Wilhelm Meisters Lehrjahre. Ein Roman . Herausgegeben von Goethe . Zweyter Band . Frankfurt und Leipzig. 1795. Wilhelm Meisters Lehrjahre. Drittes Buch . Erstes Capitel . K ennst du das Land? wo die Citronen blühn, Im dunkeln Laub die Gold-Orangen glühn, Ein sanfter Wind vom blauen Himmel weht. Die Myrthe still und hoch der Lorbeer steht. Kennst du es wohl? Dahin! Dahin! Mögt ich mit dir, o mein Geliebter, ziehn. Kennst du das Haus? auf Säulen ruht sein Dach, Es glänzt der Saal, es schimmert das Gemach, Und Marmorbilder stehn und sehn mich an: Was hat man dir, du armes Kind, gethan? Kennst du es wohl? Dahin! Dahin! Mögt ich mit dir, o mein Beschützer, ziehn. Kennst du den Berg und seinen Wolkensteg? Das Maulthier sucht im Nebel seinen Weg, In Hölen wohnt der Drachen alte Brut, Es stürzt der Fels und über ihn die Fluth. Kennst du ihn wohl? Dahin! Dahin! Geht unser Weg! o Vater, laß uns ziehn! Als Wilhelm des Morgens sich nach Mignon im Hause umsah, fand er sie nicht, hörte aber, daß sie früh mit Melina ausge¬ gangen sey, welcher sich, um die Garderobe und die übrigen Theater-Geräthschaften zu übernehmen, bey Zeiten aufgemacht hatte. Nach Verlauf einiger Stunden hörte Wilhelm Musik vor seiner Thüre. Er glaub¬ te anfänglich, der Harfenspieler sey schon wieder zugegen; allein er unterschied bald die Töne einer Zitter und die Stimme, wel¬ che zu singen anfing, war Mignons Stim¬ me. Wilhelm öfnete die Thüre, das Kind trat herein und sang das Lied, das wir so eben aufgezeichnet haben. Melodie und Ausdruck gefielen unserm Freunde besonders, ob er gleich die Worte nicht alle verstehen konnte. Er ließ sich die Strophen wiederholen und erklären, schrieb sie auf und übersetzte sie ins Deutsche. Aber die Originalität der Wendungen konnte er nur von ferne nachahmen. Die kindliche Unschuld des Ausdrucks verschwand, indem die gebrochene Sprache übereinstimmend, und das Unzusammenhängende verbunden ward. Auch konnte der Reiz der Melodie mit nichts verglichen werden. Sie fing jeden Vers feyerlich und präch¬ tig an, als ob sie auf etwas sonderbares aufmerksam machen, als ob sie etwas wich¬ tiges vortragen wollte. Bey der dritten Zeile ward der Gesang dumpfer und düste¬ rer, das: kennst du es wohl ? drückte sie geheimnißvoll und bedächtig aus, in dem: dahin ! dahin ! lag eine unwiderstehliche Sehnsucht, und ihr: Laß uns ziehn ! wußte sie, bey jeder Wiederholung, derge¬ stalt zu modifiziren, daß es bald bittend und dringend, bald treibend und vielversprechend war. Nachdem sie das Lied zum zweytenmal geendigt hatte, hielt sie einen Augenblick inne, sah Wilhelmen scharf an und fragte: kennst du das Land? — Es muß wohl Ita¬ lien gemeynt seyn, versetzte Wilhelm, woher hast du das Liedchen? — Italien? sagte Mignon bedeutend: gehst du nach Italien, so nimm mich mit, es friert mich hier. — Bist du schon dort gewesen, liebe Kleine? fragte Wilhelm. — Das Kind war still und nichts weiter aus ihm zu bringen. Melina, der hereinkam, besah die Zitter und freute sich, daß sie schon so hübsch zu¬ recht gemacht sey. Das Instrument war ein Inventarienstück der alten Garderobe, Mig¬ non hatte sich’s diesen Morgen ausgebeten, der Harfenspieler bezog es sogleich, und das Kind entwickelte bey dieser Gelegenheit ein Talent, das man an ihm bisher noch nicht kannte. Melina hatte schon die Garderobe mit allem Zugehör übernommen; einige Glieder des Stadtraths versprachen ihm gleich die Erlaubniß, einige Zeit im Orte zu spielen. Mit frohem Herzen und erheitertem Gesicht kam er nunmehr wieder zurück. Er schien ein ganz anderer Mensch zu seyn. Denn er war sanft, höflich gegen jedermann, ja zu¬ vorkommend und einnehmend. Er wünschte sich Glück, daß er nunmehr seine Freunde, die bisher verlegen und müßig gewesen, werde beschäftigen und auf eine Zeitlang engagiren können, wobey er zugleich bedauer¬ te, daß er freylich zum Anfange nicht im Stande sey, die vortrefflichen Subjecte, die das Glück ihm zugeführt, nach ihren Fähig¬ keiten und Talenten zu belohnen, da er seine Schuld einem so großmüthigen Freunde, als Wilhelm sich gezeigt habe, vor allen Dingen abtragen müsse. Ich kann Ihnen nicht ausdrücken, sagte Melina zu ihm, welche Freundschaft Sie mir erzeigen, indem Sie mir zur Direction eines Theaters verhelfen. Denn als ich Sie antraf, befand ich mich in einer sehr wun¬ derlichen Lage. Sie erinnern sich, wie leb¬ haft ich Ihnen bey unsrer ersten Bekannt¬ schaft meine Abneigung gegen das Theater sehen ließ, und doch mußte ich mich, sobald ich verheirathet war, aus Liebe zu meiner Frau, welche sich viel Freude und Beyfall versprach, nach einem Engagement umsehen. Ich fand keins, wenigstens kein beständiges, dagegen aber, glücklicherweise, einige Ge¬ schäftsmänner, die eben in außerordentlichen Fällen jemanden brauchen konnten, der mit der Feder umzugehen wußte, Französisch ver¬ stand, und im Rechnen nicht ganz unerfah¬ ren war. So ging es mir eine Zeitlang recht gut, ich ward leidlich bezahlt, schaffte mir manches an, und meine Verhältnisse machten mir keine Schande. Allein die aus¬ serordentlichen Aufträge meiner Gönner gin¬ gen zu Ende, an eine dauerhafte Versorgung war nicht zu denken, und meine Frau ver¬ langte nur desto eifriger nach dem Theater, leider zu einer Zeit, wo ihre Umstände nicht die vortheilhaftesten sind, um sich dem Pu¬ blico mit Ehren darzustellen. Nun, hoffe ich, soll die Anstalt, die ich durch Ihre Hülfe einrichten werde, für mich und die meinigen ein guter Anfang seyn, und ich verdanke Ihnen mein künftiges Glück, es werde auch wie es wolle. Wilhelm hörte diese Äußerungen mit Zu¬ friedenheit an, und die sämmtlichen Schau¬ spieler waren gleichfalls mit den Erklärungen des neuen Directors so ziemlich zufrieden, freuten sich heimlich, daß sich so schnell ein Engagement zeige, und waren geneigt, für den Anfang, mit einer geringen Gage vor¬ lieb zu nehmen, weil die meisten dasjenige, was ihnen so unvermuthet angeboten wurde, als einen Zuschuß ansahen, auf den sie vor kurzem noch nicht Rechnung machen konn¬ ten. Melina war im Begriff diese Disposi¬ tion zu benutzen, suchte auf eine geschickte Weise jeden besonders zu sprechen, und hatte bald den einen auf diese, den andern auf eine andere Weise zu bereden gewußt, daß sie die Contracte geschwind abzuschließen ge¬ neigt waren, über das neue Verhältniß kaum nachdachten, und sich schon gesichert glaubten, mit sechswöchentlicher Aufkündigung wieder loskommen zu können. Nun sollten die Bedingungen in gehörige Form gebracht werden, und Melina dachte schon an die Stücke, mit denen er zuerst das Publicum anlocken wollte, als ein Courier dem Stallmeister die Ankunft der Herrschaft verkündigte, und dieser die untergelegten Pferde vorzuführen befahl. Bald darauf fuhr der hochbepackte Wa¬ gen, von dessen Bocke zwey Bedienten her¬ untersprangen, vor dem Gasthause vor, und Philine war nach ihrer Art am ersten bey der Hand und stellte sich unter die Thüre. Wer ist Sie? fragte die Gräfin im Her¬ eintreten. Eine Schauspielerin, Ihro Excellenz zu dienen, war die Antwort, indem der Schalk mit einem gar frommen Gesichte und demü¬ thigen Gebährden sich neigte und der Dame den Rock küßte. Der Graf, der noch einige Personen um¬ her stehen sah, die sich gleichfalls für Schau¬ spieler ausgaben, erkundigte sich nach der Stärke der Gesellschaft, nach dem letzten Orte ihres Auffenthalts und ihrem Director. Wenn es Franzosen wären, sagte er zu sei¬ ner Gemahlin, könnten wir dem Prinzen eine unerwartete Freude machen, und ihm bey uns seine Lieblingsunterhaltung ver¬ schaffen. Es käme darauf an, versetzte die Gräfin: ob wir nicht diese Leute, wenn sie schon un¬ glücklicherweise nur Deutsche sind, auf dem Schloß, so lange der Fürst bey uns bleibt, spielen ließen. Sie haben doch wohl einige Geschicklichkeit. Eine große Societät läßt sich am besten durch ein Theater unterhalten, und der Baron würde sie schon zustutzen. Un¬ Unter diesen Worten gingen sie die Trep¬ pe hinauf, und Melina präsentirte sich oben als Director. Ruf Er seine Leute zusam¬ men, sagte der Graf: und stell Er sie mir vor, damit ich sehe, was an ihnen ist. Ich will auch zugleich die Liste von den Stük¬ ken sehen, die sie allenfalls aufführen könnten. Melina eilte mit einem tiefen Bücklinge aus dem Zimmer, und kam bald mit den Schauspielern zurück. Sie drückten sich vor und hinter einander, die einen präsentirten sich schlecht, aus großer Begierde zu gefallen, und die andern nicht besser, weil sie sich leichtsinnig darstellten. Philine bezeigte der Gräfin, die außerordentlich gnädig und freundlich war, alle Ehrfurcht; der Graf musterte indeß die übrigen. Er fragte einen jeden nach seinem Fache, und äußerte gegen Melina: daß man streng auf Fächer halten W. Meisters Lehrj. B müsse, welchen Ausspruch dieser in der grö߬ ten Devotion aufnahm. Der Graf bemerkte darauf einem jeden, worauf er besonders zu studiren, was er an seiner Figur und Stellung zu bessern habe, zeigte ihnen einleuchtend, woran es den Deutschen immer fehle, und ließ so außeror¬ dentliche Kenntnisse sehen, daß alle in der größten Demuth vor so einem erleuchteten Kenner und erlauchten Beschützer standen, und kaum Athem zu holen sich getrauten. Wer ist der Mensch dort in der Ecke? fragte der Graf, indem er nach einem Sub¬ jecte sah, das ihm noch nicht vorgestellt wor¬ den war, und eine hagre Figur nahte sich in einem abgetragenen, auf dem Ellbogen mit Fleckchen besetzten, Rocke; eine kümmer¬ liche Perücke bedeckte das Haupt des demü¬ thigen Klienten. Dieser Mensch, den wir schon aus dem vorigen Buche als Philinens Liebling ken¬ nen, pflegte gewöhnlich Pedanten, Magister und Poeten zu spielen, und meistens die Rolle zu übernehmen, wenn jemand Schläge kriegen oder begossen werden sollte. Er hat¬ te sich gewisse kriechende, lächerliche, furchtsa¬ me Bücklinge angewöhnt, und seine stockende Sprache, die zu seinen Rollen paßte, machte die Zuschauer lachen, so daß er immer noch als ein brauchbares Glied der Gesellschaft angesehen wurde, besonders da er übrigens sehr dienstfertig und gefällig war. Er nahte sich auf seine Weise dem Grafen, neigte sich vor demselben, und beantwortete jede Frage auf die Art, wie er sich in seinen Rollen auf dem Theater zu gebährden pflegte. Der Graf sah ihn mit gefälliger Aufmerksamkeit und mit Überlegung eine Zeitlang an, als¬ dann rief er, indem er sich zu der Gräfin wendete: mein Kind, betrachte mir diesen B 2 Mann genau, ich hafte dafür, das ist ein großer Schauspieler, oder kann es werden. Der Mensch machte von ganzem Herzen ei¬ nen albernen Bückling, so daß der Graf laut über ihn lachen mußte, und ausrief: Er macht seine Sachen excellent, ich wette, die¬ ser Mensch kann spielen was er will, und es ist Schade, daß man ihn bisher zu nichts bes¬ serm gebraucht hat. Ein so außerordentlicher Vorzug war für die übrigen sehr kränkend, nur Melina em¬ pfand nichts davon, er gab vielmehr dem Grafen vollkommen recht, und versetzte mit ehrfurchtsvoller Mine: ach ja, es hat wohl ihm und mehreren von uns nur ein solcher Kenner und eine solche Aufmunterung ge¬ fehlt, wie wir sie gegenwärtig an Ew. Excel¬ lenz gefunden haben. Ist das die sämmtliche Gesellschaft? sagte der Graf. Es sind einige Glieder abwesend, versetzte der kluge Melina, und überhaupt könnten wir, wenn wir nur Unterstützung fänden, sehr bald aus der Nachbarschaft vollzählig seyn. Indessen sagte Philine zur Gräfin: es ist noch ein recht hübscher junger Mann oben, der sich gewiß bald zum ersten Liebhaber qualifiziren würde. Warum läßt er sich nicht sehen? versetzte die Gräfin. Ich will ihn holen, rief Philine, und eilte zur Thüre hinaus. Sie fand Wilhelmen noch mit Mignon beschäftigt, und beredete ihn mit hinunter zu gehen. Er folgte ihr mit einigem Unwillen, doch trieb ihn die Neugier; denn da er von vornehmen Personen hörte, war er voll Ver¬ langen, sie näher kennen zu lernen. Er trat ins Zimmer, und seine Augen begegneten so¬ gleich den Augen der Gräfin, die auf ihn gerichtet waren Philine zog ihn zu der Dame, indeß der Graf sich mit den übrigen beschäftigte. Wilhelm neigte sich, und gab auf verschiedene Fragen, welche die reizende Dame an ihn that, nicht ohne Verwirrung Antwort. Ihre Schönheit, Jugend, Anmuth, Zierlichkeit und feines Betragen machten den angenehmsten Eindruck auf ihn, um so mehr, da ihre Reden und Gebärden mit einer ge¬ wissen Schamhaftigkeit, ja man dürfte sagen, Verlegenheit, begleitet waren. Auch dem Grafen ward er vorgestellt, der aber wenig Acht auf ihn hatte, sondern zu seiner Ge¬ mahlin ans Fenster trat, und sie um etwas zu fragen schien. Man konnte bemerken, daß ihre Meinung auf das lebhafteste mit der seinigen übereinstimmte, ja daß sie ihn eifrig zu bitten und ihn in seiner Gesinnung zu bestärken schien. Er kehrte sich darauf bald zu der Gesell¬ schaft, und sagte: ich kann mich gegenwärtig nicht aufhalten, aber ich will einen Freund zu euch schicken, und wenn ihr billige Bedin¬ gungen macht, und euch recht viel Mühe geben wollt, so bin ich nicht abgeneigt, euch auf dem Schlosse spielen zu lassen. Alle bezeigten ihre große Freude darüber, und besonders küßte Philine mit der größten Lebhaftigkeit der Gräfin die Hände. Sieht Sie Kleine, sagte die Dame, in¬ dem sie dem leichtfertigen Mädchen die Bak¬ ken klopfte: sieht Sie, mein Kind: da kommt Sie wieder zu mir, ich will schon mein Ver¬ sprechen halten, Sie muß sich nur besser an¬ ziehen. Philine entschuldigte sich, daß sie wenig auf ihre Garderobe zu verwenden habe, und sogleich befahl die Gräfin ihren Kammerfrauen, einen englischen Hut und ein seidnes Halstuch, die leicht auszupacken wa¬ ren, herauf zu geben. Nun putzte die Grä¬ fin selbst Philinen an, die fortfuhr sich mit einer scheinheiligen, unschuldigen Miene gar artig zu gebährden und zu betragen. Der Graf bot seiner Gemahlin die Hand und führte sie hinunter. Sie grüßte die ganze Gesellschaft im Vorbeygehn freundlich, und kehrte sich nochmals gegen Wilhelmen um, indem sie mit der huldreichsten Miene zu ihm sagte: wir sehen uns bald wieder. So glückliche Aussichten belebten die ganze Gesellschaft; jeder ließ nunmehr seinen Hoffnungen, Wünschen und Einbildungen freyen Lauf, sprach von den Rollen, die er spielen, von dem Beyfall, den er erhalten wollte. Melina überlegte, wie er noch ge¬ schwind, durch einige Vorstellungen, den Ein¬ wohnern des Städtchens etwas Geld abneh¬ men und zugleich die Gesellschaft in Athem setzen könne, indeß andre in die Küche gin¬ gen, um ein besseres Mittagsessen zu bestel¬ len, als man sonst einzunehmen gewohnt war. Zweytes Capitel. N ach einigen Tagen kam der Baron, und Melina empfing ihn nicht ohne Furcht. Der Graf hatte ihn als einen Kenner angekün¬ digt, und es war zu besorgen, er werde gar bald die schwache Seite des kleinen Haufens entdecken, und einsehen, daß er keine formirte Truppe vor sich habe, indem sie kaum Ein Stück gehörig besetzen konnten; allein so¬ wohl der Director als die sämmtlichen Glie¬ der waren bald aus aller Sorge, da sie an dem Baron einen Mann fanden, der mit dem größten Enthusiasmus das vaterländi¬ sche Theater betrachtete, dem ein jeder Schau¬ spieler und jede Gesellschaft willkommen und erfreulich war. Er begrüßte sie alle mit Feyerlichkeit, prieß sich glücklich eine deutsche Bühne so unvermuthet anzutreffen, mit ihr in Verbindung zu kommen, und die vater¬ ländischen Musen in das Schloß seines Ver¬ wandten einzuführen. Er brachte bald dar¬ auf ein Heft aus der Tasche, in welchem Melina die Puncte des Contracts zu erblik¬ ken hofte; allein es war ganz etwas ande¬ res. Der Baron bat sie, ein Drama, das er selbst verfertigt, und das er von ihnen ge¬ spielt zu sehen wünschte, mit Aufmerksamkeit anzuhören. Willig schlossen sie einen Kreis, und waren erfreut, mit so geringen Kosten sich in der Gunst eines so nothwendigen Mannes befestigen zu können, obgleich ein jeder nach der Dicke des Heftes übermäßig lange Zeit befürchtete. Auch war es wirklich so, das Stück war in fünf Akten geschrieben, und von der Art, die gar kein Ende nimmt. Der Held war ein vornehmer, tugendhaf¬ ter, großmüthiger und dabey verkannter und verfolgter Mann, der aber denn doch zuletzt den Sieg über seine Feinde davon trug, über welche sodann die strengste poetische Gerech¬ tigkeit ausgeübt worden wäre, wenn er ihnen nicht auf der Stelle verziehen hätte. Indem dieses Stück vorgetragen wurde, hatte jeder Zuhörer Raum genug an sich selbst zu denken, und ganz sachte aus der Demuth, zu der er sich noch vor kurzem ge¬ neigt fühlte, zu einer glücklichen Selbstgefäl¬ ligkeit empor zu steigen, und von da aus die anmuthigsten Aussichten in die Zukunft zu überschauen. Diejenigen, die keine ihnen angemessene Rolle in dem Stück fanden, er¬ klärten es bey sich für schlecht, und hielten den Baron für einen unglücklichen Autor, dagegen die andern eine Stelle, bey der sie beklatscht zu werden hoften, mit dem grö߬ ten Lobe zur möglichsten Zufriedenheit des Verfassers verfolgten. Mit dem Ökonomischen waren sie ge¬ schwind fertig. Melina wußte zu seinem Vortheil mit dem Baron den Contract ab¬ zuschließen, und ihn vor den übrigen Schau¬ spielern geheim zu halten. Über Wilhelmen sprach Melina den Ba¬ ron im vorbeygehen, und versicherte, daß er sich sehr gut zum Theaterdichter qualifizire, und zum Schauspieler selbst keine üble An¬ lagen habe. Der Baron machte sogleich mit ihm als einen Collegen Bekanntschaft und Wilhelm produzirte einige kleine Stücke, die nebst wenigen Reliquien an jenem Tage, als er den größten Theil seiner Arbeiten in Feuer aufgehen ließ, durch einen Zufall gerettet wurden. Der Baron lobte sowohl die Stücke als den Vortrag, nahm als bekannt an, daß er mit hinüber auf das Schloß kommen wür¬ de, versprach, bey seinem Abschiede, allen die beste Aufnahme, bequeme Wohnung, gutes Essen, Beyfall und Geschenke, und Melina setzte noch die Versicherung eines bestimmten Taschengeldes hinzu. Man kann denken, in welche gute Stim¬ mung durch diesen Besuch die Gesellschaft gesetzt war, indem sie statt eines ängstlichen und niedrigen Zustandes auf einmal Ehre und Behagen vor sich sah. Sie machten sich schon zum voraus auf jene Rechnung lustig, und jedes hielt vor unschicklich, nur noch irgend einen Groschen Geld in der Ta¬ sche zu behalten. Wilhelm ging indessen mit sich zu Rathe, ob er die Gesellschaft auf das Schloß beglei¬ ten solle? und fand in mehr als einem Sin¬ ne räthlich dahin zu gehen. Melina hofte bey diesem vortheilhaften Engagement seine Schuld wenigstens zum Theil abtragen zu können, und unser Freund, der auf Men¬ schenkenntniß ausging, wollte die Gelegenheit nicht versäumen, die große Welt näher ken¬ nen zu lernen, in der er viele Aufschlüsse über das Leben, über sich selbst und die Kunst zu erlangen hofte. Dabey durfte er sich nicht gestehen, wie sehr er wünsche, der schönen Gräfin wieder näher zu kommen. Er suchte sich vielmehr im Allgemeinen zu überzeugen, welchen großen Vortheil ihm die nähere Kenntniß der vornehmen und reichen Welt bringen würde. Er machte seine Be¬ trachtungen über den Grafen, die Gräfin, den Baron, über die Sicherheit, Bequemlich¬ keit und Anmuth ihres Betragens, und rief, als er allein war, mit Entzücken aus: Dreymal glücklich sind diejenigen zu prei¬ sen, die ihre Geburt sogleich über die untern Stufen der Menschheit hinaus hebt; die durch jene Verhältnisse, in welchen sich man¬ che gute Menschen die ganze Zeit ihres Le¬ bens abängstigen, nicht durchzugehen, auch nicht einmal darin als Gäste zu verweilen brauchen. Allgemein und richtig muß ihr Blick auf dem höheren Standpunkte werden, leicht ein jeder Schritt ihres Lebens! Sie sind von Geburt an gleichsam in ein Schiff gesetzt, um bey der Überfahrt, die wir alle machen müssen, sich des günstigen Windes zu bedienen, und den widrigen abzuwarten, anstatt daß andere nur für ihre Person schwimmend sich abarbeiten, vom günstigen Winde wenig Vortheil genießen, und im Sturme mit bald erschöpften Kräften unter¬ gehen. Welche Bequemlichkeit, welche Leich¬ tigkeit giebt ein angebohrnes Vermögen! und wie sicher blühet ein Handel, der auf ein gutes Kapital gegründet ist, so daß nicht jeder mißlungene Versuch sogleich in Unthä¬ tigkeit versetzt! Wer kann den Werth und Unwerth irrdischer Dinge besser kennen, als der sie zu genießen von Jugend auf im Falle war. war, und wer kann seinen Geist früher auf das Nothwendige, das Nützliche, das Wahre leiten, als der sich von so vielen Irrthümern in einem Alter überzeugen muß, wo es ihm noch an Kräften nicht gebricht, ein neues Le¬ ben anzufangen. So rief unser Freund allen denenjenigen Glück zu, die sich in den höheren Regionen befinden; aber auch denen, die sich einem solchen Kreise nähern, aus diesen Quellen schöpfen können, und pries seinen Genius, der Anstalt machte, auch ihn diese Stufen hinan zu führen. Indessen mußte Melina, nachdem er lan¬ ge sich den Kopf zerbrochen, wie er nach dem Verlangen des Grafen und nach seiner eigenen Überzeugung die Gesellschaft in Fä¬ cher eintheilen und einem jeden seine bestimm¬ te Mitwirkung übertragen wollte, zuletzt, da es an die Ausführung kam, sehr zufrieden W. Meisters Lehrj. C seyn, wenn er bey einem so geringen Perso¬ nal die Schauspieler willig fand, sich nach Möglichkeit in diese oder jene Rollen zu schicken. Doch übernahm gewöhnlich Laertes die Liebhaber, Philine die Kammermädchen, die beiden jungen Frauenzimmer theilten sich in die naiven und zärtlichen Liebhaberinnen, der alte Polterer ward am besten gespielt, Melina selbst glaubte als Chevalier auftre¬ ten zu dürfen, Madam Melina mußte, zu ihrem größten Verdruß, in das Fach der jungen Frauen, ja sogar der zärtlichen Müt¬ ter übergehen, und weil in den neuern Stük¬ ken nicht leicht mehr ein Pedant oder Poet, wenn er auch vorkommen sollte, lächerlich gemacht wird; so mußte der bekannte Günst¬ ling des Grafen nunmehr die Präsidenten und Minister spielen, weil diese gewöhnlich als Bösewichter vorgestellt und im fünften Akte übel behandelt werden. Eben so steckte Melina mit Vergnügen, als Kammerjunker oder Kammerherr, die Grobheiten ein, welche ihm von biedern deutschen Männern herge¬ brachter Maßen in mehreren beliebten Stük¬ ken aufgedrungen wurden, weil er sich doch bey dieser Gelegenheit artig herausputzen konnte, und das Air eines Hofmannes, das er vollkommen zu besitzen glaubte, anzuneh¬ men die Erlaubniß hatte. Es dauerte nicht lange, so kamen von verschiedenen Gegenden mehrere Schauspieler herbeygeflossen, welche ohne sonderliche Prü¬ fung angenommen, aber auch ohne sonderli¬ che Bedingungen festgehalten wurden. Wilhelm, den Melina vergebens einige¬ mal zu einer Liebhaberrolle zu bereden such¬ te, nahm sich der Sache mit vielem guten Willen an, ohne daß unser neuer Director seine Bemühungen im mindesten anerkannte, vielmehr glaubte dieser mit seiner Würde C 2 auch alle nöthige Einsicht überkommen zu haben; besonders war das Streichen eine seiner angenehmsten Beschäftigungen, wodurch er ein jedes Stück auf das gehörige Zeit¬ maaß herunter zu setzen wußte, ohne irgend eine andere Rücksicht zu nehmen. Er hatte viel Zuspruch, das Publikum war sehr zufrie¬ den, und die geschmackvollsten Einwohner des Städtchens behaupteten, daß das Theater in der Residenz keinesweges so gut als das ihre bestellt sey. Drittes Capitel . E ndlich kam die Zeit herbey, da man sich zur Überfahrt schicken, die Kutschen und Wa¬ gen erwarten sollte, die unsere ganze Truppe nach dem Schlosse des Grafen hinüber zu führen bestellt waren. Schon zum voraus fielen große Streitigkeiten vor, wer mit dem andern fahren? wie man sitzen sollte? Die Ordnung und Eintheilung ward endlich nur mit Mühe ausgemacht und festgesetzt, doch leider ohne Wirkung. Zur bestimmten Stun¬ de kamen weniger Wagen als man erwartet hatte, und man mußte sich einrichten. Der Baron, der zu Pferde nicht lange hinterdrein folgte, gab zur Ursache an: daß im Schlosse alles in großer Bewegung sey, weil nicht allein der Fürst einige Tage früher eintreffen werde, als man geglaubt, sondern weil auch unerwarteter Besuch schon gegenwärtig ange¬ langt sey; der Platz gehe sehr zusammen, sie würden auch deswegen nicht so gut logiren, als man es ihnen vorher bestimmt habe, welches ihm außerordentlich leid thue. Man theilte sich in die Wagen, so gut es gehen wollte, und da leidlich Wetter und das Schloß nur einige Stunden entfernt war, machten sich die Lustigsten lieber zu Fuße auf den Weg, als daß sie die Rückkehr der Kutschen hätten abwarten sollen. Die Caravane zog mit Freudengeschrey aus, zum erstenmal ohne Sorgen, wie der Wirth zu bezahlen sey. Das Schloß des Grafen stand ihnen wie ein Feengebäude vor der Seele, sie waren die glücklichsten und fröhlichsten Menschen von der Welt, und jeder knüpfte unterweges an diesen Tag, nach seiner Art zu denken, eine Reihe von Glück, Ehre und Wohlstand. Ein starker Regen, der unerwartet einfiel, konnte sie nicht aus diesen angenehmen Em¬ pfindungen reissen; da er aber immer anhal¬ tender und stärker wurde, spürten viele von ihnen eine ziemliche Unbequemlichkeit. Die Nacht kam herbey, und erwünschter konnte ihnen nichts erscheinen, als der durch alle Stockwerke erleuchtete Pallast des Grafen, der ihnen von einem Hügel entgegen glänzte, so daß sie die Fenster zählen konnten. Als sie näher heran kamen, fanden sie auch alle Fenster der Seitengebäude erhellet. Ein jeder dachte bey sich, welches wohl sein Zimmer werden möchte? und die meisten be¬ gnügten sich bescheiden mit einer Stube im Mansarde oder in den Flügeln. Nun fuhren sie durch das Dorf und am Wirthshause vorbey. Wilhelm ließ halten, um dort abzusteigen; allein der Wirth ver¬ sicherte, daß er ihm nicht den geringsten Raum anweisen könne. Der Herr Graf habe, weil unvermuthete Gäste angekommen, sogleich das ganze Wirthshaus besprochen, an allen Zimmern stehe schon seit gestern mit Kreide deutlich angeschrieben, wer darinne wohnen solle. Wider seinen Willen mußte also unser Freund mit der übrigen Gesell¬ schaft zum Schloßhofe hineinfahren. Um die Küchenfeuer in einem Seitenge¬ bäude sahen sie geschäftige Köche sich hin und her bewegen, und waren durch diesen Anblick schon erquickt; eilig kamen Bediente mit Lichtern auf die Treppe des Hauptge¬ bäudes gesprungen, und das Herz der guten Wanderer quoll über diesen Aussichten auf. Wie sehr verwunderten sie sich dagegen, als sich dieser Empfang in ein entsetzliches Flu¬ chen auflöste. Die Bedienten schimpften auf die Fuhrleute, daß sie hier herein gefahren seyen; sie sollten umwenden, rief man, und wieder hinaus nach dem alten Schlosse zu, hier sey kein Raum für diese Gäste! Einem so unfreundlichen und unerwarteten Bescheide fügten sie noch allerley Spöttereyen hinzu, und lachten sich unter einander aus, daß sie durch diesen Irrthum in den Regen gesprengt worden. Es goß noch immer, keine Sterne standen am Himmel, und nun wurde die Gesellschaft durch einen holprichten Weg zwi¬ schen zwey Mauern in das alte hintere Schloß gezogen, welches unbewohnt da stand, seit der Vater des Grafen das vordere ge¬ baut hatte. Theils im Hofe, theils unter einem langen gewölbten Thorwege hielten die Wagen still, und die Fuhrleute, Anspän¬ ner aus dem Dorfe, spannten aus und ritten ihrer Wege. Da niemand zum Empfange der Gesell¬ schaft sich zeigte, stiegen sie aus, riefen, such¬ ten; vergebens! Alles blieb finster und stille. Der Wind blies durch das hohe Thor, und grauerlich waren die alten Thürme und Höfe, wovon sie kaum die Gestalten in der Finster¬ niß unterschieden. Sie froren und schauer¬ ten, die Frauen fürchteten sich, die Kinder fingen an zu weinen, ihre Ungeduld vermehr¬ te sich mit jedem Augenblicke, und ein so schneller Glückswechsel, auf den niemand vor¬ bereitet war, brachte sie alle ganz und gar aus der Fassung. Da sie jeden Augenblick erwarteten, daß jemand kommen und ihnen aufschließen wer¬ de, da bald Regen bald Sturm sie täuschte, und sie mehr als einmal den Tritt des er¬ wünschten Schloßvoigts zu hören glaubten, blieben sie eine lange Zeit unmuthig und unthätig, es fiel keinem ein, in das neue Schloß zu gehen, und dort mitleidige Seelen um Hülfe anzurufen. Sie konnten nicht be¬ greifen, wo ihr Freund, der Baron, geblie¬ ben sey, und waren in einer höchstbeschwer¬ lichen Lage. Endlich kamen wirklich Menschen an, und man erkannte an ihren Stimmen jene Fu߬ gänger, die auf dem Wege hinter den Fah¬ renden zurück geblieben waren. Sie erzähl¬ ten, daß der Baron mit dem Pferde gestürzt sey, sich am Fuße stark beschädigt habe, und daß man auch sie, da sie im Schlosse nach¬ gefragt, mit Ungestüm hieher gewiesen habe. Die ganze Gesellschaft war in der grö߬ ten Verlegenheit, man rathschlagte, was man thun sollte, und konnte keinen Entschluß fas¬ sen. Endlich sah man von weitem eine La¬ terne kommen, und holte frischen Athem; allein die Hofnung einer baldigen Erlösung verschwand auch wieder, indem die Erschei¬ nung näher kam und deutlich ward. Ein Reitknecht leuchtete dem bekannten Stallmei¬ ster des Grafen vor, und dieser erkundigte sich, als er näher kam, sehr eifrig nach Ma¬ demoiselle Philinen. Sie war kaum aus dem übrigen Haufen hervorgetreten, als er ihr sehr dringend anbot, sie in das neue Schloß zu führen, wo ein Plätzchen für sie bey den Kammerjungfern der Gräfin berei¬ tet sey. Sie besann sich nicht lange das An¬ erbieten dankbar zu ergreifen, faßte ihn bey dem Arme und wollte, da sie den andern ihren Koffer empfohlen, mit ihm forteilen; allein man trat ihnen in den Weg, fragte, bat, beschwor den Stallmeister, daß er end¬ lich, um nur mit seiner Schönen los zu kom¬ men, alles versprach, und versicherte: in kur¬ zem solle das Schloß eröffnet und sie auf das Beste einquartiert werden. Bald dar¬ auf sahen sie den Schein seiner Laterne ver¬ schwinden, und hoften lange vergebens auf das neue Licht, das ihnen endlich nach vie¬ len Worten, Schelten und Schmähen er¬ schien, und sie mit einigem Troste und Hof¬ nung belebte. Ein alter Hausknecht eröfnete die Thüre des alten Gebäudes, in das sie mit Gewalt eindrangen. Ein jeder sorgte nun für seine Sachen, sie abzupacken, sie hereinzuschaffen. Das meiste war, wie die Personen selbst, tüchtig durchweicht. Bey dem Einen Lichte ging alles sehr langsam. Im Gebäude stieß man sich, stolperte, fiel. Man bat um mehr Lichter, man bat um Feuerung. Der einsyl¬ bige Hausknecht ließ mit genauer Noth seine Laterne da, ging, und kam nicht wieder. Nun fing man an das Haus zu durch¬ suchen, die Thüren aller Zimmer waren offen, große Öfen, gewirkte Tapeten, eingelegte Fußböden waren von seiner vorigen Pracht noch übrig; von anderm Hausgeräthe aber nichts zu finden, kein Tisch, kein Stuhl, kein Spiegel, kaum einige ungeheuere leere Bett¬ stellen, alles Schmuckes und alles Nothwen¬ digen beraubt. Die nassen Koffer und Man¬ telsäcke wurden zu Sitzen gewählt, ein Theil der müden Wanderer bequemten sich auf dem Fußboden, Wilhelm hatte sich auf eini¬ ge Stufen gesetzt, Mignon lag auf seinen Knieen; das Kind war unruhig, und auf seine Frage was ihm fehlte? antwortete es: mich hungert! Er fand nichts bey sich, um das Verlangen des Kindes zu stillen, die übrige Gesellschaft hatte sich auch aufgezehrt, und er mußte die arme Kreatur ohne Er¬ quickung lassen. Er blieb bey dem ganzen Vorfalle unthätig, still in sich gekehrt: denn er war sehr verdrießlich und grimmig, daß er nicht auf seinem Sinne bestanden und bey dem Wirthshause abgestiegen sey; wenn er auch auf dem obersten Boden hätte sein La¬ ger nehmen sollen. Die übrigen gebährdeten sich jeder nach seiner Art. Einige hatten einen Haufen al¬ tes Gehölz in einen ungeheuren Kamin des Saals geschaft und zündeten, mit großem Jauchzen, den Scheiterhaufen an. Unglück¬ licherweise ward auch diese Hoffnung sich zu trocknen und zu wärmen auf das schrecklich¬ ste getäuscht, denn dieser Kamin stand nur zur Zierde da, und war von oben herein ver¬ mauert, der Dampf trat schnell zurück und erfüllte auf einmal die Zimmer; das dürre Holz schlug rasselnd in Flammen auf, und auch die Flamme ward herausgetrieben, der Zug, der durch die zerbrochenen Fensterschei¬ ben drang, gab ihr eine unstäte Richtung, man fürchtete das Schloß anzuzünden, mu߬ te das Feuer auseinander ziehen, austreten, dämpfen, der Rauch vermehrte sich, der Zu¬ stand wurde unerträglicher, man kam der Verzweiflung nahe. Wilhelm war vor dem Rauch in ein ent¬ ferntes Zimmer gewichen, wohin ihm bald Mignon folgte und einen wohlgekleideten Bedienten, der eine hohe hellbrennende, dop¬ pelt erleuchtete Laterne trug, hereinführte; dieser wendete sich an Wilhelmen, und indem er ihm auf einem schönen porzelanenen Tel¬ ler Konfekt und Früchte überreichte, sagte er: dieß schickt Ihnen das junge Frauenzimmer von drüben, mit der Bitte, zur Gesellschaft zu kommen, sie läßt sagen, setzte der Bedien¬ te mit einer leichtfertigen Mine hinzu: es gehe ihr sehr wohl, und sie wünsche ihre Zufriedenheit mit ihren Freunden zu theilen. Wilhelm erwartete nichts weniger als diesen Antrag, denn er hatte Philinen, seit dem Abentheuer, der steinernen Bank, mit entschiedener Verachtung begegnet, und war so fest entschlossen, keine Gemeinschaft mehr mit ihr zu haben, daß er im Begriff stand, die süße Gabe wieder zurück zu schicken, als ein ein bittender Blick Mignons ihn vermogte, sie anzunehmen, und im Namen des Kindes dafür zu danken; die Einladung schlug er ganz aus. Er bat den Bedienten, einige Sorge für die angekommene Gesellschaft zu haben, und erkundigte sich nach dem Baron. Dieser lag zu Bette, hatte aber schon, soviel der Bediente zu sagen wußte, einem Andern Auftrag gegeben, für die elend Beherbergten zu sorgen. Der Bediente ging und hinterließ Wil¬ helmen eins von seinen Lichtern, das dieser in Ermanglung eines Leuchters auf das Fen¬ stergesims kleben mußte, und nun wenigstens bey seinen Betrachtungen die vier Wände des Zimmers erhellt sah. Denn es währte noch lange, ehe die Anstalten rege wurden, die unsere Gäste zur Ruhe bringen sollten. Nach und nach kamen Lichter, jedoch ohne Lichtputzen, dann einige Stühle, eine Stunde W. Meisters Lehrj. D darauf Deckbetten, dann Kissen, alles wohl durchnetzt, und es war schon weit über Mit¬ ternacht, als endlich Strohsäcke und Ma¬ tratzen herbeygeschaft wurden, die, wenn man sie zuerst gehabt hätte, höchstwillkommen ge¬ wesen seyn würden. In der Zwischenzeit war auch etwas von Essen und Trinken angelangt, das ohne viele Kritik genossen wurde, ob es gleich einem sehr unordentlichen Abhub ähnlich sah, und von der Achtung, die man für die Gäste hat¬ te, kein sonderliches Zeugniß ablegte. Viertes Capitel . D urch die Unart und den Übermuth einiger leichtfertigen Gesellen, vermehrte sich die Un¬ ruhe und das Übel der Nacht, indem sie sich einander neckten, aufweckten und sich wech¬ selsweise allerley Streiche spielten. Der an¬ dere Morgen brach an, unter lauten Klagen über ihren Freund, den Baron, daß er sie so getäuscht und ihnen ein ganz anderes Bild von der Ordnung und Bequemlichkeit, in die sie kommen würden, gemacht habe. Doch zur Verwunderung und Trost erschien in aller Frühe der Graf selbst mit einigen Bedienten, und erkundigte sich nach ihren Umständen. Er war sehr entrüstet, als er hörte, wie übel es ihnen ergangen, und der Baron, der, geführt, herbey hinkte, verklagte D 2 den Haushofmeister, wie befehlswidrig er sich bey dieser Gelegenheit gezeigt, und glaubte ihm ein rechtes Bad angerichtet zu haben. Der Graf befahl sogleich, daß alles in seiner Gegenwart zur möglichsten Bequem¬ lichkeit der Gäste geordnet werden solle. Darauf kamen einige Offiziere, die von den Aktrizen sogleich Kundschaft nahmen, und der Graf ließ sich die ganze Gesellschaft vor¬ stellen, redete einen jeden bey seinem Namen an, und mischte einige Scherze in die Unter¬ redung, daß alle über einen so gnädigen Herrn ganz entzückt waren. Endlich mußte Wilhelm auch an die Reihe, an den sich Mignon anhing. Wilhelm entschuldigte sich so gut er konnte über seine Freyheit, der Graf hingegen schien seine Gegenwart als bekannt anzunehmen. Ein Herr, der neben dem Grafen stand, den man für einen Offizier hielte, ob er gleich keine Uniform anhatte, sprach beson¬ ders mit unserm Freunde, und zeichnete sich vor allen andern aus. Große hellblaue Au¬ gen leuchteten unter einer hohen Stirne her¬ vor, nachlässig waren seine blonden Haare aufgeschlagen, und seine mittlere Statur zeigte ein sehr wackres, festes und bestimm¬ tes Wesen. Seine Fragen waren lebhaft, und er schien sich auf alles zu verstehen, wornach er fragte. Wilhelm erkundigte sich nach diesem Man¬ ne bey dem Baron, der aber nicht viel Gu¬ tes von ihm zu sagen wußte. Er habe den Character als Major, sey eigentlich der Günstling des Prinzen, versehe dessen ge¬ heimste Geschäfte und werde für dessen rech¬ ten Arm gehalten, ja man habe Ursache zu glauben, er sey sein natürlicher Sohn. In Frankreich, England, Italien sey er mit Ge¬ sandtschaften gewesen, er werde überall sehr distinguirt, und das mache ihn einbildisch, er wähne, die deutsche Litteratur aus dem Grunde zu kennen, und erlaube sich allerley schaale Spöttereyen gegen dieselbe. Er, der Baron, vermeide alle Unterredung mit ihm, und Wilhelm werde wohl thun, sich auch von ihm entfernt zu halten, denn am Ende gebe er jedermann etwas ab. Man nenne ihn Jarno, wisse aber nicht recht, was man aus dem Namen machen solle. Wilhelm hatte darauf nichts zu sagen, denn er empfand gegen den Fremden, ob er gleich etwas Kaltes und Abstoßendes hatte, eine gewisse Neigung. Die Gesellschaft wurde in dem Schlosse eingetheilt, und Melina befahl sehr strenge, sie sollten sich nunmehr ordentlich halten, die Frauen sollten besonders wohnen, und jeder nur auf seine Rollen, auf die Kunst sein Augenmerk und seine Neigung richten. Er schlug Vorschriften und Gesetze, die aus vie¬ len Puncten bestanden, an alle Thüren. Die Summe der Strafgelder war bestimmt, die ein jeder Übertreter in eine gemeine Büchse entrichten sollte. Diese Verordnungen wurden wenig ge¬ achtet. Junge Offiziere gingen aus und ein, spaßten nicht eben auf das feinste mit den Aktrizen, hatten die Akteure zum besten, und vernichteten die ganze kleine Polizeyordnung, noch ehe sie Wurzel fassen konnte. Man jagte sich durch die Zimmer, verkleidete sich, versteckte sich. Melina, der Anfangs einigen Ernst zeigen wollte, ward mit allerley Muth¬ willen auf das äußerste gebracht, und als ihn bald darauf der Graf holen ließ, um den Platz zu sehen, wo das Theater aufge¬ richtet werden sollte, ward das Übel nur immer ärger. Die jungen Herren ersannen sich allerley platte Späße, durch Hülfe eini¬ ger Akteure wurden sie noch plumper, und es schien, als wenn das ganze alte Schloß vom wüthenden Heere besessen sey, auch en¬ digte der Unfug nicht eher, als bis man zur Tafel ging. Der Graf hatte Melina in einen großen Saal geführt, der noch zum alten Schlosse gehörte, durch eine Gallerie mit dem neuen verbunden war, und worin ein kleines Thea¬ ter sehr wohl aufgestellt werden konnte. Da¬ selbst zeigte der einsichtsvolle Hausherr, wie er alles wolle eingerichtet haben. Nun ward die Arbeit in großer Eile vor¬ genommen, das Theatergerüste aufgeschlagen und ausgeziert; was man von Dekorationen in dem Gepäcke hatte und brauchen konnte, angewendet, und das übrige mit Hülfe eini¬ ger geschickten Leute des Grafen verfertiget. Wilhelm griff selbst mit an, half die Per¬ spektive bestimmen, die Umrisse abschnüren, und war höchst beschäftigt, daß es nicht un¬ schicklich werden sollte. Der Graf, der öfters dazu kam, war sehr zufrieden damit, zeigte wie sie das, was sie wirklich thaten, eigent¬ lich machen sollten, und ließ dabey ungemei¬ ne Kenntnisse jeder Kunst sehen. Nun fing das Probiren recht ernstlich an, wozu sie auch Raum und Muße genug ge¬ habt hätten, wenn sie nicht von den vielen anwesenden Fremden immer gestört worden wären. Denn es kamen täglich neue Gäste an, und ein jeder wollte die Gesellschaft in Augenschein nehmen. Fünftes Capitel . D er Baron hatte Wilhelmen einige Tage mit der Hoffnung hingehalten, daß er der Gräfin noch besonders vorgestellt werden sollte. — Ich habe, sagte er, dieser vortreff¬ lichen Dame so viel von Ihren geistreichen und empfindungsvollen Stücken erzählt, daß sie nicht erwarten kann, Sie zu sprechen und sich ein und das andere vorlesen zu lassen. Halten Sie sich ja gefaßt auf den ersten Wink hinüber zu kommen, denn bey dem nächsten ruhigen Morgen werden Sie gewiß gerufen werden. Er bezeichnete ihm darauf das Nachspiel, welches er zuerst vorlesen sollte, wodurch er sich ganz besonders em¬ pfehlen würde. Die Dame bedaure gar sehr, daß er zu einer solchen unruhigen Zeit ein¬ getroffen sey, und sich mit der übrigen Ge¬ sellschaft in dem alten Schlosse schlecht behel¬ fen müsse. — Mit großer Sorgfalt nahm darauf Wil¬ helm das Stück vor, womit er seinen Ein¬ tritt in die große Welt machen sollte. Du hast, sagte er, bisher im Stillen für dich gearbeitet, nur von einzelnen Freunden Bey¬ fall erhalten; du hast eine Zeit lang ganz an deinem Talente verzweifelt, und du mußt immer noch in Sorgen seyn, ob du dann auch auf dem rechten Wege bist, und ob du so viel Talent als Neigung zum Theater hast? Vor den Ohren solcher geübten Ken¬ ner, im Kabinette, wo keine Illusion statt findet, ist der Versuch weit gefährlicher als anderwärts, und ich möchte doch auch nicht gerne zurück bleiben, diesen Genuß an meine vorigen Freuden knüpfen, und die Hoffnung auf die Zukunft erweitern. Er nahm darauf einige Stücke durch, las sie mit der größten Aufmerksamkeit, korri¬ girte hier und da, rezitirte sie sich laut vor, um auch in Sprache und Ausdruck recht ge¬ wandt zu seyn, und steckte dasjenige, wel¬ ches er am meisten geübt, womit er die grö߬ te Ehre einzulegen glaubte, in die Tasche, als er an einem Morgen hinüber vor die Gräfin gefordert wurde. Der Baron hatte ihn versichert, sie wür¬ de allein mit einer guten Freundin seyn. Als er in das Zimmer trat, kam die Baro¬ nesse von C** ihm mit vieler Freundlichkeit entgegen, freute sich seine Bekanntschaft zu machen, und präsentirte ihn der Gräfin, die sich eben frisiren ließ, und ihn mit freundli¬ chen Worten und Blicken empfing; neben deren Stuhl er aber leider Philinen knieen und allerley Thorheiten machen sah. — Das schöne Kind, sagte die Baronesse, hat uns verschiedenes vorgesungen. Endige Sie doch das angefangene Liedchen, damit wir nichts davon verlieren. — Wilhelm hörte das Stückchen mit großer Geduld an, indem er die Entfernung des Friseurs wünschte, ehe er seine Vorlesung an¬ fangen wollte. Man bot ihm eine Tasse Chokolade an, wozu ihm die Baronesse selbst den Zwieback reichte. Demohngeachtet schmeckte ihm das Frühstück nicht, denn er wünschte zu lebhaft der schönen Gräfin ir¬ gend etwas vorzutragen, was sie interessiren, wodurch er ihr gefallen könnte. Auch Phi¬ line war ihm nur zu sehr im Wege, die ihm als Zuhörerin oft schon unbequem gewesen war. Er sah mit Schmerzen dem Friseur auf die Hände, und hoffte in jedem Augen¬ blicke mehr auf die Vollendung des Baues. Indessen war der Graf hereingetreten, und erzählte von den heut zu erwartenden Gästen, von der Eintheilung des Tages, und was sonst etwa Häusliches vorkommen möch¬ te. Da er hinaus ging, ließen einige Offi¬ ziere bey der Gräfin um die Erlaubniß, ihr, weil sie noch vor Tafel wegreiten müßten, aufwarten zu dürfen. Der Kammerdiener war indessen fertig geworden, und sie ließ die Herren hereinkommen. Die Baronesse gab sich inzwischen Mühe unsern Freund zu unterhalten, und ihm viele Achtung zu bezeigen, die er mit Ehrfurcht, obgleich etwas zerstreut, aufnahm. Er fühl¬ te manchmal nach dem Manuscripte in der Tasche, hoffte auf jeden Augenblick, und fast wollte seine Geduld reissen, als ein Galante¬ riehändler hereingelassen wurde, der seine Pappen, Kasten, Schachteln unbarmherzig eine nach der andern eröfnete, und jede Sor¬ te seiner Waaren mit einer diesem Geschlechte eigenen Zudringlichkeit vorwies. Die Gesellschaft vermehrte sich. Die Ba¬ ronesse sah Wilhelmen an, und sprach leise mit der Gräfin; er bemerkte es ohne die Absicht zu verstehen, die ihm endlich zu Hause klar wurde, als er sich nach einer ängstlich und vergebens durchharrten Stunde wegbegab. Er fand ein schönes englisches Portefeuille in der Tasche. Die Baronesse hatte es ihm heimlich beyzustecken gewußt, und gleich darauf folgte der Gräfin kleiner Mohr, der ihm eine artig gestickte Weste überbrachte, ohne recht deutlich zu sagen, woher sie komme. Sechstes Capitel . D as Gemisch der Empfindungen von Ver¬ druß und Dankbarkeit verdarb ihm den gan¬ zen Rest des Tages, bis er gegen Abend wieder Beschäftigung fand, indem Melina ihm eröfnete, der Graf habe von einem Vor¬ spiele gesprochen, das dem Prinzen zu Ehren, den Tag seiner Ankunft, aufgeführt werden sollte. Er wolle darin die Eigenschaften die¬ ses großen Helden und Menschenfreundes personifiziret haben. Diese Tugenden sollten mit einander auftreten, sein Lob verkündigen und zuletzt seine Büste mit Blumen– und Lorbeerkränzen umwinden, wobey sein verzo¬ gener Name mit dem Fürstenhute durchschei¬ nend glänzen sollte. Der Graf habe ihm aufgegeben, für die Versifikation und übrige Ein¬ Einrichtung dieses Stückes zu sorgen, und er hoffe, daß ihm Wilhelm, dem es etwas leich¬ tes sey, hierin gerne beystehen werde. Wie! rief dieser verdrießlich aus, haben wir nichts als Porträte, verzogene Namen und allegorische Figuren, um einen Fürsten zu ehren, der nach meiner Meinung ein ganz anderes Lob verdient? Wie kann es einem vernünftigen Manne schmeicheln, sich in Ef¬ figie aufgestellt und seinen Namen auf ge¬ öhltem Papiere schimmern zu sehen! Ich fürchte sehr, die Allegorien würden, besonders bey unserer Garderobe, zu manchen Zwey¬ deutigkeiten und Späßen Anlaß geben. Wol¬ len Sie das Stück machen oder machen las¬ sen, so kann ich nichts dawider haben, nur bitte ich, daß ich damit verschont bleibe. Melina entschuldigte sich, es sey nur die ohngefähre Angabe des Herrn Grafen, der ihnen übrigens ganz überlasse, wie sie das W. Meisters Lehrj. E Stück arrangiren wollten. Herzlich gerne, versetzte Wilhelm, trage ich etwas zum Ver¬ gnügen dieser vortrefflichen Herrschaft bey, und meine Muse hat noch kein so angeneh¬ mes Geschäfte gehabt, als zum Lob eines Fürsten, der so viel Verehrung verdient, auch nur stammelnd sich hören zu lassen. Ich will der Sache nachdenken, vielleicht gelingt es mir, unsere kleine Truppe so zu stellen, daß wir doch wenigstens einigen Effekt machen. Von diesem Augenblicke an sann Wil¬ helm eifrig dem Auftrage nach. Ehe er ein¬ schlief, hatte er alles schon ziemlich geordnet, und den andern Morgen, bey früher Zeit, war der Plan fertig, die Scenen entworfen, ja schon einige der vornehmsten Stellen und Gesänge in Verse und zu Papiere gebracht. Wilhelm eilte morgens gleich den Baron wegen gewisser Umstände zu sprechen, und legte ihm seinen Plan vor. Diesem gefiel er sehr wohl, doch bezeigte er einige Verwun¬ derung. Denn er hatte den Grafen gestern Abend von einem ganz andern Stücke spre¬ chen hören, welches nach seiner Angabe in Verse gebracht werden sollte. Es ist mir nicht wahrscheinlich, versetzte Wilhelm, daß es die Absicht des Herrn Gra¬ fen gewesen sey, gerade das Stück, so wie er es Melinen angegeben, fertigen zu lassen; wenn ich nicht irre, so wollte er uns blos durch einen Fingerzeig auf den rechten Weg weisen. Der Liebhaber und Kenner zeigt dem Künstler an, was er wünscht, und über¬ läßt ihm alsdann die Sorge das Werk her¬ vorzubringen. Mitnichten, versetzte der Baron, der Herr Graf verläßt sich darauf, daß das Stück so und nicht anders, wie er es angegeben, auf¬ geführt werde. Das Ihrige hat freylich eine E 2 entfernte Ähnlichkeit mit seiner Idee, und wenn wir es durchsetzen und ihn von seinen ersten Gedanken abbringen wollen, so müssen wir es durch die Damen bewirken. Vorzüg¬ lich weiß die Baronesse dergleichen Operatio¬ nen meisterlich anzulegen, es wird die Frage seyn, ob ihr der Plan so gefällt, daß sie sich der Sache annehmen mag, und dann wird es gewiß gehen. Wir brauchen ohnedieß die Hülfe der Damen, sagte Wilhelm, denn es möchte un¬ ser Personale und unsere Garderobe zu der Ausführung nicht hinreichen. Ich habe auf einige hübsche Kinder gerechnet, die im Hause hin und wieder laufen, und die dem Kammer¬ diener und dem Haushofmeister zugehören. Darauf ersuchte er den Baron, die Da¬ men mit seinem Plane bekannt zu machen. Dieser kam bald zurück und brachte die Nachricht, sie wollten ihn selbst sprechen. Heute Abend, wenn die Herren sich zum Spiele setzten, das ohnedieß wegen der An¬ kunft eines gewissen Generals ernsthafter werden würde, als gewöhnlich, wollten sie sich unter dem Vorwande einer Unpäßlichkeit in ihr Zimmer zurück ziehen, er sollte durch die geheime Treppe eingeführt werden, und könne alsdann seine Sache auf das beste vortragen. Diese Art von Geheimniß gebe der Angelegenheit nunmehr einen doppelten Reiz, und die Baronesse besonders freue sich wie ein Kind auf diesen Rendesvous, und noch mehr darauf, daß es heimlich und ge¬ schickt gegen den Willen des Grafen unter¬ nommen werden sollte. Gegen Abend, um die bestimmte Zeit, ward Wilhelm abgeholt und mit Vorsicht hinauf geführt. Die Art, mit der ihm die Baronesse in einem kleinen Kabinette entge¬ gen kam, erinnerte ihn einen Augenblick an vorige glückliche Zeiten. Sie brachte ihn in das Zimmer der Gräfin, und nun ging es an ein Fragen, an ein Untersuchen. Er legte seinen Plan mit der möglichsten Wärme und Lebhaftigkeit vor, so daß die Damen dafür ganz eingenommen wurden, und unsere Leser werden erlauben, daß wir sie auch in der Kürze damit bekannt machen. In einer ländlichen Scene sollten Kinder das Stück mit einem Tanze eröfnen, der je¬ nes Spiel vorstellte, wo eins herum gehen und dem andern einen Platz abgewinnen muß. Darauf sollten sie mit andern Scher¬ zen abwechseln und zuletzt zu einem immer wiederkehrenden Reihentanze ein fröhliches Lied singen. Darauf sollte der Harfner mit Mignon herbeykommen, Neugierde erregen und mehrere Landleute herbeylocken, der Alte sollte verschiedene Lieder zum Lobe des Frie¬ dens, der Ruhe, der Freude singen, und Mignon darauf den Eyertanz tanzen. In dieser unschuldigen Freude werden sie durch eine kriegerische Musik gestört, und die Gesellschaft von einem Trupp Soldaten über¬ fallen. Die Mannspersonen setzen sich zur Wehre und werden überwunden, die Mäd¬ chen fliehen und werden eingeholt. Es scheint alles im Getümmel zu Grunde zu gehen, als eine Person, über deren Be¬ stimmung der Dichter noch ungewiß war, herbey kommt und durch die Nachricht, daß der Heerführer nicht weit sey, die Ruhe wieder herstellt. Hier wird der Charakter des Helden mit den schönsten Zügen geschil¬ dert, mitten unter den Waffen Sicherheit versprochen, dem Übermuth und der Gewalt¬ thätigkeit Schranken gesetzt. Es wird ein allgemeines Fest zu Ehren des großmüthigen Heerführers begangen. Die Damen waren mit dem Plane sehr zufrieden, nur behaupteten sie, es müsse noth¬ wendig etwas Allegorisches in dem Stücke seyn, um es dem Herrn Grafen angenehm zu machen. Der Baron that den Vorschlag, den Anführer der Soldaten als den Genius der Zwietracht und der Gewaltthätigkeit zu bezeichnen; zuletzt aber müsse Minerva her¬ bey kommen, ihm Fesseln anzulegen, Nach¬ richt von der Ankunft des Helden zu geben und dessen Lob zu preisen. Die Baronesse übernahm das Geschäft, den Grafen zu über¬ zeugen, daß der von ihm angegebene Plan, nur mit einiger Veränderung, ausgeführt worden sey; dabey verlangte sie ausdrück¬ lich: daß am Ende des Stücks nothwendig die Büste, der verzogene Namen und der Fürstenhut erscheinen müßten, weil sonst alle Unterhandlung vergeblich seyn würde. Wilhelm, der sich schon im Geiste vorge¬ stellt hatte, wie fein er seinen Helden aus dem Munde der Minerva preisen wollte, gab nur nach langem Widerstande in diesem Punkte nach, allein er fühlte sich auf eine sehr angenehme Weise gezwungen. Die schönen Augen der Gräfin, und ihr liebens¬ würdiges Betragen hätten ihn gar leicht be¬ wogen, auch auf die schönste und angenehm¬ ste Erfindung, auf die so erwünschte Einheit einer Composition und auf alle schickliche Details Verzicht zu thun, und gegen sein poetisches Gewissen zu handeln. Eben so stand auch seinem bürgerlichen Gewissen ein harter Kampf bevor, indem, bey bestimmte¬ rer Austheilung der Rollen, die Damen aus¬ drücklich darauf bestanden, daß er mitspielen müsse. Laertes hatte zu seinem Theil jenen ge¬ waltthätigen Kriegsgott erhalten, Wilhelm sollte den Anführer der Landleute vorstellen, der einige sehr artige und gefühlvolle Verse zu sagen hatte. Nachdem er sich eine Zeit¬ lang gesträubt, mußte er sich endlich doch ergeben, besonders fand er keine Entschuldi¬ gung, da die Baronesse ihm vorstellte, die Schaubühne hier auf dem Schlosse sey ohne¬ dem nur als ein Gesellschaftstheater anzuse¬ hen, auf dem sie gern, wenn man nur eine schickliche Einleitung machen könnte, mitzu¬ spielen wünschte. Darauf entließen die Da¬ men unsern Freund mit vieler Freundlichkeit. Die Baronesse versicherte ihn, daß er ein unvergleichlicher Mensch sey, und begleitete ihn bis an die kleine Treppe, wo sie ihm mit einem Händedruck gute Nacht gab. Siebentes Capitel . B efeuert durch den aufrichtigen Antheil, den die Frauenzimmer an der Sache nahmen, ward der Plan, der ihm durch die Erzäh¬ lung gegenwärtiger geworden war, ganz le¬ bendig. Er brachte den größten Theil der Nacht und den andern Morgen mit der sorg¬ fältigsten Versification des Dialogs und der Lieder zu. Er war so ziemlich fertig, als er in das neue Schloß gerufen wurde, wo er hörte, daß die Herrschaft, die eben frühstückte, ihn sprechen wollte. Er trat in den Saal, die Baronesse kam ihm wieder zuerst entgegen, und unter dem Vorwande, als wenn sie ihm einen guten Morgen bieten wollte, lispelte sie heimlich zu ihm: Sagen Sie nichts von Ihrem Stücke, als was Sie gefragt wer¬ den. Ich höre, rief ihm der Graf zu, Sie sind recht fleißig und arbeiten an meinem Vor¬ spiele, das ich zu Ehren des Prinzen geben will. Ich billige, daß Sie eine Minerva darin anbringen wollen, und ich denke bey Zeiten darauf, wie die Göttin zu kleiden ist, damit man nicht gegen das Kostüme ver¬ stößt. Ich lasse deswegen aus meiner Bi¬ bliothek alle Bücher herbeybringen, worin sich das Bild derselben befindet. In eben dem Augenblicke traten einige Bediente mit großen Körben voll Büchern allerley Formats in den Saal. Montfaucon, die Sammlungen antiker Statüen, Gemmen und Münzen, alle Arten mythologischer Schriften wurden aufgeschla¬ gen und die Figuren verglichen. Aber auch daran war es noch nicht genug! Des Gra¬ fen vortreffliches Gedächtniß stellte ihm alle Minerven vor, die etwa noch auf Titel¬ kupfern, Vignetten, oder sonst vorkommen mochten. Es mußte deßhalb ein Buch nach dem andern aus der Bibliothek herbeyge¬ schafft werden, so daß der Graf zuletzt in einem Haufen von Büchern saß. Endlich, da ihm keine Minerva mehr einfiel, rief er mit Lachen aus: Ich wollte wetten, daß nun keine Minerva mehr in der ganzen Biblio¬ thek sey, und es möchte wohl das erstemal vorkommen, daß eine Büchersammlung so ganz und gar des Bildes ihrer Schutzgöttin entbehren muß. Die ganze Gesellschaft freute sich über den Einfall, und besonders Jarno, der den Grafen immer mehr Bücher herbeyzuschaffen gereizt hatte, lachte ganz unmäßig. Nunmehr, sagte der Graf, indem er sich zu Wilhelmen wendete, ist es eine Haupt¬ sache, welche Göttin meynen Sie? Minerva oder Pallas? die Göttin des Krieges oder der Künste? — Sollte es nicht am schicklichsten seyn, Euere Excellenz, versetzte Wilhelm, wenn man hierüber sich nicht bestimmt ausdrückte, und sie, eben weil sie in der Mythologie eine doppelte Person spielt, auch hier in dop¬ pelter Qualität erscheinen ließe. Sie meldet einen Krieger an, aber nur um das Volk zu beruhigen, sie preißt einen Helden, indem sie seine Menschlichkeit erhebt, sie überwindet die Gewaltthätigkeit und stellt die Freude und Ruhe unter dem Volke wieder her. Die Baronesse, der es bange wurde, Wil¬ helm möchte sich verrathen, schob geschwinde den Leibschneider der Gräfin dazwischen, der seine Meinung abgeben mußte, wie ein sol¬ cher antiker Rock auf das beste gefertiget werden könnte. Dieser Mann, in Masken¬ arbeiten erfahren, wußte die Sache sehr leicht zu machen, und da Madam Melina, ohn¬ geachtet ihrer hohen Schwangerschaft, die Rolle der himmlischen Jungfrau übernommen hatte, so wurde er angewiesen, ihr das Maas zu nehmen, und die Gräfin bezeichne¬ te, wiewohl mit einigem Unwillen ihrer Kammerjungfern, die Kleider aus der Gar¬ derobe, welche dazu verschnitten werden sollten. Auf eine geschickte Weise wußte die Ba¬ ronesse Wilhelmen wieder bey Seite zu schaf¬ fen, und ließ ihn bald darauf wissen, sie habe die übrigen Sachen auch besorgt. Sie schickte ihm zugleich den Musikum, der des Grafen Hauskapelle dirigirte, damit dieser theils die nothwendigen Stücke komponiren, theils schickliche Melodien aus dem Musik¬ vorrathe dazu aussuchen sollte. Nunmehr ging alles nach Wunsche, der Graf fragte dem Stücke nicht weiter nach, sondern war hauptsächlich mit der transparenten Dekora¬ tion beschäftigt, welche am Ende des Stük¬ kes die Zuschauer überraschen sollte. Seine Erfindung und die Geschicklichkeit seines Kon¬ ditors brachten zusammen wirklich eine recht angenehme Erleuchtung zuwege. Denn auf seinen Reisen hatte er die größten Feyerlich¬ keiten dieser Art gesehen, viele Kupfer und Zeichnungen mitgebracht, und wußte, was dazu gehörte, mit vielem Geschmacke anzu¬ geben. Unterdessen endigte Wilhelm sein Stück, gab einem jeden seine Rolle, übernahm die seinige, und der Musikus, der sich zugleich sehr gut auf den Tanz verstund, richtete das Ballet ein, und so ging alles zum besten. Nur ein unerwartetes Hinderniß legte sich in den Weg, das ihm eine böse Lücke zu machen drohte. Er hatte sich den grö߬ ten ten Effekt von Mignons Eyertanze verspro¬ chen, und wie erstaunt war er daher, als das Kind ihm, mit seiner gewöhnlichen Trok¬ kenheit, abschlug zu tanzen, versicherte, es sey nunmehr sein und werde nicht mehr auf das Theater gehen. Er suchte es durch allerley Zureden zu bewegen, und ließ nicht eher ab, als bis es bitterlich zu weinen anfing, ihm zu Füßen fiel und rief: lieber Vater! bleib auch du von den Brettern! Er merkte nicht auf diesen Wink, und sann, wie er durch eine andere Wendung die Scene interessant machen wollte. Philine, die eins von den Landmädchen machte, und in dem Reihentanz die einzelne Stimme singen und die Verse dem Chore zubringen sollte, freute sich recht ausgelassen darauf. Übrigens ging ihr es vollkommen nach Wunsche, sie hatte ihr besonderes Zim¬ mer, war immer um die Gräfin, die sie mit W. Meisters Lehrj. F ihren Affenpossen unterhielt, und dafür täg¬ lich etwas geschenkt bekam. Ein Kleid zu diesem Stücke wurde auch für sie zurechte gemacht, und weil sie von einer leichten nach¬ ahmenden Natur war, so hatte sie sich bald aus dem Umgange der Damen so viel ge¬ merkt, als sich für sie schickte, und war in kurzer Zeit voller Lebensart und guten Be¬ tragens geworden. Die Sorgfalt des Stall¬ meisters nahm mehr zu als ab, und da die Offiziere auch stark auf sie eindrangen, und sie sich in einem so reichlichen Elemente be¬ fand, fiel es ihr ein, auch einmal die Sprö¬ de zu spielen, und auf eine geschickte Weise sich in einem gewissen vornehmen Ansehn zu üben. Kalt und fein wie sie war, kannte sie in acht Tagen die Schwächen des ganzen Hauses, daß, wenn sie absichtlich hätte ver¬ fahren können, sie gar leicht ihr Glück wür¬ de gemacht haben. Allein auch hier bediente sie sich ihres Vortheils nur, um sich zu belu¬ stigen, um sich einen guten Tag zu machen und impertinent zu seyn, wo sie merkte, daß es ohne Gefahr geschehen konnte. Die Rollen waren gelernt, eine Haupt¬ probe des Stücks ward befohlen, der Graf wollte dabey seyn, und seine Gemahlin fing an zu sorgen, wie er es aufnehmen mögte? Die Baronesse berief Wilhelmen heimlich, und man zeigte, je näher die Stunde herbey rückte, immer mehr Verlegenheit: denn es war doch eben ganz und gar nichts von der Idee des Grafen übrig geblieben. Jarno, der eben herein trat, wurde in das Geheim¬ niß gezogen. Es freute ihn herzlich, und er war geneigt, seine gute Dienste den Damen anzubieten. Es wäre gar schlimm, sagte er, gnädige Frau, wenn Sie sich aus dieser Sache nicht allein heraus helfen wollten; doch auf alle Fälle will ich im Hinterhalte F 2 liegen bleiben. Die Baronesse erzählte hier¬ auf, wie sie bisher dem Grafen das ganze Stück, aber nur immer stellenweise und ohne Ordnung erzählt habe, daß er also auf jedes Einzelne vorbereitet sey, nur stehe er frey¬ lich in Gedanken, das Ganze werde mit sei¬ ner Idee zusammentreffen. Ich will mich, sagte sie, heute Abend in der Probe zu ihm setzen, und ihn zu zerstreuen suchen. Den Konditor habe ich auch schon vorgehabt, daß er ja die Dekoration am Ende recht schön macht, dabey aber doch etwas geringes feh¬ len läßt. Ich wüßte einen Hof, versetzte Jarno, wo wir so thätige und kluge Freunde brauch¬ ten, als Sie sind. Will es heut Abend mit Ihren Künsten nicht mehr fort, so winken Sie mir, und ich will den Grafen heraus holen, und ihn nicht eher wieder hinein las¬ sen, bis Minerva auftritt, und von der Il¬ lumination bald Sukkurs zu hoffen ist. Ich habe ihm schon seit einigen Tagen etwas zu eröffnen, das seinen Vetter betrift, und das ich noch immer aus Ursachen aufgeschoben habe. Es wird ihm auch das eine Distrak¬ tion geben, und zwar nicht die angenehmste. Einige Geschäfte hinderten den Grafen, zu Anfange der Probe zu seyn, dann unter¬ hielt ihn die Baronesse. Jarnos Hülfe war gar nicht nöthig. Denn indem der Graf ge¬ nug zurecht zu weisen, zu verbessern und an¬ zuordnen hatte, vergas er sich ganz und gar darüber, und da Frau Melina zuletzt nach seinem Sinne sprach, und die Illumination gut ausfiel, bezeigte er sich vollkommen zu¬ frieden. Erst als alles vorbey war, und man zum Spiele ging, schien ihm der Unter¬ schied aufzufallen, und er fing an nachzuden¬ ken, ob denn das Stück auch wirklich von seiner Erfindung sey? Auf einen Wink fiel nun Jarno aus seinem Hinterhalte hervor, der Abend verging, die Nachricht, daß der Prinz wirklich komme, bestätigte sich, man ritt einigemal aus, die Avantgarde in der Nachbarschaft kampiren zu sehen, das Haus war voller Lärmen und Unruhe, und unsere Schauspieler, die nicht immer zum besten von den unwilligen Bedienten versorgt wurden, mußten, ohne daß jemand sonderlich sich ihrer erinnerte, in dem alten Schlosse ihre Zeit in Erwartungen und Übungen zu¬ bringen. Achtes Capitel . E ndlich war der Prinz angekommen, die Generalität, die Staabsofficiere und das übrige Gefolge, das zu gleicher Zeit eintraf, die vielen Menschen, die theils zum Besuche, theils geschäftswegen einsprachen, machten das Schloß einem Bienenstocke ähnlich, der eben schwärmen will. Jederman drängte sich herbey, den vortrefflichen Fürsten zu se¬ hen, und jedermann bewunderte seine Leut¬ seligkeit und Herablassung, jedermann er¬ staunte in dem Helden und Heerführer zu¬ gleich den gefälligsten Hofmann zu erblicken. Alle Hausgenossen mußten nach Order des Grafen bey der Ankunft des Fürsten auf ihrem Posten seyn, kein Schauspieler durfte sich blicken lassen, weil der Prinz mit den vorbereiteten Feyerlichkeiten überrascht werden sollte, und so schien er auch des Abends, als man ihn in den großen wohl¬ erleuchteten und mit gewirkten Tapeten des vorigen Jahrhunderts ausgezierten Saal führte, ganz und gar nicht auf ein Schau¬ spiel, vielweniger auf ein Vorspiel zu seinem Lobe, vorbereitet zu seyn. Alles lief auf das beste ab, und die Truppe mußte nach vollen¬ deter Vorstellung herbey und sich dem Prin¬ zen zeigen, der jeden auf die freundlichste Weise etwas zu fragen, jedem auf die gefäl¬ ligste Art etwas zu sagen wußte. Wilhelm als Autor mußte besonders vortreten, und ihm ward gleichfalls sein Theil Beyfall zu¬ gespendet. Nach dem Vorspiele fragte niemand son¬ derlich, in einigen Tagen war es, als wenn nichts dergleichen wäre aufgeführt worden, außer daß Jarno mit Wilhelmen gelegent¬ lich davon sprach, und es sehr verständig lobte, nur setzte er hinzu: es ist Schade, daß Sie mit hohlen Nüssen um hohle Nüsse spie¬ len. — Mehrere Tage lag Wilhelmen die¬ ser Ausdruck im Sinne, er wußte nicht, wie er ihn auslegen, noch was er daraus neh¬ men sollte. Unterdessen spielte die Gesellschaft jeden Abend so gut, als sie es nach ihren Kräften vermochte, und that das mögliche, um die Aufmerksamkeit der Zuschauer auf sich zu ziehen. Ein unverdienter Beyfall munterte sie auf, und in ihrem alten Schlosse glaub¬ ten sie nun wirklich, eigentlich um ihretwil¬ len dränge sich die große Versammlung her¬ bey, nach ihren Vorstellungen ziehe sich die Menge der Fremden, und sie seyen der Mit¬ telpunkt, um den und um deswillen sich al¬ les drehe und bewege. Wilhelm allein bemerkte zu seinem großen Verdrusse gerade das Gegentheil. Denn ob¬ gleich der Prinz die ersten Vorstellungen von Anfange bis zu Ende auf seinem Sessel sitzend, mit der größten Gewissenhaftigkeit abwartete, so schien er sich doch nach und nach auf eine gute Weise davon zu dispensi¬ ren. Gerade diejenigen, welche Wilhelm im Gespräche als die Verständigsten gefunden hatte, Jarno an ihrer Spitze, brachten nur flüchtige Augenblicke im Theatersaale zu, übrigens saßen sie im Vorzimmer, spielten, oder schienen sich von Geschäften zu unter¬ halten. Wilhelmen verdroß gar sehr, bey seinen anhaltenden Bemühungen des erwünschtesten Beyfalls zu entbehren. Bey der Auswahl der Stücke, der Abschrift der Rollen, den häufigen Proben, und was sonst nur immer vorkommen konnte, ging er Melinen eifrig zur Hand, der ihn denn auch, seine eigene Unzulänglichkeit im stillen fühlend, zuletzt gewähren ließ. Die Rollen memorirte Wil¬ helm mit Fleiß, und trug sie mit Wärme und Lebhaftigkeit, und mit so viel Anstand vor, als die wenige Bildung erlaubte, die er sich selbst gegeben hatte. Die fortgesetzte Theilnahme des Barons benahm indeß der übrigen Gesellschaft jeden Zweifel, indem er sie versicherte, daß sie die größten Effekte hervorbringe, besonders in¬ dem sie eins seiner eigenen Stücke aufführ¬ te, nur bedauerte er, daß der Prinz eine ausschließende Neigung für das französische Theater habe, daß ein Theil seiner Leute hingegen, worunter sich Jarno besonders auszeichne, den Ungeheuren der englischen Bühne einen leidenschaftlichen Vorzug gebe. War nun auf diese Weise die Kunst un¬ srer Schauspieler nicht auf das beste bemerkt und bewundert; so waren dagegen ihre Per¬ sonen den Zuschauern und Zuschauerinnen nicht völlig gleichgültig. Wir haben schon oben angezeigt, daß die Schauspielerinnen gleich von Anfang die Aufmerksamkeit jun¬ ger Officiere erregten; allein sie waren in der Folge glücklicher, und machten wichtigere Eroberungen. Doch wir schweigen davon und bemerken nur, daß Wilhelm der Gräfin von Tag zu Tag interessanter vorkam, so wie auch in ihm eine stille Neigung gegen sie aufzukeimen anfing. Sie konnte, wenn er auf dem Theater war, die Augen nicht von ihm abwenden, und er schien bald nur allein gegen sie gerichtet zu spielen und zu rezitiren. Sich wechselseitig anzusehen, war ihnen ein unaussprechliches Vergnügen, dem sich ihre harmlosen Seelen ganz überließen, ohne lebhaftere Wünsche zu nähren, oder für irgend eine Folge besorgt zu seyn. Wie über einen Fluß hinüber, der sie scheidet, zwey feindliche Vorposten sich ruhig und lustig zusammen besprechen, ohne an den Krieg zu denken, in welchen ihre beiderseiti¬ gen Partheyen begriffen sind: so wechselte die Gräfin mit Wilhelm bedeutende Blicke über die ungeheure Kluft der Geburt und des Standes hinüber, und jedes glaubte an seiner Seite, sicher seinen Empfindungen nach¬ hängen zu dürfen. Die Baronesse hatte sich indessen den Laertes ausgesucht, der ihr als ein wackerer, munterer Jüngling besonders wohlgefiel, und der, so sehr Weiberfeind er war, doch ein vorbeygehendes Abentheuer nicht verschmähe¬ te, und wirklich dießmal wider Willen durch die Leutseligkeit und das einnehmende Wesen der Baronesse gefesselt worden wäre, hätte ihm der Baron zufällig nicht einen guten, oder, wenn man will, einen schlimmen Dienst erzeigt, indem er ihn mit den Gesinnungen dieser Dame näher bekannt machte. Denn als Laertes sie einst laut rühmte, und sie allen andern ihres Geschlechts vor¬ zog, versetzte der Baron scherzend: ich merke schon wie die Sachen stehen, unsre liebe Freundin hat wieder einen für ihre Ställe gewonnen. Dieses unglückliche Gleichniß, das nur zu klar auf die gefährlichen Liebko¬ sungen einer Circe deutete, verdroß Laertes über die maaßen, und er konnte dem Baron nicht ohne Ärgerniß zuhören, der ohne Barm¬ herzigkeit fortfuhr: Jeder Fremde glaubt, daß er der erste sey, dem ein so angenehmes Betragen gelte; aber er irrt gewaltig, denn wir alle sind ein¬ mal auf diesem Wege herum geführt wor¬ den; Mann, Jüngling oder Knabe, er sey wer er sey, muß sich eine Zeitlang ihr erge¬ ben, ihr anhängen, und sich mit Sehnsucht um sie bemühen. Den Glücklichen, der eben, in die Gärten einer Zauberin hinein tretend, von allen Se¬ ligkeiten eines künstlichen Frühlings empfan¬ gen wird, kann nichts unangenehmer über¬ raschen, als wenn ihm, dessen Ohr ganz auf den Gesang der Nachtigall lauscht, irgend ein verwandelter Vorfahr unvermuthet ent¬ gegen grunzt. Laertes schämte sich nach dieser Entdek¬ kung recht von Herzen, daß ihn seine Eitel¬ keit nochmals verleitet habe, von irgend ei¬ ner Frau auch nur im mindesten gut zu den¬ ken. Er vernachlässigte sie nunmehr völlig, hielt sich zu dem Stallmeister, mit dem er fleißig focht und auf die Jagd ging; bey Proben und Vorstellungen aber sich betrug, als wenn dieß blos eine Nebensache wäre. Der Graf und die Gräfin ließen manch¬ mal morgens einige von der Gesellschaft ru¬ fen, da jeder denn immer Philinens unver¬ dientes Glück zu beneiden Ursache fand. Der Graf hatte seinen Liebling, den Pedan¬ ten, oft Stundenlang bey seiner Toilette. Dieser Mensch ward nach und nach beklei¬ det, und bis auf Uhr und Dose equipirt und ausgestattet. Auch wurde die Gesellschaft manchmal sammt und sonders nach Tafel vor die ho¬ hen Herrschaften gefordert. Sie schätzten sich es zur größten Ehre, und bemerkten nicht, daß man zu eben derselben Zeit durch Jäger und Bediente eine Anzahl Hunde hereinbringen, und Pferde im Schloßhofe vorführen ließ. Man hatte Wilhelmen gesagt, daß er ja gelegentlich des Prinzen Liebling, Racine, loben, und dadurch auch von sich eine gute Meinung erwecken solle. Er fand dazu an einem solchen Nachmittage Gelegenheit, da er auch mit vorgefordert worden war, und der Prinz ihn fragte, ob er auch fleißig die großen großen französischen Theaterschriftsteller lese? darauf ihm denn Wilhelm mit einem sehr lebhaften Ja antwortete. Er bemerkte nicht, daß der Fürst, ohne seine Antwort abzuwar¬ ten, schon im Begriff war sich weg und zu jemand anders zu wenden, er faßte ihn viel¬ mehr sogleich und trat ihm beynah in den Weg, indem er fortfuhr: er schätze das fran¬ zösische Theater sehr hoch und lese die Werke der großen Meister mit Entzücken, besonders habe er zu wahrer Freude gehört, daß der Fürst den großen Talenten eines Racine völ¬ lige Gerechtigkeit wiederfahren lasse. Ich kann es mir vorstellen, fuhr er fort, wie vornehme und erhabene Personen einen Dich¬ ter schätzen müssen, der die Zustände ihrer höheren Verhältnisse so vortrefflich und rich¬ tig schildert. Corneille hat, wenn ich so sa¬ gen darf, große Menschen dargestellt, und Racine vornehme Personen. Ich kann mir, W. Meisters Lehrj. G wenn ich seine Stücke lese, immer den Dich¬ ter denken, der an einem glänzenden Hofe lebt, einen großen König vor Augen hat, mit den Besten umgeht, und in die Geheim¬ nisse der Menschheit dringt, wie sie sich hin¬ ter kostbar gewürkten Tapeten verbergen. Wenn ich seinen Brittanikus, seine Berenice studire, so kommt es mir wirklich vor, ich sey am Hofe, sey in das Große und Kleine dieser Wohnungen der irrdischen Götter ein¬ geweyht, und ich sehe, durch die Augen eines feinfühlenden Franzosen, Könige, die eine gan¬ ze Nation anbetet, Hofleute, die von viel tau¬ senden beneidet werden, in ihrer natürlichen Ge¬ stalt mit ihren Fehlern und Schmerzen. Die Anekdote, daß Racine sich zu Tode gegrämt habe, weil Ludwig der vierzehnte ihn nicht mehr angesehen, ihn seine Unzufriedenheit fühlen lassen, ist mir ein Schlüssel zu allen seinen Werken, und es ist unmöglich, daß ein Dichter von so großen Talenten, dessen Leben und Tod an den Augen eines Königes hängt, nicht auch Stücke schreiben solle, die des Beyfalls eines Königes und eines Für¬ sten werth seyen. Jarno war herbey getreten und hörte un¬ serem Freunde mit Verwunderung zu; der Fürst, der nicht geantwortet und nur mit ei¬ nem gefälligen Blicke seinen Beyfall gezeigt hatte, wandte sich seitwärts, obgleich Wil¬ helm, dem es noch unbekannt war, daß es nicht anständig sey, unter solchen Umständen einen Diskurs fortsetzen und eine Materie erschöpfen zu wollen, noch gerne mehr ge¬ sprochen und dem Fürsten gezeigt hätte, daß er nicht ohne Nutzen und Gefühl seinen Lieb¬ lingsdichter gelesen. Haben Sie denn niemals, sagte Jarno, G 2 indem er ihn beyseite nahm, ein Stück von Shakespearen gesehen? Nein, versetzte Wilhelm: denn seit der Zeit, daß sie in Deutschland bekannter ge¬ worden sind, bin ich mit dem Theater unbe¬ kannt worden, und ich weiß nicht, ob ich mich freuen soll, daß sich zufällig eine alte jugendliche Liebhaberey und Beschäftigung gegenwärtig wieder erneuerte. Indessen hat mich alles, was ich von jenen Stücken ge¬ hört, nicht neugierig gemacht, solche seltsame Ungeheuer näher kennen zu lernen, die über alle Wahrscheinlichkeit, allen Wohlstand hin¬ auszuschreiten scheinen. Ich will Ihnen denn doch rathen, ver¬ setzte jener, einen Versuch zu machen, es kann nichts schaden, wenn man auch das seltsame mit eigenen Augen sieht. Ich will Ihnen ein Paar Theile borgen, und Sie können Ihre Zeit nicht besser anwenden, als wenn Sie sich gleich von allen losmachen, und in der Einsamkeit Ihrer alten Wohnung in die Zauberlaterne dieser unbekannten Welt sehen. Es ist sündlich, daß Sie Ihre Stunden ver¬ derben, diese Affen menschlicher auszuputzen, und diese Hunde tanzen zu lehren. Nur eins halte ich mir aus, daß Sie sich an die Form nicht stoßen, das übrige kann ich Ihrem richtigen Gefühle überlassen. Die Pferde standen vor der Thüre, und Jarno setzte sich mit einigen Cavalieren auf, um sich mit der Jagd zu erlustigen. Wil¬ helm sah ihm traurig nach. Er hätte gerne mit diesem Manne noch vieles gesprochen, der ihm, wiewohl auf eine unfreundliche Art, neue Ideen gab, Ideen deren er bedurfte. Der Mensch kommt manchmal, indem er sich einer Entwicklung seiner Kräfte, Fähig¬ keiten und Begriffe nähert, in eine Verlegen¬ heit, aus der ihm ein guter Freund leicht helfen könnte. Er gleicht einem Wanderer, der nicht weit von der Herberge ins Wasser fällt; griffe jemand sogleich zu, risse ihn ans Land, so wäre es um einmal naß werden gethan, anstatt daß er sich auch wohl selbst, aber am jenseitigen Ufer, heraus hilft, und einen beschwerlichen weiten Umweg nach sei¬ nem bestimmten Ziele zu machen hat. Wilhelm fing an zu wittern, daß es in der Welt anders zugehe, als er sich es ge¬ dacht, er sah das wichtige und bedeutungs¬ volle Leben der Vornehmen und Großen in der Nähe, und verwunderte sich, wie einen leichten Anstand sie ihm zu geben wußten. Ein Heer auf dem Marsche, ein fürstlicher Held an seiner Spitze, so viele mitwürkende Krieger, so viele zudringende Verehrer er¬ höhten seine Einbildungskraft. In dieser Stimmung erhielt er die versprochenen Bü¬ cher, und in kurzem, wie man es vermuthen kann, ergriff ihn der Strom jenes großen Genius, und führte ihn einem unübersehli¬ chen Meere zu, worin er sich gar bald völ¬ lig vergaß und verlor. Neuntes Capitel . D as Verhältniß des Barons zu den Schau¬ spielern hatte seit ihrem Auffenthalte im Schlosse verschiedene Veränderungen erlitten. Im Anfange gereichte es zu beiderseitiger Zufriedenheit: denn indem der Baron das erstemal in seinem Leben eines seiner Stücke, mit denen er ein Gesellschaftstheater schon belebt hatte, in den Händen wirklicher Schau¬ spieler und auf dem Wege zu einer anstän¬ digen Vorstellung sah, war er von dem be¬ sten Humor, bewies sich freygebig, und kauf¬ te bey jedem Galanteriehändler, deren sich manche einstellten, kleine Geschenke für die Schauspielerinnen, und wußte den Schau¬ spielern manche Bouteille Champagner extra zu verschaffen; dagegen gaben sie sich auch mit seinen Stücken alle Mühe, und Wil¬ helm sparte keinen Fleiß, die herrlichen Reden des vortrefflichen Helden, dessen Rolle ihm zugefallen war, auf das genauste zu memo¬ riren. Indessen hatten sich doch auch nach und nach einige Mißhelligkeiten eingeschlichen. Die Vorliebe des Barons für gewisse Schau¬ spieler wurde von Tag zu Tag merklicher, und nothwendig mußte dieß die übrigen ver¬ drießen. Er erhob seine Günstlinge ganz ausschließlich, und brachte dadurch Eifersucht und Uneinigkeit unter die Gesellschaft. Me¬ lina, der sich bey streitigen Fällen ohnedem nicht zu helfen wußte, befand sich in einem sehr unangenehmen Zustande. Die Gepriese¬ nen nahmen das Lob an, ohne sonderlich dankbar zu seyn, und die Zurückgesetzten ließen auf allerley Weise ihren Verdruß spühren, und wußten ihrem erst hochverehr¬ ten Gönner den Aufenthalt unter ihnen auf eine oder die andere Weise unangenehm zu machen, ja es war ihrer Schadenfreude keine geringe Nahrung, als ein gewisses Gedicht, dessen Verfasser man nicht kannte, im Schlosse viele Bewegung verursachte. Bisher hatte man sich immer, doch auf eine ziemlich feine Weise, über den Umgang des Barons mit den Comödianten aufgehalten, man hatte allerley Geschichten auf ihn gebracht, gewisse Vorfälle ausgeputzt, und ihnen eine lustige und interessante Gestalt gegeben. Zuletzt fing man an zu erzählen, es entstehe eine Art von Handwerksneid zwischen ihm und einigen Schauspielern, die sich auch einbilde¬ ten, Schriftsteller zu seyn, und auf diese Sage gründet sich das Gedicht, von welchem wir sprachen, und welches lautete wie folgt: Ich armer Teufel, Herr Baron, Beneide Sie um Ihren Stand, Um Ihren Platz so nah am Thron, Und um manch schön Stück Acker Land, Um Ihres Vaters festes Schloß, Um seine Wildbahn und Geschoß. Mich armen Teufel, Herr Baron, Beneiden Sie, so wie es scheint, Weil die Natur vom Knaben schon Mit mir es mütterlich gemeint. Ich ward, mit leichtem Muth und Kopf, Zwar arm, doch nicht ein armer Tropf. Nun dächt’ ich, lieber Herr Baron, Wir ließen’s beide wie wir sind: Sie blieben des Herrn Vaters Sohn, Und ich blieb meiner Mutter Kind. Wir leben ohne Neid und Haß, Begehren nicht des andern Titel, Sie keinen Platz auf dem Parnaß, Und keinen ich in dem Capitel. Die Stimmen über dieses Gedicht, das in einigen fast unleserlichen Abschriften sich in verschiedenen Händen befand, waren sehr ge¬ theilt, auf den Verfasser aber wußte niemand zu muthmaßen, und als man mit einiger Schadenfreude sich darüber zu ergötzen an¬ fing, erklärte sich Wilhelm sehr dagegen. Wir Deutschen, rief er aus, verdienten, daß unsre Musen in der Verachtung blieben, in der sie so lange geschmachtet haben, da wir nicht Männer von Stande zu schätzen wissen, die sich mit unsrer Litteratur auf ir¬ gend eine Weise abgeben mögen. Geburt, Stand und Vermögen stehen in keinem Wi¬ derspruch mit Genie und Geschmack, das ha¬ ben uns fremde Nationen gelehrt, welche unter ihren besten Köpfen eine große Anzahl Edelleute zählen. War es bisher in Deutsch¬ land ein Wunder, wenn ein Mann von Ge¬ burt sich den Wissenschaften widmete, wurden bisher nur weniger berühmte Nahmen durch ihre Neigung zu Kunst und Wissenschaft noch berühmter; stiegen dagegen manche aus der Dunkelheit hervor, und traten wie unbe¬ kannte Sterne an den Horizont, so wird das nicht immer so seyn, und wenn ich mich nicht sehr irre, so ist die erste Klasse der Nation auf dem Wege, sich ihrer Vortheile auch zu Erringung des schönsten Kranzes der Musen in Zukunft zu bedienen. Es ist mir daher nichts unangenehmer, als wenn ich nicht al¬ lein den Bürger oft über den Edelmann, der die Musen zu schätzen weiß, spotten, sondern auch Personen von Stande selbst mit un¬ überlegter Laune und niemals zu billigender Schadenfreude ihres Gleichen von einem Wege abschrecken sehe, auf dem einen jeden Ehre und Zufriedenheit erwartet. Es schien die letzte Äusserung gegen den Grafen gerichtet zu seyn, von welchem Wil¬ helm gehört hatte, daß er das Gedicht wirk¬ lich gut finde. Freylich war diesem Herrn, der immer auf seine Art mit dem Baron zu scherzen pflegte, ein solcher Anlaß sehr er¬ wünscht, seinen Verwandten auf alle Weise zu plagen. Jedermann hatte seine eigne Muthmaßungen, wer der Verfasser des Ge¬ dichtes seyn könnte, und der Graf, der sich nicht gern im Scharfsinn von jemand über¬ troffen sah, fiel auf einen Gedanken, den er sogleich zu beschwören bereit war: das Ge¬ dicht könne sich nur von seinem Pedanten herschreiben, der ein sehr feiner Bursche sey, und an dem er schon lange so etwas poeti¬ sches Genie gemerkt habe. Um sich ein rech¬ tes Vergnügen zu machen, ließ er deswegen an einem Morgen diesen Schauspieler rufen, der ihm in Gegenwart der Gräfin, der Ba¬ ronesse und Jarnos das Gedicht nach seiner Art vorlesen mußte, und dafür Lob, Beyfall und ein Geschenk einerndtete, und die Frage des Grafen, ob er nicht sonst noch einige Gedichte von früheren Zeiten besitze? mit Klugheit abzulehnen wußte. So kam der Pedant zum Rufe eines Dichters, eines Witz¬ lings, und in den Augen derer, die dem Ba¬ ron günstig waren, eines Pasquillanten und schlechten Menschen. Von der Zeit an ap¬ plaudirte ihn der Graf nur immer mehr, er mochte seine Rolle spielen wie er wollte, so daß der arme Mensch zuletzt aufgeblasen, ja beynahe verrückt wurde, und darauf sann, gleich Philinen ein Zimmer im neuen Schlosse zu beziehen. Wäre dieser Plan sogleich zu vollführen gewesen, so möchte er einen großen Unfall vermieden haben. Denn als er eines Abends spät nach dem alten Schlosse ging, und in dem dunkeln engen Wege herum tappte, ward er auf einmal angefallen, von einigen Personen festgehalten, indessen andere auf ihn wacker losschlugen, und ihn im Finstern so zerdraschen, daß er beynahe liegen blieb, und nur mit Mühe zu seinen Kameraden hinauf kroch, die, so sehr sie sich entrüstet stellten, über diesen Unfall ihre heimliche Freude fühlten, und sich kaum des Lachens erwehren konnten, als sie ihn so wohl durch¬ walkt und seinen neuen braunen Rock über und über weiß, als wenn er mit Müllern Händel gehabt, bestäubt und befleckt sahen. Der Graf, der sogleich hiervon Nachricht erhielt, brach in einen unbeschreiblichen Zorn aus. Er behandelte diese That als das größte Verbrechen, qualifizirte sie zu einem beleidigten Burgfrieden, und ließ durch sei¬ nen Gerichtshalter die strengste Inquisition vornehmen. Der weißbestäubte Rock sollte eine Hauptanzeige geben. Alles was nur irgend mit Puder und Mehl im Schlosse zu schaffen haben konnte, wurde mit in die Un¬ tersuchung gezogen, jedoch vergebens. Der Baron versicherte bey seiner Ehre feyer¬ feyerlich: jene Art zu scherzen habe ihm frey¬ lich sehr mißfallen, und das Betragen des Herrn Grafen sey nicht das freundschaftlich¬ ste gewesen, aber er habe sich darüber hin¬ auszusetzen gewußt, und an dem Unfall, der dem Poeten oder Pasquillanten, wie man ihn nennen wolle, begegnet, habe er nicht den mindesten Antheil. Die übrigen Bewegungen der Fremden und die Unruhe des Hauses brachten bald die ganze Sache in Vergessenheit, und der unglückliche Günstling mußte das Vergnügen, fremde Federn eine kurze Zeit getragen zu haben, theuer bezahlen. Unsere Truppe, die regelmäßig alle Aben¬ de fortspielte, und im Ganzen sehr wohl ge¬ halten wurde, fing nun an, je besser es ihr ging, desto größere Anforderungen zu machen. In kurzer Zeit war ihnen Essen, Trinken, Aufwartung, Wohnung zu gering, und sie W. Meisters Lehrj. H lagen ihrem Beschützer, dem Baron, an, daß er für sie besser sorgen, und ihnen zu dem Genusse und der Bequemlichkeit, die er ihnen versprochen, doch endlich verhelfen solle. Ihre Klagen wurden lauter, und die Bemühungen ihres Freundes, ihnen genug zu thun, immer fruchtloser. Wilhelm kam indessen, ausser in Proben und Spielstunden, wenig mehr zum Vor¬ scheine. In einem der hintersten Zimmer verschlossen, wozu nur Mignon und dem Harfner der Zutritt gerne verstattet wurde, lebte und webte er in der shakespearischen Welt, so daß er ausser sich nichts kannte noch empfand. Man erzählt von Zauberern, die durch magische Formeln eine ungeheure Menge al¬ lerley geistiger Gestalten in ihre Stube her¬ beyziehen. Die Beschwörungen sind so kräf¬ tig, daß sich bald der Raum des Zimmers ausfüllt, und die Geister bis an den kleinen gezogenen Kreis hinan gedrängt, um densel¬ ben und über dem Haupte des Meisters in ewig drehender Verwandlung sich bewegend vermehren. Jeder Winkel ist vollgepfropft, und jedes Gesims besetzt, Eier dehnen sich aus und Riesengestalten ziehen sich in Pil¬ zen zusammen. Unglücklicher Weise hat der Schwarzkünstler das Wort vergessen, womit er diese Geisterfluth wieder zur Ebbe bringen könnte. — So saß Wilhelm, und mit un¬ bekannter Bewegung wurden tausend Em¬ pfindungen und Fähigkeiten in ihm rege, von denen er keinen Begrif und keine Ahn¬ dung gehabt hatte. Nichts konnte ihn aus diesem Zustande reissen, und er war sehr un¬ zufrieden, wenn irgend jemand zu kommen Gelegenheit nahm, um ihn von dem, was auswärts vorging, zu unterhalten. So merkte er kaum auf, als man ihm H 2 die Nachricht brachte, es sollte in dem Schlo߬ hof eine Execution vorgehen und ein Knabe gestäupt werden, der sich eines nächtlichen Einbruchs verdächtig gemacht habe, und da er den Rock eines Perückenmachers trage, wahrscheinlich mit unter den Meuchelmördern gewesen sey. Der Knabe läugne zwar auf das hartnäckigste, und man könne ihn des¬ wegen nicht förmlich bestrafen, wolle ihm aber als einem Vagabunden einen Denkzettel geben und ihn weiter schicken, weil er einige Tage in der Gegend herumgeschwärmt sey, sich des Nachts in den Mühlen aufgehalten, endlich eine Leiter an die Gartenmauer an¬ gelehnt habe, und herüber gestiegen sey. Wilhelm fand an dem ganzen Handel nichts sonderlich merkwürdig, als Mignon hastig herein kam und ihn versicherte, der Gefangene sey Friedrich, der sich seit den Händeln mit dem Stallmeister von der Ge¬ sellschaft und aus unsern Augen verlohren hatte. Wilhelm, den der Knabe interessirte, machte sich eilends auf, und fand im Schlo߬ hofe schon Zurüstungen. Denn der Graf liebte die Feyerlichkeit auch in dergleichen Fällen. Der Knabe wurde herbeygebracht. Wilhelm trat dazwischen und bat, daß man inne hal¬ ten mögte, indem er den Knaben kenne, und vorher erst verschiedenes seinetwegen anzu¬ bringen habe. Er hatte Mühe mit seinen Vorstellungen durchzudringen, und erhielt endlich die Erlaubniß, mit dem Delinquenten allein zu sprechen. Dieser versicherte, von dem Überfalle, bey dem ein Akteur sollte gemißhandelt worden seyn, wisse er gar nichts. Er sey nur um das Schloß herum gestreift, und des Nachts herein geschlichen, um Phi¬ linen aufzusuchen, deren Schlafzimmer er ausgekundschaftet gehabt, und es auch gewiß würde getroffen haben, wenn er nicht unter¬ wegens aufgefangen worden wäre. Wilhelm, der, zur Ehre der Gesellschaft, das Verhältniß nicht gerne entdecken wollte, eilte zu dem Stallmeister und bat ihn, nach seiner Kenntniß der Personen und des Hau¬ ses, diese Angelegenheit zu vermitteln, und den Knaben zu befreyen. Dieser launigte Mann erdachte, unter Wilhelms Beystand, eine kleine Geschichte, daß der Knabe zur Truppe gehört habe, von ihr entlaufen sey, doch wieder gewünscht, sich bey ihr einzufinden und aufgenommen zu werden. Er habe deswegen die Absicht ge¬ habt, bey Nachtzeit einige seiner Gönner aufzusuchen, und sich ihnen zu empfehlen. Man bezeugte übrigens, daß er sich sonst gut aufgeführt, die Damen mischten sich darein, und er ward entlassen. Wilhelm nahm ihn auf, und er war nun¬ mehr die dritte Person der wunderbaren Fa¬ milie, die Wilhelm seit einiger Zeit als seine eigene ansah. Der Alte und Mignon nah¬ men den Wiederkehrenden freundlich auf, und alle drey verbanden sich nunmehr, ihrem Freunde und Beschützer aufmerksam zu die¬ nen, und ihm etwas angenehmes zu erzeigen. Zehntes Capitel. P hiline wußte sich nun täglich besser bey den Damen einzuschmeicheln. Wenn sie zusam¬ men allein waren, leitete sie meistentheils das Gespräch auf die Männer, die kamen und gingen, und Wilhelm war nicht der letzte, mit dem man sich beschäftigte. Dem klugen Mäd¬ chen blieb es nicht verborgen, daß er einen tiefen Eindruck auf das Herz der Gräfin ge¬ macht habe; sie erzählte daher von ihm was sie wußte und nicht wußte; hütete sich aber irgend etwas vorzubringen, das man zu sei¬ nem Nachtheil hätte deuten können, und rühmte dagegen seinen Edelmuth, seine Frey¬ gebigkeit und besonders seine Sittsamkeit im Betragen gegen das weibliche Geschlecht. Alle übrigen Fragen, die an sie geschahen, be¬ antwortete sie mit Klugheit, und als die Ba¬ ronesse die zunehmende Neigung ihrer schö¬ nen Freundin bemerkte, war auch ihr diese Entdeckung sehr willkommen. Denn ihre Verhältnisse zu mehreren Männern, beson¬ ders in diesen letzten Tagen zu Jarno, blie¬ ben der Gräfin nicht verborgen, deren reine Seele einen solchen Leichtsinn nicht ohne Mißbilligung und ohne sanften Tadel bemer¬ ken konnte. Auf diese Weise hatte die Baronesse so¬ wohl als Philine, jede ein besonderes Inter¬ esse, unsern Freund der Gräfin näher zu bringen, und Philine hoffte noch überdieß bey Gelegenheit, wieder für sich zu arbeiten, und die verlohrne Gunst des jungen Man¬ nes sich wo möglich wieder zu erwerben. Eines Tags, als der Graf mit der übri¬ gen Gesellschaft auf die Jagd geritten war, und man die Herren erst den andern Mor¬ gen zurück erwartete, ersann sich die Baro¬ nesse einen Scherz, der völlig in ihrer Art war, denn sie liebte die Verkleidungen und kam, um die Gesellschaft zu überraschen, bald als Bauermädchen, bald als Page, bald als Jägerbursche zum Vorschein. Sie gab sich dadurch das Ansehn einer kleinen Fee, die überall, und gerade da, wo man sie am we¬ nigsten vermuthet, gegenwärtig ist. Nichts glich ihrer Freude, wenn sie unerkannt eine Zeitlang die Gesellschaft bedient, oder sonst unter ihr gewandelt hatte, und sie sich zu¬ letzt auf eine scherzhafte Weise zu entdecken wußte. Gegen Abend ließ sie Wilhelmen auf ihr Zimmer fordern, und da sie eben noch etwas zu thun hatte, sollte Philine ihn vorbereiten. Er kam und fand nicht ohne Verwunde¬ rung, statt der gnädigen Frauen, das leicht¬ fertige Mädchen im Zimmer. Sie begegnete ihm mit einer gewissen anständigen Freymü¬ thigkeit, in der sie sich bisher geübt hatte, und nöthigte ihn dadurch gleichfalls zur Höflichkeit. Zuerst scherzte sie im Allgemeinen über das gute Glück, das ihn verfolge, und ihn auch, wie sie wohl merke, gegenwärtig hier¬ her gebracht habe, sodann warf sie ihm auf eine angenehme Art sein Betragen vor, wo¬ mit er sie bisher gequält habe, schalt und beschuldigte sich selbst, gestand, daß sie sonst wohl so seine Begegnung verdient, machte eine so aufrichtige Beschreibung ihres Zustan¬ des, den sie den vorigen nannte, und setzte hinzu: daß sie sich selbst verachten müsse, wenn sie nicht fähig wäre sich zu ändern, und sich seiner Freundschaft werth zu machen. Wilhelm war über diese Rede betroffen. Er hatte zu wenig Kenntniß der Welt, um zu wissen, daß eben ganz leichtsinnige und der Besserung unfähige Menschen sich oft am lebhaftesten anklagen, ihre Fehler mit großer Freymüthigkeit bekennen und bereuen, ob sie gleich nicht die mindeste Kraft in sich haben, von dem Wege zurück zu treten, auf den eine übermächtige Natur sie hinreißt. Er konnte daher nicht unfreundlich gegen die zierliche Sünderin bleiben; er ließ sich mit ihr in ein Gespräch ein, und vernahm von ihr den Vorschlag zu einer sonderbaren Ver¬ kleidung, womit man die schöne Gräfin zu überraschen gedachte. Er fand dabey einiges Bedenken, das er Philinen nicht verheelte; allein die Barones¬ se, welche in dem Augenblick herein trat, ließ ihm keine Zeit zu Zweifeln übrig, sie zog ihn vielmehr mit sich fort, indem sie ver¬ sicherte, es sey eben die rechte Stunde. Es war dunkel geworden, und sie führte ihn in die Garderobe des Grafen, ließ ihn seinen Rock ausziehen, und in den seidnen Schlafrock des Grafen hinein schlupfen, setzte ihm darauf die Mütze mit dem rothen Ban¬ de auf, führte ihn ins Kabinet und hieß ihn, sich in den großen Sessel setzen und ein Buch nehmen, zündete die argantische Lampe selbst an, die vor ihm stand, und unterrichtete ihn, was er zu thun, und was er für eine Rolle zu spielen habe. Man werde, sagte sie, der Gräfin die unvermuthete Ankunft ihres Gemahls, und seine üble Laune ankündigen, sie werde kom¬ men, einigemal im Zimmer auf und abgehn, sich alsdann auf die Lehne des Sessels setzen, ihren Arm auf seine Schulter legen, und ei¬ nige Worte sprechen. Er solle seine Ehmanns¬ rolle so lange und so gut als möglich spielen, wenn er sich aber endlich entdecken müßte, so solle er hübsch artig und galant seyn. Wilhelm saß nun unruhig genug in die¬ ser wunderlichen Maske, der Vorschlag hat¬ te ihn überrascht, und die Ausführung eilte der Überlegung zuvor. Schon war die Ba¬ ronesse wieder zum Zimmer hinaus, als er erst bemerkte, wie gefährlich der Posten war, den er eingenommen hatte. Er leugnete sich nicht, daß die Schönheit, die Jugend, die Anmuth der Gräfin einigen Eindruck auf ihn gemacht hatten; allein da er seiner Na¬ tur nach von aller leeren Galanterie weit entfernt war, und ihm seine Grundsätze einen Gedanken an ernsthaftere Unternehmungen nicht erlaubten, so war er wirklich in diesem Augenblicke in nicht geringer Verlegenheit. Die Furcht, der Gräfin zu mißfallen, oder ihr mehr als billig zu gefallen, war gleich groß bey ihm. Jeder weibliche Reiz, der jemals auf ihn gewirkt hatte, zeigte sich wieder vor seiner Einbildungskraft. Mariane erschien ihm im weißen Morgenkleide, und flehte um sein Andenken. Philinens Liebenswürdigkeit, ihre schönen Haare, und ihr einschmeichelndes Be¬ tragen waren durch ihre neuste Gegenwart wieder wirksam geworden, doch alles trat wie hinter den Flor der Entfernung zurück, wenn er sich die edle, blühende Gräfin dachte, de¬ ren Arm er in wenig Minuten an seinem Halse fühlen sollte, deren unschuldige Liebko¬ sungen er zu erwiedern aufgefordert war. Die sonderbare Art, wie er aus dieser Verlegenheit sollte gezogen werden, ahndete er freylich nicht. Denn wie groß war sein Erstaunen, ja sein Schrecken, als hinter ihm die Thüre sich aufthat, und er bey dem er¬ sten verstohlnen Blick, den er in den Spiegel warf, den Grafen ganz deutlich erblickte, der mit einem Lichte in der Hand herein trat. Sein Zweifel, was er zu thun habe, ob er sitzen bleiben oder aufstehen, fliehen, beken¬ nen, leugnen oder um Vergebung bitten solle, dauerte nur einige Augenblicke. Der Graf, der unbeweglich in der Thüre stehen geblie¬ ben war, trat zurück und machte sie sachte zu. In dem Moment sprang die Baronesse zur Seitenthüre herein, löschte die Lampe aus, riß Wilhelmen vom Stuhle, und zog ihn nach sich in das Kabinet. Geschwind warf er den Schlafrock ab, der sogleich wie¬ der seinen gewöhnlichen Platz erhielt. Die Baronesse nahm Wilhelms Rock über den Arm, und eilte mit ihm durch einige Stuben, Gänge und Verschläge in ihr Zimmer, wo Wilhelm, nachdem sie sich erhohlt hatte, von ihr vernahm: sie sey zu der Gräfin gekom¬ men, um ihr die erdichtete Nachricht von der Ankunft des Grafen zu bringen. Ich weiß es schon, sagte die Gräfin: was mag wohl begegnet seyn? Ich habe ihn so eben zum Seitenthore herein reiten sehen. Erschrocken sey sey die Baronesse sogleich auf des Grafen Zimmer gelaufen, um ihn abzuholen. Unglücklicherweise sind Sie zu spät ge¬ kommen! rief Wilhelm aus. Der Graf war vorhin im Zimmer, und hat mich sitzen sehen. Hat er Sie erkannt? Ich weis es nicht. Er sah mich im Spie¬ gel, so wie ich ihn, und eh’ ich wußte, ob es ein Gespenst oder er selbst war, trat er schon wieder zurück, und drückte die Thüre hinter sich zu. Die Verlegenheit der Baronesse vermehrte sich, als ein Bedienter sie zu rufen kam, und anzeigte, der Graf befinde sich bey seiner Gemahlin. Mit schwerem Herzen ging sie hin, und fand den Grafen zwar still und in sich gekehrt, aber in seinen Äusserungen mil¬ der und freundlicher als gewöhnlich. Sie wußte nicht, was sie denken sollte. Man sprach von den Vorfällen der Jagd und den W. Meisters Lehrj. I Ursachen seiner früheren Zurückkunft. Das Gespräch ging bald aus. Der Graf ward stille, und besonders mußte der Baronesse auffallen, als er nach Wilhelmen fragte, und den Wunsch äusserte: man möchte ihn rufen lassen, damit er etwas vorlese. Wilhelm, der sich im Zimmer der Baro¬ nesse wieder angekleidet und einigermaßen erholt hatte, kam nicht ohne Sorgen auf den Befehl herbey. Der Graf gab ihm ein Buch, aus welchem er eine abentheuerliche Novelle nicht ohne Beklemmung vorlas. Sein Ton hatte etwas Unsicheres, Zitterndes, das sich glücklicherweise zu dem Inhalt der Geschichte schickte. Der Graf gab einigemal freundliche Zeichen des Beyfalls, und lobte den besondern Ausdruck der Vorlesung, da er zuletzt unsern Freund entließ. Eilftes Capitel . W ilhelm hatte kaum einige Stücke Sha¬ kespears gelesen, als ihre Wirkung auf ihn so stark wurde, daß er weiter fortzufahren nicht im Stande war. Seine ganze Seele gerieth in Bewegung. Er suchte Gelegenheit, mit Jarno zu sprechen, und konnte ihm nicht genug für die verschafte Freude danken. Ich habe es wohl vorausgesehen, sagte dieser, daß Sie gegen die Trefflichkeiten des ausserordentlichsten und wunderbarsten aller Schriftsteller nicht unempfindlich bleiben wür¬ den. Ja, rief Wilhelm aus, ich erinnere mich nicht, daß ein Buch, ein Mensch oder irgend eine Begebenheit des Lebens so große Wir¬ kungen auf mich hervorgebracht hätte, als I 2 die köstlichen Stücke, die ich durch Ihre Gü¬ tigkeit habe kennen lernen. Sie scheinen ein Werk eines himmlischen Genius zu seyn, der sich den Menschen nähert, um sie mit sich selbst auf die gelindeste Weise bekannt zu machen. Es sind keine Gedichte! man glaubt vor den aufgeschlagenen, ungeheuren Bü¬ chern des Schicksals zu stehen, in denen der Sturmwind des bewegtesten Lebens saust, und sie mit Gewalt rasch hin und wieder blättert. Ich bin über die Stärke und Zart¬ heit, über die Gewalt und Ruhe so erstaunt, und ausser aller Fassung gebracht, daß ich nur mit Sehnsucht auf die Zeit warte, da ich mich in einem Zustande befinden werde, weiter zu lesen. Bravo, sagte Jarno, indem er unserm Freunde die Hand reichte und sie ihm drück¬ te, so wollte ich es haben! und die Folgen, die ich hoffe, werden gewiß auch nicht aus¬ bleiben. — Ich wünschte, versetzte Wilhelm, daß ich Ihnen alles, was gegenwärtig in mir vor¬ geht, entdecken könnte! Alle Vorgefühle, die ich jemals über Menschheit und ihre Schick¬ sale gehabt, die mich von Jugend auf, mir selbst unbemerkt, begleiteten, finde ich in Shakespears Stücken erfüllt und entwickelt. Es scheint, als wenn er uns alle Räthsel offenbarte, ohne daß man doch sagen kann: hier oder da ist das Wort der Auflösung. Seine Menschen scheinen natürliche Men¬ schen zu seyn, und sie sind es doch nicht. Diese geheimnißvollsten und zusammenge¬ setztesten Geschöpfe der Natur handeln vor uns in seinen Stücken, als wenn sie Uhren wären, deren Zifferblatt und Gehäuse man von Kristall gebildet hätte, sie zeigen nach ihrer Bestimmung den Lauf der Stunden an, und man kann zugleich das Räder- und Fe¬ derwerk erkennen, das sie treibt. Diese we¬ nigen Blicke, die ich in Shakespears Welt gethan, reizen mich mehr als irgend etwas anders, in der wirklichen Welt schnellere Forschritte vorwärts zu thun, mich in die Fluth der Schicksale zu mischen, die über sie verhängt sind, und dereinst, wenn es mir glücken sollte, aus dem großen Meere der wahren Natur wenige Becher zu schöpfen, und sie von der Schaubühne dem lechzenden Publikum meines Vaterlandes auszuspenden. Wie freut mich die Gemüthsverfassung, in der ich Sie sehe, versetzte Jarno, und legte dem bewegten Jüngling die Hand auf die Schulter. Lassen Sie den Vorsatz nicht fahren, in ein thätiges Leben überzugehen, und eilen Sie die guten Jahre, die Ihnen gegönnt sind, wacker zu nutzen. Kann ich Ihnen behülflich seyn, so geschieht es von ganzem Herzen. Noch habe ich nicht ge¬ fragt, wie Sie in diese Gesellschaft gekom¬ men sind, für die Sie weder gebohren noch erzogen seyn können. So viel hoffe ich und sehe ich, daß Sie sich heraus sehnen. Ich weiß nichts von Ihrer Herkunft, von Ihren häuslichen Umständen, überlegen Sie, was Sie mir vertrauen wollen. So viel kann ich Ihnen nur sagen, die Zeiten des Krieges, in denen wir leben, können schnelle Wechsel des Glückes hervorbringen; mögen Sie Ihre Kräfte und Talente unserm Dienste widmen, Mühe, und wenn es Noth thut, Gefahr nicht scheuen, so habe ich eben jetzo eine Ge¬ legenheit, Sie an einen Platz zu stellen, den eine Zeitlang bekleidet zu haben, Sie in der Folge nicht gereuen wird. Wilhelm konnte seinen Dank nicht genug ausdrücken, und war willig, seinem Freunde und Beschützer die ganze Geschichte seines Lebens zu er¬ zählen. Sie hatten sich unter diesem Gespräch weit in den Park verloren, und waren auf die Landstraße, welche durch denselben durch¬ ging, gekommen. Jarno stand einen Augen¬ blick still, und sagte: bedenken Sie meinen Vorschlag, entschließen Sie sich, geben Sie mir in einigen Tagen Antwort, und schenken Sie mir Ihr Vertrauen. Ich versichre Sie, es ist mir bisher unbegreiflich gewesen, wie Sie sich mit solchem Volk haben gemein machen können. Ich hab’ es oft mit Ekel und Verdruß gesehen, wie Sie, um nur eini¬ germaßen leben zu können, Ihr Herz an ei¬ nen herumziehenden Bänkelsänger und an ein albernes zwitterhaftes Geschöpf hängen mußten. Er hatte noch nicht ausgeredet, als ein Officier zu Pferde eilends herankam, dem ein Reitknecht mit einem Handpferd folgte. Jarno rief ihm einen lebhaften Gruß zu. Der Officier sprang vom Pferde, beide um¬ armten sich und unterhielten sich mit einan¬ der, indem Wilhelm, bestürzt über die letzten Worte seines kriegerischen Freundes, in sich gekehrt an der Seite stand. Jarno durch¬ blätterte einige Papiere, die ihm der Ankom¬ mende überreicht hatte, dieser aber ging auf Wilhelmen zu, reichte ihm die Hand, und rief mit Emphase: ich treffe Sie in einer würdigen Gesellschaft, folgen Sie dem Rathe Ihres Freundes, und erfüllen Sie dadurch zugleich die Wünsche eines Unbekannten, der herzlichen Theil an Ihnen nimmt. Er sprachs, umarmte Wilhelmen, drückte ihn mit Lebhaftigkeit an seine Brust. Zu glei¬ cher Zeit trat Jarno herbey, und sagte zu dem Fremden: es ist am besten, ich reite gleich mit ihnen hinein, so können Sie die nöthigen Ordres erhalten, und Sie reiten noch vor Nacht wieder fort. Beide schwan¬ gen sich darauf zu Pferde, und überließen unsern verwunderten Freund seinen eigenen Betrachtungen. Die letzten Worte Jarnos klangen noch in seinen Ohren. Ihm war unerträglich, das Paar menschlicher Wesen, das ihm un¬ schuldigerweise seine Neigung abgewonnen hatte, durch einen Mann, den er so sehr ver¬ ehrte, so tief heruntergesetzt zu sehen. Die sonderbare Umarmung des Officiers, den er nicht kannte, machte wenig Eindruck auf ihn, sie beschäftigte seine Neugierde und Einbil¬ dungskraft einen Augenblick; aber Jarnos Reden hatten sein Herz getroffen; er war tief verwundet, und nun brach er auf seinem Rückwege gegen sich selbst in Vorwürfe aus, daß er nur einen Augenblick die hartherzige Kälte Jarnos, die ihm aus den Augen her¬ aussehe, und aus allen seinen Gebährden spreche, habe verkennen und vergessen mö¬ gen. — Nein, rief er aus, du bildest dir nur ein, du abgestorbener Weltmann, daß du ein Freund seyn könnest! Alles, was du mir anbieten magst, ist der Empfindung nicht werth, die mich an diese Unglücklichen bindet. Welch ein Glück, daß ich noch bey Zeiten entdecke, was ich von dir zu erwarten hatte! — Er schloß Mignon, die ihm eben entge¬ gen kam, in die Arme, und rief aus: nein, uns soll nichts trennen, du gutes kleines Ge¬ schöpf! Die scheinbare Klugheit der Welt soll mich nicht vermögen, dich zu verlassen, noch zu vergessen, was ich dir schuldig bin. Das Kind, dessen heftige Liebkosungen er sonst abzulehnen pflegte, erfreute sich dieses unerwarteten Ausdruckes der Zärtlichkeit, und hing sich so fest an ihn, daß er es nur mit Mühe zuletzt los werden konnte. Seit dieser Zeit gab er mehr auf Jarnos Handlungen acht, die ihm nicht alle lobens¬ würdig schienen: ja es kam wohl manches vor, das ihm durchaus mißfiel. So hatte er zum Beyspiel starken Verdacht, das Ge¬ dicht auf den Baron, welches der arme Pe¬ dant so theuer hatte bezahlen müssen, sey Jarnos Arbeit. Da nun dieser in Wilhelms Gegenwart über den Vorfall gescherzt hatte, glaubte unser Freund hierin das Zeichen ei¬ nes höchst verdorbenen Herzens zu erkennen; denn was konnte boshafter seyn, als einen Unschuldigen, dessen Leiden man verursacht, zu verspotten, und weder an Genugthuung noch Entschädigung zu denken. Gern hätte Wilhelm sie selbst veranlaßt, denn er war durch einen sehr sonderbaren Zufall den Thä¬ tern jener nächtlichen Mißhandlung auf die Spur gekommen. Man hatte ihm bisher immer zu verber¬ gen gewußt, daß einige junge Officiere, im unteren Saale des alten Schlosses, mit einem Theile der Schauspieler und Schauspielerin¬ nen ganze Nächte auf eine lustige Weise zu¬ brachten. Eines Morgens, als er nach sei¬ ner Gewohnheit früh aufgestanden, kam er von ohngefähr in das Zimmer, und fand die jungen Herren, die eine höchst sonderbare Toilette zu machen im Begriff stunden. Sie hatten in einen Napf mit Wasser Kreide ein¬ gerieben, und trugen den Teig mit einer Bürste auf ihre Westen und Beinkleider, ohne sie auszuziehen, und stellten also die Reinlichkeit ihrer Garderobe auf das schnell¬ ste wieder her. Unserm Freunde, der sich über diese Handgriffe wunderte, fiel der weiß bestäubte und befleckte Rock des Pedanten ein, der Verdacht wurde um so viel stärker, als er erfuhr, daß einige Verwandten des Barons sich unter der Gesellschaft befänden. Um diesem Verdacht näher aus die Spur zu kommen, suchte er die jungen Herren mit einem kleinen Frühstücke zu beschäftigen. Sie waren sehr lebhaft, und erzählten viele lusti¬ ge Geschichten. Der eine besonders, der eine Zeitlang auf Werbung gestanden, wußte nicht genug die List und Thätigkeit seines Hauptmanns zu rühmen, der alle Arten von Menschen an sich zu ziehen, und jeden nach seiner Art zu überlisten verstand. Umständ¬ lich erzählte er, wie junge Leute von gutem Hause und sorgfältiger Erziehung, durch al¬ lerley Vorspiegelungen einer anständigen Ver¬ sorgung betrogen worden, und lachte herz¬ lich über die Gimpel, denen es im Anfange so wohl gethan habe, sich von einem ange¬ sehenen, tapferen, klugen und freygebigen Officier geschätzt und hervorgezogen zu sehen. Wie segnete Wilhelm seinen Genius, der ihm so unvermuthet den Abgrund zeigte, dessen Rande er sich unschuldigerweise genä¬ hert hatte. Er sah nun in Jarno nichts als den Werber; die Umarmung des fremden Officiers war ihm leicht erklärlich. Er ver¬ abscheuete die Gesinnungen dieser Männer, und vermied von dem Augenblicke mit irgend jemand, der eine Uniform trug, zusammen zu kommen, und ihm wäre die Nachricht, daß die Armee weiter vorwärts rücke, in diesem Sinne sehr angenehm gewesen, wenn er nicht zugleich hätte fürchten müssen, aus der Nähe seiner schönen Freundin, vielleicht auf immer, verbannt zu werden. Zwölftes Capitel. I nzwischen hatte die Baronesse mehrere Tage, von Sorgen und einer unbefriedigten Neugierde gepeinigt, zugebracht, Denn das Betragen des Grafen seit jenem Abentheuer war ihr ein völliges Räthsel. Er war ganz aus seiner Manier herausgegangen, von sei¬ nen gewöhnlichen Scherzen hörte man keinen. Seine Forderungen an die Gesellschaft und an die Bedienten hatten sehr nachgelassen. Von Pedanterie und gebieterischem Wesen merkte man wenig, vielmehr war er still und in sich gekehrt, jedoch schien er heiter, und wirklich ein anderer Mensch zu seyn. Bey Vorlesungen, zu denen er zuweilen Anlaß gab, wählte er ernsthafte, oft religiöse Bü¬ cher, und die Baronesse lebte in beständiger Furcht, Furcht, es möchte hinter dieser anscheinenden Ruhe sich ein geheimer Groll verbergen, ein stiller Vorsatz, den Frevel, den er so zufällig entdeckt, zu rächen. Sie entschloß sich daher, Jarno zu ihrem Vertrauten zu machen, und sie konnte es um so mehr, als sie mit ihm in einem Verhältnisse stand, in dem man sich sonst wenig zu verbergen pflegt. Jarno war seit kurzer Zeit ihr entschiedner Freund, doch waren sie klug genug, ihre Neigung und ihre Freuden vor der lermenden Welt, die sie umgab, zu verbergen. Nur den Augen der Gräfin war dieser neue Roman nicht ent¬ gangen, und höchst wahrscheinlich suchte die Baronesse ihre Freundin gleichfalls zu be¬ schäftigen, um den stillen Vorwürfen zu ent¬ gehen, welche sie denn doch manchmal von jener edlen Seele zu erdulden hatte. Kaum hatte die Baronesse ihrem Freunde die Geschichte erzählt, als er lachend ausrief: W. Meisters Lehrj. K da glaubt der Alte gewiß sich selbst gesehen zu haben, er fürchtet, daß ihm diese Erschei¬ nung Unglück, ja vielleicht gar den Tod be¬ deute, und nun ist er zahm geworden wie alle die Halbmenschen, wenn sie an die Auf¬ lösung denken, welcher niemand entgangen ist, noch entgehen wird. Nur stille, da ich hoffe, daß er noch lange leben soll, so wollen wir ihn bey dieser Gelegenheit wenigstens so formiren, daß er seiner Frau und seinen Hausgenossen nicht mehr zur Last seyn soll. Sie fingen nun, so bald es nur schicklich war, in Gegenwart des Grafen an, von Ahndungen, Erscheinungen und dergleichen zu sprechen. Jarno spielte den Zweifler, sei¬ ne Freundin gleichfalls, und sie trieben es so weit, daß der Graf endlich Jarno bey Seite nahm, ihm seine Freygeisterey verwies, und ihn, durch sein eignes Beyspiel, von der Möglichkeit und Wirklichkeit solcher Geschich¬ ten zu überzeugen suchte. Jarno spielte den Betroffenen, Zweifelnden und endlich den Überzeugten, machte sich aber gleich darauf in stiller Nacht mit seiner Freundin desto lu¬ stiger über den schwachen Weltmann, der nun auf einmal von seinen Unarten durch einen Popanz bekehrt worden, und der nur noch deswegen zu loben sey, weil er mit so vieler Fassung ein bevorstehendes Unglück, ja vielleicht gar den Tod erwarte. Auf die natürlichste Folge, welche diese Erscheinung hätte haben können, möchte er doch wohl nicht gefaßt seyn, rief die Baro¬ nesse mit ihrer gewöhnlichen Munterkeit, zu der sie, so bald ihr eine Sorge vom Herzen genommen war, gleich wieder übergehen konnte. Jarno ward reichlich belohnt, und man schmiedete neue Anschläge, den Grafen noch mehr kirre zu machen, und die Neigung K 2 der Gräfin zu Wilhelm noch mehr zu reizen und zu bestärken. In dieser Absicht erzählte man der Grä¬ fin die ganze Geschichte, die sich zwar an¬ fangs unwillig darüber zeigte, aber seit der Zeit nachdenklicher ward, und in ruhigen Augenblicken jene Scene, die ihr zubereitet war, zu bedenken, zu verfolgen und auszu¬ mahlen schien. Die Anstalten, welche nunmehr von allen Seiten getroffen wurden, ließen keinen Zwei¬ fel mehr übrig, daß die Armeen bald vor¬ wärts rücken, und der Prinz zugleich sein Hauptquartier verändern würde; ja es hieß, daß der Graf zugleich auch das Gut ver¬ lassen und wieder nach der Stadt zurückkeh¬ ren werde. Unsere Schauspieler konnten sich also leicht die Nativität stellen, doch nur der einzige Melina nahm seine Maaßregeln dar¬ nach, die andern suchten nur noch von dem Augenblicke so viel als möglich das Ver¬ gnüglichste zu erhaschen. Wilhelm war indessen auf eine eigene Weise beschäftigt. Die Gräfin hatte von ihm die Abschrift seiner Stücke verlangt, und er sah diesen Wunsch der liebenswürdigen Frau als die schönste Belohnung an. Ein junger Autor, der sich noch nicht ge¬ druckt gesehn, wendet in einem solchen Falle die größte Aufmerksamkeit auf eine reinliche und zierliche Abschrift seiner Werke. Es ist gleichsam das goldne Zeitalter der Autor¬ schaft; man sieht sich in jene Jahrhunderte versetzt, in denen die Presse noch nicht die Welt mit so viel unnützen Schriften über¬ schwemmt hatte, wo nur würdige Geistespro¬ ducte abgeschrieben, und von den edelsten Menschen verwahrt wurden, und wie leicht begeht man alsdann den Fehlschluß, daß ein sorgfältig abgezirkeltes Manuscript auch ein würdiges Geistesproduct sey, werth von ei¬ nem Kenner und Beschützer besessen und auf¬ gestellt zu werden. Man hatte zu Ehren des Prinzen, der nun in kurzem abgehen sollte, noch ein großes Gastmahl angestellt. Viele Damen aus der Nachbarschaft waren geladen, und die Grä¬ fin hatte sich bey Zeiten angezogen. Sie hatte diesen Tag ein reicheres Kleid ange¬ legt, als sie sonst zu thun gewohnt war. Frisur und Aufsatz waren gesuchter, sie war mit allen ihren Juwelen geschmückt. Eben so hatte die Baronesse das Mögliche gethan, um sich mit Pracht und Geschmack anzu¬ kleiden. Philine, als sie merkte, daß den beiden Damen, in Erwartung ihrer Gäste, die Zeit lang wurde, schlug vor, Wilhelmen kommen zu lassen, der sein fertiges Manuscript zu überreichen und noch einige Kleinigkeiten vor¬ zulesen wünschte. Er kam und erstaunte im Hereintreten über die Gestalt, über die An¬ muth der Gräfin, die durch ihren Putz nur sichtbarer geworden waren. Er las nach dem Befehle der Damen; allein so zerstreut und schlecht, daß wenn die Zuhörerinnen nicht so nachsichtig gewesen wären, sie ihn gar bald würden entlassen haben. So oft er die Gräfin anblickte, schien es ihm, als wenn ein elektrischer Funke sich vor seinen Augen zeigte; er wußte zuletzt nicht mehr, wo er Athem zu seiner Recitation her¬ nehmen solle. Die schöne Dame hatte ihm immer gefallen; aber jetzt schien es ihm, als ob er nie etwas vollkommneres gesehen hät¬ te, und von den tausenderley Gedanken, die sich in seiner Seele kreuzten, mochte ohnge¬ fähr folgendes der Inhalt seyn: Wie thörigt lehnen sich doch so viele Dichter und sogenannte gefühlvolle Menschen gegen Putz und Pracht auf, und verlangen nur in einfachen, der Natur angemessenen Kleidern die Frauen alles Standes zu sehen. Sie schelten den Putz, ohne zu bedenken, daß es der arme Putz nicht ist, der uns mißfällt, wenn wir eine häßliche oder minder schöne Person reich und sonderbar gekleidet erblik¬ ken; aber ich wollte alle Kenner der Welt hier versammeln und sie fragen, ob sie wünschten etwas von diesen Falten, von die¬ sen Bändern und Spitzen, von diesen Puffen, Locken und leuchtenden Steinen wegzuneh¬ men? Würden sie nicht fürchten, den ange¬ nehmen Eindruck zu stöhren, der ihnen hier so willig und natürlich entgegen kommt? Ja, natürlich darf ich wohl sagen! Wenn Minerva ganz gerüstet aus dem Haupte des Jupiter entsprang, so scheinet diese Göttin in ihrem vollen Putze aus irgend einer Blu¬ me mit leichtem Fuße hervorgetreten zu seyn. Er sah sie so oft im Lesen an, als wenn er diesen Eindruck sich auf ewig einprägen wollte, und las einigemal falsch, ohne dar¬ über in Verwirrung zu gerathen, ob er gleich sonst über der Verwechselung eines Wortes oder eines Buchstabens als über einen leidi¬ gen Schandfleck einer ganzen Vorlesung ver¬ zweifeln konnte. Ein falscher Lerm, als wenn die Gäste angefahren kämen, machte der Vorlesung ein Ende. Die Baronesse ging weg, und die Gräfin, im Begriff ihren Schreibtisch zuzu¬ machen, der noch offen stand, ergriff ein Ringkästchen und steckte noch einige Ringe an die Finger. Wir werden uns bald tren¬ nen, sagte sie, indem sie ihre Augen auf das Kästchen heftete: nehmen Sie ein Andenken von einer guten Freundin, die nichts lebhaf¬ ter wünscht, als daß es Ihnen wohlgehen möge. Sie nahm darauf einen Ring her¬ aus, der unter einem Crystall ein schön von Haaren geflochtenes Schild zeigte, und mit Steinen besetzt war. Sie überreichte ihn Wilhelmen, der, als er ihn annahm, nichts zu sagen und nichts zu thun wußte, sondern wie eingewurzelt in den Boden da stand. Die Gräfin schloß den Schreibtisch zu, und setzte sich auf ihren Sopha. Und ich soll leer ausgehn, sagte Philine, indem sie sich zur rechten Hand der Gräfin niederkniete: seht nur den Menschen, der zur Unzeit so viele Worte im Munde führt, und jetzt nicht einmal eine armselige Danksagung herstammeln kann. Frisch, mein Herr, thun Sie wenigstens pantomimisch Ihre Schuldig¬ keit, und wenn Sie heute selbst nichts zu er¬ finden wissen, so ahmen Sie mir wenigstens nach. Philine ergriff die rechte Hand der Grä¬ fin, und küßte sie mit Lebhaftigkeit. Wil¬ helm stürzte auf seine Kniee, faßte die linke, und drückte sie an seine Lippen. Die Gräfin schien verlegen, aber ohne Widerwillen. Ach! rief Philine aus, so viel Schmuck hab’ ich wohl schon gesehen, aber noch nie eine Dame, so würdig ihn zu tragen. Wel¬ che Armbänder! aber auch welche Hand! Welcher Halsschmuck! aber welche Brust! Stille, Schmeichlerin, rief die Gräfin. Stellt denn das den Herrn Grafen vor? sagte Philine, indem sie auf ein reiches Me¬ daillon deutete, das die Gräfin an kostbaren Ketten an der linken Seite trug. Er ist als Bräutigam gemahlt, versetzte die Gräfin. War er denn damals so jung? fragte Philine: Sie sind ja nur erst, wie ich weiß, wenige Jahre verheyrathet. Diese Jugend kommt auf die Rechnung des Mahlers, versetzte die Gräfin. Es ist ein schöner Mann, sagte Philine. Doch sollte wohl niemals, fuhr sie fort, in¬ dem sie die Hand auf das Herz der Gräfin legte, in diese verborgene Kapsel sich ein an¬ der Bild eingeschlichen haben? Du bist sehr verwegen, Philine! rief sie aus: ich habe dich verzogen. Laß mich so etwas nicht zum zweytenmal hören. Wenn Sie zürnen, bin ich unglücklich, rief Philine, sprang auf und eilte zur Thüre hinaus. Wilhelm hielt die schönste Hand noch in seinen Händen. Er sah unverwandt auf das Armschloß, das, zu seiner größten Verwun¬ derung, die Anfangsbuchstaben seiner Nah¬ men in brillantenen Zügen sehen ließ. Besitz ich, fragte er bescheiden, in dem kostbaren Ringe, denn wirklich Ihre Haare? Ja, versetzte sie mit halber Stimme; dann nahm sie sich zusammen, und sagte, indem sie ihm die Hand drückte: stehen Sie auf, und leben Sie wohl. Hier steht mein Nahme, rief er aus: durch den sonderbarsten Zufall! Er zeigte auf das Armschloß. Wie? rief die Gräfin: es ist die Chiffer einer Freundin! Es sind die Anfangsbuchstaben meines Nahmens. Vergessen Sie meiner nicht. Ihr Bild steht unauslöschlich in meinem Her¬ zen. Leben Sie wohl, lassen Sie mich fliehen! Er küßte ihre Hand, und wollte aufstehn; aber wie im Traum das Seltsamste aus dem Seltsamsten sich entwickelnd uns überrascht; so hielt er, ohne zu wissen wie es geschah, die Gräfin in seinen Armen, ihre Lippen ruhten auf den seinigen, und ihre wechselsei¬ tigen lebhaften Küsse gewährten ihnen eine Seligkeit, die wir nur aus dem ersten auf¬ brausenden Schaum des frisch eingeschenkten Bechers der Liebe schlürfen. Ihr Haupt ruhte auf seiner Schulter, und der zerdrückten Locken und Bänder ward nicht gedacht. Sie hatte ihren Arm um ihn geschlungen; er umfaßte sie mit Lebhaftig¬ keit, und drückte sie wiederholend an seine Brust. O daß ein solcher Augenblick nicht Ewigkeiten währen kann, und wehe dem nei¬ dischen Geschick, das auch unsern Freunden diese kurzen Augenblicke unterbrach. Wie erschrak Wilhelm, wie betäubt fuhr er aus einem glücklichen Traume auf, als die Gräfin sich auf einmal mit einem Schrey von ihm losriß, und mit der Hand nach ihrem Herzen fuhr. Er stand betäubt vor ihr da; sie hielt die andere Hand vor die Augen, und rief nach einer Pause: entfernen Sie sich, eilen Sie! Er stand noch immer. Verlassen Sie mich, rief sie, und indem sie die Hand von den Augen nahm, und ihn mit einem unbeschreiblichen Blicke ansah, setzte sie mit der lieblichsten Stimme hinzu: fliehen Sie mich, wenn Sie mich lieben. Wilhelm war aus dem Zimmer, und wie¬ der auf seiner Stube, eh’ er wußte, wo er sich befand. Die Unglücklichen! welche sonderbare Warnung des Zufalls oder der Schickung riß sie aus einander? Wilhelm Meisters Lehrjahre. Viertes Buch. W. Meisters Lehrj. L Erstes Capitel . L aertes stand nachdenklich am Fenster und blickte, auf seinen Arm gestützt, in das Feld hinaus. Philine schlich über den großen Saal herbey, lehnte sich auf den Freund, und verspottete sein ernsthaftes Ansehn. Lache nur nicht, versetzte er, es ist ab¬ scheulich, wie die Zeit vergeht, wie alles sich verändert und ein Ende nimmt! Sieh nur, hier stand vor kurzem noch ein schönes La¬ ger, wie lustig sahen die Zelte aus! wie lebhaft ging es darin zu! wie sorgfältig be¬ wachte man den ganzen Bezirk! und nun ist alles auf einmal verschwunden. Nur kurze Zeit wird das zertretne Stroh und die ein¬ L 2 gegrabenen Kochlöcher noch eine Spur zei¬ gen, dann wird alles bald umgepflügt seyn, und die Gegenwart so vieler tausend rüsti¬ gen Menschen in dieser Gegend wird nur noch in den Köpfen einiger alten Leute spuken. Philine fing an zu singen, und zog ihren Freund zu einem Tanze in den Saal. Laß uns, rief sie, da wir der Zeit nicht nachlau¬ fen können, wenn sie vorüber ist, sie wenig¬ stens als eine schöne Göttin, indem sie bey uns vorbeyzieht, fröhlich und zierlich ver¬ ehren. Sie hatten kaum einige Wendungen ge¬ macht, als Madam Melina durch den Saal ging. Philine war boshaft genug, sie gleich¬ falls zum Tanze einzuladen, und sie dadurch an die Mißgestalt zu erinnern, in welche sie durch ihre Schwangerschaft versetzt war. Wenn ich nur, sagte Philine hinter ihrem Rücken, keine Frau mehr guter Hoffnung se¬ hen sollte! Sie hofft doch, sagte Laertes. Aber es kleidet sie so häßlich. Hast du die vordere Wackelfalte des verkürzten Rocks gesehen, die immer voraus spaziert, wenn sie sich bewegt? Sie hat gar keine Art noch Geschick, sich nur ein bischen zu mustern und ihren Zustand zu verbergen. Laß nur, sagte Laertes, die Zeit wird ihr schon zu Hülfe kommen. Es wäre doch immer hübscher, rief Phi¬ line, wenn man die Kinder von den Bäumen schüttelte. Der Baron trat herein, und sagte ihnen etwas freundliches im Nahmen des Grafen und der Gräfin, die ganz früh abgereist wa¬ ren, und machte ihnen einige Geschenke. Er ging darauf zu Wilhelmen, der sich im Ne¬ benzimmer mit Mignon beschäftigte. Das Kind hatte sich sehr freundlich und zuthätig bezeigt, nach Wilhelms Eltern, Geschwistern und Verwandten gefragt, und ihn dadurch an seine Pflicht erinnert, den Seinigen von sich einige Nachricht zu geben. Der Baron brachte ihm nebst einem Ab¬ schiedsgruße von den Herrschaften, die Ver¬ sicherung, wie sehr der Graf mit ihm, seinem Spiele, seinen poetischen Arbeiten und seinen theatralischen Bemühungen zufrieden gewe¬ sen sey. Er zog darauf zum Beweis dieser Gesinnung einen Beutel hervor, durch dessen schönes Gewebe die reizende Farbe neuer Goldstücke durchschimmerte; Wilhelm trat zurück, und weigerte sich ihn anzunehmen. Sehen Sie, fuhr der Baron fort, diese Gabe als einen Ersatz für Ihre Zeit, als eine Erkenntlichkeit für Ihre Mühe, nicht als eine Belohnung Ihres Talents an. Wenn uns dieses einen guten Nahmen und die Neigung der Menschen verschaft, so ist billig, daß wir durch Fleiß und Anstrengung zugleich die Mittel erwerben, unsre Bedürf¬ nisse zu befriedigen, da wir doch einmal nicht ganz Geist sind. Wären wir in der Stadt, wo alles zu finden ist; so hätte man diese kleine Summe in eine Uhr, einen Ring oder sonst etwas verwandelt; nun gebe ich aber den Zauberstab unmittelbar in Ihre Hände, schaffen Sie sich ein Kleinod dafür, das Ih¬ nen am liebsten und am dienlichsten ist, und verwahren Sie es zu unserm Andenken. Da¬ bey halten Sie ja den Beutel in Ehren. Die Damen haben ihn selbst gestrickt, und ihre Absicht war, durch das Gefäß dem Inhalt die annehmlichste Form zu geben. Vergeben Sie, versetzte Wilhelm, meiner Verlegenheit und meinen Zweifeln, dieses Ge¬ schenk anzunehmen. Es vernichtet gleichsam das Wenige was ich gethan habe, und hin¬ dert das freye Spiel einer glücklichen Erin¬ nerung. Geld ist eine schöne Sache, wo et¬ was abgethan werden soll, und ich wünschte nicht in dem Andenken Ihres Hauses so ganz abgethan zu seyn. Das ist nicht der Fall, versetzte der Ba¬ ron; aber indem Sie selbst zart empfinden, werden Sie nicht verlangen, daß der Graf sich völlig als Ihren Schuldner denken soll: ein Mann der seinen größten Ehrgeiz darin setzt, aufmerksam und gerecht zu seyn. Ihm ist nicht entgangen, welche Mühe Sie sich gegeben, und wie Sie seinen Absichten ganz Ihre Zeit gewidmet haben, ja er weiß, daß Sie, um gewisse Anstalten zu beschleunigen, Ihr eignes Geld nicht schonten. Wie will ich wieder vor ihm erscheinen, wenn ich ihn nicht versichern kann, daß seine Erkenntlich¬ keit Ihnen Vergnügen gemacht hat. Wenn ich nur an mich selbst denken, wenn ich nur meinen eigenen Empfindungen folgen dürfte, versetzte Wilhelm, würde ich mich, ohnerachtet aller Gründe, hartnäckig weigern, diese Gabe, so schön und ehrenvoll sie ist, anzunehmen; aber ich leugne nicht, daß sie mich in dem Augenblicke, indem sie mich in Verlegenheit setzt, aus einer Verle¬ genheit reißt, in der ich mich bisher gegen die Meinigen befand, und die mir manchen stillen Kummer verursachte. Ich habe so¬ wohl mit dem Gelde als mit der Zeit, von denen ich Rechenschaft zu geben habe, nicht zum Besten hausgehalten, nun wird es mir durch den Edelmuth des Herrn Grafen mög¬ lich, den Meinigen getrost von dem Glücke Nachricht zu geben, zu dem mich dieser son¬ derbare Seitenweg geführt hat. Ich opfre die Delikatesse, die uns wie ein zartes Ge¬ wissen bey solchen Gelegenheiten warnt, einer höhern Pflicht auf, und um meinem Vater muthig unter die Augen treten zu können, steh ich beschämt vor den Ihrigen. Es ist sonderbar, versetzte der Baron, welch ein wunderlich Bedenken man sich macht, Geld von Freunden und Gönnern anzunehmen, von denen man jede andere Gabe mit Dank und Freude empfangen würde. Die menschliche Natur hat mehr ähnliche Eigenheiten, solche Skrupel gern zu erzeugen und sorgfältig zu nähren. Ist es nicht das nemliche mit allen Ehrenpunkten? fragte Wilhelm. Ach ja, versetzte der Baron, und andern Vorurtheilen. Wir wollen sie nicht ausjä¬ ten, um nicht vielleicht edle Pflanzen zugleich mit auszuraufen. Aber mich freut immer, wenn einzelne Personen fühlen, über was man sich hinaussetzen kann und soll, und ich denke mit Vergnügen an die Geschichte des geistreichen Dichters, der für ein Hoftheater einige Stücke verfertigte, welche den ganzen Beyfall des Monarchen erhielten. Ich muß ihn ansehnlich belohnen, sagte der großmü¬ thige Fürst, man forsche an ihm, ob ihm irgend ein Kleinod Vergnügen macht, oder ob er nicht verschmäht Geld anzunehmen. Nach seiner scherzhaften Art antwortete der Dichter dem abgeordneten Hofmann, ich dan¬ ke lebhaft für die gnädigen Gesinnungen, und da der Kaiser alle Tage Geld von uns nimmt, so sehe ich nicht ein, warum ich mich schämen sollte, Geld von ihm anzunehmen. Der Baron hatte kaum das Zimmer ver¬ lassen, als Wilhelm eifrig die Baarschaft zählte, die ihm so unvermuthet, und wie er glaubte, so unverdient zugekommen war. Es schien, als ob ihm der Werth und die Würde des Goldes, die uns in spätern Jahren erst fühlbar werden, ahndungsweise zum ersten¬ mal entgegen blickten, als die schönen blin¬ kenden Stücke aus dem zierlichen Beutel her¬ vorrollten. Er machte seine Rechnung und fand, daß er, besonders da Melina den Vor¬ schuß sogleich wieder zu bezahlen versprochen hatte, eben so viel, ja noch mehr in Cassa habe, als an jenem Tage, da Philine ihm den ersten Strauß abfordern ließ. Mit heimlicher Zufriedenheit blickte er auf sein Talent, mit einem kleinen Stolze auf das Glück, das ihn geleitet und begleitet hatte. Er ergriff nunmehr mit Zuversicht die Feder, um einen Brief zu schreiben, der auf einmal die Familie aus aller Verlegenheit und sein bisheriges Betragen in das beste Licht setzen sollte. Er vermied eine eigentliche Erzäh¬ lung, und ließ nur in bedeutenden und my¬ stischen Ausdrücken dasjenige, was ihm be¬ gegnet seyn könnte, errathen. Der gute Zu¬ stand seiner Casse, der Erwerb, den er seinem Talent schuldig war, die Gunst der Großen, die Neigung der Frauen, die Bekanntschaft in einem weiten Kreise, die Ausbildung sei¬ ner körperlichen und geistigen Anlagen, die Hoffnung für die Zukunft bildeten ein sol¬ ches wunderliches Luftgemählde, daß Fata Morgagna selbst es nicht seltsamer hätte durcheinander wirken können. In dieser glücklichen Exaltation fuhr er fort, nachdem der Brief geschlossen war, ein langes Selbstgespräch zu unterhalten, in wel¬ chem er den Inhalt des Schreibens recapi¬ tulirte, und sich eine thätige und würdige Zukunft ausmahlte. Das Beyspiel so vieler edler Krieger hatte ihn angefeuert, die Sha¬ kespearische Dichtung hatte ihm eine neue Welt eröfnet, und von den Lippen der schö¬ nen Gräfin hatte er ein unaussprechliches Feuer in sich gesogen. Das alles konnte, das sollte nicht ohne Wirkung aufs Leben bleiben. Der Stallmeister kam und fragte: ob sie mit Einpacken fertig seyen? Leider hatte ausser Melina noch niemand daran gedacht. Nun sollte man eilig aufbrechen. Der Graf hatte versprochen, die ganze Gesellschaft einige Tagereisen weit transportiren zu lassen, die Pferde waren eben bereit, und konnten nicht lange entbehrt werden. Wilhelm fragte nach seinem Koffer; Madam Melina hatte sich ihn zu Nutze gemacht; er verlangte nach sei¬ nem Gelde, Herr Melina hatte es ganz un¬ ten in den Koffer mit großer Sorgfalt ge¬ packt. Philine sagte: ich habe in dem mei¬ nigen noch Platz, nahm Wilhelms Kleider, und befahl Mignon das Übrige nachzubrin¬ gen. Wilhelm mußte es nicht ohne Wider¬ willen geschehen lassen. Indem man aufpackte, und alles zuberei¬ tete, sagte Melina: es ist mir verdrießlich, daß wir wie Seiltänzer und Marktschreyer reisen; ich wünschte, daß Mignon Weiber¬ kleider anzöge, und daß der Harfenspieler sich noch geschwinde den Bart scheren ließe. Mignon hielt sich fest an Wilhelm, und sag¬ te mit großer Lebhaftigkeit: ich bin ein Kna¬ be, ich will kein Mädchen seyn. Der Alte schwieg, und Philine machte bey dieser Gele¬ genheit über die Eigenheit des Grafen, ihres Beschützers, einige lustige Anmerkungen. Wenn der Harfner seinen Bart abschneidet, sagte sie, so mag er ihn nur sorgfältig auf Band nä¬ hen und bewahren, daß er ihn gleich wieder vornehmen kann, sobald er dem Herrn Gra¬ fen irgendwo in der Welt begegnet; denn dieser Bart allein hat ihm die Gnade dieses Herrn verschaft. Als man in sie drang und eine Erklä¬ rung dieser sonderbaren Äusserung verlangte, ließ sie sich folgendergestalt vernehmen: der Graf glaubt, daß es zur Illusion sehr viel beytrage, wenn der Schauspieler auch im ge¬ meinen Leben seine Rolle fortspielt, und sei¬ nen Character soutenirt, deswegen war er dem Pedanten so günstig, und er fand, es sey recht gescheid, daß der Harfner seinen falschen Bart nicht allein Abends auf dem Theater, sondern auch beständig bey Tage trage, und freute sich sehr über das natürli¬ che Aussehen der Maskerade. Als die andern über diesen Irrthum und über die sonderbaren Meinungen des Grafen spotteten, ging der Harfner mit Wilhelm bey Seite, nahm von ihm Abschied, und bat mit Thränen, ihn ja sogleich zu entlassen. Wil¬ helm redete ihm zu, und versicherte, daß er ihn gegen jedermann schützen werde, daß ihm niemand ein Haar krümmen, vielweniger ohne seinen Willen abschneiden sollte. Der Alte war sehr bewegt, und in seinen Augen glühte ein sonderbares Feuer. Nicht die¬ dieser Anlaß treibt mich hinweg, rief er aus, schon lange mache ich mir stille Vorwürfe, daß ich um Sie bleibe. Ich sollte nirgends verweilen, denn das Unglück ereilt mich und beschädigt die, die sich zu mir gesellen. Fürch¬ ten Sie alles, wenn Sie mich nicht entlassen, aber fragen Sie mich nicht, ich gehöre nicht mir zu, ich kann nicht bleiben. Wem gehörst du an? Wer kann eine solche Gewalt über dich ausüben? Mein Herr, lassen Sie mir mein schau¬ dervolles Geheimniß, und geben Sie mich los. Die Rache, die mich verfolgt, ist nicht des irrdischen Richters; ich gehöre einem un¬ erbittlichen Schicksale; ich kann nicht bleiben, und ich darf nicht! In diesem Zustande, in dem ich dich sehe, werde ich dich gewiß nicht lassen. Es ist Hochverrath an Ihnen, mein Wohlthäter, wenn ich zaudre. Ich bin sicher W. Meisters Lehrj. 2. M bey Ihnen, aber Sie sind in Gefahr. Sie wissen nicht, wen Sie in Ihrer Nähe hegen. Ich bin schuldig, aber unglücklicher als schul¬ dig. Meine Gegenwart verscheucht das Glück, und die gute That wird ohnmächtig, wenn ich dazu trete. Flüchtig und unstät sollt ich seyn, daß mein unglücklicher Genius mich nicht einholet, der mich nur langsam verfolgt, und nur dann sich merken läßt, wenn ich mein Haupt niederlegen und ruhen will. Dankbarer kann ich mich nicht bezei¬ gen, als wenn ich Sie verlasse. Sonderbarer Mensch! du kannst mir das Vertrauen in dich so wenig nehmen, als die Hoffnung, dich glücklich zu sehen. Ich will in die Geheimnisse deines Aberglaubens nicht eindringen, aber wenn du ja in Ahndung wunderbarer Verknüpfungen und Vorbedeu¬ tungen lebst; so sage ich dir zu deinem Trost und zu deiner Aufmunterung: geselle dich zu meinem Glücke, und wir wollen sehen, wel¬ cher Genius der stärkste ist, dein schwarzer oder mein weißer! Wilhelm ergriff diese Gelegenheit, um ihm noch mancherley Tröstliches zu sagen; denn er hatte schon seit einiger Zeit in sei¬ nem wunderbaren Begleiter einen Menschen zu sehen geglaubt, der durch Zufall oder Ge¬ schick eine große Schuld auf sich geladen hat, und nun die Erinnerung derselben im¬ mer mit sich fortschleppt. Noch vor wenigen Tagen hatte Wilhelm seinen Gesang behorcht, und folgende Zeilen wohl gemerkt: Ihm färbt der Morgensonne Licht Den reinen Horizont mit Flammen, Und über seinem schuldigen Haupte bricht Das schöne Bild der ganzen Welt zusammen. Der Alte mochte nun sagen was er woll¬ te, so hatte Wilhelm immer ein stärker Ar¬ M 2 gument, wußte alles zum Besten zu kehren und zu wenden, wußte so brav, so herzlich und tröstlich zu sprechen, daß der Alte selbst wieder aufzuleben und seinen Grillen zu ent¬ sagen schien. Zweytes Capitel . M elina hatte Hoffnung, in einer kleinen aber wohlhabenden Stadt mit seiner Gesellschaft unterzukommen. Schon befanden sie sich an dem Orte, wohin sie die Pferde des Gra¬ fen gebracht hatten, und sahen sich nach an¬ dern Wagen und Pferden um, mit denen sie weiter zu kommen hofften. Melina hatte den Transport übernommen, und zeigte sich, nach seiner Gewohnheit, übrigens sehr karg. Dagegen hatte Wilhelm die schönen Duka¬ ten der Gräfin in der Tasche, auf deren fröh¬ liche Verwendung er das größte Recht zu haben glaubte, und sehr leicht vergaß er, daß er sie in der stattlichen Bilanz, die er den Seinigen zuschickte, schon sehr ruhmredig aufgeführt hatte. Sein Freund Shakespear, den er mit großer Freude auch als seinen Pathen aner¬ kannte, und sich nur um so lieber Wilhelm nennen ließ, hatte ihm einen Prinzen be¬ kannt gemacht, der sich unter geringer, ja sogar schlechter Gesellschaft eine Zeitlang auf¬ hält, und, ohngeachtet seiner edlen Natur, an der Roheit, Unschicklichkeit und Al¬ bernheit solcher ganz sinnlichen Bursche sich ergötzt. Höchst willkommen war ihm das Ideal, womit er seinen gegenwärtigen Zu¬ stand vergleichen konnte, und der Selbstbe¬ trug, wozu er eine fast unüberwindliche Nei¬ gung spürte, ward ihm dadurch ausserordent¬ lich erleichtert. Er fing nun an über seine Kleidung nach¬ zudenken. Er fand, daß ein Westchen, über das man im Nothfall einen kurzen Mantel würfe, für einen Wanderer eine sehr ange¬ messene Tracht sey. Lange gestrickte Bein¬ kleider und ein Paar Schnürstiefeln schienen die wahre Tracht eines Fußgängers. Dann verschafte er sich eine schöne seidne Schärpe, die er zuerst unter dem Vorwande, den Leib warm zu halten, umband; dagegen befreyte er seinen Hals von der Knechtschaft einer Binde, und ließ sich einige Streifen Nessel¬ tuch ans Hemde heften, die aber etwas breit geriethen, und das völlige Ansehn eines an¬ tiken Kragens erhielten. Das schöne seidne Halstuch, das gerettete Andenken Marianens, lag nur locker geknüpft unter der nesseltuch¬ nen Krause. Ein runder Hut mit einem bunten Bande und einer großen Feder mach¬ te die Maskerade vollkommen. Die Frauen betheuerten, diese Tracht lasse ihm vorzüglich gut. Philine stellte sich ganz bezaubert darüber, und bat sich seine schönen Haare aus, die er, um dem natürlichen Ideal nur desto näher zu kommen, unbarmherzig abgeschnitten hatte. Sie empfahl sich da¬ durch nicht übel, und unser Freund, der durch seine Freygebigkeit sich das Recht er¬ worben hatte, auf Prinz Harry’s Manier mit den übrigen umzugehen, kam bald selbst in den Geschmack, einige tolle Streiche anzu¬ geben und zu befördern. Man focht, man tanzte, man erfand allerley Spiele, und in der Fröhlichkeit des Herzens genoß man des leidlichen Weins, den man angetroffen hatte, in starkem Maaße, und Philine lauerte in der Unordnung dieser Lebensart dem spröden Helden auf, für den sein guter Genius Sor¬ ge tragen möge. Eine vorzügliche Unterhaltung, mit der sich die Gesellschaft besonders ergötzte, be¬ stand in einem extemporirten Spiel, in wel¬ chem sie ihre bisherigen Gönner und Wohl¬ thäter nachahmten und durchzogen. Einige unter ihnen hatten sich sehr gut die Eigen¬ heiten des äussern Anstands verschiedner vor¬ nehmer Personen gemerkt, und die Nachbil¬ dung derselben ward von der übrigen Ge¬ sellschaft mit dem größten Beyfall aufgenom¬ men, und als Philine aus dem geheimen Archiv ihrer Erfahrungen einige besondere Liebeserklärungen, die an sie geschehen wa¬ ren, vorbrachte, wußte man sich vor Lachen und Schadenfreude kaum zu lassen. Wilhelm schalt ihre Undankbarkeit; allein man setzte ihm entgegen, daß sie das, was sie dort erhalten, genugsam abverdient, und daß überhaupt das Betragen gegen so ver¬ dienstvolle Leute, wie sie sich zu seyn rühm¬ ten, nicht das beste gewesen sey. Nun be¬ schwerte man sich, mit wie wenig Achtung man ihnen begegnet, wie sehr man sie zurück gesetzt habe. Das Spotten, Necken und Nachahmen ging wieder an, und man ward immer bitterer und ungerechter. Ich wünschte, sagte Wilhelm darauf, daß durch euere Äusserungen weder Neid noch Eigenliebe durchschiene, und daß ihr jene Personen und ihre Verhältnisse aus dem rech¬ ten Gesichtspunkte betrachtetet. Es ist eine eigene Sache, schon durch die Geburt auf einen erhabenen Platz in der menschlichen Gesellschaft gesetzt zu seyn. Wem ererbte Reichthümer eine vollkommene Leichtigkeit des Daseyns verschaft haben, wer sich, wenn ich mich so ausdrücken darf, von allem Bey¬ wesen der Menschheit, von Jugend auf, reichlich umgeben findet, gewöhnt sich meist diese Güter als das Erste und Größte zu betrachten, und der Werth einer von der Natur schön ausgestatteten Menschheit wird ihm nicht so deutlich. Das Betragen der Vornehmen gegen Geringere und auch unter einander, ist nach äussern Vorzügen abge¬ messen; sie erlauben jedem seinen Titel, sei¬ nen Rang, seine Kleider und Equipage, nur nicht seine Verdienste geltend zu machen. Diesen Worten gab die Gesellschaft einen unmäßigen Beyfall. Man fand abscheulich, daß der Mann von Verdienst immer zurück stehen müsse, und daß in der großen Welt keine Spur von natürlichem und herzlichem Umgang zu finden sey. Sie kamen beson¬ ders über diesen letzten Punkt aus dem Hun¬ dertsten ins Tausendste. Scheltet sie nicht darüber, rief Wilhelm aus, bedauert sie vielmehr. Denn von je¬ nem Glück, das wir als das höchste erken¬ nen, das aus dem innern Reichthum der Natur fließt, haben sie selten eine erhöhte Empfindung. Nur uns Armen, die wir we¬ nig oder nichts besitzen, ist es gegönnt, das Glück der Freundschaft in reichem Maaße zu genießen. Wir können unsre Geliebten weder durch Gnade erheben, noch durch Gunst befördern, noch durch Geschenke be¬ glücken. Wir haben nichts als uns selbst. Dieses ganze Selbst müssen wir hingeben, und, wenn es einigen Werth haben soll, dem Freunde das Gut auf ewig versichern. Welch ein Genuß, welch ein Glück für den Geber und Empfänger! In welchen seeligen Zu¬ stand versetzt uns die Treue, sie giebt dem vorübergehenden Menschenleben eine himm¬ lische Gewißheit; sie macht das Hauptcapital unsres Reichthums aus. Mignon hatte sich ihm unter diesen Wor¬ ten genähert, schlang seine zarten Arme um ihn, und blieb mit dem Köpfchen an seine Brust gelehnt stehen. Er legte die Hand auf des Kindes Haupt, und fuhr fort: Wie leicht wird es einem Großen, die Gemüther zu gewinnen, wie leicht eignet er sich die Herzen zu. Ein gefälliges, bequemes, nur einigermaßen menschliches Betragen thut Wunder, und wie viele Mittel hat er, die einmal erworbenen Geister fest zu halten. Uns kommt alles seltner, wird alles schwerer, und wie natürlich ist es, daß wir auf das, was wir erwerben und leisten, einen größern Werth legen. Welche rührende Beyspiele von treuen Dienern, die sich für ihre Herren aufopferten! Wie schön hat uns Shakespear solche geschildert! Die Treue ist, in diesem Falle, ein Bestreben einer edlen Seele, einem Größern gleich zu werden. Durch fort¬ dauernde Anhänglichkeit und Liebe wird der Diener seinem Herrn gleich, der ihn sonst nur als einen bezahlten Sklaven anzusehen berechtigt ist. Ja, diese Tugenden sind nur für den geringen Stand; er kann sie nicht entbehren, und sie kleiden ihn schön. Wer sich leicht loskaufen kann, wird so leicht ver¬ sucht, sich auch der Erkenntlichkeit zu über¬ heben. Ja, in diesem Sinne glaube ich be¬ haupten zu können, daß ein Großer wohl Freunde haben, aber nicht Freund seyn könne. Mignon drückte sich immer fester an ihn. Nun gut, versetzte einer aus der Gesell¬ schaft: wir brauchen ihre Freundschaft nicht, und haben sie niemals verlangt. Nur soll¬ ten sie sich besser auf Künste verstehen, die sie doch beschützen wollen. Wenn wir am besten gespielt haben, hat uns niemand zu¬ gehört; alles war lauter Partheylichkeit. Wem man günstig war, der gefiel, und man war dem nicht günstig, der zu gefallen ver¬ diente. Es war nicht erlaubt, wie oft das Alberne und Abgeschmackte Aufmerksamkeit und Beyfall auf sich zog. Wenn ich abrechne, versetzte Wilhelm, was Schadenfreude und Ironie gewesen seyn mag: so denk ich, es geht in der Kunst wie in der Liebe! Wie will der Weltmann bey seinem zerstreuten Leben die Innigkeit erhal¬ ten, in der ein Künstler bleiben muß, wenn er etwas Vollkommenes hervorzubringen denkt, und die selbst demjenigen nicht fremd seyn darf, der einen solchen Antheil am Werke nehmen will, wie der Künstler ihn wünscht und hofft. Glaubt mir, meine Freunde, es ist mit den Talenten wie mit der Tugend: man muß sie um ihrer selbst willen lieben, oder sie ganz aufgeben. Und doch werden sie beide nicht anders erkannt und belohnt, als wenn man sie, gleich einem gefährlichen Geheim¬ niß, im Verborgnen üben kann. Unterdessen, bis ein Kenner uns auffindet, kann man Hungers sterben, rief einer aus der Ecke. Nicht eben sogleich, versetzte Wilhelm. Ich habe gesehen, so lange einer lebt und sich rührt, findet er immer seine Nahrung, und wenn sie auch gleich nicht die reichlichste ist. Und worüber habt ihr euch denn zu be¬ schweren? Sind wir nicht ganz unvermuthet, eben da es mit uns am schlimmsten aus¬ sah, gut aufgenommen und bewirthet wor¬ den? Und jetzt, da es uns noch an nichts gebricht, fällt es uns denn ein, etwas zu un¬ serer Übung zu thun, und nur einigermaßen weiter zu streben? Wir treiben fremde Din¬ ge, und entfernen, den Schulkindern ähnlich, alles, was uns nur an unsre Lection erinnern könnte. Wahrhaftig, sagte Philine, es ist unver¬ antwortlich! laßt uns ein Stück wählen; wir wollen es auf der Stelle spielen. Jeder muß sein Möglichstes thun, als wenn er vor dem größten Auditorium stünde. Man überlegte nicht lange; das Stück ward bestimmt. Es war eines deren, die damals in Deutschland großen Beyfall fan¬ den, den, und nun verschollen sind. Einige pfif¬ fen eine Symphonie, jeder besann sich schnell auf seine Rolle, man fing an und spielte mit der größten Aufmerksamkeit das Stück durch, und wirklich über Erwartung gut. Man applaudirte sich wechselsweise; man hatte sich selten so wohl gehalten. Als sie fertig waren, empfanden sie alle ein ausnehmendes Vergnügen, theils über ihre wohlzugebrachte Zeit, theils weil jeder besonders mit sich zufrieden seyn konnte. Wilhelm ließ sich weitläuftig zu ihrem Lobe heraus, und ihre Unterhaltung war heiter und fröhlich. Ihr solltet sehen, rief unser Freund, wie weit wir kommen müßten, wenn wir unsre Übungen auf diese Art fortsetzten, und nicht blos auf Auswendiglernen, Probiren und Spielen uns mechanisch pflicht- und hand¬ werksmäßig einschränkten. Wie viel mehr W. Meisters Lehrj. 2. N Lob verdienen die Tonkünstler, wie sehr er¬ götzen sie sich, wie genau sind sie nicht, wenn sie gemeinschaftlich ihre Übungen vornehmen. Wie sind sie bemüht, ihre Instrumente über¬ einzustimmen, wie genau halten sie Takt, wie zart wissen sie die Stärke und Schwäche des Tons auszudrücken! Keinem fällt es ein, sich bey dem Solo eines andern durch ein vorlautes Accompagniren Ehre zu machen. Jeder sucht in dem Geist und Sinne des Componisten zu spielen, und jeder das, was ihm aufgetragen ist, es mag viel oder wenig seyn, gut auszudrücken. Sollten wir nicht eben so genau und eben so geistreich zu Werke gehen, da wir eine Kunst treiben, die noch viel zarter als jede Art von Musik ist, da wir die gewöhnlich¬ sten und seltensten Äusserungen der Mensch¬ heit geschmackvoll und ergötzend darzustellen berufen sind? Kann etwas abscheulicher seyn, als in den Proben zu sudeln, und sich bey der Vorstellung auf Laune und gut Glück zu verlassen? Wir sollten unser größtes Glück und Vergnügen darin setzen, mit einander übereinzustimmen, um uns wechselsweise zu gefallen, und auch nur in so fern den Bey¬ fall des Publikums zu schätzen, als wir ihn uns gleichsam unter einander schon selbst ga¬ rantirt hätten. Warum ist der Kapellmeister seines Orchesters gewisser, als der Director seines Schauspiels? Weil dort jeder sich sei¬ nes Mißgriffs, der das äußere Ohr beleidigt, schämen muß; aber wie selten hab’ ich einen Schauspieler verzeihliche und unverzeihliche Mißgriffe, durch die das innere Ohr so schnöde beleidigt wird, anerkennen und sich ihrer schämen sehen! Ich wünschte nur, daß das Theater so schmal wäre, als der Draht eines Seiltänzers, damit sich kein Ungeschick¬ ter hinauf wagte, anstatt daß jetzo ein jeder N2 sich Fähigkeit genug fühlt, darauf zu para¬ diren. Die Gesellschaft nahm diese Apostrophe gut auf, indem jeder überzeugt war, daß nicht von ihm die Rede seyn könne, da er sich noch vor kurzem nebst den übrigen so gut gehalten. Man kam vielmehr überein, daß man in dem Sinne, wie man angefan¬ gen, auf dieser Reise und künftig, wenn man zusammen bliebe, eine gesellige Bearbeitung wolle obwalten lassen. Man fand nur, daß weil dieses eine Sache der guten Laune und des freyen Willens sey, so müsse sich eigent¬ lich kein Director darein mischen. Man nahm als ausgemacht an, daß unter guten Menschen die republikanische Form die beste sey; man behauptete, das Amt eines Di¬ rectors müsse herum gehen; er müsse von allen gewählt werden, und eine Art von kleinem Senat ihm jederzeit beygesetzt blei¬ ben. Sie waren so von diesem Gedanken eingenommen, daß sie wünschten, ihn gleich ins Werk zu richten. Ich habe nichts dagegen, sagte Melina, wenn ihr auf der Reise einen solchen Ver¬ such machen wollt; ich suspendire meine Di¬ rectorschaft gern, bis wir wieder an Ort und Stelle kommen. Er hofte, dabey zu sparen, und manche Ausgaben der kleinen Republik oder dem Interimsdirector aufzuwälzen. Nun ging man sehr lebhaft zu Rath, wie man die Form des neuen Staates aufs Beste ein¬ richten wolle. Es ist ein wanderndes Reich, sagte Laer¬ tes, wir werden wenigstens keine Grenzstrei¬ tigkeiten haben. Man schritt sogleich zur Sache, und er¬ wählte Wilhelm zum ersten Director. Der Senat ward bestellt, die Frauen erhielten Sitz und Stimme, man schlug Gesetze vor. man verwarf, man genehmigte. Die Zeit ging unvermerkt unter diesem Spiele vor¬ über, und weil man sie angenehm zubrachte, glaubte man auch wirklich etwas Nützliches gethan und durch die neue Form eine neue Aussicht für die vaterländische Bühne eröf¬ net zu haben. Drittes Capitel . W ilhelm hoffte nunmehr, da er die Gesell¬ schaft in so guter Disposition sah, sich auch mit ihr über das dichterische Verdienst der Stücke unterhalten zu können. Es ist nicht genug, sagte er zu ihnen, als sie des andern Tages wieder zusammen kamen, daß der Schauspieler ein Stück nur so oben hin an¬ sehe, dasselbe nach dem ersten Eindruck beur¬ theile, und ohne Prüfung sein Gefallen oder Mißfallen daran zu erkennen gebe. Dieß ist dem Zuschauer wohl erlaubt, der gerührt und unterhalten seyn, aber eigentlich nicht urtheilen will. Der Schauspieler dagegen soll von dem Stücke und von den Ursachen seines Lobes und Tadels Rechenschaft geben können: und wie will er das, wenn er nicht in den Sinn seines Autors, wenn er nicht in die Absichten desselben einzudringen ver¬ steht? Ich habe den Fehler, ein Stück aus einer Rolle zu beurtheilen, eine Rolle nur an sich und nicht im Zusammenhange mit dem Stück zu betrachten, an mir selbst in diesen Tagen so lebhaft bemerkt, daß ich euch das Beyspiel erzählen will, wenn ihr mir ein geneigtes Gehör gönnen wollt. Ihr kennt Shakespears unvergleichlichen Hamlet aus einer Vorlesung, die euch noch auf dem Schlosse das größte Vergnügen machte. Wir setzten uns vor, das Stück zu spielen, und ich hatte, ohne zu wissen was ich that, die Rolle des Prinzen übernommen; ich glaubte sie zu studieren, indem ich anfing die stärksten Stellen, die Selbstgespräche und jene Auftritte zu memoriren, in denen Kraft der Seele, Erhebung des Geistes und Leb¬ haftigkeit freyen Spielraum haben, wo das bewegte Gemüth sich in einem gefühlvollen Ausdrucke zeigen kann. Auch glaubte ich recht in den Geist der Rolle einzudringen, wenn ich die Last der tiefen Schwermuth gleichsam selbst auf mich nähme, und unter diesem Druck meinem Vor¬ bilde durch das seltsame Labyrinth so man¬ cher Launen und Sonderbarkeiten zu folgen suchte. So memorirte ich, und so übte ich mich, und glaubte nach und nach, mit mei¬ nem Helden zu einer Person zu werden. Allein je weiter ich kam, desto schwerer ward mir die Vorstellung des Ganzen, und mir schien zuletzt fast unmöglich, zu einer Übersicht zu gelangen. Nun ging ich das Stück in einer ununterbrochenen Folge durch, und auch da wollte mir leider manches nicht passen. Bald schienen sich die Charaktere, bald der Ausdruck zu widersprechen, und ich verzweifelte fast, einen Ton zu finden, in welchem ich meine ganze Rolle mit allen Ab¬ weichungen und Schattirungen vortragen könnte. In diesen Irrgängen bemühte ich mich lange vergebens, bis ich mich endlich auf einem ganz besondern Wege meinem Ziele zu nähern hoffte. Ich suchte jede Spur auf, die sich von dem Character Hamlets in früherer Zeit vor dem Tode seines Vaters zeigte; ich bemerkte, was unabhängig von dieser traurigen Bege¬ benheit, unabhängig von den nachfolgenden schrecklichen Ereignissen, dieser interessante Jüngling gewesen war, und was er ohne sie vielleicht geworden wäre. Zart und edel entsprossen wuchs die kö¬ nigliche Blume, unter den unmittelbaren Ein¬ flüssen der Majestät, hervor; der Begriff des Rechts und der fürstlichen Würde, das Ge¬ fühl des Guten und Anständigen mit dem Bewußtseyn der Höhe seiner Geburt, ent¬ wickelten sich zugleich in ihm. Er war ein Fürst, ein gebohrner Fürst, und wünschte zu regieren, nur damit der Gute ungehindert gut seyn möchte. Angenehm von Gestalt, gesittet von Natur, gefällig von Herzen aus, sollte er das Muster der Jugend seyn, und die Freude der Welt werden. Ohne irgend eine hervorstechende Leiden¬ schaft, war seine Liebe zu Ophelien ein stil¬ les Vorgefühl süßer Bedürfnisse; sein Eifer zu ritterlichen Übungen war nicht ganz Ori¬ ginal, vielmehr mußte diese Lust, durch das Lob, das man dem Dritten beylegte, ge¬ schärft und erhöht werden; rein fühlend kannte er die Redlichen, und wußte die Ruhe zu schätzen, die ein aufrichtiges Gemüth an dem offnen Busen eines Freundes genießt. Bis auf einen gewissen Grad hatte er in Künsten und Wissenschaften das Gute und Schöne erkennen und würdigen gelernt; das Abgeschmackte war ihm zuwider, und wenn in seiner zarten Seele der Haß aufkeimen konnte, so war es nur eben so viel als nö¬ thig ist, um bewegliche und falsche Höflinge zu verachten, und spöttisch mit ihnen zu spie¬ len. Er war gelassen in seinem Wesen, in seinem Betragen einfach, weder im Müßig¬ gange behaglich, noch allzubegierig nach Be¬ schäftigung. Ein akademisches Hinschlendern schien er auch bey Hofe fortzusetzen. Er be¬ saß mehr Fröhlichkeit der Laune als des Herzens, war ein guter Gesellschafter, nach¬ giebig, bescheiden, besorgt, und konnte eine Beleidigung vergeben und vergessen; aber niemals konnte er sich mit dem vereinigen, der die Grenzen des Rechten, des Guten, des Anständigen überschritt. Wenn wir das Stück wieder zusammen lesen werden, könnt ihr beurtheilen, ob ich auf dem rechten Wege bin. Wenigstens hoffe ich meine Meinung durchaus mit Stel¬ len belegen zu können. Man gab der Schilderung lauten Bey¬ fall; man glaubte voraus zu sehen, daß sich nun die Handelsweise Hamlets gar gut wer¬ de erklären lassen; man freute sich über die Art, in den Geist des Schriftstellers einzu¬ dringen. Jeder nahm sich vor, auch irgend ein Stück auf diese Art zu studieren und den Sinn des Verfassers zu entwickeln. Viertes Capitel . N ur einige Tage mußte die Gesellschaft an dem Orte liegen bleiben, und sogleich zeigten sich für verschiedene Glieder derselben nicht unangenehme Abentheuer, besonders aber ward Laertes von einer Dame angereizt, die in der Nachbarschaft ein Gut hatte, gegen die er sich aber äußerst kalt, ja unartig be¬ trug, und darüber von Philinen viele Spöt¬ tereyen erdulden mußte. Sie ergriff die Ge¬ legenheit, unserm Freund die unglückliche Liebesgeschichte zu erzählen, über die der arme Jüngling dem ganzen weiblichen Ge¬ schlechte feind geworden war. Wer wird ihm übel nehmen, rief sie aus, daß er ein Geschlecht haßt, das ihm so übel mitgespielt hat, und ihm alle Übel, die sonst Männer von Weibern zu befürchten haben, in einem sehr concentrirten Tranke zu verschlucken gab? Stellen Sie sich vor: binnen vier und zwan¬ zig Stunden war er Liebhaber, Bräutigam, Ehmann, Hahnrey, Patient und Wittwer! Ich wüßte nicht, wie man’s einem ärger machen wollte! Laertes lief halb lachend, halb verdrie߬ lich zur Stube hinaus, und Philine fing in ihrer allerliebsten Art die Geschichte zu er¬ zählen an, wie Laertes als ein junger Mensch von achtzehn Jahren, eben als er bey einer Theatergesellschaft eingetroffen, ein schönes vierzehnjähriges Mädchen gefunden, die eben mit ihrem Vater, der sich mit dem Director entzweyet, abzureisen Willens gewesen. Er habe sich aus dem Stegreife sterblich ver¬ liebt, dem Vater alle mögliche Vorstellungen gethan zu bleiben, und endlich versprochen, das Mädchen zu heirathen. Nach einigen angenehmen Stunden des Brautstandes sey er getraut worden, habe eine glückliche Nacht als Ehmann zugebracht, darauf habe ihn seine Frau des andern Morgens, als er in der Probe gewesen, nach Standesgebühr mit einem Hörnerschmuck beehrt; weil er aber aus allzugroßer Zärtlichkeit viel zu früh nach Hause geeilt, habe er leider einen ältern Liebhaber an seiner Stelle gefunden, habe mit unsinniger Leidenschaft drein geschlagen, Liebhaber und Vater herausgefordert, und sey mit einer leidlichen Wunde davon ge¬ kommen. Vater und Tochter seyen darauf noch in der Nacht abgereist, und er sey lei¬ der auf eine doppelte Weise verwundet zu¬ rück geblieben. Sein Unglück habe ihn zu dem schlechtesten Feldscheer von der Welt ge¬ führt, und der Arme sey leider mit schwar¬ zen Zähnen und triefenden Augen aus die¬ sem Abentheuer geschieden. Er sey zu be¬ dau¬ dauern, weil er übrigens der bravste Junge sey, den Gottes Erdboden trüge. Besonders, sagte sie, thut es mir leid, daß der arme Narr nun die Weiber haßt: denn wer die Weiber haßt, wie kann der leben? Melina unterbrach sie, mit der Nachricht, daß alles zum Transport völlig bereit sey, und daß sie morgen früh abfahren könnten. Er überreichte ihnen eine Disposition, wie sie fahren sollten. Wenn mich ein guter Freund auf den Schooß nimmt, sagte Philine, so bin ich zu¬ frieden, daß wir eng und erbärmlich sitzen, übrigens ist mir alles einerley. Es thut nichts, sagte Laertes, der auch herbey kam. Es ist verdrießlich! sagte Wilhelm, und eilte weg. Er fand für sein Geld noch einen gar bequemen Wagen, den Melina verleug¬ net hatte. Eine andere Eintheilung ward W. Meisters Lehrj. 2. O gemacht, und man freuete sich, bequem abrei¬ sen zu können, als die bedenkliche Nachricht einlief: daß auf dem Wege, den sie nehmen wollten, sich ein Freycorps sehen lasse, von dem man nicht viel Gutes erwartete. An dem Orte selbst war man sehr auf diese Zeitung aufmerksam, wenn sie gleich nur schwankend und zweydeutig war. Nach der Stellung der Armeen schien es unmög¬ lich, daß ein feindliches Corps sich habe durch¬ schleichen, oder daß ein freundliches so weit habe zurück bleiben können. Jedermann war eifrig, unsrer Gesellschaft die Gefahr, die auf sie wartete, recht gefährlich zu beschreiben, und ihr einen andern Weg anzurathen. Die meisten waren darüber in Unruhe und Furcht gesetzt, und als nach der neuen republikanischen Form die sämmtlichen Glie¬ der des Staats zusammen gerufen wurden, um über diesen ausserordentlichen Fall zu be¬ rathschlagen, waren sie fast einstimmig der Meinung, daß man das Übel vermeiden und am Orte bleiben, oder ihm ausweichen und einen andern Weg erwählen müsse. Nur Wilhelm, von Furcht nicht einge¬ nommen, hielt für schimpflich, einen Plan, in den man mit so viel Überlegung einge¬ gangen war, nunmehr auf ein bloßes Ge¬ rücht aufzugeben. Er sprach ihnen Muth ein, und seine Gründe waren männlich und überzeugend. Noch, sagte er, ist es nichts als ein Ge¬ rücht, und wie viele entstehen dergleichen im Kriege! Verständige Leute sagen, daß der Fall höchst unwahrscheinlich, ja beynah unmöglich sey. Sollten wir uns in einer so wichtigen Sache bloß durch ein so unge¬ wisses Gerede bestimmen lassen? Die Route, welche uns der Herr Graf angegeben hat, auf die unser Paß lautet, ist die kürzeste, O 2 und wir finden auf selbiger den besten Weg. Sie führt uns nach der Stadt, wo ihr Be¬ kanntschaften, Freunde vor euch seht, und eine gute Aufnahme zu hoffen habt. Der Umweg bringt uns auch dahin; aber in wel¬ che schlimme Wege verwickelt er uns, wie weit führt er uns ab. Können wir Hoffnung haben, uns in der späten Jahrszeit wieder heraus zu finden, und was für Zeit und Geld werden wir indessen versplittern! Er sagte noch viel, und trug die Sache von so mancherley vortheilhaften Seiten vor, daß ihre Furcht sich verringerte, und ihr Muth zunahm. Er wußte ihnen so viel von der Mannszucht der regelmäßigen Truppen vor¬ zusagen, und ihnen die Marodeurs und das hergelaufene Gesindel so nichtswürdig zu schildern, und selbst die Gefahr so lieblich und lustig darzustellen, daß alle Gemüther aufgeheitert wurden. Laertes war vom ersten Moment an auf seiner Seite, und versicherte, daß er nicht wanken noch weichen wolle. Der alte Pol¬ terer fand wenigstens einige übereinstimmen¬ de Ausdrücke in seiner Manier, Philine lach¬ te sie alle zusammen aus, und da Madam Melina, die, ihrer hohen Schwangerschaft un¬ geachtet, ihre natürliche Herzhaftigkeit nicht verloren hatte, den Vorschlag heroisch fand; so konnte Melina, der denn freylich auf dem nächsten Wege, auf den er accordirt hatte, viel zu sparen hofte, nicht widerstehen, und man willigte in den Vorschlag von ganzem Herzen. Nun fing man an, sich auf alle Fälle zur Vertheidigung einzurichten. Man kaufte große Hirschfänger, und hing sie an wohl¬ gestickten Riemen über die Schultern. Wil¬ helm steckte noch überdieß ein Paar Terze¬ role in den Gürtel, Laertes hatte ohnedem eine gute Flinte bey sich, und man machte sich mit einer hohen Freudigkeit auf den Weg. Den zweyten Tag schlugen die Fuhrleute, die der Gegend wohl kundig waren, vor: sie wollten auf einem waldigen Bergplatze Mit¬ tagsruhe halten, weil das Dorf weit abgele¬ gen sey, und man bey guten Tagen gern diesen Weg nähme. Die Witterung war schön und jedermann stimmte leicht in den Vorschlag ein. Wil¬ helm eilte zu Fuß durch das Gebirge vor¬ aus, und über seine sonderbare Gestalt mußte jeder, der ihm begegnete, stutzig werden. Er eilte mit schnellen und zufriedenen Schritten den Wald hinauf, Laertes pfiff hinter ihm drein, nur die Frauen ließen sich in den Wagen fortschleppen. Mignon lief gleich¬ falls nebenher, stolz auf den Hirschfänger, den man ihr, als die Gesellschaft sich bewaff¬ nete, nicht abschlagen konnte. Um ihren Hut hatte sie die Perlenschnur gewunden, die Wilhelm von Marianens Reliquien übrig behalten hatte. Friedrich der Blonde trug die Flinte des Laertes, der Harfner hatte das friedlichste Ansehen. Sein langes Kleid war in den Gürtel gesteckt, und so ging er freyer. Er stützte sich auf einen knotigen Stab, sein Instrument war bey den Wagen zurück geblieben. Nachdem sie nicht ganz ohne Beschwer¬ lichkeit die Höhe erstiegen, erkannten sie so¬ gleich den angezeigten Platz an den schönen Buchen, die ihn umgaben und bedeckten. Eine große sanft-abhängige Waldwiese lud zum Bleiben ein; eine eingefaßte Quelle bot die lieblichste Erquickung dar, und es zeigte sich an der andern Seite durch Schluchten und Waldrücken eine ferne, schöne und hoff¬ nungsvolle Aussicht. Da lagen Dörfer und Mühlen in den Gründen, Städtchen in der Ebene, und neue in der Ferne eintretende Berge machten die Aussicht noch hoffnungs¬ voller, indem sie nur wie eine sanfte Be¬ schränkung hereintraten. Die ersten Ankommenden nahmen Besitz von der Gegend, ruhten im Schatten aus, machten ein Feuer an, und erwarteten ge¬ schäftig, singend die übrige Gesellschaft, wel¬ che nach und nach herbey kam, und den Platz, das schöne Wetter, die unaussprechlich schöne Gegend mit Einem Munde begrüßte. Fünftes Capitel . H atte man oft zwischen vier Wänden gute und fröhliche Stunden zusammen genossen; so war man natürlich, noch viel aufgeweckter hier, wo die Freyheit des Himmels und die Schönheit der Gegend jedes Gemüth zu rei¬ nigen schien. Alle fühlten sich einander nä¬ her, alle wünschten in einem so angenehmen Aufenthalt ihr ganzes Leben hinzubringen. Man beneidete die Jäger, Köhler und Holz¬ hauer, Leute, die ihr Beruf an diesen glückli¬ chen Wohnplätzen fest hält; über alles aber pries man die reizende Wirthschaft eines Zi¬ geunerhaufens. Man beneidete diese wun¬ derlichen Gesellen, die in seeligem Müßig¬ gange alle abentheuerlichen Reize der Natur zu genießen berechtigt sind; man freute sich, ihnen einigermaßen ähnlich zu seyn. Indessen hatten die Frauen angefangen, Erdäpfel zu sieden, und die mitgebrachten Speisen auszupacken und zu bereiten. Eini¬ ge Töpfe standen beym Feuer, gruppenweise lagerte sich die Gesellschaft unter den Bäu¬ men und Büschen. Ihre seltsame Kleidun¬ gen und die mancherley Waffen gaben ihr ein fremdes Ansehen. Die Pferde wurden bey Seite gefüttert, und wenn man die Kut¬ schen hätte verstecken wollen, so wäre der Anblick dieser kleinen Horde bis zur Illusion romantisch gewesen. Wilhelm genoß ein nie gefühltes Ver¬ gnügen. Er konnte hier eine wandernde Colonie und sich als Anführer derselben den¬ ken. In diesem Sinne unterhielt er sich mit einem jeden, und bildete den Wahn des Moments so poetisch als möglich aus. Die Gefühle der Gesellschaft erhöhten sich; man aß, trank und jubilirte, und bekannte wie¬ derholt, niemals schönere Augenblicke erlebt zu haben. Nicht lange hatte das Vergnügen zuge¬ nommen, als bey den jungen Leuten die Thätigkeit erwachte. Wilhelm und Laertes griffen zu den Rappieren, und fingen die߬ mal in theatralischer Absicht ihre Übungen an. Sie wollten den Zweykampf darstellen, in welchem Hamlet und sein Gegner ein so tragisches Ende nehmen. Beide Freunde waren überzeugt, daß man in dieser wichti¬ gen Scene nicht, wie es wohl auf Theatern zu geschehen pflegt, nur ungeschickt hin und wieder stoßen dürfe; sie hofften ein Muster darzustellen, wie man, bey der Aufführung, auch dem Kenner der Fechtkunst ein würdi¬ ges Schauspiel zu geben habe. Man schloß einen Kreis um sie her; beide fochten mit Eifer und Einsicht, das Interesse der Zu¬ schauer wuchs mit jedem Gange. Auf einmal aber fiel im nächsten Busche ein Schuß, und gleich darauf noch einer, und die Gesellschaft fuhr erschreckt auseinan¬ der. Bald erblickte man bewaffnete Leute, die auf den Ort zudrangen, wo die Pferde nicht weit von den bepackten Kutschen ihr Futter einnahmen. Ein allgemeiner Schrey entfuhr dem weib¬ lichen Geschlechte, unsre Helden warfen die Rappiere weg, griffen nach den Pistolen, eil¬ ten den Räubern entgegen, und forderten, unter lebhaften Drohungen, Rechenschaft des Unternehmens. Als man ihnen lakonisch mit ein Paar Musketenschüssen antwortete, druckte Wil¬ helm seine Pistole auf einen Krauskopf ab, der den Wagen erstiegen hatte, und die Stricke des Gepäckes auseinander schnitt. Wohlgetroffen stürzte er sogleich herunter; Laertes hatte auch nicht fehl geschossen, und beide Freunde zogen beherzt ihre Seitenge¬ wehre, als ein Theil der räuberischen Bande, mit Fluchen und Gebrüll, auf sie losbrach, einige Schüsse auf sie that, und sich mit blinkenden Säbeln ihrer Kühnheit entgegen setzte. Unsre junge Helden hielten sich tapfer; sie riefen ihren übrigen Gesellen zu, und munterten sie zu einer allgemeinen Verthei¬ digung auf. Bald aber verlor Wilhelm den Anblick des Lichtes, und das Bewußtseyn dessen, was vorging. Von einem Schuß, der ihn zwischen der Brust und dem linken Arm verwundete, von einem Hiebe, der ihm den Hut spaltete, und fast bis auf die Hirnschale durchdrang, betäubt, fiel er nieder, und mu߬ te das unglückliche Ende des Überfalls nur erst in der Folge aus der Erzählung ver¬ nehmen. Als er die Augen wieder aufschlug, be¬ fand er sich in der wunderbarsten Lage. Das erste, was ihm durch die Dämmerung, die noch vor seinen Augen lag, entgegen blickte, war das Gesicht Philinens, das sich über das seine herüber neigte. Er fühlte sich schwach, und da er, um sich empor zu rich¬ ten, eine Bewegung machte, fand er sich in Philinens Schooß, in den er auch wieder zurück sank. Sie saß auf dem Rasen, hatte den Kopf des vor ihr ausgestreckten Jüng¬ lings leise an sich gedrückt, und ihm in ihren Armen, so viel sie konnte, ein sanftes Lager bereitet. Mignon kniete mit zerstreuten blu¬ tigen Haaren an seinen Füßen, und umfaßte sie mit vielen Thränen. Als Wilhelm seine blutigen Kleider an¬ sah, fragte er mit gebrochner Stimme, wo er sich befinde? was ihm und den andern begegnet sey? Philine bat ihn, ruhig zu blei¬ ben, die übrigen, sagte sie, seyen alle in Si¬ cherheit, und niemand als er und Laertes verwundet. Weiter wollte sie nichts erzäh¬ len, und bat ihn inständig, er möchte sich ruhig halten, weil seine Wunden nur schlecht und in der Eile verbunden seyen. Er reichte Mignon die Hand, und erkundigte sich nach der Ursache der blutigen Locken des Kindes, das er auch verwundet hielt. Um ihn zu beruhigen, erzählte Philine: dieses gutherzige Geschöpf, da es seinen Freund verwundet gesehen, habe sich in der Geschwindigkeit auf nichts besonnen, um das Blut zu stillen, es habe seine eigenen Haare die um den Kopf geflogen, genommen, um die Wunden zu stopfen, habe aber bald von dem vergeblichen Unternehmen abstehen müssen. Nachher verband man ihn mit Schwamm und Moos, Philine hatte dazu ihr Halstuch hergegeben. Wilhelm bemerkte, daß Philine mit dem Rücken gegen ihren Koffer saß, der noch ganz wohl verschlossen und unbeschädigt aus¬ sah. Er fragte, ob die andern auch so glück¬ lich gewesen, ihre Haabseligkeiten zu retten? Sie antwortete mit Achselzucken und einem Blick auf die Wiese, wo zerbrochne Kasten, zerschlagne Koffer, zerschnittne Mantelsäcke und eine Menge kleiner Geräthschaften zer¬ streut hin und wieder lagen. Kein Mensch war auf dem Platze zu sehen, und die wun¬ derliche Gruppe fand sich in dieser Einsam¬ keit allein. Wilhelm erfuhr nun immer mehr als er wissen wollte: die übrigen Männer, die al¬ lenfalls noch Widerstand hätten thun kön¬ nen, waren gleich in Schrecken gesetzt und bald überwältigt; ein Theil floh, ein Theil sah mit Entsetzen dem Unfalle zu. Die Fuhr¬ leute, die sich noch wegen ihrer Pferde am hartnäckigsten gehalten hatten, wurden nie¬ dergeworfen und gebunden, und in kurzem war war alles rein ausgeplündert und wegge¬ schleppt. Die beängstigten Reisenden fingen, sobald die Sorge für ihr Leben vorüber war, ihren Verlust zu bejammern an, eilten, mit möglichster Geschwindigkeit, dem benachbar¬ ten Dorfe zu, führten den leicht verwundeten Laertes mit sich, und brachten nur wenige Trümmer ihrer Besitzthümer davon. Der Harfner hatte sein beschädigtes Instrument an einen Baum gelehnt, und war mit nach dem Orte geeilt, einen Wundarzt aufzusu¬ chen, und seinem für todt zurück gelassenen Wohlthäter nach Möglichkeit beyzuspringen. W. Meisters Lehrj. 2. P Sechstes Capitel . U nsre drey verunglückten Abenteurer blie¬ ben indeß noch eine Zeitlang in ihrer seltsa¬ men Lage, niemand eilte ihnen zu Hülfe. Der Abend kam herbey, die Nacht drohte hereinzubrechen; Philinens Gleichgültigkeit fing an in Unruhe überzugehen, Mignon lief hin und wieder, und die Ungeduld des Kin¬ des nahm mit jedem Augenblicke zu. End¬ lich da ihnen ihr Wunsch gewährt ward, und Menschen sich ihnen näherten, überfiel sie ein neuer Schrecken. Sie hörten ganz deut¬ lich einen Trupp Pferde in dem Wege her¬ auf kommen, den auch sie zurück gelegt hat¬ ten, und fürchteten, daß abermals eine Ge¬ sellschaft ungebetner Gäste diesen Wahlplatz besuchen möchte, um Nachlese zu halten. Wie angenehm wurden sie dagegen über¬ rascht, als ihnen aus den Büschen, auf einem Schimmel reitend, ein Frauenzimmer zu Ge¬ sichte kam, die von einem ältlichen Herrn und einigen Cavalieren begleitet wurde; Reitknechte, Bedienten und ein Trupp Husa¬ ren folgten nach. Philine, die zu dieser Erscheinung große Augen machte, war eben im Begriff zu ru¬ fen und die schöne Amazone um Hülfe an¬ zuflehen, als diese schon erstaunt ihre Augen nach der wunderbaren Gruppe wendete, so¬ gleich ihr Pferd lenkte, herzuritt und stille hielt. Sie erkundigte sich eifrig nach dem Verwundeten, dessen Lage, in dem Schooße der leichtfertigen Samariterin, ihr höchst son¬ derbar vorzukommen schien. Ist es Ihr Mann? fragte sie Philinen. Es ist nur ein guter Freund, versetzte diese mit einem Ton, der Wilhelmen höchst zuwi¬ P 2 der war. Er hatte seine Augen auf die sanften, hohen, stillen, theilnehmenden Ge¬ sichtszüge der Ankommenden geheftet; er glaubte nie etwas edleres noch liebenswürdi¬ geres gesehen zu haben. Ein weiter Manns¬ überrock verbarg ihm ihre Gestalt; sie hatte ihn, wie es schien, gegen die Einflüsse der kühlen Abendluft von einem ihrer Gesellschaf¬ ter geborgt. Die Ritter waren indeß auch näher ge¬ kommen; einige stiegen ab, die Dame that ein gleiches, und fragte, mit menschenfreund¬ licher Theilnehmung, nach allen Umständen des Unfalls, der die Reisenden betroffen hat¬ te, besonders aber nach den Wunden des hingestreckten Jünglings. Darauf wandte sie sich schnell um, und ging mit einem alten Herrn seitwärts nach den Wagen, welche langsam den Berg herauf kamen, und auf dem Wahlplatze stille hielten. Nachdem die junge Dame eine kurze Zeit am Schlage der einen Kutsche gestanden, und sich mit den Ankommenden unterhalten hat¬ te, stieg ein Mann von untersetzter Gestalt heraus, den sie zu unserm verwundeten Hel¬ den führte. An dem Kästchen, das er in der Hand hatte, und an der ledernen Tasche mit Instrumenten erkannte man ihn bald für ei¬ nen Wundarzt. Seine Manieren waren mehr rauh als einnehmend, doch seine Hand leicht, und seine Hülfe willkommen. Er untersuchte genau, erklärte, keine Wunde sey gefährlich, er wolle sie auf der Stelle verbinden, alsdann könne man den Kranken in das nächste Dorf bringen. Die Besorgnisse der jungen Dame schie¬ nen sich zu vermehren. Sehen Sie nur, sagte sie, nachdem sie einigemal hin und her¬ gegangen war, und den alten Herrn wieder herbey führte, sehn Sie, wie man ihn zuge¬ richtet hat! Und leidet er nicht um unsert¬ willen? Wilhelm hörte diese Worte, und verstand sie nicht. Sie ging unruhig hin und wieder; es schien, als könnte sie sich nicht von dem Anblick des Verwundeten los¬ reissen, und als fürchtete sie zugleich den Wohlstand zu verletzen, wenn sie stehen blie¬ be, zu der Zeit, da man ihn, wiewohl mit Mühe, zu entkleiden anfing. Der Chirurgus schnitt, eben den linken Ermel auf, als der alte Herr hinzutrat und ihr, mit einem ernst¬ haften Tone, die Nothwendigkeit ihre Reise fortzusetzen vorstellte. Wilhelm hatte seine Augen auf sie gerichtet, und war von ihren Blicken so eingenommen, daß er kaum fühl¬ te, was mit ihm vorging. Philine war indessen aufgestanden, um der gnädigen Dame die Hand zu küssen. Als sie neben einander standen, glaubte un¬ ser Freund nie einen solchen Abstand gesehn zu haben. Philine war ihm noch nie in ei¬ nem so ungünstigen Lichte erschienen. Sie sollte, wie es ihm vorkam, sich jener edlen Natur nicht nahen, noch weniger sie be¬ rühren. Die Dame fragte Philinen verschiednes, aber leise. Endlich kehrte sie sich zu dem alten Herrn, der noch immer trocken dabey stand, und sagte: lieber Oheim, darf ich auf Ihre Kosten freygebig seyn? Sie zog sogleich den Überrock aus, und ihre Absicht, ihn dem Verwundeten und Unbekleideten hinzugeben, war nicht zu verkennen. Wilhelm, den der heilsame Blick ihrer Augen bisher fest gehalten hatte, war nun, als der Überrock fiel, von ihrer schönen Ge¬ stalt überrascht. Sie trat näher herzu, und legte den Rock sanft über ihn hin. In die¬ sem Augenblicke, da er den Mund öffnen und einige Worte des Dankes stammeln wollte, wirkte der lebhafte Eindruck ihrer Gegenwart so sonderbar auf seine schon an¬ gegriffenen Sinne, daß es ihm auf einmal vorkam, als sey ihr Haupt mit Strahlen umgeben, und über ihr ganzes Bild verbreite sich nach und nach ein glänzendes Licht. Der Chirurgus berührte ihn eben unsanfter, in¬ dem er die Kugel, welche in der Wunde stack, herauszuziehen Anstalt machte. Die Heilige verschwand vor den Augen des Hin¬ sinkenden; er verlor alles Bewußtseyn, und als er wieder zu sich kam, waren Reiter und Wagen, die Schöne sammt ihren Begleitern verschwunden. Siebentes Capitel . N achdem unser Freund verbunden und an¬ gekleidet war, eilte der Chirurgus weg, eben als der Harfenspieler mit einer Anzahl Bauern herauf kam. Sie bereiteten eilig aus abgehauenen Ästen und eingeflochtnem Reisig eine Trage, luden den Verwundeten drauf und brachten ihn unter Anführung eines reitenden Jägers, den die Herrschaft zurück gelassen hatte, sachte den Berg hinun¬ ter. Der Harfner, still und in sich gekehrt, trug sein beschädigtes Instrument, einige Leu¬ te schleppten Philinens Koffer, sie schlenderte mit einem Bündel nach, Mignon sprang bald voraus, bald zur Seite durch Busch und Wald, und blickte sehnlich nach ihrem kranken Beschützer hinüber. Dieser lag, in seinen warmen Üeberrock gehüllt, ruhig auf der Bahre. Eine elektri¬ sche Wärme schien aus der feinen Wolle in seinen Körper überzugehen; genug er fühlte sich in die behaglichste Empfindung versetzt. Die schöne Besitzerin des Kleides hatte mäch¬ tig auf ihn gewirkt. Er sah noch den Rock von ihren Schultern fallen, die edelste Ge¬ stalt, von Strahlen umgeben, vor sich stehen, und seine Seele eilte der Verschwundnen durch Felsen und Wälder auf dem Fuße nach. Nur mit sinkender Nacht kam der Zug im Dorfe vor dem Wirthshause an, in wel¬ chem sich die übrige Gesellschaft befand, und verzweiflungsvoll den unersetzlichen Verlust beklagte. Die einzige kleine Stube des Hau¬ ses war von Menschen vollgepfropft; einige lagen auf der Streue, andere hatten die Bänke eingenommen; einige sich hinter den Ofen gedruckt, und Frau Melina erwartete, in einer benachbarten Kammer, ängstlich ihre Niederkunft. Der Schrecken hatte sie be¬ schleunigt, und unter dem Beystande der Wirthin, einer jungen, unerfahrnen Frau, konnte man wenig Gutes erwarten. Als die neuen Ankömmlinge herein ge¬ lassen zu werden verlangten, entstand ein allgemeines Murren. Man behauptete nun, daß man allein auf Wilhelms Rath unter seiner besondern Anführung diesen gefährli¬ chen Weg unternommen, und sich diesem Un¬ fall ausgesetzt habe. Man warf die Schuld des übeln Ausgangs auf ihn, widersetzte sich an der Thüre seinem Eintritt, und behaupte¬ te: er müsse anderswo unterzukommen suchen. Philinen begegnete man noch schnöder, der Harfenspieler und Mignon mußten auch das ihrige leiden. Nicht lange hörte der Jäger, dem die Vorsorge für die Verlaßnen von seiner schö¬ nen Herrschaft ernstlich anbefohlen war, dem Streite mit Geduld zu; er fuhr mit Fluchen und Drohen auf die Gesellschaft los, gebot ihnen zusammen zu rücken, und den Ankom¬ menden Platz zu machen. Man fing an sich zu bequemen. Er bereitete Wilhelmen einen Platz auf einem Tische, den er in eine Ecke schob; Philine ließ ihren Koffer darneben stellen, und setzte sich drauf. Jeder druckte sich so gut er konnte, und der Jäger begab sich weg, um zu sehen, ob er nicht ein be¬ quemeres Quartier für das Ehepaar aus¬ machen könne. Kaum war er fort, als der Unwille wie¬ der laut zu werden anfing, und ein Vorwurf den andern drängte. Jedermann erzählte und erhöhte seinen Verlust, man schalt die Verwegenheit, durch die man so vieles ein¬ gebüßt, man verhehlte sogar die Schaden¬ freude nicht, die man über die Wunden un¬ sers Freundes empfand, man verhöhnte Phi¬ linen, und wollte ihr die Art und Weise, wie sie ihren Koffer gerettet, zum Verbrechen machen. Aus allerley Anzüglichkeiten und Stichelreden hätte man schließen sollen, sie habe sich während der Plünderung und Nie¬ derlage um die Gunst des Anführers der Bande bemüht, und habe ihn, wer weiß durch welche Künste und Gefälligkeiten, ver¬ mocht, ihren Koffer frey zu geben. Man wollte sie eine ganze Weile vermißt haben. Sie antwortete nichts und klapperte nur mit den großen Schlössern ihres Koffers, um ihre Neider recht von seiner Gegenwart zu über¬ zeugen, und die Verzweiflung des Haufens durch ihr eignes Glück zu vermehren. Achtes Capitel . W ilhelm, ob er gleich durch den starken Ver¬ lust des Blutes schwach und nach der Er¬ scheinung jenes hülfreichen Engels mild und sanft geworden war, konnte sich doch zuletzt des Verdrusses über die harten und unge¬ rechten Reden nicht enthalten, welche bey sei¬ nem Stillschweigen von der unzufriednen Gesellschaft immer erneuert wurden. Endlich fühlte er sich gestärkt genug, um sich aufzu¬ richten, und ihnen die Unart vorzustellen, mit der sie ihren Freund und Führer beun¬ ruhigten. Er hob sein verbundnes Haupt in die Höhe, und fing, indem er sich mit eini¬ ger Mühe stützte und gegen die Wand lehn¬ te, folgendergestalt zu reden an: Ich vergebe dem Schmerze, den jeder über seinen Verlust empfindet, daß ihr mich in einem Augenblicke beleidigt, wo ihr mich beklagen solltet, daß ihr mir widersteht und mich von euch stoßt, das erstemal da ich Hülfe von euch erwarten könnte. Für die Dienste, die ich euch erzeigte, für die Gefäl¬ ligkeiten, die ich euch erwies, habe ich mich durch euren Dank, durch euer freundschaftli¬ ches Betragen bisher genugsam belohnt ge¬ funden; verleitet mich nicht, zwingt mein Gemüth nicht zurückzugehn und zu überden¬ ken, was ich für euch gethan habe; diese Berechnuug würde mir nur peinlich werden. Der Zufall hat mich zu euch geführt, Um¬ stände und eine heimliche Neigung haben mich bey euch gehalten. Ich nahm an euren Arbeiten, an euren Vergnügungen Theil; meine wenigen Kenntnisse waren zu eurem Dienste. Gebt ihr mir jetzt auf eine bittre Weise den Unfall Schuld, der uns betroffen hat; so erinnert ihr euch nicht, daß der erste Vorschlag diesen Weg zu nehmen, von frem¬ den Leuten kam, von euch allen geprüft wor¬ den, und so gut von jedem als von mir ge¬ billigt worden ist. Wäre unsre Reise glücklich vollbracht, so würde sich jeder wegen des guten Einfalls loben, daß er diesen Weg angerathen, daß er ihn vorgezogen, er würde sich unsrer Über¬ legungen und seines ausgeübten Stimmrechts mit Freuden erinnern; jetzo macht ihr mich allein verantwortlich, ihr zwingt mir eine Schuld auf, die ich willig übernehmen woll¬ te, wenn mich das reinste Bewußtseyn nicht frey spräche, ja wenn ich mich nicht auf euch selbst berufen könnte. Habt ihr gegen mich etwas zu sagen, so bringt es ordentlich vor, und ich werde mich zu vertheidigen wissen; habt ihr nichts Gegründetes anzugeben, so schweigt, schweigt, und quält mich nicht, jetzt da ich der Ruhe so äusserst bedürftig bin. Statt aller Antwort fingen die Mädchen abermals zu weinen und ihren Verlust um¬ ständlich zu erzählen an. Melina war ganz ausser Fassung: denn er hatte freylich am meisten und mehr als wir denken können eingebüßt. Wie ein Rasender stolperte er in dem engen Raume hin und her, stieß den Kopf wider die Wand, fluchte und schalt auf das unziemlichste; und da nun gar zu glei¬ cher Zeit die aus der Kammer trat, mit der Nachricht, daß seine Frau mit einem todten Kinde niedergekommen, erlaubte er sich die heftigsten Ausbrüche, und einstimmig mit ihm heulte, schrie, brummte und lermte alles durcheinander. Wilhelm, der zugleich von mitleidiger Theilnehmung an ihrem Zustande und von Verdruß über ihre niedrige Gesinnung bis in W. Meisters Lehrj. 2. Q sein Innerstes bewegt war, fühlte ohnerach¬ tet der Schwäche seines Körpers die ganze Kraft seiner Seele lebendig. Fast, rief er aus, muß ich euch verachten, so beklagens¬ werth ihr auch seyn mögt. Kein Unglück be¬ rechtigt uns, einen Unschuldigen mit Vorwür¬ fen zu beladen; habe ich Theil an diesem falschen Schritte, so büße ich auch mein Theil. Ich liege verwundet hier, und wenn die Gesellschaft verloren hat, so verliere ich das meiste. Was an Garderobe geraubt worden, was an Dekorationen zu Grunde gegangen, war mein; denn Sie, Herr Meli¬ na, haben mich noch nicht bezahlt, und ich spreche Sie von dieser Forderung hiermit völlig frey. Sie haben gut schenken, rief Melina, was niemand wiedersehen wird. Ihr Geld lag in meiner Frauen Koffer, und es ist Ihre Schuld, daß es Ihnen verloren geht. Aber o! wenn das alles wäre! — Er fing aufs neue zu stampfen, zu schimpfen und zu schreyen an. Jedermann erinnerte sich der schönen Kleider aus der Garderobe des Grafen, der Schnal¬ len, Uhren, Dosen, Hüte, welche Melina von dem Kammerdiener so glücklich gehandelt hatte. Jedem fielen seine eigenen, obgleich viel geringeren Schätze dabey wieder ins Gedächtniß; man blickte mit Verdruß auf Philinens Koffer, man gab Wilhelmen zu verstehen, er habe wahrlich nicht übel gethan, sich mit dieser Schönen zu associiren, und durch ihr Glück auch seine Habseligkeiten zu retten. Glaubt ihr denn, rief er endlich aus, daß ich etwas Eignes haben werde, so lange ihr darbt, und ist es wohl das erstemal, daß ich in der Noth mit euch redlich theile? Man öffne den Koffer, und was mein ist, will ich zum öffentlichen Bedürfniß niederlegen. Q 2 Es ist mein Koffer, sagte Philine, und ich werde ihn nicht eher aufmachen, bis es mir beliebt. Ihre Paar Fittige, die ich Ihnen aufgehoben, können wenig betragen, und wenn sie an die redlichsten Juden verkauft werden. Denken Sie an sich, was Ihre Hei¬ lung kosten, was Ihnen in einem fremden Lande begegnen kann. Sie werden mir, Philine, versetzte Wil¬ helm, nichts vorenthalten, was mein ist, und das wenige wird uns aus der ersten Verle¬ genheit retten. Allein der Mensch besitzt noch manches, womit er seinen Freunden bey¬ stehen kann, das eben nicht klingende Münze zu seyn braucht. Alles was in mir ist, soll diesen Unglücklichen gewidmet seyn, die ge¬ wis, wenn sie wieder zu sich selbst kommen, ihr gegenwärtiges Betragen bereuen werden. Ja, fuhr er fort, ich fühle daß ihr bedürft, und was ich vermag, will ich euch leisten, schenkt mir euer Vertrauen aufs neue, beru¬ higt euch für diesen Augenblick, nehmet an, was ich euch verspreche! Wer will die Zu¬ sage im Namen aller von mir empfangen? Hier reckte er seine Hand aus, und rief: ich verspreche, daß ich nicht eher von euch weichen, euch nicht eher verlassen will, als bis ein jeder seinen Verlust doppelt und drey¬ fach ersetzt sieht, bis ihr den Zustand, in dem ihr euch, durch wessen Schuld es wolle, befindet, völlig vergessen, und mit einem glücklichern vertauscht habt. Er hielt seine Hand noch immer ausge¬ streckt, und niemand wollte sie fassen. Ich versprech’ es noch einmal, rief er aus, indem er auf sein Kissen zurück sank. Alle blieben stille; sie waren beschämt, aber nicht getröstet, und Philine, auf ihrem Koffer sitzend, knackte Nüsse auf, die sie in ihrer Tasche gefunden hatte. Neuntes Capitel . D er Jäger kam mit einigen Leuten zurück, und machte Anstalt, den Verwundeten weg¬ zuschaffen. Er hatte den Pfarrer des Orts beredet, das Ehepaar aufzunehmen; Phili¬ nens Koffer ward fortgetragen, und sie folgte mit natürlichem Anstand. Mignon lief vor¬ aus, und da der Kranke im Pfarrhaus an¬ kam, ward ihm ein weites Ehebette, das schon lange Zeit als Gast– und Ehren-Bette bereit stand, eingegeben. Hier bemerkte man erst, daß die Wunde aufgegangen war und stark geblutet hatte. Man mußte für einen neuen Verband sorgen. Der Kranke verfiel in ein Fieber, Philine wartete ihn treulich, und als die Müdigkeit sie übermeisterte, lös¬ te sie der Harfenspieler ab; Mignon war, mit dem festen Vorsatz, zu wachen, in einer Ecke eingeschlafen. Des Morgens, als Wilhelm sich ein we¬ nig erholt hatte, erfuhr er von dem Jäger, daß die Herrschaft, die ihnen gestern zu Hülfe gekommen sey, vor kurzem ihre Güter ver¬ lassen habe, um den Kriegsbewegungen aus¬ zuweichen, und sich bis zum Frieden in einer ruhigern Gegend aufzuhalten. Er nannte den ältlichen Herrn und seine Nichte, zeigte den Ort an, wohin sie sich zuerst begeben, erklärte Wilhelmen, wie das Fräulein ihm eingebunden, für die Verlaßnen Sorge zu tragen. Der hereintretende Wundarzt unterbrach die lebhaften Danksagungen, in welche sich Wilhelm gegen den Jäger ergoß, machte eine umständliche Beschreibung der Wunden, versicherte, daß sie leicht heilen würden, wenn der Patient sich ruhig hielte und sich ab¬ wartete. Nachdem der Jäger weggeritten war, er¬ zählte Philine, daß er ihr einen Beutel mit zwanzig Louisd’oren zurück gelassen, daß er dem Geistlichen ein Douceur für die Woh¬ nung gegeben, und die Curkosten für den Chirurgus bey ihm niedergelegt habe. Sie gelte durchaus für Wilhelms Frau, introdu¬ zire sich ein für allemal bey ihm in dieser Qualität, und werde nicht zugeben, daß er sich nach einer andern Wartung umsehe. Philine, sagte Wilhelm, ich bin Ihnen bey dem Unfall, der uns begegnet ist, schon manchen Dank schuldig worden, und ich wünschte nicht, meine Verbindlichkeiten gegen Sie vermehrt zu sehen. Ich bin unruhig, so lange Sie um mich sind, denn ich weiß nichts, womit ich Ihnen die Mühe vergelten kann. Geben Sie mir meine Sachen, die Sie in Ihrem Koffer gerettet haben, heraus, schließen Sie sich an die übrige Gesellschaft an, suchen Sie ein ander Quartier, nehmen Sie meinen Dank und die goldne Uhr als eine kleine Erkenntlichkeit, nur verlassen Sie mich; Ihre Gegenwart beunruhigt mich mehr als Sie glauben. Sie lachte ihm ins Gesicht, als er geen¬ digt hatte. Du bist ein Thor, sagte sie, du wirst nicht klug werden. Ich weiß besser was dir gut ist; ich werde bleiben; ich wer¬ de mich nicht von der Stelle rühren. Auf den Dank der Männer habe ich niemals ge¬ rechnet, also auch auf deinen nicht; und wenn ich dich lieb habe, was geht’s dich an? Sie blieb, und hatte sich bald bey dem Pfarrer und seiner Familie eingeschmeichelt, indem sie immer lustig war, jedem etwas zu schenken, jedem nach dem Sinne zu reden wußte, und dabey immer that, was sie woll¬ te. Wilhelm befand sich nicht übel; der Chirurgus, ein unwissender, aber nicht unge¬ schickter Mensch, ließ die Natur walten, und so war der Patient bald auf dem Wege der Besserung. Sehnlich wünschte dieser sich wieder hergestellt zu sehen, um seine Plane, seine Wünsche eifrig verfolgen zu können. Unaufhörlich rief er sich jene Begebenheit zurück, welche einen unauslöschlichen Ein¬ druck auf sein Gemüth gemacht hatte. Er sah die schöne Amazone reitend aus den Bü¬ schen hervorkommen, sie näherte sich ihm, stieg ab, ging hin und wieder, und bemühte sich um seinetwillen. Er sah das umhüllende Kleid von ihren Schultern fallen; ihr Ge¬ sicht, ihre Gestalt glänzend verschwinden. Alle seine Jugendträume knüpften sich an dieses Bild. Er glaubte nunmehr die edle heldenmüthige Chlorinde mit eignen Augen gesehen zu haben; ihm fiel der kranke Kö¬ nigssohn wieder ein, an dessen Lager die schöne theilnehmende Prinzessin mit stiller Bescheidenheit herantritt. Sollten nicht, sagte er manchmal im Stil¬ len zu sich selbst, uns in der Jugend wie im Schlafe, die Bilder zukünftiger Schicksale umschweben, und unserm unbefangenen Auge ahndungsvoll sichtbar werden? sollten die Keime dessen, was uns begegnen wird, nicht schon von der Hand des Schicksals ausge¬ streut, sollte nicht ein Vorgenuß der Früchte, die wir einst zu brechen hoffen, möglich seyn? Sein Krankenlager gab ihm Zeit jene Scene tausendmal zu wiederholen. Tausend¬ mal rief er den Klang jener süßen Stimme zurück, und wie beneidete er Philinen, die jene hülfreiche Hand geküßt hatte. Oft kam ihm die Geschichte wie ein Traum vor, und er würde sie für ein Mährchen gehalten ha¬ ben, wenn nicht das Kleid zurück geblieben wäre, das ihm die Gewisheit der Erscheinung versicherte. Mit der größten Sorgfalt für dieses Ge¬ wand war das lebhafteste Verlangen verbun¬ den, sich damit zu bekleiden. Sobald er auf¬ stand, warf er es über, und sorgte den gan¬ zen Tag, es möchte durch einen Flecken, oder auf sonst eine Weise beschädigt werden. Zehntes Capitel . L aertes besuchte seinen Freund. Er war bey jener lebhaften Scene im Wirthshause nicht gegenwärtig gewesen, denn er lag in einer obern Kammer. Über seinen Verlust war er sehr getröstet, und half sich mit seinem ge¬ wöhnlichen: was thuts? Er erzählte ver¬ schiedne lächerliche Züge von der Gesellschaft, besonders gab er Frau Melina Schuld: sie beweine den Verlust ihrer Tochter nur des¬ wegen, weil sie nicht das altdeutsche Vergnü¬ gen haben könne, eine Mechtilde taufen zu lassen. Was ihren Mann betreffe, so offen¬ bare sichs nun, daß er viel Geld bey sich gehabt, und auch schon damals des Vor¬ schusses, den er Wilhelmen abgelockt, keines¬ weges bedurft habe. Melina wolle nunmehr mit dem nächsten Postwagen abgehn, und werde von Wilhelmen ein Empfehlungsschrei¬ ben an seinen Freund den Director Serlo verlangen, bey dessen Gesellschaft er, weil die eigne Unternehmung gescheitert, nun un¬ terzukommen hoffe. Mignon war einige Tage sehr still gewe¬ sen, und als man in sie drang, gestand sie endlich, daß ihr rechter Arm verrenkt sey. Das hast du deiner Verwegenheit zu dan¬ ken, sagte Philine, und erzählte: wie das Kind im Gefechte seinen Hirschfänger gezo¬ gen, und als es seinen Freund in Gefahr gesehen, wacker auf die Freybeuter zugehauen habe. Endlich sey es beym Arme ergriffen und auf die Seite geschleudert worden. Man schalt auf sie, daß sie das Übel nicht eher entdeckt habe, doch merkte man wohl, daß sie sich vor dem Chirurgus gescheut, der sie bisher immer für einen Knaben gehalten hatte. Man suchte das Übel zu heben, und sie mußte den Arm in der Binde tragen. Hierüber war sie aufs neue empfindlich, weil sie den besten Theil der Pflege und War¬ tung ihres Freundes Philinen überlassen mußte, und die angenehme Sünderin zeigte sich nur um desto thätiger und aufmerksamer. Eines Morgens als Wilhelm erwachte, fand er sich mit ihr in einer sonderbaren Nähe. Er war auf seinem weiten Lager in der Unruhe des Schlafs ganz an die hintere Seite gerutscht. Philine lag queer über den vordern Theil hingestreckt; sie schien auf dem Bette sitzend und lesend eingeschlafen zu seyn. Ein Buch war ihr aus der Hand gefallen, sie war zurück und mit dem Kopf nah’ an seine Brust gesunken, über die sich ihre blon¬ den aufgelößten Haare in Wellen ausbreite¬ ten. Die Unordnung des Schlafs erhöhte mehr als Kunst und Vorsatz ihre Reize; eine kindische lächelnde Ruhe schwebte über ihrem Gesichte. Er sah sie eine Zeitlang an, und schien sich selbst über das Vergnügen zu ta¬ deln, womit er sie ansah, und wir wissen nicht, ob er seinen Zustand segnete oder ta¬ delte, der ihm Ruhe und Mäßigung zur Pflicht machte. Er hatte sie eine Zeitlang aufmerksam betrachtet, als sie sich zu regen anfing. Er schloß die Augen sachte zu, doch konnte er nicht unterlassen zu blinzen und nach ihr zu sehen, als sie sich wieder zurecht putzte und wegging, nach dem Frühstück zu fragen. Nach und nach hatten sich nun die sämmt¬ lichen Schauspieler bey Wilhelmen gemeldet, hatten Empfehlungsschreiben und Reisegeld mehr oder weniger unartig und ungestüm gefordert und immer mit Widerwillen Phili¬ nens erhalten. Vergebens stellte sie ihrem Freunde vor, daß der Jäger auch diesen Leu¬ ten ten eine ansehnliche Summe zurückgelassen, daß man ihn nur zum Besten habe. Viel¬ mehr kamen sie darüber in einen lebhaften Zwist, und Wilhelm behauptete nunmehr ein für allemal, daß sie sich gleichfalls an die übrige Gesellschaft anschließen und ihr Glück bey Serlo versuchen sollte. Nur einige Augenblicke verließ sie ihr Gleichmuth, dann erholte sie sich schnell wie¬ der, und rief: wenn ich nur meinen Blonden wieder hätte, so wollt’ ich mich um euch alle nichts kümmern. Sie meinte Friedrichen, der sich vom Wahlplatze verloren und nicht wieder gezeigt hatte. Des andern Morgens brachte Mignon die Nachricht ans Bette: daß Philine in der Nacht abgereist sey; im Nebenzimmer habe sie alles, was ihm gehöre, sehr ordentlich zu¬ sammen gelegt. Er empfand ihre Abwesen¬ heit; er hatte an ihr eine treue Wärterin, W. Meisters Lehrj. 2. R eine muntere Gesellschafterin verloren; er war nicht mehr gewohnt allein zu seyn. Al¬ lein Mignon füllte die Lücke bald wieder aus. Seitdem jene leichtfertige Schöne in ihren freundlichen Bemühungen den Verwundeten umgab, hatte sich die Kleine nach und nach zurück gezogen, und war stille für sich geblie¬ ben; nun aber da sie wieder freyes Feld ge¬ wann, trat sie mit Aufmerksamkeit und Liebe hervor, war eifrig ihm zu dienen, und mun¬ ter ihn zu unterhalten. Eilftes Capitel . M it lebhaften Schritten nahete er sich der Besserung. Er hoffte nun in wenig Tagen seine Reise antreten zu können. Er wollte nicht etwa planlos ein schlenderndes Leben fortsetzen, sondern zweckmäßige Schritte soll¬ ten künftig seine Bahn bezeichnen. Zuerst wollte er die hülfreiche Herrschaft aufsuchen, um seine Dankbarkeit an den Tag zu legen, alsdann zu seinem Freunde dem Director eilen, um für die verunglückte Gesellschaft auf das beste zu sorgen, und zugleich die Handelsfreunde, an die er mit Addressen ver¬ sehen war, besuchen, und die ihm aufgetrag¬ nen Geschäfte verrichten. Er machte sich Hoffnung, daß ihm das Glück wie vorher auch künftig beystehen, und ihm Gelegenheit R 2 verschaffen werde, durch eine glückliche Spe¬ kulation den Verlust zu ersetzen, und die Lücke seiner Casse wieder auszufüllen. Das Verlangen, seine Retterin wieder zu sehen, wuchs mit jedem Tage. Um seine Reiseroute zu bestimmen, ging er mit dem Geistlichen zu Rathe, der schöne geographi¬ sche und statistische Kenntnisse hatte, und eine artige Bücher– und Karten–Sammlung besaß. Man suchte nach dem Orte, den die edle Familie während des Kriegs zu ihrem Sitz erwählt hatte, man suchte Nachrichten von ihr selbst auf; allein der Ort war in keiner Geographie, auf keiner Karte zu fin¬ den, und die genealogischen Handbücher sag¬ ten nichts von einer solchen Familie. Wilhelm wurde unruhig, und als er sei¬ ne Bekümmerniß laut werden ließ, entdeckte ihm der Harfenspieler: er habe Ursache zu glauben, daß der Jäger, es sey aus welcher Ursache es wolle, den wahren Nahmen ver¬ schwiegen habe. Wilhelm, der nun einmal sich in der Nähe der Schönen glaubte, hoffte einige Nachricht von ihr zu erhalten, wenn er den Harfenspieler abschickte; aber auch diese Hoff¬ nung ward getäuscht. So sehr der Alte sich auch erkundigte, konnte er doch auf keine Spur kommen. In jenen Tagen waren ver¬ schiedene lebhafte Bewegungen und unvor¬ gesehene Durchmärsche in diesen Gegenden vorgefallen, niemand hatte auf die reisende Gesellschaft besonders Acht gegeben, so daß der ausgesendete Bote, um nicht für einen jüdischen Spion angesehn zu werden, wieder zurück gehen und ohne Oelblatt vor seinem Herrn und Freund erscheinen mußte. Er legte strenge Rechenschaft ab, wie er den Auftrag auszurichten gesucht, und war be¬ müht, allen Verdacht einer Nachlässigkeit von sich zu entfernen. Er suchte auf alle Weise Wilhelms Betrübniß zu lindern, besann sich auf alles, was er von dem Jäger erfahren hatte, und brachte mancherley Muthmaßun¬ gen vor, wobey denn endlich ein Umstand vorkam, woraus Wilhelm einige räthselhafte Worte der schönen Verschwundnen deuten konnte. Die räuberische Bande nämlich hatte nicht der wandernden Truppe, sondern jener Herrschaft aufgepaßt, bey der sie mit Recht vieles Geld und Kostbarkeiten vermuthete, und von deren Zug sie genaue Nachricht mußte gehabt haben. Man wußte nicht, ob man die That einem Freycorps, ob man sie Marodeurs oder Räubern zuschreiben sollte. Genug, zum Glücke der vornehmen und rei¬ chen Caravane waren die Geringen und Ar¬ men zuerst auf den Platz gekommen, und hatten das Schicksal erduldet, das jenen zu¬ bereitet war. Darauf bezogen sich die Wor¬ te der jungen Dame, deren sich Wilhelm noch gar wohl erinnerte. Wenn er nun ver¬ gnügt und glücklich seyn konnte, daß ein vorsichtiger Genius ihn zum Opfer bestimmt hatte, eine vollkommene Sterbliche zu retten, so war er dagegen nahe an der Verzweif¬ lung, da ihm, sie wieder zu finden, sie wie¬ der zu sehen, wenigstens für den Augenblick, alle Hoffnung verschwunden war. Was diese sonderbare Bewegung in ihm vermehrte, war die Ähnlichkeit, die er zwi¬ schen der Gräfin und der schönen Unbekann¬ ten entdeckt zu haben glaubte. Sie glichen sich, wie sich Schwestern gleichen mögen, de¬ ren keine die jüngere noch die ältere genannt werden darf, denn sie scheinen Zwillinge zu seyn. Die Erinnerung an die liebenswürdige Gräfin war ihm unendlich süß. Er rief sich ihr Bild nur allzugern wieder ins Gedächt¬ niß. Aber nun trat die Gestalt der edlen Amazone gleich dazwischen, eine Erscheinung verwandelte sich in die andere, ohne daß er im Stande gewesen wäre, diese oder jene fest zu halten. Wie wunderbar mußte ihm daher die Ähnlichkeit ihrer Handschriften seyn! denn er verwahrte ein reizendes Lied von der Hand der Gräfin in seiner Schreibtafel, und in dem Überrocke hatte er ein Zettelchen gefun¬ den, worin man sich mit viel zärtlicher Sorg¬ falt nach dem Befinden eines Oheims erkun¬ digte. Wilhelm war überzeugt, daß seine Rette¬ rin dieses Billet geschrieben; daß es auf der Reise in einem Wirthshause aus einem Zim¬ mer in das andere geschickt und von dem Oheim in die Tasche gesteckt worden sey. Er hielt beide Handschriften gegen einander, und wenn die zierlich gestellten Buchstaben der Gräfin ihm sonst so sehr gefallen hatten; so fand er in den ähnlichen aber freyeren Zü¬ gen der Unbekannten eine unaussprechlich fließende Harmonie. Das Billet enthielt nichts, und schon die Züge schienen ihn, so wie ehemals die Gegenwart der Schönen, zu erheben. Er verfiel in eine träumende Sehnsucht, und wie einstimmend mit seinen Empfindun¬ gen war das Lied, das eben in dieser Stun¬ de Mignon und der Harfner als ein unre¬ gelmäßiges Duett mit dem herzlichsten Aus¬ drucke sangen: Nur wer die Sehnsucht kennt, Weiß was ich leide! Allein und abgetrennt Von aller Freude, Seh ich ans Firmament Nach jener Seite. Ach! der mich liebt und kennt Ist in der Weite. Es schwindelt mir, es brennt Mein Eingeweide. Nur wer die Sehnsucht kennt, Weiß was ich leide! Zwölftes Capitel . D ie sanften Lockungen des lieben Schutzgei¬ stes, anstatt unsern Freund auf irgend einen Weg zu führen, nährten und vermehrten die Unruhe, die er vorher empfunden hatte. Eine heimliche Gluth schlich in seinen Adern, be¬ stimmte und unbestimmte Gegenstände wech¬ selten in seiner Seele, und erregten ein end¬ loses Verlangen. Bald wünschte er sich ein Roß, bald Flügel, und indem es ihm un¬ möglich schien, bleiben zu können, sah er sich erst um, wohin er denn eigentlich begehre. Der Faden seines Schicksals hatte sich so sonderbar verworren; er wünschte die seltsa¬ men Knoten aufgelöst oder zerschnitten zu se¬ hen. Oft wenn er ein Pferd traben oder einen Wagen rollen hörte, schaute er eilig zum Fenster hinaus, in der Hoffnung, es würde jemand seyn, der ihn aufsuchte, und wäre es auch nur durch Zufall, ihm Nach¬ richt, Gewisheit und Freude brächte. Er erzählte sich Geschichten vor, wie sein Freund Werner in diese Gegend kommen und ihn überraschen könnte, daß Mariane vielleicht erscheinen dürfte. Der Ton eines jeden Post¬ horns setzte ihn in Bewegung. Melina soll¬ te von seinem Schicksale Nachricht geben, vorzüglich aber sollte der Jäger wiederkom¬ men und ihn zu jener angebeteten Schönheit einladen. Von allem diesem geschah leider nichts, und er mußte zuletzt wieder mit sich allein bleiben, und indem er das Vergangne wieder durchnahm, ward ihm ein Umstand, je mehr er ihn betrachtete und beleuchtete, immer wi¬ driger und unerträglicher. Es war seine ver¬ unglückte Heerführerschaft, an die er ohne Verdruß nicht denken konnte. Denn ob er gleich am Abend jenes bösen Tages sich vor der Gesellschaft so ziemlich herausgeredet hat¬ te; so konnte er sich doch selbst seine Schuld nicht verleugnen. Er schrieb sich vielmehr in hypochondrischen Augenblicken den ganzen Vorfall allein zu. Die Eigenliebe läßt uns sowohl unsre Tugenden als unsre Fehler viel bedeutender, als sie sind, erscheinen. Er hatte das Ver¬ trauen auf sich rege gemacht, den Willen der übrigen gelenkt, und war von Unerfahrenheit und Kühnheit geleitet, vorangegangen; es ergriff sie eine Gefahr, der sie nicht gewach¬ sen waren. Laute und stille Vorwürfe ver¬ folgten ihn, und wenn er der irregeführten Gesellschaft nach dem empfindlichen Verluste zugesagt hatte, sie nicht zu verlassen, bis er ihnen das Verlorne mit Wucher ersetzt hät¬ te; so hatte er sich über eine neue Verwe¬ genheit zu schelten, womit er ein allgemeines ausgetheiltes Übel auf seine Schultern zu nehmen sich vermaß. Bald verwies er sich, daß er durch Aufspannung und Drang des Augenblicks ein solches Versprechen gethan hatte; bald fühlte er wieder, daß jenes gut¬ müthige Hinreichen seiner Hand, die niemand anzunehmen würdigte, nur eine leichte Förm¬ lichkeit sey gegen das Gelübde, das sein Herz gethan hatte. Er sann auf Mittel, ihnen wohlthätig und nützlich zu seyn, und fand alle Ursache, seine Reise zu Serlo zu beschleunigen. Er packte nunmehr seine Sa¬ chen zusammen, und eilte, ohne seine völlige Genesung abzuwarten, ohne auf den Rath des Pastors und Wundarztes zu hören, in der wunderbaren Gesellschaft Mignons und des Alten, der Unthätigkeit zu entfliehen, in der ihn sein Schicksal abermals nur zu lange gehalten hatte. Dreyzehntes Capitel . S erlo empfing ihn mit offnen Armen, und rief ihm entgegen: Seh ich Sie? Erkenn’ ich Sie wieder? Sie haben sich wenig oder nicht geändert, ist Ihre Liebe zur edelsten Kunst noch immer so stark und lebendig? So sehr erfreu ich mich über Ihre Ankunft, daß ich selbst das Mißtrauen nicht mehr fühle, das Ihre letzten Briefe bey mir erregt haben. Wilhelm bat betroffen um eine nähere Erklärung. Sie haben sich, versetzte Serlo, gegen mich nicht wie ein alter Freund betragen; Sie haben mich wie einen großen Herrn be¬ handelt, dem man mit gutem Gewissen un¬ brauchbare Leute empfehlen darf. Unser Schicksal hängt von der Meinung des Pu¬ blikums ab, und ich fürchte, daß Ihr Herr Melina mit den seinigen schwerlich bey uns wohl aufgenommen werden dürfte. Wilhelm wollte etwas zu ihren Gunsten sprechen, aber Serlo fing an, eine so un¬ barmherzige Schilderung von ihnen zu ma¬ chen, daß unser Freund sehr zufrieden war, als ein Frauenzimmer in das Zimmer trat, das Gespräch unterbrach, und ihm sogleich als Schwester Aurelia von seinem Freunde vorgestellt ward. Sie empfing ihn auf das freundschaftlichste, und ihre Unterhaltung war so angenehm, daß er nicht einmal einen ent¬ schiedenen Zug des Kummers gewahr wurde, der ihrem geistreichen Gesicht noch ein beson¬ deres Interesse gab. Zum erstenmal seit langer Zeit fand sich Wilhelm wieder in seinem Elemente. Bey seinen Gesprächen hatte er sonst nur noth¬ dürftig gefällige Zuhörer gefunden, da er ge¬ gegenwärtig mit Künstlern und Kennern zu sprechen das Glück hatte, die ihn nicht allein vollkommen verstanden, sondern die auch sein Gespräch belehrend erwiederten. Mit wel¬ cher Geschwindigkeit ging man die neusten Stücke durch! mit welcher Sicherheit beur¬ theilte man sie! wie wußte man das Urtheil des Publikums zu prüfen und zu schätzen! in welcher Geschwindigkeit klärte man einan¬ der auf! Nun mußte sich, bey Wilhelms Vorliebe für Shakespearen, das Gespräch nothwendig auf diesen Schriftsteller lenken. Er zeigte die lebhafteste Hoffnung auf die Epoche, wel¬ che diese vortrefflichen Stücke in Deutschland machen müßten, und bald brachte er seinen Hamlet vor, der ihn so sehr beschäftigt hatte. Serlo versicherte, daß er das Stück längst, wenn es nur möglich gewesen wäre, gegeben hätte, daß er gern die Rolle des Polonius W. Meisters Lehrj. 2. S übernehmen wolle. Dann setzte er mit Lä¬ cheln hinzu: und Ophelien finden sich wohl auch, wenn wir nur erst den Prinzen haben. Wilhelm bemerkte nicht, daß Aurelien dieser Scherz des Bruders zu mißfallen schien; er ward vielmehr nach seiner Art weitläuftig und lehrreich, in welchem Sinne er den Hamlet gespielt haben wolle. Er legte ihnen die Resultate umständlich dar, mit welchen wir ihn oben beschäftigt gesehen, und gab sich alle Mühe, seine Meinung annehmlich zu machen, so viel Zweifel auch Serlo gegen seine Hypothese erregte. Nun gut, sagte die¬ ser zuletzt, wir geben Ihnen alles zu, was wollen Sie weiter daraus erklären? Vieles, alles, versetzte Wilhelm. Denken Sie sich einen Prinzen, wie ich ihn geschil¬ dert habe, dessen Vater unvermuthet stirbt. Ehrgeitz und Herrschsucht sind nicht die Lei¬ denschaften, die ihn beleben; er hatte sich’s gefallen lassen, Sohn eines Königs zu seyn; aber nun ist er erst genöthigt auf den Ab¬ stand aufmerksamer zu werden, der den Kö¬ nig vom Unterthan scheidet. Das Recht zur Krone war nicht erblich, und doch hätte ein längeres Leben seines Vaters die Ansprüche seines einzigen Sohnes mehr befestigt, und die Hoffnung zur Krone gesichert. Dagegen sieht er sich nun durch seinen Oheim, ohnge¬ achtet scheinbarer Versprechungen, vielleicht auf immer ausgeschlossen, er fühlt sich nun so arm an Gnade, an Gütern, und fremd in dem, was er von Jugend auf als sein Ei¬ genthum betrachten konnte. Hier nimmt sein Gemüth die erste traurige Richtung. Er fühlt, daß er nicht mehr, ja nicht so viel ist als jeder Edelmann, er giebt sich für einen Die¬ ner eines jeden, er ist nicht höflich, nicht her¬ ablassend, nein, herabgesunken und bedürftig. Nach seinem vorigen Zustande blickt er S 2 nur wie nach einem verschwundnen Traume. Vergebens, daß sein Oheim ihn aufmuntern, ihm seine Lage aus einem andern Gesichts¬ punkte zeigen will, die Empfindung seines Nichts verläßt ihn nie. Der zweyte Schlag, der ihn traf, verletzte tiefer, beugte noch mehr. Es ist die Heirath seiner Mutter. Ihm, einem treuen und zärt¬ lichen Sohne, blieb, da sein Vater starb, eine Mutter noch übrig; er hoffte in Gesell¬ schaft seiner hinterlaßnen edlen Mutter die Heldengestalt jenes großen Abgeschiednen zu verehren; aber auch seine Mutter verliert er, und es ist schlimmer als wenn sie ihm der Tod geraubt hätte. Das zuverläßige Bild, das sich ein wohlgerathnes Kind so gern von seinen Eltern macht, verschwindet; bey dem Todten ist keine Hülfe, und an der Lebendi¬ gen kein Halt. Sie ist auch ein Weib, und unter dem allgemeinen Geschlechtsnahmen, Gebrechlichkeit, ist auch sie begriffen. Nun erst fühlt er sich recht gebeugt, nun erst verwaist, und kein Glück der Welt kann ihm wieder ersetzen, was er verloren hat. Nicht traurig, nicht nachdenklich von Natur, wird ihm Trauer und Nachdenken zur schwe¬ ren Bürde. So sehen wir ihn auftreten. Ich glaube nicht, daß ich etwas in das Stück hineinlege, oder einen Zug übertreibe. Serlo sah seine Schwester an, und sagte: habe ich dir ein falsches Bild von unserm Freunde gemacht? Er fängt gut an, und wird uns noch manches vorerzählen und viel überreden. Wilhelm schwur hoch und theuer, daß er nicht überreden, sondern überzeugen wolle, und bat nur noch um einen Augen¬ blick Geduld. Denken Sie sich, rief er aus, diesen Jüng¬ ling, diesen Fürstensohn recht lebhaft, verge¬ genwärtigen Sie sich seine Lage, und dann beobachten Sie ihn, wenn er erfährt, die Gestalt seines Vaters erscheine; stehen Sie ihm bey in der schrecklichen Nacht, wenn der ehrwürdige Geist selbst vor ihm auftritt. Ein ungeheures Entsetzen ergreift ihn; er redet die Wundergestalt an; sieht sie win¬ ken, folgt und hört — Die schrecklichste An¬ klage wider seinen Oheim ertönt in seinen Ohren; Aufforderung zur Rache und die dringende wiederholte Bitte: erinnere Dich meiner! Und da der Geist verschwunden ist, wen sehen wir vor uns stehen? Einen jungen Helden, der nach Rache schnaubt? Einen ge¬ bohrnen Fürsten, der sich glücklich fühlt, ge¬ gen den Usurpator seiner Krone aufgefordert zu werden? Nein! Staunen und Trübsinn überfällt den Einsamen; er wird bitter gegen die lächelnden Bösewichter; schwört den Ab¬ geschiednen nicht zu vergessen, und schließt mit dem bedeutenden Seufzer: die Zeit ist aus dem Gelenke; wehe mir, daß ich geboh¬ ren war, sie wieder einzurichten. In diesen Worten, dünkt mich, liegt der Schlüssel zu Hamlets ganzen Betragen, und mir ist deutlich, daß Shakespear habe schil¬ dern wollen: eine große That auf eine Seele gelegt, die der That nicht gewachsen ist. Und in diesem Sinne find’ ich das Stück durch¬ gängig gearbeitet. Hier wird ein Eichbaum in ein köstliches Gefäß gepflanzt, das nur liebliche Blumen in seinen Schooß hätte auf¬ nehmen sollen; die Wurzeln dehnen sich aus, das Gefäß wird zernichtet. Ein schönes, reines, edles, höchst morali¬ sches Wesen, ohne die sinnliche Stärke, die den Helden macht, geht unter einer Last zu Grunde, die es weder tragen noch abwerfen kann; jede Pflicht ist ihm heilig, diese zu schwer. Das Unmögliche wird von ihm ge¬ fordert, nicht das Unmögliche an sich, sondern das was ihm unmöglich ist. Wie er sich windet, dreht, ängstigt, vor und zurück tritt; immer erinnert wird, sich immer erinnert, und zuletzt fast seinen Zweck aus dem Sinne ver¬ liert, ohne doch jemals wieder froh zu werden. Vierzehntes Capitel. V erschiedene Personen traten herein, die das Gespräch unterbrachen. Es waren Virtuo¬ sen, die sich bey Serlo gewöhnlich einmal die Woche zu einem kleinen Concerte ver¬ sammelten. Er liebte die Musik sehr, und behauptete, daß ein Schauspieler ohne diese Liebe niemals zu einem deutlichen Begriff und Gefühl seiner eigenen Kunst gelangen könne. So wie man viel leichter und an¬ ständiger agire, wenn die Gebährden durch eine Melodie begleitet und geleitet werden, so müsse der Schauspieler sich auch seine pro¬ saische Rolle gleichsam im Sinne componi¬ ren, daß er sie nicht nur eintönig nach seiner individuellen Art und Weise hinsudele, son¬ dern sie in gehöriger Abwechselung nach Takt und Maaß behandle. Aurelie schien an allem, was vorging, we¬ nig Antheil zu nehmen, vielmehr führte sie zuletzt unsern Freund in ein Seitenzimmer, und indem sie ans Fenster trat und den ge¬ stirnten Himmel anschaute, sagte sie zu ihm: Sie sind uns manches über Hamlet schuldig geblieben; ich will zwar nicht voreilig seyn, und wünsche, daß mein Bruder auch mit an¬ hören möge, was Sie uns noch zu sagen haben, doch lassen Sie mich Ihre Gedanken über Ophelien hören. Von ihr läßt sich nicht viel sagen, ver¬ setzte Wilhelm, denn nur mit wenig Meister¬ zügen ist ihr Charakter vollendet. Ihr gan¬ zes Wesen schwebt in reifer süßer Sinnlich¬ keit. Ihre Neigung zu dem Prinzen, auf dessen Hand sie Anspruch machen darf, fließt so aus der Quelle, das gute Herz überläßt sich so ganz seinem Verlangen, daß Vater und Bruder beide fürchten, beide geradezu und unbescheiden warnen. Der Wohlstand, wie der leichte Flor auf ihrem Busen, kann die Bewegung ihres Herzens nicht verbergen, er wird vielmehr ein Verräther dieser leisen Bewegung. Ihre Einbildungskraft ist ange¬ steckt, ihre stille Bescheidenheit athmet eine liebevolle Begierde, und sollte die bequeme Göttin Gelegenheit das Bäumchen schütteln, so würde die Frucht sogleich herabfallen. Und nun, sagte Aurelie, wenn sie sich verlassen sieht, verstoßen und verschmäht, wenn in der Seele ihres wahnsinnigen Ge¬ liebten sich das Höchste zum Tiefsten um¬ wendet, und er ihr statt des süßen Bechers der Liebe den bittern Kelch der Leiden hin¬ reicht — Ihr Herz bricht, rief Wilhelm aus, das ganze Gerüste ihres Daseyns rückt aus sei¬ nen Fugen, der Tod ihres Vaters stürmt herein, und das schöne Gebäude stürzt völlig zusammen. Wilhelm hatte nicht bemerkt, mit wel¬ chem Ausdruck Aurelie die letzten Worte aus¬ sprach. Nur auf das Kunstwerk, dessen Zu¬ sammenhang und Vollkommenheit gerichtet, ahndete er nicht, daß seine Freundin eine ganz andere Wirkung empfand; nicht, daß ein eigner tiefer Schmerz durch diese drama¬ tischen Schattenbilder in ihr lebhaft erregt ward. Noch immer hatte Aurelie ihr Haupt von ihren Armen unterstützt, und ihre Augen, die sich mit Thränen füllten, gen Himmel ge¬ wendet. Endlich hielt sie nicht länger ihren verborgnen Schmerz zurück; sie faßte des Freundes beide Hände, und rief, indem er erstaunt vor ihr stand: verzeihen Sie, ver¬ zeihen Sie einem geängstigten Herzen! die Gesellschaft schnürt und preßt mich zusam¬ men, vor meinem unbarmherzigen Bruder muß ich mich zu verbergen suchen; nun hat Ihre Gegenwart alle Bande aufgelöst. Mein Freund! fuhr sie fort, seit einem Augenblicke sind wir erst bekannt, und schon werden Sie mein Vertrauter. Sie konnte die Worte kaum aussprechen, und sank an seine Schul¬ ter. Denken Sie nicht übler von mir, sagte sie schluchzend, daß ich mich Ihnen so schnell eröffne, daß Sie mich so schwach sehen. Seyn Sie, bleiben Sie mein Freund, ich verdiene es. Er redete ihr auf das herzlich¬ ste zu, umsonst! ihre Thränen flossen und er¬ stickten ihre Worte. In diesem Augenblicke trat Serlo sehr unwillkommen herein, und sehr unerwartet Philine, die er bey der Hand hielt. Hier ist Ihr Freund, sagte er zu ihr, er wird sich freun, Sie zu begrüßen. Wie! rief Wilhelm erstaunt, muß ich Sie hier sehen? Mit einem bescheidnen, gesetzten Wesen ging sie auf ihn los, hieß ihn will¬ kommen, rühmte Serlo’s Güte, der sie ohne ihr Verdienst, bloß in Hoffnung, daß sie sich bilden werde, unter seine treffliche Trup¬ pe aufgenommen habe. Sie that dabey ge¬ gen Wilhelmen freundlich, doch aus einer ehrerbietigen Entfernung. Diese Verstellung währte aber nicht län¬ ger, als die Beiden zugegen waren. Denn als Aurelie ihren Schmerz zu verbergen weg¬ ging, und Serlo abgerufen ward, sah Phili¬ ne erst recht genau nach den Thüren, ob bei¬ de auch gewiß fort seyen, dann hüpfte sie wie thörigt in der Stube herum, setzte sich an die Erde, und wollte vor Kichern und Lachen ersticken. Dann sprang sie auf, schmeichelte unserm Freunde, und freute sich über alle maßen, daß sie so klug gewesen sey, vorauszugehen, das Terrain zu recognosciren und sich einzunisten. Hier geht es bunt zu, sagte sie, gerade so wie mir’s recht ist. Aurelie hat einen un¬ glücklichen Liebeshandel mit einem Edelman¬ ne gehabt, der ein prächtiger Mensch seyn muß, und den ich selbst wohl einmal sehen möchte. Er hat ihr ein Andenken hinterlas¬ sen, oder ich müßte mich sehr irren. Es läuft da ein Knabe herum, ohngefähr von drey Jahren, schön wie die Sonne; der Papa mag allerliebst seyn, ich kann sonst die Kinder nicht leiden, aber dieser Junge freut mich. Ich habe ihr nachgerechnet. Der Tod ihres Mannes, die neue Bekanntschaft, das Alter des Kindes, alles trift zusammen. Nun ist der Freund seiner Wege gegan¬ gen; seit einem Jahre sieht er sie nicht mehr. Sie ist darüber ausser sich und untröstlich. Die Närrin! — Der Bruder hat unter der Truppe eine Tänzerin, mit der er schön thut, ein Aktrischen, mit der er vertraut ist, in der Stadt noch einige Frauen, denen er aufwar¬ tet, und nun steh ich auch auf der Liste. Der Narr! — Vom übrigen Volke sollst du morgen hören. Und nun noch ein Wörtchen von Philinen, die Du kennst, die Erznärrin ist in Dich verliebt. Sie schwur, daß es wahr sey, und betheuerte, daß es ein rechter Spaß sey. Sie bat Wilhelmen inständig, er möchte sich in Aurelien verlieben, dann werde die Hetze erst recht angehen. Sie läuft ihrem Ungetreuen, Du ihr, ich Dir und der Bruder mir nach. Wenn das nicht eine Lust auf ein halbes Jahr giebt, so will ich an der ersten Episode sterben, die sich zu die¬ sem vierfach verschlungenen Romane hinzu¬ wirft. Sie bat ihn, er möchte ihr den Han¬ del nicht verderben, und ihr so viel Achtung bezeigen, als sie durch ihr öffentliches Betra¬ gen verdienen wolle. Funf ¬ Funfzehntes Capitel . D en nächsten Morgen gedachte Wilhelm Madam Melina zu besuchen; er fand sie nicht zu Hause, fragte nach den übrigen Gliedern der wandernden Gesellschaft, und erfuhr: Philine habe sie zum Frühstück ein¬ geladen. Aus Neugier eilte er hin, und traf sie alle sehr aufgeräumt und getröstet. Das kluge Geschöpf hatte sie versammelt, sie mit Chocolade bewirthet, und ihnen zu verstehen gegeben, noch sey nicht alle Aussicht ver¬ sperrt; sie hoffe durch ihren Einfluß den Di¬ rector zu überzeugen, wie vortheilhaft es ihm sey, so geschickte Leute in seine Gesell¬ schaft aufzunehmen. Sie hörten ihr auf¬ merksam zu, schlurften eine Tasse nach der andern hinunter, fanden das Mädchen gar W. Meisters Lehrj. 2. T nicht übel, und nahmen sich vor, das Beste von ihr zu reden. Glauben Sie denn, sagte Wilhelm, der mit Philinen allein geblieben war, daß Serlo sich noch entschließen werde, unsre Gefährten zu behalten? Mit nichten, versetzte Philine, es ist mir auch gar nichts daran gelegen, ich wollte, sie wären je eher je lieber fort! den einzigen Laertes wünscht’ ich zu behal¬ ten; die übrigen wollen wir schon nach und nach bey Seite bringen. Hierauf gab sie ihrem Freunde zu verste¬ hen, daß sie gewiß überzeugt sey, er werde nunmehr sein Talent nicht länger vergraben, sondern unter Direction eines Serlo auf’s Theater gehen. Sie konnte die Ordnung, den Geschmack, den Geist, der hier herrsche, nicht genug rühmen; sie sprach so schmei¬ chelnd zu unserm Freunde, so schmeichel¬ haft von seinen Talenten, daß sein Herz und seine Einbildungskraft sich eben so sehr diesem Vorschlage näherten, als sein Ver¬ stand und seine Vernunft sich davon entfern¬ ten. Er verbarg seine Neigung vor sich selbst und vor Philinen, und brachte einen unruhigen Tag zu, an dem er sich nicht ent¬ schließen konnte, zu seinen Handelscorrespon¬ denten zu gehen, und die Briefe, die dort für ihn liegen möchten, abzuholen. Denn ob er sich gleich die Unruhe der Seinigen diese Zeit über vorstellen konnte, so scheute er sich doch, ihre Sorgen und Vorwürfe um¬ ständlich zu erfahren, um so mehr, da er sich einen großen und reinen Genuß diesen Abend von der Aufführung eines neuen Stücks ver¬ sprach. Serlo hatte sich geweigert, ihn bey der Probe zuzulassen. Sie müssen uns, sagte er, erst von der besten Seite kennen lernen, eh wir zugeben, daß Sie uns in die Karte sehen. T 2 Mit der größten Zufriedenheit wohnte aber auch unser Freund den Abend darauf der Vorstellung bey. Es war das erstemal, daß er ein Theater in solcher Vollkommenheit sah. Man traute sämmtlichen Schauspielern fürtrefliche Gaben, glückliche Anlagen und einen hohen und klaren Begriff von ihrer Kunst zu, und doch waren sie einander nicht gleich; aber sie hielten und trugen sich wech¬ selsweise, feuerten einander an, und waren in ihrem ganzen Spiele sehr bestimmt und genau. Man fühlte bald, daß Serlo die Seele des Ganzen war, und er zeichnete sich sehr zu seinem Vortheil aus. Eine heitere Laune, eine gemäßigte Lebhaftigkeit, ein be¬ stimmtes Gefühl des Schicklichen bey einer großen Gabe der Nachahmung, mußte man an ihm, wie er aufs Theater trat, wie er den Mund öffnete, bewundern. Die innere Behaglichkeit seines Daseyns schien sich über alle Zuhörer auszubreiten, und die geistreiche Art, mit der er die feinsten Schattirungen der Rollen mit der größten Leichtigkeit aus¬ druckte, erweckte um soviel mehr Freude, als er die Kunst zu verbergen wußte, die er sich durch eine anhaltende Übung eigen gemacht hatte. Seine Schwester Aurelie blieb nicht hin¬ ter ihm, und erhielt noch größeren Beyfall, indem sie die Gemüther der Menschen rühr¬ te, die er zu erheitern und zu erfreuen so sehr im Stande war. Nach einigen Tagen, die auf eine ange¬ nehme Weise zugebracht wurden, verlangte Aurelie nach unserm Freund. Er eilte zu ihr, und fand sie auf dem Kanapee liegen; sie schien am Kopfweh zu leiden, und ihr ganzes Wesen konnte eine fieberhafte Bewe¬ gung nicht verbergen. Ihr Auge erheiterte sich, als sie den Hereintretenden ansah. Ver¬ geben Sie! rief sie ihm entgegen, das Zu¬ trauen, das Sie mir einflößten, hat mich schwach gemacht. Bisher konnt’ ich mich mit meinen Schmerzen im Stillen unterhalten, ja sie gaben mir Stärke und Trost, nun ha¬ ben Sie, ich weiß nicht wie es zugegangen ist, die Bande der Verschwiegenheit gelöst, und Sie werden nun selbst wider Willen Theil an dem Kampfe nehmen, den ich gegen mich selbst streite. Wilhelm antwortete ihr freundlich und verbindlich. Er versicherte, daß ihr Bild und ihre Schmerzen ihm beständig vor der Seele geschwebt, daß er sie um ihr Vertrauen bit¬ te, daß er sich ihr zum Freund widme. Indem er so sprach, wurden seine Augen von dem Knaben angezogen, der vor ihr auf der Erde saß, und allerley Spielwerk durch¬ einander warf. Er mochte, wie Philine schon angegeben, ohngefähr drey Jahre alt seyn, und Wilhelm verstand nun erst, warum das leichtfertige, in ihren Ausdrücken selten erha¬ bene Mädchen den Knaben der Sonne ver¬ glichen. Denn um die offnen braunen Au¬ gen und das volle Gesicht kräuselten sich die schönsten goldnen Locken, an einer blendend weißen Stirne zeigten sich zarte dunkle sanft¬ gebogene Augenbraunen, und die lebhafte Farbe der Gesundheit glänzte auf seinen Wangen. Setzen Sie sich zu mir, sagte Au¬ relie, Sie sehen das glückliche Kind mit Ver¬ wundrung an; gewiß, ich habe es mit Freu¬ den auf meine Arme genommen, ich bewahre es mit Sorgfalt; nur kann ich auch recht an ihm den Grad meiner Schmerzen erken¬ nen, weil ich den Werth einer solchen Gabe nur selten empfinde. Erlauben Sie mir, fuhr sie fort, daß ich nun auch von mir und meinem Schicksale rede; denn es ist mir sehr daran gelegen, daß Sie mich nicht verkennen. Ich glaubte eini¬ ge gelassene Augenblicke zu haben, darum ließ ich Sie rufen; Sie sind nun da, und ich habe meinen Faden verloren. Ein verlaßnes Geschöpf mehr in der Welt! werden Sie sagen. Sie sind ein Mann, und denken: wie gebährdet sie sich bey einem nothwendigen Übel, das gewisser als der Tod über einem Weibe schwebt, bey der Untreue eines Mannes, die Thörin! — O mein Freund, wäre mein Schicksal gemein, ich wollte gern gemeines Übel ertragen, aber es ist so außerordentlich, warum kann ichs Ihnen nicht im Spiegel zeigen, warum nicht jemand auftragen, es Ihnen zu erzählen? O wäre ich verführt, überrascht und dann ver¬ lassen, dann würde in der Verzweiflung noch Trost seyn; aber ich bin weit schlimmer dar¬ an, ich habe mich selbst hintergangen, mich selbst wider Wissen betrogen, das ists, was ich mir niemals verzeihen kann. Bey edlen Gesinnungen, wie die Ihrigen sind, versetzte der Freund, können Sie nicht ganz unglücklich seyn. Und wissen Sie, wem ich meine Gesin¬ nungen schuldig bin? fragte Aurelie; der al¬ lerschlechtesten Erziehung, durch die jemals ein Mädchen hätte verderbt werden sollen, dem schlimmsten Beyspiele, um Sinne und Neigung zu verführen. Nach dem frühzeitigen Tode meiner Mut¬ ter bracht’ ich die schönsten Jahre der Ent¬ wicklung bey einer Tante zu, die sich zum Gesetz machte, die Gesetze der Ehrbarkeit zu verachten. Blindlings überließ sie sich einer jeden Neigung, sie mochte über den Gegen¬ stand gebieten oder sein Sklav seyn, wenn sie nur im wilden Genuß ihrer selbst verges¬ sen konnte. Was mußten wir Kinder mit dem reinen und deutlichen Blick der Unschuld uns für Begriffe von dem männlichen Geschlechte machen? Wie dumpf, dringend, dreist, unge¬ schickt war jeder, den sie herbeyreizte, wie satt, übermüthig, leer und abgeschmackt da¬ gegen, sobald er seiner Wünsche Befriedigung gefunden hatte. So hab’ ich diese Frau Jahre lang unter dem Gebote der schlechte¬ sten Menschen erniedrigt gesehen; was für Begegnungen mußte sie nicht erdulden, und mit welcher Stirne wußte sie sich in ihr Schicksal zu finden, ja mit welcher Art diese schändlichen Fesseln zu tragen. So lernte ich Ihr Geschlecht kennen, mein Freund, und wie rein haßte ichs, da ich zu bemerken schien, daß selbst leidliche Männer, im Verhältniß gegen das unsrige, jedem guten Gefühl zu entsagen schienen, zu dem sie die Natur sonst noch mochte fähig gemacht haben. Leider mußt’ ich auch bey solchen Gele¬ genheiten viel traurige Erfahrungen über mein eigen Geschlecht machen, und wahrhaf¬ tig, als Mädchen von sechzehn Jahren war ich klüger als ich jetzt bin, jetzt, da ich mich selbst kaum verstehe. Warum sind wir so klug, wenn wir jung sind, so klug, um im¬ mer thörichter zu werden? Der Knabe machte Lerm, Aurelie war ungeduldig und klingelte. Ein altes Weib kam herein, ihn wegzuholen. Hast du noch immer Zahnweh? sagte Aurelie zu der Alten, die das Gesicht verbunden hatte. Fast un¬ leidliches, versetzte diese mit dumpfer Stim¬ me, hob den Knaben auf, der gerne mitzu¬ gehen schien, und brachte ihn weg. Kaum war das Kind bey Seite, als Au¬ relie bitterlich zu weinen anfing. Ich kann nichts als jammern und klagen, rief sie aus, und ich schäme mich, wie ein armer Wurm vor ihnen zu liegen. Meine Besonnenheit ist schon weg, und ich kann nicht mehr er¬ zählen. Sie stockte und schwieg. Ihr Freund, der nichts Allgemeines sagen wollte, und nichts Besonderes zu sagen wußte, druckte hre Hand, und sah sie eine Zeitlang an. Endlich nahm er in der Verlegenheit ein Buch auf, das er vor sich auf dem Tischchen liegen fand; es waren Shakespears Werke und Hamlet aufgeschlagen. Serlo, der eben zur Thür herein kam, nach dem Befinden seiner Schwester fragte, schaute in das Buch, das unser Freund in der Hand hielt, und rief aus: find’ ich Sie wieder über Ihrem Hamlet? Eben recht! Es sind mir gar manche Zweifel aufgestoßen, die das canonische Ansehn, das Sie dem Stücke so gerne geben möchten, sehr zu vermindern scheinen. Haben doch die Engländer selbst bekannt, daß das Hauptinteresse sich mit dem dritten Akt schließe, daß die zwey letzten Akte nur kümmerlich das Ganze zusammen hielten, und es ist doch wahr, das Stück will gegen das Ende weder gehen noch rücken. Es ist sehr möglich, sagte Wilhelm, daß einige Glieder einer Nation, die so viel Mei¬ sterstücke aufzuweisen hat, durch Vorurtheile und Beschränktheit auf falsche Urtheile gelei¬ tet werden, aber das kann uns nicht hin¬ dern, mit eignen Augen zu sehen, und ge¬ recht zu seyn. Ich bin weit entfernt, den Plan dieses Stücks zu tadeln, ich glaube vielmehr, daß kein größerer ersonnen worden sey. Ja, er ist nicht ersonnen, es ist so. Wie wollen Sie das auslegen? fragte Serlo. Ich will nichts auslegen, versetzte Wil¬ helm, ich will Ihnen nur vorstellen, was ich mir denke. Aurelie hob sich von ihrem Kissen auf, stützte sich auf ihre Hand, und sah unsern Freund an, der mit der größten Versiche¬ rung, daß er Recht habe, also zu reden fort¬ fuhr: es gefällt uns so wohl, es schmeichelt so sehr, wenn wir einen Helden sehen, der durch sich selbst handelt, der liebt und haßt, wenn es ihm sein Herz gebietet, der unter¬ nimmt und ausführt, alle Hindernisse abwen¬ det und zu einem großen Zwecke gelangt. Geschichtsschreiber und Dichter möchten uns gerne überreden, daß ein so stolzes Loos dem Menschen fallen könne. Hier werden wir anders belehrt; der Held hat keinen Plan, aber das Stück ist planvoll. Hier wird nicht etwa durch eine starr und eigensinnig durch¬ geführte Idee von Rache ein Bösewicht be¬ straft, nein es geschieht eine ungeheure That, sie wälzt sich in ihren Folgen fort, reißt Un¬ schuldige mit; der Verbrecher scheint dem Abgrunde, der ihm bestimmt ist, ausweichen zu wollen, und stürzt hinein, eben da, wo er seinen Weg glücklich auszulaufen gedenkt. Denn das ist die Eigenschaft der Greuel¬ that, daß sie auch Böses über den Unschul¬ digen, wie der guten Handlung, daß sie viele Vortheile auch über den Unverdienten aus¬ breitet, ohne daß der Urheber von beiden oft weder bestraft noch belohnt wird. Hier in unserm Stücke wie wunderbar! Das Fege¬ feuer sendet seinen Geist und fordert Rache, aber vergebens. Alle Umstände kommen zu¬ sammen, und treiben die Rache, vergebens! Weder Irrdischen noch Unterirrdischen kann gelingen, was dem Schicksal allein vorbehal¬ ten ist. Die Gerichtsstunde kommt. Der Böse fällt mit dem Guten. Ein Geschlecht wird weggemäht, und das andere sproßt auf. Nach einer Pause, in der sie einander an¬ sahen, nahm Serlo das Wort: Sie machen der Vorsehung kein sonderlich Compliment, indem Sie den Dichter erheben, und dann scheinen Sie mir wieder zu Ehren Ihres Dichters, wie andere zu Ehren der Vorsehung, ihm Endzweck und Plane unterzuschieben, an die er nicht gedacht hat. Sechs¬ Sechszehntes Capitel . L assen Sie mich, sagte Aurelie, nun auch eine Frage thun. Ich habe Opheliens Rolle wie¬ der angesehen, ich bin zufrieden damit, und getraue mir sie unter gewissen Umständen zu spielen. Aber sagen Sie mir, hätte der Dich¬ ter seiner Wahnsinnigen nicht andere Lied¬ chen unterlegen sollen? Könnte man nicht Fragmente aus melancholischen Balladen wählen? was sollen Zweydeutigkeiten und lüsterne Albernheiten in dem Munde dieses edlen Mädchens? Beste Freundin, versetzte Wilhelm, ich kann auch hier nicht ein Jota nachgeben. Auch in diesen Sonderbarkeiten, auch in die¬ ser anscheinenden Unschicklichkeit liegt ein großer Sinn. Wissen wir doch gleich zu W. Meisters Lehrj. 2. U Anfange des Stücks, womit das Gemüth des guten Kindes beschäftigt ist. Stille lebte sie vor sich hin, aber kaum verbarg sie ihre Sehnsucht, ihre Wünsche. Heimlich klangen die Töne der Lüsternheit in ihrer Seele, und wie oft mag sie versucht haben, gleich einer unvorsichtigen Wärterin ihre Sinnlichkeit zur Ruhe zu singen mit Liedchen, die sie nur mehr wach halten mußten. Zuletzt, da ihr jede Gewalt über sich selbst entrissen ist, da ihr Herz auf der Zunge schwebt, wird diese Zunge ihre Verrätherin, und in der Unschuld des Wahnsinns ergötzt sie sich vor König und Königin an dem Nachklange ihrer ge¬ liebten, losen Lieder: vom Mädchen, das ge¬ wonnen ward; vom Mädchen, das zum Kna¬ ben schleicht, und so weiter. Er hatte noch nicht ausgeredet, als auf einmal eine wunderbare Scene vor seinen Augen entstand, die er sich auf keine Weise erklären konnte. Serlo war einigemal in der Stube auf und ab gegangen, ohne daß er irgend eine Absicht merken ließ. Auf einmal trat er an Aureliens Putztisch, griff schnell nach etwas das darauf lag, und eilte mit seiner Beute der Thüre zu. Aurelie bemerkte kaum seine Handlung, als sie auffuhr, sich ihm in den Weg warf, ihn mit unglaublicher Leiden¬ schaft angriff, und geschickt genug war, ein Ende des geraubten Gegenstandes zu fassen. Sie rangen und balgten sich sehr hartnäckig, drehten und wanden sich lebhaft mit einan¬ der herum; er lachte, sie ereiferte sich, und als Wilhelm hinzu eilte, sie auseinander zu bringen und zu besänftigen, sah er auf ein¬ mal Aurelien mit einem bloßen Dolch in der Hand auf die Seite springen, indem Serlo die Scheide, die ihm zurückgeblieben war, verdrießlich auf den Boden warf. Wilhelm trat erstaunt zurück, und seine stumme Ver¬ U 2 wunderung schien nach der Ursache zu fragen, warum ein so sonderbarer Streit über einen so wunderbaren Hausrath habe unter ihnen entstehen können? Sie sollen, sprach Serlo, Schiedsrichter zwischen uns beiden seyn. Was hat sie mit dem scharfen Stahle zu thun? Lassen Sie sich ihn zeigen. Dieser Dolch ziemt keiner Schauspielerin; spitz und scharf wie Nadel und Messer! Zu was die Posse? Heftig wie sie ist, thut sie sich noch einmal von ohnge¬ fähr ein Leids. Ich habe einen innerlichen Haß gegen solche Sonderbarkeiten, ein ernst¬ licher Gedanke dieser Art ist toll, und ein so gefährliches Spielwerk ist abgeschmackt. Ich habe ihn wieder, rief Aurelie, indem sie die blanke Klinge in die Höhe hielt, ich will meinen treuen Freund nun besser ver¬ wahren. Verzeih mir, rief sie aus, indem sie den Stahl küßte, daß ich dich so vernach¬ läßigt habe! Serlo schien im Ernste böse zu werden. — Nimm es wie du willst, Bruder, fuhr sie fort, kannst du denn wissen, ob mir nicht etwa unter dieser Form ein köstlicher Talis¬ man bescheert ist; ob ich nicht Hülfe und Rath zur schlimmsten Zeit bey ihm finde; muß denn alles schädlich seyn, was gefähr¬ lich aussieht? Dergleichen Reden, in denen kein Sinn ist, können mich toll machen, sagte Serlo, und verließ mit heimlichem Grimme das Zim¬ mer. Aurelie verwahrte den Dolch sorgfäl¬ tig in der Scheide, und steckte ihn zu sich. Lassen Sie uns das Gespräch fortsetzen, das der unglückliche Bruder gestört hat, fiel sie ein, als Wilhelm einige Fragen über den sonderbaren Streit vorbrachte. Ich muß Ihre Schilderung Opheliens wohl gelten lassen, fuhr sie fort: ich will die Absicht des Dichters nicht verkennen; nur kann ich sie mehr bedauern, als mit ihr em¬ pfinden. Nun aber erlauben Sie mir eine Betrachtung, zu der Sie mir in der kurzen Zeit oft Gelegenheit gegeben haben: mit Be¬ wunderung bemerke ich an Ihnen den tiefen und richtigen Blick, mit dem Sie Dichtung und besonders dramatische Dichtung beur¬ theilen; die tiefsten Abgründe der Erfindung sind Ihnen nicht verborgen, und die feinsten Züge der Ausführung sind Ihnen bemerkbar. Ohne die Gegenstände jemals in der Natur erblickt zu haben, erkennen Sie die Wahr¬ heit im Bilde; es scheint eine Vorempfin¬ dung der ganzen Welt in Ihnen zu liegen, welche durch die harmonische Berührung der Dichtkunst erregt und entwickelt wird. Denn wahrhaftig, fuhr sie fort, von aussen kommt nichts in Sie hinein; ich habe nicht leicht jemanden gesehen, der die Menschen, mit denen er lebt, so wenig kennt, so von Grund aus verkennt, wie Sie. Erlauben Sie mir, es zu sagen: wenn man Sie Ihren Sha¬ kespear erklären hört, glaubt man, Sie kä¬ men eben aus dem Rathe der Götter, und hätten zugehört, wie man sich daselbst bere¬ det, Menschen zu bilden; wenn Sie dagegen mit Leuten umgehen, seh ich in Ihnen gleich¬ sam das erste, groß gebohrne Kind der Schö¬ pfung, das mit sonderlicher Verwunderung und erbaulicher Gutmüthigkeit Löwen und Affen, Schafe und Elephanten anstaunt, und sie treuherzig als seines gleichen anspricht, weil sie eben auch da sind und sich bewegen. Die Ahndung meines schülerhaften We¬ sens, werthe Freundin, versetzte er, ist mir öfters lästig, und ich werde Ihnen danken, wenn Sie mir über die Welt zu mehrerer Klarheit verhelfen wollen. Ich habe von Jugend auf die Augen meines Geistes mehr nach Innen als nach Aussen gerichtet, und da ist es sehr natürlich, daß ich den Men¬ schen bis auf einen gewissen Grad habe ken¬ nen lernen, ohne die Menschen im mindesten zu verstehen und zu begreifen. Gewiß, sagte Aurelie, ich hatte Sie An¬ fangs in Verdacht, als wollten Sie uns zum Besten haben, da Sie von den Leuten, die Sie meinem Bruder zugeschickt haben, so manches Gutes sagten, wenn ich Ihre Briefe mit den Verdiensten dieser Menschen zusam¬ men hielt. Die Bemerkung Aureliens, so wahr sie seyn mochte, und so gern ihr Freund diesen Mangel bey sich gestand, führte doch etwas Drückendes, ja sogar Beleidigendes mit sich, daß er still ward, und sich zusammen nahm, theils um keine Empfindlichkeit merken zu lassen, theils in seinem Busen nach der Wahr¬ heit dieses Vorwurfs zu forschen. Sie dürfen nicht darüber betreten seyn, fuhr Aurelie fort, zum Lichte des Verstandes können wir immer gelangen; aber die Fülle des Herzens kann uns niemand geben. Sind Sie zum Künstler bestimmt; so können Sie diese Dunkelheit und Unschuld nicht lange genug bewahren; sie ist die schöne Hülle über der jungen Knospe; Unglücks genug, wenn wir zu früh herausgetrieben werden. Gewiß es ist gut, wenn wir die nicht immer kennen, für die wir arbeiten. O! ich war auch einmal in diesem glück¬ lichen Zustande, als ich mit dem höchsten Begrif von mir selbst und meiner Nation die Bühne betrat. Was waren die Deut¬ schen nicht in meiner Einbildung, was konn¬ ten sie nicht seyn! Zu dieser Nation sprach ich, über die mich ein kleines Gerüst erhob, von welcher mich eine Reihe Lampen trennte, deren Glanz und Dampf mich hinderte, die Gegenstände vor mir genau zu unterscheiden. Wie willkommen war mir der Klang des Beyfalls, der aus der Menge herauf tönte; wie dankbar nahm ich das Geschenk an, das mir einstimmig von so vielen Händen darge¬ bracht wurde. Lange wiegte ich mich so hin; wie ich wirkte, wirkte die Menge wieder auf mich zurück, ich war mit meinem Publikum in dem besten Vernehmen; ich glaubte eine vollkommene Harmonie zu fühlen, und jeder¬ zeit die Edelsten und Besten der Nation vor mir zu sehen. Unglücklicherweise war es nicht die Schau¬ spielerin allein, deren Naturell und Kunst die Theaterfreunde interessirte, sie machten auch Ansprüche an das junge lebhafte Mäd¬ chen. Sie gaben mir nicht undeutlich zu verstehen, daß meine Pflicht sey, die Empfin¬ dungen, die ich in ihnen rege gemacht, auch persönlich mit ihnen zu theilen. Leider war das nicht meine Sache, ich wünschte ihre Gemüther zu erheben; aber an das, was sie ihr Herz nannten, hatte ich nicht den minde¬ sten Anspruch, und nun wurden mir alle Stände, Alter und Charaktere, einer um den andern zur Last, und nichts war mir ver¬ drießlicher, als daß ich mich nicht wie ein anderes ehrliches Mädchen in mein Zimmer verschließen, und so mir manche Mühe er¬ sparen konnte. Die Männer zeigten sich meist, wie ich sie bey meiner Tante zu sehen gewohnt war, und sie würden mir auch diesmal nur wie¬ der Abscheu erregt haben, wenn mich nicht ihre Eigenheiten und Albernheiten unterhal¬ ten hätten. Da ich nicht vermeiden konnte, sie bald auf dem Theater, bald an öffentli¬ chen Orten, bald zu Hause zu sehen, nahm ich mir vor, sie alle auszulauern, und mein Bruder half mir wacker dazu. Und wenn Sie denken, daß vom beweglichen Ladendie¬ ner und dem eingebildeten Kaufmannssohn, bis zum gewandten abwiegenden Weltmann, dem kühnen Soldaten und dem raschen Prin¬ zen, alle, nach und nach, bey mir vorbey ge¬ gangen sind, und jeder nach seiner Art seinen Roman anzuknüpfen gedachte; so werden Sie mir verzeihen, wenn ich mir einbildete, mit meiner Nation ziemlich bekannt zu seyn. Den phantastisch aufgestutzten Studenten, den demüthig-stolz verlegnen Gelehrten, den schwankfüßigen genügsamen Domherrn, den steifen aufmerksamen Geschäftsmann, den derben Landbaron, den freundlich glatt-plat¬ ten Hofmann, den jungen aus der Bahn schreitenden Geistlichen, den gelassenen, so wie den schnellen und thätig spekulirenden Kaufmann, alle habe ich in Bewegung gese¬ hen, und beym Himmel! wenige fanden sich darunter, die mir nur ein gemeines Interesse einzuflößen im Stande gewesen wären, viel¬ mehr war es mir äußerst verdrießlich, den Beyfall der Thoren im einzelnen, mit Be¬ schwerlichkeit und langer Weile, einzucassi¬ ren, der mir im Ganzen so wohl behagt hat¬ te, den ich mir im Großen so gerne zueig¬ nete. Wenn ich über mein Spiel ein vernünf¬ tiges Kompliment erwartete, wenn ich hoffte, sie sollten einen Autor loben, den ich hoch¬ schätzte; so machten sie eine alberne Anmer¬ kung über die andere, und nannten ein ab¬ geschmacktes Stück, in welchem sie wünschten mich spielen zu sehen. Wenn ich in der Ge¬ sellschaft herum horchte, ob nicht etwa ein edler, geistreicher, witziger Zug nachklänge, und zur rechten Zeit wieder zum Vorschein käme, konnte ich selten eine Spur verneh¬ men. Ein Fehler, der vorgekommen war, wenn ein Schauspieler sich versprach oder ir¬ gend einen Provinzialism hören ließ, das waren die wichtigen Puncte, an denen sie sich fest hielten, von denen sie nicht los kom¬ men konnten. Ich wußte zuletzt nicht, wo¬ hin ich mich wenden sollte; sie dünkten sich zu klug, sich unterhalten zu lassen, und sie glaubten mich wundersam zu unterhalten, wenn sie an mir herum tätschelten. Ich fing an, sie alle von Herzen zu verachten, und es war mir eben, als wenn die ganze Nation sich recht vorsätzlich bey mir durch ihre Ab¬ gesandte habe prostituiren wollen. Sie kam mir im Ganzen so links vor, so übel erzo¬ gen, so schlecht unterrichtet, so leer von ge¬ fälligem Wesen, so geschmacklos. Oft rief ich aus: es kann doch kein Deutscher einen Schuh zuschnallen, der es nicht von einer fremden Nation gelernt hat! Sie sehen, wie verblendet, wie hypochon¬ drisch ungerecht ich war, und je länger es währte, desto mehr nahm meine Krankheit zu. Ich hätte mich umbringen können; al¬ lein ich verfiel auf ein ander Extrem: ich verheirathete mich, oder vielmehr ich ließ mich verheirathen. Mein Bruder, der das Theater übernommen hatte, wünschte sehr ei¬ nen Gehülfen zu haben. Seine Wahl fiel auf einen jungen Mann, der mir nicht zu¬ wider war, dem alles mangelte, was mein Bruder besaß, Genie, Leben, Geist und ra¬ sches Wesen; an dem sich aber auch alles fand, was jenem abging: Liebe zur Ordnung, Fleiß, eine köstliche Gabe hauszuhalten, und mit Gelde umzugehen. Er ist mein Mann geworden, ohne daß ich weiß wie, wir haben zusammen gelebt, ohne daß ich recht weiß warum. Genug, unsre Sachen gingen gut. Wir nahmen viel ein, davon war die Thätigkeit meines Bru¬ ders Ursache; wir kamen gut aus, und das war das Verdienst meines Mannes. Ich dachte nicht mehr an Welt und Nation. Mit der Welt hatte ich nichts zu theilen, und den Begriff von Nation hatte ich ver¬ loren. Wenn ich auftrat, that ich’s um zu leben, ich öffnete den Mund nur, weil ich nicht schweigen durfte, weil ich doch heraus gekommen war, um zu reden. Doch, daß ich es nicht zu arg mache, eigentlich hatte ich mich ganz in die Absicht meines Bruders ergeben; ihm war um Bey¬ fall und Geld zu thun; denn, unter uns, er hört sich gerne loben und braucht viel. Ich spielte nun nicht mehr nach meinem Gefühl, nach meiner Überzeugung, sondern wie er mich anwies, und wenn ich es ihm zu Danke gemacht hatte, war ich zufrieden. Er rich¬ tete sich nach allen Schwächen des Publi¬ kums; es ging Geld ein, er konnte nach sei¬ ner Willkühr leben, und wir hatten gute Tage mit ihm. Ich Ich war indessen in einen handwerks¬ mäßigen Schlendrian gefallen. Ich zog mei¬ ne Tage ohne Freude und Antheil hin, mei¬ ne Ehe war kinderlos und dauerte nur kurze Zeit. Mein Mann ward krank, seine Kräfte nahmen sichtbar ab, die Sorge für ihn un¬ terbrach meine allgemeine Gleichgültigkeit. In diesen Tagen machte ich eine Bekannt¬ schaft, mit der ein neues Leben für mich an¬ fing, ein neues und schnelleres, denn es wird bald zu Ende seyn. Sie schwieg eine Zeitlang stille, dann fuhr sie fort: auf einmal stockt meine geschwätzige Laune, und ich getraue mir den Mund nicht weiter aufzuthun. Lassen Sie mich ein we¬ nig ausruhen; Sie sollen nicht weggehen, ohne ausführlich all mein Unglück zu wissen. Rufen Sie doch indessen Mignon herein, und hören was sie will. Das Kind war während Aureliens Er¬ W. Meisters Lehrj. 2. X zählung einigemal im Zimmer gewesen. Da man bey seinem Eintritt leiser sprach, war es wieder weggeschlichen, saß auf dem Saale still, und wartete. Als man sie wieder her¬ einkommen hieß, brachte sie ein Buch mit, das man bald an Form und Einband für einen kleinen geographischen Atlas erkannte. Sie hatte bey dem Pfarrer unterwegs mit großer Verwundrung die ersten Landkarten gesehen, ihn viel darüber gefragt, und sich, so weit es gehen wollte, unterrichtet. Ihr Verlangen etwas zu lernen schien durch diese neue Kenntnis noch viel lebhafter zu werden. Sie bat Wilhelmen inständig, ihr das Buch zu kaufen. Sie habe dem Bildermann ihre großen silbernen Schnallen dafür eingesetzt, und wolle sie, weil es heute Abend so spät geworden, morgen früh wieder einlösen. Es ward ihr bewilligt, und sie fing nun an, das¬ jenige, was sie wußte, theils herzusagen, theils nach ihrer Art die wunderlichsten Fra¬ gen zu thun. Man konnte auch hier wieder bemerken, daß bey einer großen Anstrengung sie nur schwer und mühsam begriff. So war auch ihre Handschrift, mit der sie sich viele Mühe gab. Sie sprach noch immer sehr ge¬ brochen deutsch, und nur wenn sie den Mund zum Singen aufthat, wenn sie die Zither rührte, schien sie sich des einzigen Organs zu bedienen, wodurch sie ihr Innerstes aufschlies¬ sen und mittheilen konnte. Wir müssen, da wir gegenwärtig von ihr sprechen, auch der Verlegenheit gedenken, in die sie seit einiger Zeit unsern Freund öfters versetzte. Wenn sie kam oder ging, guten Morgen, oder gute Nacht sagte, schloß sie ihn so fest in ihre Arme, und küßte ihn mit solcher Inbrunst, daß ihn die Heftigkeit die¬ ser aufkeimenden Natur oft angst und bange machte. Die zuckende Lebhaftigkeit schien sich X 2 in ihrem Betragen täglich zu vermehren, und ihr ganzes Wesen bewegte sich in einer rast¬ losen Stille. Sie konnte nicht seyn, ohne einen Bindfaden in den Händen zu drehen, ein Tuch zu kneten, Papier oder Hölzchen zu kauen. Jedes ihrer Spiele schien nur eine innere heftige Erschütterung abzuleiten. Das Einzige, was ihr einige Heiterkeit zu geben schien, war die Nähe des kleinen Felix, mit dem sie sich sehr artig abzugeben wußte. Aurelie, die nach einiger Ruhe gestimmt war, sich mit ihrem Freunde über einen Ge¬ genstand, der ihr so sehr am Herzen lag, endlich zu erklären, ward über die Beharr¬ lichkeit der Kleinen diesmal ungeduldig, und gab ihr zu verstehen, daß sie sich wegbege¬ ben sollte, und man mußte sie endlich, da alles nicht helfen wollte, ausdrücklich und wider ihren Willen fortschicken. Jetzt oder niemals, sagte Aurelie, muß ich Ihnen den Rest meiner Geschichte erzäh¬ len. Wäre mein zärtlich geliebter, ungerech¬ ter Freund nur wenige Meilen von hier, ich würde sagen, setzen Sie sich zu Pferde, su¬ chen Sie auf irgend eine Weise Bekannt¬ schaft mit ihm, und wenn Sie zurückkehren, so haben Sie mir gewiß verziehen, und be¬ dauern mich von Herzen. Jetzt kann ich Ihnen nur mit Worten sagen, wie liebens¬ würdig er war, und wie sehr ich ihn liebte. Eben zu der kritischen Zeit, da ich für die Tage meines Mannes besorgt seyn mußte, lernt ich ihn kennen. Er war eben aus Amerika zurück gekommen, wo er in Gesell¬ schaft einiger Franzosen mit vieler Distink¬ tion unter den Fahnen der vereinigten Staa¬ ten gedient hatte. Er begegnete mir mit einem gelaßnen Anstande, mit einer offnen Gutmüthigkeit, sprach über mich selbst, meine Lage, mein Spiel, wie ein alter Bekannter, so theilneh¬ mend und so deutlich, daß ich mich zum er¬ stenmal freuen konnte, meine Existenz in ei¬ nem andern Wesen so klar wieder zu erken¬ nen. Seine Urtheile waren richtig ohne ab¬ sprechend, treffend ohne lieblos zu seyn. Er zeigte keine Härte, und sein Muthwille war zugleich gefällig. Er schien des guten Glücks bey Frauen gewohnt zu seyn, das machte mich aufmerksam; er war keinesweges schmei¬ chelnd und andringend, das machte mich sorglos. In der Stadt ging er mit wenigen um, war meist zu Pferde, besuchte seine vielen Bekannten in der Gegend, und besorgte die Geschäfte seines Hauses. Kam er zurück, so stieg er bey mir ab, behandelte meinen immer kränkern Mann mit warmer Sorge, schafte dem Leidenden durch einen geschickten Arzt Linderung, und wie er an allem, was mich betraf, Theil nahm, ließ er mich auch an seinem Schicksale Theil nehmen. Er er¬ zählte mir die Geschichte seiner Campagne, seiner unüberwindlichen Neigung zum Sol¬ datenstande, seine Familienverhältnisse; er vertraute mir seine gegenwärtigen Beschäfti¬ gungen. Genug, er hatte nichts geheimes vor mir; er entwickelte mir sein Innerstes, ließ mich in die verborgensten Winkel seiner Seele sehen; ich lernte seine Fähigkeiten, sei¬ ne Leidenschaften kennen. Es war das erste¬ mal in meinem Leben, daß ich eines herzli¬ chen, geistreichen Umgangs genoß. Ich war von ihm angezogen, von ihm hingerissen, eh’ ich über mich selbst Betrachtungen anstellen konnte. Inzwischen verlor ich meinen Mann ohn¬ gefähr wie ich ihn genommen hatte. Die Last der theatralischen Geschäfte fiel nun ganz auf mich. Mein Bruder, unverbesser¬ lich auf dem Theater, war in der Haushal¬ tung niemals nütze; ich besorgte alles, und studierte dabey meine Rollen fleißiger als je¬ mals. Ich spielte wieder wie vor Alters, ja mit ganz anderer Kraft und neuem Leben, zwar durch ihn und um seinetwillen, doch nicht immer gelang es mir zum Besten, wenn ich meinen edlen Freund im Schauspiel wu߬ te; aber einigemal behorchte er mich, und wie angenehm mich sein unvermutheter Bey¬ fall überraschte, können Sie denken. Gewiß, ich bin ein seltsames Geschöpf. Bey jeder Rolle, die ich spielte, war es mir eigentlich nur immer zu Muthe, als wenn ich ihn lobte und zu seinen Ehren spräche; denn das war die Stimmung meines Her¬ zens, die Worte mochten übrigens seyn, wie sie wollten. Wußt’ ich ihn unter den Zuhö¬ rern, so getraute ich mich nicht, mit der gan¬ zen Gewalt zu sprechen, eben als wenn ich ihm meine Liebe, mein Lob nicht geradezu ins Gesicht aufdringen wollte; war er abwe¬ send, dann hatte ich freyes Spiel, ich that mein Bestes mit einer gewissen Ruhe, mit einer unbeschreiblichen Zufriedenheit. Der Beyfall freute mich wieder, und wenn ich dem Publikum Vergnügen machte, hätte ich immer zugleich hinunter rufen mögen: das seyd ihr ihm schuldig! Ja, mir war wie durch ein Wunder das Verhältniß zum Publikum, zur ganzen Na¬ tion verändert. Sie erschien mir auf einmal wieder in dem vortheilhaftesten Lichte, und ich erstaunte recht über meine bisherige Ver¬ blendung. Wie unverständig, sagt ich oft zu mir selbst, war es, als du ehemals auf eine Na¬ tion schaltest, eben weil es eine Nation ist. Müssen denn, können denn einzelne Men¬ schen so interessant seyn? Keinesweges! Es fragt sich, ob unter der großen Masse eine Menge von Anlagen, Kräften und Fähigkei¬ ten vertheilt sey, die durch günstige Umstän¬ de entwickelt, durch vorzügliche Menschen zu einem gemeinsamen Endzwecke geleitet wer¬ den können? Ich freute mich nun, so wenig hervorstechende Originalität unter meinen Landsleuten zu finden; ich freute mich, daß sie eine Richtung von aussen anzunehmen nicht verschmähten. Ich freute mich, einen Anführer gefunden zu haben. Lothar — Lassen Sie mich meinen Freund mit seinem geliebten Vornahmen nennen — hatte mir immer die Deutschen von der Sei¬ te der Tapferkeit vorgestellt, und mir gezeigt, daß keine bravere Nation in der Welt sey, wenn sie recht geführt werde, und ich schäm¬ te mich, an die erste Eigenschaft eines Volks niemals gedacht zu haben. Ihm war die Geschichte bekannt, und mit den meisten ver¬ dienstvollen Männern seines Zeitalters stand er in Verhältnissen. So jung er war, hatte er ein Auge auf die hervorkeimende hoff¬ nungsvolle Jugend seines Vaterlandes, auf die stillen Arbeiten in so vielen Fächern be¬ schäftigter und thätiger Männer. Er ließ mich einen Überblick über Deutschland thun, was es sey, und was es seyn könne, und ich schämte mich, eine Nation nach der verwor¬ renen Menge beurtheilt zu haben, die sich in eine Theatergarderobe drängen mag. Er machte mir’s zur Pflicht, auch in meinem Fache wahr, geistreich und belebend zu seyn. Nun schien ich mir selbst inspirirt, so oft ich auf das Theater trat. Mittelmäßige Stel¬ len wurden zu Gold in meinem Munde, und hätte mir damals ein Dichter zweckmäßig beygestanden, ich hätte die wunderbarsten Wirkungen hervorgebracht. So lebte die junge Wittwe Monate lang fort. Er konnte mich nicht entbehren, und ich war höchst unglücklich, wenn er aussen blieb. Er zeigte mir die Briefe seiner Ver¬ wandten, seiner fürtrefflichen Schwester. Er nahm an den kleinsten Umständen meiner Verhältnisse Theil; inniger, vollkommener ist keine Einigkeit zu denken. Der Nahme der Liebe ward nicht genannt. Er ging und kam, kam und ging — und nun, mein Freund, ist es hohe Zeit, daß Sie auch gehen. Siebzehntes Capitel. W ilhelm konnte nun nicht länger den Be¬ such bey seinen Handelsfreunden aufschieben. Er ging nicht ohne Verlegenheit dahin; denn er wußte, daß er Briefe von den Seinigen daselbst antreffen werde. Er fürchtete sich vor den Vorwürfen, die sie enthalten mu߬ ten; wahrscheinlich hatte man auch dem Handelshause Nachricht von der Verlegen¬ heit gegeben, in der man sich seinetwegen befand. Er scheute sich, nach so vielen rit¬ terlichen Abentheuern, vor dem schülerhaften Ansehen, in dem er erscheinen würde, und nahm sich vor, recht trotzig zu thun, und auf diese Weise seine Verlegenheit zu verbergen. Allein zu seiner großen Verwunderung und Zufriedenheit ging alles sehr gut und leidlich ab. In dem großen lebhaften und beschäftigten Comtoir hatte man kaum Zeit, seine Briefe aufzusuchen, seines längern Aus¬ senbleibens ward nur im Vorbeygehn ge¬ dacht. Und als er die Briefe seines Vaters und seines Freundes Werner eröffnete, fand er sie sämmtlich sehr leidlichen Inhalts. Der Alte, in Hoffnung eines weitläuftigen Jour¬ nals, dessen Führung er dem Sohne beym Abschiede sorgfältig empfohlen, und wozu er ihm ein tabellarisches Schema mitgegeben, schien über das Stillschweigen der ersten Zeit ziemlich beruhigt, so wie er sich nur über das Räthselhafte des ersten und einzigen vom Schlosse des Grafen noch abgesandten Brie¬ fes beschwerte. Werner scherzte nur auf sei¬ ne Art, erzählte lustige Stadtgeschichten, und bat sich Nachricht von Freunden und Be¬ kannten aus, die Wilhelm nunmehr in der großen Handelsstadt häufig würde kennen lernen. Unser Freund, der ausserordentlich erfreut war, um einen so wohlfeilen Preis loszukommen, antwortete sogleich in einigen sehr muntern Briefen, und versprach dem Vater ein ausführliches Reisejournal, mit al¬ len verlangten geographischen, statistischen und merkantilischen Bemerkungen. Er hatte vieles auf der Reise gesehen, und hoffte dar¬ aus ein leidliches Heft zusammen schreiben zu können. Er merkte nicht, daß er beynah in eben dem Falle war, in dem er sich be¬ fand, als er ein Schauspiel, das weder ge¬ schrieben, noch weniger memorirt war, auf¬ zuführen, Lichter angezündet und Zuschauer herbey gerufen hatte. Als er daher wirklich anfing, an seine Composition zu gehen, ward er leider gewahr, daß er von Empfindungen und Gedanken, von manchen Erfahrungen des Herzens und Geistes sprechen und erzäh¬ len konnte, nur nicht von äussern Gegenstän¬ den, denen er, wie er nun merkte, nicht die mindeste Aufmerksamkeit geschenkt hatte. In dieser Verlegenheit kamen die Kennt¬ nisse seines Freundes Laertes ihm gut zu statten. Die Gewohnheit hatte beide junge Leute, so unähnlich sie sich waren, zusammen verbunden, und jener war bey allen seinen Fehlern, mit seinen Sonderbarkeiten wirklich ein interessanter Mensch. Mit einer heitern glücklichen Sinnlichkeit begabt, hätte er alt werden können, ohne über seinen Zustand ir¬ gend nachzudenken. Nun hatte ihm aber sein Unglück und seine Krankheit das reine Gefühl der Jugend geraubt, und ihm dage¬ gen einen Blick auf die Vergänglichkeit, auf das Zerstückelte unsers Daseyns eröffnet. Daraus war eine launigte, rhapsodische Art über die Gegenstände zu denken, oder viel¬ mehr ihre unmittelbaren Eindrücke zu äussern, entstanden. Er war nicht gern allein, trieb sich sich auf allen Kaffeehäusern, an allen Wirths¬ tischen herum, und wenn er ja zu Hause blieb, waren Reisebeschreibungen seine liebste, ja seine einzige Lektüre. Diese konnte er nun, da er eine große Leihbibliothek fand, nach Wunsch befriedigen, und bald spukte die halbe Welt in seinem guten Gedächtnisse. Wie leicht konnte er daher seinem Freun¬ de Muth einsprechen, als dieser ihm den völ¬ ligen Mangel an Vorrath zu der von ihm so feyerlich versprochenen Relation entdeckte. Da wollen wir ein Kunststück machen, sagte jener, das seines gleichen nicht haben soll. Ist nicht Deutschland von einem Ende zum andern durchreist, durchkreuzt, durchzogen, durchkrochen und durchflogen? und hat nicht jeder deutsche Reisende den herrlichen Vor¬ theil, sich seine großen oder kleinen Ausga¬ ben vom Publikum wieder erstatten zu las¬ sen? Gieb mir nur deine Reiseroute, ehe du W. Meisters Lehrj. 2. Y zu uns kamst, das andre weiß ich. Die Quellen und Hülfsmittel zu deinem Werke will ich dir aufsuchen; an Quadratmeilen, die nicht gemessen sind, und an Volksmenge, die nicht gezählt ist, müssen wir’s nicht feh¬ len lassen. Die Einkünfte der Länder neh¬ men wir aus Taschenbüchern und Tabellen, die, wie bekannt, die zuverlässigsten Docu¬ mente sind. Darauf gründen wir unsre po¬ litische Raisonnements; an Seitenblicken auf die Regierungen solls nicht fehlen. Ein Paar Fürsten beschreiben wir als wahre Väter des Vaterlandes, damit man uns desto eher glaubt, wenn wir einigen andern etwas anhängen, und wenn wir nicht geradezu durch den Wohnort einiger berühmten Leute durchrei¬ sen, so begegnen wir ihnen in einem Wirths¬ hause, lassen sie uns im Vertrauen das al¬ bernste Zeug sagen, und besonders vergessen wir nicht eine Liebesgeschichte mit irgend einem naiven Mädchen auf das anmuthigste einzuflechten, und es soll ein Werk geben, das nicht allein Vater und Mutter mit Ent¬ zücken erfüllen soll, sondern das dir auch je¬ der Buchhändler mit Vergnügen bezahlt. Man schritt zum Werke, und beide Freun¬ de hatten viel Lust an ihrer Arbeit, indeß Wilhelm Abends im Schauspiel und in dem Umgange mit Serlo und Aurelien die größte Zufriedenheit fand, und seine Ideen, die nur zu lange sich in einem engen Kreise herum gedreht hatten, täglich weiter ausbreitete. Y 2 Achtzehntes Capitel . N icht ohne das größte Interesse vernahm er Stückweise den Lebenslauf Serlo’s, denn es war nicht die Art dieses seltnen Mannes, vertraulich zu seyn, und über irgend etwas im Zusammenhange zu sprechen. Er war, man darf sagen, auf dem Theater gebohren und gesäugt. Schon als stummes Kind mu߬ te er durch seine bloße Gegenwart die Zu¬ schauer rühren, weil auch schon damals die Verfasser diese natürlichen und unschuldigen Hülfsmittel kannten, und sein erstes: Vater und Mutter, brachte in beliebten Stücken ihm schon den größten Beyfall zuwege, ehe er wußte, was das Händeklatschen bedeute. Als Amor kam er, zitternd, mehr als ein¬ mal, im Flugwerke herunter, entwickelte sich als Harlekin aus dem Ey, und machte als kleiner Essenkehrer schon früh die artigsten Streiche. Leider mußte er den Beyfall, den er an glänzenden Abenden erhielt, in den Zwischen¬ zeiten sehr theuer bezahlen. Sein Vater, überzeugt, daß nur durch Schläge die Auf¬ merksamkeit der Kinder erregt und festgehal¬ ten werden könne, prügelte ihn beym Ein¬ studieren einer jeden Rolle zu abgemessenen Zeiten; nicht, weil das Kind ungeschickt war, sondern damit es sich desto gewisser und an¬ haltender geschickt zeigen möge. So gab man ehemals, indem ein Gränzstein gesetzt wurde, den umstehenden Kindern tüchtige Ohrfeigen, und die ältesten Leute erinnern sich noch genau des Ortes und der Stelle. Er wuchs heran, und zeigte ausserordentliche Fähigkeiten des Geistes und Fertigkeiten des Körpers, und dabey eine große Biegsamkeit sowohl in seiner Vorstellungsart, als in Hand¬ lungen und Gebährden. Seine Nachah¬ mungsgabe überstieg allen Glauben. Schon als Knabe ahmte er Personen nach, so daß man sie zu sehen glaubte, ob sie ihm schon an Gestalt, Alter und Wesen völlig unähn¬ lich und unter einander verschieden waren. Dabey fehlte es ihm nicht an der Gabe sich in die Welt zu schicken, und sobald er sich einigermaßen seiner Kräfte bewußt war, fand er nichts natürlicher, als seinem Vater zu entfliehen, der, wie die Vernunft des Kna¬ ben zunahm, und seine Geschicklichkeit sich vermehrte, ihnen noch durch harte Begegnung nachzuhelfen für nöthig fand. Wie glücklich fühlte sich der lose Knabe nun in der freyen Welt, da ihm seine Eu¬ lenspiegelspossen überall eine gute Aufnahme verschafften. Sein guter Stern führte ihn zuerst eben in der Fastnachtszeit in ein Klo¬ ster, wo er, weil eben der Pater, der die Umgänge zu besorgen, und durch geistliche Maskeraden die christliche Gemeinde zu er¬ götzen hatte, gestorben war, als ein hülfrei¬ cher Schutzengel auftrat. Auch übernahm er sogleich die Rolle Gabriels in der Verkündi¬ gung, und mißfiel dem hübschen Mädchen nicht, die als Maria seinen obligenten Gruß, mit äußerlicher Demuth und innerlichem Stolze, sehr zierlich aufnahm. Er spielte darauf successive in den Mysterien die wich¬ tigsten Rollen, und wußte sich nicht wenig, da er endlich gar als Heiland der Welt ver¬ spottet, geschlagen, und ans Kreuz geheftet wurde. Einige Kriegsknechte mochten bey dieser Gelegenheit ihre Rollen gar zu natürlich spielen, daher er sie, um sich auf die schick¬ lichste Weise an ihnen zu rächen, bey Gele¬ genheit des jüngsten Gerichts in die präch¬ tigsten Kleider von Kaisern und Königen steckte, und ihnen in dem Augenblicke, da sie, mit ihren Rollen sehr wohl zufrieden, auch in dem Himmel allen andern vorauszugehen den Schritt nahmen, unvermuthet in Teu¬ felsgestalt begegnete, und sie mit der Ofen¬ gabel zur herzlichsten Erbauung sämmtlicher Zuschauer und Bettler weidlich durchdrosch, und unbarmherzig zurück in die Grube stürz¬ te, wo sie sich von einem hervordringenden Feuer aufs übelste empfangen sahen. Er war klug genug einzusehen, daß die gekrönten Häupter sein freches Unternehmen nicht wohl vermerken, und selbst vor seinem privilegirten Ankläger- und Schergen-Amte keinen Respekt haben würden; er machte sich daher, noch ehe das tausendjährige Reich an¬ ging, in aller Stille davon, und ward in einer benachbarten Stadt von einer Gesellschaft, die man damals Kinder der Freude nannte, mit offnen Armen aufgenommen. Es waren verständige, geistreiche, lebhafte Menschen, die wohl einsahen, daß die Summe unsrer Existenz durch Vernunft dividirt, niemals rein aufgehe, sondern daß immer ein wun¬ derlicher Bruch übrig bleibe. Diesen hinder¬ lichen, und, wenn er sich in die ganze Masse vertheilt, gefährlichen, Bruch, suchten sie zu bestimmten Zeiten vorsetzlich los zu werden. Sie waren einen Tag der Woche recht aus¬ führlich Narren, und straften an demselben wechselseitig durch allegorische Vorstellungen, was sie während der übrigen Tage an sich und andern närrisches bemerkt hatten. War diese Art gleich roher als eine Folge von Ausbildung, in welcher der sittliche Mensch sich täglich zu bemerken, zu warnen und zu strafen pflegt; so war sie doch lustiger und sicherer, denn indem man einen gewissen Schooßnarren nicht verleugnete, so tractirte man ihn auch nur für das was er war, an¬ statt daß er auf dem andern Wege durch Hülfe des Selbstbetrugs oft im Hause zur Herrschaft gelangt, und die Vernunft zur heimlichen Knechtschaft zwingt, die sich ein¬ bildet, ihn lange verjagt zu haben. Die Narrenmaske ging in der Gesellschaft herum, und jedem war erlaubt, sie, an seinem Tage, mit eigenen oder fremden Attributen, charak¬ teristisch auszuzieren. In der Karnavalszeit nahm man sich die größte Freyheit, und wetteiferte mit der Bemühung der Geistli¬ chen, das Volk zu unterhalten und anzuzie¬ hen. Die feyerlichen allegorischen Aufzüge von Tugenden und Lastern, Künsten und Wissenschaften, Welttheilen und Jahrszeiten versinnlichten dem Volke eine Menge Be¬ griffe, und gaben ihm Ideen entfernter Ge¬ genstände, und so waren diese Scherze nicht ohne Nutzen, da von einer andern Seite die geistlichen Mummereyen nur einen abge¬ schmackten Aberglauben noch mehr befestigten. Der junge Serlo war auch hier wieder ganz in seinem Elemente; eigentliche Erfin¬ dungskraft hatte er nicht, dagegen aber das größte Geschick, was er vor sich fand zu nutzen, zurecht zu stellen, und scheinbar zu machen. Seine Einfälle, seine Nachahmungs¬ gabe, ja sein beissender Witz, den er wenig¬ stens einen Tag in der Woche völlig frey, selbst gegen seine Wohlthäter, üben durfte, machte ihn der ganzen Gesellschaft werth, ja unentbehrlich. Doch trieb ihn seine Unruhe bald aus dieser vortheilhaften Lage in andere Gegen¬ den seines Vaterlandes, wo er wieder eine neue Schule durchzugehen hatte. Er kam in den gebildeten aber auch bildlosen Theil von Deutschland, wo es zur Verehrung des Gu¬ ten und Schönen zwar nicht an Wahrheit aber oft an Geist gebricht; er konnte mit seinen Masken nichts mehr ausrichten; er mußte suchen auf Herz und Gemüth zu wir¬ ken. Nur kurze Zeit hielt er sich bey klei¬ nen und großen Gesellschaften auf, und merk¬ te, bey dieser Gelegenheit, sämmtlichen Stük¬ ken und Schauspielern ihre Eigenheiten ab, die Monotonie, die damals auf dem deutschen Theater herrschte; den albernen Fall und Klang der Alexandriner, den geschraubtplatten Dialog; die Trockenheit und Gemeinheit der unmittelbaren Sittenprediger hatte er bald gefaßt, und zugleich bemerkt, was rührte und gefiel. Nicht Eine Rolle der gangbaren Stücke, sondern die ganzen Stücke blieben leicht in seinem Gedächtniß, und zugleich der eigen¬ thümliche Ton des Schauspielers, der sie mit Beyfall vorgetragen hatte. Nun kam er zu¬ fälligerweise auf seinen Streifereyen, da ihm das Geld völlig ausgegangen war, zu dem Einfall, allein, ganze Stücke, besonders auf Edelhöfen und in Dörfern vorzustellen, und sich dadurch überall sogleich Unterhalt und Nachtquartier zu verschaffen. In jeder Schen¬ ke, jedem Zimmer und Garten war sein Thea¬ ter gleich aufgeschlagen; mit einem schelmischen Ernst und anscheinendem Enthusiasmus wu߬ te er die Einbildungskraft seiner Zuschauer zu gewinnen, ihre Sinne zu täuschen, und vor ihren offenen Augen einen alten Schrank zu einer Burg, und einen Fächer zum Dolche umzuschaffen. Seine Jugendwärme ersetzte den Mangel eines tiefen Gefühls, seine Hef¬ tigkeit schien Stärke, und seine Schmeicheley Zärtlichkeit. Diejenigen, die das Theater schon kannten, erinnerte er an alles, was sie gesehen und gehört hatten, und in den übri¬ gen erregte er eine Ahndung von etwas Wunderbaren, und den Wunsch, näher da¬ mit bekannt zu werden. Was an einem Orte Wirkung that, verfehlte er nicht am andern zu wiederholen, und hatte die herz¬ lichste Schadenfreude, wenn er alle Men¬ schen, auf gleiche Weise, aus dem Stegreife, zum besten haben konnte. Bey seinem lebhaften, freyen und durch nichts gehinderten Geiste verbesserte er sich, indem er Rollen und Stücke oft wiederholte, sehr geschwind. Bald rezitirte und spielte er dem Sinne gemäßer, als die Muster, die er Anfangs nur nachgeahmt hatte. Auf diesem Wege kam er nach und nach dazu, natürlich zu spielen und doch immer verstellt zu seyn. Er schien hingerissen, und lauerte auf den Effekt, und sein größter Stolz war: die Menschen stufenweise in Bewegung zu setzen. Selbst das tolle Handwerk, das er trieb, nöthigte ihn bald mit einer gewissen Mäßi¬ gung zu verfahren, und so lernte er, theils gezwungen, theils aus Instinkt, das, wovon so wenig Schauspieler einen Begriff zu haben scheinen: mit Organ und Gebährden ökono¬ misch zu seyn. So wußte er selbst rohe und unfreundli¬ che Menschen zu bändigen, und für sich zu interessiren, und da er überall mit Nahrung und Obdach zufrieden war, jedes Geschenk dankbar annahm, das man ihm reichte, ja manchmal gar das Geld, wenn er dessen nach seiner Meinung genug hatte, ausschlug; so schickte man ihn mit Empfehlungsschreiben einander zu, und so wanderte er eine ganze Zeit von einem Edelhofe zum andern, wo er manches Vergnügen erregte, manches genoß, und nicht ohne die angenehmsten und artig¬ sten Abentheuer blieb. Bey der innerlichen Kälte seines Gemü¬ thes liebte er eigentlich niemand; bey der Klarheit seines Blicks konnte er niemand achten, denn er sah nur immer die äussern Eigenheiten der Menschen, und trug sie in seine mimische Sammlung ein. Dabey aber war seine Selbstigkeit äusserst beleidigt, wenn er nicht jedem gefiel, und wenn er nicht über¬ all Beyfall erregte. Wie dieser zu erlangen sey, darauf hatte er nach und nach so genau acht gegeben, und hatte seinen Sinn so ge¬ schärft, daß er nicht allein bey seinen Dar¬ stellungen, sondern auch im gemeinen Leben nicht mehr anders als schmeicheln konnte. Und so arbeitete seine Gemüthsart, sein Ta¬ lent und seine Lebensart dergestalt wechsels¬ weise gegen einander, daß er sich unver¬ merkt zu einem vollkommnen Schauspieler ausgebildet sah. Ja, durch eine seltsam schei¬ nende, aber ganz natürliche Wirkung und Gegenwirkung stieg, durch Einsicht und Übung, seine Rezitation, Declamation und sein Gebährdenspiel zu einer hohen Stufe von von Wahrheit, Freyheit und Offenheit, in¬ dem er im Leben und Umgang immer heim¬ licher, künstlicher, ja verstellt und ängstlich zu werden schien. Von seinen Schicksalen und Abentheuern sprechen wir vielleicht an einem andern Orte, und bemerken hier nur so viel: daß er in späteren Zeiten, da er schon ein gemachter Mann, im Besitz von entschiednem Nahmen, und in einer sehr guten obgleich nicht festen Lage war, sich angewöhnt hatte, im Gespräch auf eine feine Weise theils ironisch, theils spöttisch den Sophisten zu machen, und da¬ durch fast jede ernsthafte Unterhaltung zu zerstören. Besonders gebrauchte er diese Ma¬ nier gegen Wilhelm, sobald dieser, wie es ihm oft begegnete, ein allgemeines theoreti¬ sches Gespräch anzuknüpfen Lust hatte. Dem¬ ungeachtet waren sie sehr gern beysammen, indem durch ihre beiderseitige Denkart die W. Meisters Lehrj. 2. Z Unterhaltung lebhaft werden mußte. Wil¬ helm wünschte, alles aus den Begriffen, die er gefaßt hatte, zu entwickeln, und wollte die Kunst in einem Zusammenhange behan¬ delt haben. Er wollte ausgesprochene Re¬ geln festsetzen, bestimmen, was recht, schön und gut sey, und was Beyfall verdiene; genug, er behandelte alles auf das ernstlich¬ ste. Serlo hingegen nahm die Sache sehr leicht, und indem er niemals direct auf eine Frage antwortete, wußte er, durch eine Ge¬ schichte oder einen Schwank, die artigste und vergnüglichste Erläuterung beyzubringen, und die Gesellschaft zu unterrichten, indem er sie erheiterte. Neunzehntes Capitel . I ndem nun Wilhelm auf diese Weise sehr angenehme Stunden zubrachte, befanden sich Melina und die übrigen in einer desto ver¬ drießlichern Lage. Sie erschienen unserm Freunde manchmal wie böse Geister, und machten ihm nicht blos durch ihre Gegen¬ wart, sondern auch oft durch flämische Ge¬ sichter und bittre Reden einen verdrießlichen Augenblick. Serlo hatte sie nicht einmal zu Gastrollen gelassen, geschweige daß er ihnen Hoffnung zum Engagement gemacht hätte, und hatte demungeachtet nach und nach ihre sämmtlichen Fähigkeiten kennen gelernt. So oft sich Schauspieler bey ihm gesellig ver¬ sammelten, hatte er die Gewohnheit lesen zu lassen, und manchmal selbst mitzulesen. Er Z 2 nahm Stücke vor, die noch gegeben werden sollten, die lange nicht gegeben waren, und zwar meistens nur Theilweise. So ließ er auch, nach einer ersten Aufführung, Stellen, bey denen er etwas zu erinnern hatte, wie¬ derholen, vermehrte dadurch die Einsicht der Schauspieler, und verstärkte ihre Sicherheit, den rechten Punkt zu treffen. Und wie ein geringer aber richtiger Verstand mehr als ein verworrnes und ungeläutertes Genie zur Zufriedenheit anderer wirken kann; so er¬ hub er mittelmäßige Talente, durch die deut¬ liche Einsicht, die er ihnen unmerklich ver¬ schafte, zu einer bewundernswürdigen Fä¬ higkeit. Nicht wenig trug dazu bey, daß er auch Gedichte lesen ließ, und in ihnen das Gefühl jenes Reizes erhielt, den ein wohl¬ vorgetragner Rythmus in unsrer Seele er¬ regt, anstatt daß man bey andern Gesell¬ schaften schon anfing, nur diejenige Prosa vorzutragen, wozu einem jeden der Schnabel gewachsen war. Bey solchen Gelegenheiten hatte er auch die sämmtlichen angekommenen Schauspieler kennen lernen, das was sie waren, und was sie werden konnten, beurtheilt, und sich in der Stille vorgenommen, von ihren Talenten bey einer Revolution, die seiner Gesellschaft drohete, sogleich Vortheil zu ziehen. Er ließ die Sache eine Weile auf sich beruhen, lehn¬ te alle Intercessionen Wilhelms für sie mit Achselzucken ab, bis er seine Zeit ersah, und seinem jungen Freunde ganz unerwartet den Vorschlag that: er solle doch selbst bey ihm aufs Theater gehen, und unter dieser Bedin¬ gung wolle er auch die übrigen engagiren. Die Leute müssen also doch so unbrauch¬ bar nicht seyn, wie Sie mir solche bisher ge¬ schildert haben, versetzte ihm Wilhelm, wenn sie jetzt auf einmal zusammen angenommen werden können, und ich dächte, ihre Talente müßten auch ohne mich dieselbigen bleiben. Serlo eröffnete ihm darauf, unter dem Siegel der Verschwiegenheit, seine Lage: wie sein erster Liebhaber Miene mache, ihn bey der Erneuerung des Contracts zu steigern, und wie er nicht gesinnt sey, ihm nachzuge¬ ben, besonders da die Gunst des Publikums gegen ihn so groß nicht mehr sey. Ließe er diesen gehen, so würde sein ganzer Anhang ihm folgen, wodurch denn die Gesellschaft einige gute, aber auch einige mittelmäßige Glieder verlöre. Hierauf zeigte er Wilhel¬ men, was er dagegen an ihm, an Laertes, dem alten Polterer und selbst an Frau Me¬ lina zu gewinnen hoffe. Ja, er versprach dem armen Pedanten als Juden, Minister, und überhaupt als Bösewicht einen entschie¬ denen Beyfall zu verschaffen. Wilhelm stutzte, und vernahm den Vor¬ trag nicht ohne Unruhe, und nur um etwas zu sagen, versetzte er, nachdem er tief Athem geholt hatte: Sie sprechen auf eine sehr freundliche Weise nur von dem Guten, was Sie an uns finden und von uns hoffen; wie sieht es denn aber mit den schwachen Seiten aus, die Ihrem Scharfsinne gewiß nicht entgangen sind? Die wollen wir bald durch Fleiß, Übung und Nachdenken zu starken Seiten machen, versetzte Serlo. Es ist unter euch allen, die ihr denn doch nur Naturalisten und Pfuscher seyd, keiner, der nicht mehr oder weniger Hoffnung von sich gäbe; denn so viel ich alle beurtheilen kann, so ist kein einziger Stock darunter, und Stöcke allein sind die Unverbesserlichen, sie mögen nun aus Eigen¬ dünkel, Dummheit oder Hypochondrie unge¬ lenk und unbiegsam seyn. Serlo legte darauf mit wenigen Worten die Bedingungen dar, die er machen könne und wolle, bat Wilhelmen um schleunige Entscheidung, und verließ ihn in nicht gerin¬ ger Unruhe. Bey der wunderlichen und gleichsam nur zum Scherz unternommenen Arbeit jener fin¬ girten Reisebeschreibung, die er mit Laertes ausarbeitete, war er auf die Zustände und das tägliche Leben der wirklichen Welt auf¬ merksamer geworden, als er sonst nicht ge¬ wesen war. Er begriff jetzt selbst erst die Absicht des Vaters, als er ihm die Führung des Journals so lebhaft empfohlen. Er fühlte zum erstenmale, wie angenehm und nützlich es seyn könne, sich zur Mittelsperson so vieler Gewerbe und Bedürfnisse zu ma¬ chen, und bis in die tiefsten Gebirge und Wälder des festen Landes Leben und Thä¬ tigkeit verbreiten zu helfen. Die lebhafte Handelsstadt, in der er sich befand, gab ihm bey der Unruhe des Laertes, der ihn überall mit herumschleppte, den anschaulichsten Be¬ griff eines großen Mittelpunktes, woher al¬ les ausfließt, und wohin alles zurückkehrt, und es war das erstemal, daß sein Geist im Anschauen dieser Art von Thätigkeit sich wirklich ergetzte. In diesem Zustande hatte ihm Serlo den Antrag gethan, und seine Wünsche, seine Neigung, sein Zutrauen auf ein angebornes Talent, und seine Verpflich¬ tung gegen die hülflose Gesellschaft wieder rege gemacht. Da steh ich nun, sagte er zu sich selbst, abermals am Scheidewege zwischen den bei¬ den Frauen, die mir in meiner Jugend er¬ schienen. Die eine sieht nicht mehr so küm¬ merlich aus, wie damals, und die andere nicht so prächtig. Der einen wie der andern zu folgen fühlst du eine Art von innern Be¬ ruf, und von beiden Seiten sind die äussern Anlässe stark genug; es scheint dir unmöglich dich zu entscheiden, du wünschest, daß irgend ein Übergewicht von Aussen deine Wahl be¬ stimmen möge, und doch, wenn du dich recht untersuchst, so sind es nur äussere Umstände, die dir eine Neigung zu Gewerb, Erwerb und Besitz einflößen, aber dein innerstes Be¬ dürfniß erzeugt und nährt den Wunsch, die Anlagen, die in dir zum Guten und Schö¬ nen ruhen mögen, sie seyen körperlich oder geistig, immer mehr zu entwickeln und aus¬ zubilden. Und muß ich nicht das Schicksal verehren, das mich ohne mein Zuthun hier¬ her an das Ziel aller meiner Wünsche führt? Geschieht nicht alles, was ich mir ehemals ausgedacht und vorgesetzt, nun zufällig ohne mein Mitwirken? Sonderbar genug! Der Mensch scheint mit nichts vertrauter zu seyn, als mit seinen Hoffnungen und Wünschen, die er lange im Herzen nährt und bewahrt, und doch, wenn sie ihm nun begegnen, wenn sie sich ihm gleichsam aufdringen, erkennt er sie nicht und weicht vor ihnen zurück. Alles, was ich mir vor jener unglücklichen Nacht, die mich von Marianen entfernte, nur träu¬ men ließ, steht vor mir, und bietet sich mir selbst an. Hierher wollte ich flüchten, und bin sachte hergeleitet worden; bey Serlo wollte ich unterzukommen suchen, er sucht nun mich, und bietet mir Bedingungen an, die ich als Anfänger nie erwarten konnte. War es denn bloß Liebe zu Marianen, die mich ans Theater fesselte? oder war es Liebe zur Kunst, die mich an das Mädchen fest¬ knüpfte? War jene Aussicht, jener Ausweg nach der Bühne blos einem unordentlichen, unruhigen Menschen willkommen, der ein Leben fortzusetzen wünschte, das ihm die Ver¬ hältnisse der bürgerlichen Welt nicht gestat¬ teten, oder war es alles anders, reiner, wür¬ diger? und was sollte dich bewegen können, deine damalige Gesinnungen zu ändern? Hast du nicht vielmehr bisher selbst unwis¬ send deinen Plan verfolgt, und ist nicht jetzt der letzte Schritt noch mehr zu billigen, da keine Nebenabsichten dabey im Spiele sind, und da du zugleich ein feyerlich gegebenes Wort halten, und dich auf eine edle Weise von einer schweren Schuld befreyen kannst? Alles, was in seinem Herzen und seiner Einbildungskraft sich bewegte, wechselte nun auf das lebhafteste gegen einander ab. Daß er seine Mignon behalten könne, daß er den Harfner nicht zu verstoßen brauche, war kein kleines Gewicht auf der Wagschale, und doch schwankte sie noch hin und wieder, als er seine Freundin Aurelie gewohnterweise zu besuchen ging. Zwanzigstes Capitel. E r fand sie auf ihrem Ruhbette; sie schien stille. Glauben Sie noch morgen spielen zu können? fragte er. O ja, versetzte sie leb¬ haft; Sie wissen, daran hindert mich nichts. — Wenn ich nur ein Mittel wüßte, den Beyfall unsers Parterr’s von mir abzu¬ lehnen: sie meinen es gut, und werden mich noch umbringen. Vorgestern dacht’ ich das Herz müßte mir reißen! Sonst konnt’ ich es wohl leiden, wenn ich mir selbst gefiel, wenn ich lange studirt und mich vorbereitet hatte‚ dann freute ich mich, wenn das willkommene Zeichen: nun sey es gelungen, von allen Enden wiedertönte. Jetzo sag ich nicht, was ich will, nicht wie ichs will, ich werde hinge¬ rissen, ich verwirre mich, und mein Spiel macht einen weit größern Eindruck. Der Beyfall wird lauter, und ich denke: wüßtet ihr, was euch entzückt! die dunkeln, heftigen, unbestimmten Anklänge rühren euch, zwingen euch Bewundrung ab, und ihr fühlt nicht, daß es die Schmerzenstöne der Unglücklichen sind, der ihr euer Wohlwollen geschenkt habt. Heute früh hab’ ich gelernt, jetzt wieder¬ holt und versucht. Ich bin müde, zerbrochen, und morgen geht es wieder von vorn an. Morgen Abend soll gespielt werden; so schlepp’ ich mich hin und her, es ist mir langweilig aufzustehen, und verdrießlich zu Bette zu gehen. Alles macht einen ewigen Zirkel in mir. Dann treten die leidigen Trö¬ stungen vor mir auf, dann werf ich sie weg, und verwünsche sie. Ich will mich nicht er¬ geben, nicht der Nothwendigkeit ergeben — warum soll das nothwendig seyn, was mich zu Grunde richtet? Könnte es nicht auch anders seyn? Ich muß es eben bezahlen, daß ich eine Deutsche bin; es ist der Charakter der Deutschen, daß sie über allem schwer werden, daß alles über ihnen schwer wird. O, meine Freundin, fiel Wilhelm ein, könnten Sie doch aufhören selbst den Dolch zu schärfen, mit dem Sie sich unablässig ver¬ wunden! Bleibt Ihnen denn nichts? Ist denn Ihre Jugend, Ihre Gestalt, Ihre Ge¬ sundheit, sind Ihre Talente nichts? Wenn Sie ein Gut ohne Ihr Verschulden verloren haben, müssen Sie denn alles Übrige hinter¬ drein werfen? Ist das auch nothwendig? Sie schwieg einige Augenblicke, dann fuhr sie auf: ich weiß es wohl, daß es Zeitver¬ derb ist, nichts als Zeitverderb ist die Liebe! Was hätte ich nicht thun können! thun sol¬ len! nun ist alles rein zu Nichts geworden. Ich bin ein armes verliebtes Geschöpf, nichts als verliebt! Haben Sie Mitleiden mit mir, bey Gott, ich bin ein armes Geschöpf! Sie versank in sich, und nach einer kur¬ zen Pause rief sie heftig aus: ihr seyd ge¬ wohnt, daß sich euch alles an den Hals wirft, nein ihr könnt es nicht fühlen, kein Mann ist im Stande, den Werth eines Wei¬ bes zu fühlen, das sich zu ehren weiß. Bey allen heiligen Engeln, bey allen Bildern der Seeligkeit, die sich ein reines gutmüthiges Herz erschaft, es ist nichts Himmlischers, als ein weibliches Wesen, das sich dem geliebten Manne hingiebt. Wir sind kalt, stolz, hoch, klar, klug, wenn wir verdienen Weiber zu heißen, und alle diese Vorzüge legen wir euch zu Füßen, sobald wir lieben, sobald wir hoffen, Gegen¬ liebe zu erwerben. O wie hab’ ich mein ganzes Daseyn so mit Wissen und Willen weggeworfen; aber nun will ich auch ver¬ zweifeln, absichtlich verzweifeln. Es soll kein Blutstropfen in mir seyn, der nicht gestraft wird. wird, keine Faser, die ich nicht peinigen will. Lächeln Sie nur, lachen Sie nur über den theatralischen Aufwand von Leidenschaft. Fern war von unserm Freunde jede An¬ wandlung des Lachens. Der entsetzliche, halb natürliche, halb erzwungene Zustand seiner Freundin peinigte ihn nur zu sehr. Er em¬ pfand die Foltern der unglücklichen Anspan¬ nung mit; sein Gehirn zerrüttete sich, und sein Blut war in einer fieberhaften Bewe¬ gung. Sie war aufgestanden, und ging in der Stube hin und wieder. Ich sage mir alles vor, rief sie aus, warum ich ihn nicht lieben sollte. Ich weiß auch, daß er es nicht werth ist; ich wende mein Gemüth ab, dahin und dorthin, beschäftige mich, wie es nur gehen will. Bald nehm ich eine Rolle vor, wenn ich sie auch nicht zu spielen habe, ich übe die alten, die ich durch und durch kenne, fleißi¬ W. Meisters Lehrj. 2. A a ger und fleißiger, ins Einzelne, und übe und übe — mein Freund, mein Vertrauter, wel¬ che entsetzliche Arbeit ist es, sich mit Gewalt von sich selbst zu entfernen! Mein Verstand leidet, mein Gehirn ist so angespannt; um mich vom Wahnsinne zu retten, überlaß ich mich wieder dem Gefühle, daß ich ihn lie¬ be. — Ja, ich liebe ihn, ich liebe ihn! rief sie unter tausend Thränen, ich liebe ihn, und so will ich sterben. Er faßte sie bey der Hand, und bat sie auf das inständigste, sich nicht selbst aufzu¬ reiben. O, sagte er, wie sonderbar ist es, daß dem Menschen nicht allein so manches Unmögliche, sondern auch so manches Mög¬ liche versagt ist. Sie waren nicht bestimmt, ein treues Herz zu finden, das Ihre ganze Glückseeligkeit würde gemacht haben. Ich war dazu bestimmt, das ganze Heil meines Lebens an eine Unglückliche festzuknüpfen, die ich durch die Schwere meiner Treue wie ein Rohr zu Boden zog, ja vielleicht gar zer¬ brach. Er hatte Aurelien seine Geschichte mit Marianen vertraut, und konnte sich also jetzt darauf beziehen. Sie sah ihm starr in die Augen, und fragte: können Sie sagen, daß Sie noch niemals ein Weib betrogen, daß Sie keiner mit leichtsinniger Galanterie, mit frevelhafter Betheurung, mit herzlockenden Schwüren ihre Gunst abzulocken gesucht? Das kann ich, versetzte Wilhelm, und zwar ohne Ruhmredigkeit; denn mein Leben war sehr einfach, und ich bin selten in die Versuchung gerathen, zu versuchen. Und welche Warnung, meine schöne, meine edle Freundin, ist mir der traurige Zustand, in den ich Sie versetzt sehe. Nehmen Sie ein Gelübde von mir, das meinem Herzen ganz angemessen ist, das durch die Rührung, die Aa 2 Sie mir einflößten, sich bey mir zur Sprache und Form bestimmt, und durch diesen Au¬ genblick geheiligt wird: jeder flüchtigen Nei¬ gung will ich widerstehen, und selbst die ernstlichsten in meinem Busen bewahren; kein weibliches Geschöpf soll ein Bekenntniß der Liebe von meinen Lippen vernehmen, dem ich nicht mein ganzes Leben widmen kann. Sie sah ihn mit einer wilden Gleichgül¬ tigkeit an, und entfernte sich, als er ihr die Hand reichte, um einige Schritte. Es ist nichts daran gelegen, rief sie, so viel Wei¬ berthränen mehr oder weniger, die See wird darum doch nicht wachsen. Doch, fuhr sie fort, unter Tausenden Eine gerettet, das ist doch etwas, unter Tausenden Einen Redli¬ chen gefunden, das ist anzunehmen. Wissen Sie auch was Sie versprechen? Ich weiß es, versetzte Wilhelm lächelnd, und hielt seine Hand hin. Ich nehm’ es an, versetzte sie, und machte eine Bewegung mit ihrer Rechten, so daß er glaubte, sie würde die seine fassen; aber schnell fuhr sie in die Tasche, riß den Dolch wie der Blitz heraus, und fuhr mit Spitze und Schneide ihm rasch über die Hand weg. Er zog sie schnell zurück, aber schon lief das Blut herunter. Man muß euch Männer scharf zeichnen, wenn ihr merken sollt, rief sie mit einer wil¬ den Heiterkeit aus, die bald in eine hastige Geschäftigkeit überging. Sie nahm ihr Schnupftuch und umwickelte seine Hand da¬ mit, um das erste hervordringende Blut zu stillen. Verzeihen Sie einer Halbwahnsinni¬ gen, rief sie aus, und lassen Sie sich diese Tropfen Bluts nicht reuen. Ich bin ver¬ söhnt, ich bin wieder bey mir selber. Auf meinen Knieen will ich Abbitte thun, lassen Sie mir den Trost, Sie zu heilen. Sie eilte nach ihrem Schranke, holte Lein¬ wand und einiges Geräth, stillte das Blut, und besah die Wunde sorgfältig. Der Schnitt ging durch den Ballen gerade unter dem Daumen, theilte die Lebenslinie, und lief gegen den kleinen Finger aus. Sie ver¬ band ihn still, und mit einer nachdenklichen Bedeutsamkeit in sich gekehrt. Er fragte einigemal: Beste, wie konnten Sie Ihren Freund verletzen? Still! erwiederte sie, indem sie den Fin¬ ger auf den Mund legte: still! Nachricht an den Buchbinder. Die von dem Hrn. Capellmeister Reichard componirten Lieder werden so eingeheftet, daß man sie von der Rechten zur Linken aufschlägt: Zu Seite 7. Kennst du das Land, ꝛc. Zu S. 265. Nur wer die Sehnsucht kennt, ꝛc. Bei J. F. Unger in Berlin sind zur Oster- Messe 1795 folgende neue Bücher um beigesetzte Preise zu haben. B etrachtungen über den Frieden, Herrn Pitt und den Franzosen gewidmet. 8. 8 gr. Gedike, D. Fr., Erinnerung an Büschings Ver¬ dienste um das Berlinische Schulwesen. 8. 8 gr. Desselben gesammelte Schulschriften, 2r Band. 8. 18 gr. Girtanner, D. Chph., historische Nachrichten über die französische Revolution, 10r Band. gr. 8. 1 thl. 12 gr. von Göthe, neue Schriften 4r Band. 1 thl. 8 gr. oder: Wilhelm Meisters Lehrjahre , 2r Band. 1 thl. 8 gr. Unter der Presse ist und wird zu Johannis erscheinen. D. Girtanners Anfangsgründe der antiphlogisti¬ schen Chemie. Zweite durchaus verbesserte und vermehrte Ausgabe. Moritz Götterlehre. Zweite Auflage.