklung durch Abbindung oder Beschneidung Statt fin- den, und auch dieser Theil wird daher in mehreren suͤdlichen Laͤndern, wo er insgemein groͤßer als in noͤrdlichen wird, einer gewoͤhnlich im zehnten Jahre unternommenen Beschnei- dung unterworfen. §. 137. Das Hymen . So wie es in einigen Faͤllen gaͤnzlich mangelte oder eine ungewoͤhnliche, bald voͤllig ringfoͤrmige Gestalt, verdickte Substanz, oder mehr nach vorwaͤrts gerich- tete Lage zeigte, so verschloß es auch zuweilen die Schei- denmuͤndung vollkommen ( Atresia hymenaica ) und hinderte dadurch spaͤterhin den Ausfluß des monathlichen Blutes so- wohl als die Conception. Im letztern Falle wird die Ein- schneidung der vorgespannten Membran, und das Einlegen eines in Essig getauchten Baͤuschchens, um neue Verwachsung zu verhuͤten, unerlaͤßlich, ja selbst bey betraͤchtlicher Ver- dickung sah man sich zuweilen, obwohl erst im vorgeruͤckten Alter, um Conception, ja um die Geburt moͤglich zu ma- chen, zu einer aͤhnlichen Operation genoͤthigt Wie H. Osiander in d. Denkwuͤrdigkeiten II. Bd. S. 70. nach Vesal erwaͤhnt, ist es auch bey europaͤischen Muͤttern fruͤher ge- braͤuchlich gewesen, das Hymen immer absichtlich als einen unnuͤtzen Theil zu zerstoͤren (hierher gehoͤrt auch der Phallusdienst der Alten). . — 2. Von krankhaften Bildungen der innern Geschlechtstheile. §. 138. Die Mutterscheide , als Fortsatz des Fruchthaͤlters, nimmt gewoͤhnlich an den Abnormitaͤten des letztern sehr be- stimmt Antheil. Bey unvollkommener Entwicklung des Ge- schlechtssystems uͤberhaupt findet sich daher auch die Mutter- scheide ausnehmend klein und eng, ohne sich in den spaͤtern Jahren dieser Lebensperiode normal zu entfalten, welches zum Grund bleibender Unfruchtbarkeit wird; oder sie ist fer- ner der Laͤnge nach, zuweilen auch nur am Eingange (und zwar beydes mitunter bey doppeltem Uterus) durch eine Scheidewand in zwei Gaͤnge getheilt, Verwachsungen, welche uͤbrigens dieselbe Kur wie die Atresie zulassen. Auch findet sich in seltnen Faͤllen ein freylich unheilbares Zusammenmuͤn- den des Scheidenkanals und Mastdarms (bey der sogenann- ten Kloakenbildung S. daruͤber J. F. Meckel’s Handbuch der patholog. Anatomie. I. Bd. S. 698. . §. 139. Die Gebaͤrmutter sah man in mehreren Faͤllen, selbst bey vorhandenen aͤußern Genitalien gaͤnzlich mangeln, oder in den fruͤhern Lebensjahren sich so wenig entwickeln, daß in den Jahren herannahender Pubertaͤt sie noch in derselben Groͤße wie beym neugeborenen Kinde gefunden wurde; Miß- bildungen, welche nothwendig Unfruchtbarkeit zur Folge ha- hen, und unheilbar seyn muͤssen. Ferner findet man nicht selten den der Groͤße nach normal entwickelten Uterus, der Gestalt nach ganz auf dieselbe Weise gebildet, wie er sonst nur in fruͤhern Perioden des Foͤtuslebens oder in niedern Thieren getroffen wird (§. 27. u. 28.). Man findet daher sowohl die Hoͤhle von oben herab durch eine Scheidewand getheilt ( Uterus divisus ) S. davon ein Beyspiel in Eisenmann Tab. quat. uteri duplicis. 1752. Fol. Tab. I. Fig. 1. als den Uterus nach beyden Fallopischen Roͤhren hin gehoͤrnt ( Uterus bicornis ) S. Walter Betrachtungen uͤber d. Geburtstheile d. weibl. Geschl. Fig. III. oder denselben, zuweilen zugleich mit dem Scheidenkanale voll- kommen doppelt ( Uterus duplex ) S. Böhmer observation. anat. Fasc. II. T. VI. u. Eisenmann I. c. Tab. II. , Mißbildungen, welche uͤbrigens Empfaͤngniß, Schwangerschaft und Geburt zwar kei- neswegs unmoͤglich machen, wie mehrere Faͤlle beweisen, allein doch den regelmaͤßigen Verlauf dieser Perioden mehr oder weniger stoͤren, ja sogar in der Mehrzahl aͤhnlicher Faͤlle S. Meckel a. a. O. S. 683. den Tod der Schwangern, Gebaͤrenden oder Woͤch- nerinnen herbeyfuͤhrten. — Außerdem bemerkte man zuweilen, als nicht minder unheilbare Mißbildung, Einmuͤnden der Ge- baͤrmutter in den Mastdarm. Endlich kommen wohl auch fleischige Verwachsung Von der letztern Verbildung findet sich ein merkwuͤrdiges Praͤparat in der Sammlung unserer Akademie, wo uͤber die Urspruͤnglichkeit der Verwachsung die Totalform des Uterus keinen Zweifel gestattet, demohnerachtet aber Conception Statt gefunden hat, die Frucht jedoch in der Bauchhoͤhle sich entwickelte, spaͤterhin abstarb und als Lithopaedion nach dem erst im hohen Alter erfolgten Tode dort gefunden wurde. oder haͤutige Verschließungen des Muttermundes vor, welche gleichwie die Atresia hymenaica das Ausfließen der Menstruation und die Conception hindern, und dann bey bloß haͤutiger Verschließung durch Einfuͤhren und Durchstoßen einer geknoͤpften Sonde gehoben werden koͤnnen. §. 140. Die Muttertrompeten mangeln nur bey gaͤnzlich fehlendem Uterus durchaus, haͤufiger fehlen ihnen die Franzen am Abdominalende. Zuweilen sah man auch nur eine der- selben fehlen, oder beide am Abdominalende sich vereinigen. Auch entspringen sie zuweilen auf ungewoͤhnliche Weise, z. B. eine aus dem Cervix uteri. — Auch diese natuͤrlich nur bey der Section zu entdeckenden Abnormitaͤten koͤnnen Un- fruchtbarkeit veranlassen. §. 141. Die Eyerstoͤcke endlich fehlen ebenfalls entweder gaͤnz- lich, selbst bey vorhandenem Uterus, oder es betrifft dieser Mangel nur die eine Seite. Mitunter entwickeln sie sich denn auch sehr unvollkommen, bleiben klein, und veranlassen dann, eben so wie durch ihren gaͤnzlichen Mangel, Unfrucht- barkeit. II. Von der krankhaft zu zeitig entwickelten Pubertaͤt . §. 142. So wie mehrere der bisher betrachteten Bildungsfehler des Uterus als unvollkommene Entwicklungen des Geschlechts- systems anzusehen waren, so finden wir dagegen in andern Faͤllen auch eine zu dem uͤbrigen System in Mißverhaͤltniß stehende beschleunigte und oft dem gesammten Organismus verderblich werdende Ausbildung desselben. Eigentlich charakteristisch ist diesem Zustande die fruͤher als gewoͤhnlich eintretende Men- struation, welche sich indeß haͤufig mit gleichzeitig bemerkba- rer Entwicklung der Geschlechtsorgane, mit Anschwellung der Bruͤste, Vergroͤßerung der Schamlefzen und Mutterscheide, so wie mit Entwicklung von Haar auf dem Schamberge ver- knuͤpft, ja wobey der Uterus selbst weit fruͤher als gewoͤhn- lich conceptionsfaͤhig wird S. ein Beyspiel dieser Art von einer erst im Alter verstorbenen, jedoch schon im zweiten Jahre menstruirten und als achtjaͤhriges . In wiefern nun aber die Ent- wicklung des Geschlechtssystems und Erscheinung der Men- struation, wie fruͤher gezeigt wurde, nur Produkt und Bluͤthe allgemeiner Organisation seyn soll, so liegt am Tage, wie eine solche theilweise Entwicklung nothwendig entweder hem- mend in die allgemeine Entwicklung eingreifen, oder selbst zerstoͤrend auf den Koͤrper wirken koͤnne. §. 143. Das Lebensalter betreffend, in welchem die Erscheinung einer krankhaft beschleunigten Menstruation, und der ihr ent- sprechenden Ausbildung der Geschlechtstheile beobachtet wurde, ist sehr verschieden. Mitunter, obwohl selten, trat schon im ersten oder zweiten Lebensjahre So in dem oben erwaͤhnten und in dem von Lobstein beschriebenen Falle s. Lucina von Siebold. I. Bd. 1s St. S. 102. u. IV. Bd. 1s St. S. 163. ein regelmaͤßig wiederkeh- render Blutfluß aus den Geburtstheilen ein, und wenig spaͤ- ter erschien dann die Entwicklung der Bruͤste und Scham- haare. Haͤufig sind die Faͤlle in den naͤchstfolgenden Jahren. So sah v. Siebold Lehrbuch der Frauenzimmerkrankheiten. Thl. 1. S. 171. dieselbe im sechsten, Andere sahen sie im siebenten, achten oder neunten Jahre erscheinen. §. 144. Die Ursachen einer solchen zu fruͤhen Geschlechtsent- wicklung koͤnnen entweder in urspruͤnglicher Bildungsrichtung, oder in krankhaften Zustaͤnden anderer Systeme und Organe, oder in der Lebensweise begruͤndet seyn. Was das erstere betrifft, so erscheint hier der Organismus uͤberhaupt auf ei- ner niedrigern Stufe, ohngefaͤhr vergleichbar den vielen Thier- gattungen, bey denen auch die Fortpflanzungsthaͤtigkeit weit zeitiger als im Menschen sich entwickelt, dieser Zustand ist dann mehr in der Anlage des Ganzen begruͤndet, er wird eben deßhalb weniger leicht dem Ganzen verderblich, und man kennt Beyspiele, wo unter diesen Umstaͤnden Personen, Maͤdchen gemißbrauchten und geschwaͤngerten Person, im Archiv Schweizerischer Aerzte. 1r Bd. 2s Hft. wenn auch nicht voͤllig die gewoͤhnliche Koͤrpergroͤße, doch ein betraͤchtliches Alter erreichten (eben so wie manche Thiere auch nach der entwickelten Geschlechtsfunktion immer fortwach- sen, z. B. die Fische). Die Erkenntniß dieser Ursache ergiebt sich theils aus der Abwesenheit der andern, z. B. der fehlerhaften Lebensweise, theils aus den weit geringern oder ganz fehlenden sonstigen Krankheitssymptomen. — Die zweite Ursache anbelangend, welche wir in andern die zu zeitige Pubertaͤtsentwicklung als secundaͤren Zustand herbeyfuͤhrenden Krankheiten vorfanden, so gehoͤren unter dieselbe ganz vor- zuͤglich die Scrofelkrankheit und die in Folge von Entzuͤn- dung u. s. w. entstandenen Verbildungen der Unterleibsorgane, als bey welchen in Folge von Stoͤrung der Blutbewegung im Pfortadersystem Congestionen nach den Haͤmorrhoidal- oder Uteringefaͤßen so haͤufig bemerkt werden. — Die Erkennt- niß dieser Ursache geht hervor aus den Zeichen jener Krank- heiten. Kinder mit aufgetriebenem Leibe, aͤußerlich ange- schwollenen Druͤsen, bleicher Farbe, gedunsenem Gesicht, mit Neigung zu Verstopfung, unnatuͤrlichem Appetit, mit Wuͤr- mern behaftet (deren Reitz auf den Darmkanal oft consensuell zu Erregung des Geschlechtssystems viel beytragen kann) sind es vorzuͤglich, bey denen die unzeitige Pubertaͤtsentwicklung als secundaͤre Krankheit vorkommt. Als dritte Ursache endlich fuͤhrten wir die Lebensweise auf, und es sind vorzuͤglich phy- sisch ein zu haͤufiger Genuß erhitzender, stark gewuͤrzter oder geistiger Speisen und Getraͤnke bey sitzendem Stubenleben, Schlafen in zu warmen Betten, so wie Reitzungen der Ge- schlechtsorgane durch Onanie, psychisch ein schluͤpfriger Umgang und zeitige Romaneulektuͤre. Beguͤnstigt wird uͤbrigens die Einwirkung dieser Ursachen durch eine reitzbare schwaͤchliche Constitution, und erkannt wird dieselbe theils durch die Ab- wesenheit der unter den vorher eroͤrterten Ursachen aufgefuͤhr- ten Zeichen, theils durch Untersuchung der aͤußern Lebensver- haͤltnisse selbst, bey Beruͤcksichtigung der disponirenden Con- stitution. Zu bemerken ist indeß, daß sehr wohl mehrere der bisher erwaͤhnten Ursachen zugleich einwirken koͤnnen und wirk- lich einwirken, z. B. scrofuloͤse Constitution und zeitige ge- schlechtliche Ausschweifungen. §. 145. Verlauf und Prognose ist bey diesen Krankheits- zustaͤnden eben nach den verschiedenen urfaͤchlichen Verhaͤlt- nissen verschieden. Bey einer in Folge urspruͤnglicher Bil- dungsrichtung fruͤher erscheinenden Menstruation, kann unter guͤnstigen Umstaͤnden, wie schon erwaͤhnt, die Gesundheit wohl eben so ungestoͤrt bleiben, als bey Nationen, denen diese fruͤhe Pubertaͤtsentwicklung natuͤrlich ist; oͤfterer indeß wird wenig- stens Hemmung des voͤlligen Wachsthums, und schwaͤchliche Gesundheit die Folge desselben seyn, wobey denn die Prog- nose um so guͤnstiger gestellt werden darf, je weniger zeitig die Menstruation erscheint, je schwaͤcher dieselbe sich zeigt, je kraͤftiger die urspruͤngliche Koͤrperconstitution ist, und je mehr die aͤußern Lebensverhaͤltnisse allgemeine koͤrperliche Gesundheit beguͤnstigen. Weit nachtheiliger hingegen muß ein Blutfluß dieser Art werden, durch die zweite der erwaͤhnten Ursachen erregt, theils weil schon jene Unterleibskrankheiten Gefahr drohen, theils weil ein oft wiederholter Blutfluß, fuͤr dessen Erscheinung die allgemeine Koͤrperbildung nicht sattsame Noͤ- thigung enthaͤlt, die individuelle Reproduktion vollends unter- graben muß. Wirklich sah man denn auch in Faͤllen dieser Art die Kinder mit jeder wiederkehrenden Periode mehr ab- zehren und ermatten, ja endlich sterben; und es wird die Prognose hierbey theils zwar wieder nach den oben erwaͤhnten Momenten, theils aber insbesondre nach dem Grade der Hef- tigkeit oder Heilbarkeit der primaͤren Krankheit sich richten. Am allerzerstoͤrendsten jedoch wirkt namentlich die dritte Ur- sache, indem hier recht eigentlich die Geschlechtsfunktion, als die individueller Reproduktion entgegengesetzte, gewaltsam her- vorgerufen wird, welches, verbunden mit einer oft schon an sich schwaͤchlichen und reitzbaren Constitution, den Koͤrper in kurzer Zeit voͤllig zerruͤttet, so daß hierbey, nur wo das Le- bensalter etwas weiter vorgeruͤckt war, wo die Constitution urspruͤnglich besser ist, und die genaueste Anordnung der Le- bensweise vom Arzte vorgeschrieben und durchgesetzt werden kann, auch der Krankheitszustand selbst noch nicht allzulange angehalten hat, guͤnstigere Hoffnungen gefaßt werden duͤrfen. §. 146. Ein Heilverfahren kann bey zu fruͤher Menstruation nur wo sie in Folge anderer Krankheitszustaͤnde oder durch fehlerhafte Lebensweise bedingt ist, Statt finden, indem, wo sie als Folge urspruͤnglich veraͤnderter Bildungsrichtung er- scheint, sich hoͤchstens durch Auswahl leicht verdaulicher nahr- hafter Diaͤt, durch Landluft, Baͤder und noͤthigenfalls durch den Apparat staͤrkender Arzneymittel, die allgemeine Repro- duktion unterstuͤtzen, aber die eigentliche abnorm zeitig eintre- tende Pubertaͤtsentwicklung durch keine Art angewendeter Mit- tel sich hemmen, oder die Organisation sich gaͤnzlich zuruͤck- bilden laͤßt. §. 147. Die Anordnung des Heilplans uͤbrigens fuͤr die beyden andern Faͤlle ergiebt sich schon beynahe von selbst. Zuerst die scro- fuloͤsen Leiden, die mannigfaltigen Obstruktionen u. s. w. an- gehend, so koͤnnen und muͤssen sie vorzuͤglich durch angeregte erhoͤhte Thaͤtigkeit des Darmkanals gehoben werden. Der laͤngere Zeit fortgesetzte Gebrauch gelind abfuͤhrender Mittel, namentlich der Mittelsalze, des Rheum, des Tamarinden- Aufgußes, der seifenhaften Extracte, die Seife selbst in Pil- lenform, auch wohl mit Antimonialpraͤparaten verbunden, wirkt hier ausgezeichnet, indem diese Methode bey vermehrter Secretion der innern Darmwaͤnde, sehr viel zur Zertheilung angeschwollener Druͤsen, und Herstellung regelmaͤßiger Saͤfte- bewegung in den Unterleibsgefaͤßen beytragen wird, ja, wenn sie durch Einreibungen des fluͤchtigen Liniments in den Unter- leib, sorgfaͤltige Hautkultur, Gebrauch von Seifen- oder auch wohl von salinischen Baͤdern, durch freie Luft, hinlaͤngliche Bewegung, und eine geregelte leicht verdauliche Diaͤt unter- stuͤtzt wird, vorzuͤglich geeignet ist, die voͤllige Gesundheit wieder herzustellen, und so auch das Symptom jenes Krank- heitszustandes, die zu fruͤh erschienene Menstruation zu beseitigen; eben so wie wir auf aͤhnliche Behandlung andere, in Leiden einzelner Unterleibsorgane begruͤndete Blutergießungen der Un- terleibsgefaͤße (z. B. Haͤmorrhoidalfluͤße, Blutbrechen, Mor- bus niger ) verschwinden sehen. Complicationen mit Wurm- beschwerden machen uͤbrigens Anwendung anthelmintischer Mit- tel noͤthig, und uͤberhaupt koͤnnen die besondern Modifikatio- nen dieses Kurplans nur von der Individualitaͤt der Kranken bestimmt werden. §. 148. Besondere Bemerkung verdient es daher in diesen Faͤl- len, daß man nicht etwa das Eintreten des Menstrualflußes selbst, d. i. hier das Symptom allgemeiner Krankheit zu hoch stelle, und in Absicht der durch die Blutung erzeugten Schwaͤche durch sogenannte staͤrkende Mittel entgegen zu ar- beiten, den Zustand noch mehr verschlimmere; gewiß es koͤnnte nicht leicht thoͤrichter verfahren werden, als in solchen und aͤhnlichen Faͤllen den Blutfluß unmittelbar, etwa durch kalte Umschlaͤge und Baͤder, staͤrkere Dosen fuͤr den Uterus kon- trahirend wirkender Mittel, z. B. der Zimmttinktur u. s. w. ploͤtzlich hemmen, und so dem Organismus diese oft fuͤr den Augenblick als Krisis nothwendige Ausleerung entziehen zu wollen! — Uud was sollen in aͤhnlicher krankhafter Span- nung der Unterleibsorgane die eigentlich tonischen Mittel aus- richten? Muͤssen sie nicht durch ihre stimulirende Wirkung die Anschwellungen der Lymphgefaͤße u. s. w. vermehren? Man gebe z. B. einem scrofuloͤsen Kinde eine Zeit lang bloße China, und man wird nicht nur keine Besserung, man wird wie bey einem vorschnell unterdruͤckten Wechselfieber Auftreibungen der Leber, der Milz, des Pankreas u. s. w. entstehen sehen. — Nur fuͤr die Zustaͤnde daher, wo, nachdem durch die im vorigen Paragraph erwaͤhnte Methode jene Krankheiten des Lymph- und Pfortadersystems beseitigt sind, der Unterleib frey und weich, die Zunge rein, die Auslee- rungen natuͤrlich geworden sind, und demohnerachtet Schwaͤche und unvollkommene Verdauung andauern, passen die leich- tern bittern Extracte, und spaͤterhin selbst die Abkochungen der China, verbunden mit dem Gebrauch mineralischer, na- mentlich eisenhaltiger Baͤder, und der sparsame Genuß eines guten weißen Weins. §. 149. Der Blutfluß selbst fordert hier sonach eigentlich nur waͤhrend der Periode seiner Erscheinung besondere Muͤcksicht; eines Theils naͤmlich wird es nothwendig, hier die Mittel, welche denselben irgend verstaͤrken, oder auch gaͤnz- lich und ploͤtzlich hemmen koͤnnten, z. B. die Abfuͤhrmittel, Baͤder, Friktionen u. s. w. auszusetzen, andern Theils ist aber auch dafuͤr Sorge zu tragen, ihn in moͤglichst geringem Grade zu erhalten, weßhalb man in dieser Periode besondere Ruhe beobachten laͤßt, und die einfachste Diaͤt, so wie den Ge- brauch kuͤhlender Getraͤnke anordnet. Sehr selten wird man uͤbrigens hier die Blutergießung selbst zu copioͤs und in so- fern augenblicklich gefahrdrohend finden, indeß wuͤrden wir fuͤr einen solchen Fall vorzuͤglich den Gebrauch aromatischer Fomentationen (aus Hb. Serpilli, Absinthii, Melissae mit Wein vermischt) auf den Unterleib, Auftroͤpfeln von Naphtha auf die regio hypogastria, und innerlich die Phosphorsaͤure zu 8 bis 15 Ttopfen in schleimigem Getraͤnk empfehlen. §. 150. Was nun ferner die Behandlung unzeitiger Pubertaͤts- entwicklung in Folge gewaltsamer, mehr vom Nervensystem ausgehender Erregung betrifft, so muß nothwendig fuͤr die Anordnung strengerer Aufsicht, Verhuͤtung unpaßender Lectuͤre, schlechten Umganges, der Masturbation, Versagung aller er- hitzender Getraͤnke, des Weins, der Chocolade, des Kaffees und gruͤnen Thees, so wie stark gewuͤrzter Speisen, erstes Augenmerk des Arztes seyn; allein nicht minder wichtig bleibt es dann ferner, theils die gesteigerte allgemeine und oͤrtliche Sensibilitaͤt herab zu stimmen, theils die gesunkene Repro- duktion zu heben. — Was das erstere betrifft, so koͤnnen dazu außer der schon erwaͤhnteu Entziehung schaͤdlicher Reitze, der haͤufige Gebrauch lauer Baͤder mit Chamillen, Valeriana und aͤhnlichen Aufguͤßen vermischt, ferner vorzuͤglich der (außer der Periode der Menstruation) taͤglich mehrere Male veranstalteten kalten Waschungen der Geburtstheile, innerlich aber die Anordnung kuͤhlender Emulsionen und aͤhnlicher Getraͤnke, ja bey einzelnen heftigern Aufregungen die An- wendung des Dowerschen Pulvers, kleiner Dosen des Extr. Hyoscyami, des Liq. Cornu Cervi, als nuͤtzlich empfohlen werden. Was hingegen das Foͤrdern der Reproduktion an- belangt, so ist in dieser Hinsicht zuerst auf den Stand der Verdauungswerkzeuge, von welchen ja alle individuelle Re- produktion ausgeht, Ruͤcksicht zu nehmen. Gastrische Unrei- nigkeiten sind daher zuvoͤrderst zu beseitigen, und es ist nicht etwa anzunehmen, daß allgemeine Schwaͤche dadurch ver- mehrt wuͤrde, wenn dieß auf zweckmaͤßige Art geschieht. Steht aber in dieser Hinsicht der Assimilation nichts mehr im Wege, so ist vorzuͤglich durch zweckmaͤßige Diaͤt aus Bouillon, Gries, Sago, leichten Fleischarten, und eben so durch die Anwendung rein bitterer Mittel des Extr. Tara- xaci, Centaur. m., Trifolii, Gentianae, und der China, so wie spaͤterhin selbst des Eisens (anfaͤnglich als Tr. martis cydoniata, Tr. tonico-nervina u. s. w., spaͤterhin aber in Substanz), verbunden mit dem Gebrauch eisenhaltiger Baͤ- der, der Landluft, hinlaͤnglicher Koͤrperbewegung und Ge- muͤthsaufheiterung, sowohl der koͤrperlichen allgemeinen Er- mattung entgegenzuarbeiten, als auch der dem Koͤrper unan- gemessene Blutfluß (waͤhrend dessen Erscheinen selbst uͤbrigens wieder die §. 149. gegebenen Regeln beobachtet werden muͤs- sen) und ein etwa diesem Blutfluß nachfolgender Schleim- ausfluß aus den Geburtstheilen zu beseitigen. Zweite Abtheilung . Von den Krankheiten in der Periode der Geschlechtsreife. §. 151. Mit dem vollen Hervortreten des weiblichen Geschlechts- charakters ist auch die Moͤglichkeit sehr verschiedenartiger, uͤberhaupt aber der meisten besondern, diesem Geschlecht ei- genthuͤmlichen Krankheitserscheinungen gegeben. — Wir thei- len die hierher gehoͤrigen abnormen Zustaͤnde in solche, welche sich in Stoͤrungen der allgemeinen weiblichen Eigenthuͤmlich- I. Theil. 8 keit aussprechen, und als Unregelmaͤßigkeiten der Menstrua- tion, Bleichsucht, Hysterie, Nymphomanie, Unfruchtbarkeit erscheinen, und in andere, welche in den Geschlechtsorganen selbst ihren Sitz haben, und als Krankheiten des Fruchthaͤl- ters, der Mutterscheide, der Eyerstoͤcke und Muttertrompeten, so wie der Bruͤste sich darstellen. I. Allgemeine Krankheitszustaͤnde. 1. Unregelmaͤßigkeiten der Menstrualfunktion . §. 152. Bevor wir zu diesen einzelnen Unregelmaͤßigkeiten und ihrer Behandlung uns wenden, scheint die gewoͤhnliche Art ihrer Eintheilung noch einige naͤhere Eroͤrterung zu verlangen. Man pflegt naͤmlich hier das aͤußerliche Zeichen des allge- meinen krankhaften Zustandes, d. i. den Blutfluß selbst, sei- ner Periodicitaͤt, Quantitaͤt und Qualitaͤt nach, ziemlich all- gemein zum Maaßstabe zu nehmen, um darnach zu starke und zu schwache, zu haͤufige und zu seltene oder verzoͤgerte Menstruation als besondere Krankheiten zu unterscheiden, nicht bedenkend, daß man hier fast um nichts besser verfaͤhrt, als wenn man Fieber nach den dabey erscheinenden staͤrkern oder schwaͤchern Schweiß- Harn- oder Stuhlausleerungen einthei- len wollte. Es geht aber aus solcher Eintheilung offenbar der Nachtheil fuͤr die Behandlung dieser Zustaͤnde hervor, daß dieselbe leicht ebenfalls ganz symptomatisch eingeleitet wird, daß man leicht glaubt, es sey hinlaͤnglich, bey zu schwacher oder verzoͤgerter Menstruation den Blutfluß auf irgend eine Weise zu erregen oder zu verstaͤrken, oder im entgegengesetz- ten Falle ihn zu hemmen, welches denn, sobald es wirklich ausgefuͤhrt wird, oft zum groͤßten Nachtheil der Kranken ge- reichen muß. Wir halten es demnach hierbey fuͤr das Wich- tigste die Gesammtrichtung des Organismus auf die geschlechtliche Thaͤtigkeit zum Maaß fuͤr Beur- theilung und Eintheilung dieser Zustaͤnde zu nehmen, und unterscheiden baher 1) (im Gegensatz der zu zeitigen Men- struation) mangelnde oder verzoͤgerte Entwicklung, 2) unvoll- kommenen Zustand der Pubertaͤt und Menstrualfunktion (wel- ches beydes hervorgehen kann theils aus mangelhafter Re- produktion im Allgemeinen und andern Krankheiten, theils aus mangelhafter Bildung und Erregung des Geschlechtssy- stems insbesondere; 3) (im Gegensatz zu den beiden vorigen und verwandt der zu zeitigen Pubertaͤtsentwicklung) uͤbermaͤ- ßiges Hervortreten der Menstrualfunktion (theils durch zu reichliche allgemeine Stoffbildung, theils durch andere Krank- heiten, theils durch zu großes Ueberwiegen des Geschlechts- systems begruͤndet); 4) ploͤtzliche Hemmungen der Menstrual- funktion. A. Mangelnde oder verzoͤgerte Entwicklung der Menstrualfunktion . §. 153. Wie oben (§. 121.) bemerkt wurde, ist der Eintritt der Pubertaͤt an kein bestimmtes Lebensalter festgebunden, sondern nach Clima, Nationalitaͤt, Lebensweise und Constitu- tion verschieden, und es kann folglich die Verzoͤgerung die- ses Eintritts, dafern sie krankhaft genannt werden soll, nicht an den Jahren abgemessen, sondern nach dem Grade allge- meiner Koͤrperausbildung bestimmt werden. Erscheint naͤmlich das gemeinsame Wachsthum ziemlich beendigt, kuͤndigt sich das Bestreben der Natur zur Ausscheidung des im Koͤrper uͤberfluͤßig erzeugten Bildungsstoffes durch das Geschlechts- system, inmittelst mehrerer der oben (§. 119.) erwaͤhnten Vorboten an, erscheint aber der Blutfluß demohnerachtet nicht, stellen sich vielmehr Stoͤrungen allgemeinen Wohlbe- findens ein, so haben wir den Zustand, welcher als verzoͤ- gerte Entwicklung der Menstrualfunktion bezeichnet wird. Gaͤnzlichen Mangel dieser Funktion finden wir entweder als Idiosyncrasie bey Personen, deren Pubertaͤt allerdings sich entwickelt, obwohl durch eine sonderbare Naturverirrung ohne ihr aͤußerliches Zeichen (die Menstruation), wohin denn die Faͤlle gehoͤren, wo zeugungsfaͤhige Frauen entweder gar nicht oder hoͤchstens nur waͤhrend der Schwangerschaft men- struirten, oder zweitens bey Personen mit ganz unausgebil- deten oder verbildeten Geschlechtstheilen, wo sonach eine wahre Pubertaͤt eben so wenig als das Zeichen derselben ein- treten kann, aber auch, eben weil hier ein urspruͤnglicher Bildungsfehler ist, und alles sich mehr aus dem Ganzen, aus einem Grunde ergiebt, Stoͤrungen der Harmonie koͤrper- licher Thaͤtigkeiten, d. i. der Gesundheit, eben so wenig be- merkt zu werden pflegen, als bey der in Folge urspruͤnglicher Bildungsrichtung zu fruͤh hervortretenden Pubertaͤt (§. 144.). §. 154. Was die blos verzoͤgerte Entwicklung der Men- strualfunktion betrifft, so sind die Zeichen, welche sie be- gleiten, theils nach den Ursachen der Verzoͤgerung, theils nach der Constitution der Kranken aͤußerst verschieden, und wir wenden uns deßhalb sogleich zu den Ursachen , um an deren Betrachtung die Lehre von den aͤußern Zeichen zu reihen. Das wirkliche Erscheinen der Menstruation kann aber verhindert werden 1) durch organische Ursachen , z. B. Atresie der Scheide oder des Muttermundes (§. 137. 138. 139.). In diesen Faͤllen treten zur gewoͤhnlichen, der uͤbri- gen koͤrperlichen Entwicklung entsprechenden Zeit, die allge- meinen und oͤrtlichen Vorboten der Menstruation ein, ja die Ausscheidung erfolgt spaͤterhin wirklich, allein das Blut wird in der Hoͤhle der Vagina und Gebaͤrmutter zuruͤckgehalten, dehnt diese aus, und haͤuft sich, indem unter periodisch wie- derkehrenden Vorboten stets neue Ergießungen erfolgen, nach und nach bedeutend (oft Von Oberteufer wird z. B. in Stark’s neuem Archiv fuͤr Geburtshuͤlfe. 2r Bd. 4s St. S. 637 ein Fall erzaͤhlt, wo 6 Pfund Blut nach Durchschneidung des Hymens ausflossen. zu mehreren Pfunden) in den Geschlechtstheilen an. Es entsteht dann Auftreibung des Lei- bes, unordentliche Verdauung, Kreuzschmerz u. s. w., Zufaͤlle, welche oft den Verdacht von Schwangerschaft erregen koͤnnen. Die geburtshuͤlfliche Untersuchung wird uͤbrigens hier den Zu- stand alsbald bestimmt erkennen lehren. §. 155. 2) Gehoͤrt zu diesen Ursachen Stoͤrung der Re- produktion entweder in Folge anderer Krankheiten, oder in Folge der Lebensweise. — Was das erstere betrifft, so- ist sehr wohl abzusehen, wie das Eintreten irgend einer Krankheit, z. B. eines Fiebers, in wiefern dadurch eine pathologische Revolution veranlaßt wird, die physiologische Revolution bey Entwicklung der Menstrualfunktion hemmen muͤsse, und eben so klar ist es, daß allgemeine chronische Krankheiten, ja selbst der nach acuten oder chronischen Krankheiten zuruͤckbleibende Schwaͤchezustand dieser Entwick- lung hinderlich seyn muͤsse. Allein in allen diesen Faͤllen wird die Verzoͤgerung der Menstruation an und fuͤr sich sel- ten als Krankheit empfunden, indem der Organismus, wo selbst die individuelle Reproduktion unvollkommen ist, nicht das Beduͤrfniß der Reproduktion der Gattung empfinden kann, und nicht jenen Ueberfluß, welcher die Bedingung der Menstruation ist, erzeugt. Nur wo daher Mißverhaͤlt- nisse in der Reproduktion der einzelnen organischen Systeme Statt finden, wo bey allgemeiner schon kraͤftiger gewordener Ernaͤhrung die Ernaͤhrung der Geschlechtsorgane und nament- lich des Uterus selbst noch unvollkommen bleibt, welches am haͤufigsten bey scrofuloͤsen Individuen, bey Auftreibungen ein- zelner Unterleibsorgane (etwa nach intermittirenden Fiebern) oder krankhafter Erregung anderer Gebilde, z. B. aͤußerlichen Geschwuͤren, Wurm- oder Hautkrankheiten u. s. w. vorkommt, erscheinen die Molimina ad Menstruationem, werden hef- tiger, geben zu Entstehung von Geisteskrankheiten, zu den sonderbarsten Umstimmungen des Nervenlebens (welche durch Idiosynkrasien, Kraͤmpfe, Epilepsie, Veitstanz, Somnam- bulismus sich aͤußern), zu Congestionen nach andern Gebil- den, Blutfluͤßen, Schleimfluͤßen, Auftreibungen und Verbil- dungen einzelner Organe Veranlassung, und indem oft so die allgemeine Reproduktion in ihrer urspruͤnglich auf erhoͤhtes Geschlechtsleben gerichteten Thaͤtigkeit gehindert wird, sinkt auch sie selbst, die Verdauung wird schwach, Obstruktionen oder Diarrhoͤen finden sich ein, die Blutbereitung wird un- vollkommen, es entwickelt sich Bleichsucht, in Folge der Schwaͤche des Lymphgefaͤßsystems gesellen sich Wasseranhaͤu- fungen hinzu und auf diese Weise kann dieser Zustand selbst lebensgefaͤhrlich werden. §. 156. Ein aͤhnlicher Zustand entwickelt sich denn anch zuwei- len ohne eine andere vorausgegangene Krankheit blos in Folge fehlerhafter Lebensweise. Personen welche durch anhalten- des Sitzen Stoͤrungen in der Blutbewegung der Unterleibs- gefaͤße veranlassen, welche in feuchter unreiner Luft, unter Gram und Sorge, bey schlechten Nahrungsmitteln leben, verfallen leicht, wenn die Zeit herannaht, wo die Entwick- lung der Pubertaͤt von der Natur gefordert, obwohl nicht erlangt wird, namentlich in die genannten Cacherien; dahin- gegen Personen, welche in fruͤherer Zeit durch Ausschweifun- gen die Geschlechtsorgane geschwaͤcht und dadurch die Faͤhig- keit derselben zur Menstrualfunktion und Zeugung großen Theils zerstoͤrt haben, in dieser Periode vorzuͤglich mit den gleichfalls genannten Nervenuͤbeln zu kaͤmpfen haben. §. 157. 3) Finden wir als Ursache der verzoͤgerten Menstruation haͤufig die Abweichung in der Gesammtform des weiblichen Koͤrpers vom aͤchten Geschlechtstypus, die Hinneigung zur maͤnnlichen Koͤrperform, bey uͤbrigens regel- maͤßiger Gestalt der Geschlechtstheile selbst. Solche Indivi- duen (Mannjungfern, Viragines ) zeichnen sich aus durch die betraͤchtlichere Koͤrpergroͤße, breitere und laͤngere Brust, laͤngeres Gesicht, maͤnnlichere Zuͤge, staͤrkere Haarentwicklung auf der Oberlippe, hervorgehobenere Knochenbildung, plattern Unterleib und schmaͤlere Huͤften, und es ist in ihnen uͤber- haupt die Entwicklung der Menstrualfunktion erst einem et- was spaͤtern Lebensalter natuͤrlich; allein selbst wenn nun im 18ten oder 20sten Jahre einige Vorboten dieser Periode er- scheinen, so ist demohnerachtet zuweilen die Reproduktion nicht (wie sie im weiblichen Koͤrper doch eigentlich soll) kraͤftig genug, um diese Entwicklung zu bewerkstelligen, weßhalb denn oft die Molimina eine krankhafte Hoͤhe erreichen, und die oben (§. 155.) genannten Verstimmungen des Nerven- systems und Cacherien sich entwickeln koͤnnen. §. 158. 4) Endlich findet sich auch, obwohl seltner, die Er- scheinung der Menstrualfunktion durch uͤberwiegende Thaͤ- tigkeit des arteriellen Systems gehindert. Ohnge- faͤhr eben so naͤmlich wie in entzuͤndeten Sekretionsorganen, sobald die Entzuͤndung eine gewisse Hoͤhe erreicht hat, die ausscheidende Thaͤtigkeit sich zu verlieren pflegt, so finden wir auch, namentlich auf dem Lande, bey recht kraͤftigen, an Muskelanstrengung und reine Luft (beides die Arteriellitaͤt erhoͤhende Momente) gewoͤhnten Koͤrpern (wo uͤberhaupt die Pubertaͤtsentwicklung immer etwas spaͤter erfolgt), daß trotz den in ihrem Koͤrper reichlich erzeugten plastischen Stoffen und manchen eintretenden Vorboten der Menstruation doch dieselbe nicht wirklich erscheint, und wohl aus keinem an- dern Grunde, als weil im Gefaͤßsystem des Uterus die Ar- terien ein zu großes Uebergewicht uͤber die Venen erlangt haben. Bey solchen Individuen treten dann insbesondre die- jenigen Molimina welche rein dem Gefaͤßsystem angehoͤren, in krankhafter Hoͤhe, und zwar vorzuͤglich periodisch hervor, sie klageu uͤber Schwindel, Kopfschmerz, sind zu Entzuͤndungs- und fieberhaften Krankheiten, apoplektischen und asphyktischen Anfaͤllen disponirt, ja erleiden diese Krankheiten oft wirklich. §. 159. Den Verlauf des Uebels und die Prognose bey diesen Verzoͤgerungen betreffend, so ergiebt sich, was hieruͤber zu bemerken waͤre, beynahe aus dem Vorhergehenden von selbst. Bey der ersterwaͤhnten organischen Ursache (§. 154.) naͤmlich wuͤrde allerdings bey laͤngerer Fortdauer der innern Ergießung ohne moͤgliche Entleerung nach außen, die ge- waltsame Vergroͤßerung der innern Geburtstheile, der Druck des angehaͤuften Blutes Merkwuͤrdig ist es, daß dieses stockende Blnt doch nicht verdirbt und fault, sondern, wie mehrere Faͤlle beweisen, als dickliche, auf die benachbarten Organe zu vielfachen Unterleibs- und allgemeinen Leiden fuͤhren muͤssen, und indem die Heilkraft der Natur hierbey fast unvermoͤgend erscheint, wuͤrde die Prognose sehr unguͤnstig gestellt werden muͤssen, ließe nicht das Uebel eine leichte und sichere Heilung zu. Angehend 2) den Verlauf des Krankheitszustandes bey der durch gesunkene Reproduktion verzoͤgerten Menstrualfunk- tion, so ist derselbe schon §. 155. u. 156. eroͤrtert worden und wir fuͤgen hinsichtlich der Prognose nur bey, daß die- selbe abzuwaͤgen sey theils nach dem Grade, der Dauer, so wie der leichtern oder schwerern Heilbarkeit der die Stoͤrun- gen herbeyfuͤhrenden Krankheiten (wobey denn in der Regel acute Krankheiten eine bessere Prognose als chronische zulas- sen), theils nach der eigenthuͤmlichen Constitution der Kranken, theils nach den aͤußern Verhaͤltnissen, in wiefern sie uͤberhaupt der Heilung guͤnstig sind oder nicht, und in wiefern sie, wenn in ihnen der Grund der Verzoͤgerung selbst liegt, gehoben werden koͤnnen. §. 160. Die krankhaften Zufaͤlle ferner, welche von der 3ten Ursache herbeygefuͤhrt werden, sind gewoͤhnlich besonders lang- wierig, ihr Verlauf jedoch nach staͤrkerm oder schwaͤcherm Koͤrperbau, guͤnstigern oder unguͤnstigern aͤußern Verhaͤltnissen verschieden; nie kann jedoch hier die Prognose sehr vortheil- haft gestellt werden, indem die Hauptursache, d. i. der un- weibliche allgemeine Habitus, nicht zu beseitigen ist, viel- mehr gewoͤhnlich, auch nachdem die Menstruation endlich er- schienen ist, einen unregelmaͤßigen und unvollkommenen Gang derselben (wovon noch unten) zu veranlassen pflegt. — End- lich die 4te Ursache betreffend, so sind zwar die Zufaͤlle, welche hier eintreten, oft sehr stuͤrmisch, allein theils ist da- bey die Natur selbst weit mehr als bey andern huͤlfreich, theils gelingt es der Kunst hier weit leichter und sicherer Abhuͤlfe zu schaffen, und die Prognose wird daher im Gan- zen vortheilhafter gestellt werden koͤnnen. schwaͤrzliche, sonst aber unverdorbene Blutmasse bey der Operation ausfließt. Lavagna haͤlt auch von dieser Erscheinung den Mangel des Faserstoffes fuͤr die Ursache. S. Meckels Archiv. IV. S. 152. §. 161. Wir kommen nun zur Heilung dieser Uebel, welche wieder nach den verschiedenen ursachlichen Momenten auf ver- schiedene Weise eingeleitet werden muß. Die Heilung der durch organische Ursachen verzoͤgerten Ergießung der Men- struation ist schon oben (§. 137.) erwaͤhnt worden, und da- her hier nur noch beyzufuͤgen, daß wenn das Durchschneiden der verschlossenen Partie zu einer Zeit vorgenommen wird, wo schon bedeutende Blutergießungen dahinter sich gesammelt hatten, es nothwendig wird, mehrmalige Injektionen aus einem Absud von Hb. Serpilli, Absinthii, Flor. Chamo- mill., allenfalls mit etwas Wein oder Tr. Myrrhae ver- mischt, in die innern Geburtstheile zu machen, theils um die vollstaͤndige Reinigung der Theile zu bewirken, theils um die Zusammenziehung derselben zu befoͤrdern. Die Heilung der Zufaͤlle betreffend, welche von Stoͤrungen in der Repro- duktion ausgehend die Verzoͤgerung der Menstruation veran- lassen, so muͤssen wir zuvoͤrderst erwaͤhnen, daß kaum irgend ein Verfahren schaͤdlicher hierbey seyn koͤnne, als direkt das Hervortreten jener monathlichen Blutergießungen durch An- wendung reitzender, das Geschlechtssystem insbesondere in Anspruch nehmender Mittel zu foͤrdern, wie es demohnerach- tet von unwissenden Empirikern durch Darreichung der Aloë , der Gummata ferulacea, der Sabina u. s. w. nicht selten zu geschehen pflegt. Daß hierbey naͤmlich theils der Dige- stionsapparat noch mehr zerruͤttet, und sowohl hierdurch als durch den etwaigen Blutfluß die Schwaͤche noch mehr ver- mehrt werden, theils aber in Folge der reitzenden Eigenschaft jener Mittel auch Anschwellungen der Druͤsen des Unterlei- bes, chronische Entzuͤndungen, namentlich der innern Ge- schlechtsorgane, und in Folge dieser, Nymphomanie, Wasser- sucht der Ovarien u. s. w. veranlaßt werden muͤsse, liegt am Tage. §. 162. Allein auch das Verfahren, welches blos durch die ge- meinhin staͤrkend genannten Mittel solchen Zustaͤnden zu be- gegnen hofft, und Kranke dieser Art mit Extrakten, China und Eisen uͤberhaͤnft, ist keineswegs zweckmaͤßig zu nennen; vielmehr wird es hier die erste Indikation, die Natur der Krankheit genau ins Auge zu fassen, welche diese Stoͤrung der Reproduktion herbeyfuͤhrte, sie allein, und ganz abge- sehen von der Menstrualfunktion, ihrem Charakter nach zu behandeln, wobey man sich dann uͤberzeugt halten darf, daß bey hergestellter Harmonie allgemeiner koͤrperlicher Kraͤfte ge- woͤhnlich auch das Symptom dieser Krankheit, die Verzoͤ- gerung der Menstruation von selbst verschwinden werde. Scrofuloͤse Zustaͤnde, Leberauftreibungen, Status pituitosus des Darmkanals und aͤhnliche Leiden machen daher die resol- virende, abfuͤhrende Methode, ohngefaͤhr nach derselben Weise, wie sie oben (§. 147.) geschildert wurde, nur wegen vorge- ruͤckterem Alter in etwas staͤrkerer Form nothwendig. Wurm- complicationen erfordern Anthelmintica und nachherige Beseiti- gung der Verschleimung des Darmkanals, fieberhafte Krank- heiten die ihnen angemessene Behandlung u. s. w. — Wir gedenken daher hier nur noch derjenigen Faͤlle besonders, wo entweder, nachdem die Krankheiten beseitigt sind, noch allge- meine oder eine oͤrtliche Schwaͤche des Geschlechtssystems zu- ruͤckbleibt, oder das Darniederliegen reproduktiver Thaͤtigkeit uͤberhaupt nicht Folge von Krankheit, sondern von unzweck- maͤßiger Lebensweise war. §. 163. Im erstern Falle wird bey allgemeinem Schwaͤchezu- stande wieder zunaͤchst auf die Thaͤtigkeit der Verdauungswerk- zeuge zu sehen, und die uͤbrige Lebensweise zweckmaͤßig an- zuordnen seyn. Man waͤhlt dann, um die Kraͤfte des Darmkanals zu heben, die bittern Mittel ( Extractum Mille- folii, Centaurii min.. Aufguͤße der Quassia und China u. s. w.) welche man, je nachdem die Constitution uͤberhaupt mehr schlaff und phlegmatisch ist, mir geistigen Mitteln ( T. Cort. Aurantior, Elix. visc. Wy k ii u. s. w.), verbindet, man sorgt fuͤr regelmaͤßige Unterhaltung der Darmausleerungen, laͤßt den Unterleib warm halten, trockne oder spirituoͤse Frik- tionen auf denselben machen, man ordnet ferner als allge- meine, die Reproduktion und den Tonus der Muskelfaser be- foͤrdernde Mittel innerlich den Gebrauch des Eisens, an- faͤnglich als Tinktur, spaͤter in Substanz an, verbindet da- mit den Gebrauch aromatischer Kraͤuterbaͤder, welchen bey mehr phlegmatischen Subjekten etwas Wein oder Brandtwein beygemischt wird, empfiehlt die fleißige Bewegung in freier Luft, Reisen, Gebrauch eisenhaltiger Mineralbaͤder und eine leicht verdauliche nahrhafte Diaͤt, verbunden mit dem Ge- branche eines guten alten Weins. §. 164. Zeigt sich indeß entweder allein oder in Verbindung mit jener allgemeinen Unthaͤtigkeit noch eine oͤrtliche Schwaͤche des Geschlechtssystems, welche durch Schlaffheit der aͤußeru und innern Genitalien, sehr geringe Temperatur derselben, gaͤnzlich mangelnde Geschlechtsneigung, ja wohl auch durch Atonie der benachbarten Harnwege und des Dickdarms sich zu erkennen giebt, so werden auch noch außer und nach jenen allgemeinen, mehrere oͤrtlich das Geschlechtssystem in Anspruch nehmende Mittel angewendet werden muͤssen. — Innerlich giebt man daher die Zimmtrinde im Aufguß oder als Tinktur, die Cascarillenrinde, die Aqua Melissae vinosa u. s. w., von Zeit zu Zeit laͤßt man, namentlich bey traͤ- gen Stuhlausleerungen, eine Abfuͤhrung aus mehr drastischen Stoffen, den Fol. Sennae , der Rad. Jalappae, der Aloe u. s. w. gebrauchen, und kann denn endlich bey torpiden phlegmatischen Subjekten auch mit Nutzen die Gummiharze, ja selbst das Decoct. Sabinae (etwa zu Ӡ II auf ℥ IV Colat. mit dem Syrup. Cort. aur. vermischt) oder die aus aͤhnlichen Stoffen bestehenden Praͤparate, z. B. die Pilulae balsamicae Stahlii, ferner aͤhnliche Mischungen mit zuge- setztem Eisen (z. B. aus dem Gum. ammoniaci Ӡ I , der Aloe lucida und dem ferr. oxydulat. nigr. von jedem Ӡβ zu 3gran. Pillen, wovon 3—4 Stuͤck fruͤh und Abends zu nehmen) in Anwendung ziehen. Aeußerlich aber verordnet man diesen Personen fluͤchtig reitzende Einreibungen in die regio hypogastrica, Tragen eines aromatischen Pflasters daselbst, Anwendung der Elektrizitaͤt oder des Galvanismus, wobey die Stroͤmungen durch das Becken geleitet werden, Fußbaͤder mit Asche, Salz oder Senf geschaͤrft, wollene Be- kleidung der untern Extremitaͤten, reitzende Friktionen (etwa von Spiritus serpilli, formicarum u. s. w. mit T. Can- tharid. vermischt) an die Fußsohlen, aromatische Halbbaͤder, fleißige Bewegung, auch wohl oͤfteres Reiten und Fahren. §. 165. Ist allein unzweckmaͤßige Lebensweise die Ursache der gehinderten Entwicklung der Menstrualfunktion, so muß man zunaͤchst die aͤußern Verhaͤltnisse zu verbessern suchen, fuͤr ge- suͤndere Luft und Nahrung Sorge tragen, die Aufheiterung des Gemuͤrhs auf alle Weise beguͤnstigen, und uͤbrigens den Zustand von Unthaͤtigkeit der Reproduktion im Allgemeinen sowohl als Besondern auf dieselbe Weise, wie in den beiden vorhergehenden Paragraphen gelehrt wurde, behandeln. §. 166. Die dritte Ursache, den maͤnnlichen Habitus be- treffend, so ist hier das Vermoͤgen der Kunst allerdings am meisten beschraͤnkt, wir koͤnnen und muͤssen auch hier nur er- innern, daß man nicht etwa die Entwicklung einer nur aus dem Ganzen hervorgehenden Funktion durch gewaltsames Hervorheben des Systems der Uteringefaͤße, d. i. durch unzei- tig gegebene Emmenagoga u. s. w. beschleunigen wolle, son- dern diese Entwicklung, welche einzig Werk der Natur seyn muß, auch dieser ganz zu uͤberlassen, und sich allein auf vorsichtige Unterstuͤtzung derselben, so wie auf Beseitigung einzelner sich darbietender Krankheitszustaͤnde zu beschraͤnken, als Regel annehme. Was aber Unterstuͤtzung der Reproduk- tion betrifft, so werden wieder namentlich die Verdauungs- werkzeuge zu beruͤcksichtigen, durch eine zweckmaͤßige Anwen- dung tonischer Mittel die assimilativen Kraͤfte zu heben, uͤberhaupt aber der Gebrauch von Baͤdern, hinlaͤnglicher Be- wegung und freier Luft von Nutzen seyn, wobey uͤbrigens durch wollene Binden um den Leib, waͤrmere Bekleidung der Unterglieder, gelind zur Erhoͤhung der Thaͤtigkeit in den Be- ckengefaͤßen mitgewirkt werden kann; auch wird bey mehr torpidem Habitus, der Genuß eines guten alten Weins, mehr erschuͤtternde Bewegungen (als Reiten, Fahren), geistige Friktionen der Regio hypogastrica, elektrische Baͤder u. s. w. sehr mit Nutzen Anwendung finden. Endlich scheint nach den bisherigen Beobachtungen, so wie nach physiologischen Gruͤnden, der thierische Magnetismus als ein vorzuͤgliches, die Reproduktion unterstuͤtzendes Mittel hier nicht uͤbergangen werden zu duͤrfen. §. 167. Die Behandlung einzelner hierbey obwaltender Beschwer- den muß ganz nach der Art der Zufaͤlle selbst eingerichtet werden, und vorzuͤglich bleibt dabey der Stand des Gefaͤß- systems zu beruͤcksichtigen, indem bey kraͤftigen vollsaftigen Koͤrpern die haͤufigen Congestionen, Fieberbewegungen u. s. w. vorzuͤglich durch sehr beschraͤnkte Diaͤt, verduͤnnendes, saͤuer- liches Getraͤnk, gelinde Abfuͤhrungen, mehr vegetabilische Diaͤt, Fußbaͤder u. s. w. beseitigt werden muͤssen, ja selbst mitunter allgemeine oder oͤrtliche Blutentziehungen erfordert werden, dahingegen die bey schwaͤchlichen reitzbaren Subjekten haͤufiger erscheinenden Kraͤmpfe, Gliederschmerzen, Schlaf- losigkeit u. s. w. mehr ein vorzuͤglich außer den staͤrkern Au- faͤllen streng fortgesetztes, auf Minderung zu reger Sensibi- litaͤt abzweckendes Heilverfahren verlangen, und daher durch laue Baͤder, zweckmaͤßige einfache Lebensweise, Landluft, rein bittere Mittel, Emulsionen, kleine Dosen narkotischer Mittel am sichersten bekaͤmpft werden. Wir erinnern hierbey nur, daß die heftigern Anfaͤlle bey solchen sensibeln Constitutionen oft wesentlich theils vom Gefaͤß-, theils vom Verdauungs- systeme erregt und unterhalten werden, daß man daher in diesen Faͤllen nie unterlassen darf, hierhin die gehoͤrige Auf- merksamkeit zu wenden, um durch zweckmaͤßige Anwendung einer gelind antiphlogistischen oder gastrischen Heilmethode schnellere und vollkommnere Huͤlfe als durch Ueberhaͤufung mit den gemeinhin sogenannten krampfwidrigen Mitteln ( T. Castorei, Valerianae, Moschi, Liq. C. C., Opium u. s. w.) zu gewaͤhren. §. 168. Die vierte Ursache der verzoͤgerten Menstrualfunktion endlich, d. i. die uͤberwiegende arterielle Thaͤtigkeit , macht ein mehr antiphlogistisches Heilverfahren nothwendig, heftigere hier erscheinende Molimina fordern allgemeine oder oͤrtliche Blutentziehungen, Abfuͤhrungen durch Mittelsalze, verduͤnnende Getraͤnke, laue Baͤder, eine wenig naͤhrende, mehr vegetabilische Diaͤt und Verhuͤtung aller zu sehr an- strengenden Koͤrperbewegungen, so wie im Gegentheil des zu vielen Sitzens. §. 169. Wir haͤtten nun noch den voͤlligen Mangel der Menstrualfunktion ruͤcksichtlich seiner Behandlung zu er- waͤhnen, allein schon aus den oben (§. 153.) erwaͤhnten Ursachen dieses Zustandes ergiebt sich, daß eine besondere aͤrztliche Behandlung hier nur selten moͤglich sey. Erscheint naͤmlich der Mangel der Menstruation bey uͤbrigens wahrhaft entwickelter Pubertaͤt und regelmaͤßigem Zustande der Ge- schlechtstheile (von welchen man sich freilich uͤberzeugt haben muß, damit nicht etwa blos mechanische Hinderungen des Ausflußes (s. §. 154.) mit eigentlichem Mangel der Funk- tion verwechselt werden) als bloße eigenthuͤmliche Varietaͤt und als Idiosynkrasie, so pflegt dieß auch, eben weil es die- sem Koͤrper natuͤrlich ist, keine krankhaften Zufaͤlle zu ver- anlassen, und es muͤssen demnach solche Individuen nur im Allgemeinen erinnert werden, eine zu stark naͤhrende Diaͤt und sitzende Lebensweise zu meiden, damit nicht bey dem Mangel einer solchen Ausleerung Congestionen, Stockungen u. s. w. um so leichter sich erzeugen. Ist hingegen bedeu- tende Verbildung oder gaͤnzlicher Mangel wichtiger innerer Geschlechtsorgane die Ursache jener mangelnden Funktion, so werden auch hier nur in den Faͤllen allgemeine Krankheits- zustaͤnde befuͤrchtet werden muͤssen, theils wo bey einem sehr wohlgenaͤhrten Koͤrper Ueberfuͤllung der Gefaͤße durch sitzende Lebensweise u. s. w. beguͤnstigt wird, theils wo erst spaͤterhin diese organischen Stoͤrungen erfolgt sind, wo z. B. durch Exstirpation der Ovarien oder des Uterus Eintritt oder Fort- dauer der Menstruation unmoͤglich geworden ist; auch hier muß dann Diaͤt, Lebensweise und selbst aͤrztliche Behandlung auf aͤhnliche Weise geordnet werden, wie es bey Gelegenheit der durch maͤnnlichen Habitus verzoͤgerten Menstrualfunktion, sobald plethorischer Zustand sich zeigt, erwaͤhnt wurde (§. 167.). B. Unvollkommne Menstrualfunktion . §. 170. Ein Zustand, welcher viel Verwandtes mit der zuvor betrachteten verzoͤgerten Entwicklung der Menstrualfunktion hat, ihr oͤfters nachfolgt, und auf sehr verschiedene Weise sich aͤußerlich zu erkennen giebt. Wir definiren denselben im Allgemeinen so, daß alle Verhaͤltnisse dieser Funktion darun- ter begriffen werden, bey welchen sie, obwohl wirklich in Thaͤtigkeit getreten, doch sowohl ihrer Periodicitaͤt, Quan- titaͤt und Qualitaͤt, als ihrer sie begleitenden Vorboten und Quellen nach, zum Nachtheile des allgemeinen Be- findens , unter das Maaß zuruͤckgesetzt erscheint, welches wir oben (§. 119. u. f.) als die allgemeine Norm festgesetzt hatten. — Je nachdem nun uͤbrigens diese Unvollkommenheit in einer oder der andern Hinsicht sich offenbart, kann man sodann Veranlassung nehmen, mehrere Unterarten zu unter- scheiden, wohin denn ruͤcksichtlich der Periodicitaͤt die zu sel- tene oder unordentliche, ruͤcksichtlich der Quantitaͤt die zu ge- ringe, ruͤcksichtlich der Qualitaͤt die mißfarbige, ruͤcksicht- lich der begleitenden Moliminum die schmerzhafte, und ruͤck- sichtlich der Quellen die aus andern Organen fließende Men- struation gehoͤren; Trennungen, welche jedoch als symptoma- tisch weniger Gewicht haben und im Einzelnen selbst fuͤr die Behandlung nur wenige Modifikationen erfordern, sobald das Wesentliche der unvollkommenen Menstrualfunktion, seinen ursaͤchlichen Verhaͤltnissen, seinen Aeußerungen und seiner Hei- lung nach zur deutlichen Anschauung gebracht ist, wovon wir daher zunaͤchst im Allgemeinen handeln. §. 171. Das Wesen (die sogenannte naͤchste Ursache ) eines solchen Zustandes kann aber nothwendig nur als eine im Mißverhaͤltnisse zu allgemeiner Lebensthaͤtigkeit verringert oder gestoͤrt erscheinende Lebensthaͤtigkeit des Geschlechtssystems und des Uterus insbesondre betrachtet werden, und wir schließen durch diese ursachliche Bestimmung zugleich alle jene Zustaͤnde als nicht krankhaft aus, in welchen, obwohl die Thaͤtigkeit des Uterinsystems geringer ist, als es der Regel nach seyn sollte, doch dieses in Uebereinstimmung mit dem Allgemeinbe- finden steht und deßhalb nicht als Krankheit empfunden wird. Es gilt naͤmlich in dieser Hinsicht wieder ohngefaͤhr dasselbe, was bereits uͤber den Eintritt der Menstruation gesagt wur- de, naͤmlich daß das Maaß der Menstruation, gleich jenem, nach der verschiedenen Constitution, Lebensweise u. s. w. ohne Nachtheil der Gesundheit sehr verschieden seyn koͤnne, und es ist einleuchtend, daß bey einem im Ganzen schwaͤchern Koͤr- perbaue, bey Reconvalescenten u. s. w. die Menstruation selbst geringer seyn muͤsse, daß sie auch wohl seltener ein- treten koͤnne u. s. w., obwohl dabey ein allgemeines Wohlbe- finden fuͤglich Statt findet; Faͤlle, wobey denn jedes gewalt- same Anregen einer staͤrkern oder haͤufigern Menstruation nothwendig zum groͤßten Nachtheil jener Individuen gereichen wuͤrde. Eben dasselbe gilt, wenn die Stoͤrung der Men- struation Folge der Schwangerschaft ist, deren Symptome anfaͤnglich oft Vieles mit den Zufaͤllen unvollkommner, und zwar krankhafter Menstruation gemein haben, weßhalb stets bey Untersuchung einzelner Faͤlle hieran zu denken, und die- ser Zustand nicht zu uͤbersehen ist. §. 172. Indem wir also jenes Mißverhaͤltniß zwischen allgemei- net und Geschlechtsthaͤtigkeit allein ins Auge fassen, bleiben uns nur die weitern, sowohl im Koͤrper, als in aͤußern Ein- wirkungen liegenden Bedingungen ( praͤdisponirende und Gelegenheitsursachen ) zu beruͤcksichtigen uͤbrig, wobey zugleich die Art der durch eine oder die andere Ursache am haͤufigsten erzeugten Unregelmaͤßigkeit in der Menstruation er- waͤhnt werden muß. Zuvoͤrderst gehoͤren aber hierher die Ab- normitaͤten in der Bildung der Geschlechtsor- gane , welche entweder urspruͤngliche oder spaͤter entstandene seyn koͤnnen. So findet sich namentlich bey mehr maͤnn- lichem Habitus des gesammten Koͤrperbaues oft eine ge- ringe Ausbildung des Uterus, welche sich bey der innern Untersuchung durch besondere Duͤnnheit der Vaginalportion und Kleinheit des Gebaͤrmutterkoͤrpers Die Dicke des Uterus ist uͤberhaupt bey verschiedenen Koͤrpern sehr verschieden, und es zeigt sich dieses oft bey Schwangerschaft und Wochenbett vorzuͤglich deutlich. Ich bewahre in der Sammlung der Gebaͤranstalt den Uterus einer Woͤchnerin von mehr maͤnnlichem Koͤrperbau, welcher nur die Haͤlfte der Dicke eines gewoͤhnlichen Uterus zeigt. , und aͤußerlich ge- woͤhnlich durch sehr schwach entwickelte Bruͤste zu erkennen giebt, und es wird dadurch theils eine zu seltene, theils eine zu schwache Ausscheidung monathlichen Blutes zu Wege gebracht, welches dann, wo die allgemeine Ernaͤhrung gut ist, und vornehmlich etwa durch sitzende Lebensweise, naͤhrende Speisen u. s. w. unterstuͤtzt wird, Veranlassung zu Congestionen, Entzuͤndungen, Brustkrankheiten, Nervenleiden, ja selbst zu stellvertretenden Blutungen giebt. Aehnliche Un- ordnungen werden bey unvollkommener Entwicklung anderer innerer Geschlechtstheile erfolgen koͤnnen. §. 173. Außer den urspruͤnglichen sind nun zweytens die spaͤter entstandenen Stoͤrungen in Form und Struktur der Geburts- theile zu erwaͤhnen; es gehoͤren hierher Zerstoͤrungen, Ab- scesse, Verhaͤrtungen, namentlich Scirrhus, Steatomata und Sarcomata, Wasseranhaͤufungen u. s. w., sowohl des Uterus, als der Ovarien, Zustaͤnde, fuͤr welche die Kennzeichen spaͤ- terhin bey Betrachtung der oͤrtlichen Krankheiten angegeben werden. Es ist hierbey zu bemerken, daß in der Zeit, wo solche Verbildungen sich entwickeln, oft das sparsamere Er- I. Theil. 9 scheinen der Menstruation, sowohl der Zeit als der Quantitaͤt und Qualitaͤt nach, nicht als besondere Krankheit empfunden werde, in wiefern der Verbildungsproceß selbst, als Haupt- sache, jene Abweichungen nothwendig involvirt, allein daß, wenn die veraͤnderte Struktur als Produkt der Krankheit fest- steht, der normale Zustand im allgemeinen Befinden zuruͤck- kehren kann, so daß nun die kraͤftigere Reproduktion im Gan- zen oft das Mißverhaͤltniß zu den degenerirten, zur Menstrual- funktion wenig mehr geeigneten Geschlechtsorganen auf aͤhn- liche Weise wie bey urspruͤnglichen Mißbildungen (s. vorigen Paragraph) durch vielfache Beschwerden hervortreten lassen wird. §. 174. Andere Ursachen der verringerten Menstruation sind das Sinken der reproduktiven Thaͤtigkeit , welches in- deß nur dann die schwaͤchere Menstrualfunktion als Krank- heitszustand erscheinen laͤßt, wenn sie unverhaͤltnißmaͤßig zum Ganzen im Geschlechtssystem vermindert ist. So finden wir z. B. in den meisten chronischen und acuten Krankheiten, in der Reconvalescenz, in uͤberhaupt schwaͤchlichen Individuen bey unzulaͤnglicher Nahrung und Pflege des Koͤrpers u. s. w. die Menstruation sparsam, waͤßerig, kurz zu schwach; allein dieses an und fuͤr sich ist nicht Krankheit, indem ja offen- bar, wenn die Menstruation unter diesen Umstaͤnden stark waͤre, der Koͤrper darunter leiden muͤßte; ist hingegen das Leben des Geschlechtssystems allein geschwaͤcht, so muß daraus allerdings wieder ein Mißverhaͤltniß, wie bey den erwaͤhnten organischen Verbildungen, hervorgehen. Solche oͤrtlich die Lebensthaͤtigkeit dieser Gebilde herabsetzende Momente aber sind theils krankhaft gesteigerte Thaͤtigkeit anderer Organe, wodurch namentlich die aus abnormen Quellen fließende Men- struation erzeugt wird, theils Schleim- oder Blutfluͤße aus denselben, sehr haͤufige Wochenbetten und zu lang fortgesetz- tes Stillungsgeschaͤft, ausschweifende Lebensart (Schwaͤche- zustaͤnde, welche namentlich durch Erschlaffung oder abnorme Anschwellung, verringerte Temperatur der Genitalien, schwaͤ- chere oder widernatuͤrlich heftige Geschlechtsneigung charakteri- sirt werden), theils und vorzuͤglich aber die entweder in Folge uͤbler Lebensweise oder in Folge anderer Krankheiten entstehenden Unordnungen im System der Lymphgefaͤße und der Pfortader, indem nicht selten bey Druͤsenanschwellungen und gestoͤrtem Kreislauf in den Unterleibsgefaͤßen das perio- dische Anstroͤmen der Saͤftemasse nach den Uteringefaͤßen Hin- derung findet, wodurch denn unter Mitwirkung einer ver- stimmten Sensibilitaͤt Congestionen nach andern Organen, vicariirende Blutungen, Nervenleiden u. s. w. erzeugt werden. Man sieht dabey uͤbrigens leicht, daß wieder die mit Be- schwerden, oder zu selten, oder zu schwach und mißfarbig erscheinende Menstruation hier nur das Symptom jenes er- stern Krankheitszustandes ist, und als solches auch bey der Behandlung betrachtet werden muß, so wie die Zeichen dieser ursaͤchlichen Verhaͤltnisse denn auch keine andern als die Zei- chen jener, namentlich in den Unterleibseingeweiden Sitz fas- senden Krankheiten seyn koͤnnen, wohin denn der aͤußere scrofuloͤse Habitus, Digestionsbeschwerden, Obstruktionen, Auf- treibungen einzelner Eingeweide u. s. w. gehoͤren. §. 175. Endlich kann denn auch die unvollkommene Menstrual- funktion eben so wie Verzoͤgerung derselben (s. §. 158.) durch Ueberwiegen arterieller Thaͤtigkeit veranlaßt wer- den, und gerade sehr robuste Koͤrper, in welchen die Mus- kularthaͤtigkeit und Oxydation auf einer Stufe steht, welche dieselben der Individualitaͤt des maͤnnlichen Koͤrpers naͤher bringt, werden oft dadurch an normaler Ausuͤbung der Men- strualfunktion gehindert, und empfinden diesen mit der eigen- thuͤmlichen Natur des weiblichen Koͤrpers so wenig uͤberein- stimmenden Zustand durch mannigfaltige Beschwerden, Schmer- zen, Wallungen, Blutungen, Neigung zu Entzuͤndungszu- staͤnden und Fiebern. §. 176. Bevor wir nun die Betrachtung der Ursachen unvoll- kommner Menstrualfunktion ganz verlassen, ist noch von der Bestimmung der einzelnen Formen derselben einiges beyzufuͤ- gen, und die Frage zu beantworten, warum nun in einem Falle die seltene, in andern Faͤllen die schwache, in andern die schmerzhafte, in andern die mißfarbige, und in noch an- dern die durchaus unordentliche Menstruation oder die aus andern Quellen fließende sich zeige? — Es scheint aber, wenn man diese verschiedenen Faͤlle unter einander vergleicht, allerdings, daß, ob das Eine oder das Andere Statt finde, vorzuͤglich theils durch das Verhaͤltniß zwischen Nerven- und Gefaͤßsystem, theils durch den Stand der Gefaͤßthaͤtigkeit im Uterus insbesondre, theils durch das Verhaͤltniß anderer Or- gane zu den Geschlechtsorganen bestimmt werde. §. 177. Zuvoͤrderst das Verhaͤltniß zwischen Nerven- und Ge- faͤßsystem betreffend, so ist klar, daß ein hoͤherer Grad von Torpiditaͤt, namentlich der den Sexualorganen bestimmten Nerven, unter Einwirkung einer oder der andern der fruͤher erwaͤhnten Ursachen, das seltnere Erscheinen der Menstrua- tion vorzuͤglich veranlassen werde, indem bey geringerer Em- pfindlichkeit sehr leicht die organische Reaktion fuͤr den Reitz der sich vermehrenden Saͤftemasse weiter hinausgeschoben wird, daher denn bey phlegmatischen Constitutionen und namentlich unter Einwirkung gewisser urspruͤnglicher abnormer Bildungs- richtungen, so wie auch bey scrofuloͤsem Habitus, Stoͤrung der Unterleibsfunktionen u. s. w. auch diese Abnormitaͤt am haͤufigsten erscheint. Die spaͤrliche oder mißfarbige Menstrua- tion hingegen wird theils einer im Allgemeinen zu geringen oder unvollkommnen Blutbereitung, theils einer oͤrtlich gesun- kenen oder durch krankhafte Verbildung abnorm gewordenen Thaͤtigkeit der Uteringefaͤße angehoͤren, und wir finden sie daher theils bey allgemeinen acuten oder chronischen Krank- heiten, theils bey Geschwuͤren, Verhaͤrtungen, Wassersuchten der Geschlechtsorgane vorzuͤglich vor. §. 178. Ferner die schmerzhafte Menstruation betreffend, so kann man bey derselben theils eine krampfhafte, theils eine ent- zuͤndliche Form unterscheiden, von welchen die erste vorzuͤg- lich durch ein an und fuͤr sich verstimmtes und uͤberspanntes Nervensystem, die andere hauptsaͤchlich durch das erwaͤhnte Uebergewicht arterieller Thaͤtigkeit, beide indeß namentlich durch gestoͤrte Bildung und Lage der Geschlechtsorgane, und vorzuͤglich durch irgend ein zu großes Mißverhaͤltniß zwischen ihnen und dem Allgemeinen veranlaßt werden. Ueberhaupt sind die besondern Zufaͤlle der schmerzhaften Menstruation eigentlich nur als hoͤher gesteigerte Molimina ad Menstrua- tionem zu betrachten, und es ist daher zuweilen diese Krank- heitserscheinung auch nur auf einen gewissen Zeitraum, z. B. auf die Pubertaͤtsentwicklung selbst eingeschraͤnkt, mitunter aber auch bey jeder Periode wiederkehrend Diese Form ist denn wohl in urspruͤnglicher Verstimmung des Se- xualnervensystems begruͤndet, mir sind daher auch Faͤlle, wo dieses Uebel erblich war, bekannt, und alle Heilungsversuche fruchtlos blieben. . Das erstere ist dann oft mehr die Folge des Ungewohnten, und gleicht sich spaͤterhin nicht selten ohne alle aͤrztliche Huͤlfe von selbst aus. — Ferner die uͤberhaupt unordentliche und regellose Menstruation betreffend, so deutet dieses gaͤnzliche Verlieren eines gesetzmaͤßigen Typus in dieser Funktion immer auf be- deutende Stoͤrungen in den allgemeinen Systemen, erscheint daher als Symptom der Scrofelkrankheit, krampfhafter Krank- heiten, z. B. der Epilepsie, des Veitstanzes u. s. w., so wie bey angehenden organischen Verbildungen der Unterleibseinge- weide oder der Geschlechtsorgane selbst Zu Verstimmungen dieser Art kann oft der Grund schon fruͤh ge- legt werden; so ist mir ein Fall bekannt, wo ein uͤbrigens gesundes und starkes Maͤdchen stets der Zeit nach unordentlich menstruirte, nachdem sie im zwoͤlften Jahre aus dem zweiten Gestock eines Hau- ses herabgestuͤrzt war, und die Kreuzgegend sich besonders ver- letzt hatte. , und kann nur beseitigt werden, sobald der allgemeine Krankheitszustand ge- hoben ist. §. 179. Endlich die Menstruation aus ungewoͤhnlichen Quellen anbelangend, so sind zuvoͤrderst die Organe selbst, welche hier fuͤr den Uterus vicariirende Thaͤtigkeit ausuͤben, sehr verschieden; einer der haͤufigsten Faͤlle ist das Ergießen von Blut aus dem untern Ende des Darmkanals Wir werden hier wieder an die physiologische Verwandtschaft zwi- Geschlechtswegen und Darmkanal erinnert. durch die Haͤmorrhoidalgefaͤße, ferner aus der mittlern Gegend dessel- ben beym Blutbrechen, und aus der obersten beym Bluten des Zahnfleisches. Außerdem vertreten zuweilen die Thaͤtig- keit der Uteringefaͤße: die Harnwerkzeuge, die Respirations- organe (und zwar durch Bluthusten oder Nasenbluten sowohl, als durch veraͤnderte Hautthaͤtigkeit, entweder im Allgemei- nen, wie bey blutigen Schweißen, oder an einzelnen Stel- len, wie bey periodisch blutenden Wunden oder Geschwuͤren), endlich auch wohl andere Geschlechtsorgane, und zwar na- mentlich die Bruͤste Einen Fall dieser Art, dessen Heilung gelang, s. in Hufeland’s Journal f. d. pr. Heilk. 1816. Novbr. . Seltner ist, daß blos vermehrte Se- oder Excretionen fuͤr die Menstrualthaͤtigkeit des Uterus erscheinen, und Speichelfluͤße, Durchfaͤlle, staͤrkere Harn- oder Schweißabsonderungen statt eines wahren Blutflußes eintre- ten, noch seltner indeß, daß bey einer solchen periodischen Thaͤtigkeit anderer Organe zugleich die eigentliche Menstrua- tion erscheint, welche letztere Faͤlle dann mehr zu der in der folgenden Rubrik abzuhandelnden uͤbermaͤßigen Menstruation gerechnet werden muͤssen. — Die Gruͤnde betreffend, welche nun in irgend einem gegebenen Falle gerade eine oder die andere Art dieser vicariirenden Blutergießungen herbeyfuͤhren, so koͤnnen sie verschieden seyn; im Allgemeinen aber ist zu bemerken, daß vorzuͤglich die §. 172. u. 173. angegebenen organischen Verbildungen, und uͤberhaupt alles, was direkt oder indirekt die ausscheidende Thaͤtigkeit der Uteringefaͤße hindert, diese Form unvollkommner Menstrualfunktion her- beyfuͤhren; also namentlich die im Folgenden abzuhandelnde Unterdruͤckung der Menstruation durch aͤußere gewaltsam einwir- kende Momente, zweitens aber die abnorm aufgeregte Thaͤtigkeit anderer Organe entweder mittelst urspruͤnglicher Constitution (weßhalb z. B. bey phthisischem Habitus vicariirende Lun- genblutfluͤße, bey erblicher Haͤmorrhoidalanlage vicariirende Haͤmorrhoiden haͤufiger vorkommen) oder in Folge oͤrtlicher Reitze. Endlich wird auch die vicariirende Menstruation durch das §. 174 erwaͤhnte Mißverhaͤltniß reproduktiver oͤrt- licher Thaͤtigkeit des Geschlechtssystems zu einer staͤrkern all- gemeinen Reproduktion, namentlich dann begruͤndet, wenn eine der hier zuletzt genannten Ursachen noch damit sich ver- bindet. §. 180. Gehen wir nun uͤber zu dem bey unvollkommner Men- strualfunktion gewoͤhnlichen Krankheitsverlauf , und der daraus sich ergebenden Prognose , so muͤssen wir wieder den §. 171—175. erwaͤhnten ursaͤchlichen Momenten folgen. Hier finden wir nun, daß namentlich die urspruͤnglichen or- ganischen Fehler eine recht regelmaͤßige und vollkommne Aus- bildung der Menstruation oft fuͤr alle Zeit hindern, dadurch besondere Langwierigkeit und Unheilbarkeit der Symptome ver- anlassen, und in sofern eine uͤble Prognose bedingen, welche nur dann verbessert werden kann, wenn die Stoͤrungen der Menstruation an und fuͤr sich nicht zu bedeutend sind, die urspruͤngliche allgemeine Constitution kraͤftig ist, und die aͤu- ßern Verhaͤltnisse dem Wohle der Kranken angemessen geleitet werden koͤnnen. Im Gegentheil die unvollkommne Men- struation aus spaͤter entstehenden organischen Fehlern betref- fend (denn bey schon entstandenen und nun sich nicht wei- ter bildenden gilt wieder das Obige), so sind hier diese Krankheiten, wie schon erwaͤhnt Hauptsache, und Verlauf, so wie Prognose, richtet sich nach der ihnen eigenthuͤmlichen Natur, von welcher spaͤterhin die Rede seyn wird, und welche leider nicht immer die beßten Aussichten fuͤr das Heil der Kranken gewaͤhrt. Bey der dritten Ursache, naͤmlich der zu schwachen localen Gefaͤßthaͤtigkeit gegen die allgemeine, wird ebenfalls der Krankheitsverlauf sich schwerer und hartnaͤckiger zeigen, je mehr die Geschlechtsorgane in ihrer Thaͤtigkeit ge- sunken, und je reichlicher demohnerachtet die Chylusbereitung von Statten geht, und es ist darnach leicht abzunehmen, daß z. B. in Faͤllen, wo die Schwaͤchung des Geschlechtssystems nur voruͤbergehend, durch starke Blutungen etwa veranlaßt wurde, das Gesammtbefinden aber durch seinen kraͤftigern Stand je- nen oͤrtlichen Mangel bald zu heben verspricht, der Krank- heitsverlauf kuͤrzer und die Prognose guͤnstiger seyn muͤsse, als wo bey einer durch scrofuloͤse Disposition, ungeordnete Diaͤt, geschlechtliche Ausschweifungen untergrabenen Constitu- tion der normale periodische Blutandrang gegen das Sexual- system Hindernisse findet, und nun, sich gegen andere Or- gane wendend, die bedeutendsten Beschwerden, sowohl durch Congestionen als durch Nervenzufaͤlle herbeygefuͤhrt hat. Am leichtesten endlich voruͤbergehend, und, wenn auch zuweilen mit augenblicklich heftigen Symptomen begleitet, doch bald durch zweckmaͤßige Huͤlfe zur Ordnung ruͤckfuͤhrbar, pflegt die unvollkommne Menstruation wegen uͤberwiegender Arterien- thaͤtigkeit zu seyn. §. 181. Was die einzelnen Formen der unvollkommnen Men- strualfunktion betrifft, so kann uͤber sie allein eine besondere Bestimmung des Krankheitsverlaufs und der Prognose nicht Statt finden, in wiefern sie nur als aͤußere Zeichen der oben erwaͤhnten ursaͤchlichen Zustaͤnde angesehen werden duͤrfen, und man also z. B. nicht sagen kann, daß die spaͤrliche Men- struation an und fuͤr sich leichter oder schwerer heilbar sey als die seltene, oder die mißfarbige, oder die schmerzhafte; wogegen es sich jedoch von selbst ergiebt, daß bey allen die- sen Zustaͤnden die Heilung um so eher zu erwarten steht, je weniger eingewurzelt und verjaͤhrt, oder wohl gar durch erb- liche Anlagen begruͤndet, dieselben erscheinen. §. 182. Wir kommen nun zu den Mitteln, welche die Kunst darbietet, um die Heilung des Krankheitszustandes, welcher durch unvollkommne Menstruation sich aͤußert, zu bewerkstel- ligen, und muͤssen hier wieder zwei Erinnerungen voraus- senden, erstens daß man, bevor man an eine solche Heilung denke, stets erwaͤge, ob die in einem gegebenen Falle be- merkte zu sparsame oder sonst unvollkommene Menstruation hier auch wirklich krankhaft genannt werden duͤrfe, oder nicht vielmehr in diesem Maaße gerade fuͤr das Wohlbefinden des Koͤrpers noͤthig sey, wohin z. B. die verminderte Menstrua- tion bey angehender Schwangerschaft, bey acuten oder chro- nischen Krankheitszustaͤnden anderer Organe, waͤhrend der Reconvalescenz u. s. w. gehoͤrt; zweitens, daß man nicht etwa glaube, dem Willen der Natur Genuͤge gethan zu haben, wenn man uͤberhaupt die Blutergießung zu Stande bringe, als in welchem Falle sonst eine kuͤnstliche Blutentziehung ja schon hinreichen wuͤrde, die Krankheit zu heben, und die Menstruation zu ersetzen. Offenbar muß es naͤmlich bey die- sem Heilungsgeschaͤft Hauptaugenmerk des Arztes seyn, die Genesis des Krankheitszustandes von dem die unvollkomne Menstruation das aͤußere Zeichen abgiebt, sich klar vor Au- gen zu legen, und dann die Momente, deren Produkt das Uebel ist, zu beseitigen. §. 183. Wenden wir uns daher zuerst zur Behandlung ei- ner wegen urspruͤnglichen Bildungsfehlern der Geschlechtstheile unvollkommnen Menstrualfunk- tion , so kann allerdings hier die Kunst am wenigsten aus- reichen, um die Wurzel der Krankheit zu zerstoͤren, es wird vielmehr Hauptzweck bleiben muͤssen, die Folgen dieses Miß- verhaͤltnißes zu verhuͤten oder zu heben, welches am sicher- sten auf aͤhnliche Weise geschehen wird, wie es oben (§. 167 u. 169.) fuͤr die verzoͤgerte oder mangelnde Menstruation an- gegeben worden war, und wobey denn in der zweckmaͤßig eingerichteten Diaͤt und Lebensordnung bey weitem wieder das wichtigste Moment zur Linderung dargeboten ist. Was ferner die Behandlung der unvollkommenen Menstrualfunktion wegen spaͤter entstandener Verbildung der Geschlechtstheile be- trifft, so ist zu unterscheiden, ob der Verbildungsproceß noch im Gange, oder ob derselbe abgeschlossen und die Verbildung als fertiges Produkt zuruͤckgeblieben ist. Im erstern Falle ist eher die Ruͤckbildung zu normaler Form, oder doch Ver- minderung des Uebels zu hoffen, und man behandelt daher dasselbe ganz abgesehen von der abnormen Menstruation nach den Regeln, die wir im Folgenden fuͤr jene Bildungskrank- heiten durchgehen werden. Im andern Falle, wo die Des- organisation beendigt ist, eben daher aber auch aͤrztlicher Huͤlfe wenig Zugang mehr darbietet (z. B. bey Steatomen, Verknoͤcherungen, Verhaͤrtungen, Verwachsungen), bleibt es wieder, wie bey den urspruͤnglichen Verbildungen, Hauptauf- gabe, den Stand allgemeiner Reproduktion mit der Gefaͤß- thaͤtigkeit des Geschlechtssystems in Uebereinstimmung zu brin- gen, eine zu reichliche Chyluserzeugung zu beschraͤnken, und eingetretene (gewoͤhnlich nur erst durch fehlerhafte Lebensweise herbeygefuͤhrte) Beschwerden, z. B. Congestionen, Kraͤmpfe, schmerzhafte Zustaͤnde u. s. w. durch die §. 167. und 169. erwaͤhnten Mittel und Vorschriften zu heben. §. 184. Ferner ist die Behandlung der unvollkommnen Men- struation wegen unzulaͤnglicher Erregung reproduktiver Thaͤ- tigkeit des Geschlechtssystems zu erwaͤgen. Wieder aber wird die Wirksamkeit des Arztes gegen die Erzeuger der Krank- heit, die veranlassenden und vorbereitenden Ursachen zunaͤchst gerichtet seyn muͤssen. Zeigt sich daher in andern Organen eine uͤberwiegende Erregung, wie dieß bey habituellen wohl selbst zu Blutergießungen fuͤhrenden Congestionen nach Kopf, Brust, Haͤmorrhoidalgefaͤßen u. s. w., oder bey Wunden, Ge- schwuͤren oder Hautkrankheiten der Fall ist, so wird wieder von diesen Krankheiten die Ursache zu bedenken und zu besei- tigen seyn. Die erwaͤhnten Congestionen naͤmlich koͤnnen theils ihren Grund haben in den Zustaͤnden der Unterleibs- organe (der Quelle so außerst verschiedenartiger Leiden) und sind dann die Folgen unregelmaͤßiger Diaͤt, vorhandener Ob- struktion, Druͤsenanschwellungen oder anderer Auftreibungen, wo sodann eine gelind ausleerende Heilmethode, verbunden mit strenger, einfacher Diaͤt, um so mehr leistet, da eine solche Aufregung der Unterleibsorgane zugleich wohlthaͤtig das Geschlechtssystem mit in Anspruch nimmt. Sind jene Wal- lungen hingegen mehr Folgen sehr reichlicher Bluterzeugung und der allgemeinen Koͤrperbildung (wie etwa bey starkem kurzem Koͤrperbau Congestionen nach dem Kopfe mit Schwin- del und Nasenbluten, bey phthisischem Habitus Beschwerung der Respirationsorgane und Bluthusten gern vorzukommen pflegen), so ist durch Beschraͤnkung aller auf die leidenden Theile wirkenden Reitze und durch antagonistische Erregung anderer Gebilde am meisten auszurichten. Man ordnet in diesen Faͤllen ein kuͤhles Regimen an, laͤßt die Kranken nicht in dicken Federbetten schlafen, laͤßt eine mehr vegetabilische Diaͤt fuͤhren, saͤuerliche Getraͤnke, bey Brustkrankheiten Mol- ken u. dgl. genießen, reicht von Zeit zu Zeit blande Abfuͤhr- mittel, wendet noͤthigenfalls selbst allgemeine Blutentziehungen durch einen Aderlaß am Fuße an, oder bestimmt wenigstens zur Zeit der herannahenden Menstruation Fußbaͤder oder Blut- igel an das Perinaeum. §. 185. Bey andern krankhaften Zustaͤnden, als Wunden, Ge- schwuͤren, Hautkrankheiten, muß, um die Menstruation zu ordnen, die Heilung dieser Zustaͤnde vorausgehen, und zwar unter den Vorsichtsmaaßregeln, welche die etwa bereits laͤn- gere Dauer derselben noͤthig macht, weßhalb dann z. B. bey Heilung scrofuloͤser langwieriger Geschwuͤre das Tragen eines Fontanells waͤhrend einiger Zeit nuͤtzlich seyn wird u. s. w. — Zugleich aber wird bey sich hebender allgemeiner Reproduk- tion auf gelinde Erregung des Geschlechtssystems Ruͤcksicht genommen werden muͤssen, weßhalb auch hier Fußbaͤder, wol- lene Bekleidung der Unterschenkel, trockne Friktionen dersel- ben, bey Vollbluͤtigen Blutigel an das Perinaͤum, bey Phleg- matischen spirituoͤse Einreibungen in der regio hypogastrica, Elektricitaͤt, das Tragen aromatischer Kraͤuterguͤrtel, von Zeit zu Zeit das Darreichen einer Abfuͤhrung aus Senna, Rheum und aͤhnlichen Mitteln gute Wirkung thun. — Ueberhaupt sind bey allen Arten einer auf diese Weise gestoͤrten Harmonie koͤrperlicher Thaͤtigkeit, Mittel, welche durch ihre an sich indifferente Natur Herstellung des Gleichgewichts befoͤr- dern, aͤußerst nuͤtzlich, und dahin rechnen wir ganz besonders die Wirkung des lauen Bades, welches, verbunden mit Sorg- falt fuͤr Erhaltung und Herbeyfuͤhrung einer ruhigen und heitern Gemuͤthsstimmung, die Heilung so wesentlich un- terstuͤtzt. §. 186. Weiter fanden wir die unvollkommene Menstrualfunk- tion (§. 174.) bedingt durch oͤrtliche Schwaͤche des Sexual- systems in Folge von Erschoͤpfung oder Ueberreitzung. Bey Behandlung dieser Zustaͤnde ist nun aber zuerst immer das Verhaͤltniß allgemeiner Bildungsthaͤtigkeit zu beruͤcksichtigen, welche stets, wo sie zugleich bedeutend gelitten hat, zuerst die Aufmerksamkeit des Arztes fordert, da, wie schon mehr- mals erinnert worden, die Menstrualfunktion nur das Er- gebniß allgemeiner Lebensthaͤtigkeit seyn kann. Man hat da- her auch hier mit Beruͤcksichtigung des Organs, in welchem die Wurzel der Gesammternaͤhrung sich findet, d. i. des Darmkanals, den Anfang zu machen, und wenn unter zweck- maͤßiger Behandlung die Assimilation wieder regelmaͤßiger von Statten geht, die die Muskelfaser staͤrkenden Mittel, als China, Eisen, Wein, Baͤder, Bewegung und freye Luft ohngefaͤhr eben so wie oben (§. 162.) gelehrt wurde, anzu- wenden. §. 187. Was hingegen die oͤrtliche Schwaͤche betrifft, so ist zu unterscheiden, ob sie mit erhoͤhter Empfindlichkeit oder mit Apathie sich verbunden zeigt. Im erstern Falle ist zunaͤchst auf Beschraͤnkung aller das Geschlechtssystem erregender Reitze Ruͤcksicht zu nehmen, der Gebrauch des Thees, der Cho- kolade, gewuͤrzter Speisen zu untersagen, bey Frauen die aͤußerste Maͤßigkeit im Geschlechtsgenuße zur Pflicht zu ma- chen, und eben so sehr alle Erregung der Phantasie durch weichliche Romanenleserey zu untersagen, vielmehr auf Zer- streuung und Aufheiterung des Gemuͤths mittelst geregelter Beschaͤftigung Ruͤcksicht zu nehmen. Wird dieses hinlaͤnglich befolgt, das allgemeine Befinden durch die passende Anwen- dung des erwaͤhnten staͤrkenden Heilplans mehr und mehr zur Norm zuruͤckgefuͤhrt, so werden gewoͤhnlich auch die Un- regelmaͤßigkeiten der Menstrualfunktion sich verlieren, und wir erwaͤhnen nur noch, daß bey einem hohen Grade von Atonie auch Halbbaͤder oder Waschungen aus einem Absud von Ser- pillum, Absinthium, Tragen eines Guͤrtels mit dem Pulver der Eichenrinde gefuͤllt, und oͤfters mit rothem Wein befeuch- tet, und besonders der Gebrauch eisenhaltiger Mineralbaͤder mit vorzuͤglichem Nutzen angewendet werden koͤnnen. §. 188. Ist hingegen (was vorzuͤglich nach zu haͤufigen Wo- chenbetten, Leucorrhoͤe, syphilitischen Zustaͤnden und phlegma- tischen Constitutionen, vorzukommen pflegt) die Schwaͤche der Geschlechtstheile mit bedeutend verminderter Sensibilitaͤt ver- bunden, die Reproduktion im Allgemeinen aber kraͤftig ge- nug, um die Bedingung zu einer reichlichern und zur rech- ten Zeit eintretenden Menstruation zu enthalten, so ist vor- zuͤglich die Reihe jener Mittel in Anwendung zu ziehen, de- ren Wirkung das Nerven- und Gefaͤßsystem der Geschlechts- organe besonders in Anspruch nimmt, und welche im §. 164 bereits ausfuͤhrlich angegeben wurden. §. 189. Endlich mußte denn auch die zu sehr hervorgehobene Thaͤtigkeit des arteriellen Systems unter die Ursachen der un- vollkommenen Menstrualfuntion aufgenommen werden, und wir haben ruͤcksichtlich der Behandlung dieser Zustaͤnde nur wieder die Regeln in Erinnerung zu bringen, welche bey aͤhnlichem Zustande §. 168. gegeben worden sind, und welche in Anordung eines antiphlogistischen Regimens, beschraͤnkter Diaͤt, der Abfuͤhrungen und der Blutentziehungen vorzuͤglich bestanden. §. 190. Indem wir nun bisher vorzuͤglich die eigentlichen Ur- sachen der abnormen Zustaͤnde der Menstruation ins Auge faßten, wurden zugleich auch die eigentlichen Grundzuͤge hier einzuleitender aͤrztlicher Behandlung entworfen, und die ein- zelnen Modifikationen in der aͤußern Erscheinung dieser Krank- heitszustaͤnde, z. B. das zu seltne, zu spaͤrliche, das miß- farbige Fließen der Menstruation, kann ebenfalls nur geringe Modificationen der Behandlung veranlassen. Es ist naͤmlich, ob die eine oder die andere Form der unvollkommenen Men- struation erscheine, vorzuͤglich das Verhaͤltniß zwischen Gefaͤß- und Nervensystem, und zwischen Geschlechts- und andern Organen bestimmend (§. 177—79.), und man thut daher wohl, bey zu seltner Menstruation (welche besonders bey verminderter Sensibilitaͤt einzutreten pflegt) außer den durch sonstige Ursachen indicirten Mitteln, vorzuͤglich den §. 168. angezeigten Heilplan zu befolgen, und gegen die normale Zeit des eigentlichen Eintritts, namentlich die gelind erregen- den Mittel: Fußbaͤder, Melissen- und Valeriana-Aufguß, Elektrizitaͤt, aromatische Baͤder, trockne Friktionen der Un- terschenkel u. s. w. anzuwenden. Die uͤberhaupt unordentliche Menstruation ist mehr Symptom allgemein verstimmten Befindens, und wird weichen, wenn jenes gehoben ist. Eben so macht die spaͤrliche Menstruation besonders das Beruͤck- sichtigen allgemeiner und oͤrtlicher Reproduktion die mißfar- bige vorzuͤglich die Behandlung sonstiger Krankheitszustaͤnde des Uterus (als mit welchen sie am haͤufigsten verbunden ist) nothwendig. §. 191. Die schmerzhafte Menstruation hingegen ist vorzuͤglich an Bildungsfehler des Uterus oder abnorme Lagen desselben und allgemeines Vorwalten des Nervensystems geknuͤpft, und verlangt daher theils Behandlung jener organischen Ursachen, oder, wo diese als unheilbar erscheinen, moͤglichste Beseiti- gung dieser Symptome, indem man bey mehr entzuͤndlicher Natur derselben, welche bey reichlicher Bluterzeugung, sitzen- der Lebensweise und kraͤftigem Koͤrperbau vorzuͤglich beobach- tet wird, oͤrtliche Blutentziehungen, kuͤhlende Abfuͤhrungen, antiphlogistische Diaͤt, laue Baͤder anwendet; dahingegen, wo diese Erscheinungen urspruͤnglich minder dem Gefaͤßsystem als dem Nervensystem angehoͤren, die, die Sensibilitaͤt direkt her- abstimmenden, oder antagonistisch dieselbe in den Geschlechts- theilen durch vermehrte Erregung anderer Organe herabsetzen- den Heilmittel in Anwendung kommen. Wir rechnen zu den erstern die Halbbaͤder, Dampfbaͤder und Injektionen von Cha- millen-, Valeriana- und Bilsenkraut-Absud, die von den erstern Kraͤutern bereiteten und mit oͤhlichten oder schleimig- ten Mitteln versetzten Lavements, die Einreibungen von Opiatsalbe in die Kreuzgegend, die warmen trocknen Fomen- tationen und die Cataplasmata aus den Spec. emollienti- bus uͤber die regio hypogastrica, die allgemeinen lauen Baͤder, und innerlich den Gebrauch des Opiums in kleinen Gaben, der Emulsionen, der Valeriana und ihrer Praͤpa- rate, des Liq. C. C., des Moschus, der Tr. Castorei u. s. w. Zu der zweiten Klasse hingegen rechnen wir die rei- tzenden Fußbaͤder, die fluͤchtig reitzenden Einreibungen in die Kreuzgegend, die Befoͤrderungsmittel der Transspiration und Synapismen an die Unterschenkel. §. 192. Zuletzt die Menstruation aus ungewoͤhnlichen Quellen betreffend, so sind hier vorzuͤglich die §. 184. u. 190. gege- benen Regeln zu bedenken, und es ist darnach die Behand- lung der einzelnen Faͤlle anzuordnen. Was demnach die Be- handlung von dem die Regeln vertretenden Nasenbluten, Blut- husten u. s. w. betrifft, so ist daruͤber schon oben das Naͤhere erwaͤhnt, allein von den uͤbrigen vicariirenden Ausscheidungen gedenken wir hier noch der Blutungen aus den Brustwarzen, wogegen vorzuͤglich das Einreiben vom Oleo camphorato, das Bedecken mit Emplastro de Cicuta und E. mercuriali, verbunden mit dem Gebrauche reitzender Fußbaͤder, der Elektri- citaͤt, der Purgiermittel, so wie der salinischen Mineralquellen und Baͤder empfohlen werden kann. C. Uebermaͤßiges Hervortreten der Menstrual- funktion . §. 193. So wie die unvollkommne Menstruation den Verzoͤge- rungen der Pubertaͤtsentwicklung verwandt war, so die uͤber- maͤßig erscheinende der zu fruͤhzeitig entwickelten Geschlechts- reife. Begriffen werden darunter alle Zustaͤnde, wo die Men- strualfunktion zum Nachtheile des allgemeinen Be- findens das oben (§. 119. u. f.) bezeichnete Maaß uͤber- schreitet. Als verschiedene Formen, unter welchen dieser Krankheitszustand erscheint, sind theils die der Quantitaͤt nach zu starke, theils die der Zeit nach zu haͤufige Menstruation aufzufuͤhren; beydes kann sich indeß auch vereinigen oder ab- wechselnd sich zeigen, ja selbst (bey der unordentlichen Men- struation) mit der unvollkommnen Menstruation abwechseln. Wesentlich bleibt auch hier das Beruͤcksichtigen der ursachlichen Momente, welche ein solches Mißverhaͤltniß zwischen ge- schlechtlicher Thaͤtigkeit und insbesondre dem Leben der Uterin- gefaͤße und allgemeiner Bildungsthaͤtigkeit hervorrufen; denn auch hier ist klar, daß nur durch dieses Mißverhaͤltniß der Zustand zur Krankheit wird, indem, wenn die Menstruation im Einklange mit sehr reichlicher allgemeiner Bluterzeugung staͤrker oder haͤufiger erscheint, dieß allerdings mit vollkomm- nem Wohlbefinden verbunden seyn kann, und folglich keiner aͤrztlichen Behandlung unterliegen wird. §. 194. Innere vorbereitende Ursachen dieser Abnormi- taͤt sind aber 1) sanguinisches Temperament, kurzer gedraͤng- ter Koͤrperbau mit stark entwickeltem Sexualsystem, durch die breiten Huͤften und sehr vollen Bruͤste, so wie durch staͤrkere Geschlechtsneigung charakterisirt; oder auch im Gegentheile eine schwaͤchliche aber besonders reitzbare Constitution; kurz, ein urspruͤngliches, in der organischen Bildung selbst beding- tes Ueberwiegen der Geschlechtsthaͤtigkeit, welches, wenn es mehr im Gefaͤßsystem sich ausspricht, namentlich von der zu starken, wenn es mehr im Geschlechtssystem sich kund giebt, mehr von der haͤufiger erscheinenden Menstruation begleitet wird. 2) Hoher Grad von Atonie der Geschlechtsorgane, wo bey unvollkommner Contraktilitaͤt der Uteringefaͤße reich- lichere Blutergießungen, als der Stand allgemeiner Bildungs- thaͤtigkeit fordert, erfolgen, ein Zustand, welcher theils durch zu haͤufige Wochenbetten, fruͤhere Haͤmorrhagien, Ausschwei- fungen und Krankheiten der Genitalien (z. B. Leucorrhoͤe und Syphilis) herbeygefuͤhrt werden kann. 3) Organische Verbildungen der Genitalien durch Abscesse, Verhaͤrtungen und Carcinoma. 4) Krankheiten benachbarter Organe, wodurch der regelmaͤßige Blutlauf in den Unterleibsorganen gestoͤrt wird, wohin scrofuloͤse Zustaͤnde, Krankheiten des Pfortader- systems, Obsiruktionen und Auftreibungen einzelner Einge- weide gerechnet werden muͤssen. §. 195. Aeußere veranlassende Ursachen sind 1) eine zu reichlich naͤhrende Diaͤt von vielen Fleischspeisen, starken Bieren, vorzuͤglich bey sitzender Lebensweise, wobey ohne die Ernaͤhrung der organischen Gebilde kraͤftig zu foͤrdern, nur die Masse des Blutes vermehrt wird, sich dann vorzuͤglich in den Venen (den eigentlichen Reservoirs der Blutmasse) anhaͤuft, und daher nun, so wie mancherley andere Blut- fluͤße auch die zu reichliche Menstruation erzeugt. 2) Aeußere Einfluͤße, welche durch Erregung der Nerven der Sexual- organe den staͤrkern Blutandrang nach denselben veranlassen, wohin a) psychische Reitze gehoͤren, als haͤufiger Umgang mit dem andern Geschlecht, Romanenleserey und schluͤpfrige Phan- tasien; b) eigentliche Geschlechtsreitze, durch vielfache Aus- schweifungen; c) Reitzungen der Geschlechtsorgane durch er- hitzende Bewegungen, z. B. Tanzen, oder erhitzende, gewuͤrzte oder spirituoͤse Speisen und Getraͤnke; d) Mißbrauch erhitzen- der diaͤtetischer und arzneylicher Mittel, innerlich oder aͤu- ßerlich (als Injektionen, sehr warme reitzende Baͤder, Dampf- baͤder, Kohlentoͤpfe u. s. w.) angewendet; e) endlich die Stim- mung der Atmosphaͤre, naͤmlich sehr heiße Temperatur, trockne Kaͤlte, Fruͤhlings- und Herbstzeit. 3) Gehoͤren hierher aͤu- ßere, den regelmaͤßigen Blutlauf der Unterleibsorgane be- schraͤnkende Einwirkungen, namentlich zu fest anliegende Klei- der, Einschnuͤren des Leibes u. s. w. §. 196. Es ist ferner von dem Gange , welchen dieser krank- hafte Zustand nimmt, von den fuͤr das allgemeine Befinden zu befuͤrchtenden Folgen und der hieraus sich ergebenden Prognose zu sprechen, wobey denn leicht zu erkennen seyn wird, daß alles dieses nach der verschiedenen Entstehung und Begruͤndung des Uebels verschieden seyn muͤsse. Man findet I. Theil. 10 naͤmlich, daß, wo eine starke reproduktive Thaͤtigkeit, welche in den Geschlechtsorganen vorherrscht, verbunden mit zu reich- licher Diaͤt und weniger Koͤrperbewegung, das Uebermaaß in der Menstrualfunktion veranlaßt, die Wirkungen derselben zu- voͤrderst eher wohlthaͤtig als nachtheilig erscheinen, allein daß bey sehr haͤufiger Wiederkehr so starker Ausscheidungen die Uteringefaͤße sich erweitern, erschlaffen, und, indem diese ha- bituell gewordenen Ausleerungen auch ohne allgemeine reich- lichere Bluterzeugung fortdauern (dann als sogenannte passive Blutungen), zuletzt allgemeine und oͤrtliche Krankheiten, als Wassersucht, Gelbsucht, Auszehrung, Unfruchtbarkeit, Vor- faͤlle und weißen Fluß herbeyfuͤhren, weßhalb denn hier also die Prognose vorzuͤglich auf die Dauer des Uebels Ruͤcksicht zu nehmen hat. — Noch leichter und schneller entstehen die erwaͤhnten Zufaͤlle jedoch, wenn die uͤbermaͤßige Menstruation mehr durch Vorwalten der Sensibilitaͤt der Geschlechtsorgane, und durch aͤußere die Reitzbarkeit krankhaft erhoͤhende Ein- fluͤße (§. 195. 2.) erzeugt worden war, als unter welchen Umstaͤnden Schwaͤche des Muskularsystems, Sinken der assi- milativen Funktion, Ueberhandnehmen der Reitzbarkeit entsteht und so zu Nervenzufaͤllen, Gemuͤthskrankheiten u. s. w. der Weg gebahnt ist. §. 197. Ist ferner die allzureichliche Menstruation Folge einer durch zu haͤufige Wochenbetten u. s. w. verursachten Atonie der Uteringefaͤße, so werden die im vorigen Paragraph er- waͤhnten Beschwerden nur um so rascher sich einstellen, ja dem Leben endlich gefaͤhrlich werden koͤnnen; und es gilt dasselbe auch dann, wenn dieser Blutverlust durch organische Verbildungen (§. 194. 3.) erzeugt wird, wo, obgleich hier der Blutfluß eigentlich nur Symptom einer andern Krankheit ist, doch das Sinken allgemeiner Reproduktion, welches an und fuͤr sich schon diese Krankheiten begleitet, dadurch nur noch mehr beschleunigt wird. Was endlich die Faͤlle betrifft, wo diese Abnormitaͤt der Menstrualfunktion durch Krankheiten anderer und vorzuͤglich der Unterleibsorgane bedingt wird, so richtet sich hier Verlauf und Prognose wieder ganz nach die- sen ursachlichen Krankheitszustaͤnden, und es ist nur zu er- waͤgen, daß eine laͤngere Dauer dieses Blutverlustes theils die Geschlechtsorgane selbst zu andern Krankheiten disponirt, theils die Zerruͤttung des Allgemeinbefindens immer mehr beschleunigen muͤsse. §. 198. Indem wir nun ferner die rechte Art der Behand- lung uͤbermaͤßiger Menstrualfunktion erwaͤgen, ist wieder zu- naͤchst darauf aufmerksam zu machen, daß man nicht uͤber- sehe, wie gewoͤhnlich auch dieser Zustand blos Produkt oder Symptom einer allgemeinen Verstimmung sey, und wie we- nig daher auch hier bloßes Zuruͤckhalten des Blutes Absicht eines aͤchten Heilverfahrens seyn koͤnne. Alle Mittel folglich, welche durch Contraktion der Uteringefaͤße oft ploͤtzlich eine bedeutende Blutergießung zu hemmen vermoͤgen, werden auf die Faͤlle eingeschraͤnkt bleiben, wo die Menstruation in wahre Haͤmorrhagie uͤbergeht, und werden daher auch erst bey dieser Krankheit naͤher durchgegangen werden Wie nachtheilig z. B. die Kaͤlte hier wirken kann, beweisen meh- rere Beispiele von Personen, die, um eine starke Menstruation zu beseitigen, kalte Waschungen oder Baͤder anwandten, und darauf in Metritis, Nymphomanie und aͤhnliche Zustaͤnde verfielen. . — Um so mehr ist dagegen auf Lebensordnung und Diaͤt Ruͤcksicht zu nehmen, diese so maͤchtigen Mittel in der Hand des auch außer dem Receptbuche noch Heil suchenden Arztes M. s. hieruͤber ein Wort zu seiner Zeit von Rust in dessen Ma- gazin f. d. ges. Heilkunde. IV. Bd. 2s Hft. , und wir finden daher schon von Astruc (wie denn uͤberhaupt die franzoͤsischen Aerzte dieses Feld der Heilkunde stets auf lo- benswerthe Art beruͤcksichtigten) und neuerlich von Siebold die diaͤtetischen Regeln in der Behandlung dieses krankhaften Zustandes obenan gestellt, welches ja wohl eigentlich uͤberall geschehen sollte, indem diese allgemeinsten Einfluͤße ja die Be- dingungen des Lebens enthalten. §. 199. Allgemein kann es daher hier zur Regel gemacht wer- den: 1) heftige, anstrengende Bewegungen des Koͤrpers und des Gemuͤths zu vermeiden; 2) erhitzender, spirituoͤser oder gewuͤrzter Getraͤnke und Speisen sich zu enthalten; 3) keine engen einzwaͤngenden Kleidungsstuͤcke zu tragen; 4) sich da- gegen an kuͤhles Verhalten, leichte mehr vegetabilische Diaͤt zu gewoͤhnen; 5) besonders große Maͤßigkeit hinsichtlich der Geschlechtsbefriedigung zu beobachten, und 6) vor, in und nach der Menstruationsperiode mehr die horizontale Lage an- zunehmen. — Ueberhaupt also die §. 195. genannten veran- lassenden Ursachen zu vermeiden. §. 200. Die medicinische Behandlung hingegen wird namentlich die Beseitigung der innern Verstimmungen, welche diese zu starke Ausscheidung bedingen, zu bewirken suchen, und in sofern bey verschiedenen Faͤllen verschieden seyn; ist daher uͤber- haupt eine reichliche Stofferzeugung vorhanden und mit vor- herrschender produktiver Thaͤtigkeit der Uteringefaͤße verbunden, so wird zwar hier die staͤrkere Blutausscheidung fuͤr den Au- genblick selbst heilsam werden und nicht zu stoͤren seyn, allein um fernern Nachtheilen vorzubauen, ist sodann noͤthig, außer einem streng antiphlogistischen Regimen, von gelinden Ab- fuͤhrmitteln (aus Mittelsalzen, Pulpa Tamarindorum u. s. w.) Gebrauch zu machen, ja es koͤnnen vorzuͤglich Anfangs der Behandlung selbst allgemeine Blutentleerungen mit dem guͤn- stigsten Erfolge angewendet werden; es muß ferner, außer der Periode, durch geregelte angemessene Bewegung fuͤr Un- terhaltung einer gelinden Transspiration und Verarbeitung der assimilirten Stoffe gesorgt, beym Herannahen der Periode aber der Gebrauch des Nitrums und der vegetabilischen Saͤuren empfohlen werden. §. 201. Ist es hingegen mehr allgemeine und oͤrtlich aufgeregte Sensibilitaͤt, welche die profuse Menstruation hervorrief, so muͤssen die weitern, haͤufig in der Lebensart allein liegenden Ursachen, von welchen dieses abhaͤngt, aufgesucht und moͤg- lichst beseitigt werden, als eigentliche Heilmittel aber dienen dann innerlich die rein bittern Mittel, Extrakte, China, Eisen, welche namentlich außer den Perioden, und bey staͤtiger Ruͤck- sicht auf die regelmaͤßige Funktion des Darmkanals angewen- det werden muͤssen; ferner zur Zeit des Eintritts der Periode das verduͤnnte Acidum vitrioli mit Himbeersaft zum Ge- traͤnk, auch wohl unterstuͤtzt durch die Wirkung staͤrkerer an- tispasmodischer Mittel, z. B. des Dowerschen Pulvers. Aeußerlich wirken in den Zwischenraͤumen der Perioden kuͤhle, mit Hb. absinthii u. s. w. versetzte, oder eisenhaltige Baͤder, kaltes Waschen der Geburtstheile, Tragen von Guͤrteln mit bittern Rinden- oder Kraͤuterpulvern gefuͤllt, der Genuß einer reinen und mehr kuͤhlen Luft, unter zweckmaͤßiger, die Erhi- tzung der Phantasie ableitender Beschaͤftigung, vorzuͤglich wohl- thaͤtig. In der Periode ist vollkommne Ruhe Pflicht. Zu- gleich ist uͤbrigens Sorgfalt fuͤr Unterstuͤtzung der Reproduk- tion nicht zu uͤbergehen, theils weil außerdem leicht die Schwaͤche und Reitzbarkeit bey dem uͤbermaͤßigen Saͤfteverlust auf einen gefaͤhrlichen Grad steigt, theils weil eine kraͤftiger werdende Reproduktion schon an und fuͤr sich die zu große Reitzbarkeit mindert. Man ordnet daher (außerdem, daß schon die obgedachten Tonica die Reproduktion untersiuͤtzen) eine leicht verdauliche Diaͤt von Bouillon, Sago, Gries, Eyern an, laͤßt in den Zwischenzeiten der Periode einen kraͤf- tigen alten Rheinwein in angemessenen Dosen gebrauchen und empfiehlt Aufheiterung, Landluft u. s. w. §. 202. Ist hingegen wahre Atonie der Uteringefaͤße Krankheits- ursache, fo muͤssen die im vorigen Paragraph angezeigten Mittel mit Ausnahme der Antispasmodicorum, und nach den Umstaͤnden in verstaͤrkter Gabe und mit mehr fluͤchtig reitzenden Stoffen vermischt gegeben werden, wobey uͤbrigens stets wieder der Zustand allgemeiner Ernaͤhrung die erste Ruͤcksicht verdient, indem wir leicht bemerken koͤnnen, daß diese Zustaͤnde am gewoͤhnlichsten bey aͤltlichen phlegmatischen Koͤrpern, deren Verdauung schlecht von Statten geht, welche zu Obstruktionen und Wassersuchten geneigt sind, vorkommen, und sich, wo sie ganz rein durch oͤrtliche Ursachen in einem uͤbrigens kraͤftigen Koͤrper veranlaßt wurden, gemeinhin auch sehr bald, ja ohne alle aͤrztliche Huͤlfe, verlieren. — Außer den Perioden werden also, nach Beruͤcksichtigung des Zustan- des im Darmkanal, die Aufloͤsungen der Extrakte in aroma- tischen Waͤssern, die Decokte der China mit geistigen Tinktu- ren, oder die weinigten Infusa derselben, wie auch die Ei- senpraͤparate verordnet, geistige Einreibungen in die regio hypogastrica und ossis sacri angewendet, eisenhaltige oder aromatische Baͤder gebraucht; zur Zeit der Periode hingegen die mehr coutrahirenden Mittel, als z. B. Acidum Halleri, Acidum phosphori (zu 15—20 Tropfen in einem schlei- migen Vehikel) ja selbst bey staͤrkern Blutergießungen die T. Cinnamomi in Gebrauch gezogen; im Allgemeinen end- lich wird die Bildungsthaͤtigkeit durch eine kraͤftige nahrhafte Diaͤt unterstuͤtzt. §. 203. Endlich ist denn aber auch die profuse Menstruation reines Symptom anderer Krankheiten, und zwar theils des Uterus, theils benachbarter Organe, und dann kann es an und fuͤr sich einer weitern aͤrztlichen Behandlung nicht unter- worfen seyn, außer daß waͤhrend der Periode die obigen Re- geln (§. 199.) beobachtet werden muͤssen, und daß bey zu heftigem Blutabgange zuweilen von innerlich oder aͤußerlich anwendbaren, die Contraktion der Gefaͤße bewirkenden Mit- teln (s. davon bey der Metrorrhagie) Gebrauch zu machen ist. — Vorzuͤglich sind es die mancherley Unterleibskraukhei- ten, welche nur zu haͤufig als Quelle dieser und aͤhnlicher Stoͤrungen der Menstruation zu betrachten sind, und eben weil man hier so oft das Symptom fuͤr das Wesentliche nimmt, und, indem man durch Ueberhaͤufung mit sogenannten Staͤr- kungsmitteln den Blutfluß hemmt, die Obstruktionen, Auftrei- bungen u. s. w. nur noch vermehrt, muͤssen wir wiederholt auf das Unzweckmaͤßige solcher Behandlung aufmerksam machen. §. 204. Den Unterschied uͤbrigens zwischen sehr starker und sehr haͤufiger Menstruation kann in der Regel die Behandlung nur in sofern beruͤcksichtigen, als er insbesondre auf das groͤßere oder geringere Vorherrschen des Nervensystems gegruͤndet, und daher im Allgemeinen bey der erstern Form mehr die das Gefaͤßsystem, bey der zweiten Form mehr die die Sen- sibilitaͤt in Anspruch nehmende Heilmethode angezeigt ist. D. Hemmung oder Unterdruͤckung der Menstrual- funktion ( Menses suppressi s. obstructi ) . §. 205. Wenn die organische Thaͤtigkeit, deren Produkt die Men- struation ist, durch irgend eine Umstimmung des allgemeinen Lebens, und zwar zu einer Zeit, wo sie im Normalzustande fortwaͤhrend wirskam seyn sollte, sich zu aͤußern aufhoͤrt, so begruͤndet dieß den Zustand der sogenannten Unterdruͤckung der Menstruation, von welcher also das Aufhoͤren der Men- struation in der Schwangerschaft, so wie beym Erloͤschen der Zeugungsfunktion allerdings und genau unterschieden werden muß, um so mehr da man, wenn man bey diesen Zustaͤnden die Wiederherstellung der Menstruation zu bewirken versuchen wollte, dieß zum großen Nachtheil des Koͤrpers geschehen wuͤrde. Allein noch außerdem kann die Menstruation zuwei- len verschwinden, und dieß, obwohl es in Folge eines Krank- heitszustandes geschieht, doch an und fuͤr sich mit dem Allge- meinbefinden so sehr in Uebereinstimmung seyn, daß ebenfalls ein Heilverfahren, welches unmittelbar auf Herstellung dieser Funktion gerichtet waͤre, nachtheilig werden muͤßte; und es ist dieses namentlich dann der Fall, wenn die allgemeine bil- dende Thaͤtigkeit nicht in dem Grade energisch ist, um den auf das Geschlechtssystem gerichteten Ueberfluß zu erzeugen, welches denn z. B. in acuten und chronischen Krankheiten, bey anderweitigem Saͤfteverlust durch Eiterungen, anhaltendes Schwitzen (etwa bey Personen, welche in starker Sommer- hitze arbeiten) bey sehr duͤrftiger Kost und Lebensweise, in der Reconvalescenz u. s. w. bemerkt wird. Immer also wird dieses Hemmen der Menstrualfunktion um so krankhafter seyn, je mehr der Koͤrper im Allgemeinen fuͤr das Ausuͤben dieser Funktion geeignet war, und je ploͤtzlicher dieses Mißverhaͤlt- niß der Geschlechtsfunktion zum Allgemeinbefinden herbeyge- fuͤhrt wurde. §. 206. Die Ursachen nun betreffend, durch welche diese Stoͤ- rung herbeygefuͤhrt werden kann, so gehoͤren dahin theils als geneigt machende: ein hoher Grad allgemeiner und oͤrtlicher Reitzbarkeit, Neigung zu Congestionen nach andern Organen, so wie Verstimmung des Lymphsystems und der Verdauungs- werkzeuge; theils als veranlassende Ursachen, alles, was ei- nen krampfhaften Zustand der Uteringefaͤße oder des Mutter- mundes, ja Entzuͤndungszustand desselben zu veranlassen ver- mag, wohin denn wieder theils allgemeine, theils oͤrtliche Einwirkungen gerechnet werden muͤssen, z. B. heftige Ge- muͤthsbewegungen, Schreck, Aerger, andere gewaltsame Er- schuͤtterungen des Nervensystems, z. B. durch Elektricitaͤt So ist mir ein Fall bekannt, wo bey einer acht und zwanzigjaͤhri- gen Frau, indem sie, um bey einem kranken Kinde die Elektricitaͤt anwenden zu lassen, dieses auf dem Schooße hielt, und sich folglich so dem elektrischen Strome mit aussetzte, in dieser Behandlung aber, obwohl gesund, zwei Monathe hindurch, und auch waͤhrend der Regeln verblieb, ploͤtzlich die Menstruation verschwand, nie wie- derkehrte, dagegen aber Gicht zur Folge hatte. ferner erhitzende Arzneymittel, Speisen oder Getraͤnke Jos. Frank erzaͤhlt einen Fall, wo durch Wein und Beyschlaf die eben fließende Menstruation verschwand und Metritis veranlaßt wurde (s. dessen Acta instituti clinici Vilnens. Lips. 1808.). vor- zuͤglich aber Erkaͤltungen, namentlich der untern Extremitaͤten oder der Geschlechtstheile selbst, durch kalte Baͤder oder kal- tes Waschen, reitzende Injektionen, Geschlechtsreitz u. s. w. — Endlich kann aber die Menstrualfunktion auch gehemmt wer- den durch andere Krankheiten des Geschlechtssystems, als Ent- zuͤndung, Skirrhus, Steatomata, Polypen u. s. w. §. 207. Der Krankheitsverlauf oder die Folgen der ploͤtzlichen Hemmung der Menstrualfunktion, und die sofort sich ergebende Prognose , sind wiederum nach den verschie- denen Entstehungsarten dieses Krankheitszustandes sehr ver- schieden. Daß naͤmlich, wo die Menstruation in Folge all- gemein geschwaͤchter Ernaͤhrung sich verliert (§. 205.) dieses Verlieren an und fuͤr sich betrachtet, eher vortheilhaft als nachtheilig seyn muͤsse, ergiebt sich leicht von selbst, und das Urtheil des Arztes wird also blos jene allgemeinen Zu- staͤnde nach ihrer besondern Natur zu erwaͤgen haben. Das- selbe gilt auch bey anderweitigen Krankheiten der Geschlechts- organe, als Scirrhus uteri u. s. w. Ueberhaupt verschwin- den hierbey die Regeln nicht leicht so ploͤtzlich, sondern ver- lieren sich nach und nach. Wo hingegen aus dem Zusam- mentreffen der erwaͤhnten innern und aͤußern Ursachen diese Funktion allein gestoͤrt wird, brechen theils oͤrtliche, theils allgemeine Krankheitszustaͤnde bald hervor, deren Charakter, jenachdem mehr das Gefaͤßsystem oder das Nervensystem uͤber- wiegt, entweder in der Form von Entzuͤndung und Fieber, oder in der Form der Kraͤmpfe erscheinen wird. Im erstern Falle, und vorzuͤglich nach stark und schnell wirkenden aͤußern Ur- sachen entstehen daher stechende Schmerzen im Uterus, es ent- wickelt sich Metritis, es erscheinen heftige Congestionen nach andern Organen, Fieber verschiedener Art, und bey anhalten- der Unterdruͤckung koͤnnen sich vicariirende Blutfluͤße, Wasser- suchten, Verbildungen der Geschlechtsorgane, Gemuͤthskrank- heiten, Auszehrungen, Bleichsucht u. s. w. entwickeln; oder im Gegentheil bilden sich krampfhafte Verschließungen des Muttermundes, wobey das Blut zwar noch ausgeschieden, aber nicht ausgeleert werden kann, dann oft in der Gebaͤr- mutterhoͤhle sich coagulirt, ja oft halb und halb organische Bildung annimmt Bey einer Dame, wo wegen laͤngere Zeit unterdruͤckter Menstrua- tion bereits Schwangerschaft vermuthet worden war, ging endlich eine Masse solchen geronnenen Blutes ab, welche wegen ihrer ganz fleischartigen Bildung von der Hebamme anfaͤnglich fuͤr den Arm eines Kindes gehalten wurde. ; oder es tritt eine krampfhafte Verschlie- ßung der ausscheidenden Gefaͤßmuͤndungen selbst ein, das Blut treibt (vorzuͤglich bey schlaffem Habitus und Neigung zu Venenerweiterungen) die Venen des Fruchthaͤlters auf, und heftige Kreuzschmerzen, Druck auf benachbarte Organe u. s. w sind die Folge davon; oder endlich es treten auch sogleich heftige krampfhafte Schmerzen der Unterleibseingeweide, Brust- kraͤmpfe, ja Zuckungen und wirkliche epileptische Anfaͤlle oder Laͤhmungen ein. Die Heftigkeit aller dieser Zufaͤlle und die Dauer der Unterdruͤckung richtet sich vorzuͤglich nach der mehr oder minder reichlichen Bluterzeugung, nach dem Grade der Reitzbarkeit und der Heftigkeit der einwirkenden Ursachen, da- her man denn bey kraͤftigen, wenig erregbaren Naturen oft diese krankhaften Zustaͤnde sich ganz allein und bald wieder ausgleichen sieht, dahingegen unter andern Verhaͤltnissen aller- dings oft nur schwierig und langsam der Normalzustand zu- ruͤckgefuͤhrt werden kann. §. 208. Bey der nunmehr zu erwaͤgenden Behandlung ist aber wieder zuvoͤrderst zu erinnern, daß man auch hier nicht etwa blos das zuruͤckgehaltene Blut, sondern die Stoͤrung einer aus allgemeiner organischer Thaͤtigkeit sich ergebenden wichti- gen Funktion beruͤcksichtige, indem das erstere leicht zu einer sehr oberflaͤchlichen Behandlung verleiten wuͤrde, und z. B. eine kuͤnstliche Blutentziehung allein, keineswegs die Blutsecre- tion des Uterus ersetzt, ja man oft sogar mit erhitzenden bluttreibenden Mitteln in diesen Zustaͤnden Mißbrauch treiben sieht, als welches doch bey Entzuͤndungen u. s. w. den groͤßten Nachtheil herbeyfuͤhren muß. Eine vernuͤnftige Behandlung wird demnach auch hier zunaͤchst das Allgemeinbefinden ins Auge fassen, uͤberzeugt, daß, wenn dieses geregelt ist, auch die oͤrtliche Thaͤtigkeit zur Norm zuruͤckkehren muͤsse, und unter ein- facher Hinleitung bald zuruͤckkehren werde. — Es ergiebt sich hieraus, daß, wenn blos starke Ausleerungen oder geschwaͤchte Bluterzeugung die Unterdruͤckung veranlaßte, gar keine un- mittelbar auf Wiederherstellung der Menstruation gerichtete Behandlung weiter Statt finden koͤnne, sondern blos die Un- terstuͤtzungsmittel der Reproduktion uͤberhaupt, durch Verbesse- rung der aͤußern Lebensverhaͤltnisse u. s. w. angezeigt seyen, und daß bey allgemeinen oder oͤrtlichen Krankheiten, in so- fern sie Ursache , nicht Folge dieser Abnormitaͤt sind, diese ebenfalls ganz abgesehen von der Verhaltung der Menstrua- tion behandelt werden muͤssen. §. 209. Was dagegen die heftigern Zufaͤlle betrifft, welche nach ploͤtzlicher Hemmung der Menstruation eintreten koͤnnen, so fordern auch diese zunaͤchst blos die ihrer Eigenthuͤmlichkeit angemessene Behandlungsweise; Entzuͤndungen, fieberhafte Krankheiten, heftige Congestionen, machen daher Blutentzie- hungen, Nitrum, abfuͤhrende Mittel, kuͤhlende Diaͤt und Re- gimen nothwendig, jedoch so, daß man zugleich mit auf die Art der aͤußern einwirkenden Schaͤdlichkeiten Ruͤcksicht nimmt, und also nach heftigen Erkaͤltungen und bey rheumatischer Natur der Zufaͤlle, ein diaphoretisches Verhalten, aͤhnliche Arzneymittel, Friktionen und warme trockene Fomentationen der leidenden Theile zu Huͤlfe nimmt. Hinwiederum noͤthigen heftige Nervenzufaͤlle, welche sich gewoͤhnlich mit Erethismus des Gefaͤßsystems verbinden, zu lauen Baͤdern, Lavements von Chamillen und Valeriana, beruhigenden warmen nassen Fomentationen und Cataplasmaten, innerlich aber zur Anwen- dung der Emulsionen, der Valeriana, des Dowerschen Pul- vers, des Liq. C. C., und ruͤcksichtlich der Aufreitzung des Gefaͤßsystems, der mineralischen Saͤuern, womit denn uͤbri- gens auch das diaͤtetische Verhalten durch moͤglichste Beschraͤn- kung aller aͤußern Reitze in Uebereinstimmung zu bringen ist. §. 210. Nachdem aber auf diese Weise die allgemeinen Stuͤrme gemaͤßigt worden, hat man zu beobachten, in wie weit der Koͤrper geneigt sey, die Wiederherstellung der gehemmten Funktion durch eigene Kraft zu uͤbernehmen. Oft naͤmlich ist unter jener allgemeinen Behandlung bereits die Menstruations- periode voruͤbergegangen, alle Beschwerden verlieren sich jetzt, und dann ist es hinreichend, zur Zeit der Wiederkehr dieser Periode die Erregung des Uterinsystems durch Fußbaͤder, warme Bekleidung der untern Extremitaͤten, maͤßige Koͤrperbewegung und einige Tassen Melissenthee zu unterstuͤtzen. Oder aber, es bleibt auch nach beruhigten allgemeinen Zufaͤllen Auftrei- bung des Uterus, schmerzhafte Spannung in der Gegend dessel- ben zuruͤck, es zeigen sich andauernde Erregungen der Blutmasse gegen andere Organe, Neigung zu stellvertretenden Blutungen u. s. w.; dann untersuche man naͤher, ob vielleicht krampfhafte Ver- schließung des Muttermundes vorhanden sey, welches theils die Disposition, theils die geburtshuͤlfliche Untersuchung erkennen lehrt, in welchem Falle dann Injectionen von Valeriana, Hyos- cyamus und aͤhnlichen Aufguͤßen, Chamomillen-Halbbaͤder, Ca- taplasmata auf die regio hypogastrica, Einreibungen des fluͤch- tigen Liniments mit Tr. opii vermischt, innerlich die Tr. Va- lerian. Lent., Tr. Castorei, das Laudan. liq. in angemesse- nen Gaben und Formen Nutzen bringen. Oder aber es zeigt sich bey schlaffer Faser und phlegmatischem Habitus, die Auftreibung des Uterus abhaͤngig von Stockungen des Blutes in den Venen- geflechten desselben, womit sich haͤufig die Auftreibung der Haͤ- morrhoidalgefaͤße verbindet, und dann sind namentlich wiederholte blande Abfuͤhrungen, Blutigel an das Perinaͤum, Fußbaͤder mit Senf oder Salz geschaͤrft, fluͤchtig reitzende Einreibungen in die regio hypogastrica und ossis sacri angezeigt; seltner, und und nur bey besonderer Torpiditaͤt, werden denn auch die eigent- lich sogenannten Emmenagoga, die Aloe, das Gum. Ammo- niacum, das Decoct. sabinae angewendet werden muͤssen. — Ein dem obigen aͤhnliches Verfahren wird Statt finden, wenn bey vorlaͤufig zwar beseitigten Beschwerden, doch in der naͤchsten Periode die Menstruation nicht wieder eintritt, vielmehr andere krankhafte Zustaͤnde sich ausbilden, in welcher Hinsicht wir dann auch theils auf die Behandlung der verzoͤgerten Menstruation (§. 160—68.), theils auf die Behandlung der aus ungewoͤhn- lichen Quellen fließenden (§. 187. 195.) verweisen koͤnnen. 2. Besondere durch Unregelmaͤßigkeiten der Pu- bertaͤtsentwicklung begruͤndete Krankheitszu- staͤnde . §. 211. Wie wir im Vorigen bemerkt haben, liegen in den mannig- faltigen Stoͤrungen der Menstrualfunktion die Bedingungen zu den verschiedenartigsten Krantheitsformen oder Aeußerungen des Krankseyns, die meisten derselben sind indeß so eng an jene ursachlichen Abnormitaͤten geknuͤpft, daß wir sie als bloße Symptome derselben betrachten durften; andere hingegen bil- den so merkwuͤrdige in sich gleichsam zu einem Ganzen geschlossene Gruppen krankhafter Zufaͤlle, daß sie eine ihnen insbesondre ge- widmete Betrachtung fordern koͤnnen. — Es gilt dieses vorzuͤg- lich von gewissen Zustaͤnden, deren Entstehung namentlich vor- bereitet wird durch allgemeine Veraͤnderung des weiblichen Orga- nismus, Veraͤnderungen, welche eben sowohl den Grund der Menstrualfunktion selbst und ihrer Abnormitaͤten enthalten, und daher vorzuͤglich der Entwicklungsperiode der Pubertaͤt ange- hoͤren. So wie naͤmlich das Erscheinen der Menstruation, gleich der Ausbildung der Koͤrperform und der Entfaltung der weibli- chen Gemuͤthseigenthuͤmlichkeit, Ergebnisse einer und derselben innerlich schaffenden Kraft darstellen, so koͤnnen Hemmungen die- ser innern Bildungsthaͤtigkeit auch zugleich durch unvollkommne Menstruation und Unvollkommenheiten anderer Funktionen sich aussprechen, ohne daß gerade das eine als der Grund des an- dern, sondern das Allgemeine als der Grund dieser verschiedeuen Besondern anzusehen, sonach aber auch das besondere Aufstellen anderer Entwicklungskrankheiten neben den Abnormitaͤten der Menstruation gerechtfertigt ist. — Warum nun aber gerade Stoͤrungen der innern Entwicklungsthaͤtigkeit in gewissen Pe- rioden des Lebens haͤufiger als in andern bemerkt werden, ergiebt sich leicht, wenn wir bedenken, daß, obwohl diese Thaͤtigkeit nie ruht, und der Koͤrper nur in wiefern er im Bilden begriffen ist, existirt , sie doch Zeitraͤume erkennen laͤßt, wo durch Hervor- treten oder Zuruͤcktreten einzelner Organe und Funktionen das in- nere Verhaͤltniß der Organisation in kurzem umgewandelt wird. Eben darum muͤssen nun aber auch (da das Produkt immer ver- aͤndert wird, es mag nun blos der innere oder der aͤußere Faktor veraͤndert worden seyn) alle aͤußern Einfluͤße auf den veraͤnderten Organismus anders wirken, ihm gleichsam fremdartig geworden seyn, woher denn z. B. die Erregbarkeit der Jugend uͤberhaupt erklaͤrlich wird, indem hier, da die innern Zustaͤnde schnell wech- seln, und alles Aeußere neu und stark eingreift, auch Krankhei- ten, durch zu heftige Einwirkung von irgend einer Seite, so haͤufig und in so verschiedenen Formen entstehen. §. 212. Im vorigen Abschnitte betrachteten wir aber zunaͤchst, wie in demjenigen Systeme, auf dessen Entwicklung die Thaͤ- tigkeit des jugendlichen weiblichen Koͤrpers vorzuͤglich gerichtet ist, naͤmlich im Geschlechtssysteme und der ihm eigenthuͤmli- chen Menstrualfunktion mehrfache Stoͤrungen eintreten koͤnnen, jetzt haben wir nun von einigen krankhaften Verstimmungen in den allgemeinen Thaͤtigkeiten zu sprechen, welche, obwohl sie theils minder haͤufig als jene sind, theils (wie schon oben an mehrern Orten bemerkt worden ist) sich mit jenen Ver- stimmungen der Menstrualfunktion verbinden koͤnnen, doch nicht minder merkwuͤrdig sind, ja zum Theil die sonderbarsten Erscheinungen darbieten. Wir unterscheiden aber diese Zufaͤlle, je nachdem sie sich in der einen oder der andern Sphaͤre des Organismus darstellen, in die der Bildungsthaͤtigkeit anheim fallenden, wohin die durch unvollkommne Blutbereitung merk- wuͤrdige Bleichsucht gehoͤrt, und in die der animalen Sphaͤre zugehoͤrigen, wohin die Verstimmungen und Exalta- tionen der Sinnesthaͤtigkeit (krankhafte Empfindungen) die Regelwidrigkeiten der Bewegungsthaͤtigkeit (Laͤhmungen und Kraͤmpfe) so wie die Verstimmungen und ungewoͤhnlichen Zu- staͤnde des innern Nervenlebens (Somnambulismus, Verzuͤ- ckung, Gemuͤthskrankheiten u. s. w.) zu rechnen sind. 1. Verstimmung der Reproduktion waͤhrend der Pubertaͤts- entwicklung. Bleichsucht ( Chlorosis ). §. 213. Beobachten wir den menschlichen Koͤrper in seinen fruͤ- hesten Lebenszustaͤnden, so bemerken wir an demselben, na- mentlich waͤhrend seines Lebens im Uterus eine reißend schnelle Entwicklung, ein Wachsthum, welches (wie z. B. in den er- sten Monathen der Schwangerschaft) den Leib des Embryo in wenigen Tagen um das Doppelte vergroͤßert. Spaͤterhin nach der Geburt sehen wir dieses Wachsthum mehr und mehr sich verlieren, ja endlich stillstehen, und zwar gehindert durch das Hervortreten von Funktionen, welche anstatt, wie im fruͤhern Leben fast Alles, die Reproduktion zu unterstuͤtzen, ihr vielmehr entgegenwirken, wohin denn namentlich theils das mehr entwickelte animale Leben, theils die ausgebildetere Respiration und staͤrkere Absonderung, theils die Entwicklung des Geschlechtssystems gehoͤrt S. daruͤber ein Mehreres in meinem Aufsatze uͤber das Verhaͤltniß der Reproduktion in Meckel’s Archiv f. Physiol. II. B. 2s Hft. . Dem Gange der Natur nach soll nun die treibende Kraft des Wachsthums in eben dem Maaße allmaͤhlig vermindert werden, als die assimilative Thaͤtigkeit sich verringert, allein bey irgend einer Verstim- mung des Organismus, namentlich wo durch unzweckmaͤßige Diaͤt und sonstige Lebensweise die Thaͤtigkeit des lymphatischen Systems gelitten hat, tritt denn auch leicht ein Mißverhaͤltniß zwischen Ernaͤhrung und Wachsthum ein, wo bald das eine, bald das andere ein krankhaftes Uebergewicht erhalten kann. Am meisten aber der Natur zuwider und daher auch am sel- tensten vorkommend ist das Uebergewicht der Ernaͤhrung uͤber das Wachsthum, woraus die in einzelnen Faͤllen schon bey Kindern Salzburger med. chir. Zeitung. 1810. II. Bd. S. 63 wird das Beyspiel eines Kindes angefuͤhrt, welches zu Straßburg gezeigt wurde, noch nicht 5 Jahre alt war und 208 Pfund wog, bey einem Koͤrperumfange von 48 Zoll. , haͤufiger aber spaͤterhin sich bildenden ungeheuren Fettanhaͤufungen abzuleiten sind; weit oͤfterer hingegen, als dem Wesen dieser Periode naͤher liegend, bemerken wir das Uebergewicht des Wachsthums uͤber die Ernaͤhrung, und daher denn das Abmagern, die Stoͤrungen des Gemeingefuͤhls, die Verstimmungen des Gemuͤths, welche so haͤufig bey ra- schem Wachsthum in den der Pubertaͤt nahen Jahren bemerkt werden, ja sogar wie auch H. Osiander S. dessen Schrift uͤber die Entwicklungskrankheiten des weibl. Ge- schlechts. 1r Bd. S. 4. anfuͤhrt, zum Theil bey Thieren, z. B. Pferden, Affen u. s. w. vor- kommen. §. 214. Was nun aber zunaͤchst das weibliche Geschlecht betrifft, so finden wir bey den meisten weniger kraͤftigen Individuen in der Periode, wo das Wachsthum des Koͤrpers ziemlich be- endigt ist, daß auch ohne eigentliche Stoͤrung des Wohlbe- findens, doch eine blaßere Hautfarbe, Muͤdigkeit, eine mehr melancholische Stimmung, mangelnder Appetit u. s. w. diese wichtige Epoche bezeichnen, und merkwuͤrdig ist zugleich die Neigung zu Krankheiten, welche, obwohl sie dem weiblichen Geschlecht keineswegs ausschließend eigenthuͤmlich sind, doch insbesondre auf abnormes Hervortreten der der Reproduktion entgegenwirkenden Funktionen sich beziehen, wohin denn vor- zuͤglich die Brustkrankheiten und namentlich die so vielen Jung- frauen verderblichen Lungenschwindsuchten S. uͤber diese Krankheit junger Maͤdchen vorzuͤglich H. Osianders interessante Bemerkungen a. a. O. Thl. 2. S. 124. gehoͤren. Allein auch ohne solche organische Zerstoͤrungen erreichen zuweilen die erwaͤhnten in Folge koͤrperlicher Entwicklung eintretenden Be- schwerden eine krankhafte Hoͤhe (ohngefaͤhr eben so wie die Molimina Menstruationis zuweilen krankhaft werden) und begruͤnden so oft eine Reihe von Erscheinungen, welche wir unter dem Namen der Bleichsucht, Jungfernkrankheit, des blassen Fiebers ( Icterus albus ) zusammenfassen. §. 215. Man bemerkt aber an Personen, welche an dieser Krank- heit leiden: weiße, kreidenhafte, oft auch ins graue oder gruͤnlichte fallende (daher Chlorosis, von χλωρός, gruͤn) Gesichtsfarbe, mit blaͤulichten Raͤndern um die Augen und blassen blaͤulichten Lippen, meist eine trockene, gedunsene oder wirklich oͤdematoͤse Haut, verminderte Temperatur, be- legte Zunge, gestoͤrten Appetit, zuweilen auch wohl mit eigenen Geluͤsten zu ungenießbaren Dingen, wie Erde u. s. w. verbunden. — Ferner schlechte Verdauung, Ueblichkeiten, Saͤureerzeugung, Magendruͤcken, Blaͤhungsbeschwerden, Un- ordnung in den Stuhlausleerungen, blaßen waͤßrigen Urin, gespannten Leib. Ruͤcksichtlich des Gefaͤßsystems bemerkt man einen kleinen, zuweilen langsamen, zuweilen aber auch fieberhaften und frequenten Puls, seltener Neigung zu Con- gestionen oder periodischen Blutungen aus ungewoͤhnlichen Organen So ist mir ein Fall bekannt, wo ein bleichsuͤchtiges Maͤdchen, bey welchem die Menstruation noch gar nicht erschienen war, mehrere Jahre stets in der Fruͤhlingszeit einen starken Haͤmorrhoidalblutfluß bekam; eine andere litt in der Herbstzeit an Blutbrechen. . Die animalen Funktionen betreffend, so zeigt sich allgemeine Mattigkeit, Kopfschmerz, Schwindel, Schlaͤf- rigkeit, und doch oft unruhiger aͤngstlicher Schlaf, melancho- lische Gemuͤthsstimmung durch haͤufiges Weinen und weniges Sprechen bezeichnet, ja es bilden sich zuweilen fixe Ideen, oder der Zustand geht sogar in Wahnsinn uͤber. Das Ge- schlechtssystem ist hierbey gemeiniglich ebenfalls in seinen Ver- richtungen gehemmt, die Menstruation (als das Produkt all- gemeiner Bildungsthaͤtigkeit) erscheint folglich insgemein nicht, oder ist mißfarbig, selten und spaͤrlich; ja die Organe selbst sind oft nur unvollkommen entwickelt, Bruͤste und Uterus sehr klein, und der Geschlechstrieb mangelt entweder voͤllig, oder ist krankhaft aufgereitzt und erhoͤht. §. 216. Ueber die Ursachen der Bleichsucht ist man stets sehr verschiedener Meynung gewesen, namentlich indem man die sogenannte naͤchste Ursache derselben bestimmen wollte So sagt z. B. v. Siebold (Handb. d. Frauenzimmerkrankheiten. Th. 1. S. 281.): „Die Bleichsucht ist eine Krankheit der Repro- duktion, und ihre naͤchste Ursache liegt in der so sehr gesunkenen Thaͤtigkeit ihrer einen Seite der Produktivitaͤt.“ Allein was unter- scheidet dann Bleichsucht von jedem andern atrophischen Zustand, von Auszehrung, Marasmus u. s. w.? . Nun ist aber unter der naͤchsten Ursache nichts anders als die Krankheit selbst, ihrem Wesen nach, in wiefern dieses Wesentliche den Grund der aͤußerlich wahrnehmbaren Symp- tome enthaͤlt, zu begreifen (weßhalb auch jene Benennung, wie neuerlich von mehrern Seiten erinnert wurde S. Heinroth Lehrb. d. Seelenstoͤrungen. Thl. 1. S. 193. , un- I. Theil. 11 passend ist); dieses Wesentliche selbst aber kann so wenig, als etwa das Leben uͤberhaupt, als ein Besonderes fuͤr sich Bestehendes, von dem Organismus Trennbares nachgewiesen werden, sondern ist ein Begriff, in welchen die innern und aͤußern Faktoren des Krankheitsprozesses als Einheit, als Produkt aufgefaßt werden. — Das Wesentliche nun in der Bleichsucht betreffend, so ist es zunaͤchst offenbar in eine Stoͤrung der bildenden Thaͤtigkeit zu setzen; denn daß die Stoͤrungen der animalen Funktionen hierbey nur secundaͤr sind, ergiebt sich sehr leicht. Allein, noch genauer, die Stoͤ- rung der Bildungsthaͤtigkeit zeigt sich namentlich im eigentli- chen Heeroe derselben, im Gefaͤßsystem und im Akt der Blut- bereitung. Indem wir aber gestoͤrtes Bildungsleben im All- gemeinen, und unvollkommne Sanguifikation insbesondre als das Wesen des chlorotischen Zustandes betrachten, ist doch noch zu bemerken, daß ein solcher Grund noch nicht allein das Eigenthuͤmliche der Bleichsucht bestimmt (indem gestoͤrtes Bildungsleben und unvollkommne Sanguifikation bey so vie- len andern Krankheiten auch des maͤnnlichen Geschlechts, z. B. Scorbut, morbus maculosus u. s. w. bemerkbar ist), sondern daß jene Mißverhaͤltnisse, um in der Form der Chlo- rose zu erscheinen, zusammentreffen muͤssen a ) mit der Indi- vidualitaͤt des weiblichen Koͤrpers, welche auf uͤberwiegende Produktivitaͤt gegruͤndet ist, b ) mit der Zeit der sich entwi- ckelnden oder vor kurzem entwickelten Pubertaͤt. §. 217. Die Art nun, wie Bildungsthaͤtigkeit und Sanguifika- tion in ihren Beziehungen auf die Entfaltung des Geschlechts- systems gestoͤrt werden kann, ist zwiefach, naͤmlich: es leidet entweder die Gefaͤßthaͤtigkeit urspruͤnglich, und zeigt sich zur Erregung der Menstrualfunktion, wie zur Unterhaltung in- dividueller Reproduktion, unzulaͤnglich, oder es findet die re- produktive Thaͤtigkeit in ihrer Aeußerung, in ihrem Hinwir- ken auf das Geschlechtssystem Hindernisse, es bilden sich Stockungen, Venenerweiterungen, in Folge dessen leidet die Assimilation und Blutbereitung, und die Zufaͤlle der Bleich- sucht treten ein. §. 218. Was nun die entfernten Ursachen des chlorotischen Zustandes betrifft, so sind diese vorzuͤglich nach dem im vo- rigen Paragraph beygebrachten Theilungsgrunde in zwei Klas- sen zu bringen; zu der ersten gehoͤren diejenigen, welche auf die allgemeine produktive Thaͤtigkeit stoͤrend einwirken, als: 1) ungesunde Luft, Feuchtigkeit, Kaͤlte, Mangel an Licht; 2) unzweckmaͤßige, schwer verdauliche, schlecht naͤhrende Kost und erschlaffende Getraͤnke (vorzuͤglich Uebermaaß in Thee und Kaffee); 3) Unthaͤtigkeit oder uͤbermaͤßige Anstrengung, Unreinlichkeit, Gram, zu fruͤh erregter Geschlechtstrieb u. s. w., Einfluͤße, welche insgesammt die Wurzeln der Assimilation, die Unterleibseingeweide und das Lymphsystem angreifen, und besondere, so haͤufig der Bleichsucht vorausgehende Krank- heitszustaͤnde, als Status pituitosus, Wuͤrmer, Obstruktion, oder Durchfall, ja Lienterie, Scrofeln, Wasseransammlungen hervorbringen. 4) Andere Krankheiten und Einfluͤße, welche die Reproduktion schwaͤchen, als Blutfluͤße, wohin auch die zu starke Menstruation gehoͤrt, Schleimfluͤße, typhoͤse oder in- termittirende Fieber, welche eine sehr langsame Reconvales- zenz zur Folge haben, anhaltende Eiterungen, unzweckmaͤßig angewendete Blutentziehungen oder Abfuͤhrmittel. Zur zwei- ten Klasse hingegen rechnen wir die organischen Fehler, welche die Erscheinung der Regeln hindern oder ganz unmoͤglich ma- chen, als: Verschließungen des Muttermundes oder der Scheide, unvollkommne Entwicklung des Uterus, oder Ausartung des- selben oder der Ovarien (Zustaͤnde, welche vorzuͤglich durch zu zeitigen und unnatuͤrlichen Geschlechtsreitz veranlaßt wer- den S. daruͤber Autenrieth Untersuchung ausgearteter Eyerstoͤcke in Reil’s Archiy f. d. Phys. VII. Bd. 2s Hft. ); endlich aber auch die Hemmungen der bereits ent- wickelten Menstrualfunktion durch gewaltsame Einwirkungen, als heftige Gemuͤthsbewegungen, Erkaͤltnngen u. s. w., oder ploͤtzliche Entziehung eines zu Beduͤrfniß gewordenen Geschlechts- genußes (daher die Krankheit auch zuweilen bey jungen Witt- wen beobachtet wurde). §. 219. Wir kommen nun zur Betrachtung des Krankheits- verlaufs , woraus sich denn zugleich die Prognose mit ergeben wird. Zunaͤchst aber bemerken wir, daß die Krank- heit haͤufig, und insbesondre wo sie bloße Folge rascher koͤr- perlicher Entwicklung ist, einen sehr gutartigen Charakter zeigt, und bald, vorzuͤglich nachdem die Menstruation wirk- lich erschienen, und in regelmaͤßigen Gang gekommen ist, wieder, ohne nachtheilige Folgen verschwindet; Faͤlle, bey welchen die Bleichsucht als wahre Uebergangsperiode erscheint und ganz den Moliminibus der Menstruation verglichen werden kann, ja oft eines derselben mit ausmacht. Langwie- riger und in ihren Zufaͤllen beschwerlicher pflegt sie dagegen zu seyn, wenn die §. 218. erwaͤhnten entfernten Ursachen der ersten Klasse auf einen schon von Anfang sehr reitzbaren und schwaͤchlichen Koͤrper in hoͤherem Grade einwirkten, die Organe der Assimilation selbst bereits in ihrer Bildung um- geaͤndert, die Gekroͤsdruͤsen angeschwollen, die Verdauung zer- ruͤttet ist; auch hier freylich wird die Bleichsucht nicht an und fuͤr sich gefaͤhrlich werden, allein sie macht den Ueber- gang zu andern Cachexien, es entsteht Haut-, Brust- oder Bauchwassersucht, es bilden sich fauligte oder lentescirende Fieber, es entstehen Eiterungen in den Geburtstheilen, scor- butische Blutungen, Gangraͤn, und durch diese Zufaͤlle stirbt die Kranke. Etwas weniger unguͤnstig ist meistens der Ver- lauf, wenn die Ursachen zweiter Klasse, und also mehr vom Organ aus, die Krankheit erregten; die Zufaͤlle sind hier oft mehr acuter Natur, Schwindel, Congestionen, Blutungen, werden hierbey haͤufiger beobachtet, diese Beschwerden indeß, wenn sie nur durch eine zweckmaͤßige Lebensweise geleitet werden, gleichen sich nach und nach wieder aus, vorzuͤglich wenn bereits die Menstruation fruͤher im Gange gewesen ist. Nur wo die Verbildungen der Geschlechtstheile sehr betraͤcht- lich sind, die Krankheit bereits laͤngere Zeit gedauert hat, scrofuloͤse Constitution und unguͤnstige aͤußere Verhaͤltnisse die Heilung erschweren, wird die Prognose schlimmer, und aͤhn- liche Zufaͤlle, wie die oben erwaͤhnten, stehen zu besorgen, Daß uͤbrigens auch bey betraͤchtlichen, aber die Operation gestattenden Mißbildungen, z. B. den Atresien, die Prognose guͤnstig gestellt werden koͤnne, liegt am Tage. §. 220. Nach dem verschiedenen Gange, welchen die Krankheit genommen, ist auch, wenn sie durch herbeygefuͤhrte anderwei- tige Leiden mit dem Tode endigt, der Sektionsbefund verschieden. Die haͤufigsten Erscheinungen sind: die allge- meine Schlaffheit, welche oft, insbesondre an der Substanz des Herzens, bemerkbar ist, die Wasseranhaͤufungen, die ver- ringerte, waͤsserige, mehr venoͤse Blutmasse, die Verhaͤrtungen und Auftreibungen der Druͤsen des Lymphsystems und die regelwidrigen Bildungen der Geschlechtstheile, als Verwach- sungen des Muttermundes, besondere Kleinheit des Uterus Ich bewahre in meiner Sammlung die innern Genitalien eines 17jaͤhrigen nicht menstruirten Maͤdchens, welches unter chlorotischen Symptomen an scrofuloͤsen Geschwuͤren verstorben war, wo der Uterus nur etwas uͤber einen Zoll lang, seine Hoͤhle zwar geraͤumig, aber die Waͤnde nur einige Linien stark sind. , Vergroͤßerungen der Eyerstoͤcke u. s. w. §. 221. Behandlung . Um die rechte Art und Weise aͤrztli- cher Behandlung in den verschiedenen abnormen Zustaͤnden des Lebens aufzufinden, ist es ohne Zweifel eines der wich- tigsten und, wie mir scheint, der bisher eben nicht vorzuͤglich beachteten Mittel, daß man die Natur genau beobachte in dem Gange, welchen sie nimmt, indem sie ohne aͤrztliche Huͤlfe die Ruͤckkehr des Normalzustandes bewerkstelligt, indem doch die Heilung der Krankheit stets nur das Werk der Na- tur allein seyn kann, und alle aͤrztlichen Mittel blos dazu dienen sollen, die Hindernisse, welche sich ihr hierbey entge- genstellen, zu beseitigen, was indeß blos moͤglich wird durch die genauere Kenntniß dieses Ganges. — Beachten wir nun die Art, nach welcher vorzuͤglich der bleichsuͤchtige Zustand von der Natur beseitigt zu werden pflegt, so bemerken wir, daß eines Theils schon der endliche Stillstand des allgemeinen Wachsthums Gelegenheit giebt, daß sich das Mißverhaͤltniß zwischen bildender und zerstoͤrender organischer Thaͤtigkeit aus- gleicht, daß von diesem Zeitpunkte an die Assimilation und Blutbereitung wieder in das angemessene Verhaͤltniß zur all- gemeinen Organisation tritt, und endlich das Uebergewicht er- haͤlt, welches das Erscheinen der Menstruation begruͤnden kann. Im Gegentheile, wo die Krankheit reines Produkt unguͤnstiger aͤußerer Verhaͤltnisse war, sehen wir sie sich ver- lieren, sobald die Kranke in eine bessere Lage versetzt wird, wo die Blutbereitung durch freye Einwirkung von Licht und gesunder Luft, durch vermehrte Muskularthaͤtigkeit und Genuß kraͤftigerer Nahrungsmittel befoͤrdert wird. Ja endlich selbst bey unheilbaren Verbildungen der Geschlechtstheile und gaͤnz- lichem Mangel der Menstrualfunktion wird zuweilen die Ge- sundheit wieder hergestellt, indem entweder der Koͤrper sich an vicariirende Ausleerungen, z. B. regelmaͤßigen Haͤmor- rhoidalfluß gewoͤhnt, oder der Ueberfluß plastischer Stoffe auf die Ausbildung anderer Organe verwandt wird, weßhalb wir denn oͤfters bey solchen unvollkommnen weiblichen Ge- schoͤpfen die Muskelthaͤtigkeit in hohem Grade entwickelt, und uͤberhaupt die Bewegungsorgane in einem Grade ausgebildet finden, welcher mehr einen maͤnnlichen, als einen weiblicheu Koͤrper zu bezeichnen pflegt. — Dieses alles ist nun bey Anordnung der aͤrztlichen Behandlung zu erwaͤgen. §. 222. Hauptanzeige bleibt es aber im Allgemeinen, theils die Sanguifikation und Bildungsthaͤtigkeit auf ihren normalen Standpunkt zu fuͤhren, theils die Richtung der Bildungsthaͤ- tigkeit auf das Geschlechtssystem und die Menstrualfunktion zu beruͤcksichtigen, und etwaige hier sich entgegenstellende Hin- dernisse zu beseitigen. — In ersterer Hinsicht nun wird es den Arzt zunaͤchst beschaͤftigen muͤssen, die veranlassenden Ur- sachen der Krankheit auszuforschen und zu entfernen, wobey denn, da die meisten dieser Zufaͤlle von unzweckmaͤßiger Le- bensweise ausgehen, auch eine sorgfaͤltige Anordnung der- selben einen der wichtigsten Punkte des Heilplans ausmachen wird. Reine, freie, trockne Luft, maͤßiges Warmhalten, maͤßige Koͤrperbewegung, Aufheiterung des Gemuͤths durch freundlichen Umgang, Reinlichkeit und sorgfaͤltige Hautkultur, befoͤrdert durch den fleißigen Gebranch des lauen Bades, so wie die Vermeidung aller den Geschlechtstrieb erregenden Reitze, werden daher, unterstuͤtzt durch leichtverdauliche, naͤh- rende, mehr animalische Diaͤt, oft, zumal wo das Uebel nicht eingewurzelt, und nicht Produkt anderer Krankheitszu- staͤnde ist, das Einzige seyn, was ein den Gang der Natur ehrender Arzt verordnet, da der voreilige Gebrauch der soge- nannten staͤrkenden zusammenziehenden Mittel, namentlich des Eisens, der kalten Baͤder u. s. w. hier nur dazu fuͤhren kann, daß Nervenschwaͤche, Verhaͤrtungen der Gekroͤsdruͤsen u. s. w. sich bilden. Man schone demnach hier die Krankheit als ei- nen nothwendigen Entwicklungszustand; auch das von Hip- pokrates bereits angerathene Mittel der zeitigen Verheira- thung kann nur dann zulaͤssig erklaͤrt werden, wenn der Koͤrper bereits seiner voͤlligen Entwicklung wenigstens nahe gekommen, oder dieses der einzige Weg ist, der Sehnsucht einer stets angeregten Phantasie, oder den unnatuͤrlichen Aus- schweifungen Graͤnzen zu setzen. — Nur bey einer besondern Atonie der Muskelfaser, uͤbrigens aber weder bedeutendem gastrischen Zustande noch sonstigen innern Verbildungen, kann jenes diaͤtetische Verfahren durch den Gebrauch eines eisen- haltigen Mineralwassers, (z. B. des Pyrmonter oder Dribur- ger), durch aͤhnliche Baͤder, durch den maͤßigen Genuß ei- nes guten alten Weins, und die bittern Mittel (Extrakte, China u. s. w.) unterstuͤtzt, und so die Wiederherstellung der Gesundheit beschleunigt werden. §. 223. Hartnaͤckiger, und folglich thaͤtigeres Eingreifen erfor- dernd, zugleich aber auch besonders haͤufig, sind indeß dieje- nigen Arten der Bleichfucht, welche hervorgehen aus bereits entstandenen Krankheiten des Lymphsystems und einzelner Un- terleibsorgane. Hier ist es ganz vorzuͤglich, wo die in Folge vorgefaßter Meynung von vorhandener Schwaͤche gewoͤhnlich im Uebermaaß gereichten tonischen Mittel den entschie- densten Nachtheil herbeyfuͤhren muͤssen, so daß wir hieran gleich anfaͤnglich dringend zu erinnern fuͤr unumgaͤnglich noͤ- thig hielten. Die ganze Macht aͤrztlicher Wirksamkeit sey daher hier zunaͤchst gegen jene der abnormen Sanguifikation und Bildungsthaͤtigkeit zum Grunde liegenden, obwohl hin- wiederum auch wechselseitig von diesen unterhaltenen und ver- staͤrkten Krankheitszustaͤnde gerichtet, und man lasse sich nicht abhalten, zur Beseitigung derselben auch anscheinend schwaͤ- chende Heilmethoden in Anwendung zu bringen. §. 224. Einer der allgemeinsten Krankheitszustaͤnde dieser Art sind aber die Abnormitaͤten in der Thaͤtigkeit lymphatischer Gefaͤße, verbunden mit Anschwellungen und Degenerationen der Lymphdruͤsen; und wie nun die Erfahrung zeigt, daß hierbey vorzuͤglich die Befreyung des Darmkanals von auf- gehaͤuftem Schleim und Verhaͤrtungen, die Vermehrung einer gleichmaͤßigen Sekretion an der innern Flaͤche desselben (als antagonistischer Reitz) und die Befoͤrderung der Lymphbewe- gung, verbunden mit regelmaͤßiger Thaͤtigkeit des Haut-, Nieren- und Lungenorgans wohlthaͤtig wirken koͤnne, so wird es nun auch Pflicht, die aufloͤsenden und abfuͤhrenden Mittel (vorzuͤglich die Mittelsalze, das Rheum, die Radix Jalappae, die Fol. Sennae, den Karlsbader Brunnen, die seifenartigen Extrakte, Fel tauri, Sapo venet. u. s. w.) den Umstaͤnden gemaͤß anzuordnen, und damit noͤthigenfalls die Antimonia- lien, den Gebrauch der Seifenbaͤder, der Friktionen des Un- terleibes zu verbinden. — Sind Wuͤrmer vorhanden, so wird man zwar die Entfernung derselben durch Anthelmintica nicht verabsaͤumen, vorzuͤglich jedoch auf die Beseitigung des Status pituitosus als der eigentlichen Quelle derselben Ruͤck- sicht nehmen. Eben so verlangen ferner Blutfluͤße, Schleim- fluͤße, intermittirende Fieber u. s. w., sobald man sie als Ur- sachen der Bleichsucht erkennt, die ihnen angemessene Be- handlung, und erst wenn dieser Anzeige Genuͤge geschehen ist, und der bleichsuͤchtige Zustand als selbststaͤndige Krank- heitsform zuruͤckbleibt, wird es Zeit seyn, die Ende des §. 222. erwaͤhnten Mittel in Anwendung zu ziehen, indem zugleich eine die Reproduktion unterstuͤtzende Diaͤt und sonstige zweck- maͤßige Lebensweise vorgeschrieben wird. §. 225. In wiefern uͤbrigens, wenn die Bleichsucht Folge aͤhn- licher primaͤrer Krankheitszustaͤnde ist, die reproduktive Thaͤ- tigkeit gewoͤhnlich mehr zerruͤttet, und der Koͤrper in jeder Hinsicht mehr geschwaͤcht ist, als in den §. 222. betrach- teten Faͤllen, so wird es auch haͤufig nothwendig, die toni- schen Mittel selbst laͤnger und in staͤrkern Dosen zu gebrau- chen. Man beobachtet hierbey die Vorsicht mit den gelinden Mitteln (z. B. den leichtern Extrakten, als Extract. Sapo- nar., Trifol. fibr., Cent. minoris ) den Anfang zu ma- chen, dann zu den staͤrkern ( Extr. Gentianae, Cortex peruv. ) uͤberzugehen, und wenn der Darmkanal hierauf vorbereitet ist, das Eisen in Anwendung zu ziehen, von welchem man ent- weder die Tr. martis cydoniata unter einen Loͤffel Wein zu 20 — 30 Tropfen, die Flor. sal. ammon. martiales, oder, sobald die Kranke es vertraͤgt, noch lieber die Pulver- form, mit der Flaved. Cort. aurant., Cort. Cinnamomi u. dergl. verbunden, anwendet. Ueberhaupt ist bey Anord- nung aller dieser Mittel zugleich auf den Stand der Sensi- bilitaͤt Ruͤcksicht zu nehmen; daher bey phlegmatischen Sub- jekten die Anwendung von aromatischen Aufguͤßen (der Hb. Melissae, Menth. pip. u. s. w.) so wie das Verbinden der rein bittern Mittel mit geistigen Tinkturen u. s. w., oder, na- mentlich bey Neigung zu Durchfaͤllen, mit dem Cort. Cas- carillae, hingegen bey sehr aufgeregter Sensibilitaͤt die Bey- mischung antispasmodischer Mittel, und, vorzuͤglich bey Ere- thismus des Gefaͤßsystems, die Anwendung mineralischer Saͤuren ( Acid. Halleri, Elix. vitr. Mynsicht. ) zweck- maͤßig ist. §. 226. Ferner ist es zur voͤlligen Beseitigung des chlorotischen Zustandes angemessen, sobald theils die vorausgegangenen Krankheiten beseitigt, theils die reproduktiven Thaͤtigkeiten etwas vollkommner hergestellt sind, auf das Erscheinen der Menstrualfunktion gelind mit hinzuwirken. — Merkwuͤrdig ist es hierbey zu finden, daß in dieser Hinsicht aͤltere und neuere Aerzte in der Behandlung dieser Krankheit fast ganz auf entgegengesetzten Wegen gingen, indem bey jenen das Herstellen der Menstruation, oder in Ermanglung derselben die Blutentziehungen Chambon de Montaux (des Maladies des filles. T. I. p. 119.) sagt daher: „La premiêre Indication est de diminuer la masse du sang, puisqu’il y a une pléthore réelle dans presque tous les sujets attaqués de la chlorose.“ fast eben so sehr als Hauptsache be- trachtet wurde, als von den Neuern im Durchschnitte das Anwenden staͤrkender Mittel an die Spitze gestellt wird; ja man glaubte sogar ziemlich gewaltsame Mittel, um die Her- stellung der Menstruation zu bewirken, erlaubt, wohin na- mentlich das Verfahren Hamilton’s, welches Chambon de Montaux anfuͤhrt, gehoͤrt. Dieser naͤmlich, als er eine zwanzigjaͤhrige Bleichsuͤchtige behandeln sollte, deren Regeln seit 7 Monaten gehemmt waren, wo der Puls schwach und selten, die Verdauung gestoͤrt und die Kraͤfte gesunken wa- ren, glaubte von den gewoͤhnlichen innern Mitteln eine zu langsame Wirkung erwarten zu muͤssen, dagegegen von einem mechanischen Mittel, welches den Blutlauf mehr gegen die innern Genitalien richtete, eine guͤnstige Umaͤnderung hoffen zu duͤrfen. Nachdem er daher der Kranken eine Abfuͤhrung gegeben, legte er ein Tourniket an den Schenkel A. a. O. S. 204. Auch bey einigen Alten schon findet sich das Binden der Glieder als Befoͤrderungsmittel der Menstruation em- pfohlen. (ohnge- faͤhr wie Behufs der Amputation), komprimirte die Schen- kelarterien maͤßig, ließ zugleich ein Dampfbad an die Ge- nitalien leiten, und spaͤterhin ein Cardiacum reichen, worauf alsbald die Regeln floßen. — Unter den Umstaͤnden jedoch, welche wir hier im Sinne haben, koͤnnen solche gewaltsame Mittel eben so wenig als stellvertretende allgemeine Blutent- ziehungen Statt finden, sondern es empfehlen sich hier Be- hufs der Befoͤrderung der Menstruation nur die gelindern Mittel, als Fußbaͤder, Halbbaͤder, weniger die Dampfbaͤder der Genitalien, wollene Bekleidung oder trockene Friktionen der Unterglieder, allenfalls bey sich zeigenden Congestionen nach andern Organen, Blutigel an das Perinaeum oder ei- nige blande Abfuͤhrungen. §. 227. Leidet dagegen die Assimilation und Blutbereitung in Folge von Hindernissen, welche dem Hinwirken allgemeiner reproduktiver Thaͤtigkeit auf das Geschlechtssystem sich entge- genstellen, welches erkannt wird, indem hier die Regeln ge- woͤhnlich fruͤher bereits erschienen waren, oder Verbildungen in den Geschlechtsorganen vorhanden sind, dann tritt vorzuͤg- lich die oben gelehrte Behandlung verzoͤgerter, gaͤnzlich man- gelnder oder gehemmter Menstrualfunktion ein. Dieß sind daher vorzuͤglich die Faͤlle, wo in Folge einer verhaͤltnißmaͤßig zu betraͤchtlich gewordenen Saͤftemasse Blutentziehungen, und andere Saͤfteentleerungen durch vermehrte Darmsekretionen besondern Nutzen gewaͤhren, kurz wo die aͤltere Behandlungs- weise dieser Krankheit (§. 226.) vorzuͤglich angezeigt ist. Daß ferner, wo solche Verbildungen in Geschlechtsorganen (deren genauere Untersuchung daher unerlaͤßlich bleibt) sich vorfinden, welche, wie z. B. Atresien, eine operative Huͤlfe zulassen, diese alsobald werde Statt finden muͤssen, daß fer- ner eine wohlgeordnete, mehr vegetabilische Diaͤt, verbunden mit Baͤdern, angemessener Bewegung in freier Luft (wohin insbesondre auch das Reiten und Fahren zu rechnen ist) u. s. w. vorzuͤglich mit benutzt werden koͤnne, nm solche oft scorbu- tische Entmischungen der Saͤftemasse zu heben, ergiebt sich von selbst. Weiter verdient aber hierbey auch die eigentliche Geschlechtsfunktion Beruͤcksichtigung, indem z. B. wo der bleichsuͤchtige Zustand sich einfindet, entweder wegen eines der allgemeinen Koͤrperentwicklung nach nicht hinlaͤnglich aufgereg- ten Sexualsystems, oder in Folge des entzogenen Geschlechts- reitzes, z. B. bey jungen Wittwen, allerdings die Verhei- rathung eben so wesentlich zur Beseitigung der Krankheit beytragen kann, als, wo die Bleichsucht in Folge des uͤber- maͤßigen oder unnatuͤrlichen Geschlechtsreitzes sich entwickelte, die Beschraͤnkung desselben. — Welche besondere Behand- lung ferner einzelne Symptome dieser Krankheit zuweilen er- fordern koͤnnen, daß z. B. Neigung zur Saͤureerzeugung die Anwendung absorbirender und aromatisch bitterer Mittel, das Erscheinen scrofuloͤser Geschwuͤre, so wie der Hautausschlaͤge eine vorsichtige nicht auf zu ploͤtzliche Unterdruͤckung gerich- tete Behandlung noͤthig mache, laͤßt sich so leicht aus den Regeln der allgemeinen Therapie folgern, daß ausfuͤhrliche Eroͤrterungen hieruͤber unnoͤthig scheinen. §. 228. Eigentlich wuͤrden nun an diesem Orte auch die uͤbri- gen, dem weiblichen Geschlecht in der Periode der Puber- taͤtsentwicklung vorzuͤglich gefaͤhrlichen Reproduktionskrankhei- ten, namentlich die ohne Eiterung erfolgenden langsamen Auszehrungen sowohl, als die mit Eitererzeugung verbun- denen Schwindsuchten, aufzufuͤhren seyn, indeß da diese Krankheitsformen im Wesentlichen auf gleiche Weise auch dem maͤnnlichen Geschlecht eigen sind, auch nicht zu sagen ist, daß die Behandlung derselben in dem einen Geschlechte auf irgend verschiedenen Regeln als in dem andern beruhe, so muß dem Plane dieses Werkes gemaͤß, ihre weitere Betrach- tung uͤbergangen werden, und wir wenden uns daher viel- mehr zu den: 2. Verstimmungen der animalen Funktionen waͤhrend der Pubertaͤtsentwicklung. §. 229. Obwohl naͤmlich auch diese Zufaͤlle dem weiblichen Ge- schlecht weniger ausschließend angehoͤren, als etwa die Bleich- sucht oder die Fehler der Menstrualfunktion, so sind doch die Formen derselben zum Theil so auffallend, und oft an das Wunderbare graͤnzend, zum Theil werden sie auch durch das Eigenthuͤmliche der psychischen Natur des Weibes so sehr modifizirt, daß wir die Betrachtung derselben um so weniger ausschließen duͤrfen, da sie zumal auch als Symp- tome anderer Krankheiten vorkommen, auf alle Weise aber dem Arzte fuͤr weibliche Krankheiten die genaue Kenntniß derselben nicht mangeln darf, damit er durch die Neuheit dieser Erscheinungen nicht uͤberrascht, und in der ruhigen Entwerfung seines Heilplans gehindert werde Es ist sonderbar, in den neuern Lehrbuͤchern uͤber Frauenkrank- heiten diese merkwuͤrdigen Zufaͤlle immer uͤbergangen zu finden, obwohl andere Schriften (z. B. Henke von den Entwicklungen des menschlichen Organismus) sie als krankhafte Entwicklungszustaͤnde mit aufgefuͤhrt hatten. . §. 230. Um aber zuvoͤrderst das Eigenthuͤmliche vieler hierherge- hoͤriger Zufaͤlle nicht unnatuͤrlich oder vielmehr uͤbernatuͤrlich zu finden, muͤssen wir immer recht klar vor Augen behalten, daß der menschliche Organismus zwar eine Einheit, aber nicht ein wahrhaft in sich beschlossenes, den Grund seiner Existenz allein in sich tragendes Ganze sey, daß er vielmehr nicht einen Augenblick gedacht werden kann außer der Einwirkung der ihn umgebenden Natur, von welcher er stets durchdrun- gen ist, welche er stets in sich aufnimmt, und in welche er sich stets aufloͤst. Eben aus diesem Grunde wird er aber auch faͤhig, sich im Ganzen und das Ganze in sich zu fuͤhlen, so daß, je zarter seine Empfaͤnglichkeit, sein Wahr- nehmen wird, auch um so mehr sein Empfinden aͤußerer Veraͤnderungen sich ausdehnt, und zwar in eine Weite, fuͤr deren Begraͤnzung wir durchaus kein unverruͤckbares Maaß haben, so daß als eitle Anmaßung erscheint, wenn irgend ein Physiolog hier eine Saͤule mit einem non plus ultra aufzurichten gedenkt, denn nur was den Vernunftge- setzen widerstreitet, ist unmoͤglich. — Kann sich denn etwa ein Mensch, auf dessen gesunden Koͤrper die Umstimmungen der Atmosphaͤre, der Witterung, keinen merklichen Eindruck machen, sinnlich uͤberzeugen, wie es moͤglich sey, daß ein Anderer, dessen Sensibilitaͤt in erhoͤhterem Zustande sich be- findet, diese Veraͤnderungen, noch ehe sie wirklich erfolgt sind, schon wahrnimmt? und ist das Letztere deßhalb etwa weniger in Wahrheit der Fall? — §. 231. Es ist aber ferner zu bedenken, daß noch ein Unter- schied beachtet werden muͤsse zwischen der Erscheinung der Dinge und ihrem innersten Wesen, d. i. ihrer innern die Form der Erscheinung bedingenden Idee. Nun sind aber die Sinne dem Erfassen der Erscheinung allein bestimmt, keineswegs aber wird es dadurch ausgeschlossen, daß die Idee des Or- ganismus nicht unmittelbar afficirt werden koͤnnte durch die Verhaͤltnisse und Veraͤnderungen anderer mit ihm in einem unermeßlichen Weltall eingeborener Ideen, ja es ist noth- wendig, daß der Theil (und ein Organismus ist stets nur ein solcher) afficirt werden muͤsse von den Umstimmungen des Ganzen, zu welchem er gehoͤrt, und zwar unmittelbar, und auf gleiche Weise, wie das Leben und Gefuͤhl eines einzelnen Organes im Koͤrper sich aͤndert, jenachdem in an- dern Organen, und folglich (da ein Theil nicht umgewan- delt werden kann, ohne in gewisser Hinsicht das Ganze mit zu aͤndern) auch im Ganzen wesentliche Umstimmungen Statt gefunden haben. Dieses unmittelbare Wahrnehmen der Verwandlungen im Leben anderer Wesen ist aber um so nothwendiger, je mehr der Organismus integrirender Theil der allgemeinen Natur ist, so sehen wir denn, daß das In- sekt, welches nie den Winter erlebte, doch seine Eyer ge- gen die Kaͤlte desselben zu bergen weiß, so wird der Fisch oder Vogel auf seinen weiten Wanderungen nach dem ihm gesteckten Ziele gezogen, obwohl er es weder sehen, noch riechen, noch fuͤhlen kann, so vermeidet die geblendete Fle- dermaus das aufgespannte Netz, so empfinden so viele Thiere bevorstehende Witterungsaͤnderungen, Erdbeben u. s. w. — lauter Erscheinungen, deren Verstaͤndniß sich uns bald klar eroͤffnen wird, sobald wir zu einer recht lebendigen An- schauung der Natur in der Einheit uns erheben koͤnnen, welches indeß die Seele in ihren eigenen Tiefen erfassen muß, welches ihr von außen nicht bewiesen werden kann, und welches daher bey denen, welchen diese Ansichten noch nicht eigen geworden waren, Anlaß gab, entweder solche Er- scheinungen lieber geradezu zu laͤugnen, oder sich mit hypo- thetischen Sinnesarten zu einer schwachen Erklaͤrung zu ver- helfen, gegen welche uns doch sogar die eigentlich nur bild- lichen Darstellungen jener allgemeinen Verbindungen, wohin Meßmer’s Aetherstroͤmmungen gehoͤren, immer noch vor- zuͤglicher scheinen. §. 232. Nach diesen allgemeinen Vorbemerkungen wenden wir uns nun zu naͤherer Betrachtung der der Pubertaͤtsentwicklung zuge- hoͤrigen ungewoͤhnlichen und abnormen Zufaͤlle der animalen Thaͤ- tigkeiten im weiblichen Organismus, und muͤssen zuvoͤrderst, wie denn alle animale Thaͤtigkeit diesen beyden Richtungen folgt, zwischen abnormen Empfindungen und abnormen Gegenwirkun- gen unterscheiden. Beyde Gattungen sind indeß in der Na- tur keineswegs so scharf getrennt, daß nicht vielmehr gerade die meisten besondern Krankheitsfaͤlle nach dem Vorherrschen der einen oder andern Abnormitaͤt klassificirt werden muͤßten, und wenn wir daher Kraͤmpfe und Laͤhmungen einer- seits, und erhoͤhte oder gesunkene Empfindlichkeit andrerseits, allerdings gleich eigentlichen Grundformen zu be- trachten haben, so gehen doch die verschiedenen Unterarten derselben nebst ihren vielfachen Combinationen ins Unendliche, so daß wir uns begnuͤgen muͤssen, nur von den groͤßern Krankheitsgruppen eine allgemeine Charakteristik zu entwerfen. §. 233. Untersuchen wir nun zunaͤchst die in dieser Periode des weiblichen Lebens vorkommenden Stoͤrungen des Empfin- dungsvermoͤgens, so haben wir wieder die krankhaften Er- scheinungen des innern Sinnes, in welchem das eigentliche Seelenleben sich ausspricht, und des aͤußern Sinnes zu un- terscheiden. Zu denen der erstern Art gehoͤren: a) die Ueberspannungen des Selbstgefuͤhls im wachen Zustande , welche, je nachdem sich das Gemuͤth der Kran- ken dabey auf die aͤußern menschlichen Verhaͤltnisse, oder auf innere geistige und religioͤse Gegenstaͤnde richtet, zur Sucht bewundert zu werden (sey es auch nur wegen Ertra- gung vielleicht absichtlich geschaffener Leiden) oder zur Fan- tasterey , Sprechsucht, Verssucht und Musiksucht, oder endlich zur religioͤsen Schwaͤrmerey fuͤhrt; b) die Ueberspannung des Selbstgefuͤhls im Schlafe , als Schlafrednerey und Schlafwandeln , so wie die Ueberwaͤltigung des Selbstgefuͤhls, als Alpdruͤcken (In- cubus); c) die gaͤnzlichen Abspannungen des Selbst- gefuͤhls , als Ohnmacht, Apathie und wirklicher Bloͤd- sinn . — Zu den Abnormitaͤten des aͤußern Sinnes gehoͤ- ren: a ) die unverhaͤltnißmaͤßig starke Erregung der Sinneswahrnehmung durch gewoͤhnliche aͤu- ßere Einfluͤße , und hieher rechnen wir theils oͤrtliche Schmerzen, wo ein Organ vermoͤge gesteigerter Empfindlich- keit die fruͤher ihm natuͤrlichen Reitze (seyen es nun absolut oder nur relativ aͤußere, z. B. Einwirkung benachbarter Or- gane) als schmerzerregend wahrnimmt, theils Bestimmungen des Willens durch den zu stark empfundenen Reitz, also die Nachahmungssucht. b ) Die Erregung der Sinnes- wahrnehmung auf ungewoͤhnlichem Wege , die so- genannten Sinnesversetzungen, als das sogenannte Sehen durch die Magengegend, oder Hoͤren auf dieselbe Weise oder durch die Fingerspitzen u. s. w. — c ) Die Wahrnehmung aͤußerer Verhaͤltnisse, welche im gewoͤhnlichen Zustande gar nicht empfunden werden , und zwar des Schauens oder Fuͤhlens in entfernte Orte (Rabdomantie), das Wahrnehmen bevorstehender Dinge, entweder nur durch ein dunkles Gefuͤhl ( Ahnung ), oder mit klarem Bewußt- seyn ( Weissagung ). §. 234. Wir kommen nun zu den Stoͤrungen des Vermoͤgens, auf aͤußere Gegenstaͤnde durch Muskularthaͤtigkeit zu wirken. Hierher gehoͤren: a ) Laͤhmungen , und zwar entweder mit uͤbriggebliebener Sensibilitaͤt in dem gelaͤhmten Gliede, oder mit aufgehobenem Empfindungsvermoͤgen (torpide Paralyse). b ) Erstarrung , und zwar mit vollkommener Unbeweg- lichkeit der Glieder, Starrkrampf ( Tetanus ) mit seinen Un- terarten ( Trismus, Opiusthotonus etc. ), oder mit waͤchserner Biegsamkeit derselben ( Catalepsis ), wo sie jede gegebene Stellung behalten. c ) Heftig aufgeregte unwill- kuͤhrliche Muskelbewegung , Zuckungen, clonische Kraͤm- pfe, Epilepsie, Veitstanz u. s. w. — Endlich aber halten wir dieses auch fuͤr den angemessensten Ort, einiger sonder- baren im vegetativen Leben sich aͤußernden Abnormitaͤten zu gedenken, welche wir gleichfalls vorzuͤglich von krankhaften Einwirkungen des Nervensystems ableiten zu duͤrfen glauben, und welche in der ungewoͤhnlich langen Suspension mehrerer dem Leben sonst ununterbrochen nothwendiger Funktionen sich darstellen, wohin zu rechnen: a ) die lange Entbehrung von Nahrungsmitteln , b ) die lange Unterdruͤckung natuͤrlicher Ausleerungen , c ) die lange Unterbre- chung des Athemholens . §. 235. Es ist nun im Folgenden unsere Absicht, diese Krank- heitsformen noch im Einzelnen durchzugehen, sie nach ihrer Entstehung und ihrem Vorkommen, so wie nach der Art ih- rer Erscheinungen mit den Grundsaͤßen der Physiologie moͤg- lichst in Uebereinstimmung zu bringen, zu beleuchten, und dann von den Mitteln zu handeln, welche, in wiefern sie das Nervensystem unmittelbar in Anspruch nehmen, vorzuͤg- lich zur Behandlung derselben empfohlen zu werden verdie- nen, in wiefern naͤmlich diese Krankheitserscheinungen selbst nicht vielleicht blos Symptome anderweitiger Stoͤrungen dar- stellen; als welches aus der Verbindung oder vielmehr An- reihung dieser Zufaͤlle an andere primaͤr vorhandene (z. B. Stoͤrungen der Menstruation u. s. w.) sich ergiebt, und dann wesentlich nur die Behandlung jenes primaͤren Leidens fordert. §. 236. 1) Die Ueberspannungen des Selbstgefuͤhls im wachen Zustande betreffend, so sind sie vorzuͤglich bey schwaͤchlichen uͤberreitzten Jungfrauen, deren Geistesent- wicklung der koͤrperlichen weit vorgeeilt ist, zu bemerken; es ist hier, als ob der Geist auf alle Weise die Schwaͤche und Unvollkommenheit des Koͤrpers verdecken wollte, und zu- gleich als ob der Geist bey der unvollkommnen koͤrperlichen Organisation, gleichsam des festen Bodens in der sinnlichen I. Theil. 12 Welt ermangelte, und daher von einer Erscheinung leicht un- verhaͤltnißmaͤßig, ja bis zum Aufgeben aller innern Freyheit angezogen wuͤrde. Maͤdchen dieser Art zeichnen sich vorzuͤg- lich aus durch einen zarten Koͤrperbau, feine Haut, sprechende Gesichtszuͤge und vorzuͤglich ein aͤußerst lebendiges Auge, sie sind zu Fieberwegungen und Unordnungen in der Verdauungs- funktion geneigt, haben unruhigen Schlaf und lebhafte Traͤume. Bemerken diese Individuen nun (und sie fuͤhlen es vermoͤge ihrer Reitzbarkeit fruͤher und staͤrker, als gemeinhin geglaubt wird), daß man sie ihrer unvollkommnern physischen Ausbil- dung wegen bemitleidet, daß ihnen deßhalb wohl gar weni- ger Anspruͤche auf kuͤnftiges ehliches Gluͤck verstattet werden, so erwacht ihre Eitelkeit, sie wollen durch die gewaltsamsten Anstrengungen die Anspruͤche auf Beachtung erzwingen, welche ihnen die Natur versagt zu haben scheint, und nur allzuleicht geschieht dieß dann auf Unkosten der Wahrheit, ja sie scheuen die heftigsten koͤrperlichen Schmerzen nicht, wenn damit das Ziel, Aufmerksamkeit, ja Bewunderung zu erregen, erreicht werden kann, daher denn die Faͤlle, wo Personen dieser Art vorgaben, lange Zeit ohne alle Nahrungsmittel zu leben, und allerdings dabey nur sehr wenig genossen S. Osiander uͤber die Entwicklungskrankheiten. 1r Th. S. 188. , die Faͤlle, wo andere ungewoͤhnliche Dinge erdichtet wurden (z. B. verstellte Som- nambulen, oder das Schweitzermaͤdchen, welches eine Natter im Leibe zu haben, und durch die Vagina mit Milch zu er- naͤhren vorgab), ja wo die Personen sogar die schmerzhafte- sten Krankheiten nachbilden, und chirurgische Operationen nicht scheuen, wie ein Fall beweiset, wo ein Maͤdchen sich Kiesel verschiedener Groͤße in die Harnblase einbrachte und sich den schmerzhaftesten Extraktionen der uͤber die Natur dieser Blasensteine nicht wenig verwunderten Aerzte unterwarf Man lese diesen sehr merkwuͤrdigen von H. Klein mitgetheilten Fall in Harles Jahrbuͤchern der teutschen Medicin und Chirurgie. III. Bd. 2s Hft. . §. 237. Aehnliche Ueberspannungen hingegen, wenn dabey das Gemuͤth auf innere ideale Gegenstaͤnde gerichtet ist, bringen, obwohl sie urspruͤnglich ziemlich bey denselben Subjekten und unter aͤhnlichen Verhaͤltnissen wie die obgedachten entstehen, dann ganz andere Erscheinungen hervor, unter welchen vor- zuͤglich die religioͤse Schwaͤrmerey eine eigene und haͤufig vor- kommende Form darstellt. Man bemerkt sie vorzuͤglich bey Maͤdchen, welche bey einer mit unverstaͤndlichen Religions- begriffen uͤberfuͤllten Phantasie von irgend einem Ungluͤcksfall schwer betroffen werden, oder bey andern Individuen, welche bey reitzbarem Gemuͤth und einem vielleicht fruͤher weniger als recht um goͤttliche Dinge bekuͤmmerten Sinne, nun durch mystische Prediger ploͤtzlich aufgeschreckt wurden So sah man ja noch neuerlich, durch eine bekannte Schwaͤrmerin angeregt, junge Maͤdchen dem Hause ihrer Eltern entweichen, und sich fuͤr Braͤute Christi erklaͤren. . Ihr gan- zes Wesen scheint dann dem Irdischen entzogen, eine Liebe, deren Inbrunst an Geschlechtsliebe erinnert, ist den Heiligen oder dem Heilande zugewendet, und nur die naͤhere Erwaͤ- gung, daß in diesem Zustande weder Klarheit und Ruhe, noch vernunftgemaͤße Willensfreyheit und Besonnenheit obwal- tet, kann gegen den leicht bestechenden Reitz, ja gegen die geistige Erhebung einer schoͤnen Schwaͤrmerin, diesen Zustand als krankhaft darstellen. — Mitunter aber richtet sich wohl auch dieses Bestreben auf Kunst der Sprache oder der Musik, so hoͤrte man von solchen exaltirten Kranken lange Gedichte improvisiren, und mit feurigem Ausdrucke vortragen, man hoͤrte sie mit weit schoͤnerem Ausdruck und mehr Kunst als im natuͤrlichen Zustande singen, ja Instrumente spielen und Sprachen reden Osiander a. a. O. Th. 1. S. 94. , darin sie sonst wenig geuͤbt waren; ob- wohl dieses insgemein schnell voruͤbergehende Zustaͤnde sind, und zum Theil als bloße Symptome mit der Sucht nach Auszeichnung oder der religioͤsen Schwaͤrmerey, oder koͤrperli- chen Krankheiten sich verbinden. §. 238. Wir kommen nun zu den Abnormitaͤten, welche auf der Nachtseite des Lebens bey weiblichen, in der Entwick- lungsperiode begriffenen Individuen nicht selten bemerkt wer- den, und als Ueberspannungen oder Oppressionen des Selbstgefuͤhls im Zustande des Schlafs oben bezeichnet worden sind. — Alle diese Zustaͤnde aber haben etwas besonders Geheimnißvolles, haben deßhalb zu den son- derbarsten Meynungen Veranlaß gegeben, und koͤnnen wohl uͤberhaupt nie dem erwachten Menschen in allen Beziehungen so klar und verstaͤndlich werden, als es das Wachen selbst ist, eben weil das sinnlich Vorhandene nur durch die Erfah- rung erkannt wird, der Schlaf aber mit dem in ihm beschlos- senen Kreise von Erscheinungen eine zu sehr in sich begraͤnzte Sphaͤre darstellt, als daß sie vollkommen in den Kreis der freyen Verstandsthaͤtigkeit, dem ersten Bedingniß der Erfah- rung eingehen koͤnnte; hinwiederum aber der Mensch, wenn er in die Sphaͤre des Schlafs und der Traͤume eingegangen ist, zu wenig Freyheit und Klarheit hat (eben weil seine hier erregten Zustaͤnde selbst freyes Spiel der Phantasie sind) um, so lange er in derselben befangen ist, der wissenschaft- lichen Erfahrung faͤhig zu seyn. §. 239. Suchen wir indeß demohnerachtet tiefer in diese Ge- genstaͤnde einzudringen, so kann dieß nur geschehen, indem wir bedenken, daß uͤberhaupt nicht das Wachen, sondern der Schlaf der urspruͤngliche Zustand des menschlichen Organis- mus sey, daß im Schlaf die Individualitaͤt immer wieder dem großen Ganzen, aus welchem sie hervorgetreten, naͤher gebracht, mehr von diesem Ganzen durchdrungen werde, als in der starrern Selbststaͤndigkeit des wachen Zustandes moͤglich ist. So finden wir denn im tiefen Schlafe die der Sinneswelt zugekehrte Wirkung der Seele gleichsam aufgeloͤst in dem Ganzen der Natur, und das Gefuͤhl des indivi- duellen Daseyns uͤberhaupt aufgehoben, allein im leichteren Schlafe kann auch das Gefuͤhl des Daseyns bestehen, es be- steht jedoch dann auf andere Weise, naͤmlich wieder beengt von den Schranken der Zeit und des Raumes in wunder- licher Ungebundenheit; kurz der Traum hebt an. — Ist indeß der Traum so lebendig, daß er selbst uͤber willkuͤhrliche Reactionen seine Herrschaft verbreitet, so erzeugt sich eine widernatuͤrliche Verbindung von Tag- und Nachtseite, ein Schlafwachen (schon der Widerspruch in diesem Worte be- zeichnet das Krankhafte) und es tritt hierbey nun ein dop- pelter Fall ein, naͤmlich entweder entspricht Traum und Wirksamkeit des Schlafenden den aͤußern Verhaͤltnissen oder nicht. Das erstere zeigt sich in vorzuͤglich hohem Grade im Schlafwandeln ( Somnambulismus ), wo Schlafende be- kanntlich das leiseste Gefuͤhl, ja mehr als dieses, einen ge- gewissen Instinkt verrathen, welcher sie in vielerley Dingen sich orientiren, und in den gefaͤhrlichsten Stellen sich erhal- ten und fortbewegen lehrt, und welcher eben aus dem weni- ger bewußten Versinken der Individualitaͤt in den großen Naturkreis verstaͤndlich wird (s. §. 231.). — Dieses Schlaf- wandeln aber findet sich vorzuͤglich bey sehr sanguinischen Maͤdchen und vorzuͤglich wenn die Unterleibsorgane in nicht ganz naturgemaͤßem Zustande sind, bey aufgetriebenen Lymph- druͤsen, Verschleimungen des Darmkanals, Wuͤrmern u. s. w. welches darthun kann, daß allerdings das Gangliensystem, wenn wir auch darin keineswegs den alleinigen Grund dieser Verstimmungen suchen moͤgen, doch wichtigen Antheil an den- selben nehmen muͤsse. — Daß uͤbrigens auch der Einfluß des Mondes auf Erregung dieser Zustaͤnde bedeutend sey, ist be- kannt, und daß dieser Einfluß gerade beym weiblichen Ge- schlecht wegen der Einwirkung desselben auf die Menstruation (§. 120 u. f.) bedeutender seyn koͤnne, mir sehr wahrscheinlich. §. 240. Die Schlafrednerey betreffend, so ist dieselbe offen- bar schon mehr dem bloßen Traume genaͤhert und deßhalb auch meistens den naͤchsten aͤußern Verhaͤltnissen weniger ent- sprechend, somit die Tag- und Nachseite weniger unterein- andermengend, und folglich wieder unnatuͤrlich, uͤbrigens sind die Bedingungen, unter welchen sie entsteht, ziemlich diesel- ben. — Dagegen haben wir noch diese Erscheinungen des Traumlebens in anderer Hinsicht zu betrachten, naͤmlich in wiefern sie selbst durch aͤußere Einwirkungen, oder durch be- sondere krankhafte Stimmungen des leiblichen Organismus (welche immer fuͤr die Phantasie ein Aeußerliches sind) be- stimmt, und die Freyheit des Phantasiespiels, das reine Auf- loͤsen in einen groͤßern Naturkreis beeintraͤchtigt wird. Hier- her gehoͤren nun schon die aͤngstlichen, erhitzenden oder er- mattenden Traͤume, welche von schwerer, ungesunder oder mit stark riechenden Dingen geschwaͤngerter Zimmerlust, nach schweren Speisen u. s. w. erregt werden; vorzuͤglich aber ge- hoͤrt hierher das sogenannte Alpdruͤcken , welches bey voll- bluͤtigen, in der Entwicklungsperiode begriffenen weiblichen Subjekten nicht selten vorkoͤmmt, und mir im Wesentlichen darin zu bestehen scheint, daß durch Anhaͤufung eines nicht hinlaͤnglich oxydirten Blutes in den Gefaͤßen der großen Cen- tralnervenmassen die Wirksamkeit des Nervensystems mehr noch, als sie es im Schlafe seyn soll, gehemmt wird, zuletzt selbst die Respirationsbewegung zu unterhalten versagt Wie sehr die Athmungsbewegung vom Hirn abhaͤngt, haben die Experimente von Brodie, le Gallois und Andern hinlaͤnglicher wiesen. , und das Gefuͤhl einer schweren, auf die Brust gelegten Last er- zeugt, wobey selbst, wenn durch diesen Schmerz das Erwa- chen endlich herbeygefuͤhrt wird, die allgemeine Laͤhmung, der gleichsam asphyktische Zustand, nicht eher nachlaͤßt, bis es der angestrengten Willensrichtung des Kranken gelungen ist, laut aufzuschreyen, d. i. die Laͤhmung der zur Athmungsbe- wegung noͤthigen Muskeln zu uͤberwaͤltigen. Es erklaͤrt sich nun sehr wohl, warum die einzelnen Anfaͤlle vorzuͤglich nach Ueberladungen des Magens, nach hitzigen Getraͤnken, bey schwerer Gewitterluft u. s. w. erfolgen S. vom Alp Reil’s Fieberlehre. IV. Bd. §. 94 u. f. . §. 241. Ferner die Abspannung des Selbstgefuͤhls ist, wo sie in der Entwicklungsperiode, und zwar nicht etwa be- dingt durch andere Krankheiten, vorkommt, gewoͤhnlich die Folge vorausgegangener Ueberspannung, und zwar entweder durch eine auf zu zeitige Entwicklung psychischer Kraͤfte ge- richtete Erziehung, oder in Folge physischer Reitzungen, so wie heftiger Gemuͤthserschuͤtt ernngen herbeygefuͤhrt. Sie aͤu- ßert sich am gewoͤhnlichsten in der Form der Apathie, die Kranken zeigen ein gedunsenes schlaffes Ansehen, ihr Auge starrt geistlos gerade aus, sie sitzen wohl stundenlang, ohne eine bestimmte willkuͤhrlich geregelte Gedankenreihe zu verfol- gen, Nichts regt ihre Theilnahme besonders an, und selbst die leiblichen Verrichtungen gehen traͤge und unvollkommen von Statten. Der Bloͤdsinn selbst ist der hoͤhere Grad dieser Apathie, und die Erscheinungen desselben beduͤrfen hier keiner naͤhern Beschreibung. — Dagegen waͤre noch von den gewoͤhnlich schnell voruͤbergehenden Abspannungen des Selbstgefuͤhls, welche als leichte oder starke Ohnmacht ( Lipothymia und Syncope ) erscheinen, zu sprechen, allein diese, obwohl sie in den Entwicklungsjahren haͤufig genug vorkommen, sind so gaͤnzlich die aͤußern Symptome koͤrper- licher Krankheit, und vorzuͤglich von krankhaften Zustaͤnden des Gefaͤßsystems, daß, wenn sie auch zuweilen fast allein das Krankseyn bezeichnen So die mit Kraͤmpfen verbundenen Ohnmachten der Prinzessin Lamballe, welche H. Osiauder a. a. O. 1r Thl. S. 190 nach Saifert erzaͤhlt. , dieselben doch in wissenschaft- licher Hinsicht eine besondere Betrachtung nicht gestatten. §. 242. Nun zu den Abnormitaͤten in Wahrnehmun- gen aͤußerer Gegenstaͤnde , wohin wir zuvoͤrderst die erhoͤhte Reitzbarkeit fuͤr gewoͤhnliche Sinneseindruͤcke rechnen Die habituellen Schmerzen, an welchen reitzbare Kranke gewoͤhnlich leiden, uͤbergehen wir hier, in wiefern sie gewoͤhnlich an oͤrtliche Verbildungen, Entzuͤndungen u. s. w. geknuͤpft sind. . — Wenn aber der regelmaͤßige Stand sinnlicher Wahrnehmung abhaͤngt von einer gleichmaͤßigen Durchdrin- gung der Außenwelt und der Individualitaͤt, so ist offenbar eine zu große Reitzbarkeit der Sinne gewissermassen anzusehen als ein Verlieren an das Aeußere, womit das stufenweise Abnehmen der Selbststaͤndigkeit und kraͤftigen Gegenwirkung, beym Zunehmen der Reitzbarkeit, endlich aber das so bedeu- tende Erschlaffen individueller Thaͤtigkeit, daß selbst die Re- ceptivitaͤt gelaͤhmt wird, uͤbereinstimmt. Wir bemerken da- her, daß eine sehr haͤufige Reitzung, ein vermehrtes Hin- wenden auf das Aeußere veranlaßt, und die Erregbar- keit eben dadurch bis auf einen gewissen Grad immerfort steigert, dann aber laͤhmt, und werden von hier aus auch uͤber die Ursache der so betraͤchtlich gesteigerten Sensibilitaͤt junger, kunstreich und zaͤrtlich erzogener (d. i. von Jugend auf mit den mannigfaltigsten Reitzen umgebener) Maͤdchen Aufschluß erhalten koͤnnen, eine Sensibilitaͤt, die sich dann oft durch die sonderbarsten Erscheinungen kund giebt. Hierher gehoͤren die Idiosynkrasien, wo Personen dieser Art den Ge- ruch oder Geschmack gewisser Dinge, ja selbst gewisse Farben oder Toͤne, so wie die Anwesenheit mancher Thiere (beson- ders der Katzen, wahrscheinlich zum Theil ihrer starken Elek- tricitaͤt wegen) nicht vertragen koͤnnen, sondern davon ohn- maͤchtig, zum Erbrechen gereitzt, oder sonst krankhaft afficirt werden; besonders merkwuͤrdig aber ist die aus einem zu starken Eindruck entspringende Nachahmungssucht, welche in einem gewissen Grade auch dem gesunden Menschen, ja schon so vielen Thieren eingepraͤgt ist, und uͤber deren Grund wir noch einige Betrachtungen beyfuͤgen. §. 243. Wenn wir naͤmlich die verschiedenen Arten der Erre- gung uͤberhaupt durchgehen, so zeigt sich, daß da, wo noch die Einheit der Organisation unvollkommen, ihr leiblicher Re- praͤsentant, das Nervensystem, noch nicht gebildet ist, eine Erregung von außen auch unmittelbar die Reaktion be- dingt; ein Polyp, ein Blatt der Dionaea Muscipula ziehen sich daher unfehlbar zusammen, sobald sie beruͤhrt werden. Mit der groͤßern Selbststaͤndigkeit hingegen, der groͤßern Aus- bildung der im Nervensystem wirkenden Kraft, wird es im- mer vollkommner in die Willkuͤhr des Organismus gestellt, ob eine Reaktion erfolgen solle oder nicht. Dieser Gang wie- derholt sich vollkommen in einer hoͤhern Sphaͤre. Die schwaͤ- chere Individualitaͤt, wie sie im Kinde, wie sie zum Theil auch im Weibe erscheint, erkennt leicht, und zwar eben weil sie noch inniger im großen Naturkreise und weniger isolirt lebt, den fremden Willen fuͤr den eigenen; unmittelbar, wenn sie auch zunaͤchst gar nicht auf sie gerichtet war, folgt sie der fremden Willensrichtung, und unbewußt ahmt sie nach. Daher der außerordentliche Nachahmungstrieb der Kinder, daher aber auch das Nachahmen von Thaͤtigkeiten, welche von niedern Organen geuͤbt werden, z. B. der Trieb zum Gaͤhnen, wenn ein Anderer gaͤhnt, die Ueblichkeiten oder das wirkliche Erbrechen, wenn ein Anderer sich erbricht u. s. w.; denn stets je niedriger die Funktion, um so mehr gehoͤrt sie der Gesammtheit der Natur an, und um so mehr ent- fernt sie sich von vernunftgemaͤßer Einheit und Freyheit . So lange nun dieser Nachahmungstrieb in den Graͤnzen der Naturgemaͤßheit bleibt, ist derselbe auch nicht als krankhaft zu betrachten, zeigt es sich jedoch, daß dadurch in einem Organismus, welcher zu freier Willensrichtung bestimmt ist, und sie durch willkuͤhrlich geregelte Thaͤtigkeit aussprechen sollte, diese beeintraͤchtigt, die Freiheit aufgehoben werde, so ist sie krankhaft, und es ergiebt sich, daß, je hoͤher die Reitzbarkeit uͤberhaupt gesteigert ist, die Neigung zu diesem krankhaften Zustande um so groͤßer seyn muͤsse, Grund genug, um einzusehen, warum die meisten auffallenden Beyspiele krankhafter Nachahmungssucht So Voerhaves bekannter Fall von denen im Waisenhause zu Harlem laus Nachahmungstrieb mit Kraͤmpfen befallenen Maͤdchen, und aͤhnliche mehr. das weibliche Geschlecht, und zwar besonders in den Entwicklungsjahren, wo die Erreg- barkeit immer groͤßer ist (s. 211.) darbietet. §. 244. Ferner ist eine der sonderbarsten und seltensten Erschei- nungen das Erhalten von Sinneseindruͤcken auf ganz ungewoͤhnlichem Wege , naͤmlich durch die Ma- gengegend, oder andere sonst fuͤr diese Eindruͤcke unempfindliche Koͤrperstellen. Manche Schriftsteller zwar haben allen naͤhern Eroͤrterungen hieruͤber mit einem Male dadurch ausweichen wollen, daß sie alle Beobachtungen dieser Art geradezu als Taͤuschungen verwarfen, weil sie nicht mit ihren vorgefaßten Meynungen von dem, was die Natur vermoͤge, zusammenstimm- ten. Indeß ist dieß nicht minder thoͤricht, als bey Aufneh- mung so seltener Erfahrungen nicht mit der moͤglichsten Um- sicht und Schaͤrfe zu Werke zu gehen, weßhalb wir H. Osiander A. a. O. 2r Thl. S. 304. sehr beypflichten, wenn er gegen die erstern den Montaigne anfuͤhrt, welcher die Art uͤber Aehnliches im Voraus abzuurtheilen bitter tadelt, und gedenken hierbey auch Leibnitzens , welcher bey Gelegenheit des Atheismus be- merkt, daß Leichtglaͤubigkeit und Unglaͤubigkeit sich oft son- derbar vermischen, ja daß zuweilen nur der eigene Vor- theil diktirt, was geglaubt und was nicht geglaubt werden solle S. Geist des H. v. Leibnitz u. s. w. Aus d. Franz. uͤbersetzt. Wittenberg 1775. 1r Thl. S. 70. ; — eine Meynung, welche vielleicht ganz besonders an solche Aerzte erinnern koͤnnte, bey denen nichts Glauben findet, was der bequemen Praxis des Receptschreibeus hin- derlich werden moͤchte. §. 245. Fragt man aber zuvoͤrderst, ob Erscheinungen dieser Art wirklich mit der Natur des menschlichen Koͤrpers, wie wir sie sonst kennen, in vollkommnem Widerspruch stehen oder nicht, so scheint uns soviel sicher, daß allerdings eigentliches Sehen, eigentliches Hoͤren u. s. w. außer mittelst der fuͤr diesen Sinn bestimmten Werkzeuge nicht Statt finden koͤnne; allein dieses anzunehmen finden wir auch in den zu erwaͤhnenden Beobachtungen keinen Grund, indem man ins- besondre festhalten muß, daß die Natur ein Ganzes, in un- endlichen Kraͤften sich wechselseitig Durchdringendes ist, daß alle Dinge durch einander existiren, daß daher in einem des Gefuͤhls faͤhigen Koͤrper die mannigfaltigen aͤußern Ver- aͤnderungen auch als Umstimmungen dieses Gefuͤhls sich noth- wendig abspiegeln muͤssen, wobey es jedoch geschehen kann, daß nur ein Theil dieser Umstimmungen zum Bewußtseyn kommt, ja daß sie schon ohne Bewußtseyn die Thaͤtigkeit des Koͤrpers umaͤndern (wohin die Triebe und Instinkte niederer Thiere (§. 231.) gehoͤren). Nun ist aber uͤberhaupt das, was wir Wahrnehmen aͤußerer Gegenstaͤnde nennen, bekannt- lich keineswegs ein Wahrnehmen der Dinge an sich , son- dern das Wahrnehmen eines Bildes , welches die Phantasie erzeugt, angeregt von den verschiedenartigen Reitzungen des Koͤrpers; und eines Bildes zwar, welches aus den Farben gemalt ist, welche die einzelnen Sinnesformen darbieten, und in welchem daher beym Mangel einzelner Sinnesformen auch die Farben mangeln muͤssen, welche diesen mangelnden Sin- nen entsprechen, so daß ein Blindgeborener daher wohl in Toͤnen, nach Gefuͤhls-, Geruchs- und Geschmacksempfindun- gen Vorstellungen haben wird, aber nicht nach Farben und Licht. So wie nun aber z. B. ein Mensch ohne Fuͤße wohl sich fortbewegen lernt, dieses Fortbewegen aber nie Gehen genannt werden kann, so kann nun wohl der Mangel oder die Unthaͤtigkeit eines Sinnes, z. B. des Gesichts, durch eine andere Wahrnehmung ersetzt werden, allein dieß ist nicht Sehen zu nennen; und hier liegt nach unserm Dafuͤrhalten der Hauptknoten in dem Verstaͤndniß der fraglichen Erschei- nungen. §. 246. Naͤmlich auch die innere, nicht unmittelbar von aͤußern Erscheinungen angeregte Thaͤtigkeit der Phantasie bildet in den sinnlichen Formen, daher glauben wir einen lebhaft gedachten Gegenstand zu sehen , wir glauben zu hoͤren, zu sehen u. s. w. im Traume , und doch sehen wir eigent- lich nicht. So nun auch, wenn das unmittelbare, nicht durch die einzelnen Sinnesformen erregte Gefuͤhl eines aͤußern Einflußes, dessen Stimmung unser Inneres mit durchdrungen hat, wirklich zum Bewußtseyn gelangt, wird es doch ange- schaut werden unter der Form der gewohnten Sinne, welches man im gemeinen Leben sehr passend im Geiste sehen, hoͤren u. s. w. nennt. Z. B. ein Mensch, welcher mit ploͤtzlich gelaͤhmtem Gesicht und Gehoͤr in einen kuͤhlen gruͤ- nen Wald versetzt wuͤrde, und sich durchdrungen fuͤhlte von der frischen Natur, dem eigenen Duft der Blaͤtter und der erquickenden Kuͤhle, dessen Phantasie wuͤrde angeregt werden, wenn er fruͤher oft an aͤhnlichen Orten gewesen waͤre, sich den Wald selbst, das Gruͤn der Blaͤtter, das Geraͤusch des Win- des in den Zweigen auszubilden, ja er wuͤrde bey lebhafter Phantasie endlich dieses selbst zu sehen, zu hoͤren glauben, und es ist deutlich, daß dieses Phantasiebild der Wirklichkeit um so mehr entsprechen wuͤrde, je lebendiger der Mensch von dem Gefuͤhle dieser Natur durchdrungen war. §. 247. Nun ist aber schon mehrmals bemerkt worden, daß der niedere Organismus nothwendig zugleich inniger in der Natur lebt, mehr von ihr durchdrungen wird, als der hoͤ- here , und hierauf muͤssen wir Ruͤcksicht nehmen bey jenen Beobachtungen der scheinbaren Versetzungen der Sinne. — Auch der Mensch naͤmlich enthaͤlt zugleich eine niedere und eine hoͤhere Natur in sich, und es ist klar, daß die niedere Sphaͤre insbesondre geeignet seyn muͤsse, von aͤußern Ver- haͤltnissen dergestalt durchdrungen zu werden, daß an diesen innern Modifikationen unmittelbar, in sofern sie durch die vom Aeußern abgezogene und in ihr Inneres schauenden Seele wahrgenommen werden, die Erkenntniß jener aͤußern Verhaͤltnisse moͤglich wird, wobey natuͤrlich wieder durch die Phantasie eine solche Vorstellung in die gewohnten Sin- nesformen eingebildet werden, und der Mensch glauben muß, diese Gegenstaͤnde zu sehen, zu hoͤren u. s. w., obwohl er sie eigentlich vielmehr in einem dem Aeußern wahrhaft entsprechenden Traume wahrnimmt. — Wie weit uͤbri- gens die Sphaͤre dieser Wahrnehmung gehen koͤnne, laͤßt sich a priori durchaus nicht bestimmen. Der Geist ist uͤber Zeit und Raum, Zeit und Raum sind vielmehr in ihm , und wenn wir bestimmte Beyspiele haben, daß selbst Thiere die Gegenwart von Personen, zu welchen sie große Anhaͤnglich- keit hatten, in einer Entfernung, wo die gewoͤhnlichen Sinne nicht hinreichten, empfanden, wie duͤrften wir hier dem Men- schen ein non plus ultra willkuͤhrlich vorschreiben wollen? — Es gilt hierbey viel mehr treu und unbefangen zu beobachten, welche merkwuͤrdige Erscheinungen die Natur hier uns dar- bietet, als ihr im Voraus Graͤnzen ziehen zu wollen. §. 248. Fragt man uͤbrigens, welches die niedere Sphaͤre sey, durch welche der Mensch zu Perceptionen der erwaͤhnten Art faͤhig werde, so kann hier keine als die Sphaͤre der Repro- duktion gemeynt seyn, welche, in wiefern ihre Sensibilitaͤt sogar an den Traͤger eines eigenen Nervensystems geknuͤpft ist, noch mehr zu diesen Erscheinungen geeignet wird; womit denn uͤbrigens die Geschichten dieser Erscheinungen selbst uͤber- einstimmen, indem man immer bemerkt hat, daß vorzuͤglich die den Centralpunkten der Reproduktion, d. i. der Gegend zwischen Herz, Magen und Leber am meisten genaͤherten Partien des Koͤrpers solcher Perceptionen faͤhig waren, ob- wohl wir deßhalb dieser Gegend nicht das Vermoͤgen des Gesichts, des Gehoͤrs u. s. w. selbst zuschreiben koͤnnen. — Warum haͤtte man denn wohl nie bemerkt, daß eine Kranke vorgab, mit den Ohren zu sehen? mit den Augen zu hoͤren? mit dem Gehirn uͤberhaupt Sinneswahrnehmungen zu haben? — Warum finden wir uͤberall, selbst bey Personen, welche ihrer geringen Bildung nach unwiderleglich von aͤrztlichen Hypo- thesen keine Sylbe wußten, immer wieder die Magengegend als durch diese Sensibilitaͤt hervorgehoben? — §. 249. Ehe wir nun ganz von dieser Digression zuruͤckkehren (welche wir uͤbrigens nicht gemacht haben wuͤrden, waͤren die hier zur klarern Einsicht doch unumgaͤnglich noͤthigen Ideen in den Physiologien bereits allgemein klar genug ent- wickelt zu finden), nur noch einige Worte uͤber die Moͤglich- keit des Wahrnehmens eigener innerer Koͤrpertheile in solchen exaltirten Zustaͤnden. Auch dieses naͤmlich koͤnnen wir nur als Phantasiebilder, oder wenn man lieber will, als Traͤume von den Gestalten dieser einzelnen Organe betrachten, und es scheint wohl natuͤrlich, daß wenn Umstimmungen des Ge- meingefuͤhls wahrhafte Vorstellungen von Außendingen veran- lassen, auch die Organe an und fuͤr sich selbst Vorstellungen, und zwar von ihrem eigenen Zustande, erregen. Ja es liegt wohl hierin noch eine bestimmtere Rechtfertigung obiger An- sicht, denn waͤre es nicht ein Widerspruch, wenn man sagte, daß ein Organ sich selbst saͤhe? sieht ja doch sogar das Auge nicht sich selbst. Vielmehr deuten alle diese Erscheinungen so wie das Gefuͤhl, welches in schweren Krankheiten nicht selten bemerkt wird, und mir bey einem boͤsartigen Nerven- fieber durch eigene Erfahrung bekannt wurde, wo der Kranke naͤmlich sich doppelt glaubte und einzelne seiner Glieder als zu einem andern Koͤrper gehoͤrig betrachtete, — daß hier Traͤume (welche indeß auch der Wirklichkeit zuweilen in ho- hem Grade entsprechen koͤnnen) sich gestalten. — Eben deß- halb ist aber auch auf die Richtigkeit dieser Vorstellungen nicht zu viel zu geben, denn wenn schon beym wirklichen Sehen viel davon abhaͤngt, wie man sieht, und das rechte Sehen erst erlernt werden muß, ja um so mehr gesehen wird, je mehr man weiß, so koͤnnen in solchen ungewoͤhnli- chen Wahrnehmungen, und zwar oft sehr unwissender Men- schen, große Taͤuschungen leicht Statt finden, ohne daß man diese Irrthuͤmer deßhalb allein als Belege absichtlichen Be- trugs aufstellen darf. — Endlich ergiebt sich aber auch hier- aus, daß auf diese Weise die Phantasie keine Bilder erhal- ten wird, deren sie nicht bereits auf anderem Wege faͤhig geworden ist; so z. B. daß keiner Blindgebornen durch Magengegend oder Fingerspitzen u. s. w. Gesichtsvorstellungen angeregt werden koͤnnen, obwohl eine Blindgewordene deren hierdurch eben so lange erhalten koͤnnte, als ihr die Erinne- rungen des Gesichtssinnes zuruͤckbleiben. §. 250. Was nun die einzelnen Faͤlle solcher scheinbaren Sin- nesversetzungen betrifft, so sind deren allerdings noch zu we- nige genau beobachtet, als daß man angeben koͤnnte, unter welchen Umstaͤnden und bey welchen Individuen sie vor- zuͤglich bemerkt wurden; jedoch scheint es, als ob sie meistens nur in Verbindung mit andern ungewoͤhnlichen Stimmungen der Sensibilitaͤt, naͤmlich entweder in dem durch eigene Na- turthaͤtigkeit oder durch Kunst entstandenen Somnambulismus, oder bey krampfhaften Zustaͤnden, und namentlich bey der hysterischen Catalepsis vorkommen. Als Gelegenheitsursachen zu Entstehung dieser Zufaͤlle hat man vorzuͤglich haͤufig Re- gelwidrigkeiten der Menstruation, insbesondre die ploͤtzliche Unterdruͤckung derselben und heftige Gemuͤthsbewegungen be- obachtet. Die Subjekte waren theils schwaͤchliche reitzbare Personen von feiner Erziehung, theils aber auch Personen aus der niederen Volksklasse und an starke koͤrperliche Arbei- ten gewoͤhnt. Zu den letztern gehoͤrt der von Dr. Renard bekannt gemachte, durch das gerichtliche Zeugniß zweier an- dern Aerzte und eines Predigers beglaubigte Fall einer Tag- loͤhnersfrau von 23 Jahren, welche im kataleptischen Zu- stande durch Magengegend und Fingerspitzen hoͤrte Hufeland’s Journal f. d. pr. Heilk. 1815. 2s St. , und zwar nicht nur wo diese Theile unmittelbar vom Laute ge- troffen wurden, sondern auch dann, wenn nur eine Zuleitung zu diesen Theilen, z. B. durch eine Kette von mehreren Per- sonen gebildet worden war. Eben so gehoͤren zu den Faͤllen der Sinneversetzung in kataleptischen Zustaͤnden die von Pe- tetin gemachten Beobachtungen Man s. diese Beobachtungen nebst andern von D. Renard als Einleitung zum eben angefuͤhrten Aufsatze. , welcher zuerst die Auf- merksamkeit der Aerzte auf diesen Gegenstand lenkte. Von den sogenannten Sinneversetzungen bey von selbst entstandenem oder kuͤnstlich erregtem Somnambulismus, so wie den dabey nicht selten beobachteten ziemlich wahrhaften Traͤumen vom in- nern Koͤrperbau enthalten die zahlreichen Schriften uͤber animalen Magnetismus Beyspiele in Menge. Ein aͤußerst merkwuͤrdi- ges Beyspiel einer ohne Catalepsis und Somnambulismus entstandenen Sinneversetzung, naͤmlich des Erregens von Ge- sichtsvorstellungen mittelst der Fingerspitzen, wuͤrde hingegen die neuerlich Aufsehen erregende Miß Mavoy in England darbieten, sobald die Thatsache selbst hinlaͤnglich festgestellt waͤre Die Bemerkungen, welche H. Nees v. Esenbeck im Archiv f. d. thier. Magnetism. III. Bd. 2s St. hieruͤber mittheilt, zeigen aller- dings, daß man mehr Ursache habe, die Thatsache fuͤr wahr als fuͤr erdichtet anzunehmen. . §. 251. Endlich kommen wir zu den sonderbarsten und seltensten Erscheinungen der aufgeregten Sensibilitaͤt, wo die Schranken des Raumes und der Zeit fast aufgehoben scheinen, und wo- hin zuerst das Schauen oder Fuͤhlen von Gegenstaͤnden ge- hoͤrt, welche nach der gewoͤhnlichen Weise sinnlicher Wahr- nehmung nicht zu erkennen waren. Auch dieses ist selten als einzeln vorkommende Erscheinung, sondern gewoͤhnlich als Symptom des Somnambulismus beobachtet worden; jedoch wuͤrde das Beyspiel der Mad. Pedegache in Spanien, welche das Vermoͤgen besessen haben soll, in das Innere der Koͤrper zu schauen, hierher gerechnet werden muͤssen, dafern sichere und glaubwuͤrdigere Nachrichten daruͤber vorhanden waͤren S. daruͤber H. Osiander uͤber d. Entwicklungskrankheiten im in u. 2n Thle. . Ein merkwuͤrdiges, von erfahrenen Zeugen beglau- bigtes und durch Versuche erprobtes Beyspiel einer hohen rabdomantischen Sensibilitaͤt bey einem ohngefaͤhr 20 Jahr alten, sich sonst dem Aeußern nach wohl befindenden Frauen- zimmer, von blaßer Farbe, schlankem Wuchs und lebhaftem Gemuͤth, ist dagegen das vom Bergmeister F. Glinsberg in Arau bekannt gemachte Archiv schweizerischer Aerzte. 1r Jahrg. 1s Hft. 1816. S. 56. , wo eine Richtung von Stein- kohlenlagern durch dieselbe angegeben wurde, welche dem Bergmeister unerwartet und unbekannt, demohnerachtet durch die Nachgrabung bestaͤtigt worden war. Die Empfindungen, durch welche sie das Verhaͤltniß der Fossilien entdeckt, sind Engbruͤstigkeit, Zuckungen, Schweiß, bey Steinkohlen schwe- felartiger Geruch u. s. w. Sie gab zu Elgg die Maͤchtig- keit des Floͤtzes ziemlich bestimmt an und bezeichnete den Platz einer verborgenen Quelle richtig. §. 252. Weit haͤufiger sind dagegen aͤhnliche Erscheinungen in den sogenannten magnetischen oder auch in kataleptischen Zu- staͤnden beobachtet worden, allwo denn auch das Vorgefuͤhl zukuͤnftiger Dinge oft mit besonderer Schaͤrfe hervortritt. Von beyden wollen wir nur einige Beyspiele erwaͤhnen. So er- kannte z. B. des Dr. Renard kataleptische Kranke Perso- nen in andern Zimmern und die Beschaͤftigung derselben, so wie Geldsummen, Schluͤssel u. s. w. in den Taschen der An- wesenden A. a. O. S. 72 u. 75. ; so sagte dem Hofmedikus Klein eine von selbst in Somnambulismus gerathene Kranke von 21 Jahren am 30. Juny 1812 auf eine an sie gerichtete Frage: daß eine gewisse Frau den 20. July mit einem Knaben leicht nieder- kommen, der Arzt aber nachher sich in Acht zu nehmen haben werde, welches puͤnktlich eintraf, indem den 20. July die Geburt eines Knaben sehr leicht erfolgte, der Hofmedikus Klein hingegen einen ganzen Vormittag wegen Einsackung der Nachgeburt bey der Entbundenen zu thun hatte Hufelands Journal d. pr. Heilk. 1815. 2s St. S. 112. . Daß uͤbrigens diese Vorgefuͤhle und bestimmtern Voraussagungen ebenfalls ohne somnambulen Zustand vorkommen, ist wohl unlaͤugbar; Belege davon koͤnnen mehrere von H. Osian- der uͤber das Ahnungsvermoͤgen gesammelte Erfahrungen werden Ueber d. Entwicklungskrankheiten in d. Bluͤthenjahren d. weiblichen Geschlechts. 1r Thl. S. 111 u. f. , so wie als einer der schoͤnsten Faͤlle des Hin- ausschauens uͤber die gewoͤhnlichen Schranken der Sinne die Geschichte des Maͤdchens von Orleans Man lese die aktenmaͤßige Geschichte derselben in Gayot von Pitaval sonderbaren und merkwuͤrdigen Rechtsfaͤllen, deutsch, von C. W. Franz . Jena 1792. 4r. Thl. — Sie war nie menstruirt, obwohl, wie durch die Untersuchung der Koͤnigin von Sicilien und zwey anderer Damen erwiesen, eine vollkommne und reine Jungfrau. Ihre Seher gabe, ihre Kraft und Entschlossenheit im Felde, ihre Einfachheit und kindliche Unschuld leuchten aus jedem Zuge hervor. erscheint, deren sittliche Schoͤnheit zugleich aus den trockensten Kriminalakten so rein hervorleuchtet, daß sie einen großen deutschen Dich- ter zu einer unsterblichen Schoͤpfung entzuͤnden konnte. §. 253. Wirft man aber hierbey wieder die Frage auf, uͤber Vereinbarkeit dieser, mit den andern physiologischen Erschei- I. Theil. 13 nungen, so glauben wir weder zu Ausnahmen von uͤbrigens guͤltigen Naturgesetzen, noch zu einem mystisch verzierten Dualismus, welcher den Geist hier etwas weiter aus der Kapsel des Koͤrpers hervorsehen laͤßt, unsere Zuflucht nehmen zu muͤssen, sondern wir weisen nur wieder auf die obigen Ansichten (§. 246 u. 47.) von Durchdringung des Einzelnen durch das Ganze, von dem Menschenleben als integrirendem Theil des Naturlebens zuruͤck, und finden es mit dieser Ein- heit, in welcher Alles sich wechselseitig bestimmend fortwirkt, vollkommen uͤbereinstimmend, daß unter zwey Bedingungen der Wahrnehmungskreis der innersten menschlichen Einheit, d. i. der Menschenseele, in Zeit und Raum betraͤchtlich erweitert werden koͤnne, naͤmlich: erstens wenn der Mensch der Natur sich vollkommen hingiebt, gleichsam in ihr untergeht (in wel- cher Hinsicht wir die wohlthaͤtigen Instinkte bey Kranken, die Ahnungen bevorstehender Naturereignisse u. s. w. Auf diese Weise sind ja eben auch die Vorgefuͤhle der Thiere er- klaͤrbar. betrachten); zweytens wenn der Mensch die Natur geistig in sich auf- nimmt, die Natur sich unterwirft, ohne dadurch Kraft, Frey- heit und Klarheit des Geistes aufzugeben, sondern vielmehr im erhoͤhten Besitzgefuͤhl derselben (ein nur Wenigen, von den Banden der irdischen Begehrungen Befreiten, eigenthuͤmliches Vermoͤgen, welches das Volk gewoͤhnlich nur Heiligen, und in einem gewissen Sinne sehr mit Recht zugeschrieben hat). — Daß uͤbrigens hier, wenn von Krankheit die Rede ist, nur das unter der ersten Bedingung entstandene Fernschauungs- und Ahnungsvermoͤgen gemeynt seyn kann, liegt am Tage. §. 254. Noch bleiben uns nun die krankhaften Erscheinungen der Muskularthaͤtigkeit und Reproduktion, durch abnorme Ner- veneinwirkung veranlaßt, zu betrachten uͤbrig. Was die ab- norme Muskularthaͤtigkeit betrifft, so kommen die Zufaͤlle derselben in den Entwicklungsperioden des weiblichen Ge- schlechts vorzuͤglich bey an und fuͤr sich reitzbaren und schwaͤchlichen Subjekten in der Form von Laͤhmungen dann vor, wenn durch vorausgegangene fruͤhzeitige Ausschweifun- gen Ueberreitzung Statt gefunden hat, und durch die ent- standene Schwaͤche die vollkommne Ausbildung des Geschlechts- charakters gehindert wird; oder wenn sehr heftige Gemuͤthsbe- wegungen ploͤtzlich einwirkten. Im Ganzen pflegt indeß ge- rade dieser Krankheitszustand doch weit weniger haͤufig, als andere einzutreten, da er zu sehr mit der in dieser Zeit fuͤr den Organismus natuͤrlichen Stimmung in Widerspruch steht; wenigstens ist er gemeiniglich nur voruͤbergehend, und er- scheint dann oft mehr als Erstarrung, vorzuͤglich als Cata- lepsis. Haͤufiger kommen dagegen die eigentlichen Kraͤmpfe vor, und zwar zuweilen mit einer Heftigkeit, welche alle Beschreibung uͤbersteigt Man lese z. B. nur die Schilderung der Kraͤmpfe, welche der Ar- chiater Brandis bey einem 19jaͤhrigen Frauenzimmer beobachtete ( Hufeland’s Journal d. prakt. Heilk. 41. Bd. 2. St. S. 9.). , man bemerkt hierbey Tetanus, Opisthotonus, wobey der Koͤrper, voͤllig im Sprenkel gebogen, sich nur auf Fersen und Hinterhaupt aufstuͤtzt, Trismus u. s. w. — Mit- unter beschraͤnken sich wohl auch diese Kraͤmpfe auf einzelne Theile, bestehen z. B. in heftigem Kopfschuͤtteln S. einen ausgezeichneten Fall dieser Art bey Brandis a. a. O. S. 19. , oder taktmaͤßigen Gliederbewegungen (Veitstanz), verbinden sich mit Somnambulismus u. s. w. — Auch diese Zufaͤlle werden uͤbrigens vorzuͤglich bey sehr reitzbaren Individuen, und be- sonders nach Gemuͤthsleiden beobachtet, bestehen nicht selten (wie in dem unten angefuͤhrten ersten Falle von Brandis ) mit regelmaͤßiger Menstruation, sind gewoͤhnlich aͤußerst hart- naͤckig und spotten oft der wirksamsten innern Arzneymittel. §. 255. Endlich bemerken wir auch den Einfluß solcher Ver- stimmungen des Nervensystems auf den Gang der reproduk- tiven Funktionen im Ganzen zwar immer, aber in einzelnen Faͤllen an besonders auffallenden Erscheinungen. Hierher rechnen wir namentlich das lange Entbehren von Nahrungs- mitteln, welches vorzuͤglich bey weiblichen Individuen bemerkt wurde, und allerdings gerade wegen der uͤberhaupt thaͤtigern Reproduktion hier weniger uͤberraschend, ja im Allgemeinen wohl nicht so unbegreiflich scheinen kann, als man großen- theils glaubt. Der Koͤrper naͤmlich, dessen Existenz nur eben in einer staͤten Verwandlung, in einem staͤten Wechsel von Aufnahme und Zerstoͤrung besteht, hat zwey Wege, diese Existenz zu sichern, entweder die Assimilation zu erhoͤhen, oder die Exkretion zu mindern, durch den Stand welcher Faktoren sich denn viele Erscheinungen erklaͤren lassen. So sehen wir in acuten Krankheiten oft bey Hemmung so vieler Lebensaͤußerungen auch diesen Stoffwechsel sehr zuruͤckgetreten und die Existenz durch eine aͤußerst geringe Stoffaufnahme lange Zeit unterhalten, mit welcher immer noch die, wenn auch oft sehr merkliche Stoffabnahme des Koͤrpers in keinem Verhaͤltnisse steht; so finden wir auch bey vielen Thieren (z. B. Amphibien und Fischen) eine lange Lebensdauer ohne merkliche Stoffaufnahme unschwer moͤglich, und daß dieß ganz besonders waͤhrend der Entwicklungsperioden vorkomme, scheint in der Natur des Organismus begruͤndet, welcher hier (eben so wie in Krankheiten, deren Ganzes immer wieder als organische Entwicklung betrachtet werden muß) zu sehr in sich beschaͤftigt ist, und dadurch in schwaͤchere Wechsel- wirkung mit der Außenwelt tritt, weßhalb wir vorzuͤglich an Thieren, wenn sie sich verwandeln, eine sehr verminderte Nahrungsaufnahme bemerken. Raupen z. B. hoͤren auf zu fressen, wenn sie sich einspinnen, und daß gerade, wenn in der Puppe das Thier zum Schmetterlinge umgestaltet wird, eine aͤußere Ernaͤhrung gar nicht weiter Statt findet, ist be- kannt; eben so fressen Voͤgel in der Mause weniger u. s. w. §. 256. Finden wir nun zur Zeit der Entwicklungsperiode aͤhn- liche Erscheinungen im Menschen, so sind wir gewiß nicht berechtigt, dieselben, ihrer Unmoͤglichkeit wegen, stets fuͤr absichtliche Betruͤgerey zu erklaͤren, und wenn gleich in meh- rern Faͤllen theils in Folge unvorsichtigen aͤrztlichen Beneh- mens, theils durch gleichzeitig erwachte Eitelkeit der Kran- ken (s. §. 236.) Uebertreibungen der Thatsachen Statt ge- funden haben, so sind doch theils diese Faͤlle selbst S. Osiander uͤber d. Entwicklungskrankheiten. 1r Thl. S. 188. theils andere So erzaͤhlt Adair in seinem philosoph. medicin. Abriß d. Natur- geschichte d. Menschen, aus d. Engl. uͤbers. v. Michaelis. 1788. S. 195. das Beyspiel einer gewissen Johanna Naunton, welche 87 Tage ohne alle Nahrung, außer etwas Limoniensaft von Zeit zu Zeit, zubrachte, so wie den Fall einer Schwindsuͤchtigen, welche 35 Tage blos von Wasser, mit einigen Tropfen Spiritus nitri dulcis vermischt, lebte. Beweis genug, daß der weibliche Koͤrper in ge- wissen Stimmungen wirklich mit außerordentlich geringer Nahrung lange Zeit ausreichen koͤnne. — Weit seltner hin- gegen, und nur in Folge außerordentlicher Umaͤnderungen der Organisation, wird das Hemmen der Athmungsfunktion der Lungen beobachtet, wohin der von H. Osiander angefuͤhrte Tacconi ’sche Fall gehoͤrt, wo ein Maͤdchen, nachdem es im fuͤnften Jahre einen Sturz aus dem Fenster erlitten (also doch wahrscheinlich eine heftige Hirnerschuͤtterung Statt ge- funden hatte), 10 Jahre lang ohne alles bemerkliche Athem- holen (die Athmungsbewegung haͤngt bekanntlich im hohen Grade vom Gehirn ab) zugebracht, und also ohne kleinen Kreislauf (demnach auf bloße Hautrespiration beschraͤnkt) ge- lebt hatte S. Osiander a. a. O. S. 187. . Eine Erscheinung, welche indeß, wenn wir das uͤberhaupt geringere Athmungsbeduͤrfniß im weiblichen Geschlecht (§. 59.) ausnehmen, doch in zu entfernter Ver- bindung mit der Geschlechtseigenthuͤmlichkeit steht um weitere Eroͤrterungen daruͤber hier zu erlauben. §. 257. Wir kommen nun, nachdem wir eine Schilderung die- ser mannigfaltigen, sonderbaren, vom Nervenleben ausgehen- den, oder in ihm sich vorzuͤglich aͤußernden Entwicklungskrank- heiten gegeben haben, zu einem sehr schwierigen Punkte, naͤmlich zu der Lehre von der Behandlung derselben . Es ist aber hier beynahe derselbe Fall, wie in der Behand- lung der Gemuͤthskrankheiten und Geistesverirrungen uͤber- haupt, wo durch die dunkeln Vorstellungen vom Verhaͤltniß dessen, was wir Seele nennen, zum Koͤrper, die verschieden- sten Ansichten erzeugt worden sind. — Hier koͤnnen und sol- len nur kuͤrzlich diejenigen Regeln zusammengestellt werden, welche Vernunft und Erfahrung als die mindest zweydeutigen und als die einfachsten darstellen. §. 258. Zuerst aber bemerken wir in dieser Hinsicht, daß, in- dem offenbar in so vielen Faͤllen es sich erkennen laͤßt, wie Stoͤrungen in den niedern Funktionen auf die hoͤhern zuruͤck- wirken, es das vorzuͤgliche Augenmerk des Arztes seyn muͤsse, in den oben betrachteten Zufaͤllen der Entwicklungsperiode des weiblichen Geschlechts den Stand der niedern organischen Ver- richtungen genau zu untersuchen, auf krankhafte Zustaͤnde der Verdauungswerkzeuge, Verschleimung, Obstruktionen, fehler- hafte Gallenabsonderung, hinlaͤngliche Ruͤcksicht zu nehmen, ferner den Zustand des Lymphsystems so wie des Gefaͤßsystems und insbesondre der venoͤsen Gefaͤße, endlich aber die Bil- dung und Thaͤtigkeit der Geschlechtsorgane zu beachten. Fin- den sich nun hier auf irgend eine Art bedeutende Stoͤrungen vor, so wird die Behandlung und Beseitigung derselben, nach den Regeln, welche theils die specielle Therapie, theils die Lehre von den Geschlechtskrankheiten aufstellt, den Arzt stets zuerst beschaͤftigen muͤssen, indem entweder das Leiden des Nervensystems selbst hierdurch verschwinden, oder doch eine die Heilung desselben erschwerende oder gaͤnzlich hindernde Complication dadurch entfernt werden wird. §. 259. Einen zweyten Hauptpunkt aͤrztlicher Behandlung muß fer- ner die Untersuchung und Regulirung der gesammten Lebensord- nung der Kranken ausmachen. Es wird ganz vergebens seyn, fuͤr die meisten Faͤlle von Kraͤmpfen, von uͤberspannter Empfind- lichkeit u. s. w. einen noch so zweckmaͤßigen Heilplan zu ent- werfen, gelingt es dem Arzte nicht, die vielfachen Diaͤtfeh- ler, den Mißbrauch von warmen, erhitzenden und erschlaffen- den Getraͤuken, die Reitzung der Phantasie durch ungewaͤhlte Lektuͤre und unpassenden Umgang, das Nachtschwaͤrmen und so viele andere Sprossen eines immer weiter greifenden, im- mer mehr von Naturgemaͤßheit zuruͤckweichenden Luxus zu verbannen. Man eroͤffne daher die Behandlung damit, sol- chen Kranken, ihren Umstaͤnden gemaͤß, eine Lebensordnung von der Zeit des Aufstehens bis zum Schlafengehen vorzu- zeichnen, ihnen, wenn es die Umstaͤnde erlauben, eine zweck- maͤßige koͤrperliche Beschaͤftigung, haͤusliche Arbeiten u. s. w. zur Pflicht zu machen, und halte mit Festigkeit auf der puͤnktlichen Befolgung dieser Vorschriften. Findet man aber die Kranken unfolgsam, findet man, daß sie nach eigenem Gut- duͤnken sich Abweichungen erlauben, wie dieß wohl namentlich in manchen mit Einbildungen uͤberhaͤuften Individuen aus den hoͤhern Staͤnden der Fall zu seyn pflegt, so gebe man lieber, wenn Gegenvorstellungen nicht beachtet werden, eine Behandlung auf, bey welcher weder fuͤr die Kranke Erfolg, noch fuͤr den Arzt Freude zu hoffen ist. §. 260. Ein dritter fuͤr die Behandlung dieser so wie anderer Krankheiten besonders wichtiger Gegenstand ist die Beseitigung der entfernten Ursachen. Indem nun aber in Krankheiten niederer organischer Systeme, so wie in der Lebensweise vor- zuͤglich haͤufige Veranlassungen zu den genannten Leiden des Nervensystems gegeben sind, wird allerdings durch die Befol- gung der in den beiden vorigen Paragraphen gegebenen Re- geln ein großer Theil der gegenwaͤrtigen Indikation erfuͤllt, obwohl auch außerdem noch manches zu thun uͤbrig bleibt. Namentlich gehoͤrt aber hierher die allmaͤhlige Verbesserung allgemeiner Constitution, besonders Verminderung der ungluͤck- lichen krankhaften Reitzbarkeit, worin allerdings durch anhal- tendes Fortwirken auf dem rechten Wege viel geschehen kann, namentlich indem man Veraͤnderung des Aufenthalts, Benu- tzung mineralischer Baͤder, innerer und aͤußerer Mittel zur Erhoͤhung kraͤftiger Muskularthaͤtigkeit und Reproduktion zu Huͤlfe ruft. Außerdem ist aber Verhuͤtung der Gelegenheits- ursachen, wohin besonders heftige Gemuͤthsbewegungen und Ausschweifungen gehoͤren, zu beruͤcksichtigen, ja es kann selbst, nachdem irgend gewaltsame Gemuͤthserschuͤtterungen Statt ge- habt haben, oder laͤngere Zeit hindurch niederdruͤck eude Stim- mungen das psychische Wohlseyn der Kranken stoͤrten, ein ru- higes und angemessenes Benehmen des Arztes sowohl, als der von ihm geleiteten aͤußern Umgebungen, ein Benehmen, durch welches der Kranken das Auffassen des rechten Ge- sichtspunktes fuͤr die Wuͤrdigung widriger aͤußerer Verhaͤltnisse erleichtert wird, sehr viel zum Unschaͤdlichmachen dieser Ge- legenheitsursachen beytragen, wobey wir noch bemerken, daß wenn der Arzt in sich selbst nicht diejenige Individualitaͤt fuͤhlt, welche anf diese Weise fuͤr die Kranken heilbringend werden kann, es dann sehr zu wuͤnschen ist, daß er den Beystand eines erleuchteten Geistlichen oder erfahrenen Freun- des suche, auf keine Weise aber die Krankheit von dieser Seite zu bekaͤmpfen voͤllig unterlasse. §. 261. Viertens aber ist es die Aufgabe des Arztes, auf das gestoͤrte Nervenleben selbst einzuwirken, und sein Normalver- haͤltniß herzustellen, wozu ihm, unserer Ansicht nach, drei Wege offen stehen. — Entweder naͤmlich erregt er Veraͤn- derungen in den niedern organischen Systemen, welche den Einwirkungen der Außenwelt uͤberhaupt am meisten zugaͤng- lich sind, und bewirkt dadurch mittelbar wohlthaͤtige Umstim- mungen im Nervenleben; oder er bedient sich solcher Mittel, welche das Nervenleben unmittelbarer in Anspruch nehmen, wohin die narkotischen, geistigen, antispasmodischen Arzney- stoffe gehoͤren, obwohl auch bey diesen vorzuͤglich und zu- naͤchst vielleicht mehr das Bildungsleben des Nerven und durch dieses die sensible Thaͤtigkeit afficirt wird, in wiefern diese Stoffe als materielle Bestandtheile des Koͤrpers aufge- nommen werden und in das Gefaͤßsystem eingehen muͤssen, um ihre Wirkung zu zeigen. Drittens endlich benutzt der Arzt die imponderabeln Einfluͤsse, welche ohne irgend nach- weisbare Stoffuͤbertragung die Umstimmung des sensibeln Le- bens unmittelbar bewirken, und von welchen denn eine Stu- fenfolge sehr verschiedener Thaͤtigkeiten aufzufuͤhren ist, welche wir so ordnen moͤchten: Waͤrme und Kaͤlte, Licht und Fin- sterniß, tellurischer Magnetismus, Elektricitaͤt, Galvanismus, thierischer Magnetismus, psychische Einwirkung; und wir be- merken hierbey, daß uns kein wahrer Grund vorhanden zu seyn scheint, welcher die Meynung einiger Gelehrten recht- fertigen koͤnnte, daß die meisten dieser, oder alle diese Er- scheinungen im Innern gleichartig und nur verschiedene For- men einer derselben, namentlich der Elektricitaͤt oder des Galvanismus waͤren; bloße Aehnlichkeit einzelner Aeußerun- gen dieser Thaͤtigkeit kann hierfuͤr nicht beweisend seyn, und das qualitativ Verschiedene derselben leuchtet deutlich genug hervor, zwar sind sie insgesammt Aeußerungen des allgemei- nen Naturlebens, allein so wenig wir berechtigt sind, im in- dividuellen Organismus Gefaͤßthaͤtigkeit, Muskelkraft, chemische Vorgaͤnge als bloße Modifikationen etwa der Nerventhaͤtigkeit oder deß etwas zu betrachten, sondern alles dieses als eigen- thuͤmliche Zweige des einen Lebens erkennen muͤssen, so auch ist dieß bey jenen Thaͤtigkeiten der Fall. — Wir werden nun diese einzelnen Behandlungsweisen, in wiefern sie allerdings in den eben betrachteten Krankheiten, sobald dieselben wirklich idiopathische Nervenleiden sind, von vorzuͤglicher Wirkung seyn, ja die eigentlichen und wesentlichen Heilmittel derselben darstellen muͤssen, naͤher eroͤrtern, und zwar mit Hinsicht auf die abgehandelten besondern Krankheitszustaͤnde, wodurch denn das fuͤr einzelne Faͤlle passende Verfahren aus dem Zusam- menhalten der Natur der Krankheit und der Lehre von der Wirkung dieser Mittel sich leicht von selbst ergeben wird. §. 262. Zunaͤchst aber die Behandlung der Nervenleiden durch Einwirkung auf die niedern Systeme betref- fend, so koͤnnte man dieselbe auch die antagonistische Methode nennen und mehrere Arten derselben unterscheiden. Wir rech- nen dahin: 1) die ausleerende Methode, welche bestehen kann in der Anwendung von Brech- und Abfuͤhrmitteln, oder in Vermehrung anderweitiger Sekretionen, oder in Blutentzie- hungen. — Was die Brech- und Abfuͤhrmittel anbelangt, so bemerkt man dieselben von besonderer Wirksamkeit in allen uͤberspannten Zustaͤnden mit kraͤftigem Wirkungsvermoͤgen und zwar insbesondre wenn die Krankheit nicht blos in ungewoͤhn- lichen Geistesrichtungen, sondern auch in Verstimmung des koͤrperlichen Zustandes sich aͤußert, als z. B. im Schlafreden, Schlafwandeln, Alpdruͤcken und bey mehrern Arten von Kraͤm- pfen, sobald sie vollsaftige, kraͤftige Subjekte befallen. Noch mehr wird indeß diese Methode angezeigt seyn, wenn Nei- gung zu gastrischen Zustaͤnden, Obstruktionen, Druͤsenan- schwellungen u. s. w. vorhanden ist, existiren indeß diese oder aͤhnliche Krankheiten wirklich , so werden resolvirende und abfuͤhrende Mittel schon nach den §. 258. erwaͤhnten Regeln sich nothwendig machen. Die Wahl der einzelnen Mittel und ihre Dosen muͤssen sich nach der Individualitaͤt der vorkom- menden Faͤlle richten, jedoch werden leichtere Brechmittel ( Ipecacuanha auch in refracta dosi zur Ekelkur), nament- lich bey den mehr durch gewaltsame Gemuͤthsaufregung sich aͤußernden Krankheiten, Fantasterey und Schwaͤrmerey, krank- hafter Reitzbarkeit der Sinnesorgane u. s. w. nuͤtzlich wirken, dahingegen drastische Abfuͤhrungen aus Jalappa, Mercur. dulc. Fol. Sennae u. s. w. von Zeit zu Zeit angewendet, mehr bey bloͤdsinnigen Zustaͤnden, bey phlegmatischen Sub- jekten, mit verschleimtem Darmkanal und Wurmbeschwerden, blande Abfuͤhrungen (durch Mittelsalze, Elecluaria lenitiva, und was bey sehr sensibeln Koͤrpern sich vorzuͤglich empfiehlt, durch Oleum Ricini ) vorzuͤglich bey entzuͤndlicher Diathesis, Congestionen u. s. w. nuͤtzlich werden. §. 263. Von den Erregungen anderweitiger Sekretionen erwaͤh- nen wir zuerst die kuͤnstlich bewerkstelligte und unterhaltene Eiterung durch Fontanelle, Haarseile oder offen erhaltene Ve- sicatoria; Mittel, welche namentlich wo die Krankheit nach ploͤtzlich verschwundenen andern Krankheiten, z. B. Hautaus- schlaͤgen u. s. w. entstand, oder auch nach Gemuͤthserschuͤtte- rungen eine Verstimmung des Nervenlebens folgte, beson- dern Nutzen gewaͤhren, und besonders bey abnorm aufgeregter Sensibilitaͤt, clonischen Kraͤmpfen, Veitstanz u. s. w. ange- wendet zu werden verdienen. Weniger haͤufig finden sich da- gegen Faͤlle, wo von den die Hamaussonderung, die Speichel- oder Harnsekretion Gelinde Diuretica werden indeß vorzuͤglich, wo noch andere Krank- heitsstoffe im Koͤrper sind (namentlich Ausschlagsmaterien) aller- dings zuweilen mit Nutzen angewendet. befoͤrdernden Mitteln in diesen Krank- heiten Anwendung gemacht werden kann, zum wenigsten wer- den sie gewoͤhnlich mehr durch andere diese Nervenleiden be- dingende Krankheiten (§. 258.) indicirt seyn. Oefterer hinge- gen ist von Blutentziehungen Nutzen zu erwarten, einem Mittel, welches man zwar sehr oft als fuͤr Stoͤrungen des Nervenlebens ganz unpassend betrachtet hat, und welches demohnerachtet so vielfaͤltige Erleichterung sogar bey an sich schwaͤchlichen und reitzbaren Subjekten gewaͤhrt; denn so wie immer die Blutmasse gern nach einem in aufgeregter Thaͤtig- keit sich befindenden Theile hindraͤngt, so auch findet sich bey abnorm gesteigerter Sensibilitaͤt die Nervensubstanz (an und fuͤr sich schon eine der blutreichsten), durch Congestionen noch mehr in ihrer Thaͤtigkeitsaͤußerung gehemmt, und es erscheint dadurch Blutentziehung hierbey wohlthaͤrig wirkend. Auf welche Weise uͤbrigens die Blutentziehung vorzunehmen sey, muͤssen die Umstaͤnde bestimmen. Bey vollsaftigen, an Ohn- machten, Alpdruͤcken, heftigen Zuckungen leidenden Personen, zumal bey sparsamer oder verzoͤgerter Menstruation, sind ge- woͤhnlich staͤrkere Ausleerungen nothwendig, bey sehr schwaͤch- lichen mit Nervenzufaͤllen behafteten Maͤdchen wird hingegen die Anwendung oft wiederholter kleiner Blutentziehungen, und zwar entweder nach Berlinghieri’s Methode S. Osiander uͤber d. Entwicklungskrankheiten 2r Thl. S. 285. Berlinghieri heilte heftige konvulsivische Anfaͤlle eines hysterischem Maͤdchens durch gegen 400 kleiner Aderlaͤße zu einer halben Unze. durch kleine Venaͤsektionen, oder, was vorzuͤglich bey mehrern Lokal- leiden Empfehlung verdient, durch Blutigel oder Schroͤpfkoͤpfe Statt finden. §. 264. 2) Die irritirende Methode gruͤndet sich vorzuͤglich auf das Gesetz, daß bey sehr hervorgehobener Thaͤtigkeit in einem Theile des Koͤrpers, Thaͤtigkeiten anderer Organe herabgestimmt werden. Sie kann auf sehr verschiedene Weise in diesen Krankheiten, und zwar oft mit sehr großem Nutzen angewen- det werden, und zwar gewaͤhrt sie hierbey einen doppelten Vortheil, einmal fixirt sie durch den mit der Anwendung die- ser Mittel verbundenen Schmerz das Selbstgefuͤhl mehr auf einen gewissen, vorher vielleicht geschwaͤchten Theil, oder auf den koͤrperlichen Zustand uͤberhaupt, und beugt dadurch man- chen Ueberspannungen desselben vor, anderntheils erregt die heftigere Reitzung eine Entzuͤndung, welche oft zu einem noch wohlthaͤtigern Ableitungsmittel der Blutmasse vom Ner- vensystem wird, als Blutentziehungen an und fuͤr sich werden koͤnnen. Es gehoͤren hierzu Vesicatoria, Synapismen, die Moxa, das Einreiben mit Tr. Cantharidum, Liniment. volatile, Spirit. sal. ammon. caust. u. s. w. — Die An- wendung dieser Mittel betreffend, so sind sie vorzuͤglich bey oͤrtlichen Schmerzen, Laͤhmungen und partiellen Kraͤmpfen huͤlfreich, nur bemerke man, daß eine Neigung zu Fieberbe- wegungen, und eine sehr gesteigerte allgemeine Reitzbarkeit den Gebrauch derselben einschraͤnken, oft auch wohl ganz verbieten. §. 265. Wir kommen ferner zur Behandlung jener Krankheitszustaͤnde durch innere oder aͤußere, das Nervensystem vorzuͤglich in Anspruch nehmende Arzneymittel . Wir unter- scheiden vorzuͤglich die indifferenzirenden, abspannenden, indi- rekt oder direkt die aufgeregte Nerventhaͤtigkeit mindernden, und die erregenden Mittel. Unter den erstern setzen wir den indifferentesten der Stoffe, welche uns die aͤußere Natur dar- bietet, oben an, naͤmlich das Wasser, dessen treffliche Wir- kung als laues Bad bey aufgeregter Sensibilitaͤt, Schmerzen, Kraͤmpfen, ja selbst nach stuͤrmischen Gemuͤthsbewegungen, durch die vielfaͤltigsten Beobachtungen anerkannt ist Man lese hieruͤber besonders H. M. Marcard uͤber d. Natur und d. Gebrauch d. Baͤder. Hannov. 1793. vorzuͤglich das 7. Kap. wo auch der Schlaf machenden Wirkung des Bades gedacht ist. . Eben so wohlthaͤtig aber wirkt das Wasser in einer der Koͤrper- waͤrme entsprechenden Temperatur innerlich, und der große Nutzen, welchen Theeaufguͤße und Lavements (eigentlich nichts als warme Baͤder fuͤr Magen und Darmkanal) bey aͤhnlichen Leiden gewaͤhren, ist keinem Arzte unbekannt. §. 266. Zunaͤchst an die allgemein indifferenzirende Wirkung des Wassers schließt sich die nun schon mehr individuelle vieler Produkte des Pflanzenreichs, welche, in wiefern sie auch im thierischen Organismus die vegetative Seite (das ruhige in sich gekehrte Bildungsleben der Pflanze) hervorrufen, die uͤbermaͤßigen Erregungen des animalen Lebens herabstimmen. — Wir zaͤhlen hierher zunaͤchst die milden Oehle, entweder rein als solche innerlich oder aͤußerlich angewendet, oder in der Ver- bindung mit Schleim und Wasser als Emulsionen; ferner den Pflanzenschleim und Zucker, dann aber die betaͤubenden Mittle, welche, obwohl oft anfaͤnglich eine lebhafte Reaktion gegen ihre Einwirkung bemerkt wird, doch in zureichender Quantitaͤt bald den Organismus dem Pflanzenleben naͤher bringen, d. i. beruhigen, einschlaͤfern . Hierher gehoͤrt denn das Opium vorzuͤglich, dessen vorsichtiger Zuweilen vertragen Maͤdchen, an verstimmter Sensibilitaͤt leidend, diese Narcotica gar nicht. Ich sah einst schon nach ¼ Gr. die aller- heftigsten Kraͤmpfe entstehen. (insbesondre die Abwe- senheit von Congestionen nach den Hirngefaͤßen, so wie von Neigung zu Obstruktionen fordernder) Gebrauch, bey nervoͤsem Gliederschmerz und gesteigerter Empfindlichkeit einzelner Sin- nesorgane oft großen Nutzen gewaͤhrt. Aehnlich ist ihm der Crocus, das Extractum Hyoscyami Diese Mittel sind es auch besonders, welche in mehrern dieser Krankheiten in Rauchform mehr als geschieht, angewendet zu werden verdienen. S. Hufeland , uͤb. d. Anwendung d. Heilmittel als Rauch in dessen Journal f. d. pr. Heilk. 1809. 5s St. und das bey Brustkraͤmpfen vorzuͤglich wirksame Extractum Lactucae vi- rosae S. daruͤber Schlesinger in Hufelands Journal f. d. pr. Heilk. XXI. Bd. 1s St. . Weniger scheinen fuͤr diese Krankheiten zu pas- sen: Aconitum, Stramonium, Cicuta und Fol. Lauro- cerasi, zum mindesten hat die Erfahrung noch nicht so ent- schieden fuͤr dieselben gesprochen. Mehr mit scharfem Stoffe verbunden ist das Narkotische in der Belladonna, indeß wirkt sie gerade deßhalb wohl in convulsivischen Krankheiten sehr nuͤtzlich S. Osiander uͤber d. Entwicklungskrankheiten. 2r Thl. S. 297. und Harles Jahrbuͤcher d. teut. Medic. u. Chir. II. Bd. 1s Hft. . §. 267. Weniger narkotisch, aber durch ihre Mischung aus bit- tern und aͤtherisch-oͤhligten Stoffen zugleich das Muskel- und Nervensystem in Anspruch nehmend, und deßhalb den krankhaften Conflict beider (Krampf) vorzuͤglich zu beseitigen geeignet, sind die Valeriana, die Flor. Chamomill., Hb. Melissae u. s. w. — Besonders ist der Baldrian ein mit Recht geschaͤtztes Mittel fuͤr viele der oben beschriebenen Entwicklungszufaͤlle, sobald er nur in hinlaͤnglich starker Gabe (etwa nach Osiander zu einer halben bis ganzen Unze taͤglich) und in Pulverform an- gewendet wird. — Verwandt in der Wirkung sind den ge- nannten ferner einige thierische Substanzen, naͤmlich das Ca- storeum und der Moschus, von welchen das erstere mehr den Sensibilitaͤtsstoͤrungen in den Unterleibsnerven, das zweite mehr den Stoͤrungen im Centralnervensystem angemessen scheint; und einige Mittel aus der Reihe der metallischen, als die Flor. Zinci und Magisterium Bismuthi, welche bey Abwesenheit von gastrischen Zustaͤnden und Saͤureerzeugung, so wie von entzuͤndlicher Diathesis besonders in Krampfzufaͤllen mit Nutzen gebraucht werden. — Alle diese Mittel bilden uͤbrigens durch ihre schon mehr erregende Wirkung den Ueber- gang zu den eigentlichen fluͤchtigen Reitzmitteln, von welchen jedoch gerade in diesen Entwicklnngskrankheiten im Ganzen seltner Gebrauch zu machen ist. — Zuerst aber ist hier der arzneylichen Anwendung des Weins zu gedenken, welcher durch eine beruhigende, der erregenden bald nachfolgende Wirkung sich noch den narkotischen Mitteln in etwas verwandt zeigt, und daher bey schwaͤchlichen, reitzbaren, kleinmuͤthigen, mit Zittern, Sinnesschwaͤche und aͤhnlichen Beschwerden behafteten Subjekten so aͤußerst wohlthaͤtig wird. Ferner hat man den Campher seit laͤngerer Zeit bey Gemuͤthskrankheiten uͤberhaupt, vorzuͤglich aber auch in den durch Gemuͤthserschuͤtterungen er- regten oder nach andern Krankheiten sich ausbildenden melan- cholischen Zustaͤnden junger Frauenzimmer nuͤtzlich gefunden. Er wird vorzuͤglich phlegmatischen Individuen wohlthun, bey entzuͤndlicher Diathesis hingegen nicht gegeben werden duͤrfen. Indem wir die uͤbrigen hierher gehoͤrigen Mittel, als Ser- pentaria, Imperatoria, die Naphthen, die verschiedenen Tink- turen u. s. w. uͤbergehen, erwaͤhnen wir nur noch des fluͤchti- gen Laugensalzes, welches als Liquor C. C., Spirit. sal. ammon. foeniculat. u. s. w., vorzuͤglich in Verbindung mit narkotischen Substanzen, mit dem beßten Erfolg, namentlich in den krampfhaften Entwicklungskrankheiten angewendet wird. §. 268. Endlich haben wir noch die Klasse der impondera- beln Heilmittel fuͤr diese Krankheiten zu betrachten, welche so wichtig und sachgemaͤß sie auch immer erscheinen moͤgen, doch eben in ihrer Imponderabilitaͤt, darin daß sie nicht nach einem Recepte verordnet werden koͤnnen, darin, daß sie rei- nen Willen zu helfen, Beharrlichkeit und Aufopferung in ih- rer Anwendung fordern, den Grund davon enthalten, daß sie weit weniger als billig benutzt, ja oft wohl gar zu Mode- thorheiten herabgewuͤrdigt werden. — Wir haben aber hierher gerechnet zuerst Licht und Finsterniß, Waͤrme und Kaͤlte . Diese maͤchtigen Einfluͤße, denen der Organismus fortwaͤhrend unterworfen ist, von welchen in der ganzen uns umgebenden Natur Leben und Entwicklung abhaͤngt, deren Wirkung insbesondre auf das Nervenleben sowohl im gesunden als kranken Zustande so bedeutend ist, werden auch fuͤr die gegenwaͤrtig betrachteten Krankheitsformen in vieler Hinsicht wohlthaͤtig, wenn sie von der Hand eines umsichtigen Arztes geleitet sind. Waͤrme und Licht (wohin auch die Insolatio- nen oder das Sonnenbad gehoͤrt) wirken vorzuͤglich bey schwaͤchlichen, melancholischen Subjekten in angemessenem nach und nach gesteigertem Grade vorzuͤglich, ja sie sind selbst zur Verhuͤtung krampfiger Anfaͤlle mit Nutzen anwendbar So beobachtete H. Nasse einen Fall, wo epileptische Anfaͤlle, nur wenn der Kranke im Dunkeln gelassen wurde, wiederkehrten. Auch sehe man hieruͤber von H. Osiander (Neue Denkwuͤrdigkeiten I. Thl. 1s Hft. S. 120 u. f.) die schon von den Alten fuͤr hoͤchst wichtig gehaltene Einwirkung von Licht oder Finsterniß bey kram- pfigen Krankheiten eroͤrtert. . Kaͤlte und Finsterniß hingegen werden zu Beseitigung mancher exal- tirten Zustaͤnde, zu Zwangsmitteln bey eingebildeten oder vor- gegebenen Nervenkrankheiten manches wirksame Mittel an die Hand geben, nicht zu gedenken, daß die ploͤtzliche oͤrtliche Anwendung der Kaͤlte so wie der Waͤrme zu einem der wirk- samsten Reitzmittel wird, und daher bey Paralysen, Kraͤm- pfen u. s. w. viel zur Heilung beytragen kann. §. 269. Ferner den tellurischen oder metallischen Mag- netismus betreffend, so ist dieses schon seit einigen Jahr- hunderten von Mehrern empfohlene und angewendete Mittel besonders gegen Laͤhmungen, Schmerzen und Kraͤmpfe von Nutzen befunden worden, und verdient gewiß auch in den genannten Entwicklungskrankheiten haͤufigern Gebrauch, als neuerlich davon gemacht zu werden pflegt. Die Form seiner Anwendung muß uͤbrigens der Natur dieser Krankheit ange- messen seyn, und schwerlich wird daher jemand den Magnet als Pulver und in Pflasterform, wie er von den alten Aerz- ten haͤufig gebraucht wuͤrde, noch jetzt anwenden. Am schick- lichsten sind Staͤbe, eyfoͤrmige oder herzfoͤrmige Platten, oder Garnituren von Magnettaͤfelchen, wo immer Nord- und Suͤd- Pol sich beruͤhren muͤssen, welche in Seide eingeschlagen auf den leidenden Theilen getragen werden. Bey Anwendung von Magnetstaͤben muß uͤbrigens namentlich die Richtung derselben beachtet werden, da bekannt ist, daß die Richtung eines Ei- senstabes in den magnetischen Meridian allein schon denselben magnetisch machen kann, und sonach erwartet werden muß, daß auch bey dem bereits magnetisch gewesenen Stabe die Heilkraft verstaͤrkt oder geschwaͤcht werde, je nachdem die Richtung desselben passend oder unpassend ist. Am beßten scheint es zu seyn, die Nordpolspitze an den leidenden Theil, die Suͤdpolspitze aber gegen den Nordpol der Erde zu halten. Hell, Unzer J. C. Unzer’s Beschreibung eines mit dem kuͤnstlichen Magnete angestellten medicin. Versuches. Hamb. 1775. und einige franzoͤsische Aerzte ( Andry und Thouret ) Andry’s n. Thourets Beobachtungen u. Versuche uͤb. d. Gebrauch d. Magnets in d. Arzueyk. Aus d. Franz. Leipz. 1785. haben neuerlich sich des Magnets, und zwar zum Theil auch in den genannten Entwicklungskrankheiten des weiblichen Geschlechts vorzuͤglich bedient. Besonders wich- tig aber wuͤrde es seyn, wenn die von H. Kieser Archiv. f. d. thier. Magnetismus. III. Bd. 2s St. ge- machte Beobachtung uͤber die Kraft des Eisens einen Zu- stand von Schlaf, ja von Schlafwachen, und durch diesen Schlaf die Heilung von Krankheiten zu bewirken, durch wei- tere Erfahrungen hinlaͤnglich bestaͤtigt wuͤrde, indem davon gewiß fuͤr die Behandlung der hier betrachteten Nervenzufaͤlle ausgezeichneter Nutzen erwartet werden duͤrfte. Ueberhaupt naͤmlich scheint der tellurische Magnetismus herabstimmend auf den Organismus zu wirken, der individuellen Kraft desselben, als eine vom Erdorganismus ausgehende Thaͤtigkeit, entge- gengesetzt, aus welchem Gesichtspunkte wir denn vorzuͤglich seine hinreichend bestaͤtigte schmerzlindernde Kraft erklaͤrlich, und namentlich auch die von groͤßern Massen des Eisens (des vorzuͤglichen Traͤgers dieser Kraft) bemerkte schlafma- chende Wirkung begreiflich finden. §. 270. Noch haben wir auch des Galvanismus und der Elektricitaͤt als Heilmittel fuͤr die Nervenleiden gedacht, jedoch muß der Gebrauch derselben hier allerdings manche Einschraͤnkungen erleiden, da die meisten jener Zustaͤnde auf abnorm gesteigerter Sensibilitaͤt beruhen, und Galvanismus wie Elektricitaͤt an sich stark erregende Einfluͤße sind. Vor- zuͤglich verdienen sie daher nur bey Laͤhmungen, Schwaͤchezu- staͤnden, Torpor und Bloͤdsinn angewendet zu werden; allein I. Theil. 14 auch dann nie ohne die gehoͤrigen physikalischen Kennt- nisse, ohne hinlaͤngliche Ordnung und Ausdauer in der Kur, ohne Beachtung der in den bessern Schriften uͤber diese Ge- genstaͤnde Fr. H. Martens vollstaͤndige Anweisung zur therapeutischen An- wendung des Galvanismus u. s. w. Weißenfels 1803. — Ebender- selbe uͤbersetzte eine kleine Schrift von Geiger (Abhandlung uͤber den Galvanismus und dessen Anwendung v. Dr. C. Fr. Geiger. Leipz. 1803.), in welcher unter andern S. 42. die Heilung einer Amaurosis bey einer 20jaͤhrigen an unterdruͤckter Menstruation lei- denden Person durch Galvanismus erzaͤhlt ist. Tib. Cavallo’s Versuch uͤber d. Theorie und Anwendung d. medi- cinischen Elektricitaͤt. Aus d. Engl. Leipz. 1799. C. G. Kuͤhn Geschichte d. medicin. u. physikal. Elektricitaͤt. Leipzig 1783. 2 Thle. nebst 2 Fortsetzungen. 1796. u. 1805. vorzuͤglich empfohlenen und durch Erfahrung be- waͤhrten Methoden, und nur unter der gehoͤrigen Beruͤcksichti- gung des Zustandes der uͤbrigen organischen Systeme, nament- lich des Gefaͤßsystems, indem z. B. bey vollbluͤtigen, zu Congestionen und Entzuͤndungen geneigten Subjekten von der Anwendung dieser Mittel leicht gefahrorohende Zufaͤlle besorgt werden muͤßten. Das Verfahren bey der Benutzung dieser Mittel hier uͤbrigens ausfuͤhrlicher zu beschreiben, wuͤrde zu viel Raum beduͤrfen, und wir verweisen daher auf die an- gefuͤhrten Schriften. §. 271. Endlich ist noch von der Behandlung dieser Krankheiten durch die mittelbare Einwirkung eines Menschen auf den an- dern zu sprechen, wohin der sogenannte animale Mag- netismus und die psychische Behandlung gehoͤrt. — Daß nun aber uͤberhaupt eine solche Wirkung lebendiger Koͤr- per auf einander Statt haben koͤnne, laͤßt sich schon aus so mancherley Idiosynkrasien, aus den Beyspielen, welche selbst als Zufaͤlle anderer Krankheiten so haͤufig bemerkt werden und eine natuͤrliche Abneigung oder Zuneigung gegen gewisse Individuen aussprechen, erkennen. Wirkt nun auf willkuͤhrlich bestimmte Weise der Inbegriff gesammter organischer Lebens- thaͤtigkeit auf den Gesammtorganismus der Kranken, so giebt dieses den Begriff des neuerlich so vielfach besprochenen thie- rischen Magnetismus, des Mesmerismus oder Lebensmagne- tismus; wirkt hingegen die Kraft der Vernunft des Arztes mit Freyheit auf die geistige Thaͤtigkeit der Kranken gerichtet, auf die Verbesserung koͤrperlicher Zustaͤnde, so nennen wir dieß die psychische Behandlung. §. 272. Was den thierischen Magnetismus betrifft, so wird wohl jetzt nicht leicht mehr irgend ein unpartheyischer Mann, welcher die verschiedenen Schriften Heilkraft des thierischen Organismus nach eigenen Erfahrungen v. D. Arnold Wienholt . 3 Thle. Versuch einer Darstellung des animalischen Magnetismus als Heil- mittel von C. A. F. Kluge. Berlin 1811. Ferner mehrere Zeitschriften, das aͤltere Archiv f. d. thier. Magne- tismus von Nordhoff, d. neuere von Kieser, Wolfarts Asklepiaͤon, ferner Brandis uͤber psychische Heilmittel und Magne- tismus, 1818. und das neuere, besonders in Mesmers Geist be- arbeitete Werk uͤber den Magnetismus von Ennemoser. uͤber diesen Gegenstand verglichen, oder selbst einige Beobachtungen hieruͤber zu sammeln Gelegen- heit hatte, in Abrede stehen, daß die durch magnetische Ma- nipulation (deren ausfuͤhrliche Beschreibung man ebenfalls in den unten angefuͤhrten Schriften nachsehen moͤge) hervor- gerufenen Zustaͤnde, nicht nur keineswegs etwa immer Taͤu- schung seyen, sondern hoͤchst merkwuͤrdige, oft den eben er- waͤhnten von selbst entstandenen ungewoͤhnlichen Phaͤnomenen krankhaft aufgeregten Nervenlebens aͤhnliche Erscheinungen ab- geben. Es bestehen aber bekanntlich die an und in dem magnetisirten Individuum wahrzunehmenden Veraͤnderungen zunaͤchst im Gefuͤhl vermehrter Waͤrme, wohlthaͤtiger allgemei- ner Anfregung und nachfolgender Abspannung, endlich in ruhigem Schlaf, welcher dann oft in Schlafwachen, Ver- setzung der Sinne, Verzuͤckung u. s. w. uͤbergeht, immer aber erst wieder durch gewoͤhnlichen Schlaf in das Wachen zuruͤck- gefuͤhrt wird, und dadurch beweißt, daß (wie dieß nament- lich von H. Kieser dargestellt wurde) alle jene ungewoͤhn- lichen Erregungen des Nervenlebens der Nachtseite des Lebens angehoͤren, und daher auch nicht (wie dieß Andere gern haͤtten behaupten moͤgen) uͤber den Zustand des natuͤr- lichen Wachens gesetzt zu werden verdienen. Wenn dieß nun aber anerkannt ist, so erscheint dagegen die eigentliche Heilkraft dieser Zustaͤnde weit mehr in Zweifel gezogen, und wenn sich nun aus dem Vergleich einer Anzahl von Krankheitsfaͤllen, durch Magnetismus behandelt, allerdings ergiebt, daß erstens die Kuren saͤmmtlich ungewoͤhnlich lange Zeit, oft ein und mehrere Jahre dauerten, zweitens die Krankheiten oft nur augenblicklich in ihren auffallendsten Symptomen gemaͤßigt wurden, uͤbrigens aber oft ganz im alten Zustande blieben, manche Krankheiten wohl auch ver- schlimmert, wenige aber wahrhaft geheilt wurden, so muͤßte gewiß das Zutrauen zu diesem Mittel sehr erschuͤttert werden, wenn wir nicht zugleich die Ursachen, welche das Nichtgelin- gen vieler magnetischer Kuren bedingen, beruͤcksichtigen woll- ten. Es scheinen diese aber zu seyn: 1) nicht hinlaͤngliche Beachtung der Indikation des Magnetismus. Jedes Arzney- mittel naͤmlich wirkt nur da, wo es nach wissenschaftlichen und Erfahrungsgrundsaͤtzen wirklich angezeigt ist, allein bey dem Magnetismus hat man oft sehr wenig an Indikation oder Contraindikation gedacht, sondern bey Krankheitszustaͤn- den, sie mochten Namen haben und Constitutionen betreffen, welche sie wollten, aufs gerathewohl, namentlich wenn etwa einige andere Kurmethoden ohne Erfolg geblieben waren, magne- tisirt, und zwar wohl aus dem schwer zu vertheidigenden Grunde, weil der Magnetismus ein Universalmittel sey. 2) Hat man zu viel Fremdartiges den Kuren beygemischt, die Erscheinun- gen des Schlafwachens nur hervorzubringen getrachtet, um seine Neugierde an den sonderbaren Aeußerungen der Kranken zu befriedigen. 3) Ist man oft mit zu weniger, ja ohne alle aͤrztliche Kenntniß dabey zu Werke gegangen, und 4) endlich werden bey so langen Kuren oft andere Verhaͤlt- nisse, angeregte Neigungen zwischen Magnetiseur und der Magnetisirten, Gemuͤthsleiden, Fehler der Lebensordnung u. s. w. leicht irgend einmal vorkommen koͤnnen, dann aber, wenn sie gerade einen entscheidenden Zeitpunkt treffen, wohl die Be- muͤhungen ganzer Monathe fruchtlos machen. §. 273. Wird daher der Magnetismus mit reinem Willen zu helfen, abgesehen von aller Sucht nach wunderbaren Erschei- nungen, Vorhersagungen u. dgl. mit hinreichender aͤrztlicher Umsicht, am rechten Orte, mit schicklicher Leitung der aͤußern Verhaͤltnisse, und sattsamer Staͤtigkeit (welche freylich oft Aufopferungen fordert, deren der praktische Arzt nicht leicht faͤhig ist) ausgeuͤbt und angewendet, so muß er gewiß als ein großes Mittel geachtet werden, und wir fuͤrchten auch nicht H. Osiander uͤber die Entwicklungskrankheiten. 2. Thl. S. 222 und 223. , daß er, wenn man so strenge Anforderungen macht, alsbald aus der Reihe haͤufig gebrauchter Mittel verschwin- den werde. — Was nun aber insbesondre die Anwendung Die verschiedenen Methoden der Anwendung sind namentlich in dem oben angefuͤhrten Werke von Kluge sehr gut neben einander gestellt. des Magnetismus in den genannten Entwicklungskrankheiten betrifft, so fordert sie gewiß die Beruͤcksichtigung der im vo- rigen Paragraph genannten, der Kur nachtheiligen Einfluͤße in vorzuͤglich hohem Grade und uͤberhaupt besondere Vorsicht; viele dieser Zustaͤnde beruhen naͤmlich an sich schon auf ab- norm gesteigerter Nervenwirkung, werden daher durch eine stark eingreifende magnetische Behandlung betraͤchtlich ver- schlimmert, und koͤnnen nur von einer einfachen, beruhigen- den, den vom natuͤrlichen nicht sehr verschiedenen Schlaf be- wirkenden Einwirkung Huͤlfe erhalten So erzaͤhlt Wienholt (drei Abhandlungen uͤber den thierischen Magnetismus, herausg. v. D. J. Chr. F. Scherf. Brem. 1807.) die Geschichte eines eilfjaͤhrigen an Melaucholie und einzelnen, ge- waltsame Geistesvetwirrung drohenden Anfaͤllen leidenden Kindes, welches durch den unter Wienholts Leitung vom Vater oder von der Mutter angewendeten Magnetismus, welcher hier blos taͤg- lich einige Stunden Schlaf bewirkte, gaͤnzlich geheilt wurde. . Besonders beruhi- gend scheint die vorsichtige Anwendung des Magnetismus aber immer bey krampfhaften Zufaͤllen dieser Perioden gewe- sen zu seyn, wovon die genannten Schriften uͤber den thie- rischen Magnetismus viele Beyspiele enthalten, dann muß aber insbesondre die kraͤftige Atmosphaͤre und Einwirkung eines gesunden Organismus bey den an allgemeiner Schwaͤche, Zittern, partiellen Laͤhmungen und darnieder liegender Repro- duktion leidenden Subjekten, wo anhaltende deprimirende Affekte, uͤberfeine physische Erziehung, fruͤhe Ausschweifun- gen u. s. w. die Krankheitsursachen abgeben, vorzuͤglich nuͤtzlich werden, allein es wird deßhalb hierbey auch die Wahl des Magnetisirenden von Wichtigkeit seyn, in welcher Hinsicht denn gewiß besonders eine geistig und koͤrperlich moͤglichst gesunde, der Kranken sonst auch nahe und werthe Person (Mutter, Vater, ein aͤlterer Bruder z. B.) in vieler Hin- sicht den Vorzug verdient. §. 274. Die rein psychische Behandlung dieser Krankheiten angehend, so ist zuvoͤrderst zu bemerken, daß ihre Anwen- dung immer noch eine gewisse Empfaͤnglichkeit von Seiten der Kranken voraussetzt, denn es ist leicht zu erkennen, daß z. B. im ausgebildeten Bloͤdsinn, uͤberhaupt schon bey sehr verminderter Geisteskraft auch die Wahrnehmung fremder gei- stiger Einwirkung vermindert seyn muͤsse. Ferner wird diese Behandlung mehr fuͤr Faͤlle passen, wo die Krankheit durch abnorme Gemuͤthsrichtung, also z. B. durch Nachahmungssucht, durch religioͤse oder poetische Schwaͤrmerey u. s. w. sich aͤußert; und endlich scheint sie auch vorzuͤglich da geeignet, wo ploͤtzliche heftige Eindruͤcke Auf diese Weise heilte man oͤfters ploͤtzlich durch Mittheilung ent- standene Kraͤmpfe durch Drohungen; so Boerha v im Harlemer Waisenhause. Mehrere aͤhnliche Faͤlle, auch den ziemlich komischen von Al Raschid’s Beyschlaͤferin erzaͤhlt Reil, Fieberlehre IV. Bd. S. 108 u. 655. diese und aͤhnliche Zufaͤlle erregt hatten, obwohl sie auch mitunter in langwierigen und all- maͤhlig entstandenen krampfhaften Krankheiten Mehrere Faͤlle dieser Art sind von Brandis, in dem ganz hier- her gehoͤrigen Aufsatze uͤber die Heilung von Krankheiten durch im- ponderable Arzneymittel (Hufeland’s Journ. d. pr. Heilk. 41. Bd. 2s St.) mitgetheilt. mit Nutzen angewendet worden ist. — Lassen sich jedoch uͤber irgend eine Methode im Allgemeinen ruͤcksichtlich ihres Gebrauchs wenig Vorschriften geben, so ist es diese. Alles beruht naͤmlich hierbey fast auf der Individualitaͤt des Arztes, welcher sie anwendet. Nur der mit Kraft des Geistes, mit energischem. Willen und reiner Theilnahme an fremden Leiden Ausge- ruͤstete wird auf diese Weise zum Wohle seiner Kranken wir- ken koͤnnen, fuͤr ihn aber bedarf es auch keiner Regeln, denn es sagt ihm die Erwaͤgung vorliegender Umstaͤnde bald, was in diesem Falle zu thun sey. — Man moͤchte daher wohl, wie J. Paul den Dichtern, hier den Aerzten zurufen: „Vor allen Dingen habt Genie !“ und wir finden daher auch gluͤckliche Anwendung dieser Methode immer nur bey wenigen aber ausgezeichneten Aerzten in der Geschichte der Heilkunst bemerkt Mehrere interessante Bemerkungen hieruͤber finden sich in Hein- roth de voluntate medici, medicamento insaniae. Lips. 1818. . — Erinnert muß jedoch werden, daß wir unter solcher psychischer Behandlung keineswegs blos das gewaltsame Erschuͤttern der Kranken durch einzelne Macht- spruͤche im Sinne haben, sondern vorzuͤglich glauben, daß die ruhige aber feste und staͤtige Einwirkung einer gesunden geistigen Individualitaͤt auf eine verstimmte, kleinmuͤthige, geschwaͤchte nicht anders als hoͤchst wohlthaͤtig fuͤr das in- nerste, und in wiefern dieses die Wurzel des aͤußern Lebens ist, auch fuͤr das aͤußere Leben solcher Kranken wirken muͤße. Wobey wir an des trefflichen Lessing Ausspruch gedenken, welcher sagt, daß der Umgang mit einem kraftvollen weisen und guten Menschen die eigentliche Seelenarzney sey. §. 275. Nachdem nun also die verschiedenen Methoden, welche die Kunst zur Behandlung jener Entwicklungskrankheiten dar- bietet, ihrer Natur nach im Einzelnen erwogen worden sind, kann sich aus der Vergleichung mit dem, was oben uͤber die Natur der Krankheit selbst erinnert worden ist, leicht die Wahl der fuͤr besondere Faͤlle schicklichen Heilverfahren erge- ben, und wir fuͤgen daher schluͤßlich nur noch zwey Bemer- kungen bey: erstens, daß man nicht uͤbersehen duͤrfe, wie manche jener Zustaͤnde, welche in der Entwicklungsperiode des weiblichen Geschlechts von Zeit zu Zeit beobachtet wor- den sind, uͤberhaupt gar keiner aͤrztlichen Behandlung unter- worfen seyn koͤnnen. — Wer moͤchte die edle Begeisterung einer Johanna von Orleans krankhaft nennen? wer die Ei- geuthuͤmlichkeit der rabdomantischen Sensibilitaͤt, welche in das innerste Leben des Organismus verflochten seyn kann, durch Arzneymittel heben wollen? — Zweytens, daß viele dieser Entwicklungszustaͤnde, durch das Fortschreiten des Le- bens selbst gehoben werden, zu rasches aͤrztliches Einwirken folglich, in wiefern es einen nothwendigen organischen Prozeß stoͤrt, leicht zum Nachtheil der Kranken gerathen koͤnne, und daß daher, bevor uͤberhaupt die aͤrztliche, oft allerdings auch sehr nothwendige Behandlung Statt finden kann, die genaueste Erforschung der Individualitaͤt des Falles besonders wichtig, und stets die einfachere, die Natur mehr leitende als zwingende Behandlung die angemessenste seyn werde. §. 276. Wir wenden uns jetzt zu einigen andern Krankheits- erscheinungen, welche nun ganz besonders der Periode aus- gebildeter Weiblichkeit angehoͤren und entweder in dem mit krankhafter Heftigkeit herrschenden Geschlechtstriebe, oder in dem voͤllig gehemmten Fortpflanzungsvermoͤgen, oder endlich in dem verstimmten Verhaͤltniß zwischen Sensibilitaͤt und Reproduktion begruͤndet sind, und in den Formen der Nymphomanie, Unfruchtbarkeit und Hysterie er- scheinen. 3) Mutterwuth, Manntollheit (Nymphomania, Andromania, Furor uterinus). §. 277. Eine traurige, der auf Sitte und Schamhaftigkeit gegruͤndeten weiblichen Natur Hohn sprechende, und eben deßhalb einen hoͤchst widrigen Anblick gewaͤhrende Krankheit, welche in uͤbermaͤßig hervorbrechendem, Verstand und Ge- wissen fast oder vollkommen uͤberwaͤltigendem Triebe zur Geschlechtslust sich zu erkennen giebt. Man bemerkt die- selbe bey juͤngern und aͤltern Personen, vorzuͤglich sanguini- schen oder cholerischen Temperaments, mit kraͤftigem Koͤrper, theils, obwohl seltner, noch in den Entwicklungsjahren und zuweilen mit chlorotischen Symptomen verbunden, theils waͤh- rend der ganzen, jedoch vorzuͤglich waͤhrend der spaͤtern Pe- riode der Geschlechtsreife, ja sogar waͤhrend der Schwanger- schaft, und es koͤnnen fuͤglich mehrere Grade dieses Uebels unterschieden werden. Erster Grad naͤmlich, die Geilheit (Salacitas), wo zwar noch nicht alles Schamgefuͤhl verloren ist, aber theils das Aeußere des Koͤrpers (das erhitzte Ge- sicht, die schwimmenden Augen, die starkgeroͤtheten aufgewor- senen Lippen u. s. w.) die angeregte Sinnlichkeit offenbaret, theils kein Mittel, die Befriedigung zu erzwecken, verschmaͤht wird, wohin wir Putz, unzuͤchtige Kleidung und Reden vor- zuͤglich rechnen, obgleich auch die Masturbation solchen Kran- ken sehr gewoͤhnlich ist. §. 278. Der zweyte Grad ist die eigentliche Melancholia ute- rina, indem die Kranke, welche die Ueberwaͤltigung ihres bessern Selbst durch einen rohen gewaltsamen Trieb empfin- det, in Truͤbheit des Gemuͤths versinkt, ein stilles vor sich hin Starren eintritt, der Koͤrper selbst leidet, abmagert, die Verdauung und der Schlaf gestoͤrt werden, demohnerachtet aber alle Gedanken auf Geschlechtsbefriedigung gerichtet sind, auch wohl schamlose Entbloͤßungen und Anerbieten versucht werden, bey Annaͤherung maͤnnlicher Individuen aber, die innere Begier durch Unruhe, unstaͤte Blicke, Worte und Gebaͤrden sich vorzuͤglich kund giebt. — Der dritte Grad endlich verdient den Namen Mania; die Freiheit des Willens ist hier gaͤnzlich aufgehoben, die Kranke wuͤthet, reißt sich die Kleidung ab, faͤllt Mannspersonen mit Raserey an, schreiet, die Ausleerun- gen erfolgen oft bewußtlos, und wenn durch solche Anstren- gungen die Kraͤfte erschoͤpft sind, folgt stilles Hinbruͤten, Melancholie oder selbst soporoͤser Zustand. Gewoͤhnlich pflegt uͤbrigens der dritte Grad, wenn er nicht bald gehoben wird, den Tod zu beschleunigen, indem dabey die Reproduktion immer mehr sinkt, Bloͤdsinn, Auszehrung, Wassersucht oder Apoplexie eintritt und das hier gewiß wuͤnschenswerthe Ende herbeyfuͤhrt; auch Selbstmord ist hier nicht ungewoͤhnlich. §. 279. Ueber das eigentliche Wesentliche dieser traurigen Krankheit (die sogenannte naͤchste Ursache) haben bisherige Untersuchungen noch zu wenig Aufschluß gegeben. Die aͤltern Aerzte suchten sie in der Schaͤrfe und Gaͤhrung des weibli- chen Samens, die Neuern gewoͤhnlich in uͤbermaͤßigem Ge- schlechtstriebe, mit Wahnsinn oder Melancholie verbunden Ueber Literatur und die verschiedenen Ansichten von dieser Krank- heit darf folgende kleine Schrift empfohlen werden: F. A. Peschek Diss. in. de furore uterino. Lips. 1810. — Nur daß der Verfasser den eigentlichen Sitz der Krankheit in die aͤußern Genitalien ver- legt, ist wohl eben so wenig zu billigen, als wenn man den Sitz des Hungers in die Mundhoͤhle verlegen wollte. . Betrachtet man indeß theils die disponirenden, theils die Ge- legenheitsursachen der Nymphomanie, theils was die Erwaͤ- gung der verschiedenen Ausgaͤnge der Krankheit zeigt, theils endlich was die Physiologie uͤber den Sitz der Geschlechtslust im weiblichen Koͤrper lehrt, so wird es mehr als wahrschein- lich, daß namentlich chronische Entzuͤndungen der Ovarien die Ursache aller jener Erscheinungen darstellen, welche den Begriff der Nymphomanie geben. — Nicht zu laͤugnen naͤmlich ist es, daß die Ovarien eben so der erste Grund der weiblichen Zeugungsfaͤhigkeit, und somit auch des Zeu- gungstriebes sind als die Hoden der maͤnnlichen. Viele der niedern weiblichen Thiere entbehren daher alle Geschlechtsor- gane, nur die Ovarien nicht, ja daß selbst im Menschen die Ovarien allein der Erzeugung und Ausbildung eines neuen Individuums faͤhig sind, beweisen die spaͤter zu betrachtenden Eyerstocksschwangerschaften. — Nun sehen wir aber aller- dings, wie sich dieses in der ausfuͤhrlichen Geschichte der normalen Schwangerschaft noch bestimmter ergeben wird, in beginnender Schwangerschaft, also bey der staͤrksten geschlecht- lichen Erregung des weiblichen Organismus, die Ovarien in einem Zustande, welcher dem der Entzuͤndung in vieler Hin- sicht verglichen werden kann, und es ist also leicht begreiflich, wie umgekehrt der entzuͤndliche pathologische Zustand der Genitalien, die aͤußerste Steigerung der Geschlechtsbegierde (gleichsam den Trieb den im Normalzustande dieser erhoͤhten Gefaͤßthaͤtigkeit verbundenen Zustand angehender Schwanger- schaft herbeyzufuͤhren) zur Folge haben koͤnne und muͤsse. §. 280. Sollte man vielleicht dieser Ansicht entgegenstellen, daß es mit ihr unvereinbar sey, daß, wie die Erfahrung zeigt, Schwangerschaft gerade bey dieser Krankheit doch so selten eintrete, so kann erwiedert werden, daß dieses vielmehr zur Bestaͤtigung diene, indem wir aͤhnliche Erscheinungen auch in den Entzuͤndungen anderer Organe nur allzuhaͤufig finden. So wird z. B. bekanntlich die Magen- und Darmentzuͤndung vom heftigsten Durste begleitet, und demohnerachtet gewoͤhn- lich alles Getraͤnk ausgebrochen und nicht assimilirt, und eben so finden wir sehr einleuchtend, daß die Ovarien, wenn sie in einem wahren krankhaften Entzuͤndungsprocesse begrif- fen sind, der normalen Erregung, welche zur Conception noͤthig ist, unfaͤhig werden. — Was die Sektionen betrifft, so hat man sie uͤberhaupt selten angestellt, auch die Ovarien dabey weniger beachtet; jedoch werden wir bey den spaͤter zu beschreibenden Krankheiten der Eyerstoͤcke finden, in wie naher Verbindung heftiger, zu Ausschweifungen fuͤhrender Geschlechtstrieb und abnormer Zustand der Genitalien zu ste- hen pflegen; auch sah ich in zwey Faͤllen die Ovarien von Personen, welche einer ausschweifenden Lebensweise beschuldigt wurden, etwas vergroͤßert, geroͤthet und mit kleinen Pusteln, fast wie mit einem chronischen Hautausschlage, bedeckt. §. 281. Ueber die entfernten Ursachen ist zu bemerken, daß sowohl die disponirenden als die Gelegenheitsursachen namentlich auf zweyerley Wege die Krankheit zu erzeugen vermoͤgen, naͤmlich entweder vom Gemuͤth aus, oder vom Organ. Zu den disponirenden Ursachen gehoͤren aber lebhafte Phantasie, auf wolluͤstige Gegenstaͤnde durch haͤufige unschickliche Lektuͤre, durch schluͤpfrigen Umgang und vieles Tanzen gerichtet; ferner Vollbluͤtigkeit, lebhaftes Tempera- ment, Genuß stark naͤhrender und zugleich erhitzender, Con- gestionen nach den Geschlechtsorganen herbeyfuͤhrender Speisen und Getraͤnke, Schlafen in sehr warmen Betten, Mißbrauch der Kohlentoͤpfe, uͤbermaͤßige Befriedigung des Geschlechtstrie- bes, zumal waͤhrend der Schwangerschaft (wo um so eher bey der an sich staͤrkern Erregung des Geschlechtssystems und Unstatthaftigkeit neuer Conception die chronische Entzuͤndung der Ovarien eintreten kann), Wurmbeschwerden, vorzuͤglich Askariden (welche sich zuweilen wohl selbst zu den Geschlechts- organen verbreiten), scharfer weißer Fluß, Steine in den Harnwegen u. s. w. — Gelegenheitsursachen koͤnnen fast die meisten derer, das Gemuͤth oder die Geschlechtsor- gane afficirenden heftigen Reitze werden; wir zaͤhlen dahin namentlich Ungluͤck in der Liebe (eine sehr haͤufige Veran- lassung), ploͤtzliche Entziehung des gewohnten Geschlechtsge- nußes (weßhalb die Krankheit bey jungen Wittwen nicht sel- ten beobachtet wird), Reitzung der Genitalien durch unpassend schlecht verfertigte oder gelegte Pessarien, durch drastische Ab- fuͤhrmittel, durch Emmenagoga, zur Unzeit bey Amenorrhoͤe vollsaftiger Personen angewendet, durch stark reitzende Einspri- tzungen, syphilitische Ansteckung, heiße Dampfbaͤder u. s. w. — Alles Ursachen, deren Natur dem oben angegebenen entzuͤnd- lichen Charakter der Krankheit vollkommen entspricht. §. 282. Die Prognose ist bey dieser Krankheit immer mißlich, jedoch am uͤbelsten, wenn sie bereits den zweiten oder gar den dritten Grad erreicht hat, in welchem letztern sie in der Regel unheilbar zu seyn pflegt, vielmehr in vollkommner Tollheit, durch Epilepsie oder die uͤbrigen §. 278. erwaͤhnten Arten sich endigt: guͤnstiger wird daher die Voraussagung nur da seyn koͤnnen, wo die Krankheit auf einer niedern Stufe verweilt, noch nicht von langer Dauer ist, und die veranlassenden Ursachen eine leichte Beseitigung gestatten. Selten beobachtete man, daß die Krankheit ohne aͤrztliche Huͤlfe sich gluͤcklich entschied, und dann vornehmlich unter folgenden von Astruc Maladies des Femmes. T. II. p. 570. aufgezeichneten Umstaͤnden, welche uͤbrigens saͤmmtlich von der Art sind, daß sie mit unserer oben aufgestellten Ansicht von dem eigentlich Wesentlichen der Krankheit vollkommen uͤbereinstimmen: — 1) naͤmlich hob sich die Krankheit zuweilen, indem ein starker Gebaͤrmutter- blutfluß entstand, 2) bey eintretendem starken Haͤmorrhoidal- fluße, 3) durch langwierigen schwaͤchenden weißen Fluß (wel- ches alles auf Beseitigung entzuͤndlicher Leiden hinweist), 4) durch eintretende wirkliche Schwangerschaft (welche indeß aus oben erwaͤhnten Gruͤnden kaum anders als im ersten Grade des Uebels Statt finden wird); 5) wenn der Uterus einen betraͤchtlichen Vorfall erlitt und nun der Einwirkung kaͤlterer aͤußerer Temperatur ausgesetzt ist (wo die Kaͤlte an- tiphlogistisch wirkt). §. 283. Die Regeln zur Behandlung der Mutterwuth muß- ten uͤbrigens ebenfalls hoͤchst schwankend bleiben, so lange man uͤber das Wesentliche der Krankheit noch keinen bestimm- ten Begriff gefaßt hatte, und es scheint allerdings, als wenn auch hier theils die bisher durch Erfahrung bewaͤhrten Re- geln mit der Meynung von der entzuͤndlichen Natur des Uebels vollkommen uͤbereinstimmten, theils diese Ansicht selbst zu neuen Behandlungsweisen nicht unwichtige Fingerzeige ge- waͤhrt. Im Allgemeinen darf man daher wohl sagen, daß die Behandlung zwar nach den verschiedenen Stadien ver- schieden, aber doch immer vorzuͤglich antiphlogistisch werde seyn muͤssen, wobey indeß zugleich die speciellen veranlassen- den Ursachen beruͤcksichtigt werden muͤssen, und namentlich auch die allgemeinen diaͤtetischen Regeln fuͤr dergleichen Un- gluͤckliche von besonderer Wichtigkeit sind, deren wir daher hier zunaͤchst gedenken. Es gehoͤrt aber hierher 1) Aufent- halt in reiner kuͤhler Luft, 2) Vermeidung zu warmer Schlaf- stellen, daher leichte Bedeckung, Matrazen u. s. w. empfohlen werden muͤssen; 3) kuͤhlende Diaͤt, Obst, saͤuerliche waͤsserige Fruͤchte, als Gurken, Melonen u. s. w.; 4) reichliches ver- duͤnnendes Getraͤnk, aus Dekokten von Althaͤa und Quecken- wurzel, der Gerstentrank mit Cremor tartari, Limonade u. s. w. — 5) Hinlaͤngliche Beschaͤftigung der Koͤrperkraͤfte durch Arbeiten, namentlich Gartenarbeiten; 6) Zerstreuung durch veraͤnderten Aufenthaltsort und Umgebungen, weßhalb kleine Reisen sehr wohlthaͤtig zu seyn pflegen; 7) strenge Bewah- rung vor allem, wodurch Geschlechtslust erregt werden koͤnnte, als z. B. haͤufiges Sehen maͤnnlicher Individuen, weßhalb nichts der Heilung hinderlicher seyn kann, als wenn in uͤbel- geleiteten Irrenanstalten solche arme Geschoͤpfe neugierigen Fremden zur Schau dargeboten werden; vorzuͤglich aber muß hierher die Bewachung der Personen, um sie von der ihnen so gewoͤhnlichen Selbstbefriedigung abzuhalten, gerechnet wer- den, welche Aufgabe indeß oft schwer genug auszufuͤhren ist, indem sie ihrem krankhaft herrschenden Triebe auf alle Weise genug zu thun suchen Man beobachtet z. B., daß diese Personen, wenn sie an Neitzung der Schamtheile gehindert werden, durch Neitzung der Brustwarzen, ja durch Neitzung der Nasenloͤcher, ihre traurige Lust zu buͤßen suchen. und oft das Anlegen von Zwangs- westen und aͤhnlichen Vorrichtungen noͤthig macht. §. 284. Die eigentlich aͤrztliche Behandlung muß nun insbe- sondre und zunaͤchst die veranlassenden Ursachen beruͤcksichti- gen, und, in wiefern diese doppelter Art sind, d. i. theils vom Gemuͤth, theils vom Organ ausgehen, auch theils auf die Seele, theils auf den Koͤrper wirken. — In ersterer Hinsicht, welche besonders in Faͤllen, wo die Krankheit durch psychische Einfluͤße herbeygefuͤhrt wurde, wichtig ist, kann namentlich bey geringerem Grade des Uebels die kraͤftige Er- weckung des im Weibe doch so maͤchtigen Schamgefuͤhls durch eindringende Vorstellungen des verstaͤndigen Arztes oder auch wohl eines erfahrenen Geistlichen, sehr viel ausrichten. Außerdem sind mehrere andere entgegengesetzte, vorzuͤglich de- primirende Gemuͤthsbewegungen als Heilmittel zu Huͤlfe zu nehmen; hierher gehoͤrt namentlich in dem ersten Grade der Krankheit Erregung der Furcht vor den traurigen Ausgaͤngen derselben, auch spaͤterhin Schreck durch Drohungen. §. 285. In Ruͤcksicht auf den Koͤrper verlangt die Krankheit zunaͤchst Entfernung fortwaͤhrend einwirkender localer Ursachen. Tragen die Personen Pessarien, so sind diese entweder ganz herauszunehmen (indem, wie oben bemerkt wurde, bey Ge- baͤrmuttervorfaͤllen oft die Nymphomanie von selbst verschwand), oder, wenigstens wenn sie anderer Ursachen wegen nicht ganz entbehrt werden koͤnnen, sind sie durch minder reitzende Un- terstuͤtzungsmittel, z. B. durch einen eingelegten Schwamm, zu ersetzen. Eben so muͤssen Wurmcomplicationen gehoben, Ausschlagskrankheiten, jedoch mit Vorsicht, geheilt werden. Scharfer weißer Fluß macht besonders haͤufige Reinigung der Genitalien durch kaltes Auswaschen mit bittern Decokten noth- wendig, obwohl Schleimfluͤße selbst, gleich andern vielleicht ein- tretenden Blutfluͤßen, hierbey nicht zu schnell unterdruͤckt werden duͤrfen. — Waͤre uͤbrigens Entziehung des naturgemaͤßen oder gewohnten Geschlechtsgenußes Krankheitsursache, und hat das Uebel noch keinen hoͤhern Grad erreicht, wie nament- lich gleich nach entwickelter Pubertaͤt, so muß allerdings, wenn es sonstige Umstaͤnde erlauben, baldige Verheirathung empfohlen werden, indem dann oft die Veraͤnderungen der Geburtstheile durch Schwangerschaft, Geburt und Wochenbett das Uebel am gruͤndlichsten heben koͤnnen, dahingegen bey weiter vorgeruͤckter Krankheit, auch die natuͤrliche Befriedi- gung der Geschlechtslust nur die Krankheit erhoͤhen wuͤrde. §. 286. Ferner muß in Hinsicht der entzuͤndlichen Natur der Krankheit außer dem oben erwaͤhnten antiphlogistischen Regi- men vorzuͤglich auch eine antiphlogistische aͤrztliche Behand- lung durch innere und aͤußere Mittel empfohlen werden. Wir rechnen dahin, bey kraͤftigen vollsaftigen Individuen, die von Zeit zu Zeit wiederholten Blutentziehungen und kuͤhlen- den Abfuͤhrungen aus Mittelsalzen, Pulpa tamarindorum u. s. w., die kuͤhlen Baͤder, die kalten Waschungen der Ge- nitalien, die Umschlaͤge von Camphoressig uͤber dieselben. Ferner wirken antagonistisch erregte Absonderungen sehr vor- theilhaft, als: die Ekelkur durch haͤufige kleine Dosen der Ipecacuanha, ja selbst Merkurialeinreibungen in die Leistenge- gend, sogar bis zur Erregung eines leichten Speichelflußes, oder oberflaͤchliche Eiterungen durch Einreibungen von Tar- tarus emeticus (welche wir hier in hoͤhern Graden des Uebels empfehlen moͤchten). — Was nun den hoͤchsten Grad der Krankheit und oft schon den zweyten betrifft, so kann allerdings, namentlich bey schon betraͤchtlicher Dauer oft uͤber- haupt keine vollkommne Heilung gehofft werden, und zwar immer um so weniger, je mehr sich die geistigen Thaͤtigkei- ten dabey gestoͤrt zeigen, und dann bleibt das Unterbrin- gen solcher Ungluͤcklichen in eine zweckmaͤßige Versorgungs- anstalt, um sie den Augen der neugierigen Menge zu ent- ziehen, oft das einzige Geschaͤft des Arztes; obwohl man vielleicht auch hier noch die Frage aufwerfen koͤnnte, ob nicht durch eine laͤngere Zeit noch anhaltend fortgesetzte antiphlo- gistische Behandlung, ja im aͤußersten Falle wohl selbst durch die Exstirpation der Ovarien (eine anerkanntermaaßen ohne allzugroße Gefahr des Lebens vorzunehmende Operation) Huͤlfe moͤglich sey? — 4) Unfruchtbarkeit ( Sterilitas ) . §. 287. Wir bezeichnen auf diese Weise denjenigen Zustand des dem Alter nach zeugungsfaͤhig seyn sollenden weiblichen Koͤr- pers, wo unter den aͤußern, im Normalverhaͤltniß die Em- pfaͤngniß zur Folge habenden Bedingungen dieselbe demohn- erachtet gar nicht erfolgt; diejenigen Faͤlle daher schließen wir vom Begriffe der Unfruchtbarkeit aus, wo die Empfaͤngniß durch Mißverhaͤltniß beiderseitiger Geschlechtstheile Einen Fall dieser Art s. in Stark ’s neuem Archiv f. Geburts- huͤlfe. I. Bd. IV. St. S. 376. , durch Abneigung zweier Gatten, oder durch maͤnnliche Impotenz verhindert wird, indem unter solchen Umstaͤnden wohl die Ehe, aber nicht das Weib unfruchtbar seyn kann, uͤber welche Verhaͤltnisse die naͤhere Eroͤrterung in die gerichtliche Medicin gehoͤrt S. daruͤber den 7. Abschnitt in dem kurzgefaßten System der ge- richtlichen Arzneywissenschaft von J. D. Metzger . Vierte, von Gruner besorgte Auflage. 1814. . §. 288. Die Unfruchtbarkeit des Weibes ist nun aber eigentlich nicht an und fuͤr sich als Krankheit zu betrachten, sondern kann vielmehr nur die Folge allgemeiner oder oͤrtlicher Krankheitszustaͤnde seyn, welche jedoch, da ihnen diese fuͤr das weibliche Leben so einflußreiche Wirkung gemeinsam ist, unter diesem Gesichtspunkt besonders zusam- mengestellt zu werden verdienen. Es gehoͤren aber hierher: 1) allgemeine sehr phlegmatische oder mehr maͤnnliche Con- stitution, oft durch mangelnde Menstruation und sehr schwa- chen oder gaͤnzlich fehlenden Geschlechtstrieb noch naͤher charakterisirt. 2) Urspruͤngliche bedeutende Bildungsfehler der Geschlechtstheile, als Mangel der Ovarien, der Gebaͤrmutter, bedeutende Verwachsungen der Vagina oder des Muttermun- des (obwohl wir schon fruͤher bemerkt haben, daß diese Ver- wachsungen allein doch wohl die Conception nicht immer un- moͤglich machen [s. Anmerk. zu §. 139.], wohin auch ein von H. Osiander Dessen neue Denkwuͤrdigkeiten. I. Thl. 1s Hft. S. 259. Eine Person hatte vor 8 Jahren zum zweiten Male geboren, und war 4 Jahre nachher von venerischer Kraͤtze, weißem Fluß und Augen- entzuͤndung durch Quecksilber gruͤndlich kurirt worden, dann wohl gewesen, nun schwanger geworden, hatte auch in der Schwanger- schaft nichts krankhaftes empfunden, und demohnerachtet fand man die Vagina uͤber zwei Zoll lang verwachsen. Haͤtte hier nicht ver- muthet werden sollen, daß die Verwachsung waͤhrend der Syphilis erzaͤhlter, und ein noch wichtigerer von I. Theil. 15 Dr. Boͤnisch Berger Diss. Ad Theoriam de foetus generatione analecta. Lips. 1818. Die Person hatte nie gehoͤrig menstruirt, lange in der Ehe gelebt und bey endlich doch erfolgter Schwangerschaft zeigte sich nach langen Geburtswehen durchaus kein Muttermund. beobachteter Fall gehoͤrt), allgemeine sehr betraͤchtliche Verengerung des Scheidenkanals, sehr großes und festes Hymen, ja selbst ein außerordentlich verengertes Becken. 3) Spaͤter entstandene Verbildungen der Genitalien, welche den Coitus uͤberhaupt, oder wenigstens die normale Aufnahme und Zuruͤckbehaltung des maͤnnlichen Sperma’s hindern. Hierher gehoͤren: starke Einrisse des Mittelfleisches bis in den After, betraͤchtlicher Scheidenvorfall, Schieflagen, Umstuͤlpung oder Vorfall des Uterus, und bedeutende Zer- reissungen, Verhaͤrtungen, Geschwuͤre des Muttermundes Daß uͤbrigens selbst bey offnem Krebs der Gebaͤrmutter zuweilen doch noch Conception erfolgen koͤnne, hat die Erfahrung gelehrt. . Besonders aber auch Ausartungen der Eyerstoͤcke (z. B. Was- sersucht derselben), Verwachsungen der Muttertrompeten u. s. w. oder wohl gar Zerstoͤrungen oder Exstirpationen einzelner Theile der innern Genitalien. §. 289. 4) Fremde Koͤrper in den Genitalien, als uͤbelgelegte Pessarien, Polypen von betraͤchtlichem Umfange in der Va- gina oder im Uterus (kleinere Polypen des Uterus gestatten wohl zuweilen die Conception, hindern jedoch in der Regel das Austragen der Frucht), Reste der Placenta, Schleim- pfroͤpfe u. s. w. — 5) Ein hoher Grad von Atonie der Ge- burtstheile, welcher entweder als torpide Schwaͤche, mit gaͤnzlich gesunkener Sensibilitaͤt (durch Kaͤlte, Schlaffheit, Unem- pfindlichkeit der Genitalien charakterisirt) oder als Schwaͤche mit krankhaft gesteigerter Sensibilitaͤt (durch Schmerzhaftigkeit und Kraͤmpfe in den Geschlechtsorganen, und oft auch in den ihnen nahe liegenden Theilen, als im Darmkanal oder vor 4 Jahren geschehen sey? oder darf man annehmen, daß eine Vagina waͤhrend der Schwangerschaftszeit und ohne an- dere Zufaͤlle 2 Zoll weit verwachsen koͤnne? in den Harnwegen sich aͤußernd) erscheinen kann. Diese Schwaͤche selbst kann denn wieder durch verschiedene Veranlassungen herbeygefuͤhrt worden seyn, z. B. durch ausschweifende Le- bensart, langwierigen weißen Fluß, uͤbermaͤßige Menstrua- tion, sehr haͤufige Wochenbetten, oͤfteres Abortiren, schwere Entbindungen, Metrorrhagien, Syphilis, Wassersucht des Uterus u. s. w. — 6) Allgemeine bedeutende Krankheiten aller Art, Fieber, Wassers n chten, hoher Grad von Bleichsucht u. s. w. 7) Der zu haͤufige Coitus. §. 290. Die Prognose uͤber Heilbarkeit oder Unheilbarkeit der Unfruchtbarkeit, welche namentlich in gerichtlicher Hin- sicht oft, z. B. um das Urtheil in Ehescheidungssachen zu bestimmen, von besonderer Wichtigkeit ist, richtet sich natuͤr- lich ganz nach der Art der erwaͤhnten verschiedenen, hierbey moͤglicher Weise zum Grunde liegenden Ursachen. — Unguͤn- stig muß sie daher ausfallen bey betraͤchtlichen, keine Abhuͤlfe durch Operation gestattenden Mißbildungen, oder spaͤter Statt gehabten Zerstoͤrungen einzelner Geschlechtstheile, Wassersuch- ten der Eyerstoͤcke u. s. w.; guͤnstiger hingegen bey Verbildun- gen der Geschlechtstheile, welche aͤrztliche Huͤlfe gestatten, z. B. Scheidenpolypen, kleinern Vorfaͤllen und Schieflagen des Uterus. Ueberhaupt aber werden dynamische Ursachen (z. B. Atonie der Geschlechtstheile) immer eine weit guͤn- stigere Prognose geben, als organische. §. 291. Eben so wie die Prognose wird sich nun auch die aͤrztliche Behandlung der Unfruchtbarkeit nach den ver- schiedenen ursachlichen Verhaͤltnissen richten, so daß denn einleuchtend ist, wie bey maͤnnlichem Habitus, verbunden mit Mangel der Menstruation und des Geschlechtstriebes, bey Mangel einzelner Geschlechtstheile, besonderer Kleinheit des Becken- oder Scheidenkanals, uͤberhaupt gar keine Huͤlfe Statt finden kann, dahingegen andere heilbare Krankheiten der Geschlechtstheile, als Atresie der Scheide oder des Ute- rus, Leucorrhoͤe, Gebaͤrmutter- und Scheiden-Polypen, nach- gebliebene Reste der Placenta u. s. w. theils schon eroͤrterte, theils noch zu eroͤrternde Heilungsmethoden nothwendig ma- chen, weßhalb uns denn nur die hier ein besonderes Heilver- fahren gebietenden Ursachen noch etwas naͤher zu erwaͤgen uͤbrig bleiben. §. 292. Wir rechnen hierher zunaͤchst die allgemeine phlegma- tische Constitution, durch schwammigen Koͤrperbau, langsamen Puls, traͤges Temperament u. s. w. charakterisirt. Hier wer- den denn namentlich eine mehr reitzende Diaͤt, der Gebrauch eines guten alten Weins, aromatische Kraͤuterbaͤder, spirituoͤse Waschungen des Ruͤckgraths und der Kreuzgegend nach den- selben, die Anwendung der Elektricitaͤt, innerlich der China- abkochungen mit der Tr. Cinnamomi, Cortic. aurant. u. s. w., ferner das Reisen, das Trinken des Driburger oder Pyrmonter Mineralwassers, verbunden mit Aufheiterung des Gemuͤths, nuͤtzlich werden. — Zweitens bey besonderer (ob- wohl nicht absoluter) Engigkeit der Genitalien muͤssen laue seifenhafte Baͤder, Dampfbaͤder, eingebrachte, mit erweichen- den, schleimigen, oͤhligen Dingen befeuchtete Schwaͤmme, Einreibungen des Perinaͤi mit mildem Fett oder Oehl be- sonders empfohlen werden. Vorzuͤglich ist jedoch auch zu bemerken, daß bey so engen Genitalien oft die Befruchtung am ersten Statt finden wird, wenn der Coitus in der letz- ten Zeit der Menstruation, oder gleich nach Beendigung der- selben vollzogen wird, indem hier die Genitalien noch mehr erweicht und erweitert zu seyn pflegen, und zugleich, wie schon oben bemerkt wurde, der weibliche Koͤrper zu dieser Zeit am meisten der Conception faͤhig ist. §. 293. Was drittens die verschiedenen abnormen Lagen des Uterus betrifft, so machen diese zwar die Behandlung noͤthig, von welcher noch spaͤterhin bey den organischen Krankheiten des Uterus besonders die Rede seyn wird, allein es ist doch auch zu bemerken, daß bey gewissen fehlerhaften Lagen des- selben auch durch eine besondere Haltung des Koͤrpers waͤh- rend des Coitus selbst (z. B. nach Schmidtmuͤller S. dessen Handbuch der medicinischen Geburtshuͤlfe. Thl. I. S. 46. wo uͤberhaupt die Lehre von der Unfruchtbarkeit sehr vollstaͤndig ab- gehandelt ist. bey Schieflagen des Uterus nach ruͤckwaͤrts, wegen des nach dem Schambogen gedraͤugten Muttermundes durch den Coi- tus a posteriori ) der Zweck der Empfaͤngniß eher erreicht werden kann. Zuweilen kann wohl auch eine betraͤchtliche Weite und Schlaffheit die Ursache seyn, welche die zur Er- zeugung noͤthige Erregung, sowohl der maͤnnlichen als weib- lichen Genitalien hindert; es sind dann die Bedingungen der Schlaffheit aufzusuchen, bey betraͤchtlichen Einrißen des Mit- telfleisches wird daher eine neue Skarifikation der Wundraͤn- der, Anlegung der blutigen Nath und ruhige Lage nothwen- dig, um die Wiedervereinigung zu bewerkstelligen; außerdem hingegen bey bloßer Schlaffheit ist Anwendung adstringirender Mittel, des Waschens mit rothem Wein, der Einspritzungen der Dekokte von Eichen-, Weiden-, Ulmenrinde, der Tormen- tillwurzel, der Gallaͤpfel, oder schwacher Eisenvitriolaufloͤsun- gen zu empfehlen. §. 294. Wo ferner anderweitige allgemeine Krankheiten, Unre- gelmaͤßigkeiten der Menstruation, Bleichsucht, Syphilis, Skir- rhus, Krebs, Wassersuchten u. s. w. die Conception hindern, muß theils nach oben entwickelten Grundsaͤtzen, theils nach den Regeln, welche die specielle Therapie hieruͤber ertheilt, die Heilung derselben bezweckt, und nachbleibende allgemeine Atonie nach den §. 292. angegebenen Ruͤcksichten behandelt werden. — Besonders haͤufig ist die oͤrtliche Schwaͤche der Genitalien Ursache der Unfruchtbarkeit, und der Arzt muß daher trachten, erstens die Ursachen derselben, als Haͤmor- rhagien, zu haͤufige oder zu starke Menstruation, Schleim- fluͤße u. s. w. zu entfernen, theils den Schwaͤchezustand selbst seiner Natur angemessen zu behandeln. Stellt sich daher die Schwaͤche, verbunden mit sehr erhoͤhter Sensibilitaͤt dar, so entstehen vorzuͤglich leicht krampfhafte Zusammenziehungen der Muskelfibern des Scheidenkanals ( Vaginalkrampf nach Schmidtmuͤller ) machen den Coitus hoͤchst schmerz- haft, zumal wenn sich zugleich in Folge mangelhafter Sekre- tion der Vagina eine Trockenheit derselben hinzugesellt und die Befruchtung findet nicht Statt. Bey diesem Leiden ist sodann vorzuͤglich auf den Stand der Sensibilitaͤt uͤberhaupt Ruͤcksicht zu nehmen, indem es am haͤufigsten bey hysterischen Individuen, bey Personen, welche an schmerzhafter Men- struation leiden u. s. w. vorkommt. Man muß daher die allgemeine Constitution durch bessere Lebensordnung und Diaͤt zur Norm zuruͤckfuͤhren, dabey laue Baͤder, Landluft, robo- rirende Mittel zu Huͤlfe nehmen, und endlich, um die ab- norme Reitzbarkeit der Genitalien zu mindern, erweichende Dampfbaͤder Auch die oͤrtlichen Baͤder durch den Weidlich’schen Badestuhl (s. dessen kleine Schrift uͤber den Badestuhl. Wien 1818.) verspre- chen hier besondern Nutzen. , Einreibungen des Olei hyoscyami , oͤfteres Einbringen eines Schwammes in laue mit Opiattinktur ver- mischte Milch getaucht, Einspritzungen von Abkochungen der Mohnkoͤpfe, von Aufguͤßen des Bilsenkrautes, der Ka- millen, der Valeriana u. s. w. anwenden. — §. 295. Im Gegentheil aber kann auch torpide Schwaͤche vor- handen seyn, und dann ist vorzuͤglich theils im Allgemeinen anf Erregung einer kraͤftigern Reproduktion durch staͤrkende Diaͤt, Reisen, Besuchen mineralischer Baͤder und die uͤbrigen §. 292. angezeigten Mittel Ruͤcksicht zu nehmen, theils von den das Geschlechtssystem insbesondre in Anspruch nehmenden Mitteln Gebrauch zu machen, welches vorzuͤglich diejenigen seyn werden, deren bey Betrachtung der aus Torpiditaͤt ver- zoͤgerten oder zu schwachen Menstruation oͤfters gedacht wor- den ist. Wir rechnen dahin namentlich die Verbindung des Extraktiv- und harzigen Stoffes mit aͤtherisch oͤhligten Be- standtheilen, also die China mit der Zimmttinktur, der Cas- karille, den Gummiharzen, ja bey sehr hohem Grade der Atonie, der Sabina, und der Cantharidentinktur; gleichzeitig den Gebrauch aͤußerer Mittel, der geistigen Einreibungen, des Einreibens vom fluͤchtigen Liniment mit Tr. Canthari- dum in die Kreuzgegend, die Urtikation (das Streichen mit Nesseln, so daß die Blaͤtter in einer den feinen Haͤckchen derselben entgegengesetzten Richtung die Haut beruͤhren) das Tragen eines mit aͤtherischen Oehlen geschaͤrften Emplastri aromatici, das trockne Frottiren der Schenkel, oͤrtliche aro- matische Baͤder, die Anwendung der Elektricitaͤt u. s. w. — Auch von drastischen Abfuͤhrmitteln, aus Rad. Jalappae, Rheum, Senna u. s. w., wenn sie von Zeit zu Zeit, als Erregungsmittel des dem Geschlechtssystem so nahe verwand- ten Darmkanals, dargereicht werden, hat man in Verbin- dung mit den uͤbrigen Mitteln, vorzuͤgliche Wirkungen bey diesem Zustande von Atonie beobachtet. — Endlich wird es der Arzt, wo er uͤber den Zustand der Unfruchtbarkeit zu Rathe gezogen wird, nie umgehen koͤnnen, ruͤcksichtlich des ehlichen Umganges selbst beiden Gatten zweckmaͤßige diaͤte- tische Vorschriften zu ertheilen, vorzuͤglich das Uebermaaß desselben, eine gar nicht seltne Ursache der Unfruchtbarkeit, einzuschraͤnken, die sonstigen Regeln aber nach den einzelnen vorkommenden Faͤllen zu bestimmen. 5) Hysterie, Mutterbeschwerung ( passio hysterica, adscensus uteri ). §. 296. Die Hysterie ist eine von denen Krankheiten, welche der außerordentlichen Vielgestaltigkeit ihrer Symptome wegen schwer eine vollstaͤndige Beschreibung, fast gar nicht eine kurze Definition zulassen, und welche, demohnerachtet so kenntlich sind, daß, wer sie nur einigemal gesehen hat, sie wenigstens nicht leicht wieder verkennen wird. — Vorzuͤg- lich hat man sie mit der Hypochondrie des maͤnnlichen Ge- schlechts zusammengestellt, und es hat dieß sogar Veranlas- sung zu der Streitfrage gegeben, ob beide nicht eins und dasselbe seyen? — Bejahend wurde diese Frage schon von mehreren aͤltern Aerzten, als Sydenham, Tissot und Selle entschieden, und unter den Neuern tritt ihnen auch H. Joͤrg bey Krankheiten des menschlichen Weibes. S. 586. , welcher selbst der Meynung ist, es sey besser, den Namen der Krankheit zu vertilgen, zumal da ihr Sitz nicht im Geschlechtssystem (worauf ihr Name von ὑστέρα, uterus, deutet) und es daher schicklicher waͤre, sie als weibliche Hypochondrie zu bezeichnen, deren Charakter von der maͤnnlichen Hypochondrie nur indem er durch den Geschlechtscharakter modificirt werde, sich unter- scheide. Entgegengesetzter Meynung sind Andere, z. B. H. Haase Ueber die Erkenntniß und Kur der chronischen Krankheiten. 2r Th. S. 282. , welcher sowohl in den wesentlichen Krankheitser- scheinungen, als in der Art sie zu behandeln wichtige Unter- schiede zwischen beiden findet. — Wir gedenken nun hier zuerst die Art des Vorkommens und die Aeußerungen der Hysterie zu schildern, und hoffen, daß sich sodann aus der Betrachtung uͤber das Wesentliche und Ursachliche dieser Er- scheinungen auch das Verhaͤltniß dieser Krankheit zur Hypo- chondrie ergeben werde. §. 297. Der hysterische Zustand also, von welchem wir vorlaͤufig nur erinnern, daß er vorzuͤglich durch Stoͤrungen assimilativer und reproduktiver Thaͤtigkeit, verbunden mit Verstimmungen im Leben des centralen und insbesondre des sympathischen Nervensystems sich ausspreche, kommt zwar namentlich in der eigentlich zeugungsfaͤhigen Lebensperiode, vorzuͤglich zwi- schen dem 20 — 46sten oder 48sten Jahre vor, pflanzt sich jedoch zuweilen auch auf das spaͤtere Lebensalter fort, so wie er mitunter wohl auch in der Entwicklungsperiode unter den hier einheimischen, oben beschriebenen Nerveuleiden eine Stelle mit einnimmt, ja viele derselben wohl erst selbst hervorruft. Ein lebhaftes Temperament, eine reitzbare Koͤrperconstitution, wie sie namentlich zartgebauten Bruͤnetten eigen zu seyn pflegt, bilden ferner, verbunden mit stark entwickelter Geistesthaͤtig- keit, diejenige Individualitaͤt, welche dieser Krankheit am mei- sten unterworfen zu seyn pflegt; uͤbrigens kommt sie bey Frauen und Jungfrauen vor, und obwohl vorzuͤglich nicht verheirathete oder ungluͤcklich verheirathete, kinderlose Frauen, besonders aber junge Wittwen, daran zu leiden pflegen, so bleiben doch selbst Schwangere, Woͤchnerinnen und Stillende von diesen Anfaͤllen nicht ganz befreyt. §. 298. Bey den Aeußerungen der Krankheit haben wir zuvoͤr- derst der Periodicitaͤt ihrer Anfaͤlle zu gedenken, durch welche sie an andere ebenfalls in gewissen Zeitraͤumen wiederkehrende Nervenkrankheiten, z. B. die Epilepsie und den Veitstanz erinnert. Diese Periodicitaͤt aber ist in sofern zwiefach, als in einem Falle die Wiederkehr der Anfaͤlle durch aͤußere Veranlas- sungen, Gemuͤthsbewegungen, starke Sinneseindruͤcke u. s. w. herbeygefuͤhrt wird, ohne diese Einfluͤße aber die Anfaͤlle auf unbestimmte Zeit außen bleiben, und dieses Periodische ist dann ganz Produkt der Reitzbarkeit des Nervensystems und des aͤußern Moments; oder im andern Falle, wird die Wiederkehr des Paroxysmus mehr nach regelmaͤßigen Zeitraͤu- men (ohngefaͤhr wie die Wiederkehr eines Wechselfieberan- falls) bestimmt, und ist das Ursachliche davon mehr der an- dere Faktor der Krankheit, d. i. das reproduktive System, welches als ein Niederes dem wechselnden Gange des aͤußern Naturlebens mehr hingegeben ist, und von seinen Perioden mit afficirt wird, wohin denn ganz besonders die bey vielen Hysterischen zur Zeit der Menstruation staͤrkern Anfaͤlle ge- hoͤren. — Uebrigens darf die Periodicitaͤt dieser Krankheit nicht so verstanden werden, als ob außer den Anfaͤllen ein vollkommnes Wohlbefinden Statt habe, indem vorzuͤglich die krankhafte Nervenreitzbarkeit, Gemuͤthsverstimmung, die Ver- dauungsbeschwerden, die Kranken nie zu verlassen pflegen. §. 299. Wir gehen nun zur Schilderung der verschiedenen Krank- heitssymptome nach den einzelnen organischen Systemen uͤber, und werden sodann von der Erscheinung des hysterischen Anfalls insbesondre handeln: — Animale Sphaͤre . 1) Symp- tome gestoͤrter Sensibilitaͤt . Ein vorzuͤglich gewoͤhn- licher Zufall ist die sehr gesteigerte Receptivitaͤt der Sinnes- organe, so daß das schwaͤchste Geraͤusch, das Fallen eines Buchs, das Oeffnen einer Thuͤre, eine starke Anrede u. s. w. die Kranken wirklich schmerzhaft oder schreckhaft afficirt; eben so pflegt es mit den uͤbrigen Sinnen zu seyn: das Auge vertraͤgt weder helles Licht noch kraͤftige Farbe, nur was matt, schwaͤchlich, schmachtend aber zierlich ist, gefaͤllt solchen Kranken. Besonders aber ist auch die Empfindlichkeit im Geruch und Geschmack gesteigert; schon der Geruch einer Blume, noch weit mehr aber der von staͤrkern fluͤchtigen Arzneystoffen, Campher, Moschus u. s. w. erregt oft Schwindel und Ohnmachten, und uͤberhaupt sind die sonderbarsten Idio- synkrasien hier ganz in der Ordnung, so daß dagegen oft wieder andere sehr widrige Dinge, z. B. Castoreum, Asa foetida, ganz leicht genommen werden. Zu dieser geschaͤrf- ten Sensibilitaͤt gehoͤrt auch das feinere Gefuͤhl fuͤr die In- dividualitaͤt anderer Personen, und sonstige aͤußere Verhaͤlt- nisse, welche auf die Sinne eines gesunden Koͤrpers keinen Eindruck machen, in welcher Hinsicht wir wieder an das erinnern muͤssen, was oben uͤber Nervenzufaͤlle in den Ent- wicklungsperioden gesagt ist. Ferner gehoͤren hierher die mannigfaltigen Sinnestaͤuschungen, und die sehr erhoͤhte Em- pfindlichkeit des innern Sinnes gegen alle Arten von Krank- heitszustaͤnden. Als Folgen der erstern naͤmlich sind die Fle- cken, Funken, Bilder, Phantasmata vor den Augen, das Doppeltsehen, das Brausen vor den Ohren u. s. w., als Fol- gen der letztern die haͤufigen Klagen, zum Theil uͤber ganz eigene Krankheitsempfindungen, zu betrachten. §. 300. Diese besondern Krankheitsempfindungen beziehen sich vornehmlich auf Kopf und Unterleib. Im erstern stellen sich oft heftige, bohrende, immer auf einem Punkt fixirte Schmerzen ein ( Clavus hystericus ), oder der Schmerz erscheint als heftiges beschwerliches Ziehen in der Hinterhauptsgegend, als Migraͤne, auch als aͤußerliches Reißen, Gefuͤhl von Kaͤlte, Schmerzen laͤngst des Ruͤckenmarks, Empfindung von Amei- senkriechen in demselben; im Unterleibe als schmerzhafte Span- nung in den Praͤcordien, Gefuͤhl von Zusammenschnuͤrung an einzelnen Stellen des Darmkanals, welches oft den Ort wechselt, und daher von den Kranken mit der Empfindung einer sich fortbewegenden Kugel verglichen wird ( Globus hy- stericus ), vorzuͤglich aber von Schmerz im Uterus selbst, vielleicht oft durch Krampf der Muskelfibern in den runden Mutterbaͤndern veranlaßt, welches von den Kranken als schmerzhaftes Aufgehobenwerden des Uterus beschrieben wird. §. 301. Ueberhaupt aber muͤssen hierher auch noch die Verstim- mungen des hoͤhern Nervenlebens, sowohl im Schlafe, als im wachen Zustande gerechnet werden. Der Schlaf naͤmlich ist gewoͤhnlich hoͤchst unruhig bis zur wahren Agrypnie, un- ruhige, aͤußerst lebhafte Traͤume, Schlafrednerey, und selbst Nachtwandeln kommen nicht selten vor. Im wachen Zu- stande zeigt sich eine außerordentliche Erregbarkeit des Ge- muͤths, die verschiedensten Stimmungen wechseln sehr rasch, die unbedeutendsten Veranlassungen erregen Aergerlichkeit, Truͤbsinn, Weinen; aus Melancholie, welche jedoch im Gan- zen vorherrschend ist, springt oft eine Kranke dieser Art zur Lustigkeit uͤber, besonders aber werden hysterische Individuen durch eine ungemeine Redseligkeit charakterisirt, mit welcher sie oft, zu nicht geringer Qual des Arztes alle, auch die unbedeutendsten Krankheitssymptome, ja oft diese gerade am meisten, eroͤrtern, hierbey auch es sich angelegen seyn lassen, alles recht gewaltig, gefahrdrohend und unertraͤglich zu schildern, ja oft zu Erdichtungen ihre Zuflucht nehmen, und sich beleidigt fuͤhlen, wenn der Arzt nicht mit derselben Wichtigkeit wie sie, die Krankheit betrachtet. §. 302. 2) Die Symptome gestoͤrter Muskularthaͤtig- keit betreffend, so sind hierher die vielfachen Arten von Kraͤmpfen zu rechnen, woran hysterische Kranke zu leiden pflegen, Zufaͤlle, deren eigentliche Natur in vieler Hinsicht noch eine wichtige Aufgabe fuͤr Physiologen und Patho- logen ist, und woruͤber denn zuvoͤrderst im Allgemeinen noch einige Betrachtungen hier stehen moͤgen. Nehmen wir aber zuvoͤrderst die Erscheinung des Krampfes in einem willkuͤhr- lichen Muskel, wo er sich am deutlichsten verfolgen laͤßt, so finden wir denselben in einem sonst ganz gesunden Koͤrper namentlich unter zwey Bedingungen, entweder naͤmlich bey zu heftig einstroͤmender Blutmasse, oder bey zu stark einstroͤ- mender Nervenwirkung; hat z. B. ein Muskel geruht, oder ist er auch schon ermuͤdet, und wirkt ploͤtzlich eine heftige Willenserregung auf denselben, so tritt Krampf ein, die Muskelsubstanz, durch ploͤtzlich gesteigerten Einfluß des Ner- ven gewaltsam gegen die nervige Mitte angezogen, erstarrt gleichsam, preßt den Nerven, erzeugt Unbeweglichkeit ( Starr- krampf ) oder bey schwaͤcherer Muskularthaͤtigkeit nur perio- disches Angezogenwerden, Zittern ( Zuckungen ) und hef- tigen Schmerz, wie dieß Jeder zuweilen besonders in den groͤßern Muskeln, z. B. den Wadenmuskeln, erfahren haben wird. Etwas aͤhnliches geschieht aber auch, wenn der Blut- lauf gegen eine ruhende Muskelpartie laͤngere Zeit einiger- massen durch Druck gehindert war, nun dieser Druck auf- hoͤrt, und eine verhaͤltnißmaͤßig groͤßere Blutmenge, als die, woran der Muskel bereits sich gewoͤhnt hatte, zustroͤmt; auch hier ist der Muskel gespannt, seiner freien Bewegung beraubt, es entsteht ein prickelnder Schmerz (das sogenannte Einschlafen der Glieder) und nur erst wenn das Gleichge- wicht der Blutvertheilung wieder hergestellt ist und dieser Theil sich wieder an die ihm zugetheilte Menge gewoͤhnt, tritt die freye Bewegung wieder ein, welche jedoch hier uͤber- haupt nicht in dem Maaße, als im erstern Falle, geraubt zu seyn pflegt, hier aber auch nicht wie im erstern Falle durch Zuckungen, sondern nur durch mehr oder minder ge- laͤhmte Bewegung ( Starrkrampf ) sich aͤußern wird. §. 303. So wie nun auf diese zweyerley Weise im gesunden Koͤrper ein schnell voruͤbergehender Krampf entstehen kann, so entstehen durch diese Veranlassungen, die sich wohl auch zum Theil mit einander verbinden koͤnnen, im krankhaft ver- stimmten Organismus heftigere Krampfzufaͤlle, wobey die Ursache der staͤrkern Nervenerregung entweder in aͤußern, die Nervenenden afficirenden Reitzen, oder in innern, auf die Centralmassen des Nervensystems wirkenden Momenten liegen kann, in welchem letztern Falle die Kraͤmpfe (Starrwerden oder konvulsivische Bewegungen) allgemein zu werden pflegen. Eben so kann denn auch die Gefaͤßthaͤtigkeit entweder im Allgemeinen heftig aufgeregt seyn und Kraͤmpfe bewirken (wohin die krampfhaften Zustaͤnde in entzuͤndlichen Fiebern gehoͤren) oder oͤrtlich angeregt krampfhafte Erstarrungen ver- anlassen (wohin die Krampfzufaͤlle bey Entzuͤndungen nnd Congestionen gehoͤren). Im Ganzen scheinen auf die letztere Weise (vom Gefaͤßsystem aus) vorzuͤglich die Kraͤmpfe in den unwillkuͤhrlichen Muskeln zu entstehen, so daß wir die krampfhaften Einschnuͤrungen des Darmkanals in der Kolik, die krampfhaften Zustaͤnde in den Harnwegen, die Einschnuͤ- rungen des Uterus u. s. w. vorzuͤglich aus diesem Gesichtspunkt betrachten moͤchten, womit das Gesellen dieser Zufaͤlle zu entzuͤndlichen Zustaͤnden und Congestionen, und die hierbey oft so entschieden huͤlfreiche antiphlogistische Behandlung in vollkommnem Einklange steht. §. 304. Was nun die Krampfzufaͤlle hysterischer Individuen ins- besondre anbelangt, so gehoͤren sie beiden erwaͤhnten Gattun- gen an und erscheinen uͤberhaupt hier fast in allen moͤglichen Formen, Starrkrampf, Convulsionen, Catalepsis, Veitstanz, Sardonisches Lachen, Hundskrampf, besonders aber die Kraͤmpfe in den der Willkuͤhr im Normalzustande entzogenen Gebilden, Brustkraͤmpfe, Schluchzen, Magenkrampf, Kolik, Gebaͤrmut- terkrampf sind bald einzeln, bald mehrere zugleich, in den Anfaͤllen der Hysterie oͤfters bemerkbar, und bringen mehrere der oben genannten besondern Schmerzgefuͤhle hervor. — Die Kraͤmpfe selbst erreichen uͤbrigens auch hier oft eine un- gemeine Heftigkeit, so daß wir wieder an Mehreres oben bey den Krampfzufaͤllen in der Entwicklungsperiode Erwaͤhnte (§. 254.) erinnern koͤnnen. §. 305. Reproduktive oder vegetative Sphaͤre . 1) Symptome gestoͤrter Gefaͤßthaͤtigkeit sind zu- naͤchst der sowohl außerhalb als namentlich innerhalb der Anfaͤlle veraͤnderte Pulsschlag, gewoͤhnlich durch Frequenz und Kleinheit, seltner durch Langsamkeit, dagegen oft durch Unordentlichkeit ausgezeichnet, ferner große Neigung zu Con- gestionen und Fieberbewegungen, haͤufiges Herzklopfen, schnel- ler Wechsel der Temperatur an der Oberflaͤche des Koͤrpers, so wie der Hautfarbe, namentlich aber die vielfachen Ruͤck- wirkungen, welche die abnorme Gefaͤßthaͤtigkeit auf andere Systeme aͤußert, wohin die Anfaͤlle von Schwindel, Ohn- machten, ja vollkommen asphyktischer Zustand, so wie meh- rere der oben erwaͤhnten Sinnestaͤuschungen u. s. w. zu rech- nen sind. §. 306. 2) Die Symptome gestoͤrter Verdauung be- treffend, so fehlen sie fast nie und aͤußern sich auf die verschiedenste Weise, naͤmlich: 1) durch Appetitlosigkeit oder widernatuͤrliche Appetite; 2) verdorbenen, bald bittern oder fauligten, bald salzigen oder sauren Geschmack; 3) eine be- legte schleimige Zunge; 4) durch oͤfteres Aufstoßen und uͤberhaupt ganz besondere Neigung zu starker Luftentwicklung im Darmkanal; 5) Erzeugung von Saͤure in den ersten We- gen (obwohl es mir scheint, als ob dieses Symptom der Hypochondrie, und zwar vielleicht der im Manne uͤberhaupt vorwaltenden Oxydation wegen weit mehr als der Hysterie eigenthuͤmlich sey); 6) schlechte Verdauung, wo entweder die Nahrungsmittel zum Theil unveraͤndert wieder abgehen, oder Druck, Schmerzen und Kraͤmpfe veranlassen, auch wohl uͤberhaupt die Assimilation sehr langsam von Statten geht, so daß daher Kranke solcher Art mitunter eines ungewoͤhnlich langen Fastens faͤhig sind; 7) fehlerhafte Gallenabsonderung theils der Menge nach (Polycholie), theils der Qualitaͤt nach (wo sich zuweilen Gallensteine erzeugen); 8) Unord- nung in den Stuhlausleerungen, daher oft staͤter Wechsel von theils fluͤßigen, theils verhaͤrteten Stuhlausleerungen, obwohl die seltnen traͤgen knotigen Darmexcretionen diesen Kranken am gewoͤhnlichsten zu seyn pflegen. §. 307. 3) Symptome gestoͤrter Athmung so wie ab- normer secernirender Thaͤtigkeit . Zu den erstern rechnen wir namentlich die gewoͤhnlich durch abnorme Reitz- barkeit der Bronchien begruͤndeten asthmatischen Anfaͤlle, den krampfigen Husten u. s. w. — Zu den letztern theils die abnormen Zustaͤnde der Hautausduͤnstung, durch haͤufigen Schweiß oder auch im Gegentheil durch sehr trockne Haut bezeichnet, theils abnorme Verhaͤltnisse in der Thaͤtigkeit der uͤbrigen groͤßern Ausscheidungswerkzeuge, unter welchen wir noch der Harnwege insbesondre gedenken muͤssen, indem die Nieren vorzuͤglich in und nach den Anfaͤllen eine abnorme Menge hellen waͤßrigen Urins auszuscheiden pflegen, und selbst in der Blase eine Menge krampfhafter und schmerzhaf- ter Zustaͤnde bey Hysterischen nicht selten bemerkt werden. §. 308. Ob endlich 4) das Geschlechtssystem an dieser Krankheit bedeutenden Antheil nehme, daruͤber sind wieder die Meynungen getheilt, indem die aͤltern Aerzte fast alle uͤbri- gen Zufaͤlle von diesem System ableiteten, mehrere Neuere hingegen behaupten, daß der Antheil desselben aͤußerst unbe- traͤchtlich sey. Erwaͤgt man nun aber genauer, wie bey den meisten Hysterischen beobachtet wird, daß wenn auch die Bil- dung der Geschlechtsorgane, ja selbst die Menstruation keine hervorstechenden Regelwidrigkeiten zeigt, doch gewoͤhnlich der eigentliche Zweck des Geschlechtsorganismus, die Erzeugung, unvollkommen erreicht wird, indem es unverheirathete, vor- zuͤglich aber verheirathet gewesene, oder ungluͤcklich verheira- thete, auch die den klimakterischen Jahren sich naͤhernden In- dividuen sind, bey welchen die Krankheit am oͤftersten vor- kommt, erwaͤgt man ferner, wie tief das Geschlechtssystem uͤberhaupt in das Wesen des weiblichen Koͤrpers eingreift, welches eben durch die vorwaltende Produktivitaͤt desselben ausgesprochen ist, und wie nothwendig es allgemeine Zerruͤt- tung und Verstimmung veranlassen muß, wenn die eigentliche Bestimmung, der Zweck, auf welchen alles hinweist, gar nicht oder unvollkommen erreicht wird, so muß man wohl mehr der aͤltern Ansicht von dieser Krankheit beypflichten, wovon noch bey der Untersuchung der sogenannten naͤchsten Ursache weiter die Rede seyn wird. Uebrigens ist denn doch auch nicht zu laͤugnen, daß Unordnung der Menstruation, vorzuͤglich die zu haͤufige, oder zu seltne, oder unterdruͤckte Menstruation, ferner anderweitige Krankheiten der Geschlechts- theile, als: weißer Fluß (ein besonders haͤufiger Begleiter der Hysterie), Verhaͤrtungen, Kraͤmpfe im Uterus u. s. w. so wie abnormes Verhaͤltniß des Geschlechtstriebes, gar nicht selten bey solchen Kranken wahrgenommen werden. §. 309. Wir kommen nun zur Eroͤrterung des Wesens (der naͤchsten Ursache) der Hysterie und Bestimmung ihres Ver- haͤltnisses zur Hypochondrie, eine bey der Vielgestaltigkeit des Gegenstandes allerdings schwierige Aufgabe; demohner- achtet scheint uns in folgender Bestimmung das Wesentlichste aufgefaßt werden zu koͤnnen, indem wir sagen, daß die Er- scheinungen der Hysterie zunaͤchst bedingt werden: durch eine Verstimmung des Nervensystems, welche eine Folge ist des Mißverhaͤltnisses zwischen all- gemeiner und geschlechtlicher Produktivitaͤt . Auf diesen Krankheitsgrund weisen auch die entfernten, sowohl disponirenden als Gelegenheitsursachen hin, denn alles, was Mißverhaͤltnisse in der reproduktiven Thaͤtigkeit erzeugt, und zugleich die Erregbarkeit des Nervensystems steigert, fuͤhrt die hysterischen Beschwerden herbey; hierhin gehoͤrt: schwaͤch- liche, reitzbare, angeborene, oder durch luxurioͤse Erziehung, zu zeitig angestrengte Geistesthaͤtigkeit und sonstige unpassende Lebensweise erworbene Constitution; ferner unordentliche Diaͤt (Koͤchinnen leiden deßhalb nicht selten an Hysterie), das in den hoͤhern Staͤnden gewoͤhnliche Untereinandermischen von Thee, Kaffee, Backwerk, Chokolade u. s. w., dabey vieles Sitzen und Beschaͤftigung mit weiblichen Arbeiten, wodurch eben so wie durch beengende Kleider, Schnuͤrbruͤste u. s. w. der Unterleib zusammengepreßt und die Verdauung gestoͤrt wird, auch uͤble Luft, schwerverdauliche Nahrung; dann psy- chische Einfluͤße, als: Erregungen der Phantasie durch unge- waͤhlte Lektuͤre, Einwirkung verschiedenartiger Leidenschaften oder deprimirender Affekte, ungluͤckliche Liebe und endlich ge- schlechtliche Ausschweifungen oder gaͤnzlicher Mangel an na- turgemaͤßer Befriedigung des Geschlechtstriebes, Stoͤrungen der Menstruation, Krankheiten der Geschlechtsorgane, Un- fruchtbarkeit oder zu haͤufige Wochenbetten, ja auch wohl zuweilen ploͤtzlich gehemmte andere Krankheiten, Gicht oder chronische Hautausschlaͤge. §. 310. Das Verhaͤltniß aber der Hysterie zur Hypochondrie betreffend, so scheint es kein anderes als das des weiblichen Geschlechts zum maͤnnlichen uͤberhaupt; auch die Hypochon- drie naͤmlich ist zwar in Verstimmung des Nervenlebens in Folge abnormer Zustaͤnde der reproduktiven Funktionen be- gruͤndet, allein wie im maͤnnlichen Koͤrper uͤberhaupt die assimilativen Funktionen weniger uͤberwiegen, wie das Ge- schlechtssystem hier weniger als im Weibe in das Ganze ein- greift, wie dagegen gerade hier die Produktivitaͤt und Kraft mehr in einer hoͤhern Sphaͤre sich offenbaren sollen, so neh- men nun auch Stoͤrungen dieser Thaͤtigkeiten hier eine ganz andere Form als im Weibe an, aͤußern sich in Verfinsterun- gen des Gemuͤths (besonders in Menschen, welche uͤberhaupt mit sich nicht zu Klarheit und Frieden gekommen sind) und durch alle jene Beschwerden, welche vorzuͤglich auf gestoͤrte Unterleibsfunktionen hinweisen, indeß gerade hier wegen dieser Unklarheit des Gemuͤths mit solcher Heftigkeit empfunden werden. §. 311. Den Krankheitsverlauf des hysterischen Zustandes anbelangend, so ist er im Ganzen langwierig, im Beson- dern ein remittirender zu nennen. Die Krankheit pflegt naͤmlich, wie schon oben (§. 299.) erinnert wurde, Anfaͤlle zu machen, welche theils der Art ihrer Erscheinung, theils I. Theil. 16 dem Grade ihrer Heftigkeit nach, aͤußerst verschieden seyn koͤn- nen. Sind diese Anfaͤlle durch innere Zustaͤnde, herannahende oder fließende Menstruation, gastrische Zustaͤnde, Flatulenz u. s. w. veranlaßt, so kuͤndigen sie sich oft durch erhoͤhte Reitzbarkeit, veraͤnderte Gemuͤthsstimmung, Mattigkeit, Ziehen in den Gliedern, unstaͤte krampfige Bewegung der Augaͤpfel u. s. w. an, dahingegen nach aͤußern veranlassenden Momenten sie ganz ploͤtzlich einzutreten pflegen. Die Anfaͤlle selbst ah- men oft die Erscheinung anderer Krankheiten so vollkommen nach, daß der Arzt, welcher seine Kranke zuerst in diesem Anfalle erblickt, oft nicht wissen wird, ob er eine Maniaca, eine Epileptische, eine am heftigsten Fieber, oder eine am Wundstarrkrampfe Leidende vor sich habe, wobey nur ein scharfer Blick auf den gesammten Habitus der Kranken, ihre Art des Benehmens, wenn die Heftigkeit des Anfalls sich etwas mindert, namentlich aber Beruͤcksichtigung der vorher- gegangenen Umstaͤnde, das Eigenthuͤmliche dieser Krankheit bemerken lassen wird. §. 312. Die Symptome, welche in den Anfaͤllen er- scheinen , sind uͤbrigens wieder die oben angefuͤhrten, nur immer gewisse Gruppen derselben, z. B. entweder vorzuͤglich die Symptome abnormer Muskelthaͤtigkeit (Kraͤmpfe) und zwar entweder in den willkuͤhrlichen Muskeln oder in den reproduktiven Organen, oder besonders Leiden des Gefaͤßsy- stems, als Congestionen, Ohnmachten, Herzklopfen, oder Leiden der Verdauungswerkzeuge, Blaͤhungsbeschwerden bis zur Tympanitis, wochenlange Obstruktionen, Erbrechen u. s. w.; oder endlich werden zuweilen die Anfaͤlle auch durch bloße Symptome gesteigerter Sensibilitaͤt charakterisirt, als durch Weinen, Lachen, Singen, Reden in Versen, Visionen u. s. w. — Die Dauer der Anfaͤlle ist sehr verschieden, von einer Vier- telstunde bis zu drei und mehrern Stunden, sie endigen sich gewoͤhnlich mit Erschoͤpfung, Schlaf oder selbst mit tiefer Ohnmacht. §. 313. Die Prognose ist in dieser Krankheit eines Theils guͤnstig, andern Theils unguͤnstig; guͤnstig ist sie, weil die Krankheit an sich nicht toͤdtlich ist, ja selbst die heftigsten Kraͤmpfe, welche oft augenblickliche Apoplexie zu drohen scheinen, periodisch wiederkehrend Jahre lang von hoͤchst schwaͤchlichen Individuen ausgestanden werden, ohne daß sie, so lange sie blos Symptome der Hysterie sind, dem Leben der Kranken wirklich Gefahr braͤchten. Unguͤnstig hingegen ist die Prognose 1) weil die Hysterie oft so in die Wurzeln des Lebens der Kranken verflochten ist, daß sie in der Re- gel eine aͤußerst langwierige Dauer zeigt, ja oft nur zu he- ben ist, nachdem im innern Leben selbst irgend ein bedeuten- der Wendepunkt voruͤber war, z. B. nach den klimakterischen Jahren. 2) Weil theils durch unendliche Reitzbarkeit der Kranken, verbunden oft mit großer Lebhaftigkeit und Unfolg- samkeit, das Einwirken neuer Schaͤdlichkeiten fast gar nicht vermieden werden kann, und daher oft schon auf dem Wege der Besserung von neuem das alte Leiden herbeygefuͤhrt wird. 3) Weil oft die Unterhaltung der Krankheit von aͤußern Verhaltnissen der Kranken bedingt wird, welche abzu- aͤndern nicht in der Macht des Arztes steht. 4) Weil die Krankheit eben ihres veraͤnderlichen Charakters, so wie der Gemuͤthsart der Kranken wegen, zu nicht geringer und lang- wieriger Qual der Kranken selbst, ihrer Umgebungen und ihres Arztes zu gereichen pflegt. 5) Weil eine sehr lange Dauer des Uebels oft, namentlich durch immer groͤßere Zer- ruͤttung in den Funktionen der reproduktiven Sphaͤre, zuletzt andere wirklich gefaͤhrliche Krankheiten veranlassen muß, wo- hin Verhaͤrtungen und Auftreibungen der Unterleibsorgane, Wassersucht und Auszehrung, oder Gemuͤthskrankheiten, Bloͤd- sinn, Melancholie u. s. w. gehoͤren. §. 314. Die Abwaͤgung, ob in einem gegebenen Falle die Hei- lung der Hysterie leicht oder schwer gelingen werde, richtet sich aber 1) nach der Constitution der Kranken; je schwaͤch- licher dieselbe ist, je mehr erregt die Receptivitaͤt des Ner- vensystems erscheint, je mehr vielleicht das Uebel selbst durch erbliche Anlage als begruͤndet angenommen werden kann, oder auf unvollkommen erfolgter Entwicklung des ganzen Koͤrpers beruht, um so geringer ist die Aussicht auf baldige Gene- sung. 2) Nach dem Stande der Digestions- und Assimila- tionsorgane; je weniger diese etwa durch eine sehr lange Dauer des Uebels zerruͤttet sind, um so groͤßer wird die Hoffnung zur Heilung seyn. 3) Nach dem Zustande der ge- schlechtlichen Funktionen, welche, je regelmaͤßiger sie von Statten gehen, auch um so mehr die Heilbarkeit des Uebels erwarten lassen (daher zuweilen Wiedereintritt der Menstrua- tion, oder beginnende Schwangerschaft die Hysterie beseiti- gen). 4) Nach dem Verhaͤltnisse zu andern Krankheiten, indem der Eintritt sckundaͤrer Krankheiten (§. 313.) natuͤr- lich die Prognose verschlimmern muß, dahingegen die Wie- derkehr vorher unterdruͤckt gewesener Krankheiten, z. B. von Hautausschlaͤgen, Haͤmorrhoiden, Gicht, auch vortheilhaft wir- ken kann. 5) Nach den Ursachen der Krankheit und den son- stigen Verhaͤltnissen der Kranken, ob es uͤberhaupt moͤglich oder wenigstens in der Gewalt des Arztes ist, die letztern fuͤr seinen Zweck guͤnstiger zu ordnen, und die erstern zu beseitigen. §. 315. Behandlung . Wie bey Behandlung der Nervenzu- faͤlle in den Entwicklungsperioden (§. 274.) ist auch bey Hysterischen, ja vielleicht hier, der groͤßern Erfahrenheit der Kranken wegen, noch mehr, die Individualitaͤt des Arztes von wichtigem Einfluß. Ernste, ruhige, Vertrauen erregende Besonnenheit des Arztes, uͤbrigens ohne abstoßende Kaͤlte, wirkt auf solche Kranke aͤußerst wohlthaͤtig, und oft mindert dann schon die Gegenwart desselben den Anfall um Vieles. Wie nun aber ein solches Benehmen eines Theils den Kran- ken aͤußerst nuͤtzlich wird, so ist diese Besonnenheit auch dem Arzte besonders nothwendig, um bey den gewaltsamen Stuͤr- men der Krankheit nicht des Vermoͤgens einer ruhigen Er- waͤgung des eigentlich Wesentlichen verlustig zu gehen, um aus den wortreichen Berichten der Kranken das Wichtige herauszunehmen und es von dem minder Wichtigen zu schei- den, wobey man denn oft finden wird, daß gerade diejeni- gen Symptome, worauf die Kranken in ihren Erzaͤhlungen das meiste Gewicht legen, und die sie oft mit unermuͤd- licher Redseligkeit schildern, weit weniger beachtet zu werden verdienen als andere, welche sie oft waͤhrend ihrem Berichte ganz unwillkuͤhrlich verrathen oder nur nebenbey erwaͤhnen. §. 316. Ferner ist nicht zu uͤbersehen, daß diese Kranken eine große Neigung haben, ihre Krankheitssymptome als recht ge- faͤhrlich vorzustellen, ja deren wirklich mitunter, aus einer gewissen Sucht bewundert zu werden, erdichten; welches in- deß den Arzt auch nicht dahin bringen darf, ihnen das Ge- hoͤr gaͤnzlich zu versagen, als wodurch leicht eine nachtheilige Spannung zwischen der Kranken und dem Arzte erzeugt, und wenigstens die psychische Einwirkung des letztern gaͤnzlich gehemmt wird, ja welches zum Theil auch deßhalb ungerecht waͤre, da die Kranke ihr eingebildetes Leiden oft nicht min- der heftig als ein wirkliches empfindet. §. 317. Bey der Behandlung selbst verdienen nun zwei Punkte vorzuͤglich beruͤcksichtigt zu werden: Erstens daß der Arzt alle Gewalt, welche er uͤber die Kranke besitzt, zunaͤchst darauf verwende, die Feststellung einer zweckmaͤßigen Lebensordnung und Diaͤt zu erhalten. — In Vergehungen gegen solche Regelmaͤßigkeit ist ja in den meisten Faͤllen die Ursache des Krankseyns zu setzen und daher auch keine Hoffnung zur Heilung zu fassen, wenn nicht die Kranken dahin zu bewe- gen sind, zweckmaͤßigen Verordnungen in dieser Hinsicht sich zu fuͤgen. Zweitens aber muß im Allgemeinen gegen die bey diesen Krankheiten so gewoͤhnliche blos symptomatische oder palliative Behandlung gewarnt werden. Wie wir naͤm- lich erinnert haben, ist zwar die Erscheinung der Krankheit oft eine bloße Kette von Symptomen aufgeregter Sensibilitaͤt, allein das Bedingende derselben ist vielmehr die Stoͤrung der Reproduktion, und zwar sicher nicht blos in wiefern das Nervensystem diese Stoͤrungen wahrnimmt, sondern auch in wiefern seine Bildung selbst leidet. Wird daher die Krankheit fortwaͤhrend mit sogenannten Nervenmitteln, krampf- widrigen Mitteln u. s. w. bekaͤmpft, auf die Wurzel aller Bil- dungsthaͤtigkeit aber, d. i. auf Digestion und Sanguifikation keine oder nicht genuͤgende Ruͤcksicht genommen, so kann es leicht der Fall seyn daß, obwohl hin und wieder die Krank- heit etwas erleichtert wird, sie doch im Ganzen immer tiefer einwurzelt, immer mehr die Quellen des Lebens untergraͤbt, und immer unheilbarer wird. §. 318. Es wird sonach auch hier Aufgabe der Behandlung, zuvoͤrderst dem Gange der Krankheit, den in irgend einem gegebenen Falle vorhandenen besondern Ursachen ihrer Entste- hung nachzuspuͤren und diese zu bekaͤmpfen. Finden sich da- her, was hier so haͤufig bemerkt wird, in Folge fruͤherer scrofuloͤser Zustaͤnde Auftreibungen der Unterleibseingeweide, verschleimter Zustand des Darmkanals, fehlerhafte Gallenbe- reitung, Obstruktion u. s. w., so muß abgesehen von allen andern Symptomen (von palliativer Behandlung der drin- gendsten sprechen wir weiter unten), durch zweckmaͤßige An- wendung resolvirender Mittel, des Extract. Taraxaci, Sa- ponariae, Chelidonii, der Mittelsalze, mit Rheum, Senna u. s. w., der Seife, der Antimonialien, der frischen Kraͤuter- saͤfte, durch Besuchung des Karlsbades, durch Anordnung einer sehr einfachen strengen Diaͤt, bey fleißiger Koͤrperbewe- gung im Freien, aͤußerlich durch Friktionen des Unterleibes und Seifenbaͤder, zunaͤchst die Beseitigung der abnormen Zu- staͤnde des Darmkanals, Zweck der Behandlung bleiben. Gleichermaaßen kann aber auch das Gefaͤßsystem selbst der Sitz der Krankheit seyn, die Blutbereitung ist bey Hysteri- schen oft sehr reichlich, das Blut selbst oft, aus der Ader gelassen, dick und sehr wenig geroͤthet, es bilden sich dann Ueberfuͤllungen, namentlich des Venensystems, und ganz be- sonders des durch einen Zwischenkreislauf (in der Leber) vom allgemeinen Kreislaufe und der Einwirkung des Herzens mehr entfernten Pfortadersystems, es wird dadurch das Gan- gliensystem nachtheilig afficirt, ja es werden Congestionen nach Brust und Hirn veranlaßt. Diesen Zustand bemerken wir vorzuͤglich bey kurzen gedraͤngten Koͤrpern, welche eine reichliche Diaͤt fuͤhrten, besonders mit Abnormitaͤten der Men- struation, Verbildungen der Geschlechtstheile, welche Em- pfaͤngniß hindern, verbunden, und er pflegt sich dann auch namentlich durch Schwindel, Alpdruͤcken, Ohnmachten und heftige Kraͤmpfe der willkuͤhrlichen Muskeln zu aͤußern. §. 319. Unter solchen Verhaͤltnissen wird dann auch das Heil- verfahren zunaͤchst gegen die Abnormitaͤten des Gefaͤßsystems gerichtet seyn muͤssen. Den Anfang der Kur wird man oͤf- ters durch eine oder einige allgemeine Blutentziehungen zu machen genoͤthigt seyn, obwohl der Vortheil den sie gewaͤh- ren, in der Regel nur voruͤbergehend ist, vorzuͤglich aber ist durch wenig naͤhrende, mehr vegetabilische Diaͤt, durch reich- liches saͤuerliches Getraͤnk, durch hinlaͤngliche Bewegung zur Verminderung der Blutmasse zu wirken. Dabey sind na- mentlich Obstruktionen im Darmkanale zu verhuͤten, oͤftere blande Abfuͤhrungen erweisen sich wohlthaͤtig, und nach den- selben ist sodann insbesondre von den die Contraction im Ge- faͤßsystem erregenden Mitteln, den mineralischen Saͤuren ( Elixir. vitrioli Mynsicht. z. B.), so wie von den rein bittern Mitteln Gebrauch zu machen. — Außerdem gehen jedoch nicht selten die Stoͤrungen der Reproduktion in der Hysterie von krankhaftem Zustande der Geschlechtsfunktion selbst aus, und dann muß auch gegen diese die Behandlung vorzuͤglich gerichtet seyn; Abnormitaͤten der Menstruation muͤssen sodann nach oben eroͤrterten Grundsaͤtzen beseitigt, Krankheiten des Uterus, der Ovarien u. s. w., nach spaͤter durchzugehenden Regeln behandelt werden, bey einer dem Allgemeinbefinden unangemessenen erzwungenen geschlechtlichen Enthaltsamkeit, muß der Arzt zur Verehlichung rathen, indem bey Indivi- duen dieser Art oft Beschwerden, welche keinerley Mitteln weichen wollten, in der eintretenden Schwangerschaft oder wenigstens nach der Geburt verschwinden. Eben so sehr koͤnnen indeß andern Theils Ausschweifungen, namentlich Selbstbefriedigung, Mißverhaͤltnisse der Reproduktion und Verstimmung der Sensibilitaͤt veranlassen, und dann muͤssen theils eindringende Vorstellungen, theils genaue, freylich oft schwer moͤgliche Aufsicht als wesentliche Mittel der Heilung in Ausfuͤhrung gebracht werden. §. 320. Endlich aber bemerken wir, daß oft die Hysterie auf ganz aͤhnliche Weise an die klimakterischen Jahre, wie die oben erwaͤhnten Nervenzufaͤlle an die Pubertaͤtsentwicklnng , geknuͤpft sind. In wiefern naͤmlich bey herannahendem Alter die Produktivitaͤt immer stufenweise abnimmt, bey einer ge- wissen Stufe aber unfaͤhig wird, die Menstruation als gleich- sam kritischen Blutfluß monathlicher Congestionen zu erzeugen, obwohl eine im Verhaͤltniß zum Koͤrper reichlichere Saͤfteerzeu- gung nichts destoweniger noch eine Zeitlang Statt findet, wie sich nun selbst bey gesunden Koͤrpern um diese Periode mancherley ob- wohl gewoͤhnlich bald voruͤbergehende Beschwerden erzeugen, so kann dadurch bey krankhaft gesteigerter Sensibilitaͤt oft die ganze Reihe hysterischer Zufaͤlle rege gemacht werden. Dieser Zustand giebt dann zwar, in wiefern man erwarten darf daß nach beendigter Revolution auch jene krankhaften Erscheinungen sich verlieren werden, im Ganzen eine guͤn- stige Prognose, laͤßt jedoch auch nur ein sehr beschraͤnktes, fast allein auf Minderung der hervorstechendsten Symptome ab- zweckendes Heilverfahren zu, und in wiefern nun uͤberhaupt bey der Hysterie, namentlich waͤhrend der Anfaͤlle oͤfters die ein- zelnen Symptome eine besondre augenblickliche Behandlung noͤthig machen, gehen wir jetzt noch die hierfuͤr geltenden Regeln in der obigen Ordnung (§. 300. u. f.) durch. §. 321. 1) Fuͤr die Behandlung der Zufaͤlle von gesteigerter Sen- sibilitaͤt aber, welche, theils wo den fruͤhern Anzeigen hin- sichtlich der Reproduktionsstoͤrungen bereits Genuͤge geleistet ist, zur Hauptindikation wird, theils in den Stuͤrmen der Anfaͤlle dringend noͤthig erscheint, moͤchten wir zwei Wege unterscheiden, welche man den negativen und positiven nennen koͤnnte. Der erstere naͤmlich wird auf Minderung aͤußerer Erregungen abzwecken, es wird dahin gehoͤren Aufenthalt der Kranken an einem ruhigen, weder zu hellen noch zu dunkeln, maͤßig erwaͤrmten, mit reiner Luft erfuͤllten Ort, Entfernung von Personen, welche widrig oder uͤberhaupt erregend auf die Kranke wirken. Der andere wird auf die Anwendung von Mitteln gerichtet seyn, welche die allgemeine oder lokale abnorme Erregung herabstimmen, und hierher gehoͤrt nun wieder der ganze Heilapparat, welchen wir bey den der Hysterie nahe verwandten Nervenzufaͤllen der Entwicklungs- periode durchgegangen haben (s. §. 265. u. f.), also laue all- gemeine Baͤder, oͤrtliche Dampfbaͤder, Fomentationen, Cata- plasmata, Friktionen, die narcotica, antispasmodica und die imponderabeln Arzneymittel, von denen allen am ange- fuͤhrten Orte bereits das Naͤhere angegeben worden ist. §. 322. 2) Da die Stoͤrungen der Muskularthaͤtigkeit vorzuͤglich Produkte abnormer Einwirkungen des Nerven- und Gefaͤß- systems auf die Muskelfaser sind, so werden sie auch nur von diesen Seiten her behandelt werden koͤnnen. Kraͤmpfe also, von abnormer Nerventhaͤtigkeit erregt, machen wieder das im vorigen Paragraph erwaͤhnte Verfahren nothwendig, dahingegen die durch Congestionen, entzuͤndliche Reitzungen u. s. w. bedingten, die Behandlung krankhafter Gefaͤßthaͤtig- keit fordern. 3) Die Stoͤrungen der Blutbewegung selbst betreffend, so kann, wie oben bemerkt wurde, in der Be- handlung dieser Abnormitaͤt allerdings oft die Hauptindikation liegen, oft aber wird sie auch nur symptomatisch gefordert, da schon fruͤher bemerkt ist, wie haͤufig selbst bey anscheinend reinem Nervenleiden das Gefaͤßsystem im Spiel zu seyn pflegt. Blutentziehungen, namentlich oͤrtliche, machen dann waͤhrend der Anfaͤlle, nebst ableitenden Mitteln, sich noth- wendig, zu welchen letztern die kuͤhlenden Fomentationen des leidenden Theils (z. B. des Kopfes), verbunden mit Fußbaͤ- dern, Befoͤrderung der Hautausduͤnstung durch trockne warme Friktionen, Cataplasmata; ferner innerlich blande Abfuͤhrun- gen, verduͤnnte vegetabilische oder mineralische Saͤuren, Emul- sionen, der Cremor tartari, das Nitrum u. s. w. §. 323. 4) Ruͤcksichtlich der gestoͤrten Verdauungsfunktion ist hier wieder nur von den einzelnen belaͤstigenden Symptomen der Anfaͤlle die Rede, welche oft besondere Maaßregeln zu ihrer Beseitigung fordern; hierhin gehoͤren wieder Kolikanfaͤlle, Magenkrampf, Blaͤhungsbeschwerden, Obstruktionen, Diar- rhoͤen, Erbrechen u. s. w. — In allen diesen ist aber vorzuͤg- lich auf drei Punkte Ruͤcksicht zu nehmen: erstens auf Ent- leerung des Darmkanals von schaͤdlichen Stoffen, wo nun die Umstaͤnde anzeigen muͤssen, ob die Entleerung durch Brech- mittel (deren Wirkung auf das gesammte Nervensystem hier- bey zugleich in Anschlag zu bringen ist), oder durch Abfuͤhr- mittel, oder durch Lavements, deren aͤußerst wohlthaͤtige, krampf- loͤsende Wirkung in diesen Krankheiten zur Genuͤge bekannt ist, geschehen muͤsse. Zweitens auf Verhuͤtung der Wiedererzeu- gung solcher Stoffe theils durch Erhoͤhung des Tonus in der peristaltischen Thaͤtigkeit, theils durch Verbesserung der Sekretionen des Darmkanals, wohin denn die bittern, absor- birenden und Digestivmittel: Mentha crispa und piperita, die roͤmischen Chamillen, Extract. Taraxaci, Saponariae, Centaurii minoris, Cascarillae, die Kaͤmpf ’schen Visceral- klystiere, mehrere Mittelsalze, die Magnesia, aͤußerlich Waschen der Magengegend mit Mischungen aus Spirit. serpilli, Spi- rit. Sal. ammon. caust. und einigen Tropfen vom Oleo Menth. p., Tragen aromatischer Pflaster, Kraͤuterguͤrtel u. s. w. gehoͤren. Drittens auf Beruͤcksichtigung der verstimmten Ner- ven- und Gefaͤßthaͤtigkeit der Unterleibseingeweide, in wel- cher Hinsicht, jedoch erst nach gehoͤriger Erfuͤllung der ersten Indikation, vorzuͤglich von den krampfwidrigen und ableiten- den Mitteln Gebrauch gemacht werden kann, wohin wir theils die Valeriana und Flor. Chamomill, in Aufguͤßen, den Liq. C, C., das Opium, die milden Oehle, die schlei- migen Mittel, Emulsionen, die Lavements aus Valeriana- Aufguͤßen, die Einreibungen einer Opiatsalbe oder des Ka- millenoͤhls in den Unterleib, die warmen Fomentationen und Cataplasmata mit antispasmodischen Mitteln vermischt, und bey Congestionen, vorzuͤglich in Folge der Haͤmorrhoidaldispo- sirion, oder gehemmter Menstruation, Anlegung von Blut- igeln an das Perinaͤum, Friktionen und warme Bedeckungen der Unterschenkel rechnen. §. 324. 5) Die Symptome gestoͤrter Athmung und Absonderung sind im Ganzen abermals vorzuͤglich die Folgen von Unord- nungen im Gefaͤß- oder Nerven- und Muskularsystem, und hiernach zu behandeln; nur fordern einige derselben verschie- dene Modifikationen dieser Behandlung, so Krampfhusten oder asthmatische Anfaͤlle als Folgen abnormer Contraction in den Fasern der Lungenzellen und Bronchien oder in den groͤßern den Respirationsbewegungen dienenden Muskeln fordern warme Fomentationen der Brust, schleimiges demulcirendes Getraͤnk, Inhalationen durch die von Mudge erfundenen Einathmungs- maschine S. daruͤber auch H. Osiander’s Entwicklungskrankheiten. 2r Thl. S. 142. auch d. Abbildung einer solchen in Thom. Hayes War- nung vor d. Folgen der Katarrhe, uͤbers. v. Michaelis. Lpz. 1787. , die Anwendung von Extract. Hyoscyam., Lac- tucae viros., ableitender Reitzmittel, reitzender Einreibungen der Vesikatorien u. s. w. — Werden hingegen diese Zustaͤnde, was haͤufig der Fall ist, mehr vom Gefaͤßsystem bedingt, von Congestionen nach der Brust, wohl gar von Abnormitaͤ- ten des Herzens, dann sind allgemeine und oͤrtliche Blutent- ziehungen, leichte Abfuͤhrungen, Fußbaͤder und der uͤbrige fuͤr diese Faͤlle geeignete Heilapparat in Anwendung zu ziehen. — Auf aͤhnliche Weise sind auch die oͤftern Anfaͤlle von Ohn- machten zu behandeln, wobey wir nur noch erwaͤhnen, daß diese Anfaͤlle, vorzuͤglich wenn sie auf heftige Stuͤrme von Kraͤmpfen u. s. w. folgen, nie zu ploͤtzlich durch Anwendung der gewoͤhnlichen Erweckungsmittel, starker Geruͤche, der Frik- tionen u. s. w. verscheucht werden duͤrfen, indem, worauf na- mentlich H. Nasse aufmerksam gemacht hat, ihnen unter diesen Umstaͤnden allerdings eine wohlthaͤtige heilende Kraft zugeschrieben werden muß, in ihnen der Organismus recht ei- gentlich ausruhen, sich erholen soll, daher durch zu zeitige Unterbrechung der Ohnmacht neu aufgeregt und beunruhigt werden muß. §. 325. Auf ziemlich gleiche Weise sind denn auch ihren Ursa- chen nach die verschiedenen Stoͤrungen der Absonderungen zu behandeln. Hautkraͤmpfe, trockne brennende Haut, fordern laue Baͤder und gelinde Friktionen in oder nach denselben; bey Blasenkraͤmpfen sind Emulsionen, kleine Dosen Opium, schleimige Getraͤnke, Fomentationen, Cataplasmata, allgemeine und Halbbaͤder, so wie Ruͤcksicht auf etwaige Stoͤrungen im Pfortadersystem, Haͤmorrhoidalcongestionen, oder wohl gar ent- zuͤndliche Zustaͤnde vorzuͤglich angezeigt. Endlich 6) die Stoͤ- rungen der Geschlechtsfunktionen betreffend, so ist davon bereits fruͤher (§. 319.), in wiefern die Beruͤcksichtigung derselben oft einen Haupttheil der allgemeinen Kur ausmacht, gehandelt worden. Einzelne schmerzhafte Zustaͤnde aber, welche in den Anfaͤllen erscheinen, als Kraͤmpfe im Uterus, krampfhafte Verschließung des Muttermundes waͤhrend der Menstruation u. s. w. erfordern ziemlich dieselbe Heilmethode, wie die vor- her erwaͤhnten Blasenkraͤmpfe, nur daß man hier noch die mehr direkt auf den Uterus wirkenden Injektionen aus Kamil- len, Valeriana, Bilsenkraut oder Schierlingsaufguß, Abko- chung der Mohnkoͤpfe in Milch u. s. w. oft mit Nutzen zu Huͤlfe nehmen kann. — Daß uͤbrigens auch bey allen diesen oͤrtlichen schmerzhaften Symptomen der Hysterie die Einwir- kung des animalen Magnetismus oft von großem Nutzen befunden ist, kann nur der Befangene laͤugnen, und daß daher auch in dieser Hinsicht von einem Mittel, welches zu- weilen die Stuͤrme, welche keinem andern weichen, doch noch beruhigt, unter hinlaͤnglicher Beruͤcksichtigung der wesentlichen Krankheitsursachen, Anwendung gemacht zu werden verdiene, liegt am Tage. II. Krankheitszustaͤnde der einzelnen weiblichen Geschlechtsorgane. §. 326. Wir duͤrfen es als ein Gesetz fuͤr die Lebenserscheinung menschlicher Organisation betrachten, daß je vollkommner eine gewisse Seite derselben der vegetativen Sphaͤre angehoͤrt, sie um so mehr der Einwirkung aͤußerer Natur, folglich auch den schaͤdlichen Einfluͤßen der Außenwelt unterworfen, um so mehr zu Krankheiten geneigt sey; und zwar dieses in demselben Grade als die Thaͤtigkeit, die Wichtigkeit dieses Organs ge- steigert ist. Daher z. B. die so vielfachen und so haͤufigen Krankheiten der Verdauungswerkzeuge, welche mehr als alle andere Systeme denselben ausgesetzt sind, daher aber auch im weiblichen Geschlecht, wo die Geschlechtsfunktion, wie schon fruͤher bemerkt wurde, allerdings tiefer in das gesammte Leben eingreift als im maͤnnlichen, das oͤftere Vorkommen der Krankheiten der Geschlechtsorgane, unter welchen Orga- nen sodann wieder keines haͤufiger und auf so verschiedenar- tige Weise afficirt wird als der Uterus, eben weil er, wenn auch nicht die Wurzel (denn diese liegt in den Ovarien), doch den eigentlichen Heerd geschlechtlicher Produktivitaͤt ent- haͤlt. — Unter den Abnormitaͤten nun, welche der Uterus und zum Theil auch die uͤbrigen Geschlechtsorgane darbieten, hat man, in sofern der nicht schwangere Zustand beruͤcksichtigt wird, vorzuͤglich zweierley Klassen, naͤmlich Abnormitaͤten ihres Bildungslebens und Abnormitaͤten ihres raͤum- lichen Verhaͤltnisses zu andern Organen, d. i. ihrer Lage zu unterscheiden. — Zu den erstern gehoͤren theils die Er- scheinungen abnorm aufgeregter Gefaͤßthaͤtigkeit, als Ent- zuͤndungen, Blutungen, abnorme Sekretionen , und die Folgen der abnorm aufgeregten Gefaͤßthaͤtigkeit: Eite- rungen, Geschwuͤlste, Auswuͤchse, Wasseranhaͤu- fungen, Verhaͤrtungen, Krebsgeschwuͤre ; zu den letztern gehoͤren die Senkungen (namentlich in Bruchge- schwuͤlste), und die vorzuͤglich auf den Uterus, zum Theil auch auf die Vagina sich beschraͤnkenden Vorfaͤlle, Vor- waͤrts- und Ruͤckwaͤrtsbeugungen, Schieflagen und Umstuͤlpungen . I. Krankheiten der Gebaͤrmutter . A. Stoͤrungen des Bildungslebens. 1. Entzuͤndung der nicht schwangern Gebaͤrmutter ( Metritis ) . §. 327. Wenn uͤberhaupt im vorigen Paragraph gesagt wurde, daß die Haͤufigkeit der Krankheiten vorzuͤglich mit abhaͤnge von dem Grade der Thaͤtigkeit und Wichtigkeit eines Organs, so gilt dieß insbesondre von der Entzuͤndung, und was daher den Uterus betrifft, so finden wir ihn auch stets, um je an- geregter seine Thaͤtigkeit ist, um so mehr zur Entzuͤndung geneigt. Fast nie entzuͤndet sich daher der Uterus im jung- fraͤulichen Koͤrper vor dem Eintritte der Catamenien, außer etwa sekundaͤr ergriffen von der Entzuͤndung benachbarter Ge- bilde, oder unmittelbar durch mechanische Verletzung gereitzt P. Frank sagt (Epitom. d. curand. hom. morbis (Lib. II. p. 217.): Hoc ipsum viscus in virginibus necdum menstruatis raris- sime, neque conspecto unquam a nobis exemplo , in- flammatur. . Etwas leichter schon kann diese Krankheit sich ausbilden nach voͤllig entwickelter Pubertaͤt, jedoch auch hier am leichtesten zu der Zeit, wo, mit Ausnahme der Schwangerschaft, das Gefaͤßleben dieses Organs am hoͤchsten gesteigert ist, d. i. zur Zeit der Menstruation selbst. — Es ist aber die Metritis nicht blos an sich, sondern vorzuͤglich auch wegen der viel- fachen an sie sich anschließenden andern Bildungskrankheiten eine der wichtigsten Krankheitserscheinungen, welche das weib- liche Leben außerhalb des Cyklus von Schwangerschaft, Ge- burt und Wochenbett darbietet, und es wird deßhalb noͤthig, ihre Geschichte mit besonderer Genauigkeit zu verfolgen. §. 328. Entzuͤndung uͤberhaupt aber, dieß duͤrfen wir wohl als des Resultat sowohl der gesunden Naturanschauung dieser Krankheit, als der vielfachen Untersuchungen daruͤber betrach- ten, ist ihrem Wesen nach: oͤrtlich abnorm hervorge- hobenes Gefaͤß- oder Bildungsleben ; allein weniger beachtet scheint es, daß man den Satz nicht umkehren darf, und daß es zu einem falschen Begriffe fuͤhren muß, wenn man sagt: jedes abnorm hervortretende Bildungsleben sey Entzuͤndung, indem offenbar eine Menge krankhafter Aus- wuͤchse (z. B. Polypen, Fettgeschwuͤlste), Verwachsungen u. s. w. unter Erscheinungen entstehen, welche auch nicht eines der charakteristischen Zeichen der Entzuͤndung (Roͤthe, turgescirende Anschwellung, vermehrte Waͤrme und Schmerz) darbieten, und daher nur in Folge gefaßter Vorurtheile zur Entzuͤndung gerechnet werden koͤnnen. Demohnerachtet ist nicht zu ver- kennen, wie schwer es sey, die Graͤnze zwischen dieser fal- schen Bildungsthaͤtigkeit ( Degeneratio ) und wahrer Entzuͤn- dung zu bestimmen, ja man darf uͤberzeugt seyn, daß in der Natur eine wahre Graͤnze zwischen beiden gar nicht existire, daß sie vielmehr unmerklich in einander uͤbergehen und sogar gleichzeitig an einer Stelle vorkommen koͤnnen, denn wie oft sehen wir nicht krankhafte Geschwuͤlste sich entzuͤnden. — Will man indeß eine schaͤrfere Bezeichnung der Entzuͤndung, so kann es wohl nur die folgende seyn, welche sagt: Entzuͤn- dung sey oͤrtlich abnorm hervortretendes Bil- dungsleben, in der Erscheinung bestimmt durch Roͤthe, erhoͤhte Waͤrme, turgescirende Anschwel- lung und vermehrte Empfindlichkeit, im Wesen begruͤndet durch Beschraͤnkung auf den bestehen- den Begriff des Organs, bey welcher wahrhafte Metamorphosen dieses Organs nur als Folge sich anschließen koͤnnen , dahingegen bey der falschge- richteten Bildungsthaͤtigkeit die Metamorphose selbst die Haupt- sache ist. §. 329. Durch diese Ansicht scheint zugleich die acute Natur, die Intensitaͤt der wahren Entzuͤndung verstaͤndlich zu werden, in- dem es deutlich ist, daß gerade dieses Beschraͤnken, dieses Concentriren, welches der Entzuͤndung natuͤrlich ist, die Hef- tigkeit der Zufaͤlle und die so leicht daran sich anknuͤpfende Erscheinung wahrer innerer Zerstoͤrung, entweder durch orga- nische Zuruͤckbildung in einen koͤrperlichen fluͤßigen Urstoff (Eiterung), oder durch unorganische faͤulnißartige Aufloͤsung (Brand) bedingen muß, weßhalb wir auch Zertheilung, Ei- terung und Brand als die drei eigentlich der Natur der Ent- zuͤndung allein rein angehoͤrenden Ausgaͤnge betrachten, Aus- schwitzungen aber, sie moͤgen nun von plastischer Lymphe ge- bildet, die Verhaͤrtung oder den Skirrhus, oder aͤußere Ver- wachsungen, oder als seroͤse Fluͤßigkeit die Wasseranhaͤufung bedingen, schon als weniger rein der Entzuͤndung angehoͤrig, und mehr als Uebergaͤnge zu bloßer falschgerichteter Bildungsthaͤ- taͤgkeit sich darstellend ansehen koͤnnen. Es ergiebt sich fer- ner, daß die sogenannte chronische Entzuͤndung das eigent- liche Mittelglied zwischen acuter Entzuͤndung und abnormer Produktivitaͤt sey, und wenn es oft schon schwer oder un- moͤglich ist, in der Natur den Graͤnzpunkt, wo acute Ent- zuͤndung aufhoͤrt und chronische Entzuͤndung beginnt, anzuge- ben, so wird denn endlich ein solcher fester Punkt zwischen chronischer Entzuͤndung und reiner Degeneration um so mehr vermißt werden, je gewoͤhnlicher das Eine anfaͤngt, wenn das Andere noch nicht aufgehoͤrt hat. So weit denn also das Glaubensbekenntniß des Ver- fassers uͤber die Entzuͤndung im Allgemeinen, worauf im Fol- genden oͤfters wird verwiesen werden muͤssen, und welches hier gleich bey der zuerst abgehandelten Entzuͤndungskrankheit niedergelegt ist, damit dem Leser die Entscheidung, ob er diese Ansicht zur Seinigen machen koͤnne, oder ob nicht, und ob er dem zu Folge Modifikationen auch der weitern Darstellun- gen sich zu machen noͤthig habe, erleichtert werde. §. 330. Die Entzuͤndung der nicht schwangern Gebaͤrmutter aber, eine Krankheit, deren besondere Kennzeichen weiter unten auf- gefuͤhrt werden sollen, hat man auf verschiedene Weise ein- getheilt, einmal Ruͤcksicht nehmend auf die verschiedenen Ge- bilde am Uterus, in die rosenartige ( Metritis erysipela- tosa ), welche durch Ergriffenseyn des Bauchfells, in wie- fern es den Uterus uͤberzieht, charakterisirt wird (denn eine besondere rosenartige Entzuͤndung auch der innern Gebaͤr- mutterflaͤche anzunehmen, ist man wohl uͤberhaupt schwerlich, und außer der Schwangerschaft und Wochenperiode gar nicht anzunehmen berechtigt), und in die phlegmonoͤse ( Me- tritis phlegmonosa ), wo das gesammte Parenchyma der Uterin- waͤnde leidet. Ein andermal nimmt man Ruͤcksicht auf die Gegend der Gebaͤrmutter, welche von Entzuͤndung befallen ist, und unterscheidet sonach Entzuͤndung des Gebaͤr- muttergrundes, des Mutterhalses, der Vorder- und Hinterflaͤche, oder der rechten oder linken Seitenflaͤche des Gebaͤrmutterkoͤrpers . Diese letz- teren Unterscheidungen, welche uͤberhaupt im nicht schwangern Uterus mit geringer Deutlichkeit erscheinen, sind weit weniger wesentlich, und werden daher von Mehreren So bey C. Wenzel von den Krankheiten des Uterus. Fol. 1816. S. 23. gaͤnzlich uͤber- gangen. §. 331. Ferner unterscheidet man, und zwar mit mehr Recht, die urspruͤngliche Entzuͤndung des Uterus ( Metri- tis idiopathica s. primaria ) und die uͤbertragene oder nachfolgende ( Metritis secundaria s. symptomatica ) welche letztere vorzuͤglich an Krankheiten benachbarter Gebilde, an Entzuͤndung des Darmkanals, der Harnblase, der uͤbrigen Strecken des Bauchfells, der Mutterscheide u. s. w. sich eben so anschließt, wie denn andrer Seits auch die Gebaͤrmutter- I. Theil. 17 entzuͤndung auf jene Gebilde sich fortpflanzen kann. Endlich glauben wir auch unterscheiden zu muͤssen zwischen der acuten und chronischen Entzuͤndung der Gebaͤrmutter, unter denen die letztere besonders in einem Organ, welches so sehr zu Degenerationen seiner Substanz und Form geneigt ist, von großer Wichtigkeit erscheint und eine ausfuͤhrlichere Beruͤck- sichtigung, als sie bisher in den Schriften uͤber Frauenkrank- heiten gefunden hat, verdient. §. 332. Die Symptome , welche als Kennzeichen theils die Metritis uͤberhaupt, theils ihre einzelnen Gattungen beglei- ten, sind nun folgende: — Zuvoͤrderst die acute Form be- treffend, so tritt sie mit nach Grad und Ausbreitung der Entzuͤndung bald mehr bald minder heftigem Fieber ein, wel- ches durch Frost und nachfolgende Hitze, einen nach der Constitution der Kranken zwar verschiedenartigen, im Allge- meinen jedoch frequenten und gespannten Puls, heftigen Durst, verstimmtes Gemeingefuͤhl u. s. w. charakterisirt wird. Ihre besondern Zufaͤlle sind druͤckender stechender Schmerz im afficirten Organ, dessen Sitz gewoͤhnlich auf einen kleinen, nach dem Herde der Entzuͤndung verschiedenen Ort beschraͤnkt ist, und durch einen aͤußerlichen Druck uͤber der Schambein- verbindung sowohl, als durch die innerliche Untersuchung auf das Aeußerste gesteigert wird. Ferner werden mehrere andere Organe in ihrer Function gestoͤrt und sonst schmerzhaft affi- cirt; so, wenn vorzuͤglich mehr die Ruͤckwand des Uterus ent- zuͤndet ist, werden die Schmerzen vorzuͤglich auf die Kreuz- und Lendengegend sich erstrecken, der Mastdarm leidet, es treten Stuhlverhaltungen, schmerzhafte Ausleerungen, und im Verfolg der Krankheit leicht heftige, zuweilen eiterartige Durchfaͤlle ein. Ist dagegen mehr die vordere Gebaͤrmutter- flaͤche ergriffen, so wird dies theils durch den veraͤnderten Sitz des Schmerzes, theils durch das Leiden der Harnblase (schmerzhaftes Uriniren, Urinverhaltung, spaͤterhin eiterartige Sedimente im Urin und unwillkuͤrlichen Ausfluß desselben) bezeichnet. Die Entzuͤndung des Gebaͤrmuttergrundes und vorzuͤglich des hier ihn begleitenden Bauchfelles kommt mit den Zufaͤllen der Peritonitis uͤberhaupt sehr uͤberein, und giebt sich durch staͤrkere Auftreibung des Unterleibes zu erkennen. Halb- seitige Entzuͤndung wirkt vorzuͤglich auf die seitlichen Becken- muskeln und dadurch auf die Bewegung des Schenkels; Ent- zuͤndung der Vaginalportion endlich ist besonders mit großer Empfindlichkeit beim Untersuchen, erhoͤhter Temperatur und Geschwulst des Muttermundes und gleichzeitigem Leiden des Scheidenkanals, wenigstens in seinem obern Theile (Trocken- heit, brennender Schmerz, spaͤterhin gern Abfluß von eiter- artigem, oft mißfarbigem Schleim aus demselben) bezeichnet. §. 333. Die chronische Entzuͤndung der Gebaͤrmutter betreffend, so kann sie entweder an die acute, bey unvollkommen erfolgter Zertheilung, sich anschließen, und zwar wird sie vor- zuͤglich bemerkt, wenn eine Metritis bey Woͤchnerinnen in Folge heftiger Reizung oder wohl selbst Verletzung des Mut- termundes unter der Geburt entstanden war, ohne sich recht vollstaͤndig zu zertheilen, oder sie entwickelt sich in Folge specifischer, den Uterus in Anspruch nehmender Einwirkungen auch selbststaͤndig. Ihre Zufaͤlle aber sind weit weniger her- vorstechend, als die der acuten Metritis, und sie wird daher oͤfters uͤbersehen (z. B. als bloße Menstrualkolik betrachtet) oder mit andern Krankheiten verwechselt, welches doch um so uͤbler ist, als gerade an diese Form sich vorzuͤglich die Degenerationen der Uterinsubstanz anzuknuͤpfen pflegen. Kranke dieser Art sind es vorzuͤglich, bey welchen die Menstruation fortwaͤhrend mit Schmerzen, allgemeinem Mißbehagen, Fie- berbewegungen, gestoͤrter Verdauung und Darmausleerung ein- tritt, indem durch die periodische Congestion gegen die Uteringe- faͤße die chronische Entzuͤndung dann oft der acuten naͤher geruͤckt wird; auch außer der Zeit der monatlichen Perioden bleibt indeß oft ein Gefuͤhl von Schwere im Becken, unvollkommne Stuhlausleerung, oder beschwertes Urinlassen, bey Frauen schmerzhaftes Gefuͤhl beym Coitus, große Empfindlichkeit bey der innern Untersuchung, so wie Aeußerung von Schmerz bey tieferm Eingreifen der Hand uͤber den Schambogen, Nei- gung zu Kreuzschmerzen, vermehrte oder zu sehr verminderte Schleimabsonderung aus der Vagina, gespannter Puls, oͤftere leichte Fieberbewegungen und belegte Zunge zuruͤck, so wie denn die monatlichen Perioden leicht selbst in ihrer Ordnung gestoͤrt werden. — Zufaͤlle, welche dann oft noch mit allge- meinen hysterischen Leiden sich verbinden oder gleichsam da- durch maskirt werden. §. 334. Verlauf und Ausgaͤnge der Krankheit . Be- faͤllt die acute Gebaͤrmutterentzuͤndung junge kraͤftige Indivi- duen, wird sie nicht durch allzugewaltsam einwirkende Ursachen bedingt und richtig geleitet, so bemerkt man zwar, daß Schmerz und Fieber oft bis gegen den siebenten oder neun- ten Tag anhalten, ja gesteigert werden, und dabey zugleich die Stoͤrungen des Gemeingefuͤhls, Beaͤngstigung, Ueblichkei- ten, Erbrechen, Durchfall, Angegriffenseyn des Kopfs, also Schwindel, Ohrenbrausen, Delirien u. s. w. zunehmen; allein am Ende dieser Periode, und zwar gewoͤhnlich nach reichlich ausbrechenden Schweißen, reichlichem Harnabgange, vermehr- tem Abgange aus den Geburtstheilen, vorzuͤglich aber mit dem Wiedereintritt der vielleicht gehemmt gewesenen Men- struation, laͤßt der Schmerz nach, die Zeichen des Fiebers maͤ- ßigen sich, ruhiger Schlaf, reinere Zunge u. s. w. erfolgt, die Zertheilung der Entzuͤndung und die Reconvalescenz hebt an. — Je robuster uͤbrigens der Koͤrper, um so heftiger und acuter pflegt dieser Krankheitsverlauf zu seyn, je schwaͤchlicher und reizbarer, um so anhaltender, wobey zugleich der Ueber- gang in die chronische Entzuͤndung sehr leicht erfolgt, indem bey weniger bemerklichen kritischen Erscheinungen zwar das Fieber allmaͤhlig abnimmt und der Schmerz nachlaͤßt, allein dagegen die §. 333. eroͤrterten Symptome eintreten. §. 335. Der Ausgang der Metritis in Eiterung wird wohl uͤber- haupt nur sehr selten bemerkt, denn selbst in der Metritis der Woͤchnerinnen gehoͤren Eiteransammlungen in dem Gewebe des Uterus zu den seltensten Erscheinungen, wie von H. Wen- zel a. a. O. S. 52. gewiß mit Recht behauptet wird, und wir koͤnnen daher nur annehmen, daß, wo auch im nicht schwangern Koͤrper diese Wendung der Krankheit vorkaͤme, sie auf gleiche Weise, wie andere innern Eiterungen, durch neu ansetzendes Fieber mit Frost, pulsirendem Schmerz, Spuren von Eiter- absetzung im Urin, Abendfieber u. s. w. bezeichnet werden duͤrfte. Der Ausgang in Brand hingegen, obgleich bey nicht Schwangern (schon wegen der Seltenheit der Metritis uͤber- haupt) ebenfalls nur in wenigen Faͤllen beobachtet, kommt doch hier, so wie auch bey Woͤchnerinnen, haͤufiger als die Eiterung vor. Er wird bedingt durch eine schlechte Consti- tution, unguͤnstige aͤußere Verhaͤltnisse, epidemisch herrschende boͤsartige Fieber, und vorzuͤglich durch versaͤumtes, kraͤftig einwirkendes antiphlogistisches Verfahren in den ersten Stadien der Krankheit. Es giebt sich dieser Ausgang vorzuͤglich durch den veraͤnderten Charakter des Fiebers zu erkennen, welches aus einer Synocha oder einem Synochus in den Charakter des Typhus uͤbergeht und durch aͤußerst frequenten, oft in- termittirenden Puls, klebrige profuse Schweiße, unwillkuͤr- liche Ausleerungen, trockne braune Zunge, Meteorismus, Sehnenhuͤpfen, Schluchzen und Kaͤlte der Extremitaͤten sich erkennen laͤßt und gewoͤhnlich bald das Ende herbeyfuͤhrt. §. 336. Dagegen kann dann auch die Eatzuͤndung ohne organi- sche Zerstoͤrung durch Ausscheidungen sich endigen, wodurch denn vorzuͤglich der Uebergang in andere Krankheiten und namentlich in Degenerationen bewirkt wird. Es gehoͤrt hier- her die Ausschwitzung plastischer Lymphe in die Zellen der Uterinsubstanz und daran sich knuͤpfende gutartige oder skirrhoͤse Verhaͤrtung, oder die Ausschwitzung aͤhnlicher Stoffe auf der Oberflaͤche, und die dadurch bewirkte Verwachsung des Ute- rus mit benachbarten Theilen, oder endlich die Ergießung seroͤser Fluͤssigkeit entweder in der Gebaͤrmutterhoͤhle oder in den Waͤnden derselben, welches zur Wassersucht der Gebaͤr- mutter fuͤhrt. In allen diesen Faͤllen erfolgt die Zertheilung unvollkommen, der heftigere Schmerz, das Fieber und die sonstigen, dasselbe begleitenden Symptome mindern sich zwar, aber es treten an deren Stelle die Zeichen dieser Folgekrank- heiten ein, von welchen die Geschichte der Wassersucht, der Verhaͤrtung und des Skirrhus spaͤter ausfuͤhrlicher betrachtet werden muͤssen, so daß wir hier nur uͤber die Verwachsung bemerken, wie sie sich vorzuͤglich durch Stoͤrung der Funktion derjenigen Organe, mit welchen sie Statt gefunden hat, zu erkennen giebt. Haben sich daher bedeutende Verwachsungen mit den Windungen des Darmkanals oder dem Netze ge- bildet, so bleiben gewoͤhnlich Unordnungen in den Stuhlent- leerungen, vorzuͤglich Obstruktionen, Neigung zu Congestio- nen u. s. w. im Pfortadersystem zuruͤck; sind Verwachsungen zwischen Gebaͤrmutterkoͤrper und Grund und den gleichnami- gen Theilen der Blase zugegen, so giebt sich dies durch be- schwertes Urinlassen, Blasenkraͤmpfe, Ischurie u. s. w. zu er- kennen. Endlich wirken aber diese Verwachsungen auch auf die Gebaͤrmutter zuruͤck, werden die Veranlassungen zu schie- fen Lagen derselben, und bedingen endlich insbesondere, wie alle uͤbrigen Degenerationen, solche Veraͤnderungen der innern Strukturverhaͤltnisse derelben, welche ihren weitern Thaͤtig- keiten auf vielfache Weise hemmend werden muͤssen, wohin denn Stoͤrungen der Menstruation, Unfruchtbarkeit oder Dis- position zu den heftigsten, ja lebensgefaͤhrlichen Beschwerden bey angehender Schwangerschaft gerechnet werden muͤssen. §. 337. Wir kommen nun zu den Ursachen der Gebaͤrmutter- entzuͤndung, wohin wir jedoch hier bloß die disponirenden und Gelegenheitsursachen zaͤhlen, indem die Ansicht des Ver- fassers vom Wesen, oder wenn man will, von der naͤchsten Ursache der Entzuͤndung uͤberhaupt und folglich auch der Ge- baͤrmutterentzuͤndung, schon oben (§. 328. 329.) ausgespro- chen worden ist. — Zu den disponirenden Veranlassungen also muß zunaͤchst die allgemeine, vollsaftige, robuste, zu Ent- zuͤndungskrankheiten im Allgemeinen neigende Constitution ge- zaͤhlt werden, welche namentlich die Entstehung der acuten Metritis beguͤnstigt; ferner die reizbare schwaͤchliche Consti- tution, welche insbesondre zur chronischen Form dieser Krank- heit geneigt macht, außerdem die epidemische, der Entstehung von Entzuͤndungskrankheiten guͤnstige allgemeine Krankheits- Constitution und die Jahreszeit; endlich aber ganz vorzuͤglich die Zeit der herannahenden oder wirklich eingetretenen Men- struation, als der Zeitpunkt groͤßter Gefaͤßthaͤtigkeit in der nicht schwangern Gebaͤrmutter, außerhalb welchem demnach auch, wie schon oben im Eingange bemerkt worden, diese Krankheit fast gar nicht beobachtet wird. Ob uͤbrigens Jung- frauen oder Frauen, welche bereits geboren haben, haͤufiger an der Metritis leiden und groͤßere Disposition dazu verra- then, ist wohl so leicht nicht zu bestimmen, demohnerachtet glauben wir annehmen zu duͤrfen, daß allerdings theils des jugendlichen Alters im Allgemeinen, theils der groͤßeren Derb- heit und Elasticitaͤt des Uterus im jungfraͤulichen Koͤrper we- gen, zur acuten Gebaͤrmutterentzuͤndung bey erstern die Nei- gung groͤßer sey, wenn dagegen in dem schlaffern Uterus bey Frauen, welche bereits geboren, und vorzuͤglich oft durch vorausgegangene Geburten selbst bedingt, eine groͤßere Neigung zur chronischen Entzuͤndung und daran sich schließende Dege- neration nicht gelaͤugnet werden kann. §. 338. Die Gelegenheitsursachen betreffend, so muß zu diesen alles, was psychisch oder physisch das Geschlechtssystem heftig erregt, oder was den Uterus selbst mechanisch heftig reizt, gezaͤhlt werden. Also ungluͤckliche Liebe in sinnlichen Indivi- duen, auch andere heftige Gemuͤthsbewegungen, besonders waͤhrend der Menstruation, Nymphomanie, unterdruͤckte Men- struation, erhitzende Arzneymittel, vorzuͤglich zur Unzeit an- gewendete Emmenagoga (z. B. bey der wegen uͤberwiegender arteriellen Thaͤtigkeit Statt findenden Verzoͤgerung der Men- struation), drastische Abfuͤhrmittel, Uebermaß geistiger Ge- traͤnke oder stark gewuͤrzter Speisen, Erhitzungen (z. B. durch Tanz) und nachfolgende Erkaͤltungen (besonders kalte Baͤder, Injektionen oder Waschungen waͤhrend der Menstruation), ploͤtzlich gehemmte Blutfluͤsse oder Schleimfluͤsse der Geburts- theile, oder Hautausschlaͤge; ferner: Druck des Uterus bey falschen Lagen, durch fremde Koͤrper, z. B. Pessarien, Poly- pen, Reizung des Uterus durch unpassende Injektionen, zu haͤufigen, mit Rohheit vollzogenen Coitus, durch Onanie, end- lich anderweitige Krankheiten, Syphilis, Metastasen, Ent- zuͤndung benachbarter Organe, Geschwuͤre der Mutterscheide u. s. w. §. 339. Die Prognose der Gebaͤrmutterentzuͤndung ist zwar nach der Individualitaͤt der Koͤrper, nach ihren verschiedenen Ursachen u. s. w. sehr verschieden, im Ganzen muß jedoch diese Krankheit, gleich andern innern Entzuͤndungen, theils wegen der Wichtigkeit des Organs, theils wegen der Heftig- keit des damit sich verbindenden Fiebers stets zu den gefahr- vollen gezaͤhlt werden, obwohl nicht zu laͤugnen ist, daß durch ein zu rechter Zeit eintretendes kraͤftiges antiphlogistisches Heil- verfahren sehr wohl ein guͤnstiger Ausgang, und zwar in der Mehrzahl der Faͤlle, herbeygefuͤhrt werden kann. Am un- guͤnstigsten wird die Prognose bey der phlegmonoͤsen Entzuͤn- dung, namentlich unter innern und aͤußern Verhaͤltnissen, welche zum typhoͤsen Fieber und Brande fuͤhren koͤnnen. Was das Alter betrifft, so erscheint zwar gewoͤhnlich bey juͤngern Personen die Entzuͤndung mit mehr Heftigkeit, ent- scheidet sich aber auch in der Regel vollkommner und geht weniger leicht in Nachkrankheiten uͤber, als bey aͤltern. Vor- zuͤglich aber wird der Arzt bey der acuten Metritis Ursache haben, die Prognose nach dem Zeitpunkte, in welchem die Krankheit, als er gerufen wurde, sich befand, zu bestimmen, indem hiervon außerordentlich viel abhaͤngt. — Endlich die chronische Entzuͤndung betreffend, so wird hierbey auf die Dauer der Krankheit, auf den Grad derselben, vorzuͤglich aber auf die etwa schon eingetretenen oder noch nicht vor- handenen Degenerationen, Verhaͤrtungen, Verwachsungen, Wasserergießungen u. s. w. Ruͤcksicht genommen werden muͤssen, um den wahrscheinlichen fernern Gang der Krankheit, so wie die Heilbarkeit zu beurtheilen. §. 340. Die Behandlung der Metritis muß gleichfalls nach Ursachen, Grad und Charakter der Krankheit verschie- den seyn. Zuvoͤrderst aber gedenken wir des alten bewaͤhr- ten Ausspruchs: principiis obsta! und betrachten daher das Verfahren, welches sogleich im Beginn der Krankheit ange- wendet zu werden verdient, um den Keim derselben vor sei- ner weitern Verbreitung zu ersticken. — Entsteht aber nach Unterdruͤckung der Menstruation, nach Erkaͤltung zur Zeit der herannahenden Menstruation oder aͤhnlichen Einwirkungen, und zwar vorzuͤglich bey sehr reizbaren Naturen, Schmerz im Uterus, Abspannung, vermehrter Durst und erhoͤhte Tem- peratur, so ordne man sogleich vollkommenste Ruhe an, sehe auf Entleerung der Harnblase und des Darmkanals, in wel- cher letztern Hinsicht einige erweichende Lavements sehr zweck- maͤßig sind, lasse ein laues Bad nehmen, warme Fomentatio- nen uͤber die regio hypogastrica und die Geburtstheile le- gen, oder auch ein Dampfbad bereiten; Injektionen in die Vagina sind bey jungfraͤulichen Individuen unpassend, machen Schmerz und heben durch ihren mechanischen Reiz den Nuz- zen auf, den sie in dynamischer Hinsicht gewaͤhren koͤnnten; bey Frauen, welche geboren haben, koͤnnen sie hingegen unter diesen Verhaͤltnissen ebenfalls mit Nutzen gebraucht werden, und werden dann aus dem Aufgusse der Hb. Hyoscyami, Cicutae, Flor. Chamomill., aus warmer Milch mit einigen Tropfen Laudanum liq. S. und aͤhnlichen Mitteln bereitet. Innerlich laͤßt man, außer streng antiphlogistischer Diaͤt, eine Mohnsamen-Emulsion, einen Tamarindenaufguß mit etwas Nitrum und aͤhnliche, den Eretismus des Gefaͤßsy- stems herabstimmende Mittel nehmen, sucht, namentlich wo Erkaͤltungen vorausgegangen sind, die Hautthaͤtigkeit zu be- foͤrdern durch Anwendung des Fliederaufgusses, des Liq. Mindereri, des Liq. C.C., und trachtet endlich durch Be- folgung der oben fuͤr Behandlung der unterdruͤckten Men- struation aufgestellten Regeln, diese Funktion wieder hervor- zurufen. §. 341. In gar manchen Faͤllen nun wird allerdings, wo die Krankheit noch im Stadio irritationis verweilte, die gedachte Behandlung hinreichen, den Eintritt eines eigentlichen Sta- dii inflammationis gaͤnzlich abzuwenden; ist jedoch beym Erscheinen des Arztes dieser erste Zeitraum bereits voruͤber, oder die Kraukheit mit solcher Heftigkeit eingetreten, daß ein solches vorbereitendes Stadium uͤberhaupt nicht fuͤglich unter- schieden werden konnte, so muß dann sogleich eine staͤrker eingreifende Behandlung dem Weitergreifen des Uebels Schran- ken setzen. Allgemeine Blutentziehungen namentlich sind dann, vorzuͤglich bey jungen vollsaftigen Individuen, nicht zu ent- behren; bey schwaͤchlichen Koͤrpern, bey geringerm Grade des Uebels, oder wenn, nachdem durch allgemeine Blutentlee- rung zwar der erste Anfall der Entzuͤndung gemaͤßigt ist, nun bey Wiedererzeugung der Blutmasse auch der Schmerz wieder an Heftigkeit zunimmt, sind dann oͤrtliche Blutent- ziehungen noͤthig, welche mittelst Anlegung von 6 — 8 — 10 Blutigeln an die schmerzende Stelle am schicklichsten be- wirkt werden, ja bey nochmaliger Wiederkehr und noch nicht hinlaͤnglich beseitigten Schmerzen wohl abermals wiederholt werden muͤssen, wogegen Ruͤcksicht auf anscheinende Entkraͤf- tung ja nicht zu hoch angeschlagen werden darf, indem das Gefuͤhl von Schwaͤche Folge ist des Fiebers, das Fieber aber Folge der Entzuͤndung, und gegen die Entzuͤndung als ab- norm gesteigerte Thaͤtigkeit des Gefaͤßsystems die Herabstim- mung dieses Systems durch Blutentziehung das wirksamste Mittel bleibt. §. 342. Die innern Mittel betreffend, so sind hier vorzuͤglich diejenigen angezeigt, welche theils als der produktiven orga- nischen Kraft uͤberhaupt entgegen wirkend erscheinen, theils durch vermehrte Sekretionen des Darmkanals die Erregung anderer Organe vermindern, theils uͤberhaupt beruhigend auf das Gefaͤßsystem wirken. Zu den erstern rechnen wir vor- zuͤglich das Quecksilber , welches, gleich andern minerali- schen Giften, vorzuͤglich der Reproduktion unmittelbar ent- gegengesetzt ist (eben dadurch in groͤßern Gaben und in ge- wissen Verbindungen als eins der zerstoͤrendsten Gifte sich darstellt), daher als Beschraͤnkungsmittel abnorm aufgeregter Thaͤtigkeit in den feinern Verzweigungen des Gefaͤßsystems (sowohl bey Entzuͤndung als Degeneration, in welcher letz- tern Hinsicht besonders an die Wirkung des rothen Quecksil- berpraͤcipitats bey schwammigen Auswuͤchsen erinnert werden kann), einer schon von H. Hegewisch Hufeland’s Journal d. pr. Heilkunde. XXI. Bd. 3. St. aufgestellten An- sicht zu Folge, so außerordentlich huͤlfreich sich erweist. Auch in der Gebaͤrmutterentzuͤndung daher, und zwar vorzuͤglich der Neigung dieses Organs zu Degenerationen wegen, zeigt das Quecksilber, und insbesondere das Calomel, sich von ausgezeichnetem Nutzen; nur muß die Gabe nach der Indi- vidualitaͤt des Kranken abgemessen werden, damit vorzuͤglich staͤrkere Dosen (2 — 4 Gran) nicht etwa zu schnell uͤber- maͤßige Darmausleerungen hervorbringen, und so die weitere Anwendung verhindert wird. Beym Nachlaß der acuten Me- tritis und vorzuͤglich bey Symptomen, welche einen Ueber- gang in die chronische verrathen, ist namentlich auch von den aͤußerlichen Einreibungen des Unguenti mercurial. in Ver- bindung mit dem Linimento volat. Gebrauch zu machen. §. 343. Was die den uͤbrigen Heilanzeigen (s. vorigen §.) ent- sprechenden Mittel betrifft, so sind von den den Darmkanal insbesondere in Anspruch nehmenden vorzuͤglich das Nitrum und die blanden Abfuͤhrmittel zu erwaͤhnen; ersteres kann zu 5 — 10 Gran pro dosi mit dem Calomel oder in Emulsio- nen aufgeloͤst gegeben werden. Noch staͤrkere Dosen passen nur fuͤr die acutesten Faͤlle, indem bey andern dadurch theils heftige Diarrhoͤen zu schnell erregt werden, theils selbst der Consensus zwischen Darm und Uterus diese heftigern Reizun- gen verbietet. Von den Abfuͤhrungsmitteln muͤssen aber wegen letzterer Ruͤcksicht nur die weniger reizenden, als Manna, Oleum Ricini, Pulpa Tamarindorum, Pulpa Cas- siae, auch wohl bey groͤßerer Unempfindlichkeit die Senna, ferner die leichtern Mittelsalze, als Tartarus tartarisatus u. s. w. in Anwendung gezogen werden. In der Regel pflegt es fuͤr die Milderung des Fiebers am zweckmaͤßigsten zu seyn, wenn taͤglich drei bis sechs mehr fluͤssige Ausleerungen erfol- gen, welche zum Theil auch durch gegebene Lavements zu bewerkstelligen sind. §. 344. Allgemein beruhigende Mittel sind theils mittelbar schon die in den beiden vorigen §§. genannten im hohen Grade, theils koͤnnen hierher noch einige besondere Mittel gerechnet werden, un- ter welchen dann das diaͤtetische Verhalten mit Recht obenan gestellt wird. Man sorgt daher fuͤr den Aufenthalt der Kran- ken in reiner, maͤßig erwaͤrmter Luft und nicht zu erhitzender Bedeckung, erlaubt bloß schwach naͤhrende, kuͤhlende Speisen und Getraͤnke, leichte Suppen, Kalteschalen von Wasser, Zitronensaft, Zucker und Zwieback, Flieder- und Kamillenthee, abgekochtes Wasser mit Himbeersaft, Zitronensaft u. s. w. zum Getraͤnk, laͤßt zwischen den uͤbrigen Mitteln die schon fuͤr das Stadium irritationis empfohlenen Mittel, vorzuͤglich die Emulsionen, fortgebrauchen, und wendet eben so auch die oͤrtlich beruhigenden Mittel, Fomentationen, Cataplasmata, Dampfbaͤder und (unter der angegebenen Einschraͤnkung) auch Injektionen noch fortwaͤhrend bis zur Linderung des Schmer- zens an. §. 345. So wie nun unter solchem Verfahren die Zufaͤlle der Krankheit sich mindern, geht man mit demselben gleichfalls zuruͤck, und wenn endlich bey Eintritt des siebenten oder neunten Tages kritische Ausleerungen sich zeigen, treten die staͤrker einwirkenden Mittel voͤllig zuruͤck, und es bleibt nun die Hauptindication, diese Bestrebungen der Natur zu unter- stuͤtzen. Bey erleichternden Schweißen giebt man deshalb gelind diaphoretische Mittel, z. B. Liquor Mind. mit dem Fliederblumenaufgusse; bey sich wieder zeigender Menstruation befoͤrdert man dieselbe durch Dampfbaͤder, Fußbaͤder, Me- lissenthee, Friktionen der Schenkel u. s. w. — staͤrkere Harn- absonderung unterstuͤtzt man durch verduͤnnende Getraͤnke und laͤßt die obige antiphlogistische Diaͤt dabey fortfuͤhren. — Geschieht indeß die Zertheilung unvollstaͤndig, so daß inner- licher Schmerz, Abendfieber, Durst, belegte Zunge zuruͤck- bleiben, so kann man dann mit Nutzen auch staͤrkere ablei- tende Mittel zu Huͤlfe nehmen, unter welchen ganz vorzuͤg- lich die Sinapismen auf die Waden, bey torpidern Subjekten auf die Regio hypogastrica selbst, empfohlen werden muͤssen. Vesikatorien und fluͤchtig reizende Einreibungen sind hier we- niger passend, erstere wegen ihrer reizenden Einwirkung auf Nieren und Geschlechtssystem, letztere wegen des damit ver- bundenen mechanischen Reizes; dagegen ist hier die fortge- setzte Anwendung des Calomels, verbunden mit reizmindern- den Mitteln, z. B. kleinen Dosen Opium, Extract. Hyo- scyami oder Cicutae, Infusum Valerianae und aͤhnlichen Mitteln ganz zweckmaͤßig. Geht (was indeß selten der Fall ist) die Entzuͤndung in Eiterung uͤber, so muß durch erwei- chende Umschlaͤge, schleimige Injektionen und Dampfbaͤder die Entleerung des Abscesses durch die Vagina befoͤrdert und sodann fuͤr Erhaltung gutartigen Eiters und allgemeinere kraͤf- tige Reproduktion durch mehr naͤhrende Diaͤt, China u. s. w. gesorgt werden. §. 346. Am wenigsten vermag die heilende Kunst, wo bey an- faͤnglicher Vernachlaͤssigung oder ganz irriger erregender Be- handlung, oder auch typhoͤser, epidemisch herrschender Con- stitution die Entzuͤndung zur Gangraͤn sich neigt, dem gemaͤß auch der Fiebercharakter sich aͤndert und die sogenannten ner- voͤsen Symptome bereits eingetreten sind. Es wird dann vorzuͤglich die Aufgabe des Arztes, die organische Reaktion zu erhoͤhen und das Ueberwinden und Schrankensetzen oͤrtli- cher Absterbung durch das Lebendige zu befoͤrdern. Innerlich ist daher in diesen Faͤllen von den mineralischen Saͤuren, dem Elix. Halleri (vielleicht auch namentlich von der Phos- phorsaͤure) in Verbindung mit der Valeriana, Serpentaria, dem Campher, dem Moschus, den Naphten u. s. w. Gebrauch zu machen. Das Calomel, welches hier leicht zu colliquati- ven Durchfaͤllen Veranlassung giebt, muß gewoͤhnlich ausge- setzt und fuͤr hinlaͤngliche Darmentleerung durch Lavements gesorgt werden. Die Diaͤt erfordert nur in sofern einige Ab- aͤnderung, als fuͤr Kranke dieser Art als Zumischung zu Kalte- schalen und zum Getraͤnk, der Wein ein vortreffliches Mittel wird. Aeußerlich sind gleichfalls die mehr erregenden Mittel in Anwendung zu ziehen, als Sinapismen uͤber den Leib, Fomentationen von Aufguͤssen der Hb. Menth. crisp., Me- liss., Majoran. u. s. w., mit Wein vermischt, uͤber die Ge- burtstheile, ja selbst bey sehr trockner brennender Haut allge- meine aromatische Baͤder. §. 347. Was die Behandlung der chronischen Entzuͤndung be- trifft, so muß hier vorzuͤglich auf dem oben (Ende 345. §.) angezeigten Wege fortgegangen werden, und namentlich wenn die Krankheit nur in der Tiefe fortschleicht, nur durch perio- disch eintretende Schmerzen, erhoͤhte Empfindlichkeit und all- gemeine Beschwerden sich zu erkennen giebt, vorzuͤglich durch Abwendung aller Erregungen und fortdauernde Ableitungen gewirkt werden. — Solchen Personen daher, obwohl sie sich zu Zeiten recht wohl befinden, muß doch eine sehr genaue, mehr vegetabilische kuͤhlende Diaͤt, Vermeidung aller erhitzen- den Bewegung, vorzuͤglich Vermeidung aller Reizungen des Geschlechtssystems zur Pflicht gemacht werden; man laͤßt da- bey das Calomel mit dem Extrakt der Cicuta in kleineren Dosen fortnehmen, wendet Einreibungen mit dem Unguent. neapolit. an, laͤßt vom Infuso Hyoscyami, Cicutae und Valerianae vorsichtig Einspritzungen, oder durch den Weid- lich’ schen Badestuhl innere oͤrtliche Baͤder gebrauchen, einen Schwamm, mit solchen Aufguͤssen getraͤnkt, in die Geburts- theile legen, vorzuͤglich aber empfehlen sich dann auch Fon- tanelle an den Schenkeln, bey staͤrker erregten Schmerzen Blut- igel an das Perinaͤum und oͤfters dargereichte blande Ab- fuͤhrungen. §. 348. In allen Faͤllen endlich, wo die Metritis als sekundaͤre Krankheit erscheint, oder von besondern, noch fortwirkenden Gelegenheitsursachen erregt wird, muß hierauf auch die Be- handlung noch besondere Ruͤcksicht nehmen. Vorausgegangene Entzuͤndungen benachbarter Organe muͤssen daher zwar im Allgemeinen gewoͤhnlich nach aͤhnlichen Ruͤcksichten, wie die Entzuͤndung der Gebaͤrmutter, jedoch zugleich nach denjenigen Modificationen, welche die Natur des afficirten Organs for- dert, behandelt werden, druͤckende Pessarien, Auswuͤchse am Muttermunde, Polypen muͤssen entfernt, fehlerhafte Lagen des Uterus nach unten anzugebenden Regeln beseitigt, und Unterdruͤckungen der Menstruation, der Leucorrhoͤe, der Haͤ- morrhoiden gehoben, so wie syphilitische und andere Geschwuͤre der Geburtstheile geheilt werden. — Bleibt uͤbrigens nach gehobener Metritis (welches vorzuͤglich bey typhoͤsem oder chronischem Charakter der Fall zu seyn pflegt) allgemeine oder oͤrtliche bedeutende Schwaͤche zuruͤck, so fordert dies den bey den Regelwidrigkeiten der Menstruation mehr erwaͤhnten roborirenden Heilplan, und was die zuweilen sich anschließen- den Folgekrankheiten und Degenerationen betrifft, so wird von deren Behandlung noch spaͤter ausfuͤhrlicher gehandelt werden. 2. Blutfluß der nicht schwangern Gebaͤrmutter (Haemorrhagia uteri, Metrorrhagia). §. 349. Ein Organ, gleich der Gebaͤrmutter, zu dessen norma- ler Verrichtung so haͤufige Blutausscheidungen gehoͤren, dessen Reichthum an Gefaͤßen so groß ist, dessen Gefaͤße vorzuͤglich in Venen besiehen, deren Ausdehnbarkeit noch uͤberdies so außerordeutlich ist, muß schon dadurch auch die Anlage zu bedeutenden krankhaften Blutergießungen erhalten. Vermehrt wird indeß diese Anlage, je mehr dieses Organ bereits an Aufnahme und Ausscheidung betraͤchtlicher Blutmassen gewoͤhnt ist, welches denn im Uterus um so mehr der Fall ist, je haͤufigere Schwangerschaften und Geburten Statt gehabt ha- ben und je schlaffer dadurch seine Gefaͤße, ja sein ganzes Parenchyma, geworden sind. — Eben hierin liegt denn auch der Grund davon, daß namentlich zur Zeit der normal auf- geregten Gefaͤßthaͤtigkeit selbst, also vorzuͤglich waͤhrend der Menstruation, Schwangerschaft, Geburt und Wochenperiode die heftigsten Blutergießungen vorkommen, naͤchst diesen Pe- rioden aber dann, wenn durch krankhafte Bildung der Uterus vergroͤßert, aufgelockert und sonst veraͤndert ist. Die Bluter- gießungen uͤbrigens, welche den erstern Zustaͤnden angehoͤren, bleiben von den gegenwaͤrtigen Betrachtungen natuͤrlich aus- geschlossen. §. 350. Die Eintheilung der hier zu betrachtenden Metrorrhagie angehend, so ist diese Krankheit verschieden 1) der Quan- titaͤt des Blutflusses nach , und zwar vom tropfen- weisen Abgange (Stillicidum sanguinis) bis zum Blut- sturz (Haemorrhagia) , woruͤber jedoch zu bemerken ist, daß die Quantitaͤt an und fuͤr sich keinesweges ein Urtheil uͤber die Wirkung des Blutflusses auf den Koͤrper, welcher daran leidet, begruͤndet, indem natuͤrlich eine und dieselbe Blut- menge fuͤr einen Koͤrper hoͤchst angreifend und betraͤchtlich, fuͤr einen andern gering seyn kann, wie dies schon bey dem normalen Blutflusse der Menstruation bemerkt worden ist. 2) Der Qualitaͤt nach , indem das abfließende Blut ent- weder hellrothes arterielles , oder dunkelgefaͤrb- tes, venoͤses , und ferner fluͤssiges und reines , oder coagulirtes und mißfarbiges , mit Lymphe oder Eiter gemischtes Blut ist. Anmerkung . Was die Blutergießungen aus dem Uterus betrifft, so koͤnnte man wohl die Frage aufwerfen, ob es uͤber- haupt arterielle Blutungen in einem Organe geben koͤnne, dessen natuͤrliche Ausscheidungen (wie dies die Physiologie der Men- struation lehrte) doch hoͤchst wahrscheinlich allein durch Venen bewerkstelligt werden? — und ob ich nun gleich ziemlich fest uͤberzeugt bin, daß allerdings auch die Metrorrhagie außer der Menstruations- und Schwangerschaftszeit durch die an der innern Uterinflaͤche sich vorfindenden Venenmuͤndungen geschehe, so halte ich doch jene Unterscheidung nicht fuͤr ganz uͤberfluͤßig, in- dem es doch gewiß etwas Anderes ist, wenn das in die feinern Venenzweige ergossene arterielle Blut sogleich wieder aus diesen Venenzweigen ausstroͤmt, oder wenn Blut, welches schon laͤn- gere Zeit in den Venenstaͤmmen verweilte, durch eine retrograde Bewegung (welche im Venensystem vielleicht haͤufiger als ge- meinhin angenommen wird, vorkommt) sich ergießt. §. 351. Eine dritte Eintheilung bezieht sich auf das Verwei- len oder Ausfließen des Blutes, nach welcher wir in- nern und aͤußern Gebaͤrmutterblutfluß unterscheiden, und hier wird es denn noch erforderlich, der besondern Kenn- zeichen des erstern zu gedenken, indem fuͤr saͤmmtliche uͤbrige Arten sich die charakteristischen Merkmale leicht von selbst darbieten. Ein Gebaͤrmutterblutfluß also, wo das Blut in der Hoͤhle des Uterus selbst sich anhaͤuft, wird erkannt: 1) aus den Zeichen des Blutverlustes und der Er- I. Theil. 18 schoͤpfung uͤberhaupt, als: Sinken und vermehrte Frequenz des Pulses, Mattigkeit, Schwindel, Ohrenbrausen, Kaͤlte der Extremitaͤten, kalter Schweiß, eingefallene Gesichtszuͤge, Ueblichkeiten, Erbrechen, Zittern, Ohnmachten und Zuckun- gen. 2) Aus der Vergroͤßerung des Uterus, wobey der aͤu- ßerlich durch die Bauchdecken fuͤhlbar werdende Grund dessel- ben weich, teigartig gefunden wird. 3) Aus vorhergegange- nen oder noch einwirkenden Ursachen, welche eine Verschlie- ßung oder Verstopfung des Muttermundes zur Folge haben koͤnnen. Uebrigens kann begreiflich ein wirklich bedeutender innerer Blutfluß außer der Schwangerschaft und Wochenpe- riode nur selten und nie ohne vorausgegangene krankhafte Metamorphose des Organs Statt finden. §. 352. 4) Endlich unterscheiden wir, den Ursachen nach, zwischen aktivem und passivem Gebaͤrmutterblut- flusse , welches namentlich in Ruͤcksicht der Behandlung wich- tig ist. Der aktive Blutfluß ist Produkt oͤrtlich erhoͤhter Gefaͤßthaͤtigkeit, und wird gewoͤhnlich durch vorausgegangene Congestionen bedingt, weshalb ihm mancherley Vorboten: Schwere der Glieder, Ohrenbrausen, Kopfschmerz, Schwin- del, vermehrte Waͤrme, Druck im Becken, Draͤngen zum Urinlassen u. s. w. haͤufig vorauszugehen pflegen. Diese akti- ven Blutungen sind uͤbrigens gewoͤhnlich mehr arterieller Be- schaffenheit; das Blut wird gewoͤhnlich rein und fluͤssig aus- geleert, und sie sind mehr kraͤftigen, juͤngern, sonst gesunden Koͤrpern eigen. Der passive Blutfluß ist die Folge oͤrtlich gesunkener Gefaͤßthaͤtigkeit oder organischer Zerstoͤrung der Gefaͤße selbst, wodurch sie außer Stand gesetzt werden, dem normalen, und noch weniger dem abnormen Andraͤngen der Blutmasse (bey Congestionen, welche allerdings auch dem passiven Blutflusse vorausgehen koͤnnen) Widerstand zu leisten, obwohl hierbey auch auf die Verhaͤltnisse der Blutmischung Ruͤcksicht zu nehmen ist, und auch verminderte Gerinnbarkeit derselben, wie bey scorbutischen und typhoͤsen Zustaͤnden, pas- sive Blutung bedingen kann. §. 353. Wesentlich ist demnach dieser Krankheitserscheinung im Allgemeinen: Mißverhaͤltniß einer im Uterus Statt findenden Blutsekretion Man darf bey den Ergießungen des Uterus diesen Namen wohl sehr mit Recht brauchen, da dieselben hoͤchst wahrscheinlich zum Theil fuͤr das Weib mit wahren Sekretionen des maͤnnlichen Koͤrpers gleichbedeutend sind, und wir H. Dollinger (s. Meckels Arch. fuͤr Phys. Bd. II. ) gauz beytreten, wenn er sagt: das Weib zeuge namentlich durch Blut , wie der Mann durch Samen. zu dem Stande allgemeiner Gefaͤßthatigkeit und der Repro- duktion uͤberhaupt , durch welche Bestimmung denn alle Arten normaler Blutergießungen dieses Organs am sichersien ausgeschlossen werden. Die entfernten Ursachen sind nach den verschiedenen Arten der Blutung verschieden. Fuͤr den aktiven Blutfluß sowohl als fuͤr den passiven geben 1) ge- wisse abnorme Erregungen der allgemeinen Ge- faͤßthaͤtigkeit (des einen Faktors der Krankheit) die Veran- lassung. Sie werden bedingt durch: a) sehr reichliche Diaͤt, besonders den Genuß stark naͤhrender Getraͤnke, z. B. starker Biere; b) sitzende Lebensweise; c) Nahrungs- oder Arzney- mittel, welche die Nerven und Gefaͤße des Unterleibes und namentlich der Geschlechtsorgane, heftig anregen, als geistige oder uͤberhaupt erhitzende Getraͤnke, Wein, Chokolade, gruͤ- ner Thee, stark gewuͤrzte Speisen, drastische Abfuͤhrmittel, zur Unzeit angewendete Emmenagoga u. s. w.; d) psychische Reize, als heftige Leidenschaften, Zorn, Schreck, Freude u. s. w., bey welchen die Blutbewegung entweder uͤberhaupt aus- nehmend gesteigert oder auch momentan gehemmt und An- haͤufung in den Venen dadurch beguͤnstigt wird; e) sehr heiße Temperatur der Luft und aͤhnliche Baͤder. §. 354. 2) Fuͤr den aktiven Blutfluß insbesondre wir- ken vorzuͤglich außer den genannten folgende, mehr oͤrtliche Bedingungen erregend: a) ein hoher Grad von Reizbarkeit uͤberhaupt, und besonders in den Nerven des Geschlechts- systems, welcher namentlich die Folge fehlerhafter physischer Erziehung, zeitiger und uͤbermaͤßiger Geistesanstrengung, fruͤ- her Ausschweifungen und des Mißbrauchs erhitzender Nah- rungsmittel und Getraͤnke zu seyn pflegt; b) Krankheiten benachbarter Unterleibsorgane, welche den Kreislauf des Pfort- adersystems beeintraͤchtigen, und Andrang nach den Geschlechts- organen veranlassen, eben so auch allgemeine Krankheiten, welche sich zuweilen sogar durch Metrorrhagien entscheiden, wo dann die Blutung allerdings sehr wohlthaͤtig seyn kann; c) oͤrtliche Reize von druͤckenden Pessarien, reizenden Injekrio- nen u. s. w. 3) Fuͤr den passiven Blutfluß sind beson- dere Veranlassungen vorzuͤglich Krankheiten, welche entweder allgemeinen fehlerhaften Zustand der Sanguifikation bedingen (Skorbut, Faulfieber, Entmischung durch zu haͤufiges Ader- lassen), oder in Verbildung der Uterinsubstanz sich darstellen, als Syphilis, schwammige Auftreibung des Uterus, Polypen, Skirrhus, Krebs, Steatomata, Leucorrhoͤe, sehr haͤufige vor- ausgegangene Wochenbetten, zuruͤckgebliebene Nachgeburtsresie, Umstuͤlpung, Vorfall des Uterus, so wie Einfluͤsse, welche entweder mechanisch den Uterus erschuͤttern, oder dynamisch die Auflockerung seiner Substanz vermehren, als Dampfbaͤ- der, Kohlentoͤpfe u. s. w. — Je mehr sich nun mit diesen oͤrtlichen Veranlassungen die allgemeinen Abnormitaͤten der Ge- faͤßthaͤtigkeit (§. 353. 1.) verknuͤpfen, um so staͤrker tritt der Blutfluß ein. §. 355. Der Gang , welchen diese Krankheit zu nehmen pflegt, die Folgen , welche sie herbeyfuͤhrt, und die hieraus sich ergebende Prognose muß wieder theils nach den veranlas- senden Ursachen, theils nach dem Grade der Krankheit sehr verschieden seyn. Was die aktiven Blutfluͤsse betrifft, welche aus der kraͤftigern Constitution der Kranken, der gewoͤhnlich mehr hellrothen Beschaffenheit des ausfließenden Blutes, der Abwesenheit bedeutender Verbildungen, dagegen oft durch die aͤußerst gesteigerte Reizbarkeit des Geschlechtssystems erkannt werden, so sind sie gewoͤhnlich in ihrem Verlaufe mehr acut, und zwar um so mehr, je vollkommner sie der allgemeinen Gefaͤßthaͤtigkeit angehoͤren, je mehr sie aus einer wahren Plethora hervorgehen. Auch ergiebt es sich leicht, daß ein solcher Blutfluß gerade wie die unter aͤhnlichen Umstaͤnden gewoͤhnliche uͤbermaͤßige Menstruation, fuͤr den Augenblick eher heilsam als gefaͤhrlich erscheinen werde, nur daß bey einer oͤftern Wiederkehr, oder bey langer Dauer, der Uebergang in einen passiven Blutfluß gefuͤrchtet werden muß. Ist da- gegen jene allgemeine Bedingung nicht vorhanden und die aktive Metrorrhagie bloß durch unverhaͤltnißmaͤßig gesteigerte Thaͤtigkeit der Uteringefaͤße, namentlich bey einer im Allge- meinen schwaͤchlichen Constitution, in Folge oͤrtlicher Reize der Geschlechtsorgane, in Folge von Stoͤrungen des Kreis- laufs im Pfortadersystem, etwa bey skrophuloͤsen Individuen entstanden, so ist nicht nur der Blutverlust oft weit bedeu- tender und anhaltender, sondern seine Ruͤckwirkungen auf das allgemeine Befinden sind zugleich weit eingreifender, die Zei- chen der Verblutung (§. 351.) treten weit leichter ein, Wasser- suchten, Gelbsuchten, Auszehrungen, Unfruchtbarkeit, unheilbarer weißer Fluß, folgen weit leichter nach, und die Prognose wird folglich weit unguͤnstiger. §. 356. Vorzuͤglich Gefahr drohend pflegen indeß die passiven Blutfluͤsse zu seyn, eines Theils, weil uͤberhaupt Individuen, bey welchen Blutungen dieser Art vorkommen koͤnnen, gemei- niglich schon sehr geschwaͤcht sind, besonders die reproduktive Thaͤtigkeit ihres Koͤrpers gewoͤhnlich hoͤchst zerruͤttet ist, an- dern Theils, weil der Blutverlust selbst in der Regel bedeu- tender und anhaltender ist, als bey den uͤbrigen Arten. — Der Gang und die Prognose der Krankheit im Einzelnen richtet sich uͤbrigens nach den besondern abnormen Zustaͤnden des Uterus, welche am haͤufigsten diese Blutungen zur Folge haben, und welche eben, in wiefern sie gewoͤhnlich langwie- rige, schwer oder gar nicht heilbare Zustaͤnde sind, vorzuͤglich habituell werdende, bey jeder staͤrkern Koͤrper- oder Gemuͤths- bewegung, oder sonstigen Veranlassung wiederkehrende Blut- ergießungen bedingen und somit die Prognose aͤußerst unguͤn- stig machen. Wahre Verblutung und ploͤtzlicher Tod, oder gefaͤhrliche Folgekrankheiten, Wassersucht, Auszehrung, heftige Schleimfluͤsse koͤnnen daher hier sehr leicht eintreten. §. 357. Was die sonstigen besondern Formen der Metrorrhagie betrifft, so ist es, ob eine oder die andere derselben vorhan- den, im Ganzen von geringerm Einfluß auf Krankheitsver- lauf und Prognose, als die vorher erwaͤhnten Momente; nur von dem Unterschiede zwischen innerem und aͤußerem Blut- flusse ist zu bemerken, daß allerdings der erstere, theils we- gen der schwierigen Erkenntniß, theils wegen der betraͤchtli- chen Ausdehnung, so der Uterus dabey erleidet, und wodurch er zu neuen, vorzuͤglich passiven Blutungen immer mehr dis- ponirt wird, gefaͤhrlicher sey als der aͤußere. — Daß end- lich bey Stellung der Prognose auch ganz vorzuͤglich auf die Constitution der Kranken, so wie auf die Quantitaͤt des aus- stroͤmenden Blutes, auf minder oder heftiger einwirkende Ge- legenheitsursachen, auf kuͤrzere oder laͤngere Dauer des Ue- bels und auf die aͤußern Verhaͤltnisse der Kranken Ruͤcksicht genommen werden muͤsse, ergiebt sich von selbst. §. 358. Von der Behandlung der Metrorrhagie . — In wiefern bey jedem Blutfluß immer die allgemeinen Zu- staͤnde des Gefaͤßsystems von besonderer Wichtigkeit sind, und jeder Blutfluß, wenn auch durch ganz oͤrtliche Veranlassun- gen hervorgerufen, doch wenigstens durch den Andrang vom allgemeinen Kreislaufe aus, fortwaͤhrend unterhalten wird, so muß es nothwendig als die erste und wichtigste Indication erscheinen, negativ zu verfahren, und alles abzuwenden, wo- wodurch der Erethismus unterhalten oder vermehrt werden koͤnnte, ein Grundsatz, worin denn auch alle, uͤbrigens oft von sehr verschiedenen Gesichtspunkten ausgehenden Schrift- steller uͤber diesen Gegenstand einstimmig sind. — Die hori- zontale Lage wird daher zuvoͤrderst der Kranken angewiesen, und wir stimmen Astruc bey, Maladies des femmes. T. II. p. 115. wenn er die Lage mit er- hoͤhten Schenkeln hierbey nicht fuͤr zweckmaͤßig erklaͤrt, indem dadurch zwar oft der Ausfluß des Blutes vermindert, aber Anhaͤufungen in den innern Geeurtstheilen (innere Blutun- gen) beguͤnstigt werden. In dieser Lage ist ferner die voll- kommenste Ruhe des Koͤrpers, wie des Gemuͤths zu beobach- ten, und das Geschaͤft des Arztes wird es hierbey oft seyn, theils durch Entfernung aller beunruhigenden Personen und Gegenstaͤnde, theils durch freundliche Zusprache, das uͤber den etwa ploͤtzlich eingetretenen Blutfluß selbst gewoͤhnlich aͤußerst aufgeregte Gemuͤth der Kranken zu beruhigen. Zu- gleich achtet man darauf, alles zu entfernen, was eine gleich- maͤßige, ruhige Respiration (welche fuͤr Beruhigung der Blut- bewegung so wichtig ist) unterbrechen koͤnnte; man traͤgt Sorge, daß alle beengende Kleidungsstuͤcke geloͤst seyen und eine reine, sehr maͤßig erwaͤrmte Zimmerluft die Kranke umgebe. §. 359. Was dagegen die positive aͤrztliche Behandlung betrifft, so koͤnnen hier durchaus keine so bestimmten und allgemein guͤltigen Heilregeln, wie ruͤcksichtlich des Diaͤtetischen, gege- ben werden, und weder die schon von Hippokrates em- pfohlnen Brech- und Purgirmittel, noch die von Andern, z. B. von Astruc an die Spitze gestellten Blutentziehungen P. Frank Epitome d. hom. morb. our. T. V. P. II. p. 110. sagt uͤber die Venaͤsektion: saepe sanguis vel utrumque per ostium au- fugit, vel imposito venae sauciatae spleniolo, ex viscere sponte cruorem frundente pergit fluere rebellis. , noch die einzelnen geruͤhmten Arzneymittel, vom Drachenblut bis zur Zimmttinktur, und neuerlich zur Ratanhia, duͤrfen als specifisch huͤlfreich betrachtet werden, sondern die verschie- denen Bedingungen der Krankheit sind ins Auge zu fassen, die innern und aͤußern entfernten Ursachen zu beseitigen, und daher in verschiedenen Faͤllen verschiedene Maaßregeln zu er- greifen. §. 360. Zuerst also die Behandlung der aktiven Blut- fluͤsse: — Hier ist zu untersuchen, ob die oͤrtliche Aufre- gung der Uteringefaͤße Produkt allgemeiner Zustaͤnde, nament- lich des durch zu reichliche Ernaͤhrung und sitzende Lebens- weise erzeugten allgemeinen Blutuͤberflusses sey, wobey dann der Puls voll und beschleunigt, das Gesicht roth, Kopf- schmerz oder Kreuzschmerz vorhanden zu seyn pflegt, mehrere Vorboten gewoͤhnlich vorausgegangen sind, und die Blutung selbst in groͤßerer Heftigkeit, aber auch in rascherm Verlaufe erscheint. Diese Krankheitsform ist es alsdann, in welcher ein rein antiphlogistisches Verfahren indicirt ist, und wo das ploͤtzliche Hemmen der (hier selbst als huͤlfreich, gleichsam kritisch erscheinenden) Blutung durch adstringirende Mittel den groͤßten Nachtheil bringt. Hier also finden ganz besonders die Blutentziehungen selbst Statt, und es muß hierbey die Quantitaͤt des mittelst eines am Arm vorzunehmenden Ader- lasses, so wie, ob vielleicht die Wiederholung des Aderlasses noͤthig werde, vorzuͤglich durch die Umstaͤnde selbst bestimmt werden. Indeß kann man im Allgemeinen behaupten, daß es besser sey, etwas zu viel als zu wenig Blnt wegzuneh- men, indem der weibliche Koͤrper uͤberhaupt leicht Blutver- luste ersetzt, und außerdem, bey nicht hinlaͤnglicher Blutent- leerung, die Metrorrhagie laͤnger dauert, die Uteringefaͤße nachtheilig erweitert werden und die Blutung endlich zur ha- bituellen wird. §. 361. Das uͤbrige Heilverfahren wird ebenfalls vornehmlich auf Maͤßigung des Orgasmus und Hinderung einer zu ra- schen Wiedererzeugung von Blut abzwecken muͤssen. Man laͤßt daher die Kranke nicht in warme Betten, sondern am besten auf eine Matraze unter leichte Wolldecken legen, ord- net vegetabilische Saͤuren, Citronensaft, Himbeeressig u. s. w. unter das Getraͤnk, laͤßt von Zeit zu Zeit etwas Himbeer- oder Citroneneis genießen, giebt Wasserkalteschalen zur Nah- rung, wendet innerlich den Cremor tartari mit dem Nitrum an, und sobald die Heftigkeit der Blutung selbst gemaͤßigt ist, macht man mit Nutzen von kuͤhlenden Abfuͤhrmitteln aus Pulp. Tamarind., Manna, Tart. tartarisatus Gebrauch. Endlich ist auch nach gaͤnzlich beseitigtem Anfalle darauf zu halten, daß die Lebensart angemessener eingerichtet und da- durch die Gelegenheit zu einer sonst leicht von neuem eintre- tenden Blutung gehoben werde. Die Reconvalescentin muß daher eine beschraͤnktere, mehr vegetabilische Diaͤt fuͤhren, ihre sitzende Lebensweise aufgeben und sich vor allen, das Ge- schlechtssystem insbesondre erregenden oder allgemeinen Ere- thismus veranlassenden Einfluͤssen huͤten. §. 362. Ist aber zweytens die aktive Blutung nicht die Folge von wahrer Plethora, sondern von einer im Mißverhaͤltniß zur allgemeinen Reproduktion aufgereizten Thaͤtigkeit der Uterin- gefaͤße, so ist die Hauptindication zwar theils immer wieder Herabstimmung allgemeiner Blutbewegung, theils aber Ver- minderung der gesteigerten Sensibilitaͤt. Die besondern Mit- tel zur Erfuͤllung dieser Indication sind in verschiedenen In- dividuen verschieden. Bey uͤbrigens wohlgenaͤhrten, blutrei- chen Naturen, wie man sie gerade bey gesteigerter Sensibili- taͤt, vorzuͤglich in den hoͤheren Staͤnden, gar nicht selten findet, sind ebenfalls Blutentziehungen am Arme, wenn auch in etwas kleinern Quantitaͤten und mehr als Ableitungen be- trachtet, sehr wohlthaͤtig, und man kann damit wieder ziem- lich das im vorigen Paragraph geschilderte weitere Heilver- fahren verbinden, nur daß man nach zweckmaͤßiger Blutent- leerung und Ruͤcksicht auf Befreiung des Darmkanals mehr von den mineralischen Saͤuren, als Aqua Rabeliana oder Elixir acidum Halleri Gebrauch macht. §. 363. Bey einer mehr schwaͤchlichen Constitution, oder wo der Blutfluß schon laͤngere Zeit angehalten und durch seine Hef- tigkeit die Kraͤfte bereits sehr erschoͤpft hat, ist dann statt der Blutentziehungen von andern ableitenden Mitteln, von gelinder Hauterwaͤrmung durch Friktion, von Befoͤrderung all- gemeiner Transpiration, von Aufsetzen trockner Schroͤpftoͤpfe auf den Unterleib oder auf die innere Schenkelflaͤche, oder auf die Bruͤste, Gebrauch zu machen, ja, wenn das sonst empfohlene Anlegen von Binden um Oberschenkel und Arme jemals einen wirklich wohlthaͤtigen Einfluß gezeigt hat, so ist es ohne Zweifel namentlich in diesen Faͤllen gewesen. Aeußerlich wendet man aromatischen Essig als Fomentation auf die Geburtstheile, oder Aufguͤsse von aromatischen Kraͤu- tern, mit Essig und Wein vermischt, zu aͤhnlichen Fomen- tationen oder zu Injektionen in die Vagina an, macht Ein- reibungen von Naphta auf den Unterleib, und von einigen (z. B. von Chaussier ) sind auch die eiskalten Umschlaͤge auf die Fuͤße geruͤhmt worden. Innerlich sind wieder ganz vorzuͤglich die mineralischen Saͤuren zu empfehlen, und zwar waͤhlt man bey anhaltendem Blutflusse, wo diese Mittel oft laͤngere Zeit gegeben werden muͤssen, um die nachtheilige Wir- kung derselben auf die Verdauungswerkzeuge zu vermeiden, vorzuͤglich ihre Verbindung mit bittern Extrakten, oder das an sich mit bittern und aromatischen Stoffen bereitete Elix. acidum Mynsichtii. Endlich sind aber auch die narkotischen und krampfwidrigen Mittel fuͤr diese Faͤlle von Blutungen huͤlfreich, und theils das Doversche Pulver, theils die Ver- bindung des Laudani liq. mit den mineralischen Saͤuren, vorzuͤglich auch das Opium in Klystiren angewendet, ver- dienen hier Empfehlung. §. 364. Die diaͤtetischen Mittel betreffend, so muß bey dem §. 362. beruͤhrten Falle wieder eine aͤhnliche Lebensordnung, wie §. 361. vorgeschrieben ist, beobachtet werden, bey den- jenigen Constitutionen hingegen, von welchen §. 363. die Rede war, ist es nothwendig, theils fuͤr etwas mehr aͤußere Waͤrme zu sorgen, theils durch das uͤbrige Verhalten die Re- produktion mehr zu beguͤnstigen, und einer zu betraͤchtlichen Schwaͤchung des Nervensystems durch gelind erregende und staͤrkende Mittel vorzubeugen. Man reicht einer so erschoͤpf- ten Kranken etwas Zimmt- oder Melissenthee mit Wein, spaͤterhin Alaunmolken, erlaubt ihr eine kraͤftigere, obwohl leicht verdauliche, Nahrung, etwas Bouillon mit Ey, Hirsch- horngallert, laͤßt bey Schwindel und Ohnmachten die Schlaͤ- fengegend, vorzuͤglich aber den Unterleib, mit koͤllnischem Was- ser waschen u. s. w. — Ganz besonders indeß muß bey die- sen Zustaͤnden die obwaltende Veranlassung, welche oft in andern Krankheitszustaͤnden liegt, beruͤcksichtigt und darnach denn oft die angegebene Behandlung noch modificirt werden. Sind daher Unregelmaͤßigkeiten in der Funktion der Unter- leibsorgane, skrofuloͤse Zustaͤnde, Obstructionen u. s. w. vor- handen, so ist nicht eher eine vollkommne Heilung der, wenn auch vielleicht fuͤr kurze Zeit stehenden, aber immer von neuem wiederkehrenden Blutungen zu hoffen, bevor nicht durch die schon bey den Unregelmaͤßigkeiten der Menstruation erwaͤhnte resolvirende und ausleerende Methode eine gruͤndliche Beseiti- gung dieses gastrischen Zustandes Statt gehabt hat Diese Form der Metrorrhagie ist es insbesondre, welche, wie Reil (Fieberlehre Bd. III. S. 309.) nach Stoll anfuͤhrt, zuweilen epi- demisch vorkommt. ; und hier ist es auch, wo bey nach oben turgescirenden Unreinig- keiten, bey einer durch Ueberladung erzeugten Verdorbenheit der Verdaunngskraͤfte, bey der nach heftigen Gemuͤthsbewe- gungen oft Statt findenden Polycholie u. s. w. selbst die Brech- mittel ( Ipecaouanha ) eine hoͤchst wvhl thaͤtige Wirkung uͤben, indem sie nicht nur die Ausleerung bewerkstelligen, sondern auch durch ihre Wirkung auf das Nervensystem zur Vermin- derung der oͤrtlich krankhaft erregten Sensibilitaͤt wesentlich beytragen. §. 365. Außerdem koͤnnen diese von oͤrtlich gesteigerter Erregung bedingten Blutfluͤsse mitunter durch aͤußere Reize unterhalten werden, z. B. durch Pessarien, welche sofort zu entfernen, und, wenn sie nicht ganz entbehrt werden koͤnnen, mit einem in Infus. serpylli, mit etwas Wein vermischt, getauchten Schwamme zu vertauschen sind. Ferner ist Vermeidung alles Geschlechtsreizes, so lange noch die geringste Neigung zur wiederkehrenden Blutung vorhanden ist, zur strengsten Pflicht zu machen. Auch chronische Eutzuͤndungen, Geschwuͤre, schar- fer weißer Fluß, Syphilis, Auswuͤchse der Mutterscheide u. s. w. koͤnnen Veranlassung zur Entstehung oder Unterhaltung dieses Blutflusses seyn, und muͤssen dann nach den ihrer Na- tur angemessenen Regeln behandelt werden. — Daß endlich, wo dieser Blutfluß etwa an andere Krankheiten als eine kri- tische Ausleerung sich schließt, zu seiner Unterdruͤckung gar nichts geschehen duͤrfe, sondern bloß zweckmaͤßige Behandlung der zum Grunde liegenden Krankheit angezeigt sey, liegt am Tage. §. 366. Wir kommen nun zur Behandlung passiver Metrorrha- gien. Auch hier ist außer den allgemeinen, §. 358. ange- gebenen Regeln zunaͤchst das allgemeine Befinden ins Auge zu fassen und danach das Heilverfahren einzuleiten. Colli- quative Blutungen, als Folge typhoͤser Zustaͤnde oder skor- butischer Aufloͤsung der Blutmasse, erfordern daher den Ap- parat der analeptischen, Contraktion und Lebensthaͤtigkeit uͤber- haupt foͤrdernden Mittel; oft jedoch muͤssen auch die Mittel, welche zur schnellen Stillung lebensgefaͤhrlicher Blutungen uͤberhaupt empfohlen werden koͤnnen und von welchen unten die Rede seyn wird, angewendet werden. Ist hingegen Ere- thismus des Adersystems vorhanden, welcher bey gesunkener Vitalitaͤt der Uteringefaͤße hier durch Blutergießung sich aus- spricht, so muß dann zunaͤchst wieder ein aͤhnliches allgemei- nes Verfahren, als oben bey den aktiven Blutungen em- pfohlen worden ist, auch hier Anwendung finden, besonders sind die mineralischen Saͤuren, und noch mehr die hier ganz passende Phosphorsaͤure in Verbindung mit den §. 363. er- waͤhnten ableitenden Mitteln in Gebrauch zu ziehen, und Veranlassungen, durch welche allgemeiner Erethismus unter- halten wird, wohin auch gastrische Zustaͤnde gehoͤren, sind zu entfernen. §. 367. Vorzuͤglich aber verdient bey dieser Gattung der Me- trorrhagie der oͤrtliche Zustand des Uterus Beruͤcksichtigung, und da auch in dieser Hinsicht oft besondere Gelegenheitsur- sachen einwirken koͤnnen, so muß auf Entfernung derselben Bedacht genommen werden, obwohl auch hier oft vorher die schneller wirkenden blutstillenden Mittel in Anwendung zu ziehen sind, sobald der Blutfluß Gefahr droht und das erstere in kurzer Zeit sich nicht ausfuͤhren laͤßt. Zu jenen Gelegen- heitsursachen gehoͤren aber theils mechanische Ursachen, als Druck von Pessarien, welche sofort zu entfernen, oder durch einen in adstringirende, mit Branntwein vermischte Dekokte getauchten Schwamm zu ersetzen sind, falsche Lagen des Ute- rus, namentlich Vorfaͤlle, welche zuruͤckzubringen und durch das vorgenannte Mittel zuruͤckzuhalten sind. Ferner vorzuͤg- lich Ausartungen der Uterinsubstanz, namentlich Gebaͤrmutter- polypen, welche durch die unten zu beschreibende Operation entfernt werden muͤssen; eben dasselbe gilt auch von den Nachgeburtsresten. Krebshafte Zustaͤnde des Uterus hingegen lassen, in sofern sie Haͤmorrhagien erregen, gewoͤhnlich nur die theils oben erwaͤhnte Ruͤcksicht auf Hebung des Erethis- mus, theils die auf unmittelbare Sistirung der Blutung ge- richtete Behandlung zu. §. 368. Wir gehen daher jetzt die Mittel insbesondre durch, welche zu schneller Hemmung lebensgefaͤhrlicher, vorzuͤglich auf Atonie gegruͤndeter Mutterblutfluͤsse sich immer am huͤlf- reichsten bewiesen haben. Wie man indeß am deutlichsten bey aͤußerlichen, durch Verletzung entstandenen Blutungen beob- achten kann, wird eine solche Ergießung vorzuͤglich auf zweyer- ley Weise schnell gestillt, erstens durch mechanische Zusam- menpressung der blutenden Gefaͤße, sey dies nun durch in- nere Muskularthaͤtigkeit oder durch aͤußere Gewalt geschehen; zweytens durch aufgeregte Contraktilitaͤt der blutenden Gefaͤße selbst. Beobachten wir nun den Weg, welchen die Natur selbst einschlaͤgt, um die normalen Blutergießungen aus den Uteringefaͤßen zu beendigen, so giebt dies wieder fuͤr die rech- te Art der Behandlung krankhafter Ergießungen dieser Art einen wichtigen Fingerzeig ab. Der Monatsfluß naͤmlich, als eine wahre aktive Blutung, wird in seinem Aufhoͤren be- dingt durch Minderung des Andranges vom allgemeinen Gefaͤß- system aus, der Wochenfluß hingegen, welcher mehr als eine durch Eroͤffnung der Venenzellen des Uterus vom Abloͤsen der Placenta bedingte passive Blutung betrachtet werden kann, hebt sich durch die Contraktion, durch die Verkleinerung des entleerten Fruchthaͤlters und durch die auf diese Weise bewirkte Zusammendruͤckung der blutenden Gefaͤßmuͤndungen. §. 369. Schon hieraus ergiebt sich nun wohl, daß gewiß auch so wie fuͤr die Hemmung krankhafter Blutergießung aktiver Art das oben erwaͤhnte allgemeine Verfahren das zweckmaͤ- ßigste ist, fuͤr die schnelle Stillung der passiven Blutfluͤsse hingegen, die auf Erregung allgemeiner Zusammenziehung des Fruchthaͤlters abzweckenden Mittel am meisten angezeigt seyn werden. Wir unterscheiden von diesen Mitteln die innern und aͤußern, und betrachten die erstern zunaͤchst: — a ) die Zimmttinktur stellen wir wohl billig oben an, da kaum ein Arzt oder Geburtshelfer seyn wird, der nicht von ihren aͤußerst wohlthaͤtigen Wirkungen Gebrauch gemacht und sie aͤußerst nuͤtzlich gefunden haͤtte. Man giebt sie zu 20—60 Tropfen, und es hat mir immer geschienen, als werde ihre Wirkung (vielleicht durch gleichzeitige Verminderung allgemei- ner Sensibilitaͤt) sehr befoͤrdert, wenn man der angegebenen Dosis einige Tropfen TR. thebaica beyfuͤge. b ) Das Mut- terkorn ( Secale cornutum ), ein neuerlich von Olivier Prescot , Arzt in Nordamerika, empfohlenes Mittel, um kraͤftige Contraktionen der Gebaͤrmutter zu erregen. Hufeland ’s Journal f. d. pr. Heilk. 1815. Decbr. S. 342. Er em- pfiehlt es in folgender Form: ℞. Secal. cornuti ӠI Coq. c. Aqua font. q. s. ad Col. ℥IV. S. Hiervon alle 12 Minuten den dritten Theil zu nehmen. Der Nutzen desselben, theils in dieser Form, theils in Sub- stanz, ist seitdem von mehreren Aerzten bestaͤtigt worden z. B. vom Medicinalr. Schneider in Fulda (s. Allgem. medic. Annalen. 1817. S. 90. , und ich selbst habe von der geistigen Tinktur des Mutter- korns wohlthaͤtige Wirkung bey unkraͤftigen Wehen beobachtet, und so duͤrfen wir es wohl als ein nicht zu uͤbergehendes Mittel auch in Gebaͤrmutterblutfluͤssen (gegen welche es schon von Prescot besonders mit empfohlen wurde) namhaft machen. §. 370. c ) Die Cassia lignea, der Zimmtrinde nahe verwandt, und von Justi Stark ’s Archiv. Bd. III. St. 1. S. 93. vorzuͤglich zu 10—20 Gran alle Stun- den empfohlen. d ) Die Phosphorsaͤure , welche als durchdringendes, erregendes Mittel in fluͤssiger Form zu 15 — 20 Tropfen in schleimigen Vehikeln allerdings kraͤftig zur Contraktion der blutenden Gefaͤße wirkt. — Mehr noch di- rekt die Contraktilitaͤt der blutenden Gefaͤßmuͤndungen selbst in Anspruch nehmend, eben daher aber auch weniger zur schnellen Hebung heftiger Blutstuͤrze, als vielmehr zur Hei- lung anhaltender Blutungen geeignet, sind die fol- genden Mittel: — e ) Alaun zu 8 — 10 Gran in Pulver- form mit Zucker, ist ein wirksames Mittel, sobald gastrische Complicationen vorher gehoͤrig beseitigt sind. f ) Das Dra- chenblut , ein dem vorigen in seiner Wirkung sehr ver- wandtes Mittel, und daher von den aͤlteren Aerzten als Specificum Helvetii Es besteht aus zwey Theilen Alaun und einem Theile Drachen- blute; s. Jahn prakt. Materia medica. Thl. I. S. 85. , in Verbindung mit jenem, haͤufig angewendet und empfohlen. g ) Das Kinogummi , eben- falls als Pulvis stypticus mit dem Alaun verbunden, und die Japanische Erde , zwey dem Drachenblute aͤhnliche, indeß jetzt nicht eben haͤufig mehr angewendete Mittel. §. 371. h ) Ferner wird von Reil Fieberlehre. Bd. III. S. 329. nach Bishoprik ein Mittel aus gebranntem Kupfervitriol, Drachen- blut und Weingeist empfohlen, dessen Wirkungen sehr guͤnstig in aͤhnlichen Faͤllen gewesen seyn sollen. i ) Auch den Bleyzucker hat man bey Metrorrhagien empfohlen, nur ist doch nicht zu uͤbersehen, daß die anderweitige Wirkung dieses Mittels oft sehr nachtheilig werden koͤnne und man daher es zweckmaͤßig mit andern, gewiß nicht minder wirk- samen, vertauscht. Was k ) das Kochsalz und den Sal- peter betrifft, so koͤnnen sie wohl nicht fuͤglich anders, als durch Revulsion wirken, daher sie mehr bey heftigen aktiven Blutfluͤssen aus gesteigerter Reizbarkeit Anwendung finden, wo denn auch die, freilich wieder auf andere Weise, wirkende Digitalis purpurea mit Recht empfohlen werden koͤnnte. — Endlich ist nicht ganz mit Stillschweigen zu uͤbergehen, daß man fruͤher oft Mittel gegen den Blutfluß empfohlen hat, denen man nicht fuͤglich anders, als durch den Abscheu der Kranken gegen dieselben, eine hier vortheilhaft werdende Er- regung des Nervensystems zuschreiben kann. Dahin gehoͤrt es, die Kranken etwas von ihrem eigenen Blute getrocknet nehmen zu lassen, die Anwendung der kalcinirten Menschen- knochen, das Tragen einer getrockneten Kroͤte auf der Herz- grube, das Anruͤhren eines Todten und andere aberglaͤubische Dinge mehr, von welchen man bey Astruc Maladies des femmes T. II. p. 185. noch meh- rere aufgefuͤhrt finden kann. §. 372. Wir haben ferner der wirksamsten aͤußern Mittel zu gedenken: — a ) Eins der huͤlfreichsten derselben ist aber die aͤußere Einreibung des Leibes mit der flachen Hand , wobey sicher nicht allein die mechanische Reizung, sondern zugleich eine dynamische Einwirkung, welche man wohl mit Recht eine magnetische neunen kann, in Anschlag zu bringen ist. Verstaͤrkt wird dieses Mittel, wenn man noch erregende Arzneystoffe damit verbindet, z. B. die Naphtha vitrioli auftroͤpfelt und einreibt, wobey auch der Reiz der durch das schnelle Verdunsten des Aethers erregten fluͤchtigen Kaͤlte wohlthaͤtig sich zeigt; ferner ist das Linimentum vo- latile, und bey sehr hohen Graden von Atonie selbst der reine Spirit. sal. ammon. zum Einreiben anwendbar. b ) Die Injektionen sind, gleich dem vorigen Mittel, in allen Faͤllen betraͤchtlicher Erweiterung und Erschlaffung des Uterus, von ausnehmendem Nutzen. Auch sie hat man in zwey Klassen zu theilen, je nachdem sie entweder die Verstaͤrkung der Con- traktilitaͤt in den blutenden Gefaͤßmuͤndungen uͤberhaupt zum Zweck haben, oder auf Erregung von Contraktion im ganzen Organe hinwirken. Zu den erstern gehoͤren die Einspritzun- gen von adstringirenden Dekokten ( Cort. Quercus, Ulmi camp., Salicis u. s. w.) und vorzuͤglich der Alaunaufloͤsung, zu den letztern die Aufguͤsse aromatischer Kraͤuter ( Hb. Ser- pilli, Meliss., Majoran., Rutae, Menth. crisp. u. s. w.), mit Wein oder Branntwein vermischt. Was die erstern be- trifft, so sind sie vorzuͤglich in Faͤllen schwammiger Auflocke- rung der Fruchthaͤlterwaͤnde ohne besondere Vergroͤßerung der Gebaͤrmutterhoͤhle, was die letztern betrifft, so sind sie da- gegen mehr bey Vergroͤßerung der Gebaͤrmutterhoͤhle selbst, durch zuruͤckgebliebene Nachgeburtsreste, Polypen, coagulirtes Blut u. s. w. angezeigt. Indeß wird es immer zweckmaͤßi- I. Theil. 19 ger seyn, bey den aromatischen Injektionen (welche im Gan- zen in den meisten Faͤllen angezeigt sind) einen Zusatz zu machen, welcher auf Contraktion der blutenden Gefaͤße mit abzweckt, und hierzu taugt vorzuͤglich der Zusatz stark bitte- rer Kraͤuter und des Essigs. Die Einspritzungsmasse, von welcher ich daher immer die vorzuͤglichste Wirkung sah, berei- tet man ohngefaͤhr so, daß man eine Kanne vom Aufguß der Hb. Melissae, Serpilli und Absinthii mit einer reichli- chen Tasse guten Weinessigs und einer Tasse Branntwein oder zwey Tassen Wein versetzt und dieses durch den wohl eingebrachten (fuͤr den nicht schwangern Uterus nicht zu gro- ßen) Knopf der Mutterspritze langsam in die Gebaͤrmutter- hoͤhle selbst leitet. §. 373. c ) Das Tamponiren wirkt wieder nur auf die blu- tenden Gefaͤßmuͤndungen unmittelbar, theils durch mechanischen Druck, theils durch die damit verbundenen styptischen Mittel, und kann folglich nur angezeigt seyn, wo die blutenden Ge- faͤßmuͤndungen selbst erreicht werden koͤnnen. Es findet sonach Statt bey Blutungen in Folge von Geschwuͤren, carcinoma- toͤsen Erosionen, schwammiger Auflockerung der Vaginalportion u. s. w., und wird entweder nach Le Roux angewendet, in- dem man weiche Leinwand in Essig taucht und diese sodann in die Mutterscheide und zum Theil in den Uterus selbst ein- bringt, oder aber, indem man Wolle, Charpie oder Schwamm auf aͤhnliche Weise befeuchtet (wozu man sich der erwaͤhnten adstringirenden Dekokte, oder bey großer Atonie auch des reinen Branntweins bedient) und diese sogenannten Mutter- zapfen mit einem Pulver aus Alaun, arabischem Gummi, Drachenblut u. s. w. bestreut. — Daß uͤbrigens, wo der Tam- pon die blutenden Gefaͤße nicht erreicht, sondern nur den Muttermund verstopft, seine Anwendung oft innere Blu- tungen herbeyfuͤhren und dadurch hoͤchst nachtheilig, ja ge- faͤhrlich werden koͤnne, liegt am Tage. §. 374. d ) Guͤrtel , mit adstringirenden Dingen, als gepul- verte Eichenrinde, Gallaͤpfel, China u. s. w. gefuͤllt, mit spi- rituoͤsen Dingen besprengt und um den Unterleib getragen, koͤnnen vorzuͤglich gegen lang dauernde geringere Metrorrha- gien oft mit Nutzen gebraucht werden. e ) Zusammen- druͤcken des Uterus von Außen ist bey den Blutungen der Nichtschwangern in der Regel gar nicht thunlich, und uͤberhaupt der Anwendung der uͤbrigen blutstillenden Mittel gewiß nachzusetzen, da durch diesen Druck die Muskelkraft selbst gelaͤhmt werden muß. f ) Anwendung der Kaͤlte . Man hat die deprimirende zusammenziehende Kraft, welche die Kaͤlte auf den thierischen Organismus uͤberhaupt aͤußert, bey Metrorrhagien insbesondere auf verschiedene Weise benutzt. Theils naͤmlich als Anspritzen des Unterleibes, oder Aufgießen von eiskaltem Wasser oder Auflegen sehr kalter, nasser Um- schlaͤge, theils als Einspritzung durch das Mutterrohr, oder Einbringung von Eis in die innern Geburtstheile. — Daß nun im Allgemeinen die Kaͤlte hier wegen der nachtheiligen Einfluͤsse, welche sie auf andere Organe und den Uterus selbst leicht haben kann, immer ein zweydeutiges Mittel bleibe, ist wohl unlaͤugbar, jedoch ist auch zuzugeben, daß die Er- kaͤltung , und in Folge dieser, Entzuͤndung, Verhaͤrtung u. s. w. um so weniger Statt haben werden, je fluͤchtiger die Wirkung der Kaͤlte war. Wendet man daher die Kaͤlte auf den Unterleib an, so ist es noͤthig, gleich nach dem Auf- spritzen, oder gleich nach Hinwegnahme der Umschlaͤge, welche nur sehr kurze Zeit jedesmal liegen bleiben duͤrfen, den Leib sorgsam abzutrocknen und mit durchwaͤrmten wollenen Tuͤchern zu bedecken; eben so ist das schnelle Abfließenlassen der kalten Injektion (also, indem man bey nicht zu sehr erhoͤhten Schen- keln der Kranken die Einspritzung macht) vortheilhaft. — Unter dieser Vorsicht nun und namentlich bey wirklichen Ver- groͤßerungen der Gebaͤrmutterhoͤhle durch Polypen, innere Blutungen u. s. w. darf allerdings die Kaͤlte bey Mutter- blutfluͤssen nicht nur angewendet werden, sondern sie verdient auch gerade wegen der oft sehr schnellen Wirksamkeit, und insbesondere, weil man die Gelegenheit zu ihrer Anwendung uͤberall vorfindet, ein bedeutendes Mittel mit Recht genannt zu werden. — Erhoͤht kann uͤbrigens die Wirkung der Kaͤlte noch werden, wenn man statt des reinen Wassers eine Mi- schung aus Essig oder Branntwein und Wasser gebraucht. §. 375. Nachdem wir nun diese Mittel, auf welche wir auch bey den Blutungen der Schwangern und Woͤchnerinnen zu- ruͤckweisen werden, hier ausfuͤhrlicher durchgegangen haben, kann nur uͤber die Behandlung der verschiedenen Formen, so wie uͤber die Nachkur des Gebaͤrmutterblutflusses Einiges hin- zugefuͤgt werden. Die Formen betreffend, so ist ruͤcksichtlich des ploͤtzlichen heftigen Blutflusses und der langwierigen schwaͤ- chern Blutungen schon im Vorhergehenden auf die entweder dem erstern oder den letztern angemessenen Mittel Ruͤcksicht genommen worden. Was den aͤußern und innern Gebaͤrmut- terblutfluß hingegen betrifft, so kann ihre Behandlung nur in sofern verschieden seyn, als bey dem letztern erstens die Ur- sachen, welche gerade diese Form veranlassen, z. B. Blut- klumpen im Muttermunde, Nachgeburtsreste u. s. w. beseitigt und dann vorzuͤglich (wegen der hier immer Statt findenden Vergroͤßerung der Gebaͤrmutterhoͤhle) die genannten, auf Con- traktion des gesammten Uterus abzweckenden Mittel angewen- det werden muͤssen. §. 376. Die Nachkur der Metrorrhagien hat insbesondre zwey Indicationen, erstens, den Folgen des Blutflusses selbst zu begegnen; zweytens, die Ursachen, welche erneuerte Ergießun- gen veranlassen koͤnnten, zu beseitigen. Die Folgen, welche namentlich bey den aktiven Blutungen durch oͤrtliche Erre- gung, und noch mehr bey den passiven Blutungen sich zei- gen, bestehen theils in oͤrtlicher und allgemeiner Erschoͤpfung, theils in besondern Folgekrankheiten. Dem erstern Zustande ist durch ein zweckmaͤßig eingeleitetes, auf Hebung der Re- produktion abzweckendes Heilverfahren zu begegnen. Der Arzt hat demnach zuvoͤrderst sein Augenmerk auf den Zustand der Verdauungswerkzeuge, von welchen alle Reproduktion aus- gehen muß, zu richten; denn es ist bekannt, wie schnell ein Saͤfteverlust dieser Art ersetzt wird, sobald die im weiblichen Koͤrper uͤberhaupt kraͤftigere Assimilation regelmaͤßig von Stat- ten geht, und daß es thoͤrigt sey, zu erwarten, daß ohne diese Ruͤcksicht, durch bloße sogenannte roborirende Mittel eine groͤßere Lebensthaͤtigkeit erzwungen werden koͤnne. Sind daher gastrische Znstaͤnde beseitigt, so ordnet man eine leicht verdauliche, nahrhafte Diaͤt aus Eyern, Bouillon, Sago, Gries u. s. w. an, und empfiehlt den Gebrauch eines guten alten Weins; zugleich giebt man die China, welcher in die- sen Faͤllen wohl kaum ein anderes Mittel von gleicher aus- gezeichneter Wirksamkeit an die Seite gesetzt werden kann, laͤßt die eisenhaltigen Mineralwaͤsser trinken, aͤhnliche Mine- ralbaͤder besuchen, empfiehlt uͤberhaupt Landluft, maͤßige Be- wegung, Aufheiterung des Gemuͤths, und ruͤcksichtlich der oͤrtlichen, oft durch unordentliche Menstruation u. s. w. be- zeichneten Schwaͤche der Geschlechtstheile bedient man sich der Einreibung, des Tragens der §. 374. erwaͤhnten Guͤrtel, oder des Emplastr. aromatici, der Elektricitaͤt, der wollenen Be- kleidung der Schenkel u. s. w. — Wahre allgemeine oder oͤrt- liche Folgekrankheiten (z. B. Wassersuchten, weißer Fluß) muͤssen ihrer besondern Natur nach behandelt werden. — End- lich ist vorzuͤglich nach passiven, oder uͤberhaupt von oͤrtlichen Krankheitszustaͤnden des Uterus bedingten Blutfluͤssen darauf zu denken, daß die organischen Veranlassungen, als polypoͤse Auswuͤchse, Vorfaͤlle, Schieflagen u. s. w. gruͤndlich gehoben, erhitzende Bewegung, spirituoͤse Getraͤnke, heftige Gemuͤths- bewegungen und vorzuͤglich Geschlechtsreize vermieden werden. 3. Weißer Fluß, Schleimfluß der weiblichen Ge- burtstheile ( Fluor albus, Leucorrhoea ). §. 377. Wir reihen an die Betrachtung der Metrorrhagie sogleich die der Leukorrhoͤe, als einer sehr haͤufigen Folgekrankheit, an, obwohl sie keineswegs allein auf den Uterus eingeschraͤukt ist. Es ist naͤmlich unter der Benennung des weißen Flusses be- griffen eine jede abnorm vermehrte Schleimabson- derung der die Vagina, den Uterus, die Harn- roͤhre, ja selbst die aͤußern Genitalien ausklei- denden und uͤberziehenden Haͤute . Quantitaͤt und Qualitaͤt dieses Abflusses, Entstehung und Verlauf dieser Krankheit sind hierbey sehr großen Verschiedenheiten unterwor- fen, welches zu mehrfachen Eintheilungen derselben Veranlas- sung gegeben hat. Znvoͤrderst die Quantitaͤt betreffend, so ist sie zuweilen nur gering, und beschraͤnkt sich auf seltnen, tropfenweisen Abgang, zuweilen aber auch so stark, daß der Schleim fast anhaltend ausfließt; uͤberhaupt aber ist sie in verschiedenen Perioden ebenfalls verschieden, bey herannahen- der Menstruation, beginnender Schwangerschaft gewoͤhnlich be- traͤchtlicher, ja selbst nach verschiedenen Tages- und Jahres- zeiten bald staͤrker, bald schwaͤcher. §. 378. Ferner der Qualitaͤt nach, ist der weiße Fluß zu un- terscheiden in den waͤßrigen, milchartigen, gruͤnlichen oder mißfarbigen, geruchlosen oder riechenden, milden oder schar- fen, die Geburtstheile und die innere Schenkelflaͤche wund- machenden Abgang: Unterschiede, welche jedoch wenig we- sentlich sind und zum Theil nur von Unreinlichkeit, fremden Koͤrpern in den Geburtstheilen, z. B. Pessarien oder Poly- pen, abhaͤngen. — Ruͤcksichtlich des Ganges ist die Krank- heit entweder ploͤtzlich nach Ansteckung und Entzuͤndung, oder langsam entstehend, entweder habituell und stets andauernd, oder intermittirend und periodisch, oder auch ohne Ordnung wiederkehrend. Weiter hat man uͤberhaupt gutartigen und boͤsartigen weißen Fluß, venerischen und nicht venerischen, einfachen und complicirten unterschieden. Was indeß die Gut- artigkeit oder Boͤsartigkeit der Krankheit betrifft, so ist dieser Unterschied nicht im Wesen derselben, sondern in der Con- stitution der Kranken und den aͤußern Verhaͤltnissen begruͤn- det, und am wenigsten darf man annehmen, daß etwa der durch Ansteckung entstandene allein boͤsartig, der von selbst entstandene gutartig sey, indem oft allerdings gerade das Umgekehrte Statt findet. Der Unterschied zwischen venerischer und nicht venerischer Leukorrhoͤe endlich, wenn er andeuten soll, daß es wirklich einen wahrhaft syphilitischen weißen Fluß geben koͤnne, ist unstatthaft, indem diese Schleimfluͤsse, obwohl sie contagioͤs werden koͤnnen, wie dies auch von an- dern Schleimfluͤssen, z. B. dem der Nase (Schnupfen), aner- kannt werden muß, doch mit der Syphilis an und fuͤr sich gar nichts gemein haben , s. P. Frank Epit. T. V. P. I. p. 152. (obwohl sie aller- dings mit Syphilis verbunden vorkommen koͤnnen) wovon sich demungeachtet manche Aerzte, und gewiß zum Nachtheil ihrer Kranken, nicht uͤberzeugen koͤnnen. §. 379. Die Entwicklung und die Symptome der Krankheit sind verschieden: wo sie ohne Ansteckung all- maͤhlig entsteht, beginnt sie in der Regel mit einem zur Zeit der herannahenden und der voruͤbergegangenen Menstruation sich zeigenden, nicht allzustarken, milden Schleimabgange aus den Geburtstheilen; uͤbrigens ist der Koͤrper gesund, und alle seine Thaͤtigkeiten gehen regelmaͤßig von Statten. Nach und nach, vorzuͤglich wenn schwaͤchende Einfluͤsse den Koͤrper be- troffen haben, nach schweren Krankheiten, bey zunehmenden Jahren u. s. w. nimmt der Abgang zu, es gesellen sich schwammige Auflockerung der Vaginalportion, wundwerdender Muttermund, Empfindlichkeit der Geschlechtsorgane, Urinbe- schwerden, Stoͤrungen der Verdauung und allgemeine Abma- gerung hinzu. Zugleich dehnt sich die Periode des Ausflusses vor und nach der Menstruation immer mehr aus, ja zuletzt ist zu keiner Zeit die Kranke von diesem belaͤstigenden Ab- flusse voͤllig frey. Endlich aber nimmt die Quantitaͤt des ausfließenden Schleims immer mehr uͤberhand, die Qualitaͤt desselben wird immer mißfarbiger und verdorbener, die Men- struation verliert sich endlich vollkommen, die Ercoriationen und Schmerzen der Geschlechtstheile nehmen zu und die Re- production sinkt immer mehr. §. 380. Ist dagegen die Leucorrhoͤe Folge der Ansteckung, so ist ihr Verlauf gewoͤhnlich mehr acut, es entsteht am zweyten oder dritten Tage nach erfolgter Infektion Brennen in den Geburtstheilen, die Temperatur der Vagina ist erhoͤht, die aͤußern Genitalien sind wulstiger und mehr geroͤthet, der Ge- schlechtsreiz ist staͤrker, der Urinabfluß schmerzhaft oder auch etwas gehindert, selbst leichte Fieberbewegungen, vermehrter Durst u. s. w. gesellen sich oft hinzu, obwohl eben die ge- ringere Reizbarkeit der innern Vaginalhaͤute, im Vergleich der weit groͤßern Empfindlichkeit der innern Flaͤche der maͤnnlichen Harnroͤhre, die Zufaͤlle, welche bey dem von Ansteckung er- folgten Schleimflusse (Tripper) der weiblichen Genitalien ein- treten, weit geringer, als die, welchen das maͤnnliche Ge- schlecht hierbey ausgesetzt ist, zu seyn pflegen. — Nachdem dieses entzuͤndliche Stadium einige Tage angehalten hat, tritt dann der Schleimfluß selbst ein, welcher hier gewoͤhnlich von mehr verdickter, dem Eiter sich naͤhernden Consistenz, selbst von ansteckender Beschaffenheit ist, und nun, je nachdem die Constitution der Kranken kraͤftiger oder minder kraͤftig ist, entweder kuͤrzere oder laͤngere Zeit anhaͤlt, ja selbst habituell und bleibend werden kann. §. 381. Eben so pflegt der Verlauf dieser Krankheit mehr acuter Natur zu seyn, wenn sie sich als kritische Ausleerung nach Fiebern, oder als Metastase von katarrhalischen, rheumatischen und gichtischen Zustaͤnden, oder als Stellvertreter fuͤr andere gewohnte Ausleerungen eintritt, obwohl in den letztern Faͤllen wieder das Uebergehen in eine habituelle Leukorrhoͤe sehr leicht Statt finden kann. Die Ausleerungen, fuͤr welche die Leu- korrhoͤe oͤfters vicariirt, sind theils Haͤmorrhoidalfluͤsse, theils schnell geheilte Geschwuͤre, oder chronische Hantausschlaͤge; ferner tritt sie oͤfters ein bey Unterdruͤckungen der Menstrua- tion, nach schnell verschwundenen Fußschweißen, unterlassenen gewohnten Blutentleerungen oder Abfuͤhrungen, oder endlich auch veranlaßt durch andere Krankheiten und in Begleitung derselben (z. B. mit verschleimtem Zustande des Darthkanals, Wuͤrmern, falschen Lagen der Gebaͤrmutter u. s. w.). §. 382. Das Vorkommen der Krankheit ist zwar am haͤufig- sten bey Frauen, welche bereits ein oder mehrere Male ge- boren haben; indeß wird es auch bey Jungfrauen, in seltnen Faͤllen sogar vor der Pubertaͤtsentwicklung bemerkt, und pflanzt sich desgleichen noch auf das hoͤhere Alter haͤufig fort. Im Allgemeinen ist sie wohl eine der haͤufigsten Beschwerdon des weiblichen Geschlechts zu nennen, und vorzuͤglich bey erschlaf- fender uͤppiger Lebensweise der obern Staͤnde aͤußerst gewoͤhn- lich. Mitunter hat man, unter atmosphaͤrischen Einfluͤssen, welche uͤberhaupt die Entstehung von Krankheiten der Schleim- haͤute beguͤnstigen, z. B. in nasser Herbstzeit, die Leukorrhoͤe epidemisch, und in Klimaten, wo diese Stimmung der Atmo- sphaͤre vorherrschend ist, auch endemisch beobachtet, wovon Siebold Handbuch der Frauenzimmerkrankheiten. Thl. I. S. 454. mehrere Beyspiele angefuͤhrt hat. §. 383. Aetiologie . Das Wesen oder die naͤchste Ursach der Leukocrhoͤe ist eine im Mißverhaͤltniß zur allgemei- nen Reproduction gesteigerte secernirende Thaͤ- tigkeit in den Schleimhaͤuten der Geschlechts- theile . Die Schleimhaͤute uͤberhaupt aber bilden ein auf den niedrigsten Stufen der Organisation verharrendes System, sie sind am meisten entwickelt und selbst uͤber die gesammte aͤußere Koͤrperflaͤche verbreitet, wo der Organismus am un- vollkommensten ist, wie in den niedrigern Thiergattungen, und werden erst bey vollkommnerer Ausbildung auf das Innere und auf einzelne niedrigere Organe zuruͤckgedraͤngt, einen Ge- gensatz bildend zu den hoͤhern Thaͤtigkeiten des Koͤrpers. Eben daher kann nun die krankhaft gesteigerte Absonderung der Schleimhaͤute uͤberhaupt, und insbesondere der Geschlechtstheile, vorzuͤglich auf doppeltem Wege entstehen; erstens, indem die hoͤhern Systeme uͤberhaupt, vorzuͤglich aber Spannkraft und Muskularthaͤtigkeit, entweder an und fuͤr sich, oder nur relativ geschwaͤcht erscheinen, und somit theils wuchernde allgemeine Repro- duction, und in Folge deren uͤbermaͤßige Ausscheidung in den Schleimhaͤuten bedingt wird, theils auch ohne abnorm erhoͤhte allgemeine reproduktive Thaͤtigkeit bloß oͤrtlich die wuchernde Thaͤtigkeit der Schleimhaͤute, im Gegensatz der gesunkenen Irritabilitaͤt, hervortritt. — Zweytens, indem bey normalem Stande der Muskularthaͤtigkeit (Irritabilitaͤt) und Repro- duction, durch oͤrtliche gewaltsame Aufregung eine abnorm ver- mehrte Ausscheidung der Schleimhaͤute Statt findet. §. 384. Wenn wir also bemerken, daß, wenn auch oft verbun- den mit allgemeiner Schwaͤche, doch eigentlich der naͤchste Grund dieses Schleimflusses erhoͤhte ausscheidende Thaͤtigkeit ist, so ergiebt sich hieraus, wie irrig es sey, wenn die mei- sten neuern medicinischen Schriften hierbey nur Asthenie sahen und dem zu Folge jedem Schleimfluß dieser Art mit staͤrken- den innern und aͤußern Mitteln zu begegnen riethen, welche Ansicht gewiß nur zum Nachtheil der Kranken lange Zeit ver- folgt wurde, gegen welche wir uns daher gleich im Eingange verwahren wollten, verhoffend, daß die oben angestellten Be- trachtungen uͤber naͤchsten Grund solcher Krankheitserscheinun- gen noch bey Erwaͤgung der entfernten Ursachen sich immer mehr bestaͤtigen werden. Zu diesen rechnen wir aber zuvoͤrderst die Constitution. Gerade schwammige, phlegmati- sche Naturen aber, bey welchen im Allgemeinen schon die hoͤhern Thaͤtigkeiten unter der Last einer wuchernden Repro- duction darnieder liegen, zeigen vorzuͤgliche Disposition zur Leukorrhoͤe, und die Krankheit bildet sich um so leichter aus, je mehr die Sensibilitaͤt und Contraktilitaͤt der Geschlechtsorgane durch haͤufige Erregungen ihrer Reproduction, oͤftere Schwanger- schaften, ausschweifende Lebensart, erlittene Blutfluͤsse u. s. w. niedergedruͤckt, oder auch, was die Sensibilitaͤt betrifft, theils durch aͤhnliche Einfluͤsse, theils durch Mißbrauch erhitzender Ge- traͤnke und Speisen krankhaft erhoͤht ist. Eben so muß zu diesen Ursachen gezaͤhlt werden alles, was die Entwickelung einer solchen atonischen Constitution befoͤrdert, als uͤppige, un- thaͤtige Lebensweise, Aufenthalt in feuchter, warmer Luft u. s. w. §. 385. Durch oͤrtliche Erregung des Geschlechtssystems entsteht ferner der weiße Fluß zuweilen bey jungen Maͤdchen in Folge der thaͤtigern Reproduction dieses Systems in den Jahren ein- tretender Pubertaͤt, ferner in der Schwangerschaft selbst; eben so, wo in Folge anderer Kraukheitszustaͤnde, z. B. verhaͤrteter Unterleibsdruͤsen, Obstructionen groͤßerer Eingeweide u. s. w., oder in Folge von Metastasen rheumatischer, exanthematischer und gichtischer Krankheitsstoffe, Congestionen gegen die Uterin- gefaͤße sich bilden, oder durch Mißbrauch drastischer Abfuͤhr- mittel, treibender, zur Wiederherstellung der Menstruation an- gewandter Arzneyen; durch schwerverdauliche, oder die Schleim- haͤute besonders anregende, gesalzene, eyweißstoffreiche Spei- sen (z. B. Fische, Krebse) verursacht werden. Ferner gehoͤrt hierher die Ansteckung selbst, oder auch, ohne dieselbe der zu haͤufige Geschlechtsgenuß und die Onanie. Außerdem fremde Koͤrper, als Pessarien, Polypen, reizende Injectionen, war- me Baͤder, Kohlenhaͤfen. Außerdem entsteht er leicht bey Reizungen benachbarter Organe, Steinen in den Harnwegen, Wuͤrmern; vorzuͤglich leicht endlich bey Verletzungen der Ge- burtstheile selbst, nach Einrissen des Mittelfleisches, Scheiden- vorfaͤllen und starken Einrissen des Muttermundes. §. 386. Uebrigens ist auch noch zu gedenken, daß der weiße Fluß, so leicht auch im Allgemeinen seine Erkenntniß ist, doch, wie schon Astruc bemerkt, vorzuͤglich unter zweyerley Um- staͤnden, Aehnlichkeit mit andern Krankheiten gewinnt, naͤm- lich entweder, wo er ganz neu entstanden, oder wo er bereits inveterirt und dadurch die Qualitaͤt des Abflusses geaͤndert ist. In beiden Faͤllen jedoch, vorzuͤglich im letztern, koͤnnte er wohl mit einem Geschwuͤre am oder im Uterus verwechselt werden; allein die genaue Beruͤcksichtigung der vorhergegange- neu Zustaͤnde, Mangel stattgehabter Entzuͤndung und Ab- wesenheit eines Fiebers, fuͤhren bald zur richtigen Erkenntniß. Auf aͤhnliche Weise, vorzuͤglich aber durch Abwesenheit der die- ser Krankheit eigenen, unten zu beschreibenden Symptome, unterscheidet er sich von Skirrhus und Krebs, so wie durch den Mangel des regelmaͤßigen Typus von der mißfarbigen Menstruation, durch Beruͤcksichtigung vorhergegangener Ereig- nisse vom Wochenflusse u. s. w. §. 387. Ueber Verlauf, Folgen und Prognose der Leu- korrhoͤe haben wir zu bemerken, daß sie namentlich verschie- den sind nach der Constitution der Kranken, nach der groͤßern oder geringern Heftigkeit schaͤdlicher Einwirkungen, und vor- zuͤglich nach der Dauer, so daß dann vorzuͤglich, wenn die Krankheit als Folge unheilbarer Verbildungen der Geburts- theile, starker Gebaͤrmutter- oder Scheidenvorfaͤlle u. s. w. ein- getreten ist und bey allgemeiner schwaͤchlicher Constitution be- reits lange angehalten hat, die Prognose am uͤbelsten ist und Ercoriationen, Verhaͤrtungen und mancherley, nicht selten bey Sectionen solcher Kranken bemerkte Ausartungen der innern Geburtstheile, Unfruchtbarkeit, allgemeine Abzehrung, Was- sersucht u. s. w. am leichtesten herbeygefuͤhrt werden. Am guͤnstigsten ist dagegen die Prognose, wo der weiße Fluß in Folge der starken Produktivitaͤt in den Entwickelungsjahren oder bey der Schwangerschaft eintritt, indem er hier gewoͤhn- lich bald wieder und unter der Anwendung bloßer diaͤtetischer Mittel sich verliert. — Besondere Erwaͤhnung verdient es endlich, daß bey der Leukorrhoͤe eben so, fast wie bey der Men- struation, eine ploͤtzliche Hemmung (Unterdruͤckung) Statt finden kann, welche dann oft aͤhnliche Zufaͤlle, wie die Hemmung der Menstruation, Kopfschmerz, Kreuzschmerz, Fie- ber, Kraͤmpfe, Durchfaͤlle, Haͤmorrhoiden u. s. w. veranlaßt, sobald diese krankhafte Absonderung bereits dem Koͤrper zur Gewohnheit geworden ist. §. 388. Wir kommen nun zur Behandlung der Leukorrhoͤe . Auch hier hat der einseitige Brownianismus, indem er bey dieser Krankheit, wie schon oben erwaͤhnt, nichts als Schwaͤ- che im Sinne hatte, sich oft von hinlaͤnglicher Beruͤcksichti- gung der wahren Natur der Krankheit und somit auch von der Wahl eines zweckmaͤßigen Heilverfahrens entfernt. Ein solches kann aber, da wir in obigem die sehr verschiedene Ent- wicklungsart der Krankheit verfolgt haben, ebenfalls fuͤr die einzelnen Faͤlle nur ein verschiedenes seyn. — Zuerst also von derjenigen Leukorrhoͤe, welche durch eine im Uebermaaß thaͤ- tige Reproduction bewirkt wird. Hierbey kommen zwey Faͤlle in Betrachtung: entweder naͤmlich ist die Reproduction im Allgemeinen gesteigert und Mißverhaͤltniß zur Irritabilitaͤt ent- standen, oder es ist bey normalem Allgemeinbefinden die Pro- duktivitaͤt der Schleimhaͤute abnorm erhoͤht. In beiden Faͤllen wird Beschraͤnkung abnormer Produktivitaͤt erste Indication der Behandlung. Man erreicht dieses im erstern Falle zuvoͤr- derst durch zweckmaͤßige Regulirung taͤglicher Lebensordnung, durch hinlaͤngliche Bewegung, durch Entziehung stark naͤhren- der Getraͤnke und Speisen, Untersagung zu langen Schlafens, Aufenthalt in mehr kuͤhler Luft, Schlafen auf Matratzen und sorgfaͤltige Vermeidung von allem, was Congestionen nach den Geschlechtsorganen veranlaßt, oder die Sensibilitaͤt dersel- ben erhoͤht. Ferner durch strenge Sorgfalt fuͤr Reinhaltung der Geburtstheile, oͤfteres Waschen derselben mit maͤßig kal- tem Wasser oder einem Aufgusse der Hb. serpilli, Absinthii u. s. w., und vorzuͤglich der allgemeinen Baͤder und im Som- mer des Flußbades. Drittens nimmt man auf den Zustand des Darmkanals besondere Ruͤcksicht, sucht nicht nur gastrische Zustaͤnde, Wuͤrmer u. dgl. zu beseitigen, sondern ordnet auch außerdem zuweilen leichte Abfuͤhrungen aus der Pulp. Tama- rind., Manna, einem Infus. sennae u. s. w., doch ohne viele Mittelsalze, an. — Unter dieser Behandlung verliert sich der weiße Fluß uͤbrigens gesunder Koͤrper, wenn er in den Ent- wickelungsjahren oder bey angehender Schwangerschaft eintritt, gewoͤhnlich bald, obwohl der letztere oft schon hartnaͤckiger zu seyn und erst nach der Niederkunft zu weichen pflegt. §. 389. Was die Leukorrhoͤe von bloß oͤrtlicher Erregung betrifft, so muß man wieder unterscheiden, ob dabey noch wirklich eine vermehrte arterielle Thaͤtigkeit Statt findet, wie vorzuͤglich in dem ersten Stadium der Krankheit, bald nachdem die krank- haften Reize eingewirkt haben, der Fall zu seyn pflegt; oder ob diese vermehrte Reaction bereits aufgehoͤrt und dem Zu- stande der Atonie, der krankhaft fortwuchernden Ausscheidung, Platz gemacht hat. So lange das erstere der Fall ist, wird wieder theils das im vorigen Paragr. geschilderte allgemeine Verfahren angewendet werden muͤssen, theils auf Entfernung der vielleicht noch einwirkenden oͤrtlichen Reize und Ableitun- gen dieser krankhaft erregten Thaͤtigkeit durch vermehrte Er- regung in andern Theilen Bedacht genommen werden muͤssen. Ist demnach Ansteckung die Folge, und hat man sich uͤber- zeugt, daß nicht etwa zugleich syphilitische Infektion Statt ge- habt habe, so wird vorzuͤglich durch oͤftere Baͤder, Auswa- schungen oder auch vorsichtig gemachte Injectionen die Reini- gung der Genitalien bewerkstelligt, und man kann sich hier- bey zu den letztern Mitteln vorzuͤglich der durch Kalchwasser verduͤnnten Milch mit Nutzen bedienen; ganz kalte Baͤder oder Waschungen hingegen sind, um nicht Metastasen nach andern Organen zu veranlassen, hierbey unzweckmaͤßig. Innerlich giebt man einige Abfuͤhrungen, zu denen hier auch mit Nutzen das Calomel gebraucht werden kann, und laͤßt damit, wenn die Entzuͤndungszufaͤlle betraͤchtlicher sind, den Gebrauch von etwas Nitrum verbinden. Uebrigens schraͤnkt man die Diaͤt ein, empfiehlt kuͤhlende Getraͤnke, besonders Emulsionen, und sucht die Hautausduͤnstung zu befoͤrdern. §. 390. Haͤngt diese neuentstandene Leukorrhoͤe dagegen ab von skrophuloͤsen Zustaͤnden, Stoͤrungen des Pfortaderkreislaufs, Wurmbeschwerden u. s. w., so muß das Hauptaugenmerk des Arztes darauf gerichtet seyn, diesen primaͤren Krankheiten zu begegnen, und auch hier darf man dreist anscheinend schwaͤ- chende, d. i. ausleerende Heilmethoden in Anwendung bringen, sobald jene Zustaͤnde es fordern; oͤrtlich bleibt auch hier die Anwendung starker adstringirender, leicht gefaͤhrliche Suppres- sionen herbeyfuͤhrender Mittel unzweckmaͤßig und schaͤdlich, son- dern nur das im vorigen Paragraph angezeigte Verfahren passend. Haben unterdruͤckte Menstruation oder ploͤtzliche Hem- mungen anderer Krankheiten, z. B. von Hautausschlaͤgen, die Leukorrhoͤe veranlaßt, so ist im erstern Falle das oben (§. 208.) gelehrte Heilverfahren passend, im letztern durch Ablei- tungsmittel, z. B. Fontanelle, der Ursache zu begegnen. Auf aͤhnliche Weise ist zu verfahren, wenn andere gewohnte, nun ploͤtzlich gehemmte Ausleerungen, z. B. unterdruͤckte Fuß- schweiße (welche durch reizende Fußbaͤder, trockne Friktionen u. s. w. wo moͤglich wieder hergestellt werden muͤssen), oder versetzte rheumatische und arthritische Stoffe (welche dann die ihrer Individualitaͤt angemessene Behandlung fordern) dieser krankhaften Aussonderung zum Grunde liegen. Eben so end- lich sind mechanische Reize, Pessarien, Polypen, Vorfaͤlle, zu beseitigen; betraͤchtliche Einrisse des Mittelfleisches erfor- dern die blutige Nath u. s. w. §. 391. Ist dagegen die arterielle Reaction gegen die einwirken- de Erregung bereits voruͤber, ein atonischer Zustand eingetre- ten, wo eben in Folge der gesunkenen Lebensthaͤtigkeit uͤber- haupt diese niedere Thaͤtigkeit der Schleimhaͤute uͤbermaͤßig hervortritt, so kann dieses wieder entweder nur die Folge der geschwaͤchten animalen hoͤhern Lebensthaͤtigkeit im gesammten Organismus, oder die Folge eines oͤrtlichen Schwaͤchezustan- des seyn. — Das erstere pflegt der Fall zu seyn nach schwe- ren akuten oder chronischen Krankheiten, bey ungesunder Le- bensweise, in kalter feuchter Luft, bey schlechter Nahrung, deprimirenden Gemuͤthszustaͤnden, ja die anfaͤnglich vielleicht bloß oͤrtlich erregte Leukorrhoͤe selbst wird bey laͤngerer Dauer diese Schwaͤche zur Folge haben. — Hier gilt es nun wieder, die Ursachen aufzusuchen, welche einen Schwaͤchezustand dieser Art zur Folge gehabt haben, sie sodann zu beseitigen und gleichzeitig den Gebrauch roborirender Mittel damit zu ver- binden. Ist daher auf die Freiheit der ersten Ernaͤhrungs- wege die gehoͤrige Ruͤcksicht genommen, so sucht man die Ver- dauungskraft durch bittere Mittel, Extr. Centaurii min., Gentianae, Trifol. fibr., bey mehr torpiden Subjekten in Verbindung mit geistigen Mitteln, Elix. Viscerale Hoffm., TR. Cort. Aurant., Balsam. vit. Hoffm., allmaͤhlig zu heben, und wendet dann die China (vorzuͤglich in Pulver- form) und spaͤterhin das Eisen, vorzuͤglich in Form der (wo moͤglich an der Quelle zu trinkenden) eisenhaltigen Mineral- waͤsser an. Ferner empfiehlt man eine naͤhrende, leicht ver- dauliche Diaͤt, den maͤßigen Genuß eines guten alten Weins, Landluft, Aufheiterung des Gemuͤths und besonders den Ge- brauch staͤrkender, vorzuͤglich eisenhaltiger Baͤder. §. 392. Die Leukorrhoͤe, wegen oͤrtlich gesunkener Lebensthaͤtigkeit und dadurch profus gewordener Absonderung der Schleimhaͤute, tritt allmaͤhlig immer bey laͤngerer Dauer des Uebels ein, wenn auch vielleicht anfaͤnglich gleichzeitig erhoͤhte arterielle Thaͤtigkeit bemerkt wurde, und zwar erfolgt der Uebergang in diese Art des weißen Flusses um so leichter, je mehr im allgemeinen Befinden die hoͤhern Reactionen geschwaͤcht sind, je mehr das Temperament phlegmatisch ist, je uͤbler die aͤus- sern Verhaͤltnisse der Kranken sind und je weniger eine strenge Reinlichkeit von der Kranken beobachtet wird. — Außerdem, daß nun hier wieder gilt, was bereits von mehreren fruͤhern Formen gesagt ist, naͤmlich, daß die Entfernung von mecha- nischen Reizen und unterhaltenden Ursachen der Secretion (z. B. andern Krankheiten, Indurationen, Geschwuͤren u. s. w.), ferner strenge Reinlichkeit und Vermeidung aller Ein- fluͤsse, wodurch (wie etwa von erhitzenden warmen Getraͤn- ken, treibenden Mitteln und besonders vom Geschlechtsreize gilt) Congestionen nach den Genitalien erregt werden, be- sonders die Aufmerksamkeit des Arztes fordern, so ist es hier ferner nothwendig, zugleich Mittel anzuwenden, welche theils direkt, theils indirekt die Secretion zu beschraͤnken im Stan- de sind. §. 393. Zu den direkt die Secretion vermindernden Mitteln darf wohl zuvoͤrderst die strenge Herabsetzung aller Stoffaufnahme auf das moͤglichst kleinste Maaß gerechnet werden, wie es in der sogenannten Hungerkur in Anwendung gebracht wird; welche wir daher nicht anstehen, fuͤr einen tief eingewurzel- ten, vorzuͤglich etwa fruͤherhin mit Syphilis complicirt ge- wesenen weißen Fluß als ein nicht zu uͤbergehendes, und selbst wo die andern Mittel ohne Erfolg angewendet worden sind, noch Huͤlfe versprechendes Mittel zu empfehlen, vornehmlich dann, wenn die Lebensthaͤtigkeit in der Gesammtheit des Or- ganismus noch nicht zu tief herabgestimmt ist. Ferner ge- hoͤren hierher die der Reproduction uͤberhaupt entgegenwirken- den, vorzuͤglich der Klasse der mineralischen und metallischen Arzneystoffe angehoͤrigen Mittel, welche ebenfalls vorzuͤglich bey sehr langwieriger Leukorrhoͤe und nachdem man die noͤ- I. Theil. 20 thige Ruͤcksicht genommen hat darauf, daß nicht etwa eine zu ploͤtzliche Hemmung Statt finde, in Anwendung zu ziehen sind. Man waͤhlt dazu entweder das reine, oder nur mit wenig Milch versetzte Kalchwasser, die ebenfalls mit etwas Milch oder mit einer Abkochung der Mohnkoͤpfe vermischte Aqua vegeto-min. Goulardi, die Aqua phagadaenica, die Aufloͤsungen des Alauns, des Zink-, Eisen-, so wie des Kupfervitriols oder Bleyzuckers, ohngefaͤhr zu einem Quent- chen auf ein Pfund Fluͤssigkeit, oder, in besonders hartnaͤcki- gen Faͤllen, vorzuͤglich wo vielleicht fruͤher syphilitische Com- plicationen vorhanden gewesen sind, den Mercurius sublima- tus corros. zu 2 bis 4 Gran in derselben Quantitaͤt Fluͤssig- keit aufgeloͤst. §. 394. Alle diese Mittel werden entweder als Injektionen oder als Waschungen der aͤußern Genitalien (vorzuͤglich wenn die Leukorrhoͤe, obwohl dies selten der Fall ist, sich mehr auf die aͤußern Geschlechtstheile beschraͤnkte) angewendet, oder koͤnnen endlich auch mittelst eines befeuchteten Schwammes in die Vagina gebracht werden. Immer ist es hierbey zweck- maͤßig, vor Anwendung dieser Mittel die Geburtstheile von anhaftendem Schleime reinigen und abtrocknen zu lassen, dann diese Mittel, sey es nun durch langsame Injection oder durch den Schwamm, 10 Minuten bis eine Viertelstunde mit der absondernden Flaͤche in Beruͤhrung zu lassen und nach dieser Zeit abermals durch ein Bidetbad, oder durch laues Wasser und Schwamm eine Reinigung und Austrocknung vornehmen zu lassen. — Zu diesen Mitteln ist ferner auch die Anwen- dung der Kaͤlte zu ziehen, obwohl sie, sey es nun als sehr kalte Einspritzung oder Waschung (in der letztern Form aller- dings noch am ersten), wegen der oft anderweitig nachthei- lig werdenden Wirkung nicht allgemein empfohlen werden kann. — Endlich gehoͤren auch die kalten Baͤder, so wie die mit adstringirenden Mitteln (z. B. Eisenvitriol zu 1 — 2 Loth) versetzten, hierher, bey welchen Mitteln saͤmmtlich die im vorigen Paragraph erwaͤhnte Vorsicht nicht zu uͤbergehen ist. §. 395. Als indirekt die Secretion vermindernde Mittel betrach- ten wir diejenigen, welche, indem sie oͤrtlich die Lebensthaͤ- tigkeit uͤberhaupt und insbesondere Arteriellitaͤt und Muskel- kraft erhoͤhen, antagonistisch die wuchernde Produktivitaͤt der Schleimhaͤute herabstimmen. Hierher gehoͤrt nun zwar schon die §. 391. eroͤrterte allgemeine Behandlung, allein noch mehr die Anwendung tonischer Mittel auf die leidenden Organe selbst. Dahin sind aber zu zaͤhlen die Abkochungen der Ei- chen-, Ulmen- oder Weidenrinde, so wie der Gallaͤpfel, die Aufguͤsse der Hb. Serpilli, Absinthii, bey mehr torpiden Koͤrpern vermischt mit fluͤchtig reizenden Stoffen, mit rothem Wein oder etwas Branntwein, bey sehr sensibeln Koͤrpern mit einem Aufgusse der Valeriana, des Hyoscyamus, mit einigen Tropfen der TR. thebaica, und wieder entweder als Einspritzungen oder als Waschungen, oder endlich auch als allgemeine Baͤder (Lohbaͤder, Baͤder von natuͤrlichen oder kuͤnst- lichen Eisenwaͤssern, oder von den genannten bittern Kraͤuter- aufguͤssen). Ferner sind hierher zu zaͤhlen das Tragen von Guͤrteln Denen jedoch H. Wenzel (Krankh. d. Uterus S. 106.) die in die Vagina gelegten, mit Eichenrindenpulver gefuͤllten und wohl auch mit etwas rothem Wein angefeuchteten Saͤckchen uͤberhaupt, und ganz vorzuͤglich beygleichzeitigen falschen Lagen des Uterus, vorzieht. mit Eichenrinde und aromatischen Kraͤutern ge- fuͤllt, das Emplastrum aromaticum uͤber die regio hypo- gastrica, die geistigen Einreibungen daselbst und besonders auch die trocknen Raͤucherungen der Geburtstheile mit Mastix oder Bernstein. §. 396. Wird nun der weiße Fluß auf die angegebene Weise stets seiner besondern Entstehungsweise angemessen behandelt, so wird es vorzuͤglich, wenn das Uebel noch neu ist, in vie- len Faͤllen gelingen, die vollstaͤndige Heilung zu bewerkstelli- gen, wobey nur noch zu erinnern ist, daß auch, wenn der Ausfluß aufgehoͤrt hat, gewoͤhnlich noch eine betraͤchtliche Erschlaffung der Genitalien und Neigung zu Wiedererzeugung der Krankheit zuruͤckbleibt, weßhalb dann insbesondre theils noch fuͤr laͤngere Zeit die in Obigem vorgeschriebene Lebens- ordnung puͤnktlich zu befolgen bleibt, theils mehrere der ge- nannten Mittel, und besonders bey geschwaͤchten Koͤrpern die China und der innere und aͤußere Gebrauch eisenhaltiger Waͤs- ser laͤngere Zeit fortgesetzt werden muß. Das, was indeß die Heilung dieser Krankheit gewoͤhnlich am meisten erschwert, ist, daß die Kranken in der fruͤhern Zeit des Uebels theils aus Schamhaftigkeit, theils aus Unachtsamkeit die Huͤlfe des Arztes aufzusuchen verabsaͤumen, daß derselbe daher gewoͤhn- lich die krankhafte Absonderung bereits tief eingewurzelt fin- det, und endlich seine Anordnungen selbst zum großen Theil in diaͤtetischen Vorschriften bestehen muͤssen, auf deren ge- naue Befolgung man sich oft sehr wenig verlassen darf. §. 397. Noch waͤre denn auch davon zu sprechen, was dem Arzte dann zu beruͤcksichtigen bleibe, wenn durch irgend eine gewaltsame Ursache eine ploͤtzliche Unterdruͤckung dieser dem Koͤrper vielleicht laͤngere Zeit schon zur Gewohnheit geworde- nen Absonderung entstanden waͤre. — Im Ganzen werden hierbey wieder ziemlich dieselben Regeln, welche oben (§. 208.) fuͤr die Behandlung der unterdruͤckten Menstruation gegeben worden sind, Anwendung finden, und vorzuͤglich in den Faͤl- len, wo die Leukorrhoͤe Folge einer im ganzen Organismus abnorm hervortretenden produktiven Kraft war, stellvertretende allgemeine Ausleerungen (Venaͤsektionen, Abfuͤhrungen, Be- foͤrderung der Transpiration u. s. w.), so wie, wenn Unord- nungen im Druͤsensystem, Obstructionen u. s. w. eingetreten sind, die resolvirenden, bey hysterischen Zufaͤllen hingegen die beruhigenden Mittel (Baͤder, Ableitungen u. s. w.) Anwen- dung finden. Auch kann durch Injectionen aus aromatischen Aufguͤssen, Rubefacientia an die Schenkelflaͤchen, Dampf- baͤder, gelinde Diuretica und Purgantia etwas zur erneuten Vermehrung der Secretion gethan werden, obwohl man, wenn sich durch eine vielleicht fuͤr einige Zeit unterhaltene anderweitige Absonderung (z. B. ein Foutanell) diese krank- hafte Secretion ersetzen und dem Organismus endlich ganz unnoͤthig machen laͤßt, diese Gelegenheit ergreifen wird, um die radicale Heilung zu bewerkstelligen. 4. Wassersucht der nicht schwangern Gebaͤrmutter ( Hydrometra ). §. 399. Theils in den zeugungsfaͤhigen Jahren, und zwar vor- zuͤglich bey Frauen, welche mehrere Male geboren haben, theils aber auch noch im spaͤtern Alter und bey erloͤschender Geschlechtsthaͤtigkeit bilden sich zuweilen Wasseransammlungen in der Gebaͤrmutter, welche man, je nachdem der Ort ist, an welchem die Anhaͤufung geschieht, in die Wassersucht der Gebaͤrmutterhoͤhle , wenn das Wasser frey in der letztern stagnirt ( Hydrometra ascitica ), in die Wasser- sucht der Gebaͤrmuttersubstanz ( Hydrometra oede- matosa ), wo das Wasser das schwammige Gewebe der Ge- haͤrmutterwaͤnde erfuͤllt, und in Blasenwassersucht der Gebaͤrmutter ( Hydrometra hydatica ) abtheilt. Bey der letztern Form ist das Wasser in kleinern oder groͤßern Blasen eingeschlossen, und es wird sonach durch diese, hier wie an andern Theilen des Koͤrpers, und zwar ohne Zeugung ent- stehenden Aftergebilde ein wahrer Uebergang hergestellt zu den durch Zeugung entstehenden falschen Fruͤchten oder Molen, besonders den sogenannten Traubenmolen, von welchen im zweyten Theile die Rede seyn wird. Daß aber Hydrometra hydatica nicht etwa bloße Molenschwanger- schaft sey, beweisen die von Dreißig (Handb. d. Pathologie der chron. Krankh. Bd. 2. S. 484.) gesammelten Beyspiele derselben in Jungfrauen und bejahrten Frauen. §. 400. Die Wassersucht des Uterus ist aber eine ihrer Erkennt- niß nach besonders schwierige Krankheit, welche theils mit Wassersucht der Banchhoͤhle, Wassersucht der Ovarien, theils und zwar vorzuͤglich leicht mit wirklicher oder Molenschwan- gerschaft verwechselt werden kann, ja endlich (wie wir bey Betrachtung der Krankheiten der Schwangern finden werden) am allerschwersten auszumitteln ist, wenn sie zugleich mit wahrhafter Schwangerschaft vorkommt, weshalb denn ihre Diagnose eine ganz besondere Beruͤcksichtigung erfordert. Kennzeichen derselben sind aber zu entnehmen aus folgenden Momenten: 1) allgemeine Koͤrperconstitution und besondere vorausgegangene Krankheitsursachen oder sonstige schaͤdliche Ein- fluͤsse. Vorzuͤglich diejenige Koͤrperbildung also, welche uͤber- haupt zu Wasseransammlungen disponirt, d. i. phlegmatischer, schwammiger Habitus, die spaͤtern Lebensjahre, bestimmte Ueberzeugung, daß Schwaͤngerung nicht Statt gehabt haben koͤnne (etwa wegen bereits erloschenem Zeugungsvermoͤgen); ferner vorausgegangene, nicht zur reinen Entscheidung gedie- hene Gebaͤrmutterentzuͤndung, unterdruͤckte Menstruation und Leukorrhoͤe. 2) Eintretende Geschwulst des Unterleibes, wo- bey indeß die vergroͤßerte Gebaͤrmutter durch die aͤußere Un- tersuchung als Ursache der Ausdehnung sich ausmitteln laͤßt, so daß jedoch das Anwachsen der Gebaͤrmutter weniger regel- maͤßig (haͤufig schneller) als bey der Schwangerschaft erfolgt, die Ausdehnung selbst hoͤchst selten den Umfang der hoch- schwangern Gebaͤrmutter erreicht, auch wohl periodisch ab- und zunimmt. 3) Ein von Zeit zu Zeit sich einstellender Abfluß von Wasser aus den Geburtstheilen, welches entweder rein oder mit Schleim, Blut oder Blasen vermischt ist (das entschiedendste Zeichen). 4) Die geburtshuͤlfliche Untersuchung zeigt den Muttermund und Mutterhals schlaff, schwammig, oder bey der Hydrometra oedematosa teigartig anzufuͤhlen, welches, so wie die gewoͤhnlich sehr gesunkene Temperatur, oft auch an dem aͤußern Umfange der Geschwulst sich ent- decken laͤßt. Der Muttermund selbst pflegt außer bey, und kurz nach dem Abgange des Wassers geschlossen zu seyn. Endlich zeigt auch entweder die aͤußere Untersuchung, oder die innere, oder beide Arten gleichzeitig angestellt, eine Flu- ctuation im Uterus, jedoch natuͤrlich nur in den Faͤllen, wo das Wasser wirklich frey in der Gebaͤrmutterhoͤhle stagnirt. §. 401. Weniger charakteristisch sind die nachstehenden Zufaͤlle: 1) Stoͤrungen der Verdauung, durch verlorne Eßlust, Ekel, Erbrechen, Verstopfungen, Blaͤhungsbeschwerden, Unterleibs- schmerzen verschiedener Art; 2) Gefuͤhl von Druck und Schwere im Becken; 3) nach und nach sich mindernder Abgang des Urins, welcher von truͤber, molkiger Beschaffenheit ist, und bey betraͤchtlicher Vergroͤßerung der Gebaͤrmutter oft auch in seiner Entleerung Schwierigkeit findet, da hingegen die uͤbri- gen Begleiter der Wassersuchten, als namentlich sehr vermehr- ter Durst, hier entweder ganz mangeln oder in weit gerin- germ Grade vorhanden sind. 4) Vorfaͤlle der Mutterscheide oder der Gebaͤrmutter selbst, als Folge der Atonie des Ge- schlechtssystems. 5) Oedematoͤser Zustand der aͤußern Ge- burtstheile und der untern Extremitaͤten; 6) schleichendes Fie- ber. — Es ergiebt sich demnach aus dem Vorhergehenden schon, wenn man es zusammenhaͤlt mit der im zweyten Theile zu gebenden Geschichte der natuͤrlichen Schwangerschaft, wo- durch diese Krankheit namentlich von der letztern sich unter- scheiden lasse; indeß ist doch hier noch insbesondere zu be- merken, daß vorzuͤglich die kuͤrzere Dauer der Wasseranhaͤu- fung (welche selten sechs Monate uͤbersteigt), ganz besonders aber der Mangel aller fuͤhlbaren Kindestheile oder Kindesbe- wegungen und der von Zeit zu Zeit Statt findende Wasser- abgang, in Verbindung mit dem allgemeinen Uebelbefinden, zu diesem Endzweck beruͤcksichtigt zu werden verdienen. §. 402. Aetiologie . Wie eine jede andere Wasseranhaͤufung kann die Gebaͤrmutterwassersucht nur durch vermehrte Ausschei- dung, oder durch verminderte Aufsaugung, oder durch beide Momente gleichzeitig ihrem Wesen nach begruͤndet werden; betrachtet man indeß die Natur der Krankheit naͤher, so muß man wohl geneigt werden, sie vorzuͤglich in die vermehrte Ausscheidung zu setzen, eines Theils, weil eine gewisse Er- regung des Organs schon erforderlich ist, um die Verschlie- ßung des Muttermundes (ohngefaͤhr wie bey der Schwan- gerschaft) zu bewirken, ohne welche die Ansammlung uͤber- haupt nicht Statt finden wuͤrde; andern Theils, weil wir sie vorzuͤglich haͤufig nach Einfluͤssen entstehen sehen, welche of- fenbar eine vermehrte Erregung der Uteringefaͤße bedingen, wie dieses sich noch naͤher bey Betrachtung der entfernten Ursachen ergeben wird. Hierhin gehoͤren aber 1) die §. 400. erwaͤhnte allgemeine Koͤrperbildung; 2) vorausgegangene Ge- baͤrmutterentzuͤndung; 3) Verbildungen derselben, als Eiterun- gen, Indurationen, Auswuͤchse; 4) hoher Grad von Atonie des gesammten Geschlechtssystems in Folge vorausgegangener Blutungen, Fehlgeburten, langwieriger Leukorrhoͤe, haͤufig nach einander kommender Wochenbetten, sitzender Lebensweise, schlech- ter Kost, deprimirender Affekte, sehr warmer oder kalter feuch- ter Luft u. s. w.; 5) haͤufig einwirkender Geschlechtsreiz ohne wirklich erregte Schwangerschaft, oder wohl selbst bey bereits erloschener Zeugungsfaͤhigkeit, und eben so bey disponirten Subjekten alles, wodurch Congestionen nach den Geschlechts- organen veranlaßt werden, als geistige Getraͤnke, erhitzende Speisen, treibende Mittel u. s. w.; 6) koͤnnen auch Ge- schwuͤlste benachbarter Organe durch ihren Druck die Re- sorption stoͤren und Wasseranhaͤufungen herbeyfuͤhren, oder Verwachsungen des Muttermundes nach vorausgegangenen schwierigen Geburten, Verschließungen desselben durch Nach- geburtsreste, Schleimpfroͤpfe und coagulirtes Blut die An- haͤufung von Fluͤssigkeiten innerhalb der Gebaͤrmutterhoͤhle beguͤnstigen. §. 403. Ausgaͤnge und Folgen der Gebaͤrmutterwas- sersucht nebst der daraus sich ergebenden Pro- gnose . Gewoͤhnlich nimmt die Wassersucht der Gebaͤrmut- ter einen dem Leben weit weniger gefaͤhrlichen Gang, als die uͤbrigen Wassersuchten. Groͤßtentheils entscheidet sie sich naͤmlich durch die Heilkraͤfte der Natur mittelst des Abflusses durch die Mutterscheide, obwohl die Anhaͤufung auch zu- weilen von neuem sich bildete. Die Ursachen dieser Entlee- rung sind entweder wahre eintretende Contractionen des Uterus, oder auch wohl aͤußere mechanische Einfluͤsse, wie z. B. von Dreißig Pathologie d. chron. Krankh. Thl. 2. S. 496. ein Fall mit angefuͤhrt wird, wo nach einem Sturz auf den Leib das Abfließen von Wasser erfolgte. Nach dem Abflusse selbst bleibt zwar gewoͤhnlich noch eine betraͤcht- liche Erschlaffung der Geburtstheile laͤngere Zeit zuruͤck, so daß man zuweilen nachfolgende passive Blutungen entstehen, oder auch wohl Neigung zu Luftentwicklung im Uterus, und zu Gebaͤrmutterblaͤhungen gegeben sieht; ja selbst allgemeine und zwar die betraͤchtlichsten Abspannungen sah man nach die- sen Entleerungen eintreten und Ohnmachten oder wohl gar den Tod veranlassen. Endlich hat man wohl auch Beyspiele von ungewoͤhnlichen Wegen der Wasserentleerung, wie durch Geschwuͤre, und zwar selbst durch die Bauchbedeckungen und durch verstaͤrkt eintretende anderweitige Absonderungen, z. B. durch vermehrten Harnabgang, Schweiß, ja selbst durch Speichelflnß. §. 404. Wenn daher auch im Allgemeinen die Prognose nicht sehr unguͤnstig zu nennen ist, so muß sie doch besonders auf folgende Momente Ruͤcksicht nehmen: 1) auf die gesammte Constitution, je weniger schlaff und phlegmatisch dieselbe ist, um so leichter und vollkommner ist die Heilung durch frey- willige Entleerung zu erwarten; 2) auf die Dauer der Krank- heit, je laͤnger dieselbe ist, je oͤfter sich das Wasser von neuem angesammelt hat, um so schwieriger wird die gaͤnzliche Ge- nesung zu bewirken seyn; 3) auf die veranlassenden Ursachen, je mehr wirkliche organische Verbildungen im Spiel sind, je mehr durch deren Druck die Aufsaugung gehindert, oder der Weg zur freywilligen Entleerung gehemmt ist, um so unguͤn- stiger muß die Vorhersagung werden. §. 405. Die Behandlung der Gebaͤrmutterwassersucht muß zunaͤchst auf Entleerung des angesammelten Wassers gerichtet seyn. In den Faͤllen sonach, wo aus den oben erwaͤhnten Zeichen mit Zuverlaͤssigkeit die Natur der Krankheit, und zu- gleich das nicht etwa gleichzeitige Vorhandenseyn wirklicher Schwangerschaft erkannt worden ist; ferner da, wo das Was- ser wirklich in der Gebaͤrmutterhoͤhle stagnirt, sich dort durch Fluktuation zu erkennen giebt (wenn im Gegentheil der oͤde- matoͤse Zustand des Uterus durch das teigartige Gefuͤhl an seinen Waͤnden sich auszeichnet), wird die Entleerung durch den Muttermund zu befoͤrdern seyn. Es geschieht dies, wo keine Verwachsung Statt findet, am besten durch die Ein- fuͤhrung einer geknoͤpften Sonde, entweder frey oder in einer Trockarroͤhre verborgen; wo hingegen der Muttermund ver- wachsen gefunden wuͤrde, durch Einbringung eines duͤnnen, etwas gebogenen und hinlaͤnglich langen Trockars. Gleich- zeitig sucht man hierbey die Zusammenziehung des Fruchthaͤl- ters durch aͤußere und innere Mittel, als Einreibungen von Naphtha, Lin. vol., durch einige Gaben der Zimmttinktur u. s. w. zu befoͤrdern, laͤßt nach der Entleerung eine Bauch- binde maͤßig fest um den Unterleib legen, und schreitet dann zur Anwendung der sonst indicirten innern Mittel, welche uͤbrigens bey der Hydrometra oedematosa als die einzigen Huͤlfsmittel benutzt werden koͤnnen. §. 406. Die innere Behandlung hat aber hierbey einen drey- fachen Zweck: 1) den Ursachen dieser Wasseranhaͤufung zu begegnen; 2) dem Abgange des Wassers, wenn er durch den Muttermund nicht Statt finden kann, andere Wege, durch Vermehrung sonstiger Excretionen, anzuweisen; 3) der er- neuerten Wasseranhaͤufung durch Verbesserung der allgemeinen Constitution Schranken zu setzen. — Was das erstere betrifft, so wird die Behandlung nach den Umstaͤnden verschieden seyn, bey den schnell, etwa nach vorausgegangener Entzuͤndung, oder in Folge von Congestionen sich bildenden Wasseransamm- lungen sind kuͤhlende Abfuͤhrmittel, saͤuerliche, verduͤnnende, den Harnabgang befoͤrdernde Getraͤnke, Befoͤrderung der Haut- ausduͤnstung durch Liq. Mindereri, Fliederblumen-Aufguß, trockne Frictionen angezeigt; sind dabey selbst Spuren noch andauernder chronischer Entzuͤndung vorhanden, so muß damit das oben fuͤr diese Krankheitsform beschriebene Heilverfahren verbunden werden (s. §. 345. u. 348.). Sind dagegen krank- hafte Zustaͤnde des lymphatischen Systems, Druͤsenanschwel- lungen, Scirrhus uteri, unterdruͤckte chronische Hautausschlaͤge, Reste unvollkommen geheilter Syphilis u. s. w. im Spiel, so muͤssen diese Krankheiten ihrer Natur gemaͤß behandelt, An- timonialien, resolvirende und ausleerende Mittel zu Huͤlfe ge- nommen, oder das Quecksilber in Anwendung gezogen werden. §. 407. 2) Zur mittelbaren Ausleerung des Wassers durch ver- mehrte anderweitige Absonderung sind ferner, wie bey andern Wassersuchten, die Diuretica, als Squilla, Senega, Digita- lis, Abkochungen der Wacholderbeeren u. s. w. nuͤtzlich, ver- bunden noͤthigen Falls mit reizenden Einreibungen und Epi- spasticis. 3) Der Ruͤcksicht auf die Constitution wird Ge- nuͤge geleistet durch zweckmaͤßige Anordnung der aͤußern Ver- haͤltnisse, Aufenthalt der Kranken in reiner Luft, Sorge fuͤr Herstellung einer guten Verdauung, ferner (nach bewirkter Entleerung des Uterus) durch Anwendung der bittern Extrakte, der China, der eisenhaltigen Mineralwaͤsser und des Eisens in Substanz, durch Anordnung einer zweckmaͤßigen, leicht ver- daulichen, nahrhaften Diaͤt, den Genuß eines guten alten Weins, und wo insbesondre im Geschlechtssystem ein hoher Grad von Atonie zuruͤckgeblieben ist, durch die Anwendung oͤrt- licher roborirender Mittel, der tonischen Bidetbaͤder, der gei- stigen Einreibungen in die Regio hypogastrica, der Kraͤuter- guͤrtel u. s. w. 5. Von den verschiedenen speckigen, fleischigen oder knoͤchernen Ausartungen der nicht schwangern Gebaͤrmutter. ( Steatoma, Sarcoma, Osteosteatoma uteri, Lithometra. ) §. 408. Wenn an und fuͤr sich schon der weibliche Koͤrper durch vorherrschende Produktivitaͤt ausgezeichnet ist, so gilt dies doch in ganz vorzuͤglichem Grade von den weiblichen Ge- schlechtsorganen und namentlich vom Uterus. Durchaus kein Organ im menschlichen Koͤrper, außer diesem, besitzt die Faͤ- higkeit, sich zu gewisser Zeit auf das zehn- bis zwoͤlf- und mehrfache seiner Maße durch wirkliche Anwachsung zu ver- groͤßern, und wieder auf den fruͤhern Standpunkt zuruͤckzu- kehren; nur die Ovarien, als die eigentlichen Heerde neuer Bildungen, sind ihm der Produktivitaͤt nach vergleichbar. Dies aͤußert sich nun auch in pathologischer Hinsicht, und die weiblichen Geschlechtsorgane, vorzuͤglich aber der Uterus, werden zum Sitze fuͤr die mannichfaltigsten Desorganisatio- nen, sowohl der Form als Mischung nach; Ausartungen, welche ihrer Entstehung, Erkenntniß und Folgen nach beson- ders merkwuͤrdig sind, wenn sie auch großentheils der heilen- den Kunst nur wenig Feld verstatten. §. 409. Diese Ausartungen sind uun sowohl dem Umfange, als dem Sitze und der Substanz nach sehr vielen Verschiedenheiten unterworfen. In letzterer Hinsicht unterscheidet man die speckigen Auswuͤchse ( Steatomata ), welche oft auch weichere Massen, ja helle oder truͤbe Fluͤssigkeit in sich enthalten, fer- ner die seltner vorkommenden, mehr derben fleischartigen Mas- sen ( Sarcomata ), und endlich die wahren Verknoͤcherungen oder Ablagerungen erdiger Massen an einzelnen Stellen des Uterus ( Osteosteatomata ), oder im ganzen Umfange des Organs ( Lithometra ). Ihrem Sitze nach betreffen sie ent- weder die obere oder untere, die vordere, hintere oder die Seitengegend des Uterus, die innere oder aͤußere Flaͤche, oder das eigentliche Parenchyma desselben. Der Umfang ist gleich- falls sehr verschieden; man findet sie von der Groͤße einer Hasel- oder welschen Nuß, bis zu solcher Masse, daß dadurch das Gewicht des nicht schwangern Uterus bis zu 40, ja wie H. Otto Handbuch der pathol. Anat. S. 364 u. 365. vgl. auch F. Meckel Handb. d. patholog. Anat. Bd. 2. Thl. 2. S. 242 u. folg. ein Beyspiel anfuͤhrt, bis zu 40, ja 80 Pfund anwuchs. Der kleinern sind dann nicht selten mehrere vor- handen. Auch von den Verknoͤcherungen dieses Organs sind aͤußerst betraͤchtliche Faͤlle bekannt geworden. In einem der- selben wog der verknoͤcherte Uterus 5½ Pfund, und es wur- den zwey Stunden zum Durchsaͤgen der sehr festen Knochen- masse gebraucht. S. allgem. medicin. Annal. 1814. Annal. d. Heilkunst. S. 555. Anmerkung . Was die Geschwuͤlste und namentlich die Knochenmassen oder Steine betrifft, welche innerhalb der Ge- baͤrmutterhoͤhle gefunden werden, so gehoͤren sie nicht hierher, indem sie als degenerirte Fruͤchte anzusehen und daher unter den abnormen Schwangerschaften zu betrachten sind. §. 410. Die Erkenntniß dieser verschiedenen Ausartungen der Gebaͤrmuttersubstanz ist oft mit den bedeutendsten Schwierig- keiten verbunden, zuweilen wird sie, da die Stoͤrungen des allgemeinen Wohlbefindens durch dieselben oft sehr gering sind, ein Arzt daher nicht leicht um Rath gefragt wird, gar nicht zu erlangen versucht; zuweilen kann sie auch wohl bey einem Sitze solcher Geschwuͤlste an der obern Gegend der Ruͤckseite des Uterus unmoͤglich bleiben; auf alle Weise ist jedoch Hrn. Wenzel Ueber die Krankheiten des Uterus S. 67. beyzustimmen, wenn er sagt, daß beym Leben der Kranken in der Mehrzahl der Faͤlle das Uebel verkannt worden sey. — Die Zustaͤnde, mit welchen diese Degeneratio- nen vorzuͤglich verwechselt zu werden pflegen, sind aber, theils bey sehr betraͤchtlichem Umfange, die Schwangerschaft, wor- uͤber ein Beyspiel von H. v. Siebold Handb. d. Frauenzimmerkrankh. Bd. 1. S. 535. angefuͤhrt ist, theils falsche Lagen der Gebaͤrmutter, wie dies in einem Falle angenommen worden war, wo man fruͤher die Zuruͤckbeugung des im zweyten oder dritten Monat schwangern Uterus ver- muthet hatte, bis ich bey meiner Untersuchung es als ein an der hintern Gebaͤrmutterflaͤche (ein Ort, wo mir diese Mißbildungen schon mehrere Male aufgestoßen sind) sitzendes Steatom erkannte. §. 411. In wiefern nun aber diese Geschwuͤlste selten von ent- zuͤndlichen Zustaͤnden bedingt werden, so geben sie sich auch namentlich im Beginn durch Stoͤrungen im Geschlechtssysteme fast gar nicht zu erkennen, sondern muͤssen oft eher durch Beeintraͤchtigung in den Verrichtungen benachbarter Organe wahrgenommen werden; uͤberhaupt aber fallen ihre Kennzei- chen theils in die Perceptionssphaͤre der Kranken und spre- chen sich durch gewisse Krankheitsgefuͤhle aus, theils sind sie aus der innern und aͤußern geburtshuͤlflichen Untersuchung zu entlehnen. Die letztern sind vorzuͤglich wichtig und eigentlich allein im Stande, eine genaue Diagnose festzusetzen, indeß allerdings deutlich nur vorhanden, wenn das Uebel schon ziem- lich vorgeschritten ist. — Zu den erstern Zeichen gehoͤren Ge- fuͤhl von Druck, Vollheit, Schwere im Becken, Schmer- zen, welche sich auf die untern Extremitaͤten, Harnwerkzeuge und den Mastdarm fortpflanzen; ferner bey betraͤchtlicher An- schwellung des Uterus, Hemmungen in Stuhl- und Harn- ausleerungen, nach und nach eintretende Verdauungsleiden, kachektisches Ansehen, Wasseransammlungen in der Bauch- hoͤhle und oͤdematoͤse Geschwulst der Fuͤße. Endlich vorzuͤg- lich Stoͤrungen der Geschlechtsverrichtungen, unordentliche, zu starke und haͤufige, oder zu schwache und seltene Menstrua- tion, Leukorrhoͤe, und in hoͤherm Grade des Uebels Unfrucht- barkeit, obwohl bey kleinerm Umfange der Geschwuͤlste Schwaͤn- gerung sehr wohl eintreten kann, jedoch Schwangerschaften eines steatomatoͤsen Uterus oft durch Fehlgeburten unterbrochen werden, uͤberhaupt aber die Diagnose dann durch gleichzeitige Schwangerschaft ausnehmend erschwert wird. §. 412. Die geburtshuͤlfliche Untersuchung gewaͤhrt folgende Merk- male: 1) die Bruͤste zeigen sich zuweilen ungleich angeschwol- len und schmerzhaft; 2) der Unterleib ist nach der Groͤße der Geschwuͤlste bald mehr, bald weniger ausgedehnt, na- mentlich ist jedoch die Haͤrte uͤber dem Schambogen oft wie bey einer Woͤchnerin am vierten oder sechsten Tage nach der Entbindung charakteristisch, und wird als Uterus, namentlich durch gleichzeitig vorgenommene innere Untersuchung, erkannt und von andern krankhaften Geschwuͤlsten der Bauchhoͤhle un- terschieden. 3) Die innere Untersuchung durch die Vagina zeigt den Mutterhals und Muttermund gewoͤhnlich etwas ge- schwollen, uͤbrigens aber, wenn das Aftergebilde hoͤher sitzt, im natuͤrlichen Zustande, allein ihrer Lage nach veraͤndert. So fand ich sie bey steatomatoͤsen Auswuͤchsen an der Ruͤckseite des Fruchthaͤlters hochstehend und ganz gegen den Schambo- gen gepreßt; so ist sie mitunter nach der dem Sitze der Ge- schwulst gleichnamigen Seite, zuweilen auch stark nach ruͤck- waͤrts gedraͤngt und schwer zu erreichen. Ist jedoch die ganze Gebaͤrmuttersubstanz degenerirt, so zeigt auch die Vaginal- portion betraͤchtliche Abweichungen, fuͤhlt sich hoͤckerig, ver- groͤßert, verhaͤrtet an. §. 413. Die Auswuͤchse selbst, wenn sie mehr dem mittlern und obern Theile des Uterus angehoͤren, werden vorzuͤglich durch das Vaginalgewoͤlbe entdeckt, durch welches sie als ungleiche, schwammige, bald groͤßere, bald kleinere Massen in die Be- ckenhoͤhle hereinragen und oft dieselbe zum großen Theil aus- fuͤllen, zum Theil auf aͤhnliche Weise, wie dies bey Schwan- gern in der letzten Zeit der Schwangerschaft durch vorliegende groͤßere Kindestheile zu geschehen pflegt. Daß man nun aber diese Geschwuͤlste nicht mit wirklichen Kindestheilen verwechsele, und uͤberhaupt diesen pathologischen Zustand von dem physio- logischen der Schwangerschaft unterscheide, dazu dient nament- lich die Beruͤcksichtigung des Ganges, welchen das Uebel nimmt und genommen hat, in wiefern es nur in Jahren sich ausbildet und nicht in der Regelmaͤßigkeit vorschreitet, wie die Schwangerschaft, ferner die Beruͤcksichtigung des Alters und der sonstigen Lebensverhaͤltnisse, indem diese Krankheiten oft erst in den Jahren bereits erloschener Zeugungsfaͤhigkeit der Untersuchung des Arztes uͤbergeben werden, und endlich die Beschaffenheit der Geschwulst selbst, indem theils die un- gleiche schwammige Flaͤche sie von den Kindestheilen unter- scheidet, theils das Verhaͤltniß derselben zum Muttermunde charakteristisch ist, indem man theils erkennt, daß bey Ein- bringung der Fingerspitze in den Kanal des Mutterhalses der fremde Koͤrper außerhalb dieser innern Raͤume liegt, theils die Lage und Ausdehnung desselben an sich schon schließen laͤßt, daß er nicht in dem innern Gebaͤrmutterraume liegen koͤnne. §. 414. 4) Kann oft auch die Untersuchung durch den Mast- darm uͤber diese Auswuͤchse besondern Aufschluß geben; ihr Umfang ist hier zuweilen vollkommner zu umgehen und die Art ihrer Textur sicherer auszumitteln. — Da uͤbrigens auch bey dieser Art der Untersuchung die Verwechselung mit Ruͤck- waͤrtsbeugung des Uterus sehr wohl moͤglich ist, so ist auch uͤber die Unterscheidung von dieser und aͤhnlichen falschen Lagen, so wie von den krebsartigen Verhaͤrtungen und dem Scheidenbruche ( Colpocele ) noch einiges zu erinnern. Von falschen Lagen, wo der Gebaͤrmuttergrund in das Scheiden- gewoͤlbe herabgesunken ist, unterscheidet man aber diese Ge- schwuͤlste durch die Beachtung der Richtung des Mutterhalses (s. §. 412.) und vorzuͤglich des Kanales im Mutterhalse Waͤre z. B. das Steatom an der Ruͤckwand des Uterus, so wird, wenn es hoch ansitzt, der Mutterhals ruͤckwaͤrts, wenn es tief sitzt, gegen den Schambogen gepreßt seyn, und in letzterem Falle das ganze Verhalten der Zuruͤckbeugung dem ersten Anscheine nach vollkommen gleichen; allein untersucht man genauer, so findet man den Gang des Mutterhalses, anstatt daß er bey zuruͤckgebeugtem Uterus schraͤg ruͤck- und abwaͤrts steigen sollte, vielmehr, wie gewoͤhnlich, ziemlich senkrecht. — Von dem Skirrhus unterscheidet sich das Stea- tom durch seine betraͤchtlichere Groͤße und Hervorragung, und durch weit geringere oder ganz mangelnde Schmerzhaftigkeit. — Von dem Scheidenbruche endlich, wo ebenfalls oft eine weiche Geschwulst in das Scheidengewoͤlbe hereinragt, unterscheiden sich diese Auswuͤchse durch groͤßere Festigkeit und vorzuͤglich durch Unbeweglichkeit, da hingegen bey dem Scheidenbruche die Geschwulst bey einer horizontalen Lage der Kranken nach einem angebrachten Drucke leicht zuruͤck weicht. §. 415. Ueber die eigentliche Entstehung dieser verschiedenen Ausartungen sind noch naͤhere Aufschluͤsse, als bisherige Un- tersuchungen geliefert haben, zu wuͤnschen, nur so viel scheint mit Sicherheit angenommen werden zu koͤnnen, daß sie als Produkte eines oͤrtlichen krankhaften Wachsthums uͤberhaupt, und nicht etwa als bloße Produkte vorausgegangener Entzuͤn- dung anzusehen sind, daß sie entstehen, indem von dem dem Uterus vielleicht im Uebermaaß zugefuͤhrten Blut und plasti- schen Stoff, rohe, wegen Mangel wahrer energischer Lebens- thaͤtigkeit nicht hinlaͤnglich verarbeitete Massen sich ablagern, deren Substanz daher auch der Mischung nach unvollkommner bleibt (da der Mischung nach gewiß eben eine solche stufen- I. Theil. 21 weise Hervorbildung aus einem urspruͤnglichen Homogenen [aus Eyweißstoff] Statt findet, als der Form nach), weshalb denn diese Ablagerung vorzuͤglich als eine zwischen geronnenem kaͤ- sigtem Eyweißstoff und Fett in der Mitte stehende Masse sich darstellt, in welcher in der Laͤnge der Zeit oft auch Knochen- gebilde entstehen, Ueber die Entwickelung dieser Geschwuͤlste s. m. mehrere interessante Bemerkungen von Bayle (Journ. de Medicine an XI. Vendemaire) im Auszuge in d. allgem. medicin. Annal. 1805. S. 806. ja durch welche nach und nach die voll- kommne Verknoͤcherung dieses Organs zu Stande kommen kann. §. 416. Als entfernte Ursachen koͤnnen zur Entstehung die- ser krankhaften Metamorphosen Einfluͤsse sehr verschiedener Art wirken. Eines Theils giebt vorzuͤglich das hoͤhere Lebensal- ter Bayle fand unter vielen Faͤllen keinen, wo das Uebel unter dem 36sten Jahre sich entwickelt haͤtte. und schwammige, atonische, phlegmatische Constitution Veranlassung hierzu, indem gerade hier, wo der Einfluß des den Organismus zu gesetzmaͤßiger Einheit verbindenden Ner- vensystems schwaͤcher gefunden wird, ein zum Ganzen unver- haͤltnißmaͤßiges und folglich abnormes Fortwachsen einzelner Theile am leichtesten Statt finden kann. Noch mehr wird der Koͤrper indeß hierzu disponirt, wenn noch Krankheitsstoffe, wie Syphilis, Gicht, unterdruͤckte Ausschlagsstoffe u. s. w. hinzutreten, und vorzuͤglich, wenn heftige oder wenigstens an- haltende Erregungen des Geschlechtssystems hinzukommen. Wir rechnen hierzu Stoͤrungen der Menstruation, wo bey gehemm- ter Blutergießung die Blutmasse im Parenchyma desselben sich anhaͤuft, weshalb denn auch die Zeit, wo die Menstruation wegen zunehmendem Alter verschwindet, der Entstehung sowohl als weitern Ausbildung dieser Geschwuͤlste besonders guͤnstig zu seyn pflegt, ja weßhalb namentlich die Ablagerungen von erdi- ger Masse (die Verknoͤcherungen) fast nie eher, als im spaͤ- tern Lebensalter zu Stande kommen. Ferner sind hierher zu zaͤhlen die ploͤtzlichen Hemmungen gewohnter Ausscheidungen der Geschlechtswege, die ploͤtzliche Unterdruͤckung der Leukorrhoͤe. Eben so mechanische Schaͤdlichkeiten, namentlich schwere, so- wohl natuͤrliche, als durch ein rohes Eingreifen ungeschickter Geburtshelfer oder Hebammen beendigte Geburten, Ausschwei- fungen in der physischen Liebe, aber auch (vorzuͤglich nach Bayle’s Beobachtung haͤufig) die Ehelosigkeit, druͤckende Pessarien, treibende Arzneymittel, reizende Injectionen u. s. w. §. 417. Von dem Gange der Krankheit und der hier- aus sich ergebenden Prognose . Der Gang der Krank- heit ist in der Regel ein sehr langsamer; ich habe eine Per- son mit einem bedeutenden Steatom einige Jahre lang beob- achtet, und immer nur eine sehr geringe Massenzunahme be- merkt; haͤufige Congestionen nach den Geschlechtstheilen koͤnnen indeß wohl das Wachsthum beschleunigen. Die Beschwerden, welche sich diesen Ausartungen anknuͤpfen, sind vorzuͤglich nach der Ausdehnung der Geschwulst verschieden, daher auch ge- woͤhnlich nur langsam sich steigernd, im Ganzen jedoch von der Art, wie sie §. 411. geschildert worden sind, von leichtem Druck und erschwertem Harnlassen oder Stuhlgange bis zur allgemeinen Wassersucht. — Was sonach die Prognose, und zwar zunaͤchst ruͤcksichtlich des Gefahrdrohenden der Zufaͤlle, be- trifft, so ist sie vorzuͤglich dem Grade und der Dauer des Uebels nach sehr verschieden. Bey geringerem Umfange wer- den oft selbst die Geschlechtsfunctionen so wenig gestoͤrt, daß Menstruation, Schwangerschaft und Geburt ohne bedeutende Hindernisse verlaufen koͤnnen; spaͤterhin leiden immer diese Functionen zunaͤchst, Abortus und Unfruchtbarkeit treten ein, und Leiden der allgemeinen Reproduction folgen nach. Im Ganzen wird jedoch diese Steigerung des Uebels weniger zu fuͤrchten seyn, wo alle fernere Einwirkung der im vorigen Paragraph genannten Ursachen sorgfaͤltig vermieden wird, und dann bleibt zuweilen das Uebel zeitlebens auf einer Stufe, wo das allgemeine Wohlbefinden wenig beeintraͤchtigt wird, so wie im Gegentheil die lebensgefaͤhrlichen Folgen des Ue- bels um so rascher eintreten koͤnnen. Ruͤcksichtlich der Heil- barkeit ist die Prognose stets mißlich, da vollkommene Ruͤck- bildungen in den Normalzustand fast nie gelingen, operative Kunsthuͤlfe selten Statt finden kann, und selbst dem Fort- schreiten des Uebels oft schwer Graͤnzen zu stellen sind. §. 418. Von der Behandlung dieser Degenerationen . Der Zweck dieser Behandlung ist theils vollkommene Beseiti- gung des Uebels, theils, wo diese nicht moͤglich, Verhuͤtung der Fortschritte desselben und Milderung der durch dasselbe veranlaßten Beschwerden. — Die eigentliche Heilung nun ist zu erlangen durch Operation, oder durch Anwendung innerer und aͤußerer Arzneymittel. Die Operation ist nur moͤglich und rathsam, wenn die Geschwuͤlste in der Gegend der Vaginalportion sitzen, oder der Uterus tief in das Becken herabgesunken ist; sie ist auf aͤhnliche Weise, wie an aͤußerer Koͤrperflaͤche die Exstirpation von Balggeschwuͤlsten bewerkstel- ligt wird, vorzunehmen, ja selbst die Exstirpation des gesamm- ten Uterus kann hier unter gewissen Umstaͤnden, namentlich vollkommner Degeneration seiner Substanz, anwendbar wer- den, nach Art und Weise, von welcher bey Betrachtung skirrhoͤ- ser und carcinomatoͤser Ausartung dieses Organs das Naͤhere bemerkt werden soll. Bey Geschwuͤlsten, welche eine weiche, halbfluͤssige Masse enthalten, kann, wenn Fluctuation durch das Scheidengewoͤlbe gefuͤhlt wird, auch die bloße Eroͤffnung derselben, etwa durch das Osiander ’sche Hysterotom Zwey in einer Scheide bewegliche Messer (eins spitzig, eins abge- rundet): s. Osiander’s neuere Denkwuͤrdigk. Bd. I. Heft I. ( T. I. f. VII. ), hinreichen, um nach Entleerung der Geschwulst un- ter sorgfaͤltiger Erhaltung gutartiger Eiterung, mittelst oͤfterer Injection aromatischer Aufguͤsse, der Aufloͤsungen des Myr- rhenextrakts, der innerlich gegebenen oder auch aͤußerlich be- nutzten China und zweckmaͤßiger, leicht verdaulicher, nahrhaf- ter Diaͤt die Heilung zu bewerkstelligen. Aehnliche Behand- lung wird indeß auch nach den uͤbrigen Operationsweisen sich noͤthig machen. §. 419. Die Heilung durch innere oder aͤußere Arzneymittel ist hoͤchstens nur da zu erwarten, wo die Ursachen des Uebels in heilbaren allgemeinen Krankheitszustaͤnden beruhen und der Grad des Uebels nur gering ist. Namentlich ist daher bey syphilitisch Gewesenen oder noch daran Erkrankten von den Mer- kurialien Gebrauch zu machen; bey gichtischen Krankheiten ist der Gebrauch warmer Mineralbaͤder zu empfehlen, und außer- dem verdienen uͤberhaupt noch diejenigen Mittel Anwendung, welche die oͤrtlich abnorm gesteigerte Produktivitaͤt herabstim- men, wohin sonach der aͤußerliche Gebrauch der Sabina, des Kirschlorbeers, der Cicuta, namentlich im Aufguß als In- jection, gerechnet werden muß. Außerdem ist darauf zu sehen, daß die allgemeine Produktivitaͤt gehoben und geregelt werde, wobey die Stimmung des Nervensystems vorzuͤglich in sofern Beruͤcksichtigung verdient, als bey lebendiger und kraͤftiger Ein- wirkung desselben auch alle aͤhnliche Afterorganisationen um so weniger entstehen und um so leichter verschwinden koͤnnen. Man empfiehlt daher Bewegung in freyer reiner Luft, fleißige Baͤder, Erheiterung des Gemuͤths, maͤßigen Gebrauch eines guten alten Weins, bey sorgfaͤltiger Vermeidung von allem, was Verstopfungen und Congestionen nach den innern Geni- talien erregen oder unterhalten koͤnnte. §. 420. Ganz auf aͤhnliche Weise haben wir ferner zu verfah- ren, wo, obwohl die voͤllige Heilung den Umstaͤnden nach nicht mehr erwartet werden kann, es bloß darauf ankommt, das Fortschreiten des Uebels zu hindern, und es bleibt daher nur noch uͤbrig, von der Milderung der unerlaͤßlich mit groͤ- ßern Geschwuͤlsten dieser Art verbundenen Beschwerden zu spre- chen. Auch hier vermag indeß die Kunst nur wenig. An- ordnung einer sehr maͤßigen, durchaus nicht beschwerenden Diaͤt, Vermeidung heftiger Anstrengungen und starken Pres- sens beym Stuhlgange, wobey diese Geschwuͤlste sich oft noch fester in das kleine Becken hereinsenken, von Zeit zu Zeit ge- reichte blande Abfuͤhrmittel, dieses habe ich immer bey Kran- ken dieser Art am zweckmaͤßigsten gefunden, um ihre Leiden wenigstens in etwas zu maͤßigen. 6. Von den polypoͤsen Auswuͤchsen an der innern Flaͤche der Gebaͤrmutter . §. 421. Die Schleimhaut, welche die verschiedenen Gegenden des Fruchtganges (Fallopische Roͤhren, Uterus und Mutterscheide) uͤberzieht, ist namentlich im Uterus ihrer Natur nach zu einem hohen Grade der Produktivitaͤt bestimmt, Aehnliche Produktivitaͤt zeigen ja auch die Schleimhaͤnte in andern Organen, z. B. der Nasenhoͤhlen und Rachenhoͤhle, ja selbst die Eingeweidewuͤrmer des Darmkanals scheinen Erzeugungen seiner in- nern Flaͤche zu seyn. indem aus ihr sich die sogenannte Flockenhaut zur Befestigung der Frucht entwik- kelt, ja bey vielen Saͤugethieren (namentlich den Wiederkaͤuern) die Kotyledonen aus ihr sich bilden, welche als vollkommen pilzfoͤrmige Erhabenheiten oft zolllang an duͤnnern Stielen uͤber die Gebaͤrmutterflaͤche sich erheben. Es ist daher sehr natuͤr- lich, daß bey abnorm angeregter Bildungsthaͤtigkeit dieser Or- gane, eben so wie in der gesammten Substanz, auch in die- ser Haut Afterorganisationen entstehen, welche dann ihrer Form nach oft auffallende Aehnlichkeit mit jenen Kotyledonen haben und mit dem Namen der Polypen belegt werden. §. 422. Aeußeres und Inneres dieser Auswuͤchse zeigt vielfache Verschiedenheiten; gemeiniglich stellen sie sich in birnfoͤrmiger Gestalt dar, mit dem dicken, abgerundeten Ende abwaͤrts ge- richtet, mit dem duͤnnern Stiele aufwaͤrts ansitzend; zuweilen sind sie auch mehr abgerundet, einem Apfel oder einer Zwie- bel aͤhnlich und mit einer breitern Basis aufsitzend. Ihr In- neres ist aus schwammigem Zellgewebe gebildet, welches reich- lich von Blut durchdrungen ist, dessen Eintritt man sich wohl aus den Venenzellen des Uterus, und zwar ohne besondere Gefaͤße, durch Gaͤnge in diesem schwammigen Zellgewebe zu denken hat, welche Gaͤnge oͤfters (wie ich an zwey betraͤcht- lichen Polypen, so ich in meiner Sammlung bewahre, deut- lich bemerken kann) an der Oberflaͤche durch Poren sich oͤff- nen, woraus zum Theil das haͤufige Aussikern von Blut aus denselben zu erklaͤren ist. — Hr. v. Siebold Handb. uͤber d. Frauenzimmerkrankh. Thl. I. S. 509. erwaͤhnt indeß auch eines mehr hornartigen Polypen, welcher aus ein- zelnen Schichten, gleich der Hornhaut, im Auge zusammen- gesetzt war. Eben so findet man in ihnen zuweilen starke sehnigte Faͤden, Ablagerungen von geronnenem kaͤsigtem Ey- weißstoffe u. s. w. §. 423. Der Ort, wo die Gebaͤrmutterpolypen entstehen, ist ebenfalls verschieden, theils naͤmlich bilden sie sich in dem Grunde der Gebaͤrmutterhoͤhle, theils im Kanale des Mutter- halses, theils am Muttermunde; sie liegen daher zuweilen ganz von den Gebaͤrmutterwaͤnden umschlossen, und sind dann immer vorzuͤglich schwer zu entdecken, zuweilen ragen sie in den Muttermund und in die Mutterscheide herab. Das Letz- tere geschieht immer, wenn der Polyp sich betraͤchtlich zu ver- groͤßern beginnt; sein Wachsthum naͤmlich ist ziemlich dem der vorher beschriebenen Auswuͤchse vergleichbar, anfaͤnglich ist er klein, und wenn er durch gefuͤhlte Beschwerden zuerst ent- deckt wird, oft nur von der Groͤße eines Taubeneyes, spaͤter- hin aber gewinnt er immer mehr Umfang, und man hat deren von mehreren Pfunden Schwere und im Umfange eines Kinderkopfs gefunden. Daß wir als eigentlichen Sitz der Polypen die Schleimhaut der innern Uterinflaͤche betrachten, sie in sofern der Placenta uterina (s. d. 2ten Theil) gleich- stellen und sie daher nicht mit andern Schriftstellern aus der Mittelsubstanz des Uterus ableiten koͤnnen, ist schon oben (§. 421 u. 422.) erwaͤhnt worden. §. 424. Von der Erkenntniß des Gebaͤrmutterpoly- pen . Wie bey den im vorigen Abschnitt betrachteten De- generationen ist auch hier die Erkenntniß oft mit bedeutenden Schwierigkeiten verknuͤpft, und wieder wird zu dieser Erkennt- niß theils die Beachtung der Krankheitsgefuͤhle der Leidenden, theils die geburtshuͤlfliche Untersuchung fuͤhren koͤnnen. Die erstern, welche ziemlich den einzigen Leitfaden abgeben, so lange der Polyp noch voͤllig in der Gebaͤrmutterhoͤhle einge- schlossen ist, sind nun gemeiniglich den Beschwerden einer an- gehenden Schwangerschaft aͤußerst aͤhnlich, ein schwacher Druck in der Beckengegend, oͤftere Kreuzschmerzen, prickelnde Em- pfindungen in den Bruͤsten, Außenbleiben oder Unregelmaͤßig- keit der Menstruation, zuweilen staͤrkerer Blutabgang, Be- schwerden im Uriniren, gestoͤrte Verdauung, Ueblichkeit und Erbrechen lassen hier leicht Verwechselungen mit wirklicher Schwangerschaft zu. Unterscheidung von diesem Zustande wird einigermaßen moͤglich: erstens durch Beruͤcksichtigung des Al- ters, indem Polypen zuweilen auch bey nicht mehr zeugungs- faͤhigen Individuen sich bilden; ferner durch Beruͤcksichtigung des Ganges, welchen die Zufaͤlle nehmen, indem kein so re- gelmaͤßiges Fortschreiten, keine solche stufenweis erfolgende Ver- aͤnderung im Umfange des Leibes, kein solches Vermindern anderweitiger Beschwerden, kein so regelmaͤßiges Wiederkehren und allmaͤhliges Abnehmen der allerdings zuweilen auch bey Schwangern bemerkbaren Menstruation, wie bey wahrer Schwangerschaft bemerkt wird, sondern der Zustand oft halbe Jahre und laͤnger auf der gleichen Stufe verweilt. §. 425. Nimmt der Polyp an Groͤße zu, so werden die Zeichen desselben immer deutlicher, und vorzuͤglich vermag dann die geburtshuͤlfliche Untersuchung bestimmtere Aufschluͤsse zu geben. Die Vaginalportion naͤmlich zeigt sich gewoͤhnlich haͤrter und staͤrker, den Muttermund rundlich, und so wie der Polyp sich gegen und in denselben herabsenkt, wird er geoͤffnet, der Mutterhals verkuͤrzt sich, und in dem Muttermunde wird eine derbe kuglichte Geschwulst, welche bey der Beruͤhrung unschmerzhaft ist, aber leicht blutet, fuͤhlbar (noch leichter freylich wird er durch die Untersuchung entdeckt, wo er ganz am Muttermunde entstanden war). Zugleich nimmt die Aus- dehnung des Uterus zu, der Mastdarm und Blasenhals wer- den gedruͤckt, oͤftere Ergießungen entweder von reinem venoͤ- sem Blute oder von waͤsserigtem, schleimigtem, mit Fasern des Polypen vermischtem, uͤbel riechendem Blute stellen sich ein, der Koͤrper magert ab, Entkraͤftung, Schwindel, bey den Blutungen nicht selten Ohnmachten, Schwere der Glie- der und schleichendes Fieber treten ein. §. 426. In diesem Grade ist nun schon das Uebel mit wahrer Schwangerschaft fast gar nicht mehr zu verwechseln, indem namentlich der sich gleich bleibende geoͤffnete Muttermund, so wie die Art der Ausfluͤsse, die Dauer des Uebels, der Man- gel fuͤhlbarer Kindestheile oder Bewegungen zu sichere Zei- chen sind; dagegen kann jetzt das Uebel leichter mit andern krankhaften Zustaͤnden des Uterus, namentlich mit Vorfall und Umstuͤlpung desselben, verwechselt werden. Dem Vor- falle wird der Polyp aͤhnlicher, wenn er betraͤchtlich in die Vagina herabgesunken ist und an seiner untern Flaͤche etwa eine Vertiefung zeigt, ist jedoch von ersterem bald zu unter- scheiden, weil er unempfindlich ist, weil man durch Sondiren keine wahre Muttermundsoͤffnung entdeckt, weil er unten brei- ter als oben zu seyn pflegt und oben vom Ringe des Mut- termundes umgeben ist. Schwerer ist die Unterscheidung des Polypen von der unvollkommnen Umstuͤlpung der Gebaͤrmutter. Hier sind vorzuͤglich die vorausgegangenen Zustaͤnde zu be- ruͤcksichtigen, der Polyp entsteht nur allmaͤhlig und ohne daß nothwendigerweise eine Geburt vorausgegangen seyn muͤßte, die Umstuͤlpung ist immer die Folge einer regelwidrigen oder vernachlaͤssigten Geburt, sonst kann die unvollkommne Um- stuͤlpung den Polypen oft aͤußerst taͤuschend nachbilden, S. d. interessanten Aufsatz von Hauk uͤber die bisherigen Ausrot- tungsmethoden der Gebaͤrmutterpolypen in Rust Magaz. f. d. ges. Heilk. Bd. IV. Heft 3. so daß nur theils der doch gewoͤhnlich bey Polypen verduͤnnte Stiel, theils und hauptsaͤchlich aber die Empfindlichkeit des umgestuͤlpten Uterus gegen Druck, Kneipen oder gar gegen die umgelegte Ligatur, Gelegenheit geben, diesen Zustand vom Polypen, welcher sich an und fuͤr sich stets unempfindlich zeigt, zu unterscheiden. Uebrigens laͤßt sich allerdings auch der Polyp nicht reponiren, was aber von einer langdauern- den Inversion ebenfalls gilt. §. 427. Nimmt nun der Gebaͤrmutterpolyp noch mehr zu, so draͤngt er sich in die Mutterscheide herein, ja tritt wohl selbst vor dieselbe hervor, erregt heftige Spannung und Schmerzen im Becken, zieht den Grund des Uterus herab, bewirkt Vor- fall oder theilweise Umstuͤlpung, es entstehen die hartnaͤckig- sten Obstructionen und Harnverhaltungen, durch den Druck auf Blut- und Lymphgefaͤße bilden sich Wassersuchten aus, und so kann, verbunden mit Zehrfieber, aͤußerster Entkraͤf- tung und oͤftern Blutungen, der Tod eintreten. Hoͤchst selten ist es, daß, nachdem der Polyp eine bedeutende Groͤße er- reicht hat, er sich selbst abloͤst und ausgestoßen wird, und wenigstens gereicht diese Naturhuͤlfe nicht leicht zum Vortheil der Kranken, da, wie auch Hr. v. Siebold erwaͤhnt, hier- bey stets das Uebel schon auf eine zu hohe Stufe gediehen ist, und auch die Abloͤsung selbst gewoͤhnlich mit starken Blu- tungen erfolgt. — Auch in diesem hoͤchsten Grade ist das Uebel zwar noch manchen andern Krankheiten aͤhnlich, aber doch leicht genug von ihnen zu unterscheiden. Von der gaͤnz- lich vorgefallenen Gebaͤrmutter unterscheidet es sich naͤmlich durch den fehlenden Muttermund, von der vollkommen um- gestuͤlpten Gebaͤrmutter durch die Entstehung, durch die Deroͤ- heit des Stiels, da bey letzterer das obere duͤnnere Ende der vorhaͤngenden Geschwulst weicher ist wegen der Hoͤhlung, und durch die Unempfindiichkeit. §. 428. Aetiologie . Daß wir das Wesentliche dieses Ue- bels in einen krankhaften Bildungsprozeß der innern Ge- baͤrmutterhaut glauben setzen zu muͤssen, ist oben bemerkt worden, und es ist daher jetzt nur noch von den verschiede- nen innern und aͤußern Momenten, welche diese Degeneratio- nen beguͤnstigen, einiges zu erwaͤhnen, obwohl das Meiste dem gleich lauten wird, was wir im vorigen Kapitel uͤber die Entstehung der Steatome u. s. w. aufgefuͤhrt haben. Auch diese polypoͤsen Auswuͤchse naͤmlich kommen haͤufiger bey Per- sonen vor, welche schon geboren haben, bey schlaffer torpider Constitution, und in solchen Jahren, wo schon die wahre Produktivitaͤt des Uterus abnimmt, und eben deshalb die Neigung zu krankhaften Produktionen, vorzuͤglich bey oͤfterem Geschlechtsreiz, zunimmt. Bestimmtere Veranlassung zu diesen Auswuͤchsen wird ferner gegeben durch schwere Geburten, wel- che nicht gehoͤrig behandelt, sondern durch rohes Eingreifen der Kunst beendigt worden sind, besonders uͤble Behandlung der Nachgeburtsperiode, wo, wenn wir auch nicht annehmen, daß Reste der Placenta zu Polypen sich umbilden, doch na- mentlich die innere Flaͤche des Uterus so gereizt wird, daß eben dadurch aͤhnliche Degenerationen der innern Haut nur um so leichter eintreten. Ferner unvollkommen geheilte Syphilis, sehr ausschweifende Lebensart, Mißbrauch geistiger Getraͤnke und anderer erhitzender Dinge u. s. w. §. 429. Von dem Verlaufe , welchen dieses Uebel zu nehmen pflegt, ist bereits in den vorigen §§. bey der Kennzeichen- lehre die Rede gewesen, woraus sich denn auch schon die hier zu stellende Prognose fast von selbst ergiebt, uͤber welche wir daher nur noch Folgendes erinnern. Nothwendig naͤmlich aͤu- ßert sich der Nachtheil derselben zuerst in den Functionen des Geschlechtssystems, in Unordnungen der Menstruation und entweder in voͤlliger Hinderung der Empfaͤngniß oder oͤfterer Veranlassung unzeitiger Geburten, in Veranlassung abnormer Lagen der Gebaͤrmutter, Veranlassung zu Metrorrhagien, Leu- korrhoͤe, ja selbst durch anhaltenden Druck des Polypen auf die Muttermundsraͤnder zu skirrhoͤsen Indurationen derselben. Spaͤterhin droht das Uebel eben so der allgemeinen Lebens- thaͤtigkeit Gefahr. Die Prognose wird daher Ruͤcksicht neh- men zunaͤchst auf die Dauer des Uebels und auf den Grad, welchen dasselbe erreicht hat; ferner auf den Sitz des Poly- pen, in wiefern dieser fuͤr die Leichtigkeit oder Schwierigkeit der Operation wichtig ist, daun auf die uͤbrigen, durch den Polypen bereits veranlaßten oͤrtlichen Leiden, als Vorfaͤlle der Gebaͤrmutter u. s. w., endlich aber insbesondre auf den Zustand der allgemeinen Reproduction und Lebenskraft. Daß uͤbrigens selbst sehr große Polypen nicht nur gluͤcklich besei- tigt werden koͤnnen, sondern selbst Schwangerschaften zuwei- len bald nachher wieder eintreten und regelmaͤßig verlaufen, beweist eine von Sauter erzaͤhlte Beobachtung. S. B. v. Siebold’s Chiron. Bd. II. St. 2. S. 427. §. 430. Behandlung . Das Wesentlichste derselben ist na- tuͤrlich die Entfernung dieser Aftergebilde selbst, da dieselbe hier weit mehr als in den fruͤher betrachteten Degenerationen erleichtert ist. Zu diesem Endzwecke nun stehen vorzuͤglich zwey Wege offen, erstens die Unterbindung, zweytens die Ausrottung durch schneidende Werkzeuge; denn das bloße Ausreißen, Abdrehen und Abkneipen entweder mit der Hand oder durch Polypenzangen ist wegen der Reizung oder Ver- letzung der Uterinsubstanz gar nicht, noch weniger aber die Ausrottung durch erregte Eiterung mittelst des Gluͤheisens oder der Aetzmittel zu empfehlen, indem fuͤr letztere Mittel diese Auswuͤchse theils ihres Orts wegen nicht geeignet sind, theils diese Ausrottung langwierig, schmerzhaft seyn und meistens nur unvollkommen gelingen wuͤrde. — Wir sprechen zuerst von den verschiedenen Methoden der Unterbindung der Gebaͤr- mutterpolypen. §. 431. Man kann aber die Unterbindung dieser Polypen ent- weder durch einen mit bloßer Hand, oder durch den mit In- strumenten umgelegten Faden bewerkstelligen. Die Unterbin- dung mit bloßer Hand ist vorzuͤglich zweckmaͤßig, wo der Polyp entweder aͤußerlich am oder im Muttermunde ansitzt, oder zugleich Vorfall oder Umstuͤlpung des Uterus Statt fin- det. Man bedarf sodann bloß eines hinreichend starken sei- denen oder hanfenen gewaͤchsten Fadens, in welchen man eine Schleife macht, diese, nachdem die Kranke nach gehabter Darm- und Harnausleerung halbsitzend und halbliegend quer auf ein Bett gebracht worden ist (ohngefaͤhr so, wie im zweyten Theile das Lager zum Unternehmen der Wendung beschrieben werden wird), mit einer in die Mutterscheide gebrachten Hand bis an die Wurzel des Polypen herauf leitet, sie dort mit der Hand fixirt und alsdann durch einen Gehuͤlfen zu- ziehen laͤßt, bis der Zug von der Kranken schmerzhaft em- pfunden wird. Hierauf befestigt man den Faden aͤußerlich an einer Leibbinde, und zieht denselben, immer bey einge- brachter Hand, in den naͤchsten Tagen taͤglich einigemal fester zu. — Indem nun aber eben dieses Zuziehen des Fadens oft ohne weitere Huͤlfsmittel etwas schwieriger ist, verdie- nen doch zweckmaͤßig eingerichtete Instrumente, vorzuͤglich die einfacher construirten, namentlich fuͤr alle die Faͤlle empfohlen zu werden, wo der Sitz des Polypen etwas hoͤher ist. §. 432. Unter den verschiedenen Instrumenten aber nennen wir zuerst als eins der einfachsten den von Sauter a. a. O. S. 420. (s. T. I. f. VIII. ) empfohl- nen und dem Boucher ’schen Instrumente nachgebildeten, aus einer Reihe von Paternosterkuͤgelchen und zwey Fuͤhrungsstaͤbchen von Fischbein bestehenden Polypenunterbinder. Hier hat un- teres und oberes Kuͤgelchen zwey Oeffnungen, ein aͤhnlicher Faden wird mit beiden Enden durch die Oeffnungen des ober- sten Kuͤgelchens gesteckt, beide Enden werden durch den ein- fachen Kanal der einigen dreyßig Paternosterkuͤgelchen, und unten wieder einzeln durch die zwey Oeffnungen des unter- sten Kuͤgelchens gefuͤhrt; die Kranke wird ebenfalls in die im vorigen Paragr. beschriebene Lage gebracht, die aus dem ober- sten Kuͤgelchen hervorragende Schlinge wird mittelst der beiden fischbeinernen Fuͤhrungsstaͤbchen gefaßt, bis zur Wurzel dessel- ben auf der hintern Seite heraufgeschoben, woselbst dann die beiden Staͤbchen um die Polypenwurzel herumgefuͤhrt werden, bis die Kuͤgelchenreihe vor dem Polypen liegt, dann zieht man die aus dem untern Kuͤgelchen hervorhaͤngenden Enden an, draͤngt die Kuͤgelchen nach aufwaͤrts, damit sich die Schlinge fest um die Wurzel des Polypen legt, und schlingt dann die heraushangenden Faͤden zu einem Knoten zusammen, welcher ebenfalls nach und nach fester angezogen wird. Aehnlich dem Sauter ’schen ist auch der von Ribke , dessen Ab- bildung man in Rust’s Magaz. Bd. III. Heft I. nachsehen kann. §. 433. Anderer Art sind der Levret ’sche, Nissen ’sche und Joͤrg ’sche Polypenunterbinder. Bey diesen naͤmlich laufen die Enden des Fadens, welcher die Schlinge bildet, in Roͤh- ren. Bey dem von Levret empfohlnen S. d. Abbild. bey Richter Anfangsgruͤnde der Wundatzneyk. Thl. I. S. 414. sind zwey silberne, etwas auswaͤrts gebogene Roͤhren durch ein Gewinde mit einander, gleich einer Zange, vereinigt. Das Instrument soll geschlossen neben dem Polypen bis zur Wurzel eingebracht, dann geoͤffnet werden, wo man dann den Polypen durch des- sen Arme hindurchdraͤngt, die Arme wieder schließt und die unten heraushaͤngenden Fadenenden durch einen Knoten ver- einigt. Dieses Instrument hat indeß, wie schon von Rich- ter Ebendas. S. 415. bemerkt worden, mancherley Unzweckmaͤßiges, vorzuͤg- lich weil die Groͤße und Kruͤmmung des Instruments ver- schieden seyn muß, fuͤr verschiedene Faͤlle, weshalb dasselbe von Nissen Nissen de polypis uteri et vaginae novoque ad eorum ligatu- ram instrumento. Götting. . 1789., und in Richter’s Anfangsgr. der Wundarzneyk. Thl. I. S. 416. dergestalt verbessert worden ist, daß die zwey Roͤhren frey und nach der Beckenkruͤmmung gebogen sind, und nur, wenn sie wie die Fuͤhrungsstaͤbchen des Sauter- schen Instruments, den Faden um die Wurzel des Polypen gelegt haben, durch eine doppelt angeschobene Zwinge verei- nigt werden. Eine Einrichtung, welche endlich von H. Joͤrg Handb. d. Krankheiten des menschl. Weibes, s. d. Kupfert. noch dahin abgeaͤndert worden ist, daß an der untern angeschobenen Zwinge eine Schraube angebracht wurde, durch welche die Enden des Fadens aufgewickelt werden, und die Polypenwurzel ganz allmaͤhlig zusammen zu schnuͤren ist. §. 434. Außer diesen giebt es noch eine nicht unbetraͤchtliche Anzahl aͤhnlicher Instrumente; so empfiehlt Bell A system of operative Anatomy by Charles Bell . Lond. 1814. nach der Anzeige desselben in d. Goͤtting. gelehrten Anz. Nr. 145. und 146. Septb. 1818. , zum Behuf dieser Unterbindungen, bloß einen staͤhlernen Fuͤhrer mit zwey Ringen, durch welche der Faden gezogen wird, so daß die Schlinge aus dem obersten Ringe hervorragt, Diese wird dann um die Wurzel des Polypen gelegt, die Enden des Fadens werden durch den untern Ring angezogen und geknuͤpft. Ferner gehoͤren hierher die von Stark , von Loͤffler , von Desault und Andern angegebenen Instru- mente, welche wir indeß um so eher uͤbergehen koͤnnen, da unter den hier bereits beschriebenen schon eine genuͤgende Aus- wahl fuͤr verschiedene Faͤlle frey steht und namentlich das ganz einfache Sauter ’sche Instrument gewiß nicht leicht seine Dienste versagen wird. §. 435. Es ist daher jetzt nur noch von einigen Zufaͤllen zu sprechen, welche waͤhrend der Abbindung eines Polypen sich zuweilen aͤußern koͤnnen, so wie von der Behandlung, welche nach Statt gehabter Abloͤsung desselben noͤthig wird. Oef- ters naͤmlich entsteht bald nach angelegter Unterbindung hef- tiger Schmerz, mit andern Nervenzufaͤllen gepaart, es ent- steht Fieber und entzuͤndlicher Zustand der Gebaͤrmutter. Man hat sodann gleich zu untersuchen, ob etwa die Ligatur gleich anfaͤnglich zu stark angezogen sey, oder ob sie einen Theil des Uterus mit gefaßt habe, welches dann abzuaͤndern ist, oder endlich, wenn vorher vielleicht die Diagnose noch nicht zur vollkommensten Gewißheit gediehen war, so muͤssen Zu- faͤlle dieser Art sogleich auf voͤllige Loͤsung der Ligatur drin- gen, da selbst von erfahrnen Geburtshelfern zuweilen unvoll- kommne Umstuͤlpungen des Uterus mit Polypen verwechselt wurden. Außerdem kann zur Linderung der bey reizbaren Personen doch zuweilen, auch bey der vorsichtigsten Unter- bindung, eintretenden Zufaͤlle innerlich eine kuͤhlende Emulsion, bey eintretenden Kraͤmpfen etwas Opium u. s. w., aͤußerlich Injectionen von Kamillen-, Valeriana-, Bilsenkraut-Aufguß u. s. w. mit Nutzen Anwendung finden; Stuhl- und Urinver- haltungen werden durch Klystiere und den Catheter beseitigt. Die Kranke muß dabey uͤbrigens ruhig liegen und nur duͤnne und leichte Speisen genießen. §. 436. Faͤngt der Polyp an sich abzuloͤsen, so treibt er sich oft auf, einzelne Theile platzen und ergießen faulichte schlei- migte Fluͤssigkeiten; dann werden aromatische Aufguͤsse von Serpillum u. dgl. nothwendig. Hat er sich endlich am vier- ten bis sechsten oder neunten Tage abgeloͤst, so kann er mit dem Unterbindungsfaden selbst (wenn er nicht allzugroß ist) herausgenommen werden, außerdem entfernt man ihn mit der Polypenzange, mit der Hand, oder (wenn er sehr groß ist, wie bey einem 2 ½ Pfund schweren, von Sauter ope- rirten) mittelst der eingebrachten Geburtszange. Erfolgt bey dem Abfallen etwas staͤrkere Blutung, so macht man von gelind reizenden und zusammenziehenden Injectionen Gebrauch, giebt innerlich etwas Zimmttinktur und verfaͤhrt nach Maaß- gabe der Blutung eben so, wie oben bey den passiven Blu- tungen gelehrt wurde. §. 437. Ist nun aber der Polyp voͤllig beseitigt, und sind die ersten dringendsten Zufaͤlle beruhigt, so erfolgt gewoͤhnlich noch das voͤllige Absterben und Ausrotten der Wurzel durch eine maͤßige Eiterung. Es ist hierbey noch das Geschaͤft des Arztes, theils auf Unterhaltung eines gutartigen Eiters zu sehen, welches nach den Umstaͤnden bey sehr geschwaͤchten Personen durch Injektionen von Chinadekokt mit Kalchwasser, Serpillumaufguß, Myrrhenessenz, oder bey staͤrkern, vollbluͤ- tigern und irritablern Subjekten durch Injektionen von Flie- der- oder Kamillenaufgusse geschieht; theils auf Besserung der allgemeinen Reproduction und Hebung der Kraͤfte Ruͤcksicht zu nehmen. Man ordnet zu diesem Behuf den Gebrauch der China innerlich an, giebt eine leicht verdauliche, nahrhafte Diaͤt, und laͤßt spaͤterhin, zur voͤlligen Wiederherstellung der Gesundheit, eisenhaltige Baͤder besuchen, oder auch wohl aͤhn- liche Mineralwaͤsser innerlich gebrauchen. I. Theil. 22 §. 438. Wir haben nun noch von der zweyten Art der Be- handlung, naͤmlich von dem Ausschneiden der Polypen zu sprechen. Fruͤher hat man diese Methode wenig angewendet, und sie auf die Faͤlle eingeschraͤnkt, S. Richter Anfangsgr. d. W. Th. I. S. 419. wo der Polyp einen sehnigten Stiel hat, oder in der Mutterscheide sitzt, oder we- nigstens tief in dieselbe herabgetreten ist, obwohl man auch fuͤr diese Faͤlle vor dem Ausschneiden das Anlegen einer Un- terbindung empfahl. Neuerlich hat man hingegen die Aus- rottungen durch schneidende Instrumente weit allgemeiner so- wohl empfohlen, als wirklich ausgefuͤhrt. H. Osiander namentlich stimmte zunaͤchst fuͤr diese Operationsweise, und ihm hat sich auch H. v. Siebold angeschlossen. Man ver- richtet das Ausschneiden aber, wie schon von Richter be- merkt worden ist, am schicklichsten mittelst einer langen, vorn abgerundeten und stumpfen Scheere, mit etwas auf der brei- ten Seite aufwaͤrts gekruͤmmten Blaͤttern, oder (obwohl we- niger passend, wegen leicht moͤglicher Verletzung der Geburts- theile) mittelst eines schneidenden Hakens, wie man deren sich fruͤher zur Zerstuͤckung des Kindes bediente; und dafern man wirklich sicher seyn kann, daß solche Afterorganisationen sich nach dem Ausschneiden nicht leicht von neuem wie- dererzeugen , so verdient allerdings diese Methode, ihrer Sicherheit, Schnelligkeit und Schmerzlosigkeit wegen, alle Empfehlung, wobey auch die vielleicht anfaͤnglich etwas staͤr- kere Blutung eben nicht sehr zu scheuen seyn wuͤrde. — Die Behandlung auch nach dieser Art der Ausrottung wird uͤbri- gens ziemlich wieder dieselbe seyn koͤnnen, welche wir em- pfohlen haben fuͤr die Ausrottung durch die Anterbindung (die indeß doch fuͤr manche Faͤlle, vorzuͤglich groͤßerer Poly- pen, oder wo die Diagnose noch nicht ganz fest steht, stets ihre Vorzuͤge behalten duͤrfte). 7. Von der boͤsartigen Verhaͤrtung und dem offenen Krebse der Gebaͤrmutter ( Scirrhus et Carcinoma uteri ). §. 439. Mit diesen Namen belegen wir diejenigen hoͤchst ge- faͤhrlichen und leider in diesen Tagen nicht allzuseltnen Me- tamorphosen der Gebaͤrmuttersubstanz, wo dieselbe von einer harten, schmerzhaften, vorzuͤglich vom Muttermunde ausgehen- den Geschwulst, namentlich in der zweyten Haͤlfte der zeu- gungsfaͤhigen Lebensperiode, befallen wird, welche nach und nach an Umfang, Empfindlichkeit und Derbheit zunimmt, und endlich, oft angeregt durch die Revolution, welche der Koͤrper in den klimakterischen Jahren erleidet, uͤbergeht in geschwuͤrige Aufloͤsung der Substanz, mit immer zunehmen- den Schmerzen, Ausfließen einer hoͤchst uͤbelriechenden Jauche, wobey denn haͤufig, unter immer zunehmender Entkraͤftung, bey oͤfterm Blutverlust und voͤlliger Zerstoͤrung eines großen Theils des Uterus, nur der Tod diesen Leiden das erwuͤnschte Ende giebt. §. 440. In wiefern nun dieses Uebel oft einen sehr kleinen und verborgenen Anfang nimmt, oft Jahre lang von den Kranken ohne bedeutende Beschwerden getragen, oder wenigstens leicht mit andern Zufaͤllen verwechselt wird, dann aber, wenn es mit voller Heftigkeit hervorbricht, auch oft schon einen Grad erreicht hat, wo es der Heilung bereits unuͤbersteigliche Hin- dernisse entgegensetzt, muß es hier von groͤßter Wichtigkeit seyn, die Kennzeichen dieser Krankheit moͤglichst ge- nau festzustellen. §. 441. Wir unterscheiden auch hier wieder solche Merkmale, welche in die Perceptionssphaͤre der Kranken fallen, und solche, welche durch aͤußere und innere aͤrztliche und geburtshuͤlfliche Untersuchung ausgemittelt werden. Was die erstern betrifft, so bemerken die Kranken anfaͤnglich leichtere schmerzhafte Em- pfindungen in der Tiefe des Beckens, welche nicht andauernd sind, sondern durch den Coitus, oder waͤhrend des Eintritts der monatlichen Periode, beym Urinlassen, beym Stuhlgange, bey staͤrkerer Betastung des Unterleibes oder inneren Unter- suchungen, zuweilen auch bey Witterungsveraͤnderungen hervor- treten. Nach und nach werden diese Empfindungen staͤrker, anhaltender, und verrathen sich besonders durch das Gefuͤhl von Stechen oder Brennen, welches immer von einem Punkte ausgeht und oft die ganze Tiefe des Beckens durch- dringt. Hierzu gesellt sich oft Schwere, ziehender Schmerz oder Laͤhmung eines oder beider Schenkel, und varikoͤse An- schwellungen an denselben; die Kranken bemerken schmerzhafte, oft ebenfalls skirrhoͤs verhaͤrtete Stellen in den Bruͤsten, sie bemerken, daß die Menstruation weniger regelmaͤßig erscheint, alle Zufaͤlle um diese Zeit bedeutend zunehmen, daß das mo- natliche Blut selbst unregelmaͤßig gemischt ist, waͤsserig, rie- chend und mißfarbig erscheint, und aͤhnliche Ausfluͤsse allmaͤh- lig auch außer der Monatszeit sich einstellen; ferner treten Stoͤrungen der Verdauung, Magendruͤcken, falscher Geschmack, belegte Zunge, Ueblichkeit, Erbrechen hinzu, der Schlaf wird unruhig, und durch die oͤftern vorzuͤglich Abends haͤufiger wiederkehrenden Schmerzen und Fieberbewegungen unterbro- chen, die Kraͤfte sinken, und die Kranken, welche oft schon anfaͤnglich eine auffallend graue gelbliche Hautfarbe haben, bekommen dieses kachektische Ansehen immer mehr. §. 442. Geht nun das Uebel in Krebsgeschwuͤr uͤber, so werden alle vorhergenannten Zufaͤlle immer heftiger. Die Schmerzen pflegen oft in der Nacht mit unausstehlicher Heftigkeit sich einzustellen, die Functionen der benachbarten Theile des Darm- kanals und der Harnwege werden immer mehr gestoͤrt, die Kranke vermag das Bett nicht mehr zu verlassen, ein haͤßlich riechender Ausfluß ist fortwaͤhrend vorhanden und veranlaßt haͤufig Excoriationen der aͤußern Geburtstheile, ein schleichen- des Fieber und immer staͤrkere Abzehrung des Koͤrpers stellen sich ein, und unter der abfließenden Janche werden nicht selten klei- nere oder groͤßere abgeloͤste schwammige faulige Stuͤcke der ver- dorbenen Gebaͤrmuttersubstanz bemerkt. §. 443. Die Zeichen betreffend, welche durch aͤußere und innere geburtshuͤlfliche Untersuchung aufgefunden werden, so gehoͤren dahin verhaͤrtete schmerzhafte Knoten in den Bruͤsten, der Unter- leib ist, wenigstens durch den Uterus, selten aufgetrieben, allein bey der aͤußern Beruͤhrung, oder vielmehr bey dem tiefern Ein- greifen der Hand uͤber den Schambogen schmerzhaft; die aͤußern Geburtstheile sind zuweilen oͤdematoͤs, zuweilen, ohngefaͤhr wie bey einer Woͤchnerin, mehr kuͤhl und schlaff anzufuͤhlen. Bey der innern Untersuchung durch die Mutterscheide (welche fuͤr die Diagnose hier uͤberhaupt die wichtigste und entscheidenste ist) zeigt sich namentlich der Muttermund und Mutterhals, so lange das Uebel noch auf einer fruͤhern Stufe verweilt, in begraͤnzten Stellen verhaͤrtet und hoͤchst empfindlich; wenn die Krankheit be- reits weiter um sich gegriffen hat, ist die Vaginalportion zugleich aufgetrieben, die Muttermundslippen sind ungleich, hoͤckerig und hart anzufuͤhlen, die Mutterscheide ist schlaff und an ihren Waͤnden mit riechendem, mißfarbigem Schleim uͤberzogen, die Kranke klagt bey der Untersuchung uͤber heftige Schmerzen. §. 444. Bey voͤllig ausgebrochenem Carcinom werden die Raͤnder des Muttermundes noch unebner und wie ausgenagt sich darstel- len, ein bedeutender Theil, ja oft die ganze Vaginalportion, ist verschwunden, die ausfließende Jauche ist von dem unertraͤglich- sten Geruche begleitet, oft ist ein Theil der Vagina selbst mit ergriffen und mit hoͤckerigten Geschwuͤren bedeckt, ja selbst die Harnwege werden mit davon ergriffen gefunden. Geht man etwas in den Kanal des Mutterhalses ein, so findet man diesen voll schwammiger, leicht blutender Excrescenzen, und durch das Scheidengewoͤlbe, oft noch deutlicher bey der Untersuchung durch den Mastdarm entdeckt man auch den Gebaͤrmutterkoͤrper auf- getrieben und verhaͤrtet, ja zuweilen selbst die Waͤnde des Rectums angegriffen; wie denn die Zerstoͤrungen dieser Krank- heit sich nicht nur auf die Muttertrompeten, Ovarien und Mutterscheide, sondern auf die ganzen Beckeneingeweide fort- setzen koͤnnen. §. 445. Wenn nun auch aus den angegebenen Zeichen sich er- giebt, daß das voͤllig entwickelte Uebel nicht leicht zu ver- kennen sey, und im letzten Grade schwer eine Verwechselung mit andern gedacht werden koͤnne, so ist dagegen eine solche Verwechselung in fruͤhern Perioden um so leichter moͤglich, und zwar zunaͤchst mit gutartigen Verhaͤrtungen, welche oͤf- ters, wie auch H. Wenzel Krankh iten des Uterus. S. 117. bemerkte, nach lang dauern- den Unterdruͤckungen der Monatsreinigung in Folge anderwei- tiger Krankheiten eintreten und wobey der Muttermund un- gewoͤhnlich hart, aufgeschwollen, mitunter wohl auch ungleich und empfindlich gefuͤhlt wird, welches indeß dann gewoͤhnlich rein von Stockungen und Venenerweiterungen in der Substanz des Uterus abhaͤngig ist und sich daher bey wieder eintreten- der Menstruation wieder verliert. Aehnliche Aufschwellungen bleiben, wie ich ebenfalls mehrmals bemerkte und auch von H. v. Siebold Handbuch der Frauenzimmerkrankheiten. Thl. I. S. 488. , einstimmend mit H. Osiander , an- gefuͤhrt wird, oͤfters nach schweren natuͤrlichen oder kuͤnstli- chen Geburten zuruͤck, sind wohl mit wahren Haͤmorrhoidal- zufaͤllen verknuͤpft, und zertheilen sich demohnerachtet unter zweckmaͤßiger Leitung oft vollkommen, ohne alle Neigung zum Uebergange in offenes Krebsgeschwuͤr. — Die Beachtung der Entstehungsweise, die bessere allgemeine Constitution, das weniger lebhafte Umsichgreifen des Uebels, die mindere Schmerz- haftigkeit lassen indeß den Unterschied bald erkennen. §. 446. Weniger leicht koͤnnen die Zufaͤlle der skirrhoͤsen Ver- haͤrtung des Uterus fuͤr bloße schmerzhafte oder unordentliche Menstruation aus Ursache allgemeinen krankhaften Zustandes des Nerven- oder Gefaͤßsystems genommen werden, obwohl fruͤher schon (§. 178. u. 191.) bemerkt worden ist, daß gar nicht selten Verbildungen der Geschlechtsorgane und nament- lich selbst skirrhoͤse Verhaͤrtungen diesen Regelwidrigkeiten der Menstruation zum Grunde liegen. — Die geburtshuͤlfliche innere Untersuchung kann hier die Diagnose bald berichtigen. Eben so wenig ist bey genauerer Untersuchung die Verwechse- lung mit zu starker Menstruation moͤglich, da, wenn die Zufalle des Gebaͤrmutterkrebses bis dahin gediehen sind, daß passive Blutungen sich einstellen, auch die innere Exploration schon bedeutende Zerstoͤrungen stets wahrnehmen lassen wird. — Eher waͤre, wegen der oft waͤhrend des Krebses im Mutter- halse sich bildenden fungoͤsen Auswuͤchse eine Verwechselung mit dem Gebaͤrmutterpolypen denkbar, obwohl auch hier die Geschichte der Krankheit und namentlich die weit mindere Schmerzhaftigkeit des Polypen Aufschlnß giebt. §. 447. Endlich ist es wohl auch zuweilen der Fall gewesen, und anch mir vorgekommen, daß unwissende Land- und Wund- aͤrzte, oder Hebammen, den Gebaͤrmutterkrebs mit angehen- der Schwangerschaft oder mit einem Vorfalle der Gebaͤrmut- ter verwechselt haben; allein von beiden Zustaͤnden ist der Unterschied deutlich aufzufinden, nur wenn, was allerdings selten der Fall, aber doch mehrmals wirklich beobachtet wor- den ist, mit Skirrhus oder Carcinom die Schwangerschaft sich verbindet, wird die Diagnose sowohl des Uebels als der Schwangerschaft betraͤchtlich erschwert, indem es dann oft ungewiß bleibt, welche Zufaͤlle dem Uebel und welche den phy- siologischen und gesunden Veraͤnderungen durch Schwanger- schaft zuzuschreiben sind. — Besonders ist hier das Verglei- chen der Resultate innerer und aͤußerer Untersuchung wichtig; bey der Schwangerschaft naͤmlich schwillt der Leib nach und nach, und zwar in regelmaßiger Aufeinanderfolge an, spaͤ- terhin sind wohl bey genauer Untersuchung, zumal da hier der Koͤrper abgemagert zu seyn pflegt, aͤußerlich Kindestheile oder die Fluctuation des Fruchtwassers zu fuͤhlen, da hin- gegen beym bloßen Carcinom der Uterus selbst gar nicht be- deutend anzuschwellen und uͤber das Becken sich zu erheben pflegt, wodurch denn namentlich auch Erkenntniß der Ver- bindung dieser Zustaͤnde moͤglich wird. Innerlich ist die Ver- kuͤrzung der Vaginalportion durch Erosion, und der harte, ungleiche, oft mehr runde Muttermund beym Carcinom, wenn beide Zustande gesondert vorkommen, leicht von dem natuͤrlich verstreichenden Mutterhals und dem turgescirenden runden Muttermunde bey Schwangern zu unterscheiden. Uebrigens verlieren sich gewoͤhnlich die Beschwerden der Schwangerschaft und die vielleicht anfaͤnglich noch fließende Menstruation spaͤ- terhin mehr und mehr, bey dem Krebs nehmen diese Zufaͤlle, je laͤnger das Uebel dauert, um so mehr zu; charakteristisch aber vorzuͤglich sind die große Empfindlichkeit und die heftigen Schmerzen des Uterus. §. 448. Aetiologie . Worin besteht das Wesentliche der skirrhoͤ- sen Verhaͤrtung und des Krebsgeschwuͤrs? — Diese Frage hat die Pathologen von jeher vielfach beschaͤftigt; ist es ein specifisches, an einem Punkte ausgesondertes und entstehen- des Gift, ist es eine bloße Abart der Entzuͤndung, ist es oͤrtliches Offenbaren einer allgemeinen fehlerhaften Constitution und Saͤftemischung, ist es eine rein oͤrtliche Degeneration der Substanz? daruͤber wuͤnschte man ins Klare zu kommen. — Wir wollen versuchen, ob eine ganz einfache Betrachtung des Ganges dieser Krankheit hieruͤber einigen Ausschluß gewaͤhren kann. — So wie aber das Leben uͤberhaupt, so kann auch die Krankheit nur unter Zusammenwirkung eines innern und aͤußern Moments entstehen und bestehen, und es ist eine rein oͤrtliche Krankheit ohne Beywirkung des Allgemeinen nicht denkbar, da ja jedes Einzelne nur eben stets durch das Ganze, und in wiefern es im Ganzen ist, besteht und lebt. — An diese Saͤtze glauben wir erinnern zu muͤssen, insbesondre wenn man in das Wesen einer so viel Eigenthuͤmliches darbieten- den Krankheit, wie Skirrhus und Krebs, einzudringen hofft. §. 449. So viel ist nun aber hierbey sicher, die Wurzel des Uebels ist krankhafte Verdichtung einer organischen Substanz . Diese Verdichtung selbst entsteht aber offenbar auf mehrfache Weise, theils durch vora n sgegangene Entzuͤn- dung und erfolgte Ausschwitzung, theils durch eine ohne wahre Entzuͤndungszufaͤlle eintretende krankhafte Metamorphose, durch Degeneration (s. §. 328.), theils wohl auch durch anhalten- den Druck, durch Zusammenpressung und mechanische Ver- dichtung der Substanz unmittelbar, welches der Fall zu seyn scheint, wenn durch druͤckende Schnuͤrbruͤste sich Krebsknoten in den Bruͤsten, und zwar den Kranken oft voͤllig unbemerkt, bis sie dieselben zufaͤllig entdecken, bilden, wenn durch Druck von falsch gelegten oder unpassenden Mutterkraͤnzen, oder durch Druck von in den Muttermund gedraͤngten Polypen nach und nach Scirrhus uteri entsteht. — Durch eine be- deutende krankhafte Verdichtung organischer Masse muß die- selbe nothwendig dem lebendigen Stoffwechsel mit der Ge- sammtheit des Organismus entzogen werden; es wird eine solche Stelle fuͤr den uͤbrigen Koͤrper oft ein wahrhaft frem- der Theil. Ein solcher fremder Koͤrper aber innerhalb der Graͤnzen des Organismus ist dem Wesen desselben, wo alles ineinander greifen, alles durch und in einander bestehen soll, zuwider; es wird daher die Reaction des Allgemeinen gegen dieses Besondere angeregt, es vermehrt sich der Zudrang von Saͤften, um diese Stelle entweder wieder aufzuloͤsen oder durch irgend einen andern Weg auszusondern, ja zu zer- stoͤren. §. 450. Ist nun die allgemeine Reproduction kraͤftig und nicht durch anderweitige Krankheitsspuren gestoͤrt, so gelingt wohl auch unter schicklicher Leitung diese Aufloͤsung vollkommen; da indeß dieses seltner der Fall ist, eben weil in solchen gesun- den Koͤrpern das Uebel weniger leicht sich entwickelt, so ent- steht nun am gewoͤhnlichsten im Umkreise der Verhaͤrtung und selbst in den Gefaͤßen, welche noch in die verhaͤrtete Stelle eindringen, ein Entzuͤndungszustand, welcher durch den Reiz dieses Koͤrpers stets unterhalten wird, durch Brennen, Ste- chen, große Empfindlichkeit, ja selbst Fieberbewegungen sich zu erkennen giebt, und wobey denn eben bey diesem staͤrkern Zudraͤngen plastischer Stoffe die Dichtigkeit, so wie die Groͤße der verhaͤrteten Stelle, immer mehr zunehmen muß (indem ein solcher Punkt gleich einem Punctum ossificationis durch stete Anlegung neuer Schichten von außen waͤchst), zugleich aber das allgemeine Befinden durch diesen steten gereizten Zustand des Gefaͤßsystems gestoͤrt und endlich zerruͤttet wird, woher das kachektische Ansehen solcher Kranken, ihr Mangel an Eßlust u. s. w. sich erklaͤren. §. 451. Hat nun das Uebel auf dieser Stufe laͤngere Zeit be- standen, so kann durch innere oder aͤußere Momente, welche den Zufluß von Saͤften ploͤtzlich noch mehr steigern, der Ue- bergang der Entzuͤndung in Eiterung, d. i. in Aufloͤsung der festen Substanz in fluͤssige, leicht befoͤrdert werden. Die sonderbare Ansicht Bayle’s , daß diese Krebsgeschwuͤre des Uterus die Ursache des Skirrhus benachbarter Theile seyen (s. d. Auszug von dessen im Journal de Medicine gegebenen Abhandlung im Jahrg. 1805. der allgem. medic. Annal. S. 809.), erwaͤhnen wir hierbey nur historisch, da eine ausfuͤhrliche Widerlegung dersel- ben wohl uͤberfluͤssig ist. Allein die Aufloͤsung eines Theils, welcher schon in dem Maaße, wie der Skirrhus, von reiner organischer Struktur abgewi- chen und von dem Gesunden gleichsam abgesondert ist, eine Aufloͤsung ferner, welche Statt findet in einer schon halbzer- ruͤtteten, gewoͤhnlich schon vor Entstehung des Skirrhus ka- chektischen und durch die chronische Entzuͤndung noch mehr geschwaͤchten Constitution, kann unmoͤglich eine gutartige seyn, sie wird im Gegentheil der faulichten Aufloͤsung nahe kommen; daher denn das Eigenthuͤmliche der abgesonderten Krebsjauche, welche, wenn auch durch Aliberts Salzburg. med. chirurg. Zeit. 1809. Februar. Inoculationsversuche voͤllig dargethan seyn sollte, daß sie fuͤr den gesunden Koͤrper keine Ansteckungskraft besitzt, und wir auch, wie bereits H. Wenzel S. dessen Werk uͤber die Krankheiten d. Uterus (S. 119.) und uͤber die Induration und das Geschwuͤr in indurirten Theilen. Mainz 1815. 8. bemerkt hat, an keine wirklich chemisch aufloͤ- sende und corrodirende Eigenschaft derselben zu glauben Ur- sache haben, doch gewiß fuͤr die benachbarten Flaͤchen des kranken Theils selbst, d. i. fuͤr die Waͤnde des Geschwuͤrs als Reiz wirkt, wodurch die Entzuͤndung immer mehr unter- halten, die skirrhoͤse Verhaͤrtung immer weiter ausgebreitet, und, in Folge derselben, die Zerstoͤrung und Aufloͤsung immer weiter fortgepflanzt wird, wobey denn nicht selten ganze Par- tien des Uterus, auch ohne vorher wahrhaft aufgeloͤst zu seyn, sich absondern und im eigentlichen Sinne abfaulen. §. 452. Wenn nun sonach das Wesentliche dieser Krankheit nicht sowohl in einem Moment allein, als vielmehr in dem Zu- sammentreffen mehrerer verschiedenartiger all- gemeiner und besonderer auf einem Punkte , zu beruhen scheint (woraus sich denn auch die Antworten auf mehrere der genannten Fragen §. 448. ergeben), so blei- ben hiernaͤchst noch die einzeln entfernter und veranlas- send wirkenden Ursachen etwas naͤher zu erwaͤgen uͤbrig. — Zustaͤnde, welche namentlich zur Entstehung der skirrhoͤsen Verhaͤrtung und des Krebsgeschwuͤrs beytragen, sind aber theils allgemeine skrophuloͤse Constitution, deprimi- rende Gemuͤthszustaͤnde, Unordnungen im Pfortadersystem, sy- philitische Ansteckung, hysterische Zustaͤnde, ganz unbefriedig- ter Geschlechtstrieb, Unterdruͤckungen der Menstruation, des Haͤmorrhoidal- oder weißen Flusses; ferner wird noch be- stimmtere Veranlassung dazu gegeben durch schwere Geburten, besonders durch gewaltsame, mit Instrumenten verrichtete kuͤnstliche Eroͤffnung des Muttermundes, roh ausgefuͤhrte Zan- genentbindungen bey nicht sattsam erweitertem Muttermunde, gewaltsame Lostrennung der Nachgeburt; durch ausschwei- fende Lebensart, stark zusammenziehende, kalte oder reizende Injectionen oder Tampons. Alles Dinge, welche vorzuͤglich den Muttermund und die Vaginalportion heftig reizen, wo- durch, zumal da gerade diese Gegend die nervenreichste am Uterus ist (in sofern man diesen Ausdruck von einem uͤber- haupt so nervenarmen Gebilde brauchen kann), Congestionen, Entzuͤndungen und Degenerationen so leicht verursacht werden, und wodurch es erklaͤrlich wird, warum, wenn unter Be- guͤnstigung der allgemeinen Constitution Krebs entsteht, dieser fast immer vom Muttermunde beginnt. §. 453. Noch naͤhere Veranlassung zu Entstehung skirrhoͤser Ver- haͤrtungen geben ferner oft unvollkommen zertheilte Entzuͤn- dungen bey vernachlaͤssigten Puerperalfiebern oder nach Unter- druͤckungen gewohnter Secretionen entstanden, Mißbrauch er- hitzender Abfuͤhr- oder treibender Mittel; ferner das unter- lassene Selbststillen bey Personen, welche doch ihrem Allge- meinbefinden nach recht wohl haͤtten stillen koͤnnen (eine in unsern Tagen gewiß nebst dem Uebermaaße im Geschlechts- genusse nicht selten Statt findende Ursache); eben so die Aus- schweifungen im Genuß spirituoͤser, gewuͤrzhafter Dinge, das unter den Damen nicht selten herrschende uͤbermaͤßige Kaffee- und Theetrinken, der Genuß von Liqueur, Chokolade u. s. w. — Endlich auch die Periode des weiblichen Lebens selbst, in wel- cher die Menstruation naturgemaͤß cessirt, namentlich wenn auch hier fruchtlose Geschlechtsreizungen und sonst ungeordnete Lebensweise andauern. — Von welchen Einfluͤssen denn saͤmmt- lich noch zu bemerken ist, daß so wie sie eines Theils im Stande sind, die skirrhoͤse Verhaͤrtung zunaͤchst zu erzeugen, sie andern Theils auch, wenn sie bey schon entwickeltem Skirrhus einwirken, den Uebergang in offenes Krebsgeschwuͤr befoͤrdern. §. 454. Von dem Verlaufe , welchen diese Krankheit zu neh- men pflegt, hat bereits die vorhergegangene Beschreibung ihrer Kennzeichen ein Bild gegeben, und eben so wird sich daraus leicht, was uͤber die Prognose bey derselben zu sagen ist, abnehmen lassen. Im Ganzen naͤmlich ist allerdings die Vor- hersagung aͤußerst unguͤnstig, denn selbst kleine Skirrhen ver- groͤßern sich oft schnell und unaufhaltsam, werden oft der aͤrztlichen Untersuchung erst auf einer Stufe betraͤchtlicher Aus- bildung unterworfen, lassen bey ihrer versteckten Lage weit schwerer voͤllige Ausrottung zu, und eben so wenig Erfolg ist oft von den wirksamsten innern oder aͤußern Arzneymitteln zu erwarten. — Etwas besser wird demohnerachtet immer noch die Prognose gestellt werden koͤnnen, so lange das Uebel noch neu ist, so lange noch die allgemeine Constitution weniger angegriffen und zerruͤttet ist, so lange die benachbarten Theile noch ganz frey sind und das Uebel auf die Vaginalportion allein eingeschraͤnkt ist, sobald die Ursachen des Uebels voll- kommen klar und heilbarer Art (z. B. syphilitisch) sind, vor- zuͤglich aber sobald das Uebel noch bloß als Verhaͤrtung er- scheint und der Uebergang in offenes Krebsgeschwuͤr noch nicht eingetreten ist; in welchem letztern Falle, sobald namentlich der groͤßere Theil bereits zerstoͤrt ist, Heilung fast immer un- moͤglich bleibt, außer zuweilen durch eine Operation, fuͤr welche dann die Ausfuͤhrung sowohl als der Ausgang noch guͤnstiger seyn wird, wenn mit der Induration und dem Ge- schwuͤr des Uterus eine betraͤchtliche Herabsenkung in das kleine Becken verbunden ist. §. 455. Behandlung . Zuvoͤrderst ist hier zu betrachten, was durch Arzneymittel fuͤr Linderung und Heilung eines so boͤs- artigen Uebels geschehen kann, sodann von der operativen Kunsthuͤlfe zu sprechen. Fuͤr dynamische Behandlung des Skirrhus aber (denn bey ausgebrochenem Geschwuͤr scheint uͤberhaupt der dynamische Weg wenigstens fuͤr die Hei- lung nicht gefunden) glauben wir folgende Indicationen auf- stellen zu muͤssen: erstens , die veranlassenden, noch fort- wirkenden Ursachen des Uebels aufzusuchen und zu entfer- nen: — Hierhin gehoͤrt also die Hinwegnahme druͤckender Pessarien oder im Muttermunde liegender Polypen, so wie die Entfernung aller in Lebensart und Diaͤt das Geschlechtssystem heftig anregender Momente, ferner Behandlung und Herstel- lung des unterdruͤckten Menstrual- oder weißen Flusses nach oben angegebenen Regeln, Beruͤcksichtigung unterdruͤckter Haut- ausschlaͤge, welche, wo sie nicht wieder herzustellen sind, durch anderweitige Absonderungen, kuͤnstliche Geschwuͤre, auf- gelegten Seidelbast u. s. w. zu ersetzen sind, und endlich Be- seitigung etwaiger verborgener Krankheitsstoffe, vorzuͤglich sy- philitischer Zustaͤnde. §. 456. Zweyte Indication : Die mit dem Skirrhus stets verbundene schleichende Entzuͤndung zu mindern und ihrem Charakter gemaͤß zu behandeln. Man erreicht dies theils durch Beruͤcksichtigung des Zustandes benachbarter Organe, und namentlich des Darmkanals, welcher zunaͤchst frey von allen Obstructionen und Congestionen gehalten werden muß, zu welchem Zwecke daher blande Abfuͤhrmittel aus Tamarinden, Manna, tartarisirtem Weinstein, milde Lavements u. s. w. aͤußerst nuͤtzlich wirken, wobey denn auch die Diaͤt dem ent- sprechen und mehr aus gelind naͤhrenden, leichten, kuͤhlenden, vegetabilischen Stoffen gewaͤhlt werden muß, indem zum Ge- traͤnk Molken, Emulsionen u. s. w. empfohlen werden. Fer- ner wirken Mittel, welche das Gleichgewicht allgemeiner Cir- culation befoͤrdern, aͤußerst wohlthaͤtig, wie das laue Bad; und eben so ist durch ableitende und den Blutandrang gegen die gereizte Stelle direkt schwaͤchende Mittel wesentlich zu nuͤtzen, zu welchem Zwecke denn Blutigel an das Mittel- fleisch, oder an die regio hypogastrica, Fontanelle an die Schenkel anzuwenden sind, und Freyheit der Hautthaͤtigkeit erhalten werden muß. Zugleich nimmt man auf den mit dieser Entzuͤndung sich verbindenden heftigen Nervenreiz Ruͤck- sicht, zu welchem Zweck zwar schon die meisten der genannten Mittel mit hinwirken, obwohl auch noch außerdem Halb- baͤder oder Injectionen mit dem Absude von Mohnkoͤpfen, von Cicuta und Bilsenkraut zu diesem Behuf, so wie Einrei- bungen vom Oleo Hyoscyami in den Unterleib, bey hefti- gen Schmerzen selbst Klystiere mit etwas Laudanum, oder kleine Opiate innerlich nuͤtzlich werden. §. 457. Vorzuͤglich endlich ist jedoch von den Mitteln Gebrauch zu machen, welche die Reproduction in den kleinen Gefaͤßen herabsetzen, deshalb bey aͤhnlichen chronischen Entzuͤndungen uͤberhaupt so wohlthaͤtig wirken, und unter welchen die Queck- silberpraͤparate oben anstehen, theils innerlich das Calomel, oder Hahnemann’s Mercurius solubilis in kleinen Dosen, vorzuͤglich in Pillenform mit aufloͤsenden Extrakten, theils aͤußerlich als Einreibung die Merkurialsalbe in die regio hy- pogastrica. Ferner scheinen die guͤnstigen Wirkungen, welche man oͤfters in aͤhnlichen Faͤllen vom Extract. Cicutae, von der Belladona und der Aqua Leurocerasi innerlich, und von dem Absud der Cicuta und der Kirschlorbeerblaͤtter aͤußer- lich bemerkt hat, ebenfalls hierher gerechnet werden zu muͤs- sen. — Selten ist es, daß die Entzuͤndung im Umfange der Verhaͤrtung einen so hohen Grad erreicht, daß sie uͤber den groͤßern Umfang der Gebaͤrmutter sich verbreitet, Fieber und die uͤbrigen Zufaͤlle der Metritis erregt, wobey denn ganz ein aͤhnliches Verfahren, wie bey der Metritis selbst (s. §. 340 u. f.), eintreten muͤßte. §. 458. Die dritte Indication wuͤrde den Stand des all- gemeinen Befindens und vorzuͤglich der Reproduction betref- fen, in welcher Hinsicht auf Verbesserung der allgemeinen Constitution durch Erhaltung und Hebung assimilativer Thaͤ- tigkeit der Verdauungsorgane, durch den Aufenthalt in freyer gesunder Luft, durch Aufheiterung des Gemuͤths und maͤßige Bewegung hingewirkt werden muß. Staͤrkende Arzneymittel, wie China, Wein, Eisen u. dgl., sind jedoch immer nur hoͤchst sparsam oder gar nicht anzuwenden, indem gewoͤhnlich auf der einen Seite hierbey mehr geschadet wird (naͤmlich in Er- hoͤhung des oͤrtlichen Entzuͤndungszustandes), als im Allge- meinen (durch Erhoͤhung der Lebensthaͤtigkeit) genuͤtzt werden kann. Wichtiger sind daher vorzuͤglich bey scrophuloͤsem Ha- bitus, die Mittel, welche das Lymphsystem in Anspruch neh- men und eben dadurch, unterstuͤtzt von den Baͤdern, Injectio- nen, Einreibungen u. s. w., das Zuruͤckbilden jener Verhaͤr- tungen und die Aufloͤsung derselben beguͤnstigen, zu welchem Behufe denn, außer den oben schon in anderer Hinsicht em- pfohlnen Merkurialien, der Cicuta und Belladona, noch die frischen bittern und seifenhaften ausgepreßten Kraͤutersaͤfte gehoͤren. §. 459. Ist nun aber schon, selbst bey geringern Graden des Skirrhus, die aͤrztliche Behandlung oft keineswegs von ge- wuͤnschtem Erfolg, und zwar eben weil die verbildeten Stel- len zu sehr aus der Gemeinschaft mit dem gesammten Orga- nismus herausgetreten sind und sich dadurch zugleich der Ein- wirkung dynamischer Mittel zu sehr entziehen, so ist nun, wie schon bemerkt, noch weniger auf diese Weise bey wirkli- chem aufgebrochenem Krebsgeschwuͤr zu thun moͤglich, weshalb wir hier nur noch einiger Mittel gedenken, von welchen man selbst noch auf dieser Stufe des Uebels huͤlfreiche Wirkung gesehen haben will. — Hierher gehoͤrt zunaͤchst, nach We- string’s , J. P. Westring’s , Koͤnigl. Schwed. Leibarztes, Erfahrungen uͤber die Heilung der Krebsgeschwuͤre. Aus d. Schwed. uͤbers. mit Zusaͤtzen von C. Sprengel . Halle 1817. wie nach aͤltern Beobachtungen, die Ringel- blume (Calendula officinalis) , deren Extrakt nach Westring in Pillen zu 2 Gran, von 6 bis 16 Stuͤck Morgens und Abends, gegeben werden soll, wobey zugleich ⅙ Gran von dem Goldsalz (Gold, in Salpetersaͤure aufgeloͤst, mit salz- saurem Ammonium gesaͤttigt und mit kohlensaurem Kali nie- dergeschlagen) theils in die Schamlefzen, theils in das Zahn- fleisch einzureiben ist, und Einspritzungen von einer Aufloͤ- sung des Extract. Chaerophylli sylvestris in dem Aufgusse desselben Krautes, oder Aufloͤsung des Extrakts der Ringel- blume in ihrem Aufgusse gemacht werden sollen. Da indeß bey den von Westring erzaͤhlten Faͤllen die Untersuchung der Kranken nicht von ihm selbst, sondern nur durch Heb- ammen vorgenommen worden war, so bleibt denn freilich, ob das durch dieses Mittel geheilte Uebel wirklich Krebs ge- wesen sey, sehr im Zweifel. §. 460. Eben so hat man zu mehreren Malen von dem frisch- ausgepreßten Safte des Mauerpfeffers (Sedum acre) bey Krebsgeschwuͤren vortheilhafte Wirkungen bemerkt. Ferner werden von Richard Carmichael die kohlensauren und phosphorsauren Eisenmittel gegen den Krebs besonders em- pfohlen, und in ziemlich starken Dosen, zu 30 bis 40 Gran taͤglich, gereicht. Wir haben zwar oben schon ein Bedenken wegen Anwendung der tonischen Mittel bey Zustaͤnden, wel- che mit steter chronischer Entzuͤndung verbunden sind, geaͤu- ßert, und moͤchten daher auch das Eisen, wenn nicht viel- leicht die Saͤuren in den genannten Praͤparaten als corrigi- rend wirken, nur unter besonderer Vorsicht anrathen; dem- ungeachtet wollen H. Rust und Voͤlker Rust’s Magaz. f. d. ges. Heilk. Bd. I. Heft 2. neuerlich von diesen Mitteln, so wie von dem Safte des Mauerpfeffers guͤnstige Wirkungen bemerkt haben. — Endlich erwaͤhnt H. Wenzel Krankheiten des Uterus S. 187. des Gebrauchs des Arseniks (in der Fowlerischeu Solution) als ein bedeutendes Erleichterungs-, wenn auch I. Theil. 23 nicht Heilmittel, bey den stechenden Schmerzen, welche den Uebergang in Carcinom bezeichnen, verwirft dagegen den von Andern ebenfalls empfohlnen Gebrauch der Sabina als zu reizend. §. 461. Außer der Anwendung solcher Mittel, welche eigent- liche Heilung des Uebels bewirken sollen, und wohin wir denn auch noch die im Folgenden zu betrachtende Operation rechnen, hat indeß der Arzt noch theils auf die haͤufigen Blu- tungen, theils auf die oft so heftigen Schmerzen und die dadurch erregte aͤußerste Schlaflosigkeit und Entkraͤftung Ruͤck- sicht zu nehmen. Was zunaͤchst die Blutungen betrifft, wel- che durch die immer fortschreitenden Zerstoͤrungen des Uterus veranlaßt werden, so muß erstlich sorgfaͤltige Ruhe, Vermei- dung aller aufregenden Gemuͤthsbewegungen, Speisen und Getraͤnke prophylaktisch beobachtet, und allgemeiner Erethis- mus oder Congestionen muͤssen durch kuͤhlende Getraͤnke, ver- duͤnnte mineralische Saͤuren und aͤhnliche Mittel beseitigt wer- den, dahingegen die eingetretenen Blutungen selbst durch Anwendung adstringirender Mittel, durch Tampons von Schwaͤmmen in das Decoctum cort. salicis, quercus, ulmi camp. getaucht und mit rothem Wein besprengt oder mit einem styptischen Pulver bestreut, baldigst zu stillen, jedoch auch staͤrkere Blutungen bey der Entzuͤndung, welche noch den bloßen Skirrhus begleitet, durchaus nicht zu schnell zu unterdruͤcken sind. — Was die Schmerzen betrifft, so sind sie theils Folgen erhoͤhter Entzuͤndung und werden durch anti- phlogistisches Regimen gemildert, theils Folgen des Nerven- reizes, und werden dann narkotische Mittel, Opiate, Lave- ments mit Laudanum u. s. w. erfordern, obwohl sich die Kran- ken bald an diese Mittel gewoͤhnen und dann zu betraͤchtli- chen Dosen steigen muͤssen, um nur einige Wirkung zu em- pfinden. Bey heftigem zuweilen hierbey sich zeigendem Er- brechen ist oft bloß die nicht genugsame Beruͤcksichtigung re- gelmaͤßiger Stuhlentleerungen die Ursache; wo es Nervenlei- den ist, verdienten Narcotica und die von Siebold em- pfohlene Belladonna zu einem halben bis 1 Gran An- wendung. §. 462. Wir kommen endlich zur Erwaͤgung der, einer dynamisch so schwer zu heilenden Krankheit noch durch unmittelbare Ab- trennung des Krankhaften von dem Gesunden, Huͤlfe verspre- chenden Operation, uud muͤssen hierbey zuerst die Frage auf- werfen, ob uͤberhaupt man berechtigt sey, von der Operation hier wahrhafte Heilung zu erwarten, welches, so lange man den oͤrtlich kranken Zustand als bloßes Produkt allgemeiner Abnormitaͤt ansieht, wohl verneint werden muͤßte. Aus den Untersuchungen uͤber die Entstehung des Krebsgeschwuͤrs hatte sich indeß ergeben, daß, wenn dieselbe auch allerdings zum Theil durch das Allgemeine bedingt werde, doch auch eine bedeutende Reaction auf das Allgemeine Statt finde, und wir koͤnnen hieraus folgern, daß, wenn auch das bloße Hin- wegschaffen der krankhaft umgeaͤnderten Partie nicht als voll- kommen die Heilung bewerkstelligend zu betrachten sey, doch diese dadurch in einem wesentlichen Theile vollbracht und das gesammte Heilungsgeschaͤft ausnehmend beguͤnstigt werden koͤnne. §. 463. Im Allgemeinen wird sonach die Operation um so mehr leisten, a) je lokaler die Entstehung des Uebels ist (z. B. wo sie bloß von Druck eines Mutterkranzes abhing); b) je we- niger dasselbe sich bereits ausgebreitet hat, und jemehr es auf einen oder einige Punkte der Vaginalportion eingeschraͤnkt ist; c) je mehr die Krankheit noch auf der Stufe bloßer skirrhoͤser Induration verweilt, je neuer folglich ihre Ent- stehung ist; d) je besser die allgemeine koͤrperliche Constitution ist, und je weniger von dieser Seite aus, etwa durch lang- wierige Stoͤrungen im Lymphsystem u. s. w. zur Entstehung der oͤrtlichen Abnormitaͤt beygetragen worden war; e) je guͤn- stiger die aͤußern Verhaͤltnisse einer weitern zweckmaͤßigen Ein- richtung von Diaͤt und Lebensordnung sind, um auf diesem Wege und unter Zuziehung zweckmaͤßiger Arzneymittel die Herstellung eines allgemeinen Normalzustandes zu erlangen. §. 464. Findet das Gegentheil von den im vorigen Paragraph namhaft gemachten Punkten Statt, ist namentlich das Krebs- geschwuͤr bereits ausgebrochen, so wird der Erfolg der Operation um so unsicherer; ja man darf behaupten, daß sie gar nicht mehr vorzunehmen sey, sobald a) bereits die dem Uterus be- nachbarten Organe von der geschwuͤrigen Zerstoͤrung mit be- fallen sind; b) bey offenem Krebsgeschwuͤr die allgemeinen organischen Systeme dergestalt erkrankt sind, daß theils Wie- dereintritt der krankhaften oͤrtlichen Metamorphose (als Pro- dukt allgemeinen Krankseyns) zu befuͤrchten steht, theils selbst die Heilung und Regeneration der operirten Stelle nicht zu erwarten ist. §. 465. Die Operationsmethoden selbst lassen sich eintheilen in diejenigen, welche die Abtrennung der erkrankten Stelle allein, und in diejenigen, welche die Ausrottung des ganzen Organs zum Zweck haben. — Zu den erstern gehoͤren die beiden Methoden des Hrn. Hofrath Osiander , welchem das Ver- dienst zukommt, in neuerer Zeit zuerst darauf, daß bey die- sem fuͤrchterlichen Uebel durch die Operation doch zuweilen Huͤlfe moͤglich bleibe, aufmerksam gemacht und seine Em- pfehlung durch die That bewiesen zu haben. — Die Schwie- rigkeit der Operation wird naͤmlich hierbey vorzuͤglich durch die Verborgenheit des Ortes, an welchem operirt werden muß, gebildet, und faͤllt daher groͤßtentheils hinweg unter den Um- staͤnden, wo der Uterus bereits tief in das kleine Becken, oder vor die aͤußern Geburtstheile herabgetreten ist, so daß daher auch in diesem Falle wenig anders bey der Exstirpation eines Gebaͤrmutterskirrhus zu verfahren seyn wuͤrde, als den Regeln der Chirurgie gemaͤß bey Ausrottung krebshafter Stel- len in andern Koͤrpertheilen zu verfahren ist. Die Osian- der ’sche Methode bezieht sich daher vornehmlich darauf, die Schwierigkeit der Exstirpation des Krankhaften bey nicht vor- gefallenem Uterus zu uͤberwinden, und die deßhalb von ihm vorgeschlagenen und ausgefuͤhrten Operationsmethoden sind nachstehende, welche wir hier der Vollstaͤndigkeit wegen ganz so, wie sie zuerst bekannt gemacht wurden, S. Salzburg. medicin. chirurg. Zeitung. 1818. Nro. 88. mittheilen wollen: Erste Operationsart . „Die zu operirende Person wird auf einen hohen Geburtsstuhl oder auf einen Tisch wie in eine Entbindungs- oder Steinschnittslage gebracht und festgehalten. Die Genitalien werden durch Ausspri- tzen gereiniget und mit Salben erweicht. Das Fungoͤse wird mit den Fingern oder einem Exstirpations-Instrumente weggenommen. Ist die Blutung darauf stark, so wird sie mit einem eingebrachten Schwamme, in Essig und styptisches Pulver getaucht, gestillt; wo nicht, so wird gleich mit der Operation fortgefahren. Zu dem Durchstechen des Uterus bedient sich Hr. Hofr. O. kleiner geboge- ner Nadeln von nicht gehaͤrtetem Stahl, deren Spitzen sich leicht biegen lassen. Gehaͤrtete Nadeln setzen in die Gefahr, daß sie ab- brechen, und die abgebrochenen Spitzen alsdann in den verborgenen Theilen vielleicht nie wieder aufgefunden werden, aber den groͤßten Schaden anrichten koͤnnten. Das Durchstechen der Nadeln durch den Uterus macht, bis man sich durch Uebung die noͤthige Fertig- keit erworben hat, die groͤßte Schwierigkeit; wie weit man es aber darin bringen kann, beweiset unter andern der Umstand, daß, als im verwichenen Jahre bey einer oͤffentlichen Operation in dem hiesigen Accouchier-Hospital sich der Fall ereignete, daß die durch- gezogenen Faden aus der bereits im Uterus steckenden Nadel aus- gezogen wurden, der Hr. Hofr. O. die Nadel stecken ließ und die Faden innerhalb der Vagina durch das Nadeloͤhr fuͤhrte, ohne sich eines Lichtleiters zu bedienen. Der sehende Operateur kann und muß in solchen Faͤllen eben die Praͤcision und Geschicklichkeit durch Uebung bekommen, welche sich viele Blinde erwerben, da er ohne- hin ganz wie ein Blinder handeln muß. Ein Nadelhalter kommt nur bey dem Einfuͤhren der Nadeln, sonst nicht, zu statten; das uͤbrige Durchstechen muͤssen die Finger allein, so wie alles Uebrige, nach dem Gefuͤhl unterscheiden. Die Stiche gehen sowohl von hin- ten nach vorn, als von vorn nach hinten und von der Seite. Die groͤßte Vorsicht ist nothwendig, daß die Nadeln nicht zu weit gehen, sich in dem Muttergang anhaken, oder in eins von den arterioͤsen oder großen venoͤsen Gefaͤßen hinter der Vaginalhaut kommen. Dies zu verhuͤten, muß der Operateur seine Finger Preis geben, die Spitzen der hervorstechenden Nadel sogleich mit der Fingerspitze umbiegen, und mit einer kleinen Zange fassen und anziehen. Ohne Nadelstiche in die Finger geht es dabey nicht ab, und man sollte glauben, da nachher die Finger noch lange in der scharfen Jauche arbeiten muͤssen, eine gefaͤhrliche Ansteckung sey unvermeidlich. Der Hr. Hofr. O. ist aber davon immer frey ge- blieben. indem er gleich nach geendigter Operation die Haͤnde wie- derholt mit Seife waͤscht, dann die Stichwunden mit verduͤnntem Laugensalze auswaͤscht und zuletzt anhaltend aussaugt, ohne nach- her auf die Wunden etwas Eitermachendes zu legen. Nach vier bis sechs Tagen sind die Stichwunden ohne alle weitere Folgen heil. Durch die Nadeln wird vierfacher gewichster Zwirn gezogen. Manchmal sind zwey durchgezogene Faͤden hinreichend, die Gebaͤr- mutter in den Muttergang herabzuziehen; ein ander Mal erfodert der Umfang vier Faͤden. Eine irrige Vorstellung haben manche Aerzte von dieser Operation, welche glauben, die Gebaͤrmutter muͤsse vor den Leib herausgezogen und zum gaͤnzlichen Vorfallen gebracht werden. Eben so irrig ist diejenige Vorstellung, nach welcher einige glauben, die ganze Gebaͤrmutter werde ausgeschnit- ten, und deßwegen die Operation des Mutterkrebses als unmoͤglich laͤugneten oder verwarfen. Durch die Faͤden wird nun der ganze Uterus in der Tiefe der Vagina zum Abschneiden fixirt. Das tiefe Herabziehen wird aber zuweilen durch das Verwachsen des aͤußern Muttergrundes mit dem Netze sebr erschwert. — Als neulich, aus gleicher Ursache der Uterus nicht in die Tiefe herab dem Ziehen an den Faͤden folgen wollte, die Faͤden selbst aber bey dem Einfuͤhren des Bistouri aus Versehen durchschnitten wurden, so ergriff der Hr. Hofr. O. geschwind eine Blasensteinzange, faßte den Uterus am Orificio damit und schnitt den Cervix ab. Das Krebshafte und Skirrhoͤse braucht nur bis auf das Gesunde ausgeschnitten zu werden. Das Gesunde unterscheidet man nach dem Gefuͤhl durch die glattere Oberflaͤche und elastische Festigkeit von den rauhen und holz a rtigen Skirrhositaͤten. Das gebogene Bistouri muß schmal und stark, scharfschneidend, vorn abgerundet seyn, dicht auf den Cervix und so hoch wie moͤglich gefuͤhrt werden, waͤhrend ein Ge- huͤlfe die Lefzen ber Geschlechtstheile von einander haͤlt. — Der Schnitt wird im Bogen gefuͤhrt: erst kraͤftig, dann langsam, um die Vagina nicht zu verletzen. Die zweyte Operationsart ist folgende: Wenn der Cervix bereits groͤßtentheils vom Krebsschwamme zernichtet, weit ausgedehnt, und die Hoͤhle voll hoͤckerichten carcinomatoͤsen Schwammes ist, die Gebaͤrmutter sich nicht mehr mit der Nadel fassen und herabziehen laͤßt: so bringt er die zu operirende Kranke in eine horizontale Lage, laͤßt einen Gehuͤlfen mit der Faust, auf die Gegend des Fundi uteri gelegt, die Gebaͤrmutter herabdruͤcken, fixirt den Mut- tergrund in der Aushoͤhlung des Ossis sacri mit dem Zeigefinger der linken Hand; den Mittelfinger und Goldfinger steckt er in die die Gebaͤrmutter und schneidet nun, waͤhrend diese Finger die Schee- renschnitte leiten, mit einer aufs Blatt gebogenen Scheere und seinem Exstirpations-Instrumente alles Schwammige, Unebne und Skirrhoͤse in kleinen Stuͤcken aus. Sobald dies geschehen ist, fuͤllt er die Hoͤhle mit Badeschwamm, welcher in Wein und das gemel- dete styptische Pulver getaucht worden, aus, und verfaͤhrt bey der Heilung auf die bereits erwaͤhnte Weise. Diese Operation ist, nach der Aussage aller Frauen, welche sie aushielten, lange nicht so schmerzhaft, als man sich vorstellt, und die Heilung geht uͤber alle Erwartung schnell vor sich Die Natur scheint bey keinem Theile des menschlichen Koͤrpers in Reproducirung des Verlornen und Hei- lung des Verletzten thaͤtiger zu seyn, als bey den Zeugungstheilen beyderley Geschlechts. Mit Erstaunen sieht man z. B. in vier Wochen ein durch Brand verlornes Scrotum wieder ersetzt, und mit Verwunderung den voͤllig abgeschnittenen Cervix zu einem Quasi-Muttermund in wenigen Wochen regenerirt, und aus dem restirenden halben Uterus nach wenigen Wochen die Menstruation wieder regelmaͤßig hervorfließen. Die Dauer der Heilung ist sehr verschieden, so wie sie es bey allen Krebs-Operationen zu seyn pflegt. — Ein Umstand nnd Erfahrungs-Resultat ist schon von großer Wichtigkeit, naͤmlich daß bey dieser mit so großer Schwie- rigkeit im Verborgenen zu unternehmenden Operation bis jetzt nicht eine Operirte waͤhrend der Operation oder in und waͤhrend der Heilung gestorben ist. Alle heilten erst, und einige starben nach Jahr und Tag an ganz andern Zufaͤllen, wie Nervenschlag, Was- sersucht u. dergl., oder das Uebel erneuerte sich bey neuer Ursache ploͤtzlich wieder, und nahm schnell und unheilbar uͤberhand; andere blieben drey und mehrere Jahre lang gesund.“ §. 466. Als Geguer dieser Methode, partielle Ausrottungen des Krankhaften im Uterus vorzunehmen, zeigte sich nun vorzuͤg- lich Hr. Geheimerrath v. Wenzel , M. s. hieruͤber den ganzen XXV. Abschn. d. Werkes uͤber d. Krank- heiten des Uterus. indem er der Meynung ist, daß eine so vollkommen oͤrtliche skirrhoͤse oder carcinoma- toͤse Metamorphose einer Uterinpartie uͤberhaupt wohl nie vor- komme, ohne daß nicht wenigstens die benachbarten Gefaͤße und Nerven desselben Organs zum Theil schon mit afficirt waͤren, so daß, selbst wenn ja das Skirrhoͤse wirklich ausge- rottet worden, doch von dem Zustande der uͤbrigen Partien wegen nicht regelmaͤßig zu erwartender Entzuͤndung und Ei- terung Das. S. 150. keine guͤnstige Heilung zu hoffen sey. Derselbe dringt daher, so lange uͤberhaupt nur der Uterus der Sitz der Krankheit ist, auf die Ausrottung des ganzen Organs, und zwar zugleich mit den Muttertrompeten und Ovarien, und zwar so, daß erst ein kuͤnstlicher Vorfall des Uterus, durch Herabziehen mittelst einer Polypenzange etwa, bewerk- stelligt werde, dann aber der vorgefallene Uterus, oberhalb seines Grundes, durch eine angelegte und nach und nach zu- gezogene Ligatur so abgebunden werde, wie wir die Ausrot- tung polypoͤser Geschwuͤlste vornehmen. — Diese Operation ist indeß von H. v. Wenzel selbst noch nicht unternommen worden, und jeder, der die mit einer Abbindung so wichti- ger Theile nothwendig verknuͤpfte bedeutende Gefahr erwaͤgen will, moͤchte wohl etwas zoͤgern, der erste zu seyn, welcher seine Kranke einer so heroischen Behandlung unterwirft. — Zu erinnern ist indeß noch, daß auch Hr. v. Siebold Handb. der Frauenzimmerkrankheiten. Bd. I. S. 504. nach Struve bereits den Vorschlag gethan hat, den vorge- fallenen, bereits zu sehr von krankhafter Metamorphose er- griffenen Uterus entweder nach und nach aus dem Scheiden- gewoͤlbe heraus zn praͤpariren und dieses zu heften, oder auch oberhalb des vorgefallenen Uterus eine Ligatur anzulegen und dann den ganzen Uterus mit dem Pott ’schen Bistouri oder einem aͤhnlichen Instrumente abzuschneiden. §. 467. Ferner gehoͤrt zu den Vorschlaͤgen zur Exstirpation der ganzen Gebaͤrmutter, welche aus der freilich durch sehr Vie- les begruͤndeten Ansicht hervorgehen, daß theilweise Ausrot- tung keine entschiedene Huͤlfe gewaͤhren koͤnne, die Methode des Dr. Gutberlet , S. v. Siebold ’s Journal fuͤr Geburtshuͤlfe u. s. w. Bd. I. St. 2. S. 228. welche indeß ebenfalls noch in der Wirklichkeit nicht ausgefuͤhrt worden ist, und auch wohl ihrer offenbar noch groͤßern Gefahr wegen noch weniger ausgefuͤhrt werden moͤchte und duͤrfte. Hier naͤmlich soll zuerst der Bauch- schnitt gemacht, die Gebaͤrmutter sodann durch eine von dem Erfinder sogenannte elliptische Hohlsonde aufgehoben und auf dieser Sonde von oben herab aus ihren Verbindungen getrennt werden, wobey denn die Arteriae iliacae durch einen Ge- huͤlfen zusammengedruͤckt werden sollen, um erst nach und nach die groͤßern Gefaͤße unterbinden zu koͤnnen. Die Ge- baͤrmutter selbst wird sonach durch die Bauchwunde entfernt und dann ein mit styptischen Mitteln befeuchteter Schwamm durch die Mutterscheide eingebracht. §. 468. Bey so verschiedenen, bloß vorgeschlagenen Operations- methoden muß sonach ein Fall besondere Bemerkung verdie- nen, wo der gesammte carcinomatoͤse Uterus auf eine von den oben erwaͤhnten vorgeschlagenen Methoden verschiedene Weise neuerlich wirklich ausgerottet worden ist, und ich fuͤge daher die kurze Erzaͤhlung dieses Falles, welchen wir Hrn. Hofr. Langenbeck Neue Bibliothek fuͤr die Chirurgie und Ophthalmologie v. C. J. M. Laugenbeck , Bd. I. St. 3. S. 461. verdanken, hier bey, um fuͤr kuͤnftige aͤhnliche Faͤlle doch einen sichern Fingerzeig zu geben: „Vor vier Jahren (erzaͤhlt Hr. Langenbeck ) bekam ich Nachricht von dem Hrn. General-Chirurgus Kirchmeyer in Cassel, daß eine Frau in Cassel am Carcinoma uteri leide, und der ganze de- generirte Uterus vorgefallen sey, deßwegen er glaube, daß die Ex- stirpation sich gut machen lasse. Die Frau O., einige 50 Jahre alt, hatte schon lange an Schmerzen, Brennen und Stechen in der Gebaͤrmutter gelitten; nach und nach war diese herunter getreten; es zeigte sich nun ein Abfluß uͤbel riechender Jauche, wovon die Haut der benachbarten Theile wund ward. Die beym Carcinom charakteristischen, brennenden, stechenden Schmerzen nahmen so sehr zu, daß die Frau sehnlichst wuͤnschte, durch eine Operation von ihrem Leiden befreyt zu werden. Bey meiner Untersuchung fand ich alles bestaͤtigt. Die Portio vaginalis ragte etwas uͤber die Labia maiora hinaus. Die Labia orificii uteri waren steinhart, das Ori- ficium roth und erulcerirt; aus dem Orificio floß Jauche; an den Labiis orificii zeigten sich Exulcerationen; durch die innere Wand der Vagina fuͤhlte ich den Uterus steinhart, hoͤckericht und sehr ver- groͤßert. Das allgemeine Befinden war noch ziemlich gut, so daß ich die Exstirpation unternehmen konnte. Ich stimmte daher sogleich mit dem Hrn. General-Chirurgus Kirchmeyer fuͤr die Exstir- pation, die ich am folgenden Tage auf folgende Weise vornahm: Die Frau ward auf den Rand des Bettes gelegt, und beyde Fuͤße auf Stuͤhle gestellt. Ich setzte mich zwischen beyde Schenkel, praͤ- parirte mit einem Scalpell, mit Beyhuͤlfe der Pincette, die hervor- getriebene Vagina von ihrer Verbindung mit dem Uterus ab, ohne jedoch die Vagina zu durchschneiden. Nun kam ich zu dem Theile des Uterus, der gleichsam, von vorn betrachtet, in das Perito- naͤum wie in ein Tuch hineingesteckt ist. Ich trennte ebenfalls sehr genau von der Substanz der Gebaͤrmutter das Peritonaͤum, ohne es zu durchschneiden, weil sonst Gedaͤrme haͤtten herausfallen koͤnnen, und zog den Uterus immer weiter heraus. Diese Tren- nung setzte ich fort bis an den obern abgerundeten Rand des Fundus uteri, und schnitt nun den Uterus vom Peritonaͤo ab, wel- ches mir ganz gesund zu seyn schien. Es war dies folglich eine wahre Ausschaͤlung des Uterus aus dem Bauchfelle, so daß dasselbe in Verbindung mit der Vagina, einen leeren Beutel bildete. Die Blutung war sehr stark, und mußte durch Unterbindung gestillt wer- den. Dies war das schwerste Geschaͤft, da der Hr. Gen. Chirurg. K., welcher zwar bey der Operation gegenwaͤrtig war, mir dabey nicht helfen konnte, weil er am Podagra litt. Ich hielt daher die blutende Flaͤche mit der linken Hand fest, umstach sie mit Nadel und Faden, schlug mit den Fingern der rechten Hand die Schlinge, zog mit der rechten Hand das eine Ende des Fadens an und das andere mit den Zaͤhnen. Auf diese Weise wurden vier Ligaturen au- gelegt, worauf die Blutung stand. Nach der Operation war die Operirte sehr schwach, erholte sich aber bald wieder. Das Cavum ward mit Charpie ausgefuͤllt. Die Heilung ging rasch von Statten, und die Kranke ist bis auf diesen Augenblick vollkommen gesund. Das Peritonaeum und die Vagina haben sich so stark contrahirt, daß, wenn man die Labia majora auseinander zieht, man nicht den Finger hinaufbringen kann, sondern man sieht eine fest benarbte Haut, als waͤre es eine Imperforatio vulvae. Mit dem herausge- nommenen Uterus waren in Verbindung die Ovaria und die abge- schnittenen Ligamenta rotunda. §. 469. Noch waͤre nun die Frage aufzuwerfen, ob außer und nach der Operation, einem Mittel, welches bey dem Gebaͤr- mutterkrebs, gleich allen andern, nur selten helfen kann und noch seltener wirklich geholfen hat, noch etwas durch innere oder aͤußere dynamische Mittel zu wirken sey? — H. Osian- der empfiehlt naͤmlich die, nach der auf seine Weise ver- richteten Operation ruͤckbleibenden Verhaͤrtungen nach und nach durch den Gebrauch resolvirender Mittel, vorzuͤglich der Aqua laurocerasi, wo moͤglich zu erweichen und so die Heilung zu beendigen; allein mit Recht zweifelt man wohl an dem Gelingen dieser Behandlung, wenn man erwaͤgt, wie wenig bey andern aͤußerlichen und folglich genauer zu beobachtenden Krebsschaͤden die bloß partielle Ausrottung nuͤtzt; und man darf folglich wohl den Satz aufstellen, daß uͤberhaupt die Operation nur dann gruͤndliche Heilung hoffen lassen werde, wenn alles Krankhafte wirklich ausgerottet worden ist, daß aber auch nach einer solchen vollstaͤndig verrichteten Operation ein weiteres Heilverfahren uͤberfluͤssig werde, außer daß man sich bemuͤhe, die Ursachen, welche, vom allgemeinen Befin- den ausgehend, die Heilung erschweren (als Fehler des Lymph- systems u. s. w.) zu beseitigen und die Reproduction immer regelmaͤßiger und vollkommner wiederherzustellen. B. Abnorme Lagen der nicht schwangern Gebaͤrmutter . 1. Vorfall der nicht schwangern Gebaͤrmutter ( Prolapsus, Procidentia, Descensus uteri ). §. 470. Wenn die Gebaͤrmutter, deren normale Lage zwischen die Gegend des Beckeneinganges und die eingebildete Flaͤche, in welcher wir die Beckenhoͤhle messen, und zwar mit ihrer Laͤngenachse in die Fuͤhrungslinie faͤllt, merklich tiefer in das kleine Becken herabgetreten ist, so bezeichnen wir diese Regelwidrigkeit mit dem Namen des Gebaͤrmuttervor- falls . §. 471. Der Gebaͤrmuttervorfall wird, je nachdem die Lage des Uterus mehr oder weniger von der Norm abweicht, in ver- schiedene Grade eingetheilt. Bleibt naͤmlich die Gebaͤrmutter zwischen der mittlern Flaͤche der Beckenhoͤhle und dem Aus- gange derselben, so ist es ein unvollkommner Gebaͤrmutter- vorfall ( Descensus s. Prolapsus uteri incompletus ); tritt dagegen der Uterus aus der Beckenhoͤhle hervor und zwischen die aͤußern Geburtstheile herein oder durch sie hindurch, so ist es ein vollkommner Vorfall ( Prolapsus completus s. Pro- cidentia uteri ). — Bey einem jeden bedeutenden Gebaͤr- muttervorfall ist uͤbrigens zugleich die Lage der Mutterscheide veraͤndert, sie ist zum Theil oder vollkommen umgestuͤlpt, und sobald sie auf diese Weise, gleichsam als aͤußere Decke des Gebaͤrmutterkoͤrpers, betraͤchtlich mit aus den Geburts- theilen hervorragt, erleidet gewoͤhnlich die Struktur ihrer in- nern Wand selbst eine ganz merkwuͤrdige Veraͤnderung, indem die Schleimhaut derselben mit einer wahren Epidermis sich uͤberzieht, und Muttermund und umgestuͤlpte Scheide, wel- che dann zuweilen fast das Ansehen eines maͤnnlichen Glie- des erhalten, alsbald voͤllig die Farbe der innern Schenkel- flaͤche annehmen. Eine Erscheinung, welche fuͤr die Bil- dungsgeschichte der Oberhaut, von welcher spaͤterhin die Rede seyn wird, nicht unwichtig ist. §. 472. Hat ein bedeutender Vorfall der Gebaͤrmutter laͤngere Zeit Statt gehabt, so ist gewoͤhnlich auch die Substanz des Uterus veraͤndert, aufgeschwollen und oft leicht blutend. Uebrigens ist der Vorfall des Uterus entweder beweglich und leicht zuruͤckzubringen, oder nicht. Das Letztere tritt ge- woͤhnlich nur bey sehr veralteten Vorfaͤllen ein, wo dann am obern Theile des Uterus selbst mit der umgestuͤlpten Va- gina sich Verwachsungen zu bilden scheinen, die die Re- position durchaus hindern. §. 473. Die Zufaͤlle, welche den Gebaͤrmuttervorfall begleiten und ihm zum Theil als Zeichen dienen, sind Empfindungen von Druck und Spannung in der Beckengegend, vorzuͤglich bey laͤngerem Stillstehen oder Gehen, Hinderungen in den Ausleerungen des Mastdarms und der Harnblase, welche letztere Ausleerung oft nur in den Fruͤhstunden, oder waͤh- rend der Ruͤckenlage, oder nach Aufhebung des Uterus, durch zwey eingebrachte Finger leichter von Statten geht. Sinkt der Uterus noch mehr herab, so nimmt das Gefuͤhl der Pressung noch mehr zu, obwohl der Schmerz, durch Span- nung der dem obern Theile des Uterus angehefteten Theile erregt, nach und nach durch groͤßere Erschlaffung sowohl, als durch Gewoͤhnung sich mindert; zugleich schwillt oft der Uterus an, und es zeigt sich Leukorrhoͤe. Noch mehr wer- den diese Zufaͤlle gesteigert, wenn die Gebaͤrmutter ganz aus den Geburtstheilen hervortritt und so Harnblase, Mastdarm, Mutterroͤhren und Eyerstoͤcke gewaltsam aus ihrer Lage bringt, und außerdem treten denn hierbey leicht Excoriationen, Ver- haͤrtung und Verdickung der Scheidenwand, so wie selbst krebsartige Beschaffenheit der Vaginalportion ein. §. 474. Zu erkennen ist im Ganzen der Gebaͤrmuttervorfall sehr leicht durch genau angestellte geburtshuͤlfliche Untersu- chung, wobey man jedoch die Vorsicht brauchen muß, bey kleinern Vorfaͤllen, welche zuweilen in der Ruͤckenlage gaͤnz- lich zuruͤckgehen und daher in den Morgenstunden mitunter selbst nach angenommener aufrechter Stellung nicht mehr be- merkt werden, stets in aufrechter Stellung und nachdem die Kranke schon einige Zeit außer dem Bette sich befunden hat, die Untersuchung vorzunehmen. Ohne sorgfaͤltige innere Un- tersuchung hingegen wird das Uebel allerdings oͤfters verkannt, und oft ein bloßes Symptom desselben, z. B. weißer Fluß oder Blutung, fuͤr die eigentliche Krankheit genommen, oder aber man schließt wohl auch aus der Empfindung des Draͤn- gens in den Geburtstheilen, aus der Verstopfung u. s. w. auf einen Vorfall, wo keiner vorhanden ist, sondern diese Beschwerden von Haͤmorrhoidalcongestionen u. s. w. abhaͤngen. Endlich koͤnnte auch wohl der theils bey der Menstruation, theils in dem zweyten Schwangerschaftsmonat regelmaͤßig etwas tiefer stehende Uterus fuͤr vorgefallen gehalten werden, welcher Irrthum jedoch durch gehoͤrige Beruͤcksichtigung der uͤbrigen Umstaͤnde und kurze Beobachtung des Uebels bald berichtigt werden kann. Eben so leicht ist es, den staͤrkern Gebaͤrmuttervorfall nach den oben angegebenen Zeichen von dem Gebaͤrmutterpolypen oder von der Umstuͤlpung des Ute- rus (wovon weiter unten) zu unterscheiden, indem er sich immer durch den am untersten Ende der Geschwulst fuͤhlba- ten quergespaltnen Muttermund hinlaͤnglich charakterisirt. §. 475. Aetiologie. Das Wesentliche des Uebels be- steht immer in abnormer Verlaͤngerung, Erschlaffung und Aus- dehnung der Gebaͤrmutterbaͤnder. Die entfernten veranlassen- den sowohl als Gelegenheitsursachen sind sehr verschieden. Im Allgemeinen ist zu bemerken, daß Vorfaͤlle der Gebaͤr- mutter bey Personen, welche noch nie geboren haben, uͤber- haupt selten vorkommen und fast nie sehr bedeutend sind, daß ferner schlaffer, phlegmatischer Habitus, ein weites und wenig geneigtes Becken, und namentlich alles, was den Tonus der Geburtstheile schwaͤcht, zu dieser regelwidrigen Lage disponirt. Hierher gehoͤren oͤfters wiederkehrende bedeu- tende Blutungen, Leukorrhoͤe, der Gebrauch von Kohlentoͤ- pfen, zu warmen oͤrtlichen oder allgemeinen Baͤdern, unzeitige Geburten und uͤberhaupt zu bald auf einander folgende Wo- chenbetten. §. 476. Im je groͤßeren Maaße nun diese disponirenden Mo- mente Statt gefunden haben, um so leichter wird durch die jetzt namhaft zu machenden Gelegenheitsursachen die Krank- heit selbst zu Stande kommen. Hierhin gehoͤren aber Un- achtsamkeit und zu zeitiges Aufstehen im Wochenbett (eine der haͤufigsten Veranlassungen zu Vorfaͤllen), heftiges Pressen waͤhrend der Geburt selbst, vorzuͤglich bey nicht hinlaͤnglich eroͤffnetem Muttermunde, oder bey dem Abgange der Nach- geburt, oder endlich beym Stuhlgange in den ersten Tagen des Wochenbettes. Ferner anstrengendes, oͤfter wiederkehren- des Erbrechen, oder Husten, anhaltender Durchfall mit star- kem Tenesmus, anstrengende Arbeit, das Heben schwerer Lasten, Springen u. dgl., durch welche Momente zuweilen sogar ploͤtzlich und ohne vorhergegangene wesentliche Dispo- sition ein Gebaͤrmuttervorfall zu Stande kommen kann, wel- cher indeß dann auch um so staͤrkere Zufaͤlle hervorzubringen pflegt und zu Entstehung von Entzuͤndung, Fieber, Schwin- del u. s. w. Veranlassung geben kann. Endlich kann auch durch den Druck von unzweckmaͤßigen Kleidungsstuͤcken, zu weit herabragenden und zu fest anliegenden Schnuͤrbruͤsten, oder durch Druck von abnormen Vergroͤßerungen benachbarter Theile, also bey Ausartungen der Eyerstoͤcke, der Gebaͤrmuttervorfall zu Stande kommen. M. s. einen merkwuͤrdigen Fall, wo ein großer, spaͤterhin durch §. 477. Die Prognose richtet sich bey diesem Uebel nach dem Grade, nach der Dauer und der Entstehungsweise desselben. Ein unvollkommner, beweglicher, erst in Folge von Schwaͤche neuentstandener Vorfall macht im Ganzen wenig Beschwerde, nimmt jedoch in der Regel nach und nach immer mehr zu, und fordert daher baldige Beseitigung; ein betraͤchtlicher Vor- fall hingegen stoͤrt oft nicht nur die Sexualfunctionen be- deutend, sondern wird durch Veranlassung zu Ausartung der Uterinsubstanz sogar gefaͤhrlich, so wie zugleich die Moͤglich- keit radicaler Heilung sich immer mehr verringert. Ein Vor- fall des Uterus endlich, welcher bereits Vergroͤßerung der Uterinsubstanz und regelwidrige Verwachsungen desselben mit benachbarten Theilen zur Folge gehabt hat, ist nicht nur un- heilbar, sondern auch durch immer weiter gehende Degene- rationen, Blutergießungen u. s. w. oft gefaͤhrlich. §. 478. In der Behandlung des Gebaͤrmuttervorfalls ver- dienen nun insbesondre drey Indicationen Erwaͤgung: 1) die dringendsten Krankheitszustaͤnde, welche durch den Vorfall veranlaßt wurden, zu beseitigen und die etwa noch fortwir- kenden Gelegenheitsursachen desselben zu heben; 2) den vor- gefallnen Uterus in seine natuͤrliche Lage zuruͤckzufuͤhren, und 3) ihn in dieser Lage theils durch Hebung der naͤchsten Krankheitsursache, d. i. der Erschlaffung seiner Baͤnder, theils durch mechanische Unterstuͤtzungsmittel zu erhalten. §. 479. Die Erfuͤllung der ersten Indication richtet sich nach der Natur der durch den Vorfall veranlaßten Zufaͤlle. Bey den Mastdarm sich entleetender Eitersack den Vorfall herabdraͤngte, in den allgemeinen medicin. Annalen 1811. Annal. der Heilkunst S. 841. einer in Folge ploͤtzlicher Dislocation oder allmaͤhliger Ver- groͤßerung und Einklemmung entstandenen entzuͤndlichen Rei- zung des Uterus, wird der antiphlogistische Heilapparat und selbst Blutentziehung eintreten muͤssen; Baͤder, oͤrtliche Fo- mentationen aus erweichenden, oder, bey mehr schwammiger Auftreibung, aus bittern und narkotischen Kraͤutern, bey großer Schmerzhaftigkeit aus warmer Milch mit Laudanum, oder aus warmem Oleum Hyoscyami, bey Excoriationen des Uterus und der Scheide aus dem nach Befinden mit den erwaͤhnten Auf- guͤssen zu verduͤnnenden Bleywasser, sind außerdem nuͤtzlich. Zu- gleich sucht man alles, was das Herabpressen des Uterus ver- mehrt und unterhaͤlt, zu entfernen, wohin vorzuͤglich Erbrechen, Husten und Stuhlzwang zu rechnen sind, welche theils pal- liativ durch demulcirende beruhigende Mittel gemildert, theils nach ihrer Entstehung behandelt werden muͤssen. §. 480. Sind nun die Ruͤcksichten, welche die erste Indication fordert, genommen, oder waren uͤberhaupt keine Zufaͤlle die- ser Art vorhanden, welche eine besondere Behandlung noͤthig machen, so schreitet man zur Erfuͤllung der zweyten Indi- cation, naͤmlich zur Reposition des Vorfalls. Hierbey wird nun das Verfahren verschieden seyn, je nachdem der Vorfall mehr oder minder bedeutend ist. Ein kleiner Vorfall naͤmlich weicht oft schon von selbst zuruͤck, so wie die Kranke die horizontale Lage annimmt, oder durch den wie zur Untersu- chung eingebrachten Zeigefinger noch etwas mehr zuruͤckge- draͤngt wird, um einen groͤßern, namentlich einen completten Vorfall zuruͤckzubringen, wird hingegen ein etwas zusammen- gesetzteres Verfahren nothwendig. Man laͤßt zu diesem Ende der Kranken, am besten gleich fruͤh, bevor sie das Bett ver- lassen hat, durch ein Lavement den Stuhl entleeren, so wie fuͤr Entleerung der Blase, entweder auf natuͤrlichem oder kuͤnstlichem Wege, zu sorgen ist. Hierauf bringt man die- selbe auf ein Lager, wo durch eine in der Kreuzgegend un- tergeschobene Rolle eine maͤßige Erhoͤhung hervorgebracht wor- den ist, bestreicht dann, wenn der Uterus noch innerhalb I. Theil. 24 der Scheide liegt, den Zeige- und Mittelfinger mit Oebl, bringt sie in die Vagina ein und draͤngt behutsam und der Fuͤhrungslinie gemaß den Uterus mittelst angesetzten Finger- spitzen an der Vaginalportion in seine regelmaͤßige Lage zuruͤck. §. 481. Liegt der Uterus voͤllig außerhalb der Geschlechtstheile, so bestreicht man denselben erst mit Oehl, setzt dann Dau- men, Zeige-, Mittel- und vierten Finger rings an die Va- ginalportion, und draͤngt nun vorsichtig, und indem man den Uterus dabey gelind drehend hin und her bewegt, den- selben in die Tiefe des Beckens und in seine regelmaͤßige Lage zuruͤck, indem man zugleich darauf achtet, ob die Re- position etwa heftige Schmerzen, welche auf Druck wichtiger, dem Uterus vielleicht schon nachgesunkener Theile hinweisen, verursacht, in welchem Falle man lieber die Reposition nicht vollkommen macht, sondern gradweise vollbringt, so daß man zuvoͤrderst den Uterus nur in der Vagina zu erhalten und erst nach einiger Zeit ihn weiter herauf zu fuͤhren sucht. Wird der Vorfall durch Druck ausgearteter Organe in der Beckenhoͤhle und erfolgte Verwachsungen unterhalten, so huͤte man sich, nicht durch Gewalt die Reposition vollbringen zu wollen, sondern es muß, sobald man sich sicher hiervon uͤberzeugt hat, der Vorfall als unheilbar betrachtet werden, als welches zwar selten, aber doch mitunter vorkommt. §. 482. Die Erfuͤllung der dritten Indication, welche die Er- haltung in der normalen Lage bezweckt, ist gleichfalls nach dem Grade des Uebels verschieden. Ist es ein nicht be- traͤchtlicher, neuentstandener Gebaͤrmuttervorfall, so ist es zu erwarten, daß die radicale Heilung durch Wiederherstellung einer normalen Spannung der Uterinbaͤnder gelingen werde, und dann muß zuvoͤrderst fuͤr 2 bis 3 Wochen die horizon- tale Lage zur Pflicht gemacht, und durch den Apparat toni- scher Mittel die Contraktilitaͤt der Faser befoͤrdert werden. Hierher gehoͤren: 1) Injectionen von Abkochungen der Sal- via, des Serpillum, Absinthium, der Eichen-, Ulmen- oder Weidenrinde, auch wohl mit etwas rothem Wein oder Alaun- aufloͤsung versetzt; 2) Einreibung spirituoͤser Mittel auf den Unterleib, Tragen des aromatischen Pflasters auf der regio hypogastrica u. s. w.; 3) Einbringung eines Schwammes in die Vagina, welcher mit den genannten bittern und ad- stringirenden Mitteln befeuchtet wird, oder eines Saͤckchens mit Eichenrindenpulver gefuͤllt und mit rothem Weine be- sprengt. §. 483. Kann man nun hoffen, daß durch diese Maaßregeln die Erschlaffung der Gebaͤrmutterbaͤnder und Scheidenwaͤnde gehoben sey, so erlaubt man der Krankeu etwas aufzustehen, und achtet darauf, ob bey aufrechter Stellung und bey ge- linder willkuͤhrlicher Pressung der Bauchmuskeln der Vorfall nicht von neuem erscheint. Ist dies nun nicht der Fall, so laͤßt man die Kranke allmaͤhlig laͤnger auf seyn, warnt in- deß vor allen heftigen und anstrengenden Bewegungen, nimmt Ruͤcksicht auf Erhaltung leichter und natuͤrlicher Harn- und Stuhlausleerungen (bey denen alles Pressen streng zu unter- sagen ist), und faͤhrt noch einige Zeit mit Anwendung des oͤrtlich die Contraktilitaͤt erhoͤhenden Apparats fort. §. 484. Wo dagegen der Vorfall uͤberhaupt zu veraltet ist, als daß man auf dem angegebenen Wege dessen Heilung erwar- ten duͤrfte, oder auch die angezeigte Methode fruchtlos ge- blieben ist, fordert das Uebel ein Mittel, welches wenigstens die mit der tief herabgetretenen Gebaͤrmutter nothwendig ver- bundenen Beschwerden etwas mindert. Dieses wird bewirkt durch eine mechanische Unterstuͤtzung des Uterus, zu deren Ausfuͤhrung man sehr verschiedene Mittel in Vorschlag ge- bracht hat. Eins der zweckmaͤßigsten zu diesem Behuf ist die schon erwaͤhnte Einbringung eines hinlaͤnglich großen Schwammes in die Vagina, bey welchem alle nachtheilige Reizung der Vaginalportion wegfaͤllt und man zugleich durch Befeuchten des Schwammes mit einem Eichenrindendekokt und etwas rothem Wein zur vollkommnen Heilung immerfort beytragen kann. — Ein solcher Schwamm muß an seinem untern duͤnnern Ende mit einer Schlinge versehen seyn, theils um ihn bequem herausnehmen zu koͤnnen (welches uͤberhaupt, namentlich aber zur Zeit der monatlichen Reinigung oͤfters geschehen muß), theils um ihn an eine Leibbinde mit zwi- schen den Schenkeln locker durchgezogenem Bande (ohngefaͤhr wie der Beinriemen an einem Bruchbande) etwas befestigen zu koͤnnen, wodurch man theils das Hervordraͤngen des Schwam- mes in Folge von Vaginalkrampf, oder in Folge betraͤchtli- cher Erweiterung der rima genitalium bey vielleicht fruͤher Statt gehabten Einrissen des Mittelfleisches verhindern kann (in welchem letztern Falle man zur Verhinderung des Hervordraͤngens durch eine vor die Geburtstheile gelegte Compresse noch mehr beytragen kann), theils auf alle Weise das Herausfallen des Schwammes im Gehen zu verhuͤten ist. §. 485. Wo indeß der Schwamm keine hinlaͤngliche Unterstuͤtzung gewaͤhrt, was vorzuͤglich bey einem schon Jahre lang be- stehenden sehr bedeutenden Gebaͤrmuttervorfalle und bey sehr weitem Becken eintreten wird, ist man genoͤthigt, auf festere Unterstuͤtzungsmittel zu denken, und zu diesem Behuf dienen dann die Mutterkraͤnze ( Pessaria ), deren die Bandagen- lehre S. J. Glob. Bernstein ’s systemat. Darstellung des chirurgischen Verbandes. Jena 1798. und Ebendesselben Kupfertafeln mit Erklaͤ- rungen und Zusaͤtzen z. systemat. Darst. d. chirurg. V. Querfol. m. 51 Kpf. 1802. Juville Abhandl. uͤber die Bruchbaͤnder u. and. bey Gebaͤrmuttersenkungen u. s. w. anwendbaren Verbaͤnde. A. d. Franz. v. Schreger . Nuͤrnb. 1800. Außerdem findet sich die ausfuͤhrlichste Betrachtung der verschiedenen Pessarien bey: Hunold eine betraͤchtliche Anzahl aufzaͤhlt, und von welchen wir jetzt noch einige der empfehlenswerthesten betrachten und ihre Anwendungsart beschreiben wollen. §. 486. Wir theilen die Pessarien ein in gestielte und unge- stielte. Beide Arten haben ihre besondern Vortheile und Nachtheile. Die ungestielten werden ohne Schmerzen getra- gen, beduͤrfen keiner besondern Binde zum Zuruͤckhalten, ja hindern (gut gelegt) nicht einmal die Empfaͤngniß; dagegen sind sie nicht leicht den gegebenen Umstaͤnden, vorzuͤglich dem Becken, genau anzupassen, muͤssen daher, wenn sie zu groß sind, die benachbarten Theile bedeutend druͤcken, oder werden, wenn sie zu klein sind, bald ausfallen, ja das Uebelste ist, daß die weichen Theile gewoͤhnlich durch den Druck des Pes- sarii nachgeben und so, wenn es auch anfaͤnglich fest lag, doch spaͤterhin das Ausfallen desselben bewirken. — Was die gestielten Mutterkraͤnze anbelangt, so halten sie zwar den Uterus mit Sicherheit zuruͤck, dagegen machen sie auch viele Beschwerden, fordern das Tragen einer besondern Binde, deren Durchnaͤssung vom Urinabgange unvermeidlich ist, der Stiel des Mutterkranzes reibt und druͤckt die Vagina und die aͤußern Geburtstheile, veranlaßt Leukorrhoͤe und Excoriationen. Außerdem sinkt auch, selbst bey bestens angelegter Binde, der Uterus doch im Gehen etwas herab, und wenn sich die Kranke dann schnell und unvorsichtig niedersetzt, so stoͤßt der Mutterkranz den Uterus gewaltsam in die Hoͤhe, welches denn nicht nur schmerzhafte Empfindungen macht, sondern zu nachtheiligen Reizungen des Muttermundes, selbst zu Ent- stehung von Skirrhositaͤten fuͤhren kann. §. 487. Da sonach die ungestielten Pessarien allerdings weniger beschwerlich und gefaͤhrlich sind, als die gestielten, so wird man ihnen, wo nur immer moͤglich, den Vorzug Diss. de Pessariis. Marb. 1799. 8. und in Richter ’s Anfangsgr. der Wundarzneykunst. Bd. VII. S. 16. geben. — Die Form wie das Material derselben ist indeß aͤußerst verschieden, am wenigsten zu empfehlen sind, ihres Drucks und ihrer Form wegen, die cylinder-, apfel- und birnfoͤrmigen Pessarien; besser, und doch sehr einfach, ist der, auch von Richter besonders empfohlne Levret ’sche Mutter- kranz ( T. I. f IX. ), welcher aus einem Ringe von Kork, gegen 3 Zoll im Querdurchmesser und ein Sechstheil weniger im geraden Durchmesser betragend, verfertigt und mit einem Ueberzuge aus Wachs, mit etwas Gyps vermischt, uͤberzo- gen wird. Wenn ein solcher Kranz gut liegen soll, so muß er namentlich nicht zu duͤnn seyn, denn je breiter natuͤrlich der an der Vaginalwand liegende Rand ist, desto weniger wird er abgleiten. Weniger gut sind die hoͤlzernen, bloß teller- foͤrmigen, runden, oder die nach Art des Bruͤninghausi - schen hinten und vorn etwas ausgeschnittenen (nach Art einer ∞), welche sehr leicht abgleiten und ausfallen. §. 488. Ferner gehoͤren hierher die elastischen ungestielten Pessarien, worunter das Hunold ’sche, aus einem Fischbein- ringe mit Seide umwickelt und mit einem Netze von Haar- baͤndern innen durchflochten (s. T. I. f. X. ), Erwaͤhnung verdient, obwohl auch dieses wegen des duͤnnen Randes leicht ausfallen kann. Dieses leichte Herausgleiten ist indeß auch von den andern elastischen Pessarien, z. B. von den Juvil- le ’schen und Bernard ’schen, zu befuͤrchten, von denen das erste aus einer kleinen Flasche elastischen Harzes, am Boden mit einem eingelegten goldenen Ringe ( T. I. f. XII. ), der zweyte aus Leinwand, mit Aufloͤsung des elastischen Harzes bestrichen, besteht, und welche namentlich durch die Erwaͤr- mung sich erweichen und so herausfallen. §. 489. Die gestielten Mutterkraͤnze betreffend, so hat man auch von dieser Art theils elastische, theils unelastische. Die erstern, gewoͤhnlich aus Leinwand, mit aufgeloͤstem ela- stischen Harz bestrichen, verfertigt, erweichen sich jedoch bald, knicken zusammen und lassen den Vorfall wieder heraustreten, koͤnnen daher nur fuͤr sehr empfindliche Personen und bey nicht allzubetraͤchtlichen Vorfaͤllen Statt finden, und muͤssen oͤfters erneuert werden. Sie haben das Gute, daß sie beym Nie- dersetzen nicht so gegen die Gebaͤrmutter stoßen, und ich habe sie daher nicht ohne Nutzen gefunden, zumal da mitunter, wenn der Vorfall noch nicht gar zu stark war, er sich durch ein halbjaͤhriges oder etwas laͤngeres Tragen eines gestielten Mutterkranzes entweder ganz verliert, oder sodann durch einen bloßen Schwamm sich zuruͤckhalten laͤßt. §. 490. Die harten elastischen Mutterkraͤnze sind am besten mit einem soliden, nach der Fuͤhrungslinie maͤßig gebognen Stiele versehen, der Teller wird entweder von dem Stiele unmittel- bar (wie bey dem Hunold ’schen) getragen, und dann muß der in der Mitter vertiefte Teller mit einigen Loͤchern versehen seyn, oder der Teller, zur Unterstuͤtzung der Vaginalportion, wird in einen bloßen Ring verwandelt und dann von drey auf dem Stiele aufsitzenden Stuͤtzen getragen (wie bey dem Zeller ’schen s. T. I. f. XI. ). Eins der gewoͤhnlichsten, wohlfeilsten und besten Pessarien dieser Art ist das von Hu- nold , welches aus uͤberfirnißtem, vorher in Leinoͤhl gekochtem Holze besteht und welches man auch mit einer Wachsmasse uͤberziehen lassen kann. Um uͤbrigens bey diesen harten ge- stielten Pessarien das Stauchen gegen die Gebaͤrmutter beym Niedersitzen zu verhuͤten, giebt Richter den Rath, den Stiel zu durchschneiden, an jedem Ende eine etwa zolllange silberne Roͤhre anzufuͤgen, eine duͤnner als die andere, so daß eine sich in die andere einschieben laͤßt, und nun in diese Roͤhren eine Feder von spiralfoͤrmig gewundenem Drath so zu legen, daß sich beym Druck der Stiel verkuͤrzt und von selbst wieder verlaͤngert; allein es ist wohl zu zweifeln, ob eine so kuͤnstliche Vorrichtung hier lange Zeit widerhalten wuͤrde. Eher koͤnnte man daher, nach dem Vorschlage Eben- desselben, den Kranken, welche das Hunold ’sche oder Zel- ler ’sche Pessarium tragen, den Rath geben, am hintern und obern Theile der Schenkel Kissen zu befestigen, welche, wenn die Kranken sich setzen, den Stoß gegen den Stiel des Mutterkranzes verhindern. — Daß uͤbrigens alle gestielte Pessarien am un- tern Ende des Stiels mit ein oder einigen Oeffnungen zum Durchziehen des an eine Leibbinde befestigten Bandes ver- sehen seyn muͤssen, ergiebt sich schon von selbst. §. 491. Wir haben nun noch von der Art, Mutterkraͤnze ein- zulegen und herauszunehmen, zu sprechen: — Um einen un- gestielten Mutterkranz einzulegen, muß zuvoͤrderst nach oben (§. 480. u. 81.) angegebenen Methoden die vollkommne Re- position des Vorfalls bewerkstelligt seyn; man laͤßt dann die Kranke (welche nuͤchtern seyn und Urin und Stuhl entleert haben muß) in eben die Lage bringen, welche zur Reposition noͤthig war (§. 480.), laͤßt die Knie etwas anziehen, be- streicht den Mutterkranz mit Oehl und bringt ihn dann mit seiner Laͤnge in der Achse des Beckens, mit seiner Breite in der Richtung der geraden Durchmesser desselben in die Mut- terscheide ein, wobey die Kranke alles Pressen sorgfaͤltig ver- meidet. Im Becken nun giebt man ihm die Richtung, daß er mit seiner Laͤnge in den Querdurchmesser der Beckenhoͤhle, und mit seiner Breite in den geraden Durchmesser derselben zu liegen kommt, und der Muttermund uͤber der Oeffnung des Mutterkranzes, und zwar auf der concaven Seite dessel- ben sich befindet. — Hat man sich von der guten Lage des- selben uͤberzeugt, und empfindet die Kranke weder heftiges Druͤcken, noch sonstigen Schmerz, so bedeckt man die aͤußern Geburtstheile mit einer dicken, allenfalls mit rothem Wein besprengten Compresse, welche an eine Leibbinde hinten und vorn befestigt wird, laͤßt ihr die Schenkel zusammen legen und sich ruhig halten. §. 492. Nach einer zwey bis drey Tage beobachteten Ruhe, wenn sich der Mutterkranz in die weichen Theile des Beckens gehoͤrig eingedruͤckt hat, laͤßt man die Kranke zwar aufstehen, allein alle anstrengenden Bewegungen in den naͤchst folgenden Tagen sorgfaͤltig vermeiden, die Compresse noch mehrere Tage forttragen, Verstopfungen durch von Zeit zu Zeit zu neh- mende Lavements vorbeugen und beym Stuhlgange die Ge- burtstheile mit der Hand bedecken, bis man sich von voll- kommen guter und fester Lage des Pessarii hinlaͤnglich uͤber- zeugt hat. Ueberhaupt muß auch spaͤterhin von Zeit zu Zeit die innere Untersuchung vorgenommen werden, da zuweilen das Pessarium sich verruͤckt oder schief legt (mit der breiten Flaͤche nach vorn), oder auch wohl der Uterus sich neben demselben herabdraͤngt, oder endlich, wenn das Instrument lange gelegen hat, dasselbe auch schadhaft werden koͤnnte. — Im letzteren Falle, oder wenn es eine ganz falsche, im Becken selbst durch einen gelinden Druck nicht abzuaͤndernde Lage bekommen haͤtte, muß es herausgenommen werden, wo- bey denn die Kranke wieder dieselbe Lage, wie bey der Ein- bringung, annehmen muß, und man den Zeigefinger in die Oeffnung des Mutterkranzes bringt, ihn erst mit seiner Laͤnge in die Fuͤhrungslinie des Beckens herabzudraͤngen und so her- auszunehmen sucht, welches allerdings zuweilen bey Pessarien, welche mehrere Jahre gelegen haben, mit nicht geringen Schwierigkeiten verbunden zu seyn pflegt und wozu man sich zuweilen auch der Beyhuͤlfe einer etwas starken krumm gebo- genen Sonde bedienen kann. — Das Herausnehmen des Mutterkranzes ist uͤbrigens auch nothwendig, wenn er weißen Fluß, Entzuͤndung, Geschwulst Am gefaͤhrlichsten ist das Einklemmen der Vaginalpartion in die Mutterkranzoͤffnung, wobey man zuweilen zum Durchschneiden des Mutterkranzes gezwungen werden kann. oder uͤberhaupt Schmerzen verursacht; eben so ist es rathsam, ihn waͤhrend der Men- struation zu entfernen, und durchaus nothwendig wird dies zur Vermeidung nachtheiliger Reizung in der zweyten Haͤlfte einer etwa eingetretenen Schwangerschaft. Ueberhaupt be- kommen oft die Kranken selbst die noͤthige Fertigkeit im Her- ausnehmen und Einlegen des Mutterkranzes, welches zur oͤftern Reinigung der Geburtstheile und des Instruments am vortheilhaftesten ist. §. 493. Die Einlegung eines gestielten Mutterkranzes fordert im Wesentlichen dasselbe Verfahren. Man laͤßt hierzu der Kranken eine Leibbinde verfertigen, an welcher hinten zwey lange seidene, einen halben Zoll breite Baͤnder befestigt wer- den, um durch den Stiel des Mutterkranzes gezogen werden zu koͤnnen. An der vordern Gegend der Leibbinde befestigt man zu beiden Seiten ein paar kuͤrzere Baͤnder, um die von dem Mutterkranzstiel V foͤrmig nach vorn und oben gefuͤhrten hintern Baͤnder daran zu knuͤpfen, durch welche Richtung der Baͤnder das Verunreinigen derselben bey Stuhl und Urinab- gange in etwas vermieden wird. Den Mutterkranz selbst waͤhlt man nach der Hoͤhe und Weite des Beckens, indem sein Teller weder zu groß seyn darf, damit er nicht druͤcke, noch zu klein, weil sonst der Uterus sich neben demselben herabdraͤngen wird. Man bringt ihn nach gemachter Repo- sition, und zwar ebenfalls hinlaͤnglich eingeoͤhlt, ein, stellt ihn so, daß der Muttermund auf dem Teller ruht, befestigt dann die hintern Baͤnder, welche schon vor dem Einbringen des Mutterkranzes durch die Oeffnungen des Stiels gezogen seyn muͤssen, an die vordern kuͤrzern Baͤnder, so daß der Uterus dadurch gerade in seine normale Stellung gehoben wird, und macht nun der angelegte Mutterkranz weder Druck noch Schmerz, so kann der Kranken das Aufstehen bald wieder erlaubt werden, jedoch so, daß Anstrengungen noch laͤngere Zeit vermieden werden, vorzuͤglich um das Herabzwaͤngen des Uterus neben dem Pessarium zu verhindern. — Uebrigens lernen die Kranken gewoͤhnlich auch mit diesen Instrumenten bald selbst umgehen, und koͤnnen das Herausnehmen, Reinigen und Einbringen desselben sodann sich selbst besorgen. 2. Schieflagen der nicht schwangern Gebaͤr- mutter . 1) Vorwaͤrtsneigung ( Antroversio uteri ) . §. 494. Der nicht schwangere Uterus, auf beiden Seiten durch doppelte Baͤnder befestigt, kann vorzuͤglich nach vor- und hin- terwaͤrts mit seiner Laͤngenachse von der Fuͤhrungslinie des Beckens sich entfernen, seitwaͤrts hingegen wird er nur zu- weilen durch abnorme Geschwuͤlste, entweder seiner eigenen Substanz, oder benachbarter Organe, gedraͤngt. Die Neigung mit dem Grunde nach vorwaͤrts, im gewoͤhnlichen Zustande schon durch die Anheftung der runden Mutterbaͤnder im ge- ringen Grade vorhanden, bekommt, wenn sie betraͤchtlicher wird und krankhafte Zufaͤlle erregt, den Namen der Schief- lage nach vorn oder der Vorwaͤrtsneigung , Ich waͤhle hier das Wort Neigung, um die Krankheit zu unter- scheiden von der bey Woͤchnerinnen beobachteten eigentlichen Vor- waͤrtsbeugung ( Pronatio uteri ), von welcher im zweyten Theile die Rede seyn wird. dahin- gegen die abnorme Lage mit dem Gebaͤrmuttergrunde nach ruͤckwaͤrts den Namen der Ruͤckwaͤrtsneigung oder der Schieflage nach hinten erhaͤlt. §. 495. Was die hier zunaͤchst zu betrachtende Vorwaͤrtsneigung anbelangt, so ist sie vorzuͤglich wegen des Drucks auf die Harnblase mit heftigen, von diesem Organ ausgehenden Be- schwerden verknuͤpft, die Kranke hat steten Trieb, den Urin zu lassen, empfindet bey staͤrkerem Drucke auf die Scham- beingegend Schmerzen, hat das Gefuͤhl eines harten, im Stehen ihr auf die Blase fallenden Koͤrpers, welcher zuruͤck- weicht, wenn sie die Ruͤckenlage annimmt, ja es erstrecken sich die schmerzhaften Empfindungen zuweilen bis in die Len- den und Inguinalgegend, welches alles denn leicht Veranlas- sung geben kann und auch in einem von Levret beschriebe- nen Falle wirklich gegeben hat, die Krankheit mit Steinbe- schwerden zu verwechseln. Das sicherste Kennzeichen derselben ist daher nur aus der innern Untersuchung zu entnehmen, bey welcher man die Vaginalportion weit nach ruͤckwaͤrts und oft so hoch gestellt findet, daß man ihn kaum erreicht, da hin- gegen durch den vordern Theil des Scheidengewoͤlbes der auf der Harnblase liegende Grund des Uterus wahrgenommen wird. §. 496. Die Entstehung des Uebels ist verschieden. Beguͤn- stigt wird sie durch Einfluͤsse, welche Erschlaffung der Gebaͤr- mutterbaͤnder bewirken, so wie durch den Zustand des Wochen- bettes; ferner durch sehr starke Neigung oder Kruͤmmung des Beckens mit stark hervorragendem Vorberge; ferner entsteht sie durch Erweiterungen der Flexura sigmoidea des Coli von angehaͤuften Excrementen, durch Knochenauswuͤchse an der hintern Beckenwand, Ausartungen der Gebaͤrmuttersubstanz selbst, oder widernatuͤrliche Verbindungen derselben, nament- lich mit dem Mastdarme in Folge urspruͤnglicher Mißbildung (s. §. 138.). §. 497. Die Prognose ist fuͤr leichtere Grade des Uebels nicht unguͤnstig, indem theils die Beschwerden davon nicht betraͤcht- lich sind (außer daß dadurch oͤfters die Conception gehindert wird), theils auch die Zuruͤckfuͤhrung der normalen Lage keinen besondern Schwierigkeiten unterworfen zu seyn pflegt, da hin- gegen die hoͤheren Grade, theils wegen der Stoͤrung der Urinexcretion, theils wegen gern entstehender Haͤmorrhoidal- zufaͤlle, vorzuͤglich wenn Mißbildungen des Beckens oder der Gebaͤrmutter zum Grunde liegen, eine uͤble Prognose geben und im letztern Falle oft als ganz unheilbar zu betrach- ten sind. §. 498. Die Behandlung hat dieselben drey Indicationen, wel- che beym Gebaͤrmuttervorfall aufgestellt worden sind. Zunaͤchst also beseitigt man Verhaltungen des Stuhls und Urins, so wie entzuͤndliche Zufaͤlle, bringt dann die Kranke in eine Ruͤckenlage, wobey die Kreuzgegend durch eine untergeschobene Rolle erhoͤht wird, und nun leitet man theils durch einen uͤber dem Schambogen angebrachten Druck, theils durch Ein- bringung zweyer Finger in die Vagina und gelindes Vor- waͤrtsdruͤcken der Vaginalportion den Uterus in seine normale Lage zuruͤck, wobey zuweilen, wo die Vaginalportion bereits mit der hintern Scheidenwand verwachsen waͤre, es allerdings nothwendig werden koͤnnte, nach v. Siebold’s Rath diese Verwachsung zuvor durch das Messer zu trennen. §. 499. Die meiste Schwierigkeit hat indeß die Erfuͤllung der dritten Indication, naͤmlich der Erhaltung des Uterus in der normalen Lage. Man empfiehlt zu diesem Ende fuͤr mehrere Tage die Beybehaltung der Ruͤckenlage, bringt einen Schwamm in den hintern Theil des Scheidengewoͤlbes (aͤußerer Druck durch Binden, uͤber dem Schambogen angelegt, kann bey der tiefen Lage des Uterus im Becken wenig nuͤtzen), verhuͤtet sorgfaͤltig Anhaͤufungen festen Stuhls im untern Theile des Dickdarms, und laͤßt im aͤußersten Falle selbst einen ring- foͤrmigen, die Vaginalportion umschließenden Mutterkranz tragen. 2) Ruͤckwaͤrtsneigung oder Zuruͤckbeugung der nicht schwangern Gebaͤr- mutter ( Retroversio uteri ). §. 500. Diese abnorme Lage des Uterus, wo der Gebaͤrmutter- grund in die Aushoͤhlung des Kreuzbeins sinkt und der Mut- terhals sich hinter oder uͤber dem Schambogen findet, kommt außer der Schwangerschaft aͤußerst selten vor, haͤufiger aber in den ersten Monaten der Schwangerschaft (s. d. 2ten Th.), obwohl man gerade der Behauptung des verewigten Rich- ters , Anfangsgruͤnde d. Wundarzneyk. Th. 7. S. 47. es lasse sich eine solche Zuruͤckbeugung außer der Schwangerschaft kaum gedenken, nicht fuͤglich beypflichten kann. Ich selbst beobachtete einen Fall, wo stete, mit der Wiederkehr der monatlichen Reinigung verknuͤpfte Kraͤmpfe und heftige Haͤmorrhoidalbeschwerden mit einer solchen falschen Lage des Uterus sich verbunden hatten, und schon v. Sie- bold bemerkt, daß diese Lage gewiß oft bloß wegen unter- lassener geburtshuͤlflicher Untersuchung nicht erkannt, sondern mit aus andern Ursachen entstandenen Haͤmorrhoidalzufaͤllen verwechselt werde. §. 501. Veranlassungen zu dieser abnormen Lage werden vor- zuͤglich geben koͤnnen: ein weites, wenig geneigtes und ge- kruͤmmtes Becken, heftiges Draͤngen beym Stuhlgange, Aus- artungen der Gebaͤrmuttersubstanz, laͤngere Urinverhaltungen u. s. w. Die Folgen muͤssen in Druck auf den Mastdarm, Obstructionen, Kreuzschmerzen u. s. w. bestehen, und die Be- handlung wird auf aͤhnliche Weise, wie bey der Vorwaͤrts- neigung, vollzogen werden muͤssen, nur daß man hier der Kranken die Lage auf Kniee und Ellenbogen gestuͤtzt, giebt, und die zwey eingefuͤhrten Finger gegen den Gebaͤrmutter- grund anstemmt und diesen gegen den Vorberg hinauf schiebt, dann aber den Uterus durch laͤngere Zeit beybehaltene Bauch- lage, Einbringen eines Schwammes in den vordern Theil des Scheidengewoͤlbes oder durch einen eingelegten Mutter- kranz in der angewiesenen Lage zu erhalten sucht. §. 502. Außer diesen beiden Schieflagen koͤnnten endlich auch die Senkungen der Gebaͤrmutter in Leisten-, Bauch-, Ruͤcken- und Mutterscheidenbruͤche Zu welchen man eigentlich selbst die Zuruͤckbeugung der Gebaͤrmut- ter rechnen kann. hierher gezaͤhlt werden, von welchen man von Zeit zu Zeit Beyspiele beobachtet hat, allein theils sind diese Faͤlle so aͤußerst selten, theils ist hier so ganz die Beachtung und Behandlung der Bruchge- schwulst selbst Hauptsache, daß von diesen Lagenveraͤnderun- gen der Gebaͤrmutter als besondere Krankheiten nicht die Rede seyn kann, weßhalb wir hieruͤber auf die chirurgischen Lehr- saͤtze von den Bruͤchen verweisen, und uns zu der letzten Regelwidrigkeit am Uterus wenden, naͤmlich zu der 3. Umkehrung oder Umstuͤlpung der nicht schwan- gern Gebaͤrmutter ( Inversio uteri ). §. 503. Durch diesen Namen bezeichnen wir das Herabsinken des Gebaͤrmuttergrundes in die Gebaͤrmutterhoͤhle, in den Muttermund, ja zuletzt durch die Mutterscheide und die aͤu- ßern Geburtstheile, wobey denn natuͤrlich die innere Flaͤche der Gebaͤrmutter zur aͤußern wird, und im Falle die Gebaͤr- mutter bis vor die aͤußern Geburtstheile herabgesunken ist, der Muttermund den obern Theil des vorliegenden Klumpens ringfoͤrmig umgiebt und die ebenfalls herabgesunkene und um- gestuͤlpte Mutterscheide den hohlen Stiel dieser mehr kuglichen Geschwulst bildet. — Man unterscheidet hierbey zwischen un- vollkommner und vollkommner Umstuͤlpung ( Inversio uteri completa et incompleta ) und begreift unter der erstern Ab- theilung diejenige Herabsenkung, wo die umgestuͤlpte Gebaͤr- mutter noch nicht ganz durch den Muttermund sich gedraͤngt hat, da das Gegentheil die vollkommne Umstuͤlpung dar- stellt. — §. 504. Eine solche Aenderung im Verhaͤltniß der einzelnen Ge- baͤrmuttergegenden nun ist nicht gedenkbar, außer wo die Ge- baͤrmutterhoͤhle und der Muttermund eine bedeutende Vergroͤ- ßerung erfahren hatten, welches eines Theils durch die Schwan- gerschaft geschieht, daher denn auch im Wochenbett, oder vorzuͤglich unmittelbar nach der Geburt des Kindes die Um- stuͤlpung am haͤufigsten vorkommt (wovon das Naͤhere im zweyten Theile), andern Theils aber auch, obwohl seltner, durch abnorme Auswuͤchse, namentlich durch Gebaͤrmutterpo- lypen, bewirkt wird. — Eben deßhalb aber, weil die Um- stuͤlpung am gewoͤhnlichsten im Wochenbette entsteht, hat man sie auch unter den Krankheiten der Woͤchnerinnen der Regel nach mit abgehandelt; allein da es an Beyspielen nicht fehlt, wo dergleichen fehlerhafte Lagen erst mehrere Jahre nach dem Wochenbette bemerkt wurden, so ist es doch noͤthig, auch unter den Krankheiten der Nichtschwangern die- sem Falle eine besondere Aufmerksamkeit zuzuwenden. §. 505. Diaguose . Die Kranke fuͤhlt entweder bloß innerlich in den Geburtstheilen einen stumpfen Druck, mit Gefuͤhl von Draͤngen und Pressen verbunden, leidet an oͤftern Blutungen, an Schleimfluß, Stoͤrungen der Stuhl- und Harnausleerun- gen, Haͤmorrhoidalzufaͤllen u. s. w., oder sie wird durch eine zwischen und vor den aͤußern Geburtstheilen fuͤhlbare Ge- schwulst incommodirt, empfindet die genannten Beschwerden dann gewoͤhnlich in noch hoͤherem Grade, und hat noch au- ßerdem Schmerz von Excoriationen, entzuͤndlichen Zufaͤllen des Uterus u. s. w. — Bey der angestellten Untersuchung giebt sich die vollkommne Umstuͤlpung zu erkennen dadurch, daß die Geschwulst empfindlich ist, und daß man zwischen den ringfoͤrmig den Stiel der Geschwulst umgebenden Mut- termund und den Stiel keine Sonde einfuͤhren kann (wo- durch sie sich von einem Polypen unterscheidet), ferner daß abwaͤrts kein Muttermund bemerkt wird (wodurch sie von dem Vorfalle abweicht). — Die unvollkommne Umstuͤlpung ist oft schwerer zu erkennen; hier zeigt sich eine kugliche Ge- schwulst im Muttermunde, welche oft alle aͤußerliche Merk- male eines gegen die Mutterscheide sich herabdraͤngenden Po- lypen hat, Vergl. den Fall, welchen Hauck (Rust ’s Mag. Bd. IV Hft. 3.) beschreibt. am meisten jedoch von demselben dadurch sich unterscheidet, daß sie empfindlich ist, so daß die Kranke anzugeben vermag, auf welche Weise dieselbe durch den un- tersuchenden Finger beruͤhrt oder gereizt wird. §. 506. Den vollkommensten Aufschluß aber wird in der Regel die Beobachtung der vorhergegangenen Umstaͤnde geben, denn da, wie schon bemerkt, nur in Wochenbetten, oder durch betraͤchtliche Polypen die Umstuͤlpung entsteht, so kann durch Beruͤcksichtigung dieser Dinge und besonders durch genaue Er- forschung des letzten Geburtsverlaufs und des Befindens im Wochenbett alsbald die noͤthige Aufklaͤrung erhalten, und die Diagnose, mit Beruͤcksichtigung des Resultats der geburts- huͤlflichen Untersuchung, berichtigt werden. Ein merkwuͤrdiges Beyspiel von einer 26 Jahr dauernden Umstuͤl- pung, bey welcher zuletzt durch einen Quacksalber eine Ligatur an- gelegt wurde, die nach 6taͤgigen schrecklichen Leiden und drohendem Brande von dem nun dazu gerufenen Hrn. d’ Outrepont abge- nommen wurde, findet sich in E. B. Herzog Diss. de inversione uteri. Wirceb. 1817. 4. §. 507. Von den Bedingungen der Entstehung einer Gebaͤrmutterumstuͤlpung ist theils oben bey der Geschichte der Polypen die Rede gewesen, theils werden wir bey den Re- gelwidrigkeiten der Geburt und des Wochenbettes wieder dar- auf zuruͤckkommen. Die Prognose betreffend, so ist zwar die ploͤtzlich eingetretene Umstuͤlpung oft mit den gefaͤhrlichsten I. Theil. 25 Zufaͤllen verbunden, theils an und fuͤr sich klar, wie sehr bey so ganz widernatuͤrlicher Lage die Functionen des Uterus gestoͤrt werden muͤssen, und wie leicht er der Gefahr der Ent- zuͤndung und selbst des Brandes ausgesetzt sey; demohnerach- tet hat die Beobachtung Faͤlle gezeigt, wo der Uterus sich nach und nach so voͤllig an diese Lage gewoͤhnt hatte, daß selbst die Menstruation fortdauerte und das Wohlbefinden nicht mehr als durch einen gewoͤhnlichen Gebaͤrmuttervorfall gestoͤrt war. §. 508. Die Behandlung hat, wie bey dem Gebaͤrmutter- vorfalle, namentlich drey Indicationen zu beruͤcksichtigen, naͤm- lich: 1) die durch ein ploͤtzliches Herabtreten oder aͤußere Schaͤdlichkeiten veranlaßt e n Zufaͤlle zu beseitigen, in welcher Hinsicht bey Entzuͤndungsgeschwulst des Uterus auf aͤhnliche Weise verfahren werden muß, wie oben (§. 479.) fuͤr aͤhn- liche Zufaͤlle, wenn sie an der prolabirten Gebaͤrmutter sich zeigen, erwaͤhnt worden ist; nur muß erinnert werden, daß diese Zufaͤlle bey der Umstuͤlpung, entweder wenn dieselbe eben erst entstanden, oder (was auch geschehen kann), wenn der vielleicht vorher nur zum Theil umgestuͤlpte Uterus nach einer gewaltsamen Bewegung, nach heftigem Pressen u. s. w. sich ploͤtzlich vollkommen umgestuͤlpt hatte und wohl gar vor die aͤußern Geburtstheile getreten war, weit heftiger als bey dem bloßen Gebaͤrmuttervorfall zu seyn pflegen und daher gewoͤhnlich auch ein kraͤftigeres antiphlogistisches Heilverfahren fordern. §. 509. Die zweyte Indication gebietet die Wiederherstellung der natuͤrlichen Lage der Gebaͤrmutter; ihre Erfuͤllung findet jedoch, je mehr die Umstuͤlpung veraltet ist, um so bedeutendere Schwierigkeiten. Wo der Uterus noch beweglich ist, verrich- tet man sie, indem man der Kranken eine Ruͤckenlage, wie zur Reposition des Gevaͤrmuttervorfalls, anweist, dann mit konisch zusammengelegter und hinreichend eingeoͤhlter Hand den Fundus uteri mit den Fingerspitzen faßt und ihn durch behutsames, in der Richtung der Fuͤhrungslinie des Beckens fortgesetztes Druͤcken und Draͤngen nach und nach einwarts schiebt, dem Muttergrunde dann durch den Muttermund hin- durch nachfolgt, und so den Uterus bis zu der ihm natuͤrli- chen Stellung im Becken herauffuͤhrt. Hat die regelwidrige Lage noch nicht allzulange gedauert, so wird dieses ohne allzugroße Muͤhe gelingen; ist das Gegentheil aber der Fall, so wird oft der Kranken der Repositionsversuch selbst die hef- tigsten Zufaͤlle verursachen, und man wird genoͤthigt seyn, Baͤder, erweichende Umschlaͤge und aͤhnliche Mittel laͤngere Zeit fortzusetzen und dann erst die Reposition von neuem zu versuchen, obwohl man in mehreren veralteten Uebeln dieser Art sich zuletzt bekennen mußte, daß die Reposition uͤberhaupt hier gaͤnzlich unmoͤglich sey. §. 510. Die dritte Indication fordert Erhaltung des Uterus in seiner wiedererlangten natuͤrlichen Lage, zu welchem Ende denn zuvoͤrderst die Contraction desselben bewerkstelligt werden muß, da außerdem stets die Neigung zum Wiedereintritt der Umstuͤlpung verbleiben wuͤrde. Die Contraction aber wird erregt theils durch Einreibungen von Naphtha und fluͤchtigem Linimente, theils durch Injectionen aromatischer, mit Essig und Wein vermischter Kraͤuteraufguͤsse, theils durch innerliche Mittel, woruͤber ich auf die bey Gelegenheit der Gebaͤrmut- terblutungen beschriebene Behandlungsart verweise. Ist die Zusammenziehung vollkommeu geschehen, so ist Wiederumstuͤl- pung nicht moͤglich, und die Kur ist beendigt. Sinkt aber bey wiederhergestelltem normalem Verhaͤltnisse des Uterus der- selbe demohnerachtet noch tief in das kleine Becken herab, so tritt die Behandlung des Gebaͤrmuttervorfalls ein, so wie denn endlich, wo die Reposition der Umstuͤlpung uͤberhaupt gaͤnzlich unterbleiben mußte, man wenigstens das Zuruͤckbrin- gen des Uterus in die Hoͤhle der Mutterscheide nicht unter- lassen darf, und zum Zweck des Zuruͤckhaltens sich dann (so wie dies z. B. in dem erwaͤhnten, von Herzog beschriebe- nen Falle geschah) eines kurzgestielten Pessarii, oder eines Schwammes, oder beider zugleich bedienen kann. Daß uͤbrigens bey vollkommner Umstuͤlpung auch Herab- sinkung der Darmwindungen in dem umgestuͤlpten Uterus Statt finden wird, ergiebt sich von selbst (man kann dies einen Mutterdarmbruch, Enterocele hysterica, nennen); allein die Behandlung der umgestuͤlpten Gebaͤrmutter hebt diesen Darm- bruch zugleich. II. Krankheiten der Mutterscheide . §. 511. Die Mutterscheide, in wiefern sie eigentlich wahre Fort- setzung des Uterus und von letzterem nur durch die geringere Entwickelung ihrer Waͤnde verschieden ist, zeigt auch ganz aͤhnliche Krankheitszustaͤnde, wie die im Uterus bemerkten, obwohl gewoͤhnlich von geringerer Heftigkeit und minderer Aus- dehnung auf das allgemeine Befinden. Mehrere Krankheits- zustaͤnde der Vagina sind daher mit gleichnamigen des Uterus genau verbunden, und werden durch dieselbe Behandlung, wie jene, gehoben; dahin gehoͤrt der weiße Fluß, die Entzuͤn- dung, die Eiterung, der krebshafte Zustand; andere sind der Mutterscheide mit der Gebaͤrmutter gemein und fordern nur hier eine etwas andere Behandlung, wohin der Mutterschei- denvorfall und zum Theil auch die Mutterscheidenpolypen ge- hoͤren; wenige sind diesem Organ eigenthuͤmlich, wohin wir nur den Mutterscheidenbruch rechnen. 1. Von den Mutterscheidenpolypen . §. 512. Wir koͤnnen uns hier der Hauptsache nach in allem, was Entstehungsweise, Erkenntniß, Prognose und Behandlung betrifft, auf das beziehen, was von §. 421. an uͤber die polypoͤsen Auswuͤchse der Gebaͤrmutter selbst gesagt worden ist; nur einige Bemerkungen sind noch anzufuͤgen: — Zu- naͤchst die Entstehung betreffend, so sind hier vorzuͤglich schar- fer, durch Ansteckung entstandener weißer Fluß, syphilitische Ansteckung, Onanie, oder Quetschungen einzelner Theile der Mutterscheide durch schwere, kuͤnstliche Entbindungen als die gewoͤhnlichsten Veranlassungen zu erwaͤhnen. Die Erkenntniß anbelangend, so wird diese selbst bey dem Beginn des Ue- bels sehr leicht durch die geburtshuͤlfliche Untersuchung erwor- ben. Auch die Prognose ferner wird guͤnstiger, als fuͤr die Gebaͤrmutterpolypen, da die Zufaͤlle, welche Mutterscheiden- polypen veranlassen, von weit minderer Heftigkeit sind und die Heilung sehr erleichtert ist. — Endlich ruͤcksichtlich der Behandlung, so moͤchten wohl gerade diese Polypen am er- sten durch Ausschneiden zu entfernen seyn, dann aber, wenn, etwa wegen betraͤchtlicher Groͤße derselben, Bedenken obwal- tet, von dieser Heilungsart Gebrauch zu machen, wird die Ligatur angewendet werden muͤssen, welche ebenfalls durch den Sitz des Uebels bedeutend erleichtert wird, und gewoͤhu- lich ohne Instrumente ausgefuͤhrt werden kann. 2. Von dem Vorfalle der Mutterscheide ( Prolapsus vaginae ). §. 513. Wenn die Mutterscheide entweder mit ihren ganzen Haͤuten, oder bloß an ihrer innern Haut sich betraͤchtlich aus- dehnt, herabsinkt und sich dabey nothwendig zum Theil in das naͤchstfolgende Stuͤck des Scheidenkanals einschiebt (gleich der Intus susceptio des Darmkanals) und umstuͤlpt, so nen- nen wir dies einen Mutterscheidenvorfall, von welchem man mit Richter S. Richter Anfangsgr. d. W. Th. VII. S. 53. eigentlich vier Arten unterscheiden kann. Die ersten beiden Arten werden durch Erschlaffung und Ver- laͤngerung der innern Haut der Wutterscheide gebildet, welche entweder im ganzen Umfange des Scheidenkanals abgetrennt und herabgesunken ist, oder nur an einer einzelnen Stelle den Vorfall bildet; diese Arten kommen am haufigsten vor. — Die beiden andern Arten entstehen, wenn der gesammte Schei- denkanal, also die Muskelhaut mit, entweder partiell, oder im ganzen Umfange der Scheidenwaͤnde herabtritt. §. 514. Die Erkenntniß des Mutterscheidenvorfalls ist im Allgemeinen sehr leicht, zumal wenn er weit aus den Ge- burtstheilen hervorgetreten ist, wo derselbe, wenn er den ganzen Umfang des Scheidenkanals einnahm, cylinderfoͤrmig und oft betraͤchtlich verlaͤngert erscheint, indem er sich z. B. von einem Polypen (mit welchem indeß der partielle und nur durch die innerste Haut gebildete Vorfall allein bedeu- tende Aehnlichkeit hat) durch die Empfindlichkeit, durch die vollkommnere organische Textur und in den meisten Faͤllen durch die Faͤhigkeit, unter maͤßigem Druck gaͤnzlich zuruͤckzu- weichen, unterscheidet. Um den Vorfall der innern Haut allein von dem Vorfalle des ganzen Scheidenkanals zu unter- scheiden, muß man theils auf Entstehung desselben, theils auf Textur der vorliegenden Wulst, theils auf die Lage der Ge- baͤrmutter Ruͤcksicht nehmen. Ein Vorfall der innern Haut naͤmlich entsteht nach und nach, ein Vorfall der ganzen Schei- denhaͤute eutsteht ploͤtzlich; im erstern Falle bilden die vor- liegenden Theile einen blinden Sack, neben welchem man den Finger einbringen muß, um den Muttermund, welcher dabey ganz in seiner regelmaͤßigen Lage bleiben kann, zu erreichen, im letztern Falle ist der vorgetretene Theil mehr ein dicker wulstiger, vollkommner oder unvollkommner Ring oder Cylin- der, ohngefaͤhr gleich dem Vorfalle des Mastdarms, durch welchen man den Finger einbringen muß, um dann die Muͤn- dung der hier nothwendig ebenfalls mit herabgetretenen Ge- baͤrmutter, und zwar weit unten, zu fuͤhlen. §. 515. Die Beschwerden, welche ein Mutterscheidenvorfall veran- laßt und wodurch er sich dem Gefuͤhle der Kranken selbst zu er- kennen giebt, sind Draͤngen und Vollseyn in den Geburtstheilen, Hinderungen beym Urinlassen und Stuhlgange, so wie beym Coitus beschwerte Conception, Veranlassung des weißen Flusses, und bey weit hervortretendem Vorfalle Excoriationen durch den Harnabfluß, Degenerationen, Entzuͤndung und selbst Gan- graͤn. Ein merkwuͤrdiges Beyspiel dieser Art wird von Winzmann er- zaͤhlt in v. Siebold ’s Journ. f. Geburtsh. Bd. I. St. 2. S. 244. Außerdem entstehen durch bedeutende Scheidenvorfaͤlle nach und nach gewoͤhnlich Vorfaͤlle der Gebaͤrmutter, so wie dadurch bey eintretender Schwangerschaft und Geburt manche regelwidrige Zufaͤlle veranlaßt werden koͤnnen. 516. Die Ursachen des Mutterscheidenvorfalls sind theils Schlaffheit der Geschlechtsorgane und der dieselben zunaͤchst um- gebenden Theile uͤberhaupt, in Folge oͤfterer Blutfluͤsse, haͤufiger Wochenbetten, unzeitiger Geburten, ausschweifender Lebens- weise, und beguͤnstigt durch ein sehr weites Becken, theils Ato- nie in den Waͤnden des Scheidenkanals insbesondre, welche ver- anlaßt werden kann durch heftige und lang dauernde Ausdehnun- gen derselben bey schweren Geburten, durch erlittene Quetschun- gen oder partielle Zerreißungen, vorzuͤglich durch betraͤchtliche Einrisse des Mittelfleisches, durch langwierigen weißen Fluß u. s. w. Ploͤtzlich kann dieser Vorfall erzeugt, oder wenigstens seine allmaͤhlige Entstehung sehr befoͤrdert werden durch Heben schwerer Lasten, Springen, Fallen, anhaltenden Husten, Stuhl- zwang oder heftiges Erbrechen, durch heftiges Verarbeiten der Geburtswehen, vorzuͤglich in einer unangemessenen Lage, z. B. auf einem Geburtsstuhle mit senkrechter Ruͤckenlehne u. s. w. Zuweilen endlich entsteht der Mutterscheidenvorfall auch in Folge von Krankheiten benachbarter Organe, in Folge von Senkungen des Uterus, von langwierigen Harnverhaltungen, großen Bla- sensteinen, Wasseransammlungen in der Bauchhoͤhle, und Bruͤ- chen, welche sich gegen das Gewoͤlbe der Mutterscheide herab- senken. §. 517. Die Behandlung des Mutterscheidenvorfalls besteht theils in Zuruͤckbringung desselben, theils in der Sorgfalt fuͤr seine Zuruͤckhaltung. Das erstere ist, wo das Uebel noch nicht veraltet und weder mit Entzuͤndung, noch mit Dege- neration der Vagina verknuͤpft ist, gewoͤhnlich sehr leicht, indem man bey angeordneter Ruͤckenlage den Vorfall mit zwey eingeoͤhlten Fingern allmaͤhlig zuruͤckschiebt, die erschlafften Scheidenwaͤnde gegen die Beckenwandungen andruͤckt und gleich- sam ausglaͤttet. Schwerer dagegen gelingt die Reposition, wo der Vorfall betraͤchtlich angeschwollen und entzuͤndet ist, wo man zuvor Umschlaͤge von theils erweichenden und nar- kotischen, theils spaͤterhin von gelind zusammenziehenden Mit- teln machen muß; am schwersten jedoch ist dieselbe, wenn der Vorfall betraͤchtlich groß, weit aus den Geburtstheilen herabhaͤngend und vielleicht uͤberdies verhaͤrtet ist. Will man hier nicht (was in mehreren solchen Faͤllen, namentlich wenn es bloß Vorfall der innern Scheidenhaut ist, sehr fuͤglich ge- schehen kann und mehrmals bereits mit Gluͤck versucht wor- den ist) lieber zum Abschneiden oder Abbinden des prolabir- ten Theils schreiten, so kann die Reposition nur durch laͤn- gere Zeit (zuweilen mehrere Wochen lang) fortgesetzte Ruͤcken- lage, bei sehr strenger Diaͤt, oͤftern Abfuͤhrungen und anhal- tenden, durch Compressen und eine T Binde fortgesetzten gelin- den Druck bewerkstelligt werden. §. 518. Das Zuruͤckhalten des reponirten Scheidenvorfalls wird bewerkstelligt 1) durch Entfernung der noch einwirkenden Ur- sachen, welche dieses Uebel veranlaßt hatten, Hebung der Urin- verhaltung, Beseitigung der Steinbeschwerden, des Stuhl- zwanges, Erbrechens u. s. w.; 2) durch angemessene mechani- sche Unterstuͤtzung und zweckmaͤßige Lage. Als Mittel zur Unterstuͤtzung des Scheidenvorfalls ist aber besonders ein cylin- derfoͤrmiger, oberwaͤrts etwas staͤrkerer Schwamm, mit ad- stringirenden Dekokten befeuchtet, zu empfehlen, weicher, wenn die Kranke das Bette verlaͤßt, durch eine T Binde befestigt werden muß. Zu demselben Endzweck dienen ferner die Schei- dencylinder aus Leinwand, mit Eichenrindenpulver und rothem Wein gefuͤllt, und endlich kann man sich dazu auch mehrerer der oben beschriebenen Mutterkraͤnze, so wie der hohlen elasti- schen Scheidencylinder bedienen, zumal wenn es ein Vorfall der ganzen Scheidenwaͤnde, und derselbe also auch mit einem unvollkommnen Gebaͤrmuttervorfall verknuͤpft ist. 3. Von dem Mutterscheidenbruche ( Colpocele, Elytro- cele, Hernia vaginalis ). §. 519. In den vertieften Falten, welche als Fortsetzungen des Bauchfells vom Gebaͤrmuttergrunde nach der Harnblase so- wohl als nach dem Mastdarme hin gebildet werden, senken sich zuweilen ein oder mehrere benachbarte Unterleibseingeweide herab, dehnen sie nach und nach betraͤchtlich aus, und ver- ursachen so eine Bruchgeschwulst, welche an dem Grunde der Mutterscheide entweder vor oder hinter der Vaginalportion fuͤhlbar werden muß und deshalb den Namen des Mutter- scheide bruchs bekommt. In wiefern jedoch die Falte, welche vom Uterus nach dem Mastdarme reicht, schon im regel- maͤßigen Zustande tiefer ist, als die vom Uterus nach der Harnblase, und in wiefern noch uͤberdies der Uterus gewoͤhn- lich mit dem Grunde etwas mehr gegen den Schambogen ge- neigt ist, und dadurch die vordere Falte noch mehr verengert, so finden wir auch den Mutterscheidenbruch haͤufiger hinter als vor der Vaginalportion im Scheidengewoͤlbe, jedoch uͤberhaupt selten genau in der Mitte der hintern oder vordern Gegend, sondern meistens etwas seitwaͤrts, als welches durch die an- einanderstoßenden rundlichen Koͤrper des Mastdarms, der Ge- baͤrmutter und der Harnblase leicht erklaͤrlich wird. §. 520. Was die Hereinsenkung des Bruchsackes gegen das Scheidengewoͤlbe insbesondre betrifft, so finden wir entweder, daß der durch das Bauchfell gebildete Bruchsack die gesamm- ten Scheidenwaͤnde und also zugleich die Muskelhaut aus- dehnt (dies ist z. B. der Fall bey der Zuruͤckbeugung der Ge- baͤrmutter, welche, wenn auch in geringerem Grade, noth- wendig einen Mutterscheidenbruch mit veranlaßt), oder daß der Bruchsack die Fasern der Muskelhaut der Mutterscheide auseinander draͤngt, zwischen dieselben hereintritt und dann bloß die innere Haut zu seiner aͤußern Decke ausdehnt. Ob das eine oder das andere der Fall sey, wird theils aus der Entstehung sich abnehmen lassen (ein ploͤtzlich entstandener Mutterscheidenbruch z. B., mit Zuruͤckbeugung der Gebaͤrmut- ter, wird immer eine Ausdehnung der ganzen Scheidenwaͤnde hervorbringen), theils wird es durch die Untersuchung aus- gemittelt werden koͤnnen, indem man bey dem Mutterschei- denbruche, welcher durch Auseinanderdraͤngen der Muskelfa- sern entstanden ist, nachdem in horizontaler Lage der Bruch voͤllig zuruͤckgedraͤngt worden ist, im Stande seyn wird, im Scheidengrunde die Spalte auszumitteln, durch welche der Bruchsack herabgedraͤngt war. §. 521. Die Erkenntniß des Mutterscheidenbruchs ist nicht sehr schwierig, und es kann dieses Uebel nicht leicht mit an- dern verwechselt werden. Die Empfindungen, durch welche sich die Entstehung desselben der Kranken selbst ankuͤndigt, sind: ein nach irgend einer gewaltsamen Bewegung oder An- strengung ploͤtzlich entstandenes, anfaͤnglich auch wohl gerin- ges, allmaͤhlig aber staͤrker werdendes Gefuͤhl von Vollheit und Herabdraͤngen in der Mutterscheide mit nachfolgendem Schmerz, welcher oͤfters wiederkehrt, kolikartig erscheint, und mit welchem sich verschiedene Zufaͤlle verbinden, jenachdem diese oder jene Theile in den Bruchsack herabgesunken sind. Bey einer nunmehr vorgenommenen aͤrztlichen und geburts- huͤlflichen Untersuchnng wird sich alsbald ergeben, daß in dem Gewoͤlbe der Mutterscheide am vordern oder hintern Theile oder an den Seiten derselben eine weiche, regelwidrige Ge- schwulst hervortritt, welche kleiner wird oder sich voͤllig ver- liert, sobald die Kranke auf dem Ruͤcken liegt und die Ge- schwulst selbst mit den Fingerspitzen etwas gedruͤckt wird, da- gegen weiter hervortritt in aufrechter Stellung, beim Husten und Pressen. — Durch die letztern Umstaͤnde, so wie durch den groͤßeren Umfang und innere Vollheit unterscheidet sich die Geschwulst deutlich von einem bloßen Vorfalle, so wie die Freiheit und Regelmaͤßigkeit des Muttermundes keine Ver- wechselung mit Polypen oder Vorfaͤllen und Umstuͤlpungen der Gebaͤrmutter zulaͤßt. §. 522. Die Theile, welche in einen Mutterscheidenbruch herab- treten koͤnnen, sind verschieden; am haͤufigsten sind es Darm- windungen, das Ileum, die Flexura sigmoidea des Dick- darms u. s. w.; seltner und nur bey Mutterscheidenbruͤchen zwischen Uterus und Mastdarm ist es moͤglich, daß Theile des Netzes mit herabtreten; außerdem kann in einen solchen Bruch auch die Harnblase sich herabsenken, welches dann ge- woͤhnlich Urinbeschwerden ( Ischuria ) veranlassen wird, und wobey, sobald die Blase gefuͤllt ist, die Untersuchung eine Fluctuation der Bruchgeschwulst, und Draͤngen zum Harn- lassen beym Druck auf diese Geschwulst zu erkennen geben wird. Daß ferner selbst der Uterus zuweilen in diesen Bruͤ- chen bemerkt wird, ist schon oben erwaͤhnt worden. — Die Groͤße dieser Bruͤche ist zuweilen bedeutend, und sie koͤnnen, wenn sie allzutief hinter der Vagina herabsinken, zugleich durch ihren Druck auf den Mastdarm, Vorfaͤlle dieses letztern veranlassen. §. 523. Ursachen , welche den Mutterscheidenbruch theils ver- anlassen und die langsamere Entstehung desselben beguͤnstigen, theils schnell herbeyfuͤhren, sind: 1) haͤufige vorausgegangene Geburten, besonders sehr großer Kinder, wobey durch Ein- keilung des Kopfs in der Hoͤhle des kleinen Beckens, durch Instrumental- oder Manualhuͤlfe, vorzuͤglich ohne die noͤthige Vorsicht angewendet, die gesammten Mutterscheidenwaͤnde oder die Muskelhaut insbesondre ausgedehnt, gequetscht oder die Fasern der letztern von einander getrennt worden sind; ferner Unvorsichtigpeiten im Wochenbett, zu zeitiges Verlassen der horizontalen Lage, Anstrengung durch Heben, oder beym Stuhlgange, durch sehr heftigen Husten u. s. w., welche letz- tern Ursachen zuweilen (obwohl selten) auch bey Frauen, welche noch nicht geboren hatten, den Mutterscheidenbruch herbeyfuͤhren koͤnnen. §. 524. Die Folgen und die Gefaͤhrlichkeit der Mutterscheiden- bruͤche sind im Ganzen weniger als bey andern Bruͤchen zu fuͤrchten; ein Mutterscheidenbruch naͤmlich klemmt sich sehr selten ein, und es ist dieses kaum moͤglich, außer in dem Falle, wo der durch das Bauchfell gebildete Hals des Bruch- sackes besonders verhaͤrtet und verdickt, der Bruch selbst folg- lich schon sehr veraltet ist, oder zur Zeit einer vor sich ge- henden Geburt, obwohl auch hier der Bruch gewoͤhnlich von selbst zuruͤckweicht. Die meisten Beschwerden wird der Bruch machen, wenn die Harnblase in denselben herabgesunken ist, obwohl auch außerdem der Bruch durch Kolikschmerzen, Ob- structionen u. s. w. oͤfters der Kranken beschwerlich werden wird. §. 525. Behandlung . Auch hier sind vorzuͤglich zwey Mo- mente, die Zuruͤckbringung des Bruchs und die Zuruͤckhaltung desselben zu beruͤcksichtigen; was das erstere betrifft, so ge- lingt die Taxis hier gewoͤhnlich sehr leicht bey horizontaler Ruͤckenlage und maͤßigem Andraͤngen zweyer eingeoͤhlter und in die Vagina gebrachter Finger; ist der Bruch groͤßer und an der hintern Scheidenwand herabgestiegen, so wird man fuͤr schwierigere Faͤlle die Lage, auf Knie und Ellenbogen gestuͤtzt, anordnen, immer aber dafuͤr sorgen muͤssen, daß die Becken- gegend mehr als die Brustgegend der Kranken erhoͤht sey. Bey dieser Zuruͤckbringung des Bruchs ist es uͤbrigens, wie auch von Richter bemerkt wird, keinesweges hinlaͤnglich, die Ge- schwulst selbst so lange zu druͤcken, bis sie verschwindet, son- dern, da sehr wohl Darmstuͤcke in dem Bruchsackhalse (d. i. der Theil des Bruchsackes, welcher zwischen Gebaͤrmutter und Mastdarm liegt) liegen bleiben, und, wenn demohnerachtet ein Pessarium eingelegt wird, heftige Kolikschmerzen veran- lassen koͤnnen, so muß man, wenn es ein hinterer Mutter- scheidenbruch ist, die ganze hintere Flaͤche der Mutterscheide bis an den Muttermund herauf druͤcken und ausstreichen, bis man diese ganze Flaͤche voͤllig frei fuͤhlt. §. 526. Was nun die Zuruͤckhaltung des Bruchs betrifft, so pflegt diese immer etwas schwieriger zu seyn, und kann nur theils durch Vermeidung und Beseitigung der veranlassenden Ursachen, durch mehrere Tage streng beybehaltene horizontale Lage und Einbringung einer die Bruchoͤffnung hinlaͤnglich com- primirende, in die Mutterscheide eingebrachte Vorrichtung er- halten werden. Fuͤr letzteren Behuf koͤnnen indeß die gewoͤhn- lichen scheiben- oder ringfoͤrmigen Pessarien nicht empfohlen werden, da sie leicht Veranlassung zur Einklemmung dieser Bruͤche geben wuͤrden, man waͤhlt vielmehr hierzu die cylin- derfoͤrmigen, welche man entweder bloß aus einem der Form und Weite der Vagina vollkommen angemessenen Stuͤck Schwamm verfertigt, welches man sowohl mit Wachstaffent uͤberziehen lassen kann, als dasselbe auch ohne Ueberzug, und mit ad- stringirenden Dekokten befeuchtet, einbringen laͤßt (wobey nur das oͤftere Einlegen und Herausnehmen unangenehm wird), oder man bedient sich dazu hohler elastischer Cylinder (z. B. des Pickel ’schen Scheidencylinders), welche man entweder um die Zusammendruͤckung derselben zu verhuͤten, nach v. Sie- bold ’s Rath mit Roßhaaren ausfuͤllen, oder von dicht an einander gewundenem Drath, welcher von innen und außen mit Leinwand uͤberzogen und dann gut gefirnißt wird, ver- fertigen laͤßt. §. 527. Will man ein solches Scheidenpessarium einlegen, so muß der Bruch in der angemessenen und oben beschriebenen Lage voͤllig zuruͤckgebracht seyn, und dann der Cylinder so eingelegt werden, daß er bis dicht an den Muttermund reicht und somit auch das Herabsinken des Bruchs in den Bruch- sackhals verhindert werde, worauf er sodann durch eine T Binde, ohngefaͤhr nach Art eines gestielten gewoͤhnlichen Pessarii, zu befestigen ist, obwohl er bey Frauen, welche noch nicht ge- boren haben, kaum dieser Unterstuͤtzung bedarf, sondern durch die Engigkeit der aͤußern Geburtstheile selbst schon hinlaͤnglich zuruͤckgehalten wird. §. 528. Die Faͤlle, wo Mutterscheidenbruͤche, namentlich außer der Schwangerschaft und der Periode der Geburt, sich einge- klemmt hatten, sind sehr selten, und gewoͤhnlich wird eine solche Einklemmung nur durch betraͤchtliche Anfuͤllungen eines Theils vom Darmkanal, seltner der Harnblase, bewirkt wer- ken koͤnnen. Kommt daher eine solche Einklemmung vor, so wird zuerst immer fuͤr Entleerung der Harnblase und des Stuhls, letzteres durch erweichende oͤhligte Klystiere, zu sor- gen, dann aber die Taxis nach den oben angegebenen Re- geln vorzunehmen seyn, welches auch gewoͤhnlich bald und vollkommen gelingt, so daß man bisher kein Beyspiel kennt, wo eine Brucheinklemmung dieser Art die Operation erfodert haͤtte; in einem solchen Falle jedoch, wo die erwaͤhnte Me- thode zur Zuruͤckbringung durchaus nicht hinreichte und dem- ohnerachtet dieselbe unumgaͤnglich nothwendig wuͤrde, muͤßte die Operation allerdings mit vielfachen Schwierigkeiten ver- bunden seyn, und koͤnnte nur, entweder durch Eroͤffnung der innern Wand der Bruchgeschwulst in der Scheide, Ausdeh- nung des Bruchsackhalses mittelst der Finger, oder angemes- sener Werkzeuge und sofortiger Zuruͤckbringung bewerkstelligt werden, da der Vorschlag, die Bauchhoͤhle uͤber dem Scham- bogen zu oͤffnen und von hieraus den Darm heraufzuheben, noch weit weniger ausfuͤhrbar und mit weit groͤßerer Gefahr verbunden seyn muͤßte. Nur eine weitere Entwickelung des Mutterscheidenbruchs endlich ist der Mittelfleischbruch ( Hernia perinaei ). §. 529. Hier ist der vom Bauchfell zwischen Uterus und Mast- darm gebildete Bruchsack naͤmlich so weit ausgedehnt, daß er die Muskelfasern der Mittelfleischgegend auseinander treibt und zwi- schen der Schamspalte und dem After als eine bald groͤßere bald kleinere weiche Geschwulst hervortritt, welche beym Husten oder Pressen und in aufrechter Stellung sich vergroͤßert, beym Liegen und unter einem gelinden Drucke hingegen sich ver- kleinert, innerlich aber in der Vagina sich ebenfalls durch Auftreibung ihrer hintern Wand zu erkennen giebt. Die Be- schwerden, welche dieser Bruch veranlaßt, sind ziemlich die- selben, wie die bey Gelegenheit des Mutterscheidenbruchs be- schriebenen, obwohl oft noch heftiger; auch die Entstehungs- weise ist dieselbe, und selbst ruͤcksichtlich der Gefahr der Ein- klemmung ist auch hier zu bemerken, daß sie selten vor- kommt. §. 530. Was die Behandlung betrifft, so erfordert die Taxis zuvoͤrderst das Zuruͤckdruͤcken der aͤußerlich am Mittelfleische fuͤhlbaren Geschwulst, dann aber die beym Mittelfleischbruche angezeigte und beschriebene Manipulation, ferner die Zuruͤck- haltung des Bruchs betreffend, so dient dazu am sichersten der gegen den Mutterscheidenbruch empfohlne Scheidencylinder, allenfalls mit einer an der T Binde zugleich befestigten klei- nen, aber etwas starken Compresse, welche oͤfters mit einem geistigen Mittel befeuchtet werden und genau auf die Stelle, wo der Bruch hervorzutreten pflegt, druͤcken muß, um so das allmaͤhlige Schließen der erschlafften Muskelfasern dieser Gegend zu bewerkstelligen. III. Krankheiten der Eyerstoͤcke . §. 531. Die Ovarien, so wie die Muttertrompeten, nehmen zwar ebenfalls, gleich der Mutterscheide, an mehreren Krank- heiten des Uterus Antheil, und wir sehen sie daher oͤfters gleichzeitig bey Gebaͤrmutterentzuͤndungen von der Entzuͤn- dung ergriffen werden, wir finden sie verhaͤrtet, krebshaft, ja durch offene Krebsgeschwuͤre voͤllig zerstoͤrt, sobald der Uterus in hohem Grade von diesem Uebel leidet, und endlich ist nothwendig auch ihre Lage oft mit veraͤndert, wenn die des Uterus bedeutend von der Norm abweicht, demohnerach- tet fehlen, wenigstens fuͤr die Eyerstoͤcke, auch eigenthuͤm- liche, in ihnen primaͤr entstehende Krankheitsformen keines- weges, zu welchen wir namentlich die Entzuͤndung derselben, die Wassersucht und die vielartigen Degenerationen und Ver- groͤßerungen der Substanz derselben rechnen, welchen letztern krankhaften Zustaͤnden diese Organe wohl mehr als irgend ein anderer Theil des weiblichen Koͤrpers unterworfen sind. 1. Entzuͤndung der Eyerstoͤcke ( Oophoritis ). §. 532. Eine Krankheit, welche, zumal da sie unter die seltnern gehoͤrt, ihrer Verstecktheit wegen leicht verkannt und selbst bey der Aufzaͤhlung innerer Entzuͤndungen in aͤrztlichen Schriften oft uͤbergangen wird. — Um ein richtiges Bild derselben zu entwerfen, ist es daher, wie auch namentlich von H. Cla- rus , welchem wir eine treffliche Abhandlung uͤber diesen Ge- genstand verdanken, S. Annalen des klinischen Instituts zu Leipzig In Bds 2e Abth. 1812. S. 194. geschehen ist, unerlaßlich, auf die Ver- haͤltnisse unter welchen die Krankheit gewoͤhnlich entsteht, auf- merksam zu machen, indem hieran sie oft mehr, als aus ihren aͤußerlich wahrnehmbaren Zeichen, erkennbar ist. §. 533. Man sieht sie aber vorzuͤglich bey sehr sinnlichen, durch Romanenleserey, fruͤhe Ausschweifungen u. s. w. verdorbenen Personen, und zwar wohl nur innerhalb der zeugungsfaͤhigen Jahre, und die Ausbildung der Entzuͤndung kommt gewoͤhn- lich durch Einfluͤsse zu Stande, welche entweder physisch durch Veranlassung heftiger Congestionen und Stockungen in den in- nern Genitalien wirken, wie ploͤtzliche Unterdruͤckung der Men- struation, in Folge heftig reizender Purgir- oder treibender Mittel, der haͤufig Statt findende Geschlechtsreiz, ohne da- durch bewirkte Schwangerschaft, uͤbermaͤßiger Genuß geistiger Getraͤnke und stark gewuͤrzter Speisen, ploͤtzliche Erkaͤltungen u. s. w.; oder von der psychischen Seite aus, das Geschlechts- system heftig erregen, als ungluͤckliche Liebe, ploͤtzliche Um- wandlung der Lebensweise, zumal wo bey unbefriedigtem Ge- schlechtsbeduͤrfniß die Phantasie um so gewaltsamer aufgeregt wird, daher, wie H. Clarus bemerkt, das Uebel, nament- lich bey feilen Dirnen, wenn sie wegen Syphilis oder Kraͤtze in Heilanstalten oder Zuchthaͤuser gebracht werden, ausbricht. §. 534. Die Zeichen, welche die ausgebrochene Krankheit charak- terisiren, sind: 1) Schmerzhaftigkeit des afficirten Organs, welche indeß oft nur bey angebrachtem aͤußern Drucke em- pfunden wird; 2) das Gefuͤhl einer Anschwellung, etwa von der Groͤße einer welschen Nuß, bey tieferem Eingreifen I. Theil. 26 hinter dem Schambogen in der Gegend der Scham- und Darmverbindung; 3) durch Fiebersymptome, Durst, verminder- ten Harnabgang, belegte Zunge, Verstopfung, Unruhe, Kopf- schmerz u. s. w.; 4) vorzuͤglich durch Affectionen des gesamm- ten Nervensystems. Wir haben aber oben bereits die Mey- nung aufgestellt, daß die Nymphomanie wesentlich in chroni- scher Entzuͤndung der Eyerstoͤcke begruͤndet sey, und das, was man bey acuter Entzuͤndung dieser Organe beobachtet hat, kann als ein neuer Beleg dafuͤr gelten; die Kranken sind naͤmlich hierbey melancholisch, mit Gegenstaͤnden der Sinnlich- keit fast stets beschaͤftigt, machen dahin abzweckende Bewe- gungen, brechen auch wohl in Delirien aus, welche sich stets um verliebte Phantasien drehen; und hierzu gesellen sich eine Menge von andern Nervenzufaͤllen, Kraͤmpfe u. s. w., deren Erscheinung sich wohl leicht erklaͤrt, wenn man bedenkt, wie bedeutend die Erregungen des Nervensystems sind, welche sich mit der normal erhoͤhten Produktivitaͤt der Ovarien (bey der Empfaͤngniß) verbinden. §. 535. Uebrigens kann die Oophoritis sich leicht mit Entzuͤn- dungen benachbarter Organe verbinden, und namentlich mit der Metritis, mit welcher ihre Aehnlichkeit uͤberhaupt sehr groß ist, so daß wir hier noch die namentlich von H. Clarus fuͤr beide Krankheitsformen aufgestellten diagnostischen Merk- male nicht uͤbergehen koͤnnen, welche darin bestehen, daß bey der Metritis weit heftiger das Gefaͤßsystem, bey der Oopho- ritis mehr das Nervensystem in Mitleidenschaft gezogen wird, auch bey ersterer sowohl das Verdauungs-als das urinausson- dernde System in hoͤherem Grade in Anspruch genommen wird; ferner, daß der Sitz der Schmerzhaftigkeit nach der Lage der Organe verschieden ist, und daß bey der Metritis die innere Untersuchung, so wie haͤufig die consensuelle Af- fection der Bruͤste das Uebel erkennen lehrt. — Auch mit Schwangerschaften außer der Gebaͤrmutter hat die Oophoritis zuweilen große Aehnlichkeit, worauf wir im zweyten Theile zuruͤckkommen werden. §. 536. Die Ausgaͤnge und Folgen der Oophoritis sind denen der Metritis aͤhnlich; auch hier kann das Uebel entweder sich unter kritischen Erscheinungen zertheilen, oder in Eiterung, oder in Degenerationen, so wie in chronische Entzuͤndung und durch diese in Nymphomanie uͤbergehen, oder (was hier wegen oͤfterer Verkennung des Uebels S. daruͤber Mehreres in Hrn. Osiander’s Schrift uͤber die Entwickelungskrankheiten. 2r Thl. S. 120. und deßhalb unzweckmaͤßiger Behandlung nicht selten beobachtet worden ist) durch ploͤtzlich eintretende Gangraͤn in Tod sich endigen. Immer ist diese Entzuͤndung sonach theils an sich, theils namentlich wegen den so leicht sich anschließenden und unheilbaren Degeneratio- nen eine sehr bedenkliche Krankheit zu nennen, welche die Aufmerksamkeit des Arztes im hoͤchsten Grade verdient. §. 537. Die Behandlung der Oophoritis ist im Allgemeinen nach aͤhnlichen Grundsaͤtzen, wie die der Metritis, einzulei- ten, nur mit dem Unterschiede, daß man beruͤcksichtigt, wie in der letztern gemeiniglich das gesammte Gefaͤßsystem und consensuell der Darmkanal heftiger in Mitleidenschaft gezogen, dagegen in der erstern mehr das Nervensystem mit afficirt sey. Obwohl daher Blutentziehungen auch in der Oophoritis nicht entbehrt werden koͤnnen, so sind sie doch gewoͤhnlich in gerin- gerer Quantitaͤt und haͤufig nur durch oͤrtliche Ausleerungen (etwa durch Blutigel an die Schamlefzen oder das Mittel- fleisch) zu veranstalten. Diaͤt und Regimen muͤssen antiphlo- gistisch seyn, auf hinreichende Entleerung des Darmkanals durch blande Abfuͤhrmittel oder Lavements ist hinzuwirken, so wie durch oͤrtliche Waͤrme mittelst aufgelegter trockner gewaͤrm- ter Kraͤuterkissen, durch ableitende Mittel, als Cataplasmata auf die Fuͤße und spaͤterhin Sinapismen an die Waden, die Zertheilung zu befoͤrdern. §. 538. Als innere Mittel werden mit besonderm Nutzen die von Clarus empfohlnen Verbindungen des Calomels mit dem Opium oder den Zinkblumen und dem Castoreum, abwechselnd mit Mohnsamenemulsionen, mit etwas Nitrum gegeben wer- den, jedoch so, daß hierbey noch besondre Ruͤcksicht auf die speciellen Veranlassungen der Krankheit genommen wird, folg- lich bey unterdruͤckten Hautausschlaͤgen und nach heftigen Er- kaͤltungen besonders auf Herstellung der Hautfunction gewirkt werde durch Anwendung des Fliederblumenaufgusses mit dem Liquor Mindereri, oder der Antimonialien, wie des Vin. emet. — daß die unterdruͤckte Menstruation nach oben auf- gestellten Regeln wieder in Fluß gebracht werde u. s. w. — Im weitern Verlauf der Krankheit und namentlich wenn sie sich mehr der chronischen Form naͤhert, werden ferner allge- meine laue Baͤder, Einreibungen der Quecksilbersalbe mit dem fluͤchtigen Liniment, und wo sie voͤllig uͤbergeht in die Form der Nymphomanie, die oben dargelegte Behandlung dieser Krankheit angezeigt seyn. §. 539. Geht die Entzuͤndung in Eiterung uͤber, welches sich ankuͤndigen wird durch Frost, durch klopfenden Schmerz, durch Beschwerden bey der Bewegung des Schenkels der leidenden Seite, lentescirendes Fieber, eiterartigen Bodensatz im Urin, Vergroͤßerung der aͤußerlich fuͤhlbaren Geschwulst, so kann die Behandlung fernerhin allein es sich zum Zweck machen, eine vortheilhafte Entleerung des gebildeten Abscesses zu beguͤnsti- gen. Zu diesem Endzweck enthalte man sich der Anwendung aller staͤrker eingreifenden, den Darmkanal oder Gefaͤß- und Nervensystem gewaltsam afficirender Mittel, als wodurch ein solcher Prozeß, der allein Werk der Natur seyn kann, nur gestoͤrt werden muͤßte, setze dagegen den Gebrauch der lauen Baͤder, der Fomentationen oder Cataplasmen des Unterleibes, der lindernden eroͤffnenden Klystiere fort, und beobachte genau, nach welchem Theile hin die Entleerung des Abscesses beab- sichtigt wird. Ist es gegen die Bauchdecken, welches durch Zunahme und deutlichere Fluctuation der Geschwulst sich zu erkennen geben wird, so befoͤrdere man diese Entleerung durch eine Seitenlage, durch fortgesetzten Gebrauch der erweichenden Umschlaͤge und Baͤder; ist es das Scheidengewoͤlbe, gegen welches der Absceß hindraͤngt, welches durch Pressen in den Geburtstheilen und durch die innere Untersuchung abgenommen werden kann, so sind erweichende Injectionen vortheilhaft; in beiden Faͤllen aber wird man immer die Eroͤffnung selbst am liebsten der Natur uͤberlassen, und zur kuͤnstlichen Oeffnung wenigstens nicht eher schreiten, bis man sich von der Ver- wachsung des Eitersackes mit den Bauchdecken oder dem Schei- dengewoͤlbe (in welchem Falle von Osiander’s Hysterotom Ge- brauch zu machen waͤre) hinlaͤnglich uͤberzeugt hat. §. 540. Sucht der Absceß den Uebergang in den Darmkanal, so giebt sich dieses durch vermehrtes Draͤngen auf den Mast- darm zu erkennen, und ist durch eroͤffnende Klystiere zu be- foͤrdern, wobey denn die Ausleerungen selbst stets zu unter- suchen sind, um die beginnende Entleerung, welche als ei- terigter Durchfall erscheint, nicht zu uͤbersehen. — Von in- nern Mitteln koͤnnen außer demulcirenden, gelind die Auslee- rung befoͤrdernden Dingen, als Molken, Decoctum rad. Al- thaeae, Graminis, Liquirit. u. s. w. zum Getraͤnk keine fuͤglich angewendet werden, und die Diaͤt muß sehr leicht und gelind naͤhrend seyn. Ist dagegen der Absceß geoͤffnet, so findet die Anwendung der China Statt, um die Kraͤfte zu erhalten und gutartige Eiterung, so wie Heilung des Absces- ses zu bewirken. Bey der unmittelbar nach außen erfolgen- den Entleerung des Eiters ist uͤbrigens dann dieselbe ganz nach den Regeln der Chirurgie zu behandeln. 2. Wassersucht der Eyerstoͤcke ( Hydrops ovarii ). §. 541. Ein ziemlich haͤufiger Krankheitszustand dieser Theile, dessen Vorkommen sich wohl leicht erklaͤren laͤßt, wenn man bedenkt, daß die normalen Productionen des Eyerstocks nach der Empfaͤngniß in Erzeugung von Blaͤschen, mit Fluͤssigkeit angefuͤllt, bestehen, daß uͤberhaupt Fluͤssigkeit den Anfang aller organischen Bildungen darstelle und somit auch in einem Or- gane dessen gesunde und krankhafte Produktivitaͤt gleich stark ist, die Anhaͤufung von waͤsserigen Stoffen gleichsam als die erste Stufe zu anderweitigen Verbildungen betrachtet werden kann, weshalb man denn auch nicht selten zugleich mit diesen Wasseransammlungen Verhaͤrtungen, speckige Ausartungen, Er- zeugung fremder Gebilde u. s. w. wahrnimmt. §. 542. Die Wassersucht der Eyerstoͤcke kommt aber in verschie- denen Formen vor: entweder naͤmlich ist der ganze Eyerstock zu einem zuweilen außerordentlich großen Sacke ausgedehnt, welcher mitunter 20 bis 80, ja 100 Pfund Wasser enthalten hat, S. davon Beyspiele angefuͤhrt bey Dreyßig Handbuch der Patho- logie der chronischen Krankheiten. Th. II. S. 502 u. 3. oder es ist die Substanz des Ovarii zu mehreren be- sondern Zellen ausgedehnt, welche zum Theil unter einander zusammenmuͤnden und aͤhnliche Mengen Wasser enthalten, oder endlich, es bildet das Ovarium einen großen Sack, welcher eine Menge hydatidenartiger Blasen in sich enthaͤlt. Ein merkwuͤrdiges Beyspiel dieser Art s. man in Möbius Dis- sert. in. de Virgine ascitica post paracenthesin purpura maligna exstincta. Lips. 1725. Die Fluͤssigkeit, welche in diesen Blasen oder in den groͤßeren Saͤcken vorhanden ist, zeigt sich gewoͤhnlich als helles gelbli- ches Wasser, zuweilen jedoch hat man sie auch mehr gallert- artig, oder als gallertartige Substanz gefunden. — Merk- wuͤrdig ist es, daß vorzuͤglich das linke Ovarium zu dieser, so wie zu andern Verbildungen besonders hinneigt, welches offenbar mit der auf der linken Koͤrperseite uͤberhaupt uͤber- wiegenden Produktivitaͤt (Magen und Herz liegen ja auch auf der linken Seite) in Verbindung steht. Uebrigens nehmen oͤfters auch die fallopischen Roͤhren, so wie die breiten Mut- terbaͤnder an dieser Wassersucht Antheil. §. 543. Die Kennzeichen dieser Wasseransammlungen sind oft sehr schwierig aufzufinden, und werden gewoͤhnlich nicht eher wahrgenommen, bis die Geschwulst einen gewissen Umfang er- reicht hat, indem bey geringern Graden die Kranken selbst keine bedeutende Beschwerde dabey zu empfinden pflegen, und daher nicht selten bey Sectionen dergleichen kleinere Ansamm- lungen gefunden werden, wo im Leben kein Symptom die- selben vermuthen ließ. Bey staͤrkerer Auftreibung des leiden- den Theiles hingegen zeigen sich vorzuͤglich folgende Merkmale. Die Kranke empfindet in der kranken Seite (gewoͤhnlich der linken) einen stumpfen druͤckenden Schmerz, womit sich zu- gleich Beschwerden bey der Bewegung des Schenkels dieser Seite und Anschwellungen verbinden; zugleich entwickelt sich in der regio iliaca eine begraͤnzte, selten deutliche Fluctuation zeigende Geschwulst, welche nach und nach sich vergroͤßert und endlich den ganzen Unterleib erfuͤllt. Auch durch das Schei- dengewoͤlbe ist diese Geschwulst oft bemerkbar, und es zeigt sich gewoͤhnlich der Uterus durch dieselbe dergestalt aus seiner Lage getrieben, daß die Vaginalportion nach derselben Seite, auf welcher die Geschwulst sich befindet, der Gebaͤrmutter- grund aber nach der entgegengesetzten Seite hingedraͤngt ist. §. 544. Im Verlaufe der Krankheit gesellen sich dann zu den genannten Kennzeichen noch mehrere andere, welche innere Wasseransammlungen uͤberhaupt zu begleiten pflegen, als Man- gel an Appetit, Ekel und Erbrechen, Niedergeschlagenheit und Melancholie, Unordnung der monatlichen Reinigung, Leu- korrhoͤe, truͤber sparsamer Urin, Abmagerung, Engbruͤstigkeit u. s. w. — Zuletzt tritt nicht selten allgemeine Wassersucht hinzu, und die Kranken sterben entweder an dieser oder an vollkommner Abmagerung. §. 545. Die Krankheit kann vorzuͤglich verwechselt werden ent- weder mit Schwangerschaft oder mit Wassersucht der Bauch- hoͤhle ( Ascites ); von der erstern unterscheidet sie sich indeß durch weit laͤngere Dauer und langsameres Zunehmen der Geschwulst, durch die ungleiche, mehr von einer Seite aus- gehende Geschwulst des Leibes (obwohl auch bey Schwanger- schaften außer der Gebaͤrmutter, von welchen die Unterschei- dung uͤberhaupt schwieriger ist, aͤhnliches Verhalten der jedoch auch hier schneller anwachsenden Geschwulst Statt findet), ferner durch den Mangel der wesentlichen Zeichen der Schwan- gerschaft, der Auflockerung und Verkuͤrzung der Vaginalpor- tion und des Gefuͤhls von Kindestheilen und Kindesbewegun- gen (mit welchen letztern zwar zuweilen von den Kranken selbst das Gefuͤhl der Fluctuation verwechselt wird, wobey denn die genaue geburtshuͤlfliche Untersuchung diesen Irrthum widerlegen muß), durch die Veraͤnderung in den Bruͤsten, welche bey Schwangerschaft anschwellen, bey dieser Krankheit schlaff werden. — Von der Bauchwassersucht ist die Eyer- stockswassersucht unterschieden durch die begraͤnzte Geschwulst, die undeutlichere Fluctuation und das schnellere Eintreten all- gemeiner Krankheitszustaͤnde. §. 546. Die veranlassenden Ursachen dieser Krankheit, welche ihrem Wesen nach bedingt wird durch eine abnorm aufgeregte, jedoch auf der niedrigsten Stufe der Bildung, d. i. bey der Ausscheidung von Wasser verweilende Produkti- vitaͤt (s. § 561.), sind theils das Sinken normaler Produktivi- taͤt in den hoͤheren Jahren, welches diese Organe zu ihrer eigentlichen Bestimmung der Erzeugung neuer Individuen un- faͤhig macht, theils oͤftere Reizungen des Geschlechtssystems, ohne Herbeyfuͤhrung normaler Schwangerschaft (z. B. durch Onanie), ferner vorausgegangene, unvollkommen zertheilte Entzuͤndungen, oder mechanische Erschuͤtterungen durch Stoß oder schweres Tragen, Einfluͤsse, welche heftige Congestionen gegen die Geschlechtsorgane veranlassen, als Unterdruͤckung der Menstruation, erhitzende Getraͤnke, oder Arzneymittel, schwere Geburten, ausschweifende Lebensweise u. s. w., endlich auch alles, wodurch die Function der ruͤckfuͤhrenden Gefaͤße gehemmt wird, als Druͤsenanschwellungen, fruͤher Statt gehabte syphi- litische Ansteckung u. s. w. §. 547. Die Prognose ist bey der Wassersucht der Eyerstoͤcke im Allgemeinen sehr unguͤnstig und die Krankheit meistens un- heilbar; demohnerachtet werden Beyspiele aufgefuͤhrt, wo die Krankheit sich theils durch Entleerung des Wassers mittelst heftigen Erbrechens, theils mittelst Ergießung aus den Ge- burtstheilen durch die Muttertrompeten gluͤcklich gehoben haben soll. Gewoͤhnlich zieht sich indeß die Krankheit sehr in die Laͤnge, und kann in geringern Graden immer, zuweilen aber selbst bey betraͤchtlicher Entwicklung, lange ohne allzugroße Beeintraͤchtigung des allgemeinen Befindens bestehen, wird in sofern wenigstens eine etwas bessere Prognose als die Bauch- wassersucht gestatten, wenn sie auch allerdings weit geringere Hoffnung fuͤr die Heilung gewaͤhrt. §. 548. Die Behandlung laͤßt bey der Natur des Uebels be- sonders guͤnstige Resultate nicht erwarten, einmal, weil das Uebel gemeiniglich erst, nachdem es schon einen betraͤchtlichen Grad erreicht hat, der aͤrztlichen Behandlung uͤbergeben wird; zweytens, weil die Waͤnde, welche das Wasser umschließen, in der Regel so sehr in ihrer Struktur veraͤndert sind, daß sie keine Hoffnung zur Resorption zulassen; drittens, weil selbst die unmittelbare Entleerung des Wassers mittelst einer Operation nicht wohl moͤglich ist, indem haͤufig mehrere Zel- lenwaͤnde vorhanden sind, welche dieselbe hindern. Das Ge- schaͤft des Arztes wird sich daher nur auf Linderung der durch die Geschwulst veranlaßten Beschwerden und Verhuͤtung einer weitern Vergroͤßerung derselben, so wie in Faͤllen bereits sehr angewachsener, aͤußerlich deutliche Fluctuation zeigender Was- seransammlung auf unmittelbare Entleerung desselben durch die Operation, und moͤglichste Verhinderung neuer Ansammlungen beschraͤnken. §. 549. In ersterer Hinsicht muͤssen die speziellen Ursachen, wel- che die Entstehung der Wasseranhaͤufung zur Folge hatten, beruͤcksichtigt, Druͤsenanschwellungen durch die Anwendung re- solvirender Mittel, Spuren syphilitischer Zustaͤnde durch Mer- kurialien gehoben werden, die Einsaugung des ergossenen Was- sers selbst ist durch Befoͤrderung der Hautthaͤtigkeit, so wie der Harnsecretion und Anwendung zertheilender Einreibungen zu befoͤrdern, und endlich besonders die Lebensweise und Diaͤt einer strengen Ordnung zu unterwerfen, Aufenthalt in reiner trockner Luft, leicht verdauliche kraͤftige Diaͤt, der maͤßige Genuß eines kraͤftigen Weins und hinlaͤngliche, den Kraͤften angemessene Bewegung sind zu empfehlen, so wie Beschwer- den, welche vom Drucke der Geschwulst abhaͤngen, als Ver- stopfungen, Congestionen u. s. w., durch von Zeit zu Zeit dar- gereichte blande Abfuͤhrungen u. s. w. zu beseitigen. §. 550. Die Operation, welche zur eigentlichen Heilung des Ue- bels angewendet werden koͤnnte, ist zweyfach, entweder die Paracenthese, oder die Exstirpation des ausgearteten Organs. Letztere wuͤrde allerdings den Vorzug verdienen, wenn ihrer Ausfuͤhrung sich nicht zu bedeutende Schwierigkeiten entgegen- setzten. Sie koͤnnte naͤmlich nicht fuͤglich anders als im Be- ginn der Krankheit Statt finden, da bey weiterer Entwicklung der Geschwulst die Oeffnung der Bauchhoͤhle allzubetraͤchtlich werden muͤßte; kann indeß gerade in dieser ersten Zeit, wo entweder die Kranke noch gar keine Beschwerden davon em- pfindet, oder das Uebel noch nicht mit vollkommner Sicher- heit zu erkennen ist, selten ausgefuͤhrt werden. Was dagegen die Paracenthese betrifft, so wird sie insgemein zwar bey die- ser Art der Wassersucht mehr widerrathen, als empfohlen; da es indeß keinesweges an Beyspielen fehlt, wo durch dieselbe theils das Uebel wirklich geheilt, S. P. Frank epitome de curand. hom. morb. Lib. VI. p. I. p . 476. theils doch das Leben der Kranken auf viele Jahre gefristet worden ist, so verdient die- selbe sicher haͤufiger als bisher geschehen, in Anwendung ge- zogen zu werden, und moͤchte auch wohl der Eroͤffnung durch den Schnitt, von welcher nur allzuleicht, wie P. Frank bemerkt, Fisteln zuruͤckbleiben, vorgezogen werden. Rathsam moͤchte es indeß seyn, nach gemachter Paracentese die Canuͤle einige Zeit liegen zu lassen, um so eine adhaͤsive Entzuͤndung der Waͤnde des Sackes zu veranlassen und dadurch die radi- cale Heilung zu bewerkstelligen. — Noch ist zu erwaͤhnen, daß man auch vorgeschlagen hat, die Paracentese des Eyer- stocks durch die Vagina zu verrichten. Da indeß haͤufig das wassersuͤchtige Ovarium zu sehr aus der Hoͤhle des kleinen Beckens sich hervorhebt, und daher zuweilen von der Vagina aus kaum zu erreichen seyn duͤrfte, da ferner hierbey auch Verletzung betraͤchtlicher Gefaͤße leicht Statt finden koͤnnte, so darf diese Operation wohl nur auf die wenigen Faͤlle ein- geschraͤnkt werden, wo die fluctuirende Geschwulst tief in das Scheidengewoͤlbe sich herabdraͤngt und die Fluctuation inner- lich deutlicher als aͤußerlich fuͤhlbar ist. 3. Von den Speck- und Fleischgeschwuͤlsten, Ver- knoͤcherungen, so wie von den Erzeugungen fremder Koͤrper in den Eyerstoͤcken . §. 551. Wenn die Wasseransammlung in den Eyerstoͤcken als der erste Grad ihrer krankhaften Productivitaͤt betrachtet wur- de, so erscheint die Vergroͤßerung ihrer Substanz durch ey- weißstoffartige, fettartige Massen, in welchen sich, wie in den gleichartigen Geschwuͤlsten der Gebaͤrmutter, oͤfters Knochen- kerne ansetzen, die zweyte, und in der Bildung von einzel- nen organischen Theilen, von Zaͤhnen, Haaren u. s. w. die dritte und hoͤchste Stufe dieser abnormen Bildungsthaͤtigkeit. — In aͤrztlicher Hinsicht haben indeß, was die Entstehung, Er- kenntniß, Folgen und Behandlung betrifft, alle diese Ausar- tungen mit der Wassersucht der Eyerstoͤcke so viel gemein, daß wir bey der Betrachtung derselben sehr kurz seyn koͤnnen, indem wir, was das Physiologische anbelangt (in welcher Hinsicht namentlich die Erzeugung fremder Gebilde von be- sonderm Interesse ist), auf die schoͤne Abhandlung von Au- tenrieth S. Reil’s Archiv fuͤr Physiologie. Bd. VII. Heft 2. verweisen. §. 552. Wie sonach die Zellen des wassersuͤchtigen Eyerstocks ge- woͤhnlich nur krankhaft weitergebildete Graaf ’sche Blaͤschen sind, so auch diese speckigen Auswuͤchse und sonstigen Dege- nerationen dieses Organs; die Knochenstuͤcke also, die Zaͤhne, die Haare, duͤrfen nicht, wie zuweilen geschehen ist, als Ru- dimente von Schwangerschaften außer der Gebaͤrmutter, als Ueberbleibsel von ganzen Embryonen betrachtet werden, wo- gegen es der beste Beweis ist, theils daß aͤhnliche Bildungen auch an Organen vorkommen, wo an Conception und Schwan- gerschaft gar nicht zu denken ist (so fand Penada S. dessen Saggio d’osservazioni e memorie sopra alcuni casi sin- golari u. s. w. angezeigt in d. Erg. Bl. d. allgem. Lit. Zeit. 1810. No. 136. das Herz einer Ente mit Federn besetzt), theils daß die hier vorge- fundenen Gebilde solche sind, welche im Organismus selbst auf der niedrigsten Stufe der Organisation stehen, und daß hingegen z. B. Wirbel- oder Schaͤdelknochen, Nervenmasse und dergl. sich nie in solchen ausgearteten Eyerstoͤcken gefunden haben; eine Thatsache, aus welcher H. Hegewisch folgerte, daß uͤberhaupt nur die Erzeugung reproduktiver Gebilde den Antheil des Weibes an der Bildung eines neuen Individuums ausmache, S. ueues nordisches Archiv von Pfaff, Scheel und Rudolphi . 1r Bd. 1s St. worauf wir im zweyten Theile zuruͤckkommen werden. §. 553. Die Kennzeichen dieser Ausartungen sind ziemlich die- selben (mit Ausnahme der Fluctuation), wie die der Eyer- stockswassersucht, nur daß oft die Unterscheidung von Schwan- gerschaften außerhalb der Gebaͤrmutter hier noch schwieriger wird, und aͤhnliche Degenerationen (wenn sie nicht mit allzu- starker Vergroͤßerung verbunden sind) oft noch laͤnger als die Wasseranhaͤufungen ohne Stoͤrungen des Allgemeinbefindens ertragen werden. — Als veranlassende Ursachen sind wohl hier ganz vorzuͤglich ausschweifende Lebensart und haͤufige Ge- schlechtsreizung ohne Eintritt normaler Schwangerschaft, nebst den andern bey der Wassersucht der Eyerstoͤcke namhaft ge- machten Einfluͤssen aufzuzaͤhlen. — Lebensgefaͤhrlich werden diese Degenerationen nur, wenn sie einen sehr betraͤchtlichen Umfang erreichen, durch Druck auf benachbarte Theile, ver- ursachte Wasserergießung in der Bauchhoͤhle u. s. w. §. 554. Eine aͤrztliche Behandlung kann bey diesen Ver- bildungen gewoͤhnlich, wenn sie eine betraͤchtliche Entwicklung erreicht haben, nur auf palliative Weise, durch Milderung der von dem Drucke derselben veranlaßten Beschwerden, Statt finden; die radicale Heilung wuͤrde nur durch Exstirpation moͤglich werden, welche, wenn sie auch allerdings in andern Faͤllen einigemal ausgefuͤhrt worden ist, Einige Beyspiele dieser Art s. bey P. Frank (Epitome d. hom. morb. cur. Lib. VI. p. 1. p. 479. angefuͤhrt. doch hier, wo bey weiter ausgebildetem Uebel gewoͤhnlich schon die Repro- duction des gesammten Koͤrpers darnieder liegt, nicht wohl mit Gluͤck unternommen werden duͤrfte. IV. Krankheiten der Bruͤste . §. 555. Von den Bruͤsten gilt im Wesentlichen dasselbe, was wir uͤber die Krankheiten des Uterus erinnert haben, d. i. daß sie namentlich zu der Zeit, wo ihre Thaͤtigkeit am meisten ge- steigert ist, naͤmlich zur Zeit der Schwangerschaft und Stil- lungsperiode, den meisten Krankheiten, und zwar insbesondre den acuten Krankheitsformen unterworfen sind, dahingegen außer dieser Zeit sie entweder nur an allgemeinen Krankheits- zustaͤnden oder an Krankheiten solcher Organe Theil nehmen, welche ihnen, wie hauptsaͤchlich der Uterus, durch Consensus eng verbunden sind, oder durch unmittelbare oͤrtliche Einwir- kung schaͤdlicher Einfluͤsse in krankhaften Zustand versetzt wer- den. Da nun der urspruͤnglichen Bildungsfehler der Bruͤste schon §. 134., der krankhaft uͤbereilten Ausbildung der Bruͤste schon bey der zu zeitig eintretenden Pubertaͤt §. 142. u. f. ge- dacht worden ist, die acute Entzuͤndung der eigentlichen Brust- druͤse aber vorzuͤglich bey Schwangern und im Wochenbett vorkommt, die abnorme Ausscheidung des Monatsblutes durch die Brustwarzen ebenfalls schon oben betrachtet wurde (§. 179 u. f.), und aͤußerliche Krankheitszustaͤnde endlich, z. B. Ver- letzungen, Hautausschlaͤge u. s. w., hier nicht wesentlich andere Behandlungsmaaßregeln, als an andern Stellen fordern, so bleiben hier theils nur einige krankhafte Zufaͤlle, welche die voͤllige Entwickelung der Bruͤste zu Anfang und im Verlauf der zeugungsfaͤhigen Lebensperiode betreffen koͤnnen, theils De- generationen der Brustdruͤse selbst, welche theils mit oder nach chronischer Entzuͤndung der Druͤsensubstanz, theils ohne ent- zuͤndliche Zufaͤlle hervortreten, zu betrachten uͤbrig. 1. Krankhafte Entwicklung der Bruͤste in den zeugungsfaͤhigen Jahren uͤberhaupt . 1) Congestionen nach den Bruͤsten und Schmerzhaft- werden derselben . §. 556. Es ist eine schon bey der Physiologie der weiblichen normalen Entwicklung bemerkte Erscheinung, daß bey und nach dem erfolgten Eintritt der Menstruation die Bruͤste auf- schwellen und sich erst hier vollkommen ausbilden; zuweilen nur kann auch diese vermehrte Gefaͤßthaͤtigkeit, wie die der Menstruation zum Grunde liegende mit krankhafter Reizung sich verbinden; das Anschwellen der Bruͤste geschieht zu rasch, die Empfindlichkeit derselben wird rege gemacht, es entstehen fluͤchtige Stiche, ein prickelndes Gefuͤhl, Schmerzhaftigkeit bey geringem Drucke u. s. w., welche entweder zur Zeit der wie- derkehrenden Menstruation bloß sich zeigen, oder auch außer dieser Periode anhalten, und mitunter selbst zu Entstehung einzelner Knoten und Verhaͤrtungen, von welchen unten die Rede seyn wird, Veranlassung geben. §. 557. Ursachen dieses Krankheitszustandes sind gewoͤhnlich un- zweckmaͤßige Lebensweise im Allgemeinen, und oͤrtliche Reizun- gen der Bruͤste insbesondre. Das allgemeine Verhalten an- gehend, so schaden sich Maͤdchen in der Entwicklungsperiode namentlich durch zu vieles Stillsitzen, mangelnden Genuß der freyen Luft, zu reichliche und erhitzende Nahrung, durch zu warmes Verhalten, vorzuͤglich zu warme Schlafstellen, und durch Aufregung verliebter Phantasien, oder wirkliche Aus- schweifungen. Als oͤrtliche Reizung wirkt das oͤftere Beta- sten der Bruͤste, namentlich durch einen Mann, zu warmes Einhuͤllen der Bruͤste, Besprengen derselben mit wohlriechen- den Waͤssern und Oehlen, so wie das Schminken derselben, das Heraufzwaͤngen der Bruͤste durch Schnuͤrleiber, selbst das Tragen von mancherley Putz, Ketten u. s. w. auf und zwischen den Bruͤsten. §. 558. Obwohl nun diese Art von Schmerzhaftigkeit der Bruͤste an und fuͤr sich eben nicht bedenklich genannt werden kann, so kann sie doch leicht zu innern kleinen Verbildungen, Ver- dickung in den Waͤnden der Milchkanaͤle u. s. w. fuͤhren, und dadurch fuͤr die kuͤnftigen Functionen dieser Theile beym Stil- len sehr nachtheilig werden, und darf schon in dieser Hinsicht nicht unberuͤcksichtigt bleiben. Zur Beseitigung derselben ist es vorzuͤglich nothwendig, die im vorigen Paragr. genannten Ur- sachen zu entfernen, die Lebensordnung und Diaͤt zweckmaͤßig zu bestimmen, auf regelmaͤßige Unterhaltung der Menstruation hinzuwirken, bey Ueberhaͤufung des Koͤrpers mit nahrhaften Stoffen einige blande Abfuͤhrungen nnd kuͤhlende Getraͤnke anzuordnen, und besonders den oͤftern Gebrauch lauer allge- meiner Baͤder zu empfehlen, welche ganz vorzuͤglich im Stande sind, diesen Zustand von Schmerzhaftigkeit gruͤndlich zu heben. 2) Unvollkommne Ausbildung der Bruͤste und vor- zeitiges Welken derselben . §. 559. Wenn die Bruͤste in den Jahren nach Eintritt der Men- struation schlaff und klein bleiben, so ist dies entweder Folge einer im Allgemeinen geschwaͤchten Reproduction, oder einer mangelhaften Ausbildung oder anderweitigen Stoͤrung des Ge- schlechtssystems; und aus denselben Gruͤnden kann auch, nach- dem fruͤher diese Theile gehoͤrig ausgebildet waren, ihr vor- zeitiges Zusammenfallen und Abwelken verursacht werden. Die Schwaͤchung der Reproduction selbst ist aber entweder di- rekt durch Saͤfteverlust, vorausgegangene angreifende allge- meine Krankheiten veranlaßt, oder es sind die assimilirenden Organe und namentlich die Lymphgefaͤße in Unordnung; die Unvollkommenheit des Geschlechtssystems ist entweder Folge urspruͤnglicher Mißbildung, oder durch oͤrtliche Krankheiten und Zerstoͤrungen desselben herbeygefuͤhrt, wie man denn z. B. nach Ausrottung des Uterus Schlaffwerden und Einschrum- pfen der Bruͤste bemerkte. §. 560. Es ergiebt sich hieraus, daß mehrere Faͤlle dieses krank- haften Zustandes der Bruͤste durchaus keiner Huͤlfe faͤhig sind, welches eintreten wird, wo die Ursachen der allgemein dar- nieder liegenden Reproduction nicht zu beseitigen sind, oder wo das Uebel auf urspruͤnglicher Mißbildung des Geschlechts- systems, oder auf unheilbaren Zerstoͤrungen wichtiger innerer Geschlechtsorgane beruht. In andern Faͤllen hingegen ist es oft moͤglich, eine vollkommnere Ausbildung der Bruͤste zu be- guͤnstigen oder wiederherzustellen, wobey denn die Ursachen beruͤcksichtigt werden muͤssen. Reiner Zustand von Schwaͤche wird den Genuß reichlich naͤhrender, leichtverdaulicher Spei- sen, den Gebrauch eines kraͤftigen Weins, die Anwendung tonischer Mittel, der Extrakte der China, des Eisens, der eisenhaltigen Mineralbaͤder noͤthig machen, welche Mittel oͤrt- lich durch Waschen der Bruͤste mit Eau de Cologne, war- I. Theil. 27 men Wein u. dergl., so wie durch waͤrmere Bedeckung der Bruͤste unterstuͤtzt werden muͤssen. Ist der Schwaͤchezustand hingegen bloß Folge von Leiden der Unterleibsorgane des Druͤsensystems, so muß, diese Zustaͤnde durch resolvirende und andere Mittel zu heben, die erste Sorge des Arztes seyn. Wie endlich dem Darniederliegen der Reproduction im Ge- schlechtssystem begegnet werden koͤnne, ist bey den Unord- nungen der Menstruation und bey andern Gelegenheiten schon mehrmals eroͤrtert worden, worauf wir daher hier zuruͤck- weisen. 3) Uebermaͤßige Ernaͤhrung der Bruͤste und zu große Fettanhaͤufung um dieselben . §. 561. Was das zu betraͤchtliche Anwachsen der Bruͤste selbst betrifft, so ist es die Folge aͤhnlicher Einfluͤsse, als oben §. 556 u. 557. fuͤr die schmerzhaften Empfindungen in die- sen Organen genannt worden sind, und kann auch nur durch aͤhnliche Behandlung (§. 558.) gemindert werden; die Fett- anhaͤufungen hingegen sind immer Folge einer krankhaften Re- production, wobey die aufgenommenen Stoffe nicht gehoͤrig verarbeitet, sondern als rohe Fettmassen in das Zellgewebe niedergelegt werden; es entstehen daher dergleichen Ablagerun- gen vorzuͤglich, wo bey an sich phlegmatischen Individuen durch Mangel an Thaͤtigkeit des Koͤrpers und des Geistes, schlechte Luft und erschlaffende Kost, Stockung der Saͤfte und unvollkommne Ausarbeitung derselben veranlaßt wird, oder wo die reproductive Thaͤtigkeit durch haͤufige Ausleerungen (Blutfluͤsse oder haͤufiges Aderlassen, zur Gewohnheit gewor- denen Gebrauch von erhitzenden Abfuͤhrmitteln u. s. w.) er- schoͤpft ist, indem hierbey die Natur gleichsam daran ge- woͤhnt wird, schnell , aber eben deßhalb auch unvoll- kommner die Substauzerzeugung zu bewerkstelligen. §. 562. Der Arzt hat hierbey zunaͤchst sein Augenmerk auf die Verdauungswerkzeuge zu richten, und nicht sowohl auf die Verminderung der Stofferzeugung uͤberhaupt zu denken (etwa durch große Einschraͤnkung und Verkuͤrzung der Diaͤt), son- dern eine bessere Verarbeitung der bildenden Stoffe einzuleiten. Zu diesem Endzwecke bedient man sich der resolvirenden, so wie der aromatisch bittern Arzneyen, empfiehlt den maͤßigen Genuß eines kraͤftigen Weins und uͤberhaupt eine kraͤftige, nahrhafte, erregende Kost, dringt auf fleißige Bewegung in freyer trockner Luft und hinlaͤngliche Beschaͤftigung im Hause, laͤßt aromatische Baͤder gebrauchen, und kann auch wohl, nach v. Siebold’s Vorschlag, die Bruͤste selbst mit von Bernstein oder Zucker durchraͤucherten Flanellen gelind frotti- ren oder fomentiren lassen. 2. Besondere Degenerationen im Innern der Bruͤste . §. 563. Hierher gehoͤren die verschiedenen Geschwuͤlste dieser Theile, welche theils als Verhaͤrtungen, theils als hohle, mit Fluͤssigkeiten oder geronnenen Massen angefuͤllte Anschwel- lungen erscheinen, und welche wir unterscheiden, je nachdem sie entweder einem besondern Gebilde der Brust oder deren gesammtem Parenchyma angehoͤren. Zu den erstern rechnen wir die Anschwellungen der Milchgefaͤße (Milchknoten), die Anschwellungen der Lymphgefaͤße, aus welchen, wenn sie sich verdicken und verhaͤrten, die scrophuloͤsen Indurationen, wenn sie sich erweitern und fluͤßige Lymphe in besondere Saͤcke ergießen, die Lymphgeschwuͤlste, oder wenn sich diese Saͤcke mit geronnenen Stoffen ausfuͤllen, die Balggeschwuͤlste hervorgehen; ferner die krankhaften Zustaͤnde der Blutgefaͤße, indem sich Extravasate (Blutgeschwuͤlste) bilden. Die oͤrtli- chen Veraͤnderungen des ganzen Parenchyma hingegen, wel- che dann allerdings zunaͤchst durch krankhafte Thaͤtigkeit der kleinern Blutgefaͤße, durch chronische Entzuͤndung, unterhal- ten und vergroͤßert werden, und endlich zu allgemeiner Zer- stoͤrung fuͤhren, sind der Skirrhus und Krebs. 1) Von den Milchknoten in den Bruͤsten . §. 564. Diese Anschwellungen charakterisiren sich namentlich durch ihre Entstehung, indem sie sich entweder bey oder nach einem Wochenbette entwickeln, oder durch anderweitig, z. B. bey Unterdruͤckung des Monatsflusses antagonistisch veranlaßte Milchsecretion bedingt werden. Sie fuͤhlen sich meistens un- gleich, als ein Convolut aufgetriebener Gefaͤße, an, sind ziemlich beweglich und bey der Beruͤhrung nicht schmerzhaft; auch vergroͤßern sie sich nicht, machen sonst keine betraͤchtli- chen Beschwerden und zertheilen sich gewoͤhnlich entweder, so- bald eine neue Schwangerschaft oder Stillungsperiode eintritt, vermoͤge der groͤßern, neu aufgeregten Gefaͤßthaͤtigkeit, oder nachdem die etwa ursachlich vorhandene Hemmung der Cata- menien wegfaͤllt, oder auch allmaͤhlig durch Statt findende Resorption ohne besondere aͤußere Veranlassungen. Sehr sel- ten ist es, daß sie außer der Periode der Stillung in Ent- zuͤndung und Eiterung uͤbergehen, und wenig haͤufiger, und nur bey sehr verdorbener allgemeiner Constitution, kommt es vor, daß sie in skirrhoͤse Knoten durch hinzutretende chroni- sche Entzuͤndung sich verwandeln. §. 565. Die Behandlung solcher Milchknoten hat zunaͤchst auf die Ursachen Ruͤcksicht zu nehmen und diese zu entfernen, also, wo die Auftreibung der Milchkanaͤle von Hemmung der Catamenien abhaͤngt, die letztern nach oben (§. 208 ff) ge- gebenen Regeln zu beseitigen, bey ploͤtzlich unterbrochenem Stillungsgeschaͤft den Ausfluß der Milch durch warme trockne Fomentationen, Dampfbaͤder u. dgl. zu unterstuͤtzen u. s. w. — Außerdem aber sind vorzuͤglich, um die Zertheilung dieser Ge- schwulst zu bewerkstelligen, Mittel, welche die oͤrtliche Per- spiration und die Thaͤtigkeit der aufsaugenden Gefaͤße erhoͤhen, in Anwendung zu ziehen. Als solche erwaͤhnen wir fuͤr aͤu- ßerlichen Gebrauch das Bedecken der Brust durch gewaͤrmte Kissen, mit den trocknen Specieb. resolvent., der Hb. Ser- pilli, Majoranae, Hyosciami u. s. w. gefuͤllt, das Auflegen von Baumwolle oder Hanfwerg mit dem feinen Pulver der Kamillenblumen, des Melilotenkrautes u. s. w. bestreut; fer- ner das Bedecken der Brust mit feinem, weichem, mehrfach zusammengelegtem Flanell, mit einem weichen haarigen Thier- fell (z. B. von Katzen, Kaninchen, Hasen), ferner das Auf- legen zertheilender Pflaster und das Anwenden aͤhnlicher Ein- reibungen. §. 566. Zu den erstern bedient man sich des Emplastr. de Meliloto, de Cicuta, de Ammoniac. mit dem Emplastro mercuriali, zu den Einreibungen benutzt man das Liniment. vol. camphor. in Verbindung mit dem Unguent, mercur., das Unguent. de Althaea, das Oleum camphoratum. End- lich koͤnnen zum Zweck der Zertheilung die Dampfbaͤder, das Einreiben mit durchraͤuchertem Flanell, die Elektricitaͤt und der Galvanismus in Anwendung gezogen werden. §. 567. Als innerliche Mittel hingegen verdienen diejenigen vor- zuͤglich angewendet zu werden, welche theils auf das Lymph- system gelind erregend wirken, theils anderweitige Ausschei- dungen befoͤrdern. Zu den erstern gehoͤren die Antimonialien und die aufloͤsenden Extrakte, oder frisch gepreßten Kraͤuter- saͤfte, die Seife, die Mittelsalze, das fel tauri u. s. w.; zu den letztern gehoͤren die von Zeit zu Zeit darzureichenden Ab- fuͤhrungen, die maͤßige Befoͤrderung der Perspiration durch Liq. Mindereri, Liq. CC. und zweckmaͤßiges Verhalten. 2) Von den skrophuloͤsen Verhaͤrtungen der Bruͤste . §. 568. Bey jungen Personen, namentlich gegen und nach dem Eintritt der Menstruation, erzeugen sich oft, sobald durch unzweckmaͤßige physische Erziehung, ungesunde Luft, unpas- sende Diaͤt u. s. w. die Functionen des lymphatischen Systems uͤberhaupt gelitten haben, Knoten in den Bruͤsten, welche den Anschwellungen und Verhaͤrtungen der Lymphdruͤsen, die un- ter diesen Umstaͤnden gewoͤhnlich auch an andern Orten vor- kommen, im Wesentlichen ganz gleich sind. Sie zeigen sich gewoͤhnlich empfindlich, vorzuͤglich sobald Erregungen des Ge- schlechtssystems, wie z. B. in den monatlichen Perioden, Statt finden, oder Gemuͤthsbewegungen, Diaͤtfehler, ploͤtzliche Tem- peraturveraͤnderungen, oder anderweitige Krankheitsstoffe sy- philitischer, arthritischer oder rheumatischer Art u. s. w. den Koͤrper beunruhigen. Auch vergroͤßern sie sich oft und koͤnnen zuletzt die voͤllige Natur des Skirrhus annehmen, im Gegen- theil aber zertheilen sie sich auch mitunter, theils unter Min- derung des allgemeinen scrophuloͤsen Zustandes in Folge guͤnstigerer aͤußerer Lebensverhaͤltnisse, theils bey anderweitiger groͤßerer Entwickelung der Bruͤste, z. B. in angehender Schwan- gerschaft oder waͤhrend der Stillungsperiode. §. 569. Die Behandlung muß hier vorzuͤglich auf Ausrottung anderweitiger Krankheitsspuren und Herstellung regelmaͤßiger Thaͤtigkeit des allgemeinen Lymph- und Blut-Gefaͤßsystems gerichtet seyn, und es ist daher im Allgemeinen die resolvi- rende und ausleerende Methode angezeigt. Gleichzeitig nimmt man Bedacht, die Einfluͤsse, welche den scrophuloͤsen Zustand unterhalten, zu beseitigen, die Luft und Nahrung zu verbes- sern, hinlaͤngliche Koͤrperbewegung und besonders die hier so wichtigen Baͤder (vorzuͤglich die lauen Seifenbaͤder) zu em- pfehlen. Oertlich aber sind namentlich zu heftig reizende Mittel zu vermeiden, um nicht zu chronischen Entzuͤndungen im Umkreise der Verhaͤrtung Anlaß zu geben; hingegen ist mehr die trockne Waͤrme, durch aufgelegte Kraͤuterkissen, auf- gelegte Baumwolle, mit Kamillenpulver bestreut, das Tragen von Thierfellen, die Anwendung vom Emplastr. de cicuta und Emplastr. mercurial. u. s. w. zu empfehlen. §. 570. Endlich muͤssen diese Knoten, wo durchaus die Zerthei- lung derselben nicht zu erlangen ist, sie vielmehr den Ueber- gang in Skirrhus drohen, durch die Exstirpation mittelst des Messers hinweggenommen werden, von welcher bey Betrach- tung des Skirrhus noch ausfuͤhrlicher die Rede seyn wird. — Sollte endlich eine solche scrophuloͤse Verhaͤrtung durch irgend eine gewaltsame Einwirkung in den Zustand heftigerer Ent- zuͤndung, und dadurch zuletzt in Eiterung versetzt werden, so ist namentlich (wie es in druͤsigten Theilen uͤberhaupt Regel ist) die Eroͤffnung des sich bildenden Abscesses vorsichtig zu leiten und durch erweichende Cataplasmata zu befoͤrdern, nie aber durch zu zeitig gemachte Einschnitte zu uͤbereilen, viel- mehr die ganze Behandlung auf aͤhnliche Weise einzurichten, wie wir es im zweyten Theile noch ausfuͤhrlicher bey Be- trachtung der in Eiterung uͤbergegangenen Bruͤste stillender Frauen betrachten werden. 3) Von den Balggeschwuͤlsten der Bruͤste . §. 571. Beynahe auf aͤhnliche Weise wie der Uterus in seinem Parenchyma der Ablagerung roher eyweißstoffiger oder fett- artiger Massen entweder in geschlossenen Saͤcken oder zuletzt auch wohl im ganzen Umfange seiner Substanz faͤhig war, wie sich in diesen Geschwuͤlsten zuweilen selbst knoͤcherne Ab- lagerungen entwickeln konnten, so sind auch die Bruͤste aͤhn- licher Ausartungen faͤhig. Man bezeichnet diese Geschwuͤlste hier, je nachdem die in ihnen enthaltene Masse weicher oder fester ist, mit dem Namen der Breygeschwulst ( Atheroma, Meliceris ), oder der Speckgeschwulst ( Steatoma ), und auch in diesen Geschwuͤlsten der Bruͤste hat man zuweilen Knochen- kerne, ja ausgebreitete Verknoͤcherungen S. davon Beyspiele gesammelt bey Otto . Handb. d. pathol. Anat. S. 241. , oder fremde Ge- bilde, wie Haare, angetroffen. §. 572. Die aͤußere Beschaffenheit dieser Geschwuͤlste uͤberhaupt (welches jedoch auch von den Balggeschwuͤlsten der Bruͤste gilt) ist von Richter Anfangsgruͤnde der Wundarzneyk. Bd. I. S. 302. sehr treffend in folgenden Worten charakterisirt, indem er sagt: „Gemeiniglich findet man diese Geschwuͤlste unmittelbar unter der Haut, im Zellgewebe, zu- weilen aber doch auch in innern Theilen (von den Bruͤsten gilt dies wohl nicht, indem ich kein Beyspiel aufsinden kann, wo die Balggeschwulst z. B. unter der Brustdruͤse gesessen haͤtte). Die Haut, die sie bedeckt, ist unveraͤndert. Sie sind ganz unschmerzhaft und meistentheils weicher anzufuͤhlen, als der Skirrhus. Nur selten entzuͤnden sie sich aus innern oder aͤußern Ursachen; noch seltener gerathen sie in Eiterung. Zuweilen wachsen sie sehr langsam, zuweilen sehr schnell. Zuweilen hoͤren sie eine Zeit lang auf und fangen nachher von neuem wieder an zu wachsen. Einige, vornehmlich die Speckgeschwuͤlste, erreichen eine ungeheure Groͤße.“ — §. 573. Es ergiebt sich hieraus auch, wodurch sie sich von an- dern Anschwellungen der Bruͤste unterscheiden, von dem Skirrhus naͤmlich hauptsaͤchlich durch die Schmerzlosigkeit, von den Milchknoten durch die Entstehungsweise, indem den letztern stets wirkliche Milchausscheidung vorausgegangen ist, von den scrophuloͤsen Geschwuͤlsten durch Beruͤcksichtigung der allgemeinen Constitution und ebenfalls durch die Schmerzlosig- keit, und von den Lymph- und Blutgeschwuͤlsten durch die mangelnde Fluctuation und die unveraͤnderte Hautfarbe. §. 574. Verursacht werden diese Geschwuͤlste am haͤufigsten durch mechanische Schaͤdlichkeiten, durch Druck, Stoß u. s. w., indem durch Quetschung einer Stelle des Zellgewebes oder eines lymphatischen Gefaͤßes eine kleine Ablagerung eyweiß- stoffiger Masse herbeygefuͤhrt wird, welche sich mit einem Sacke von verdichtetem Zellgewebe umgiebt, und nun dergestalt rei- zend auf die benachbarten Theile einwirkt, daß ein andauern- der oder periodisch wiederkehrender Zufluß plastischer Stoffe gegen diese Stelle sich bildet, welche denn theils zu Ver- dickung des gebildeten Sackes, theils zur Vergroͤßerung der gesammten Geschwulst beytragen. Beguͤnstigt wird ferner die Entwickelung solcher Geschwuͤlste durch allgemeinen scrophuloͤ- sen phlegmatischen Habitus, oder durch Vorhandenseyn an- derer Krankheitsstoffe, der Gicht, der Syphilis, durch unter- druͤckte anderweitige zur Gewohnheit gewordene Ausscheidun- gen u. s. w. §. 575. Die Beschwerden , welche aͤhnliche Geschwuͤlste er- regen, sind nach dem Umfange derselben verschieden. Kleine Balggeschwuͤlste stoͤren die Function der Bruͤste nicht und wer- den oft kaum bemerkt; groͤßere hingegen hindern nicht nur die regelmaͤßige Function derselben, sondern erschweren zuletzt selbst die Bewegung des Arms ihrer Seite, erregen durch Druck theils Einschrumpfen der Brustdruͤsen, theils Entzuͤn- dung, welche in Eiterung uͤbergehen kann, wodurch denn im guͤnstigsten Falle die Geschwulst selbst zerstoͤrt wird, mitunter aber auch boͤsartige Geschwuͤre uͤbrig bleiben. — Langsame Zertheilung dieser Geschwuͤlste durch Resorption ist fast nie zu erwarten und auch durch Kunst nur selten zu bewerk- stelligen. §. 576. Die Behandlung dieser Geschwuͤlste zweckt entweder ab auf ihre Beseitigung durch eine aufgeregte Reaction des All- gemeinen gegen die besondre leidende Stelle, welches nament- lich befoͤrdert werden kann durch Ausrottung anderweitiger scrophuloͤser, syphilitischer, arthritischer Dyskrasien und An- wendung von Mitteln, welche im Allgemeinen sowohl als oͤrt- lich die Thaͤtigkeit der lymphatischen Gefaͤße erhoͤhen; Mittel, von denen schon oben (§. 565 — 567.) die Rede gewesen ist, von welchen indeß bey der geringen Empfindlichkeit die- ser Anschwellungen immer die staͤrksten, z. B. das Gummi Ammoniacum, mit Essig zum Linimente gekocht, der Sal- miak, mit Kali in Pulverform auf Baumwolle gestreut, der verduͤnnte Hirschhorngeist u. s. w. angewendet zu werden ver- dienen, indem ohne dies der durch Reize dieser Art veran- laßte Uebergang in Entzuͤndung mehr zu wuͤnschen als zu fuͤrchten ist. — Von der Anwendung der Compression, wel- che bey Balggeschwuͤlsten anderer Theile mitunter empfohlen worden ist, wuͤrde sich hier nur dann Nutzen erwarten las- sen, wenn die Geschwulst mehr am Rande der Brust sich be- faͤnde, so daß sie gegen eine Rippe angedruͤckt werden koͤnnte. §. 577. Allen diesen Mitteln aber ist die Operation vorzuziehen, und es verdienen jene uͤberhaupt nur da Anwendung, wo die Kranke zu dieser nicht bewogen werden kann. — Man verrichtet sie entweder so, daß man ganz auf die Weise, wie die Exstirpation des Skirrhus vorgenommen werden muß, die Balggeschwulst ausschaͤlt und dabey Bedacht nimmt, daß theils der Sack derselben vollstaͤndig hinweggenommen, theils das oft hartnaͤckig blutende Adergewebe im Umfange desselben mit entfernt werde, oder man gebraucht die Operation nur (wel- ches namentlich von etwas tiefer in die Substanz der Brust- druͤse eindringenden Balggeschwuͤlsten und den Breygeschwuͤl- sten gilt), um den Sack zu eroͤffnen, die inneliegende Ma- terie auszuleeren und dann eine Eiterung zu erregen, um den zuruͤckgelassenen Sack durch diese Eiterung zu zerstoͤren. §. 578. Richter schlaͤgt zu diesem Endzweck ein dreifaches Ver- fahren vor: a. a. O. S. 311. entweder naͤmlich, den Sack durch ein Aetz- mittel zu oͤffnen, die Materie auszuleeren, die innere Flaͤche des Sacks durch Scarificationen, oder durch Bestreichen mit Spießglasbutter, Vitriolgeist u. s. w. in Entzuͤndung zu setzen, dann die Eiterung durch erweichende Mittel zu befoͤrdern und so die voͤllige Zerstoͤrung des Sackes abzuwarten; oder, wenn die Masse der Balggeschwulst sehr weich ist, sie durch einen eingestochenen Troikart ausfließen zu lassen, dann durch rei- zende Injectionen von aufgeloͤstem Hoͤllenstein, TR. Cantha- ridum u. s. w., welche man bis zur angehenden Entzuͤndung zuruͤcklaͤßt, Eiterung zu erregen und diese dann durch eiter- machende Mittel zu behandeln; oder endlich ein mit eiter- machenden Mitteln bestrichenes Haarseil durch die Geschwulst zu ziehen, und so ebenfalls entweder die Geschwulst ganz auszurotten, oder sie dergestalt zu verkleinern, daß sie leich- ter exstirpirt werden kann. 4) Lymphatische und Blutgeschwuͤlste in den V ruͤsten . §. 579. Die Balggeschwuͤlste, wenn sie eine sehr fluͤssige Sub- stanz enthalten, bilden den unmittelbaren Uebergang in die lymphatischen Geschwuͤlste, und was daher von Entstehung, Erkenntniß und Behandlung jener gesagt ist, gilt auch im Wesentlichen von diesen, nur daß sie es insbesondre sind, die mit Verletzungen eines Lymphgefaͤßes oder allgemeinen Leiden des Lymphsystems in Verbindung stehen, weshalb bey ihrer Eroͤffnung mit besonderer Vorsicht zu verfahren ist. — Die Blutgeschwuͤlste, wobey in eine freye Hoͤhle fluͤssiges Blut er- gossen ist, kommen beynahe noch seltener als die lymphati- schen Geschwuͤlste vor, und haͤngen vorzuͤglich mit Unter- druͤckungen der Menstruation oder Congestionen nach den Bruͤ- sten, zur Zeit der klimakterischen Jahre zusammen, wenn sie nicht unmittelbar durch aͤußere Gewalt und Zerreißung von Blutgefaͤßen entstanden sind. — Bey ihrer Behandlung ist zunaͤchst auf die dieselben bedingenden allgemeinen Veranlas- sungen hinlaͤngliche Ruͤcksicht zu nehmen, theils oͤrtlich durch eine kleine Oeffnung (sobald die Masse des ausgetretenen Blu- tes betraͤchtlicher ist) die Entleerung zu bewerkstelligen und dann durch fortgesetzten Gebrauch bitterer, die Resorption und Contraction befoͤrdernder Mittel (Fomentationen aus den Fl. Arnicae, Hb. Serpill., Hb. Absynth., Flor. Chamomill. rom. u. s. w., mit Wein, Campherspiritus u. s. w. vermischt) die Schließung der Hoͤhle zu befoͤrdern. 5) Vom Skirrhus und Krebs der Bruͤste . §. 580. Es ist der skirrhoͤse und carcinomatoͤse Zustand der Bruͤ- ste in so vieler Hinsicht dem gleichnamigen Zustande des Ute- rus verwandt, daß wir, namentlich was das eigentlich We- sentliche dieser Krankheitsform betrifft, wieder ganz auf das- jenige zuruͤckweisen muͤssen, was oben (§. 448 ff.) in dieser Hinsicht bemerkt wurde. Demohnerachtet begruͤndet auch hin- wiederum das von dem Bau der Gebaͤrmutterwaͤnde ganz ab- weichende Parenchyma der Brustdruͤse theils das haͤufigere Vorkommen an diesem Orte, theils manche Eigenthuͤmlichkei- ten im Verlaufe des Uebels, so wie in seiner Behandlung. §. 581. Die Erkenntniß des Brustskirrhen wird gegeben durch Beachtung seiner Entwickelungsweise und der damit verbunde- nen schmerzhaften Zufaͤlle. Gewoͤhnlich aber zeigt sich an- faͤnglich ein kleiner, wenig schmerzhafter, beweglicher Knoten, welchen die Kranke oft laͤngere Zeit getragen hat, ohne ihn zu bemerken; nach und nach waͤchst dieser Knoten zwar nicht immer an Umfange, aber dafuͤr alsdann an Haͤrte; seine Beweglichkeit vermindert sich, seine Schmerzhaftigkeit nimmt zu, und die Kranken klagen entweder uͤber ein anhaltendes Brennen an dieser Stelle, oder uͤber oft wiederkehrende fluͤch- tige Stiche, welche besonders bey ploͤtzlichen Witterungsver- aͤnderungen, bey den eintretenden monatlichen Perioden u. s. w. sich verstaͤrken. Dabey zeigt gewoͤhnlich der allgemeine Habitus etwas Kachektisches, eine blasse gelbliche Hautfarbe, Abmagerung u. s. w. — Endlich aber wird der Knoten ploͤtz- lich noch weit schmerzhafter, die Haut uͤber denselben wird blaulich und mißfarbig, und nun bildet sich ein offenes Ge- schwuͤr, dessen Natur dann freylich nicht mehr zu verkennen ist, wo aber auch meistens der Zustand unheilbar gewor- den ist. §. 582. Ein solches Krebsgeschwuͤr zeichnet sich dann aus durch die harten ungleichen Raͤnder, durch das hoͤchst mißfarbige Ansehen, durch den in der Tiefe stets fortwuͤthenden Schmerz und durch den Erguß einer auch hier (wie beym Gebaͤrmut- terkrebs) hoͤchst uͤbelriechenden Jauche, bey deren Abgang sich oft Stuͤcke aus dem Grunde des Geschwuͤrs mit abloͤsen, wo- mit sich oft heftige Blutungen verbinden (wenn das tiefer- greifende Geschwuͤr Gefaͤße zerstoͤrt hat), und wobey im All- gemeinen die Reproduction immer mehr sinkt, Zehrfieber ein- tritt, der Schlaf durch die heftigen naͤchtlichen Schmerzen verscheucht wird, und zuletzt unter aͤußerster Abmattung der erwuͤnschte Tod eintritt. §. 583. Ruͤcksichtlich der Entstehung des Brustskirrhus und Kreb- ses bemerken wir, daß auch hier, so wenig als bey dem Ge- baͤrmutterkrebs, irgend etwas uns berechtigt, einen eigen- thuͤmlichen Krankheitsstoff, ein besonderes Krebsgift anzuneh- men, vielmehr die Verhaͤrtung an und fuͤr sich von ander- waͤrtigen Indurationen nicht wesentlich differirt, jedoch durch eine allgemeine krankhafte Stimmung der Reproduction nicht nur an ihrer Zertheilung gehindert, sondern durch eine im Umkreise derselben sich bildende chronische Entzuͤndung theils vergroͤßert, theils zu einer boͤsartigen Eiterung gefuͤhrt wird. §. 584. Obwohl man demnach Hrn. v. Winter Ist der Brustkrebs urspruͤnglich eine oͤrtliche Krankheit? in B. v. Siebold’s Chiron. Bd. 2. St. 3. , welcher den Brustkrebs uͤberhaupt mehr fuͤr eine allgemeine Krankheit ge- halten wissen will, nicht fuͤglich ganz beystimmen kann, so darf man doch von der andern Seite auch nie seine Eigen- thuͤmlichkeit zu sehr in lokaler Beziehung betrachten, sondern muß das Wesentliche stets als das Erzeugniß allgemei- ner und lokaler Momente auffassen. — Hieraus ergiebt es sich, wie Verhaͤrtungen urspruͤnglich verschiedener Natur, z. B. scrophuloͤse Knoten, Milchknoten, Verdichtungen des Zellge- webes durch erlittene Quetschung und Ergießung plastischer Lymphe, doch bey unguͤnstigen allgemeinen Verhaͤltnissen eben so in den Krebs uͤbergehen koͤnnen, wie sie im Gegentheil bey guͤnstigern allgemeinen Verhaͤltnissen zur Zertheilung ge- langen, und ferner, wie wirklich bereits skirrhoͤs gewordene Knoten, wenn sie an einem Theile exstirpirt worden sind, an einem andern Theile gern sich wieder erzeugen (Beyspiele, auf welche namentlich v. Winter seine oben erwaͤhnte An- sicht gruͤndete). §. 585. Es folgt aus allem diesem, daß die entfernten Ur- sachen des Brustkrebses vorzuͤglich dreyerley Art seyn koͤn- nen, theils naͤmlich solche, durch welche uͤberhaupt Verdich- tungen und Verhaͤrtungen entstehen koͤnnen, wohin Stoß, Druck, unterlassenes Selbststillen u. s. w. gehoͤren, theils sol- che, durch welche eine chronische Entzuͤndung veranlaßt und unterhalten werden kann, als Erkaͤltungen, Mißbrauch er- hitzender Getraͤnke, Congestionen nach den Bruͤsten durch feh- lerhafte Menstruation, oder durch die klimakterischen Jahre bedingt, Anwendung zu reizender Mittel u. s. w., theils end- lich solche, welche die Reproduction im Allgemeinen unter- graben, die Function der Lymphgefaͤße und des venoͤsen Sy- stems stoͤren, als ungesunde Luft, schlechte Nahrung, fruͤhere syphilitische, scrophuloͤse, rhachitische Krankheit und Gemuͤths- leiden. — Zu erwaͤhnen ist jedoch noch, daß die skirrhoͤsen Verhaͤrtungen der Bruͤste zuweilen auch nur aͤußere Zeichen eines krankhaften Zustandes des Geschlechtssystems uͤberhaupt und insonderheit des Uterus sind, weßhalb denn Brustskirrhen sehr haͤufig gleichzeitig mit Scirrhus und Carcinoma uteri vorkommen. — Die Einwirkungen endlich, welche vorzuͤglich den Uebergang des Skirrhus in offenes Krebsgeschwuͤr befoͤr- dern koͤnnen, sind im Ganzen wieder ziemlich dieselben, wel- che die Entstehung des Skirrhus uͤberhaupt beguͤnstigen; die haͤufigsten unter denselben sind mechanische Reizung, der Ge- brauch erweichender Mittel, vorzuͤglich der Breyumschlaͤge, die klimakterischen Jahre u. s. w. — Im Ganzen pflegt der Uebergang in Krebsgeschwuͤr immer um so eher zu erfolgen, je verdorbener die allgemeine Constitution ist, um so spaͤter hingegen und oft erst nach einer langen Reihe von Jahren, oder gar nicht, je kraͤftiger dieselbe ist. §. 586. Die Prognose muß bey einem Uebel dieser Art stets unguͤnstig ausfallen, da es immer ein Zusammentreffen be- sonders gluͤcklicher Umstaͤnde erfordert, wenn die Heilung ge- lingen soll. Nur wo die Verhaͤrtung und Entzuͤndung im Umkreise derselben offenbar in Folge anderweitiger krankhafter Zustaͤnde, z. B. bey Unterdruͤckung der Menstruation, ent- standen ist, und diese primaͤren Abnormitaͤten guͤnstige Aus- sicht fuͤr Heilung gewaͤhren, oder hinwiederum, wo das Ue- bel mehr aus oͤrtlichen, namentlich mechanischen, Einfluͤssen entsprungen, an sich noch neu, und die allgemeine Consti- tution kraͤftig ist, uͤberhaupt aber weder wegen zu betraͤchtli- chem Umfang und Verhaͤrtung, noch wegen veraͤnderter Haut- farbe und heftiger werdenden Stichen und Jucken der nahe Uebergang in Krebs befuͤrchtet werden darf, kann eine guͤn- stigere Prognose gestellt werden, dahingegen bey hoͤherem Grade des Uebels, besonders wenn schon die benachbarten Theile mit ergriffen sind, die Knoten mit den darunter liegenden Theilen sich fest verbunden haben, die Achseldruͤsen mit an- geschwollen sind, und ganz vorzuͤglich, wo das Krebsgeschwuͤr bereits voͤllig ausgebrochen ist, Rettung der Kranken fast nie mehr gelingen kann. §. 587. Die Behandlung kann, so lange das Uebel noch als skirrhoͤse Verhaͤrtung erscheint, entweder auf Zertheilung oder unmittelbar auf Ausrottung des Knotens gerichtet seyn; im Falle des ausgebrochenen Krebses findet, wenn uͤberhaupt noch Huͤlfe moͤglich ist, diese insgemein nur mittelst des Messers Statt, und in den Faͤllen endlich, wo wegen ausgebreitetem, den benachbarten Theilen bereits mitgetheilten krebshaftem Zustande an der Heilung gaͤnzlich verzweifelt werden muß, kann bloß von palliativer Behandlung die Rede seyn. §. 588. Zuerst betrachten wir diejenigen Mittel, welche zur Zertheilung krebsartiger Knoten der Bruͤste die heilende Kunst darbietet. Hierbey ist eines Theils wichtig, eben so wie bey den Skirrhen des Uterus, auf die allgemeine krank- hafte Disposition Ruͤcksicht zu nehmen, gegen scrophuloͤse, sy- philitische, rheumatische, arthritische Zustaͤnde ein zweckmaͤßi- ges Verfahren eintreten zu lassen, und auf Verbesserung der aͤußern Verhaͤltnisse der Kranken dadurch zu wirken, daß man sie in gesundere Luft bringt, ihnen eine leicht verdauliche, ge- lind naͤhrende, besonders mehr vegetabilische Diaͤt anordnet, und durch den Gebrauch von allgemeinen Baͤdern, so wie vor- zuͤglich durch Aufheiterung des Gemuͤths den Stand der Re- production zu erhoͤhen und zu verbessern sucht. §. 589. Außer diesen allgemeinen Maßregeln muß nun ferner das specielle Heilverfahren namentlich bezwecken: theils die chronische Entzuͤndung, durch welche die abnorme Bildung stets verstaͤrkt wird, zu maͤßigen, theils die Aufsaugung und Ruͤckbildnng der Verhaͤrtungen zu befoͤrdern. In ersterer, besonders wichtiger Hinsicht Besonders hat hierauf Lasserre in einem interessanten Aufsatze des Journal universel des sciences médicales Juin 1819. p. 289. aufmerksam gemacht. wird die sorgfaͤltige Vermei- dung aller den Organismus gewaltsam erregender Einfluͤsse, erhitzender Getraͤnke und reichlicher Diaͤt namentlich, zur Pflicht, man reicht von Zeit zu Zeit kuͤhlende Abfuͤhrungen, und kann, vorzuͤglich wenn die Entzuͤndung durch lebhaftere Schmerzen sich aͤußert, bey kraͤftigern Naturen selbst wiederholte oͤrtliche oder allgemeine Blutentziehungen, den Gebrauch kuͤhlender Emulsionen, des Salpeters u. s. w. nicht entbehren; dahin- gegen bey sehr schwaͤchlicher oder kachektischer Constitution der Entzuͤndung mehr durch das antiphlogistische Regimen, durch maͤßige Befoͤrderung der Hautthaͤtigkeit, so wie durch den vor- sichtigen innern und aͤußern Gebrauch des Quecksilbers ent- gegengewirkt werden muß. §. 590. Um ferner die Zertheilung der schon krankhaft verbilde- ten Stellen selbst zu bewerkstelligen, dienen die staͤrkern, un- ter den schon oben (§. 565 u. 566.) erwaͤhnten, Mittel, das Emplastr. de Cicuta und Empl. mercuriale, das fel Tauri mit sal ammoniac., die frisch gequetschten Blaͤtter von der Calendula officinalis, dem Sedum acre, der Bel- ladonna, das Unguentum neapolit. mit dem Liniment. vol. camphorat. u. s. w. Hierbey muß uͤbrigens immer die Wirkung der oͤrtlichen Waͤrme mit zugezogen werden, das Tragen zertheilender Kraͤuterkissen oder warmer Thierfelle Statt finden, so wie innerlich das Extract. Cicutae, Bel- ladonnae, die Merkurialien und Antimonialien, der Kirsch- lorbeer angewendet werden; und so kann denn allerdings zuweilen, namentlich in Faͤllen, wo die Kranken durchaus zur Operation sich nicht entschließen koͤnnen, mittelst anhal- tender Befolgung dieser Methode, Ruͤckbildung in den nor- I. Theil. 28 malen Zustand bewirkt, oder in andern Faͤllen, wo die Ver- wachsung des Krebsknotens mit dem Brustmuskel die Operation verhinderte, ersterer vielleicht beweglicher und so zur Operation geschickter gemacht werden. Zuweilen hat man auch (namentlich Young ) gegen Krebsknoten der Bruͤste, wie gegen die Balggeschwuͤlste derselben, die Anwendung eines mechanischen Druckes empfohlen, allein wir zweifeln sehr an der Nuͤtzlichkeit dieses Verfahrens, ja befuͤrchten vielmehr dadurch den Uebergang in Krebsgeschwuͤr beschleunigt zu sehen (m. s. die Nachricht von einer ungluͤcklich abgelaufenen Behandlung dieser Art in d. Salzb. medic. chirurg. Zeit. 1819. Nro. 13. aus d. Edinburgh med. and. surg. Journal. §. 591. Ehe wir nun die Operation selbst naͤher durchgehen, ist es noch noͤthig, einiges uͤber die medicinische Behandlung des offenen Brustkrebses beyzufuͤgen, welche naͤmlich einen dop- pelten Zweck haben kann, d. i. entweder auch in diesem Sta- dio der Krankheit, wo sie in der Regel unheilbar ist, noch einen Versuch zur Rettung der Kranken zu machen, oder nur palliativ gegen die heftigen Schmerzen und oͤfters eintreten- den Blutungen Linderung zu schaffen. Den ersteren Zweck hat die fortgesetzte innere und aͤußere Anwendung mehrerer Kraͤutersaͤfte, z. B. des Schierlings, der Belladonna, des Kirschlorbeers, des rothen Fingerhuts, der Ringelblume ( Ca- lendula officinalis ), des Onopordon acanthium, des Sedum acre, Chenopodium bonus Henricus u. a. m. — Ferner der Gebrauch des Arseniks (obwohl dieser hier nur mit der groͤßten Vorsicht angewendet werden darf), der aͤußere Ge- brauch der salzsauren Daͤmpfe, S. Hufeland’s Journ. f. d. prakt. Heilk. 1809. 6s St. das Aufstreuen des Kohlen- pulvers, S. ebendas. Bd. XXV. St. 1. das Auflegen einer lebenden Kroͤte auf das Krebs- geschwuͤr, S. Richter Anfangsgr. d. Wundarznk. Bd. I. S. 298. die schon oben erwaͤhnte Anwendung des Gold- salzes und mehrerer anderer bald hier bald da empfohlener Mittel, welche indeß gewoͤhnlich bey wiederholter Anwendung wenig geleistet haben (vergl. §. 459. 460.). §. 592. Was die bloß Linderung der quaͤlendsten Zufaͤlle bewir- kenden Mittel anbelangt, so steht wieder unter den die hef- tigsten Schmerzen beruhigenden das Opium oben an, womit aͤußerlich Fomentationen des Krebsgeschwuͤrs mit Aufguͤssen der Cicuta oder Abkochungen der Mohnkoͤpfe verbunden wer- den koͤnnen. Zur Verminderung des Ausflusses und des hoͤchst uͤbeln Geruchs dieser Geschwuͤre empfiehlt sich ferner das Auf- streuen von Kohlenpulver oder Anwendung von Kohlensalbe zum Verband, das Auflegen eines Karottenbreyes mit etwas Opiattinktur, vielleicht auch ganz vorzuͤglich des empyrevma- tischen Holzessigs, dessen stark antiseptische Kraft man neuer- lich erprobt hat. Zur Beseitigung der Blutungen benutzt man das Aufdruͤcken eines Schwammes mit einer Mischung aus dem concentrirten Infus. serpilli und Weingeist befeuch- tet und mit etwas styptischem Pulver bestreut, ja in man- chen Faͤllen wird die Anwendung des gluͤhenden Eisens kaum umgangen werden koͤnnen. Innerlich ordnet man saͤuerliche Getraͤnke (vorzuͤglich mit mineralischen Saͤuren), das Dower- sche Pulver, die Phosphorsaͤure u. s. w. an, und laͤßt ein sehr ruhiges Verhalten beobachten. §. 593. Die oft so geringe Wirkung dynamischer Mittel laͤßt nun, namentlich so lange das Uebel noch auf der Stufe des Skirrhus verweilt, die Operation allerdings als das zweck- maͤßigste Mittel zur Heilung erkennen; Gegenanzeige zu der- selben wuͤrde es jedoch abgeben, wenn man den Skirrhus mehr fuͤr allgemeine, als fuͤr oͤrtliche Krankheit zu halten berechtigt waͤre; allein wie oben bemerkt wurde, ist er bei- des, oft nur das eine mehr als das andere, und eben deß- halb muß es ein wichtiger Theil der Heilung seyn, wenn man das Lokalleiden fuͤrs erste voͤllig beseitigen kann, um so- dann auch den Ursechen, welche im Allgemeinen liegen, ent- gegen zu arbeiten. So lange daher die Natur des Uebels eine vollstaͤndige Ausrottung der kranken Stellen verstat- tet, sobald die Entstehung desselben mehr durch lokale Ein- wirkungen bedingt war, und zugleich die allgemeine repro- duktive Kraft nicht allzusehr gesunken ist, darf und muß so- gar die Operation als eins der wesentlichsten Mittel zur Ret- tung der Kranken angesehen werden, indem sie selbst im un- gluͤcklichsten Falle der Wiedererzeugung des Knotens, doch eine bedeutende Verzoͤgerung des Ueberganges in den offenen Krebs bewirken wird. Ueber das Unternehmen, den Brustkrebs, so wie den Gebaͤrmutter- krebs durch Operation zu heilen, s. m. insbesondre noch: F. J. Bey- erle uͤb. d. Krebs der Gebaͤrmutter. Manh. 1818. §. 594. Beschleunigt muß insbesondre die Operation werden, wenn ploͤtzliche Vergroͤßerung oder Verhaͤrtung des Knotens, so wie die herannahende klimakterische Periode, befuͤrchten las- sen, daß der Uebergang in das offene Krebsgeschwuͤr herau- nahe; nicht zu unternehmen ist sie hingegen, wenn der Skir- rhus mit den benachbarten Theilen bereits zu fest verwachsen ist, als daß vollkommne Ausschaͤlung zu hoffen waͤre, wenn die Achseldruͤsen zugleich mit verhaͤrtet sind u. s. w., in wel- chen Faͤllen vielmehr die Operation sicher den Uebergang in das offene Krebsgeschwuͤr durch Veranlassen boͤsartiger Ge- schwuͤrigkeit in den zuruͤckgebliebenen skirrhoͤsen Stellen zur Folge haben wuͤrde. — Nun sind aber bey offenem Geschwuͤr gewoͤhnlich diese Verwachsungen sehr entwickelt vorhanden; es ist zugleich meistens das allgemeine Befinden bereits zu tief erschuͤttert, und daher kann auch hier nur sehr selten (allenfalls beym ersten Ausbruche des Geschwuͤrs mittelst Am- putation der ganzen Brust) die Operation Statt finden. §. 595. Die Operation des Skirrhus und Krebses der Brust (welche zugleich dieselbe ist fuͤr anderweitige, fruͤher abgehan- delte Verhaͤrtungen) wird nun entweder bloß auf das Her- austrennen der einzelnen skirrhoͤsen Stelle sich beschraͤnken, oder die ganze Brust hinwegnehmen. Im erstern Falle macht man entweder durch eine gebildete Falte auf der Verhaͤrtung einen Laͤngenschnitt, oder wenn letztere sehr groß ist, oder sehr fest der Haut adhaͤrirt, macht man durch die ange- spannte Haut einen ovalen Schnitt, indem man die verdor- bene Hautstelle folglich selbst mit entfernt. Ist nun der Skirrhus bloß gelegt, so schreitet man zum Ausschaͤlen des- selben, wobey man theils den Knoten selbst (mittelst des ver- groͤßerten Bromfield’ schen Hakens etwa) aus der Wunde etwas hervorhebt, und zugleich die Verbindungen desselben mit den benachbarten Theilen so viel als moͤglich ohne Bey- huͤlfe schneidender Instrumente, mit dem Finger oder einem stumpfen Messer vom Knochen sorgfaͤltig abtrennt, das Kranke vollstaͤndig entfernt und nur die festern Stellen, z. B. die Gefaͤßstaͤmme u. s. w., mit dem Messer durchschneidet. §. 596. Waͤhrend dem nun das Ausschaͤlen des Skirrhus auf diese Weise verrichtet wird, entstehen oͤfters nicht unbetraͤcht- liche Blutungen aus den gewoͤhnlich krankhaft erweiterten Ge- faͤßen im Umkreise desselben, und man muß daher einen Schwamm nebst kaltem Wasser und etwas Weingeist bereit halten, um dadurch die Blutung zu mindern, oder wenn sie heftiger ist, durch Zudruͤcken des blutenden Gefaͤßes vom Finger eines Gehuͤlfen, oder durch angelegte Unterbindungsfaͤden dieselbe beseitigen. §. 597. Ist die Verhaͤrtung gaͤnzlich herausgenommen, so reinigt man die Wunde und untersucht sie sorgfaͤltig, ob vielleicht an den Waͤnden derselben noch verhaͤrtetes Zellgewebe, oder krankhafte Gefaͤße sich vorfinden; auch diese muͤssen dann hin- weggenommen werden, und nun erst schreitet man zum Schluß der Wunde. In Faͤllen, wo es moͤglich war, den Grund derselben von allem Krankhaften zu reinigen, und keine Un- terbindung von Gefaͤßen noͤthig war, zieht man sodann die Wunde durch Heftpflasterstreifen zusammen, bewirkt durch das Mittel einer starken Compresse und umgelegte Binden das Andruͤcken der Haut an den Grund der Wunde, und sucht so die schnelle Vereinigung zu bewerkstelligen; außerdem wird es noͤthig, die Wunde mit Charpie anzufuͤlleu und die Hei- lung durch Eiterung zu Stande zu bringen. §. 598. Ist nun aber der Skirrhus irgend von betraͤchtlichem Umfange, so thut man auf jeden Fall besser, sogleich die ganze Brust hinwegzunehmen, Richter (Anfangsgr. d. Wundarznk. 4r Bd. S. 416.) macht es sogar wahrscheinlich, daß der Schmerz hierbey nicht viel groͤßer sey, als bey bloßer Exstirpation. Ueberhaupt verdient hieruͤber die ganze treffliche Abbandlung Richters a. a. O. nachgelesen zu werden. welches dann noch unerlaß- licher wird, wenn bereits Krebs eingetreten ist, oder wenig- stens die Brust in ihrem ganzen Umfange verhaͤrtet ist, ja zuweilen muͤssen hierbey sogar, wenn gleichzeitig schon eine oder mehrere Achseldruͤsen verhaͤrtet sind (ein Fall, in welchem freylich zuweilen das Uebel schon allzusehr uͤberhand genom- men hat und mitunter die Operation gar nicht mehr erlaubt), auch diese mit hinweggenommen werden; obwohl man auch berechtigt ist, da, wo etwa diese Achseldruͤsen sehr tief lie- gen und die Operation derselben deßhalb sehr gefaͤhrlich er- scheint, zuvoͤrderst die Ausrottung der Brust allein zu unter- nehmen, und unter allgemeiner zweckmaͤßiger Behandlung dann abzuwarten, ob vielleicht die mitunter (wie durch einige von Richter angefuͤhrte Faͤlle erwiesen wird) nur consensuell angeschwollenen Druͤsen sich von selbst zertheilen, dahingegen allerdings, sobald sie vielmehr staͤrker anschwellen, ihre Ex- stirpation ungesaͤumt nachgeholt werden muß. §. 599. Die Ausrottung der gesammten Brust verrichtet man am besten bey einer sitzenden Stellung der Kranken, wo sie von zwey Gehuͤlfen hinlaͤnglich unterstuͤtzt wird, und nach hinlaͤnglicher Vorbereitung der Apparate zur Stillung eintre- tender Blutung und zum Verband. Mehrere haben auch bey der Kranken, selbst als Vorbereitung zur Operation, die Milch- diaͤt, mehrere Abfuͤhrungen, das Legen eines Fontanells em- pfohlen, welches allerdings auch unter manchen Umstaͤnden, namentlich bey Neigung zu gastrischen Unordnungen, bey an- derweitigen, das Uebel unterhaltenden, noch nicht ganz aus- gerotteten Krankheitsstoffen gewiß mit Nutzen zu befolgen ist. — Die Hautoͤffnung zur Ausschaͤlung der Brust wird sodann in schiefer Richtung von der Schulter gegen den untern Theil des Brustbeins gemacht, so daß zwey halbmondfoͤrmige in der Mitte (sobald uͤbrigens die Haut noch gesund ist) nur gegen drey Finger breit auseinanderstehende Schnitte die Warze ein- schließen (ist die Haut selbst schadhaft, so muß freylich die Hautwunde groͤßer werden, allein auch die Heilung erfolgt dann weniger leicht). Die Laͤnge des Schnittes muß die der Brustdruͤse aufwaͤrts und abwaͤrts ohngefaͤhr einen Finger breit uͤbertreffen. §. 600. Um nun das Ausschaͤlen selbst zu bewerkstelligen, trennt man erst den einen Hautlappen von der Brust von außen nach innen, dann die Brust vom Brustmuskel und endlich die Brust vom andern Hautlappen von innen nach außen ab. Indem man hier zuerst die Brust von dem einen und zuletzt von dem andern Hautlappen absondert, welches durch das Messer geschehen muß, nimmt man sich sehr in Acht, daß nichts Krebshaftes an der Haut sitzen bleibe; und eben so sorgfaͤltig verfaͤhrt man bey dem Abloͤsen der Brust vom Brust- muskel selbst, welches wieder mehr durch die Finger und den Scalpelstiel geschehen muß, indem man stets vom untern Winkel der Wunde anfaͤngt, damit man nicht bey dem Tren- nen in entgegengesetzter Richtung zuletzt durch die Blutung grstoͤrt werde. Findet man hierbey Brust und Brustmuskel fest verbunden, so muß ein Stuͤck des letztern selbst mit hin- weggenommen werden, und ist endlich die Brust ganz hinweg- genommen, so muß man den Grund der Wunde nochmals auf das Genaueste untersuchen, damit alles, was noch irgend verdaͤchtig scheinen koͤnnte, voͤllig hinweggenommen werde; hierauf laͤßt man die Wunde etwas ausbluten, stillt sodann das Blut durch Aufdruͤcken eines in kaltes Wasser mit etwas Weingeist getanchten Schwammes, oder bey groͤßern Gefaͤßen durch die Unterbindung. §. 601. Das Schließen der Wunde geschieht in den meisten Faͤl- len bloß durch Heftpflasterstreifen, nur, wo sehr viel Haut verloren gegangen ist, moͤchte die blutige Nath nicht ganz zu entbehren seyn. Man bedeckt die Wunde sodann durch eine starke Compresse und befestigt dieselbe durch die von Richter a. a. O. S. 411. empfohlne Binde. Zugleich muͤssen die Bewegun- gen des Arms dieser Seite durch Tragen in einer Binde be- schraͤnkt und ein antiphlogistisches Verhalten beobachtet wer- den. Die weitere Behandlung hat nichts Ausgezeichnetes. Da man zuweilen uͤble Zufaͤlle in der Wunde vom Eintritt der monatlichen Periode bemerkt hat, so thut man wohl, die Operation stets nach dem letzten Eintritt dieser Periode zu unternehmen. — Ist nun aber endlich auch die Wunde wirk- lich gluͤcklich geheilt, so muß demohnerachtet die Kur noch nicht als voͤllig beendigt angesehen, sondern es muͤssen alle die oben (§. 588 — 590.) genannten Maaßregeln fortwaͤh- rend angewendet werden, welche dazu dienen koͤnnen, auch die im Allgemeinen begruͤndete krankhafte Reproduction zu be- seitigen; zugleich muß die Narbe fortwaͤhrend durch ein auf- gelegtes Thierfell warm gehalten und gegen alle Reizung ge- schuͤtzt werden, und nur durch gleichzeitiges Beobachten aller dieser Heilregeln kann denn mitunter die voͤllige Genesung gehofft werden. V. Von einigen krankhaften Zustaͤnden der aͤußern Geschlechtstheile . §. 602. Die aͤußern weiblichen Geschlechtstheile koͤnnen, außer- dem daß sie, wie jeder anderer Theil der Oberflaͤche des Koͤr- pers, verschiedenen Verletzungen unterworfen sind, welche dann nicht wesentlich andere Behandlung als an andern Stel- len des Koͤrpers fordern, vorzuͤglich mancherley Degeneratio- nen, oder auch wohl krankhafte Aussonderungen zeigen, von denen wir noch einige der wichtigsten besonders auffuͤhren muͤssen. §. 603. Erstens die Verletzungen betreffend, so ist hier namentlich der Zufaͤlle zu gedenken, welche bey Neuverheira- theten mitunter auf die Verletzung des Hymens folgen und zu welchen sich, namentlich bey betraͤchtlicher Engigkeit der Scheidenoͤffnung, leicht Entzuͤndung und Anschwellung der Schamlefzen gesellen. Man wird diese Zufaͤlle am schnellsten durch Anwendung solcher Mittel beseitigen, welche auch an andern Stellen des Koͤrpers, sobald Quetschung und Druck allein die Oberflaͤche wund gemacht haben, am schnellsten Huͤlfe gewaͤhren; Umschlaͤge von Bleywasser, oder vom Ab- sud der Hb. serpilli, absynthii, des Cort. Quercus u. s. w., mit etwas Wein oder Branntwein vermischt, sind daher in Anwendung zu ziehen, und werden in Verbindung mit ge- hoͤriger Ruhe und Schonung das Uebel bald mindern. §. 604. Zweytens , zu den krankhaften Aussonderun- gen gehoͤrt die Art des weißen Flusses, welche in den aͤußern Genitalien ihren Sitz hat und schon oben erwaͤhnt worden ist. Gewoͤhnlich ist sie Folge lokal einwirkender Reize, z. B. der Masturbation oder der Askariden. Sie kann sich uͤbrigens nicht bloß an den eigentlichen Schamtheilen, sondern, wie ich in einem Falle sah, auch an dem Warzenhofe vorfinden, fordert aber immer zu ihrer Beseitigung vorzuͤglich die aͤußer- lichen, die wuchernde Reproduction und Secretion beschraͤn- kenden Mittel, welche oben (§. 393 — 395) gegen die Leu- korrhoͤe, auch der innern Geschlechtstheile, empfohlen worden sind, benebst der Entfernung der die krankhafte Absonderung selbst bedingenden Reize. §. 605. Drittens, die Ausartungen und Verunstaltun- gen der aͤußern Genitalien betreffend, so gehoͤren hieher die Anschwellungen und abnormen Verlaͤngerungen der Klitoris und der Schamlefzen, die warzenaͤhnlichen Auswuͤchse an den- selben, die Bruchgeschwuͤlste der Schamlefzen, so wie der durch Zerreißung verursachte Mangel des Schambaͤndchens oder des Mittelfleisches. Ruͤcksichtlich der chronischen Anschwel- lungen der aͤußern Schamtheile, so koͤnnen sie von sehr verschiedenen Ursachen entstehen, und sind bald von varikoͤser, bald von oͤdematoͤser Beschaffenheit. Sie zeigen sich vorzuͤg- lich bey Schwangern und werden oft fuͤr das Geburtsgeschaͤft stoͤrend, weßhalb sie im zweyten Theile ausfuͤhrlicher betrach- tet werden muͤssen. Haͤufig aber sind es wirklich wuchernde Fortbildungen (gleich den Wucherungen in der Substanz der Gebaͤrmutter und Eyerstoͤcke), und dann bewirken sie die be- deutendsten Verunstaltungen, denen namentlich die Nymphen oft in sehr hohem Grade ausgesetzt sind. §. 606. Auch zu diesen krankhaften Zustaͤnden geben theils ge- schlechtliche Ausschweifungen, theils aber vorzuͤglich vorausge- gangene syphilitische Zustaͤnde Veranlassung. Ihre Beseitigung geschieht am kuͤrzesten und vollkommensten durch das Messer, sobald wirklich die Groͤße oder Verunstaltung von der Art ist, daß sie den Verrichtungen dieser Theile hinderlich wird, und zwar ganz so, wie fruͤher bey den angebornen Mißbildungen gelehrt worden war (s. §. 135.). Beyspiele von unternom- menen Ausrottungen dieser Art lehrten, daß nicht nur die dadurch veranlaßten Wunden bald heilten, sondern selbst da- durch die Empfindlichkeit der aͤußern Geburtstheile und der Reiz zum Coitus nicht verloren ging. In d. Salzb. medicin. chirurg. Zeit. 1819. No. 42. ist aus dem Medical Repository von New York ein Fall dieser Art mitge- theilt. §. 607. Zu dieser Art von Ausartung an den aͤußern Ge- schlechtstheilen gehoͤren ferner auch die warzenartigen Auswuͤchse , welche besonders haͤufig die Folge von nicht vollkommen geheilter Syphilis sind, und oft auf der Stelle selbst, wo venerische Geschwuͤre geheilt sind, zum Vorschein kommen, bald an den aͤußern, bald an den innern Scham- lefzen, oder an den Carunculis myrthiform. gefunden wer- den, zuweilen in sehr betraͤchtlicher Menge, zuweilen nur einzeln vorhanden sind, und mitunter (wie auch von Clar- ke Charles Mansfield Clarke Beobachtungen uͤber d. Krank- heiten des Weibes, welche mit Ausfluͤssen begleitet sind, uͤbersetzt von Heineken . Hannover 1818. B. I. S. 185. ) bemerkt wird, selbst an Stellen vorkommen, die vor- her nicht an Syphilis gelitten haben. §. 608. Die Warzen sind von ungleicher Oberflaͤche und wenig veraͤnderter Hautfarbe; sie sind von geringer Empfindlichkeit, wachsen aber schnell, verursachen auf der gegenuͤberliegenden Wandung der Geschlechtstheile anhaltende Reizung, und, so- bald sie in groͤßerer Anzahl vorhanden sind, einen schleimi- gen Ausfluß. §. 609. Da diese Auswuͤchse fast immer venerischen Ursprungs sind, so muß man, wenn gleichzeitig noch andere Spuren der Ansteckung oder wohl gar noch offene Geschwuͤre gefun- den werden, zunaͤchst zur antisyphilitischen Behandlung durch Merkurialmittel schreiten, und damit fortfahren, bis alle nach Heilung der Chanker etwa zuruͤckgebliebene Haͤrte verschwun- den ist. Die Warzengeschwuͤlste selbst werden am besten durch Wegschneiden mittelst der Schere entfernt, nur wo we- nige Warzen sich vorfinden und bey sehr empfindlichen Sub- jekten kann man statt dessen das Abbinden durch einen seide- nen gewichsten Faden waͤhlen. Wo sie dagegen sehr zahl- reich sitzen, rathet Clarke , die ganze Hautpartie, auf wel- cher sie sich befinden, durch einen Schnitt mit der Schere zu entfernen. Die Blutung kann man durch Betupfen mit Hoͤllenstein stillen, und die Wunden heilen gewoͤhnlich sehr bald. §. 610. Wo durch Syphilis die Haut der Schamlefzen uͤber- haupt verhaͤrtet und zu dergleichen Excrescenzen geneigt ist, oder auch, wo die Warzen gern nach der Ausrottung wie- derkehren, ist es zweckmaͤßig, Mittel anzuwenden, welche die Thaͤtigkeit der feinern Gefaͤße in diesen Theilen erhoͤhen und einen regern Stoffwechsel und dadurch gesundere Produktivi- taͤt befoͤrdern. Dazu dienen aromatische Bidetbaͤder, die Aqua phagadaenica, die Aufloͤsung von Kupfervitriol, von Hoͤllenstein u. s. w. Um endlich den zuweilen nachbleibenden Schleimfluß zu heilen, wird man nach aͤhnlichen Regeln, wie oben (§. 604.) gegeben sind, verfahren. VI. Von einigen krankhaften Zustaͤnden der weiblichen Harnwege . §. 611. Es ist hier endlich noch der Ort derjenigen krankhaften Zustaͤnde der Harnwerkzeuge zu erwaͤhnen, welche dem weib- lichen Geschlecht eigenthuͤmlich sind, und es versteht sich so- nach von selbst, daß die Krankheiten der Nieren, der Urete- ren, und selbst die mehresten derer, welche die Blase befallen koͤnnen, nicht hierher zu rechnen sind. Von der Dysurle, Ischurke, Enuresis und den Harnfisteln, in so- fern sie in Folge der Schwangerschaft oder Geburt eintreten, wird im zweyten Theile die Rede seyn. . D gegen bietet die weibliche Harnroͤhre mehrere Ausartungen dar, und diese sowohl, als die besondere Art, erzeugte Harnsteine aus der Blase zu entfernen, machen hier noch eine eigene Betrach- tung noͤthig. 1) Von der betraͤchtlichen Erweiterung der weib- lichen Harnroͤhre . §. 612. Dieser Kanal, welcher uͤberhaupt an Weite bey Frauen, vorzuͤglich wenn sie ein oder mehrere Male geboren haben, die Weite der jungfraͤulichen Urethra bedeutend uͤbertrifft, be- sitzt eine so große Ausdehnbarkeit, daß man in einzelnen Faͤllen ihn bis zum Durchmesser eines halben oder ganzen Zolles erweitert gefunden hat, und dadurch oͤfters (obwohl nicht immer) ein gaͤnzliches Unvermoͤgen, den Urin zuruͤck- zuhalten, entstehen sah. Die Ursache dieser Erweiterung wird immer durch aͤußere mechanische Kraft gegeben, und theils kann sie durch gewaltsames Einbringen fremder Koͤrper in die Harnblase Ein Beyspiel, wo ein Maͤdchen sich absichtlich, um ihre Aerzte zu taͤuschen, Steine u. s. w. in die Urethra brachte, ist oben (§. 236.) erwaͤhnt worden. , theils durch den Coitus bewerkstelligt werden, welcher vorzuͤglich bey Frauen mit voͤllig oder groͤß- tentheils verwachsener Mutterscheide oft lange Zeit auf die- sem Wege ausgeuͤbt worden ist, wovon Champion im Journal universel des sciences mèdicales (Mai 1819. p. 241.) einen merkwuͤrdigen Fall bekannt maͤcht, und daselbst zugleich die Beobachtungen von Turner, Latour, Mor- gagni und Andern zusammenstellt. §. 613. Die Behandlung einer solchen krankhaften Ausdehnung wird zunaͤchst auf Beseitigung der erregenden Ursache gerich- tet seyn, daher in mehreren solchen Faͤllen die Operation der Atresia hymenaica (s. §. 137.) und die Eroͤffnung des na- tuͤrlichen Geschlechtsweges die vollkommenste Huͤlfe gewaͤhrt; außerdem aber koͤnnen und muͤssen, namentlich sobald In- continentia urinae sich eingestellt hat, Mittel, welche oͤrt- lich die Contraktilitaͤt erhoͤhen, angewendet werden, und kalte Fomentationen von rothem Wein, dem Aufguß von Serpil- lum, Absynthium, mit der TR. terrae Catechu, nebst Ein- bringen eines Schwammes durch aͤhnliche Fluͤssigkeiten be- feuchtet, in die Vagina, sind deßhalb zu empfehlen. 2) Gefaͤßgeschwulst der Muͤndung der Harnroͤhre und Verdickung der die Harnroͤhre umgebenden Zellhaut, nebst varikoͤser Beschaffenheit ihrer Gefaͤße . §. 614. Beide Krankheitsformen werden von Clarke , a. a. O. S. 188. 192. wel- cher ihnen zuerst eine naͤhere Aufmerksamkeit gewidmet hat, als zwey verschiedene Zustaͤnde beschrieben, stimmen aber offenbar im Wesentlichen voͤllig uͤberein. Die Gefaͤßgeschwulst der Harnroͤhrenmuͤndung naͤmlich beschreibt derselbe als eine auf dem Rande der Harnroͤhrenoͤffnung sitzende, scharlach- rothe, blutreiche, etwas koͤrnige Geschwulst, welche aͤußerst beweglich, bey dem Urinlassen und Untersuchen sehr schmerz- haft, und gewoͤhnlich von einem schleimigten Ausflusse be- gleitet sey. Die Verdickung der Harnroͤhre aber soll sich durch Beschwerde und Schmerz waͤhrend des Coitus, durch einen zum Theil wohl von der innern Haut der Harnroͤhre erregten Schleimfluß, und durch die fuͤhlbare Geschwulst hin- ter den Schamknochen zu erkennen geben. Uebrigens seyen die Gefaͤße der Urethra sehr angeschwollen, und zwar ganz vorzuͤglich in aufrechter Stellung der Kranken; wenn dieselbe etwas preßt, werde die Geschwulst selbst aͤußerlich sichtbar; besonders aber werde die Kranke dadurch beschwert, daß im hintern Theile der Harnroͤhre gewoͤhnlich eine Vertiefung sich bilde, in welcher einige Tropfen Urin sich ansammeln und ein stetes Draͤngen zum Wasserlassen verursachen. §. 615. Untersucht man nun naͤher, wodurch diese verschiedenen Symptome eigentlich veranlaßt werden, so erkennt man bald, daß bloß ein krankhafter Zustand des Venensystems, welches in den weiblichen Geschlechtstheilen an sich so sehr uͤberwie- gend ist, dieselben bedingen. Es gerathen naͤmlich, vorzuͤg- lich bey jungen vollsaftigen Frauen, zumal wenn diese Theile durch ausschweifende Lebensweise oͤfters gereizt werden, die Venen der Vagina sowohl als der Urethra leicht in einen Zu- stand bleibender Ueberfuͤllung, schwellen an und erregen da- durch Zufaͤlle, welche den Haͤmorrhoidalbeschwerden ganz ana- log sind, wie diese sich mit Tenesmus, vermehrter Empfind- lichkeit und Schleimabgang gern verbinden, und selbst zu wuchernden Auswuͤchsen oder entzuͤndlichen Zustaͤnden Veran- lassung werden koͤnnen. Erfolgt dieses mehr an der Muͤn- dung der Haͤrnroͤhre, so bildet dies die erste, entsteht es im ganzen Verlaufe derselben, so bildet es die zweyte der von Clarke beschriebenen Krankheitsformen. §. 616. Die Behandlung anlangend, so muß sie theils allge- mein, theils oͤrtlich seyn; in ersterer Hinsicht, welche na- mentlich, wo das Uebel die ganze Urethra trifft, von Wich- tigkeit ist, muß die Kranke auf eine kuͤhlende antiphlogistische Diaͤt und Lebensordnung gesetzt werden, gelinde Abfuͤhrmittel aus den Schwefelblumen und Weinsteinrahm, der Pulpa ta- marindorum u. s. w. sind anzuwenden, und alle Reize, wo- durch die Geschlechtswerkzeuge und Harnwege aufgeregt werden koͤnnten, sorgfaͤltig zu vermeiden. Ist die Plethora uͤberdies betraͤchtlich, die Menstruation vielleicht sparsam oder unter- druͤckt, so koͤnnen selbst allgemeine Blutentziehungen mit Nutzen angewendet werden. §. 617. Was die Gefaͤßgeschwulst an der Muͤndung der Harn- roͤhre betrifft, so rathet Clarke vorzuͤglich zur Wegschaf- fung derselben entweder durch die Abbindung oder durch die Schere, welches allerdings, sobald sie eine betraͤchtliche Groͤße und Schmerzhaftigkeit erreicht hat, das zweckmaͤßigste bleibt, dahingegen bey einem geringern Grade des Uebels oft schon adstringirende kalte Fomentationen aus dem Aufguß von Ab- sinthium, serpillum, mit rothem Wein, Tinct. Terrae Ca- techu u. s. w., nebst dem Einlegen einer starken Kerze und dem dadurch verursachten Zusammendruͤcken der Geschwulst vollkommen ausreichen. Wird die Ausrottung nothwendig, so ist die Ligatur vorzuziehen, welche meistens in Zeit von vierundzwanzig Stunden das Uebel beseitigt. Bey dem Weg- nehmen mit der Schere wird von Clarke das Betupfen mit dem Causticum commune mitius vorzuͤglich empfohlen, um das Wiederkehren der Geschwulst zu verhindern. §. 618. Bey aͤhnlichen Anschwellungen der innern Harnroͤhren- wandung uͤberhaupt ist die Behandlung zwar namentlich auf das oben erwaͤhnte allgemeine Verfahren eingeschraͤnkt, außer- dem aber sind hier ganz vorzuͤglich die oͤrtlichen Blutent- ziehungen unentbehrlich, entweder durch Ansetzen von Blut- igeln neben den großen Schamlefzen, oder nach Clarke’s Rath durch unmittelbares Eroͤffnen der staͤrker angeschwolle- nen Venen auf der innern hervorgetretenen Flaͤche der Ure- thra. Nach vollzogener Blutentleerung aber muͤssen dann wieder die im vorigen Paragraph angeruͤhrten Mittel, oder, bey großer Empfindlichkeit, das Kalk- oder Bleywasser kalt angewendet werden, und sie koͤnnen auch hier durch den Druck einer Kerze unterstuͤtzt werden. 3) Von den Steinbeschwerden des weiblichen Geschlechts . §. 619. Vermoͤge der betraͤchtlicheren Weite der weiblichen Ure- thra ist es zwar seltener, daß bey Frauen sich groͤßere Steine in der Harnblase erzeugen koͤnnen, indem sie gewoͤhnlich bald nach ihrer Bildung ausgestoßen werden; demohnerachtet kommt es zuweilen vor, und es ist besonders noͤthig, daß der Arzt fuͤr Frauenkrankheiten darauf achte und die Zeichen derselben I. Theil. 29 kenne, weil er die Ursachen der Schmerzen und sonstigen Be- schwerden außerdem leicht in den Geschlechtsorganen selbst suchen und dadurch von Ergreifung eines allein zweckmaͤßigen Heilverfahrens abgehalten werden koͤnnte. So suchte vor einigen Jahren eine Frau, angeblich wegen eines Gebaͤrmuttervorfalls (gegen welchen sie sich schon einige Pessarien anderwaͤrts ohne Erleichterung hatte legen lassen) bey mir Hulfe. Da wirklich, wahrscheinlich in Folge oͤftern schmerzhaften Pressens beym Uriniren, der Uterus etwas vorgefallen war, sollte ein elasti- sches Pessarium eingelegt werden, allein die Schmerzen wurden als- bald heftiger. Ich entfernte das Pessarium, beobachtete den Harn, fand ihn mit Gries vermischt, und entdeckte nun beym Sondiren einen betraͤchtlichen Stein als die Ursache ihres Leidens, welcher so- dann durch den Schnitt gluͤcklich entfernt wurde. §. 620. Als Zeichen des Blasensteins sind vorzuͤglich die mannich faltigen schmerzhaften Empfindungen in der Blasengegend zu betrachten, welche in hohem Grade zunehmen, wenn die Kranke sich viel bewegt oder laͤngere Zeit steht. Vorzuͤglich nach der Entleerung der Blase vom Urin bleiben krankhafte Empfindungen zuruͤck, ja der Abfluß des Urins selbst wird oft ploͤtzlich (indem sich der Stein vorlegt) unterbrochen, und nur, nachdem die Kranke die horizontale Lage angenom- men hat, wird der Abgang wieder frey. Zugleich bewirkt der Reiz des Steins consensuelle Erregungen benachbarter Or- gane, Jucken der aͤußern Geschlechtstheile, Pressen, Drang zum Stuhlgange, ja wirkliche Zufaͤlle einer Blasenentzuͤndung (vorzuͤglich wenn der Stein sehr uneben ist), oder Schleim- fluͤsse aus der Mutterscheide und Harnroͤhre. Der Urin selbst ist meistens truͤbe, mit vielem Schleim, oft mit Eiter oder Blut vermischt, und setzt gewoͤhnlich (welches eins der wich- tigsten Kennzeichen abgiebt) bey ruhigem Stehen Sand ab. §. 621. Ganz zuverlaͤßig indeß kann man sich vom Vorhanden- seyn des Steins erst durch das Sondiren der Harnblase mittelst des Catheters uͤberzeugen, wobey uͤbrigens, wenn vielleicht der Blasenstein in einer Falte oder Vertiefung der Blase sich verbergen sollte, die Kranke den Urin so lange an- halten muß, bis zu erwarten ist, daß durch diese Ausdeh- nung der Stein selbst frey geworden sey. Auch von der Be- schaffenheit der Oberflaͤche, von der Groͤße des Steins kann der Arzt durch diese Untersuchung Kenntniß erhalten, ja man ist zuweilen recht wohl im Stande, den Stein durch den in die Vagina eingebrachten Finger selbst zu erreichen und zu untersuchen. §. 622. Was nun die Ursachen zur Entstehung des Steins, die aͤrztliche Behandlung der Anlage zur Steinerzeugung und die Anwendung der Mittel, um die Aufloͤsung des Steins zu bewirken, betrifft, so kann dieses weiter nicht Gegenstand unserer Eroͤrterungen seyn, da es nicht wesentlich von dem abweicht, was uͤber die Steinkrankheit uͤberhaupt die specielle Therapie lehrt. Es ist daher nur zu erwaͤhnen, theils daß die Methode, den Stein durch Einspritzung chemischer, der Natur des Steins angemessener Fluͤssigkeiten aufzuloͤsen, Hierher gehoͤrt der Vorschlag Ritter’s (s. Hufeland’s Jour- nal fuͤr die prakt. Heilk. Bd. XXV. Heft 2.), die alkalische Rinde der Harnsteine durch verduͤnnte Salzsaͤure, den gelben gesaͤuerten Kern derselben durch Kalilauge aufzuloͤsen. hier wegen der Weite und Kuͤrze der weiblichen Urethra leich- ter Anwendung findet, theils daß die Methode, den Stein durch die Operation wegzunehmen, gleichfalls leichter als beym maͤnnlichen Geschlecht, uͤberhaupt aber in mehrerer Hin- sicht von dem im maͤnnlichen Geschlecht zu unternehmenden Steinschnitt verschieden sey, woruͤber daher noch Einiges bey- zufuͤgen ist. §. 623. Man hat aber bey der Steinoperation im weiblichen Geschlecht mehrere Arten zu unterscheiden: erstens naͤmlich die Extraction ohne Schnitt, durch die bloße Ausdehnung der Urethra, wobey der Stein entweder aus der Harnblase selbst, oder aus der Harnroͤhre, wenn er bereits in diese herabgetreten ist, ausgezogen wird, und zweytens die Ex- traction durch den Schnitt. §. 624. Da, wie schon oben erwaͤhnt, die Ausdehnbarkeit der weiblichen Harnroͤhre sehr groß ist, so verdient die Auszie- hung des Steins ohne Schnitt in allen Faͤllen, wo man sich durch sorgfaͤltige Untersuchung von der Kleinheit des Steins uͤberzeugt hat, den Vorzug. Die Ausdehnung selbst muß, damit nicht ein Unvermoͤgen, den Harn zu halten, zu- ruͤckbleibe, sehr langsam gemacht werden, und man kann sich zu diesem Endzweck entweder nach Bromfield eines klei- nen thierischen Blinddarms bedienen, welcher erst durch eine Sonde in die Blase gebracht, und dann durch eingespritztes Wasser ausgedehnt wird, oder, nach Richter , zweyer Con- ductoren, von welchen der maͤnnliche zuerst auf einer geraden Hohlsonde, und dann der weibliche auf dem maͤnnlichen ein- gebracht wird, und wodurch man, indem der eine unbeweg- lich unter dem Schambogen liegt und der zweyte beweglich nach unten und rechts und links bewegt wird, die Urethra allmaͤhlig so weit ausdehnt, bis der Stein gefaßt und, wie in andern Faͤllen durch die Schnittwunde, ausgezogen wer- den kann. — Steckt der Stein bereits in der Harnroͤhre (welches jedoch beym weiblichen Geschlecht selten vorkommt), so kann er gewoͤhnlich mittelst eines kleinen gebogenen Stein- loͤffels ausgezogen werden; außerdem muͤßte die Harnroͤhre seitwaͤrts gespalten, und dann das Ausziehen verrichtet werden. §. 625. Die Ausziehung des Steins durch den Schnitt ge- schieht am besten so, daß nach eingebrachter gerinnter Sonde zuerst mittelst eines schmalen geraden stumpfspitzigen Bistu- ri’s seitwaͤrts in der Richtung nach der Mitte, zwischen der Oeffnung des Afters und dem Sitzbeinhoͤcker (um die Mut- terscheide nicht zu verletzen), eingeschnitten, dann in die Schnittwunde auf der Sonde das Gorgeret und endlich auf diesem die Steinzange eingebracht wird, um so nach denselben Regeln, wie beym maͤnnlichen Geschlecht, den Stein zu fas- sen und auszuziehen. Fuͤr sehr große Steine hat man zu- weilen den Steinschnitt durch die Mutterscheide zu machen empfohlen; allein immer wird hier zu fuͤrchten seyn, daß eine Fistel zuruͤckbleibe, oder es sind andere, besonders fuͤr nachfolgende Entbindungen unangenehme Zufaͤlle nicht zu vermeiden, weshalb es denn fuͤr aͤhnliche Faͤlle allerdings zweckmaͤßiger seyn duͤrfte, die hohe Geraͤthschaft anzuwenden, und den Stein sonach uͤber dem Schambogen herauszuneh- men, wobey der Vortheil Statt findet, daß man ihn durch die Mutterscheide gegen die Wunde hindruͤcken kann. — Die Behandlung nach der Operation ist uͤbrigens von der beym maͤnnlichen Geschlecht anwendbaren nicht wesentlich un- terschieden. Dritte Abtheilung . Von den Krankheiten in der letzten Lebens- periode des weiblichen Koͤrpers. §. 626. Es ist bereits fruͤher (§. 81.) erwaͤhnt worden, daß in dem hoͤhern Lebensalter des Weibes eigenthuͤmliche Krank- heiten fast eben so wenig als in der ersten Lebensperiode vorkommen, wovon der Grund in dem hier immer sichtbarer werdenden Erloͤschen der Geschlechtseigenthuͤmlichkeit uͤberhaupt gesucht werden muß. Wenn aber auch neue, dieser letzten Periode ausschließend eigene Krankheitsformen kaum aufge- fuͤhrt werden koͤnnen, so ist es dagegen um so haͤufiger, daß Krankheiten, welche wir unter der zweyten Abtheilung haben kennen lernen, in diese dritte Periode sich fortpflanzen. Vor- zuͤglich gehoͤren dahin alle diejenigen, welche an und fuͤr sich selbst auf Schlaffheit und Abwelken oder Degeneriren der Ge- schlechtsorgane beruhen; daher kommen denn passive Blutun- gen, Schleimfluͤsse, Verhaͤrtungen oder Verknoͤcherungen der Geschlechtstheile, fehlerhafte Lagen derselben, krebshafte Zu- staͤnde, polypoͤse Auswuͤchse u. s. w., in den hoͤhern Jahren des weiblichen Geschlechts sehr haͤufig vor, indem sie entwe- der aus den fruͤheren Jahren mit in diese spaͤtern uͤbergetra- gen werden, oder indem sie wirklich erst in den Jahren nach Erloͤschen der Menstruation entstehen, wenigstens durch diese Revolution verschlimmert werden, oder einen andern Cha- rakter annehmen. §. 627. Bey allen diesen Beschwerden kann nun auch in den hoͤhern Lebensjahren eine andere Behandlung, als bereits oben angegeben worden, nicht Statt finden, und wir muͤssen hier- uͤber auf die zweyte Abtheilung zuruͤckweisen. Dagegen blei- den uns hier noch diejenigen Regelwidrigkeiten zu betrachten uͤbrig, welche das Aufhoͤren der Menstruation verursacht, in- dem es entweder zu zeitig erfolgt, oder der Monatsfluß zu lange andauert. I. Zu zeitiges Erloͤschen der Menstrual- function . §. 628. So wie der Eintritt der Menstruation nach der ver- schiedenen Individualitaͤt an sehr verschiedene Jahre geknuͤpft ist, und sonach der Begriff der zu zeitigen Menstruation bloß nach der Einwirkung der erscheinenden Regeln auf das All- gemeinbefinden abgemessen werden konnte, so muͤssen wir auch, da gleicher Weise das Aufhoͤren der Menstruation nicht in allen Frauen an denselben bestimmten Zeitpunkt geknuͤpft ist, das zu zeitige Aufhoͤren derselben nur in den Faͤllen an- nehmen, wo bemerkt wird, daß dadurch eine Dis- harmonie mit den uͤbrigen koͤrperlichen Functio- nen gesetzt, und krankhafte Zufaͤlle veranlaßt werden . §. 629. Die Ursachen und Folgen des zu zeitigen Verschwindens der Menstruation haben Vieles gemein mit dem, was fruͤher uͤber die sparsame, seltene und unterdruͤckte Menstruation be- merkt worden ist. Bedingt wird das zeitigere Aufhoͤren der Regeln naͤmlich wiederum theils durch lokale, theils durch allgemeine Regelwidrigkeiten: die lokalen bestehen vorzuͤglich in krankhaften Zustaͤnden des Uterus selbst, in Degeneratio- neu seiner Substanz, in Schleimfluͤssen u. s. w., wobey die Folgen fuͤr das allgemeine Befinden stets um so betraͤchtli- cher seyn werden, je mehr die Reproduction uͤberhaupt noch kraͤftig ist. Diese Folgen bestehen dann in Congestionen, vi- kariirenden Blutungen, und als Ruͤckwirkungen des Gefaͤß- systems auf das Nerven- und Verdauungssystem in vielfachen hysterischen, rheumatischen, gichtischen Zufaͤllen und mannich- faltigen Ver auungsbeschwerden, welche Leiden dann saͤmmt- lich oft durch die oͤrtlichen krankhaften Zustaͤnde, die dadurch verursachten Schmerzen, Ruͤckwirkungen auf benachbarte Or- gane u. s. w., erhoͤht werden. §. 630. Von allgemeinen Krankheitszustaͤnden, welche das zei- tigere Aufhoͤren der Menstruation bedingen, ist vorzuͤglich der Erschoͤpfung reproduktiver Thaͤtigkeit, durch akute oder chro- nische Krankheiten, unter welchen vorzuͤglich die mannichfa- chen Unterleibsleiden durch die im hoͤhern Alter so oft ein- tretenden Unordnungen im Pfortadersystem zu erwaͤhnen sind, oder durch unguͤnstige aͤußere Verhaͤltnisse, ungesunde Luft und Nahrung, durch Gemuͤthsleiden u. s. w., zu gedenken. Hier ist das Außenbleiben der Menstruation bloß Symptom der allgemeinen Krankheit, und kann auch an und fuͤr sich einer besondern Behandlung nicht unterworfen seyn. — Es ist sonach fuͤr alle Faͤlle zu zeitig verschwindender Menstruation eine genaue Untersuchung des Zustandes der Geschlechtsorgane ganz vorzuͤglich wichtig, um sowohl die Prognose als den Punkt, auf welchen die aͤrztliche Huͤlfsleistung zu wirken habe, naͤher zu bestimmen. §. 631. Ruͤcksichtlich der Behandlung ist auch hier ganz vorzuͤg- lich vor dem bloß symptomatischen Verfahren zu warnen, welches darauf ausgeht, nur den Blutfluß selbst wiederum durch Anwendung treibender Mittel u. s. w. hervorzurufen; vielmehr muß es der Hauptzweck des Arztes bleiben, das Gleichgewicht allgemeiner organischer Thaͤtigkeit wiederherzu- stellen, oͤrtliche Krankheiten der Geschlechtsorgane nach oben angegebenen Regeln moͤglichst zu beseitigen, und dann unter einem angemessenen Verhalten der Kranken abzuwarten, ob die periodische Blutausscheidung noch fuͤr einige Zeit wieder- kehre oder nicht, in welchem letztern Falle sodann gewoͤhnlich nur die Vermeidung von allen das Gefaͤß- und Nervensy- stem gewaltsam erregenden Einfluͤssen das allgemeine Wohl- befinden zu erhalten vermag. II. Von der zu lange fortdauernden Men- strualfunction . §. 632. Auch diese Regelwidrigkeit laͤßt sich, gleich der vorher- gehenden, nicht nach einem gewissen Lebensalter, sondern nach der Ruͤckwirkung auf das allgemeine Befinden definiren, und steht in sofern namentlich der zu reichlichen oder zu haͤufigen Menstruation nahe. §. 633. Die krankhafter Weise zu lange fortdauernde Menstrua- tion kann vorzuͤglich in dreifacher Hinsicht verursacht wer- den: entweder durch allgemeine Vollsaftigkeit in Folge sehr reichlich naͤhrender Diaͤt und sitzender Lebensweise, wobey durch die Menstruation selbst zwar fuͤr den Augenblick Er- leichterung geschafft wird, aber zugleich durch die oͤfters wie- derkehrenden Congestionen nach den Geschlechtsorganen pas- sive Blutungen und vielfaͤltige Degenerationen vorbereitet wer- den; oder die andauernde Menstruation wird bedingt durch sehr erhoͤhte Erregbarkeit der Geschlechtsorgane, welche die Folge ist einer im Allgemeinen sehr reizbaren Constitution, oder einer reizenden, erhitzenden Diaͤt, oder ausschweifender Lebensart; oder endlich, es sind organische Krankheiten der Geschlechtstheile und namentlich des Uterus vorhanden (wo- hin vorzuͤglich die fehlerhaften Lagen und die schwammige Auflockerung seiner Substanz gehoͤren), welche diese andauern- den periodischen Blutergießungen bedingen. §. 634. Die Folgen des durch die letztern beiden Ursachen be- dingten verlaͤngerten Menstrualflusses sind gewoͤhnlich weit eindringender und gefaͤhrlicher, als des durch die erstere ver- anlaßten; sie bestehen in Entkraͤftung, Stoͤrung der Ver- dauungsfunction, Schleimfluͤssen, Wassersuchten, Fieberbewe- gungen u. s. w., ja sie geben wohl zu wahren Metrorrha- gien Veranlassung und koͤnnen unmittelbar toͤdtlich werden. §. 635. Die Behandlung muß gaͤnzlich den genannten Ursachen entsprechen, darf daher nie direkt die Unterdruͤckung dieser Blutergießung sich zum Zweck machen, und muß daher ganz nach den Grundsaͤtzen eingeleitet werden, welche wir oben bey der zu reichlichen Menstruation ausfuͤhrlich eroͤrtert haben. §. 636. Auch die im hohen Alter sich zuweilen von neuem zeigende Menstruation ist nach aͤhnlichen Grund- saͤtzen zu betrachten, wie die zu lange anhaltende, und for- dert mit dieser eine ziemlich gleiche Behandlung. — Im Allgemeinen kann man uͤbrigens behaupten, daß alle die genannten regelwidrigen Erscheinungen der Menstrual- function im hoͤhern Alter, außer insofern sie durch andere, namentlich organische Krankheiten der Geschlechtstheile ver- anlaßt sind, nicht leicht Statt finden werden, wenn das Weib bey Annaͤherung der klimakterischen Jahre die Regeln der Hygiastik, welche fruͤher uͤberhaupt, und fuͤr diese Periode insbesondre aufgefuͤhrt sind (§. 111 u. f. §. 130. 132.), sorg- faͤltig beobachtet; so wie hinwiederum auch die Beruͤcksichtigung der Diaͤt und des Regimens oben an steht, wenn es zur Aufgabe wird, entstandene Regelwidrigkeiten dieser Art zu beseitigen. Erklaͤrung der zum ersten Theile gehoͤrigen Tafel I. Fig. I. Die innern Genitalien eines neugebornen Maͤd- chens. — a. b. Gebaͤrmuttergrund und Koͤrper; b. c. Mut- terhals; d d. Mutterroͤhren; e e. Ovarien; f. Mutterschei- de; g g. runde Mutterbaͤnder; h h. breite Mutterbaͤnder. Fig. II. Der hochschwangere Uterus, in welchem der aͤußerste Grad der Entwickelung dieses Organs, wo es fast ganz Gebaͤrmutterkoͤrper ist, und der Mutterhals beynahe verschwunden ist, im Gegensatz zur Fig. I., wo der Gebaͤr- mutterkoͤrper noch der kleinste Theil ist, sich darstellt. — a. Gebaͤrmuttergrund; b. Gebaͤrmutterkoͤrper; c. Muttermund mit einem kleinen Ueberrest des Mutterhalses; d. Vagina; e e. runde Mutterbaͤnder. Fig. III. Darstellung der obern Oeffnung des kleinen weiblichen Beckens. Sie bildet einen Kreis, von welchem durch das Einspringen des Vorbergs a ein mondsichelfoͤrmiger Theil abgeschnitten wird. — a b. Conjugata; c d. Quer- durchmesser. e f, g h schraͤge Durchmesser. Fig. IV. Darstellung der mittleren Oeffnung der Hoͤhle des kleinen Beckens. Sie bildet einen Kreis, welchem durch die Einbiegung des Kreuzbeins ein mondsichelfoͤrmiger Ab- schnitt zugesetzt wird. a b. gerader, c d. Querdurchmesser. Fig. V. Darstellung des Ausganges vom kleinen Becken. Er bildet einen Kreis, von welchem durch das Einspringen des Schwanzbeins (außer der Gevurtsperiode) ein Stuͤck weggenommen wird; a b. gerader, c d. Querdurchmesser. Fig. VI. Senkrechter Durchschnitt der Hoͤhle des klei- nen Beckens: a b. Kreuzbein; b c. Schwanzbein; d f. Scham- fuge. — d a. Conjugata, e g. gerader Durchmesser der Be- ckenhoͤhle, f c. gerader Durchmesser des Beckenausganges; h i. Axe der obern Beckenapertur; l m. Axe der untern Beckenapertur; k. Winkel, wo sich beide Axen schneiden; i l. Abschnitt des mit der Haͤlfte des geraden Durchmessers der Beckenhoͤhle beschriebenen Kreises, welcher die eigentliche Fuͤhrungslinie der Beckenkruͤmmung darstellt, x y, Horizont; v z. Perpendikularlinie des weiblichen Koͤrpers. Fig. VII. Osiander’s Hysterotom. Die Laͤnge des Ganzen 11 Zoll; a b. messingene Scheide; c d. zwey Mes- ser einzeln oder zusammen hervorzuschieben durch den Druͤcker; e f. Handgriff von Ebenholz. Fig. VIII. Sauter’s Instrument zum Unterbinden der Gebaͤrmutterpolypen; a b. die fischbeinernen Conductoren, welche 9 Zoll lang sind; h. Schnur von Paternosterkuͤgelchen, deren unterstes und oberstes von Rindshorn gearbeitet, mit zwey Oeffnungen versehen und fuͤr die Unterbindungsschnur etwas ausgeschnitten sind; f. oberstes, g. unterstes Kuͤgelchen; d. Polypenwurzel; e. Polyp. Fig. IX. Levret’s ungestielter eyfoͤrmiger Mutter- kranz aus Kork mit Wachsmasse uͤberzogen. Fig. X. Hunold’s ungestielter elastischer Mutter- kranz aus einem Fischbeinringe mit einem Netze von Haaren. Fig. XI. Zeller’s gestielter Mutterkranz aus Holz. Fig. XII. Juville’s ungestielter elastischer Mutter- kranz aus einer Flasche von elastischem Harz, mit einem ein- gelegten kleinen goldenen Trichter (a) , unten mit einem Bande versehen (b) . Verbesserungen . Seite 20. §. 38. Zeile 4 von oben statt geraden lies gerade . * — 43. Z. 21. v. oben st. Nervensystem l. Gefaͤßsystem . — 88. — 1. v. oben st. Schmidtmuͤller l. Schmidmuͤller . — 101. — 2. v. oben st. anlasse l. veranlasse . — 118. — 2. v. oben st. hiezu l. hinzu . — 124. §. 165. Z. 5. v. oben st. Gemuͤrhs l. Gemuͤths . — 137. §. 183. Z. 9. v. oben st. verroͤgerte l. verzoͤgerte . * — 193. in der Note † Z. 2. v. u. st. Seherabgabe l. Seher- gabe . — 205. §. 266. Z. 10. v. oben st. Mittle l. Mittel . — 211. §. 272. Z. 6. v. oben st. in den l. den . * — 211. in d. Note Z. 1. v. oben st. Organismus l. Magne- tismus . — 268. §. 344. letzte Z. st. Schmerzens l. Schmerzes . — 297. Z. 2. v. oben st. wenn sie sich l. wenn sie . — 322. §. 416. Z. 4. st. *) l. **) * — 399. §. 530. Z. 3. v. oben st. Mittelfleischbruch l. Mut- terscheidenbruch . — 406. §. 542. Z. 2. v. u. st. *) l. **) — 440. Z. 6. v. oben st. grstoͤrt l. gestoͤrt . Die mit einem * bezeichneten Druckfehler bittet man vorzuͤglich als sinnentstellend, vor dem Lesen zu verbessern.