Die Alpen in Natur- und Lebensbildern . Und habe ich ein Lied gemacht Das voller klingt und freier, — Es klingt von Eurer Gluth entfacht Ihr Alpen, Euch zur Feier. Und ist es arm und reizentblößt, Ists, wie Ihr selbst, noch nicht erlöst't: — Ich sang, wie mir's der Gott beschied, Der überm Schnee sein heis'res Lied Dem Adler gab und Geier. L. Seeger . Die Alpen in Natur- und Lebensbildern . Dargestellt von H. A. Berlepsch . Mit 16 Illustrationen und einem Titelbilde in Tondruck nach Originalzeichnungen von Emil Rittmeyer . Leipzig, Hermann Costenoble . St. Gallen, Zürich, Scheitlin's Buchhandlung. 1861. Meyer \& Zeller . Das Uebersetzungsrecht dieses Werkes in fremde Sprachen, sowie das Recht der Nachbildung der Illustrationen behalten sich Verfasser und Verleger vor! Herrn Iwan von Tschudi gewidmet vom Verfasser . Inhalts-Verzeichniß . Seite Das Alpengebäude. 1 Granit. 19 Erratische Blöcke. 27 Karrenfelder. 33 Nagelfluh. 39 Der Goldauer Bergsturz. (Mit Illustration.) 45 Der Bannwald. (Mit Illustration.) 65 Die Wettertanne. (Mit Illustration.) 81 Legföhren. (Mit Illustration.) 89 Die Alpenrose. 97 Südliche Alpenthäler. 105 Kastanienwald. (Mit Illustration.) 111 Eine Nebel-Novelle. 119 Nebelbilder. 131 Wetterschießen. 135 Hoch-Gewitter. 139 Der Wasserfall. 147 Der Schneesturm im Gebirge. 165 Rother Schnee. 177 Die Rüfe. 183 Die Lauine. (Mit Illustration.) 195 Der Gletscher. (Mit Illustration.) 213 Alpenglühen. 239 Alpenspitzen. (Mit Illustration.) 247 Berg-Straßen und Alpen-Pässe. (Mit Illustration.) 287 Die Hospitien. 315 Seite Sennenleben in den Alpen. (Mit Illustration.) 331 Das Alpenhorn 353 Der Geißbub. (Mit Illustration.) 361 Der Wildheuer. (Mit Illustration.) 373 Alpstubeten oder Aelplerfest. (Mit Illustration.) 385 Holzschläger und Flößer. (Mit Illustration.) 397 Auf der Jagd. (Mit Illustration.) 409 Dorfleben im Gebirge. (Mit Illustration.) 425 Verzeichniß der Illustrationen . Titelblatt. 1. Alpenspitze. 247 2. Alpenstraße. 287 3. Alpstubeten oder Aelplerfest. 385 4. Auf der Gemsenjagd. 409 5. Bannwald. 65 6. Begräbniß. 425 7. Bergsturz. 45 8. Edelkastanie. 111 9. Geißbub. 361 10. Gletscher. 213 11. Holzflößer. 397 12. Lauinen-Ausgrabung. 195 13. Legföhren. 89 14. Wettertanne. 81 15. Wildheuer. 373 16. Wildkirchli. 331 Das Alpengebäude . Die Natur Vermag nicht unter ähnlicher Gestalt Den Fortgenuß der Dinge zu gewähren. Sie wechselt ihre Formen, und sie läßt Des Einen Bild in andre übergehen, Doch mit Verschiedenheit von Geist und Kraft. So wächst der unermeßne Reichthum auf, Und ewig zeigt sich eine andere, Und doch dieselbe Welt. Knebel . Die Alpen sind einer der großartigsten Beweise von der Majestät der Schöpfungsgewalt. Staunt der denkende Mensch schon alle die Wunder und erhabenen Zeugnisse der erschaffenden, erhaltenden und auflösenden Kraft in der Natur an, welche täglich, stündlich vor seinem sehen¬ den Auge, nach einem großen gemeinsamen Organisationsgesetze Neues gestaltet, Existirendes bewegt und belebt, Verbrauchtes, Vollendetes wieder dem Urquell der Materie oder einer neuen Bestimmung im großen Kreislaufe der Schöpfung zuführt und ihm einen Maßstab für die nimmer rastende, Alles ergreifende, Alles umfassende Thätigkeit des wollenden, ordnenden, Alles durch¬ Berlepsch , die Alpen. 1 Das Alpengebäude . dringenden und vollbringenden großen Geistes im Universum giebt, — dann wird er tief ergriffen, erschüttert vor jenem imposanten Riesenbau der Alpen stehen, der von Gewalten emporgerichtet wurde, für deren materielles Entstehen und Wirken die Naturwissenschaften zwar allgemeine, aus den Erscheinungen gewonnene Normen auf¬ stellen und ihr Verhältniß zu anderen Naturgesetzen nachweisen, deren ganze Aufgabe, Ausdehnung und Gränzen im Weltall das menschliche Ergründen und Erkennen aber nur zu ahnen vermag. Nur wenige Menschen kennen die wirkliche und volle Ma¬ jestät des Alpengebäudes. Sie entschleiert sich da am Aller¬ wenigsten, wo die breiten Heerstraßen über Joche und Bergsättel laufen, oder wo das kleinliche Treiben des alltäglichen Verkehrs¬ lebens an die Fußschemel dieses Schöpfungswunders sich heran¬ gewagt hat. In die Geheimnisse der verborgenen Gebirgswelt mußt Du hineindringen, in die Einsamkeit der scheinbar ver¬ schlossenen Schluchten und Thaltiefen, wo der Kulturtrieb des Menschen ohnmächtig ermattet, weil er die Schwäche seines Stre¬ bens gegenüber der Erhabenheit der Alpennatur erkennt, — über Urwelt-Getrümmer mußt Du klimmen, durch Gletscherlabyrinthe und Eiswüsten in das Tempelheiligthum eingehen, welches sich dort vor Deinem erbangenden Blicke frei und kühn in den Aether empor¬ wölbt. Da wird sie Dir entgegentreten die unbeschreiblich hohe Pracht der Alpenwelt in ihrer ganzen Herrlichkeit und Größe, da wirds mit Geisterstimmen Dich mächtig umrauschen, und über¬ wältiget wirst Du niedersinken vor diesen verkörperten Gottesge¬ danken. Und hast Du Dich dann aufgerafft von dem ersten gewaltigen Eindrucke, — hast Du im Anschauen der gigantischen Massen das Herz Dir ausgeweitet und empfänglich gemacht für noch größere und herrlichere Offenbarungen, dann richte kühn eine Frage an jene Mausoleen urvordenklicher Zeiten, dann forsche, welche Hand sie emporgehoben hat aus der Tiefe ewiger Nacht in das Reich des Lichtes, — dann schlage die Geschichte ihrer Das Alpengebäude . Schöpfungstage in den Felsenblättern dieser versteinerten Welt¬ chronik nach und erforsche ihren Existenzzweck; — und die großen todten Massen werden sich beleben, es wird sich Dir ein Blick erschließen in den unendlichen Kreislauf der Ewigkeit. Gedankenvoll, verstandvoll ist die Schöpfung, Ein großes Herz, das Wärm' in alle Adern, In alle Nerven Gluth der Fühlung gießt Und sich in Allem fühlet. Herder . In weit gestrecktem Halbbogen durchziehen die Alpen das südliche Europa, ein Glied jenes kolossalen Erdrippen-Baues, der den, ins mittelländische Meer hinausragenden Landzungen der Iberischen, Italienischen und Osmanisch-Hellenischen Halbinseln als Pyrenäen, Apennin, Tschar-Dagh und Hämus ihren inneren Halt giebt. Sie sind Resultate und Gebilde viel hunderttausend¬ jähriger Krystallisationen und Niederschläge aus einstigen Ur¬ meeren. In verschiedenen Epochen erfolgten dann Hebungen und Senkungen, abermalige Ueberfluthungen und neue Ablagerungen, und endlich durchbrachen feuerflüssige Produkte aus den Schmelz¬ öfen des Erdinneren diese vielfach übereinander lagernden Schichten, Wer Zeuge jener Umwälzungen und Ausbrüche hätte sein kön¬ nen, als in den Central-Alpen der eigentlichste, innere Kern des riesigen Berggebäudes, die Granite, Gneise und krystallinischen Schiefer aus den Tiefen der Erdrinde emporgedrängt, von den strahlend aufschießenden Massen der hornblendartigen Gestein¬ durchbohrt und in Fächerform aufgerichtet wurden? Wie ohne mächtig möchten die Momente des wildesten Natur-Aufruhrs die wir kennen, — wie unbedeutend Erdbeben und Meeressturm, Vulkan-Ausbruch und Felsensturz der Jetztzeit gegen jene Kata¬ strophen erscheinen, welche dem Alpengebäude seine gegenwärtige Gestalt gaben? Wie hat unser Verstand so ganz und gar keinen 1* Das Alpengebäude . Anhaltepunkt, um einen nur einigermaßen entsprechenden Begriff für jene welterschütternden Epochen zu bilden? Vertausendfachten wir den furchtbarsten Aufruhr des wildesten Gewitters, welches die gesteigerte Phantasie auszumalen im Stande ist, — dächten wir uns alle Feuerschlünde der zur Kriegsführung der Völker auf Er¬ den existirenden Geschütze auf einer Stelle versammelt, auf ein Kommandowort losgebrannt — wie nichtig würden sie immerhin noch im Verhältniß zu jenen Momenten sein, in welchen die noch Milliarden und abermals Milliarden von Kubikklastern fester Ge¬ steine der Central-Alpen aus ihren Fugen gerissen zerbarsten, und zersprengt, himmelhoch aufgerichtet oder übereinander geworfen wurden? — — zur Zeit, als noch ein Flammenbrand Gen Himmel lohte aus der Berge Kuppen, Als sich in Schmerz die Erde kreisend wand. Formlos geballt lag sie in wilden Gruppen; In Fluthendrang und durch der Flamme Kraft Sollt' sie verklärt, ein Phönix, sich entpuppen. Und Alles, was sie schuf, war riesenhaft. Es hat die größte Wahrscheinlichkeit für sich, daß die meisten der erdgestaltenden Vorgänge langsam, sehr langsam sich ent¬ wickelt haben mögen. Denn zuverlässig ist der Härtezustand der Gesteine während der großen Revolutionsperioden ein viel minder spröder, weniger erfesteter gewesen, als heute, so daß die beiden, jedenfalls am Bedeutsamsten bei der Ergestaltung betheiligten Fak¬ toren: die Centrifugal- (oder mechanische, durch den Erdumschwung bedingte Anziehungs-Kraft und die Expansion (Ausdehnung) durch Gase, Dämpfe, Wasserdruck aus dem Erdinnern, — leichter und stetiger auf die Gestaltung einwirken konnten. Aber eben so sicher ist es auch, daß andere physikalische Gesetze, wie von Anbeginn der Materie bestanden, — wie z. B. das Gesetz der Schwere, — aktive Augenblicke in der äußeren Bildungsgeschichte des Alpen¬ baues herbeigeführt haben müssen, die, energisch in ihren Wirkungen, Das Alpengebäude . zu dem Furchtbarsten gehören, was der menschliche Gedanke nur zu erfassen vermag. Tausend Merkmale bezeugen dies bei näherer Betrachtung des Gebirgsreliefs, namentlich die noch heute an pitoresken Formen reichen, scharfkantigen Linien und Brüche der Dolomit-Gebirge, die sich weder abrunden, noch verwitternd zer¬ bröckeln, — die abenteuerlichen Zickzack-Ornamente und wunderbar phantastischen Formenspiele in den Kalkalpen, soweit diese nicht durch Firn-Einlagerungen oder Ueberdeckung mittelst jüngerer Fels¬ gebilde dem Auge entzogen werden, — dies bezeugen die großen Thalrisse und Schluchten, wie die in der Via-Mala, im Tamina¬ thale, in der Trientschlucht, die schlundähnlichen Mündungen der meisten südlichen Walliser und Engadiner Seitenthäler, deren beide Thal- oder Schluchtwände heute noch die ineinander passenden Bruchflächen (mitunter bis in die kleinsten Details erhalten) zeigen, — das bestätigen die kahlen, im Material-Profil sich präsentirenden Felsenköpfe, die, senkrecht absinkend, alle übereinander liegenden Schichten dem Blicke preisgeben, während der Pendent, der abge¬ brochene, einst gegenüberstehende, nunmehr fehlende, massige Gegen- Part in die Tiefen versunken ist, wie z. B. am Wallensee die Wände der Churfirstenkette, die Felsenfronten des Frohnalpstockes und Axen am Vierwaldstätter-See u. a. m. Betrachten wir dann weiter jene majestätischen Strebemassen, die gleich gigantischen Obelisken frei und kühn in die Wolken emporsteigen, Zinken wie das unerklimmbare, schneenackte, 13850 Fuß hohe Matterhorn, die blendende Firnpyramide der fast eben so hohen Dent blanche, das neunzinkige Gipfeldiadem des Monte Rosa (von 14200 Fuß Höhe), welche unmöglich in ihrer Pfeiler- Gestalt, wie wir sie jetzt sehen, durch die Erdkruste aus der Tiefe hervorgestoßen sein können, sondern nichts als vereinzelt stehen¬ gebliebene Ruinen-Reste des ehemaligen alten Berggebäudes sind, — was für gräßliche Zertrümmerungs-Akte müssen es gewesen sein, die jene dazwischen nun fehlenden Glieder lostrennten und wahrscheinlich Das Alpengebäude . in die Tiefen, aus denen sie emporgestiegen waren, zurücksinken ließen? denn, daß allmählige Verwitterung diese Felsenthürme so abgenagt und modellirt habe, dagegen sprechen eine Menge von Gründen. In keinem anderen Gebirge Europas liegen Entstehung, Zer¬ störung und Neugestaltung so unmittelbar und in so markigen Zügen nebeneinander, wie in den Alpen; an Großartigkeit der Formen, an Mannigfaltigkeit der Zerklüftung und Verwerfung der Schichten werden sie von keinem anderen unseres Continentes über¬ troffen. Es ragt die heilige Urschöpfungszeit, Von Felsenzacken eine Riesenwelt, Ein wildes Urgebirge weit und breit, In starrer Pracht zum blauen Himmelszelt. (K. Beck .) Aber kein anderes Berggebäude unseres Erdtheiles vermag auch einen solchen Mineralreichthum, eine so instruktive Skala des Erdbildungsprozesses aufzuweisen, wie die Alpen. Freilich werfen Umbiegungen oder gänzlich abnormer Wechsel der Schichten, eingelagerte Sedimentstreifen in den krystallinischen Gesteinen und widerstreitende Stratificationen dem Geologen oft fast unlösbare Räthsel in den Weg und öffnen ihm Thor und Thür zu den abenteuerlichsten Hypothesen. Um sich ein annähernd richtiges Bild von der inneren Kon¬ struktion, von dem Material-Bau, von der geognostischen Auf¬ einanderfolge der Gesteinsarten in den Alpen zu machen, denke man sich, daß ein einstiges Urmeer durch unbestimmbar lange Schöpfungs- und Erdgestaltungs-Perioden hindurch Schlammschichten ablagerte, wie wir einen ähnlichen Prozeß im Kleinen heute noch an den Ufern der Flüsse und nach Ueberschwemmungen wahrnehmen können. Jede dieser Perioden verschlang ganz oder theilweise die damals auf den emporgetauchten Inseln oder Kontinenten, oder in Das Alpengebäude . den Gewässern zur lebensvollen Entwickelung gelangten Thiere und Pflanzen und begrub dieselben in ihren Ablagerungsschichten. Ganze Generationen von Organismen, die in unseren Zeiten nicht mehr existiren, gingen mit ihnen unter. Diese eingeschlossenen Zeugen der verschiedenen Epochen organischen Lebens (jetzt als Versteine¬ rungen oder Petrefakten und Pflanzenabdrücke in den Gebirgs¬ schichten gefunden) wurden die Erkennungszeichen und Merkmale, nach denen die Wissenschaft der Geologie die Blätter ihrer Schöpfungsgeschichte ordnet. Die Reihefolge derselben ist, wo sie nicht gewaltsam gestört wurde, übers ganze Erdenrund die gleiche. Es müssen also die älteren und ältesten Ablagerungen oder „Sedi¬ ment-Gebilde“ zu unterst und die je später erfolgten jederzeit dar¬ über liegen. Also stellt es sich auch im Alpenlande und in seiner Umgebung dar. Eine Wanderung bergwärts von Süddeutschland aus führt uns durch die geologischen Gebiete aller Hauptepochen und ist am Besten geeignet, die Entwickelungselemente und deren Gliederung vorzuführen. Die große bayerische Ackerbau-Ebene zwischen Donau und Inn, die Flächen von Nürnberg, Ulm, Augsburg, München bis in die Nähe von Passau, gehören den jüngsten Ablagerungen oder Alluvial-Gebilden an; überall, wo man durch die fort¬ dauernden Humus-Bildungen einen Spatenstich ins Erdreich thut, kommt man auf Kiesgruben, Schuttablagerungen oder torfähnliche Unterlagen. Unter diesen zeigen sich Diluvial-Gebilde , theils geschichtete, theils ungeschichtete Lager von Blöcken, namentlich auch sogenannte erratische Schichten. Steinbrüche sind so selten, daß man in den Dorffluren mancher Gegenden hölzerne Grenz steine setzt. — Ein Schritt weiter südwärts bringt uns in bergiges Terrain, ins Bayerische Hochland, ins Allgäu, an den Bodensee und in das größte und breiteste Thal Europas, in das Schwei¬ zerische Mittelland (zwischen Jura und Alpen), in welchem Zürich, Bern, Freiburg und Lausanne liegen. Wiese und Wald wechselt Das Alpengebäude . mit agrikolen Distrikten, die Gegend wird farbiger, formiger, Bäche und Flüsse nehmen einen beschleunigteren Lauf an und sammeln sich in tief ausgespülten Seebecken an der Vorberge Fuß. Noch bekränzen die rundlich weichschwellenden Formen der Laubhölzer Anhöhe und Niederung; weithin sind die Halden mit zerstreuten Wohnungen übersäet; Dörfer und Städte bergen rasch pulsirendes, hastig drängendes, nach Erwerb ringendes Leben. Es ist das Gebiet der Molasse-Gebilde , die nach den eingeschlossenen Muscheln sich theils als Niederschläge aus salzigen Meeresgewässern, theils als solche aus süßen Wassern ausweisen und meist als blaugraue Sandsteine, Mergel- und Lettenschichten, Süßwasserkalk, Muschel¬ sandstein und große Konglomerat-Bänke — Nagelfluh genannt — darstellen. Die Berge dieser Zone zeigen nur rundliche, hügelhafte Formen; in der Schweiz wachsen diese bei etwas entschiedeneren Linien bis zu einer Hebung von 6000 Fuß an (Speer, Rigi, Napf). Abermals ein Schritt weiter dem Gebirge zu und in dasselbe schon eintretend, gelangen wir nach Salzburg, Sonthofen, in das österreichische Vorarlberg, in die Kantone Appenzell, St. Gallen, Glarus, Schwyz, nach Sarnen im Kanton Unterwalden, an den schönen Thuner-See. Der Ackerbau verläßt uns immer mehr, die Landschaft wird entschieden alpenhaft, der Laubwald zieht sich zurück und Nadelholzforste treten an dessen Stelle; Viehzucht beginnt die vorherrschende Beschäftigung des Volkes zu werden. Die leuchtend grellen Farben rother Ziegeldächer und weißbetünchter Häuser ver¬ schwinden allgemach; silbergrau auf grün, gebleichte Schindeldächer auf den Holzhäusern in Mitte schwellender Matten treten als charakteristische Momente hervor. Die Molasse-Gesteine verschwin¬ den; ein anderes Gebilde schiebt sich unter denselben hervor, das also älter ist und sich durch das ganze mittägige Europa, tief nach Afrika und Asien hinein verbreitet zeigt. Es ist das der Eocen-Bildungen , welche, in Flysch- und Nummuliten¬ Das Alpengebäude . Gesteine Die Bezeichnung „ Eocen “ rührt vou einigen in diese Gesteinsarten eingeschlossenen Organismen (Pflanzenabdrücke, Muscheln, Thierüberreste) her, deren Arten in der Gegenwart noch existiren, als Versteinerungen aber sich zuerst in dieser Formation zeigen. — Nummuliten-Gebilde haben ihre Benennung von einer in denselben in großer Menge vorkommenden versteinerten, linsenförmigen Muschel ( Nummulites nummularia , vom Gebirgsbauer auch „Batzensteine“, „Kümmisteine“ genannt, welche gespalten einen spiralförmigen Kanal mit einer Unmasse von Kämmerchen zeigt. Abbildung in Vogt's Geologie, 2. Aufl., 1. Bd. pag . 626. unterschieden, bald als Schiefer und Sandstein, bald als kalkartige Gesteine in respektabeln Gebirgsketten und schroff abgerissenen Felsen-Fa ç aden auftreten. Begreiflich besteht nicht die ganze Aufgipfelung eines solchen Gebirgs-Individuums lediglich aus diesem Gestein, sondern dasselbe ist entweder nur das vorherr¬ schende, wie in der stolzen Bergpyramide des Niesen (7280 Fuß) am Thunersee, wo die Flyschlager eine Durchschnitts-Dicke von 4500 Fuß erreichen, — oder, es ist das zu oberst aufliegende, in schwindelnde Höhe mit emporgehobene Gestein wie an der Schrattenfluh im Emmenthal oder an den zackiggebrochenen, schein¬ bar in sich selbst zusammengesunkenen Ralligstöcken und auf dem Niederhorn im Justithale (Thuner-See), wo Nummulitenkalk die obersten Kämme bildet. Auch der Gipfel des sommerlichen Tou¬ ristenzieles, das berühmte Faulhorn, ist rauher sandiger Schiefer der Flyschzeit und das „verfaulende“ Gestein verlieh dem Berge seinen Namen. Noch weiter hinauf bis zu 10 und 11 Tausend Fuß, wurde Flysch- und Nummuliten-Sand nur auf die äußersten Kuppen der Glariden und des Tödi gehoben; dort be¬ deckt es wie aufgestülpte Hauskäppchen die Silberscheitel dieser Berg¬ greise, deren gewaltige Körpermasse aus, krystallischen Felsarten (Gneis) besteht. Aber es bedarf durchaus nicht der Wanderung auf solche Höhen, um das Gestein kennen zu lernen; auch das Thal birgt es. Jene schwarzen immer feuchten Felsenwände der Tamina¬ Das Alpengebäude . Schlucht, in welcher der heiße Sprudel der Pfäferser Heilquelle liegt, das zerbröckelnde Gestein um Bad Fidris im Prätigau, die nächste Umgebung des Stachelberger Bades im Glarner Thale sind Flysch-Gesteine. Hier stehen wir an der Gränze einer der großen Schöpfungsepochen unseres Erdkörpers; denn mit den Eocen- Gebilden schließt sich die große Hauptgruppe der jüngsten Ab¬ lagerungen, welche der Geologe die „ Tertiär-Formationen “ nennt. Alles, was unter ihnen liegt, alle Berge, die alpenwärts vor unserm Blicke sich erheben, sind älter, gehören früheren Zeiten an. Die Wissenschaft rubricirt sie als Gebilde der „Sekundär-For¬ mation.“ Das ganze Terrain, in welchem diese Gesteine sich zei¬ gen, muß damals, als die Molasse-Gebilde abgelagert wur¬ den, schon als Festland existirt und über das s. g. „Urmeer“ herausgeragt haben. Es war viel größer, dieses Kontinent, als es sich heute zeigt; die darunter liegende große Gruppe der Kreide- Gebilde hat bei der Hebung der Alpen die Flysch-Decke an vielen Stellen durchbrochen und zur Seite geworfen. Am Auffallendsten sieht man es in den Vorarlberger Alpen, ganz besonders in der Säntis- und Churfirsten-Kette, dann in den Schwyzer Alpen, wo namentlich die Mythenstöcke bei Schwyz wie durchs Fleisch hervor¬ gestoßene Zähne dastehen, in den Nidwaldner Alpen, am zerzackten Pilatus, an der Schaafmatt, am Scheibengütsch, am Brienzer Rothhorn und an anderen Bergen des Berner Oberlandes. — Unter der Bezeichnung „Kreide-Formation“ denke man sich indessen keines¬ weges Felsen von weißer Schreibe-Kreide; die Geologen haben auch hier wieder alle Gesteinsarten, welche die gleichen Versteine¬ rungen und organischen Ueberreste wie die weiße Schreibe-Kreide einschließen, also der gleichen großen Niederschlagsepoche ange¬ hören, als eine Formation zusammengefaßt und nach der Kreide benannt. Sie ist eins der am Weitesten auf der Erdoberfläche ver¬ breiteten Gebilde und nimmt z. B. in Nordamerika eine Fläche von 120 Meilen Breite und 300 Meilen Länge ein. Das Alpengebäude . Die Fluhen und Kämme dieses Gesteines sind schroffer em¬ porgerichtet, kühner, markirter in den Linien als die des Flysch, — malerisch-zackige Felsen-Fa ç aden oft in überraschend schöner Detailzeichnung. Alle jene großartigen Uferdekorationen am wilden Wallensee, am Vierwaldstätter- und Brienzer-See mit ihren Pfeilerarkaden und Winkelvorsprüngen, ihren Nischen und Ecksäulen, deren Gruppirung und Gegenwirkung eine landschaftlich so bezau¬ berndschöne ist, gehören der Kreide-Formation an. Da zeigen sich schon ausgeprägte Alpenformen in grotesken Massen, gleichsam vor¬ geschobene Posten der imposanten Gipfel-Armee, welche im Rücken derselben ihr Lager aufgeschlagen hat. Selten erreichen die Kreide¬ felsen die Höhe der Schneegränze, also 7000 bis 8000 Fuß. Aber auch in dieser Formation unterscheidet die Wissenschaft in den Alpen wieder vier Gesteinsarten. Die unterste derselben ist der Spa¬ tangenkalk oder Neocomien , so genannt von Neocomum oder Neuch â tel, in welcher Gegend er hauptsächlich entwickelt ist; — auf ihm lagert der Rudisten- oder Caprotinenkalk , von dem in der Schilderung der „Karrenfelder“ Weiteres zu finden ist; — über diesem wieder der Gault , ein an Versteinerungen sehr reicher Sandstein, — und obenauf endlich als jüngstes Gebilde der Seewerkalk . In einer großen Strecke der Berner Alpen, namentlich zwi¬ schen Rh ô ne und Aar, ist die Kreideformation gänzlich verschwun¬ den und ein noch älteres Gestein, der an Petrefakten sehr reiche Jurakalk , ersetzt deren Stelle. Hier treten wir ins Hochgebirge ein; wir stehen auf der untersten Stufe der treppenförmig an¬ steigenden großen Alpenthäler. Durch jede Lücke der erhabenen Strebemassen leuchten Firnfelder und überschneite Hochkulme her¬ nieder, — von ihnen brausen jäh über die Felsenwände die zu Schaumflocken zerstäubenden Wasserfälle herab, die bald in ge¬ schlossenen, vollen, breiten Garben zu Thal stürzen wie die Fälle des Reichenbaches und Giesbaches, oder in funkelnden Wasserstaub Das Alpengebände . aufgelöst, wehenden Schleiern gleich herniederwallen wie der Oltschi¬ bach, Staubbach und alle die anderen des Lauterbrunner-Thales. Das Volksleben entfaltet sich nicht mehr in reichen Dörfergruppen weit zerstreut über Halde und Höhe, — hinunter ins Thalbett, an die Ufer der Ströme, da wo Weg und Steg Kommunikation bie¬ ten und die Wohnung geschützt ist gegen klimatische Unbilden, hat es sich geflüchtet, und nur im Sommer wandern die Bewohner mit ihrem Vieh nomadisch auf die Hochweiden der Alpen. Die Gebirge-aufrichtenden, Alpen-gestaltenden Kräfte haben hier gewal¬ tig und energisch gewirkt; man sieht es, daß man den centralen Erhebungskratern sich nähert. Wie ein Ringgebirge mit schroffem, innerem Absturz den centralen vulkanischen Herd umgiebt, so kehrt die erste, zuweilen auch eine zweite, dritte Kalkkette dem Granit¬ gebirge steile, oft hoch in die Schneeregion aufsteigende Felsen¬ wände zu. Stets fallen die Schichten der Kalkalpen nach Außen zu, ein Beweis, wie diese Decke gewaltsam bei der Bildung der Alpen von den aus der Erdtiefe aufgestiegenen Granitmassen zer¬ sprengt und in schiefe Richtung gebracht wurde. Als diese Gebirge noch nicht in ihren heutigen wilden, kühnen Formen dastanden, als die Kalkfelsen nur flache, zerstreut aus dem vorweltlichen Meere hervorragende Eilande bildeten, da muß eine Riesenvegetation auf denselben gewuchert haben, und gräuliche Ungeheuer belebten die Tiefen. Im Grund begraben wird hier, — dort gefunden Vergangner Pflanzen steingewordne Spur; Gebein von Thierart, die vorlängst entschwunden, Die abgelegten Kleider der Natur. Und wollt ihr dann in staunenden Gedanken Die Gliedermassen euch zusammenfügen, Sinds Riesen, überragend alle Schranken, Ihr schaut Urwelt in großen Schreckenszügen. ( Lenau .) Es ist die einstige Heimath der Ichthyosaurier und Plesiosauren, jener 50 Fuß langen, zwitterhaften, Ungethüme, halb Krokodil, halb Fisch; es ist die Fundstätte der riesigen Petrefakten, die wir Das Alpengebäude . als Ammonshörner und Nautilus kennen. — Viele Gipfel der Kalklagen gehen weit über die Schneelinie hinaus; das Oldenhorn erreicht 9617 Fuß, das Weißhorn 9272 Fuß, der Urirothstock 9027, die Altels 11,187, die Windgelle 9818 und das Scher¬ horn 10,147 Fuß. In den östlichen Alpen, wo in der äußeren Konfiguration des Gebirges mehr die Plateaubildung vorherrscht, vertreten die noch älteren Trias-Dolomite und Keuper, so wie die Lias-Gesteine die Stelle der Jura-Kalke. Wir sind an der Grenzlinie der neptunischen Niederschläge angelangt; wir treten in das Gebiet der, wahrscheinlich zu den ältesten Rindengesteinen der Erde gehörenden Schichten, in die Schiefer-Alpen , welche die, aus dem Erd-Innern aufgestiegenen, granitischen Kernmassen umkleiden oder theilweise ganz in dieselben übergehen. Da überrascht den vom Norden kommenden Alpen¬ wanderer eine auffallende Erscheinung. Bisher nahm er wahr, daß alle Felsenschichten, deren Lagerungsprofile er in den Thal¬ wänden oft sehr deutlich erkennen konnte, meist schräg gegen das Flachland hin, abfallen, — unverkennbar so: als ob sie durch die Alpen emporgehoben und in diese schiefe Lage gebracht worden seien. Jetzt mit einemmal zeigt sich die entgegengesetzte Erschei¬ nung. Unter den ungeheueren Kalk-Kolossen, deren schräg gen Norden oder Nordwest einsinkende Schichten sich bis in die Wolken erheben, wachsen plötzlich Strebepfeiler empor, welche im rechten Winkel jene zu stützen scheinen. Das sehen wir, wenn wir vom Genfersee durchs Rhône-Thal ins Wallis einwandern, an dem zackigen Kalk-Dome der Dent du Midi bei Evionaz, — oder wenn wir vom freundlichen Brienz durchs Haslithal nach dem Grimsel-Hospiz aufsteigen, dort, hinter dem Quer-Riegel des „Kirchet“, in der malerischen Thal-Mulde „Im Grund“, wo das Urbach- und Mühle-Thal münden, — oder noch auffallender auf der Gotthards-Straße, hinter Altorf bei der „Klus“, und weiter Das Alpengebäude . nach Amsteg zu, wo deutlich die nach Norden abfallenden Kalk¬ schichten auf dem steil gen Süden einsinkenden Gneismassen la¬ gern. Hier also begegnen wir den ersten sichtbaren Spuren jener furchtbaren Hebel, welche das ganze große, herrliche Alpengebäude mittel- oder unmittelbar aufrichteten. Die Schieferdecke ist auf un¬ geheuere Strecken hin zersprengt, zerrissen, verworfen, mit empor¬ gehoben, umgebogen oder durch die Feuereinwirkungen in ihren Grundstoffen verwandelt. Nur in Savoyen in einem Theile des Arve-Thales, in Piemont in den Thalgebieten der obern Is è re und der Dora-Baltea, im südlichen Wallis und in vielen Theilen der Graubündner Alpen, besonders auch im Unter-Engadin, haben die als graue , grüne und Belemniten-Schiefer bekannten Ge¬ steinskörper noch Zusammenhang behalten und bilden riesige Ge¬ birgsketten. Wo aber die krystallinischen Centralmassen als: Alpengranit, Protogin, Gneis und Glimmerschiefer durchgebrochen sind und alles vorhanden Gewesene zur Seite geworfen haben, da streben sie in senkrechter Stellung wie Glieder kolossaler Fächer empor. Es sind die weithin sichtbaren Oberhäupter des stillen, erha¬ benen Alpenreiches, die in ernster Majestät ganz Central-Europa beherrschend überschauen, — von deren Giganten-Schultern der firnstrahlende Regenten-Mantel mit den Gletscher-Schleppen herab¬ wallt; — es sind die riesigen Gipfel des wie aus der Ewigkeit stammenden Montblanc (14,800 Fuß), des mit neunzinkiger Krone geschmückten Monte Rosa (14,284 F.), der noch unerstiegenen großartigsten Gebirgspyramide des Matterhornes (13,900 F.), der wilden Mischabelhörner (14,032 F.), des in unvergleichlicher Pracht aufragenden Weißhornes (13,900 F.), der kühn dräuenden Felsen- Lanzen eines Finsteraarhornes (13,160 F.), und der jähen Schreck¬ hörner (12,568 F.), des einsamen Adula- oder Vogelberges (10,454 F.), des Gletscher-umpanzerten Piz Bernina (12,475 F.), der Silvretta (10,516 F.), der Ortles-Spitz (12,030 F.) und des Groß-Glockners in Tyrol (12,185 F.). Das Alpengebäude . O, du bist schön, erhabner Riesendom, Wenn dich der Himmel freudig überblaut, Der Sonnenaufgang einen Strahlenstrom Auf deine starren Augenlider thaut. K. Beck . „Alle von der Phantasie erschaffene Größe muß im Vergleich mit den Alpen klein erscheinen“ sagt Bonstetten. Und in der That, es kann auf dem europäischen Kontinente wohl kaum einen gewaltigeren, erschütternderen Anblick geben als den, von geeigne¬ tem Standpunkte in der Berner Alpenkette aus (z. B. von der Höhe der Gemmi, oder vom Torrenthorn ob Leuk, oder beim Wild¬ horn am Rawyl-Paß), auf die südlich gegenüberliegenden Walliser- Alpen. Es ist ein Panorama von unbeschreiblicher Erhabenheit, von fast grauenhafter Pracht. Die großen gespaltenen Seitenthäler des Wallis erscheinen so schreckhaft ernst und dräuend, sie tauchen in ihrer, durch die schwarzgrünen Nadelwälder gestimmten finsteren Färbung so urthümlich und sagenhaft-düster im Mittelgrunde auf und kontrastiren so schaurig gegen die sie überragenden, blendend weißen Firn-Façaden, daß mancher entschlossene Berggänger nach diesem Eindruck sich besinnen würde dieselben zu betreten. Und doch ist gerade in ihren Tiefen das großartigste Naturschauspiel verborgen. Der Hintergrund des Zermatter- oder Nicolaithales und des Einfischthales werden von keinem anderen Alpthale an Majestät übertroffen, selbst nicht von dem berühmten Chamouny. Die gianitischen Centralmassen sind aber durch spätere Er¬ schütterungen und Katastrophen wieder so entsetzlich zerspalten und umgestaltet, in neue Gruppen getrennt und in ihrer ganzen Kon¬ figuration verändert worden, daß nur der ordnende Scharfblick des Geologen deren einstigen wahrscheinlichen Zusammenhang wieder¬ herzustellen vermag. Unberechenbare chemische Umwandelungen ein¬ zelner Partieen, namentlich in den Schiefergebirgen, haben statt¬ gefunden. Hitze-Einwirkung, Dämpfe, Gas- und Säure-Durch¬ dringung, Zertrümmerung und durch Mischung entstandene Neu¬ bildung haben meilengroße Alpen-Parzellen in neue Gesteine Das Alpengebäude . verwandelt, wohin namentlich die Verrucano-Gebilde gehören. Mächtige Gypsadern durchziehen, als spätere chemische Verbin¬ dungen, die krystallinischen Massen, — und hornblendartige Ge¬ steine steigen als Erruptiv-Garben, wie Schlote aus der Unter¬ welt, im innersten Kern der centralen Stöcke auf, in den höchsten Spitzen derselben zu Tage tretend. Dieses chemisch-zersetzende, all¬ mählig auflösende, neue Prozesse vorbereitende Laboratorium im Erd-Innern, als deren Sicherheits-Ventile Alexander v. Humboldt die Vulkane bezeichnet, arbeitet auch unter dem Alpen-Massiv noch immer fort. Beweise dafür liefern die zahlreichen kohlensauern Gasquellen, die vielen Sauerbrunnen, die, giftige und stickstoff¬ haltige Dünste ausathmenden, gefährlichen Mofetten im Engadin und manche andere Erscheinungen. Nicht durch den ganzen von Südwest gen Nordost laufenden Alpenwall zeigt sich an der nördlichen Abdachung die gleiche, vom jüngeren zum älteren Gebilde regelmäßig fortschreitende Gesteins¬ folge, wie wir sie auf den letzten Seiten skizzirten; gar häufig er¬ scheint dieselbe unterbrochen oder gar auf den Kopf gestellt. Dies ist namentlich der Fall in dem großen, wie es scheint nach Innen eingestürzten, jetzt von den Schienen der Eisenbahn durchschnitte¬ nen Alpenkessel zwischen dem Glärnisch, den Churfirsten und dem Kalanda; dort zeigen sich die älteren Schichten den jüngeren auf¬ gelagert, so daß hier eine der größten Umwälzungen stattgefunden haben mag. Ringsum an den genannten Bergen bestätigen die abgebrochenen Schichtenköpfe die Annahme eines umfangreichen Einsturzes der Gebirge; die Verrucano-Massen treten hier als schöne rothe Melser Konglomerate und Sernf-Schiefer dicht an die Eisenbahn heran. Ganz anders gestaltet sich das Alpenbild von einem südlichen Standpunkte aus. Der Absturz der Massen ist viel schroffer, un¬ vermittelter, als vom Norden gesehen. Die Bergfronten zeigen sich einerseits durch ihre gen Mittag gekehrte Lage und durch die Das Alpengebäude . kräftigere Insolation viel weiter hinauf schneefrei, blos das kahle, nackte Felsen-Skelett darbietend, — anderseits fehlen vielfach die bunt belebten Mittelgründe, die abgestuften, farbenheiteren Vor¬ berge. Oben ists eintöniger in Linie und Kolorit. Der geologische Schichtenwechsel und die durch diesen indirekt herbeigeführte Man¬ nigfaltigkeit und landschaftliche Beweglichkeit mangelt. Den Nord¬ abhang umfängt längs der ganzen Kalkalpen, vom Jura bis nach Ungarn hinein, ein Gürtel lachender, blauer Binnenseen; am Süd¬ hang drängen sich deren nur wenige im Gebiet der See-Alpen zu¬ sammen. Die Grajischen, Cottischen und Meer-Alpen im Westen und die Tyroler, Carnischen und Norischen Alpen im Osten, ent¬ behren, mit Ausnahme einiger sehr kleiner Wasserbecken, gänzlich dieses belebenden Schmuckes. Der Grund dieser auffallenden Ver¬ schiedenheit liegt auch hier wieder in der Gesteinsart des Bodens. An die krystallinischen und Schiefer-Gebilde der Westlichen Alpen gränzt unmittelbar die jüngste Alluvial-Anschwemmung Sardiniens und der Lombardei. Erst in Venetien treten wieder Kalk-Berge als Mittelglieder zwischen den beiden genannten Formationen auf. Die Erhebung, des Alpengebäudes und des mittelbar durch dieses zugleich mitgehobenen Jura war ferner zugleich eine Noth¬ wendigkeit für die Kulturentwickelung Central-Europas. Ohne diese Gebirgsmassen würden die meteorologischen und alle davon abhängigen Zustände unseres Erdtheiles wesentlich andere sein. Ohne Alpen wären zunächst Deutschland und die Niederlande den austrocknenden, zerstörenden Einflüssen heißer, aus den afrikani¬ schen Wüsten herüberwehender Winde blosgelegt. Der Föhn, eine Fortsetzung des südlichen Sirocco, der in den Hochalpenthälern mit furchtbarer Raserei tobt, würde unaufgehalten, ungebrochen und ungeschwächt in seiner hohen Temperatur über Deutschland einherbrausen und die Agrikultur ganz anderen als den jetzt herr¬ schenden Bedingungen unterstellen. Umgekehrt dagegen würde die, nur unter den Einflüssen milder Lüfte gedeihende südliche Vegetation Berlepsch , die Alpen. 2 Das Alpengebäude . der reichgesegneten Po-Ebene durch eindringende, jetzt von den Alpen aufgehaltene, winterliche Nordstürme zur Unmöglichkeit wer¬ den. Es würde somit der klimatische Wechsel bezüglich der herr¬ schenden Temperaturverhältnisse schon ein bedeutend anderer sein. Hiermit gestaltete sich aber auch die Thätigkeit der Wolken¬ bildungen und dadurch zugleich die Summe der atmosphärischen Niederschläge anders. Das Alpengebiet, in welchem relativ die jährlich größte Regen- und Schneemenge in Europa niederfällt, ist der unversiegbare Wasserlieferant für die Rhein-, Donau-, Rhône- und Po-Länder; ohne die reichhaltigen Schneemagazine im Hochgebirge würden diese Ströme mit ihren tausendfach ver¬ zweigten Quellensystemen zu unbedeutenden Wasseradern herab¬ sinken. Alle jene natürlichen Verkehrsstraßen, welche die Flüsse Jahrtausende lang bildeten, ehe der Schienenweg sie überflügelte, würden nicht zu ihrer historischen Bedeutung für Handel und Ge¬ werbe gelangt sein. Das Alpengebäude schließt einen unerschöpflichen Reichthum von Naturwundern ein. Kein anderes Gebirge Europas umfaßt so wie die Alpen die Flora dreier Zonen: die nordisch-arktische und gemäßigte reichen der tropischen die Hand und wir finden Reprä¬ sentanten der Vegetation von mehr als dreißig geographischen Breitegraden auf kleinem Raume. In keinem anderen Gebirge unseres Erdtheils tritt das Walten der atmosphärischen Thätigkeit in so furchtbarer Größe und unter so gewaltigen Kraftäußerungen auf; und in keinem zeigt sich die Summe der Gegensätze im Leben seiner Bewohner so auffallend als im Alpenlande. Einzelne Bil¬ der von allen diesen Berührungspunkten zu geben, sei Aufgabe nachstehender Blätter. Granit . Was uranfänglich ist, das ist auch unanfänglich Und Unanfängliches nothwendig unvergänglich. Was irgend wo und wann hat selber angefangen. Kann nicht der Anfang sein und muß ein End' erlangen. Der Anfang nur allein kann nie zu Ende gehn, Weil er aus Nichts entstand, Nichts ohn' ihn kann entstehn. Rückert . Granit ist eine symbolische Größe, — in Gemeinschaft mit dem Marmor der historische Stein. Wie im Thierreich der Löwe, ein Repräsentant edler Eigenschaften, physischer Kraft, als König in herrschender Macht dasteht, — in der Pflanzenwelt die Eiche ein Bild der Festigkeit und Ausdauer, des stolzen Trotzes gegen Sturm und Wetter abgiebt, — so gilt der Granit als das Un¬ überwindliche, Unveränderliche im Reiche der todten, anorganischen Gesteine, — nach beschränktem materiellen Begriff: als ein Körper der beinahe ewigen Existenz. Jahrtausende scheinen spurlos an ihm vorüberzurauschen und die zerstörenden Gewalten der Zeit ohnmäch¬ tig an seinen Massen abzugleiten. Wo Werke für die fernsten Menschengeschlechter, sichtbare Denksäulen für die Annalen der Ge¬ schichte errichtet werden sollten, — wo ägyptische Dynasten ihre kolossalen Königsgräber in jenen Pyramiden aufthürmten, die, an 2* Granit . dem Felsenufer der Wüste hinlaufend, noch heute als die riesigsten Arbeiten menschlicher Kraft angestaunt werden, — da griff der kühne Bauherr zum granitischen Gestein und glaubte der zeitlichen Hinfälligkeit alles von Menschenhand Geschaffenen ein Schnippchen geschlagen zu haben. Ja, die früheren Forscher in den Natur¬ wissenschaften konstruirten vom Granit aus das Fundament unseres Erdballes, sahen in ihm den Urgroßpapa, den Ahnherrn des ge¬ sammten Mineralreiches und nannten ihn naiverweise „Urgestein“. Und doch ist auch er nur ein Interpunktionszeichen in den Welt¬ schöpfungsperioden, ein unbedeutender Sekundenstrich auf dem Zifferblatt der Ewigkeit, etwas „Gewordenes“, das einst wieder eben so in das All aufgelöst wird, wie es aus demselben hervorging. Granit ist im Touristenverkehr, im Munde begeisterter Alpen¬ schwärmer ein großes, viel umfassendes Wort, ein unbewußt ge¬ brauchtes Nomen collectivum , unter dem der Laie Alles zusam¬ menfaßt, was ihm so scheint, als müsse es das berühmte Gestein der Ehrensäulen und Triumphbogen sein. Es giebt viel intelli¬ gente Leute, die, wenn sie in den Alpen schwarz und weiß ge¬ sprenkelte Felsen sehen, diese rundweg für Granit halten; und doch kommt in den Alpen verhältnißmäßig wenig eigentlicher massiger Granit vor, — wohl aber sehr viel granitisches Gestein. Werden wir also zunächst klar darüber, was eigentlich Granit (von granum , das Korn) sei, und lernen wir deshalb die Natur und die Bestandtheile desselben ein wenig genauer kennen. Granit und Gneis ist im Grunde genommen ein und dasselbe Kompositum, ein aus den 3 Mineralspecies: Feldspath, Quarz und Glimmer zusammengesetztes Gestein. Ist dasselbe körnig, massig¬ gemengt, so wird es „Granit“ genannt; ists dagegen schieferig, gestreift, läßt sich eine gewisse Schichtung darin erkennen, so heißt es „Gneis“. Der Granit ist kein Konglomerat, kein durch mechanische Bindemittel zusammengeleimtes Produkt ursprünglich verschieden¬ Granit . artiger Mineralsubstanzen; er ist ein selbsteigenes Gebilde, welches die einst, im flüssigen Zustande gemischten, verschiedenartigen mine¬ ralischen Species durch Krystallisation nebeneinander ausschied. Ein zwar nicht ganz treffendes, aber doch annähernd erläuterndes Beispiel von dem wahrscheinlichen Krystallisationsprozeß des Gra¬ nites läßt sich aus der Chemie geben. Jedermann kann dies kleine Experiment probiren. Kochsalz und Salpeter gemeinschaftlich in Wasser, bis zur Sättigung, aufgelöst, so daß beide Salze völlig vermischt erscheinen, krystallisiren, wenn die Flüssigkeit allmälig verdunstet, sich ausscheidend wieder selbstständig: das Kochsalz in rechtwinkeligen Würfeln, der Salpeter in langen sechsseitigen Säul¬ chen, so daß jedes der beiden Salze wieder die demselben aus¬ schließlichen Eigenschaften zeigt. Feldspath, meist milchweiß oder gräulich, auch röthlich, stellt die Hauptmasse, beinahe die Hälfte des eigentlichen massiven Gra¬ nites dar, zwischen welchem weiße, seltener gelblich oder grünlich gefärbte krystallinische, glasartig durchsichtige Quarzkörnchen die Grundmasse bilden und dünne, glänzende Glimmerplättchen einge¬ lagert sind. Diese normale Zusammensetzung weicht aber an den verschiedenen Fundorten sehr von einander ab. Wer eine Badekur zu St. Moriz im Ober-Engadin macht, kann bei jedem Spazier¬ gange gleich einige Varietäten am Wege sammeln; denn der Ber¬ nina-Granit ist grün, serpentinhaltig, während der vom gegenüber¬ liegenden Piz Languard rothen Feldspath mit milchweißem Quarz enthält. Noch auffallender ist der Farbenunterschied des Granits am Lago maggiore; der von Baveno, gegenüber den Borromäischen Inseln, ist schön pfirsichblüthenroth, während der berühmte s. g. Miarolo bianco aus den Brüchen des ganz nahe dabei liegenden Monte Orfano weiß ist und wie ein gänzlich anderes Gestein aus¬ sieht. Der Letztgenannte gab das Baumaterial zu vielen der schön¬ sten Kirchen Nord-Italiens ab; namentlich sind auch die herrlichen Säulen am Eingange des Mailänder Domes aus diesem Gestein Granit . gearbeitet. Fehlt der charakteristische glitzernde Glimmer in der Masse und ist derselbe durch schwarze oder schwärzlich-grüne Horn¬ blende vertreten, dann heißt das Gestein nicht mehr Granit, son¬ dern „ Syenit “. Es ist über alle Theile der Erde weit verbreitet, erhielt seinen Namen von der Stadt Syene in Ober-Aegypten (wo es in Menge vorkommt) und wird seiner Festigkeit halber als vor¬ treffliches, politurfähiges Baumaterial sehr geschätzt. Die Pyra¬ miden und Obelisken besteben meist aus Syenit. In unseren Al¬ pen kommt er vorherrschend auf der Südseite vor, z. B. im Val Pellina (in welches der Col de Collon aus dem Walliser Val d'H é rins führt), bei Migiandone an der Symplon-Straße, in der Umgebung von St. Moriz und Campf é r im Ober-Engadin ꝛc. Aber der normale Granit kommt auch mit Zusätzen vor, die seinen Charakter ganz ändern; dahin gehört der vom Montblanc. Bei ihm ist der Quarz glasig-grau, der Feldspath weiß, der Glim¬ mer dunkelgrün ohne Glanz in Prismen krystallisirt und beige¬ mischte perlmutter-ähnlich glänzende, lebhaft grüne Talk-Blättchen geben ihm eine charakteristische Färbung. De Saussure, einer der geistvollen Begründer der Alpen-Geologie, glaubte — als er den Montblanc zuerst umwanderte und bestieg, vor dem ältesten Ge¬ birge der Erde zu stehen und nannte deshalb das Gestein „ Pro¬ togin “, d. h. Erstgeborener. Seit jener Zeit ist, obgleich un¬ eigentlich, der Name für den Talkgranit beibehalten worden. Das Meiste, was in den Central-Alpen für Granit gehalten wird, ist granitischer Gneis , im Volksmunde „ Gaisberger “ genannt, weil die höchsten Berge, auf welche die Gaisen (Ziegen) steigen, aus diesem Gestein bestehen. Er ists, an dem die At¬ mosphärilien jene phantastisch aufragenden Felsenthürme aussägen und bildnerisch Ornamente improvisiren, welche, im Chamouny- Thal in scharfe Spitzen auslaufend, sehr bezeichnend „Aiguilles“ genannt werden; — aus seinem s. g. „Urmaterial“ formen sich die wundersamen Steinstacheln, welche die Aufgipfelung großer Berg¬ Granit . individuen garniren, oder wie ausgestellte Wachtposten hie und da aus den umfangreichen Firnwüsten hervorragen. Wir würden sol¬ cher schlanker Felsennadeln noch weit mehr erblicken, wenn nicht eine große Zahl derselben im perennirenden Schnee versteckt wäre. Hier verräth sich uns die verwundbare Achillesferse der für unzer¬ störbar gehaltenen „Urgesteine“. Der Gneis ist, wie schon be¬ merkt, schiefriger, tafelförmiger Struktur. Bei der Alpenerhebung wurden auch die Gneisstraten gehoben und als nächste Umhüllung der centralen Granitmassen oft senkrecht auf die Bruchkante gestellt. Die Masse muß nun an verschiedenen Stellen von verschiedener Härte gewesen sein, — genug, während einzelne Theile wie un¬ angetastet den verwitternden Einwirkungen widerstanden, wurden andere von den Atmosphärilien dermaßen zersetzt, ausgenagt und zerstört, daß sie gänzlich verschwanden und nur jene isolirten Zacken zurückblieben. Beispiele im Großen liefern die Aiguille verte , die schlanke Aig. de Dru , die Aig. du Moine , die ungemein zersplit¬ terten Aiguilles de Charmoz , die Aig. Rouges — alle zu beiden Seiten des Chamounythales, die Schreckhörner und Grindelwalder Viescherhörner in den Berner Alpen, — die ganze südliche Thal¬ wand des Graubündnerischen Bergell u. A. m. Aber noch eine andere Art der Verwitterung granitischen Ge¬ steines zieht in den Alpen unsere Aufmerksamkeit auf sich und zwar in höchst sonderbarer Weise und an Orten, wo man sich die Er¬ scheinung nicht gleich erklären kann. Diese zeigt sich in den s. g. „ Teufelsmühlen “ oder „ Felsenmeeren “ auf den äußersten Gipfeln vieler isolirter Berge. Ein Beispiel möge erläuternd für viele gelten. Zu den besuchtesten Aussichtspunkten des Berner Oberlandes gehört das Sidelhorn nächst dem Grimselpaß. Vom Hospiz aus besteigt man es bequem in 2 bis 2½ Stunden. Je mehr man sich dem Kulme nähert, desto mehr häufen sich große, unordentlich übereinander geworfene Felsentrümmer, bis endlich die äußerste Höhe ganz mit solch einem Chaos von lose geschichteten Granit . granitischen Gneisblöcken übersäet ist. Bisweilen scheinen sie eine gewissermaßen gegliederte Lagerung einzunehmen, etwa so wie in¬ einander gestellte Teller; dann wieder an anderen Stellen zeigt sich ein ziemlich geordneter treppenähnlicher Aufbau; meist aber liegen sie ohne erkennbare Anordnung durcheinander. Diese auf Gipfeln jedenfalls auffallende Erscheinung ist gleicherweise ein Resultat der Granit-Verwitterung, aber solcher Massen, in denen mehr oder minder die Schalen-Struktur einst vorwaltete. Die Gebrüder Schlagintweit bilden im Atlas zu ihren „Neuen Untersuchungen über die physikalische Geographie und Geologie der Alpen“ solche ausgewaschene Gneisschalen ab. — Wenn der phantasiereiche Jean Paul sich des schönen Bildes bedient: „Die Gräber seien die Bergspitzen einer fernen neuen Welt,“ so sind hier in Wirk¬ lichkeit die Bergspitzen die Gräber einer fernen vergangenen . (G. Studer.) Die großartigsten und imposantesten Kolosse granitischer Ge¬ steine finden wir nur in den Centralmassen der Alpen. Dort über¬ gipfeln sie oft in so furchtbarer Erhabenheit, als senkrecht aufstei¬ gende Felsenpaläste, die tiefen Thalkessel, daß man vor ihrer Größe zurückschreckt. Wer noch nie die düsterprächtige Pyramide des Finsteraarhornes vom „Abschwung am Aargletscher“ aus er¬ blickte, wie sie in kaltem Ernst nackt aus den Firnlagern in die Wolken steigt, — wer den Montblanc noch nicht auf der Süd-Ost¬ seite umwanderte und die volle, prächtige Kernform seines Massivs vom Gramont aus, — oder vom Zinalgletscher (in der Tiefe des Einfischthales) die riesigen Felsenstirnen des Grand Cornier, der Dent blanche und des Weißhornes rund um sich her mit einem Blick übersah, der wird schwerlich einen richtigen idealen Maßstab für die wahrhaft kolossalen Verhältnisse sich konstruiren können. Und dennoch werden alle diese granitischen Giganten dem Ein¬ drucke nach, welchen sie auf das starr-staunende Auge machen, weit übertroffen von jenem jähpralligen Absturz, welchen der Monte Granit . Rosa im Thalschluß von Macugnaga zeigt. Es ist die erste ver¬ tikale Größe des Europäischen Kontinentes. Die Madatoren der Kalkzone wie die Diablerets, das Dolden- und Gspaltenhorn, Blümlisalp u. A. zeigen gewaltige Felsenfronten; aber sie schwin¬ den jenen Granitkörpern gegenüber zu Massen zweiten Ranges zusammen. Wir nannten den Granit den historischen Stein der Erde; für die Alpen ist er es in mehr als einer Beziehung. Seine ernsten Felsenwände wurden oft Denksäulen großer Thaten, welche den erhabensten Momenten des klassischen Altherthums gleichzustel¬ len sind. Jener unerschrockene Russe Suworoff, ein moderner Epa¬ minondas, welcher sich eher zwischen den Klüften begraben lassen wollte, als von der Stelle weichen, ließ, als seine Gardekolonnen am 25. Sept. 1799 die Franzosen unter Gaudin im engen Val Tremola zurückgeschlagen hatten, mit lakonischer Kürze in die Granitwand die Worte „Suwarow Victor“ zu ewigem Gedächtniß eingraben; am nächsten Tage waren die Gneisschroffen dort, wo die Teufelsbrücke in kühnem Bogen die Sturzwellen der Reuß überbaut, Zeugen eben so kühner Heldenthaten. Ueber die grani¬ tischen Einöden des großen Sanct Bernhard führte Bonaparte, im Mai 1800, seine Armee zum Siege von Marengo, und als die, auf sein Geheiß, durchbrochene Simplon-Straße, der erste große Alpenweg, fertig war, ließ er, stolz auf sein Werk, in eine Licht¬ öffnung der Gallerie von Gondo einmeißeln: „Aere Italo MDCCCV. Nap. Imp.“ — Auf Granitboden wurde Andreas Hofer, der Sandwirth von Passeyr, geboren, und zwischen Granit¬ felsen schlug er seine glorreichen Schlachten zur Befreiung Tyrols. Aber auch weiter zurückgehend in ältere Zeiten begegnen wir Gro߬ thaten, eben so körnig und fest wie das Gestein, auf dem sie ge¬ schahen. Benedikt Fontana hauchte auf den Gneiskrystallen der Malserhaide seine Heldenseele mit den freudigen Worten aus: „Nur wacker dran, o Bundesgenossen! laßt Euch durch mein Granit . Fallen nicht irren! Ists doch nur um Einen Mann zu thun. Heute mögt Ihr freies Vaterland und freie Bünde retten. Werdet Ihr sieglos, bleibt den Kindern ewiges Joch!“ Das sind Worte wie Granit und Urgestein; es ist, als ob von dem Charakter der Felsart etwas ins Blut des Volkes übergegangen wäre. — Und dann die gewaltige Decemberschlacht von 1478 im Livinenthale bei Giornico, wo ein Hirtenhäuflein die zehnfach überlegenen Mailän¬ der unter dem Grafen Borelli aufrieb, daß ihr Blut den Schnee bis Bellinzona roth färbte; dann die Heldengräber der 3000 Eid¬ genossen bei Arbedo, die in dem Verzweiflungskampfe von 1422 der Uebermacht von 24,000 Lombarden erlagen; — der Walliser doppelte Bluttaufe bei Ulrichen und auf der Grimsel um 1419, und viele andere Zeugnisse männlichen Muthes und kühner That, — sind es nicht Erinnerungen, die sich ihr Denkmal mit Flam¬ menlettern für Menschengedenken auf die Felsentafeln dieser grani¬ tischen Kolosse niederschrieben? Ist die Zeit auch hingeflogen, Die Erinn'rung weichet nie; Als ein lichter Regenbogen Steht auf trüben Wolken sie. Uhland . Aber noch mehr erzählt uns der stumme Stein, von noch wei¬ ter zurückliegenden Zeiten, von einer Epoche, in welcher die Alpen schon, wie wir sie heute sehen, aufgerichtet dastanden, in welcher aber das menschliche Geschlecht noch nicht existirte. Diese Ge¬ dächtnißsteine sind die „ Erratischen Blöcke .“ Erratische Blöcke . Da ist ein Blühen rings, ein Duften, Klingen, Das um die Wette sprießt und rauscht und keimt, Als gält' es jetzt, geschäftig einzubringen, Was starr im Schlaf Jahrtausende versäumt. Das ist ein Glänzen rings, ein Funkeln, Schimmern Der Städt' im Thal, der Häuser auf den Höh'n! Kein Ahnen, daß ihr Fundament auf Trümmern, Kein leiser Traum des Grabs, auf dem sie stehn! — Anastasius Grün . Ja! sie stehen auf Trümmern, viele Städte des Alpenlandes, auf Blockwällen und Felsenfragmenten, die aus den Centralketten des Gebirges stammen. Freilich liegt diese Trümmer-Basis nicht allenthalben offen zu Tage; der Arbeiter, der das Fundament zu einem Neubau aussticht, oder der Bergmann, der nach einer frischen Brunnenquelle gräbt, findet sie erst in einiger Tiefe der obersten Bodenschicht. Aber nicht blos versteckt im Erdreich, sondern frei und offen, auf dem Felde und im Walde des Hügellandes, ja so¬ gar droben auf den Vorbergen der Alpen und am Jura, bis zu einer Höhe von 5000 Fuß, findet man Felsenblöcke, die der Na¬ tur ihres Gesteines nach, 20 bis sogar 45 Schweizerstunden (über 28 deutsche Meilen) weiter drinnen in den Central-Alpen heimath¬ Erratische Blöcke . berechtigt sind. Man nannte sie deshalb „ Fündlinge oder Irr¬ blöcke “. Sie zeigen theils abgerundete Flächen, wie Rollsteine und Flußkies, theils frische scharfkantige Bruchlinien, als ob sie eben erst vom Mutterfelsen abgesprengt wären, — in allen Größen, vom Umfange einer Kegelkugel bis zu solchen kubischen Körpern, daß aus dem Material eines einzigen, bei Zürich im Felde ge¬ legenen s. g. „rothen Ackersteines“ anno 1674 in Höngg ein respectables, zweistöckiges, massives Haus gebaut werden konnte, welches folgende Inschrift trägt: Ein großer rother Ackerstein In manches Stück zerbrochen klein Durch Menschenhänd und Pulversg'walt Macht jezund dieses Hauses G'stalt. Vor Unglück und Zerbrechlichkeit Bewahr es Gottes Gütigkeit. Früher hat es einmal dem Grafen Benzel-Sternau gehört. Der Block aber, aus dessen Gestein das Haus erbaut wurde, stammt aus der Tiefe der Glarner Gebirge, etwa vom Freiberge oder aus dem Sernf-Thale. Das „Woher?“ hat der Wissenschaft wenig Mühe gemacht; aus der Struktur, Farbe und mineralischen Mischung der Granit-, Gneis-, Glimmer-, Verrucano- und Schiefer-Fündlinge, so wie aus der Lage des Fundortes zu den Thalsystemen der Alpen, konnte man bald entziffern, zu welcher Centralmasse sie gehörten. Aber das „Wie?“ des Transportes machte den Naturforschern der letz¬ ten fünfzig Jahre viel zu schaffen. Die Einen vermutheten, es habe einst, bei den letzten Gebirgshebungen, ein extraordinär¬ großartiges, vulkanisches Natur-Bomben-Werfen stattgefunden, bei welchem die Alpen diese Fragmente ausgespien und meilenweit über Berg und Thal geschleudert hätten. Diese kühne Phantasie wurde aber bald zerstört durch die thatsächliche Nachweisung einer¬ seits der Regelmäßigkeit, mit welcher viele dieser Blöcke wie in einer Linie an den Bergeshalden abgelagert wurden, anderseits Erratische Blöcke . des Innehaltens bestimmter Verbreitungsbezirke zu den Stammge¬ bieten. Andere ließen den Transport durch enorme Ueberschwem¬ mungen besorgen, die jene, oft hunterttausende von Centnern wie¬ genden Lasten aus den Alpen herniedergewälzt haben sollten; allein auch diese Hypothese wurde rasch durch physikalische Beweise in ihrer Unhaltbarkeit zurückgewiesen. Erst als die Theorie über Natur und Bewegung der Gletscher (welchen ein späterer Abschnitt dieses Buches gewidmet ist), angeregt durch den Walliser Ingenieur Venetz, fortgeführt und ausgebildet durch Agassiz und Forbes, eine Menge der seltsamsten Erscheinungen in den Alpen beleuchtete und erklärte, gelangte man auch zu dem Schluß: daß die erratischen Blöcke durch einstige ungeheuer große Eisgletscher , welche bis in das Schweizerische Mittelland hinaus¬ gereicht haben müssen , an ihre dermalige Lagerstätte befördert worden seien . Wie in dem späteren Abschnitte nach¬ gewiesen werden soll, bewegen sich die Gletscher von der Höhe der Gebirge langsam dem Thale zu und transportiren auf ihrem Rücken die von den zur Seite stehenden Felsen abgebröckelten Ge¬ steine bis zu der Stelle, an welcher die Gletscher, in Folge war¬ mer Temperatur, abschmelzen und ihre Felsenlasten abladen. Diese Gesteinswälle, welche sich an dem Ende oder der Stirn eines Gletschers anhäufen, werden Frontmoränen genannt. Das Vorhandensein solcher hufeisenartig aufgebauter hoher Fündlingswälle oder einstiger Frontmoränen im Schweizerischen Mittellande, z. B. bei Bern, Surfee, Bremgarten, Zürich, Rapper¬ schwyl u. s. w., gab den ersten Beweismoment für den Gletscher¬ transport der Irrblöcke ab. In Zürich sind der Promenaden¬ hügel, die Anhöhen, auf denen der Großmünster, die Kirche von Neumünster, der Lindenhof u. s. w. stehen, Reste einer solchen ehemaligen großen Frontmoräne. — Ein zweites Beweismittel wurde darin gefunden, daß die Fündlingsblöcke, selbst wenn sie aus dem härtesten Gestein bestehen, ebensolche eingeritzte Furchen und Linien Erratische Blöcke . zeigen wie das Felsenbett, über welches die Gletscher der Jetztzeit sich hinweg bewegen. Vermöge des Druckes der ungeheueren Eis¬ last ritzt diese nämlich bei ihrem Fortrutschen über den Gesteins¬ boden mit kleinen, sehr harten, scharfen Quarzkrystallen Linien ein, die wie mit dem Glaser-Diamant geschnitten aussehen. Geröll- Blöcke, die von den wilden Alpenströmen heruntergeschwemmt wur¬ den, tragen diese Kennzeichen nicht. Die erratischen Blöcke tragen somit, in Folge dieser von der Natur ihnen selbst aufgedrückten Schriftzüge, gleichsam den Reisepaß ihrer zurückgelegten Wander¬ tour bei sich, mit der Visa jeder Thalschaft versehen, durch welche sie ihre Wege nahmen. — Das dritte und bedeutendste Argument für die Annahme, daß die Fündlinge durch Gletscher transportirt wurden, fand man in den s. g. Rundhöckern ( Roches mutonnées ). In den meisten Alpenthälern, deren himmelanstrebende Wände aus schwer verwitterndem Gestein, aus granitischen Massen, bestehen, erblickt man nämlich bis in gewisse Höhen (oft bis zu tausend Fuß über der jetzigen Thalsohle) Ab¬ rundungen, regelmäßige Streifungen und geglättete Partieen, deren Schliff oft so fein ausgeführt ist, daß er im Sonnenschein spiegel¬ blank glänzt. Beim Niedersteigen vom Todtensee auf der Pa߬ höhe der Grimsel nach dem Hospiz, dann weiter drunten bei der s. g. Hählen-Platte, — auf dem Trümmerfeld nächst dem Gott¬ hards-Hospiz, und an hundert anderen Stellen der Schweiz kann man solche „Rundhöcker“ besehen, befühlen und, — wo sie nicht mit der schwefelgelben Flechte Lecidea geographica überzogen sind, deren Politur bewundern. Dieses gleiche Phänomen zeigt sich uns aber auch unmittelbar neben dem Gletscher, neben einem Gorner-, Viescher-, Aletsch-, Findelen- und Zinal-Gletscher; wir können es verfolgen von dem Gestein an, welches unter dem Eis hervorragt, bis weit hinauf an die Thalwand, — wir können es verfolgen in horizontaler Linie, stundenweit thalauswärts, ohne Unterbrechung, gleichviel ob die Gesteinslagerungen und Gesteins¬ Erratische Blöcke . arten vielmals wechseln. Nach solchen Dokumenten wird die Ver¬ muthung zur unbezweifelbaren Thatsache, daß diese Thaltiefen, welche jetzt zum Theil mit uralten Waldungen überwachsen sind, einst von riesenhaften Gletschern ausgefüllt wurden. Es zeigt sich aber in der Regelmäßigkeit der Ablagerung erratischer Gesteine end¬ lich noch ein Beweismittel, welches die anderen wesentlich unter¬ stützt und ergänzt. Hierunter ist nicht nur jene, schon erwähnte, egale Ablagerung „der Linie und gleichen Höhe nach“ erfolgte zu verstehen, wie sie sich an den Anhängen niederer gehügelter Berge der Voralpen, des Mittellandes und des Jura-Gebirges zeigt, sondern die regelmäßige Gruppirung der Irrblöcke nach Farbe, Stoff und Qualität ihres Gesteines. Man wird z. B. an den beiden Seiten eines breiten Thales, dessen Tiefe wieder droben im Gebirge sich in mehre Seiten und Nebenthäler verästelt, nie bunt durcheinander, herüben und drüben die gleichen grünen, rothen, weißen, braunen, grob- und feinkörnigen, faserigen oder blätterigen Granit-, Diorit-, Gneis-, Schiefer- oder Kalk-Brocken finden, sondern sie werden verschieden sein. Verdeutlichen wir uns diesen Umstand ein wenig näher. Denken wir uns den Gletscher als einen Hauptstrom, der aus dem Zusammenfluß mehrer Gebirgs¬ flüsse entsteht, so wie jeder dieser Gebirgsflüsse wieder aus der Einmündung von Nebenflüssen sein Wasserquantum erhält, — denken wir uns ferner, daß nun jeder dieser Nebenflüsse von seinen ihn eingränzenden Felsen-Ufern Gesteinsfragmente aus dem Gebirge mit herunterbringt, so würden diese, weil das Wasser in seinem Laufe sich vermischt, wahrscheinlich die mitgebrachten Steine auch unterein¬ ander mengen. Die Gletscher aber, als feste Eiskörper (wenn wir das Bild eines Strom-Systemes festhalten) vermischen sich nicht, wenn sie im breiten Gletscher-Hauptthale zusammenkommen, wie das be¬ wegliche, flüssige Wasser, sondern setzen ihren Weg nebeneinander , wenn auch scheinbar als vereinigte große Eismasse fort, und die auf denselben liegenden, langen Trümmergesteins-Linien (die Moränen) Erratische Blöcke . zeigen weithin an, aus wie viel Seiten- und Nebengletschern der Hauptgletscher zusammengesetzt ist. Darum bleiben auch die, aus den verschiedenen Thälern stammenden Gesteine geschieden. Und darum wurden von den einstigen Riesengletschern die, durch diese beförderten, erratischen Blöcke je nur auf derjenigen Thalseite abgelagert, welche mit den tiefer im Gebirge liegenden Seitenthälern korrespondirt. Der bekannte schweizerische Geologe Escher von der Linth hat eine, auf lang¬ jährige Untersuchungen gegründete, Karte der Verbreitungsbezirke aller nördlich von den Alpen in der Schweiz gefundenen Irrblöcke her¬ ausgegeben. Wir finden solche erratische Gesteine aber auch an der Südseite der Alpen. Die Lombardischen Binnengewässer des Lago mag¬ giore, des Comer- und Garda-See's sind an ihren Ausflußenden von ganz ähnlichen Blockwällen geschlossen wie der Züricher-Sempacher- und Baldegger-See in der Schweiz. Außerdem zeigt sich das er¬ ratische Phänomen auch in dem Gebiete anderer Gebirge; die Py¬ renäen, das schottische Hochland, die schwedischen Kjölen, die Vo¬ gesen, die Cordilleren Amerikas haben eben so gut ihre Wander¬ blöcke wie die Alpen. Diese auf beiden Hemisphären auftretende Erscheinung zusam¬ mengefaßt, führt demnach zu der Annahme, daß einst eine Periode allgemeiner Erkältung und Vereisung existirt haben muß, die wohl das jüngste Ereigniß im Bildungsprozesse unseres Erdkörpers war. Denn wo man auch solche Irrblöcke findet, immer zeigen sie sich als das letzte Ablagerungsmaterial, das erst dann an seinen ge¬ genwärtigen Standort gelangte, als das Alpengebäude mit seinen Thälern und Schluchten, Flußbetten und Seebecken schon, wie wir es heute sehen, bestand. Karrenfelder . Wer ergründet der Schöpfung heilige Kraft, Die in ihren ewigen, weiten Kreisen Durch Zerstörung wieder Neues schafft. Maltitz . Auf jene verlassenen, vegetations-entblößten Gegenden der tropischen Zone, auf die unübersehbaren Sandfelder Afrikas und Asiens, übertrug der Sprachgebrauch ausschließlich die Schilderung Mosis vom Aussehen der Erde am ersten Schöpfungstage und nannte diese unheimlichen gluthdurchwehten Flächen vorzugsweise „Wüsten“. Auch die Alpen haben ihre Wüsten, ihre Reviere des scheinbar vollendeten Naturtodes, wo die Tributkraft der ewigen Gebärerin erstirbt; aber sie stellen sich in ganz anderer Form, un¬ ter anderen Umständen, mit wesentlich anderem Material dar, als die Saharen. Gewöhnlich sucht man sie droben über der Schnee¬ linie, in den unversiegbaren Firnmulden und auf den Gletscher¬ hängen, wo die durchdringende Kälte jede organische Entwickelung im Keime zu zerstören droht. Wie aber eine spätere Schilderung unseres Buches zeigen wird, sieht es da droben in den Eismaga¬ zinen keinesweges so verstorben aus; im Gegentheil, die Lebens¬ pulse der Erde durchzittern auch diese Einöden in regelmäßigen Berlepsch , die Alpen. 3 Karrenfelder . Schlägen, und ein still geschäftiges Treiben arbeitet, kaum erkenn¬ bar aber stetig, im Dienste des großen wunderbaren Naturhaus¬ haltes, um die diesem Theile gewordene Aufgabe zu erfüllen und zur Erhaltung des Ganzen beizutragen. Hier also werden wir das Analogon nicht zu suchen haben. Und in der That, es giebt noch ödere, noch weit abgestorbenere Gegenden im Gebirge als die Schneewüsten, — große, weit ausgedehnte Strecken in unbetrete¬ nen Wildnissen, die, von jeder Vegetation entblößt, in ewig starrer Resignation daliegen; dies sind die Schratten- oder Karrenfelder, von den Romanen „Lapiaz“ genannt. Droben im Gebirge, seitwärts der begangenen Pässe und be¬ lebten Alpweiden, im Gebiet der Kalkzone bei einer Höhe von 4000 bis 6000 Fuß, liegen kahle, nackte Steinflächen, oft stunden¬ lang, fast horizontal ausgebreitet, die so zerfurcht und von tief ausgewaschenen Hohlkehlen durchkreuzt sind, daß sie aussehen, als ob ein wogendes Meer mit seinen Wellenhügeln plötzlich hier ver¬ steinert wäre und ein unentwirrbares Netz aufgegipfelter Wogen zurückgelassen hätte. Mitunter sind sie so schreckhaft zerklüftet und von klaftertiefen Rinnsalen ausgefressen, daß es unter allen Umständen unmöglich ist, über dieselben hinweg, sei es im Sprung, durch Klettern oder im Balancirschritt, einen Weg ausfindig zu ma¬ chen. Denn die zwischen diesen Vertiefungen stehen gebliebenen Gesteinsreste laufen wie schmale Dämme, scharf, wie die Schneide eines Messers, nebeneinander her, brechen plötzlich ab und werden von breiten Querkanälen durchschnitten; bald wieder sehen sie aus wie Kämme, deren einzelne Zinken in den verschiedensten Höhen abgebrochen sind, eine wie von riesigen Instrumenten nach allen Richtungen zerhackte, hohlgeschabte, durchsägte, ausgemeißelte Fläche, ein steinernes Splitter- und Zacken-Meer voll der bizarrsten For¬ men, die nicht selten an die Gletschernadeln erinnern. Dazwischen tiefen sich Löcher ab, trichterförmig, ähnlich den Kratern der Vul¬ kane, oder sie versinken wie schief ins Innere sich verlierende Ka¬ Karrenfelder . näle; — dann wieder öffnet sich ein mehre Klaftern breiter, aus¬ gehöhlter Kessel, dessen Boden wie der eines Siebes durchlöchert ist. An anderen Stellen scheint in diesem Chaos wieder ein ge¬ wisses Formengesetz bei der Erosion gewaltet zu haben, denn die Trümmermassen gewinnen beinahe das Ansehen des Zellenbaues in den Honigtafeln der Bienenstöcke, weshalb der Hirt sie auch be¬ zeichnend „Steinwaben“ nennt. Summa, es ist ein Urbild der schrecklichsten Zerstörung im Kleinen. Dies Alles ist ein Resultat der Verwitterung, des unmerklichen aber erfolgreichen Ausschleifens durch Gletscher-, Schnee- und Re¬ genwasser, der ausdörrenden, sprödemachenden Sonnenhitze und der zerspaltenden, auseinander treibenden, absprengenden Kälte, der vollsten ununterbrochenen Einwirkung der Atmosphärilien auf den Gesteinskörper. Und weil gerade an diesem Kalk sich mehr als an jedem anderen die Verwitterung zeigt, und weil selbst die in dem¬ selben enthaltenen Muscheln nur fragmentarisch, zertrümmert vor¬ kommen, so haben die Geologen denselben vorzugsweise „ Rudisten¬ kalk “, oder nach den organischen Einschlüssen ( Caprotina am¬ monia und gryphoides d'Orb .) auch „ Caprotinenkalk “ genannt. Außerdem führt er auch noch die volksthümliche Bezeichnung „ Schrattenkalk “, weil Schratten beim Aelpler so viel wie „Berg¬ risse und Spalten“ bezeichnen, — vielleicht durch Versetzung des „r“ aus dem schrift-deutschen Worte „Scharte“ (engl. Shard, Scherbe) entstanden. Weil endlich, an den kahlen, nackten Felsen¬ flächen, besonders im Kanton Unterwalden, die Rudisten auffal¬ lend hervortreten und sonderbare, ungewöhnliche Figuren auf dem Fond des Gesteines formiren, so nannte man dasselbe auch „ Hie¬ roglyphenkalk “. Offenbar ist die Auflöslichkeit dieses Kalkes eine sehr ver¬ schiedene, wodurch die Zerfurchung entstanden ist. Da nun auf diesen morschen Felsenknochen, die im Sommer unerträgliche Hitze rückstrahlen, auch nicht ein Stäubchen fruchtbarer Erde haftet, — 3* Karrenfelder . da ferner das im Frühjahr, während der großen Schneeschmelze, in der subalpinen Region entstehende oder nach Regengüssen sich sammelnde Wasser durch die ausgewühlten Rinnen und Löcher so¬ fort spurlos in die Eingeweide der Berge hinabeilt, um am Fuße derselben als Quelle hervorzusprudeln, so ist es erklärlich, daß die¬ sen Flächen jede Bedingung fehlt, um Pflanzen, und wären es die genügsamsten, zu ernähren. So weit das Auge über die trostlose, bleiche, einsame Felsenfläche schweift, sieht es traurig, erstorben aus. Wo aber keine Blume blüht und ihre Honigkelche öffnet, da summt auch kein Insekt, da gaukelt kein Falter, schwirrt kein Kä¬ fer, — wo kein Kräutchen, kein Grashalm sich in die Felsenspalte einzuklammern vermag, selbst nicht einmal Moose ihr mageres Le¬ ben fristen können, da rastet auch nicht das kleinste Höhlenthier¬ chen, — und wo Weg und Steg so zerstört sind wie in diesen Karrenfeldern, da verirrt sich kein Gratthier hin. Sogar die Vö¬ gel scheinen diese Stätte der Verwilderung zu fliehen, denn nie sieht man Schneekrähen oder Bergdohlen, Steinhühner oder Flüh¬ lerchen, Falken oder Adler auf dieselben sich niederlassen. So¬ mit dürfen die Schrattenfelder sehr füglich die Wüsten der Alpen genannt werden. — Wo dagegen die Karrenfelder an die Weiden angränzen, wo also angeschwemmte Erde in den Vertiefungen sich abgelagert hat, da entwickelt sich auch die üppigste Vegetation, die man in den Alpen finden kann. Solche Stellen dienen oft den Wurzelgräbern als beste Fundgrube ihres gefährlichen Erwerbes. Wie überall, wo Düsteres, Unerklärliches, Außerordentliches sich zeigt, der Volksglaube die Einwirkung übernatürlicher Kräfte voraussetzt, so nimmt auch hier die Erklärung ihre Zuflucht zu bö¬ sen Geistern und infernalischen Mächten. Zwerge und Erdgnomen, vom Volke „Schrättli“ genannt, sinds, die die Steine so ausboh¬ ren und durchbrechen; ihnen ist der feste Erdkörper ein „Nichts“, durch welches sie wie die Schärmäuse sich durchwühlen. Eine an¬ dere Ueberlieferung erzählt: die Schrattenfluh im Entlebuch (Luzern) Karrenfelder . sei ehedem eine der schönsten Alpenweiden im Lande gewesen und habe zwei Brüdern gehört, welche dieselbe gemeinschaftlich verwal¬ teten. Als darauf Einer von Beiden blind geworden sei, da habe man Theilung des Gutes beschlossen und die Ausführung dem Ge¬ sunden übertragen. Dieser aber habe den blinden Bruder über¬ vortheilt, die Marchsteine falsch gesetzt und sich den größten und schönsten Theil der Alp angeeignet. Wie solche Kunde dem Blin¬ den überbracht worden sei, habe dieser seinen Bruder darüber zur Rede gestellt. Der Ungerechte aber habe sich verheißen und ver¬ schworen: „Der Teufel solle ihn holen und die Weide zerreißen, wenn er nicht ganz ehrlich getheilt habe.“ Da sei denn ein furcht¬ bares Wetter entstanden, der Berg habe gebebt, Satanas sei er¬ schienen und der Schwur in Erfüllung gegangen. Der Teufel habe allen Rasen und nutzbares Erdreich vom Berge abgestreift und zwar so begierig und eifrig, daß man noch heutigen Tages die Spuren seiner Krallen im Gestein als jene Rinnen erblicke. Während die Weide des Blinden unversehrt blieb, verfiel der An¬ dere der Hölle. Es liegt, lassen wir das Motiv der Erzählung außer Spiel, tiefer und wahrer Sinn dieser Sage zu Grunde. Die unverstän¬ dige Menschenhand, welche die Berge ihrer Wälder so beraubte, daß der Boden kahl, den Zerstörungen durchs Wetter preisgegeben wurde, war die Teufelsfaust, welche den Berg verwüstete; Gestorben ist der Fichtenwald, Verwittert sind die Zinken; Nur grau Gestein, so alt und kalt Liegt da, mir graus zu winken. Witte . Man suchte die Karrenfelder als Resultate der einstigen großen Gletscher-Erosion darzustellen, zumal sie oft mit anderen unver¬ kennbaren Gletscherspuren in Verbindung auftreten. Genauere Untersuchungen haben jedoch die Unhaltbarkeit dieser Hypothese zur Genüge nachgewiesen. Der Gletscherschliff, dessen im Abschnitt: „Granit“ schon Erwähnung geschah, hat gerade die Eigenthümlich¬ Karrenfelder . keit einer gleichmäßigen Abnutzung und Abrundung der Gesteine, während ein ächtes Schrattenfeld die Unregelmäßigkeit und Un¬ gleichheit selbst ist. Die bedeutendsten, größten und ausgepräg¬ testen Karrenfelder liegen in den Kantonen Appenzell, St. Gallen, Glarus und Schwyz; das renommirteste und besuchenswertheste ist das auf der Silberen. Von dem idyllischen Klönthaler See (jetzt seit Eröffnung der Eisenbahn nach Glarus, der Wallfahrtsort aller Touristen) erreicht man dasselbe, den Weg über den Pragel fast bis auf die Paß-Höhe verfolgend und dann links abbiegend, in 2½ bis 3 Stunden. Die Kalkfläche des Karrenfeldes auf der Silberen ist so weiß, daß man dieselbe, von Weitem gesehen, für ein Schneefeld hält. Andere Schratten sind am Nordhang der Chursirste am Scherenberg unweit des Leistkammes, die ausnahms¬ weise an manchen Stellen fast ganz mit Alpenrosen überwuchert sind, — dann am Meßmer auf der Westseite der Säntiskette der Silberplatte entlang, — ferner am Kerenzerberg (leicht mittelst der Eisenbahn am Wallensee zu erreichen), — an den Bergen des Wäggithales, am Fluhbrig, Frohnalpstock, am Bauen (Vierwald¬ stätter See), am Sättelistock, auf dem Brünigpaß, am Kaiserstock, an den Pässen des Rawyl und Sanetsch, Tour d'Ay, Tour de Mayen und vielen anderen Orten. Nagelfluh . Geheimnißvoll am lichten Tag Läßt sich Natur des Schleiers nicht berauben, Und was sie deinem Geist nicht offenbaren mag. Das zwingst du ihr nicht ab mit Hebeln und mit Schrauben. Goethe . Wenn Du, lieber Leser, auf deiner sommerlichen Schweizerreise, oder Du, lieber Schweizer, aus dem deutschen Reich über den Boden¬ see kommend bergwärts wanderst, durchs fröhliche Appenzeller Länd¬ chen, oder durch das industrielle freundliche Toggenburg, oder noch mehr westwärts durchs behäbige Emmenthal und Entlibuch, — oder wenn Du in dem reizend, in parkartiger Umgebung gelegenen H ô tel Bellevue bei Thun eine Körper, Herz und Geist stärkende Villegiatur machst, und der freundliche Besitzer, Herr Knechten¬ hofer, Dich an der englischen Kapelle vorüber zum Pavillon Saint Jacques hinaufführt, von wo aus man einen prächtigen Nieder¬ blick auf ein reiches Bild hat, auf das stolze, in alterthümlichem Geschmacke mit einem Kostenaufwande von 1½ Millionen Franken durch Herrn von Rougemont erbaute Schloß, auf die Karthause und den Thuner-See, auf den Niesen, die Stockhornkette und im Nagelfluh . vollen Rundblick auf die riesigen Firndome der Jungfrau, des Mönch, Eiger und vieler anderer, — oder wenn Du auf den Rigi steigst, — oder sogar nur auf den Freudenberg ob St. Gallen, — dann fällt Dein Blick oft auf Felsenwände, die dem üblichen Be¬ griff nach nicht eigentlich Felsen sind, weil sie wie Frontwände großer Kiesgruben aussehen. Betrachte dieses konglomerirte Ge¬ stein doch ein wenig näher, verweile einige Augenblicke bei ihm; Dein Zeitverlust wird, bist Du anders dilettirender Freund der Naturwissenschaften, reichlich belohnt werden. Dieses sonderbare Gebilde ist „ Nagelfluh “, ein tertiäres Anschwemmungs-Produkt, ein aus Geschiebe und Rollsteinen kom¬ ponirter Natur-Füllbau, in die Periode der Molassezeit gehörend; also eines der jüngsten Schuttgesteine, die wir kennen. Die Nagel¬ fluh kommt in mächtigen Massen und stundenweit verbreiteten Flächen blos an der nördlichen Abdachung der Alpen vor und gestaltet hier die ersten Anhöhen und Berge. Am und im Jura ist ihr Auftreten nur sporadisch, wie z. B. um Pruntrut, Delsperg, an dem berühmten Felsenthor der Pierre pertuis, in der kühlen Einsiedler-Schlucht St. Verena bei Solothurn, um Aarburg und Aarau und im Teufelskeller bei Baden. Außerdem zeigt sich die Nagelfluh nur noch in Vorder-Indien. Dieses den sogenannten Puddingsteinen verwandte Konglomerat besteht aus mächtigen, oft sogar bis zu mehren tausend Fuß Dicke anwachsenden Schichten abgelagerter Rollsteine, die mittelst eines kalkhaltigen, unter Säuren aufbrausenden Cementes miteinander verbunden sind, — mitunter so außerordentlich fest, daß beide Theile eine gleichmäßig harte Masse bilden und beim Sprengen in glatter Fläche spalten, so daß der Bruch ebenmäßig durch Cement und Rollsteine geht. Diese Festigkeit ist so bedeutend, daß man die Nagelfluh einiger Gegenden, wie z. B. die unter dem Namen des Degersheimer und Solothurner Marmors bekannten Arten, zu Werken der Bildhauerei, zu großen Brunnenbecken und monu¬ Nagelfluh . mentalen Arbeiten, ja sogar zu Mühlsteinen benutzt hat. Die Größe der in den Cement eingebackenen Rollsteine variirt außer¬ ordentlich; man findet deren, die wie winzige Hirsekörnchen neben¬ einander liegen und somit der Schicht das Ansehen eines grob¬ körnigen Sandsteinlagers geben, — und wiederum solche von dem Umfange großer klafterhaltiger Blöcke. Dies Alles würde aber die Nagelfluh noch zu keinem besonders interessanten Naturprodukt machen, wenn nicht ein Paar Umstände dabei noch vorwalteten, die bisher noch keine genügende Aufklärung fanden. Die Nagelfluh besteht nämlich, wie eine jede Kiesgrube, aus den verschiedenartigsten, kugelig, oblong oder flach-rundlich abgeschliffenen Gesteins-Fragmenten. Je nach ihrer Farbe und qualitativen Zusammensetzung hat man sie in die beiden Haupt¬ gruppen der bunten - und der Kalk-Nagelfluh abgetheilt. Zur bunten Nagelfluh gehören jene Konglomerate, welche, wie der Name schon sagt, in reicher Farben-Mosaik prangen. Da finden wir feurigrothe Porphyrkugeln neben hellleuchtenden saftig-apfelgrünen Granit-Rollsteinen, warm violettgefärbte Spilit-Cylinder neben schwarzgrün getiegerten Serpentin-Ovalen, goldokerfarbige, abgerun¬ dete Kalkstein-Gerölle neben fleischfarbig geaderten Feldspath-Sphä¬ roiden, — ein schönes, reiches Bild bunter Gruppirung der ver¬ schiedenfarbigsten Gesteine. Minder brillant sieht die Kalk-Nagelfluh aus. Bei ihr sind gebrochene graue, blaue und schwärzliche Töne vorherrschend; doch giebt es auch solche, die davon abweicht, wie z. B. die Nagelfluh am Fuße des Speers bei Wesen am Wallen¬ see, welche fast das Ansehen von Rothwurst oder Gothaer Preßkopf hat. Denn in dem dunkelrothen eisenhaltigen Cement sind weiße Feldspath-Geschiebe eingebacken, die wie fette Speckwürfel aussehen, und wieder andere kalkhaltige Gesteine, die man ohne sonderliche Anstrengung der Phantasie für Schweineschwarte und Kesselfleisch halten kann. Unmittelbar hinter dem Bahnhof in Wesen kann der Kuriositätenfreund sich Bruchstücke dieses Naturspieles auflesen. Nagelfluh . Der eine bis jetzt noch unerklärt gebliebene Umstand beruht nun dann, daß man Geschiebe von Felsarten (und zwar in Menge) darin findet, welche entweder in den Alpen gar nicht — oder doch nur in den südlichen Thälern derselben vorkommen (d. h. deren heutige Flußgebiete gegen Süden auslaufen, wie das der Rhône, des Ticino und Inn), — oder daß Geschiebe von Gesteinsarten wieder gänzlich in der Nagelfluh fehlen, die man in großer Menge darin erwarten sollte, weil sie in den Alpen außerordentlich reichlich vorhanden sind. Es bleibt somit nichts Anderes übrig, als anzu¬ nehmen: daß die Rollsteine der Nagelfluh von Gebirgen herrühren, die bei einer der großen Erdumwälzungen gänzlich zertrümmert, dann durch die Friktion in den Fluthungen des Urmeeres abge¬ schliffen und gerundet, hierauf in gewaltigen Schichten abgelagert, von Cementschlamm umhüllt und endlich bei der Hebung der Alpen mit aus den Meerestiefen emporgehoben wurden. Eine zweite noch interessantere, aber auch noch minder erklär¬ liche Erscheinung ist die der Impressionen . Sucht man nur einige Augenblicke an blosgelegten Nagelfluh-Felsen, namentlich an solchen, deren Bindemittel nicht zu hart ist, so daß man die Roll¬ steine leicht aus ihnen herauslösen kann, so wird man von letzteren Exemplare finden, welche tiefe, muldenförmige Eindrücke von ihren unmittelbaren Nachbarn erhalten haben, etwa so, als wenn man in frisches, geknetetes Brod irgend einen beliebigen harten Gegen¬ stand eindrücken würde. Nun sind aber beide Steine in der Regel von gleich harter Masse, und der Stein Nummero Zwei, welcher die Impression in dem von Nummero Eins hervorbrachte, erhält an einer anderen Stelle von einem dritten Nachbar selbst wieder ganz ähnliche Quetschungen oder Vertiefungen. Da man nun doch annehmen muß, daß die Rollsteine, ehe sie rundlich abgeschliffen wurden, bereits hart und spröde waren, so ist es schwer erklärlich, wie sie von gleich harten Nebenkörpern solche Eindrücke empfangen konnten. Nagelfluh . Wollte man annehmen, jene Rollsteine seien zur Zeit ihrer Ablagerung noch in ziemlich weichem Zustande, somit leichter em¬ pfänglich für Impressionen gewesen, so muß man einen gleichen Härtegrad auch bei denjenigen Steinen voraussetzen, welche die Eindrücke hervorbrachten. Zwei gleich weiche Körper aber werden bei Pressungen sich wohl abplatten, nicht aber der eine in den anderen eindringen. Hierzu kommt noch eine andere Erscheinung, welche unzweifelhaft darauf hinweist, daß alle Nagelfluhsteine vor ihrer Umhüllung mit Cement schon sehr erhärtet waren; dies ist die spiegelglatte, gestreift-glänzende Politur vieler derselben an verschiedenen Stellen. Man findet Exemplare, die, wie vom Steinschleifer behandelt, in der Sonne weithin blitzend strahlen, gleich blanken Glasscherben, — andere, die scharf geritzte, fun¬ kelnde, in Menge nebeneinander liegende Linien zeigen und den körnigen Kalkstein an der Oberfläche fast wie faserigen Asbest erscheinen lassen, — und noch andere, an denen das Wunder¬ laboratorium der Natur so energische Incisionen hervorgebracht hat, als ob die Steine mit einem diamantenen Hohl-Hobel aus¬ gekehlt worden wären. Die meisten dieser Politurstreifen tragen metallischen Glanz. Unzweifelhaft rührt die ganze Erscheinung von der Hebung der Massen oder einem von den Alpen ausge¬ übten Seitendruck her, wobei die Steine mit unberechenbarer Vehemenz über einander hinglitten und sich gegenseitig, durch die Friktion erhitzt, abschliffen. Solch ein polirter Stein giebt Ge¬ legenheit zu einer reizenden mikroskopischen Spielerei. Bringt man denselben unters Instrument und läßt entweder helles Lampenlicht, oder, noch besser, die Sonne in geeignetem Strahlenbrechungswinkel darauf reflectiren, so entstehen unbeschreiblich prächtige Farben¬ effekte. Ein Kaleidoskop, in welches die brillantest gefärbten Glas¬ stückchen eingelegt wurden, vermag nicht solch eine flimmernde, schwirrende, im eigentlichsten Sinne kämpfende Farbenpracht zu entwickeln, wie die winzig kleinen geschliffenen Krystallchen des Nagelfluh . schlichten grauen Kalksteinchens. Bald gruppirt sichs in den rein¬ sten feurigsten Prismenfarben zu einem Rosetten-Cyklus oder zu bunten Flammen ausstrahlenden Sternchen, dann gleicht es einer vom Feuerwerker abgebrannten tausendgarbigen Girandole oder diamantenen Ranken-Verschlingungen, deren Enden ins Innere des Körpers hineinzuschliefen scheinen, — dann wieder gläsern durchschimmernden, regellos sich kreuzenden Astbau-Figuren oder architektonischen Gliederungen mit Bandkarnisen und Pilastern, mit Kreuzrippchen und Konsolen wie von Geisterhänden zu Oberons Feenpalast zusammengefügt, — kurzum eine Welt im Kleinen, voll abenteuerlicher Phantasmagorieen, entfaltet sich hier dem staunen¬ den Blicke. Und doch ists nur ein unscheinbares Bröcklein aus dem großen Trümmerhaufen einer untergegangenen Welt und er¬ innert an Byron's Manfred: — — Berge sind gestürzt, Wolken zerklüftend, mit gewaltigem Stoß Die Bruderalpen schütternd! — angefüllt Das grüne Thal mit der Zerstörung Trümmern, Gedämmt die Flüsse durch den jähen Sturz; — In Nebeln hob sich das gepreßte Wasser Und neue Gänge grub sich der Quell! — Bergsturz . Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig . Der Goldauer Bergsturz . Das Lebenszeichen des Lebens ist Zerstörung. Gutzkow . Unser Erdkörper ist in einem ununterbrochenen Zertrümmerungs- und Wiedererzeugungs-Prozeß begriffen. Der Kreislauf alles Stof¬ fes, den wir am Deutlichsten im Keimen, Wachsen, Absterben und Verwesen der Pflanze erkennen, weil er innerhalb eines kur¬ zen, unserem Wahrnehmungsvermögen naheliegenden Zeitraumes vor sich geht, findet eben so, aber in großen, Jahrhunderttausende umfassenden Epochen, am Fundamental-Gebäude unserer Erde statt; nur stellt er hier weniger einen eigentlichen Stoffwechsel, als viel¬ mehr einen Formenwechsel dar. Betrachten wir den Boden, auf dem wir gehen, das Garten-, Acker- und Nutzland, welches unsere Früchte, Brenn- und Bauhölzer erzeugt, den Straßenstaub, den der Sturmwind hoch in die Lüfte wirbelt und durcheinander mengt, — wollten wir das Alles genau unter dem Mikroskop betrachten und seine einzelnen Substanzen ausscheiden, so würden uns neben unzählbaren Theilchen halb und ganz verwester Pflanzen- und Thierorganismen, kaum erkennbarer Der Goldauer Bergsturz . Infusorien und vorzeitlicher Schnecken-Panzer, eben so viele und noch mehr unendlich kleine Fragmente ehemaliger Gebirge: eine bunte Mischung glasiger Quarzsplitter und farbiger Schieferblätt¬ chen, hellglänzender Glimmerkrystalle und kantiger Porphyrkörn¬ chen, durchsichtiger Feldspathgesteine und dichter Kalkpartikelchen erscheinen, die hier zu Staub zermalmt einem neuen Umgestaltungs¬ prozesse entgegensehen. Diese umgestaltende Thätigkeit und die durch dieselbe herbei¬ geführte allmählige Formveränderung unserer Erdrinde kann unser Auge nur da erkennbar wahrnehmen, wo die im Dienste der Natur¬ kräfte stehenden Bewegungsmittel am Großartigsten sich entfalten: zunächst am Strande und im Gebirge. Am Ufer des Meeres, der Binnenseen, ja sogar der Flüsse, sehen wir neue Ablagerungen von angeschwemmten Erd- und Ge¬ steinssubstanzen, sogenannte Strandbildungen entstehen, — aus dem Grunde der oceanischen Gewässer neue Inseln auftauchen, also das Gebiet des Festlandes sich vergrößern, während an anderen Orten das ununterbrochene Arbeiten der Wellen, die Brandung, allmählig feste Felsenwände auswäscht oder ganze Stücken Ufer¬ landes losreißt, um sie in die Tiefe zu versenken. Dieses Ausebenungsbestreben zeigt sich im Gebirge bei Weitem in drastischeren Erscheinungen. Jedes rasche Schmelzen des Hoch¬ gebirgsschnees im Frühjahr, jedes heftige, mit großen Regengüssen verbundene Gewitter, jeder Gletscher auf seinem Rücken, sendet aus den Höhen alljährlich eine Unzahl von Gesteinstrümmern in die Schluchten und Tobel, auf die Alpweiden und in die Thal¬ gelände und die an deren Fuße liegenden See- und Meeresbecken hernieder, die, wenn wir die Wahrscheinlichkeitsrechnung zu Hülfe nehmen wollten, innerhalb irgend einer großen Zeitfrist unter Mit¬ hülfe der Atmosphärilien ebenfalls zu einer völligen Ausebenung von Berg und Thal führen müßten, wenn nicht inzwischen neue, Der Goldauer Bergsturz . ungeahnte Katastrophen eintreten, die einen Strich durch unsere Rechnung machen. Der Alpenbewohner nennt Ereignisse derart und die davon verwüsteten Gegenden „ Rüfe “, „ Steinrieseten “, „ Gante “ oder „ G'schütten “, und in jedem größeren, von etwas steilen Bergwänden eingeschlossenen Thale der Schweiz, Tyrols und der übrigen Alpenländer kann man solche, versteinerten Strömen gleichende, aller Vegetation entbehrende Trümmerwüsten erblicken. Bei heftig niederbrausendem Hochgewitter versanden und überdecken sie mit ihrem Schutt binnen wenig Stunden zuvor fruchtbares, werthvolles Ackerland oder kräuterreiche Matten und zerstören deren Ertragsfähigkeit auf viele Jahrzehnte hinaus. Diese sind nicht zu verwechseln mit den eigentlichen Felsen¬ stürzen und Bergrutschen , welche von Zeit zu Zeit die Alpen heimsuchen und zu den furchtbarsten Naturereignissen gehören. Fast alle werden mittel- oder unmittelbar durch die Einwirkung des Wassers herbeigeführt. Entweder bohrt, frißt und sprengt das, nur tropfenweise, in ganz unbedeutende Felsenspalten der härtesten Ge¬ steine eindringende, im Winter gefrierende und durch die aus¬ dehnende Kraft des Frostes den Spalt gleichsam wie mit einem Keil unmerklich erweiternde Wasser so konsequent und ausdauernd, daß die vom Muttergestein abgesprengten Felsenmassen, allmählig ihrer natürlichen Basis beraubt, im Frühjahr oder Sommer beim Schmelzen des eingedrungenen Eises, endlich ihr Gleichgewicht ver¬ lieren und zu Thal stürzen, — oder die Reihenfolge und geringe Festigkeit des auf einander lagernden Gesteines und dessen Ab¬ dachung (oder dessen „Fallen“, wie man in der Geologie sich aus¬ drückt), sind Ursache der Bergstürze. Letzteres kann nur in den¬ jenigen Alpen vorkommen, die nicht aus krystallinischen Gesteinen (Granit, Gneis, Glimmerschiefer, Porphyr, Syenit, überhaupt Feldspath-haltigen Gesteinen), wie die Central-Alpen, sondern aus Sedimentbildungen (wie solche in der Schilderung Der Goldauer Bergsturz . des Alpengebäudes erörtert wurden) bestehen. Hier wirkt dann das Wasser direkt und zwar das in großer Menge ins Erdreich und in die Steinschichten eindringende und dieselben auflösende Regen- und Schneewasser. Ganz besonders ist dies bei denjenigen Gebirgen der Fall, deren unterste Gesteinslage aus einer kompakten, wenig porösen Masse besteht, die das in die Tiefe eindringende Wasser nur in sehr geringem Grade aufsaugt, wie z. B. harte Leberfelsschichten, Thonschiefer, derbe Kalke u. a. — Liegt nun auf dieser ein fau¬ lendes, leicht verwitterbares, zur Auflösung geneigtes Gebirgs¬ material, wie z. B. rother Mergel, — und über diesem wieder eine mächtige Schicht anderen Gesteines von geringer Dichtheit, wie Sandstein, Nagelfluh, oder überhaupt eine das Wasser filtrirende, gern durchlassende Felsart, so ist es eine ganz natürliche Folge, daß das Wasser entweder so lange durchsickert, bis es auf die unterste, dichteste Gesteinslage kommt und in unterirdischen Kanälen und Ritzen, der Abdachung des Felsen folgend, hinabrinnt, um aus tausend Erdarterien und Tropflöchern gespeist als Quelle wieder irgendwo zu Tage zu treten, — oder, wenn es sich nicht genügend Abzug verschaffen kann, zersetzt und löst es allmählig die leicht verwitterbare Mittelschicht auf und verwandelt diese in einen zähen Schlammbrei. Jetzt hängt es vom Gange der Witterung und der örtlichen Lage ab, was aus dieser halbflüssigen Erdschicht werden soll. Tritt nach anhaltendem Regen sehr trockene Witterung ein, so verdunsten nach und nach die aufgeschluckten Wasser wieder, der Brei erhärtet, dörrt aus und die drohende Gefahr wird abgewendet. Treibt aber der Föhn oder der Westwind fortwährend neue Regenmassen ins Land, stemmt der aufgeweichten Schicht sich kein, von der Natur selbst errichteter, dauerhafter Querdamm entgegen, bricht die ab¬ wärts drängende Masse durch, so entsteht eine Schlammlauine , die, wohin sie ihren trägen aber unaufhaltsamen Lauf richtet, wie Der Goldauer Bergsturz . die Lava des Vulkanes alles ihr im Wege Stehende einschließt, ausfüllt, ummauert und oft mehre Klaftern hoch überdeckt. Was sie erreicht, wird unrettbar zerstört. Von einem solchen Schlamm¬ strome wurde im Juli 1795 ein großer Theil des reizend am Vierwaldstätter-See gelegenen Dorfes Wäggis vernichtet und in die Fluthen versenkt. Er kündete sich in der Nacht des 15. Juli durch ein seltsames eintöniges Brausen an, das nach der Meinung des Volkes aus den Kellern zu kommen schien. Als es Tag wurde, sahen die Einwohner mit Entsetzen die dicke, dunkelrothe Schlamm¬ lauine mehre Klaftern hoch und wohl eine Viertelstunde breit, einem Ungeheuer gleich, gegen das Dorf sich heranwälzen. Ihre Bewegung war indessen so langsam, daß alle fahrende Habe von den Einwohnern geflüchtet werden konnte. Volle vierzehn Tage dauerte es, bis die wandernde Schlamm-Masse das Seegestade erreichte; aber eine Menge Häuser und vortrefflicher Grundstücke wurden ein Raub des Ereignisses. Solche Schlammlauinen aber, die keinen Ausbruch finden, werden mittelbare Ursache der Felsstürze. Die auf der Schlammlage stark geneigt ruhenden Gesteinsschichten reißen vermöge eigener Schwere und Wucht sich los und glitschen auf dem schmierigen Erdreich der Tiefe zu. Das empörte Weltmeer, der feuerspeiende Berg, die Schrecken des amerikanischen Urwaldes, der Samum in der Wüste, sind Erscheinungen, die das Blut in den Adern starren machen können, — aber kein Sturm auf offenem Ocean, wenn den Seefahrer der Untergang aus tausend Wellengräbern angähnt, kein Ausbruch eines seine Feuergarben himmelan strahlenden Vulkans, kein Wald¬ brand des amerikanischen Urwaldes können Entsetzen erregender wirken, als jener schreckliche Moment, in welchem der Gebirgs¬ bewohner seinem Weibe, seinen Kindern und Nachbarn zuruft: „Fliehet! der Berg kommt!“ Nur noch ein Phänomen kommt dem Bergsturz an seelenzersetzender Unheimlichkeit gleich: das Erd¬ Berlepsch , die Alpen. 4 Der Goldauer Bergsturz . beben. — Wo ein Bergsturz losbricht, da ist Alles, was im Be¬ reiche seiner zermalmenden Gewalt liegt, fast im gleichen Augen¬ blicke eine Beute des Todes, wo die Gefahr sich ankündet. — Man denke sich jene stabilen Gebirgsmassen, welche seit Menschen¬ gedenken in todter, indifferenter Ruhe wie ein Naturbau für urewige Zeiten zu Häupten der Menschen thronten, plötzlich, wie von unsichtbarer Hand ihrer stützenden Unterlage beraubt, in Be¬ wegung — schwankend — sich lostrennend und mit Blitzesschnellig¬ keit auf das friedlich daliegende Thal niederstürmend. Solch ein furchtbares Ereigniß zerstörte im Kanton Schwyz die Dörfer Goldau, Rötten, Busingen und Lowerz binnen wenig Minuten durch den Einsturz des nördlich über diesen Ortschaften liegenden Roßberges. Die Jahre 1804 und 1805 waren sehr regnerisch gewesen und ihr Nachfolger 1806 fuhr unverdrossen fort, wässerige Niederschläge im Ueberfluß und in ungewöhnlicher Fülle auf das Alpenland nieder¬ zusenden. Ganz besonders zeichnete sich in dieser Beziehung der Hochsommer durch anhaltende Landregen aus, welche am Ende des Augustmonates und namentlich am ersten September in eigentliche Wolkenbrüche auszuarten drohten. Es ist schon ein unliebsames Bild, welches nach vielwöchent¬ lichen Regengüssen die Landschaft einer ebenen Gegend in ihrem durchweichten, übersättigten Habitus darbietet. Aber es ist nicht zu vergleichen mit dem Aussehen einer Gebirgslandschaft am Ende einer solchen Witterungsperiode; aus jeder Schlucht, aus jedem Waldwinkel blickt Zerstörung hervor, überall rüttelts und nagts am Bestehenden. In eigenwillig ausgegrabenen Rinnen und Runsen schäumen und poltern die hoch angeschwellten, von allen Halden und Berghängen zusammenfließenden Wildwasser schmutzig und erdfahl hernieder. Alle Hohlwege sind tief ausgespült und die vom umgebenden Erdkitt entblößten, bunt gesprenkelten, hiero¬ glyphisch-marmorirten Rollsteine, welche sonst unbeachtet einfarbig im Der Goldauer Bergsturz . Boden stecken, leuchten so durchsichtig blank, wie von des Schleifers Hand polirt, daß sie im Glanze ihres erhöhten Kolorits, eine natürliche Diluvial-Mosaik darstellen. — Zottig hängt das blos¬ gelegte Wurzelgeflecht der Rothtanne und Lärche, des Bergahorn ( Acer pseudoplatanus ) und der Alpenerle ( Alnus viridis ), des struppigen Wachholderbusches ( Juniperus sabina ) und anderen Ge¬ sträuches, das an den abschüssigen Wegrändern steht, über dieselben herunter, und wo das suchende Wühlen des Wassers die Nahrungs¬ schichten des lockeren Waldbodens ausgewaschen und zu Thal ge¬ schwemmt hat, da sinken die ihrer eigenen Schwere nicht mehr mächtigen stolzen Stämme, diese Aristokraten der Pflanzenwelt, kraftlos um, vom Wetter gefällte Schlagbäume, die Passage des freien Waldverkehrs hemmend. Das rissig-schuppige Rindenkleid der Bäume, schwammig-vollgetränkt von der überreichen Regen¬ spende, hat seine warmen, wohlthuenden, braunrothen Okertöne verloren und Stamm und Astwerk starren finster in die schwarze Säulenhalle der Forste hinein. Jenes mährchenhaft geheimnißvolle Waldesdunkel fehlt, das alle Gegenstände der Perspektive ver¬ duftend ins Unbestimmte auflöst. Alles hat die dunstende Regen¬ durchsichtigkeit grell ins linienhaft scharf Begränzte übersetzt und präcisirt. Noch zerzauster, ermatteter, zerknickter, genussesmüder erscheint die Bourgeoisie der Bergvegetation, die individuenreiche Klasse der Hochkräuter, alle jene gesellschaftlichen Tafelrunden der Waldfarren, die brennendroth blühenden Epilobium-Kerzen, die neugierig über ihren Stand hinausschauenden Hieracien und Alles, was, „wie aus Duft und Glanz gewebt“, ein sommerlanges Blumenleben hier oben verjauchzt; es ist als ob muthwillige Buben eine Pflanzen¬ schlacht geliefert hätten. Nur die spargelschüssigen Saftstengel der Orchideen mästen sich bei dem Ueberfluß und jene Knappenschaft der Kräuterwelt, die auf Hieb und Stich mit Pfeil und Lanze gewappnete Reisigen-Schaar der zäh-stengelichen Distelgewächse hat 4* Der Goldauer Bergsturz . trotzig der niederschlagenden Wassergüsse die scharfen Kanten und Spitzen entgegengestreckt und heldenmüthig widerstanden. Es sind die gleichen alten Kämpen, die in den Stürmen des Winters, wenn das quatte, weiche Zellengefüge fast aller anderen niederen Phanerogamen gährend sich zersetzt, — obgleich marklos, dennoch aufrecht, wie auf dem Posten erfrorene Schildwachen dastehen, und mit ihren gebleichten nackten Blüthenschädeln in den allgemeinen Naturschlaf hineingrinsen, bis Boreas oder die Wucht des auf ihr Geripp sich lagernden Schnees auch sie umknickt und der übrigen verwesenden Masse beifügt. Ihre Devise sollte sein: „Treu bis in den Tod!“ — Und nun vollends das Proletariat der Vegetation, das ge¬ meine, niedrig am Boden kriechende Volk der Gräser, dieses Grund¬ aggregat alles dessen, was unmittelbar „Nahrung“ liefert, die breiten schilfblätterigen Schwingelarten, die luftigen, kupferroth¬ spiegelnden Windhalme, die federbuschigen Calamagrosten und die fettlaubigen Hirsegräser mit ihren gespreizten krakehligen Aehren¬ dolden, die zarten schüchternen Schmielen und die derben behäbigen Poaceen, wie so gänzlich erschlafft liegen sie da. Die elastische, langausgiebige Widerstandsfähigkeit, die Muskelkraft der schlanken Rispen ist gebrochen, — wie von den darüber hinfluthenden Regen¬ bächen glatt gekämmt, schmiegen sie sich den Bodenformen sklavisch an. Item! Ein allgemeines Betrunkensein herrscht in der Pflanzen¬ welt und der Regen hats ihr gezeigt, wie es aussieht, wenn er Meister ist. Denn die Regenmenge in den Alpen ist eine ganz andere als in den flachen Gegenden. Während die süddeutsche Hochebene jährlich im Durchschnitt nur 24 bis 25 Zoll Regen hat und die norddeutsche Tiefebene gar nur 22 Zoll, steigt dieselbe in den inneren Alpenthälern auf 54 Zoll und auf dem großen St. Bernhard nach siebenjährigem Durchschnitt gar auf 73 Zoll. Aber dies Alles charakterisirt die Eigenthümlichkeiten lang¬ andauernden nassen Wetters im Gebirge noch nicht allein; verwandte Der Goldauer Bergsturz . Momente zeigen sich auch drunten in der Ebene nach einem soliden Landregen. Was der ganzen Erscheinung ein viel unheimlicheres Gepräge giebt, ist die tiefe Schwermuth, in welche die ganze Landschaft versunken ist. Die hohen Berge sind nicht sichtbar; Wolken haben sich wie graue Trauermäntel um ihre Schultern gehangen. Wäh¬ rend schon bei hellem, lachendem Himmel nur ein geringeres Quantum Horizont in das Bergthal hereinleuchten kann als in das unbegrenzte Flachland, — so wird dem bischen Tageshelle bei trübem Wetter vollends der freie Eintritt durch die Bergkolosse verkümmert. Die Regenwolken mögen sich vielleicht nicht tiefer gegen den Erdboden niedersenken als wo anders auch; aber da¬ durch, daß man mittelst der nahestehenden Felsenmassen einen Maßstab für den Hochgang der Wolken erhält, wähnt man, die ganze Atmosphäre laste wie ein böser Traum auf der Gegend. Nicht selten ists der Fall, daß Fremde bei solchem Wetter von einer Angst und Bangigkeit befallen werden, als ob ihnen das entsetzlichste Unglück bevorstände. In dieser landschaftlichen Verfassung befand sich denn auch das Goldauer Thal , als unerwarteter Weise am Vormittage des 2. September das Regenwetter plötzlich innehielt, während der Horizont einfarbig melancholisch umwölkt blieb. Am frühen Mor¬ gen dieses Tages bemerkten Landleute, die auf der Höhe des Gnypenberges (der östliche Theil des Roßberges) und am s. g. „ Spitzenbühl “ Ställe besaßen, ganz frische, weit auseinander klaffende Risse im Erdreich und an den Felsenwänden. Der Rasen war an manchen Stellen übereinander geschoben und in den be¬ nachbarten Waldungen hörte man von Zeit zu Zeit ein dumpfes, dem Rottenfeuer ähnliches Knallen, gleichsam als ob Wurzelwerk gewaltsam zersprengt würde. Daneben stürzte von einer Felsenfluh am „Gemeinde-Märcht“ fortwährend Nagelfluh-Gestein hernieder; da aber solche Ablösungen stets im Frühjahr nach der Schnee¬ Der Goldauer Bergsturz . schmelze und jederzeit nach heftigen Regengüssen zu erfolgen pfleg¬ ten und die Bewohner des Röthner Berges schon längst an solches Krachen und Fallen gewöhnt waren, so legten sie auch diesmal den Kundgebungen wenig Werth bei und vermutheten höchstens, daß in einer tieferliegenden, ohnedies ziemlich wüsten Gegend sich eine „Bräche“ oder Erdschlipf ablösen möchte. Dieses Nieder¬ stürzen von Felsentrümmern unter fortwährend aufsteigenden Staub¬ nebeln vermehrte sich indessen von Stunde zu Stunde, die Luft zitterte in fortwährender Oscillation und die Anwohner des Ro߬ berges in weitem Umkreise empfanden jederzeit die Erschütterungen des Bodens. Leute, die mit Kartoffelhacken, Holzfällen oder Vieh¬ gaumen auf dem Felde oder den umliegenden Berghöhen beschäf¬ tigt waren, richteten, stets von Neuem aufgeschreckt, immer wieder den Blick nach dem Roßberge. Am Spätnachmittage, es hatte auf dem Kirchthurme zu Arth 4¾ Uhr geschlagen, öffnete sich plötzlich auf halber Höhe des sanft geneigten Berges an der Rüthi-Weide eine große Erdspalte, welche zusehends weiter, tiefer, breiter und länger wurde. Der umliegende Rasenboden wendete sich selbst, so daß er, wie umgeackert, die braunschwarze Bodenkrume zu Tage kehrte. Zugleich begann der, in gleicher Höhe liegende Zanswald unheimlich lebendig zu werden, Zuerst schwankten die hohen, schlanken, ausgewachsenen Tannen, wie von unsichtbarer Hand bewegt, leicht hin und her, etwa so, als wenn im Sommer der Wind über das halbreife Korn hin¬ streicht, daß es zu wogen scheint. Diese wellenförmige Bewegung wuchs, aber in widerstreitenden Rhythmen, so daß in dem unregel¬ mäßigen und heftigen Schwanken die Stämme und ihre Baum¬ kronen durch- und gegeneinander schlugen. Mit krächzendem Ge¬ schrei flogen Raben, Krähen, Häher und andere dort nistende Waldvögel auf und eilten in flüchtenden Schwärmen gen Südwest den Forsten an den Abhängen des Rigi zu. Jetzt trug sich das schiebende Stoßen und Schwanken, das wellenhafte Steigen und Der Goldauer Bergsturz . Fallen auch auf den Rasenboden über; es sah aus, als ob riesige Schärmäuse denselben unterwühlten. Zugleich begann ein leise anhebendes Gleiten und Hinabrutschen der ganzen oberen Gegend, das immer erkennbarer und eilender wurde. Die Tannenwälder sträubten sich der raschen Bewegung zu folgen und erschienen, — nach Aussage der Leute, welche das ganze furchtbare Phänomen vom Anfang bis zu Ende in bangster Aufmerksamkeit mit ansahen, — etwa so, als wenn man Haare wider ihre natürliche Wuchs- und Wurzellage kämmt. In immer gesteigerteren Progressionen nahm die angsterfüllende Erscheinung zu; in immer weiteren Kreisen, in immer ausgedehn¬ terem Umfange wurden angränzende Matten und Wiesgelände, Obstbaumgärten und Hofstatten sammt Stallungen, Menschen und Vieh mit in die ungeheuerliche Bewegung hineingezogen. Das Volk, welches den Grund und Boden, auf dem es geboren und groß geworden war, unter seinen Füßen weichen fühlte, schreckte entsetzt auf und flüchtete, seine Heimath zu verlassen. Da — Donner und Knall! als ob die Urfundamente der Erdrinde zer¬ borsten wären, ein rasselnd-schmetterndes Krachen, ein knatterndes Geprassel, als ob ein tausendzackiges Blitzbündel aus den ver¬ derbendrohenden Wolken auf einen Schlag zernichtend in die Grundpfeiler der Berge hineingefahren wäre und das Innerste der Gebirge zersprengt und zertrümmert hätte. Die Steinbergerfluh, eine Felsenmasse von mehren Millionen Kubikklaftern, sammt allem darauf stehenden Hochwald und die darunter terrassirt sich nieder¬ senkende, mehr als hundert Fuß hohe Nagelfluh-Wand des „Ge¬ meinde-Märcht“ waren eingestürzt. Dies war das Signal zu einem allgemeinen Zerstörungsakt; denn nun begann ein Schau¬ spiel, welchem an furchtbarer Großartigkeit kaum eine andere Er¬ scheinung zu vergleichen ist. In wildester Auflösung jagten Felsen¬ blöcke und Steinsplitter, Erdschlamm und Rasenfetzen, Gesträuch¬ knäuel und Baumschäfte, Alles in bald hoch aufwirbelnde, bald Der Goldauer Bergsturz . fallende Staubwolken gehüllt, über die Berghalde dem Goldauer Thale zu. Ein Trümmerfragment schien das andere an Geschwin¬ digkeit überholen zu wollen; es war ein Wettrennen der rohen Materie. Die chaotisch sich häufenden Sturzmassen, die hetzende Schnelligkeit, die allgemeine Verwirrung wuchsen von Augenblick zu Augenblick. Hausgroße Gebirgsbrocken mit aufrecht darauf stehenden Tannen sausten, wie von dämonischen Fäusten geschleu¬ dert, frei schwebend, gleich fliegenden Vögeln, hoch durch die Lüfte; andere Felsenscherben ricorchettirten wie Geschosse einer Riesen¬ kanonade, von Zeit zu Zeit aufsetzend, immer wieder in hohen Bogen emporgeschnellt; noch andere prallten auf der Sturzbahn mit ihren Sturmesgenossen zusammen und zerspritzten wie die Funken weißglühender Eisenstangen unter der Wucht des Eisen¬ hammers. Es war eine Scene aus dem Titanenkampfe der grie¬ chischen Mythe. Hinunter prasselt und donnert und dröhnt, Was eben noch den Berg gekrönt, Der Berg, zerschmettert zu Schutt und Kies, Der See, gefüllt mit Geröll und Gries — Das rollt und wälzt sich endlos fort Und schwillt und wächst von Ort zu Ort; Zerknickt die Tannen mit grauser Kraft Und schießt als Wurfspeer weiter den Schaft. Der Boden zittert und wankt und wiegt, Bis rings die Stätte begraben liegt. Weithin begraben Hügel und Grund Des Berges Flanken schrundig und wund, Mit Splittern und Grand das Thal gefüllt Und leichenfahl Alles ringsum verhüllt. (M. Waldau .) Binnen wenig Minuten waren über hundert Wohnhäuser und eben so viele Ställe und Scheunen zerstört; denn die ganze Halde des Roßberges, bis fast hinauf zum Gnypenspitz, dessen äußersten Gipfel ein großes hölzernes Kreuz schmückt, war damals mit be¬ wohnten Häusern übersäet, und drunten im Thal zwischen dem Zuger- und Lowerzer-See lagen die begüterten Ortschaften Goldau, Der Goldauer Bergsturz Busingen und Lowerz. Vierhundert und sieben und fünfzig Men¬ schen fanden ein großes gemeinsames Grab unter dem Trümmer¬ felde. Und bei diesem schrecklichen Ereigniß, welch wunderbare Ret¬ tungsgeschichten. Fast zu alleroberst unterm Spitzenbühl wohnte damals Bläsi Mettler mit seinem blutjungen 19jährigen Weibe Agathe. Als drüben am Gemeinde-Märcht der höllische Spektakel losging, wähnte der an Hexen und Gespenster glaubende Berg¬ bauer, böse Geister trieben dort ihr Spiel. Das heulende Ge¬ schrei der Waldeulen hielt er für Jubelgesang teufelischer Dämo¬ nen, das Pfeifen und Brausen in dem Felsgeklüfte für Jammer¬ rufe verfluchter Seelen, welche ihn warnen wollten, und die donnernden Einstürze des Berges für Werke des Satans oder für Vorboten des jüngsten Gerichtes. Von Jugend auf im Aberglau¬ ben erzogen, vollgepfropft und vollgestopft mit Sagen von Schatz¬ gräbern, Kobolden und Unholden, einsam, abgeschlossen von aller menschlichen Gesellschaft lebend, schuf ihm seine rege Phantasie die abenteuerlichsten Bilder. Um nun sich, sein Weib und Kind zu sichern gegen die Angriffe des bösen Feindes, eilte er springenden Fußes hinab ins Pfarrhaus nach Arth und bat den dortigen geist¬ lichen Herrn unter Thränen und Schluchzen, mit ihm hinaufzu¬ kommen und zu benediciren, d. h. die bösen Geister zu bannen. Noch während er jammerte und erzählte, brach die Katastrophe völlig los. Mettler, ganz von Sinnen, zog seine Schuhe aus und rannte wie wahnwitzig seinem mehr als eine Stunde entfernten Hause zu. Der Zweifel, ob sein geliebtes Weib und sein vier Wochen altes Kind ein Opfer des Bergsturzes geworden seien, brachte ihn beinahe um den Verstand. Wie wars unterdessen droben gegangen? Das arme junge Weib in entsetzlichster Bangigkeit bei dem fort¬ während zunehmenden gräßlichen Getöse, bei der fast ununterbro¬ chenen Erschütterung der Hütte, verlebte während ihres Mannes Abwesenheit Stunden der unsäglichsten Angst. Da kam die Zeit Der Goldauer Bergsturz . heran, in welcher sie, nach Landessitte, für ihr Kind den Abend- Brei zu kochen gewohnt war. Schon hatte sie Milch und Mehl eingerührt und das Feuer auf dem Heerde angezündet, um mit dem Kochen zu beginnen, als der donnerähnliche Knall und ein Wanken des Hauses in seinen Grundmauern sie tödtlich erschreckte. Unschlüssig, ob sie bleiben oder fliehen solle, sprang sie in die Stube, entschlossen mit dem Kinde ins Freie zu flüchten, wenn es wach sei, — anderenfalls aber dessen Schlaf nicht zu stören und im Hause zu bleiben. Und siehe, das Kind lag wachend, ohne Geschrei in der Wiege. Eilends reißt sie dasselbe unter Herzen und Küssen empor, nimmt aus dem Gänterli (Wandschrank) ihres Mannes geringe Baarschaft und eilt über die Schwelle, während der Boden unter ihren Füßen lebendig geworden zu sein scheint. Kaum hat sie den Gaden (Stall) ihres Heimwesens erreicht und rastet, athemlos sich umkehrend, einen Augenblick, als sie steht, wie ihr so eben verlassenes Wohnhaus zertrümmert, in jagender Flucht der Tiefe zugeschleudert wird, und ein tobendes Meer der Ver¬ wüstung an ihren umnachtenden Blicken vorüberjagt. So findet sie der schweißtriefend herbeieilende Bläsi. Bei dem gänzlichen Verluste all seiner Habe dankte der arme Mann dennoch mit Thränen der Rührung dem Himmel für die Rettung der Seinen. Etwa 500 Schritt tiefer wohnte sein Bruder Bastian, der zur Zeit des Bergsturzes mit dem Vieh sich auf der Allmendweide am Rigi befand. Die Frau desselben aber mit zwei kleinen Kin¬ dern war im Hause, als es vom Sturz ergriffen und verschüttet wurde. Wie das gräßliche Ereigniß ausgetobt hatte und das Volk sich schüchtern dem Schauplatz des Schreckens wieder näherte, eilten auch die Eltern und Geschwister der Frau Mettler hinauf, um zu sehen, was aus ihr und ihren Kindern geworden sei. Vom Hause war keine Spur zu erblicken; Alles lag im großen Trüm¬ mergrabe. Nur in einiger Entfernung von jener Gegend, wo das Haus gestanden hatte, lag in Mitte der Schlamm-Masse ein mit ge¬ Der Goldauer Bergsturz . dörrtem Buchenlaub gestopfter Bettsack und auf demselben schlafend, im Hemdchen das kleinste Kind. Mit Lebensgefahr stieg der Onkel desselben in die breiweiche, mit Steinblöcken untermengte Schutt¬ lauine und rettete den kleinen Schläfer. Nur wenig Schlamm war ihm ins Gesicht gespritzt, sonst war er völlig unversehrt. Welch wunderbare Fügung das Kind in Mitte des tausendfach einherbrausenden Todes erhalten hatte, wie die Trümmer des ein¬ stürzenden Hauses und das schwere Dachgebälk gefallen sein mö¬ gen, ohne das Kind zu berühren, wie dieses, gleichsam von unsicht¬ baren Händen getragen mit dem gleichen Polster, auf welchem es vor der Katastrophe schlief, auf den Trümmerhaufen mag niederge¬ legt worden sein, ist fast unerklärlich. Jetzt ists ein 58 jähriger Mann, Sebastian Meinrad Mettler, der in Goldau drunten wohnt. Die wunderbarste der vielen Rettungsgeschichten ereignete sich aber in der Gemeinde Busingen, unweit des Lowerzer-Sees. Dort bewohnte Joseph Lienhard Wiget, ein baumfester, kerngesunder Mann von 32 Jahren sammt Frau und fünf Kindern sein schönes, bäuerlich-wohlhäbiges Heimwesen „zum unteren Lindenmoos.“ Er war ein glücklicher, zufriedener Mann. Als der Bergsturz los¬ brach, war Wiget mit den Seinigen im Grasgarten beschäftigt Obst aufzulesen, welches Regen und Wind herabgeschlagen hatten. Eilends erfaßte der besonnene Mann, als er den Berg kommen sah, seine beiden ältesten Knaben und lief mit ihnen einer dem Roßberge gegenüberstehenden Anhöhe zu, indem er seiner Frau dringend zurief, ihm mit den kleineren Kindern schleunigst zu fol¬ gen. Die Mutter, welche ein im Hause schlafendes eilfmonatliches Kind nicht dem gräßlichen Schicksale preisgeben wollte, flog noch¬ mals in die Wohnung. Ihr folgte durch eine andere Thür die Magd Franziska mit dem fünfjährigen Marianneli. Im Moment des Eintretens in die Stube umfinstert sich Alles, völlige Nacht verhüllt das unter Donnerkrachen zerberstende Haus und die Ar¬ men sind verschüttet. Franziska fühlt sich hin- und hergeschleudert, Der Goldauer Bergsturz . niedergeworfen und hat endlich das Gefühl, als ob sie in einen endlosen Abgrund stürze; die Besinnung verläßt sie. Als sie wie¬ der zu sich kommt, vermag sie nicht sich zu rühren noch zu regen und fühlt, daß sie wie eingemauert, rings von kaltem, nassem Schlamm umgeben, auf dem Kopfe steht. Nur das Gesicht ist ihr frei, so daß sie athmen kann. Da wähnt sie, der Untergang der Welt sei eingetreten, alles Lebende vernichtet und sie allein in Mitte des Erdballes, in ihrem Grabe das einzige noch lebende Wesen. So, in tödtlicher Angst betend, hört sie eine weinerliche Stimme, immer lauter werdendes Wimmern; sie ruft, fragt und erkennt an der Antwort, daß es die kleine Marianne ist, von wel¬ cher das Stöhnen herrührt. Trotz der gräßlichen Lage, fühlt sie sich hoch entzückt, noch ein lebendes Wesen, und dazu ein ge¬ liebtes, in ihrer Nähe zu wissen. Gespräch und Austausch der Mittheilungen beginnen. Marianneli erzählt, daß es zwischen Ge¬ sträuch und Balken auf dem Rücken liege, sich nicht rühren könne, aber durch einen schmalen Streifen der Finsterniß ins Grüne blicken könne. Die fromme Franziska hält es für eine Aussicht ins Paradies. Unter anhaltendem Gebet, Seufzen, Klagen und Weinen vergeht geraume Zeit. Da hören Beide die Töne einer Glocke. Es ist das friedliche Abendgeläute vom Steinerberge, die um 7 Uhr ertönende f. g. „Betglocke.“ Jetzt überzeugt sich Fran¬ ziska, daß der Welt Untergang noch nicht hereingebrochen sei, und leises Hoffen auf Rettung dämmert in ihrer Seele auf. Beide rufen um Hilfe, sie schreien, — aber vergeblich! Todtenstille wie im Grabe herrscht rings in kalter Finsterniß. Jetzt taucht zum ersten Mal der folternde Gedanke: „Lebendig begraben!“ in Fran¬ ziskas Seele auf. Aber sie muß ihn niederkämpfen, verbergen vor dem armen Kinde, um dessen Angst nicht noch zu vermehren. Sie hören das spätere „zu Nachtläuten“ in Steinen und beten aufs Neue, ohne Unterbrechung, stundenlang; — aber keine Errettung will sich zeigen. Nun empfindet das Kind auch stechende Schmer¬ Der Goldauer Bergsturz . zen am Unterkörper und die Marter nagenden Hungers. Fran¬ ziska will vor Leid vergehen, ihrem Liebling nur leere Trostesworte statt reeller Speise und Labung reichen zu können. Sie muntert dasselbe unter allerlei Vorspiegelungen (an deren Erfüllung sie selbst nicht glaubt) auf, sich zufrieden zu geben und sucht das arme leidende Wesen zu besänftigen. Die Klagen des Kindes werden immer schwächer, immer gebrochener, unartikulirter, — end¬ lich schweigen sie ganz. — „Gott sei Dank, es hat es überstan¬ den!“ — seufzt das treue Mädchen und bereitet sich selbst zum Abschiede vom Leben vor; denn die Leidensstunden fangen jetzt an fast unerträglich zu werden, und Todeskälte durchschauert, fieber¬ haft schüttelnd, Mark und Bein. Nach entsetzlich mühevollen, lan¬ gen, langen Versuchen gelingt es ihr endlich, die Füße aus dem umgebenden festen Schlamm etwas zu befreien, so daß sie diesel¬ ben bewegen und dadurch wieder einige Cirkulation des Blutes hervorrufen kann. Der ganze übrige Körper bleibt nach wie vor starr eingemauert. Wie entsetzlich martervoll eine solche Lage sein mag, vermögen Worte nicht auszumalen. Endlich ist eine ganze lange Nacht in diesem halbtodtähnli¬ chen Zustande durchwacht. Die Morgenglocke am Steinerberge und dann auch die zu Steinen ertönt; sie läutet abermals Hoff¬ nung in das beinahe gebrochene Herz. Wiederum entströmen tief¬ innige Gebete ihren krampfhaft gepreßten Lippen, und wie ein Strahl der aufgehenden Sonne dringt gewaltsam die zuversichtliche Ueberzeugung in sie ein, daß sie heute errettet werde. Da! — o Wunder! ertönt auch wieder die Stimme des gestorben geglaubten Kindes! Ein krampfhafter Schlaf hatte ihm die Nacht abgekürzt. Es klagt aufs Neue über Hunger, heftige Schmerzen und ruft der Franziska, ihr zu helfen. Mit Tagesanbruch war der trostlose Gatte und Vater mit seinen beiden Knaben wieder an die Schauerstätte geeilt, wo er schon am vorhergehenden Abend gearbeitet, um womöglich die Der Goldauer Bergsturz . Leichen seiner geliebten Angehörigen aufzufinden. Die verflossene Nacht war die qualvollste seines Lebens gewesen. Ein Bettler, obdachlos, verwaist hatte er, der kurz zuvor begüterte Mann, die Barmherzigkeit anderer Menschen für sich und seine beiden Knaben ansprechen müssen. Also mit Tagesanbruch begann er, unterstützt von Freunden, aufs Neue seine Nachsuchungen. Nach stunden¬ langem Arbeiten erblickt er endlich einen Fuß, dann Kleider. Es ist sein Weib! Mit hastiger Sorge arbeitet er, schafft, seine Riesen¬ kräfte aufs Aeußerste anstrengend, mit Leichtigkeit gewaltige Massen zur Seite und hat endlich den ganzen Körper vom Schutt befreit. Da liegt die entseelte Gattin, zerquetscht, ein Opfer ihrer Mutter¬ liebe und Muttertreue, die beiden kleinsten Kinder ans Herz ge¬ preßt. Wilder Schmerz durchrast die Seele des armen Mannes, laut heulend stürzt er nieder neben den geliebten Leichnamen und erfüllt die Luft mit seinen herzzerreißenden Klagen. Aber, o wun¬ derbare Fügung! Diese Jammerlaute dringen bis in die Gräber der beiden lebend Verschütteten. Beide rufen und schreien um Hülfe und die draußen Stehenden vernehmen es. Zuerst wird nach langem Suchen Marianneli gefunden, befreit und hervorge¬ zogen. Des Kindes Schenkelbein war zerbrochen. Dann später fand man auch die Magd. Beide wurden dem Leben zurückge¬ geben. Vierzehn volle Stunden hatten sie mit Körperleiden, Tod und Verzweiflung lebendig begraben gekämpft. Die Meisten der Verschütteten werden eines jähen, momen¬ tanen Todes gestorben, ihr Körper zerschmettert worden sein. Aber wie Viele mögen auch, ähnlich der erretteten Franziska, in der Tiefe der Schutt- und Schlamm-Massen mit gebrochenen Gliedern oder völlig unverletzt, körperlich gesund noch Tage lang geschmach¬ tet und der Erlösung entgegengehofft haben, um endlich in Ver¬ zweiflung dem qualvollen Hungertode zu erliegen? — Die Summe der damals aus den genannten Ortschaften mittelbar durch Hilfe oder unmittelbar durch besonnene schleunige Der Goldauer Bergsturz . Flucht oder durch Abwesenheit vom Hause Geretteten beträgt etwa die Hälfte (220) der durch den Sturz ums Leben Gekommenen. — Erschütternd und wahrhaft tragisch ist das Schicksal einer Reise¬ gesellschaft, welche den Rigi (in Voraussetzung baldiger Besserung des Wetters) ersteigen wollte. Sie bestand aus Mitgliedern alter, edler Familien: dem Herrn v. Diesbach und seiner Gemahlin, einer geb. v. Wattenwyl, dem Frl. v. Diesbach, dem Obrist Victor v. Steiger, den Herren Gebrüder May, Jenner von Brestenberg, einigen Knaben und deren Informator, einem Herrn Jahn aus Gotha. Am Spätnachmittage hatte die Gesellschaft Arth verlassen und wollte zu Fuß nach Schwyz wandern; die Besteigung des Rigi hatte man aufgegeben. Herr von Diesbach, die Gebr. May und der Lehrer waren einige hundert Schritt hinter der übrigen Reisegesellschaft zurückgeblieben und sahen dieselbe scherzend und plaudernd ins Dorf Goldau einwandern. Eben wollten auch die Zurückgebliebenen die verhängnißvolle Stätte betreten, als der Donnerton des Einsturzes sie erschreckte. Sie blicken hinauf, sehen die Masse in wilder Bewegung dem Thale zujagen und flüchten eiligst auf der Straße zurück, in der sichern Voraussetzung, daß ihre vorangegangenen Freunde ein Gleiches thun werden. Unweit des Punktes, wo sie erschöpft rasten, schlagen Steinhagel und Felsgetrümmer nieder. Als der entfesselte Aufruhr sich gelegt, eilen sie wieder dem nunmehr verschütteten Dorfe zu. Soweit das spähende Auge blickt, — nur Zerstörung, nur Schuttwälle, nur wüstes Chaos, — kein Zeichen, nicht die mindeste Andeutung von dem nur zu gewissen Schicksal der verunglückten Freunde und An¬ gehörigen. Der Schmerz der Zurückgebliebenen und ihr Jammer um den Verlust soll herzzerreißend gewesen sein. Noch jetzt bildet das Trümmerfeld von Goldau ein Wanderziel aller Reisenden, die den Rigi und den Vierwaldstätter-See besuchen. Mehre Jahrzehnte hindurch sah die ganze Gegend, in welcher einst Goldau lag, erstorben, unheimlich-ruinenhaft, wie eine vom Der Goldauer Bergsturz . Fluch betroffene Stätte aus; bei Schritt und Tritt erinnerten Felsenscherben den Wanderer an den schaudererregenden 2. Sep¬ tember 1806. Jetzt hat die Zeit gemildert und die schmückende Hand der Vegetation jene traurigen, erinnernden Eindrücke etwas verwischt. Jene Trümmergesteine sind mit Moos und saftigen Saxifragen überkleidet, lustig wuchern violblaue Kampanulen und duftender weißer Steinklee aus den Rispengräsern und Distel¬ pflanzen zwischen dem Schutt hervor, — anstrebendes Buschwerk und zerstreutes Tännicht überschatten die Felsenblöcke, und wenn kommende Generationen in das neue Jahrtausend übertreten, wer¬ den nur undeutliche Umrisse noch auf die große Grabesstätte hin¬ deuten. Längst über alten Schutt ist unermessen Geworfen frischer Triften grünes Kleid; Gleich wie ein stilles, freundliches Vergessen Sich senkt auf dunkler Tag' uraltes Leid. (A. Grün .) Bannwald . Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Der Bannwald . Die Wurzeln sind versunken in Nacht, Mit Runzeln ist der Stamm bedeckt, Doch sein Geäst in Jugendpracht Sich grün und frisch in die Wolken streckt. Was unten am Stamm verrunzelt ward In Knorren und Rissen rauh und hart, Das blüht hoch oben süß und hold Und trinket freudig der Sonne Gold. Max Waldau . Es giebt in der Welt der Organismen keine Erscheinung, die in so vollendetem Einklange mit der stillen Erhabenheit der Cen¬ tral-Alpen steht, wie der Gebirgs-Urwald. Der Grundbegriff vege¬ tativer Beschaulichkeit und sinnenden, träumerischen Pflanzenlebens erhält durch ihn seinen höchsten sichtbaren Ausdruck; in ihm tritt uns noch das volle, freie Walten der Natur in großen, markigen Zügen entgegen. Der wohlbewirthschaftete, regelrecht gezogene und gepflegte Kulturforst des Tieflandes ist eine abgeschwächte Er¬ scheinung gegenüber der patriarchalischen Würde und dem hohen greisenhaften Ernst eines alten Bannwaldes in den Alpen. Beide verhalten sich zu einander wie die praktische, nüchtern-berechnende Neuzeit zu dem romantischen, urkräftigen, wilden Mittelalter. Denn in der That ragt der Alpen-Urwald als ein Stück vorzeit¬ lichen Lebens in unsere Tage herüber und mancher der mehrhundert¬ Berlepsch , die Alpen. 5 Der Bannwald . jährigen Bäume war einst Zeuge der Großthaten, welche heute die Sage verherrlichet. Die Bezeichnung „Urwald“ hat durch fremde Reisebeschrei¬ bungen eine so ausgeprägte Begriffsgränze bekommen, daß unsere Phantasie unwillkürlich einen Gedankensprung über den Ocean macht. Es läßt sich aber ein Vergleich mit dem amerikanischen Urwalde nur insofern aufstellen, als man damit den jungfräuli¬ chen Urnaturzustand des von der menschlichen Kulturhand noch un¬ berührten Alpenwaldes bezeichnen will; dieser ist das einzige, bei¬ den eigenthümliche charakteristische Merkmal. In allen anderen Beziehungen beruhen sie auf den entschiedensten Gegensätzen. Der tropische Urwald zeigt einen unermeßlichen Reichthum von Pflanzenformen in den feurigsten und prangendsten Farben, eine so unerschöpfliche Individuenzahl, daß der Bodenraum von geringem Umfang dem Naturforscher Ausbeute, Beschäftigung und Studienstoff für lange Zeiten bietet. — Der Alpenurwald da¬ gegen ist einförmig, anspruchslos; verhältnißmäßig nur wenige Charakterpflanzen bilden die Elemente seiner Zusammensetzung. Aber auch diese bieten in ihren normalen Körperformen wiederum nichts Auffallendes, Fremdartiges dar. Noch weniger prangt der Alpenwald in anziehendem Farbenschmucke; dunkeles, ernstes Ko¬ lorit ist allenthalben über ihn ausgegossen und nur gebrochene, trübe Tinten schleichen scheu ineinander über. — Vergleicht man dann vollends das biologische Moment beider, so giebt uns der amerikanische Urwald ein vollendetes Bild des üppigsten, unver¬ wüstlichsten, siegreichen Lebens, eine Verherrlichung der vegetabi¬ lischen Wiedergeburt; er ist ein ununterbrochener Jubel der Auf¬ erstehung, das immerwährende Osterfest im Pflanzenreiche; überall verbirgt sich der Akt der Auflösung unter der reichen, überwuchern¬ den Blätterfülle des jungen schimmernden Nachwuchses, und die Seligkeit ewiger Jugend scheint hier zu herrschen. Der Alpen¬ urwald ist ein stiller Todtenacker, eine jener trüben, finsteren Ver¬ Der Bannwald . wesungsstätten der Natur, wo Leben und Zerstörung in materieller Wechselwirkung unmittelbar in einander übergreifen. In düsterer Schwermuth umstehen die zähen, dunkelgrünen Arven und schlanken Lärchenbäume die modernden Leichen ihrer Vorfahren, — parasitisch, saugt und trinkt der wuchernde Schwamm Lebenskraft und Leibes¬ nahrung aus dem Zellengerippe seines abgestorbenen Stammes. Und endlich gar das Thierleben, das kreischende, flatternde, schreiende, brüllende Thierleben des amerikanischen Waldes gegen die monotone, öde, schaurige Stille des alpinen Gebirgsforstes! Welch grelle Gegensätze! Dort tumultuarischer Lärm zankender Pa¬ pageien, akkompagnirt vom schauerlichen, schrillen Geschrei raufen¬ der, bösartiger Affen, widerliche Figurationen in der ergreifenden Harmonie der Cicaden, die das großartigste Conzert in den bra¬ silianischen Urwäldern aufführen; dazwischen das wimmelnde Leben unzähliger Libellen und metallblanker Fliegen, die wie blitzende Juwelen die Luft durchsummen, das unheimliche Huschen fliehender großer Echsen, das Rascheln ringelnder Vipern und Schlangen und die schauerweckenden heulenden Klagetöne einer Menge unge¬ sehener Thiere aus dem Innern des ungeheuerlichen Pflanzenlaby¬ rinths, — während der Alpen-Hochwald höchstens vom hohlen, hämmernden Takte der Spechte widertönt, oder aus hoher Luft der pfeifende, gezogene Ruf der Adler und Geier die lautlose Stille unterbricht. Nur bisweilen rafft die todte Natur sich auf und stimmt Donnerakkorde an, wenn die Elemente im Streit liegen, die Waldbäche schäumend austreten und über Felsentrüm¬ mer ihre Sturzwellen peitschen, oder die Lauinen in die Tiefe her¬ niederwettern und der Sturm brausend durch die Wipfel fegt. So arm und finster, so verschlossen und rauh der Alpenurwald seinem Milchbruder jenseit des Weltmeeres nachzustehen scheint, — so wunderbar geheimnißvolle Eigenthümlichkeiten und seltsame, wilde Reize birgt seine schauerliche Tiefe. Nicht jeder Bannwald ist ein Urwald. Der letzteren giebt es 5* Der Bannwald . eigentlich wenige mehr. Nur in den schwach bevölkerten und stark bewaldeten großen Hochalpenkantonen Graubünden und Wallis trifft man sie noch an, und auch hier nur in den Territorien der¬ jenigen Gemeinden, welche Holzüberfluß haben, oder deren Wälder zum Theil so tief, versteckt und unzugänglich im Gebirge liegen, daß die Transportkosten des Herausschaffens beim Abholzen den üblichen Marktwerth des Holzes aufzehren würden. Dies ist na¬ mentlich der Fall in den umfangreichen uralten Waldungen Unter¬ engadins: im Val Sampuoir (der Gemeinde Schleins), im Scher¬ genthal unterm Piz Mondin, im Lischana-Tobel am Piz St. Jon, in mehren Seitenpartieen des Scarlthales, im Val Zeznina, in der Waldung Sursa salm des Uinna-Thales, und ganz besonders in dem großen Dubenwalde des Turtman-Thales im Wallis. Bannwälder dagegen hat jedes Hochgebirgsdorf, das von jäh ansteigenden Thalwänden eingeschlossen und deshalb von Lauinen, Steinschlägen oder Erdrutschen bedroht ist. Der Bannwald ist eine durch die Umstände gebotene Vorsichtsmaßregel, nicht eine durch Holzüberfluß herbeigeführte Vernachlässigung des Forstbetrie¬ bes. Es giebt Gemeinden, die, in Folge schlechter Forstwirthschaft, entschiedenen Mangel an Brennmaterial haben, dasselbe kaufen, stundenweit aus anderen Gemeindewaldungen herbeifahren müssen, und dennoch nahe über ihren Häupten große Bannwaldungen stehen haben, die sie nicht abholzen dürfen. Ein Beispiel dieser Art giebt das Dorf Andermatt im Urserenthale mit dem darüber¬ liegenden St. Anna-Walde. Der Bannwald hat die Aufgabe, durch die Summe seiner hochaufstehenden starken Baumstämme, das Losbrechen und Herab¬ rutschen der während des Winters sich anhäufenden Schneemassen, also die Bildung von Grundlauinen zu verhindern, nicht, wie man gewöhnlich glaubt, Lauinen, die bereits in Gang gekommen sind, wie ein Damm aufzuhalten. Gegen letztere würde ein sol¬ cher Wald nur wenig Jahre Widerstand leisten; in jedem Frühjahr Der Bannwald . würden die oberen Waldesränder durch den jähen Anprall der Lauinen (die, wie erzählt, ihre regelmäßigen Abzugskanäle oder „Lauinen-Züge“ haben) stark beschädigt und die jeweilig vordersten Baumreihen wie Strohhalme umgeknickt werden; nach wenigen Jahrzehnten möchte ein wüster Holz- und Steintrümmerhaufen statt des schützenden Bannwaldes zu erblicken sein. Diese Vorkehrungs¬ nothwendigkeit sahen die Alpenbewohner schon vor Jahrhunderten ein und schonten deshalb die geeigneten Waldungen, legten sie „in Bann“, d. h. erklärten sie durch Gemeindebeschluß als unantast¬ bar. Und wie in früheren Zeiten gar oft die Strafe für die Ueberschreitung eines Gesetzes in ungeheuerliche, mystische, mit dem Volksaberglauben in engster Beziehung stehende Wunderakte ge¬ kleidet wurde, welche unsichtbare Mächte über den Verbrecher verhängen, so galten auch die Bäume des Bannwaldes als ge¬ heiligte Gegenstände. Schiller hat diesen Volksglauben in seinen Wilhelm Tell (3. Akt, 3. Scene) eingewebt. Der Knabe Wal¬ ther fragt: „Vater, ists wahr, daß auf dem Berge dort „Die Bäume bluten, wenn man einen Streich „Drauf führte mit der Axt — Wer sagt das, Knabe? Der Meister Hirt erzählts — die Bäume seien Gebannt, sagt er, und wer sie schädige, Dem wachse seine Hand heraus zum Grabe. Die Bäume sind gebannt, das ist die Wahrheit. — Siehst Du die Firnen dort, die weißen Hörner, Die hoch bis in den Himmel sich verlieren? Das sind die Gletscher, die des Nachts so donnern Und uns die Schlaglawinen niedersenden. So ists, und die Lawinen hätten längst Den Flecken Altdorf unter ihrer Last Verschüttet, wenn der Wald dort oben nicht Als eine Landwehr sich dagegen stellte. Der Glaube, daß es blutende Bäume gebe, war im Mittel¬ alter weit verbreitet. Die Blutlinde auf Burg Freienstein bei Wiesbaden soll ihren Namen daher haben; die heilige Eiche zu Der Bannwald . Romove blutete, als die preußischen Ordensritter sie fällten; ebenso der berüchtigte Holzbirnbaum im Walde bei Lupfig (Kant. Aargau), und nordische Mährchen berichten viele ähnliche Geschichten (vgl. Rochholz, Schweizersagen). Die Forstkultur, welche bis in die allerjüngste Zeit gerade in den Hochalpenkantonen so zu sagen gar nicht existirte, konnte sich somit auch nicht auf eine rationelle Behandlung der Bannwälder erstrecken. Diese waren und sind zum Theil noch Prototype des sinnlosesten, schädlichsten Konservatismus. In der Meinung, daß durchaus kein Stamm gefällt werden dürfe, wurden die mehrhun¬ dertjährigen Bäume abständig, stürzten um und beschädigten durch ihren Fall nicht nur die nebenstehenden, jüngeren, kräftigen Bäume, sondern zerstörten auch dadurch, daß der Stock sammt Wurzeln und Ballen aus der Erde riß, die meist dünn auf den Felsen liegende Bodenschicht der Dammerde. Oder wo der Windbruch ein Stück Wald warf, da nahmen die Gemeindeangehörigen gerade eben das Holz heraus, was ihnen momentan dienlich war, und ließen das übrige liegen, wodurch begreiflich die Regeneration, der junge, kläftige Nachwuchs sehr gehindert wurde. Darum sehen viele Bann¬ wälder, namentlich in den Urkantonen und im Tessin, Wallis und Graubünden entsetzlich wild und zerstört aus. Eine Wanderung durch einen solchen wird uns näher vertraut mit seinen charakte¬ ristischen Eigenthümlichkeiten machen. Alle Bannwälder bestehen fast nur aus Nadelholz, besonders aus Arven oder Zirbelkiefern ( Pinus cembra ) und Lärchen ( Pi¬ nus larix ), die vorherrschend in den östlichen Alpen, namentlich in der rhätischen Plateaubildung als geschlossene Massen bis zu 6000 paris. Fuß übers Meer ansteigen, — und aus Rothtan¬ nen oder Fichten ( Pinus abies L. ) und Kiefern ( Pinus syl¬ vestris ), auch „Dähle“ genannt, die mehr in den westlichen Alpen die Waldbestände bilden und deren sammethafte Vegetations¬ gränze meist schon bei 5500 Fuß aufhört. — Das Holz der Der Bannwald. Alpenbäume ist, weil es unter dem hindernden klimatischen Ein¬ flusse langdauernder Winter viel langsamer wächst, auch viel der¬ ber, zäher, fester, härter, engere Jahresringe absetzend, als das des tiefliegenden, in fetter Dammerde wurzelnden, rasch wachsenden Waldes der Hügelregion oder des Flachlandes. Darum hat der Baum des Alpenwaldes nicht nur bei einem Alter, wo er drunten als schlagfähig und ausgewachsen angesehen wird, ein noch viel unausgebildeteres Aussehen, sondern sein Wuchs wird auch ge¬ drungener, trotziger, widerstandsfähiger, ohne deshalb, wenn er nach Jahrhunderten seine möglichste Größe erlangt hat, niedriger zu sein als die Tanne, Lärche und Kiefer des Tieflandes. Laub¬ holz kommt in den Waldungen der Hochwälder äußerst wenig vor; die einzigen Laubbäume, welche hin und wieder einige Verbrei¬ tung haben, sind der Berg-Ahorn (Acer pseudoplatanus L.) und die weißstämmige Birke (Betula alba) , die bis 5000 Fuß ansteigen. Weiter hinauf, über die hier angegebenen Gränzen hin¬ aus, hört die Waldform auf, die Bäume bilden keine geschlossenen Bestände mehr, stehen zerstreut umher und gehen endlich in Zwerg¬ formen oder s. g. Knieholz über. Am Bedeutendsten ist das Leben der kleinsten und niedlichsten Pflanzenorganismen, der Laub- und Lebermoose und der Flechten in diesen Wäldern entwickelt. Ganz besonders reiche Fundgruben erschließen sich dem Bryologen auf den granitischen Centralknoten und Wasserscheiden der Alpenkette. Von der wu¬ chernden Fülle der oft mehr als Fuß hoch schwellenden Polster, welche die Moose am Boden große Strecken weit bilden, macht man sich kaum einen wahren Begriff. Alles überkleiden, um¬ ranken, bespinnen sie mit ihren reizenden, unendlich mannigfaltigen Formen; sie sind gewissermaßen das mildernde, verwischende, aus¬ söhnende Element der Pflanzenwelt in diesen finsteren Baumlaby¬ rinthen, unter deren weichen Umarmungen die Trümmer allmählig dem Blicke entzogen werden und versinken. Was der heißdampfende, Der Bannwald . Schlangen und gefährliches Gewürm bergende Blätterboden für die tropischen Urwälder ist, das sind die dichten Mooskissen für die Alpenwälder. Nistet in ihnen nun gleich nicht jene den Natur¬ forscher bedrohende Natternbrut, so sind sie doch für den, welcher einen alten Bannwald durchklettern will, nicht minder gefährlich, weil in diesen unheimlich elastischen Massen kein sicherer Tritt zu finden ist und der Fuß, zwischen verborgene Steine tretend, leicht umknicken und durch eine Bänderluxation beschädigt werden kann. Das ausgedehnteste Kontinent stellen die Astmoose oder Hypnaceen , von denen Hypnum triquetrum und splendens als die, auch in den Wäldern Deutschlands verbreitetsten, am Be¬ kanntesten sind. Außer diesen beiden Arten füllen die Alpenwälder noch Hypnum molluscum die lebhaft grün leuchtenden H. den ¬ ticulatum und sylvaticum , das gelbbräunliche H. tamariscinum , das saftige, feuchte, lange Ranken treibende H. purum und das wunderschöne H. striatum mit seinen zarten grünen Fühlfäden und den auf haardünnen Stengeln neugierig die Sammetfläche überschauenden kümmelkornähnlichen Saamenkapseln. Fast ebenso massig treten die Gabelmoose auf, ganz besonders der reiser¬ stengelige Gabelzahn ( Dicranum scoparium ), leuchtend saftgrüne, atlasglänzende, mollige Polster webend und das, weit umfang¬ reicher sich verästelnde wellenförmige Gabelmoos ( D. undulatum ). Dazwischen schmarotzen eine Menge Flechten, unter denen Cetraria islandica , das isländische Moos und C. cucullata , die Tartschenflechte ihren korallenartigen Astbau am Bemerkbarsten hervorschieben. Aus dieser dichten Moosdecke ragen die knorrigen, rissig¬ grauen Arven, die harzspendenden, luftiggenadelten, schlanken Lär¬ chen und ockerbraunen Tannen wie aus einem großen, warmhalten¬ den Winterpelze hervor. Nur an etwas lichteren Stellen und Waldblößen haben graugrüne Heidelbeer sträuche ( Vaccinium Myrtillus ), das Herrgottssüppli oder Sauerklee ( Oxalis aceto ¬ Der Bannwald . sella ), der gemeine Kellerhals ( Daphne Mezereum ), die kugel¬ köpfige Klettendistel ( Carduus personata ), die wollköpfige Kratzdistel ( Cirsium eriophorum ), der kriechende, schlangen¬ ähnliche Bärlapp ( Lycopodium annotinum ), die keck aufstreben¬ den Zirkelgruppen von Farrenkräutern , namentlich Aspidium lonchitis , lobatum , Cystopteris montana und Polypodium al¬ pestre , der weiße Germer ( Veratrum album ), und wo es noch luftiger und freier wird: das niedrige Gestrüpp des Zwergwach¬ holders ( Juniperus nana ), das Berg-Johanniskraut ( Hype¬ ricum montanum ), das Weidenröschen ( Epilobium alpestre und Gesneri ) mit seinen karminglühenden Kronen, die heideartige reizende Azalea procumbens mit ihren lederartigen Blättern und viele andere Alpenpflanzen sich emporgekämpft und dominiren über die Moose. Wir verlassen aber den Bannwald noch lange nicht; wir dringen erst recht in seine stillen, geheimnißvollen Verstecke ein. Der Weg bergauf, durch das die Füße immer mehr umstrickende Moos, in welches man bis in die Kniee einsinkt, wird immer be¬ schwerlicher. Bald versperrt ein entwurzelter, bleich vermodernder Stamm das Fortkommen. Er muß überstiegen werden. Es folgen noch ein zweiter, dritter und weiter hinauf ein ganzes Verhau, eine förmliche Naturbarrikade. Gleich zerbrochenen Schwefelhöl¬ zern liegen die entschalten, grau-vermodernden Todtenknochen des Waldes umher; — In dunkler Nacht, wenn Stern' und Mond nicht glänzen, Umquillt phosphorisch Licht den morschen Baum. Traun ihn umwallt von seinen todten Lenzen Ein leuchtender und schöner Grabestraum. (A. Grün .) Es ist das Schlachtfeld einer Lauine, die der Frühling als donnernden Liebesgruß seinen Kindern herabsandte. Daneben liegt die Bahn, die sie durchfahren; die alten, bleichen, vermorschten Stämme, die ihre Umarmung tödtete, bezeichnen den Weg, an dem die Schleppe ihres Schneekleides hinstreifte. — Welch ein Bild Der Bannwald . der Zerstörung! Welch groteske, abenteuerliche Gruppirungen von zersplitterten Bäumen, übereinander gewälzten Gesteinstrümmern, hochaufgeworfenen Schuttwällen, durchwühlten Erdhaufen und Ge¬ strüppfaschinen! Und wie geschäftig umklettern Flechten, Pilze und Moose die Gefallenen und saugen ihnen gierig die letzten Lebenstropfen aus. Orthotrichum speciosum, dieses lebhaft¬ gelbgrüne Moos, das auch die alten Obstbäume des Flachlandes nicht unverschont läßt, überzieht in Gemeinschaft einer Unmasse von grauen und fahlen Flechten das abgestorbene Tannengezweige gänzlich. Die Stämme umkriecht in gewundenen Ranken die Georgia mnemosynum; in den Spalten und Rißwunden haben freudiggrüne Astmoose, namentlich Hypnum puichellum und serpens sich angesiedelt, äußerst zarte, lebhaft-purpurrothe Frucht¬ stielchen treibend; an manchen Stellen breiten sich Knotenmoose wie Bryum longicollum und capillare als dicht gedrängte Schöpfe gelbgrün-glänzend, große Flächen in Beschlag nehmend, aus. Dies sind nur einige der form- und farbeschönen Parasiten, die durch die Zierlichkeit ihres Baues und ihren leuchtenden Glanz das Auge entzücken. Dazwischen aber drängen sich Legionen unschöner Flechten hervor, wie die graugrüne Biatora icmadophila mit den fleischfarbenen Apothecien, die ungemein große hellbraune Sticta pulmonacia, die schmutzig-zinnoberrothe Lepra cinnabarina und die schwefelgelbe, staubige L. sulphurea u. a. In diesen mikrokosmischen Ansiedelungen der Pflanzenwelt lebt und webt nun eine Insekten-Bevölkerung von Raubspinnen und Ameisen, Tausendfüßlern und Milben, Käfern, Fliegen und Würmern in beständigem Kriege, gräbt sich Höhlen in der korkig¬ schwammigen Textur des verfaulenden Holzes, spinnt sich Nester zwischen den Mooszweigen, verschanzt sich unter dem Thallus der Flechten, liegt im Hinterhalt auf dem Sprunge, oder besorgt mit ängstlicher Geschäftigkeit die häuslichen Bedürfnisse der kleinen Oekonomie. Welch eine unendlich reiche Welt im Kleinen erschließt Der Bannwald . sich hier in Mitte der großen, scheinbar erstorbenen Waldesein¬ samkeit? Welch ein unabsehbares Feld für die Forschungen des Naturfreundes umfaßt ein einziger vermodernder Baumstrunk mit seinen sichtbaren und verborgenen Bewohnern? Ein ganzes Men¬ schenalter würde nicht ausreichen, um den Lebensprozeß und die Lebensaufgabe eines jeden dieser unscheinbaren, minutiösen Thier¬ chen, sein Entstehen und Vergehen, den Organismus seines Kör¬ pers und die Funktionen der einzelnen Glieder, sein Schlafen und Wachen, sein Genießen und Ertragen, seine Neigungen, Bedürf¬ nisse und Kämpfe, seine Lebensdauer und seine Abhängigkeit vom großen allgemeinen Schöpfungsgesetze, und wiederum die Be¬ ziehung und das gegenseitige Verhältniß aller untereinander er¬ gründen zu können. Die Gränzen unserer Forschung sind be¬ schränkt. „Der Mensch ist nicht geboren, die Probleme der Welt zu lösen, wohl aber zu suchen, wo das Problem angeht, und sich sodann in der Gränze des Begreiflichen zu halten.“ (Goethe.) — Durch diesen improvisirten Natur-Plänterschlag weiter vorzu¬ dringen ist fast unmöglich; zu Hunderten liegen die entwurzelten, zerspällten, gebrochenen Stämme umher, durch- und übereinander geworfen und wehren mit den hinausstarrenden nackten Astarmen und den gen die Wolken gekehrten Wurzelknorren jeder Annähe¬ rung. Dazwischen aber sproßt junges, strammes Tännicht auf; ja sogar aus den Rumpfen der abgeknickten Waldriesen strömt neues Leben und bestrebt sich zu grünen, zu regeneriren. — Einige hun¬ dert Schritte seitwärts tieft sich ein Tobel ab, — der Gletscher¬ bach rauscht dumpf herauf, — dort wird etwas besser fortzukom¬ men sein. „Tobel“ heißen in den Schweizer Alpen jene unangebauten, menschenleeren, kleinen Seitenthäler, oder zwischen hohe, bewaldete, felsenrissige Berge eingeschnittene Schluchten, deren Tiefe ein Flu߬ bett ausfüllt, so daß die Thalsohle für den Verkehr unpraktikabel ist. Die Wände fallen gewöhnlich sehr steil ab und das Ganze Der Bannwald . endet in einer wilden unbetretenen Waldung oder in einer jäh gegen den Gebirgskamm ansteigenden, öden, aller Vegetation ent¬ blößten, trümmerbedeckten Rüfe oder Runse. Es ist ein uralt deut¬ sches Wort, das schon in Notkers Psalmen vorkommt. Im Kant. Bern nennt mans „Krachen“, in den französischen Bergen „Gorge“ . In diese wüsten, unheimlichen Tobel verlegt der Volksglaube den Aufenthalt böser Geister und gespenstischer Unholde. Die Be¬ wohner der Umgegend von Bellinzona lassen im Sementina-Tobel die Seelen der Geizhälse, ungerechten Vormünder und Wucherer schmachten; der Lenker schreibt die Schlamm-Ergüsse und Verhee¬ rungen, welche aus der Jllhorn-Schlucht hervorbrechen, dorthin verbannten Verfluchten zu; vom Skalära-Tobel weiß der Stadt- Churer viel ungeheuerliche Sagen von polternden Dämonen, „Heerdmandli und Mooswybli“ zu erzählen, — und das s. g. Enziloch unterm aussichtreichen Napf im Entlibuch gilt ausschlie߬ lich als die Heimath abgeschiedener reicher Blutsauger und Arme¬ Leute-Bedrücker; gemeiniglich werden sie nur die Thalherren ge¬ nannt, und wenn Nachts der Sturm die Schlucht durchheult, daß die Tannen krachen und Felsenblöcke prasselnd in die Tiefe stürzen, so sagt das Volk: „es zieht ein neuer Thalherr ein!“ — An sol¬ chen Tobeln sind alle großen Alpenthäler sehr reich, ganz beson¬ ders aber die Graubündner Thalschaften Prätigau, Davos, Schanfigg, Unterengadin und Border-Rheinthal — das Wallis und Tessin. Gewöhnlich läuft der dieselben durchziehende Fußweg (wenn ein solcher vorhanden ist), in großen Krümmungen, der Grund-Disposition des Tobels folgend, auf halber Höhe hin, buch¬ tet häufig weit zur Seite ein, sekundäre, tobelähnliche Mündungen umgehend, und senkt sich nur dann in steilem, holperigem, von kahlgelegten Wurzeln durchflochtenem Pfade zur Schluchtentiefe nieder, wenn er das Tobel durchschneiden muß. Auch hier hat die Einsamkeit, aber wieder in ganz anderer Weise, ihre Stätte aufgeschlagen. Es ist hochromantische Wildniß, Der Bannwald . schauerig und doch anheimelnd, — auch ein Schauplatz der unab¬ lässig am Gebirgskörper nagenden Zerstörung, aber ganz anderer Art als alle übrigen. Bunte Gruppirungen in ungemeiner For¬ menmannigfaltigkeit von herabgewälzten Granitblöcken, glattge¬ schliffenen Kalksteintafeln und kleineren Geschiebe-Ablagerungen bauen sich im Bachbett auf, — ornamentale Phantasiespiele der Natur, über welche das krystallene oder leuchtend hellgrüne Wald¬ wasser in Kaskadellen herabplätschert. Die Pygmäen der Pflanzenwelt, die Moose, Flechten und Saxifragen haben auch hier, auf den Felsen, sich wieder ange¬ siedelt. Mit haardünnen Wurzelfingerchen klammern sie sich in den Gesteinsporen fest, bohren immer tiefer hinein, durchflechten dieselben aufs Emsigste und umschlingen jede kleine Erhabenheit so innig, daß es oft Mühe kostet, solch einen kleinen Eigensinn von seiner Scholle abzulösen. Die Flechten saugen sich noch viel fester ein, — sie erscheinen gleichsam wie aus dem Felsen heraus¬ gewachsene mineralische Blüthen. Alle aber sind wieder andere Arten als jene auf den vermodernden Bäumen vorkommenden. Zunächst ist es das weitverbreitete Mohrenmoos ( Andreaea rupestris ) und das alpine Steinmoos ( A. alpina ), das mit seinem bronzeschwarzen und schmutziggrünen Rasen die Felsen be¬ kleidet; — dann das gezackte Sternmoos ( Mnium serra¬ tum ) mit den purpurroth gefärbten Blatträndern und Rippen und das krummgespitzte Perlmoos ( Weisia curvirostris ) u. a. m. Die zähe Lebenskraft dieser Felsenpflanzen ist außerordentlich groß; in heißen Sommern, wo die prallende Sonnenhitze die Stein¬ blöcke in diesen tiefen eingeschlossenen Tobeln aufs Heftigste er¬ hitzt, bekommen diese Steinmoose mitunter wochenlang keinen Tropfen Wasser als Nahrung: lediglich an der nächtlichen Kühle müssen sie neue Lebenskraft schöpfen. Dort, wo das Bachwasser die Wände bespritzt und immer feucht hält, kommen das bleiche Knotenmoos ( Bryum pallens ), ferner Angstroemia virens , Der Bannwald . Blindia crispula, Bartramia ithyphylla und Oederi, schattige Felsen haushoch überziehend, in Masse vor. Und wo endlich die Wände vom herabrinnenden Wasser eigentlich triefen, da mästet das kupferbraune Astmoos ( Hypnum rufescens ) seine dicken, derben Blätterschweife. Der überschattete Pfad steigt längs des Tobels bergan. Wir versuchen eine zweite Waldexcursion und dringen wieder in die Säulenhallen ein. Diesmal ists kein moosiger Grund, auf dem wir emporklettern; hundertjährige Schichten von Tannen-Nadeln liegen übereinander, zu einem elastischen Boden ineinandergefilzt. Das eng verästelte Dach ist so dicht geflochten, daß nur spärliche Lichtblitze von Oben in die tiefe Waldnacht eindringen können; „Im Labyrinthe fließt in kargen Tropfen „Durchs Laubgewölb' das Licht, Staubregen kaum!“ Lenau . darum gedeiht auch das Moos nicht. Aber eine neue, höchst aben¬ teuerliche Erscheinung überrascht uns; — in langen zottigen Schöpfen hängt die graugrünliche Bartflechte ( Usnea barbata ) von den halbverdorrten Aesten herab. Nicht ein Fädchen dieser müssigen Zottelpflanzen bewegt sich in der windstillen Mittags¬ wärme; aber durchzieht nur ein leiser Lufthauch den Wald, dann schwankt und schweift es unheimlich durch die tiefe Dämmerung, alle bestimmten Umrisse verschwinden, der ganze Einblick geräth in flirrende, huschende Bewegung und die „Alten vom Berge“ schei¬ nen Leben zu gewinnen. In den Engadiner Arvenwäldern kommt eine Varietät vor, Usnea longissima, die mehre Ellen lange dünne Striemen spinnt. An den Lärchen dagegen wuchert vorzüg¬ lich die ochergelbe Bandflechte ( Evernia divaricata ) und gemischt unter diesen der mähnenartige Moosbart ( Bryopogon jubatus ), auch schwarze Bartflechte ( Alectoria jubata ) genannt, weil ihre äußerst feinen, mehr als spannenlangen Haare tiefbraune Färbung haben. Der Bannwald . Der Empormarsch wird beschwerlich, weil immer steiler und glatter auf dem Genadel. Herabgerollte Felsenbrocken, Druiden- Altären gleich, zeigen sich hie und da. Ihre Summe wächst, der Wald lichtet sich, je höher, desto mehr, und bald stehen wir vor einem malerischen, mit schwerfaltigen Moosteppichen überhangenen Trümmer-Chaos, halb Forst, halb Bergsturz. Wir stoßen auf die zweite Aufgabe des Bannwaldes: Schutzmittel gegen die s. g. Steinschläge zu sein. Auf und an den kahlen, verwitternden Gebirgsgrathen geschichteter Formationen, sammeln sich die losge¬ sprengten, abgeschüttelten Fluhscherben an, das gleiche Trümmer- Material, welches auf den Gletschern die Moränen komponirt, und bedecken weit hinauf die Halden. Ein Theil derselben rutscht oder rollt beim Niedersturz weit hinab der Tiefe zu und dies sind die Steinschläge. Mancher sehr frequente Weg im Gebirge würde nur mit Lebensgefahr passirbar, mancher Ort unbewohnbar sein, wenn er gegen diesen niederschmetternden Steinregen nicht durch einen Bannwald gesichert wäre. So häuft sich das Gesteins-Material in der Höhe am Waldesrande an und bildet dort einen durch die Zeit von selbst sich aufbauenden schützenden Damm. Ein in male¬ rischer und botanischer Beziehung prachtvoll mit Felsentrümmern eines Bergsturzes dicht durchwürfelter ernster Wald dieser Art ist der Wasener Wald an der Gotthardsstraße. Eine dritte Aufgabe der Bannwälder ist endlich auch noch: gegen Erdrutsche zu schützen. Das tief eindringende Wurzel¬ werk, welches durch die meist dünnen Schichten der aufgelagerten Dammerde in die Felsenritzen sich einkeilt, verhindert, daß bei heftigen und andauernden Regengüssen die aufgeweichte Erde ab¬ rutscht. Kahlschläge an solchen Stellen und Ausstocken des Wurzelwerkes haben schon zu den traurigsten Ereignissen geführt. Das Dorf Tschappina am Heinzenberge im Domleschger Thal (Graubünden) ist gegenwärtig im Rutschen begriffen. Alljährlich verändert sich die Lage und Größe der Grundstücke, so daß die Der Bannwald . Besitzungen der Gemeinde-Bürger trotz Vermessung und Gränzstein nie mehr festzustellen sind. Ob je eine drastische Katastrophe ein¬ treten werde, ist nicht zu berechnen; vorläufig bewohnt das Volk die alte Scholle und rutscht allmählig dem Thale mit zu. — Aehn¬ lich ging es dem theilweise untergegangenen Dorfe Buserein ober¬ halb Schiers im Prätigau. Auch dort fing das Land an, in Folge der Ausrottung eines großen Waldes, zu wandern, der Rasen schob sich faltig übereinander, Bäume versanken spurlos, und am 18. März 1805 endete die Erscheinung mit dem Ein- und Absturz des hal¬ ben Dorfes. Alle Alpenthäler haben schon mehr oder minder unter den Erdrutschen zu leiden gehabt, am Meisten die Schweizerischen, weil die Volkssouveränetät dieses Freistaates in der staatlichen Oberaufsicht im Forstwesen eine Beeinträchtigung der persönlichen Freiheit erblickte und darum in sehr vielen Kantonen erst, als es fast zu spät war, die Wohlthat eines Forstgesetzes angenommen wurde. So siehts im Alpen-Bannwalde aus. Steigen wir über ihn hinaus. Wettertanne . Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig . Die Wettertanne . — — ein schattiger Baum, Der fächernd kühle Zweige bewegt, Wenn dicht um die Sonne den Raum Mit glühenden Strahlenbüscheln durchfegt, Und dessen gastlich breites Dach Bedrängte ladet in sicheres Fach. ( Waldau .) Licht! Luft! wir treten ins Freie. Der obere Waldgürtel liegt hinter uns. Er schließt zwischen 5000 und 5500 Fuß über dem Meere ab. Weiter bergwärts steigen nur kurzkräuterige, dichtbe¬ wachsene, frischgrüne Alptriften an, hie und da unterbrochen von sporadisch ausgestreuten kleinen Holzbeständen und einzelnen Tan¬ nen, Arven und Lärchen. „— — Vorposten grüner Jäger „Ihren Heeren vor sich wagend.“ (A. Grün .) Wie eine Tirailleurkette dringen sie gegen die Schneeregion vor, gleichsam die Rechte der Pflanzenwelt gegen den alten Urfeind alles Lebenden zu schirmen. Zu diesen kühnen Plänklern des Wal¬ des gehört ganz besonders die Wettertanne. Man spricht von Charakterbäumen, welche der Landschaft einen ihr eigenthümlichen Ausdruck, ein physiognomisches Gepräge geben; — die Wettertanne ist ein solcher; aber auch ein Baum¬ Berlepsch , die Alpen. 6 Die Wettertauue. charakter, gewissermaßen eine persönliche Größe, ein aus der Menge bedeutsam hervortretendes Individuum. Ebenso wie der einzelne Bürger in seinem schlichten Wirkungskreise nur einen klei¬ nen Theil des großen Ganzen, des Staates ausmacht und in der Bevölkerung verschwindet, ebenso geht der einzelne Baum im Walde auf; er zählt nur in der Summe der Stämme mit und verschwimmt bei geringer Entfernung in dem großen grünen Blättergewölbe, in der sich durchflechtenden und umzweigenden Verästelung. Anders die einzeln stehende, den Wald überragende Wetter¬ tanne; sie gleicht jenen Auserwählten, die durch Geist und Kraft, durch kühnes Werk und freie That aus der Summe ihrer Zeitge¬ nossen bedeutsam heraustreten, und was der Dichter von den wahrhaft großen Fürsten singt: Völker verrauschen, — Namen verklingen, — Finstere Vergessenheit Breitet die dunkel nachtenden Schwingen Ueber ganze Geschlechter aus. — Aber der Fürsten einsame Häupter Glänzen erhellet, Und Aurora berührt sie Mit den ewigen Strahlen, Als die ragenden Gipfel der Welt — ( Schiller .) das darf man theilweise auch auf die Wettertanne anwenden. Es giebt wenig andere Bäume, die so frischen, freien Muth an der Stirn tragen, in so stolzer, strammer Eigenwilligkeit, in so freudigem Selbstvertrauen dastehen, wie diese sturmzerzausten, ver¬ witterten Hochlandstannen. Erinnert die Eiche an jene eisen¬ festen Nordlandsrecken, von denen die Nibelungen und die Sänger des Mittelalters uns Wunderdinge erzählen, so mahnt die derbe trotzige Haltung der „Schirmtanne“ an die Kämpen von Morgar¬ ten und Sempach. Es ist eben ein Gebirgsbaum von der äußersten Wurzelfaser bis zur letzten Kronsprosse. Die Wettertanne . Schon mancher tüchtige Forstbotaniker und Pflanzenphysiolog, der daheim in seinen wellenförmig gehügelten, prächtigen Staats¬ wäldern wacker bewandert war, stand, wenn er ein Neuling in die Alpen kam, im ersten Augenblicke verlegen und wußte nicht, wohin er diesen Sonderling rubriciren sollte. Denn der eigentliche Tan¬ nentypus ist an ihm oft ganz verwischt, wenn sichs so kronleuchter¬ ähnlich mit aufwärts gebogenen Zweigen emporgipfelt, als wärs der Bastard von einer Fichte und einer amerikanischen Agave. Und doch zirkulirt kein Tropfen solch heißländischen Gluthsaftes in sei¬ nen Adern, sondern reines, unverfälschtes, harziges Tannenblut, urgesund, „genährt vom ewigen Schnee“; — diese „Schermtaxe“ (wie sie in den österreichischen Alpen genannt wird) ist nicht mehr und nicht weniger als eine schlichte, ächte Rothtanne, wie deren jährlich Millionen von den Holzknechten drunten für Bau- und Brennmaterial gefällt und zu Markte gefahren werden. Aber eine andere Schule des Lebens hat die Wettertanne durchmachen müssen als die verzogenen Weichlinge, die schlanken jungfräulich¬ aufgeschossenen Nadelschafte der Tieflands-Wälder, — sie hat sich ihr Emporkommen erkämpfen müssen, Zoll für Zoll, — und daher ihr oft abnormer Wuchs, davon die Narben in Holz und Borke. Die Wettertanne, die isolirt auf den Alpweiden bis 6000 F. und in Graubünden sogar bis gegen 7000 par. F. emporsteigt, ist kein ausgespartes Ueberbleibsel einstiger Baumarmeen dieser äußersten Baum-Vegetations-Zone; — sie ist ein im Selbstständig¬ keitstriebe erwachsener Einsiedler. Vor Jahrhunderten hat es da droben schon große Wälder gegeben. Mächtige Wurzelstorren und versunkene Stämme deuten auf verschwundene Forste hin. Fast allenthalben im Hochgebirge begegnet man solchen Baumgespenstern einer vergangenen Waldgeneration, solchen Ruinen des Pflanzen¬ reiches, die von ihrer Zeit berichten, in welcher es noch herrliche Hochforste gab, bevor der souveräne Unverstand und die merkantile Spekulation ihre barbarischen Streifzüge in die stille Alpenwelt 6* Die Wettertanne . unternahmen. Diese sturmgebrochenen silbergrauen Denksäulen sind ausschließliches Eigenthum der Hochgebirgs-Welt, und zwar der freien Gebirgswelt, in welche die (bei der Thalwaldung nöthige) Censurscheere des Forstmannes, das Paragraphenthum und die Verordnungen des modernen Staates noch nicht hindrangen. Die rationelle Waldwirthschaft dürfte solch ehrwürdige Reliquien im wohlgeordneten Forsthaushalte nicht dulden, sie wären reglements¬ widrig. Drunten im Prinzipienlande muß die Natur produziren nach Artikel und Vorschrift, nach Berechnung und Maß, nach Ziel und Zeit, wie es der materielle Nutzen der Menschen verlangt. Hier oben im Gebirge waltet noch der ungehemmte volle freie Ausstrom der unerschöpflichen Schöpfungskraft, und diesem ver¬ danken auch die Grenzposten der Wettertanne ihre Existenz. Eine Wettertanne (im Romanischen „ Pin oder Sapins “, im Waatlande „ Gogant “ genannt) ist also ein vereinzelt auf der Alpweide stehender Baum, der, wie schon aus seinem Namen her¬ vorgeht, ein ingründlich verwettertes Aussehen hat. Meist ists eine Tanne, deren schwere, weit ausreichende Astarme schon wenige Fuß über dem Boden beginnen und normal in verjüngtem Maße bis zur Krone sich wiederholend, ein dicht verfilztes Schutzdach gestal¬ ten; — oft aber auch ists eine Baumfigur, die alle Gesetze des Tannenwuchses zu verspotten scheint. Unsere Abbildung zeigt das gänzlich Abnorme des Astbaues einer solchen. Während die frei¬ stehende Tieflandstanne an ihrem schlanken Säulenschaft ringsum in pyramidaler Symmetrie die horizontal abstehenden Aeste archi¬ tektonisch gegliedert aufstuft, und ein jeder derselben in seiner elastischen Haltung, in der so formschön, leicht nach oben gekrümm¬ ten flachen Bogenlinie wieder ein Muster eleganten Wuchses zu nennen ist, zeigt diese Wettertanne in Aufgipfelung und Aststellung ein völlig fremdes, neues Bild. Das scheint nicht ein Baum, nein! das scheinen sechs bis acht Bäume an einem Mutterstamm, eine ganze Tannenfamilie zu sein. Hier ist der kokett-geradlinige Die Wetterlaune . Schaft in eine derbe, knorrige Walze, von gedrungenem, breit¬ spurigem Wuchse umgewandelt. Man erkennt zwar das ehrliche Bestreben des senkrechten Emporwuchses noch; aber da hat die Un¬ gunst äußerer Verhältnisse, da haben Stürme, Lauinen und Ge¬ witter ohne Zahl so an ihr herumgezwackt und verstümmelt und amputirt, daß sie über und über voll Risse und schwer vernarbter Wunden, voll Knoten und Mißgestaltungen geworden ist. Man könnte die Wettertanne einen Märtyrer der Baumwelt nennen, wenn mehr passives Element in ihr läge. Aber dieser Baum ist ein so widerspenstiger Gesell, wie man keinen zweiten findet, — der allen und jeden Hemmnissen und Chikanen zum Trotz doch seinen Kopf durchsetzt und, — wenngleich hundertmal am innersten Le¬ bensnerv empfindlich, fast tödtlich getroffen, dennoch mit unver¬ wüstlicher Lebenskraft aufs Neue sich emporarbeitet. Ein köstlicher Bursch, so durch und durch voll Energie, so männlich unbeugsam, — wie gesagt ein Baumcharakter, an dem jeder rechte Mann seine Freude haben muß. Und nun der Astbau! ja, das ist ganz das gleiche aktive Wesen, das nämliche „Durchsetzen a tout prix “ wie beim Stamm. Da will jeder kleine Zweig sein Selbstständigkeits-Recht behaupten und auf eigene Faust ein Stück Baum werden. Es ist eine Rand¬ zeichnung zu dem Sprüchwort: „Wie die Alten sungen, so zwit¬ schern die Jungen.“ — Ganz entgegen dem horizontalen Astwuchs¬ bestreben der Tieflandstanne, hebt hier der Ast, nach kurzer, wage¬ rechter Lage sich plötzlich wie ein Schwanenhals und steigt nun senkrecht, gleich einer in der Luft wurzelnden kleinen Tanne em¬ por. Aber diese Aeste sind nicht rund um den Baum gleichmäßig vertheilt, sondern auf der einen Seite, wo der Blitz rasirt und heruntergeschmettert oder der Sturm exartikulirt hat, fehlts, — während auf der anderen Seite nur um so dichtere, intensivere Zweig- und Nadelfülle erwächst. Hin und wieder ragen dann auch verdorrte, völlig abgestorbene Astzacken dazwischen hervor und hel¬ Die Wettertanne . fen, mit den daran hangenden Bartflechten, den Eindruck des Ge¬ sammtbildes nur noch um so wilder stimmen. Die Ursache dieser merkwürdigen Astbildung ist in vielen Umständen zu suchen. Ent¬ weder tritt die sogenannte „Trockniß“, eine Baumkrankheit, ein, welche die eigentliche Astspitze ausdörrt, so daß dann die Haupt¬ triebkraft in die Seitenäste tritt und einer derselben sich so ent¬ wickelt, daß er die anderen überholt und, lokal durch seine Nach¬ barn behindert, kerzengerade emporstrebt; — oder das weidende Vieh, namentlich Ziegen, in ihrer leidenschaftlichen Naschbegierde, nagen, soweit sie an der jungen Tanne hinaufreichen können, die äußersten Schößlinge ab, und der Ast, in seiner natürlichen Ent¬ wickelungsaufgabe gehemmt, sucht einen anderen Ausweg nach Oben; — oder Schnee und Sturm drücken die Endzacke des Zweiges ab, oder der Blitz schlägt sie weg, — genug, Beraubung, Verstümmelung sind die Veranlassung, nicht nur des abnormen Ast¬ baues, sondern auch der buschigen, dichtstruppigen Nadelbelaubung. Weiter unten im geschützten Walde trifft man keine so verwitter¬ ten ausgearteten Tannen. Ein kolossales Exemplar, dreigipfelig wie eine zum Schwur aufgehobene Hand, steht in den Valzeiner Alpen (am Eingang ins Prätigau, Graubünden), dessen Stamm in Stockhöhe (4½ Fuß über der Erde) sieben Fuß im Durchmesser hat. Das Alter der meisten ist schwer zu bestimmen, indem die eigentlichen Veteranen oft kernfaul werden und somit die Zahl der Jahresringe nicht zu bestimmen ist. Ueberdies werden höchst selten Wettertannen absichtlich gefällt, da sie für die Alpenwirthschaft sehr nützlich und ein treffliches Mittel gegen Lauinenbildung sind. Be¬ denkt man, wie auffallend langsam die Bäume in der Gebirgshöhe, selbst bei geschützter Lage wachsen, so kann man sicher annehmen, daß es viele 300jährige Wettertannen giebt. Man hat schon oft die Frage aufgeworfen, ob Pflänzlinge sorgsam gepflegter Forst-Baumschulen, namentlich solcher, die aus Die Wettertanne. dem Samen geschlossener, also geschützter, Waldmassen des Flach¬ landes gezogen wurden, sich zu so hartlebigen Trutztannen hier oben in der Nähe des permanenten Winters ausbilden, überhaupt in diesen sturmumbrausten Höhen sich akklimatisiren könnten. Die Alpen-Forstmänner bezweifeln es; sie halten den im Flachlande ge¬ wonnenen Waldsamen für zu verweichlicht. Es geht der Pflanze wie dem Menschen; im Fleisch und Blut muß sie beim Volke stecken, die Spartaner-Natur, durch Generationen hindurch muß sie sich selbsthelfend gestählt haben, wenn sie nicht zur leidigen Parodie herabsinken soll. — Bezüglich des Samens benutzt man dagegen sehr gern den von den Hochlandstannen für Forst¬ saaten im Tieflande, sowie ja auch die Getreidearten, welche in hoher Lage wuchsen, sehr gern zum Saatkorn für tiefere Gegenden benutzt werden. So borstig und brummig solch eine Wettertanne nun auch drein schaut, als ob sie mit allen anderen Bäumen in Haß und Hader lebte und deshalb in diese Einsamkeit sich zurückgezogen habe, — so sehr sie das leibhafte Ebenbild eines alten, zerhaue¬ nen, narbenbedeckten Kriegers ist, der hundertmal mit dem Tode auf der Mensur, doch immer wieder sich frei kämpfte, — ein so zuthunlicher, gastfreundschaftlicher Baum ist sie. Gerade wie man unter den alten Haudegen und Eisenfressern die gemüthreichsten und herzlichsten Kumpane findet, so auch bei diesen unter tausend Ge¬ fahren und Nöthen grau gewordenen Bauminvaliden. Sie ist ein Obdach und Asyl gewährendes, von der Natur errichtetes Hospi¬ tium, unter dessen Schutz sich das weidende Vieh flüchtet, wenn plötzlich schwarze Unwetter daherbrausen, Regenwolken strömend sich entleeren oder Hagelladungen in dichten Massen herniederschmettern. Freilich fielen dann schon oft die schönsten Häupter einer Alpen¬ heerde unter solch einem Baume dem Gewitter zum Opfer, wenn der Blitz einschlug. Aber auch im sengenden Hochsommer, wenn die Sonne beinahe im Zenith steht und auf der ganzen großen Die Wettertanne. Alpweide kein schirmendes Plätzchen zu finden ist, sucht das Vieh instinktmäßig die Wettertannen auf und lagert behaglich im kühlen¬ den erfrischenden Schatten derselben. Diesem Doppeldienst, bei gutem und schlimmem Wetter, verdankt sie wahrscheinlich ihren Na¬ men ebenso sehr als ihrem Aussehen. Steht nun ein solcher Bergveteran droben auf der Paßhöhe oder auf dem Scheitel einer Alpstaffel, oder dort, wo sich die Pfade kreuzen, als weithin sichtbares Wegzeichen, dann trifft sichs schon, daß sie zur zweiten Arche Noah wird; schnaufende Wanderer mit großen Alpenstöcken, schwitzende Lastträger, naturschwelgende Tou¬ ristinnen mit großen Strohhüten und aufgelöstem Lockenhaar, be¬ packte Saumrosse und deren Führer rasten, allen Unterschied der Stände vergessend, mitten unter der hier Siesta haltenden Kuh¬ heerde, — ein uridyllisches Genrebild. Ja, wenns rundum so brennend sonnengelb auf der ausgebreiteten, herrlichen Landschaft lagert und die Gebirgsprospekte mit bläulich schimmerndem Duft¬ schleier überzogen sind, wenn Mücken, Käfer, Bienen und anderes fliegende kleine Gesindel in belästigender Zudringlichkeit wonne¬ trunken umhersurrt und die vor Hitze zitternde Luft kein leiser Windhauch bewegt, dann liegt sichs paradiesisch wohlig im Schat¬ ten der gastlichen Wettertanne; — — — des dichten Mooses Sanft nachgiebige Schwellung ist so ruhlich. Möge hier mich holder Schlummer beschleichen, Mir die Schlüssel zu meinen Schätzen stehlen Und die Waffen entwenden, meines Zornes, Daß die Seele, rings nach Außen vergessend Sich in ihre Tiefen hinein erinnere. ( Lenau .) B'hüt euch Gott ihr lieben schönen Wettertannen. Legföhren . Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Legföhren. Wie stehn auf hoher Alpenfluh So klein die Bäume da! Sie werden niedrer immerzu, Je mehr dem Himmel nah. Sie legen ab der Krone Stolz, Des Wipfels rauschend Laub, Den schlanken Stamm, das volle Holz, Und beugen sich zum Staub. ( Stoeber .) Jede Pflanze hat ihre Vegetationsregion, ihre horizontalen und vertikalen Existenzbezirke, innerhalb welcher sie mit Erfolg leben, gedeihen und sich fortpflanzen kann; über diese Gränzen hinaus fehlen ihr die bedingenden Elemente zum Bestehen, sie ver¬ kümmert, siecht, wird zur Krüppelform oder stirbt gänzlich ab. Diese Erscheinung zeigt sich tausendfältig: sie ist die Grundlage der Pflanzen-Geographie. Die Palmen, Cacteen, Sycomoren, Drachen- und Gummibäume, die Baumwoll- und Kaffeestaude und andere Pflanzen tropischer Klimate fristen als Kabinetsstücke ihr Leben bei uns nur durch sorgsame Pflege in der künstlich erzeugten Wärme der Gewächshäuser, während dagegen unsere, an frischere, kältere, nördlichere Temperatur gebundenen Laubwälder, unsere herr¬ lichen Eichen und Buchen, unsere früchtegesegneten Aepfel- und Legsöhren . Birnenbäume das heiße, trockene Klima der sandigen Tropen nicht zu ertragen vermögen. Diese Bedingungen der flächenhaften Ver¬ breitung berührt uns bei dem Pflanzenbilde, welches wir auf den nächsten Seiten betrachten wollen, nicht; wir haben es mit der Verbreitungsfähigkeit der Pflanze, nach der Höhe der Bodenlage, zu thun. Es ist bekannt, daß die Weinrebe in Mittel-Europa über 2300 Fuß ihre Trauben, selbst in sonniger Lage, nicht mehr reifen kann, — daß der Nußbaum bis zu circa 3000 Fuß, das Kernobst nur bis etwa 3500 Fuß zu steigen vermag, und daß die Garten- und Getreidefrüchte des Flachlandes in den rauhen Alpen über drei bis viertausend Fuß nicht mehr gedeihlich fortkommen; kleine, durch lokale Umstände begünstigte Experimente können hier nicht in Betracht gezogen werden. Dieses Einhalten gewisser Höhen¬ gränzen zeigt sich auch beim Waldbaum, sowohl bei den Laub- als den Nadelhölzern. Letztere steigen (wie schon S. gesagt) als wal¬ dige Gesammtmasse in den Alpen bis zu circa 5500 F. über dem Meere an. Aber die vertikale Erhebung nimmt gegen den Nordpol hin bedeuteud ab. So steigt die gemeine Kiefer ( Pinus syl¬ vestris ) unterm 46. und 47. Grad nördl. Breite (in den Alpen) fröhlich, in normaler Baumform, bis zu 6000 F. über dem Meere an, während sie im skandinavischen Dovre-Gebirge unterm 62. Grad n. Br. mir bis 2800 F. und in Jemtsland (Norwegen), an den Kjölen unterm 63. Grad, sich nur bis 1500 F. zu erbeben vermag. Ueber diese Höhengränze hinaus verliert sie ihre baumförmige Hal¬ tung, sinkt zur Zwergform, zur verkrüppelten, beinahe strauchartigen Gestalt herab und heißt dann im Riesengebirge „ Krumm- oder Knieholz “, in den Tyroler Alpen „ Sprutföhre oder Reisch ¬ ten “, im Welschtyrol „ Müghi “ vom botanischen Namen: Pinus mughus (oder umgekehrt), in den Salzburger Bergen „ Lätschen “, in Oesterreich „ Lägken , Löcken (d. h. Gelegtes), im romanischen Graubünden „Zuondra oder Zundern “ und in der deutschen Legföhren . Schweiz am bezeichnendsten „ Legföhre .“ Schon aus der Reich¬ haltigkeit dieser Nomenklatur läßt sich erkennen, daß die „Zwerg¬ kiefer“ durch die ganzen Alpen verbreitet ist. Mit der Alpenerle oder Droosle ( Betula alnus viridis ), ebenfalls einer Krüppel¬ form der eigentlichen Erle, beschließt sie den Holzwuchs im Gebirge. Ob sie eine eigene Species oder eine blos durch Umstände cor¬ rumpirte Abart der eigentlichen Kiefer ist, darüber walten verschie¬ dene Meinungen. Der Totaleindruck der Legföhre, der ganze Habitus ist ein überraschender, höchst origineller; er giebt so recht ein, dem Cha¬ rakter des Hochgebirges entsprechendes, vegetabilisches Attribut ab. Betrachtet man nur Holz und Astwerk, wie das sich krümmt und rankt, und abenteuerliche, phantastische Gestalten formt. Bietet der Astbau mancher anderer Bäume schon hin und wieder wunderliche Figuren dar, so tritt doch bei ihnen immer mehr oder minder das Innehalten einer kennzeichnenden Architektur, das Walten bestimm¬ ter, die Individuen und ihre Sippschaft kennzeichnenden Gesetze, wenn auch oft in freier Anwendung, in der Stamm-, Ast- und Zweigbildung hervor. Dies Alles verschwindet bei der Legföhre. Allenthalben trägt sie das Gepräge des Unsymmetrischen, Be¬ schränkten, Gehemmten, Unterdrückten. Nur sklavisch windet sie sich, wurmartig, unheimlich schlangenhaft, am Boden hin: seufzend, aber dennoch mit unendlicher Zähigkeit, scheint sie ihr Leben zu durchschleichen. Sie ist unter den Coniferen der vollendete Ge¬ gensatz zu der, allen gewaltsamen Druck überwindenden, siegreich triumphirenden Wettertanne. Der Widerstand der Zwergkiefer ist nur ein heimlicher, passiver, der blos an den gegen oben sich krümmenden Wipfelenden zum Durchbruch, zur Geltendmachung sei¬ ner Rechte kommt. Trotz dieser leidenden Haltung haben die, meist glatten, braunen Stämme etwas Mastiges, Fettes, während die Rinde der gewöhnlichen Föhre rauh, mager, zerrissen ist und trocken aussieht. Sehr lange bleiben die Blattnarben sichtbar. Legföhren . Je nachdem der Stamm mehr in gestreckter Linie mit hoch und kräftig sich emporrichtender Krone, — oder gewunden, knorrig¬ verdreht, mit nur kurzen, dicht struppigen Gipfelausläufern am Bo¬ den hinkriecht, unterscheidet man die Legföhre in die schlankere Pinus pumilio als die, mehr in tieferer Lage vorkommende, und in die sehr verkrüppelte Pinus mughus , welche bis fast gegen die Schneegränze hinansteigt und den Kalkboden dem der granitischen Gesteine vorzieht. Da die ursprüngliche Aststellung der Kiefer büschelförmig ist, so durchflechten, umranken und verweben sich auch die Aeste und Zweige der Legföhre in ihrem engen, beschränkten Raume auf eine so unlösbare Weise, wie es in der Schling¬ pflanzenwelt nicht bunter durcheinander vorkommen kann. Solch einen Weichselzopf von Legföhrenästen zu entwirren, dürfte den her¬ kulischen Aufgaben beizuzählen sein. Dieser niedergedrückte, horizon¬ tale Wuchs wird zunächst dadurch veranlaßt, daß hier oben sieben bis acht Monate lang ein strenger Winter herrscht, der mit enormen Schneelasten tyrannisch seinen Fuß auf den Nacken dieser Pflanze setzt und sie nur in der kurzen Sommerpause aufathmen läßt. Die außerordentliche Geschmeidigkeit und Elastizität der schlanken, höch¬ stens 2 bis 3 Zoll im Durchmesser erreichenden Stämme, bequemt diese dem bedeutenden Drucke leicht an. Dazu kommt die Ab¬ schüssigkeit des Terrains, auf welchem die Legföhren am liebsten wachsen. Je steiler dasselbe ist, desto gepreßter liegt die Krumm¬ holzkiefer. Da, wo der Boden minder geneigt ist, richten sich die Stämme leichter auf und erreichen bisweilen eine vertikale Höhe von 15 Fuß. Am seltsamsten gestalten sich die Stämme, wo sie über her¬ vorragende, nach Innen sich abwölbende Felsenstirnen hinauswach¬ sen. Da machen sie dann von der erlangten Souveränetät in wahrhaft seltsamen Formen Gebrauch, bohren in Spiralwindungen allerhand Arabesken in die Lüfte freiragend hinaus und hängen weitarmig, als schwebende Bäume, über gräulichen Abgründen. Legföhren . Tollkühne Geißbuben, die ihre zottige Herde oberhalb solcher schrof¬ fen, viele hundert Fuß sich abtiefenden Fluhwände weiden, wagen sich dann wohl zum Zeitvertreib, alle Gefahr verachtend, auf diese schreckerregenden Naturschaukeln hinaus und üben da, völlig schwindelfrei, herztief aufjauchzend, allerlei akrobatische Künste. Ein solcher verwegener Hirtenbub im Muottathale, von dem Pfarrer seiner Gemeinde darüber ernstlich zurechtgewiesen und mit den Worten gewarnt: „Diesmal hat dich dein heiliger Schutzengel im Arm gehalten, sonst wärst du herabgestürzt und todtgefallen!“ er¬ widerte keck: „Herr Pfarr, so wyt wi—n—i ussä goh, goht der Schutzengel nöd!“ — Die Nadeln der Legföhre sitzen, wie bei der Kiefer, je zu zwei oder drei in einer Scheide und gruppiren sich büschelförmig, wodurch der Zweig das Ansehen eines dichten, borstigen Pinsels erhält. In ihrer Reproduktionskraft ist die Legföhre sehr schwach. Da sie nicht ausschlagsfähig ist, so bewerkstelligt sie ihre Fortpflan¬ zung lediglich durch Samen. Auch selbst in den Früchten der Legföhre bethätigt sich das Ungewöhnliche, dem Charakter der rauhen Gebirgsnatur Entspre¬ chende. Während nämlich die gewöhnliche Kiefer ihre längli¬ chen, konisch gestalteten Zapfen jährlich abstößt, behält die Legföhre dieselben, nachdem sie im September fruchtreif geworden sind, den Winter über, sammt den darin eingeschlossenen Samenkörpern am Zweig und läßt letzteren erst im Spätfrühling, wenn der Boden schneefrei geworden ist, ausfliegen. Der gesprungene, nun flach sphärisch auseinander spreizende, kupferbraune Kieferzapfen bleibt dann aber noch einige Jahre am Büschel sitzen, bis er silbergrau verwittert, eine ehrwürdige Antiquität, endlich abfällt. So kommts, daß man an einem und demselben Busche zu Anfang Juli männ¬ liche und weibliche orangengelbe, karminroth-punktirte Blüthenkätz¬ chen und die abgestorbenen, verwitterten Samenbehälter des dritt¬ Legföhren . letzten Jahres unweit von einander erblicken kann, eine Erschei¬ nung, die in der Pflanzenwelt wenig vorkommt. Die Legföhre ist ferner eine der bescheidensten Pflanzen, die es giebt. Da, wo keine andere Holzkultur, höchstens nur Moose oder Saxifragen existiren könnten, bekleidet sie mit ihren dichten, tiefgrünen Büschelkolonien große, kahle, trockene Kalkwände, beson¬ ders an den südseitigen Abhängen in der Höhe von 5000 bis 6000 Fuß, dicht verfilzte Decken bildend, oft so kompakt und fest ineinander gedrängt, daß man im buchstäblichsten Sinne auf den Zweigen und Wipfeln gehen könnte. Dies ist aber immer wegen der außerordentlichen Elastizität der Masse ein mißliches Unter¬ nehmen und läßt sich wohl bergabwärts, unmöglich aber bergan ausführen, obgleich die biegsamen Zweige so zu sagen dem Klette¬ rer die Hand reichen. Darum vermeidet der Aelpler sie auch und macht lieber einen Umweg über Gletscher und auf losem Geröll, als durch diese fußumstrickenden Fanggarne. Auf Glimmerschiefer trifft man das Krummholz auch in feuchten, sumpfigen Mulden an, und einzelne Exemplare hat man sogar in der Tiefe von nur 2500 Fuß über dem Meere gefunden. Wasserfluthen, Lauinen, oder der Wind mögen Samen dahinab getragen haben. Ja, so¬ gar in den umfangreichen Moorbrüchen zwischen Augsburg und München, im s. g. Haspelmoor, hat man sie bei 1600 Fuß über dem Meere getroffen und deshalb „Sumpfföhre“ ( Pinus uliginosa ) genannt. Selten wachsen im dichten Gestrüpp der Gebirgs-Leg¬ föhre andere Pflanzen. Selbst auf der glatten Rinde des Stam¬ mes zeigt sich nicht einmal irgend eine Schmarotzerpflanze; höch¬ stens trifft man die goldgelbe Cetraria juniperina , eine Flechte des Hochgebirges und Verwandte des Isländischen Mooses, hie und da an. Flieht nun der Mensch dieses stille undurchdringliche Dickicht, so dient es um so mehr dem Alpenwild als willkommener Schlupf¬ winkel, um sich den Verfolgungen des Jägers zu entziehen. Vor Legföhren . allen anderen halten sich Bären gern darin auf, wenn man ihnen nachsetzt, und haben sie dieses Asyl erreicht, so sind sie ziemlich sicher vor jedem Angriff. Darum wird das Legföhren-Gestrüpp im Davos (Graubünden) auch „Bärenkrys“ genannt. — Tem¬ porär halten sich Bergfüchse (deren eigentlicher Bau am liebsten unter Felsen) darin auf, um Beute zu erhaschen; der Marder geht dort auf die Jagd und der weiße Hase ( Lepus variabilis ) flüch¬ tet sich hinein. Im Spätherbst ists der Lieblingsaufenhalt des Spiel¬ hahns ( Tetrao tetrix L. ) und am Rande der nahen Schnee¬ gränze nistet das Weißhuhn oder Alpenschneehuhn ( Tetrao lagopus ) unter dem Schutz der kleinen mageren Krummholz-Gesträuche. Die ständige Bewohnerin derselben aber ist die Ringamsel, welche jähr¬ lich zweimal in diesem Versteck brütet, — der vorübergehenden Bewohner, wie Kernbeißer, Kreuzschnäbel u. s. w., nicht zu ge¬ denken. So sehr nun dieser Föhrenhag den Jäger freut, weil er in der Regel Wild darin findet, — einen so peinlichen, düsteren, ja fast schauerigen Eindruck macht er auf den Alpen-Naturfreund. Unbeschreibliche Einförmigkeit trotz der bizarren Astvariationen, trübe, träumerische Melancholie lagert über solchen finsteren Ge¬ hängen, das Gefühl des Unheimlichen, des Verlassenseins beschleicht den Wanderer, wo der Pfad lange durch Legföhrenhorste führt. Es ist, als ob die Natur hier eingeschlafen wäre, und unwillkür¬ lich wird man an Grimms Mährchen vom Dornenröschen erinnert. Das Knieholz ist im Gebirge etwa das, was in der Fläche die Heide ist. Pascher und Schleichhändler an der Gränze wählen es gern zu Rast- und Ablösungsplätzen, und mancher Kampf zwischen diesen und den Gränzjägern ist schon in solchem Gestrüpp vorge¬ fallen. Am Massenhaftesten ist die Legföhre wohl am „Wolfgang“ bei Davos (Graubünden) und am Ofnerberg (Unter-Engadin) bis hinab zur Alp Stabl-dschod entwickelt; auch an den Abhängen des Scarl-Thales kommt sie in mächtigen Strecken vor. Kleinere Legföhren . Bestände trifft man allenthalben in den Kalkalpen bei einer Höhe von 5000 Fuß und darüber. Die Legföhre ist endlich durchaus kein schlechtes Strauchwerk oder forstwirthschaftliches Unkraut; sie ist eine höchst nützliche, kon¬ servirende Schutzpflanze, ein kerniger Damm gegen die destruiren¬ den Tendenzen der Alpverwilderung. Was der Mensch durch Bannwälder und ähnliche Defensivmittel zu erstreben bemüht ist, besorgt sie naturgemäß von sich aus. Ohne Legföhren existirte manche kräftige, saftreiche, kräuterüppige Alpmatte nicht mehr; los¬ gebröckeltes Steingeröll und Bergschutt hätten schon manche Alp zerstört. Ihr zähes Flechtwerk nimmt im Herbste die ersten aus der Atmosphäre niederfallenden Schneeladungen in seine Gesträuchs¬ maschen auf und bindet dadurch allen später fallenden Schnee an die geneigte Fläche; so verhindert sie positiv das Anbrechen von Grundlauinen und aller durch diese herbeigeführten Verheerungen. Ebenso vereitelt sie energisch die Bildung von Rüffen und Stein¬ schlägen, und fängt als natürliches Faschinenverhau alle niederrol¬ lenden Felsablösungen auf. Sie läßt ferner den wildesten Schlag¬ regen, die furchtbarsten Gewittergüsse nur wie ein regulirendes Filtrum durch und trägt dadurch außerordentlich zur Vermehrung guter anhaltender Quellen und zur Erhaltung tieferliegender Rasen¬ halden bei; — und endlich begünstigt sie unter sicherem Schutz die Humusbildung durch das abgefallene Genadel in hohem Grade. Bis in die jüngste Zeit achtete man die Legföhre lediglich um dieses indirekten Nutzens willen; — höchstens daß der Aelpler sich für seine Sennhütte etwas Brennmaterial aus derselben verschaffte. Neuerdings haben aber Holzmangel und rationelle Waldwirthschaft den Werth dieses Waldwuchses gesteigert, und jetzt durchforstet man dieselben ebenso wie eigentliche Wälder. Die Brennkraft des Hol¬ zes kommt dem der Buche fast gleich, und die daraus gewonnenen Kohlen werden sehr geschätzt. Die Alpenrose . Du bist, o Alpenrose, Der Blumen Kron' und Preis, Die einz'ge Dornenlose In Deiner Schwestern Kreis; Du wohnst als Königinne So recht auf höchstem Thron, Und blühst in reiner Minne Dem freien Alpensohn. M. Klotz. Hinter Oberhausen am Thunersee erhebt sich eine jähe, spitze Felsenfluh, so unzugänglich, daß selbst Gemsen sie zu erklimmen scheuen. Kein Wildheuer steigt hinauf, um das dort wachsende Futtergras mit Lebensgefahr zu mähen, kein Wurzelgräber sucht an diesen Wänden seinen kümmerlichen Erwerb. Und doch wachsen da droben die schönsten und seltensten Alpenpflanzen, wie man sie weit umher nicht in so prangenden, tiefleuchtenden Blüthen findet, besonders die purpurbraunen, fast schwarzrothen „Fluhblüemli“ oder „Badönickli“ ( Primula veris elatior ), — eine Zierde der „Schwebelhüetli“, wie sie die Oberländerinnen an sommerlichen Festtagen tragen. In altersgrauer Zeit lebte zu Oberhausen ein sehr reicher Bauer mit seinem einzigen Töchterlein. Es war das schönste Berlepsch , die Alpen. 7 Alpenrose . „Meitschi“ am ganzen See. So viel Freier sie hatte, so wenig schien ihr einer derselben vornehm genug, um ihm die Hand für Lebenszeit zu reichen. Unter diesen war auch Einer mit treuem, red¬ lichem Herzen in unendlicher Liebe ihr zugethan; aber Eisi (Elisa¬ beth) verwarf ihn wie die anderen und ließ ihn nur am Narren¬ seile trotten. Einstmals, am Aelpler Sonntage Abends, als der Bursch das Mädchen mit Wein regalirte, schien sie seinen Be¬ theuerungen Gehör schenken zu wollen und sagte: sie sei entschlossen, sein Weib zu werden, wenn er ihr von jener berüchtigten Felsenspitze Fluhblüemli holen wolle. Statt zurückzuschrecken, ging Johannes freudig auf den Vorschlag ein, denn er war ein verwegener Klette¬ rer. Schon mit dem nächsten Morgengrauen eilte er durch die Allment am Geribach zur wilden Fluh hinauf. Wie ein Eichkätz¬ chen „chräsmete“ er an den glatten Wänden umher; — die schmalste Ritze, der unbedeutendste Vorsprung mußte ihm dienen, krampfhaft mit Zehen und Fingern sich einzuklammern. Schon war das schwere Werk fast gelungen, schon sieht er die Spitze nah ob seinem Haupte, und Triumph! schon hat er die erste, — die zweite, — die dritte Preisblume gepflückt, da bröckelt ein Stein los, er verliert das Gleichgewicht und, — in der nächsten Minute liegt der arme Tropf grausam zerfallen, zu Tode gestürzt am Fuße der Fluhwand. Wenige Stunden später geht Eisi fröhlich singend am Felsen vorüber. — Ein Blick! — ein Schrei! — und ohnmächtig zusammengesunken liegt sie neben Dem , den ihr Hochmuth in jähen Tod getrieben. Die errungenen Blumen hielt der treue Bursch noch in seiner Hand. Gram und Irrsinn brachen Elsi's Herz. U—n—a der Flueh, wo Hans isch g'lege, Wachst us sym Bluet e Blueme—n—uf; D’Alprose, wie ’re d’Lüt jetz säge. Ihr Meitleni get Achtig druf! Die Bluemi dra sy roth wie Bluet U stah im dunkle Laub gar guet. Alpenrose . Also die Volkssage von der Entstehung der Alpenrose. — „Keine Blume des Hochgebirges ist von Dichtern so gefeiert worden, keine so poetisch in das Leben der Bergbewohner einge¬ drungen wie die Alpenrose; aber auch keine erweckt in der Vorstel¬ lung des Gebirgsunkundigen so unklare und unrichtige Bilder, wie eben diese. An den Namen „ Rose “ sich haltend, hätte er ein Recht, diesen auf eine alpine Verwandte der vielgefeierten Blumen¬ königin zu übertragen, und das Hochgebirge würde ihn nicht ein¬ mal Lügen strafen. Im Gegentheil haben die Alpen der Rose einen neuen, poetischen Glanz verliehen; denn gerade sie sind es, wo die „Rose (fast) ohne Dornen“ glüht, und somit das Sprüch¬ wort seine Wahrheit verliert. Das ist die wirkliche „Rose der Alpen“, die reizende Rosa alpina, die nicht selten in den lichten Hochwaldungen der montanen und subalpinen Region vorkommt und bis zur Gränze der Weinrebe hinabsteigt. Sie bildet Sträuche und blüht im Juni und Juli. — Dennoch wird nicht sie gemeint, wenn im Gebirge von „ Alpenrosen “ die Rede ist, ebensowenig wie man an wirkliche Veilchen denken darf, wenn das Alpenveilchen ( Cyclamen Europaeum ) genannt wird. Der poetische Sinn des Volkes hat Alpen - oder Bergrose diejenige Pflanze genannt, die in der Botanik „ Rhododendron “, also zu deutsch „Rosenbaum“ heißt. Indessen giebt auch diese Bezeichnung keine richtige Vor¬ stellung von der Wirklichkeit. Im Gegentheil verbindet sich damit eine neue Verwechslung; denn ursprünglich kam dieser poetische Name dem Oleander zu, und Linn é war es, der ihn von diesem Prachtstrauche des Südens willkürlich auf unseren Alpenstrauch übertrug. (K. Müller.) — Im Volksmunde hört man die Bezeichnung „Alpenrose“ eigentlich wenig; fast jede Thalschaft hat ihren eigenen Namen dafür. So nennt man sie im Berner Oberlande „Bären¬ blust“, im Entlibuch und Unterwaldnerlande „Hühnerblume“ (weil die Berghühner sich darin aufhalten), in Uri „Juupe“, im Glarner Thal „Rafauslen“, im Aargau „Herznägeli“, im Tyroler Ziller¬ 7* Alpenrose . thal „Zundern“, im Tessin „Dros“ u. s. w. Das Geschlecht der Rhododendren gehört zu der natürlichen Verwandtschaft der Haide¬ kräuter oder Ericineen oder auch zu den noch näher stehenden Heidelbeergesträuchen oder Vaccineen. Es giebt keine andere Strauch¬ pflanze, mit welcher die Europäische Alpenrose sich besser vergleichen ließe, als mit dem Gebüsch der Rauschbeere ( Vaccinium uligino¬ sum ) und der Preisselsbeere ( V. Vitis Idaea ), die in den Alpen ebenfalls bis zu 7000 Fuß Höhe vorkommen. Mit weithin sich verzweigendem, niederem Gestrüpp, erinnern die Alpenrosen auch einigermaßen an den Buchsbaum, namentlich durch ihr Laub; sonst aber haben sie mit demselben durchaus nichts gemein. Sie bilden eine eigene kleine Familie, welche man Rhodoraceen genannt hat, und umfassen die drei Gattungen: 1) der in den nördlichen Nie¬ derungen und Torfweiden wachsenden Porste ( Ledum ), 2) der Azaleen, die in den Alpen blos als zierliches, immergrünes, liegen¬ des ( A. procumbens ), rosaroth blühendes Zwerggesträuch häufig zwischen 5000 und 7500 F. vorkommen, und 3) Rhododendra. Alle drei haben den Umstand gemeinschaftlich, daß ihre Blatt- und Blüthenknospen von großen Hüllschuppen bedeckt sind, weshalb sie zapfenförmig aus den Zweigen hervorbrechen. Diesen Entwicke¬ lungsmoment können wir freilich in der Regel nicht beobachten, weil er fast immer unterm Schnee sich vorbereitet. So wie der Frühling in den Höhen von 4000 bis 6500 F. allmählig Schritt um Schritt emporrückt, und die deckende Schneehülle mit weichem Odem hinweghaucht, ist auch der lichtbraune, hornartige Knospen¬ panzer schon geplatzt, und Blätter und Blüthenknöpfchen stecken neugierig ihr junges frisches Grün hervor, um sich die Pracht ihrer Mutter, der erhabenen großen Alpenwelt, zu betrachten. Der Wanderfreund sieht diese Phasen alle nicht; er tritt erst im Juli und August in den reichgeschmückten Alpengarten, wenn schon der ganze Rhododendren-Flor in vollen feuerigen Flammen steht, und die rubinglühenden Glockensträußchen ihre Sternkelche erschlossen Alpenrose . haben. „Mit welcher Wonne begrüßt dann der müde, keuchende Wan¬ derer den ersten Alpenrosenstrauch und eilt trotz aller Erschöpfung im Fluge zu dem Felsen empor, von dem die Röschen ihm die lächelnden Grüße der Alpennatur zuwinken; wie oft begleiten sie ihn mit ihrer ewigen Anmuth mitleidig durch lange Felsenlaby¬ rinthe und verkünden ihm Leben und volles Genüge in einer öden Welt von grausenhaften Steintrümmern. Ueberall gleich reizend dekorirt die Alpenrose tausendfältig das tausendfältig wechselnde Land ihrer Heimath und glüht bald als einzelne Rosenflamme über dem zischenden Sturz des Eisbaches, bald überzieht sie die ganze Fläche des Berges, der sich mit seinem Purpurteppich im Spiegel des Alpsees malt, oder streut ihre Blüthen gesellig in den vielfarbigen Flor der Alpen.“ (Tschudi.) In den Alpen giebt es nur zwei Formen einer Species. Die verbreitetste und bis zu den Höhen von 6500 Fuß über dem Meere an¬ steigende ist die rostfarbene ( Rhod. ferrugineum, — romanisch Flur bella ), deshalb so genannt, weil die länglich lanzettförmigen, dun¬ kelgrünglänzenden, lederartig derben Laubblätter auf der unteren Seite dicht mit einzeln kaum erkennbaren, rostbraunen Drüsen¬ pünktchen übersäet sind, die derselben ein tief okerfarbenes, mit¬ unter sogar kaffeebraunes Ansehen verleihen. Dies sind die vor¬ jährigen, also überwinterten Blätter, welche an der Kehrseite so ge¬ bräunt erscheinen; die jungen heurigen, weichen Blättchen lachen leuchtend an den Zweigspitzen im jubelndsten Maigrün und kon¬ trastiren durch diese Farbenfrische bis zur Sommerneige ungemein hebend gegen den gesetzten Ernst der älteren. Erst im Herbst schwindet das brausend-jugendliche Ansehen, und die Rückseite über¬ zieht ein lichter goldiger Anflug. — Die andere Form, der ge ¬ franzte Alpenbalsam ( Rhododendron hirsutum ), hat gewim¬ perte, d. h. am Rande mit oft langen, weißen Härchen besetzte, mehr eirund geformte Laubblätter, die meist oben und unten gleich grün sind, doch auch bisweilen an der Kehrseite mit hellbraunen Alpenrose . Drüsenpünktchen luftig und dünn überstreut sich zeigen. Sie kommt mehr in den tieferen, beschatteten, felsigen Bergen, besonders der östlichen Alpen vor, steigt nie über 6000 Fuß empor und wird hin und wieder schon bei 2000 Fuß überm Meere gefunden. Aus diesem Blätterfond quillt nun im Juni und Juli die brennend¬ rothe Blüthen-Dolde, je aus 6 bis 10 prangenden fünfzackigen Blüthenkelchen zusammengesetzt. Das zierlich geformte Glöckchen schimmert im Innern durchsichtig sammetweich fast wie ein molliges Camellien-Blatt; aber an der äußeren Fläche ist es mit hellen, be¬ stimmt hervortretenden schwefelgelben Pünktchen gesprenkelt, die demselben ein widerstandsfähiges, abgehärtetes, robustes Ansehen geben. Nach dem Feuer ihrer Blüthen variiren die Alpenrosen ungemein, vom zartesten, duftigsten Rosa bis hinauf ins glühendste Karminroth. Im Allgemeinen will man wahrnehmen, daß die Tiefe und Gluth der Färbung mit dem höheren Standort der Pflanze auch zunimmt. Die gewimmpte Alpenrose ist gewöhnlich die blassere, hellere, zuweilen mit leichtem Hinüberspielen in eine kaum ange¬ deutete violette Tendenz. Zu den absoluten Seltenheiten gehört das weißblühende Rhododendron im Maderanerthal (bei Amstäg an der Gotthardsstraße), in einigen Walliser Seitenthälern, auf der Hundwyler Höhe (Kanton Appenzell), im Tyroler Paznaun und im Pinzgau sollen sie zu Zeiten vorkommen. Wo große Halden mit blühenden Alpenrosen überzogen sind, wie z. B. auf Itrammen-Alp (wenn man von Grindelwald gegen die Wengern-Alp ansteigt), oder an der östlichen Abdachung des Alp¬ siegels (unweit vom Weißbad, Kanton Appenzell), oder an den lichten Waldungen von Zermatt gen den Riffel hinauf, oder im Ober-Engadiner Fex-Thal, — da strahlt, weithin sichtbar, eine Farbenpracht im brennendsten Rubinfeuer, die in der Ausdeh¬ nung ihres Eindruckes etwa nur dem Blüthenmeere eines Obst¬ waldes im Mai zu vergleichen ist. Wie bei diesem ists ein früh¬ lings-brünstiges Knospen und Drängen und Kosen dicht neben Alpenrose . einander, ein großes kollegialisches Blühen, das jauchzende Genießen einer gemeinsamen Jugend, man möchte fast sagen ein millionen¬ fältiges rosarothes Farben-Konzert. Und dabei hat die Alpenrose noch eine wesentliche Aehnlichkeit mit der Baumblüthe; wie das Karmin-Glöckcken seine volle Lebensfreude genossen hat und die Stunde des Scheidens naht, da welkt es nicht, langsam am Sten¬ gel absterbend, verkommend und Bedauern erregend, oder seine schöne Gluthfarbe verlierend und kläglich zusammenschrumpfend wie viele der schönsten Blumen, — nein, mit fröhlichem freien Ent¬ schlusse, wirft es noch einen sehnsüchtig vollen Blick auf alle seine lieben Genossen, auf die weißen glänzenden Firnhäupter, auf die ganze schöne Alpenwelt, drückt dem Nebenglöckchen noch einen brennendheißen Abschiedskuß auf die Lippen und springt dann mit einem Satze leicht in den vorüberrauschenden Waldbach oder den zu Schaum aufgelösten Gebirgsstrom, und kein sterbliches Auge be¬ kommt es wieder zu sehen. Unser Alpenröschen ist ein eigensinniges Pflänzchen; es läßt sich nicht willig in die Tieflandsgärten und herrschaftlichen Parke ver¬ sehen, um nach des blumistischen Künstlers Gutfinden unter allerlei servilem Pflanzentande sklavisch die Rabatten zu schmücken, — es ist kein „feiles Röschen“, das zu Jedermanns Belieben und Gebot steht; ein freies Kind freier Berge, blüht es nur dort, wo seine Heimath ist, wo es dem Himmel näher als die Menschen, auch in vollen Zügen die reineren Aetherlüfte trinkt. Sie grämts und härmts im Herzen, Verpflanzt sie eine Hand; Sie stirbt an Heimwehschmerzen In jedem fremden Land. Und zugleich ists dabei das reizendste Symbol jungfräulicher Reinheit und Unschuld; im großen Pflanzenreiche giebts kaum noch eine Blüthe, die, gebrochen, so rasch die Schönheit und das Feuer ihrer Farbe verliert und zu Tode getroffen dahinsiecht, wie die Al¬ penrose. Wetter und Sturm, Hitze und Frost, Regen und Schnee, — Alpenrose . alle Unbilden der Natur erträgt sie heiter und muthvoll, und strahlt nur um so lebensfröhlicher, wenn ein freundlicher Sonnenblick aufs Neue sie beglückt. Nur vor der Menschenhand schreckt sie zurück, erzittert bebend und entfärbt sich, — denn sie bringt ihr den Tod. Auffallend rasch verändert sie das lautere, transparente Purpurgold in bläuliche Mißfarbe, und nur derjenige hat Alpenrosen in ihrer ganzen Prachtfülle gesehen, wer sie am Felsenhange blühend erblickte. In die Berge hinein, in das liebe Land, In der Berge dunkelschattige Wand! In die Berge hinein, in die schwarze Schlucht, Wo der Waldbach tos't in wilder Flucht! Hinauf zu der Matten warmduftigem Grün, Wo sie blühn Die rothen Alpenrosen. (C. Morell .) Südliche Alpenthäler . Noch gestern unter Schnee und kahlen Tannen! Heut bei Oliven und Orangenbäumen! Ich sah mein Glück und mein' es nur zu träumen, Und das Geträumte liebend zu umspannen. J. G. Müller . Italien ist das Land der Sehnsucht, der Jugendträume und lieblichsten Ideale. Jeder Gymnasiast, wenn er mit voller Lust sei¬ nen Virgil, Horaz, Ovid oder Tibull durchschwelgt, macht einen Gedankensprung nach Süden ins klassische Römerland und freut sich der Stunde, wo er seinen Lieblingsdichtern auf Schritt und Tritt nachwandeln kann. Wird dann in späteren Jahren endlich der langgenährte Wunsch befriedigt, eilt der beflügelte Schritt zum Römerzug über die Alpen hinab in die lombardische Ebene, hat der Verlangende den Sabinischen Himmel über sich erblauen sehen, in den Grotten und an den Kaskadellen Tivolis das ewig nach¬ klingende „Ille terrarum mihi praeter omnes angulus ridet“ — sinnend wiederholt, dann begegnet es wohl, daß er etwas kühler gestimmt zurückkehrt. Woher diese bei italienischen Reisen oft wiederkehrende Er¬ scheinung? — diese vermeintliche Enttäuschung? — Ein Umstand ists, der manche Erwartung überspannt und zu¬ gleich die späteren Effekte merklich abschwächt; — das ist die Intro¬ duktion zur italienischen Reise, es ist der erste Tag jenseit der Südliche Alpenthäler. Alpen. Die Steigerung der landschaftlichen Schönheit ist eine so stürmisch-wachsende, Augen und Sinne so völlig übernehmende, wenn man vom Gotthard oder Bernhardin herabkommt, daß nach dem Wonnerausch dieser Ouvertüre man begreiflich immer ein noch lebhafteres Crescendo, ein Wachsen der Fülle landschaftlicher Pracht und Herrlichkeit erwartet. Aber dies, — ist man über das para¬ diesische Gebiet der piemontesischen und lombardischen Seen hin¬ aus, — tritt nicht nur nicht in dem erwarteten Maße ein, sondern im Gegentheil, vorläufig sogar ein Abfallen, eine Verminderung jener wilden Sinnestürmer. Unstreitig gehört das Herabsteigen von bedeutenden Alpen¬ höhen in die oft verschwenderisch-reich von der Natur ausgestatteten südlichen Thäler zu den größten Reisegenüssen, die sich überhaupt darbieten können. Man würde, um die ausgesuchtesten Eindrücke vorzubereiten, die Scenerie der meisten großen Alpenstraßen nicht raffinirter zusammenstellen können, als es im Alpenbau bereits der Fall ist. Schon diesseit der Berge beginnt das Herabstimmen, das Zurückdrängen der bangenden Seele in ihre innersten Tiefen. Hier gähnt vorm Gotthard die wilde, leblose, trümmer-übersäete Schöllenen-Schlucht und endet erst droben, wo bei der Teufels¬ brücke die Gneisschroffen eng zusammentreten. Nur für wenig Augenblicke gestattet das idyllische Urseren-Thal ein Freiaufathmen, eine kurze Friedensrast. —Ganz die gleichen Schreckenspforten verschließen als Via mala und Roffla-Schlucht die beiden östlichen großen ita¬ lienischen Kommerzialstraßen über den Bernhardin und Splügen, — oder als Desil é de Marengo den Paß über den Großen St. Bernhard. Nun hebt bei allen diesen Pässen das eigentliche Stei¬ gen erst an, zu den baumlosen, halberstorbenen Höhen, immer im Zickzack, immer einförmiger und kahler. Es führt uns bald längs brausenden Gestaden Durch Wüsten bald, durch jäher Klüfte Mitte, Es bebt das Herz, es zittern uns're Tritte, Und wir entsagen gern, um das nur baten. Südliche Alpenthäler . Fortwährend mahnen Gallerien und Zufluchtshäuser auf Schritt und Tritt daran, daß in der schlimmen Jahreszeit der Tod auf den Wanderer lauert, um mit einem Löwensprung als Lauine oder im wüthenden Wirbel als Schneesturm seine Beute zu packen. — Ist nun die Freude an der farbigen, blühenden, lebensvollen Natur fast auf den Gefrierpunkt herabgeschraubt, hat uns die hei¬ tere Welt der Organismen fast ganz verlassen, sind wir auf der öden Paßhöbe von 6500 Fuß angelangt, dann erschließt sich, erst eng und begränzt, dann immer mehr sich erweiternd ein neuer Niederblick auf neues Leben. Die erste Stunde bietet noch wenig; doch grüßen schon hie und da die reizenden Aretien-Polster mit ih¬ ren blendendweißen Vergißmeinnicht-Aeuglein, die fröhlichen, rothen, nelkenartigen Silenen, und die bescheidenen Androsaceen, immer gesellschaftsweise versammelt. Noch etwas weiter hinab kommen dann schon Anemonen und Veroniken, holzstengelige Strauchpflänz¬ chen, und drüben an den Felsenwänden kriechen als Vorboten der Baumregion die Lazzaroni der Alpen, die Legföhren herab. Mit welchem Jubel wird die erste Lärchen- oder Rothtanne begrüßt! wie lieben alten Bekannten schwingen wir ihnen den Hut entgegen. Nun wächst es mit jeder neuen Krümmung des Weges. Die einzelnstehenden Bäume schaaren sich schon gruppenweis zusammen und gehen in kleine Waldflecken über, die an den Seitenhängen emporklimmen. Rundliche Laubholzkuppeln mischen sich darunter, weißschalige Birken leuchten von Weitem vereinzelt daraus hervor. Die ganze Pflanzendecke schwillt wieder an und gewinnt an Kraft, Höhe und Leben. Noch um eine Straßenecke herum, — und plötzlich öffnet sich ein tiefausgedehnter Niederblick in das zu Füßen liegende Hauptthal. Die Bergkoulissen schieben von beiden Seiten korrespondirend sich vor, immer matter nach dem Hintergrund zu erblauend. Dörfer, Weiler, schlanke Kirchthürme winken herauf, und wie ein großer Faden verbindet sie die lange schmale Linie der Kunststraße. Da hinab also gehts in das ersehnte Land der Südliche Alpenthäler . Jugendträume. — Bald ist der erste Ort erreicht. Die dicken Steinmauern und die kleinen Fensteröffnungen erzählen, daß hier der Winter noch lange und strenge sein Recht geltend mache, wäh¬ rend es doch so fröhlich sommerlich, so freundlich warm und lebens¬ durstig gegen die öden Paßhöhen aussieht. Die Leute unterm Splügen, auf der Südseite, haben darum eine solche Thalstrecke „Campo dolcino“ , das liebliche Feld, genannt, während es Dem¬ jenigen, der aus Italien heraufsteigt, schon recht unfreundlich und indolcino vorkommt. Was aber ists gegen die nächste Thalstrecke? wie schwillt und quillt da die Vegetation, wie treibts da in jeder Pflanze, — wie wird Alles so massig, behäbig und voll! — Das ist eben ein in unverhältnißmäßigen Progressionen wachsendes Na¬ turleben, das uns hellauf aus jedem Strauch, jedem Baum, jeder Gruppe anlacht. Droben waren unsere Augen arme, dürftige Hungerleider, Schmalköstlinge geworden; nun sie nur etwas be¬ scheidene Nahrung bekommen, schwelgen sie schon lustig und voll Freude. Gehts doch dem armen Mann im Leben eben so, der nur an Entbehrung und Sorgen gewöhnt, sich plötzlich zu einem Krösus gehoben wähnt, wenn er einmal ein Goldstück als Eigen¬ thum in seiner Hand hält. — Aber nur Geduld, wir sollen noch an den Tisch des reichen Mannes, an die luxuriös besetzte Tafel des Verschwenders geführt werden. Denn weiter stets mit jedem Schritte Taucht eine neue Welt hervor: Ein andres Volk und andre Sitte, Ein Gartenland mit reichem Flor. Als wärs ein Vorbot des Sirocco, Weht heiß der Mittagswind herauf, Und überm Thale von Misocco Geht schon Italiens Himmel auf. ( Ad . Stoeber .) Wie erst die Thalsperren la Cluse am Großen Bernhard und von Dazio Grande am Gotthard, oder der Ruinen-Riegel von Misox unterm Bernhardin und die Thalstufe von Stozzo am Splü¬ gen überwunden sind, — (allenthalben natürliche Gränzen der vom Südliche Alpenthäler . Süden her bergwärts empordringenden warmländischen Vegetation) da erschließen sich neue, ungeahnte, landschaftliche Bilder. Es sind schon noch die von hohen, felsigen Bergen begränzten Thäler, — aber die wildkühne Schönheit, die trotzig herausfordernde Haltung ist gebändigt. Jener einheitliche, großartige Schnitt, der breite volle Wurf, die feste bestimmte Zeichnung, welche die nördlichen Alpenthäler so unverkennbar charakterisirt, ist verschwunden; gleich¬ sam tändelnd hat die Natur aus ihrem unerschöpflich reichen Schatze die Gegend verschwenderisch mit allerlei Schmuck über¬ hangen und geziert. Es liegt entschieden etwas Weibliches, Edel¬ gefallsüchtiges in ihnen gegenüber der ruhigen, männlichen Größe und dem stoischen Ernst derer am Nordhang. Ueppige, sinnliche Lebensfreude athmet die ganze Gegend, und tausend kleine kokette Gruppen fesseln hier den Blick. Neue Pflanzenformen nehmen die Aufmerksamkeit in Anspruch, — oder wo es alt-bekannte, längst befreundete sind, geben sie sich in eleganterem Schwung. Zunächst sind es die strotzend-saftigen, mannshohen Maisstengel mit den breit überhängenden, leuchtend¬ grünen, schilfartigen Blättern, Urbilder schwelgender Lebensfülle, die weithin die Felder der Thalsohle bedecken. Das Türkenkorn ( Zea , Melgone im Tessiner Italienisch) muß fast die Hälfte der Getreidefrüchte hier ersetzen. Weizen und Roggen ( Biava ), wäh¬ rend er in Deutschland erst in das ersterbende, abbleichende Grau¬ grün übergeht, steht hier schon schnittreif, leuchtend gelb. Das Nadelholz ist aus dem Thal verdrängt; hinauf an die Bergwände hat es flüchten müssen, — drunten pflegt sich nur rundgewipfeltes Laubholz. Der Nußbaum, die Weißeller ( Betula incana ) und die finstere Ulme zeigen sich in Menge. Letztere aber kann mit ihrer Schwermuth die heitere Sorglosigkeit der Landschaft nicht verstim¬ men. Ein übermüthiger Wildfang umspinnt sie mit seinem Blätter¬ netz und rankt voll Humor an dem düsteren Murrkopf hinauf. Es ist die fröhliche Weinrebe, die in sorglosem Leichtsinn empor¬ Südliche Alpenthäler . turnt, und luftige, flatternde Guirlanden von Baum zu Baum schwingt. Hui! ist das ein geniales Sichgehenlassen, ein graziöser Muthwille gegenüber der bevormundeten, vom Winzer ängstlich un¬ ter Zaum und Zügel gehaltenen Pfahlrebe unserer Kultur-Weinberge! — Hier zeigt sie ihr wahres Naturell, da lebt und strebt in ihr der Feuergeist, den sie durch die Traube als sprudelnden Lebens¬ quell zollt; und wo man den losen Stürmer einfing, wo der praktische Eigennutz seinem brausenden Wildwuchs Gränzen zu setzen suchte, da ließ man ihm dennoch immer Freiheit genug, in niederen Laubengängen rankend mit den Gespielen seiner Jugend sich zu umarmen. Weiter begegnen wir dem Maulbeerbaum, dessen Blätter-Ernte für die Seidenraupenzucht bestimmt ist, — der unschönen Feige mit der dünnen Belaubung, — und noch einem Baume, der uns durch seinen imposanten Wuchs, durch glänzende Blätterfülle, über¬ haupt durch markvolles Aussehen vor allen anderen auffällt. Es ist die Edel-Kastanie , der südlichen Thäler größte Zierde. Jeder einzelnstehende Baum derselben, mit einem übermoosten Felsenblock oder einem Hüttchen darunten, dann dicht dahinten Mit verwegenem Sprung bergunterstürzend Und über die Felsen den Weg sich kürzend, Schneeweißen Schaum verspritzend, Im Sonnenlicht blitzend, der ungefüge, fessellos einherjagende, durchsichtiggrüne Bergstrom und die immer weichere violett angehauchte Färbung der Berge in des Thales Perspektive, — jede solche Gruppe ist ein Bild, eine Calame'sche Studie. Edelkastanie. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Kastanienwald . Du warst mir ein gar trauter, lieber Geselle, komm, du schöner Tag, Zieh noch einmal an mir vorüber, Daß ich mich deiner freuen mag. Lenau. Ein südliches Vegetationsbild voll Leben, Anmuth und drängen¬ der Fülle, in festen markigen Formen, baut sich der Kastanienwald an den Böschungen der kleinen Seitenthäler auf, welche in die südlichen Abhänge der Alpen einschneiden. Lebhaft erinnert er, als hoher, hehrer Laubwald, an die prachtvollen Buchenhaine Deutschlands und Dänemarks; aber unter dem mächtig wirkenden Einflusse des wärmeren Klimas und der zauberhaften Verklärung südlicher Beleuchtung übertrifft er jene an Ueppigkeit und Farben¬ glanz. Er ist ein Epos, eine Odyssee der Baumwelt, kühn und er¬ greifend wie ein Harmonieengang Palestrinas, himmelaufjauchzend wie das Halleluja in Händels Messias. Drüben, jenseit der Berge, im schwarzen, tiefsinnigen Bann¬ walde, der vergangenen Zeiten nachträumt, beschleichen unheimliche Gefühle den Eintretenden; Schwermuth überschleiert seine Einsam¬ keit, und der Alpengeist weht in kalter Größe an ihm vorüber. Kastanienwald . Hier, im Kastanienwalde, ist Alles genießende Gegenwart, frisches drängendes Streben, — hier frohlockt die Seele und schweift in trunkener Begeisterung den holdesten Phantasieen nach. Er liegt freilich auch in einer viel tieferen Vegetationszone als jener. Denn während der alpine Nadelhochwald sich hauptsächlich in der Region von 3000 bis 5500 Fuß ausbreitet, erreicht der alpine Kastanien¬ wald schon mit 2700 Fuß seine mittlere Gränze und kommt aus¬ nahmsweise bei Soglio im Bergell noch in der Höhe von 3500 Fuß vor. — Die schönsten Wälder dieser Art an den Alpen besitzen Piemont und Welsch-Tyrol. Außerdem ist die Kastanie durchs ganze südliche Europa verbreitet, deckt im nördlichen Griechenland große Flächen der Ebene und steigt im mittleren Hellas hoch ins Gebirge hinauf. In Spanien und Portugal überzieht sie in großen Beständen die höheren Berge oder bildet einen abschließenden Gür¬ tel unterhalb kalter Spitzen und zeigt sich als massenhafter Wald¬ baum in den Cevennen und im Limousin. Deutschland kennt sie fast nur vereinzelt als Zierde der Parkanlagen. Die Edelkastanie oder der Maronenbaum ( Fagus castanea L. oder Castanea vesca ) ist ein ächter Gebirgsbaum des Südens und nicht zu verwechseln mit der wilden oder Roßkastanie ( Aescu¬ lus Hippocastanum L. ), welche ihrer fächerförmigen Aufstellung der Blätter und daherigen dichten Belaubung halber oft zu An¬ lagen von Alleen benutzt wird. Wuchs und Holz, Blüthen, Laub und Früchte sind gänzlich verschieden von jener. — Aber je nach ihrem Standorte ändert auch die Edelkastanie den physiognomischen Ausdruck ihrer Stammform und Beastung, so daß man sie als einzelnstehenden Baum oft beinahe nicht wiedererkennt, wenn man sie zuvor nur in Waldmasse sah. Hier (im Walde) wächst der walzenförmige Schaft in männ¬ licher Kühnheit und Frische den Wolken entgegen; Muskelfülle und ausgiebige Kraft schauen aus jeder Faser. In vermittelnder Ver¬ wandtschaft steht er zwischen der straffen, kernigen Stammform der Kastanienwald . glattrindigen Buche und dem nervigen Habitus der rauh-rissigen Sommereiche. Um und um ist Race und selbstständiger Halt in der Erscheinung. So lange er jung ist, wird der Stamm von einem saftigen, drall-anschließenden Rindenkleide umschlossen, dessen olivengrünes Zellengewebe durchschimmert; durchaus ist dasselbe mit weißen, linsengroßen Punkten ( Lenticellen ) übersäet, die ihm ein jugendfrohes, heiteres Ansehen verleihen. Hat er dann die zwölf ersten Jahre seiner Kindheit zurückgelegt und eine Höhe von etwa 20 Fuß erreicht, dann bekommt er einen buntgesprenkelten Ueber¬ wurf; grünlich-grau ist der Grundton des Rindengewandes, auf dem sich helle Flecken silberfarben abheben, — täuschend ähnlich wie bei der deutschen Weißbuche. Bei beiden rührt diese Farbenver¬ änderung von Flechtenbildungen ( Verrucaria epidermidis und analepta ) her, welche in reicher Verbreitung den Stamm über¬ ziehen. Nach abermals einem Jahresdutzend tritt der Baum ins Mannesalter; die Rinde vertrocknet und mit dem Absterben der unterliegenden Safthaut-Schichten ändert sich die Farbe nochmals. Jetzt dehnt sich die Holzfülle in die Höhe und Breite, der Stamm¬ umfang nimmt bedeutend zu, die Borke reißt und Furchen durch¬ ziehen den nun dunkelgebräunten Stammpanzer. Die Ast- und Zweig-Entfaltung beginnt bei der im Walde stehenden Kastanie erst ziemlich hoch oben und greift in starken, sperrigen Linien weit umher energisch aus, so daß die Nachbar¬ bäume in einander überragend, bei reicher Belaubung, ein dichtes Blätterdach wölben. Dämmerig wie in unseren kompakten Nadel¬ forsten, gewährt der Kastanienwald in den drückend heißen Som¬ mermonaten eine heimlich kühle Zufluchtsstätte. Man bedarf solcher in den kleinen südlichen Alpthälern. Die Sohle derselben ist oft überraschend schmal; nur der holperige, allen gegebenen Kurven sich sklavisch anschmiegende Weg und der krystallklare, wellen¬ hüpfende Bergbach haben Raum nebeneinander, dann gehts auf beiden Seiten ziemlich steil in die Höhe. In diese schluchtartigen Berlepsch , die Alpen. 8 Kastanienwald . Einschnitte lagert sich die volle Wucht der Sonnenstrahlen und er¬ hitzt die Felsenwände oft in hohem Grade. Kein Dorf, kein Wei¬ ler, kein Hof liegt unten im Thale, alle droben an den prächtig grünen Berghängen. Dort componirt sich, namentlich an der Ab¬ dachung der Monte-Rosa-Gruppe, jede einzelne Ortschaft aus einer Menge kleiner zerstreuter Gemeinden ( cantoni ), die aus großen respektabelen Steinhäusern im italienischen Styl, je mit einer Ka¬ pelle, bestehen. Aber man kann viele derselben kaum sehen, weil sie in den Wipfelwald der Kastanien verhüllt sind. Ein reizend¬ idyllisches Bild dieser Art stellt z. B. das Dorf Rossa im Sesia- Thale dar, wo der vielleicht prächtigste Kastanienwald der ganzen südlichen Alpen-Abdachung steht. Diese Hochlage der Dörfer giebt den Monte-Rosa-Thälern in Piemont ein durchaus von dem Cha¬ rakter der nördlichen Alpthäler abweichendes Ansehen. Bei dem Schmuck, den ihnen die diamantklaren, mit leicht grünlichem An¬ hauch gleichsam schillernden Bergbäche und die durch dieselben ge¬ bildeten krystallhellen Wasserbecken verleihen, würden diese Thäler die schönsten der ganzen Alpenwelt sein, wenn ihre Berge nach der Höhe zu farbiger und formenreicher wären. Aber nicht selten gehen sie in eine fast trostlose Monotonie über, die ganz besonders in den Grajischen Alpen vorherrscht. Nicht allenthalben stehen die Bäume so dicht. Früher z. B. bedeckte den Monte Cenere, über welchen die sehr frequente Land¬ straße von Bellinzona nach Lugano führt, ein dichter Kastanien¬ wald; da sich aber viel Raubgesindel und Wegelagerer in demsel¬ ben aufhielt, so lichtete man ihn bedeutend. Hierdurch gewannen die Bäume an Licht und Raum und dehnen jetzt ihre Astkuppeln ungemein wohlig aus. Ganz anders präsentirt sich der frei und einzelnstehende Baum. Im ersten Blicke gleicht er in dem übermüthigen, trotzigen Umsich¬ zacken der Prinzipal-Aeste, in der breitspurigen, knotig-positiven Kon¬ stitution des kurzen, vierschrötigen Stammklotzes, in der warzig¬ Kastanienwald . vernarbten Rinde, kurz im ganzen Holzaufbau, der deutschen Winter¬ eiche wie ein Spiegelbild. Eben so wie bei dieser giebt es Stämme von gewaltigem Umfang. Solche von 20 bis 30 Fuß Circumferenz sind nicht selten; im Val Misocco steht einer, der 3 Fuß ob dem Boden 32 Fuß mißt. Der berühmteste Baum ist bekanntlich jener am Aetna, „Castagno di cento cavalli“ genannt, dessen Umfang 180 Fuß beträgt. Da aber seine Höhe in durchaus keinem Ver¬ hältniß zu seiner Breiten-Wölbung steht, so erscheint er in einiger Entfernung eher wie ein riesenhafter Busch. In der That zeigt er auch nicht einen massiven Stamm, sondern eine Gruppe von fünf Ast-Kolossen, die aus einem jetzt unter der Erde verborgenen Stamm-Fundamente ausgehen. Die Edel-Kastanie ist in ihrer Ausschlagsfähigkeit und Re¬ produktionskraft außerordentlich; sie gehört zu den zäh-lebigsten Bäumen. Stämme, hohl wie die gespenstiger, alter Weiden, in denen einige Männer bequem wie in, einem Pavillon Platz haben würden (improvisirte Schilderhäuser der Landschaft), — ja sogar solche, in denen der caprajo (Ziegenhirt) sein Feuer anzuzünden pflegt, um ein armselig Gericht Polenta darüber zu bereiten, — Stämme, deren innere Wandflächen schwarz verkohlt sind, — grü¬ nen frisch und fröhlich in den Laubkronen. Ein oft nur wenige Fuß breiter Rinde-streifen mit seinen Splintzellen, der sich an dem fast völlig entrindeten Stamm emporzieht, bringt dem Gipfel hin¬ reichende Nahrung zu. In ebenmäßiger Uebereinstimmung mit der noblen männlichen Haltung des Stammes, seiner formstolzen Kuppelbildung und dem ausgedehnten Astumfange steht auch die charakteristische Zeichnung des Laubes. Die länglich-lanzettförmigen Blätter strotzen von Eigenwillen und selbstherrlichem Ausdruck. Lebhaft würden sie an das antike Attribut des Sänger-Preises, an das edelgeformte Lor¬ beerblatt erinnern, wenn sie zu den harmlosen friedlichen Laubge¬ stalten gehörten; aber als Kinder ihres stolzen Hochaufstrebenden 8* Kastanienwald . Vaters strömt auch dessen ritterliches Blut in ihren Adern. Rundum am Rande strecken sie, als Enden der Blattrippen, scharfe, leicht¬ gekrümmte Stachelspitzen hinaus, die jedes Blatt keck waffnen und ihm ein durch und durch energisches Ansehen verleihen. Fest und dauerkräftig, zäh und solid ist das ganze derbe Zellengewebe, glatt und glänzend die frische tiefgrüne Oberfläche jedes Blattes. Darf sich der Baum in seinem ganzen zuversichtlichen Wesen, in seiner heroischen Architektur, dreist mit dem Urbilde der Kraft und Stärke, mit der deutschen Eiche, auf gleiche Linie stellen, so darf es nicht weniger das Blatt in seiner freien Naturwüchsigkeit. Eben so appart und eigenförmig wie Stamm und Belaubung sind endlich auch die Früchte und ihre Hülle. Unter unseren euro¬ päischen Pflanzen giebt es keine, welche ihre Samen in solche dicht, mit langen, ungemein spitzen Nadeln bewaffnete Hülsen ein¬ schließt. Die Frucht der wilden oder Roß-Kastanie hat auch eine ähnliche, mit scharfen Dornen besetzte äußere Schale, aber die Dor¬ nen sind kurz, stehen weit auseinander und erinnern höchstens an die Gestalt der mittelalterlichen Morgenstern-Waffe. Die Hülle der Marone oder eßbaren Kastanie, (die im October reift), ist ein zu Schutz und Trutz gewaffnetes Noli me tangere, eine unantastbare Stachelkugel, das vollendet ähnliche Miniatur-Ebenbild eines zusam¬ mengerollten Igels oder afrikanischen Stachelschweines. Würde dieselbe beim Ausreifen nicht von selbst in drei Theile zerplatzen, ähnlich wie die Becher der Buchnüßchen, so möchte es schwer hal¬ ten, die Kastanie aus ihrer dornumpanzerten Feste zu gewinnen. Bekanntlich bildet sie bei den niederen Volksklassen des südlichen Europa während der Wintermonate ein Hauptnahrungsmittel, das die Stelle des Brodes vertreten muß; seit der immer mehr in Auf¬ nahme kommenden Kultur der Kartoffel scheint indessen der Werth der Kastanie abzunehmen. In Italien ist „Chatigna“, ein mit Salzwasser aus dem Mehl der Marone bereiteter Brei, noch in vie¬ len Gegenden tägliches Tischgericht; — im Tessin ißt man die Frucht Kastanienwald . sowohl gesotten, „Farud“ als auch auf dem Rost gebraten, „Brasch.“ Vorsichtig gedörrt kann man sie beinahe ein ganzes Jahr lang aufheben. Ein großer tragkräftiger Baum mag in günstigen Jah¬ ren fünf Centner Früchte liefern. Die Ernte der Insel Korsika allein wird jährlich auf hunderttausend Kronen geschätzt. — Im Bergell, wo bei Soglio und weiter draußen auf der Schuttfläche des durch den Bergsturz von 1618 begrabenen Dorfes Plurs ganze Waldungen stehen, hat man ein Sprüchwort: „Quantas moscas, tantas castanies“, welches sagen soll, so viel Fliegen ein feucht¬ heißer Sommer bringt, eben so viel Kastanien liefert die gleiche Jahresernte. Der soeben erwähnte Standort bei Soglio ist um deswillen besonders interessant, weil hier die, an das kalte, schneeluftige Klima der eigentlichen Alpenregion gebundene Arve ( Pinus cembra ) ihre Zapfen mit den süßen eßbaren Zirbelnüßchen unmittelbar neben der Kastanie reift, und beide Bäume gesellschaftliche Wald¬ komplexe, der „Branten“ genannt, bilden. Aber auch nach ihrem Tode, nachdem sie aufgehört hat, als schönster Laub-Baum des Südens die Landschaft festlich und lebens¬ voll zu schmücken und durch ihre Früchte zu ernähren, zeigt sich die Kastanie im Werthe ihres Holzes noch als edle, hervorragende Pflanze. Denn dieses steht an Festigkeit, Ausdauer und Solidität dem der Eiche unmittelbar zur Seite, und würde, da seine Jahres¬ ringe durch weitwandige Gränzröhren wie bei der Eiche auffallend von einander geschieden sind, selbst in seinen physikalischen Eigen¬ schaften dem Eichenholze völlig gleichstehen, wenn ihm nicht die charakteristischen, großen Markstrahlen gänzlich fehlten. — Die Meer-gebietende Dogenstadt Venedig, das reiche lachende Genua, die gewaltigen Werfte Englands bauten ihre riesigen Dreimaster, ihre gewaltigen Kauffahrtei- und Kriegsschiffe aus Kastanienholz, weil es von Würmern und den zerstörenden Bohrmuscheln (Phola¬ den) nicht angegriffen wird. Die mächtigen Balkengelüste der Kastanienwald . prächtigen Westminster-Halle in London, welche der verschwende¬ rische Richard II. von England gegen das Ende des 14. Jahr¬ hunderts erbauen ließ, — die Dachgebälke vieler der herrlichsten gothischen Kathedralen Frankreichs und Spaniens bestehen aus dem Holze unseres vortrefflichen Baumes, und sind noch heute so trag¬ kräftig und unversehrt als vor 500 Jahren. — Schon vom leben¬ den Baume wird behauptet, daß er weder dem Insektenfraß noch sonst irgend einer Krankheit ausgesetzt sei, als dem Hohlwerden im Alter. Aber ein gefürchtetes Thier birgt sich vorzugsweise gern unter seinen Wurzeln, nämlich der gemeine Skorpion ( Scorpio europaeus ). Die Italiener, welche mit dem s. g. Skorpionöl (das gegen den Stich giftiger Fliegen, Wespen und Bienen gut sein soll) noch bisweilen im Lande umherziehen, fangen die zur Berei¬ tung dieses Oeles nöthigen Skorpionen durch Ausgraben der Erde unter Kastanienwurzeln. Aus den jungen Zweigen werden sehr dauerhafte, spannscharfe Faßreife gefertiget, wie denn auch Fässer, deren Dauben aus Kästenholz gespalten wurden, beinahe unverwüstlich sein und den Wein trefflich konserviren sollen. Als Brennholz dagegen hat die Edel-Kastanie durchaus keinen Werth; die Scheite glimmen nur, ohne besondere Hitzkraft. So wächst und schmückt, so nutzt und vergeht des südlichen Alplandes schönster Laub-Baum. In dieses Waldes leisem Rauschen Ist mir, als hört' ich Kunde wehn, Daß alles Sterben und Vergehn Nur heimlich-still vergnügtes Tauschen. Eine Nebel-Novelle . Aus dem reizendsten Winkel des Genfer-Sees bei Montreux und Chillon führen zwei Wege übers Gebirge in den Kanton Bern und ins Saane-Thal. Der eine derselben, la Tinière, ist steinig, unwegsam und minder begangen, während der Pfad über den „Jaman“ bequem, ziemlich belebt und leicht zu finden ist. Man glaube indessen nicht, daß diese beiden Gebirgswege eigentliche „Pässe“ seien, wie sie in den Hochalpen-Kantonen Glarus, Uri, Graubünden und Wallis vorkommen, oder wie sie im Chamouny über die bekannten „Cols“ führen; ihre Scheitelhöhe erreicht nir¬ gends 4700 Fuß über dem Meeresspiegel, und der Weg über den Jaman bietet mindestens alle halbe Stunden eine menschliche Wohnung. Bei heiterem Wetter gewährt dieser Bergübergang unvergleich¬ lich schöne Rückblicke auf den See und seine reiche, malerische Uferscenerie; überraschen den Wanderer jedoch Nebel und Nacht auf diesen Höhen, dann sind Weg und Steg ungeheuerlich wie überall im Gebirge, und wehe dem, der keinen Führer hat oder vom rechten Wege abirrt. Eine Nebel-Novelle . Bei drückender Mittagswärme hatte ich am 15. September 1852 Vevey verlassen und schlenderte unentschlossen längs dem See die Straße hinab. Schon oft hatte mich die einsamstehende Felszacke der Dent de Jaman von Weitem freundlich winkend zu einem Besuche eingeladen, aber so oft ich auf dem Dampfschiff an ihr vorüberfuhr, lag sie außerhalb meiner Reiseroute. Heute kam mir die „Dent“ in meinem „Wohin-Zweifel“ ganz gelegen, und vor Clarens links vom Wege abbiegend, vor mir die hohe Naye, stieg ich zwischen Weinbergen gegen Chailly und Chernex empor. Immer freier und prachtvoller entfaltet sich die große, umfassende Rundschau, je höher man steigt. Es ist ein Bild, das in seinem Reichthum an hoher Majestät und idyllischer Einfachheit, an Far¬ benpracht und Formenfülle bei völliger Harmonie der Gegensätze seines Gleichen im ganzen, weiten Alpenlande sucht. Der Himmel hatte allgemach eine mißliche Färbung angenom¬ men, bleigrau und eintönig dehnte er sich über die prachtvolle Landschaft aus und die Sonne schien mattgelb und schläfrig hin¬ ein. Ein deutscher Professor, der mit seinen Zöglingen über den Col de Jaman herabkam, empfahl mir das Bergwirthshaus „En avant“ bei Mr. Dufour, und sein wie ein Lastpferd mit Taschen, Nachtsäcken, Tornistern und Botanisirbüchsen bepackter Führer meinte: „da hätte ich die beste Gelegenheit, den Regen abzu¬ warten.“ — Verdrießlich überrascht sah ich dem halb lachend, halb keuchend forttrabenden Lastträger nach, und ein fragender Blick hinauf zur Sonne, die gläsern, fast strahlenlos hinter der, von wässerigen Dünsten erfüllten Atmosphäre stand, so wie unheimliches, schmutzig¬ graues Gewölk an der Dent du Midi schienen mir leider die un¬ erwartete Wahrheit des Wetterpropheten zu bestätigen. Umkehren war von jeher meine Passion nicht, selbst in Fällen, wo mein Ortssinn mir sagte, daß ich auf falschem Wege sei. Darum galt es jetzt einen Schritt zuzulegen. Rascher, als ich gehofft, kam ich Eine Nebel-Novelle . zu der freundlichen Hüttenkolonie. Die Bauern von Montreux, denen die umliegenden fetten Bergwiesen gehören, waren hier oben, um ihr Oehmd (Grummet, zweites Heu) einzuheimsen. Da geht es denn bei Mr. Dufour lebendiger her als sonst, besonders am Abend. Kaum hatte ich bei einer Flasche trefflichen Waadtländer Wei¬ nes eine halbe Stunde gerastet, als einer der Bergbauern mit der tröstlichen Nachricht eintrat: „ y pliau “ (es regnet). Also der Professoren-Führer hatte doch recht gehabt. Dieser Pliau verdich¬ tete sich aber zusehends, und mit dem raschen Eintritt der Däm¬ merung schienen alle Schleusen der himmlischen Bäche gezogen zu sein. — Abendbrod, — Gute Nacht, — zu Bett! — war das einzige Rettungsmittel gegen den im Anmarsch begriffenen Unmuth. Morgen kanns ja besser sein. Gegen Morgen, als ich erwachte: O weh! Fortsetzung vom vorigen Abend. Das Rieseln der Wasserfäden über die gesättig¬ ten, glänzenden Dachziegeln in die erklingende Blechrinne, und das plätschernde Abtröpfeln der Traufe aufs Pflaster hat gleich jedem anderen monotonen Geräusch eine magnetisch einschläfernde Kraft. — Auch ich erlag ihren Einwirkungen. Nach 9 Uhr er¬ wachte ich zum zweiten Mal. Ein Blick durchs Fenster, — Ne¬ bel und dichter Regen! Von der Gegend waren nur die näher gelegenen Partieen sichtbar! Drunten, nach dem See zu, der sonst so reizende Einblick, war dicht verschleiert durch graue, tiefhängende Wolken. Die Tagesparole: Hierbleiben und in Geduld Abwarten! diktirte sich von selbst. Ich hatte tausend Prozent vor jedem ähnlichen Unfall, wenn er mir zum Beispiel in einer, von aller Welt abgeschnittenen, ein¬ samen Alpenhütte begegnet wäre, voraus; denn Mr. Dufours Wohnung war ein ganz ordentliches Häuschen, das genugsam ge¬ gen die Unbilden der Witterung schützte, und das Bett in meinem Eine Nebel-Novelle . weißgetünchten Kämmerlein, obwohl hart, war immerhin besser als ein feuchtes Alp-Heulager. Ueberall, wo man sich gegenseitig durch das Mittel der Sprache verständigen kann, findet der nach Unterhaltung sich sehnende Rei¬ sende selbst beim einseitigsten und trockensten Gesellschafter irgend ein Hinterpförtchen, um ihn aus der Verschanzung des nüchternen Ja und Nein hinaus auf das Feld der Gedanken-Aeußerung zu drängen, und dort läßt sich von einem Jeden, und wäre es der ungebildetste Bauer, immer noch Etwas lernen. Aber auch dieses bescheidene Mittel hört auf, wenn man sich nicht gegenseitig ver¬ ständigen kann. So ging's auch mir. In meinen Schuljahren waren mir die Stunden des französischen Sprachunterrichtes immer die langweiligsten, und ich wäre hier gänzlich trostlos daran ge¬ wesen, wenn mich in späteren Jahren nicht die Nothwendigkeit ge¬ zwungen hätte, das in der Jugend Versäumte nachzuholen. Jetzt sprach ich nun zwar grammatikalisch Französisch, und die Wirthin, so wie einige der anwesenden Bauern, verstanden mich wohl, — aber ich verstand ihr verschwimmend romanisch-französisches Patois nur unzusammenhängend, meist halb errathend. Dieses Hinderniß mußte überwunden werden; mit einer wahren Sündfluth von „comment s'appelle cela?“ und „qu'est cela“? begann ich mir ein Vokabularium anzulegen. Das führte denn zu einem höchst komischen Vorfall. Zur Erlustigung sämmtlicher Gäste, die eben¬ falls wie ich an der Langeweile litten, begann ich nämlich Schule zu halten, aber in umgekehrtem Verhältniß, das heißt so, daß ich, der ich einziger Schüler, war und acht oder zehn trinkende und rauchende Lehrer um mich sitzen hatte, diesen meine Fragen vor¬ legte und Alle, wie aus einem Munde, mich beantwortend unterrich¬ teten. Da gabs denn tüchtig zu lachen. Ein paar Maß des schon erwähnten Yvorner Weines, der hier spottbillig ist, unter¬ stützten meine wißbegierigen Bestrebungen, und in meinem Tage¬ buche füllte sich Seite um Seite. Dieser Spaß vertrieb uns Eine Nebel-Novelle . einige Stunden Zeit, dann verlor er nach und nach seine Spann¬ kraft, und draußen lief, nach wie vor, das nasse Einerlei vom Himmel hernieder. Wie begonnen, so endete der Tag, und auch, die zweite Nacht. Der dritte Morgen brachte abermals Nebel und Regen in Strömen. Jetzt fing die Geschichte an ernstlich langweilig zu werden. Abermals war Mittag vorüber. Während ich, mit den Fin¬ gern am Fenster trommelnd, gedankenlos in die große General¬ wäsche der Natur hinausschaue, kommen zwei junge kräftige Män¬ ner, der eine bedeutend größer und breitschulteriger als der andere, gegen das Wirthshaus heraufgewandert, — so gründlich und vollständig durchnäßt, daß sie nicht nasser werden konnten. Die Hüttenkolonisten, meine Freunde und Lehrer von gestern, kannte ich sämmtlich; — dies waren neue Gesichter, — Grund genug, mein Interesse an ihrer Person, ihrem Erscheinen zu erhöhen. Woher? Wohin? Hierbleiben oder Weiterwandern? Fremd oder Einheimisch? fragte ich mich selbst mit Neugierde, denn ein Kom¬ men unter solchen Umständen war ein Ereigniß, mußte irgend einen triftigen Grund bei diesem triefenden Regen haben. Der Eine, Größere, ging geraden Schrittes auf den vor dem Hause stehenden Brunnentrog und seine immerwährend laufende Röhre zu, begann Stock und Schirm abzulegen, überhaupt zu irgend einem Geschäft sich anzuschicken. Was? auch noch waschen? bei dieser exemplarischen Durchnässung, wo der ganze Körper schon einem unfreiwilligen Vollbade seit geraumer Zeit ausgesetzt sein mußte? Das schien mir Luxus zu sein. Jetzt zog er seine dicken, schweren, rindsledernen Schuhe aus, hielt dieselben unter den lau¬ fenden Wasserstrahl und schwenkte sie zwei, drei Mal aus, wie man ein unreinliches Glas säubert; er hatte Sand und kleine Kiesel drin gehabt. Diese Abhilfe war mir ein wenig allzu radikal, so konnte nur ein Naturmensch handeln, der mit Wind und Wetter auf Du und Du steht. Eine Nebel - Novelle . Wie Beide eingetreten waren, hörte ich zu meinem nicht ge¬ ringen Erstaunen, daß sie über den Paß Plan de Jaman wollten. „Bei diesem Wetter?“ fragte ich überrascht. — „Warum nicht?“ war die Antwort. — „Oho!?“ strammte sich das Ehrgefühl in mir an, „was Ihr könnt, ist auch mir möglich. Also im Ernst über Plan de Jaman?“ — „Ja, Herr! nach Montbovon!“ war die deutsche Antwort des Großen, eines Berner Oberländer Burschen aus dem Simmenthal, dem die Wirthin gesagt, daß ich ein Rei¬ sender aus der deutschen Schweiz sei. „Wollt Ihr mein Führer sein?“ — „Gern, Herr!“ entgegnete er freundlich, während seine großen treuen Augen mein Vertrauen in ihn bestärkten; „geben Sie mir nur Ihren Reisesack, ich will ihn schon tragen, hab' schon oft mit fremden Herren über die Berge gehen müssen!“ — Topp! Abgemacht. Zeche bezahlt, Alles in die noch friedlich¬ trockene Seehundfell-Tasche wohl verwahrt gepackt, auch mein Porte¬ feuille mit Paß und Papiergeld; den Alpstock zur Hand, und nun „B'hüt di Gott, Herr Wirth, Frau Wirthin, liebe Nachbarn!“ — Fort, hinaus! in Nebel und strömenden Regen. In den ersten zehn Minuten war ich hinsichtlich des Durch¬ näßtseins meinen beiden Begleitern völlig ebenbürtig. Durch Wald gings bergauf. Durch die Runsen, in den Hohlwegen und wo sonst nur irgend eine Einsenkung an der Abdachung des Berges war, kam das Wildwasser herabgeschossen mit jagender Hast, in überstürzender Eile. Alle paar hundert Schritte mußten wir durch diese improvisirten Bäche schreiten, einige Male auf Schußlänge in denselben marschiren. Es währte nicht lange, so hätte auch ich Mr. Dufours Brunnen brauchen können, um meine Schuhe von lästigem Sande zu säubern, den das strömende Wasser mir hinein¬ gespült hatte. Alles das, was mich im trockenen, schützenden Wirthsstübchen als so außerordentlich überrascht hatte, machte ich jetzt selbst ganz resignirt, — oder nicht einmal resignirt, sondern in freudiger Stimmung mit. Eine Nebel-Novelle . Nach ungefähr dreiviertelstündigem Steigen waren wir auf der Höhe des Col; uns zur Rechten der verwitterte Felszahn des Jaman, schwarzgrau und geisterhaft aus dem schweren Nebelmantel hervorschauend. Hier, wo sonst bei hellem Wetter jene bezaubernd schöne Aussicht sich entfaltet, die als die prächtigste am ganzen Leman gilt, standen wir in kalter Zugluft, im überströmenden Re¬ gen, eingehüllt in ein trübes, unheimliches Dunstmeer, das nur da und dort sich massiger, schwerer zusammenballte, während an ande¬ ren Stellen die Nebel vom Winde zerrissen, in gestreckten, phan¬ tastischen Formen und Gebilden, wie Nachzügler des wilden Heeres, vorüberjagten. — Der kurze Alpenrasen war durch den Regen un¬ gemein glatt und schlüpfrig geworden, so daß auf ihm, wo der Weg sich senkte, nicht wohl mit festem und sicherm Tritt zu gehen war. Von eigentlichen Wegen kann indeß, wie überall auf einer Alpweide, nicht füglich die Rede sein; da laufen Hunderte schein¬ barer Pfade, d. h. langer Linien, welche die Rasen- und Pflanzen¬ decke des Bodens durchschneiden, und wo entweder das nackte Ge¬ stein zu Tage tritt, oder geröllähnliches Steingebröckel den Weg zu bilden scheint, — hunderte solcher Pfade laufen nebeneinander her, durchkreuzen sich, brechen ab und gestalten, zumal im Nebel, ein Labyrinth, das Jeden, der mit der Gegend nicht ganz wohl be¬ kannt und sicher vertraut ist, leicht ihre führen kann. Mein Simmenthaler Führer ließ eine lange Reihe heller, ju¬ belnder Jauchzer ertönen, trotz Nässe der Kleider und Ungunst des Wetters. Das ist ächt sennenmäßig. Seine Jodler wurden be¬ antwortet von mehren Seiten her, — aber von wem? konnten wir nicht sehen; aus dem Nebel kamen die Antworten. Raschen Schrittes gings bergab; mitunter im beflügelten Ba¬ lancirschritt, mitunter halbgleitend, so daß der Alpstock fast diesel¬ ben Dienste leisten mußte, wie wenn man über ein flachabschüssiges Firnfeld hinabgleitet. Es währte nicht lange, so kamen wir bei einer großen reinlichen Alphütte an. Wir waren auf Freiburger Eine Nebel-Novelle . Gebiet. Hier schied unser Drittmann von uns, und dies gab Ver¬ anlassung in die Sennerei einzukehren, um ein Wenig zu rasten. Diese hier versäumte halbe Stunde am erwärmenden, helllodernden Feuer wurde Ursache eines Abenteuers, das selbst in der Rück¬ erinnerung mir jedesmal neue Schrecken bereitet. Als wir nämlich die Hütte selbander verließen, hatte der Ne¬ bel sich so gewaltig verdichtet, daß wir buchstäblich uns kaum er¬ kennen konnten, wenn wir nicht unmittelbar Schulter an Schulter standen; auf doppelte Schrittlänge waren selbst nicht einmal die Umrisse einer menschlichen Gestalt zu erkennen. Dieser Umstand bedingte es, die gespannteste Aufmerksamkeit dem zu verfolgenden Pfade zu widmen und die Sorge um den rechten Weg, so wie der ungewöhnliche Kraftaufwand, um nicht auszugleiten, versetzte uns trotz der schneidend kalten, regenerfüllten Luft in solche Transspira¬ tion, daß wir Beide nicht weniger schwitzten, als wie man in der Mittagssonnengluth eines heißen schwülen Julitages beim Bergan¬ steigen zu schwitzen pflegt. Mehrmals zeigte es sich, daß wir nicht ganz genau die rechte Richtung inne gehabt hatten, als es galt, Häge und trennende Einfriedigungen zu übersteigen, wie sie allent¬ halben in den untern Staffeln, Maiensäßen oder Heubergen der Alpen vorkommen. Ein paar Dutzend Schritte rechts oder links, — und wir hatten immer den rechten Pfad wiedergefunden, der durch ein Gatterthor lief oder, wie dies noch öfter vorkommt, durch große treppenförmig gelegte Steine bezeichnet ist, welche es ermög¬ lichen, das Knüppelflechtwerk rittlings zu übersteigen. So gings eine geraume Zeit fort. Wir hatten das Wirthshaus En allières nicht betreten, in Rücksicht der früheinbrechenden Nacht, denn schon begann es entschieden zu dunkeln. Jetzt galt es, wieder über einen ziemlich hohen Hag zu steigen, und unserer bisher als zweckmäßig sich erwiesenen Praxis gemäß, gingen wir längs desselben, um den Durchschnittspunkt zu entdecken; rechts ging es sanft geneigt bergab, links stieg es. Wir suchten, aber vergebens. Es handelte sich Eine Rebell-Novelle . hier weniger darum, bequem über den Zaun zu kommen, als durch Auffindung des gewöhnlichen Ueberganges uns des rechten Weges zu versichern, welcher, nach der wiederholten Aussage meines Füh¬ rers, dann gar nicht mehr zu verfehlen sei, wenn wir ungefähr noch zehn Minuten hinter uns hätten. Durch das wiederholte Hin- und Hergehen an dem Hag hatten wir auch den Punkt verloren, wo wir zuerst angelangt waren, und die Nacht rückte immer ent¬ schiedener heran, je mehr Zeit wir mit Suchen versäumten. Noch¬ mals eine tüchtige Strecke links bergan! aber keine Spur dessen, was wir suchten; wiederum rechts bergab durch den dunkelgrauen Nebel, und zwar im beeilten Avancirschritt, aber eben so vergeb¬ lich; noch weiter hinab, — es fing an steil und sehr abschüssig zu werden, — immer nichts. Mein Führer, dem das Ding selbst nicht gleichgültig war, entsandte einige Hilfssignale in Form lang¬ angehaltener helljohlender Jauchzer; — aber keine Antwort. Er wiederholte seine Anstrengungen aus einer anderen Tonart, mit einem Aufwand aller seiner jodelnden Liebenswürdigkeit, so alpin, als ob er in der übermüthigsten allerheitersten Seelenstimmung sei, aber eben so vergeblich als vorher. Trotzdem, daß mir unsere Lage selbst einige Besorgniß zu erwecken anfing, konnte ich dennoch das Lachen nicht unterdrücken über diese von der Verlegenheit und Angst erpreßte, gezwungene Heiterkeit. Was nun thun? „Bergab müssen wir noch, nicht wahr?“ — „Ja wohl, Herr! nach meiner Berechnung ists keine Viertelstunde mehr bis zum Hongrinbach, über den eine Brücke führt, und da ists ein breiter durch den Wald führender Weg!“ — „Gut! also nicht lange be¬ sonnen! wir durchbrechen den Hag, halten uns, indem wir bergab steigen, weder allzu links, noch allzu rechts, und wenn wir am Hon¬ grinbache ankommen, folgen wir dem Laufe desselben so lange, bis er uns zum Brückli führt! Meinet Ihr nicht auch?“ — Nach einiger Zögerung willigte mein Führer in diesen Vorschlag, als das unter den obwaltenden Umständen einzige Mittel, um zum Eine Nebel-Novelle . Ziele zu gelangen. Gesagt, gethan. Immer abschüssiger wurde unser Terrain, immer schwarzgrauer wurden Nebel und Nacht, im¬ mer unbehaglicher unsere Stimmung in der warmdunstenden, am Körper enganschließenden nassen Kleidung, — und Regen floß, — ach! fortwährend in überreichlichem Maße. Wir mochten wohl wieder eine Viertelstunde oder auch nicht so lange gerutscht, geklettert, überhaupt weiter gekommen sein, als wir durch ein brausendes Geräusch wahrzunehmen glaubten, am Hongrinbache angelangt zu sein. Aber da gings steil wie über ein Kirchendach hinunter. Mehre Versuche zeigten, daß wir uns besser rechts halten mußten. Also wieder in dieser Richtung vor¬ wärts. Der Nebel hatte sich ein wenig gehoben, so daß wir, so weit es die Nacht zuließ, die Gegenstände in unserer näheren Um¬ gebung unterscheiden konnten. Noch ein paar Dutzend Schritte, und hell leuchtete der weiße Schaum des jagenden Gewässers durch die Dunkelheit zu uns herauf. Jetzt galt es, längs des Gebirgs¬ baches so lange fortzuklettern, bis wir zur Hongrinbrücke gelangen würden. Unter außergewöhnlichen Anstrengungen, durch wildes Gestrüpp und dorniges Gesträuch, das die Haut blutig ritzte und die Kleider zerfetzte, arbeiteten wir uns mühsam durch. Oft war das Terrain so jäh, daß wir bei jedem Schritt fürchten mußten, in den Strom zu stürzen oder den Hals zu brechen. Darum son¬ dirte mein Führer stets vorher mit dem Stock, wie weit wir trauen durften, denn sehen konnten wir kaum, wohin wir traten. Nach einer unter solchen Hindernissen zurückgelegten tüchtigen Strecke war uns plötzlich das Weiterkommen aufs Neue abgeschnitten; denn links herab, in einer Runse, schäumte ein Wildwasser, meiner Berechnung nach 6 bis 8 Schritt breit, welches sich in den Hongrin¬ bach ergoß. Wollten wir nicht wieder den eben unter unsäglichen Mühen überwundenen Abhang hinaufklimmen, um droben nicht um ein Haarbreit weiter oder besser daran zu sein als hier, so blieb uns nichts Anderes übrig, als das schießende Wasser zu Eine Nebel-Novelle . durchwaten. Deß wurden wir einig. Ich faßte meinen Führer fest in den Arm, Beide stemmten wir unsere Stöcke gegen die reißenden Schaumwellen, und so traten wir unsere Wanderung an. Das Wasser ging uns bis an die Kniee, und unter den Füßen rollten uns die großen Kiesel hinweg, daß es galt, den Fuß zu jedem neuen Schritt recht fest zu setzen. Rechts mußte ein Wasser¬ fall oder Aehnliches sein, denn da tobte es mit ohrenbetäubendem Geräusch hinab, — sehen konnten wir die Ursache nicht. Weiß der Himmel, welch unseliger Einfall, oder welcher Um¬ stand plötzlich meinen Führer veranlassen mochte, sich aus meinem Arm loszumachen (er ging mir zur Rechten) — genug, eine Be¬ wegung, ein Fehltritt, — ein Schrei, — und verschwunden war er. Wie ich vollends hinübergekommen bin, kann ich nicht mehr sagen. War es der Schrecken, das Entsetzen, was mir ungewöhn¬ liche Kraft und Sicherheit des Schrittes gab, — war es Glück, oder war die Stelle, welche ich noch zu durchwaten gehabt, minder gefährlich, — ich weiß es nicht. Nur das weiß ich, daß ich drü¬ ben am anderen Ufer an nacktem Wurzelwerk, an Baum-Aesten, durch verworrenes Gesträuch mich aus dem Wasser mit drängender Hast herausarbeitete und in peinlicher Seelenangst längs demselben, schreiend, mit dem langen Alpenstocke in das Wasser hineintastend, fortkletterte. Wie ich vermuthet, so bestätigte es sich; ein 6 bis 8 Fuß hoher Wasserfall war es, über welchen mein Führer hinab¬ stürzte. Meine Lage war in der That quälend. Ziemlich ermattet, durch und durch naß, sehr hungernd, eine ganze, lange, raben¬ schwarze Nacht im strömenden Regen, in völlig unbekannter Gegend vor mir und — ein Menschenleben — entweder verloren oder in größter Gefahr umzukommen! Ueberdies hatte der verunglückte Führer meine Tasche auf dem Rücken, in welcher, nebst Wäsche und anderem Nothbedarf, meine Papiere und Gelder sich befanden. Ich rief, ich schrie aufs Neue in das donnernde Gepolter hinein, ich stieß mit dem Alpenstock in die wildschäumende Fluth, kurz ich ver¬ Berlepsch , die Alpen. 9 Eine Nebel-Novelle . suchte Alles, was mir die augenblickliche Verzweiflung eingab, — aber vergeblich! — Schon wollte ich, abgespannt und heiser, meine Rettungsver¬ suche aufgeben, als ich plötzlich meinen Stock am Ende erfaßt fühle. Wie ein elektrischer Schlag durchzuckte es mich; ich rufe aufs Neue, ziehe — und siehe da! vor mir taucht aus der Tiefe eine menschliche Gestalt auf, — mein Führer, der besinnungslos, dem Tode des Ertrinkens nahe, wie es scheint, durch irgend einen im Bett dieser Runse liegenden Felsenblock aufgehalten, minuten¬ lang (ob ganz unter dem Wasser oder mit dem Kopfe über dem¬ selben, wußte er selbst nicht) dagelegen und durch mein Schreien und Stoßen zur Besinnung geweckt worden war. Zwei leibliche Brüder, die nach Jahre langer Trennung sich wiederfinden, kön¬ nen einander nicht herzlicher umarmen, als mein Führer mich und ich ihn. Er blutete stark am Hinterkopfe und vermochte nicht fest aufzutreten, weil er sich einen Fuß bös verstaucht hatte. Nachdem wir sitzend gerastet und berathschlagt hatten, was nun zu thun sei, (später als Abends 7 Uhr konnte es unmöglich sein) stolperten und hinkten wir mit halb zerrissenen Kleidern, sehr ermattet und wolfsartig hungernd weiter, mit dem festen Vorsatz, die erste Hütte, die wir finden würden, zu unserem Nachtlager zu erobern — mit oder ohne Zustimmung des Besitzers — gleichviel. Und siehe, das Geschick war uns günstig. Es währte nicht lange, so tauchte in der Dunkelheit der Nacht der Giebel irgend eines Gebäudes vor uns auf, und um die Ecke desselben biegend, leuchteten uns plötzlich zwei helle Fenster entgegen. Hurrah! Land! Licht! Menschen! Zu solchen Abenteuern kann dem Wanderer im Gebirge der Nebel verhelfen. Nebelbilder . — — — Und unter den Füßen ein nebliges Meer, Erkennt er die Städte der Menschen nicht mehr: Durch den Riß nur der Wolken Erblickt er die Welt, Tief unter den Wassern Das grünende Feld. Schiller . Ein so heimtückischer und boshafter Schleicher der Nebel auch im Gebirge ist, der schon manchen handfesten Aelpler auf den Todespfad führte und fröhlichen, nach Aussicht schmachtenden Berg¬ wanderern die mühsam erklommenen Höhenpunkte mit hämischer Schadenfreude plötzlich so verschleierte, daß sie unverrichteter Dinge wieder abziehen mußten, — so neckische und joviale Komödien führt er auf, wenn er just guter Laune ist, oder wenn er aus sei¬ nen luftigen Höhen herabsteigt, um die Thalleute auch einmal in¬ gründlich zu ärgern. In letzterem Falle lagert er sich dann breit und ungeschlacht über Felder und Wälder, auf Märkte und Gassen, und nur der, welcher im Berglande wohnt, vermag seinen athem¬ erschwerenden, miasmatisch-verdorbenen Dünsten zu entfliehen. Denn droben auf freiem Bergesgipfel steht der Naturfreund dann im hellen goldigen Sonnenschein und sieht auf ein wogendes Milch¬ meer hinab, aus dem nur verwandte Höhepunkte gleich Eilanden 9* Nebelbilder . emporsteigen; oder wenn die geballten Massen sich sehr tief senken, begegnets auch, daß das goldene Kreuz eines im Thale liegenden hohen Kirchthurmes glänzend hervorragt, einsam, symbolisch, über¬ windend. — Drunten aber in der unsichtbaren verhüllten Tiefe kreischt und hallt und dröhnt viel lauter und schallender das Ge¬ triebe der Menschen als sonst; denn der Nebel ist ein trefflicher Resonanzleiter nach Oben, während er in umgekehrtem Verhältniß dämpft. — Indessen diese Erscheinung kann man auch in jedem Berglande finden, sie ist nicht ein bezeichnendes Attribut der Alpen. Ueberraschender, ungewöhnlicher, ein ächtes Phänomen des entschiedener gehobenen Gebirgslandes ist jene magische Lufterschei¬ nung, welche im mitteldeutschen Harz unter dem Namen des „Brockengespenstes“ bekannt ist und auf vielen Höhepunkten der Alpen sich nicht selten zeigt. Sie besteht in der Schattenspiegelung von Gegenständen und Personen auf der Fläche einer aus der Tiefe aufsteigenden, freischwebenden Nebelwolke, bei sonst völlig heiterem Horizont. Am häufigsten begegnet man dieser physikali¬ schen Phantasmagorie auf solchen Höhen, die entweder von Bin¬ nen-Seen oder sumpfigen Thalsohlen umgeben sind, welche bei ent¬ sprechenden atmosphärischen Zuständen leicht Dünste entbinden, die in Nebelform aufsteigen. Als solche Punkte sind bekannt der Rigi, der neuester Zeit durch seine bequemen Straßenzugänge und die Erbauung eines gemüthlichen und eleganten Berggasthofes viel erstiegene Pilatus, das Brienzer Rothhorn u. A. Unter außergewöhnlichen Umständen beobachtete der Kantons¬ forst-Inspektor Herr Coaz aus Chur (Bernina-Besteiger) eine solche Erscheinung auf dem Gipfel des Piz Curv ê r (zwischen dem Scham¬ ser und Oberhalbsteiner Thal in Graubünden). Es hatte Ende Juni 1843 plötzlich deftig geschneit; der Winter versuchte einen Ausfall gegen den lachenden Sommer und schlug für wenig Tage seine weißen Zelte weit und breit über die Gebirgshöhen der Rhä¬ tischen Alpen auf. Nebelbilder . Unter sehr erschwerenden Umständen, aber bei völliger Wind¬ stille und glockenreiner Atmosphäre hatten Herr Coaz, der ihn be¬ gleitende Ingenieur und der Führer den 9158 par. F. über dem Meere erhabenen Gipfel erstiegen und die beabsichtigten Beobach¬ tungen für trigonometrische Messungen bald beendet. Da zog ein vom Fuße des Piz Curv ê r gegen das Oberhalbstein abfallendes wildes Gebirgsthälchen besonders die Aufmerksamkeit der Berggäste auf sich. Da drunten rauschte und donnerte es fast ununterbrochen; eine Lauine weckte die andere und stürzte von den schroffen, felsigen Seitenwänden in die Tiefe des Thales, wo oft mehre vereint in einem breiten, gewaltigen Silberstrome sich langsam zur Ruhe wälzten. „So Schlag auf Schlag, so voll Leben, so glänzend,“ sagt Herr Coaz, „war mir noch auf keiner meiner Gebirgsfahrten dieses großartige Schauspiel zu sehen vergönnt. Noch folgte mein Auge einer der letzten Lauinen, die allmählig in immer größeren Zwischenzeiten stürzten, als ich über derselben einen schwachen Ne¬ bel sich bilden sah. Auch den Felsen, an denen sich die feuchtge¬ wordene Atmosphäre abkühlte, entquollen Nebelhaufen, zogen schlei¬ chend einander entgegen und zerflossen in kurzer Zeit in einen wal¬ lenden grauen Nebelsee, der die Tiefe des Thales verhüllte. Aus unsichtbaren Quellen genährt, wogte dieser See immer höher her¬ auf, schwoll bis zu meinen Füßen heran und trat endlich als dunkler Nebelschleier empor. Und in diesem ineinandertreibenden Gewölk bildeten sich, anfänglich schwach und zerfließend, aber immer wieder und immer kräftiger erscheinend, die Farben des Regenbogens. Sie vereinten sich endlich zu einem brillanten, kreisrunden Bande; ein zweites umsäumte in etwas schwächerem Glanze ersteres und fand sich bald selbst concentrisch von einem noch lichteren dritten umfangen. Der innerste Ring erschien in einem Durchmesser von circa 3 Fuß bei einer Entfernung von ungefähr 30 bis 40 Fuß. Entzückt von dieser Erscheinung sprang ich auf, ward aber eben so plötzlich zur Säule; denn siehe! mitten im Regenbogen sprang mit Nebelbilder . gleicher Hast eine dunkle Gestalt auf und blieb jetzt eben so erstarrt stehen. Ich schwang meinen Hut, machte tiefe Bücklinge, und das Gespenst zeigte sich eben so erfreut und höflich. Die Erscheinung hielt mehre Minuten an und verschwand alsdann mit dem Regen¬ bogen im grauen Nebel, der von einem leichten Windhauch weiter getragen bald zerstob. Es war vier Uhr Nachmittags.“ — Zu leichterer Erklärung möge beigefügt werden, daß das Thäl¬ chen, aus welchem der Nebel aufstieg, gegen Ost sich öffnete. Als daher die Sonne nach dem westlichen Horizont sank, trat dasselbe streckenweis allmählig in Schatten, wodurch die Temperatur ziem¬ lich rasch fiel und die durch die häufigen Lauinenstürze und die hohe Temperatur während des Mittages entwickelten Wasserdämpfe zu Nebel condensirte, die mit den, noch von der Sonne beschienenen, wärmeren und leichteren, höheren Luftschichten in Berührung tretend sich wieder auflösten. Von einem gleichen, in den hauptsächlichsten Thatsachen gänz¬ lich übereinstimmenden Nebelbilde berichtet, im Fremdenbuche des Appenzeller Weißbades, Herr G. Kuhn aus Dresden, welches er am 24. September 1855 auf Ebenalp nach starkem Regenwetter beobachtete. Scharfkantig schwebte in dem Nebelbilde der Schatten seines Kopfes mit dem Hute, wenig über Lebensgröße, von weißem Licht umflossen; darum ein dunkler Ring, dann ein Kranz der hellsten Regenbogenfarben, etwa 4 Ellen im Durchmesser. Auch der übrige Körper sammt dem Alpenstocke war, aufrecht stehend in der Farbenscheibe, deutlich abgespiegelt, jedoch nach unten etwas langgezogen. Neben dieser Silhouette stand der dunkele Schatten seines Führers; ging letzterer etliche Schritte seitwärts, so sah ein Jeder sein Schattenbild allein ohne das des Nebenmannes. Wa¬ ckelten sie mit den Köpfen, so wackelte der ganze Regenbogenkreis mit. Hier dauerte das ganze Schauspiel wohl eine Viertelstunde. Wetterschießen. Es dröhnet zwischen den Bergen an schwülem Sommertag Ein wildes Schießen und Lärmen wie ferner Donnerschlag. Der Schall dringt weit in die Lande auf Riesenschwingen hinein, Schreckt auf die Vögel vom Baume, das Wild im sicheren Hain. Sie sagen, das seien die alten, die düsteren Jägersleut, Verbannt in die grausige Wildniß seit alter, verschollener Zeit. F. Otte . In der Tiefe des Lauterbrunner-Thales, da wo es gen Süd¬ west umbiegend den Namen Ammerten-Thal annimmt, liegt hoch droben, am Fuße der Jungfrau, zwischen dieser und der Ebnefluh, ein gräßlich wild vergletschertes stundenlanges Thal, das Rotthal. Von unten gesehen entzieht es sich den Blicken gänzlich, und man hält es für kaum glaublich, daß da, wo man an dem Riesenkörper der Jungfrau kaum ein Felsenband unterscheiden kann, sich ein umfangreiches Thal bergen sollte. Es ist in der That wohl einer der furchtbarsten und grausigsten Schreckenswinkel nicht nur der Alpen, sondern des ganzen Europäischen Kontinentes. Von her¬ abdrängenden Gletschern die Granit- und Alpenkalk-Wände, welche den Schauerkessel einschließen, so schrundig zerrissen und zu einem Trümmer-erfüllten Tobel ausgefressen, daß die verwitterten noch hangenden Massen den Wanderer, der sich hier heraufwagt, mit Furcht und Schreck erfüllen. Wetterschießen . So unerreichbar diese Schauer-Terrasse (von unten gesehen) scheint, so ziemlich leicht ist sie vom geübten Berggänger über die stufenförmig sich aufbauenden Wechselschichten der Gesteine zu er¬ reichen. Beim Eingang in das Thal, etwa 8700 Fuß über dem Meere (oder 4500 F. über der Sohle des Ammerten-Thales) ist der Firn, welcher die ganze Schlucht füllt, keine tausend Schritte breit. Kahle, schroff aufsteigende Granitbänke engen ihn wie Schleusen ein, über die er aus seinem stillen Bett sich hinausdrängt und seine Massen dann wohl zweitausend Fuß tief über schwindelnde Abstürze, bald in hängenden Bogen, bald in zerrissenen, aufgetrie¬ benen Gletscherbrüchen auf die Stufsteinalp hinabdrängt. Man hat die Gletschersturzmassen schon oft mit momentan erstarrten Wasser¬ fällen verglichen; hier reicht diese ohnehin etwas hinkende Paral¬ lele nicht aus. Das Chaos der zerborstenen, übereinandergestürzten und ineinandergekeilten Eisriffe, das Wirrsal der dazwischen klaf¬ fenden, nach allen Richtungen hinabgähnenden Schlünde und hin¬ einhangenden Fluhbrocken ist so außerordentlich, daß man Stellen so grausiger Wildniß nicht viel in den Alpen findet. Will man indeß das Gleichniß beibehalten, so erscheint das Rotthal als ein von himmelhohen Felsenwänden eingeschlossenes Meer, das im wil¬ desten Emporschäumen plötzlich erstarrt, seine Massen nun über die Ufer hinausschiebt und bald in wirr-zerscherbten Splittern hoch aufthürmt, bald dieselben ihr Gleichgewicht verlieren und grause Lasten losreißen läßt, die im Schmettersturze zerstäubend wie Ströme zu Thal fließen. — Da kein Kräutchen, selbst nicht das dürrste Grashälmchen hier wächst, so verirren sich auch fast nie Gemsen hierher, und weil solche Thiere hier nicht zu suchen sind, so kommts, daß auch keine Gemsenjäger sich hierher versteigen. Nur vom Schafbuben der oberen Stufsteinalp wird jener Schauer¬ ort von Zeit zu Zeit vielleicht einmal aus Langeweile erklommen. Nach der im Berner Oberlande allgemein kursirenden Sage sollen im Mittelalter und noch nach den Zeiten der Reformation Wetterschießen . Poltergeister und böse Dämonen, welche die Wohnungen der Menschen vermeintlich beunruhigten, von Hexenmeistern, fahrenden Schülern und Teufelsbeschwörern in verschlossene Gefäße gebannt und in dieses abgelegene Thal getragen worden sein. So kam das Rot¬ thal, das außerdem keines ehrlichen Christen Fuß betrat, in Ver¬ ruf und galt als der Aufenthalt böser Geister. Ganz besonders sollen auch die alten Thalherren von Lauterbrunn hierher verwünscht worden sein und daselbst noch ihr Wesen treiben. Diese Sage nun steht in Beziehung zu einer seltsamen Natur¬ erscheinung. Es ist nämlich im schweizerischen Mittellande der Kantone Freiburg, Bern, Solothurn und Aargau eine im Hoch¬ sommer, um die Erntezeit, nicht seltene Erscheinung, daß man bei völlig wolkenlosem Firmament, am Tage oder auch Abends und Nachts in der Luft ein dumpfes, der Kanonade ähnliches Geräusch, ein seltsames Tosen und Knallen hört. Nach des Volkes Meinung soll es von einem geisterartigen Spuk, von einer „wilden Jagd“ herrühren, mit welcher die verfluchten Herren vom Rotthale hoch durch die Lüfte ziehen; nach dem Volksglauben der westlichen So¬ lothurner Bauern sollen es jedoch die Geister der in der Schlacht bei Murten erschlagenen Burgunder sein, welche mit Heerestroß und Alarm ihren luftigen Umzug halten. In Bernerisch-Röthen¬ bach (Amtes Signau im Emmenthal) sagt man: „Die Rotthaler exerciren, es giebt anderes Wetter.“ — Der einsichtige, vorurtheils¬ freie Bewohner schreibt die sonderbare Erscheinung jedoch natür¬ lichen Veranlassungen zu, und glaubt diese in wirklich vorgefallenen entfernten militairischen Uebungen, oder in bedeutenden Gletscher- Lauinenstürzen, oder Gewittern suchen zu sollen, deren Resonanz durch geeignete Luftströmung bis zu dem Ohre des Hörers getragen werde. Nun aber haben vielfache und ausgedehnte Nachforschungen herausgestellt, daß nirgendwo im weiten Umkreise um die ange¬ gebene Zeit militairisches Pelotonfeuer oder Kanonaden, noch Ge¬ witterentladungen stattgefunden haben. Das Gepolter von Gletscher¬ Wetterschießen . stürzen aber, so furchtbar dieselben auch im Gebirge widerhallen, ist in einer Entfernung von 18 Stunden nicht zu hören. Doch angenommen, man könnte bei günstiger Windrichtung und sehr reiner Luft der Gletscher Donner so weit hören, so stürzen doch nicht so enorm viele Lauinen nacheinander, daß man das davon herrührende Getöse mit wenig Unterbrechungen stundenlang hören könnte. Ueberdies nimmt die Erscheinung, jemehr man sich den Alpen nähert, ab, und findet häufig bei Nordwestwind statt. Der Meteorolog Hugi in Solothurn, welcher dem Phänomen viel Auf¬ merksamkeit widmete und es oft beobachtete, sagt, daß der Schall keinesweges von den Alpen herzukommen scheine, sondern vielmehr von Westen, also aus dem Jura, wo es aber bekanntlich keine Gletscher und sommerlichen Lauinen giebt. Thatsache ist, daß nach diesem, vom Volke „ Wetterschießen “ genannten atmosphärischen Phänomen, in der Regel sanfter, an¬ haltender, nie starker, von elektrischen Erscheinungen begleiteter Re¬ gen einzutreten pflegt und der Barometer in unruhigem Fallen begriffen ist. Die eigentliche Ursache der Erscheinung ist noch nicht ergrün¬ det. Sonderbarerweise hat sich mit derselben außer Prof. Hugi wie es scheint kein Physiker weiter befaßt. Dieser nimmt an, daß das dumpfe Wetterschießen zunächst „eine Wirkung des Ueber¬ ganges atmosphärischer, luftiger Formen in dichtere, dunstige, wässerige Formen, oder die Wirkung von Luftzersetzung sei; daher, wie bei allen heftigen Zersetzungen, Getöse. Es wäre demnach das Wetterschießen gerade die entgegengesetzte Procedur wie das sogenannte „Wetterleuchten“, bei welchem gesättigte Dünste der Atmosphäre durch Entladung der Elektricität wieder in reinere, dünnere Luftformen übergehen. Auffallend ist es, daß die Er¬ scheinung eben nur in dem genannten Landstriche vernommen wird, — sonst nirgends im Alpen-Vorlande. Hoch-Gewitter . Donnernd hallt des Todes Waidruf Ringsum in Gebirg und Thalen, Plötzlich zündet er die Nacht an Mit den hingeschoßnen Strahlen. Immer lauter schreit der Donner Durch die grausen Finsternisse; Aus gebrochnen Wolken stürzen Rauschend sich die Regengüsse. Lenau . Jedes Gewitter, wo man demselben auch begegnen mag, — sei es auf der gedehnten Ebene des Getreidelandes und der un¬ wirthlichen Haide oder auf offenem Meere oder im zerklüfteten Ge¬ birge, — überall ist es ein furchtbar-erhabenes Schauspiel, allent¬ halben der gleiche Entsetzen erweckende Aufruhr der Elemente, die gleiche erschütternde Riesensprache des Donners, der die Seele er¬ zittern macht. Die Natur-Scenerie aber und der landschaftliche Aufbau der Gegend, über welcher ein Gewitter sich entladet, ge¬ stalten dasselbe in seiner charakteristischen Erscheinung, in seinem unmittelbaren Total-Eindrucke dennoch wesentlich anders. Dies ist namentlich beim Gewitter im Gebirge der Fall. Während bekanntermaßen Berg und Wald die Bildung der Wolken sehr begünstigen, erscheinen letztere dennoch in den Alpen Hoch-Gewitter . selten als jene, meilengroße Flächen zugleich überdeckende, elektrisch- geladene Dunst-Meere, wie sie allsommerlich das flache Land be¬ drohen; die hochaufragenden Gebirgszüge werden zu trennenden Keilen, welche die Gewitter in viele Special-Wolkenladungen zer¬ schneiden und dadurch veranlassen, daß sie gemeiniglich nur von kurzer Dauer sind und auch quantitativ nicht so heftig sich ent¬ laden als im Flachlande oder auf offenem Meere. Die durch raschen Temperaturwechsel eben so rasch abgekühlten Luftschichten und die Ausgleichungsbestrebungen derselben mittelst der als natürliche Luft- Ventile der Thäler anzusehenden Windströmungen, tragen die Ge¬ witter-gesättigten Wolken gewöhnlich ziemlich schnell durch eine Gebirgsgegend hindurch, so daß die Summe der nur sehr kurze Zeit dauernden elektrischen Entladungen im Gebirge mindestens dreimal so groß ist als die der mit Andauer und Gemächlichkeit sich austobenden Wetter. Dies ist das normale Verhältniß, wel¬ ches indessen keineswegs ausschließt, daß es einzelne Koryphäen von Gewittern geben kann, welche über große Theile des Alpenlandes zu gleicher Zeit ihre verderbenbergende Wolkendecke ausbreiten. Der eklatanteste Fall aus neuester Zeit ist das berühmte Gewitter vom 24. Juni 1859, welches bekanntlich die Schlacht von Solfe¬ rino (Lombardei) unterbrach und um die gleiche Stunde in allen Gauen der Schweizer und Savoyer Alpen mit unerhörter Wildheit toste. Nicht minder denkwürdig ist jenes ältere vom 27. August 1834, welches von Südwest aufziehend, fast den ganzen Kanton Graubünden und viele benachbarte Länder, also mindestens eine Fläche von einigen hundert Quadratmeilen verheerend heimsuchte. Dagegen sind die Gebirgsgewitter als individuelle meteorische Erscheinungen weit großartiger, imposanter, man möchte fast sagen theatralisch-pomphafter und in ihren Schlag- und Knall-Effekten drastischer als im Tieflande. Schon die Introduktion, mit welcher ein solches aufzieht, ist weit dramatischer, die Erwartungen steigern¬ der als in der Ebene. Dort (in der Ebene) bereitet sich das Ge¬ Hoch-Gewitter . witter oft stundenlang mit klassischem Ernst und entsetzlicher Ruhe vor und läßt, bei dem umfassenden Horizont, dem aufmerksamen Naturfreunde hinlänglich Zeit, das allmählige Formiren und Kon¬ glomeriren der, zuletzt zu einer massigen schwarzen Wand sich vereinigenden, verschiedenen Wolken-Kontingente zu beobachten; es ist dort ein still-majestätisches Auftreten voll furchtbarer Hoheit. Hier, im Gebirge, wo die Aussicht vom Thale oder von einer unbe¬ deutend hohen Voralp aus meist sehr beschränkt ist, zieht der geheim¬ nißvolle Gast gewöhnlich schon ziemlich fix und fertig aus der Tiefe dunkel herauf und rückt mit Sturmschritten vor. Jetzt beginnt auch die Gegend sich prachtvoll-unheimlich zu dekoriren. Die Nadelwälder versinken in schwarze Nacht, kein Gipfel tritt mehr selbstständig hervor; die Felsengruppen verlieren ihre trennenden Profil-Contu¬ ren und verschmelzen zu gespenstergrauen unförmlichen Massen, über welche der Wasserfall in seltsamer Geschäftigkeit, wie die verwirrt suchenden Gedankensprünge eines Irrsinnigen herabeilt; der See liegt stumm, todt, ohne Glanz, einer erstarrten indifferenten Fläche gleich. Was dort an Beleuchtung schwindet, das häuft sich grell, fast augentödtend, an anderen Stellen; die Matten und Wiesen des Vordergrundes schwellen brennend-grün, als wollten sie gewaltsam ihre innerste Lebenskraft mit Einemmale ausströmen; die Wege und Straßenlinien der Thalsohle treten in nie gesehener Schärfe blaßgelb hervor, und über Allem leuchten schreiend-weiß die Firnen herab, erschreckende Gegensätze in dem tiefgeheinmißvoll¬ düsteren Bilde. Alle Farbenharmonie ist aus der Landschaft ver¬ schwunden; sie sieht aus wie ein von krankhaft erhitzter Phantasie geschaffenes, alle natürliche Auffassung höhnendes Gemälde. — Mit dieser entsetzlichen Scenerie kontrastirt in angsterfüllendem Maße die fieberhafte Aufregung, welche Menschen und Thiere über¬ fällt. Die liegenden Heu-Schwaden der Wiese werden eilends ge¬ mandelt; schreiend, tobend treibt der Senn sein Vieh zusammen; Jodelruf und Jauchzer sind verstummt, — nur drängende Geschäf¬ Hoch-Gewitter . tigkeit ist der sich kundgebende Lebensausdruck. In der Höhe dro¬ ben umschwärmen Bergdohlen kreischend ihre Felsennester, Spyr und Mauerschwalbe sind verschwunden, der Gesang der Waldvögel verstummt, nur der Fink schreit unaufhörlich nach Regen. Jetzt stößt der Vorbote des hereinbrechenden Gewitters, der Wind, seine ersten Athemzüge aus, wirbelt den Staub schrägkreiselnd auf und schüttelt die Wälder mit starker Faust. Der See erwacht; ein fröstelnder Schauer läuft über sein Antlitz. Die Hochspitzen und vergletscherten Riesenhäupter des Gebirges umhüllen dichte Ne¬ belkappen, — immer tiefer sinken die Wolkenballen und ziehen, wie die wilde Jagd, mit zunehmender Hast durchs Thal. Mehr und mehr umnachtets die Gegend, — die grelle Färbung mattet ab, — Alles wird schwarz. Da durchzuckt der erste blaue Blitz die Nacht. — Immer ungestümer wird die atmosphärische Thätigkeit: Brausend fliegt des Todes Jagdhund „Sturm“, bergan in wilder Eile, Seinen Herrn zu suchen, irrt er Durch die Felsen mit Geheule. Lenau . Die Wälder ächzen unterm drängenden Sturmdruck, abgerisse¬ nes Laub durchflattert die Lüfte, und allgemeines, schweres Rauschen ertönt ringsum. Jetzt rollt auch der Donner tiefbrummend drein. Aber dieses Vorspiel währt nicht lange. Energisch, wie die Alpen¬ welt in allen ihren Erscheinungen und Lebensbethätigungen ist, stürmt auch hier die Entwickelung in überstürzenden Progressionen vor. Nach wenig Minuten ist das Unwetter in seiner ganzen furchtbar-wilden Größe losgebrochen. Es kracht die Welt in Wettern, Als wollt' am Felsgestein Der Himmel sich zerschmettern. Zickzackblitze, weit mehr, als man im Flachlande sieht, anschei¬ nend rascher, weniger als eine Tausendstel Sekunde beanspruchend, fahren um der Berge Lenden, oft zusammengefaßt, aus einem Kno¬ ten vielfach nach allen Enden herauszischend, wie die aus Jovis Hoch-Gewitter . Hand geschleuderten Blitzbündel. Jedes Donners Rollen, das sein Resonanz-Maaß schon genügend in den Wolkenkammern findet, brüllt außerdem, im hundertstimmigen Echo aus allen Felsenklüften und Thaltiefen zurückgeworfen, wieder hervor und bildet gleichsam in seiner nicht enden wollenden Permanenz eine Grund-Fermate, auf welcher sich die neuen, accentuirten Solo-Schläge wie die vor¬ wärtsschreitende Melodie der imposanten Gewitter-Symphonie ab¬ lösen. Es ist ein Akt der Natur-Souveränetät, dessen Eindruck völlig zerschmetternd auf den Zeugen derselben wirkt. Schlägts dann vollends gar in eine Wettertanne oder eine einzeln stehende Alphütte ein, dann kracht die Salve, als ob ringsum das Felsen¬ gebäude schier in Milliarden Fetzen zerspritzen sollte. Das ist in schwachen Umrissen das Bild eines hochgehen ¬ den Wetters. Sie steigen in den Alpen bis über 14000 Fuß; denn de Saussure sah sie an der D ô me de Gouté unterm Mont¬ blanc-Gipfel, und die Bewohner von Zermatt beobachteten solche, die noch über der Spitze des Matterhornes sich entluden. — Im Westen von Mexiko sah Alex. v. Humboldt Gewitterspuren an der höchsten Spitze des Toluca-Hauptgipfels bei 14720 Fuß Höhe; in den peruanischen Cordilleren überfiel die Reisenden Bouguer und la Condamine auf dem Pichincha ein Gewitter in der Höhe von 15500 Fuß, und viele glaubwürdige Berichte erzählen von solchen, die in den Pyrenäen bei 10000 Fuß und darüber tobten. Die meisten Gewitter streichen aber im Gebirge tiefer; zwei- bis dreitausend Fuß über der Thalsohle mag die aërische Region derselben sein. Daß sie indessen noch viel tiefer sinken können, bestätigen tausendfache Aussagen der Alpenbewohner. Ja, es ist sogar ein Fall konstatirt, daß bei dem Gewitter, welches am 26. Aug. 1827 zwei Geistliche während der Vesper im Kloster Admont in Oesterreich erschlug, das Kreuz des 114 Fuß hohen Kloster¬ thurmes noch über die Wolken herausragte und das Gewitter selbst etwa nur 90 Fuß vom Erdboden entfernt war. Dieser Tiefgang Hoch-Gewitter . eines Gewitters giebt dann in anderer Weise Gelegenheit zu einem majestätischen Schauspiel, bei dessen Anblick man sich über die Scheidegränze irdischer Hinfälligkeit und menschlicher Ohnmacht hinausträumt; es ist die Entladung eines Gewitters im Thale, wenn man, erhaben über demselben, sich in der Alpenregion be¬ findet. Wie auf des Olympos heiligen Höhen steht der Wanderer gleich einem Jupiter tonans ; unter ihm lagert, ein schwarzgraues Ungeheuer, das Verderben drohende Wolkenmeer; einer Riesen¬ schlange gleich, umkriecht die elektrisch geladene Masse das Gebirge. Keine Hütte, kein Haus erblickt man in den Tiefen; denn versun¬ ken in schauerliche Nacht ist Alles, was an die Wohnstätten der Lebenden erinnert. Weiter hinaus kann man dann wieder große Gebirgszüge frei in ihrem ganzen Relief übersehen; das Gewitter bildet gleichsam eine Brücke hinüber zu den anderen Bergen. Da zuckts zu unseren Füßen; matt rosafarben fahren die entfesselten Feuernattern der Blitze in eigenwillig gegen sich selbst revoltiren¬ den Bahnen durch den Schreckensschleier, der über der Landschaft schwebt. Jetzt kracht es von unten herauf, gewaltig aber dumpf, und mit hundertfältigem Echo hallen es die Thäler grollend nach, bis die Schreckenstöne matt ersterben. Immer wiederholt sich das schrecklich schöne Schauspiel, immer und immer leckt es aufs Neue mit feurigen Zungen aus den Tiefen herauf, und abermals ertönt des Donners tausendstimmiger Zorn. Der Wanderer aber steht in lichter Höhe, erhaben wie ein Gott, über der Zerstörungswuth der Elemente. Ihn umgiebt Frieden und liebliche Ruhe, über seinem Haupte wölbt sich in durchsichtiger Klarheit des Himmels unerreich¬ barer Bau, und ein Triumph des Lichtes über die Finsterniß strahlt in ewiger Reinheit, Wärme und Leben spendend, die Sonne herab. Noch viel erhabener ist dieses Schauspiel des Nachts. Die Fremden, welche vom 27. zum 28. Juni 1860 auf dem Pilatus übernachte¬ ten, finden keine Worte, um die unaussprechliche Pracht des furcht¬ baren Gewitters zu schildern, welches sich Morgens zwischen 2 bis Hoch-Gewitter . 3 Uhr zu ihren Füßen mit einem wahren Feuergarbenmeer entlud, während ob ihren Häupten das Sternenzelt rein und hehr am nächt¬ lichen Himmel in stiller Größe prangte. — Daß die Blitze nicht selten von Unten nach Oben aufzacken und einschlagen, bestätigen alle Bergbewohner. Diesen Elektro-Meteoren schreibt man auch die eigenthümliche Verglasung mancher Felsen zu, welche man am D ô me de Gouté, an der Spitze des Kaerpfstockes (Glarus), am Ortler (Tyrol), Venediger Spitz (Salzburg), Ankogl (Kärnthen) u. s. w. trifft. Man hat solche Blitz-Glasuren auch an der Pic du Midi und am Mont Perdu (Pyrenäen) gefunden. Daß aber emporschlagende Blitze auch Menschen tödten können, beweist ein Fall aus Steyermark. Auf dem Gipfel eines sehr hohen Berges steht die Kirche St. Ursula. Am 1. Mai 1700 lag dieses Gottes¬ haus im vollsten Sonnenglanze, während an halber Berghöhe ein dickes Gewitter tobte. Von den in der Kirche versammelten Betern wurden sieben an der Seite des Berichterstatters, Dr . Werloschnigg, erschlagen. Gerade da, wo die Gefahr vermeintlich am Größten sein sollte, in der Gewitterwolke selbst, scheint sie am Mindesten, oder doch nicht mehr als anderswo zu sein. Physiker, Ingenieure und Rei¬ sende, welche von Gewitterwolken unversehens eingehüllt wurden, bevor sie Zeit hatten, dem scheinbar-entsetzlichen, blitzbewaffneten Mysterium zu entfliehen, sind stets ohne Beschädigung daraus her¬ vorgegangen. So die französischen Kapitäne Peytier und Hossard, welche dreizehnmal in den Jahren 1816 und 1825 bis 1827 auf den Gebirgen Troumouse, Pic d'Anie, Pic Lestibète und Pic de Baletouse, in Höhen von 5 —10000 Fuß stundenlang in furchtbaren Gewittern, unmittelbar am Heerde derselben verweilten, wurden nie im Mindesten verletzt, während man drunten im Thale sie für verloren hielt. Sie berichten nur, daß ihre Haare und die Quasten ihrer Kopfbedeckung sich emporrichteten. Abbé Richard, welcher zum Zweck des Studiums sich absichtlich in die Mitte Berlepsch , die Alpen. 10 Hoch-Gewitter . wetternder, Blitze entsendender Wolken begab, hörte die furchtbaren Schläge des Donners nicht mehr, sondern nur ein Geräusch, als ob man beständig mit Nüssen rassele. Dem entgegen berichtet der Geolog Prof. Theobald in Chur, welcher sich während des schon erwähnten Solferino-Gewitters (24. Juni 1859) zwischen der Tschiertscher- und Urden-Alp in den elektrischen Wolken befand, daß die Schläge kurz, wie Kanonenschüsse, aber von hellerem, mehr krachendem Tone gewesen seien und man das Rollen des Donners erst weiterhin gehört habe. Die Folgen der Gewitter in den Alpen wollen wir in der Beschreibung der „ Rüfenen “ zusammen¬ fassen. Der Wasserfall . Wie, wenn gelind anfächelt der West, vom Gipfel des Mastbaums, Vielgeschlängelt, im wechselnden Schwung der Wimpel herabschweift, Bald in die Länge gestreckt, bald eingeschlürft im Geringel Fallend und wieder gehoben, ein Spiel des scherzenden Zephyrs; Immer, wenn kaum er die Welle berührt mit der züngelnden Spitze, Zuckt er zurück, flammt schillernd empor und flattert am Himmel: — Also schwebt in der wehenden Luft der ätherische Gießbach Mannigfaltig bewegt, vom Rand der ragenden Felswand Hochab wallend, gefangen im Fall, nun hierhin, nun dorthin Flatternd, ohne den Grund mit dem fluthigen Schweif zu berühren. Oben erscheint er als Strom, ein der Luft entstürzender Meerschwall, Hoch in der Mitt' ein Gewölk, und unten ein weißlicher Nebel. Denn in der Tiefe hinab des hundertklaftrigen Jähfalls Löst sich die Woge verdünnt zur Wolk' und verdunstet als Rauchdampf. Nur hoch oben donnert er stets und droht, in dem Hersturz Alles mit reißender Fluth zu verschwemmen; allein es verwandelt Sanft sich in Milde die Wuth, und er netzt, staubregnend, das Hüglein, Daß auch die zartesten Kräuter des Frühlings unter ihm aufblühn. Baggesen . Der Staubbach-Fall im Lauterbrunnen-Thale des Berner Oberlandes, schon hundertmal beschrieben und gezeichnet, in Ge¬ dichten besungen und gepriesen, in jedem gedrängten Handbuche der Geographie genannt, so daß jedes Schulkind seinen Namen kennt, ist der vornehmste Repräsentant jener weitverbreiteten Gat¬ tung von Wasserfällen, die in Folge ihrer außerordentlichen Sturz¬ 10* Der Wasserfall . höhe sich fast ganz zu verflüchtigen scheinen, bis sie die Sohle ihres neuen Strombettes erreichen. Durch diesen Umstand wird er aber zugleich zum Proteus wie wenig andere und bietet in den verschiedenen Tages- und Jahreszeiten so wunderbare Metamor¬ phosen dar, daß er fortwährend ein anderer zu sein scheint und darum die verschiedenartigsten und entgegengesetztesten Kritiken über sich ergehen lassen mußte. Auch er unterliegt, wie jeder andere Wasserfall, den bedingen¬ den Einwirkungen derjenigen Naturereignisse, welche seine Wasser¬ menge bereichern, vergrößern und somit seinem Sturz mehr Körper verleihen, oder im Gegentheil dieselbe vermindern, schwächen und das Schauspiel des Falles bei der außerordentlichen Höhe von mehr als achthundert Fuß fast in Nichts auflösen. Nach lange andauerndem Regenwetter, nach heftigen Gewittern und im Früh¬ sommer, wenn der Schnee von den Alpen geht, ist der Staubbach und alle seine in den Alpen vielfach zerstreuten Form-Genossen eine imposante, mitunter sogar schrecklich-schöne Erscheinung, die auf je¬ den Besucher tiefen Eindruck machen wird. Ists jedoch im Hoch¬ sommer nach wochenlanger Trockenheit, so begegnet es schon, daß man statt des berühmten Staubbach-Falles nur die hohe nasse Ge¬ birgswand zu sehen bekommt, über welche sonst die schöne Wasser¬ garbe herabzuschießen pflegt, — vom eigentlichen Wasserfall aber keine Spur entdeckt. — Nächst diesen Umständen, welche also über¬ haupt die Existenz des Wasserfalles bedingen, sind es noch andere, welchen Rechnung getragen werden muß. Selbst beim Vorhanden¬ sein genügender Wasserfülle ist es nicht gleichgültig, um welche Tageszeit man den Staubbach besucht. Liegt er im Schatten, ists Nachmittags, dann wird er bei Weitem nicht so voll und reich erscheinen, als am Vormittage, wenn die Sonnenstrahlen jeden Wassertropfen durchglänzen und die Milliarden der zu Wasserstaub aufgelösten, blinkenden Körperchen in einer Brillanz und funkelnden Pracht erscheinen lassen, die außerordentlich in ihrer Art sind. Der Wasserfall . Wieder einen anderen und doch verwandten Zauber übt das bleiche, weiche Vollmondlicht auf den, gleich einem Schleier, von der Fluhwand herniederschwebenden Fall aus. Endlich kommt auch noch viel darauf an, mit welchen Erwar¬ tungen, mit welcher Receptivität der Reisende zum Staubbach kommt. Wer kurz zuvor die donnernden Katarakte des Rheinfalles bei Schaffhausen, des Aarfalles an der Handeck, des Buffalora im Val Misocco und anderer, in großen geschlossenen Massen und im engbegränzten, landschaftlichen Raume daherbrausenden Gebirgs¬ ströme sah und von ihrer Wirkung noch erschüttert, nun ins Lauter¬ brunnen-Thal tritt und dort Aehnliches erwartet, der wird freilich sehr enttäuscht werden. Der Staubbach ist mit wenig Ausnahme- Momenten eine Erscheinung zarter, elegischer Natur, die weit mehr empfunden als angestaunt und bewundert sein will. In einer Höhe von fast 900 Fuß springen zwei Strom-Arme über die senkrecht abfallende Felsenwand hinaus, und vereinigen sich rasch zu einer beweglichen Wassersäule, von der nur ein kleiner Theil an einer Klippe zerschellt, alles Uebrige aber in freier Luft sich in Millionen Perlen auflöst und zuletzt in schimmernden Regen¬ staub verdünnt, der theils auf beträchtliche Weite die Matten um¬ her mit immerwährendem Thau benetzt, theils sich in einem tiefen Wasserbecken wieder sammelt, in welchem leuchtende Regenbogen durcheinander weben. Der Staubbach ist nicht groß durch einen unaufhaltsam wilden Strom, der an malerisch zerklüfteten Felsen¬ massen schäumend und mannigfaltig sich bricht oder durch den Donner seines Falles die Lüfte erschüttert und die Ausrufe des Erstaunens verschlingt; — aber er ist erhaben durch seinen himmel¬ hohen Fall, durch die Wassermassen, welche sich weiß und weich wie Milch in unaufhörlicher Folge aus der Höhe hinabdrängen, — durch sein allmähliges Hinschwinden in Nebel und durch das Feuer seiner Regenbogen, — besonders aber auch durch sein, mit der Sanftheit des Ganzen so wundervoll harmonirendes, leises und Der Wasserfall . zartes Geräusch, das nicht von einer einzelnen Stelle herkommt, sondern den Zuschauer allenthalben wie Geisterstimmen zu umgeben scheint. Hieraus ergiebt sich, was Künstler gegen diese Naturschön¬ heit einwenden; der gerade Fall bietet ihnen zu wenig Anhalte¬ punkte für malerische Unterbrechungen, — die Weichheit in der successiven Bewegung der Massen verwandelt sich auf der Leinwand in steifen Stillstand, und weder das Glanzlicht des Wassers noch die Zauberschimmer der Regenbogen lassen sich im Gemälde so wiedergeben, daß sie ästhetisch schön und durchsichtig erscheinen. Die erste Bedingung zum Vollgenuß seiner Schönheit ist Sonnenglanz; dieser währt an den längsten Sommertagen von un¬ gefähr 7 Uhr Morgens bis Mittags, weil er von demjenigen Berge selbst dem Bach entzogen wird, über dessen unterste Stufen er sich hinabwirft. Nicht nur die Regenbogen im Kessel, wo die zerstobenen Wasser sich sammeln, — auch die fliegenden Wasser¬ flocken in der Luft bedürfen des Sonnenscheines. Jedes Stäub¬ chen wird bemerkbar durch seine Vermittelung, und der Inhalt der Nebelsäule scheint doppelt so groß, wenn die Gunst der Tages¬ königin ihr unverkümmert strahlt. Zugleich ergötzt in hohem Grade der Schatten des Baches an der Felswand; er scheint ein zweites, stygisch-geschwärztes, mit wetteifernder Schnelle herabschwebendes Gewässer zu sein. Man schreitet gewöhnlich zuerst nach der Stelle, wo der Bach zu Boden regnet, als wollte man ihn erst fühlen, bevor man ihn ruhig betrachtet. Es ist ein Kessel, wo die Schaulustigen zu stehen pflegen. Man erklettert den Hügel von Felstrümmern, den sich der Bach links von seinem Niederstürze gebildet hat, und schaut hinab in ein weites Becken, das unablässig von tausendfachem Schaumgekräusel wimmelt. Auch jenseits liegen Schutthaufen, die von Oben heruntergeworfen wurden, — und zwischen diesen beiden Bollwerken rieselt in freiem Durchgang der gesammelte Bach da¬ von. Unverkennbar rührt die Tiefe seines Beckens und diese Oeff¬ Der Wasserfall . nung nach der Lütschine von der Gewalt der Wassermasse her, die nach Gewittern und bei großer Schneeschmelze hier im Mittelpunkte des Falles Raum geschafft, ohne doch die Hügel rechts und links zu vermindern; denn diese haben sich aus allerlei Steinen empor¬ geschichtet, um mit trotziger Kraft den Anfang des Bachbettes ein¬ zudämmen. Auf der rechten Seite kann man leicht in den Kesselcirkus hinabgelangen. Alsbald wird man von einem doppelten Regen¬ bogen umringt, der, einem Nimbus gleich, so genau mit uns ver¬ schmilzt, daß er Schritt um Schritt, so lange wir im Sonnenglanz und im Thaunebel bleiben, bald vorrückt, bald zurückweicht, wo wir gehen und stehen. Die Wassertropfen hängen sich an die Kleider und glühen einzeln wieder in unvergleichlicher Pracht. Aber die Nässe gestattet nicht, sich dieses Feengewandes lange zu freuen; ein fröstelndes Gefühl treibt um so eher aus der Tiefe wieder ans Ufer, da die Gefahr am Tage liegt, von irgend einem zufällig herabgeflözten Steine plötzlich und selbst tödtlich verletzt zu werden. In einiger Entfernung lagert es sich dann auf Wiesenhalden wonnig und sicher; sorglos genießt der Wanderer, was ihm bisher entgangen war. Mit unermüdetem Staunen erhebt sich das Auge nach der hohen, im Blau des Himmels scharf gezeichneten, dunkel¬ grauen Kante, wo die Najade zweitheilig ihr fliegendes Gewand in die Lüfte hängt. — Eine Hälfte des Baches, nur unmerkbar von der anderen getrennt, fällt beinahe senkrecht herab und würde effektlos an der Felswand niedergleiten, wenn diese nicht von Oben bis unter die Mitte der Höhe sich unmerklich zurückzöge und nun der Wassersäule freieres Fortschweben gestattete. Die untere Hälfte der Bergwand tritt aber wieder entschieden hervor, und nun zersplittert die Masse in jenen Gischt und Staub, der so duftig und ätherisch niederschwebt und an den Bachsturz in den salzburgischen Alpen erinnert, welchen das Landvolk bezeichnend mit dem Namen des Der Wasserfall . Schleierfalles taufte. Die innere Partie des Staubbaches fällt abwärts der Mitte ihres Weges, als wollte sie versuchen sich an¬ zuhalten, auf eine schräg vorstehende Bank der Fluh, und rieselt von da in tausend blendenden Schaumstrahlen vollends an dem dunkeln Gestein nach dem Kessel hinab, während die äußere durch Schnelligkeit und Schwere die Luft unter sich pressend in Millionen Schaumbläschen immer mehr zerschellt und weit herum einen immer¬ währenden Thau zur Erde spritzt. Es ist unterhaltend, das Wasser von seinem Ausströmen an der hohen Felsrinne bis zu seinem Zerstieben mit dem Blicke zu verfolgen. Erst bricht es so wüthend hervor, daß man vor dem furchtbaren Sturze erschrickt, — aber kaum hundert Fuß gefallen, breitet sichs reichlich aus; die zusammengedrängte Säule zerfließt in einzelne schneeweiße Wölkchen, die man Wasser-Raketen nennen möchte, weil sie, forteilend gleich jenen flammenden Feuerköpfen, einen Schweif zurücklassen, der eine halbe Sekunde lang ihre Bahn bezeichnet, bis sie, völlig in Wasserfunken auseinandersprühend, sich zur Unsichtbarkeit verlieren. Lieblich ist im Staubbach das mannigfaltige Spiel des Win¬ des. Das Wasser erregt durch sich selbst und seinen Fall bestän¬ digen Luftzug; doch diese Bewegung trägt allein die feinen Thau¬ tropfen ins Weite und kann nicht den Bach im Ganzen ergreifen. Sobald aber ein Windstoß den Gießen überfällt, so zeigen sich überraschende, seltsame Erscheinungen. Oft geschiehts, wenn der Föhnwind mit heftiger Gewalt gegen die Mündung des Baches stößt, daß dadurch das Wasser ganz zurückgetrieben wird und zu¬ weilen zwei Minuten lang fast kein Tropfen über den Berg her¬ abfällt. Zu anderen Zeiten führt der Luftzug ganze Schaaren durchsichtiger Wölkchen aus dem schwebenden Dunstnebel davon und bietet höchst ergötzliche Schauspiele dar. Am Lustigsten aber ists, wenn ein kräftiger Sturm den gesammten Bach droben in der Höhe erfaßt und entweder thaleinwärts oder thalauswärts so gänz¬ Der Wasserfall . lich aus seinem luftigen Gleis nach einer Seite verweht, daß un¬ ten der Runs ohne Wasserschwall bleibt, — der kleine Vorrath im Kessel versiegend nach der Lütschine (in welche der Bach sich er¬ gießt) entschwindet, und die erschrockenen zahlreichen Fischchen in ihren Spielen übereilt, nur kümmerlich in einzelnen Bachgrübchen das Naß ihrer Existenzbedingung übrig finden. Dann eilen in solchen Augenblicken jubelnde Kinderschaaren nach dem Strombette und fangen in froher Emsigkeit die wehrlosen Forellen aus den Vertiefungen, wo sie plätschern, in herbeigetragene Kübel und Näpfe. Aber mitten in der lustigen Freibeuterei läßt der Wind¬ stoß droben nach, der Bach gewinnt unverweilt sein altes Bett, und die geängsteten Fische schlüpfen pfeilschnell unter den Händen der Kinder davon, während die muthwilligen Fischer, naß bis über die Knöchel, in Hast an die beiderseitigen Ufer entspringen, eine abermalige Repetition der Ebbe abwartend. Dies sind die Metamorphosen des Staubbaches im Sommer und bei guter Witterung. Ganz andere, nicht minder sehenswür¬ dige bietet der Winter, der Frühling und die Zeit zerstörender Anschwellung nach einem Platzregen dar. Im Winter, wenn Schnee ins Thal fällt, hängen sich die Flocken an dem unteren Felsensatz der Staubbachwand an, gefrieren bei zunehmender Kälte und durch das darüberfließende Wasser ge¬ sättiget zu Eis, das nun launenhaft modellirt, allerlei größere oder kleinere Zapfen bildet. Prächtiger Glanz, der im Sonnen¬ schein völlig blendet, erfüllt das staunende Auge, und der Berg scheint transparent hellbläulich glasirt zu sein. Tritt dann gelin¬ deres Wetter ein, oder löst warmer Föhnwind die winterlichen Eisbande, dann stürzen große Stücken dieser unförmlichen Zapfen unter krachendem Getöse in die Tiefe. Unten aber im Kessel häuft sich die Eistrümmer-Masse, thürmt sich zu einem Splitterhügel em¬ por und gestaltet durch die darüber spritzenden, während der kalten Nächte schnell anfrierenden Wassertropfen einen Miniatur-Gletscher Der Wasserfall . mit allen seinen Konfigurationen. Ja, die Wassertropfen vereisen oft schon im Sturze, wenn es recht bitter kalt ist, fallen rasch zu Boden und experimentiren augenscheinlich die Bildung des Hagels vor unseren Augen. Zunächst an der Fluh, droben beim Ausfall des getheilten Baches, erwachsen allmählig zwei ungeheuere Eis¬ säulen wie nach den Gesetzen der im Feenreiche geltenden Baukunst, die in die freien Lüfte hinaus ihre Säulen und Schlösser kon¬ struirt. Reißen dann beide, durch die Schwere des eigenen Ge¬ wichtes gedrängt, oder durch laue Südwinde in ihrer stützenden Basis untergraben, urplötzlich ab, so krachen sie mit solcher Vehe¬ menz auf den Gletscher im Kessel, daß Alles rundum erzittert und ein Erdbeben hereinzubrechen scheint. Von größter Wirkung ists, wenn beide Säulen zugleich einstürzen, und ergötzlich ist die immer¬ währende Regenerirung dieser Atlas-Pilaster, sobald neue Fröste eintreten. Wie aber im Frühling, besonders im Mai, die warmen Lüfte mächtiger werden, schmilzt auch der Eishügel im Kessel mit sichtbarer Eile zusammen und löst sich — wie bei den Gletschern — zuerst an der Felsenwand ab, so daß sich zwischen den Eismassen und dem Gestein eine furchtbare Kluft öffnet, deren Tiefe schon oft gegen 70 Fuß maß. Noch bis in die Hälfte des Monats Juni hinein erhalten sich Reste dieser winterlichen Erstarrung. Oft entsteht ein wunderschönes azurfarbenes Portal, durch welches das geschmolzene Wasser abfließt, ganz wie bei den Gletschern, oder das herabstürzende Wasser bohrt sich zugleich vermöge seines größe¬ ren Wärmegehaltes einen vertikalen Schlot, der in den Eisschacht ausmündet. Auch hier erzeugt die hineinscheinende Sonne wieder Farbengaukeleien, die unvergleichlich in ihrer Art sind. Diesem heiteren und ungefährlichen Anblicke steht die Wuth des Baches am Tage hereinbrechender und über die Höhen des Pletschberges sich ausgießender Gewitter furchtbar gegenüber. Brüllend, mächtig angeschwollen und vom Schlamm der auf¬ gelösten Erde schwarz gefärbt, schießt dann der Strom in zwei Der Wasserfall . dichten Armen, wie aus ungeheueren Brunnenröhren, von der Zinne der hohen, jetzt das grollende Gewölk unmittelbar berührenden Felsenwand in die Lüfte heraus. Eine Last von Steinen, — viele davon über einen Centner schwer, führt der entfesselt einher¬ brausende Strom mit sich und schleudert sie wie gigantischen schwar¬ zen Hagel hinab ins Thal. Von den Vorsprüngen der Felsenwand abprallend, wiederholen sie ihre Bogensprünge, bis sie zuletzt in schmetterndem Sturze den Schuttkessel erreichen. Die wechselseitige Friktion, der elektrische Anprall der Steine erhitzt diese so, daß schwefeliger Brandgeruch ringsum sich verbreitet. Dann kommen auch Baumstämme, entwurzelte Tannenbäume in dem heulenden Wasserschwalle herab, und je nach Größe oder Gewicht fliegen einige, von Windstößen entführt, gleich verirrten Schindeln eines abgedeckten Hauses um sich selber wirbelnd, langsam durch die Lüfte hernieder, während andere wie Riesenpfeile von der Höhe daherschmettern und unten tief in das Erdreich sich einbohren. Die sonst silberhelle, sanft schwebende Wassergarbe gleicht einer uner¬ meßlichen, verkehrten dunkelbraunen Rauchsäule, deren Wallen und Wogen desto ausgedehnter wird, je näher sie dem Boden sinkt. Oft von einer Windsbraut fortgerafft, fällt sie thalauf oder thalab von der lothrechten Bahn ihres Schwerpunktes weit verschlagen in die Tiefe, oder sie stäubt über die ganze Breite des Thales nach der gegenüberstehenden Mauer der hohen Schiltwaldfluh hinaus. Ja, es begegnet dann sogar, daß der dicke Schlammschwall gleich wirbelndem Rauch in die Höhe gejagt, rückwärts überschlagend, an den Ort seines Ursprunges zurückgetrieben, von Neuem den sau¬ senden Sturz beginnt, und in sekundenlanger schauerlicher Blöße die Felsenwand und den fortwährenden Steinhagel als selbststän¬ diges Schreckensbild sehen läßt. Schwarze, lastschwer hereinhän¬ gende Wolkendecken, die den schmalen Streifen des, über die hohen Felsenwände des engen Thales hereinschauenden Himmels ver¬ bergen, — das gelbe Feuer der im Grunde der Landschaft oder Der Wasserfall . an den Höhen der Felsenwände hinzischenden Blitze und das fürch¬ terlich prasselnde, Alles erschütternde Rollen des Donners dienen dann dem wüthenden Gewässer als schreckliche, aber auch furchtbar erhabene Begleitung. Eine Scene aus dem Final-Drama des Weltgerichtes scheint verwirklichet zu werden, wenn ein ähnliches Wetter wie das eben beschriebene über das Thal hereinbricht, und es bedarf jener Besonnenheit und stoischen Ruhe, die der Gebirgs¬ bewohner aus seinem täglichen Kampfe mit den Elementen gewinnt, um hier nicht die Geistesgegenwart zu verlieren und auf jeden An¬ griff gefaßt zu sein, der dem Thale durch Ueberschwemmung droht. Schließen wir diese ausführliche Schilderung eines alpinen Wasserfalles, der unerschöpflichen Stoff darbietet, mit dem beruhi¬ genden, mild ansprechenden Bilde seiner Erscheinung im blassen Lichte des Mondenscheines. Verliert sich die Sonne hinter die Berge, so werden durch die verschieden gezackten Erhöhungen der Felsenwand lange Striche von dunkelen Schatten hervorgebracht, welche die Wassersäule in einzelne Parzellen zu zerschneiden scheinen und den in der Be¬ schattung liegenden Theil des Falles fast gänzlich unsichtbar machen. Wenn endlich das helle Sonnenlicht in der Luft durchaus ver¬ schwunden ist, so breitet sich allmählig todte Blässe über die ganze Fluh aus, der Reichthum des Wassers scheint völlig zu versiegen und nur noch ein kleines unbedeutendes Bächlein über die Felsen hinabzuschleichen. Mit Einbruch der Nacht verliert sich das Ein¬ zelne des majestätischen Sturzes und seiner Bewegungen je mehr und mehr. Nur eine weiße Riesengestalt, ein geisterbleiches Nebel¬ bild, das in langfaltigem, starr herabhängendem Mantel unver¬ wandt an der Felsenmauer lehnt, überragt hoch die schweigend im Dunkel gelagerten braunen Friedenshütten der Menschen. Aber nicht lange währt diese unheimliche Uebergangsperiode; bald kehrt wieder Leben in die Gestalt. Ueber den ewigen Firnzinken der Jungfrau steigt der „blasse Freund der Noth und der Nacht, der Der Wasserfall . magische Prospektenmaler der künftigen Welt, für die wir brennen und weinen“ — der stille Vollmond herauf und gießt sein myste¬ riöses Licht über die Alpen aus. Nun schimmert nicht nur die Schaumsäule selbst im reinen Silberglanze, sondern auch die Wasser¬ strahlen am untersten Absatze der Staubbachfluh wandeln sich zu einem weißfunkelnden Brillantregen um, der in halb erblaßtem Farbenspiel den gaukelnden Zauber des Tages durch Regenbogen¬ ähnliche Verschlingungen nachzuahmen sich bemüht; geisterhaft um¬ weben die Diamant-Funken den Träumer, welcher in so einsamer Nachtstunde sich hierher begiebt. Hin durch die Fluren flüsterts heimlich sacht, Daß liebeglühend alle Blumen beben. Aufstöhnt der Wind! Im dunklen Schoß der Nacht Entfaltet sich ein tausendfältig Leben! Rittershaus . Ganz ein anderes Bild gestaltet der volle, wassermächtige Bergstrom, wenn er in seinem Bett durch Felsentreppen oder hohe, fast vertikale Schichten-Abstürze unterbrochen, plötzlich zum ver¬ zweifelten Sprung in die Tiefe genöthigt wird. Dies ist der eigent¬ liche Wasserfall im engeren und präciseren Sinne. Was dort bei den sanft herabsinkenden, halb vom Winde getragenen, leicht ver¬ wehten Staubfällen zur Idylle sich verkörpert und als ein zartes Adagio seine ewigen, geisterhaft-flüsternden Weisen rauscht, das wird beim großen körperreichen Stromsturze zur energischen Kraft¬ äußerung, zur gewaltigen tragischen Katastrophe, zum donnernden Furioso. Jene sind zarte weibliche Erscheinungen, die aus ohn¬ mächtigem Hingeben an das Unvermeidliche entstehen, — diese sind thatkräftige Akte entschlossenen männlichen Dranges, zu vergleichen dem entbrannten Muthe eines zur äußersten verzweifelten Gegen¬ wehr getriebenen, seine Selbstständigkeit und Zusammengehörigkeit vertheidigenden Volkes. In dieser kernigen, kräftigen Haltung sind sie begreiflich auch nach ihrem landschaftlichen Effekte viel malerischer, lebendig-beweg¬ Der Wasserfall . ter und an Formen mannigfaltiger, je nachdem die Felsenarchitektur, über welche die Wassermassen herabstürzen, sich gestaltet. Es hängt viel von der Verwitterungsfähigkeit des Gesteines und dessen Bruch¬ figuren ab. Da, wo granitische oder überhaupt krystallinische Fels¬ arten die Basis der Sturzwände bilden, wo also die Konsistenz und Dauerkräftigkeit bedeutend ist, zeigt sich der Wasserfall auch als großartiges, einheitlich massenhaftes Schauspiel. Dennoch variiren auch diese außerordentlich. Der Buffalora im Val Misocco (Graubünden), welcher über eine fast lothrechte Wand herabkommt, schießt droben in vollster Vehemenz als geschlossene, kompakte Säule, wie ein krystallener Kanonenschuß weit über den Felsenrand hinaus und fährt als runder konsistenter Körper zur Tiefe nieder, ohne direkt die Gneisfront, über die er herabstürzt, zu berühren. Er unterliegt also, bezüglich seiner Sturzverhältnisse, den gleichen Bedingungen wie der Staubbach im Lauterbrunnen-Thale, nur daß er, vermöge seines größeren Wasservolumens und seines minder hohen Falles halber, sich nicht verflüchtigend auflöst wie jener, sondern eben so en gros unten ankommt, wie er droben sein Bett verließ. Er ist eben der kühne männliche Pendant zum schmachtend-weiblichen Staubbach. — Dieser gleichen Kategorie gehören die ricochetirenden Fälle an. Der Piumegna bei Faido kommt über die Alpenterrassen von Pian del Lago, welche die westliche Thalwand des Tessiner Val Leven¬ tina bilden, in Cascadellen als munterer, kräftig genährter Berg¬ bach herab, und sieht sich plötzlich in dem Fall, kein Flußbett mehr zu haben, sondern einen Satz auf gut Glück ins Unbestimmte über eine vertikale Glimmerwand wagen zu müssen. Er thuts, staucht unten aber, statt in einen seine Schaumwellen sammelnden Kessel zu fallen, auf eine Felsenplatte, so daß er in bildlichem Aufschrei, wie eine Fächer-Fontäne wieder emporspritzt und einen Bogensatz hinaus ins Freie macht, der einer schönen Maraboutfeder gleicht. Aehnlich verhält sichs mit der Cascade des Pélérins, die 150 Fuß Der Wasserfall . hoch, als Abfluß des gleichnamigen Gletschers im Chamouny-Thale herabstürzt und mit Federkraft wieder emporschnellend sich einen Ausweg sucht. Wesentlich anders verhält sich's mit jenen, die eigentlich ihr Flußbett nicht verlassen, sondern innerhalb desselben über mehr oder minder hohe Stufen hinunterspringen müssen. Der imposanteste Repräsentant dieser Gattung ist der berühmte Tosa-Fall im Piemon¬ tesischen Val Formazza. Als der Wasser-reichste (der nur dem Rhein¬ fall bei Schaffhausen nachsteht) verursacht er in seinem Granit- Gehäuse auch den ärgsten Spektakel. Mehr denn 80 Fuß breit und in einer Gesammthöhe von etwa 400 Fuß stürzt die Toccia, nach unten sich erweiternd, über drei Absätze und löst ihre Wassermassen in siedend brandende Schaumwolken auf, denen dicke Wasserstaub- Nebel fortwährend entsteigen. Ihm zur Seite, wenn auch nicht so wassermächtig, aber noch wilder in der Umgebung steht der Aare- Fall an der Handeck im Hasli-Thale (Berner Oberland). Er stürzt in eine mehr als 200 Fuß tiefe Granitkluft hinab, Anfangs bis zur Hälfte des Kataraktes in gebundener, strahlend-glatter Masse; dann aber zerschellt dieselbe an aufragenden Felszacken, die unzer¬ störbar scheinen, so furchtbar, daß Alles in weiße schneeartig aussehende, zerstiebende Halbkugeln sich auflöst und in diesem Zustande von Treppe zu Treppe hinabkocht. — Noch großartiger, was die Umgebung und Felsen-Dekoration anbelangt, ist der Bérard- oder Poyaz-Fall bei Valorcine an der T ê te noire (Uebergang von Martigny im Wallis zum Chamouny-Thal). Der Zugang zu diesem bereitet schon auf Außerordentliches vor. Am Eingange einer Felsen¬ schlucht spannt sich eine etwa 30 Fuß lange Holzbrücke über Tiefen, aus denen von Ferne unbestimmtes Brausen hervortönt. An him¬ melhohe Felsenwände angelehnt, liegen kolossale Granitblöcke wild durch einander geworfen und bilden, dicht an einander gedrängt, natürliche Tunnel. Auf gut angebrachten steinernen Treppen gehts dann bald auf- bald abwärts, in zwei aufeinander folgende Sou¬ Der Wasserfall . terrains, dann auf etwas flachen, mit Fichten bewachsenen Boden, wo noch Alpenrosen das Auge erfreuen, darauf in einen dritten, längeren, ganz dunkelen Granit-Gang von vielleicht 50 Schritt Tiefe, und endlich über eine solide Holzbrücke ans Tageslicht. Und siehe, der Wanderer steht plötzlich unter dem herrlichen, grandiosen Wasserfalle, der sich größtentheils über eine gewaltige flache Granit¬ platte, die wohl 50 Fuß über den Zuschauer hervorragt, in eine schauerliche Tiefe von etwa 250 Fuß mit furchtbarem Getöse hin¬ unterstürzt. Ein kleiner Wasserarm windet zur Rechten der Granit¬ platte sich durch und vereiniget, etwas tiefer, sich mit der großen Wassermasse, so daß der Anblick einige Aehnlichkeit mit dem eben¬ erwähnten Handeckfall hat, wo sich der Aerlenbach in den Arm der brausenden Aar wirft. Das ganz Eigenthümliche dieses Wasser¬ falles ist die absolute Abgeschiedenheit und die grandiose Einrahmung in dunkle, stygische Felsenmassen, deren Enden so scharf vom Zahne der Zeit ausgekehlt, zugespitzt und modellirt sind, als ob die tüch¬ tigsten Steinmetzen hier ihre Meisterarbeit zusammengestellt hätten, um irgend ein großartiges gothisches Bauwerk auszuschmücken. Man möchte diesen Fall seiner Einrahmung wegen einen gothischen Wasserfall nennen, indem die Hunderte von anstrebenden Säulchen und Pilastern ganz den Charakter und die Zeichnung herrlicher, mittelalterlicher Dome haben. Weder die Glommen- und Bram¬ men-Fälle im hohen Norwegen, noch die effektreichen Trollhäta-Fälle in Schweden, noch jene an der steierschen Gränze, in Tyrol und der Schweiz haben irgend ein Seitenstück zu diesem in seiner Art einzigen Schauspiel. Es ließe sich nun von hier an abwärts eine vollständige Formen-Skala von Alpen-Wasserfällen aus dem Gebiete der grani¬ tischen Gesteine aufstellen; wir erwähnen indessen deren nur noch zwei als geeignete Repräsentanten der verschiedenen Abstufungen. Der eine ist der Fall des Hinterrheines in der Roffla (zwischen Viamala und Splügen in Graubünden) dessen Sturzfundament Der Wasserfall . stei l-treppenförmig absinkt und daher vielleicht das entsprechendste Beispiel einer „ Jäh - Kaskade “ im Flußbett ist; der andere ist der Fall der Reuß unter der Teufelsbrücke auf der Gotthardsstraße, der mehr die flach geneigte Kaskadenform repräsentirt. Als Muster eines konstanten, treppenförmig ebenmäßigen Kaskadellen- Falles kann der Fressinone beim Ausgang der Gondo-Galerie auf dem Simplon gelten. Zwischen allen diesen mitten inne liegen die „ garnirten Wasserfälle .“ Der vornehmste derselben in den Alpen ist der Pissevache im unteren Rh ô ne-Thale. Die zackig-zersprengte, ter¬ rassenförmig ausgestufte Struktur des Felsenkörpers, über den die glänzende Sallenche in wollig runder Masse sich herniederbeugt, und die accompagnirenden Nebenkaskaden, welche in unzähligen Strahlen plätschernd, hüpfend oder in zerstauchender Hast hernieder¬ brausend die Hauptmasse umgeben, schaffen ein so vielseitig bewegtes Bild, daß — hätte der Pissevache die reiche, buntgeschmückte Um¬ gebung eines Gießbaches am Brienzer See, er der bunteste Wasser¬ fall der Alpen wäre. Zur gleichen Gruppe, der Anordnung nach gehö¬ rig, und doch wieder außerordentlich verschieden von dem eben beschrie¬ benen sind die Fälle des Schmadribaches in der äußersten Tiefe des Ammerten-Thales. In der Mitte, voll und hoch aufschäumend, braust der Kern des Gletscherbaches, ein eigentlicher Wasserfall über eine schwarze zerspaltene Felsenmasse herab, kahl und schauerlich¬ wüst, unmittelbar darüber die gewaltigen Eispyramiden des Breit¬ hornes, Groß- und Tschingelhornes. Diesem Hauptstrahl rechts und links zur Seite hüpfen und plätschern eine Menge schmaler Wasserfaden von den Granit-Treppen hernieder, bald in langer, schmächtiger Form, bald gebrochen und im Winkel verstaucht, daß man von dem drängenden Getümmel, in welchem der stäubende brausende Wirrwarr die milchweißen, dunstigen Wasserflocken aus¬ einanderspritzt, um sie im nächsten Augenblicke wieder zu vereinen, ganz irre wird. Nach unten zu, wie bei der Achse eines ausge¬ Berlepsch , die Alpen. 11 Der Wasserfall . spreizten Fächers, sammeln sich die zerstreueten Wasserstrahlen in einem ausgewaschenen Trümmerbecken, und kaum vereint, jagen sie mit überstürzender Eile schräg hinab, zwischen Felsenthoren hindurch, um abermals in neuen kleineren Fällen dem Uebermuthe ihrer Ju¬ gendkraft die Zügel schießen zu lassen. (Abbildung aller bisher genannten Wasserfälle, mit Ausnahme des erst vor wenig Jahren zugänglich gemachten Bérard-Falles, findet man in meinem, bei J. J. Weber in Leipzig 1854, ohne meinen Namen erschienenen: „Illustrirten Alpenführer.“ — Berlepsch.) Das Kaskaden-System wiederholt sich in großem Zuschnitt bei den Wasserfällen der Jurakalk-Alpen. Dort veranlassen Schichten¬ wechsel, verschiedenartig geneigte Hebung der Sedimente und Aus¬ stufung der Schichtenköpfe eine natürliche Treppenanlage in den Flußbetten der Voralpen, welche sich am bedeutsamsten in den vier¬ zehn Kaskaden-Etagen des weltberühmt gewordenen Gießbaches am Brienzer See (gegenüber von Brienz) ausprägen. Er ist dadurch, daß er ungemein bequem liegt, ein nobler, comfortabler Gasthof dicht neben einen seiner Sturzfälle gebaut wurde, und während des Sommers wöchentlich mehrmals hinter seinen Schaumwellen bei Nacht bengalische Flammen angezündet werden, welche die Wasser¬ massen in transparent glühende Feuerströme umwandeln, das Wan¬ derziel aller Touristen geworden. In noch größeren Cäsuren treten die Reichenbach-Fälle, zwischen Meyringen und Rosenlaui auf; sie vereinigen eine Musterkarte aller bisher beschriebenen Formen, frei¬ lich ohne allenthalben deren erschütternde Großartigkeit zu besitzen. Es erübriget endlich noch, einer Gattung von Wasserfällen zu gedenken, die in großem Maßstabe, minder im Gebirge als viel¬ mehr am Fuße desselben vorkommen; diese sind die Laufen oder Stromschnellen . Schon die Bezeichnung sagt deutlich, daß sie weniger eigentliche Fälle, als beschleunigte, schräg-abjagende Flu߬ massen sind, gewissermaßen von der Natur gebaute, gigantische Wehre. Der renommirteste Laufen ist der weltbekannte Rheinfall Der Wasserfall . bei Schaffhausen, der schon zu oft beschrieben und abgebildet wurde, und somit eine nochmalige Schilderung überflüssig macht. In klei¬ nerem Maßstabe finden sich ähnliche bei anderen Alpenflüssen, so z. B. der Fall des Inn bei seinem Ausflusse aus dem St. Morizer See im Ober-Engadin. — Eigentliche Stromschnellen im engeren Sinne, also Stellen, an denen der Strom in Folge starker Neigung seines Flußbettes einen beschleunigteren Lauf annimmt und schräg über flache Platten hinabschießt, hat fast jeder Gebirgsstrom, sobald er in die Zonen der sedimentären Bildungen hinaustritt. Solche Stromschnellen sind Ursache, daß mancher bedeutende Fluß nicht schiffbar benutzt werden kann. Bei Laufenburg an der schweizerisch-badenschen Gränze, durch¬ setzt fester Alpen-Gneis in Form eines Felsendammes das Klippen- Bett des Rheines und nöthiget diesen, zwischen gewaltigen Blöcken hindurch, über stark geneigte Schichtenlagen des krystallinischen Gesteines mit reißender Vehemenz hinabzujagen. Da der Massen¬ sturz ungeachtet seines brüllenden Lärmens und stellenweise schäu¬ menden Wesens doch ganz und gar den Charakter des eigentlichen Wasserfalles verliert, weil die Oberfläche des Stromes, stark wellenförmig fluthend, doch ziemlich glatt bleibt, so haben Wage¬ hälse, offenbares Va-banque -Spiel mit ihrem Leben treibend, es schon oft versucht mit kleinen geeigneten Nachen über diese wilden Stromschnellen hinabzufahren. Einigen gelang das mehr als tollkühne Unternehmen, — andere kamen dabei um. Zu letzteren gehörte der junge Lord Montague, der wunderbarerweise am gleichen Tage auf diese Weise sein Leben einbüßte, an welchem sein Stammschloß in England abbrannte. Der Schiffer, welcher ihn fuhr, vermochte sich zu retten. Erfahrene Schiffer pflegen ohne Schaden ihre Fahrzeuge hinabzulassen. — Noch präciser formt sich die „Stromschnelle“ beim s. g. kleinen Laufen unweit Koblenz am Rhein, einige Stunden oberhalb Laufenburg. 11* Der Wasserfall . Der Bergstrom und seine Wasserfälle sind eine der stolzesten Zierden des Alpenlandes, und mit begeisterten Worten besingt F. L. von Stollberg das erhabene Schauspiel Unsterblicher Jüngling, Du strömest hervor aus der Felsenkluft. Kein Sterblicher sah die Wiege des Starken! Es hörte kein Ohr das Lallen des Edlen im sprudelnden Quell! Wie bist du so schön in silbernen Locken! Wie bist du so furchtbar im Donner der hallenden Felsen umher! O eile nicht so zum grünlichen See! Jüngling! noch bist du stark wie ein Gott! Frei wie ein Gott! Der Schneesturm im Gebirge. — — Tollheit ist Der Muth des Menschen, Wenn ein Gott ihm zürnt. Stollberg . Zu den ungestümsten und schreckenerregendsten Naturerschei¬ nungen des Hochgebirges gehören die Schneestürme. Von ihrer Heftigkeit, Gewalt und von der quantitativen Dichtheit der Schnee¬ menge, welche durch die Lüfte getragen die Möglichkeit zuläßt, daß binnen wenig Minuten kurz vorher noch sichtbare Wege gänzlich vergraben und fußhoch überdeckt werden, kann nur derjenige sich einen lebhaften Begriff machen, der die wilden Kraftäußerungen der Elemente im Gebirge schon in anderer Weise kennen lernte. Der Schneesturm in den Alpen ist gleichsam der entgegengesetzte Pol einer anderen, eben so furchtbaren, atmosphärischen Erscheinung, nämlich des Samum der Wüste. Wie dort der rasend einherbrau¬ sende Flügelschlag des Wüstenwindes unberechenbare Milliarden glühendheißer Sandkörnchen emporhebt und in jagender Flucht durch die Lüfte trägt, tiefe Mulden hier aufwühlt, um neue, vor¬ her nicht dagewesene, haushohe Hügel dort abzuladen, — so er¬ Der Schneesturm . füllt der Schneesturm die Luft auf große Entfernungen hin mit dichten, ringsumher Alles verfinsternden Wolken kleiner feiner Schneekrystalle, die Alles durchdringen, an Alles sich einbohren und mit der Atmosphäre eine völlig verschmolzene Masse zu sein scheinen. Die Verwandtschaft der mechanischen Thätigkeit dieser beiden schrecklichen Lufterscheinungen ist frappant und bietet selbst bis in die kleinsten Einzelheiten Parallelen dar, freilich eben im¬ mer unter den Bedingungen der äußersten Temperatur-Gegensätze. Der Schnee des Hochgebirges ist, sowohl nach Gestalt und Umfang, als nach Dichtheit und specifischer Schwere seiner einzel¬ nen Körpertheilchen, in der Regel wesentlich verschieden vom Schnee der Tiefebene und des Hügellandes. Wenn er auch unter gleichen Bedingungen entstehen mag, so ist doch höchst wahrscheinlich sein Bildungsproceß ein viel einfacherer; ja, es fragt sich, ob er nicht unmittelbar aus jenen Elementarkörperchen besteht, aus deren, nach organischer Anordnung erfolgender Konglomeration sich die Schnee¬ flocke, wie man sie drunten im Lande allgemein kennt, erst konstruirt. Denn in die Geheimnisse der Schneekrystallisation sind die Natur¬ wissenschaften bis jetzt wenig erst eingedrungen; nur Vermuthungen und Wahrscheinlichkeitsgründe konnten sie darüber aufstellen: in welcher Region und unter welchen meteorologischen Einflüssen die erste Schneebildung beginnt, — und es ist noch eine schwebende Frage, ob der, stets nach dem Gesetz der drei- oder sechskantigen oder sechsstrahligen Form sich darstellende, symmetrisch-schöne Schnee¬ stern durch das Anschließen kleiner, unendlich feiner, aber schon vorhandener Eisnädelchen entstehe, — oder ob er durch Anhängen (Adhäsion) der dunstförmig im Aether schwebenden Wasserbläschen und deren Gefrieren seine allmählige Bildung vom Centrum aus herbeiführe. — Die beiden Schneearten, nämlich der Hochschnee und der Flockenschnee, verhalten sich etwa zu einander wie der chemische Gehalt und das specifische Gewicht der schweren, mit vie¬ len Stoffatomen gesättigten Luft tiefliegender Regionen, gegenüber Der Schneesturm . jener feinen, dünnen, leichten, reinen Bergluft, die, je höher man in den Dunstkreis empordringt, um so mehr sich verflüchtiget. Die große, breite, fette Flocke des Tieflandes ist eine Ver¬ einigung vieler, mehr oder minder vollständig ausgebildeter, flächen¬ haft-krystallisirter Eissterne, die deshalb, weil die Schwere der darin enthaltenen gefrorenen Wassertheilchen nach ihrem räumlichen Umfange in keinem Verhältniß zu der zu durchschneidenden Luft steht, langsam wie ein von den Windwellen getragenes Fallschirm¬ chen aus der Höhe niederschwebt, und nur dann eine beschleunig¬ tere Geschwindigkeit annimmt, wenn sie in Temperaturschichten her¬ absinkt, welche vermöge größerer Wärmemenge die im Frost ge¬ bundenen Wasseratome theilweise lösen und die ganze Wolke durchfeuchten. Ganz anders verhält sichs mit dem Hochschnee. Der erste Blick schon zeigt ein ganz anderes Gebilde. Er ist viel feiner, mehliger oder eigentlich sand-ähnlich, trockener und darum selbststän¬ dig beweglicher. Theils zeigt er unterm Mikroskop blos prismen¬ förmige Nädelchen, oder unendlich kleine, aber kompakte keilförmige, sechskantige Pyramiden, theils aber stellt er sich auch in einer mehr der sphärischen Gestalt annähernden Weise dar, und zwar so, daß er einen kugelförmigen centralen Körper zeigt, an dem, ähn¬ lich der mittelalterlichen Waffe des Morgensternes, kleine Spitzen nach allen Radien hin ausstrahlen. Daß solch ein, seinem Um¬ fange nach kleinerer, wahrscheinlich auch dichterer und darum schwe¬ rerer Körper in ganz anderem Geschwindigkeitsmaße die Luft durch¬ schneiden kann und darum bewegungsfähiger ist, wenn der Wind ihn treibt, als die netzförmig breite, viel mehr Raum einnehmende Schneeflocke, ist begreiflich. Vermöge seiner Feinheit profilirt der Hochlandsschnee aber auch die Gegenstände, auf die er fällt, viel feiner, zeichnet deren Konturen viel detaillirter, und schließt den kleinsten Formgebilden sich ungemein schmiegsam, — gleichsam nur bestaubend an, wo die Der Schneesturm . volle, flaumige Schneeflocke des Tieflandes in großen behäbigen Linien, oft ziemlich schwerfällig, die beschneiten Gegenstände nur deckt. Diese subtilen Kandirungen kann man indessen nur im Herbste, namentlich an Kräutern, verdorrten Samen-Dolden und an den kleinen zierlichen Kryptogamen der Alpenpflanzen wahrnehmen, wenn die Atmosphäre ihre Anfangsversuche im Be¬ stauben mit gleichsam gefrorenem Nebel macht. Dieses leichte Be¬ schneien ist nicht zu verwechseln mit der, auch im Hügel- und Flachlande vorkommenden verwandten Erscheinung des s. g. „Duft“ oder „Pick“, welcher Pflanzen, Steine und andere Dinge krystalli¬ sirend überkleidet, wenn dichter Nebel bei tiefer, unterm Gefrier¬ punkte stehender Temperatur über einer Landschaft lagert. Es soll nun keinesweges behauptet werden, daß unter allen Umständen die Bildung von Flockenschnee in den Hochalpen un¬ möglich sei. Vielmehr versichert der bekannte schweizerische Berg¬ steiger, Herr Weilenmann, daß er während seiner Besteigung des Grand Combin am 10. August 1858 bei einer Höhe von circa 12,000 F. über dem Meere und bei einer Temperatur von 6 Grad Wärme in ein dichtes Schneegestöber des dicksten, schwersten Flocken¬ schnees gekommen sei. Bei der ungemeinen Feinheit der einzelnen Körperchen des Hochschnees ist es aber auch vornehmlich deren große Trockenheit, welche sie auszeichnet. Diese ist Folge der in den oberen Regionen während des ganzen Jahres fast ununterbrochen herrschenden niede¬ ren Temperatur. Im normalen Zustande ist der Hochschnee so spröde, so abgeschlossen eigenkörperig, daß er ohne kräftige Wärme¬ einwirkung sich eben so wenig zusammenballen läßt, wie eine Hand¬ voll trockenen feinen Sandes. Mit diesem Material treibt nun der Wind auf den Höhen und in den Einsattelungen des Gebirges, welche 5000 Fuß über¬ steigen, sein mehr als übermüthiges Spiel, packt plötzlich einige Hunderttausend Kubikklaftern dieses feinen Eisstaubes, wirbelt ihn Der Schneesturm . spielend hoch, hoch in die Lüfte empor, und überläßt es der dort herrschenden Windrichtung, ihn wieder in Form des dichtesten Schneefalles, oder zerstreut als glitzernden Eisnadel-Regen abzuschüt¬ teln, wo es ihm beliebt. „Le Montblanc fume sa pipe“ sagen die Thalleute von Chamouny, wenn's von der Schneekuppel dieses höchsten europäischen Berges bei hellem, tiefblauem Himmel wie Dämpfe aufsteigt und leise verweht wird. — Oder der Wind, in seinem radikalen Fegen über die alten Firnwüsten, hebt irgend eine, ihm nicht am rechten Platze liegende Ladung solch trockenen Hochschnees auf und schleudert ihn unversehens in tiefere Berg¬ becken oder Uebergangspunkte, während wenig Minuten Schnee¬ batterieen und Querdämme aufbauend oder mühsam ausgeschaufelte Hohlwege nivellirend, wozu eine Arbeiter-Compagnie tagelange Zeit bedurft haben würde. Darum läßt sich auch zwischen diesen bös¬ artigen Neckereien des Windes und dem Fall der eigentlichen „Staublauinen“ oft keine bestimmte Gränze ziehen, weil die Wir¬ kungen des Einen fast jenen der Anderen gleichkommen. Aber alle diese tollen Luftmanöver sind nichts weniger als eigentliche Schneestürme; der Charakter dieser fürchterlich tobenden Erscheinung ist weit wilder, zorniger, feindseliger. Wehe dem ar¬ men Wanderer oder Roßtreiber, der in eine heftige „Tormenta“ — wie der Tessiner den Schneesturm bezeichnend nennt — geräth, — und doppelt Wehe über ihn, wenn er nicht ein von den Un¬ bilden des Wetters längst abgehärteter Mann, — wenn er ein Fremdling aus milderen Klimaten ist, der dem jähen Anprall und der nachhaltig-einbohrenden Wuth der Elemente nicht Entschlossen¬ heit, stählernen Muth, stramme Kraft, zähe Ausdauer entgegen zu setzen vermag. Er ist, wenn nicht Wunder ihn retten, ein Kind des Todes. Schon Tausende fielen dem Ungethüm als Opfer, wenn sie mit den Vorboten eines Schneesturmes unbekannt waren oder wohlgemeinten Warnungen nicht folgend, ihren Weg fortsetzten. Denn erfahrungsgemäß toben die „Guxeten“ am Bösartigsten in Der Schneesturm . jenen Alpeneinschnitten, durch welche Bergstraßen und Pässe hin¬ durchführen, und zwar sonderbarer Weise beim Nordwinde an der südlichen Abdachung und beim Südwinde an der nördlichen am Heftigsten. Berüchtiget sind in dieser Beziehung ganz besonders der Große St. Bernhard im Wallis, der Gotthard im Kanton Uri, der Bernhardin und der Panixer Paß in Graubünden. Auf letzterem ward ein großer Theil des russischen Heeres unter Su¬ worow, bei der Retirade im October 1799, eine Beute der Schnee¬ stürme. Nach mündlichen Versicherungen der Bernhardiner Mönche ist in den letzten zehn Jahren nicht ein einziger Mensch am Großen St. Bernhard durch einen Schneesturm mehr ums Leben gekommen. Der Aelpler kennt die Zeichen genau, welche den bösen Gast anmelden. Die sonst matte, indifferent gräulich-weiße Färbung des Horizontes, von der die Schneehülle der Berge kaum merklich im Farbentone sich ablöst, wird bestimmter, dicker, gesättigter, man sieht ihr gleichsam den größeren Stoffgehalt an; entfernte Gebirgs¬ züge, deren nackte Felsenknochen deutlich erkennbar heraustraten, werden erst leicht, dann aber immer trüber und dichter verschleiert, bis sie zuletzt ganz verschwinden. Die Luft ist ruhig, sehr kalt, ohne jene kräftige säuerliche Winterfrische zu athmen, welche an heiteren Januarmorgen im Flachlande die vom langen Stubensitzen verdumpften Sinne völlig neu belebt; — trockene, frostige, harte Luft füllt die Atmosphäre. Dazu lagert ringsumher unbeschreiblich¬ lautlose Stille über der erstorbenen Einöde. Das sprungfertige Volk der Gemsen, welches im Sommer diese Höhen belebt, wohnt jetzt in tieferliegenden Forsten, — das pfeifende Murmelthier liegt im Winterschlafe erstarrt in seiner Höhle, und selbst die, im Winter kreischend die zerspaltenen, schwer ersteigbaren Granitzinnen um¬ kreisende Bergdohle hat sich in ihr Kluftennest geflüchtet; kein dür¬ res Laub raschelt an den Aesten, denn in diesen Höhen hat der Baumwuchs aufgehört, und die melancholische Legföhre und das Der Schneesturm . Alpenrosen-Gebüsch schlummern tief unterm Schnee, — kein Wind¬ hauch rieselt Schneekörner über die jähen Fluhsätze, — allenthalben herrscht jene bange Stille, welche an schwülen Sommertagen dem Ausbruche eines heftigen Gewitters voranzugehen pflegt. Die ein¬ zigen Laute, welche der Wanderer vernimmt, sind sein eigenes tiefes Athmen, das Schnauben der Rosse (wenn er mit dem Schlitten das Gebirge passirt) und das knitternde Aechzen des getretenen Schnees. Nähert sich nun die Katastrophe, dann hüllen massige graue Wolken auch die näherliegenden Bergspitzen ein und lasten so dick und schwer auf ihnen, als wollten sie für eine Ewigkeit hier Posto fassen. Noch immer ists Zeit, die schützende Cantoniera , ( Refuge , Zufluchtshaus) oder das gastliche Hospitium zu erreichen, wenn es nicht allzufern ist, — aber auch immer dämmeriger wirds, — der Abend scheint den Mittag übersprungen zu haben. Plötzlich er¬ schreckt den besorglich-eilenden, schon halb ermüdeten Reisenden ein heftiger, scharfer Windstoß, der ihm eine Handvoll emporgerafften Schnee entgegenwirft; dann ists wieder ruhig, — still rundum, wie vorher. Diese intermittirenden Vorläufer wiederholen ihre Mahnung noch einigemal, gewöhnlich nach immer kürzer aufeinander folgenden Pausen. Es sind die äußersten und letzten Erinnerungs¬ zeichen zur Flucht. Denn nun beginnt ein seltsames unheimliches Tönen in den Felsenkammern und Steinschluchten, erst leise und seufzend, dem wimmernde Antwort von der entgegengesetzten Seite folgt, dann vernehmlicher, näher, stärker, aber rasch weit und wei¬ ter verklingend in anderen Gebirgsrevieren; es ist, als ob ferne ver¬ wehte Stimmen um Hilfe riefen. Diese durch die Luft streichenden Klagen tönen jetzt aus einer dritten und vierten Ecke hervor, aber so getragen, so einförmig und hohl, so ganz anders als im Lande drunten, wenn um die Zeit des Aequinoktiums der Wind durch Kamin und Thürspalten seine jammernden Melodieen heult. — Das Roß vorm Schlitten haut fester mit den Hufen in den unsicheren, lockeren Pfad, und schnaubt öfter und unwillig, — sein Instinkt Der Schneesturm . verräth ihm die nahende Gefahr; unaufgefordert strengt es seine Kräfte in erhöhtem Maße an, rascher fort zu kommen — und keu¬ chend folgt ihm sein Treiber. Dem winselnden Unisono gesellt sich jetzt ein tiefer Grundton zu; die dazwischen liegenden Stimmen mehren sich, die Disharmonieen werden voller, und mit ihnen schwillt das Getöse immer wilder, immer mächtiger, immer lauter an und durchheult die Lüfte. Noch wenig Augenblicke und nun entladen auch die Schneewolken ihren Inhalt und senden einen Hagel feiner, nadelspitzer Eispfeile mit solch unbändiger Gewalt hernieder, daß alle entblößten Theile des Körpers auf das Schmerz¬ hafteste von ihnen getroffen werden. Der fast erschöpfte Wanderer kehrt der Seite, von welcher die Massen am Tollsten herabwüthen, den Rücken zu; — aber was hilfts? Die jagenden Fluthen der Eisnadeln schlagen gleich den brandenden Meereswellen um ihn zusammen, und so wie diese, zu Schaum zerspritzt, dem Orkane sich wieder entgegenwerfen, so ändern auch die, seine Schultern bestrei¬ chenden Schneestaubwolken ihre Fluchtbahn und greifen in kreiseln¬ dem Wirbel den Betäubten von vorn an. Er kann Nichts sehen und deckt wechselsweise mit Arm und Hand und Tuch die Augen, die Wangen, das ganze Angesicht, welches von der schneidenden Kälte und den brennenden Stichen aufzuschwellen beginnt, — er kann nicht athmen, denn die zu Eis verkörperte Luft fährt wie ätzendes Gift durch die Respirationsorgane in die Lunge und bohrt sich bei jedem Athemzuge wie mit tausend Spitzen fest. Er ist hereingebrochen, der furchtbare Schneesturm des Gebirges mit all seinem Entsetzen, seiner gräßlichen Wildheit, und umwüthet Alles, was in seinem Bereiche liegt. Das ist ein Hetzen und Peitschen durch die Lüfte, das tobt und stöhnt und pfeift und braust um die starren Felsenhörner, als ob die Atmosphäre wahnwitzig geworden wäre und die Introduktion zum letzten Gericht beginnen sollte. Und in Mitte dieses Aufruhrs steht der Mensch, der Herr des Erd¬ balles, der mit Eisen und Dampf die Materie sich dienstbar gemacht Der Schneesturm . und die Elemente seinem Willen unterjocht zu haben wähnt, — er steht da, ein armes, ohnmächtiges, verlassenes Geschöpf in grausen¬ hafter Schneewüste, eine sichere Beute des Todes, wenn die Sinne ihm schwinden, wenn die letzte Kraft ihn verläßt. Denn, tritt auch eine kurze Pause in dem entsetzlichen Auf¬ ruhr ein, kann der Ueberfallene für wenige Sekunden die Augen öffnen, so sieht er keine Spur des zu verfolgenden Weges mehr. So tief wie er, oft bis an die Kniee, im frischgefallenen und ab den Bergen zusammengewehten Schnee steht, eben so tief und stellen¬ weise noch tiefer liegt derselbe überall. Darum hat die Vorsicht der Thalbewohner diesseits und jenseits vielbegangener Pässe schon seit alter Zeit die Einrichtung getroffen, 20 bis 30 Fuß hohe Schneestangen vor Wintersanfang, längs des ganzen Paßweges ins feste Gestein zu setzen, die bei verwehetem Pfade als Alligne¬ ment dienen. In ergiebigen Wintern ists indessen schon vorge¬ kommen, daß an manchen Stellen auch diese Stangen unter dem von allen Seiten zusammengewehten Schnee verschwanden. Denn in der oberen Alpenregion, d. h. in der absoluten Höhe zwischen 5500 und 7000 Fuß über dem Meeresspiegel, und in der subniva¬ len oder unteren Schneeregion zwischen 7000 und 8500 Fuß, fällt der Schnee in ganz anderer Menge als in der Ebene, wo nicht nur das Quantum des auf Einmal gefallenen Schnees weit unbe¬ deutender als im Gebirge ist, sondern wo auch steter Temperatur¬ wechsel mehrmals in einem Winter die ganze Schneedecke wieder hinwegrollt. Müdewerden, Schläfrigkeit, Hinsinken vor Ermattung, allmäh¬ liges Schwinden der Besinnung und endliches Erstarren vor Kälte sind die Progressiv-Stadien des herbeischleichenden Todes. Jedes Jahr fordert seine Opfer. Die Erinnerung an traurige Ereignisse dieser Art lebt traditionell im Munde des Volkes, das am Fuße solcher Bergübergänge wohnt, lebhaft und in Menge fort. Von den vielen Beispielen mögen nur zwei hier einen Platz finden. Der Schneesturm . Im Jahre 1817 hatten fünf Hannoveraner einen Pferdetrans¬ port in die Lombardei gebracht und befanden sich auf dem Heim¬ wege. Alle waren kräftige, gesunde Männer, die daheim schon manche Unbilden des Wetters erfahren und mit leichter Mühe über¬ wunden hatten. Im Dorfe Bernardino, 1¼ Stunde südlich unter dem gleichnamigen Bergübergange im Kanton Graubünden (auf der Linie von Chur nach Bellinzona), wo sie einkehrten, warnte man sie dringend, ihren Weg fortzusetzen, weil ein Schneesturm im Anzuge und deshalb die Passage lebensgefährlich sei. Allein an¬ gefeuert durch starken Veltliner Wein und im Bewußtsein des Voll¬ besitzes ihrer ungeschwächten physischen Kräfte, gaben sie allen Vor¬ stellungen kein Gehör und rüsteten zur verhängnißvollen Reise. Damals bestand die gegenwärtige Kunststraße noch nicht, und das jetzt, oberhalb der Victor Emanuels-Brücke, am kleinen Mo ë sola- See stehende sturmestrotzige, feste steinerne Berghaus auf der Ueber¬ gangshöhe existirte eben so wenig. Es war somit vom Dorfe Ber¬ nardino bis nach Hinterrhein im Rheinwaldthal ein ununterbroche¬ ner Marsch von 3½ Stunden Entfernung, zu welchem aber bei dem, durch die gefallene Schneemenge, erschwerten Fortkommen, mindestens 5 Stunden Zeit nöthig wurden. Die Unbesonnenheit der Fremden konnte ein anwesender Landmann aus dem Dorfe Hinter¬ rhein nicht mit ansehen, und Er, der sich selbst nicht getraut hatte, den Heimweg anzutreten, schloß sich nun, als alle Gegenreden fruchtlos blieben, den Tollkühnen an, um ihnen mindestens als Führer zu dienen. Das Unwetter brach in seiner ganzen Furcht¬ barkeit los, als die Wanderer ungefähr die Höhe des Passes er¬ reicht hatten. Anfangs unter leichtsinnigen Scherzen, dann mit ernstlichem Aufwand aller Kräfte, endlich mit Verzweiflung, kämpf¬ ten sie wie Männer gegen den übermächtigen Feind an, — allein vergebens. So sehr der wackere Rheinwäldler Allem aufbot, um die Unglücklichen zu retten, so sank dennoch Einer nach dem Anderen, zum Sterben ermattet und bei vollem Bewußtsein resignirend, dem Der Schneesturm . Tode in die Arme. Lange bestrebte sich der opferfähige Gebirgs¬ bauer mindestens den Letzten zu retten; aber auch hier erkannte er nur zu bald, daß er selbst unterliegen müsse, wenn er seinen Vor¬ satz nicht aufgebe und den geringen Rest der ihm übrig gebliebenen Kräfte auf seine eigene Rettung verwende. Er erreichte zwar lebend seinen Geburtsort, — aber mit gänzlich erfrorenen Händen und Füßen; Finger und Fußzehen mußten amputirt werden. Er ward zum Dank für seine Menschenfreundlichkeit ein Krüppel. Ein anderer tragischer Fall ereignete sich auf der Gotthards¬ straße in der Nacht vom 9. zum 10. April 1848. Die italienische Post, welche am Nachmittage den Berg in der Richtung von Ander¬ matt nach Airolo überschreiten sollte, hatte, durch enorme Schnee¬ massen aufgehalten, sich bedeutend verspätet. Mit Pferden und Schlitten die Straße zu passiren war unmöglich, und Condukteur Simen entschloß sich deshalb die Postfelleisen mit den Briefschaften und Paqueten durch Träger über den Gotthard zu befördern. Unter diesen Trägern befand sich auch Joh. Jos. Regli, Steinhauer von Profession. Als die Karavane Urseren verließ, stürmte es zwar wild und warf Schneemassen in dichter Menge nieder; indessen die muthigen Berggänger glaubten dennoch dem Wetter trotzen zu dür¬ fen und drangen tapfer vorwärts. Als sie jedoch etwas über das zweite Drittel des Weges zurückgelegt hatten, brach ein Schnee¬ sturm über die Lucendro-Alp mit solch vehementer Gewalt herein und verwehte die Straße dermaßen, daß Alle die Richtung ver¬ loren. Rundum war es vollendet finstere Nacht. Der Sturm peitschte wie mit Skorpionen-Geißeln die seiner Vernichtungs-Wuth preisgegebenen pflichtgetreuen Männer. Noch immer hielten sie Stand und suchten trotz alles Ungemaches ihr Ziel zu erreichen. Endlich als sie ziemlich auf der Höhe des Passes in der Gegend von San Carlo beim s. g. „Wasserloch“ ( Valeggia ) angelangt waren, vermochte Regli nicht weiter zu kommen. Die Kameraden, obgleich selbst schwer bepackt, versuchten es dennoch, ihren Schick¬ Der Schneesturm salsgenossen durch den mehr als 3 Fuß hohen weichen Schnee mit fortzuschleppen; aber auch sie verließ allmählig die Kraft und sie erkannten das Gräßliche ihrer Lage, den sicher drohenden Tod, wenn sie nicht den ermatteten Freund aufgeben und zurücklassen würden. Man packte ihn deshalb dicht in Mäntel und wollene Decken, brachte ihn unter eine schützende Felsenwand und ließ sämmtliche Felleisen und Transportgegenstände bei ihm zurück, um möglichst rasch das Hospiz zu erreichen und Hilfe von dort zu requiriren. Es war nur noch zehn Minuten entfernt und doch brauchten die Männer fast eine und eine halbe Stunde, bis sie das rettende Asyl erreichten. Sofort brach der Direktor dieses Samariterhauses, Herr Lombardi, mit Hilfsmannschaft, Geräthen und Laternen auf, den Unglücklichen zu retten. Er kam zu spät. Regli, ganz überschneit, daß man ihn kaum finden konnte, war erfroren. Rother Schnee . Reiche Fülle der Natur! Labyrinth zu neuem Leben! Kürzend tausend Wege tausendfach, Ueberall belebend, allbelebt. Herder . Auf Hochgebirgswanderungen begegnet man nicht selten ziem¬ lich ausgedehnten Schneeflecken, die schon von ferne durch ihre unverkennbar rothe oder gelbröthliche Färbung den Blick auf sich ziehen und in der Nähe aussehen, als ob rother Wein in unge¬ messener Menge über den Firn ausgeschüttet worden sei. Der Volksglaube, dessen geflügelte Phantasie in jede außergewöhnliche, dem Alltagsverstande nicht sofort entzifferbare Erscheinung das Mysteriöse, Geisterhafte hineinträgt, sah auch in diesem fremdarti¬ gen Naturprodukte die körperhafte Kundgebung schauerlich-geheimni߬ voller Mächte; es waren Fußstapfen der rächenden Nemesis, sicht¬ bare Zeichen der Vergeltung, der göttlichen Strafe, für einst be¬ gangene ungerechte Thaten, und der Aelpler registrirte den rothen Schnee in das Archiv seiner Sagenwelt. Ungetreue Säumer, die mit ihren Saumrossen feuerige italienische Weine, namentlich den dunkelrothen Pulsstürmer aus dem Veltlin, über die Alpen trans¬ portiren, hätten hier (so glaubte man) von Trunksucht übermannt, Berlepsch , die Alpen. 12 Rother Schnee . die Legel (Fäßchen) geöffnet und von dem ihnen auf Treu und Glauben anvertrauten Gute sündlich gezecht; dafür seien nun ihre durstigen Diebesseelen verdammt, an den Firn gebunden, und müßten, der Nachwelt zur Warnung, so lange hier in Eis und Kälte schmachten, bis irgend eine mitleidige lebende Seele sie er¬ löse. Die Erlösungsform ist aber eine höchst gemüthliche, an die antike Ovation erinnernde. Jeder Tropfen des neubelebenden, muskelspannenden, mutherhöhenden Veltliners ist in der Einöde der Hochgebirgswelt, wenn die Kräfte schwinden wollen, ein Arkanum von unbezahlbarem Werth; der besonnene Berggänger geizt mit der kleinen Neige seiner Feldflasche wie ein Harpagon und spart die¬ selbe für den letzten und äußersten Nothfall vorsichtig auf. An dieses Kleinod appellirt nun der Volksglaube; wer aus freiem An¬ trieb seinen letzten kostbaren Schluck mit den armen Seelen theilt und einige Tropfen auf den rothen Schnee ausgießt, der sühnt die strafende Gerechtigkeit und erlöst die Verdammten aus dem „ kalten Fegefeuer.“ Dieses, unter Umständen, schweren Opfers ist der Alpenwan¬ derer unserer Tage, — Dank den Forschungen der Naturwissen¬ schaften! — überhoben; die gebannten Geister sind durch den „Höllen¬ zwang“ des Mikroskops sammt und sonders erlöst, und der Feuer¬ tropfen muß nicht mehr zur „rettenden That“ die Mesalliance mit dem ertödtend kalten Schnee eingehen. Ein ganz anderes, ungeahntes Leben, als das stumme Seufzen und die Marterqual gespenstiger Trunkenbolde, strömt durch diese Schichten der scheinbar anorganischen Erstarrung; eine Welt des undenkbar Kleinen wächst und schafft und regenerirt hier. — Der geistvolle Horaz Benedict de Saussure war der Erste, der, auf sei¬ nen Chamouny-Reisen 1760, den rothen Schnee untersuchte und in dem geschmolzenen Wasser rothe Kügelchen fand, die das fär¬ bende Prinzip abgaben. Da sie leblos dalagen, so hielt er, und nach ihm viele andere Naturforscher, diese Substanzen für Pflanzen¬ Rother Schnee . bläschen, Blüthenstaub, Gallert-Algen, schleimige Haut- oder Ader¬ moose, und man nannte sie Protococcus nivalis oder Schnee-Schleipe. Der Kanonikus Lamon vom großen St. Bernhardskloster forschte der Erscheinung weiter nach und äußerte in der Versammlung schwei¬ zerischer Naturforscher zu Lausanne 1828 zuerst die Vermuthung, daß die rothen Kügelchen Thiere, Infusorien sein möchten. Der gute spekulative Bernhardinermönch mußte gehässige Anfeindungen und spottende Erwiederungen genug ertragen; denn seine Hypothesen fanden wenig Glauben, und Hugi, in seiner Alpenreise, wies „mit dem höchsten Unwillen“ diese neuesten Entdeckungen zurück, indem er nochmals den ganzen vegetabilischen Aufbau dieser im Eis wur¬ zelnden vermeintlichen Pflänzchen sammt Aesten, Zweigen und ar¬ terienartig verlaufenden Zäserchen genau beschrieb. Aber der Mönch hatte dennoch recht. Es lebt eine vielgestaltige, wunderbar orga¬ nisirte Fauna von Infusorien in den Krystallpalästen des Firn¬ schnees von 7000 bis 9000 Fuß überm Meere, die dort sich her¬ umtummelt und ganz besonders geschäftige Thätigkeit entwickelt, wenn durch Einwirkung der Sonnenwärme ein Theil der zu Eis gebundenen Wassertheilchen schmilzt und den Firn heftig durch¬ feuchtet. Nie erscheinen sie im Gletscher und nie im frisch gefalle¬ nen sandig-trockenen Schnee, sondern stets im Firn und am liebsten an jenen sonnigen Abhängen, wo frischer Schnee sich rasch in Firn (körniger, grisselicher Eisschnee) verwandelt. Eine Generation mag vielleicht einige Monate in voller Aktivität leben, während welcher sie in brennendem Hochroth, einem Mittelton zwischen Karmin und Zinnober, den Firn bis gegen zwei Zoll tief durchdringt, aber durch die vorherrschend weiße Farbe des Firnschnees in ihrem Farben-Effekt geschwächt, nur rosaroth erscheint. Nach Vollendung ihrer Lebens¬ frist und unbekannten Lebensaufgabe geht sie in bräunlichen und zuletzt schwarzen Moder über, der nach und nach versinkt oder den Firn strichweise durchfurcht. Der Engländer Shuttleworth, mit hinlänglichen für wissen¬ 12* Rother Schnee . schaftliche Untersuchungen konstruirten Apparaten ausgerüstet, unter¬ nahm nun eine Entdeckungsreise ins Reich dieser kleinsten Eis¬ thierchen und förderte auffallende Resultate zu Tage. Die schwei¬ zerischen Naturforscher Desor und Karl Vogt setzten die Forschungen, mit vergleichenden Untersuchungen über verwandte Infusorien am Neuenburger See, fort und so ist heute durch die Erkenntnisse der exakten Wissenschaften jener Zauber der Alpengeister und verbann¬ ten Säumer-Seelen endgültig für alle Zeiten gelöst. Die Hauptmasse des rothen Schnees wird von einem Infuso¬ rien-Geschlechte ( Disceraea nivalis ) gebildet, welches sich durch einen rundlichen oder eiförmigen Kieselpanzer auszeichnet, der nur wenig vom Thiere absteht, aber hell und durchsichtig ist; mitunter schließt er jedoch auch so enge an, daß seine Gegenwart durchaus nicht zu erkennen ist, besonders wenn das Thier sich bewegt. An dem spitzeren Ende des minutiösen Thierchens unterscheidet man bei hinreichender Vergrößerung zwei orangegelbe Lippen, von denen zwei lange fadenähnliche Rüssel ausgehen, die wohl die doppelte Körperlänge haben mögen. Während das Thierchen sich bewegt, sind sie in fortwährender Vibration und scheinen also seine rudern¬ den Arme zu sein, da es keine Wimperorgane um den Mund hat, wie die meisten anderen Infusorien. Hält es in seiner Ruder- Promenade inne, so zieht es die beiden Rüssel mit einer ruckenden Bewegung ein, und bei völlig ruhenden Thieren sind sie gar nicht wahrzunehmen. Die erwachsenen Thiere sind meist gänzlich un¬ durchsichtig. Eben so merkwürdig wie die körperliche Organisation und Lebensweise dieses, nur in einer Kältetemperatur von mindestens Null-Grad existenzfähigen, unendlich kleinen Geschöpfchens ist, eben so wunderbar ist die Art seiner Vermehrung. Dieselbe erfolgt nach noch unbekannten Gesetzen und Bedingungen bald durch Thei¬ lung, so daß das Thier sich in 2, 3, 4, 6 oder 8 Stückchen spal¬ tet, von denen jedes nun ein eigenes selbstständiges Individuum Rother Schnee . wird, wächst, und endlich, wenn es ihm und seinen Geschwistern zu eng im umgebenden Elternhause wird, den gemeinsamen Kiesel¬ panzer sprengen, um nun auf eigene Faust zu leben und zu rudern in dem kleinen Weltall, das unserem Auge fast wie ein Nichts er¬ scheint, — oder sie pflanzen sich durch Absenker fort, die als wasser¬ helle Bläschen wie minutiöse Schweißtropfen am Originalpanzer heraustreten, wachsen, sich ablösen, strohgelb, dann roth werden, bis sie dem Mutterthiere gleich sind. Die Beobachter nehmen endlich noch eine dritte Fortpflanzungs- Art, nämlich durch Eier , an, erklären jedoch ihre dahin bezüg¬ lichen Wahrnehmungen für sehr ungenügend, um mit einiger Zuverlässigkeit eine Behauptung aufstellen zu können. Thatsache ist es, daß man in allem rothen Schnee kleine Kügelchen von ro¬ ther Farbe findet, die oft unter den stärksten Vergrößerungen nur wie Punkte erscheinen, und neben denen sich alle Stufen der wach¬ senden Größe bis zu derjenigen der vollkommenen Disceräen erkennen lassen, — eben so wie die Uebergänge von der runden Kugelform zu der Eiform. Außer diesen Infusorien zeigt sich in allen Arten des rothen Schnees noch ein zweites Produkt, das aus einer dunkelrothen, ins Blaue oder Braune spielenden Kugel besteht, um welche eine Menge heller, durchsichtiger, konischer oder pyramidal zugespitzter Körper angesetzt sich zeigen, die der Erscheinung das Ansehen eines rosettirt geschliffenen Steines, oder eines mit kleinen Dia¬ manten besetzten Rubins geben. Das Verhältniß der inneren, rothen Kugel zu den aufgesetzten, wie Krystalle glänzenden Stück¬ chen ist sehr verschieden, und da diese räthselhaften Organismen sich nicht bewegen, so wissen die Beobachter nicht, ob sie dieselben ins Pflanzenreich zu den Protococcus-Arten, oder zu den Infusions- Thierchen zählen sollen. Ein drittes, noch weniger beobachtetes Individuum, welches nach allen Untersuchungen nie im rothen Schnee fehlt, aber gleich¬ Rother Schnee . falls leblos zu sein scheint, ist ein bräunlich, gelblich oder grün¬ liches Wesen, das niemals roth, wie längliche Bläschen sich zeigt. Auch von diesem können die Naturforscher noch, nicht mit Bestimmt¬ heit sagen, ob es eine Alge (also Pflanze), oder ob es ein Thierchen sei. So schafft und wirkt der unendlich große Gottesgeist der Natur in einem Elemente, dessen Sein und Wesen uns gemeinig¬ lich gleichbedeutend mit dem Tode ist, und eröffnet uns die Per¬ spective in eine neue, ungeahnte Welt voll lebender Wesen, von deren Existenz und Entstehung wir uns kaum einen Begriff machen können. Die Rüfe . Stolzen Haupts im Sonnenstrahle Stehn die Riesen unbesiegt, Während etwas Staub im Thale Ihnen von den Sohlen fliegt. Anast . Grün . Alle großen Alpenthäler, die in den Formationen der Schiefer-, Kalk- und Flysch-Gebilde liegen und von starren Seitenwänden eingeschlossen werden, zeigen streckenweise zwei landschaftliche Erschei¬ nungen, die selbst dem oberflächlichsten Beobachter auffallen müssen. Ganz besonders lassen sich dieselben im romantischen Rheinthale wahr¬ nehmen. Auf der, wegen ihrer prächtigen Alpendekorationen mit Recht hochgepriesenen Eisenbahnlinie (vielleicht der schönsten des Kon¬ tinentes), welche von den Ufern des Bodensees nach Graubündens Hauptstadt Chur führt, erblickt man von den Stationen Haag, Werdenberg und Sevelen aus, am jenseitigen Rheinufer im Für¬ stenthume Lichtenstein unter den fünftausend Fuß hohen Felsenfron¬ ten der „Drei Schwestern“, gleichmäßig in einer Böschung von etwa zwanzig Grad, vom Rhein gegen die Berge ansteigende, theils mit Wald und Wiese, theils mit Weingärten überwachsene Halden, die stellenweise von breiten, grauen, vegetationslosen Steinschutt- Linien, ähnlich dem trockenliegenden Bett bedeutender Flüsse, unter¬ Die Rüfe . brochen werden. Auffallender und ausgedehnter zeigen sich diese schiefen Ebenen tiefer im Thale, hinter Ragaz, zwischen den Sta¬ tionen Meyenfeld und Landquart, am Fuße des malerischen, keck¬ ausgezackten, 8000 Fuß hohen Falknis, — und am bedeutendsten, wenn man die Landquart passirt hat, bis Chur, immer auf der gleichen östlichen Seite, unter den originellen pyramidal-zuge¬ spitzten Hörnern der Hochwang- und Montaline-Kette. Alle sind Resultate der allmähligen Gebirgsverwitterung, der immerwähren¬ den Herabschwemmung losbröckelnden Gesteines, also der fortdauern¬ den Alluvion, wie sie schon Seite 47 erwähnt wurde; freilich wohl das Resultat von Jahrtausenden. Denn viele Ortschaften Grau¬ bündens, die schon im frühen Mittelalter genannt werden, liegen auf solchen Anschwemmungs- und Schutt-Hügeln. Diese breitge¬ dehnte, stetig-ansteigende, schiefe Ebene, durch nahe liegende hohe Felsen-Prospekte geschlossen, wird, wie gesagt, von breiten Schutt¬ rinnen durchschnitten, die wie durch einen Trichter geschüttet, oben am Bergabhange schmal, nach unten, gegen den Rhein zu, im Thale breit sich ausdehnen. Das sind die schrecklichen, von den Anwoh¬ nern gefürchteten Rüfen, die Abzugskanäle der im Gebirge sich entladenden Donner- und Hagel-Wetter, der plötzlich in Strömen herniederbrausenden Platzregen und der Schneeschmelze, — die während des größten Theiles vom Jahre trocken und trotzig-indif¬ ferent daliegen, aber, — wenn sie zu thun bekommen und rasch in Aktivität gerathen, dann um so Schrecken-erregender arbeiten. Ein Spaziergang in eine dieser unheimlichen Werkstätten wird uns näher mit deren Detail-Anordnung, deren durchaus eigenthümlichen Eindrücken bekannt machen. Wählen wir dazu die Rüfe, welche aus dem verrufenen, wenig besuchten, von keinem Gespenster-Gläu¬ bigen betretenen Skalära-Tobel zwischen Chur und Trimmis herab¬ kommt, par excellence „die große Rüfe“ genannt, und steigen wir aus dem breiten versandeten Rheinthale bergwärts auf. Drunten decken magere, mit kurz-rispigen Gräsern dicht be¬ Die Rüfe . wachsene Almend-Weiden, im heißen Sommer dürr, kränkelnd und verbrannt, die emporsteigende Ebene. Sie haben etwas Sammet¬ artiges, Anheimelndes im Frühjahr und nach lebenverjüngenden Regenperioden; denn gerade die niedrigen Seggen-Arten, diese freundlichen, bescheidenen Gräser-Zwerge, welche den pflanzlichen Grundton dieser Wildwiesen angeben, besonders Carex alba mit den feinen schlanken Stengelchen und den darum gruppirten hellgrünen Frucht-Knötchen, dann Carex pulicaris , deren niedliche, kaum finger¬ lange Samen-Lanzen mit den schwärzlich verkohlten Körnerhülsen so neugierig in die Welt hinausschauen, und die dichtrasigen Koelerien mit den pfriem-ähnlichen, dünnen, kurzen Grashälmchen, geben dem wellenförmigen Boden ein so einladend-weiches Ansehen, wie die kurzen gedrängten Kräuter der höheren Regionen den Alpweiden. Wirklich erinnert manch anderes Pflänzchen an die schwellenden Polster unserer natürlichen Alpen-Divans, wo es sich so diogeneisch- genügsam und seelenheiter ruhen und ins erblauende, tief drunten liegende Menschenland hinabsinnen läßt. Dennoch ist so eine Bündner Almend-Wiese vor und zwischen den Rüfen etwas ganz Anderes als eine gewöhnliche Almend- oder Alp-Weide. Kurzes, strammes Tannengesträuch, dicht gedrungen ineinander genadelt, mitunter etwas legföhrenartig, schon recht alpin-gnomenhaft, und zerstreute Fichten mit darunter gebetteten Steinblöcken, treten spora¬ disch darin auf. Nach und nach geht die Weide in aschgraue, von Geschieben und Schwemmland bedeckte, sandige Wüsten über. Hier ist mit Einemmal der botanische Charakter ein total veränderter. Mannshohes Buschwerk fristet, bei abwechselndem Ueberfluß an Feuchtigkeit und intermittirender brennender Trockenheit, seine Exi¬ stenz; es sind lauter zählebige Sträucher: der gemeine Sanddorn ( Hippophaë rhamnoides ), der Essigdorn oder Weinschöttling ( Ber ¬ beris vulgaris ) mit den violett bethauten, rothleuchtenden Beeren- Trauben und den scharf genadelten lederartigen Blättern, — die dem Sevenbaum ähnelnde, rosigblühende, deutsche Tamariske ( Tamarix Die Rüfe . germanica ), viele Weidenarten, namentlich auch die Rosmarin- Weide und eine kleinblätterige Gattung der Salix purpurea von ungemeiner Schönheit und Eleganz der feinen nobelen Blätterform. Am Boden steht hin und wieder der stark nach bitteren Mandeln riechende, weiße Steinklee ( Trifolium officinale ) und überraschen¬ der Weise Fremdlinge, die wir hier im Thale zu sehen nicht ge¬ wohnt sind, weil ihre Heimath einige Tausend Fuß höher liegt; es sind vom Wetter herabgeschwemmte Alpenpflanzen, Auswanderer, die sich hier unten angesiedelt haben und wirklich sich zu akklimati¬ siren scheinen. Dort wirkt freundlich die kleine, blaßblaue Alpenglocke ( Campanula pusilla ), und neben ihr die traganth-artige Berglinse ( Phaca astragalina ) ziemlich behaart mit den weißen, blauzuge¬ spitzten Blümchen; dann der Berg-Spitzkeil ( Oxitropis montana ), — und im Sande kriecht, etwas unbehaglich und desorientirt, die sonst in der Höhe so freundlich grüßende, wolfsmilchblätterige Saxifraga aizoides mit den safrangelben, fünfblätterigen Blümchen und korpulenten Fruchtknoten. Es drängt uns, dies unliebsame Strand-Boskett zu verlassen, welches durch breitgewipfelte, einiger¬ maßen an die Pinie des Südens erinnernde Fichten noch melan¬ cholischer gestimmt wird. Die hellgrau, mitunter silberschimmernd glänzenden Schiefer¬ scherben mit den reichlich dazwischen gestreuten weißen Feldspath- Brocken nehmen zu, die Partie wird verwüsteter, zerrissener, der Boden brennt von der rückstrahlenden Sonnengluth, er ist ganz vegeta¬ tionsentblößt; wir stehen am Rand der Rüfe, wo sie in ungehemm¬ ter Bequemlichkeit Jahrhunderte lang sich ausdehnte und alles Nutz¬ land ringsum mit ihrem spröden, zu sandartigem Staub verwittern¬ den Gebirgsunrathe verwüstete. Die Eisenbahn mußte gegen solche alt eingewurzelte Ungezogenheiten vorkommenden Falles sich verwah¬ ren; sie bannte den unbändigen Raufbold, legte ihm eine technische Zwangsjacke in Form eines, aus seinem eigenen Gesteinsmaterial gepflasterten, tief ausgehöhlten Kanales an, und diesen Weg muß Die Rüfe jetzt bei jeder Rüfe das schmutzige schwarzgraue, hetzende Wildwasser hinab in den Rhein nehmen, wenn anders der wilde Alpengeist nicht über kurz oder lang auf den neckenden Einfall kommt, den Leuten zu zeigen, daß all ihre Weisheit und Vorsicht ohnmächtig und nutzlos ist, so bald er von der Gewalt des Stärkeren Gebrauch machen will. Denn wenn das Wetter losgeht, weiß man nie mit Sicherheit, wo eine Rüfe anbricht. Darum, wenn im Frühjahr der Föhn andauernd heftig in der Höhe weht und der Hochschnee eilends schmilzt, oder wenn ein Gewitter losbricht, müssen die Anwohner dieser zur Landesplage gewordenen Kanäle Tag und Nacht auf der Wache stehen und schon am Fuße der Gebirge, dort wo die Schlamm- gesättigten Ströme aus den Schluchten hervorbrechen, Acht haben, daß sich das normale Bett nicht verstopfe; wird dies verfehlt, so bohrt das mit rasendem Ungestüm einherbrausende Wildwasser sich neue Bahnen, bricht in die Güter ein und zerstört Alles, was ihm im Wege liegt. Daher kommts, daß Weinberge, die sonst sehr bedroht waren, jetzt, wo die Rüfe ein anderes Bett sich gewühlt hat, nun völlig geschützt im Frieden ihre köstlichen Trauben reifen können. Manchmal fällt im Dorfe Trimmis kein Tropfen Regen und im eine Viertelstunde entfernten Maschänzer und Skalära- Tobel hängt ein Gewitter, das in sündfluthlichen Strömen sich ent¬ ladet und wie aus Malakoff-Bastionen seine Blitz-Salven ununter¬ brochen herausfeuert. Bald geht beim Hochwetter die eine, bald die andere Rüfe, während eine von beiden trocken liegt; und doch sind beide kaum viertausend Fuß (in horizontaler Projektion) von einander durch einen Gebirgskeil getrennt. Man weiß darum nie, von welcher Seite das Unglück hereinbricht. Verlassen wir für eine kurze Strecke den Rüfen-Kanal, um auf anmuthigerem Wege hinauf in die oberen, wilderen Partieen zu steigen. Der Pfad führt durch fette, im gaukelndsten Blumen¬ flor prangende Kultur-Wiesen, auf denen, neben den allgemein be¬ kannten Wiesenkräutern, besonders viele hell-lilla-blühende Sca¬ Die Rüfe . biosen ( Scabiosa columbaria ), der gelbe Sichel-Klee ( Medicago falcata ) und die prangend blauen Kerzen der Wiesen-Salbey ( Salvia pratensis ) im Juni und Juli als charakteristisch-kolorirende Pflanzen auftreten. O, so ein Schlenderweg in einem dieser paradiesischen Alpenwinkel bei goldig-sonniger Beleuchtung, wo ein wogender Blumen-Ocean die Stätten wilder Zerstörung zu überwuchern sich bestrebt, wo weitarmig-ausgreifende Nußbäume ihren hohen Blätter¬ frieden wölben und der süßduftende Hollunder, dieses ewig an Kleists Käthchen erinnernde Attribut mittelalterlicher Burgen-Roman¬ tik, seine schweren Blüthendolden in zuvor kaum gesehener Menge ausstreut, — wo der Fernblick in ein Berg- und Thal-Panorama ver¬ sinkt, bei dessen Ansicht die Seele hellaufjauchzend, sich in die Natur ergießen möchte, — so ein Schlenderweg, nicht allenthalben zu finden, ist für Jeden, der offenen Sinn und herzliche Freude an Gottes großer, herrlicher Alpenwelt hat, ein unschätzbares Kleinod. Weiter! — Wie sichs die Bündner Bauern zu Nutz machen und das Nützliche mit dem Nützlichen verbinden, das sieht man hier; — wo Andere an der Gränze ihrer Grundstücke Holzhage aufführen, die sie alljährlich korrigiren und ausbessern müssen, da liest der Bewohner des Hochgerichts der fünf Dörfer (so heißt die Gegend zwischen Chur und der Landquart) die herabgeschwemmten, sein Nutzland verderbenden Steine auf und baut brusthohe Mauern daraus. Das trifft man übrigens in anderen Thälern auch. Auf diesen Mauern und aus den Spalten derselben quellen in dichter Fülle der saftige weißblühende Mauerpfeffer ( Sedum album ), seiner dicken körnerartigen Blätter halber auch „Steinweizen“ genannt, — und daneben sein Zunft-Kumpan, der blendend-goldgelb-blühende scharfe Mauerpfeffer ( Sedum acre ), ein fröhlich wucherndes fettes Felsenpflänzchen mit tropischem Habitus. Darunter in ernsterer Färbung die fast petersilienartig aussehende gemeine Mauerraute ( Asplenium ruta muraria ) und eines der nettesten Farrenkräuter, die es giebt, das reizende, kleine, schmale Palmenzweiglein dar¬ Die Rüfe . stellende Asplenium trichomanes , die beide ihre Samen auf den Rückseiten der Blätter tragen. Der Weinbau ist auf diesen Felsenschutt-Terrassen, namentlich drunten bei Jenins und Malans, vortrefflich im Schwunge. Hier wird ein feuriger, dunkelrother, sehr schwerer Wein gebaut, der nach agrikultur-chemischen Untersuchungen seinen bedeutenden Gerbstoff¬ gehalt hauptsächlich von dem Feldspath bekommen soll, der dem Boden in Menge beigemischt ist. Ueberall glimmerts und glitzerts, blendendweiß, lecker und appetitlich, wie Marzipan von diesen Feld¬ spathstückchen. Unser Weg geht noch weiter hinauf, in den Wald. Ein Anflug junger Tannen, dazwischen dornumstarrte Steinhalden, nimmt uns auf. Der Weg ist sand-wüst, aber eine Wildniß wuchernder Waldkräuter umgiebt uns. Hinein! in den sonndurchflimmerten Tann! Das ist eine Lust im grünen Hag, Es blüht, was immer nur blühen mag. Blauglöcklein schwingen die vollen Becher Und gravitätisch entfaltet den Fächer Die Duenna der Blumen, das Farrenkraut. Erdbeeren breiten die süßen Rubine Zur Schau aufs Moos, und mit Kennermiene Die ernste Aglei den Kram beschaut Und nickt verneinend, will nicht ganz glauben Dem funkelnden Schein, doch die Blüthentrauben Der Berberis lachen sie heimlich aus. Corrodi . Durch solches Tändelspiel unterhalten, sind wir unvermerkt im dichten, immer dunkler werdenden Walde hinauf gestiegen. Da lichtet sich's; noch wenig Schritte und wir stehen an der Uferwand der wilden Rüfe. Das ist kein Waldbachbett, nicht das Rinnsal eines versiegten Bergstromes; das ist ein leibhaftiger Steintrümmer- Gletscher, der mitten durch den stolzen Forst in beträchtlicher Breite sich Bahn gebrochen hat. Wie eine ungeheuere Schlange windet das graue, grausenhafte Chaos sich hinab, — wir können das Ende desselben nicht erblicken. Nichts als scharfkantige Schiefer¬ Die Rüfe . linge und Felsenscherben im tollen Durcheinander, — Brocken in allen Kalibern, faustgroß bis zu solchen, die an Umfang einem hoch¬ geladenen Erntewagen gleichkommen. Dazwischen starren abgeknickte, faserig-zersplitternde Baumrumpfe, mächtige Wurzelstocken, die ihre knorrigen Arme in die Lüfte strecken, und andere Waldrudera her¬ vor, die in das Getrümmer geklemmt, hier auf Erlösung harren, bis die nächste herabrasende Sturmfluth neues Material aus den Bergen bringt und das im Bette liegende weiter vor sich herschiebend, wieder in Bewegung setzt. Zu beiden Seiten hat die besorgte Menschenhand riesige Seitendämme von regellosen Bruchquadern aufgeführt, die mit den Moränen der Gletscher einige Verwandt¬ schaft haben. — Es giebt viel Stätten gräulicher Zerstörung im Gebirge; die Rüfen gehören zu den erschreckendsten. Je weiter hinauf, desto ebener wird das Bett; nur kleineres Gestein, oft nur grauer zerriebener feingeschlemmter Sand, füllen dasselbe; eine seichte Rinne lauwarmen, grau-trüben Bergwassers murmelt leise hinab. Dies Rieseln und das einförmige Streichen der Luft durch die Wipfel des Tannenwaldes zu beiden Seiten sind die einzigen Naturlaute in dieser öden, ureinsamen Gegend. Geradeaus, in der aufsteigenden Perspektive der Rüfe, liegt das eigentliche Skalära-Tobel. Es ist keines jener schauerigschönen, forft¬ umnachteten, tiefgeheimnißvollen Waldtobel mit dem phosphores¬ cirenden Moosgrün im feuchten Grunde und dem naiven, male¬ risch-gelegenen Knüppelsteg über den plätschernden, frischen Berg¬ bach, — es ist eine offene, baumlose Schlucht, in welche die Sonne unbehindert hineinscheint, von kahlen zerfressenen, abgeschieferten, bröckeligen Felsenwänden, einige tausend Fuß hoch, eingeschlossen, an denen man die bänderartig gebogene, wellenförmig geknickte Schichten-Struktur der granulirten, grau-sandigen Schiefer studiren kann. In eigentlicher Pyramidenform (nicht parabolisch), wachsen die spitz im Triangel auslaufenden Felsenkoulissen hintereinander auf, die tieferen immer die vorderen überragend, und an den Kan¬ Die Rüfe . ten versuchen magere Tannen linienweise den Gänsemarsch zur Spitze hinauf; hinten schließt die Schlucht im Kernstocke des Mon¬ taline mit einer Masse zerfurchter, in steilster Abdachung einge¬ fressener Schutt-Rinnen. Also an und für sich siehts bei Tage gar nicht so grausig hier aus. Was ists auch, das uns so mit unheim¬ lichen Gefühlen im Anblick dieser romantischen Wildniß erfüllt? Es ist das Bewußtsein, an einer Zerstörungsstätte zu weilen, wo unsichtbare, gleichsam dämonisch-waltende Kräfte ihren Sitz haben und vom Fundamentalbau des Gebirges fort und fort Theile ab¬ sprengen, um damit den Fleiß und das Kulturbestreben der Sterb¬ lichen zu höhnen; — es ist die unheimliche Thätigkeit, die geister¬ haft hier waltet und zu allerlei Phantasmen verleitet; — es ist die Mahnung an den Gespensterglauben des Volkes, welcher die unreinen Seelen berüchtigter Verstorbener (wie in Plato's Phädon) um ihre Gräber irren läßt und den Aufenthalt derselben hierher verlegt. Hier ist nach der Sage der Eingang ins Schattenreich, hier wandelt, an einem Lieblingsplätzchen, der höllische Proteus in allerlei Gestalten und erschreckt die Neugierigen. Fürwahr, für Macbethische Hexen-Sabathe oder Faustische Mephisto-Beschwörun¬ gen giebts wohl wenige geeignetere Lokale als das verrufene Skalära-Tobel. He! es wäre doch lustig, wenn drüben aus dem dichten Erlengebüsch plötzlich eine Erscheinung wie die des Kako¬ dämon im Byron'schen Manfred, so eine Samiels-Gestalt im grü¬ nen Jägerwams mit spanischem Filzhut, hakenförmiger Adlernase und glühend-schwarzen Augen hervorträte! Ob wir wohl erschrecken würden? — „hihihihihi“ lachts gellend, satanisch, dicht hinter uns aus lauschigem Waldesdunkel hervor. Herr des Himmels! was ist das? es kann doch Niemand unsere Gedanken belauscht haben und neckend, auf unsere provocirenden Wünsche einen Trumpf ausspie¬ len wollen? Wie? Oder hätte die Rockenphilosophie recht, die von allerlei Spuk und dem „Hereinragen einer mystischen Geisterwelt in die unsere“ docirt? — „hihihihihi!“ gellts zum zweiten Mal Die Rüfe . hell, hoch herab. Ein Steinwurf nach dem Fichtengipfel jagt einen Buntspecht auf, der lachend davon fliegt. Hoho! wenn das Teufelaustreiben so rasch geht, dann ist's eine billige Kunst. Für den, der im Gebirgswandern nicht schon etwas Takt erlangt hat, ist's unrathsam, gegen die Tiefe des Skalära-Tobels aufwärts klimmend, ohne Führer vorzudringen. Im Sommer 1859 botanisirte ein norddeutscher Apotheker in dieser Wildniß, verstieg sich, so daß er weder vorwärts noch zurück konnte, und mußte eine ganze lange Nacht auf schmalem Rasenband an jäher Felsenfluh zubringen, bis man ihn am andern Morgen fand und sehr ermattet nach Chur brachte. Und nun der Losbruch einer Rüfe selbst, d. h. die plötzlich eintretende Entladung eines Gewitters, eines Wolkenbruches und, in Folge dessen, die aus dem Hintergrunde eines solchen Tobels hereinbrechenden, von allen Jähhängen, aus allen Berg- und Schlucht-Runsen zusammengeronnenen, unten im Bett der Rüfe sich vereinigenden Wildwasser! Es ist eine Thätigkeit entfesselter Gewalten in der Natur, die an furchtbarer Großartigkeit und Zerstörungskraft der schrecklichen Lauine gleichsteht. Das ist nicht jenes schäumende, in tausend Kaskaden herabfluthende, immer wilde Schauspiel eines angeschwollenen Bergstromes, — das ist eine dicke schwarze Schlammsuppe, die mit schwerfälliger Geschwindig¬ keit, mit roher, plumper Hast sich bewegt. Ihr fehlt das dem Wasser, selbst in der wildesten Aufregung, immer eigenthümlich Graziöse der Bewegung, die Leichtigkeit der galoppirenden über¬ müthig-jagenden, brandenden, sich überschlagenden oder zerberstenden und schaumaufspritzenden Wellen; hier ist Alles bestialisch, brutal, dämonisch. — Der angeschwollene Bergstrom ist einem scheuge¬ wordenen, muthig-edlen Rosse zu vergleichen, das ventre-a-terre durchgeht, aber dennoch bei seiner entfesselten, jagenden Wild¬ heit immer die Straßenlinie nicht aus den Augen verliert, auf der es fortstürmt; — die brüllende Rüfe dagegen ist ein rasend gewor¬ Die Rüfe . dener Stier, der in blinder Wuth keinen Weg sieht, mit zu Bo¬ den gesenktem Haupt in die Erde hineinwühlt, eine Welt auf seine Hörner nehmen würde und dem Abgrund zutobt, in dem er sein Grab findet. Die Rüfe beginnt nicht mit Vorboten kleiner Wassersendungen, mit irgend einigen introducirenden Symptomen; man hört sie höchstens von Weitem tobend anrücken, oft (wenn das Wetter, welches sie erzeugte, lange andauert) verschwommen mit dem heil¬ losen Aufruhr in den Lüften, so daß man nicht unterscheiden kann, was zurückgeworfener Widerhall des Donners aus den Klüften ist und was vom Stürzen der, von der Rüfe in Gang gebrachten Steine herrührt. Plötzlich bricht sie hervor, ein stürmendes Unge¬ heuer, ein brüllendes, steinerfülltes Meer, ein Produkt der rasend¬ sten Gewalt. Wie schon erwähnt, fließt oder strömt sie nicht eigent¬ lich, sondern der wässerig-dünne Schlammfluß wälzt oder stößt Ge¬ trümmerhaufen, Etagen-hoch vor sich her, in beständigem Sturzfall und doch sofort ergänztem Wiederaufbau, eine wandernde, leben¬ dig gewordene Felsen-Ruinen-Wand. Bei einigen Rüfen gehts indessen gar nicht so schnell; oft lacht schon wieder heiterer Himmel überm Thal und die Sonne leuchtet warm drein, bis der gräßliche Unhold aus seinem Hinterhalte hervorbricht. Dies ist namentlich bei der Skalära-Rüfe der Fall, die dafür aber quantitativ das Meiste liefert. Es ist ein unbeschreiblich hohles, Alles übertönen¬ des Gepolter, — in der Summe des tobenden Lärmes etwa der heftigsten Kanonade beim Sturm-Geheul zu vergleichen, wo der ganze Skandal, sich zu einem großen, runden, brausenden, krachen¬ den Tonballen ineinander verwebt, der stundenweit hörbar ist. Nun gilt es nur, das Ungethüm im Gange zu erhalten. Baut sie einmal einen Querdamm aus ihren zentnerschweren Steinkolossen auf, häuft sich hinter demselben einmal die andrän¬ gende Masse, können die am Ufer mit großen Haken und Stangen beschäftigten, schreienden Anwohner nicht irgendwo eine Bresche Berlepsch , die Alpen. 13 Die Rüfe . öffnen, — dann blicht sie sonstwo anders am Ufer durch, wühlt sich ein neues Bett, reißt Bäume, ganze Waldlinien um, und der Zerstörung tiefer liegender, werthvoller Gelände sind alle Thore geöffnet. In neuester Zeit ist viel Zweckmäßiges geschehen, um diese Unholde in ihrer Kraft zu schwächen. Man hat drinnen, wo der Herd der Zerstörung ist, wo das Zusammenrotten der Schutt¬ massen beginnt, die Rüfen mit Thalsperren verbaut. So im Summa-Prada-Bach, im Domleschg, im Medelser-Thal, im Rhein¬ wald und Puschlav. Die großartigste, nächst der sehenswerthen bei Mollis (im Kanton Glarus, wohl eine der ersten), ist jene im Graubündner Münsterthale. Lauinen-Ausgrabung . Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig . Die Lauine . Grün wird die Alpe werden, Stürzt die Lawin' einmal; Zu Berge ziehn die Heerden, Fuhr erst der Schnee zu Thal. Euch stellt, Ihr Alpensöhne, Mit jedem neuen Jahr Des Eises Bruch vom Föhne Den Kampf der Freiheit dar. Uhland . Jede massenhafte, stürzende Bewegung bereits zu Boden ge¬ fallenen, angehäuften Schnees wird in den Alpen, je nach den ortsüblichen Abweichungen „Laue, Lauwe, Lauine,“ im Tyrol „Lähne“, in den rhätoromanischen Bergen „Lavigna“ genannt. Die in der hochdeutschen Schriftsprache eingebürgerte Schreibweise „Lawine“ kommt im Munde des Gebirgsvolkes kaum vor. Wurzel¬ wortjäger haben auch der Entstehung und Grundbedeutung dieses Wortes schon weidlich nachgesetzt und wunderbares Wild aus dem düstern Walde ihrer Vermuthungen aufgetrieben; die Einen holen das Latein herbei und weisen unfehlbar nach, daß es nur vom Verbum labor, lapsus sum, labi herkommen könne, während Andere sich in Metaphern versteigen und meinen, die „Löwin“ habe bei dem Worte zu Gevatter gestanden, weil der Schneesturz mit 13* Die Lauine . der gleichen Wuth und Kraft jenes wilden Thieres über die Felsen¬ wände ins Thal hinabsetze. Hält man den einfachen Volksausdruck fest, so hat man wohl auch das Wurzelwort „lau“ rasch gefunden; mit der Bezeichnung „Laue“ oder „Lauine“ wollte der sprach¬ ökonomische Bergbewohner kurz die ganze Erscheinung zusammen¬ fassen und benennen, die sich ihm bei der Wiederkehr der „lauen“ Lüfte in jedem Frühjahre zeigt. Die Lauine ist die Milchschwester der Rüfe, gleichsam das winterliche Ebenbild dieses im Sommer so ungeberdig tobend aus den Höhen hereinbrechenden Unholdes. Wie bei jener ist es ein Abschüttelungs-Proceß des Uebermaßes dessen, was die Höhen nicht zu bergen vermögen, — wie jene, tritt auch die Lauine schrecken¬ erregend in dräuender Wildheit, donnernd und weithin durch die Thäler widerhallend einher, — wie jene, hat sie ihre trümmer¬ bedeckten Sturzbahnen, über welche sie furchtbar herniederrauscht, — wie jene, richtet sie im bewohnten Kulturlande alljährlich viel Unheil an und ist der gefürchtetste Gast jedes Alpthales. Aber sie ist ungleich mannigfaltiger als die Rüfe, weil sie viel öfter und fast allenthalben im Hochgebirge wiederkehrt. Kaum mag es einen bedeutenden Gebirgszug geben, der nicht seine all¬ jährlich regelmäßigen Lauinenstürze hat. Hier hängts dann begreif¬ lich von der Figuration der Berge und Felsenwände, von ihrer mehr oder minder dem Schneefall, der Schneeanhäufung aus¬ gesetzten Lage ab, wie groß, stark und heftig die Lauine wird — und je nach ihrem früheren oder späteren Auftreten, der Dichtheit ihres Materials, der Ursache ihrer Entstehung und dem Effekt ihrer Wirkung unterscheidet der Aelpler verschiedene Arten. Es ist eine, im Nicht-Alpenlande beinahe stereotyp gewordene Meinung, daß irgend eine unbedeutende, äußere Veranlassung, z. B. das Schneekörnchen, welches der Fittigschlag eines Vogels in rollende Bewegung setzt, die Lufterschütterung, welche durch Geräusch, durch das Knallen einer Peitsche, das Klingeln einer Saumroß- Die Lauine . Glocke, ja selbst durch Husten und Sprechen entstehe, — hinreichend oder vielmehr nöthig sei, um den Sturz einer Lauine herbeizuführen. So wenig es sich in Abrede stellen läßt, daß solche Veranlassungen unter Umständen allerdings Ursache von Schneestürzen werden kön¬ nen, ebensowenig sind sie jedoch Bedingung derselben: im Gegen¬ theil die massenhaftesten, furchtbarsten, gefährlichsten und regelmä¬ ßigsten Lauinen werden durch ganz andere Faktoren hervorgerufen. Man kann sie zunächst füglich in Winter- und Sommer- Lauinen eintheilen. Den ersteren gehören die schrecklichen, gefürch¬ teten, unregelmäßig hereinbrechenden Staub-Lauinen an. Sie sind gewissermaßen die stärkste Form der Schneestürme. Entweder packt ein um die Gipfel brausender Hochsturm unberechenbare Lasten jenes feinen, sandähnlichen, kurz vorher gefallenen Schnees, hebt denselben auf und läßt ihn als undurchdringliche Staubwolke da fallen, wo plötzlich die tragende Kraft des Windes gebrochen wird, — oder es ist neuer Schnee, der auf sehr glatter Unterlage alten, obenher vereisten Firnes liegt, durch einen Windstoß ins Gleiten geräth, durch wachsende Masse auch an Gewicht, Druck und Schnel¬ ligkeit der Bewegung wächst, und so über irgend eine Wand herab¬ fährt. Die hierdurch herbeigeführte Wirkung ist eine doppelte. Einerseits hüllt der niederstürzende Schnee-Ocean in sekundenkurzer Zeit Gegenden, Häuser, Personen, Vieh so vollständig ein, daß in vielen Fällen dieselben tief, tief vergraben liegen und nur eiligste Hilfe Rettung ermöglicht, — andererseits aber ist die, durch den raschen Sturz veranlaßte Compression der Luft so gewaltig, daß, wie bei Explosionen von Pulverthürmen, lediglich durch den Luft¬ druck, große Felsenblöcke, Häuser, Viehställe, kurzum Gegenstände jeder Art, welche die Lauine mit ihrem Schneekitt nicht einmal erreichte, zur Seite geschoben, emporgeschnellt, über Abgründe durch die Luft getragen, kurz und gut in kapriciösester Weise dislocirt werden. Weil der Wind zunächst Ursache des Entstehens derselben ist, so werden sie auch Wind-Lauinen genannt; indessen können Die Lauine . gerade bei diesen fliegenden Schnee-Schmetterwolken auch andere Hebel Bewegung-hervorrufend wirken. Bei diesem auf geneigter glatter Fläche ruhenden Staubschnee genügt irgend ein gegebener Anstoß, um viele Juchart große Schneefelder ins Rutschen zu bringen, und hier ist die Entstehung der vulgären, in den Sprach¬ gebrauch übergegangenen parabolischen Redensart von dem: „Lawi¬ nen-ähnlichen Anwachsen“ zu suchen. Die denkwürdigsten Unglücksfälle in den Alpen sind durch den Ausbruch solcher Staub-Lauinen entstanden. Im Jahre 1719 am 14. Januar zerstörte eine solche das Dorf Leukerbad im Wallis bis auf wenig Hütten, und schüttete eine solche unerhörte Schnee¬ last auf die Häuser, daß nur ein geringer Theil der in ihren Wohnungen lebendig Begrabenen sich wieder ans Tageslicht arbei¬ ten konnte. Ein Knabe, Stephan Roth, war volle acht Tage lang ohne Speise und Trank in einem Winkel des Kellers einge¬ bannt und vermochte mit seinen geringen Kräften nicht den eisigen Kerker zu zerstören. Laut sang er zum Lobe Gottes Psalmen und Kirchenlieder, und wurde dadurch bei den energischen Nachgrabungen gehört, befreit und aus seiner Nacht hervorgezogen. Ungeachtet aller Pflege starb er in der nächsten Woche; 55 Menschen-Opfer hatte das Ungeheuer verschlungen. — Im darauf folgenden Jahre begaben sich, bei außergewöhnlich starkem Schneefall, auch enorm viele Lauinen-Unfälle; im Dorfe Obergestelen (Wallis) wurden im Februar 120 Häuser und Ställe mit 84 Menschen und über 400 Stück Vieh von einer Lauine erschlagen, und eine andere ver¬ schüttete zu Fettan im Unterengadin im gleichen Jahre 61 Men¬ schen. In der Gegend von Brieg im Wallis kamen 40 Menschen ums Leben, ungerechnet der vielen einzelnen Fälle am großen St. Bernhard, im Viescher-Thale u. a. O. Anno 1749 wurde beinahe das ganze Dorf Ruäras im Tavetsch (Graubünden) von einer solchen Lauine, die an dem 2 Stunden entfernten Crispalt herniederbrauste, mit fortgerissen und über 100 Menschen in der¬ Die Lauine . selben begraben. Da die Lauine in der Nacht niederging, während einer Zeit, wo alle Bewohner des Unglücksdorfes fest schliefen, so erfuhren viele, deren Häuser entweder nicht zertrümmert, oder nur mit Stumpf und Stiel sanft zur Seite geschoben wurden, Anfangs gar nichts von dem entsetzlichen Vorfall und wunderten sich beim Erwachen nur darüber, daß die Nacht so lange dauere, bis sie endlich sich überzeugten, daß sie in einer Schnee-Bastille eingemauert seien. Durch eigene und fremde Hilfe wurden etwa 60 Menschen gerettet. — Das bedeutendste Staub-Lauinen-Unglück aus neuerer Zeit ist jenes, welches 1827 das Walliser Dorf Biel ereilte und 40 Menschen als Opfer verschlang. Indessen sind außerordentlich viele Beispiele von wunderbaren, ja sogar komischen Rettungen bekannt. So z. B. wurde im December 1836 im Averser-Thale (in Graubünden) ein Haus, in welchem 12 spielende Kinder versammelt waren, von einer Lauine ergriffen, horizontal fortgeschoben und total mit feinem Schnee zugedeckt, so daß selbst der First nicht hervorschaute. Die Eltern der Kleinen, gelähmt vom Schrecken, eilten mit Schaufeln und Spaten jener Gegend zu, in welcher sie das Haus verschüttet glaubten; aber noch ehe sie beginnen konnten ernstlich zu arbeiten, kamen die Kinder, eins nach dem andern, wohlbehalten aus dem Schnee hervorgekrochen. Noch drolliger ist jener Vorfall, welchen Bilibaldus Pirckheimerus in seinem Bellum Helveticum Maximiliani I . aus der Zeit des Schwabenkrieges von 1498 erzählt; damals waren im Engadin 400 kaiserliche Landsknechte von einer Staub-Lauine verschlungen und über eine Anhöhe hinabgeworfen worden; — aber o Wunder! bald lebte die ganze Schneemasse wie ein Ameisen-Haufen, und unter dem schallendsten Gelächter ihrer unberührt gebliebenen Kriegs¬ kameraden, krochen Alle ohne Ausnahme wieder hervor, Einige wohl beschädigt, aber Keiner tödtlich verletzt. Von der Schnellkraft des erzeugten Luftdruckes kann man, ohne Beispiele, sich kaum eine richtige Vorstellung machen. Im Die Lauine . Graubündner St. Antönien-Thal, (durch welches ein Paßweg aus dem Prätigau über die Rhätikon-Kette ins Gargellen- und Monta¬ funer-Thal führt) sah ein Knecht weit droben an der Bergwand, vielleicht 1½ Stunde von seinem Standpunkte, eine Lauine an¬ brechen und eilte, einen Stall zu erreichen, der ziemlich gesichert stand. Obgleich dieser etwa nur 14 Schritte entfernt war, so ver¬ mochte er denselben doch nicht zu erreichen, sondern wurde vom vorausjagenden Windstoß ergriffen, über das Dalfazzer Tobel hinübergeschleudert und dort von der mit Blitzesschnelle nachfol¬ genden Lauine begraben. — Anno 1754 wetterte von Piz Muraun eine Staub-Laui über St. Placis-Thal herab, füllte das ganze Thal von der Landstraße bis Caprau, schleuderte einen aus Granit gehauenen Tränktrog von Falcaridas bis Brulf eine Viertelstunde weit hinüber, und lediglich der Seitenwind dieser Laui warf noch die Kuppel des östlichen Klosterthurmes von Dissentis herunter, obgleich derselbe eine halbe Stunde vom eigentlichen Strich ent¬ fernt war. Daß die Lauine Wälder-Parcellen von einigen Tausend Stämmen radikal durch den Luftdruck entwurzelt, oder im Schafte wie Schwefelhölzchen abknickt und weitumher ausstreut, gehört gar nicht zu den Seltenheiten; jedes Hochalpthal liefert jährlich Bei¬ spiele mehr als wünschenswerth. In der Regel ist es der Fall, daß eine angebrochene Lauine durch die energische Luftströmung und das donnernde, Luftschwin¬ gungen erzeugende Geräusch den Fall von anderen sekundären Lauinen veranlaßt, und hieraus läßt sich jene Mittheilung wohl erklären, welche aus dem Lauterbrunnen-Thale berichtet, daß im vorigen Jahrhundert die Stuffen-Laui 24 Stunden lang gestürzt sei. Ein Fall aus allerjüngster Zeit bestätiget Aehnliches. Im Frühjahr 1854 fand ein so anhaltender Lauinen-Sturz an der Schattenseite des Realper Thales statt, daß in der Ausdehnung von mehr als Stunden-Länge eine Schneemasse nach der anderen durch Luftdruck und Erschütterung in Bewegung gesetzt wurde. Die Lauine . Wege und Straße waren mit festem, kompaktem Schnee 25 bis 30 Fuß hoch bedeckt, so daß man, um die Kommunikation zu öffnen, Tunnel durch die improvisirten Schneefelsen treiben mußte. Lauinen waren an Stellen herniedergekommen, wo seit Menschen¬ gedenken keine solchen gefallen waren. Greif' an mit Gott! Dem Nächsten muß man helfen. Es kann uns Allen Gleiches ja begegnen. Dieser Spruch in Schillers Wilhelm Tell ist eine der Lebens¬ praxis des Gebirgsvolkes abgelauschte große Wahrheit. Sie be¬ währt sich in so hohem Grade kaum irgendwo mehr als in den Alpen. Während Lässigkeit oder vielmehr ein gewisses gemächliches „Ansichkommen-Lassen“ einen der unvertilgbaren Grundzüge im Charakter aller Hirtenvölker bildet, und ihr von Hause aus kontem¬ platives Wesen, ihre im langsamsten Takte vorschreitende Bedäch¬ tigkeit jeden raschen Entschluß, jede wenig überlegte Handlung zurückhält, so ist die Hilfsfreudigkeit, der aufopfernde Muth und die ans Herkulische gränzende Ausdauer bei Unglücksfällen, die durch Naturereignisse herbeigeführt wurden, wahrhaft großartig und läßt das Rein-Menschliche im herrlichsten Lichte erscheinen. „Der brave Mann denkt an sich selbst zuletzt.“ — Es sind Stunden fieberhaft-emsigen Schaffens in bangster Erwartung, um das Leben lieber Angehörigen, Freunde, Gemeinde-Genossen oder völlig fremder unbekannter Menschen zu retten. Wo sind die rechten Stellen, an denen Vergrabene, dem Erstickungs- oder Erstarrungs-Tode nahe, mit dem gnadenlosen Feinde alles Lebenden kämpfen? Häuft nicht vielleicht jeder Spatenstich, jede Schaufel voll zur Seite ge¬ worfenen Schnees den Grabhügel nur um so höher über dem Gesuchten? Denn wunderbarerweise hören die droben Arbeitenden in der Regel kaum etwas von dem Hilferuf und dem Angstgeschrei der Verschütteten, während umgekehrt Errettete vielfach und über¬ einstimmend erzählten, jedes Wort der über ihnen Suchenden ver¬ standen, ja die Stimmen von Bekannten genau unterschieden zu Die Lauine . haben. Nun versetze man sich in die peinigende, schon durch die umgebende Kälte gräßliche Lage armer Lauinen-Opfer, und addire das gräßliche Bewußtwerden hinzu, daß Hilfe von Freundeshand wenige Schritte weiter auf falscher Fährte sich bis zur Erschöpfung abmüht. — Da, wo dann Menschen-Weisheit am Ende ist, beginnt der feine Instinkt des Thieres, und wie der Prairie-Hund stunden¬ weit die Fährte seines Herrn oder des verirrten Kindes verfolgt und endlich die Gesuchten findet, so ist's auch hier der treue Haus- Genosse des Aelplers, dessen feiner Geruch die Lagerstelle Vergra¬ bener entdeckt und zur rechten Spur leitet. Der Werth der Hospiz- Hunde vom großen St. Bernhard, Simplon und Gotthard ist zu sprüchwörtlich geworden, und in Tschudi's herrlichem „Thierleben der Alpenwelt“ so umfassend und treu geschildert, als daß hier ausführlicher von ihnen die Rede sein könnte. Außerordentlich verschieden in Ursache der Entstehung, in Charakter und Wirkung, von jenen, aus lockerzusammenhängendem Schnee bestehenden, meist im Winter fallenden Staub-Lauinen, sind die Schloß- , Schlag- oder Grund-Lauinen . Diese sind ein Phänomen des Frühjahrs, wenn die Natur ihr Auferstehungs¬ fest feiert, und das Hochgebirge die winterlichen Träume aus den Erinnerungsfalten schüttelt. Hier ists schon ganz anderes Material, — nicht jener sandähnlich trockene, feine Schnee, der, ein Spiel der Lüfte, von den Winden umhergeschleudert wird, bahn- und ziellos, — hier ists alter „ferniger“ Schnee, welcher den Winter über an und auf den Abhängen lag, sich verdichtete, „Firn“ wurde, also eine viel kompaktere, körperfestere Gestalt annahm. Nicht der Wind, der den Schnee wolkendick emporwirbelt, nicht die kleinen Ursachen, welche unbedeutende Parcellen in Gang setzen, nicht bloße Luft-Erschütterung allein, vermögen die Grund- Lauine zum Fall zu bringen; ihren furchtbaren Sturz bereiten die „ lauen “ Lüfte, die einziehende Wärme vor. Diese durchdringen die kleinen hohlen Räumchen in den unabsehbar-großen Schnee¬ Die Lauine . hängen, lösen leckend Kryställchen, die dem Rasen, dem Felsen, zunächst aufliegen, in flüssiges Wasser auf, das den Boden schlüpfrig macht und den unmittelbaren Zusammenhang beider vernichtet. Also langsam vorbereitet, der natürlichen Stütze oder Unterlage theilweise beraubt, vermag die Kohäsion der einzelnen Schnee¬ partikelchen das ganze, große, untenher gehöhlte Schneefeld nicht mehr zu halten; das Gesetz der nach Unten strebenden Schwere macht seine Rechte geltend, die Masse löst sich ab und rutscht, je nach der mehr oder minder starken Neigung des Berges, von Sekunde zu Sekunde an Beschleunigung gewinnend, der Tiefe zu. Alles, was ihr im Wege liegt oder steht, wird in die Verderben drohende Sturzmasse hineingewickelt und zu Thal geführt. Die Berner Oberländer nennen sie „Schmelz-Lauinen.“ Gegen den Anbruch dieser Grund-Lauinen zu wirken, sind zunächst die Bann¬ wälder (vgl. S. 68) bestimmt. Aber noch kleinere Pflanzenkörper vermögen viel, um den Schnee besser an den Boden zu fesseln, gleichsam mit ihm zu verflechten und das Abstürzen zu verhindern, namentlich die auf den Planggen und steil abschüssigen Hochhalden wachsenden Wildgräser und Kräuter, — das Material, aus dem der arme Wildheuer seine Kuh oder seine Ziegen mit Winterfutter versorgt. Dort, wo es im Sommer abgemäht wird, zeigen sich im folgenden Frühjahr fast überall Rutsch- und Schlag-Lauinen, wäh¬ rend die stehengebliebenen, im Herbst abgestorbenen Grashalme ein natürliches, zähes Bindemittel zwischen dem Boden und dem Schnee bilden. Die meisten Grund-Lauinen haben ihre regelmäßigen Passagen, ihre ausgefegten, von Weitem kenntlichen Schurfrinnen, „ Lauinen¬ züge “ genannt, durch welche sie allfrühjährlich herniederrasen. Sie stehen in einiger Verwandtschaft mit den Betten der Rüfen, nur sind sie minder trümmererfüllt, sondern zeigen mehr glatt aus¬ gehobelte breite Felsenrinnen (bis 100 Fuß Durchmesser), in denen allerdings immer etwas Gebirgsschutt zurückbleibt. Die Bewohner Die Lauiue . des Tavetsch schneiden im Spätsommer droben in den Regionen, wo der stammförmige Baumwuchs bereits aufgehört hat, das Busch¬ werk der Alpen-Erle an minder geneigten Halden ab, binden Faschinen daraus und legen diese in die Lauinenzüge, um die Fallkraft der zum Sturz geneigten Schneemassen in ihrem zer¬ störenden Effekt zu schwächen. Die auf solche Weise von der Lauine mit zu Thal hinabgerissenen Bündel braucht der Aelpler nicht herabzutragen oder zu schlitten; er nimmt sie, wenn der Sturzschnee im Hochsommer vollends drunten zergangen ist, als Brennreisig aus dem wüsten Schutthaufen, Wo gehüllt in graue Laken Schlafend die Lauinen liegen, — heraus, und weiß dergestalt sogar die ihm feindliche Kraft-Aeußerung sich dienstbar zu machen. Eine Sturzbahn der Lauine durch Menschen¬ hand vorzeichnen zu wollen, würde ein ohnmächtiges Bestreben sein. Da man also die Verwüstungs-Züge kennt, (welche meist recht¬ winkelig zur Thalsohle einmünden), — da der Aelpler an der Form und Richtung der Wolken, an der Durchsichtigkeit der Atmo¬ sphäre, aus dem Abbröckeln der kleinen Schneegarnituren von den oberen vertikal-ausgekehlten Felsgesimsen die Lufttemperatur in der Höhe und deren ungefähren Wärmegehalt vom Thale aus beurtheilen kann, so fällt es ihm, gestützt auf Erfahrungs-Normen, auch nicht schwer, die Zeit zu berechnen, binnen welcher die Grund-Lauinen anbrechen müssen; hiernach kann er seine Vorsichtsmaßregeln ein¬ richten. Denn gar viele Lauinenzüge durchkreuzen stark began¬ gene Thalwege und machen die Passage in den Frühjahrsmonaten höchst gefährlich; so z. B. in den bewohnten Walliser und Urner Seitenthälern, alle jene Stellen auf den Kunststraßen der Alpen, wo Galerien angebracht sind, — auch einzelne Stellen in frequenten Thälern, durch welche Poststraßen führen, wie z. B. im Grau¬ bündner Oberhalbstein, im Engadin, in vielen Thälern Savoyens u. s. w. Außerordentlich übelberüchtiget in dieser Beziehung ist Die Lauine . eine Thalstrecke in Davos (Graubünden) zwischen Glaris und Wiesen, vorzugsweise und die Eigenschaft zum Eigennamen erhe¬ bend „in der Züga“ genannt. — Wo Häuser und Ställe in sol¬ chen ungeheuerlichen Gegenden erbaut werden mußten, stellte die Vorsicht der Thalbewohner dieselben immer auf Vorsprünge der Berg-Gehänge, über welche Schneestürze voraussichtlich nicht herein¬ brechen können. Alle permanenten Lauinenzüge haben selbstständige Namen erhalten; so z. B. im Haslithal die Golper-, Schütz-, Mäder- und Loch-Laui, — am Mettenberg ob Grindelwald die Breit- und Schmal-, die Steg-, Doldis-, Brunnhorn- und Hochthurm-Lauine. Mitunter aber scheint ein Berg wie auseinanderfallend sich in lau¬ ter kleine Lauinen auflösen zu wollen, und dann reichen keine Namen mehr hin, die Zahl der Schneestürze vollständig anzuzeigen. Eben so irrthümlich wie vielseitig das Entstehen der Lauinen aufgefaßt wird, eben so unrichtig ist oft das Bild, welches die Phantasie sich von der äußeren Erscheinung des Phänomens wäh¬ rend des Sturzes entwirft. Es ist kein kugelnder Ballen, wie man wohl glaubt, der oben in der Bildungsheimath klein wie ein Kohlkopf, nun durchs Herabrollen und durch das massenhafte An¬ hängen der Schneetheilchen immer größer wird, und endlich einem Globus von kolossalem Durchmesser gleicht, der unten erst, wie eine Bombe zerplatzend, seine Schneeladungen ausstreut; ein solch progressives, sphärisches Formen, — wie man es vor Eintritt des Thauwetters im Tieflandswinter wohl spielweise von Knaben ausführen sieht, wenn sie einen Schneemann bauen wollen, — würde mindestens eine gleichmäßig geneigte, von keinen Felsentreppen und Fluhwänden unterbrochene, also der Hügelformation ähnliche Abdachung eines Berges voraussetzen. Der Sturz einer Lauine, jeder Gattung, gleicht fast immer dem Bilde eines in völligsten Schaum aufgelösten Wasserfalles. Gewöhnlich hört man den Sturz früher, als man ihn sieht . Durch den donnernden Schall plötz¬ lich aufgeschreckt, richtet der Blick des mit der außerordentlichen Die Lauine . Erscheinung nicht vertrauten Fremdlings sich gewöhnlich in die Höhe und sucht am Firmamente die Gewitterwolken, welche die gewaltig tönenden Schwingungen hervorrufen; aber droben im tiefen blauen Aether lagert lichte Ruhe, — kein Wölkchen schwimmt im Luft-Oceane. Schon rollt das Getöse nachhallend durch die Thäler und erneuert jetzt abermals, stärker anschwellend, die erschüt¬ ternden Tonwellen, als das Auge niedersinkend drüben am Silber- Mantel des Berges rauchendes, von den Lüften verwehtes, stäuben¬ des Gewölk und unmittelbar darunter eine gleitende, niederwallende Bewegung an den kaum zuvor noch in starrer Todesruhe dalie¬ genden Firnhängen wahrnimmt. Scheinbar langsam, im stolzen getragenen Zeitmaß, schwebt die Schnee-Kaskade wie breite Atlas¬ bänder über die Felsenwände herab, staucht tiefer an hervortretenden Fluhsätzen auf, zerstiebt in wollig-runde Schaumbogen und zer¬ flatternde Wolken-Wimpel, wie die Intervallen eines Strom- Kataraktes, oder verliert sich sekundenlang in verborgene Schluchten und sinkt, das Schauspiel von Stufe zu Stufe wiederholend, hin¬ unter, bis sie auf flach auslaufenden Alpmatten oder im tiefen Trümmer-Becken zur Ruhe kommt. Mit dem Verschwinden des vermeintlichen Stromes, verhallen auch die, den Fall begleitenden, grollenden Donner, und der Wanderer überzeugt sich staunend, daß beide Thätigkeiten in unmittelbarer Wechselbeziehung zu einander standen. Dort aber, wo der scheinbare Staubbach herniederwallte, zeigt eine schmutzige, fahlfarbene Linie in Mitte des blendenden Firnes, daß hier mehr als blos Schnee, daß Erde und Gestein¬ schutt mit herabgekommen sein muß, von denen Spuren zurückblieben. — Dies ist das Bild einer sommerlichen Grund-Lauine von ent¬ ferntem, gesichertem Standpunkte ruhig und gemächlich betrachtet. Könnte man mit bedeutend vergrößerndem, scharf-specialisirendem Tubus die stürzende Lauine dem Auge näher rücken, wie ganz an¬ ders würde diese sich gestalten, wie würde sie, gleich den ungeahnten Zellgeweben der Organismen unterm Mikroskop, sich plötzlich zu Die Lauine . unermeßlichen Schneewolken ausweiten, in deren Umhüllung cy¬ klopische Felsenquadern, wuchtige Eismarren und zerrissene Rasen¬ fetzen ihren Schmetterflug pfeifend und heulend zurücklegen. Was dem freien Auge wie harmlos herabschwebende Schaummasse er¬ schien, wird in der Nähe zur tobend-jagenden Furie; denn es fehlt uns, wie überall in den Alpen, so auch hier für die Entfernung, jeglicher Maßstab, nach welchem die Höhen zu beurtheilen sind, an deren unterbrochen-vertikaler Fläche die Lauine herabstürzt. Würde man die ungefähre Höhe jener Stelle, wo die Lauine sich begrub, in Zahlen von der Höhe des Punktes, an dem sie sich ablöste, subtrahiren und die gewonnene Differenz mit der Summe der Sekunden (so lange das Naturspiel währte) dividiren, so würde man einen Geschwindigkeits-Quotienten für die enorme Fall-Eile er¬ halten, der zugleich den donnernden Gang aufklärte. Eine Frühjahrs-Grund-Lauine in möglichster Nähe gesehen ist Entsetzen-erregend, fast unbeschreiblich. Alle Worte und Bezeich¬ nungen sind unzureichend, um dieses Chaos, diese völlige Auf¬ lösung, diese gemeinschaftliche, augenblicklich zugleich sich entwickelnde Orkan-, Erdbeben-, Bergsturz- und Gewitter-Erscheinung zu schildern. Aufruhr, Flucht, Zerstörung, Vernichtung, begleitet von rasendem in einander verwobenem Knirschen des sich selbst zerpressenden Schnees, dem stöhnenden Krachen zersplitternder Bäume, dem zischenden Fliegen geschleuderter Felsgesteine und deren krachendem Anprall an die Gebirgswände, schrillem Geprassel, — genug unde¬ finirbarem, ohrenbetäubendem Getümmel, dessen Echo aus allen Thal-Ecken hundertfältig zurückgeschleudert aufs Neue sich in dieses Wüthen vermengt, das ist der Total-Eindruck einer Grund-Lauine in der Nähe. — Ihr Material ist fetter, dichter, schwerer als das luftiger Staub-Lauinen; darum keilt es sich auch mit eiserner Zähig¬ keit, dort wo es hineinfällt, fest. Personen und Thiere von einer Schlag-Lauine verschüttet, sind meist unrettbar verloren; sie bricht ihnen das Genick und Rückgrath, oder legt sich hermetisch dicht um den Die Lauine . Körper an, so daß der Erstickungstod unvermeidlich erfolgt. Der Schnee dieser Lauinen wird so fest in einander geschlagen, daß Menschen oder Thiere, nur bis an den Hals darin steckend, sich unmöglich ohne Hilfe Anderer herausarbeiten können. Daher kommts auch, daß man in Thälern, durch welche ein scharfströmender Gebirgsbach fließt, noch im Hochsommer darüber gewölbte Schnee¬ brücken findet, welche von einem Lauinensturze herrühren. Diese sind oft so kompakt und dauerfest, daß man mit Roß und Wagen darüber fahren könnte. Sie entstehen dadurch, daß der Bergbach von einem Lauinensturz in seinem Bett behindert, sich vermöge seines größeren Wärmegehaltes durchfrißt und den Bogen allmählig erweitert. Gelingt dies dem Flusse nicht, ist der Schneedamm zu dicht, zu mächtig, zu hoch, staut er das Wasser zurück, so kann großes Unglück die tieferliegenden Orte des Thales bedrohen. Denn es ereignet sich nicht selten, daß eine Lauinen-Ladung nicht nur die enge Thalsohle bis zu irgend einer Höhe ausfüllt, son¬ dern selbst an der gegenüberliegenden Böschung noch wieder aufwärts geschoben wird. Wenn dann die in den Thalengen com¬ primirte Sonnenwärme den Schneedamm mürbe macht und zerfrißt, so bricht das zum See angewachsene Bachwasser mit seiner dynamischen furchtbaren Gewalt durch, reißt ringsum Uferge¬ lände ab, entwurzelt Bäume und Sträucher, zertrümmert Stege, Brücken, Mühlen, Häuser und Ställe, schwemmt Nutzhölzer, Säge¬ blöcke, große Steine, Menschen und Vieh mit fort, und verwüstet tiefergelegene Gegenden weit hinaus. Zwischen den beiden beschriebenen Lauinenformen, liegt mitten inne eine dritte, die theils selbstständig als Lauisturz auf¬ tritt, noch mehr aber Veranlassung einer jener beiden Sturzformen werden kann; diese wird herbeigeführt durch die s. g. Wind¬ schirme , Schneeschilde oder Schneebritte . Das Bildungs¬ princip dieser im Gebirge gefährlichen Accumulationen und die Gestalt derselben im Kleinen kennt jeder Bewohner des Flach¬ Die Lauine . landes aus Erfahrung. Es sind jene Schneekappen und spannen¬ hoch, senkrecht-aufgebauten Schneeleisten, welche entstehen, wenn bei verhältnißmäßig milder Temperatur und starkem Schneefall der Wind von einer Seite große fette Flocken an Gebäude, Brunnen, Stackete und andere Gegenstände wirft. Hat das Schneien dann nachgelassen, so verdichtet sich die lockere Masse immer mehr, beugt sich nach vorn über, und zuletzt nehmen diese durch Einwirkung der Sonnenstrahlen und des Wiedergefrierens oft seltsam modellirten Schneeverzierungen eine völlig hängende Gestalt an. Nun, — was hier im Kleinen sich zeigt, formt der dichte Schneefall in den felsigen Alpen, deren Wände beinahe senkrecht von allerlei Spalten, Bändern, Ueberwölbungen und Façade-Gesimsen unterbrochen wer¬ den, im Großen, und zwar so kolossal, daß überhangende, vom Felsgemäuer völlig abgelöste Schneedächer, auf nur schmaler Basis ruhend, entstehen, die zentnerschwer, jeden Augenblick niederzu¬ schmettern drohen. Diese Damoklesschwerte hangen fest, bis sie unter der Last ihrer eigenen Schwere zusammenbrechen, oder durch laue Luft, Thauwetter, Föhn, oder veränderte Richtung des Windes losreißen. Diese sinds, nach denen der Säumer, der Rutner, über¬ haupt jeder im Winter das Gebirge durchwandernde Aelpler ängst¬ lich messende Blicke emporsendet, — diese sinds, die durch den geringfügigsten Umstand, durch einen Schall, eine Lufterschütterung ihres kaum vorhandenen Gleichgewichtes, ihres Zusammenhanges mit der schmalen Felsenbasis beraubt werden können, — sie sinds, wegen derer der Postillon mit der Peitsche nicht klatscht, der Säu¬ mer früherer Zeiten, als es noch keine Schutzgallerien gab, die Schellen am Halse der Thiere umwickelte, wenn er die engen Defile's der Schöllenen am Gotthard, der Cardinell am Splügen und ähnliche Schluchten passirte, — und diese sinds, auf welche Schiller in seinem Bergliede hindeutet: Und willst du die schlafende Löwin nicht wecken, So wandle still durch die Straße der Schrecken. Berlepsch , die Alpen. 14 Die Lauine . Schon viele Unfälle sind durch den Losbruch von Windschilden vorgekommen. Im März 1824 wurde auf dem Bernardino der Postschlitten mit 13 Personen (Reisende, Wegbahner, Conducteur und Postillon) von solch einem Sturze ergriffen und in einen voll¬ geschneiten Abgrund geschleudert, aus dem eilf Menschen wieder gerettet wurden; ein Wegbahner jedoch und der Landammann von Rovredo im Val Misocco waren durch den bloßen Druck an das Straßengeländer getödtet worden. Auf dem Skaletta-Paß zwischen dem Engadin und Davos (Graubünden) wurde in den zwan¬ ziger Jahren eine ganze Karavane von 52 Schlitten durch ein los¬ gerissenes Windschild sammt Menschen und Vieh verschüttet; einige derselben hatte der vorausjagende Windstoß weit durch die Lüfte geschleudert. Indessen kam Niemand dabei um, weil es lockerer, sandiger Schnee war. — In der Cardinell, ehedem einem wegen seiner Windschilde heillos verrufenen Passe, schleuderte der Luftdruck eines stürzenden Windschildes im Winter 1800 beim Durchzug der französischen Armee unter General Macdonald einen Tambour in den Abgrund, wo er unversehrt angekommen sein mochte, denn man hörte ihn in der Tiefe mehrere Stunden lang trommeln. Da es aber unmöglich war, dem Unglücklichen Hülfe zu senden, so wurde er ein Opfer der Kälte und des Hungers. — Martin Meuli von Rufenen betrat 1807 spät Abends mit seinem Kameraden Christian Menn und einigen Saumrossen die Cardinell. Plötzlich rauschte eine Lauine herab und stürzte letzteren sammt seinem Pferde in den Abgrund. Meuli blieb unversehrt auf beiden Seiten von hohen Wällen Lauinenschnees eingeschlossen und brachte die kalte Winter¬ nacht unter einem vorragenden Felsen zu, indem er sich in eine Welle Tuch, die er auf seinem Saumroß hatte, einwickelte und dadurch sein Leben fristete. Solche stürzende Windschirme verdecken, gleich den Grund¬ lauinen, oft die Bergstraßen mit haushohen Schneeschanzen, so daß die Rutner mit dem bloßen Ausschaufeln nicht würden Bahn schaffen Die Lauine . können, sondern Gallerieen durch dieselben brechen müssen. Dies war ganz besonders auf den Graubündner Hochpässen in dem schnee¬ reichen Winter 1859 auf 1860 der Fall. — Die Anwohner solcher Passagen erzählen wunderbare Geschichten von dem instinktiven Vorgefühl mancher Thiere, die den Sturz von Lauinen gleichsam ahnen oder man möchte fast sagen prophe¬ zeihen. So ist es notorisch, daß an jenen Abhängen, die in irgend einer Weise von regelmäßigen Lauinenzügen berührt werden, selten oder fast nie Spuren von Gemsen im Schnee zu finden sind. — Die Bewohner der Bergwirthshäuser und Hospitien versichern, daß kurz vor dem Eintritt von Staublauinen und vor dem Sturz von Windschilden die Bergdohlen aus der Höhe herabkommen, sich gleichsam zu den menschlichen Wohnungen flüchtend und diese krei¬ schend umflattern. — Abgerichtete, zum Aufsuchen Verunglückter be¬ stimmte Berghunde sollen ebenfalls kurz vor dem Anbrechen von Lauinen und Guxeten eine sichtbare Unruhe verrathen, und auf dem Simplon hats deren gegeben, die laut heulten und hinaus ver¬ langten, um ihrer Bestimmung gemäß zu suchen. — Die auffal¬ lendste Witterung jedoch zeigen die Pferde. Wir haben schon bei Darstellung des Schneesturmes gesehen, daß das Pferd vor dem Losbruch des Unwetters unaufgefordert seine äußersten Kräfte an¬ strengt, um rascher vorwärts zu kommen und wenn möglich das schützende Haus noch zu erreichen. Ueber den Scaletta-Paß soll früher ein Roß lange Jahre den Säumerdienst mitgemacht haben, welches regelmäßig durch Sträuben und Stetigwerden den bevor¬ stehenden Sturz von Lauinen anzeigte, während es sonst das ge¬ duldigste und leitsamste Thier von der Welt war. Die Säumer, welche es deshalb hoch achteten, verließen sich bei zweifelhaftem Wetter fast ganz auf dieses Pferd. Einst hatte es auch im Winter Passagiere mittelst Schlitten zu befördern und an einer Stelle un¬ weit der Paßhöhe angelangt, wollte es durchaus nicht von der Stelle. Die Reisenden, unverständig genug und der Führer zu 14* Die Lauine . nachgiebig, trieben mit den äußersten Mitteln das Roß zum Wei¬ tergehen an. Endlich, nachdem es durch lautes Wiehern seinen Unwillen über die Unvernunft der Menschen zu erkennen gegeben, zog es aufs Neue mit äußerstem Aufwande aller Kräfte an und suchte durch ein fast verzweifeltes Vorwärtseilen der drohenden Gefahr zu entfliehen. Wenige Sekunden weiter, plötzlich Krach und Wurf! — Die Lauine hatte die Reisenden sammt dem treuen, klugen Roß begraben. Die Gebirgsbewohner können durch befühlende Handprobe und durch Besichtigung des Schnees denselben ziemlich richtig taxiren, wie weit er für Lauinen reif sei, und danach richten sie ihre Ueber¬ berg-Reisen ein. Gewöhnlich werden diese, wenn sie über lange und wilde Pässe gehen, gesellschaftlich unternommen, dann aber doch immer sektionsweise, so daß die einzelnen Schlitten stets in einiger Entfernung von einander laufen; sollte sich dann irgendwo ein Schneefall ereignen, so werden doch nicht Alle zugleich davon ergriffen, und die verschont Gebliebenen können ihren verschütteten Gefährten zu Hülfe kommen. Die Lauinen sind nur eine Erscheinung der tieferen Regionen, besonders jener um und unter der Gränze der Holzvegetation; über 10,000 Fuß absolute Erhebung kommen sie kaum mehr vor. Es giebt schon, selbst in den bedeutendsten Höhen, Schneerutsche, die sich abwärts bewegen, und bei warmer Südluft fallen die an¬ gewehten Garnirungen von den jähen Grathen mitunter herab; aber solche sehr unbedeutende Partial-Ablösungen tragen zu wenig den Charakter der Lauinen, als daß sie diese Bezeichnung ver¬ dienten. Für jene tiefer liegenden Regionen sind sie im Ganzen genommen, trotz ihrer verheerenden Wildheit, eine wohlthätige Erscheinung; denn sie befreien große Strecken Alpenweidelandes durch einen einzigen Akt von unberechenbaren Schneelasten, zu deren Entfernung die Sonnen- und Luft-Wärme bis weit in den Hoch¬ sommer hinein zu schmelzen haben würde. Gletscher . Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Der Gletscher . Reiche mir, Führer, den Stab, und waffne die Sohlen mit Zacken, Denn erklimmen muß ich dort jenen prächtigen Eisberg! Leite mich weiter hinauf und halte mich, daß ich nicht sinke. Jetzt, jetzt bin ich ihm nahe, dem Gipfel! Hier steh' ich und athme Reinere Luft, und starre hinab in die offenen Klüfte, Blicke staunend umher auf die Reihen der Eispyramiden, Sehe dort fern am Felsen hinauf die einsamen Hütten Glücklicher Sennen, und Ziegen, die fetten Weiden verfolgend. Wie es unter mir donnert! Mir ist, als bebte der Eisberg, Drohte zu bersten und mich zu begraben unter die Trümmer! Ha! wie dort der gewaltige Strom aus der Pforte des Eisthurms, Gleich als würd' er geschleudert, in schwärzlichen Wogen hervorschäumt Und sich, befruchtend, ergießt in den Schooß des blühenden Thales! Stäudlin . Was die Lauine im wilden Sturme entfesselter Leidenschaft während wenigen Augenblicken vollbringt, das führt der Gletscher im langsam bedächtigen Vorschritt aus. Beide haben die gleiche Aufgabe: das Hochgebirge von der drohenden Schnee-Ueberlastung zu befreien und einer allgemach entstehenden Total-Erkältung des Alpengebäudes und seines Anlandes vorzubeugen; beide sind aus¬ gleichende Faktoren, vermittelnde Ableitungskanäle, beide streben einem Ziele zu, aber auf verschiedenen Wegen. Die Lauine ist eine jugendliche, unbesonnene Erscheinung, die allen Boden unter den Füßen verlierend, mit einem kühnen Satze dem Opfertode sich in Der Gletscher . die Arme wirft und ihren, erst in der Bildung begriffenen, noch zusammenhanglosen Schnee-Körper in irgend einem abgelegenen Gebirgswinkel des Thales wie ein Selbstmörder verborgen der Auflösung anheimgiebt, — der Gletscher ist ein alter besonnener Oekonom im Gebirgshaushalte, der anscheinend faul und stillstehend, dennoch in ununterbrochener Thätigkeit, mit ruhigem praktischen Takt, das Uebermaß des lockeren Hochgebirgsschnees sammelt und zu festem, körperhaftem Eis verdichtet, langsam ins Thal hinabbe¬ fördert. Er ist einer der vielen tausend wunderbaren Beweise von der Alles regelnden göttlichen Anordnung im großen Organismus des Naturlebens, die jedem Ding sein Maß und Ziel giebt und durch den großen Kreislauf der Materie vor dem absoluten Tode bewahrt. Alles, was im Sommer von den Höhen der Schneeregion und eingeschaltet in die Gebirgsrinnen weiß ins Thal, ins Alpendorf herableuchtet, nennt der deutsche Schweizerbauer summarisch „ Glet¬ scher “, der Tyroler „ Ferner “, der Romane „ Vadret “, der Unter-Walliser und Savoyarde „ Glacier “. Er macht keinen physikalischen Unterschied zwischen Schnee und Eis, ihm ist Beides ziemlich identisch. Anders die Wissenschaft; sie unterscheidet dem Material und seiner Dichtheit, seiner Höhenlage nach, den lockeren Hochgebirgsschnee über 10,000 Fuß Höhe, von dem tiefer vorkommenden, grieselich-körnigen, älteren „ Firn-Schnee “, (der eben seinen Namen von der Bezeichnung „Fern“, welches im Idiom „vorjährig“ bedeutet, erhielt) — und diesen wieder vom eigentlichen durchsichtigen, kompakten Gletscher-Eis . Letzteres entsteht aus Ersterem durch eine Menge unvermerkt vor sich gehender Umwande¬ lungen dieser krystallinischen Wasserformen. Es repräsentirt somit der feine Hochschnee in den höchsten Regionen gleichsam die Periode der Kindheit. Durch eigene Schwere und Druck der hinterliegenden Massen gleitet er langsam tiefer und wird nach und nach durch Wärme-Einwirkung inniger zu körnigen Konglomeraten verbunden, Der Gletscher . er tritt ins Jünglings-Alter des Firnes über. Abermals zwischen den Felsengassen tiefer geschoben und somit in immer wärmere Regionen hinabwandernd, geht er weiteren neuen Umgestaltungs- Phasen entgegen, schluckt niederfallenden Regen auf, bindet diesen durch die innewohnende Kälte ebenfalls zu Krystallen und verdichtet sich endlich zum porösen Eis; er tritt ins Mannesalter über und wird das Material des Gletschers. — Jetzt hat er, wie der Mann im Leben, die größten Drangsale zu bestehen. Eingeklemmt in tiefe Gebirgsschluchten muß der Gletscher den Windungen und dem Fall seines Flußbettes folgen, gegebene Verhältnisse zwingen ihn. Wir sagen absichtlich Flußbett; denn nicht nur, daß sein Körper einem zwischen Berg- und Felsenketten herabkommenden, zu Eis erstarrten Strome gleicht, sondern der Gletscher fließt auch, er be¬ wegt sich, dem Flusse gleich, nach der Tiefe fort, freilich nur mit jener geringen Geschwindigkeit, mittelst welcher der Datum-Zeiger auf großen Wanduhren seine Wanderung fortsetzt. Er muß Lasten herabgestürzter Steine auf seinem Rücken tragen, — Furchen zer¬ reißen seine Oberfläche, und zerbrechend in Scherben stürzt er der Tiefe zu, bis er im Thal das Ende seiner Lebensbahn erreicht und aufgelöst zu Wasser dem Strome, dem Meere zueilt. Es ist schwer, sich einen annähernd richtigen Begriff vom wirklichen Wesen und realen Aussehen eines Gletschers zu machen. Die besten Abbildungen, selbst getreue Photographieen, geben stets nur trockene, oberflächliche, man möchte sagen „hölzerne“ Bilder. Immer ist der Raum, selbst der größten gemalten oder gezeichneten Hochgebirgs-Landschaft zu klein, um auch nur annäherungsweise die gigantische Größe eines Gletschers in seinen erschreckenden Massen anzudeuten; die Verhältnisse werden immer kleinlich, nichtssagend. Höchstens vermag das Stereoskop, wenn recht vorzügliche Partial- Aufnahmen in dasselbe eingeschoben werden, theilweise eine Idee von der Großartigkeit dieses Phänomens zu geben. Selbst in einiger Entfernung, von einem benachbarten, gegenüberliegenden Der Gletscher . Berge gesehen, schwinden die mächtigsten Gletscher unter dem Druck der imponirenden Felsen-Umgebung zu untergeordneten, schmutzig- weißen Streifen zusammen. Diese, die Gebirgsriesen der Granit- und Kalk-Dome mit ihren Zinken, Riffen und Kämmen, steigen frei und kühn in die Lüfte, zeigen die Größe ihrer Körperfülle in kräftigen, derben Linien und geben durch diese mehrseitigen Profile Anhaltepunkte für die Höhen-Dimensionen; — der Gletscher birgt die Summe seines unberechenbaren Inhaltes in den Gebirgs-Einschnit¬ ten, welche er ausfüllt, er ist ein begrabener Körper, der nur die einseitige Oberfläche bloslegt. Darum kann auch hier nur wieder eine Wanderung über den Rücken dieser Eisschlange, der Einblick in seine Spalten, Abgründe und geheimnißvollen Tiefen, das Be¬ treten eines Gletscher-Thores uns einläßlich instruiren. Ausgebildete, alle charakteristischen Merkmale an sich tragende Gletscher giebt es nur in den Central-Stöcken der Alpen, dort wo die Gebirgshebung unmittelbar und energisch stattfand. Die größten und umfangreichsten Gletscher-Reviere sind die Central-Massen des Montblanc, der Walliser und Berner Alpen, der Bernina in Grau¬ bünden und der Oezthaler-Gruppe im Tyrol, also jene, welche in ihre Hochmulden die ausgebreitetsten Firn-Magazine einschließen. Bedeutende Gletscher ersten Ranges enthalten außerdem die graji¬ schen Alpen Savoyens, die Tödi-Gruppe auf der Gränze von Uri, Glarus und Graubünden, die Centralmasse des Adula oder Rhein¬ waldhornes, die Silvretta-Gruppe im Unter-Engadin, die Ortler- Gruppe und die Tauern der Salzburger und Kärnthnischen Alpen. Unausgebildete Gletscher und solche von sekundärem Range finden sich in allen Alpentheilen, welche die absolute Höhe von 8000 Fuß erreichen und in dieser Höhe nur einigermaßen nennenswerthe Hoch¬ flächen einschließen, die Schneevorräthe anzusammeln geeignet sind. Gletscher in Bergzügen suchen zu wollen, die in ihrer mittleren Erhebung die Schneegränze (7000—8000 Fuß) nicht überschreiten, würde ein vergebliches Beginnen sein. Der Gletscher . Wir steigen durch Wiesen und Arvenwald leicht bergan. Dichte Baumgruppen verdecken noch alle Aussicht. Jetzt hellt es sich auf und wir betreten, das Schattendunkel verlassend, nackten felsigen Boden, der seltsamerweise in allerlei Hohlbuchtungen und wellen¬ förmigen Segmenten wie vom Bildhauer ausgemeißelt und abge¬ schliffen erscheint. Auf Trümmerhalden und kolossalen Steinblöcken oder aus den Felsenritzen, deren Oeffnung sich mit Erde ausgefüllt hat, wuchern, ein belebender Schmuck der öden Gehänge, leuchtend blühende Alpenrosen in reichlicher Menge. Noch einen Bergriegel umwandernd, — und die Aussicht öffnet sich, — wir stehen vor der Stirn des Gletschers. Kirchthurmhohe Wände steigen auf und versperren das weitere Vordringen. Ist das ein weiß überschneiter, ursprünglich schmutzig-grauer Felsen, der hier in phantastischer Bild¬ nerei überhangend hervorragt? Dem widersprechen sofort transparent¬ schimmernde, glasartig-erscheinende Einschnitte in der Wand, die wie tiefgelegte Falten sich längs derselben einschmiegen. Wir klettern über merkwürdig aufgehäufte Blockwälle scharfkantiger Fel¬ senfragmente, roh aufgerichtete Barrikaden von bedeutender Höhe und dringen von Neugierde getrieben näher gegen die räthselhafte Wand vor. Jetzt entdecken wir am Fuße derselben einen weitge¬ wölbten Kanal, der in den feenhaftesten Farben schimmernd, nach seiner Tiefe hinein sich in unbestimmte Nacht verliert. Jetzt ahnen wir, daß wir vor einer gigantischen Eiswand stehen. Jenes graue Gestein, welches wir im ersten Anblick für den selbsteigenen Körper einer Felsenfronte hielten, sind nur eingebackene Gesteinsreste, mit denen der Gletscher-Absturz überstreut ist. Nun erschließt sich uns die erste Ahnung von der erschreckenden Massenhaftigkeit eines Glet¬ schers, — nun erst drängt sich uns die Vermuthung auf, daß die riesige Trümmerschanze, welche wir so eben überstiegen, aus Gesteins¬ scherben besteht, welche vom Gletscher herunterstürzten. Ein ober¬ flächlicher Blick, selbst wenn wir zuvor nie uns mit Mineralogie beschäftigten, sagt uns, indem wir nach Stoff, Korn und Farbe Der Gletscher . die vorliegenden Brocken mit dem abgeschliffenen Gestein, über wel¬ ches wir wanderten, vergleichen, daß es ganz anderer Abstammung ist. Diese aufgebauten Haufen werden Front-Moränen , Stirn- Gandecken, Firnstöße genannt. Sie sind Resultate der allmähligen Gebirgszertrümmerung und Musterkarten der Felsenarten, welche die Gletscher umstehen. Der Gletscher hat sie aus zwei oder noch mehr Stunden entfernten Hochgebirgs-Revieren auf seinem Rücken lang¬ sam hierher transportirt, und wir erhalten durch sie den ersten Be¬ weis von der wandernden Thätigkeit des scheinbar stillstehenden Eisgebäudes. Die Oeffnung aber, welche unten an der Eiswand sich zeigt, ist das s. g. Gletscherthor, aus dem ein breiter, kräftiger Bach abgeschmolzenen Eiswassers hervorströmt: — — der Gletscher Milch, Die aus den Runsen schäumend niederquillt. Das Wasser ist milchweiß oder hellgräulich-trübe, selten durch¬ sichtig klar. Woher die Färbung? — Der Gletscher mit seiner millionenfach-zentnerschweren Last langsam über den Granit- oder Kalkfelsen seiner Stromsohle hinabgleitend, schleift unerkennbar feine Theilchen des Gesteins ab und färbt mit diesen das Gletscherwasser. Die ausgekehlten Flächen, die wir kurz vorher durchwanderten, sind gleichfalls Resultate dieser polirenden Thätigkeit. Man trifft am Riffel, längs des Gorner-Gletschers unterm Monte Rosa und nahe bei Zermatt, — am Viescher-Gletscher im Oberwallis und an den Borden vieler anderer, solche wunderbar polirte Gneis- und Granit- Hügel, welche Kunde geben, daß einst der Gletscher, als er größer, höher, breiter war, über diese Stelle hinwegging und sie also ab¬ rundete. Manche Gletscher haben gar kein Gletscherthor, sondern laufen, flach wie eine Muschel sich ausbreitend, schwach geneigt über die Thalsohle aus; — so der prachtvolle Rh ô ne-Gletscher in der Tiefe des Wallis, der Rosegg-Gletscher an der Bernina-Gruppe u. A. — Wieder Andere haben hohe imposante Gletscherthore, ähnlich den Der Gletscher . Portalen gothischer Dome. Die größten und schönsten derselben findet man am Glacier des Bois im Chamonny-Thal, aus dem der Arveiron hervorströmt, in manchen Jahren mehr als hundert Fuß hoch, — am Mortiratsch-Gletscher unter der Bernina-Gruppe, der den Flaty-Bach zum Inn entsendet, und am Marcell-Gletscher. So verlockend es ist, in diese lasurblau oder glasgrün schillernden Eishallen einzudringen, so gefährlich ists, weil fortwährend Steine, die droben auf dem Rücken des Gletschers an dessen Absturz liegen, herabstürzen, oder selbst Eiswürfel sich ablösen und herniederfallen. Blau ist die eigentliche Farbe des Gletscher-Eises, wie über¬ haupt die alles reinen Wassers; indessen müssen dennoch verschie¬ dene Umstände auf die mehr oder minder intensive Färbung ein¬ wirken, weil einige sich besonders durch die prachtvolle Tiefe ihres Blau auszeichnen. Dahin gehören namentlich der Arolla-Gletscher im Val d'Herins, der Roßboden-Gletscher an der Simplonstraße, der vielbesuchte Rosenlaui-Gletscher unweit Meyringen im Berner Oberlande, und der obere Grindelwald-Gletscher. Personen, die in die Spalten eines solchen mährchenhaft beleuchteten Eisgebäudes eintreten, werden magisch von einem blauen Lichte übergossen, das alle anderen Farben tödtet oder doch abschwächt und das blühend¬ rothe, gesunde Antlitz erstirbt in einem fahlen, blassen Leichenton. Es ist ein wirklich geisterhaftes Blau, eine, man möchte fast sagen spukhafte Farben-Erscheinung; denn das gleiche Stück Eis, welches in der Gletscher-Grotte von sich aus tief Indigofeurig strahlt, verliert, an das Licht des Tages gebracht, sein ganzes herrliches Colorit und erscheint farblos durchsichtig wie jedes andere Stück Fluß- oder See-Eis. Wir müssen, um auf die Höhe unseres Gletschers zu gelangen, an den Seitenwänden durch wildes Gestrüpp und über zerklüftete, verwaschene Gebirgsrudimente emporklettern. Der erste Eindruck, den die vordere Gletscher-Oberfläche auf den Beschauer macht, ist in der Regel kein anmuthig überraschender. Der Gletscher . Die Meisten sehen schmutzig, wie mit Sand und zerstoßenem Berg¬ schutt bestreut aus, etwa einen verwandten Anblick bereitend als wie im Frühjahr, wenn nach bedeutendem Schneefall in den Städten Thauwetter eintritt. Es giebt Gletscher, die dermaßen mit Geröll und Gebirgsunrath überlagert sind, daß man auf eine lange Strecke hin gar kein Eis erblickt. Dieser schmutzige Bewurf rührt von den Mittel-Moränen oder Guffern her, die wir gleich näher werden kennen lernen. Je weiter wir empordringen, desto zerklüfteter wird die Fläche, aber auch desto reiner tritt der Eiskörper wieder hervor. Da fesseln denn unsere Aufmerksamkeit zunächst auffallend-gestaltete, rissig-zer¬ klüftete, pyramidal-emporgezackte, riesige Eissplitter, die auf die Bruchkante gestellt, bald überhangend-geneigt, bald starr und trotzig auf breiter Basis, in positiver Haltung verharrend, das abenteuer¬ lichste Durcheinander plastischer Modelle vorführen. — Noch einige Schritte hinaufklimmend am Gletscherrande, erreichen wir einen freien Aussichtspunkt. Himmel! welche Zerstörung, welches Klippen- und Zacken-Meer, welches wüste Formen-Gewirr? Was ist das Trümmerfeld eines Bergsturzes gegen dieses, ganz außer dem Gebiete unserer herkömmlichen Anschauungsweise liegende, mehr als phantastische Chaos? Hier ist nicht das Rohe, Steinbrüchige, Absolut-Anorganische der Felsen-Stürzlinge, wie wir es allent¬ halben schon sahen, — hier leuchtet unverkennbar bildnerisches Element aus Allem hervor, ein ausgeartetes, uns völlig fremdes Formengesetz, zu dem wir jedoch den leitenden Gedanken nicht rasch genug herausfinden können, tritt uns entgegen. Unsere Augen schweifen beängstiget und neugierig-suchend umher, und immer mehr entdecken sie eine Grunddisposition, ohne jedoch den erwünschten Ruhe- und Anhaltspunkt finden zu können. Hat ein titanischer Architekt hier den Versuch gewagt, dem geisterhaften Alpenkönige aus Eisquadern ein Lustschloß errichten zu wollen, und hat er seinen ornamentalen Phantasieen in bizarrster Form Körper verliehen, Der Gletscher . das Bauwerk aber unaufgeführt liegen lassen? — So drängt sichs in uns, wenn wir zum Erstenmal denjenigen Theil eines großen Gletschers überschauen, der mit s. g. „ Gletscher-Nadeln “ bedeckt ist. Woher in ganzer Breite diese seltsame Scherben-Anhäufung? Wollen wir zur Verständigung uns eines Vergleiches bedienen, so sagen wir: es ist der Wasserfall des Gletscher-Flusses. Wie der Strom da, wo ihm plötzlich sein Bett fehlt und abbricht, weil auch das Thal eine Stufe macht, — in Gischt und Schaum zerstäubt hinunter tobt, um dann drunten in einem tieferliegenden Bett seinen Weg fortzusetzen, so hat auch hier der langsam-fortrückende Glet¬ scher plötzlich den Boden unter sich verloren, die spröden Eismassen konnten sich nicht halten, spalteten, rissen von ihrer Schwere ge¬ drängt ab und stürzten hinunter. Aber Brocken auf Brocken häuften sich dieselben so an, daß die Tiefen-Differenz dem Auge entschwand und wir nun blos die, in starker Neigung abwärts strebende Ober¬ fläche der Eistrümmer-Summe erblicken. Es würden auch Scherben sein ähnlich denen, wie wir sie im Kleinen während des Win¬ ters in den Städten erblicken, wenn der Conditor seine Eiskeller neu mit Vorräthen versorgen läßt; hier aber modelliren unsichtbare Hände an den gestürzten Gletscher-Brüchlingen herum, höhlen die¬ selben aus, schleifen sie ab, und die verborgenen Künstler, welche ihnen stets neue Formen geben, sind die Sonne, erwärmte Lüfte, Regenschlag und rückkehrender Frost. Diese Modelleure und Pla¬ stiker lecken und waschen bald an dieser, bald an jener Stelle längs der krystallischen Bruchkanten herum und formen so wundersam, daß aus dieser nimmerrastenden Thätigkeit jene ungeordnete und doch einheitliche Gesammt-Wirkung entsteht, welche so frappirt. Weil aber alle behülflichen Faktoren von Oben wirken, so wird auch die Kuppe der Eistrümmer am Ehesten angegriffen und daher die Obelisken- oder Thurm-ähnliche Form, die man bezeichnend „Gletscher-Nadeln“ nannte, weil ihre Spitzen oft ungemein scharf gegen das Zenith auslaufen. Exemplare von dreißig bis fünfzig Der Gletscher . Fuß Höhe sind am Gorner-Gletscher ob Zermatt (im Wallis), am Glacier des Bois unterm Chapeau und am Montanvert , so wie tiefer drin am Glacier du Talèfre (beide im Chamouny-Thal) und am Pasterzen-Gletscher beim Groß-Glockner durchaus keine Seltenheiten. Auch der Rhône- und die beiden Grindelwald-Glet¬ scher sind reich an solchen. Sie überdecken bei Manchem viertel¬ stundengroße Flächen. Aber, so wie die Schaumwolken des Wasserfalles drunten rasch die gefangenen Luftbläschen wieder entlassen und sich zu der glatten, homogenen Fluß-Fläche wieder vereinen, eben so verwachsen die Eis¬ trümmer, nicht weit unter ihrer Katarakt-Linie, mittelst Kompression, Durchfeuchtung und Wiedergefrieren der eingesickerten, tropfbar¬ flüssig gewordenen Abschmelzwasser, bald wieder zu einem Körper- Ganzen, das am Ende die kompakte Gletscher-Front bildet. Weiter hinauf! Wir können nun den Gletscher endlich betreten. Es ist gegen Mittag und die Sonne scheint warm. Wie ganz anders, als wir sie uns dachten, gestaltet sich nun die ziemlich ebene Oberfläche. Sie ist von tausend und abermals tausend Rinnen und Rinnchen durchfurcht, die kreuzend und mäanderisch ihre Bahnen gebildet haben. Emsig eilen die kleinen Wasseradern des kaum einen Grad Wärme haltenden, diamantklaren Eiswassers größeren bach-ähnlichen Furchen zu, deren Bett ebenfalls aus durchsichtig¬ hellem Gletscher-Eis besteht. Diese Bäche aber stürzen nach kurzem Laufe, laut rauschend in tiefe, trichterförmige Löcher, „ Mühlen oder Moulins “ genannt, in denen sie spurlos verschwinden. Es sind geheime Kanäle, die in allerlei Windungen und Verzweigungen bis auf den Felsengrund des Gletschers hinabreichen und dem aus dem Gletscherthor hervorquellenden Gletscherbach Nahrung zuführen. Die ganze sanft gewölbte Oberfläche des Gletschers glitzert und leuchtet vom Reflex der Sonnenstrahlen auf dem blanken, wasserüberron¬ nenen Eise; eine unendlich fieberhaft-zitternde Beweglichkeit ist über die ganze Eishalde ausgegossen, so daß ein wie von Monaden Der Gletscher . belebtes Flimmern entsteht. Festen Fußes und sicheren Trittes läßt sichs ganz gut über den schwitzenden, glanz-erfüllten Gletscher wan¬ dern; wer aber nicht derb zutritt und etwas Anlage zum Ausgleiten hat, kann versichert sein, alle zwei bis drei Minuten im Nassen zu sitzen. Diese unheimliche Lebendigkeit, dieses glurrende, singende Rieseln in den netzförmig die Spiegelfläche überspinnenden Rinnen währt, so lange die Sonne ihre auflösenden, frost-zersetzenden Strahlen niedersendet; sobald diese hinter die umstehenden Berge tritt, ver¬ stummt allgemach das kleine Leben, der erstarrende Todeshauch streift über die Eiswüste und bindet die rieselnden Tropfen wieder zu Krystallen, und noch ehe es Nacht geworden, lagert lautlose Grabesstille auch über diesem Alpenwinkel. Das Weiterwandern würde nun gar keine Schwierigkeiten haben, wenn nicht eine neue Zerklüftung des Gletschers, diesmal aber nicht in aufrecht stehenden Trümmern, sondern nach unten, sich zeigte. Es sind die berühmten und berüchtigten „ Querspal¬ ten oder Crevasses “ welche bis zu bedeutender Höhe hinauf den Gletscher durchziehen. Manche der alpinen Eismeere sind von diesen Tiefrissen so durchsetzt und zerborsten, daß ein Wandern über dieselben fast zur Unmöglichkeit wird, oder doch in ein Labyrinth führt, aus welchem sich herauszufinden eine schwierige Aufgabe ist. Es giebt der Beispiele genug, daß Reisende mit Führern bei nebel¬ freiem Wetter, am hellen Tage, auf Gletschern, die kaum eine halbe Stunde breit waren, deren beiderseitige Felsenufer man also in allernächster Nähe sehen konnte, sich so zwischen den Spalten ver¬ irrten, daß sie viele Stunden brauchten, um einen Ausweg zu finden. Beispiele von Unglücksfällen sollen in dem später folgenden Ab¬ schnitte „ Alpenspitzen “ erzählt werden. Die Gletscherspalten haben an der Oberfläche gewöhnlich eine sehr in die Länge gezo¬ gene elliptische Form, deren beide Enden spitz auslaufen. Breite und Länge derselben variirt je nach der Abdachung und Mächtig¬ keit der Gletscher außerordentlich; es giebt solche, die, wenn sie Der Gletscher . unlängst erst entstanden, leicht übersprungen werden können, und wiederum solche, die zwölf Fuß und mehr breit sind. Meist steht dann die Breite im Verhältniß zur Länge-Ausdehnung derselben, und man hat deren schon gesehen, die quer über den ganzen Glet¬ scher, von einem Ufer desselben, bis zum andern liefen, also faktisch den Gletscher in zwei Hälften theilten. Nach der Tiefe zu ver¬ engen sich die meisten. Der Einblick in dieselben gewährt in der Regel das gleiche schöne Farbenspiel, wie bei den so eben er¬ wähnten Nadeln; besonders läßt sich die geaderte Struktur des Gletscher-Eises gut an den Spalten-Wänden beobachten. Die Spalten entstehen aus ähnlichen Ursachen, wie die Gletscher-Katarakte; zu starke Spannung der Eismassen führen dieselben herbei. Die Naturforscher Hugi und Agassiz, welche behufs specieller Studien sich Hütten auf den Gletschern erbauen ließen und Wochen lang dort verweilten, haben das Spaltenwerfen genau beobachtet. Es kündete sich durch ein krachendes Getöse im Innern des Eiskörpers an, welch letzterer, ähnlich wie bei einem Erdbeben, erzitterte. Bald darauf zeigten sich Risse wie die einer gesprungenen Fensterscheibe an der Oberfläche, deren Fortrücken und Längerwerden mit den Augen verfolgt werden konnte. Oft war es jedoch auch der Fall, daß die Spalte unmittelbar nach ihrer Entstehung sofort mehrere Cen¬ timeter weit auseinander klaffte. Die Erweiterung bildet sich dann nach und nach immer mehr aus. Es ist indeß entgegengesetzt auch beobachtet worden, daß bereits ausgebildete, breite und tiefe Glet¬ scherspalten, in Folge der Konfiguration des Gletscher-Bodens, sich wieder schlossen und gleichsam vernarbten. Gewöhnlich sieht man nur wenige mit Wasser gefüllt, weil einerseits viele derselben mit unterirdischen Tunnels und Kanälen in Verbindung stehen mögen, mittelst welcher das aufgenommene Gletscherwasser sogleich weiter¬ befördert und dem Hauptbache zugesandt wird, — andererseits weil die, vom gewöhnlichen Fluß- oder See-Eis wesentlich verschiedene Struktur des Gletscher-Eises eine ununterbrochene Infiltration des Der Gletscher . Wassers zuläßt. Letzteres ist viel poröser als das durch starken Frost aus flüssigem Wasser entstandene Eis. Das Gletscher-Eis, welches, wie schon oben bemerkt, mittelst einer Menge von Me¬ tamorphosen aus dem krystallisirten Schnee der Hochgebirge sich ausbildet, enthält allenthalben sehr kleine, linsenförmige, plattge¬ drückte Luftbläschen und ist durch und durch von unendlich fei¬ nen Haarspalten nach allen Seiten und Richtungen hin durch¬ woben, welche sofort Flüssigkeiten, die über dem Eis ausgeleert werden, aufnehmen und einsaugen. Professor Agassiz stellte Versuche mit aufgelöstem Farbstoff an und sah denselben, mittelst der unend¬ lich feinen Aederchen, das ganze Stück Eis schleunigst durchdringen, als ob es ein aufsaugender Schwamm wäre; binnen kurzer Zeit war es bis auf 15 Fuß Tiefe von dem Fernambuc-Wasser roth gefärbt. Vermöge dieser, dem Gletscher-Eise eigenen hohlen Räume entwickelt sich auch in demselben die allseitigste, größte Thätigkeit. Der jetzige Forst-Inspektor des Kantons Graubünden, Herr Coaz (erster Ersteiger der Bernina-Spitze, dessen Mittheilungen wir noch einigemal erwähnen werden) hatte behufs topographischer Ver¬ messungen des Val Morteratsch, sein Zelt unweit des Gletscher- Randes aufgeschlagen und unternahm von dort aus seine Excur¬ sionen. Die Seiten-Rande der Gletscher sind sehr mannigfaltig gebildet; bald liegen sie ruhig und geschlossen unmittelbar an der Thalseite an, — bald erheben sie sich in senkrechten, zerborstenen Eiswänden, bald überbauen letztere die Ufer, so daß man ein gutes Stück unter den Gletscher hineingehen kann. An manchen Stellen finden sich Moränen zu Seiten-Wällen angehäuft, — an anderen gränzt die saftige Alpenweide unmittelbar an das Eis. Einst besuchte er auch gegen Mittag an einem trüben, nebeligen Tage, eine Gletscherhöhle, die vom Rande des Morteratsch-Gletschers (Bernina-Gruppe) sich gegen die Thalsohle senkte. Er stieg unter die 5 bis 6 Fuß hohe Wölbung hinein und beobachtete die über ihm hangenden Eismassen mit ihren rundlichen oder ovalen Berlepsch , die Alpen. 15 Der Gletscher . Blasenräumen; durch einige derselben tröpfelte Wasser in regel¬ mäßigen Pulsschlägen. Zugleich bemerkte er aber im Eis an den gleichen Stellen kleine Wasserwirbel von etwa ½ Zoll Durchmesser, die mit großer Schnelligkeit sich bewegten. Da er sie früher nicht gesehen hatte, so mußten sie erst während der Beobachtung, wahr¬ scheinlich durch die ausgeströmte Körperwärme entstanden sein. Daß die Vertiefung, in welcher der Wirbel sich drehte, ein zu Tage geschmolzener Blasenraum sei, durfte mit Gewißheit angenommen werden. Um nun eine Rinne zu entdecken, welche durch das Eis zu Häupten der Beobachter dem Wirbel das Wasser zuführe, nahm Herr Coaz die Loupe zur Hand, konnte jedoch nichts entdecken. End¬ lich half ihm ein kleines schwarzes Stäubchen, das an der Ober¬ fläche des hangenden Eisgewölbes hinschoß, aus seinen Zweifeln und bestätigte die Annahme der vermutheten feinen Rinne. Sie lief in schiefer Richtung nach der kleinen Vertiefung zu und führte den Wirbel herbei. Bald darauf beobachtete er zwei solcher Wir¬ bel nahe bei einander, die entgegengesetzte Strömung zeigten. Als sie weiter in die Höhle eindrangen, wurde das Eis immer blasenfreier, reiner und dunkler in der Färbung. Die Eiswände waren ganz naß; an verschiedenen Stellen tröpfelte Wasser vom Gewölbe, der Gletscher befand sich in seiner größten Lebensthätig¬ keit. Hier nahm eine wunderbare Erscheinung die Aufmerksam¬ keit des Beobachters ganz besonders in Anspruch; es war ein kleiner, fast einen Fuß Breite messender Bach, der über dem Kopfe des Besuchers an der etwas geneigten, äußerst porösen Eisdecke festgehalten, rasch dahinfloß. Ein solches Phänomen frappirt un¬ gemein, indem hier das Wasser nur theilweise dem gewaltigen Gesetze der Schwere folgend, demselben fast Hohn zu sprechen scheint. Bezeichnend nannte er diese Erscheinung „Hangende Bäche.“ — Noch tiefer drinnen öffnete sich eine Spalte, durch welche von oben ein voller Lichtstrom sich ergoß und in dem krystallhellen Eise das reinste, mildeste, lichteste Blau erzeugte, wie es nur die Tiefe der Der Gletscher . geheimnißvollen Gletscherwelt bewahrt. Diese bietet überhaupt für den forschenden Geist wie für das empfängliche Gemüth weit mehr, als der erste flüchtige Besuch eines Gletschers vermuthen läßt. Das Empordringen an den Ufern eines Gletschers ist mitun¬ ter nicht minder schwierig und gefahrvoll als wie der Aufmarsch über die, mittelst Schneebrücken verdeckten, tiefen Gletscherspalten. Ein von Prof. Forbes (aus Edinburgh) erzählter Vorfall möge bei¬ spielsweise das Gesagte bestätigen und zugleich zeigen, wie sehr gefährlich das Allein-Reisen auf Gletschern ist; über die „Schneebrücken“ fin¬ den sich weitere Mittheilungen in dem Abschnitte „Alpenspitzen.“ — Mitte September 1842 besuchte Herr Forbes von Chamouny aus das einsame, im s. g. Mer de Glace gelegene Vorgebirge Tré¬ laporte , einen Felsrücken östlich unter der Aiguille de Charmoz . Da dasselbe nirgends hin führt, so pflegt es höchstens von den Schäfern besucht zu werden, welche von Zeit zu Zeit heraufkommen, um ihren aussichtslos in der Einöde während des Sommers wei¬ denden Schaafen Salz zu bringen. Herr Forbes, mit dem Skizziren der kühnen Umrisse der Aiguille du Dru und du Moine beschäfti¬ get, sandte seinen Führer August Balmat nach Trinkwasser aus, welches, da das Vorgebirge Trélaporte nur aus öden Granitmassen besteht, schwer zu finden ist. Als der Führer nach ½ Stunde noch nicht zurückgekehrt war und zu befürchten stand, daß er sich unter den wilden Felsen verirrt habe, so brach der Naturforscher selbst auf, ihn zu suchen. Nach einiger Zeit sah er ihn mit zwei Bur¬ schen aus Chamouny, die nach der berühmten Gletscher-Insel „Jardin“ gehen wollten, daher kommen. Sie führten einen Mann, der völlig erschöpft und geistesabwesend zu sein schien und dessen Anzug in Fetzen herabhing. Auch der Führer August zeigte sich sehr ermattet, denn er hatte, um den fremden Mann zu retten, sich den größten Gefahren ausgesetzt. Der Fremdling, ein Ameri¬ kaner, der am Morgen des vorhergehenden Tages allein aufgebro¬ chen war, das Mer de Glace zu durchwandern, hatte, an den ein¬ 15* Der Gletscher . samen Abhängen von Trélaporte emporkletternd, sich verstiegen und die ganze Nacht auf einer fast unnahbaren Klippe zugebracht. Nach seiner Erzählung war er am vorhergehenden Nachmittage ausgeglitten, an einem Felsen herabgestürzt, und wäre wahrscheinlich zerschmettert in der Tiefe angekommen, wenn nicht seine Kleider an wil¬ dem Gesträuch hangen geblieben wären und so seinen völligen Todes¬ sturz gehemmt hätten. Darauf hatte er eine Felsplatte erreicht, die, rings von schauerlichen Abgründen umgeben, für ihn zum hoffnungslosen Gefängniß ward. Die Nacht war nicht allzu kalt, so daß er sein Leben unter zersetzender Angst zu fristen vermochte, und als es Tag geworden war, hatte er die beiden jungen Männer in großer Ferne erblickt und sie durch Rufen herbeigezogen. Die kühnen Berg¬ gänger kletterten nun zwar auf weiten Umwegen so nahe herzu, daß sie über ihm sich postiren konnten; aber ihre gemeinschaftlichen Anstrengungen würden nicht ausgereicht haben, ihn zu erlösen, wenn nicht, wie durch eine Fügung der Vorsehung, Herr Forbes am gleichen Morgen diese selten besuchte Gegend betreten und seinen Führer nach Wasser ausgesandt haben würde. Während dieser nun nach Wasser ausspähte, erblickte er die mit Rettungsversuchen sich abmühenden Burschen und schloß unaufgefordert sich ihnen an. Seinem seltenen Muthe, seiner Ausdauer und Verwegenheit, so wie seinen enormen physischen Kräften gelang es endlich, den Aermsten aus einer Lage zu befreien, in welcher selbst die verwegene Gemse umgekommen wäre. Balmat erzählte, daß er, an einer fast glatten Felsenwand, gleichsam klebend, seinen Fuß habe ausgleiten fühlen, als er das ganze Gewicht des fremden Mannes auf sich trug, und schon sich und den Anderen verloren gegeben habe, als er sich noch anklam¬ mern und halten konnte. Nachdem Herr Forbes Alle mit Wein ein wenig gestärkt hatte, sandte er den Fremden, dessen Gehirnnerven be¬ denklich afficirt zu sein schienen, in Begleitung der beiden Bursche nach Chamouny hinab, während er mit Balmat selbst den Schreckensort aufsuchte. Seine ausführliche Schilderung desselben bestätigt, daß es Der Gletscher . eine mit Gras und Wachholder-Gebüsch bewachsene, nur einen Fuß breite und wenig Fuß lange Felsenplatte war, die im Rücken von einer beinahe überhangenden Granitwand geschlossen wurde und vorn mehrere Hundert Fuß senkrecht abstürzte. Es mußte fast wie ein Wunder erschei¬ nen, daß der Unglückliche überhaupt rutschend oder fallend diesen Punkt erreichen konnte; ohne das aufhaltende, seinen Sturz hemmende Gesträuch, in welchem noch Fetzen der zerrissenen Blouse hingen, wäre er über die Felsenplatte hinaus, ohne dieselbe zu berühren, der Tiefe zugestürzt. Auf dieser Plattform, die kaum genügenden Raum für einen Menschen bot, mußte der Fremde die ganze lange finstere Nacht über, ohne einen Fuß zu regen, aufrecht stehend zubringen, immer den gräßlichen Tod des Verhungerns oder des zerschellenden Sturzes vor Augen, ohne Aussicht und Hoffnung auf Errettung. Die Zerklüftung der Ufer ist die Erzeugerin der Moränen. Werfen wir einen Blick auf die unserem Buche beigeheftete Ab¬ bildung eines Gletschers (zu welchem die mittlere Parthie des Gornergletschers mit dem Riffelhorn und dem Monte Rosa im Hintergrunde, die Motive abgaben, während das Gletscherthor — um ein instruktiv-übersichtliches Bild zu geben — verkürzt einge¬ zeichnet wurde), so erblicken wir hinter der Region der Gletscher- Nadeln, langgezogene Steinlinien, welche sich weit bis in die Per¬ spective fortsetzen. Dies sind die Moränen oder Gandecken , auch Gufferlinien genannt. Was Hitze und Frost, Regen und Unwetter an den Gebirgsmauern zersetzen, losspalten, ab¬ bröckeln, das fällt hinunter auf die Firnfelder (wenns in den Hochregionen ist) oder auf die Gletscherränder und rückt mit diesen Massen fort. Der Firn wie der Gletscher haben sozusagen eine ausstoßende Kraft , sie leiden keine fremden Stosse in ihrem Körper; was Jahre lang in Firnschründen begraben lag, wird durch die Abschmelzung der Oberfläche und den gleichsam hebenden Druck im Fortrücken, nach und nach auf den Rücken des Eiskör¬ pers gebracht. So auch die Felsenbrocken. Triffts nun, daß, Der Gletscher . ähnlich der Ineinander-Mündung zweier Flüsse, zwei Gletscher¬ thäler zu einem Strombett sich vereinigen, also das aus zwei verschiedenen Heimath-Kammern stammende Eis gemeinschaftlich seinen Weg nach der Tiefe zu fortsetzt, so vereinigen sich auch die beiden inneren Rand- oder Seiten-Moränen zu einer Mittel- Moräne und zeigen nun eine Gufferlinie längs der ganzen Mitte des Gletschers. So viel Seiten- oder Sekundär-Gletscher in den Haupt-Gletscher münden, so viele Gufferlinien entstehen. Unser Bild zeigt drei Central-Moränen , in Wahrheit aber hat der Gornergletscher acht Gufferlinien, die sich durch Schärfe und Pa¬ rallelismus auszeichnen. Die Massenhaftigkeit des hier angehäuf¬ ten Bergschuttes ist oft so bedeutend, daß man auf einer unmit¬ telbar vom Gebirge gebildeten Trümmerhalde zu stehen wähnt. Die Central-Moräne beim „Abschwung“, welche aus der Mündung des Finster- und Lauter- Aargletschers entsteht, auf der die Na¬ turforscher Hugi und Agassiz ihre Hütten behufs mehrwöchentlicher Beobachtungen und Messungen errichten ließen, ist ein Schuttwall von beinahe 400 Fuß Breite und stellenweise 30 Fuß Höhe über dem Gletscher-Niveau. Oft sind jedoch diese Moränen auch nur schmale Reihen, gleichsam perlenschnur-ähnlich mit kleinen Unter¬ brechungen fortlaufender, einzelner Steine, die über die ganze Länge des Gletschers hinabsteigen. Mit auffallender Beharrlich¬ keit halten diese Steinlinien die eingeschlagene Richtung fest und verlieren sie oft selbst dann nicht ganz, wenn ein großer Gletscher¬ bruch mit seinen Nadeln und Scherbenkolossen ihre Direktion unterbricht. Außer den eigentlichen Moränen begegnen wir auf dem sanft¬ gewölbten Rücken des Gletschers noch separirten Steinblöcken, gleichsam sich abschließenden Sonderlingen oder Einsiedlern, die, weil sie rundum vom verwandten Gesteins-Material entblößt sind, den Atmosphärilien Gelegenheit zu höchst auffallenden, mit dem Entstehen und der Gestalt der Gletscher-Nadeln verwandten Eis¬ bildungen geben; es sind die sogenannten „ Gletschertische .“ Der Gletscher . Bei dem während der warmen Jahreszeit ununterbrochen andauern¬ den Abschmelzen der Gletscher-Oberfläche, wird diejenige Stelle des Eises, auf welcher ein derber Steinblock, eine dicke Gneis¬ oder Schiefer-Platte liegt, vor den auflösenden, unmittelbaren Ein¬ wirkungen der Sonnenstrahlen und warmen Winde geschützt; es ist also natürlich, daß rundum die Eisfläche allmählig abschmilzt, während derjenige Theil des Eiskörpers, der von dem Steine be¬ deckt ist, konservirt wird, gleichsam ausgespart stehen bleibt. So wächst der Eisträger oder Pfosten, wie der Fuß eines runden Tisches, allgemach aus dem Gletscherboden, wird an den Seiten von der ihn umstreichenden, einige Grad Wärme haltigen Luft stets beleckt und abschmelzend gemindert, schlanker geformt, während die aus dieser Eissäule ruhende Steinplatte gegen die energischen Sonnen¬ strahlen und deren rasch wirkende Schmelzkraft schirmt. Solche Gletschertische, fast wie riesige Pilze aussehend, finden sich nicht auf allen Gletschern, doch aber auf den meisten großen. Die schönsten trifft man auf dem Unteraar-Gletscher, wo Agassiz Fußgestelle bis zu acht Fuß Höhe maß, — auf dem Theodul-Gletscher (Unterm Matterhorn) mit Platten von 20 Fuß Länge und 6 Fuß Breite, während der Eisfuß oft so dünn ist, daß man ihn umstürzen zu können glaubt, — häufig auf dem Liapey- oder Durand-Gletscher im Val H é r é mence (Wallis) mit Platten von 30 Grad Neigung, — auf dem Pasterzen-Gletscher in Tyrol. Auf dem Glacier de Léchaud (Montblanc-Masse) traf Prof. Forbes sogar einen Gletscher¬ tisch, der aus einer prächtigen flachen Granitplatte von 23 Fuß Länge, 17 Fuß Breite und etwa 3 Fuß Dicke bestand und dessen schöngeadertes, zierliches Eis-Piedestal bis Ende August eine Höhe von dreizehn Fuß erreichte. Wird dann das Untergestell zu schwach, so daß die Steinplatte ihr Gleichgewicht verliert, so stürzt diese herab, und sofort beginnt der Abschmelzungsproceß rund um die Platte aufs Neue, während der Eisrumpf des zerstörten Tisches von den Atmosphärilien vollends aufgelöst wird. Der Gletscher . In auffallendem Gegensatze zu diesen, über das Gletscher- Niveau emporgehobenen, großen Felstrümmern und der früher er¬ wähnten, gleichsam ausstoßenden Kraft der Gletscher, steht das Einsinken kleinerer Gegenstände in das Eis. Wir finden dürre, vom Winde heraufgewehte Laubblätter, todte Schmetterlinge und Käfer oder kleine Steine auf dem Gletscher, die 1 bis 1½ Zoll tief in das Eis eingesunken sind. Daß dieselben nicht eingebacken in den Firn aus den Höhen heruntergebracht und hier erst wieder an die Oberfläche befördert wurden, beweisen die scharfen Konturen des nach oben offenen Loches, welche ganz genau den Umrissen des fraglichen Gegenstandes entsprechen. So sehr nun diese Thatsache den anderen Erscheinungen widerspricht, so erklärlich ist dieselbe. Be¬ kanntlich nehmen Körper je nach ihrer mehr oder minder dunklen Färbung ein größeres oder kleineres Wärme-Quantum auf; schwarze Körper am Meisten. Es ist also begreiflich, daß die Insolation oder Sonnenstrahlung auf solche dunkle Gegenstände drastischer ein¬ wirkt als auf das weiße, die Sonnenstrahlen zurückstoßende Eis und diese Körper in Folge größerer Menge aufgenommener Wärme, diese gegen das unter- und um-liegende Eis ausstrahlen, also dadurch Abschmelzung verursachen. Ebendeshalb, weil die Gegen¬ stände klein sind, werden sie ganz von der Sonnenwärme durch¬ drungen; große Felsenplatten wie bei Moränen und Gletschertischen werden nur an der Oberfläche erhitzt, ohne die aufgenommene Wärme so weit in ihrem Innern nach unten fortpflanzen zu können, daß dadurch eine Schmelzung des unterliegenden Eises herbeige¬ führt würde. Zu den Moränen und Gletschertischen gesellt sich endlich noch eine dritte verwandte Erscheinung, welche uns beim Besuche eines solchen Eismeeres auffällt: die Schuttkegel und Sandhügel . Sie entstehen einfach dadurch, daß bei lebhafter Schmelzung der Gletscher- Oberfläche, Steinchen, Grien und Geröllschlamm von den Schmelz¬ bächen zusammengeschwemmt werden, so daß sie kleine Alluvial- Der Gletscher . Ablagerungen bilden. Diese schützen vermöge ihrer Dicke das darunterliegende Eis gegen die Wirkungen der Sonnenstrahlen, während der rundum frei zu Tage tretende Gletscher abschmilzt; so bilden sich jene den Maulwurfshaufen ähnlichen Hügel, die bis 12 Fuß hoch werden und meist den dreifachen Umfang ihrer Höhe einnehmen. Alle diese fremden, dem Gletscherrücken aufgebürdeten Felsen- Rudera werden durch den Gletscher zu Thale transportirt und geben selbst eins der wesentlichsten Beweismittel von der Bewe¬ gung dieser Eisströme ab. Die Menge der auf solche Art aus den Hochregionen in die Tiefen getragenen Trümmer ist außerordentlich verschieden und läßt sich nur nach den Stirnwällen oder Front¬ moränen schätzen, welche im Laufe der Jahrtausende sich am Ende des Gletschers abgelagert haben. Die riesigsten Stirnwälle finden sich am Fuße des Bois -Gletschers im Chamouny-Thal, von denen der aus dem Jahre 1820 stammende die jüngste der großen Ab¬ lagerungen ist. Eine gräuliche Wildniß von Steinen jeder Größe und Gestalt hat alle frühere Wiesen-Kultur verdrängt, und ein jetzt bewaldeter Moränenberg von sechstausend Fuß Länge, „les Tignes“ genannt, zeigt, was ein einziger Gletscher zu Thal schafft. Jetzt liegt das Dorf Lavanchi am östlichen Abhange des kolossalen ältesten Steinwalles. Einer der herniedergeschafften Fel¬ sen ist so groß, daß man ihm, als selbstständigem Individuum, einen Eigennamen: „Pierre de Lisboli“ gab. Die Thatsache, daß jeder Gletscher wandert und sich jährlich eine bestimmte Strecke vor- oder abwärts bewegt, ist eine erst neuere Entdeckung der Wissenschaft, während das Gebirgsvolk die¬ selbe schon seit Jahrhunderten kannte. So sehr dem Tiefländer die Erscheinung konstant sich fortbewegender, auf hartem Grund und Boden der Tiefe zuwandernder, spröder Eismassen befremdend sein mag, so wenig erklärlich würden dem Gebirgsbewohner still ruhende, lokal an die Scholle gebannte Eisflächen sein. — Die Der Gletscher . Bewegung der Gletscher ist eine durch die Abdachungsverhältnisse der Gletscherbette bedingte und darum sehr verschiedene. Im All¬ gemeinen bewegt sich der Gletscher in der Mitte seines Körpers rascher als an den beiden Uferseiten, in der Höhe stärker als in der Tiefe. Nach Agassiz und seiner Gefährten Messungen auf dem Aargletscher, während der Monate Juli bis September in verschie¬ denen Jahren, betrug das Fortrücken täglich etwa 8 Zoll. Pro¬ fessor Forbes fand an einigen Gletschern des Montblanc noch eine raschere Bewegung. Doch läßt auch hier sich durchaus keine nor¬ male Durchschnittszahl aufstellen, indem der Einfluß der mittleren Jahrestemperatur erfahrungsgemäß außerordentlich einwirkt. Nach den von Ziegler am Grindelwaldgletscher angestellten Beobachtun¬ gen über die Bewegung im Winter, zeigte sich dieselbe im Januar am Schwächsten, etwas entschiedener im December, bedeutend leb¬ hafter im Februar, und noch mehr zunehmend im März und April. Ueberhaupt scheint jeder Gletscher während des Winters ziemlich zu ruhen und im Frühjahre mit dem Erwachen der Natur auch seine Thätigkeit aufs Neue aufzunehmen. Aber nicht blos im All¬ gemeinen an der Oberfläche ist die Bewegungsfähigkeit der Glet¬ scher eine verschiedene, sondern auch nach ihrer vertikalen Tiefe zu, so daß die größte Bewegung an der Oberfläche sich zeigt, eine verminderte in der Mitte, und die geringste in der dem Felsboden aufliegenden Tiefe. Die Gletscher-Theorie stellte schon sehr verschiedene Behaup¬ tungen und Folgerungen über die Natur der Gletscher-Bewegung auf. Die ältesten Untersucher, namentlich der geistreiche, um die Naturgeschichte und Physik der Alpen so hochverdiente de Saussure nahm ein beständiges Gleiten der Eismassen über den geneigten Boden an; Andere und unter ihnen der noch ältere Scheuchzer, schrieben der durch den Frost herbeigeführten Ausdehnung der kry¬ stallisirten wässerigen Substanzen die Hauptschiebekraft zu und schufen die Expansions- oder Dilatations-Theorie. Prof. Hugi, der die Der Gletscher . oben beschriebenen Haarspalten kennen gelernt hatte, nahm einen all¬ gemeinen Durchfeuchtungs-Proceß an, gleichsam als ob der Glet¬ scher wie ein Schwamm flüssig-wässerige Bestandtheile in Menge aufnähme, diese dann gefrören und dadurch ein Treiben nach der Tiefe zu herbeigeführt würde. Noch Andere wollten ein eigent¬ liches Rollen oder Wälzen der Eismassen beweisen. Nach allen bisherigen Untersuchungen scheint ganz besonders die von oben herab drängende, drückende Schwere der, hinter dem Gletscher la¬ gernden, ungeheueren Schneemassen die vornehmste, unaufhörlich wirkende Haupttriebkraft zu sein, welche den starren Eisstrom in Bewegung hält (Gravitations-Theorie). Demnächst mag das Weichen der Massen an den Sturzschwellen und an der Front weitere Ur¬ sache zum leichteren Nachrücken geben. Endlich mag aber auch die durch die Haarspalten begründete größere Nachgiebigkeit des Eises zu dem ganzen auffallenden Phänomen das Ihrige beitragen. Wo diese Eisströme der Alpen durchgehends, bis an ihr Ende, in geneigten Gebirgsrinnen sich fortbewegen, da hat der Bergbe¬ wohner, welcher sie nicht betritt, auch nichts von denselben zu fürch¬ ten. Anders ists mit denjenigen Gletschern, welche in der Höhe sich bilden, eine Zeit lang normal ihren Weg fortsetzen, plötzlich aber das Bett verlieren, weil das Felsen-Individuum, auf welchem sie ruhen, jähwandig absinkt. Solche, die man „hangende Glet¬ scher“ nennt, brechen begreiflich, wo sie an der Sturzwand ankom¬ men, trümmernweise los und stürzen als „Gletscher-Lauinen“ zu Thal. Begreiflich hat sich die Kultur und der menschliche Fleiß am Fuße solch unermüdlicher Eisschleuderer nicht angesiedelt und sie entladen ihr Bruchmaterial ohne Schaden in wüste Gründe. Doch aber giebt es Beispiele genug, daß solche Gletscher-Stürze dennoch im bebauten Lande und in den bewohnten Gegenden mittelbar un¬ berechenbaren Schaden anrichteten. Das markanteste Beispiel die¬ ser Art ist das Unglück, welches der Gietroz -Gletscher oder viel¬ mehr dessen angehäufte Sturzmassen am 16. Juni 1818 im Bagne¬ Der Gletscher . thal und Unterwallis anrichteten. Ersteres stellt fünf Stunden oberhalb Sembranchier einen sehr engen Schlund dar, im Sü¬ den von dem steilen Bollwerk des Mauvoisin, gen Norden von dem 11400 Fuß hohen Mont Pleureur beherrscht, dessen Fuß eine etwa 500 Fuß hohe Felsenwand bildet. Ueber diese hängt, von den hohen Firn-Regionen herniederkommend, der Gietroz -Gletscher. Zu allen Jahreszeiten und fast täglich stürzen von demselben un¬ förmliche Eislasten ins Thal hernieder, häufen sich unten an der Felsenwand zu riesigen Gletschertrümmerhügeln, unter denen das wilde Thalwasser, die Dranse hervorbricht. Während der Jahre 1815 bis 1818 hatten sich die Eisbrüchlinge in zuvor nie gesehener Weise vermehrt, und im Winter des zuletzt gedachten Jahres ver¬ stopfte sich der immer enger gewordene, gewölbe-ähnliche Abfluß dermaßen, daß er zuletzt gänzlich zufror und der Dranse nicht den mindesten Abfluß gestattete. Der Eisdamm zog sich quer durchs ganze Thal, lehnte sich zu beiden Seiten an die Bergwände an und hatte eine Höhe von mehr als zweihundert Fuß erreicht. Be¬ greiflich staute sich das Flußwasser immer mehr und mehr an und bildete endlich einen See, der eine halbe Stunde lang und gegen 700 Fuß breit war. Mit Entsetzen sahen die Bewohner von Lourtier, Champsec, Chables bis hinaus nach Martigny das fortwährende Wachsen der Wassermasse. Der Druck derselben wurde immer mächtiger, heftiger und es ließ sich vorausberechnen, daß beim Eintreten der warmen Jahreszeit der Damm nicht genügende Widerstandsstärke besitzen werde, um einen radikalen Durchbruch zu verhüten. Viele Ortschaften wanderten förmlich aus, indem sie beim Beginn der einigermaßen milden Jahreszeit mit Habe und Gut in die höher gelegenen Alphütten flüchteten. Ingenieure, nament¬ lich der geniale Venetz, untersuchten den Stand und riethen an: eine große Rinne in den Eisdamm zu hauen, so weit er noch nicht vom Wasser bespült sei, so daß, wenn der See noch steigen würde, er durch diese Rinne seinen allmähligen Abfluß finde; zugleich Der Gletscher . glaubte man, daß das abfließende Wasser die Oeffnung tiefer schmelzen, also erweitern werde und dadurch nach und nach der ganze See, ohne Schaden anzurichten, geleert werden könne. Aber leider währten die Berathungen und gutachtlichen Berichte zu lange. Man hatte zwar unter Venetz's Leitung einen 700 Fuß langen Stollen ins Eis getrieben, der anfänglich ganz die erwarteten und gewünschten Dienste leistete und einen wesentlichen Theil des Sees schadlos ableitete. Aber die heiße Junisonne und die Wasserwärme bohrten und fraßen so eindringlich an dem Eisdamme, daß derselbe am Nachmittage des 16. Juni 1818 nicht mehr widerstehen konnte, einbrach und nun eine Wassermasse von 530 Millionen Kubikfuß mit Einemmal, bei einer schier rasenden Geschwindigkeit, durch das ganze Thal herabfluthete. Was den unbändig einherjagenden, völ¬ lig entfesselten Wogen im Wege lag, wurde eine Beute derselben; ganze Dörfer schwemmte die reißende Fluth hinweg, zusammen mehr als fünfhundert Gebäude; Tannen, schlank und schaftmächtig wie die Cedern des Libanon, kämpften in den Wellen mit hausgroßen Eis¬ blöcken, und im Grunde der tobenden Furie kanonirten mit dumpfem Donner-Gebrüll die hinweggerissenen Felsen-Brocken. Schutt, Ge¬ röll und Unrath überdeckten das ganze Bagne- und Rhône-Thal bis hinab an den Genfer-See. Trotzdem, daß durch Signale alle Thalbewohner von dem gräßlichen Ereigniß eilends in Kenntniß gesetzt und verwarnt wurden, büßten dennoch 34 Menschen ihr Le¬ ben dabei ein. Den verursachten Schaden schätzte man auf eine Million alter Schweizerfranken. Mit diesem entsetzlichen Vorfall war aber das Uebel durchaus nicht gehoben; schon im nächsten Jahre war der Gletscher-Damm aufs Neue zu fast gleicher Höhe an¬ gewachsen und drohte mit Wiederholung der Schreckens-Katastrophe. Da leitete der Ingenieur Venetz Quellwasser mittelst langer Holz¬ rinnen auf den Eisdamm und entfernte durch dieses erwärmte Wasser, welches wie eine Säge einschnitt, eine Parthie Eis nach der an¬ deren, so daß ohne allen Schaden die Gefahr abgewandt wurde. Der Gletscher . Seitdem muß fast regelmäßig jährlich die Operation wiederholt werden. Ein Seitenstück zum Gietroz ist der Biesgletscher im vielbe¬ suchten Nicolaus-Thal (Kanton Wallis). Er hängt mit einer Nei¬ gung von etwa 45 Grad an der östlichen Abdachung des kolossalen Weißhornes und würde in seiner ganzen Mächtigkeit herabstürzen, wenn ihn nicht der Frost an den Boden heftete. Daß die Last aber zeitweise das Uebergewicht über dieses Bindemittel gewinnt, haben die entsetzlichen Gletscher-Stürze der Jahre 1636, 1736, 1786 und ganz besonders der vom 27. December 1819 bewiesen. Letz¬ terer zerstörte lediglich durch den Luftdruck das jenseit des Thales, an den Abhängen des Grabenhornes, gelegene Aelpler-Dorf Ran¬ dah. Häuser und Ställe wurden kopfüber weitweg zur Seite ge¬ schleudert, Mühlsteine fand man auf Kanonenschuß-Weite von ihrem ehemaligen Bestimmungsorte, Dachbalken waren eine Viertelstunde höher hinauf in einen Wald geworfen worden, die Spitze des Kirchthurmes stak verkehrt wie ein in den Boden getriebener Keil in einer Wiese, Vieh lag zerquetscht mehrere Hundert Klaftern durch die Luft getragen, weitumher und nahe an hundert Häuser wurden beschädigt. Wunderbarer Weise verloren nur wenig Menschen bei dieser Katastrophe das Leben. — Der Gletscher hat seit diesem Radikal-Sturze wieder so an Masse gewonnen, daß ein ähnliches Ereigniß in vielleicht nicht zu langer Zeit zu befürchten steht. Alpenglühen . Ein Feuermeer liegt an des Himmels Rande, In das die Sonn' ihr breites Antlitz taucht: Schon schweben Wölkchen auf aus jenem Brande, Und glänzen hell, in gleiche Gluth getaucht; Ihr letzter Blick hängt zitternd auf dem Lande, Nach welchem sie ein kühles Lüftchen haucht, Und nur die Wölkchen sind, als sie versunken Dort ruht, von ihrer Rosengluth noch trunken. L. Pyrker . Es ist erreicht, unser fast 8300 Fuß hohes Wanderziel, wir stehen auf dem Gipfel des Faulhornes. Ein goldgelber, sonnen¬ gesättigter Juli-Abend lagert rings auf dem Gebirge und die ganze Natur scheint in wonniger Erholung tief aufzuathmen von dem lastenden Druck der Sonnenschwüle. Ha! wie prächtig und kühn sie emporstreben die riesigen Firnzinken des Berner Oberlandes, wie sie hinaufragen in unbeschreiblicher Klarheit zum „lichtdurch¬ drungenen Himmelsblau, das alle Welt mit lindem Arm umschlingt,“ — drüben, die breite felsenzerfurchte Wetterhorn-Pyramide mit der blanken Schneebrust, die tieferliegenden, jähen Schreckhörner und ihr stolzer, dominirender Nachbar, das einsame Finsteraarhorn, an welches sich die ganze Kette der Viescherhörner anlehnt; dann geradeaus die gewaltige Felsenfront des Eiger und ihm über die Alpenglühen . Schultern sehend die Schnee-Kapuze des Mönches; und nun im leuch¬ tenden Silbergewande die majestätische Jungfrau mit ihrem Tra¬ banten-Heer, weit hinein rechts, das ganze endlose Zacken- und Klippen-Gewirr der Gränz-Alpen gen Wallis! Alle Gruppen tre¬ ten bestimmt, durch scharf gezeichnete Linien getrennt, aus dem Gan¬ zen hervor; mit einem großen, vollen Blick halten wir Heerschau über die Veteranen der Berner Alpen. Noch strömt warmes Leben durch das majestätische Rundbild. Nur drunten, wo die Hütten von Grindelwald heimelig in den Kessel gebettet liegen, ist der Abend eingezogen und hat seinen blauen Friedensschleier über das Lütschinen-Thal geworfen. Jetzt ein Blick mehr westlich. Der Beleuchtungs-Effekt wird schwankend; der rein-blaue Aether verliert die Intensität seiner bestimmten Färbung, welche die Konturen der Schneegipfel so scharf und lineal-begränzt ablöst, — er geht allmählig in ein indifferen¬ tes, zwischen bläulichen (also rein durchsichtigen) und gelblich-ange¬ hauchten Strahlenbrechungen schwankendes Luftfluidum über. Die¬ ses aber reflektirt mittelbar wieder auf die unter solchem Horizont liegenden Alpen der Wild- und Oldenhorn-Gruppe und auf die Berge des Engstligen- und Kien-Thales, so daß das Interesse für diese Parthie sehr geschwächt wird. — Noch weiter rechts sinkt das Auge hinab auf die glitzernde Fläche des Thuner Sees, hinter dem die Frutiger- und Simmenthaler Alpen mit dem geradlinigen, schö¬ nen Eckpfeiler des Niesen aufsteigen. Immer mehr gehen die Massen leicht verschwimmend in einander über; warmer, leuchtender Abend¬ nebelrauch, hellokerfarbene Sonnendämpfe hüllen die Höhenzüge ein, so daß die Umrisse der einander vorliegenden Bergkoulissen kaum mehr zu unterscheiden sind. Je mehr und mehr der Blick weiter schweift, desto undeutlicher zerfließen alle landschaftlichen Ge¬ bilde; ein glänzender, goldener Dunst-Ocean hat Alles verschlungen, und sonnentrunken badet das wellenförmige Mittelland und der ferne Jura in seinen weichen Wellen. Alpenglühen . Welcher Abstand in der Farbenpracht, die so verschwenderisch über Berg und Thal ausgegossen ist! und doch haben wir erst den Halbkreis des großen, majestätischen Rundbildes durchwandert. Denn in ähnlichem Maaße wie die Lichtanhäufung gegen die Stelle hin wächst, an welcher die Sonne binnen Kurzem niedersinken wird, — in verwandter Weise stuft auch dieselbe nach dem nördlichen Horizonte hin sich ab. Da liegt drunten in stiller Tiefe das ge¬ müthliche Brienz mit seinen kaffebraunen Holzhäusern; flächenhafte Schatten haben sich breit in die See-Mulde hineingelagert und beginnen leise und sacht die Bergeshalden gegen uns heranzuklim¬ men. Den Thalbewohnern ist das strahlende Tagesgestirn schon länger als eine Stunde entschwunden. Feierliche Abendruhe wal¬ tet über ihren Hütten; nebelgraue Dünste schleichen aus dem Tän¬ nicht hervor und umfangen wie sanfte Schlummerlieder die däm¬ merigen Bergeshalden. Da klingen wohlbekannte Töne aus der Tiefe zu uns herauf, aber so fern und verschmolzen, so geisterhaft zart verhallend, wie Harmonie der Sphären; es ist der Alphornbläser drunten an den Giesbachfällen, der spät angelangten Gästen sein einsames Abendlied schalmeit. Das Echo vom Brienzer Rothhorn trägts zu uns her¬ über. Lange lauschen wir den melancholischen Tönen, die sehnsucht¬ erweckend uns durch die Seele ziehen: Ihr linder Athem schmiegt, gleich einem Traumgesicht, Sich um den äußern Saum der irdischen Gestalten, Und läßt den tiefern Reiz, den Glanz und Farbe nicht, Nicht Duft und Blühn verleiht — und ihre Formen — walten. Des Führers Mahnung unterbricht das sinnende Schweigen, das Alle gebannt hielt. Wir wenden uns und sind überrascht von der Wandlung, welche am Riesengebäude des Hochgebirges während der kurzen Frist unserer Rundschau vor sich gegangen ist. Die sanft ansteigende Halde der Wergisthaler Alp, auf der wir gestern bei Berlepesch , die Alpen. 16 Alpenglühen . unserem Herabkommen von der Wengern-Scheidegg ein Blumen¬ meer feurigblühender Alpenrosen durchwanderten, und Itrammen- Alp, die noch vor wenig Minuten in sonnenheiterer Beleuchtung dalagen, — sie ruhen nun im blauen Schatten; der Eiger aber und die Jungfrau und die ganze Bergkette erscheinen rosig-ange¬ haucht in ihren Firn-Lagern und Gletscher-Hängen, indessen das Ge¬ stein von Sekunde zu Sekunde immer dunkelrother sich färbt. Es ist das Alpenglühen, das herrlich-erhabene Schauspiel, welches be¬ ginnt. Ein strahlenloser, scharlach-feueriger Gluthball, ruht die Sonne auf dem langgestreckten Rücken des Chasseral und färbt alle Gegen¬ stände, die noch im Bereich ihrer Beleuchtung liegen, mit tiefpur¬ purnen Tinten. Unsere Kleider, Wäsche, ja selbst unser Antlitz er¬ scheinen im brennenden Orange und die graue Leinwandblouse un¬ seres Führers sieht carminviolett aus. Mit Riesenschritten klimmen jetzt die dunkelen Bergschatten an den Alpen hinauf und paralysi¬ ren alle Farben und Formen, die noch vor wenigen Augenblicken die einzelnen Felsgebilde so drastisch-markirt hervortreten ließen; aber im gleichen Maaße wächst auch die Intensität des Alpenglü¬ hens. Von Augenblick zu Augenblick steigert sich das Feuer. Uns entschwindet jetzt im Westen der, scheinbar zu riesiger, bisher noch nie gesehener Größe ausgedehnte, einer dunkelglimmenden Kohle gleichende Sonnenball. Jetzt ist es nur noch eine Halbkugel, die mit breiter Basis auf dem Jura ruht; nun nur noch ein flacher Cirkelschnitt, eine rundlich-gehobene Längenfläche, die hinter dem zwanzig Stunden entfernten Bergwall hervorschaut, — jetzt noch eine schmale Linie, — ein Stern, — ein blitzender Punkt, — — fahr wohl! Segensgestirn, große Freudenbotin der Welt! — Uns ist sie entschwunden! — Drüben aber an den Eiszinnen der höchsten Alpen hat sie noch ihre Fanale angezündet, die wie rothflüssiges Metall emporlohen. Es ist ein Flammen-Dithyrambus, welchen die Natur im Abschiede von ihrer Lebensfreundin noch jubelnd durch die anbrechende Nacht hinausjauchzt. Alpenglühen . Ha! sieh' der Alpen Haupt umschlungen, Vom Flammenkranz und gluthumrollt, Als ob zu sparen ihr gelungen Ein Theil von ihrem Tagesgold! Als ob tagüber sie gefangen Zum Kranz die Rosen all' im Thal; Als ob bei Tag Dir von den Wangen, Du Volk des Thals, das Roth sie stahl! Anast . Grün . Es ist kein alltägliches Phänomen, das wir hier anstaunen; es giebt Jahre, in denen das volle, wirkliche Alpenglühen zu den Seltenheiten gehört. Woher der tiefe brennende Gluthton, der die¬ sem prachtvollen Naturschauspiele den bezeichnenden Namen gegeben hat? Andere Gegenstände im Scheine der dunkelroth untergehen¬ den Sonne reflektiren auch, je nach der Receptionsfähigkeit ihres ursprünglichen Farbentones, im bedeutend erhöhten, erwärmten Lichte, — aber sie erreichen nicht jenes intensive, transparent-heiße Incarnat wie die beschneiten Gipfel der Hochalpen an einem, durch das Zusammenwirken verschiedener Umstände günstig disponir¬ ten Abende. Es mögen folgende drei wesentliche Faktoren sein, welche das Alpenglühen herbeiführen: die Natur und Dichtigkeit der Körper, welche die Strahlen der Sonne einsaugen und wieder¬ geben; — die Höhe und Lage der beschienenen Gipfel, und der auffallende, bedeutende Abstand der Färbung zwischen der Dämme¬ rung in den Tiefen und der grellen Beleuchtung jener Kulmen. Der Firn ist eine, an der Oberfläche halbdurchsichtige Masse zahlloser Legionen kleiner, selbstständiger Krystallkörperchen, deren minutiöse, dem unbewaffneten Auge kaum erkennbare, glatte Spie¬ gelflächen die Feuerstrahlen der Sonne aufnehmen und in allen Brechungslinien untereinander zurückwerfen. Dieser Reflexions- Reichthum ist so groß, daß manche der kleinen Spiegelkrystalle, welche durch ein hervorstehendes, winziges Schneekörnchen beschat¬ tet werden, also nicht unmittelbar den Einwirkungen der Sonnen¬ strahlen blosgegeben sind, ihren Glanz erst aus zweiter Hand, durch die Ausstrahlung eines anderen, nachbarlichen kleinen Eisspiegels 16* Alpenglühen . empfangen. So durchdringt die abendliche Sonnengluth die halbdurch¬ sichtige Oberfläche der Firnmasse und sammelt dadurch eine Strahlen- Anhäufung, eine entwickelte Lichtmenge, wie sie in keinem anderen Gegenstande, das durchsichtige Wasser und die zu Wolken verdich¬ teten Dünste ausgenommen, sich konzentriren kann. Wie außeror¬ dentlich die Reflexionsfähigkeit der Eisnädelchen ist, aus denen der Schnee besteht, können wir an kalten Sonnenscheintagen im Win¬ ter wahrnehmen, wenn der Wind lockeren Schneestaub aufjagt und dieser wie Diamanten funkelnd in der Luft umherirrt. Der zweite, mächtigere, das Alpenglühen ganz besonders be¬ fördernde Umstand ist in der hohen Lage der Schneegipfel zu der tiefen Sonnenstellung zu suchen. Jener meteorologische Proceß, wel¬ cher die Abendröthe in der Atmosphäre veranlaßt, giebt auch den Firnen ihre Gluth. Wenn wir auf hohem Berge stehen, so sehen wir die Sonne als strahlenlose, hochrothe Kugel hinabsinken, wäh¬ rend sie den Bewohnern der Ebene nur tiefgelb, aber in voller strahlenschießender Glorie entschwindet. Die Ursache dieser schein¬ baren Farbenveränderung rührt von den, in den untersten Schichten der Atmosphäre, bei der raschen, abendlichen Abkühlung in verdich¬ teten Zustand übergehenden Dünsten her, welche, wie alle Wasser¬ dämpfe, nach den Erfahrungen der Optik vorzugsweise die rothe Seite des Spektrums durchlassen. Je länger nun die Linie ist, welche der Sonnenstrahl durch die, mit kondensirten Wassergasen gefüllte Atmosphäre zu machen hat, desto intensiver erscheint auch die rothe Färbung, — also, je höher der Punkt liegt, welcher von der untergehenden Sonne beleuchtet wird, desto kräftiger und feuriger wird auch seine Abendbeleuchtung bei wolkenfreiem Him¬ mel sein. Aber diese beiden Momente würden dennoch den maje¬ stätischen Lichteffekt des Alpenglühens nicht in dem erhöhten Maaße erreichen, wenn nicht noch eine dritte, okulartäuschende Helfershel¬ ferin dabei mitwirkte, nämlich die auffallende Farbendifferenz zwi¬ schen der im Blaudunkel des Erdschattens bereits versenkten Tiefe Alpenglühen . der Thalgelände und jener gluthdurchdrungenen Färbung der Firn¬ felder. Gerade eben aus dem Gegensatze von greller Beleuchtung und Licht-Armuth resultiren die brillantesten Farbenspiele. Ein Feuerwerk bei Tage abgebrannt, ist todt, glanzlos, weil Licht auf Licht sich ebensowenig abhebt wie Weiß von Weiß oder Schwarz von Schwarz; erst der dunkele Hintergrund der Nacht giebt den Raketen ihre funkelnde Pracht. Die Gluth, welche die Alpenspitzen umwogte, ist verschwunden; kalte, fahle Leichenblässe überzieht das ganze weite Schneegebirge; Und wo noch kaum in Flammen ein Sonnentempel stand, Da lagert nun ein Kirchhof, umringt von schwarzer Wand. Es ist ein fröstelnder, unheimlicher Anblick. Der Uebergang ans dem vollen, reichprangenden Schmucke feuriger Beleuchtung und scharfer Zeichnung in diese eisige, öde, bläulich-graue Unge¬ wißheit ist allzujäh und zu unvermittelt; ein leibhaftiges Bild des Todes. Aber es währt nicht lange, so kehrt nochmals einiges Le¬ ben wieder in die Färbung zurück. Denn blicken wir nach der Stelle des Sonnen-Unterganges: O Zauber über Zauber! am Himmel aufgethan Vom Abend bis zum Morgen ein brennend rother Plan. Jetzt auf- und nieder- wogend, jetzt fließend spiegelglatt Und durch und durch von goldnen und Purpurfarben satt Seeger . Das endlose Feld der feurigsten Abendröthe stammt empor und strahlt einen leichten, warmen Ton über die Gletscher und Schneewüsten aus. Noch einmal überzieht sie ein leichter rosen¬ farbener Anflug; aber er ist matt, matt wie das letzte, allerletzte Lächeln eines geliebten Sterbenden. In tiefen Frieden versenkt, beginnt nun das große majestä¬ tische Alpenreich den einlullenden Träumen von des Tages Won¬ nenrausch sich zu überlassen. All das summende, surrende kleine Leben in den Lüften ist erstorben; die trotzigen, plump-anrennen¬ den Käfer und das leicht-beschwingte, gaukelnde Völklein der Fal¬ ter, die Legionen der unverschämt-zudringlichen, parasitisch-lästigen Alpenglühen . Fliegen und Alles, was sommerfroh im Aether des Tages sich wiegt, — Alle haben ihre stille, heimliche Schlafstätte gesucht un¬ ter den Blumenglocken und Blattdächern oder in den Rissen der Baumborke und des zerspaltenen Felsengesteines, Die Nachtfalter erwachen nun aus ihren lichtscheuen Tagträumen und zählen takti¬ rend mit den befiederten Fühlfäden die Sekunden ab, bis sie ihren schwerfällig-flatternden Flug beginnen; Eulen und Fledermäuse machen ihre luftigen Runden, und wo das Thierleben in der Nacht untergegangen zu sein scheint, da tritt das Leben der Pflanze üppi¬ ger und duftiger hervor. Auf unserem Berggipfel aber weht ein schneidend-kalter Wind. Wir flüchten in Peter Bohrens gastliches Faulhornhaus zum warmen Ofen, zur dampfenden Suppe, denn draußen ist es völlig Nacht geworden und das majestätische Sternenzelt prangt im unendlichen Universum, ein ewiger Hymnus dem allgewaltigen Schöpfer. Eine Alpenspitze . Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Alpenspitzen . Hart ist die Schule der Höhen, wie jene spartanische Mutter: „Kehrt nicht als Sieger der Sohn, kehr' er mir nimmer zurück!“ Doch nur fester ihr an, nur inniger schmiegt sich der Zögling, Und mit unendlichem Weh' engt ihm die Ebne die Brust. Rotter . Ganz anderer Natur als jene harmlosen, eine edle Neugierde befriedigenden Rigi-Promenaden und Faulhorn-Visiten sind die Ersteigungen hoher, firnumlagerter, schwer-erklimmbarer und darum selten betretener Alpenspitzen. Diese gehören den Auserkohrenen der emporsteigenden Wanderwelt. Nur Wissens-Durst und ritter¬ licher Forscherdrang, der „heilige Trieb, im Dienste der ewigen Wissenschaft dem Bau und Leben der Erde, dem geheimnißvollen Zusammenhange alles Geschaffenen nachzuspüren,“ wie er einen Forster, Alexander von Humboldt und Bonpland, einen Clapper¬ ton, Barth, Vogel und Livingstone, einen Franklin, Ross, Johann von Tschudi, Burne, Gebrüder Schlagintweit und andere Helden der Polar- und Aequatorial-Expeditionen begeisterte — oder wie er die kühnen de Saussure, Hegetschwyler, Escher, Hugi, Forbes, Agassiz, Desor u. A. auf jene von Eis starrenden, fast alles Alpenspitzen . organischen Lebens baaren Gebirgszinnen trieb, — oder endlich die männliche, freie, helle Lust an dem überwältigenden Reize, den das Außerordentliche, Wild-Erhabene bietet, — können zu solchen ge¬ fahrvollen Unternehmungen anregen. Es sind Thaten, zu denen muthiger Entschluß und fester Wille, große körperliche Kraft und nachhaltige Ausdauer gehören, — die ohne Abhärtung und fröhliche Entsagung liebgewordener Gewohnheiten nicht auszuführen sind. Es sind aber auch Thaten, die sowohl intellektuell wie materiell mit Sorgfalt vorbereitet sein wollen. Ohne selbstbewußten Zweck, ohne leitenden Gedanken, ohne entsprechende Vorstudien und wissen¬ schaftliche Unterlage verflachen solche Expeditionen zu müßigen, werth- und resultatlosen Waghalsereien, die lediglich auf den mageren Ruhm Anspruch machen dürfen: „da droben gewesen zu sein.“ Was K. Müller im Vorwort zu seinen „Ansichten aus den deut¬ schen Alpen“ über das Reisen im Allgemeinen so treffend sagt: daß erst die Kenntniß der Natur und ihrer sich uns offenbarenden Geheimnisse den ächten, vollen Genuß beim Reisen gewähre, daß jährlich Tausende aus den Alpen zurückkehren, ohne die Alpen ken¬ nen gelernt zu haben, weil ihnen die Einsicht zu den Aussichten mangele, — das gilt in erhöhtem Maaße ganz besonders auch von Solchen, die Mittel und Zeit, Mühe und Leben daran setzen, um von ihrer Montblanc-Ersteigung prahlend erzählen zu können. Und endlich will eine Bergbesteigung dieser Art, die ihr Wan¬ derziel in den Regionen über zehntausend Fuß sucht, mit großer Sorgfalt und gründlicher Sachkenntniß ausgerüstet sein. In jene vegetations-entblößten, todten, starren Eisesfelder, wo meilenweit keine menschliche Hilfe, kein schützendes Obdach zu erblicken ist, wo kein gastfreundlicher „Willkommen“ dem erschöpften Wanderer ent¬ gegentönt, in jene schauerlich-erhabenen Einöden muß Alles, was zu des Lebens dringendstem Bedarf gehört, an Speise und Trank, Holz und Decken, mit emporgetragen werden. Um Abgründe über¬ schreiten, Jähwände erklimmen, in glatte Eisdächer Stufen hauen Alpenspitzen . und schlüpfrige Firnfelder möglichst ungefährdet durchwandern zu können, bedarf es Leitern und Stricke, Beile und Fußeisen, deren Transport neben Kompas und Fernrohr, Thermometer und Ba¬ rometer, Karten-, Zeichen- und Koch-Apparat den Aufmarsch we¬ sentlich behindern. — Besteigt ein einzelner Reisender den Mont¬ blanc, wozu drei Tage Zeit gehören, so bedarf er nach dem obrig¬ keitlichen Reglement vier Führer, deren jeder 120 Francs Lohn und nach beendeter Tour noch einen Napoleon Trinkgeld bekommt, und um für die Bedürfnisse dieser fünf Personen zu sorgen, sind wie¬ derum fünf Träger nöthig, deren jeder 50 bis 60 Francs für den ganzen Weg bekommt, so daß die Kosten zwischen 900 und 1000 Francs zu stehen kommen. Führer giebts in den Alpen wie Sand am Meer, aber nur sehr wenige, die für centrale Expeditionen das erforderliche Zeug haben. Hier genügen Körperkräfte und genaue Lokalkenntniß nicht allein; hier müssen Muth, Umblick, entschiedene Besonnenheit und vor allen Dingen Geistesgegenwart den übrigen obligatorischen Führer-Eigenschaften beigesellt sein. Wehe dem, der, des Gebirges unkundig, an Schwindler geräth, die in der Höhe keinen Bescheid wissen; er ist so gut wie verlassen. Aber es giebt auch Führer, ihres Gewerbes Gemsjäger und Wildheuer, die durch lange Praxis ihren Ortssinn so wunderbar ausgebildet haben, daß sie an Alpen¬ stöcken fremder Gegenden, die nie zuvor ihr Fuß betrat, dennoch mit spähendem Scharfblick den Weg durch Felsenlabyrinthe und Eiswüsten herauszufinden wissen, der zum Ziele führt. Solch ein mit seltenem Orientirungstalent begabter Führer war Maduz von Matt im Glarner Kleinthal (eigentlich ein Schwabe), der bei offenem warmen Sinn für Naturschönheiten, außerordentlich besorgt um seine Klienten war und allenthalben Rath wußte. Als die Herren G. Studer von Bern und M. Ulrich von Zürich zum Erstenmal den Monte Leone im Wallis, und Herr Prof. Oswald Heer von Zürich (bekannter Botaniker und Entomolog) zum Erstenmal den Piz Linard Alpenspitzen . im Unter-Engadin bestiegen, nahmen sie den Maduz, der nie zuvor dort gewesen war, mit, — und er führte sie sicher und wohlbe¬ halten hinauf. Ein anderer Führer, der als vieljähriger Begleiter Hugi's und Agassiz's mit diesen die Wagfahrten aufs Finsteraar¬ horn, auf die Jungfrau, Schreckhörner und andere Alpenspitzen ersten Ranges machte und die ganze Expedition stets leitete, war der muthige Jacob Leuthold von Im-Boden (Haslithal). Von Bei¬ den wird auf folgenden Blättern mehr die Rede sein. Am Frühesten unter allen wurde der höchste Gipfel Europas, der Montblanc (14800 Fuß), im Jahre 1786 von Dr . Paccard aus Genf unter Leitung des Jacob Balmat von Chamouny er¬ stiegen; ihm folgte am 1. u. 2. August des nächsten Jahres de Saussure in Begleitung von 18 Führern und Trägern. Seit jener Zeit wurde er öfter mit und ohne Erfolg das Ziel kühner Männer, und gegenwärtig vergeht fast kein Sommer, in welchem nicht Fremde, namentlich Engländer, ihn in Angriff nehmen. — Viel später wurden die ersten Versuche zur Erklimmung der bedeutendsten Höhenpunkte in den deutschen Alpen gewagt; zuerst die des Ortles - Spitz auf Veranlassung des Erzherzogs Johann von Oesterreich durch den Bergofficier Gebhard und den Passeyer Jäger Joseph Pichler im September 1804 u. 1805. Dann die der Jungfrau (12827 Fuß) durch die Gebrüder Meier von Aarau am 3. Aug. 1811 und am 3. Sept. 1812, denen eine dritte Ascension am 10. Sept. 1828 von 6 Grindelwaldnern, eine vierte am 28. August 1841 von den Professoren Agassiz, Forbes, Desor und Duch â telier, und endlich eine fünfte am 14. August 1842 von Herrn Gottlieb Studer von Bern folgten. Seitdem ist sie zu wissenschaftlichen Zwecken nie mehr be¬ sucht worden. — In die gleiche Zeit der ersten Jungfrau-Expedition fällt auch der erste, durch die Herren Meier unternommene, aber mi߬ glückte Versuch der Ersteigung des Finsteraarhornes (des höchsten Gipfels in den Berner Alpen, 13160 Fuß), welcher später der Natur¬ forscher Hugi von Solothurn in den Jahren 1828 u. 1829 wie¬ Alpenspitzen . derum große Opfer brachte; nur zwei seiner Führer erreichten die eigentliche äußerste Spitze bei der dritten Ersteigung. Erst im August und am 6. Septbr. 1842 gelang es Herrn Sulger aus Basel, zweimal die Kuppe zu erklimmen und droben eine Fahne aufzu¬ pflanzen. Seitdem ist dieser Punkt nie mehr überwunden worden. Die Schreckhörner (12568 Fuß) sind so unzugänglich, daß die höchste Zacke derselben bis jetzt wohl noch nie betreten wurde; am 8. Aug. 1842 versuchten die Naturforscher Escher von der Linth, Girard und Desor ihr Glück, erreichten aber nur die Spitze des großen Lauteraarhornes . Die angeblich dem Engländer Eustace An¬ derson am 6. Aug. 1857 gelungene Ascension wird allgemein be¬ zweifelt, weil durchaus keine Beweismittel für dieselbe erstellt werden konnten. — Das Wetterhorn oder die Hasli-Jungfrau (11412 Fuß) galt lange für unersteigbar; am 28. Aug. 1844 betraten die Naturforscher Desor, Dollfuß u. A. zuerst den südlichsten Gipfel, das Rosenhorn genannt, und zwei Tage später sollen die beiden Führer Bannholzer und Jaun auch die höchste Spitze erklommen haben. Seit 1845, wo die Herren Fankhauser und Dr . Roth von Bern am 9. Juli das Mittelhorn dieses Stockes erreichten, ist derselbe nie mehr besucht worden. Alle anderen Ersteigungen bedeutender Centralknoten-Spitzen des Alpengebäudes fallen in die jüngste Zeit. Dem Monte Rosa wurde schon ziemlich frühzeitig von den Herren Vincent 1819, Zumstein 1820 u. 1822, Freiherrn Ludwig von Welden 1822, Aufmerksamkeit geschenkt; aber keiner derselben erreichte das Gornerhorn oder die höchste Spitze, sondern nur die, jetzt allgemein nach ihnen benannten, niedrigeren Höhepunkte dieses neun-gipfeligen Kolosses: Vincentpyramide, Zumsteinspitz (14064 Fuß) und Ludwigshöhe (13350 Fuß). Erst nachdem die Professoren Ordinaire u. Puiseux 1847, die Herren Prof. Melch. Ulrich v. Zürich u. Gottl. Studer von Bern 1848 u. 1849 und die Gebrüder Schlagintweit 1851 u. 1852 vergebliche Anstrengungen gemacht hatten, das Gornerhorn zu erklettern, gelang es 1855 den Alpenspitzen . Herren Smith aus Great-Yarmouth, die höchste Spitze zu ge¬ winnen. Wir kommen im Verlaufe unserer weiteren Erzählung nochmals darauf zurück, Aehnlich gings mit dem Tödi im Glarner Lande und vielen Anderen. Treten wir auf die Beschreibung des Verlaufes und der Schwierigkeiten einer solchen Expedition etwas näher ein. Zu den putzigsten, von der Nothwendigkeit diktirten Inter¬ mezzos bei großen Gletscher-Expeditionen gehören die zum Zweck des Uebernachtens improvisirten Lagerhütten. Natürlich werden solche blos dann nöthig, wenn die Ersteigung eines Berges mehr als den Zeitraum eines Tages beansprucht, wie dies z. B. beim Montblanc, Finsteraarhorn und bei der Jungfrau der Fall ist, — oder wenn längerer Aufenthalt in den hohen Firn- und Gletscher- Revieren, behufs wissenschaftlicher Forschungen, Temperatur-Be¬ obachtungen und Gletscher-Studien nöthig wird. Dann ists entweder nur ein nischenähnlich-gewölbter, überhängender Felsen am Rande der Schnee- und Eis-Anhäufungen, oder eine Höhle, die, gegen die Wetterseite schützend, als Bivouac-Local dienen müssen — wie solche z. B. der Russe du Hamel im August 1820 auf dem Grand Mulet 9000 Fuß üb. d. M. bei der Montblanc-Besteigung, — oder der englische Naturforscher Forbes 1842 in der Tiefe des Mer de Glace unter dem Tacul (Montblanc-Gruppe) beinahe 7000 Fuß üb. d. M. und im gleichen Jahre der famose Gebirgs-Gänger und begeisterte Alpenfreund, Herr Gottlieb Studer (von Bern) am Fuße des Wannehornes nächst dem Aletsch-Gletscher (ca. 8000 Fuß üb. d. M.) bei seiner Jungfrau-Besteigung bezogen; — oder es findet der Aufbau einer wirklichen Hütte aus Trümmer-Gestein auf dem wandernden Fundament einer Moräne, wenn nicht gar auf dem festgefrorenen Firn selbst, statt. Solche Baracken, die in ihrer naiven Architektur an die urthümlichsten Bauversuche uncivilisirter Völker erinnern, und gegen welche die armseligsten Sennhütten in der Regel noch komfortable Wohnungen sind, ließen z. B. Alpenspitzen . de Saussure auf dem Col de Geant in einer Höhe von ca. 10000 Fuß, — Hugi beim Versuche der Jungfrau-Ersteigung im Roth¬ thal, ferner auf dem Unteraargletscher, auf dem Loetschen-Gletscher und am Fuße des Finsteraarhornes (1829) errichten. Die Form u. Konstruktion derselben ist vorsündfluthlich-einfach. Gewöhnlich werden auf den, am Boden gezeichneten Linien eines länglichen Quadrates aus übereinander gelegten Glimmer- und Gneis-Scher¬ ben vier Seitenwände, einige Fuß hoch errichtet und die Fugen mit Rasenschollen (wenn und wo es deren nämlich noch giebt) oder vom Gestein abgelösten Mooslappen ausgestopft. Ein an der Frontseite ausgespartes Loch dient als Portal des Gebäudes. Ueber diesen naiven Pferch werden dann in angemessenen Inter¬ vallen die 5 bis 6 Fuß langen Alpenstöcke horizontal als Dach¬ gebälk gelegt, und eine lange, darüber ausgebreitete, durch be¬ schwerende Steine festgehaltene, wollene Decke vollendet den Bau. Europäische Berühmtheit erlangte die, für die Professoren Agassiz, Carl Vogt, E. Dessor, Nicolet, H. Coulon und F. Pour¬ tal è s, beim Abschwung auf dem Aargletscher (5 Stunden vom Grimselhospiz) 1840 erbaute, später restaurirte Cabane, welche diese Naturforscher in ihrem köstlichen Humor „Hôtel des Neuchâtelois“ tauften, mehrere Sommer hindurch wochenlang bewohnten und vielfache Besuche von Reisenden daselbst empfingen. Auch die Pro¬ fessoren Forbes von Edinburg und Heath von Cambridge verweil¬ ten 1841 etwa 3 Wochen in derselben. Desor entwirft launige Bilder von diesem Aufenthalte. Zu unterst war der Eisboden des Gletschers mit Schieferplatten ausgelegt, über denen eine dicke Lage von dürrem Wildheu und eine gegen Feuchtigkeit schützende große Wachsleinwand-Plane sich ausbreiteten. Das war die gemeinschaft¬ liche Matratze des Schlafkabinets für die 6 Naturforscher. Sau¬ bere Betttücher und wollene Decken ergänzten das Arrangement, wodurch dasselbe ein bäurisch-wohlbäbiges Ansehen bekam. Vor dem Schlafzimmer waren Küche und Speisezimmer etablirt, eben¬ Alpenspitzen . falls unter dem Dache des großen schwärzlichen Glimmerschiefer- Felsenblockes, welcher das ganze Gebäude schützte. Ein Tuch, quer¬ über an einen befestigten Stab gehängt, diente statt Vorhang und Thür. Unter einem anderen benachbarten Blocke war das Maga¬ zin für Lebensmittel und der Keller angelegt. Nahte nun die Mit¬ tagszeit heran, so versammelten sich die hungernden Gelehrten, und obgleich die Normal-Speisen, Reis und Schaaffleisch, nur wenig ab¬ wechselten, welche einer der Führer kochte, so gestanden doch Alle, daß ein Mittagsessen in freier Luft an der großen Gneistafel vor dem eben beschriebenen Gletscher-H ô tel eine Delikatesse zu nennen sei. Die Tasse Kaffee und Cigarre nach dem Essen in unmittel¬ barem vis-a-vis der Schreckhörner und des Finsteraarhornes erhöh¬ ten den Genuß der lebhaften Diskussionen. Eine Stunde später ging Jeder wieder seinen Forschungen nach. — Die Abende waren kurz; — man ging, wie die Hühner, mit der Sonne schlafen, un¬ mittelbar nach dem Nachtessen, weil die Temperatur meist rasch un¬ ter den Gefrierpunkt fiel. Alle die zahlreichen, am Tage über die Gletscher laufenden Bächlein verschwanden, eins nach dem anderen, das Geräusch der durch diese gebildeten Wasserfälle verstummte all¬ mählig, und völlig lautloses, tiefes Schweigen senkte mit der Nacht sich auf die weite, todte Eisfläche. Demungeachtet litten die küh¬ nen Gletscher-Männer durchaus nicht an Frost; die in den Grau¬ bündner und besonders in den Walliser Alpen als Deckbetten ge¬ bräuchlichen Schaafpelz-Decken veranlassen eine solche Wärme-An¬ häufung, daß das Verbleiben unter denselben, trotz der draußen herrschenden Kälte, mitunter fast unerträglich wird. Diese wahrhaft „goldenen Vließe“ für jeden Hochgebirgswanderer bilden darum auch eines der vornehmsten Requisiten in der ambulanten Bagage einer Gletscher-Expedition. Das Besteigen außerordentlicher Gipfelpunkte der Alpen würde für den schwindelfreien, muskelkräftigen Mann keine so besonders rühmens- und redenswerthe Aufgabe sein, wenn einigermaßen Kon¬ Alpenspitzen . tinuität in den zu überwindenden Parthieen herrschte, d. h. wenn die Gletscher und ihre Spalten, der Firn und seine Schründe, der Hochschnee in seiner Mächtigkeit und Konsistenz jahrein, jahraus sich gleich blieben und tüchtige, lokalkundige Führer daher mit Zu¬ versicht voraus wüßten, welche Hilfs- und Transport-Mittel man gebrauche, welcher Weg der beste, wann die größte Kraftanstren¬ gung von Nöthen und wo die drohendste Gefahr zu bestehen sei. Aber erfahrungsgemäß ist die Metamorphose des Terrains nirgends einer so ewigen Wandelung und Transfiguration unterworfen als in den hohen und höchsten Alpenregionen. Wo heuer Mulden und tiefe Schneebecken sich zeigen, thürmen vielleicht im nächsten Jahre Schnee-Hügel und Weheten sich auf; wo in diesem Sommer Wege über Firnhalden gemächlich und leicht zu überwinden stetig ansteigen, ragen im kommenden, wenn er schneearm und andauernd heiß ist, Felsenriffe und Gesteins-Grathe hervor, die geeignet sind, den tüch¬ tigsten Führer völlig zu desorientiren. Solcher Ungewißheiten hal¬ ber, muß eine Expedition (abgesehen von den Eventualitäten plötz¬ lich umschlagender Witterung) immer auf das Schlimmste gefaßt und vorbereitet sein. Umsichtige Berggänger haben den Fundamental-Grundsatz: so lange als irgend möglich auf dem „Aberen“, d. h. auf dem von Schnee und Eis befreiten Rasen oder Felsen zu bleiben, weil hier in der Regel der Tritt sicherer, das Klettern minder mühsam, über¬ haupt das Fortkommen rascher möglich, ausgiebiger ist als auf dem trügerischen, dem Menschen fremden und feindlichen Element des Firnes und Gletschers. Es ist ungefähr der gleiche Gegensatz wie zwischen der Fahrt auf festem Lande und jener auf dem Wasser. Einzig, bei faulem, bröckelichem Gestein und jähen Schutthalden und beim Hinabsteigen, wo man gewöhnlich die direktesten Linien wählt, zieht man den Marsch auf dem Schnee vor. Die ersten bedeutenden Hindernisse im raschen und direkten Aufsteigen veranlassen gewöhnlich die Gletscherspalten . Es Alpenspitzen . gieb wohl kaum eine namhafte bedeutende Alpenspitze, deren Ba¬ sis nicht von einem Eisstrom umschlungen ist oder an deren Flan¬ ken nicht ein solcher mehr oder minder ausgebildet herabgleitet. — Das Umgehen der Spalten ist, wo man den Gletscher übersehen kann, eine zwar langweilige, aber in der Regel gefahrlose Aufgabe. Indessen giebt es auch ungleiche, gewissermaßen gehügelte Gletscher, wie z. B. ob dem Glacier de la Vanoise (zwischen Mont Cenis und dem Is è rethal), auf denen man durchaus keine bestimmten Di¬ rektionslinien einhalten kann. Die Verirrung auf einem solchen querspaltenreichen Gletscherfelde kann unter Umständen in die ge¬ fährlichsten Situationen führen, weil bei der fast absoluten Aehn¬ lichkeit der Spalten untereinander das Erkennen einer zweckdien¬ lichen Avancir-Linie ebenso schwer ist als das Wiederherausfinden des Rückweges. Ueberfällt Unkundige in solch einem Labyrinth der Nebel, dann dürfen sie von großem Glück sagen, wenn sie sich her¬ ausfinden. Höchst wahrscheinlich sind die Ende August 1849 mysteriös auf dem Griesgletscher (Paß aus Ober-Wallis nach dem Val Formazza) verschwundenen Reisenden (Gebrüder Leonard aus Paris und Dr . Wolfrath aus Frankfurt), — von denen man eine Zeit¬ lang fabelte, der ehemalige Grimselwirth Peter Zybach habe sie berau¬ ben und ermorden lassen, — einem solchen Umstande erlegen. Je später im Sommer man die Gletscher-Region betritt, um so zer¬ klüfteter wird man dieselbe antreffen. Nicht minder gefährlich als die Gletscherspalten sind die un¬ kennbar dieselben überwölbenden s. g. Schneebrücken . Sie ent¬ stehen bei andauerndem Schneefall durch die gleiche wunderbare Aggregation einzelner Flocken und Eiskryställchen, welche auch im Tieflande den Gartengeländern oder einzeln stehenden Pfählen und Pfosten schiefe überhängende Schneehauben aufsetzt oder im Ge¬ birge die lauinen-veranlassenden Schneeschilder formt. Wenn der ganze Gletscher von neugefallenem Schnee bedeckt ist, so sind solche Alpenspitzen . Schneebrücken platterdings nicht zu erkennen. Hat es auf die Schneebrücken inzwischen wieder geregnet oder hat die Sonne die obere Schicht erweicht, daß diese einsinkend sich verdichtet und dann wieder friert, so kann man ohne alle Gefahr darüber hinweg¬ gehen; eine Fuß dicke Schneebrücke, wenn sie keine allzubreite Span¬ nung hat, trägt ihren Mann. Um jedoch dem bei Gletschertouren sehr oft vorkommenden Einbrechen zu begegnen, knüpfen sich Führer und Geführte in Entfernung von etwa 4 Schritten an ein langes, um den Leib geschlungenes Seil, damit, wenn Einer derselben einsinken sollte, die Uebrigen ihn leicht hervorziehen können. Das Unter¬ lassen dieser Vorsichtsmaßregel hat schon viel traurige Fälle zur Folge gehabt. Im Jahre 1821 stürzte auf der Höhe des Grindel¬ waldgletschers der junge, waatländische Pfarrer Meuron in eine 121 Fuß tiefe Spalte und wurde erst spät, nach Ableitung des unterm Gletscher fließenden Baches, todt heraufgezogen und auf dem Grindel¬ walder Friedhofe zur Ruhe bestattet. Sein jüngstes Opfer ver¬ schlang der gleiche Gletscher am 10. Juni 1860. — Ebenso kamen Dr . Bürstenbinder aus Berlin auf dem Oezthal-Gletscher in Tyrol 1846 und ein vornehmer Russe auf dem Findelen-Gletscher im Sommer 1859 durch ähnliche Stürze ums Leben. — Im Juli 1836 fiel der Führer Michael Devouasson auf dem Glacier du Talêfre, unweit des Jardin , in eine solche Spalte, arbeitete sich aber unter Hilfe seines Taschenmessers, mit dem er Tritte in die Eis¬ wände grub, wieder mühsam hervor. Sein Tornister, den er dabei verloren, wurde zehn Jahre später stückweise, 4300 Fuß weiter un¬ ten, am Fuß des Couvercle , vom Gletscher wieder ausgeworfen. — In ähnlicher Weise rettete sich auf dem Rosegg-Gletscher (am Ber¬ nina) ein in eine Gletscherspalte gestürzter Gemsenjäger, der, weil die Wände der über 60 Fuß tiefen Spalte unten zu weit ausein¬ ander lagen, sich den Alpenstock an das eine Bein band und so, die Kluft überspreizend, sich langsam hinaufarbeiten konnte. — Auf dem Trift-Gletscher (Kant. Bern) stürzte 1803 der Gemsen¬ Berlepsch , die Alpen. 17 Alpenspitzen . jäger Peter Moor von Gadmen in einen Gletscher-Schlund, aber dennoch so glücklich, daß er auf einen Eisvorsprung zu stehen kam und dort sich halten konnte. Unten in grausiger Tiefe rauschten strudelnde Gewässer, und kalte eisige Luft wehte aus dem Abgrunde herauf. Sonderbarerweise hörte er die Zurufe seiner Kameraden scharf und deutlich, ohne daß dagegen diese seine laut geschrienen Antworten verstehen konnten. Um nun den verunglückten Freund zu retten, eilten die Anderen vier Stunden weit, bis zu den ersten Häusern, hinab und kehrten erst gegen Abend mit dem Rettungs¬ material zurück. Nachdem der halberstarrte Mann in der Eisgruft den ihm zugeworfenen Strick fest um seinen Körper geschlungen hatte und frei-schwebend einige Fuß hoch, gezogen worden war, riß derselbe und der Unglückliche stürzte abermals auf den Absatz zurück. Jetzt war das Seil zu kurz, weil dessen eine Hälfte sich drunten befand; es blieb darum nichts Anderes übrig als nochmals den vierstündigen Weg bei Nacht hin und zurück zu machen, um endlich am anderen Morgen den lebendig Begrabenen mit einem kräftigeren Seil nach 16stündiger Angst zu erlösen. — Noch wunderbarer ist folgender Fall: Christian Bohren kam am 7. Juli 1787 in Begleitung des Taglöhners In-Aebnit über den zwischen dem Wetterhorn und dem Mettenberg liegenden Oberen Grindelwald-Gletscher, im Begriff, Schaafe und Geißen an den Mettenberg zu führen, als plötzlich eine Schneebrücke unter ihm einbrach und er in einen 64 Fuß tiefen Gletscher-Riß hinabstürzte. Er brach den Arm und fiel die Hand aus dem Gelenk; dennoch verlor er die Geistesgegenwart nicht. Glücklicherweise fand er unterm Gletscher eine Oeffnung, welche der vom Wetterhorn herabfließende Weißbach ausgegraben hatte. Durch diesen 130 Fuß langen Stollen kroch er mühsam dem Laufe des Wassers unterm Eise entgegen und entging auf diese Weise dem Schicksal, lebendig begraben, verhungern zu müssen. De Saussure, als er im Juli 1778 von der Aiguille du Midi herabstieg, brach plötzlich durch den Schnee mit beiden Füßen Alpenspitzen . ein, doch so, daß er auf einem Eissattel sitzen blieb, während die Füße frei in einen tiefen Abgrund hinabhingen. Sein Führer Peter Balmat, unmittelbar hinter ihm, hatte das gleiche Schicksal. Rasch besonnen rief dieser: „Halten Sie sich ruhig, mein Herr, machen Sie nicht die kleinste Bewegung, sonst sind Sie verloren!“ Dem anderen Führer, der nicht eingesunken war, rief Peter, ohne auch nur ein Glied zu rühren, zu, er möge rasch untersuchen, nach welcher Richtung die Spalte verlaufe und welches ihre Breite sei. Dabei beschwor er Herrn von Saussure aufs Dringendste, so ruhig als nur möglich sich zu verhalten, weil die kleinste Bewegung un¬ fehlbar ihren Sturz in die Tiefe herbeiführen würde. Als der zweite Führer mit der größten Behutsamkeit das Terrain rekog¬ noscirt und die Figur der Spalte erkannt hatte, legte er kreuz¬ weise zwei lange Alpenstöcke vor Herrn v. Saussure, mit deren Hilfe sich dieser vorsichtig aus seinem schwebenden Sitz emporhob, rettete, und dann mit Hand anlegte, in gleicher Weise den Peter aus seiner gefahrvollen Lage zu befreien. — Der Scharfsinn ist nie erfin¬ derischer, als wenn die Noth zum Aeußersten drängt. Das be¬ währte sich, um mit dem Kapitel der Schneebrücken endlich zu schließen, auch am 4. August 1829, bei Hugi's Rückkehr vom Fin¬ steraarhorn. Durch die warme Temperatur war der Schnee am Nachmittage so sehr aufgeweicht, daß jeden Augenblick einer der am Seil befestigten Reisegefährten bis an die Brust einsank. Da die Schründe oft in einer Breite von 10 bis 20 Fuß den Weg versperrten und meist mit einer, nur ganz dünnen, erweichten Firn¬ kruste überwölbt waren, so ordnete der vortreffliche Führer Jakob Leuthold an: sich platt auf den Bauch zu legen und also rutschend oder schiebend die gräßlichen Abgründe zu passiren, um der Gefahr einzubrechen, durch die Vertheilung der Körperlast auf eine größere Fläche, leichter zu entgehen. Das gleiche Vorsichtsmittel prakticirte Herr Weilenmann bei seinem Herabsteigen vom Piz Corvatsch und Piz Lat. (Bernina-Gruppe.) 17* Alpenspitzen . Hat der Bergsteiger nun den Gletscher seiner Länge oder Breite nach überschritten, so ists nicht selten der Fall, daß ihm der Uebergang auf das wieder zu betretende, feste Gestein noch uner¬ wartete Schwierigkeiten bereitet. Der Felsen schmilzt in Folge seiner größeren Wärme-Kapazität die zunächst auf ihm lagernden Gletscher-Ränder derart ab, daß diese in einer Höhe von 4, 6, 10, ja bis 20 Fuß von ihm abstehen. Läßt sich nun kein Punkt fin¬ den, an welchem der Wanderer den vom Schmelzwasser schlüpfrigen Boden durch einen voraussichtlich gelingenden Sprung erreichen kann, so bleibt ihm nichts als das Herabturnen am Seile übrig. In sehr vielen Fällen ists jedoch gar nicht nöthig oder auch nicht möglich, das feste Gestein zu betreten, sondern man geht direkt allmählig vom Gletscher auf den Firn über. Dieser ist wegen sei¬ ner körnigen, minder zusammenhängenden Struktur und wegen der größeren Bewegungs- und Anschmiegungs-Fähigkeit gewöhnlich auch weniger zerrissen. Es giebt Firnfelder, über die man stundenweit, ohne auf das mindeste Hinderniß zu stoßen, gehen und steigen kann, — die also das rasche Fortkommen außerordentlich begünsti¬ gen. Aber es giebt auch solche, die in Folge des ungleichen, zer¬ spaltenen Felsenbettes, auf dem sie ruhen, von Rissen und Zerklüf¬ tungen durchkreuzt werden, die unter dem Namen der „ Firn¬ schründe “ ( Rimayes ) bekannt sind. Schauerlich-schöne Ein¬ blicke eröffnen sich in solche große Firnhöhlen. Oft sind sie von unschätzbarer Tiefe, im Innern durchsichtig-azurblau beleuchtet, so magisch und sanft, daß man an Kühleborns Zauberpalast in de la Motte-Fouqué's Undine erinnert wird. Die von den Gesimsen und Plafonds herabhangenden granulirten Eiszapfen, ähnlich den Stalaktiten-Gebilden in den Kalksinter- und Tropfstein-Grotten, er¬ höhen das Mährchenhafte, und erreichen diese gar wieder den Bo¬ den der schräg-absinkenden Schneehöhlen, so erscheinen sie dann wie die Tragpfeiler hochgewölbter Dome und sind wohlgeeignet, der Phantasie zu allerlei fabelhaften Arabesken Anhaltepunkte zu geben. Die eigentlichen und für die Bergsteigung inkonvenabelsten Firnschründe sind jedoch jene, welche am Fuße hoher Felsenkämme vorkommen, von denen die Firnhalden steil abfallen. Indeß umgeben sie auch die meisten Berggipfel und ahmen deren Figuration in entsprechenden Konturen nach. Hat ein Berg mehrere Schneeterrassen, so zeigt er auch meist in der Nähe jeder Terrasse einen Bergschrund, und ein Gipfel kann deren zwei bis drei haben. Zuweilen, wenn sehr reich¬ lich Schnee fällt, wird der Bergschrund von Lauinen ausgefüllt, und aus diesem Grunde sind schneereiche Jahre den Ersteigungen der Hochgipfel sehr günstig. — Die größte zu überwindende Schwierigkeit besteht gewöhnlich darin, daß die gegenüberstehende Schnee- oder Eis-Wand bedeu¬ tend höher als der diesseitige Standpunkt ist. Haben die Führer sich nun auf solche Fälle vorbereitet, und eine Leiter mitgenommen, dann ist die Kluft in der Regel leicht zu passiren; eine solche Lei¬ ter besteht aus einer etwa 20 Fuß langen, armsdicken, zähen Stange, durch welche Quer-Sprossen oder Pflöcke getrieben sind, die als Tritte dienen. Aber nicht selten tritt der Fall ein, daß eine Berg- Expedition auf andere Weise sich zu helfen suchen muß, und da fördert dann die alle Gefahr verachtende Keckheit mitunter recht waghalsige Versuche zu Tage. Einige der interessantesten erzählt Herr G. Studer. Als er bei seiner, mit Herrn Weilenmann, Ende August 1856 unternommenen Ersteigung des Mont Velan (11588 Fuß, Walliser Alpen) den Glacier de Proz überschritten hatte, war am Fuße eines mächtigen Felsenpfeilers, der direkt gegen die höchste Kuppe des Berges aus dem Firn aufsteigt, ein klaffender Berg¬ schrund zu passiren. Die Führer Andreas Dorsat und Pierre Morey überschritten die Eiskluft an der schmalsten Stelle mit ver¬ wegener Gewandtheit und kletterten an der gegenüberstehenden Eis¬ wand bis zu einem, durch vorragende gewaltige Blöcke gesicher¬ ten Standpunkte hinauf. Von hier warfen sie das eine Seil-Ende herab. Herr Weilenmann war der Erste, der die schwindelige As¬ Alpenspitzen . cension vornahm, indem er das Seil um den rechten Arm schlang und unter Nachhilfe des mit der linken Hand regierten Bergstockes (dessen scharfe eiserne Spitze er kräftig ins Eis einschlug) sich über den Abgrund emporziehen ließ. Herr Studer folgte in gleicher Weise. — Noch komplicirter war die Transscension eines Firnschrundes bei der Ersteigung des Grand Combin (13261 Fuß, Walliser Alpen) am 10. August 1858 durch die beiden gleichen Gebirgsforscher. Dort war die enorm tiefe Kluft oben nur etwa zwei Fuß breit, aber die gegenüberliegende Eiswand ragte sieben Fuß höher, senkrecht auf. Die Führer, Gebrüder Felley (von Lourtier ) wußten auch hier rasch Rath. „Zwei lange Bergstöcke wurden in einer Höhe von etwa fünf Fuß über der Oeffnung der Spalte horizontal in die jenseitige Firnwand fest genug eingebohrt, damit sie als treppenartige Stützpunkte für den Fuß dienen konnten. Darauf ließ Benjamin Felley dem Rande des Schrundes so nahe als möglich sich auf Hände und Kniee nieder. Sein Bruder Moritz trat auf dessen Rücken und Schulter, benutzte diese sanft sich em¬ porhebende, lebendige Treppe, so wie die eingebohrten Stöcke als Fuß-Stützpunkte, und schwang, mit den Händen tief eingreifend, sich dann flink und kräftig nach dem oberen, weniger steil abge¬ schnittenen und in seiner Masse auch mehr gelockerten Firngehänge empor, bis er eine sichere Stellung gewonnen hatte. Als er diese erreicht, wurde ihm das Seil zugeworfen; ein zweiter Führer band dessen unteres Ende sich um den Leib und konnte mit Hilfe dessel¬ ben nunmehr leichter hinaufklettern. Auf gleiche Weise wurden die Uebrigen und das Gepäck hinaufgezogen. Nur der letzte Führer (Benjamin) mußte das Manöver mit etwas mehr Unbequemlich¬ keit ausführen, weil er die Stütze der beiden Alpenstöcke entbehrte, die man ebenfalls schon hinaufgezogen hatte.“ Auf dem Rück¬ wege mußte die, sieben Fuß tiefer liegende Firnfläche, am Seil durch herzhaften Hinabsprung erreicht werden; einer der Führer war vor¬ angesprungen und fing die Nachkommenden mit offenen Armen auf. Alpenspitzen . Freilich ists auch schon der Fall gewesen, daß solche Firnschründe sich als unüberwindbar zeigten und die völlige Ersteigung einer Hochgebirgs-Kuppe nahe am Ziele darum scheiterte. Diese Fatali¬ tät begegnete dem verstorbenen rüstigen Berggänger Hoffmann aus Basel 1846 am Tödi; ein sechzig Fuß breiter Schneeschlund auf dem obersten Firnwalle, zwischen der Tödi-Kuppe und dem Piz Rusein, nöthigte ihn und seine renommirten Führer in einer Höhe von 10800 Fuß (also 344 Fuß unter der Spitze) zur Umkehr. Bevor das Besteigen hoher Alpenspitzen so populär wurde, wie es heut zu Tage wirklich ist, kursirten, selbst in guten Schrif¬ ten, wunderbare Faseleien über allerlei körperliche Zufälle, denen die Bergwanderer ausgesetzt sein sollten. Bald wurde die Luft als so exorbitant verdünnt dargestellt, daß das Athemholen fast zur Un¬ möglichkeit werde; bald sollte den Gipfelstürmern Blut aus Mund, Nase und Ohren quellen; daneben sollten Kongestionen, Brechreiz, Druck auf Brust und Magen und allerlei Mißbehaglichkeiten als unvermeidliche Uebel sich bei Jedermann zeigen, der in eine Höhe von 10000 Fuß und darüber empordringe. Ja, man konstruirte sogar eine der Seekrankheit entsprechende „ Bergkrankheit “ mit ihren Symptomen, Exacerbationen, Remissionen, Krisen ꝛc. und stellte eine förmliche Arzneimittellehre dagegen auf. Die Berggän¬ ger unserer Tage wissen nichts von dieser Krankheit. Es mag schon hier und da einmal Nasenbluten eintreten, aber sicherlich nur in Folge der durch das Bergsteigen veranlaßten bedeutenden Blut¬ wallung; Uebelkeiten mögen solche Leute befallen, die überhaupt an Magenschwäche leiden, und Mattigkeit ist eine sehr natürliche Kon¬ sequenz der Abspannung des Körpers, wenn man bei großer Kräfte- Konsumtion 6 und 8 Stunden lang in verdünnter Luft und unter mancherlei Gefahren bergauf marschirt. — Die einzigen, wirklich existirenden, etwas störend auf den Körper und seine normalen Funktionen einwirkenden Erscheinungen sind der kaum zu löschende, wahrhaft brennende Durst bei Abwesenheit entschiedenen Appetites, Alpenspitzen . den die Bergbewohner sehr bezeichnend „Dursthunger“ nennen, — und die den Augen drohende Entzündung, die in das s. g. „ Schnee¬ blindwerden “ ausarten kann, wenn man die Sehorgane nicht durch eine blaue oder graue Brille gegen die andauernd blenden¬ den, heftigen Einwirkungen der grellen Schnee-Reflexe auf stunden¬ langen Firnwanderungen schützt. Aber nicht nur die Augen greift diese Licht-Rückstrahlung des Schnees an, sondern sogar auch die entblößten Theile des Körpers, vor allen das Antlitz, wenn man dasselbe nicht durch einen farbigen Schleier schützt. Diese Einwir¬ kung äußert sich in so hohem Grade, daß ein völliges Verbrennen der Haut, wie jenes in der schärfsten Sonnenhitze, eintritt, dem dann Blasen und Wundwerden mit späteren Schorfen folgen. Schleier sind freilich für die unbeschränkte Aussicht sehr hinderlich und vermehren die ohnedies herrschende Hitze in hohem Grade, da sie allen Luftzutritt absperren. Um sich zu erfrischen, ballen die Führer Schnee zusammen und legen denselben in den Nacken, — ein Kühlungsmittel, das kräftigen Naturen in jenen Hochregionen nicht schadet, wo ohnedies, Geist wie Körper, entfesselter und unab¬ hängiger von äußeren Einflüssen sind. — Wir kehren zum Bergmarsche zurück. Die Firnschründe sind nicht die letzten der zu überwindenden Schwierigkeiten; es häufen sich deren neue, die unter Umständen gefahrbringend sein können. Zu diesen gehören zunächst die Eishänge . In bedeutenden Hö¬ hen schmilzt Sonnenwärme oder Föhnwind an jähen Abhängen die Oberfläche des Firnes, mitunter bis auf mehrere Fuß Tiefe. Das der Krystallisation durch Wärmeaufnahme entbundene Wasser durch¬ dringt den Schnee, friert jedoch während der Nacht wieder. Hier¬ aus entsteht eine Eisfläche, die, um einen hinkenden Vergleich an¬ zuwenden, dem, im Tieflande bekannten, s. g. „Glatteis“ verwandt ist, nur, daß sie eben viel dicker, kompakter, massiger wird. Solche Eisrücken zu erklimmen, erfordert immer viel Arbeit, Mühe und Geduld; hier muß das Beil helfen, um mittelst desselben Tritte in Alpenspitzen . das spröde Material zu hauen. Es muß ein gutes, erprobtes In¬ strument sein, welches ein gewandter Arm regiert; einmal der Hand, der leicht erstarrenden, entfallen, macht der Verlust desselben einen quittirenden Strich durch die Rechnung und aus dem zu erwarten¬ den großen Loos plötzlich eine Niete. Das Empordringen einer Gesellschaft unter solchen Umständen, wo Schritt für Schritt erst geschaffen, geebnet, gesichert werden muß, ist dann höchst langsam, langweilig und erkältend. Bei Studers erster Ersteigung des Großen Rinderhornes (10670 Fuß, Wallis-Berner Gränze) mu߬ ten gegen 400 solcher Stufen in den übereisten Jähhang gehauen werden, ein Zeitverlust von mehreren Stunden. Bergsteiger-Regel ists, eine solche Kunsttreppe, so viel immer möglich, geradeansteigend zu beschreiten, so daß das Gesicht dem Eis zugekehrt bleibt; der Fuß tritt mit der Spitze weit sicherer als mit der Seitenkante auf. Höchst gefährlich sind solche vereiste, steile Hänge, wenn frisch gefallener Schnee die glatten Eisspiegel maskirt. Es fehlt nicht an haarsträubenden Schreckensgeschichten zur Illustrirung des Ka¬ pitels von den Schneerutschen, die urplötzlich mit der, auf der obe¬ ren, neugefallenen Schicht wandernden Gesellschaft über der darun¬ ter verborgenen Eisbahn sich in Bewegung setzten. Hugi hätte bei seinem zweiten Versuch der Finsteraarhorn-Ersteigung beinahe durch solch einen Schneeschlipf das Leben eingebüßt, wenn der entschlossene Leuthold ihn nicht noch im letzten Augenblicke mit nervigem Arm ergriffen und gerettet hätte. Das furchtbarste Er¬ eigniß dieser Art ist jenes, welches die völlige Besteigung des Mont¬ blanc durch den russischen Naturforscher, Hofrath Hamel vereitelte. Derselbe war mit den beiden englischen Gelehrten der Oxforder Universität, Herren Dornford und Henderson, unter Begleitung der kundigsten Chamounyführer (J. M. Coutet, Math. Balmat, Favret, Jules Devouasson u. A.) und vielen Trägern für Komfortabilitäten, Lebensmittel, mathematische und physikalische Instrumente, am 16. August 1820 von Prieuré ausgezogen, hatte am Grand Mou¬ Alpenspitzen . let übernachtet und befand sich am folgenden Tage bei ausgezeich¬ net günstigem Wetter 9 Uhr Morgens bereits in der Nähe des Petit Plateau unterm Dôme de Gouté, von wo aus der Gipfel des Montblanc in 2 bis 3 Stunden zu erreichen ist. Die Führer brachen schon in Glückwünsche aus, sagten, daß nun alle Hinder¬ nisse überwunden, weder Gefahren noch Eisspalten mehr zu befürch¬ ten wären, überhaupt, daß noch nie eine Besteigung so glücklich, geschwind und ohne jeden Unfall ausgeführt worden sei als eben diese. Die ganze Expedition war voll der besten Hoffnung und sah im Voraus sich schon auf dem Kulminationspunkte der Wan¬ derung. Hofrath Hamel hatte Zettel geschrieben, welche er einem aus Sallenches mitgenommenen kräftigen und brünstigen Tauber um den Hals binden und diesen dann fliegen lassen wollte, um den Versuch zu machen, ob dieser sein, in gerader Linie etwa fünf Stunden entferntes Weibchen im Taubenschlage wieder auffinden werde; die Gelehrten freuten sich schon auf den Ehrenplatz, wel¬ chen das von ihnen eigenhändig vom Gipfel des höchsten europäi¬ schen Berges abgeschlagene Protogin-Stück in den Kabineten der mineralogischen Sammlungen zu Petersburg, London ꝛc. einnehmen würde, kurzum Jeder hing eigenen Lieblingsgedanken und Plänen nach. Alle marschirten Einer hinter dem Anderen, weil man gern in die Fußstapfen des wegbahnenden, ersten Führers tritt, welcher dann von Zeit zu Zeit, der Erholung halber, von einem Anderen abgelöst wird. Niemand gab einen Laut von sich, denn die An¬ strengung hatte Alle ein Wenig ermattet. „Noch war ich der Letzte“, erzählt Herr Hamel (in der Bibliothèque universelle ), — „gewöhn¬ lich ging ich zwölf Schritte weit fort und hielt dann an, um auf meinen Stock mich stützend fünfzehn Athemzüge zu thun; denn ich fühlte, daß ich in dieser Weise vorankommen würde, ohne mich zu erschöpfen. Durch eine grüne Brille und den Flor, welcher mein Gesicht verhüllte, richtete ich zählend die Blicke auf die Fußstapfen, als ich plötzlich wahrnahm, daß der Schnee unter mir weiche. Da Alpenspitzen . ich glaubte nur auszugleiten, so versuchte ich auf der linken Seite mich mit meinem Stocke festzuhalten, — aber vergeblich. Der zu meiner Rechten sich anhäufende, aufbäumende Schnee wirft mich um, überdeckt mich und ich fühle von unwiderstehlicher Gewalt mich abwärts fortgerissen. Anfangs wähnte ich, dieser Umstand begegne mir allein; als sich aber der Schnee dergestalt über mir an¬ häufte, daß er mir den Athem entzog, so glaubte ich, eine große Lauine komme vom Montblanc herab, welche ihn vor sich herjage. Ich rief, aber wie es schien umsonst! Meine Gefährten sah ich nicht mehr. Jeden Augenblick erwartete ich, von der Masse erdrückt zu werden; jedoch suchte ich im Hinabrollen beständig mich umzu¬ drehen und wandte alle Kräfte an, den Schnee, in welchen einge¬ hüllt ich gleichsam schwamm, zu zertheilen. Endlich gelang es mir den Kopf daraus zu befreien und ich erblickte einen großen Theil des Abhanges in Bewegung; da ich jedoch mich dem Rande des rutschenden Theiles ziemlich nahe sah, so strengte ich meine Kräfte aufs Aeußerste an, den festliegenden Schnee zu erreichen, auf wel¬ chem es mir endlich möglich war, sicheren Fuß zu fassen. Jetzt erst erkannte ich die wirkliche Gefahr; ich sah, daß ich mich fast am Rande einer Spalte befand, welche den Abhang begränzte. Zugleich sah ich Herr Hendersons Kopf noch näher dem Abgrunde aus dem stockenden Schnee hervorragen, und etwas weiter Herrn Dorn¬ ford nebst drei Führern, Alle mit verzweifelt kämpfender Anstren¬ gung bemüht, gleich mir sicheren Boden zu gewinnen. Sie erreich¬ ten glücklich ihr Ziel, aber die fehlenden fünf Uebrigen konnte ich nicht entdecken. Immer noch hoffte ich, sie aus dem nun sich stauenden Schnee hervorkriechen zu sehen, als Balmat uns zurief, daß sich Leute von uns in dem Abgrunde befänden. Diese Kunde durchzuckte mich wie ein Wetterschlag! fünf Menschen lebendig be¬ graben und dies durch meine und meiner Freunde Veranlassung. Dornford warf sich unter den wildesten Geberden des Schmerzes auf den Schnee, und Hendersons Zustand erschien momentan so Alpenspitzen . zerrüttet, daß er böse Folgen befürchten ließ. Welch unendliche Gefühle der Freude uns elektrisch durchströmten, als wir bei unserem Spähen an einer Stelle den Schnee erst wenig, dann immer entschiedener sich bewegen sahen, als nach einigen Augenblicken einer der verloren Geglaubten sich daraus hervorwand, ist nicht zu beschreiben. Ein jubelndes Hurrah! begrüßte ihn und es verdoppelte sich, als nach kurzer Frist wir noch einen Zweiten sich emporkämpfen sahen. Schon loderte unsere Hoffnung in hellen Flammen auf, auch die noch fehlenden drei Anderen erscheinen zu sehen; — es war ver¬ geblich.“ — Nach langen, mühevollen, aber erfolglosen Nachforschun¬ gen, so weit solche bei dem gänzlichen Mangel an Schaufeln und ähnlichen Werkzeugen möglich waren, trat die ganze Gesellschaft, so nahe dem Ziele, in trübster Stimmung den Rückweg an, weil die Führer erklärten, daß unabweisbar neue Schneerutsche auf die¬ sen folgen würden, namentlich in jenen Gegenden, die noch zu durchwandern seien. Abends 9 Uhr langte die Karavane mit der Schreckensbotschaft im Thale an. Jene drei Opfer aber schlafen den Todesschlaf in den Eiskellern des Montblanc. Es sind jedoch nicht diese den Grundlauinen verwandten Schnee¬ rutsche allein, die den Wanderer in bedeutenden Höhen bedrohen, sondern auch zu Häupten desselben losbrechende, eigentliche Lauinen und Eisbrüche können ihn begraben oder erschlagen. Eine allen Berggängern bekannte, sehr berüchtigte Stelle dieser Art ist die s. g. Schneerose oder Schneerunse am Tödi. Es ist ein kleines, etwa ½ Stunde langes Felsenthal unter der „Gelben Wand“, welches von einer, in beträchtlicher Höhe senkrecht abgerissenen, gewaltigen Eismauer geschlossen wird. Von letzterer stürzen zeitweise große Eisblöcke herab, die in furchtbaren Sprüngen bis an das untere Ende des Thales rollen. Da eine Wanderung durch die Schnee¬ rose stets mit einiger Gefahr verbunden ist, so eilen die Tödistei¬ ger stets auf das Drängendste, diese heillose Stätte in möglichst kürzester Frist zu passiren. Dr . Hegetschwyler von Zürich, den be¬ Alpenspitzen . rühmten Botaniker und Monographen dieses kolossalen Bergstockes, hätte beinahe eine solche Schmetter-Kanonade zermalmt. Er wagte, von sechs Reisegefährten und Führern begleitet, am 12. August 1822 den dritten Versuch zur Ersteigung des Tödi. In jener Schreckens¬ runse angekommen, standen bereits drei Personen der Expedition völlig gesichert unter dem Schutze überhangender Felsen, und die Führer waren eben beschäftigt, den Letzten am Seil durch die ge¬ fährlichste Stelle dieser Todesschlucht zu geleiten, da dröhnte es donnernd durch die Einöde. Tosend und dröhnend jagte ein Glet¬ schersturz aus jener Höhe des eisbeladenen Grates herab. Angst¬ ruf der Führer erfüllte die Luft; Schneegeriesel von allen Seiten, dann schreckliche Todesstille für ein paar Augenblicke! Nun rauschte es wieder stärker; in Schneegestöber, wie in Rauch gehüllt, fuhren kleine Eisstücke in den Abgrund und durch die Schlucht ge¬ rade auf die darin Weilenden zu. Da diese sich dicht an die Felsenwand schmiegten und anklammerten, so ging der Strom über sie ohne bedeutende Beschädigung hinweg. In stummer, gräßlich peinlicher Angst verharrten die gesichert Stehenden noch ein paar bange Augenblicke; da hörte der Strom auf und einander fröhlich zurufend, erkannten sich die Geretteten. Die Gletscherstücke waren durch den tiefen Sturz völlig zersplittert und zermalmt und dadurch fast unschädlich geworden. Das Schreckens-Arsenal der Hochgebirgs-Phänomene ist aber noch lange nicht erschöpft. Je mehr wir uns den ersehnten Gipfelpunkten nähern, desto mehr häuft sich die Summe der Fährlichkeiten und Hindernisse. Zunächst hat man die weit überhangenden „ Schnee- Weheten “ zu fürchten, welche über oft schauerlich tiefen Abgründen an den mehrere taufend Fuß senkrecht absinkenden Felsenfronten der Alpen auffallend breite, hohl gewölbte, trügerische Vorsprünge hinaus¬ bauen, die jeder mechanischen Stütze entbehren; nur durch den Frost- Verband der ineinander verflochtenen Eisnädelchen, durch die Kohä¬ renz der Schneeflocken werden sie gehalten und getragen. Ein gering¬ Alpenspitzen . fügiger Umstand kann solche, in die Luft hinausragende, gleich Dächern die Felsen übertraufende Firngerüste lösen und zum Tief¬ sturz bringen. Herr Weilenmann hat deren am Gufferhorn (Adula- Gruppe) beobachtet, die mehr als 30 Fuß frei hinausstehend, Muster kühner Schneearchitektur genannt zu werden verdienen. Man hat sich also wohl zu hüten, auf solche überhangende Weheten zu weit hinaus zu gehen. — Ferner bereitet das s. g. „ faule Gestein ,“ d. h. die durch Erosion und durch die Thätigkeit der Atmosphärilien ab¬ gelösten, bröckeligen Felsenfragmente, dem Berggänger große Ver¬ legenheiten, sei es, daß der Fuß keinen sicheren Stand auf dem¬ selben hat und fortwährend sich in der Gefahr befindet abzugleiten, sei es durch Ablösung oberhalb, also durch entstehenden Stein¬ hagel. Auch dünne Felsen-Nadeln, die wie Spitzthürmchen gothi¬ scher Kathedralen sich präsentiren und Angesichts von Abgründen umklettert werden müssen, gehören nicht selten zu den kleinen Mali¬ cen der letzten Marsch-Stunden. Der letzte eigentlichste Kernpunkt, die äußerste Kulmination ist bei sehr vielen Alpenspitzen auch noch die härteste der zu knacken¬ den Nüsse. Manche mit der sorgfältigsten Vorbereitung ausge¬ rüstete Expedition scheiterte ganz oder theilweise noch dicht unter der dominirenden Scheitelzinke, weil man zu spät erkannte, den Streifzug gegen das Bollwerk von der unrechten, unzugänglichen Seite unternommen zu haben (wie solches bei allen Monte Rosa- Besteigungen vor dem Jahre 1855 der Fall war) — oder weil den Gipfelstürmern jene wahrhaft unheimliche Kaltblütigkeit und grauenhafte Resignation neben den muskelfrischen Kräften fehlten, welche nöthig sind, solche Wagstücke auf Leben und Tod zu be¬ stehen. Einige Beispiele werden genügende Erläuterung geben. Die letzte Passage zum Gipfel der Bernina-Spitze (12475 par. Fuß, Ober-Engadin) besteht aus einem scharfen Gletscher- Grat, der steiler als der First des steilsten Kirchendaches, ja bei¬ nahe senkrecht, wohl zweitausend Fuß, einerseits gegen das Val Alpenspitzen . Rosegg , andererseits gegen einen Gletscher-Cirkus abfällt. Bei der am 13. Septbr. 1850 erfolgten ersten Besteigung dieser giganti¬ schen Central-Masse überwand den Sattel Herr Coaz (Forstinspektor in Chur) mit seinen beiden Führern rittlings rutschend. — Am Groß- Glockner (12158 par. Fuß, Tyrol) führt der Weg über einen 36 Fuß langen, nur 4 bis 6 Zoll breiten Felsensattel, vom Schnee leicht geebnet, zum eigentlichen Gipfel; der österr. Major Sonklar Edler von Innstädten passirte ihn mit 3 Gefährten und 5 Führern halb kriechend, halb reitend am 4. Septbr. 1855. Aehnlich, aber noch komplicirter ist der Zugang zum Monte Rosa (14284 par. Fuß). Johannes Zumtaugwald überschritt bei der am 14. August 1855 erfolgten zweiten Besteigung, den kaum einen Fuß breiten Kamm aufrecht, die Schneekante schwindelfrei durch Niedertreten verebnend, als obs im flachen Felde wäre; Herr Weilenmann, der verwegene Berggänger, folgte ihm (nach eigenem Geständniß) „mit angehaltenem Athem und nicht ohne Schauern, ebenfalls aufrecht gehend.“ Hiermit war aber der Kulm der äußersten Spitze noch nicht erreicht; jetzt galt es eine zwar nur wenig Schritte breite, aber glänzend-glatt mit Eis überzogene Felsenplatte zu traversiren, welche abschüssig auf die jäh gen den Gorner-Gletscher niedersin¬ kende Schneewand ausläuft. Wie auch diese überwunden war, so mußte endlich noch eine fast vertikale, kaminähnliche Runse erklet¬ tert werden, welche direkt auf den äußersten Kulm führt. Im Er¬ steigen derselben schiebt sich zu guter Letzt noch eine überragende Felsenplatte vor, welche ohne Beihilfe gewandter, fester und muthiger Kameraden unmöglich zu überturnen ist. Peter Zumtaug¬ wald spreizte sich wie ein Kaminfeger fest in die Wände der Schlucht ein, ließ seinen Vetter Johannes dann auf seine Schultern treten, und so ward es Letzterem möglich, den Vorsprung mit kräftigem Armschwung zu überwinden. Eine Sekunde lang schwebte er da¬ bei über Untiefen. Wie er erst droben war, gings mit den Ande¬ ren rasch, mittelst des Seiles. Ein hilfloser Archivrath, dessen Alpenspitzen . bei dieser Expedition oft gedacht wird, mußte, wie ein Gü¬ terballen am Krahnen, den Strick um den Leib gebunden, hinauf¬ gehißt werden. Der Unglückliche hatte kurz vorher, ehe man den schwindeligen Grat passirte, den Arm aus der Schulter gerenkt, und nach langem, vergeblichem Ziehen und Stoßen war es den Füh¬ rern, die keine sonderlichen chirurgischen Kenntnisse besaßen, gelun¬ gen, das Glied wieder einzurichten. — Eine ähnliche Passage ist die über den Roththal-Sattel, etwa 12000 Fuß ü. d. M., bei Erstei¬ gung der Jungfrau (12827 Fuß); sie erfordert festen Tritt und an Abgründe gewöhnte Augen, um nicht vom Schwindel er¬ griffen zu werden. Dennoch spart auch dieser Berg seine schreck¬ haftesten Schauermomente bis zu dem äußersten Gipfelpunkt. Zu diesem führt nur ein scharf-zugeschnittener Kamm, dessen Breite zwischen 6 bis 10 Zoll wechselt, während die Gehänge der beiden Seiten 60 bis 70 Grad Neigung haben. Als die Professoren Agassiz, Forbes, Duchatelier und Desor denselben am 28. August 1841 erreicht hatten, glaubten sie nicht weiter kommen zu können. Der unerschrockene Jakob Leuthold behauptete indessen das Gegen¬ theil, und um sofort den Beweis zu führen, legte er sein Gepäck ab und stieg in der Art vorwärts, daß er an der linken Seite des Schneekammes ging, während er die Schärfe des Grates im buch¬ stäblichsten Sinne unterm rechten Arm hatte und auch auf der rech¬ ten Seite den Stock einsetzte. So ging er langsam und besonnen an dem entsetzlichen Abgrunde hin, indem er so viel als möglich den Schnee zu einem Pfade zusammentrat und den Uebrigen die Er¬ steigung möglich machte. — Bei der am 8. August 1842 von den Professoren Escher von der Linth, Girard und Desor versuchten Ersteigung der Schreckhörner (12568 Fuß, Berner Alpen), bei welcher sie indessen nur bis auf die Spitze des großen Lauteraar¬ hornes kamen, wurde die Gesellschaft, als sie auf der Schneide eines felsigen Kammes ging, unvermuthet am Weiterkommen ge¬ hindert; der Weg war durch einen etwa 10 Fuß tiefen senkrechten Ein¬ Alpenspitzen . schnitt vom Hauptstocke des Berges getrennt, auf welchem einige hundert Schritte weiter der Gipfel winkte. Der Einschnitt selbst stellte einen scharfen Schneerücken dar, wie er auf den letzten Sei¬ ten mehrfach beschrieben wurde. Während man noch konsultirte, ob man sich am Strick hinablassen, oder das Hinderniß zu umge¬ hen suchen sollte, sprang der Führer Bannholzer, ohne sich anbin¬ den zu lassen, mit einem Satze auf den Schneesattel hinab. All¬ gemeiner Schrei des Entsetzens! denn man hielt den Wagehals für verloren; allein er kam, ohne sich wehe zu thun, rittlings auf den Schneesattel zu sitzen, und ohne sich an das Rufen, Bitten, Fluchen der anderen Führer zu kehren, stieg er die gegenüberste¬ hende Zacke hinan, erreichte die Höhe und winkte, ihm zu folgen. Einer nach dem Andern wurde am Seil hinabgelassen, und ohne Unfall kletterte die ganze Karavane dem Muthigen nach. Da er¬ wartete sie in unmittelbarster Nähe des Gipfels wiederum eine letzte Schwierigkeit. Auf etwa 50 Fuß Länge wird der Kamm so schmal, daß er kaum 18 Zoll Breite hat, während auf beiden Seiten Abgründe von etwa 4000 Fuß beinahe vertikalen Absturzes gähnen. Hier hatten selbst die verwegensten Führer nicht den Muth, aufrecht zu gehen, sondern überkrochen die Stelle, mit starr vor sich blicken¬ den Augen, wie Quadrupeden, bis das ersehnte Ziel erreicht war. — Schließlich noch die Ersteigung des Finsteraarhorns (13160 Fuß). Hugi war bei seinem dritten Versuche der Ersteigung dieses höchsten Gipfels der Berner Alpen am 10. August 1829 bis auf den hangenden Hochfirn gekommen, den man von allen guten Standpunkten der nördlichen Schweiz, besonders vom Faulhorn aus, so deutlich sehen kann. Um nun zu den Mittelfelsen in der obersten Ausspitzung des Firnes und des Hornes selbst zu gelan¬ gen, war eine im eigentlichsten Sinne hängende Eisfläche zu pas¬ siren. Es konnte nur mittelst eingehauener Tritte geschehen. Die Führer Leuthold und Währen gingen sofort ans Werk, schlugen den Fuß fest in die eingehauene Stufe, ließen ihn etwas anfrieren, Berlepsch , die Alpen. 18 Alpenspitzen . um fester zu stehen, und meißelten dann weiter. Es war ein hals¬ brechender Moment, sie an dieser Wand gleichsam hangend zu er¬ blicken. Endlich war die gefährliche Arbeit beendet und die Ueber¬ schreitung sollte vor sich gehen. Leuthold kam, um Professor Hugi zuerst herüberzuholen, erklärte ihm aber zugleich auf das Bestimm¬ teste, daß, wenn er ausglitsche, Rettung unmöglich sei und er, sei¬ ner eigenen Sicherheit halber, nicht einmal den Versuch eines ret¬ tenden Handgriffes wagen werde. Das Ende vielfacher Versuche war, daß kein einziger Mann der ganzen Expedition (unter denen tüchtig bewährte Berggänger sich befanden) die Eishänge zu über¬ schreiten wagte. Leuthold und Währen erklommen einzig das schwindelhohe Ziel. Wenn du den Muth verlierst, verlierest du die Kraft Zu wirken, und dein Werk verkümmert krüppelhaft. Rückert . Der Augenblick, in welchem man einen berühmten Gipfel nach unsäglichen Mühen und lebenbedrohenden Gefahren betritt, hat im¬ mer etwas Erschütterndes, fast möchte man sagen Feierliches; es ist ein Moment höherer Weihe, wenn rundum im fast endlosen Ketten-Reigen ein weitgedehnter Horizont von Berggestalten und Thaltiefen auftaucht. Da liegt sie ausgebreitet uns zu Füßen, die herrliche, gewaltige, große Alpenwelt, First an First, Grat an Grat, Kulm über Kulm, und wie der Blick eines Mächtigen der Erde bei seinem Regierungs-Antritt alle die Nationen, Völker und Stämme überfliegt, die fortan seiner Leitung sich fügen wollen, so findet auch hier eine geistige Besitz-Ergreifung, eine Heerschau im Dienste der Intelligenz statt. — Dem wohl bewanderten Berg¬ gänger schlägt die ausgebreitete Gipfelwelt sein eigenes Tagebuch, das Souvenir seiner sommerlichen Freuden, Leiden, Genüsse und Entbehrungen auf; von allen Seiten winken ihm Freunde aus früheren Tagen, die er sofort wiedererkennt, grüßend entgegen und das Auge überschwebt im Spazierfluge alle bekannten Höhen, Joche und Fluh-Tossen. Da begegnet es unterwegs Gestalten, ehrwürdi¬ Alpenspitzen . gen, hochaufgerichtet stolzen, aus der großen Menge bedeutsam her¬ vortretenden, silbergescheitelten Greisen, auf denen es sinnend haf¬ tet: es kennt sie, ohne sofort sie zu erkennen, Karte, Fernrohr und Führer kommen dem suchenden Gedächtniß zu Hilfe! — „Ah! Grüß Gott, lieber Alter! Du auch da! Wie ganz anders siehst Du von hier aus? Ich habe Dir immer von anderer Seite in Dein ernstes Antlitz geschaut, wie Du Deinen versteinerten Träumen nach¬ sinnst, und heute schaust Du mich nur verstohlen über die Schul¬ tern an!“ — So schweift der Blick in flüchtiger Rundreise immer weiter über die Zacken und Zinken des Riesenreliefs, gleitet hinab zu heimelig eingebetteten Thalspalten, und überspringt glitzernde Flußadern, bis er beim Ausgangspunkte wieder anlangt, um nach diesem orientirenden Fluge in die Special-Musterung einzutreten. — Und vollends jenes erbebende Gefühl, wenn es ein Gipfel ist, den nur höchst selten oder zuvor noch nie eines Menschen Fuß betrat; dies ist dann eine Inauguration, erhabener, großarti¬ ger, als jede andere, durch Menschen-Sinn und Hand bereitete. Warum läuft durch alle Zeitungen die Nachricht, wenn endlich eine, der ganzen gebildeten Welt längst bekannte, schon unendlich oft auf Karten und Panoramen gezeichnete, in Büchern genannte Al¬ penspitze von Bedeutung zum Erstenmal erstiegen wurde? Weil es eine kleine Kolumbus-That ist, weil die kühnen Männer einen Bau¬ stein zum großen Tempelheiligthume der Naturwissenschaften hinzu¬ fügten. — Alle Schrecken und Bedrängnisse sind vergessen, die Gletscherspalten und Firnschründe mit ihren trügerischen Brücken, der schwindelstarre Abgrund und die weichenden Trümmerhalden liegen als überwundene Feinde hinter uns, und jauchzend hebt sich das Herz und klopft mächtiger in seines Gottes größerer Nähe. Wie aber mag dieser Gefühlssturm sich erst steigern, wenn, wie es bei der ersten Ersteigung des Tödi am 10. August 1837 der Fall war, die unerschrockenen Bergkämpen, längere Zeit im Nebel berganklimmend, an der Um- und Ausschau gehindert, plötzlich, wie 18* Alpenspitzen . die grauen verhüllenden Schleier reißen, in freudigem Schrecken erkennen, daß rundum alle Gipfel tiefer liegen als der, auf wel¬ chem sie stehen, und unbewußt der langersehnte Zielpunkt erreicht ist. So ergings den stählernen, mit eiserner Konsequenz vordringen¬ den Gebirgsmännern: Bernhard Voegeli, einem 60jährigen verwegenen Gemsjäger und Wildheuer in Begleitung seines Sohnes Gabriel und des kühnen Thomas Thut, alle Drei in den Obbordbergen hin¬ ter dem Dorfe Linththal (Kanton Glarus) daheim. Alle bis dahin mit dem größten Aufwande veranstalteten Expeditionen waren sämmtlich nicht ans Ziel gelangt, und im ganzen Glarner Gro߬ thale galt es für unbestreitbare Thatsache, daß der Tödi unersteigbar sei, wie heute noch das Matterhorn, die Dente blanche, das Wei߬ horn und Mont Cervin der Walliser Alpen für unerklimmbar gelten. Mit der Ersteigung eines solchen äußersten Höhepunktes ist indessen, nach Ueberwindung aller aufgezählten Hindernisse und Fährlichkeiten, oft noch wenig erreicht, wenn nicht auch der Himmel dem Unternehmen ganz außerordentlich günstig und die Atmosphäre sehr rein ist. Jene Tage sind selten, an denen auf Höhen von mehr als eilftausend Fuß die Temperatur einigermaßen mild, der Aufenthalt behaglich oder auch nur erträglich ist; gewöhnlich variirt die Wärme in den Regionen über 12000 Fuß an ganz sonnenkla¬ ren Sommertagen Mittags im Schatten nur um wenig Grad über oder unter dem Gefrierpunkte. De Saussure fand auf dem Mont¬ blanc im Schatten — 2°,₃ und in der Sonne — 1°,₃; Hugi am Finsteraarhorn im August 1 Uhr Mittags im Schatten — 2°,₄ R ., in der Sonne 0,₀; Agassiz auf der Jungfrau Ende August 3 Uhr Nachmittags im Schatten — 3°; Coaz auf dem Piz Bernina 13. Septbr. Abends 6 Uhr in der Sonne + 3° R . Freilich sind auch einzelne Fälle von außerordentlicher Temperatur-Höhe bekannt; so z. B. fand Herr v. Dürler auf dem Tödi Mitte August 1 Uhr Nach¬ mittags im Schatten + 7°,₇ C . und in der Sonne + 9°,₃ C .; Zum¬ stein bei seinem Monte Rosa-Ersteigungs-Versuch in 13920 Fuß Höhe Alpenspitzen . + 8°,₅ R . (ob Sonne oder Schatten, ist unbekannt) und Weilen¬ mann auf dem Piz Linard (bei 10516 Fuß) Anfang Juli, Mittags 11 Uhr, sogar + 17° R . an der Südseite in der Sonne. In¬ dessen beeinträchtigt der geringe Wärme-Gehalt der Luft die Gipfel-Erklimmer in den meisten Fällen wenig; die Begleiter Agas¬ siz's tanzten bei ihrem Strahlegg-Uebergange (10380 Fuß ü. d. M.) und wälzten sich, den Buben gleich, im Schnee, die Führer ver¬ suchten einen Hosenlupf (Schwingen oder Ringen) und der alte sechzigjährige Bernhard Voegeli streckte sich nach errungener Tödi- Ersteigung gemächlich auf den Schnee und schnarchte bald ganz behaglich. Allgemein rühmen die „Birgmannen“ eine eigene Elasti¬ cität der Luft, die bei aller Frische dennoch die größte Müdigkeit paralysirt; aber ebenso einmüthig klagen sie andererseits über die große Trockenheit der Atmosphäre, welche ein eigenthümliches Spröde¬ werden der Haut und anderer Gegenstände veranlaßt, so daß letz¬ tere ungemein leicht der Hand entgleiten. Ein zweiter, den Genuß oft wesentlich beeinträchtigender Fak¬ tor ist die meist sehr geringe Durchsichtigkeit der Luft nach der Tiefe zu. Während dieselbe nach oben so außerordentlich transpa¬ rent ist, daß der leere Himmelsraum im Zenith fast schwarz¬ blau oder wie dunkel angelaufener Stahl aussieht, erscheinen die fernen Berge, vom Montblanc oder Monte Rosa aus gesehen, in beinahe dunkelgelber Färbung, und selbst die Firnfelder nehmen einen gelben Schein an. Dagegen verschwimmen die Thaltiefen, von Höhepunkten, wie die eben genannten, durch die über den Tiefen lagernden Dünste ins beinahe Unerkennbare; nur bei ganz hellem Himmel kann man vom Montblanc, dessen Aussichtskreis im Halbmesser auf 70 Stunden geschätzt wird, die zunächst gelegenen Alpenketten scharf und deutlich erkennen, — weiterhin verschleiert sich Alles immer mehr und mehr, bis es ins absolut Unbestimmte übergeht. Indessen variiren, je nach örtlicher Lage und nächster Umgebung der Gipfel, auch hier die Niederblicke und Aussichten Alpenspitzen . ungemein. Vortrefflich schildert dies Studer in seinen Gletscher¬ fahrten: „Die Aussicht von der Jungfrau ist mehr erhaben als schön. Ja, auf das Gemüth desjenigen, der zum Erstenmal ihre Zinne betritt und dem sie die kolossalen, in ihrer ernsten Pracht fast unheimlich aussehenden Bilder des Umkreises enthüllt, wirkt sie wahrhaft erschütternd. Das Bunte, Reizende fehlt; kein blauer See erfreut dort das Auge, — denn auf den Spiegel des Thuner¬ sees blickt es so tief hinunter, daß er an Farbe und Charakter einem düsteren Alpensee ähnlich, zwischen öden, baumlosen Berg¬ höhen zu liegen scheint. Die lieblichen Landflächen sind zu ent¬ fernt, um ihren Reiz zu entfalten. Das trübe Grau, das sie wie eine Dämmerung bedeckt, verschwimmt in dem finsteren Dunst, der den weiten Horizont gestaltlos umzieht und keine Formen, keine Farbe mehr erkennen läßt. Im weiten Kreise begränzt von den farblosen Niederungen oder dem düsteren Horizonte breitet sich eine Welt von zerrissenen Gletschern, schneeigen Hochthälern, mannigfach verschlungenen Firn- u. Felsenkämmen aus, über welcher man in schauerlicher Einsamkeit thront und welche unter dem schwarzblauen Firmamente von dem gebrochenen Lichtschimmer einer mattstrahlenden Sonne beleuchtet ist. Der Tödi , der die ganze östliche Schweiz dominirt, bietet einen unermeßlichen Gesichtskreis dar; man kann sagen, man sieht nur zu viel. Das Einzelne ver¬ schwindet unter dem Ganzen, und auch dort verschwimmen die ent¬ fernten Niederungen in nebeligen Dunst, und das ungeheuere Alpen¬ gebiet, das man übersieht, zeigt wenige einzelne, großartige Gruppen oder Gebilde, die das Auge vorzugsweise fesseln. Die Berner Hochalpen und Bernina sind schon zu entfernt, um einen sehr imposanten Eindruck hervorzubringen. — Dagegen erhält die Aussicht vom Mont Velan (11588 Fuß üb. d. M.) ihren hohen Reiz gerade durch das großartige, malerische Bild und den so verschieden¬ artig ausgeprägten Charakter der einzelnen sichtbaren Gebirgsgruppen. Das Specielle tritt lohnend hervor. Das Auge muß nicht ermü¬ Alpenspitzen . den, ein unabsehbares Gewirr gleichförmiger Bergketten zu ent¬ ziffern; jede hat ihr besonderes Gepräge, und man kann sich kaum satt sehen an den scharf gezeichneten schönen Formen der überall deutlich hervortretenden Gipfelgestalten. Man schaut noch an die Riesenhäupter des Montblanc und Grand Combin empor, und em¬ pfindet in dem überwältigenden Eindrucke die Macht ihrer Größe. Und dennoch giebt der weite Gesichtskreis Zeugniß von der Erha¬ benheit des Standortes, und mit Stolz beherrscht der Blick tausend mächtige Gipfel, die sich vor ihm beugen müssen. — In älteren Reisebeschreibungen wird Mancherlei davon gefabelt, daß man am hellen Mittage auf solch außerordentlichen Höhepunkten die Sterne funkeln sehen könne; alle die neueren Bergsteiger wissen auch hiervon nichts zu berichten.“ Zu den originellsten Momenten gehört die Art und Weise, wie die Bergsteiger der verschiedenen Zeiten und Nationen unter¬ einander korrespondiren und mit der Bewohnerschaft angränzender Thäler telegraphisch signalisiren. Ueberall nämlich, wo ein Gipfel zum Erstenmal erstiegen wird, lassen die Sieger irgend ein Zeichen ihrer Anwesenheit zurück, wie die alten Römer das „ hoc iter Caesaris .“ Besteht eine solche Expedition nur aus Hirten und rüsti¬ gen Thalleuten oder Wanderfreunden der Alpenwelt, die das Ueber¬ maß ihrer physischen Kräfte an irgend solch einem Koloß erproben wollen, weil er ihnen jahraus, jahrein ins Fenster schaut, dann bauen sie als Promemoria für künftige Geschlechter aus zusammen¬ gelesenen Felsentrümmern eine kleine Pyramide, und das erste Ge¬ schäft eines passionirten Bergsteigers, so wie er auf der Höhe an¬ kommt, ist: dieses s. g. „ Steinmandli “ zu untersuchen, ob das¬ selbe nicht irgend einen Zettel, eine Nachricht von den vorhergehen¬ den Ersteigern enthält. Um solche für vielleicht ferne Zeiten be¬ stimmte Korrespondenzen gut zu konserviren, werden die hier oben geleerten Weinflaschen benutzt. Sie, die für die Tiefe schwarzer Keller-Nächte bestimmt, manchen Mondenwechsel einsam in der Erde Alpenspitzen. Tiefen vertrauerten, sind nun auserwählt, auf den äußersten Gipfeln des Erdballes eine praktische Interpretation des hoffnungs-heiteren post nubila Phoebus (durch Nacht zum Licht) zu bethätigen, — sie, die bisher Träger und Hülle geistiger Getränke waren, dienen nun dem geistigen Fluidum des menschlichen Gedankens und werden mittel¬ bare Vermittler und Begrüßungs-Postillone zwischen gänzlich un¬ bekannten Personen. Der aus dem Notizbuche gerissene Zettel mit den Namen der Besteiger, Datum und allfälligen Aufzeichnungen über Wärme, Aussicht, bestandene Abenteuer u. s. w. (dem es mit¬ unter nicht an witzigen, konfidentiellen Scherzen fehlt, je nachdem der Weingeist den Gehirn-Barometer hinaufgetrieben hatte) wird in die Flasche versenkt und diese fest gepfropft, in die Mitte des umge¬ benden Steinmandli verwahrt, so daß Sturm, Regen und Schnee ihr nichts anhaben können. Weilenmann fand auf dem Monte Rosa-Gipfel in einer solchen Flasche nächst einem Couvert mit Grüßen und Notizen auch noch breite, rothe und schwarze, seidene Bänder, welche die Gebrüder Smith von Great-Yarmouth, die ersten Besucher der höchsten Spitze (Gebrüder Schlagintweit waren blos bis zu einem 22 Fuß unter dem höchsten Kulm liegenden Punkte vorgedrungen), dort zurückgelassen hatten; er schnitt kleine Streifen ab, von denen er später, nach seiner Heimkehr, Abschnitte den Herren Smith brieflich zusandte, als Zeichen der Nachfolgerschaft. Solche Depositionen erinnern lebhaft an die mittelalterliche Sitte: in Thurmknöpfe und Grundstein-Gemäuer, Dokumente und Mün¬ zen für ferne unbekannte Generationen niederzulegen. Wo sich die Bergsteiger aber auf eine Celebrirung ihrer Er¬ rungenschaft vorbereitet haben, da wehen, als Zeichen der Besitz¬ nahme eines Punktes, Fahnen ins Thal herab, die unten mit dem Fernrohr (oder dem „italischen Feldspiegel“, wie die Gebirgs¬ bauern sagen) erkannt werden können. Gemeiniglich sind es im¬ provisirte Standarten, rothe Foulards mit Bindfaden an einen im Steinmandli befestigten Stock gebunden, oder wie bei Coaz's Bernina¬ Alpenspitzen . Besteigung das weiße eidgenössische Kreuz im rothen Felde, das triumphirend über Gletscher und Firnfelder flaggte. Da aber solche Trophäen gar sehr den Hochstürmen ausgesetzt sind und in der Regel bald umfallen, oder (wie auf dem Piz Linard, welche Weilenmann fand) vom Blitze zersplittert und versengt werden, so ließ Hugi auf dem Finsteraarhorn eine aus Eisendraht gefertigte, mit Harztuch überzogene Fahne aufpflanzen, welche man vom Grim¬ selhospiz, von Bern, ja selbst von Solothurn aus (einer Entfernung von 19 Schweizerstunden oder 12 geographischen Meilen), durch den Tubus beobachtete. Die originellste, vom momentanen Sich¬ zuhelfenwissen zeugende Fahne etablirten die Gebrüder Schlagintweit am Monte Rosa, wo sie in Ermangelung entsprechenden Flaggen¬ stoffes ein Hemd an die Stange banden, — die in Betreff des Humors fast noch von jener übertroffen wird, die Studer auf dem Rinderhorn aufhißte; auch dort mangelte, als man den Aufmarsch antrat, ein Fahnentuch, und der Wirth des einsam gelegenen Berg¬ wirthshauses Schwarenbach wußte sich nicht anders zu helfen, als daß er eine alte Weste zu diesem Zweck dem Spiel der Lüfte preisgab. Wie schon erwähnt, werden die Besteiger durch gute Perspektive mit den Augen vom Thale aus auf ihrer Tour verfolgt, und es war schon der Fall, daß man, als endlich die langersehnte Fahne lustig auf dem Gipfel flatterte, in der Tiefe mit Kanonen- und Böllerschüssen weithin den Thalbewohnern das Gelingen der Expe¬ dition verkündete. Es entspricht den allgemeinen akustischen Be¬ dingungen und Gesetzen, daß die auf der Bergspitze Weilenden diese Freuden-Signale hörten, weil die Schallschwingungen, vielfach von den Bergwänden zurückgeworfen, heraufdringen mußten, während Pistolenschüsse auf solchen alle anderen überragenden Höhen, aus Mangel katakustischer Faktoren, beinahe spurlos, ohne allen Effekt verschwinden und darum im Thale durchaus nicht gehört werden. Ueberhaupt ist absolute, lautlose, feierliche Stille, die durch keine Alpenspitzen . Lebens-Aeußerung unterbrochen wird, ein beinahe schauerlich-charak¬ teristisches Merkmal solcher äußerster Höhepunkte, die in ewiger Sabbathruhe daliegen; nur wenn der Sturm die Gipfel umbraust, dann erbebt die Luft seufzend unter den Windstößen, und langge¬ zogene heulende Disharmonieen umtanzen im wilden Reigen die grause Einsamkeit. In diesen Höhen hat das organische Leben als normale Er¬ scheinung aufgehört. Selten ists, im Schnee Spuren von Gemsen¬ tritten zu finden, und ebenso ungewöhnlich, einen, der noch in der unteren Schneeregion nistenden Vögel zu erblicken; nur bisweilen kreist ein Steinadler oder Lämmergeier um eine der benachbarten Spitzen und unterbricht die hehre Stille mit seinem gedehnten, schrillen „Pfii“ und „Hiä“. Wohl aber begegnet man nicht selten den Leichen kleinerer Thiere, namentlich solchen von Insekten, die ursprünglich dem Tieflande angehörend, durch irgend eine empor¬ wirbelnde Windsäule hier heraufgetragen wurden und auf dem Schnee rasch ihren Tod fanden. Herr v. Dürler sah auf dem vereisten Kulm des Tödi während seines Mittagsmahles einen Schmetterling ( Papilio brassicae , Kohlweißling) in mattem Fluge vorüberflattern, den ebenfalls der Sturm in diese Todesfelder ver¬ schlagen hatte. Auch dürre Laubblätter von Buchen und Ahornen wurden schon wiederholt auf den Firnen von 11 und 12 Tausend Fuß angetroffen, — immer aber, vermöge ihrer größeren Wärme- Kapazität, einige Linien tief in scharfen Umrissen in den Schnee eingesunken. Nur das Pflanzenreich hat hie und da noch einige verlorene Gränzposten; so zeigen sich an felsigen Stellen bei 10,000 Fuß noch die Aretia helvetica und glacialis , letztere mit ihren feu¬ rigrothen Vergißmeinnicht-Sternlein auf graugrünem Laubkissen, die erstorbene Einöde ein wenig belebend; — ferner Poa alpina var. frigida , und am Schreckhorn sogar bei 11,000 Fuß noch der behaarte Gletscher-Hahnenfuß ( Ranunculus glacialis L .). Noch einige Moosarten wagen sich hierherauf, indessen äußerst spärlich, und als Alpenspitzen . allerletzte Repräsentanten des Pflanzenreiches, zeigen sich auf den äußersten Spitzen noch ein Paar Flechten, z. B. Parmelia elegans und muralis, Cetraria nivalis Ach., und auf dem Gipfel der Jungfrau die nach dieser getaufte Umbilicaria virginis . Wie es da droben, auf diesen äußersten Kulminationspunkten unseres Erdtheiles aussieht, ist zum Theil schon gesagt worden. Die Gipfel des Montblanc, Tödi, Mont Velan , Cima de Jazzi u. a. stellen sich als sanft rundlich ansteigende, gewölbte, große Schneekissen auf breiter Basis dar, auf denen ganz ungefährlich zu weilen ist. Der Galenstock (Berner-Urner Gränze 11,073 Fuß) zeigt sich gen Westen ebenfalls als sanft abgerundete Schneekuppel, die aber gen Osten fast senkrecht, mehrere tausend Fuß plötzlich ab¬ fällt. Der Kulm des Groß-Glockner in Tyrol ist ein unebener, felsiger Platz von grünem Chloritschiefer, der höchstens für 12 Per¬ sonen Raum bietet. Die südliche Zacke der Schreckhörner (85 Fuß niedriger als die nördliche, höchste, noch unerstiegene) bietet etwa 10 Quadratfuß Oberfläche, in Form eines Bogens oder Halbmondes, dar, dessen Konvexität nach Norden gerichtet ist. Dagegen bildet der Gipfel des Finsteraarhorns einen wellenförmigen Grat von etwa 20 Fuß Länge und nur 1 bis 1½ Fuß Breite, der jäh nach beiden Seiten abfällt. Gleiche oder ähnliche Formen zeigt die Jungfrauspitze; sie fällt wie das Dach eines Zeltes mit 60 bis 70 Grad Neigung, bei einer Breite von nur 6 bis 10 Zoll, als harter Schneefirst ab, — und das Eisdach des Großen Rinderhornes ist vollends so entsetzlich zugeschärft, daß es dem kühnsten Wagehalse, bei dem steilen Ansteigen der Schneide, unmöglich wird, hinauf zu reiten oder kletternd zu rutschen. Der Bernina-Gipfel bietet gar nur so viel Platz, daß kaum 3 Personen neben einander stehen können und der Grand Combin läuft in eine absolute Firnspitze, aus, auf welche man sich nicht wagen darf. Wir finden somit eine reichhaltige Musterkarte von Formen, sowohl solchen, die Schnee und Eis improvisiren und alljährlich, je nach den Abschmelzungen Alpenspitzen . oder Akkumulirungen neu modelliren, als auch solchen, die in aller¬ hand Gestalt als Fels auslaufen. So mühevoll und gefährlich die Erklimmung einer Alpen-Hochspitze ist, ebenso schwer fällt dann das Scheiden von derselben. Es ist ein Abschied, vielleicht für immer von einer, weit über dem kleinlichen Treiben der Menschen erhabenen, schönen Welt. Der Rückzug ist oft mit noch mehr Schwie¬ rigkeiten verknüpft als das Emporsteigen; denn, sind Führer und Reisende jetzt zwar mit dem Wege und seinen Hindernissen ver¬ trauter als vorher, so ist die Summe der Kräfte nicht mehr so groß, die Oberfläche des Schnees durch die Einwirkung der Tages¬ wärme weicher, nasser, einsturzfähiger und das Hinabklettern an Felsenwänden viel umständlicher und unzuverlässiger als das Hinaufklettern, weil man den sicheren Tritt immer erst unter sich suchen muß, der im andern Falle von selbst dem Auge sich darbietet. Es kommt indessen auch vor, daß die Sonne die Spuren der Fu߬ tritte hinwegleckt und man dann beim Rückmarsch diesen Leitfaden verliert. Dann durchfurchen am Nachmittage Gletscherbäche die Oberfläche der Eisrücken und machen den Weg ungemein schlüpfrig. Wie verhängnißvoll selbst auch diese kleinen, mit lautem Getöse in die Gletscherspalten stürzenden Wasseradern für den sorglos oder ermattet dahinschlendernden Berggast werden können, beweist eine Anekdote, welche Herr Weilenmann bei Gelegenheit seiner Monte Rosa-Tour erzählt. Einer der Engländer, welche von der Partie gewesen waren, rutschte in solch einem Gletscherbache aus und ver¬ schwand plötzlich. Die Führer stürzen mit Entsetzens-Schrei nach und ergreifen ihn, der fortgleitend, eben dem Abgrunde eines 30 bis 40 Fuß breiten, tiefen, mit Wasser gefüllten Trichters zugeschwemmt werden sollte, an Arm und Kleidern, um ihn herauszuziehen. Der Mensch hatte, horribile dictu , Gummischuhe angezogen und deshalb keinen festen Tritt. — Ueber Schneefelder, die nicht gar zu steil absinken, rutscht man stehend, den Stock nach hinten gehalten, wie ein Schlittschuhläufer pfeilschnell hinunter. Es will geübt Alpenspitzen . sein. Anfänger geben ergötzliche Intermezzi zum Besten. Ueber¬ haupt macht auch hier, wie in allen Dingen, Uebung den Meister. Der tägliche Umgang mit den Elementen des Hochgebirges macht die Führer nicht nur so keck und vertraut, sondern namentlich auch außerordentlich gewandt. Es ist fast unglaublich, mit welcher Si¬ cherheit und Leichtigkeit der Aelpler, große Lasten auf dem Rücken, die schwierigsten Passagen überwindet. Als Hugi bei seiner dritten Finsteraarhorn-Expedition mit lahmem Fuße kaum mehr weiter konnte, packte ihn Leuthold nolens volens auf seinen Rücken und eilte mit ihm über den Gletscher hinab, während es stürmte und die Nacht hereinbrach. Die anderen beiden erprobten Führer Währen und Zemt wetteiferten mit jenem, ihren Herrn zu tragen. Hugi sagt, es sei ihm unbegreiflich gewesen, wie diese Männer, ohne Stock, mit beiden Händen ihre Last haltend, Schründe in tiefer Dämmerung übersprungen hätten, wo Alles trügerisch und unsicher gewesen sei. Schon weiter oben sind Beispiele von der Verwegenheit der Führer gegeben worden, mit welcher sie halsbrechende Sprünge wagen; hier noch eins, das nach anderer Seite hin die Tollkühn¬ heit derselben beleuchtet. Gottl. Studer hatte, bei der Rückkehr von der Jungfrau, seine Kopfbedeckung in einen tiefen Firnschrund fallen lassen, der stufenlos und jäh, wie das steilste Thurmdach mit schiefer Eisfläche absank; gegen die Tiefe verengten sich die Gründe des Schrundes, während die entgegengesetzte Wand wie eine hohe lothrechte Mauer mit vielen Eisnadeln aus dem nächt¬ lichen Dunkel aufstieg. Der Führer Bannholzer, den der Verlust der Mütze ärgerte, rief rasch entschlossen, daß er nachsehen müsse, wo das Stück liege, und ließ, ungeachtet alles Abmahnens, das Seil um den Leib befestiget, sich in den grausigen Schlund hinab¬ gleiten. In bedeutender Tiefe angekommen, wo er auf einem ab¬ gebrochenen, jeden Augenblick mit Einsturz bedrohten Eispfeiler Stützpunkte für den Fuß fand, sieht er die verlorene Kappe, — Alpenspitzen . aber noch tiefer unter seinem Standorte, liegend. Der oben von zwei Männern gehaltene Strick reicht nicht mehr aus. Der toll¬ kühne Bannholzer bindet sich los und steigt vollends in die eisige Grabesnacht hinab. Nach banger Pause ertönt sein jauchzender Ruf aus der Tiefe. Er hatte seine Beute erreicht und kam glücklich wieder ans Tageslicht. Trotzdem er in einer Tiefe von mindestens hundert Fuß war, setzte, nach seiner Versicherung, der Bergschrund noch in unergründliche Tiefen fort. Es ist ein beneidenswerthes Tagewerk, welches der Naturfreund vollbracht hat, wenn er am Abend körperlich unverletzt, geistig gehoben, reich an Erfahrungen und bereichert im Schatze seines Wissens, drunten in den Hütten der Menschen, ein Gefeierter des Tages, wieder anlangt; — es ist ein Genuß und ein Bewußtsein, dessen nur Wenige von der großen Menge der Alpenwanderer sich erfreuen können. Noch nie ist dies Streben schöner und edler gewürdiget worden als durch Friedr. von Tschudi's Antwort auf die Frage: Was soll der Mensch da oben? „Es ist das Gefühl geistiger Kraft, das ihn durchglüht und die todten Schrecken der Materie zu überwinden treibt; es ist der Reiz, das eigene Menschenvermögen, das unendliche Vermögen des intelligenten Willens an dem rohen Widerstande des Staubes zu messen; es ist der heilige Trieb, im Dienste der ewigen Wissenschaft dem Bau und Leben der Erde, dem geheimnißvollen Zusammenhange alles Geschaffenen nachzu¬ spüren; es ist vielleicht die Sehnsucht des Herrn der Erde, auf der letzten, überwundenen Höhe im Ueberblick der ihm zu Füßen liegenden Welt das Bewußtsein seiner Verwandtschaft mit dem Unendlichen durch eine einzige, freie That zu besiegeln.“ — Alpenstraße. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . Lob verdient, was, gering nur, der wenig Bemittelte leistet, Wie das größere Werk des reicher vom Glücke Begabten. Jeder doch thut nur so viel, als nach Maßgab' der Kräfte ihm obliegt. Hoch über Beiden drum steht, deß Muth bei der Kräfte Beschränktheit Riesenhaft Großes erfaßt und rühmlich zur Ausführung bringt. Ueber die höchsten Grate der alpinen Centralketten läuft die Gränzscheide germanischen und romanischen Elementes; beide würden schroff und starr getrennt an den entgegengesetzten Abhängen, ein¬ ander fremd, und unherührt von den nachbarlichen Eigenthümlich¬ keiten, durch Jahrtausende fortexistirt haben, wenn nicht die Völker und ihr Lebens-Verkehr in den tiefsten Einsenkungen der Gebirgs¬ züge sich begegnet wären. Es war ein natürliches Bedürfniß der ersten Bewohner, welche in den Alpenthälern sich ansiedelten, noch andere Wege aus ihrer abgeschlossenen Einsamkeit zu finden, als blos dem Fall der Bäche und Ströme hinab in die Ebene zu folgen; sie drangen diesseits und jenseits, dem Laufe der Gewässer entgegen¬ schreitend, zu den Quellen derselben empor, und hier begegneten beide Elemente einander. Daß diese Bestrebungen jenen frühesten Zeiten angehören, in denen das Alpenland zuerst aus dem Dunkel der Geschichte auftaucht, beweist die noch heute gebräuchliche Be¬ Gebirgs - Pässe und Alpen-Straßen . zeichnung „Paß“; es war der passus (Schritt), welchen die Römer auf ihren Eroberungszügen über die Alpen thaten. Als die Welt¬ herrschaft derselben gen Norden sich auszudehnen begann, da über¬ schritten der römische Consul Julius Cassius im Kampfe wider die Cimbern und Teutonen, — und nach seiner Niederlage, Marius mit den römischen Legionen den Mont Cenis oder Mont Genèvre (der Cottischen Alpen); Julius Cäsar drang über den Mons Penninus (Großer St. Bernhard) gegen die Salassier vor, und nach der Grün¬ dung der Colonia Praetoria Augusta kurz vor Christi Geburt, wurde zu Kaiser Augustus Zeiten dieser Paß ein viel begangener Weg. — Ueppigkeit, Zwietracht und Laster der entnervten Römer führte den Sturz ihres Weltreiches herbei, und jetzt drangen die früher von ihnen bekriegten nordischen Schaaren, namentlich Sueven und Vandalen, Burgundionen und Alemannen, über diese Pässe nach Italien ein. Nur Werken des Streites, der Eroberung, Zerstörung und feindseliger Absichten dienten bis dahin die wüsten, beschwerlich zu passirenden Bergpfade. Mit dem Verrinnen der, alle damaligen Zustände erschütternden, Alles umgestaltenden Völkerwanderungen fanden die sittlich-hebenden und veredelnden Segnungen des Christen¬ thums auch in den Alpen Eingang, und hier begegnen wir auf den einsamen Höhen des Lukmanier-Passes dem Friedensboten und Glaubensapostel Columban und seinen Schülern. Dieser Berg- Uebergang wurde nun die gebräuchlichste Straße der fränkischen und carolingischen Fürsten; Pipins Heer zog über dieselbe dem Papst Stephan III . zu Hilfe, Karl der Große holte sich auf diesem Alpen¬ wege die Kaiserkrone, und die Lehrer, welche dieser erhabene Herr¬ scher aus dem Süden kommen ließ, um Bildung, Künste und Wissenschaften bei seinen Völkern einzuführen, mögen über die Felsenrücken des Lukmanier gewandert sein. Neben ihm bestand der Splügen, die alte Lombarden-Straße, als einer der bedeutendsten Heereswege des Mittelalters; schon zu Kaiser Antonins Zeiten war er eine bekannte Römer-Passage. Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen. Mit dem Zunehmen des Verkehrs zwischen dem Süden und Norden Europas, mit dem Beginn des transalpinen Landhandels, mit dem Aufkommen der pomphaften Römerzüge, welche die Deutschen Könige unternahmen, um sich vom Papst mit dem Deutschen Reiche belehnen und zum Kaiser krönen zu lassen, mit den Kämpfen derselben in Italien, kamen dann auch die Alpenpässe des Brenner, Bernhardin, Septimer und Julier in Aufnahme. Letzterer war vom 13ten bis 15ten Jahrhundert die Haupthandelsstraße zwischen Venedig und Deutschland oder Frankreich. Der Werth und die Bedeutung der Alpenpässe stieg von Jahrhundert zu Jahrhundert. Es giebt wenig große Heerstraßen Europas, die geschichtlich so denkwürdig und furchtbar-erhaben dastehen wie diese wilden Gebirgswege; die größten Feldherren fast aller Jahrhunderte haben um ihren Besitz gestritten, und auf den einsamsten Höhen, ja oft in Mitte des ewigen Schnees finden wir Trümmer alter Landwehren und Befestigungswerke, wie auf dem Gargellen-Joch im Rhätikon und auf dem zehntausend Fuß hohen Matterjoch die Theodul-Schanze. Wir brauchen nicht an Baldirons Schaaren im dreißigjährigen Kriege, an Suwaroffs schreckliche Kämpfe auf dem Gotthard und seinen Rückzug über den Pragel und Panixer-Paß, an Buonapartes Uebergang über den großen St. Bernhard zur Schlacht von Marengo und an Andreas Hofers Vertheidigung Tyrols zu erinnern, um die poli¬ tische und strategische Wichtigkeit der Alpenpässe darzulegen. Nicht die aufbauenden, segensvollen und länderbeglückenden Entwickelungs- Phasen des Friedens, nicht die mächtigen Pulsationen des völker¬ verbindenden, kulturfördernden Handels gaben die Veranlassung zu dem ersten Kunststraßenbau über den Simplon. — „Le canon, quand pourra-t-il passer les Alpes?“ war die wiederholt drängende Frage Napoleons I . an den rapportirenden Ingenieur-Offizier. Kanonen, Heeressäulen und Kriegestroß rasch und leicht übers Gebirge schaffen zu können, war der Zweck des großen Eroberers. Aber das kühne Berlepsch , die Alpen. 19 Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . Werk, dessen Ausführung kurze Zeit vorher für eine tolle Phanta¬ sterei gegolten haben mag, gab den Impuls zu anderen, ebenso großartigen Straßenbauten, deren jetzt mehr als ein Dutzend die Hoch-Alpen überspannen. Der Begriff „Alpen-Paß“ ist ein sehr relativer. Es giebt deren, die der gewöhnlichste Fußgänger sehr leicht und völlig ge¬ fahrlos passiren kann, die kaum einige Anstrengung verursachen, und es giebt andererseits wieder solche, die, über Gletscher und Eisfelder führend, nicht weniger Ausdauer, Sicherheit und schwindelfreien Kopf bedingen, als die Ersteigung bedeutender Alpengipfel. Man kann sie daher zunächst eintheilen in solche, welche zu Kunst- und Fahrstraßen gebaut sind, auf denen Winter und Sommer ein reges Leben herrscht und über die tägliche Eil- und Postwagen fahren; ferner in Saumpfade , die während der guten Jahreszeit lebhaft benutzt werden und selbst auch im Winter für Schlitten- Passage dienen, und endlich in solche, die nur Fußpfade oder Gletscherpässe sind. Die künstlich angelegten Alpenstraßen sind Meisterwerke der Baukunst, — Triumphe des menschlichen Verstandes und der eisernsten Ausdauer. Ihre Erbauer: Napoleon I ., Kaiser Franz I . von Oesterreich, König Victor Emanuel von Sicilien und die Schweizerischen Gebirgskantone Graubünden, Tessin und Uri haben sich Denkmale durch dieselben errichtet, welche die Pyramiden und Tempelbauten der alten Völker übertreffen. Es gab zwar schon vor dem Beginn unseres Jahrhunderts gepflasterte Alpenstraßen, wie z. B. die über den Septimer; aber ihre Anlage war so schwer¬ fällig und ohne alle Berücksichtigung für nur einigermaßen erleich¬ tertes Fortkommen, daß es für ein ziemlich gewagtes Unternehmen galt, dieselben mit Wagen zu passiren. Consul Buonaparte war, wie erwähnt, der erste kühne Unternehmer, der in den Jahren 1801 bis 1806 den fahrbaren Weg über den Simplon bauen ließ. Wichtig für den Handel waren von jeher die Pässe über den Gott¬ Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . hard, Splügen und Bernhardin. Seit vielen Jahrhunderten wur¬ den alle Waaren aus und nach Italien über diese drei Pässe auf dem Rücken der Maulthiere und Saumrosse getragen, die in oft langen Zügen die engen Gebirgswege ganz einnahmen. Graubün¬ den erkannte den unberechenbaren Werth fahrbarer Alpenstraßen und unternahm zuerst allein auf eigene Kosten den Bau der Bern¬ hardin-Straße während der Jahre 1823. bis Hierdurch wurde Oesterreich genöthigt dem Beispiel zu folgen und baute den Splügen; und als die Waldstätte, besonders Uri erkannten, daß der Waaren- und Personen-Verkehr, welcher bisher über den Gott¬ hard gegangen war, sich mehr den östlichen Fahrstraßen zuwandte, da wurde endlich 1828 bis 1830 auch dieser Paß gebaut. Alle Bergstraßen steigen dem Laufe ziemlich bedeutender Flüsse entgegen, wie z. B. der Gottbard der Reuß und dem Ticino, der Bernhardin dem Hinter-Rhein und der M ö esa, das Stilfserjoch der Adda und Etsch, der Brenner längs des Eisacktales u. s. w. An¬ fangs ist die Steigung meist eine sehr geringe, die Richtung eine ziemlich direkte. Je tiefer die Kunststraßen ins Gebirge eindringen, je lebendiger der Lauf der ihnen entgegenkommenden Bergwasser wird, desto mehr weichen Richtung und Steigung ab. Bald nöthi¬ gen enge Felsenschluchten zu komplicirteren Bauten. Hochgesprengte Brücken, durchbrochene Felsenthore, lavirende Zickzackwege beginnen, und die Steigung wächst auf 6 bis 7 Procent. Da die ganze Konfiguration des Alpengebäudes gen Norden eine flacher gedehnte, minder steile Abdachung zeigt als gen Süden, so häufen sich die Schwierigkeiten meist auch auf letztgedachter Seite. In zahlreichen Schlangenwindungen ( Tourniquets, Giravolte ) stuft sich hier die bald in den Fels eingesprengte, bald durch Mauerwerk gehobene Straße in der Schlucht hinauf. Die „Kehren“ oder „Ränk“, wie der Fuhrmann die Curven nennt, mittelst deren die Straße in eine höhere oder tiefere Etage tritt und die meist aufgemauert sind, sehen von der Tiefe wie übereinander errichtete 19* Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . Bastionen eines Festungswerkes aus. Am Auffallendsten zeigt sich diese Anordnung in dem jäh abfallenden Val Tremola , auf der südlichen Abdachung der Gotthardsstraße. Von Airolo hinaufstei¬ gend denkt man das Ende dieser Windungen nicht erreichen zu können; denn wenn man die Höchste erklommen zu haben glaubt, so wachsen immer und immer wieder neue, mit Schutzsteinen ge¬ spickte Mauer-Vorsprünge aus der öden, baumlosen, mit schwar¬ zen Glimmerschiefer-Trümmern bedeckten, steil aufsteigenden Halde heraus, und erst nachdem man 46 solcher Windungen überwunden hat, erreicht man das Hospiz. Reich an solchen Straßen-Zickzacken ist auch der Splügen, sowohl auf der Nordseite, als gen Süden nach Isola hinab, — der Bernhardin gegen das Dorf Hinterrhein zu, — und das Stilffer Joch vom Dorfe Trafoi aufwärts im An¬ gesicht des Madatsch-Gletschers und des gewaltigen Ortler-Massivs. Mitunter bedingt aber auch ein die Hauptrichtung der Straße durchschneidendes, tiefes Querthal die Umgehung desselben und verlängert dadurch die Linie außerordentlich. Dies zeigt sich ganz besonders bei der Ganther-Schlucht am Simplon. Dort muß, vom zweiten Stundenstein von Brieg im Wallis aus, die Straße eine volle Wegstunde östlich einbiegen, um den Uebergangspunkt der Ganther-Brücke zu gewinnen. Man sieht das in gerader Linie kaum ¾ Stunden entfernte, sechste Schutzhaus drüben über der tiefen Schlucht hoch oben liegen und braucht drei und eine halbe Stunde auf breiter ebener Chaussee, ehe man es erreicht. Um in den ungeheuerlichsten Gegenden, da wo die Schnee¬ stürme am Rasendsten wüthen, dem Wanderer im Winter eine Zu¬ fluchtsstätte zu bieten, sind in gemessenen Entfernungen feste, stei¬ nerne Zufluchtshäuser oder Refuges errichtet, die zum Theil von den für die Straßenarbeit und zum Wegbahnen angestellten „Rut¬ nern“ oder „ Cantonniers “ bewohnt werden, — eine Art sibirischer Verbannung. Während der wildesten Wintermonate findet der Hilfesuchende in den unbewohnten Zufluchtshäusern so viel gespalte¬ Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . nes Holz, um sich ein Feuer im Kamin anzünden zu können, und wohl auch ein Brod und ein Bündel Heu für den Fall, daß er und sein Roß durch Lauinensturz oder hoch verwehte Schneewege genöthigt würde, länger als einen Tag sich hier aufhalten zu müs¬ sen. Auf der Simplon-Straße sind außer dem großen Hospiz, dem alten Hospiz, den Dörfern Berisal, Simpelen und Gsteig dennoch innerhalb neun Wegstunden neun Zufluchtshäuser, von de¬ nen das 5te und 6te, so wie das 8te und 9te, je nur etwa eine gute Viertelstunde von einander entfernt liegen. Von noch größerer Wichtigkeit für die Sicherheit der Straßen im Winter und Frühjahr sind die Gallerien. Es sind entweder durch den Felsen getriebene Tunnel, wie z. B. auf dem Stilfser Joch die dritte Gallerie im Vallone della neve , — die Gallerien bei Gondo und Algaby am Südabfall des Simplon u. a. — oder künstlich aufgemauerte und gewölbte Gänge mit Schießscharten-ähn¬ lichen Oeffnungen, wie die in der Schöllinen-Schlucht beim Brüg¬ wald am Gotthard und auf vielen anderen Bergstraßen, welche die Bestimmung haben, Mann, Roß und Geschirr an notorisch unsiche¬ ren, den regelmäßig wiederkehrenden Grundlauinen ausgesetzten Stellen gegen das Begrabenwerden im Schnee zu sichern. Sie sind so fest konstruirt, daß die Lauinen mit ihren furchtbaren Sturz¬ schlägen den in den Gallerien Weilenden nichts anhaben können und donnernd über dieselben hinweg der Tiefe zu wettern. Frei¬ lich ists auch schon begegnet, daß Schneeflächen in ungewöhnlicher Breite losrissen und die Gallerien an beiden Ausgängen verschütte¬ ten. Indessen kommt dann gewöhnlich rasch Hilfe der Rutner, welche die Schnee-Barrikaden durchbrechen und die Eingeschlossenen befreien. Es giebt aber auch Gallerien, welche zum Schutz gegen das Wasser errichtet werden mußten, weil Bergströme in breiten, vollen Kaskaden direkt auf die Straße herniederschießen und die Passage unmöglich machen würden; eine solche ist die „Kaltwasser-Gallerie“ auf dem Simplon. Hier hängt der Kaltwasser-Gletscher in nächster Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . Höhe dräuend über der Straße und entsendet während der wär¬ meren Jahreszeiten einen kräftigen Bach milchig-trüben Abschmelz- Wassers, das in lustigem Bogen über das mittelste der eilf Gallerien- Fenster herabbraust. Der Wanderer steht hinter dem Wasserfall in der mit Kalksinter überzogenen Gallerie und sieht durch die jagenden Strahlen-Garben hindurch. Aber auch außerdem schützen die Gal¬ lerien im Frühjahr noch gegen die während des Winters durch herabträufelndes, wiedergefrierendes Schneewasser gebildeten, kolos¬ salen Eiszapfen, welche im Frühjahr sich von den zu Häupten hangenden Felsenmassen ablösen und mit Blitzgeschwindigkeit in furchtbarer Vehemenz herniederschmettern. Die längste aller Schutzgallerien ist die all' aque rosse ge¬ nannte 1530 Fuß lange auf der Splügenstraße, die ihren Namen vom herabsickernden, eisenhaltigen Wasser, welches die Felsen roth färbt, erhalten hat. Sie will freilich gegenüber den Riesenarbeiten der Neuzeit, z. B. gegen den 8310 Schweiz. Fuß langen Hauenstein- Tunnel (Baselland) wenig bedeuten, galt aber lange als ein Wun¬ derstück alpiner Baukunst. — Kreuze an der Straße bezeichnen die Stellen, wo Wanderer, durch Lauinen oder Schneestürme verschüttet, den Tod fanden. Den Paß-Scheitel bezeichnet in der ein hochaufgerichtetes, großes, roh-gezimmertes, hölzernes Kreuz als Siegeszeichen, daß die Höhe des Weges erreicht ist, als Mahnung zum Dankgebet für Gottes Schutz. Die Hospitien oder Berghäuser liegen gewöhnlich schon wieder etwas südlich unter der Uebergangshöhe, um gegen die von beiden Seiten antobenden Stürme einigermaßen geschützt zu sein; so ists auf dem Simplon, Gotthard und Splügen. Auf diesen cultivirten Alpen-Uebergängen waltet noch die alte, reichbelebte, vielgestaltige Landstraßen-Romantik, welche die Eisenbahnen in der Ebene völlig verdrängt haben. Da bimmelt noch das weittönende, disharmonische Schellengeläute von dem Sechsgespann der schweren, robusten Fuhrmannspferde vor dem hoch¬ Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . gewölbten, mit weißer Plane straff überzogenen, breiträderigen Fracht¬ wagen, und der roh-gemüthliche Blaukittel klatscht seine Peitschen- Variationen dazwischen und accompagnirt dieselben bisweilen mit einer Auswahl der gebräuchlichsten Kernflüche. Staub dampft in langgezogenen Wolken auf. Ein welschländer Viehhändler treibt seine Heerde jungen, schwarzen und dunkelbraunen Melkviehs und eine Anzahl „Määßstiere“, die zur Mastung bestimmt sind, auf den Lauiser (Lugano) Markt. Voran geht der Knecht mit dem halb¬ hohen Bergstecken und dem obligatorischen Regenschirm unterm Arm (denn kein Tessiner und kein Appenzeller geht auf die Reise ohne dieses Präservativ-Mittel). Auf der Schulter hängt der „Melk¬ tern“, und laut johlend erschallt sein hocheingesetztes, anhaltendes, dann aber im geschleiften Tonfall sinkendes „Ooo — — — ohoho¬ hohoho, komm wädli, wädli, wädli!“ womit er das Vieh lockt, weidlich voranzuschreiten. In Mitte der blöckenden Rinderschaar, mehr treibend als haranguirend, dagegen kräftig demonstrativ auf den Rücken seiner nächsten Umgebung mit Stockprügeln einwirkend, geht ein Dolmetscher, ein heruntergekommener Viehhändler, der sein Hab und Gut durch fehlgeschlagene Spekulationen verlor. Er ist des italienischen Patois völlig mächtig, weil er seit einem Vierteljahrhundert ununterbrochen nach der Lombardei handelte und Vieh trieb. Jetzt, da ihm das letzte Stück daheim vergantet worden ist, dient er seinem Nachbar als Mäkler und Unterhändler um Tagelohn und Tantième . Den Schluß des ganzen, langausgedehnten Zuges bildet der eigentliche Entrepreneur der Alpen-Karavane. Der größte Theil seines Vermögens steckt in diesem wandernden Kapital. Jetzt kommts auf gut Glück an, ob die Nachfrage lebendig ist, ob gute Preise gelten, oder ob der Markt mit schönem Vieh über¬ trieben und das Verlangen flau ist. Schlägt die Spekulation ein, so kann er einige tausend Franken rasch verdienen. Aber ebenso viel kann er auch verlieren, wenn er um jeden Preis losschlagen muß; denn seine fünfzig Stück Jungvieh zehn bis zwölf Tage Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . über einige Bergpässe wieder heim zu treiben, für die er nicht genug Futter hat, sie zu überwintern, das käme ihm noch theuerer. Tief sinnend schreitet er hinter seinem Schicksalszuge her. Da schreckt ihn Wagenrollen, lautes Geschrei, Verwirrung in der Heerde aus seinen berechnenden Meditationen auf. Der Eilwagen kommt in raschem Trabe von der Paßhöhe herab; der auf hocherhabenem Sitze seiner kutscherlichen Würde vollbewußte Postillon, dem als einer dem Staate dienenden Person Alles, selbst eine Heerde Rind¬ vieh ausweichen muß, fährt scharf in die gehörnte Schaar hinein. Toben und Fluchen, Locken und Prügeln der Treiber, — Peitschen¬ knall und Gelächter des Rosselenkers, Angstgeschrei einer nerven¬ schwachen Dame im Coup é , welche für ihre persönliche Sicherheit fürchtet, Blöcken der Kühe aus allen Tonarten und heiseres Hunde- Gebell vermengen und verwickeln sich mit den dicken Staubwolken zu einer großen katastrophetreibenden Scene. Einige Kühe kehren um und wollen den Heimweg antreten, aber „Schnautz“, der vigi¬ lante, alt-erprobte Heerdenhund, der nur die ihm obliegende Pflicht des striktesten, unbedingtesten „Vorwärts“ kennt und keine Notiz von den hindernden Umständen nimmt, übt seine Ordnungspolizei mit unerbittlicher Strenge aus; er hat so eben mit der „B'plätzed“ (einer gescheckten Kuh, die an der Stirn einen weißen „Plätz“ oder Flecken hat) einen Kampf zu bestehen, die den Beweis ihres Rechtes mit dem Kopfe durchsetzen will, während „s'Möhrli“, ein sanftes, verständiges Kuhtschi ruhig ihren Schritt fortgeht. Sie ist darum auch gewürdiget, den zusammengerollten Mantel des Herrn als Halsband zu tragen. Die Viehtreiber schimpfen gegen den Postillon und Kondukteur, der auf dem Wagendeck liegend, den ihm zuständigen Sitz an einen Engländer abgetreten hat; die Postleute repliciren in gleicher Weise. Durch den Alles umbrau¬ senden Tumult werden die Pferde unruhig, — eines springt über die Stränge, die Verwirrung nimmt zu, der Eilwagen muß halten. Gro¬ ßer Moment! Allgemeiner Skandal! Stürmische Sprachverwirrung! Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen. Briccone! Kaibe-Dunders-Hagel! maldetto villano! scempiotto! Strahls-Chogg!“ schreits und tobts von beiden Seiten. „A delightful complication! En avant la voiture! Jar kene Ordnung nich!“ tönts aus der Diligence. Endlich löst sich der Kon¬ flikt. Die Heerde zieht weiter bergwärts, der Wagen rollt mit doppelter Geschwindigkeit dem Thale zu. Die vielen Krümmungen des Weges hindern den gewandten, mit fester Hand vom hohen Bock herab leitenden Wagenlenker nicht, den scharfen Trab beizube¬ halten. Im „Nu“ eilt er am begegnenden Kameraden vorüber, der abgestiegen, neben den Pferden herschlendert und nur langsam den schweren Transport bergauf zu schaffen vermag. Ein spöttelnder Zuruf begrüßt diesen, der ihn am folgenden Tage mit Protest bei abermaliger Begegnung zurückgiebt. Ueber Alle fliegt indessen un¬ geahnt, ungehört und ungesehen an den Eisendrähten des Tele¬ graphen, der jede Alpenstraße begleitet, die Nachricht aus der italienischen Halbinsel herüber: „Garibaldi hat Palermo einge¬ nommen!“ — Wie ganz anders gestaltet sich das Leben auf der Alpenstraße im Winter. Schon Mitte Oktober legen die ersten, von den Wol¬ ken abgeschüttelten Schneeladungen auf dem gefrorenen Boden der Paßhöhen den Grund zum späteren Schlittwege. Ist der Herbst heiter und sonnenhaft, weht vorherrschend warme Südluft, so wer¬ den diese Fundamentalschichten wohl theilweise wieder durch die Tageswärme aufgelöst. Aber immerhin bleiben sporadische, kleine Reste liegen, die namentlich auf der Schattenseite und durch die nächtlichen Fröste sich konserviren. So oft es im Thale regnet, schneit es auf den Höhen. Diese schüchternen, immer noch wieder zurückgeschlagenen Versuche wiederholen sich, bis eines Tages die ganze Gegend bis weit hinab eingeschneit ist und der Winter seinen völligen Einzug hält. Jetzt wird der Berg für Räderfuhrwerk gesperrt; der Schlittendienst beginnt, sowohl für die Post, als für den Frachttransport. Auf den französischen Pässen über Mont Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . Cenis (6354 Fuß), Col de Lautaret (6443 Fuß) und Mont Genèvre (5741 Fuß) in den Grajischen Alpen, zeigt er nichts sehr Auffallendes. Die Reisenden werden in große, sechssitzige Postschlitten gepackt, die 10 bis 12 Pferde Vorspann erhalten. Schimmel sind seit Olimszeiten zu diesem Dienst bestimmt, weil „ Cavallo bianco mai stanco “ weiße Pferde nie müde werden. Statt der Glasfenster müssen hölzerne Klappladen den Dienst ver¬ sehen, durch deren klaffende Fugen und Astlöcher der Sturm pfeift und den feinen, staubartigen Schnee in den dunkeln Raum hineinkontrebandirt. Anders ists auf den Walliser und Graubünd¬ ner Paßstraßen, über welche jetzt mit schweizerischem Geschirr der Postdienst bis Colico piano am Comersee (Splügen-Passage) und bis Arona am Lago maggiore (über Simplon) besorgt wird. Mit großen bequemen Wagen fährt man, so weit es „aber“, d. h. so weit die Straße schneefrei ist, am Berg empor. Sporadische Schneeflecken zu beiden Seiten melden die absolut-winterliche Region an. Kommt nun endlich der konstante, weiße, glatte Gleitweg, dann erblickt der Passagier eine Anzahl kleiner, ein- und zweisitziger Schlitten, die ohne Dach und Fach, ohne Bewachung sicher und unangetastet hier umgestürzt neben der Straße liegen. Scenen, die an Nordpol-Expeditionen lebhaft erinnern, ent¬ wickeln sich nun hier. Der Postillon tritt mit beiden Füßen eine Futter-Krippe in den Schnee, wirft Heu hinein, daß die Pferde eine Interims- „Collazione“ einnehmen und zu neuer Anstrengung sich restauriren können; der Kondukteur wählt die für seinen jedes¬ maligen Transport geeignetsten Fahrzeuge aus, läßt sie auf die Kufen stellen, und die Umladung der Güter, Briefsäcke, Koffer, und Passagiere beginnt. Letztere erhalten jeder einen hieb- und schußfesten, dicken Büffel-Mantel. Es ist ein rühmenswerther Akt der Humanität, daß die Eidgenossenschaft solche zweckmäßige Prä¬ servative hier bereit hält. Wenn es ein trockener, kalter Winter¬ tag und heller Himmel ist, dann herrscht in der Regel das hei¬ Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . terste, ungezwungenste Leben unter den Reisenden; Maler würden Stoffe zu drastischen Genrebildern, voll des köstlichsten Humors, finden; — Seitenstücke zu den sommerlichen Rendez-vous unter den Wettertannen. Windet und schneiet es aber scharf, hängt die Atmosphäre voll mißmüthig-grauer Wolken und heult der Sturm in den Felsengassen, dann giebts freilich herzlich unliebsame Scenen. — Der große, feste Eilwagen bleibt nun gut verschlossen ebenso schutzlos und unbewacht seitwärts an der Straße stehen wie vorher die Schlitten, bis die über den Berg entgegenkommende Post an dieser Stelle die Schlitten verläßt und die gleiche Trans¬ lokation der Passagiere im umgekehrten Verhältniß vornimmt. Früher gabs Schlitten zum Transport für weibliche Reisende, in welche die Personen wie Wickelkinder eingepackt wurden. Diese be¬ standen aus langen, sargähnlichen Kasten mit reinlichen Betten, so daß eine Person völlig ausgestreckt sich hineinlegen konnte, mit einer vierfachen wollenen Decke und darüber mit einem fest¬ geschnallten Wagenleder bis an den Oberkörper zugedeckt wurde. Es war eine gegen Kälte und Wind vollkommen schützende Ein¬ richtung. Begreiflich mußte die Reisende auf der Höhe des Passes ihre Lage ändern, um mit dem Kopfe höher zu liegen als mit den Füßen. Jeder Postschlitten erhält nur ein Pferd. Im ersten sitzt der Postillon, im letzten der Konducteur, um den ganzen Zug überschauen zu können. Die Pferde aller übrigen Schlitten gehen ohne Leitung. Ist starker Schnee gefallen, so wurde schon vorher ein mit Ochsen bespannter Bahnschlitten vorausgesandt, den ein halb Dutzend starke Männer, die Rutner, mit Schaufeln be¬ gleiten, um, wo nöthig, nachzuhelfen. Höchst umständlich und kostspielig ist die Beförderung von herrschaftlichen Reisewagen in dieser Jahreszeit; sie müssen auseinander genommen, in ihre Theile zerlegt und auf mehrere Schlitten verpackt werden, wobei dann jener, welcher den Kutschenkasten trägt, noch ganz besonderer Bedienung Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . und eines ununterbrochenen Anspannens mit Balancir-Seilen be¬ darf, um nicht das Gleichgewicht zu verlieren. Da, wo einfache La¬ dungen leicht und ungefährdet über etwas schmale Stellen hin¬ weggleiten, läuft so ein Kutschkasten-belasteter Schlitten nicht selten Gefahr, in den Abgrund zu stürzen, wenn nicht die begleitende Mannschaft frisch und umsichtig Hand anlegt. Denn je weiter man am Berge hinaufkommt (besonders an freien, dem Spiel der Winde ausgesetzten Wendungen), desto ungleicher wird die An¬ häufung des Schnees. Einzelne Stellen erscheinen wie gefegt, so dünn liegen die glitzernden, winterlichen Krystalle auf der Straße, während an anderen Stellen ungeheuere Massen zusammengeweht wurden. Je tiefer im Winter oder gegen das Frühjahr zu man nun den Berg passirt, desto größer ist begreiflich auch das Schnee- Quantum. Da ists denn nicht selten der Fall, daß der Weg, trotzdem er über 6 bis 10 Fuß hohe Schneelagen führt, dennoch zwischen stockwerkhohen Schnee-Batterien durchläuft, oder wo durch Lauinensturz oder „Weheten“ der Schnee so gewaltig ange¬ häuft ist, daß man wirkliche, jähe Hügel mühsam überklettern müßte, da brechen die Rutner Gallerien und Tunnel durch dieselben. Die allergefährlichsten Passagen sind im Frühjahr jene, welche an Abgründen vorüberführen. Nach und nach baut der angewehte Schnee nämlich überhangende Vorsprünge an, die wie kolossale Dachtraufen über das eigentliche Straßen-Fundament oder die Stütz¬ mauern frei hinausragen. Gar leicht läßt sich der mit der Straße nicht ganz speciell bekannte Fuhrmann oder Postillon, bei der gänzlich veränderten und maskirten Gestalt des Wegs, verlei¬ ten, den scheinbar bequemeren, am äußersten Rande hinführenden Pfad zu wählen, nicht ahnend, daß er im eigentlichsten Sinne durchaus keinen Boden unter den Füßen hat und mit seinem Ge¬ schirr gleichsam schwebend über einen Abgrund hinfährt. Ein geringfügiger Umstand kann solch eine Schneelehne, die den ganzen Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . Winter über wie mit Cement gemauert steinfest hielt, zum Sturz bringen und Roß und Mann tief drunten begraben. Es ist dies (neben den zahlreichen Lauinenstürzen) eine jener vielen Ursachen, welche den steilabfallenden, in Schlangenwin¬ dungen aufgemauerten, engen Paßschluchten so ominöse Namen gaben, wie am Gotthard das Val Tremola (Thal des Zitterns), am Splügen oberhalb Isola den Passo della Morte (Todespaß) ꝛc. Der Weg ist im Winter bei tiefem Schnee nur immer für eine Schlittenbreite geöffnet; zu beiden Seiten sind hohe Schnee- Wälle emporgeworfen. Darum sind Ausweichstationen nothwendig, wo die von der Höhe kommenden Ueberberg-Karavanen an ausge¬ buchteten Stellen warten müssen, wenn sie eines Zuges in der Tiefe ansichtig werden, bis dieser mit ihnen gekreuzt hat. An denjenigen Stellen der Straße, die in Windungen ansteigen, ists der Fall, daß die Postillone dem vordersten Pferd noch einen kräftigen Streich mit der Peitsche versetzen und dann vielleicht für eine Viertelstunde das Geschirr verlassen, um auf näherem, nieder¬ getretenem Wege gerade aufzusteigen. Die Reisenden pflegen dann, wenn das Pferd ermatten will, durch einen Schneeballen- Wurf dasselbe anzuspornen. — Es giebt dann aber auch Zeiten, in denen die Straße streckenweise so unbedingt ausfüllend verweht wird, daß die Post faktisch auf dem Paß stecken bleibt und sich gratuliren muß das Hospiz oder Berghaus zu erreichen. Hier pausirt sie vielleicht einen ganzen Tag lang, bis die Straße wieder genügend praktikabel gemacht ist. Weihnachten 1859 mußten 4 Kondukteure 4 Tage lang auf dem Gotthardshospiz die Oeffnung des Val Tremola abwarten. Dieses Oeffnen und Fahrbarhalten der Straße ist Sache der Rutner, Rottori oder Cantonniers . Man wähnt im Flachlande, der Forst- und Hüttenmann, der Bauer und Chausseewärter und ähnliche Leute seien völlig gegen Wind und Wetter abgehärtet. Es fragt sich, ob sie jenes unerhört-zählebige Wesen, jene fast un¬ Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . verwüstliche Ausdauer und jene Stahl- und Eisenkräfte entwickeln könnten, ohne welche der Rottore nicht denkbar ist. Es liegt schon im Mark und Bein des Bergmannes, in seinen, man möchte sagen, zu Federharz gewordenen Sehnen und Muskeln, in den (wie es scheint) gegen die Kälte-Einwirkungen wie abgestumpften, härteren Organismen des menschlichen Körpers, daß er ein ganzes Mannes¬ alter hindurch, Jahr für Jahr, den gefährlichen und beschwerlichen Dienst bei guter Gesundheit verrichtet. — Die Rutner werden von den betreffenden Landesregierungen (auf dem Gotthard von der Schweizerischen Eidgenossenschaft, die jährlich fünfzig bis sechszig Tausend Francs für den Schneebruch dieses einzigen Passes be¬ zahlt) angestellt. In früheren Zeiten, bevor eigentliche Straßen- Ordnungen bestanden, geschah es, daß die Kommunikation halbe Monate lang durch übermäßigen Schneefall gehemmt war; jetzt kann eine solche Unterbrechung sich höchstens nur auf einen bis zwei Tage ausdehnen. Gewöhnlich wird die Arbeit in zwei große Hälften getheilt. Die erstere ist die sogenannte „Fürleite“. Sie hat, so oft es stark schneite, den eigentlichen ersten Durchbruch zu erzwingen. Mit einem Dutzend fester, starker Zugochsen vor dem Bahnschlitten, geht der „Fürleiter“ ins wüste Schnee-Dickicht hinein. Ein Thier wird vor das andere gespannt, weil zwei nebeneinander sich leicht im Geschirr verwickeln würden. Die besten und dauerkräftig¬ sten Pferde würden viel leichter ermüden als das Ochsengespann. Durch diese, auf beiden Seiten des Berges in Angriff genommene erste Arbeit entsteht nur ein unbedeutender Pfad. Die begleitenden Rutner gehen hinter dem Schlitten her und schaufeln die erste Weg-Anlage einigermaßen aus. Eine zweite Arbeiter-Kompagnie ist weniger radikaler Natur; sie hat die konservative Aufgabe, den nun einigermaßen geöffneten Graben auszuweiten und in fahr¬ barem Zustande zu erhalten. Es sind die „Weger“ oder Rutner mit dem „Hauptweger“ an der Spitze. Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . So gefahrvoll beide Zweige dieser Arbeit sind, so selten ists der Fall, daß Leute dabei umkommen. Sie kennen die örtlichen Beschaffenheiten des Berges so genau wie die Lokalitäten ihrer Wohnstube; sie achten vorsichtig auf jede Wind- und Wetter-Aen¬ derung und taxiren deren Folgen, — sie wissen den Lauinen fast instinktmäßig auszuweichen. Postillone, Fuhrleute, Säumer, überhaupt, wer den Berg überschreitet, — Alle beachten genau die Mahnungen und Rathschläge der Rutner, und wo dieselben aus Uebermuth oder Leichtsinn verworfen wurden, erfolgten gewöhnlich Unglücksfälle. Ist nun die Höhe von der Post glücklich erreicht, haben Passagiere und Pferde sich gestärkt, dann gehts mit blitzschneller Geschwindigkeit unter lautem Jauchzen und Jubeln, durch die eisig¬ wehende Winterluft hinab. Bisweilen schneidet der ganze Zug schnurgerade die Straßenwindungen ab, wenn der Schnee nicht zu hoch liegt oder wo eine Diagonal-Linie ( Contrapendenza ) gebro¬ chen wurde. Nach Mühseligkeiten vieler Art kommt der Reisende wieder im Thale an, und begrüßt mit freudigen Gefühlen die Wohnungen des ersten Dorfes. Im Vergleich mit den im Flach¬ lande häufig vorkommenden Unglücksfällen durch umgeworfene Postwagen und scheue Pferde, begegnen auf den Alpen-Passagen glücklicherweise wunderbar wenig Schreckens-Ereignisse dieser Art. Um solche aber auch, wenn sie vorkommen sollten, so viel immer möglich, in ihren Effekten zu schwächen, werden im Winter auf den Schweizer Alpenstraßen nie gedeckte, mit Fenstern versehene Schlitten benutzt, damit, im Falle des Umwerfens, die Passagiere nicht durch Glasscherben verwundet werden können. Aus gleichem Grunde haben die französischen und sardinischen Ueberberg-Schlitten nur hölzerne Jalousien statt der Glasfenster. — So ist das Leben auf den fahrbaren Bergstraßen. Wesentlich anders gestaltet es sich auf den vielbegangenen, nicht fahrbaren Alpenpässen. Dort zeigt sich das Verkehrsleben Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . noch in seiner uralterthümlichen, naiv-naturwüchsigen Einfachheit sowohl im Charakter der Straßen-Anlage, als aller darauf bezüglichen Einrichtungen. Wo die Natur den Durchgang nicht genügend öffnete, da haben Menschenhände nur wenig nachgeholfen, und wo Sümpfe oder weichender Boden den Pfad unsicher machten, ver¬ senkte der Alpenbauer ungeschlachte Felsentrümmer und schuf ein Cyklopenpflaster, das einigermaßen an die hie und da vorkommen¬ den Fragmente alter Römerstraßen erinnert. Hier durchwandert der Berggänger an lauinengefährlichen Stellen keine Schutzgallerien, nirgends gewähren Zufluchtshäuser Rettung bei einbrechenden Schneestürmen. Höchstens errichteten die korrespondirenden Thal¬ schaften auf der Uebergangshöhe, wie z. B. auf dem Fluela-Paß in Graubünden, eine ärmliche Holzhütte, in der den Pferden etwas Futter gestreut werden kann, oder kunstlos improvisirte Steingaden, wie an der Daubenkehr auf der frequenten Gemmi-Passage. Uebri¬ gens ist es todt und erstorben zwischen den Ausgangs- und End¬ punkten, und Pferdegerippe, neben dem Wege liegend, berichten von den zahlreichen Unglücksfällen, die in diesen Einöden zur Winters¬ zeit sich ereignen. Denn die meisten Pässe sind landschaftlich außerordentlich langweilig und ermüden den Fußgänger durch ihre unerquickliche Monotonie. In breiter, einförmiger Gebirgs-Rinne, zu beiden Seiten von uninteressanten Felsenformen eingeschlossen, und von einem indifferenten Gebirgsbach ohne sonderlich schöne Kaskaden durchflossen, steigen die Paß-Aufgänge mehrere Stunden lang auf holperig-steinigem Wege an, gewähren auf der Höhe weder Fernsicht noch entschädigenden Tiefblick, sondern führen, der vorhergehenden Partie entsprechend, wieder in gleicher Weise ins jenseitige Thal hinab. Dies ist ganz besonders bei vielen Tyroler und Schweizerischen Voralpen-Pässen der Fall. Der Pragel zwischen Glarus und Schwyz (4750 Fuß) ist ein Muster dieser Langweilig¬ keit, welcher aber auch mehrere andere Pässe der eigentlichen, inneren Alpen, z. B. der Septimer (7114 Fuß), der Albula und Fluela in Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . Graubünden, über das Pfietscher Joch (6905 Fuß) und mehrere Pässe über die Tauern nicht nachstehen. Wesentlich energischer, unterhaltender, formenreicher und oft überraschend schöne Aussichten plötzlich erschließend, sind die Pässe der centralen und westlichen Schweiz. Zu diesen gehören zuvörderst jene, die wegen ihrer großen Frequenz einigermaßen mit Schutzmitteln ausgestattet sind. Vornehmster Repräsentant derselben ist der Große St . Bernhard zwischen Wallis und Savoyen mit seinem berühmten, gastfreundlichen Hospitium. Er ist nicht minder Wanderziel sommer¬ licher Touristen als Reisemittel für jährlich viele Tausende. An Wichtigkeit ist ihm die Grimsel (Paßhöhe bei der Hausegg, 6785 Fuß) zur Seite zu stellen; über diesen Paß wird der bedeutendste Kä¬ sehandel aus dem Kanton Bern nach Italien getrieben. Er gehört zu den begangensten Alpen-Passagen, weshalb auch die Thalschaft Hasli ein festes, steinernes Gebäude als Hospitium unweit der Paßhöhe gründete und dotirte. Jeder arme Wanderer wird hier, wie auf dem Gotthard, Simplon und Großen St. Bernhard, im Win¬ ter wie im Sommer unentgeldlich übernachtet und verpflegt. Der dritte, mit solchen Hospitien ausgerüstete, nicht fahrbare Hochalpen- Paß ist, der Lukmanier in Graubünden, bezüglich seiner Umgebung gleichfalls wieder ein Muster landschaftlicher Langweiligkeit. Auf und an vielen Hochalpenpässen, die zur täglichen Kommu¬ nikation dienen, sind „Berghäuser“ oder „Taurenhäuser“, wie sie in Tyrol heißen, erbaut, die von Bauern bewirthschaftet werden, wo man gegen Zahlung, wie in anderen Wirthshäusern, dürftiges Lager und Zehrung erhält. Deutsche Berühmtheit hat das Berg¬ haus Schwarenbach auf dem Gemmi-Paß durch Werners Schauer- Komödie „der vierundzwanzigste Februar“ erhalten. Die dort zu Grunde gelegte, verhängnißvolle Mordthat ist indessen leere Fiktion. — Gemmi und Grimsel, wie fast alle aus den Berner Alpen ins Wallis führenden Pässe, erschließen auf ihren Höhen, wenn auch be¬ schränkte, doch imponirende Aussichten auf bedeutende Hochalpengruppen. Berlepsch , die Alpen. 20 Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . Da der südliche Abhang der Alpen, wie schon früher erwähnt, immer steiler ist als der gen Norden auslaufende, so sind auch die Paßniedergänge an dieser Seite immer jäher und stotziger. Von der Grimsel-Höhe führt der gut geebnete Pfad über die steile Meyenwand zum Rhône-Gletscher hinab, und an der Gemmi wurde ein solcher gar in die fast vertikal sich erhebende, beinahe 2000 Fuß hohe Balmwand gesprengt. Es ist einer der abenteuerlichsten Wege, der überhaupt in den Alpen vorkommt. Eine tiefe, düstere Felsen¬ spalte klafft von unten bis hinauf in der Wand; in dieser wurde durch künstliche Aufmauerung oder durch Ausbrechen ein etagen¬ förmig sich übereinander emporwindender Felsengang erzwungen, der dem Wanderer selten mehr als einige Dutzend Schritte zeigt. Lautschallendes Echo, wie in den leeren Hallen einer großen Kirche, begleitet jedes gesprochene oder gerufene Wort. Mehr als eine halbe Stunde lang hört der vom Bade Leuk aufsteigende Wanderer in der senkrechten Schlucht von oben herab die Jauchzer der Herunterkommenden, ohne sie früher zu sehen, als bis er ihnen un¬ mittelbar begegnet. Mitunter ist der durch Brustwehr-Mauern ge¬ schützte Niederblick in die felsige Wüstenei mehr als schauerig, und während 1½ Stunden sieht man, so oft der Weg sich wieder aus¬ buchtet, immer aufs Neue das Leukerbad senkrecht zu Füßen liegen. Auf diesen Pässen begegnet man zur Seltenheit noch dem „ Säu ¬ mer und seinen Saumrossen .“ Seit dem Bau der Kunststraßen ist diese, Jahrhunderte lang, während des ganzen Mittelalters bis auf die jüngst vergangene Zeit gebräuchliche Art des Transportes der Handelswaaren auf dem Rücken der Pferde und Maulthiere, fast gänzlich verschwunden. Nur auf den nicht fahrbaren, aber dennoch sehr frequenten Alpen¬ pässen, wie z. B. auf der Gemmi, begegnet man denselben noch vereinzelt. Jedes Saumthier trägt einen aus hölzernen Sparren konstruirten Sattel, der auf beiden Seiten weit herabreicht und den Rücken vom Halsbug bis zu den Hüften überdeckt. An und Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . auf diesen Sattel werden die Waarenballen, welche eine ziemlich gleichmäßige Gestalt haben müssen, so vertheilt aufgeladen, daß die ganze Last von höchstens drei Centnern im Gleichgewicht hängt. Herkömmlich ists, daß die Saumthiere Maulkörbe tragen; man traf diese Einrichtung, um zu verhindern, daß die Pferde wäh¬ rend des Marsches am Wege stehendes Gras abweiden und da¬ durch den ganzen Zug der hintereinander gehenden Thiere auf¬ halten. Außerdem war jedes Saumroß mit einer Glocke ver¬ sehen, damit auf den früher sehr schmalen Pfaden, namentlich während der Winterszeit, einander begegnende Karavanen an den bestimmten Ausweicheplätzen ungehindert passiren konnten. Ueber die ganze Last des Thieres wird eine große Wachstuch-Decke aus¬ gebreitet, meist braunroth bemahlt und mit dem Namen des Säu¬ mers versehen. Da auf jeder Seite des Packsattels die aufge¬ ladenen Waaren ziemlich weit hervorstehen, so bedarf jedes Pferd begreiflich einen ziemlich breiten Weg-Raum, und dieser Umstand nöthiget die Thiere, nicht in der Mitte des Pfades, wo sie an den steilen, oft hervorstehenden oder überhängenden Felsen-Ecken leicht anstoßen oder hängen bleiben könnten, zu gehen, sondern längs dem Rande des Paß-Weges, also oft unmittelbar an Ab¬ gründen. Eine Kleinigkeit, ein einziger unvorsichtiger Tritt, kann das Thier zum zerschellenden Sturze in Schauertiefen bringen. — Diese Kavalkaden, ein Saumroß hinter dem andern, von Weitem durch lautes harmonisches Gebimmel schon sich ankündigend, waren ehedem eine wesentlich zierende Staffage der Alpenlandschaften. Jeder Säumer führte 6 bis 7 Pferde, und eine solche Sektion wurde ein „Staab Rosse“ genannt. Die Unternehmer dieser organisirten Alpen-Karavanen theilten sich, je nach der Strecke, welche ihre Transport-Züge zu begehen pflegten, in „ Strackfuhrleute oder Adrittura -Säumer“ und in „ Rood¬ fuhrleute .“ Erstere passirten den Berg, ohne ihre Waaren ab¬ zugeben, vom italienischen Stapelplatz (Chiavenna, Bellinzona, 20* Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . Meran, Aosta u. s. w.) bis zu dem diesseit der Alpen gelegenen Speditions-Orte; letztere jedoch gingen nur bis auf den Scheitel des Berges, wo die Mauthhäuser, Susten oder Dogana standen, und dort wurde umgeladen, — dort übergaben die „ennetbirgischen“ oder wälschen Säumer ihr Frachtgut den „dissentbirgischen Roo¬ dern.“ Gewöhnlich trafen sie um die Mittagszeit droben ein und da entwickelte sich denn für wenige Stunden ungemein reger Ver¬ kehr und lautes, schreiendes Leben in diesen sonst todten Einöden. Diese Transport-Art ist, wie gesagt, seitdem fahrbar-gemachte sichere Kunststraßen bestehen, gänzlich verschwunden. Auch die Zoll- und Mauth-Häuser auf den Paßhöhen und an den Linien, die innerhalb der schweizerischen Eidgenossenschaft liegen, sind einge¬ gangen und werden zu anderen Zwecken verwendet, seit eine allge¬ meine, große Grenz-Zollkette alle Kantone umfaßt; nur noch einzelne Namen, wie z. B. Dazio grande (großer Zoll) im Livi¬ nenthal auf der Gotthards-Route, erinnern an die alten Zustände. Innerhalb der ganzen Schweiz existiren seit der neuen Bundes- Verfassung von 1848 weder Zölle noch Chaussee- und Brücken- Gelder. Das Saumroß, so wie das noch heutigen Tages vielfach be¬ nutzte Bergpferd, welch letzteres zum Tranport der Touristen im Sommer, so wie in manchen Gegenden zum Hinauf- und Herab¬ schaffen der Sennhütten-Utensilien und Milchprodukte von und nach den Alpweiden verwendet wird, ist kleinen, gedrungenen Schlages, derbknochig und muskelkräftig, keinesweges schön und ebenmäßig im Bau. Seine Beine sind kurz, die Hufen plump, aber mit langen Fesseln, wodurch größere Elasticität in den Gang kommt; in der Brust ist es sehr breit, hinten meist überbaut und im Haarwuchs an den Mähnen und Füßen gewöhnlich verwildert. Steht es nun auch an Lebhaftigkeit des Temperamentes, an Grazie der Bewegung und Adel der Haltung, als Arbeitspferd hinter dem bevorzugten Reit- und Wagenpferde des ebenen Landes Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . unverkennbar zurück, so giebt es diesem an Treue, gutem Willen und Klugheit, überhaupt an soliden, praktischen Eigenschaften nicht nur nichts nach, sondern übertrifft dasselbe noch, was Vorsicht und wunderbar fein ausgebildeten Instinkt anbelangt. Es geht unge¬ mein sicher; sein Schritt auf dem rauhen, steinigen und abschüssi¬ gen Pfade ist bedächtig ausgewählt, und höchst selten wird man ein Saumroß stolpern oder straucheln sehen. Läßt man ihm freie Wahl, so findet es selbst, ohne unzeitiges Leiten und Lenken, die rechten, ihm passenden Tritte und vermeidet den äußersten, am Abgrunde hinführenden Wegrand, wo es denselben zu fürchten hat. Der nunmehr eingegangene Stand der Säumer umfaßte eine brutale, rohe, gegen alles civilisirte Leben völlig abgestumpfte Menschenklasse; das zweite Wort, was aus ihrem Munde ging, war nur eine Lästerung oder ein Kernfluch. Der gefahrvolle und mühselige Beruf, so wie der ewige Kampf mit den Elementen, bildete in ihnen starre Härte und Todesverachtung aus. Die Meisten von ihnen erfroren früher oder später Hände und Füße, oder wurden sonst am Körper verstümmelt, wenn nicht übermäßiger Genuß geistiger Getränke und Entzündungskrankheiten sie zeitig ins Grab legten oder der Lauinen-Tod sie jählings ereilte. Man hat berechnet, daß allein auf den Graubündner Straßen, in früheren Zeiten, jährlich 3 bis 4 Säumer ums Leben kamen. Wesentlich verschieden von den bisher beschriebenen Pässen sind endlich noch jene einsamen, außerordentlich rauhen und un¬ heimlichen, oft stundenlang über Gletscher und Firnfelder führen¬ den Fußpfade, die fast nur von Schwärzern, Paschern und Gränz¬ soldaten, oder von Hirten, Boten und Lastträgern im Sommer begangen werden. Auch hier stuft sichs wieder in viele Schatti¬ rungen und Unterabtheilungen ab. Den meisten fehlt mehr oder minder die betretene, sichtbare Weglinie, also das, was dem Auge erkennbar den begangenen Pfad anzeigt; durch waldige Tobel, am Rande finsterer Schluchten, über Alpweiden und zerrissene Ge¬ Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . röllhalden lavirt der, mehr in der Erinnerung des Paß-Gängers vorhandene oder durch einzelne Orientirungs-Momente eigentlich erst zu schaffende Weg nach dem kluftigen Felsen-Gewirr hinauf, in dessen tiefster Einsattelung der Uebergangspunkt liegt. Hier senkt sich nicht, wie auf jenen couranten Pässen, eine muldige Hochebene zwischen dem breiten Rücken des Gebirgszuges ein, mit dem in bei¬ nahe ewigen Naturschlafe ruhenden Bergsee; meist scheidet der scharfe zackige, wenige Fuß breite Grat das Diesseits und Jenseits, pracht¬ volle Rück- und Vorblicke gestattend, wie z. B. beim Juchli (6905 Fuß) zwischen dem Engelberger- und Melch-Thal im Kanton Unter¬ walden, bei der Gocht in den Churfirsten zwischen Quinten am Wallen-See und Alt-St. Johann im Toggenburg, — bei der Saxer Lucke im Appenzeller Alpstein u. a. m. Paßpfade dieser Art zeigen sich meist in den zerrissenen, an Felsensplittern reichen Kalkalpen. Wilder und in der Regel ungeheuerlicher sind jene Scheideggen, die über die Schneegränze heinaufsteigen, wie es z. B. bei dem Segnas- oder Flimser-Paß, (8081 Fuß, zwischen den Kantonen Glarus und Graubünden) der Fall ist, wo ein schmaler, schwarz-grauer Kalkrücken aus den Firnlagern steil aufsteigt; hier ist das berühmte Martinsloch, ein natürliches Felsenfenster von bedeutender Breite in der Tschingelwand, durch welches im März und September während drei Tagen die Sonne das Glarner Dorf Elm bescheint. Auf diesem Paß wüthen die Schneestürme mit diabolischer Wucht und schon viele Wanderer wurden hier oben eine Beute derselben. Andere, welche sich verirrten und glaubten, der Weg führe durch das Martinsloch, stürzten über den Felsenhang herunter und mußten von den Aelplern, schwer verwundet, hinabgeschafft werden. Noch schauerlicher ist der westliche Nachbar desselben, der 8500 Fuß hohe Kisten-Paß, der von Linththal (Kanton Glarus) nach Brigels (im Bündner Vorder-Rheinthal) führt. Dort zieht sich der Weg an den Felsenwänden des Ruchi nach dem s. g. „Hohen Loch“ Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . und von diesem über schmale Grasplanken und Felsenbänder zur Muttalp. Das „Hohe Loch“ geht durch einen röthlichen Kalk¬ felsen und bietet einen so schmalen Durchpaß dar, daß nur eine Person um die andere denselben durchkriechen kann. Steckt man den Kopf durch das Loch, so sieht man aus diesem Felsenfenster unmittelbar in die grauenvolle Tiefe des Limmerntobels hinab. Nur kühne Gemsenjäger und entschlossene, schwindelfreie Berggänger wagen diesen Weg zu nehmen, da man außerdem lange durch den im schauerlichen Limmerntobel fließenden Bach waten und an einer Stelle, beim Nothstein, von einem Felsenabsatze in das Wasser herunterspringen muß, wenn der Bach, wie dies häufig geschieht, das Tannenbäumchen hinweggeschwemmt hat, das die Jäger dort hinstellen, um an demselben hinunter zu klettern. Es giebt indessen weit höher steigende Gletscher-Pässe, die viel ungefährlicher zu begehen sind, wie z. B. das Langtaufer Joch (9697 Fuß) am Oezthaler Ferner und das Hochthor (7860 Fuß) unterm Groß-Glockner in Tyrol, der Paß über Monte Moro (8386 Fuß), Col d' Oren (9687) über den Arolla-Gletscher aus dem Val d' Hérins ins Piemontesische Val Pellina , — und ganz be¬ sonders das Matterjoch oder Passage St. Théodule (10242 Fuß) unterm Mont Cervin , aus dem Zermatter Thal ins Tournanche , welchen, trotzdem er vier Stunden über Gletscher-Eis führt, nicht nur Weiber begehen, sondern der im October und November, wenn die Gletscherspalten mit tragenden Schneebrücken überspannt sind, so¬ gar mit Maulthieren und Vieh betrieben wird. Die schlimmsten Uebergänge endlich, die indessen die, zum fest¬ stehenden Begriff gewordene Bezeichnung „Paß“ kaum mehr ver¬ dienen, sind jene, nur ganz beherzten, stahlkräftigen, völlig schwin¬ delfreien Männern passirbar möglichen Eiswüsten-Wege, die allen den gleichen Bedingungen und Zufällen unterliegen wie Expedi¬ tionen zu den Hochalpen-Spitzen. Es giebt deren einige, die großen Ruf in der Touristen-Welt haben und allsommerlich mehrere¬ Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . mal unter Leitung erprobter und renommirter Führer überschritten werden. Dahin gehören: der vierzehnstündige Gletschermarsch über die Strahlegg (10379 Fuß), ein Eisrücken zwischen den Schreck¬ hörnern und dem Finsteraarhorn im Berner Oberlande, auf dem direkten Wege von der Grimsel nach Grindelwald, bei welchem der Unteraar-, Finsteraar- und Untere Grindelwald- Gletscher ihrer gan¬ zen Länge nach passirt werden müssen; ferner die Passage über Col de Géant (10500 Fuß) in der Montblanc-Gruppe, die von Chamouny über die ganze Länge des Glacier des Bois oder Mer de Glace und den Glacier du Tacul zwischen den Aiguilles du Dru (11471 Fuß), du Moine (11580 Fuß) und du Géant (13019 Fuß) östlich, und den Aiguilles de Charmoz (10255 Fuß), Blaitière und Montblanc du Tacul westlich, ansteigend, über den Glacier d'Entrèves hinab in 16 Stunden nach Cormajeur führt, wovon mehr als die Hälfte des Weges über Gletscher. Am 15. August 1860 verunglückten drei, den ersten Familien von Wales angehörende Englische Reisende beim Hinabsteigen nach Cormajeur. Sie gingen über einen Grat, der links und rechts einen Abgrund hatte; da brach der zu hinterst Gehende aus Müdigkeit zusammen, glitschte im Fall über den Schnee hinweg, und riß den Führer und seine beiden Reisekameraden mit sich fort. Die beiden anderen Führer, welche die Enden des angelegten Seiles hielten, thaten das Möglichste, um die vier Unglücklichen aufzuhalten; aber umsonst! sie mußten nachlassen, wenn sie nicht selbst mit zu Grunde gehen wollten. Die Stürzenden rollten fünf Kilometer weit den Abhang hinunter und ihr Fall löste eine Lauine, die ihnen nachrollte, sie überholte und begrub. Am andern Morgen fand von Cormajeur requirirte Hilfsmannschaft die vier Leichen, fast unkenntlich mit gebrochenen Schädeln, die eine unter einem großen Felsenstück. Sie wurden am 17 August, in Begleitung aller zur Zeit anwesenden Fremden, auf dem Friedhof von Cor¬ majeur beerdigt. Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . Zu dieser Kategorie gehören ferner noch die Eispfade über den Saasgrat von Zermatt über den Findelen-Gletscher zwischen dem Strahl- und Rimphischhorn hindurch zum Mattmark-See, — dann die Pracht- Passage von Evolena im Val d' Hérins über den Ferpecle -Gletscher um die Tête Blanche und über den Zmutt-Gletscher nach Zermatt, — dann der Weg vom Riffelhorn übers Weißthor (11138 Fuß) in furchtbar jähem Absturz hinab nach Macugnaga im piemontesischen Val d'Anzasca . Der Weg vom Riffelhaus bis zur Höhe des Weißthores ist, obgleich er über den Gornergletscher und ein ge¬ waltiges Firnfeld führt, doch durchaus nicht gefährlich oder sehr beschwerlich. Nur auf der Höhe, wo sich eine unbeschreiblich schöne Aussicht gen Osten und Süden erschließt, ist ein Schneekamm mit größter Vorsicht zu passiren, weil jenseit desselben der furchtbare, gegen 8000 Fuß tiefe Krater von Macugnaga jäh abstürzend sich öffnet. Ein Fehltritt, ein einziges Ausgleiten muß den unvermeid¬ lichen Todessturz in diesen Abgrund zur Folge haben. An dieser entsetzlichen Felsenwand, die von einer Unmasse von Runsen zer¬ furcht ist, zwischen denen wieder kleine scharfkantige Gräte her¬ vorragen, muß der Paßgänger über ganz verwittertes Gestein hin¬ absteigen. Der Fuß hat keinen sicheren Tritt, die Hand keinen festen Anhalt; ununterbrochen bröckelt das faulige Gestein los. Mitunter ist der Kletterpfad so jäh, daß der tiefer stehende mit seinem Kopf an den Fuß des über ihm befindlichen Wanderge¬ nossen anstößt. Schon bei hellem Wetter ists schwierig, sich aus diesem Chaos herauszufinden, geschweige denn, wenn Nebel das Monte-Rosa-Massiv einhüllen oder Schneestürme den Wanderer über¬ raschen; er ist dann unrettbar verloren, wenn nicht die Hand der Vorsehung ihn leitet. Alle anderen Gletscherpässe übertrifft aber endlich an Großartigkeit der Hochgebirgs-Scenerie der abenteuerliche Col de Trift , der erst seit wenig Jahren gangbar gemacht, aus dem Walliser Einfisch-Thal nach Zermatt führt. Die Passage ist dort so ungeheuerlich, daß unter anderen Schwierigkeiten eine bei¬ Gebirgs-Pässe und Alpen-Straßen . nahe senkrechte Eiswand Tritt für Tritt, wie auf den Leitern in der Bresche einer mit Sturm zu nehmenden Festung erklommen, und eine ebenfalls fast vertikale Felsen-Mauer mit Hilfe einer einge¬ schmiedeten eisernen Kette kletternd, frei am Abgrunde schwebend, transversirt werden muß. Man klagt im Flachlande über schlechte Wege, wenn der Boden vom andauernden Regen aufgeweicht, oder eine neue Straße frisch mit Kies überschüttet, oder ein Waldweg mit Wurzelwerk verwachsen ist. Was wollen solche kleine Unannehmlichkeiten gegen jene der gewöhnlichsten, vielbegangenen Paßwege im Gebirge, — und diese wiederum im Vergleich zu denen sagen, deren zuletzt Erwähnung geschah. Die Hospitien . Ich habe von Palästen viel gesehen, Ich bin gewandelt durch die weiten Hallen; Es hat mir aber keiner so gefallen, Als den ich eben sah auf Bergeshöhen. Das ist ein wahrhaft königliches Haus: Die Liebe gehet ein und aus. Es öffnet freudig seine hohen Kammern, Wenn winterlich die wilden Stürme sausen, Die Elemente durch einander brausen, Und tief im Schnee die armen Pilger jammern. Und eilig sendet es zur bösen Stunde, Wenn mitternächtige Lauinen rollen, Und hoch die Gletscherbäche angeschwollen, Zur Rettung aus die klugen treuen Hunde. J. J. Pestalozzi . Es wird außerordentlich viel theoretisches Christenthum in der Welt gelehrt und gedruckt und von der „Nächstenliebe“ mit Osten¬ tation gepredigt und mit den „Werken der Barmherzigkeit“ Mission getrieben, und die aus allem dem entspringende Gottseligkeit wird mit einer solchen Summe von ingründlicher Gelehrsamkeit und kaustischem Scharfsinn der duldenden Menschheit auseinandergesetzt, daß es keine zweite Wissenschaft giebt, die schon so viel Papier, Buchdruckerschwärze, Beredsamkeit und Menschenblut gekostet hat Die Hospitien . als eben die Lehre von den höchsten und edelsten Gütern und Auf¬ gaben des Menschen-Geschlechtes; aber in die freiwillige, uneigen¬ nützige Praxis ist das herrliche Gebot der Bergpredigt: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst“, nur sehr vereinzelt und bedin¬ gungsweise übergegangen. Zu diesen sehr sporadisch auftretenden Erscheinungen des bethätigten Christenthums gehören die Hospitien in den Alpen. Hospitium heißt im Lateinischen die Herberge und auch die Gastfreundschaft. Während in solchen Fällen gar häufig die wörtlichen Bezeichnungen nur schöne Aushängeschilder für minder schöne Bestrebungen zu sein pflegen, stoßen wir hier umgekehrt auf eine sehr bescheidene Benennung weit größerer, edlerer Lebensauf¬ gaben. Hier ist nicht blos Einkehr für Hungernde und Ermattete; der sehr elastische Begriff der Gastfreundschaft wird hier nicht nur zur vollendeten Thatsache, ohne Ansehen der Person, des Volkes und des Glaubens-Bekenntnisses, sondern das uneigennützige Be¬ streben: der bedrängten Menschheit zu nützen, — zu helfen, wo Mangel, zu retten, wo Gefahr vorhanden ist, freiwillig (ohne Be¬ rechnung des zu erwartenden Dankes) das Werk des Samariters zu üben, das ist der Kern der Aufgabe. Und er wird zu Tage gefördert, — recht und schlicht, still und geräuschlos, ohne phari¬ säisches Geschrei. Sie, die diesem Werke der ächten Humanität sich weihen, rufen nicht scheinheilig in die Welt hinaus: „Ich und mein Haus wollen dem Herrn dienen!“ sondern sie thun , was sie versprechen. Unsere Hospitien prangen also nicht mit der Außenseite, noch mit Eigenschaften, die sie entweder gar nicht, oder doch nur sehr bedingter Weise besitzen; ihre Firma ist keine geschminkte Lüge. Ebensowenig hüllt sich die Ausübung des Barmherzigkeitswerkes in frömmelnden Nimbus oder in gesalbte Phrasendreherei und tar¬ tüffisches Schleicherthum; gerade und derb, wie die Natur des Bergbewohners ist, begrüßt und behandelt der Spittler den bei ihm Einkehrenden. Der alte Zybach auf der Grimsel, ehe er sich Die Hospitien . zu dem, weiter unten zu erzählenden, dummen Streiche verleiten ließ, war das Urbild eines gemüthlichen, klugen und praktischen Alpenbauern, bieder und anspruchslos; man lese Agassiz's geologische Reisen, um sein Lob aus vollem Herzen verkünden zu hören. Der alte, siebenzigjährige Direktor Lombardi auf dem Gotthard und sein intelligenter Tochtermann, sind Leute so frisch und frei, wie die sie umwehende Bergluft. Und vollends gar in den Hospitien, denen Mönche vorstehen, wie auf dem Großen Bernhard und dem Simplon, herrscht ein fröhlicher, lebensfreudiger Ton, eine gesellige Unge¬ zwungenheit, die mit dem herkömmlichen Begriffe eines Conventes anfangs ganz unvereinbar erscheinen. Und endlich die Gebäude selbst, diese einfachen, festen, dick¬ wandigen, steinernen Berghäuser, — wie stehen sie ohne allen äußeren Schmuck, ohne jedes kokettirende Moment, so urnatürlich und altersergraut da, oft eher ausgebauten Ruinen ähnelnd, als Lokalen, die öffentlichen, allgemeinen Bestimmungen dienen! Form und Charakter entsprechen so recht der wilden, steintrümmer-erfüllten, rauhen Gebirgs-Umgebung, die an den neunmonatlichen, zähen, stürmischen Winter erinnert. Einzig das Simplon-Hospiz, vom weltstürmenden, alle seine Pläne im großen Maßstabe anlegenden Frankenkaiser Napoleon I . begonnen, dann aber erst zwanzig Jahre später von den Bernhardinern erworben und ausgebaut, dehnt sich wie ein Alpenschloß palastähnlich, vierstockig, vielfensterig auf dem Bergübergange aus. Alle Hospitien, deren es in den Alpen etwa fünfzehn giebt, sind milde Stiftungen, größeren oder kleineren Umfanges, welche die Aufgabe haben, je nach ihren Mitteln jeden Reisenden, der es verlangt, unentgeldlich zu beherbergen, Armen eine Mahlzeit gratis zu verabfolgen, oder wenn allzuwildes Wetter den Wanderer zwingen sollte, länger zu bleiben, ihn während dieser Zeit zu verpflegen, und bei Schneestürmen durch Glockenläuten oder durch Aussendung von Spürhunden Verirrte auf den rechten Weg zu leiten. Nicht Die Hospitien . alle Alpenpässe erfreuen sich dieser großen Wohlthat; nur die Uebergänge über Col de Lautaret (Mont Genèvre), Mont Cenis , über den Großen und Kleinen Bernhard, Simplon und Gotthard, über die Grimsel, San Giacomo im Tessin und über den Lukmanier sind mit Hospitien ausgerüstet. Alle anderen haben höchstens Berghäuser (in Tyrol Tauernhäuser), in denen ums Geld gewirth¬ schaftet wird. — Ihre Höhenlage ist immer nur wenige tausend Fuß unter der Linie des perennirenden Schnees. Auf dem Gotthard beginnt der Schneefall in der Regel schon Mitte Oktober und dauert bis gegen das letzte Drittel des Monats Mai; er währt also volle sieben Monate. Außerdem giebts keinen Tag im Kalender, an dem es nicht schon in diesem oder jenem Jahrgange geschneit hätte. Oft ists im Juli und August so empfindlich kalt in dieser Höhe von 6388 Fuß überm Meeresspiegel, daß Blumen, wie im Winter, an den Fenstern frieren, und Tag für Tag geheizt werden muß. Der Lago grande nächst dem „ Ospizio “ hat gewöhnlich bis Anfangs Juli Eis, und im Winter giebt es Nächte, deren beißende Kälte mit jener von Nova Sembla und Spitzbergen kon¬ kurriren mag. Mehr als die Hälfte der Tage eines Jahres hüllen das Haus dichte Nebel ein, während vielleicht in den Thälern oder auf höheren Bergen sonnenheiteres Leben lacht. Denn die Paßübergänge sind auch die Wege, auf denen die wässerigen Dunst¬ kolosse aus den südlichen, feuchtwarmen Thälern die Alpen über¬ schreiten und als schwere Wolkenmäntel und trübe Nebelkappen sich um die nächsten Felsenpfeiler hängen, bis sie entweder der Südwind hinüber treibt und zu eigentlichen Regen-Urnen formirt, oder der schärfere Nord dieselben zurückdrängt. Ungefähr ähnlich gestaltet sichs um das Hospiz auf dem Col de Lautaret (6443 Fuß). Auf dem Großen Bernhard wächst bei einer Höhenlage von 7368 Fuß die Zahl der Wintermonate auf neun, und die ganz heiteren, sonnenhellen Tage des Jahres sind rasch gezählt. Alles Brennmaterial muß viele Stunden weit hinausgeschafft werden. Die Hospitien . Alle diese Umstände ins Auge gefaßt, gehört ungewöhnliche Resignation dazu, „ospitaliere“ zu werden. Denn der bloße Wunsch, eine freie Stelle einzunehmen, gleichsam eine Pfründe anzutreten, kann unmöglich zu einem solchen Akt der Entsagung verleiten. Es ist keine Sinecure, keine Spital-Verwalterstelle, wie die eines großen städtischen Armen- und Krankenhauses; schwere Pflichten (oft ohne genügende Mittel) und Entbehrungen aller Art lasten auf derselben. Um diese Verhältnisse etwas näher beleuchten zu können, müssen wir die Hospitien klassifiziren. Voran stehen die vier großen Mönchs-Klöster auf dem Großen und Kleinen St. Bernhard, Mont Cenis und Simplon. Sie werden von Augustiner-Chorherren bewohnt und bewirthschaftet, und die Gründung der drei ersteren geht hoch ins Alterthum hinauf. Das Hospiz auf dem Mont Cenis (5969 Fuß) soll von Karl dem Großen gegründet worden sein, wurde durch Napoleon I . im Jahre 1801 wesentlich vergrößert und diente dem Papst Pius VII . 1812 als Asyl. Die Stiftung des Klosters auf dem Großen St. Bern¬ hard erfolgte im Jahre 962 durch den heil. Bernhard von Menthou (einer edlen savoyischen Familie entsprossen), obwohl die Annalen der Bischöfe von Lausanne schon eines früheren, 832 bestandenen Klosters gedenken, dessen Gründung ebenfalls Karl dem Großen zugeschrieben wird. Archiv und Dokumente sind durch Feuersbrünste, welche zweimal diese einsamen Gebäude heimsuchten, gänzlich ver¬ nichtet worden. Die gegenwärtigen großen Gebäude stammen aus der Mitte des 16. Jahrhunderts, werden von 12 Augustiner-Chor¬ herren und einer Anzahl dienender Brüder, den berühmten Mar¬ ronniers , bewohnt und sind zur Beherbergung von 70 bis 80 Fremden eingerichtet. Das Simplon-Hospiz ist Eigenthum des großen Bernhards-Klosters, hat eine Verwaltung mit diesem und wird von demselben mit 4 bis 6 Geistlichen, unter der Leitung eines Subpriors, versehen. Das Hospitium auf dem Kleinen St. Bernhard endlich ist vielleicht das älteste unter allen, obwohl auch Die Hospitien . hier keine schriftlichen Urkunden als Beweismittel vorhanden sind. Es ist weit dürftiger ausgestattet als die vorhergenannten, wird von der Gemeinde zu Aosta in seinen Bedürfnissen unterstützt und von einigen delegirten Brüdern des Großen Bernhard bewohnt. Der Tradition zufolge soll Hannibal auf dieser Höhe gerastet und Kriegsrath gehalten haben, weshalb ein mit großen, rohen Stein¬ blöcken eingefaßter Raum auf der Ebene der Paßhöhe noch der Cirque d'Annibal genannt wird. Die jungen Geistlichen, welche sich zum Dienst in diesen Klöstern entschließen, treten gewöhnlich schon mit dem zwanzigsten Lebensjahre ein, und übernehmen die Verpflichtung, fünfzehn Jahre hier oben zu bleiben. Viele von ihnen erliegen vor der Zeit der Härte des Klimas und den An¬ strengungen oder Lebensgefahren, wenn sie im Winter und Früh¬ jahr nach dem Fall von Lauinen oder wilder Schneestürme mit den Hunden die vorgeschriebenen Excurse machen, um allfällig Ver¬ unglückten beistehen zu können. Die wenigen erträglichen Sommer- Monate, während welcher Vergnügungs-Reisende hier heraufkommen, sind die einzige Rekreation für die sonst sehr entbehrenden Mönche. Während dieser Zeit genießen sie aber ihr Leben auch in vollen Zügen, widmen sich ganz der Unterhaltung, machen Ausflüge mit den Damen auf benachbarte Aussichtspunkte, musiciren am Piano und wissen durch ihr feines, kavaliermäßiges Benehmen sich die Gunst aller ihrer Gäste in hohem Grade zu erwerben. Die Wissen¬ schaften scheinen ihnen den Kopf nicht besonders schwer zu machen, und wenn auch hier und da ein Einzelner sich mit irgend einer Disciplin beschäftiget, so sind die Resultate doch immer ziemlich unbedeutend. Die Freundlichkeit des Entgegenkommens und die Aufmerk¬ samkeit in Behandlung der Fremden, wenn deren nicht allzuviel schon Einquartierung genommen haben, ist wirklich groß. Bereits beim Eintritt kommt, wie in einem guten H ô tel, irgend ein die¬ nender Bruder dem Ankömmling entgegen und führt ihn, je nach dessen Stande, entweder in das Refektorium oder in ein großes, Die Hospitien . neben der Küche liegendes, für die ärmeren Volksklassen bestimmtes Zimmer. Hier wird der Gast sofort mit einem Imbiß regalirt, wenn es nicht ohnedies Tischzeit ist. Fremde der gebildeten Stände speisen mit den Chorherren an der gleichen Tafel und erhalten eine, für diese Höhe wirklich reiche und reichliche Speisenfolge neben delikaten Weinen. Die ärmeren, auf absolut unentgeldliche Verpflegung Anspruch machenden Passanten werden mit kräftigen Suppen, Fleisch, Brod und einem kleinen Glas Branntwein zur Weiter-Reise gestärkt oder, wenn es Abend ist, zur reinlichen, be¬ quemen und warmen Schlafstätte geführt. Auf dem Großen St. Bernhard werden weibliche Gäste in einem besonderen, neben dem eigentlichen Hospiz befindlichen, kleinen Gebäude, „ Hôtel de St. Louis “ genannt, beherbergt. Ebenso sind, der Ordensregel ge¬ mäß, bei den großen Mahlzeiten Mittags und Abends 6 Uhr, Damen von der gemeinsamen Tafel ausgeschlossen, was indessen die Mönche nicht hindert, außer dieser Zeit den weiblichen Gästen in französischer Galanterie einen großen Theil ihrer freien Zeit zu widmen; denn Französisch ist die allgemeine Verkehrssprache in diesen vier Kloster-Hospitien. Das Vermögen der mit dem Großen Bernhard affiliirten beiden anderen Anstalten (Kleiner Bernhard und Simplon) mag bedeutend sein. Immerhin sind aber auch die Opfer, welche sie gemeinnützig bringen, groß. Die jährliche Fre¬ quenz der auf dem Simplon im Hospiz einkehrenden Wanderer schwankt zwischen 10 und 12 Tausend; die derer auf dem Großen Bernhard zwischen 16 und 20 Tausend, so daß das Budget der Ausgaben im letztgenannten Hospiz mitunter die Höhe von hun¬ derttausend Francs erreicht. Lange nicht so günstig ist seinen ökonomischen Mitteln und Lokalitäten nach das Gotthards-Hospiz gestellt. Die Stiftung desselben fällt wahrscheinlich in den Anfang des 14. Jahrhunderts. Seit dem Jahre 1682 wurde dasselbe von zwei Kapuzinern (mit einigen Unterbrechungen durch Kriegsfälle, Brand, Zerstörung) bis Berlepsch , die Alpen. 21 Die Hospitien . zum Jahre 1841 bewirthschaftet, seit welcher Zeit es in die Hände eines, nicht dem geistlichen Stande angehörenden, sehr berufseifri¬ gen Direktors, des allbekannten, alten Lombardi überging. Dieser wohnt Winter und Sommer dort oben, hat die Verpflichtung, da¬ für zu sorgen, daß die Straße immer, namentlich bei schlechtem Wetter, gehörig beaufsichtiget sei, und muß deshalb in der bösen Jahreshälfte täglich, theils selbst, theils durch seine Leute, die Straße durchwandern lassen und mit den zum Schneebruch ange¬ stellten Individuen sich ins Einvernehmen setzen. Um die Aufsuchung und Besorgung allfällig verirrter Reisender bewerkstelligen zu kön¬ nen, ist ihm von Seite der Tessiner Regierung die Verpflichtung auferlegt, beständig einen starken Knecht und für die Besorgung weiblicher Reisenden eine Magd, so wie mindestens ein Pferd zu unterhalten, mittelst dessen er Fremde, die ihren Weg unmöglich zu Fuß fortsetzen können, nach den Schirmhäusern zu Airolo oder Urseren zu transportiren hat. Denn auch er hat die bestimmte Auf¬ gabe, Reisende, so lange sie den Weg nicht fortsetzen können, wie immer nöthig, zu verpflegen. „ Tutti gli uomini sono fratelli ed eguali “, heißt es in dem Regierungs-Erlaß, „ tutti hanno diritto ai medesimi servigi, ai medesimi benefici “ (Alle Menschen sind hier Brüder und gleich, alle haben Anrechte auf die gleichen Dienste und Wohlthaten). Das ist eine schöne, den Kanton Tessin und seine Staatsmänner ehrende Gesinnung. Aber das Hospiz ist arm, gänzlich mittellos; es besaß nie einen Fond und muß seine Unter¬ stützungs-Quellen, die jährlich über zehntausend Franken in Anspruch nehmen, auf dem Wege milder, freiwilliger Beiträge zu unterhalten suchen. Diese fließen aber so sparsam, daß beinahe jedes Jahr mit einem Passiv-Saldo abgeschlossen werden muß. Da ists denn eine herzlich schwere Aufgabe, mildthätig sein zu müssen, ohne die genügenden Mittel dazu in den Händen zu haben. Die Zahl der alljährlich hier verpflegten armen Reisenden variirt zwischen 10 und 12 Tausend, und ist unverkennbar im Zunehmen, ohne daß Die Hospitien . auch die Mittel wachsen. Hier könnten reiche Leute, wenn sie an der Scheidegränze des irdischen Lebens angekommen, den letzten Willen über ihre Güter niederlegen, sich ein hundertfach größeres Verdienst um die leidende Menschheit erwerben und innigerer Segenswünsche gewärtig sein als bei vielen anderen Dotationen für Fonds, die ohnedies schon bedeutende Güter gehäuft haben. Denn: mit einem Labetrunke, mit einem Bissen Brod, dem in grausiger Felsen-Einöde schmachtenden Armen, — oder gar dem durch die entfesselte Wuth, der Elemente in seinem Leben Bedroh¬ ten, mittelbar rettend sich nahen zu können, ist sicherlich ein schönes, erhebendes Bewußtsein. Möchte die hier beiläufig eingeworfene Bemerkung irgendwo Widerhall im Herzen humaner Menschen finden! Die Regierung des Kantons Tessin, in deren Gebiet das Gotthardshospiz liegt, liefert je zeitweilig aus ihrem Zeughause, für den Militairdienst unbrauchbar gewordene Kleidungsstücke zur Vertheilung an die Armen. Die Art und Weise, wie hier, so wie in den von Mönchen besorgten Hospitien, die bei großer Kälte und wildstürmischem Wetter fast besinnungslos ankommenden, halb erfrorenen Reisenden behandelt werden, ist höchst zweckmäßig. An¬ fangs werden sie in einem kalten Zimmer umhergeführt und er¬ halten entweder erwärmten Rothwein oder eine Art schwachen Grog. Dann werden die dem Frost am meisten ausgesetzt gewesenen Kör¬ pertheile in Schneewasser getaucht, mit Schnee gerieben und so, wie die Cirkulation des Blutes lebendiger eintritt, legt man sie in ein erwärmtes Zimmer, deckt sie tüchtig mit Wolldecken zu und reicht ihnen die nöthigen Speisen. Hierauf folgt in der Regel ein lethargischer Schlaf, der mitunter bis zu 20 Stunden andauert. Nach dem Erwachen sind die Halb-Patienten gewöhnlich so restau¬ rirt, daß sie nach eingenommener Mahlzeit ihre Reise weiter fort¬ setzen können. Jene unendlich wohligen Gefühle und die selige Behaglichkeit, welche den Bergwanderer umfängt, der bei wildem 21* Die Hospitien . Wetter hier einkehrt, und so wohlwollende, menschenfreundliche, herzliche Aufnahme findet, sind nicht zu beschreiben, und freiwillig, ohne irgend welche Aufforderung, erlegt gewiß der Fremde, welcher über nur einige Mittel gebieten kann, gern den Werth dessen, was er uneigennützig empfing. Freilich giebts auch Reisende der wohl¬ habenderen Stände, die schmutzig genug sind, ohne irgend eine Gabe weiter zu ziehen. In allen bisher genannten Hospitien werden jene berühmten Hunde gehalten, die bei gefährlichem Wetter mit den Knechten ausziehen und durch ihren, in außerordentlich hohem Grade ent¬ wickelten Witterungs-Instinkt, Verirrte oder Verunglückte aufsuchen helfen. Durch sehr kräftigen Körperbau und durch ungewöhnliche Abhärtung vermögen sie den tobendsten Schneestürmen nachhaltig zu widerstehen. Eine genau charakterisirende Beschreibung dieser vortrefflichen Thiere findet man in Tschudis „Thierleben der Alpen¬ welt.“ Auf dem Gotthard werden gegenwärtig noch ein Bernhards¬ hund (Weibchen), eine Kamschatka-Race, und zwei Leonbergerhunde (Geschenk vom Stadtrath Essig in Stuttgart) unterhalten, die nach den Versicherungen der Hospiz-Bewohner sehr gute Dienste leisten sollen. Die Summe der wirklichen Unglücksfälle hat in den letzten Jahren sehr abgenommen. Am Großen St. Bernhard ist seit langer Zeit kein erheblicher Fall mehr vorgekommen. Schlimmer gestaltete sich das Verhältniß auf dem Gotthard, wegen des regelmäßigen obligatorischen Post-Betriebes. Außer dem schon pag . 175 dieses Buches erzählten Falle ereignete es sich wenige Wochen früher (12. März 1848), daß in den s. g. Plangen, oberhalb des Schirmhauses am „Mätteli“, dreizehn Männer, welche die Post begleiteten, sammt Pferden und Schlitten durch eine gewaltige Lauine bis zur Reuß hinuntergeschleudert wurden. Drei derselben, Familienväter, fanden nebst 9 Rossen ihr Grab im Sturzschnee; die anderen konnten durch eiligst herbeigerufene Hilfe gerettet werden. Wahrhaft tragisch aber Die Hospitien . ist das Schicksal, welches bei diesen Rettungsversuchen einen der eifrigsten Helfer, den Rathsherrn Joseph Müller von Hospenthal ereilte. Auch er war mit ausgezogen, seinen Nachbarn beizustehen, wurde aber in der Gegend, welche „im Harnisch“ heißt, mit noch zwei Anderen von einer neuen Lauine verschüttet und kam dabei um. Im gleichen Jahre, am 27. Oktober, wurde die von Airolo kommende Post beim Schirmhause Ponte Tremola gleichfalls von einer Lauine verschüttet; ein Reisender von Bergamo blieb todt, die anderen wurden gerettet. Die jüngsten Unfälle ereigneten sich am 2. November 1855, an welchem Tage drei Männer von einem unerwartet losbrechenden Schneeschild weit in die Tiefe hinabge¬ schleudert wurden, aber durch vereinte, angestrengte Kräfte gerettet werden konnten. Wesentlich anderen Charakters ist das, seiner Größe und Be¬ deutung nach hierher gehörige, berühmte Grimsel-Hospiz ; es trägt heutzutage weit mehr das Gepräge eines, der Spekulation dienenden, offenen Bergwirthshauses, in welchem für Geld Alles zu haben ist, was den Gaumen kitzelt, als den Charakter jener un¬ eigennützigen, gemeinwohlthätigen Anstalten. Schon der Umstand, daß dasselbe von der Landschaft Oberhasli an den jeweiligen Spittler verpachtet wird, weist ihm eine wesentlich andere Stel¬ lung an. Hierzu kam ehedem die Berechtigung des Spittlers, von jedem Vorüberziehenden einen Zoll für seine Instandhaltung des Weges zu verlangen und die ausgesprochene Erlaubniß: fürs Geld Wirthschaft treiben zu dürfen. Wenn der Pächter nun zugleich auch die Verpflichtung hatte, arme Reisende übernachten und mit einer einfachen Mahlzeit verpflegen zu müssen, so stand ihm anderer¬ seits das Recht zu, innerhalb der ganzen Schweiz kollektiren lassen zu dürfen und sich an dem Facit für seine vermeintlichen Wohl¬ thaten zu erholen. Rechnet man hinzu, daß die Grimsel-Passage bei weitem nicht jener für den Handel und Völker-Verkehr so all¬ gemein gebräuchliche Weg ist wie der über den Gotthard, daß so¬ Die Hospitien . mit eigentlich nur die Armen der zunächst anstoßenden Thalschaften von dieser Einrichtung profitirten, so ergiebt sich aus allem dem, daß das Grimselhaus nicht mehr und nicht weniger als ein eigent¬ liches Bergwirthshaus, keinesweges ein Hospiz im oben angeführ¬ ten Sinne ist. Ueberdies hält der Spittelpächter mit seiner Familie den Winter über keinesweges in dem, mehr als 700 Fuß tiefer als das Gotthardshaus gelegenen Grimselspital (5780 Fuß) aus, sondern er verläßt dasselbe im November mit dem Vieh und kehrt erst Anfang März dahin zurück. Während des strengsten Viertel¬ jahres bleibt blos ein Knecht (höchstens deren zwei) im Spital, mit der Aufgabe, den Weg zunächst beim Hause im Stande zu halten, Hunde während starken Schneegestöbers auszusenden und, — wenn die Hunde anschlagen, durch lautes Rufen die Richtung des Weges anzuzeigen. Dieser Winteraufenthalt ist freilich fast einer sibirischen Verbannung gleich zu achten, da in strengen und schneereichen Wintern Wochen, ja Monate vergehen, ehe irgend Jemand den Weg passirt, somit auch aller Verkehr mit den zunächst gelegenen Dörfern abgeschnitten ist. Die nächste menschliche Woh¬ nung ist das, überdies 2½ Stunden entfernte, Walliser Dorf Oberwald. Bedenkt man nun, daß bei tiefem Schnee eine Weg¬ stunde Entfernung oft die drei- und vierfache Zeit in Anspruch nimmt, als bei trockenem, harten Boden, — erwägt man ferner, daß der Schneefall in dieser Gegend gar nicht selten eine solche Höhe gewinnt, daß der Knecht zu den obersten Fenstern des Hauses her¬ aussteigen muß, um den Zugang zur Thür freiarbeiten zu können, — und endlich, daß Lauinenstürze schon wiederholt das große, feste, kasematten-ähnliche Gebäude zu zerstören drohten, so wird man zugeben, daß das Loos eines Winterknechtes auf der Grimsel trauriger und ertödtender ist, als das eines im Zellen-Gefängniß abgesonderten Züchtlinges. Früher war es dem Spittler vergönnt, kollektirend im Lande umherzuziehen oder Kollekteure für seinen Zweck auszusenden. Da Die Hospitien . sich jedoch ergab, daß viel Schelmerei unter diesem Vorwande ge¬ trieben wurde, und man außerdem in Erfahrung brachte, daß der Spittelpächter durch außerordentlich wachsenden Fremden-Besuch im Sommer und durch tüchtige Rechnungen ein vortreffliches Ge¬ schäft in seiner unbelauschten und unkontrolirbaren Einöde mache, so sank der gute Wille mildthätig steuernder Leute, und in den meisten Kantonen wurde ihm das Einsammeln untersagt, wogegen die Regierungen ihm zeitweise aus ihren Kantonal-Armenfonds eine Gabe verabfolgten. Ueberdies beträgt die Summe der hier ver¬ pflegten Armen jährlich nur zwischen 909 und 1600 Personen. Ein berühmt gewordener Kriminalfall trug wesentlich dazu bei, die Verhältnisse des Grimselspitales öffentlich zu beleuchten. Seit dem Jahre 1836 hatte Peter Zybach von Meyringen als Pächter das Grimselspital mit den dazu gehörigen Weiden und Kollektur-Rechten um den jährlichen Zins von 2500 Francs inne gehabt und zu Jedermanns Zufriedenheit verwaltet. Er selbst hatte die größte Ursache, mit seinem Pacht-Objekte zufrieden zu sein, in¬ dem es sich herausstellte, daß er während des Sommers von den wohlhabenden Touristen jährlich etwa 14000 Francs einnahm. Der Pacht-Vertrag ging mit Schluß des Jahres 1852 zu Ende, und da Zybach auf der Grimsel zum wohlhabenden Manne gewor¬ den war, so gabs für den Termin einer Neupachtung mehr Aspi¬ ranten als ihn allein. Ueberdies kursirte das Gerücht, man werde das Spital an öffentliche Versteigerung bringen und in solch einer Auction möchte es hoch hinaufgetrieben werden. Zybach proponirte der Landschaftskommission einen neuen vieljährigen Pachtvertrag mit bedeutend erhöhtem Zins, ohne jedoch die Zustimmung der Behörde zu erhalten. Da kam plötzlich die Nachricht aus der Grimsel-Wildniß ins Haslithal hernieder, das Spital sei in der Nacht des 5. Novembers binnen wenig Stunden niedergebrannt. Nach Aussage der drei Knechte, sollte ein Fremder Abends ange¬ kommen sein und im mittleren Stockwerk logirt haben. Nachts Die Hospitien . halb zwölf Uhr seien die Knechte durch das Bellen des Hundes aufgeweckt worden, und als sie hinaus in den Gang getreten, sei ihnen die helle Flamme entgegengeloht. Das Feuer sei unverkenn¬ bar durch Unvorsichtigkeit des Gastes entstanden und dieser ver¬ brannt. Die Brunst habe so unendlich rasch überhand genommen, daß alle Rettungsversuche vergeblich gewesen seien. Das für 20000 Francs assekurirte Mobiliar sei verbrannt. Trotz des sehr hohen Schnees begab sich eine Untersuchungskommission zur Grimsel hinauf, und bald stellte es sich heraus, daß fast das ganze fahrende Hab und Gut versteckt, also gerettet war. Zybach wurde schwan¬ kend in seinen Antworten, wollte dann die Ansprüche auf Ent¬ schädigung fallen lassen, war sogar so unklug, dem Untersuchungs- Beamteten Bestechungs-Anträge zu machen, wenn er schweige, — und als dieser unerschütterlich in ehrenhafter Handhabung seiner Pflicht blieb, stürzte sich der unglückselige Brandstifter in den, hinterm Hospiz befindlichen Grimselsee, um durch Selbstmord der Schande einer harten Kriminalstrafe zu entgehen. Allein Zy¬ bach wurde gerettet und ins Gefängniß sammt seinen Knechten ab¬ geführt. Hier ergab die Untersuchung, daß auf Zybachs Veran¬ lassung und unter Versprechen einer Belohnung von 750 Francs, die Knechte sich bereit erklärt und, nachdem sie die Effekten in Sicherheit gebracht, das Gebäude selbst angezündet hatten. Zybach, ohnedies bei der Bevölkerung der Thalschaft nicht sehr beliebt, weil er rasch zum wohlhabenden und diese seine Wohl¬ habenheit accentuirenden Mann sich emporgeschwungen hatte, wurde nun nicht nur im ganzen Haslithal ohne Weiteres verdammt, son¬ dern der Zorn des Volkes fand namentlich dadurch noch neue Nahrung zu unversöhnlichem Haß, als durch die Einäscherung des Grimsel-Hospizes den Leuten die Möglichkeit genommen war, im Frühjahr bei Zeiten in Geschäften des Käsehandels nach Italien, die Grimsel passiren zu können. Denn von Guttannen, dem letzten Dorfe des Haslithales, ists 4½ Stunden bis zum Hospiz, und von Die Hospitien . dort wieder einige Stunden bis ins Wallis hinab, und zwar sehr anstrengenden, im Winter höchst gefährlichen Weges. Eine gute Rast wird also zur unabweisbaren Nothwendigkeit, und zu diesem Zwecke war eigentlich das Grimselspital gestiftet worden. Der Staatsanwalt mußte bei Zybach den Antrag auf Todes¬ strafe stellen, und das Urtheil der Assisen des Berner Oberlandes lautete: Todesstrafe, während die Complicen zu zwölfjährigen Ketten verurtheilt wurden. Die von Zybach an den Großen Rath des Kantons gerichtete Appellation wandelte im Wege der Gnade die Todesstrafe in lebenslängliches Zuchthaus um, weil Zybach während seiner ganzen Lebenszeit ein rechtschaffener Ehrenmann und vor¬ trefflicher Familien-Vater gewesen war, und als der Unglückliche einige Jahre seiner Strafe abgebüßt hatte und die Aerzte erklärten: eine Veränderung seines Aufenthaltes sei nothwendig, wenn man ihn nicht faktisch todtschlagen wolle, wurde ihm auf Verwenden seiner Familie die übrige Strafzeit vollends erlassen unter der Bedingung, daß er nach Amerika auswandere. Jetzt lebt der unglückliche Mann unerkannt, unter einem anderen Namen in Deutschland. Wo? weiß Niemand. Das Grimselhospiz ist aber vergrößert und zweckmäßiger eingerichtet wieder neu erbaut und allsommerlich der Sammelplatz der Touristenwelt. Dies sind die großen, weltbekannten, vielgenannten Alpen¬ hospitien. Es giebt ihrer aber noch eine Hand voll, die nicht bekannt und gerühmt, wenig besucht und noch weniger von der Freigebigkeit mildthätiger Menschen bedacht, ein stilles, einsames Leben verkümmern; es sind jene kleinen, mittellosen Zufluchtsstätten am alten Alpen-Wanderweg des Lukmanier, die von armen Bauern bewirthschaftet werden. In der Tiefe des Val Blegno, hinter Olivone schlangelt sich der Weg zur Paßhöhe hinauf, und hier liegen, je in einigen Stunden Entfernung, die beiden kleinen Samariter-Häuser zu Casaccia und Camperio. Sie wurden vom heil. Carlo Borromeo gestiftet aus den Mitteln der von ihm auf¬ Die Hospitien . gehobenen Humiliaten-Orden, die seinen reformatorischen Bestre¬ bungen sich widersetzten, sind aber jetzt so unendlich verarmt, daß sie nur mehr den Namen noch tragen, als ihren Zweck erfüllen. Noch weit verkommener und aller Unterstützungs-Mittel beraubt sind vollends jene drei, die auf der graubündnerischen Seite des Berges liegen: Santa Maria, das ganz ärmliche und unsaubere San Gallo, und tiefer San Johann ohne Lebensmittel und jeg¬ liche Gabe. Das ehemals reiche Kloster Dissentis sollte sie ur¬ kundlich ausstatten und verpflegen; seit aber die Mönche selbst nicht viel haben und sie wegen unordentlicher Haushaltung vom Staate gewissermaßen bevormundet werden mußten, geben diese Wohlthätigkeits-Anstalten immer mehr ihrem gänzlichen Ruin ent¬ gegen. Ein klein wenig besser ist das Ospizio in Valle bei Airolo und jenes All' Acqua (beim Wasserfall des heil. Carl) im Bedretto-Thale bestellt. An allen anderen Alpenwegen, mögen sie noch so rauh und gefährlich sein, existiren keine solch schöne Stätten hilfsfreundlicher Menschenliebe. Höchstens hat der Erwerbstrieb ein Berghaus irgendwo angesiedelt, wenn die Passage lebendig und der baare Geldverdienst voraussichtlich ist; im Uebrigen ists jedem armen Teufel auf diesen Pässen freigestellt, nach Belieben zu verhungern oder zu erfrieren. So stehe denn, du schöne Gotteshütte Du Bergpalast, vor allen groß und theuer! Auf deinem Herd erlösche nie das Feuer! Nimm alle Armen auf in deine Mitte! Bleib immer du das königliche Haus, In dem die Liebe gehet ein und aus. J. J. Pestalozzi . Waldkirchli . Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig . Sennenleben in den Alpen . Zur grünen Alpe kehrt die Herde wieder, Weithin ertönt ihr froher Glockenschall. Der Wildbach stürzt vom Klippenhange nieder Ein Freudenthränenstrom, dem Lenz entgegen; Froh sonnen sich der Alpe Felsenglieder Im warmen Schein, der Frühling klimmt verwegen Zum Schneeberg auf und ruft ihn jubelnd wach: Der schüttelt sich den Winter ab, den trägen, Und schleudert ihm Lauinendonner nach. Lenau. Fremdartig und halb sagenhaft, fast wie eine romantische Reminiscenz aus längst vergangenen Zeiten, ragt die patriar¬ chalische Alpenwirthschaft in unser modernes Jahrhundert herüber. Nachdem wir allenthalben den Landwirth und Oekonomen des Flachlandes an den Fortschritten der Neuzeit, an Erfindungen und Entdeckungen in den ihn berührenden Gebieten der Chemie, Mechanik und Physik lebhaft und mit Erfolg Antheil nehmen sehen, — nachdem er den Segen seiner Scheunen und die Schätze seiner Ställe mittelst der Eisenbahn auf unsere Märkte bringt, in den ersten H ô tels zu Mittag speist, städtische Kleider zu tragen, städtische Häuser zu bauen, städtische Manieren anzunehmen und den guten, alten, herkömmlichen, abgerundeten und feststehenden Begriff „Bauer“ allmählig abzustreifen beginnt, — will es Manchem Sennenleben in den Alpen . nicht recht in den Sinn, daß es ganz in der Nähe jener Eisenbahnen, jenes drängenden, städtischen Lebens, noch eine Bauernwelt geben soll, die gewissermaßen erst auf der geschichtlich-zweiten Kulturstufe der Völker-Entwickelung steht, und ähnlich, wie die Tartaren und Mongolen, als Nomaden während eines Theiles vom Jahre, Haus und Hof, Weib und Kind verläßt, um mit dem, in Herden be¬ stehenden Reichthume tagereisenweit nach Plätzen im Gebirge zu wandern, wo frische, junge Nahrung für das Vieh wächst. Und doch ist es so. Die in den Alpen weit hinauf zerstreut liegenden Weide¬ plätze mit ungemein kräftigen, kurzen, dichten, sehr milchhaltigen Futterkräutern, bilden einen wesentlichen Theil des National-Reich¬ thumes im Gebirge und werfen jährlich viele Millionen Gulden an Gewinn ab. Aber eben darum, weil das Aelplerleben in den Sennhütten etwas Ungewöhnliches, Außerordentliches, Fremdartiges ist, so trägt der, welcher die Alpen noch nicht besuchte, gern die Romantik der landschaftlichen Umgebung, die großartigen Eindrücke der Alpenwelt, wie sie ihn aus Gemälden entgegentraten, vermischt mit einer poetisch-idealen Auffassung der Sitten, Trachten und Lebens¬ weise des Volkes, auf das Sennerleben über, und konstruirt sich ausgeschmückte Traumbilder, die in der Wirklichkeit nicht existiren. Die Alpenwirthschaft ist ganz anders, als man sich dieselbe bisweilen denkt. Sie existirt faktisch nur während des Spätfrüh¬ lings, im Sommer und bis in die ersten Herbstmonate hinein. Während des Winters herrscht in den Alpen ebensogut Stallwirth¬ schaft, als wie überall, bei jedem Bauern. Derjenige nun, welcher mit seiner Herde während der guten Jahreszeit ins Gebirge hinauf zieht, ist ein Senn . In der Schweiz ists Aufgabe der Männer, — in den östlichen Alpen, im bayerischen Oberlande und in Oester¬ reich meist Geschäft der Weiber, — der „Sennerin, Almerin.“ Ein Senn (romanisch ( „Sejniun“ ) ist, mit wenig Ausnahmen, ein ungemein prosaischer Gebirgsbauer. Sein Vieh ist sein Haupt¬ Sennenleben in den Alpen . besitz, und darum die Quelle seines Lebensunterhaltes und Ver¬ dienstes, der Gegenstand seines Studiums, Nachdenkens und seiner größten Sorgfalt, sein Stolz, kurzum der sächliche Inbegriff seiner vorzüglichsten irdischen Lebensaufgabe. Nach der Größe seiner Herde rangirt er in der Gesellschaft seiner Gemeindsgenossen, nach ihr wird er geschätzt und aus ihr schreibt sich sein heimathli¬ ches Ansehen, seine Dorf-Magnatenschaft her. So ists in den meisten Alpenthälern. Indessen giebts auch in Alpendörfern reiche Bauern, die sich nicht mit der Viehzucht und Alpenwirthschaft be¬ fassen und ihre Alpen in Lehenzins geben. Nicht jeder Vieh-besitzende Gebirgsbauer „fährt selbst auf Alp“; die Größe seiner Herde entscheidet darüber. Wer 24 und mehr Kühe besitzt, heißt ein „Sennten-Bauer“, weil diese Anzahl, besonders wenn ein Zuchtstier dabei ist, ein „Senntum“ genannt wird. Wer weniger besitzt, hat nach dem Ausdruck der Appenzeller blos ein „Schüppeli Vech.“ Solch größere Vieh-Besitzer, in den italienischen Bergen „alpadore“ genannt, haben entweder eigene Alpweiden, oder sie nehmen deren in Lehenzins, oder sie benutzen (was am Meisten der Fall ist) die Gemeinde-Alpen oder „Hirtenen“ und „laden selbst z'Alp.“ — Kleinere Bauern, die nur wenige Kühe besitzen, gehen im Frühling wohl persönlich in die Voralpen „Berggüter“ oder „Maiensäße“ (auch Allmeinden); aber wenn das Vieh dann im Juli und August in die höheren Weiden (die s. g. mittleren und oberen Staffeln, italienisch: stabii oder corti ) ge¬ trieben wird, so übergeben eine Anzahl von Nachbaren ihr Vieh einem gemeinsamen Sennen, mit dem sie dann am Schluß der Alpenzeit (gewöhnlich Michaelistag) Abrechnung halten. Um aber eine solche Auseinandersetzung des Käse- und Butter-Ertrages der verschiedenen Interessenten feststellen zu können, da nicht eine Kuh so viel Milch giebt als die andere, so gehen sämmtliche Betheiligte während der Dauer der Alpzeit an zwei besonders hierzu bestimmten Tagen hinauf „auf Alp goh messe“ (engadinisch: „in süras“), — Sennenleben in den Alpen . d. h. in Gegenwart sämmtlicher Antheilhaber wird eine jede Kuh gemolken, ihre Milch gemessen und nach diesem Ergebniß der Bruch¬ theil des Einzelnen am gemeinschaftlichen Gewinn festgestellt. Der mit der Milchwirthschaft beauftragte Senn besorgt nun während der ganzen Alpzeit mit seinen Gehilfen alle Tages¬ geschäfte und empfängt dafür einen bedungenen Lohn oder Antheil am Ertrag. Um jedoch die Alpenweiden in gutem Stande zu erhalten und bei der größten Freiheit auf den Bergen dennoch allgemeine Ord¬ nung zu handhaben, der Jeder sich unterziehen muß, wählen alle Alpengenossen einen „Alpmeister“, eine Art Gebirgspolizei, „der die Alp in Ehren halten, schützen und schirmen soll, als wie sein eigen Gut, — der Weg und Steg machen und Acht haben soll, daß Niemand im „Birg heue“ (Wildheu mache) bis nach St. Jakobs¬ tag, — der die Alpgenossen anhalte, jährlich einen Tag die Alp zu säubern und zu steinen“ und Aehnliches mehr. So schreibts das „Alpbüchli“ vor, eine naive, von den Bauern in der „Alp¬ gemeinde“ selbst gegebene Gesetzesammlung, die jährlich einmal verlesen und bestätiget oder je nach Bedürfniß durch Mehrheits¬ beschluß abgeändert werden muß. Der Winter verläuft einförmig und still. Die Alpendörfer sind tief eingeschneit; oft fehlt die Verbindung von einem Thaldorf zum andern, — oft sogar, wo die Häuser weit zerstreut im Grunde liegen, die Kommunikation der Wohnungen unter einander. Die einzigen Geschäfte, welche die Thalbauern in die Höhe lockt, ist entweder das Herabschlitten des Holzes oder des Wildheues. (Man sehe den drittnächsten Abschnitt: Der Wildheuer.) In manchen Alpengegenden ists auch der Fall, daß der Senn, wenn er die Vorräthe des einen Heustadels aufgefüttert hat, einen andern, vielleicht eine Stunde davon entfernten Stall mit seiner Kuhherde bezieht, — einen dritten und vierten, — also selbst im Winter ein wanderndes Leben führt, bis die Alpzeit kommt. Sennenleben in den Alpen . Endlich zieht der Frühling auch ins Alpenland ein. Es hat der Lenz auf seinen Bahnen Die ganze Welt zur Lust geweckt; Die Hoffnung hat die grünen Fahnen An allen Zweigen aufgesteckt! Es baut im innersten Gemüthe Der Frieden seinen heil'gen Dom. Ein Freudenbrief ist jede Blüthe Und jeder Quell ein Lethestrom! Ritterhaus . Es ist Ende Mai! — Der langersehnte Tag der Alpfahrt kommt, — des Auferstehungsfestes im Wirthschaftskalender der Sennen. Schon mehrere Tage vorher war er droben mit dem Knecht, hatte den Weg, wo er vielleicht durch eine Lauine zerstört war, wieder¬ hergestellt, das Dach nachgesehen, überhaupt die nöthigsten Vor¬ kehrungen zum Einzug der Gäste getroffen. Jetzt schmücken sich die Sennen und alle, welche in die Berge mitziehen. Die Schwester heftet dem Bruder, „s Maiteli“ ihrem „Buob“, — „d' Schwaigeri“ im Tyrol sich selbst, Blumensträuße mit Flittergold oder Kränze von jungem Laub und Buchsbaum auf den Hut; bunte Bänder flattern und winken, — das blendendweiße, hoch über die gebräunten Arme hinaufgewickelte Linnenhemd, kontrastirt gut gegen die schar¬ lachrothe Tuchweste und die leuchtend-gelben, ledernen Kniehosen der Appenzeller und Toggenburger, oder wo überhaupt noch Volks¬ tracht existirt, und wo das, auch in die stillen Gebirgsthäler ein¬ dringende Nivellirungs- und Verflachungsbestreben unserer Zeit nicht jede Spur urwüchsiger Selbstständigkeit in des Volkes Thun und Denken, Kleidung und Sitten verwischt hat. Denn es giebt auch große Alpenthäler, in denen aller Spiritus, jede poetische Seite des Volkslebens verschwunden ist und nur die hausbackenste, nüchternste, kahl-alltäglichste Prosa waltet. — Die Kühe sind ge¬ striegelt und wie „g'schlecket“, daß sie im goldigen Sonnenschein glänzen und kein Wassertropfen auf den glatten Haaren haften würde. Mit korybantischem Jauchzen und „Zauren“, die einen unver¬ Sennenleben in den Alpen . wüstlichen Humor bekunden, eröffnet da, wo blos Männer zur Alp „fahren“, der „Zusenn“, mit dem weißgescheuerten oder buntbe¬ malten Melkeimerli auf der Schulter, den Zug. Ihm folgen die schönsten und größten Kühe mit den fußhohen, messingblechenen „Trychlen“ (Glocken), die an breiten, ledernen, mit allerhand farbig ausgenähtem Putzwerk versehenen Halsbändern hängen. Diese Glocken, deren gewöhnlich nur drei bei einem Zuge sind, bauchen oberhalb am Henkel ziemlich breit aus, oft einen Fuß im Durch¬ messer, laufen nach unten schmaler zusammen und verursachen solch einen heillosen, trommelähnlich-alarmirenden und doch nicht unhar¬ monischen Lärm, daß man ihn bei geeigneter Luft eine Stunde weit hört. Man legt diese Riesen-Schellen den Kühen nur für die Dauer an, während welcher der Zug durch die Dörfer geht, um Pracht mit der Herde zu treiben und alles Volk herbeizulocken. Ist dieser Zweck erreicht, dann wird das gewichtige Spektakel-In¬ strument den Kühen wieder vom Halse genommen, weil erfahrungsge¬ mäß das lange Tragen derselben den Lungen der Thiere nachtheilig ist. Jetzt entstehen in den Dörfern, durch welche der Zug kommt, völlige Volksaufläufe; denn Alt und Jung will des „Korde Urche- Bübli's“ (Konrad Ulrich) oder des „Franz-Antony-Lismer-Seppelis“ schöne „Chüena“ (Kühe) die Revüe passiren lassen und mit Ken¬ nermiene deren Bau und „G'schlachtheit“ prüfen. — Der Berg¬ bauer hat seine Kuh-Aesthetik, die mit den feinsten Nüancirungen ungemein „heikel“ und wählerisch in Farbe, Stellung der Füße, Hörner und anderer Eigenschaften distinguirt. Blökend und sprin¬ gend, gleich als ob sie es wisse, daß es hinauf gehe zu den gewür¬ zigen, nahrhaften Alpweiden, folgt nun, in lange Reihe aufgelöst, die ganze Herde der Kühe, Galtlinge, Ziegen und Lämmer, — mitten darunter brummend und mürrisch der Sultan des Stall- Serails, der „Muni“, heute der Sündenbock des allgemeinen Spottes; denn der Volkswitz bindet altherkömmlich diesem „Sen¬ tenpfaar“ (Zuchtstier) den Melkstuhl, mit Blumen geschmückt, zwischen Sennenleben in den Alpen . die Stirngabel der Hörner. Neben dem Zug gehen im leinenen Futterhemd und in der groben Zwillichhose der „Gaumer“ (Hirt) und der „Handbub“, den Zusenn mit „Juchz'gen“ und Jodeln sekun¬ dirend. Den Schluß endlich bildet das Saumroß mit den Käserei- Geräthschaften und der Herden-Besitzer in unverkennbarem Selbst¬ bewußtsein des augenblicklich zu feiernden Triumphes. Im Allgemeinen bleiben Weiber und Kinder in den Thal¬ dörfern zurück. Aber es giebt in Graubünden, z. B. im Davos und in Mutten, so wie im Wallis Ortschaften, die mit Kind und Kegel ins Sommerdorf auswandern, und ihren Winter-Aufenthalt, die Häuser verschlossen, vollständig verlassen; — höchstens daß ein alter Mann als Wächter zurückbleibt. — So gehts hinauf auf die Berge, in die Alpen. Das ist die malerische, fröhliche Seite eines Alpenfahrt-Bildes. Aber es giebt auch Herden-Expeditionen im Hochgebirge, bei denen es nicht nur beschwerliche Passagen zu überwinden, sondern Kräfte und Umsicht zu brauchen, ja sogar das Leben zu riskiren gilt. Dies ist vornehmlich der Fall, wenn die Alpweide jenseit eines Gletschers liegt und es gilt, die schlüpfrige, hähle Eisfläche mit ihren verbor¬ genen Spalten und Schründen zu überschreiten. Da bedarf es denn besonderer baulicher Vorkehrungen; mit Hilfe des Pickels und der Axt hat man Stege und Bretterbrücken improvisirt, oder Wege durch die Eislabyrinthe gebahnt und mit sandigem Geröll und Erde bestreut, um dem Vieh den instinktmäßigen Widerwillen gegen das ihm unheimliche, fremde und trügerische Element zu benehmen. Oft sträubt sich die Herde mit unverwüstlichem Trotz, die glasige Eisspiegelfläche zu betreten, und die Sennen sind ge¬ nöthigt, zu den verzweifeltsten Zwangsmitteln zu greifen. Ja, es giebt sogar Alpen, zu denen ein Haupt Vieh nach dem andern wie Waarenballen am Flaschenzuge des Krahnen über hohe Felsen¬ wände hinabgelassen werden müssen. Schmucklos, einfach, wie ein Wurf aus freier Hand, traulich Berlepsch , die Alpen. 22 Sennenleben in den Alpen. und einladend wie ein herzlicher Gruß des Willkommens auf den Matten, mitunter sogar theatralisch-malerisch (wie z. B. auf der Alp „Büls“ unter den Churfirsten am Wallensee) liegt das schützende Dach der stillen Sennhütte im Kräutermeer der Alpweide da. Der ganze Bau ist in den wälderreichen Gegenden durchaus Block¬ hauskonstruktion, also lediglich aus Holz errichtet, das von der langjährigen Wirkung der Sonnenstrahlen tief gebräunt wurde. Nur der wenige Fuß hohe Unterbau ist grobes Steingefüge, oft Mauerwerk wie aus vorkulturlichen Zeiten. Ueber diesem einstöckigen, kunstlosen Erdgeschoß, das seiner naiven, ungesuchten Natürlichkeit halber ganz mit der in ihrer Einfachheit majestätischen und erha¬ benen Gebirgswelt harmonirt, ruht das flache, silbergrau-glänzende, derbe Schindeldach. Es ist mit schweren Steinen belastet, damit der wilde Föhn, des Aelplers „ältester Landsmann“, wenn er aus dem Süden warm einherbraust, über die Felsenklippen niederstür¬ zend sich in die Bergmulden einbohrt und — seine Donnerwürfe wirft, Daß Wald und Fels herunterbricht erschrocken, — die Friedenshütte unangetastet lasse. Diese ist des Sennen und seiner Gehilfen Asyl während der Sommermonate. In denjenigen Alpen, wo gute Ordnung herrscht und für das Vieh vorsorgliche Einrichtungen getroffen wurden, sind nahe bei der Sennhütte „Gaden“ oder Stallungen errichtet, in denen die Herde während drückender Mittagswärme und in kalten Nächten oder während der wilden Wetter eingestellt wird. Nicht überall hat die rationelle Praxis solche Einrichtungen getroffen, und es giebt noch Alpen genug, in denen die Wettertanne der einzige Zufluchtswinkel des armen Viehs während der Hitze und der furchtbaren Hochgewitter ist. Die dem Gebirgsbewohner angeborene und anerzogene Lässigkeit vermag es nicht zu überwinden, daß irgend eine Neuerung in der Alp vorgenommen werde. Wie es zu „Pfuchähni's“ (Ur-Urgroßvaters) Zeiten war, so wird die Alpenwirthschaft auch heute noch betrieben. Sennenleben in den Alpen . Ists irgend thunlich, so wird die Sennhütte an einen Felsen¬ klotz gebaut oder, wenn er überhängt, sogar zum Theil unter den¬ selben geschoben, um im Fond einen recht kühlen Platz für den Milchkeller zu gewinnen. Rinnt vollends gar ein frischer Quell oder eisiger Gletscherbach in der Nähe, so leitet der Aelpler das Wasser gern durch sein Magazin, um die von der Milch gesäuerte Luft durch die entstehende Ventilation zu entfernen und dagegen frische, dem Wasser entströmende Lufttheilchen dem Gemache zuzu¬ führen. Die nächste Umgebung einer Sennhütte ist fast immer ein bodenloser Koth, in dem strotzend-fettes Blakenkraut und Alpen¬ sauerampfer wuchernd wächst. Das Innere entspricht in den meisten Fällen dieser unsauberen Umgebung und ist eine kräftig-korrigirende Strahlendouche für jedes durch sublime Phantasien erhitzte Gehirn. Denn Reinlichkeit und Akkuratesse sind allenthalben nichts weniger als hervorragende Attribute viehzüchtender Völker, und der Aelpler bestrebt sich durchaus nicht, hierin als Ausnahme zu erscheinen. Der leuchtende, farbenheitere Festtagsanzug, der das Auge bei der Auffahrt so anregend ergötzte, ist verschwunden. Weite, derbleinene Beinkleider, die in allen Schattirungen der Stallbeschäftigung schillern, und ein ditto Futterhemd, d. h. eine blousenähnliche Jacke ohne Schlitz auf der Brust, bilden mit den schweren klappernden Holzschuhen und einem enganliegenden Käppchen die ganze Beklei¬ dung des Sennen. Die Entrée zum Innern der Sennhütte führt sogleich zu den centralisirten Gemächern. Nach altgermanischer Sitte ist Wohn¬ zimmer und Küche, Speiselokal und Ankleidekammer zu einem Gesammt-Appartement vereinigt, und hier kann man buchstäblich am gastlichen „Herde“ weilen. Letzterer und das über ihm aufge¬ hängte „Milchkessi“ nehmen den meisten Raum ein und bekunden dadurch ihre hohe Bedeutung. Hier ist die Stelle, wo der chemische Scheidungsproceß vorgenommen wird, der die erste konsistente Grund¬ lage zu den delikaten „Schweizerkäsen“ legt. Bezeichnend wird 22* Sennenleben in den Alpen . darum auch diese Lokalität der „Weller“ (wo die Milch „erwellet“ oder leicht aufgekocht wird) genannt. Unter dem Herd darf man sich indessen keine eigentliche kulinarische Vorrichtung denken, etwa so, wie man sie in alten Bauernhäusern findet mit umfangreichem Schlotfang; — solche Weitläufigkeiten passen nicht zur Einfachheit der alpinen Baukunst. Etwa so, wie es, jugendseligen Andenkens, der gute Robinson Crusoe aus Noth einrichtete, arrangirt heutiges Tages der Senn in den Schweizer Alpen seine Küchen-Vorkehrung; ein schwarzes, verkohltes Loch im vorderen Winkel der Hütte mit einigen Steinen eingefaßt, ohne Kamin oder Rauchleitung, stellt den Herd dar. „Ein Versprechen hinter dem Herde“ hier zu geben, wäre nicht wohl möglich. Daneben steht ein senkrecht-aufgerichteter, oben und unten eingezapfter und deshalb drehbarer Baum mit langem, eisernem Arm, der sogenannte „Turner“, an den der große „Milch¬ kessi“ gehangen wird. Der Rauch mag sehen, wo er seinen Ausweg findet, — es steht ihm frei, zur Thür, oder durch die Dachklinsen, oder durch die Ritzen zwischen dem Gebälk hinauszuschleichen. Darum ist das Innere jeder Sennhütte auch wacker eingeräuchert. Ist die Alpenluft rein, fein, dünn und wenig mit Wasser-Atomen gesättigt, so werden die Dämpfe auffallend rasch konsumirt, so daß sie die Respirations-Organe nicht sonderlich belästigen. Schneits und regnets aber, so daß die Luft schwer aufs Dach drückt, dann ist der ohnehin zughafte, kalte Aufenthalt in der Hütte des Rauches halber fast kaum erträglich. Die weiteren Komforts für die aller¬ dringendsten täglichen Bedürfnisse sind: ein etwa 2 Fuß langer Klapptisch, der in Angeln an der Wand befestiget der Raumersparniß halber nach dem Gebrauch zurückgeschlagen werden kann; dann eine Truhe in Form einer Bank längs der Wand, ein Holzklotz, der die Dienste eines Sessels zugleich vertreten, und ein Napfenbrett, das die Stelle eines Schrankes versehen muß, auf dem allerlei Ge¬ räthschaften, Brod und Kleidungsstücke aufbewahrt werden. Außerdem hängt vielleicht eine Büchse im Winkel, wenn der Senn zugleich Sennenleben in den Alpen . Jagdliebhaber ist, und in den katholischen Gebirgstheilen ist bei strenggläubigen Bauern das Weihwasserkesseli mit dem „Nuster“ ( Pater noster oder Rosenkranz) nicht vergessen, welches vielleicht noch durch ein an das Brett-Getäfer geklebtes „Heiligen-Helgeli“ von Kloster Einsiedeln zur Erhöhung der häuslichen Andacht ver¬ mehrt wird. Alle übrigen in der Hütte vorkommenden Geräth¬ schaften gehören zur Butter- und Käse-Bereitung. Das Schlafgemach ist sehr verschieden angebracht. Im Berner Oberlande, wo die Sennhütte an ihrer Eingangsfront, eine Art kunstloser Vorhalle in Form eines Peristylum hat, das „Mulchedach“ oder der Melk¬ gang genannt (weil im Schutz desselben das Vieh bei schlechtem Wetter gemolken wird), befindet sich das Ruhe-Lager oder „Gastere“ in diesem Dach-Vorbau; in anderen Gegenden wurde dasselbe über den Schweinestall verlegt und heißt „Trileten.“ Welche Annehm¬ lichkeiten für diesen Fall aus der unmittelbarsten Nähe der unruhigen, ewig-grunzenden Schlafkameraden und durch ihre penetranten Ausdünstungen erwachsen, ist begreiflich. Uebrigens steht das Lager selbst an Ursprünglichkeit seiner Einrichtung dem Charakter und der Einfachheit der ganzen Hütte durchaus nicht nach; ein mit Wildheu ausgestopfter Matrazzen-Sack, die ungestörte Heimath einer Legion von springenden Blutsaugern, und eine Wollendecke oder, wie im Wallis und Graubünden, eine aus Schaaffellen zusammengesetzte Decke, bilden die ganze Ausrüstung der Schlafstätte. Ist nun das Schindeldach nicht gut verwahrt, so begegnets, daß bei solidem, kräftigem Regenwetter der Schläfer einem unfreiwilligen Tropfbade aus¬ gesetzt wird, — oder wenn, wie vorher erwähnt, das flache Hüttendach an einen erklimmbaren Felsenklotz anlehnt, so klettern die naseweisen, nie rastenden Ziegen Nachts auf demselben herum und verursachen solch einen unheimlichen Skandal, als ob der gehörnte Pferdefüßler da droben sein ungeheuerlich Wesen triebe. So siehts in den „idyl¬ lischen, romantischen Sennhütten“ aus, die im „letzten Fensterln“ und ähnlichen poetischen Produktionen auf der Bühne so reizend erscheinen. Sennenleben in den Alpen . In jeder, einigermaßen großen Alpenwirthschaft der Schweiz hausen gewöhnlich drei Aelpler und ein Knabe; Weiber besorgen dieselbe, wie schon erwähnt, nur in den österreichischen und bayeri¬ schen Alpen, so wie in einigen Thälern des Wallis. Major domus ist der Senn; entweder selbst Herdenbesitzer oder Beauftragter einer Societät, führt er das Regiment, besorgt die Käserei sammt deren Magazine und ist zugleich Buchhalter des Geschäftes. Memorial, Lagerstrazze, Conto corrente und Hauptbuch finden sich entweder in einem mit Papier durchschossenen Quartkalender vereinigt, der hinter einem angenagelten Holzspahn an der Wand steckt, oder irgend ein kleines Taschen-Notizbuch enthält die Hieroglyphen der ganzen Geschäfts-Abwickelung. Sein Beistand und Handlanger ist der „Sennbub, Handbub, Schorrbueb, Junger, oder im Wallis der „Pató“ , der wie der Senn den größten Theil der Zeit in der Hütte zubringt; er hat die Gefäße zu reinigen (die im Gegensatz zum beschriebenen Habitus der Hütte auffallend sauber gehalten werden, weil von diesem Umstande die Güte der zu gewinnenden Milchprodukte abhängt) und dem Senn unmittelbare Handhilfe zu leisten, ist aber nicht immer ein 14 oder 15 jähriger Bube, sondern oft ein derber Gesell, der seine Dreißig überwunden hat. Die Ver¬ mittelungsperson zwischen Berg und Thal, der Käsemerkurius und Heimaths-Telegraph, ist der „Zusenn“, welcher alle Alpenprodukte hinab und Holz sammt Viktualien herauf zu schaffen hat; im Walliser Patois wird er gemüthlich bezeichnend „Lamieiy“ ( l'ami , der Freund) genannt. Ihm steht, wo gute Einrichtungen getroffen sind, ein Saumroß zu Diensten. Der eigentliche Hirt endlich ist der „Chüener, Gaumer, Kühbub oder Rinderer“, im Wallis „Vigly“ ( vigilantia , die Wachsamkeit?); seine ausschließliche Obliegenheit ist's, das „Senntem“ auszutreiben und zu hüten. An sicheren Orten, wo kein Vieh stürzen und kein Raubthier der Herde schaden kann, liegt er halbe Tage lang bei gutem Wetter am Boden, schaut in die herrliche Gebirgslandschaft hinaus, jodelt nach Herzenslust in Sennenleben in den Alpen . die Thäler hinab und ist selig im träumerischen Nichtsthun. Gilts aber, das Vieh auf steiler Alp zu hüten, dann muß er am schwin¬ delnden Abgrunde gehen, zu äußerst, wohin das weidende Thier sich nicht getraut, — und auf Schritt und Tritt geht der Tod dicht neben ihm. Beim Sturm und Hochgewitter, im strömenden Regen und zu jeder Tageszeit muß er seinen lebensgefährlichen Beruf erfüllen, und da ist's nicht selten, daß er Tage lang in völlig durch¬ näßten Kleidern verbleiben muß. Dies ist die Kehrseite des so reizend geschilderten Hirtenlebens. Aber auch der Senn bekommt sein Theil davon, wenns Wochen lang regnet, Nebel wie böse Geister des Gebirges sich grau und unheimlich um die Hütte lagern, das nasse Holz nicht brennen will und Wind und eisiger Luftzug durch die Hütte fegen, daß die Glieder erstarren, oder wenns gar im Juli schneit und fußhoch Flocken wirft, daß das Vieh Tage lang kein Hälmlein Futter findet, vor Hunger brüllt und keine Milch giebt. So auffallend und sichtbarlich die Herde auf der Alp wäh¬ rend eines guten Sommers sich mästet, so sehr verelendet und magert sie in einem kalten, nassen Sommer ab. Des Aelplers Tagesordnung ist höchst einförmig, Sonntag und Wochentag die gleiche, kein Glockenklang läutet die Sabbath¬ ruhe ein, kein schmuckes Kleid bezeichnet den Feiertag, kein Schluck Wein netzt am Wirthstisch den durstigen Gaumen am Abend. Während die ganze Landschaft noch träumerisch nebelblau dem frühen Morgen in den Armen ruht, die Thäler tief drunten däm¬ mernd dampfen und Streifen weißen Nebelrauches durch die Schluchten und Tobel schleichen Als wälzte fraßesmatt, träg, auf dem Bauch Dahin die Schlange sich, der Ewigkeit, — Lenau . während die Nacht durchs Morgensternlein ihren Scheidegruß sendet und des Himmels frohes Antlitz und der Eisberge Schneegipfel von des Tages erstem Kusse leise erröthen, erhebt sich der Senn von seinem harten Heulager und melkt, während der Handbub Feuer Sennenleben in den Alpen . anzündet. Die gewonnene Milch wird sogleich in dem großen „Kessi“ erhitzt, und mit „Etscher“ (sauere Schotte) geschieden, daß sie gerinnt und sich ausscheidet in „Käsbulderen“ und Molke. In¬ dessen ist auf morgenheiteren Schwingen der volle Tag herabgeschwebt. Sonnenaufgang! Goldne Pfeile Schießen nach den weißen Nebeln, Die sich röthen, wie verwundet, Und im Glanz und Licht zerrinnen. Endlich ist der Sieg erfochten Und der Tag, der Triumphator, Tritt in strahlend voller Glorie Auf den Nacken des Gebirges. H. Heine . Das Sennenvolk hat zu Morgen gegessen, der Hirt treibt aus, der Handbub säubert seine Geräthe, und der Senn fährt fort, seine Milchprodukte zu bearbeiten. Häusliche Arbeiten füllen den Tag reichlich aus. — Ists dann Abend geworden, entschläft der müde Tag allmählig, sinkt das ewige „Flammenherz der Welt“, die Sonne, hinter den Bergen nieder, dann lockt der Hirt oder der Senn mit dem „Ruggüßler“ oder mit dem „Kuhreihen“ die Thiere zur Hütte, entleert die strotzenden Euter von der fetten, rahm¬ ähnlichen Milch, und die Procedur vom Morgen, sammt Abendessen und Reinigen der Geräthe, schließen die Tagesgeschäfte. Bei ein¬ brechender Nacht tritt dann in den katholischen Gegenden der Senn vor seine Hütte hinaus, singt mit lauter Stimme durch einen großen hölzernen Milchtrichter (die „Volle“ genannt) in der Choral- Melodie der Präfation ein Gebet, meist Strophen aus dem Evan¬ gelium Johannis, und den englischen Gruß. Die anderen Hirten im Gebirge und die im Freien übernachtenden Wildheuer oder Wurzelgräber, die es hören, knieen fromm nieder und beten ein Pater noster und Ave Maria dabei. Dieser späte Ruf ersetzt in den stillen, einsamen Alpen die Abendglocke, welche in den Thälern zum Dankgebet für die Segnungen des verlebten Tages auffordert, und dient zugleich dem von der Nacht überraschten, vielleicht ver¬ Sennenleben in den Alpen . irrten Wanderer als gastfreundliche Einladung. — Mit der Gast¬ freundschaft hats indessen, namentlich in den wälschen Alpen, mitunter seine Haken. Die Hirten in den entlegenen Alpen sträuben sich oft außerordentlich, Fremde zu übernachten, aus Furcht, Verbrechern Unterschlauf zu geben. Sie können sichs nicht denken, daß man Vergnügens halber oder um der Wissenschaft willen in den Felsen herumklettert, sie wähnen, nur Noth und Flucht treiben in die Berge hinein. Im Tyrol halten sie Bergwanderer häufig für Abgesandte der Regierung, welche die Zustände des Volkes, ihren Viehstand und Verdienst auskundschaften wollen. „Nun wirds bald eine neue Steuer geben“, ist gewöhnlich der Refrain der Ungläu¬ bigen. Andere Sennen auf Pacht-Alpen, oder solche, die von Gesellschaften angestellt sind, verweigern aufs Gewissenhafteste jede Spende, oder geben nur um „Gotteswillen“ dem beinahe ver¬ schmachtenden Wanderer etwas alten „Zieger“ (trockenen Käse) und ein wenig Milch, nehmen aber um keinen Preis Geld dafür, um nicht in den Verdacht der Veruntreuung zu kommen. Dies ist, wie gesagt, in den weniger von Touristen durchstreiften Gegenden, nament¬ lich in den Seitenthälern des Engadin der Fall. Ist in der Hütte Alles dann beendet, so gehts zur Ruhe aufs Wildheu, unter die „Schnetzli-Decke“, und ein kräftiger, tiefer Schlaf stärkt die ermatteten Glieder dieser harmlosen Naturmenschen. Nur eine Intervalle tritt wie ein freundlicher Ruhepunkt in das Einerlei der Alpzeit ein. Es ist das Aelplerfest, die „Alp¬ stoberte“, die „Aelpler Kilbi“, oder wie es sonst noch in den ver¬ schiedenen Thalschaften genannt wird. Diesem widmen wir später einen besonderen Abschnitt. In den katholischen Gegenden ist bisweilen ein öffentlicher Vormittagsgottesdienst damit verbunden. Nur sehr wenig Alpen haben Kapellen oder Gotteshäuser, in denen während des ganzen Sommers einmal Gottesdienst gehalten wird. Die größte Kapelle steht auf einer der schönsten Alpen, die es giebt, auf dem Urner Boden; sie sieht einer stattlichen Kirche gleich, und Sennenleben in den Alpen . der Pfarrhelfer von Spiringen im Schächenthal (Tells Heimaths- Thal) liest dort den zahlreich versammelten Sennen die Messe. Gleichen Ursprunges ist das Kirchlein mit dem Kloster „Maria zum Schnee“ am Rigi. Dann steckt ganz hinten im Kalfeuserthal des St. Galler Oberlandes die reizend, zwischen zahlreichen Fels¬ sturztrümmern gelegene kleine Kapelle St. Martin, — und im Martell-Thale (Vintschgau, Tyrol) steht einsam die Kapelle „Maria- Schmelz“, ursprünglich für die Ofenknechte des eingegangenen Schmelzwerkes gebaut; jetzt kommt im Sommer allsonntäglich der Kaplan von Thal hierher. Der originellste Tempel dieser Art ist das „Wildkirchli“ im Appenzeller Lande. Eine Felsenhöhle an hoher, senkrechter Berg¬ wand (unter der schönen Ebenalp), in die sich, wäre sie nicht von den Altvätern zu einer Stätte der Gottes-Verehrung geweiht, der Gaisbub mit seiner Herde vor dem Gewittersturme flüchten würde, giebt die Hallen des Gotteshauses ab, — schlicht, kunstlos, ein Naturgewölbe, wie es aus der Hand der gestaltenden Schöpfung hervorging. Kein Marmoraltar, kein Gebilde von Künstlerhand trägt die geweihten Geräthe; — ein schlichter Schragen, von des Zimmerers Beil bearbeitet, versieht den Dienst, — der Altar ist mit einem Teppich verhangen, und neben frisch gepflückten Alpen¬ rosen in den Vasen flackern die Kerzen im Zugwinde gegen die Tiefe der Höhle, das Marterkreuz andampfend, vor dem die Menge in den Staub sinkt. Das „Wildkirchli“ ist dem heiligen Michael geweiht, und alljährlich am Schutzengel-Fest hält ein Kapuziner droben Gottesdienst. Da liegt das Volk auf den Knieen, schlägt reuig an die Brust und murmelt seine Gebete. Ob die Einkehr in des Gemüthes Tiefen ihm wohl erschlossen ist? Ob es nach seiner Weise Selbstschau hält in dem Herz-erschütternden, alle Quellen der Seele öffnenden Augenblicke? Das Weihrauchfaß dampft; mechanisch, dienstbeflissen, unberührt von der Gewalt des Gott-geweihten Augenblickes, schwingt es der ministrirende Knabe, Sennenleben in den Alpen. — ein matter, sinnebethörender Ambradunst steigt auf; — was ist er gegen den großen Weihrauchduft des Sommermorgens, der die hohen, hehren Gebilde der Alpenklippen umwogt? — Jetzt kündet des Glöckleins weittönender Schall, fern hinab in des Seealpsee- Thals Tiefen es an, daß das Mysterium der „Wandlung“ hoch droben an jäher Felsenwand vor sich gegangen ist, und der einsame Tauner auf Maarwies oder ob der Felsenbastei des Alpsiegleten, der nicht zum Fest herüberkommen konnte, weil der Dienst ihn an seine Hütte bannt, hört des Glöckleins mahnenden Ruf, schlägt an die Brust und murmelt gewohnheitsgemäß seinen Spruch dazu. Drunten in der Schwendi sitzt die Matrone auf den Treppensteinen, vor ihres Tochtermannes Haus, die Rosenkranz-Schnur zwischen den dürren, zitternden Händen. Auch sie hört des Glöckleins Schall und betet; aber ihre Gedanken weilen nicht im Heiligthume des ererbten Glaubens. Ihre Erhebung schweift wohl hinauf, aber nicht in die glanzerfüllten Räume des Alls, wo nach ihrer kind¬ lichen Meinung, jenseit der Wolken, die Gebenedeite auf dem Strahlenthrone weilt, umgeben von Engelschaaren: — ihr Sinnen und geistiges Empfinden erhebt sich nur zur Ebenalp. Sie denkt des heute zu feiernden Festes, wie es in seiner ländlichen Pracht vor ihrer Mädchenzeit freudevoll vorüberrauschte. Damals vor fünfzig Jahren war sie die Schönste der ganzen Inneren Rhoden; des Franz-Antoni's Mareieli mußte bei allen Tanzspinnenen und winterlichen Abendversammlungen sein, die es weit umher gab, — sie war die Zierde jeder Alpstubete und der Urnäscher Chilbi, des leidenschaftlich-fröhlichsten Hirtenfestes im ganzen Appenzeller Lande. Im Kranze der singenden Mädchen war sie Tonangeberin; ihre helle, glockenreine Stimme jauchzte am Freudigsten hinaus gegen die Bergwände und — als ob das Echo Mareieli bevorzugend zu seinem Lieb erkoren hätte, gab es nur ihren „Juchzger“ freudevoll accentuirt, überlaut zurück, während der Widerhall vom Gesang der Uebrigen nur wie Folie klang, von der Mareielis Jubel dia¬ Sennenleben in den Alpen. mantklar sich ablöste. O! sie hatte eine herrliche, harmlose Jugend verlebt, und just am Schutzengelfeste wars, wo sie der Sepp von ihren Eltern zum Weibe begehrte. Jetzt ist er todt, schon zwanzig Jahre lang; der heil. Michael war ihm kein Schutzengel gewesen, denn just unterm Wildkirchli war er beim Laubsammeln gestürzt und todt gefallen. Nun sitzt's Mareieli drunten allein, alt, gebrech¬ lich und arm. Des Glöckleins Klang läutet ihr Erinnerung: Freude und Gram zugleich ins lebensmüde Herz. Wir kehren zur Alp zurück! — Vorhin wurde des Kuhreihens gedacht. Dieser weltberühmt gewordene Hirtengesang, der in Frank¬ reich einst bei Todesstrafe verboten wurde, weil bei seinen Klängen die Soldaten der Schweizerregimenter vom Heimweh befallen, massenweise desertirten und den Bergen zueilten, — der wirkliche ächte „Chüereiha“ ist fast gänzlich verschwunden; vollständig hört man ihn selten mehr. Er ist, wie schon gesagt, das Eintreibelied, welches der Kuhhirt unter der Stallthür singt und durch diese, dem Vieh bekannten Töne dasselbe herbeilockt. Um sie folgsamer zu machen, giebt er ihnen aus dem „Läcktäschli“ ein wenig Salz. Der Text zum Appenzeller Kuhreihen lautet! „Wönd—d—er iha Loba? (Wollt ihr herein Kühe?) Allsamma mit Nama, di alta, di junga, allsamma Loba, Loba, Lo — — — ba. Chönd (Kommet) allsamma, allsamma, Loba, Loba. Wenn i—em Vech ha pfeffa (wenn ich dem Vieh habe gepfiffen), ha pfeffa, ha pfeffa, so chönd allsamma zuha schlicha, — schlicha, wol zuha da zuha. Trib iha allsamma, wohl zuha, bas zuha. Höpsch sönds ond frei, holdsälig dazue. Loba, Lo — — ba. Wääs wohl, wenn — ers Singa vergod: wenn e Wiega i — dr Stoba stod, wenn de Ma mit Füsta dre schlod ond der Lost (Wind) zue ala Löchera inablost. Lo — — ba, Loba, Loba, Lo — — ba. Trib iha, iha alsamma, n'alsamma: die Hinked, die Stinked; die B'bletzed, die Gschegget; die Gflecket, die Blässet; die Schwanzert, die Tanzert; Glinzeri, Blinzeri; d' Lehneri, d' Fehneri; d' Schmalzeri, d' Hasleri, d' Moseri; Sennenleben in den Alpen . s' Halböhrli, s' Möhrli; s' E-äugli, die erst Gel ond die Alt, der Großbuch ond die Ruch; d' Langbeneri, d' Haglehneri, — trib iha wohl zuha, da zuha, bas zuha. Lo — ba. — Sit das i g'wibet ha, ha — n — i ke Brod me k'ha, sit das i g'wibet (ge¬ weibet, geheirathet) ha, ha — n — i ke Glöck me k'ha! Loba! — Wenns asa wohl god ond niena still stod, so iß jo grotha, (wenns also wohl geht und nirgends still steht, so ists ja gerathen), — s'iß kena Lüta bas, as ösera Chüeha; sie trinkid os — sem Bach, ond mögid trüeha (S'ist keinen Leuten besser als unseren Kühen, sie trinken aus dem Bach und mögen gedeihen)“. — So wenig Poesie im Ganzen ist, so muß man doch die große Gemüthlichkeit anerkennen, die darin liegt, wenn der Hirt, seine Kühe beim Namen aufrufend, anfragt, ob sie herein wollen, und in Mitte dieser alpinen Harmlosigkeit plötzlich an die Mißhelligkeiten seines Ehestandes er¬ innert wird, sich jedoch rasch zu trösten weiß. Die waatländer Aelpler im Ormonds-Thal haben einen ähn¬ lichen Kuhreigen ( Ranz-des-Vaches ), nur daß er bei Weitem mehr poetischen Schwung hat. Der Anfang desselben lautet: Les armailles dé Colombetta Dé bon matin sé son lévâ , Ah! ah! lioba, lioba, por t' aria. Venidé toté, petité, grozzé, Et bliantz' é néré, d ' zouven é autre , Dézo stou tzano, yo yié ario, Dézo stou trimblio, yo yié trinzo! Lioba! lioba! por t' aria. etc. etc. Die Hirten der Colombetta Sind früh aufgestanden! Ho! Ho! Kühe, Kühe! zum Melken. Kommt alle, kleine und große Und weiße und schwarze, junge und alte Unter diese Eiche, wo ich Euch melke, Unter diese Espe, wo ich (die Milch) gerinnen lasse! Kühe! Kühe! zum Melken u. s. w. Der Eindruck, den solche Aelpler-Gesänge auf das Thier ma¬ chen, ist unauslöschlich. Denn wenn Kühe von Alpenzucht aus dem Geburtslande entfernt werden und später durch Zufall den Refrain wieder hören, so scheinen alle Erinnerungen an ihre frühe¬ ren Bergweiden wieder in ihnen wach zu werden; sie schlagen aus, thun völlig ungeberdig, rennen umher und durchbrechen in ihrer Raserei die Zäune. Ueberhaupt äußert das Vieh, welches auf den Sennenleben in den Alpen . Alpen groß gezogen wurde, im Frühjahr ein sehnendes Verlangen nach den Bergen; es ist unstät im Weiden, wählerisch im Fressen und beruhiget sich nicht eher, bis der ihm innewohnende Natur¬ trieb nach dem Hochgebirge befriedigt wird. Corrodi sagt in seinen Alpenbriefen: „Die Alpenkühe haben Intelligenz. Wenn Du bergan gehst über die Weiden und die schönen Thiere erheben den Kopf so klug und fragend nach Dir, dann meinst Du, Du müssest ihnen den Paß vorzeigen! — Das sind keine Kühe, wie sie im Land unten vor alle möglichen Fuhrwerke gespannt und abgekarrt werden, daß man an den Hüftknochen den Hut aufhängen könnte, — das sind Honoratioren, bewußtvoll, sich fühlend, nicht Vieh mehr, son¬ dern Thier . Da ist Race, Schnitt, Charakter. Glaubst Du, ein Thalkühlein würde Empfindung zeigen, wenn sie die große Glocke getragen und man sie ihr wieder abnähme? Nein. Geh aber und frag', wie die Leitkuh traurig wird und nicht mehr fressen mag, wenn man sie ihrer Glocke beraubt“ ꝛc. Die Leitkuh ist das schönste Thier des Sennthums, und weil sie von allen Kühen am Weitesten, also gleichsam an der Spitze derselben geht, wird sie die „Heer-Kuh“ genannt und trägt eine Glocke. Begegnet es nun, daß ein solches Thier, das in seinen früheren Verhältnissen den Vorzug genoß, Führerin der Schaar zu sein, durch Kauf zu einer anderen Herde kommt und soll sich hier der Prinzipalität einer anderen Leitkuh unterordnen, so ent¬ steht nicht selten ein Kampf auf Tod und Leben. Die pensionirte Leitkuh greift die, im Besitz der Glocke sich befindliche Vorgesetzte an, und zwar mit einer Entschlossenheit und mit einer Wuth, daß die intervenirenden Hirten oft große Mühe haben, die Kämpferinnen auseinander zu bringen. Weil sie um den Vorrang ringt, wird sie deshalb in der Sennensprache auch „d' Ringgeri“ genannt. — Ganz ähnlich verhält es sich mit den Zuchtstieren der Herden. Einsichtige und aufmerksame Hirten verhüten es, daß zwei Sennten, deren jedes einen Pfaar hat, auf unmittelbar aneinander stoßende Sennenleben in den Alpen . Weiden getrieben werden; kein Graben und Zaun, selbst keine Schlucht würde die eifersüchtig aufeinander werdenden „Muni“ von einem Zweikampfe abhalten, der in der Regel mit einem Ver¬ luste endet. So wars im Sommer 1856 der Fall, daß auf den Almend-Weiden der Gemeinde Tamins (im Vorder-Rheinthal) zwei Herden auf dieselbe getrieben wurden und durch die Sorglosigkeit der Gaumer sich so näherten, daß beide gehörnten Großherren ein¬ ander ansichtig wurden. Unter tiefem Gebrüll, mit zum Angriff gesenkten Häuptern stürzten sie aufeinander los und der Stierkampf begann. Lautlos, erwartungsvoll sahen die Herden beider Parteien zu. Die herbeigeeilten Hirten wagten es nicht sich zwischen die wüthenden Thiere zu werfen, und das schöne, aber kostbare Schau¬ spiel endete damit, daß nicht nur der Besiegte in den Abgrund stürzte, sondern auch der Sieger im wuchtigen Anlauf sich nicht zu halten vermochte und seinem Feinde folgte. — So entschiedene Abneigung der Senn gegen Reinlichkeit und Akkuratesse in seinem alpinen Hauswesen hat, so sehr besorgt ist er dennoch um das Gelingen seines Manufaktes, seines Milchproduk¬ tes. Ihm widmet er die größte Sorgfalt und Pflege, und wie der große Reben-Kultivateur und Wein-Producent den Kenner mit Wohlbehagen in seinen unterirdischen Räumen zwischen den Fässer- Alleen herumführt, so weiß sich der tüchtige Senn etwas auf seine Käse-Speicher einzubilden. Der arme Talpi, dem die Käse „ver¬ tschaaggen“ d. h. mißrathen, verderben, bleibt Jahre lang Gegen¬ stand des Dorfgespöttes, und es giebt deren, die heutiges Tages noch von ihres Großvaters Zeiten her einen Spitznamen tragen müssen. Die Anerkennung, ein perfekter „Chäser“ zu sein, ist, (wer sollte es glauben!) sogar von Einfluß bei Liebesverhältnissen; „s' Maitli“ vermags nicht zu ertragen, wenn ihr Bub nicht als ein perfekter Senn gilt, und manche „Bröggleri“ (d. h. Stolze) hat dar¬ um ihrem Liebesbewerber einen Korb gegeben, wenn er sonst schon wacker Batzen besaß. Es kann nicht auffallen, wenn man bedenkt, Sennenleben in den Alpen . daß Käse für das getreidearme Gebirgsland ein wesentlicher Be¬ standtheil der täglichen Nahrung ist und daß man die gesammten Milchprodukte des ganzen Alpenlandes, einschließlich Selbstverbrauch und Ausfuhr, jährlich auf mehr als hundert Millionen schwerer Gulden schätzt. Denn was die Schweiz allein an dem allenthalben so beliebten Schweizer-Käse versendet, erreicht die Höhe von minde¬ stens acht Millionen Franken. Nicht die Sehnsucht zur Thalheimath, nicht der Mangel an Futter nöthigen den Sennen zum Rückzug von Staffel zu Staffel; es giebt viele Alpen, die nicht eigentlich „abgeweidet“ sind, wenn die Herde sie verläßt. Das Eintreten kälterer Nächte in diesen Höhen ists, was ihn erfahrungsgemäß vertreibt; darum kommts vor, daß in milden Jahrgängen ausnahmsweise der Senn einige Wochen länger auf Alp bleibt, als es sonst üblich ist. — Herbstelet es nun entschieden, kandiren die Nachtfröste mit ihren Reifen Blatt und Halm, entfärben sich die Laubkronen und zieht der Wald sein buntscheckiges Kleid an, dann mahnts den Hirten die „Alp zu entladen.“ Vor seiner Hütte zündet er am Vorabend der „Abfahrt“ ein lustiges, weit ins Thalgelände hinableuchtendes Feuer an, das uralte Flammenzeichen der Gebirgsvölker, durch das sie in ihren Freiheitskämpfen korrespondirten, und überlaut jauchzend rollen sie die glühenden Klötze über die Felsenhänge hinab, daß die Fun¬ ken zerstiebend die Lüfte durcheilen. Das Thalvolk siehts, und lauscht und freut sich der Heimkehr der Herden. Hin ist die Poesie des Hirtenlebens fürs laufende Jahr, und im Besitz des errungenen Gewinnes, im Andenken an die Freuden der Alpzeit, zieht der Senn hinab und zehrt an der Erinnerung in der tief eingeschneiten Winterhütte des Thales im Hoffen auf die Wiederkehr des Frühlings. Das Alphorn . Zu Straßburg auf der Schanz, da ging mein Trauern an; Das Alphorn hört ich drüben wohl anstimmen, Ins Vatterland mußt ich hinüber schwimmen, Das ging nicht an. (Altes Volkslied.) In den Rahmen eines idyllischen Bildes aus dem Hochge¬ birge gehört das Alphorn, — ein Instrument, das so wenig zu den musikalischen gezählt wird und doch so große Wirkungen und eigen¬ thümliche Stimmungen hervorruft, — freilich auch nur in seiner ursprünglichen Heimath. Es gehört die Großartigkeit der hohen Gebirgswelt dazu, die gigantischen Felsenstirnen ob engen Thälern, mit ihrem bezaubernden Echo, die frische, reine Luft und deren ge¬ schlossene Strömungen, um die eigenthümliche Tonfärbung zu er¬ zeugen, wie sie kein anderes musikalisches Instrument besitzt, und die hier so mächtig ergreift und entzückt. Einfach wie die große, hohe Alpennatur und das dieselbe be¬ wohnende Volk ist auch der äußere Bau dieses Hirten-Instrumentes mit seinen gewaltigen und doch wieder so zarten, sehnsuchtsvolles Heimweh erregenden Tönen. Das Ganze repräsentirt den In¬ Berlepsch , die Alpen. 23 Das Alphorn . strumentenbau in seiner frühesten Kindheit. Ein Alphorn ist aus zwei Theilen zusammengesetzt; das obere bildet eine junge Tanne von ungefähr 5 Fuß Länge, welche nach dem unteren Ende hin breiter ausläuft und gewöhnlich mit einem Eisen hohl ausgebrannt oder auch ausgebohrt wird. Das untere Theil besteht aus einem zweiten Stück Tannenholz, das gekrümmt und becherartig erweitert ist und eine Länge von etwa 1½ Fuß einnimmt. Das ist der ganze äußere Bau. In neuerer Zeit versuchte man dem oberen, dünnen Ende ein Mundstück aufzusetzen, ähnlich wie bei den großen alten Trompeten, um dadurch den Ton rascher und präciser hervor¬ bringen zu können und das Instrument selber für größere und aus¬ geführtere Weisen zu gewinnen. Allein was hierin gewonnen wurde, ging auf der anderen Seite in weit größerem Maße wieder ver¬ loren. Das Instrument, ursprünglich ohne Mundstück geblasen, verlor durch diesen Ansatz die Größe und Poesie des Tones, den Schmelz und den zauberhaften Klang der (musikalisch bezeichneten) „Naturtöne“, wenn allerdings nicht geläugnet werden kann, daß es durch die künstliche Erweiterung einen runden, volleren Ton erhielt. Es ergiebt sich ungefähr das gleiche Verhältniß wie bei dem alten Waldhorne ohne Ventilen und den neueren Maschinenhörnern: dort Einfachheit und Größe, ein unaussprechliches Wohl und Wehe; — hier ein etwas bedeckter, umflorter Ton, aber instrumentlich erweitert und zu allen harmonischen Wendungen und Tonver¬ setzungen fähig gemacht. Der allgemeine Charakter des Alphorntones kommt dem einer etwas gedämpften, großen Trompete am Nächsten, läßt aber keinen speciellen Vergleich zu mit den bestehenden Instrumenten. Von der erwähnten Trompete besitzt das Alphorn den Metallton — und als Holzinstrument die Weichheit und Fülle einer guten Klarinette. Durch seine Länge dagegen gewinnt es die Klangstärke einer acht¬ füßigen Orgelstimme, annähernd dem Bourdon in der mittleren Lage — ein Gemisch von Metallklang und Holztoncharakter, eigen¬ Das Alphorn . thümlich wie das ganze Instrument selber. — Der Tonumfang ist ungefähr in der gleichen Ausdehnung wie der einer Trompete, innerhalb welchem hauptsächlich die Mittellage benutzt wird, weil die Töne dieser Lage leichter hervorzubringen sind und auch die Klang¬ farbe die schönste ist. Die Wirkungen des Alphorntones hängen dagegen von einer Menge äußerer Umstände, ja selbst von Zufälligkeiten ab. In unmittelbarer Nähe gehört, klingt das Alphorn rauh, unangenehm, mehr mit einem heiseren Gestöhn, als mit einem klangvollen Tone zu vergleichen. Schon in einiger Entfernung vermindert sich diese Rauheit (zu welcher auch die bedeutende Lungen-Anstrengung des Bläsers viel beitragen mag) und der Ton zieht klangvoll, weich, fein und zart fibrirend über die Thäler dahin, sich mächtig ausbrei¬ tend, je weiter die Luft den Ton trägt. Bei heiterem Himmel, überhaupt bei reiner Luft klingt der Ton hell, markirt, scharf, glän¬ zend und ähnelt hier in seinem Klangcharakter am Meisten der Trompete. An gewitterschwülen Tagen oder sonst bei bedecktem Himmel nimmt der Ton des Alphornes einen melancholisch-düster gefärbten Charakter an, sehnsuchtsvoll, wunderbar-eigenthümlich klagend, — jenen Ton, der schmerzlich in uns nachklingt, wehmüthige Stim¬ mungen in uns wachruft und dem wir doch nicht entfliehen können, — denn er zaubert und bannt unsere Seele, entzückt und berauscht unsere Sinne. Es mag ein Theil sein von Orpheus, durch Milde und seelentiefe Zartheit, Alles bewältigendem Tone. Eine beson¬ dere Merkwürdigkeit in der hohen Gebirgswelt findet sich bezüglich unseres Instrumentes darin, daß gewisse Felsenwände und darunter liegende Thäler oder bewaldete Felsenparthien den Klang des Alp¬ hornes ganz eigenthümlich umgeschaffen wiedergeben. Leider hat bis jetzt die Physik in Bezug auf Akustik die Resonanz der Ge¬ birgswände für den Ton, die Verschiedenheit des Tones gegen diese oder jene Felsenwand, oder einer mit Felsenwänden abge¬ schlossenen, Echo erzeugenden Gegend — noch nicht so genau in 23* Das Alphorn . den Kreis ihrer Studien gezogen, daß sich Gesetze aufstellen ließen wie im Bereiche der musikalischen Instrumente und ihrer akustischen Wirkungen. Die Weise des Alphornes, das seine jungfräuliche Reinheit bewahrte und noch nicht zum konzertirenden Instrumente emporge¬ schraubt wurde, ist eine kleine, fanfarenartige Melodie von wenig Takten und variirt je nach der Laune, Fertigkeit oder „Phantasie“ des Bläsers. Immerhin aber ist sie rhythmisch und zwar streng¬ rhythmisch, sogar herb, zerhackt zu nennen. Da das Alphorn nur für die großartigen Raum-Verhältnisse der Gebirgswelt geschaffen ist, so liegt auch sein Zweck nahe und schließt damit jede größere, melodisch ausgeführte Weise fast von selbst aus; das Echo ist sein Ziel . Diese wenigen Takte, mit dem in der Regel etwas länger und kräftiger gehaltenen Schlußton, sind hinreichend, ein prachtvolles „Natur-Konzertstück“ mittelst des Echos zu erzeu¬ gen. Die Weise oder die Melodiefigur selbst ist so kurz, daß zwischen ihr und dem Widerhall eine merkliche Pause liegt, so daß das Echo dieselbe unverwischt und ungestört zu uns herübertragen kann. Gewöhnlich wählen die „Alphornkünstler“, die sich in der Regel für die unermüdliche Bereitwilligkeit und modulirende Vir¬ tuosität des Echos mit einer Kleinigkeit honoriren lassen, solche Standpunkte, welche eine mehrmalige Repetition des Echos veran¬ lassen. Wie diese widerhallenden Felsenstimmen selber auftreten, ist sehr verschieden. Man hört deren, die drei- bis viermal rück¬ kehrend, immer voller und muthiger anschwellen, also im crescendo sich wiederholen, gleichsam als ob der Ton, an die Granitwände anschlagend, von deren festem, körnigem Wesen gekräftiget, etwas annehme; — dann wieder, an anderen Orten, jauchzt das erste Echo hell und lebendig in reiner, freudiger Fülle wie ein wahres urchiges Alpenkind, ermattet dann aber von Stufe zu Stufe, und klingt die folgenden Repetitionen in elegisch aushallenden, weit, weit in die Berge hinein verfliegenden Reminiscenzen nach, wie Das Alphorn . der vergeistigende Aushauch einer schönen Seele; — und wieder umgekehrt giebt es dann auch solche, die fast mit Scheu, mit mäd¬ chenhaft-verschämtem Zögern beim Erstenmal antworten, dann Muth fassen, sich aufraffen und laut und bestimmt hervortreten, sofort aber wieder erschreckend zusammenfahren, verwirrt durcheinander¬ murmelnd unverständlich werden und fast bedeutungslos auslau¬ fen. Genug, ebenso mannigfaltig wie der plastische Bau der Alpen und ihrer Felsenstirnen und die verschiedene Entfernung der Berge ist, welche die Resonanzflächen abgeben, ebenso variirend sind die akustischen Resultate in ihrer mehr oder minder raschen Aufeinan¬ derfolge und in der Fülle und Kraft ihres Tones. Wenige Schritte rechts oder links, auf- oder abwärts des vorher eingenommenen Standpunktes, verändern oft auffallend den Gegenschall-Effekt. Könnte man die Schwingungswellen, welche den Ton durch die Lüfte tragen, sehen und fixiren, es würden neue wunderbare Räthsel sich darbieten, welche zu lösen einen Aufwand von Unter¬ suchungen veranlassen müßte. So aber müssen wir uns einfach mit den gegebenen, unentschleierten Resultaten begnügen, die so zauberhaft-schöne Wirkungen hervorbringen. Nun aber sind die steigende und fallende Tonstärke und die so abweichenden Intervallen innerhalb jeder Echo-Repetition nicht die einzigen Probleme, die dem lauschenden und denkenden Hörer sich aufdrängen, — es zeigen sich noch ganz andere Geheimnisse aus dem Gebiete der Tonerzeu¬ gung. Die Weise wird hinübergetragen an die Schallwand und kommt das Erstemal in gleicher Tonhöhe zurück, rein, scharf, markirt, wie das Original; das zweite Echo ist jedoch schon um fast einen Viertelton gesunken, hat die rhythmische Lebendigkeit verloren, klingt matt, etwas langsamer, schier hinsterbend. Welcher Umstand, wel¬ ches unbekannte Luft-Medium, welches Resonanz-Geheimniß trans¬ ponirt die Reproduktion des ersten so reinen, markigen Echos? Wir haben das Echo unterhalb des Faulhornes beobachtet, wohl zwanzig¬ mal wiederholen lassen und immer dasselbe Sinken des Tones bei Das Alphorn . dem zweiten Echo und die gleiche, langsame Bewegung, ein fast synkopirtes Hinziehen der Melodie zurückerhalten. Die verminderten Schwingungen durch die große Entfernung erklären wohl einzig das Sinken und allmählige Hinsterben des Tones. Ein anderes, wieder abweichendes Beispiel giebt das Echo des Alphornbläsers auf Alpiegeln gegen die Bustiglen-Läger zu, wenn man von Grin¬ delwald gegen die Wengern-Scheidegg (im Berner Oberlande) auf¬ steigt. Dort scheint der Itrammenwald die ganze Tonsumme der Alphorn-Melodie aufzufangen und in seinen Tannenhallen tausend¬ fach-reflektirend zu vermengen; denn das Echo kehrt, wie die rollen¬ den Orgelklang-Massen aus dem majestätischen Gewölbe eines Münsters, in mächtig-ergreifenden, großen, vollen Wogen, rund ineinander verflossen, zurück, ein gewaltiger, erschütternder Hymnus, den Alpendom durchfluthend. Am Genußreichsten ist des Alphornes Zauberschall, wenn er dem Wanderer unerwartet entgegenklingt. Wir stiegen eines schönen Sommermorgens aus dem Lauterbrunnen-Thale gegen die Hütten und Speicher des Wengenberges, auf steilem Pfade, durch uralte Tannen mit langzottigen Aesten, empor. Rechts drüben strahlte die herrliche Jungfrau, die hohe stille Königin des Alpenreiches in unvergleichlicher Pracht und Klarheit; von der Höhe und aus dem Thalgrunde herauf tönte das melodische Glockengeläute der Herden. Da drang an unser Ohr ein langgehaltener Ton von den Felsen¬ wänden der Jungfrau herüber. „Ein Alphorn“, rief freudig über¬ rascht Einer dem Andern zu, und Alle standen still, in vollen Zügen genießend, was selbst eine Beethoven'sche Symphonie nicht zu bieten vermag. Der Hirt begann seine Künste und wir lauschten athemlos den sympathie-entzündenden Tönen, die aus den Gletschern der Jung¬ frau herüber zu wehen schienen; den Bläser vermutheten wir in einer Entfernung von mindestens einer halben Stunde, und beeilten uns denselben aufzusuchen. Wie groß aber war unser Erstaunen, als wir um eine Waldecke biegend den Alphornisten, links ab dem Das Alphorn . Wege, ganz in unserer Nähe erblickten, — ihn, den wir weit ent¬ fernt geglaubt und dessen Felsen-Jodler jetzt breit und derb ertönten. Das Alphorn wird leider nicht mehr häufig geblasen, und es will scheinen, als ob der Gebrauch desselben immer seltener werde. Selbst wo es noch zu finden ist, mißhandeln es meist Stümper und quälen damit sich und die getäuschten Zuhörer, wie z. B. auf dem Rigi. In der Orchesterkomposition ist uns, mit Ausnahme von Meyerbeers „Ziegenoper“ Dinorah keine weitere Einführung und Gebrauch des Alpenhornes bekannt. In Rossini's „Tell“ tritt die Schalmei, im Tone der Hoboe verwandt, im Mittelsatze der Ouvertüre charakteristisch auf und zeichnet eine Seite der „Alpen¬ musik“, welche noch weniger kultivirt wurde, als das Alphorn. Welchen großartigen, eigenthümlichen Effekt würde Rossini in der „Grütliscene“ erreichen, wenn er hier ein Alphorn angebracht hätte, das durch die stille Nacht, wie von den Bergen herüberklingend, die bedeutungsvolle, große Schwurscene national einzuleiten. Die Wirkung müßte eine gewaltige sein. Man hat auch schon versucht, Alphörner zu stimmen, um mit ihnen Quartetten oder auch nur zweistimmig zu blasen. Der Ver¬ such scheint nicht gelungen zu sein, da sich auf unseren Bergtouren immer nur „Solokünstler“ producirten. Dagegen haben Alphorn¬ bläser sich schon das Vergnügen gemacht, von entfernten, einander gegenüberliegenden Alpen, zu korrespondiren, was bei der Ver¬ schiedenheit der Höhe oder Tiefe des Tones und den auftauchenden Echo's eine unbeschreiblich schöne Wirkung hervorbrachte. Wir hörten einmal im Berner Oberlande in der Nähe von Kandersteg einem solchen „musikalischen Wettstreite“, einem „Alphornkriege“ zu. Das Interessanteste dabei war, daß das antwortende Alphorn genau einen ganzen Ton tiefer in der Stimmung stand, als das rufende. Diese, mit ganz verändertem Toncharakter zurückgegebene Antwort machte eine frappante Wirkung. In früheren Zeiten war der Ge¬ brauch des Alphornes allgemeiner; mit dem Eindringen neuer Das Alphorn . Lebensformen in die stillen Alpenthäler, mit dem allmähligen Ver¬ schwinden der alten volksthümlichen Gebräuche und Trachten, ver¬ schwand auch das Alpenhorn. Früher, als der Kuhreigen noch allgemein in den Bergen existirte, wurde dieser Aelpler-Sang mit dem Alphorne begleitet, oder sogar die Melodie desselben allein auf dem Alphorne geblasen; auch dieser Gebrauch ist geschwunden. Sein Ursprung geht weit zurück; Conrad Geßner erwähnt desselben in seinem 1555 gedruckten Buche vom Pilatus-Berge, nennt es lituum alpinum und sagt, daß es eilf Fuß Länge habe. Im vier¬ zehnten Jahrhundert diente es den muthigen und mannhaften Entli¬ buchern und Unterwaldnern als Signalhorn, um aus weiter Ferne den anrückenden Feind zu verkünden, — und heutiges Tages wer¬ den ihm mit Qual einige Töne abgerungen, um — ein Trinkgeld einzuziehen. Andere Zeiten, andere Sitten. Geisbub. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Der Geißbub . Juheh, der Geißbueb bi — n — i ja! Mys Hörnli u my Geißle da Thüe mir no nit verleide. Im Täschli ha — n — i Chäs u Brod; Mys Haar ist chruus u d' Backe roth, U d's Herz voll Lust und Freude. Jungi, Alti, Melchi, Galti, Großi, Chleini, Hübschi, G'meini Führe — n — ig uf Berg und Weid. G. J. Kuhn . Flüsterndes, säuselndes Glockengeläute, ineinander verschwim¬ mend, bald fern vom Winde verweht und ersterbend, verstummend, — dann plötzlich wieder laut anschwellend, im gaukelnden Durch¬ einander eine akkordlose Harmonien-Fülle, strömt von der Höhe hernieder. Nun tönt einfarbig, hohl, aber doch auch von den Lüften weich modulirt und abgerundet ein Hornruf dazwischen, — der kommt und geht, bald nah und grell ans Ohr schlägt, dann wieder weit, weit hinein ins Schluchten-Gewirr der Felsen sich verkriecht, ein neckischer Kobold, der Versteckens zu spielen scheint. Der Geißbub . Du stehst und lauschest diesem geisterhaften Klangspiel, das zaube¬ risch und unbestimmt daher weht, und Dich gefangen hält, ein neuer, wunderbarer Reiz der Alpenwelt. Es ist der Geißbub, der droben an den Flühen seine genäschige, neckische, kletternde Herde weidet. Er hat uns erblickt und ein freude-schmetterndes „Juhu“ sendet er uns als kernigen Alpengruß herüber. Der Geißbub ist ein Attribut der Gebirgswelt wie der Laui¬ nendonner und das Alpenglühen, wie der Gemsjäger und das flie¬ hende, pfeifende Murmelthier. Er ist ein Schmuck der Berge, ein jovial die hohen Fluhtossen und Felsenwüsten belebendes Element. Wohin kein Senn die schweren Thiere treiben darf, weil Weg und Steg verschwinden und die Kräuterdecke nur wie zerzauste Flocken am verwitternden Gesteine hangt, da klettert der braune, fröhliche Knabe mit der meckernden Ziegenschaar hinauf und träumt sich größer und reicher und seliger als Ordens-Komthure und Kapital- Regenten. Und doch ists gewöhnlich der ärmste Bube des Dorfes, oft vaterlos oder ganz verwaist, der nicht die Jugendfreude anderer Kinder kennen lernte, nicht am elterlichen Herde Schutz und Nah¬ rung und Frieden fand. Damit er nicht der Gemeinde zur Last falle und früh sein Brod verdienen lerne, wies ihn die Vormund¬ schaft hinaus in die Einöde des Gebirges, wo sonst keines Men¬ schen Fuß weilt. Dort ist sein Aufenthalt vom beginnenden Früh¬ ling bis spät hinaus ins Jahr; dort zieht Mutter Natur an ihrem Busen ihn groß und tränkt ihn mit reinem Aether und macht ihn groß und stark zum gefährlichen Beruf, den er spielend und mit Freude erfüllt. Aber er liebt sie auch, die nährende Mutter, und der wie ein wildes Reis aufgeschossene, halb verwilderte Knabe schwelgt in Genüssen, die wir bedürfnißvollen Thalmenschen kaum zu ahnen vermögen. Der Bergbauer theilt die große reiche Tafel, welche die Alpen seinem Viehstande darbieten, nach seiner Konvenienz, nach der Mög¬ Der Geißbub . lichkeit: den größten Nutzen aus den Weideplätzen zu ziehen, in verschiedene Klassen ein. Was drunten in der Nähe der mensch¬ lichen Wohnungen und in den „Vorderen Berggütern“ liegt, das schneidet die Sense für die winterlichen Vorratskammern, für die aromatischen Heustöcke ab. Weiter hinauf, was sanft geneigt als flächenhafte Halde oder Hochmulde sich ausdehnt, ist zu Kuhalpen „gerechtsamt und verbrieft“ und wird nach den verschiedenen Staf¬ feln mit einer bestimmten Anzahl Vieh „bestoßen“ und „abgeätzt“. Was darüber hinausliegt, steil und steinig wird, wo nur ganz kurzes Futter wächst, das steht im „Alprodel“ als „Schaafalp“ verzeichnet und wird in Tyrol und Graubünden an die Bergamasker Hirten verpachtet oder, in anderen Gegenden, sonst vom „Schäfler“ abgeweidet. Und jene Parzellen endlich, die dann noch wilder und zerklüfteter sind, wo nur Legföhren und Alpenrosengesträuch den kleinen Kräuterwuchs überwuchern, — oder die Holzschläge und „Forst-Stocketen“, in denen eine reichfarbig-blühende Flora prangt, nach der das große Milch-Vieh aber wenig Gelüsten zeigt, — diese gehören dem Geißbuben und seiner Herde an. Es ist ein ganz anderes, lebensfrischeres, bestimmteres Naturell, das aus solch einem Geißbuben herausschaut, als das träge, ver¬ schwommene Element des strumpfstrickenden Schäfers in der nord¬ deutschen Heide, oder des halb-stumpfsinnigen, platt-vegetirenden Dorfhirten in den Agrikultur-Distrikten. Hier ist Elasticität, Festig¬ keit, Ra ç e, — wenn auch noch so roh und naturwüchsig. Durch das tägliche Verweilen in der Wildniß und bei steter Uebung weiden diese 12 bis 16jährigen Knaben so vertraut mit allen anwendbaren Vortheilen im Felsenklettern, daß man ebensowohl über ihre eminente Gewandtheit als naturalistische Gymnastiker, wie über ihre seltene Unerschrockenheit und ihren resoluten Ueberblick, mit welchem sie den rechten Pfad ausspähen, erstaunt. Da, wo man wähnt, es könne kaum eine Maus auf dem schmalen Felsen¬ karnieß vorüberschlüpfen, geschweige denn eines Menschen Fuß Raum Der Geißbub . für Tritte finden, späht der Geißer Wege für sich und seine Ziegen aus. Pfeifend und johlend kriecht er wie eine Katze an den Ab¬ sätzen herum, denn er hat ein Kletterbedürfniß in den Gliedern, das ihn nicht ruhen läßt. Schwindel ist ein Ding, das nicht in seinem Begriffs-Vokabularium steht. Als J. G. Kohl auf seinen Alpenreisen einen Gotthards-Bergbauer fragte, ob denn sein Bube keine Furcht habe, an den Zacken herumzuklettern, antwortete dieser ihm: „non ha paura di cervello“ d. h. er hat keine Gehirnfurcht (Schwindel); „als Säugling ist er mit Ziegenmilch genährt worden, und das giebt Berggeschick und Klettermuth.“ Das ist der gleiche Volksglaube wie mit dem Gemsenblut, von dem ältere Alpenbe¬ schreiber faseln, daß die Jäger es warm tränken, um den Schwindel zu verlieren. Und adlerartig-scharf bildet das Auge sich aus, eine Kräf¬ tigung der Sehorgane, die ans Mährchenhafte gränzt. So ein Bube zeigt uns auf stundenweit entfernten Höhepunkten Gemsen, beschreibt ihre Bewegungen und specialisirt das Terrain nach seinen kleinsten Formverhältnissen, wo der Ungeübte nur eine große, un¬ belebte Gesammtmasse erblickt. Aus solchen Buben werden dann in der Regel auch die verwegensten Wildheuer, die furchtlosesten und leidenschaftlichsten Gemsenjäger. Ich habe Geißbuben gesehen, die den Ernst eines in der Schule des Lebens gestählten Mannes hatten; unter der braunen, verwitterten Wildheit des Antlitzes schaute etwas von der kalten Energie jener Marmorgesichter hervor, welche die Helden alter Zeiten auszeichnete. O! Exemplare solcher Jungen giebts, die, wenn sie auf einem in der Weide liegenden Felsenbrocken stehen, trotz der zerlumpten Lodenhose und dem formlosen, alten Filzdeckel etwas Diktatorisches in ihrem ganzen Wesen haben; in dem ruhig beobachtenden Blicke, in den jugend¬ lich-entschlossenen Mienen des verbrannten Gesichtes, in der dreisten, ungezwungenen Haltung, liegt das ausgeprägte Bewußtsein: „Hier bin ich Herr!“ — Und er ists im vollsten Maße, er ist Allein¬ Der Geißbub . herrscher in dem von ihm betriebenen Gebiete. Gehen wir hinauf auf die Hochalp in die Steinriesete oder in die Gocht, wo der Geißer haust! Er, der vorhin uns mit einem elektrischen „Juchz¬ ger“, wie man ihn weit und breit in den Bergen nicht mehr hört, bewillkommnete, hält uns nun, wo wir ihm näher kommen, keines Grußes werth. Keck schaut er uns ins Gesicht, als ob er fragen wollte: „Und nun?“ Es liegt etwas Herausforderndes in dem messenden Blicke, und dabei spielt ein verschlagenes Lächeln, wie fernes Wetterleuchten, um die Mundwinkel. Nun gut! grüßen wir ihn zuerst und richten wir irgend eine Frage an ihn. Die seinem Ohre fremden Laute müssen ihm unendlich komisch klingen, denn das Lächeln nimmt einen leicht höhnenden Ausdruck an; es zuckt über die Stirn, als ob er sagen möchte: „Ach! Ihr Mode- Mannli, was wollt auch Ihr da in meinem Revier?“ Nöthigen wir ihn endlich zu einer Antwort, so fragt es sich noch sehr, obs nicht eine ziemlich abweisende, wenn nicht gar trotzige ist. Er be¬ trachtet es eben als absolut überflüssiges Unternehmen, da in die Wildniß zu ihm herauf zu steigen, und man darf es solchen in dieser Einöde aufgewachsenen, fern von allem geselligen Umgange abgeschnittenen, urnatürlich-entwickelten Knaben nicht verübeln, wenn Mißtrauen gegen fremde Leute in ihm wohnt. Eine Ausnahme davon machen die Appenzeller Buben; das Bedürfniß, in einem derben, ungesuchten Witze ihren Anschauungen und plötzlichen Launen Luft zu machen, der im ganzen Volke tiefwurzelnde Hang zur Spöttelei, tritt bei diesen Buben schon drastisch zu Tage, und es bedarf eines recht gemüthlichen, durchaus nicht empfindlichen Eingehens auf den angeschlagenen Ton, um sie zu einiger Vertrau¬ lichkeit zu bewegen. Hat man dies Ziel erreicht, dann ist solch ein Knabe aber mitunter auch ein wahrer Goldkerl voll frischer, urwüchsi¬ ger Gedanken, wie eine flott gewurzelte a la prima- Skizze eines genia¬ len Malers. Aug. Corrodi schwärmt (in seinen genialen Alpenbrie¬ fen) mit Recht für den Hanbischli (Johann Baptist) auf der Ebenalp. Der Geißbub . Aber auch den Gefahren gegenüber sind solche Buben völlig Herren ihres Revieres; von der Vermessenheit ihres Muthes, von ihrer spannfrischen, nervigen Schlagbereitschaft, von ihrer momen¬ tanen Entschlossenheit, macht man sich kaum einen Begriff. Sie sind gleichsam auf der Mensur großgewachsen, haben von Jugend auf den feindlichen Elementen trotzen lernen, und darum überrascht sie auch durchaus Nichts. Wehe dem Räuber, der ein Herdestück anzugreifen wagt, — er hats mit einem hartnäckigen, besonnenen und entschlossenen Kämpfer zu thun. Am Meisten habens die Buben auf die großen Raubvögel abgesehen; wissen sie das Nest eines solchen, so ists um die junge Brut geschehen. Beispiele von den frechesten Wagestücken, um Nester von Stoßvögeln auszuneh¬ men, giebts in den Alpen allenthalben. Aber auch den Alten ge¬ genüber stehen sie ihren Mann. Ein Bravourstück jüngster Zeit möge hier Platz finden. Gegen Ende des Juli 1859 befand sich der vierzehn jährige Knabe Jann Guler auf einer Schaafalp im Gemeindsgebiete von Klosters (Prätigau), da wo es „im Hafen“ heißt. Schon früher hatte er einigemal einen großen Raubvogel in den Lüften über seinem Weideplatze kreisen sehen und war des¬ halb besonders aufmerksam. Eines Tages sieht er plötzlich seine Thiere aufgeschreckt auseinanderfahren, und in der nächsten Sekunde stürzt ein völlig ausgewachsener Adler hernieder und verfolgt ein in die Legföhren sich flüchtendes Lamm. Der Knabe, rasch ent¬ schlossen, springt mit seinem eisenbeschlagenen Bergstecken zu dem Gebüsch, in welches der Raubvogel sich so völlig verstrickt hatte, daß er von den Flügeln keinen Gebrauch machen konnte; hier hämmerte nun der Knabe so lange energisch auf den Adler ein, bis dieser tödtlich getroffen erlag. Nicht mindere Besonnenheit, Muth, Ausdauer und Gewandt¬ heit entwickeln die Geißbuben, wenn eines ihrer Thiere sich ver¬ stiegen oder „verjuckt“ hat, d. h. durch einen Sprung auf einen Felsensatz gekommen ist, von dem es weder vor noch zurück kann. Der Geißbub . Denn wo nur irgend eine grüne Stelle lockt, klettern die Ziegen wie die Schaafe hin, erblicken dann von der Höhe unter sich aber¬ mals neue Rasenbänder und springen von Absatz zu Absatz, oft klafterhoch, hinab, bis sie nicht weiter können. Da wird es dann Aufgabe des hütenden Knaben, das gefangene Thier zu lösen. Unser Illustrator Rittmeyer hat auf dem beigegebenen Blatt einen solchen Moment dargestellt. Das ist ganz die zähe, unnachgiebige, störrische Natur eines ächten Vollblut-Geißbuben. Beide, Thier und Knabe, sind wie aus einem Stück gegossen. Droben schweben die Adler, die durch das Klagegeschrei der Ziege aufmerksam gemacht, diese, ohne des Buben Erlösung, durch Flügelschlag in die Tiefe gestürzt und als Beute zerfleischt haben würden. Und kämen sie noch jetzt, eher ließ sich der Bube mit in den Abgrund nieder¬ schmettern, als daß er seine Geißmutsch losließe. Eine Schrot¬ ladung ihm in den Rücken gegeben, würde das hartnäckige, starr¬ sinnige Wesen des Buben nicht brechen. Im Hochgebirge bleiben die Schaafe oft Monate lang sich selbst überlassen und nagen die sporadisch an den Felsen hangen¬ den Rasenstellen ab. Es genügt dann, daß der Eigenthümer vom Thal oder von seiner Hütte aus (wo er mit dem Großvieh weilt) täglich einigemal durchs Fernrohr seine Schaafe beobachtet und überzählt. Entdeckt er nun, daß sich einige derselben verstiegen haben, so steigt er auf die Höhe des Gebirges, von der aus er glaubt senkrecht von oben herab den Schaafen beikommen zu können. Der Entschlossenste, meist ein Bube unserer Zeichnung, wird dann am Seil hinabgelassen. Da begegnets denn, daß die Thiere scheu gemacht durch die von oben herniederschwebende Erscheinung, diese wahrscheinlich für einen Raubvogel halten, sich zu flüchten suchen, und sämmtlich in den Abgrund stürzen. Dann aber kommts auch wieder vor, daß man die genaue Richtung verfehlt hat und der Bube noch über manches Rasenband, oder längs glatter Felsen¬ wände, an denen er fast nur wie eine Schwalbe klebend sich zu Der Geißbub . halten vermag, weiter klettern muß. Hat er dann wirklich die Thiere erreicht, dann kommt erst das eigentlich Lebensgefährliche der Aufgabe. Auf schmaler Felsenkante muß er das Thier er¬ greifen, nach sich ziehen oder Angesichts des oft schaurigen Abgrun¬ des das Thier sich über den Kopf heben und so belastet, nur mit einer freien Hand zum Anklammern, den Rückweg antreten, bis er das Seil erreicht, an dem dann das wiedergewonnene Herdenhaupt gebunden und emporgezogen wird. Dieses Manöver setzen solche Buben drei, vier und mehrmal fort, bis sie ihren Zweck erreicht haben. Sie sind durch Nichts abzuschrecken, und es ist oft vielleicht weniger der eigentliche Werth, um den es sich hier handelt, als das eigenwillige, starrköpfige Durchsetzen eines einmal gefaßten Entschlusses. — Und dann der Lohn aller dieser Gefahren, Entbehrungen und Widerwärtigkeiten? — Betrachten wir die Lebensweise dieser origi¬ nellen Halbwilden im Kulturlande ein wenig näher. Der Geißer treibt gewöhnlich Morgens sehr früh vom Thal aus eine große Menge Milchgeißen ins Gebirge hinauf. Er bat sein näschiges, neugieriges, überall hin excursirendes Hornvölklein gut in Ordnung und kommt mit demselben viel rascher in die Höhe hinauf, als man glauben sollte; ehe die Sonne nur einigermaßen hoch steht, ist er schon mehrere Stunden weit von seinem Dorfe. Dort überläßt er die Herde ihrem bon plaisir , legt an einem ihm bequemen Platze sich nieder und verträumt im Ideenkreise seiner Geißbubenphilosophie den Tag. Hat er Hunger, so muß ein Stück hartes, trockenes Gerstenbrod und etwas Käse ihm zur Sättigung dienen, — hat er Durst, so zieht er die erste beste Ziege herbei, legt sich unter ihre Euter und melkt in den Mund hinein, daß es schäumt. Rückt dann der hohe Mittag heran, der mit sengender Gluth die Felsen¬ wände erhitzt, dann sucht der Knabe für sich und seine Herde ein schattiges Plätzchen, wo alle zusammen Siesta halten. So auch für einbrechende Hochgewitter hat er Höhlen oder Felsenbuchten, Der Geißbub . in die er sich flüchtet. Ists aber ein kalter, regnerischer Sommer, dann hat der arme, barfußlaufende Tropf höchstens einen alten Sack über die Schultern zum Schutz gegen die Nässe. Dessen un¬ geachtet ist er fröhlich und scheint die Unbilden der Witterung wenig zu fühlen. Abends dann treibt er heim, hat seinen Hut mit Alpenblumen geschmückt, und kehrt so frisch und kräftig ins Dorf zurück, als er am Morgen auszog. So gehts vom frühen Frühjahr bis in den Spätherbst. Und als baaren Lohn erhält er fürs Stück jährlich zwei bis drei Batzen. Es gehört eben Gei߬ bubenstoff zu solch einem Menschen. Am Südabhange der Alpen giebts große prachtvolle, lang¬ haarige Thiere. Im Herbst, wenn sie keine Milch mehr geben, werden sie in die Wälder getrieben, ohne Aufsicht und Huth sich selber überlassen, und erst im Frühjahr, wenn sie dem Gitzelen nahe sind, halb verwildert wieder eingefangen. Nach Belgien, Frank¬ reich und England werden die zarten Ziegenfelle in großen Massen zur Verwendung für Glacé-Handschuhe ausgeführt. Ob wohl eine unserer schönen Leserinnen schon je daran gedacht hat, wenn sie ihre feinen, weichen, dehnbaren und parfümirten Handschuhe anzog, daß der Stoff dazu aus den wildesten und entlegensten Gegenden der Alpen stamme, wo die „Gizzi“ und ihr Bub ein armseliges, dürftiges, aber freies Leben fristen? Das Geißhirtenleben hat auch seine schauerlich-romantische Seite. Wenn Nachts die Eulen in den Wäldern schreien, daß es wie ein höllisches Jauchzen klingt, ähnlich wie mans beim Heuet in den Bergen hört, dann sagt das Volk, es sei „der wilde Gei߬ ler.“ Mit dem soll es folgende Bewandniß haben. Ein großer Geißbube, der vor Uebermuth und Langeweile oft nicht wußte, womit er die Zeit sich vertreiben sollte und schon tausend tolle Streiche mit seinen Thieren begonnen hatte, gerieth auf den Ein¬ fall, einen großen, starken Bock zu kreuzigen, d. h. ihn an ein aus rohen Baumstämmen improvisirtes Kreuz mit Schlingpflanzen oder Berlepsch , die Alpen. 24 Der Geißbub . Stricken anzubinden, als Heiland aufzurichten und dann seine Herde davor zu treiben, mit der er Kirche halten wollte. Dieser Frevel wurde aber augenblicklich bestraft. Ein furchtbares Ge¬ witter zog herauf, jagte mit schrecklichem Donner und Blitz die Herde auseinander und erschlug den Buben sammt dem gekreuzig¬ ten Bock, so daß Aelpler ihn am anderen Tage mit gräßlich ver¬ zogenem Gesicht und über und über schwarz am Körper fanden. Zur Strafe aber für seinen gottlosen Muthwillen müsse er nun Nachts als „wilder Geißler“ umgehen. Im Walde bei Adlenbach im Kanton Glarus hört man ihn Abends pfeifen, von wo aus er dann über die Alpen treibt. So meldets der Volksglauben. — Aber es giebt auch verhexte und verzauberte Ziegen. Corrodi's Hannbischli erzählte auf der Ebenalp wörtlich folgende Geschichte: „Eben im Herbst ist en Roßma (Roßhirt) uf de Siegel ui (auf den Alpsiegel hinauf), ebe daß er e Roß hät müsse suche. So hät er das Roß nit gfunde, 's ist niene gsi (es ist nirgends gewesen), und so ist er in e Stadel ie cho (in einen Stall hineingekommen) ufem Siegel. Chuebode häßts. So sind siebe Motschgäße (un¬ gehörnte Ziegen) drin gsi i dem Stadel. So hät's e ghungeret; so denkt er, er wöll suge (er wolle saugen, d. h. melken), und so wie-n-er wott suge, het's ke Milch ge, het's ke Strich gha (es hat keine Milch gegeben, keinen Strich gehabt); do sät er: „du Oflat du, bisch gad e Bock!“ (du Unflath du, bist nur ein Bock). Und so händ die andere Gäße nebet ihm zue glachet . So hei's em gfürcht und so hei er gsät, das seiid Onghür (das seien Ungeheuer), da göng er wieder. Und so lauf er e halb Viertelstond wit abe und d'Gäße seiid em naheglaufe und heiid en all usglachet. Und so ist er halt in Sämtis abi und hät's Roß gfunde und ist mit i's Land usi gfahre (hinaus gefahren), und het's verzellt, wie's em im Chue¬ bode gange sei: es seiid Onghür dobe, es sei nöd ganz richtig, 's hei em grusam gfürcht, er sei glaufe, daß er d'Füß fast ver¬ lore hei.“ Der Geißbub . So wenig beneidenswerth das Loos eines alpinen Geißbuben auch erscheinen mag, so ists dennoch ein gemächliches und freund¬ liches gegenüber dem von manchen Schaafhirten in den Alpen. Wir meinen hierbei nicht die Bergamasker Schäfer, die auch außer¬ ordentlich frugal leben und sich nicht getrauen von ihren selbst producirten Käsen zu essen; sondern jene, in einer freiwilligen Verbannung den Sommer verlebenden Schaafhirten wie am Zäsen¬ berg unterm Eiger und ähnliche. Der Zäsenberg liegt in der Tiefe des unteren Grindelwaldgletschers, gegenüber von den Schreck¬ hörnern, und ist rings vom Eis umgeben. Hier wirthschaften zwei Hirten mit einem Buben, mehreren hundert Schaafen und einigen Ziegen. Die eine ihrer Sennhütten ist unter einem Granitblock ausgegraben, und die andere schmiegt sich an diese, aus roh über¬ einander gelegten Gneisscherben errichtet, an. Die Genügsamkeit dieser Hirten übersteigt, nach Hugi's Versicherung, der sie besuchte, alle Begriffe. Zwei kleine Kübel und eine Pfanne sind die ganzen Geräthschaften des einen Hirten. Der andere, welcher kleine Schaafkäse bereitet, hat ein paar Stückchen Hausrath mehr, Alles aber in urthümlichster Einfachheit. Das Holz muß mehr als zwei Stunden weit übers Eismeer heraufgetragen werden; nichtsdesto¬ weniger gehen sie mit ihrem Bischen künstlicher Wärme sehr ver¬ schwenderisch um und stopfen nicht einmal die Klinsen zwischen den Steinen mit Moos oder Heu aus, um die Wärme zusammen¬ zuhalten. Alles Denken, alles Weiterstreben scheint hier aufzu¬ hören, und über die vorzeitlichen Einrichtungen hinaus wird Neue¬ rungen kein Zutritt gestattet. Vom fröhlichen Leben, das auf an¬ deren Alpen herrscht, ist hier nicht die mindeste Spur. Die Sprache scheint den Leuten eingefroren zu sein; ihr ganzes Wesen ist so frostig und kalt wie die wilde, große Eisnatur, welche sie umgiebt. Kein Mensch kommt zu ihnen hierher, und begegnets, daß einmal Touristen über die Strahlegg kommen, die sie von ferne sehen, so ists ein Ereigniß in dieser gewaltigen Einöde; zu keinem Dorfe 24* Der Geißbub . kommen sie den ganzen Sommer über hinab, auf keine befreundete Alp können sie zum Zeitvertreib gehen; zu keinem theilnehmenden Menschen vermag das Johlen des Hirtenrufes zu dringen. Unter sich sprechen diese Troglodyten ebenso wenig, und nur ein kurz ab¬ gebrochener gellender Ruf ladet die Ziegen zum dargereichten Salz und zum Melken ein. Die Schaafe aber irren, ohne je die Hütte zu sehen, immer auf den Kämmen und Graten umher. Was dann im Spätjahr die Herde, nachdem sie nach Grindelwald wieder hinabgezogen ist, noch übrig gelassen hat, das weiden endlich die Gemsen noch ab. — Noch trauriger ist der Oberaarhirt daran; im Jahre 1841 bei Agassiz's Besteigung der Jungfrau hatte man ein armes Bübchen von zwölf Jahren aus dem Wallis daherauf geschickt, das schlecht gekleidet und schlecht genährt, ein stupides Aussehen hatte. Es war für drei Monate mit Lebensmitteln ver¬ sehen; sein Brod war so hart wie der Granit seiner jämmerlichen Hütte, und der Käse war trockner als das Heu, auf dem das arme Kind schlief. — So schlimm haben es nun freilich nicht alle Schäfler; es giebt deren, die ein ganz gemüthliches Leben führen. Da ist z. B. der Schäfler auf den Churfirst-Alpen, ein ungemein freundlicher und beredter Bursch, der aber das Unglück hat, keine Hütte zu besitzen. Man wollte ihm droben unterm Falzloch, wo der Uebergang ins Toggenburg ist, eine Hütte bauen; aber die kunstlosen Naturmauern wurden, wie der Mann behauptet, immer wieder von unsichtbaren Händen eingerissen und die Arbeiter mit Steinwürfen verfolgt, so daß der Bau unmöglich wurde und auf¬ gegeben werden mußte. Seitdem weiden die Schaafe unangefoch¬ ten im Felsenkessel des Käsera-Ruck, und der Hirt hospitirt in den Hütten von Büls. Dies ist eine der Kehrseiten vom Leben in den freien Alpen. Wildhäuer. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig . Der Wildheuer . Und weiter, höher, steiler treibt die Hast, Der Unmuth fort, der Berge trüben Gast, Auf Klippen, wo den Pfad die Furcht verschlingt, Wohin verzweifelnd nur die Gemse springt. Lenau . Droben, auf jenen Felsenköpfen, die vom Thal gesehen für den menschlichen Fuß unerreichbar scheinen, dort wo die kleinen runden, maigrünen Rasenpolster, eine freundliche, das Auge beruhi¬ gende Unterbrechung, an den glatten, senkrechten, grauen Fluh¬ wänden hangen und die, von der Verwitterung gerissenen, klaffenden Zacken-Linien des todten, spröden Gesteines mildernd überkleiden, — da wo man höchstens die Horste des Adlers und Lämmergeiers sucht, — dort ist der Ernteplatz für den Wildheuer. Als Armgart, das vom Kummer gequälte Weib, in Schillers Wilhelm Tell, dem Landvogt Geßler auf offener Straße sich vor das Roß niederwirft und jammernd ihm entgegenruft: „Mein Mann liegt im Gefängniß; „Die armen Waisen schrei'n nach Brod — Habt Mitleid, „Gestrenger Herr, mit unserm großen Elend!“ Der Wildheuer . und Rudolph der Harras sie darauf fragt: „Wer seid Ihr? Wer ist Euer Mann? da antwortet sie mit zitternder Stimme: „Ein armer Wildheuer, guter Herr, vom Rigiberge, „Der überm Abgrund weg das freie Gras „Abmähet von den schroffen Felsenwänden, „Wohin das Vieh sich nicht getraut zu steigen.“ — und der stolze Ritter, wohl wissend, welch trauriges Loos dieser Erwerb ist, bittet nun selbst für den Mann: „Bei Gott! ein elend und erbärmlich Leben! „Ich bitt' Euch, gebt ihn los, den armen Mann! „Was er auch Schweres mag verschuldet haben, „Strafe genug ist sein entsetzlich Handwerk.“ Ja, wahrlich, es ist ein armselig Leben, ein mühesam Tagewerk, voller Entbehrungen, gegen Wind und Wetter kämpfend, stets mit einem Fuße auf der Gränzlinie zwischen Leben und Tod schreitend. Denn zu Wildheuplätzen werden lediglich jene schwer nahbaren Grashalden im Hochgebirge, meist über der Waldregion gelegen, also in einer Höhe von 6000 Fuß und darüber, erklärt, die ihrer steilen Böschung halber weder mit Schaafen noch Ziegen, viel weni¬ ger mit schwerem Großvieh betrieben werden können, oder zu denen der Aufgang für eine Herde völlig unpraktikabel ist. Hierher, wo höchstens der Wagesprung der schwindelfreien Gemse noch Boden findet, anklammernd sich festzuhalten, — hier¬ her wagt der Mensch sich im Kampfe um seine Existenz, hier sucht er Winterfutter für das, ihn und die Seinen ernährende Stall¬ thier; — und wenn das Bibelwort Mosis dem Arbeiter sein hartes Loos prophezeit: „Im Schweiße deines Angesichts sollst du dein Brod essen“, — so muß man beim Wildheuer hinzufügen: „als Lohn deines Arbeitsmuthes und deiner Todesverachtung, darfst du deine Milch trinken.“ Denn es giebt Wildheuplätze, wo der er¬ werbungslustige Wagehals den ganzen Tag über die Fußeisen Der Wildheuer . nicht ablegen darf, weil er zu seinem Schutz bei Schritt und Tritt mit den Stachel-Sohlen sich am Boden einbohren muß. Diese ungeheuerlichen Gegenden, die fast einem Besitzthum im Monde gleich zu achten sind, weil ihr Werth erst durch die Tollkühnheit des Wagehalses geschaffen wird, der, um der Aussicht auf einen dürfti¬ gen Gewinn halber, sein Leben als Einsatz riskirt, — diese kulturun¬ fähigen Wildnisse, sollte man meinen, müßten Gemeingut alles Alpen¬ volkes, ein und desselben politisch zusammengehörenden Landes sein. O nein. Die Eroberungssucht und Habgier des Menschen und dessen Bestreben, durch Verträge seinen Besitzstand sicher zu stellen, dringt auf Erden so weit, als das Auge zu reichen vermag. Da, wo Gränzsteine und trennende Holzhäge oder tiefeingeschnittene Runsen und Tobel als natürliche Gränzen des Mein und Dein im Gebirge nicht sichtbar scheiden, läuft die Gemeinde-March eines Alpendorfes in idealer Linie über geborstene Felsenzacken und um¬ nachtete Abgründe, über Gletscher und Firnfelder, durch Wüste¬ neien, in welche vielleicht noch nie eines Menschen Fuß hindrang. Aber innerhalb dieser Gemeinde-Gränzen handelt es sich um Aufstellung einer zweiten Linie, welche die guten, für den Weide¬ gang brauchbaren Alpenmatten von den gefährlichen Grashalden oder „Bösenen“ trennt, — und diese steht nicht allenthalben fest. Darum herrscht selbst hier oben, in diesen wildesten Gegenden des Gebirges, der alte, wohl nimmer endende Hader zwischen den Schicksals-Antipoden „Arm“ und „Reich.“ — Denn der habliche, im Bewußtsein des Besitzes sich fühlende Bauer, der so glücklich ist, ein ganzes Sennthum Vieh zur Sömmerung auf die Alpen treiben zu können, der seine Stimme im Gemeinderathe mit Nach¬ druck erheben darf, weil er zur Geld-Aristokratie des Dorfes zählt, dieser will sich den Vollgenuß seiner Privat- oder Kommunal- Rechte nicht um einen Zoll schmälern lassen und begehrt nach altem Landesbrauch die wachsenden Kräuter zur Weide für sein Vieh, „so weit man mit Kuh und Kalb ätzen könne.“ Dies ist Der Wildheuer . freilich sehr relativ, und es kommt dabei viel auf die Schwere des Viehs, dessen Kletterfähigkeit und auf das Risiko an, welches jeden¬ falls derjenige übernimmt, der Herden an Orte treibt, die wenig geeignet für Weideplätze sind. — Der arme Wildheuer dagegen, auf dem der Ernst des Lebens bitter lastet, der mit Todesgefahr schwer nach dem kümmerlichen Erwerbe ringt, der vielleicht kaum ein mageres Zicklein sein Eigenthum nennt, der aber ebenso gut anspruchsberechtigter Gemeinds-Genosse ist, wie der vermögliche Sennten-Bauer, findet die Gränze für den Anfang seiner Sichel¬ thätigkeit zum Abmähen des den Armen gehörenden Wildheues schon einige hundert Fuß tiefer in den Alpen. Darum stehen die Ansprüche der Besitzenden und die der Besitzlosen in denjenigen Gegenden immer auf der Mensur, wo nicht durch endgültigen Ge¬ meinde-Beschluß allen Interpretationen ein für allemal vorgebeugt wurde. Der Wildheuer übt seinen halsbrechenden Beruf begreiflich nur während weniger Wochen im Jahre aus, gemeiniglich in den Monaten August und September; die übrige Zeit hindurch ist er Kleinbauer, Tagelöhner, im Herbst vielleicht Gemsenjäger, im Winter Weber, Holzschnitzler, Dorf-Handwerker oder Waldarbeiter. Entweder durch Gemeinde-Beschluß oder durch das Gesetz ein für allemal, (Glarus den 13. August), wird der Tag festgesetzt, von welchem an das Wildheuet erlaubt ist. Aus einer Haushaltung darf in der Regel nicht mehr als ein Mann gehen. Um Mitternacht vor der Eröffnungsfrist zieht der Wildheuer aus; mit Tages Anbruch will er schon auf jener „Plangge“ sein, die er sich als Ernteplatz auserwählt hat. Freudigen Muthes nimmt er Abschied von seinem „Heimet“, von Weib und Kind, — vielleicht für ewig, — auf Nimmerwiedersehen. Die Sense, der Bergstock, die Fußeisen, ein Garn oder Tuch, um das zu ge¬ winnende kurze Heu darin zu den „Wild-Gaden“ zu tragen, und ein Säcklein mit Lebensmitteln bilden die ganze fahrende Habe Der Wildheuer . des armen Mannes. Mitunter folgt ihm eine Ziege als getreue Genossin und milchspendende Quelle in seine Einsamkeit. So gehts durch die Nacht fort, bergauf. Wie es dämmert, „juheit“ er mit schmetternder Stimme in die schweigende Felsenwelt hinein, an welcher er auf schmalem Pfade emporklimmt. Weich moduli¬ rend wirft das Echo den dargebrachten Morgengruß zurück, und von verschiedenen Seiten, von nah und fern, antworten die Stim¬ men anderer Kameraden, die auf gleicher Bergfahrt begriffen sind. Es geschieht aus Ungeduld und Besorgniß, um auszukundschaften, ob ihm nicht ein Anderer zuvorgekommen sei. Denn zu Schutz und Trutz muß der Wildheuer gerüstet sein, nicht nur gegen die Unwirthlichkeit der Gebirgsnatur, sondern auch gegen seinesgleichen, gegen den Konkurrenten seines Erwerbes, der ihm vielleicht den Platz streitig machen will. Da hats schon blutige Kämpfe gesetzt, dicht am Abgrunde, da wo jeder unbewachte Tritt über die Schwelle zur Ewigkeit führen kann. Das Heuen ist aber außer den genannten, noch von anderen Fährlichkeiten bedroht. Schon mancher Wildheuer wurde von her¬ abstürzenden Steinen erschlagen, die von höher gelegenen Felsen¬ wänden abbröckelten; andere ereilte der Tod, wenn sie die vom schweren Gewitterregen urplötzlich hochangeschwellten Runsen durch¬ waten wollten, ausglitten und vom jagenden Wildwasser fortge¬ rissen wurden. Oder jäher Schneefall, der auf Höhen von 6000 Fuß und darüber im Hochsommer keine seltene Erscheinung ist, überdeckt und verkittet die schmalen Felsenbänder binnen wenig Minuten dermaßen, daß über dieselben hinabzusteigen fast unmög¬ lich wird. Und solche Quergurte sind an den vertikal aufstreben¬ den Riesenkörpern der Berge meist die einzigen natürlichen Zu¬ gänge, deren der Wildheuer sich bedienen kann, um zu seinen „Fluhsätzen“ oder „Bergbetten“ zu gelangen. Je wärmer und beständiger die Witterung im August und September ist, desto reichlicher fällt auch die Bergheu-Ernte aus, Der Wildheuer . und ineinandergerechnet vermag jeder Mann täglich wohl einen Zentner einzubringen. Er verdient damit etwa einen Tagelohn von 3 bis 4 Franken. Tritt aber stürmisches Wetter ein, weht der in der Höhe oft wildbrausende Wind das geschnittene Kamm¬ heu über die Wand hinab, dasselbe weit umher zerstreuend, oder schwemmen brausende Regengüsse dasselbe fort, dann ist freilich viel Gefahr und mühevolle Arbeit umsonst gewesen. Denn das Wildheu besteht größtentheils aus zarten, dünnstengeligen, kurzen Kräutern und Gräsern von ungemein zierlichem Wuchse, eine wahre Liliputaner-Vegetation, gegenüber dem halmenreichen, hochgeschosse¬ nen, breitblätterigen „Feisthen“ der Thalwiesen. Die duftende Mutteri ( Meum mutellina ) mit ihren weißen Doldenblüthen nimmt die vornehmste Stelle unter den Futterpflanzen ein; sie gilt für das milchergiebigste Alpenkraut, dem das Adelgras oder Riz ( Plantago alpina , Alpenwegerich) an Milchgehalt zunächst steht. Mit ihnen konkurriren: die flach an den Boden gedrückte Bergbenedikte ( Geum montanum , Bergnelkenwurz) mit breiten, fingerkrautartigen Blättern und großen rosettirten Goldblüthen, — das niedliche, weißblumige Alpenmaslieb ( Chrysanthemum al¬ pinum ), — der zierliche Mannsschild ( Androsace obtusifolia und chamaejasme ) und das runde Frauenmänteli ( Alchemilla vulgaris ), auch „ Thaumänteli “ genannt, weil die mittelalterliche Heilkunst und der Volksglaube dem, auf die nierenförmig-rund¬ lichen, seidenharigen Blätter niedergeschlagenen Thau Wunder¬ kräfte zuschrieb. Dazwischen birgt sich der hygrometrisch-empfind¬ liche Eberwurz ( Carlina acaulis ), der zwergartige Alpenehren¬ preis ( Veronica alpina ), das niedrige, brennendgelb blühende Fingerkraut ( Potentilla aurea ), der feingestaltete Alpenschwin¬ gel ( Festuca pumila und nigrescens ), der niedliche Felsen- Windhalm ( Agrostis alpina ) und die ihrer Nährkraft halber hochgeschätzte Romeye ( Poa alpina , Alpen-Rispengras). Aus diesem, oft dicht ineinander gefilzten Kräuterrasen erheben sich ferner Der Wildheuer . sporadisch das Frauen-Schüheli oder der Wundkrautklee ( Anthyllis vulneraria und alpina ), die schwarzgrün-kelchige Schaafgarbe ( Achillea atrata ) auf niederem, mit vielfach ge¬ schlitzten Blättchen garnirtem Stengel, — der prächtige Alpenklee ( Trifolium alpinum und montanum ) mit seinen herrlichen fleisch¬ rothen, großblüthigen Blumenknäueln, — der vereinzelt wachsende Knöterich ( Polygonum viviparum ) über seine lanzettförmigen Blätter langstengelig die mit rothen Knötchen besetzte weiße Blu¬ menähre hervorstreckend, — dann die aus dichtem Rasenschopf die azurblauen Blumenköpfchen emportreibende, niedliche, pfriemen¬ blätterige Rapunzel ( Phyteuma haemisphaericum ), — der bunte Hafer ( Avena versicolor ), — die purpurgoldigen Crepis-Arten, die brennend-violetten Campanulen , die behaarten Hieracien , die lappenblätterigen Alchemillen , die Aretien, Androsaceen, die endlose Sippschaft der Gramineen und wie die kräftigen, aromati¬ schen Bergpflanzen alle heißen. Diese zusammen komponiren das Wildheu, welches darum auch von ungemein starkem Geruch ist, das Vieh viel rascher mästet und eine an Butterkügelchen ungleich reichhaltigere Milch liefert als das Thalheu. In Norwegen halten es die Bergbauern der Kjölen für ein Polychrestmittel wider alle Viehkrankheiten; deshalb holen sie es mit Lebensgefahr von den höchsten Zacken und Zinken, und heben ein Bündel davon als Ar¬ kanum bis zur nächsten Ernte auf. Ist das Heu je vom einen zum anderen Tage glücklich ge¬ dörrt, so gilts, dasselbe an einem tieferliegenden, besser zugänglichen Platze zu sammeln. Dieser Theil der Arbeit ist nicht minder be¬ schwerlich und gefahrvoll als der des Abmähens selbst. Wenn die Felsenwand, ob welcher der Heuplatz liegt, nicht zu hoch oder zer¬ klüftet ist, dann wirft der Wildheuer die in grobe Leintücher oder Netze zusammengepackten „Burdenen“ einfach hinab, steigt unbelastet hinterher und befördert Alles an den Ort seiner Bestimmung. Ist aber der Felsenhang sehr tief, so daß durchs Werfen die Der Wildheuer . schweren, fest zusammengeschnürten Bündel beim Auffallen zerplatzen könnten, oder ist die absinkende Fluh stark mit Gestrüpp und Knieholz bewachsen, in welchem das Ballot hängen bleiben könnte, dann hat der Wildheuer keine andere Wahl, als die zentnerschweren Lasten auf den Schultern hinabzutragen, — hinabzutragen auf Pfaden, die oft kaum Raum bieten, einen Fuß vor den anderen zu setzen. Man denke sich eine Felsenwand mehrere hundert Fuß fast loth¬ recht über der darunterliegenden, üppiggrünen Alpen-Terrasse auf¬ steigend und hoch droben auf dem Felsengerüst die Wildheu- Plangge. Diese ungeheuere Strebemasse, gegen welche der größte Münster, das riesigste Bauwerk der Erde Spielzeug zu sein schei¬ nen, besteht aus emporgerichteten, gleichsam auf die Kanten ge¬ stellten Schiefer-, Kalk- oder Dolomit-Schichten. Die Verwitterung hat in verschiedener Höhe einzelne Lagen abgeblättert, gebrochen und zu Thal gestürzt, so daß, gleichsam terrassirt, horizontal ge¬ neigte Bruchkanten an der gewaltigen Front, wie Gesimse an einem Gebäude hinlaufen. Je nach der Dicke der abgebrochenen Schich¬ ten, sind begreiflich auch diese Gesimse nur wenige Zoll oder Fuß breit und bilden jene „Felsenbänder“, oder wenn sie bewachsen sind, s. g. Grasbänder (Draie), die vom Thal gesehen, gleich dünnen, zarten, grünen Litzen die graue oder okerfarbige Felsen¬ front überspinnen. Es sind die Pfade des Gemsenjägers, des Wildheuers Rechts wächst die Wand jäh, glatt, senkrecht in die Lüfte empor bis zum nächsten Rasenband oder bis zu den Gipfel¬ zacken, — links sinkt sie ebenso steil in die Tiefe nieder. Da¬ zwischen liegt der Felsenweg, abschüssig, schlüpfrig, bröcklig, oft nur wenig Spannen breit. Frei kann das Auge über das große Thalbild hinschweifen, wenn der Kopf schwindelfrei und an die gewaltigen Eindrücke gewöhnt ist; ein unseliger Blick in die erblauende Tiefe, — hinab auf die Gipfelpyramiden der Tannen¬ wälder, die zu Moosdecken zusammengeschrumpft zu sein scheinen, — reißt den Mann mit magnetischer Kraft zum Todessturz. Der Wildheuer . Verschwunden ist das letzte Leben, hier grünt kein Blatt, kein Vogel ruft, Und sebstl der Pfad scheint bang zu beben, So zwischen Wand und Todeskluft. Lenau . Aber das Bergvolk ist so gewöhnt an die Größe und Maje¬ stät seiner Alpenwelt, so vertraut mit den entsetzlichen Schreck¬ nissen der Gebirgsnatur, daß es da droben, wo jeder Andere zittern würde, erst recht in seinem Elemente lebt und webt. Die meisten Unglücksfälle, welche beim Herabtragen sich ereignen, entstehen da¬ durch, daß der Träger mit seiner Bürde an irgend einem Strauch oder Felsenvorsprung hängen bleibt, das Gleichgewicht verliert und stürzt. Schon frühzeitig nimmt der Vater den Buben mit in die Berge, daß er sich gewöhnen lerne. Anfangs schreitet dieser wohl etwas befangen längs den Abgründen, hält sich am Gestein fest und läßt mit Herzklopfen, in bangender Neugier den Blick nieder¬ sinken auf die Waldnacht in den Tobeln, auf den tief drunten rauschenden Bergbach oder auf die silberblinkenden, steinbeschwerten Schindeldächer der Sennhütten, während der Alte mit schwerer Last im Nacken, sichergewohnten Schrittes ihm folgt, überrechnend, ob er mit dem Ertrage seines Tagewerkes den Zins auf Michaeli werde decken können. Aber es macht dem Buben Freude, es ist der Durchbruch des zähen, trotzigen, nach Selbstständigkeit ringen¬ den Naturells, das allen Gebirgsvölkern eigen ist, die im Kampfe mit der sie umgebenden Natur groß werden. Welches Loos harrt denn des Knaben? Muß er nicht das Handwerk des Vaters auch einst ergreifen? Ihm bleibt keine Wahl. Weiter drunten, wo der Berg sich behaglich auszudehnen be¬ ginnt, am Fuße der Schreckenswände, stehen kleine Heuspeicher , kunstlose Holzhütten, — „Bargaun“ nennt sie der romanische Grau¬ bündner, — „Gäden“ der deutsche Schweizer; in diesen birgt der erntende Wagehals sein gewonnenes Wildheu den Herbst über, bis der Schlittweg des Winters ihm bequeme Gelegenheit giebt, die Der Mildheuer . Vorräthe vollende ins Thal hinab zu bringen. Oft aber fehlen auch diese armseligen Nomaden-Magazine, und vertrauend auf gut Glück und den Rechtlichkeitssinn seiner Nachbarn, speichert er die errungene Habe im Freien auf, wo einiger Schutz gegen Sturm und Unwetter ist. Solche „ Heu-Feimen “ werden um einge¬ rammte Stangen festgetreten und mit großen Steinen beschwert. Nicht selten aber ists der Fall, daß, wenn der arme Mann um Weihnachten sein gewonnenes Futter holen will, die Berghasen oder anderes hungeriges Wild, seine Vorräthe halb aufgezehrt haben. Im Winter, wenn dann Weg und Steg dick eingeschneit sind und alle Felsenvorsprünge unter der großen allgemeinen weißen Decke verschwimmen, wenn Eisblumen starr krystallen an den Scheiben Wie ein Gehege gen der Sturmnacht Tosen, — A. Grün . dann geht der Wildheuer mit seinem „ Hornschlitten “ auf dem Rücken, sobald der „Schnee trägt“, d. h. sich fest gesetzt und eine harte Kruste bekommen hat, hinauf zu seinen Magazinen, ladet einen derben „Schochen“ festgeschnürt auf, stellt sich dann zwischen die hoch heraufgehenden Kufen an die Stirn seines Fahrzeuges, und dieses gleitend in Bewegung setzend, jagt er mit Lokomotiven- Geschwindigkeit über die Abhänge hinab. Auch dieser letzte Theil der sorgenvollen Arbeit ist noch mit großer Gefahr verbunden, weil gar häufig, wenn drunten im Thal Alles pickelhart gefroren ist, in der Höhe weit mildere Lüfte wehen oder gar der warme Föhn regiert und dann Lauinen losbrechen, die den Mann sammt seinem Geschirr begraben. Darum bereitet sich der Tyroler, wenn er mit seinen Gefährten zum „ Hatzen oder Heuziehen “ in die Berge geht, auf alle Schicksalsfälle vor, und ein gemeinsames Gebet er¬ öffnet das bedrohliche Tagewerk. Glückt das oft wiederholte Wag¬ stück, kehren Alle wohlerhalten und frischen Sinnes heim, dann wird das Gelingen durch eine gemeinsame Zeche, das „Hatzermahl“ gefeiert. Der Wildheuer . Nicht alles Heu, welches im Winter ab den Bergen geschlittet wird, ist nur Wildheu; es giebt auch Bergwiesen, die ebenso be¬ wirthschaftet werden wie die im Thale liegenden fetten oder „Mahd- Wiesen.“ Liegen diese nun zu entfernt vom Dorfe oder des Eigenthümers „Heimet“, dann wird der Ernte-Ertrag derselben, ebenso wie das Wildheu in Gäden aufgespeichert, und entweder an Ort und Stelle im Winter gefüttert, oder in angegebener Weise zu Thal geschlittet. — Die Verwegenheit und das Geschick, mit denen der Heuschlitter seine, ihn hoch überragende, mehrere Zentner wuchtige Ladung dirigirt, ist bewundernswürdig. Völlig vertraut mit den Gefahren, welche ihn bedrohen, kennt er die (jetzt mit Schnee ausgefüllten) Schluchten, durch welche seine Eisbahn läuft, bis in die kleinste Einzelnheit genau; mit scharfem Blick und siche¬ rer Berechnung zirkelt er die Bogenfahrt ab, so daß er pfeilschnellen Fluges dicht am schauerlichen Abgrunde mit seiner Last vorüber¬ stürmt; — nur wenig Fuß Fehlberechnung in der Curve, würde ihn hinabschleudern in Untiefen, aus denen es keine Rückkehr giebt. „Dem Muthigen hilft Gott“ und „Kein Muthiger erbleicht vor kühner That!“ Diese Worte Schillers finden volle Anwen¬ dung auf alle Wildheuer, namentlich aber auch auf jenen tollküh¬ nen Molliser (Kanton Glarus), der einst von den Heubergen unterm Frohnalpstock bei seiner Fahrt zu Thal den allerdirektesten und schnurgeradesten Weg über die treppenförmig sich abtiefenden Fluh¬ ätze nahm. Sichere Zeichen verkündeten ihm, als er droben ge¬ laden hatte, daß Lauinenstürze zu befürchten ständen. Mehrere Stel¬ len seines gewöhnlichen Weges lagen in den Schreckensbahnen dieser Donnergrüße des Winters; ihm drohte der entsetzliche Tod: verschüttet zu werden. Jede Minute Zögerung vergrößerte die Ge¬ fahr. Da entschloß er sich kurz, befahl dem Himmel seine Seele und wählte unter zwei Schrecknissen das kleinere. Wer das Ter¬ rain kennt, hält solch ein Unternehmen für Wahnwitz; denn es ist weitaus mehr Wahrscheinlichkeit, daß der Wagehals dabei um¬ Der Wildheuer. kommt, als daß seine Force-Tour gelingt. Genug, unser Heu¬ schlitter unternahms, stellte sich jedoch nicht an die Spitze seines Trains, sondern klammerte sich hinter demselben an, steckte den Kopf ins Heu und überließ das Weitere der Fügung des Schick¬ sals. Und siehe, die kühne That gelang, den muthigen Mann rettete seine gewaltige Entschlossenheit. Alpstubeten oder Älplerfest. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Alpstubete oder Aelplerfest . Ich seh vor mir den stillen Alpensee, Von hoher Bergwand sorglich eingegränzt. Wie lacht vom Haupte nicht der frische Kranz Dornloser Alpenrosen, überhängt ins Thal, Und schüttelt seine Blüthendolden aus Aufs junge Volk, das auf der Matte tanzt Beim Klang des Hackbretts und der lust'gen Geige. Da schwingt der Bursche hoch sein Sennenkind Und stampft im Jugendübermuth den Rasen, Indeß ein helles Jauchzen wiederhallt, Der Freude Rottenfeuer, von den Bergen. O, unversiegbar bist du frischer Quell Des Lebens, wie du sprudelst aus dem Volke, Wenns nicht in Dämme künstlich eingezwängt, Nein, frei hinrollt in selbstgeschaff'nen Wegen. Carl Morell . Das Volksfest! Dieses Erinnerungs-heitere, Freude-verheißende Wort, an dem die Hoffnung von Tausenden fröhlich emporrankt, — dieses strahlende Gestirn im trüben Gedränge des einförmigen Alltagslebens! wie sehr entschwindet unter dem Einflusse der fort¬ schreitenden, mächtig-umgestaltenden Zeit, immer mehr sein ursprüng¬ liches, kindliches, harmloses Wesen! wie verliert es täglich mehr Berlepsch , die Alpen. 25 Alpstubete oder Aelplerfest . an frischem Geist und Gehalt, und bleicht zum blassen, mark- und körperlosen Schemen ab! Schon müssen sinnenberauschendes Ge¬ pränge und eitler Tand jene Gemüths-Armuth und Blöße decken, die mit dem Ueberwuchern des Scheins, auch bei den Festen, wie eine böse Seuche immer schrecklicher um sich greift. Da tritt uns denn ein Aelplerfest in seiner ungesuchten Einfachheit, in seiner natürlich-sprudelnden Lust, als eine wohlthuende Erscheinung ent¬ gegen. Wie sich so Manches in Sitten und Gebräuchen noch rein und ungeschminkt beim Gebirgsvolke erhalten hat, gleich als ob der harte, feste Grund und Boden, auf dem es lebt, auch in sein Denken und Handeln übergegangen wäre, so sehen wir noch heute den kecken, muskelstrammen Burschen auf der Alp die Spiele üben, an denen sich die Aelterväter vor Jahrhunderten ergötzten und ihrer Zeit ein kräftiges und unerschrockenes Geschlecht gaben. Alpstubeten oder Dorfeten sind Hirtenfeste, die so alt sein mögen, als die Sennerei, die so lange bestehen, als die Herden zur Alp getrieben werden. Ihr Name ist ebenso naiv und an die Anfänglichkeit der Zustände erinnernd, wie ihr Wesen und Verlauf heute noch ist. In jenen zerstreuten Gebirgsdörfern, die aus den allmähligen Ansiedelungen und Familien-Erweiterungen entstanden, die abseit der großen Handelswege und Verkehrsstraßen lagen, gab es bis in die jüngste Zeit, und giebts sogar heute noch in Savoyen, Wallis, Graubünden und Tyrol keine Wirthshäuser mit großen Lokalitäten. Die Alpenbauern kannten das Bedürfniß nicht, zu einem ihrer Nachbarn zu gehen, um bei demselben für Geld zu zechen; Geld überhaupt kursirt in manchen Bergdörfern fast das ganze Jahr nicht, weil Jeder selbst erzeugt, was er für sein Haus bedarf. Wohl aber stellte sich bei ihnen das Bedürfniß geselligen Lebens, freundnachbarlichen Besuches zum Zweck der Unterhaltung ein, und da es, wie gesagt, keine Gesellschaftshäuser und kein Casino in den Gebirgsorten giebt, so ging man in die Stube des Anderen, und diese Visite wurde eine „Stuberta“ genannt. Alpstubete oder Aelpserfest . Die Bezeichnung wurde aber auch ganz besonders auf jene Zu¬ sammenkünfte junger Leute angewendet, welche zu Spiel, Gesang und Tanz sich in der größten oder am Bequemsten gelegenen Stube eines Nachbarn zusammenfanden, und diese improvisirten Gesell¬ schaften bestehen überall in den Alpen und im Schwarzwalde noch. Sie sind nun keinesweges immer so harmlosen, idyllischen Charak¬ ters, diese eigentlichen Stubenzusammenkünfte, wie man behaupten will, sondern sie sind vielseitig Ursache immer größerer Entsitt¬ lichung des Volkes. Anders verhält sichs mit unseren Alpfesten, auf welche man, da es gleichfalls Besuche und Vergnügungs-Anlässe, wie die drunten im Dorfe, sind, auch den gleichen Namen übertrug. Der Tag ihrer Feier steht ebenso fest wie der eines Kalender-Heiligen, und hängt, wie schon bemerkt wurde, in den katholischen Gebirgsgegen¬ den meist mit der Feier eines Patronatsfestes zusammen. Alles Bergvolk, das während des Sommers sich mehr vereinsamt fühlt als zu jeder anderen Jahreszeit, weil die Hälfte droben in den Alpen, die andere Hälfte drunten im Thale lebt, strömt nun mit Ungeduld dem allgemeinen Sammelplatze zu, hört Predigt und Messe herkömmlich an, und wenn dieser althergebrachten Sitte Genüge gethan ist, dann werden alle geistigen und geistlichen Ge¬ danken für diesen Tag quittirt, — die kommenden Stunden ge¬ hören nur der ausgelassensten Freude. Alles Volk prangt im Sonntagsstaat, in hellen, leuchtenden Farben. Dazwischen man¬ gelts nicht, daß auch ein Senn im Ehrenkleid der Stall-Arbeit, wenn nicht zum Schmuck, doch zur malerischen Ergänzung der Gruppen, sich zwischen den Festgenossen bewegt. Unter lautem Jubelruf und johlenden Zauren und „Löcklen“, daß die Berg¬ wände es gellend wiederhallen und die Lüfte von klingender Freude erfüllt sind, springt nun jeder Sennbub mit dem Mädchen seiner Neigung zu den umliegenden Sennhütten. Hier ist schon Alles auf den Besuch vorbereitet; Krapfen und Küchli, Birnenweggen 25* Alpstubete oder Aelplerfest . und geschwungener Nidel (zu Schaum geschlagener fetter Rahm), lockend feines, weißes Weizenbrod und Wein, genug, was des Alpensohnes Kunst vermag, wird hier in Menge zum fröhlichen Mahl aufgetischt. Das ist ein Scherzen und Kosen, ein Föppeln und Necken, mitunter weidlich derb und unglimpflich, wies eben Sitte ist da droben. Noch einmal trennt sich das junge Volk. Die Mädchen ziehen schaarenweise singend umher, suchen die bekannten Stellen auf und zwingen die Gnomen der Felsenwände, durch alle Tonarten hin¬ durch ihnen als Echo zu sekundiren. Es ist der vollendetste Ueber¬ muth, die aufs Aeußerste gespannte Elasticität des Humors und der Freudenbegierde, die sich zu entladen bestrebt und nun jeden Anlaß benutzt, um das Ueberselige der Stimmung zu bethätigen. Die Sonne steht hoch! Der Himmel strotzt im tiefsten Blau des unendlichen Aethers! Da jauchzts und ruggüßelet es aus jedem Winkel hervor, von allen Halden herab. Wo irgend eine Hütte hinterm Tannenschopf verborgen liegt, oder wo es über einen Bühel hinaufführt in ein anderes Berggut, oder der schmale, schlängelnde Pfad hinüberläuft übers Tobel zur Nachbar-Alp, von allen Seiten strömts herbei, das genußdurstige Volk, elektrische Freudenblitze durch die Lüfte schleudernd. Hei! drunten auf dem Plan der Bergwiese, welch ein Gedränge, welch wogendes, schwirren¬ des Durcheinander! Da ist das Fest im vollsten Gange schon. „Wer gerne tanzt, dem ist leicht gepfiffen!“ Erhöht auf einem Felsenblock hat ein Orchester seine Kunstwerkstätte aufgeschlagen. Zwei Musikanten sinds, Autodidakten, die hemdärmelig dem Volke neckische Weisen aufspielen. Der eine hat das Hackbrett auf den Knieen, den Urgroßvater aller pianistischen Instrumente, dessen Saiten er mit dem Stahlstäbchen hellschwirrende Metalltöne in kecken, zuckenden Rhythmen entlockt. Sein Sekundant ist ein Geiger, ebenso ein origineller Kauz; voll Witz und sprudelndem Humor schmückt er die ohnehin schon herausfordernd muthwillige Melodie Alpstubete oder Aelplerfest . noch mit Schnicken und Schnacken aus, lebt und zappelt am gan¬ zen Körper, und stampft mit den Füßen metrisch den Takt zu seinen musikalischen Arabesken. Der arme Narr schwitzt über und über, und um bei seiner schweren Arbeit wenigstens einigen Schutz zu haben, so hat er den Baldachin eines großen, rothbaumwollenen Familien-Regenschirmes, an einen langen Stock gebunden, hinter sich aufgerichtet, in dessen leuchtendem Schatten er sein Tagewerk vollbringt. Just so ists dem Volke recht; das ist die Musik, die es sucht und haben will. Stellt ihm die Virtuosen einer fürstlichen Kapelle hin; — mit aller ihrer Präcision und Glockenreinheit im Spiel vermögen sie es nicht, das sinnenberauschte Alpenvölklein so auf dieser zitternden Höhe der Glückseligkeit zu erhalten und zu balan¬ ciren, als der verschmitzte, diabolisch-anspannende Dorfgeiger. — Und nun der Reigentanz selbst, der uralte, den heute noch die Indianer und wilden Völker bei ihren Festen tanzen, der große, runde Ring von Menschen-Armen, die zu einer Kette verschlungen, den braunbemoosten Felsenklotz umjauchzen. Was ist das noch ein primitives Springen und Bewegen im Vergleich mit dem ästhetisch¬ feenhaften Schweben der Kunsttänze auf unseren Soireen und Bällen! Und dennoch ist Grazie und Anmuth darin, weil Natür¬ lichkeit aus jeder Körperwendung schaut. Die Buben haben sich bei den Händen gefaßt, und in jeder solcher männlichen Armfessel lehnt, sich sicher wiegend, die Sennerin, indem sie ihre Arme leicht und nachlässig auf die Schultern ihrer beiden Tanznachbarn legt. Es liegt eine schelmische Koketterie in diesem Geflecht, die unge¬ meinen Reiz hat und wellenhaft schöne Formen darbietet. Da¬ neben werden Extratouren gegeben. Ein Bursch, dems in den Füßen zittert und zuckt, als ob ein galvanischer Strom ihn durch¬ brause, hat seine Tänzerin mit beiden Händen beim Mieder gefaßt, rundwirbelt kreiselartig auf einem Plätzchen, das eben groß genug ist, um vier menschlichen Füßen Raum zu gewähren, durchbohrt Alpstubete oder Aelplerfest . die Lüfte mit seinen maifrischen Jauchzern und schwingt das lachende Alpenkind hoch über sich wie ein Spielzeug seiner rosigsten Laune. Jetzt, als wollt es mit Macht durchreißen die Kette des Tanzes, Schwingt sich ein muthiges Paar dort in den dichtesten Reihn. Schnell vor ihm her entsteht ihm die Bahn, die hinter ihm schwindet, Wie durch magische Hand öffnet und schließt sich der Weg. Schiller . So gaukelt und braust es durcheinander, ein im Entstehen sich schon wieder verzehrendes Bild. Das ist der innere Kern, das Centrum der Freude und Lust. Mit reichen, lebensvollen Gruppen, je wenig Menschen ein drasti¬ sches Genrebild aufstellend, ist diese große Scene eingefaßt. Auch die Kühe sind herzugekommen und starren mit verwunderten Augen hinein in das Gedränge, das ihrem stillen Tempe sonst so fremd ist. Durch lautes Blöken geben sie ihre Theilnahme zu erkennen; solls ein Protest sein, daß man ihren kräuterreichen Futterboden so über¬ müthig zerstampft, oder sinds Beifallsbezeigungen in der Kuhsprache! Der Gaumer, der sich an einem Glase Wein ergötzt hatte, gestattet aber solche familiäre Einmischung der Hausthiere nicht und jagt die mit gestrecktem Schweif zurückgaloppirenden Thiere wieder auf das ihnen zur Weide angewiesene Terrain. Endlich lechzt und schnauft und fieberglüht der ganze Kreis unter dem Druck der sengenden Strahlen, — der Regenschirm- Geiger und der „Hackbrettli-Ma“, die Buben und Mädchen müssen rasten vom Uebermaß der Luft. Da zieht ein neuer Kreis, den wir bisher nicht beachtet hatten, unsere volle Aufmerksamkeit auf sich. Ein großer, schwerer Centner¬ stein fliegt durch die Luft und fällt dumpf dröhnend auf den Boden; gellendes Gelächter folgt. Das sind die Kraftproben im Stein¬ stoßen, dieses wiederum uralte Aelplerspiel, eine Mahnung an die rollenden Felsenblöcke in den Schlachten am Morgarten und am Stoß, die wie der böse Feind in die kampfgerüsteten Züge der Alpstubete oder Aelplerfest. Ritter und Reisigen schmetterten und sie zu Boden warfen. Hier ists nur Scherz, fast nur ein Kinderspiel im Großen, und doch bekundet es den streitbaren, männlich sich rüstenden Geist, der in diesem Bergvolke lebt und webt. Mit festen Händen umspannt der Senn den Laststein, hebt ihn scheinbar leicht sich auf die Schul¬ ter, während die innere Fläche der rechten Hand ihn eigentlich trägt. Das Ziel, das er im Wurfe erreichen will, ist etwa ein Dutzend Schritte vor ihm abgesteckt. Im wiegenden Schwanken des Oberkörpers sucht er den rechten Augenblick abzupassen, und plötzlich den Arm ausstoßend wirft er den Stein dem Ziele zu. Es gilt gewöhnlich eine Wette, die durch ein Halbes Wein aus¬ geglichen wird. Turnübungen wurden von den Aelplern naturalistisch schon Jahrhunderte lang exerzirt, bevor der „Demagogen-Jahn“ und Vater Maßmann auf der Hasenhaide die ersten Lektionen gaben. Das Klettertalent der Geißbuben ist ebenso alt als ihr Stand, und von der Sicherheit des Schusses legte Wilhelm Tell schon vor mehr als 500 Jahren eine historisch gewordene Probe ab. Die unterhaltendste aber von allen Turnerfähigkeiten können wir auf unserem heutigen Aelplerfeste sehen; es ist das „ Schwingen “ oder der „Hosenlupf“. Im Lande Appenzell sind sie unmittelbar im Gefolge einer Alpstubete; im Entlibuch und Emmenthal, im Berner Oberlande und im Kanton Unterwalden bestehen sie als selbsteigene Volksfeste, die aber ebenso wie dort die Stubeten ihre unabän¬ derlich festen Tage haben. So finden deren auf der Wengenalp und auf der Großen Scheideck am Fuße des Wetterhornes statt, — jenes von den Grindelwaldnern und Lauterbrunnern, dieses von den Grindelwaldnern und Bewohnern des Haslithales besucht. Ge¬ wöhnlich ists auf einer Gränzalp, zu der von beiden Thalseiten die kampfeslustigen Jünglinge hinaufsteigen. Denn es kommt darauf an, daß zwischen den Parteien zweier Thalschaften die eine den Sieg über die andere erringe. Begreiflich ists, daß die, Alpstubete oder Aelplerfest . welche das letzte Mal mit Ruhm gekrönt vom Platze ging, diesen Ruhm nun nicht einbüßen mag und alle ihre besten Kräfte aufbietet, das Aeußerste zu leisten, was immerhin nur möglich ist. Die jüngsthin überwundene Partei jedoch strebt diesmal die ihr ange¬ thane Schmach zu rächen und heute als Sieger den Platz zu verlassen. So wie ein solches Schwingen um die Wege ist, ziehen sich die Burschen, welche mit zu kämpfen gedenken, von den strengsten Arbeiten zurück, pflegen den Körper und genießen kräftigende Speisen und Ge¬ tränke. Ist nun der Schwingtag erschienen, so finden sich die Kämpen beider Seiten in einem Wirthshause ein. Jeder sucht sich von der Ge¬ genpartei seinen Mann aus, mit dem er einen Gang zu unternehmen wünscht, und in herzlichster Freundschaft und Eintracht zechen sie gemein¬ schaftlich, einander wacker zutrinkend. Die Stunde ruft. Arm in Arm, vorauf Musik, ziehen die Gegner paarweise zum Zug geschaart zum Schwingplatz, wo ihrer schon ein großer Haufen Volkes wartet. Das Kampfgericht, von alten kundigen Vertrauensmännern gebildet, ist schon gewählt. All das übrige Volk formirt nun einen großen Ring, in dessen Mitte die Kämpfer stehen. Sie haben sichs be¬ quem gemacht; das Hemd und die Schwinghose sind die einzigen Kleidungsstücke, welche sie auf dem Leibe tragen. Die Schwinghose besteht aus festem, derbem Drill, der dauerhaft genäht sein muß. Sie wird über die nackten Füße und Kniee bis auf die halben Schenkel fest heraufgerollt, und hat am Gurt um die Taille einen Wulst zum Anfassen. So ausgerüstet treten die Ringer paarweise an. Der selbstgewählte Obmann ordnet die Reihenfolge an, in welcher die Paare mit einander zu kämpfen haben; — zuvörderst die Schwächeren und dann gradatim steigend, die Stärkeren, Ro¬ busteren. Allgemeine Schwingregeln bestehen bei allen Alpenbe¬ wohnern. Zuerst bieten beide Parteien treuherzig sich die Hand, um öffentlich zu bekunden, daß Keiner Haß und Groll gegen den Anderen im Herzen trage, und daß das Schwingen ein freies, freundliches sein solle. Der Hemdenkragen ist geöffnet, damit dem Alpstubete oder Aelplerfest . Athmen kein Hinderniß beschwerlich falle; die Hemdärmel sind bis über den Ellenbogen hinaufgerollt, so daß die Arme entblößt sich um so leichter bewegen können. An der ganzen Kleidung soll, altem Herkommen gemäß, nichts Geschnürtes bleiben, überhaupt der Eine wie der Andere im Anzuge sein, weil bei längerem, hartnäcki¬ gem Kampfe irgend eine Kleinigkeit durch früheres Ermüden den Ausschlag geben könnte. So vorbereitet tritt das erste Paar in den Kreis; Freude, Heiterkeit, Zuversicht, Kampfeslust leuchten aus den Augen. In aller Ruhe erfolgt das Zusammengreifen, d. h. ein Jeder schlägt seine rechte Hand fest in den Taillen-Gurt des Gegners, die linke in den aufgerollten Hosenwulst am rechten Schenkel des Anderen, oder wies im Entlibuch heißt „ins Gestöß“. Alle falschen und betrügerischen Praktiken sind streng untersagt, wohin namentlich auch gehört, den Gurt mit Talg einzureiben, weil dann der Gegner keinen festen Halt hat. Das „Zusammengreifen“ ge¬ schieht je nach Belieben stehend oder knieend, die Köpfe Beider je auf des Gegners rechter Schulter liegend. Sinds nun zwei recht geübte Ringer, so treiben sie, im taktmäßigen Hin- und Her¬ wogen, sich mehrere Minuten lang im Kreise umher; Keiner von Beiden versucht den ersten Kunstgriff oder Schwung, bevor er nicht den rechten Moment gekommen glaubt. Weil ein Jeder sich auf der Defensive hält, so erwartet er von Augenblick zu Augenblick des Gegners unvermutheten Angriff und hat vorläufig seine ganze Aufmerksamkeit darauf gerichtet, fest zu stehen. Die kleinste Blöße, die geringste Schwäche vom Gegner wahrgenommen, benutzt dieser sofort zu einem energischen Schwung oder Zug. Es begegnet aber auch, daß Beide so lange auf einander „dusen“, (wie es im Entlibuch heißt), daß sie ermattet voneinander ablassen, sich auf den kühlen Rasen werfen, um zu verschnaufen, brüderlich ein Glas Wein selbander trinken zur neuen Stärkung, die Hände mit Erde reiben, um die Haut rauher zu machen. Während des „Dusens“ herrscht lautlose Stille im Kreise; Alle lauschen gespannt auf den Alpstubete oder Aelplerfest . ersten Schwung, und so wie dieser erfolgt und nun das verzweifelte Ringen, das Beinstellen und Anziehen, das Heben und Drängen beginnt, da folgen mit fieberhafter Hast, mit jagenden Blicken, mit klopfendem Herzen die Zuschauer beider Parteien allen Bewegungen. Halblaute Rufe, unterdrückte Interjektionen, Anfeuerungen begleiten den Kampf, bis plötzlich durch eine einzige Wendung, durch einen unvermutheten Griff und Zug der Eine des Anderen Herr und Meister wird und ihn zu Boden wirft. Diese einmalige Ueber¬ windung entscheidet indessen den Sieg noch nicht. „Eines Mannes Red ist keine Red, man muß sie hören alle beed!“ Nach diesem Grundsatz wird dem Ueberwundenen nochmals Gelegenheit gegeben, seine Ringer-Ehre zu retten, und nicht selten ists der Fall, daß diesmal das Glück auf seiner Seite ist. Nur wer zweimal seinen Gegner auf den Rücken wirft, ist wirklich Sieger. Kämpfen nun die Schwinger zweier Thalschaften mit einander für die Ehre ihrer Partei, z. B. die Unterwaldner und Haslithaler auf der Alp Breitenfeld ob Meyringen, oder die Entlibucher und Emmenthaler am Schüpferberg oder auf Ennetegg, — so tritt aus der Partei des zuletzt Gefallenen der Ersatzmann heraus und ver¬ sucht seine frischen Kräfte an dem, der im vorhergehenden Gange Sieger blieb, dessen Kräfte jedoch schon ziemlich angegriffen sind. Diese Reihenfolge wird besonders fest innegehalten, wenn um einen ausgesetzten Preis gekämpft wird. Ists indessen nur ein Schwinget gewöhnlicher Art, so treten überhaupt eine beliebige Anzahl Ringer aus zwei verschiedenen Pfarrgemeinden auf, die ihre Kräfte mit einander messen. Ists jedoch der Fall, daß bei einem solennen Schwinget die stärksten und gewandtesten Kämpfer beider Parteien die letzten sind und jede Thalschaft ihre endliche und entscheidende Sieges¬ hoffnung auf ihren Mann setzt, es also gilt, die Ehre des Tages für eine ganze große Gemeinde zu retten, so entfaltet sich mitunter ein Schauspiel eigener Art. Beide Ringer einander fürchtend, Alpstubete oder Aelplerfest . suchen sich nur defensiv zu verhalten, jeder nur seinen Fall zu verhüten und dadurch den Sieg des Gegners unmöglich zu ma¬ chen. Dann weichen beide in der Regel von der gewöhnlichen Schwingart ab. So wie die beiden, Gymnasten sich ordnungs¬ mäßig gefaßt haben, lassen sie sich, der eine genau die Stellung des anderen abmessend, aufs rechte Knie nieder und entfernen sich mit dem ganzen Unterkörper, so weit es Griff und Muskel¬ anspannung erlauben, von einander. Fürchtet der Eine auf diese Art von seinem Gegner mit übermächtiger Gewalt dennoch gelüpft zu werden, so legt er sich platt auf den Bauch, worin ihm dann auch der Mitkämpfer folgen muß. In solch unnatürlicher Stel¬ lung martern Beide einander oft eine halbe Stunde lang, winden sich am Boden wie kriechende Schlangen, und spannen Sehnen und Muskeln so übermäßig an, daß von dem furchtbaren Kraftauf¬ wande das Antlitz braunroth erscheint. Vermag nun Keiner durch Ausdauer, Kraftübermaß oder List den Gegner zu bewältigen, so stehen sie endlich freiwillig, aber zum Tode erschöpft, vom Kampf¬ platz auf, bekennen einander mit traulichem Handschlag gegen¬ seitig ihre Männerstärke, und keine Partei kann sich des Tages¬ sieges rühmen. — Sie ist wild, ja fast barbarisch, diese Kund¬ gebung der physischen Kraft; aber sie legt Zeugniß ab für ein männliches, kampfbereites Volk, für ein Geschlecht, das nicht ver¬ weichlicht ist und noch Muth und Ausdauer genug besitzt, für seine Ehre, seine Freiheit und sein Vaterland mit äußerster Ent¬ schlossenheit zu kämpfen. Der originellste Lupf, so weit überhaupt diese Kraftprobe volksthümlich exerzirt wird, findet im Refektorium des Kapuziner¬ klosters zu Appenzell im Beisein der Mönche statt. Im Herbst nämlich bringen an einem bestimmten Tage junge kräftige Bursche von nah und fern Natural-Lieferungen an Wein, Früchten, Holz u. s. w. dem Kloster freiwillig dar. Für diese Geschenke nun lassen die Mönche den Lieferanten eine feste Mahlzeit verabfolgen, Alpstubete oder Aelplerfest . und als Dessert, wenn die Tische hinausgeräumt sind, wird zur Ergötzung der Konventualen im Refektorium von den Burschen ein Schwingen zum Besten gegeben. Die Mönche stehen auf Tischen und Stühlen, nehmen den lebhaftesten Antheil an dem Verlaufe des Zweikampfes und lachen oft so drastisch, daß die Schwinger über das Gelächter der Mönche selbst ins Lachen gerathen und kampfesunfähig werden. — Diese Kloster-Arena ist so landesbe¬ kannt, daß sich die Bursche das Jahr über nicht nur wegen Strei¬ tigkeiten auf den „Kloster-Lupf“ laden, sondern recht herkulisch-starke junge Männer „Jedem im ganzen Lande ausbieten“, d. h., einen Jeden, der sich mit ihnen messen will, einladen, im Kloster zu Appenzell am genannten Tage zu erscheinen. Der Rest des Tages verläuft auf einer Alpstubeten, wie er begonnen, nur daß die Freude, statt zu sinken, sich noch steigert. Bald versinkt die Sonne; des Waldes Riesen Heben höher sich in die Lüfte, um noch Mit des Abends flüchtigen Rosen sich ihr Haupt zu bekränzen. In ungetrübter Glückseligkeit hüpft jedes Mädchen, an ihres Buben Hand, über Stock und Stein hinab ins Thal. Holzflößer . Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig . Holzschläger und Flößer . Welch ein Gebraus im grünen Alpstrom-Schlunde! Wie donnert Wog' an Woge mit Schaum-Gebrüll! Wie tobt es wirbelnd, sich selbst verschlingend! Bin ich entrückt in des Orkus Nachtgrau'n? „Cinque! sette! tre! Cinque! quatter! due! Hahahaha! “ schallt brüllendes, heiseres Geschrei aus der Osteria von Cremaglia. Die souveränen Bauern dieses, auf hoher Berg-Terrasse liegenden, tessinischen Dörfchens sitzen beim vollen Boccale des feurigen Weines von Cugnasco und spielen, die Finger auf dem Tische beinahe sich wund schlagend und Tollhäuslern gleich einander gegenseitig anschreiend, mit leidenschaftlicher Lebhaftigkeit das be¬ liebte Mora-Spiel. In Deutschland und diesseit der Alpen würde man die Gesellschaft für Wahnsinnige halten, so geberden sie sich in aller Liebe und Freundschaft; das ist eben italienisches Blut. — Der leventiner Aelpler, oder der aus der Tiefe des Val Maggia ist ein ganz gelassener Mann, so lange die Leidenschaften ihn nicht aufregen; Streit, Gesellschaft, ein fröhlicher Trunk gestalten ihn völlig um, und machen aus dem sonst so besonnenen, ruhigen Holzschläger und Flößer . Menschen einen hitzigen, tobenden Poltron. Was aber regt heute, an einem Werktage diese Handvoll Leute so auf? Die ganze Gemeinde von Cremaglia ist officiell beisammen. Gianella, der Holzspekulant von Comprovasco im Blenio-Thale, hat wieder einen großen Wald der Gemeinde abgekauft und giebt einen Trunk obendrein. Die Ratification des Kaufes wird soeben von der Municipalità ausgefertigt und die baare, klingende Kauf¬ summe für dieses veräußerte Gemeinde-Gut kommt nicht etwa in die Kasse des Patriciato , um daraus Straßen zu bauen, Schulen und Almosen-Bedürftige zu unterstützen, sondern die Vicini oder Gemeinde-Nachbarn vertheilen den Betrag unter sich, so daß ein Jeder mehrere hundert Lire bekommt. Darum sind heute die Con¬ federati , von Cremaglia so heiteren Humors. Ein jeder ehrsame, deutsch-schweizerische Burger, der mit Stolz auf den „Gemeinde-Säckel“ und das „Stockamt“ blickt, der etwas auf den ökonomischen Stand seines Orts-Haushaltes giebt, oder ein jeder andere civilisirte Mensch, der überhaupt cultivirte Be¬ griffe von den geordneten Verhältnissen sorgsam-verwalteter Kom¬ munal-Güter hat, wird vor solch einer urgemüthlichen Handhabung der Verwendung von Genossame-Gütern zurückschrecken, — der tessi¬ nische Bauer nicht. Er hat keinen Begriff von der Nothwendigkeit eines geregelten, staatlich-beaufsichtigten Forsthaushaltes. Seine Berge sind noch reich an Hochwäldern, wenigstens seiner Meinung nach, die ihn und seine Kindeskinder überdauern, — und bis da¬ hin, wo Holznoth eintreten könnte, wachsen neue Waldungen an Stelle der abgeholzten. So räsonnirt der Bauer. Früher gabs allerdings meilengroße Forste, die seit Jahrhunderten unbenutzt geblieben waren. Als dann in der benachbarten Lombardei die Holzpreise stiegen, kamen italienische Spekulanten in die Schweiz, unterhandelten, kauften um Spottpreise, und ganze Gebirge wurden ihres kostbaren Schmuckes beraubt. Jetzt soll auch wieder ein großer, schöner Hochwald, tief in Holzschläger und Flößer . den hintersten, geschluchteten Thälern, am Fuße des Rheinwald¬ hornes, unter dem Beile der Borratori fallen. Die Waldung liegt weit von der Straße ab und wohl einige Tagereisen entfernt von dem lombardischen Orte, wo das Holz an den Sägemüller ver¬ kauft wird. Durch den Transport auf der Achse würde das Holz zu einem enormen Preise hinaufgetrieben werden, den Nie¬ mand zahlte; deshalb müssen andere Transportmittel ersonnen werden, — namentlich auch schon, um nur das Holz aus den tief¬ versteckten, einsamen Gebirgswinkeln erst in die Nähe menschlicher Communikation zu bringen. Ueberall, wo große Bergströme von den Alpen herabkommen, sind auch die Thalwände sehr von Waldungen entblößt. Das Holz, welches nach Gewicht und Volumen in keinem Verhältniß zu seinem Werthe steht, ist, bei nur einiger Entfernung, ein un¬ dankbar zu transportirendes Naturprodukt. Darum nahm man die Flüsse für den Transport des Holzes in Anspruch, und deshalb griff die Axt zunächst diejenigen Forste an, welche in der Nähe kräftiger Wasseradern lagen. Auffallend entwaldeter ist die Süd¬ seite der Alpen als die nördliche. Das stark bevölkerte Italien erzeugte von jeher nicht seinen Bedarf an Hölzern; deshalb griff es in die Alpenwälder und rückte, Schritt für Schritt, immer wei¬ ter gegen den Kern der Forstschätze emporsteigend, mit seiner Plün¬ derungsspekulation vor, bis jene auffallende Entblößung an den Südhängen entstand, welche uns bei jedem Berg-Uebergange so sehr auffällt. Die leicht und frei gelegenen Forste fielen zuerst, und als diese gelichtet waren, drang der Wälderhandel immer tiefer in die Seitenthäler und die holzreichen, verwinkelten Gebirgsschluchten ein, die früher selten eines Menschen Fuß betrat. Hier wächst, mit dem Näher-Eindringen an den Gebirgskern, auch die Böschung, die Zerklüftung des Bodens. An stoßigen Bergwänden, die gar oft der Abdachung eines Kirchthurmhelmes wenig nachstehen, klettern die Lärchen und Rothtannen wie rechte Sturmbäume muthig hinan, Holzschläger und Flößer . daß einer dem andern immer weit über die Wipfelkrone hinweg¬ schaut. Dann aber giebts da drin in den Winkelmysterien der großen Gebirgsfalten isolirte Kegel, rings von Abgründen um¬ geben, die prächtige Wälderkapuzen auf ihren Felsenschädeln tragen. Wie eine Gruppe von Baumschildwachen oder wie die kleine, muthige Besatzung einer Festung stehen sie da droben unantastbar, weil Niemand, so lange es noch bequemer zu fällendes Holz gab, auf den übermüthigen Gedanken kam, die Exclusiven da droben anzugreifen. Freilich modert, wie im Bannwalde, manch blitzzer¬ spälter Urstamm auf diesem Scheitel, mancher ästeloser Schaft leuch¬ tet wie ein Ruinen-Splitter silberfarben aus dem Dunkel hervor, indessen die Nachkommenschaft frisch und stark, eine neue Generation, die Alten überholt. — Jetzt, wo in den Vorbergen Alles schon unter dem Beil der Holzknechte gefallen ist, wird dieses bisher wenig geachtete Reserve-Kapital auch angegriffen. Die Wälder¬ spekulanten bieten, und mit dem Handschlag, mit der Namens- Unterschrift des Podestat, mit der Aufzählung der blanken baaren Kaufsumme, sind alle die verwegenen Trutzbäume zu Todeskandida¬ ten gestempelt, und übers Jahr grinst eine kahle Felsenglatze in die Einsamkeit hernieder. Solch einen versteckten Wäldertompler haben die Bauern von Cremaglia soeben verkauft und freuen sich des Geschäftes. Denn sie selbst als Korporation hätten all ihr Lebtag das Holz aus den verborgenen Winkeln nicht hervorgeholt; dazu gehört ein fester spekulativer Wille, dazu sind kostspielige Vorkehrungen, Ausbeu¬ tungsbauten und disponible Kapitalien nöthig; — und an alle dem fehlts dem Sign. Gianella nicht. — Heute kreist noch der Boccale in lärmender Gesellschaft, heute freut sich noch Jeder des Lebens. Morgen beginnt die Gefahr-drohende Arbeit; wer weiß, ob er den letzten Stamm fallen sieht, — ob er nicht früher selbst mit zerschellten Gebeinen am Fuße der Felsenwand ruht. Der Ticinese (Bewohner des Kanton Tessin) ist ganz ein Holzschläger und Flößer. anderer Mensch, als der deutschredende Aelpler. In ihm vereint sich die kalte Entschlossenheit, das an harte Strapazen und Ent¬ behrungen gewöhnte Leben des Gebirgsbewohners mit der drängenden Unruhe, dem heißblutigen, raschhandelnden Element des Italieners. Er ist ein vortrefflicher Arbeiter, umsichtig, scharfblickend, erfinde¬ risch und nicht verlegen, wo es gilt, geschickte Handgriffe, kleine Hilfsmittel rasch zu ersinnen, die ihm sein Vorhaben praktisch er¬ leichtern: dabei ausdauernd, fleißig und sparsam. Darum be¬ schäftiget man ihn diesseit der Berge gern bei Straßenbauten. Einige Zoll Ingenieur-Fähigkeit bringt jeder als Natur-Geschenk mit auf die Welt, — und diese wendet er mit wunderbarer Ge¬ wandtheit ganz besonders bei der Ausbeutung der Wälder an. Während alljährlich Tausende den Sommer über in der Fremde als Gypser, Glaser, Steinbrecher und Erdarbeiter ihr Brod suchen, und von dem zurückgelegten Gelde den Winter hindurch mit Frau und Kindern spärlich in dem versteckten Alpendorfe leben, — be¬ schäftigen abermals Tausende sich daheim als „Tagliatori di selva“ und „Borratori“ . Erstere sind die eigentlichen Holzfäller, die Männer mit Säge und Art, die dem Baum den Todesstreich versetzen: letztere (oft Bergamasken) sind diejenigen, welche durch erfinderische Vorkehrungen die Stämme aus dem Labyrinth der Bergwildniß hinab zum Fluß befördern, der dann auf seinem Rücken die Blöcke spielend weiter trägt. Haben wir die Klettertalente der Geißbuben bewundert, so finden wir hier würdige Genossen, Naturturner, die ihres Gleichen suchen. Wie Spechte laufen sie mit ihren Klettereisen-Krallen an den Stämmen empor, hängen schwindelfrei über tiefen Abgründen und hauen mit wuchtiger Faust die Aeste ab, so daß der schlanke Schaft wie eine Kerze, nur noch mit der Krone geschmückt, dasteht. Jetzt bekommt das Mordbeil Arbeit. Dort, wo das Moos am Ueppigsten den Stamm umspinnt, da ist der saftigste Zellenbau im Holzgewebe, da dringt der Aexte Schnitt am Ausgiebigsten hinein. Berlepsch , die Alpen. 26 Holzschläger und Flößer . Wie dem Verbrecher, ehe der Henker seinen Schwertstreich führt, das Haar aus dem Nacken geschoren wird, so entblößt auch hier des Holzers Hand den Stamm von den Epheu-Fesseln oder dicken Moospolstern, die an dem starken Baum ihr kleines, ärmliches Schmarotzerleben fristeten. Jetzt blitzt es hell im Sonnenscheine! Hieb um Hieb durchhallt den weiten, stillen Wald, und immer tiefer dringt die Mordaxt ein. Zischend fliegen die Spähne durch die Luft, immer größer wird die Wunde, immer näher kommt sie dem innersten gesunden Kern des Stammes. Nun reicht das Beil nicht mehr. Nach kurzer Rast greifen die Holzknechte zur Säge. Es ist ein gefährlicher Stand, den sie einnehmen, denn vor ihren Blicken gehts jäh hinab. Am Wurzelgeflecht des Baumes, den sie tödten, wühlt sich ihr Absatz in die Erde. Nun Riß um Riß und Schnitt um Schnitt gehts immer tiefer von der anderen, gesunden Seite her, der Hiebwunde entgegen, bis auch hier die schwache Menschenkraft erlahmt und das Mordinstrument den Dienst ver¬ sagt. Da kommt das letzte Martermittel für den schönen, resignirt seinem Ende entgegensehenden Baum: der breite Keil muß die klaffende Spalte erweitern, und leichter arbeitet nun der fressende Zahn der Säge fort. Jetzt stöhnts wie Todesschauern aus dem Baum; der Wipfel zittert, leise schwankend wogt er hin und her; noch wehrt er sich, noch will die urgesunde, feste, stramme Kraft, die in ihm wohnt, ihn halten, — da reißt der letzte Lebensfaden, ein knatterndes Zerbersten, und gebrochen sinkt die Säule des Waldes im sausenden Sturze jach hinab, bis irgend ein anderer Stamm, ein hervorragender Felsenzahn seine wilde Flucht aufhält. Schon mancher Holzer wurde von den Aesten des gegen den Berg stürzenden Baumes, wenn sie nicht genügend abgeschlagen waren, von seinem Posten hinweggefegt und in die Tiefe geschleudert. So geht das Schlachten fort. So oft eine Partie am Boden liegt, beginnt das Zertheilen des Stammes in Blöcke oder „borre“ von gewisser Länge und das Abschälen der Rinde oder „strapinà“ . Holzschläger und Flößer . Bis hierher hat das Fällen des Baumes, die Gefährlichkeit des Standortes abgerechnet, wenig Eigenthümliches; so ähnlich kommts auch in anderen Wäldern vor. Nun aber kommt die Arbeit der Borratori . Die schweren, festen Walzen würden nur mit außergewöhnlichem Kraft-Aufwande stundenweit bis an den Fluß geschafft werden können, wenn nicht der Scharfsinn ein anderes, viel leichteres Transportmittel erfunden hätte. Dies sind die „ Sovenden “ oder „ Seguenden “ d. h. Holzleitungen, die in Kühnheit ihrer Bauart den antiken Wasserleitungen nicht nur oft gleichkommen, sondern dieselben noch übertreffen. Mit vortrefflich ausgebildetem Orientirungs-Sinn, mit richtig taxirendem Augen¬ maß, und mit einem Scharfblick, der manchem Ingenieur zu wün¬ schen wäre, erspähen sie, ohne Hilfe von Kompaß oder Situations¬ plänen, ohne Vermessungstafeln und hypsometrische Angaben, stundenweite, ideale Linien über Abgründe, durch Wälder, an Felsenwänden hin, bald in gerader Flucht, bald in einer Menge von Wendungen, die immer das richtige Fall-Verhältniß einhal¬ tend, endlich im Hauptthale auslaufen. Dabei benutzen sie jeden kleinen sich darbietenden Vortheil; ein einzelner, weit hervorragender Baum, eine überhängende Steinwand, ja sogar die Dächer von Sennhütten müssen ihren Construktionen als Stützpunkte dienen. Diese Strüsone oder Holzrinnen werden ungemein präcis aus je 6 bis 7 glatten Baum-Stämmen gebaut; sie sind 3 bis 5 Fuß breit, muldenförmig, also an den beiden Seiten mit aufstehenden Rändern versehen und müssen immer ein Abdachungsverhältniß von mindestens zehn Procent einhalten. So lange es möglich ist, laufen sie auf festem Boden, über den Rücken der Berge; wo dann die Richtung dem Borratore nicht mehr konvenirt, verläßt er die sichere Unterlage und hängt seine Bahn an die nackten Gneis- oder Granitwände, gleich wie die Regenrinne unter der Traufe eines Daches schwebt, und wo auch dies nicht mehr thunlich ist, da spannt er in verwegenem Wurfe sein Geleise, thurmhoch durch die 26* Holzschläger und Flößer . Lüfte, von einer Schluchtseite zur anderen, Seitenstücke zu den kühnsten Brückenbauten. Ueberall aber reservirt er sich dabei mög¬ lichst bequeme Zugänge, die freilich mitunter zu Standpunkten führen, auf denen nur der an schwindelnde Tiefen gewöhnte Ge¬ birgsbauer zu arbeiten vermag. Ist nun dieses ingenieuse, gefährliche und kostspielige Bauwerk hergestellt, das in den östlichen Alpen, in Tyrol und Steyermark „Las“ oder „Laaß“ genannt wird, so warten die Borratori und ihre Knechte den Winter ab. So wie der erste feste Frost eintritt, eilen sie hinauf zu ihren Holzrinnen, begießen sie fleißig mit Wasser, daß die Klunsen und Spalten sich mit Eis ausfüllen, und die ganze innere Fläche des Leitungskanales mit einer glatten Eis¬ rinde überzogen wird. Oft, wenn der Föhn unvermuthet eintritt, schmilzt über Nacht die ganze, sorgsam-erzeugte Spiegelfläche wieder hinweg, und die Arbeit muß von Neuem wiederholt werden. Ist nun Alles in dieser Weise vorbereitet, so beginnt endlich der Transport. Abgehärtet, den eisigen Winden, den wildesten Wettern trotzend, klimmt er an den steilen Schneehalden empor bis zur Lagerstätte der Blöcke. Der Winter hat sein weißes Flockenkleid darüber geworfen, und nur undeutliche Umrisse verrathen die Tief¬ vergrabenen. Das erste Geschäft ist nun der „portarùnt“, d. h. das Herbeischaffen des Holzes zur Gleite. Dies geschieht auf ver¬ schiedene Weise. Entweder, wenn der Schnee eine glatte, gefrorene Oberfläche hat, genügt es, die Blöcke in Bewegung zu setzen, die dann über die winterliche Rutschbahn hinabgleiten bis zur Stelle, wo sie auf die „Strüsone“ gebracht werden, oder ein Knecht kuppelt deren einige in Form eines Triangels aneinander, setzt sich auf die Spitze, und mit den Füßen steuernd fährt er herab, oder es weiden, wie in den übrigen Alpen beim winterlichen Hernieder¬ schlitten des Heues oder Holzes, kleine Schlitten benutzt. Es muß diese Arbeit des Herbeischaffens an die Bahnlinie meist für den Winter aufgespart werden, weil die Blöcke als schwere, rauhe Holzschläger und Flößer . Körper bei nicht mit Schnee bedecktem Boden viel mühsamer zu transportiren sind. Soll dann die eigentliche Thalfahrt beginnen, so vertheilen sich die Borratori in gemessenen Entfernungen, wie die Wärter einer Eisenbahn, längs der ganzen Sovenda als Wacht-Posten in sicheren Hinterhalt, mit langen, starken Speeren bewaffnet; be¬ sonders an solchen Orten stellen sie sich auf, wo in Folge der Rinnen-Wendungen die hinabgleitenden Blöcke leicht ins Stocken gerathen könnten. An solchen Stellen haben überdies die „Eis¬ riesen“ (so werden die Rinnen in Nieder-Oesterreich genannt) an der äußeren Seite eine Erhöhung, um das Ausspringen der Balken bei ihrer raschen Bewegung zu verhindern. Jetzt werden die Holzstämme, einer nach dem anderen, eingeworfen und, in hetzender Hast, die Geschwindigkeit einer Lokomotive weit überholend, saust Stück für Stück hernieder, binnen wenig Minuten einen mehrere Stunden langen Weg über Abgründe zurücklegend. Es wird in der Regel sorgfältig vermieden, krumme Stämme einzuwerfen, weil solche leicht Sperrungen verursachen oder über die Rinne hinaus¬ springen. Entsteht eine solche Störung, so zeigt der Borratore mit gellendem Pfiff dem nächsten Posten die Hemmung an, und das Signal geht von Mann zu Mann, bis hinauf zur Einwurf¬ stelle, wo so lange pausirt wird, bis die Hemmung beseitiget ist. Ein neues Signal giebt Ordre zur Fortsetzung. Wenn mehrere, recht trocken-frostige, klingend-kalte Tage mit mondhellen Nächten auf einander folgen, so begegnets, daß ohne Unterbrechung fortge¬ arbeitet wird, um die Vortheile dieser vortrefflich geeigneten Witte¬ rung ökonomisch zu benutzen. Nur unter den freiwillig-auferlegten, härtesten Entbehrungen, und durch Anstrengungen, die fast zur Er¬ schöpfung führen, wird es möglich, die Arbeit ununterbrochen fort¬ zusetzen. Ihre Lebensweise während des Dienstes ist auffallend einfach und nüchtern; Polenta (Brei von Maismehl) und etwas Käse bildet die ganze Nahrung. Geistige Getränke, um durch die¬ Holzschläger und Flößer . selben sich anzuregen, muß er gänzlich ausschließen; denn bei dem oft stundenlangen Stillstehen in bedeutender Kälte möchte ihn leicht Schlaf anwandeln, wenn er Branntwein genösse, und der Tod des Erfrierens wäre sein trauriges Loos. Aber auch die Ge¬ fahr, durch Sturz oder plötzliches Ausgleiten sein Leben zu ver¬ lieren, umgiebt ihn ununterbrochen. Trotz der stachelbewaffneten Fußeisen an den Schuhen ist der Stand des Borratore auf über¬ eister Felsenklippe oft ein höchst unsicherer. Haben sich Blöcke festgeklemmt in der Rinne, dann bedarf es nicht selten recht ener¬ gischer Kraftanstrengung, um sie wieder flott zu machen; der erste, zweite, dritte Stoß wollen nicht helfen, — die Blöcke sind in einander verkeilt, daß es größerer Gewalt bedarf, um sie zu lösen. Der Borratore tritt auf den glatten Rand der Rinne und sucht mit seiner Axt nachzuhelfen, — aber die Klemmung wird nicht gehoben. Da wagt sich der Unbesonnene auf einen der Blöcke, um einen tieferliegenden ein wenig aufzulockern — und siehe, an¬ ders als er es vermuthet, geräth die ganze Ladung wieder ins Gleiten. Gelingt es ihm, so rettet ein augenblicklicher Rück-Sprung sein Leben; — aber ach! wie Viele verloren es schon, indem der Sprung mißglückte, oder indem sie von den hinabjagenden Hölzern fortgerissen, besinnungslos in die Tiefe geschleudert, elend umkamen. Es giebt wenig „Holzer“, die im Alter nicht mit erfrorenen Füßen oder sonst verstümmeltem Körper umherhinken. Und nichts desto weniger fehlts nie an jungem Nachwuchs, die ihr Loos im Alter kennend, dennoch dem lebensgefährlichen Berufe sich widmen. Dort, wo der Waldhang unmittelbar sich zu den großen Wasserrinnen der Alpen, zu den lebendig strömenden Flüssen und kräftigen Bergbächen absenkt, bedarf es freilich keiner Bauten, um Bau- und Brenn-Holz weiter zu befördern; dort muß das Wasser seine alten Transportdienste verrichten. Das kommt nun zwar in allen Berg-Gegenden vor; aber die Alpen haben auch hier wieder ihre romantische und großartige Eigenthümlichkeit. Unbekümmert Holzschläger und Flößer . um den Wasserstand, wird Holz gefällt und in die oft halb trocken liegenden Flußbetten geworfen. Kommt Zeit, kommt Rath. Steigt nun durch Regen oder Schneeschmelze der Bach, dann räumt er selbst das ihm zur Spedition anvertraute Gut auf, und dies ist der Moment, der neue, unbekannte Bilder komponirt. Bei Be¬ schreibung der Rüfe wurde gezeigt, zu welchen furchtbaren Ver¬ heerungen das Wildwasser führen kann, wenn sichs verstopft und plötzlich mit Uebermacht sich neue Wege bahnt. Wie dort der An¬ wohner, so muß jetzt der Holzflößer den Augenblick wahrnehmen und helfen, wo eine Stockung einzutreten droht. Da donnert das Wasser, da schäumt es vor Wuth, Sich freien Lauf zu erkämpfen! Da strudelt und wirbelt die stürzende Fluth In zischenden, siedenden Dämpfen. Und mitten hinein in das aufgeregte Element, wo die Wellen mit zorniger Schleuderlust ihn umjagen, wagt sich der Flößer mit seinem Haken und öffnet hier, und lenket dort, daß die viele Zent¬ ner schweren Blöcke gaukelnd an ihm vorübertanzen. In dichten Strömen gießt der Regen herab, — ihn kümmerts nicht! Es ist ja sein Beruf, er kennts nicht anders. Und zwängt der Strom sich durch ein schwarzes Felsenthor, in welchem große Gesteinstrüm¬ mer den freien Ausgang versperren, da läßt der unerschrockene Bergbewohner an dickem Tau sich in die grausige Tiefe hinab, und halb schwebend über den wildhetzenden Wogen, vielleicht mit einem Fuße nur sich an die Felswand stemmend, arbeitet er mit rastlosem Eifer, um ein armselig Tagelohn zu verdienen. Beim Flößen in den durch starken Fall wild einherströmenden Gebirgswassern kommen beim Hochgang des Flusses auch häufig Felsenquadern mit aus den Alpen herunter, die ein Dutzend Pferde nicht würden vom Platze schaffen können. Diese versperren be¬ greiflich das freie Flußbett und hindern den ungestörten Fortgang des Holzes. In solchen Fällen müssen die Flößer mit Schlägel Holzschläger und Flößer . und Meißel mitten in die Brandung des Stromes hinein und in die herabgeschwemmten Gebirgs-Rudera Bohrlöcher eintreiben, um mit Pulver die unwillkommenen Gäste zu sprengen. Hierbei be¬ geben sich oft Unglücksfälle, die den Arbeitern das Leben kosten. Aber auch bei dem Flottmachen des verschlagenen, sich aufdämmen¬ den Holzes, wenn die Flößer sich an Seilen (wie erwähnt) in tiefe Schluchten hinablassen müssen, werden sie gar oft eine Beute ihres Berufes. So wars am 2. October 1860 der Fall. Im Schanfigg, einige Stunden von Chur (Graubünden), waren vier Flößer in der Plessur-Schlucht beschäftigt, verstecktes Holz in Gang zu bringen. Ein sehr gewandter Flößer Namens Christian Jäger hing wie eine webende Spinne am Seil und begann mit der Art zu arbeiten, während die Anderen ihn hielten, als ein warnender Signal-Ruf der aufgestellten Wache ertönte. Aber im gleichen Augenblicke prasselte auch eine Masse abgebröckelten Gesteines von der Wand hernieder und begrub alle Vier in des Flusses Tiefe unter seinem Schutt. Ungleich vertheilt sind des Lebens Güter Unter der Menschen flücht'gem Geschlecht; Aber die Natur, sie ist ewig gerecht. Schiller . Auf der Gemsjagd . Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Auf der Jagd . Ihr Klippen ihr, an deren jähem Rand Ich steh', wo vor dem Blick an Stromes Ufer Zu niedrigem Gestrüpp die schlanke Tanne Im Schwindel der Entfernung schrumpft: ein Sprung, Ein Schritt, ein Ruck, ein Odemzug, er könnt' Auf ewig an der Felsen rauher Brust Zu Bett mich bringen. — Byrons Manfred . Der Aelpler ist eine feste, kernige, einfache Erscheinung in allen seinen Lebensbeziehungen, in allen seinen Lebensäußerungen. Ebenso genügsam, wie er in seinen Bedürfnissen, ebenso unge¬ künstelt wie er in seinen Sitten, ebenso muthig, wie er in Ge¬ fahren, und ebenso ausdauernd wie er bei den Beschwerden seines Erwerbes ist, — ebenso kühn und beharrlich, frisch und entbeh¬ rend ist er auch auf der Jagd. Sie steht im vollen Einklange mit seinem ganzen Wesen und mit der gewaltigen, großartigen Natur, die ihn umgiebt. Der Bürschgang auf Alpenthiere ist nach Terrain, Suche und Jagdart eine völlig anderen Bedingungen unterstellte, gänzlich Auf der Jagd . anderen Umständen unterliegende Thätigkeit, als die zur Wissenschaft und noblen Passion ausgebildete hohe Jagd im Hügel- und Flach¬ lande. Der größte Theil jener Praktiken, welche dort zulässig oder sogar geboten sind, und deren genaue Kenntniß und fertige Handhabung den flotten Jäger kennzeichnen, können in den Alpen nicht in Anwendung kommen; es ist keine paragraphisch-systemati¬ sirte Waidmannskunst, die sich theoretisch aus Büchern einschulen läßt, um ritterlich-elegante Komödie damit zu treiben, sondern so urnatürlich derb und wild, wie die Alpen selbst, ist auch die Jagd. Wer nicht das Zeug dazu in Knochen und Blut, in Muskeln und Fasern hat, wer nicht Gefahren und Strapazen lachend die Stirn bieten kann, wessen Auge nicht scharf und schwindelfrei in Ab¬ gründe zu blicken vermag, der lasse den Stutzen daheim, oder ver¬ suche sein Glück drunten im blassen, dürren Stoppelfelde und zwischen den Krautäckern, wo ihm der Hund den Hasen fangen hilft oder die Kitte Hühner vor den Schuß bringt. In den Alpen gilts wilden Bestien: Bären, Wölfen, Adlern und Geiern, oder der flüchtigen, weit witternden Gemse, oder den schlauen, scheuen, Stein- und Schneehühnern. Es kann Einer ein perfekter Nimrod auf Rothwild sein und in der Sauhatz schon mancher Bache den Garaus gemacht haben, ohne auch nur eins der bezeichneten Alpen¬ thiere erlegen zu können. Zuvörderst gehört Mark in den Knochen dazu, ein leichter, sicherer Tritt, der, wenn auch Geröll und faulendes Gestein an jäher Bergwand ihm unter den harten, stachelbewaffneten Sohlen weicht, dennoch mit Sicherheit und kalter Ruhe darüber hinweg¬ eilt, der sich zu helfen weiß im Labyrinth der Gletscher-Spalten und an der glatten, trügerischen Firnhalde, wie sie im früheren Abschnitt „Alpenspitzen“ geschildert wurden, — der nicht vorm Wagesprung zurückschreckt in den kahlen Kalkklippen, und der auf den Rasenbändern an den Felsenwänden so unbefangen geht wie der Dachdecker am Kirchthurm-Gesimse; — mit einem Wort, der Auf der Jagd . Alpenjäger soll ein guter, ausdauernder Berggänger sein. Denn auf flinkem Jagdroß kann man nicht in die Flühenen reiten, wo das Wild haust; der eigene, feste Fuß muß den Alpenschützen hinauf in die zackige Gebirgs-Wildniß zum Waidwerk tragen. Dann ferner soll er vertraut mit den Revieren sein, in denen er sein Glück versuchen will. Er muß die Gebirgs-Stöcke und ihre Sippschaft, die Grate, Joche, Zinken und Kämme, den inneren Zusammenhang der Schluchten und gewundenen Felsengassen kennen, um sich nicht zu versteigen, wie weiland Kaiser Max an der Mar¬ tinswand im Tyrol, oder Rudolph Bläsi von Schwanden, dessen haarsträubendes Jagdabenteuer der Dichter Reithard in seiner be¬ kannten poetischen Erzählung: „Die beiden Gemsjäger“ aufbe¬ wahrt hat. Es ist wohl kaum ein rechter Bergschütz, der nicht schon oft in ähnliche Lagen gerieth und nur durch einen Verzweif¬ lungs-Sprung sein Leben rettete. Wie viele schon dabei zu Tode stürzten oder einsam verhungerten, ist nicht zu berechnen. — Und endlich muß er entbehren können, entbehren Speise und Trank, Ruhe und Wärme. Wer bedenkt, daß die Jagd in den Bergen meist erst aufgeht, wenn die Alpen von den Herden verlassen sind, daß also in den Hütten keine labende, kuhwarme Milch, kein Imbiß Brod zu haben ist, wer bedenkt, daß der Schütze oft vier bis fünf Tage in der Einöde umherschweift, ohne inzwischen zu seiner tief unten im Thale liegenden Wohnung hinabzusteigen, daß er also seine Mahlzeiten knapp eintheilen muß, um mit dem wenigen trock¬ nen Brod und Käse und seinem Fläschchen „Chriesiwasser“ (Kirsch¬ geist) auszureichen, — wer endlich erwägt, daß nicht einmal der rauhe Wildheusack in dürftiger Alphütte ihm eine gegen Kälte und Wetter schützende Lagerstätte bietet, sondern daß der Mann auf hartem Stein, in irgend einer Felsenspalte gar oft zu übernachten gezwungen wird, wenn ihn die Nebel in den Höhen überfallen, und er ohne äußerste Gefahr nicht von der Stelle gehen darf, — der wird zugestehen, daß ein ungemein an Entbehrungen gewöhnter Auf der Jagd . Körper außer den oben angeführten Eigenschaften zur Ausübung der Jagd in den Alpen gehört. Alle diese körperlichen Requisiten bedingt die edle Hochjagd in Deutschlands Auen und Wäldern nicht. Das Kapitel von den Gemsen und deren Jagd ist von dem gründlichen Kenner der Alpen, Fr. von Tschudi, in seinem „Thier¬ leben“ erschöpft. Indem wir auf dasselbe verweisen, tragen wir zur Ausfüllung des Rahmens, der unsere Bilder umschließt, blos einige charakteristische Jagdabenteuer nach. Jäger-Spürsinn und Wild-Instinkt sind neben den soeben aufgezählten körperlichen Erfordernissen die ersten bedingenden Eigen¬ schaften des Gemsen-Jägers. Er muß die Standquartiere, die Weidegänge und Nachtlager erforschen, um mit einiger Sicherheit berechnen zu können, in welcher Gegend er um irgend eine be¬ stimmte Zeit Gemsen zu treffen hoffen dürfe. Der Spittler Jan aus dem Graubündner Münsterthale, seines Gewerkes eigentlich ein Musikant, zugleich aber einer der verwegensten Gemsenschützen, soll mehrmals Wetten gewonnen haben, weil er genau Stunde und Platz angab, an denen man so und so viel Stück antreffen müsse. — Kennt er nun überhaupt den Jagdplatz, auf dem er seine Beute holen will, so bricht er, je nach der Entfernung seines Wohnortes (wenn er, wie dies die besten Gemsjäger immer thun, allein jagt), um Mitternacht oder bald nachher auf und steigt in schwei¬ gender Nacht so weit empor, als er unbeschadet seines Jäger-Vor¬ theils kommen kann. Hierbei achtet er sorgfältig auf die Richtung des Windes, damit derselbe nicht den Gemsen Witterung und Schall des Kommenden zutrage. Ist er nun den Thieren im Rücken, die noch ruhend im Grase liegen und nur die „Vorgaiß“ als Posten auf erhöhtem Felsenblock aufgestellt haben, so schleicht er, noch unter dem Schutze der Dämmerung, so nahe als immerhin möglich, sich heran und sucht seinen Körper durch irgend einen Felsenblock, Baumstrunk oder wie sonst zu decken. Hier wartet er, schußfertig, den Anbruch des Tages ab. Welche unendliche Be¬ Auf der Jagd . hutsamkeit und Vorsicht gehört zu diesem katzenartigen Vorgehen, welch äußerst spannendes Lauern bei größter Ruhe und Kälte! Erst nachdem sich die Thiere erhoben haben, wählt er sein Opfer aus und schießt. Oft begegnets, daß der resolute Jäger, bevor das erschrockene Gemsenvolk die Gegend ausfindet, von welcher Gefahr droht, noch ein zweites Thier mit seiner Doppelbüchse er¬ legt. Hat er gut getroffen, so schnellt die Gemse hoch auf und stürzt rasch zusammen; es trifft aber auch, daß angeschossene Thiere, die nicht tödtlich verwundet wurden, mit dem ganzen Rudel auf und davon jagen. Mitunter giebt es auffallend große Gesellschaf¬ ten dieses Wildes, die bis zur Paarung bei einander bleiben; der bekannte Berggänger Statthalter Gottl. Studer in Bern sah deren einst im Wallis 60 zusammen weiden. Solojäger pflegen in der Regel keine Hunde mitzunehmen. Der gewaltigste Gemsenjäger der Jetztzeit möchte vielleicht Ignaz Troger von Ober-Ems in Eischol (Wallis) sein; wenig¬ stens erzählen die Hirten auf den Alpen des Turtmann- und Nicolai-Thales völlige Wunderdinge von ihm. Er scheint ein moderner Colani der dortigen Gegend zu sein, der ein mehrere Quadratmeilen großes Gebiet stillschweigend als ausschließlich nur ihm zuständiges Jagdrevier usurpirt hat und in welches kein ande¬ rer Schütze sich getraut. Außerdem umgiebt ihn der Volksglaube mit einem unheimlichen, sagenhaften Nimbus und macht ihn zu einem Freischützen, der auf jeden Schuß sich holen könne, was er verlange. Jedenfalls steht es fest, daß er im ganzen Kanton Wallis der beste Alpenjäger ist, und wahrscheinlich mag der Um¬ stand, daß er unter schlauer Benutzung gemachter Erfahrungen vielleicht an einem Tage 3 und 4 Gemsen schoß, diese geschickt ver¬ barg und dann eine nach der anderen in seine Wohnung hinab¬ trug, Veranlassung zu allerlei Fabeleien gegeben haben. Zugleich ist er der verwegenste und unternehmendste Berggänger; wenn die Ersteigung des Weißhornes je möglich sei, so erreiche Troger zu¬ Auf der Jagd . erst die Spitze. So behaupten es die Walliser. — Ein anderer vortrefflicher Schütze, der jährlich seine 20 bis 30 Gemsen schießt und auch schon zwei Bären erlegte, ist Battista Margnia im Val Calanca, der einen Theil des Jahres als Glaser die deutsche Schweiz, namentlich den Kanton Glarus durchzieht. In Grau¬ bünden gilt gegenwärtig Benedeto Cathomen von Briegels im Vorder-Rheinthale als der größte Gemsenjäger, aus den dann der berühmte Bären-Nimrod, Fili , Postmeister in Zernetz, Jakob Spinas von Tinzen, Zinsli von Scharans und A. folgen. Minder gefährlich ist das von den weniger hervorragenden Jägern gesellschaftlich unternommene Treibjagen auf Gemsen. Es findet meist in den ziemlich wildarmen Voralpen statt und nähert sich in manchen Beziehungen der organisirten hohen Jagd des Flachlandes, weil eine Aufstellung der Jäger, wie beim Anstand, stattfindet und oft auch Hunde zum Zutreiben benutzt werden. Diese Jagdweise hat indessen auch wieder ihre eigenthümlichen Fährlichkeiten, die nach der Ursache und Veranlassung bei der Solojagd verhältnißmäßig weniger vorkommen können. Wie bei jedem Treibjagen, so muß auch hier ein Plan, eine gewisse Ver¬ ständigung unter den Jägern und Treibern stattfinden; wird die getroffene Abrede durch einen der im Gebirge leicht möglichen, unvorhergesehenen Zwischenfälle nicht genau inne gehalten, so ist leicht ein gänzliches Fehlschlagen des Jagdtages das Resultat vieler Anstrengungen. Einen solchen Moment repräsentirt unser Bild. Drei wohlgeübte Schützen des Appenzellerlandes jagten an der Gloggeren, jener hohen Wand südöstlich von der Seealp, an dem Wege gelegen, wenn man vom Weißbad über Meglisalp zum Sentis aufsteigt. Einer derselben ging diesen unteren Weg, ein zweiter droben über Marwies, und der dritte Jäger über ein schma¬ les Rasenband an der Felsenwand, zwischen den beiden zuerst Ge¬ nannten. Auf dieses Rasenband waren die Gemsen getrieben. Der zu unterst und zu oberst Gehende hatten leichteren Marsch und Auf der Jagd . kamen früher an der Stelle an, wo das gemeinschaftliche Schießen beginnen sollte. Ersterer sieht die Thiere auf sich zukommen, ihm direkt in den Schuß gehen, wartet und wartet und erblickt immer noch nicht den auf dem Rasenband treibenden Jäger. Die Gemsen kommen immer näher; er befürchtet um den Schuß zu kommen, legt fieberhaft aufgeregt an, drückt los und — aufgeschreckt durch den Knall, kehren die Thiere sofort um und fliehen in jagendster Hast auf dem Rasenbande den Weg zurück, den sie gekommen waren. Just an einer sehr schmalen, abschüssigen Stelle von kaum etwas mehr Breite, als für einen Menschen zum Gehen nöthig ist, da, wo es um eine Felsen-Ecke biegt, stoßen sie in wildester Flucht auf den mühsam emporkletternden Jäger. Ein Begegnen Beider in aufrechter Stellung, auf diesem schwindelnden Felsenbande, hätte unfehlbar zum Sturze des Jägers in eine mehr als hundert Fuß absinkende Klippentiefe führen müssen, da die Gemsen instinkt¬ mäßig, in der Angst der Verzweiflung den Durchpaß zwischen der Felsenwand und dem Jäger gesucht haben würden. Dies erkennt der besonnene Mann, und um sein Leben zu retten, wirft er sich nieder, und läßt das ganze Rudel in flüchtigem Sprunge über sich hinwegbrausen. — Ein anderer Jäger, im Glarnerlande, in ähn¬ licher Lage an kritischer Stelle, glaubte dennoch durch raschen Ent¬ schluß seine Beute erlegen zu können und kauerte sich sitzend, fest an die Felsenwand gestemmt, nieder und schoß. Die Ladung ging fehl, die Gemse setzte über ihn hinweg, berührte ihn aber im schnellenden, elastischen Sprung mit einem der Hinterläufe an seiner Jacke und riß ihm das oberste Knopfloch aus; ein Hängen¬ bleiben hätte unfehlbar zum zerschmetternden Sturze Beider geführt. Von einem tessiner Gemsenjäger aus dem Val Blegno wird folgende verbürgte Force-Tour erzählt. Ihrer Zwei waren aufs Treiben ausgegangen. Da kommt der Eine von ihnen zum Schuß, trifft den Gemsbock gut ins Vorderblatt, der verwundet und blu¬ tend, dennoch fortrennt und dem anderen Jäger in einem Defilé Auf der Jagd . zwischen zwei kolossalen Felsenblöcken entgegenspringt. Dieser, durch den Block gedeckt, so daß das geängstete Thier ihn nicht sehen kann, schlägt an, drückt los, — aber das Gewehr versagt. Rasch entschlossen, wirft der Tessiner seine Waffe fort, springt dem großen Gemsbock in dem Augenblick entgegen, als dieser in der Felsengasse weder rechts noch links fortkann, packt ihn glücklich erst mit einer, dann auch mit der anderen bei den Hörnern und läßt sich von dem wahre Löwenkräfte entwickelnden Thiere 30 bis 40 Schritte weit über Rasen und Gestein bis dicht an einen Ab¬ grund schleifen, wo dasselbe erschöpft zusammenbricht. Noch zwei oder drei Sprünge und der Abgrund hätte Beide aufgenommen. Hier am Rande der Tiefe entsteht nach einer Sekunde, in einer Blutlache, nochmals ein Ringen Beider. Mit der einen Hand hält der Jäger krampfhaft den zähen Zweig einer Föhre fest, während er mit der anderen die Hörner des Thieres umspannt, auf dessen Halse er kniet. So verweilt er einige Minuten, bis sein Gefährte herbeieilt und durch einige Stiche mit dem Brod¬ messer dem Leben des bis zum Tode sich wehrenden Thieres ein Ende macht. Bei Streifzügen durch die Alpen begegnets höchst selten, daß Touristen, wenn auch nur in großer Entfernung, Gemsen zu sehen bekommen. Eine Stelle giebts, wo man im Frühsommer fast täg¬ lich sehr nahe Gemsen sehen kann: dies ist in den Churfirsten- Alpen oberhalb Wallenstad im Kanton St. Gallen. Diese Berge zwischen dem Speer und dem Gonzen sind „Freibergen“ von der Regierung erklärt, — dort darf, bei hoher Strafe, keinerlei Wild geschossen werden. Wer in Wallenstad übernachtet und frühzeitig nach den Alpen Löfis und Büls aufsteigt, wird außer einem gro߬ artigen Gebirgs-Panorama leicht Gemsen zu sehen bekommen. Der Weg ist ganz bequem, selbst für Damen praktikabel. Die Bärenjagd ist nicht, wie die Gemsenjagd, ein zur Leiden¬ schaft gewordener Akt waidmännischen Vergnügens oder des Geld¬ Auf der Jagd . verdienstes; sie ist entweder (und zwar in den seltensten Fällen) eine unfreiwillige, durch den Zufall herbeigeführte Muthprobe für den Aelpler, — oder ein absichtlich aufgesuchter, höchst gefahrvoller Vernichtungskampf gegen den gefürchteten Herden-Räuber. In beiden Fällen ist diese Jagd nicht minder beschwerlich und drohend als jene, nur daß die Gefahr weniger in dem zu passirenden un¬ zugänglichen Terrain, als vielmehr in der Natur des zu erlegenden Wildes beruht. Die eigentliche Bärenheimath in den Alpen sind die Kantone Wallis und Graubünden. Als das am Schwächsten bevölkerte Alpenland, welches zugleich noch die ausgedehntesten, dichtesten Waldungen und umfangreiche, wenig betretene Gebirgsreviere be¬ sitzt, bietet es dem großen Raubwild die beste Gelegenheit zu un¬ gestörtem Aufenthalt. Es vergeht kein Jahr in den rhätischen und walliser Alpen, daß nicht bald hier, bald dort die Schreckensbot¬ schaft ins Thal hinabkommt: der Bär habe wiederum Schaafe, Kälber oder überhaupt Jungvieh auf der Alp zerrissen. Aber zur Genugthuung der allgemeinen Sicherheit verbreitet sich dann auch oft die freudig wiederhallende Kunde durch die Berge, daß unter den, oft abenteuerlichsten, Umständen wieder ein Bär erlegt worden sei. Die Summe der in den Alpen geschossenen Bären darf in neuerer Zeit immerhin jährlich auf 12 bis 20 Stück angenommen werden. Es giebt, möchte man sagen, Bärenjahre, in denen sich diese Bestien außerordentlich zahlreich zeigen, und deren viele in engen Gränzen geschossen werden, und wieder andere Jahre, in denen wenig von diesem Raubthiere verlautet. Die Menge der erlegten Bären würde bei Weitem größer sein, wenn es mehr Jäger in den Bergen gäbe und die gesetzte Schußprämie größer wäre. (Graubünden z. B. zahlt von Regierungswegen nur 28 Francs für jeden erlegten Bären, ob alt oder jung, wobei dem Schützen dann das Thier sammt Fell zum Verkauf noch bleibt.) Taxationen von Forst- und Jagd-Männern schätzen den Bären-Reichthum von Berlepsch , die Alpen. 27 Auf der Jagd . den Grajischen Alpen bis hinaus nach Steyermark und Krain auf etwa 500 Stück; doch ist diese Annahme um so unsicherer, als er¬ wiesen ist, daß der Bär in fortwährendem Wandern zwischen dem Osten und Westen Europas begriffen ist und nur für unbestimmte Zeit feste Standquartiere bezieht. Münchhausen ist nicht blos ein Kollege der Jäger des Hügel- und Flachlandes, er hat auch Niederlassung bei den Alpenjägern gesucht und gefunden; daher kommts, daß eine Menge der über¬ triebensten Anekdoten von Bärenjagden existiren. Dies schließt indessen nicht aus, daß es Jagdabenteuer giebt, die zu den wirk¬ lich drastischen gehören. Eine höchst tragi-komische Bären-Attake trug sich im Sommer 1857 in der Tiefe des Engadiner Val d'Uina zu. Schon mehr¬ fach hatte ein hungeriger Mutz Herden angefallen, die unterm Griankopfe und an den Abhängen des Piz Cornet weideten, so daß man Jagd auf ihn machte. Ein Mann von Sins begegnet in wilder Einöde dem zottigen Gesellen, legt auf ihn an und brennt ihm eine Kugel auf den Pelz. Der Bär, zu gering ver¬ wundet, um durch den Schuß kampfesunfähig zu werden, wendet sich zornig gegen den Jäger, der das Gefahrvolle seiner Lage sofort erkennend, sich hinter einen großen, ringsum freien Felsblock flüch¬ tet. Während der laut brummende Bär hinkend ihn verfolgt, ladet der Jäger aufs Neue, indem er den Felsen fortwährend um¬ läuft. Da, als die Büchse wieder schußfertig ist, stellt er sich zum zweiten Mal, und trifft das Thier, abermals jedoch, ohne es tödtlich verwundet niederzustrecken. Die Wuth des Bären wird dadurch nur gesteigert, und bald rechts, bald links den Block umgehend, entsteht nun ein Haschens- und Versteckens- Spiel zwischen dem fortwährend blutenden Thiere und seinem flüchtenden Verfolger, das von Augenblick zu Augenblick schrecklicher zu werden beginnt. Denn weit und breit nur felsige, todte Einöde, — kein rettender Freund, kein kampfunterstützender Jagd-Genosse. Der Sinser Bauer ver¬ Auf der Jagd . liert immer noch nicht seine Geistes-Gegenwart und die gewiß seltene Kaltblütigkeit; im Springen gelingt es ihm, die Büchse zum dritten Mal zu laden und den dritten Schuß auf seinen Gegner abzufeuern. Ob dieser traf, ist unbestimmt. Zu seinem Entsetzen entdeckt aber der Jäger nun, daß seine Munition zu Ende ist; wahrscheinlich hatte er einen Theil derselben während des springen¬ den Ladens verloren. Das Verfolgungsspiel beginnt gräßlich zu werden. Zwar zeigen sich die Blutverluste des Bären immer mächtiger, aber auch die Wuth desselben steigert sich immer mehr. Noch eine Zeitlang setzt der nun fast die Besinnung verlierende Aelpler das Fluchtspiel um den Felsenkloß fort und glaubt das Thier so zu ermatten, daß ihm zuletzt die Kraft zur weiteren Verfolgung fehle; — aber vergeblich. Stets fort und fort sieht er sich von dem lautbrüllenden Ungeheuer auf Schritt und Tritt verfolgt, bald un¬ mittelbar dicht hinter sich, bald durch Umkehr ihm entgegenkommend. Die Kniee zittern ihm, der Fuß wird unsicher und strauchelt ein übers andere Mal, — der Athem geht ihm aus, und in Schweiß gebadet wähnt er jede Sekunde ohnmächtig niederstürzen zu müssen. Da endlich ermattet auch das Raubthier, sein Gebrüll ertönt nur noch stoßweise, und Unterbrechungen im Laufe treten ein. Diesen Umstand benützt der auf den Tod geängstete Jäger und stürmt, mit letztem Aufwand aller seiner Kräfte, dem Thale zu, — lange Zeit ohne umzuschauen, ob er verfolgt werde oder nicht. Er war gerettet, vermochte aber kaum seine Wohnung zu erreichen. Eine schwere Krankheit warf ihn aufs Siechbett. — Nachbarn, die am andern Morgen gut bewaffnet an die bezeichnete Stelle gingen, fanden, den Blutspuren folgend, das Thier in ziemlicher Entfer¬ nung vom Schauplatze des entsetzlichen Jagdspieles verendet. Nicht mindere Geistesgegenwart und rettende Entschlossenheit entwickelte einst der als Gemsenjäger hoch berühmte Colani von Pontresina im Ober-Engadin. Auf seinen Streifzügen entdeckte er eines Tages die unverkennbaren Fährten eines Bären, und ver¬ 27* Auf der Jagd . folgte dieselben über ein nur wenige Fuß breites Felsenband (ähn¬ lich dem, wie es unsere Abbildung des Gemsenjagd-Abenteuers zeigt) bis zu einer Höhle, vor welcher der Pfad auslief. Da es schon spät am Tage war, und er nur eine leichte Büchse bei sich trug, so beschloß er den Angriff auf das Thier zu verschieben, und nahm seinen Rückweg mit der größten Vorsicht. Am andern Morgen, zu rechter Jägerzeit, noch ehe es tagte, ging er, von seinem, damals zwölfjährigen Sohne begleitet, mit der besten Doppelbüchse bewaffnet, vor die Bärenhöhle; auch der Knabe trug eine gleiche Waffe. Nicht lange liegen Beide auf der Lauer, der Alte kniet zuvörderst, der Knabe dicht hinter ihm, als es da drinnen lebendig zu werden beginnt. Bald funkeln zwei Augen, den Kohlen gleich, aus dem Dunkel der Höhle hervor, und der alterfahrene Schütze sendet ihnen die erste, wohlgezielte Kugel entgegen. Sie hat getroffen, denn laut stöhnendes Geheul erschallt aus der Tiefe; zugleich aber auch entwickeln sich die dunkelen Um¬ risse immer mehr, und im nächsten Augenblick kriecht eine gewaltig große Bärenmutter aus der Höhle hervor. So wie Colani des Schusses sicher zu sein glaubt, giebt er die zweite Salve. Sie zerschmettert dem Ungethüm die rechte Vorderpfote, das mit don¬ nerndem Gebrüll zwar niederstürzt, jedoch sofort sich wieder erhebt, vollends hervorkriecht und sich zum Kampfe auf den beiden Hinter¬ beinen emporrichtet, da ihm die vorderen den Dienst versagen. — „Vater! soll ich schießen?“ ruft der über seines Vaters Rücken im Anschlag liegende Knabe, vor Begierde zitternd. Aber der alte Colani verliert nicht einen Augenblick seine entsetzliche Jäger-Ruhe und kalte Besonnenheit. Der nächste Schuß mußte unbedingt dem Thier ein Ende machen, sonst wars um ihn und sein Kind ge¬ schehen. — „Gieb mir die Büchse!“ herrscht er, ohne den Blick von seiner Beute zu verwenden, dem Knaben zu und wechselt, während der Bär nur wenig Schritte von ihm entfernt ist, mit fester Hand die Waffe. So läßt er das hochaufgerichtete Thier in Auf der Jagd . fürchterlicher Ruhe so dicht herankommen, daß fast die Mündung der Rohre in den weit aufgerissenen Rachen der Bestie reicht. — Ein Druck, — der erste Schuß versagt, — der zweite knallt, und die Kugel jagt durch das Gehirn, daß das Raubthier mit schwerem Fall zusammenstürzt. Da leidets den Bub nicht mehr; im Nu hat er am jähen Abhang den Vater umklettert und hämmert mit verkehrter Büchse auf den Schädel des röchelnden Feindes ein, daß diesem der letzte Lebensfunken entflieht. — Colani ist schon lange gestorben, aber der 12jährige Bub ist jetzt ein muthiger Gemsjäger und im Sommer Führer zu dem Gipfel des Piz Languard. Das neueste und putzigste Bären-Abenteuer ereignete sich am 18. August 1860 Mittags auf dem Buffalora-Paß. Ein Bergamas¬ ker Schaafhirt, dem einige Schaafe todt gefallen waren, hatte den¬ selben das Fell abgezogen, das noch brauchbare Fleisch ausgeschnit¬ ten und Alles auf sein Pferd geladen, um es in seine Hütte zu bringen. Nicht an die mindeste Gefahr denkend, reitet er, nach Bergamasker Art seitwärts sitzend, die Straße, als er plötzlich zwei jungen Bärchen begegnet, deren eines, von dem ungewohnten An¬ blick erschreckt, laut zu blöken anfängt. Die Bärenmutter im Wahn, es begegne ihren Kindern etwas Böses, stürzt aus dem Walde hervor und greift Roß und Reiter wüthend an. Der Hirt springt ab und überläßt, um sich zu retten, seinen Gaul dem Zufall. Dieser, muthiger als sein Herr, schlägt mit den Hinterhufen so kräftig aus, daß die Bärin, von den gepfefferten Ohrfeigen be¬ täubt, einigemal zurücktaumelt, immer aber sich wieder erholt und aufs Neue ihre Angriffe fortsetzt. Durch die excessiven Bewegun¬ gen des Pferdes ist der braune grobe Wollentuchmantel des Hirten, mit dem die Fleisch- und Fell-Ladung überdeckt war, locker ge¬ worden und fällt bei einem neuen Sturm der vor Raserei blind tobenden Bärin über den Kopf. Diese im Wahn, ein Feind um¬ nachte sie also, läßt nun das Pferd in Ruhe und begiebt sich mit ihren Jungen daran, den Mantel in Millionen Fetzen zu zerreißen, Auf der Jagd . während der Hirt mit seinem Gaul eiligst die Flucht ergreift und glücklich das Ofen-Wirthshaus erreicht, wo ihn eine Krankheit überfiel. Der Sommer 1860 war überhaupt außerordentlich bärenreich; im Unterengadin kamen sie oft bis in die unmittelbarste Nähe der Dörfer, und bei Süß wars der Fall, daß ein großer, ausgewachse¬ ner Meister Petz etwa eine halbe Büchsenschuß-Weite von der Landstraße unbesorgt weidete, während ein Fuhrmann aus Leibes¬ kräften mit der Peitsche knallte, um ihn zu vertreiben, und jenseit des Inn mehr denn ein halb Dutzend Leute mit Heuen beschäftigt waren. — Bei Zernetz hatte kurz vorher ein Bär in der Zeit von zehn Tagen 17 der fettesten Schaafe geraubt. So zufällig trifft sichs denn doch nicht jederzeit. Auf die Kunde von dem übermäßigen Bärenreichthum des Jahres 1860, machten ein Paar hohe Herrschaften: der auf seinem Sommersitz Weinburg (Kanton St. Gallen) verweilende Preußische Premier- Minister, Fürst von Siegmaringen, und der Großherzog von Hessen, in Begleitung einiger tüchtiger Alpenjäger, gegen Ende September im Engadin den Versuch einer Bärenjagd, konnten aber keine Bestie auftreiben, und mußten sich begnügen, einige Gemsen ge¬ schossen zu haben. Der Bär ist ursprünglich scheu, ja fast möchte man sagen feige; er flieht mit seiner Beute, wenn er eine Herde beraubt hat, als ob das böse Gewissen ihm jage, die Nähe der Menschen. Lediglich wenn er gereizt, angegriffen wird, oder wenn er seine Jungen bedroht wähnt, geht er zur Offensive über. Frecher als Meister Braun ist unter den Alpenraubthieren der Geyer und Adler. Er wartet nicht den Angriff ab, sondern er greift selbst an, jedoch nur nach ungemein kluger Berechnung, wenn er glaubt seines Er¬ folges gewiß zu sein. Gemsenjäger, Wurzelgräber, Wildheuer wissen genug Fälle zu erzählen, wo sie an jäher Felsenwand von einem großen Raubvogel überrascht wurden und derselbe versuchte, durch Auf der Jagd . Flügelschlag die Kletternden in den Abgrund zu stürzen. Christian Danuser von Felsberg, Forstaufseher im Val Mesocco (Graubün¬ den), stand eines Morgens um die Mitte des Octobers 1856 dicht am Rande einer hohen Felsenwand und spähte nach Gemsen in die Tiefe hinab. Durch ein starkes, rasch wachsendes Rauschen in der Luft aufgeschreckt, erblickt er in einer Höhe von etwa 60 Fuß über sich einen großen Steinadler, eben im Begriff, mit eingezogenen Schwingen sich auf ihn herabzustürzen. Danuser, der die meuch¬ lerische Augriffsweise dieses Thieres wohl kannte, springt eilends einige Schritte zurück, wirft sich zu Boden und liegt kaum auf dem Rücken, als der Adler herabschießt und so nahe an ihm sich vor¬ überschwingt, daß er ihn noch mit den äußersten Spitzen des einen Flügels streift. Kaum ist das in seinem Schuß mit vollster Ge¬ walt herabsausende Thier an dem Bedrohten vorüber in die Tiefe, als dieser schleunigst emporspringt und seine Kugelbüchse auf den langsam sich wieder hebenden Adler anschlägt und ihn in dem Moment herniederschießt, als er zum zweiten Male sich anschickt, einen Angriff zu unternehmen. Die Kugel des entschlossenen Schützen hatte die Brust des Vogels durchbohrt, und mit einem mächtigen Klapf (wie Danuser sich ausdrückte) fiel er vor ihm nieder. Jetzt ziert das schöne Exemplar ausgestopft eine Samm¬ lung zu Frankfurt am Main. Begräbniß. Druck von F. A. Brockhaus in Leipzig. Dorfleben im Gebirge . Im Dorfe wohnt ein friedlich-still Geschlecht, Das, weil es nie des Glückes Gunst erfährt, Auch nicht des Glückes Launen fürchten darf, — Das tausend Dinge, die die Stadtbewohner Zu ihrer Qual besitzen, gar nicht kennt, — Und dessen Schicksal, meistens an den Gang Der stets ausgleichenden Natur gebunden, Wenn's leicht verwundet, schnell auch wieder heilt. Mit dem Dorfleben im Gebirge gehts fast ebenso wie mit der geträumten Poesie des Sennen-Lebens auf den Alpen; man denkt sich dasselbe in gewissen Beziehungen viel ideal-romantischer, als es in Wirklichkeit ist. Der schwärmende Besucher aus dem Flachlande, dem alle Reise-Annehmlichkeiten zu Gebote stehen, nimmt nur den wonnigen, berauschenden Eindruck der sommerlichen, duft¬ blauen Morgenlandschaft in ihrer Totalität, oder den beseligenden Abendfrieden mit seinen wunderheimlichen Staffagen aus dem Alpenthale hinweg, und überträgt diese Sättigung seiner Gefühls- Bedürfnisse nun auf das Dorf, in welchem er weilte, auf seine Bewohner und deren erwerbliche und gesellige Zustände, ohne die¬ Dorfleben im Gebirge . selben in ihren inneren Verhältnissen und Beziehungen eigentlich kennen gelernt zu haben; er konstruirt sich unter Zuhilfenahme des Vorhandenen ein ideales Alpendorf aus den Phantasien, welche in glücklichen Stunden ihn umranken, und schafft dadurch ein Ding, welches in Wirklichkeit nicht existirt. Der Alpenbauer, wie wir ihn bereits in einzelnen Umrissen kennen lernten, ist allenthalben, diesseit und jenseit des Gebirges, ein ungemein derber, höchst prosaischer Mensch, der sich beim ersten Anblick (vielleicht Tracht und Haltung ausgenommen) wenig vom Bauer des Flachlandes unterscheiden würde, wenn hinter seiner Nüchternheit und in seiner Prosa nicht ein weit kernigeres Naturell, eine gewisse urwüchsige Originalität, man möchte fast sagen ein klassischer Ernst steckte. Er ist bei Weitem nicht so dressirt und gehobelt wie ein großer Theil der agrikolen Bauern, die durch ihre fortwährende Beziehung zum Stadtleben viel von diesem ge¬ lernt und aufgenommen haben; aber eben darum ist er auch wahrer, ursprünglicher und trägt weniger fremdes Wesen in sich als jener. Es ist die Eigenthümlichkeit, die bei jedem Gebirgsvolke, gegen¬ über dem Flachlandsbewohner, heraustritt; das patriarchalische Moment, getragen und gehoben durch die kräftigere, präcisere Aus¬ drucksweise, die wiederum ein Resultat der Einwirkungen jener imposanten, oft furchtbar-erhabenen Natur sind. Sie stählt und kräftigt nicht nur den Körper, sondern auch den Charakter des Volkes, das unbekannt mit den, im Sturme sich häufenden, täglich neuen Bedürfnissen der großen Welt, genügsam in seinen Lebens- Ansprüchen ist, und in einer Altherkömmlichkeit der Sitten und Gebräuche verharrt, die, eben ihrer uns fremd gewordenen Alter¬ thümlichkeit halber, uns auffallen und anheimeln. Diesen ungekünstelten, naturgemäßen Lebensformen begegnen wir zunächst und am Unmittelbarsten an dem uns fremden Habitus der Häuser. Sie sind ein integrirender Theil der uns entzückenden Landschaft und beleben dieselbe durch ihre, weit über die Matten Dorfleben im Gebirge . zerstreute Lage ungemein. Dennoch aber würden sie den maleri¬ schen, poetischen Effekt nicht erreichen, wenn wir an ihnen nur eben wieder den uns bekannten, geraden Linien, den äußerlichen Merk¬ malen der modernen Tieflands-Architektur, und den nüchternen, weißen Anstrichfarben begegneten. Die Wohnungen in den Alpen¬ dörfern sehen nicht aus wie Kunstgebilde von Menschenhand, — sie scheinen mit den Bergen und Bäumen aus der Erde gewachsen zu sein. Da ist noch die saftige, weiche, braune Holzfarbe, wie sie die Natur den Stämmen selbst verlieh, da sind die silberglänzen¬ den Schindeldächer, auf denen schwere bemooste Steine lasten, die trotzenden Hüter gegen den wilden Föhn. Breit und niedrig steht es da das Berghaus, als obs vom jahrelangen Druck der Steine und des Schnees halb in den Boden versenkt wäre; aber gerade diese behäbige, lagernde Breite giebt ihm eine unendlich wohl¬ thätige Ruhe, die der erhabenen Einfalt und Stille der Alpenwelt entspricht. So vortheilhaft nun diese Häuser in der landschaft¬ lichen Komposition wirken, so wenig würde deren innere Verfassung und Einrichtung den Besucher befriedigen. Die mehr oder minder allen Hirten-Völkern eigene geringe Sorgfalt für die Reinlichkeit ihrer Wohnungen zerstört jede idyllische Illusion. — Ueber alle Begriffe einfach ist der Hausrath; ein großer Theil desselben ist Produkt eigener Handfertigkeit, und es giebt noch manches Dorf der inneren Alpen, in denen das eiserne Thürschloß noch keine Aufnahme und Anwendung gefunden hat, und der brennende Kien¬ spahn die Stelle des Talglichtes oder der Oellampe vertreten muß. Dem Rauch vom Herd und Ofen ist kein Kaminweg angewiesen, durch den er seinen Ausgang suchen muß; in vielen Berghäusern geht die Schornsteinleitung bis in den Bodenraum, und dort dampft es dann durch alle Luken und Spalten des Daches hinaus. Menschen und Vieh leben und gedeihen gemeinsam im gleichen Hause; die Stallun¬ gen nehmen meist einen wesentlichen Theil desselben ein und schützen durch ihre natürliche Wärme im strengen Winter gegen die scharfe Kälte. Dorfleben im Gebirge . Betritt man dann des Alpendorfes Kirchlein, so ists auch hier wieder, als ob man einen Riesenschritt zurück ins graue Mittel¬ alter machte. Die meisten sind im Bau Urtypen der Einfachheit und verrathen kaum, aus welcher Zeit sie stammen, welchem Styl sie angehören. Das Innere hat einst die fromme Einfalt mit allerlei Zierathen oder die Hand eines wandernden Maler-Dilet¬ tanten mit Bildwerk aus dem Leben des Orts-Patrons oder ande¬ ren Heiligen-Legenden geschmückt, in denen gewöhnlich der Teufel mit Hörnern und Pferdefuß eine hauptsächliche Rolle spielt; da ists denn nicht selten der Fall, daß die liebe Dorfjugend an diesen höllischen Mißgestalten ihren Zorn ausgelassen und den Herrn Satan im heiligen Glaubenseifer ganz zerkratzt hat. Oder man findet plötzlich, zu seiner größten Ueberraschung, ein neues, von tüchtigem Künstler gemaltes Altarblatt und hört bei weiterer Nach¬ frage, daß ein Münchener oder Düsseldorfer Maler, der einen ganzen Sommer lang im Wirthshäusle des Dorfes logirt, dies Bild ge¬ malt und dem Kirchlein geschenkt habe. — Indessen giebts auch Alpendörfer, ganz versteckt, zu hinterst im Thal, die Gotteshäuser haben, groß, edel im Styl, sogar prunkvoll in der Ausführung, mit Marmorsäulen und trefflichen Bildschnitzereien, — Kirchen, die jene mancher ehemaligen Reichsstadt weit übertreffen. Entweder steht oder stand ein Kloster dort, welches aus seinem wohlgespick¬ ten Säckel und unter Beihilfe der diensteigenen Thallente den überraschend-schönen Bau herstellte, — oder es lebte einst in diesem von der Welt abgeschiedenen Alpenwinkel ein Mann, der seine Nachbarn zu solch großem Werk zu entflammen wußte, daß Alle Hand anlegten, bis das Gebäude vollendet dastand. — Die Herr¬ schaft der äußersten Gegensätze, die in den Alpen allenthalben zu Tage tritt, zeigt sich auch hier. Und nun das Leben selbst in diesen Dörfern, in diesen großen Einsiedeleien Central-Europas, — wie tritt auch hier uns wieder so viel Uranfänglich-Einfaches entgegen! — Ohne Beistand der Dorfleben im Gebirge . Wehmutter, ohne ärztliche Hilfe, treten die meisten Alpenbewohner in den Kreis ihrer Familie ein. Die erste Pflege, welche ihnen wird, steht nicht selten weit unter jener, mit der die wilde Bären¬ mutter ihre Jungen instinktiv versorgt und hegt und schützt. Nicht wenig Gegenden im Alpenlande sinds, deren Bewohner den Kinder¬ segen als eine große materielle Last betrachten; denn ists die Ar¬ muth allein, welche die wandernde Savoyarden-Jugend in die ferne, fremde Welt, ohne Schutz, ohne Anhalt, ohne Mittel hin¬ ausjagt und ihrem Schicksal preisgiebt, — oder ists nicht viel¬ mehr das beinahe vertrocknete Gemüth, das selbst zu Fels und Stein gewordene Elternherz, das diesen zur Volksgewohnheit ge¬ wordenen Akt immer wieder erneuert? — Aus diesem Grunde ist auch der Akt der Taufe in vielen Gegenden der Alpen durchaus kein Familienfest. Und wiederum liegt der äußerste Gegensatz dicht daneben. Dort, wo das Volk, sei es aus Glaubenseifer und Ueberzeugung, oder gedrängt von der Nothwendigkeit, Werth auf das Sakrament der Taufe legt, finden oft weite Wanderungen bis zur Kirche der Gemeinde mit dem erst wenig Tage alten Kindlein statt; denn Haustaufen sind in den Alpen unbekannt, und nicht jedes Dorf, nicht jeder weit in einem Seitenthal gelegene Weiler oder Hof hat seine eigene Kirche. Die evangelischen Walliser gingen, als vor einigen Jahrhunderten nach der Reformation ringsum das katholische Glaubensbekenntniß wieder angenommen wurde, mit ihren Täuflingen über Schnee und Eis, wohl 6 bis 7 Stun¬ den weit, nach dem protestantischen Grindelwald, um dort vom Pfarrer ihres Glaubens die kirchliche Weihe über die Aufnahme ihrer Kinder in den Bund der Christenheit sprechen zu lassen, — einen Weg, den heutzutage der kühnste Berggänger kaum zurückzu¬ legen sich getraut, weil Alles furchtbar vergletschert und von Firn¬ schründen zerrissen ist. Da zeigt sich eben wieder die Kraft und Konsequenz des Aelplers, — der Ernst und die Ausdauer, der feste Wille und der Muth, nicht nur in Dingen des alltäglichen Dorfleben im Gebirge . Müssens und Sollens, sondern auch in Sachen eigenen Entschlusses, eigener freier Meinung: so zäh wie er in seinen physischen An¬ strengungen ist, ebenso nachhaltig ist er auch in den Resultaten seines Nachdenkens, seiner Willensfreiheit. Fast lediglich der natürlichen Körperentwickelung überlassen, wächst nun das Kind, halb nackend unter und mit den Thieren des Hauses auf. Während der besseren Jahreszeit ist sein Tum¬ melplatz auf der schwellenden Matte, welche die „Heimet“ umgiebt, im Walde und ob jäher Felsenfluh, immer umgeben von tausend Gefahren, — hier des Sturzes in den Wildbach und des Zer¬ schmettertwerdens durch Steinschläge, dort des Ertrinkens im See, oder der Vergiftung durch Beeren und Pflanzen; aber wie nicht der Frieden, sondern der Krieg seine Helden groß zieht, so dienen auch alle diese, der zarten Jugend drohenden Schrecknisse nur da¬ zu, das Alpenkind für sein ihm bestimmtes Loos im Leben vorzu¬ bereiten und zu kräftigen. Es müßte allenthalben ein spartanisch¬ männlicher, eisern-fester Volksschlag erwachsen, wenn nicht vielseitig die gänzlich vernachlässigte Hautkultur und das Leben in engen, oft mit pestartig-verdorbener Luft gefüllten, während des Winters überheizten Stuben einer gesunden, normalen Körperausbildung wesentlich hindernd entgegenträten. Darum in einzelnen Gebirgs¬ gegenden, wo noch andere beeinträchtigende Faktoren mitwirken, die auffallende Menge von Cretins, blödsinnigen und nur halb entwickelten Menschen. Die Schule quält den jungen Weltbürger der Alpen mit Wissensbelästigungen herzlich wenig; drei bis vier Elementar-Fächer, innerhalb der engsten Gränzen, genügen, um die Basis für den geistigen Horizont des ganzen Lebens zu legen, — alles Uebrige muß die Praxis späterer Jahre lehren. Und diese Schulzeit, — o nachahmungswürdiges Beispiel, Seligkeitsgedanke der unterrichtsfeindlichen, stundenschwänzenden Jugend, — dauert jährlich nur sechs Wintermonate; den ganzen schönen, langen Sommer über, von Ostern bis Michaeli, sind Ferien, — Ferien für Dorfleben im Gebirge . Lehrer und Schüler. Was von den Gehirn-Nerven während des Winters dürftig aufgesogen und von den zugespitzten Fingern tech¬ nisch erlernt wurde, hilft das freie, ungebundene Sommerleben innerhalb der Berge und an den Kräuter-duftenden Halden glücklich wieder verschwitzen: nur einige Zahlenreste für die Haus- und Markt-Arithmetik, etwas Lesefertigkeit und die oft schwer entziffer¬ baren Hieroglyphen der Namens-Unterschrift, sind in sehr vielen Fällen die ganzen für die Zukunft eroberten Schätze der Schul¬ weisheit. Und unter welchen erschwerenden Umständen werden diese geringen Fertigkeiten gewonnen? — Der Lehrer, — armer Mann! — er steht, was sein Honorar betrifft, gewöhnlich mit dem Hirten auf gleicher Höhe des Einkommens, — nicht selten im Ge¬ halt noch unter diesem; er ist ein wandernder Scholarch, der sehen mag, wo ihm die Vorsehung zur Sommerszeit ein anderes Brod bescheert, — der, wenn er selbst ein kleines Häuschen und etwas Land nebst einigen Stücken Vieh besitzt, die unterrichtsfreie Zeit mit Land- und Hand-Arbeit ausfüllt. In mehr als hundert Dörfern giebts gar kein Schulhaus; ein kleines Zimmer in des Pfarrers Wohnung oder beim Kaplan, wo kaum die Hälfte der Kinder Raum zum Sitzen findet, muß dessen Stelle vertreten. Der Schulmeister hat dann ein Schlafkämmerlein im gleichen Hause oder wo es sonst Platz für ihn giebt, und hospitirt heute hier, morgen dort am Mittagstisch der Bauern. Die Kinder aber kommen oft eine Stunde weit in Schnee und wildem Wetter zur Schule. Tritt nun der Knabe ins Leben ein, so hängt, wie überall, seine Zukunft von der Eltern Besitz, von der Zahl seiner Ge¬ schwister und hundert anderen Umständen ab. Gar mancher arme Bube, der einst die Ziegen hütete und wenig mehr als seine Klei¬ dung sein Eigenthum nannte, gelangte dennoch zu Reichthum und Gütern. Da sind vor allen die Graubündner ein wunderbar spe¬ kulatives Volk. Das große, schwach bevölkerte Land sendet alljähr¬ Dorfleben im Gebirge . lich eine namhafte Zahl seiner Angehörigen ins Ausland, damit sie dort ihr Brod erwerben. Was ihnen daheim am Mindesten geboten wird, Zucker und Leckereien, das legt den Grund bei Vielen zu nicht geringem Wohlstand. Als arme Knaben wandern sie, mit dürftigem Zehrpfennig und einer Reise-Empfehlung ausge¬ rüstet, weit fort nach Italien, Rußland, Deutschland oder Frank¬ reich, um bei einem dort etablirten Konditor als Helfershelfer und junger Dienstknecht einzutreten. Hier müssen sie Kakao reiben, Zucker mörsern, Kaffee sieden lernen, und bilden so sich nach und nach zum Schweizerbäcker aus. Die wenigen Pfennige Lohn und Trinkgeld ersparen sie mit Harpagons-Geiz. Inzwischen findet sich Gelegenheit, mit einem anderen Landsmann ein kleines Stübchen zu miethen, selbst einen Kastanien-Handel, eine kleine Chokoladen- Fabrik oder Kaffee-Siederei zu etabliren. Aus den verdienten Groschen werden Thaler, die Kompagnons trennen sich, um Jeder nun auf eigene Faust dem Gelderwerbe weiter obzuliegen, sie richten größere Geschäfte ein, und das hohe Mannesalter findet sie als reiche Leute. Da treibt sie denn die Sehnsucht wieder heim ins alte liebe Vaterland, wo sie nach und nach Güter, Wiesen, Häuser erwerben, und dort verleben sie, in stiller Einsamkeit, den Abend ihres Lebens. — Ein anderer Theil der jungen Burschen, beson¬ ders aus den katholischen Schweizerkantonen Wallis, Uri, Unter¬ walden, Schwyz und auch aus Graubünden, verlassen heimlich Haus und Hof, um in fremden Diensten als Lohnsoldaten ihr Glück zu versuchen. Die Schweizertruppen in Neapel und Rom erlangten in jüngster Zeit traurige Berühmtheit. Oder der Tyroler ist als Kaiserjäger in den Garnisonen Oesterreichs zum festen Mann herangereift, hat kapitulirt und dient dem Vaterlande, bis der Tod auf dem Schlachtfelde ihn heimruft oder eine armselige Civil-Versorgung ihn dürftig im Alter erhält. Die meisten Alpen¬ knaben aber, die nur einige Mittel besitzen, bleiben in ihren Bergen, und weichen in ihrer Lebensart nicht eine Linie breit von dem Dorfleben im Gebirge . althergebrachten Wirthschafts-Betriebe der Urältern ab. Je nach ihren Fähigkeiten und den ortsüblichen Beschäftigungen widmen sie sich entweder der Viehzucht, lernen die Märkte und den Handel kennen, und versuchen selbst ihr Glück, oder sie werden Flößer, Holzhacker, Wurzelgräber und im Sommer vielleicht Fremdenführer. Nur wenige Gegenden giebts, in denen, wie im Berner Oberlande, ein eigentlicher Fabrik-Erwerb und industrielle Thätigkeit Raum gewonnen haben. Der Aelpler hängt in seinen Lebensbedürfnissen weit weniger von fremder Hilfe und fremden Erzeugnissen ab, als der Bauer des Flachlandes. Fleisch, Milch, Käse und Butter liefert ihm der Stall, rauhes schwarzes Brod geben ihm die selbst gebauten Kör¬ nerfrüchte, und seine Körperbekleidung webt er selbst. Es giebt Familien in den Bergdörfern, die Monate lang nicht das kleinste Geldstück für ihren Lebensunterhalt zur Hand zu nehmen brauchen. Wirthshäuser giebts in gar vielen Alpenthälern nicht, und wo den¬ noch solche existiren, da sind es mehr Sprech- als Zech-Häuser. Da sitzen z. B. die Bauern des vom Spoel durchflossenen Livinen- Thales oft Stunden lang im Wirthshause beisammen, qualmen ihren (zu österreichischer Zeit ausschließlich gebräuchlichen) Regie-Tabak, ohne einen Tropfen Wein oder Branntwein zu verzehren; dabei aber schreien sie so entsetzlich und disputiren beim Mora-Spiel so fieberhaft aufgeregt, als ob sie über und über berauscht wären. Solche freundnachbarliche Besuche im Wirthshause, bei denen durchaus nicht die Absicht zu Grunde liegt, irgend etwas verzehren zu wollen, kommen auch in den Alpendörfern deutschredender Be¬ völkerung, mehr jedoch in denen der italienischen Alpen, vor. Es ist ein Akt der altgerühmten Gastfreundschaft aller Gebirgsvölker; die Einsamkeit und das Bedürfniß menschlicher Gesellschaft führt sie zusammen, ohne daß Gaumen und Magen gewohnheitsgemäß dabei ihren Tribut fordern. In jenen Thälern, in denen keine Wirthshäuser existiren, ist oft der Mann der Seelen-Pflege: der Berlepsch , die Alpen. 28 Dorfleben im Gebirge . Pfarrer oder Kaplan zugleich auch Pfleger der Hunger- und Durst- Bedürfnisse fremder Wanderer; im Wallis, im Kanton Unterwalden und noch in anderen Gegenden, ist der Weinzapfen und der Käse¬ laib ein Accidenz-Erwerb der Geistlichen. Es giebt eine große Menge von Alpendörfern, in denen die äußerste Einsamkeit und das absoluteste Stillleben sich niederge¬ lassen haben; wohl aber wenige werden vom Rofnerhof am Oetz¬ thaler Ferner in Tyrol übertroffen, wo einst der vom Konzil zu Konstanz geächtete Herzog von Oesterreich, Friedrich mit der leeren Tasche, ein verborgenes Asyl fand. Vier Brüder wirthschaften dort miteinander und üben alle Handwerke gemeinsam aus, die sie für ihren Lebensbedarf beanspruchen müssen; wie eine robinsonsche Kolonie, sind sie von allem Verkehr ziemlich abgeschlossen, und der Winter in dieser Höhenlage von mehr als 6000 Fuß über dem Meeresspiegel trennt sie für fast halbjährige Frist von den nächsten Nachbarn. Bei aller dieser Abgeschiedenheit von der lärmenden, in Ge¬ nüssen sich überstürzenden Außenwelt gehts dennoch in manchen Alpengegenden, je nach des Volkes Temperament und Sitten, zu Zeiten ganz fröhlich und vergnüglich her. Der sommerlichen länd¬ lichen Feste, der Alpen-Auffahrt, des „Goh-Messe“ Tages, der Schwingeten und Alpstubeten wurde schon ausführlicher gedacht; aber damit begnügt sich das Bergvölklein noch nicht. Auch wenn die Herden wohlbehalten und gemästet von den hohen Triften heimgekehrt sind, feiert Alt und Jung die Wiederkunft der Haus¬ genossen; das ist die Aelpler-Kilbi, die mit dem Kirchweihfest an manchen Orten zusammenfällt. Da gehts denn ländlich, sittlich her. In manchen Thälern des Wallis bringen sie den Decem dem Pfarrer ins Haus, bestehend aus großen, fetten Käsen; Wohlehr¬ würden regalirt dagegen die Spender mit einem festen, wohlberei¬ teten Mittagsmahl, bei dem es dann am Weine nicht fehlen darf. Im Kanton Unterwalden zieht die ganze Sennenschaar mit Blumen¬ Dorfleben im Gebirge . sträußen überschwänglich ausstaffirt an einem Herbstsonntage in die Kirche und nimmt daselbst die Ehrenplätze des Tages auf den vordersten Bänken ein. Nachdem das Standbild ihres Schutzpa¬ trons, des heiligen Wendelinus, auf dem Altare ausgestellt ist, hält der Ortsgeistliche eine Predigt zum Lobe des Hirtenstandes, und der übrige Theil des Gottesdienstes verläuft nach dem Ritual. Nun aber, wenn die Kirche zu Ende ist, beginnt draußen vor den Thüren ein jubelvolles Leben. Die Musiker schmettern ihre Fan¬ faren lustig hinaus, hoch weht die Aelpler-Fahne, und der heilige Wendelinus wird in jauchzender Prozession, begleitet vom Pfarrer, durchs Dorf getragen. Als Wildmann und Wildweib verkleidete Burschen, ganz in grünes Tannenreis gehüllt, mit Bärten von der langen Rag-Flechte ( Usnea barbata ) treiben Tollheit über Tollheit, indessen kunstgeübte Fahnenschwenker sich produziren. So geht der Zug zum Wirthshause, wo die Begeisterung aufs Höchste steigt und mit einem schönen Akt der Humanität in der Weise geschlossen wird, daß der Bratenmeister den Aermsten der Gemeinde den mit Blumen geschmückten Kirchweihbraten und eine große Kanne Wein zum Besten giebt. Am andern Morgen dann, wenn Alle ausge¬ schlafen haben, beginnt, nach abermaligem Gottesdienst, der Tanz, der lärmend und tobend so lange fortgesetzt wird, als sich nur noch ein Bein regen kann. — Noch toller treibens die Appenzeller auf ihrer Kilbene zu Urnäsch; dort geht es Tag und Nacht in Saus und Braus. Und was gilt dann als die größte Ehre für ein Mädchen, das vom Kirchweihfeste kommt? Was glaubt man wohl? Blitzblaue und blutig gestoßene Ellenbogen! das ist ein Zeichen, daß sie brav Tänzer hatte, und keine Allemande auszu¬ lassen brauchte. Der Saal, in welchem getanzt wird, ist für die Menschenmenge nämlich so klein, daß bei dem ungestümen Drehen die entblößten Ellenbogen allenthalben anstoßen, und daher die blutigen Siegesmaale. — Im Graubündner Vorderrheinthal findet ein solches Tanzfest zur Fastnachtszeit statt, welches drei Tage und 28* Dorfleben im Gebirge . drei Nächte dauert; zu diesem bringen die Tanzgäste selbst ihre Speisen mit und entnehmen bei dem Wirthe blos den Wein. Die Lust am Tanzen (das meist nur an wenigen Tagen im Jahre ge¬ stattet wird) ist so groß beim Alpenvolke, daß die wunderbarsten Erscheinungen dabei vorkommen. So ists im Appenzeller Lande der Brauch, daß nach der s. g. „Trägete“, d. h. nachdem das Heu von den Vorbergen herunter in die tiefer liegenden Gaden getragen ist, von dem Besitzer den ledigen Burschen, die sich bei der Trägete betheiligten, in einer Scheunen-Tenne ein Tanz mit einem sehr frugalen Essen als Entschädigung gegeben wird. Da drängt sich denn Alles herzu, an dieser Hilfeleistung sich zu betheiligen, — nur um einige Stunden ausgelassen tanzen zu können. Auch die Winter-Abende sind lange nicht so still, als man bei der zerstreuten Lage der Häuser wohl glauben sollte. Die Weiber halten ihre „Spinneten“, bei denen allerlei abenteuerliche Geschichten und abergläubischer Hokuspokus erzählt werden; und haben sie dann ihre Phantasie aufs Aeußerste erhitzt, dann begeg¬ nets in katholischen Thälern wohl, daß Alle ein gemeinsames Ge¬ bet, mitunter eine halbe Stunde lang, herzusagen beginnen, um sich gegen die Einwirkungen böser Mächte zu schirmen und zu pan¬ zern. Im Urner Mayenthale an der Gotthardsstraße, das durch Lauinenstürze sehr bedroht ist, versammeln sich die Nachbarn bei stürmischem Winterwetter in einer der größten Wohnungen, um dort zu wachen und gemeinschaftlich ans Werk gehen zu können, wenn ein Alles begrabender Schneefall herniederwettern sollte. Damit aber den guten Leuten die Zeit nicht zu lang werde, durchtanzen sie die Schicksalsnacht beim Klange einer Geige oder Harmonika. So stumpft Gewohnheit selbst ein Schreckniß ab, an das der Fremde nur mit Entsetzen denkt. Die winterlichen Abendzusammenkünfte, die Spinneten und Stubeten oder das „z' Liecht goh“, an denen junge Leute beiderlei Geschlechtes Theil nehmen, leiten gemeiniglich auch die Dorflieb¬ Dorfleben im Gebirge . schaften ein, deren unmittelbare Folge der „Kiltgang“ ist. Er herrscht nicht überall, und selbst da, wo er besteht, ist er nach seinen Einwirkungen auf die sittlichen Zustände sehr verschieden. Kiltgang bezeichnet die Erlaubniß, welche ein lediges Mädchen (mit Wissen ihrer Eltern) ihrem Liebhaber giebt, sie Abends besuchen zu dürfen. Bald findet dieses tête-a-tête blos am Fenster statt, so daß der Bursch an einer vor dem Hause aufgebauten Beige Scheit¬ holzes hinaufklettert und so bis tief in die Nacht hinein mit dem Mädchen seiner Wahl sich traulich unterhält, weshalb es der Be¬ wohner in den Bayerischen und Salzburger Alpen „s' Fensterln“ nennt, — oder die Zusammenkunft erfolgt im Kämmerlein der Geliebten und währt oft bis gegen Tages Grauen. In beiden Fallen regalirt das Mädchen den Burschen mit Naschwerk und Wein oder anderen geistigen Getränken. — Es ist eine uralte Sitte, die schon unendlich viel Unheil gestiftet hat, aber sich schwer¬ lich bannen läßt. Da die Knabenschaft eines Ortes, d. h. die Summe der jungen heirathsfähigen Burschen, es nicht duldet, daß Einer aus einem anderen Orte ihnen ins Gehege komme, beson¬ ders bei den Töchtern reicher Bauern, so hat der Kiltgang schon Mord und Todtschlag herbeigeführt, und leider haben die Kriminal- Gerichte fast alljährlich Prozesse abzuwandeln, die aus dieser alten Volkssitte resultiren. Mit List und Muth, mit Unerschrockenheit und tapferer Gegenwehr muß der Begünstigte, wenn er nicht zur Knabenschaft oder zu den „Nachtbuben“ eines Ortes gehört, sich die Braut erkämpfen. Der Aelpler ist eben derb und kühn in Allem, was er thut und unternimmt. Der Festtag der Hochzeit hat nur in wenigen Alpenthälern volksthümlichen, poetischen Duft und Reiz behalten, — in den meisten Gegenden ist dieser minnigste Lebensmoment zu einem ziemlich nüchternen, von der Nothwendigkeit und vom Gesetz be¬ dingten socialen Akt abgeblaßt, der nur materiell mit Essen, Trin¬ ken und Tanzen, ohne alles symbolische Ceremoniell vollzogen Dorfleben im Gebirge . wird. — Die sinnigsten Gebräuche, jedoch auch mit großen ört¬ lichen Abweichungen, herrschen in dieser Beziehung noch im Bayerischen Oberlande, im Salzkammergut, so wie in einem Theile von Tyrol, wo die kleidsame, flotte Volkstracht wesentlich das Ihrige zum Schmuck der Feier mit beiträgt. Dort wird in man¬ chen Dorfschaften die Braut am Hochzeits-Vorabend schlau versteckt, und der Bräutigam muß wie ein feindlicher Feldherr mit Hilfe seiner Freunde alle Bewegungen der bräutlichen Partei beobachten und fortwährend die Umgebung des Hauses recognosciren, um dann mit Uebermacht in das ausgekundschaftete Versteck eindringen und sich die Liebste erobern zu können. Ist er ein heller, pfiffiger Kopf, so greift er nicht eher an, als bis er sich seines Sieges ver¬ sichert hält; schallendes Gelächter und gutmüthiger Spott verfolgen ihn indessen noch lange, wenn er ein- oder mehrmals fehlputscht. Wer es aufs erste Mal trifft, von dem nimmt man an, daß er einst ein besonnener, praktischer Hauswirth werde, der Alles recht angreife und mit offenen Augen auf's Ziel losgehe. — Aehnliche Präliminarien kommen auch im Tessiner Livinen¬ thale vor. Dort rückt der Bräutigam von seinen Freunden und Verwandten begleitet vor das Haus seiner Braut und begehrt deren Herausgabe. Langes Parlamentiren erfolgt, bei dem die possigsten und oft sehr witzige Bemerkungen mit unterlaufen. Endlich entschließt sich der Brautvater, die Hausthür zu öffnen und dem Bräutigam die gesuchte Herzensdame zuzuführen; aber gewöhnlich wird dann das älteste Mütterchen der Umgebung, wo¬ möglich mit Kropf oder Höcker am Rücken, oder eine angekleidete Strohpuppe oder sonst irgend welche Fopperei dem Bräutigam ent¬ gegengeschoben, worüber das versammelte Volk in stürmisch-jubeln¬ des Gelächter ausbricht. Der Suchende, endlich der Faseleien müde, dringt nun mit Ungestüm ins Haus ein und findet die festlich geschmückte Braut, die er triumphirend entführt. Nur in verhältnißmäßig wenigen Gebirgsthälern herrscht noch Dorfleben im Gebirge . die schöne Sitte, mit großem festlichen Zuge unter Begleitung be¬ kränzter Brautjungfern, die spielenden Musikanten vorauf, zur Kirche zu gehen. Die Art, wie einst der Klostermeir von Mörli¬ schachen den Brautlauf hielt, als er die Braut von Immensee (Schillers Tell, IV . Akt, 3. Scene), abholte, ist längst außer Brauch gekommen. Auch in die Berge ist die Verflachung gedrungen und hat mit der Beseitigung der alten, nationalen Tracht auch manche schöne Sitte entfernt. Nur noch das Schießen auf dem Kirchwege aus alten, halb verrosteten Böllern, Pistolen oder Mus¬ keten, oder gar aus hohlgebohrten, in die Erde gegrabenen Holz¬ röhren wird noch ziemlich allgemein praktizirt und ruft im taumeln¬ den Freudenrausch durch Unvorsichtigkeit manche Schreckensstunde hervor. Der Sonntag in Gebirgsdörfern hat etwas ungemein Er¬ hebendes, Feierliches. Es ist, als ob die ganze Natur den Festtag mit begehe. Die gleichen wunderbar-akustischen Schallwände, welche den Ton des Alpenhornes so zauberhaft-modulirt wiedergeben, reflektiren auch das Glockengeläute in den Alpenthälern auf nicht zu beschreibende Weise. Der Klang scheint den Metallton zu ver¬ lieren und nimmt dagegen eine intensiver-gefüllte, innigere, wär¬ mere Tonfülle an, wie sie den krystallenen Glasglocken eigen ist. Auf etwas erhöhtem Punkt ob einem Alpsee-Gestade an hellem Sommer-Morgen zur Kirche lauten zu hören, wie die rufenden und antwortenden Glocken von hüben und drüben ihre Klänge weit hinein in die Schluchten und Thaltiefen senden, und die ganze Landschaft rundumher in wonniger Ruhe den Tönen lauscht, gehört zu den sinnigsten Genüssen, welche die Bergwelt dem empfänglichen Gemüthe zu geben vermag. Da strömt es denn herbei aus allen Winkeln und hervor aus den dunkelen Tobeln und herab von den braunen Holzhütten über die maigrünen Matten, das Volk in seinem ländlichen Sonntagsstaat. Die Weiber und Mädchen, je nach der Thalschaft Gebrauch, ernst und schwarz, im dicht gefältelten Loden¬ Dorfleben im Gebirge . rock, oder in hellen, fröhlichen Farben, mit keck-genesteltem, malerisch geformtem Mieder und silbernem Kettlein gehen direkt ins Gottes¬ haus hinein, während die Buab'n und Männer noch draußen stehen bleiben und Revue halten, bis das „ganze Geläute“ zu¬ sammen, als letztes Mahnzeichen, ertönt und nun der Orgel mäch¬ tige Stimmen anheben und in den Gassen Alles still und lauschig wird. — Da ists Sonntag; da ist wirkliche Feier, mehr und er¬ greifender, als in den Städten. — Und ist die Kirche dann zu Ende, so wandeln die, welche noch jüngst ein liebes Angehöriges der Familie verloren, auf die Gräber und schmücken sie mit frisch gepflückten Alpenrosen, oder zieren die einfachen, schwarzen Kreuze mit einem Immortellen-Kranz und Rosmarin und Nägelein. Die Burschen aber ziehen ins Wirthshaus, um sich zum weiten Heim¬ wege zu stärken, oder es findet Gemeindeversammlung vor der Kirche statt, wo Proklamen der Regierungen, Aufgebote zum Mi¬ litair-Dienst verlesen oder Orts-Beamtete gewählt werden. Der Nachmittag aber vereint die männliche Jugend auf dem Schützen¬ stand; denn die Büchse ist des Aelplers liebste Waffe, mit der er die Freiheit seiner Berge und seines Vaterlandes vertheidigt, wenn es irgend einem fremden Eindringlinge gelüsten sollte, Eroberungs¬ züge dorthin unternehmen zu wollen. Und ist das kleine, stille und bescheidene Leben der Alpen¬ einsamkeit durchgelebt, wird der Körper der Erde wieder anvertraut, von der er kam, dann tritt uns auch in dieser letzten Feierlichkeit wieder ein ganz eigenthümlicher Moment entgegen. Drunten im Lande, wo alle Nachbarn beisammen wohnen und ihre Häuser um des Dorfes Kirchlein gruppirt haben, da ist (das landesübliche Zeremoniell abgerechnet) das Begräbniß eine Handlung, die sich fast allenthalben gleicht. Anders in den Alpen, wenn droben, stundenweit von der gemeinsamen Ruhestätte, der Erdenbürger zur Ewigkeit eingebt. Den Weg. den er allsonntäglich als Lebender zum Kirchlein machte, muß jetzt sein Leichnam im engen Bretter¬ Dorfleben im Gebirge . haus zum letzten Mal zurücklegen. So weit hinab ist's schwer ihn zu tragen. Da ladet denn der Sohn des Vaters oder der Mutter Sarg, wenns Sommer ist, auf einen kleinen, schmalen Karren, spannt aus dem Stall, was er just hat: ein Roß oder ein Stück Hornvieh davor, und geleitet so die irdischen Reste hinab ins Thal. Ueberall, wo dieses Trauer-Gefährt vorüberkommt, tritt das Volk hinaus, betet laut ein „Vater unser“, oder schließt sich dem Zuge an. Und hat der Winter seine Schneedecke über Berg und Thal geworfen, dann muß der Schlitten dem Verstorbenen den letzten Dienst erweisen. Der Sarg wird fest aufgebunden, ein starker, kräftiger Mann, mit zwei Bergstöcken unter den Armen, setzt sich zu vorderst auf, lenkt mit den Füßen, und im jagenden Fluge gleitet der Leichen-Kondukt hinab. Druck von Ferber \& Seydel in Leipzig.