Ardinghello und die gluͤckseeligen Inseln. Eine Italiaͤnische Geschichte aus dem sechszehnten Jahrhundert. Zweyter Band. Lemgo , im Verlage der Meyerschen Buchhandlung 1787. Vierter Theil . Ardinghello 2ter B. A Rom, Oktober. I ch habe seit meiner letztern Begebenheit mit Lucinden gerungen und gekaͤmpft, in keine solche Thorheit wieder hinein zu gerathen; aber alles muß seiner Natur folgen. Ich zittre und knirsche mit den Zaͤhnen, daß es nicht an- ders ist: der Mensch hat keine Freyheit. Sieh die Inseln der Gluͤckseeligkeit vor dir, mit vor A 2 Ver- Verlangen kochendem Herzen nach ihrer Lust, von uͤppigem Muth alle Nerven geschwellt: und widerstehe mit kalter Ueberlegung der Gefahren, die vielleicht auf dich warten, indeß der guͤnstig- ste Wind uͤber dir in den Wipfeln hinsaͤuselt! Was ist das, daß der Mensch so nach Ruhe trachtet, und sie hernach doch nicht leiden kann? Daß das Ziel keins mehr fuͤr ihn ist, so bald er es erreicht hat, und er immer ein neues haben muß? Ach, unser Wesen hat keinen Frieden, und Brand und Gluth in und uͤber alles ist des- sen erste Urkraft! Wo ich gehe und stehe, schwebt sie mir vor Augen; ich strecke meine Arme nach ihr aus, und meine Fuͤße bewegen sich von selbst nach dem Ort ihres Aufenthalts. In diesen Kreis bin ich wie gebannt, und mir scheint kein ander Licht. O sie ist so ganz, was ich wuͤnsche! und alles andre, was ich schon genossen habe, duͤnkt mir nur ein Vorschmack von der Fuͤlle ihrer Seeligkeit. Flo- Fiordimona, o Fiordimona, mit dir moͤcht ich ewig leben, und unaufloͤslich mich mit dir ver- flechten! Du allein kannst bey allen Reizen der Schoͤnheit meine Freundin seyn; einen so hohen kraͤftigen Geist hab ich bey deinem Geschlechte noch nicht gefunden. Glaub indessen nicht, Benedikt, daß ich mich aus Muße und Langerweile verliebe; ich beschaͤftige mich gerade mit den ersten Werken der bildenden Kunst, der alten und der neuern: allein das Leben selbst triumphirt uͤber alles, und gewinnt im Gegentheil dadurch noch mehr Staͤrke. Der Oktober ist hier wie Wetter aus dem Paradiese; jeder Tag heiter, und Fest schon an und fuͤr sich. Ich habe mich auf eine Woche in das Vatikan eingesperrt, und genoͤsse Goͤtterlust, wenn mein Herz ruhiger waͤre. Ich wohne oben im Belvedere bey dem Manne, der die Antiken in seiner Verwahrung hat; und die A 3 Aus- Aussicht von meinem Zimmer ist bezaubernd. Rom liegt still da, wie ein friedlich Ueberbleibsel von der Herrschaft der Welt; wie ein junger Sproß steigt es hervor aus dem uralten hohlen Stamme der ehemals erhabnen ungeheuern Eiche. Voran gruͤnt das fruchtbare lange und breite Thal, wodurch der Tyber stroͤmt, zwischen rei- zenden Huͤgeln, die schoͤne Villen bekraͤnzen; und in grauem Duft und blauer Ferne lagern sich die Gebirge von Sabina, Tivoli und Frascati ma- jestaͤtisch herum. Man sieht so den Aufenthalt von suͤßen Geschoͤpfen vor sich, mit denen man auf allen Seiten, da und dort in die Hoͤhen, um allein zu seyn, hinaus fluͤchten koͤnnte. Die Nachwelt hat die groͤßten Meisterstuͤcke der Mahlerey dem wilden und kuͤhnen Pabst Julius zu verdanken; und es ist ein seltnes Gluͤck, daß der Heftige einen so scharfen und sichern Blick fuͤr das Wesentliche hatte, und sich durch kein Gepraͤnge oder Hoͤflingsgeschwaͤtz taͤu- schen schen und irre fuͤhren ließ. Er erkannte das wahre Talent, und verachtete dagegen allen Mo- dekram. Die beruͤhmtesten Kuͤnstler damaliger Zeit hatten schon in den Stanzen die Waͤnde mit allerley Larven bemahlt, woran vielleicht nach ihren Regeln nichts auszusetzen war: als Bra- mante den Raphael von siebzehn Jahren her- beybrachte, daß auch er in einem Zimmer sich versuchen moͤchte. Die alten Meister laͤchelten hoͤhnisch, und spotteten unter sich uͤber die Uner- fahrenheit des Knaben. Der hohe Juͤngling ließ sich nicht stoͤren, und entwarf in seiner Phantasie, dem Schauplatz angemessen, vier Bilder: von der Theologie, der Philosophie, Poesie und Gerechtigkeit, und legte gleich im ersten Feuer Hand an die Theologie. Die Philosophie war noch nicht ganz vol- lendet, als Julius von der Wahrheit und dem Reiz der Gemaͤhlde so entzuͤckt wurde, daß er auf der Stelle befahl, alles, was die andern A 4 ge- gemacht hatten, wieder herunter zu schlagen: dieser junge Mensch sollte die Zimmer allein aus- mahlen. Die alten Herrn schrien uͤber Tyran- ney und Unverstand: aber Welt und Nachwelt hat diesen harten Ausspruch gerechtfertigt. Ein solcher Schutz der Kunst macht Ehre, und keine Millionen, die man an Stuͤmper und ein buntes Gemisch von Kunstsachen verschwen- det; indes der eigentliche Mann bey seiner Be- scheidenheit entweder verborgen bleibt und darbt, oder doch nur als ein gewoͤhnlicher Tagloͤhner sein Stuͤck Arbeit nebenher durch irgend eines Ver- nuͤnftigen Emphelung von ohngefehr bekoͤmmt. Die Theologie ist ein geistig Bild der Re- ligion; die vornehmsten Personen des alten und neuen Testaments sind hier beysammen, jede nach ihrem Charakter. Das Ganze stellt gleich- sam die christliche Kirche vor im Werden. Gott der Vater schwebt oben an als Archi- tekt mit freundlichem Ernst, daß alles so ist, wie ers ers haben wollte. Christus ruht seelig auf einem Wolkenthron in der Glorie der Ausfuͤhrung, die Mutter voll Zaͤrtlichkeit neben ihm. Patriar- chen, Juͤnger und Apostel umgeben ihn als ihren Mittelpunkt, auf Wolken von Engeln getragen. Und unten auf dem Erdboden handeln noch die ersten Kirchenlehrer und Christen in der Grund- lage des Gebaͤudes. Die Hauptgestalten zeugen von der lebhaf- testen jugendlichen Einbildungskraft, und haben wunderbare Bestimmtheit in den Umrissen. Die vier großen Kirchenlehrer gehen mit ihrer Kraft allen andern hervor. Wenn irgend ein Sterb- licher zum Mahler gebohren war, so ist es gewiß Raphael. Seine Figuren sind mit einer Quelle von Leben hervorgefuͤhlt, und von einander un- terschieden bis auf eine eigne Art von Reiz im Ausdruck. Die Schule von Athen ist eben so ein geistig Bild der Philosophen beysammen. Py- A 5 thago- thagoras faͤngt an, Sokrates folgt, alsdenn koͤmmt Plato mit dem Aristoteles, und weiter Archimed. Die Gruppe des letztern mit den vier Juͤnglingen ist wirklich unaussprechlich schoͤn und reizend, ein entzuͤckend Bild von einem Meister mit seinen Schuͤlern; die Aufmerksam- keit zweyer, die Verwunderung und Begeiste- rung des Auf blickenden besonders goͤttlich hinge- zaubert, gerad im Momente, wo er die Erklaͤrung des schweren Problems findet. Gesicht mit samt dem Haar ist von hoher Schoͤnheit und Wahrheit. Archimed selbst voll Schaͤrfe des Verstandes und Ueberlegung. Zeichnung und Mahlerey uͤberall spricht den großen Meister von heiterm Sinn. Der eine studiert; der andre begr ist; der dritte hats begriffen und verwun- dert sich; und der vierte frohlockt, und moͤchte Jemand, ders auch lernte. Fuͤr ein Gymnasium von Philosophen waͤre das Ganze ein wahrer Zauber, und wuͤrde je- derzeit derzeit die Seele zur Empfaͤnglichkeit stimmen. In verschiednen Koͤpfen von Raphael herrscht eine Wirklichkeit, wobey man uͤber die frische Kraft seiner Phantasie erstaunen muß. Sein heiliger Gregorius muß ein Theolog seyn, sein Pythagoras ein Philosoph, und keine andre Menschen. Der Parnaß ist wieder so ein geistig Bild der Poesie. Homer improvisiert von Begeiste- rung hingerissen; Apollo ist mit seinen schoͤnen Augen verzuͤckt in himmlische Phantasien; Mu- sen, Laura, Sappho und die besten Dichter, die theatralischen ausgenommen, sind dabey zugegen. Die Gerechtigkeit besteht aus drey vor- treflichen allegorischen Figuren: Klugheit, Staͤr- ke zur Rechten, Maͤßigkeit zur Linken. Dieses Zimmer war seine erste Arbeit zu Rom; es bleibt aber doch das vorzuͤglichste we- gen Menge und Adel von Gestalten. Seele und und Auge jedes verstaͤndigen und in der Welt erfahrnen Menschen muͤssen sich so recht daran wie an suͤßem Kern weiden. Ueberall blickt da und dort eine himmlische Blume hervor, und je tiefer man sich mit seinem Stachel hineingraͤbt, desto nahrhafter Honig findet man. So hat mich spaͤt noch erfreut sein Evangelist Johan- nes in der Theologie, neben dem David, wel- cher vor der Menge groͤßerer Figuren einem erst nach und nach mit seinem suͤßen Laͤcheln und halbzugedruͤckten innigseeligen Blick aus seiner Engelsschoͤnheit ins Herz blitzt. Das blonde Haar wallt ihm reizend nieder auf die Schul- tern, und er scheint einen Liebesbrief zu schreiben. Die Schule von Athen ist mir das ange- nehmste von allen seinen Werken: eine solche Fuͤlle von Heiterkeit und Ruhe koͤmmt mir dar- aus entgegen; ob das Ganze im Grunde gleich einen Streit vorstellt, nehmlich den Sieg der Ari- Aristotelischen Philosophie uͤber die Platonische, wie die triumphirenden und widerlegten Gesich- ter zeigen. Alles neben den beyden großen Hel- den scheint sich darauf zu beziehen. Plato hat zur Seite den Sokrates mit dem Alkibiades, und den Pythagoras; Aristoteles den Kardinal Bembo Platonici artifices disserendi, non interpretes naturae aut doctores sapientiae; war damals die Meinung. und Archimed. Wahrscheinlich feh- len deßwegen Epikur und Zeno mit ihrem An- hange. Welche vollkommne Meisterstuͤcke sind darin Pythagoras, Sokrates, Plato, Aristo- teles, Archimed, oder Bramante mit dem jun- gen Herzoge von Mantua! Alles ist hier so Na- tur, daß man die Kunst vergißt und nicht an sie denkt: so voll und verliebt darein und fertig war der Meister. Die Gruppen sind schoͤn zusam- mengehalten, und jede richtet sich nach dem Phi- Philosophen, der Unterricht ertheilt. In die antiken Gewaͤnder hat er sich gut hineingedacht, und man merkt nichts gezwungnes. Zusammengedraͤngte Jahrhunderte machen in jedem von den drey Gemaͤhlden ein einzig Bild fuͤr die Phantasie. In dem Zimmer darauf thut der Genius Raphaels, wenn ich mich so ausdruͤcken darf, pittoreskere Fluͤge; ist aber nicht mehr so reich an hoher individueller Gestalt. Sein Heliodor ist vielleicht die schoͤnste Allegorie neuerer Zeiten. Das Ganze theilt sich in drey Gruppen und thut große Wirkung. Die Gruppe der Engel mit dem niedergeworfnen Heliodor gehoͤrt unter Raphaels hoͤchstes; sie sind durchaus Natur in Gestalt, Gebehrde, und Bewegung; er hat sie vermuthlich von feurigen Roͤmischen Buben in Zorn und Sprung abge- sehn. Der Engel zu Pferde in der Kirche ist etwas ungereimt; aber er macht ein herrlich Bild Bild von Schnelligkeit und unwiderstehlicher Gewalt. Heliodor und seine Gefaͤhrten schreyen; und es gehoͤrt zur Schoͤnheit des Ganzen, ob sie gleich gegen die Theorie einiger Antiquaren dazu den Mund aufthun muͤssen. Die Gruppe von Weibern neben dem Pab- ste, der von Schweizern nach der Natur ko- pirt herein getragen wird, macht einen reizen- den Kontrast; die Koͤpfe der beyden Frauen, die mit den Haͤnden zeigen, sind die schoͤnsten, und der dritte daneben hat einen wunderbaren Aus- druck. Julius schaut voll Majestaͤt, als ob sei- ne Befehle gut ausgefuͤhrt wuͤrden. Der Hohepriester in der Mitte am Altar bittet in Zuversicht und Ergebung. Der Bube, welcher auf den Saͤulenfuß steigt, um recht zu- zuschauen, ist sehr pittoresk, wie uͤberhaupt alles samt der Beleuchtung. Dieß Gemaͤhlde gehoͤrt gewiß zu dem Vor- treflichsten, was Raphael hervorgebracht hat: und und zu der Zeit, wo so eben erst die Franzosen von Italien hinausgetrieben waren, muß es jederman innig ergoͤtzt haben. Man sieht in- zwischen deutlich, daß ihn seine Schuͤler an den Nebensachen halfen. Es ist ein ungeheurer Un- terschied, wenn man Raphaelen nach den mei- sten gegenwaͤrtigen Mahlern sieht; bey ihm lebt alles und bedeutet, und greift ein ins Ganze. Man koͤmmt bey ihm einmal wieder zu einem verstaͤndigen Menschen. Damit du aber siehst, daß ich doch nicht schwaͤr- me: so meld ich dir daneben, daß der bewun- derte Attila gegenuͤber auf mich wenig Wirkung macht. Ich finde darin kein recht zusammen- haͤngend Ganzes in der wirklichen Mahlerey und den Charaktern, obgleich die Anlage treflich ist, und zuviel Kompliment auf Leo den zehnten, dessen Kopf sich warlich zu keiner solchen Scene schickt. Attila sieht viel zu guͤtig aus fuͤr einen Hunnenkoͤnig, ohnerachtet der ungefuͤhlten Worte Worte von Griechenheit daruͤber; und Leo zu feist fuͤr einen Heiligen. Die Apostel sind zu schwer, zu groß, und zu nah in der Luft fuͤr schwebende Figuren, haben wenig Gestalt, bit- ten eher als daß sie drohen sollten, und halten ihre Schwerter wie die Weiber. Nichts desto weniger bleibt das Gemaͤhlde mit den Portraͤten, Pferden und verschiednen Gewaͤndern eine reizende Wandverzierung fuͤr einen geistlichen Fuͤrsten; und es ist darin immer mehr natuͤrliche Gestalt fuͤr Verstand und Auge, als vielleicht in hundert neuern. Das Wunder bey der Messe ergoͤtzt be- sonders wegen Einheit und Mannichfaltigkeit des Ausdrucks durch alle die verschiednen Gesich- ter, die meistens Portraͤte sind; und zeigt so recht Raphaels wunderbare Einbildungskraft. Es ist der lebendige Glaube. Der uͤberfuͤhrte Priester, mit den Augen kaum blinzend und voll Beschaͤmung und Erstaunen in den Lippen, und Ardinghello 2ter B. B Ju- Julius der Pabst sind hohe Meisterstuͤcke. Das Ganze ist am besten gemahlt unter allen. Petrus befreyt aus dem Gefaͤngnisse ist ein angenehmes Spiel von Licht und Schatten, wozu jedoch kein Raphael gehoͤrte, und das Ganze gut entworfen; der erschrockne Soldat auf der Treppe meisterlich. In diesem Zimmer merkt man schon, daß Raphael seine Schuͤler bey seinen Arbeiten brauchte; aber noch weit mehr in dem dritten hintersten, wo das meiste von diesen ist. Der Burgbrand ist hier das vorzuͤglichste. Viele Gestalten sind darin vortreflich; nur war die Scene selbst eher ein Vorwurf fuͤr den Tizian oder Correggio. Ueberhaupt aber sind Wunder eher fuͤr Poesie, als bildende Kunst; sie taͤuschen das Auge selten, weil man natuͤrlicher Weise nichts so gesehn hat. Die Dirne mit dem Krug auf dem Kopfe ist eine goͤttliche Figur, eine Amazone unter den moder- modernen Weibern, voll Leben und Frischheit in ihren Formen, und reizend in dem vom Wind angewehten Gewande. Die knieenden Frauen sind gleichfalls treflich, und die Gruppe des Sohns, des Aeneas, der seinen Vater rettet, mit dem Buben daneben Meisterwerk. Der Tumult der Weiber und Kinder, weinend und schreyend, flehend und erschrocken, ergreift die Phantasie, und es gibt da schoͤne Gestalten. Jedoch ist er am Nackenden gescheitert; dieß muß gut koloriert seyn, wenn es Wirkung her- vorbringen soll. Der nackende Kerl, welcher herab springt, ist ziegelfaͤrbig, und sieht aus wie geschunden. Leo der vierte, welcher auf das Evan- gelium schwoͤrt. Die Hauptfigur ist das beste im Ganzen; man kann gutes Gewissen nicht treflicher ausdruͤcken im großen, kraͤftigen, freyen Charakter. Herrlicher Blick gen Himmel! Außerdem sind noch einige meisterhafte Koͤpfe B 2 dar- darin; scharfer Verstand, Getrostheit, und Verwunderung und Aufmerksamkeit darum her, und die Menge mit verschiednen Empfindungen. Es ist reizend, uͤberall den tiefen Seelenklang zu finden. Er war in der That ein klares stilles tiefes Wasser, worin sich die beste Natur rein abspiegelte. In der Schlacht bey Ostia ist das beste der geharnischte Soldat mit den gruͤnen Hosen; ein christlicher Held. Das uͤbrige in diesem Stuͤcke ist unbedeutend; der Pabst selbst hat eine fromme Schaafsgestalt. In der Kroͤnung Karls des großen macht Karl selbst eine einfaͤltige Figur, und paßt so gut zu dieser Scene, die mit viel Empfindung und Feinheit ausgefuͤhrt ist; er sieht wie ein al- ter Schweizerkorporal aus, und kniet mit abge- stutztem Haare vor dem Pabst. Es sind in diesem Gemaͤhlde ganz vortrefli- che Koͤpfe, besonders unter den Bischoͤffen und gehar- geharnischten Schweizern. Die Gescheidesten sind am entferntesten von ihm und um die Hand- lung her, und zum Theil mit ernsthaftem und heiterm Nachdenken. Die Bischoffsmuͤtzen sind sehr fatal fuͤr die Mahlerey; und ihr Weiß in doppelter gerader Reihe besonders im Vorder- grunde grell. Die Einheit des Ganzen verbrei- tet sich bis auf die Saͤnger in der Ecke oben. Die Kerl, welche Geschenke tragen, silbernen Tisch und Gefaͤße, bringen Mannichfaltigkeit hinein. Es ist viel zusammengedraͤngte Pracht darin. Im vierten und letzten Zimmer, beym Eingang das erste und groͤßte, ist alles bloß nach Raphaels Zeichnungen und Anlage, bis auf zwey Figuren, die er selbst in Oel ganz ausge- mahlt hat: nehmlich die Gerechtigkeit und Guͤtigkeit; welche, obgleich nur allegorisch und wenig bedeutend, doch mit ihrer Wahrheit und Wirklichkeit alles von Julio Romano und Fat- B 3 tore tore niederschlagen. Es koͤmmt einem vor, als ob Raphaels warmes Leben kalt geworden waͤre; er ists, und ists nicht mehr. Er selbst ist ganz lebendig: hier sinds nur seine Masken. Es fehlt die Bestimmtheit in allen Theilen, fehlen die feinen entscheidenden Zuͤge, die nur von der schoͤpferischen Phantasie allein unmittelbar in die Hand quellen. Man muß sich zwingen, die Personen wirklich zu sehen; bey ihm kann man nicht anders. Die Schlacht Konstantins gehoͤrt mit der Verklaͤrung unter Raphaels groͤßte Kompo- sizionen; sie macht ein schoͤnes Ganzes und ist vortreflich angeordnet. Die Hauptfiguren gehen gut hervor. Konstantin druͤckt noch Zorn aus, und die Freude regt sich bey ihm uͤber den Sieg; die Gruppe mit dem Reiter vor sich, dessen Pferd er verwundet, ist wohl ausgedacht. Der Kopf des Maxentius stellt einen schlechten, grau- samen und elenden Tyrannen dar uͤberhaupt, wohl wohl meistens von Julio erfunden, und jetzt in Verzweiflung und gaͤnzlicher Ohnmacht und der Gefahr uͤberall umzukommen. Sein Pferd, und wie er sich beym Untersinken im Wasser daran haͤlt, der Strom und die darin schwim- men, in die Barke steigen wollen und sie um- werfen, ist treflich. Sonst sind die Haufen viel- leicht zu voll, der Feind zu fluͤchtig, ohne allen Widerstand; es bleibt aber doch die erste Schlacht wegen Wahrheit der Gestalten. Die Gruppe, wo einer vom Pferde heruntergebohrt wird, und die des gefallnen Sohns mit der Fahne bey sei- nem Vater thun große Wirkung. Die drey uͤbrigen Gemaͤhlde in diesem Saale kommen nach den andern wenig in Betrachtung. Die Anrede Konstantins mit dem erscheinenden Kreuz in der Luft ist noch das beste; sie ist nach den Anreden Trajans auf Konstantins Triumph- bogen. Einige Portraͤte nur ziehen das Auge an sich, als die zwey Juͤnglinge unter Konstantin. B 4 In In der Schenkung Konstantins sind im Vordergrunde auf beyden Seiten ein paar schoͤne Gruppen von Weibern, samt denen, die sich durch die Saͤulen draͤngen. Vor den Stanzen sind die Logen , mit lauter kleinen Gemaͤhlden aus dem alten Testa- mente, und am Ende mit einigen wenigen aus dem neuen verziert. Raphael selbst hat nur ein paar Erker etwa selbst fluͤchtig ausgemahlt, und hier und da Hand angelegt; alles andre ist von seinen Schuͤlern nach seinen Zeichnungen. Und so die Arabesken . Alles voll schoͤner reizender Ideen. Ich betrachte diesen Gang als die Schu- le Raphaels im eigentlichen Verstande, den treflichen Meister unter seinen großen und kleinen Schuͤlern; und es freut mich zu sehen, wie sie die Schwingen versuchen. Man kann nicht wohl umhin, unter den großen Meistern der neuern Zeit den Michel Angelo und Raphael oben an zu stellen; jenen wegen wegen Richtigkeit im Nackenden und Erhaben- heit seiner Denkungsart: doch hat er wenig Ge- fuͤhl fuͤr schoͤne Form gehabt, und ein elendes Auge fuͤr Farbe, und war arm an Gestalt. Raphael ist lauter Herz und Empfindung, und eine Quelle von Leben und Schoͤnheit, wie je wenig Sterbliche. Edel und liebenswuͤrdig und bereit, von seiner Fuͤlle mitzutheilen fuͤr jederman, hat er die Gunst und Bewunderung von dem Kerne der Menschheit erhalten. Alles Nackende, was zu unsern Zeiten an Menschen sichtbar ist, besitzt er in seiner Gewalt. An Ge- stalt ist keiner reicher als er, und darin fuͤhlt er einige Gattungen von Seelenschoͤnheit aufs le- bendigste. Die Farbe war ihm zu sehr Oberflaͤ- che; im Nackenden hat er aber doch oft ihren Reiz gefuͤhlt, und besonders bey Koͤpfen in hoͤch- ster Vortreflichkeit uͤbergetragen. Die Zaube- reyen vom Helldunkel sind ihm fremd. Sein Fehler ist seine Gefaͤlligkeit uͤberall, auch wo sie B 5 nicht nicht seyn soll. Es scheint, als ob er nie ein widerwaͤrtig Gesicht recht habe ansehen koͤnnen; in seinen Koͤpfen von Attila und Heliodor, und Moͤrdern schier, ist Grazie und Gefaͤlligkeit. Heldencharakter, welche fuͤr sich bestehen, einen Apollo, Herkules, Jupiter, und diesen aͤhnliche unter Menschen hat er nie oder hoͤchst selten durch bloße Kopie erreicht. Sein Nackendes in den Theilen, die man nach unsern Sitten nicht sieht, ist wie aller andern Neuern meist Abschrift eines Modells, doch freut einen darin seine feste Hand. Die Vollkommenheit unsrer besten Antiken kannt er nicht; und sein Vortref- lichstes ist warlich nicht das Wenige, worin er sie nachgeahmt hat. Dieß Nackende, wenn er sich auch noch so sehr plagte, thut wenig Wirkung, es ist nicht wieder andre Natur geworden, wie bey den Griechen; ausgenom- men Kinder, Arme, Beine, Bruͤste, Haͤnde, Fuͤße. Uebri- Uebrigens sieht man recht im Vatikan, daß er mit den vorzuͤglichsten Personen seines Zeitalters umging; und ihre Gestalten, Mienen und Gebehrden, Stellungen und Bewegungen, und den Reiz in den Gewaͤndern seiner Kunst eigen machte. Welche Meisterstuͤcke Archimed, Aristoteles, Plato, Pythagoras! seine Theolo- gen und Kirchenlehrer! Um sie so wohl zu fas- sen, dazu gehoͤrt gewiß ein verliebter Umgang mit großen Maͤnnern. Sappho, Laura, die drey Musen neben dem Apollo im Parnaß, Pindar, Horaz, welche Gestalten? Und wieder welch ein unschuldiges unbehuͤlfliches und doch unbesorgtes Wesen in seinen Kindern zum Bey- spiel im Burgbrande! Die Schoͤnheit von Ausdruck und Empfin- dung hat er verstanden, wie keiner. Auch dem gemeinsten hat er immer einen Anstrich von Em- pfindung gegeben, ihn wie in Seele getunkt. Er konnte fast nichts anders machen; und die gefuͤh- gefuͤhligen Gebehrden von inniger Ruͤhrung sind bey ihm zuweilen fuͤr den scharfen Denker bloße Manier, und finden sich, wo sie sich nicht hin- schicken. Seine wahrhaftig schoͤne Seele hat sich von Kindheit an dazu gewoͤhnt. Gefuͤhlvolle Gestalten, die nicht sprechen, sind aber auch der eigentlichste Gegenstand der Mahlerey; wo diese nicht das Hauptwerk in ei- ner historischen Komposizion ausmachen, ergreift das andre wenig. Die vorige Woche war eine Seeligspre- chung zu Sankt Johann im Lateran; und dabey wurden Raphaels Tapeten ausgehaͤngt, das Fest zu schmuͤcken. Sie machen die andre große Reihe von Gemaͤhlden aus, wenn man sie so nennen will, die sich vor ihm hier befinden; und belaufen sich an die zwanzig Stuͤcke. Es sind Bilder aus dem Leben Jesu, und der Apo- stelgeschichte. Raphael mahlte die Cartons da- zu, wenig Jahre vor seinem Tode, auf Verlan- gen gen Leo des zehnten; und sie wurden in Flan- dern unter Aufsicht zwey seiner guten dortigen Schuͤler gewirkt. Man trift darunter Vorstellungen an von hoher Vortreflichkeit und Schoͤnheit: bey eini- gen aber gab er sich freylich nicht viel Muͤhe; doch erblickt man auch hierin einzelne Figuren, die entzuͤcken. Er mußte sich darauf einschraͤn- ken, was auf Tapeten Wirkung thut, und konnte nicht ins Feine gehen, in die zarten Zuͤ- ge, die oft so viel entscheiden. Deßwegen hat man vermuthlich auch aus einer schaͤndlichen Nachlaͤssigkeit die Originale zuruͤckgelassen; und der Himmel weiß, wo sie in den Nebellaͤndern hingerathen sind. Der Kindermord, die Auferstehung, die Austheilung der Schluͤssel, wo man dem Pau- lus opfern will, derselbe im Areopag, Petrus der einen Gichtbruchigen heilt, der blinde Zaubrer, der Fischzug gehoͤren unter die besten. Es Es ist wunderbar, wie das Leben aus der groben Materie hervorbricht und die Herzen ergreift; und man wird selbst zum gluͤcklichen seeligen Kinde, wann das Volk so daran vorbey zieht, da und dort stille steht, und sich dieses und jenes schoͤne zeigt, sich dabey der Religion freut, und fromm und gut nach Hause geht. Vor seinem Kindermorde muß jeder andre Kuͤnstler die Seegel streichen. Ich habe man- ches schoͤne Weib davor Thraͤnen vergießen sehen, so ruͤhrend ist die Mutterliebe und die Unschuld der Kinder auf mancherley Art ausgedruͤckt. Die Mutter, welche mit ausgebreiteten Armen und flatternden Haaren im Schrecken flieht; welche sitzt und uͤber ihr todtes Kind weint; welche den Moͤrder wuͤthend fortstoͤßt, indeß das Kind sich an sie fest klammert: sind goͤttliche Gestalten. Es ist ein unendlicher Reiz von Leben, Bewe- gung und Schoͤnheit in diesem Stuͤcke, das aus drey großen Tapeten besteht. Wie Wie Petrus den Gichtbruͤchigen heilt, ist ein gleiches Meisterstuͤck, und hat die treflichsten Naturgestalten zur Begebenheit, und macht noch ein vollkommner Ganzes. Ein gleiches wo dem Paulus geopfert wird; und wo Petrus die Schluͤssel empfaͤngt. Wie Christus aufersteht, ist aͤußerst sinnlich erfunden. Die Wache erschrickt und flieht da- von, wie vor einem Gespenste. Der Haupt- mann mit dem Spieße, der im Entsetzen noch tapfer aushalten will; und der Soldat, der sich vor Furcht an ihn schmiegt, und ein andrer mit Schild und Armen uͤber dem Kopfe, und der, welcher ausreißt, sind Meisterwerk. Die drey Marien in der Ferne vollenden die Heiterkeit des Ganzen. Es laͤßt sich wenig daruͤber sagen, wenn man nicht selbst davor steht, und auf die Schoͤnheiten hindeuten kann. Auch muß man vieles aus einer naͤhern Bekanntschaft mit Raphaelen nur ahnden. Unter Unter allen seinen theologischen Werken be- haͤlt aber doch immer den Preis sein letztes, die Verklaͤrung , weil es gewissermaßen die Quint- essenz aller seiner heiligen Gefuͤhle in sich haͤlt, den Zuschauer in den Mittelpunkt der christlichen Religion zaubert, und die Vollkommenheit sei- ner Kunst ist. Schade nur, daß das Gemaͤhlde die Haltung verloren hat, die Schatten alle schwarz geworden, die feinen Tinten verschwun- den sind, und die Luft keine gute Wirkung thut. Inzwischen muͤssen die Gestalten der hohen Menschen, die hier versammelt sind, schon an und fuͤr sich ergreiffen. Jeder von den untern Aposteln moͤchte gern voll Gutherzigkeit helfen, aber kann nicht. Auch die Nothleidenden sind edle Seelen; und die knieende Jungfrau mit dem koͤniglichen Profil erhebt besonders die Scene. Der beseßne Bube ist ein gutes Kind; der Kopf hat in der That den Ausdruck, als ob ihm ein boͤser Geist etwas angethan haͤtte, und sein sein Arm ist ein Meisterstuͤck von Wuth der Quaal. Der Kopf des Weibes, welches ihn mit der Hand haͤlt, voll Angst und blasser Me- lancholie, ruͤhrt bis zur Bangigkeit. Oben auf dem Berge wird der goͤttliche Juͤngling, der das menschliche Geschlecht von seinem Elende befreyt, und auf welchen die un- tern Gefaͤhrten zeigen, in Verzuͤckung emporge- hoben vom Boden, und ihn umschweben die groͤßten Geister der Vorwelt herab vom Him- mel. Die eingeschlummerten Begleiter erwa- chen auf der Anhoͤhe von der Gluth der Begei- sterung. Jede Gestalt ist aͤußerst rein und bestimmt, individuell, voll Physiognomie und Schoͤnheit in großen Formen. Dabey sind die Koͤpfe doch fast alle Natur aus der Roͤmischen Welt, und taͤu- schen deßwegen so sehr. Ein Fremder kann es nicht so genießen, wie einer, der diese kennt. Ardinghello 2 B. C Man Mit einem Wort, es ist, was es seyn soll: eine wahre Verherrlichung und Verklaͤrung; die Doppelscene, so vereinigt, fuͤllt den Moment so maͤchtig, als die Mahlerey nur leisten kann: und was leere Kritiker tadeln, entzuͤckte gerade den Meister bey der Erfindung, und macht den Triumph der Kunst fuͤr den Menschen von Ge- fuͤhl aus. Man muß gewiß erstaunen uͤber die große Anzahl seiner Werke bey so kurzem Leben, und seinem Hange zur Wollust; besonders wenn man das meiste so gefuͤhlt und ausempfunden sieht. Bey bloßer Manier und Fabrik laͤßt sich große Anzahl leicht begreiffen, wo arme Suͤnder denselben Puppenkram, den kein Vernuͤnftiger mehr erblicken mag, nur in andre Stellungen versetzen: aber alles Vollkommne, aus der Na- tur hergehohlt, will reine volle Seele, und kostet Anstrengung. Ra- Raphael hat sich innig, von zarter Kindheit an, als einzig liebes Kuͤnstlersoͤhnchen voll frischer Kraft selbst zum Mahler in der Einsamkeit und beym Leben in der Welt gebildet, und fruͤh sich angewoͤhnt, Gestalten und Bewegungen dersel- ben sich in der Phantasie zu sammeln und vorzu- stellen; und diese Uebung und Gewohnheit ist nach und nach bey ihm zur staͤrksten Fertigkeit ge- worden. Seine Hand hat er gleichfalls geuͤbt, wie Auge und Phantasie, und dabey seines Gei- stes Sphaͤre erweitert; und so ist der goͤttliche Juͤngling zum Vorschein gekommen. Die Hauptsache, worin er alle uͤbertrift, bleibt eben die vollkommne Fertigkeit, sich Gestalten vorzu- stellen, die Grund in der Natur haben, mit Zweck und Absicht. Daher die wunderbare Menge seiner Gemaͤhlde. Das hoͤchste in der Mahlerey, Gestalt, wobey sich andre, zuweilen die scharfsinnigsten Koͤpfe, vergebens abmartern, war sein leichtestes, ging von ihm aus wie die Quelle. C 2 Aber Aber doch sieht man bey seinen Komposizionen deutlich allemal die Figuren, wo er sich ange- strengt, und die wirkliche Natur nachgeahmt hat. Er besaß einen gar guten Volksverstand, und dachte und empfand bey jeder Geschichte gleich das natuͤrlichste; und seine Gestaltenphan- tasie, und sein kernhafter Styl, wo alles be- stimmt ist, machte das Ganze gleich lebendig. Nach diesem allen sey ich mich doch genoͤ- thigt, ein Gegenlied von dem Lob anzustimmen, was ich dem Pabst Julius gab. Es war ein Gluͤck fuͤr Raphaelen, daß dieser seiner Kunst Arbeit verschafte, und vielleicht auch keins und das Gegentheil; denn dadurch ist er fast zum bloßen Kirchenmahler geworden. Das einzige große Werk außer seinen theologischen Gemaͤhl- den und Portraͤten ist die Geschichte der Psyche in der Farnesina ; und diese gehoͤrt, einzelne vortrefliche Figuren ausgenommen, nicht unter sein Bestes. Die Goͤtter und Goͤttinnen darin machen machen einen großen Abstand gegen die Antiken Vielleicht sprach Poussin bey dieser Gelegen- heit das folglich hoͤchst einseitige Urtheil aus, daß Raphael gegen die Antiken ein Esel waͤ- re; denn was moͤchte er sonst selbst seyn? . Jedoch muß man zu seiner Entschuldigung sagen, daß er das vom Apulejus so kostbar erzehlte Maͤhrchen schier Lucianisch behandelte; das Ganze ist ein Mahlerscherz, und stellt ein koket- tes Weib vor, welches keine reizende Schwieger- tochter haben will, und sie endlich haben muß. Er und seine Schuͤler scheinen uͤberdieß sich auf Kosten des reichen Kaufmanns Chigi von Siena, der aus verschwenderischer Pracht bey einer Mahlzeit fuͤr Kardinaͤle und Praͤlaten die silbernen Gefaͤße, so wie sie abgetragen wurden, in den vorbeyfließenden Tyberstrom werfen ließ, sich mehr nur einen Zeitvertreib gemacht zu ha- C 3 ben, ben, als daß ihnen, von der Vatikanischen Strenge her, die Arbeit Ernst gewesen waͤre; und der welsche Amsterdammer mußte ihm dabey noch ein Zimmer fuͤr seine Geliebte einraͤumen, damit er sie allemal gleich bey der Hand haͤtte, so oft ihm die Lust unter den wolluͤstigen Zeich- nungen der nackenden weiblichen Gestalten zu ihr ankaͤme. Die Allegorien mit den Liebesgoͤttern ist das sinnreichste; Venus und Psyche uͤbrigens einigemal bezaubernd; Zevs und Amor beysam- men griechisch empfunden; Merkur, und die Grazie vom Ruͤcken Meisterwerk. Und Johann von Udine hat bey seinen Blumen einen himm- lischen Fruͤhling genossen. In seiner Galate neben diesem Saal ist die Zaͤrtlichkeit und Empfindung der ersten Liebe ausgedruͤckt; sie hat viel Unschuld im Blick, aber noch etwas unreifes in der Gestalt, und ihr Gesicht ist noch nicht so klar und rein, wie zum zum Exempel die Koͤpfe in der Verklaͤrung. Die drey fliegenden Buͤbchen schweben reizend in schoͤnen Umrissen. In den Stanzen sind zwar einige Gemaͤhl- de, die nicht zur Kirchengeschichte gehoͤren: al- lein er mußte die Personen darin doch dem Orte nach so fromm behandeln, daß sogar Vasari seinen Plato und Aristoteles in der Schule von Athen fuͤr die Apostel Petrus und Paulus an- sah, und ein andrer Unwissender dieselben mit dem heiligen Schein in Kupfer stach. Sein Parnaß wuͤrde vermuthlich in einem Saale von Ariosts Gartenhause ein ander und besser Werk geworden seyn. Und wie sind die Zimmer alle an und fuͤr sich schon schlecht beleuchtet und angeordnet, mit Mahlerey uͤberladen! Man sollte fast denken, der Halbgott habe den groͤßten Theil seines Le- bens mit seinen Schuͤlern hier gefangen gesessen, und einem theologischen Tyrannen zu gefallen C 4 alle alle Waͤnde voll gepinselt, um ihn zur Erloͤsung zu bewegen. Raphael hat durch diesen Druck aͤußerst wenig und vielleicht nichts gemacht, wo sein ganzes Wesen mit allen seinen Gefuͤhlen und Neigungen und Erfahrungen ins Spiel ge- kommen waͤre, wo die Sonne seines himm- lischen Genius ganz auf einen Brennpunkt ge- zuͤndet haͤtte. Es ist zwar wahr, aus der freysten oder schluͤpfrigsten Scene der Welt kann der Kuͤnst- ler eine Gestalt in das froͤmmste Gemaͤhlde uͤbertragen; allein es geschieht doch allemal mit Zwang, der, anstatt daß eine Begebenheit aus der profanen Geschichte oder Fabel die Phantasie erhoͤbe und begeisterte, die eigentlich lebendigen Zuͤge verwirrt und verunstaltet, so daß sie ihre beste Kraft verlieren. Wie wuͤrden Raphaels Weiber, zum Exempel, dieselben Gestalten zu seinem Kindermorde, zu seinen vortreflichen Sy- Sybillen in der Kirche alla Pace, zu verschied- nen seiner Madonnen noch andre Wirkungen in den Vorstellungen aus dem Leben einer Sopho- nisbe, Kleopatra, Kornelia, der Geschichte des Koriolan hervorbringen? Es bleibt ausgemacht: Das Element der großen Geister ist die Freyheit; und wer sie un- terstuͤtzen will, muß diese ihnen erst gewaͤhren. Aller Zwang hemmt und druͤckt die Natur, und sie kann ihre Schoͤnheit nicht in vollem Reize zei- gen. Deßwegen die Athenienser unter ihrer Demokratie und Anarchie der hoͤchste Gipfel der Menschheit. C 5 Rom, Rom, November. I ch freue mich, daß du mit mir auf gleichen Lebenspfaden gehst; und also leichter an meinen Schicksalen Theil nehmen kannst: nur ist deine Chiara von ganz andrer Art, als meine Fior- dimona ; sie hat mich nicht so lange schmachten lassen, ihrer Macht und Herrlichkeit bewußt. Das hab ich noch nicht erfahren, in der Liebe so von einem Weibe uͤberflogen zu werden. Ich habe Nebenbuhler, und vielleicht gluͤckliche Ne- benbuhler: nur schein ich der gluͤcklichste zu seyn; und dieß fesselt mich an ihren Triumphwagen, worauf die stolze junge Roͤmerin einherzieht wie ein alter Sylla, nach den Siegen uͤber die groͤß- ten Koͤnige der Erden, und die ersten Helden sei- nes Vaterlandes. Und ich fuͤhl es, ach ich fuͤhl es, daß sie mich so ganz unaussprechlich liebt! Was das fuͤr eine Empfindung ist, und wie es mein Wesen in vollen Schlaͤgen durchkreuzt, kann kann Niemand fassen, als wer selbst in Feuer und Flammen unter einem solchen schrecklichen Gewitter gestanden hat. Das erstemal, als wir unsre Seelen verei- nigten, geschah in der Nacht auf den Raub, zwi- schen Gebuͤsch und Gestraͤuch, unter den ewigen Lichtern des Himmels, auf dem Gipfel des Mon- te Mario . O Gott, wie war ich da in Reiz versunken und verloren! Ach, wenn es ein Le- ben gibt, das so unaufhoͤrlich fortdauert, in wel- cher Tiefe von Elend winden wir uns herum! Sie riß sich allzubald mit heißen Kuͤssen los, da- mit ihre Abwesenheit vom Ball, den ein Prinz ihret wegen auf der Villa Melini gab, nicht be- merkt wuͤrde; und ich wandelte außer mir, nicht mehr derselbe, noch lange zwischen den Baͤumen herum, that Freudenspruͤnge wie ein Knabe, und jauchzte vor unfaßbarem Entzuͤcken hinab in die Thaͤler des Tyberstroms, daß alle Huͤgel wiederhallten. Du Du solltest sie sehen! eine erhabne Gestalt, die das Auslesen hat; bey Luͤsternheit sproͤdes Wesen. Ein froh und edel wolluͤstiger Gesicht gibts nicht. Mit Adleraugen schaut sie umher, und bezauberndem, doch nicht lockendem Munde. Das stolze Gewaͤchs ihres schlanken Leibes schwillt unterm Gewand so reizend hinab, daß man dieses vor Wuth gleich wegreißen moͤchte; und die Bruͤste draͤngen sich heiß und uͤppig her- vor, wie aufgehende Fruͤhlingssonnen. Wan- gen und Kinn sind in frischer Bluͤthe, und bil- den das entzuͤckendste Oval, woraus das Licht der Liebe glaͤnzt. O wie die braunen Locken im Tanze bacchantisch wallten, der himmlische Blick nach der Musik und Bewegung in Suͤßigkeit schwamm, die netten Beine in jugendlicher Kraft sich hoben, wie schnelle Blitze verschwan- den und wiederkamen! Doch warum beginn ich ein unmoͤgliches Unternehmen! Der genießt das hoͤchste Loos des Daseyns, den ihre zarten Arme wie wie Reben umflechten; mehr hat kein Koͤnig und kein Gott. Ach, und sie ist mehr Wunder der Natur noch am Geiste! eine Kreatur, woruͤber ich zum erstenmal mit geheimen Ingrimm rase, daß sie so vortreflich ist. O laß mich! ruf ich zuweilen fuͤr mich in Verzweiflung aus; doch muß ich dem unbaͤndigen Zuge folgen, und unterliegen. Ich habe nie geglaubt, daß eine Dirne der Art mich in Ketten und Banden legen wuͤrde, und tobe uͤber mich selbst; aber Niemand weiß, was ihm bevorsteht. Ich will dir gleich den falschen Wahn be- nehmen, der bey dir aufsteigen wird. Sie ist reich, besitzt ein unmaͤßiges Vermoͤgen, und hat weder Vater, Mutter, noch Geschwister. Ihr Vater war der Sohn eines paͤbstlichen Neffen, und sie ist nun allein geblieben. Wie um sie geworben wird, kannst du dir leicht vor- stel- stellen; aber sie will ihre Freyheit behaupten und sich platterdings nicht vermaͤhlen. Kurz darauf bracht ich bequemer und freyer eine ganze Nacht mit ihr zu in ihrem Schlafge- mach, bis Morgenroth und Sonne die Blumen ihrer Schoͤnheit bestrahlten, und ich so ganz in ungestoͤrtem Genusse mein Daseyn mit allen Sinnen darinnen wiegte. Welche Reden! wel- che Gefuͤhle! wie schwand die Zeit dahin; wel- cher suͤße Scherz, was fuͤr Muthwill, was fuͤr Spiel, kindlich und himmlisch! Trunken und lechzend taumelt ich von dannen. Wohl recht hatte jener Weise: wenn man die Wollust dem Leben abzieht, so bleibt nichts als der Tod uͤbrig. Sie hat so ganz das, was Sappho bey Weibern allein Grazie nennt, das Liebreizende, was so oft den schoͤnsten und verstaͤndigsten fehlt. Diese versteht die Kunst zu lieben, und kennt die Wirklichkeit der Sache mit allen ihren Mannich- faltigkeiten; sie ist eine Virtuosin darin, und andre andre wissen dagegen kaum die Anfangsgruͤnde. Bey ihr koͤnnte Sokrates mit allem seinem un- endlichen Verstande noch in die Schule gehen; Natur selbst uͤbersteigt alle Einbildung. O wie sie so bloß als erquickende Frucht an einem haͤngt, als volle suͤße Traube, woran man mit durstigen Zuͤgen saugt: und dann wieder bezaubernde un- uͤberwindliche Tyrannin ist des Herzens und des Geistes! Sicher bey ihrer Vollkommenheit be- darf sie die Zierereyen der andern nicht. Die Grausame begnuͤgt sich, gleich der Spinne nicht an einer Seele, und verlangt nicht, wie sie sagt, gegen die Unmoͤglichkeit zu streben; o ich moͤchte thoͤricht werden! „Laß uns aufrichtig seyn!“ sprach sie an einem andern Abend im Spazierengehen nach Saitenspiel und Gesang bey meinen Liebkosungen und Klagen der Eifersucht. „Jedes muß sich selbst am besten der Kraͤfte zu seiner Gluͤckseeligkeit bedienen, womit es auf diese diese Welt ausgesteuert worden ist, und der Lage und Sphaͤre, wohinein es bey seiner Geburt ge- setzt wurde. Dieß hebt den Menschen uͤber Menschen; und macht einen weit groͤßern Un- terschied zwischen den Graden ihres Genusses, als zum Exempel zwischen den verschiednen Wei- nen und ihrem Geschmack ist, wo man nicht glauben sollte, daß sie alle von derselben Rebe herkaͤmen. So waͤren die Koͤnige Halbgoͤtter, und Loͤwen unter Rindern, wenn sie ihre Stelle zu gebrauchen wuͤßten Hieron beym Xenophon spricht daruͤber anders aus Erfahrung. .“ „Ein Frauenzimmer ist unklug, das mit einer Gestalt, die gefaͤllt, erwuchs, und Ver- moͤgen besitzt, wenn es sich das unaufloͤsliche Joch der Ehe aufbinden laͤßt. Eine Goͤttin bleibt es, unverheurathet, Herr von sich selbst, und hat die Wahl von jedem wackern Manne, auf auf so lange sie will. Es lebt in Gesellschaft mit den verstaͤndigsten, schoͤnsten, witzigsten, und sinnreichsten; erzieht seine Kinder mit Lust, als freywillige Kinder der Liebe; erhoͤht sich zum Manne: da es hingegen im Ehestande wie eine Sklavin weggefangen worden waͤre, nichts mehr vermoͤchte nach Gesetz und Gewohnheit, und sich endlich von dem kleinen Sultan selbst, wel- chem es sich aufgeopfert haͤtte, verachtet sehen muͤßte; ohn einem andern Vortreflichen seine Hochachtung wirklich auf eine seelenhafte Art, nicht bloß mit Tand und Worten, erkennen geben zu duͤrfen.“ „Ich werde dieß einem Prospero nicht weiter auseinander zu setzen brauchen; und fer- ner nicht, ob das Wohl des Staats oder Gan- zen dadurch gewinnt oder verliert. Die etwa- nige Suͤnde kann man sich ja vergeben las- sen! und eigentlich ist es bey uns nicht ein- mal eine gegen das sechste Gebot: sonst wuͤr- Ardinghello 2ter B. D den den diese Lebensart fromme Regierungen nicht gestatten.“ „Was die Eifersucht betrift: so ist sie ge- wiß, wenigstens auf eurer Seite, eine unnatuͤr- liche Leidenschaft, und entsteht ganz allein aus armseeliger Schwaͤche, Mangel, oder Vorur- theil; Bruͤder und Helden, jeder werth ein Mann zu seyn, sollten sich eine Freude daraus machen, ein schoͤnes Weib gemeinschaftlich zu lieben. Der geringste Genuß wird durch An- theilnehmung mehrerer verstaͤrkt, und gewinnt dadurch erst seinen vollen Gehalt: warum sollt es nicht so seyn bey dem groͤßten? Und ist eine junge Schoͤnheit nicht im Stande ihrer viele zu vergnuͤgen? Verliert der eine etwas, wenn der andre auch von der Quelle trinkt, woran er schon seinen Durst geloͤscht hat? In einer guten buͤrgerlichen Gesellschaft sollte platterdings auch gesellschaftliche Liebe und Freundlichkeit seyn; allein wir koͤnnen uns von dem Krebsschaden der Vor- Vorurtheile vieler Jahrtausende noch nicht hei- len. Eins und eins ist warlich nicht viel mehr als einsiedlerisch und gegen die Natur; sie be- hauptet deßwegen auch immer ihre Rechte, wie jeder weiß, der nicht ganz blind ist. Bey der großen Mannichfaltigkeit waͤr es Unsinn, jeder- zeit von bloßem Brod zu leben. Jeder Mensch existirt fuͤr sich, und in keinem andern; wenn dieß die Natur gewollt haͤtte: so waͤren wir zu- sammengewachsen. Und gehts nicht so unter al- len andern Gattungen von Thieren, Gras und Kraut und Baͤumen? Jedes vereinigt sich mit dem andern nach Gelegenheit. O ihr Armseeli- gen, die ihr keinen Begriff von Leben und Frey- heit habt und Großheit des Charakters! Daß dieß die reine wahre Lust ist, mit seiner ganzen Person, so wie man ist, wie ein Element goͤtt- lich einzig unzerstoͤrbar, lauter Gefuͤhl und Geist, gleich einem Tropfen im Ocean durch das Meer der Wesen zu rollen, alles Vollkommne zu ge- D 2 nie- nießen, und von allem vollkommen genossen zu werden, ohne auf demselben Flecke kleben zu bleiben. So bald etwas ganz genossen ist, weg davon! Dieß ist das allgemeinste Gesetz der Natur, wodurch sie sich ewig lebendig und un- sterblich erhaͤlt.“ Ich erschrack und erstaunte uͤber diesen Pin- darischen Schwung; so weit hatt ich meine Phi- losophie noch nicht getrieben. Was lernt man nicht in Rom? es bleibt gewiß in jeder Ruͤcksicht die Hauptstadt der Welt. Ich sah sie an, wie ein junges Arabisches Roß, das nie Zuͤgel und Gebiß erfahren, mit flatternden Maͤhnen durch die Fluren schweift und mit uͤppiger Kraft uͤber alle Hecken und Graͤben setzt. Sie laͤchelte uͤber meine Verwunderung, milderte ihren feurigen kuͤhnen Adlerblick, faßte mich zaͤrtlich bey der Hand, und fuhr fort: „Wenn man mit euch Weisen spricht: so muß man wie Zeno und Plato reden, und sich dem dem Hoͤchsten naͤhern; sonst habt ihr nur Mit- leiden mit uns Schwachen. Glaube nicht, daß mein Herz aus mir sprach; es waren nur Ab- stractionen kalter Vernunft, und leichte Fluͤge muthwilliger Phantasie, dich zu necken und zu warnen. O du bist mein Abgott, ich werde dich immer lieben, so lange du mir getreu bleibst; und habe keine Furcht vor einem andern, so lan- ge du es seyn wirst. Kennst du etwa einen, der so viel uͤber mich vermoͤchte, als du? so viel uͤber mich vermocht haͤtte? Nur schweig und verbirg, und laß uns unsre Gluͤckseeligkeit im Stillen genießen; denn du siehst, ich bin von Feinden umringt, die mich und meine Guͤter zur Beute machen wollen.“ Alles dieß ist Schatten und nichts schier ge- gen das, was und wie sie es gesagt hat, mit ei- ner Leichtfertigkeit, und einem Spiel von Mie- nen und Gebehrden, und Pausen und Fragen und Antworten und Erroͤthungen und Wegwen- D 3 dun- dungen des Gesichts, und als ob ihr manches nur entschluͤpfte, daß ich mich schaͤme, es hinge- schrieben zu haben. Doch mag der bloße Inhalt allein deiner Moral, wenn du noch die alte hast, genug zu schaffen geben; ich wenigstens bin mit meinem Latein am Ende, und denke keine Span- ne weiter mehr daruͤber hinaus von den Wonne- strudeln des Paradiesischen Lebens bey meiner Zauberin ergriffen und festgehalten. Nach diesem sonderbaren Liebesgespraͤch ist noch sonderbarer, daß sie keiner Ausschweiffun- gen beschuldigt wird, und alle Abbati nichts wissen, die sich an ihr blind schauen. Sie haͤlt sich eingezogen in ihrem Pallast auf, wenn sie sich nicht auf ihren Landguͤtern befindet, und hat eine alte Base bey sich; und so fuͤhrt sie die Wirthschaft mit ihren Kammerweibern und Be- dienten. Sie weiß sich so von jedem Ehrerbie- tung und Gehorsam zu verschaffen, daß sie kei- nes Mannes dazu bedarf, und ihr alter Vor- mund, mund, den sie noch erbt, gute Muße hat. Ent- weder ihr Vater oder ihre Mutter muͤssen außer- ordentliche Menschen gewesen seyn: sonst kann ich es nicht begreiffen. Beyde sind erst vor we- nig Jahren nach einander gestorben. Etwas von dem Raͤthsel kann dir noch das erste Gespraͤch aufschließen, wodurch ich mit ihr bekannt wurde, welches wir zusammen in einer Gesellschaft hielten, wohin ich kurz nach meiner Ankunft den Kardinal begleitete. Es betraf die drey großen Lichter der welschen Litteratur, den Dante, Petrarca, und Boccaccio. Von dem letztern behauptete sie, daß er am mehrsten Mensch und der kluͤgste, und, gegen die gewoͤhn- liche Meinung, am mehrsten Dichter gewesen waͤre. Aus seinen Novellen allein leuchte un- endlich mehr Erfindungsgeist hervor, als in den Werken der beyden andern; und dieß bestimme doch hauptsaͤchlich den Rang der Dichter. Vers und Reim sey nur Verzierung, wie Licht und D 4 Schat- Schatten bey der Mahlerey, und nicht das We- sentliche. Und auch in Charakter und Sprache duͤrfe man ihn den guten Klassikern an die Seite setzen. Ich wand ihr dagegen verschiednes ein, und scherzte uͤber ihre Vertheidigung dieses gefaͤhrli- chen weiblichen Moralisten. Sie zog sich mit unbeschreiblicher Anmuth und lichtem Witz aus der Schlinge; und beschloß, er habe die Sit- ten seiner Zeit geschildert, und es gehoͤre zur Vollkommenheit von Held und Heldin, alle Wege und Abwege eines Landes zu kennen; und es habe noch Niemand zum Vorwurf ge- reicht, durch andrer Schaden klug zu werden. „Ich betrachte die Komoͤdie des Dante, fuͤgte sie ernsthaft hinzu, eigentlich nur als eine Satyre uͤber seine Feinde. Uebrigens war er ein Mann wie ein Fels, welches auch seine Gestalt zeigt, voll hohen Ehrgeitzes. Der letztere hat ihn ver- muthlich zu seiner unverstaͤndlichen Theologie und und Philosophie verleitet; er wollte uͤber die be- ruͤhmtesten Personen seines Zeitalters hervorra- gen. Wenn er Kraft genug gehabt haͤtte, die Modemaͤnner zu verachten, und einen bessern Plan zu seinem Gedichte waͤhlte, als ein so go- thisches Gewirr: so waͤr er vielleicht eine neue Art Homer fuͤr uns. Er hat Staͤrke, Feuer, tiefes Gefuͤhl, Einbildung und maͤnnliche Wuͤrde. Die Schicksale nach seiner Verbannung ließen ihm nicht Ruhe und Heiterkeit genug.“ „Petrarca geht zu viel in der Luft; doch entzuͤckt nicht selten lauter und rein sein himmli- scher Geist, in guter Gesellschaft gebildet. Al- lein Boccaccio hat am mehrsten Natur, und war am mehrsten unter seinen Menschen: und hat deßwegen auch am mehrsten gewirkt. Was an ihm zu tadeln ist, muß man billig auf Rechnung seines Zeitalters setzen.“ Ich wuͤrde einen Mann wegen dieser Ur- theile nicht bewundert haben; aber sie bezauber- D 5 ten ten mich von so schoͤnen aus zwey Perlenreihen Zaͤhnen hervor. Was fuͤr innrer Gehalt gehoͤrte nicht dazu, dieselben in Beyseyn eines Kardinals auszusprechen! Es ist ein Gluͤck fuͤr mich, daß ich sie so fand; mit ihr haͤtt ich die Thorheit begehen koͤn- nen zu heurathen, und alle meine brennenden Begierden und Hofnungen in ihrer Liebe daͤm- pfen zu wollen. Bey den Grundsaͤtzen, die sie wenigstens auszudenken im Stande war, wenn sie dieselben auch nicht ausuͤben sollte, wuͤrde mir dieses eine ersprießliche Ehe geworden seyn! Inzwischen ist wieder wahr, mit Verstand kann man alles anfangen; sie wuͤrd es schon so ge- macht haben, daß auf beyden Seiten nichts boͤ- ses erfolgt waͤre. Jedoch nur der fernste Gedan- ke, in einen gewissen Orden hinein zu gerathen, treibt mich auf und von dannen. Aber ich weiß selbst nicht recht, woran ich bin, und die Heillose foppt mich. Noch einen Haupt- Hauptpunkt hab ich vergessen, dir zu erzehlen: sie macht und singt aus dem Stegreif vortrefliche Verse, mit einer so tonvollen silbernen Stimme, daß sie alle Augenblick eine Muse auf dem Par- naß, oder eine Sirene in den Fluthen vorstellen kann. Dieß bringt zwischen uns große Ergoͤtz- lichkeit hervor in Einsamkeit und Gesellschaft; und sie sagt im Scherz, wir waͤren so fuͤr einan- der geschaffen, um die erste Ehe stiften zu koͤn- nen, wenn nicht schon ein ander Paar den Fluch aller Ungluͤcklichen, die an diesem Joche ziehn, auf sich geladen haͤtte. Ach, wer weiß, wie dieß enden wird! Mir ist so warm in der Brust, daß michs wie auf einem Punkt brennt, und dabey zuweilen bange. Eine Gluth scheint mein innerstes Leben anzugreiffen und davon zu zehren; ich gehe her- um wie ein Thier, das an einem Schusse blutet. In Augenblicken fahr ich vor Schrecken zusam- men, wie ein junges Rind, dem der Loͤwe bruͤllt. Ich Ich habe meine Freyheit verloren, und kann mich nicht ermannen. Aber wenn ich meine Kraͤfte anspanne, kann ich noch einen Strick zerreißen. Ist sie eine Semiramis, daß ich weit und breit vor ihr in Suͤden und Norden keine Freystatt finde! Gott im Himmel, daß sie so allen Reiz haben muß, wornach mir je geluͤstete! Sie hat einen Blitz in den Augen, womit sie alles niederschmettert. Doch was rase ich? bin ich nicht gluͤcklich, emporgehoben zu den Sternen? Der Wahnsinn muß dir in deiner Lage gefallen. Ich sitze noch im Vatikan, weil ich hier am bequemsten zu ihr komme. Von der Villa Me- dicis ist es zu weit, und ich befuͤrchte, man moͤchte uͤber mein Ausbleiben Verdacht schoͤpfen, und mich beobachten. Der Kardinal ist ein Schalk; o ich merke, daß er seinen Bogen auch auf dieses Ziel spannt, und seinen Pfeil dahin richtet. Mein Mein Petrus ist eine junge huͤbsche Mohrin vom Senegal, die noch wenig Italiaͤnisch versteht. Fiordimona haͤlt sie so in der Zucht, daß sie bey der geringsten Untreue befuͤrchten muß, auf der Stelle niedergestoßen zu werden. Die noch immer schoͤnen und heitern Mor- gen bring ich im Belvedere zu, laͤsterlich! bloß um mich zu zerstreuen, und auf andre Gedanken zu kommen. Aber Apollonios und Agesander verstehen ihre Kunst doch auch so, daß sie mich allemal fruͤh oder spaͤt mit ihrer Schoͤnheit und Wahrheit an sich locken und einnehmen. O wie erhebt dieß meinen Geist, daß er solche Bruͤder hat! Wir sind ewig, unsterblich, bewegen uns selbst, und schaffen; nichts kann uns Schran- ken setzen! Die Materie, die meinen freyen Vogelflug hemmt, werf ich ab, so bald ich will. Ich bin fuͤr heut ins Schwaͤrmen hineinge- rathen; Morgen mehr. Rom, Rom, Dezember. N ach einigen Tagen Scirocco, der Regen in Wolkenbruͤchen ergoß, hat sich heute wieder eine klare Tramontana eingestellt; Huͤgel und Thaͤ- ler und Gebirge schweben weit und breit in lau- ter erquickendem Himmel, und ein leichter Aether hebt von der Erd’ empor und von dan- nen. Dieß sind meine letzten Stunden im Va- tikan; ich will, ich muß nun scheiden. Ach, scheiden von der Kunst uͤberhaupt! sie ist meine Bestimmung nicht; ich habe mich nur jugend- lich getaͤuscht. Nach dem geheimen Gefuͤhl, daß der Endzweck aller Existenz ist, gut zu seyn, und Schoͤnheit zu genießen; und daß Gott selbst keine andre Gluͤckseeligkeit habe: waͤhnt ich, am ersten meine Beruhigung in der Mahlerey zu finden; und arbeitete mich herum mit Traum und Schatten. Mein Herz und Geist trachtet nach einer kraͤftigern Nahrung, und findet diese allein allein in der lebendigen Natur und Gesellschaft der Menschen; in wirklichem Kampf und Krieg, und Liebe und Friede mit denselben. Wir sind die Quintessenz der Schoͤpfung fuͤr einander; allein unsre Freunde und Feinde, und einer des andern Beute; sind fuͤr einander die hoͤchste Sphaͤre zu handeln. Aber ach, Scheiden ist der eigentliche Tod, vor dem die Natur schaudert! mein Leben blutet, und ich kann mich noch nicht ganz los reißen. Waͤr ich Kuͤnstler und Mitgenoß einer alten Re- publik: so koͤnnt ich vielleicht ausharren, bis mich der Schlangenstrom der Ewigkeit wieder in seine klare Fluth aufnimmt; oder als neuen Schaum an ein ander Ufer im Weltall setzt. Goldne Zeiten von Athen, wo seyd ihr hin? werd ich keinen Schatten von euch auf diesem Erdenrunde wieder finden? Doch, was sag ich, Mitgenoß einer alten Republik? Haͤtt Haͤtt ich in dem glaͤnzenden Zeitalter gelebt, worin Sokrates aufwuchs: so haͤtt ich meine Mahlerey gewiß noch eher als er seine Bildhaue- rey verlassen, und sie waͤre nicht einmal Spiel fuͤr mich gewesen. Plutarch lallte freylich kin- disch, wie manches, nach, in ganz andern Um- staͤnden: „ welcher gutartige Juͤngling wird Phidias oder Polyklet seyn wollen !“ Noch brennt mich der Pfeil, den mir Demetri tief ins Leben abdruͤckte. Nach der Schlacht bey Plataia bis in den Peloponnesischen Krieg hinein war Athen ein halbes Jahrhundert das Rom von Griechen- land; jeder Buͤrger uͤber die Inseln und Klein- asien schien Fuͤrst und Herr, und alle Kunst ihm unanstaͤndig, die nicht zum Helden und Staats- mann bildete. Ueberhaupt aber hatte schon vorher Solon mit seinen Fuͤnfhundertschefflern, Reitern, und Halbreitern , und s. f., obgleich von der Lage Lage der Sachen vielleicht dazu genoͤthigt, doch aͤrgerliches Maaß und Gewicht fuͤr das Verdienst eingefuͤhrt: jeder war unedel, der nicht von sei- nen Renten lebte, er mochte mit goͤttlicher Wis- senschaft und Kunst sich seinen Unterhalt er- werben. Die erhabnen Sieger uͤber den großen Koͤ- nig hatten Recht, sich diesen verwuͤnschten Maaßstab vom Halse zu schaffen; waͤre hernach nur ihr Senat und Areopag bey seiner Wuͤrde geblieben. Doch ich will hiervon nichts weiter reden; Lukian hat es, mit dem treffendsten Wi- tze in seinem Meisterstuͤcke, dem Zevs Tragikos , genug laͤcherlich gemacht. Der Lehrer des Weltbezwingers wies als- denn nach der reinen Vernunft den Kuͤnsten im Staat ihren Rang an; und sagt: alle Kunst ist unedel, die Leib und Seele der Gewandtheit beraubt, sich frey zu regen und zu bewe- gen; folglich jede, wobey man sitzen, oder Ardinghello 2ter B. E in in einer gezwungnen Stellung und Lage seyn muß. Die bildenden Kuͤnste moͤchten freylich nach dieser Regel uͤbel wegkommen, besonders die Mahlerey, wenn die Arbeit dabey, wie Michel Angelo behauptet, Kinder- und Weibermaͤßig ist. Jedoch auch selbst die Philosophie: wenn man so viel lesen und schreiben muͤßte, als der Sta- girit gelesen und geschrieben hat; und noch mehr, um so weit Freyheit der Seele die des Leibes uͤbersteigt, die ehrwuͤrdigsten Aemter. Mein Nachbar hier mit seiner dreyfachen Krone waͤre der Hauptsklav; gebunden wie ein Wickelkind, der alle Welt loͤst! Aber das beste ist, man weiß sich bey die- sem allen schon schadlos zu halten, und versteht dieß nur auf wenige Tage und Stunden. Uebrigens hatten die Griechen darin Recht, daß derjenige sich zum Handwerker erniedrigt, welcher seine Kunst des bloßen Gewinnsts wegen eines eines andern beliebigen Befehlen unterwirft. Das Werk behaͤlt hingegen auch wieder immer seinen Rang; und eine Venus von Tizian bleibt auf alle Weise eine Venus von Tizian, und ge- raͤth nie an Werth von Erfindung und Arbeit unter die Hosen und Stiefeln von Schustern und Schneidern. Selbst die Gesetze der hohen Ehre sollen die Kunst nicht zu streng und gewalt- sam fesseln; keiner ist gleich am Ziele! jeder hilft sich fort nach den Umstaͤnden, bis er dahin gelangt, und einigermaßen herrscht unter wenig aͤchtem Gefuͤhl und einem Haufen Wahn und Mode. Fuͤr jetzt nur noch einige Zeilen als geringe Spuren eines gluͤcklichen Aufenthalts in dem wahrhaftigen Belvedere von innen und außen. Wehmuͤthig muß man zwar das Haͤufchen Ruinen betrachten, wenn man an die unzaͤhlba- ren Schaͤtze des Alterthums denkt: an die hun- dert metallne Kolossen der Insel Rhodos allein, E 2 oder oder die manchen hundert Meisterstuͤcke von Ly- sipp; geschweige die Voͤlkerschaften von Statuen zu Delphi und Elis, die Pracht und Herrlichkeit von Athen, Korinth, Gnid, Ephesos. Ein Grieche vor den Roͤmischen Raͤubereyen wuͤrde die heutigen Antiken insgesamt gleichsam anse- hen, wie ein Lucull, von der Tafel aufgestanden, ein paar verschimmelte Brocken aus eines Bett- lers Sack. Und doch schlagen sie allen unsern Stolz nieder, und zeigen uns deutlicher unsre Barbarey, als irgend etwas, was uͤbrig geblie- ben ist. Man begreift nicht wohl, wo die Alten die Kosten nur der Materie hernahmen, binnen so kurzer Zeit eine so große Menge von Kunstwer- ken aufzustellen: da heut zu Tag nicht die groͤßte Monarchie zu leisten im Stand ist, was zum Beyspiel in dem kleinen Sizilien nur das Sand- korn, das kaum bemerkbare Girgent , that. Die Verwunderung des Xenophon, in den bluͤhend- sten sten Zeiten der Kunst, und wo die Griechen schon selbst von ihrer strengen Lebensart sehr ab- gewichen waren, uͤber die Schwelgerey der Per- ser, daß sie ihre Schlafzimmer mit Tapeten be- legten Kyropaͤdie 8 B. 8 K. , damit der unnachgiebige Boden nicht zu hart gegen ihre weichlichen Fuͤße anstrebte, kann uns einigermaßen den Schluͤssel dazu ver- leyhen. Hohe Selbststaͤndigkeit des Menschen, Vergnuͤgen des Herzens, und Freude des Gei- stes an Wahrheit und Schoͤnheit ging aller leeren Pracht vor; die Staͤrke scheute den Kitzel erschlaffter Sinnen . Und die kleinste Re- publik , wo zu gemeinschaftlicher Lust jeder so denkt und fuͤr seine Person sich abbricht, kann Berge versetzen, und eine andre Natur schaffen. So glaͤnzt jedoch, zur Ehre unsrer Reli- gion sey es gesagt, die noch das einzige allgemei- E 3 ne ne Band ist, ohne weitere Vergleichung mit den Alten, auch jetzt manches aͤrmliche Staͤdt- chen in Italien mit einem himmlischen Bilde von Raphael oder Correggio wie ein Stern her- vor gegen ungeheure Reiche in Norden, naͤcht- liche Wuͤsten, wo keine Schoͤnheit erscheint. Lysipp, der wie Apelles in seiner Art den hoͤchsten Gipfel der Kunst erreichte, goß alle sei- ne Bilder aus Erz: weil der Gesang der entzuͤ- ckendste, wo die Musik und die Poesie die vollkommenste ist, wo man die Sprache nicht merkt; und so geht es oft in den bildenden Kuͤnsten mit der Arbeit und der Materie, dem Zeichen. In den feyerlichen Werken des Phidias und Polyklet von Gold und Elphenbein erscheint die Kunst noch wie eine geschmuͤckte unreife Jungfrau: in denen des Praxiteles und Lysipp wie eine Phryne aus dem Bad hervor, alles fremde verdunkelnde abgeworfen, in lebendiger Voll- Vollkommenheit. Sie wollten die Formen, das Wirksame nur, gleichsam in die Seelen zau- bern, das Wesentliche, schier unsichtbar dabey wie die Goͤtter; und verbannten alle Pracht, die das Auge abzieht und den Geist daͤmpft. So gebrauchten die großen Mahler dieser Zeit nur die nothwendigsten Farben; und gleiche Bewandtniß hat es mit den Reden des Demo- sthenes, der weit von dem nicht selten eitlen Wortschwall des Cicero entfernt ist. Und so findet man beym Sophokles und Euripides, die fruͤher zur reinen Schoͤnheit gelangten, aͤu- ßerst wenig oder nichts von dem Spanischen Pomp. Uns ist von den Meistern, welche die Kunst auf eine hoͤhere Stufe setzten, namentlich nichts uͤbrig. Das meiste sind Bilder und Kopien von Lehrlingen, die man auf die Gipfel der Tempel und Pallaͤste zu Rom und von dessen Landhaͤu- sern stellte, welche mit der Zeit und in dem Ge- E 4 tuͤm- tuͤmmel des Kriegs und der Barbarey herunter- stuͤrzten, zerschmettert und im Schutt der ver- wuͤsteten Gebaͤude begraben wurden. Nach lan- gen Jahrhunderten graͤßlicher Nacht, die in die- sen Gegenden die Menschheit benebelte, hat man, wie nach Gold- und Silberminen, die Wuͤnschelruthe wieder auf sie angelegt. Die Kleinodien aber sind fast alle gleich zu Anfange weggefuͤhrt worden, in Schiffbruͤchen und auf ihrem urspruͤnglichen Boden in Griechenland selbst in mancherley Zerstoͤrungen verschwunden. Und doch haben wir daran genug, um wenig- stens den Geschmack zu bekommen; wie an etli- chen, obgleich nicht den besten, Flaschen Rest Lacrima Christi und andrer koͤstlichen Getraͤnke von in Erdbeben untergegangnen Weinla- gern. Die Sache hat folgende Bewandtniß. Die alte Kunst theilte sich in besondre Klas- sen von Schoͤnheiten, und die großen Meister beei- beeiferten sich, das Ideal von jeder vollkommen darzustellen. Wenn nun einmal das Hoͤchste da war: so blieb den andern nichts uͤbrig, als ein aͤhnliches nachzumachen, wenn sie in dieser Klas- se arbeiten sollten. Man kann sagen: Phidias hat das Problem vom Jupiter aufgeloͤst; und sein Bild davon genoß allgemeine Verehrung an dem beruͤhmtesten Schauplatz. So gieng es mit der Venus des Praxireles und Apelles, den be- ruͤhmten Apollen, Merkuren, Junonen, Mi- nerven, Amazonen; die andern mußten ihren Weg einschlagen, oder wurden nicht verstanden oder geachtet, wenn sie dieselben nicht uͤbertra- fen. Ein guter Kopf schaut auch durch schwache Nachahmungen der ersten erhabnen Maͤnner Gefuͤhl fuͤr Form und eigenthuͤmliche Schoͤn- heit jedes Ganzen. Der Torso, der Farnesische Herkules, der (borghesische) Fechter sind zum Beyspiel gewiß hohe Meisterstuͤcke; doch finden wir die Namen E 5 ihrer ihrer sich nennenden Arbeiter bey den Alten nicht aufgezeichnet. Warum? sie waren bloß Nach- ahmer des schon erfundnen, und brachten nichts neues hervor, um besondre Aufmerksamkeit zu erregen. Und so koͤnnen wir noch in Rom den Geist des Phidias, Polyklet und Praxiteles schauen, ohne etwas von ihnen selbst zu ha- ben. Freylich wuͤrde fuͤr den innigen Wollust- sinn noch ein großer Unterschied bey ihren Origi- nalen seyn. Die vier Statuen vom ersten Range der alten Kunst im Belvedere, und, nebst wenigen andern auf dem ganzen Erdboden, sind der Apollo, der Torso, Laokoon, und so genannte Antinous; nachdem der letztern doch einmal der ehrenruͤhrige Name von blinden Antiquaren auf- gehaͤngt ist. Man hat dieselben in Versen und Prosa bis zum Ekel beschrieben, ihre Gipsab- guͤsse wie Apostel zu Tuͤrken und Heiden ver- sandt, jeder neue Ankoͤmmling traͤgt Anmerkun- gen gen daruͤber in sein Tagebuch ein: und bey allen Predigern auf den Daͤchern sind wir schlimmer geworden; kein Leonhardt da Vinci, kein Mi- chel Angelo, kein Raphael ist mehr aufgestan- den. Anstatt das Licht zum Wegweiser zu waͤh- len, hat man sich die Augen daran verblendet. Das groͤßte Aufsehen hat der Laokoon ge- macht; weil Plinius noch mitten unter allen den hoͤchsten Meisterstuͤcken der Kunst davon meldet: er sey ein Werk, allen andern der Mah- lerey und Bildhauerkunst vorzuziehen; und man bey dem Alles-aus- und ab- und aufschreiber glauben duͤrfte, dieß sey nicht seine eigne Lieb- lingsmeinung, sondern die Stimme des damali- gen Roͤmischen Publikums gewesen. Einige voll von den Wundern des Phidias, Polyklet und Praxiteles gingen so weit, daß sie muthmaßten, der Laokoon moͤchte aus dem Zeit- alter des Geschichtschreibers der Natur selbst, und sein Lob ein gewoͤhnliches Gelehrtenkompliment seyn; seyn; allein der Augenschein zeigt jedem Er- fahrnen, daß die Gruppe aus der schoͤnsten Bluͤ- the der Kunst stammt. Sonderlinge wollten sie im Schwindel des Paradoxen, um vielleicht dem Vatikan wehe zu thun, jedoch gar zur bloßen Kopie machen, weil Plinius ferner sagt: die allervortreflichsten Kuͤnstler haͤtten nach gemeinschaftlich gepflognem Rathe den Laokoon, Kinder und Drachen, alles aus einem Block Marmor verfertigt; und sie bestehen offenbar aus zwey Stuͤcken, und wenn Agesander und seine Freunde nicht Zeit und Ar- beit vergebens verschwenden wollten, aus meh- rern, da der Sohn zur linken Seite sonst um einer Taschenspielerey willen unsinnige Muͤhe wuͤrde gekostet haben. Plinius sah vermuthlich die Gruppe aus einem niedrigen Standpunkt, und die Fugen waren versteckt, wie sie bey dem rechten Sohne noch sind, wenn man nicht hin- steigt; und es war schon in den alten Zeiten Mo- Mode, daß die Aufseher den Ankommenden Maͤhrchen wie Religion vorschwatzten; und der Geschichtschreiber hat in der Eile viel unglaub- lichre Fabeln sich aufbinden lassen, wenn er bey seiner Lebensart noch nicht recht ausgeschlafen hatte. Inzwischen will ich dem wackern Manne hier nicht zu Leibe gehn; er sagt sonst Dinge mit goͤttlichem Verstand, und zuweilen erhabne Poe- sie. Sein Werk ist wahrscheinlich der erste Zu- sammenraff des ungeheuern Ganzen, und die Wolkenbruͤche von Feuerasche aus dem Vesuv erstickten ihn, bevor er nur die zweyte Hand dar- an legte. Es ist wohl eine zu handgreifliche moralische Unmoͤglichkeit, daß ein Kuͤnstler, der so haͤtte arbeiten koͤnnen, einige der kraͤftigsten Jahre sei- nes Lebens mit bloßem Nachmachen ohne weitern Zweck sollte verschwendet haben; und daß die Kopie, gerade wo das Original stand, durch ein Wunder vom Himmel gefallen, und das Origi- nal nal dafuͤr verschwunden waͤre: um sich bey Eroͤr- terung dieses sylbenstecherischen Verdachts laͤnger zu verweilen. Man hat bis jetzt das Lob des Plinius ent- weder fuͤr bloß uͤbertrieben hingesagt gehalten, und sich unter den verlornen hoͤchsten Meisterstuͤ- cken der ersten Kuͤnstler vom Phidias an bis zum Lysipp ungleich vortreflichre Bilder vorgestellt, oder die Dichter haben nur den schoͤnen Ausdruck der Vaterliebe in der Gruppe angepriesen, und der große Haufe hat mit seinen Augen uͤberhaupt keinen rechten Endzweck aus der Vorstellung hohlen koͤnnen, und gedacht: es ist ungluͤcklich genug fuͤr uns, daß Loͤwen und Schlangen in der Welt sind, warum soll man einen guten Mann mit seinen Kindern noch damit in Mar- mor quaͤlen sehen? Es waͤr erfreulich, wenn man schon aus der Theorie der Kunst, und den bloßen Nach- richten beweisen koͤnnte, daß das Lob des Plinius ge- gerecht sey, auch ohne den Olympischen Jupiter vor sich zu haben. Und gewiß, wem zuerst die Idee von der Grup- pe des Laokoon in der Seele aufging, und wer in seinem Herzen, in seiner Hand Muth und Fertig- keit genug fuͤhlte, sie auszufuͤhren: der war zum Bildhauer gebohren, wie Sophokles zum Dich- ter. Man darf kein großer Psycholog seyn, um zu erkennen, daß das Ganze nur von einem Wesen stammt, und daß die zwey andern Trium- virn allein ihre Geschicklichkeit dazu herliehen. Die schoͤnsten Formen aller Art an der Doppelgattung des menschlichen Koͤrpers wa- ren von dem feinsten Gefuͤhl, dem heitersten griechischen Sinn in den manchen tausend Statuen schier erschoͤpft, als die Goͤtterkraft un- sers Geistes im Agesander noch den kuͤhnsten Flug begann, und alles uͤberschwebte. Der hohe Meister fand den herrlichsten Vorwurf zu seinem Kunstwerk in der griechischen Reli- Religion, und umgriff damit Himmel und Erde. Die Gruppe des Laokoon ist von derselben Gat- tung wie die der Niobe; nur athmet daraus mehr tragischer und bildender Geist. Lesen wir zuerst, was von seiner Geschichte aufgezeichnet steht im Hygin . „ Laokoon , erzehlt dieser, war ein Sohn des Akoͤtes , Bruders des Anchises , und Prie- ster des Apollo. Da er wider dessen Willen heurathete, und Kinder zeugte; und ihn alsdenn das Loos traf, daß er dem Neptun am Gestade opfern sollte: sandte Apollo bey der Gelegenheit von Tenedos her durch die Fluthen des Meers zwey Drachen, damit sie seine Soͤhne Anti- phas und Thymbraͤos umbraͤchten. Laokoon wollte denselben Huͤlfe leisten; wurde aber selbst umflochten und getoͤdtet. Welches die Phry- gier deßwegen geschehen zu seyn glaubten, weil er einen Spieß in das Trojanische Pferd warf.“ Ser- Servius gibt jedoch die bessere Erklaͤrung, und sagt: es sey deßwegen geschehen, weil er seine Frau aus Unenthaltsamkeit im Tempel des Apollo beschlafen habe. Das Ganze vom Laokoon zeigt einen Men- schen, der gestraft wird, und den endlich der Arm goͤttlicher Gerechtigkeit erreicht hat; er sinkt in die Nacht des Todes unter dem schrecklichen Gerichte, und um seine Lippen herum liegt noch Erkenntniß seiner Suͤnden. Ueber dem rechten Auge und dem weggezuckten Blick aus beyden ist der hoͤchste Ausdruck des Schmerzens. Sein ganzer Koͤrper zittert und bebt und brennt schwel- lend unter dem folternden toͤdtenden Gifte, das wie ein Quell sich verbreitet. Seine Gesichtsbildung mit dem schoͤnen ge- kraͤuselten Barte ist voͤllig griechisch, und aus dem taͤglichen Umgange von einem tiefschauenden Menschen weggefuͤhlt, und druͤckt einen gescheid- ten Mann aus, der wenig ander Gesetz, als Ardingbello 2ter B. F sei- seinen Vortheil und sein Vergnuͤgen achtet, und der dazu den besten Stand in der buͤrgerlichen Gesellschaft gewaͤhlt hat; voll Kraft und Staͤrke des Leibes und der Seele. Die zwey Buben werden mit umgebracht, als Sprossen vom alten Stamme; das ganze Geschlecht von ihm wird vertilgt. Es leidet ein maͤchtiger Feind und Rebell der Gesellschaft und der Goͤtter; und man schau- dert mit einem frohen Weh bey dem fuͤrchterli- chen Untergange des herrlichen Verbrechers. Die Schlangen vollziehen den Befehl des Obern feyerlich und naturgroß in ihrer Art, wie Erd- beben die Laͤnder verwuͤsten. Das Fleisch ist wunderbar lebendig und schoͤn; alle Muskeln gehn aus dem Innern her- vor, wie Wogen im Meere bey einem Sturm. Er hat ausgeschrien, und ist im Begriffe, wie- der Athem zu hohlen. Der rechte Sohn ist hin, der linke wird der Weile fest gehalten, und die Dra- Drachen werden bald hernach mit ihm vollends kurzen Prozeß machen. Selbst die Schaamtheile des Alten richten sich empor von der allgemeinen Anspannung, Hodensack und Glied zusammengezogen; und Hand und Fuß ist im Krampfe. Die linke Seite mag wohl zum hoͤchsten gehoͤren, was die Kunst je hervorgebracht hat. Die Soͤhne haben gerade so viel Ausdruck, als ihnen gebuͤhrt. Der eine ist im Sterben wie todt schon; und der andre leidet noch nicht an Gift und Wunde, und entsetzt sich bloß. Der Vater zieht alle Aufmerksamkeit auf sich. Der Gruppe fehlt ein Haupttheil, der rech- te Arm des Laokoon. Michel Angelo wollte den- selben ansetzen, hatte schon das Modell dazu ge- macht, und angefangen, ihn in Marmor aus- zuhauen; aber welcher andre will sich in das le- bendige warme Fleisch und die ganze Natur hin- einfuͤhlen? Er war so bescheiden, und verwarf F 2 seine seine Arbeit. Es ist Jammerschade, daß der al- te Arm verloren gegangen ist, wegen des Zugs der einen Schlange, und weil Laokoon damit seine staͤrkste Kraft muß geaͤußert haben. Diese flog mit grimmigem Satz rechts her Die Seiten sind hier und uͤberall immer nach dem Bilde genommen. von oben herein, umflocht den aufgehob- nen Arm, der sie abhalten wollte, schwingt sich geschwollen um den Ruͤcken herum, an der Seite uͤber dessen linken, und um den rechten Arm des aͤltern noch lebendigen Sohns beym Ellenbo- gen, windet sich um den obern Arm, und schlingt sich dann um den untern wieder, und macht einen schrecklichen Knoten darum her, schießt nach der linken Huͤfte des Vaters mit dem Kopfe, der sie mit maͤchtiger Faust am Hal- se noch ergriff, und setzt moͤrderlich den Zahn ein. Alles Straͤuben, alle Rettung ist verge- bens, bens, und hoͤrt auf: es ist geschehen, die That vollzogen. Die andre Schlange faͤhrt linker Seite her von unten auf durch die Beine, kuppelt sie wie Raub und Beute zusammen, umschlingt dem Sohne rechts den linken Arm, und hinter dem Ruͤcken herum den andern, und setzt ihm den giftigen scharfen Zahn ein nach dem jungen Herzen. Der Vater sank auf den kleinen Altar zu- ruͤck, weil er sich nicht mehr halten konnte; der aͤltere Sohn linker Hand steht auf dem rechten Beine, und der andre mit dem linken Fuß auf den Zehen, und die Schlange haͤlt ihn oben an den Altar gelehnt noch aufrecht. Alle warfen die Gewaͤnder ab, zu entfliehen. Man mochte die Gruppe in den Zeiten, fuͤr welche sie bestimmt war, betrachten wie man woll- te: so mußte sie die staͤrkste Wirkung hervorbrin- gen; entweder als Naturtrauerspiel fuͤr das ganze F 3 mensch- menschliche Geschlecht: ein Vater, der bey Ret- tung seiner Kinder umkoͤmmt; oder als Strafe der Goͤtter. Und als Kunstwerk konnt ihr kein anders den Rang der ersten Klasse streitig ma- chen. Fuͤr uns bleibt sie Naturtrauerspiel, und die Kreatur seufzt dabey im Innern uͤber die nothwendigen Leiden auch des Guten und Ge- rechten, und schaudert in ihr Unvermoͤgen, ihre Unwissenheit zuruͤck. Wenn man die Vorstellungen, wo der Koͤr- per leidet und das Leben vergeht, unter eine be- sondre Klasse bringen wollte: so moͤchte das Lob, welches Plinius dieser Gruppe ertheilt, wohl am wenigsten koͤnnen bestritten werden, und sie unter allen dieser Art mit der Niobe oben anste- hen. Der an seiner Wunde Sterbende des Ktesilas, woran man sehen konnte, wie viel noch Seele uͤbrig war, gehoͤrte als einzelne Fi- gur dahin; so wie der Hinkende, vielleicht Phi- loklet, des Leontinischen Pythagoras, dessen Ge- Geschwuͤres Quaal die Betrachtenden zu empfin- den meinten; die verwundeten Amazonen, bis auf den beruͤhmten Hund des Lysipp im Kapitol, der voll Schmerz und natuͤrlicher To- desschrecken in abgesetztem Lauf und Hast seine Wunde leckte, und fuͤr welchen die Aufseher mit ihrem Leben stehen mußten. Der letzte Akt unsers Drama hienieden scheint vorzuͤglich ein Vorwurf der Mahlerey ge- wesen zu seyn: Apelles that sich darin hervor; alle aber uͤbertraf der Landsmann Pindars Ari- stides. Koͤnig Attalus erkaufte einen Kran- ken von ihm mit hundert Talenten; und Alexan- der ließ das Gemaͤhlde, wo die an ihren Wun- den sterbende Mutter das sich anklammernde Kind von der Brust abhielt, damit es kein Blut saugte, nach seinem Geburtsort bringen. In oben dieses Meisters Schlacht mit den Persern von hundert Figuren war ohne Zweifel manches vortrefliche dieser Art. Die Farbe F 4 macht macht hier keine Kleinigkeit aus, und reißt, gut aus der Natur empfunden, mit Gewalt zur Taͤuschung. Unter den neuern Werken mag Peter der Maͤrtyrer von Tizian wohl hierin oben anstehen. Fuͤr Sultane sind dieß heilsame Bilder, um sie zuweilen an ihre Menschlichkeit zu erin- nern; und das groͤßte Meisterstuͤck davon stand in den Kaiserlichen Baͤdern an seinem rechten Platz. Ich aber fuͤr mich muß aufrichtig geste- hen, daß ich in meinem Bad oder Schlafzimmer ein Kunstwerk erfreulichrer Art aufgestellt haben moͤchte; waͤr es auch der verstuͤmmelte Herkules, an welchem meine Phantasie noch oben drein immer zu schaffen haͤtte: denn fuͤr bestaͤndig moͤcht ich die Gnidische Venus nicht. Der Torso ist das hoͤchste von einem Rin- gerkoͤrper; der Sohn der Wundernacht, aus dessen Armen sich der dreyfache Geryon nicht los- wand, ruht und sitzt auf seinem Loͤwenfell. Man Man findet nichts mehr uͤbrig von alter Kunst, wo Kernstaͤrke schoͤner und vollfleischiger, und alles in der lebendigsten Form mit dem feinsten Wahrheitsgefuͤhl so abgewogen waͤre. Er senkt die rechte Seite, und hatte den linken Arm in der Hoͤhe. Das maͤchtige Brustbein ist so zart ge- halten und mit nerviger Fettigkeit uͤberzogen, daß man es kaum merkt. Brust und Schultern und Mark vom Ruͤcken herum sitzen uͤber der schlanken Mitte ganz unuͤberwindlich und erdruͤ- ckend. Die Schenkel sind lauter Kraft. Alles ist an ihm in Fluß und Bewegung in den aller- gelindesten Umrissen. Man sieht alle Theile, und ihre Macht und Gewalt, jede Fieber ist in Regung: und doch tritt weder Muskel noch Knochen scharf hervor. Es ist recht das hoͤch- ste Vermoͤgen in hoͤchster Bescheidenheit und Schoͤnheit. Vielleicht hat er ein suͤßes Geschoͤpf der Lust auf seinen Armen gewiegt; denn sie trugen, F 5 und und die Zapfenloͤcher der Stuͤtzen sind noch in den Schenkeln. Gluͤckseeligste Sphaͤre der Welt an dieser Axe du von ihm Geliebte! du mußtest ganz in Entzuͤcken schweben und hangen, und von aller andern Beruͤhrung frey und los seyn! Doch dieß zum Scherze; so wie ich beym Deme- tri behauptete: der fromme, zornige und schnell- fuͤßige Achill Homers komme gegen diesen Helden nicht auf. Der Farnesische Herkules hat den Cha- rakter von einem Faustbalger, so feist und breit und vollgenaͤhrt sind die Formen gegen die Cestusschlaͤge. Seine Staͤrke faͤllt zentnermaͤßig uͤber das Gefuͤhl eines heutigen schwachen Roͤ- mers; aber auch außerdem macht er alle Welt zu Hunden und Katzen gegen einen Loͤwen in sei- ner vollsten Kraft. Er hat im Farnesischen Hof einen zu niedri- gen Standpunkt; deßwegen schwillt die Brust zu zu sehr aus ihrer natuͤrlichen Großheit, und noch Huͤften und Seiten. Sein Kopf ist vollkommen Eisen und Stahl unuͤberwindlichen Muthes, und unerbittsam im Zaͤhneinschmeißen. Der Kuͤnstler, welcher ihn erfand, scheint ihn nach dem Ideale des Sophokles gebildet zu haben, wo der Held aller Helden ein ganzes Reich verheert, um Jolen in seine Gewalt zu bekommen; Vater und Bruͤder ermordet, weil sie bey einem Besuch ihren suͤßen Reiz ihm nicht zum heimlichen Beyschlafe geben wollten; Doͤr- fer und Staͤdte verbrennt, und die Einwohner als Sklaven gefangen fuͤhrt: so tobte in ihm die Liebe. Ich habe bey dieser Gelegenheit zu guter letzt nicht unterlassen koͤnnen, noch eine Skitze nach diesem, Sonnenmuth der Lust von sich strahlenden, jetzt meinem Lieblingsstuͤcke unter allen, des tragischen Dichters zu entwerfen, um mir damit eine eigne Kopie von der heroischen Gestalt und dem Farnesischen Stier aufzubewahren. Dieser ist das groͤßte Meisterstuͤck in Mar- mor von allen Thieren aus der Zeit der Griechen. Man kann kein natuͤrlicher Ochsenfleisch sehen, und Myrons Kuh war vielleicht nicht besser. Nur die Beine daran sind neu, sonst ist an ihm selbst alles wohl erhalten. Wahrhaftige wilde Stiernatur in Stellung, Bewegung durch den ganzen herrlichen Koͤrper! besonders strotzt die Kraft wunderbar vom Hintern uͤber den Koͤnigli- chen Ruͤcken. Schoͤnes Bild von Staͤrke, um Heerden zum Preise davon zu tragen! Die Skitze stellt den goͤttlichen Chor vor, wo Herkules und der Fluß Acheloos als Rind, beyde von Kraft geschwellt, um Dejaniren mit einander kaͤmpfen, welche in zarter Wohlgestalt am fernglaͤnzenden Ufer sitzt, und den Gatten erwartet, schuͤchtern wie ein Kalb von der Mut- ter fern: ob es der Sohn des Zevs seyn werde, oder oder das vierfuͤßige Thier; indeß der Loͤwenwuͤr- ger, nach langem Kriege, diesem das gewaltige Horn ausreißt. Der erfreulichste Genuß dieser Werke ist fuͤr uns verschwunden, weil wir keine Olympi- schen Kaͤmpfe und Siege mehr daran sehen. Beyde Athenienser verherrlichen mit diesen ho- hen Mustern noch hier ihre Vaterstadt; doch moͤcht ich lieber der Apollonios des Torso seyn, als der Glykon des Farnesischen Keulenschwin- gers. Der so genannte Antinous, welcher ei- nen jungen Helden, vielleicht den Meleager vor- stellt, wie man aus einem andern Bilde schließen kann, das in Figur und Stellung aͤhnlich ist, wo unten zu den Fuͤßen der wilde Schweinskopf sich befindet, hat fuͤr uns unter den vier Haupt- statuen die mehrste Wirklichkeit. Eine aͤchte griechische jugendliche Schoͤnheit voll geistigen Reizes, und suͤßer lieblichen Hoheit. Er Er blickt empfindend zur Erde, als ob er sich be- saͤnne, zu welchem Maͤdchen er gehen wolle; und Lippen, Stirn und Wangen und Kinn se- hen recht kraͤftig, zartnervig und anhaltend im Genuß aus. Die Formen am Unterleibe sind nicht klar hervor, und er muß im Ringen noch zusammengeschlungen und seine Natur geuͤbt werden. Die Brust, besonders vom rechten Arm her, schwillt milchig; und ich kenne nichts verfuͤhrerischers fuͤr ein Weib zur Umfassung. Mit einem Wort, es ist der schoͤnste junge Mensch unter allen alten Statuen. Der Bauch allein ist ein wenig zu flach gehalten, vielleicht verhauen. Will man auf eine andre Weise lieber: so sinnt der junge Held, wie er einen Kampf mit dem besten Verstand abmachen soll. Der Zug des Denkens ist uͤber dem rechten Auge, wodurch der Knochen schaͤrfer hervorkoͤmmt, als bey dem linken; und das heroische sitzt in der kraͤftigen Stirn, Stirn, und dem gefaßten Blick, und den Lip- pen, wo sich das Gefuͤhl seiner bewußten Staͤrke oͤfnet und hervorbluͤht. Wenn er ein Zeichen haͤtte: so koͤnnte man sich noch den Sohn der Maja unter ihm vorstellen, der seine Gesandt- schaft uͤberdenkt. Es ist ein himmlisches Bild, und erregt auf jede Art entzuͤckende Gefuͤhle; dessen Schoͤnheiten am leichtesten und sichersten in die neuere Kunst uͤberzutragen sind Poussin hat es auch oft genug kopiert. . So wie dieser Juͤngling am mehrsten an die Menschheit grenzt; so ist hingegen Apollo ganz Gott, und es herrscht eine Erhabenheit durchaus, besonders aber im Kopfe, die nieder- blitzt; goͤttliche Schoͤnheit in allem von dem nachlaͤssig sanftgewundnen Haare bis zu den schlanken behenden Schenkeln und Beinen, ihre geistigste Bluͤthe, nicht die irrdische Fuͤlle. Stand Stand und Blick, und Lippen voll Verachtung geben seine Hoheit zu erkennen. Die Augen sind seelig, leicht aufzuthun und zu schließen, in weiten Bogen. Sein kurzer schlank und zart geformter Oberleib zu den langen Beinen macht ihn zu einer ganz besondern Art von Wesen, und gibt ihm uͤbermenschliches. Ein erstaunliches Werk von Erfindung und Phantasie! Das Problem ist aufgeloͤst: da steht ein Gott, aus der Unsichtbarkeit hergehohlt, und in weichem Marmor festgehalten fuͤr die Melan- cholischen, die ihr Leben lang nach einem solchen Blicke schmachteten. Es ist der hoͤchste Verstand und die hoͤchste Klugheit mit Zornfeuer und Ue- bermacht gegen veraͤchtliches; darauf zweckt alle Bildung. Was Apollo hat, ist ihm ei- gen, und laͤßt sich wenig durch Nachahmen uͤbertragen. Auch dessen Alterthum hat man angetastet, und ihn zwar fuͤr keine Kopie, doch fuͤr ein Werk Werk aus der Kaiser Zeiten halten wollen; weil der Marmor Karrarischer zu seyn schien, welcher kurz vor dem Plinius entdeckt wurde, und kein Parischer, woraus die Griechen ihre mehrsten Bildsaͤulen verfertigten. Wenn man dieses beweisen koͤnnte: so waͤr es wohl ausgemacht wahr; allein daran fehlt viel. Der Parische ist nicht durchaus gleich, und man hat sichre neuere Proben kommen las- sen, die von dem Marmor des Apollo im Korn nicht unterschieden sind. Und ferner gibt es so zarten Karrarischen, daß er mit dem besten Pa- rischen uͤbereinkoͤmmt. Und wo ist der uͤbergroße Marmorkenner, der von irgend einem Stuͤcke sagen will, gerade woher es sey, da dieser Stein in jedem Klima zu finden ist? Apollo hat nicht das gelbliche Alter des Laokoon, und andrer griechischen Bildsaͤulen; vielleicht weil er nicht der Witterung so ausgesetzt war. Er ist augen- scheinlich fuͤr einen bestimmten Platz gemacht, Ardinghello 2ter B. G und und das Bild thut nur Wirkung, wenn man es von der linken Seite im gehoͤrigen Standpunkt betrachtet; von der rechten steht er da gerade wie ein Seiltaͤnzer, so gespannt, und sein Kopf sitzt offenbar auf der rechten Schulter, viel zu weit von der Mitte. Wenn man denselben von sei- ner Richtung zurecht drehte: so waͤr es abscheu- lich. Aber von der linken Seite betrachtet, wohin er schaut: ist es Homerischer Apollogang; man sieht ihn fortschreiten, sieht das Gesicht ganz, und der Kopf koͤmmt in die Mitte. Ein wahrer Gott des Lichts dann, und der Musen! Man darf sich ihm nicht viel naͤhern; er kann keinen Flecken leiden, und man muͤßte bey ihm immer haarscharf gescheidt seyn, und vernuͤnf- tig sich auffuͤhren: so erhaben ist er uͤber die Menschheit. Wenn man dieß einmal gefaßt und seine Schoͤnheit im Ganzen genossen hat: so mag man sich hernach doch an ihm herumdrehen, wie man will, will, und er bleibt ein erstaunlich Werk von Voll- kommenheit. Er ist zwar lauter Ideal: nichts destoweniger hat der Kopf Natur, die man gese- hen hat; welches der Ausdruck noch verstaͤrkt. Ein außerordentlicher Juͤngling gab gewiß den Stoff dazu her, und der Kuͤnstler brachte das hoͤchste und aͤußerste von lebendiger Einheit hinein. Einige stolze Erdensoͤhne koͤnnen dieß be- wunderte und schier noch angebetete Bild nicht ohne Verdruß und Widerwillen betrachten; und behaupten: ihr Gefuͤhl empoͤre sich allezeit, so oft sie sich das Gesicht als griechisch denken woll- ten. Der Kopf des Perikles, und auch des Alexander habe schon im bloßen Portraͤt viel goͤttlichre Art von Erhabenheit; Apollo sey da- gegen eher hager und aͤrgerlich im Ganzen, und es wittre daraus etwas von einem Roͤmischen Kaiserprinzen, etwas Neronisches, das nicht auf eigner natuͤrlicher Kraft beruhte; und dieß G 2 waͤre waͤre fuͤr sie ein andrer Beweis, als der von Marmor. So verschieden sind die Meinungen der Menschen! Gegen solche Atheisten will ich nicht predi- gen; ihr eigen Mißvergnuͤgen sey ihnen Strafe, und der Neid an andrer Freude. Gewiß ist, daß das Bild verliert, weil es kein vollkommen Ganzes ausmacht, und man nicht weiß, woruͤber der Gott zuͤrnt. Haͤtt er zu einer Gruppe der Niobe gehoͤrt, wie er denn in einer erhobnen Arbeit davon in Person auf der einen Seite und seine Schwester Diana auf der andern ihre Pfeile abdruͤcken: so wuͤrden die Unzufriednen mit ihm desto mehr Mitleiden mit der ungluͤcklichen reizenden Familie haben. Doch ist eher wahrscheinlich, daß dem Mei- ster der Apollo des Leontinischen Pythagoras vorschwebte, welcher den Pythischen Drachen erlegte. Und beyden war ohne Zweifel der Ho- meri- merische, von den Gipfeln des Olymp herunter, das Urbild. Genug von diesen Heiligthuͤmern! Das eigentliche Kernleben der Kunst dauert vom Perikles bis zum Tod Alexanders; das uͤbrige sind Nachahmungen und Treib- und Ge- waͤchshaͤuser. Wenn man bedenkt, was die Griechen binnen dieser kurzen Zeit gethan haben, so sind wir ganz todt dagegen; welch eine Men- ge von Statuen und Gemaͤhlden und Gedichten nur fuͤr so ein kleines Volk! Welch eine Men- ge von Helden, Philosophen und Rednern! so etwas kann nur in der heitersten Gegend der Welt bey der besten Regierung vor sich gehen. Lysipp allein hat mehr Bildsaͤulen verfertigt, als alle neuere Bildhauer zusammen; und jede zeigte den Mann von hoher Schoͤpfungskraft. Der Kuͤnstler von gelaͤutertem Gefuͤhl, der nicht bloß nach Brod und eitler Ehre trachtet, sondern sich selbst genug thun will, befindet sich G 3 heut heut zu Tag in einem Zustande von immerwaͤh- render Verzweiflung; er sieht die Vollkommen- heit vor sich, und erkennt deutlich die Unmoͤg- lichkeit, sie zu erreichen. Und diese Wermuth im Herzen mildert das allgemeinste Lob nicht. Es ist damit nicht genug gethan, ein Bildchen einzelner schoͤner Natur wegzufangen! Dieß bleibt jedem Fremden, wie alles bloße Portraͤt, unverstaͤndlich, und er kann es nicht mit Saft und Kraft genießen; vielweniger damit, daß er ein Knie, einen Unterleib, eine Brust der Al- ten wegstiehlt, und gleichsam mit etlichen Phra- sen aus dem Demosthenes oder Cicero ihre Spra- che sprechen und den großen Redner machen will: die Vollkommenheit des Nackenden vom Menschen, als des hoͤchsten Vorwurfs der Kunst, und seiner mannichfaltigen Form und Bewegung ist unserm Sinn von Jugend auf in der Wirk- lichkeit verhuͤllt, oder zeigt sich ganz und gar nicht mehr in unsrer Welt. Laß Laß mich frey reden! Die Kunst hat so lange gedauert, als die Gymnasien dauerten, der Tanz Spartanischer, Chiischer Jungfrauen, ihr Ringen selbst mit den Maͤnnern, oͤffentliche Sitte war, und die Priesterinnen der Liebes- goͤttin zu Athen und Korinth Religion feyerten. In Venedig ist von dem letztern noch ein Schat- ten; und der Kuͤnstler hat Jahr aus Jahr ein immer eine Menge frischer neuer Modelle, Au- gen und Phantasie wie Zeuxis zu Girgent zu weiden. Deßwegen haben auch keine andre Mahler solch weiblich Fleisch wie Tizian und Paul von Verona hervorgebracht; und der Mahlernestor lebt an der Grenze von hun- dert Jahren, da der goͤttliche Raphael auf eigne Kosten sein junges Leben einbuͤßen mußte. Bey einer gothischen Moral kann keine an- dre als gothische Kunst statt finden. So lange nicht ein Sokrates mit seiner Schule am hellen G 4 Tag Tag uͤber die Straße zu einer neuen reizenden Buhlerin ziehen darf, um ihre Schoͤnheit in Augenschein zu nehmen: wird es nicht anders werden. Es ist wohl klar jedem, der Welt und keine Welt hat, daß nicht die haͤßlichen diese Le- bensart erwaͤhlen. Vielleicht red ich hier bey manchem bittrer gegen die Kunst, als Demetri in seiner Laune; allein gibt es eine Wirkung ohne Mittel? Die schulgerechten Antiquaren sprechen berauscht von der Venus des Praxiteles und seinem Liebes- gott : und mit Abscheu von Phrynen und Ba- thyllen ; wie die Thoren, die nicht wissen, was sie wollen. Freylich koͤmmt bey der geringsten Untersuchung das geheuchelte konvenzionelle Ge- schwaͤtz zum Vorschein, und die innre geheime Denkungsart, wo sich Drachen mit Tauben paa- ren. Die heiligen Katharinen spazieren nicht vom Wirbel bis zum Fuß nackend mit losgebund- nen Haaren vor den Mahlern herum, und keine Lu- Lukrezia laͤßt sich so in der reinsten Beleuchtung allein mit allen von einem Pinsel- und Palett- mann in beliebige Stellung legen; und kein Kuͤnstler kann von so festem Gletschereis seyn, daß er bey Blicken von Sommersonnen nicht schmelzen sollte. Und doch wollen die ehrwuͤrdi- gen Herrn bey dem allgemeinen Menschenver- stand in keinen solchen Verdacht der Einfalt kommen, daß sie sich auf die Seite der zuͤchtigen Koer stellten, welche die bekleidete Venus vor- zogen und kauften, da sie die Wahl der nackten Gnidischen hatten, und noch bis heut zu Tage als Troͤpfe verlacht werden. Hiermit sehen wir das Nackende, außer dem einzelnen von Geliebten am Menschen je- doch nur entweder frech, oder in unwegsamer Al- bernheit; und die staͤrkste Einbildungskraft kann es nicht so veredeln, daß es die freye gebildete Natur des Alten haͤtte, wozu die edelsten und weisesten und wohlgebildesten des Volks von je- G 5 dem dem Alter auf den Ringplaͤtzen in unaufhoͤrlicher immer neuer Abwechslung die Modelle abgaben. Wenn wir nicht durch einen wunderbaren Umlauf der Dinge irgendwo aus unserm unmuͤn- digen kindischen Wesen wieder zur reifen Mensch- heit gelangen, und die Gymnasien der Griechen, ihre Spiele und Sitten vom neuen aufkommen: so wird die ehemalige Kunst auch verloren blei- ben. Und dennoch haͤtten wir damit ihre Reli- gion noch nicht, die fruchtbare Mutter der schoͤn- sten Gestalten. Wenn wir wenigstens nur noch die Beklei- dung der Alten haͤtten! Bey unsrer wirklichen sieht man meistens bloß den Schneider, und we- nig oder nichts von der eignen Art des Menschen zu handeln und sich zu bewegen, und den For- men seines Gewaͤchses; und alle Schoͤnheit er- liegt und versinkt unter den Falten und Wuͤlsten: oder wird im Gegentheil steif gepreßt und ge- schnuͤrt und mit eckichten haͤßlichen Lappen ohne Zweck Zweck behangen. Die Lage der Unterkleider, den Wurf der Maͤntel und Togen koͤnnen wir an den Bildsaͤulen der Alten noch weit weniger nachahmen, als die Form der Glieder; denn uns fehlt dabey ganz die Natur. Wir suchen uns zwar wie Amphibia mit eigen erfundner mahlerischer Tracht zu helfen: aber sie bleibt fast immer eine bloße Ziererey, ohne Reiz und Wir- kung fuͤr den, welcher Natur und Wahrheit verlangt, und ist aller Taͤuschung zuwider. Und obendrein noch sind die Kuͤnstler weit uͤbler dran, wenn sie den Gang der Alten ein- schlagen wollen, als die Philosophen, Redner, Dichter; diese haben immer das unermeßliche Reich der Natur und Sprache unter den Men- schen vor sich, und Gesetz und Gewohnheit hemmt sie weit minder. Wenn einer auch an Vollkommenheit den Phidias, oder Polyklet, Praxiteles, Lysipp, Zeuxis und Apelles errei- chen koͤnnte: was hat er vom nackten Menschen in in der Geschichte, der heutigen Fabel, unsrer Religion vorzustellen, das wahrscheinlich und natuͤrlich, nicht erkuͤnstelt und bloß erlernter fremder Kram waͤre? Das hoͤchste ist eine allge- meine, ewig einerleye idealische Gestalt von Mann und Weib in jedem Alter ohne Zweck und Charakter. Nehmen wir zum Beyspiel unsern Heiland als den Hauptvorwurf zur Auszierung unsrer Tempel! Was hat der menschliche Koͤrper mit dem Gott der Christen zu schaffen? Welche Schoͤnheiten von Apollo, Merkur, anderm griechischen himmlischen Juͤngling oder wirkli- chem Erdensohn soll man, technisch zu reden, dem ganz außerordentlichen jungen Juden an- bilden, ohne auf irgend eine Weise in Wider- spruch zu gerathen? Jede griechische Gottheit war nur ein Ideal einer besondern Klasse mensch- licher Vollkommenheit. Sein Bild ist lediglich ein Werk uͤbernatuͤrlichen Ausdrucks im Gesichte, und und neue Art uͤbriger Schoͤnheit findet hier nicht statt. Der Kuͤnstler macht vor den Leiden, und ans Kreuz und beym Herunternehmen davon ei- nen richtigen ordentlichen Leib, sonst hat die ei- gentliche Kunst da kein weiter Feld, hoͤhere For- men aus der Natur zu schoͤpfen. An gewisse Theile und ihre Bestimmung darf man gar nicht denken, und wie sie bey an- dern Menschen nicht umsonst sind, und wirken: geschweige sie langsam mit dem Reiz der alten Kuͤnstler bilden. Seine Gestalt kann also nie ein vollkommen freyes Ganzes, ein Werk der ersten Klasse werden. Wollen wir in die griechische Fabel und Geschichte uͤbergehen, und unsre Vorstellungen daraus hernehmen: so erhalten wir meistens nur einen verwirrten Nachklang; ein wahres Echo ohne Sinn, das nur einzelne Sylben wiederhohlt. Wer ist außerdem so frech eitel, daß er sich einbil- den kann, einen bessern Apollo als den Vatikani- schen, schen, einen bessern Herkules als den Torso und Farnesischen, eine schoͤnere Juno, Venus und so weiter zu erkuͤnsteln, als die Alten? Und wird es nicht ekelhaft, sie oder auch nur einzelne For- men davon immer und ewig zu kopieren, mit den angewiesnen Plaͤtzen zu schaͤnden? steht nicht fast allemal der hohe strahlende Purpurlappen laͤcherlich und aͤrgerlich fuͤr den Erfahrnen in ei- nem Harlekinsgewande? Und doch thut es so weh, uns in unsrer Ar- muth und Duͤrftigkeit einzuschraͤnken! Wir bauen gleichsam noch in den bildenden Kuͤnsten, wie zu Konstantins und den mittlern Zeiten: setzen aus den zertruͤmmerten Tempeln und Pallaͤsten der zuruͤckgewichnen Erdengoͤtter die Saͤulen aller Ordnungen neben einander, und fuͤhren ein neues Mauerwerk kindisch, verzerrt und unfoͤrmlich, ohne klare und dunkle Idee, wie es werden will, darum her und daruͤber auf, im Schweiß und der Affenfreude unsers Angesichts. Rom, Rom, Dezember. N acht ist doch die schoͤnste Beruhigung von Ge- schaͤften; wo die Phantasie die freyesten Fluͤge thut, und der Mensch am mehrsten seiner selbst genießt. So raste ich jetzt hier oben auf der Villa Medicis in meinem Zimmer. Rom schlaͤft; der blaue unermeßliche Aether schwebt daruͤber wie eine Henne uͤber ihren Kuͤchlein, und blin- kend hell Gestirn erleuchtet seelig die Gegenden. Alles ist still; nur plaͤtschern angenehm die Springbrunnen: heilige Symbole des ewigen Lebens in der Natur. Mit der Einbildung uͤberschau ich unter mir den alten Campus Martius in der lieblichen Dunkelheit: und mir faͤngt das Herz staͤrker an zu schlagen, und Feuer rinnt durch meine Adern. Hier balgt sich die Roͤmische Jugend auf gruͤnem Rasen herum im Schatten hoher Platanusse, und treibt ihre kriegerischen Spiele; dort schwim- men men sie durch den schnellen tiefwirbelnden Tyber- strom, die Ufer hieben und druͤben mit schoͤnem Gestraͤuch bewachsen; und in der nahen Ferne lagern sich die Huͤgel von Monte Mario bis zu Pietro Montorio in majestaͤtischem Kreise, wo der Edeln Gefuͤhl mit erhebenden Schauern die Geister von Brutussen, Kamillen und Scipio- nen gegenwaͤrtig erkennt. Hier steigt der Son- nenobelisk empor; dort die praͤchtigen Theater vom Pompejus und Balbus, die traulichen Hal- len, runden und hohen Mausolaͤen, feyerlichen Tempel. Die Vaͤter des Volks gehen auf und ab in den kuͤhlen Haynen, und pflegen Rath uͤber den Erdboden. Neben an prangen die schoͤ- nen Gaͤrten. Ich habe heute wieder einen schoͤnen Tag gehabt! Es ist ein unaufhoͤrlich Vergnuͤgen in Rom zu seyn; man findet immer neues, was von der Gewalt und Herrlichkeit des alten Volks zeugt, und oft einen entzuͤckt oder erschuͤttert. Es Es ist eine wahre Tiefe von Menschheit: die andern Staͤdte sind dagegen wie erst angepflanzt. Besonders reizen und ruͤhren vom Kapitol an die ungeheuern Ruinen, welche die neuen Villen mit ihren Pygnen, Lorbeern, Cypressen, und bestaͤndig gruͤnen Eichen ausschmuͤcken. Den Vormittag zog ich hier herum, und ging dem ersten Ursprung dieser heroischen Re- publik nach; und gelangte von den Rostris und dem Tempel des Romulus am Monte Palatino, gleich daneben in einem Winkel, zur Quelle der Juturna , die krystall hell gerade beym Anfang der Cloaca maxima aufsprudelt, und sich dahin- ein nun ferner ungebraucht ergießt. Ich schoͤpf- te mit der hohlen Hand daraus, und trank und ward erquickt, und konnte nicht muͤde werden, sie rinnen zu sehen. Ein heiliges Plaͤtzchen, rundum verbaut und eingemauert! Die Waͤnde sind uͤberall mit breitblaͤtterigem Epheu uͤberzo- gen und kleinem Gestraͤuch bewachsen. Man Ardinghello 2ter B. H kennt kennt sie nicht mehr vor den stolzen Wasser- leitungen; und gewiß war sie doch die Haupt- ursache, warum Romulus, oder vor ihm ein junger Ausflug Griechen hier sich annistete, da in den jetzigen weiten Ringmauern sich keine an- dre Quelle befindet. In schwaͤrmerischen Betrachtungen verloren wand ich hernach in den Farnesischen Gaͤrten fuͤr sie einen Myrthenkranz mit allerley Blumen; hohlte aus der Nachbarschaft ein Gefaͤß mit Milch und Honig, goß es in sie aus, bekraͤnzte sie, und sang ihr wehmuͤthig ein kurzes Trauer- lied bey dem Opfer, das sie Jahrtausende nicht genoß. Ein Zusammenklang von lauter ruͤhrenden Gefuͤhlen wandelt ich nach Hause durch die drey noch uͤbrigen Triumphpforten von den ehemali- gen sechs und dreyßigen. Ein solcher Freuden- bogen, ausgeziert mit den schoͤnsten Lebensscenen dessen, den man empfaͤngt, ist doch ein so recht ver- verliebter Gedanke. Herzlicher und dauerhaf- ter kann ein Volk einem Helden keine Ehre anthun. Die Kunst bleibt ein sonderbares Ding; sie scheint ganz ihren Weg fuͤr sich zu gehn. Wenn man von ihrer Vortreflichkeit auf die Vortref- lichkeit der Menschen zu gleicher Zeit sollte schlie- ßen koͤnnen, und umgekehrt: welche Popanzen muͤßten die Roͤmer zu Septimius und Konstan- tins Zeiten gewesen seyn gegen die unter Tra- jans? Der Kontrast ist gar zu possierlich an des christlichen Kaisers Bogen, wo die Bildhauer unter ihm zu den Wechselbaͤlgen seiner Geschich- ten die Meisterstuͤcke von Figuren aus einem andern zum Ruhme des Siegers von Dazien hin- eingeflickt haben. Was konnte Alexander dafuͤr, daß er keinen Homer fand bey seinem Leben, uͤber- haupt keinen großen Dichter, der ihn besang? Ferner ist ruͤckwaͤrts gewiß, daß die Kunst bey gleich vortreflichen Menschen nur nach und H 2 nach nach zur Hoͤhe wuchs; so schwer ist es, alles Lebendige vollkommen zu bilden, und nichts, was noch ruͤhrt und reizt, auszulassen, und da- fuͤr bloß mathematische Linien und Placken hin- zustellen. Das Ganze wird nur nach und nach gewonnen; das Individuelle lebendige gei- stige bleibt aber immer das, was den großen Menschen von dem andern unterscheidet. Und so kann einer zwar ein ungleich groͤßrer Kuͤnstler als ein andrer, aber ein weit kleinrer Mensch seyn. So war der Jupiter und die Minerva des Phidias wahrscheinlich erhabner als manches andre Bild, das nachher ein weit natuͤrlicher Fleisch und mehr lebendiges in der Materie hat- te. Und darauf koͤmmts doch an, die unter- scheidenden wesentlichen Zuͤge von jedem Dinge bestimmt zu fassen, und dem Empfinder und Denker gleich darzustellen. Das Hauptver- gnuͤgen an einem Kunstwerke fuͤr einen weisen Beobachter macht immer am Ende das Herz und der der Geist des Kuͤnstlers selbst, und nicht die vorgestellten Sachen. Den Nachmittag ging ich nach der Rotun- da ; ich hatte den Mann mit den Schluͤsseln da- hin bestellen lassen, um oben hinauf zu steigen. Sie ist das einzige Werk von alter Architektur, was in Rom noch ganz ist; das vollkommenste in seinen Verhaͤltnissen, und praͤchtigste dabey wegen seiner Saͤulen auf dem Erdboden; die Paulskirche erscheint dagegen doch nur als Flickwerk. Wenn man in die Vorhalle tritt: so ist es, als ob man in das schoͤnste Plaͤtzchen eines Waldes von lauter hohen herrlichen Staͤmmen kaͤme, die ein Gott zu einer Zeit gepflanzt haͤtte. Wie breit und maͤchtig einen dann das Innre selbst umfaßt und bedeckt, ist lauter Ma- jestaͤt; und feyerlich stehen unten die Saͤulen umher, und der daͤmmernde Raum dahinter, H 3 wie wie das allerheiligste der Gottheiten. Was dieß fuͤr eine Ruh ist! wie einen so nichts stoͤrt! wie die Rundung mit Liebesarmen empfaͤngt, wie ein leiser Schatten einen umgibt, so daß man das Gebaͤude selbst nicht merkt! Oben Heiterkeit und Freyheit, und unten Schoͤnheit. Ueberall ist der Tempel schoͤn und harmonisch, man mag sich hinwenden, wo man will; uͤberall wie die schoͤne Welt in ihren Kreisen von Sonn und Mond und Sternen. Endlich scheint alles le- bendig zu werden, und die Kuppel sich zu bewe- gen, wenn man an dem reinen suͤßen Lichte des Himmels oben durch die weite Oefnung sich eine Zeitlang weidet. So oft ich mich so ins Stille hinsetze und meinem Gefuͤhl uͤberlasse, werd ich da entzuͤckt, wie von einem Brunnquell unter kuͤhlen Baͤumen zur heißen Zeit. Es ist das erhabenste Gebaͤude, das ich kenne; selbst Schoͤpfung und nicht bloß Nachahmung. Die Schoͤnheit voll Majestaͤt scheint alle Barba- ren ren von der Verwuͤstung zuruͤckgeschreckt zu haben. Freylich hat man, was daran zu pluͤndern war, ohne die Mauern niederzureißen und in Schutt zu stuͤrzen, doch daraus und davon weg- geraubt. Es stand hier eine Minerva aus Gold und Elphenbein von der Hand des Phidias ; und eine beruͤhmte Venus , welche die halbe Perle zum Ohrgehenke hatte, von der die andre Haͤlfte Kleopatra trank, um den Antonius im Verschwenden zu uͤbertreffen; und die man fuͤr sich allein auf eine halbe Million Scudi schaͤtzte. Konstantin der dritte schleppte auch diese Bil- der wahrscheinlich mit den andern schoͤnsten Sta- tuen nach Syrakus, so wie er die Silberplatten samt dem Bronz- und Schmelzwerk herausschla- gen ließ, womit das Gewoͤlbe oben verziert war. Die urspruͤnglichen Kapitaͤler von Erz nach dem Plinius an den innern Saͤulen sind hernach H 4 wie- wieder abgenommen worden, und mit weißem Marmor gut ergaͤnzt, der dem Giallo antico des Schaftes lieblich laͤßt. Davon sind noch die Basen und das Gesims; das letztre mit Strei- fen von Porphyr. Die erhaltnen aͤußern aber von Granit, wie die kolossalischen Saͤulen selbst gehoͤren unter die schoͤnsten der korinthischen Ord- nung, die uͤbrig sind; und machen mit den drey freystehenden Saͤulen auf dem Campo Vaccino und dem Bogen des Titus Nebst einigen Ueberbleibseln in Griechenland, die damals noch nicht bekannt waren. die Muster hierin aller neuern Baukunst. Wo an einem Gebaͤude keine Saͤulen sind, fehlt gewiß die edelste, staͤrk- ste und schoͤnste Form. Die korinthischen haben, wenn die Blaͤtter rein gearbeitet sind, am mehr- sten Leben und den groͤßten Reiz; und die gefug- ten, welche die Rinde nachahmen, erhoͤhen noch Natur und Leichtigkeit. Der Der Plan des Ganzen ist zirkelrund; und der Durchmesser davon enthaͤlt mit der Dicke der Mauern zwey hundert und funfzig Palme, und der Umfang sieben hundert und funf und achtzig. Die Mauern betragen acht und funfzig Palme. Die Hoͤhe hat gerade die Breite des Bodens. Der Bogen innen von der außen in der besten Proporzion viereckten Thuͤr den fuͤnften Theil dieses Maaßes; und der Bogen gegenuͤber, jetzt vom Hauptaltar, ist etwas groͤßer, wodurch der Eingang unmerklicher erscheint. In der Attike trugen ohne Zweifel die Ka- ryatiden, wovon Plinius spricht; jetzt sind an deren statt kleine platte Saͤulen ohn einigen Vorsprung mit einem Gesims daruͤber, worauf die Kuppel ruht. Man glaubt wegen der Ar- beit, daß die Veraͤnderung unter den Antoninen und dem Kaiser Pertinax geschah. Es muß ein paradiesischer Zauber an dem Auge des Himmels gewesen seyn! Nun ist das ehemalige junge bluͤ- H 5 hende hende Gesicht im reizenden Schmuck gewisserma- ßen zur Matrone im Trauerschleyer geworden; doch dauert die erhabne Form noch und haͤlt die Moden und Sitten aller Zeiten aus, wie wahre Schoͤnheit. Es ist wohl klar und augenscheinlich, daß die Rotunda anfangs einen Theil der Baͤder des Agrippa ausmachte, gleichsam die strahlende Stirn derselben; noch sind die Ruinen davon angemauert, und erstrecken sich weit dahinter. Die praͤchtige Vorhalle wurde hernach hinzuge- fuͤgt, und das Innre ausgeschmuͤckt; und der Tempel gehoͤrte alsdenn mit dem des Jupiter Maximus auf dem Kapitol, und dem des Frie- dens unter die ersten Wundergebaͤude Roms. Agrippa wurde in einem Triumphwagen auf den Giebel an dem Porticus gestellt, aus Erz gear- beitet; mit den zwey Loͤwen von Granit zu bey- den Seiten, und der porphyrnen Urne mit sei- ner Asche dazwischen, die jetzt noch unten vor der der Halle stehen. Er schenkte seine Baͤder und Gaͤrten dem Volke mit Einkuͤnften zur Unter- haltung. Der sogenannte Tempel der Minerva Me- dica, eine der pittoreskesten Ruinen bey der Porta maggiore, war eben ein solcher Anfang von Baͤdern; und noch eben so jetzt, die Kir- che des heiligen Bernhardt von den Baͤdern Dioklezians . Sie kommen in der Hauptform mit der Rotunda voͤllig uͤberein. Bey der uͤber- schwenglichen Pracht durften die Goͤtter nicht vergessen werden, und man errichtete ihnen gleichsam diese Wachthaͤuser voran als Beschuͤ- tzern. Das Pantheon war dem raͤcherischen Jupiter, der Ceres, und allen Goͤttern ge- widmet. Ihre breiten Gewoͤlbe in weiten Bogen leuchten gleich beym Eintritt Erhabenheit in die Seele, die die unermeßliche Peterskirche dage- gen mit ihrem schmalen und engen des mittlern Schiffs Schiffs nie erregen wird, der eher einen Sarg als einen Bogen vom freyen schoͤnen gestirnten Himmel Gottes nachahmt; weßwegen die Leute sich verwundern, daß sie nicht erstaunen. Die Roͤmer liebkosten den Sinn des Ge- fuͤhls mit Baden, wie wir ohngefehr unsre Na- sen mit Duͤften, und unsre Zungen mit Bruͤhen und Weinen. Sie fingen vom heißen an, und gingen alsdenn alle Grade der Waͤrme durch theils im Wasser, theils in lauer Luft bis zum kalten: Wollust, die alle verschiedne Waͤrme der Existenz nachahmt, vom heißesten Herzensge- tuͤmmel der hohen Leidenschaften bis zur frischen Besonnenheit; alle Grade des physischen Ge- fuͤhls, ohne das Seelenleben, das Geistige: welches sie sich doch in gewisser Ruͤcksicht auch vorphantasieren konnten, indem ihre weiblichen Schoͤnheiten sich unter den Kaisern, wenigstens zuverlaͤssig vom Domizian an, oͤffentlich nackend mit den Maͤnnern badeten. Sie ahndeten et- was was vom Paradiese und dem Stande der Un- schuld, ohne die Buͤcher Mosis gelesen zu haben. Und uͤberdieß hatten sie gleich daneben ihre Fech- terspiele und Ringplaͤtze. Die Thermen in Italien entstanden aus den Gymnasien der Griechen; nur waren bey diesen die Leibesuͤbungen das vornehmste, und bey den Roͤmern das Baden. Darnach mußten sich die Architekten in der Anlage der Gebaͤude richten. Die Baͤder waren eigentlich der Hauptge- nuß, den die stolzen Enkel des Romulus und seiner Raͤuberbande von den Siegen ihrer Vor- fahren uͤber die Welt hatten; und die Gebaͤude dazu das hoͤchste der Architektur, was wir mit den aͤgyptischen Labyrinthen und einigen Tempeln der Griechen in der Geschichte der Menschheit kennen. Es war da alles, was das Leben freut und angenehm macht, beysammen. Wir koͤn- nen uns, ohngeachtet der ungeheuern Ruinen, wenig wenig davon vorstellen, weil uns diese Gattung Genuß ganz entruͤckt ist. Wenn wir ein halbes Saͤculum alter Roͤmer und Roͤmerinnen der er- sten Jahrhunderte erwecken koͤnnten: so wuͤrden sie sich aus Ekel, langer Weile und Verzweif- lung uͤber das heutige Elend binnen wenig Tagen aufhenken. Das Dachgewoͤlbe der Rotunda, mit star- kem Bley gedeckt, ist, wie schon gesagt, aͤußerst flach gehalten; man steigt zur weiten Oefnung auf wenig großen Stufen; rundum aber laufen an die vierzig kleinere im Kreise. Wenn man hinein schaut, koͤmmt das Innre einem vor, wie ein runder hoher Thurm. Als ich oben stand, mich umsah, und die verkleinerten Leute auf den Straßen betrachtete: wurd ich den Demetri gewahr, und rief ihm zu, herauf zu kommen; welches er auch gleich that. Demetri ist ein wackrer Mann, viel Kern mit wenig Schaale; der Mensch ist bey ihm recht recht durchgearbeitet und ins Reine gebracht. Er herrscht in Rom uͤber die Geister, mehr als irgend ein andrer; genießt hohe Gluͤckseeligkeit, und ist der Leithammel von einer Menge jungen Leuten. Unter diesen hab ich nicht wenig gefun- den voll Lebensmuth und den groͤßten Faͤhigkei- ten, genaue Bekanntschaft mit ihnen errichtet, und unbeschreiblich Vergnuͤgen in ihrem Umgan- ge genossen. Wie jammerts mich, daß so viel herrliche Kraft wegen schlechter Regierungsver- fassung ungenutzt versauren soll! Im Neugriechischen bin ich bey ihm noch sehr gewachsen. Auch hat er mir manche dunkle Stelle der griechischen dramatischen Dichter, be- sonders in den Choͤren, ins klarste Licht gesetzt; und meisterhaften Unterricht uͤber den unendli- chen Reiz ihrer Sylbenmaaße gegeben. Bey seinem Brodgeschaͤfte mit alten Handschriften sind ihm eine Menge beßrer Lesarten aufgesto- ßen; und er koͤnnte wie ein andrer Herkules die Aldi- Aldinischen und Juntischen Ausgaben ausmisten, wenn ihm der Sylbenkrieg am Herzen laͤge. Ueberhaupt aber haͤlt er Ruhm fuͤr ein nothwendig Uebel, wobey man leicht selbst zur Bildsaͤule auf dem Markte werden, und sich end- lich fast nicht mehr regen und bewegen koͤnne. Wirken, frey und maͤchtig handeln nach Art sei- ner Natur! Dieß sey die allererste und urspruͤng- lichste Gluͤckseeligkeit. Der Kernmensch gebrau- che Ruhm als Huͤlfstruppen; und stoße den einen von sich, wenn es seyn muͤßte, so bald er in eine andre Sphaͤre schreite. Nur einen Fehler kenn ich an ihm; und die- ser ist, daß er in dem heillosen Labyrinthe der Me- taphysik herumkreuzt. Du sollst hier in der Un- terredung mit mir eine starke Probe davon sehen, obgleich ihn noch nicht in seinem ganzen Wesen; weil er sich nach mir richten mußte, der ich hier- in bloß meiner eignen Vernunft folge, ohne mich mit andren Hypothesen viel zu plagen. Wenn er er muthwillig ist, spricht er keinen Tag wie den andern. Mich trieb er vorzuͤglich nur in dem an- gegebnen System herum; und sagte zuweilen ver- wirrte hochtrabende Dinge, um auszuweichen, oder vorzubereiten, und zu sehen, was ich damit anfing. Wenig Auserwaͤhlten reicht er auf die letzt den Faden der Ariadne, den er andern, wegen der heiligen Inquisizion, bedaͤchtlich zu verbergen weiß, die ihm die einzige esoterische Philosophie vielleicht der alten Kirche bald mit langsamer Gluth ausbraten wuͤrde; an dessen Sicherheit er aber selbst noch scheint zu zweifeln. Vielleicht macht dir eine und die andre ko- misch ernsthafte Behauptung gerade das mehrste Vergnuͤgen; da du wohl weißt, daß man hier nur meinen kann, weil unsre Sinnen nicht bis dahin dringen. „Jetzt ist wenig hier zu schauen, sprach er, wie er zu mir kam; aber zu mancher andern Zeit moͤcht ich da gestanden haben!“ Ardinghello 2ter B. J Wir Wir setzten und legten uns bald in die Sonne, die das Dach angenehm erwaͤrmt hatte; und sagten erst dieses und jenes uͤber alte und neuere Architektur. Der Schluß war, daß der Zweck, der vom Plan und den großen Massen an, bis aufs geringste Einzelne und die Verzie- rungen, aus allem rein hervorleuchte, die alten von den neuern Gebaͤuden unterscheide; wo oft bloße nachgeahmte Kunst und leere Schoͤn- heit sey, auch bey den besten, sonder Absicht und Nutzen. Uebrigens ließen wir doch dem Bra- mante, Antonio da San Gallo, Michel Angelo, Palladio , und den andern großen Mei- stern ihr gebuͤhrend Lob voͤllig angedeyhen; und waren der Meinung, daß kein alter Architekt vielleicht einen heroischern Pallast dem Caͤsar, als der Pallast Farnese , und einen lieblichern glaͤnzendern der Kleopatra, als der Pallast von Cornaro zu Venedig wuͤrde haben erbauen koͤnnen. „Bey „Bey unsern Kirchen, fuͤgte Demetri hin- zu, worauf wir das mehrste wenden, haben wir die reizende Mannichfaltigkeit nicht der Alten; Tempel des Jupiter, Apollo, Mars, Bacchus: Tempel der Juno, Pallas, Diana, Venus. Jeder machte ein eigen Ganzes in Plan, Verzie- rung und Ausschmuͤckung, und Gegend.“ Die Meister sollten sich mehr nach den Hei- ligen richten, versetzt ich, denen die Kirchen ge- weyht werden. Der Pabst, welcher die Rotun- da hier allen Heiligen einweyhte, so wie sie ehe- mals allen Goͤttern geweyht war, scheint so et- was im Sinne gehabt zu haben. Es ist doch sonderbar, entfuhr mir hierbey, daß die Griechen, das aufgeheiterte Volk, sich mit den Fabeln uͤber die Gottheit so ernsthaft, und zuweilen so aberglaͤubisch grausam beschaͤf- tigen konnten; da sie, der vielen andern Weisen nicht zu gedenken, einen Anaxagoras hatten. J 2 „Grau- „Grausam, versetzt er, sind sie in Verglei- chung mit uns zu ihren guten Zeiten nur wenige- mal gewesen. Und dann lassen sich Meinungen, wo nicht offenbare Widerspruͤche sind, und das Gewisse tief verborgen steckt, nicht so leicht weg- arbeiten. Es haͤlt bey den ausgemachtesten Dingen schwer, den großen Haufen unter einen Hut zu bringen, wenn er sich mit eingewur- zelten Vorurtheilen dagegen straͤubt; geschweige bey spekulativen Saͤtzen die freyeste Nazion.“ „Mit den griechischen Gottheiten ging es gewissermaßen wie mit vielen Woͤrtern in jeder Sprache; wir haben einen deutlichen oder dun- keln Sinn dabey, wissen aber ihren ersten Ur- sprung nicht, und wo sie herstammen; und jene waren schon vor Mosen und den Propheten in der aͤgyptischen Zeittiefe, ehe noch ein Trismegist unter den Sterblichen die Buchstaben erfand. Homer hat damit seine Iliade ausgeziert, wie mit Edelsteinen, Gold und Perlen; und zuwei- len len lauter Schmuck gemacht, wie den Kampf des Skamander mit dem Vulkan.“ „Religion wurde, duͤnkt mich, in der buͤr- gerlichen Gesellschaft zuerst bestimmt eingefuͤhrt, um den Streit uͤber verschiedne Verehrung der Gottheit bey Familien zu verhuͤten Religion selbst koͤmmt nach dem Cicero her von relegere, dem fleißigen Lesen dessen, was uͤber den Goͤtterdienst war festgesetzt wor- den. Die dieß thaten, hießen religiosi. . Jeder Staat oder Gesetzgeber ergriff eine Parthey der Ordnung wegen; und ließ andern Republiken und Selbstkoͤpfen natuͤrlicher Weise ihre Frey- heit, uͤber das Weltall zu denken, was sie woll- ten, wenn sie nicht mit Fackel und Schwert sei- ne Verfassung stoͤrten.“ „Bey den Griechen mußt es einer sehr arg machen, wenn Richter und Volk Meinungen dagegen ahnden sollten. Was hat nur Aristo- J 3 pha- phanes nicht fuͤr Witz uͤber die Goͤtter ausgegos- sen? Wir im heiligen Rom erschrecken noch nach Jahrtausenden uͤber seinen Muthwillen, wenn wir uns einmal mit der Phantasie in dessen Zei- ten gedacht haben. Das Scherzen uͤber die Be- wohner des Olymp mochten die Griechen, scheint es, sehr wohl leiden; nur durfte sie einer nicht mit Stumpf und Stiel ausrotten wollen, und als Schwaͤrmer deren Bildsaͤulen zerschlagen; ohne ihnen dafuͤr andre Freuden, andern Zeit- vertreib zu gewaͤhren. Jeder begriff an sich selbst, daß sich das Gefuͤhl der Wahrheit und Falschheit nicht so ganz baͤndigen laͤßt, wenn man den Buͤrger nicht als bloßen Sklaven haben will. Buͤrgerliche Ordnung soll nur Gewaltthaͤtigkeit hemmen, und nicht den freyen Gebrauch der Seelenkraͤfte: sonst bleibt der Mensch nicht Mensch mehr, und wird zum Thier der Heerde; verliert seine eigenthuͤmliche Gluͤckseeligkeit und allen Wetteifer, wie wir in den tyrannischen Staa- Staaten sehen, wo die Natur auch ihre geistig- sten Gaben am reichlichsten ausspendet, in den Gefielden der Wahrheit und Schoͤnheit nach Lust immer weiter zu schreiten, und hienieden die hoͤchsten Gipfel zu ersteigen, wo er Meer und Land uͤberschaut.“ „Die mehrsten Streitigkeiten uͤber Gott kommen davon her, daß Layen selten wissen, was sie wollen; und Philosophen meistens fuͤr den eingefuͤhrten Glauben, seys unter Heiden, Juden, Christen, sich von ihm ein Ideal bil- den, und ihn nicht annehmen und zu ergruͤnden suchen, wie er in Natur sich befindet; als ob er sich bey der Menge veraͤchtlich machte, wenn er waͤre, was er ist.“ „ Anaxagoras unter den Griechen gab mit seinem Verstandwesen fuͤr die folgenden Zeiten hauptsaͤchlich dazu Anlaß. Das System des Lehrers des Perikles und Euripides hat durch ihr sinnliches und gluͤckliches Zeitalter geherrscht, J 4 trotz trotz den Schulwidrigen Behauptungen vielleicht groͤßrer Scheidekuͤnstler, erhielt sich bis in die christlichen Jahrhunderte, und herrscht gewisser- maßen truͤb und dunkel wieder jetzt, obgleich die erste Quelle nun unbekannt geworden ist. Er stattete eine Weltseele, die alle Materie der Ele- mente durchdringt, und uͤber sie Gewalt hat, in dem in der Erde steckendsten Wurm und himmel- hoͤchsten Adler dieselbe Seine Lehre findet man kurz beysammen in folgenden Worten des Plato: την των αλλων απαντων φυσιν, ου πιςευεις Αναξαγορᾳ, νουν και ψυχην ειναι την διακοσμουσαν και εχουσαν. Kratylos . . „ Sokrates verwarf alles System, ahnde- te nur, und betete an in heiligem Stillschweigen nach seinem tiefsten Forschen; verehrte uͤbrigens die Gottheit nach den Landesgesetzen unter man- cherley Namen, ohne sie naͤher zu bestimmen; und rieth seinen Freunden dasselbe.“ „Dem „Dem Plato, Aristoteles , und andern Denkern aber war damit wenig gedient, und sie gingen so weit, als sie nur vermochten. Jener sprach uͤber den allgemeinen Verstand in erhab- nen Dichtungen; und der kuͤhne Titan von Sta- gira belagerte regelmaͤßig endlich nach den fein- sten Erfindungen der scharfsinnigsten Taktik; und seine Anhaͤnger behaupten, er sey in die innerste Festung eingedrungen. Darauf und daran muß der herrliche, der in so vielem andern an der Spitze der Menschheit stand, gewiß gewesen seyn.“ „Plato schreibt noch am Ende seiner Tage den Gestirnen den hoͤchsten Verstand zu. An- fangs bedacht er sich lang uͤber die Sonne; und konnte nur damit nicht ins Reine kommen, wie wir lebten, und so hell im Geiste saͤhen, wann sie unterginge und es Nacht waͤre Sieh eben seinen Kratylos . . Daß J 5 alles alles Lebendige erfrieren, zu todten Klumpen er- starren muͤßte, wenn nichts von ihren Strahlen zuruͤckbliebe, wird ihm wohl einmal im Winter die Bedenklichkeit gehoben haben. Vielleicht schloß er gar noch ferner, daß alles Licht und al- les Feuer und alle Waͤrme auf unserm kleinen Erdboden bloß in Materie gefahrne Strahlen der goͤttlichen und der Gestirne sind, die jene, von nichts gehemmt, durchdringen, regen, rich- ten; woher alles einzelne Lebendige denn Bil- dung, Form, und sein Recht hat; bis sie wie- der von andern aufgenommen werden, oder sich selbst absondern in Ruͤckerinnerung der alten uͤberschwenglichen Wonne; und daß die Mas- sen und Koͤrper, die deren am mehrsten enthal- ten, die lebendigsten sind. Wenigstens ist dieß der Grundstoff zu seinem glaͤnzenden theologi- schen System, woruͤber Julian noch abtruͤn- nig wurde.“ „Ue- „Ueberhaupt hielten die mehrsten alten Phi- losophen das Feuer fuͤr das goͤttlichste in der Natur.“ „Die großen Dichter dieser hohen Zeiten fuͤr die Menschheit, fiel ich ein, hatten um eine Stufe natuͤrlichre Metaphysik, und nahmen das sinnlichre und naͤhere. Sie meinten, wir schoͤpf- ten die bewegende Kraft mit dem Athem, und sie sey in der Luft befindlich, und nannten sie Zevs , nach dem woͤrtlichen Sinne, wodurch sie lebten ; und einige Philosophen schlugen sich zu ihrer Parthey.“ „ Sophokles sagt: „Zevs, der alles faßt, in alles dringt, uns naͤher verwandt ist, als Vater, Mutter, Bruder, Schwester.“ Und an ei- nem andern Orte: „welcher Menschen Uebermuth, o Zevs, hemmt deine Macht, die der uralte Schlaf nicht ergreift, und die unermuͤdlichen Monden! Unalternd durch der Jahre Wechsel nimst du Herrscher den strahlenden Glanz vom Olymp Olymp ein; dir ist der Augenblick, die Zukunft, und Vergangenheit unterthan.“ „Und Euripides sagt gerade zu: „Siehst du uͤber und um uns den unermeßlichen Ae- ther, der die Erde mit frischen Armen rund um- pfaͤngt? Das ist Gott!“ „Und Aristophanes , sein Antagonist, ruft eben so aus: „Unser Vater Aether, heiligster, aller Lebengeber!“ „Und Pindar ging schon vorher noch wei- ter, und singt stolz in lyrischer Begeistrung: „Eins das Geschlecht der Menschen! Eins das der Goͤtter! Alle beyde athmen von Einer Mutter.“ „Nach der aͤltesten Meinung seines Volks glaubte Thales das Goͤttliche im Wasser zu fin- den, weil alles Lebendige sich davon naͤhrt, und aller Saame feucht ist. Die Erde aber blieb im- mer nur Pflanzstaͤtte, die das Himmlische durch Wind und Regen empfaͤngt, und Thiere und deren deren Nahrung damit gebiert; obgleich Mutter aller, selbst ohne Geist und Leben. Manche hielten sie nicht einmal fuͤr Element, sondern wie Hesiodos nur ersten Koͤrper. „Alles kehrte zuruͤck, wo es herkam; was von der Erde entsproß, zur Erde: das Himmli- sche wieder in die lustschwebenden aͤtherischen Zaͤrtlichkeiten.“ „Doch, gestehen wir es nur, wir tappen damit noch in Nacht und Ungewißheit! wie die Alten selbst; von denen nur einer mehr oder weniger als der andre dreust war mit seinen Be- hauptungen. Ein bestimmtes deutliches System hieruͤber darf man bey keinem Sterblichen su- chen; die groͤßten Weisen haben fuͤr sich keins gehabt, und nicht klar gesehen, wie kein Mensch die ganze Welt klar durchschauen kann. Sie nahmen gewisse Saͤtze an, und bauten darauf hin; und wurden immerwaͤhrend von der Natur wieder in Verwirrung gesetzt.“ „Ei- „Eines jeden Gefuͤhl muß ihm sagen, daß er etwas getrenntes von einem Ganzen ist, und daß er sucht, sich wieder mit demselben zu verei- nigen. Als Menschen suchen wir dieß am ersten bey andern Menschen zu bewerkstelligen: die Natur leitet den Mann zum Weibe, und das Weib zum Manne. Beyde finden alsdenn doch noch nicht dieß in sich allein, und suchen ihr Ganzes bey mehrern ihres Gleichen. Wo dieser Trieb lauter wirkt: die gluͤckseeligste Republik. Aber auch hier wird der Mensch endlich seine freye Vollkommenheit, sein Ganzes nicht finden. Es ist also klar, daß uns entweder der Tod mit diesem vereinigt, oder doch naͤhert; oder nach mancher- ley Durchwanderungen von Koͤrpern wieder da- hin bringen muß. Aus diesem Gefuͤhl stirbt ei- ne Alkeste fuͤr ihren Gatten, als der minder edle Theil des Ganzen; und uͤbergibt sich ein Regu- lus freywillig Schmach und Leiden. Aus diesem Grunde sieht man mehrere Menschen, jeden schier schier von demselben Schlag und Gehalt, zusam- men fuͤr verstaͤndiger an, und ein ganzes Volk fuͤr die klare ausgemachte Weisheit; und wir koͤnnen oft mit der sichersten Gewißheit von dem Gegentheil und dem staͤrksten Vorsatz nicht auf gegen die Macht der Taͤuschung.“ „O wie lieb ich das, rief Demetri mir mit lebendigern Augen froh laͤchelnd zu, wenn so ei- ner aus dem andern Funken schlaͤgt! O koͤnnten wir uns Licht machen, und einander einen Pha- ros anzuͤnden in diesem naͤchtlichen Meere, wo Boreas und Suͤd und Ost und West verschiedner Meinungen stuͤrmisch ungestuͤme Wogen waͤl- zen! — wenigstens einer den andern wie ein noch scheues edles Roß vor den fuͤrchterlichen Ein- bildungen auf allen Seiten herumfuͤhren.“ „Welches der Koͤnig der Elemente ist: Luft oder Feuer? waͤr also der Streit bey den griechischen Dichtern und Philosophen. Um das Hoͤchste und Edelste zu seyn, muß er die Massen aller aller andern durchdringen, Gewalt daruͤber ha- ben; sie an sich ketten, und nach seiner eignen Natur formen, und bewegen. Nach diesem Grundsatze wuͤrden die Dichter wohl den Philo- sophen nachgeben, und alle lebendige Wesen eine Art von Flamme seyn; Feuer so uͤber Luft, wie Bewegung des Lichts gegen Schall.“ „Auch war das Wesentliche zwey der aͤlte- sten Religionen des menschlichen Geschlechts in der Mitte der zwey groͤßten Welttheile, Asien und Amerika, Verehrung der Sonne und des Feuers; und ihre Frommen bemitleideten die so mit geistiger Blindheit geschlagnen, daß sie in Finsterniß nach Gespenstern herum- tappen, vom Lichte der Natur, durch alle Himmel dasselbe, lieblich und freundlich und er- waͤrmend hell lebendig umstrahlt. Selbst in Rom, da edle Weisheit und Tapferkeit in seinem Senate noch den Erdboden regierte, bewahrten jungfraͤu- liche Haͤnde dessen Gluth als das allerheiligste.“ „Las- „Lassen wir aber auch noch einen Priester des Zevs mit seinem Pomp in diese Versamm- lung treten, und die Religion seines Volks behaupten; weil wir einmal im erfreulichen Schwaͤrmen der Phantasie daruͤber sind.“ „Thoren ihr alle! ruft er aus; die Welt macht nur ein Ganzes, und ihr haltet euch an den Theil. Alle verschiedne Urwesen in der Natur sind goͤttlich, jedes so ewig als das andre, und keins kann von dem andern herkommen und geworden seyn.“ „Rein abgesondert nennen wir sie Ele- mente; unter einander vermengt, fuͤr uns oh- ne Ordnung und Schoͤnheit, nennen wir sie Materie.“ „Wie alle diese Kraͤfte zusammengekom- men sind, sich verbinden und scheiden, und al- lerley Erscheinungen hervorbringen, hat noch kein menschlicher Kopf fuͤr Sinn und Verstand erklaͤrt.“ Ardinghello 2ter B. K „Thun „Thun wir den aͤußersten Flug menschlicher Einbildungskraft, und nehmen Anfang an, wo es nur immer moͤglich ist.“ „Stellt euch das Chaos vor, das alle Goͤt- ter, Menschen, Thiere, Metalle und Steine gebahr, wie einen unermeßlichen heißen Nebel im unendlichen Raume, worin Sonnen und Planeten noch zerstaͤubt schwimmen mit den Mee- ren, Erden und Luͤften!“ „Es begann die Zeit: Feuer und Luͤfte, und Wasser und Erden schieden sich, und ein gleichartiges Wesen gesellte sich seiner ewigen Natur nach zu dem andern. Die jungen Son- nen waͤlzten sich und wuchsen, bis jede sich aus ihrer Sphaͤre, gleich ewigen blendenden Gewit- tern von lauter Blitzen und Wetterstrahlen (wo- von wir an unsern Wolken zuweilen nur winzige dunkle Schatten sehen) zusammengesammelt hat- te, und besaͤeten die Himmel. Die groͤbern Massen sanken unter, jede nach ihrem verschied- nen nen Grade; und machen nun die Planeten aus, die immer schwebend herumtanzen, sich wieder mit dem holden Lichte zu vereinigen, aber wegen ihrer Schweere nicht zum Anflug gelangen.“ „Und die Liebe ward gebohren, der suͤße Genuß aller Naturen fuͤr einander, der schoͤnste, aͤlteste und juͤngste der Goͤtter, von Uranien der glaͤnzenden Jungfrau, deren Zauberguͤrtel das Weltall in tobendem Entzuͤcken zusammenhaͤlt. Und alle lebendigen Geschoͤpfe erhaschten in die- sem Getuͤmmel ihren Anfang; und vermehren sich nach alter Art immer wieder aus einem klei- nen neuen Chaos von Elementen, nach An- zahl, Maaß und Form der ersten Zusammen- setzung.“ „Das Element, das alles fuͤllt, das sich am freyesten und ungebundesten durch das Uner- meßliche breitet, ohne welches nichts bestehen kann, was lebt, selbst das Feuer nicht, ist die Luft. Wir Trismegisten und Orpheusse gaben K 2 ihm ihm den Namen Zevs ; und stellten diesen den Voͤlkern in Wolken auf einem Donnerwagen mit dem flammichten zackichten Keil voll furchtbarer Majestaͤt als dessen Regenten vor; weil sie nicht bis zu dem Unsichtbaren gelangen, und Gestalt fuͤr den Sinn haben muͤssen.“ „Sein erstgebohrner Sohn, Licht und Feuer, ist Apollo , der Sonnengott.“ „Der Beherrscher der Wasser, Zevs Bru- der, Neptun .“ „Den Erden, den Sammlungen unzehlba- rer andrer Elemente, setzten wir das Heer der uͤbrigen Goͤtter vor; und ertheilten dem dritten Bruder Pluto in den Unterwelten den hoͤchsten Scepter.“ „Eure Großvaͤter, die Pythagorasse und Homere, haben hernach unsre kuͤhnen großen Erfindungen angenehm und lieblich und erfreu- lich ausgearbeitet, und die Phidiasse und Poly- klete denselben das Siegel aufgedruͤckt. Und so waren waren die Urkraͤfte der Natur fuͤr die Phantasie geordnet, und jeder von ihren Lieblingskindern, den Menschen, schoͤne Tempel aufgestellt.“ Verwundert euch nicht, Freund, fuhr De- metri fort, uͤber die Astronomischen Ketzereyen, die ich meinen Priester sagen lasse! Es wird eine Zeit kommen, und nach der Freyheit, womit die großen Geister schon anfangen, ihre Fluͤgel zu schwingen, kann sie nicht mehr fern seyn, wo die Sonne und die Fixsterne auch bey den Menschen ihren erhabnen Posten behaupten werden, wie in der Natur, und unsre kleine Erde mit den andern Planeten um ihre Lebendigmacherinn herumrollen wird Das System des Preußen Kopernikus wurde am spaͤtesten im Kirchenstaate ange- nommen; und Galilei war zu dieser Zeit kaum gebohren. Man kann das folgende fuͤr eine Prophezeyhung auf ihn halten. ; es wird die Zeit kommen, K 3 wo wo der kleinste Nebelstern Sonne seyn wird, und ein hellerer Morgen in unsern Kerker ein- brechen; bis wir uns endlich alle Bande ab- streiffen, und des ewigen Daseyns, unsers Ei- genthums, als aͤchte Kinder Gottes genießen, in unaussprechlicher Wonne, sonder Grausen vor den armseeligen Schreckwoͤrtern Tod und Zerstoͤrung. Es war besser, daß Millionen Sonnen sind, um nur Zahl zu nennen, als eine, die zu ungeheuer gewesen seyn wuͤrde! Die Billionen Planeten haͤtten sich zu oft darum her einander verfinstert, und die rasende Masse von Feuer sie verzehrt. Alles Wesen besteht aus unergruͤndlich Klei- nem. Was unendlich klein ist, kann nur we- nig Kraft und Bewegung haben. Um freyer und gewaltiger zu seyn, paart es sich mit seines gleichen, und vermehrt sich bis zu Sonnen und Planetensphaͤren, die sich durch die Himmel waͤl- waͤlzen, und schweben fuͤr uns in unbegreiflicher Fuͤlle von Wonne; paart sich mit seines gleichem und anderm, was es wie zum Fuhrwerk, oder gleichsam Reitthier brauchen kann. Und dieß hats auch wieder gut, indem es an der Lust des edlern Theil nimmt, und fuͤr seinen Dienst reich- lich versorgt wird. Das Zusammengesetzte aber aus Verschied- nem ist in Betrachtung des Einfachen eine wahre Kleinigkeit. Was sind alle Voͤgel, Thiere und Fische gegen die unermeßliche Luft, das blenden- de Gewimmel der Gestirne, und gegen Meere und Erden in ihrer urspruͤnglichen Reinheit? Zusammengerottete winzige Sonderlinge! Die großen Massen allein leben und schweben in ewi- ger angestammter Wonne und Gluͤckseeligkeit: nur wir Heterogenen leiden und sind elend, und plagen uns mit unsrer Erhaltung; immer in der jaͤmmerlichen Furcht zu vergehen. Mitteldin- ger zwischen Seyn und Nichtseyn! Zusammen- K 4 ge- geballte Grenzen des Verschiednen! Die sich mit Traͤumen plagen, und ihre eigentliche Natur nicht finden koͤnnen; und auf das kranke Ge- winsel zerruͤtteter Kreaturen horchen, da uns das ewige Licht in die Augen blitzt, Meere in die Ohren rauschen, und alles augenblicklich in uns strebt, sich mit dem großen Maͤchtigen wie- der zu vereinigen. Die Thoren glauben, sie kaͤmen einmal in eine ganz andre Welt, wo keine Sonne waͤre, weder Mond noch Sterne, noch Meer und Land, wie bey uns; und sie haͤtten vielleicht dort doppelte goldne Huͤften, wie hier nur eine Py- thagoras hatte. Unsre Philosophen nehmen sich sehr in Acht, wenn sie von Seele reden, auf Erde, Wasser, Luft und Feuer zu kommen; vermuthlich, um sich nichts zu vergeben. Nicht also die Griechen! Wir zucken die Achseln deßwegen uͤber sie? je er- habner der Mann, desto eher der Kinder Spott! Deme- Demetris Wangen wurden roͤther in diesem lyrischen Tumult; ich rief ihm zu: „Maͤßigt eu- ren Schwung, wenn ich nachfolgen soll!“ „Etwas besonders, Adler oder Mensch, und zum Beyspiel Alexander zu seyn nach gewon- nenen Schlachten, fuͤgt ich leise hinzu, macht doch auch große Freude, und koͤmmt einem an- genehmer vor, als wenn man sich zu unendlich kleinen Theilchen von Erde, Luft, und Wasser und Feuer denkt. Jedes einzelne Wesen wird seine Existenz bloß durch andre gewahr; je reiner es sich damit vereinigt: desto groͤßer wahrschein- lich seine Gluͤckseeligkeit. Alles in der Natur strebt deßwegen, sich in andres zu verbrei- ten.“ Demetri . Bey solchem Einfachen gibts kein Theilchen; jedes, wenn man sich es auch denkt, gehoͤrt so zum Ganzen, daß das Ganze zusammengenommen nichts bessers ist. Das Theilchen ist wie das Ganze, und das Ganze K 5 wie wie das Theilchen; eins wirkt und regt sich wie das andre, jedes Gefuͤhl blitzt durch das ganze All. Was das eine angeht, das geht auch das andre an; es ist eins so maͤchtig, so ungeheuer und unermeßlich groß, wenn man eine solche Groͤße machen will, wie das andre. Die Mee- re und Tiefen von urspruͤnglichen Elementen sind es, woraus wir immer neu stroͤmen und zusam- menrollen; und unsre Urnatur ist unendlich goͤttlicher und erhabner, als das augenblicklich zusammengeballte Eins verschiedner Kraͤfte; nach dem hohen Plato nur eine Stockung im unsterb- lichen Flusse der Gluͤckseeligkeit. Ardinghello . Aber daß etwas seyn muß, was das Weltall zusammenhaͤlt, ist wohl klar genug! eine unbekannte Ursache an und fuͤr sich, doch bekannt in ihren Wirkungen; ein Wesen, das die andern Elemente zusammenbaͤndigt von ihrem Schlafe zum Leben, zur Existenz, zur Har- monie und Einheit. Wenn Wenn ich meinen Koͤrper betrachte, und bedenke, daß ich ihn selbst soll zusammengearbei- tet und gebildet haben, und doch nichts davon weiß; oder welches einerley ist, daß das erste Menschenpaar dieß soll gethan haben: so duͤnkt mir augenscheinlich, daß ich nicht von mir selbst abhange, und daß eine unbekannte Ursach im Spiel ist. Anfang und Ende ist fuͤr keines Menschen Kopf; und eben so unbegreiflich, wie verschiednes ein lebendiges Eins macht. Unsre offenbare Willkuͤhr, der vorher bestimmte End- zweck aller unsrer Sinnen zum Beyspiel, das Forterhalten der Gattungen, bleibt unerklaͤrlich, und uͤbersteigt die feinste Philosophie. Demetri . Vielleicht wird sich dieß noch aufhuͤllen. Wir erkennen uns bloß als Zusammense- tzung, als Wirkung und nicht als Ursache. Bey uns ist sie mit unserm Verstand eins, und es fin- det da kein Gezweytes statt; bey andern Dingen laͤßt laͤßt sie vielleicht den Sonnenstrahl, so wie ihn unser grobes Auge blickt, nicht in ihre Verbor- genheit. Rein, existiert sie bloß in ihrer ur- spruͤnglichen Vortreflichkeit, schwebt im Ge- nuß ihrer selbst: und vermischt, erkennt sie nur die Vermischung. Liebe und Krieg ist ewig auf den Grenzen verschiedner Natur; jene nennen wir Ordnung, Leben, Schoͤnheit, und wie die Namen alle lau- ten. Wie Kinder scheuen wir Tod und Verge- hen; wir wuͤrden bey bestaͤndiger Dauer in im- mer einerley Zusammensetzung vor Langerweile endlich auf ewiger Folter liegen in unsrer kleinen Eingeschraͤnktheit. Die Natur hat sich aus eig- nen Grundtrieben dieß Spiel von Werden und Aufloͤsen so zubereitet, um immer in neuen Ge- fuͤhlen seelig fortzuschweben; und unser Beruf ist, dieß zu erkennen, und gluͤckseelig zu seyn. Pythagoras hatte Recht: die Welt ist eine Mu- sik! Wo die Gewalt der Konsonanzen und Dis- sonan- sonanzen am verflochtensten ist, da ist ihr hoͤch- stes Leben; und der Trost aller Ungluͤcklichen muß seyn, daß keine Dissonanz in der Natur kann liegen bleiben. Die hoͤchsten Granitfelsen der Alpen und des Kaukasus zermalmen endlich die Regen des Himmels, und die Katarakten der Eisdecken auf ihren Gipfeln; und unsre Jahr- tausende sind Momente der Ewigkeit. Kommen wir einmal zum Theil in den Mittelpunkt des Ozeans und der Erdkugel: so kommen wir auch in Sonnen und Gestirne, und werden eins damit. Jedes Element hat nach hoͤhern und min- dern Graden von Regsamkeit die Eigenschaft zu leben, zu empfinden; und die mancherley Pro- porzion gibt jedem einzelnen Dinge seinen beson- dern Urcharakter. Dem Affen ein wenig Licht und Lust mehr im Urton: und er stuͤnd auf der Leiter der Schoͤpfung uͤber den Homeren und Ze- nonen; freylich alsdenn auch in andrer Gestalt. Unser Unser Gehirn scheint der hohe Rath der Republik zu seyn, sich augenblicklich zu bewegen, und die neuen Erscheinungen und Gefuͤhle der Sinnen aufzunehmen, und darnach fuͤr das kleine Ganze zu sorgen. Wer hat die Elemente so untersucht, daß er einem allein das Leben und Denken zuschreiben will? Warum sollten nicht alle mehr oder min- der dazu faͤhig seyn, und die ganze Natur leben, denken, und empfinden? Der Mensch macht ein Ganzes aus, und es ist alte Pedanterey, denselben nur in zwey ganz entgegengesetzte verschiedne Haͤlften zu thei- len, wie man hernach bey allen Thieren und der kleinsten Muͤcke thun muß. Aber Gewohnheit zwingt alles unter ihre eiserne tyrannische Herr- schaft, bis auf die sich freywaͤhnendsten philoso- phischen Haͤupter, die davon nichts traͤumen. Ardinghello . Auf einen Hieb faͤllt kein Baum: geschweige eine Zeder, die so viele Jahr- hun- hunderte, durch alle bekannte Zeitalter steht, und mit ihrem immer gruͤnenden Gipfel jedem Sturm trotzt. Die Menschen werden heut zu Tag schwerlich glauben, daß das Beste von ihnen nur Sonne war, und die Planeten erleuchtete; sie sind zu stolz dazu geworden. Geschweige, daß ihre Koͤrper nur eine gewisse Ordnung seyen, Wohnungen, Gasthoͤfe der Elemente, die au- genblicklich durch sie reisten, sich nur Momente aufhielten, sie lebendig, vollkommner und be- quemer fuͤr die nachfolgenden machten. Demetri . Und doch muß auch dem Duͤmm- sten auffallen, daß er alle Woche wenigstens an- der Fleisch und Blut hat; daß ihn sein Magen jeden Tag ein paarmal an neuen Ersatz erinnert; daß er stuͤndlich stirbt und wieder aufersteht; immer etwas anders ist, immer ist wie das Wetter, das er sieht und einathmet. Und was wollt ihr mit allen bekannten Zeitaltern? habt ihr vielleicht den Aristoteles gelesen? Ar- Ardinghello . Seine metaphysischen Schrif- ten nur durchgeblaͤttert! theils, weil sie mir zu weitlaͤuftig, und gleich anfangs mit Fleiß dunkel und raͤthselhaft geschrieben schienen; und theils, weil ich fuͤr wahr hielt, was Xenophon beym Eingange der Denkwuͤrdigkeiten vom Sokrates meldet; nehmlich: die Metaphysiker waͤren ihm vorgekommen, wie Rasende, da die beruͤhmte- sten derselben schnurstracks sich entgegenstehende Meinungen behaupten. Die ganze Wissenschaft sey zu nichts nuͤtze; und er haͤtte sich verwundert, wie es ihnen nicht offenbar waͤre, daß unser Verstand daruͤber nichts gewisses erfinden koͤnnte. Die menschlichen Dinge allein machten uns ge- nug zu schaffen. Demetri . Auch beym Sokrates ist nicht alles Gold! Dieß war zuverlaͤssig in die Luft gesprochen, ohne hinlaͤngliche Ueberlegung. Das Allgemeine koͤnnen wir wissen, aber nicht das Besondre. Ohne Arbeit und Muth wird dem Men- Menschen nichts Großes verliehen. Wer weiß, wie viele Jahrhunderte noch dazu gehoͤren, ehe wir in Erkenntniß der Natur so weit gelangen, als unser Verstand reicht, und das hoͤchste Ziel beruͤhren! Viele verzweifeln daran, nur et- was Wahres zu finden, und wollen immer im Finstern herumtappen; aber es kommen Augen- blicke, wo sie erschrecken, ein bloßes Nichts zu seyn, ohne sich mit der Natur zusammen zu den- ken. Harmonie mit dem Weltall ist das hoͤchste Gut! und welcher gute Kopf will sein Lebenlang zu dem Gesindel gehoͤren, das die Wetterfahne aller Meinungen ist? Jeder muß hier endlich so weit, als er kann; und es hilft da kein Straͤu- ben. Unsre Bestimmung, wenn wir eine haben sollen, kann keine andre seyn, als die verschied- nen Naturen des Weltalls in der Zusammense- tzung zu fassen, woraus wir bestehen. Der Mensch selbst ist gleichsam eine herumwandelnde Metaphysik; wer wollte sich nicht damit beschaͤf- Ardinghello 2ter B. L tigen? tigen? Sie ist die erste und hoͤchste aller Wissen- schaften. Wenn wahr ist, wie es denn allen Schein der Wahrheit an sich traͤgt, was Alkibiades vom Sokrates in Platons Gastmal erzehlt: so hat auch hierin der, den das Orakel (vielleicht hauptsaͤchlich deßwegen, was ihr eben aus den Denkwuͤrdigkeiten von ihm angefuͤhrt habt!) zum Weisesten erklaͤrte, doch auch hierin seine Schuldigkeit beobachtet. Er stand einst im freyen Felde vom Morgen an, den ganzen Tag uͤber, und die Nacht durch, unbeweglich auf einem Flecke in dem allertiefsten Nachdenken versunken und verloren: und betete die Sonne an, als ih- re reine volle Feuersphaͤre uͤber die oͤstlichen Gipfel Strahlen des Lebens wehte. In den geringsten Wissenschaften und Kuͤn- sten herrschen verschiedne Meinungen; und es ist natuͤrlich, daß in der hoͤchsten die mehrsten herrschen, weil alle zum steilen Gipfel wollen, und und nur aͤußerst wenige dazu genug Athem in der Brust, Staͤrke in den Knochen, und ausdauern- den Muth und Verstand gegen alle die Gefah- ren haben, die in den halsbrechenden Pfaden auf sie lauern. Nutzen? soll man denn alles des Mauls und Magens wegen thun? und macht Erkennt- niß der Wahrheit nicht schon an und fuͤr sich gluͤckseelig? ist sie nicht die hoͤchste Gluͤckseelig- keit? Gehoͤrt das Vergnuͤgen, die Freude nicht zu Nutzen? Freylich muß jeder den Weg endlich selbst machen. Es muß erst einer wissen, wo der Aetna liegt, eh er hinauf will. Und dann ist fuͤr uns die Reise durch die Scylla und Charyb- dis die kuͤrzeste; und durchaus zu Pferd ist nicht moͤglich. Oder: man muß ohngefehr so weit seyn, als sie selbst waren, ehe man die Systeme großer Philosophen vollkommen versteht; und ferner sie nicht auf den ersten Seiten vollkommen L 2 be- begreiffen wollen; man muß sie erst ganz kennen, ehe man nur etwas von ihnen in allem seinen Verhaͤltniß einsieht. Das System des Aristoteles liegt, es ist wahr, noch zum Theil da im Chaos; aber bin- nen zwey tausend Jahren hat sich kein beßrer Architekt gezeigt. Er trug allen philosophischen Reichthum jener gluͤcklichen Zeiten zusammen, und bruͤtete daruͤber wie ein Gott. Seine phy- sischen und metaphysischen Werke sind ein lang- wieriges Studium, und es laͤßt sich in einem Gespraͤche davon kein Auszug machen. Ihr muͤßt sie selbst lesen; und es wird euch Lust seyn, zu sehen, wie er die Natur herumarbeitet, und bis auf ihre kleinsten Bestandtheile zergliedert, wenn ihr auch nur den Tiefsinn des Menschen an ihm bewundern solltet. Fuͤr jetzt nur noch einige Rapsodien nach ihm und gegen ihn; und Launen und Einfaͤlle. Stellt euch das Universum wie eine Laute vor, worauf worauf ich euch nach augenblicklicher Lust und Liebe vorphantasiere. O nichts ist reizender und lockender dazu! es ist der schoͤnste Gegenstand meiner Poesie in der Einsamkeit. O es macht mich gluͤcklich, und mich uͤberlaͤuft wieder zuweilen ein mensch- licher Schauder, wenn ich bedenke, was ich vielleicht schon war, und ferner seyn werde! was ich jetzt bin, und den folgenden Morgen, die folgende Stunde schon, vom neuen anfange zu seyn. Uebrigens genieß ich jeden Moment der Spanne meines gegenwaͤrtigen Lebens so gut ich kann; und ergebe mich Kleinigkeit in die Umwaͤl- zungen der ungeheuern Massen. Was Demetri darauf ferner sagte, davon mehr nur den Inhalt, als seine Worte; in so weit ich denselben gefaßt habe. Ich blieb bis jetzt noch immer der Meinung des Sokrates, daß auch die beste Metaphysik ein schoͤnes Ge- baͤude sey, welches bloß in der Luft schwebt; und daß man sich nur damit beschaͤftigen muͤsse, L 3 um um sich nichts weiß machen zu lassen, und sei- nem Vergnuͤgen in dieser Ruͤcksicht ungestoͤrt nachzuhaͤngen. „Die Sinnen allein zeigen uns, begann er vom neuen Ich habe dieses jugendliche Gespraͤch, eine Streiferey in die Metaphysik damali- ger Zeit, wo Aristoteles noch auf dem Throne saß , des Zusammenhanges wegen nicht ausgelassen. Wohl uns, wenn wir ein paar Jahrhunderte hoͤher stehen! Ein Barbar aus Pommern, einer von der Themse haͤtte schon den tiefsinnigsten Grie- chen viel vergeblichen Kopfbrechens ersparen koͤnnen. , daß etwas außer uns da ist: Verstand selbst ist die Wurzel der Sinne. Von Sinn und Verstand alle unsre Erkenntniß; und was finden wir da? In uns gekehrt, die wunderbare Sicher- heit, daß wir Wirkliches und kein Nichts sind, und und allen Grund zu denken und zu handeln. Außer uns, Sonne, Mond und Sterne im unermeßlichen Aether, und Luft und Meer und Land voll unzehlbarer lebendiger Dinge. Doch solche Menge Verschiedenheiten ent- deckt nur das Auge, unser reichster, aber auch flachster Sinn; wir haben einen andern, der tiefer dringt und zu einfachern koͤmmt, das Ge- fuͤhl. Kein Thier kann ohne dasselbe, aber ohne die andern Sinnen bestehen. Und dieser Sinn erkennt? Warm, und Kalt, und Feucht, und Trocken . Nichts weiter! denn alles Uebrige faͤllt in Eins von diesen; daraus besteht die unendliche Mannichfaltigkeit des Weltalls. Doch werden wir auch mit diesem so maͤch- tig ergreiffenden Sinne nur Oberflaͤchen gewahr; allein tiefer in die Natur der Dinge koͤnnen wir nicht eindringen, wenn wir nicht sie selbst werden. L 4 Und Und dann hoͤrt aller Sinn auf; wir sind es selbst, und schweben im Genuß ohne alle wissent- liche Unterscheidung. Warm und trocken ist das Feuer . Warm und feucht die Luft . Kalt und trocken die Erde . Kalt und feucht das Wasser . Mit Flamme und Eis faͤngt Stockung und Zerstoͤrung an, dar- aus keine Zeugung. Wenn Feuer sich in Luft verwandelt: braucht es nur die Feuchtigkeit anzunehmen; und so wenn Wasser sich in Erde : nur die Trockenheit. Wasser wird Luft durch die Waͤrme; Luft wird Wasser durch die Kaͤlte. Feuer verwandelt sich in Erde durch die Kaͤlte; Erde in Feuer durch die Waͤrme. Leicht ist dann der Uebergang einer Natur in die andre, und leicht Werden und Zeugen. Wenn aber Feuer Wasser werden soll, und Wasser Feuer; Luft Erde , und Erde Luft . Dann ist ein doppelter Damm durch zu stuͤrmen; allein der Schleich- Schleichweg ist bald gefunden. Feuer wird erst entweder Luft oder Erde ; und so bleibt der Uebergang auch bey den andern immer leicht. Daraus alle die sonderbaren Erscheinungen! und so veraͤndert sich ewig in sich die Welt, be- gattet sich mit sich selbst, und bringt neue Ge- schoͤpfe hervor, und Blumen und Fruͤchte. Dieß sind die vier Elemente, die der ge- meine Menschenverstand durch alle Zeiten aner- kannt hat; und sie sind die Grundverschiedenhei- ten nicht nur fuͤr das Gefuͤhl, sondern auch fuͤr die uͤbrigen Sinne, die alle verschiedene Abarten desselben sind, und darauf beruhen. Daß die Luft wieder so verschieden seyn koͤn- ne, als wir die Erde erkennen, wer will dieß leugnen? und so das Wasser, und vielleicht noch das Feuer; wer hat die Elemente so untersucht? und wie wenig wissen wir noch von den Erden? Genug, daß der Uebergang eines Elements in das andre gefunden ist. L 5 Doch, Doch, warum suchen wir Vervielfaͤltigung der Elemente! es hat Philosophen gegeben, die behaupteten, daß das Weltall, welches wir zu- sammen mit einem Namen Natur nennen, durchaus Eins und dasselbe sey; die alle Evidenz leugneten, um ihren Verstand an einem Mut- terwesen zu weiden, das bloß reiner Stoff, und nichts von allem andern ist, was wir kennen, sondern alles zugleich in jedem Punkte; andern Menschen schier eben so undenkbar, wie Alles aus Nichts, und Nichts aus Allem, das es auch bedeutet. Die aͤltesten der Art blieben jedoch noch bey einem Elemente. Heraklit meinte, das Feuer sey der gemeinschaftliche Quell aller Dinge: und Thales das Wasser ; beyde aus dem heitern Jonien, von den Griechen, sonderbarlich! fuͤr die fruͤhesten aͤchten philosophischen Koͤpfe aner- kannt; und der erste als Stammvater aller ei- gentlichen Weisheit zum Sprichwort bey ihnen durch durch alle Zeiten geworden. Das organische Wasser, zum Beyspiele der Mensch, ersauffe in dem einfachen Wasser; und das organische Feuer verbrenne in dem Feuer, das die Lust verliert, etwas anders zu seyn. Feuer, Luft, und Erde sey Wasser; und Wasser sey Erde, Luft und Feuer, und alles Eins und dasselbe. Feuer sey heiß und kalt; und Wasser sey naß und trocken. Andre suchten in der Folge den Widerspruch wenigstens im Ausdrucke zu vermeiden; und setz- ten fuͤr irgend ein Element uͤberhaupt: Eins ist Alles, und Alles Eins . Nach dem Aristoteles war Xenophanes der erste, der dem Wesen seine eigentliche Reinheit gab ; aber auch nichts weiter daruͤber bestimmte, sondern nur mit erhabner Stirn in den unermeßlichen Aether hin schaute, und sagte: Das Eins ist Gott . Par- Parmenides , sein Schuͤler, bruͤtete nach ihm mehr daruͤber, und suchte zu beweisen, daß Wesen der Vernunft nach nothwendig nur Eins seyn koͤnne; fuͤr die Sinnen aber muͤsse man zwey Ursachen: Kalt , und Warm annehmen. Kalt sey das Unwesen , und Warm das Wesen . Andre setzten dafuͤr das Dicke und Duͤnne ; nehmlich das Wesen dehne sich aus, und ziehe sich ein; und daraus alles Werden und Zeugen, alle Erscheinungen. Wenn es sich verduͤnne, werd es Luft und Feuer; und verdickt sey es Erde und Wasser; aber alles im Grund Eins und dasselbe. Ardinghello . Wenn also die unendliche Ausdehnung, außer den einzeln Bewegungen, durchaus sich einmal recht einzoͤge: so wuͤrden wir vielleicht alle zusammen mit ihr den aller- groͤßten Stein ausmachen, und die Welt als ein Diamant im leeren Raume han- gen. Deme- Demetri . (ein ander Gesicht annehmend.) Wer weiß, was geschehen kann! Zeit hat sie nun in der Ewigkeit genug dazu, zur Kurz- weil sich in allerley Gestalten zu verwandeln. Diese Philosophen gaben uͤbrigens keine Ur- sache der Veraͤnderung an, und ließen noch Ruh und Bewegung uneroͤrtert. Wer beweisen will, daß aus Einem alles sey, muß erst darthun, daß aus Allem Eins werde; und so weit hat es noch keine Chemie gebracht. Wenn bloß Eins ist: so muß es in Ruhe seyn; denn ohne Reiz keine Bewegung, und das Gleichfoͤrmige reizt nicht. — In den Elementen liegen die Quellen der Bewegung. Sie ist allen eigen, und keins hat sie als einen besondern Vorzug; nur scheint das Feuer einen weit hoͤhern Grad von Reizbarkeit dazu zu haben, als Erde, Luft, und Wasser. Alles in der Natur regt sich von selbst und hat Frey- heit, heit, Erkenntniß und Begierde. Jeder Theil, den wir von einem ihrer unvermischten Ganzen annehmen, hat alle innerliche Eigenschaften des Ganzen; ihre Wesen sind unendlich zart, ver- breiten und verlieren sich in einander, unergruͤnd- lich allen unsern Sinnen. Je mehr das Kleine einerley Art beysammen: desto groͤßer seine Macht und Staͤrke; und so kann Erde, Luft, oder Wasser das Feuer uͤberwaͤltigen; und so unterliegt beym Menschen der so genannte Geist der Materie. Doch nur im Einzeln kann dieß geschehen; denn im Weltall selbst herrscht Geist unermeßlich und ohne Schranken. Geist bringt die Welt in Ordnung und Schoͤnheit nach seiner Natur, und selbst in uns fuhr er deßwegen; und dadurch hat der Mensch Gewalt uͤber den Erd- boden. Bewegung ist Wirksamkeit der Kraft auf einen Gegenstand. Wo Kraft und Gegenstand ist, ist auch Bewegung. Wo doppelte Kraft auf auf einander wirkt: Liebe oder Krieg, Neues- werden, oder Abprallung. Gedanke ist Anfang und Ziel der Bewe- gung; Anfang, und Mittel und Ende der Be- wegung zusammen Handlung. Alles in der Na- tur hat das Vermoͤgen, zu denken und zu em- pfinden, und das Selbstgefuͤhl ist Grund und Boden; denn alles, was ist, hat Kraft, wo- durch es ist, was es ist. Und folglich hat das System des Anaxago- ras seinen guten Grund in der Natur. Ver- stand hat die Welt gebildet: nur in allem auf seine eigne Art. Verstand ist pruͤfende und un- terscheidende Fassung des Ganzen; Verstand, in der Zusammensetzung, das Meer, wohin alle Empfindungen laufen, sich begegnen, und sich laͤutern; und besteht selbst nur aus empfinden- der Kraft. Er ist der eigentliche Kern jedes ein- zelnen Lebendigen, jedes Ganzen; das schlech- terdings an und fuͤr sich mit einer ersten Empfin- dung dung beginnen, und sich mit gleichartigen und andern Wesen paaren, und hernach zusammen- schaffen und bilden mußte. Wenn nun Ver- stand urspruͤngliche Empfindung ist: so ist er auch der Schoͤpfer von allem Individuellen. Der erste Trieb in jedem Lebendigen ist das Vergnuͤgen, oder nicht allein und vereinzelt zu seyn. Der zweyte, weitere Erkenntniß und groͤßere Kraft zugleich: dadurch erhob sich die vereinzelte Natur vom Wurm an bis zum erhab- nen, freyen, vielfassenden und verbindenden klaren Menschen, der deßwegen die Sprache und alle Kuͤnste erfand. Der dritte ungeheure, der alles ungluͤcklich macht, die ganze Welt zu erkennen, und sie seyn zu wollen; und in der That tobt immer das dunkle Gefuͤhl in uns auf, sie einmal gewesen zu seyn, und wieder zu werden. Ardinghello . Ich erstaune uͤber eure kuͤh- n en Behauptungen, und es wird mir vieles Nach- Nachdenken kosten, deren Wahrheit oder Falsch- heit zu finden. Wenn Feuer sich in Luft verwandelt: bleibt es Feuer oder nicht? und ferner; so wie nur ei- ne gewisse Materie ist, die Licht hat, und eine, die Ton hat: so kann es ja auch eine geben, wenn man das Wort hierbey brauchen darf, die nur denkt und Verstand hat, Ursache der Bewe- gung ist, immer wirkt und nie leidet, bis das ganze Gebaͤude um sie her zusammenfaͤllt. Demetri . Wenn Feuer sich in Luft ver- wandelt: so entsteht eben ein neues Ganzes aus Luft und Feuer. Und so sind wir selbst ein Gan- zes aus verschiednen Elementen, so rein und har- monisch verschmolzen, daß wir in uns bey gesun- dem Zustande durch das feinste Bewußtseyn nichts unterscheiden. Wenn nicht jede Art von Element sich selbst regte und bewegte: so wuͤrde jeder Leichnam Ardinghello 2ter B. M ewi- ewige Mumie seyn, und der Wind immer von Osten her wehen. Was den Verstand betrift: so nimt Aristo- teles selbst, wie Plato, nach dem Anaxagoras, dessen Meinung ich freylich nach meinem eignen Begriff erklaͤrte, eine eigne Materie fuͤr den Verstand an, und unterscheidet sie von aller an- dern, und sogar von der Seele, die, wie er sagt, im ganzen Koͤrper sich befindet. Die Seele des Auges ist das Sehen; die Seele des Ohrs das Hoͤren; und so die des Gefuͤhls das Fuͤhlen. Die Seele des Baums ist, daß er waͤchst und seine Nahrung mit den Wurzeln einsaugt. Sie ist in allem Lebendigen dieselbe. Kraft in Ausuͤbung ist ihm Seele, und kein Koͤrper, kein Element ohne Seele. Aber Verstand hat seine eigne Na- tur, behauptet er, die nicht leidet. Das Auge kann verblendet, das Ohr betaͤubt werden; der Verstand hingegen von dem tiefsten Denken un- befangen auf das leichteste uͤbergehen. ( Biel - leicht leicht nur bey dem Fuͤrsten der Philosophen! Andre muͤssen wenigstens ein Schachspiel dazwi- schen setzen.) Und doch soll derselbe ein besonder eigen Theilchen, wie er sich ausdruͤckt, nur der menschlichen Seele seyn, und sagt, diejenigen haͤtten Recht, die ihn darin den Ort der For- men nennten; Denken, Urtheilen waͤre Auf- nehmung, Schaffung von Formen . Die sinnliche Kraft der Seele koͤnne nicht ohne Koͤr- per bestehen; der Verstand aber davon abgeson- dert werden, er sey sich allein Materie. Nur sey er leidend und vergaͤnglich, insofern er etwas denke, und sich an etwas erinnere; gleichsam wie der Sonnenstrahl, wenn er an den Din- gen Farbe wird . Das Denken aber und Er- innern mache sein Wesen nicht aus; an und fuͤr sich selbst denk er nichts, und so sey er unsterblich. Folglich ist die Seele, als Verstand be- trachtet, nur unsterblich, insofern sie nichts denkt. M 2 Dieß Dieß ist wohl eine von den schwachen Sei- ten seines Systems, um den Vorrang des Men- schen vor andern Thieren zu erklaͤren; und hier- in weicht er ab vom Anaxagoras, der seinen Ver- stand allem Lebendigen zuschreibt. Wenn der Verstand nur unsterblich ist, insofern er nichts denkt: so ist alle andre Mate- rie auf eben die Weise unsterblich; nehmlich insofern sie außer der Zusammensetzung gedacht wird; und wenn ich den Verstand auf eine an- dre Art erklaͤren kann: so brauch ich keinen Gott, den Knoten des Drama aufzuhauen. Kurz, es ist ein Schlupfwinkel, worin wir nicht weiter kommen. Der Beweis, womit Anaxagoras, Plato, und Aristoteles das Daseyn des Verstandes darthun, ist: es muß ein Wesen geben, das unvermischt ist, und alles durchdringen kann, damit es Gewalt daruͤber habe, und er- kenne. Fuͤrs Fuͤrs erste also ist jedes Element in seiner Reinheit unvermischt; und so Haufen Elemente in ihrer Reinheit beysammen. Sind die Elemente an urspruͤnglicher Fein- heit verschieden: so ist, nach aller Erfahrung, wahrscheinlich das Feuer, oder Lichtelement das feinste. Folglich haͤtte das Feuer alle Eigenschaften, die sie zu ihrem Verstand er- heischen. Ist dieß Seele, was, nach dem allgemei- nen Begriff, andres durchdringt: so kann man auch mehrere Arten von Seelen annehmen. Feuer durchdringt die Luft; Luft und Feuer durchdringen das Wasser; und Feuer, Wasser und Luft durchdringen die Erde, und baͤndigen sie nach ihrem Wohlgefallen, und bequemen sich wieder als der Grundfeste freundlich nach ihr. Und so uͤberhaupt eins nach dem andern. Herr- schen ist Wohlthun; alle andre Gewalt Tyran- ney. Wer weiß, ob der Gegensatz von Feuer M 3 und und Erde nicht zu stark ist; ob Erde nicht zu grob und Feuer zu fein gegen einander sind, um vollkommen auf einander zu wirken? Ob nicht Mittel dazwischen seyn muͤssen? (wie zum Exem- pel in den mildern Erdstrichen; in Griechenland, dem Klima der Schoͤnheit.) Ueberhaupt sagt uns alles, daß da die hoͤchste Vollkommenheit und Gluͤckseeligkeit ist, wo die hoͤchste Fuͤlle. Wenn die Zusammense- tzung so harmonisch, so proporzioniert ist, daß jedes Element sich regen kann nach seinen Kraͤf- ten: entsteht der hoͤchste Verstand; eins er- kennt das andre auf diese Weise am reinsten und vollkommensten. Und dieß moͤchte wohl der Aristotelische Verstand seyn, der durch alle die feinen Roͤhren des menschlichen Gebaͤudes im Gehirne sich absondert; die reinsten Ver- schiedenheiten von Feuer, Luft, und Wasser und Erde kommen hier lauter zusammen, und machen ein goͤttliches Ganzes, wie in unendli- chen chen Massen die Welt ist Auch einige Alten hatten diese Idee; vom Licht kaͤme das Auge, von der Luft das Ohr her, vom Wasser Geruch und Geschmack, und von der Erde das Gefuͤhl. . Bey den andern Thieren sondern sie sich nur nicht so rein und in der Fuͤlle und Proporzion ab; von Urbeginn durch den Druck der umgebenden Kraͤfte daran verhindert. Ardinghello . Aber die ersten Geschoͤpfe Paar und Paar, Thier und Mensch, und Gras und Baum, wo leitet ihr und Aristoteles diese her? Demetri . Wie unser Verstand in der Zu- sammensetzung Wissenschaften und Kuͤnste aus verschiednen Erfahrungen der Sinnen bildet, aus Empfindungen, die mit Bewegung und Sturm und Aufruhr in uns kommen, eine Ilia- de, einen Oedip: so kann er auch von Anbeginn M 4 mit mit Huͤlfe der ganzen Natur die Gestalten der verschiednen Gattungen gebildet haben. Man muß bey Zeugung und Untergang allezeit auf Elemente kommen, die unzerstoͤrbar sind, und aus welchen alles zusammengesetzte wird. Unser Erdboden hat ohne Zweifel, nach Vernunft und Naturgeschichte, einmal in einer weit gluͤcklichern Lage zu Entstehung der Geschoͤ- pfe geschwebt, als jetzt. Und wer weiß, ob nicht die edelsten nach Aufhoͤrung derselben un- tergegangen sind? Die Geschoͤpfe sind ihrer Na- tur nach nicht in einem Lande, und wahrschein- lich nicht auf einmal entstanden. Aristoteles braucht gewoͤhnlich das Gleich- niß: Der Mensch und die Sonne erzeugt den Menschen; doch erklaͤrt er sich etwas deutlicher hieruͤber in seiner Lehre von Gott und der Zeu- gung. Und sehen wir nicht, daß die Sonne noch jetzt Ursache des Fruͤhlings und der Begat- tung ist? Warum sollte sie nicht auch im An- fange fange bey den ersten Geschoͤpfen Huͤlfe gewesen seyn? Jedes Geschoͤpf waͤchst aus seinen Ele- menten hervor, und die Sonne loͤst mit ihrer Waͤrme deren Kraͤfte, daß sie frey wirken koͤnnen. Jedoch haben immer uͤber die Entstehung des Einzeln die alten Weisen die sonderbarsten Meinungen behauptet. Einige nahmen fuͤr je- des Geschoͤpf ein verschieden Element an; und nicht allein fuͤr jedes Geschoͤpf, sondern fuͤr jedes Glied desselben. Da waren zum Beyspiel ver- schiedne Elemente fuͤr den Menschen, die sich wieder fuͤr Kopf und Hand und Fuß abtheilten; und zerstreut in der Natur lagen. Die Weiber sammelten dieselben bey der Begattung in sich, wo sie sich alsdenn zu einem Ganzen vereinigten. Freylich die leichteste Art das Raͤthsel aufzuloͤsen! wenn noch andre Schwierigkeiten dadurch geho- ben wuͤrden. Wie geht es zu, daß ein Weib immer so vollkommen alle Theile sammelt, und M 5 nicht nicht bloß Kopftheile, oder Herztheile, oder Arm und Beintheile? Und so genau alle von derselben Proporzion? Und wie halten sich diese Theile in den Speisen auf, wovon sie sich naͤh- ren? Das Herz eines Alexander in Tauben und Hasen, und Prokoli und Blumenkohl, und an- derm Fleisch und Gemuͤße, wovon Olympia ihre Mahlzeiten hielt? Der Kopf Homers in Huͤ- nern und Gaͤnsen, und den Fischen des Jonischen Meers? Offenbare Albernheiten! Andre glaubten, der Saame jedes Indi- viduums waͤre von Ewigkeit im Weltall; und folglich nur eine gewisse Anzahl von Menschen- kernen, Loͤwen- und Adlerkernen, die kommen und wiedergehen, und jedesmal sich in die vor- handne Materie kleiden. Zum Beyspiel: Alki- biades war einmal da zu Athen, und so ein an- dermal zu Rom, und Konstantinopel, und Lappland, und Peru. Es gehoͤrte nur Gluͤck oder Ungluͤck dazu, daß er von diesem oder jenem Win- Winde da oder dorthin gefuͤhrt, und von einer Koͤnigin oder Magd aufgefangen und gebohren wurde; und seine Individualitaͤt aͤnderte sich je- desmal nach den Umstaͤnden. Diese Meinung hat weniger Schwierigkei- ten. Aber aller Saame ist zusammen gesetzt: und wie erhaͤlt sich die Zusammensetzung in der unaufhoͤrlichen Zermalmung desselben, die wir bey allem Einzelnen in der Natur sehen? Und noch finden wir uͤberall, daß Saame wird, und nicht ist. Im Gegentheil ist sehr wahrscheinlich, daß, wenn alles, was auf unsrer Erdkugel Mensch werden koͤnnte, auf einmal wirklich Menschen, und unzehlbare Schaaren von Voͤlkern waͤre, und man sie an einen neuen Ort, in andre Planeten versetzte: daß, sag ich, vielleicht wenig von der- selben uͤbrig bleiben, und wir alsdenn erkennen wuͤrden, daß sie, samt allen Thieren, Pflanzen und Baͤumen nur ein runder Klumpen Kirchhof ge- gewesen sey, wo die Lebendigen von den Todten aßen. Und ists nicht augenscheinlich, daß im- mer ein neu gesundes Paar aus den Fruͤchten von wenig Hufen Landes alle andre Zonen bevoͤlkern koͤnnte? Kurz, jedes Einzelne ist nur durch die zu- sammengesetzte Form das, was es ist; jede Art von Wesen ist sich uͤbrigens gleich. Und die Form entsteht durch die innre Proporzion ver- schiednen Wesens mit Huͤlfe der aͤußern Dinge. Ardinghello . Also koͤnnte die Erdkugel moͤglicher Weise zu eben so ungeheuern Schaaren Eseln, Maulwuͤrfen, zu einem unendlichen Muͤ- ckenschwarm werden, als zu unzehlbaren Voͤl- kern von Menschen; und Mann und Weib sind weiter nichts als Anlaß zu neuen Maͤnnern und Weibern, wozu sich die Elemente von selbst bil- den? Der Mensch zum Beyspiel ist also nur eine gewisse Proporzion verschiedner Elemente? Ein Knabe von dreyßig Pfund bestund ohngefehr aus aus sechszehn Pfund Erden und Salzen, drey- zehn Pfund Wassern, und einem Pfunde Luͤften und Feuern: und der einzige Unterschied zwischen ihm und einem Kaͤlbchen waͤre, daß dieß etwa nur ein halbes Pfund Luͤfte und Feuer zu seinen Bestandtheilen habe! Dieß allein ver- aͤnderte die Form, und machte Sokraten und Platone zu Kaͤlbern, und Kaͤlber zu Platonen und Sokraten? Der Schluß daraus, ist er nicht, daß alle Geschoͤpfe die Gegenstaͤnde nur nach ihrer Form empfinden und beurtheilen, und wir so vielerley Wahrheit von demselben Dinge haben, als ver- schiedne Gattungen schon von Thieren sind? Je- des handelte und daͤchte nach seiner Form, und haͤtte nach derselben seine Begierden; und es gaͤ- be uͤberhaupt keine allgemeine Wahrheit, und die ganze Welt sey ein Tollhaus? Also waͤr es wohl keine Fabel mehr, daß Medea einen Greis in kleine Stuͤcke zerhacken und und wieder jung machen koͤnnte, wenn sie nur den gehoͤrigen Grad der Waͤrme traͤfe, wodurch sie sich wieder zu einem harmonischen Ganzen zu- sammenzoͤgen? Demetri . Richtig, mein Freund, wenn sie den gehoͤrigen Grad der Waͤrme traͤfe; und wieder hinzubraͤchte alle Augenblicke, was vom gehoͤrigen Wesentlichen abduͤnstete, wie im Mut- terleibe geschieht, und die vorige Lebenszeit schon abgedunstet waͤre. Die zusammengesetzte Form ist nur das Mittel: das Wesen selbst erkennt, wie vom Ur- beginn, die Wahrheit. Alle Sinnen fassen nur einseitig: Verstand das Ganze, und der reinste am vollstaͤndigsten. Die Thiere sind nur da- durch verschieden, wie der Mensch, daß sie mehr oder weniger, vollkommen gelaͤutert oder min- der vollkommen, davon besitzen. Und eben die- ser ist die erste gegebne Proporzion ihrer ganzen Zusammensetzung. Ar- Ardinghello . Aber wieder alle Gattun- gen von Thieren und Pflanzen, Paar und Paar von dem Grashaͤlmchen an bis zum Men- schen? Maͤnnchen und Weibchen, wie wollt ihr dieß erklaͤren? Macht der Verstand in den Elementen al- lein Mann und Weib: so muß einmal, nach dem komischen Einfall des Aristophanes beym Plato, Mann und Weib bey allen Gattungen zusammen gewachsen gewesen seyn, und ein Gan- zes gebildet haben: sonst bleibts unerklaͤrlich, wie die Geschoͤpfe sich aus sich selbst so ver- schieden, und doch paarweise sollten geformt haben. Demetri . Man kann gewiß leichter uͤber diese Dinge schreiben, als ein Gespraͤch fuͤhren! Dort laͤßt man solche Fragen aus, und ich habe noch bey keinem Weisen hieruͤber eine Antwort aus bloßer Vernunft gefunden. Weil ich aber einmal, wie einst der Platonische Sokrates, die Loͤwen- Loͤwenhaut umgeworfen habe, so will ich aus- halten. Alles, was ich darauf sagen kann (fuhr er laͤchelnd fort) ist folgendes. Wenn ich keine Menschen- und Eselelemente, keine Nasen- und Lippen- und Lefzenelemente anzunehmen Ursach finde: so find ich es eher nothwendig, maͤnnliche und weibliche Elemente in der Natur anzuneh- men. Der Mann ist der vollkommenste, der ganz aus maͤnnlichen Elementen zusammengesetzt ist: und das Weib vielleicht das vollkommenste, welches nur gerade so viel weibliche Elemente hat, um Weib bleiben zu koͤnnen; so wie der Mann der schlechteste ist, der gerade nur so viel maͤnnliche Elemente hat, um Mann zu heißen. Maͤnnliche und weibliche Elemente machten außerdem am begreiflichsten die Natur lebendig, und erklaͤrten die ewige unaufhoͤrliche Bewegung, und den wuͤthenden Trieb zur Begattung, welche Ari- Aristoteles fuͤr die Bestimmung jedes einzelnen Dinges haͤlt, am besten. Liebe, Hochzeit, Ehe und Ehescheidung: daraus bestuͤnde die Welt. Ferner waͤre das Raͤthsel aufgeloͤst, welches noch Niemand, so viel ich weiß, beruͤhrt hat, warum von jedem Geschlechte, fast durch alle Thiere. ohngefehr so viel von dem einen als andern ge- bohren wuͤrden. Wem dieß nicht gefallen sollte, der koͤnnte jedoch noch immer annehmen, daß zu einem Ganzen ein Paar gehoͤrt, und daß der Verstand von Anfang an alles paarweise hervorgebracht hat; ohne daß eben das Zusammengewaͤchs mehr als jetzt noͤthig war: in einer solchen bequemen Lage von Materialien zu Schaffung seines maͤch- tigern Ganzen befand er sich. Ardinghello . Ihr geht wie ein aͤchter Kretenser, Zoͤgling des Minos , mit dem schoͤnen Geschlecht um! ich glaube, daß ein Maͤdchen wie ein Mann immer ein unnatuͤrliches Ding Ardinghello 2ter B. N sey, sey, und daß die tapferste Amazone selbst unter einer Phryne stehe. Ich will euch hieruͤber zu keiner neuen Hypothese treiben; wiederhohlen wir noch einmal euer Hauptstuͤck. So von allem wirklichen abgesondert mag es wohl endlich leicht seyn zu denken, Verstand des Menschen hat den Menschen hervorgebracht; und eben so, Verstand jedes Dinges hat das Ding hervorgebracht, durch Huͤlfe einer Kraft, die allem Raum schaft, sich nach Willkuͤhr oder Verlangen zu bewegen: allein sich die Sache auch nur einigermaaßen sinnlich vorzustellen, ist ge- wiß ohne Vergleich schwerer. Nehmen wir einmal, wie der Verstand des ungebohrnen ersten Kindes sich das Auge gebildet hat, nur eins fuͤrs erste. Wozu braucht er das Auge? Zum Sehen. Kann er nicht sehen ohne dasselbe? Aller- Allerdings; da er alles durchdringt, beruͤhrt er an und fuͤr sich auch gewiß die Sonnenstrah- len, oder wird ihre Wirkung gewahr auf Ober- flaͤchen. Was will er also damit? In einen Koͤrper eingeschlossen sich eine Oefnung fuͤr dieselben machen. Gut. Warum schließt er sich aber in einen Koͤrper ein, da er ohne Auge sehen kann? und demnach auch ohne Ohren hoͤren, ohne Zunge schmecken, ohne Nase riechen, und ohne Finger und andre Glieder fuͤhlen? Es scheint, er ist des Herumvagierens muͤ- de, und will einmal einen staͤten Punkt haben; oder eine Porzion Verstand haßt die andre, wie sich Spinnen, und verlangt abgesondert ihr eigen Nest; oder er will weder unendlich groß noch unendlich klein beysammen bleiben, sondern in bequemer Anzahl und ergoͤtzlichem Maaße, wie die feinen Wolluͤstlinge unter Griechen und Roͤ- N 2 mern mern nur so und so viel Gaͤste an ihren Tafeln verlangten; oder uͤberhaupt, er kann die Mate- rie in allen Arten von Zusammensetzungen nicht besser genießen, als wenn er sich selbst in sie hin- einsteckt; oder endlich das Schicksal zwingt ihn dazu, ob dieß gleich fuͤr ein Wesen, das alles durchdringt, und folglich nicht gebunden werden kann, ungereimt ist. Kurz, dem mag seyn, wie ihm will: er macht alles auf einmal zusam- men, sich in groͤßerm Umfang, und wie Pyg- malion, seine Geliebte. Nach euern Begriffen ist freylich Verstand selbst so verschiedner Gat- tung, als Elemente sind; und nur einer ist der Koͤnig. Also der menschliche Verstand selbst macht einen Bund aus von verschiednen Elementen; und jedes praͤsidiert darin im Namen der uͤbrigen seiner Gattung, und dringt auf besondern und eignen Genuß dafuͤr. Warum aber ist der Verstand des Kin- des, wenn es fertig, oder voͤllig ausgebildet ist, ist, nicht mehr so gescheidt, als er im An- fang war? Demetri . Das ist er, und bleibt es; durch alle Stufen des menschlichen Alters dersel- be; alle Theile, die abgehen, ersetzt er wieder, und bedient sich uͤberdieß seiner neuen Sinnen. In der Komposizion selbst, deren Ursprung ich schon auf verschiedne Weise beruͤhrte, muß er freylich erst Erfahrung sich erwerben. Verstand koͤmmt von Stehen Im Griechischen, was hier im Original ge- braucht wird, von Schwimmen. ; er muß alsdenn lange vor den Dingen einer Gattung gestanden haben, ehe er sie vollkommen mit seinen Sinnen durch- erkennt, und sich davon ein Ideal bildet. Einige Alten behaupteten auch, daß er schon lange studiert habe, bevor er ein so herrli- ches Ganzes wie den Menschen auskluͤgelte; es ließ sich dieses aus der auffallenden Aehnlichkeit, N 3 groͤ- groͤßern und mindern Vollkommenheit der Theile von Thieren schließen. Die Pythagoraͤer nah- men nach dem Aristoteles als einen Grundsatz an: Speise und Raub ist eher gewesen, als was sich davon naͤhrt; und wahrscheinlich! je ausge- arbeiteter die Speise: desto leichter der Ueber- gang zu hoͤherm Leben. Kein vernuͤnftiger Arzt wird daran zweifeln, daß der Mensch selbst die beste Kost fuͤr den Menschen waͤre. Wer weiß, ob die Welt jetzt so vollkommen ist, als sie seyn kann? Obgleich ewig, mag sie doch Kind, Juͤngling und Mann, Jungfrau und Matrone zur Abwechslung werden; denn sie ist nicht ganz vollkommen, so lange noch Unvollkommenheit darinnen da ist. Ardinghello . Von Menschenfressern also haͤtten wir die eigentliche Verklaͤrung zu erwar- ten, das tausendjaͤhrige Reich? ein starker Kon- trast mit den Schulen der Weisen! De- Demetri . Aus dem scheuslichsten Duͤnger, wenn ich ein verkehrtes Gleichniß brauchen darf, wachsen die schoͤnsten Blumen und Fruͤchte. Wir schaͤtzen unsern Koͤrper viel zu wenig; und doch muß jeder fuͤhlen, daß ihn ein Haͤndedruck, Kuß und Umarmung von einer schoͤnen Person ganz anders ergreift, als der wohlstylisierteste Cicero- nianische Brief von bloßem Geist, oder einer, die er nicht kennt. Ardinghello . Wir schweiffen aus; wie- der zur Sache! Warum wissen wir aber nicht, daß der Verstand die Theile ersetzt, die er im Koͤrper nicht fest halten kann, und die demselben durch die Zeit abgehen? Demetri . Wir wissen nur durch unsre aͤußern groͤbern Sinnen; und dahin dringt keiner. Ardinghello . Erstaunliche Richtigkeit, und ein Gefuͤhl von Maaß, das das der Gold- N 4 wage wage Centillionenmal uͤbersteigt, gehoͤrt gewiß dazu, ein Bein nicht kuͤrzer und laͤnger gleich im Anfang zu machen, als das andre, und so einen Arm wie den andern, und Auge wie Auge; und so die Zaͤhne und die Rippen in hoͤchst ge- nauer Proporzion; und dann zu vergroͤßern und zu erhalten! und dieß sind nur grobe Sachen ge- gen anders bey Insekten. Demetri . Er ist auch nicht umsonst so fein! und es gelingt nicht immer; die Alkibia- den und Phrynen sind bey jeder Thierart selten. Ardinghello . Auf einer andern Seite be- trachtet, ists nun wieder gar nichts außerordent- liches und erhabnes; weil er wie ein Affe alles nur nachahmt, wie ers vor sich findet, und gar nichts aͤndert: so recht im alten Schlendrian der lieben Gewohnheit versunken und verloren. Er gibt sich gar nicht mehr die Muͤhe, etwas Neues zu erdenken. Deme- Demetri . Woher wißt ihr das? Und doch schon genug, wenn er sich so wohl befindet! er kann nicht mehr, als die Materie aufs beste verarbeiten, in die er koͤmmt. Die Natur geht aͤußerst langsam und bedaͤchtig in ihren Fortschrit- ten, sie hat unendliche Jahrtausende vor sich; und wir nur einen Augenblick Lebensdauer in der Komposizion, sie zu beobachten. Ardinghello . Micht daͤucht, ihr haͤttet schon gesagt, im Anfange waͤr alles besser gewe- sen. Vielleicht sind wir doch von der Hoͤhe des Bogens herunter! Aber Freund, warum kann der Verstand den Koͤrper nicht umaͤndern, wenn er unge- staltet, haͤßlich, oder krank ist? warum nicht verjuͤngen? Wolken, lieber Demetri, nichts als Wol- ken und metaphysische Traͤume! Nehmen wir lieber doch noch die gewoͤhnliche Meinung an, die ihr kurz vorhin verwarft. Ich glaube, daß, N 5 so so wenig sich der Mensch jetzt selbst hervorbringt, er von Ewigkeit sich nicht selbst hervorgebracht hat. Er ist! aber es muß allezeit ein maͤchtiger Wesen ihm den ersten Stoß und die Bequemlich- keit zum vollen Daseyn verschaffen. Die vier Aristotelischen Elemente allein wer- den nie in allen moͤglichen Zusammensetzungen mehr als die vier Aristotelischen Elemente seyn; es gehoͤrt gewiß noch etwas anders zu meinem Ich und deinem Du. Wenn wir etwas ohne fernern Grund an- nehmen, warum straͤuben wir uns, alles, was wir nicht anders erklaͤren koͤnnen, ohne fernern Grund anzunehmen? Jedes Individuum ist von Ewigkeit der Form nach da in der Na- tur, und von allem andern unterschieden; und keine Urform laͤßt sich weder schaffen, noch zerstoͤren. Nur gehoͤrt ein hoͤher Wesen dazu, sie in die Bequemlichkeit zu setzen, daß sie sich in ihre hoͤchste Fuͤlle verbreite. Wie unendlich vieles vieles wird bloß Bluͤthe, oder Frucht, ohne zum Baume zu gedeyhen? Auch gibt Aristoteles selbst nicht undeutlich zu verstehen, daß er derselben Meinung anhan- ge; die menschliche Seele, oder uͤberhaupt der Mensch, dessen Form sie enthaͤlt, ist ihm eine von Ewigkeit fertige Vollkommenheit. Und so war jedes lebendige Ding der Form nach, oder in seinem ersten Keime unzerstoͤrbar von Ewig- keit da, und die Sonnenwaͤrme, oder sein Gott, loͤst es nur von den Banden, und setzt es in freye Wirksamkeit, wo es so lange genießt und leidet, als es sich mit seinem neuen Umkreis hal- ten kann, oder bis es die umgebenden Kraͤfte wieder in seinen unzerstoͤrbaren Punkt zuruͤck- draͤngen. Deßwegen sagt der Weise auch, es gibt nur wenig Menschen, die goͤttlichen Ver- stand haben. Und gewiß, denen, in deren Ur- kraft er nicht liegt, kann derselbe keine Bildung und Erziehung geben. Wer fuͤhlt dieß nicht durch durch all sein Wesen, wenn er einen urspruͤngli- lichen Laffen und Thoren vor sich hat? er war von Ewigkeit Thor, und weder Sparta noch Rom wird ihn je zu einem Brutus oder Leoni- das umschaffen. Theophrast konnte sich in sei- nem neun und neunzigsten Jahre noch immer nicht genug verwundern, woher unter demselben Himmelsstriche, und bey derselben Erziehung die Menge von verschiednen Charaktern herkaͤme. So bald man dieß annimt, hoͤrt die Verwunde- rung auf; oder verliert sich in die Unbegreiflich- keit alles Daseyns, dem groͤßten aller Geheim- nisse. Wir sind, was wir sind; und werden nie etwas anders werden. Wohl dem, der edel und herrlich ist! er bleibt es ewig. Demetri . Erhaben; wenns nur wahr waͤre, und nicht dieselben Schwierigkeiten statt faͤnden! Anaxagoras haͤtte schon kluͤger deßwegen in der Verzweiflung alles: Knochen, Haare, Naͤgel, Klauen Klauen fuͤr von Ewigkeit fertige Vollkommenhei- ten gehalten, wenn dem Stagiriten bey der See- le so etwas in Sinn gekommen waͤre, als ihr von ihm meint. Schwerlich kann ein Arabischer Hengst je in Daͤnemark wieder gebohren werden; und ein Epaminondas in einem Großmogulschen Serail! Inzwischen wird dieser bezaubernde stolze Glaube an persoͤnliche Unsterblichkeit, die man freylich alsdenn auch jedem Wurm wie Ale- xandern und Caͤsarn zuerkennen muß, noch lan- ge herrschen. Jedoch es ist Zeit von diesen Dunkelheiten auf den Aristotelischen Gott zu kommen, den Koͤnig der Elemente, der alles aufloͤst, und aus seiner Traͤgheit in die Freyheit zu handeln setzt. „Eine Bewegung, sagt der Weise, muß die erste, oder muß ewig seyn, die durch keine andre hat koͤnnen hervorgebracht werden. Sie bedarf der Regung nicht von etwas anderm, son- dern dern ist selbststaͤndig, immer in Wirklichkeit, und nie bloß in Moͤglichkeit: sonst wuͤrde aller Grund von Leben und andrer Bewegung fehlen. Sie ist schlechterdings nothwendig, und man muß sie an und fuͤr sich annehmen.“ „Wir koͤnnen uns keine andre Bewegung in sich selbst ewig denken, als die kreisfoͤrmige; und kreisfoͤrmig ist sie der Vernunft und der That nach.“ „Sie bewegt, von nichts bewegt, fuͤr sich das begehrliche und verstaͤndliche.“ „In ihr schwebt der Himmel und die Na- tur. Ihr Leben ist das beste, so wie wir es nur kurze Zeit haben; denn sie bleibt immer dieselbe welches uns unmoͤglich ist. Ihre Wirksamkeit ist Wollust; durch sie ist das Wachen, die Empfin- dung, das Denken das erfreulichste. Hofnun- gen und Erinnerungen stammen davon.“ „Das Denken an und fuͤr sich selbst gehoͤrt zum Besten an und fuͤr sich selbst; und das ab- gezo- gezogenste zum Vortreflichsten. Der Verstand denkt sich aber durch Annehmung von Verstaͤnd- lichem; und verstaͤndlich wird er beruͤhrend und denkend: so daß Verstand und Verstaͤndliches dasselbe; denn das Fassende des Verstaͤndlichen und des Wesens ist Verstand. Er wirkt im Ha- ben; so daß jenes mehr als dieses, was der Verstand goͤttliches zu haben scheint, und die Betrachtung ist das Erfreulichste und das Beste.“ „Wenn also Vollkommenheit ist, wie wir zuweilen beschaffen sind: so ist Gott immer ver- ehrungswuͤrdig; wenn hoͤheres: noch verehrungs- wuͤrdiger. Und so verhaͤlt es sich.“ „Auch herrscht wahrhaftig Leben in ihm; denn Wirksamkeit des Verstandes ist Leben, und er ist die Wirksamkeit. Die Wirksamkeit aber an und fuͤr sich ist sein bestes und immerwaͤhrend Leben. Und wir sagen, daß Gott ein immer- waͤhrend bestes lebendiges Wesen sey; so daß Gott Gott Leben und bestaͤndige immerwaͤhrende Dauer hat. Denn das ist Gott.“ — „Das Gute und Beste ist aller Natur Zweck. Sie gleicht einer Armee mit ihrem Feld- herrn, und das Wohl besteht in der Ordnung. Voͤgel, Thiere, und Pflanzen, und was schwimmt, hat seine gewisse; keins aber scheint fuͤr ein- ander, sondern es ist Eins , wofuͤr alles geord- net ist.“ — — „Alles in der Natur hat wieder etwas Boͤses in sich, insofern es nicht das Eins ist, auf welches sich alles bezieht. Wir alle nehmen An- theil an Gott, und er macht das Ganze.“ — Kurz, es ist eine allgemeine Bewegung, die alle Elemente zu ihrem Vergnuͤgen in Ord- nung erhaͤlt, und macht, daß sie sich ihrer Na- tur nach zu einzelnen Ganzen formen, und je- dem von sich mittheilt, wie ein Hausvater seinen Kindern, Sklaven, und Thieren . Jedes ist gluͤckseelig nach Art seiner Bestandtheile; und und traͤgt so die Uebel seiner Zusammensetzung. Gott allein ist ewig im Genuß seines reinen We- sens, wie jedes nur die wenigen Momente seiner hoͤchsten Kraft und Einheit. Darauf folgert er: „es sind so viel Goͤtter, als selbststaͤndige kreisfoͤrmige Bewegungen; der Fixsternhimmel faßt sie; und alle insgesammt machen nur Einen.“ — Wenn Wesen verschieden ist: so muß wohl eine Art davon das beste und maͤchtigste seyn. — Die Sonne hatte sich geneigt, und wir stiegen vom Gewoͤlbe der Rotunda wieder hinab. Ich beschloß auf der Treppe: jeder versteht sich selbst am besten; und so mag auch Aristote- les am besten verstanden haben, was wahres und ertraͤumtes in seiner gestirnten Nacht von Worten liegt. Ueber Wesen, dessen Begierde und Scheu, Ruhe und Bewegung, und Entste- Ardinghello 2ter B. O hen hen des Einzelnen werden wir uns noch lange vergebens die Koͤpfe zerbrechen, und die erhaben- sten Maͤnner Schwachheiten vorbringen. Wenn alles in der Welt so begreiflich waͤre, wie wir verlangen: so wuͤrden wir nicht halb so gluͤcklich leben, und vor langer Weile uͤber aller der Klar- heit und Deutlichkeit vergehen. Es muͤssen Wunderdinge fuͤr uns seyn! Wir muͤssen Raͤth- sel haben, wie die Kinder, um das, was in uns denkt, damit zu beschaͤftigen. Wir traten wieder in das Pantheon . Und um diese Zeit muß man es sehen, wann die stille Daͤmmerung sich einsenkt! Da fuͤhlt man un- aussprechlich die Schoͤnheit des Ganzen; die Masse wird noch einfacher fuͤr das Auge, und erquickt es lieblich und heilig. Dann ist es so recht der weite hohe Schoͤnheitsvolle Zauber- kreis, worin man von dem Erdgetuͤmmel in die blauen heitern Luͤfte oben wegverzuͤckt wird, und schwebt, und in dem unermeßlichen Um- Umfange des Himmels athmet, befreyt von al- len Banden. Wir setzten uns in den suͤßesten Punkt und genossen. Nach langer Stille umschlang mich Deme- tri zaͤrtlich, und sagte einige Worte uͤber die ehe- malige Minerva des Phidias (Tochter aus dem Haupte des Zevs, Verstand aus dem Wesen) und die griechische Venus hier (Lust der Sinnen, Wonne des Daseyns) — und fuhr geruͤhrt dann weiter fort: „Gott ist entweder die ganze Natur; oder ein Theil der Natur; oder die Natur besteht fuͤr sich aus ewiger nothwendiger Bindung und Loͤsung verschiedner Wesen, und es ist kein Gott, sondern lauter Schicksal. Daß Gott die ganze Natur selbst sey, ist der aͤlteste Glaube. Daß er ein Theil der Natur sey, der juͤn- gere; das edelste beste Leben darin, wie Aristo- O 2 teles teles sagt; ein Wesen, das sich von selbst in sich, seinen Einheiten, wenn ich mich so ausdruͤcken darf, immerfort bewegt, ganz aus Thaͤtigkeit besteht. Dessen Charakter gerad es ist, nie ge- bunden zu werden, es sey von was es wolle; das lieber das Boͤse freywillig thaͤte, als das Gute gezwungen, wenn es ein Boͤses fuͤr dasselbe ge- ben koͤnnte. Das vermoͤge dieses Charakters al- les andre loͤst, was sich seiner minder regsamen Natur nach bindet; kurz, eine unendliche Unru- he in der unendlichen Uhr der Zeit. Anaxagoras fuͤhrte zuerst diesen Glauben ein; Plato verschoͤnerte ihn mit Dichtungen; Aristoteles plagt sich, denselben in ein vernuͤnf- tig System zu bringen, scheint aber mit sich selbst daruͤber noch nicht einig. Verstand duͤnkt ihm das goͤttlichste unter al- lem, was wir kennen; und dieß zwar wegen des Denkens, welches keine zufaͤllige Eigen- schaft, sondern immer rege Wirksamkeit, selbst- staͤndig staͤndig Leben sey, indem es dem Verstande sonst beschwerlich werden muͤsse. Wenn aber der Verstand das goͤttlichste, und selbststaͤndige Wirksamkeit seyn solle: so koͤnn er, duͤnkt ihm ferner, nichts anders, als sich selbst denken; denn er wuͤrde, wenn er etwas anders daͤchte, zu einer bloß zufaͤlligen Eigen- schaft, und koͤnnte denken, und nicht denken, außer dem, daß er sich erniedrigte. Ich sehe nicht ein, was uns ein solcher Gott hilft, auf was fuͤr Art er alles bewegt, wie er sich den Geschoͤpfen mittheilt. Und was ist dann Materie, was sind Elemente? wo kom- men sie her? und wie sind sie mit ihm in Zu- sammenhang, Ordnung und Schoͤnheit? Wenn die Natur selbst lebt und wirkt und ihre noth- wendige Art zu seyn hat, und alles Einzelne aus sich hervorgeht und sich selbst forthilft: wozu brauch ich einen Gott? und welch ein Graͤuel, im andern Fall, das hoͤchste Lebendige, das sich O 3 mit mit dem Tode gattet? Lauter Luͤcken und Maͤn- gel, die nach seinem System nicht auszufuͤllen sind; und wobey wir wieder von vorn anfangen muͤssen. Hypothesen? und Hypothesen? aber es koͤmmt darauf an, welche die denkbarste und vernuͤnftigste ist! einer, der keine Lust hat, auch fuͤr sich zu glauben, was man will; oder blinde Fenster der bloßen Ordnung wegen an einem Gebaͤude vertraͤgt, wo gerade das beste Licht her- einbrechen und die schoͤnste Aussicht seyn sollte, kann nicht eher Ruhe finden. Ardinghello (fuͤr sich.) Die Muͤdigkeit wirds ihn schon endlich lehren! Demetri . Daß alles ewig ist, in sich seyn wird, was es war: muͤssen wir wohl ohne fer- nern Grund annehmen; denn es ist die Grenze des Nichts. Wie es aber verschieden ist? sich bindet und scheidet? Was alles will, und nicht will? Dar- uͤber uͤber hat mir das System noch keines Philoso- phen Genuͤge geleistet. Ruhe und Bewegung! Wer davon die ei- gentlichen Ursachen entdeckte, wuͤrde den Kapi- talschluͤssel zum Pallaste der Wahrheit und ihrem innersten Kabinette finden. Bewegung ist Streben nach Genuß, oder Flucht vor Leiden. Genuß ist Beruͤhrung. Ru- he, deren moͤglichste Fuͤlle; und Werden eines neuen Ganzen, das wieder nach Beruͤhrung trachtet. So fuͤhlt sich das Wesen, und tau- melt von Zone zu Zone, durch alle Himmel des Weltalls. Nehmen wir die einfachste Substanz von Leben, die Einheit von irgend einem Element an; und denken sie uns allein und abgesondert weit außer der Welt in den leeren Raum hin. Vorstellen kann sie sich nichts, weil sie nichts um sich hat. Innerliches Leben, Verstand O 4 in in Ausuͤbung, Gedaͤchtniß, Einbildung findet nicht statt, weil sie ganz ohne Theile ist, und sich nicht regen kann; ein Etwas wie das Nichts, und der letzte Begriff von Tod; ein Punkt von Sebstbewußtseyn mag in ihr stocken . Nun gesellen wir dieser Substanz eine an- dre zu: Erster Ursprung von Gefuͤhl. Nehmen wir nach dem Demokrit in bey- den Urform an, und denken sie uns zum Exem- pel vollkommen rund. Und sie werden nicht satt werden, sich um einander zu bewegen, und sich zu beruͤhren. Platt oder eckicht: Und sie werden an einander fest hangen, weil sie nicht herumkoͤnnen. Eckicht und rund beysammen: Vermischte Empfindung, Freude und Leid. Denken wir nun das Weltall als himmel- unendliche Menge solcher Substanzen mit ewi- gem gem Streben nach neuem Genuß, an Stoff und Feinheit und Form Centillionenfach verschieden und aͤhnlich und gleich; und daraus nothwendi- ger Weise von selbst die beste Ordnung zur aller- vollkommensten und mannichfaltigsten Beruͤh- rung; und wir werden, glaub ich, uns der Er- klaͤrung des Raͤthsels naͤhern, und einigermaßen obenhin begreiffen lernen, warum die Gestirne in Flammen sich waͤlzen, die Winde rasen, die Meere toben, die Erden fest halten, und daß der Strahl in einen Pulverthurm gluͤcklicher seyn kann, als Herkules bey allen seinen Liebes- haͤndeln. Man koͤnnte auf diese Weise aber wohl doch noch die sonderbare Meinung des Xeno- phanes , und seiner Schuͤler Parmenides und Melissos erklaͤren, daß Eins Alles, und Alles Eins sey. Nehmlich, aller Grundstoff ist sich gleich, nur die Form seines unendlichen Wesens verschieden. O 5 Des Des Exempels wegen; denn was wissen wir bestimmtes hieruͤber mit unsern groben Sin- nen? in den Sonnen rund, in der Luft rund und halbrund, im Meere platt und eckicht, in der Erde platt. Und Platt kaͤme unserm Ge- fuͤhle kalt und trocken vor; und Rund in hefti- ger Bewegung heiß und trocken, und so weiter. Das Platte werde wieder platt und eckicht, Erde Meer. Wasser durch Ausduͤnstung zu Wolken und Regen. Und das Runde und Halbrunde endlich ganz rund, wie auf unsrer Erde im Gro- ßen sich Berg und Thal und Erde umaͤndert. Das Runde uͤbrigens herrsche wegen seiner leich- ten Bewegung. Und so mache sich das We- sen in moͤglichster Lust die Ewigkeit zu kurzer Zeit. Gewiß bleibts allemal, daß Verschiedenheit und Aenderung, die unsre Sinnen am Wirkli- chen empfinden, und wir Qualitaͤt, Organis- mos nennen, bloß in innrer Form besteht; und daß daß man ohne Form alles nur einerley, Ein We- sen denken muß. Alle Form ist ferner Wirkung, und kann seyn und nicht seyn; das Wesen allein ist noth- wendig und ewig. Wie dieß Eins aus seiner Formlosigkeit zu Form gekommen waͤre, und sich in unendliche Gestalten verwandelt? Wie gesagt, durch Stre- ben nach Genuß, um lebendig zu seyn, aus Ekel vor Tod, an sonst unendlicher langer Weile; durch Bewegung, Ausdehnung und Anziehung, bis ins innerste uns freylich unbegreiflich, die wir jedoch durch die ganze Natur wahrnehmen, und Forscher bis auf den Embryon verfolgen, wo sie Sinn und Erfahrung verlaͤßt. Wenn wir Anfang von Zeit annehmen wollen: so ginge sie hier aus der Ewigkeit hervor, und es haͤtte seine Richtigkeit: Gott schuf die Welt aus Nichts. Das Das Problem waͤre aufgeloͤst, wie die Welt Eins sey, und doch verschieden; und Ruhe und Bewegung in ihren ersten Lagerstaͤtten ge- funden. Also sinnlich und jedermann faßlich ge- sprochen! Im Anfange war Alles Eins, das Wesen so zart zerflossen, fein und duͤnn, wie der Raum schier. Und es regte sich; da ward Form. Aus der Unvollkommnen ging die Voll- kommnere hervor; und so entstanden die Ele- mente: Wasser, Luft, Erde, Feuer; Pflanzen, Thiere, und Mineralien. Alles wechselt mit einander ab, und geht wieder in das Eins zuruͤck. Vater Aether, al- ler Lebengeber ! Und so wird und vergeht ewig Alles, was ist. Das Das Holz zum Exempel brennt, und wird Feuer, Rauch und Erde. Feuer und Rauch wird Luft, und Luft wird Wasser; und jedes kehrt wieder zuruͤck, wo es herkam. Erde, Wasser, Luft und Feuer wird Pflanze; Pflanze Thier; Thier und Pflanze das Herz einer Victoria Colonna , der Kopf eines Macchia- vell . Form und Wesen, und Wesen und Form! das sind die zwey Pole des Weltalls, um welche sich alles herumdreht. Die bildende Kraft liegt in dem Wesen, und ist ein Streben nach Genuß. Es bleibt wahr, was den Alten ohne Sinn so oft ist nachgesagt worden: Gott der groͤßte Geometer . Wenn Wesen an Wesen sich fuͤhlt, entsteht das reinste Bewußtseyn. Wenn es sich zu den ersten Formen bildet, entsteht das abgezogenste Denken. Das Wesen beruͤhrt sich, und wird verstaͤndig, indem es ver- staͤnd- staͤndliches zu sich nimt; und kann nichts anders als sich selbst denken, wie Aristoteles tiefsinnig sagt. Denken uͤberhaupt ist Verwandlung des Wesens in Formen; und Wesen muß alles selbst werden, was es denkt. Wenn Wesen sich zu Idealen formt, ent- steht Phantasie. Wenn es die Ideale in sich, und die For- men außer sich befestigt, Gedaͤchtniß. Sonnen, und Planeten und Kometen sind nichts anders in der großen Welt; Formen in Bewegung, Denkmale von Leben. Alle Gefuͤhle, alle Arten von Leidenschaf- ten, Schmerzen und Vergnuͤgen sind nur ver- schiedne Formen in dem Wesen. Ohne diesen fruchtbarsten aller Grundsaͤtze von reinem Wesen und Form, ohne Continuum, das alle moͤgliche Formen wird, scheint die ganze Welt, aller Zusammenhang, Erhalten, Wach- sen, Zeugen, Vergehen, der Mensch, sein Den- Denken und Empfinden, sein Dichten und Trachten, kurz, alle Art Verwandlung voͤllig unerklaͤrlich. Die Vollkommenheit des Weltalls besteht in allen moͤglichen Arten von Formen. Alle Geschoͤpfe sind bloß Gedanken Gottes, und des hoͤchsten Vergnuͤgens in ihrem Maaße faͤhig. Gott dachte: es werde Licht! und es ward Licht. Daß Gott demnach als Griechen gegen sich, die Trojaner, streitet; als Paris sich, die schoͤne Helena, verfuͤhrt; Stier, und Hund und Zwiefel, und das Veraͤchtlichste, nach un- sern Begriffen, wird, sich selbst ißt und verdaut, darf uns wenig kuͤmmern; denn dieses folgt wohl aus den meisten eingefuͤhrten Systemen. Die alten Aegyptier verehrten vielleicht Gott er- habner, als der heutigen Menschen Verstand reicht; und wir sind gegen sie, was unsre Haͤus- lein lein gegen ihre Obelisken und Pyramiden. Gott ist unendlich Eins, und in jedem Punkt Eins, und Eins in jedem angenommnen Maaße; das dann Verhaͤltniß in Bewegung und Verbin- dung nach seiner Realitaͤt und Form zu einan- der hat. Wie er unendlich wirkt und ist, allgegen- waͤrtig, erhaltend, und uͤber seine Schoͤpfung erhaben, was weiß der Mensch! das geht nicht in uns, wie er ein Ganzes sey nichts au- ßer ihm; solche Gewalt und Schoͤnheit ist der verschwindenden Kleinheit allzu unermeßlich. Wir erliegen; und koͤnnen nur anbeten, bewun- dern und erstaunen. Aber den Grund und die Wahrheit von al- lem andern Lebendigen haben wir in uns, wo- von die Sinnen nur die Oberflaͤchen oder einzel- ne Aeußerungen empfinden; oder das Wesen hat die Regeln von allem in sich, wie es verschiednes wird und ist. Wesen, Wesen, als das erste, ohne Form, und Form in Bewegung, gedacht, ist weder Ver- stand noch Koͤrper, beyde koͤnnen nicht ohne Form bestehen, handeln nicht, sondern sind Handlung, Wesen in Form; und Wesen an und fuͤr sich in beyden gleich. Jedes kann die Folge von dem andern in dem Wesen seyn, wie ein Gedanke von dem andern; denn beydes, Gedanke und Koͤrper, samt dessen Bewegung ist von demselben Wesen That. Wesen vollendet ein zusammenge- setztes Ganzes in Folgen von Handlungen, eine Salaminische Schlacht, einen Olympischen Ju- piter, wie Geschoͤpfe. Sein Bewußtseyn, das auf einmal alle Folgen faßt, gibt die Ein- heit. Daß Gott unendlichen Verstand habe, und unendliche Welten ausmache, scheint ein Wider- spruch; denn alle Form ist Schranke. Gewiß duͤnkt mir schon, daß ich, und so jeder andre Mensch, und jedes andre lebendige Geschoͤpf Ardinghello 2ter B. P nicht nicht immer lauter Wesen in Form sey. Die Freyheit, etwas anzufangen, Ursache von einer Wirkung zu seyn und nicht zu seyn, sich von der Stelle zu bewegen oder nicht zu bewegen, Form anzunehmen und nicht anzunehmen, welche nicht kann geleugnet werden, wenn nicht alles von einem grundlosen Schicksale gepeitscht handeln soll, erfordert ein reines Wesen ohne Form, ei- nen Mittelpunkt der Sammlung. Und dieß ist das Heilige (welches einige Al- ten fuͤr Feuer, Ursprung der Lebenswaͤrme hiel- ten, weil Feuer waͤre, Wesen in seine groͤßte Freyheit verbreitet) wovon alles in jedem leben- digen Eins ausgeht, sinnlich wird und erscheint, und in dessen Liebesschooß sich alles wieder ein- senkt; vor dessen Seyn und wunderbarer All- macht, Despotismus und allertiefsten Gehor- sam jede Philosophie verstummt, nur erkennt: es ist; und ihm seine Art zu handeln ab- lauert. Man- Manches in der erhabnen Beschreibung des Aristoteles von Gott scheint hierauf zu passen. Dieß ist das unbegreiflich goͤttliche, was in allem lebendigen Einzeln verdaut, und Koͤrper wieder zu reinem Wesen aufloͤst, sich selbst und dieses wieder nach Form seines gegenwaͤrtigen Eins verwandelt, neue derselben Art erzeugt, und auf deren immer groͤßere Vollkommenheit und mehrere Freuden denkt. Wenn Eins Alles ist: so ist jede Form des- selben urspruͤnglich freye Handlung; denn es laͤßt sich kein Grund denken, als seine Lust, war- um es aus sich so mancherley wird. Und Allge- nuß seiner Kraft ist die hoͤchste Freyheit. Das Wesen hat also die Welt nach seiner Lust aus sich erschaffen, und in mannichfaltige, fuͤr uns unendliche Formen geordnet. Wie? und ob auf einmal, oder nach einander? koͤnnen wir nicht ergruͤnden. So viel wissen wir, daß sich die Schoͤpfung durch immerwaͤhrende Erneue- P 2 rung rung immerfort erhaͤlt. Genug; die erste Form muß einen Anfang gehabt haben, weil keine noth- wendig und ewig ist. Unendliches laͤßt sich nur von Einem Wesen denken; und der Verstand kann nur in Einem seine Ruhe finden Ueber Pro und Contra in diesen Dingen sind wir jetzt durch gruͤndlich denkende Maͤnner, die es sich zum Hauptgeschaͤfte machten, bes- ser im Klaren. Demetri hat die Idee des Xenophanes (damals in Rom, wie es scheint, noch ziemlich unbekannt) die schon laͤngst vor diesem da war, und in den neuern Zeiten (nach dem Cartesianischen Beweise) in Europa, mit bewunderten Systemen daruͤ- ber, allgemein angenommen wird, auf seine Art behandelt. Ich wollte nichts daran um- aͤndern, und den ersten rohen Entwurf las- sen; weil es immer wenigstens ein kuͤnstle- risches Vergnuͤgen macht, auch des Gering- sten eignen Gang wahrzunehmen. . Durch Durch Wirken und Gegenwirken ist das All in schoͤnem Leben. Das Wesen aͤußert immer seine Kraft; so wie immer die Sterne leuchten, und um einander durch die Himmel schweben. Auch wann wir schlafen, bewegen wir unsern Erdball um seine Sonne. Wie vieles andre mag das Wesen in uns thun, ohne daß wir uns des- sen bewußt sind, und wofuͤr die Sinnen keine Sprache haben! Unsre innige Vereinigung mit dem Ganzen herrscht immer fort, und wir sind nur zum Schein ein Theil davon; jedes beson- dre Ding ein Spiel, ein Muthwille des We- sens, und kann keinen Augenblick ohne das Gan- ze bestehen. Das ist eine ganz andre Hofnung, Sicher- heit von Unsterblichkeit, wann ich Stuͤrme durch die Athmosphaͤre brausen hoͤre, und in mir fuͤh- le: bald wirst auch du die Wogen waͤlzen, und mit dem Meer im Kampf seyn! Wann ich den Adler in den Luͤften schweben sehe, und denke: P 3 bald bald wirst auch du in maͤchtigem Fluge so uͤber den Rund der Erde hangen! als Komet durch die Himmel schweiffen, Sonne Welten begluͤ- cken! und, stolzer Gedanke! wieder in das Meer des Wesens der Wesen einstroͤmen! Aber auch das Veraͤchtlichste werden? Wer weiß alles, woran das Wesen seine Freude hat? offenbar erscheint es uns in unend- lichen Gestalten. Und dann koͤnnten wir noch fuͤr so viel Genuß ein wenig leiden, fuͤr so lange Herrschaft kurze Zeit dienen. Eins zu seyn, und Alles zu werden, was uns in der Natur entzuͤckt, ist doch etwas ganz anders, als das Schlaraffenleben, welches, ver- nuͤnftiger Weise und aller Erfahrung nach un- denkbar, bezauberte Phantasien sich vorstellen. Und warum sollten wir nicht in der ewigen Natur noch verehren, was wir im- mer wirksam, schoͤn und gewaltig darin empfinden? Die ersten Ausgesandten, Die- ner ner Gottes? uns sinnlich vereinigen mit den hoͤhern Schwestern und Bruͤdern? Nur Verstand von Wenigen dringt durch all das praͤchtige Getuͤmmel durch bis zum Throne des Herrn! Warum wollen wir die Welt nicht nehmen, wie sie ist? Aber wir alle sind uͤber kurz oder lang mit der Gegenwart nicht zufrieden, und das Wesen trachtet immer nach Neuem. — So viel moͤgen wir wohl auch bey dem hart- naͤckigsten Zweifler herausgebracht haben, daß Etwas außer uns ist, unermeßlich unsern Sin- nen; und da Anfang aus Nichts der Realitaͤt nach unmoͤglich ist, nothwendig und ewig; und daß dieß Wesen, bis auf das alleraͤußerste aufge- loͤst, entweder durchaus einerley seyn muß, oder verschieden. Wenn verschieden: so muß eine Art davon, wo nicht das hoͤchste, beste und maͤchtigste, doch wenigstens so gut seyn, als die Art Wesen, die P 4 in in uns (und allem Lebendigen) denkt und Ver- stand hat. Und wo nicht verschieden: so muß es wenigstens wieder eben so gut seyn, da es alles ist. Und da wir augenscheinlich nur geringe Kleinigkeiten sind gegen das Universalwesen entweder unsrer Art, oder das Wesen uͤber- haupt : so waͤr es arg, wenn wir es nicht als etwas hoͤheres verehren wollten. Das letztere waͤre dann die allerreinste Weltmonarchie. Und darauf beruhte vielleicht (denn wer kann die Farbenwechselnden Einbildungen der hohen Priester und Schriftgelehrten daruͤber be- stimmt ansagen?) das Juͤdische System, und das geheime Aegyptische, und noch das christliche. Jesus, der Stifter des letztern, waͤre mit seiner goͤttlichen Natur Symbol des unendlichen We- sens in Formen Das Intelligibile, wie Leibnitz in seiner Ver- ; da das unendliche Wesen ganz ganz und vollkommen, ohne Widerspruch, kein Mensch in Person seyn kann. Die alten Ae- gyptier mochten bey Verehrung verschiedner Ge- schoͤpfe und Gewaͤchse aͤhnliches denken. Und noch andre alte morgenlaͤndische Religionen schei- nen davon auszugehn. Das erstere waͤre entweder reine Weltari- stokratie, jedes Element nehmlich so goͤttlich als das andre; wo nach dem Homer Juno, Neptun, und Apollo den Zevs binden koͤnnten. Oder Aristokratische Weltmonarchie; ein Element unter den andern der Koͤnig. Oder Demokra- tisch Aristokratische Weltmonarchie; Thiere und Pflanzen schon der Form nach von Ewigkeit da; wie ihr oben selbst meintet. P 5 Aus Vertheidigung der Dreyeinigkeit, per nova reperta logica, sagt; so wie Gott der Vater das Intellectivum; und der heilige Geist, der von beyden ausgeht, die intellectio. Aus diesem haben die Griechen ihre reizen- den Dichtungen und schoͤnen Goͤttergestalten ge- schoͤpft; und die erhabensten Philosophen dieser gefuͤhlvollen Nazion, wie selbst Aristoteles und Plato, konnten sich davon nicht losmachen. Wenn ein großer Haufe zusammen glaubt, kann er leicht einen guten Mann uͤberwaͤltigen! Durch Lesung ihrer Meisterstuͤcke von Poesie und Be- redtsamkeit, und bezaubernden sinnlichen Vor- stellungen, wissen wir aus unserm eignen Glau- ben nicht mehr recht klug zu werden. Wer ihren Nektar rein und unverfaͤlscht von der athletisch schoͤnen Ursprache gekostet hat, kann sich schwer- lich in anderm Getraͤnke berauschen. Die Namen ihrer Gottheiten ertoͤnen noch immer von den Lip- pen der Edlern des aufgeklaͤrten Europa, und er- heitern die Gesichter der Zuhoͤrenden, auch ver- hunzt und entstellt. Gesetzt noch das allerausschweiffendste und letzte, es gaͤbe gar kein Universalwesen, die Welt be- bestuͤnde aus lauter untheilbaren Staͤubchen, keins dem andern gleich, die sich gatten und scheiden: so muͤßten wir doch billig Hochachtung vor der wiewohl komischen und bunten ungeheu- ern Menge haben; obgleich diese Meinung bey keinem, der den Abgrund des Aethers anschaut, und fuͤhlt und denkt, Ernst seyn kann, sondern ein grillenhaftes Nadelspitzensystem ist. Und dieß waͤre denn Weltdemokratie, oder das eigentliche Atheistische System; wel- chem nun wohl einige unentschieden anhangen, in der Verzweiflung, sich Gott als ein freywir- kendes Ganzes vorzustellen, da sie alles in der Natur verschieden und in nothwendiger Verbin- dung sehen. Sie selbst aber muͤssen sich folglich als ein erstaunliches Raͤthsel vorkommen, und, auch noch so bescheiden, mehr einbilden, als Sonne, Mond und Sterne. — Sich des Daseyns freuen unter allen For- men und Gestalten, diese dazu vervollkommnen, und und sie zernichten, so bald sie nicht mehr dazu taugen, oder in Sklaverey taugen koͤnnen, und alle Traurigkeit fliehen, predigt die Natur. Und dann, nichts unnuͤtzes heischen und be- ginnen. Alles Wesen ist frey, so bald es frey seyn will; das ist, es kann fuͤr sich allein handeln, und reißt sich los, so bald es kein Vergnuͤgen mehr in der Verbindung hat. Tyranney dauert hoͤchstens uͤberall nur bis auf den Grad, wo die letzte Luft wegfaͤllt. Unser kleines Ganzes ver- liert sich bald mit allen seinen Folgen im Unend- lichen; aber Wesen kann von keinem Gott ver- nichtet werden. Dieß ist der Grundpfeiler des Adels und der Staͤrke bey tiefen Gefuͤhlen. Zer- truͤmmre mich tausendmal mit Blitzen und Wet- terkeilen! ich stehe immer jung wieder auf. Aber du verlangst nichts von mir, was ich dir versa- gen koͤnnte; und ich kann dir nichts zuwider thun. Was ich thue, thu ich durch dich. Ar- Ardinghello. Ihr seyd auf eine andre Weise zu der goͤttlichen Sicherheit und Furchtlo- sigkeit gekommen, weßwegen die Lehre des Epi- kur so geschwind um sich griff; dessen Atomen nach Zufall, und abwechselnder Lust und Unlust alles hervorbringen und wieder zerstoͤren, Men- schen, Muͤcken und Elephanten, Fische und Sterne; und womit er den beschwerlichen Herrn und Aufseher, der alles beobachtet, und von al- lem Rechenschaft verlangt, aus der Natur ver- bannte; den alberne Philosophen und Physiker, nach seinem Beduͤnken, zu Aufloͤsung ihrer Kno- ten herbeygerufen, damit er niederschlage, wenns anziehen, und aufhebe, wenns in die Hoͤhe stei- gen soll. Das Beste fuͤr den, der Zweifel hat, bleibt immer, sich zur Parthey der edelsten Menschen von allen Nazionen zu halten. Ob diese aber den aͤltern oder juͤngern Glau- ben gehabt habe, und habe; oder zu welchem von von den drey Systemen sich die Vernunft neige, werden wohl allezeit die mehrsten gegenwaͤrtigen Stimmen entscheiden. Denn nothwendige ver- schiedne Natur, die das zusammengesetzte bildet, ist nicht schwerer zu begreiffen, als Anfang des- selben von Einem Wesen. Wie hat sich euer Eins geregt? vermuthlich verschieden! Vorher war es etwa in der Aristo- telessischen Bewegung, da sich Leben nicht wohl ohne Bewegung denken laͤßt. Und irgendwo! denn ganz konnt es nicht Form werden. Und welcher Theil Form und Koͤrper geworden waͤre, den muͤßte wahrscheinlich das Loos getroffen ha- ben; denn Verstand war noch nicht da, der kann nur werden, wenn schon mehr Formen da sind, welche das Wesen in seinem Bewußtseyn vereinigt. An Grenzenloses will ich gar nicht denken; denn unendliche — Realitaͤt — sind ein paar Woͤrter, die man wohl zusammensprechen und schrei- schreiben, aber nicht denken kann. Und euer formloses Wesen, fein wie Aether und Raum schier, muͤßte schon eine Luͤcke im Unendlichen machen, wenn es sich nur in einen Zentner Gold zusammenzoͤge; geschweig in eine reiche Mine in ganz Peru, da ging gewiß ein Sonnensystem Groͤße von Formlosigkeit zu Grunde. Und ich seh euern Beweis noch nicht ein, daß keine Form nothwendig und ewig waͤre, worauf le- diglich euer Eins beruht. Die Frage woher? bleibt so gut bey Einem Wesen, als bey meh- rern; und wie ich Eins nothwendig und ewig annehme, kann ich ihrer Centillionen annehmen. Und dann muͤßt es sich verzweiffelt plagen, eh es die mancherley Qualitaͤten nur fuͤr unsre Sinnen herausbraͤchte; wer weiß, ob es nicht noch Geschoͤpfe mit andern Sinnen gibt? Mit einem rednerischen Exempel von Holz in Feuer, Rauch und Asche; und, es laͤßt sich nicht anders erklaͤren, mit taͤuschender, selbst wahrhafter Schil- Schilderung von dem Regenten in uns ists nicht genug gethan. Was den Verstand, oder das Wesen betrift, das in uns denkt: so koͤnnte Ana- xagoras gar wohl Recht haben, und das feinste Wesen sich nach den andern richten muͤssen (die, wie ihr selbst bewiesen habt, nichts weniger als todt sind) wenn es dieselben brauchen will, ohne daß wir eben wissen, wie es zugeht. Man kann freylich das Liebesgeheimniß nicht bis ins Inner- ste aufdecken, wie verschiednes ein lebendiges Eins wird, und so fortdauert, und zusammen- handelt; aber eben so schwer laͤßt sich das We- sen, welches Gedanke und Verstand, und das, welches Koͤrper wird, als Eins erklaͤren. Qua- litaͤt ist so etwas sonderbares, daß es bloße ver- schiedne Art von Ausdehnung und Anziehung nicht uͤberall hervorbringen kann. Der Ver- stand bleibt dabey ein Blindgebohrner, trotz al- ler moͤglichen Anwendung von Figur und Dauer; und sie ist allein Gegenstand der Empfindung. Jede Jede voll Majestaͤt in urspruͤnglicher Reinheit eigne Substanz und Vollkommenheit der Natur, welche Voͤlker von lebhaftem Sinn und scharfem Gefuͤhl, deren Vernunft Ursachen fuͤr Augen und Ohren mit Einbildungen nie ganz umtauscht, immer als goͤttlich verehrten; denn Glaube oh- ne Empfindung ist Grille. Ihr habt oben, um eure Gesinnung auch mir so wie andern zu ver- bergen, aus Scherz gesagt: Wer beweisen will, daß aus Einem Alles sey, muß erst darthun, daß aus Allem Eins werde. Widerlegt euch nun im Ernste. Und dann behaupten die Spoͤtter, Vorse- hung, Plan von Einer allmaͤchtigen Regierung in der Welt waͤre nicht so auffallend sichtbar; und Propheten, Apostel und Geschichte haͤtten uns mehr dawider, als dafuͤr hinterlassen. Es stuͤnde mit uns nicht besser, weil sie da gewesen waͤren, und sie selbst moͤchten lieber in Athen zu den Zeiten des Perikles leben, und in dem Ardinghello 2ter B. Q alten alten Rom, als in dem neuern, wo es auch am froͤmmsten da zuging. Ihr sagt, der Verstand koͤnne nur in Ei- nem einzigen nothwendigen unendlichen Wesen, das alles ist, seine Ruhe finden? und ich weiß nicht, wie es zugeht: mir klopft das Herz vor Angst, und sausen die Ohren, je laͤnger ich dar- uͤber nachdenke. Es bleibt immer einerley, es mag werden, was es will (ein Herr ohne Unter- thanen, Widerspruch! oder der selbst sich in sei- nen Geschoͤpfen lobpreist, oder selbst bestraft) und kann seinem Schicksal der graͤßlichen Einoͤde nicht entrinnen; ist schlimmer daran, als die al- ten Feen in den Ritterbuͤchern, die sich bey wi- drigen Begebenheiten die Augen zerweinen, daß sie sich nicht ermorden koͤnnen. Alle Lust und Pracht und Herrlichkeit der Welt wird zum Gaukelspiel, und schwindet zuruͤck, fuͤr uns in ein Unding. Aristoteles ertrug nie ein solches Wesen, und straͤubt sich dagegen aus allen Kraͤften; und mich duͤnkt, der hohe, edle hatte Recht. Es Es faͤllt uns schwer, bey Betrachtung des Weltalls Sinn und Verstand in reiner und keu- scher Verbindung zu bewahren. Die einen las- sen lediglich und allein nur Verstand gelten, und ziehen, wo moͤglich, alle Natur aus: und die andern halten sich zu sehr an die sinnlichen Vor- stellungen, und taumeln mit ihrer Einbildungs- kraft herum in Paradiesen und Hoͤllen. Hohe Schoͤnheit ist ein Gewaͤchs auf seltnem Boden, und wird nur Gluͤcklichen zur Beute. Und gluͤcklich die Gesellschaft, die einen sol- chen freudenreichen Glauben nach Klima und Verfassung fuͤr ihr Daseyn auf diesem Erdenrund bekommen hat, oder selbst erwaͤhlt! Sey er auch, um alle zu befriedigen, eine mystische Komposizion von Weltmonarchie, Aristokratie, und Demokratie. Ihr werden Maͤnner, die mit der Natur und dem Volke gelind umgehn, und sie den Philosophen hold seyn. Warum sollten wir, wenn das vorige Zeitalter barbarische Q 2 Be- Begriffe hatte, uns auch damit schleppen? Der Mensch kann nichts goͤttlichers als Verstand er- gruͤnden, muß man wohl der Schule des Ana- xagoras zugeben; auch bleibt er in ihm mit Sin- nen samt Vernunft die hoͤchste Regel der Wahr- heit, und gegen ihre vereinigten Ausspruͤche gilt weder Verjaͤhrung, Wunder, noch Zeugniß. Je mehr man das Weltall und seine Ver- bindung damit kennt: desto vortreflicher die Religion. Und wer den reizbarsten, innigsten Sinn fuͤr die Schoͤnheiten der Natur hat, ihre ge- heimsten Regungen fuͤhlt, deren Maͤngel nicht vertragen kann, und denselben abhilft nach seinen Kraͤften: der uͤbt aller Religionen Wahrstes und Heiligstes aus. Sein Tempel ist das unendliche Gewoͤlbe des Himmels; sein Fest jede schoͤne Sommernacht, ein herrlicher Aufgang; und er bringt seine Opfer dar an Menschen, an Thiere, die ihrer beduͤrfen, an alles Lebendige. Me- Metaphysik hat Gott allein, sie ist sein Ehrenamt! sagte derselbe Dichter Simonides, welcher sich so klug uͤber die Frage: was ist Gott? beym weisen Hieron auffuͤhrte. Aristo- teles will dieß zwar nicht zugeben, und meint: Gott waͤre nicht so neidisch; sie sey die Glorie des Menschen, und es einem freyen Mann un- anstaͤndig, sie nicht zu erforschen. Plato aber, sonst so stolz gegen die leichten gefluͤgelten heiligen Dinger, wie er die Dichter nennt, gestand, obgleich bey einer andern Gelegenheit, demuͤthig: Simonides habe selten Unrecht; er sey ein ver- staͤndiger und goͤttlicher Mann gewesen. In den Sonnensystemen des Orion, der Milchstraße steigen wir vielleicht zu einer hoͤhern Religion auf. Demetri. Solch ein Angriff gefaͤllt mir! Das ist eine Gymnastik des Verstandes, und auf beyden Seiten Gewinn; entweder geuͤbte nack- tere gelenkere Wahrheit, oder Befreyung von Q 3 dem dem schaͤdlichen Uebel der Falschheit. Wer weiß, was Menschen sind, und was er selbst ist, der verwundert sich weder uͤber Ost noch West, son- dern untersucht ferner fort getrost, woraus sie beyde bestehen. Ardinghello. Aber die Saͤulen huͤllen ih- re jungfraͤuliche Schoͤnheit schon ins Dunkel, und oben ist kaum noch Daͤmmerung. Der Pfoͤrt- ner wartet, die Thuͤr zu schließen. Wer Unrecht hat (druͤckt ich ihn zaͤrtlich und traulich bey der Hand) will immer das letzte Wort behalten. Demetri. Nur die Hauptpunkte! das Uebrige ein andermal; welches uͤberdieß haupt- saͤchlich auf eines jeden Gefuͤhl beruht, und wo- mit hinuͤber und heruͤber Muthwille kann getrie- ben werden. Wie ich merke, habt ihr von Belvedere noch nicht ganz Abschied genommen! Inzwischen spielt ihr treflich die Rolle, die ich bey der Pyra- mide; nur daß ich schon da zu Hause war, wo ihr vielleicht erst einkehrt. Ohne Ohne Eins, das sich in verschiedne Formen verwandelt, bleibt alles voͤllig unerklaͤrlich; ich mag daruͤber nicht wiederhohlen, was ich schon gesagt habe. Und dann: Gott ist nicht Mensch, Anthropomoryhit! und ihr selbst muͤßt eure Menschheit ablegen, wenn ihr denken wollt; und eure stolzen republi- kanischen und Spartanischen Gesinnungen. Und doch koͤnnen wir schon in unserm Puͤnkt- chen, Plaͤtzchen von Formen nach dem Aristote- les, Ideen groß und klein, also irgendwo darin, erdenken, umbilden, aufbewahren, und wieder neu beleben. Reines Wesen kann in bloßem Be- wußtseyn harren, das ist sein Leben; aber auch Formen in sich schaffen und sammeln, das ist sein Geschaͤft und seine Lust. Woher es ist, unendlich? Wie es war wuͤst und leer? wie der erste Gedanke in ihm entstand? und Koͤrper? hier ists noch immer finster auf der Tiefe; Abgrund, wir versinken, Q 4 und und Abgrund! Ewigkeiten! Ewigkeiten! Kein Untertaucher, nicht die beruͤhmtesten der Schu- len von Syme Syme ist das Vaterland der Untertaucher in der Levante, eine kleine Insel mit einer Stadt bey Rhodi, dem großen Magazin der Tuͤrkischen Seemacht. Niemand erhaͤlt das Buͤrgerrecht, ohne vorher Beweise seiner Geschicklichkeit im Untertauchen gegeben zu haben. Hernach werden sie in die Haͤfen weit und breit herum verschrieben, und un- tertauchen. Gleichsam Akademien und Hal- len von Metavhysikern; nur daß sie bey ih- rer auch gefaͤhrlichen Kunst gluͤcklicher sind, und oͤfter verlornes ergruͤnden und fest- packen, als Plato und Leibnitz . vermochten zu entdecken. Aristoteles hat nicht zu viel gesagt, wohl Simonides. Aber Freunde werden wir seyn, so lange wir leben; und seelige Stunden mit einander haben. Fuͤnf- Fuͤnfter Theil . Q 5 Terni, Jenner. N eid und Eifersucht sind die Dornen im Rosengarten der Liebe. Ich habe von Rom abreisen muͤssen, der Herzog ruft mich zu Geschaͤften. Aber ich er- kenne wohl, der Kardinal wollte mich fort; er hatte schon laͤngst ein Auge auf mich, und fand bey meinem Aufenthalte nicht seine Rech- nung. Ich reise vorwaͤrts, und meine Phantasie ruͤckwaͤrts; Herz und alle Freude ist in Rom ge- blieben. Zaͤhren des tiefsten Gefuͤhls rennen unaufhaltbar hervor mit ihren letzten heißen Seelenblicken; wir schieden aus gluͤhender Um- Umarmung. O sie liebt mich, groß und edel! erhabnes Wesen! Ich befinde mich hier in einer Wasserwelt; die Fluthen rauschen, und Stroͤme stuͤrzen sich mit donnerndem Gebruͤll von den Gebirgen: und doch ist mein Sinn nur wie im Taumel ge- genwaͤrtig. Das Wetter ist außerordentlich lau und warm fuͤr die Jahrszeit; aller Schnee auf dem Apennin schmilzt. Die Nera ist maͤchtig angeschwollen, und der koͤnigliche Velino reißt sich wie eine Suͤndfluth aus seinem See schraͤg uͤbers Gebirg herab, setzt alle Gaͤrten und Felder der Terner in Ueberschwemmung, und verheert sie mit seinem Schutte. Ruͤhrend ist bey dem fuͤrchterlichen Schau- spiel, wie die huͤlflosen Menschen so gut und freundlich und gesellig gegen einander bey der all- gemeinen Noth werden, und jeder erkennt, wie wenig er fuͤr sich selbst vermag. Im Im schmalen Thal, an der Nera, vor dem Einschusse des Velino, liegt ein Doͤrfchen von wenig Haͤusern, Torrosina, wie in einem kleinen Kessel. Nachdem ich die ganze Lage be- sehen hatte: so fand ich, daß die Terner weit weniger und fast nichts leiden wuͤrden, wenn man oben auf dem Gebirge den Velino dahin fuͤhrte, daß er in die Felsenkluft, wo die Nera furchtsam hervorschleicht, sich mit seinem Tartar stuͤrzte. Außerdem gewaͤnnen sie noch das ganze breite Bett des Flusses an die zwey Miglien lang fuͤr ihre Waldung; und der senkelrechte Sturz selbst wuͤrde an Hoͤhe und Schoͤnheit seines gleichen nicht in Europa haben, da er jetzt nur gemach schraͤg herab rauscht. Weil aber Grund und Boden den Torrosinern gehoͤrt: so muͤßten sie denselben ihnen abkaufen; welcher jedoch an und fuͤr sich keinen Werth hat, da er lauter Felsen ist, und den etwannigen zukuͤnfti- gen Schaden zu ersetzen versprechen, der fuͤr sie ent- entstehen koͤnnte, wenn die Nera bey großen Wassern vor der einbrechenden Gewalt des Ve- lino sollte zuruͤckgehalten werden. Ich ging darauf in die Rathsversammlung von Terni, und machte mein Gutachten als ein Werksverstaͤndiger bekannt. Alle, keiner ausgenommen, gaben dazu ihren Beyfall; und dieser und jener sagte, daß er dieß schon laͤngst auch gedacht haͤtte. Und siehe da! man schick- te kluge Redner zu den Torrosinern ab, und der ganze Anschlag wurde mit wenig Kosten genehmigt. Aus Furcht, daß es diesen gereuen moͤch- te, will man sogleich Hand ans Werk legen, und oben das kurze neue Bett ausgraben; wel- ches ich diesen Morgen half abstecken. Die Sache wegen Verlegung des Velino- sturzes ist alt, und wurde schon zu Ciceros Zeiten Zeiten verhandelt. Es scheint, die Torrosiner sind gutherziger geworden, daß sie jetzt so bald nachgaben; oder der große Schaden und Jam- mer der Terner hat sie mehr als jemals ergriffen und zum Mitleiden bewogen; da ihr zukuͤnftiger Verlust gegen dieser ihren doch nur aͤußerst klein seyn kann, und verguͤtet werden wird. Peru- Perugia, Jenner. I ch streiche durch alle die himmlischen Ge- genden ohne rechten Genuß; und nur ergreift mich noch des Wasserelements Sturm und Aufruhr, und die Luft mit ihren Gewittern und Wetterstrahlen. Der Ort enthaͤlt einen Schatz von Gemaͤhl- den; und sie, und die praͤchtig gepflasterten Straßen und schoͤnen Pallaͤste und Tempel zei- gen allein noch den ehemaligen Wohlstand der Freyheit. Fuͤr jetzt fluͤchtige Anzeige einiger Raphaele auf meinem Wege. Fulizno hat deren zwey, die allein werth sind, in dieß Paradies zu reisen. Im Nonnen- kloster delle Contezze ein Altarblatt, welches die Madonna vorstellt vom Himmel hernieder schwebend, wie sie der heilige Franziskus, Hie- ronymus, Johannes der Taͤufer, und ein Kar- Kardinal anbeten. Es ist aus des Meisters be- ster Zeit. Welche Gestalten, welche Charakter! Wie ist alles so rein bis aufs Haar bestimmt! aͤchte klassische Arbeit. Der Kopf der Madonna ist eine der schoͤn- sten welschen weiblichen Koͤpfe. Wie klar die Stirn, wie reizend das lichte Kastanienhaar nach den Ohren weggelegt, der braͤunliche Schley- er wie sanft und lieblich, in den holden hernieder blickenden Augen welche Guͤte! wie schoͤn die großen Augenlieder, vollen jugendlichen Wan- gen mit Schaamroͤthe uͤberzogen, wie jung- fraͤulich wie suͤß der voͤllige Mund, das zarte Kinn, und die Nase wie edel herein! welch ein schoͤnes Oval, und wie reizend auf der rechten Seite herum im Schatten gehalten! wie reizend schwellen die Bruͤste unter dem rothen sittsamen Gewand hervor! Welch eine feurige, eifrige Froͤmmigkeit und Wahrheit im Kopfe des Heiligen von Assisi, Ardingbello 2ter B. R und und welch ein schoͤner kniender Akt! Wie kraͤftig der Kopf des heiligen Hieronymus gemahlt, und in welchem feyerlichen Ernste von Betrach- tung! Johannes ist ein aͤchter wilder Eremit, der sich nicht auf buͤrgerliche Hoͤflichkeiten ver- steht, und dreust sagt, was er denkt. Der Kar- dinal bloß Portraͤt voll Bewunderung. Der Engel unten mit dem Taͤfelchen ist treflich gemahlt, nur weiß man nicht, was er soll, weil man vergessen hat, es darauf zu schreiben. Das Kolorit in den Koͤpfen ist taͤuschend abgewechselt, wie die Natur thut. Die Figu- ren sind alle in Lebensgroͤße, und die Madonna noch daruͤber, um sie zur ersten Person zu erhe- ben. Sie ist am lebendigsten, und wirft Glanz um sich, wie Sonne. Unten ist freyes Feld und ein Flecken, wo die Heiligen sich beysammen befinden, sie anrufen und anbeten, und in Be- trachtung verloren sind. Im Im Dom eben hier am Ende des linken Kreuzgangs ein Halbbogen, worin Madonna mit dem kleinen Christus zur linken und dem kleinen Johannes zur rechten vor sich; zwey holde nackte Buͤbchen in schoͤner Bewegung. Hinter ihr zur rechten der heilige Joseph, und zur linken der heilige Antonius, und auf bey- den Seiten neben ihr zwey Jungfrauen. Alle sind in knieender Stellung, außer den Kindern. Die drey Weiber haben trefliche Gewaͤnder; be- sonders ist das Maͤdchen zur linken, von wel- chem man den bloßen linken Fuß sieht, ganz wollusterregend und goͤttlich, so zeigt sich das na- ckende, und die schoͤne Form des Unterleibs, der vollen Huͤften und Schenkel; das Gewand macht eine ungekuͤnstelte Falte zwischen den Schenkeln, und zieht sich im knien an; das luͤsterne Auge des Meisters sah diesen Reiz der Natur ab. Die jungen Bruͤstchen schwellen lockend uͤber dem Guͤrtel hervor. Die Kleidung R 2 von von allen dreyen ist roth, griechisch, wie leichte Hemder. Die Gesichter sind voll Huld; und die Madonna hat besonders etwas muͤtterlich suͤßes in Aug und Mund, und blickt in stiller Entzuͤ- ckung nieder. Alle sind vertieft in die Kinder, die auf einander kindlich zeigen, und sich freuen. Der Kopf des heiligen Joseph ist zugleich gemahlt wie vom Tizian nebst dem herrlichen Ausdruck. Der heilige Antonius allein weicht sehr von den an- dern ab, und ist mittelmaͤßig durchaus, als ob er ihn nur weggejagt haͤtte, um fertig zu werden. Alles andre ist mit Liebe entworfen, und es herrscht die stille Raphaelische Empfindung. Nach Rom kann man Raphaelen zu Peru- gia am besten kennen lernen. Das meiste von ihm ist hier in der Kirche des heiligen Franziskus. Ueberhaupt will ich dir in Perugia nur drey Stuͤcke von ihm vorzuͤglich emphelen, eins aus sei- seinem Knabenalter, eins aus seiner Juͤngling- schaft, und eins, das er wenig Jahre vor sei- nem Tode vollendete, in einem Nonnenkloster vor der Stadt, welches zum Theil alles uͤber- trift, was er je aus sich hervorgebracht hat; das uͤbrige wirst du leicht einmal selbst finden. Die zwey erstern sind bey den Franziska- nern; das juͤngste, in der Capella degli Oddi, stellt vor die Himmelfahrt der Madonna. In der Luft empfaͤngt sie der Heiland, ihr Sohn, mit Engeln die Musik machen, und kroͤnt sie; unten stehen die zwoͤlf Apostel an ihrem offnen Sarge. In der Einfassung, die auf dem Altar ruht, sind noch drey ganz kleine Gemaͤhldchen angebracht: der englische Gruß, die Anbetung der heiligen drey Koͤnige, und die Beschneidung. Alles ein himmlischer Inbegriff einer Menge schoͤ- ner Gestalten, die in seiner Seele aufbluͤhten. Der Kopf der Madonna ist heilig und see- lig im neuen Schauen; in einigen Engelsge- R 3 stal- stalten suͤße Anmuth, besonders der mit der Handtrommel eine wahre Volkslust. Aber das wunderbarste sind die zwoͤlf Apostel; welche Cha- rakter schon Paulus, Petrus und Johannes! Paulus hat viel von seinem Aristoteles; Jo- hannes von dem aufblickenden Juͤngling beym Bramante. In dem ersten Gemaͤhldchen unten erscheint der Engel der Madonna in einem korinthischen Tempel. Sie betet, und blickt erhaben vor sich hin, ohne ihn anzusehen; in einem Landschaͤft- chen davor zeigt sich Gott der Vater, und der heilige Geist als Taube. In der Anbetung der heiligen drey Koͤnige sind eine Menge Figuren, worunter einige voll Ausdruck mit Erstaunen. Die Huͤtte in zerfall- nen Ruinen, und das Landschaͤftchen ist kindlich angenehm und erfreulich. Die Beschneidung ist das beste unter den kleinen. Ein Jonischer Tempel; die zwey Prie- Priester mit treflichen Koͤpfen voll Charakter und Ausdruck, und die Seitenfiguren gefuͤhlt und gedacht. Das Ganze ist freylich aͤußerst hart, und die Formen unausgebildet; alle Natur arbeitet bey ihm nur auf das erste Beduͤrfniß: Gestalt, los; aber das Wesentliche, wobey man das andre bey Anfaͤngern uͤbersehen soll. Das zweyte ist die Abnehmung vom Kreuze . Das Gemaͤhlde hat zehn Figuren, fuͤnf Maͤnner und fuͤnf Weiber, mit dem todten Christus und der in Ohnmacht gesunknen Mut- ter; die viel groͤßer sind als im vorigen, ohnge- fehr zwey Drittel Lebensgroͤße. Es ist in zwey Gruppen geordnet; die eine macht der von zweyen getragne Todte, und Jo- seph von Arimathias, und Magdalena, und hinten vermuthlich noch Johannes: und die andre die Mutter mit den Jungfrauen; der den Leichnam bey den Beinen haͤlt, verbindet sie beyde. R 4 Die Die Hauptfiguren leuchten gleich hervor, der todte Juͤngling, die schoͤne Magdalena voll Schmerz, und die Mutter. Besonders aber ist die Gruppe der letztern das vortreflichste. Alle Gestalten sind voll Seele, jede lebt, und em- pfindet dabey nach ihrem Charakter. Die Maͤd- chen, welche die Mutter fassen, sind wie die drey griechischen Grazien; vorzuͤglich hat das, welches den Kopf derselben haͤlt, eine Gestalt so tiefen großen Gefuͤhls und hoher Schoͤnheit durchaus in Formen und Bekleidung, daß man sie gleich zu einer Euripidischen Polixena brau- chen koͤnnte. Ueber die ganze Scene verbreitet sich ein sanftes Abendlicht. Dieß war seine letzte Arbeit, bevor er nach Rom kam; und man sieht darin, wie sich seine Kunst schon ihrer Vollkommenheit naͤhert. Sie ist das hoͤchste aus dieser Zeit von ihm. Ich Ich kann hier nicht unterlassen, ein Ge- maͤhlde von Correggio anzufuͤhren, welches dieselbe Scene vorstellt, und in der Johannis- kirche zu Parma in einer Seitenkapelle befindlich ist. Nach meinem Gefuͤhl hat er alle uͤbertrof- fen, und erhaͤlt den Preis, wie ein Sophokles: so streng und einfach und ruͤhrend, mit Ver- laͤugnung seiner sonstigen bluͤhenden Farben- pracht und laͤchelnden Manier behandelt er die Begebenheit. Erblaßt und ausgestreckt liegt der goͤttliche Juͤngling da. Magdalena sitzt an seiner Seite und vergießt fuͤr sich in Wehmuth versunken heiße Thraͤnen, wie eine untroͤstlich Geliebte; und der Schmerz der zaͤrtlichen Mutter an seinem Haupte uͤber das entsetzliche Schicksal grenzt an des Todes Bitterkeit. Ein truͤbes Regenlicht um sie her; alles in Lebensgroͤße. Man soll nie bey Bewunderung des einen schuͤlerhaft gegen andre ungerecht seyn. Raphael R 5 selbst selbst Maͤrtyrer fuͤr Amorn, hat ferner nie das Entzuͤcken der Liebe, den hoͤchsten Vorwurf viel- leicht fuͤr alle bildende Kunst, mit so tiefem See- lenklang und heitrer Phantasie zugleich, ausge- druͤckt, als der bey seinen Lebenstagen unberuͤhm- te hohe Lombard, Ariosts Nachbar, in seiner Jo; wenn ihm auch die antike kleine Leda , mit der im Stehen sich Zevs als Schwan be- gattet (welche trefliche wolluͤstige Gruppe ihr zum Zeichen eurer freyen Denkungsart oͤffentlich gerade vor dem Eingange der Markusbibliothek aufstelltet) Anlaß zur ersten Idee davon gegeben haben sollte. Das dritte und Hauptgemaͤhlde von Ra- phael zu Perugia ist in dem Nonnenkloster zu Monte Luce , welches er drey Jahre vor seinem Tode vollendete. Ein Altarblatt, die Figur voͤl- lig in Lebensgroͤße. Es stellt wie das erste vor die Himmelfahrt und Kroͤnung der Mutter Gottes; aber alle Spur Spur von seines Lehrmeisters enger und schmaler Manier ist hier verschwunden. Die zwoͤlf Apo- stel stehen um den Sarg, statt der Madonna mit Blumen, Rosen, Lilien, Nelken und Schaß- minen angefuͤllt, und blicken erstaunt auf, wo ihr Sohn sie von Wolken emporgetragen mit En- geln empfaͤngt und kroͤnt. Die Mutter ist eine der frischesten weibli- chen Gestalten, noch bluͤhend wie eine Jung- frau, doch voll edlem Ernst, wie eine Matrone, und heißer wunderbarer Empfindungen der See- ligkeit, im Taumel neuer Gefuͤhle, wie vom Erwachen, alles groß an ihr und herrlich schoͤn. Sie faltet die Haͤnde kreuzweis an die Bruͤste und blickt durchaus geruͤhrt mit entzuͤcktem Aug auf ihren Sohn. Ihr Gesicht ist nach ihm hin- gewandt, und man sieht ganz die rechte Seite, und vom linken Auge nur den heißen Blick; große schwarze Augen mit einem zarten Bogen Augenbrane, und dunkelblondes Haar unter dem dem langen gruͤnen Schleyer, der sich hinter dem rechten Ohr hinabzieht. Christus ist feurig im Gesicht, wie ein Sonnenverbrannter Kalabrier aus seinem star- ken Bart um die Kinnbacken; und sein ausge- streckter rechter Arm voll Kraft und Nerve, wo- mit er ihr den Kranz aufsetzt. Der Engel mit Blumen in der rechten an ihm hat einen Kopf voll himmlischer Schoͤnheit, sonniglich entzuͤckt; es scheint ihm uͤberall Glanz aus seinem Gesicht hervorzubrechen. Die Anordnung durchaus ist reizend, und bildet das schoͤnste Ganze. Madonna ist oben in der Mitte, Christus zu ihrer linken, an bey- den ein Juͤngling von Engel bekleidet; unter diesen bey jedem ein zart nackend Buͤbchen; und uͤber allen der heilige Geist in einem dichten Duft von gelbem Himmelsglanz. Die Auffahrt geschieht ganz gemach auf ei- ner dunkeln dicken Wolke mit lichtem Saum, und und hat nicht das leichte Schweben, wie in an- dern Gemaͤhlden davon; aber eben dadurch ge- winnt die Handlung Natur und Majestaͤt. Ra- phael hatte eine sehr reine klare Empfindung, die ihn minder fehlen ließ, als andrer scharfer Verstand. Je laͤnger man den Christus betrachtet, desto mehr findet man etwas uͤbernatuͤrlich goͤtt- liches, das sich nur guͤtig herablaͤßt; das demuͤ- thige der Madonna vor ihm stimmt einen nach und nach dazu. Es ist etwas erstaunlich maͤchti- ges und gebieterisches in seinem Wesen, das mehr im Ausdruck liegt, als den Formen selbst; wunderbare Strenge und Guͤte mit einander vereinbart. Ich habe noch wenig neuere Kunst- werke gesehn, die den Eindruck in der Dauer immer tiefer und tiefer auf mich gemacht haͤtten. Je mehr man nachdenkt und fuͤhlt und Gestalt nachgeht: desto wahrer findet man diesen Chri- stuskopf. Ich kann von diesem Gemaͤhlde nicht weg- wegkommen, und moͤchte Tage lang mit Wonne daran hangen. Hoher goͤttlicher Juͤngling der du warst, Raphael! Unsterblicher, empfang hier meine heißeste aufrichtigste Bewunderung, und nimm guͤtig meinen zaͤrtlichen Dank auf. Es gehoͤrt unter das hoͤchste, was die Mahlerey aufzuzeigen hat, diese Mutter und dieser Sohn, und die vier Engel um sie her; und ich kann mich nicht von der Herz und Sinn ergreiffenden Wahrheit und Hoheit wegwenden. Die zwey Hauptfiguren sind ganz wunderbar groß gedacht, in der That pindarische Grazie und des Theba- ners Schwung der Phantasie bis in die Drap- perien, die maͤchtige Falten werfen. Welch ein Arm, Christus aufgehabner rechter mit den wei- ten Aermeln! wie ganz vollkommen gezeichnet und gemahlt, und welche wetterstrahlende Wir- kung thut er in der ganzen Gruppirung! und wie bescheiden zeigt sich daneben das Nackende der Mutter und fuͤllt leicht das blaue Obergewand! So So kraͤftig hat er nichts anders gemahlt; und nirgend anderswo sind seine Formen so vollkom- men reif, stark in der Art Schoͤnheit, die ihm ei- gen war. Die Apostel unten sind schwach und matt dagegen, und nur wie verwelkend sterblich Fleisch, des Kontrasts wegen; aber durchaus vortrefliche Maͤnnergestalten, besonders Petrus und ein an- drer im Vordergrunde, in Bewegung und Leben. Mit denen in der Verklaͤrung sind in drey Gemaͤhlden allein sechs und dreyßig Apostel; und in jedem sehen sie anders aus, und keiner wie der andre; und doch scheinen die meisten treflich zu seyn und zu passen. Die Mahlerey ist wie die Musik; zu den- selben Worten koͤnnen große Meister, kann einer allein ganz verschiedne Melodien machen, die alle doch in der Natur ihren guten Grund haben: es koͤmmt nur darauf an, wie man sich den Menschen denkt, der sie singt. Neh- Nehmen wir zum Beyspiel ein Lied der Liebe! Bey denselben Worten wuͤthet ein Neapo- litaner: und ein andrer im Gletschereise der Al- pen bleibt ganz gelassen. Außerdem lieben wenige immer uͤberein- stark schon bey derselben Person; und es wird anders geliebt bey einer blonden und schwarzen, einer Sizilianerin von zwoͤlf Jahren und einer Nordischen Patriarchin. Und diese selbst lieben wieder anders Knaben, Juͤnglinge, Maͤn- ner und Greise. Dichter und Mahler und Tonkuͤnstler neh- men von allem diesen das Vollkommenste, was am allgemeinsten wirkt; welches aber weder Rechenmeister noch Philosoph zu keinem Zeit- alter bestimmt festsetzen konnten. Und dieß hat die Natur sehr weislich eingerichtet; sonst wuͤrde unser Vergnuͤgen sehr eingeschraͤnkt seyn, oder bald ein Ende haben. Die Die Kuppel des Correggio zu Parma in der Johanniskirche, welche Christus Himmel- fahrt vorstellt, gehoͤrt zu einer besondern Gat- tung der Mahlertaktik, und macht ein eigen Kunstwerk aus, das sich mit dem des Raphael, was mahlerische Wirkung betrift, nicht verglei- chen laͤßt, ohne diesem Unrecht zu thun. Man erstaunt dort, wenn man in den Kreis tritt, und wurzelt am Boden fest, wie bezaubert, und sieht: einen wirklichen Juͤng- ling von uͤbernatuͤrlichen Gaben in ferne Hoͤ- hen steigen von dienstbaren Sturmwinden em- porgetragen, die liebkosend mit seinem weiten Purpurmantel spielen. Selbst Apelles und Zeuxis und die ganze griechische Zunft wuͤrden dem Goͤtterfluge mit ent- zuͤckender Bewundrung nachschaun, und keiner das Herz haben, zu sagen: anch’ io son pit- tore! Ardinghello 2ter B. S Flo- Florenz, Jenner. I ch habe mich unterwegs laͤnger aufgehalten, als ich wollte; und auf meinem Gute bey Cor- tona verschiedne Anstalten zu Pflanzungen, und beßrer Einrichtung der Gebaͤude gemacht. Die Kunstsachen, die ich in Rom theils ankaufte, theils schon bey dem Kardinal vorraͤthig fand, waren vor mir angekommen. Der Herzog empfing mich heiter und freund- schaftlich, und bezeugte alsdenn seine große Freu- de daruͤber; so wie Bianca, und die andern Da- men und Herrn vom Hofe. Man stand hier noch im Handel uͤber eine nackende Venus vom Tizian, und wartete nur auf meine Entscheidung. Sie ist ungezweifelt ganz von seiner Hand; und der Kauf wurde gleich richtig gemacht. Jetzt laß ich in der Gallerie, die mein alter Lehrmeister Vasari erbaut hatte, ein Zimmer fuͤr das das ausgesucht vollkommenste zubereiten, das seines gleichen hernach wohl schwerlich in der Welt haben wird, Belvedere ausgenommen. Von der griechischen Venus will ich den neuen untern linken Arm vom Ellenbogen an wieder abnehmen lassen, weil er allzuschlecht er- gaͤnzt ist; der rechte von der Schulter an ist zwar auch nicht zum besten, doch will ich noch damit warten. Es ist ein Wunder, daß dieß hohe Meisterstuͤck so gluͤcklich brach, daß die Thei- le nichts gelitten haben, und alle so gut in ein- ander passen. Die Figur der Goͤttin selbst ging in dreyzehn Bruchstuͤcke, und das Ganze in die dreyßig Truͤmmern. Der Kopf ist am Halse angesetzt, und et- was klein in Proporzion, wie aber bey andern griechischen weiblichen Bildsaͤulen; jedoch ganz von demselben Marmor, derselben Arbeit, der Zug des Halses paßt so treflich, und alles har- moniert so bis auf die allerschoͤnsten Fuͤßchen, S 2 daß daß an seiner Aechtheit zur Figur keinen Augen- blick zu zweifeln ist. Ein Gesicht voll hohem Geist und Jonischer Grazie! Die Nase schießt nur ein klein wenig von der Stirn ab, nicht den dritten Theil wie ein Strahl im Wasser. Der Leib ist die frischeste, kernigste, ausgebildete Wollust; Brust und Schenkel schwellen mar- kicht vorn und hinten. Sie hat durchaus den suͤßesten uͤberschwenglichen Reiz eines so eben reif gewordnen himmlischen Geschoͤpfes vor der ersten Liebesnacht; welches Vater Homer mit dem Wunderguͤrtel hat ausdruͤcken wollen. Sie hat ein Gruͤbchen im Kinn: Zeichen von Fuͤlle und Kraft zugleich, und Reifheit der goͤttlichen Frucht; und nur halberoͤfnete, oder zugehaltne Augen, die das Innre nicht erkennen lassen wollen, sproͤdiglich. Kurz, es ist Erscheinung eines uͤberirrdi- schen Wesens, von dem man nicht begreift, wo es her koͤmmt; denn es hat hienieden keine Lei- den den ausgestanden, alles ist zur Vollkommenheit ungestoͤrt an ihm geworden. Selbst der schoͤnste und edelste Juͤngling unter den Sterblichen muß sich vor ihm niederwerfen: und das hoͤchste, was er verlangen kann, ist ein Moment, nicht Huldigung auf ein ganzes Leben. Schoͤnheit, zur Reife gediehen und gedey- hend, noch ungenossen. Das sich regendste Le- ben woͤlbt sich sanft hervor in unendlichen For- men, und macht eine entzuͤckende ganze. Adel, fuͤr sich bestehend, blickt aus den suͤßen lustseeligen Augen, ein sonnenheißer Blick von Liebesfuͤlle; flammt die Stirn herab, schwebt auf dem Munde, wo Stolz und Zaͤrtlichkeit zusammen- schmelzen. Die Mitte des Oberleibs ist kraͤftig, und gar nicht duͤnn; die Schultern sind voͤllig so breit wie die Huͤften, und gehen noch daruͤber hinaus, sanft vom Halse herab gesenkt. Der Unterleib hat zwey zarte Einwoͤlbungen bis wo S 3 die die Hoͤhen der Freuden sich heben. Die Schen- kel steigen wie Saͤulen hernieder, und ver- bergen den Eingang der Lust mit einem gelinden Druck. Die Waden sind straff und voll bis an die Kniekehlen ohne auszuschweiffen. Sie erscheint von den Seiten her schmal, und von dem Ruͤcken breit; alles Fleisch lebt, und nichts ist leer und muͤssig. Aus dem Ganzen spricht jungfraͤulicher Ernst und Stolz, nichts lockendes; es ist In- begriff hoͤchster weiblicher Liebesstaͤrke. Sie blickt auf, wie eine Jugendgoͤttin, von den edel- sten angebetet. Sie erhaͤlt den ersten Preis unter den weiblichen antiken Schoͤnheiten. Ihr Gesicht schon fuͤr sich, das gluͤcklich ganz unversehrt blieb, ergreift unaussprechlich reizend, mehr, als ir- gend ein andres; ist gewiß urspruͤnglich in der Natur selbst voll Geist und hohem eigenthuͤmli- chen chen Wesen aufgebluͤht, und stammt wahrschein- lich von einer Lais oder Phryne. Bey der Niobe und ihrer schoͤnsten Tochter, bey der Juno, und einer kolossalischen Muse in Rom mag man mehr Erhabenheit finden: aber sie haben den lautern Quell von Leben nicht, der den Durst nach aller Art von Gluͤckseeligkeit im Menschen erquickend stillt. Hier ist alles beysammen, Koͤrperreiz und Seelenreiz, Feuer und Schnelligkeit der Empfin- dung, und heller ausgebildeter Verstand bey je- dem Vorfall in der Welt. Doch, was verschwend ich Worte daruͤber; komm und sieh! und fuͤhle! und traure herzinnig- lich, daß sie nicht den Mantel von dir sich um- wirft, dich zu begleiten. Tizians Venus wird eine schlimme Nach- barin an ihr erhalten. Diese ist eine reizende junge Venezianerin von siebzehn bis achtzehn Jahren, mit schmach- tendem Blick, aufs weiße widerstrebende Som- S 4 mer- merbett, im frischen Morgenlichte, faselnackend vor innrer Gluth von aller Decke und Huͤlle, bereit und kampfluͤstern hingelagert, Wollust zu geben und zu nehmen; die, anstatt die Hand vorzuhalten, schon damit die stechende und bren- nende Suͤßigkeit der Begierde wie abkuͤhlt, und mit den Fingerkoppen die regsamsten gefuͤhligsten Nerven ihres hoͤchsten Lebens beruͤhrt. Bezaubernde Beyschlaͤferin und nicht Grie- chenvenus; Wollust und nicht Liebe; Koͤrper bloß fuͤr augenblicklichen Genuß. Ihre Formen machen einen starken Kon- trast mit der griechischen. Wie das Leben sich an dieser in allen Muskeln regt und sanft hervor- quillt und hervortritt: und bey der Venezianerin der ganze Leib nur eine ausgedehnte Masse macht! Aber es ist schier nicht moͤglich, ein schmeicheln- der, und sich ergebender, und suͤß verlangender Gesicht zu sehen. Sie Sie neigt den Kopf auf die rechte Seite, sonst liegt sie ganz auf dem Ruͤcken. Das linke Bein in schoͤner Form ist reizend gestreckt, und das erhobne rechte Knie laͤßt unten die suͤße Fuͤlle der Schenkel sehen. Der Kopf hat die Gestalt nach der Natur; ist aber, hingelassen nachden- kend mit dem zerfloßnen Koͤrper, matt und we- nig gebildet gegen die Griechin. Die Blumen in der rechten geben Hand und Arm durch den Wiederschein bezaubernde Farbe, und druͤcken den Leib zuruͤck. Ihr Haar ist kastanienbraͤunlich und lieblich verstreut uͤber die rechte Schulter mit einem Streif auf den linken Arm. Der Schatten an der Schaam und die emporschwellenden Schenkel davor im Lichte sind aͤußerst wolluͤstig, so wie die jungen Bruͤste. Die großen graͤulichtbraunen Augen mit den breiten Augenbranen blicken in Feuchtig- keit. Sie ist lauter Huld es recht zu machen in reizender soͤmmerlicher Lage; und gibt sich ganz S 5 preis, preis, und wartet mit gierigem Verlangen furchtsamlich auf den Kommenden. Man siehts ihr deutlich an, daß das Jungfraͤuliche schon einige Zeit gewichen ist, und sie scheint nur Be- sorgniß vor mehrern zugleich zu haben wegen der Eifersucht. Tizian wollte keine Venus mahlen, sondern nur eine Buhlerin; was konnt er dafuͤr, daß man diese hernach Goͤttin der Liebe taufte? Sein Fleisch hat allen Farbenzauber, ist mit wahrem jugendlichen Blut durchflossen; was er darstellen wollte, hat er besser als irgend ein an- drer geleistet. Unter den Antiken aber, die ich mitgebracht habe, ist ein himmlischer Bube, ein junger Apollo , welcher stark mit der Goͤttin wetteifern wird. Er lehnt sich mit der linken an einen Stamm mit uͤber den Kopf geschlagner rechten; die ganze Stellung ist voll Reiz, besonders der schlanke Zug der rechten Seite. Das Gesicht bluͤht bluͤht wonniglich seelig und edel in seiner Gottheit auf. Das Leibchen ist aͤußerst zart gehalten, und doch regt und bildet sich alles. Es ist eine wah- re Wollust, Venus und ihn zugleich von hinten zu sehen, das weibliche und uͤppig buͤbliche des Gewaͤchses; Venus ist ein Schwall von hinten, etwas speckicht: Apollo lauter suͤßer Kern. Eben so kernfleischig spaltet sich sein Ruͤcken; die Schenkel sind am vollsten und schier zirkelrund. Die zwey Haͤnde muß ich ergaͤnzen lassen, und noch die Nase. Der Ausdruck ist bezaubernd; er empfindet in sich, und sinnt in Stille. Erste Ahndung von Verlangen in Ungewißheit; und doch mit dem entzuͤckendsten Blick der Liebe. Zwey junge Ringer aus einem Block Marmor gehoͤren unter die gelehrtesten Arbeiten, die uns aus dem Alterthume uͤbrig sind. Sie sind im schoͤnsten Moment eines Ringspiels ver- flochten, und es kann dazu keine auserlesenere Stel- Stellung geben. Die angestrengten Sehnen zei- gen ihre Kraft in hoͤchster Staͤrke, und doch nicht schroff, und nichts erscheint gekuͤnstelt, wie unsre Meister schon bey Koͤrpern in Ruhe prahlen. Noch hab ich Bruchstuͤcke von einem Mer- kur, wo zum Ganzen nur die Haͤnde fehlen. Das Gewaͤchs ist zart und schlank, der Kopf voll Schoͤnheit und Kraft; und stellt einen klugen sinnreichen Juͤngling dar. Er traͤgt einen Helm, wie einen Teller, mit Fluͤgeln; die Haare waren abgeschnitten, und es sind kleine Loͤckchen wieder daraus geworden. Von Gemaͤhlden, deren viel sind, will ich dir nur ein Paar von Raphael anfuͤhren: Pabst Julius den zweyten. Man kann nichts Wahres von Gestalt sehen; und wie ge- mahlt! es haͤlt sich neben dem besten Tizian. Erhabenheit und Scharfsinn im Nachdenken bil- den ein Ideal von heiligem Vater. Welch ein ge- gediegnes festes Feuer in der ganzen Arbeit! Der schoͤne herabfließende Bart wie herrlich auf- gesetzt! Haͤnde, Stellung im Stuhl mit beyden aufgestuͤtzt, alles vortreflich. Es ist die Natur. Die Stirn ist stark beleuchtet, und geht hervor, und so faͤllt noch Licht auf den Bart; ein Mei- sterstuͤck auch hierin. Das zweyte ist ganz klein, wenig uͤber ei- nen Fuß lang und breit, und von ihm die groͤßte Seltenheit; jedoch mit aller Liebe in seiner besten Zeit vollendet. Gott Vater sitzt auf einem Adler in den Luͤften, von zwey Engeln, wovon besonders der rechter Hand wunderschoͤn ist, an den Armen leicht gehalten; und unter ihm sind die vier Evangelisten mit ihren Thieren; dann Wolken, dann Erde mit Baͤumen. Um den Ewigen ver- geht eine Glorie andrer gefluͤgelter Buben im Glanze. Der Der Kopf ist lauter Erhabenheit, ganz der- selbe des Michel Angelo in der Capella Sixtina, welcher die Sonne schaft. Das Nackende der Brust bis auf die bekleideten Schenkel in seiner Kleinheit vollkommen wie eine schoͤne Antike. Er stuͤtzt die Fuͤße auf den gefluͤgelten Stier und Loͤwen, und sieht jovialisch gut und stark und maͤchtig in die Bestien und Menschen. Haar und Bart fliegen im Winde. Ein himmlisch Bildchen; reizende apokalyptische Laune! Bianca freute sich daruͤber kindlich; und ich hab ihr damit ein Geschenk gemacht, weil ichs fuͤr mich erkaufte. Der Herzog nahm es uͤber- gnaͤdig auf, und sie druͤckte mir eifrig die Hand dafuͤr. Die Schlaue stellt sich hoch schwanger. Jetzt will er ihr einen Pallast in eine unsrer ange- nehmsten Gegenden bauen lassen; und ich wur- de gerufen, alles zu besorgen. Flo- Florenz, Februar. F lorenz gefaͤllt mir nicht mehr; ich gehoͤre nicht zu dem Hasengeschlechte, das nirgends am lieb- sten ist, als wo es geheckt ward. Unsre großen Maͤnner haben wir gehabt; Tacitus sagt mit Recht, daß nach der Schlacht bey Actium in Rom kein großer Mann mehr aufstand. Wo der Buͤrger nichts mehr zu sagen hat, da ist es mit der Vaterlandsliebe eitel Ziererey. Ein so großer Freund ich auch von Geschaͤf- tigkeit bin: so ekelt mich doch die bloße Schuster- und Schneider- und Tuchknappengeschaͤftigkeit an. Romulus, der hohe Geist, verbot aus gu- tem Grunde jedem Mitgenossen seiner Republik die niedern Handwerke; und dieß wurde her- nach so zur Sitte, daß noch jetzt im dritten Jahrtausend die Teutschen und Spanier und Franzosen dieselben schier allein noch in den Rui- nen der alten Herrlichkeit treiben. Sokrates wollte wollte den nicht zum Gefaͤhrten durchs Leben, der auf Geld und Gut erpicht zu nichts edlerm Muße haͤtte; und bey den stolzen Ottomanen kann der Ueberwundne und Sklave noch heut zu Tag alle Schuld deßwegen aufs Schicksal schieben. Florenz macht einen starken Kontrast mit Rom, alles regt und bewegt sich, und laͤuft und rennt und arbeitet; und das Volk koͤmmt einem trotzig und uͤbermuͤthig und ungefaͤllig vor gegen das Stille, Große und Schoͤne der Roͤmer. Der Roͤmer uͤberhaupt hat gewiß einen hoͤhern Charakter. Die Politiker moͤgen die menschli- chen Ameisenhaufen ruͤhmen und preisen so sehr sie wollen, und diese selbst auf ihre Arbeitsam- keit sich noch so viel einbilden: Maul und Ma- gen, denn dieserwegen geschiehts doch, ist war- lich nicht, was den Menschen uͤber das Vieh setzt! Wo nicht gemeinschaftliche Freyheit der Person und des Eigenthums, und Rang in mensch- licher Wuͤrde vor seinen Nachbarn, der erste Trieb und und das Hauptband einer buͤrgerlichen Gesellschaft ist: veracht ich alles andre, und jedes Verdienst koͤmmt in kurze Berechnung. Der Boden traͤgt freylich auch viel hierzu bey; Rom hat das Mark von dem mittlern Italien, und Toskana die Knochen, nach dem alten Sprich- wort. Auch erhebt die Gegend nicht so, und Florenz fehlen die majestaͤtischen Roͤmischen Fernen. An unserm Hofe herrscht eine unertraͤgliche Langeweile; alles muß sich in den Ton des Monarchen stimmen. Der Minister ist geschwind schon ein Kame- leon geworden, und nimt alle Modefarben an. Verschiedne von meinen angegebnen Einrichtun- gen sind wieder abgeaͤndert, und die andern wer- den nachlaͤssig betrieben. Alle Heilungsmittel eines Hippokrates sind vergeblich, wo die Natur sich nicht selbst hilft. Ich muß auf und davon, weil ich das Verderben nicht mehr mit Augen an- sehen kann. Wenn man nichts bessers weiß: so Ardinghello 2ter B. T mag mag es sich ertragen lassen; o Griechenland und Rom, wie gluͤcklich macht ihr unsre Phantasie, und elend unser wirklich Leben! Aber wo soll ich hin in dem ganzen jetzigen Italien? da ist keine Ausflucht, keine Sphaͤre fuͤr einen gesunden Kopf und Arm zu handeln. Muth und Geschick schmachtet uͤberall ohne Gegenstand und Ausuͤbung wie im Kerker. Um noch einmal von dem leidigen Minister zu reden: so hat der Fuchs ein paar bestialische Grundsaͤtze angenommen; von welchen der erste ist: man duͤrfe nie gescheidter scheinen, als der Herr; und der zweyte: alle guten Koͤpfe, denn jeder ist ihm ein Dorn im Auge, besonders Ge- lehrten, in der Ferne halten. Fuͤr einen, der gern im Truͤben fischt, haͤtte sie kein Macchiavell besser ausdenken koͤnnen. Und bey den meisten Hoͤfen erkennt man gleich daraus, daß da keine Philippe, Alexander, Caͤ- sarn, und Markantonine herrschen. Es kann eben keiner hoͤher, als ihm die Fluͤ- gel gewachsen sind. Flo- Florenz, Februar. U nser Karneval ist mit einer wirklichen unge- heuern Tragikomoͤdie beschlossen worden, die mir aber all mein Eingeweyde, Galle und Lunge und Leber und Herz empoͤrt hat, so daß ich hier keine bleibende Staͤtte mehr finde. Bianca, wie ich dir schon geschrieben habe, stellte sich die ganze gehoͤrige Zeit vom Herzoge schwanger an, spielte ihre Rolle meisterlich, und waͤhlte dieß festliche Geraͤusch, weil zugleich die erkauften Weiber auf dem Lande die Mutter- wehen nahe fuͤhlten, niederzukommen. Eine Woche lang tragodierte sie die Geburtsschmerzen; und der gute Herr war zitternd und zagend fuͤr ihr Leben bange. Endlich trat gegen Mitter- nacht die alte abgesaͤumte Kupplerin von Amme mit dem eben gebohrnen Knaͤblein, welchem der Mund mit Wachs verklebt und verbunden war, daß es nicht schreyen konnte, in einer Schachtel T 2 un- unter dem Mantel, wie mit Geraͤth, zur Thuͤr in einem Nebenzimmer herein, und winkte das verabredete Zeichen. Bianca rief alsdenn mit Hand und Mund zum Herzoge, der mit dem Kopf in Armen am Fenster stand: „geht, geht, o Theurester! o weh! ich fuͤhle mich in der Entbindung.“ Er ging freudig fort mit den eifrigsten Wuͤnschen. Der Komoͤdie wurde bald ein Ende gemacht. Die Alte that das Kind heraus, nachdem sie das Uebrige der Scene taͤuschend zubereitet und die Gebaͤhrerin laut genug geaͤchzt hatte, zog ihm das Wachs aus dem Munde, und dieß fing an zu schreyen. Sie eilte zum eingebildeten Pa- pa, und zeigte und frohlockte: „Euch ist ein Loͤ- we, ein Loͤwe gebohren, ganz euer Gepraͤge! O seh eure Hoheit das derbe gewundne Ge- maͤchtchen, wie es den Heldensaamen ver- kuͤndigt!“ Ich Ich beschreib es dir Aristophanisch, weil es sich gerade so zugetragen hat. Ihm war es Goͤt- terwonne, etwas lebendiges von sich zu erblicken, was er noch nie schaute; und er kraͤhte vor Jubel, gleichsam wie ein Hahn, ohne weiter ein Wort hervorbringen zu koͤnnen. Dieß ist eine Posse, welche jedoch große Folgen haben kann, die wir heiß durch die Kam- merjungfer erfuhren. Diese und die Alte moͤgen sich vor der hochstrebenden in Acht nehmen, wenn sie nicht bald den Styx und Phlegeton wol- len sieden und brausen hoͤren. Der andre Auftritt aber ist graͤßlich. Don Paolo, der Gemahl der Isabella, kam vor wenig Tagen von Rom, und nahm ei- nen gewissen Scherz und Leichtsinn an uͤber ihre vorige Auffuͤhrung, bis er sie taͤuschte, und sie froh sich wieder mit ihm versoͤhnt glaubte. Gerade dieselbe Nacht, wo Bianca ihre Farse spielte, so wunderbar fuͤgen sich die Bege- T 3 ben- benheiten! fuͤhrte er sie nach seinem Schlafge- mach; sie hatte zwar Anstand, ihn zu begleiten, und hielt einigemal ein; ihr Geist mochte ihr Schicksal voraus ahnden! Doch folgte das ergie- bige Geschoͤpf endlich seinem Haͤndedruck, und hielt die Racheheißen fuͤr Liebewaͤrme. Im Zimmer umarmt er sie, und kuͤßt sie, und sinkt wie unenthaltsam mit ihr aufs Bett. Als sie auf der Breite desselben so hingestreckt liegt: wird ihr hinten ein Strick um den Hals geworfen von einem gedungnen Moͤrder, und sie mit langer Marter erdrosselt. O du Elender! warum nicht kurz mit Gift, mit einem Dolch- stich, wenn du sie doch aus der Welt schaffen wolltest? Sie wurde die andre Nacht schon zu ihrer Familie in die Kirche S. Lorenzo begraben; und man sprengte aus, sie sey ploͤtzlich an einem Steckfluß gestorben. Allein ihr schwarzes Gesicht war war jedem, der sie zu sehen bekam, ein unver- werflicher Zeuge der That. Ihre Verwandten schweigen: aber Florenz murrt laut, und bejammert das scheußliche Ende ihres noch so bluͤhenden Lebens Eine gleichzeitige handschriftliche Chronik mel- det dabey, jeder habe gesagt: che bisogna- va aver rimediato prima, che il padre, e il Granduca Francesco, il Cardinale, \& altri suoi fratelli si servissero del mezzo suo per cavarsi le lor voglie, e con le altre donne della cità menandola tutta notte fuori vestita da Uo- mo; e voler poi, ch’ ella fusse stata santa senza il marito. Und macht den Beschluß mit ihr, nachdem sie von den andern schier ein gleiches erzehlt hat: e questo fu il mi- sero fine delle figliole del Duca Cosmo de Medici. . T 4 Merz, Merz, bey Cortona. D er Herzog hat mir erlaubt, den kuͤnftigen Fruͤhling hier auf meinem Gute zu seyn; doch unter der Bedingung, daß ich zuweilen nach Florenz komme, und den schon angelegten Pal- last der Bianca besorge. Uebrigens hab ich dort eine gute Parthey fuͤr mich zuruͤckgelassen, und in manchem Hause lebt die Hofnung, mich zum Gemahl und Schwiegersohn zu erhalten. Polyb und die Gegend ist nun mein Ge- schaͤft; und zur Abwechslung bau und pflanz ich. Der deutliche Sinn mancher Woͤrter in der Tak- tik der alten Griechen und Roͤmer hat mir an- fangs bey ihm zu schaffen gemacht; doch bin ich bald durchgedrungen, und damit zu Rande ge- kommen. Dieß ist ein Geschichtschreiber, wie sie seyn sollen; der das verstand, woruͤber er schrieb, noch zur rechten Zeit lebte, und Men- schen und Oerter kannte. Unter Unter allen Heldenzuͤgen ergreift mich kei- ner so, wie der des Hannibal durch Italien; und es geschieht nicht bloß deßwegen, weil ich Land und Boden und die Geschichte der kriegen- den Voͤlker besser kenne. Der des Alexander durch Persien ist romantischer und hat mehr bar- barisches Getuͤmmel um sich: aber der des Afri- kaners hat mehr Einheit, Nerve, und Kernathle- tengeist; und es ist ein ganz ander großes Na- turschauspiel, zwey solche Republiken sich in den Haaren liegen zu sehn, als einen bloßen Darius und Sohn Philipps. Von seinem Satz an uͤber den wilden schnellstroͤmenden Rhodan unter Avignon, und kuͤhnem Marsch durch die reißenden Wetterbaͤche, uͤber den hundertjaͤhrigen Schnee und das schnei- dende Eis der graͤßlichen tiefen Thaͤler und him- melhohen Alpenklippen, duͤnkt mich in jeder Schlacht nur ein Olympisches Faustbalgerspiel zu sehen. In der bey der Trebbia, am thrasy- T 5 meni- menischen See , besonders am Aufidus , packt er uͤberall mit seinem tapfer gebildeten Haufen so gewandt seinen starken ungelenken Gegner, und wirft ihn zu Boden, und schlaͤgt ihm Zahn und Nase und Ohren und Backen in einen bluti- gen Brey zusammen. Er verstand die Kunst zu siegen, wie keiner; behandelte Armeen von hun- derttausenden vor und mitten und nach der Schlacht wie einen einzelnen Mann, an jedem Fleck, bey jeder Schwaͤche voll Vorsicht, Be- wegsamkeit, Muth und Schlauheit, und Ge- genwart der Seele: bis auf so einfache Grund- saͤtze hatte er das weitlaͤuftige Kriegshandwerk von der ersten Jugend an gebracht. Halbgoͤtter erkennt man erst recht bey wichtigen Zeit- punkten. Welche Reihe Thaten nach einander! Was sind Millionen Menschen gegen diesen einen, die ihr Leben lang nicht eine einzige solche Stunde haben! Ein Heldengedicht moͤcht ich singen uͤber ihn ihn von den Pyrenaͤen an bis wo die Scylla um den Fuß des Apennin rauscht. Wie ein aͤchter unbezwinglicher raͤcherischer Loͤwe streift er Italien durch, reißt Rinder und bloͤckende Heerden nieder; und das vom Homer schon verbrauchte Gleichniß ist zum erstenmal wahr geworden. Das Roͤmische Volk, das seine Bildsaͤulen in die Straßen stellte, wo sie am furchtbarsten gesehen wurden; und sich hernach seinetwegen noch an den Mauersteinen von Karthago erei- ferte: zeigt den Mann auch bey dem Feind, und anders als die ungerechten Horaze und Liviusse; und Virgil kruͤmmt dem Ueberwinder bey Kan- naͤ mit seiner Hofspoͤtterey der Dido kein Haar. Der Ausbund von Karthaginensern ging dem Roͤmischen Staatskoͤrper auf das Herz los; und außerdem kannt er die Menschen gut genug, um zu wissen, daß jeder seine groͤßten Feinde in der der Naͤhe hat: und fand es so bey den welschen Galliern. Die Schlacht an meinem See ziert mir hier die Gegend ganz anders aus, als Konstan- tins Schlacht vom Raphael das Vatikan. Die furchtbaren Woͤrter, die wunderbar davon noch immer uͤbrig geblieben sind, als Ponte San- guinetto Blutbruͤcke, gleichsam wie Po und Tyber- bruͤcke. , Ossaja Knochenberg. , Spelonca Das Mordloch. , gehen mir immer wie eine Brandfackel in die Seele, wenn ich da herumreite; so daß ich zu- weilen vor Hitze und Ungeduld nicht auf dem Pferde bleiben kann, und herunter in ein Wirthshaus muß, um einen frischen Zug zu thun von Roͤmergrimm, der hier ins Graß biß, und noch die Weinfelder duͤngt. Treve, Treve, April. I ch schreibe dir im Fluge, weil ich dich kuͤnfti- gen Sommer bey mir haben muß, um dir die Schoͤnheit und den Reiz auch meiner Gegenden zu zeigen, und sie mit dir zu genießen; gluͤckli- cher noch, als ich mit dir die Lombardey an dei- nem Lago genoß. Mache dich bey Zeiten auf, und kehre bey meiner Tante zu Florenz ein, wo wir uns treffen werden. Ich lag bey Passignano, nicht weit von meiner Wohnung, auf einer fruchtbaren Anhoͤ- he, wo man den See uͤberschaut, unter hohen Ulmen und Eichen, zwischen alten Oelbaͤumen und Cypressen und bluͤhenden Wipfeln, den neuen Gesang der Nachtigallen um mich, noch fruͤh am Morgen; und that nichts, als hoͤren und betrachten in Freude, wie ein Kind ohne weitere Gedanken; doch ahndeten suͤße Regungen in meinem Herzen entzuͤckende Dinge. Und Und sieh! auf einmal reitet aus dem Hohlwege, mit einem Bothen voran, ein junger Ritter her- vor auf einem kastanienfarben koͤniglichen Rosse, dem auf einem andern ein Mohr folgt. Eine Engelsgestalt der Juͤngling, wie er naͤher kam in rundem Hut mit Federbusch, kurzem spani- schen scharlachnen Mantel, Halbstiefeln, die vollen Schenkel und den schlanken Leib in wei- ches Leder gekleidet, ein blitzend Schwert uͤber den Ruͤcken an seinen Lenden, und Pistolen im Sattel. Ich kannte das halbversteckte Gesicht, und wußte mich nicht drein zu finden. Ist sie es, oder taͤusch ich mich? fuhr ich schnell auf, wie der reizende Ritter bald bey mir war. Er erblickte mich, hielt ein mit laͤchelnder Verwundrung, sprang vom Pferde: und Fior- dimona und ich hielten uns umschlungen mit Won- neglaͤnzenden Blicken, gierigen Seelenkuͤssen. Ich Ich schrieb ihr noch von Florenz aus; auch sie begab sich ohne weitere Nachricht auf eins ih- rer Guͤter in der Nachbarschaft, wovon sie mir nie etwas gesagt hatte; und kam nun mich zu uͤberraschen und zu einer Lustreise abzuhohlen. Zu Perugia, wo sie den Tag zuvor eintraf, saß sie gegen Morgen noch in der Dunkelheit auf, und war bey mir in wenig Stunden. Sie blieb nur zwey Goͤttertage bey mir; alles was zu Cortona Liebe fuͤhlen kann, gerieth schon im Voruͤbergehen bey ihrer Annaͤherung in eine solche Feuersbrunst, daß wir uns ploͤtzlich in der Stille davon machen mußten, damit mei- ne Wohnung nicht wie Loths Haus belagert wuͤrde. Fiordimona veraͤnderte ihre Kleidung in etwas, und ich gab ihr andern Hut und Man- tel, um weniger bemerkt zu reisen. Sie scherz- te selbst uͤber ihren vorigen Putz, und daß die Weiber ihn nie vergessen koͤnnten; und so ver- kapp- kappten wir noch ihre Mohrin. Ich nahm mei- nen jungen treuen Schweizer Haͤl , einen Gems- jaͤger aus Wallis von den Quellen des Rhodan mit mir; und Paar und Paar zogen wir in der Nacht ab. Vorher schrieb ich an den Herzog eine nothwendige Luͤge; und an meine Tante um ein paar starke Wechsel. Zu Perugia weideten wir uns inniglich, nach eingenommenem Fruͤhstuͤck, an den Raphae- len, welcher ihr Liebling ist, und den Werken seines Lehrmeisters. Ritten dann die Hoͤhen herab nach den anmuthigen Thaͤlern, und uͤber die Johannisbruͤcke, worunter der Tyberstrom reißend in rauschenden wilden Fluthen wegschießt; und hielten Mittagsrast auf dem schoͤnen Huͤgel Assisi im heiligen Kloster. Die Nacht blieben wir in Fuligno. Den Morgen darauf zogen wir durch das reizende Thal, das an mahlerischen Schoͤnheiten und Fruchtbarkeit seines gleichen naͤchst der Lombardey viel- vielleicht nur wenig auf dem ganzen Erdboden hat; und schieden uns bey Treve abgeredeter Maaßen. Sie begab sich wieder auf ihr Gut, welches nicht weit davon liegt; und wo wir zusammen koͤnnen, wenn wir wollen. Mein Lustoͤrtchen hat die schoͤnste Lage der ganzen Gegend, und ist an einen runden nicht hohen Berg die Haͤlfte herum gebaut, der einen weiten Olivenwald ausmacht. Die Menschen scheinen sich wie Voͤgel in die Baͤume mit ihren Haͤusern obenhin genistet zu haben. Man uͤber- sieht von hier aus das ganze Thal von Spoleto bis Fuligno, Assisi und Perugia; und der Fle- cken heißt mit Recht der Redeplatz ( la Ringhiera ) von Umbrien. Fiordimona hat ihren Aufenthalt in uͤppi- gen Gaͤrten von Fruchtbarkeit und Lieblichkeit bey den Quellen des Clitumnus ( le Vene ), die am Fuß des hoͤchsten Bergs im ganzen Um- Ardinghello 2ter B. U kreis, kreis, Campello, aus einem Felsen kommen mit vielen uralten Feigenbaͤumen bewachsen in unzehlbaren Spruͤngen. Es ist ein unaussprech- liches Vergnuͤgen, wie das klare, krystallhelle, frische gesunde Naß aufquillt, von der Macht zu zarten Blaͤschen getrieben, unter dem erfreuli- chen Schatten; alles innerlich sich regt und be- wegt, und die Fuͤlle von selbst auf ebner Flaͤche fortrinnt. Nahe dabey wallen sie in Baͤchen zu den Gaͤrten Fiordimonens hinein, und draͤngen sich da in einen lebendigen Teich zusammen, des- sen Ufer hohe Ahornen, Pignen, Lorbeern, Reben und Haselstauden beschatten; und aus diesem stroͤmt der Clitunno schon ein ansehnlicher Fluß, voll schneller Forellen, so daß ich in Ita- lien keine so starke Quellen kenne. Etwa tausend Schritte davon steht ein klei- ner Tempel mit korinthischen Saͤulen zierlich in der Ferne, obgleich aus spaͤtern Zeiten, dem Flußgott zu Ehren, der den Roͤmern ihr Vieh so so weiß machte. Auch haben wirklich alle Rin- der dieses Thals ein glaͤnzendes Silberweiß, und sind außerordentlich gutartig mit ihren ungeheu- ern großen Hoͤrnern. Der Strom, denn diesen Namen darf man ihm wohl geben, bleibt das ganze lange Thal durch krystallhell. Ich gebe mich in meinem Wirthshause fuͤr einen Mahler aus; und warlich ist da genug zu mahlen und zu zeichnen an Menschen, Vieh, und den Bergen mit ihren herrlichen Formen und Tinten, wenn mir Zeit dazu uͤbrig bliebe. Die ganze Naͤchte steck ich bey Fiordimonen, und wir muͤssen zuweilen unsern Brand bey der hei- ßen Witterung in dem lieblichen See des Cli- tunno abkuͤhlen, denn sie schwimmt wie ein Fisch, von zarter Kindheit dazu angelehrt; wo wir die Schwaͤne von ihrem Schlummer aufwe- cken, deren sie eine Heerde darauf hat. Dieser Koͤnig der Wasservoͤgel ist ihr Lieblingsvogel; und wo gibt es auch einen schoͤnern? und ein lo- U 2 ckender ckender lebendiger Bild der Lust, wenn sie ihre Haͤlse umflechten, und Entzuͤcken leis kreischen und zusammengirren, und mit ihren Fluͤgeln schlagen, daß der Gesang der Nachtigall davor verschwindet, und zu geschwaͤtzigem und unauf- hoͤrlichem Getoͤn wird. Die meisten laͤßt sie wild fliegen; sie kennen das Plaͤtzchen, und kommen immer wieder. Morgen geht die Woche schon zu Ende, seitdem wir hier sind; Himmel wie schnell! wir wollten nur einen oder zwey Tage Halt machen, aber es war gar zu erfreulich. Sie laͤßt alles zuruͤck, und die Mohrin, und begleitet mich al- lein. Uebermorgen in der Nacht brechen wir heimlich auf, und streichen weiter; im Hause glaubt man, daß sie nach Rom reise. Terni, Terni, May. I ch bin im Himmelreiche! Wie ein paar kuͤh- ne Adler jagen wir durch die weiten Lustreviere! Freyheit, Quellenjugend, und feurige Liebe und Zaͤrtlichkeit! Gestern Abend kamen wir durch den rauhen Wald und das wilde Gebirg von Spoleto hier an; und diesen Morgen sind wir gleich nach dem neuen Sturz des Velino in aller Fruͤhe ausgezogen. Wir wollten ihn zuerst von oben betrachten. Der Weg dahin ist voll reizender Aussich- ten; die Berge woͤlben sich immer einer hoͤher als der andre weiter fort gen Himmel, um gleichsam dieses Paradies ganz von der irrdischen Welt abzusondern. Die Sonne ging eben auf, als wir nach der Hoͤhe zu ritten, gerade uͤber dem Gebirg den Felsenriß hinein, worin eine U 3 herr- herrliche See von befruchtendem Thaunebel in der Mitte schwamm. Der Wasserfall ist nur eine entzuͤckende Vollkommenheit in seiner Art, und es mangelt nichts, ihn hoͤchst reizend zu machen. Ein star- ker Strom, der feindseelig gegen ein unschuldi- ges Voͤlkchen handelte, muß sich gebaͤndigt durch einen tiefen Kanal stuͤrmend in wilden Wogen waͤlzen, mit allerley suͤßem lieblichen Gestraͤuch umpflanzt, als hohen gruͤnen Eichen, Ahornen, Pappeln, Cypressen, Buchen, Eschen, Ulmen, Seekirschen; und in die graͤuliche Tiefe senkel- recht an die zweyhundert Fuß hinab stuͤrzen, daß der Wasserstaub davon noch hoͤher von unten herauf schlaͤgt. Alsdenn tobt er schaͤumend uͤber Felsen fort, breitet sich aus, rauscht zuͤrnend um gruͤne Bauminseln, und hastig schießt er in den Grund von dannen, zwischen zauberischen Gaͤr- ten von selbstgewachsnen Pommeranzen, Zitro- nen, und andern Frucht- und Oelbaͤumen. Sein Sein Fall dauert sieben bis acht Sekunden, oder neun meiner gewoͤhnlichen Pulsschlaͤge von der Hoͤhe zur Tiefe. Das Aufschlagen in den zuruͤckspringenden Wasserstaub macht einen he- roisch suͤßen Ton, und erquickt mit nie gehoͤrter donnernder Musik und Veraͤndrung von Klang und Bewegung die Ohren; und das Auge kann sich nicht muͤde sehen. Fiordimona jauchzte vor Freude in das all- gewaltige Leben hinein, und rief außer sich un- ter dem brausenden Ungestuͤm: „es ist ein Kunst- werk so vollkommen in seiner Art, als irgend eins vom Homer, Pindar, oder Sophokles, Praxiteles und Apelles, wozu Mutter Natur Stoff und Hand lieh.“ Gewiß aber laͤßt es sich mit keinem andern vergleichen, und ist einzig in seiner Art; die große Natur der herrlichen Gebirge herum, der frische Reiz und die liebliche Zierde der den Sturz vor dem Fall umfassenden Baͤume, das einfache U 4 Ganze, Ganze, was das Auge so entzuͤckt, auf einmal ohne alle Zerstreuung; so wolluͤstig verziert, und doch so voͤllig wie kunstlos, naͤhrt des Menschen Geist wie lauter kraͤftiger Kern. Wir saßen alsdenn wieder auf, und ritten dem Velino oben weiter entgegen, bis wir eine kleine Stunde vor dem Sturz an seinen See ka- men, worin er sich klar waͤscht. Die Mannich- faltigkeit des Stroms von hier aus, der bald langsamere bald schnellere Lauf, das mit schoͤner Waldung eingefaßte Bett uͤberall, der See in seiner Rundung von einem Amphitheater sich nacheinander verlierender hoͤchster Gebirge umla- gert; alles, das fruchtbare Thal der Scene, der ehemalige Streit der Nachbarn um ihn macht diesen Wasserfall immer wunderbarer und ergreiffender. Man hat ihn schon abgemahlt und zeigte mir gestern bey unsrer Ankunft die Kopie von dem Original. Aber gemahlt bleibt er immer ein ein armseliges Fragment ohn alles Leben; weil kein Anschauer des Gemaͤhldes, der die Natur nicht sah, sich auch mit der bluͤhendsten Phanta- sie das hinzuzudenken vermag, was man nicht andeuten kann. Und uͤberhaupt ist es Frech- heit von einem Kuͤnstler, das vorstellen zu wol- len, dessen wesentliches bloß in Bewegung be- steht. Tizian zeigt kluͤglich allen Wasserfall nur in Fernen an, wo die Bewegung sich verliert und stille zu stehen scheint. Terni selbst, das Vaterland des ersten Ge- schichtschreibers Tacitus , liegt aͤußerst angenehm zwischen lauter Gaͤrten. An der Nordseite er- hebt sich noch ein Bogen von Huͤgeln mit lustigen Landhaͤusern, meistens zwischen Oelbaͤumen, die einen kleinen Wald ausmachen. Aus der Nera, worin der Velino seinen Namen verliert, werden eine Menge Kanaͤle abgeleitet, die die Stadt und alles Land herum, U 5 unter unter immer lebendigem Rauschen, zur hoͤchsten Fruchtbarkeit bewaͤssern. Tivoli hatte einen so großen Reiz fuͤr die alten Roͤmer, weil es nahe an Rom lag, und wegen der weiten Aussicht in die Ebnen herum bis ans Meer. Es hat etwas feyerliches, was Terni nicht hat. Aber dieß hat im Grunde groͤ- ßere Natur um sich her, und laͤßt an Fruchtbar- keit mit Tivoli gar keine Vergleichung zu; dieses ist duͤrres und oͤdes Land meistens, und Terni lauter Mark. Die Roͤmer verstunden zu leben! sie genos- sen den wahren Reiz von jedem, und wußten zu waͤhlen aus tausenderley Erfahrungen. Scipio der juͤngere waͤhlte Terni , dessen Landsitz man noch zeigt; der aͤltere Cajeta ; und seine erhab- ne Tochter Kornelia das Misenische Vorge- birg , welche letztern Oerter wegen des Meers freylich uͤber alles gehen; denn nichts ist doch leben- lebendiger als das Meer, und hat mehr Man- nichfaltigkeit und Bewegung. O wie freu ich mich, das alte gluͤckseelige Bajaͤ bald zu finden! Die Terner erweisen uns alle Ehre, und dieß setzt Fiordimonen nicht wenig in Verlegen- heit; sie befuͤrchtet erkannt zu werden; und au- ßerdem wollen sich ihre muthwilligen Bruͤste, stolz auf ihre junge Schoͤnheit, mit aller Kunst nicht vollkommen verbergen lassen. Dieß macht mich oft laͤcheln, und sie erroͤthen. Wir bege- ben uns deßwegen platterdings in keine sitzende Gesellschaft, und sind gegen Abend wieder nach dem Wasserfall unten hin geritten; morgen eilen wir weiter. Unten ist man recht der Mutter Natur im Schooß, und genießt die Hoͤhen und Tiefen der Erde, ihr Schaffen und Wirken, und die Fuͤlle ihres Lebens. Ein enges Thal von neuen und aͤußerst aͤußerst reizenden Kontrasten; welsche Milde und Schweizerrauheit vereinbart. Himmelan- strebende Gebirge, donnernder Wassersturz, her- einbrausende wilde Fluthen; und daneben: die zarten Pommeranzen- und Oelbaͤume, Lorbeern- gaͤnge, suͤße Reben und Feigen; und mitten drin im Felsen eine Kapelle der heiligen Rosalia , die Bildsaͤule der Heiligen, die auf einem weichen Lager ruht, mit Blumen bekraͤnzt, um sie her leisschwebende Engel. Por- Portici, Junius. D ie Freude laͤuft mir durch alle Glieder, daß du mich besuchen willst; o ein Goͤtterjahr dieß Jahr in meinem Leben! Ich habe meiner Tan- te schon geschrieben, Quartier fuͤr dich bereit zu halten; bey meiner Ankunft hoff ich dich zu Flo- renz zu treffen. Die naͤchsten Tage werden wir von hier abreisen. Von unsern Abentheuern haͤtt ich dir so viel zu erzehlen, daß ich jetzt nicht wuͤßte, wo ich anfangen sollte; ich verspar es bis wir Her- zen und Seelen muͤndlich gegen einander aus- schuͤtten. O welch ein Jubel, mit dir noch durch die bezaubernden Plaͤtze von Umbrien zu strei- chen! Fiordimona und ich sind nun voͤllig ein Wesen, so zusammengeschmolzen von tausendfa- chem Entzuͤcken; alles hohe und schoͤne, kuͤhne und heroisch erduldende der menschlichen Natur ist in ihr vereinbart. Endlich werden wir denn doch doch noch das Band der Ehe der buͤrgerlichen Ordnung wegen tragen; aber warlich nicht deß- wegen, daß es uns zusammen halten soll. O sie ist der gluͤckliche Hafen aller meiner stuͤr- mischen Wuͤnsche! Wir kennen uns nun von innen und außen bis auf unsre geheimsten Re- gungen. Unsre Reise war eine immerwaͤhrende Au- genlust. Wir haben den Weg uͤber Monte Cas- sino genommen. Hier fuͤhlt man erst recht die Schoͤnheit von Italien, und hat sinnlich vor sich, wie sich der Apennin in seiner ganzen Ma- jestaͤt durch dessen Mitte lagert, zur Erfrischung mit seinen luftigen und waldichten Gipfeln fuͤr den Sommer und reizenden Thaͤlern und Ebnen an beyden Meeren fuͤr den Winter. In weiten Kreisen thuͤrmt sich immer ein Gebirg uͤber das andre, und das Farbenspiel geht in unendlichen Hoͤhen und Tiefen durch alle Toͤne in suͤßen und furchtbaren Harmonien. Der Der heilige Benedikt hat treflich fuͤr seine Schaar gesorgt, und die Moͤnche zu Monte Cassino leben wie die Fuͤrsten. Jeder hat seine drey Bedienten, das Kostbarste vom Lande zu essen und zu trinken und schlaͤft in weichen Bet- ten auf Stahlfedern. Das Uebrige versteht sich von selbst; aus Vorsorge bereitete ich meiner Fiordimona eine Krankheitsschminke, und gab sie fuͤr meinen Bruder, einen Saͤnger aus, der seiner Gesundheit wegen in die Baͤder von Bajaͤ zoͤge. Und kaum so sind wir durchgekommen; denn die schelmischen Faune witterten doch die bluͤhende Gesundheit und das Fleisch wie Man- delkern unter dem angestrichnen Gelb. Ihr praͤchtiges Kloster liegt auf einem stei- len Absatze von einem der hoͤchsten Berge, von unten wie eine Burg des Zevs, nur daß umge- kehrt von oben das Wetter des Jahrs wenigstens ein paarmal da einschlaͤgt, und wird in kurzer Ferne von einem stolzen Amphitheater von Ge- birgen birgen umgeben, wo die Sonne bey ihrem Un- tergang immer neue zauberische Schauspiele her- vorbringt. Wir haben uns nur einen Tag zu Neapel selbst aufgehalten, und sind gleich aufs Land hie- her gezogen, wenn man es Land nennen kann; denn Portici ist gleichsam nur Vorstadt: bewoh- nen den Garten einer jungen Wittwe, von Ta- rent gebuͤrtig, die mit Recht den lieblichen Na- men Candida Graziosa fuͤhrt, im besten Punkt, dieß wirkliche Paradieß zu beschauen; denn von Neapel aus ist das goͤttliche Meer zu einge- schlossen. Die Stadt selbst sieht man hier am wahr- sten und besten; sie ist so recht ein Sitz des Ver- gnuͤgens, voll Adel, voll der lebhaftesten Men- schen, rundum in Schoͤnheit und Fruchtbarkeit! zu strenger und erhabner Weisheit ists fast nicht moͤglich, hier zu gelangen. Zur linken die rei- zende Kuͤste von Sorrent; dann die Fahrt nach Ely- Elysium Sizilien; dann die Insel der Freuden des Tiberius, Capri ; dann die unendlichen Gewaͤsser breit und offen, wo sich das Auge ver- liert; und daneben und daruͤber hin die alten Feuerauswuͤrfe der Insel Ischia, und Procida, und den entzuͤckenden Strich Huͤgel des Pausi- lipp, und das Gebirg der Kamaldolenser; wel- che bezaubernde Mannichfaltigkeit! darunter wie- der das Gemisch von unzehlbaren Felsenhuͤtten von Neapel, wo eine halbe Million Menschen sich guͤtlich thun; und bey uns, hinter dem schuͤch- ternen Portici, in schrecklicher Majestaͤt Vesuv . Ein aͤchter Wonneschaͤumender Becher rundum dieser große Meerbusen! Hier schwimmt alles und schwebt in Lust, im Wasser, am Ufer, und auf den Straßen. Die Feuermassen scheinen dieß Land der Sonne naͤher zu ruͤcken; es sieht ganz anders, als die uͤbrige Welt aus. Gewiß waren alle Planeten ehemals selbst Sonnen, und sind nun ausge- Ardinghello 2ter B. X brannt, brannt, und Neapel ist noch ein Rest jener stol- zen Zeiten. Man glaubt in der Venus, im Merkur, einem hoͤhern Planeten zu wohnen. Immerwaͤhrender Fruͤhling, Schoͤnheit und Fruchtbarkeit von Meer und Land, und Gesund- heit von Wasser und Lust. Gleich die erste Woche haben wir uns mit der ganzen Gegend und der besondern Art Men- schen bekannt gemacht; und den dritten Tag schon waren wir oben auf dem Vulkan, und ge- nossen den Anblick der hoͤchsten Gewalt in seinem Krater, die man auf Erdboden schauen kann. Die Risse von unten heraus, trichterfoͤrmig, gehen uͤber alle Macht von Wetterschlaͤgen, auf- fliegenden Pulverthuͤrmen und Einbruͤchen stuͤr- menden Meeres. Erdbeben, die Laͤnder bewe- gen, wie Winde Wasserflaͤchen, sind dagegen nur schwache Vorboten. Man glaubt in die Wohnung der Donnerkeile wie ein Schlangen- nest hineinzusehen, so blitzschnell ist alles aus uner- unergruͤndlicher Tiefe gerissen, von Metall be- spritzt und Schwefel beleckt: ein entzuͤckend schaue- rig Bild allerhoͤchster Wuth. Sein Gipfel besteht aus lauter Schlacken; dieß gibt ihm von fern eine haarichte Riesenge- stalt. Dann waͤchst lauter Heyde; und dann in der Mitte fangen Gaͤrten und Baͤume an. Der Vesuv ist augenscheinlich ein uralter Berg, dessen Krater einst zusammenstuͤrzte, wo- von die Risse noch an der Somma zu sehen sind. Alsdenn hat er sich vom neuen durch viele Aus- bruͤche wieder aufgethuͤrmt. Vorher war es ein einziger Berg; jetzt mag er nicht so schoͤn mehr seyn, aber desto furchtbarer. Wir sind mehr als einmal oben gewesen, so hat uns dieß Schauspiel und die Aussicht ergoͤtzt. Unser Aufenthalt im Garten der Candida hat uns großes Vergnuͤgen gewaͤhrt, aber auch viel von unsrer Freyheit benommen; und ist Ur- X 2 sach, sach, daß wir fruͤher zuruͤckreisen, als wir woll- ten. Neben an bewohnt einen andern die Ge- liebte des Sohns vom Vicekoͤnig, eine reizende Spanierin, kaum sechszehn bis siebzehn Jahre alt, sogenannte Graͤfin von Coimbra . Diese brennt vor Leidenschaft gegen Fiordimonen; und Candida hat sich mit weniger Geschmack, aber besserm Instinkt in mich und meinen jungen Bart vergafft. Beyde sind wir so belagert. Coimbra ist eifersuͤchtig auf mich, und Candida auf Fiordimonen, und der Sohn vom Vicekoͤnig ward es endlich auf uns beyde, und schoͤpfte Ver- dacht gegen alle. Die Komoͤdie fing sich damit an. Wir kauften gleich bey unsrer Ankunft in Neapel eine Laute und Zithar zum Zeitver- treib; und die erste Nacht in Portici hielten wir einen Wechselgesang. Coimbra ward ent- zuͤckt schon von der Stimme Fiordimonens, die, moͤcht ich sagen, wie ein Arm so stark aus ihrer Kehle stroͤmt mit aller Geschmeidigkeit und Man- Mannichfaltigkeit, vom leisen Lispel bis zum Sturm, und in Laͤufen von erstaunlichem Um- fang, jeder Ton perlenrein und herzig. Den andern Abend hoͤrten wir ein Lied von unsrer Nachbarin, wozu sie sich auf einem Psal- ter begleitete. Ihre Stimme ist nur schwach, ein- fach, und von wenig vollen Toͤnen, aber silbern und suͤß von Empfindung; was sie sang, war ein Meisterstuͤck spanischer Poesie, und wir haben davon nur die ersten Strophen behalten. Quando contemplo el cielo de innumerables luces adornado; y miro hazia el suelo de noche rodeado en sueño y en olvido sepultado: El amor y la pena despiertan en mi pecho un ansia ardiente, despide larga vena los ojos hechos fuerte, O loarte, y digo al fin con voz doli e nte: X 3 Mo- Morada de grandeza templo de claridad y hermosura, el alma, que a tua alteza Naciò, que desventura la tiene en esta carcel baxa escura? — Wenn ich den Himmel betrachte mit unzehl- baren Sternen ausgeziert, und nieder auf den Boden schaue von Nacht umgeben, in Schlaf und Vergessenheit begraben: So erwecken Kummer und Liebe in meiner Brust eine heiße Bangigkeit, und die Au- gen, zu Quellen geworden, vergießen einen Bach von Thraͤnen, Oloarte, und ich sag endlich mit klagender Stimme: Aufenthalt der Herrlichkeit, Tempel der Klarheit und Schoͤnheit, welch ein boͤses Schicksal haͤlt die Seele, fuͤr deine Hoͤ- hen gebohren, in diesem tiefen dunklen Kerker? — Der Der Juͤngling war vermuthlich bey ihr; denn wir hoͤrten hernach sprechen und seufzen und Stille zu Kuß und Umarmung in der dich- ten Laube. Ach, es war in der That ein schoͤner Abend! kuͤhlender Duft senkte sich nieder, und huͤllte nach und nach das Gebirg ein, alles wurde ver- wischt und Form daͤmmerte nur unten, indeß oben die reinen vollkommnen Sterne blinkten. Wir meinten, wir muͤßten uns sogleich mit dem Liede der holden Spanierin empor heben, und unsre Stelle verlassen. Es ist unten doch alles so Nichts, wenn es nicht von dem klaren himm- lischen Licht seine Gestalt empfaͤngt! Dann ging der stille Mond am wilden dam- pfenden Vesuv auf; dunkel lag das Meer noch in Schatten, und erwartete mit unendlichen leisen plaͤtschernden Schlaͤgen seine Ankunft. Die Men- schen kuͤhlen sich ab in den Fluthen, machen Cho- rus, und scherzen und genießen weg ihr Daseyn. X 4 Es Es ist entzuͤckend, wie man die Erde mit sich gen Osten unaufhaltbar fortrollen sieht, und die ganze Harmonie des Weltalls fuͤhlt! „Du bist gluͤcklich Mond, seufzte Fiordi- mona; du laͤufst deine Bahn ewig fort, dein Schicksal ist entschieden!“ „Ach Gott, wer wuͤßte, was das Licht waͤre, das so schoͤn leuchtet, und es erkennen koͤnnte! es ist doch gewiß ein heilig Wesen; und todt ist es nicht, weil es sich so schnell fort- bewegt!“ „O wer in den großen Massen, Himmel und Meer und Mond und Sternen, Frescobal- di, an deinem liebevollen Herzen immer so schweben koͤnnte! Was dieß fuͤr eine Ruh und Seeligkeit ist! man athmet so recht aus und schoͤpft mit jedem Zuge Lust und Erquickung!“ Denke noch zu solchen Wonnelauten, un- mittelbar von ihren Quellen, Kuß und Blick und Umarmung der Erhabnen! Colm- Coimbra machte hernach mit uns Bekannt- schaft, und redt uns zuerst an, als wir einander auf einem Spaziergange begegneten; ein durch- aus gefuͤhlig zartes Wesen, worin aber kuͤhne Blitze von Leidenschaften herumkreuzen. Woͤrt- liche Liebeserklaͤrung erfolgte bald, wie Fiordi- mona sich zu unerfahrner Juͤngling bey Haͤnde- druck und schmachtenden Seufzern und Blicken bezeugte. Fiordimona spielte ihre Rolle treflich, um sich nicht erkennen geben zu duͤrfen, und Thaͤtlichkeiten bis zu unsrer Fortreise abzuhalten; und wir sind waͤhrend der Zeit in der ganzen Ge- gend herumgestrichen, und wenig anders zu Hau- se geblieben, als zu schlafen. Von Quartier wollten wir nur im hoͤchsten Nothfall aͤndern, wegen Anlaß vielleicht zu gefaͤhrlichen Auftritten. Am meisten sind wir zu Bajaͤ, am Pau- silipp, und einige Tage an der Kuͤste von Sor- rento gewesen. Von allen diesen Zaubereyen muͤndlich weitlaͤuftig. X 5 Zu Zu Bajaͤ ist ein Wunder der Natur an dem andern; und in der alten Roͤmer Zeiten war noch dabey ein Wunder der Kunst an dem an- dern, wovon die herrlichen Ruinen außer den Beschreibungen der Dichter zeugen. Was der Archipelagus seyn muß, wo das immerwaͤhrende Leben so um unzehlbare Inseln herumwallt, wie hier nur um drey oder vier? Gluͤckliche Griechen! wenigstens zwey Drittel bewohnten und bewohnen noch schoͤne Seekuͤsten. Das Grabmal Virgils , an dessen Aecht- heit man keinen Grund zu zweifeln hat, ist in der That ein ruͤhrender Winkel, der innerste Punkt des alten Parthenope; der Mittelsitz der Ruhe von der See her, die Spitze des Winkels von der Bucht. Ich wuͤnschte selbst an einem solchen Ort meine Asche; ohne Pomp, still, ein kleines Gemaͤuer. Es liegt gerad am Pausilipp in der Hoͤhe uͤber der vor Alters durchgehauenen Grotte nach Pozzuolo. Die Pignen schienen alle- allemal voll Ehrfurcht sich zu seinem Schatten zu neigen, und nur leis zu bewegen, um seinen Schlummer nicht zu stoͤren. Es ist schoͤn, eine solche Stelle zu haben, wo sich die Erinnerungen an einen großen Menschen alle lieblich zusammen- sammeln! Das Denkmal an der mit so warmer und heller Empfindung gewaͤhlten Staͤtte ist mit mancherley Gestraͤuch bekraͤnzt; Epheu, und wilde Weinranken schlingen sich uͤberall herum; und auf der Decke selbst, wo in den vielen Jahr- hunderten sich eine Schicht Erdreich festgesetzt hat, gruͤnt es am dichtesten. Ein Lorbeer steigt in der Mitte stolz hervor, der nur nicht lange dauern wird, weil alle Reisenden, Dichter, Prinzen und Damen davon abbrechen, um An- theil an dem Ruhme des Unsterblichen zu haben. Man genießt hier Neapel und den erfreuli- chen Meerbusen in einem der schoͤnsten Gesichts- punkte. Sor- Sorrent liegt von Bergen eingeschlossen in einem kleinen Thal, das die Form wie ein Hufeisen hat. Es ist das bezaubernste Plaͤtz- chen des weiten Paradieses der Gegend, wohin- ein das Meer noch eine besondre kleine Bucht macht. Dessen Ufer sind hohe senkelrechte Fel- sen, so daß es wie auf einer Buͤhne sich zeigt. Man muß aus der See eine halbe Stunde lang auf einem Wege von Terrassen hinansteigen. Die niedlichen Haͤuser und Pallaͤstchen stecken in einem Gartenwald von Oel-Pommeranzen-Zi- tronen- und Fruchtbaͤumen; hier wachsen die koͤstlichsten Melonen. Der Vesuv ist davon in seiner einfachsten, allergroͤßten, und furchtbarsten Gestalt zu sehen, so stolz und erhaben, daß die hoͤchsten Alpen da- vor verschwinden. Er sieht aus wie ein Wesen, das sich selbst gemacht hat, alles andre ist wie Koth dagegen; und der Dampf aus seinem of- nen Rachen ist im eigentlichsten Verstand entsetz- lich lich schoͤn. An keinem andern Orte moͤcht ich seine Feuerauswuͤrfe betrachten; es muß ein wahres Bild rasender Hoͤlle seyn. Unten am Fuß sind die Menschen mit ihren Wohnungen wie unschuldige Laͤmmer, die er sich zur Beute herschleppte; und die alte Mutter die See zieht vergebens zaͤrtlich rauschend heran, sie zu retten. Ein entzuͤckender Morgen, wie wir wieder Portici hinuͤber schifften! ein leichter Nebel deck- te dasselbe wie eine zarte Bettdecke. Auf dem Gewaͤsser waren tausend Nachen, die unbesorg- ten Fische zu fangen, welche aus ihren Tiefen sich dem neuen Lichte naͤherten. Leiswallend, wie ein unermeßlicher Lebensquell, verlor sich das Meer in ein Chaosdunkel, woraus Capri kaum sichtbar in grauem Duft noch hervortrat. In blassem Purpur roͤthete sich auf den Apenni- nen der Himmel, und der Vulkan athmete schrecklich der Sonn entgegen in majestaͤtischer Ruhe Ruhe seinen schweren Dampf aus, der sich an den Seiten herabwaͤlzt. Und nun steigt sie empor in Strahlengluth vollkommen und un- veraͤnderlich, der Geist ihrer Welt, die alles mit Liebe faßt, und in ihrem Glanze spielen die Wellen. Was mir uͤbrigens an Neapel doch nicht ge- faͤllt, ist, daß man weder Sonne noch Mond, und Morgen- und Abendstern im Meer auf- und untergehen sieht. Nachschrift. Wir muͤssen fort, noch heute. Coimbra brennt in lichterlohen Flammen, und drang ge- stern in einem herzbrechenden Briefe darauf, Fiordimona solle sie entfuͤhren. Candida schlich sich diese Nacht, aller feinen Wendungen uͤber- druͤssig, in mein Zimmer schier nackend, und uͤber- uͤberraschte mich mit Fiordimonen, deren Ge- schlecht sie erkannte. Und Haͤl, der so treue, daß er selbst seinen Genuß bey dem Kammer- maͤdchen der Spanierin dran gibt, verkuͤndigt uns Mord und Tod, und die ausgestellten Wachten und Posten des getaͤuschten Lieb- habers. Ardinghello 2ter B. Y Die- D iesen letztern Brief erhielt ich erst zu Flo- renz von seiner Tante, einer jungen Wittwe ohne Kinder, voll Geist und Anmuth im Um- gang und mannichfaltigen Reizen. Ardinghello war noch nicht wieder gekommen bey meiner Ankunft daselbst; und sie ertheilte mir anfangs uͤber sein Ausbleiben zweifelhafte Nachrichten von fuͤrchterlichen Begebenheiten, die sich her- nach nur zu gewiß bestaͤtigten. Doch vorher et- was von mir, und meiner Reisegesellschaft! ich habe aus seinen Briefen alles weggelassen, was meine Angelegenheiten betraf, um die Ge- schichte nicht zu verwickeln und weitlaͤuftig zu machen. Auch ich stand auf dem Punkte, mich zu verheurathen, als meine Geliebte von der Seu- che weggerafft wurde, die von Trient nach Ve- Verona, und von da nach Venedig kam, und sich hernach durch die Lombardey verbreitete. Ich folgte nun mit Begier der Einladung meines Freundes, um mich von den traurigen Gegenstaͤn- den zu entfernen; und sagte davon Caͤcilien. Sie konnte gleich vor Ungeduld nicht blei- ben, die Reise mit zu machen. Noch hatt ich ihr immer nicht entdeckt, daß ich Alles von ihr und Ardinghellon wußte; ich scheute die Lage, in welche mich dieß versetzen wuͤrde. Nur gab ich ihr zuweilen von ihm Nachricht, mit Ver- schweigung seiner Liebesgeschichten; und sie hatten sich auch einander selbst geschrieben, welche Briefe mir aber nicht in die Haͤnde ge- kommen waren: so daß ich nicht wußte, was fuͤr Wendungen er bey ihr brauchte, und wie sie zusammen standen. Ich mochte mich nicht mehr drein mischen, und einem Tauben predigen; ließ aber nun doch, gewissermaßen dazu genoͤthigt, der Sache ihren baldigen Ausgang. Y 2 Caͤ- Caͤcilia beredete gleich ihren Vater und ihre Mutter zu einer Wallfahrt nach Loretto . Von ihren Bruͤdern war einer zu Corfu, und der andre blieb zu Hause. Und so brachen wir denn in der Geschwindigkeit zusammen auf. Sie nahm ihr Soͤhnchen mit, einen kleinen Engel. Wie ein Vogel, der dem neuen Fruͤhling zueilt, war alles an ihr. „O unsern Ardinghello muß ich doch auch gleich sehen!“ hieß es zu Florenz. Das Ge- ruͤcht war schon in der Stadt, daß er einen jungen Anverwandten des Pabsts ermordet, und sich darauf aus dem Staube gemacht habe. Ich sagt es ihr gerade zu, damit sie bey keinem andern durch ihre Leidenschaft Verdacht erregte. „O Gott!“ war ihr Wort; und blaß wie eine Lilie, und verstummend begab sie sich bey Seite. Ihre Eltern befuͤrchteten darauf, sie habe die Krankheit. Sie litt Todesqualen, als sie fer- ner erfuhr: die That sey um Mitternacht vor dem dem Pallaste der Fiordimona geschehen. Die ungluͤckliche liebte ihn wahrhaftig, und von Grund der Seele. Sonderbarer Weise hielt sich in demselben Gasthofe Fulvia mit ihrem Gemahl auf; sie hatten Genua wegen der buͤrgerlichen Unruhen verlassen, worin schon verschiedne Edle dort ihr Leben einbuͤßten. Ein allgemeines Strafgericht schien wirklich uͤber Italien nach dem Ausspruch der Gottesgelehrten wegen seiner Suͤnden und Bosheiten verhaͤngt. Auch sie fuͤhrte ihr Soͤhn- chen, das sie aus voller muͤtterlichen Liebe selbst saͤugte, bey sich. Eine wahrhafte Bacchantin- figur, wie von einem griechischen Basrelief, oder einer alten Gemme weg ins wirkliche Leben gezaubert! Die Gluth schlug aus ihren schwarzen Augen, und ihre Lippen schienen berauscht zu duͤrsten. Auch sie mußte das Geruͤcht von Ar- dinghellon erfahren haben. Doch lief dabey noch ein andres herum: der Kardinal, Bruder des Y 3 Groß- Großherzogs, habe den Anverwandten des Pabsts ermordet, und nicht Ardinghello. Die- ser sey entwichen vermuthlich, um nicht in Ver- haft genommen zu werden, und die Schuld fuͤr den maͤchtigen Kardinal zu buͤßen. So schweb- ten wir zwischen Furcht und Hofnung. Fulvia machte sich nach Rom auf, obgleich vor kurzem erst aus dem Kindbette, und von der von Genua nach Florenz gemachten Reise ermuͤdet; und wir bald ihr nach, um an die Quelle zu gelangen. Ich ging gleich zu Deme- trin, welcher von nichts weiter etwas wissen wollte, als was jedermann sagte; ob ich ihm gleich meine Freundschaft mit Ardinghellon aus deutlichen Proben anzeigte. So schlau und sicher betrug er sich. Auch glaub ich, daß Ar- dinghellos Tante der ganzen Begebenheit kundig war; aber beyde liebten ihn schier wie sich selbst, und bey solchen Gefahren kann man nicht genug behutsam seyn. In In Rom erfuhren wir noch, daß der Kar- dinal sich dieselbe Nacht, wo der Anverwandte des Pabsts sey ermordet worden, die Haͤnde und Arme von zwey der geschicktesten Chirurgen habe verbinden lassen, die ihm mit starken Wunden waͤren verhauen gewesen. Tags dar- auf hab er und Fiordimona Wache vor ihre Zimmer bekommen, seyen aber bald wieder davon befreyt worden; nur haͤtte der Pabst ohne weitere Untersuchung Fiordimonen von Rom verbannt, und auf ihre Guͤter verwiesen. Die Sache laͤge so vertuscht, und man laure Ardinghellon doch als dem Thaͤter auf, und habe Kundschafter aller Orten nach ihm aus- gesandt. Gewissere Nachricht konnten wir nicht erhalten. Wir reisten von Rom ab nach Lo- retto, und hielten uns Sommer und Herbst in den Gebirgen des Apennin auf; Caͤcilia und ich mit tiefer Trauer in der Seele, daß der Y 4 Kar- Kardinal unsern Liebling heimlich moͤchte aus dem Wege geraͤumt haben. Nach und nach wurden wir vertrauter uͤber diesen Punkt, sie gestand mir endlich von selbst ihre Leidenschaft und faßte Muth auf meine tiefe Treue; weinte wie ein Kind uͤber ihre unseeligen Schicksale, und daß sie endlich hatte, wo sie ihr angeschwoll- nes Herz erleichtern konnte. So umschlang uns beyde das Band einer vertrauten und inni- gen Freundschaft. Endlich im November erst empfing ich ei- nen Brief von diesem, der schon im August geschrieben, aber von Demetri oder seiner Tante, denn von der letztern kam er zu mir, verspaͤtet worden war. Mir duͤnkte, als ob ich von einem fuͤrchterlichen Traum er- wachte, und den Glanz der Morgenroͤthe schaute, als ich die Zuͤge seiner Hand er- blickte. Brin- Brindisi, August. M eine widerwaͤrtigen Schicksale erheben mich mehr, als daß sie mich niederschlagen sollten; je staͤrker der Widerstand: desto gedrungner und geschwellter regt sich alles in mir. Ich glaubte schon in Genuß und Ruhe zu seyn, und jetzt erst beginnen meine Arbeiten. Ich seh in ein neues Leben hin, und das hohe Getuͤmmel ergreift meine Sinnen. Gut, daß ich nicht wie ein Kind hinein komme! Das Leben des Juͤng- lings ist Liebe: das Leben des Mannes Verstand und That. Ach, daß ich dich nicht noch einmal spre- chen durfte! Wir kamen bey Nacht zu Rom an; ich schickte Haͤlen mit meinen Pferden voraus, und wollte mit Fiordimonen auf ihr Gut alle Vene nachfahren, um uns dort zu vermaͤhlen. Sie hatte deßwegen in der Stadt verschiednes zu besorgen und mitzunehmen; aber es ist alles Y 5 nun nun zerstoͤrt und zerrissen. Ich versteckte mich auf die drey oder vier Tage bey Demetrin, da- mit mich der Kardinal nicht wittern moͤchte; sie hatte mir manches erzehlt, wie er sie mit sei- ner Liebe verfolgte, und daß sie ihn nicht leiden koͤnnte. Die zweyte Nacht kam ein fuͤrchterliches Donnerwetter ohne Regen uͤber Rom, und es schmetterte Schlag auf Schlag, als ob alles un- tergehen sollte. Statt daß ich sonst große Freu- de an diesen Naturbegebenheiten habe, und mich daran nicht satt hoͤren und sehen kann, wurde mir dießmal selbst bang im Herzen. Der Mensch ist ein sonderbares Wesen, und voller dunkeln Gefuͤhle, die kein Philosoph aufklaͤrt; es war gewiß Ahndung dessen, was mir bevor- stand. Ich warf meinen Mantel um mich, und nahm den bloßen Degen auf alle Gefahr unter den Arm, und ging fort, um Fiordimo- nen in der schrecklichen Nacht nicht allein zu las- lassen; in ihrem Pallaste waren den Sommer uͤber nur ein paar alte Bedienten und Frauen zuruͤckgeblieben. Sie hatte mir den Schluͤssel zu einer Seitenthuͤr gegeben. Ich eilte, und ging oft wieder langsam, und hielt im Schritt ein. Endlich kam ich in das kleine Gaͤschen an den Garten, wo ihr Schlafzimmer ist, und wurde ploͤtzlich angefallen mit einem Dolchstoß in die Seite. Ich sprang zuruͤck, Blitze machten die Finsterniß hell und zum Tage; erblickte den Moͤrder, der mir nicht ausweichen konnte. Er rennte noch einmal auf mich zu, mich zu unter- laufen: und ich stieß ihn auf der Stelle nieder. Bey diesem allen wurde kein Wort ausgesprochen, indeß der Donner um uns bruͤllte, daß die Erde droͤhnte. Kaum war dieß vorbey, und ich im Be- griff, den Leichnam wegzuschleppen: so tritt eine andre verkappte Gestalt auf, und setzt mit Ty- gerspruͤngen auf mich ein, daß ich mit Noth den Au- Augenblick erhasche, mich zur Wehre zu stellen. „Vermaledeyte Brut!“ hoͤrt ich die Stimme meines Kardinals, der in die vorgehaltne Klinge mit der Brust lief, die ich bepanzert fuͤhlte. Erstaunt und erschrocken uͤber alle die Folgen that ich nichts, als ihn von mir abhalten, ge- brauchte meine ganze Staͤrke, und war bald so gluͤcklich, daß ich ihm den Degen herausschlug, hieb ihn auf die Haͤnde, womit er in Raserey mein Gewehr fassen wollte, schonte sein Leben, und lief dann davon; und durch Nebenwege wieder zu Demetrin. Diesem erzehlt ich gleich, was geschehen war, und vertraute ihm das hauptsaͤchlichste mei- ner Geschichte mit Fiordimonen; und sein gro- ßer edler Charakter erhielt hier Gelegenheit, sich zu zeigen. Er verbarg mich unerforschlich, und half mir die folgende Nacht fort, nachdem wir erfuhren, daß der Ermordete, den wir zuerst fuͤr einen Banditen hielten, selbst Vetter des Pabsts Pabsts der juͤngere B **** sey. Auch dieser war wuͤthend in Fiordimonen verliebt, ob sie mir gleich nie etwas von ihm gesagt hat. Meine Wunde ging nur gestreift uͤber die Rippen weg; das Stichblatt vom Degen im Arm hielt den Stoß auf, und wir brauchten dazu keinen Chi- rurgen. Tolomei verkleidete sich mit mir in ei- nen Franziskaner; und so sind wir die Pontini- schen Suͤmpfe zu Fuß durch, und von Capua durch Kalabrien nach Brindisi. Heroen, aͤchte wie Theseus und Perithoos, wie Orestes und Pylades, Demetri und er. O der Mensch kann groß seyn in jedem Zeitalter, und das edle in seiner Natur bleibt immer irgendwo noch auf Erdboden! Fiordimona dauert mich; was kann das Feuer dafuͤr, daß es brennt? Demetri hat kur- ze Nachricht vom fernern Erfolg an Tolomeien nach Brindisi gegeben, unter andern Dingen, die er ihm meldete, dieß wie im Vorbeygehen, wenn wenn ohngefehr der Brief sollte aufgefangen werden: Sie und der Kardinal haben des Mor- des wegen Arrest bekommen. Um alles noch zu thun, was ich kann, hab ich selbst an den heili- gen Vater geschrieben, und an den Großherzog, und noch an den Kardinal; und ihnen allen die Natuͤrlichkeit und Nothwendigkeit der Begeben- heit, und meine Unschuld vorgestellt. Und nun dann hinein in die Wasserwelt; o wie klopft mir das Herz! O Vaterland, Va- terland, daß ich dich in Ketten und Banden se- hen muß und von dir scheiden! Lebe wohl, schoͤ- nes Italien, lebe wohl! lebe wohl, Venedig, Genua und Rom ! O du warst es werth, stolzes Land, vor allen andern einmal die Herrschaft uͤber die Welt zu haben! Umarm und kuͤsse Caͤcilien statt meiner; das himmlische Geschoͤpf wird an keines andern Brust besser aufgehoben und gluͤcklicher seyn, als der meines Freundes. Befuͤrchtet keine Suͤnde; der der groͤßte der Halbgoͤtter gab Jolen mit der empfangnen Frucht seiner Liebe seinem eignen Sohne zur Gattin. Lucinde, du allein brennst mich auf dem Herzen; aber ich will alle Verfol- gungen des erzuͤrnten Himmels dulden, wenn ichs buͤßen kann. Lebt wohl ihr Hoͤhen des Apennin und ihr entzuͤckenden Thaͤler! Wohl du koͤniglicher Po , und du Tyber und Arno ! ach, und ihr klaren Quellen des Clitumnus ! Ein guͤnstiger Wind schwellt die Seegel, und ich flieg Jonien entge- gen. Ich reiße mich von eurem Herzen, o all ihr Lieben, um eurer wuͤrdig zu seyn. Ardinghello . Fiordimona war leider an allem Schuld; sie mochte nun erkennen, wohin ihr schoͤnes System fuͤhre. Sie hatte vermuthlich erst dem Nef- Neffen des Pabsts Gehoͤr gegeben, und hatte dann dem Kardinal Gehoͤr gegeben: und suchte beyde los zu werden, wie sie Ardinghello mit ganz andrer Lust und Freude, und Schoͤnheit und Inbrunst an sich fesselte; und dieser ließ sich in jugendlichem Taumel von ihren uͤber- schwenglichen Reizen fangen. Die verwegne Reise nach Neapel machte sie wahrscheinlich deß- wegen, um die erstern ganz von sich abzubrin- gen, welche vielleicht auch den Weg zu den Quellen des Clitumnus wußten; und den Ar- dinghello in aller moͤglichen Lust ungestoͤrt zu ge- nießen. Ein Weib kann seine Natur nicht ver- laͤugnen: sie kam den folgenden Winter mit Zwillingen von beyderley Geschlecht nieder; und fand es doch ihrem Stande gemaͤß, den Vater derselben als Gemahl zu besitzen. Die Mohrin mußte unter den heftigsten Drohungen ohne Zweifel dem Kardinal ihre Reise mit Ardinghellon anzeigen, konnte aber nicht nicht sagen, wohin. Und zu Rom und alle Vene wurde voll Rache auf ihre Zuruͤckkunft ge- lauert. In der Leidenschaft hatte das zaͤrtliche Paar seine Maaßregeln nicht behutsam genug genommen. Ardinghello wurde allgemein bedauert; und auch Fiordimonen tadelte man nicht sehr: sie machten mit einander das vollkommenste Paar aus, das man weit und breit haͤtte finden koͤnnen. Das Verstaͤndniß der letztern mit dem Neffen und dem Kardinal ließ sich durch den Ausgang nur muthmaßen, und blieb außerdem im Verborgnen; ihre seltne Schoͤnheit, und hohe Naturgaben, und Reichthuͤmer sprachen uͤbrigens fuͤr sie, und das Geschwaͤtz der Wei- ber hielt man fuͤr Neid und gewoͤhnliche Laͤste- rung. Jeder Triumph hat seine Schmaͤhlieder vom Poͤbel hinter drein; dieß ist in der Natur. Der Mann im Purpurhute schwieg hieruͤber weislich, und sagte nicht mehr, als was er Ardinghello 2ter B. Z sagen sagen mußte, ins Ohr dem Richter. Ich habe hernach in lauter neuem Vergnuͤgen vergessen, sie hieruͤber auszuforschen. Von den Guͤtern des Ardinghello wurde nichts eingezogen, der Kardinal mußt es doch groß finden, daß er sein Leben schonte, da er es in seiner Gewalt hatte; und seine Tante uͤber- nahm deren Verwaltung, als Schwester seines Vaters. Sie verkaufte einen Theil davon und tilgte die Schulden; der edle hatte manchem Mann von Talent aus der Noth geholfen, und in eine bequemere Verfassung gesetzt, welches nun bekannt wurde. Erst den Fruͤhling darauf erhielt ich wieder kurze Nachricht von ihm; ein Brief war un- terdessen mit einem Venezianischen Schiffe ver- loren gegangen, das im Sturm bey Corfu schei- terte. Im Im Hafen zu Scio. May. A ll mein Wesen ist Genuß und Wirksamkeit; heiter der Kopf, immer voll heller Gedanken, reizender Bilder und bezaubernder Aussich- ten, und das Herz schlaͤgt mir wie einer jun- gen Bachantin im ersten ganz freyen Liebes- taumel. Diagoras durchstreicht mit mir den Archi- pelagus, damit ich jeden gefaͤhrlichen Paß und alle Haͤfen kenne. Von Smyrna sind wir aus- gelaufen, den langen Golfo durch, nach My- tyleni, Tenedos , an den Dardanellen her- um, nach Stalimene , den herrlichen Posten Skyros , und von hier ferner in jeden guten Hafen der Cykladen . Jetzt sind wir an den Kuͤsten von Asien, und werden bis Rhodos , in den Golfo von Makri seegeln, und von dort nach Aegypten . Die Arbeit wird mir leicht; denn er hat von seinem Alten die treflich- Z 2 sten sten Karten, woran wir wenig verbessern koͤnnen. Ueberall weiß mein edler Fuͤhrer, wo die neuern Helenen, Aspasien und Phrynen ste- cken, und hat mit mancher schon in Korsaren- ehe Ist in den griechischen Haͤfen so im Gebrauch, wie bey den Englaͤndern die Soldatenehe. gelebt; Liebesgoͤtter umgaukeln uns, so oft wir einlaufen. Demetri hat einen gluͤcklichen Geburts- ort gehabt. Scio ist die schoͤnste Stadt aller griechischen Inseln; und die Rebenhuͤgel und Thaͤler und Gaͤrten zwischen den Gebirgen im Innern des Landes, mit ihren Pomeranzen, Zitronen und Granatenhaynen von klaren herab- stuͤrzenden Baͤchen erfrischt und belebt, sind ent- zuͤckend und bezaubernd. Jedoch so schoͤn ist alles, wie du laͤngst weißt, unter diesem seeligen Himmel; fast im- mer- merwaͤhrender Fruͤhling, und fuͤr die Sommer- hitze kuͤhle Naͤchte; dichte Schatten, spielende Seeluͤfte, Menge von Quellen, und Ueberfluß an gesunden und erquickenden Fruͤchten. Paradies der Welt, Archipelagus, Morea, Karien und Jonien, o daß ich wuͤrdig werde, eurer ganz zu genießen! Die Griechen sind noch immer an Gehalt und Schoͤnheit die ersten Menschen auf dem Erdboden; ihre Liebe zur Freyheit, und ihr Haß gegen alle Art von Unterdruͤckung noch eben so, wie bey den Alten. So bald sie nur ein wenig Luft bekommen von der ungeheuern Masse des Schicksals, die sie druͤckt, wie reg t sich alles, und ist Leben und Feuer! und wie halten sie an, wie blitzschnell durchdringt ihr Verstand bey Gefahr, uͤbersieht das Ganze, und schlaͤgt den rechten Weg ein! Die Mai- notten auf den Gebirgen von Sparta sind noch nie bezwungen worden, sie und Montenegriner, Z 3 Il- Illyrier und Karier Helden, wie ihre Urvaͤter bey Plataia. Kunst und mildere Sitten sind nur Ausbil- dung, und machen weder eigentlichen Kern noch Genuß aus. Und der Hang zur Freude, zur Lust, zu Gesang und Tanz, wie klopft er dennoch eben so in ihren Adern! und wie maͤchtig das Gefuͤhl fuͤr Schoͤnheit! O du und Caͤcilia, ihr meine Geliebten, eilt hervor aus euern Suͤmpfen! Ardinghello . Im Herbste schrieb er mir von Sizilien aus, in dessen Gewaͤssern er herumkreuzte und reiche Beute machte; „am Fuß der Saͤule des Himmels des stuͤrmigen Aetna, aus dessen hoh- len len Eingeweyden die lautersten Quellen uner- gruͤndlichen Feuers geworfen werden.“ Mazal , der beruͤhmte Kalabreser, das Schrecken der mittellaͤndischen See, welcher die tuͤrkische Flotte anfuͤhrte, und schon ver- schiedene mal die Spanier schlug, hatte ihn mit Freuden aufgenommen. Er that sich bald hervor durch Verstand und Tapferkeit; be- kam alsdenn eine Galeere unter seine Be- fehle, worin meistens Italiaͤnische Rene- gaten und Griechen dienten; und es wurde durch Vermittelung des Diagoras , des Sohns vom Admiral, so unter der Decke getrieben, daß er nicht einmal seinen Glau- ben abschwoͤren durfte, und man dieß fuͤr geschehen annahm. Er und dieser junge Held, sein Todesbundesfreund, streiften nun jeder mit einem kleinen Geschwader als raubluͤsterne Adler an den Kuͤsten von Kalabrien, Sizilien, und Spanien herum. Z 4 Den Den Winter darauf machten sie den An- fang mit Ausfuͤhrung eines der kuͤhnsten und feinsten Plane. Der alte Mazal , und beson- ders sein Sohn, galten alles bey dem jungen Sultan Amurath . Diese begehrten die In- seln Paros und Naxos , um eine Italiaͤnische Kolonie hier anzulegen. Beyde waren durch Krieg schier unbewohnt geblieben. Die wenig uͤbrigen Griechen wollte man reichlich wegen ihrer Besitzungen entschaͤdigen, und an andre Oerter verpflanzen; und zwar deßwegen, weil die Abkoͤmmlinge ihre eigne Religion auszuuͤben verlangten, und damit weder stoͤren, noch dar- in gestoͤrt seyn wollten. Es waͤren in diesem Jahrhundert mancherley Sekten unter den Christen entstanden, die sich einander bis aufs Blut haßten und verfolgten; unter andern eine, die sich Todeslaͤugner nennten, und glaubten, daß die Natur ein ewiger Quell von Leben, und der Trieb alles Daseyns Freude sey; deren Mei- Meinungen mit der Lehre Mahomeds in wesent- lichen Punkten uͤbereinkaͤmen. Zu dieser hiel- ten sich die edelsten und reichsten Juͤnglinge und Frauenzimmer; und hoften am ersten unter sei- ner Herrschaft Schutz. Ein Held aus ihnen, einer von ihren An- fuͤhrern, habe fluͤchten muͤssen, diene bey ihnen, und verrichte seinen Grundsaͤtzen gemaͤß die tapfersten Thaten. Eine Menge wuͤrde diesem nachfolgen, wenn sie Sicherheit fuͤr ihre Perso- nen, und ihr Eigenthum wuͤßten. Der große Vortheil fuͤr sein Reich dabey waͤre augenschein- lich; außerdem duͤrften wohl wenige Muselmaͤn- ner an Feuer im Gefecht gegen die sogenannten Orthodoxen ihnen gleich kommen. Amurath wollte den Ardinghello se- hen. Dieser trat auf in maͤnnlicher Jugend und Schoͤnheit, kuͤhn, als ob er selbst ein Sultan Z 5 waͤre, waͤre, und gefaͤllig, wie vor einer Semiramis. Sie sprachen Neugriechisch mit einander, und Amurath blieb von ihm bezaubert; sie waren schier von gleichem Alter, und Ardinghello schmeichelte lieblich und maͤchtig seiner geheimsten Denkungsart. Sie erhielten, was sie wollten. Ardinghello schrieb gleich an Demetrin , den er bey seiner Schwaͤche faßte. Jeder Mensch, auch der festeste Charakter, hat sei- nen Grad von Schwaͤrmerey; die reinste Ver- nunft, so wie die geringste Insektenseele, ihre Ebbe und Fluth unter dem Mond. Und sand- te geheime sichre Werber aus nach Venedig, Genua, Florenz mit starken Summen zu Reisegeldern. Er kannte die vortreflichste Ju- gend in allen diesen Staͤdten; und sein Name schon allein war genug Verfuͤhrung. Den neuen Fruͤhling bewegte sich alles in den lustigen Inseln. Sie befestigten zuerst die Haͤ- Haͤfen von Paros , und machten besonders den Hafen Nausa , wo die groͤßten Flotten sicher liegen, ganz unuͤberwindlich. Demetri kam bald mit zwey Schiffen voll jungen tapfern Roͤ- mern und bluͤhenden Roͤmerinnen in den zaube- rischen Gegenden seiner Geburt an; und Kuͤnst- lern: Architekten, Bildhauern, Mahlern, aͤu- ßerst mißvergnuͤgt vorher uͤber ihren Lebenswan- del; und hatte seinen Abzug mit wunderbarer Klugheit bewerkstelligt. Sie brachen Marmor in den reichen Gaͤn- gen des Bergs Kapresso zu Tempeln, oͤffentli- chen Pallaͤsten, und Versammlungshallen; das alte Athen unter dem Perikles schien wieder aufzuleben. Und es lebte wirklich und verklaͤrt auf. Nach Vertrag und Uebereinkunft mit dem Ardinghello und Diagoras predigte Demetri erst insgeheim Auserwaͤhlten seine neue Religion; die mehrsten andern fielen hernach diesen bald bey, und endlich alle. Tolomei that Wunder mit mit seiner Schoͤnheit und einschmeichelnden Zunge. Wir waren meistens lauter unbefangne Jugend. Ein neues Pantheon wurde der Natur aufgefuͤhrt; ein Tempel der Sonne und den Gestirnen; ein Tempel der Erde; ein Tem- pel der Luft, und einer auf einem Vorge- birg in die See bin thronend dem Vater Neptun ; und dann noch ein Labyrinth ange- legt von Zedern und Eichen zur kuͤnftigen schauervollen Nacht fuͤr Zweifler dem unbekann- ten Gotte . Der Tempel der Erde, der Tem- pel der Luft, und das Labyrinth kamen nach Naxos ; der Tempel der Erde in ein entzuͤcken- des Thal. Waͤhrend der Zeit hatte Fiordimona den groͤßten Theil ihrer Guͤter zu Gelde gemacht, und uͤberraschte mit einem kleinen Kastor und einer kleinen Helena den gluͤcklichen Arding- hello; sie ward von der Coimbra begleitet, die die sich mit List und Gewalt zu Neapel mit ihr einschiffte, und einer auserlesnen Schaar. Ich konnte Caͤcilien nicht laͤnger widerste- hen, ihrem Gram und Kummer. Sie schien dieselbe nicht mehr, die sie bey den großen Sce- nen ihres Lebens war; aber eben dieß machte sie mir immer liebenswuͤrdiger. Nach dem Tode meiner Braut und unsrer Reise glaubte man in Venedig allgemein bey unserm vertrau- ten Umgange, und selbst ihre Bruͤder und El- tern, daß wir uns bald vermaͤhlen wuͤrden. Sie verkaufte unter allerley Vorwand ihre reich- sten Guͤter; wir seegelten, wie zu einer Lust- reise, aus der alten Residenz des heiligen Mar- kus nach Ankona ; schifften uns dort ein nach Smyrna , und kamen auch an. Welch ein Auftritt, Ardinghello, Sie und ich! so hat die Freude ihren Nektarrausch noch in wenig Herzen ergossen. Alles Alles ging nach Wunsch; nur Fulvia war ungluͤcklich. Sie fluͤchtete auf einem Schiffe Genueser, dem man nachsetzte. Es kam bey dem Golfo von Tarent zu einem moͤrderlichen Gefechte, wo sie die volle Ladung eines Moͤrsers traf, und in Truͤmmern zerfleischte. Die jun- gen Helden schlugen sich jedoch durch, und lang- ten an; und brachten zugleich die Nachricht: Lucinde sey zu Lissabon , vermaͤhlt mit dem Florio Branca , welchen der Koͤnig zum ober- sten Admiral seiner ganzen Schiffahrt gemacht habe. Gabriotto band dem Ardinghello nichts auf, als er ihm erzehlte, ein Portugiesischer Prinz sey der wahre Vater von Lucinden. Dieser war vor kurzem auf den Thron gestiegen, und ließ nun die Provenzalische Frucht seiner Liebe aufsuchen, weil er mit seiner Gemahlin ohne Kinder blieb. Und Lucinde kam schon vor- her in der kloͤsterlichen Einsamkeit wieder zu sich von von ihrer Leidenschaft, wofuͤr sie genug gebuͤßt hatte; und ließ ihren wohl groͤßtentheils verstell- ten Wahnsinn. Sie ward wie im Triumph mit einem praͤchtigen Schiff unter Bedeckung von andern abgehohlt. Die Großen des Reichs lagen der himmlischen Schoͤnheit bald zu Fuͤßen; aber das edle Herz waͤhlte bald seine erste Liebe. Ihre Ehe war aͤußerst gluͤcklich; sie zeug- ten viel Soͤhne und Toͤchter, von welchen jene der Vater zu Helden bildete, und diese die Mut- ter durch ihr unvergleichliches Beyspiel zu trefli- chen Wirthschafterinnen, und frommen, zaͤrtli- chen und keuschen Frauen. Ardinghellon war ein ander Loos beschieden, eine andre Gluͤckseeligkeit, von mancherley Stuͤr- men und Gefahren durchwuͤthet. Mazzuolo brachte mit einem starken Trupp Florentinern Emilien noch in seine Arme, und er er schien fuͤr jetzt Mahomed im Paradiese bey lebendigem Leibe. Demetri ward zum Hohenpriester der Na- tur von allen einmuͤthig erwaͤhlt. Ardinghello zum Priester der Sonne und der Gestirne; Diagoras zum Priester des Meers. Fiordimo- na zur Priesterin der Erde; und Caͤcilia zur Priesterin der Luft. Coimbra und ich pflegten und warteten das Labyrinth. Demetri und Ardinghello und Fiordimona setzten Gesaͤnge auf aus dem Moses, Hiob, den Psalmen, dem Hohenlied, und dem goͤttlichen Prediger; und aus dem Homer, dem Pla- to, und den Choͤren der tragischen Dichter, und ihrer eignen Begeisterung im Italiaͤnischen fuͤr sich und die andern Priester und Priesterinnen, und die Gemeinde; und erfanden heilige Ge- waͤnder in aͤchter alter Jonischer Grazie und Schoͤnheit. Und die Feyerlichkeiten ergriffen bey dem Reize fuͤr Aug und Ohr noch mit den star- ken ken Bildern aus wirklicher Natur den ganzen Menschen, daß alle Nerven harmonisch droͤhn- ten wie Saiten, von Meistern gespielt, auf wohlklingenden Instrumenten. Alles leere Poͤ- belblendwerk ward verworfen, und wir wandel- ten in lauter Leben. Darauf richteten wir unsre Staatsverfas- sung ein nach Rom und Griechenland; und studierten fleißig dabey die Republik des Lykurg, des Plato, die Politik des Aristoteles, und den Fuͤrsten vom Macchiavell, um uns vor diesem zu bewahren. Platons doppelten Buͤrgerstand, wo die eine Klasse die Ehrenstellen haben, und die andre den Ackerbau treiben soll, vermieden wir weislich; behielten aber die Gemeinschaft der Guͤter gegen den Aristoteles. Der Haufen Uebel, den wir dadurch verbannten, war allzu- groß; und der scharfsinnige Pruͤfer aller zu sei- ner Zeit bekannten Republiken schien uns hierin die Vorurtheile der Erziehung nicht genug ab- gelegt zu haben. Inzwischen fand noch immer Eigenthum statt, nehmlich oͤffentliche Belohnun- gen; und jedem blieb, was er mit sich brachte, bis ans Ende seiner Tage. Ferner waren die Weiber nach dem erhab- nen Schuͤler des Sokrates, jedoch auch nur gewissermaßen, gemeinschaftlich, und so die Maͤnner; das ist: jedes hatte voͤllige Freyheit seiner Person; und alle Gewaltthaͤtigkeit wurde Ardinghello 2ter B. A a hart hart bestraft. Fuͤr gute Ordnung war dabey wohl gesorgt; Maͤnner und Weiber wohnten von einander abgesondert. Den Weibern und Kindern uͤberließen wir ganz Naxos , die schoͤn- ste Perle aller Inseln, von den Alten schon we- gen ihrer Fruchtbarkeit und Lieblichkeit das kleine Sizilien genannt. Ihr Wein, und ihre Fruͤchte haben an Koͤstlichkeit ihres gleichen nicht auf dem weiten Erdboden. Schade nur, daß sich jener nicht verfuͤhren, nicht einmal auf die See bringen laͤßt, ohne sogleich zu verderben. Wahrer Nektar, dem Himmel unentwendbar! Alles schien fuͤr uns, von der Natur selbst, schon vorherbereitet. Naxos hatte keinen Hafen fuͤr Schiffe, nur die Barken der Verliebten koͤnnen anlaͤnden: hingegen Paros deren fuͤnf, rundum einen immer schoͤner als den andern. Fuͤr die Jugend, bevor sie mannbar ward, hatte man noch andre Einrichtungen getrof- fen. Auch die Weiber hatten Stimmen bey den allgemeinen Geschaͤften, und wurden nicht als bloße Sklavinnen behandelt; doch nur zehn pro Cent in Vergleich mit den Maͤnnern. Fiordi- mona, die unbegreiflich allein, wer kann des Menschen Charakter fassen? dem Ardinghello treu blieb, hatte dieß durchgesetzt; wie noch an- dres Amazonenhafte fuͤr ihr Geschlecht, daß sie zum zum Beyspiel auch Schiffe ausruͤsteten, und auf Streifereyen ausliefen. Sie waren Mitglieder vom Staate, obgleich die schwaͤchern; und ih- nen blieb das Recht, gut oder nicht gut zu hei- ßen, besonders was sie selbst betraf. Uebrigens war immer der Hauptunterschied, daß die Maͤn- ner erwarben, und sie bewahrten. So schwang die Liebe in allerhoͤchster Frey- heit ihre Fluͤgel; jedes beeiferte sich schoͤn und liebenswuͤrdig zu seyn, und konnte sich weder auf Geld und Gut, noch Pflicht und Schuldig- keit verlassen. Was die Bevoͤlkerung betraf, wollten wir uns in der Folge nach dem Sparta- ner richten, von welchem die erstaunte Prieste- rin zu Delphi nicht wußte, ob sie ihn als Sterb- lichen oder Gott begruͤßen sollte; die Kinder ge- hoͤrten dem Staate, und der Tod duͤnkte uns bey weitem nicht das groͤßte Uebel. Kurz, wir vermieden alle die Unbequemlich- keiten, die Aristoteles, und zum Theil schon Ari- stophanes in seiner weiblichen Volksversammlung bey solchen Einrichtungen beruͤhren. Um jeden Tempel, auf Bergen und Anhoͤ- hen, mit den Aussichten auf die reizenden In- seln umher, war ein schoͤner Hayn gepflanzt. bestimmt noch außer Festen zur Erziehung der Jugend. Neben an fuͤhrte man nach und nach Gymnasien auf. Wir hielten die Uebung des Koͤrpers fuͤr die Hauptsache, welcher alsdenn die A a 2 Bil- Bildung des Geistes durch zweckvollen Unter- richt und im Umgange leicht nachfolgt. Alle Tugenden und Kuͤnste muͤssen sich allemal nach dem gegenwaͤrtigen Staate richten, wenn sie wirken und Nutzen bringen sollen; oder uͤber- haupt, jede Tugend nach der Person. Binnen wenig Jahren hatten wir schon alle Cykladen im Besitz, und starken Einfluß auf dem festen Lande. Bey den Griechen, fast durchgehends heitern Sinnes, rotteten wir in gesellschaftlichen Gespraͤchen bald den Aberglauben aus, und verschaften ihren Geistlichen auf an- staͤndigre Weise Unterhalt. Die Tuͤrken, die sich um uns, mitten im Meer, wenig bekuͤm- merten, ließen wir in der Meinung, die ver- schiednen Tempel seyen nur fuͤr verschiedne christli- che Heiligen; als fuͤr den Heiligen des Feuers, der Wasser, der Luͤfte. Ueberhaupt herrschte uͤber diesen Punkt, die Fortpflanzung, und andre bey uns unerhoͤrte Verschwiegenheit; wir schie- nen durchaus ein Orden dieser Tugend. Auf al- len Fall hielten wir uns des Schutzes vom Sul- tan fuͤr versichert. Wir machten uns die gesellschaftlichen Buͤr- den so leicht wie moͤglich zu ertragen, und genos- sen alle Wonne dieses Lebens unter dem milden Himmelsstrich bey den ersprießlichen und allge- mein beliebten Gesetzen; und das Ganze fuͤgte sich immer lebendiger zusammen, und wuchs zur rei- reifen Schoͤnheit durch neue auserwaͤhlte An- koͤmmlinge, worunter sich die schoͤnste und hel- denmuͤthigste griechische Jugend aus beyderley Geschlecht befand, die wir mit Behutsamkeit in unsern Geheimnissen einweyhten. Kriegerische Schiffahrt, und Handlung zwischen Kleinasien, dem schwarzen Meer und den westlichen Laͤndern, und hoͤchste Freyheit, suͤßes Ergoͤtzen, und frohe Geschaͤftigkeit im Innern, darauf zweckte alles; durch jene erhielten wir Sicherheit, und verdienten Schutz; und durch beydes gewannen wir Skla- ven und Sklavinnen und Ueberfluß an allen Be- quemlichkeiten. Bey aller dieser Seeligkeit glaub ich jedoch, daß auf dem ganzen Erdboden kein andrer Platz war, wo man sich so wenig vor dem Tode scheute. Jeden Fruͤhling war allgemeine Versamm- lung, worin wir die noͤthigen neuen Einrichtun- gen oder Abaͤnderungen fuͤr das ganze Jahr tra- fen; sie wurde mit feyerlichen Spielen und Lust- barkeiten beschlossen. Kurz, wir kamen bey einander, so ver- schieden auch mancher vorher dachte, in folgen- den Grundbegriffen uͤberein: Kraft zu genießen, oder welches einerley ist, Beduͤrfniß, gibt jedem Dinge sein Recht; und Staͤrke und Verstand, Gluͤck und Schoͤnheit den Besitz. Deßwegen ist der Stand der Natur ein Stand des Krie- ges. A a 3 Das Das Interesse aller, die sich in eine Ge- sellschaft vereinigen, bildet darauf Ordnung, stiftet Gesetze, und innerlichen Frieden; alles richtet sich dabey, wie bey jedem andern lebendi- gen Ganzen, immer nach den Umstaͤnden. Der beste Staat ist, wo alle vollkommne Menschen und Buͤrger sind; und diesem folgt, wo die mehrsten es sind. Hier wird kein Nero gedeyhen! Derjenige Mensch und Buͤrger ist vollkommen, welcher seine und seines Staats Rechte kennt und ausuͤbt. Jedes hat fuͤrs erste das Beduͤrfniß zu es- sen, zu trinken, mit Kleidung und Wohnung sich zu schuͤtzen und zu sichern, die Wahrheit von dem Nothwendigen einzusehen, und wenn es mannbar ist, das der Liebe zu pflegen. Vermag es nicht, sich dieses friedlich zu verschaffen: so darf es dazu die aͤußersten Mittel brauchen; denn ohne dasselbe erhaͤlt es weder sich, noch sein Geschlecht. Auf gleiche Weise geht es hernach mit den Bequemlichkeiten und Freuden des Lebens. Ein armer schwacher Staat mag sich an dem ersten rohen begnuͤgen; allein dieses ist zur Gluͤcksee- ligkeit nicht hinlaͤnglich. Der starke und tapfre hat zu mehrerm Recht, eben weil er weitre Beduͤrfnisse hat. Das beste Instrument gehoͤrt dem besten Virtuosen; das koͤniglichste Roß dem muthigsten und geuͤbtesten Bereiter. Land fuͤr The- Themistoklesse und Scipionen, fuͤr Praxite- lesse und Horaze keinen Moͤnchen und Bar- baren. Wirkliche (nicht bloß eingebildete und er- traͤumte) Gluͤckseeligkeit besteht allezeit in einem unzertrennlichen Drey: in Kraft zu genießen, Gegenstand, und Genuß. Regierung und Er- ziehung soll jedes verschaffen, verstaͤrken und verschoͤnern. Der Krieg richtet graͤuliche Verwuͤstungen an, es ist wahr; bringt aber auch die wohlthaͤ- tigsten Fruͤchte hervor. Er gleicht dem Elemen- te des Feuers. Es ist nichts, was den Men- schen so zur Vollkommenheit treibt, deren er faͤ- hig ist. Das goldne Jahrhundert der Griechen kam nach den Schlachten gegen die Perser. Das goldne Jahrhundert der Roͤmer war mitten unter ihren Buͤrgerkriegen, und ihr Geist fing an zu erschlaffen bey dem langen Frieden unter Augusten. Florenz ragt in den neuern Zeiten hervor bey innerlichem Tumult und Aufruhr. Die hoͤchste Weisheit der Schoͤpfung ist vielleicht, daß alles in der Natur seine Feinde hat; dieß regt das Leben auf! Sterben, ist nur ein scheinbares Aufhoͤren, und koͤmmt beym Ganzen wenig in Betrachtung. Alles, was athmet, und wenn es auch Nestor wird, ist oh- nedieß in einer kurzen Reihe von Tagen nicht mehr dasselbe. Ruh Ruh und Friede ist ein herrlicher Stand zu genießen und sich zu sammeln; aber der Mensch, ohne gereizt zu werden, traͤge, versinkt dabey in Unthaͤtigkeit. Besser, daß immer etwas da ist, das ihn aus seinem Schlummer weckt. Wir sol- len einander bekriegen, weil kein hoͤher Geschoͤpf es kann. Was das ganze menschliche Geschlecht be- trift, durch Meere und Gebirge und Klima, durch Sitten und Sprachen abgesondert, wel- cher Kopf will es in Ordnung bringen? Die Natur scheint ewig wie ein Kind in das Man- nichfaltige verliebt, und will zu jeder Zeit deß- wegen rund um die Erdkugel Scythen, Perser, Athen und Sparta. Das besondre Geheimniß unsrer Staatsver- fassung, welches nur denen anvertraut ward, die sich durch Heldenthaten und großen Verstand ausgezeichnet hatten, bestand darin: der ganzen Regierung der Tuͤrken in diesem heitern Klima ein Ende zu machen, und die Menschheit wieder zu ihrer Wuͤrde zu erheben. Doch vereitelte dieß nach seeligem Zeitraum das unerbittliche Schicksal. Druckfehler im zweyten Bande. S. 25 Z. 11 statt an Menschen lese man am Menschen. ‒ 28 ‒ 16 ‒ vor ihm lese man von ihm. ‒ 35 ‒ 20 ‒ wie die Quelle l. m. wie Quelle. ‒ 38 ‒ 9 ‒ die Allegorien l. m. die Allegorie. ‒ 41 ‒ 2 ‒ Wirkungen l. m. Wirkung. ‒ 52 ‒ 1 ‒ vollkommen l. m. Vollkommnen. ‒ 56 ‒ 8 ‒ lichtem l. m. leichtem. ‒ 58 ‒ 1 ‒ schoͤnen aus l. m. schoͤnen Lippen, aus. ‒ 59 ‒ 15 ‒ einem l. m. einen. ‒ 64 ‒ 15 ‒ schien l. m. schier. ‒ 67 ‒ 15 ‒ eines l. m. meines. ‒ 70 ‒ 10 ‒ wo die Musik l. m. wo man die Musik. ‒ ‒ ‒ ‒ 12 ‒ es oft in l. m. es in. ‒ 102 ‒ 11 ‒ der Alten l. m. den Alten. ‒ 103 ‒ 2 ‒ allein mit allen l. m. allein mit allein. ‒ ‒ ‒ ‒ 16 ‒ unwegsamer l. m. unregsamer. ‒ 128 ‒ 20 ‒ andren l. m. andrer. ‒ 153 ‒ 2 ‒ Tumult l. m. Taumel. ‒ 154 ‒ 6 ‒ machen l. m. annehmen. ‒ 188 ‒ 20 ‒ bestund l. m. bestuͤnd. ‒ 203 ‒ 19 ‒ derselbe l. m. denselben. ‒ 218 ‒ 12 ‒ Thal und Erde l. m. Thal und Ebne. ‒ 237 ‒ 13 ‒ herbeygerufen l. m. herbeyrufen. ‒ 247 ‒ 7 ‒ wenn ihr denken l. m. wenn ihr ihn denken. ‒ 251 ‒ 12 ‒ rennen l. m. rannen. ‒ 256 ‒ 14 ‒ Fulizno l. m. Fuligno. ‒ 365 ‒ 7 ‒ waͤhlte bald seine l. m. waͤhlte seine.