Börne 's Briefe aus Paris 1830–1831. Zweiter Theil . Börne's Schriften 1r bis 8r Band sind bis zum Schluß der Leipziger Ostermesse 1832 noch zum zweiten Subscriptionspreise zu 6 Thlr. zu bekommen. Dann tritt der Ladenpreis dafür mit 8 Thlr. ein. Gesammelte Schriften von Ludwig Boͤrne . Zehnter Theil . Hamburg . Bei Hoffmann und Campe . 1832 . Briefe aus Paris 1830—1831 von Ludwig Boͤrne . Zweiter Theil . Hamburg . Bei Hoffmann und Campe . 1832 . Inhalt. Neun und zwanzigster Brief Seite 1 Dreißigster Brief – 11 Ein und dreißigster Brief – 22 Zwei und dreißigster Brief – 35 Drei und dreißigster Brief – 45 Vier und dreißigster Brief – 53 Fünf und dreißigster Brief – 68 Sechs und dreißigster Brief – 81 Sieben und dreißigster Brief – 91 Acht und dreißigster Brief – 105 Neun und dreißigster Brief – 113 Vierzigster Brief – 121 Ein und vierzigster Brief – 135 Zwei und vierzigster Brief – 147 Drei und vierzigster Brief Seite 159 Vier und vierzigster Brief – 177 Fünf und vierzigster Brief – 191 Sechs und vierzigster Brief – 202 Sieben und vierzigster Brief – 207 Acht und vierzigster Brief – 222 Neun und zwanzigster Brief. Paris, Dienstag, den 25. Januar 1831. I n diesen Tagen wird das Schicksal Belgiens entschieden seyn. So eine lächerliche Thron-Verstei¬ gerung ist mir noch nicht vorgekommen. Daß es Fürstensöhne giebt, die um diese Krone betteln! Lieber streckte ich meine Hand nach einem Sou aus. Betteln um eine Krone! Jupiters Donner als Al¬ mosen empfangen! Eine Krone muß man rauben, oder sie annehmen aus Barmherzigkeit. Frankreich wird Belgien ganz gewiß bekommen, oder doch den größten Theil davon. Das ließ sich vorher sehen. Die große Verwirrung, welche beim belgischen Con¬ gresse herrschte, hatte so viel Methode, daß man wohl merkte, daß alles verabredet war. Frankreich II . 1 wird nie zugeben, daß der kleine Beauharnois König von Belgien wird, und ich gebe es noch weniger zu. Behüte mich Gott! Mir ist nichts verhaßter, denn nichts ist verderblicher, als diese Mischung von Buonapartischem und deutschem Blute. Frankreich hat das erfahren unter Napoleon, hatte aber das Glück, früher unglücklich als schuldig zu werden. Was! einen König, der sein Volk verwundete und vergiftete zugleich, zugleich Sklaverei und Dienstbar¬ keit über es brächte? Diese beiden Uebel waren doch bis jetzt in keinem Staate vereinigt. Die Spanier, Italiener, Russen und Andere sind Sklaven; die Völker deutscher Zunge sind Bediente. Aber Skla¬ verei macht nur unglücklich, entwürdigt nicht, doch Dienstbarkeit erniedrigt. Lieber einen Don Miguel zum Herrn haben, als einen sogenanten milden und gerechten deutschen Fürsten. Man ehrt doch noch die Kraft, indem man sie fürchtet, ihr Fesseln anlegt; wir zahmen Hausthiere aber dürfen frei umhergehen, weil man recht wohl weiß, daß wir jeden Abend in den Stall zurückkehren, und zu jeder Tageszeit kom¬ men, sobald man uns pfeift. Lassen Sie so einem Schafe einmal in den Sinn kommen, den Löwen zu spielen, und Sie werden sehen, wie der milde und gerechte Hirt zum Tiger wird. Die weiche Nach¬ giebigkeit macht selbst eine Kanonenkugel mild; sie dringt durch Stein und Eisen und bleibt in einem Misthaufen stecken. Nichts erwarte ich von dieser Schafheerde. Was wir in den letzten Zeiten gesehen, das war die bekannte Drehkrankheit. Woher kommt dieser Lakaien-Charakter der Deutschen? — Ich weiß es nicht; aber sie waren immer so gewesen. Man glaubt, das Volk stamme aus Asien. Vielleicht wa¬ ren sie dort eine Art Paria-Kaste, die es endlich nicht mehr aushalten konnte und wegzog. Aber der Hund, der sich von der Kette losreißt, bleibt immer Hund, er wechselt nur den Herrn. Die alten Deutschen waren zwar freier, aber nicht frei gesinnter als die heutigen. Wer nicht viel hat, kann nicht viel be¬ steuert werden, und die alten Deutschen waren rohe Wilde; ohne leiblichen, ohne geistigen Besitz. Aber was sie hatten, gaben sie immer hin für ihre An¬ führer, die sie freiwillig suchten. Sie lebten und starben für sie, und zu Hause verwürfelten sie ihren eignen Leib, wenn sie kein Geld mehr zu verlieren hatten. Dienstbarkeit, Trunkenheit, Spielsucht, das sind die Tugenden unserer Ahnen. Ich erinnere mich aus meinen Schuljahren eines Deklamations-Gedichts, das fing so an: Die alten Deutschen waren nicht schmeidig wie der Aal — doch Löwen in Gefahren — und Lämmer beim Pokal. — Geschmeidig sind wir noch heute nicht; Löwen sind wir noch in Ge¬ 1* fahren, aber nur nicht in unseren eigenen, und Läm¬ mer sind wir das ganze Jahr, nur nicht beim Po¬ kal. Da sind wir grob, und wenn das ganze deut¬ sche Volk nur einmal vier Wochen hintereinander betrunken wäre, oder wenn es eben so lange nichts zu essen hätte, da ließe sich vielleicht etwas mit ihm anfangen. Mittwoch, den 26. Januar. — Das muß einen ganz eignen Grund haben, daß Sie gestern nicht hier waren, daß Sie nicht den Othello und die Malibran als Desdemona gehört haben! So hart ist doch Gott sonst nicht gegen seine guten Kinder. Sie, die Sie das Alles mit hundert Lippen einsaugen, mit hundert Seelen emp¬ finden! Wie wäre Ihnen geworden, da es schon mich in solche Bewegung setzte! War es doch, als wäre das eigne Herz zur Harfe geworden, auf wel¬ cher Engel spielten — das Ohr horchte nach Innen. So klagen die Seligen, wenn sie Schmerzen haben! So stürmen die Götter, wenn sie zornig sind, gegen Unsterbliche wie sie. So weinen, lächeln, lieben, bitten und trauern die Engel. Mit wahrer Seelen¬ angst klammerte ich mich an die irdischen Worte fest, damit ich nur den Boden nicht verlor, und von den Geistertönen hinaufgezogen würde. Die Malibran, die hat Gott beurkundet mit der Unterschrift seiner Schöpfung, die kann keiner nachmachen. Es war wie eine Blumenflur von allen milden und stolzen, stillen und hohen, süßen und bittern Gefühlen des Menschen, mit aller Farbenpracht, allen Wohlge¬ rüchen und alle Betäubungen der mannigfachen Blu¬ men. Dieses Weinen, dieses Weinen ohne Thränen, habe ich nie gesehen, möchte ich nie sehen im Leben. Als ihre Thränen zu fließen anfingen, war mir die Brust wie erleichtert. Hat die Liebe so viel süße Schmeichelei, kann der Schmerz so edel seyn, durch¬ bohrt Verachtung so tief, kann der Zorn so erhaben, der Schrecken so erschrecklich, die Bitte so rührend seyn? Ich wußte das Alles nicht. Fragen Sie mich: hat sie das gesprochen, gesungen, mit Geber¬ den so dargestellt? Ich weiß es nicht. Es war Alles verschmolzen. Sie sang nicht blos mit dem Munde, alle Glieder ihres Körpers sangen. Die Töne sprühten wie Funken aus ihren Augen, aus ihren Fingern hervor, sie flossen von ihren Haaren herab. Sie sang noch, wenn sie schwieg. Ich habe mich für unverbrennlich gehalten und habe erfahren, daß ich es nicht bin; ich will künftig auf Feuer und Licht mehr Acht geben. Im dritten Akte hätte ich es nicht länger aus¬ halten können, stände nicht zum Glücke ein kleiner Hanswurst hinter meinem Herzen auf beständiger Lauer, der immer mit seinen Späßen hervortritt, so¬ bald das Herz zu betrübt und ernst wird. Als die Scene kam, wo Othello Desdemonen den Tod ankündigt, und diese, ehe sie niedersank und sich dem Dolche hingab, sich in die Wolken erhob, und wie ein Sturmwind die ganze Welt der Leidenschaften umbrauste, Liebe, Haß, Zorn, Schrecken, Spott, Trotz, Verachtung, und dann wieder zur Liebe kam, und noch einmal Alles umkreiste — da wurde mir heiß am ganzen Körper. Ein vernünftiger Mensch hätte ruhig fortgeschwitzt und sich nicht stören lassen; aber ein Philosoph, wie ich, will durchaus wissen, warum er denn eigentlich schwitzt. Und ich wußte es nicht; denn ich hatte aus der Psychologie vergessen, welche Leidenschaft, welche Gemüthsbewegung den Menschen in Schweiß bringt. Da fiel mir ein, in Goethe's Leben gelesen zu haben, wie in der Schlacht von Valmy, zwar in bescheidener Entfernung vom Schlachtfelde, doch nahe genug, daß er den Kanonen¬ donner hören konnte, dem Dichter ganz heiß gewor¬ den war, wie mir im Othello. Daraus schloß ich denn, daß es die Furcht sei, die den Menschen schwitzen mache. Darüber mußte ich lachen und das erleichterte mir das schwere Herz. Und als darauf die Malibran herausgerufen worden und erschien, und ich sah, daß Alles nur Spiel gewesen, ging ich froh nach Hause, und segnete die Künstlerin, die Gott so gesegnet. Shakespeare's Othello, wie ihn der italienische Operntext zugerichtet, ist dumm bis zur Genialität. Man hat seine Lust daran. Die Musik scheint mir noch das Beste, was Rossini ge¬ macht. Uebrigens bekümmerte ich mich nicht darum, und ich glaube die Malibran auch nicht. Was aber die Weiber schwache Nerven haben, wenn sie nicht präparirt sind! Diese Malibran, die doch den gan¬ zen Abend so unerschrocken durch Wasser und Feuer ging und alle Elemente aushielt, ohne zu zucken — ich sah sie vor Schrecken zusammenfahren wie ein Schäfchen, als einmal hinter den Coulissen etwas wie ein Leuchter von der Decke herabstürzte! .. Es Ihnen prosaisch zu wiederholen: die Malibran ist die größte Schauspielerin, die ich je gesehen. In der heftigsten Bewegung zeigte sie jene wahre antike Ruhe, die wir an den griechischen Tragödien bewun¬ dern, und welche wahrscheinlich auch die Schauspie¬ ler der Alten hatten. Darum, des rechten Maßes sich bewußt, spielt sie auch mit einer Kühnheit, die eine Andere sich nicht erlauben dürfte. Sie klam¬ merte sich flehend an den Mantel des wüthenden Othello oder ihres erzürnten Vaters, sie umschnürt ihre Hände mit den Falten des Kleides, sie zerrt daran — eine Linie weiter und es wäre lächerlich, es sähe aus, als wolle sie ihnen die Kleider vom Leibe reißen; aber sie überschreitet diese Linie nicht und sie ist erhaben. Und ihr Gesang! Gibt es denn mehr als eine Art, darf man den anders sin¬ gen? Spricht man im Himmel auch verschiedene Dialekte? Nun, dann hat sie hoch himmlisch ge¬ sungen, meißnisch, und die Andern singen platt himmlisch. Sie sehen, ich kann auch ein Narr seyn — zu meinem Glücke nur ein prosaischer, denn ich kann keine Verse machen Ich gehe nächstens ein¬ mal in die große französische Oper, und das wird mich wieder heilen. — Nächstens gibt man zum Besten der Polen ein großes Concert. Die ersten Künstler und Künst¬ lerinnen nehmen daran Theil. Eine Dame von Stande aus Brüssel, bewunderte Harfenspielerin in ihrer Stadt, wird die Reise nach Paris machen, ihre schöne Kunst zur schönsten Bestimmung zu ver¬ wenden. Dieser edlen Frau verzeihe ich alle ihre Ahnen. Auch werden, zu gleichem Zwecke, in allen Theilen der Stadt Bälle gegeben werden. Eine pol¬ nische Kommission hat sich gebildet, an deren Spitze Lafayette steht. Unter den Mitgliedern sind auch Delavigne und Hugo. Diese wollen durch Gedichte begeistern. Der Referendar Simrock in Berlin wird sich hüten, sich das zweite Mal zu verbrennen; der besingt die polnischen Farben gewiß nicht. .... Hat man in Frankfurt auch die jüdisch-polnische Zeitung, deren erste Nummer hier angekommen ist? Sie wird von Rabbinern geschrieben und es werden darin alle jüdischen Glaubensgenossen aufgefordert, mit Geld beizustehn. Unsere deutschen adligen Juden, die auf Du und Du mit allen Ministern und fürstlichen Maitressen sind und darum auf Ehre halten, werden lachen über die Zumuthung jener polnischen Canaillen und sich um die stinkenden Polen und ihre stinkende Freiheit wenig bekümmern. Dreißigster Brief. Paris, Donnerstag, den 27. Januar 1831. Sie fragen mich: ob denn die hessische Con¬ stitution wirklich so gar arg wäre, als ich behauptet? Was arg! Das ist das Wort gar nicht. Es ist die unverschämteste Prellerei, die mir je vorgekommen. Die Erzjuden hier auf den Boulevards, wenn sie sie läsen, würden mit Neid ausrufen: nein, das können wir nicht! Gewährte die Constitution noch so wenig oder auch gar nichts von dem, was heute die Völker von einer erwarten, dagegen ließe sich nichts sagen. Die Freiheit wurde von einem Für¬ sten nie geschenkt noch verkauft; ein Volk, das sie haben will, muß sie rauben. Dem Geduldigen gibt man nichts, dem Drohenden wenig, dem Gewalt¬ thätigen Alles. Die Hessen haben nur etwas ge¬ droht. Aber diese Constitution ist eine Betrügerei, man hat das schlechte Zeug gelb gemacht, daß man es für Gold halte, und so dumm ist unser Volk, daß unter hundert Käufern nur Einer merkt, daß er be¬ trogen worden. Was ist das für eine Constitution, die den Satz enthält: Das Briefgeheimniß ist unverletzlich , für nöthig hält ausdrücklich zu er¬ klären, die Regierung dürfe keine schlechten Streiche machen? Es heißt: Die Presse ist vollkommen frei , ausgenommen, wo sie die deutsche Bundes- Versammlung beschränkt; die deutsche Bundes-Ver¬ sammlung aber hat sie in allem beschränkt. Es heißt: Alle Religionen sind gleich vor dem Ge¬ setze , und gleich darauf: die Rechte der Juden werden unter den Schutz der Constitution gestellt . Das heißt: Einem, der in Ketten liegt, zu seiner Beruhigung eine Wache zur Seite stellen, damit ihm ja Niemand seine Ketten stehle! Die Ju¬ den haben es jetzt viel schlimmer, als vorher. Frü¬ her konnte doch der Fürst die Rechte der Juden er¬ weitern, sie den übrigen Staatsbürgern ganz gleich stellen. Jetzt kann er aber das nicht mehr, da der rechtlose Zustand der Juden unter dem Schutze der Constitution stehet, die von dem Fürsten nicht über¬ treten werden kann. Und so die Wahlen, so Alles. In der ganzen Constitution sind die Rechte zwischen Regierung und Volk so getheilt, wie jener Jude mit einem dummen Bauer den Gebrauch eines gemein¬ schaftlich gemietheten Pferdes theilte: „Eine Stunde reite ich und du gehst, die andere Stunde gehest du und ich reite.“ — Warum wundert Sie, daß es dem *** in Wien gefallen, und warum wundert das ihn selbst? Wien ist ein ganz hübscher Ort und ich möchte wohl dort wohnen, wenn ich ein fetter Antonius wäre und kein magerer Cassius. Wenn er sagt, er habe es dort ganz anders und besser gefunden, als er erwartet, so ist das seine Schuld; er hat falsch ge¬ sucht und falsch gefunden. Er glaubte wahrscheinlich, in Wien bekäme jeder die Knute, der ein Wort von Politik spräche, und man fände dort keine anderen Bücher als Koch- und Gebetbücher. Aber so ist es nicht. Campe schrieb mir neulich, daß meine Schrif¬ ten in Oesterreich am meisten Abgang hätten. Das muß aber Keinen irre machen. *** ließ sich täu¬ schen, wie sich die Wiener selbst täuschen lassen, Die glauben auch, daß sie sich eine Freiheit nehmen , die ihnen die Regierung eigentlich gibt , wobei aber diese klug genug ist, sich anzustellen, als ließ sie sie nehmen, weil sie weiß, daß verbotene Früchte am süßesten schmecken. Der österreichische Staat ist eine seelenlose Dampfmaschine, aber keine mit hohem Drucke . Sie wissen dort genau zu berechnen; wie weit man es treiben darf, ohne daß der Kessel platze, und lassen darum zuweilen Rauch aus dem Schorn¬ steine — nach oben , in den höhern Ständen, in der Residenz; nach unten nie. — Ich habe herzlich darüber lachen müssen, daß die hannövrischen Soldaten beim Einzuge in Göttingen den Marseiller Marsch gespielt. Ich glaube, die Spitzbuben haben das mit Bedacht gethan. Sie wollten sich wohl über die Revolutionairs lustig machen. Vielleicht war es auch Gutmüthigkeit. Sie dachten, da habt ihr euern Marseiller Marsch, ihr wollt ja nicht mehr. Und villeicht wollten sie wirk¬ lich nicht mehr. Haben Sie aber auch die Unter¬ würfigkeits-Akte der Stadt Göttingen gelesen, den Brief, den sie an den General geschrieben. Das ist zu schön. Vor lauter Demuth und Zerknirschung wissen sie nicht genug Hochgeburt und Hochwohl¬ geburt aufzutreiben. Sie kriechen unter die Erde. So ist der gute Deutsche! Wenn einmal ein müder Bürger seinen schweren Bündel Unterthänigkeit ab¬ wirft, gleich hebt ihn sein Nachbar auf, und hockt die Last zu seiner eigenen. Und in dieses Land soll ich zurückkehren! Hätten sie nur wenigstens eine italieni¬ sche Oper wie hier! Aber keine Freiheit und keine Malibran, keinen Styx und keinen Lethe! — Ich schrieb Ihnen neulich von einem Ge¬ mälde, die Schlachttage im Juli darstellend, das ich gesehen. Da war aber doch mehr der Stoff, der mir Freude gemacht, die Phantasie mußte sich das Uebrige erst selbst verschaffen; denn Vieles fehlte, das Gemälde hatte keinen großen Kunstwerth. Jetzt ist aber im Diorama ein Gemälde gleicher Art aufge¬ stellt, das alles selbst leistet und von der Phantasie nichts fordert. Die Vertheidigung und Eroberung des Stadthauses wird vorgestellt, und die Täuschung ist auf das Höchste getrieben. Es ist ganz ein Schlachtfeld, nur ohne Gefahr. Die Sonne liegt heiß auf dem Pflaster und brennt auf dem Gesichte der Streitenden. Die Luft ist so rein, daß man durch den zarten Pulverdampf siehet. Menschen und Pferde bluten und verbluten. In der Mitte des Platzes siehet man einen Zögling der polytechni¬ schen Schule, in der linken Hand die dreifarbige Fahne, in der rechten den Degen haltend. Er ste¬ het mit dem linken Fuße auf einer Kiste, mit dem rechten auf einem höheren Fasse, und ist eben im Begriffe, sich hinauf zu schwingen, um oben die Fahne hinzupflanzen. Es gibt nichts Theatralische¬ res als diese Stellung, und doch hat sie der Maler gewiß nur nachgeahmt, nicht erfunden. Darin haben es die Franzosen gut, daß sie vermögen mit jeder Großthat im weiten Felde zugleich das Drama zu dichten, das jene Großthat im engen Felde darstellt. Sie sind zugleich Helden und Schauspieler. Man siehet es ganz deutlich an diesem Jünglinge mit der Fahne, wie er seiner Kühnheit und seiner theatrali¬ schen Stellung zugleich froh war. Noch eine andere schöne Gruppe zeichnete sich aus. Ein Mann aus dem Volke, Brust und Schultern nackt, kniet auf die Erde, in dem rechten Arm einen verwundeten hin¬ sinkenden Knaben haltend, die linke Faust gegen die hintenstehenden Soldaten ballend, die den Knaben wohl eben getroffen. An der Schwelle eines Hau¬ ses liegt die Leiche eines Frauenzimmers. Daß mit¬ ten im Kugelregen mehrere Frauenzimmer uner¬ schrocken weilen, um den Verwundeten beizustehen, hat mich weniger gewundert, (sie trieb das Mitleid) als daß andere ohne Furcht zu den Fenstern hinaus sehen. Im Hintergrunde, am Wasser, stehen die königlichen Soldaten. Jenseits schießen die Studen¬ ten herüber. Ich habe unter den Kämpfern wieder gute Röcke gesucht, vornehme und reiche Leute, die mehrere hundert Franken Steuern zahlen und Wäh¬ ler seyn können — ich habe aber Keine gefunden. Ich will den Herren nicht Unrecht thun, vielleicht hatten sie an jenen Tagen, ihre guten Kleider zu schonen, diese zu Hause gelassen und schlechte Röcke für die Schlacht angezogen. Aber auch die Hemden waren schwarz und grob; haben sie die auch ge¬ wechselt? II . 2 Freitag, den 28. Januar. So eben komme ich vergnügt aus dem Lese¬ kabinette — vergnügt, weil ich mich geärgert habe. So oft mir dergleichen Aergerliches begegnet, halte ich es gleich fest, und mache mir den Aerger ein; denn in Paris ist er nicht alle Tage frisch zu haben; die deutschen Zeitungen kommen so unregelmäßig hier an. Sie werden vielleicht in meinen Briefen einen Widerspruch mit meiner Klage finden; Sie werden meinen, über französisches Wesen hätte ich mich doch oft genug geärgert. Das ist aber etwas ganz anders. Das war nicht Aerger, das war Zorn; Aerger aber ist zurückgetretener Zorn. Man ärgert sich nicht, wenn Einem dem Gegner an Macht über¬ legen ist — das merkt und berechnet man in der Leidenschaft nicht — sondern wenn uns der Gegner, entweder an Unverschämtheit überlegen ist, so daß er uns unter die Beine kriecht und uns umwirft, oder an Autorität, so daß er uns das Sprechen verbietet und wir uns nicht wehren dürfen. Der Zorn aber ist wohlgemuth, stark und darf seine Kraft gebrauchen. Darum gerathe ich in Zorn über das Treiben hier, denn ich darf dagegen eifern, und hundert gleichge¬ sinnte thun es für mich alle Tage; darum ärgere ich mich über deutsches Treiben, weil ich dulden und schweigen muß. Nun, es war ein Artikel in der all¬ gemeinen Zeitung mit einem Kreise, der einen Mit¬ telpunkt hat, bezeichnet — so: ⊙. Wahrscheinlich hat das der Redakteur vorgesetzt, um zu verstehen zu geben, sein Correspondent habe das Schwarze in der Scheibe getroffen. Schon lange sitze ich an der Wiege des guten lieben deutschen Kindes, und warte, daß es einmal die Aeugelein aufschlage. Endlich er¬ wacht es und greint sanft wie ein Kätzchen. Jener Correspodent macht einen Katzenbuckel und sagt leise, leise: er müsse ganz gehorsamst bemerken, es wäre doch endlich einmal Zeit, auch ein deutsches Wort über Krieg und Frieden zu sprechen, und er werde sich die unterthänige Freiheit nehmen, dieses zu thun, und auch, wenn man es ihm gnädigst erlauben wolle, darauf hindeuten, wie unser Vaterland in gegenwär¬ tige Angelegenheiten verwickelt sei, und wie es sich heraus wickeln könne. Ich machte große Augen und dachte: der Kerl hat Courage! Jetzt tappt er hin und her, herüber und hinüber, spricht im Allgemei¬ nen von jenem Staate, von diesem Staate; der noch ungelesene Theil des Artikels wird immer kürzer, die letzte Zeile rückt immer näher, und noch kein Wort von Deutschland. Endlich kommt die letzte Zeile, und da ruft unser Held: von Deutsch¬ 2* land ein andermal ! und läuft was er laufen kann. Ich spuckte ganz sanft auf Deutschland, die allgemeine Zeitung und den heroischen Artikel, und nahm den Aerger mit zu Tische. Aerger, in gelin¬ den Gaben genommen, das weiß ich aus Erfahrung, befördert die Verdauung ungemein. Samstag, den 29. Januar. Ueber die Briefe eines Verstorbenen werde ich Ihnen meine Meinung sagen, sobald ich sie fertig gelesen. ... Ich höre, das polnische Manifest habe in Frankfurt nicht gedruckt werden dürfen. Der Frankfurter Bürgermeister und Anstett haben Gott ein Bein gestellt, das ist doch recht un¬ artig. Ein und dreißigster Brief. Paris, Sonntag, den 30. Januar 1831. Ei! das Volk hat ja wieder einen König ge¬ macht; der Herzog von Nemours ist in Belgien ge¬ wählt worden. Nürnberger Waare! Aber, warum nicht, so lange die Völker Kinder bleiben und Kin¬ derspiele lieben? Diese Frechheit des Volkes, einen König zu machen, muß unsern Altgläubigen noch viel entsetzlicher vorkommen, als die einen König zu zer¬ stören. Gottes Werke zu Grunde richten, das kann freilich jeder: aber Gottes Werke nachschaffen wol¬ len — das ist verwegene Sünde. Ich bin nun jetzt begierig, was die französische Regierung thun wird, oder eigentlich was sie sagen wird; denn was sie thun wird, darum war niemand je in Zweifel; es war gleich von der ersten Stunde der belgischen Revolution alles darauf angelegt, das Land mit Frankreich zu vereinigen. Aber was sagen? Se¬ bastiani hat erst vor einigen Tagen in Gegenwart ganz Europa's erklärt, seine Regierung würde weder den Herzog von Nemours gewähren, noch die Ver¬ einigung Belgiens mit Frankreich annehmen! So sind die Diplomaten! Sie wissen recht gut, daß sie einander nicht betrügen können — es ist Liebhaberei, es ist eine Kunstliebe. Sie schreiben mir, Heine habe in seinem vier¬ ten Bande von der französischen Revolution gespro¬ chen. Ich denke, er hat nur zu sprechen versucht, es nicht ausgeführt. Welche Rede wäre stark genng , diese wildgährende Zeit zu halten? Man müßte einen eisernen Reif um jedes Wort legen, und dazu gehörte ein eisernes Herz. Heine ist zu mild. Mir auch schrieb Campe, er erwarte, ich würde im ach¬ ten Bande etwas Zeitgemäßes sagen. Dieser achte Band, den ich machen sollte, hier in Paris, eine Viertelstunde von den Tuilerien, eine halbe vom Stadthause entfernt — es gibt nichts Komischeres! Was, wo, worauf, womit soll ich schreiben? Der Boden zittert, es zittert der Tisch, das Pult, Hand und Herz zittern, und die Geschichte vom Sturme bewegt, zittert selbst. Ich kann nicht wiederkauen, was ich mit so viel Lust verzehrt; dazu bin ich nicht Ochs genug. Prophet wollte ich ihm seyn, zwölf Bände durch. Und was kann der Deutsche anderes seyn als Prophet? wir sind keine Geschichtsschrei¬ ber, sondern Geschichtstreiber. Die Zeit läuft wie ein Reh vor uns her, wir, die Hunde, hintendrein. Sie wird noch lange laufen, ehe wir sie einholen, es wird noch lange dauern, bis wir Geschichtsschreiber werden. Doch — ich will jetzt gehen, Beethoven hören. Fünf, sechs solcher Menschen hat das Land, unter denen wir Schatten gegen Hitze, Schutz gegen Nässe finden. Wenn die nicht wären! Das Con¬ zert beginnt um zwei Uhr. Das scheint mir besser als Abends. Ohr und Herz sind reiner vor dem Essen. Vielleicht besuche ich diese Nacht den Mas¬ kenball. Nicht den in der großen Oper, den kenne ich von früher, das ist zum Einschlafen; sondern den im Theater an der Porte St. Martin. Da finde ich mein gutes Volk in der Jacke, das im Juli so tapfer gekämpft. Da ist Lust und Leben. Lange Röcke, lange Weile — das habe ich immer beisam¬ men gefunden. Dienstag, den 1. Februar. Das Conzert Sonntag im Conservatoire, ist, wie ich mir denke, sehr schön gewesen. So ganz aus Erfahrung weiß ich es nicht. Ich saß in der zweiten Reihe Logen, warm wie in einem Treibhause, und versteckt hinter Frauenzimmern wie ein Gärtner hinter Blumen. An der Seite sperrten mir dumme dicke Säulen, vor mir dumme große Hüte, die Aus¬ sicht. Wir haben Revolutionen erlebt, die tausend¬ jährige Könige umgeworfen — wird sich denn nicht einmal eine Revolution erheben, die diese fluchbela¬ steten Weiberhüte fortjagt? Sie werden mich fragen: Aber was hat man in einem Conzerte zu sehen? Aber eben darum darf das Sehen nicht gehindert seyn; denn das nicht sehen können beschäftigt die Augen am meisten. Was mich aber am verdrüßlich¬ sten machte, war, daß ich keine Lehne für meine Rücken hatte, so daß ich immerfort steif dasitzen mußte, wie vor funfzig Jahren ein deutsches Mäd¬ chen unter der Zucht einer französischen Gouvernante. Das Bischen, was mir von guter Laune noch übrig blieb, schenkte ich einer jungen Engländerin, die ne¬ ben mir saß. Blaue Augen, blondes Haar, ein Ge¬ sicht von Rosenblättern, und was sie in meinen Au¬ gen am meisten verschönte, ein Hut mit einem flachen italienischen Dache. Sie mochte wohl eine große Musikfreundin seyn, denn sie hatte sich aus ihrem eigenen Körper ein schönes Häuschen gebaut, um daraus ungestört zuzuhören. Die Füße hatte sie auf die Bank vor ihr hoch aufgestellt, und die Knie an sich gezogen. Die Brust vorgebeugt, verbarg sie den rechten Ellenbogen in den Schoos und ließ den Kopf auf den zusammengeknickten Arm sinken. Die schöne Dame so gerundet, hatte keinen Anfang und kein Ende. Sie verstand gewiß etwas von Mathematik, und wußte, daß die Kugelform unter allen möglichen Gestalten mit der flachen Welt am wenigsten in Berührung kommt. Ihre Schwester vor ihr hatte den Hut abgelegt, und saß ganz vorn, in der Loge allen Blicken ausgesetzt, in purem Nachthäubchen da. Ich machte so meine Betrachtungen, woher es komme, daß nur allein die Engländer und Engländerinnen ihre Sitten und Kleider mit in das Ausland bringen, und sich nicht geniren? Gewiß war im ganzen Saale keine Dame, die in einer so häuslichen Stel¬ lung da saß, wie meine schöne Nachbarin, und keine, die es gewagt, sich in einem Nachthäubchen zu zeigen, wie deren Schwester. Aber trotz meiner Philosophie und Verdrüßlichkeit merkte ich doch zuweilen, daß man da unten schöne Musik machte. Die Sympho¬ nie eroica von Beethoven (ich fand die Musik mehr leidend als heroisch) eine Arie aus dem Freischütz (mein deutsches Herz ging mir dabei auf, wie eine trockene Semmel in Milch). Sextett von Beethoven. Chor aus Webers Euryanthe. Ein Musikstück für Blas-Instrumente. Trio aus Rossini's Wilhelm Tell. Clavier-Solo, gespielt und componirt von Kalkbrenner. Ouvertüre aus Oberon. Aber diese Stadt der Sün¬ den, Paris — der liebe Gott muß sie doch lieb ha¬ ben: was er nur Schönes hat, was Gutes, alles schenkt er ihr. Die schönsten Gemälde, die besten Sänger, die vortrefflichsten Componisten. Dieses eine Conzert — was hörte man da nicht alles zugleich! Das beste Orchester der Welt. Die Aufführung der Symphonie so vollendet, daß, wie mir H*** sagt, man dieses gar nicht merke. Ich erkläre mir das in dem Sinne: um einzusehen, wie vollkommen etwas sei, muß daran noch etwas mangeln. Ist die Voll¬ kommenheit ganz erreicht, verliert man den Stand¬ punkt der Vergleichung. In einem Conzerte hör¬ ten wir: Kalkbrenner , den ersten Clavirspie¬ ler; Baillot , den ersten Violinspieler; Tü¬ lon , den ersten Flötenspieler; Voigt , den ersten Hautboisten; und Nourrit , den besten französischen Sänger. Das ganze Orchester erschien in der Na¬ tionalgarde-Uniform Baillot ist Offizier, Nourrit auch. Der eine geigte, der Andere sang mit Epau¬ lettes. Ich wollte, hannövrische Offiziere von den Siegern von Göttingen wären in meiner Loge gewesen, und hätten nicht gewußt, das ich deutsch verstehe. — Also Israel in Frankfurt hat wieder einen guten Tag gehabt, ihr Lebenspuls hat sich wieder einmal gehoben? Israel jammert mich manchmal, seine Lage ist gar zu betrübt. Kurse oben, Kurse unten, wie der tolle Wind das Rad schwingt — es sind die Qualen des Ixion. Aber ist es nicht furcht¬ bar lächerlich, daß die niedrigste und gemeinste aller Leidenschaften so viele Aehnlichkeit hat mit der er¬ habensten und edelsten, die Gewinnsucht mit der Liebe? Ja wohl, Gott hat das Volk verflucht und darum hat er es reich gemacht. Aber von den ekel¬ haften Geschichten mit den jüdischen Heirathserlaub¬ nissen und jüdischen Handwerksgesellen erzählen Sie mir nichts mehr. Ich will nichts davon hören, ich will nichts damit zu thun haben. Wenn ich kämpfen soll, sei es mit Löwen und Tigern, aber vor Kröten habe ich einen Abscheu, der mich lähmt. Es hilft auch nichts. Man muß den Sumpf ausrotten, dann stirbt das Schlammgezücht von selbst weg. Unsere Frankfurter Herren, finde ich, haben ganz recht. Sie denken, Gott ist doch nun einmal im höchsten Zorne, ob wir ihn ein Bischen mehr, ein Bischen weniger ärgern, das kann nichts verschlimmern. Den Juden in Frankfurt ist jetzt am wenigsten zu helfen, wenn sie klagen bei den großen Herren der Bundesversamm¬ lung, oder bei den kleinen im Senate, weiß ich, was man ihnen sagt — es ist als wäre ich gegenwärtig. Oeffentlich wird man sie barsch abweisen, unter vier Augen aber wird man den Diplomaten, den Pfiffigen unter den Juden sagen: „Lieben Leute, jetzt ist gar nicht die Zeit an diese Sache zu rühren. In Deutsch¬ land ist ohnedies alles in Bewegung, das Volk ist aufgeregt, die allgemeine Stimmung gegen euch, so daß, wenn wir euch jetzt Freiheiten bewilligten, die¬ ses üble Folgen hätte, für die allgemeine Ruhe, und für euch selbst.“ Und unser jüdischer Adel wird das sehr gut verstehen, und beifällig mit den Augen blin¬ zeln, und beim Heruntergehen dem jüdischen Pöbel vor der Thüre zurufen: Packt euch zum Teufel, ihr seid dumm und unverschämt! ... Von einem jü¬ dischen Comit é und dessen Schreibereien erwarte ich nichts. Es sind eben Deutsche, wie die Andern auch. Sie sind in einem unseligen Wahne befangen. Ihre Ehrlichkeit richtet sie zu Grunde. Sie meinen im¬ mer noch, es käme darauf an, Recht zu haben, zu zeigen, daß man es hat. Jetzt sprechen sie für die Freiheit wie ein Advokat für einen Besitz. Als käme es hier noch auf Gründe an, als wäre seit einem halben Jahrhunderte nicht alles ausgeschöpft worden, was man für Freiheit, für Menschenrechte, für Bür¬ gerrechte der Juden sagen kann. Das alles weiß der Tyrann so gut als der Sklave selbst. Gewalt wie Freiheit kommt aus dem Herzen. Der Räuber, der uns unser Gut nimmt, täuscht sich nicht, er weiß, was er thut. Nicht an den Verstand, an das Herz muß man sich wenden, an das der Gegner wie an das der Gleichgesinnten. Die Herzen muß man rüh¬ ren, die unbeweglichen durchbohren. Das Wort muß ein Schwert seyn; mit Dolchen, mit Spott, Haß, Verachtung muß man die Tyrannei verfolgen, ihr nicht mit schweren Gründen nachhinken. Das ver¬ stehen aber unsere deutschen liberalen Schriftsteller nicht, und noch heute so wenig, als vor dem Juli. Ich sehe es ja. Unter den Büchern, die Sie mir geschickt, ist auch eine Broschüre über die hessischen Juden, und eine über die deutsche Preßfreiheit. Ge¬ lesen habe ich sie noch nicht, aber einen Blick auf die erste Seite geworfen. Ich hatte genug; es ist ganz die alte Art. Der Hanauer Jude hat das Motto von Schiller: Der Mensch ist frei geschaffen , ist frei — und so weiter die Litanei. Dann fängt er an: „Die höchste Glücksstufe, die nach mensch¬ lichen Begriffen einem Staate erreichbar ist, hat Kur¬ hessen rühmlich betreten. In allen ihren Theilen hat man den aufgeklärten und freisinnigen Ideen der Ge¬ genwart gehuldigt.“ Der Jude soll Mazze backen aus diesem ungesäuerten Teige; Brod wird nie daraus. Der christliche Ritter der Preßfreiheit, Pro¬ fessor Welker, schrieb Folgendes auf der Titelfahne seines Buches: „Die vollkommene und ganze Pre߬ freiheit nach ihrer sittlichen, rechtlichen und politischen Nothwendigkeit, nach ihrer Uebereinstimmung mit deutschem Fürstenwort und nach ihrer völligen Zeit¬ gemäßheit dargestellt, in ehrerbietigster Petition an die hohe deutsche Bundesversammlung.“... Die Herren von der deutschen Bundesversammlung werden den ehrerbietigen Professor auslachen. Wenn ich über die Preßfreiheit schriebe, würde ich anfangen: „Die Preßfreiheit, oder der Teufel holt Euch alle mit ein¬ ander, Volk, Fürsten und deutsches Land!“ Ich meine, das müsse einen ganz andern Effekt machen. Je mehr Gründe, je mehr Füße; je mehr Füße, je langsamer der Gang; das siehet man an den Insekten. Doch genug — und habe ich nicht Recht, daß ich in die italienische Oper gehe? Mein Tagebuch aus Soden habe ich, seit ich es geschrieben, nicht mehr gelesen. War es gut, so ist es noch gut; das hat keine Noth, Aelter ist dar¬ über wohl manches in Deutschland geworden, aber alt nichts. Es blühen alle Veilchen, vor wie nach. Sie können sich wohl denken, daß ich den Un¬ fug, den die Studenten in der Sorbonne sich gegen den Minister Barthe zu Schulden kommen ließen, nicht billigen werde. Die Studenten selbst haben sich gegen dieses tadelnswürdige Betragen, das nur auf Einige unter ihnen fiel, laut geäußert. Aber selbst dieser sträfliche Uebermuth ist lehrreich genug, denn er zeigt den lobenswerthen tiefen Unmuth in der Ju¬ gend. Die Studenten hier, sind gar nicht wie unsere deutschen, fantastisch ungezogen, dem Bürgerleben und seinen Regeln fremd, alle Convenienz verspottend; und in wenigen Jahren, alle Kraft, alles Feuer der Jugend vertrinkend und vertobend, um gleich nach der Universität die abgelebtesten zahmsten Philister zu wer¬ den. Sie sind vielmehr die stillsten und bescheiden¬ sten jungen Leuten, die sich von der Jugend der an¬ dern Stände nur durch die Einfachheit ihres Aeusse¬ ren auszeichnen. Man sollte sie oft für deutsche Handwerksbursche halten. Was sie in Bewegung setzt, ist etwas sehr Edles, mag immerhin die Be¬ wegung einmal im Gange unregelmäßig werden. Mittwoch, den 2. Februar. Gestern kam in der Pairskammer das Gesetz über die Besoldung der jüdischen Geistlichen vor. Es wurde zwar angenommen, fand aber doch viele Gegner. Der Admiral Verrhuell hielt eine Rede gegen die Juden. Das Volk Gottes hat doch Feinde zu Wasser und zu Lande. Der Admiral sagte: ich habe die Juden in allen vier Theilen der Welt ken¬ nen gelernt; sie taugen überall nichts; überall den¬ ken sie nur an Geldverdienen. Schändliche Verläum¬ dung! Gerade das Gegentheil. Die meisten Ju¬ den streben nach nichts, als Geld zu verlieren , und darum kaufen sie österreichische Staatspapiere. Aber ist die Begeisterung der Polen nicht höchst erhaben, höchst rührend? Gab es je etwas Großes, das zugleich so schön war? Unter den rauhen Blättern der Geschichte ist es ein Blatt auf Velin¬ papier geschrieben. ... Die Polen haben jetzt alle nur ein Geschlecht, nur ein Alter. Weiber, Kinder, Greise, alles rüstet sich; viele gaben ihr ganzes Ver¬ mögen hin, und nannten sich nicht, und gaben keine Spur, auf der man ihre Namen entdecken konnte. Einen silbernen Löffel im Hause zu haben, ist eine Schmach, man gebraucht nur hölzerne. Die Frauen liefern ihre Trauringe in die Münze und erhalten II . 3 dafür kleine silberne Medaillen, mit der Schrift: la patrie en échange . Ist das nicht schön? im Polnischen lautet das wahrscheinlich noch schöner. Aber ach! das ernste Schicksal liebt die Kunst nicht. Die Polen können untergehen trotz ihrer schönen Be¬ geisterung. Aber geschiehet es, wird so edles Blut vergossen, dann wird es den Boden der Freiheit auf ein Jahrhundert befeuchten und es tausenfältige Früchte tragen. Die Tyrannen werden nichts gewinnen, als einen Fluch mehr. Wer jetzt einen Gott hat, der bete, und wer beten kann, der bete nur für die Po¬ len. Die sind oben in Norden und die Freiheit, wie jede Bewegung, kommt leichter herab, als sie hinauf steigt. Zwei und dreißigster Brief. Paris, Donnerstag, den 3. Februar 1831. Ich bin jetzt mit den Briefen eines Ver¬ storbenen zu Ende, und ich will Ihnen mittheilen, was ich mir darüber gemerkt. Ich könnte mir die Mühe des Abschreibens ersparen und Ihnen das Blatt selbst schicken. Aber es ist mit Bleistift ge¬ schrieben, und ich bin klüger als der Kaiser von Ru߬ land, Preußens Mephistopheles, der seine hohen Mei¬ nungen mit Bleistift niederschreibt und dabei ruhig ist — ich denke: der liebe Gott kann das mit dem lei¬ sesten Hauche wieder auslöschen. Ich halte mich an Dinte, die ist fest. Aber wie konnten Sie nur glau¬ ben, die todten Briefe wären vom lebendigen Heine? Kein Athemzug von ihm darin. Es ist eine gewöhn¬ liche Reisebeschreibung — ich sage aber nicht: die 3* Beschreibung einer gewöhnlichen Reise. Der Ver¬ fasser hat mehr gesehen als Andere, also auch mehr beobachtet. Als vornehmer Herr wurde er von den hohen und höchsten Ständen freundlich angezogen, und da er oft incognito reiste, (er führte sogar wie ein Gauner doppelte Pässe mit falschen Namen) und ein deutscher Edelmann, wenn er seinen Adel ablegt, be¬ scheiden glaubt, es bliebe dann nichts mehr von ihm übrig, drängte er sich mit der Zuversicht eines Un¬ sichtbaren auch in die niedrigsten Stände. Dadurch mußte das Buch gewinnen. Solche Vortheile hat ein deutscher bürgerlicher Reisender nie. Der Ver¬ fasser hat empfänglichen, aber keinen erzeugenden Sinn. Sein Stoff ich reich, aber seine Bearbeitung sehr arm und von dichterischer Kunst keine Spur. Er schreibt leicht, sehr leicht. Das ist manchmal recht angenehm, doch darf es nicht den ganzen Tag dauern. In häuslichem Kreise, zu häuslichem Gespräche ist das gut; wenn aber die Gedanken unter die Leute gehen, müssen sie sich mit Würde und Anstand kleiden. Wer in Deutschland mit so leichtem Fuhrwerke fährt, läßt vermuthen, daß er nicht schwer geladen. Ein guter deutscher Schriftsteller schreibt, daß der Styl unter ihm bricht und daß er mitten im Wege liegen bleibt. Der Verfasser gebraucht französische Redens¬ arten, da, wo es weder nöthig noch schön ist. Er sagt: aventure — Je dévore déjà un oeuf — adieu — Sur ce n'ayant plus rien à dire . — Kaum ein Brief, den er nicht mit einem französischen Satze anfinge oder endigte; das ist sein Morgenge¬ bet, sein Abendsegen, sein Amen. Doch verzeihen wir ihm das; das Französische ist sein adeliges Wap¬ pen, womit er die Briefe versiegelt. Auch daß die Briefe oft zu lang, die Berichte oft zu umständlich sind, wollen wir ihm nicht zu hoch anrechnen. Wir bürgerlichen Reisebeschreiber würden auch oft längere Briefe an unsere Freundinnen schreiben, wenn das Porto nicht zu hoch käme. Aber der verstorbene Edelmann hatte unsern Gesandten in London der die dicksten Paquete portofrei an seine Julie besorgte. Wir bürgerlichen Reisenden haben es so gut nicht, wir bekommen in der Fremde von unserer Ge¬ sandtschaft nichts zu sehen, als beim Pässevisiren den Rücken eines Sekretärs, der uns über seine Schultern weg, ohne uns anzusehen, den Paß zureicht. Den Herrn Gesandten selbst bekommen wir nie zu sprechen, er bekümmert sich nicht um uns, wir mü߬ ten denn Spione seyn. Dieser Stand, wie der Spieler, adelt im Deutschland. Gerecht zu seyn, muß ich sagen, die Briefe haben viel Gutes und haben mir Vergnügen gemacht. Nur habe ich nicht darin gefunden, was ich erwartet. Von einem Manne von Stande, dem seine Geburt die groben Erfahrungen des Lebens erspart, hätte ich feine er¬ wartet, feine Bemerkungen über Welt und Zeit. Aber nichts habe ich ihm abgelernt, als eine feine Wendung, die ich in der Folge einmal benutzen werde. Wenn Sie einmal alt werden und klagen dann über Welt und Zeit, und knurren, daß es nicht auszuhal¬ ten, würde ich bürgerlicher Tölpel Ihnen dann wahr¬ scheinlich sagen (bis dahin, hoffe ich, duzen wir uns): Liebe Freundin! Du siehst alles mit trüben Augen an; denn du bist alt! Aber von unserem verstor¬ benen Edelmann habe ich gelernt, wie man eine solche Grobheit zarter ausdrückt. Er schreibt seiner Julie, die in ihrem Briefe knurrt: Deine älter werdende Ansicht ist schuld an Deiner Grämlich¬ keit. Das ist alles. Von den Briefen eines Ver¬ storbenen erwartet man, Dinge aus einer andern Welt zu erfahren; zu hören, was kein Lebender zu sagen wagt. Nichts von dem. Daß diese Briefe solches Aufsehen machen konnten, daß ich sogar hier in Paris davon sprechen hörte, und sie in Deutsch¬ land, wie Ihnen der Buchhändlerjunge sagte, „ ra¬ send abgehen“, verdanken sie wahrscheinlich nicht dem Guten, sondern dem Schlechten, das sie ent¬ halten. Es sind den adligen Briefen einige Satiren eingeschaltet, aber von der gemeinsten bürgerlichen Art. Da ist erstens Eine gegen deutsche Titelsucht, gegen Rang- und Beamtenstolz. Nun kann zwar eine geschickte Hand von solchem ausgedroschenen Stroh artige Sachen flechten, Hüte, Körbe und an¬ dere Spielereien; aber in der todten Briefen ist es rohes Lagerstroh geblieben, es gerade in den Stall zu werfen; und nicht aus Liebe zur Gleichheit eifert der hohe Herr gegen den lächerlichen Dienerstolz der Deutschen, sondern aus adligem Hochmuthe. Er will, daß nicht Amt oder Titel, sondern Geburt al¬ lein den Rang in der bürgerlichen Gesellschaft be¬ stimme. Dann kommt eine Satire gegen die Ber¬ liner Mystiker, die wahrlich eine bessere verdient hätten. Da wird das ganze Alphabet durchgeklatscht und hundert Anekdötchen erzählt. Braucht es mehr in dem preßzahmen Berlin, um Aufmerksamkeit zu erwecken? Und den Verstorbenen trieb die Preßfrei¬ heit noch weiter — er sagt es gerade heraus: Der Graf Brühl in Berlin, der General-Direktor der Schauspiele, zu seiner Zeit der zweite Mann im preußischen Staate — kostümire auf dem Theater die Tempelritter ganz falsch, wie er sich aus dem Grab¬ steine eines Templers, den er in Irland gesehen, vollkommen überzeugt habe! Der Verfasser soll ein Fürst seyn; das ist schön. Da unsere bürgerlichen Schriftsteller nun einmal keine Leute von Welt wer¬ den wollen, so bleibt, diesen näher zu kommen, nichts übrig, als daß die Leute von Welt Schriftsteller werden. Er soll kein Geld haben; noch schöner, er sei uns herzlich willkommen. Das ist der wahre Stempel des Genies. Einem guten deutschen Schrift¬ steller ist nichts nöthiger als die Noth. Der Fürst mag zwar keinen Ueberfluß an Mangel haben, wie Fallstaff sagt, sondern nur Mangel an Ueberfluß. Aber nur immer herein. Ist er kein armer Teufel, kann er es doch noch werden. Doch müssen wir ihm, wie allen adligen Schriftstellern, sehr auf die Finger sehen. Nicht damit sie nichts mitnehmen, was nicht ihnen gehört (was wäre bei uns zu holen?) sondern, daß sie nichts da lassen, was nicht uns gehört — keinen Hochmuth, keinen Adelstolz. Der blickt, der dringt aber nicht selten in den Briefen eines Ver¬ storbenen durch. Ruft er doch einmal, als er im Gebirge zwei Adler über seinem Haupte schweben sah, aus: „ Willkommen meine treuen Wap¬ penvögel !“ Hinaus mit ihm! Was Wappenvö¬ gel! Will er etwas besonderes haben? Ein deut¬ scher Schriftsteller hat kein anderes Wappen, als einen leeren Beutel im blauen Felde. Wappenvögel! Hinaus mit ihm aus dem Meß-Katolog! Der Hochmuth soll Manuscript bleiben, nicht gedruckt werden. Wenn er oben auf dem Snovdon, dem höchsten Berge Englands, Champagner trinkt auf die Gesundheit seiner Julie, und den Namen der Freundin durch Sturm und Dunkel ruft — dann sind wir dem Fürsten gut. Wein, Liebe und Adler sind auch für uns; aber die Wappen sind gegen uns. Seyd vorsichtig, laßt unsern Zorn schlafen! Nur zu bald erwacht er euch! Samstag, d. 5. Februar. Einige von den Haupt-Brandstiftern in Göttin¬ gen (spreche ich nicht, als hätte ich 10,000 Thaler Gehalt, und wäre der wirkliche geheime Staatsrath von Börne?) haben sich nach Straßburg gerettet und in dortigen Zeitungen Proclamationen bekannt gemacht, die aber gar nicht schön und würdevoll sind. So renommistisch-philiströs, so rauh und holprich! Es dauert Einem herzlich. Sie lachen und spotten wie Sklaven, die glücklich der Zuchtpeitsche entlaufen sind. „In Nürnberg henkt man keinen bis man ihn hat“ — sagen sie unter andern. Wenn der Blitz, der Andere traf, unschädlich zu unsern Füßen nieder¬ schlug, dann mögen wir Gott danken, aber nicht den Blitz verhöhnen. Diese jungen Deutschen sind die Luft der Freiheit nicht gewohnt; sie haben schnell getrunken und sie ist ihnen in den Kopf gestiegen. Wie ganz anders hätten junge Franzosen in solchen Fällen gesprochen. Der Herzog von Nemours ist jetzt wirklich zum König von Belgien gewählt. Jetzt kochts und wirft Blasen wie Welt-Halbkugeln groß. Sie werden er¬ fahren, wie bald es überläuft. Der junge ***, von dem ich Ihnen schon ein¬ mal geschrieben, trat gleich, als er herkam, aus ju¬ gendlichem Muthwillen in die Nationalgarde, und zwar unter die Cavallerie. Vor einigen Tagen, als er den ersten Dienst hatte, bekam er die Wache im Palais-Royal. Gerade den Abend war Ball beim König, und die Wache wurde, wie gewöhnlich in sol¬ chen Fällen dazu eingeladen. *** war also auch da, und tanzte, Gott weiß, mit welchen Prinzessin¬ nen und Herzoginnen. Was hundert Stunden Wegs für Unterschied machen. Denken Sie nur, wie lange es noch dauern wird, bis in Berlin, Wien oder München ein bürgerliches Judenbübchen in gemeiner Reitertracht auf einem Hofballe tanzen wird! Gott ist wie Shakespeare: Spaß und Ernst läßt er auf einander folgen. Die zehen Stämme in Frankfurt werden wieder einen Bußtag gehabt haben. Seit gestern sind die Renten um 4 pCt. gefallen. Man spricht mehr als je vom Kriege, sogar mit England wegen Belgien. Narren, die je daran gezweifelt; oder Heuchler, die daran zu zweifeln sich angestellt! — Für die Polen wollen wir beten. Sie können in Frankfurt gar nichts, und ich hier nichts anders für sie thun, als meine 20 Franken steuern, die das Conzert, das nächstens gegeben wird, kostet. Außer den ersten Künstlern und Künstlerinnen werden sich auch Lieb¬ haberinnen von hohem Stande hören lassen. Die Pariser wissen sich aus allem Vergnügen zu bereiten, selbst aus dem Ungeheuersten. Drei und dreißigster Brief. Paris, den 11. Februar 1831. Es giebt bestimmt Krieg. Ich habe zwar kei¬ nen Tag daran gezweifelt, seit ich in Paris bin; hier aber wollten viele nicht daran glauben. Doch jetzt hat sich die Meinung geändert, jedermann siehet den Krieg als unvermeidlich an. Zwar hat man in Preu¬ ßen Heine's Schriften verboten; aber die besten Poli¬ tiker iu Frankreich und England zweifeln, daß diese Maasregel hinreichen werde, die Welt in ihrem Laufe aufzuhalten. ... Freuen wir uns; den Po¬ len ist wieder eine Hülfe von oben gekommen. Man hat hier ziemlich sichere Nachrichten, daß in einigen russischen Provinzen ein Aufruhr ausgebrochen. Auch in mehreren Orten Italiens ist das Volk aufgestan¬ den. Die armen Deutschen! die werden neue Ohr¬ feigen bekommen, weil das Volk in Finnland und Bologna wieder unartig gewesen. — Ich habe Heine's vierten Band in einem Abende mit der freudigsten Ungeduld durchgelesen. Meine Augen, die Windspiele meines Geistes, liefen weit voraus und waren schon am Ende des Buches, als ihr langsamer Herr erst in der Mitte war. Das ist der wahre Dichter, der Günstling der Natur, der alles kennt, was seine Gebieterin dem Tage Häßli¬ ches, was sie ihm Schönes verbirgt. Auch ist Heine, als Dichter, ein gründlicher Geschichtsforscher. Doch verstecken Sie meinen Brief in den dunkelsten Schrank; denn läse ein historischer Professor, was ich so eben geschrieben, er ließe mich todt schlagen, auf seiner eigenen oder einer andern Universität — ob zwar die deutschen Heeren keine Freunde vom Todtschlagen sind, weder vom aktiven noch vom passiven, wie man neulich in Göttingen gesehen. Diesmal hat der Stoff Heine ernster gemacht, als er sonst den Stoff, und wenn er auch noch immer mit seinen Waffen spielt, so weiß er doch auch mit Blumen zu fechten. Das Buch hat mich gelabt wie das Murmeln einer Quelle in der Wüste, es hat mich entzückt wie eine Menschenstimme von oben, wie ein Lichtstrahl den le¬ bendig Begrabenen entzückt. Das Grab ist nicht dunkler, die Wüste ist nicht dürrer als Deutschland. Was ein seelenloser Wald, was ein todter Felsen vermag: uns das eigne Wort zurückzurufen — nicht einmal dazu kann das blöde Volk dienen. Kann man es besser schildern als mit den Worten: Der Eng¬ länder liebt die Freiheit wie seine Frau; der Fran¬ zose wie seine Braut; und der Deutsche wie seine alte Großmutter! Und: „wenn zwölf Deutsche bei¬ sammen stehen, bilden sie ein Dutzend, und greift sie einer an, rufen sie die Polizei!“ Ich sprach so al¬ lein in dieser Zeit und Heine hat mir geantwortet. Alles ist schön, alles herrlich, das aus Italien wie das aus England. Was er gegen den Berliner Knechtphilosophen (Hegel) und gegen den geschmeidi¬ gen Kammerdiener-Historiker (Raumer) sagt, die ein seidenes Bändchen fester an die Lüge knüpft, als das ewige Recht an die Warheit, das allein könnte ei¬ nem Buche schon Werth geben. Und hat man je etwas Treffenderes von den Monopolisten des Chri¬ stenthums gesagt: wie die Erbfeinde der Wahrheit, Christus, den reinsten Freiheitshelden, herabzuwürdi¬ gen wußten, und als sie nicht läugnen konnten, daß er der größte Mensch sei, aus ihm den kleinsten Gott gemacht? — Wenn Heine sagt: Ach! man sollte eigentlich gegen Niemanden in dieser Welt schreiben — so gefällt mir zwar diese schöne Bewegung, ich möchte ihr aber nicht folgen. Es ist noch Großmuth genug, wenn man sich begnügt gegen Menschen zu schreiben, die uns peinigen, berauben und morden. Was mich aber eine Welt weit von Heine trennt, ist seine Vergötterung Napoleons. Zwar verzeihe ich dem Dichter die Bewunderung für Napoleon, der selbst ein Gedicht; aber nie verzeihe ich dem Philo¬ sophen Liebe für ihn, den Wirklichen . Den lieben! Lieber liebte ich unsere Nürnberger Wachtparaden-Für¬ sten, öffnete ihnen mein Herz, und ließ sie alle auf einmal eintreten, als diesen einen Napoleon. Die Andern können mir doch nur die Freiheit nehmen , diesem aber kann ich sie geben . Einen Helden lie¬ ben, der nichts liebt als sich; einen herzlosen Schach¬ spieler, der uns wie Holz gebraucht, und uns weg¬ wirft, wenn er die Partie gewonnen. Daß doch die wahnsinnigen Menschen immer am meisten liebten, was sie am meisten hätten verabscheuen sollen! So oft Gott die übermüthigen Menschen recht klein ma¬ chen wollte, hat er ihnen große Menschen geschickt. — — So oft ich etwas von Heine lese, beseelt mich die Schadenfreude: wie wird das wieder unter die Philister fahren, wie werden sie aufschreien, als lief ihnen eine Maus über ihr Schlafgesicht! Und da muß ich mich erst besinnen, um mich zu schämen. Die ! sie sind im Stande und freuen sich über das Buch und loben es gar. Was sind das für Men¬ schen, die man weder begeistern noch ärgern kann! — Habt Ihr denn in Frankfurt auch solches Wetter, von Zucker, Milch und Rosen, wie wir hier seit einigen Tagen? Es ist nicht möglich. Ihr habt trübe deutsche Bundestage, manchmal einen kühlen blauen Himmel von finstern Wolken halb weg¬ zensirt — und das ist alles. Aber wir Götter in Paris — es ist nicht zu beschreiben. Es ist ein Himmel wie im Himmel. Die Luft küßt alle Men¬ schen, die alten Leute knöpfen ihre Röcke auf und lächeln; die kleinen Kinder sind ganz leicht bekleidet, und die Stutzer und die Stutzerinnen, die der Früh¬ ling überrascht, stehen ganz verlegen da, als hätte man sie nackt gefunden, und wissen in der Angst gar nicht, womit sie sich bedecken sollen. Gestern, im Jardin des Plantes , wimmelte es von Menschen, als wären sie wie Käfer aus der Erde hervor ge¬ krochen, von den Bäumen herab gefallen. Kein Stuhl, keine Bank war unbesetzt; tausend Schulkin¬ der jubelten wie die Lerchen, der Elephant bekam ei¬ nen ganzen Bäckerladen in den Russel gesteckt, und die Löwen und die Tiger und Bären waren vor den vielen Damen herum nicht zu sehen. Man konnte kaum hinein kommen vor vielen Kutschen am Gitter. So auch heute in den Tuilerien. Man sucht nicht die Sonne, man sucht den Schatten. Es ist ein einziger Platz, oben auf der Terrasse, wo man auf den Platz Louis XVI. hinabsieht! Und da unter einem Baume zu sitzen, diese Luft zu trinken, die wie warme Limonade schmeckt, und dabei in der Zeitung zu lesen, daß die Russen ihre Ketten schüt¬ teln, und die heißen Italiener ihre Jacken ausziehen ll. 4 nicht eine Einladung bei Seiner Excellenz dem Herrn von Münch-Bellinghausen vertauschte ich damit! — Die neusten und die wichtigsten politischen Neuigkeiten erfahre ich durch Conrad, der sie vom Restaurateur, wo er mir zuweilen das Essen holt, mitbringt. Dort scheinen lauter politische Köche zu seyn. Seitdem Conrad das Haus besucht, ist er so vertraut wie Metternich mit den europäischen Ange¬ legenheiten; ja ich glaube, er weiß viel mehr. Da er heute eine Suppe holte, sagte ihm ein Koch oder Kellner: er würde bald zu ihm kommen und eine deutsche Suppe mit ihm essen. Daran denkt Metter¬ nich gewiß nicht. Welch ein Unterschied aber zwi¬ schen Frankfurt und Paris! Vorigen Winter schickte ich den Conrad Monate lang täglich in den russi¬ schen Hof, mein Essen zu holen, und nie brachte er mir aus der Küche eine europäische Begebenheit mit nach Hause, außer einmal die Neuigkeit, daß die Wirthin mit Zwillingen niedergekommen. In meiner Restauration hier gehen acht Kellner oder Köche frei¬ willig unter die Soldaten, wie sie dem Conrad erzählt. — Die Sammlungen für die Polen sind jetzt in vollem Gange, Conzerte, Bälle, Theater, Essen zu ihrem Besten; es nimmt kein Ende. Eine be¬ rühmte Harfenspielerin aus Brüssel, eine Dilettantin, machte blos die Reise hierher, um im Conzert, das morgen über acht Tage für die Polen gegeben wird, mitzuspielen. Der alte Lafayette leitet das alles. Daß ist doch gewiß der glücklichste Mensch in der ganzen Weltgeschichte. Ihm ging die Sonne heiter auf, sie geht ihm heiter unter, und bei jedem Sturme in der Mitte seines Lebens, fand er ein Obdach un¬ ter seinem Glauben. Für die Polen fürchte ich jetzt nichts mehr, als sie selbst. Ich kann nicht wissen, wie es im Lande aussieht. Mächtig dort ist nur der Adel allein, der Bürgerstand ist noch schwach. Wenn nun dem Adel mehr daran gelegen wäre, Polens Unabhängigkeit als Polens Freiheit zu erlangen! Ich las schon einigemal in den Blättern, man habe die polnische Krone dem Erzherzog Carl angeboten, und Oesterreich wolle sie annehmen und hundert tausend Mann gegen die Russen schicken. Es wäre entsetz¬ lich. Oesterreich zum Vormunde einer jungen Frei¬ heit! Ich kann nicht einmal lachen darüber! Mich beruhigt nur Metternichs Pedanterie und kindische Furcht; er fürchtet selbst die Maske der Freiheit auf seinem eigenen Gesichte. Auch in Belgien war der Erzherzog Carl der dritte Thron-Candidat, und hatte nach dem Herzog von Leuchtenberg die meisten Stim¬ men! Mit Zittern habe ich da gesehen, welch einen mächtigen Einfluß noch Oesterreich hat. 4* — Mit dem Bürgermeister Behr in Würzburg, das ist — wenn ich sagte schändlich , das wäre zu matt; ich sage: es ist deutsch ! Aber ich nehme es dem König von Baiern durchaus nicht übel. Ein Volk, das so geduldig auf sich herumtrampeln läßt, verdient getreten und zertreten zu werden. Aide-toi; et le ciel t'aidera . Vier und dreißigster Brief. Paris, Montag, den 14. Februar 1831. Italien! Italien! Hören Sie dort meinen Jubel? Daß ich eine Posaune hätte, die bis zu Ihren Ohren reichte! Ja, der Frühling bezahlt hundert Winter. Die Freiheit eine Nachtigall mit Riesentönen, schmettert die tiefsten Schläfer auf. In meinem engen Herzen, so heiß es ist, waren Wün¬ sche so hoch gelegen, daß ewiger Schnee sie bedeckte und ich dachte: niemals thaut das auf. Und jetzt schmelzen sie und kommen als Hoffnungen herab. Wie kann man heute nur an etwas anderes denken, als für oder gegen die Freiheit zu kämpfen? Auch ein Tyrann seyn ist noch groß, wenn man die Mensch¬ heit nicht lieben kann. Aber gleichgültig seyn! Jetzt wollen wir sehen wie stark die Freiheit ist, jetzt, da sie sich an das mächtige Oesterreich gewagt. Spa¬ nien, Portugal, Rußland, das ist alles nichts; der Freiheit gefährlich ist nur Oesterreich allein. Die Andern haben den Völkern nur die Freiheit geraubt; Oesterreich aber hat gemacht, daß sie der Freiheit unwürdig geworden. Wie das Herz der Welt über¬ haupt, so hat auch jedes Herz, auch des besten Men¬ schen, einen Fleck, der ist gut österreichisch gesinnt — er ist das böse Prinzip. Diesen schwarzen Fleck in der Welt wie im Menschen, weiß Oesterreich zu treffen, und darum gelingt ihm so vieles. Jetzt wol¬ len wir sehen, ob ihm Gott eine Arche gebauet, die es allein rettet in dieser allgemeinen Sündfluth. Aber wie wird uns seyn, wenn Spanien und Portugal, Italien und Polen frei seyn werden und wir noch im Kerker schmachten? Wie wird uns seyn, wenn im Lande Lojola's und des Papstes die Preßfreiheit grünt, diese Wurzel und Blüthe aller Freiheit und dem Volke Luthers wird noch die Hand geführt, wie dem Schulbübchen vom Schreibmeister? Wo ver¬ bergen wir unsre Schande? Die Vögel werden uns auspfeifen, die Hunde werden uns anbellen, die Fi¬ sche im Wasser werden Stimme bekommen uns zu verspotten. Ach, Luther! — wie unglücklich hat der uns gemacht! Er nahm uns das Herz und gab uns Logik; er nahm uns den Glauben und gab uns das Wissen; er lehrte uns rechnen und nahm uns den Muth, der nicht zählet. Er hat uns die Frei¬ heit, dreihundert Jahre ehe sie fällig war, ausbezahlt und der spitzbübische Diskonto verzehrte fast das ganze Capital. Und das Wenige, was er uns gab, zahlte er wie ein ächter baarloser deutscher Buch¬ händler in Büchern aus, und wenn wir jetzt, wo je¬ des Volk bezahlt wird, fragen — wo ist unsere Freiheit? antwortet man: Ihr habt sie schon lange — da ist die Bibel. Es ist zu traurig! Keine Hoffnung, daß Deutschland frei werde, ehe man seine besten lebenden Philosophen, Theologen und Histori¬ ker aufknüpft, und die Schriften des Verstorbenen verbrennt. ... Als ich gestern die italienischen Nachrichten las, ward ich so bewegt, daß ich mich eilte, in die Antiken-Gallerie zu kommen, wo ich noch immer Ruhe fand. Ich flehete dort die Götter an, Jupiter, Mars und Apollo, den alten Tiber und selbst die rothe böse Wölfin, Roms Amme, und Ve¬ nus die Gebärerin, Roms Mutter, und Diana und Minerva, daß sie nach Italien eilen und ihr altes Vaterland befreien. Aber die Götter rührten sich nicht. Da nahete ich mich den Grazien, hob meine Hände empor und sprach: Und sind alle Götter stumpf geworden, rührt sie das Schöne, bewegt sie das Misgestaltete nicht mehr — Ihr holden Gra¬ zien müsset Oesterreich hassen, denn unter allen Göt¬ tern hasset es am meisten euch! Schwebt nach Ita¬ lien hinunter, lächelt der Freiheit, und zaubert die deutschen Brummbären über die Berge hinüber! Und wahrlich sie lächelten mir. .... Die glücklichen Griechen! Noch im Marmorsarge sind ihre Freuden schöner, als unsere, die im Sonnenlichte athmen! Der Himmel war ihnen näher, die Erde war ihnen heller, sie wußten den Staub zu vergolden! Statt wie wir jammervollen Christen, Leidenschaften als empörte Sklaven zu züchtigen, gaben sie sie frei, fes¬ selten sie durch Liebe, und beherrschten sie sicherer als wir die Unsern in den schweren Ketten der Tugend. Dieser Bacchus — er ist Meister des Weins, nicht sein Sklave, wie ein betrunkener Christ; es ist Tu¬ gend so zu trinken. Dieser Achill er ist gar nicht blutdürstig, er ist edel, sanft, es scheint ihm ein Lie¬ beswerk seine Feinde zu tödten. Dieser Herkules er ist kein plumper Ritter; ihm ist der Geist zu Fleisch geworden, und sein Arm schlägt mit Macht, weil ihm das Herz mächtig schlägt. So zu lieben wie diese Venus es ist keine Sünde, wie die fromme Nonne glaubt. Dieser lächelnde Faun — er übt keine Gewalt, er gibt nur einen Vorwand und schützt die Unschuld, indem er sie bekämpft. ... Wenn es nur die Grazien nicht vergessen haben, daß um vier Uhr das Museum zugeschlossen wird; dann können sie nicht mehr hinaus. Ich aber dachte daran und eilte fort. Auf dem Caroussel-Platz begegnete mir der der Zug des fetten Ochsen , der mich an den fetten Sonntag erinnerte. Da setzte ich mich in einen Wagen und ließ mich von der Madeline bis zum Bastillen-Platz und zurück die ganze Länge der Boulevards fahren. Himmel! welche Menschen. Nein, so viele habe ich noch nie beisammen gesehen. Ich dachte, die Todten wären aufgestanden, die Be¬ völkerung zu vermehren. Dann ging ich nach Hause und rauchte eine Pfeife. Das ist ein herrliches Mit¬ tel gegen Rom, Freiheit und Götter! Das ist mein österreichischer Fleck. .... Mir fiel noch ein, daß vor mehreren Jahren mir Herr v. Handel in Frank¬ furt keinen Paß nach Italien geben wollte. Damals dachte ich: nun ich werde warten; jetzt denke ich: nun ich habe gewartet. Nächsten Winter, hoffe ich, leben wir in Rom. Dienstag, den 15. Februar. Was ich über die Briefe eines Verstorbenen ge¬ sagt, ist alles gerecht. Ich habe nichts mit Unrecht getadelt. Freilich hätte ich das Gute im Buche stär¬ ker loben können; aber wozu? Es ist eben Krieg und da kann man keine Rücksicht darauf nehmen, was das für ein Mann ist, der uns gegenüber stehet. Er stehet uns gegenüber und ist unser Feind. Puff! Daß Goethe und Varnhagen das Buch eines Vor¬ nehmen gelobt, hat ihm bei mir Nichts geholfen. Ich kenne diese Herren, und weiß, wie sie, ihr eig¬ nes Gewicht nicht zu verlieren, diplomatisch bemüht sind, das literarische Gleichgewicht in Deutschland zu erhalten. Darum stärken sie mit so viel Liebe alle schwachen Schriftsteller. Die Würzburger Adresse ist sehr schön, ohnge¬ achtet des allergehorsamsten Puders auf dem Kopfe, und der allerunterthänigsten seidnen Strümpfe an den Füßen. Meine Pappenheimer werden munter. Der Constitutionnel heute hat wieder die schöne Lüge: in München sei der Teufel los, und der König habe sich geflüchtet. Was hilfts? alle diese Bewegungen führen zu nichts als — zurück. Einmal Muth, hat wohl auch der feigste Mensch! aber nur der Held hat ihn alle Tage. Es gibt im Lateinischen ein Epigramm, das heißt ohngefähr: „Glaube nicht „frei zu seyn, weil du dich einen Tag frei gemacht. „Der Hund reißt sich auch von der Kette los; aber „ein Stück der Kette schleppt er am Halse mit, und „daran faßt ihn sein Herr und führt ihn zurück.“ — Der Plan mit den Universitäten ist wieder ein recht alberner Polizei-Spaß. Wenn sie ihn nur aus¬ führen! Es ist gar zu schön dumm! Dann bringen sie die Bürger von zwanzig Städten gegen sich auf. Und was mehr ist: dann ärgern sie die unärgerbaren deutschen Professoren, die freilich das Pulver nicht erfunden, die aber doch einen großen Vorrath davon besitzen, in das sie einmal im Zorne ihre Pfeife kön¬ nen fallen lassen. Wahrhaftig sie dauern mich. Gott gab ihnen den schwächsten Kopf und damit sollen sie diese ungekochte Zeit verarbeiten! Es kommt alles wieder so roh aus ihrem Kopfe, als es hinein gekom¬ men. Das ist unser Verdienst, liebes Kind, das hat unsere gute vaterstädtische Luft gethan. Die al¬ ten Griechen hätten sich wohl gehütet, ihre Amphik¬ tyonen in Abdera zu versammeln; die neuen Deut¬ schen aber schicken die ihren nach Frankfurt; solche erschreckliche Angst haben sie, sie möchten einmal et¬ was Kluges beschließen. Die Straßburger Studenten haben den beiden Göttinger Doctoren, die sich dorthin geflüchtet, ein Gastmahl gegeben, wobei Frankreich und Deutsch¬ land sich Brüderschaft zutranken. Die französische Freiheitsfahne wurde mit der Deutschen verschwistert, und den andern Tag eine deutsche dreifarbige Fahne den Göttingern durch eine Deputation feierlich über¬ reicht und geschenkt. Diesen Freiheitshelden muß ja in Straßburg zu Muthe seyn wie den Fischen im Wasser. Hätten sie die Hannoveraner gefangen, wären sie tüchtig eingesalzen worden. Gestern habe ich im Theatre Fran ç ais zwei Molieresche Stücke gesehen: l’etourdi und le ma¬ lade imaginaire . Da darf man doch mit Ehren lachen und braucht sich den andern Morgen nicht zu schämen. Es ist wie ein Wunder, daß ein Blitz, der vor 170 Jahren die Wolken verlassen — so lange ist Moliere todt — noch heute gezündet! Wie lange wird man über Scribe lachen? Aber so sind unsere heutigen Komödiendichter. Sie zeigen uns die Mode-Thorheiten; doch Moliere zeigte uns die ewi¬ gen Thorheiten des Menschen. Ich betrachtete mit Liebe und Andacht Moliere's Büste, die im Foyer der Büste Voltaire's gegenüber stehet. Moliere hat einen sanften durchwärmenden Blick, einen freundlich lächelnden Mund, welcher spricht: ich kenne euch, ihr guten thörichten Menschen. Voltaire ziehet höhnisch die Unterlippe in die Höhe und seine heißen stechen¬ den Augen sagen: ich kenne euch, ihr Spitzbuben! Um Moliere's Stücke recht zu fassen, muß man sie in Paris aufführen sehen. Moliere spielte selbst, und was und wie er spielte, das hat sich bis auf heute so unverändert auf der Bühne erhalten, als das gedruckte Wort im Buche. Seit ich hier Moliere aufführen gesehen, bemerkte ich erst an seinen Komö¬ dien die Haken, die er angebracht, das scenische Spiel daran zu hängen, und die ich vor dieser Er¬ fahrung gar nicht bemerkt. Und wie vortrefflich wird das hier alles dargestellt! Das beste Orchester kann nicht übereinstimmender spielen. Es ist etwas Rüh¬ rendes darin, diese alten Kleider, diese alten Sitten zu sehen, diese alte Späße zu hören, und das un¬ sterbliche Gelächter der Franzosen — ja, es ist etwas Ehrwürdiges darin! Im l'étourdi wird einmal ein Nachttopf aus dem Fenster über den unten stehenden Liebhaber ausgegossen, und als die Zuhörer darüber lachten, machte es auf mich eine wahrhaft tragische Wirkung. Es war kein lebender Spaß, kein Spaß, wie er heute noch geboren wird; es war das Ge¬ spenst eines Spaßes, das einen erschrecken könnte. Der Malade imaginaire ist gewiß ergötzlich zum Lesen; aber man kennt ihn nicht, hat man ihn nicht darstellen sehen. Dann wird das Spiel die Haupt¬ Schönheit, dem die Worte nur als Verzierungen dienen. — Es ist 11 Uhr Abends und ich besinne mich, ob ich überhaupt auf einen Maskenball und auf wel¬ chen ich diese Nacht gehen soll. Mir bleibt die Wahl unter acht. Morgen die Entscheidung. Gute Nacht. Mittwoch, den 16. Februar. Guten Morgen! Die Tugend, meine Träg¬ heit, hat gesiegt. Ich war auf keinem Masken¬ balle. Wie süß habe ich geschlafen nach dieser edlen Un-That! — — Lassen Sie mich schweigen von den merkwürdigen Ereignissen des gestrigen und vor¬ gestrigen Tages. Sie werden das aus den Zeitun¬ gen erfahren. Es war ein Roman von Walter Scott, der zurück ging und wieder lebendig wurde; es war eine Symphonie von Beethoven, die unter Thränen lacht; es war ein Drama von Shakespeare. Solche humoristische Schicksalstage hat man noch nie gesehen. Ich Unglückseligster möchte mich todt¬ schießen; ich sehe nur immer den Spaß, und den Ernst muß ich mir erzählen lassen. Man sollte nicht mehr lieben, wenn man alt geworden, nicht einmal die Freiheit. Die Revolution läuft vor mir fort, wie ein junges Mädchen, und lacht mich aus mit meinen Liebeserklärungen. Während ich vorgestern im Theatre Fran ç ais über Mascarills Schelmereien lachte, krönten die Carlisten in der Kirche das Bild des Herzogs von Bordeaux, und statt einer Ver¬ schwörung beizuwohnen, sah ich einem verliebten Marquis einen Nachttopf über die Frisur fließen. Während ich gestern auf den Boulevards mich wie ein Kind an den Mummereien ergötzte, zerstörte das Volk die Kirchen, warf von den Thürmen die lilien¬ geschmückten Kreuze herab und verwüstete den Pallast des Erzbischofs. Das hätte ich alles mit ansehen können, wäre ich kein solcher Unglücksvogel. Zu jeder andern Zeit bin ich in dem entlegensten Winkel von Paris zu finden, aber sobald etwas vorgeht, bin ich auf der Stube. Wo ich hinkomme, ist Frieden, ich bin ein wahres krampfstillendes Mittel, und die Regierung sollte mich anstellen, Revolutionen zu ver¬ hüten. Wer nur von einem Thurme herab diese Contraste mit einem Blicke hätte übersehen können! Die Seine hinab schwammen die Möbel und Bücher des Erzbischofs, das Wasser war weiß von Bett¬ federn. Auf der einen Seite des Stromes trug das Volk in Prozession das Bild des Erzbischofs und beräucherte es aus Spott mit Kirchengefäßen, auf der andern jubelte der Zug des Boeuf gras vorüber, umringt von Amoretten, Göttern und Narren. Hier hielt die Nationalgarde mit großer Mühe die Wuth des Volks im Zaum, dort machte sie mit noch größe¬ rer Mühe seinem Jubel Platz. Solche kühne Sprünge haben Shakespeare, Swift, Jean Paul nie gewagt. Aber es war wieder ein strenges und gerechtes Volks¬ gericht! Mehrere meiner Bekannten, die glücklicher als ich, im Gedränge waren, haben mir erzählt, von den Reden und Aeußerungen des Volks. Man muß erstaunen über diesen gesunden Menschenverstand. Wahrlich, unsere Staatsmänner, die Herren Seba¬ stiani, Guizot, sogar Talleyrand, könnten bei ihm in die Schule gehen. Und dieses sogenannte, so ge¬ scholtene Volk verachtet man überall; man verachtet die Mehrzahl einer Nation, der weder der Reichthum das Herz verdorben, noch das Wissen den Kopf! Man klagt dessen wilde Leidenschaften an, weil es zu edelmüthig ist, gleich den Vornehmen, seinen Haß in eine kleine Pille zu verschließen, die man dem sorg¬ losen Feinde mit Lächeln beibringen kann! Man ver¬ spottet seine Dummheit, weil es nicht nimmer so klug ist, seinen eignen Vortheil dem Rechte vorzu¬ ziehen! Ich finde wahre menschliche Bildung nur im Pöbel, und den wahren Pöbel nur in den Ge¬ bildeten. — Unter dem Namen Neorama wird hier ein Rundgemälde von unglaublicher Wirkung gezeigt. Das Ihnen bekannte Diorama stellt das Inwendige der Kirchen vor, aber nur im Halbkreise, der Be¬ schauer stehet außer ihnen. Im Neorama aber wird man mitten in die Kirche gestellt. Es ist wie Zau berei. Man stehet auf dem Chore und siehet unter sich den Boden der Kirche, und auch die Säulen, die Grabmäler, die Menschen, und über sich das Ge¬ wölbe. Ganz die Natur. So lernnt man die Pauls¬ II. 5 kirche in London, und die römische Peterskirche ken¬ nen. Wie alltäglich werden doch die Zaubereien! An der Peterskirche sind die großen Thore offen, die auf den herrlichen Petersplatz führen. Die Sonne scheint, die Palläste glänzen. Es war mir, als müßte ich mich vom Chore herab stürzen, mich durch die Betenden drängen, hinaus zu eilen auf den Platz, und Brutus, Brutus! Freiheit, Freiheit! rufen. — Haben die italienischen Nachrichten nicht auf der Frankfurter Börse eingeschlagen? Sind nicht die Metalliques davon geschmolzen? Schreien die Juden: O wai geschrieen ! Wanken die Mauern Jerusalems? Lächelt der Herr Baron bei seiner Kolik? Sagen die Helden Lewis von den Italie¬ nern: was wollen die Gäscht ? Schreiben Sie mir das Alles, das wird mich erquicken. Den Her¬ zog von Modena haben sie gefangen auf der Flucht. Ich hoffe, sie knüpfen ihn auf. Ein Haus, worin sich 130 der angesehensten jungen Leute versammelt, hatte er mit Kanonen zusammen schießen lassen. Vier und zwanzig Stunden lang hat er sich vertheidigt, mit der Verzweiflung eines Tyrannen, der keine Gnade kennt. Zwei österreichische Tyroler-Regimen¬ ter, dem Herzog zum Beistande gesendet, sollen sich mit dem Volke vereinigt haben. Der Narr, unter allen Fürsten Europa's der einzige, hat es gewagt, den König von Frankreich nicht anzuerkennen. Vornehme Royalisten sind arretirt: Herr von Vitrolles, von Berthier, der Erzbischof von Pa¬ ris. Die Regierung ist in einer gefährlichen Lage. Die Weigerung, die belgische Krone anzunehmen, die gestern feierlich ertheilt werden sollte, hat man aus Furcht vor der gereizten Stimmung des Volkes auf¬ geschoben. Ich sehe keine Hülfe. Die Kammer zeigt sich täglich erbärmlicher, und das besser gesinnte Mi¬ nisterium muß nachgeben, denn es kann die Majori¬ tät nicht entbehren. Gott schütze den König; Europa ist verloren auf zehen Jahre, wenn er zu Grunde geht. Ich strenge mich an, meine Furcht zu unter¬ drücken. Und mit zehen Ellen Hanf wäre der Welt Friede, Glück und Ruhe zu geben! Ich will bald die Malibran als Zerline sehen; das wird mir et¬ was das Blut versüßen. Darf ich? 5 * Fuͤnf und dreißigster Brief. Paris, den 17. Februar 1831. Gestern fuhr ich in der Stadt herum, die Schlachtfelder vom 13. und 14. Februar zu sehen. Das ganze Pariser Volk war aus Unruhe oder Neu¬ gierde, die ganze Nationalgarde und Garnison aus Vorsicht auf den Beinen. Es war wie das Meer, wenn es nach gelegtem Sturme schäumt. Aber zu den zerstörten Kirchen und Gebäuden konnte ich nicht gelangen. Alle Plätze und Straßen, die dahin führ¬ ten, waren von Wachen umstellt, die keinen durch¬ ließen. Der Caroussel-Platz war so dicht bedeckt von Bürgern und Soldaten, daß man kaum einen Pfla¬ sterstein sah. Im Hofe der Tuillerien, der geschlos¬ sen war, hielt der König Musterung über die Natio¬ nalgarde und die Linie. Um den Triumphbogen hatte man in aller Eile ein Gerüste gebaut, und Arbeiter waren beschäftigt, unter Leitung der Behörde die gyp¬ sernen spanischen Siege des Herzogs von Angouleme abzuschlagen. Wachen verhinderten den Zutritt; denn am Morgen waren welche vom Volke schon hinauf¬ geklettert, Frankreichs Ehrenfleck dort abzukratzen. Von allen Kirchthürmen wurden die Kreuze abgenom¬ men, wegen ihrer unheiligen Allianz mit den Lilien. Daß katholische Pfaffenthum hat in diesen Tagen eine große Niederlage erlitten; die Bourbons hatten nicht viel mehr zu verlieren. Der König läßt die Lilien aus seinem Wappen nehmen, die er früher als das Erbe seiner Ahnen beizubehalten gesonnen war. Nun ist es zwar lächerlich und frevelhaft, daß Menschen in ihrer Zerstörungswuth ihre kurzen Arme nach et¬ was ausstrecken, was selbst der allmächtige Gott nicht erreichen kann — nach dem Geschehenen , Vollendeten ; doch wo Tyrannen sich nicht scheuen, den Kindermord an der Zukunft noch zu allen ihren Verbrechen zu fügen, da darf man das Volk nicht tadeln, wenn es den Leichnam der Vergangenheit aus dem Grabe holt und ihn beschimpft. Der Ge¬ winn in diesen Vorfällen ist nicht eine neue Nieder¬ lage der Carlisten, denn es ist Wahnsinn zu den¬ ken, daß diese je wieder sich erheben könnten; son¬ dern, daß das Volk sich wieder in seiner Kraft ge¬ zeigt, und der Regierung, welche die Ruhe übermü¬ thig zu machen drohte, einen heilsamen Schrecken beigebracht hat. Und daß dieses geschehen, merkt man an dem nachgiebigen Tone in den Proklamationen der Behörde. So lauteten sie nicht im December; denn so kräftig war auch damals das Volk nicht auf¬ getreten. Es war noch müde vom Juli, und hatte wie halb im Schlafe revolutionirt. Bei alle dem mag es seyn, daß die Regierung selbst diese Ereig¬ nisse herbeigeführt. Erstens um die Schuld des Car¬ listenhauptes strafreif werden zu lassen, und zweitens, um einen guten Vorwand zu haben, Belgien anzu¬ nehmen. Denn freilich kann jetzt die französische Re¬ gierung zu verstehen geben, sie dürfe bei der gereiz¬ ten Stimmung des Volkes gar nicht wagen, Bel¬ gien abzuweisen. Wir wollen abwarten, wie es geht. Freitag, den 18. Februar. Gestern war ich in der italienischen Oper, weil mir Jemand ein Billet dazu schenkte; denn sonst wäre ich viel zu sehr Pariser Dandy dahin zu gehen, wenn die Malibran nicht singt. Das Haus war nur halb gefüllt, und von dieser Hälfte schlichen sich die Meisten lange vor dem Ende fort. Manchen jungen Herrn sah und hörte ich schlafen. Und doch war die ganze Oper vortrefflich besetzt. Madame Lalande wäre eine glänzende Sängerin, würde sie nicht von der Malibran verdunkelt. Man gab Zelmire , eine tragische Oper von Rossini. Nach meinem Ge¬ fühle (denn Urtheil habe ich freilich keines in der Musik) Rossinis beste Oper, wenigstens unter allen, die mir bekannt sind. Eine Musik, ganz von Stahl, wenn auch polirtem. Man wird einigemal an Gluck erinnert. Dreißig Minuten hinter einander vernünf¬ tig zu seyn, das ist dem lieben Rossini freilich un¬ möglich. Hat er sich eine halbe Stunde männlich be¬ tragen, wird ihm vor seiner eigenen Ritterlichkeit bange, er lüftet das Visir und zeigt das alte freund¬ liche Gesicht. Horaz sagt: Man mag die Natur mit Heugabeln hinausjagen, sie kehrt immer wieder zurück. Aber sagen Sie mir, woher kommt es, daß die Deutschen nicht singen können? Es ist wirklich kein Gesang zu nennen, wenn man es mit dem der Italiener vergleicht. Liegt es in dem, was die Na¬ tur oder in dem was die Kunst gibt? Fehlt es ih¬ nen an Stimme oder an Vortrag. — Vorgestern habe ich mich im Gymnase Dramatique nach den Gesetzen der Natur und nach den Regeln der Kunst zugleich gelangweilt — als gewöhnlicher Zuschauer aus Neigung, als Kri¬ tiker aus Pflicht. Man gab drei Stücke, alle drei von Scribe. Zoé, ou l’amant prêté; les trois maîtresses ou une cour d'Allemagne; la fa¬ mille Biquebourg, ou le mariage mal as¬ sorti . Ich hätte nie gedacht, daß der liebenswürdige Scribe so ein verdrießlicher Mensch seyn könnte. Die troi maîtresses lockten mich, weil ich hörte, es käme eine deutsche Revolution darin vor. Eine deut¬ sche Revolution! Ich dachte nichts Drolligeres könne es geben auf der Welt. Aber die Revolution hat mich geprellt, freilich viel erträglicher als andere — nur um einige Franken. Die neueste Zeit wurde in eine alte Liebesgeschichte geworfen, wie Salz in die Schüssel. Wenn aber das Essen nichts taugt, macht es das Salz nicht besser. Eine französische Komödie ist wie ein ewiger Kalender; ein kleiner Ruck mit dem Finger, und aus Juli wird August, und aus 1830 1831. Der Rahmen von Pappe bleibt immer der nehmliche. Ein glückliches Volk die Franzosen! Sie leben leichter als wir Deutschen sterben. Hören Sie. Ein junger deutscher Gro߬ herzog hat drei Maitressen — versteht sich in chro¬ nologischer Ordnung, eine nach der andern — eine italienische Gräfin, eine italienische Sängerin und ein deutsches Nähmädchen. Drei und dreißig und ein drittel Prozent Patriotismus — das ist viel an ei¬ nem Fürsten! Diese drei Damen lieben aber den Fürsten nicht, sondern einen seiner Offiziere, den Grafen Rudolph, und da dieser wegen dummer Streiche arretirt werden soll, befreien und verbergen sie ihn. Der Offizier liebt aber nur das Nähmäd¬ chen, den Andern macht er blos den Hof. Als er mit der Geliebten allein ist, entdeckt er ihr, er, an der Spitze der Cadetten-Schule, gehe mit einer Re¬ volution um, dem Volke „priviléges et franchises“ zu verschaffen. Henriette sucht ihn von dem gefähr¬ lichen Vorhaben abzubringen, und fragt ihn: was dabei heraus komme? (Die Nähmädchen sind pfiffig!) Rudolph antwortet: „vois-tu Henriette, la liberté ... „cela regarde tout le monde ..... on nous en „avait promis, il y a quelques années, quand „Napoléon avait envahi notre Allemagne et qu'on „voulait nous soulever en masse contre lui. „Mais dès qu'on eut repoussé le tyran, nos pe¬ „tits princes et nos petits grand-ducs, qui étai¬ „ent tous comme lui, à la hauteur près, ont „bien vite oublié leurs sermens .... quand „quelques-uns de leurs sujets se plaignent de ce „manque de mémoire, on les apelle sédi¬ „tieux ... et on les poursuit ... et on les „condamne ... et ils ont tort, jusqu'au jour „oú ils deviennent les plus forts ... et „alors ... ils ont raison.“ Nach dieser unver¬ schämten Prosa singt Graf Rudolph noch unver¬ schämtere Verse: Le torrent grossit et nous gagne, Chaque pays a sa force et son droit; Bientôt viendra pour l'Allemagne La liberté que l'on nous doit. Ces rois dont nous craignons le glaive Combien sont-ils? ... Peuples combien? On se regarde, on se compte, on se Iève, Et chaqu'un rentre dans son bien. Dies patriotische Lied wird nach der Melodie: de la robe et les bottes gesungen. Endlich bricht der Aufruhr los. Der Großherzog, ein jun¬ ger starker Mann in Uniform, zittert — aber was man zittern nennt, zum Umfallen. Er verliert den Kopf und stammelt: „c'est ainsi que cela a com¬ mencé chez mon cousin le duc de Brunswick.“ (Ich glaube Ihnen schon geschrieben zu haben, daß der leibhaftige Herzog von Braunschweig gerade im Theater war, als das Stück zum Erstenmale aufge¬ führt wurde, und daß er, nach jener lieblichen An¬ spielung eilig das Haus verließ, aus Furcht, erkannt und ausgelacht zu werden). Si ma garde refuse de donner . . . . si elle fait cause commune avec eux, mon dieu, mon dieu .... que devenir ! une sédition ! .. une révolte ! “ Der Fürst jammert so erschrecklich, daß er einem alle Revolutionen verleiden kann. Wozu? Man siehet, eine ausgestopfte Re¬ volution als Fürstenscheuche thät die nehmlichen Dienste. Des Fürsten erste Maitresse, die Gräfin, eine feurige entschlossene Italienerin, sucht ihn zu beruhigen, ver¬ spricht ihm Rettung. Sie öffnet das Fenster, und ruft hinunter, der Fürst bewillige dem Volke eine Con¬ stitution. Und sogleich schreiet das Volk hinauf: es lebe unser Großherzog! Der dankbare Fürst heira¬ thet seine Retterin; Rudolph heirathet sein Näher¬ mädchen, und die italienische Sängerin geht zum englischen Gesandten, der sie auf den Abend einge¬ laden. So nimmt alles ein gutes Ende, und wahr¬ scheinlich wurden den andern Tag dem vielverspre¬ chenden Fürsten die Pferde ausgespannt. Das dritte Stück: la famille Biquebourg (das zweite, Zoé , ist keine zehen Tropfen Dinte werth) wäre so übel gar nicht, aber es ist sentimen¬ tal auf deutsche Art, und wenn man Franzosen bür¬ gerliche Thränen vergießen sieht, möchte man sich ge¬ rade todt lachen; es gibt nichts komischeres. Und dann die Vaudeville-Form, die leichten Liederchen zwischen den schwersten Empfindungen. Das ist gerade das Gegentheil von unsern deutschen Opern. Wenn bei uns die Sänger die Höhe einer Arie erreicht haben, bleiben sie stehen um auszuschnaufen, und sprechen zu ihrer Erholung prosaisches dummes Zeug. Die Franzosen aber in den Baudevillen, keuchen den pro¬ saischen Steg hinauf und oben machen sie Halt und singen, bis ihnen das Herz wieder ruhig geworden. — Im Gymnase sah ich auch die Leontine Fay wieder, die uns vor sieben Jahren in Kinderrollen so vieles Vergnügen gemacht. Aus dem artigen Kinde ist eine große schöne und prächtige Dame ge¬ worden, aus dem Kolibri ein Vogel Strauß. Sie spielt gut, auch verständig; aber etwas steif, etwas schwer. Sie ist zugleich Gouvernante und Zögling, und ruft sich immerfort zu: grade gehalten, Fräulein, Sie sind kein Kind mehr! Sie hat große herrliche Augen, und weiß es, und damit bombardirt sie das Haus, daß man jeden Augenblick erwartet, es werde zusammen brechen. Dieses Kokettiren gibt ihrem Ge¬ sicht, ihrem Spiele eine ganz falsche Art. Um ihre großen Augen zu zeigen, nimmt sie oft eine nach¬ denkende, tiefsinnige, träumerische Miene an, wo es nicht hingehört. Es war etwas an ihr, das mich wie schmerzlich bewegte. Ich habe sie als gedankenloses Kind gekannt, aber ach! mit der Jugend verlor sie das Paradies, sie hat vom Baume der Erkenntniß gegessen und weiß Gutes vom Bösen zu unterschei¬ den. Man sollte nur Särge machen, drei Fuß lang, damit die Menschen sterben müssen, ehe sie ausge¬ wachsen. Samstag, den 19. Februar. Versäumen Sie ja nicht, von heute an die Kammersitzungen zu lesen: Das ist höchst wichtig und wird noch wichtiger werden. Die Wolke ist end¬ lich geplatzt und es strömt herunter. Was man für die Asche des Herzogs von Berry gehalten, war die Asche, die ein Vulkan ausgeworfen. Das Ministe¬ rium hat gestern erklärt, mit dieser Kammer wäre nicht mehr zu regieren. Es herrscht eine allgemeine Misstimmung unter dem Volke, unter der National¬ garde. Frankreich sähe sich getäuscht und verlange die Freiheit, um die es im Juli gekämpft. Wer wird siegen, die Regierung oder die Kammer? Es ist eine gefährliche Krisis. Ich sehe nicht ein, wie die Regierung ohne Staatsstreich sich und dem Lande helfen kann, und ein Staatsstreich, wenn auch für die Freiheit, würde alles auf das Spiel setzen. Ich habe das vorher gesehen und gesagt; lesen Sie nur meine früheren Briefe nach. Eine Revolution auf¬ halten, ehe sie von selbst stille stehet, das heißt ihren Weg verlängern, ihr Ziel entfernen. Man hat, mehr aus einer lächerlichen Eitelkeit, als aus Poli¬ tik, sich dem Auslande stark zeigen wollen. Man wollte zeigen, daß man Herr des Volkes sei, seine Leidenschaft meistern könne. Mir fiel dabei gleich anfänglich der alte Goethe ein. Als er die Nach¬ richt von dem Tode seines einzigen Sohnes erfuhr, glaubte er seinen Schmerz zu mäßigen, wenn er ihn verberge. Er bekam einen Blutsturz davon, der ihn an den Rand des Grabes führte. Ich fürchte, Frankreich bekommt einen Blutsturz. Das Herz wird mir doch manchmal bange bei allen diesen Geschich¬ ten. Zwar weiß ich, wer besiegt wird am Ende; aber wird ein Sieger übrig bleiben? Der Despo¬ tismus, so blind er ist, ist doch riesenstark; und wenn er seinen Untergang unvermeidlich siehet, wird er, seinen Tod zu rächen, wie Simson, die Säulen der Welt umstoßen, und mit sich selbst auch alle seine Feinde begraben. — In Berlin werden sie noch ganz verrückt vor Angst und Verzweiflung. Neulich enthielt die preußische Staats-Zeitung einen langen Artikel, worin behauptet wird, Preußen sei eigentlich der wahre republikanische Staat; dort wäre der Thron von republikanischen Institutionen umgeben, und Frankreich hätte nichts von der Art, und die Franzo¬ sen sollten sich schämen, solche Knechte zu seyn. Ich glaube, es war Malice von der preußischen Staats- Zeitung, und sie hatte es darauf angelegt, daß alle Liberalen in Deutschland und Frankreich vor Lachen ersticken sollen. Welche Zeiten! und ach, welche Menschen! Und sie wissen recht gut, daß sie Keinen täuschen, am wenigsten die Preußen selbst. Aber sie haben solche Freude an Lug und Trug, daß sie den¬ ken: und wenn unter zehen Millionen Lesern, nur zehen Dummköpfe uns glauben, es ist immer ein Gewinn. — Ich habe neulich einen Brief gelesen, den der Professor Raumer in Berlin hierher geschrieben, über die deutschen und französischen Angelegenheiten, natürlich in der Absicht, daß er hier herum gezeigt werde. Es ist ein \frac{1}{113} offizieller Brief. Dieser Professor der Geschichte .... ist eben Königlich Preußischer Professor. O! O! Sein Maasstab für diese große Zeit ist nicht länger als sein Ordens- Bändchen. Und das alte Lied endiget mit dem ewi¬ gen Triller: Die Liebe der Preußen zu ihrem Kö¬ nige sei in diesen Tagen noch gewachsen. Und doch sagen sie das ganze Jahr durch, diese Liebe könne gar nicht mehr wachsen! Dieser Raumer gibt Briefe über die französische Revolution heraus. Er war damals hier, er hat alles selbst mit angesehen; aber Schmeichler sind so blind als die Geschmeichel¬ ten. Der Herr von Raumer wird uns schöne Sa¬ chen erzählen! Sechs und dreißigster Brief. Paris, Montag, den 21. Februar 1831. Es lebe Italien! Es gehet alles prächtig her; es kann in keiner Oper schöner sein. Die Herzogin von Parma, Marie Louise, die kleine Frau des gro¬ ßen Mannes, die nicht wie einst Brutus Gattin Feuer schluckte, sondern sich wie eine Wittwe von Ephesus betrug, bekam, als sie beim Frühstück saß, von einer Bürger-Deputation die höfliche Einladung, sie möchte sich aus dem Lande begeben. Und als sie sich be¬ denken wollte, sagte man ihr, das sei gar nicht nö¬ thig, die Wagen ständen schon angespannt im Hofe. Der Herzog von Modena hatte den Henkersknecht von Reggio kommen lassen, die Verschwornen hinzu¬ richten. Man hat den Henkersknecht zusammen ge¬ ll . 6 hauen und den Kerkermeister fortgetrieben. Was fehlt? Ein bischen Musik-Staub von Auber darauf gestreut und die Oper ist fertig. Bologna, Ferrara, Modena, Faenza, — ich möchte das Alles von der Malibran singen hören. Die zehen Plagen Aegyp¬ tens werden über die neuen Pharaonen kommen, und die frohnenden Völker werden sich befreien. Ach! ihr Weg geht auch über ein rothes Meer, über ein Meer von Blut; aber es wird sie hinüber tragen, und ihre meineidigen Verfolger werden darin ihr Grab finden. — Ja wohl habe ich gelesen und gehört von den frühzeitigen, unzeitigen und überzeitigen Dumm¬ heiten die in Baiern, vorgehen. Das hat mich be¬ trübt aber nicht gewundert. Der König von Baiern hat zunächst an seinem Throne eine vertraute Per¬ son, die verblendetste, wo sie selbst rathet, die be¬ stechlichste wo sich Jemand findet, der sie lenkt, um ihren Herrn zu lenken — seine Phantasie . Düm¬ mere Fürsten handeln bei weitem klüger. Nichts ist gefährlicher als Geist ohne Charakter, als das Genie, dem es an Stoff mangelt. Hat das Feuer einmal sein Holz gefunden, bleibt es ruhig und man braucht sich ihm nur nicht zu nähern, um sicher zu seyn. Aber die Flamme ohne Nahrung streicht hungrig um¬ her, leckt hier, leckt dort und entzündet vieles, ehe sie ihre Beute festhält und die Beute sie. Die Poesie macht keinen Fürsten satt, und hat er ein schwaches Herz, das nichts Kräftiges verdauen kann, wird er selbst schwach werden. Der König von Baiern siehet zu weit. Solche Fürsten sind wie die Augen, sie zucken mit den Wimpern, sobald nur ein Stäubchen von Gefahr sich ihnen nähert, und wäh¬ rend der Sekunde, daß sie die Augen verschließen, werden sie betrogen auf ein Jahr hinaus. Doch be¬ kümmern wir uns um keine Fürsten, sie haben nichts zu veranworten . Es ist eine Krankheit, einen König haben, es ist eine schlimmere, einer seyn. Wir wol¬ len sie heilen und nicht hassen. Ihre heillosen Rath¬ geber, die müssen wir bekämpfen. — Von welch einem erhabenen Schauspiele kehre ich eben zurück! und welch eine Stadt ist die¬ ses Paris, wo Götter Markt halten und alltäglich ihre Wunder feil bieten! Ich stand auf dem höch¬ sten Gipfel des menschlichen Geistes, und übersah von dort das unermeßliche Land seines Wissens und seiner Kraft. Ich kam bis an die Grenze des mensch¬ lichen Gebietes, da wo die Herrschaft der Götter be¬ ginnet — ich habe eine Seeschlacht gesehen. Der Himmel war blau wie an Feiertagen, und mit der schönsten Sonne geschmückt. Das Meer schlummerte und athmete sanft und ward nur von Zeit zu Zeit 6* vom Donner des Geschützes aufgeschreckt. Es war ein Tag zu lieben und nicht zu morden. Es muß weit seyn vom Himmel bis zur Erde; denn könnte die Sonne die Gräuel der Menschen sehen, sie flöhe entsetzt davon und kehrte nie zurück! Eine Schlacht auf dem Lande ist ein Liebesspiel gegen eine Schlacht auf der See. Dort stirbt der Mensch nur einmal und findet dann Ruhe in seiner mütterlichen Erde; hier stirbt er alle Elemente durch und keine Blume blühet auf seinem Grabe. Dort trinkt die Erde warm das verschüttete Blut; hier auf dem dürren Boden der Schiffe stehet es hoch, dick, kalt. Die Menschen werden zerquetscht, zerrissen; nicht Kälber die man schlachtet, werden so grausam zugerichtet. Das französische Linienschiff, der Scipion , auf dem ich mich befand, war in einer schrecklichen Lage; wir waren von Feuer und Rauch umgeben. Ein feindli¬ cher Brander hatte sich angehängt und jede Minute brachte uns dem Untergange näher. Wir erwarteten in die Luft gesprengt zu werden. Die ganze Man¬ schaft eilte nach dem Verdecke und bemühte sich durch Beile das Schiff vom Brander los zu machen. Drei Böte stachen in die See und suchten durch Seile den Brander ab- und ins Weite zu ziehen. Auf dem Schiffe und in den Böten standen Offiziere, hoch aufrecht, als fürchteten sie eine Kanonenkugel zu ver¬ fehlen und kommandirten so ruhig, wie der Kapell¬ meister im Orchester kammandirt . Und jetzt rund umher, nah und fern in einem weiten Kreise , die französische, englische und russische Flotte und diesen gegenüber die türkische. Aus den Mündungen der Kanonen stürzten Feuerströme hervor. Das Schiff des Admirals Codrington, halb in Trümmern mit zerrissenen Segeln, hat so eben ein türkisches Linien¬ schiff in den Grund gebohrt Es sinkt, es ist schon halb gesunken, die ganze Besatzung gehet zu Grunde. Die Türken mit ihren rothen Mützen, rothen Klei¬ dern und mit ihren blutenden Wunden gewähren ei¬ nen schauderhaften Anblick; man weiß nicht, was Farbe, was Blut ist. Viele stürzen sich in das Meer, sich durch Schwimmen zu retten. Andere ru¬ dern Böte umher und fischen Todte und Verwundete auf. Mehrere Schiffe fliegen in die Luft. Himmel und Erde lächeln zu diesen Schrecken, wie zu einem unschuldigen Kinderspiele! Rechts siehet man auf einer Anhöhe, Stadt und Citadelle von Navarin und eine Wasserleitung, die über den Berg hinziehet, er¬ innert an die altgriechische Zeit. Das war ein An¬ blik! Ich werde ihn nie vergessen. Man schwebt zwischen Himmel und Erde, man wird zwischen Schre¬ cken und Bewunderung, zwischen Abscheu und Liebe gegen die Menschen hin und her geworfen. Und wie die Leute sagen, ist dieses alles nur gemalt ; es ist das Panorama von der Schlacht bei Nava¬ rin . Ich mußte es wohl glauben, denn man kann nicht von dem Schiffe herunter, um Alles mit den Händen zu betasten. Aber das Schiff, auf dem man sich befindet, das gestehet man ein, ist nicht gemalt, sondern von Holz und Eisen. Es ist ein Kriegsschiff von der natürlichen Größe, und in allen seinen Thei¬ len genau eingerichtet wie der Scipion , der in der Schlacht von Navarin mitgekämpft. Man tritt in das Gebäude des Panorama's und gelangt über einen schmalen dunklen Gang an eine Treppe. Diese steigt man hinauf und kommt in ein großes Zimmer, das zwar mit allen Möbeln häuslicher Bequemlichkeit, aber auch mit Beilen, Pistolen, Flinten, Fernröhren, Compassen und Schiffsgeräthschaften aller Art ver¬ sehen ist, Das ist das Zimmer der Offiziere. Die bretterne Wand, welche dieses Zimmer von einer Batterie trennt, ist, da die Schlacht begonnen, weg¬ genommen. Man siehet eine Reihe von Kanonen und im Hinttrgrunde Matrosen beschäftigt, einen ver¬ wundeten Kameraden vom Verdecke in den untern Schiffsraum herabzulassen. Dann gehet man die zweite Treppe hinauf und gelangt in die Wohnung des Commandanten, Speisezimmer, Gallerie, Schlaf¬ zimmer, Küche. Das bisherige müssen Sie sich den¬ ken, als die zwei untern Stockwerke des Schiffsge¬ bäudes. Endlich führt eine dritte Treppe zum Ver¬ decke des Schiffes, und von dort oben siehet man das Meer, die Schlacht, und was ich Ihnen beschrieben. Die Zuschauer stehen auf dem Hintertheile des Schif¬ fes, der leer ist, weil die ganze Mannschaft wegen des Branders sich nach dem Vordertheile gedrängt. Neulich hatte der König mit seiner Familie das Pa¬ norama von Navarin besucht, und war von den Ad¬ miralen Codrington und Rigny, die in jener Schlacht commandirt hatten, begleitet. Wer dabei hätte seyn können, wie die Admirale dem König alles erklärten, der hätte eine recht genaue Vorstellung von der Schlacht bekommen. Lebhaft ist das Schauspiel auch ohne Erklärung. — In meinem vorigen Briefe sagte ich Ihnen viel Gutes von Rossini's Oper Zelmira und nannte die Musik eine stählerne . Heute lese ich im Con¬ stitutionel: „ la belle musique de la Zelmira, qui gagne tant à être souvent etendue , cette mu ¬ sique si cuivrée , et faite pour les oreilles allemandes, . . .“ Ich mußte lachen über das sauersüße Lob! Schöne Musik — das ist der Zucker; Deutsche Musik das ist der Essig; und cuivrée das ist das Gemisch von Beiden; cuivrée heißt eigentlich falch vergolden, mit Kupfer vergolden. Bitte, meine Herren Franzosen! den Rhein möget Ihr uns nehmen; aber unsere Musik werdet ihr so gut seyn, uns zu lassen. Die gehört nicht dem deutschen Bunde, die gehört uns, und wir werden sie zu vertheidigen wissen. Dienstag, den 22. Februar. — Die italienische Revolution greift um sich wie ein Fettfleck und nicht mit der ganzen Erdkugel wird Oesterreich das reinigen können. Savoyen, Ty¬ roler rühren sich. Was wird Immermann dazu sa¬ gen? Das sind ja seine treuen Tyroler, die wie Hunde geheult an Oesterreichs Grabe ! ... — — Daß Sie die Briefe eines Verstorbenen so unaufhörlich gegen mich in Schutz nehmen! Ich habe dem Manne nicht im geringsten Unrecht gethan, und habe ganz nach Gewissen geurtheilt. Was am Buche zu loben ist, habe ich gelobt; was am Ver¬ fasser zu tadeln, getadelt. Sein Aristokratischer Hochmuth war Ihnen entgangen, mir nicht, und jetzt ist die Zeit heiß, man muß sie schmieden ehe sie wie¬ der kalt wird. — Man sagt: Don Miguel sei ver¬ jagt, Donna Maria in Lissabon als Königin aus¬ gerufen. Es ist ein Herbst der Tyrannei und die dürren Blätter fallen — Ueber die Salons habe ich Ihnen meine Meinung schon gesagt. Ich habe mehr Neigung für Massen, für das öffentliche Leben. Ich liebe die Kerzen nicht. Vergnügen fand ich nicht viel in den Salons, in welchen ich noch war. Bleibt das Belehrende. Aber jedes Wort, das in den Sa¬ lons gesprochen wird, besonders über Politik, kommt den folgenden Tag in die öffentlichen Blätter, da die Redacteure überall ihre Agenten haben, die ihnen al¬ les berichten. Ein Salon in Paris ist nichts anders, als eine Zeitung mit Himbeersaft. Der Himbeersaft wäre freilich gewonnen; aber ändern Sie mich trä¬ gen Menschen! — Die Kammer wird aufgelös't, das Ministerium wahrscheinlich geändert im liberalen Sinne, und dann wird alles besser gehen, und schnel¬ ler und die Revolution wird ihre Früchte tragen — auch für uns. Körbe herbei! Sieben und dreißigster Brief. Paris, Donnerstag, den 24. Februar 1831. Die Krönung Napoleons, von David gemalt, durfte unter der vorigen Regierung nicht an das Tageslicht; jetzt wird das Gemälde wieder gezeigt. Was half Ihnen ihr blinder Groll? Nichts ist doch lächerlicher und grausamer, als die strenge Diät, welche kranke Fürsten, die nichts vertragen können, ihren Völkern auflegen, die alles vertragen! Sie meinen, wenn man die Herzen fasten ließe, davon würden die Köpfe und Arme schwach, und sie wären dann leichter zu regieren. Aber der Hunger des Herzens sättigt den Kopf und stärkt die Glieder. Napoleons Bild kehrte nach fünfzehn Jahren zurück, und die Bourbons werden ewig verbannt bleiben — — gewiß ewig; denn am dritten Schlagflusse stirbt der Mensch, und wenn er auch ein König ist. Ich sah gestern das Gemälde, es hat sehr gelitten; Farbe, Zeit, Bewunderung, alles ist verblichen. Es ließ mich so kalt, als sähe ich eine Abbildnng von der Arke Noäh, in die mit hängenden Ohren alles ehe¬ gepaarte Vieh zieht. Der Maler war nicht begei¬ stert, so wenig als jene Zeit, so wenig als Napoleon selbst, so wenig als das Volk, das ihn umgibt; es ist eine vielfarbige glänzende Leerheit. Das Gemälde ist von solcher Ausdehnung, daß es in dem kleinen Theater, wo man es siehet, den Vorhang bildet. Es enthält mehr als als sechzig Figuren in Lebens¬ größe, alle Portraits. Der Moment ist gewählt, wo Napoleon der vor ihm knieenden Kaiserin die Krone aufsetzt. Er kniet vor nichts, nicht vor seinem Gotte, nicht vor seinem Glücke; weder Triumph ist in ihm, noch Demuth. Es ist eine Krönung, wie die eines marklosen Erbfürsten. Nichts als Weiber, Pfaffen und goldene Knechte. Gibt es etwas Lächerlicheres, als daß sich Napoleon in der Kirche Notre-Dame von einer angst-zitternden Geistlichkeit Brief und Siegel darüber geben ließ, daß er ein Held gewesen? Gibt es etwas Herzempörenderes, als diese Hochzeit, zwi¬ schen dem Manne des Lebens und der Leiche der Vergangenheit? Napoleon hätte sich zu Pferde sol¬ len krönen lassen, sich die Krone hinaufreichen lassen, nicht herabreichen. Er sollte den Thron zieren, der Thron nicht ihn. Keiner von jenen Soldaten war anwesend, die ihn so groß gemacht; nichts als Schlep¬ penträger und Hofhanswürste. Man hätte gerne ge¬ sehen, daß seine Marschälle sich stolz auf ihre Schwer¬ ter stützten und mit unterdrücktem Spotte auf die ge¬ fälligen Cardinäle blickten. Aber sie trugen Degen wie die Kammerherren, und waren geputzt wie die Hofnarren. Die Portraits sind alle geistreich, das ist wahr: aber es hat Jeder sein eigenes Gesicht, Keiner ein Krönungsgesicht. Jeder sucht seine Ge¬ fühle zu unterdrücken, das siehet man deutlich. Herz und Augen gehen weit aus einander. Unter allen Figuren waren nur drei, die mich anzogen. Napoleons Schwester, damals Großher¬ zogin von Berg, später Königin von Neapel. Sie siehet ihrem Bruder ganz ungemein ähnlich, nur sind ihre Züge edler und zeigen den schönen Stolz des Sieges, den man in den Zügen des Kaisers verge¬ bens sucht. Dann: der Papst. Er sitzt so bedeu¬ tend abgespannt und duldend in seinem Sessel, wie eine gläubige und kränkliche Seele, die Gott nicht blos anbetet in dem, was er thut, sondern auch in dem, was er nicht thut, geschehen läßt. Endlich Talleyrand. Ich habe ihn nie gesehen, nicht einmal gemalt. Ein Gesicht von Bronze, eine Marmor¬ platte, auf der mit eisernen Buchstaben die Nothwen¬ digkeit geschrieben ist. Ich habe nie begreifen kön¬ nen, wie noch alle Menschen aller Zeiten so diesen Mann verkannt! Daß sie ihn gelästert, ist schön, aber schwach, tugendhaft, aber unverständig; es macht der Menschheit Ehre, aber nicht den Menschen. Man hat Talleyrand vorgeworfen, er habe nach und nach alle Partheien, alle Regierungen verrathen. Es ist wahr, er ging von Ludwig XV. zur Republik, von diesem zum Direktorium, von diesem zum Consulat, von diesem zu Napoleon, von diesem zu den Bour¬ bonen, von diesen zu Orleans über, und es könnte wohl noch kommen, ehe er stirbt, daß er wieder von Louis Philipp zur Republik überginge. Aber verra¬ then hat er diese Alle nicht, er hat sie nur verlassen, als sie todt waren. Er saß am Krankenbette jeder Zeit, jeder Regierung, hatte immer die Finger auf dem Pulse, und merkte es zuerst, wenn ihr das Herz ausgeschlagen. Dann eilten er vom Todten zum Er¬ ben; die Andern aber dienten noch eine kurze Zeit der Leiche fort. Ist das Verrath? Ist Talleyrand darum schlechter, weil er klüger ist als Andere, weil fester, und sich der Nothwendigkeit unterwirft? Die Treue der andern währte auch nicht länger, nur ihre Täuschung währte länger. Auf Talleyrands Stimme habe ich immer gehorcht, wie auf die Entscheidung des Schicksals. Ich erinnere mich noch, wie ich er¬ schrack, als nach der Rückkehr Napoleons von Elba Talleyrand Ludwig XVIII. treu geblieben. Das ver¬ kündigte mir Napoleons Untergang. Ich freute mich, als er sich für Orleans erklärte; ich sah daraus daß die Bourbons geendet. Ich möchte diesen Mann in meinem Zimmer haben; ich stellte ihn wie einen Ba¬ rometer an die Wand, und ohne eine Zeitung zu lesen, ohne das Fenster zu öffnen, wollte ich jeden Tag wissen, welche Witterung in der Welt ist. Talleyrand und Lafayette sind die zwei größten Charaktere der französischen Revolution, jeder an sei¬ ner Stelle. Auch Lafayette weiß Seyn vom Schein, Leben vom Tode zu unterscheiden; aber jedes Grab war ihm eine Wiege, und er verließ die Gestorbenen nicht. Er glaubt an eine Fortdauer nach dem Tode, an eine Seelenwanderung der Freiheit; Talleyrand glaubt nur, was er weiß. Wäre nur Napoleon wie Talleyrand gewesen! Da er nur der Zeit zu dienen brauchte, keinen Menschen, weil er selbst der Höchste war: hätte er mit besserer Einsicht sich selbst besser gedient, er wäre noch auf dem Throne der Welt. Was habe ich dem Keiser nicht alles gesagt! Heine hätte es hören sollen! Ich war allein im Saale, und stellte mich mit verschränkten Armen vor ihn hin, wie er es zu thun pflegte. Ich wollte ihn damit verspotten, und Narr ! habe ich ihn geheißen. Ich hätte ihn Bösewicht nennen können, aber das hätte ihn nicht beleidigt. Nein, nie verzeihe ich dem Manne, was er sich selbst gethan, wollte ich ihm auch verzeihen, was er der Welt gethan. Sich mit der Gemeinheit zu besudeln, und sich aus Eitelkeit mit Schmutz zu bedecken, um sich einen Schein von ab¬ genutzem Alter zu geben! Er hat die Freiheit um ihre schönsten Jahre gebracht, er hat sie um ihre Jugend betrogen, und jetzt muß sie mit grauen Haaren noch auf der Schulbank sitzen, und erst ler¬ nen, was sie längst könnte vergessen haben. Ehe ich ging, lachte ich ihm noch einmal freundlich zu. Für die Dummheit, die du Andere begehen machtest, will ich dir deine eigne verzeihen. Du warst der starke eiserne Reif, der die Faßdauben der Welt zusammen gehalten. Und die Narren-Fürsten haben dich zer¬ schlagen, und gleich hat der gährende Wein das Faß aus einander gesprengt, und schweres Holz ist an hohle Schädel gefahren! Das war schön. Von Napoleons Krönung weg, ging ich zu einem andern Schauspiel, das meinem Herzen wohler that. Ich besuchte den edlen Medor . Wenn man auf dieser Erde die Tugend mit Würden belohnte, dann wäre Medor der Kaiser der Hunde. Vernehmen Sie seine Geschichte. Nach der Bestürmung des Louvres im Juli begrub man auf dem freien Platze vor dem Pallaste, auf der Seite, wo die herrlichen Säulen stehen, die in der Schlacht gebliebenen Bürger. Als man die Leichen auf Karren legte, um sie zu Grabe zu führen, sprang ein Hund mit herzzerreißendem Jammer auf einen der Wagen, und von dort in die große Gr u be, in die man die Todten warf. Nur mit Mühe konnte man ihn heraus holen; ihn hätte dort der hinein geschüttete Kalk verbrannt, noch ehe ihn die Erde bedeckt. Das war der Hund, den das Volk nachher Medor nannte. Während der Schlacht stand er seinem Herrn immer zur Seite, er wurde selbst verwundet. Seit dem Tode seines Herrn verließ er die Gräber nicht mehr, umjammerte Tag und Nacht die hölzerne Wand, welche den engen Kirchhof ein¬ schloß, oder lief heulend am Louvre hin und her. Keiner achtete auf Medor, denn keiner kannte ihn und errieth seinen Schmerz. Sein Herr war wohl ein Fremder, der in jenen Tagen erst nach Paris ge¬ kommen, hatte unbemerkt für die Freiheit seines Va¬ terlandes gekämpft und geblutet, und war ohne Na¬ men begraben worden. Erst nach einigen Wochen ward man aufmerksamer auf Medor. Er war ab¬ gemagert bis zum Gerippe und mit eiternden Wun¬ den bedeckt. Man gab ihm Nahrung, er nahm sie lange nicht. Endlich gelang es dem beharrlichen Mit¬ leid einer guten Bürgersfrau, Medors Gram zu lin¬ dern. Sie nahm ihn zu sich, verband und heilte seine Wunden, und stärkte ihn wieder. Medor ist ruhiger geworden, aber sein Herz liegt im Grabe bei seinem Herrn, wohin ihn seine Pflegerin nach seiner Wiederherstellung geführt, und das er seit sieben Monaten nicht verlassen. Schon mehrere Male wurde er von habsüchtigen Menschen an reiche Freunde ll. 7 von Seltenheiten verkauft; einmal wurde er dreißig Stunden weit von Paris weggeführt; aber er kehrte immer wieder zurück. Man siehet Medor oft ein kleines Stück Leinwand aus der Erde scharren, sich freuen wenn er es gefunden, und dann es wieder traurig in die Erde legen und bedecken. Wahrschein¬ lich ist es ein Stück von dem Hemde seines Herrn. Gibt man ihm ein Stück Brod, Kuchen, verscharrt er es in die Erde, als wollte er seinen Freund im Grabe damit speisen, holt es dann wieder heraus, und das siehet man ihn mehrere Male im Tage wiederholen. In den ersten Monaten nahm die Wache von der Nationalgarde beim Louvre jede Nacht den Medor zu sich iu die Wachtstube. Später ließ sie ihm auf dem Grabe selbst eine Hütte hinsetzen, und folgende Verse darauf schreiben, die besser ge¬ meint als ausgeführt sind: Depuis le jour qu'il a perdu son maître, Pour lui la vie est un pésant fardeau; Par son instinct il croit le voir paraître; Ah! pauvre ami, ce n'est plus qu'un tombeau. Medor hat schon seinen Plutarch gefunden, seine Rhapsoden und Maler. Als ich auf dem Platz vor dem Louvre kam, wurde mir Medors Lebensbeschrei¬ bung, Lieder auf seine Thaten und sein Bild feil geboten. Für zehen Sous kaufte ich Medors ganze Unsterblichkeit. Der kleine Kirchhof war mit einer breiten Mauer von Menschen umgeben, Alle arme Leute aus dem Volke. Hier liegt ihr Stolz und ihre Freude begraben. Hier ist ihre Oper, ihr Ball, ihr Hof und ihre Kirche. Wer nahe genug herbei kommen konnte, Medor zu streicheln, der war glück¬ lich. Auch ich drang mich endlich durch. Medor ist ein großer weißer Pudel, ich ließ mich herab, ihn zu liebkosen; aber er achtete nicht auf mich, mein Rock war zu gut. Aber nahte sich ihm ein Mann in der Weste, oder eine zerlumpte Frau und strei¬ chelte ihn, das erwiederte er freundlich. Medor weiß sehr wohl, wo er die wahren Freunde seines Herrn zu suchen. Ein junges Mädchen, ganz zerlumpt, trat zu ihm. An diesem sprang er hinauf, zerrte es, ließ nicht mehr von ihm. Er war so froh, es war ihm so bequem, er brauchte um das arme Mädchen etwas zu fragen, es nicht wie eine vornehme ge¬ putzte Dame, sich erst niederlassen, am Rande des Rockes zu fassen. An welchem Theile des Kleides er zerrte, war ein Lappen der ihn in den Mund paßte. Das Kind war ganz stolz auf Medors Vertraulichkeit. Ich schlich mich fort, ich schämte mich meiner Thrä¬ nen. Wenn ich ein Gott wäre, ich wollte viele Freu¬ den unter die armen Geschöpfe der Welt vertheilen; aber die erste wäre: ich weckte Medors Freund wie¬ der auf. Armer Medor! .. Könnte ich den treuen 7* Medor nur einmal in die Deputirten-Kammer locken! Hörte er dort die Verhandlungen dieser Tage, ver¬ nähme er, sein guter Herr hätte nie können Depu¬ tirter werden, weil er nicht 750 Franken Steuern bezahlt, er, der doch sein Blut dem Vaterlande ge¬ steuert — wie würde er bellen, wie würde er dem jämmerlichen Düpin und den Andern allen in die Beine fahren! — Freitag, den 25. Februar. Ich empfehle Ihnen das Buch: Théâtre de Clara Gazul, Comédienne Espagnole , von Mé¬ rimée . Der Verfasser hat sich nicht genannt. Er nimmt den Schein an, als wären die Komödien aus dem Spanischen übersetzt. Es sind eigentlich nur Skizzen und Scenen: aber mit großer Kunst werden durch wenige Striche ganze Charaktere gezeichnet, und mit ein wenig Roth und Gelb, die glühendsten spa¬ nischen Naturen treu gemalt. Man kann sich nichts Liebenswürdigeres denken. Der Verfasser hat eine unbeschreibliche Grazie, eine Phantasie gleich einer Lerche, wenn sie in der Abenddämmerung um grüne Kornfelder fröhliche Kreise zieht. Es sind Komödien, wild wie junge Mädchen; aber wie wohlgezogne; sie sind sittsam dabei und erröthen leicht. Der Dichter hat, was die Deutschen Ironie nennen, und was ich noch bei keinem Franzosen gefunden. Seine Ironie ist wie die unsere, nur geflügelter. Und was in den Dichtungen fehlt, macht sie so schön, als das, was sie besitzen; es sind reizende Nachlässigkeiten. Gestern habe ich Comte's Kindertheater be¬ sucht, oder wie es jetzt eigentlich heißt: Théâtre des jeunes Acteurs . Es ist lange nicht mehr so artig, als es vor mehreren Jahren war, da wir es gesehen. Die damaligen Kinder sind seitdem lange Jungen und Mädchen geworden, meistens treten bejahrte Personen auf, und die wenigen Kinder spielen zu altklug. Mich lockte eigentlich ein Stück, von dem man seit einiger Zeit viel gesprochen, ein buckliges Lustspiel. Es heißt: Mayeux ou le bossu à la mode. Mayeux ist eine Pariser Volks-Tradition von einem geistrei¬ chen Buckel, dem man alle mögliche guten Einfälle aufgebürdet! Ich weiß nicht, ob ein solcher Mayeux wirklich einmal gelebt, oder ob er blos ein Geschöpf der Phantasie ist. Aber seit der letzten Revolution wurde dieser Mayeux wieder aus der Vergessenheit hervorgerufen, und man legte ihm in Liedern und Bildern die witzigsten Worte in den Mund. Das Vaudeville, von welchem hier die Rede, ist mit Geist und Laune geschrieben; auch haben nicht weniger als drei dramatische Dichter daran gearbeitet. Mayeux ist ein kleiner verwachsener Kerl, voll scharfer, doch gutmüthiger Laune, der im Juli mitgefochten, und trotz seiner verkrüppelten Gestalt als Grenadier unter der Nationalgarde dient. Es gehört nun viel Fein¬ heit und Gewandtheit dazu, diesen Charakter und diese Misgestalt so zu behandeln, daß er Lachen er¬ regt, ohne sich lächerlich zu machen. Davor müsse man sich hüten; denn das wäre auf die Revolution und auf die Nationalgarde zurück gefallen. Den Ver¬ fassern ist es gelungen. Aber es wurde bei Comte gar zu schlecht gespielt, und ich konnte es nicht zu Ende sehen. Die Misgestalt Mayeux's wurde so karrikirt, daß sie widerlich wurde. Auch ein Bu¬ ckel hat seine ästhetischen Regeln, die man nicht über¬ treten darf. Was mich in diesem Theater am mei¬ sten ergötzt, war der Jubel der hundert Kinder in ihren weißen Häubchen, und deren Mütter, und die tausend Küsse den ganzen Abend, und die unzähligen Stangen Gerstenzucker, die der Conditorjunge absetzt. Aber wie kömmt es, daß auch Kinder lachen, gleich den Erwachsenen, sie, denen doch noch alles ernst und wahr erscheint; und die keinen Widerspruch und kei¬ nen Zufall unterscheiden? Ich begreife das nicht. Es hat gewiß seine Erklärung; aber ich als Gelehr¬ ter darf das vergessen haben. Doch Sie, unwissende Freundin, müssen es wissen. Erklären Sie mir, warum Kinder lachen? — Bald wird das Eis überall brechen, nach und nach, und es wird eine tolle Wirthschaft geben. Ich sehe es für ein Glück an, daß jetzt eine so feind¬ liche Spannung zwischen der französischen Kammer und der Regierung eingetreten ist, daß ein gefährli¬ ches Mißbehagen sich im ganzen Lande zeigt; denn Frankreich kann nur durch einen Krieg von innerem Verderben gerettet werden. Es mögen entscheidende Dinge sich bereiten. Die englischen Blätter, die nicht blos vernünf¬ tig über die Sache sprechen — heute müßte einer dumm seyn, der nicht vernünftig wäre — sondern auch kalt, weil sie der Krieg unmittelbar nichts an¬ geht, sagen, der Krieg wäre unvermeidlich. Die zwei Prinzipen , welche die Welt beherrschen, Freiheit und Tyrannei, ständen sich feindlich einander gegen¬ über, und an eine friedliche Ausgleichung wäre nicht zu denken; denn nie würden absolute Fürsten ihren Völkern gutwillig liberale Institutionen geben. Und so ist es. Tausendjährige Leidenschaften, Vorurtheile, von so alten und tiefen Wurzeln, zerstört man nicht so leicht, nicht einmal dann, wenn selbst die, die sie haben, von ihnen befreit seyn möchten. Der Mensch i st nicht frei, auch der beste nicht. Er kann alles lernen wollen, aber nichts vergessen, und so lange Kopf und Herz vom Alten besetzt sind, findet das Neue keinen Platz. Darum Krieg! — Acht und dreißigster Brief. Paris, den 1. März 1831. — Der Geist freier Untersuchung und der Op¬ position hat sich hier so mächtig entwickelt, daß er sogar bis in die Schulen gedrungen ist. Im College Henri IV (nach deutschem Ausdrucke ein Gymnasium) werden von den Schülern zwei handschriftliche Jour¬ nale redigirt, die in den Schulzimmern täglig cirku¬ liren. Das eine Journal: le lycéen genannt, kämpft unter Racine's Fahne, also für die klassische Literatur; das Andere mit dem Titel: le cauche¬ mar , streitet unter der Fahne Victor Hugo's. Die romantische Literatur mit dem Worte cauchemar (das Alpdrücken) zu bezeichnen, ist eine geistreiche Naivetät, und die Feinde der Romantik hätten nichts Besseres erfinden können. Diese Zeitungen enthal¬ ten nun zwar literärische Gegenstände, aber am Schlusse des Blattes werden auch freimüthige Be¬ merkungen über Lehrer und Professoren hinzugesetzt. Das hat die Schulobrigkeit übel genommen und sie hat den rédacteur en chef du Lycéen aus der Schule entfert . Die Zöglinge klagen, das wäre eine offenbare Verletzung der Preßfreiheit! Ich habe über diesen komischen Kinder-Liberalismus herzlich lachen müssen. Die kleinen Jakobiner haben es hier noch gut. Ihre höchste Strafe ist, daß man sie nach Hause zu ihren Eltern schickt, wo sie, statt über den Büchern zu sitzen, den ganzen Tag frei umher lau¬ fen und spielen dürfen. Im Oesterreichischen würde man solche anarchische Buben, als Trommelschläger und Pfeifer unter die Soldaten stecken Wenn sich die Kinder hier unter einander streiten und zanken, schimpfen sie sich Charles X. und Polignac . O! es ist eine böse Welt. — Oesterreich! ... Es muß eine Wonne seyn, dieser fluchwürdigen Regierung auf einem Schlacht¬ felde der Freiheit gegenüber zu stehen! Es muß eine tugendhafte Schadenfreude seyn, der dumm-verzagten Welt zu beweisen, das Gott mächtiger ist als der Teufel! Die heiße Wuth eines Tyrannen wie Don Miguels kann meine Nerven in Aufruhr bringen; aber nie vermochte sie meine innere unsterbliche Seele so zu empören, als es die kalte abgemessene Tücke Oesterreichs thut, das, ohne Leidenschaft, gleich Goe¬ the's Mephistofeles, die Menschen verführt oder ver¬ dirbt, nur um zu zeigen, daß es keine Tugend gibt, daß die Tugend ohnmächtig sei dem Bösen zu wider¬ stehen. Gestern stand eine Geschichte im Courier Fran ç ais, die ich Ihnen mittheile, und zwar über¬ setzt; ich muß die Probe meiner Augen machen, ich muß mich überzeugen, daß ich nicht falsch gelesen. Behandlung der Staatsgefangenen in Brünn . Ein junger Italiener, Herr Maronelli , aus sei¬ nem Vaterlande verbannt, und verstümmelt durch die Marter, die er in den österreichischen Gefängnissen erdul¬ det, ist so eben in Paris angekommen. Die Qualen, welche er erlitten, die, welche seine Leidesgefährten noch ertragen, würden, wenn dieses noch nöthig wäre, den Abscheu der Italiener gegen die österreichische Re¬ gierung, und ihre Anstrengungen ein verhaßtes Joch abzuschütteln, vollkomen rechtfertigen. Maronelli ward wegen eines Briefes angeklagt, den er seinem Bruder geschrieben, einem jungen Arzte, der von Griechenland, wo er den Hellenen den Beistand sei¬ ner Kunst angeboten, zurückgekehrt. Das geheime Tribunal von Mailand glaubte darin unter einer sinn¬ bildlichen Form den Ausdruck eines versteckten Wun¬ sches für die Freiheit zu erkennen. Der junge Pa¬ triot wird arretirt, gerichtet, und auf das Zeugniß dieses einzigen Briefes zum Tode verurtheilt. Aber vor diesem Spruche, nachdem er gefällt, entsetzten sich die Richter selbst, und verwandelten die Todesstrafe in zwanzigjähriges hartes Gefängniß . Herr von Maronelli wird mit vier seiner Freunde nach der Festung Brünn geführt, wo zwanzig andere italienische Patrioten ihnen bald nachkommen. Das Gefängniß ist voll gepfroft, und man entscheidet, daß der jüngste in den Keller geworfen werden soll. Hier, auf feuch¬ ter Erde, bringt Maronelli, einsam, ohne Verbindung mit irgend einem Menschen, ein ganzes Jahr zu. — Er war dem Tode nahe, als ein anderer Verurtheil¬ ter, der sein Kerkerloch mit einem Leidensgenossen theilte, starb. Maronelli kommt an seinen Platz. Er hat endlich einen Freund zur Seite; aber seine physischen Leiden haben nicht aufgehört. Eine Eis¬ kälte durchdringt ihn; eine eckelhafte Nahrung richtet seine Gesundtheit vollends zu Grunde; seine Glieder werden steif; sein linkes Bein, durch den schweren Ring, der zwanzigpfündige Ketten zusammenhält, eng umschnürt, schwillt auf eine fürchterliche Weise auf; bald zeigt sich der Brand, man muß das Bein ab¬ schneiden! Aber der Gouverneur sagt kalt, indem er das kranke Bein, dessen geschwollenes Fleisch den eisernen Ring ganz bedeckte, nachlässiig in der Hand wiegt: man hat uns einen Gefangenen mit zwei Beinen geschickt, wir können ihn nicht mit einem Beine wieder abliefern. Man muß erst nach Wien schreiben, und um die Gnade der Operation bitten, die jede Verzögerung tödtlich machen kann. In vier- und zwanzig Stunden könnte man Antwort haben, aber sie läßt vierzehn Tage auf sich warten. End¬ lich wird die Operation im Kerker, wo der Gefan¬ gene acht Jahre geschmachtet hat, vorgenommen. Der Gefängniß-Barbier nimmt das verfaulte Bein über das Knie ab, und einige Zeit darauf wird Ma¬ ronelli in Freiheit gesetzt. Der junge Patriot auf zwei Krücken gehend, kehrt nach seinem Vaterlande zurück, er wird aber hinausgestoßen. Er wendet sich nach Rom, Rom verweigert ihm den Aufenthalt. Der Großherzog von Florenz will ihn dulden, aber der österreichische Gesandte läßt ihn fortjagen. Ma¬ ronelli findet in Frankreich eine Freistätte, und bald wird er es verlassen, sein verjüngtes Voterland wie¬ der zu sehen. Von den fünf und zwanzig Verur¬ theilten, die nach und nach Maronelli's Kerker theil¬ ten, sind zwei Vicomte, Oraboni und M. A. Villa vor Hunger gestorben! Wir übertreiben nicht, es ist die Wahrheit. Eine mit Unschlit zubereitete Suppe, zwei kleine Stücke Brod von Fingersdicke, und ein Lappen verdorbenes Fleisch machen noch heute die ein¬ zige Nahrung der Gefangenen aus. Vergebens erbaten sie sich als eine Gnade, daß man aus ihrer ekelhaften Suppe wenigstens den Talg weglasse; man antwortete ihnen, das sei die Nahrung von zwei bis dreihundert Galeeren Sclaven, und man könne für sie keine Ausnahme machen. Von dem Gelde, das ihnen ihre Familien schickten, erhalten die Gefange¬ nen keinen Heller. Gegenwärtig befinden sich noch neun Italiener in Brünn, worunter der Graf Gon¬ falonieri, der an jedem Jahrestage seiner Verurthei¬ lung fünf und zwanzig Stockschläge bekommt. Mittwoch, den 3. März. — Saphir fängt künftige Woche Vorlesungen an, nach Art derjenigen, die er in München gehalten. Ich theile Ihnen einige gute Einfälle aus seinem Prospectus mit. „Frankreich ist mir eine Entschädi¬ „gung schuldig; ich komme, sie einzukassiren, nicht „mit dem Degen, aber mit der Feder in der Hand ... „Die drei ruhmvollen Tage Frankreichs haben viele „schlaflose Nächte in Deutschland hervorgebracht .... „ich wurde allergnädigst verbannt, und es wurde mir „huldreichst angewiesen, binnen drei Tagen Witz und „Land zu verlassen. Zum Glücke waren weder Witz „und Land so groß, um dieses in drei Tagen nicht „mit aller Bequemlichkeit bewerkstelligen zu können. „Ich schnürte meine Satyre und ging. ... Zuerst „hatte ich die Idee, nach Rußland zu gehen, weil „man noch kein Beispiel hat, daß je ein freimüthiger „Schriftsteller von dort verbannt wurde, und zwar „aus dem einfachen Grunde, weil nie einer dort „lebte. Allein Personen, welche die Knute und die „ Cholera morbus aus näherem Umgange kennen, „versicherten mich, daß diese zwei russischen Gesell¬ „schaftsspiele keinen besondern Sinn für Witz und „Poesie haben. Ich nahm mir also vor, die Pre߬ „freiheit persönlich kennen zu lernen, und kam nach „Paris, welches die eigentliche Essigmutter meiner „sauern Tage in Deutschland war .... Ich habe „ein gegründetes Recht auf eine Entschädigungsklage, „allein alles Klagen ist kläglich. Ich will es also „lieber versuchen, den Parisern deutsche Vorlesungen „zu halten.“ — Ich zittere, wie Sie, für die Polen, und bin auf das Schlimmste gefaßt. Aber den Russen würde dieser Sieg verderblicher seyn, als es ihnen eine Niederlage wäre. Der erhabene Nikolaus würde dann übermüthig werden, und glauben, mit Frankreich wäre eben so leicht fertig zu werden, als mit den Polen, man brauche nur energisch aufzutreten. Wehe dem armen Deutschland, wenn die Russen siegen. Neun und dreißigster Brief. Paris, Donnerstag, den 3. März 1831. Die Romane des Paul de Kock , die man Ih¬ nen empfohlen und von welchen Sie mir neulich ge¬ schrieben, habe ich seitdem kennen gelernt. Ein präch¬ tiger Mann! Trotz den vielen Sorgen und Mühen, die mir jetzt Europa macht, habe ich in vier Tagen, in meinen kurzen Friedens-Stunden, acht von seinen funfzig Bänden gelesen. Aber das ist genug für uns beide. Nur in Paris kann man Kocks Romane mit Lust lesen, draußen verlieren sie ihren Werth. Mir haben sie viele Freude gemacht. Man lernt darin die Sitten der Pariser Klein-Bürger kennen, mit wel¬ chen ein Fremder, so wenig als die eingebornen Pari¬ ser der höhern Stände selbst, im Leben in gar keine Berührung kommt. Wenn Jouy in seinem Hermite de la Chaussée-d'Antin Scenen aus der Pariser kleinen Welt schildert, scheint er dabei so weit her¬ II. 8 gekommen, holt er dabei so weit aus, als beschreibe er Sitten und Gebräuche der Hottentotten. Eine ganze Reisebeschreibung schickt er voraus, erzählt wie er in früher Jugend — Jugend hat keine Tugend — aus Uebermuth und Zufall in das ferne wilde Land gerathen; kurz, gibt sich die größte Mühe zu er¬ klären und zu entschuldigen, daß er , ein feiner Mann der großen Welt, einige Male ein grobes Bürger¬ haus besucht. In Paris sind die Straßen Provin¬ zen, und man lernt viel Geographie und Statistik aus Kocks Romanen. Es gehen an uns vorüber: un riche passementier de la rue St . Martin — un riche épicier de la rue aux ours — un table¬ tîer de la rue St . Denis — un parfumeur de la rue St . Avoie — mit Weibern, Töchtern, Kin¬ dermädchen, Kommis. Und ihre Sonntags-Partieen auf das Land und ihre Hochzeiten, ihre Galanterien, ihre Intriguen. Die Liebe spielt natürlich eine Haupt¬ rolle wie in allen Romanen. Aber es ist keine deut¬ sche Liebe, keine Liebe unseres Lafontaine's, die noch heißer ist als der Kochbrunnen zu Wiesbaden; son¬ dern es ist eine angenehme warme Liebe, welche die natürliche Blutwärme des Herzens nie übersteigt. Monsieur Paul de Kock sagt: „c'est une bien jolie chose d'aimer et d'être aime .“ — dabei kann man sich nicht verbrennen. Und Philosophie hat er auch, Lebens-Philosophie! Zwar gibt er uns nicht wie Goethe im Wilhelm Meister Lehrbriefe mit Trüffeln; aber es ist eine recht kräftige Philosophie, bürgerlich zubereitet. Man kan von ihm lernen. So sagt er einmal, die Ehen wären tausendmal besser und schöner als sie sind, wenn nicht Mann und Frau einen großen Theil des Tages in so nachlässiger Kleidung vor einander erschienen. Das Kind Amor fürchte sich vor baumwollenen Nachtmützen und un¬ gewaschenen Morgenhauben; bei den Weibern nehme mit der Liebe die Sorge für ihren Putz ab. Er gibt uns jungen Leuten die Lehre: „ Jeunes gens , méfiez-vous de votre maîtresse , lorsque vous la verrez venir en papilottes au rendez-vous que vous lui auriez donné .“ Rock ist die Wonne der Pariser Nähmädchen; auch ist das Papier ganz weich von den vielen Händen und Thränen und kein Band in der Leihbibliothek, in dem nicht einige Blätter fehl¬ ten. Was der Mann aber auch schlau ist, und wie er sich bei Allen beliebt zu machen weiß! Den Lie¬ benden und jungen Leuten überhaupt gibt er immer Recht gegen die Eltern und Alten! aber mit den letz¬ tern verdirbt es darum doch nicht. Jungen Mädchen gibt er, was sie verlangen, und wiegt ihnen gut; aber wenn er die Waare abliefert, wickelt er sie in ein Blatt Moral, das die Kinder mit nach Hause nehmen und woran sich die Mütter erquicken. In Zeichnung komischer Charaktere hat Kock viele Fertig¬ 8* keit. Welche himmlische Späße! und man kann ohne Furcht zu ersticken, nach Herzenslust dabei lachen. Denn sie gleichen nicht Scribe's und Jouy's Epi¬ grammen, bei welchen man nur lächeln darf, weil sie Einem leicht, wie Fischgräthen im Halse stecken blei¬ ben. Kurz, mein Paul de Kock ist ein prächtiger Mann — aber lesen Sie ihn nicht. Samstag, den 5. März. Die armen Polen werden wohl jetzt gestorben seyn. Sie sind glücklicher als ich. Dem entsetzli¬ chen Schauplatz näher, wissen Sie schon das Schlimmste. Seit Vorgestern habe ich keine Kraft, eine Feder zu führen, ich konnte nicht lesen, nicht denken, ich konnte nicht einmal weinen und beten; nur fluchen konnte ich. Gesiegt haben die Polen schon vier Tage lang, aber entschieden ist noch nichts, und gestern sind gar keine Nachrichten gekommen. Man sprach von einem Couriere, den der russische Ge¬ sandte erhalten; die Russen wären in Warschau ein¬ gerückt. Aber wenn das wahr wäre, hätte man schon den Jubel der besoffenen Knechte gehört, an den Fest¬ tagen ihrer Herren, und die deutschen Blätter von gestern erzählen nichts. Nicht wie Menschen, wie Kriegsgötter selbst haben die Polen gekämpft. Sie jagten singend den Feind, wie Knaben nach Schmet¬ terlinge jagen; sie stürzten sich auf die Kanonen und nahmen sie, wie man Blumen bricht. Männer, Kin¬ der, Greise, drei Geschlechter, drei Zeiten waren in der Schlacht und die Russen, wie feige Meuchelmör¬ der, schossen aus dem Dickicht der Wälder heraus. Was wird es helfen? Jeder Sieg bringt die Po¬ len ihrem Untergange näher. Sie sind zu schwach, zu arm an Menschen. Der reiche Kaiser Nikolaus haut immer neue Soldaten heraus, wie Steine aus Brüchen und das gehet so immer unerschöpflich fort, was sind einem Despoten die Menschen? Seine Wälder schont er mehr. Nicht Gottes Weisheit, nur die Dummheit des Teufels allein kann noch die Po¬ len retten Ach! gibt es denn einen Gott? Mein Herz zweifelt noch nicht, aber der Kopf darf einem wohl davon schwach werden, und wenn — was nützt dem vergänglichen Menschen ein ewiger Gott? Wenn Gott sterblich wäre wie der Mensch, dann wäre ihm ein Tag ein Tag, ein Jahr ein Jahr, und der Tod das Ende aller Dinge. Dann würde er rechnen mit der Zeit und mit dem Leben, würde nicht so späte Gerechtigkeit üben und erst den entfertesten Enkeln bezahlen, was ihre Ahnen zu fordern hatten. Die Freiheit kann, sie wird siegen, früher oder später; warum siegt sie nicht gleich? Sie kann siegen, einen Tag nach dem Untergange der Polen; soll einem das Herz nicht darüber brechen? Die Polen im Grabe, fühlen sie es denn, haben sie Freude davon, wenn ihre Kinder glücklich sind? Die Tyrannei wird un¬ tergehen, die Kinder der Tyrannei werden gezüchtigt werden für die Verbrechen ihre Väter; aber die Kno¬ chen der begrabenen Könige, haben sie Schmerzen da¬ von? Gibt es einen Gott? heißt das Gerechtigkeit üben? wir verabscheuen die Menschenfresser, dumme Wilde, die doch nur das Fleisch ihrer Feinde verzeh¬ ren; aber wenn die ganze Gegenwart, mit Leib und Seele, mit Freude und Glück, mit allen ihren Wün¬ schen und Hoffnungen, gemartert, geschlachtet und zerfetzt wird, um damit die Zukunft zu mästen — diese Menschenfresserei ertragen wir! was ist Hoff¬ nung, was Glaube? durch die Augen wird kein Hun¬ ger gestillt, gemalte Früchte haben noch Keinen satt gemacht ... Ich las etwas in den englischen Blät¬ tern — es ist sich todt darüber zu schämen wenn man ein Deutscher ist; es ist sich die Hände im Dunkeln vor die Augen zu halten. Der Londoner Courier sagte: „Wenn Polen wird besiegt seyn, „wenn, was die Schlacht verschont, auf dem Scha¬ „fotte bluten wird, dann werden die deutschen Zei¬ „tungen die weise Gerechtigkeit des russischen Kai¬ „sers rühmen, und wenn der Tyrann nur einem ein¬ „zigen Besiegten das armselige Leben schenkt, werden „die deutschen Blätter die Milde des hochherzi¬ gen Nikolaus bis in die Wolken erheben.“ Unter allen Völkern der Erde, erwartet man solche feige hündische Kriecherei nur von uns ! Ja, es schwebt schon vor meinen Augen, ich lese es und höre es, wie das viehische Federvieh in Berlin von jedem Mist¬ haufen, von jedem Dache herab, den großen erhabe¬ nen Nikolaus ankräht. Wie hat dieser Despot in seinen Proklamationen gesprochen! Vielleicht glaubt es die Nachwelt, was die Despoten unserer Tage ge¬ than; aber was sie geredet, das kann sie nicht glau¬ ben. Vielleicht glaubt die Nachwelt, was die alten Völker geduldet, aber was sie angehört und dazu ge¬ schwiegen, das kann sie nicht glauben. Das Schwert zerstört bloß den Besitz und mordet den Leib; aber das Wort zerstört das Recht und mordet die Seele. Zu solchen Reden, solches Schweigen! Und wenn die Polen vertilgt sind, dann voran die deutschen Hunde, gegen den Sitz der Freiheit, gegen Frank¬ reich! dann stellt man sie zwischen das Schwert der Franzosen und die Peitsche der Russen, zwischen Tod und Schande! .... Ist es nicht schmachvoll für uns, daß der Kaiser von Rußland Herr über sechzig Mil¬ lionen Sklaven, keinen derselben knechtisch genug ge¬ funden hat, die Freiheit der Polen zu ermorden, als den Diebitsch allein, einen Deutschen? Ihr heutiger Brief kann mir spätere Nachrichten bringen, als die hiesigen, wenn sie schlimm sind, ich meine das Siegel müßte davon schwarz werden. O! ich kann nicht mehr, ich muß weinen. Vierzigster Brief. Paris, Sonntag, den 6. März. 1831. Wäre ich ein Dichter nur acht Tage lang! Ich wollte ein Freudenlied singen, daß Berge und Wäl¬ der dabei tanzten, oder ein Trauerlied, daß die Sterne darüber weinen müßten und erlöschten in ihren eige¬ nen Thränen. Ich fühle es in mir, aber es will sich nicht gestalten. Nur prosaisch kann ich jubeln ... heute ist heute und morgen ist morgen; ich will nicht weiter denken. Alles Gute und Schöne hat sich be¬ stätigt, aber das Beste und Schönste ist noch nicht entschieden. Ein Handelshaus erhielt gestern die Nachricht: die Russen wären gänzlich zerstreut, und, was Alles entscheide, hinter ihrem Rücken wäre Li¬ thauen aufgestanden. Aber das heutige ministerielle Blatt berichtet, die Regierung habe gleich spätere Nachrichten, wie jenes Handelshaus, und diese, ob¬ zwar gut lautend, sprächen noch von keiner Entschei¬ dung. Wenn es wahr würde, wenn Rußland, dieser Riese von Eisen, auf Füßen wie Thon, zur Erde stürzte, umgeworfen von Kindern, die ihm zwischen die Beine gekrochen — wie wollten wir lachen! Dann wenn eine Tyrann sich unartig beträgt, würde man, ihn zu schrecken, rufen: der Pole kommt ! warte , ich hole den Polen ! wie man Kindern droht: ich hole den Schornsteinfeger. „Wie ein Knäul Zwirn will ich die Polen zusammenwickeln“ — hat Nikolaus geprahlt. Nun, er hat sie zusammen¬ gewickelt; aber der Knäul ist zur Bombe geworden, die ihn zerschmettert. Aber wie furchtsam macht reines Glück! Selbst die sonst so kecken pariser Blätter, die immer so leichtfertig lügen, wagen nicht, sich ihrer Freude über den Sieg der Polen zu über¬ lassen; sie fürchten Enttäuschung. O Vater im Him¬ mel, schicke mir nicht solche Trauer! Laß mich die¬ sen Brief freudig endigen, wie ich ihn angefangen. Bis Mittwoch noch beschütze die Polen! Wenn die Polen entscheidend siegen, dann wird, wie ich hoffe, Paris illuminirt. Ich beleuchte mein ganzes Haus, und merken Sie sich das — zehen Lampen stelle ich besonders an ein Fenster, die sind für Sie und Pau¬ line. Denn Ihr Armen, dürftet am Abend der herr¬ lichen Entscheidung doch nicht Eure Freude leuchten lassen; ja wenn der russische Gesandte öffentliche Trauer verlangte von unserem Römer-Senate, Ihr dürftet Eure gewohnten Nachtlichter nicht anzünden, und müßtet im Dunkeln zu Bette gehen. So lange das Schicksal bei guter Laune bleibt und die Tyrannen neckt, wollen wir von Possen spre¬ chen. Die Zeit des Ernstes kommt nur zu gewiß. Verzweifelte Spieler, verdoppeln sie immer ihren ver¬ lornen Einsatz, und da können sie wohl einmal Alles wieder gewinnen, ehe sie zu Grunde gehen. Ich habe im italienischen Theater den Don Juan gehört. Seit vierzehn Tagen schon hatte ich mein Billet dazu. Dreimal wurde die Oper angekündigt und dreimal wieder abgesagt, weil die Malibran katarrhalische Launen bekam! Endlich kam es zur Aufführung. Ich rechnete so sicher auf mein Entzücken, als man auf das Entzücken jedes deutschen Landes rechnen kann, so oft ein Erbprinz wird geboren werden — morgen, übermorgen, über's Jahr, im zwanzigsten Jahrhun¬ dert, im dreißigsten, im siebentausendsten, im ersten Jahrhunderte nach dem Untergange der Welt; denn die Natur kann untergehen, aber deutsche Treue nicht. Doch wie kam es ganz anders — nämlich mit Don Juan. Eingeschlafen bin ich nicht, denn es war die interessanteste Langeweile, die ich je empfunden. Uns Deutschen ist der Juan wie das Vaterunser; wir sind damit aufgewachsen: er war uns zugleich a b c und hohe Schule der Musik. Aber was haben diese Italiener, diese parisirten Italiener daraus gemacht! Die wissen noch weniger von Gott und Teufel, von Himmel und Hölle, als wir Deutschen von der Erde wissen. Es schien, als wäre ihnen die Musik zu vornehm, sie waren schüchtern, ängstlich, es war als ständen sie auf glattem Marmorboden eines Pallastes, vor einem Könige auf seinem Throne, Sie schwank¬ ten und stammelten. Was sie vortrugen, war alles schön, alles richtig; aber es war einstudirt und der Ceremonien-Meister hatte jede ihrer Bewegungen ge¬ ordnet. Die Brust war ihnen zwischen den beiden Taktstrichen eingeengt und sie wagten nicht tiefer zu athmen, als es die Note vorschrieb, und die Mali¬ bran nicht besser als die Andern. Sie dauerte mich und ich hätte ihr zurufen mögen: aber, liebes Kind, wovor fürchten sie sich denn? Mozart ist am Ende doch auch nur ein Mensch wie Rossini, welche Zer¬ line! Ich erinnere mich, wie ich als Junge die Flöte spielen lernte, bei Herrn *** (der Lehrer war ganz des Schülers würdig), und wir im Duette Zerlinens süßes Wundlied bliesen. Sie können sich denken, daß wir das süße Wundlied wie ein Pflaster¬ lied herabgestrichen. Aber doch klingt es mir heute noch schöner aus jenen entfernten Jahren zurück, als es mir aus der Brust der Malibran tönte. Es war kein Glaube und keine Liebe darin. Gekleidet war sie geschmacklos bis zum Unsinn. Es war gewiß unter den Zuschauern keine Putzmacherin und kein Friseur, sonst hätte ich von einer Ohnmacht hören müssen. In den Haaren staken ihr zehen bis zwölf lange und steife messingne Stangen, die in große dicke messingne Kugeln endigten, welche nicht einmal blank gescheuert waren. Sie sah aus wie eine Gar¬ tenmauer, gegen das Uebersteigen von Spitzbuben ge¬ hörrig bewahrt. Zerline fürchtet sich vor Spitzbu¬ ben! — Don Juan war ein alter häßlicher Sünder, der keine Katze hätte verführen können. Elvire eine betrübte Kokette. Der Geist sah aus wie ein wei¬ ßer Schornsteinfeger. Donna Anna (Madame La¬ lande) war gut; sie hat gewiß den Don Juan in deutscher Schule gelernt. Am Leporello fand ich zu loben, daß er nicht so den Hanswurst macht wie bei uns. Chöre und Orchester, sonst so vortrefflich, wa¬ ren von der allgemeinen Kälte und Aengstlichkeit nicht frei. Der himmlische Lärm im ersten Finale, die höllische Freude im zweiten — das ging alles ver¬ loren; es war still zum Einschlafen. Wenn ich mir diese Leere und Stille nur erklären könnte! Chor und Orchester voller besetzt als bei uns; es sind die nehmlichen Noten, es ist dasselbe Tempo, gleiches Forte — und doch war es still! und — stellen Sie sich vor — Don Juan beim Abendessen hat rothen Wein aus einem breiten Glase getrunken! Langsa¬ men rothen Wein, wenn man den Teufel erwartet! Jeder dumme arme Sünder, ehe er zum Galgen ge¬ führt wird, trinkt wenigstens Rum. Ein Bekannter, der während der Vorstellung hinter der Scene war, erzählte mir, die Malibran hätte nach ihrem Abtre¬ ten geweint, weil sie nicht genug applaudirt worden, und sie weine immer, wenn sie kälter als gewöhnlich aufgenommen wird. Das ist gewiß eine schöne Em¬ pfindlichkeit an einer so großen Künstlerin. Verdrießlich war ich ohnedies während der zwei¬ ten Hälfte des Don Juan, und die heilige Cäcilie selbst mit ihrer Baßgeige hätte mich nicht aufheitern können. Nach dem ersten Akte ging ich ins Foyer. Da fand ich eine Menge Menschen in einem dicken Knäuel zusammengewickelt, und ein kurzes Männchen in der Mitte, rund wie ein Kern, erzählte von den polnischen Angelegenheiten in der Abendzeitung. Und der Knäuel war so dick, daß ich nicht durchdringen konnte, und ich hörte nichts, und mußte mit der Pein der Ungewißheit wieder herunter gehen. Mein Nach¬ bar im Orchester, still früher, fragte mich auf Deutsch: nicht wahr Sie sind ein Deutscher? — Ja. — Aus Frankfurt? — Ja, woher wissen Sie das? — Ich dachte es mir. — Kennen Sie Herrn Worms de Romilly? — Nur dem Namen nach. — Er ist eben vorbeigegangen, wenn er zurückkommt, will ich ihn Ihnen zeigen. Bald kam er, und er zeigte mir ihn. Aber ich dachte bei mir: was geht mich der Worms de Romilly an? Darauf fragte ich den Herrn, ob er nicht wisse, was im Messager stände, es verlaute, die Polen hätten gesiegt? Er machte ein mürrisches Gesicht und antwortete: Geschwätz, es ist kein wahres Wort daran. Ach! dachte ich, jetzt kenne ich den Herrn und ich begreife, warum ihn der reiche Bankier Worms de Romilly interessirt. Dann fragte er mich: wie stehen die Course in Frank¬ furt? Ich antwortete aus dem Stegreife — ich weiß nicht mehr ob 70 oder 72 oder 74 oder 78. Da sah er mich an, zugleich wie ein Narr und wie einen Narren, und sagte, das ist nicht möglich, das müssen die vierprozentigen seyn, und er zog die Berliner Zeitung aus der Tasche um nachzusehen. Ja frei¬ lich, erwiederte ich, es sind die vierprozentigen, und ich murmelte: „hole der Teufel die vierprozentigen und die fünfprozentigen und das ganze nichtsprozentige Papiervolk!“ Bis halb zwölf Uhr mußte ich da sitzen, bis ich mir im Messager Beruhigung holte. Ich hätte fortgehen können, aber ich war ein Narr und geizig und berechnete, daß mich jeder Akt des Don Juan sechs Franken kostete. Der deutsche Kaufmann neben mir, so prozentig er auch war, liebte doch leidenschaftlich den Don Juan, und verehrte ihn wie Bibel. Nach jeder Scene zankte er sich mit einigen Geigen im Orchester herum, und behauptete, es wäre etwas ausgelassen worden. Das machte ihn etwas steigen bei mir — um ein Drittelchen. Dienstag, den 8. März. Das deutsche Blatt, das in Straßburg erscheint, hat unsere schuldbewußten Staatsmänner aus ihrem Schlafe geweckt und sie in tödtlichen Schrecken gesetzt, als wäre ein Gespenst vor ihr Bett getreten und hätte sie mit kalter feuchter Hand berührt. Das Blatt erscheint als Beilage des Courier du Bas- Rhin , unter dem Titel: das konstitutionelle Deutschland . Es enthielt unter andern genaue und getreue Berichte über die Staatsverwaltung im Würtembergischen, besonders über den himmelschreien¬ den Wucher, den die Regierung mit dem Salze treibt. Gleich wurde ein Herr von Schlitz von Stutgard nach Straßburg geschickt, um den Redakteur des Courier du Bas-Rhin zu bestechen, daß er nichts mehr gegen Würtemberg aufnehme. Dieser aber wies den Antrag ab, erbot sich jedoch gegründete Wieder¬ legung aufzunehmen. Doch wie leugnen, was jedes Salzfaß im Lande bezeugt? Das Geld zu Bestechun¬ gen nimmt man aus dem Beutel des armen Volks: aber gute Gründe gibt und verweigert nur das Recht, das kein würtembergischer Unterthan ist. Darauf wandte man sich an den französischen Gesandten in Stuttgard und bat um Hülfe. Dieser aber zuckte seine diplomatischen Achseln und sagte, es wäre lei¬ II .9 der Preßfreiheit in Frankreich, und nichts dagegen zu thun. So hat Herr von Schlitz seinen Witz ver¬ l oren, die würtemberger Bauern bezahlen die stra߬ burger Reise und bekommen das Salz nicht wohlfei¬ ler als bisher. Es ist himmlisch, wie man diese Sünder quälen kann durch ein einziges freimüthiges Wort. Haben Sie gelesen mit welcher schönen Rede der König von Baiern seine lieben und getreuen Stände begrüßt? Er hat mit ihnen gesprochen wie ein Schulmeister mit seinen Jungen. Er sagte, es gäbe nichts, das himmlischer wäre, als König von Bayern zu seyn. Ach, mein Gott, ich glaube es ihm. Wenn ich das Unglück hätte ein Fürst zu seyn, so würde es mich etwas trösten, wenigstens ein deut¬ scher Fürst zu seyn: denn dieser erfährt erst in je¬ ner Welt, wie schwer es ist gut zu regieren, und wie viele Dummheiten er gemacht während seines Lebens. Der König hat ein Gesetz über die Preßfreiheit an¬ gekündigt, über — das heißt gegen . Nun möchte ich doch wahrhaftig wissen, was dieser Bettlerin noch zu nehmen wäre! Und was macht die bayerische Regierung so keck? Woher kommts, daß sie, und sie mehr als jede andere deutsche Regierung, der öf¬ fentlichen Meinung trotzt, sie neckt, herausfordert und quält ohne allen Gewinn für sie? Es kommt daher, weil sie mit Frankreich einverstanden ist, weil sie auf diesen Schutz rechnet, wenn ihre Unterthanen sich em¬ pören sollten, weil sie ihre Unabhängigkeit nach außen, um den Preis der Schrankenlosigkeit nach innen ver¬ kauft hat. So war es unter Napoleon auch. Die¬ ser verstand die deutschen Regierungen sehr gut. Er wußte, daß der Deutsche gern ein Knecht ist , wenn er nur zugleich auch einen Knecht hat . Er machte die deutschen Fürsten unbeschränkt ihren Unterthanen gegenüber und dafür wurden sie seine Unterthanen. Das ist die schöne Zukuuft des deutschen Volks! Nur seine Fürsten haben in einem Kampf mit Frankreich zu gewinnen oder zu verlieren; es selbst wird Schmach und Sklaverei finden, besiegt oder siegend — gleich¬ viel. Doch davon genug für heute. Alle meine Sack¬ tücher sind bei der Wäscherin und es wäre viel da¬ bei zn weinen. Warum wundert Sie, daß Sie von Medor nicht früher gehört? habe ich doch selbst erst nach einem Aufenthalt von fünf Monaten von ihm erfahren. In Paris ist ein Hund nicht mehr als in Deutsch¬ land ein Unterthan, an den man erst denkt, wenn er Abgaben zu zahlen hat. Von Medor fing man erst an zu sprechen, als Maler, Lithographen, Bio¬ graphen, Dichter, Bänkelsänger und Hundewächter die Erfahrung gemacht, daß mit dem Thiere etwas zu verdienen sei. Kürzlich hörte ich erzählen, Medor sei gar nicht der ächte liberale Hund, sondern ein 9* falscher; den Rechten habe ein Engländer gekauft und fortgeführt. Es ist aber gelogen. Ich habe es aus Medors eignem Munde, daß er im Juli tapfer ge¬ fochten. Zweifeln Sie vielleicht, daß ich das Hunde¬ gebell verstände? Ich meine, das lernt man bei uns so leicht, wie jede andere Sprache. Mittwoch, den 9. März. Mittwoch ist da. Es sollte nicht seyn, es ist zu Ende mit den Polen! Wir wollen darum nicht verzweifeln, die Freiheit verliert nichts dabei. Die Erben haben sich vermindert, desto größer wird die Erbschaft. Schmerzlich ist es, daß Polen sich als Saatkorn in die Erde legen mußte; aber der Saame wird herrlich aufgehen. So laut schreit das vergos¬ sene Blut, daß es der taube Himmel selbst hört, und Gott schicken wird, wenn auch zu spät zur Hülfe, doch nicht zu spät zur Rache. Nichts Schlimmes ahndend ging ich gestern Nachmittag, das Modell von Petersburg zu sehen, das hier gezeigt wird. Ich be¬ wunderte die herrliche Straße, die prächtigen Palläste dieser schönsten Stadt der Welt. Ich stellte mich vor den Pallast des Kaisers und dachte: da sitzt er, und wartet ungeduldig auf das letzte Röcheln eines geschlachteten Volks. Von dort hatte ich nur einige Schritte zur Börse. Ich trat hinein und erfuhr das Entsetzliche. Bei allem meinem Gram erquickte mich die Schadenfreude, die ich über die Kaufleute empfand. Das französische Papiervolk ist so jammervoll und jämmerlich als das deutsche. Diese Blut- und Schwei߬ krämer waren nach den polnischen Nachrichten wie zwischen Hund und Wolf. Sie wußten nicht, wo hinaus. Eine unterdrückte Empörung, eine besiegte Freiheit machte ihnen Freude; aber dann bedachten sie wieder, daß der Sieg der Russen einen Krieg mit Frankreich und den Renten wahrscheinlich mache, und da gingen sie umher, mit einer rothen und mit einer bleichen Wange. Es war zu schön. Ein und vierzigster Brief. Paris, Freitag, den 11. März 1831. Noch immer weiß man nichts Entscheidendes von Polen; die neuesten Nachrichten haben den Schrecken der früheren sehr gemildert. Aber ich kann mich nicht darüber freuen. Mögen die Polen sich noch einige Tage hinhalten zwischen Leben und Tod, ster¬ ben müssen sie doch. Die Trauer in Paris ist nicht zu beschreiben, so tiefe Empfindung hätte ich dem Volke nicht zugetraut. Gestern sind funfzehn¬ hundert junge Leute mit Trauerfahnen durch die Stadt gezogen. Dem russischen Gesandten wurden die Fenster eingeworfen. Was kan das aber nützen? Es schadet eher. Die Feigheit der Machthaber wird sich jetzt in angstzitternden Entschuldigungen erst recht kund geben. Kein Kind fürchtet so den Schornstein¬ feger als Philipp den Nikolaus fürchtet. Die Re¬ gierung wird alle Tage erbärmlicher; es macht einen ganz irre. Man weiß nicht mehr, wächst die Zeit oder wird die Regierung kleiner; das Mißverhältniß zwischen beiden steigt mit jeder Stunde. Jetzt, da der Krieg immer wahrscheinlicher wird, immer näher kommt; jetzt, da die Begeisterung des Volkes allein Frankreich retten kann, fürchtet man dieses Feuer wie ein verzweifelter Hausvater, und gießt halb todt von Schrecken alles Wasser hinein, was nur zu ha¬ ben ist. In ihrer Angst spucken sie in den Brand. Man will ein friedliches, ein unglaubliches Ministe¬ rium bilden. Wenn der Jude Rothschild König wäre, und sein Ministerium aus Wechselmäklern bildete, es könnte nicht niederträchtiger regiert werden. Ich gebe dem Orleans keine zehen Sous für seine Krone. Pfui! was ist das für ein Treiben! Man will sich bis zum ersten Flintenschusse den Schein geben, als hätte man ernstlich den Frieden gewollt, wäre aber zum Kriege herausgefordert worden, und so verklause¬ lirt man sich auf die lächerlichste Weise vor Notar und Zeugen, damit man, wenn der blutige Prozeß beginnt, die gestempelten Beweisstücke vorzeigen, und sein Recht bei allen Instanzen verfolgen könne. Als würde der Civilrichter das Schicksal der Menschheit entscheiden! Und das thut der König des mächtigsten Volks der Welt, das Gesetze geben und nicht em¬ pfangen sollte! Frankfurt ist jetzt Paris um funf¬ zig Stunden näher. Und die deutsche Bundes-Ver¬ sammlung hält ihre Dummheiten wenigstens geheim. Ich wußte immer, daß wie hier so in allen Ländern Herz nur bei dem Volke zu finden; aber jetzt erfahre ich, daß auch der Verstand nur bei dem Volke zu suchen, und daß Regierungen, wie ohne Herz auch ohne Verstand sind. Manchmal dachte ich: es ist nur die Maske der Dummheit, es muß dahinter et¬ was stecken; aber jetzt sehe ich ein, daß die Dumm¬ heit ernstlich gemeint ist, und daß nichts dahinter steckt, als eine noch größere Dummheit. Mit Worten kann ich Ihnen den Eindruck nicht schildern, den Paganini in seinem ersten Conzerte ge¬ macht; ich könnte ihn nur auf seiner eignen Geige nachspielen, wenn sie mein wäre. Es war eine gött¬ liche, es war eine diabolische Begeisterung. Ich habe so etwas in meinem Leben nicht gesehen noch gehört. Dieses Volk ist verrückt und man wird es unter ihm. Sie horchten auf, daß ihnen der Athem verging, und das nothwendige Klopfen des Herzens störte sie und machte sie böse. Als er auf die Bühne trat, noch ehe er spielte, wurde er zum Willkommen mit einem donnernden Jubel empfangen. Und da hätten Sie diesen Todfeind aller Tanzkunst sehen sollen, in der Verlegenheit seines Körpers. Er schwankte umher wie ein Betrunkener. Er gab seinen eignen Beinen Fußtritte und stieß sie vor sich her. Die Arme schleuderte er bald himmelwärts bald zur Erde hinab. dann streckte er sie nach den Coulissen zu, und flehte Himmel, Erde und Menschen um Hülfe an in seiner großen Noth. Dann blieb er wieder stehen mit aus¬ gebreiteten Armen und kreuzigte sich selbst. Er sperrte den Muud weit auf, und schien zu fragen; gilt das mir? Er war der prächtigste Tölpel, den die Natur erfinden kann, er war zum Malen. Himm¬ lisch hat er gespielt. In Frankfurt hatte er mir bei weitem nicht so gut gefallen; das machte die Umge¬ bung. Ih hörte mit tausend Ohren, ich empfand mit allen Nerven des ganzen Hauses. In seinen Variationen am Schlusse machte Paganini Sachen, wobei er lachen mußte. Nun möchte ich wissen, ob er über das närrische Publikum gelacht, oder ob er sich selbst Beifall zugelacht, oder ob er sich ausgelacht. Das Letztere ist wohl möglich, denn es schienen mir große Kindereien zu seyn. Die Pariser Zeitungs¬ schreiber sind noch gar nicht zur Besinnung gekom¬ men; diese Wort-Millionäre wissen zum Erstenmale nicht, was sie sagen sollen. Nur einige Seufzer und große Redensarten haben sie einstweilen in die Welt geschickt, und versprechen umständliche Kritik auf spä¬ tere Tage. Das Erhabenste, was über Paganini gesagt worden, ist: man habe zwei Stunden lang die Polen vergessen. Er habe la figure la plus méphistopholique du monde , so daß eine Dame, als sie ihn erblickte, einen fürchterlichen Schrei aus¬ stieß. Der große Violinspieler Baillot wurde von Madame Malibran gefragt, was er von Paganini denke. Er antwortete: Ah! Madame, c'est mira¬ culeux, inconcevable, ne m’en parlez pas, car il y a de quoi rendre fou. Glückliches Volk, die Pariser! Alles fällt auf sie herab, alles strömt ih¬ nen zu. Glück, Jammer, Reichthum, Armuth, Ita¬ lien, Thränen, Paganini, Polen — und sie mengen und mischen das unter einander, und zuletzt wird's immer ein Punsch. Gestern Mittag wohnte ich einem Conzerte bei, das in der königlichen Singschule von Knaben und Mädchen von 6 bis 16 Jahren aufgeführt worden. Man gab ein Oratorium von Hendel, Samson , Text von Milton, und die Schlacht von Marig¬ nan , ein Kriegsgesang. Diese Schlacht hat Franz l . im Jahre 1515 über die Schweizer gewonnen, und in dem nehmlichen Jahre hat Clement Jennequin die Cantate componirt. Man hörte also eine drei¬ hundertjährige Musik. Höchst originell! Aber ich Musik-Ignorant kann Ihnen das nicht vorstellig ma¬ chen. So viel merkte ich wohl, daß diese Musik drei Jahrhunderte von Rossini entfernt ist, aber lange nicht so weit von Weber. Der Freischütz mag wohl viel altdeutsches haben. Diese Singschule hieß vor der Revolution im Juli: Institution royale de musique réligieuse; aber seitdem hat man sie, ob zwar ihre Bestimmung für die Bildung zur Kirchenmusik die nehmliche geblieben, Institution royale de musique classique genannt. Wie gefallen Ihnen meine Franzosen? Gestern Abend war ich auf dem Maskenball der großen Oper. Es war da sehr voll und sehr langweilig, wenigstens für mich und die Gends'armen, die wir die einzigen tugendhaften Personen im gan¬ zen Hause waren. In allen Theatern waren Mas¬ kenbälle, und alle sehr besucht — zur Todesfeier für die Polen ! — Vor einigen Tagen wurde bei den Italienern eine neue Oper, Fausto , aufgeführt nach Goethe's Faust bearbeitet. Der Componist ist eine Componistin, Demoiselle Bertin , ein junges Frauenzimmer, Tochter des Redakteurs des Journal des Debats. Die königliche Familie kam zur ersten Vorstellung; denn das Journal des Debats ist ein ministerielles Blatt. Die Musik ist einigemale nicht langweilig, und wer noch nicht ganz todt ist, erholt sich da wieder. Die schönsten Gedanken kommen der Componistin erst am Schlusse der Oper, wahr¬ scheinlich wegen der weiblichen Postscripten-Natur. Die letzte Scene, Gretchen im Kerker, macht guten Eindruck. Aber es wollte mir nicht aus dem Kopfe, daß ein Frauenzimmer diese Musik gemacht, und wenn im Orchester Hörner und Pauken mächtig erschallten, mußte ich jedesmal lachen. Den Text hat sie sich auch selbst zugerichtet. Man muß das freilich nicht so genau nehmen; aber komisch ist es doch, wenn Gretchen noch um 9 Uhr unschuldige Jungfrau war, und schon um 11 Uhr als Kindesmörderin im Ge¬ fängniß sitzt; das ist zum Lesen aber nicht zum Dar¬ stellen. Ich habe mir vorgenommen, in den wenigen Wochen, die ich noch hier bleibe, alle Theater zu besuchen, von welchen ich mehrere noch gar nicht kenne, und alle Stücke zu sehen, die diesen Winter neu verfertigt worden. Aber ich werde hingehen, schlenkernd, und verdrießlich, wie ein Bübchen in die Schule geht. Es ist so weit und ich sehe lieber zu auf der Gasse spielen, wo keiner seine Rolle verdirbt, und man immer bequem Platz findet. Doch es ist lehrreich und ich darf es nicht versäumen. Da wird einem alles vor die Augen und Ohren vorbeigeführt, was den Franzosen seit einem Jahre durch Kopf und Herz gegangen — Großes und Gemeines, Edles und Schlechtes, Hoffnungen und Täuschungen, Wünsche und Verwünschungen, Spott, Tadel, Dummheiten, alles, und die ganze Geschichte seit vierzig Jahren. Jeder Held, jedes Schlachtopfer der Revolution wurde auf die Bühne gebracht. Napoleon mit sei¬ ner Schaar; Robespierre, die Kaiserin Josephine, Eugen Beauharnois, die Brüder Foucher, der Herzog von Reichstadt, die unglückliche Lavalette, Marschall Brüne, Joachim Mürat, seit kurzem die Dübarry. Ueber alle diese und noch viele mehr gibt es Thea¬ terstücke. Ich entsetze mich, wenn ich bedenke, was ich mich in Paris noch zu amüsiren habe! — Ich er¬ halte so eben Ihren Brief, und gleichzeitig bringt mir ein Freund die neueste preußische Staatszeitung. Gönnen wir den Papier-Spitzbuben ihre letzte Be¬ trunkenheit, der Henker wird sie bald holen. Aber wegen der Polen wollen wir uns keinen täu¬ schenden Hoffnungen überlassen. Ich danke dem St. für seine Nachrichten; aber daß sich die Russen zurückziehen, beweis't keineswegs etwas zu ihrem Nachtheile. Sie wollen die polnische Armee, nehm¬ lich den armen Rest derselben von Warschau abziehen, und Warschau wird den Barbaren doch nicht entge¬ hen. Es müßte ein Wunder geschehen, die Polen zu retten. Aber was liegt dem Himmel an einem Wunder mehr? Ist die Tapferkeit der Polen nicht selbst ein Wunder? Der Krieg ist jetzt hier so gut als entschieden. Italien gab den Ausschlag, der heutige Moniteur enthält die Ordonnanz, daß 80,000 Mann sich marschfertig halten sollen. Wenn Sie heute oder morgen hören, daß hier ein noch schläfri¬ geres Ministerium als das bisherige gebildet worden, soll Sie das nicht irre machen, es gibt doch Krieg. Man will nur etwas Wasser in den Wein gießen, das er den Franzosen nicht zu sehr in den Kopf steige. Samstag, den 12. März. Man fängt, wie ich merke, schon wieder an, das deutsche Volk einzuheizen, damit es seine Für¬ sten warm haben, wenn das französische Schneege¬ stöber über sie kommt. Die alte Komödie von 1814 und 15 neu einstudirt. Sie schleppen mächtige Klötze herbei, und häufen, Nationalgefühle , Bundestreue , festen Zusammenhang , Ehre , Widmung , Tugend , Vaterlandsliebe , Mont- Martre-Erinnerungen , als Reiserbündel haus¬ hoch über einander. Der breite eiserne deutsche Ofen wird herhalten und sich geduldig vollstopfen lassen, wie das vorige Mal, und glühen und roth werden vor Zorn gegen die Franzosen. Görres der „ alte und ächte Freund und Hoheprester der Freiheit “ wie er sich selbst nennt, schreibt in der allgemeinen Zeitung vaterländische Briefe , von welchen mir erst der Anfang unter die Augen gekom¬ men. Das Zeug da oben, das ich unterstrichen, ist schon darin. Ich zweifle nicht, daß die Narren sich zum Zweitenmale werden zum Besten halten lassen. Aber wenn es geschiehet, dann wird kein Engel im Himmel so weich, nachsichtig oder mitleidig seyn, über die betrogenen Thoren zu weinen. Lachen wird der ganze Himmel, und Gott selbst wird lachen und wird in der besten Laune französisch zu sprechen anfangen und sagen: quelle grosse bête que ce peuple alle¬ mand ! und wird in die Oper gehen und sich gar nicht darum bekümmern, wenn die undankbaren Fürsten ihre Erretter zum Zweitenmal nach Amerika verbannen, oder in Köpenik und Magdeburg einsperren. Aber beim Himmel! Wenn es zum Kriege kömmt, und Görres, Arndt und die übrigen deutschen Kapuziner fangen ihre alten Litaneien zu plärren an, dann will ich doch ein Wort mitsprechen, und wir wollen sehen, welcher Stahl bessere Funken giebt. Jetzt gilts! Wird Deutschland diesmal nicht frei, gehet ihm wieder ein ganzes Jahrhundert verloren. Wenn Sie lesen: Odillon-Barrot, Mauguin, Lamarque sind Minister geworden — das sind die Männer, welche der Revolution vom Juli treu ge¬ blieben und sie begleiten wollen bis zum Ziele — dann packen Sie gleich ein und reisen nach Paris, ehe die Grenzen gesperrt werden; denn alsdann ist der Krieg gewiß und nahe. Aber wahrscheinlich wer¬ den Sie nichts davon lesen, sondern Casimir Perrier II. 10 und andere Zitterer werden an das Steuer kom¬ men, bis der Sturm losbricht. Adieu! und die Handelskammer soll Asche auf ihr Haupt streuen, und soll fasten (jetzt kann sie es noch freiwillig ) und soll sich neun und dreißig Rie¬ menhiebe geben lassen; denn Jerusalem wird unter¬ gehen. O wai geschrien! Zwei und vierzigster Brief. Paris, Dienstag, den 15. März 1831. — Nun, Lafitte ist jetzt auch aus der Regie¬ rung getrieben, der erste und letzte Mann der Revo¬ lution. Und die Narren hier reden sich jetzt ein, Casi¬ mir Perrier würde ihnen Rosen und Veilchen pflan¬ zen, und sie würden ein Schäferleben führen, und den ganzen Tag oben auf dem reinen Hügel der Renten stehen, und singen und hinabschauen in das grüne Thal, wo das grasende Lämmervolk springt Teufel! In Deutschland war ich schon längst der einzige gescheidte Mensch; das war mir lästig und ich ging darum nach Frankreich. Und mit Aerger sehe ich jetzt ein, daß ich hier auch der einzige ge¬ scheidte Mensch bin. Wo flüchte ich mich hin? Wo 10 * finde ich Verstand? Und wissen Sie, warum ich allein klug bin unter so vielen Narren? Weil ich an Gott glaube, und an die Natur, und an die Anatomie, und an die Physiologie; und die Andern verlassen sich auf Menschen, und auf ihre Künste, und auf die Polizei. Ich weiß freilich nicht, wie die, welche einen politischen Barometer in ihrem Kabinette haben, ob morgen gutes oder schlechtes Wetter seyn wird; aber ich weiß: im Winter ist es kalt und im Sommer ist es warm. Meine Briefe werden für oder gegen mich zeugen. Nicht. ... Nach dem Nicht bekam ich Besuch, der eine halbe Stunde dauerte, und jetzt habe ich vergessen, was ich sagen wollte. Aber kurz, ich bin Paris überdrüssig. Soll ich in Dummheit leben, so sei es wenigstens in meiner Vaterländischen. Da ist doch Genie darin; hier aber pfuschen sie nur, und bringen mit dem schlechtesten Willen doch nichts Schlechtes zu Stande. — Herr * * * hat mir erzählt, unter den Frank¬ furter Juden wäre eine Insurrektion gegen ihren Ver¬ stand ausgebrochen, Sie wollen Rechenschaft über die Finanzverwaltung haben, und so lange diese nicht abgelegt würde, keine Gemeinde-Steuern bezahlen. Das ist ja sehr lustig! Wer sind denn die jüdischen 221, und wer ist der jüdische Polignac? Ich meine, das müßte den Krieg entscheiden. Europa wird doch endlich einsehen, daß keine Ruhe ist, so lange Frank¬ reich besteht. Wenn sogar die Juden wanken, der Throne feste Säulen, worauf kann ich noch bauen? Die vermaledeyte Preßfreiheit ist schuld an allem. — Ein Bankier sagte mir neulich, Lafitte habe dreißig Millionen gehabt, und jetzt sey er zu Grunde gerichtet. Wenn sich der Friede erhält und die Staats-Effekten wieder zu Werthe kommen, wird ihm höchstens eine Million übrig bleiben; wenn nicht, nicht so viel, daß er seine Gläubiger befriedigen kann. Lafitte ist ehrenvoll gefallen, er hat sein Vermögen dem Staate aufgeopfert. Er hat es immer gesagt, er setze allen seinen Reichthum daran, die Bourbons zu stürzen, und er hat es gethan. Durch eine gro߬ müthige Neigung ohnedies getrieben, leistete Lafitte aus Politik jedem Hülfe, der ihn um Beistand an¬ sprach. Er wollte sich dadurch Anhänger erwerben, um sie zu Feinden der Bourbons zu machen. Wer in Frankreich irgend ein Gewerbe, einen Handel, eine Fabrik unternehmen wollte, benutzte Lafitte's Capitalien. Durch die Revolution wurden alle jene Schuldner unfähig zu bezahlen, und so ist Lafitte zu Grunde gegangen. Rothschild aber wird bestehen bis an den jüngsten Tag — der Könige. Welch ein Ultimo! Wie wird das krachen. — Ich habe meine theatralische Laufbahn an¬ getreten, nehmlich mein Laufen in die Theater. Die Beine sind mir noch steif davon. Erst wird man müde vom Gehen, dann wird man müde vom Ste¬ hen, dann wird man müde vom Sitzen. Aber ein¬ schlafen thut man doch nicht. Es ist eben die liebe Natur, die man nimmt, wie sie sich gibt; von der Kunst aber verlangt man mit Recht, sie solle schön und gefällig seyn. Ein lebendiger Esel ist mir lieber als ein todter Löwe, eine gebratene Kartoffel lieber als eine unreife Ananas, ein munterer Taugenichts lieber als ein schläfriger Hofrath — und was ich Ihnen sonst noch sagen könnte, um zu entschuldigen, daß mir das Pariser Theater besser gefällt als das Berliner, worüber sich Herr von Raumer, wie ich hoffe, ärgern wird, wenn er es erfährt. Aber gott¬ loses Zeug; gräulich gottlos! Und wenn man ins Theater kommt mit Jehova, Christus und Mahomet, und mit dem ganzen Olymp, und mit allen Heiligen im Herzen, gehet man hinaus, ist keiner mehr da, Alle weggelacht, und ich glaube die Gottheiten und Götter, sie lachen im Stillen selbst mit. Sie wissen, wie ich über Religion gesinnt bin. Ich denke: wer so unglücklich ist an keinem Gott zu glauben, ist nicht ganz unglücklich, so lange er noch an den Teufel glaubt, und wer an keinen Teufel glaubt, wäre noch unglücklicher, wenn er an keine Pfaffen glaubte. Nur glauben! Was ist selbst der glücklichste Mensch ohne Glauben? Eine schöne Blume in einem Glase Wasser, ohne Wurzel und ohne Dauer. Aber was geht mich der Unglaube der Andern an? Ich lache und denke; ich habe meinen Gott, sehet zu, wie ihr ohne ihn fertig werdet, das ist euere Sache. Ich habe nie begreifen können, wie gläubige Menschen so unduldsam seyn mögen gegen ungläubige. Es ist auch nur Adel- und Priesterstolz. Die Frommen sehen den Himmel für einen Hof an, und blicken mit Verachtung auf alle diejenigen herab, die nicht hof¬ fähig sind wie sie. Darum erquickt es mich, wenn in den neuen französischen Volks-Souverainen und Zensurfreien Theaterstücken, die Geistlichkeit, die schwarze Gendsarmerie und geheime Polizei der Für¬ sten, so geneckt und gehudelt wird. Es ist eine Schadenfreude, daß man jauchzen möchte. Und was thut man ihnen denn? Sie werden micht gemartert, nicht verbannt, nicht eingekerkert, nicht verflucht, durch keinen Höllenspuk geängstigt; man nimmt ihnen keine Zehenten ab, man macht sie nicht dumm; man lacht sie nur aus. Wahrlich die Rache für tausend Jahr erlittener Qual ist mild genug! Es ist aber auch eine Lebensfreudigkeit eine frisch quellende Natur in den Pariser Schauspielern, so oft sie Geistliche vor¬ stellen, daß man deutlich wahrnimmt, wie ihnen al¬ les aus der Brust kommt, und wie sie gar nicht spie¬ len, sondern wie das Herz mit ihnen selbst spielt. Die Tartüff-Natur können sie auswendig wie das Ein-mal-Eins. Die Pfaffenheuchelei in ihren feinsten Zügen, zeichnen sie mit geschlossenen Augen. Und doch muß ich zu ihrem Ruhme sagen, daß sie keine Bosheit in die Rolle bringen. Sie betragen sich als großmüthige Sieger, entwaffnen den Feind, thun ihm aber nichts weiter zu Leide. — Im Theatre de l’Ambigüe habe ich drei Stücke gesehen, die mich auf diese Gedanken gebracht. Das erste heißt la papesse Jeanne . Der Ti¬ tel allein macht schon satt. Jahrhunderte lang glaubte die Welt, es wäre einmal eine Frau Papst gewe¬ sen, und das Geheimniß sei erst entdeckt worden, als der heilige Vater in die Wochen gekommen. Das ist die berühmte Päpstin Johanna . Neue Histori¬ ker haben die alte Geschichte für ein Mährchen erklärt. Aber was ändert das? Die Hauptsache bleibt im¬ mer wahr. Man hatte eine solche Vorstellung von der Verdorbenheit der päpstlichen Kirche, daß man das Mögliche für wirklich hielt. Diese Päpstin tritt im Vaudeville auf. Anfänglich ist sie erst Cardinal. Eine lange prächtige Frauensperson in Weiberkleidern, ist allein mit ihrem Kammermädchen, und lachen die Beide und machen sich lustig über die Cardinalität unter der Haube und unter der rothen Mütze, daß die Wände zittern. Die Cardinalin Jeanne erzählt ihre frühere Geschichte. Sie war mit einen Kreuz¬ fahrer als dessen Ehefrau in den heiligen Krieg ge¬ zogen. Dort verlor sie im Gedränge ihren Mann, und wurde als leichte Waare von einem Pascha, von einem Kreuzritter dem andern zugeworfen. Sie kam als Mann verkleidet nach Rom, trat in den geistli¬ chen Orden, und als sie es durch pfäffische Geschmei¬ digkeit so weit gebracht, daß sie nichts mehr roth machen konnte, als der Purpur, bekam sie ihn. Die Cardinälin gehts ins Seitenzimmer, sich als Mann umzukleiden. Unterdessen tritt ein alter Cardinal herein, tändelt mit dem Kammermädchen und macht ihm Liebeserklärungen. Jeanne erscheint im rothen Ornate. Wechselseitige Heuchelei und christliche Bruderliebe der beiden Cardinäle. Der männliche Cardinal geht fort, und dem weiblichen wird ein Kreuzfahrer gemeldet, der aus dem gelobten Lande kömmt. Ein gemeiner Reiter tritt herein, ein gehar¬ nischter Lümmel, sieht dem Cardinal ins Gesicht, und schreit: meine Frau ! Meine Frau Cardinal ! Der Kerl möchte sich todt lachen. Die erschrockene Johanna bittet um Gottes willen, sie nicht zu ver¬ rathen. Er gelobt Verschwiegenheit für vieles Geld und vielen Wein. Er bekömmt beides, und betrinkt sich. In diesem Zustande vergißt er sein Wort, und ruft in einem fort: meine Frau Cardinal ! und lacht unbändig. In dieser Lage der Dinge kom¬ men sämmtliche Cardinäle herein, um Johanna in das Conclave abzuholen, wo ein neuer Papst gewählt werden soll. Sie hören die wunderlichen Reden des Soldaten, werden argwöhnisch, und dringen in ihn, zu erklären, wer von ihnen eine Frau und seine Ehe¬ hälfte wäre. Der Soldat bekömmt einen verstohle¬ nen Wink von Johanna, den er versteht. Er stürtzt mit ausgebreiteten Armen auf den ältesten und gar¬ stigsten Cardinal los, fällt ihm um den Hals, küßt ihn und schreit: „Du bist meine Frau! Kennst Du mich nicht mehr liebe Sophie?“ Die andern Car¬ dinale stellen sich als glaubten sie das, denn gerade derjenige von ihnen, den sich der Reiter zur Frau gewählt, hat die meiste Aussicht, Papst zu werden, und sie möchten ihn beseitigen. Sie sperren den Verräther ein, und eilen in das Conclave, wo Jo¬ hanna zum Papst gewählt wird. Der heilige Vater und die Cardinäle singen die schönsten und erbaulich¬ lichsten Lieder, der Kreuz-Soldat wird zum Haupt¬ mann der päpstlichen Leibwache ernannt, und die Ge¬ schichte ist aus. Nutzanwendung: Wer den Schaden hat, braucht nicht für den Spott zu sorgen. Das zweite Stück war Joachim Mürat , König von Neapel, eine Biographie mit Musik und Dekorationen. Die dramatische Kunst, wenn hier je nach so etwas gefragt werden darf, hatte dabei nicht die geringste Arbeit; man brauchte blos die Erinne¬ rung auszustopfen, und Mürat stand da, wie er lebte. Er war ein schöner Mann, hatte den Anstand eines guten Schauspielers, liebte den Putz, und war tapfer wie ein edler Ritter. Dabei ein vortrefflicher Fürst, der sein Land gut regierte und es glücklich ge¬ macht hätte, hätten es die Pfaffen und der heilige Januarius zugegeben. Auf der Bühne geht sein Le¬ ben mit solcher Schnelligkeit an uns vorüber, daß uns schwindelt. Im ersten Acte ist er Zögling in einer geistlichen Schule, in zweiten Husar, im drit¬ ten König, im vierten wird er todt geschossen. Aber wie todt geschossen! Das Kriegsgericht des dum¬ men Ferdinands von Neapel, ein Banditen-Gericht mit Floskeln, verurtheilt Mürat. Er stellt sich vor die Soldaten, kommandirt Feuer und stürzt hin. Das geschieht wie die wahre Geschichte im Zimmer . Man wagte es nicht im Freien, Gott sollte es nicht sehen. Es ist entsetztlich! Die Pariser Melodra¬ men-Dichter sind wahre Kannibalen, Menschenfresser, sie reißen einem das Herz aus dem Leibe. Das Ohr kann nicht gerührt werden von solchem dummen Zeug; aber die Augen müssen doch weinen, wenn sie offen sind. Lustig ist der erste Act, wo Mürat im Semi¬ narium als junger Abbé auftritt. Ganz schwarz un¬ ter lauter schwarzen Kameraden, blickt Mürats rosen¬ rothes lebensvolles Gesicht, aus der dunkeln Kleidung gar angenehm hervor, Himmel! was werden da für Streiche gespielt, von den alten und von den jungen Geistlichen, von den heimlichen und von den öffent¬ lichen Taugenichtsen! Man könnte zehn Christen¬ thümer damit zu Grunde richten. Wir sahen auch die Prozession des heiligen Januaris in Neapel. Als die Franzosen Neapel eroberten, wurde von ihnen die Statue des heiligen Januarius, der Schutzgott des Volkes, in das Meer gestürzt. Mürat ließ sie spä¬ ter wieder herausfischen, aber die Nase fehlte. Dar¬ über war das Volk trostlos. Der Erzbischof war einverstanden mit König Mürat. Als nun der hei¬ lige Januarius ohne Nase auf dem Markte aufgestellt war, stürzten Fischer herbei und berichteten mit un¬ beschreiblichem Entzücken, sie hätten so eben die Nase auf dem Boden des Meeres wiedergefunden. Sie wird dem heiligen Januarius anprobirt, und sie paßt vollkommen und bleibt sitzen. Der Erzbischof schreit: Mirakel! und das Volk: es lebe Joachim! Dabei erinnerte ich mich in Flagoletta gelesen zu haben, daß, als die Franzosen nach Neapel kamen, das Blut des heiligen Januarius zur gehörigen Zeit nicht flie¬ ßen wollte. Das entsetzte Volk in der Kirche drohte aufrührerisch zu werden. Da nahte sich ein franzö¬ sischer Offizier unter Lächeln und Bücklingen dem fungirenden Erzbischofe, zeigte ihm eine kleine Pistole in seinem Rockärmel, und sagte ihm freundlich: hei¬ liger Bischof! haben Sie die Gefälligkeit, das Blut fließen zu machen, sonst jage ich Ihnen eine Kugel durch den Kopf. Der Bischof verstand den Wink und das Blut floß auf's Schönste. — Die dritte Komödie war: Cotillon III, ou Louis XV chez Madame Dubarry . Es hat mich angenehm überrascht, in diesem kleinen artigen Dinge keine betrübte Kritelei der alten Zeit zu finden; man wird das endlich satt. Im Gegentheil, alle Perso¬ nen, selbst Ludwig XV . und der alte Erzbischof von Paris werden liebenswürdig dargestellt. Der Letz¬ tere erscheint bei der Morgentoilette der Dubarry, hilft ihr beim Ankleiden, und kniet nieder, ihr die Schuhe anzuziehen. Er ist sehr galant und hofft bald Cardinal zu werden. Den leichten Fächerschlag mag die katholische Geistlichkeit hinnehmen; das ist doch kein grausames Spießruthenlaufen wie in der pa¬ pesse Jeanne . Ich glaube Friederich der Große war es, welcher der Dubarry, als der dritten Mai¬ tresse Ludwigs XV . , den Namen Cotillon III . gege¬ ben. Die erste Maitresse nannte er Cotillon I , die zweite (Frau von Pompadour) Cotillon II . Der Erzbischof sagt in einem Vorzimmer der Dubarry zu einem tugendhaften jungen Secretär: Sous la Du¬ chesse de Chateauroux , Cotillon I , je n'étais qu'abbé ; je voulus m'amuser à faire de la mo¬ rale, on m'envoya dire ma messe. Sous ma ¬ dame de Pompadour, Cotillon II, je fus beau¬ coup plus indulgeant, on me fit évêque; sous madame Dubarry, Cotillon III, je suis archévêque, et le chapeau de Cardinal n'est suspendu que par un fil au-dessus de ma tête. Vienne un Cotillon IV, et je suis pape. Drei und vierzigster Brief. Paris, Donnerstag, den 17. März 1831. Heute sind es sechs Jahrhunderte, daß ich in Paris bin. Der Kalender, der Pächter, und alle, welche Hausmiethe zu bezahlen oder zu fordern ha¬ ben, werden zwar behaupten, es wären erst sechs Monate; aber wie ist das möglich? Hätte ein en¬ ges halbes Jahr all die großen Begebenheiten fassen können? Auch behaupten die Herren Schneider, die Zeit wäre wirklich geplatzt, und sie kommen alle berbei , sie mit ihren alten gestohlenen Lappen wieder zu flicken. Ich wollte, ich hätte eine Krone, ich würde mir einen schönen Reisewagen dafür kaufen, wenn ich ja in Paris einen Narren von Sattler fände, der das für baares Geld nähme. Was fange ich mit meiner Krone an? Soll ich Ihnen eine Kette davon machen lassen? Aber Sie trügen sie nicht, denn die Blutflecken sind nicht heraus zu brennen. — Gestern kamen Nachrichten, die Oesterreicher wären in Bologna und Reggio eingezogen, und hät¬ ten dort die ganze Nationalgarde niedergemetzelt das heißt: alle reichen, vornehmen und edlen Bür¬ ger. O und Ach! O und Ach! und wenn Shakespeare wieder käme, er könnte nichts Besseres sagen, als O und Ach! Darum will ich es dabei bewenden lassen. — — Ich sah gestern Ferdinand Cortez in der großen Oper. Das war, nach allen den Mehl- und Fleischspeisen, welche uns die königliche Akademie der Musik diesen ganzen Winter aufgetischt, einmal Rostbeaf mit englischem Senf. Auch sagte mir mein französischer Nachbar schon vor der Ouvertüre, die Musik wäre sehr langweilig. Aber ich fand das gar nicht. Im Gegentheile, sie gibt uns nur zu viel Beschäftigung. Der Ausdruck der glühenden Leidenschaft ist zu stark, zu anhaltend; das brennt uns gerade über den Scheitel, und nirgends ein küh¬ les Plätzchen. Das Haus war ungewöhnlich voll, aber wie mein Nachbar war alle Welt nur gekom¬ men, das nachfolgende Ballet zu sehen. Ich ballte schon zum voraus die Fäuste, denn ein Ballet bringt mich immer in den heftigsten Zorn in einen wahren Bierhaus-Zorn. Ich möchte den Tänzern und Tän¬ zerinnen Arm und Beine entzwei schlagen, wenn sie wie toll unter einander springen, und man recht deut¬ lich wahrnimmt, wie keiner weiß, was er fühlt, was er denkt, was er thut, wo er hin will; wenn sie sich auf ein Bein stellen, das andere in die Luft kreuzend, und so einen Wegweiser bilden; wenn sie sich wie gepeischte Kreisel drehen, und mit ihren Füßen lächerliche Triller schlagen — dann verliert man alle Geduld. Darauf war ich vorbereitet, und wurde angenehm überrascht. Das Ballet war wun¬ derschön. Es sind Gedanken, Gefühle und Hand¬ lungen darin, wie sie sich für diese zarte Kunst schicken. Ich meine, man sollte nichts anderes tan¬ zen, als was man auf der Flöte spielen darf. Donnerwetter in den Beinen, Husarentänze, Trom¬ petensprünge — das ist gar zu lächerlich. Man gab Flore et Zéphire, ballet anacréontique . Dieses Beiwort, und daß die Composition gefällig war, scheint mir zu beweisen, daß es ein altes II . 11 Ballet ist, aus der schönen Zeit vor der Sündfluth. Seit der Revolution ist in Frankreich die Tanzkunst sehr in Verfall gekommen, und ich kann mir das erklären. Früher war das gesellige Leben in Frank¬ reich selbst ein beständiges Tanzen. Jede körperliche Bewegung war abgemessen, anständig, würdig und geschmackvoll, nach dem Geschmacke der Zeit. So fand die Tanzkunst, die ein ferneres Ziel hat als die Tanznatur, ehe sie ihre Laufbahn begann, den halben Weg schon zurückgelegt. Jetzt aber ist das ganz anders. Da alle Stände gleich sind, in der öffentlichen Achtung wie vor dem Gesetze, bemüht sich keiner mehr durch ein feineres Aeußere zu zeigen, daß er einem höhern Stande angehört. Man sucht den Weibern nicht mehr zu gefallen, und mit der Zärtlichkeit ging bei den Männern auch alles Zarte verloren. Es ist unglaublich, mit welcher Unritter¬ lichkeit hier die Frauenzimmer von dem männlichen Geschlechte behandelt werden. Wenn nicht eine zu¬ fällige persönliche Neigung stattfindet, auf das Ge¬ schlecht als solches wird gar keine Rücksicht genom¬ men. Die jungen Leute treten mit weniger Umstän¬ den in eine Gesellschaft als in ein Kaffeehaus ein; kaum daß sie sich verneigen, viel, wenn sie grüßen. Haben sie mit der Frau vom Hause einige unhörbare Worte gewechselt, oder ihr eine Minute lang zuge¬ lächelt, ist ihre Galanterie erschöpft. Das ist sehr bequem, aber das Ballet muß dabei zu Grunde ge¬ hen. Das Tanzen auf den Bällen müßten Sie sehen. Es ist gar kein Tanzen, es ist nicht einmal rechtes Gehen. Vier Paare stellen sich einander gegenüber, reichen sich verdrießlich, und ohne sich da¬ bei anzusehen, die Hände, und schleichen so matt auf ihren Beinen herum, als wären sie erst einen Tag vorher von der Cholera morbus aufgestanden. An angenehme Touren, an Pas ist nicht zu denken. Ich kann Sie versichern, das ich mit meinen alten Pas vom Langerhans aus der Gellenhäuser-Gasse in Paris Aufsehen machen würde. Zu spät fiel mir ein, wie dumm ich gewesen, daß ich auf dem großen Opernball, wo ich von der Hitze und dem Gedränge so vieles auszustehen hatte, nicht getanzt. Man hätte mir, wie jedem Tänzer Platz gemacht, und ich hätte mich ausruhen können, vom Gehen und vom Nichttanzen. Auch habe ich mir fest vorgenommen, wenn ich hier wieder in ein solches Ballgedränge komme, mich in eine Quadrille zu flüchten, und dort das Glück der Ruhe zu genießen. Nicht zu verges¬ sen, ich habe hier noch kein Frauenzimmer einen Knix machen sehen. O Zeiten! O Sitten! O ihr 11 * schönen Tage des Menuets! O Vestris! ... O verdammte Preßfreiheit! Wieder auf das Ballet zu kommen. Es treten darin alle Götter des Olymps auf. Bacchus, Flora, Zephyr, Venus, Amor, Hymen und auch einige bür¬ gerliche Gottheiten, die Unschuld, die Schamhaftigkeit. Ach! ich schäme mich's zu sagen, meine ganze My¬ thologie habe ich vergessen. Ich bin sehr alt ge¬ worden. In meiner Jugend kannte ich alle Götter und Göttinnen, so gut als ich meine Onkels und Tanten kannte. Ich wußte deren Namen, deren Würden und deren Aemter, deren Wohnungen, wußte wie sie gekleidet waren, und kannte deren ganze Le¬ bensgeschichte. Jetzt, nichts mehr. Zephyr, weil er Flügel auf dem Rücken trug, sah ich für Amor an. Zwar fiel mir etwas auf, daß er ein so langer Mensch war; aber ich dachte: ich habe Amor seit zwanzig Jahren nicht gesehen, und er kann wohl unterdessen gewachsen seyn. Daß Hymen, Bacchus, Venus mittanzen, sah ich aus dem Programm; aber ich konnte sie nicht von einander unterscheiden. Die beiden Hauptrollen, Flora und Zephyr, waren vor¬ trefflich besetzt, und weit davon entfernt, meinen aus¬ gesprochenen Tadel zu verdienen. Besonders Flora entzückte mich. Eine bezaubernde Grazie, und eine Mäßigung in allen Bewegungen, bei so großer Be¬ weglichkeit, die ich noch bei keiner Tänzerin gepaart gefunden. Sie umgaukelte sich selbst, und war zu¬ gleich Blume und Schmetterling. Sie bewegte sich eigentlich gar nicht; sie erhob sich nicht, senkte sich nicht; sie wurde hinauf und herab gezogen, Luft und Erde stritten sich um ihren Besitz. „Wer ist diese Tänzerin?“ — fragte ich meinem Nachbar in der Loge, einen Mann von funfzig Jahren, der sehr vor¬ nehm aussah. Er sah mich mit Augen an — aber mit Augen — und antwortete nach einigen Athem¬ zügen: mais ... c'est mademoiselle Taglioni! Hätte ich den Mann zwanzig Jahre früher bei einer Parade auf dem Marsfelde gefragt: wer ist der kleine Mann dort zu Pferde, im grauen Ueberrocke und mit dem kleinen Hute? .. mit nicht größern Augen hätte er mich ansehen, nicht mit größere Ver¬ wunderung hätte er mir erwiedern können: mais ... c'est Napoléon ! Ganz recht hat der Herr, wenn er nur Geld genug hat. Kurz, das Ballet machte mir Freude. Aber zuletzt ward mir das Ding doch zu süß, und da warf ich spanischen Pfeffer hinein. Unter dem Tändeln, Kosen und Tanzen der olympi¬ schen Götter dachte ich an die polnischen Sensen¬ männer, welche die Köpfe der Russen, wie Schnitter das Getreide mähen. Gräßlich! zu gräßlich! Warum denken Sie immer an die Polen, warum trauern Sie nur für sie? Sind die Russen nicht beweinenswerther? Die Polen sterben den schönen Heldentodt, oder sie leben für die Freiheit. Der Russe zwischen grausame Sense und schimpfliche Knute gestellt, kämpt nur für eigne Sklaverei, unter¬ liegt wie ein Schlachtvieh, oder siegt wie ein Metz¬ gerhund, für seinen Herrn. Die Menschen zu Völkern vereinigt, sind dümmer, geduldiger als die Steine. Jeder Stein rächt sich, wenn ihn einer zu hart berührt, und versetzt seinem Beleidiger blutige Beulen; ein Volk aber, eine Alpenkette, läßt schimpf¬ lich mit sich kegeln, und hat es die Kegel erreicht und umgeworfen, läßt es sich geduldig in die höl¬ zerne Rinne legen, und eilt sehr, herabzurollen zu seinem Spielherrn, und läßt sich von neuem kegeln. Es ist zum Rasendwerden! Ich will nicht versäumen, Ihnen eine Stelle aus einem Briefe aus Warschau mitzutheilen, den gestern ein hiesiges Blatt enthielt. „Der öffentliche „Geist in Warschau ist herrlich; doch gibt es Men¬ „schen, die das Wohl ihres Kramladens dem des „Vaterlandes vorziehen. Das darf Sie aber nicht „in Verwunderung setzen, denn auf 140,000 Ein¬ „wohner unserer Haupstadt kommen 30,000 Juden „und 10,000 Deutsche. Diese Letztern ver¬ „stehen gar nicht , was das heißt , Vater¬ „land , weil sie vielleicht nirgends eines „haben . Sie kommen zu Tausenden nach Polen, „zehren von dessen Brode, und verlassen es, wenn „sie sich bereichert haben. Aber es hat keine „Gefahr mit ihnen ; es sind größtentheils „Leute von schwachem aber ehrsamem Cha¬ „rakter , und man braucht sie nur starr an¬ „zublicken , um ihrer Treue versichert zu „seyn . ... Was die jüdische Bevölkerung „betrifft , früher so schlecht , hat sie seit „dem 29 . November sehr große Fort¬ „schritte im Guten gemacht . Der Geist der „Verbrüderung fängt an , sie mit den wah¬ „ren Polen zu vereinigen , und ich kann „Sie versichern , daß , wenn die Vorsehung „unsere Waffen segnet , in einem Jahre „alle unsere Juden in Polen umgewandelt „seyn werden . “ Ist das nicht merkwürdig? Was, die schlechten, verachteten und die verächtlichen Juden, hinabgeknechtet seit zweitausend Jahren, brauchen nur ein einziges Jahr, um zum herrlichsten Volke der Erde, um Polen zu werden; nur ein ein¬ ziges Jahr, um die Freiheit zu verdienen, um zu erkämpfen, und sich ein Vaterland zu erwerben — und die so stolzen, herrischen Deutschen, welche prahlen, die Freiheit sei ihre Wiege gewesen, die auf die Juden mit solcher Verachtung herabblicken, haben noch und wollen kein Vaterland, haben noch und wollen keine Freiheit! Ich habe es ja immer gesagt, und wie ich glaube, auch drucken lassen: Türken, Spanier, Juden, sind der Freiheit viel näher als der Deutsche. Sie sind Sklaven, sie werden einmal ihre Ketten brechen, und dann sind sie frei. Der Deutsche aber ist Bedienter, er könnte frei seyn, aber er will es nicht; man könnte ihm sagen: scheer dich zum Teufel und sei ein freier Mann! — er bliebe und würde sagen: Brod ist die Hauptsache. Und will seine Treue ja einmal wanken, man braucht ihn nur starr anzu¬ sehen , und er rührt sich nicht! Ich habe mir vor Vergnügen die Hände gerieben, als ich das im pol¬ nischen Briefe gelesen. Dahin müßte es noch kom¬ men, diese erhabene Lächerlichkeit fehlte noch der deutschen Geschichte, daß einmal Juden sich an die Spitze des deutschen Volkes stellen, wenn es für seine Befreiung kämpft! .. Aber kennen Sie auch die neue Dresdner Constitution? Das Meißner Porzellan ist eine Mauer dagegen. Gelesen habe ich sie noch nicht, man erzählte mir nur etwas da¬ von. Das Wenige machte mich schon lustig, und ich sang den Vogelfänger, bis ich zu fluchen anfing. Stets lustig, heisa hopsasa ... hol euch der Teufel! — — Freitag, den 18. März. Gestern war nach langer Zeit der Z. einmal wieder bei mir, blieb aber nicht lange. Ich hörte etwas von ihm, was euch in Frankfurt gar nicht gleichgültig sein kann. Ich erinnere mich nicht, ob ich es Ihnen schon früher mitgetheilt, daß mir wäh¬ rend meines Hierseyns Aeußerungen von französischen Offizieren hinterbracht worden: daß, wenn sie der Krieg einmal wieder nach Frankfurt brächte, sie sich für die Mishandlungen, die sie dort bei ihrem Rück¬ zuge 1814 hätten erleiden müssen, fürchterlich rächen wollten. Nun erzählte mir Z., er habe einen Tag vorher mit einem General gegessen, der habe das Nehmliche geäußert und hinzugefügt, er habe dem Kriegsminister Marschal Soult schon den Vorschlag gemacht, Frankfurt hundert Millionen Contribution bezahlen zu lassen. Erzählen Sie das aber nicht weiter, ehe Sie meine Stadt-Obligationen verkauft haben. Aber wie flink die Herren Franzosen sind! Mögen sie nur kommen, wir sind noch flinker im Gehorchen als sie im Befehlen. Wollte ich doch darauf wetten, daß der Censor schon längst die stille Weisung bekommen, ja kein hartes Wörtchen gegen die neuen Franzosen durchgehen zu lassen. — Merkwürdige Dinge sollen ja in Frankfurt wegen der Juden vorgehen. Ist es wahr, daß die Wittwer und Wittwen sollen heirathen dürfen, so oft und sobald sie Lust haben? Ist es wahr, daß Ju¬ den und Christen sollen Ehen unter einander schließen dürfen, ohne weitere Ceremonien? Ist es wahr, daß der Senat dem gesetzgebenden Körper den Vor¬ schlag gemacht, die Juden den christlichen Bürgern ganz gleich zu stellen, und daß von 90 Mitgliedern nur 60 dagegen gestimmt? Das wäre ja für un¬ sere Zeit eine ganz unvergleichliche Staats-Corpora¬ tion, die unter 90 Mitgliedern nur 60 Dumme zählte. Ein ganzes Drittheil des gesetzgebenden Körpers hat dem Geiste der Zeit unterlegen; das ist ja ärger als die Cholera morbus — werden die alten Staatsmänner jammern! — Haben Sie etwas davon gelesen oder ge¬ hört, daß Herr von Rotteck, Badischer Professor in Freiburg, und Mitglied der Stände-Versammlung arretirt worden sei, als in der hannövrischen Revolu¬ tion verwickelt? Das wäre sehr merkwürdig. Zwar hat sich Rotteck immer als liberaler Schriftsteller und Deputirter gezeigt; indessen hat er die den deut¬ schen Gelehrten eigene Mäßigung nie überschritten. Hat er sich aber wirklich in eine Verschwörung ein¬ gelassen, so würde das beweisen, daß es bei uns Leute gibt, die leise sprechen, aber im stillen kräftig handeln, und dann ließe sich etwas hoffen. Die Lage der Dinge hier ist jetzt so, daß ich jeden Tag, ja jede Stunde den Ausbruch einer Re¬ volution erwarte. Nicht vier Wochen kann das so fortdauern, und der Rauch der Empörung wird hin¬ ter meinem Reisewagen herziehen. Die Verblendung des Ministeriums und der Majorität der Kammer ist so unerklärlich, daß ohne sträflichen Argwohn, bei einigen der lenkenden Mitglieder Verrätherei anzu¬ nehmen ist. Der Eigensinn des Königs ist nicht zu erschüttern, seine Schwäche nicht aufzurichten. Er wird nicht Frankreich zu Grunde richten, denn das hilft sich selbst heraus; aber er spielt um seine Krone, der einzige Mann im Ministerium, der Einsicht mit Energie verbindet, ist der Marschall Soult: aber ich für mich traue ihm nicht. Die Zeit ist so, daß es einem Kriegsmanne wohl einfallen darf, den zweiten Napoleon zu spielen, und Soult mag daher die Re¬ gierung gerne auf falschem Wege sehen, damit Frank¬ reich in eine Lage komme, in der es eines Diktators nicht entbehren kann. Dem Willen und der Kraft der Regierung mistrauend, bilden sich jetzt überall Associationen der angesehensten Bürger, um durch vereinte Kräfte die alte Dynastie und den Feind vom Lande abzuhalten. Das kann dem Könige ge¬ fährlich werden. Wenn nicht bald ein Krieg die Krank¬ heit nach außen wirft, ist Louis Philipp verloren. Samstag, den 19. März. Man fängt jetzt in den französischen Provinzen an, denjenigen Theil der Nationalgarde, der kleine Flinten hat, nach Art der Polen mit Sensen zu bewaffnen. Ich halte das für sehr wichtig, es ist ein großer Fortschritt, den die Kriegskunst der Frei¬ heit macht. Die Sense ist dem Bauer eine ge¬ wohnte, dem Soldaten eine ungewohnte und darum schreckbare Waffe, und nimmt diesem den Muth, den er jenem gibt. Die Sense wird dem Lande werden, was den Städten die Pflastersteine sind. Casimir Perrier hat gestern in der Kammer als Minister debütirt. Seine Anhänger und Claqueurs haben voraus gejubelt, er werde die Revolution mit Haut und Haar verschlingen. Aber so bestialisch ist es nicht geworden. Die Minister sprachen einer nach dem Andern vom Frieden, aber der trockne Frieden blieb ihnen im Halse stecken, und wir wissen heute nicht mehr, als wir vor acht Tagen wußten. Die Renten hüpfen umher wie gestutzte Vögel; sie woll¬ ten fliegen, aber es ging nicht, sie mußten auf der Erde bleiben. Es ist ganz schön, daß die Tortur abgeschafft worden, aber für eine Art Spitzbuben hätte man sie beibehalten sollen — für die hart¬ mäuligen Diplomaten, die Wahrheit von ihnen her¬ aus zu pressen. Aber wer weiß! sie würden viel¬ leicht selbst auf der Folter die Wahrheit nicht sagen. Die Lüge ist ihre Religion; für sie dulden und ster¬ ben sie. — Also in Frankfurt ist man mit dem fau¬ len Treiben hier auch nicht zufrieden? Was ist zu thun? die vielen Menschen, welche durch die letzte Revolution ihren Ehrgeiz und ihre Habsucht befrie¬ digt, wollen Ruhe und Frieden haben. „ Ruhe und „ Frieden ! ich glaubs wohl ! den wünscht „ jeder Raubvogel , die Beute nach Bequem¬ „ lichkeit zu verzehren “ — läßt Goethe seinem Götz von Berlichingen sagen. Wir haben jetzt schon den schönsten Frühling hier. Alles ist grün und die Spatziergänge sind be¬ deckt mit Menschen. In den Tuilerien und in den Champs Elisees war es gestern zum Entzücken. Es ist hier überall so viel Raum, daß die Natur nir¬ gends den Menschen verdrängt. Bäume und Spatzier¬ gänger finden alle Platz und hindern sich nicht. Unsere Frankfurter Promenade, so schön sie ist, hat doch etwas Kleinstädtisches. Vier und vierzigster Brief. Paris, Sonntag, den 20. März 1831. Ich habe Lord Byrons Denkwürdigkeiten von Thomas Moore zu lesen angefangen. Das ist Glüh¬ wein für einen armen deutschen Reisenden, der auf der Lebensnacht-Station zwischen Treuenbriezen und Kroppenstädt im schlechtverwahrten Postwagen ganz jämmerlich friert. Er aber war ein reicher und vor¬ nehmer Herr; ihn trugen die weichsten Stahlfedern der Phantasie ohne Stoß über alle holperigen Wege und er trank Johannisberger des Lebens den ganzen II . 12 Tag. Es ist krank darüber zu werden vor Neid. Wie ein Komet, der sich keiner bürgerlichen Ordnung der Sterne unterwirft, zog Byron wild und frei durch die Welt, kam ohne Willkommen, ging ohne Abschied, und wollte lieber einsam seyn als ein Knecht der Freundschaft. Nie berührte er die trockene Erde; zwischen Sturm und Schiffbruch steuerte er muthig hin und der Tod war der erste Hafen, den er sah. Wie wurde er umhergeschleudert, aber welche selige Insel hat er auch entdeckt, wohin stiller Wind und der bedächtige Compaß niemals führen! Das ist die königliche Natur. Was macht den König? Nicht daß er Recht nimmt und gibt — das thut jeder Unterthan auch — König ist wer seinen Launen lebt. Ich muß lachen, wenn die Leute sagen, Byron wäre nur einige und dreißig Jahre alt geworden; er hat tausend Jahre gelebt. Und wenn sie ihn bedauern, daß er so melancholisch ge¬ wesen! Ist es Gott nicht auch? Melancholie ist die Freudigkeit Gottes. Kann man froh seyn wenn man liebt? Byron haßte die Menschen, weil er die Menschheit, das Leben, weil er die Ewigkeit liebte. Es giebt keine andere Wahl. Der Schmerz ist das Glück der Seligen. Am meisten lebt, wer am mei¬ sten leidet. Keiner ist glücklich, an den Gott nicht denkt, ist es nicht in Liebe, sei es in Zorn; nur an ihn denkt. Ich gäbe alle Freuden meines ganzen Lebens, für ein Jahr von Byrons Schmer¬ zen hin. Vielleicht fragen Sie mich verwundert, wie ich Lump dazu komme, mich mit Byron zusammen zu stellen? Darauf muß ich Ihnen erzählen, was Sie noch nicht wissen. Als Byrons Genius, auf seiner Reise durch das Firmament auf die Erde kam, eine Nacht dort zu verweilen, stieg er zuerst bei mir ab. Aber das Haus gefiel ihm gar nicht, er eilte schnell wieder fort und kehrte in das Hotel Byron ein. Viele Jahre hat mich das geschmerzt, lange hat es mich betrübt, daß ich so wenig geworden, gar nichts erreicht. Aber jetzt ist es vorüber, ich habe es ver¬ gessen und lebe zufrieden in meiner Armuth. Mein Unglück ist, daß ich im Mittelstande geboren bin, für den ich gar nicht passe. Wäre mein Vater Besitzer von Millionen oder ein Bettler gewesen, wäre ich der Sohn eines vornehmen Mannes oder eines Land¬ streichers, hätte ich es gewiß zu etwas gebracht. Der halbe Weg, den Andere durch ihre Geburt vor¬ aus hatten, entmuthigte mich; hätten sie den ganzen Weg voraus gehabt, hätte ich sie gar nicht gesehen 12 * und sie eingeholt. So aber bin ich der Perpendickel einer bürgerlichen Stubenuhr geworden, schweifte rechts, schweifte links aus und mußte immer zur Mitte zurückkehren. Montag, den 21. März. Wenn alles das wahr ist, was man hier seit einigen Tagen von den Polen erzählt, so geht es ja auf das allerherlichste und Sie sollen, da Sie als Frauenzimmer keinen Jubelwein trinken können, zur Siegesfeier ein Dutzend Gläser Gefrornes essen. Es wird schon warm werden an Ihrem Herzen. Die Russen sollen im vollen Rückzuge seyn, aufgelößt wie die kranke alte Sünde. Achtzig Kanonen mußten sie im Stiche lassen. Die Erde verschlingt sie lebend, die Polen fallen ihnen im Rücken und Litthauen ist im Aufstande. Le fameux Diebitsch hat die Ruthe bekommen, — le fameux Diebitsch , wie man hier sagt — das lautet wunderschön! Aber wenn ! — Ich kann es Ihnen nicht länger verschwei¬ gen, daß die europäischen Angelegenheiten, die ich, wie Sie wissen, so gut auswendig kannte als das Ein mal Eins, anfangen mir über den Kopf zu stei¬ gen. Anfänglich hielt ich sie unter mir, indem ich mich auf den höchsten Stuhl der Betrachtung stellte; aber da sind sie mir bald nachgekommen und ich kann jetzt nicht höher. Die deutschen Regierungen, statt ihren Unterthanen Opium zu geben, geben ih¬ nen Kaffee, daß sie munter bleiben, und statt ihnen das weichste Bett zu machen, zupfen sie sie an der Nase, aus Furcht, sie möchten einschlafen. In Frankreich ist es noch toller. Ich weiß so wenig mehr was hier getrieben wird, als wäre ich Ge¬ sandter. Man wird ganz dumm davon, und wenn das alltägliche diplomatische Schmausen, das ich nicht vertragen kann, nicht wäre, könnte ich im Taxischen Pallast so ehrenvoll sitzen als Einer. Wenn nicht ganz was besonders vorgeht, wenn nicht etwa die französischen Minister aus Eitelkeit, um zu zeigen, daß, ob sie zwar bürgerliche Emporkömmlinge sind, die im vorigen Jahre noch ehrliche Leute waren, doch spitzbübischer seyn können als der älteste Adel — wenn sie nicht ganz etwas außerordentlich Fei¬ nes spinnen, aus einem Lothe Wahrheit einen Lügen¬ schleier von drei Ellen weben — weiß ich nicht, was ich davon denken soll. Das Verderben von außen rückt ihnen immer näher, und sie lachen dazu wie ein Astronom zur Erscheinung eines Kometen. Sie haben das alle ausgerechnet. Im Innern ist es noch schlimmer. Wo Feuer, ist Rauch; sie wollen aber lieber kein Feuer als Rauch haben, und wenn es zum Kriege kommt, wenn sie die Subordination der fremden Völker mit nichts besiegen könnten, als mit Insubordination des französischen Volkes; wenn sie die Begeisterung der Franzosen brauchen, werden sie keine Kohle mehr finden, eine Lunte anzuzünden. Die frühern Minister, die durch ihre Schwäche vie¬ les verdorben, machten zugleich durch ihre Unthätig¬ keit vieles wieder gut. Sie ließen die Dinge ihren natürlichen Lauf gehen. Seit Casimir Perrier aber fangen die Unglückseligen an thätig zu werden. Marschall Soult, sobald er das Kriegsministerium antrat, fing an, um fünf Uhr Morgens aufzustehen und zu arbeiten, und seine Untergebenen arbeiten zu lassen. Nun, für einen Kriegsminister, der gegen den fremden Feind wirkt, ist das schön. Aber seit einigen Tagen, wie ich heute mit Entsetzen in der Zeitung las, steht der Minister des Innern auch schon um fünf Uhr auf. Welche unseligen Folgen wird das haben! Was in allen Staaten die Völker noch gerettet bis jetzt, war die Faulheit ihrer Re¬ genten, die bis neun Uhr im Bette lagen. Sie re¬ gierten vier Stunden weniger, und das macht viel aus im Jahre. Wenn die Minister sich angewöhnen, mit der Sonne aufzustehen, dann wehe den Unter¬ thanen. Mittwoch, den 23. März. Ich war wieder einmal im Theater gewesen. Bin ich nicht ein fleißiger Junge? Im Vaudeville habe ich zwei Stücke gesehen Madame Dubarry und le bal d'Ouvriers . Die ist eine andere Dubarry, als die, von der ich neulich berichtet und die im Ambigü aufgeführt wird. Es ist ein Lustspiel im höheren Style, vom bekannten Ancelot, dem Akade¬ miker. Ancelot's Komödie hat ungemeinen Beyfall gefunden, sie wird seit drei Wochen täglich gegeben und das Haus ist jedes mal toll und voll. Die Komödie gefiel mir auch, nur durch andere Mittel als sie den Franzosen gefällt. Diese haben ihre schlichte Freude daran, ich aber habe den Humor davon. Dem Stücke, um gut zu seyn, fehlt nichts als deutsches Klima! hier ist es nur ein Treibhaus¬ gewächs. Es kommt erstaunlich viel Sentimentalität darin vor; aber wenn französische Dichter und Schauspieler Sentimentales darstellen, machen sie ein Gesicht dazu, als hätten sie Leibschmerzen, und man möchte ihnen statt Thränen Kamillenthee schenken. Stellen Sie sich vor: die Dubarry erinnerte sich mit Wehmuth ihrer schuldlosen Jugendjahre, da sie noch nicht Maitresse des Königs, sondern Putz¬ macherin war. Putzmacherin in Paris — das nennt sie den Stand der Unschuld! Von dieser Erinne¬ rung bekommt sie in mehreren Scenen die heftigsten Anfälle von Tugend-Krämpfen und kein Arzt in ganz Versailles die Mittel dagegen weiß. Dem guten Ludwig XV . geht es noch schlimmer. Er bekommt einen Tugend-Schlag, so daß man meint, er wäre todt. Aber er hat eine herliche Natur und erholt sich wieder. Der Spaß ist: in unsern bürgerlichen Schauspielen von Iffland und Kotzebue tritt ein Dutzend edler Menschen auf, und unter ihnen ein einziger Schurke, höchstens mit noch einem Schurken¬ gehülfen. Am Ende wird das Laster beschämt und besiegt und von der Tugend rein ausgeplündert. In der Dubarry aber und in andern ähnlichen Stücken, tritt ein Dutzend Schurken auf und unter ihnen ein tugendhaftes Paar. Und zuletzt wird gar nicht das Laster beschämt, sondern im Gegentheil die Tugend; ja das Laster kommt noch zu Ehren, indem es sich großmüthig zeigt und der besiegten Tugend Leben und Freiheit schenkt. Und Dichter wie Zuschauer merken das gar nicht! In der Dubarry findet sich eine saubere Gesellschaft zusammen. Der König, der Herzog von Ri¬ chelieu, der Herzog von Aiguillon; der Herzog von Lav¬ rillieri, alle Taschen voll Lettres de cachet , die er seinen Freunden bei Hofe präsentirt wie Bonbons; der Kanzler Maupeou, der päpstliche Nunzius, der Marschall von Mirepoix und endlich der Schwager der Dubarry, Graf Jean, selbst am Versailler Hof ein ausgezeichneter Taugenichts. Ich kenne aus un¬ zähligen Memoiren alle diese Menschen so genau, als wäre ich mit ihnen umgegangen. Und jetzt kommen die treu nachgeahmten Kleider, Gesichter, Manieren und Gebräuche dazu. Das macht die Vorstellung sehr interessant. Der Kanzler Maupeou nennt die Dubarry Cousine und zieht ihr bei der Toilette die Pantoffeln an, der päpstliche Nunzius reicht ihr seine heilige Schulter, sich daran aufzurichten und der Marschal Richelieu jammert, daß ihm sein Alter verbiete, an diesem Kampfe der Galanterie Theil zu nehmen. Aber ein Spitzbube ist er noch voller Ju¬ gendkraft. Er hat ein junges, schönes und undschul¬ diges Mädchen aufgefangen und sie nach dem Parc aux cerfs gebracht, mit dem Plane, durch die neue Schönheit die Dubarry zu stürzen. Die junge Un¬ schuld ist ganz vergnügt, denn sie meint, sie wäre in einer Erziehungsanstalt. Dort wimmelt es von jun¬ gen Mädchen, immer eine schöner, eine geputzter, eine gefälliger als die andere. Als die junge Un¬ schuld ankommt, singt der Mädchenchor ein Lied nach der Melodie des Brautlieds im Freischütz: „wir flechten dir den Jungfernkranz, mit veilchenblauer Seide.“ Ist das nicht köstlich? Aber man denke ja nicht, daß das eine Malice vom Dichter oder Musikdirektor gewesen, keineswegs. Diese Melodie wurde ganz zufällig aus bloßer Naivetät gewählt, auch war ich der einzige im ganzen Hause, der dar¬ über gelacht. Die Dubarry entdeckt Richelieu's In¬ trigue und eilt herbei mit ihrem Gefolge; das un¬ schuldige Mädchen bekommt zu ihrem Schrecken Licht in der Sache und jammert; der Graf Jean Du¬ barry sucht sie in ihren guten Vorsätzen zu bestärken, und hält ihr im Parc aux cerfs vor allen Hofleu¬ ten folgende Tugendpredigt im feierlichen Tone: „ Ecoutez jeune fille! nous admirons vos nobles sentimens, gardez-vous d'y renoncer! repoussez loin de vous les séductions, n'écoutez que la voix de la vertu! ... la vertu! ... eh c'est une excellente chose! ... restez dans votre ob¬ scurité; vous ne savez pas quel bonheur pur et sans mélange vous attend loin de ces cou¬ pables grandeurs empoisonnées par tant de re¬ grets où l'on cherche en vain à ressaisir ce calme de l'ame, cette sérénité ... (il s'enroue, et se retourne vers la comtesse d'Aiguillon et Maupeou). Ah, ça, aidez-moi donc, vous au¬ tres vous me laissez m'enrouer! ... ne pour¬ riez-vous comme moi prêcher la vertu? Que diable! une fois n'est pas coutume! — Mau¬ peou (à part) l'insolant! ... Jean (à Cécile) vous m'avez entendu jeune fille, et je me flatte ......... Cécilie . Oui Monsieur, je les suivrai ces généreux conseils! ... soyez mon guide ! ... vous êtes vertueux vous : Jean . Merci mon enfant.“ Jetzt denken Sie sich das vortreffliche Spiel dazu, und Sie haben eine Vorstellung von der komischen Wirkung, welche die Tugend in Versailles macht. Was le bal d'ouvriers gibt, zeigt schon der Name des Stückes. Sehr unterhaltend! Einer der fröhlichen Tänzer sagt statt Cholera morbus, Ni¬ colas morbus . Das wird der Polenfreundin gefallen. Paganini's letztes Concert hat 22,000 Franken eingetragen; heute spielt er zum vierten Male. Der nimmt auch seine 100,000 Franken von hier mit. Das ist eine liederliche Welt. Die Taglioni ist auf vier Wochen nach London engagirt und bekommt da¬ für 100,000 Franken (Hundert Tausend). Meinen Sie, daß es für mich zu spät sei, noch tanzen zu lernen? Meine sämmtlichen Schriften, so voller Tu¬ gend und Weisheit, werden mich niemals reich ma¬ chen. Ach könnte ich tanzen! Man erzählt sich, die Malibran, als die Rede von Paganini gewesen, habe zwar dessen Spiel gelobt, aber doch geäußert, er sänge nicht gut auf seinem Instrument. Als Pa¬ ganini dieses Urtheil erfahren, habe er der Malibran den Vorschlag machen lassen, sie wollten beide zu¬ sammen ein Conzert geben und dann werde sich zei¬ gen, wer besser sänge , sie oder er. Hätte Homer diesen edlen Streit erlebt, hätte er nicht von Achill und Hektor, sondern von Paganini und Malibran gesungen. Und von so etwas spricht man — spreche ich! O Sitten! Fuͤnf und vierzigster Brief. Paris, den 25. März 1831. Ich werde alle Tage schwankender. Soll ich hier bleiben oder nach Deutschland zurückreisen? Krieg oder nicht — das Wort Friede steht nicht in meinem Wörterbuche — wird sich jetzt bald ent¬ scheiden. Habe ich sechs Monate lang, hungrig und mit der größten Ungeduld das Zeug kochen sehen und jetzt, da alles gar geworden und der Tisch gedeckt wird, soll ich mit leerem Herzen fort? Ich glaube, das wäre dumm. Hier ist man im Mittelpunkte, Europa hat die Augen auf Paris gerichtet, man sie¬ het den Begebenheiten in das Angesicht, und kann in deren Mienen lesen, was sie etwa verschweigen möchten. In Deutschland aber stehen wir in dem Rücken der Begebenheiten und wir werden nichts erfahren, als was sie uns über die Schultern weg zurufen. Und was theilen sie uns mit? Nur un¬ verschämte Lügen. Wenn der Krieg ausbricht, wird man den deutschen Zeitungen, die ohnedies nur un¬ verständlich gestammelt, aus Vorsicht gar die Zunge aus dem Halse schneiden. Es kann kommen, daß der Feind nur eine Stunde von unseren Thoren stehet und wir erfahren es nicht, bis er uns mit Einquartirungszetteln in die Stube kommt. Die französischen Blätter, wenn auch der Krieg die Po¬ sten nicht unterbricht, werden gewiß zurückgehalten werden. Sie können sich denken, wie mir in solcher Dunkelheit zu Muthe seyn wird. Und was haben wir in Deutschland, für wen auch der Krieg günstig ausfalle, zu erwarten? Das schöne Glück, entweder den Zwerg Diebitsch mit seinen Kosaken zu beher¬ bergen, oder französische Offiziere, die, kämen sie auch anfänglich mit den besten Gesinnungen für Recht und Freiheit zu uns, durch deutsche bürgerliche Feig¬ heit und Kriecherei aufgemuntert, bald in den alten Uebermuth zurückfallen würden. Und der weibische Kriegsjammer bei uns! und — Ruhe ist die erste Bürgerpflicht ! und die dumme und tückische Po¬ lizei! und die Maulkörbe, die man uns in den Hundstagen anlegen wird! Wird man nicht jeden Liberalen, der kein Blech am Halse trägt, todt schla¬ gen? Ich ersticke, wenn ich nur daran denke. Um gehenkt zu werden für die Freiheit, dazu bringt man es doch nicht, dazu sind unsere Herren zu feig. Können Sie sich denn nicht entschließen hieher zu kommen, aber bald? Ich habe eine kleine Ver¬ schwörung vor, wozu ich Scheere, Zwirn und Na¬ deln brauche. Packen Sie Ihre Schachteln und kom¬ men Sie. Sie sollen entscheiden, wie mir die Uni¬ form steht, und fällt die Entscheidung günstig aus, trete ich in die Nationalgarde, versteht sich, daß ich aus Patriotismus desertire, sobald sich unsere Lands¬ leute nahen. Ich habe neulich beim Spazierenfahren eine Barriere entdeckt, die gar nicht bewacht wird, und durch diese kann ich die preußische Armee unbe¬ merkt in die Stadt führen. Ich bitte Sie, bedenken II . 13 Sie sich nicht lange. Die Künste des Friedens ge¬ hen auch hier im Kriege nicht unter, und wenn am meisten geweint wird, wird am meisten gelacht, und die Niederlage der Franzosen wird in Paris immer noch lustiger seyn, als in Wien der Sieg der Deut¬ schen. — Ich fahre in meinem Theaterberichte fort. Aber das Herz blutet mir, wenn ich daran denke, wie schön sich diese Berichte im Dresdner Abend¬ blatte ausnehmen würden, und daß ich für den ge¬ druckten Bogen 8 Thaler bekäme, wofür ich zweimal Paganini hören könnte — ich brauchte nur 10 Fran¬ ken noch darauf zu legen. Und was geben Sie mir dafür? Sie wollen nicht einmal nach Paris kommen, was ich so sehr wünsche. Und wie zärtlich dürfte ich schreiben, wenn ich statt Ihnen nach Dresden be¬ richtete! Wissen Sie, wie die Correspondenten des Abendblattes ihre Briefe gewöhnlich anfangen? Sie schreiben: Liebe Vespertina ! Holdes Ves¬ pertinchen ! Aber ohne darum den Verstand zu verlieren. Denn sobald sie holdes Vesper¬ tinchen gesagt, kehren sie gleich zu ihrer Prosa zu¬ rück und schreiben: „ Referent will sich beeilen....“ Das hiesige Theater zieht mich mehr an als ich erwartete. Von Kunstgenuß ist gar keine Rede, es ist die rohe Natur und man ziehet höchstens wissen¬ schaftlichen Gewinn. Das Theater ist eine Fremden¬ schule. Alte und neue Geschichte, Oertlichkeiten, Statistik, Sitten und Gebräuche von Paris, werden da gut gelehrt. — Es ist ein großer Vortheil, da viele Jahren dem Fremden nicht genug sind, Paris in allen seinen Theilen aus eigener Erfahrung kennen zu lernen. Und man kann nicht sagen, daß durch solches Walten auf der Bühne die dramatische Kunst zu Grunde gehe, sondern umgekehrt: weil die dra¬ matische Kunst untergegangen ist, bleibt nichts anders übrig als solches Walten, wenn man von dem Ca¬ pital, das in den Schauspielhäusern steckt, nicht alle Zinsen verlieren will. Es ist damit in Deutschland gar nicht besser als in Frankreich; nur ist man bei uus unbehüflicher, weil man nur ein Handwerk ge¬ lernt. Der Franzose aber weiß sich gleich in jede Zeit zu schicken. Er ist Schauspieler, Pfarrer, Schulmeister, Soldat, was am besten bezahlt wird. Wird ihm ein Weg versperrt, sucht er sich einen Andern; gleich einem Regenwurm findet er immer seinen Ausweg. Kein Mann von Geist könnte jetzt ein Drama dichten, er müßte denn wie Goethe zu¬ gleich kein Herz haben; aber Geist ohne Herz, das 13 * bringt das nehmliche Jahrhundert nicht zweimal her¬ vor. Hätte es in der ersten Schöpfungswoche, da noch nichts fertig, oder nach der Sündfluth, da alles zerstört war, einem vernünftigen Menschen einfallen können, eine Naturgeschichte zu schreiben? So ist es mit der dramatischen Kunst. Man kann keinen Menschen malen, der nicht still hält, der nicht ruhig sitzt. Aber trotz der verdorbenen und grundlosen dramatischen Wege, könnte doch einmal ein Franzose in seiner Dummheit leichter ein gutes Drama errei¬ chen, als ein Deutscher in seiner Weisheit. Die Leidenschaft, Geld zu verdienen, und die Gewißheit, es zu verdienen, wenn man eine gute Waare hat, ist in Paris so groß, daß wohl einmal ein anderer Scribe, in verzweifelter Anstrengung etwas ganz neues hervorzubringen, ein Schauspiel wie Schillers Wallenstein dichten könnte. Was vermag die Leiden¬ schaft nicht! Das Fieber gibt einem Greise Jugend¬ stärke, und einem Dummkopfe schöne Phantasieen. Auch in solchen Fällen, wo das hiesige Theater den didaktischen Nutzen nicht gewährt, den ich angegeben, wo es so wenig Früchte als Blüthe schenkt, wo es langweilig ist auf deutsche Art — auch dann noch hat es sein eigenes Interesse. Man erkennt dabei, wie die Franzosen gemüthlicher und universeller wer¬ den; denn bei Völkern, wie bei einzelnen Menschen, entwickeln sich mit neuen Tugenden auch neue Fehler. So gab es noch vor vierzig Jahren in Frankfurt gar keine blonden und langweilige Juden, sie waren alle schwarz und witzig, seitdem sie aber in der Bildung fortgeschritten, findet man nicht weniger Philister unter ihnen, als unter den ältesten Christen. Ein solches deutsch-langweiliges Stück habe ich neu¬ lich im Théâtre des nouveautés gesehen. Es heißt: le charpentier ou vice et pauvreté. Wir haben ein Schauspiel das heißt Armuth und Edel¬ sinn , aber ein Franzose findet diese Parthie un¬ passend und er hat vielleicht Recht. Laster ist Ar¬ muth des Herzens, und wo sich eine Armuth findet, gesellt sich die Andere bald dazu. Le charpentier ist ein höchst merkwürdiges Stück für Paris. In deutschen Schauspielen spielt zwar die Armuth auch die erste Liebhaberrolle, aber dort sind es doch wenig¬ stens vornehme Leute, die heruntergekommen, oder kommen auch arme Teufel von Geburt vor, so sind es doch vornehme Leute, die ihnen aus der Noth helfen. Hier aber wird alles unter gemeinen Leuten abgemacht. Alle Personen im Stück sind zusammen keine tausend Franken reich. Die Armuth ist nicht Schicksal, sondern Stand, Gewohnheit, Bestimmung. Es gibt nichts komischer. Und so etwas führen sie der prächtigen Börse gerade gegenüber, in der Nähe des Palais Royal und der italienischen Oper auf! Der Held des Drama ist ein Zimmermann, und nicht einmal ein Zimmermeister, sondern ein Zimmer¬ manns-Gesell. Er ist ein träger Mensch, der statt zu arbeiten seine Zeit in der Schenke zubringt und dort trinkt und spielt. Darüber kommt sein Haus¬ wesen herunter, und die arme Frau muß viel aus¬ stehen. Weiter thut der Mann nichts Böses, außer daß er einmal seine Frau prügeln will. Nun findet sich ein anderer Zimmergeselle, ein braver Mensch, der schenkt dem liederlichen Kameraden, der sein Schwager ist, 600 Franken, die er sich mit saurer Mühe erspart. Davon wird der Taugenichts so ge¬ rührt, daß er verspricht, von nun an ein ganz an¬ derer Mensch zu werden. Und das ist die ganze Geschichte. Die Scene des ersten Akts ist ein Zimmerplatz, die des zweiten eine Wachtstube, der dritte Akt spielt in einer Schenke und der vierte in einer Dachkammer. Die Franzosen, als parve¬ nus in der Gemüthlichkeit, wollen es den alten Herzen nachmachen und zeigen lächerlichen Ma¬ nieren. Das zweite Stück, das ich am nemlichen Abende gesehen, heißt Quoniam . Herr Quoniam ist Koch. Ohne allen Geist, ohne allen Witz, ohne alles Leben. Marschall Richelieu, in seiner Jugend, verliebte sich in die Frau eines Koches, und, um ihr nahe zu kommen, trat er als Küchenjunge in den Dienst des Herrn Quoniam. Das Süjet ist merk¬ würdig schläfrig behandelt, und nimmt ein tugend¬ haftes Ende. Das dritte Stück war le marchand de la rue St. Denis ou magasin, la mai¬ rie et la cour d'assise . Einmal unterhaltend, immer lehrreich. Man erfährt, wie es in einer Seidenhandlung hergeht; auf der Mairie, wo die jungen Leuten getraut werden und vor dem Assisen- Hofe, wo sie noch schlechter wegkommen. Mehrere Schauspieler waren vortrefflich. Von den Regeln der Kunst schienen sie nicht viel zu wissen; es sind Naturalisten. Aber jeder Franzose hat den Teufel im Leibe, und wenn eine Teufelei darzustellen ist, mislingt ihnen das nie. Auf der Mairie hat es mir gar zu gut gefallen. Es muß recht angenehm seyn, sich in Paris bürgerlich trauen zu lassen. Es ist wie eine deutsche Doktor-Promotion. Man antwor¬ tet, ohne von der Frage viel zu verstehen, immer mit ja . Der Maire ist nachsichtig und alles endet schnell und gut. — Das Gesetz, das neulich vorgeschlagen wurde, Karl X . und seine Familie, unter strengen Bedingungen auf ewig aus Frankreich zu verbannen, wurde gestern in der Kammer verhandelt. Nun wurde zwar das Gesetz von der Mehrzahl angenom¬ men, aber ein Drittheil der (heimlich) stimmenden, nehmlich 122 erklärten sich dadegen . Das ist merk¬ würdig. Von den offenen Anhängern des vertrie¬ benen Königs sind lange keine 122 mehr in der De¬ putirten-Kammer; denn viele derselben waren nach der Revolution entweder freiwillig aus der Kammer getreten oder gezwungen, weil sie den neuen Eid nicht leisten wollten. Unter jenen Gegnern des Verbannungsdekrets müssen also viele seyn, die mit dem Mund sich für die neue Regierung erklärt, im Herzen aber der alten anhängen. Sie sehen also wie recht ich hatte, als ich Ihnen neulich schrieb: es gehen hier Dinge vor, die ich mir nicht anders erklären kann, als indem ich annehme, daß es Ver¬ räther unter den Deputirten gibt. Was der König und sein Ministerium bisher Tadelnwerthes, Beleidi¬ gendes für die öffentliche Meinung gethan, dazu wur¬ den sie doch am meisten von der Kammer verleitet, die sich für die Stimme des französischen Volkes geltend machte. Der gestrige Vorfall wird dem Kö¬ nig wohl etwas die Augen öffnen. Sechs und vierzigster Brief. Paris, den 26. März 1831. Chateaubriand hat eine Brochüre für die Legi¬ timität und Heinrich V . herausgegeben. Was das aber hier schnell gehet! Gestern ist die Schrift von Chateaubriand erschienen und heute ist schon eine da¬ gegen angezeigt. Chateaubriands Schrift ist zu gut, und zu schön, Ihnen nur Bruckstücke daraus mitzu¬ theilen; jedes ausgelassene Wort dürfte sich über Zu¬ rücksetzung beklagen. Man muß sie ganz lesen. Es ist doch ein Zauber in der Sprache des Herzens, daß sie durch einen einzigen Laut die unzähligen Lü¬ gen auch des mächtigsten Talents besiegen und be¬ schämen kann! Selbst die Irrthümer des Herzens — doch es gibt keine Irrthümer des Herzens. Sie sind es nur, wenn man sie an dem spitzbübischen Einmaleins des Krämervolks nachrechnet, das Tugend kauft und verkauft; aben der Himmel hat eine ganz andere Arithmetik. Chateaubriand nimmt für den Herzog von Bordeaux das Wort und für sein Recht. Er vertheidigt die kranke und alterschwache Legitimität. Aber die Legitimität ist ihm kein Glau¬ bensartikel, den man blind annehmen und ausgeben muß, sondern nur ein politischer Grundsatz. Damit können wir zufrieden seyn. Sobald man nur eine Lehre prüfen, dafür oder dagegen sprechen darf, mag jeder, so gut er es versteht, seine Lehre geltend zu machen suchen. Nun meint Chateaubriand, Frank¬ reich, nach Vertreibung Karl X . und seines Sohnes, (und diese wünscht er keineswegs zurück,) hätte bes¬ ser gethan, für sein Wohl sich Heinrich V . zum Kö¬ nige zu geben. Man hätte das königliche Kind für die Freiheit erzogen; man hätte Frankreichs edle Ju¬ gend um seinen künftigen Herrscher versammelt und dann statt des feigen Lispelns jetzt ein ganz anderes Wort mit Frankreichs Feinden sprechen können. Chateaubriand hat ganz Recht; nur übersieht er den Rechnungsfehler, daß Frankreich keine vier Millionen erhlicher Leute hat, die ihm gleichen, sondern höchstens vier, und daß während der Minderjährigkeit Hein¬ richs V. alle Leidenschaften toll gewüthet und das Land zerstört hätten. Aber von den Fehlern und Schwächen der jetzigen Regierung übersah er keinen. Er wirft unter Donnern Feuerreden aus und wie glühende Asche regnet sein Tadel auf sie herab. Er sagt nichts neues; tausend Stimmen haben das ähn¬ liche vor ihm gesagt. Aber die tausend Stimmen waren tausend kleine Lichter, die nur vereint hell ge¬ macht; aber Chateaubriands einzige Fackel wirft so großen Glanz als jene Alle. Er zeigt, wie die Regierung von ihrer Feigheit gepeitscht, in Todes¬ angst vor drei Schreckbildern fliehet: „vor einem „Kinde, das am Ende einer langen Reihe von Grä¬ „bern spielt; vor einem Jünglinge, dem seine Mut¬ „ter die Vergangenheit, sein Vater die Zukunft ge¬ „schenkt; und ....“ — ich habe die Broschüre nicht mehr zur Hand, aber das dritte Gespenst wird wohl der äußere Feind seyn. Chateaubriand zeigt an, daß er Frankreich verlassen werde. Auch sagte er: nie würde er Heinrich V. willkommen heißen, wenn er auf den Armen eines fremden Heeres zurückge¬ tragen würde, und sobald ein Krieg entstände, wür¬ den seine Pflichten sich ändern, und er sich nur er¬ innern, daß er Franzose sei. Ehrlicher Narr! .... Aber er weiß, daß er ein Narr ist. Er sagt: Keinen habe die Restauration, die ihm so viel zu verdanken, mehr gehaßt als ihn, und er würde unter einer neuen Restauration kein besseres Schicksal haben. Wer kann solchen verführerischen Lockungen der Tugend wiederstehen? Auch denke ich seit einiger Zeit daran, ein Schuft zu werden. Es ist mir wahrhaftig nicht um den baaren Vortheil zu thun, sondern nur um meine Gemüthsruhe. Einem Schuft geht es immer nach Wunsche, und er lebt in Frieden mit der Welt. Das bischen Ehrlichkeit, daß sich ihm in heißen Ta¬ gen zuweilen auf die Nase setzt, belästigt ihn nicht mehr als eine Mücke. Er schüttelt sich und ist sie los. Ja, ich will ein Schuft werden. Was halten Sie von meinem Plane? Paganini's fünftes Conzert hat 24,000 Fran¬ ken eingetragen. Er hat folgenden Vertrag mit der Theaterdirektion abgeschlossen. Er spielte Mittwoch und Sonntag. Mittwoch bekommt er drei Viertheile der Einnahme, und Sonntag die ganze, und gibt der Direktion 3000 Franken ab. So läßt sich berechnen, daß ihm die fünf Conzerte bis jetzt 90,000 Franken eingetragen haben. Von der Taglioni habe ich Ih¬ nen, wie ich glaube, schon geschrieben, daß sie in London für eine monatliche Miethe ihrer Beine hun¬ dert tausend Franken bekommt. O! ich könnte die¬ ser liederlichen Welt ohne Barmherzigkeit die Ohren abschneiden und die Augen ausstechen! Sieben und vierzigster Brief. Paris, den 31. März 1831. Polen, Italien, Belgien, Frankreich, Deutsch¬ land, Freiheit, Gleichheit, Einheit, alle diese schönen Seifenblasen mit ihren Regenbogenfarben — zerplatzt sind sie, der Luftteufel hat sie geholt! Der öster¬ reich'sche Beobachter hat das französische Ministerium gelobt . Ich sage Ihnen, jetzt ist es Zeit ein rothwangiger Schuft zu werden. Oder ist Ihnen die Gelbsucht lieber? Stände sie mir bes¬ ser? Sie sollen für mich wählen. Aber bis Ihre Antwort Entscheidung bringt, bleibe ich provisorisch ein Schuft und rede von nichts als von der liebli¬ chen Taglioni. Ich habe sie seitdem wieder tanzen sehen. Sie gefiel mir aber weniger als das vorige Mal; ich habe Fehler entdeckt. Ihre ganze Seele ist in den Füßen, ihr Gesicht ist todt. Ich hatte das zwar das erste Mal schon bemerkt, aber da sie damals die Göttin Flora spielte, nahm ich ihre Un¬ beweglichkeit für antike Ruhe, und ich ließ mir das gefallen. In der zweiten Rolle aber trat sie als Bajadere auf, als liebende, unglückliche, leidenschaft¬ liche Bajadere, sie tanzte zwischen Lust und Schmerz; doch ihre Züge und ihre Augen schliefen den tiefsten Schlaf. Entweder mein Opernglas war sehr trübe, oder die holde Taglioni ist sehr dumm und versteht ihre eigenen Füße nicht. Aber kann man zugleich dumm seyn und Grazie haben? Bei der Taglioni ist es vielleicht möglich. Sie ist die Schülerin ihres Vaters, des Balletmeisters, und es mag wohl seyn, daß dieser dem hoffnungsvollen Töchterchen, von den frühesten Kinderjahren an die Grazie eingeprügelt hat, doch mit dem Geiste ließ sich das nicht machen. Diesen kann der Stock wohl ausprügeln aber nie einprügeln. Es war die Oper Le dieu et la Ba¬ jadére in der ich sie sah. Musik von Auber. Leichte Waare; Rossini ist Marmor dagegen. Aber schöne Tanzmusik; das Herz walzt einem in der Brust. Ich war anfänglich ganz verwundert, daß mir die Oper, ob ich sie zwar zum ersten Male hörte, so sehr bekannt vorkam. Endlich fiel mir ein, daß ich die Musik von vorn bis hinten diesen Winter oft in den Vaudevilles-Theater und auf Bällen ge¬ hört hatte, wo man sie zu leichten Liedern und Tän¬ zen verwendet hatte. Die Poesie ist von Scribe. Es ist die schöne Legende: der Gott und die Bajadere von Göthe, gehörig scribirt . Ich habe nur immer meine Freude daran, wie leicht sich meine guten Franzosen das Leben machen. Der treue und geldschwere Deutsche ist ein Glaubensopfer, selbst der Kunst, die doch zur Freude geschaffen ist. Will er schwere Leiden treu malen oder singen, schleppt er selbst das Kreuz den Berg hinauf, kreu¬ zigt sich und kopirt dann aus dem Spiegel seinen eigenen Schmerz. Auber und Scribe haben eine Oper zusammen verfertigt. Die Hauprolle ist eine Bajadere; eine Bajadere muß tanzen, ihrem Stande nach, also muß Demoiselle Taglioni die Hauprolle haben Aber die Taglioni kann weder singen noch sprechen, wie kann man ihr in einer Oper die Haupt¬ rolle geben? Warum nicht? Sie tanzt und spricht nicht und singt nicht. Aber warum spricht sie nicht? Ist sie stumm wie das Mädchen von ll . 14 Portici? Nein sie ist nicht stumm, aber sie ver¬ steht die Sprache des Landes nicht . Aber wenn sie die Sprache des Landes nicht versteht, wie kann sie sich mit den Leuten unterhalten? Man sieht doch, daß sie auf alle Fragen durch Pantomi¬ nen Antwort gibt. Die Sache ist: die Bajadere versteht wohl die fremde Sprache, aber bis zum Sprechen hat sie es darin noch nicht gebracht. Nicht einmal Ja oder Nein kann sie auf indisch sagen. So erklärt eine Gespielin das stumme Räthsel und so sind alle Schwierigkeiten auf das glücklichste ge¬ hoben. Und glauben sie ja nicht, das sei leicht ge¬ wesen. Es ist das Ei des Kolumbus und ich ver¬ sichere Sie, Schiller und Göthe hätten diesen Aus¬ weg nicht gefunden. Vive la France ! Sterben muß man doch einmal, und darum ist es vernünf¬ tiger, singend und trinkend zum Richtplatze zu tan¬ zen, als sich wie der betrübte Deutsche auf einer Kuhhaut unter Pfaffengeheul dahin schleppen zu lassen. In dieser Oper hörte ich Madame Cinti, eine sehr gute Sängerin, die nach einer langen Krankheit diesen Winter zum ersten Male wieder auftrat. Sie wurde mit einer Leidenschaft, mit einer Begeisterung empfangen, die ich sehr lächerlich fand und die mich ärgerte. Wie mochte man den Napoleon empfangen haben, wenn er von seinen Siegen heimkehrte? Menschliche Hände ertragen kein stärkeres Klatschen. In ihrer Theatersucht erscheinen mir die Franzosen oft sehr kindisch; denn des Lebens ganzen Ernst wen¬ den und verschwenden sie daran. Es ist ein großes Glück für sie, ihre Seligkeit und für die ganze Welt, daß Freiheit, Vaterlandsliebe, Heldenmuth, Todes¬ verachtung, etwas Theatralisches haben; denn ich glaube, nur um dieses Etwas willen, lieben und üben die Franzosen jene Tugenden. Ihre Theater¬ sucht ist eine wahre Nervenschwäche, sie bekommen Krämpfe, wenn man sie an diesem Punkte reizt. Ein weggelassenes Lied, eine Rollenverwechselung, eine Aenderung der angekündigten Stücke, erregt einen wüthenden Sturm, der gefährlich seyn muß, weil sich selbst die Polizei fürchtet, ihn zu beschwichtigen, oft den ungerechtesten Anmaßungen nachgibt, und nie wagt, eine Gewalt zu gebrauchen, vor der sie sich doch außer dem Theater nicht scheut. Die Franzo¬ sen, sonst im geselligen Leben so höflich, zuvorkom¬ mend, nachsichtlich und versöhnlich, sind im Theater grob, unversöhnlich und bitter. Wer sie auch nur im mindesten, auch ohne Vorsatz und Schuld in ihrer 14* Leidenschaft stört, wird ohne Schonung mit Härte zurückgewiesen. Und alle, auch die, welche es nicht angeht, nehmen Parthei gegen den Verfolgten. Es geht keine Vorstellung vorüber, in der nicht ein lau¬ tes und allgemeines Geschrei à la porte ! à la porte ! ertönte. Ich selbst habe schon einige solcher Händel gehabt, die mich sehr amüsirten. Ich hatte den Humor davon. Einmal setzte ich mich auf einen Platz, der mir nicht gehörte, aber ohne meine Schuld, die Logenfrau hatte mich falsch angewiesen. Als bald darauf der rechtmäßige Besitzer des Platzes kam, weigerte ich mich anfänglich zu weichen, mußte aber bald nachgeben, denn meine Geduld und meine fran¬ zösischen Grobheiten waren bald erschöpft. Alles nahm Parthei gegen mich, und als ich fort ging, empfing mich die ganze Reihe im Balkon, an der ich vorüber mußte, mit boshaftem Lachen, mit Vorwür¬ fen und bittern Spöttereien — ich mußte bis zur Thüre Spiesruthen laufen. Ein anderes Mal ver¬ ließ ich meinen Platz, der mir nicht bequem war, um mir an der Kasse einen andern zu nehmen. Nun ist es Sitte, daß man, um sich seinen Platz zu sichern, wenn man hinausgeht, einen Handschuh oder sonst etwas darauf legt. Das wird respectirt. Mein Nachbar fragte mich, ob ich wieder käme, und in diesem Falle sollte ich meinen Platz bezeichnen. Ich gab zur Antwort, ich könnte nichts Bestimmtes dar¬ über sagen. Nun so sollte ich ihn bezeichnen. Das wollte ich aber nicht, um nicht wegen eines Hand¬ schuhes zurückkommen zu müssen. Der Herr war ganz in Verzweiflung, daß ich keinen festen Entschluß fassen wollte, und fing förmlich zu zanken an! Ich mußte laut auflachen, ging fort und überließ ihn sei¬ ner Pein. Und das war nicht etwa ein junger Mensch, oder einer aus den ungebildeten Ständen; sondern ein Mann von funfzig Jahren, der sehr vor¬ nehm aussah. Am nehmlichen Abend ließ eine Dame aus der Loge ihren Hut ins Parterre fallen. Ihr Herr ging hinab ihn zu holen. Die Vorstellung hatte noch nicht angefangen und doch wurde das als unverzeihliche Störung gerügt, und tobendes Geschrei à la porte ! jagte den galanten Mann zur Thüre hinaus. — Lord Byrons Memoiren machen mir großes Vergnügen. Ich habe mir einiges für Sie gemerkt. Es sind Briefe, Tagebücher, und die Lücken in Zeit füllt Thomas Morus ans . Byron war stolz auf seinen alten Adel, und schon als Kind auf der Schule wählte er sich seine Spielkameraden nur unter Stan¬ desgenossen. Sein mißgestalteter Fuß machte ihm Gram sein ganzes Leben durch. Er war noch nicht acht Jahre alt, als er die Liebe kennen lernte. Seine erste Geliebte hieß Marie Duff . Das muß man aber englisch aussprechen; im Deutschen klänge der Name gar zu prosaisch für die Geliebte eines Dich¬ ters. Dante sah und liebte an einem ersten Mai seine Beatrice, da er noch ein Knabe war. Canova erzählt, daß er sich vollkommen erinnere, in seinem fünften Jahre verliebt gewesen zu seyn. Alfieri, selbst ein Frühliebender, betrachtet diese frühreife Empfänglichkeit als ein unfehlbares Zeichen einer für die schönen Künste und Wissenschaften gebilde¬ ten Seele. Welchen schönen Enthusiasmus haben die Engländer für die Reliquien ihrer großen Männer. Für einen Brief von Lord Byrons Vater, der ein unbedeutender Mensch war, wurden fünf Guineen vergebens geboten. Wie viel zahlte wohl ein Frank¬ furter Banquier für einen Brief von Göthes Vater? Unter den Reliquien des Dichters, die man gefunden, befindet sich auch eine alte Untertasse von chinesischem Porzelaine, wovon Byron als kleines Kind in einem Anfalle von Zorn ein Stück abgebissen hatte. In seinem neunzehnten Jahre hatte er schon über vier¬ tausend Romane gelesen, die unzähligen andern Schriften in allen Sprachen und Wissenschaften un¬ gerechnet ..... „Freundschaft ist die Liebe ohne Flügel“ — sagt Byron. ... In seiner Jugend führte er eine tolle Hauswirthschaft. Sie hätten ihn gewiß nicht besucht, und wären Sie seine Schwester gewesen. Er wohnte auf seinem väterlichen Stamm¬ gute, das ehemals ein Kloster war, und das noch viel von seiner klösterlichen Einrichtung übrig behalten hatte. Da lebte Byron mit seinen wilden Gesellen als Mönche vermummt. Wenn man in den Hof des Gebäudes trat, mußte man sich sehr hüten, nicht zu weit rechts zu gehen, um nicht einem Bär in die Tatzen zu fallen, der da frei in seiner Hütte lag. Zu weit links durfte man auch nicht treten, denn da war ein böser Wolf angekettet. Hatte man Bär und Wolf glücklich zurückgelegt, war man darum seines Lebens noch immer nicht sicher. Wenn man die Treppe hinauf ging, mußte man die Vorsicht ge¬ brauchen, durch starkes Schreien seine Ankunft zu verrathen, sonst war man in Gefahr, todt geschossen zu werden, denn oben auf dem Vorplatze übte sich Byron und seine Gesellen im Pistolenschießen nach einer alten Wand. Bis zwei Uhr Nachmittags dauerte das Frühstück. Wer um eilf Uhr aufstand, konnte nichts haben, denn alle Bedienten lagen noch im Bette. Das Mittagessen dauerte bis zwei Uhr Nachts. Zum Schlusse wurde in einem Todtenschä¬ del, der in Silber eingefaßt war, Burgunder kredenzt. Dann gingen die betrunkenen Kameraden, in Mönchs¬ kutten gekleidet, jeder in seine Zelle. ... Byron mußte wohl viel geliebt haben, denn er haßte das Geschlecht. Er sagte einmal. „Ich kenne nur einen „einzigen Menschen, der glücklich gewesen. Das war „Beaumarchais, der Verfasser des Figaro. Vor sei¬ „nem dreißigsten Jahre hatte er schon zwei Weiber „begraben und drei Prozesse gewonnen.“ Ein ander¬ mal schrieb er einem Freunde: „Ich bitte dich, nenne mir nie eine Frau in deinem Briefe, und ent¬ halte dich jeder Anspielung auf dieses Geschlecht.“ Sie sehen, Byron war auch ein Bär — an der Kette. ... Als er hörte, daß Napoleon die Schlacht von Leipzig verloren, schrieb er Folgendes in sein Tagebuch: „Von Männern besiegt zu werden, das „ist noch zu ertragen, aber von drei alten Dyna¬ „stieen, von diesen Souverainen der legitimen Race! „O! Barmherzigkeit, Barmherzigkeit! das muß, wie „Cobbet sagt, von seiner Verbindung mit dem öster¬ „reichischen Stamme, dicker Lippen und bleiernen Ge¬ „hirnes kommen. Er hätte besser gethan, sich an „der zu halten , die Barras unterhalten . Nein, „so viel ich weiß, hat man nie gesehen, daß eine „junge Frau und eine gesetzmäßige Ehe Andern Glück „gebracht als pflegmatischen Menschen, die von Fi¬ „schen leben und keinen Wein trinken. Hatte er nicht „die ganze Oper, ganz Paris, ganz Frankreich? Aber „mit einer Maitresse gibt es gleiche Noth, wenn „man nemlich nur eine besitzt. Hat man deren „aber zwei oder mehrere, macht sie die Herzens-Thei¬ „lung geschmeidiger.“ In England werden die ge¬ lehrten Weiber scherzweise Blaustrümpfe genannt, wahrscheinlich wegen der Vernachläßigung ihrer Toi¬ lette, die man bei ihnen voraussetzt. Darauf an¬ spielend schrieb einmal Byron in sein Tagebuch: „Morgen, Einladung zu einer Indigo-Soir é e bei „der blauen Miß ***. Soll ich gehen? Ach! Ich „habe wenig Geschmack für die blauen Kornblu¬ „ men , für die schönen Geister in Unterröcken; aber „man muß artig seyn.“ Seine wahre Gesinnung über die Weiber drückt folgende Bemerkung in seinem Tagebuche treuer aus: „Schon die bloße Anwesen¬ „heit einer Frau hat für mich etwas Beruhigendes, „übt selbst, wo keine Liebe statt findet, einen seltsa¬ „men Einfluß auf mich, den ich mir bei der geringen „Meinung, die ich von dem Geschlechte habe, durch¬ „aus nicht erklären kann. Aber gewiß, ich bin zu¬ „friedener mit mir selbst und mit aller Welt, sobald „eine Frau in meiner Nähe ist.“ Diese Bemerkung Byrons hat mich sehr gefreut, denn es geht mir hierin gerade so wie ihm. Ich glaube dieses auch erklären zu können, aber das liegt in einem Schranke meines Kopfes eingeschlossen, wozu ich in diesem Augenblick nicht den Schlüssel habe. Byron haßte die Menschen wie er die Weiber haßte — mit den Lip¬ pen. Weiche Herzen wie das seine, schützt die Na¬ tur oft durch ein Dornengeflechte von Spott und Ta¬ del, damit das Vieh nicht daran nage . Aber wer kein Schaaf ist, weiß das und fürchtet sich nicht, dem stechenden Menschenfeinde nahe zu kommen. By¬ ron suchte eine Befriedigung der Eitelkeit darin, für einen Mann von schlechten Grundsätzen und boshaf¬ tem Gemüthe zu gelten. Weil es ihm schwer fiel, die angeborene Güte seines Herzens zu besiegen, sah er es für eine Heldenthat an, wenn ihm dies ein¬ mal gelang. Menschen, die wirklich und mit Leich¬ tigkeit schlecht sind, fällt es nie ein, damit groß zu thun. Byron sollte einmal für Unglückliche, die, ich weiß nicht welcher Hülfe bedürftig waren, im Par¬ lamente eine Bittschrift vorlegen. Aber aus Geistes- Trägheit unterließ er es. Bei diesem Anlasse schrieb er in sein Tagebuch: „Baldevin hört nicht auf mich „zu belästigen; aber ach! ich kann nicht heraus , „ ich kann nicht heraus — schrie der Starmatz „in einem fort. O! jetzt stehe ich auf gleicher Höhe „mit dem Hunde Sterne , der lieber einen todten „Esel beweinte, als seiner lebenden Mutter beistand. „Erbärmlicher Heuchler — niederträchtiger Sklave — „Schuft! Aber ich, bin ich besser? Ich kann den „Muth nicht finden zum Besten zweier Unglücklichen „eine Rede zu halten, und drei Worte und ein hal¬ „bes Lächeln der ***, wenn sie da wäre und es von „mir verlangte, hätte mich zu deren eifrigsten Ver¬ „theidiger gemacht. Fluch über Larochefaucault, der „immer Recht hat.“ Wußten Sie das schon, daß der empfindsame Sterne ein solcher Schuft gewesen: Ich habe das schon früher gelesen — et puis fiez¬ vous à messieurs les savans ! — Was seinen Werth als Dichter betrifft, drückt sich Byron dar¬ über sowohl in seinem Tagebuche als in seinen Brie¬ fen mit großer Bescheidenheit aus, und ich halte diese Bescheidenheit für aufrichtig. „ Ich erwachte eines Morgens und fand mich berühmt .“ Ueber Schriftsteller-Eifersucht sagt er: „Ist das Gebiet „des Geistes nicht unendlich? Auf einer Rennbahn, „die kein Ziel hat, was liegt daran, wer vorn, wer „hinten ist? Der Tempel des Ruhms ist wie der „der Perser — das Universum, die Gipfel der Berge „sind unsere Altäre! Ich würde mich mit einem „namenlosen Berge oder dem Kaukasus begnügen, „und alle, welche Lust haben, können sich des Mont¬ „blanc oder des Chimborasso bemächtigen, ohne daß „ich mich ihrer Erhöhung entgegen setze.“ Samstag, den 2. April. Sie sehen aus den Bruchstücken von Lord By¬ rons Memoiren, die ich Ihnen gestern mitgetheilt, welch ein mannigfaltiges Gedankenleben sich in seinem Tagebuche und in seinen Briefen bewegt. Und ich bin noch nicht in der Mitte des Buches, noch nicht in der Mitte von Byrons Laufbahn; das Beste und Schönste muß noch kommen. Sie sehen, das man ein bedeutender Dichter und ein bedeutender Mensch zugleich seyn kann, und ich bitte Sie daran zu den¬ ken, wenn ich Ihnen nächstens von dem Briefwech¬ sel zwischen Schiller und W . von Humboldt , den ich in diesen Tagen gelesen, berichten werde. Acht und vierzigster Brief. Paris, Sonntag, den 3. April 1831. — — Noch einiges von Lord Byron. Charac¬ tere solcher Art sind nicht blos wegen ihrer selbst wichtig, sie sind wichtiger durch ihre Berührung mit der Aussenwelt. Nur daß sie lehrreich sind, verschafft ihnen Verzeihung. Gewöhnliche friedliche Menschen sind elastisch, sie geben jedem Drucke des Lebens nach, erheben oder senken, erweitern oder verengen sich, gehen vorwärts oder zurück, wie sie bewegt werden. Aber in dieser stummen Verträglichkeit, ohne Haß und ohne Liebe, ohne Zorn und ohne Versöhnung, schläft das Herz, schlafen die Sinne ein, und kein Wunsch und kein Schmerz wird laut. Nicht der ungestörte, nur der Friede nach dem Kriege ist schön. Aber un¬ zufriedne, störrige, hadernde Geister wie Byron, kämpfen mit der Welt, geben oder empfangen Wun¬ den, Sieger drücken sie der Welt ihr eigenes Ge¬ präge auf, besiegt ihnen die Welt das ihrige. Krank wie sie sind, machen sie alles krank um sich her, und so offenbaren sie die Geheimnisse des Menschen und der Natur. Denn das Geheimniß jeder Kraft wird erst kund, wenn sie abweicht im Maaße oder Ziele. Wie mit der Welt stand Byron mit Gott feindlich. Zum Glauben geht der Weg über den Unglauben. Die Nicht-Gläubigen , die Gleichgültigen, die leugnen Gott nicht, sie denken gar nicht an ihn, und sterben wie die Kinder ohne Sünde und ohne Tugend. Aber die Ungläubigen die läugnen Gott. Sie kämp¬ fen mit dem Glauben, ehe sie ihn gewinnen; denn hier ist die Niederlage der Sieg. Walter Scott hatte einst dem Byron prophezeiht, er würde in rei¬ fern Jahren noch katholisch werden. Das wäre auch ganz gewiß eingetroffen, wenn Byron ein höheres Alter erreicht hätte. Er lästert manchmal recht lustig: „Wie zum Teufel hat man eine Welt wie die unsrige „machen können! In welcher Absicht, zu welchem „Zwecke, zum Beispiel, Stutzer schaffen, Könige, „Magister, Weiber von einem gewissen Alter, und „eine Menge Männer von jedem Alter, und gar „mich! Wozu?“ Es ist doch sehr galant von By¬ ron, daß er nur die alten Weiber, die Männer aber von jedem Alter für schlechtes Machwerk erklärt! Dagegen schrieb er einmal aus Hastings, einem Bade¬ orte, wo er mehrere Wochen verlebte, Folgendes an Thomas Moore: „Ich begegnete einem Sohn des „Lord Erskine, der mir ankündigte, daß er seit einem „Jahre verheirathet, und der glücklichste Mensch von „der Welt sei. Freund Hodgson sagt auch, er wäre „der glücklichste Sterbliche. O! welch eine schöne „Sache ist's hier zu seyn! und wäre es auch nur „um die superlativen Glückseligkeiten aller dieser „Füchse mit anzuhören, die, weil sie sich den Schwanz „haben abschneiden lassen, Andere bereden möchten „das Nehmliche zu thun, um ihnen Gesellschaft zu „leisten.“ Der arme Spötter! Der dumme Fuchs! Ganz kurze Zeit nach diesem Briefe heirathete By¬ ron selbst! Als er den stillen Vorsatz, sich zu ver¬ heirathen, seinen vertrauten Freunden mittheilte, und ich als Leser das Geheimniß erfuhr, kam ich in eine wahrhaft komische Angst. Es war mir, als müsse ich Byron beim Rocke zurück halten, und fast hörbar sprach der Gedanke in mir: Um Gotteswillen By¬ ron, thue es nicht, heirathe nicht, du taugst nichts für die Ehe! und wenn alle Weiber Engel wären, jede würde doch deine Hölle, und du würdest der Teufel werden jeder Frau. Ach! er folgte mir nicht und heirathete. Nach einem Jahre, da er Vater ge¬ worden war, verließ ihn die Frau, und sie trennten sich auf immer. Dieser Vorfall brachte die große Welt von ganz England in Aufruhr Verläumdun¬ gen, Haß und Verachtung hetzten den armen Byron fast zu Tode. Selten fand sich ein Freund, der es wagte, ihn leise zu vertheidigen. Byron selbst ver¬ theidigte sich nicht, und ohne sich anzuklagen, sprach er seine Frau von aller Schuld frei. Diese Letztere und deren Familie schwiegen auch aus berechneter Bos¬ heit, und gewannen sich durch diesen Schein von gro߬ müthiger Nachsicht alle Stimmen. Man hat Tho¬ mas Moore vorgeworfen, er habe, ich weiß nicht ob im Interesse von Byrons Familie oder der seiner Frau wichtige Dokumente unterdrückt, in deren Be¬ sitz er gewesen, und die das Geheimniß und das Räthsel jener unglücklichen Ehe hätten aufdecken kön¬ nen. Aber, mein Gott, wo ist daß Geheimniß, wo II . 15 Räthsel! Ich begreife nicht, wie sich Moore so große Mühe geben mochte, Byron zu entschuldigen, was doch, nachdem er Folgendes gesagt, sich ganz unnöthig zeigte. Moore sagt: „Die Wahrheit ist, „daß Geister von höherem Range sich selten mit den „stillen Neigungen des Familienlebens vertragen.“ „Es ist das Unglück großer Geister (sagt Pope) „mehr bewundert als geliebt zu werden.“ „Das „beständige Nachdenken über sich selbst, die Studien „und alle Gewohnheiten des Genies, streben dahin, „den der es besitzt oder wahrer zu reden, den der „von ihm besessen wird, von der Gemeinheit der „Menschen abzusondern. Opfer seiner eignen Vor¬ „züge, versteht er keinen und wird von keinem ver¬ „standen. Er wirft in einem Lande, wo nur kleine „Münze im Umlaufe ist, Gold mit vollen Händen „aus. Man fühlt wohl seine Größe; aber es ge¬ „hört eine Art Gleichheit dazu, wenn sich wechsel¬ „seitige Neigung bilden soll. Die Natur hat es „nun einmal so gewollt, daß auf dieser Erde keines „ihrer Werke vollkommen seyn soll. Derjenige, der „mit den glänzenden Gaben des Genies auch jene „Sanftmuth des Characters und jene friedlichen „Empfindungen verbände, welche die Grundlagen des „häuslichen Glückes machen, er wäre mehr als ein „Mensch. Man betrachte das Leben aller großen „Männer, und man wird finden, daß der Ausnahmen, „wenn es je welche gab, sehr wenig waren.“ Wie wahr ist das Alles, und wie recht haben die Eltern heirathbarer Töchter, wenn sie bei der Wahl ihrer Schwiegersöhne, mehr auf Geld als Genie sehen. Mir ist keine Frau bekannt, die ein dummer Mann unglücklich gemacht hätte, und keine, die mit einem genialischen glücklich gelebt. Moore, wie gesagt, be¬ müht sich den Lord Byron von aller Schuld freizu¬ sprechen. Aber unter der Beschuldigung, die er an¬ führt, um sie zu wiederlegen, ist eine, die er besser nicht erwähnt hätte. Denn sie gründet sich so sehr auf Byrons Charakter, auf seinen Stolz und seine Reizbarkeit, daß selbst ein Billiger und Fremder wie ich, sehr geneigt wird, sie für mehr als Verläumdung zu halten. Lord Byron hatte um das Frauenzim¬ mer, das er später geheirathet, schon früher ange¬ halten; aber das Erstemal einen Korb bekommen. Nun sagt Moore: „Man behauptete und glaubte „selbst allgemein, daß der edle Lord den zweiten Hei¬ „rathsantrag an Miß Wilbank, nur in der Absicht „gemacht habe, um sich für den Schimpf der früheren „Abweisung zu rächen; und man ging sogar so weit „zu sagen, daß er dies der Neuvermählten, als er 15* „mit ihr von der Trauung aus der Kirche kam, selbst „gestanden habe. Diesem Plane treu, habe er auf „nichts gesonnen als Mittel zu finden, seine Gemahlin „durch alle mögliche niederträchtigen und lächerlichen „Bosheiten zu kränken. So erzählten es die sehr „glaubwürdigen Chronikmacher.“ Das wäre aber ge¬ wiß eine theure Rache gewesen, und ich möchte auf meinen Todfeind keine so großen Kosten wenden. Wenn mir es begegnete, daß mir ein Frauenzimmer, deren Hand ich forderte, einen Korb gäbe, würde ich all mein Leben ihr zu Füßen legen und allen Leuten erzählen: seht, das ist meine Wohlthäterin, ich habe ihr mein ganzes Glück zu verdanken! Mit welchen romantischen Gefühlen, mit welcher ätherischen Stim¬ mung Byron zur Ehe schritt, verrathen folgende wenige Worte. Einen Tag vor seiner Hochzeit schrieb er einem Freunde, aber mit der größten Ernsthaftig¬ keit: „Man sagt mir, man könne sich nicht in einem „schwarzen Kleide trauen lassen, und ich mag mich „nicht blau anziehen; das ist gemein, und es mi߬ „fällt mir.“ Den häßlichen Ehemann vergessen zu machen, zum Schlnsse noch ein Wort vom schönen Geiste. Er schrieb in sein Tagebuch: „Ich erinnere mich, Blücher in einigen Londoner Gesellschaften gesehen zu haben, und nie sah ich einen Mann sei¬ nes Alters, der ein so wenig ehrwürdiges Ansehen hatte. Mit der Stimme und den Manieren eines Werb- Sergeanten macht er Ansprüche auf die Ehre eines Helden. Es ist gerade als wenn ein Stein angebetet seyn wollte , weil ein Mensch über ihn gestolpert ist .“